Kaspar Hauser – Augenzeugenberichte und Selbstzeugnisse Herausgegeben, eingeleitet und mit Fußnoten versehen von Hermann Pies Erster Band Augenzeugenberichte Den Manen Anselm Ritter von Feuerbachs Priez pour le pauvre Gaspard Verlaine Kaspar Hauser Nach dem von Feuerbach in seinem Buche beigegeben Bildnis. Vorwort Ungelöste Rätsel üben eine bestrickende Anziehungskraft auf den Geist des denkenden Menschen aus. Das eindeutig Klare wird festgestellt und beiseite gelegt, das Geheimnisvolle lockt zu immer neuer Prüfung. Darf man sich da wundern, daß das dunkle Geschick des Kaspar Hauser, der am 26. Mai 1828 in Nürnberg auftauchte, unbekannt woher, und am 17. Dezember 1833 durch einen Stich ins Herz in Ansbach starb, von Anfang an Verstand und Gemüt der Menschen aufregte und bis in die neueste Zeit hinein Hunderte von Federn in Bewegung setzte? Erstaunen muß man aber über den verworrenen Widerstreit der entgegengesetztesten Meinungen, der in den literarischen Erscheinungen um Hauser zutage tritt. Fast scheint es ein hoffnungsloses Beginnen, aus dem so unentwirrbar verfilzt sich darstellenden Durcheinander von Verleumdung, Lüge, Haß, Wut, wie es vor allem der Hauserliteratur der 70er und 80er Jahre sein abscheuliches Gepräge aufdrückt, zu den klaren Linien geschichtlicher Tatsächlichkeit zu gelangen. Man fragt sich, wie sind denn solche Entgleisungen möglich in Büchern, die doch Geschichte bringen wollen! Die Politik ist es, die auch hier den Charakter verdorben hat. Gleich bei dem ersten Auftreten Hausers erhob sich der sehr natürliche Argwohn: »Ist dieser Mensch nicht ein Betrüger?« Man sollte meinen, daß diese Frage bei dem »Kind von Europa«, dessen tägliches Leben sich vor den neugierigen Augen der ganzen Welt abspielte, bald gelöst sein müsse. Und sie schien schon entschieden, zu seinen Gunsten, da gewann das Gerücht Raum: Der Findling sei ein beiseite geschaffter Prinz, der Sohn des im Jahre 1818 gestorbenen Großherzogs Karl von Baden. Damit gerät die ganze Frage in eine politisch-dynastische Interessensphäre, ein Kampf entbrennt, der in den 70er Jahren mit der zum Schlagwort gewordenen Alternative: »Erbprinz oder Betrüger« seinen Höhepunkt erreicht. Wie immer in der Politik siegt die stärkste Partei auf der ganzen Linie. Mit A. v. d. Lindes zweibändigem »Kaspar Hauser, eine neugeschichtliche Legende« (1887) scheint der unglückliche Findling zum zweitenmal in den Staub gestreckt und diesmal endgültig als elender Betrüger entlarvt und moralisch vernichtet. Doch die Vernunft läßt sich nicht niederknüppeln. Sie kann es nicht fassen, daß ein ganzes Jahrhundert sich von einem betrügerischen Bauernjungen, als welchen v. d. Linde, wie mancher vor ihm, den Findling hinstellt, übertölpeln lassen könnte. Es setzt wieder eine Gegenströmung ein. Zwar die Geschichtswissenschaft meldet sich noch nicht zum Wort: Es ist nicht verlockend, sich für jede, der offiziellen entgegengesetzte Stellungnahme in dieser Frage mit Schmutz bewerfen zu lassen. Ja, es ist gefährlich – damals! Nur der Dichter wagt es: Wassermann klagt das Volk um Hauser der »Trägheit des Herzens« an, ein Drama von Kurt Martens bewegt sich in ähnlichen Bahnen, Verlaine »spricht für den armen Kaspar ein Gebet«, Sophie Hoechstetter erzählt »verschollene Kaspar-Hauser-Geschichten.« Heute gibt es keine regierenden deutschen Dynastien mehr. Die Mitspieler bei der Tragödie sind lange tot, auch ist wohl niemand mehr materiell interessiert. Da ist eine leidenschaftslose Besprechung des ganzen Problems wohl erst möglich. Unter den »Hauserspezialisten« gibt es zwei dogmatische Klassen, überzeugte »Hauserianer« und ebenso überzeugte »Antihauserianer«. Ich will den ersteren nicht ihren Glauben, den letzteren nicht ihren Unglauben nehmen. Aber gibt es außer dem Glauben nicht auch ein Wissen? Hat nicht Hauser 5 ½ Jahre unter Menschen gelebt und muß nicht dieses Leben im grellen Licht des Tages historisch feststellbar sein? Das erste Wort im Hauserproblem hat also der Historiker. Erst wenn das weitverstreute und nur mit vieler Mühe zusammenzubringende Material gesammelt und gesichtet übersichtlich vorliegt, ist es dem Fachmann, dem Psychologen, dem Pathologen, dem Mediziner, dem Kriminalisten, dem Pädagogen usw. ermöglicht, mit mehr oder weniger Gewißheit seine Schlüsse zu ziehen. Um zu dem über Hauser geschichtlich Feststellbaren zu gelangen, ist es nötig, zunächst einmal alle Streitpunkte außer acht zu lassen und auf die Quellen zurückzugehen. Was spätere Generationen, Leute wie z.B. Julius Meyer und A. v. d. Linde über Hauser Wahres und Falsches geschrieben und gedacht haben, ist wirklich nicht so wichtig wie die Beobachtungen und Auslassungen der Augenzeugen und die Äußerungen Hausers selbst. Augenzeugenberichte und Hausers Selbstzeugnisse sind es daher, die die vorliegenden beiden Bände bringen. Es ist doch einleuchtend, daß Leute wie diese »Augenzeugen«, die in langem, z.T. jahrelangem Umgang mit Hauser die beste Gelegenheit hatten, ihn auf Herz und Nieren zu prüfen, die weiterhin infolge ihrer Vorbildung usw. zu solchen Beobachtungen imstande waren, die besten Zeugen für Hausers Wesen und Charakter abgeben müssen. Hier gebührt die erste Stelle dem Bericht Anselm von Feuerbachs. Er war die oberste richterliche Instanz des Bezirks und hatte von Amts wegen die Hausersache unter sich. Ein Beamter, der keineswegs wegen großen Namens oder guter Verbindungen sein Amt innehatte, sondern wegen seiner persönlichen Tüchtigkeit in jeder Beziehung, ein Mann, den man wegen seiner Leistungen in allen Zweigen seines Berufes neben Savigny den bedeutendsten Juristen seines Jahrhunderts genannt hat. Er ist durchaus Fachmann in der Darstellung kriminalistischer Fälle. Gegen seine zahlreichen sonstigen, mit eindringlichster psychologischer Schärfe in klarster, lebendigster Darstellung vorgetragenen Kriminalgeschichten ist von niemand auch nur der leiseste Einwand erhoben worden. Um so heftiger wurde jedoch von bestimmter Seite gegen seine auf Hauser bezüglichen Schriften angekämpft. Solange dies in rein sachlicher Form, gestützt auf rein sachliche Gründe, geschehen ist, ist dagegen natürlich nichts einzuwenden. Wenn man jedoch sieht, in wie persönlich gehässiger Weise z.B. Mittelstädt und vor allem v. d. Linde einen ehrwürdigen Toten verunglimpften, der wegen seines wahrhaft humanen Wirkens nicht minder als wegen seiner leidenschaftlichen Hingegebenheit an alles wahrhaft Große, Edle und Freiheitliche einen Ehrenplatz im Gedenken der Menschheit einnimmt, so weiß man tatsächlich nicht, was man da denken soll! Leider muß ich es mir versagen, an dieser Stelle auf die einzelnen Vorwürfe einzugehen, mit denen man Feuerbachs Zeugnis über Hauser zu entwerten versucht hat. Dies wird in einer besonderen Arbeit: »Schriften zum Kaspar Hauserproblem: Feuerbach und seine Gegenspieler« geschehen. Hier sei nur so viel bemerkt, daß natürlich auch ein Feuerbach Fehler hatte, Fehler machen konnte und Fehler gemacht hat. Einiges Falsche, das er in seinem Hauserbericht hat, ist daher zu erklären, daß nicht alle in seiner Schrift über Hauser erzählten Dinge von ihm selbst miterlebt und beobachtet sind, und für deren Tatsächlichkeit geht die Verantwortung auf die ihm berichtenden Augenzeugen über, aber das meiste, was er bringt, kennt er doch aus eigener Anschauung. Er hat Hauser schon etwa sechs Wochen nach dessen Auftauchen auf dem Vestnerturm besucht und beobachtet, in seiner Hand liefen alle Fäden des Prozesses zusammen, er war es, der in Nürnberg das Geschick des Jünglings zuerst in erträgliche Bahnen lenkte, ihn in Ansbach ständig unter Augen hatte und die sorglichste Oberaufsicht über ihn führte, bis er – der herbste Verlust für Hauser – Pfingsten 1833 starb. So ist es meines Erachtens unbedingt notwendig, daß seine klare, aufhellende und lebendige Darstellung als einleitende Darlegung des ganzen Problems an der Spitze der Augenzeugenberichte stehen muß. Als Anhang sind diesem ersten Stück zwei Briefe an die Deutschbaltin Elise von der Recke Diese eigenartige Frau lernt man kennen in einem Buche der Lutzschen Memoirenbibliothek, betitelt: »Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau«. In einem Gedenkblatt, betitelt »Bekanntschaften und Freundschaften, gestiftet in Karlsbad und Franzbrunnen im Juli 1815« schreibt Feuerbach: »Die berühmte Gräfin Elise v. d. Recke, Schwester der Herzogin v. Kurland, schon bejahrt und kränkelnd, doch noch schön, einnehmend beim ersten Blick, hoher Anstand ohne Stolz, gütig, ohne Miene der Herablassung, edel an Geist und Herz ... stets innigere Vertrautheit meiner Seele mit Elise ... ein Ideal weiblicher Güte, Hoheit und Demut.« (Anselm v. Feuerbachs biogr. Nachlaß I S. 294 f.) beigegeben, worin Feuerbach unter dem frischen Eindruck des gerade Erlebten der Freundin ein farbiges Bild des seltsamen Hauser-Geschehnisses übermittelt. Feuerbachs Bericht erzählt von Hausers Leben in Nürnberg und seinem ersten wenig ereignisvollen Ansbacher Jahr. Zwei Begebnisse der ersteren Periode hat Feuerbach nicht berührt. Sie sollen der Vollständigkeit wegen hier kurz angedeutet werden, da sie in der Hauserliteratur eine Rolle spielen. Nach dem Mordversuch im Hause des Professors Daumer war Hauser in die Familie des Magistratsrats Biberbach übergesiedelt. Dort hätte ein zufällig losgegangener Pistolenschuß beinahe seinem Leben ein Ziel gesetzt. Sein Vormund v. Tucher deponierte darüber als Zeuge vor Gericht: »Hauser hat auf seinem Kommodkasten ein Pult stehen, und über demselben acht bis neun Fuß hoch auf einem Gesimse des Tafelwerks seine Bücher. Er stieg, um zu diesen zu gelangen, auf einen Stuhl, welcher umfiel, worauf sich Hauser, welcher rechts gegen die Wand hinfiel, an dem Tafelwerk zu halten suchte und in der Angst das Pistol, welches geladen an der Wand hing, ergriff. Dieses ging los und verletzte ihn der Schuß, welcher den noch im Fall begriffenen Hauser an der rechten Seite des Kopfes oberhalb des rechten Ohres traf. Der Schuß streifte schräg herunter gegen die Schläfe zu ungefähr zwei Zoll breit, machte eine Wunde, welche drei bis vier Linien klaffte und drang sodann in die Kopfbedeckung selbst, worauf derselbe neun Linien davon wieder herausging. Alles dieses, ohne irgend eine Verletzung des Schädels selbst zu verursachen.« In die Zeit von Hausers Aufenthalt bei Biberbach fallen auch die in der Literatur vielfach besprochenen ungarischen Sprachversuche. Ein Premierleutnant v. Pirch, der in den Zeitungen von Spuren gelesen hatte, die auf einen früheren Aufenthalt Hausers in Ungarn hinweisen sollten, hatte bei einem Besuch in Nürnberg diese Versuche mit Hauser angestellt. Auch von dem Humoristen Saphir wurden später derartige Sprachexperimente vorgenommen, und beide kamen zu der Überzeugung, daß Hauser ungarische und polnische Worte verstände. Darnach wurden im Auftrage und auf Kosten des Lord Stanhope mit Hauser Reisen nach Ungarn unternommen, die aber ergebnislos verliefen und keinerlei Licht in die dunkle Herkunft des Findlings brachten. Über das Verhältnis Lord Stanhopes zu Hauser wird in der oben erwähnten Arbeit: »Feuerbach und seine Gegenspieler« ausführlich gehandelt. Als zweiter Gewährsmann macht Daumer »Mitteilungen über Kaspar Hauser«. Dieser Menschenfreund hatte den schutzbedürftigen Jüngling einige Wochen nach seinem Auftauchen in Nürnberg in seine Familie aufgenommen, und dort fand Hauser Heim und Unterricht vom Juli 1828 bis Dezember 1829. Daumer, Professor am Gymnasium zu Nürnberg, war damals wegen eines Augenübels beurlaubt und hatte somit die beste Zeit und Gelegenheit, seinen Schützling aufs genaueste zu beobachten. Daumer war sicher keiner der großen Pfadfinder im Reiche der Gedanken. Er wäre mit der langen Reihe seiner Schriften längst schon vergessen, wenn er nicht, von Hausers Schuldlosigkeit überzeugt, als mutiger Kämpfer jahrzehntelang für seinen Schützling eingetreten wäre. So ist sein Name für immer mit dem des Findlings verknüpft, und wie auf jenen, ist auch auf ihn ein gut Teil unverdienter Schmähungen gehäuft worden. Daumer gehörte nicht zu denen, die mit Abschluß des Brotstudiums die Grenze ihrer geistigen Entwicklungsmöglichkeit erreicht haben und, eingekalkt in die Schablone des gerade zu dieser Stunde Gültigen, für alle Folgezeit einen scharfumrissenen und genau registrierbaren »Charakter« darstellen. Er tummelte sich weidlich auf den uferlosen Gefilden all der Gedankengebiete, die man mit dem Sammelnamen Philosophie umschreibt, und meist suchte er seine Freude in den Bezirken, wo die Grenzen zwischen Wissen und Glauben am buntesten durcheinander gehen. Jung, elastisch und begeisterungsfähig bis ins Alter, scheute er sich nicht, heute zu verbrennen, was er gestern angebetet. Ein Stück »Dichter«, machte er zuweilen gar nicht so schlechte Verse, ein Stück »Philosoph«, ist ihm hin und wieder ein ziemlich origineller Gedanke geglückt. Man mag ihn also einen Phantasten schelten. Aber eins war er sicher nicht: ein Lügner und Betrüger, der für einen anderen Betrüger, den Lügner Hauser, log und betrog. Es ist nicht meine Aufgabe, eine Apologie Daumers zu schreiben. Aber auch hier ist ein kräftiges Wort der Abwehr am Platze gegenüber der leidenschaftlichen Gehässigkeit, mit der ein v. d. Linde diesen Mann, der doch weder ein Trottel noch ein Verbrecher war, der zudem seit Jahren unter dem Rasen lag und sich nicht wehren konnte, verfolgt hat und sich sogar unter Hintansetzung jedes landläufigen literarischen Anstandes nicht scheute, in unsachlichster Weise dessen Privatleben zu verzerren und zu begeifern. Zwei Punkte waren es vor allem, die man Daumers Hausermitteilungen immer wieder vorrückte: seine Hinneigung zur Homöopathie und zum Okkultismus, wenn ich mit letzterem Sammelbegriff all die Erscheinungen des Mesmerismus, tierischen Magnetismus, Somnambulismus usw. umfassen darf, die Daumer (mit vielen anderen Augenzeugen!) an Hauser wahrzunehmen glaubte. Es ist hier nicht der Ort, auf all diese Dinge tiefer einzugehen, das hieße, das Hauserproblem selbst aufrollen, was erst nach Vorlage des ganzen Materials möglich ist. Auf zweierlei sei hier nur kurz hingewiesen. Heute, im Zeitalter der Atomtheorie, lacht man nicht mehr über die von der Homöopathie behauptete Wirksamkeit sehr kleiner Stoffmengen, Vgl. z. B. L. Kolisko: »Physiologischer und physikalischer Nachweis der Wirksamkeit kleinster Entitäten«, Stuttgart 1923. wie denn überhaupt die Homöopathie sich in den letzten hundert Jahren zu einem bedeutungsvollen Faktor im Reiche der Medizin entwickelt hat. Was den Okkultismus anbelangt, so sind seine Erscheinungen nachgerade wirklich durch kein Leugnen und Ignorieren mehr aus der Welt zu schaffen, und unter dem Namen Parapsychologie hat sich eine neue Wissenschaft zur Erforschung der in Frage kommenden Phänomene herausgebildet. Vgl. W. v. Wasielewski: »Beiträge zur wissenschaftlichen Erforschung des Okkultismus«, Halle. Mitarbeiter sind u. a. die Universitätsprofessoren Driesch-Leipzig, Oesterreich-Tübingen, ferner Graf Keyserling-Darmstadt und v. Schrenck-Notzing-München. Auf jeden Fall ist es somit unzulässig, Daumers Beobachtungen und Mitteilungen ohne weiteres als lächerliche Hirngespinste eines überspannten Phantasten beiseite zu schieben. Vielleicht, ja jedenfalls, ist manches von dem, was er mitteilt, falsch beobachtet oder auch falsch gedeutet, aber wenn man auch nur das ins Auge faßt, was noch von vielen anderen Augenzeugen miterlebt und geschildert wurde, so ist die Wucht dieser Belege doch so überzeugend, daß von purem Lug und Trug nicht gesprochen werden kann. Im folgenden sind nun Daumers »Mitteilungen über Kaspar Hauser«, in zwei Heften 1832 in Nürnberg erschienen, abgedruckt, mit Ausnahme von I 13,14 und II 13 (homöopathische Heilversuche). I 8 und 9 sind in dem Abschnitt »Selbstzeugnisse« gegeben. Durch Umgruppierung der von Daumer in zwei Heften verteilten Kapitel wurde ein zusammenhängendes Ganzes zu geben versucht, wobei natürlich der Text der einzelnen Kapitel selbst unverändert blieb. Aus Daumers »Enthüllungen« 1859 wurden weitere Mitteilungen Daumers über Kaspar Hauser, gewissermaßen Nachträge zu dem ersten Werkchen, ausgehoben und an geeigneter Stelle eingefügt. Parallelstellen aus den 1873 von Daumer veröffentlichten »Aufzeichnungen von Gottlieb Freiherrn von Tucher aus dem Jahre 1828« Daumer sagt darüber S. 117f.: »Diese Aufzeichnungen über Kaspar Hauser sind von größtem Interesse und Wert. Sie enthalten eine sehr genaue und lebensvolle Beschreibung des Findlings, wie er auf dem Gefängnisturme zu Nürnberg und dann noch, mit einigen sich allmählich bildenden Veränderungen, im Sommer während seines Aufenthaltes in meinem Hause war. Sie stimmen vollkommen mit meinen eigenen, sowie mit meiner übrigen Freunde Beobachtungen und Darstellungen. Die vollkommene Glaubwürdigkeit eines Mannes, wie Herr v. Tucher ist, kann keinem Zweifel unterliegen. Er besitzt und besaß alles, was eine solche Eigenschaft begründet, hohe Bildung, Geist, Herz, Interesse an der Sache und Bewußtsein über ihr« Bedeutung, Beobachtungsgabe, Wahrheitsliebe, Sorgfältigkeit der Zeichnung bis ins Kleinste hinein...« und »Aufzeichnungen von Dr. Ludwig Feuerbach aus den Monaten Juli und August 1828« Über diese Darlegungen des Philosophen Feuerbach bemerkt Daumer (S. 124): »Auch diese Notizen sind sehr interessevoll und zuverlässig. Man wird den gewiß nicht schwärmerischen und kritiklosen Aufzeichner in keinem Falle als einen der lächerlichen Phantasten betrachten können, welche das Hausermärchen geschaffen haben. Ich stand mit L. Feuerbach zu jenen Zeiten (später änderte sich das. Der Verf.) in den vertrautesten Verhältnissen. Er hielt sich oft bei mir auf und beobachtete daselbst mit mir und anderen den Findling. Er kam ganz zu denselben Resultaten ....« sind gegebenen Orts als Fußnoten unter den Text gesetzt. An Stelle von Daumers langatmigen »Homöopathischen Heilversuchen«, deren Umfang zum sachlichen Gewinn doch in einem zu großen Mißverhältnis steht, gebe ich die kürzere Darstellung des Dr. Preu aus dem »Archiv für homöopathische Heilkunst«, Leipzig 1832: »Der Findling Kaspar Hauser und dessen außerordentliches Verhältnis zu homöopathischen Heilstoffen«. Dr. Preu ist ebenfalls ein »Augenzeuge«. Als Stadtgerichtsarzt erhielt er am Tage nach Hausers Auftauchen vom Magistrat den Auftrag, den Findling zu beobachten und darüber ein Gutachten abzugeben. Er hat also Hauser gleich in den ersten Tagen genau kennen gelernt und ihn später, als dieser bei Daumer wohnte, in Krankheitsfällen ärztlich behandelt. Es freut mich, durch diese Mitteilungen eines Augenzeugen und medizinischen Fachmannes eine weitere Note in die »Augenzeugenberichte« bringen zu können. Als viertes und fünftes Stück gebe ich Berichte des Lehrers Meyer, Diese Meyerschen Stücke sind in manchem sehr anfechtbar. Ausführlicheres darüber wird in der schon erwähnten Arbeit »Feuerbach und seine Gegenspieler« gebracht. dem Hauser nach seiner Übersiedlung von Nürnberg nach Ansbach vom Dezember 1831 bis zu seinem Tode (Dezember 1833) anvertraut war. Diese Berichte wurden nach Hausers Tode gelegentlich der deswegen geführten Kriminaluntersuchung zu den Akten gegeben und von Dr. I. Meyer, dem Sohne des Lehrers Meyer, erstmalig 1872 in seinen »Authentischen Mitteilungen über Kaspar Hauser« veröffentlicht. Vorliegender Abdruck ist nach den in den Akten befindlichen Originalen revidiert und zeigt zahlreiche Abweichungen gegenüber dem von Dr. Meyer gegebenen Text. Über die Art und Weise, wie Dr. I. Meyer die Akten ausgewählt und manches Ausgewählte modifiziert hat, wird gegebenen Orts noch mehr zu sagen sein. Was die beiden Lehrer Meyerschen Stücke anbetrifft, so zeigen besonders die »Notizen« zahlreiche Änderungen gegenüber dem bei den Akten befindlichen Original. Ein genauer Vergleich des Dr. Meyerschen Textes mit dem hier gegebenen ist in dieser Beziehung sehr lehrreich. Die Änderungen Dr. Meyers, die mir einschneidend erschienen, habe ich jeweils in Fußnoten angemerkt. Ebenfalls Beobachtungen aus der Ansbacher Zeit des Findlings, somit gewissermaßen eine notwendige Ergänzung zu den Meyerschen Stücken, gibt die Schrift des evangelischen Pfarrers Fuhrmann, der als Hausers Beichtvater und Religionslehrer vor allem auch in dessen inneres Leben Einblick bekommen hat. Auch behandelt er als Augenzeuge die letzten Stunden und den Tod des Unglücklichen. Über »Kaspar Hausers Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung« lege ich den Bericht eines Ansbacher prakt. Arztes, des Dr. Heidenreich, vor, der seine als Augenzeuge gewonnenen Eindrücke in v. Gräfes und Walthers »Journal für Chirurgie und Augenheilkunde« 1834 veröffentlichte. Damit lagen zunächst einmal die Hauptpunkte von Hausers Lebensgeschichte, soweit sie sich im hellen Licht des Tages abspielte, vor uns, von Augenzeugen beobachtet und erzählt. Daumers Schriften über Hauser umfassen über 1000 Druckseiten. Was und wie aus ihnen geschöpft wurde, ist schon angegeben. Alle übrigen Stücke sind in der Originalfassung gegeben, Rechtschreibung und Zeichensetzung der Einheitlichkeit und besseren Lesbarkeit wegen, soweit angängig, modernisiert. Etwa vorkommende falsche Angaben eines Autors, Parallelstellen, Streitpunkte und dergl. sind soweit es notwendig erschien, in Fußnoten angemerkt. Solche Anmerkungen, die nicht von mir stammen, sind durch ein dahintergesetztes Verfasserzeichen gekennzeichnet. Im zweiten Abschnitt wollen wir Hauser selbst hören: Den seltsamen Bericht über sein Kerkerleben, die Reise nach Nürnberg und die Eindrücke, die er zuerst dort empfangen. Bei einer Beurteilung des objektiven Wahrheitsgehaltes dieser Erzählung ist ihre Entstehungsgeschichte wohl zu beachten. Kurz nach seinem Auftauchen wurde Hauser von dem Nürnberger Bürgermeister Binder als dem Oberhaupt der städtischen Polizei mehrere Male umständlich vernommen. Das Ergebnis dieser Verhöre war die »Bekanntmachung«, die Binder bereits am 7. Juli 1828 in die Welt hinaus sandte. Weiterhin wurde Hauser von Amts wegen beauftragt, einen Bericht seiner Schicksale aufzusetzen und der Behörde zu übergeben. An dieser »Selbstbiographie« arbeitete er während seines Aufenthaltes bei Daumer, wo man andauernd bemüht war, weitere Einzelheiten aus ihm herauszuholen. Wie das geschah, ersieht man aus den im folgenden ebenfalls abgedruckten Mitteilungen des Professors Hermann. Aus dieser Zeit bei Daumer stammen also die nachstehend mitgeteilten Fassungen der »Selbstbiographie«. Zu einer Übergabe an die Behörde kam es nicht, denn vorher fand der Mordversuch im Daumerschen Hause statt, wonach die gerichtliche Untersuchung des Hauserfalles anhob, in deren Verlauf der Findling ausführlich über sein Vorleben vernommen wurde. Die Protokolle über diese Vernehmungen sind im folgenden ebenfalls abgedruckt. Die Keimzelle der »Selbstbiographie« ist also der Bindersche Bericht. Was dann wahr, was falsch, das sind Fragen, worüber sich schon viele den Kopf zerbrochen haben. Was Feuerbach dazu in seinem Werkchen und in dem Brief an E. v. d. Recke meint, ist sehr einleuchtend. Schmidt von Lübeck, ein dänischer Justizrat außer Dienst, der sich von Anfang an mit dem Fall Hauser befaßt hat, schreibt in seinem 1831 erschienenen Aufsatz (S. 8): »Wie kann ein so verwahrloster junger Mensch, der kaum fünfzig zusammenhängende Worte kennt, ohne einmal deren Sinn zu verstehen, und der von allen Gegenständen zwischen Himmel und Erde gar nichts gehört, gesehen und geahnt hat, überall etwas aussagen? Was wir seine Aussagen nennen, ist weiter nichts, als was der Bürgermeister Binder in Nürnberg aus einzelnen Worten und Zeichen des Befragten aufs Geratewohl herausgedeutet hat. Den eigentlichen Sinn des Gefragten nicht zu mißdeuten und den wahren Zusammenhang der Sache zu erkennen war unter solchen Umständen fast eine Unmöglichkeit.« Man kann also wohl aus dieser »Selbstbiographie« nicht allzu viel weder für noch gegen Hauser schließen. Gerade das viele Rätselhafte und Widerspruchsvolle dürfte mehr für ihn sprechen. Ein raffinierter Betrüger hätte jedenfalls einen ganz anderen Bericht zusammengestellt, auch sind viele Züge dann, die nicht erfunden, sondern nur erlebt werden können. Auf jeden Fall darf man nicht, wie dies schon Stanhope und vor allem v. d. Linde getan haben, diese »Selbstbiographie« beurteilen gesondert für sich, aus dem Zusammenhang mit ihrer Umwelt und aus dem Nährboden gerissen, aus dem heraus sie entstand und sicher mancherlei in sich aufnahm. An »Selbstzeugnissen« Hausers sind nun im folgenden abgedruckt: I. Das Stück der »Selbstbiographie«, das Stanhope in seinen »Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers« mitgeteilt hat. II. Der Schluß der »Selbstbiographie«, Diese beiden Stücke, die vollständige »Selbstbiographie«, wurden später (1881) in dem von Dr. Meyer herausgegebenen »hinterlassenen Manuskript von Joseph Hickel« wieder veröffentlicht. Die Varianten dieser Ausgabe gegenüber der Stanhopeschen und Daumerschen Fassung sind in Fußnoten angemerkt. – Diese sogenannten Hickelschen »Briefe«, von I. Meyer erstmalig »auszugsweise« in seinen »Authent. Mitteilungen« zitiert, sind nicht in meine »Augenzeugenberichte« aufgenommen. Sie sind nämlich keineswegs echte Briefe, geschrieben an den an der Spitze stehenden Daten, sondern eine spätere tendenziöse Kompilation aus allerlei Quellen, was in der schon erwähnten Schrift »Feuerbach und seine Gegenspieler« im einzelnen bewiesen wird. von Daumer überliefert (Mitteil. I 9). III. Einige »Aufsätze« Hausers (Daumer, Mitteil. I 8). IV. Das älteste Fragment der »Selbstbiographie«, erstmalig von v. d. Linde 1888 veröffentlicht. Als Kommentar gewissermaßen zu der »Selbstbiographie«. V. die »Mitteilungen« des Professors Hermann (nach Daumer 1873) und VI. die »Bekanntmachung« des Bürgermeisters Binder. Als Abschluß VII. die Protokolle über Hausers Aussagen vor Gericht, die Verhöre vor dem Nürnberger (1829) und Ansbacher (1833) Kreis- und Stadtgericht. Diese wurden erstmalig veröffentlicht von Dr. I. Meyer in den »Authentischen Mitteilungen«. Der vorliegende Abdruck ist nach den Akten revidiert, wobei sich einige (sachlich jedoch nicht wesentliche) Abweichungen Meyers gegenüber den Originalen ergaben. Nun einiges über die Bilder, die ich dank dem bereitwilligen Entgegenkommen des Verlages gegenüber meinen Vorschlägen bringen konnte. Da sind zunächst einmal vier Bilder Hausers. Das Titelbild des ersten Bandes ist eine Reproduktion des Stichs nach einem Gemälde von Kreul, den Feuerbach seinem »Kaspar Hauser« mitgab. Das nächste, Hauser in ganzer Figur darstellend, ist deshalb interessant, weil es dem ersten verbreiteteren Hauserschriftchen beigegeben war, der »Skizze der bis jetzt bekannten Lebensmomente des merkwürdigen Findlings Caspar Hauser in Nürnberg. Mit der naturgetreuen Abbildung desselben, auf Stein gezeichnet von Fr. Hanfstengel, Zeichnungslehrer in München. Kempten. Druck und Verlag bei Dannheimer. 1830.« Was die »Naturtreue« angeht, so hat es der »Zeichnungslehrer« damit so ganz genau nicht gehalten. Wenigstens tadelte Hauser an dem Bild die Stellung der Füße, die er, was auch die Augenzeugen berichten, im Anfang mit den Spitzen nach Innen stellte. Auf jeden Fall aber gewann diese Darstellung Hausers eine große Verbreitung In ganzseitiger Größe, in Quart, brachte es u. a. das »Karlsruher Unterhaltungsblatt« vom Januar 1830, die Wiener »Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur und geselliges Leben« vom gleichen Monat. Da letzterer Artikel von v. d. Linde in seinem Literaturverzeichnis nicht erwähnt ist, sei hier die Einleitung dieses Artikels gegeben, die gleichzeitig ein Bild von dem Zeitungsecho gibt, das die Hausersache damals hervorrief. »Der junge Mensch, der noch immer die Teilnahme der ganzen zivilisierten Welt besitzt und von welchem sogar in den Blättern von New Dork, Boston und Philadelphia interessante Mitteilungen und Berichte erscheinen, zum Teil aus deutschen, französischen und englischen Blättern entlehnt, zum Teil von Reisenden gemacht, ist noch immer so unglücklich, keine Spur von seinem früheren Aufenthalt, noch weniger von seinem Herkommen zu besitzen. Indes ist auch manches nicht hinlänglich bekannt gemacht worden, was auf sein früheres Schicksal Bezug hat, die Zeitungen haben nicht einmal die Gegenstände beschrieben, welche er bei sich gehabt, und diese erscheinen doch so wichtig, daß sie der öffentlichen Beachtung allerdings zu unterziehen sind. Ein Freund des Unglücklichen teilt demnach folgende Gegenstände mit: I. Den Brief, den Hauser in der Hand gehabt, als er nach Nürnberg kam (diplomatisch genau kopiert). II. Sein Signalement. III. Die Beschreibung der übrigen Gegenstände, welche Kaspar bei sich führte. IV. Sein wohlgetroffenes Bildnis (liegt dieser Zeitung bei).« Es folgen dann die angegebenen Stücke, wie sie auch in der Binderschen »Bekanntmachung« und der Kemptener »Skizze« gegeben waren. (Nr. 9 vom 21. Januar 1830). und bürgerte sich in die Vorstellungswelt der Zeitgenossen ein. Die beiden Hauserbilder des 2. Bandes sind nach Originalen, die sich in den Ansbacher »Sammlungen des historischen Vereins für Mittelfranken« befinden, reproduziert. Das Titelbild nach einem Steindruck des zeitgenössischen Ansbacher Lithographen C. Oettel, das andere nach einer Zeichnung, »gez. 2. 4. 30«, Name des Zeichners unleserlich (Vogel?). Des weiteren ist gegeben ein Bild Anselm von Feuerbachs, dessen Andenken diese beiden Bände gewidmet sind. Es ist entnommen dem Werke »A. Ritter von Feuerbachs biographischer Nachlaß, veröffentlicht von seinem Sohne Ludwig Feuerbach, Leipzig 1853.« Wie der Herausgeber mitteilt, ist das Bild von Kreul gemalt, von Raab in Nürnberg in Stahl gestochen, und stellt Feuerbach in seinen letzten Lebensjahren dar. Es sei ein sehr gutes Bild, jedoch mehr den Präsidenten als den geistvollen Menschen darstellend. Der erste Band bringt weiterhin eine Nachbildung des Binderschen Faksimiles von Brief und Zettel, die Hauser bei seinem Auftauchen in Nürnberg bei sich hatte, in Originalgröße. Die Urschrift dieser Stücke, die den ersten vom Nürnberger Magistrat über Hauser angelegten Polizeiakten beigeheftet war, ist mit diesem Aktenband verschollen. Damit dem Leser die Möglichkeit gegeben ist, Vergleiche mit der Handschrift Hausers anzustellen, folgt dieser Reproduktion die Abbildung eines Absatzes aus einem Schreibheft Hausers, auch in Originalgröße, das sich ebenfalls in den obengenannten Ansbacher Sammlungen befindet. Erwähnt sei hier auch die Abbildung einer Zeichnung Hausers mit seiner Unterschrift, die sich bei der Niederschrift seiner Vernehmung vom 28. Oktober 1829 bei den Akten befindet. Diese Abbildung ist mit dem Protokoll am Schlusse des Abschnitts »Selbstzeugnisse« im 2. Band dieses Werkes gegeben. Ein weiteres Bild des zweiten Bandes ist eine Photographie des Zettels, geschrieben in Spiegelschrift, der sich in dem Beutel vorfand, den Hauser (nach seiner Angabe) von dem Mann, der ihn im Hofgarten niederstach, erhielt. Das Original befindet sich ebenfalls in den Ansbacher Sammlungen. Die beiden letzten Bilder stellen dar das Grab Hausers auf dem Ansbacher Friedhof und den Gedenkstein im Ansbacher Hofgarten. Zum Schluß sage ich vielen Dank all denen, die mir bei meinen Arbeiten hilfreich zur Hand gingen. Vor allem Herrn Oberarchivrat Dr. Striedinger, der mich in liebenswürdiger Weise bei der Durchsicht der im Münchener Hauptstaatsarchiv befindlichen Hauserakten unterstützte. So verschieden unsere Ansichten in einzelnen Punkten des Hauserproblems sein mögen, so einig sind wir in der Überzeugung, daß eine möglichst authentische und umfangreiche Aktenveröffentlichung zur Klärung der ganzen Frage dienlich und erforderlich ist. Herrn Regierungsrat Friker, der mir stets aus den Schätzen seiner Hauserbibliothek und Hauserkenntnisse bereitwilligst Hilfe bot, Herrn Oberstudienrat Dr. Stettner, der mir die Hauserstücke der Ansbacher Sammlung freundlichst zugänglich machte, und Herrn Seidel-Ansbach, Herrn Oberarchivrat Dr. Altmann, der mir das im Nürnberger Archiv befindliche Bindersche Faksimile freundlichst zur Reproduktion zur Verfügung stellte. Besonderen Dank schulde ich auch meinem Freunde Hans Radermacher für mancherlei Handreichungen. Saarbrücken 1925 Dr. phil. Hermann Pies Feuerbach: Kaspar Hauser, Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Himmel, laß mich Kund' erlangen, Da Du so verfährst mit mir, Welch Verbrechen ich an Dir Schon mit der Geburt begangen! Sigismund (in Calderons Leben ein Traum). Portrait: Feuerbach I. Der zweite Pfingsttag gehört zu Nürnberg zu den vorzüglichsten Belustigungstagen, an welchen der größte Teil der Einwohner sich auf das Land und in die benachbarten Ortschaften zerstreut. Die im Verhältnis zu ihrer dermaligen spärlichen Bevölkerung ohnehin sehr weitläufige Stadt wird dann, zumal bei schönem Frühlingswetter, so still und menschenleer, daß sie beinahe weit eher jener verzauberten Stadt in der Sahara als einer rührigen Gewerbs- und Handelsstadt zu vergleichen wäre. Besonders in einigen von ihrem Mittelpunkte entfernteren Teilen kann dann leicht manches Geheime öffentlich geschehen, ohne darum aufzuhören, geheim zu sein. So ereignete sich denn am zweiten Pfingsttage (26. Mai) 1828, abends zwischen 4 und 5 Uhr, folgendes: Ein Bürger Die Protokolle über die eidlichen Aussagen dieses Bürgers, des Schusters Weickmann, sowie die Bekundungen der anderen von Feuerbach erwähnten Zeugen sind in den »Hauserakten« des Hauptstaatsarchivs München heute noch vorhanden. wohnhaft auf dem sogenannten Unschlittplatze (in der Nähe des wenig besuchten Hallertörchens), weilte noch vor seinem Hause, um von da vor das sogenannte Neue Tor zu gehen, als er, sich umsehend, nicht weit von sich einen als Bauernburschen gekleideten jungen Menschen gewahr wurde, welcher in höchst auffallender Haltung des Körpers dastand und einem Betrunkenen ähnlich sich vorwärts zu bewegen mühte, ohne gehörig aufrecht stehen und seine Füße regieren zu können. Der erwähnte Bürger nahte sich dem Fremdling, der einen Brief ihm entgegenhielt mit der Aufschrift: » An Titl. Hr: Wohlgebohner Rittmeister bey der 4ten Esgataron bey 6ten Schwolische Regiment Nirnberg .« Da der bezeichnete Rittmeister in der Nähe des Neuen Tors wohnte, so nahm jener Bürger den fremden Burschen dahin mit sich an die Wache, von wo er zu der ganz nahe liegenden Wohnung des damals die 4. Eskadron des bezeichneten Regiments befehligenden Rittmeisters von Wessenig gelangte. Über die näheren Umstände, wie Kaspar mit dem erwähnten Bürger vom Unschlittplatze bis zur Wache und von da bis zur Wohnung des Rittmeisters von W. gekommen, sind die Akten teils so lückenhaft und unbefriedigend, teils bezüglich angegebener Umstände so sehr den Zweifeln historischer Kritik unterworfen, daß ich mich in obiger Erzählung sehr kurz fassen zu dürfen glaubte. So gibt z.B. jener Bürger an: nachdem er unterwegs mit K. ein Gespräch anzuknüpfen gesucht und ihn über manches befragt, habe er endlich bemerkt, daß K. von allem nichts wisse und gar keinen Begriff habe, weshalb er dann nichts mehr zu ihm gesprochen . Hiernach zeigte sich ihm also K. ebenso, wie noch denselben Abend bei dem Herrn Rittmeister von W. und später auf der Wachtstube, dann an den folgenden Tagen und Wochen. Gleichwohl erzählt zugleich jener Bürger: K. habe auf die Frage, woher er komme, geantwortet: »von Regensburg«. Ferner: als er mit K. zum Neuen Tor gekommen, habe dieser gesagt: »Dös is gwiß erst baut worn, weil mer's neu Tor heißt« usw. – Daß Zeuge dieses und dergleichen gehört zu haben glaubt , ist mir ebensowenig zweifelhaft als dies, daß es K. nicht gesagt hat . Alles folgende gibt dafür den unumstößlichsten Beweis. Aus der stehenden Redensart Kaspars: »Reutä wähn, wie mei Vottä wähn is« konnte sein Führer, der diesem Simpel, wofür er ihn hielt, gewiß nur halbe Ohren lieh, gar wohl jene Worte herauszuhören glauben. (Diese Feuerbachsche Kommentierung der Aussagen Weickmanns ist vielfach angegriffen worden. Es wird an anderer Stelle noch manches dazu zu sagen sein.) – Überhaupt aber sind die in dieser Sache erwachsenen Polizeiakten (Diese polizeilichen Akten des Stadtmagistrats Nürnberg, die ersten über Hauser geführten Akten, sind heute nicht mehr vorhanden. Jedoch haben sie nach Feuerbachs und Hausers Tode dem Ansbacher Gericht noch vorgelegen und sind, wie die Akten dieses Gerichts ausweisen, mit den anderen Gerichtsakten von dem Ansbacher Untersuchungsrichter nach dem damaligen Abschluß der Untersuchung an den Justizminister in München eingesandt worden. Auf jeden Fall also hat Feuerbach mit ihrem Verschwinden nichts zu tun. Die in diesen Magistratsakten niedergelegten Depositionen sind größtenteils enthalten in den Akten der Nürnberger Kriminaluntersuchung, begonnen im Oktober 1829.) auf eine solche Weise geführt, enthalten so viele Widersprüche, nehmen vieles gar so leicht, sind in einigen ihrer wesentlichsten Bestandteile ein so arger Anachronismus, daß sie als Geschichtsquelle nur mit großer Vorsicht benutzt werden können. (Fbch.) Dem die Haustür öffnenden Bedienten des von Wessenig trat er, den Hut auf dem Kopf, seinen Brief in der Hand haltend, mit den Worten entgegen: »ä sechtene möcht ih wähn, wie mei Vottä wähn is.« Der Bediente fragte ihn: was er wolle? wer er sei? woher er komme? Aber der Fremde schien von allen Fragen keine zu verstehen, und es erfolgten immer nur die Worte: »ä sechtene möcht ih wähn, wie mei Vottä wähn is,« oder »woas nit!« Er war, wie der Bediente des Rittmeisters in seinem Verhör als Zeuge aussagt, so ermattet, daß er nicht sowohl ging als »herumschweifte«. Weinend, mit dem Ausdruck heftigen Schmerzes, deutete er auf seine unter ihm brechenden Füße und schien an Hunger und Durst zu leiden. Man reichte ihm ein Stückchen Fleisch; doch kaum hatte der erste Bissen seinen Mund berührt, als er ihn sich schüttelnd unter heftigen Zuckungen seiner Gesichtsmuskeln mit sichtbarem Entsetzen wieder von sich spie. Dieselben Zeichen des Abscheus, als man ihm ein Glas Bier gebracht und er davon einige Tropfen gekostet hatte. Ein Stück schwarzen Brotes und ein Glas frischen Wassers verschlang er mit heißer Begier und äußerstem Wohlbehagen. Was man unterdessen mit ihm noch versuchte, um über seine Person und sein Hierherkommen etwas zu erfahren, war vergebliche Mühe. Er schien zu hören, ohne zu verstehen, zu sehen, ohne etwas zu bemerken, sich mit den Füßen zu bewegen, ohne sie zum Gehen gebrauchen zu können. Seine Sprache waren meistens Tränen, Schmerzenslaute, unverständliche Töne oder die häufig wiederkehrenden Worte: »Reutä wähn, wie mei Vottä wähn is.« Im Hause des Rittmeisters hielt man ihn bald nur für einen wilden Menschen und führte ihn bis zur Heimkunft des Hausherrn in den Pferdestall, wo er sogleich auf dem Stroh sich ausstreckte und in tiefen Schlaf versank. Er hatte schon mehrere Stunden fortgeschlafen, als der Rittmeister nach Hause kam und sogleich in seinen Pferdestall ging, um den wilden Menschen zu sehen, von dem seine Kinder ihm beim Willkommen so viel Seltsames erzählt hatten. Noch lag dieser im tiefsten Schlaf. Man suchte ihn zu erwecken, man rüttelte, schüttelte, stieß ihn; aber vergebens. Man riß ihn vom Boden auf und suchte ihn auf die Füße zu stellen; aber er schlief fort, ähnlich einem Scheintoten, der nur noch durch seine Lebenswärme von dem wirklich Toten sich unterscheidet. Endlich, nach vielen dem Schlafenden fühlbaren Mühen, schlug er die Augen auf, ermunterte sich, sah den Rittmeister in seiner bunten, glänzenden Uniform, die er, wie es schien, mit kindischem Wohlgefallen betrachtete, und er stöhnte dann sein: Reutä usw. usw. Herr von Wessenig kannte den fremden Burschen ebensowenig als er dem ihm mitgebrachten Brief irgend eine auf ihn bezügliche Deutung zu geben wußte. Da nun auch mit Fragen nichts aus ihm herauszubringen war als: »Reutä wähn« usw. usw. oder »woas nit«, so blieb nichts anderes übrig, als die Lösung des Rätsels sowie die Sorge für die Person des fremden Unbekannten der städtischen Polizei zu überlassen. Somit wurde derselbe dahin abgeführt. »Was ich«, sagte Herr von Wessenig in seiner späteren gerichtlichen Vernehmung, »bezüglich der geistigen Bildung dieses Menschen wahrzunehmen imstande war, so verriet er den Zustand gänzlicher Verwahrlosung oder einer Kindheit, die mit seiner Größe kontrastierte.« Gegen 8 Uhr abends war der Weg zur Polizei, für seinen Zustand ein Marterweg, zurückgelegt. In der Wachtstube befanden sich außer einigen Unterbeamten mehrere Polizeisoldaten. Allen hier Anwesenden fiel der fremde Bursche ebenfalls als eine seltsame Erscheinung auf, bei der man nicht sogleich mit sich einig werden konnte, unter welche der gangbaren Polizeirubriken sie zu stellen sein möchte. Die an ihn gerichteten polizeilichen Amtsfragen: wie heißt er? wes Standes und Gewerbes? woher kommt er? warum ist er hier? wo ist sein Reisepaß? und dergl. wollten durchaus nicht an ihm verfangen. »A Reutä wähn, wie mei Vottä wähn is« oder: »woas nit« oder, was er ebenfalls in weinerlichem Ton öfters wiederholte: »hoam weissa!« waren die einzigen Worte, die er bei den verschiedensten Veranlassungen vorbrachte. Mit diesen Redensarten, namentlich dem: Reutä wähn usw., verband er, wie sich späterhin ergab, keinen besonderen Sinn; es waren nichts als papageienmäßig eingelernte Töne, die er als gemeinsame Ausdrücke für alle seine Vorstellungen, Empfindungen und Begehrungen gebrauchte. (Man vergleiche die Äußerungen Hausers hierüber in dem Abschnitt »Selbstzeugnisse«.) Fbch. Wo er sei, schien er nicht zu wissen oder zu ahnen. Er verriet weder Furcht, noch Befremden, noch Verlegenheit, vielmehr eine fast tierische Stumpfheit, welche die Außendinge entweder gar nicht bemerkt, oder gedankenlos anstarrt und an sich vorübergehen läßt, ohne von ihnen berührt zu werden. Seine Tränen, sein Wimmern, wobei er immer auf seine wankenden Füße deutete, sein unbeholfenes und dabei kindlich kindisches Wesen gewannen ihm bald das Mitgefühl der Anwesenden. Ein Soldat brachte ihm ein Stück Fleisch und ein Glas Bier; aber, wie im Wessenigschen Hause, wies er beides mit Grauen von sich und aß nur Brot zu frischem Wasser. Ein anderer gab ihm eine Münze; er zeigte darüber die Freude eines kleinen Kindes, spielte damit und schien, indem er mehrmals: Roß! Roß! sagte und mit der Hand gewisse Bewegungen machte, das Verlangen auszudrücken, diese Münze einem »Rosse« anzuhängen. Sein ganzes Wesen und Benehmen zeigte an ihm ein kaum zwei- bis dreijähriges Kind in einem Jünglingskörper. Die meisten dieser Polizeimänner waren nur darüber geteilt, ob man ihn für einen Blöd- oder Wahnsinnigen oder für einen Halbwilden halten solle. Der eine und andere meinte jedoch: es wäre wohl möglich, daß in diesem Buben ein feiner Betrüger stecke, eine Meinung, welche durch folgenden Umstand einen nicht geringen Schein für sich gewann. Man kam auf den Einfall, zu versuchen, ob er vielleicht schreiben könne, gab ihm eine Feder mit Tinte, legte einen Bogen Papier vor ihm hin und forderte ihn auf, zu schreiben. Er schien darüber Freude zu bezeigen, nahm die Feder nichts weniger als ungeschickt zwischen seine Finger und schrieb, Die Schreibfähigkeit Hausers gab Anlaß zu zahlreichen Kontroversen. Auf diese und viele andere kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. zu aller Anwesenden Erstaunen, in festen, leserlichen Zügen den Namen: Kaspar Hauser. Er wurde jetzt weiter aufgefordert, auch den Namen des Ortes beizusetzen, von welchem er herkomme. Aber er tat hierauf nichts weiter, als daß er wieder sein: »Reutä wähn« usw. usw., sein: »hoam weissä«, sein: »woas nit« hervorstöhnte. Da vorderhand nichts weiter mit ihm anzufangen war, überließ man das übrige der Zeit und übergab ihn einem Polizeidiener, der ihn auf den für Polizeisträflinge, Vagabunden usw. usw. bestimmten Turm des Vestner Tors brachte. Auf diesem verhältnismäßig kurzen Weg Wie Stanhope in seinen »Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers« mitteilt, beträgt die Wegstrecke, die Hauser bei seinem Gang vom Unschlittplatze über Neutor, Wohnung des Rittmeisters, Wachtstube nach dem Turm zurücklegte, 1757 Schritte. Dazu kämen die 94 Stufen bis zu seinem Turmgelaß. Stanhope führt dies als ein Argument gegen die Unbehilflichkeit Hausers im Gehen an. sank er fast bei jedem Schritt – wenn sein Tappen ein Schreiten genannt werden konnte – ächzend zusammen. In dem Arreststübchen angekommen – wo er einen anderen Polizeigefangenen zum Gesellschafter hatte – verfiel er auf seinem Strohsack sogleich in den tiefsten Schlaf. II. Kaspar Hauser – diesen Namen hat er bis jetzt beibehalten – trug, als er nach Nürnberg kam, auf dem Kopf einen runden mit gelber Seide gefütterten mit rotem Leder besetzten etwas groben Filzhut von städtischer Form, in welchem das halbausgekratzte Bild der Stadt München zu sehen ist. Die Zehen seiner nackten Füße sahen aus ganz zerrissenen ihm nicht anpassenden mit Hufeisen und Nageln beschlagenen Halbstiefeln mit hohen Absätzen hervor. Um seinen Hals war eine schwarzseidene Halsbinde geschlungen. Über einem groben Hemde Welches unbesonnenerweise, angeblich wegen seiner schlechten Beschaffenheit, samt den Stiefeln gleich in der ersten Zeit hinweggeworfen wurde! So verfuhr man mit Sachen, welche als Anzeigen äußerst wichtig werden konnten! (Fbch.) und einer schon ausgewaschenen rotgetupften zeuchenen Weste trug er eine grautuchene Jacke, welche die Bauersleute Janker oder Schalk zu nennen pflegen, welche aber, wie sich erst später bei genauerer Betrachtung und nach Untersuchung von Sachverständigen ergab, der Schneider ursprünglich zu keiner Bauernjacke zugeschnitten hatte; sie war ehemals, wie schon der liegende Kragen zeigt, ein Frack, dem man die Hinterteile abgeschnitten und dessen obere Hälfte eine der Schneiderei unkundige Hand mit groben Stichen wieder zusammengeheftet hatte. Auch die etwas feineren gleichfalls grautuchenen Pantalons, wie Reithosen zwischen den Beinen mit demselben Tuche besetzt, gehörten wohl ursprünglich eher einem Bedienten, Reitknecht oder Förster und dergl. als einem Bauern. Kaspar trug ein weißes, rotgegittertes Schnupftüchlein bei sich, mit den Buchstaben K. H. rot gezeichnet. Außer einigen blau und weiß geblümten Lappen, einem deutschen Schlüssel und einem Papier mit etwas Goldsand – den wohl niemand in Bauernhütten sucht – fand sich in seiner Tasche ein kleiner hörnener Rosenkranz und ein ziemlicher Vorrat geistlichen Segens; nämlich außer geschriebenen katholischen Gebeten mehrere geistliche Druckschriften, wie sie häufig im südlichen Deutschland, zumal an Wallfahrtsorten, der gläubigen Menge für gutes Geld geboten werden, – einige ohne Druckort, andere mit den Druckorten: Altöttingen, Burghausen, Salzburg, Prag . Ihre erbaulichen Titel heißen z. B.: »Geistliche Schildwacht«, »Geistliches Vergißmeinnicht«, »Ein sehr kräftiges Gebet, wodurch man sich aller heiligen Messen usw. teilhaftig machen kann«, »Gebet zum heiligen Schutzengel«, »Gebet zum heiligen Blut« usw. Eines dieser köstlichen Geisteswerklein, betitelt: »Kunst, die verlorne Zeit und übel zugebrachten Jahre zu ersetzen« (ohne Jahreszahl), scheint auf das bisherige Leben dieses Jünglings, wie er es späterhin erzählte, höhnend anzuspielen. Daß nicht bloß weltliche Hände bei dieser Begebenheit mit im Spiele seien, ließ sich nach den mitgebrachten geistlichen Gaben nicht wohl bezweifeln. Ein Signalement Hausers und ein Verzeichnis der Gegenstände, die er bei seiner Ankunft in Nürnberg bei sich hatte, war der »Bekanntmachung« des Nürnberger Bürgermeisters Binder beigegeben, die dieser am 7. Juli 1828 erließ, um der Hauserschen Sache auf die Spur zu kommen. Der an den ungenannten Rittmeister der 4. Eskadron des 6. Chevauxleger-Regiments adressierte Brief, Das Original dieses Briefes und Zettels ist, da es den Magistralsakten beigeheftet war, mit diesen verschollen. Jedoch wurde auf Binders Veranlassung ein Faksimile angefertigt, das der oben erwähnten »Bekanntmachung« beigegeben war. Ein Abdruck dieses Faksimiles ist diesem Bande S. 112ff. beigegeben. mit welchem in der Hand Kaspar zu Nürnberg auftrat, war nach Form und Inhalt folgender: »Von der Bäiernschen Gränz Daß Orte ist unbenant 1828. Hochwohlgebohner Hr. Rittmeister! Ich schücke ihner ein Knaben der möchte seinen König getreu dienen verlangte Er, dieser Knabe ist mir gelegt worden, 1812 den 7 Ocktober, und ich selber ein armer Taglöhner, ich habe auch selber 10 Kinder, ich habe selber genug zu thun daß ich mich fortbringe, und seine Mutter hat nur um die erziehung daß Kind gelegt, aber ich habe sein Mutter nicht erfragen Könen, jetz habe ich auch nichts gesagt, daß mir der Knabe gelegt ist worden, auf den Landgericht. Ich habe mir gedenckt ich müßte ihm für mein Sohn haben, ich habe ihm Christlichen Erzogen, und habe ihm Zeit 1812 Keinen Schrit weit aus den Haus gelaßen daß Kein Mensch nicht weiß davon wo Er auf erzogen ist worden, und Er selber weiß nichts wie mein Hauß Heißt und daß ort weiß er auch nicht, sie derfen ihm schon fragen er kan es aber nicht sagen, daß lessen und schreiben Habe ich ihm schon gelehrte er kan auch mein Schrift schreiben wie ich schreibe, und wan wir ihm fragen was er werde so sagte er will auch ein Schwolische werden waß sein Vater gewessen ist, Will er auch werden, wen er Eltern häte wie er keine hate wer er ein gelehrter bursche worden. Sie derfen im nur was zeigen so kan er es schon. Ich habe im nur bis Neumark geweißt da hat er selber zu ihnen hingehen müßen ich habe zu ihm gesagt wen er einmal ein Soldat ist, kome ich gleich und suche ihm Heim sonst häte ich mich von mein Hals gebracht Bester Hr. Rittmeister sie derfen ihm gar nicht tragtiren er weiß mein Orte nicht wo ich bin, ich habe im mitten bey der nacht fort gefurth er weiß nicht mehr zu Hauß, Ich empfehle mich gehorsamt Ich mache mein Namen nicht Kuntbar den ich Konte gestraft werden, Und er hat Kein Kreuzer geld nicht bey ihm weil ich selber nichts habe wen Sie im nicht Kalten (behalten) so müßen Sie im abschlagen oder in Raufang auf henggen.« Faksimile des Briefes (Ausschnitt) Es lag diesem Briefe zugleich folgender mit lateinischen Buchstaben, jedoch wahrscheinlich von derselben Hand, geschriebener Zettel bei: »Das Kind ist schon getauft Sie Heißt Kasper in (d.h. einen) Schreibname misen Sie im Selber geben das Kind möchten Sie auf zihen Sein Vater ist ein Schwolische gewesen wen er 17 Jahr alt ist so schicken Sie im nach Nirnberg zu 6ten Schwolische Begiment da ist auch sein Vater gewesen jch bitte um die erzihung bis 17 Jahre geboren ist er im 30 Aperil 1812 im Jaher ich bin ein armes Mägdlein ich kan das Kind nicht ernehren sein Vater ist gestorben.« Kaspar Hauser Das folgende Signalement ist nicht etwa aus den Polizeiakten genommen, wo dergleichen nicht zu finden ist, sondern aus meinen eigenen Beobachtungen und den schriftlich aufgezeichneten Bemerkungen anderer glaubwürdiger Personen. (Fbch.) war bei seinem Erscheinen zu Nürnberg 4 Schuhe 9 Zolle groß und mochte damals vielleicht in seinem 16.–17. Jahre stehen. Ein ganz dünner Flaum überzog Kinn und Lippen, die sogenannten Weisheitszähne fehlten noch und sind erst im Jahre 1831 hervorgebrochen. Seine hellbraunen, sehr feinen Haare, bäuerlich zugeschnitten, kräuselten sich in kleine Locken. Sein Körperbau, untersetzt und breitschulterig, zeigte ein vollkommenes Ebenmaß ohne irgend ein sichtbares Gebrechen. Sein unverkrüppelter Körperbau wurde vielfach als Gegenargument gegen die von Hauser behauptete jahrelange Einsperrung angeführt. Andererseits die kleinen, schön geformten Hände als Zeichen vornehmer Abstammung, ebenso die Impfnarben, da zu jener Zeit nur die Kinder vornehmer Leute geimpft worden seien. Seine Haut war sehr weiß und fein; seine Gesichtsfarbe nicht eben blühend, doch auch nicht krankhaft; seine Glieder zart gebaut; die kleinen Hände schön geformt; ebenso die Füße, welche keine Spur zeigten, daß früher ein Schuh sie beengt oder gedrückt habe. Die Fußsohlen waren ohne Hornhaut, so weich wie das Innere einer Hand, und über und über mit frischen Blutblasen bedeckt, deren Spuren noch mehrere Monate später zu sehen waren. An beiden Armen zeigten sich die Narben der Impfung; an seinem rechten Arm fiel eine noch mit frischem Schorf bedeckte Wunde auf, die, wie Kaspar späterhin erzählte, von einem Schlag mit einem Stock (oder Stück Holz) herrührte, welchen der Mann, »bei dem er immer gewesen«, ihm gegeben, als er einmal zu viel Lärm gemacht habe. Sein Gesicht war damals sehr gemein und, wenn es in Ruhe war, fast ohne Ausdruck; die unteren Teile desselben traten etwas vor, was ihm ein tierisches Ansehen gab. Auch der stiere Blick seiner bläulichen, übrigens klaren, hellen Augen hatte den Ausdruck tierischer Stumpfheit. Der Verfasser dieses äußerte damals den Wunsch, es möge Kaspars Gesicht von einem geschickten Porträtmaler gezeichnet werden, weil jenes sich gewiß bald verändern werde. Jener Wunsch blieb unerfüllt, diese Vermutung aber wurde bald wahr. (Fbch.) Seine Gesichtsbildung änderte sich nach einigen Monaten gänzlich; der Blick gewann Ausdruck und Leben, die hervorragenden unteren Teile des Gesichts traten mehr zurück und die frühere Physiognomie war kaum wiederzuerkennen. Sein Weinen bestand in der ersten Zeit in einem häßlichen Verzerren des Mundes; bewegte aber irgend etwas Angenehmes sein Gemüt, so verbreitete sich über seine Miene eine lieblich lächelnde, alle Herzen gewinnende Freundlichkeit, der unwiderstehliche Reiz der Freude eines unschuldigen Kindes. Seine Hände und Finger wußte er so gut wie gar nicht zu gebrauchen. Die Finger spreizte er steif und gerade hin weit auseinander, mit Ausnahme des Zeigefingers und Daumens, deren Spitzen er gewöhnlich auf die Weise zusammenhielt, daß sie einen Zirkel bildeten. Wo andere Menschen nur einige Finger brauchen, bediente er sich der ganzen Hand, die auf die ungeschickteste, verkehrteste Weise ihr Geschäft verrichtete. Sein Gang, ähnlich dem eines Kindes, das am Laufband seine ersten Versuche macht, war nicht sowohl ein Gehen als ein watschelndes, schwankendes Tappen, eine peinliche Mittelbewegung zwischen Fallen und Aufrechtstehen. Statt beim Gehen mit der Ferse zuerst aufzutreten, setzte er mit gehobenen Beinen Ferse und Vorderfuß zugleich auf den Boden und stolperte, die Füße einwärts gekehrt, mit überhängendem Oberleib und weit von sich hinweggestreckten Armen, die er als Balanzierstange zu gebrauchen schien, langsam schwerfällig vor sich hin. Öfters fiel er in seinem Zimmerchen bei geringem Hindernis oder Anstoß der Länge nach zu Boden. Beim Auf- und Absteigen von Treppen mußte er, noch lange nach seiner Ankunft, immer geführt werden. Und noch jetzt ist es ihm, ohne zu fallen, nicht möglich, auf dem einen Fuß zu stehen, den andern zu heben, zu biegen oder auszustrecken. Bei einer erst noch im Jahre 1830 vorgenommenen gerichtsärztlichen Besichtigung der Leibesbeschaffenheit Kaspar Hausers ergaben sich unter andern folgende höchst merkwürdige Eigentümlichkeiten, die auf sein Leben und sein Schicksal ein helles Licht zurückwerfen. » Das Knie «, sagt das Gutachten des Dr. Osterhausen, »hat eine besondere regelwidrige Bildung. Bei Streckung des Unterschenkels tritt in der Regel die Kniescheibe hervor; bei Hauser aber liegt sie in einer beträchtlichen Vertiefung. Regelmäßig heften sich die vier Streckmuskeln des Unterschenkels, als der äußere und innere große, der gerade und tiefe Unterschenkelstrecker ( musculus vastus externus et internus, m. femoris et cruralis ) mit einer gemeinschaftlichen Sehne, nachdem sie sich mit der Kniescheibe verwebt hat, an den Höcker des Schienbeins an; hier aber ist die Sehne getrennt und die Sehne des äußeren und inneren großen Schenkelstreckers ( m. vastus externus et internus ) gehen an der äußeren und inneren Seite des Schienbeinknochens herab, heften sich unter diesem an das Schienbein an, und zwischen ihnen liegt die Kniescheibe. Hierdurch, und da diese Sehnen ungewöhnlich stark ausgewirkt sind, entsteht jene Vertiefung.« »Wenn er mit ausgestrecktem Ober- und Unterschenkel in horizontaler Lage auf dem Boden sitzt, so bildet der Rücken mit der Beugung des Oberschenkels einen rechten Winkel und das Kniegelenk liegt in gerader Streckung so fest auf dem Boden, daß am Kniebug nicht die geringste Höhlung zu bemerken und kaum ein Kartenblatt unter die Kniekehle zu schieben ist«. Interessant ist ein Vergleich dieser Schilderung Feuerbachs mit den Aussagen der Zeugen, die Hauser gleich bei seinem Auftauchen in Nürnberg beobachteten, sowie mit den in diesem Werk gebrachten anderen Augenzeugenberichten. III. Das Befremdende an K. Hauser bei seinem ersten Erscheinen zu Nürnberg gestaltete sich in den nächsten Tagen und Wochen zu einem dunklen, grauenhaften Rätsel, zu dessen Lösung man in mancherlei Vermutungen vergebens den Schlüssel suchte. Nichts weniger als blöd- oder wahnsinnig, dabei so sanft, folgsam und gutartig, daß niemand versucht werden konnte, diesen Fremdling für einen Wilden oder unter den Tieren des Waldes aufgewachsenen Knaben zu halten, zeigte sich an ihm – jene stets wiederkehrenden Redensarten ausgenommen – ein so vollständiger, nur dem Zustand eines Pescheräh Eingeborener Feuerlands vergleichbarer Mangel an Worten und Begriffen, eine so gänzliche Unbekanntschaft mit den gemeinsten Gegenständen und den alltäglichsten Erscheinungen der Natur, solch eine Gleichgültigkeit, solch ein Abscheu gegen alle Gewohnheiten, Bequemlichkeiten und Bedürfnisse des Lebens, dabei so außerordentliche Eigentümlichkeiten in seinem ganzen geistigen, sittlichen und physischen Wesen, daß man sich in die Wahl versetzt glauben konnte, ob man ihn für einen durch irgend ein Wunder auf die Erde herabversetzten Bürger eines anderen Planeten oder für jenen Menschen des Plato nehmen solle, der, unter der Erde geboren und aufgewachsen, erst im Alter der Reife auf die Oberwelt zum Licht der Sonne heraufgestiegen«. Gerade gegen diese zusammenfassende Formulierung seines Eindruckes von Hauser wurden in der Folgezeit zahlreiche Angriffe gerichtet. Kaspar zeigte beständig gegen alle Speisen und Getränke, außer trocknem Brot und Wasser, den heftigsten Widerwillen. Nicht nur der Genuß, sondern auch der bloße Geruch unsrer gewöhnlichen Speisen erregte ihm Schauder oder noch mehr; ein Tröpfchen Wein, Kaffee und dergl., heimlich unter sein Wasser gemischt, verursachte ihm Angstschweiß, Erbrechen und heftiges Kopfwehs. Es ist ein bedauernswerter Umstand, daß es in der ganzen Stadt Nürnberg keinen einzigen Menschen gab, welcher so viel wissenschaftliches Interesse in sich gefunden hätte, um diesen Menschen zum Gegenstand physiologischer Untersuchungen zu machen. Schon allein die chemische Untersuchung des Urins, des Speichels und anderer Auswurfsstoffe dieses bloß mit Brot und Wasser aufgefütterten jungen Menschen hätte manches wissenschaftlich nicht unwichtige Ergebnis gehabt, so wie diese wissenschaftlichen Ergebnisse den juridisch bedeutenden Umstand: daß Kaspar bisher wirklich nur mit Wasser und Brot genährt worden, gleichsam zu anschaulicher Gewißheit würden bewahrheitet haben. Als aber die Justiz sich mit der Hauserschen Angelegenheit zu befassen endlich, nach vielen vergeblichen Bemühungen von ihrer Seite, in den Stand gesetzt wurde, war die Gelegenheit, solche Untersuchungen nachzuholen, längst vorüber (Fbch.). – Es versuchte jemand irgendwo, ihm etwas Branntwein, unter dem Vorwand es sei Wasser, aufzudringen. Als man ihm das Glas an den Mund brachte, sank er erbleichend um und wäre rückwärts in eine Glastür gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen hätte. – Als er einmal von dem Gefangenwärter war genötigt worden, etwas Kaffee in den Mund zu nehmen, wovon er kaum einen Tropfen verschluckt haben mochte, bekam er mehrmaligen Durchfall. – Von einigen Tropfen stark mit Wasser vermischten Weizenbiers bekam er heftige Schmerzen im Magen und Hitze im ganzen Körper, wobei er über und über von Schweiß triefte, dann Frostschauder mit Kopfweh und starkem Aufstoßen. – Sogar Milch, gesottene wie ungesottene, mundete ihm nicht und erregte ihm widerliches Aufstoßen. – Man hatte ihm einst in sein Brot etwas Fleisch versteckt; er roch dieses sogleich und bezeigte dagegen seinen lebhaften Abscheu; gleichwohl nötigte man ihn, es zu essen, worauf er äußerst leidend wurde. Bei Nacht, die für ihn regelmäßig mit Untergang der Sonne anfing v. Tucher bemerkt in seinen Aufzeichnungen von 1828: »Er lebt als Naturmensch auch ganz natürlich, schläft ein, sobald es dunkelt, und erwacht bei Sonnenaufgang. Sogar mitten am Tage war er, wenn man versuchsweise die Läden schloß, bald darauf fest eingeschlafen, wachte aber auch gleich wieder auf, wenn man sie öffnete.« (D. 1873 S. 122.) und mit ihrem Aufgange endigte, lag er auf seinem Strohsacke; bei Tag saß er, die Füße gerade vor sich ausgestreckt, auf dem Boden. Als er in den ersten Tagen zum erstenmal eine brennende Kerze vor sich sah, ergötzte ihn die leuchtende Flamme, er griff arglos hinein und verbrannte sich Hand und Finger, die er zu spät unter Schreien und Weinen zurückzog. Um ihn zu erproben, wurde zum Schein mit blanken Säbeln nach ihm gehauen und gestochen; er blieb dabei ganz unbeweglich, blinzte nicht einmal mit den Augen und schien gar nicht zu ahnen, daß ihm mit diesen Dingen irgend ein Leid geschehen könne. Man soll sogar einmal, was ich jedoch nicht zu verbürgen wage, ein Feuergewehr zur belustigenden Probe nach ihm abgeschossen haben. (Fbch.) Als ihm ein Spiegel vorgehalten wurde, griff er nach seinem eigenen Spiegelbild und wendete sich dann nach der Rückseite, um den Menschen zu finden, der dahinter stecke. Was er Glänzendes sah, darnach langte er wie ein kleines Kind, und weinte, wenn er es nicht erreichen konnte oder es ihm versagt wurde. Diese und ähnliche Dinge werden vielfach erzählt. Vgl. vor allem Daumer und die dort angegebenen Parallelstellen. Anderseits wurde auch dies als Proben Hauserscher Verstellungskunst gebrandmarkt, vor allem von v. D. Linde, nicht aber von den Augenzeugen. Einige Tage nach seiner Ankunft in Nürnberg wurde K., in Begleitung zweier Polizeimänner, um die Stadt geführt, damit er vielleicht das Tor wieder erkenne, durch das er in die Stadt gebracht worden. Er wußte, wie man wohl hatte voraussehen können, keines von dem andern zu unterscheiden und schien überhaupt an dem, was an seinen Augen vorüberging, keinen Anteil zu nehmen. Auf Gegenstände, die man ihm besonders nahe brachte, gaffte er stumpfsinnig und nur zuweilen mit neugierigem, befremdetem Blicke hin. Ähnliches erzählt der Polizeisoldat Blaimer in seinem Verhör. Zur Bezeichnung lebender Geschöpfe, die ihm in die Sinne fielen, hatte er bloß zwei Worte, deren er sich dann und wann bediente. Was menschliche Gestalt hatte, ohne Unterschied des Geschlechtes und Alters, hieß ihm »Bua«; jedes ihm aufstoßende Tier, vierfüßig oder zweibeinig, Hund, Katze, Gans oder Huhn, nannte er: »Roß«. Waren solche Rosse weiß , so bezeigte er Wohlgefallen; schwarze Tiere erregten ihm Widerwillen oder Furcht. Eine schwarze Henne, welche auf ihn zukam, versetzte ihn in große Angst; er schrie und machte die äußerste Anstrengung, um auf seinen ihm hierzu den Dienst versagenden Füßen von ihr hinwegzulaufen. Seine Seele nicht nur, sondern auch manche seiner Sinne schienen anfangs in gänzlicher Erstarrung zu liegen und nur allmählich erwachend den Außendingen sich zu öffnen. Erst nach einigen Tagen fiel ihm der Schlag der Turmuhren und das Geläute der Glocken auf; er geriet dadurch in das höchste Erstaunen, das sich in seiner aufhorchenden Miene und in Verzückungen des Gesichts ausdrückte, bald aber in sinnendes dumpfes Hinstarren überging. Einige Wochen später zog eine Bauernhochzeit mit Musik unter dem Fenster seines Wohnstübchens auf dem Turm vorüber. Horchend stand er plötzlich wie eine Bildsäule da; sein Gesicht wurde wie verklärt, seine Augen strahlten gleichsam sein Entzücken aus; fortwährend blieben Ohr und Augen den immer weiter sich entfernenden Tönen zugewendet, und schon waren die letzten verhallt, als er noch lauschend unbeweglich stehen blieb, gleichsam als wolle er die letzten Schwingungen dieser für ihn himmlischen Laute in sich aufnehmen, oder als habe die Seele ihren Körper in Erstarrung zurückgelassen, um diesen Klängen nachzuziehen. Gewiß nicht, um Kaspars musikalischen Sinn zu erproben, stellte man bei einer Wachtparade diesen Menschen, an dem sich bereits eine ungewöhnliche Nervenreizbarkeit offenbarte, in die Nähe der großen Regimentstrommel, deren erste Schläge ihn so erschütterten, daß er in Zuckungen verfiel und schnell hinweggebracht werden mußte. Ähnliche Bekundungen bei Daumer usw. Unter den vielen auffallenden Erscheinungen, die sich in den ersten Tagen und Wochen an Kaspar zeigten, bemerkte man, daß die Vorstellung von Rossen , besonders von hölzernen Rossen , für ihn von nicht geringer Bedeutung sein müsse. Das Wort »Roß« schien in seinem Wörterbuch, das kaum ein halbes Dutzend Worte umfaßte, den allergrößten Raum einzunehmen; Vgl. Hausers Selbstbiographie. dieses Wort wurde am allerhäufigsten bei den verschiedensten Gelegenheiten und Gegenständen von ihm ausgesprochen und zwar nicht selten unter Tränen, in wehmütig bittendem Tone, als drücke er damit die Sehnsucht nach irgend einem Pferde aus. So oft man ihm eine Kleinigkeit, eine glänzende Münze, ein Band, ein Bildchen usw. usw. schenkte, sprach er: »Roß! Roß!« und gab durch Mienen und Gebärden den Wunsch zu erkennen, diese Schönheiten einem Rosse anzuhängen. Kaspar, welcher – nicht eben zum Vorteil seiner geistigen Entwicklung, noch zum Behuf reiner Beobachtungen, wozu doch wohl die Seltenheit der Erscheinung aufforderte – täglich auf die Polizeiwachtstube geführt wurde, wo er im Getös und Getümmel gewöhnlich einen nicht kleinen Teil des Tages zubrachte, wurde hier wie einheimisch und gewann sich bald unter den Bewohnern dieses Amtszimmers Zuneigung und Liebe. Das auch hier so oft wiederholte »Roß! Roß!« gab eines Tages einem der Polizeisoldaten, der sich mit dem seltenen Jünglingskinde am meisten zu tun machte, den Einfall, ihm ein weißes hölzernes Spielpferd auf die Wachtstube zu bringen. Kaspar, der sich bisher fast immer nur unempfindlich, gleichgültig, unteilnehmend oder niedergeschlagen gezeigt hatte, wurde beim Anblick dieses hölzernen Rosses plötzlich wie umgewandelt und benahm sich nicht anders, als hätte er in diesem Pferdchen einen alten, langersehnten Freund wiedergefunden. Ohne lärmende Freude, aber mit lächelndem Gesichte weinend, setzte er sich sogleich auf den Boden zu dem Pferde hin, streichelte, tätschelte es, hielt unverwandt seine Augen darauf geheftet und suchte es mit allen den bunten glänzenden, klingenden Kleinigkeiten zu behängen, womit das Wohlwollen ihn beschenkt hatte. Erst nunmehr, da er das Rößchen damit ausschmücken konnte, schienen alle diese Dinge den rechten Wert für ihn gewonnen zu haben. Als die Zeit kam, wo er die Polizeiwachtstube verlassen sollte, suchte er das Roß aufzuheben, um es mit sich nach Hause zu tragen, und weinte dann bitterlich, als er wahrnahm, daß er in seinen Armen und auf seinen Füßen zu schwach sei, um diesen seinen Liebling mit sich über die Schwelle der Stubentür hinauszubringen. Er war noch lange nachher äußerst schwach in den Armen wie in den Füßen. Erst im September 1828, als er schon den Anfang mit Fleischspeisen gemacht hatte, waren seine Kräfte durch wiederholte Übung so weit gediehen, daß er ein Gewicht von 25 Pfund mit beiden Händen ein wenig vom Boden in die Höhe ziehen konnte. (Fbch.) So oft er dann nachher die Wachtstube zu besuchen kam, setzte er sich sogleich zu seinem lieben Roß auf den Boden nieder, ohne die Menschen um ihn her im mindesten zu beachten. »Stundenlang«, sagt einer der Polizeisoldaten in seiner erst polizeilichen, späterhin gerichtlichen Vernehmung, »saß Kaspar mit seinem Rosse spielend neben dem Ofen, ohne auf das, was um und neben ihm vorging, auch nur im mindesten achtzugeben.« Aber auch auf dem Turm in seinem Schlaf- und Wohnstübchen versah man ihn bald nicht bloß mit einem, sondern mit verschiedenen Rossen. Diese Rosse waren von nun an, solange er sich zu Hause befand, unausgesetzt seine Gesellschafter und Gespielen, die er nicht von seiner Seite noch aus seinen Augen ließ und mit denen er – wie man durch eine verborgene Öffnung in der Türe beobachten konnte – sich beständig zu schaffen machte. Ähnliches erzählt der Gefängniswärter Hiltel, der über seine Erfahrungen mit Hauser verschiedentlich vernommen wurde. Ein Tag war darin dem andern, eine Stunde der andern gleich, daß Kaspar neben seinen Rossen mit gerade vor sich ausgestreckten Füßen auf dem Boden saß, seine Rosse beständig bald auf diese, bald auf jene Weise mit Bändern, Schnüren oder bunten Papierfetzen schmückte, mit Münzen, Glöckchen, Goldflittern behing und darüber zuweilen in tiefes Nachdenken versunken schien, wie er diesen Putz durch abwechselndes Dahin- oder Dorthinlegen verändern möge. Auch führte er sie zum öftern, ohne sich dabei von der Stelle zu bewegen oder seine Lage zu verändern, neben sich hin und her, doch sehr vorsichtig und ganz leise, damit, wie er späterhin äußerte, das Rollen der Räder kein Geräusch verursache und er nicht dafür geschlagen werde. Nie aß er sein Brot, ohne zuvor jeden Bissen den Pferdchen an den Mund gehalten, trank nie sein Wasser, ohne zuvor ihre Schnauze hineingetaucht zu haben, die er dann jedesmal sorgfältig wieder abzuwischen pflegte. Eines dieser Pferdchen war von Gips, dessen Mund denn bald vom Eintauchen erweichte. Er wußte nicht, woher dies komme, indem er wohl bemerkte, daß die Schnauze der anderen Rosse naß werde, doch nicht ihre Form verändere. Der Gefangenwärter, dem er weinend sein Unglück mit dem Gipspferdchen vorzeigte, gab ihm zu seiner Beruhigung zu verstehen: »dieses Pferdchen möge kein Wasser«, worauf er es denn zu tränken unterließ, indem er glaubte, es zeige ihm durch die am Mund sichtbare Verunstaltung seine Abneigung gegen das Trinken an. – Der Gefangenwärter, welcher oft sah, wie Kaspar sich abmühte, die Pferde mit seinem Brot zu füttern, suchte ihm begreiflich zu machen, diese Pferde könnten nicht fressen. Allein Kaspar meinte ihn damit zu widerlegen, daß er auf die Brotkrumen deutete, die an der Schnauze seiner Pferde hängen geblieben waren. – Das eine seiner Rosse hatte einen Zaum in dem weitgeöffneten Maul; er verfertigte nun auch seinem andern Pferde einen Zaum aus zusammenhängenden Goldflittern und bemühte sich , dieses auf allerlei Weise zu bewegen, seinen Mund zu öffnen, damit er ihm den Zaum hineinlege, – ein Versuch, womit er sich zwei Tage lang unermüdlich plagte. Einst schlief er auf einem Schaukelpferde ein, fiel herab und quetschte sich am Finger; da beklagte er sich, daß ihn das Pferd gebissen habe. – Als er eines Tages mit einem andern seiner Pferde über den Boden fuhr und dieses mit den Hinterfüßen in eine Lücke des Bodens geriet und vorne aufstieg, bezeigte er darüber die größte Freude und wiederholte dann beständig dieses ihm so merkwürdige Schauspiel, das er allen seinen Besuchern zum besten gab. Da ihm der Gefangenwärter seinen Unwillen darüber bezeigte, daß er allen Leuten immer dasselbe vormache, unterließ er dieses zwar, weinte aber, daß er sein steigendes Pferd nicht mehr zeigen solle. Einmal fiel dieses beim Aufsteigen um; da kam er ihm mit eiliger Zärtlichkeit zu Hilfe und äußerte sein Leid darüber, daß es sich wehe getan. Er war vollends untröstlich, als er einmal den Gefangenwärter einem dieser Pferde einen Nagel einschlagen sah. Hieraus und aus vielen anderen Umständen ließ sich vermuten, was nicht lange nachher zu voller Gewißheit wurde, daß die Vorstellung von Lebendigem und Totem, Beseeltem und Unbeseeltem, von Organischem und Unorganischem, von Naturgegenständen und Kunsterzeugnissen sich in seiner Kinderseele noch seltsam durcheinander mische. Tiere unterschied er von Menschen bloß an ihrer Gestalt, Männer und Frauen an der Kleidung, die ihm wegen der mannigfaltigen in die Augen stechenden Farben am weiblichen Geschlecht besser als am männlichen gefiel; weshalb er auch späterhin noch öfters den Wunsch äußerte, ein Mädchen zu werden, d. h. Frauenkleider zu tragen. Daß aus den Kindern große Leute würden, wollte ihm durchaus nicht einleuchten, und am hartnäckigsten widersprach er, wenn man ihm versicherte, daß er doch auch einmal ein Kind gewesen und daß er wahrscheinlich noch bedeutend werde größer werden als er jetzt schon sei. Erst einige Monate später überzeugte er sich davon, als er an einem an die Wand gezeichneten Maß nach wiederholten Proben die eigene Erfahrung von seinem noch dazu schnellen Wachstum gemacht hatte. Von Religion war nicht ein Fünkchen, von einer Dogmatik auch nicht das kleinste Stäubchen in seiner Seele zu finden, so sehr sich einige Geistliche gleich in den ersten Wochen nach seinem Erscheinen zu Nürnberg die unzeitige Mühe gaben, es in ihm zu suchen und aufzuregen. Von allen ihren Fragen, Reden und Predigten hätte jedes Tier nicht weniger verstanden und begriffen als Kaspar. Was er an Religion mitbrachte, bestand, wenn es ohne Lästerung dieses Namens so genannt werden darf, lediglich in demjenigen, was ihm dummfromme Bosheit bei seiner Aussetzung zu Nürnberg in die Tasche mitgegeben hatte. Vgl. Daumer und die dort angeführten Parallelstellen. Es wird vielleicht nicht uninteressant sein, über Kaspar Hausers Benehmen, während seines Aufenthalts auf dem Turm, die Äußerung eines einfachen, aber verständigen Mannes zu vernehmen, des Gefangenwärters Hiltel , der ihn mehrere Wochen unter seiner Aufsicht gehabt hatte. Dieser äußert sich zum Protokoll unter anderem wie folgt: »Bald nachdem ich den angeblichen Kaspar Hauser einige Zeit im stillen beobachtet hatte, erlangte ich die Überzeugung, daß derselbe nichts weniger als simpelhaft und von der Natur verwahrlost, sondern vielmehr auf unbegreifliche Weise von aller Ausbildung und geistigen Entwicklung zurückgehalten worden sein müsse. Die unendlich vielen Belege und Erscheinungen anzuführen, welche sich mir aus den mit Hauser angestellten Beobachtungen hierüber unzweifelhaft ergaben, würde hier zu weit führen. Er hat sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts bei mir gerade wie ein kleines Kind benommen und allenthalben die größte Natürlichkeit und Unschuld zu erkennen gegeben. Am vierten oder fünften Tage wurde er von dem oberen, engeren Verwahrungsort des Gefängnisturms in die tiefere Etage desselben, in welcher ich mit meiner Familie wohne, in ein kleines Zimmerchen gebracht, welches Vorrichtungen hatte, mittelst deren ich ihn stets beobachten konnte, ohne daß er es wahrzunehmen vermochte. Hier habe ich ihn, dem mir vom Herrn Bürgermeister gegebenen Befehl gemäß, unbemerkt zum öftern beobachtet und sein Benehmen, wenn er allein war, ganz unverändert gefunden. Er ergötzte sich an seinem Spielzeug für sich allein ebenso als wie er dies in meiner Gegenwart natürlich, unbefangen tat; denn wenn er in der ersten Zeit mit seinen Spielsachen ernstlich beschäftigt war, so mochte um ihn her vorgehen, was da wollte, er nahm davon keine Notiz. Doch muß ich bemerken, daß dieses Vergnügen an kindischem Spielzeug nur von kurzer Dauer war. Sowie seine Sinne auf ernstere und nützlichere Gegenstände gerichtet und dafür empfänglich gemacht worden waren, hatte er am Spielen keine Freude mehr. – Sein ganzes Benehmen war sozusagen ein reiner Spiegel kindlicher Unschuld; er hatte nichts Falsches an sich; wie es ihm ums Herz war, so sprach er sich aus, soweit es nämlich seine dürftige Sprache zuließ. Einen sicheren Beleg seiner Unschuld und Unwissenheit gab er auch bei Gelegenheit, als ich und meine Frau ihn das erstemal entkleideten und seinen Körper reinigten; sein Benehmen hierbei war das eines Kindes, ganz natürlich und ungeniert. Nicht lange nachher erwachte jedoch das Gefühl der Scham; und er wurde nun so verschämt, wie das zartfühlendste keuscheste Mädchen. Eine Entblößung ist für ihn etwas Entsetzliches. Nachdem das wilde brasilianische Mädchen Isabella, welches die Herren Spix und Martins mit sich nach München gebracht hatten, einige Zeit unter zivilisierten Menschen gelebt und Kleider getragen hatte, war sie nur mit der größten Mühe durch Drohungen und Schläge dahin zu bringen, daß sie, um einem Zeichner zu stehen, sich entkleidete. (Fbch.) – Nachdem er das Spielzeug bekommen hatte und auch andere Personen zu ihm gelassen wurden, habe ich bisweilen meinen elfjährigen Sohn Julius zu ihm gelassen, der ihn denn gleichsam das Sprechen lehrte, Buchstaben vormachte und ihm Begriffe, soweit er selbst sie hatte, mitzuteilen suchte. Zugleich ließ ich manchmal mein dreijähriges Mädchen Margareta auf seine Stube kommen, mit der er anfangs sehr gerne spielte, und die ihn Glasperlen an eine Schnur zu reihen lehrte. An dieser Unterhaltung fand er sobald keine Befriedigung mehr, als er sein totes Spielzeug satt hatte. In der letzten Zeit seines Aufenthalts bei mir hatte er seine größte Freude und Unterhaltung an Zeichnungen und Kupferstichen, die er in seinem Zimmerchen an die Wände klebte.« IV. Kaspar wurde auf dem Turm schon nach den ersten Tagen nicht als Gefangener, sondern als ein verlassenes, verwahrlostes, der Pflege und Erziehung bedürftiges Kind behandelt. Der Gefangenwärter nahm ihn mit sich an seinen Familientisch, wo er zwar am Essen nicht teilnahm, doch gehörig sitzen, seine Hände auf menschliche Weise gebrauchen und manche andere Sitte gebildeter Menschen kennen und nachahmen lernte. Gern spielte er mit den Kindern seines Wärters, welche sich ebenfalls nicht ungern mit dem gutmütigen, durch seine große Unwissenheit selbst Kindern possierlichen Jüngling unterhielten, und von welchen das älteste, der elfjährige Julius, den Kaspar besonders liebgewonnen hatte, sich das seiner kleinen Eitelkeit nicht wenig schmeichelnde Geschäft machte, diesem jungen rüstigen Burschen, dem schon der Anfang eines Bartes um das Kinn sproßte – das Sprechen zu lehren. Bald führte ihm die Neugier täglich, stündlich eine Menge von Menschen zu, von denen die wenigsten sich bloß mit dem Angaffen des zahmen Wilden begnügten. Die meisten machten sich auf mancherlei Weise, jeder auf seine Art, mit ihm zu schaffen. Manchem war er wohl nur Gegenstand der Belustigung oder nichts weniger als wissenschaftlicher Experimente. Doch gab es auch viele, die sich ihm vernünftig mitzuteilen, ihn geistig zu wecken und zur Mitteilung anzuregen suchten. Der eine sagte ihm Worte und Redensarten vor, die er ihn nachsprechen ließ, der andere suchte ihm durch Zeichen und Pantomimen, oder wie es sonst ging, Unbekanntes bekannt, Unverständliches verständlich zu machen. An jeder Sache, an jedem Spielzeug, womit die menschliche Teilnahme der guten Nürnberger dem armen Jüngling nahte, gewann er neue Gedankenstoffe, wurde er um einige Begriffe und um mehrere Wortlaute reicher. Vorzüglich aber wurde in diesem lebhaften Menschenverkehr seine allmählich zu hellerem Bewußtsein erwachende Seele mannigfaltig zum Aufmerken, Reflektieren und Denken angeregt, und durch das zunehmende, von Tag zu Tag höher gesteigerte Bedürfnis nach Mitteilung der bekannte, in dem menschlichen Geist instinktmäßig arbeitende erfinderische Sprachmeister in immer reger Beschäftigung erhalten. Ungefähr vierzehn Tage nach Kaspars Ankunft zu Nürnberg führte sein günstiges Geschick ihm noch den würdigen Professor Daumer über den ersten Besuch Daumers auf dem Turme vgl. diesen. zu, einen jungen, denkenden Gelehrten, der in seinem menschlichen Herzen den Beruf fand, sich der geistigen Entwicklung, Bildung und Unterweisung dieses Unglücklichen anzunehmen, soweit der ungestüme Zudrang der Neugierigen und andere hemmende, störende Umstände dieses nur immer gestatten mochten. Und so müßte denn Kaspar weit weniger Regsamkeit des Geistes, keinen so heißen Eifer, alles ihm Neue aufzufassen, kein so lebendiges, jugendlich kräftiges Gedächtnis zum treuen Festhalten des einmal Aufgefaßten besessen haben, als er zu allgemeiner Verwunderung wirklich zeigte, wenn er nicht in kurzem wenigstens so viel sprechen gelernt hätte, um notdürftig seine Gedanken auszudrücken. Freilich aber waren seine Sprechversuche geraume Zeit ein so lückenhaftes, dürftiges, kindisch unbehilfliches Wortgehäcksel, daß man selten bestimmt wissen konnte, was er mit seinen durcheinander geworfenen Redebruchstücken ausdrücken wolle; immer blieb dem Hörenden vieles zu erraten und durch Vermutungen zu ergänzen übrig. An ein zusammenhängendes Reden und Erzählen war bei ihm vollends gar noch nicht zu denken. Dem ersten Bürgermeister der Stadt, Herrn Binder , als Chef der städtischen Polizei, mußte Kaspar nicht bloß von seiten des menschlichen Interesses, sondern auch hauptsächlich in amtlicher Beziehung nahe am Herzen liegen; und er widmete diesem wunderseltenen Polizeigegenstande seine besondere Aufmerksamkeit und Teilnahme. Es war wohl von selbst einleuchtend, daß die alltäglichen Amtsformen für diesen nichts weniger als alltäglichen Fall nicht gemacht sein konnten Man hätte aber auch späterhin nicht den bedenklichen Versuch machen sollen, die bloßen Privatunterhaltungen in die scheinbare Form amtlicher Verhöre umzukleiden, was den in dieser Sache erwachsenen Polizei-Akten ein seltsames Ansehen gibt. (Fbch.) und, um einigermaßen hinter das Geheimnis zu kommen, mit förmlichen Vernehmungen, Verhören und dergleichen amtlichen Prozeduren wenigstens vorderhand nichts ausgerichtet werden könne. Herr Binder wählte daher gewiß mit vollem Recht einstweilen den Weg des freieren, außeramtlichen Wirkens. Er ließ Kaspar fast täglich in seine Wohnung bringen, machte ihn bei sich und in seiner Familie gleichsam einheimisch, sprach mit ihm und ließ ihn sprechen, so gut oder übel dieses gehen mochte, und bemühte sich, durch vielfältiges, wiederholtes Hin- und Herfragen Auskunft über sein Leben und Hierherkommen zu erhalten. Auch gelang es endlich nach vieler Mühe Herrn Binder – oder er glaubte es ihm gelungen – aus den einzelnen Antworten und Äußerungen Kaspars den Stoff zu einer Geschichte herauszusaugen, welche bereits am 7. Juli desselben Jahres in einer öffentlichen Bekanntmachung Diese Bekanntmachung ist es, welche bisher allen über Kaspar erschienenen Broschüren und Blättleinsnachrichten zur Grundlage gedient hat. (Fbch.) der Welt mitgeteilt wurde. Ist nun gleich in dieser amtlich bekanntgemachten Geschichte – wenn man sie so nennen will – manches Unglaubliche und Widersprechende, ist bei manchen, nur allzu ausführlich und zuversichtlich gegebenen Einzelheiten nicht wohl auszumitteln, wieviel davon dem Antwortenden oder dem Fragenden gehören möge und was davon wirklich aus Kaspars trüber Erinnerung geflossen oder ihm durch vieles Fragen unwillkürlich aufgeredet und eingefragt oder durch Vermutungen ergänzt und ausgemalt oder auch auf bloß mißverstandenen Äußerungen dieses an Begriffen bettelarmen, mit den alltäglichsten Gegenständen der Natur und des Lebens damals noch unbekannten halbstummen Tiermenschen gegründet sei, so stimmt doch die erwähnte Geschichtserzählung im ganzen und allgemeinen, d. h. was die wesentlichsten Hauptumstände betrifft, mit demjenigen überein, was Hauser in einem späterhin von ihm selbst verfaßten schriftlichen Aufsatze niedergelegt, bei den im Jahre 1829 mit ihm gepflogenen gerichtlichen Verhandlungen eidlich Hauser ist weder bei seinen Vernehmungen in Nürnberg 1829, noch bei der auf seinem Totenbett in Ansbach eidlich vernommen worden. Dr. I. Meyer bemerkt dazu (Dr. M. S. 98 Anm.): »Es ist somit aktenwidrig, wenn v. Feuerbach in seiner Schrift versichert, K. H. habe bei den im Jahre 1829 mit ihm gepflogenen gerichtlichen Verhandlungen seine Lebensgeschichte eidlich beteuert. K. H. wurde nie, weder bei seinen Vernehmungen wegen des Mordversuchs in Nürnberg, noch bei den Verhören wegen seiner Herkunft, noch auf seinem Sterbebette vereidigt. Ob es nicht klüger gewesen wäre, ihn zu vereidigen, ist fraglich.« Eine Kommissionsnote des Protokolls vom 28. Oktober 1829 besagt: »Von der Beeidigung des Komparenten ward Umgang genommen einesteils wegen Minderjährigkeit, andernteils aber, weil dem H. ohnedies der erforderliche Religionsunterricht annoch ermangelt.« Auch in den Ansbacher Untersuchungsakten befindet sich eine Note, worin die Gründe angegeben sind, weswegen H. auf dem Totenbett nicht vereidigt wurde. Feuerbach wurde vielleicht durch die Erinnerung an das von H. abgelegte »feierliche Handgelübde« (s. Vernehmung Hs. vom 19. 10. am Schluß der »Selbstzeugnisse«) zu seinem Irrtum veranlaßt. beteuert und dem Verfasser, sowie vielen anderen Personen, bei verschiedenen Gelegenheiten immer mit sich selbst übereinstimmend erzählt hat. Die Erzählung Hausers s. »Selbstzeugnisse.« Diese seine Angaben sind im kurzen folgende: »Er wisse nicht, wer er selbst und wo seine Heimat sei. Erst zu Nürnberg sei er ›auf die Welt gekommen‹; Ein ihm noch jetzt geläufiger Ausdruck, womit er seine Aussetzung zu Nürnberg und sein Erwachen zum geistigen Leben zu bezeichnen pflegt. (Fbch.) hier erst habe er erfahren, daß es außer ihm und ›dem Manne, bei dem er immer gewesen‹, auch noch andere Menschen und Geschöpfe gebe. So lange er sich entsinnen könne, habe er immer nur in einem Loch (kleinem, niedrigem Gemach, das er zuweilen auch Käfig nennt) gelebt, wo er bloß mit einem Hemd und ledernen, hinten aufgeschlitzten Hosen bekleidet und barfuß auf dem Boden gesessen sei. Nach Kaspars umständlicher Angabe – welche durch die an seinem Körper zurückgebliebenen unverkennbaren Spuren, durch den ihm ganz eigenen Bau des Knies und der Kniekehle, durch die nur ihm mögliche ganz eigentümliche Art, auf dem Boden mit ausgestreckten Füßen zu sitzen, vollkommen bestätigt wird – hat er niemals, auch nicht im Schlafe, mit dem ganzen Körper ausgestreckt gelegen, sondern immer, wachend und schlafend, mit gerade angelehntem Rücken gesessen . Wahrscheinlich, daß die Beschaffenheit seines Lagers und eine besondere Vorrichtung ihm diese Stellung notwendig machten. Er selbst weiß hierüber keine nähere Auskunft zu geben. (Auch diese Angabe Hausers gab zu Kontroversen Anlaß. Die Glieder eines Menschen, der jahrelang in dieser Art zu sitzen gezwungen gewesen sei, hätten müssen durchaus verkrüppelt gewesen sein. Auf all dies wird in einer besonderen Abhandlung einzugehen sein.) (Fbch.) Er habe in seinem Gemach nie einen Laut gehört, weder von Menschen noch von Tieren noch von sonst etwas. Den Himmel habe er nie gesehen, noch habe er je eine Hellung (Sonnenlicht), wie zu Nürnberg, wahrgenommen. Einen Unterschied zwischen Tag und Nacht habe er nie erfahren, noch weniger habe er die schönen Lichter am Himmel jemals zu sehen bekommen. Neben ihm habe sich in dem Boden ein Loch (wahrscheinlich mit einem Topf) befunden, in welchen er seine Notdurft verrichtet habe. So oft er vom Schlafe erwacht, sei ein Brot neben ihm gelegen und ein Krug mit Wasser gestanden. Zuweilen habe das Wasser einen sehr bösen Geschmack gehabt; dann habe er bald nach dessen Genuß seine Augen nicht mehr offen halten können und habe einschlafen müssen; Daß dieses Wasser mit Opium gemischt gewesen, ließ nicht nur schon diese Erzählung vermuten, sondern wurde auch späterhin bei folgender Gelegenheit zu vollkommener Gewißheit. Als Kaspar schon längst bei Professor Daumer lebte, suchte ihm einmal sein Arzt einen Tropfen Opium in einem Glas Wasser beizubringen. Kaum hatte Kaspar einen Schluck von diesem Wasser getan, so sagte er: Das Wasser da ist garstig, das schmeckt ja gerade wie das Wasser, das ich manchmal in meinem Käfig habe trinken müssen. (Der Vorfall ist von Feuerbach falsch erzählt. S. darüber den in diesem Band mitgeteilten Bericht des Dr. Preu.) (Fbch.) wenn er hierauf wieder erwacht sei, habe er wahrgenommen, daß er ein reines Hemd anhabe und seine Nägel beschnitten seiend. Hieraus und aus anderen Umständen ergibt sich, daß Kaspar während seiner Einkerkerung immer mit einer gewissen Sorgfalt behandelt worden. Daher erklärt sich denn auch seine lang bewahrte Anhänglichkeit an den Mann, »bei dem er immer gewesen,« welche erst in sehr späten Zeiten nachgelassen hat, doch auch jetzt noch nicht bis zu dem Grade, daß er eine Bestrafung dieses Mannes wünschte. Er möchte nur diejenigen bestraft wissen, auf deren Geheiß er eingesperrt worden ist; der Mann aber habe ihm nichts Böses getan. (Fbch.) S. ähnl. Erzählung bei Daumer. Den Mann, der ihm Essen und Trinken gebracht, habe er nie im Gesicht gesehen. In seinem Loch habe er zwei hölzerne Pferde gehabt und verschiedene Bänder dabei. Mit jenen Rossen habe er sich, solange er gewacht, zu jeder Zeit unterhalten; seine einzige Beschäftigung sei gewesen, sie neben sich herlaufen zu lassen und die Bänder, die er gehabt, ihnen bald so bald anders aufzulegen oder umzuknüpfen. So sei ihm ein Tag wie der andere vergangen; er habe aber nichts vermißt, sei nicht krank gewesen, habe, ein einzig Mal ausgenommen, nichts von Schmerz empfunden und überhaupt sei es ihm da viel besser gegangen als auf der Welt, wo er so viel zu leiden habe. S. ähnl. Erzählung bei Daumer. Wie lange er in dieser Welt gelebt, wisse er nicht, weil er keine Zeit gekannt. Er könne nicht angeben, wann und wie er hineingekommen; habe auch keine Erinnerung, daß er jemals in seinem Leben sich in einem andern Zustand und anderswo als in jenem Ort befunden habe. Der Mann, bei dem er immer gewesen, habe ihm nichts zuleid getan. Eines Tages aber, was nicht lange vor seinem Wegbringen geschehen sein könne, als er mit seinen Rossen zu stark gefahren und zu viel Lärm gemacht habe, sei der Mann gekommen und habe ihn mit einem Stock (oder Scheit Holz) auf den Arm geschlagen; dies sei die Wunde, die er nach Nürnberg mitgebracht. »Ungefähr gegen dieselbe Zeit habe sich einmal der Mann in seinem Kerker eingefunden, habe ein Tischchen über seine Füße hergestellt, habe etwas Weißes, das er jetzt für Papier erkenne, vor ihm ausgebreitet, dann von hinten her, so daß er nicht habe von ihm gesehen werden können, seine Hand ergriffen und sei mit einem Ding, das er ihm zwischen die Finger gesteckt (Bleistift), auf dem Papier hin und her gefahren. Er (Hauser) habe nicht gewußt, was das sei, habe aber gewaltige Freude empfunden, als er die schwarzen Figuren auf dem weißen Papier entstehen gesehen. Als er seine Hand wieder frei gefühlt und der Mann ihn verlassen, habe er in der Freude über die neue Entdeckung nicht satt werden können, diese Figuren immer wieder von neuem auf das Papier zu malen. Über diese Beschäftigung habe er nun fast seine Rosse vernachlässigt, obgleich er nicht gewußt, was jene Züge bedeuten sollten. Der Mann habe auf dieselbe Weise seine Besuche zu verschiedenen Zeiten wiederholt. Daß Kaspar wirklich Unterricht im Schreiben, und zwar regelmäßigen Elementar-Unterricht (Daß H. »regelmäßigen Elementarunterricht« gehabt habe, muß aus dem von Feuerbach erzählten Vorfall nicht zwingend geschlossen werden. Näheres darüber in der oben erwähnten Abhandlung.) gehabt habe, dafür lieferte er schon am ersten Morgen nach seinem Erscheinen zu Nürnberg augenscheinlichen Beweis. Als der Gefangenwärter Hiltel an gedachtem Morgen zu ihm in sein Gefängnis kam, gab er ihm, um ihn zu beschäftigen oder ihm eine Freude damit zu machen, einen Bogen Papier nebst einem Bleistift. Kaspar fiel hastig über beides her, legte das Papier auf die Bank, setzte sich davor hin auf den Boden und fing zu schreiben an und schrieb ohne aufzublicken oder sich durch irgend etwas darin stören zu lassen unablässig fort, bis der ganze Foliobogen auf allen seinen vier Seiten vollgeschrieben war. Dieser bei den Polizeiakten befindliche Bogen sieht nun nicht viel anders aus, als wenn Kaspar, der gleichwohl nur aus dem Gedächtnisse schrieb, eine Vorschrift, nach welcher Kinder beim ersten Schreibunterricht sich zu üben pflegen, eben jetzt vor sich liegen gehabt hätte. Dieser Bogen besteht nämlich aus Reihen von Buchstaben und Silben, von denen jede Zeile fast immer nur denselben Buchstaben, dieselbe Silbe wiederholt; am Ende der Seiten sind sogar, wie bei Kindervorschriften üblich ist, alle Buchstaben des Alphabets, wie sie aufeinander folgen, wieder in einer Zeile zusammengestellt, und gegenüber stehen, in einer andern Zeile, die arabischen Ziffern von 1 bis 0, ebenfalls in vollkommener Ordnung. Eine Seite des Bogens wiederholt immer den Namen »Kaspar Hauser«. Auch kommt darauf das Wort reider (Reuter) mehrmals vor. Daß jedoch Kaspar über die ersten Elemente des Schreibens nicht hinausgekommen, geht aus jenem Probebogen ebenfalls klar hervor. (Fbch.)] »Hierauf sei der Mann ein anderes Mal wiedergekommen, habe ihn von seinem Lager aufgehoben, ihn auf die Füße gestellt und ihn stehen zu lehren versucht, was er zu verschiedenen Zeiten wiederholt. Er habe dieses in der Art bewerkstelligt, daß er ihn von hinten fest um die Brust gefaßt, seine Füße hinter Kaspars Füße gestellt und diese zum Vorwärtsschreiten aufgehoben habe. »Endlich sei einmal wieder der Mann erschienen, habe Kaspars Hände über seine Schultern gelegt, jene zusammengebunden und ihn so auf seinem Rücken aus dem Loch herausgeschleppt. Er sei einen Berg hinauf- (oder herab-) getragen Es ist an sich klar und wird durch andere Umstände erweislich, daß Kaspar die aufsteigende Bewegung von der absteigenden Höhe und Tiefe damals, selbst im Gefühl, noch nicht unterscheiden, wieviel weniger diesen Unterschied durch Worte gehörig bezeichnen konnte. Was Kaspar »Berg« nennt, war wohl, wie nach andern Äußerungen desselben nicht unwahrscheinlich ist, eine Treppe . Kaspar will sich erinnern, daß er beim Tragen neben angestreift sei. (Fbch.) worden. Er wisse nicht, wie ihm gewesen; es sei ganz Nacht geworden und man habe ihn auf den Boden gelegt. Dieses ›Nachtwerden‹ bedeutete, wie sich zu Nürnberg bei verschiedener Gelegenheit ergab, in Kaspars Sprache auch soviel wie ›ohnmächtig werden‹«. Die Erzählung seiner weiteren Reise beschränkt sich im wesentlichen darauf, daß er mehrmals mit dem Gesicht auf dem Boden gelegen habe, wo es dann Nacht geworden sei; daß er einige Male Brot gegessen und Wasser getrunken; daß der Mann, »bei dem er immer gewesen«, öfters ihn gehen zu lehren sich bemüht habe, was ihm immer sehr wehe getan usw. »Dieser Mann habe nichts zu ihm gesprochen, außer daß er ihm immer die Worte vorgesagt: Reutä wähn usw. usw. Er (Kaspar) habe den Mann so wenig auf dieser Reise als früher im Gefängnis im Gesicht gesehen. Dieser habe ihm, so oft er ihn geführt, streng bedeutet, immer vor sich hin auf den Boden und auf seine Füße zu blicken, was er teils aus Furcht, teils auch darum gewissenhaft befolgt, weil er ohnehin mit sich und seinen Füßen genug zu tun gehabt habe. Hier wird mit Recht eingewendet, wie es denn möglich sei, daß der »begrifflose«, tierischdumme Hauser diese Anweisung seines Führers hätte verstehen können. Nicht lange zuvor, ehe er zu Nürnberg wahrgenommen worden, habe ihm der Mann die Kleider angezogen, mit denen er zu Nürnberg erschienen. Sehr schmerzhaft sei es ihm gewesen, als ihm die Stiefel angezogen worden; denn der Mann habe ihn auf die Erde niedergesetzt, ihn von hinten gepackt, seine Füße gewaltsam hinaufgezogen und ihm so vom Rücken her seine Füße in die Stiefel hineingezwängt. Nun sei es wieder vorwärts gegangen, noch elender als zuvor. Er habe so wenig jetzt als früher irgend etwas von den ihn umgebenden Dingen wahrgenommen, habe nichts beobachtet und nichts gesehen; könne daher nicht angeben, von welcher Gegend her, in welcher Richtung, auf welchem Weg er nach Nürnberg hineingekommen. Auch diese Angabe Hausers war der Gegenstand zahlreicher Kontroversen. Nur so viel sei ihm bewußt, daß zuletzt der Mann, der ihn gefühlt, ihm den Brief in die Hand gedrückt habe und dann verschwunden sei; worauf ein Bürger ihn (Kaspar) wahrgenommen und zur Wache am neuen Tor gebracht habe.« Diese Geschichte der geheimnisvollen Gefangenhaltung und Aussetzung eines jungen Menschen ist nun fürwahr nicht nur ein grauenhaftes, sondern auch ein seltsames, dunkles Rätsel, wobei sich außerordentlich vieles fragen und raten, aber wenig mit Gewißheit beantworten läßt und welches natürlicherweise, solange noch nicht dessen Auflösung gelungen, mit jedem andern Rätsel die Eigenschaft gemein hat, daß es – rätselhaft ist. Der Seelenzustand Kaspars während seines Kerkerlebens war der Zustand eines Menschen, der, als Kind in tiefen Schlaf versenkt, diesen Schlaf, in welchem es für ihn keinen Traum, wenigstens keinen Wechsel von Träumen gibt, dumpf fortschläft, bis er im wilden Getöse der bunten Welt von Angst und Schmerz aufgeschreckt, daraus erwacht und nun, betäubt, nicht weiß, wie ihm geschehen sei. Wer in der Folge, nachdem solch ein Mensch zu vollem Bewußtsein gekommen, eine vollständige, umständliche, den Verstand über alle Zweifel befriedigende geschichtliche Beschreibung seines Schlafs und seiner Träume erwartete, würde nichts Geringeres verlangen, als daß ein Schlafender schlafend gewacht, ein Wachender wachend geschlafen habe. In gewissen Gegenden Deutschlands, welche ein zweiter Dupin auf seiner Landkarte der Aufklärung mit dunkelgrau ausmalen dürfte, sind ähnliche Ereignisse, wie sie Hauser von sich erzählt, nichts weniger als unerhört. So sah Dr. Horn In dessen Reisen durch Deutschland . (S. Gött, gel. Anz, Juli 1831. S. 1097). (Fbch.) noch vor wenigen Jahren in dem Krankenhaus zu Salzburg ein zweiundzwanzigjähriges nicht häßliches Mädchen, die bis in ihr sechzehntes Jahr in einem Schweinestall unter den Schweinen auferzogen worden war und darin viele Jahre mit übereinandergeschlagenen Beinen gesessen hatte. Das eine Bein war ganz verbogen, sie grunzte wie ein Schwein und betrug sich ungebärdig in ihrem menschlichen Anzug. Gegen solchen Greuel sind die an Kaspar verübten Verbrechen sogar noch schonungsvolle Handlungen der Menschlichkeit. Daß Kaspar von der Art und Weise, wie er nach Nürnberg geschafft worden, so wenig anzugeben, von seinen Reiseabenteuern, von den Orten, durch welche er gekommen, und von allem andern, was wir auf unsern Reisen zu Wagen oder zu Fuß zu sehen und zu beobachten pflegen, so gut wie gar nichts zu erzählen weiß, ist so wenig zu verwundern, daß vielmehr das Gegenteil ein Wunder sein müßte. Wäre sogar Kaspar bereits in seinem Kerker zu vollkommen klarem, vernünftigem Selbstbewußtsein erwacht gewesen, hätte er in seiner Gruft, wie Sigismund in seinem Turm In Calderons Leben ein Traum . (Fbch.) durch Erziehung und Bildung zur geistigen Reife eines Jünglings gedeihen können, so würde er gleichwohl infolge des plötzlichen Übergangs aus engem, dumpfem Kerker in die freie Natur in Ohnmacht oder in einen höchster Trunkenheit ähnlichen Zustand haben geraten müssen. Der ungewohnte Eindruck der äußeren Luft mußte ihn betäuben, das helle Sonnenlicht seine Augen blenden. Er würde sogar mit ungeblendeten, sehenden Augen doch nichts gesehen, wenigstens nichts bemerkt und erkannt haben; es konnte damals die Natur mit allen ihren Erscheinungen nur wie eine verworrene, buntgefleckte Masse, in welcher für ihn noch nichts Einzelnes sich unterscheiden ließ, vor seinem Gesicht vorüberflimmern, was, wie wir bald zeigen werden, noch zu Nürnberg an ganz unzweideutigen Erfahrungen sich bewährt hat. Von welcher Gegend ungefähr Kaspar hergebracht worden, auf welchem Weg er gekommen und durch welches Tor, ob er zu Fuß oder zu Wagen oder abwechselnd auf beide Art seine Reise gemacht habe, dieses und anderes dergleichen sind Fragen, die, wenn sie auch mit Entschiedenheit beantwortet werden könnten, doch nur für den untersuchenden und erkennenden Richter, wenig für das Publikum von Interesse sein würden. Kaspar selbst erinnert sich nur seines Gehens, ohne daß sich in seiner Erzählung ein Maßstab auffinden ließe, nach welchem man einigermaßen beurteilen könnte, wie lange er zu Fuß gegangen, welchen Raum er ungefähr gehend zurückgelegt habe. Daß er vom Fahren gar keine Erinnerung hat, beweist noch keineswegs, daß er nicht dennoch, und vielleicht die größte Strecke des Wegs, gefahren worden. Kaspar versinkt auch jetzt noch beim Fahren, zumal in freier Luft, sehr bald in einen förmlichen Totenschlaf, aus welchem er, der Wagen mag rollen oder stillstehen, nicht zu erwecken ist, und in welchem Zustand man ihn, so unsanft es auch geschehe, aufheben, hinlegen, auspacken und wieder einpacken kann, ohne daß er davon das mindeste wahrnähme. Hat ihn einmal der Schlaf gefaßt, so ist kein Geräusch und Getöse, kein Schall, kein Donner stark genug, ihn aufzuwecken. Wurde nun Kaspar – wie aus seinen eigenen Angaben zu schließen ist – sobald er in die freie Luft kam, ohnmächtig, hatte man ihm wohl gar zu größter Vorsicht vorher noch von dem übelschmeckenden Wasser (mit Wasser verdünntem Opium) zu trinken gegeben; so konnte man ihn getrost in einen Wagen werfen und hierauf einige oder auch mehrere Tagereisen mit ihm zurücklegen, ohne daß man zu besorgen hatte, daß er aufwachen, schreien oder sonst auf eine Weise seinem Entführer sich unbequem erweisen möge. Auf scharfsinnige Weise sucht Herr Schmidt von Lübeck in seiner Schrift: Über Kaspar Hauser (Altona, 1831.8.) die Vermutung zu begründen, daß Kaspar ganz aus der Nähe von Nürnberg dahin gebracht worden sei. Für diese, wie für noch viele andere Vermutungen läßt diese Geschichte weiten, unbegrenzten Raum. Daß derjenige, von welchem Hauser nach Nürnberg gebracht worden, ein mit Nürnberg und dessen Örtlichkeiten genau bekannter Mann sein müsse, ist gewiß, und daß er ehemals als Soldat bei einem dortigen Regiment gedient, wenigstens höchst wahrscheinlich. Die an der Person Kaspars begangenen Verbrechen, soweit dieselben angezeigt vorliegen, sind, nach bayerischem Strafgesetzbuch beurteilt, I. das Verbrechen widerrechtlicher Gefangenhaltung (Str.-G.-B. Teil I Art. 192-195), und zwar doppelt ausgezeichnet, sowohl hinsichtlich der Dauer , sofern die Gefangenhaltung von der frühesten Kindheit an, wie es scheint, bis in das Jünglingsalter fortgesetzt worden ist, als auch hinsichtlich der Art, sofern dieselbe mit besonderen »Mißhandlungen« verbunden war, wohin nicht bloß das tierische, den Körper des Unglücklichen verkrüppelnde Lager, die elende, kaum einem Hund genügende Kost, sondern auch, und zwar vor allem, die grausame Versagung jeder, auch der kleinsten Gaben, welche die Natur selbst über den Ärmsten mit freigebigen Händen ausschüttet, die Entziehung aller Mittel geistiger Entwicklung und Ausbildung, das widernatürliche Zurückhalten einer menschlichen Seele im Zustande vernunftloser Tierheit unstreitig zu rechnen sind. Es trifft damit II. objektiv zusammen das Verbrechen der Aussetzung , welches nach dem Str.-G.-B. Teil I Art. 174 nicht bloß an Kindern, sondern auch an erwachsenen Personen begangen werden kann, wenn sie »wegen Krankheit oder Gebrechlichkeit sich selbst zu helfen unvermögend sind,« unter welche Personen der damals noch tierischdumme, sehendblinde, kaum noch aufrechtgehende Kaspar gewiß gehörte. Die Aussetzung Kaspars war zugleich eine durch ihre Lebensgefährlichkeit ausgezeichnete Aussetzung. Dieser Mensch war bei seinem damaligen geistigen und leiblichen Zustande in Gefahr, entweder in die dem Orte der Aussetzung nahe Pegniz zu stürzen oder überritten und überfahren zu werden. Wäre dem gemeinen Recht oder dem bayerischen Strafgesetzbuche ein besonderes Verbrechen gegen die Geisteskräfte Siehe Abegg, Unters. aus dem Gebiete der Strafrechtswissenschaft , Abt. III. (Fbch.) oder, wie es richtiger zu bezeichnen wäre, ein Verbrechen am Seelenleben bekannt, so würde dieses in der rechtlichen Beurteilung neben dem Verbrechen der Gefangenhaltung den ersten Rang einnehmen, vielmehr jenes in diesem als dem schwereren untergehen (von demselben absorbiert werden) müssen. Die Entziehung äußerer Freiheit, wiewohl an sich schon ein unersetzliches Übel, steht gleichwohl in keinem Vergleich mit der nicht zu berechnenden Summe unschätzbarer, unersetzlicher Güter, welche in jenem Raube an der Freiheit und durch die Art und Weise seiner Vollziehung dem Unglücklichen teils gänzlich entzogen, teils für seine noch übrige Lebenszeit zerstört oder verkümmert worden sind und wodurch nicht bloß an dem Menschen in seiner äußeren leiblichen Erscheinung, sondern an seinem innersten Wesen, an seinem geistigen Dasein, an dem Heiligtum seiner vernünftigen Natur selbst der raubmörderische Frevel vollbracht worden ist. Wenn unsere Schriftsteller solche Missetaten bloß als Verstandesberaubung ( noochiria ) bezeichnen und wie Tittmann, Handbuch der Strafrechtswissenschaft, Tl. I § 179ff. (Fbch.) zu dessen Tatbestand » Bewirkung der Verstandlosigkeit oder des Wahnsinns « als wesentliche Bedingung fordern: so zeigt das Beispiel Kaspar Hausers, daß jener Begriff bei weitem zu beschränkt gefaßt sei, und ein Gesetzgeber, welcher durch Aufstellung einer solchen Gattung von Verbrechen sein System vervollständigen zu müssen glaubte, einen bei weitem höheren, freieren Standpunkt würde zu nehmen haben. Kaspar ist durch die während seiner Kindheit erlittene Einsparung weder in Blödsinn noch in Wahnsinn verfallen; er ist, wie wir in der Folge genauer erfahren werden, nach seiner Befreiung aus dem Zustande der Tierheit herausgetreten und hat sich soweit entwickelt, daß er mit gewissen Einschränkungen als ein vernünftiger, verständiger, sittlicher und gesitteter Mensch überall gelten kann . Gleichwohl wird niemand verkennen, daß es hauptsächlich der verbrecherische Eingriff in das Seelenleben dieses Menschen, der Frevel an seiner höheren geistigen Natur ist, welcher die empörendste Seite der an ihm verübten Handlung ausmacht. Das Unternehmen, einen Menschen durch künstliche Veranstaltung von der Natur und andern vernünftigen Wesen auszuschließen, ihn seiner menschlichen Bestimmung zu entrücken, ihm alle die geistigen Nahrungsstoffe zu entziehen, welche die Natur der menschlichen Seele zu ihrem Wachsen und Gedeihen, zu ihrer Erziehung, Entwicklung und Bildung angewiesen hat: solches Unternehmen ist ohne alle Rücksicht auf seine Folgen an und für sich schon der strafwürdigste Eingriff in des Menschen heiligstes, eigenstes Eigentum, in die Freiheit und Bestimmung seiner Seele. Hierzu aber kommt vor allem noch dieses. Kaspar, während seiner Jugendzeit in tierischen Seelenschlaf versenkt, hat diesen ganzen großen und schönen Teil seines Lebens verlebt, ohne ihn gelebt zu haben. Er war während dieser Zeit einem Toten zu vergleichen; indem er seine Jugend verschlief, ist sie ihm vorübergegangen, ohne daß er sie gehabt hätte, weil er sich ihrer nicht bewußt werden konnte. Diese Lücke, welche die an ihm begangene Missetat in sein Leben gerissen, ist durch nichts mehr auszufüllen; die nicht verlebte Zeit nicht mehr zurückzuleben, die während seines Seelenschlafes ihm entflohene Jugend nicht mehr einzuholen. Wie lang er auch leben möge, er bleibt ewig ein Mensch ohne Kindheit und Jugend, ein monströses Wesen, das naturwidrig sein Leben erst in der Mitte des Lebens angefangen hat. Sofern ihm auf diese Weise seine ganze frühere Jugendzeit genommen worden, war er der Gegenstand eines, um mich so auszudrücken, partiellen Seelenmordes. Die an Kaspar verübte Tat unterscheidet sich daher von dem Verbrechen desjenigen, der einen an Verstand gesunden Menschen erst späterhin in dumpfen Blödsinn oder sonst in bewußt- und vernunftlosen Zustand versetzt, bloß hinsichtlich der verschiedenen Lebensepoche, welche vom Seelenmorde betroffen wird; dort wurde ein menschliches Seelenleben an seinem Anfang, hier an seinem Ende verstümmelt. Ein nicht zu übersehendes Hauptmoment ist auch noch dieses: Da Kindheit und Jugend von der Natur zur Entwicklung und Ausbildung wie des leiblichen so des geistigen Lebens bestimmt sind und die Natur keine Sprünge macht, so sind Kaspar, der erst im Jünglingsalter als Kind zur Welt gekommen ist, jetzt und für alle Zukunft die verschiedenen Lebensstufen gleichsam verrückt, aus- und durcheinander geschoben. Indem er sein Kinderleben erst im Alter der physischen Reife beginnen konnte, bleibt er sein ganzes Leben lang mit dem Geiste hinter seinem Alter zurück, mit dem Alter seinem Geiste voraus. Geistiges und physisches Leben, welche bei naturgemäßem Entwicklungsgange miteinander gleichen Schritt halten, haben sich auf diese Weise in Kaspars Person gleichsam voneinander losgerissen und in naturwidrigen Gegensatz gestellt. Die verschlafene Kindheit konnte darum, weil sie verschlafen worden, nicht überlebt werden; er muß sie nach leben, und sie wird ihm nunmehr zur Unzeit, eben darum aber auch nicht als lächelnder Genius, sondern wie ein beängstigendes Gespenst bis in die späteren Jahre folgen. Wägt man zu allem diesen noch die Verwüstung ab, welche das Schicksal seiner Jugend in seinem Gemüte angerichtet hat und welche erst der Verfolg dieser Erzählung klar vor Augen stellen wird, dann wird man an diesem Beispiele erkennen, daß die Verstandesberaubung den Begriff von Verbrechen am Seelenleben bei weitem nicht erschöpft. Welche anderen Verbrechen allenfalls noch hinter der an Kaspar verübten Missetat versteckt sein mögen, auf welche Zwecke die verborgene Gefangenhaltung Hausers berechnet gewesen, diese Fragen würden uns zu weit in das luftige Gebiet der Vermutungen oder in gewisse geheiligte Räume führen, welche eine solche Beleuchtung nicht vertragen. Hier haben wir die erste Anspielung auf die von Feuerbach geglaubte Herkunft Hausers aus dem badischen Fürstenhause. Dieses in der Geschichte menschlicher Greueltaten kaum noch erhörte Verbrechen bietet dem Rechtsgelehrten wie dem gerichtlichen Arzt auch noch folgende merkwürdige Seite dar. Die Erforschung und Beurteilung von Seelenzuständen hat gewöhnlich nur den Verbrecher selbst zum Gegenstande bezüglich der Aufgaben über Zurechnungsfähigkeit oder Nichtzurechnungsfähigkeit seiner Handlungen. Hier ist der in seiner Art ganz einzige Fall gegeben, daß zum allergrößten Teil der Tatbestand des Verbrechens in dem Grund einer Menschenseele ruht , wo derselbe auf rein physischem Wege zu erforschen und nur durch Beobachtung der Geistes- und Gemütsäußerungen des Beschädigten zu begründen und festzustellen ist. Auch über die Geschichte der Tat haben wir vorderhand keine andere Kunde als die Erzählung desjenigen, an dem sie begangen worden; aber die Wahrheit der Erzählung ist uns verbürgt durch die Persönlichkeit des Erzählenden, an dessen Leib, Geist und Gemüt, wie wir noch umständlicher erfahren werden, die Tat selbst in sichtbaren Zügen deutlich geschrieben steht. Nur wer das erfahren und gelitten, was Kaspar, kann wie Kaspar sein; und wer sich so zeigt wie Kaspar, muß in dem Zustande gelebt haben, wie ihn Kaspar von sich erzählt hat. Dies ist meines Erachtens der Kernpunkt des Ganzen. Deshalb ist es von so eminenter Wichtigkeit, die Augenzeugen darüber zu hören, wie H. auf sie gewirkt und welche Beobachtungen sie an ihm gemacht haben. So ruht zugleich die Würdigung der Glaubwürdigkeit des eine fast unglaubliche Begebenheit Erzählenden ebenfalls zum allergrößten Teil nur auf psychologischem Grunde. Es gewähren aber die auf diesem Boden gefundenen Ergebnisse eine Beglaubigung, die jeden anderen Beweis an Stärke überwiegt. Zeugen können lügen, Urkunden verfälscht sein; aber kein anderer Mensch, er müßte denn mindestens ein mit etwas Allmacht und Allwissenheit ausgerüsteter Zauberer sein, vermöchte ein Lüge dieser Art so zu lügen, daß sie, wo man sie auch beleuchtete, wie die lauterste, reinste Wahrheit, wie die in Person erscheinende Wahrheit selbst aussähe. Wer an Kaspars Erzählung zweifelte, müßte an Kaspars Person zweifeln. Solch ein Zweifler würde dann aber mit ebensoviel Vernunft zweifeln dürfen: ob ein Mensch, der, aus hundert Wunden blutend, in Todeszuckungen vor seinen Augen liegt, ein wirklich Verwundeter und Sterbender sei, oder ob er nicht vielmehr den Verwundeten und Sterbenden nur spiele? – Doch dem Urteile der Leser ziemt es sich noch nicht vorzugreifen. Meine Darstellung der Person Kaspars hat erst begonnen. V. Schon war Kaspar Hauser weit über einen Monat zu Nürnberg, als ich unter den neuesten Neuigkeiten von diesem Findling erzählen hörte. Amtliche Anzeigen über dieses Ereignis waren den obersten Behörden der Provinz noch nicht zugekommen. Bloß als Privatmann, aus menschlichem und wissenschaftlichem Interesse, begab ich mich daher am 11. Juli (1828) nach Nürnberg, um diese in ihrer Art einzige Erscheinung zu beobachten. Kaspar hatte damals noch immer seine Wohnung auf dem Luginsland am Vestner-Tore, wo jedermann zu ihm gelassen wurde, der ihn zu besehen Lust hatte. Wirklich genoß Kaspar vom Morgen bis zum Abend kaum eines geringeren Zuspruchs als das Känguruh und die zahme Hyäne in der berühmten Menagerie des Herrn van Aken. So machte ich mich denn in Begleitung des Herrn Obristen von D., zweier Damen und zweier Kinder ebenfalls zu ihm auf den Weg und traf glücklicherweise eine Stunde, wo der Schauplatz keinen andern Zuspruch hatte. Kaspars Wohnung war ein kleines, doch reinliches helles Stübchen, dessen Fenster ins Freie geht, wo sich dem Auge eine weite freundliche Landschaft darbietet. Wir trafen ihn barfuß, mit einem Paar alten, langen Beinkleidern bekleidet, übrigens bloß im Hemde. Die Wände des Zimmers, soweit man reichen konnte, hatte sich Kaspar mit gemalten Bilderbogen, Geschenke der vielen Besuchenden, ausgeschmückt. Er klebte sie jeden Morgen von neuem mit seinem, damals wie Leim zähen Speichel Der Speichel war so sehr leimartig, daß beim Wegnehmen der Blätter entweder Stückchen von diesen an der Wand oder Teile vom Bewurf der Wand an dem Papier hängen blieben. (Fbch.) an die Wand und nahm sie, sobald es dämmerig wurde, wieder herab, um sie neben sich zusammenzulegen. Auf der an den Wänden umherlaufenden, festgemachten Bank befand sich in der Ecke sein Bett, ein Strohsack mit einem Kopfkissen und einer wollenen Decke. Der ganze übrige Raum der Bank war dicht mit einer Menge des mannigfaltigsten Kinderspielzeuges, mit hunderten bleierner Soldaten, mit hölzernen Hündchen, Pferdchen und anderen Nürnberger Waren überdeckt. Bei Tag beschäftigte er sich jetzt schon wenig damit; doch machte er sich noch die nicht geringe Arbeit, alle diese Sachen und Sächelchen abends sorgfältig zusammenzulegen, dann, sogleich nach seinem Erwachen, wieder auszupacken und in eine gewisse Ordnung nebeneinander zu reihen. Der Wohltätigkeitssinn der wackeren Nürnberger hatte ihn überdies mit mehreren Kleidungsstücken beschenkt, die er unter seinem Kopfkissen verwahrte und uns mit kindischem Behagen nicht ohne einige Eitelkeit vorzeigte. Auf der Bank unter den Spielsachen lagen auch verschiedene Geldstücke umher, denen er aber keine Aufmerksamkeit schenkte. Ich nahm davon einen beschmutzten Kronentaler und einen noch ganz neuen Vierundzwanziger in die Hand, ihm andeutend: welches von beiden Stücken er am liebsten habe? Er wählte das kleine, glänzende; das große nannte er garstig und machte dabei die Miene des Widerwillens. Als ich ihm begreiflich zu machen suchte, daß gleichwohl das größere Stück mehr wert sei und daß man dafür bei weitem mehr schöne Sachen bekommen könne als für das kleine, horchte er zwar aufmerksam zu, verfiel auch sogleich in starres Nachdenken, gab mir aber zuletzt zu erkennen, daß er nicht wisse, was ich sagen wolle. Er zeigte, als wir bei ihm eintraten, nichts weniger als Menschenscheu oder Schüchternheit, vielmehr zutrauliches Entgegenkommen und Freude über unseren Besuch. Am ersten machte er sich mit der glänzenden Uniform des Obristen zu schaffen; den von Gold strahlenden Helm konnte er nicht satt werden zu bewundern; dann zogen die Frauenzimmer mit ihren bunten Kleidern seine Aufmerksamkeit auf sich; ich, in einem bescheidenen schwarzen Frack, wurde anfangs kaum eines Blickes gewürdigt. Jeder von uns stellte sich ihm besonders vor und nannte ihm seinen Namen und Titel. Kaspar trat bei jeder solchen Vorstellung nahe zu dem Vorgestellten hin, sah ihn scharf stierend an, überflog mit schnellem durchdringendem Blick der Reihe nach jeden besonderen Teil des Gesichts, als: Stirn, Augen, Nase, Mund, Kinn usw. und faßte ganz zuletzt, wie ich deutlich beobachtete, die erst stückweis zusammengelesenen Teile der Physiognomie in ein Ganzes zusammen. Er wiederholte hierauf den Namen der Person, den man ihm vorgesagt hatte. Und nun kannte er die Person und kannte sie, wie die späteren Erfahrungen zeigten, für immer. Seine Augen wendete er, so viel er nur konnte, vom hellen Tageslicht ab. Dem vom Fenster her gerade einfallenden Sonnenstrahl wich er auf das sorgfältigste aus. Hatte einmal zufällig ein solcher Strahl seine Augen getroffen, so blinzelte er heftig, runzelte die Stirn und verriet unverkennbar Schmerzen; seine Augen waren überdies etwas entzündet und zeigten überhaupt große Empfindlichkeit gegen das Licht. Die linke Hälfte seines in späterer Zeit vollkommen regelmäßigen Gesichts war damals auffallend von der rechten Seite desselben verschieden. Jene war merklich verzogen und verzerrt; öfters fuhren heftige Zuckungen wie Blitze darüber hin. An diesen Zuckungen nahm stets die linke Seite des ganzen Körpers, besonders der Arm und die Hand, sichtbaren Anteil. Wurde ihm etwas gezeigt, was seine Neugier in Bewegung setzte, sprach man ein ihm auffallendes, nicht verständliches Wort, sogleich stellten sich diese Zuckungen ein, die meistenteils zuletzt in eine Art von Erstarrung übergingen. Er stand dann unbeweglich da, kein Muskel des Gesichts regte sich, die Augen stierten, ohne zu blinzeln, wie leblos vor sich hin; er stellte eine Bildsäule dar, die weder sieht noch hört und durch keine äußeren Eindrücke zu einer Lebensregung geweckt werden kann. Diesen Zustand konnte man an ihm beobachten, so oft er über etwas nachsann, so oft er zu einem neuen Wort den entsprechenden Begriff, zu einem neuen Ding das entsprechende Wort suchte oder irgend etwas ihm noch Unbekanntes an schon Bekanntes anzuknüpfen, jenes aus diesem sich begreiflich zu machen bestrebte. Ähnliche Dinge wie diese und die folgenden werden von zahlreichen Augenzeugen erzählt. Vgl. vor allem Daumer und die dort gegebenen Parallelstellen. Die Worte, die er sagen konnte, sprach er bestimmt und deutlich, ohne Stocken oder Stammeln. Allein an eine zusammenhängende Rede war bei ihm noch nicht zu denken und seine Sprache war so dürftig als der Vorrat seiner Begriffe. Schwer war es daher auch, sich ihm verständlich zu machen. Kaum hatte man ein paar Sätze zu ihm gesagt, die er zu verstehen schien, so hatte man etwas ihm Fremdes beigemischt, wobei er dann, wenn er es zu begreifen wünschte, sogleich wieder in seine Zuckungen verfiel. In allem, was er sprach, fehlten noch meistens die Bindewörter, Partikeln und Hilfszeitwörter; seine Konjugation umfaßte wenig mehr als den Infinitiv; und am schlimmsten stand es mit der Syntax, deren Teile gar erbärmlich zerzaust und durcheinander geworfen wurden. »Kaspar sehr brav,« statt: ich bin sehr brav, »Kaspar scho Juli sage«, statt: ich will es dem Julius (Sohn des Gefangenwärters) sagen, war seine durchgängige Redeweise. Das »Ich« kam noch selten vor; er sprach fast immer von sich in der dritten Person: Kaspar; zu andern, statt in der zweiten Person, ebenfalls in der dritten, z. B. statt: Sie, nicht anders als: Herr Obrist, Frau Generalin usw. Auch zu ihm mußte man nicht »Du«, sondern »Kaspar« sagen, wenn er sogleich verstehen sollte, wen man meine. Auch Prof. Daumers Notaten stimmen mit dieser Beobachtung überein. (Fbch.) Ein und dasselbe Wort wurde häufig in den verschiedensten Bedeutungen gebraucht, was dann oft gar manches lächerlich possierliche Quiproquo zum Vorschein brachte. Viele, bloß eine Spezies bezeichnende Worte gebrauchte er für die ganze Gattung. So z. B. galt ihm das Wort Berg für jede Wölbung oder Erhöhung, weshalb er einen dickbauchigen Herrn, dessen Name ihm entfallen war, als den »Mann mit dem großen Berg« bezeichnete; eine Dame, deren Shawl hinten so tief herabhing, daß der Zipfel auf dem Boden schleifte, hieß ihm: »die Frau mit dem schönen Schweif.« Man wird wohl erwarten, daß ich nicht unterließ, ihm durch mancherlei Fragen zur Erzählung seines Schicksals Veranlassung zu geben. Allein alles, was ich aus ihm herausbringen konnte, war ein so kauderwelsches, verworrenes, unbestimmtes Zeug, daß ich, mit seiner Sprachweise noch nicht vertraut, das meiste nur erraten, vieles gar nicht verstehen konnte. Es schien mir nicht unwichtig, seinen Geschmack hinsichtlich der verschiedenen Farben auf die Probe zu stellen. Er zeigte auch in dieser Beziehung ganz den Sinn der Kinder und der sogenannten Wilden. Die rote Farbe, und zwar die recht schreiend rote, ging ihm über alles; die gelbe war ihm zuwider, außer wenn sie als Gold glänzend in die Augen stach, in welchem Fall seine Wahl zwischen diesem Gelb und jenem Rot schwankte; Weiß ließ ihn gleichgültig; aber Grün war ihm fast so abscheulich als Schwarz. Dieser Geschmack, besonders seine Vorliebe für das Rote, hing ihm, wie die späteren Beobachtungen des Prof. Daumer bekunden, noch lange nachher an, als seine Bildung schon um eine große Strecke weiter vorgeschritten war. Wäre es ihm freigestellt worden, er würde sich selbst und andere, denen er wohlwollte, von Kopf bis zu Füßen in Scharlach oder Purpur gekleidet haben. An der Natur hatte er schon wegen der Grundfarbe ihres Gewandes, des Grün, keinen Gefallen. Sollte er sie schön finden, so mußte man sie ihn durch ein rot gefärbtes Glas ansehen lassen. In der Wohnung des Prof. Daumer, die er bald nach meinem Besuche bei ihm gegen seinen Aufenthalt auf dem Luginsland vertauschte, gefiel es ihm darum nicht ganz recht, weil er da nur die Aussicht in den Garten auf die vielen, wie er meinte, garstigen grünen Bäume und Pflanzen hatte. Die in einer engen unfreundlichen Straße gelegene Wohnung eines Freundes seines Lehrers gefiel ihm dagegen ungemein, weil da gegenüber und ringsherum lauter schön rot angestrichene Häuser zu sehen waren. Als ihm einst ein Baum voll roter Äpfel gezeigt wurde, äußerte er darüber großes Wohlgefallen; nur, meinte er, würde der Baum noch viel schöner sein, wenn auch die Blätter ebenso rot wären. Als er, der bloß Wasser trank, einst roten Wein trinken sah, sagte er: wenn ich nur auch Sachen trinken könnte, die so schön aussehen! Seinen Lieblingstieren, den Pferden, wünschte er nur noch einen Vorzug: statt der schwarzen, braunen, weißen, die scharlachrote Farbe. Die Neugier und der Wissensdurst, sowie die eiserne Beharrlichkeit, womit er bei einer Sache aushielt, die er zu lernen oder zu begreifen sich vorgesetzt hatte, überstiegen jede Vorstellung und waren in ihren Äußerungen herzergreifend. Mit seinen Spielsachen beschäftigte er sich, wie schon früher bemerkt worden, des Tags über nicht mehr; seine Tagesstunden füllte er mit Schreiben, Zeichnen und anderen Lehrgegenständen aus, womit ihn Professor Daumer beschäftigte. Bitter beklagte er sich gegen uns, daß die vielen Leute, die ihn immer besuchten, ihm keine Ruhe ließen und er nichts lernen könne. Rührend war es, seinen oft wiederkehrenden Jammer darüber zu hören, daß die Leute auf der Welt so vieles wissen und er so vieles noch gar nicht gelernt habe. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen nächst dem Schreiben war das Zeichnen, zu welchem er ebensoviel Fähigkeit wie Beharrlichkeit mitbrachte. Seit mehreren Tagen hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, das lithographierte Bildnis des Herrn Bürgermeisters Binder abzuzeichnen. Ein ganzer großer Pack Quartblätter war mit diesen Kopien vollgezeichnet; sie lagen, wie sie allmählich entstanden waren, in langer Reihenfolge geordnet aufeinander. Ich ging sie einzeln durch; die ersten Versuche glichen ganz den Bildern unserer kleinen Kinder, die ein Gesicht gezeichnet zu haben meinen, wenn sie eine Figur, welche ein Oval vorstellen soll, mit einem Paar rundlicher Schnörkel nebst einigen langen und Querstrichen darin auf ein Papier hingesudelt haben. Allein fast in jedem der folgenden Versuche waren Fortschritte sichtbar, so daß allmählich jene Striche einem Menschengesicht immer ähnlicher wurden und endlich das Original, obgleich noch ziemlich unvollkommen und roh, bis zur Kenntlichkeit darstellten. Ich äußerte ihm über seine spätesten Versuche meinen Beifall; er aber zeigte sich nicht befriedigt und gab mir zu verstehen, er werde das Bild noch gar vielmal abzeichnen müssen, bis es ganz recht sei; dann werde er es dem Herrn Bürgermeister schenken. Mit seinem Leben auf der Welt zeigte er sich nichts weniger als zufrieden; er sehnte sich zu dem Mann zurück, bei dem er immer gewesen. Zu Haus (in seinem Loch), äußerte er, habe er niemals so viele Schmerzen im Kopf gehabt und man habe ihn nicht so gequält, wie jetzt auf der Welt. Er deutete damit auf die Unbehaglichkeiten und Schmerzen, welche die vielen ihm ganz ungewohnten neuen Eindrücke, die verschiedenen ihm widrigen Gerüche usw. verursachten, wie auch die vielen Besuche der Neugierigen, ihr ewiges Fragen und manche ihrer unbesonnenen, nicht eben humanen Experimente. Dem Manne, bei dem er immer gewesen, hat er daher auch weiter nichts vorzuwerfen, als daß er noch nicht gekommen, um ihn wieder nach Hause zu bringen, und daß er von so viel schönen Sachen auf der Welt ihm gar nichts gezeigt noch gesagt habe. Er will so lange in Nürnberg bleiben, bis er gelernt, was der Herr Bürgermeister und der Herr Professor (Daumer) wissen; dann soll ihn der Herr Bürgermeister nach Hause bringen und dann will er dem Mann zeigen, was er unterdessen gelernt hat. Als ich ihm hierauf äußerte: wie er doch zu dem bösen abscheulichen Mann wieder zurück möge? fuhr er mich sanft zürnend mit den Worten an: »Mann nit bös. Mann mir nit bös tan.« Von seinem erstaunenswürdigen, ebenso schnellen als zähen Gedächtnis bekamen wir bald die auffallendsten Proben. Bei jedem der vielen kleinen und großen Dinge, bei jedem Bild und Bildchen in seinem Haushalt nannte er uns den Namen und Titel der Person, von der er es zum Geschenk erhalten hatte, und kamen hierbei verschiedene Personen mit demselben Hauptnamen vor, so unterschied er sie entweder durch ihren Vornamen oder durch andere Prädikate. Ungefähr eine Stunde, nachdem wir ihn verlassen hatten, trafen wir mit ihm auf der Straße zusammen, als er eben zum Herrn Bürgermeister geführt wurde. Wir redeten ihn an und als wir ihn aufgefordert hatten, uns unsere Namen zu sagen, nannte er jeden von uns, ohne sich zu besinnen oder zu stocken, mit unserm vollen Namen, samt Titulaturen, die gleichwohl für ihn nur barer Unsinn sein konnten. Der Arzt, Dr. Osterhausen, machte zu einer anderen Zeit an ihm die Erfahrung, daß er, nachdem man ihm einen Blumenstrauß gezeigt und die Namen der einzelnen Blumen vorgesagt hatte, er mehrere Tage nachher jede dieser Blumen wieder zu erkennen und mit ihrem Namen zu bezeichnen wußte. Dieses Gedächtnis hat jedoch späterhin und, wie es scheint, in demselben Verhältnis abgenommen, in welchem es reicher geworden war und sein Verstand mehr Arbeit bekommen hatte. Daumer führt die Abnahme des Gedächtnisses und der übrigen an H. wahrgenommenen sensiblen Fähigkeiten auf die Gewöhnung Hausers an Fleischkost zurück. Es ist ein Hauptlehrsatz des Vegetarismus, daß durch die fleischlose Ernährung und naturgemäße Lebensweise das Blut reiner und die geistigen Fähigkeiten des Menschen gesteigert würden. Seine Folgsamkeit gegen alle diejenigen Personen, welche väterliche Autorität über ihn erlangt haben, besonders gegen den Herrn Bürgermeister, Herrn Professor Daumer und den Gefangenwärter Hiltel, war unbedingt und ohne Schranken. »Der Herr Bürgermeister, der Herr Professor hat es gesagt,« war für ihn der letzte, jedes weitere Fragen und Überlegen ausschließende Grund für sein Handeln oder Unterlassen. Als ich ihn fragte, warum er denn glaube, so pünktlichen Gehorsam leisten zu müssen, gab er zur Antwort: »der Mann, bei dem ich immer gewesen, hat mich gelehrt, daß ich tun müsse, was man mir heißt.« Hier hat man gleich ein Beispiel dafür, wie Feuerbach »mit Hausers Sprechweise noch nicht vertraut«, wie er oben sagt, aus dem »kauderwelschen, verworrenen, unbestimmten Zeug«, das H. auf die an ihn gestellten Fragen antwortet, etwas falsch »erraten« hat. Denn wie sollte dieser Mann, bei dem er immer gewesen, den »begrifflosen, tierischdummen« Hauser Gehorsam gelehrt haben? An diese Stelle bei Feuerbach knüpfen sich zahlreiche Kontroversen, worüber später mehr. Allein diese Unterwerfung unter fremde Autorität bezog sich bei ihm bloß auf Tun oder Nichttun und hatte mit seinem Wissen, Glauben und Meinen nichts zu schaffen. Um etwas als gewiß und wahr anzunehmen, dazu bedurfte es für ihn der eigenen Überzeugung, und zwar entweder durch sinnliche Anschauung oder durch irgend einen, seinen Fassungskräften und seinem fast noch ganz leeren Kopf anpassenden, für ihn schlagenden Grund. Wo man seinem Verstand weder auf diese noch jene Weise beikommen konnte, widersprach er zwar nicht, ließ aber einstweilen die Sache dahingestellt, bis er, wie er zu sagen pflegte, mehr gelernt habe. Ich sprach zu ihm unter anderm von dem bevorstehenden Winter und sagte, dann werde er oft die Dächer der Häuser und alle Straßen der Stadt ganz weiß sehen, so weiß wie die Wände seines Zimmerchens. Er meinte, dies müsse dann recht schön sein; gab jedoch deutlich zu verstehen, daß er daran nicht eher glaube, als bis er es werde gesehen haben. Als im folgenden Winter der erste Schnee gefallen war, bezeigte er große Freude, daß jetzt die Straßen, die Dächer, die Bäume so gut »angestrichen« seien, und ging schnell in den Hof, um sich von der »weißen Farbe« zu holen, kam aber alsbald weinend und plärrend mit weit auseinander gespreizten Fingern zu seinem Lehrer wieder hinauf, indem er schrie: die weiße Farbe habe ihn in die Hände »gebissen«. Höchst auffallend und ganz unerklärbar bei diesem Menschen war die bis zur Pedanterie getriebene Liebe zur Ordnung und Reinlichkeit. Von den vielen hundert Dingen seines kleinen Haushalts hatte ein jedes seinen bestimmten Platz, wurde gehörig zusammengepackt, sorgfältig auseinandergelegt, symmetrisch geordnet usw. v. Tucher erzählt (D. 73 S. 121f.): »Man hatte ihm eine Menge Spielsachen geschenkt. Diese lagen in schönster Art geordnet vor ihm und waren ganz verständig abgeteilt. Jeden Morgen legte er sie auf diese Weise auseinander und jeden Abend, sowie er sich selbst schlafen legen wollte, packte er alles zusammen, wie wenn die von ihm getroffene Ordnung so sehr die seinige wäre, daß sie gar nicht bestehen könne, wenn er nicht selbst dabei.« Unreinlichkeit oder was er dafür hielt, war ihm an ihm selbst wie an anderen ein Abscheu. Er bemerkte fast jedes Stäubchen auf unseren Kleidern, und als er auf meiner Halskrause einige Körner Schnupftabak sah, machte er mich darauf mit Unwillen aufmerksam, mir hastig andeutend, daß ich diese garstigen Dinge wegwischen möge. Die merkwürdigste Erfahrung, die aber erst einige Jahre später für mich ihre vollständige Bedeutung erlangte, verschaffte ich mir durch folgende Probe, auf welche ich dadurch geleitet wurde, daß mir nach einer sehr nahe liegenden Ideenverbindung bei dem aus dunklem Kerker erst im Jünglingsalter zum Tageslicht hervorgekommenen Kaspar der berühmte Blinde des Cheselden einfiel, welcher, wenige Wochen nach seiner Geburt erblindet, erst im Jünglingsalter nach glücklich vollbrachter Staroperation wieder sehend geworden war. Ich befahl Kasparn, nach dem Fenster zu sehen, deutete auf die große, weite Aussicht in die schöne, im Schmuck des Sommers prangende Landschaft und fragte ihn, ob das nicht schön sei, was er da draußen sehe? Er gehorchte, fuhr aber sogleich mit sichtbarem Abscheu wieder zurück, indem er ausrief: »garstig! garstig!«, dann auf die weiße Wand seines Zimmerchens deutete und sagte: »da nicht garstig!« Auf meine weitere Frage, warum dort garstig, erfolgte nichts weiter als: »garstig, garstig!« und so blieb mir denn vorderhand nichts übrig, als mir diesen Umstand wohl zu merken und die weitere Aufklärung von der Zeit zu erwarten, wo Kaspar sich besser werde verständlich machen können. Denn daß sein Wegwenden von jener Gegend nicht bloß aus dem empfindlichen Eindruck des Lichts auf seine Sehnerven zu erklären sei, glaubte ich deutlich wahrzunehmen. Seine Mienen drückten diesmal nicht gerade Schmerz, sondern vielmehr Abscheu und Grauen aus. Auch stand er in einiger Entfernung vom Fenster seitwärts, so daß er zwar die Gegend sehen, aber vom gerade einfallenden Lichtstrahl nicht getroffen werden konnte. Als nun Kaspar im Jahre 1831 einige Wochen lang bei mir als Hausgenosse war, wo ich fortwährend Gelegenheit hatte, ihn aufs genaueste zu beobachten und meine früheren Beobachtungen zu vervollständigen oder zu berichtigen, kam unter andern auch das obige an die Reihe. Ich fragte ihn, ob er sich noch meines Besuchs bei ihm auf dem Turm und dann besonders des Umstandes erinnere, daß ich ihn gefragt, wie ihm die Gegend da draußen (vor dem Fenster) gefalle? Er habe sich damals mit Abscheu von diesem Anblick weggewendet und immer ausgerufen: garstig, garstig! warum habe er das getan, was sei ihm denn da vorgekommen? »Ja freilich,« antwortete er mir, »war das sehr garstig, was ich damals sah. Wenn ich nach dem Fenster blickte, sah es mir immer so aus, als wenn ein Laden ganz nahe vor meinen Augen aufgerichtet sei, und auf diesem Laden habe ein Tüncher seine verschiedenen Pinsel mit weiß, blau, grün, gelb, rot, alles bunt durcheinander, ausgespritzt. Einzelne Dinge darauf, wie ich jetzt die Dinge sehe, konnte ich nicht erkennen und unterscheiden. Das war denn gar abscheulich anzusehen; dabei war es mir ängstlich zumute, weil ich glaubte, man habe mir das Fenster mit dem buntscheckigen Laden verschlossen, damit ich nicht ins Freie sehen könne. Daß das, was ich so gesehen, Felder, Berge, Häuser gewesen, daß manches Ding, das mir damals größer vorkam als ein anderes, viel kleiner sei als dieses, manches große viel kleiner als wie ich es sah, davon habe ich mich erst später auf meinen Spaziergängen ins Freie überzeugt; endlich habe ich dann nichts mehr von dem Laden gesehen.« Auf weitere Befragung bemerkte er: Anfangs habe er nicht unterscheiden können, was wirklich rund, dreieckig oder nur rund, dreieckig gemalt gewesen. Die Pferde und Männer auf seinen Bilderbogen seien ihm gerade so vorgekommen, wie seine in Holz geschnitzten Pferde und Menschen; jene so rund wie diese, oder diese so flach wie jene. Doch habe er beim Ein- und Auspacken seiner Sachen bald einen Unterschied gefühlt; dann sei er erst selten, endlich gar nicht mehr in den Fall gekommen, solche Verwechslung zu machen. Hier haben wir denn nun in Kaspar leibhaft den sehend gewordenen, von Kindheit an Blinden des Cheselden wieder. Hören wir, was Voltaire In dessen Philosophie de Newton (Oevres complètes, Gotha 1786, T. XXXI p. 118 sq.) (Fbch.) (und Diderot , Lettres sur les aveugles à l'usage de ceux qui voyent. Londres 1749, p. 159-164. Diderot hat übrigens die Erzählung Voltaires von Wort zu Wort abgeschrieben. (Fbch.) der hier mit Voltaire für eine Person gilt), von diesem Blinden erzählen. Das Werk des Cheselden selbst konnte ich mir nicht verschaffen. Ich benutze übrigens diese Gelegenheit, um Herrn Bibliothekar von Falkenstein für die, während meines Aufenthalts zu Dresden auch bezüglich dieses Gegenstandes erwiesenen Gefälligkeiten öffentlich meinen Dank zu sagen. (Fbch.) »Der junge Mann, dem der geschickte Chirurg Cheselden den Star genommen, wußte lange Zeit weder Größen noch Entfernungen noch Lagen noch sogar Figuren zu unterscheiden. Ein nur einen Zoll großen Gegenstand, den man vor sein Auge hielt und der ihm ein Haus verdeckte, erschien ihm so groß wie das Haus. Alle Gegenstände hatte er auf seinem Auge; sie schienen ihm auf diesem Organ selbst zu haften, wie die Gegenstände des Gefühls auf der Haut. Er konnte (mit dem Gesicht) dasjenige, was er mit Hilfe seiner Hände für rund gehalten hatte, von demjenigen nicht unterscheiden, was er als eckig gefühlt hatte; noch unterscheiden, ob das, was er als oben oder unten (mit dem Gefühl) wahrgenommen hatte, in der Tat oben oder unten sei. Es gelang ihm endlich, aber mit Mühe, die sinnliche Überzeugung zu gewinnen, daß sein Haus größer sei als sein Zimmer; doch niemals begriff er, wie das Auge ihm diese Vorstellung geben könne. Er bedurfte einer großen Menge von Erfahrungen, um sich zu überzeugen, daß die Malerei feste Körper vorstelle; und als er durch öfteres Betrachten von Gemälden die Meinung gefaßt hatte, daß das nicht bloß Flächen seien, die er sehe, so befühlte er sie mit der Hand und war dann sehr erstaunt, als er nur einer ebenen Fläche ohne alle Erhabenheit begegnete; dann fragte er, welcher von beiden Sinnen ihn betrüge, das Gefühl oder das Gesicht? Übrigens machten Gemälde auf Wilde, die solche zum erstenmal zu sehen bekamen, denselben Eindruck; sie nahmen die gemalten Figuren für lebende Menschen, stellten Fragen an sie und waren ganz erstaunt, daß sie ihnen keine Antwort gaben: ein Irrtum, an welchem allzu geringe Übung ihrer Sehkraft gewiß am allerwenigsten Schuld hatte.« Auch Kinder in den ersten Wochen und Monaten nach ihrer Geburt sehen alles gleich nahe, greifen nach dem glänzenden Knopf des fernen Kirchturms, wissen das wirklich Große und Kleine von dem scheinbar Kleinen und Großen, gemalte von wirklichen Dingen nicht zu unterscheiden, weil bei Gegenständen des Gesichts und des Gefühls beide Sinne einander gegenseitig zu Hilfe kommen müssen, wenn das betastete oder mit dem Auge gefaßte Ding für das, was es wirklich ist, erkannt werden soll. Es beruht diese Erfahrung auf dem Elementargesetz alles Sehens, worüber sich der große Engländer Berkeley folgendermaßen ausdrückt: »Es ist, wie ich glaube, allgemein zugestanden, daß Entfernung für sich allein und unmittelbar durch das Gesicht nicht wahrgenommen werden kann. Denn da die Entfernung eine Linie ist, welche gerade zum Auge geht, so wirft sie bloß einen Punkt in den Grund des Auges. Dieser Punkt bleibt unveränderlich derselbe, die Entfernung sei länger oder kürzer. Auch ist es anerkannt, daß, wenn wir die Größe des Abstandes beträchtlich entfernter Gegenstände voneinander schätzen, dieses mehr ein Akt eines auf Erfahrung gegründeten Urteils als des bloßen Sinnes ist. Zum Beispiel: ich sehe eine große Menge von Gegenständen, Häuser, Feld, Flüsse und dergleichen hintereinander liegen, von welchen ich die Erfahrung habe, daß sie einen beträchtlichen Raum einnehmen, so schließe ich daraus, daß der Gegenstand, den ich hinter diesem anderen sehe, in einer großen Entfernung steht. Hingegen wenn mir ein Gegenstand matt und klein erscheint, den ich einmal in der Nähe lebhaft und groß gesehen habe, so urteile ich sogleich, daß er fern ist. Dieses ist nun offenbar Ergebnis der Erfahrung, ohne welche ich aus der Mattheit und Kleinheit nichts über die Entfernung der Gegenstände hätte urteilen können.« Die Anwendung dieses optischen Gesetzes und jener Erfahrungen auf die Sinnentäuschung Kaspars macht sich ganz von selbst. Da Kaspar noch nicht weiter gegangen war, als vom Turm zum Herrn Bürgermeister und allenfalls noch durch eine oder die andere Straße; da er infolge seiner reizbaren Augen, wie aus Furcht zu fallen, im Gehen stets auf seine Füße sah und aus Lichtscheu immer vermied, in das offene Lichtmeer hinauszublicken, so hatte er lange Zeit keine Gelegenheit, über die Perspektive und die Entfernung der Gegenstände Erfahrung zu machen. Alle die mancherlei Dinge der weiten Gegend, samt einem ziemlich schmalen Streifen des blauen Himmels, die den Raum des Fensters von dem unteren Teil des Rahmens bis oben hinauf ausfüllten, mußten ihm daher als gleich nahe neben und übereinander liegende gestaltlose Erscheinungen, mithin das Ganze als eine das Fenster bedeckende aufrecht stehende Tafel erscheinen, auf welcher die für ihn nicht unterscheidbaren kleineren und größeren verschieden gefärbten Gegenstände nur wie unförmliche bunte Kleckse sich ausnehmen konnten. Nach Daumer (D. 73 S. 15 ff.) bemerkt zu dieser Schilderung Feuerbachs Prof. Preyer in Jena in seinem Buche: »Die fünf Sinne des Menschen«, Leipzig 1870: »Dieser schlichte Bericht ist ungemein wertvoll. Er zeigt schlagend, wie die Raumanschauungen erst allmählich durch Erfahrung zustande kommen und auf der Beurteilung von Empfindungsunterschieden beruhen. Er zeigt ferner den mächtigen Einfluß des Tastsinnes auf das Entstehen der Raumanschauungen; er zeigt endlich, daß Farbenempfindungen längst deutlich vorhanden sind, ehe von der Tiefenwahrnehmung die Rede sein kann. Meine zahlreichen Beobachtungen an kleinen Kindern, welche vollkommen zur Erzählung Hausers passen, ergaben, daß die Farbenunterscheidung längst eine ganz sichere ist, wenn Größenunterschiede noch durchweg falsch angenommen werden.« Daumer fährt fort: »So urteilt – und zwar noch heutzutage, auf dem Standpunkt der Gegenwart – die Wissenschaft. Die »negative Kritik« dagegen erklärt die ganze Sache für eine auf Hausers »Lügentalenten« beruhende Mystifikation, die sich derselbe erlaubte (Dr. M. S. 125) ... Wahrscheinlich kannte der nicht nur verschmitzte, sondern auch sehr gelehrte Bursche den Fall mit dem operierten Blinden des Cheselden und wandte ihn auf sich an, um dem Präsidenten ein recht scheinbares Märchen aufzuheften und sich ihm auch wissenschaftlich interessant zu machen.« VI. Brachte der fast ununterbrochene Umgang mit den vielen, die sich den ganzen Tag über zu Kaspar hindrängten, den nicht zu verkennenden Gewinn, daß er auf kurzem Wege mit vielerlei Dingen und Worten bekannt wurde und bald im Verstehen und Sprechen verhältnismäßig Fortschritte machte, so war doch offenbar das Allerlei von Menschen, deren Massen Kaspar Hauser preisgegeben war, nicht wohl geeignet, eine naturgemäße Entwicklung dieses verwahrlosten Jünglings zu fördern. Wohl mochte keine Stunde des Tages vergehen, die ihm nicht von dieser oder jener Seite her etwas Neues zugeführt hätte. Was ihm aber auf diese Weise zukam, konnte doch nicht zum kleinsten Ganzen sich gestalten; alles zusammengenommen häufte sich nur als ein ungeordnetes, zerstreutes, buntes Allerlei von hundert und tausend Halb- und Viertelsvorstellungen und Gedankenbruchstücken auf- und nebeneinander. Wurde so die leere Tafel seiner Seele bald genug beschrieben, so wurde sie doch auch zugleich nur zu bald mit zum Teil sogar nichtswürdigen Dingen überfüllt, entstellt und verwirrt. Der ungewohnte Eindruck des Lichts und der freien Luft, das befremdende, meistens auch schmerzerregende Mancherlei, welches unaufhörlich zu gleicher Zeit auf alle seine Sinne einströmte, die Kraftanstrengung, womit seine wissensdurstige Seele sich aus sich selbst gleichsam herauszuarbeiten strebte, alles Neue, was sich ihr bot – alles aber war ihr neu – zu erfassen, zu umklammern und heißhungrig gleichsam in sich hineinzuschlingen sich abarbeitete, dieses alles war mehr als ein schwächlicher Körper und ein zartes, beständig gereiztes und überreiztes Nervensystem ertragen konnte. Ich brachte von meinem Besuch bei Kaspar am 11. Juli die Überzeugung mit mir zurück, welche ich auch am gehörigen Ort geltend zu machen suchte, Auf Feuerbachs Betreiben, der u. a. auch mit dem Regierungspräsidenten v. Mieg darüber verhandelte, wurde Hauser zu Daumer versetzt. daß Kaspar Hauser entweder an einem Nervenfieber sterben, oder in Wahnsinn oder Blödsinn untergehen müsse, wenn nicht bald seine Lage geändert werde. Nach wenigen Tagen gingen meine Besorgnisse zum großen Teil in Erfüllung. Kaspar wurde krank, wenigstens so kränklich, daß eine gefährliche Krankheit zu befürchten stand. Sein Arzt, Dr. Osterhausen, äußerte sich in seinem deshalb dem Stadtmagistrat erstatteten berichtlichen Gutachten Die ärztlichen Gutachten liegen ebenfalls in den erwähnten H.-Akten noch vor, mit Ausnahme der mit den Magistratsakten verlorenen. über Hausers damaligen Gesundheitszustand wie folgt: »Die mannigfaltigen Eindrücke, welche den bisher in einem Kerker lebendig begrabenen, von aller Welt abgeschiedenen, sich selbst überlassenen Kaspar Hauser ringsum bestürmten, als er mit einem Male in die Welt und unter die Menschen hineingeworfen wurde, und welche nicht einzeln, sondern in Masse auf ihn einwirkten, die verschiedenartigsten Eindrücke der freien Luft, des Lichts, der ihn umgebenden Gegenstände, die ihm alle neu waren, dann das Wachsen seines geistigen Ichs, seine aufgeregte Lern- und Wißbegierde, seine veränderte Lebensweise usw., alle diese Eindrücke mußten ihn notwendig gewaltsam erschüttern und endlich, zumal bei einem so sehr empfindlichen Nervensystem, seiner Gesundheit nachteilig werden. – Ich fand ihn, als ich ihn wiedersah, ganz verändert. Er war traurig, sehr niedergeschlagen und ermattet. Die Reizbarkeit seiner Nerven war krankhaft erhöht. Seine Gesichtsmuskeln zuckten beständig. Seine Hände zitterten so sehr, daß er kaum etwas halten konnte. Seine Augen waren entzündet, konnten das Licht nicht vertragen und schmerzten ihn bedeutend, wenn er lesen oder einen Gegenstand aufmerksam betrachten wollte. Sein Gehör war so empfindlich, daß schon jedes laute Sprechen ihm heftige Schmerzen verursachte und er daher die Musik, die er so leidenschaftlich liebte, nicht mehr hören konnte. Er hatte Mangel an Eßlust, mangelhaften, erschwerten Stuhlgang, klagte über Beschwerden im Unterleibe und fühlte sich durchaus unbehaglich. – Ich war nicht wenig wegen seines Zustandes besorgt, da es nicht möglich war, ihm mit Arzneien beizukommen, teils weil er einen unbezwingbaren Abscheu vor allem, Wasser und Brot ausgenommen, hatte, teils weil, wenn er auch welche hätte nehmen können, zu befürchten war, es möchte selbst das indifferenteste Mittel zu heftig auf seine so sehr gereizten Nerven einwirken usw.« Kaspar Hauser wurde am 18. Juli aus seiner Wohnung auf dem Turm erlöst und dem an Geist und Herz gleich vorzüglichen Gymnasialprofessor Herrn Daumer, der sich bisher schon der Unterweisung und Bildung dieses Menschen väterlich angenommen hatte, zur Erziehung und häuslichen Pflege übergeben. Er fand in der Familie dieses Mannes, einer würdigen Mutter und der Schwester seines Erziehers, gewissermaßen den Ersatz für diejenigen Wesen, die ihm die Natur gegeben und Menschenbosheit genommen hatte. Auf den großen Andrang der Neugierigen, denen Kaspar Hauser bisher im Turm preisgegeben war, mag man aus dem einzigen Umstand den Schluß ziehen, daß der Magistrat zu Nürnberg, sobald Kaspar dem Professor Daumer übergeben war, sich veranlaßt sah, am 19. Juli in öffentlichen Blättern folgendes Publikandum zu erlassen: »Vom Magistrat der Stadt Nürnberg ist der heimatlose Kaspar Hauser zur gehörigen Entwicklung seiner körperlichen und geistigen Kräfte einem besonderen hierzu geeigneten Lehrer übergeben worden. Damit aber beide hierin keine Störung erleiden und dem Kaspar Hauser die ihm in jeder Beziehung höchst nötige Ruhe zuteil und erhalten werde, ist der Erzieher angewiesen worden, keine Besuche bei Hauser mehr zuzulassen, und das gesamte Publikum wird daher hiermit ebenfalls angewiesen, sich derselben gänzlich zu enthalten und sich dadurch der Wegweisung zu überheben, welche im Falle der Zudringlichkeit mit polizeilicher Hilfe erfolgen müßte.« Diese Bekanntmachung hatte gleichwohl nicht die gewünschte vollständige Wirkung. Wie nicht leicht ein Fremder nach Nürnberg kommt, ohne sich das Sebaldusgrab, die Glasmalereien der Lorenzkirche, das Gänsemännchen usw. zeigen zu lassen, so glaubte jetzt niemand Nürnberg recht gesehen zu haben, wenn er nicht auch das geheimnisvolle Adoptivkind dieser Stadt in Augenschein genommen habe. Seit Kaspars Aufenthalt zu Nürnberg bis jetzt, wo ich dieses schreibe, haben viele hundert Personen fast aller europäischen Nationen von allen Ständen, Gelehrte, Künstler, Staatsmänner, Beamte aller Gattungen, hohe und höchste Personen, ihn gesehen und gesprochen. (Fbch.) Kaspar Hauser bekam zuerst bei Professor Daumer statt seines Strohlagers auf dem Turm zur Schlafstätte ein ordentliches Bett, was ihm ganz außerordentlich behagte. Öfters äußerte er: das Bett sei das einzige Angenehme, was ihm noch auf dieser Welt vorgekommen, alles übrige sei gar schlecht. Erst seit er in einem Bette schlief, hatte er Träume, die er aber anfangs nicht für Träume erkannte, sondern beim Erwachen seinem Lehrer als wirkliche Erlebnisse erzählte, indem er zwischen Wachen und Träumen erst später einen Unterschied zu machen lernte. Der Psycholog, besonders unser geistreicher Schubert, wird diese Umstände nicht unbeachtet lassen und in ihnen ein frappantes Zeugnis für Kaspars damaligen Seelenzustand erkennen. (Fbch.) Eine der schwersten Aufgaben war es, ihn an ordentliche Kost zu gewöhnen, was nur langsam und mit vieler Mühe und Vorsicht gelang. Ehe er warme Speisen vertragen konnte, hatte er beständig Durst und trank täglich zehn bis zwölf Maß kalten Wassers. (Hauser war stets ein starker Wassertrinker, aber Feuerbachs Angabe ist wohl ein Irrtum. Der Gefängniswärter Hiltel gibt in seinem Verhör an: »Dreimal des Tags erhielt er frisches Wasser, wo er jedesmal zirka 1 1/2 Maß getrunken hat.«) Aber auch noch jetzt ist er ein gewaltiger Wassertrinker, sodaß unser berühmter Wasserdoktor, Professor Oertel, ihn einem jeden zum Muster vorstellen könnte. (Fbch.) Am frühesten verstand er sich zur Wassersuppe, die ihm täglich mehr behagte, weshalb er meinte, sie werde täglich besser zubereitet, und zuweilen fragte, warum man sie ihm denn nicht gleich anfangs so gut gemacht habe? Auch hierzu und dem folgenden vgl. wieder Daumer. Auch Mehlspeisen, Hülsenfrüchte und was sonst mit dem Brot Ähnlichkeit hat, sagte ihm zu. Indem man ihm erst einzelne Tropfen Fleischbrühe unter seine Wassersuppe mischte, dann wenige, stark ausgekochte Fleischfasern ihn zu seinem Brote essen ließ und diese Gaben mit Vorsicht nach und nach steigerte, gewöhnte man ihn allmählich an Fleischspeisen. Professor Daumer macht in seinen über Kaspar Hauser gesammelten Notizen die Bemerkung: »nachdem dieser zuletzt ordentlich Fleisch essen gelernt, habe sich seine geistige Regsamkeit vermindert, die Augen hätten ihren Glanz und Ausdruck eingebüßt, sein lebendiger Trieb nach Tätigkeit habe nachgelassen und das Intensive seines Wesens sei in Zerstreuungssucht und Gleichgültigkeit übergegangen; auch habe seine Fassungskraft bedeutend abgenommen.« Ob dieses gerade Folge der Fleischspeisen, oder nicht vielmehr Folge der nun in Abstumpfung übergehenden schmerzhaften Überreizung gewesen, bleibt wohl mit Recht unentschieden. Mit mehr Zuverlässigkeit ist hingegen anzunehmen, daß der Genuß warmer Kost und einiger Fleischspeisen auf sein Wachstum bedeutenden Einfluß haben mußte; im Daumerschen Hause wurde er in wenigen Wochen um mehr als zwei Zoll größer. Da seine entzündeten Augen und sein mit jeder Anstrengung des Gesichts verbundenes Kopfweh ihm das Lesen, Schreiben, Zeichnen unmöglich machten, beschäftigte ihn Herr Daumer mit Papparbeiten, worin er sehr bald nicht geringe Geschicklichkeit erlangte; auch lehrte er ihn das Schachspiel, das er ebenfalls bald erlernte und mit Vergnügen übte. Außerdem beschäftigte man ihn mit leichten Gartenarbeiten und machte ihn mit den verschiedenen Erzeugnissen, Erscheinungen und Kräften der Natur bekannt, wo dann kein Tag verging, der ihn nicht unzählig Neues gelehrt oder ihm Gegenstände des Befremdens, der Bewunderung, des Erstaunens zugeführt hätte. Nicht geringe Mühe und häufige Zurechtweisungen kostete es, ihm den Unterschied zwischen dem Organischen und Unorganischen, dem Lebenden und Toten, sowie zwischen freiwilliger und von außen mitgeteilter Bewegung begreiflich und geläufig zu machen. Vieles, was eine Menschen- oder Tiergestalt hatte, mochte es aus Stein gehauen, aus Holz geschnitzt oder gemalt sein, hielt er noch immer für beseelt und mit allen den Eigenschaften begabt, die er an sich selbst oder andern beseelten Wesen wahrnahm. Bei den an den Häusern der Stadt gemalten oder ausgehauenen Pferden, Einhörnern, Straußen usw. kam es ihm sehr verwunderlich vor, daß sie immer an einer Stelle blieben und nicht davon liefen. Gegen eine Statue in dem Hausgarten äußerte er seinen Unwillen, daß sie so schmutzig aussehe und sich doch nicht wasche. Als er zum erstenmal das große Kruzifix des Veit Stoß an der Außenseite der Sebalduskirche sah, erregte ihm dieser Anblick Entsetzen und Jammer; er bat flehentlich, man möge den gequälten Menschen da droben herunternehmen und wollte sich lange nicht zufrieden geben, obgleich man ihm zu erklären versucht hatte, daß dieses kein wirklicher Mensch, sondern nur ein Bild sei und nichts empfinde. Jede Bewegung, die er an was immer für einem Gegenstande wahrnahm, hielt er für freiwillig und das Ding, woran sie sich äußerte, für belebt. Ein Blatt Papier, das der Wind herabwehte, war vom Tisch hinweggelaufen; ein von der Anhöhe herabrollendes Kinderwägelchen machte sich das Vergnügen, sich selbst von der Höhe herabzufahren. Der Baum bekundete ihm Leben, indem er seine Zweige und Blätter bewegte und sprach, wenn der Wind durch seine Blätter rauschte. Einem Knaben, der mit einem Stecken auf den Stamm eines Baumes schlug, bezeigte er seinen Unwillen darüber, daß er dem Baume so weh tue. Die Kugeln einer Kegelbahn liefen, nach seinen Äußerungen zu schließen, freiwillig, taten anderen Kugeln weh und waren, wenn sie endlich stillstanden, vom Laufe müde. Professor Daumer bemühte sich eine Weile vergebens, ihm die Überzeugung beizubringen, daß eine Kugel sich nicht freiwillig bewege. Es gelang ihm dieses erst dadurch, daß er Kaspar selbst aus seinem Brote eine Kugel formen und ihn dieselbe dann vor sich herrollen ließ. Daß ein Brummkreisel, den er schon eine Weile hatte tanzen lassen, nicht freiwillig sich bewege, wurde ihm erst klar, als ihm vom öfteren Aufziehen der Schnur der Arm weh tat und er sich dadurch seiner eigenen Kraft, die er bei jener Kreiselbewegung verwendet hatte, fühlbar bewußt wurde. Vollends den Tieren legte er längere Zeit dieselben Eigenschaften wie den Menschen bei und schien sie von diesen nur durch ihre Gestalt zu unterscheiden. Er ärgerte sich darüber, daß die Katze bloß mit dem Mund esse, ohne dabei ihre Hände zu gebrauchen. Er wollte sie dann das Essen mit den Pfoten lehren, versuchte, sie aufrecht gehen zu machen, sprach mit ihr wie mit seinesgleichen und bezeigte Unwillen, wenn sie gar nicht darauf achten und nichts lernen wolle. Dagegen lobte er gar sehr die Folgsamkeit eines Hundes. Als er eine graue Katze sah, fragte er, warum sie sich nicht wasche, damit sie weiß werde. Da er Ochsen auf dem Straßenpflaster gelagert sah, verwunderte er sich, daß sie nicht nach Hause gingen und sich da niederlegten. Ganz zuwider war es ihm, daß die Pferde, Ochsen usw. die Straße verunreinigten und nicht, wie er, auf den Abtritt gingen. Sagte man ihm bei diesem oder jenem, was er von den Tieren verlangte, sie könnten dieses nicht, so war er gleich mit der Antwort bei der Hand: sie möchten es dann nur lernen; er habe ja auch schon vieles gelernt und müsse noch immer vieles lernen. Vom Entstehen und Wachsen des Organischen in der Natur hatte er anfangs noch weniger eine Vorstellung. Er äußerte sich immer so, als wären alle Bäume in den Boden hineingesteckt, alle Blätter, Blumen und Blüten von Menschenhänden gemacht und daran gehängt. Den ersten Stoff zu einer Vorstellung vom Entstehen der Pflanzen gewann er, nachdem er, auf Geheiß seines Lehrers, mit eigener Hand einige Bohnen in einen Blumentopf gesteckt hatte und er diese nun gleichsam unter seinen Augen keimen und Blätter treiben gesehen hatte. Überhaupt pflegte er fast bei jedem ihm neuen und auffallenden Naturgegenstande zu fragen, wer dieses Ding gemacht habe. Für die Schönheiten der Natur hatte er fast gar keinen Sinn. Die Natur schien ihn nur insoweit anzusprechen, als sie seine Neugier beschäftigte und ihm zu der Frage Anlaß gab, wer dieses und jenes Ding gemacht habe. Als er zum erstenmal einen Regenbogen sah, bezeigte er zwar daran in den ersten Augenblicken sein Wohlgefallen, wendete sich aber doch kurz darauf wieder von diesem Anblick ab, indem die Frage, wer dieses Ding gemacht habe, ihm weit mehr als die Herrlichkeit der Erscheinung selbst am Herzen lag. Ein Anblick machte jedoch hiervon eine merkwürdige Ausnahme und wurde ein großes ihm unvergeßliches Ereignis seines mehr und mehr sich entfaltenden geistigen Lebens. Es war im Monat August (1828), als ihm an einem schönen heiteren Sommerabend sein Lehrer zum erstenmal den gestirnten Himmel zeigte. Sein Erstaunen und Entzücken überstieg jede mögliche Schilderung. Er konnte sich nicht satt daran sehen, kehrte immer wieder zu diesem Anblick zurück, faßte dabei die verschiedenen Sterngruppen richtig ins Auge und bemerkte die ausgezeichneten hellen Sterne mit ihren verschiedenen Farben. »Das«, rief er aus, »das ist aber doch das schönste, was ich noch auf der Welt gesehen habe. Wer aber hat die vielen schönen Lichter da hinaufgestellt, wer zündet sie an, wer löscht sie wieder aus?« Als man ihm sagte, daß sie, wie die Sonne, die er schon kenne, immer fortleuchteten, aber nicht immer gesehen würden, fragte er von neuem: wer sie denn da oben hinaufgesetzt habe, daß sie immerfort brennten? Endlich verfiel er, indem er gesenkten Kopfes unbeweglich mit starren Augen dastand, in tiefes ernstes Nachdenken. Als er wieder zu sich kam, war sein Entzücken in Schwermut übergegangen. Er ließ sich zitternd auf einen Stuhl nieder und fragte, warum jener böse Mann ihn doch nur immer eingesperrt gehalten und von allen diesen schönen Sachen ihm gar nichts gezeigt habe, er (Kaspar) habe doch nichts Böses getan. Er brach hierauf in ein langes, schwer zu stillendes Weinen aus und sagte, man möge nun auch einmal den Mann, bei dem er immer gewesen, auf ein paar Tage einsperren, damit er wisse, wie hart dieses sei. Vor diesem großen Himmelsschauspiele hatte Kaspar noch nie Unwillen gegen jenen Mann geäußert, noch weniger von einer Bestrafung desselben etwas wissen wollen. Nur die Müdigkeit und der Schlummer vermochten seine Empfindungen zur Ruhe zu bringen; er schlief, was vorher noch nie geschehen war, erst gegen 11 Uhr ein. Überhaupt begann er erst in Daumers Familie, wie es schien, über sein Schicksal nachzudenken und, was dieses ihm vorenthalten und genommen, mehr und mehr zu erkennen und schmerzlich zu empfinden. Erst hier wurde ihm die Vorstellung von Familie, von Verwandtschaft und Freundschaft, von dem menschlichen Verhältnis zwischen Eltern, Kindern und Geschwistern nahe gebracht; erst hier erhielten die Namen Mutter, Schwester, Bruder für ihn eine Bedeutung, indem er sah, wie Mutter, Schwester, Bruder, durch gegenseitige Liebe verbunden, für einander sorgten und sich wechselseitig zu Gefallen lebten. Er wollte erklärt haben, was denn eigentlich Mutter sei, was Bruder, was Schwester? Man suchte ihn so gut als möglich durch eine schickliche Antwort zu befriedigen. Bald darauf fand man ihn auf seinem Stuhle sitzend mit Tränen in den Augen und, wie es schien, in tiefe Betrachtungen versunken. Als er gefragt wurde, was er denn wieder habe, antwortete er weinend, er habe darüber nachgedacht, warum denn er nicht auch eine Mutter, einen Bruder und eine Schwester habe, denn dies sei doch gar zu schön. Da seine hohe Reizbarkeit zu dieser Zeit das Ausruhen von jeder geistigen Anstrengung gebot und vor allem die Kräfte seines schwächlichen Körpers der Übung und Stärkung bedurften, so schien nebst anderen körperlichen Beschäftigungen besonders auch das Reiten seiner Gesundheit förderlich werden zu können, zumal er hierzu besondere Lust bezeigte. Wie früher die hölzernen Rosse, waren schon längst die lebenden seine Lieblinge geworden. Unter allen Tieren war ihm das Pferd das schönste Geschöpf, und wenn er einen Reiter sein Roß tummeln sah, quoll seine Brust von dem Wunsche über: wenn er doch auch einmal so ein Roß unter sich haben könnte! Der Stallmeister zu Nürnberg, Herr von Rumpler, hatte bald die Gefälligkeit, diese Sehnsucht zu stillen; er nahm unsern Kaspar unter seine Schüler auf. Kaspar, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit alles beobachtend, was ihm und anderen Scholaren von dem Lehrer gezeigt und vorgemacht wurde, hatte sich schon in der ersten Stunde die Hauptregeln und Elemente der Reitkunst nicht bloß gemerkt, sondern auch nach den ersten Versuchen sogleich angeeignet; und in wenigen Tagen war er bereits so weit, daß Scholaren, junge und alte, die schon mehrere Monate lang Unterricht genossen hatten, in ihm ihren Meister erkennen mußten. Seine Haltung, sein Mut, die richtige Führung des Pferdes setzten jedermann in Erstaunen und er traute sich zu, was außer ihm und seinem Lehrer niemand zu unternehmen wagte. Als einst der Stallmeister auf der Reitbahn ein eigenwilliges türkisches Roß umhergetummelt hatte, schreckte ihn dieser Anblick so wenig, daß er dieses Pferd sich selbst zum Reiten ausbat. Diese Darstellung Feuerbachs über Hausers Reitkunst ist unzutreffend, wie die gerichtliche Aussage des Reitlehrers v. Rumpler zeigt. Vgl. dazu Daumer, nach dessen Notizen hier, wie auch an anderen Stellen, Feuerbach erzählt. Die behauptete Reitergeschicklichkeit Hausers war für den Berliner Polizeirat Merkel ein Hauptgrund, weshalb er Hauser für einen Betrüger hielt. An anderer Stelle wird hierüber noch mehreres auszuführen sein. Nachdem er sich einige Zeit lang geübt hatte, wurde ihm die Reitschule zu eng; er verlangte mit seinem Roß ins Freie, und hier bewies er dann nebst Geschicklichkeit eine so unermüdliche Ausdauer, Härte und Zähigkeit des Körpers, daß es ihm die Geübtesten hierin kaum gleich tun konnten. Am liebsten hatte er mutige und harttrabende Pferde. Er ritt oft viele Stunden lang ununterbrochen, ohne müde zu werden, ohne sich wund zu reiten oder nur in den Schenkeln oder im Gesäß Schmerzen zu empfinden. An einem Nachmittag ritt er, fast beständig in vollem Trab, von Nürnberg auf die sogenannte alte Veste und von da wieder zurück; und dieser Schwächling, der um dieselbe Zeit von einigen Gängen in der Stadt so müde geworden war, daß er sich um ein paar Stunden früher als gewöhnlich erschöpft zu Bett legen mußte, kam von jenem gewaltigen Ritt wieder so frisch und kräftig nach Haus, als wenn er im Schritt nur von einem Tor der Stadt zum andern geritten wäre. Er scherzte zuweilen über die Unempfindlichkeit seines Gesäßes, indem er sagte: »wäre alles an mir so gut, wie mein Hinterteil, so stünde es sehr gut mit mir.« Daß das vieljährige Sitzen auf hartem Boden an dieser Unempfindlichkeit seines Hinterteils den meisten Anteil habe, wie Professor Daumer vermutet, ist allerdings nicht unwahrscheinlich. Man könnte jedoch überdies aus der Pferdelust Hausers und seiner gleichsam instinktmäßigen Reitergeschicklichkeit den nicht ganz unhaltbaren Schluß ziehen: er möge von Geburt einer Reiternation angehören. Denn daß ursprünglich nur durch Kunst erworbene Fertigkeiten, mehrere Generationen hindurch fortgesetzt, zuletzt sich als habituelle Neigung und besonders ausgezeichnete Anlage fortpflanzen können, ist nicht unbekannt, wofür die Schwimmfertigkeit der Südsee-Insulaner, die Scharfsichtigkeit der Jägernationen Amerikas usw. als Beispiele dienen. Wenn ein gewisser feinriechender Polizeimann Herr Merker zu Beilin. (Fbch.) durch das auffallende Reitertalent Kaspars zu der Vermutung verleitet wurde, Kaspar sei vielleicht ein junger englischer Reiter, der seiner Bande entlaufen, um auf eigene Rechnung mit den gutmütigen Nürnbergern Komödie zu spielen, so wird nicht leicht jemand dem Erfinder die Ehre seiner Hypothese streitig machen wollen. Was nächst dem seltenen Reitertalent Hausers während seines Aufenthaltes bei Professor Daumer als Eigentümlichkeit sich besonders bemerklich machte, war die fast übernatürliche Beschaffenheit, Schärfe und Erhöhung aller seiner Sinne. Was das Sehen betrifft, so gab es für ihn keine Dämmerung, keine Nacht, keine Finsternis. Man wurde hierauf zuerst aufmerksam, als man bemerkte, daß er bei Nacht überall hin mit der größten Sicherheit vorwärts schreite und daß er, so oft er an einen dunklen Ort ging, das ihm angebotene Licht ausschlug. Mit Verwunderung oder Lachen sah er öfters den Leuten zu, die an dunkeln Orten, z. B. nachts beim Eintritt in das Haus und beim Treppensteigen, durch Tappen und Anhalten sich zu helfen suchten. Im Dämmerlicht sah er sogar bei weitem besser als am hellen Tage. So las er nach Untergang der Sonne auf der Straße eine Hausnummer, die er bei Tage wenigstens in solcher Ferne nicht würde erkannt haben, auf ungefähr 180 Schritte weit. Bei tiefer Dämmerung machte er einst seinen Lehrer auf eine Mücke aufmerksam, die in einem sehr entfernten Spinngewebe hing. In einer Entfernung von gewiß 60 Schritten unterschied er die Beeren der Trauben von den Holunderbeeren und diese von Schwarzbeeren. Bei völliger Nacht unterschied er nach sorgfältig mit ihm angestellten Versuchen die Farben, selbst verschiedene dunkle Farben, wie die blaue und grüne. Zu all den hier erzählten Dingen vgl. wieder Daumer und die dort angegebenen Parallelstellen. Wenn bei einbrechender Dämmerung ein gewöhnliches weitsichtiges Auge nur erst drei oder vier Sterne am Himmel sah, erkannte er bereits die Sterngruppen und wußte die einzelnen Sterne darin nach ihrer Größe und eigentümlichem Farbenspiel zu unterscheiden. Vom Nürnberger Schloßzwinger aus zählte er eine Reihe Fenster des Schlosses Marloffstein und von der Burg aus die Fensterreihe eines unterhalb der Festung Rothenberg liegenden Hauses. Sein Auge war ebenso scharf in der Nähe als weittragend in die Ferne. Bei Zergliederung von Blumen bemerkte er feine Unterschiede und zarte Teile, welche der Beobachtung anderer ganz entgangen waren. Fast nicht minder scharf und weitreichend war sein Gehör . In einer verhältnismäßig sehr großen Entfernung hörte er bei einem Spaziergange auf dem Feld die Tritte mehrerer Wanderer und unterschied diese Tritte nach ihrer Stärke. Einst hatte er Gelegenheit, die damalige Schärfe seines Gehörs mit dem noch feineren eines Blinden zu vergleichen, der jeden noch so leisen Tritt eines Barfüßigen bemerkte. Bei dieser Gelegenheit äußerte er: früher sei sein Gehör ebenso scharf gewesen, habe aber, seitdem er Fleisch zu essen angefangen, bedeutend abgenommen, so daß er nicht mehr durchs Gehör so fein unterscheiden könne wie dieser Blinde. Unter allen Sinnen war es der Geruch , der sich ihm am zudringlichsten und peinlichsten erwies und ihm vor allem andern das Leben auf dieser Welt zur Qual machte. Was für uns geruchlos ist, war es nicht für ihn; die feinsten, lieblichsten Gerüche der Blumen, z. B. der Rose, waren ihm Gestank oder affizierten schmerzlich seine Nerven. Was uns andern allenfalls bloß in der Nähe durch den Geruch sich ankündigt, roch er in der weitesten Ferne. Mit Ausnahme des Geruchs von Brot, Fenchel, Anis, Kümmel, an die er sich, wie er versichert, schon in seinem Gefängnis gewöhnt hatte – denn sein Brot war mit diesen Gewürzen bestreut –, waren alle Arten von Gerüchen ihm mehr oder weniger widerlich. Als er einst gefragt wurde, welcher Geruch ihm der angenehmste sei, antwortete er: »gar keiner.« Seine Spaziergänge oder Spazierritte, da sie ihn bald an Blumengärten, bald an Tabaksfeldern, bald an Nußbäumen oder anderen seinem Geruch empfindlichen Pflanzen vorbeiführten, wurden ihm dadurch oft gar sehr verleidet und er mußte dann seine Erholungen in freier Luft mit Kopfweh, Angstschweiß und Fieberanfällen bezahlen. Tabak, der auf dem Felde in der Blüte stand, roch er auf mehr als 59 Schritte; zum Trocknen aufgehängte Tabaksbündel, wie sie in den Dörfern um Nürnberg an den Häusern hängen, auf mehr als 100 Schritte. Äpfel-, Birn- und Zwetschenbäume konnte er schon am Geruch ihrer Blätter aus der Ferne von einander unterscheiden. Die verschiedenen Farbstoffe an den Wänden, Gerätschaften, Kleidern usw., die Pigmente, mit denen er seine Bilder illuminierte, Tinte, Bleistift, womit er schrieb, alles, was ihn umgab oder ihm nahte, hauchte ihm widerliche oder schmerzliche Gerüche entgegen. Wenn auf der Straße ein Schornsteinfeger mehrere Schritte vor ihm herging, wendete er vor dem Geruch desselben schaudernd sein Gesicht ab. Auf den Geruch eines alten Käses wurde ihm unwohl und er mußte sich erbrechen. Als er einst Essig roch, der einen starken Schritt von ihm entfernt stand, wirkte dessen Schärfe so sehr auf seine Geruchs- und Augennerven, daß ihm das Wasser aus den Augen trat. Wenn Wein in ziemlicher Entfernung von ihm auf dem Tische eingeschenkt stand, so klagte er über widrigen Geruch und über Hitze im Kopf. Mit einer geöffneten Champagnerflasche konnte man ihn zuverlässig vom Tische jagen oder krank machen. Was wir übelriechend nennen, schien ihn weit weniger unangenehm zu affizieren als unsere Wohlgerüche. So sagte er z. B., er wolle weit lieber Katzenkot riechen, weil er ihm weniger im Kopf weh tue als Pomade und weit lieber jede Art Kot als Kölnisches Wasser oder gewürzte Schokolade. Der Geruch von frischem Fleisch war ihm der schrecklichste von allen; sogar der Gestank von Katzenkot und der Geruch von Stockfischen war ihm erträglicher. Als Professor Daumer (im Herbst 1828) mit Kaspar dem Johanniskirchhofe bei Nürnberg nahe kam, wirkte der Totengeruch, von welchem Professor Daumer selbst nicht das mindeste spürte, so stark auf ihn, daß er sogleich zu frieren anfing und die Gebärden des Schauders machte. Der Frost ging bald nachher in Fieberhitze über, die zuletzt in einen heftigen Schweiß ausbrach, der sein Hemd durch und durch tränkte. Solche Hitze, sagte er später, habe er noch nie empfunden. Auf dem Rückweg in der Nähe des Stadttors wurde ihm wieder wohl; doch klagte er, daß es ihm vor seinen Augen dunkler geworden sei. Ähnliche Zufälle erlitt er, als er einmal (am 18. September 1828) lange neben einem Tabaksfelde herzugehen hatte. Auf die besondere Beschaffenheit des Gefühlvermögens Kaspars und dessen Empfänglichkeit besonders für Metallreize ward Professor Daumer zuerst aufmerksam, als jener sich noch auf dem Turm befand. Hier machte ihm einst ein Fremder ein Geschenk mit einem Spielpferdchen und einer kleinen Magnetstange, womit jenes, welches vorn mit Eisen beschlagen war, im Wasser schwimmend herumgezogen werden konnte. Als Kaspar den Magnet nach der Anweisung gebrauchen wollte, fühlte er sich von demselben sogleich auf das unangenehmste affiziert, verschloß dieses Spielzeug alsbald in das dazu gehörige Kästchen und holte es nie wieder aus demselben hervor, um es, wie er mit seinen anderen Spielsachen zu tun pflegte, den Besuchenden zu zeigen. Späterhin über den Beweggrund seines Benehmens befragt, äußerte er: jenes Pferdchen habe ihm einen Schmerz verursacht, den er durch den ganzen Leib in allen Gliedern gespürt habe. Nachdem er zu Professor Daumer gezogen war, hielt er das Kästchen mit dem Magnet in einem Koffer verwahrt, aus welchem es einmal beim Aufräumen seiner Sachen zufällig wieder zum Vorschein kam. Professor Daumer, der sich der früheren Erscheinung erinnerte, kam jetzt auf den Gedanken, mit dem Magnet des Pferdchens an Kaspar einen Versuch zu machen. Kaspar spürte sogleich die auffallendsten Wirkungen. Hielt Professor Daumer den Nordpol gegen ihn, so griff Kaspar in die Gegend der Herzgrube und zog seine Weste auswärts, indem er sagte, so ziehe es ihn, es gehe wie ein Luftzug von ihm aus. Der Südpol wirkte weniger stark auf ihn und er sagte von ihm, es wehe ihn an. Professor Daumer und Professor Herrmann machten hierauf verschiedentlich ähnliche Versuche mit ihm, welche zugleich darauf berechnet waren, ihn irre zu führen; doch immer sagten ihm jene Empfindungen ganz richtig, und zwar bei bedeutender Ferne des Magnets, wann der Südpol oder der Nordpol oder auch keiner von beiden ihm zugewendet war. Lange durften solche Versuche nicht fortgesetzt werden, weil ihm bald der Schweiß auf die Stirne trat und er sich unwohl fühlte. Über seine Empfindlichkeit gegen andere Metalle und seine Gabe, sie durch das bloße Gefühl zu unterscheiden, hat Professor Daumer sehr viele Tatsachen gesammelt, aus welchen ich jedoch nur einige heraushebe. Im Herbst 1828 kam er einst zufällig in ein mit Metall-, besonders Messingwaren angefülltes Gewölbe. Kaum war er eingetreten, so eilte er unter Äußerungen heftigen Schauders wieder auf die Straße hinaus, indem er sagte: da drinnen ziehe es ihn am ganzen Körper von allen Seiten. Ein ihn besuchender Fremder drückte ihm einmal ein kleines Goldstück ungefähr von der Größe und Dicke eines Kreuzers in die Hand, ohne daß Kaspar es ansehen konnte; dieser aber sagte sogleich, er fühle Gold in seiner Hand. Professor Daumer legte einst in Kaspars Abwesenheit einen goldenen Ring, einen Zirkel von Stahl und Messing nebst einer silbernen Reißfeder unter Papier, so daß es unmöglich war, zu bemerken, was darunter verborgen sei. Daumer befahl ihm, mit seinem Finger, jedoch ohne das Papier zu berühren, darüber hinzufahren; es geschah, und an der Verschiedenheit und Stärke des Zugs, den die Metalle gegen seine Fingerspitze ausübten, unterschied er richtig alle jene Gegenstände nach ihrem Stoff wie nach ihrer Form. Einst führte Professor Daumer, als gerade der Arzt Dr. Osterhausen und der Königliche Kronfiskal Brunner aus München zugegen waren, den Kaspar, um ihn auf die Probe zu stellen, zu einem mit einer Wachsdecke überzogenen Tisch, auf welchem ein Bogen Papier lag, und forderte ihn auf, zu sagen, ob kein Metall darunter liege. Er fuhr mit dem Finger in einiger Entfernung darüber hin und sagte dann: »da zieht es!« »Diesmal aber«, erwiderte Professor Daumer, »hast du dich denn doch getäuscht; denn siehe (indem er den Bogen Papier aufhob), es liegt nichts darunter.« Hauser zeigte sich anfangs betroffen, fühlte aber doch von neuem nach der Stelle hin, wo er den Zug gespürt haben wollte, und versicherte wiederholt, da fühle er einen Zug. Man hob nun die Wachsdecke auf, suchte genau nach und es kam eine Nadel zum Vorschein. Das Gefühl, welches ihm Mineralien erregten, bezeichnete er durch ein Ziehen, das ihn zugleich mit Kälte überlaufe, nach Verschiedenheit der Gegenstände in seinem Arm mehr oder weniger hoch aufsteige und auch sonst noch sich eigentümlich unterscheide. Dabei schwollen ihm sichtbar die Adern der Hand, die dem Metallreize ausgesetzt gewesen war. Gegen Ende Dezember 1828, wo die krankhafte Reizbarkeit seiner Nerven beinahe schon ganz gehoben war, verschwand auch allmählich seine Empfindlichkeit für Metallreize und verlor sich endlich ganz. Siehe die ausführlichen Berichte über Hausers Sensibilität bei Daumer. Nicht minder auffallend äußerte sich in ihm der tierische Magnetismus, für welchen er weit längere Zeit als für Metallreize Empfänglichkeit behielt. Da jedoch diese Erscheinungen an Kaspar im wesentlichen mit ähnlichen bekannten übereinstimmen, so ist es überflüssig, ins einzelne einzugehen, und es dürfte wohl nur zu bemerken sein, daß er die Empfindung des auf ihn einströmenden magnetischen Fluidums immer ein Anblasen nannte. Solche magnetische Empfindungen hatte er nicht bloß bei Menschen, wenn diese mit der Hand ihn berührten, die Fingerspitzen, selbst in einiger Entfernung gegen ihn ausstreckten usw., sondern auch bei Tieren. Wenn er ein Pferd anfaßte, ging es ihm, wie er sagte, kalt den Arm hinauf; setzte er sich darauf, so war ihm, als gehe ihm ein Luftzug durch den Leib. Diese Empfindungen vergingen ihm jedoch, sobald er sich mit seinem Pferd ein paarmal auf der Reitbahn herum getummelt hatte. Griff er eine Katze beim Schweif an, so überfiel ihn ein starker Kälteschauer und es war ihm, als habe er einen Schlag auf die Hand bekommen. Im März 1829 wurde er zum erstenmal in eine Hütte geführt, worin ausländische Tiere zu sehen waren, und nach seinem Wunsch auf den dritten Platz gestellt. Sogleich beim Eintritt empfand er ein Fieberfrösteln, das, als die gereizte Klapperschlange zu rasseln begann, viel stärker wurde und bald in Hitze mit vielem Schweiß überging. Der Blick der Schlange war dem Platze, wo er stand, nicht zugewendet. Er war sich übrigens dabei, wie er versicherte, weder des Schreckens noch der Furcht bewußt. Wir verlassen nunmehr die physische und physiologische Seite Kaspars, um in eine tiefere Region seines Wesens einige Blicke zu werfen, die, indem sie uns die Schärfe seines natürlichen Verstandes verraten, zugleich auf sein Lebensschicksal und auf die gänzliche Verwahrlosung, worin menschliche Verruchtheit ihn versenkt hatte, den bündigsten Schluß ziehen lassen. In seiner Seele voll kindlicher Güte und Milde, Auch andere Augenzeugen, wie Daumer, v. Tucher, Giehrl, Dr. Osterhausen, v. Rumpler usw. berichten von Hausers Güte und Seelenreinheit in seiner ersten Nürnberger Zeit. die ihn unfähig machte, einem Wurm oder einer Fliege, geschweige einem Menschen wehe zu tun, welche in jeder Beziehung so fleckenlos und rein sich erwies, wie der Abglanz des Ewigen in der Seele eines Engels, brachte er, wie schon früher bemerkt worden, keine Idee, keine Ahnung von Gott, keinen Schatten eines Glaubens an irgend ein höheres, unsichtbares Dasein aus seinem Kerker mit sich in die Welt des Lichts. Wie ein Tier aufgefüttert, selbst im Wachen schlafend, in der Wüste seines engen Kerkerraumes von nichts angeregt als von den gröbsten tierischen Bedürfnissen, mit nichts beschäftigt als mit seinem Futter und mit dem ewigen Einerlei seiner Rosse, war sein Seelenleben dem Leben der Auster zu vergleichen, die am Felsen klebend nichts empfindet als ihren Fraß, nichts vernimmt als den ewig einförmigen Schlag der Wellen, und, da im engen Raum ihres Gehäuses auch die beschränkteste Vorstellung von einer Welt außer ihr keinen Platz findet, noch weniger von demjenigen etwas zu ahnen vermag, was über der Erde und über allen Welten ist. So kam denn Kaspar freilich ohne Vorurteile, aber auch ohne allen Sinn für Unsichtbares, Unkörperliches, Ewiges auf die obere Welt, wo er, vom betäubenden Strudel der Außendinge erfaßt und umhergetrieben, mit den sichtbaren Wirklichkeiten schon allzuviel zu tun hatte, als daß auch noch das Bedürfnis zum Unsichtbaren in ihm so leicht hätte aufkommen können. Nichts hatte anfangs Wirklichkeit für ihn als was er sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken konnte; und sein erwachter, bald auch grübelnder Verstand ließ von allem dem nichts gelten, was nicht auf seinem sinnlichen Bewußtsein fußte, nicht in den Vereich seiner Sinne gestellt, in die Form eines ihm nahe liegenden groben Verstandesbegriffs gebracht werden konnte. Lange waren alle Bemühungen, auf gewöhnlichem Weg religiöse Vorstellungen in ihm zu erwecken, ganz fruchtlos. Gegen Professor Daumer beklagte er sich ganz naiv, daß er gar nicht wisse, was doch die Geistlichen mit allen den Dingen wollten, die er nicht begreifen könne. Um seinen plump materialistischen Vorstellungen etwas abzugewinnen, versuchte es Professor Daumer auf folgende Weise, ihn wenigstens vorläufig für die Denkbarkeit und Möglichkeit einer unsichtbaren Welt, besonders einer Gottheit, empfänglich zu machen. Daumer fragte ihn, ob er nicht Gedanken, Vorstellungen und einen Willen in sich habe und, als er es bejahte, ob er diese sehen, hören usw. könne? Da er mit »nein« antwortete, machte ihm sein Lehrer bemerklich: wie es folglich nach seinem eignen Bewußtsein Dinge gebe, die man nicht sehen noch sonst äußerlich wahrnehmen könne. Kaspar gestand dieses zu und war sehr erstaunt über die Entdeckung der unkörperlichen Natur seines inneren Wesens. Daumer fuhr fort: ein Wesen, das denken und wollen könne, heiße ein Geist, Gott sei nun ein solcher Geist und verhalte sich zu der Welt wie Kaspars eigenes Denken und Wollen zu seinem Körper; wie er (Kaspar) in seinem Körper durch unsichtbares Denken und Wollen sichtbare Veränderungen hervorbringen, z. B. seine Hände und Füße bewegen könne, so könne es auch Gott in der Welt; Er sei das Leben in allen Dingen, Er sei der in der ganzen Welt wirkende Geist. Professor Daumer befahl ihm jetzt, seinen Arm zu bewegen, und fragte ihn, ob er nicht zu gleicher Zeit auch den andern Arm aufheben und bewegen könne. Allerdings! »Nun denn«, fuhr Daumer fort, »so siehst du also daraus, daß dein unsichtbares Denken und Wollen, das ist dein Geist, zu gleicher Zeit in zweien deiner Glieder, also an zwei verschiedenen Orten zugleich sein und wirken kann. Dieses ist denn ebenso bei Gott, aber im großen, und nun wirst du ungefähr verstehen, was das heißt: Gott ist allgegenwärtig.« – Kaspar bezeigte große Freude, als ihm dieses klar geworden war, und äußerte zu seinem Lehrer, was er ihm da gesagt habe, sei doch etwas »Wirkliches«, während andere Leute nie etwas Rechtes ihm darüber gesagt hätten. Belehrungen, wie die oben bemerkten, hatten übrigens lange Zeit keine andere Folge, als daß Hauser gegen die Idee von Gott sich nicht mehr widerspenstig bezeigte und nun der Weg gefunden war, auf welchem man religiöse Vorstellungen seiner Seele nahe bringen könne. Der ihm eingeborene Pyrrho kam indessen bei vielen Gelegenheiten immer wieder von neuem in veränderter Gestalt und nach anderen Richtungen hin zum Vorschein. Einmal fragte er, ob er von Gott etwas Bestimmtes bitten dürfe und ob ihm das Gebetene auch gewährt werde, z. B. wenn er Gott bitte, ihm von seinem (damals eingetretenen) Augenübel zu helfen. Allerdings, war die Antwort, dürfe er bitten; nur müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob dieser es auch für gut finde, ihm seine Bitte zu gewähren. »Aber«, erwiderte er hierauf, »ich will ja meine Augen wieder haben, damit ich lernen und arbeiten kann, und das muß ja doch gut für mich sein; Gott kann also nichts dagegen haben.« Wurde er hierauf belehrt, Gott habe zuweilen seine unerforschlichen Gründe, uns auch das, was uns gut scheint, zu versagen, um uns z. B. durch Leiden zu prüfen, in Geduld zu üben usw., so gingen diese Lehren immer nur kalt an ihm vorüber und fanden keine Anerkennung. Seine Zweifel, Fragen und Einwendungen setzten nicht selten seinen Lehrer in nicht geringe Verlegenheit; z. B. als er einst, da von Gottes Allmacht die Rede war, die Frage stellte: ob denn Gott, der Allmächtige, auch die Zeit könne rückgängig machen, eine Frage, welche auf sein früheres Lebensschicksal eine ironische bittere Beziehung hatte und im Hintergrund die Frage versteckte, ob denn Gott seine Kindheit und Jugend, die er lebendig in einem Grabe verloren, ihm wieder zurückgeben könne. Aus diesem wenigen mag man schließen, wie es vollends mit der positiven Religion, mit der christlichen Dogmatik, mit dem Geheimnis der Versöhnungslehre und anderen dergleichen Lehren stand, worüber seine Äußerungen anzuführen ich mich gern enthalte. Vor zwei Ständen hatte Kaspar geraume Zeit einen nicht zu bezwingenden Abscheu, vor den Ärzten und den Geistlichen; vor den ersten wegen der abscheulichen Arzneien, die sie verschrieben und womit sie die Leute krank machten; vor den letzten, weil sie ihn ängstigten und durch unverständliches Zeug, wie er sich ausdrückte, verwirrten. Sah er einen Pfarrer, Vgl. hierzu Daumer und Fuhrmann. so geriet er in Schreck und Entsetzen. Fragte man ihn um die Ursache, so antwortete er: »weil mich diese Leute schon sehr gepeinigt haben. Einmal sind ihrer vier auf einmal zu mir auf den Turm gekommen und haben mir Dinge gesagt, die ich damals gar nicht verstanden habe, z. B. daß Gott alles aus nichts geschaffen. Wenn ich um Erläuterung bat, so schrien alle zusammen und jeder sagte etwas anderes. Als ich ihnen sagte, das alles verstehe ich jetzt noch nicht, ich müsse zuerst lesen und schreiben lernen, so antworteten sie mir: jene Dinge müsse man zuerst lernen. Auch sind sie nicht eher fortgegangen, bis ich ihnen das Verlangen zu erkennen gab, sie möchten mich doch endlich einmal in Ruhe lassen.« In Kirchen war es daher Kaspar ebenfalls gar nicht wohl zumute. Die Kruzifixe darin erregten ihm ein entsetzliches Schaudern, indem seine Vorstellung noch lange Zeit den Bildern unwillkürlich Leben verlieh. Das Singen der Gemeinde dünkte ihm ein widerliches Schreien. Zuerst, sagte er einmal nach einem Kirchenbesuche, schreien die Leute, und wenn diese aufhören, fängt der Pfarrer zu schreien an. VII. Kaspar Hausers Gesundheit hatte unter sorgfältiger Pflege der würdigen Daumerschen Familie bei zweckmäßiger Leibesbewegung und angemessener Beschäftigung bedeutend gewonnen. Er lernte fleißig, nahm zu an allerlei Kenntnissen, machte Fortschritte im Rechnen und Schreiben und brachte es im letzten bald so weit, daß er, ungefähr im Sommer 1829, es unternehmen konnte, dem Verlangen seiner Vorgesetzten entsprechend die Erinnerungen seines Lebens in einen schriftlichen Aufsatz zu bringen. Diesen ersten Versuch eigner Darstellung seiner Gedanken, Beispiele solcher frühester schriftlicher Ergüsse Hausers sind in den »Selbstzeugnissen« abgedruckt. so gewiß er nur als Urkunde seiner lange zurückgehaltenen Bildung und der Dürftigkeit und Ungelenkigkeit seines noch ganz kinderhaften Geistes gelten konnte, betrachtete gleichwohl er selbst mit den Augen eines jungen Autors, der sein erstes Federprodukt aus der Presse hervorgehen sieht. In seinem Schriftstellerkitzel wurde die sogenannte Lebensbeschreibung den ihn besuchenden Einheimischen und Fremden vorgezeigt, und bald erzählte man sogar in mehreren öffentlichen Blättern: – Kaspar Hauser arbeite an seiner Lebensbeschreibung. Sehr wahrscheinlich, daß gerade dieses Gerücht die Katastrophe herbeiführte, die bald nachher, im Oktober desselben Jahres (1829) seinem kurzen Leben ein tragisches Ende zu bereiten die Absicht hatte. Kaspar Hauser, wenn es erlaubt ist, hier Vermutungen einzuflechten, war dem- oder denjenigen, die ihn im Verborgenen verwahrten, endlich zur gefährlichen Last geworden. Das Kind, das man lange gefüttert hatte, war zum Knaben, endlich zum Jüngling herangewachsen. Er fing an, unruhig zu werden, es regten sich seine Kräfte, er machte schon zuweilen Lärm und mußte durch empfindliche Schläge, wovon er noch die frischen Spuren nach Nürnberg mitbrachte, zur Ruhe gebracht werden. Warum man sich seiner nicht auf anderem Weg entledigte, warum man ihn nicht tötete, warum man ihn überhaupt nicht schon als Kind aus der Welt geschafft, ob er nicht vielleicht seinem Wärter in mörderischer Absicht übergeben worden, dieser aber, entweder aus Mitleid oder um gewisse, dem auf die Seite geschafften Kind günstigere Zeiten abzuwarten, oder aus andern, leicht denkbaren Beweggründen das Kind auf eigene Gefahr beim Leben erhalten und aufgefüttert habe, bleibt der Vermutung eines jeden preisgegeben. Indessen – die Zeit war gekommen, oder vielmehr sie war nicht gekommen; der Verheimlichte konnte nicht länger verborgen gehalten werden, man mußte seiner auf irgendeine Weise los zu werden suchen und – schaffte ihn im Bettlergewand nach Nürnberg, wo er, wie man hoffte, als Vagabund oder Blödsinniger in irgendeiner öffentlichen Anstalt oder, wenn die ihm mitgegebene Empfehlung zum Reiterstand berücksichtigt wurde, als Soldat in einem Regiment verschwinden sollte. Gegen alle Erwartung traf keine dieser Berechnungen ein; der unbekannte Findling gewann sich menschliche Teilnahme, wurde Gegenstand öffentlicher allgemeiner Aufmerksamkeit; die Tagblätter füllten sich mit Nachrichten und Nachfragen über den rätselhaften jungen Mann; erst ein Adoptivkind Nürnbergs, wofür ihn der Magistrat dieser Stadt in seiner öffentlichen Bekanntmachung erklärt hatte, wird er endlich sogar das Kind – Europas. Man spricht aller Orten von Kaspars geistiger Entwicklung, man erzählt dem Publikum Wunder von seinen Fortschritten und – nun schreibt sogar dieser Halbmensch seine Lebensbeschreibung! Wer sein Leben beschreibt, muß von seinem Leben etwas zu erzählen wissen; es mußte daher denen, die alle Ursache hatten, in der Dunkelheit zu bleiben, welche sie um sich selbst und die zu ihnen führenden Spuren gezogen hatten, bei der Nachricht von einer Autobiographie Kaspars etwas eng um die Brust werden. Der Plan, den armen Kaspar in den Wellen der ihm fremden Welt lebendig zu begraben, war vereitelt; und nun erst wurde, wie die geheimen Verbrecher glauben mochten, Kaspars Ermordung für sie eine Art von Notwehr. Kaspar pflegte vormittags von 11–12 Uhr außer dem Hause eine Rechnungsstunde zu besuchen. Aber am Sonnabend den 17. Oktober blieb derselbe, weil er sich unwohl fühlte, auf Geheiß seines Erziehers zu Hause. Professor Daumer machte um diese Zeit einen Spaziergang und außer Kaspar, den man auf seinem Zimmer wußte, blieb niemand in der Daumerschen Wohnung zurück, als Daumers Frau Mutter und dessen Schwester, die um diese Zeit mit Reinigen des Hauses beschäftigt war. Das Haus, in welchem Kaspar bei Daumer wohnte, liegt in einem entfernten, wenig besuchten Teil der Stadt, auf einem außerordentlich großen, kaum übersehbaren öden Platz. Auf der Pegnitzinsel Schutt. Das Haus, nach alter Nürnberger Bauart äußerst unregelmäßig gebaut, voll Ecken und Winkel, besteht aus einem Vordergebäude, welches der Hausherr bewohnte, und einem Hintergebäude, in welchem die Daumersche Familie ihre Wohnung hatte. Eine eigene Haustür führt über einen, den Hofraum von zwei Seiten einschließenden Gang zur Treppe des Daumerschen Quartiers, und auf jenem Gang ist nebst einem Holzstall, Geflügelraum und anderen ähnlichen Behältnissen dicht unter einer Wendeltreppe in einem Winkel ein sehr niedriger, schmaler, enger Abtritt. Der ohnehin kleine Raum, in welchem sich der Abtritt befindet, war durch eine davor stehende spanische Wand noch mehr verengt. So oft Kaspar dieses heimliche Gemach besuchen wollte, legte er nach seiner Gewohnheit aus Reinlichkeitsliebe immer erst Rock und Weste auf seinem Zimmer ab und ging so, bis auf die Hosen entkleidet, im bloßen Hemd mit nacktem Hals auf jenes Gemach. Noch ist zu bemerken, daß, wer auf dem eben bezeichneten Gang zu ebener Erde allenfalls in der Nähe der Holzkammer sich befindet, sehr gut beobachten kann, wer von der Treppe herabkommt und auf den Abtritt geht. Als gegen 12 Uhr des oben bemerkten Tages die Schwester des Professor Daumer, Katharina, mit Fegen der Wohnung beschäftigt war, wurde sie auf der Treppe, die von dem ersten Stockwerk nach dem Hof führt, mehrere Blutflecken und blutige Fußspuren gewahr, die sie sogleich aufwischte, ohne sich dabei etwas besonders Arges zu denken. Sie meinte, Kaspar möge auf der Treppe aus der Nase geblutet haben, und ging auf dessen Zimmer, um ihn darüber zur Rede zu stellen. Sie fand Kaspar nicht, wohl aber bemerkte sie in dessen Stube nahe an der Tür ebenfalls ein paar blutige Fußtritte. Nachdem sie wieder die Treppe herabgegangen war, um auch den oben bezeichneten Gang im Hofe zu fegen, fielen ihr abermals einzelne Blutspuren auf dem Steinpflaster dieses Ganges in die Augen. Sie kam bis zum Abtritt, und hier lag ein ganzer dicker Haufen gestockten Bluts, das sie der eben herbeikommenden Tochter des Hausherrn zeigte, welche meinte: es sei dieses Blut von einer Katze, welche hier ihre Jungen geworfen habe. Daumers Schwester, welche dieses Blut sogleich hinwegschwemmte, war nun umsomehr in der Meinung bestärkt. Hauser habe die Unreinlichkeit auf der Treppe gemacht; er müsse in diese Blutlache getreten sein und beim Hinaufgehen seine Füße nicht zuvor gereinigt haben. Es war bereits 12 Uhr vorüber, der Tisch war gedeckt, und Kaspar, der sonst immer um diese Stunde pünktlich zum Essen kam, blieb diesmal aus. Die Mutter des Professor Daumer ging daher aus ihrem Zimmer herab, um Kaspar zu rufen, fand ihn aber auf seiner Stube ebensowenig als zuvor ihre Tochter. Frau Daumer sah an der Wand seinen Rock hängen und auf dem Klavier seine Chemisette, Halsbinde und Weste. Sie schloß hieraus für gewiß, Kaspar müsse auf dem heimlichen Gemach sich befinden, ging herab, ihn hier zu suchen, fand ihn auch hier nicht und wollte sich wieder hinauf in ihr Zimmer begeben, als ihr eine Nässe auf der Kellertür auffiel, die ihr wie Blut vorkam. Schlimmes ahnend hob sie die Kellertür auf, bemerkte auf allen Kellerstufen teils Blutstropfen, teils größere Blutflecken, stieg nun bis zur untersten Stufe hinab und sah von hier aus in dem von Wasser angefüllten Keller in einem Winkel etwas Weißes aus der Ferne schimmern. Frau Daumer eilte zurück und forderte die Magd des Hausherrn auf, mit einem Licht in den Keller zu gehen, um nachzusehen, was darin Weißes liege. Kaum hatte diese auf den bezeichneten Gegenstand hingeleuchtet, so rief sie: »da liegt der Kaspar tot!« – Die Magd und der Sohn des Hausherrn, der indessen ebenfalls herbeigekommen war, hoben nun Kaspar, der kein Lebenszeichen von sich gab, und dessen totenbleiches Gesicht mit Blut bedeckt war, vom Boden auf und trugen ihn aus dem Keller. Oben angekommen gab er durch ein gewaltiges Stöhnen das erste Lebenszeichen; dann rief er mit dumpfer Stimme: »Mann, Mann!« Er wurde sogleich in das Bett gebracht, wo er mit geschlossenen Augen von Zeit zu Zeit folgende abgebrochene Worte und Sätze bald schrie, bald vor sich hin murmelte: »Mutter! – Professor erzählen – Abtritt – Mann schlagen – schwarzer Mann, wie Kuchen Bezieht sich auf einen Fall, wo Kaspar von dem Kaminkehrer, der in der Küche fegte, sehr erschreckt worden war. (Fbch.) – Mutter sagen – nit funden – mein Zimmer – in den Keller verstecken.« Es überfiel ihn hierauf ein gewaltiger Fieberfrost, der bald in heftigere Paroxysmen, endlich in völlige Tobsucht überging, in welcher einige starke Männer Mühe hatten, ihn zu halten. In seinen Wutkrämpfen biß er von einer Porzellantasse, worin man ihm ein warmes Getränk beizubringen suchte, ein ganzes Stück heraus und schluckte es mit dem Getränk in sich hinein. Beinahe achtundvierzig Stunden befand er sich im Zustand vollkommener Geistesabwesenheit. In seinen Delirien während der Nacht sprach er von Zeit zu Zeit folgende abgebrochene Sätze vor sich hin: »Herrn Bürgermeister sagen – Nicht einsperren! – Mann weg! – Mann kommt! – Glocke weg! – Ich nach Fürth herunterreiten. – Nicht nach Erlangen in Wallfisch. – Nicht umbringen, nicht Mund zuhalten, nicht sterben! – Meine Notdurft verrichten; nicht umbringen! – Hauser wo gewesen; nicht nach Fürth heute; nicht mehr fort; schon Kopfweh. – Nicht nach Erlangen in Wallfisch! – Der Mann mich umbringen! Weg! nicht umbringen! Ich alle Menschen lieb; niemand nichts tan. – Frau Bürgermeisterin helfen! – Mann Dich auch lieb, nicht umbringen! – Warum Mann mich umbringen? ich auch gern lebe. – Warum Du mich umbringen? ich Dir niemals was tan. – Mich nicht umbringen! ich doch bitten, daß Du nicht eingesperrt wirst. – Hast mich niemals herausgetan aus meinem Gefängnis, Du mich gar umbringen! – Du mich zuerst umgebracht, ehe ich verstanden, was Leben ist. – Du mußt sagen, warum mich eingesperrt hast gehabt« usw. Die meisten dieser Sätze wiederholte er sehr oft unordentlich durcheinander. Die von dem Untersuchungsgericht – dem die Polizeibehörde endlich jetzt die Behandlung der Hauserschen Angelegenheit überlassen hatte – unter Zuziehung des Stadtgerichtsphysikus Dr. Preu am 20. Oktober vorgenommene Besichtigung Hausers gewährte folgendes Ergebnis: Man fand die Stirn des im Bette liegenden Hauser in der Mitte durch eine scharfe Wunde verletzt, über deren Größe und Beschaffenheit der Gerichtsarzt nachstehendes Visum et repertum zu Protokoll gab: »Die Wunde befindet sich auf der Stirne, 10 ½ Linien über der Nasenwurzel quer auslaufend, in der Art, daß zwei Drittel derselben auf der rechten Stirnhälfte sich befinden, das letzte Drittel auf der linken. Die ganze Länge der in gerader Linie hinlaufenden Wunde beträgt 19 ½ Linien. Gegenwärtig (20. Oktober) sind beide Wundränder miteinander vereinigt und lassen kaum noch einen Zwischenraum von ¼ Linie bemerken. Doch ist dieser am linken Ende etwas breiter als im ganzen Verlauf der Wunde; daher angenommen werden muß, daß sie hier am tiefsten eingedrungen.« – »Was die Entstehung der eben beschriebenen Wunde betrifft, so ist solche unverkennbar mit einem sehr schneidenden Instrumente mittelst Hieb oder Stoß (?) dem Hauser beigebracht worden. Die scharfen Ränder der Wunde sprechen für die scharfe Schneide des Instrumentes; das gleiche Auslaufen der Wunde bezeichnet deren Entstehung durch Hieb oder Stoß (?), weil, wenn die Wunde rein geschnitten worden wäre, Anfang und Ende seichter und schmäler, die Mitte aber tiefer und eben darum klaffender erscheinen müßte. Am wahrscheinlichsten ist aber ihre Entstehung mittelst Hiebs, weil beim Stoß mehr Quetschung der zunächst anliegenden Teile bemerkt worden wäre« usw. Die Wunde war, wie der Arzt erklärte, an und für sich unbedeutend und hätte an jeder anderen Person leicht in sechs Tagen geheilt werden können. Allein bei Kaspars höchst reizbarem Nervensystem war er erst nach zweiundzwanzig Tagen von den Folgen der Verwundung genesen. Kaspar erzählt das Ereignis im wesentlichen wie folgt: »Am 17. hatte ich die Rechnungsstunde, die ich täglich bei Herrn E. von 11 – 12 Uhr zu besuchen pflegte, aussetzen müssen. Ich hatte nämlich eine Stunde zuvor, als ich Herrn Dr. Preu besucht hatte, von diesem eine welsche Nuß erhalten und fühlte mich darauf, obgleich ich kaum den vierten Teil davon genossen hatte, höchst unwohl. Herr Professor Daumer, den ich hiervon in Kenntnis gesetzt hatte, befahl mir, diesmal meine gewöhnliche Stunde nicht zu besuchen, sondern zu Haus zu bleiben. Herr Professor Daumer ging aus; ich verfügte mich auf meine Stube. Ich wollte mich mit Schreiben etwas beschäftigen; aber Leibschmerzen verhinderten mich daran und ein natürliches Bedürfnis nötigte mich, auf den Abtritt zu gehen. Wegen Leibreißens mußte ich mich länger als eine halbe Viertelstunde auf dem Abtritt aufhalten, wo ich zuletzt von der unteren Holzkammer her ein Geräusch vernahm, demjenigen ähnlich, welches mit der Eröffnung dieser Tür gewöhnlich verbunden und mir wohl bekannt ist. Auch nahm ich vom Abtritt aus einen leisen Ton der Haustürglocke wahr, welcher mir jedoch nicht vom Anschellen, sondern von unmittelbarer Berührung der Glocke selbst herzurühren schien. Gleich nachher hörte ich leise Fußtritte vom untern Gang her und zugleich sah ich durch den Raum zwischen der vor dem Abtritt befindlichen Tapete (spanischen Wand) und der Stiege selbst, daß eine Mannsperson auf dem Gang daherschlich. Ich bemerkte den ganz schwarzen Kopf der Mannsperson und meinte, es sei der Schlotfeger. Ich verweilte noch einen Augenblick auf dem Abtritt, um vom Schlotfeger nicht gerade im Aufstehen bemerkt zu werden. Als ich aber hierauf mich vom Sitze des Abtritts aufrichtete (und meinen Kopf, während ich meine Beinkleider wieder aufziehen wollte, aus dem engen Abtritt etwas hervorstreckte), stand plötzlich der schwarze Mann vor mir und gab mir einen Schlag auf den Kopf, infolgedessen ich sogleich mit dem ganzen Körper auf den Boden vor dem Abtritt niederfiel. (Nun folgt die Beschreibung des Mannes, welche nicht wohl mitteilbar ist.) Vom Gesicht und von den Haaren dieses Mannes konnte ich gar nichts wahrnehmen, denn er war verschleiert und zwar, wie ich glaube, mit einem über den ganzen Kopf gezogenen schwarzen seidenen Tuche . »Nachdem ich geraume Zeit bewußtlos gelegen sein muß, kam ich endlich wieder zu mir, spürte etwas Warmes mir über das Gesicht laufen und griff nach der Stirne mit beiden Händen, die hierauf blutig wurden. »Erschreckt hierüber wollte ich zur Mutter hinauff, So nennt er immer seine Pflegemutter, die Mutter des Professor Daumer. (Fbch.) kam aber in der Verwirrung und Angst (denn ich fürchtete immer, der Mann, der mich geschlagen, sei noch im Haus und werde zum zweitenmal über mich kommen) statt zur Tür der Mutter an den Kleiderschrank Jeder Schritt und Tritt Kaspars in der folgenden Erzählung wurde durch Blutspuren nachgewiesen. (Fbch.) vor meiner Stube. Hier verging mir das Gesicht und ich suchte mich durch Anhalten mit der Hand am Schranke aufrecht zu erhalten. Die Blutspuren am Schranke waren noch einige Tage zu sehen. (Fbch.) Als ich mich erholt hatte, wollte ich abermals zur Mutter hinauf, kam aber, in weiterer Verwirrung, statt die Treppe hinauf, die Treppe herab und befand mich zu meinem Entsetzen wieder unten im Gang. Als ich die Kellertür erblickte, gab mir die Angst den Gedanken ein, mich im Keller zu verstecken. Die Falltür des Kellers war zu. Wie ich die Kraft erlangt habe, die schwere Falltür aufzuheben, ist mir bis zur Stunde unbegreiflich. Gleichwohl tat ich es und schlüpfte in den Keller hinein. Die Wirkungen des Schreckens und der Angst, wie treffend, wahr und naturgemäß erzählt! – Daß Kaspar nicht durch die schon offene Kellertür in den Keller sich verkrochen, daß er selbst zuvor diese Kellertür aufheben mußte und wirklich aufgehoben hat, ist eine nicht zu bezweifelnde Tatsache; ebenso gewiß ist es aber auch, daß dem Schwächling Kaspar die herkulische Arbeit des Aufhebens der Kellertür zu jeder andern Zeit, unter andern Voraussetzungen, ganz ungewöhnlich gewesen sein würde. (Meyer meint dazu (Dr. M. S. 217 Anm.): »Der etwa 18jährige, wohlentwickelte, sogar der Reitkunst obliegende Hauser hatte gewiß doch auch unter gewöhnlichen Umständen die Kraft, eine Kellertür zu öffnen, die auch die Frauen des Hauses wohl täglich emporhoben.«) (Fbch.) »Durch das im Keller befindliche kalte Wasser, in das ich hinein mußte, kam ich zu besserem Bewußtsein; ich bemerkte einen trockenen Fleck auf dem Boden des Kellers und ließ mich daselbst nieder. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich 12 Uhr läuten hörte, da dachte ich bei mir: nun bist du hier so ganz verlassen, es wird dich hier niemand finden und du wirst hier umkommen. – Dieser Gedanke füllte meine Augen mit Tränen, bis mich Erbrechen überfiel und ich hierauf das Bewußtsein verlor. Als ich mein Bewußtsein wieder erlangt hatte, fand ich mich in meiner Stube auf dem Bette und die Mutter neben mir.« Mit dieser Erzählung des Mordversuches sind die Angaben Daumers sowie die Aussagen Hausers (letztere in dem Abschnitt »Selbstzeugnisse« abgedruckt), zu vergleichen. Dort findet sich auch der Abdruck der Äußerungen, die Hauser im Fieber gemacht hat. Was die Art der Verwundung betrifft, so vermag ich (der Verfasser dieses) der Meinung des Gerichtsarztes nicht beizupflichten. Ich habe mehrere, jedoch zu öffentlicher Mitteilung nicht wohl geeignete Gründe, zu glauben, daß die Wunde Hausers weder durch Hieb noch durch Stoß, weder mit einem Säbel noch mit einem Beil noch mit einem Meißel, noch mit einem gewöhnlichen, zum Schneiden bestimmten Messer, sondern mit einem anderen scharf schneidenden, bekannten Werkzeuge zugefügt worden und daß es bei dieser Verwundung nicht auf die Stirne, sondern auf den Hals abgesehen gewesen, welcher aber, weil Kaspar bei Erblickung des Mannes und der nach seinem Hals sich plötzlich ausstreckenden bewehrten Faust instinktmäßig mit dem Kopf sich bückte, vom Kinn bedeckt, den Streich von sich hinweg zur Stirn hinauf leitete. Der Täter konnte, da Kaspar sogleich blutend zusammenstürzte, sein Werk für gelungen halten und durfte auch, da er vermöge der Beschaffenheit des Orts jeden Augenblick befürchten mußte, von irgend jemand betroffen zu werden, nicht länger bei seinem Opfer verweilen, um nachzusehen, ob alles recht gelungen sei und, falls es nicht gelungen wäre, das Unvollendete zu vollbringen. So kam Kaspar mit seiner Stirnwunde davon. Auch an diese Meinung Feuerbachs knüpfen sich mancherlei Kontroversen. Hausers Zeichnung des Hackmessers Bald ergaben sich auch mehrere Spuren des Täters nachweisende Anzeigungen. Die Protokolle über diese Aussagen in den »Hauserakten«. Dahin gehört z. B., daß an demselben Tag, in derselben Stunde, wo die Tat geschehen, der von Kaspar beschriebene Mann gesehen worden ist, wie er aus dem Daumerschen Hause sich wieder entfernte; daß um dieselbe Zeit dieselbe von Kaspar beschriebene wohlgekleidete Person gesehen worden ist, wie sie nicht sehr weit vom Daumerschen Hause in den auf der Straße stehenden Wasserkufen sich die (wahrscheinlich blutigen) Hände gewaschen hat; daß ungefähr 4 Tage nach der Tat ein eleganter Herr, welcher Kleider trug, wie der von Hauser beschriebene schwarze Mann, sich vor den Toren der Stadt zu einer gemeinen eben nach der Stadt gehenden Frau gesellt, sich bei dieser angelegentlich nach dem Leben oder Tod des verwundeten Hausers erkundigt hat, dann mit dieser Frau bis unter das Tor gegangen ist, wo ein die Verwundung Hausers betreffender magistratischer Anschlag zu lesen war und, nachdem er ihn gelesen, ohne die Stadt zu betreten, sich auf höchst verdächtige Weise wieder entfernt hat usw. Wenn nun aber die Neu- oder Wißbegier des Lesers noch mehr von mir zu vernehmen wünscht, wenn er mich nach den Ergebnissen der gepflogenen gerichtlichen Untersuchung fragt, wenn er gern wissen möchte, nach welchen Richtungen hin jene Spuren geführt haben, an welchen Orten die Wünschelrute wirklich angeschlagen hat und was dann weiter geschehen und erfolgt sei, so bin ich im Falle antworten zu müssen, daß, nach den Gesetzen wie nach der Natur der Sache ich dem Schriftsteller nicht erlauben darf, öffentlich von Dingen zu reden, welche vorderhand nur noch dem Staatsbeamten zu wissen oder zu vermuten erlaubt sind. Übrigens darf ich die Versicherung aussprechen, daß die forschende Justiz unter Anwendung aller ihr zu Gebote stehenden Mittel, selbst der außergewöhnlichsten, ihre Pflichten ebenso rastlos als rücksichtslos zu erfüllen, nicht ohne allen Erfolg bemüht gewesen ist. Allein dem Arme der bürgerlichen Gerechtigkeit sind nicht alle Fernen noch alle Höhen und Tiefen erreichbar, und bezüglich mancher Orte, hinter welchen sie den Riesen eines solchen Verbrechens zu suchen Gründe hat, müßte sie, um bis zu ihm vorzudringen, über Josuas Schlachthörner oder wenigstens über Oberons Horn gebieten können, um die mit Flegeln bewehrten hochgewaltigen Kolosse, die vor goldenen Burgtoren Wache stehen und so hageldicht dreschen, daß zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein Lichtstrahl drängen mag – für einige Zeit in ohnmächtige Ruhe zu bannen. Wiederum eine Anspielung auf Feuerbachs Ansicht von Hausers Abstammung aus dem badischen Fürstenhause. Doch, was verübt die schwarze Mitternacht, Wird endlich, wenn es tagt, ans Sonnenlicht gebracht. VIII. Träte Kaspar, welcher jetzt zu den gesitteten Menschen von Lebensart gerechnet werden darf, unerkannt in eine gemischte Gesellschaft, so würde er bald jedermann als eine befremdende Erscheinung auffallen. Sein Gesicht, in welchem die weichen Züge eines Kindes mit den eckigen Formen des Mannes und einigen leicht gezogenen Furchen vorzeitigen Alters, herzgewinnende Freundlichkeit mit bedächtigem Ernst und einem leichten Anflug von Melancholie sich vermischen; Das (diesem Werk beigegebene) nach dem Originalgemälde des Herrn Kreul verfertigte Bildnis ist zwar sprechend ähnlich, zeigt aber nur den heiteren, freundlich lächelnden Kaspar. Seit Verfertigung dieses Bildnisses hat er sich merklich verändert. Sorgen, Gram und Verdruß haben die spärlichen Überreste verkümmerter Jugendblüte fast gänzlich abgestreift. Auf seiner Stirn und um die Augen bilden sich Furchen, seine Backen werden hängend, die Gesichtsfarbe spielt ins Fahle. Er ist ein im Finstern gezogenes Gewächs, das zu spät ins Sonnenlicht gebracht, nur auf kurze Zeit die Knospen einer Blüte zeigt und bald verwelkt. (Fbch.) seine Naivität, zutrauliche Offenheit und oft mehr als kindische Unerfahrenheit, verbunden mit einer gewissen Art von Altklugheit und vornehmer, doch ungezwungener Gravität im Reden und Benehmen; dann die Schwerfälligkeit seiner zuweilen nach Worten suchenden, oft fremdklingenden harten Sprache, bei der Steifheit seiner Haltung und der Ungelenkigkeit seiner Bewegungen, – lassen ihn jedem beobachtungsfähigen Auge als ein Gemisch von Kind, Jüngling und Mann erscheinen, ohne daß man sobald mit sich einig werden könnte, welcher Altersstufe dieser einnehmende Mischling wirklich angehöre. In seinem Geist regte sich nichts von Genialität, nicht einmal von irgend einem ausgezeichneten Talent; Außer zum Reiten, das er noch immer leidenschaftlich liebt. An Gewandtheit und Eleganz im Reiten wie im Aufsitzen und Absitzen kann er es wohl mit dem geschicktesten Stallmeister aufnehmen. Mehreren unserer ausgezeichnetsten Offiziere ist Kaspar in dieser Beziehung ein Gegenstand der Verwunderung. (Fbch.) was er lernt, verdankt er beharrlichem, hartnäckigem Fleiß. Auch jener wildlodernde Feuereifer, womit er anfangs die Pforten alles Wissens sprengen zu wollen schien, ist längst gedämpft, beinahe erloschen. In allem, was er unternimmt, bleibt er entweder beim Anfang oder bei der Mittelmäßigkeit stehen. Ohne ein Fünkchen Phantasie, unfähig, irgend einen Witz zu machen oder nur eine bildliche Redensart zu verstehen, ist er von trocknem, aber kerngesundem Menschenverstand und, bezüglich aller Dinge, die zunächst seine Person betreffen oder innerhalb des engbegrenzten Kreises seiner dürftigen Kenntnisse und Erfahrungen liegen, von so richtig treffendem Urteil und Scharfsinn, daß er damit manchen gelehrten Schulfuchs beschämen oder in Verlegenheit bringen könnte. An Verstand ein Mann, an Einsichten ein kleiner Knabe, in manchem noch weniger als ein Kind, zeigt sein Reden und Benehmen oft eine seltsam kontrastierende Mischung von Männlichkeit und kindischem Wesen. Mit ernsthafter Miene und im Tone großer Wichtigkeit tut er nicht selten Äußerungen, die bei jedem andern desselben Alters dumm oder läppisch heißen würden, aus seinem Mund aber immer ein wehmütig mitleidiges Lächeln sich erzwingen. Ganz possierlich nimmt es sich besonders aus, wenn er von seinen künftigen Lebensplänen spricht, von der Art, wie er, wenn er einmal etwas Rechtes gelernt und Geld verdient habe, sich einrichten und mit seiner Frau, die er als einen notwendigen Hausrat betrachtet, es halten wolle. Unter einer Ehefrau weiß er sich nichts anderes zu denken, als eine Haushälterin oder Obermagd, die man so lange behält, als sie taugt, und wieder fortschickt, wenn sie öfters die Suppe versalzen, die Hemden nicht ordentlich geflickt, die Kleider nicht gehörig rein gebürstet hat usw. Mild, sanft, ohne lasterhafte Neigungen, ohne Leidenschaften und Affekte, gleicht sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemüt einem spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Unfähig, einem Tier wehe zu tun, mitleidig gegen den Wurm, den er zu zertreten fürchtet, dabei furchtsam bis zur Feigheit, Besonders seit dem an ihm verübten Mordversuch. (Fbch.) wird er gleichwohl rücksichtslos, sogar schonungslos nach seinem Sinne handeln, sobald es gilt, einmal gefaßte, für Recht erkannte Vorsätze zu behaupten und durchzusetzen. Fühlt er sich in seiner Lage bedrückt, so wird er lange duldend schweigen, dem Beschwerlichen auszubeugen oder dieses durch milde Vorstellungen zu ändern suchen, endlich aber, wenn nichts helfen will, sobald dazu die Gelegenheit sich bietet, die hemmenden Bande ganz gelassen abstreifen, ohne demjenigen, der ihm damit wehe getan, dafür nachzuzürnen. Er ist gehorsam, willig, nachgebend; aber wer ihm mit Unrecht etwas schuld gibt oder als wahr behauptet, was er für unwahr hält, erwarte nicht, daß er aus bloßer Gefälligkeit oder andern Rücksichten in das Unrecht oder in die Unwahrheit sich bequeme; er wird bescheiden, doch immer fest bei seinem Recht stehen bleiben und allenfalls, wenn der andere hartnäckig gegen ihn das Feld behaupten will, schweigend davongehen. Als reifer Jüngling, der seine Kindheit und Jugend verschlafen, zu alt, um noch als Kind, zu kindisch-unwissend, um als Jüngling zu gelten; ohne Altersgenossen, ohne Vaterland, ohne Eltern und Verwandte; gleichsam das einzige Geschöpf seiner Gattung: erinnert ihn jeder Augenblick an seine Einsamkeit mitten im Gewühl der ihn umdrängenden Welt, an seine Ohnmacht, Schwäche und Unbehilflichkeit gegen die Macht der über sein Schicksal gebietenden Umstände, vor allem an die Abhängigkeit seiner Person von der Gunst oder Ungunst der Menschen. Daher seine ihm gleichsam zur Notwehr abgedrungene Fertigkeit in Beobachtung der Menschen, sein umsichtiger Scharfblick, womit er schnell ihre Eigentümlichkeiten und Schwächen auffaßt, die Klugheit – von Übelwollenden Schlauheit oder Pfiffigkeit genannt – womit er sich diejenigen, die ihm wohl oder wehe tun können, zu bequemen, Anstößen auszubeugen, sich gefällig zu erweisen, seine Wünsche geschickt anzubringen, den guten Willen seiner Gönner und Freunde sich dienstbar zu machen weiß. Kinderstreiche, Mutwille, Possen sind ebensowenig von ihm zu erzählen, als Beispiele von Bosheit und Tücke; für die ersten ist er zu ernsthaft und kalt-verständig, für die letzten zu gutmütig und bis zur Pedanterie rechtlich. Interessant ist vor allem ein Vergleich dieser Schilderung Feuerbachs, die sich doch auch zum Teil auf Hausers Ansbacher Zeit bezieht, mit der des Lehrers Meyer. Einer der größten Mißgriffe in der Erziehung und Bildung dieses Menschen war unstreitig, daß man, statt ihm eine seiner Eigentümlichkeit angemessene gemein menschliche Bildung zu geben, ihn seit einigen Jahren auf das Gymnasium schickte und ihn noch obendrein sogleich in einer höheren Klasse den Anfang machen ließ. Aus welcher Lage er jedoch, während ich dieses Werkchen schrieb, durch die Großmut des edlen Grafen Stanhope , der ihn als seinen Pflegsohn förmlich angenommen, endlich erlöst worden ist. Er lebt jetzt zu Ansbach, wo er einem tüchtigen Schullehrer übergeben wurde, in dessen häuslicher Pflege er sich zugleich befindet. Später wird er seinem geliebten Pflegvater unter sicherer Begleitung nach England folgen. [Aus dieser Anmerkung, sowie aus der gefühlvollen Widmung seines Werkes an den Grafen Stanhope ersieht man (was auch aus anderen Belegen hervorgeht), wie sehr damals der englische Lord für Hauser eingenommen war, bezw. wie sehr für Hauser eingenommen er Feuerbach erschien.] (Fbch.) Dieser arme, verwahrloste Jüngling, der erst seit kurzem den ersten Blick in die Welt getan und noch nachzuholen hatte, was unsere Kinder schon an der Mutterbrust, im Schoße ihrer Wärterinnen lernen, mußte auf einmal mit der lateinischen Grammatik, mit lateinischen Exerzitien, mit Cornelius Nepos und endlich gar mit Caesar de bello Gallico seinen Kopf zermartern. In lateinische Schulschrauben eingezwängt erlitt nunmehr sein Geist gleichsam seine zweite Gefangenschaft. Wie früher die Kerkermauern, sperrten ihn jetzt die bestaubten Wände der Schulstube von der Natur und dem Leben aus; statt nützlicher Dinge gab man ihm Worte und Phrasen, deren Sinn und Beziehung er nicht zu begreifen fähig war, und verlängerte so auf das widernatürlichste von neuem seine Kindheit. Während er an dürrem Schulkram seine Zeit und seine ohnehin geringen Kräfte vergeuden mußte, darbte er fortwährend an der notdürftigsten Kenntnis von Dingen, die seine Seele nähren und erfreuen, seinem wunden Gemüt einigen Ersatz für die verlorene Jugend gewähren und ihm zur Grundlage für irgend einen künftigen Beruf dienen konnten. »Ich weiß gar nicht,« sagte er öfters in Unmut und halber Verzweiflung, »wozu ich alle die lateinischen Sachen brauchen soll, da ich doch kein Pfarrer werden kann und kein Pfarrer werden mag.« Als ihm einst hierauf ein Pedant erwiderte: »das Erlernen der lateinischen Sprache sei ihm der deutschen Sprache wegen unentbehrlich; um gründlich Deutsch zu lernen, müsse man gründlich Latein gelernt haben,« erwiderte sein gesunder Menschenverstand, »ob denn auch die Römer Deutsch hatten lernen müssen, um gründlich lateinisch sprechen und schreiben zu können?« Wie das Latein zu Kaspar, Kaspar zum Latein paßte, mag man daraus abnehmen, daß dieser bärtige Lateiner, als er im Frühjahr 1831 bei mir lebte, noch nicht einmal die Erfahrung gemacht hatte, daß Gegenstände des Gesichts in der Entfernung kleiner scheinen als sie wirklich sind; er war ganz befremdet darüber, daß die Bäume einer Allee, in der ich mit ihm spazieren ging, immer kleiner und niedriger seien, und der Weg in der Ferne immer schmaler, so daß man am Ende gar nicht mehr hindurchgehen könne. Er hatte so etwas zu Nürnberg noch nicht beobachtet und geriet wie über eine Zauberei in Erstaunen, als er mit mir die Allee hinabgehend endlich fand, daß jeder dieser Bäume gleich hoch und der Weg überall gleich breit sei. Das drückende Gefühl von seiner Unwissenheit, Unbehilflichkeit und Abhängigkeit; die Überzeugung, daß er nie imstande sein werde, die verlorene Jugend wieder einzubringen, seinen Altersgenossen gleichzukommen und ein in der Welt brauchbarer Mensch zu werden; daß man mit seiner Jugend ihm nicht bloß den schönsten Teil des Menschenlebens genommen, sondern auch sein ganzes übriges Leben ihm verkümmert und verkrüppelt habe; endlich zu diesem allen noch der grausenhafte Gedanke, daß dem kümmerlichen Rest seiner ihm gefristeten Tage jeden Augenblick ein unsichtbares Mordbeil, ein geheimes Banditenmesser drohe: – dies ist der schwere Inhalt der seine Stirn umziehenden Trauerwolken, die, wenn äußere Anlässe sie verdichten, nicht selten in Tränen und wehmütigen Klagen sich ergießen. Zur Zeit seines Aufenthalts bei mir nahm ich ihn öfters mit mir auf meine Spaziergänge und führte ihn einst an einem freundlichen Morgen auf einen unserer sogenannten Berge, von wo aus sich über die zu den Füßen liegende niedliche Stadt und das liebliche, von Anhöhen begrenzte Tal eine schöne, heitere Aussicht öffnet. Kaspar, anfangs von diesem Anblick sehr erfreut, wurde bald still und traurig. Meiner Frage um die Ursache seiner veränderten Stimmung antwortete er: »Ich denke mir eben, wie es doch so viel Schönes auf der Welt gibt, und wie hart es für mich ist, so lange schon gelebt und nichts davon gesehen zu haben, und wie glücklich die Kinder sind, die alles dies von ihren ersten Jahren an sehen konnten und noch immer sehen können. Ich bin schon so alt und muß noch immer lernen, was lange schon die Kinder wissen. Ich wollte, ich wäre nie aus meinem Käfig gekommen; wer mich hineingetan, hätte mich auch darin lassen sollen. Dann hätte ich von allem dem nichts gewußt und hätte nichts vermißt und hätte keinen Jammer darüber gehabt, daß ich kein Kind gewesen und so spät auf die Welt gekommen bin.« Ich suchte ihn damit zu beruhigen, daß ich ihm sagte: Was die Schönheiten der Natur betreffe, so habe er nicht eben Ursache, sich im Vergleich mit unseren Kindern und mit den Menschen, die seit ihrer Kindheit auf der Welt seien, zu beklagen. Die meisten Menschen, unter diesen Herrlichkeiten aufgewachsen, betrachteten sie als etwas Gewöhnliches, Alltägliches mit gleichgültigen Augen, nähmen diese Stumpfheit durch ihr ganzes Leben mit sich und empfänden in der Regel bei den Wundern der Natur nicht mehr als das Tier auf der Weide. Ihm aber (Kaspar), der als Jüngling in die ihm neue Welt getreten, seien diese Genüsse in aller ihrer Frische und Reinheit vorbehalten geblieben, und hierin habe er einen nicht geringen Ersatz für den Verlust der früheren Jahre und einen bedeutenden Vorzug vor anderen Menschen gewonnen. Er erwiderte mir nichts und schien, wo nicht überzeugt, doch einigermaßen getröstet. Doch wird er zu keiner Zeit jemals über sein Schicksal ganz zu trösten sein. Er ist ein zartes Bäumchen, dem man seine Krone genommen, dessen Herzwurzel ein Wurm zernagt. Bei solchen Stimmungen; in solchem Gefühl von seiner Lage mußte wohl die Religion, Glaube an Gott und gläubiges Hoffen auf die Vorsehung Eingang in seine des Trostes bedürftige Seele finden. Er ist jetzt im echten Sinne des Wortes ein frommer Mensch, spricht mit Andacht von Gott und beschäftigt sich gerne mit vernünftigen Erbauungsschriften. Aber freilich würde er auf keines der symbolischen Bücher schwören und noch weniger in einer andächtigen Gesellschaft von Hengstenberg und Kompanie sich behaglich fühlen. Er wurde in der Religion erzogen, zu welcher die Mehrheit der Bewohner Nürnbergs sich bekennt, nämlich in der lutherisch-evangelischen. (Fbch.) Beizeiten den Ammenmärchen der Wärterinnen entrückt, als Kind begraben, als reifer Jüngling zu frischem Leben auferstanden, brachte er eine von Vorstellungen leere, aber auch von allen Vorurteilen reine, von jedem Aberglauben freie Seele mit auf die Welt des Lichts. Er, dem es anfangs so schwer war, seines eigenen Geistes sich bewußt zu werden, ist noch viel weniger fähig und geneigt, gespenstige Geister sich zu denken. Über den Glauben an Gespenster spottet er als über die unbegreiflichste aller menschlichen Albernheiten und fürchtet nichts als den unsichtbaren geheimen Unheimlichen, dessen Mordwerkzeug er empfunden hat. Gäbe man ihm Bürgschaft, daß er gegen diesen Mann gesichert sei, so würde er zu jeder Stunde der Nacht auf einen Kirchhof gehen und ohne Grauen über Gräbern schlafen. Seine Lebensweise ist jetzt fast ganz die gewöhnliche anderer Menschen. Er genießt, ausgenommen Schweinefleisch, alle Arten von Speisen, doch ohne hitzige Gewürze. Sein liebstes Gewürz blieben Kümmel, Fenchel und Koriander. Sein Getränk besteht noch immer in Wasser; nur morgens wird dieses von einer Tasse Gesundheitsschokolade vertreten. Alle gegorenen Getränke, Bier, Wein, wie auch Tee und Kaffee sind ihm fortwährend ein Greuel und würden, wollte man ihm davon einen Tropfen aufnötigen, ihn unfehlbar krank machen. Die außerordentliche, fast übernatürliche Erhöhung seiner Sinne hat ebenfalls gegenwärtig ganz nachgelassen und ist beinahe auf das gewöhnliche Maß herabgestimmt. Er sieht zwar noch immer im Dunkeln, so daß es für ihn keine wahre Nacht, sondern nur Dämmerung gibt; doch ist er nicht mehr imstande, im Finstern, wie sonst, zu lesen oder in weiter Entfernung die kleinsten Gegenstände zu erkennen. Während er ehemals bei dunkler Nacht weit besser und schärfer sah als bei Tag, ist es jetzt umgekehrt. Gleich anderen Menschen verträgt und liebt er nun das Sonnenlicht, das nicht mehr wie sonst seine Augen verwundet. Von der Riesenhaftigkeit seines Gedächtnisses und andern staunenswürdigen Eigenschaften ist keine Spur mehr zu finden. Nichts Außerordentliches ist mehr an ihm, als das Außerordentliche seines Schicksals und seine unbeschreibliche Güte und Liebenswürdigkeit. Anhang Briefe Feuerbachs an Elise von der Recke Ansbach , 20. September 1828. .... Doch lieber zu dem armen Nürnberger Findling, dem guten Kaspar Hauser, an dem ich fortwährend amtlich und außeramtlich den innigsten Anteil nehme. Manches ist bei dieser noch nie erhörten Begebenheit ein Rätsel, wird es auch wohl vielleicht, aller vereinten Bemühungen der Gerichts- und Polizeibehörden ungeachtet, immer bleiben; wenigstens waren bisher alle Versuche, dem Orte der Greueltat und ihrem Urheber auf die Spur zu kommen, ohne allen Erfolg. Aber das ist unbezweifelt: die Tat ist geschehen, und in Kaspar Hauser sehen wir einen 17- bis 18jährigen Wundermenschen, wie ihn die Welt noch nie gesehen, einen Menschen, der seit seiner frühesten Kindheit gleichsam begraben, zuerst vor ungefähr 6 Monaten zum ersten Male die Sonne gesehen und die Erfahrung gemacht hat, daß es außer ihm und dem Ungeheuer, das ihn mit Wasser und Brot auffütterte, noch andere Menschen auf dieser Erde gibt. Er konnte, als man ihn zuerst in Nürnberg traf, nur wenige Worte sprechen und hatte von den alltäglichsten Erscheinungen der Natur nicht die allermindeste Vorstellung, wie er z.B. in die Flamme der Lichter griff, die Nähe oder Entfernung der Gegenstände nicht zu unterscheiden wußte. Belebtes und Unbelebtes miteinander verwechselte, vielmehr diesen Unterschied ebenso wenig als die Verschiedenheit der Geschlechter kannte usw. Nur mit großer Mühe konnte er vor sich hin tappen und zwar die Hände, aber die Finger einzeln nur höchst unbehilflich, gebrauchen. Das Sonnenlicht verletzte ihn; der Geruch der zartesten Blumen, z.B. der Rose, war ihm nicht nur höchst widerlich, sondern macht ihm auch große Schmerzen. Als er zuerst die Regimentsmusik aus der Ferne hörte, war er vor Entzücken außer sich; in der Nähe war sie ihm schmerzlich. Er konnte nur Wasser und Brot genießen; jedes andere Getränk, selbst Milch, und das kleinste bißchen Fleisch erregten ihm nicht bloß Ekel und Grausen, sondern auch Fieber. Auch noch jetzt genießt er weder Fleisch, noch Gemüse, noch Obst. Als ich ihn vor zwei Monaten in Nürnberg besuchte, hatte er noch nicht den Mond, nicht den Sternenhimmel gesehen, wußte nicht, was der Winter sei, konnte nicht begreifen und wollte nicht glauben, daß er jemals kleiner gewesen als er jetzt ist und hatte – was auch noch jetzt der Fall – keinen Sinn für die Schönheit einer Landschaft und der Natur überhaupt. Einzelne Blumen gefielen ihm, z.B. die Rose, wie er denn überhaupt die rote Farbe vor allem vorzieht, aber nächst Schwarz war ihm alles Grün zuwider, und er freute sich daher sehr auf den Winter, als ich ihm sagte: dann werde er diese Landschaft vor seinem Fenster nicht mehr grün, aber sehr oft und lange ganz weiß sehen wie da die Wände seines Zimmers. Was das heißt, Pflanzen wachsen, hat er vor noch nicht langer Zeit erst dadurch gelernt, daß man Bohnen und andere Samen ihn in die Töpfe setzen ließ und dann auf ihre Entwicklung aufmerksam machte; vorher betrachtete er alle Pflanzen als menschliche Kunstprodukte und wunderte sich, wie es doch möglich sei, daß die Menschen so viele Blumen machten, so viele Blätter auf den Bäumen ausschnitten und wozu? – Kaspar ist übrigens ein Mensch von den herrlichsten Naturanlagen, begabt mit der schnellsten Fassungskraft und einem bewundernswürdigen Gedächtnis. Seinen Durst nach Wissen, um alles das nachzuholen, wovon ihm »der, bei dem er gewesen«, nichts gesagt, äußert er immer auf eine wahrhaft rührende Weise. Was er nur immer sieht, davon will er die Erklärung, und hängt diese von Begriffen ab, die ihm noch fremd sind, so sagt er traurig: »auch das noch lernen; auch davon hat der, bei dem ich gewesen, nichts gesagt.« Seine Fortschritte sind außerordentlich; wozu andere Monate oder Jahre brauchen, lernt er in Tagen. Gegenwärtig ist er schon so weit, daß kaum noch interessante psychologische Betrachtungen an ihm zu machen sind. Er spricht schon vollkommen verständlich und zusammenhängend, nur konstruiert er oft noch die Sätze wie ein Kind; seine Handschrift ist fest, beinahe schön, und vor einigen Tagen erhielt meine älteste Tochter, die ihn zu Nürnberg besucht und dann beschenkt hatte, einen recht artigen Brief von ihm. Ganz für sich selbst fing er zu zeichnen an und machte darin bald ebenfalls bewundernswürdige Fortschritte. Sieht er eine Kunst oder Fertigkeit üben, die ihn interessiert, sogleich will er sie lernen, läßt sich zeigen, wie man es macht, ahmt es in einem oder einigen Tagen schon bis zu einer gewissen Vollkommenheit nach, gibt es aber, sobald er es gelernt hat, wieder auf. Überhaupt ist es merkwürdig, daß ihn nicht sowohl die Gegenstände des Lernens interessieren, als das Lernen selbst, das seine einzige Leidenschaft ist. Was kaum erklärbar, ist die erstaunliche Liebe zur Reinlichkeit und Ordnung, die er gleich nach seinem Erscheinen in Nürnberg äußerte, obgleich sein Leib mit einer Haut von vieljährigem Schmutz überzogen war. Alle die unzähligen Dinge, womit ihn die Nürnberger beschenkt hatten, Spielsachen, Kleidungsstücke usw. standen in seinem Zimmerchen auf das schönste symmetrisch geordnet da, als ich ihn besuchte, jedes Papierchen, das auf dem Boden lag, war ihm zuwider und wurde sorgfältig aufgehoben; an seinen oder eines andern Kleidern bemerkte er jeden Schmutzfleck, jedes Stäubchen. Die Nürnberger haben ihn mit allem Nötigen, sogar mit vielem Überflüssigen, mit neumodischen Fracks, Westen usw. versehen, und nun glaubt man in ihm, wenn er ausgeht, einen halben Petit-maitre vor sich zu haben. – In sittlicher Beziehung ist Kaspar Hauser eine lebendige Widerlegung des Lehrsatzes von der Erbsünde. Die reinste Unschuld und Herzensgüte zeigte sich in allem seinen Tun und Reden, obgleich er von Recht und Unrecht, Gut und Böse nicht die allermindeste Vorstellung hatte. Vor Menschen hatte er durchaus keine Furcht oder nur Schüchternheit; alle waren ihm gut und alle hielt er für schön. Als ich ihm unter anderm meinen Unwillen gegen den Bösewicht äußerte, der ihn so lange gefangen gehalten, wies er mich strafend zurecht: »der, bei dem er gewesen«, sei nicht bös, sondern sein Vater – so nannte er damals, als ich ihn besuchte, jeden Menschen, dessen Aufsicht er übergeben war – der ihm zu essen und trinken gegeben. Erst seit ungefähr zwei Monaten scheint es ihm klar geworden zu sein, daß er der Gegenstand einer Missetat gewesen, und er äußert seitdem die größte Furcht bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit, seinem Kerkermeister wieder in die Hände zu fallen. Von Leidenschaften oder üblen Neigungen hat sich außer der nunmehr erwachten Eitelkeit noch nichts in ihm geäußert. – Daß die Idee von Gott dem Menschen nicht angeboren ist, sondern nur von außen entweder durch die Betrachtung der Natur oder durch Unterricht in uns kommt, zeigt sich an unserm Kaspar ebenfalls ganz deutlich. Wie es in diesem Augenblick in dieser Hinsicht mit ihm steht, weiß ich zwar nicht; aber vor nicht langer Zeit ließ sich noch nichts wahrnehmen, woraus sich hätte schließen lassen, daß er von Gott, von einem ersten Urheber der Natur, irgend eine Vorstellung in sich habe. Die Dogmatik und die Geistlichkeit hat man glücklicherweise bis jetzt noch von ihm entfernt zu halten gewußt. – Das Aussehen Kaspars ist gesund; indessen waren seine Nerven infolge der gewaltigen Eindrücke von der unendlichen Masse neuer Dinge, die auf einmal ununterbrochen durch alle Sinne auf ihn eindrangen, äußerst reizbar, so daß man für sein Leben einigermaßen besorgt sein konnte. Jetzt ist er durch sorgsame Pflege und die zarte, anständige Behandlung seines Pflegevaters und Erziehers, des Professor Daumer, dem er übergeben worden, außer Gefahr gestellt. Seit einiger Zeit zeigen sich an ihm die merkwürdigsten physiologischen Erscheinungen; er sieht, ohne Kakerlak zu sein, bei finsterer Nacht ebenso gut als bei Tag, unterscheidet auf weite Entfernung die Gegenstände durch den bloßen Geruch usw. Seine Physiognomie hat nichts Ausgezeichnetes, und besonders wenn er spricht, gerät die ganze linke Hälfte seines Gesichts in unangenehme Zuckungen, gleichwohl übt seine Gesichtsbildung durch die in ihr ausgeprägte Unschuld und Herzensgüte einen unwiderstehlichen Zauber. Wer ihm naht, gewinnt ihn sogleich lieb. Wer übrigens glauben wollte, Kaspar müsse sich in seiner dermaligen Lage, welche äußerlich durchaus nichts zu wünschen übrig läßt, besonders glücklich fühlen, würde sich sehr irren. Er freut sich wohl abwechselnd über viele einzelne Dinge, wenn sie seine Sinne angenehm berühren oder seinem Heißhunger im Lernen Befriedigung gewähren, allein der Grundton seiner Gemütsstimmung ist eine stille Schwermut, die er, zumal jetzt, nicht selten in deutlichen Äußerungen zu erkennen gibt. – In der Geschichte seiner Gefangenhaltung und Transportierung nach Nürnberg ist manches unglaublich oder rätselhaft, gewiß auch manches unwahr. Diese Geschichte wurde ihm abgefragt zu einer Zeit, wo er fast gar keine Begriffe, keine Vorstellungen von der Natur und menschlichen Dingen, am wenigsten die gehörigen Worte dafür hatte, wo er also öfter in seinem verworrenen, dunklen Kauderwelsch etwas anderes sagte, als er sagen wollte oder der Fragende Spielraum genug hatte, seine eigenen Gedanken, Meinungen und Hypothesen den ihm gegebenen Antworten unterzulegen. Vgl. hierzu die in dem Abschnitt »Selbstzeugnisse« gegebenen »Selbstbiographien« Hausers, auf die diese Charakteristik Feuerbachs durchaus paßt. Außerdem aber habe ich Ursache zu glauben, daß der Barbar, in dessen Gewalt Hauser gewesen, ihm durch fürchterliche Drohungen über gewisse Punkte eine Lektion eingeprägt hat, welche hauptsächlich bezweckt, der Nachforschung nach dem Ort und dem Urheber der Tat den erforderlichen Leitfaden zu verstecken. Es ist wohl zu bemerken, daß Kaspar gegen alle Personen, denen er Achtung und Dankbarkeit schuldig zu sein glaubt, den unbedingtesten Gehorsam zu leisten pflegt. Erst wenn Kaspars Verstand vollkommen entwickelt und mit den nötigen sittlichen Begriffen ausgerüstet ist, wenn die Vorstellung von dem Bösewicht, mit dem er sein Lebenlang gleichsam nur eine Person ausmachte, allen Einfluß auf sein Gemüt verloren hat, und wenn er durch längere Erfahrung von der Überzeugung durchdrungen ist, daß er für immer unter einem Schutze steht, gegen welchen sein ehemaliger Herr nichts vermag, alsdann läßt sich hoffen, mehr und anderes von ihm zu erfahren, was vielleicht zum Ziele führt. Diese Ansicht ist später von Feuerbach als irrig aufgegeben. – Von der äußersten Wichtigkeit wäre es, wenn man von Anfang an ein umständliches Tagebuch über die vielen psychologischen und physiologischen Erscheinungen an Kaspar geführt hätte. Aber das fiel den Nürnberger Philistern nicht ein, ich selbst habe erst die Veranlassung dazu gegeben, daß die Bruchstücke jener merkwürdigen Erfahrungen nachträglich gesammelt werden. Überhaupt behandelten diese Nürnberger unseren Kaspar monatelang bloß als einen Gegenstand der Neugier; sein Pflegevater war ein Gefangenwärter; wie ein fremdes Tier wurde er in Gesellschaften und Wirtshäusern zur Schau herumgeführt, war den ganzen Tag der Schaulust der Neugierigen preisgegeben, mußte an sich beständig experimentieren lassen, indem man ihm z. B. Wein und anderes dergleichen, wovon man wußte, daß es seine Natur nicht vertragen konnte, heimlich in sein Wasser goß, und er stand so in der nahen Gefahr, in kurzer Zeit geistig und körperlich zugrunde gerichtet zu werden. Daran, daß man diesen Unglücklichen der Erziehung eines gebildeten Mannes ausschließend übergeben müsse, war von dem Herrn Bürgermeister, der in seiner öffentlichen, übrigens ganz ungeeigneten voreiligen Bekanntmachung so viel Humanität affektiert, gar nicht gedacht worden. Meine Reise nach Nürnberg gab erst der Sache eine andere Wendung, indem ich den ganzen Unfug, der mit Kaspar getrieben wurde, meinem würdigen Kollegen, dem Regierungspräsidenten Herrn v. Mieg anzeigte, diesen auf das Erforderliche aufmerksam machte und denselben veranlaßte, sogleich selbst nach Nürnberg zu reisen und sich mit eigenen Augen zu überzeugen. Hierauf erst wurde Kaspar dem Prof. Daumer übergeben, der ein sehr braver und einsichtsvoller Mann ist und, sowie seine Familie, ganz für diesen außerordentlichen Zögling lebt. Bald nach dem Eintritt in das friedliche Stilleben dieser Familie wurde Kaspar ernstlich krank, gewiß nur infolge der einfältigen unbesonnenen Behandlung, die er nach seiner Befreiung aus dem Kerker zu Nürnberg zu erleiden hatte. Sobald sich etwas mit Kaspar ereignet, was von einiger Bedeutung ist, werde ich es Ihnen, sofern es mitteilbar ist, sogleich zu schreiben nicht unterlassen ... Ansbach , den 13. Oktober 1828. So gern ich Ihren und Tiedges Wünschen – unseren Kaspar betreffend – entsprechen möchte, so wenig wollen mir dieses wenigstens dermalen schon die Umstände gestatten. Schon meine amtliche Stellung erlaubt es mir nicht, einen Gegenstand, wie dieser es ist, vor dem Publikum zur Sprache zu bringen, da derselbe zu den strafrechtlichen Sachen gehört, welche zu meiner Jurisdiktion ressortieren, und wir hierüber den Schleier des Geheimnisses festzuhalten leider die Verbindlichkeit haben. Hauser ist zwar zugleich ein rein psychologisches Phänomen, indessen würde es schwer, wo nicht unmöglich sein, in dieser Beziehung von ihm zu sprechen, ohne zugleich das an ihm begangene Verbrechen, die Art, wie er gefangen gehalten und behandelt wurde usw., mit in die Betrachtung zu ziehen. Zudem habe ich der Neider und Feinde so viele, daß besonders ich alle Ursache habe, zumal bei solchen Dingen, mich hinter den Verschanzungen meines Amtes zu halten. Was aber die Hauptsache ist, so fehlt es mir ganz an den erforderlichen Materialien, um etwas Gediegenes, Befriedigendes zu liefern. Kaspar wurde in der ersten Zeit zwar von vielen Neugierigen gesehen, von manchen auch beobachtet, aber entweder nicht zusammenhängend oder nicht mit gehörigem Blick. Ein Tagebuch wurde gar nicht über ihn geführt; ich zuerst schlug Lärm darüber, daß man zu Nürnberg diese Erscheinung mit so brutaler Gleichgültigkeit behandle; dann war es aber größtenteils schon zu spät, wegen des raschen Ganges der geistigen Entwicklung dieses Menschen. Das einzige, was ich noch erwirken konnte, war, daß ich einzelne veranlaßte, dasjenige, was sie entweder selbst noch in ihrem Gedächtnisse hatten oder von andern glaubwürdigen Männern erführen, niederzuschreiben. An gehörige Zeitfolge, worauf doch so vieles ankommt, war nunmehr gar nicht zu denken. Was auf diese Weise bemerkt wurde, befindet sich bereits in verschiedenen Zeitschriften, z. B. Hesperus usw., gedruckt. Umständlicheres werden vielleicht noch die Professoren Daumer und Hermann (zu Nürnberg) über Kaspar bekannt machen, aber ich fürchte, daß die Hegelsche Philosophie dabei allzu laut das Wort führen möchte. Überhaupt gab mir bei diesem ganz einzigen Fall die Armseligkeit, Gemeinheit und selbst Inhumanität der meisten Menschen, von denen sich Besseres vermuten ließ, vielfache Gelegenheit zu Ärgernissen. Mein Brief, verehrte Freundin, wird nicht wohl mitteilbar sein, teils weil mein Name leicht mit ins Publikum gebracht werden könnte, teils weil er zu schlecht stilisiert und alles zu unordentlich, unzusammenhängend, wie es eben in die Feder kam, darin durcheinander geworfen ist, als daß er nicht sogar vor den Augen so nachsichtiger Freunde, wie Sie und Tiedge, der Entschuldigung bedürfte. – Der vornehme und gemeine Pöbel verschiedener Orte hält unsern Kaspar für eines vor mehreren Jahren zu München verstorbenen sehr reichen Grafen Sohn, welcher von einem andern sehr hochstehenden Grafen auf die Seite geschafft worden sei, um die Güter des ersten (in Betrag von einigen Millionen) an sein Haus zu bringen. In einem Artikel des Hesperus ist dieses sogar öffentlich gesagt, und das gräfliche Haus, das sich solchen Verbrechens schuldig gemacht habe, so bezeichnet, daß dasselbe, in Bayern wenigstens, mit Händen zu greifen ist. Mir aber – soweit ich die Geschichte jener Erbschaft und die Verhältnisse des angeblichen Vaters kenne – erscheint die ganze Erzählung als eine schändliche Verleumdung, ausgestreut von einem Erbschaftsprätendenten, welcher über die Succession in die Güter jenes Grafen mit ihrem dermaligen Besitzer in einen merkwürdigen Prozeß verwickelt war, welcher, wie ich glaube, vor einiger Zeit durch Vergleich erledigt worden sei. – Wenn einige Zeit noch verflossen ist, wird man wohl allerdings unsern Kaspar in Begleitung eine Reise machen lassen. Dermalen ist dieses noch darum nicht wohl tunlich, weil er allzu große Furcht äußert, sobald man sich mit ihm weit von Nürnberg entfernt. Was Tiedge über das Wiedererkennen des Wächters durch bloßen Geruch äußert, ist mir sehr wahrscheinlich. Neulich machte man mit Kaspar einen Spaziergang vor die Stadt. Als er in eine gewisse Gegend kam, klagte er über einen entsetzlichen Gestank und bat, daß man mit ihm umkehren möge. Es war der noch sehr weit entfernte Kirchhof, der auf Kaspar diesen Eindruck gemacht hatte. Möge dieser Brief Sie, Verehrteste, bei besserer Gesundheit treffen, als der Ihrige Sie verlassen hat .... Mitteilungen über Kaspar Hauser von Georg Fr. Daumer Gymnasialprofessor, Hausers ehemaligem Pflegevater Vorrede Nichts, was ich hier mit Bestimmtheit und ohne Beisatz ausspreche, weiß ich aus unsicherer Erinnerung oder ist aus bloßer Konversation und Sage geschöpft, sondern ich habe es selbst an Hauser beobachtet, von ihm gehört, im Umgange mit ihm erforscht und bei noch frischer Erinnerung durch genaue Aufzeichnung bewahrt. Hauser lebte in meinem Hause und in meiner Verpflegung vom 18. Juli 1828 bis zum Januar 1830; ich konnte in dieser Zeit, da ich mein Amt nicht verwaltete, fast ununterbrochen um ihn sein, und auch nach dieser Zeit hörte meine Verbindung und mein Umgang mit ihm nicht auf. Nach einer großen Menge von Versuchen, Beobachtungen, Prüfungen, steter Berichtigung und Ergänzung des Früheren durch das Spätere darf ich glauben, diese außerordentliche Erscheinung genau genug zu kennen und vor jeder Art von Täuschung sicher genug zu sein, um einen für das Interesse der Wissenschaft nicht ganz ungeeigneten Berichterstatter abgeben zu können. Will man auch der aus Hausers Munde aufgenommenen Beschreibung seiner Empfindungen mißtrauen, so wird man doch damit Berichte von Beobachtungen verbunden finden, die auf keinem Betrug beruhen können. Wenn Hauser behauptete, er habe auf einen eingesogenen Duft, bei Einwirkung eines Minerals, lebendigen Wesens usw. dieses und jenes empfunden, so ist man nicht genötigt, ihm durchweg Glauben beizumessen, auch wenn man ihn nicht überhaupt für einen Betrüger hält. Denn nicht nur konnte er Selbsttäuschungen unterliegen, sondern es konnte auch eine durch die Umstände leicht zu entwickelnde Eitelkeit ihn bestimmen, das Wunderbare seiner Erscheinung durch Zusatz von Erdichtungen zu erhöhen. Wenn er aber bei Einwirkungen jener Art nicht allein häufig in konvulsivische Bewegungen geriet, sondern auch z.B. die Gesichtsfarbe veränderte, am ganzen Leibe gelb wurde, wenn plötzlicher Schweiß auf die Stirne trat, die Augen tränten und Entzündung zeigten, die Adern, die Glieder schwollen, die der Wirkung ausgesetzten Finger der Hand kalt wurden, ein solcher Finger, während die übrige Hand schwitzte, sich trocken, kalt anfühlte, Nasenbluten, Erbrechen, schnelle Abmagerung eintrat usf. – so kann niemand behaupten wollen, daß es in Hausers Macht gestanden, solche Erscheinungen, um seine Umgebungen zu täuschen, durch bloßen Willen hervorzubringen. Betrügerisch dargestellt können doch wohl nur solche Krankheitserscheinungen werden, deren Nachahmung darauf beruht, den Körper und die Glieder in eine gewisse Art äußerer Bewegung oder Bewegungslosigkeit, Richtung und Lage zu bringen, wie Ohnmacht, Starrheit, Lähmung, Steifheit, Zittern, Zucken, Schaudern und dergleichen, nicht aber solche, die, wie die obengenannten, eine von der Willkür nicht hervorzubringende innere Veränderung im Organismus notwendig voraussetzen. Es ist zwar auch möglich, zum Behuf eines Betruges mit Hilfe arzeneilicher Substanzen wirkliche Krankheitszustände hervorzubringen, daß aber Hauser jahrelang mit größter Konsequenz plötzlich, so wie es die Umstände erforderten, vor Beobachtern der verschiedensten Art, in jeder Umgebung und jedem Verhältnis dergleichen Zustände künstlich in sich habe erregen können, wäre unsinnig zu glauben. Ich habe an Hauser während jahrelangen beständigen Umgangs Erscheinungen wie die obengenannten bei den entsprechenden Gelegenheiten im Hause und im Freien fortwährend beobachtet. Wenn man sich auch nur an diese hält, so wird man die Überzeugung nicht abwehren können, daß man hier einen Menschen von ganz außerordentlicher Beschaffenheit vor sich habe. Wenn nun durch die begleitenden, von andern wahrnehmbaren und keinem Verdacht unterworfenen Erscheinungen Hausers Aussagen über seine Zustände und Empfindungen nicht wenig unterstützt werden, so sind sie auch häufig von der Art, daß man sie ohne Voraussetzung der größten wissenschaftlichen Kenntnisse und tiefsten Einsichten in die Natur nicht für erdichtet halten kann. Solche Kenntnisse und Einsichten wird man bei Hauser nicht annehmen wollen, also kann man die Aussagen der angegebenen Art auch nicht für bloße Erdichtungen halten. Endlich habe ich auch nicht wenige meiner Versuche auf eine Weise angestellt, die keinen Zweifel an den Ergebnissen zuläßt. Und so bleibt, wenn man Verdacht und Unglauben auch möglichst weit treiben will, genug übrig, was als ein sicheres Besitztum der Wissenschaft zu betrachten ist. Zu dem Beweis, der aus den beobachteten physischen Erscheinungen geführt werden kann, tritt der psychologische aus Hausers hier treulich geschildertem Benehmen in der ersten Zeit und den hier mitgeteilten schriftlichen Darstellungen desselben. Zwar wird auch nach den genauesten Beobachtungen und treuesten Berichterstattungen noch manches Dunkle und Rätselhafte übrig bleiben, aber dessen völlige Auflösung ist von dem Darsteller ebenso wenig zu fordern, als daraus ein Beweis für die Unwahrheit der Hauserschen Sache geführt werden kann, da durch eine Menge unzweifelhafter Tatsachen die Wahrhaftigkeit derselben im allgemeinen über alle Anfechtung erhaben ist. Auf die vortreffliche Feuerbachsche Schrift über Kaspar Hauser konnte ich bei Gestaltung dieses Heftes keine Rücksicht nehmen, weil ich sie eben erst empfange, da der Druck des Vorliegenden sich schließt und nur noch diese Bemerkung anzufügen verstattet ist. I. Aus einem Anfang September 1828 über Hauser abgestatteten Bericht Ich wurde mit Kaspar Hauser ungefähr drei Wochen vor seinem Eintritt in mein Haus bekannt, da ich ihn in dem Turme, in welchem er sich damals befand, besuchte. Wie Daumer mit Hauser bekannt wurde, schildern auch Feuerbach und Preu (s.d.) v. Tucher beschreibt sein Bekanntwerden mit H. folgendermaßen (D. 73 S. 118): »Ich traf den Menschen vier Wochen nachdem er nach Nürnberg gebracht worden war. Er saß in seinem Stübchen an einer niederen Bank auf einem kleinen Stuhle mit einer Menge von Spielsachen beschäftigt. Wir standen lange hinter ihm, um seine Beschäftigung zu beobachten; er hörte und bemerkte uns nicht, wiewohl wir und seine Wärter ganz laut miteinander sprachen. Als er von Herrn v. Grundherr, der sich viel mit ihm abgegeben hatte und darum sehr geliebt von ihm war, angeredet wurde, schien er nicht erstaunt oder erfreut zu sein, diesen zu sehen; er sprach mit ihm auf eine Weise, wie wenn er vorhin schon lange mit ihm gesprochen hätte. Während sich Herr v. Grundherr mit ihm unterhielt, schien er uns Übrige gar nicht zu bemerken. Er verriet weder Neugierde, Fremde zu sehen, noch störte es ihn, wenn ich ihm, und zwar so nahe als möglich, ins Gesicht sah, um das interessante Spiel seiner Gesichtsmuskeln zu beobachten.« Giehrl erzählt: »Ich hatte bald nach Ankunft des Findlings K. Hauser dahier Gelegenheit, denselben ungestört zu beobachten und namentlich seine Physiognomie und seine damals in jeder Beziehung höchst merkwürdige Mimik näher zu betrachten. Als ich den Unglücklichen zum ersten Male sah, saß dieser eben an einem Fortepiano und war bemüht, ein Stücklein, welches ihm Herr Bürgermeister Binder vorher vorgespielt hatte, einzustudieren (es war der einfache, leichte Jungfernchor aus dem Freischützen). Der Findling hatte auf nur weniges Wiederholen dieses musikalische Produkt genau in sein Gedächtnis aufgefaßt, er wollte es auf dem vor ihm stehenden Instrumente wiedergeben, allein, wenn dieses ihm zum Teil auch gelang, so schlug er doch bisweilen falsche Tasten an und ich als Zuschauer bemerkte nur zu auffallend, wie magisch ein falsch angesprochener Ton auf den Findling wirkte, denn sogleich immer fing er mit beiden Händen und Armen zu gestikulieren an, indem er dabei die Worte sagte: »bös, bös.« Ich fand mehr, als ich erwartet hatte, nahm persönlichen Anteil an dem jungen Menschen und besuchte ihn seitdem täglich, in der Absicht, zu seiner Entwicklung etwas beizutragen. Der Andrang der Neugierigen, die ihn in Anspruch nahmen, erlaubte mir oft kaum eine halbe Stunde mit ihm allein zu sein, gleichwohl lernte er in drei Wochen notdürftig Lesen, Zählen, Zahlenreihen aussprechen, Addieren und Subtrahieren, machte Fortschritte im Schönschreiben und erlernte ein einfaches Musikstückchen auf dem Klaviere. Das Lesen lehrte ich ihn vermittelst großer, auf einzelne Blättchen zum Behuf des Zusammensetzens für Kinder gedruckter Buchstaben; im Schönschreiben übte er sich selbst nach Mustern, die ich ihm gebracht. Unter minder beschränkten und zerstreuenden Umständen hätte ich zum Behuf der ersten Bildung einen andern Weg, als den des gewöhnlichen Elementarunterrichts eingeschlagen.(D.) Aber schon in der dritten Woche mußte ich fast ganz aufhören, ihn zu unterrichten, weil nicht lange nach dem Anfang des Unterrichts Schweiß auf Hausers Stirn trat und Kopfschmerz sich einstellte. Die Zuckungen, die er fast bei jeder Erregung im Gesichte bekam, wurden stärker, endlich zu eben der Zeit, da er mir zur Verpflegung übergeben wurde, erkrankte er so völlig, daß er sich kaum mehr aufrecht erhalten konnte. Die in Beziehung auf seine Schwäche und Reizbarkeit ungeheuren Aufregungen und Erschütterungen des Körpers und Gemütes, die beständigen Spannungen und ungewohnten Lagen in der ersten Zeit, mußten zu einem solchen Resultate führen. (D.) Ähnlich Dr. Preu in dem nachstehend abgedruckten Stück. Schon am zweiten Tag nach seinem Eintritt in mein Haus hoben sich zwar die Obstruktionen, an denen er litt, aber seine Verdauungsorgane zeigten sich seitdem fortwährend geschwächt und sein Nervensystem war in der größten Zerrüttung. Die konvulsivischen Bewegungen waren von erschreckender Art; jedes laute Wort, jeder Griff auf dem Klaviere tat seinem Ohre, ein paar Worte, die er las oder schrieb, alles Weiße und Helle, auf welches er hinblickte, seinem Auge weh; er zitterte mit der Hand, wenn sie einen Gegenstand hielt, wie ein Greis, Wahrscheinlich jedoch war dies nur bei metallischen Gegenständen der Fall; denn ich machte später die Bemerkung, daß er zwar nicht z.B. mit einem silbernen, wohl aber mit einem hölzernen Löffel ohne Zittern essen konnte. (D.) alles Nachdenken vermehrte seine Krankhaftigkeit, von der er sich erst seit ungefähr acht Tagen zu erholen anfängt. Bei diesem Zustand mußten alle geistigeren Beschäftigungen, die er bis dahin getrieben, Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Klavierspielen usw. unterbleiben, und ich setzte einen Teil der Belehrungen nur in Form gelegentlicher Unterhaltung fort. Ich beschäftigte ihn übrigens mit Papp-, Tischler- und Gartenarbeiten, soweit er ihnen gewachsen war Die Tischlerarbeiten mußten wegen des dabei vorkommenden, Hausers Ohr sehr angreifenden Geräusches bald ausgesetzt werden. (D.) und mit einigen Spielen, ließ ihn so viel als möglich sich im Freien bewegen und zuweilen ein laues Bad nehmen (auch dies letztere zeigte sich wohltätig). Der Versuch, leichte Übungen auf dem Gymnasiumturnplatze mit ihm anzustellen, war nicht von befriedigendem Erfolge, Durch einmaliges Anhängen an den Barren bekam er Blasen an den Händen. (D.) vortrefflich aber bekommt ihm das Reiten, in welchem ihn Herr Stallmeister von Rumpler in meinem Beisein unterrichtet. Die konvulsivischen Bewegungen, das Zittern und die Folgen der Überreizung überhaupt fangen an zu verschwinden. Er genießt außer schwarzem Brot und Wasser, was früher sein einziger Genuß war, eine mit Mehl gekochte Wassersuppe mit großem Appetit, auch ungewürzte Schokolade, weißes Brot und Milchspeisen fangen an, ihm zu behagen und er empfindet hiervon bei seiner immer noch geschwächten Verdauungskraft, welche schwarzes Brot nicht mehr so leicht als früher verarbeitet, große Erleichterung. Über die sehr merkwürdige Gewöhnung an animalische Kost, die ich mit Hauser vornahm und die seinen Zustand gänzlich veränderte, werde ich künftig ausführlich sprechen. (D.) Sein Aussehen verbessert sich auffallend und er wachst mit ungewöhnlicher Schnelligkeit; er ist in den letzten vier Wochen fast um zwei Zoll größer geworden. Seine Öffnung ist seit einiger Zeit wieder so leicht, wie sie niemals, seitdem er sich zu Nürnberg befindet, sondern nur während seiner Einsperrung war. Der obrigkeitlich für ihn bestimmte Arzt, Herr Dr. Osterhausen, wurde zwar zu Rate gezogen, Hauser ist gleich nach seiner Einlieferung in das Turmgefängnis von dem K. Stadtgerichtsarzt Di. Preu untersucht worden, der über diese Untersuchung ein Gutachten abgab. Einige Tage später reiste Preu zu einem Badeaufenthalt nach Karlsbad und während seiner Abwesenheit wurde H. von dem Nürnberger prakt. Arzt Di. Österhausen verschiedentlich behandelt. Neide Ärzte haben Hauser häufig beobachtet und untersucht, auch des öfteren Berichte und Gutachten zu den Alten gegeben. Die ersten dieser Gutachten sind mit den Magistratsakten verloren. Die späteren, von 1829 ab, sind in den Akten des Kreis- und Stadtgerichts Nürnberg enthalten, nehmen Bezug auf frühere Gutachten, handeln aber auch ausführlich über den physischen und psychischen Zustand Hausers zur Zeit seines Auftauchens in Nürnberg. positives ärztliches Einschreiten aber würde, nach dem eigenen Urteil desselben, nur Zerstörung, nicht Hilfe gewesen sein, und man mußte es bei negativen Verhaltungsmaßregeln bewenden lassen. Welche Wirkungen der bloße Geruch von Arzneien auf Hauser machte, davon habe ich unten ein paar Beispiele angeführt.(D.) Zur Bezeichnung seiner physischen Beschaffenheit Über Hausers physischen Zustand in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Nürnberg berichtet Ludwig Feuerbach folgendes (D. 73 S. 125f.): »Kaspar ist äußerst empfindlich und nervenschwach. So kann er das ungetrübte Licht nicht vertragen; sehr lautes Sprechen, Klavierspielen usw. macht ihm Kopfweh; er nennt übrigens Kopfweh jedes wehe Gefühl, wenn es auch in einem ganz anderen Teile seines Körpers als am Kopfe sein sollte. Sein Körper ist plump und ungelenk; ordentlich gehen, laufen, springen, werfen lernt er erst jetzt. Als er Äpfel auf den Boden hinwarf und als diese, weil er sie ungeschickt statt gerade aus in die Bahn neben hinein ins Gras rollen ließ, daselbst liegen blieben, sagte er: ›sie sind müde, sie mögen nicht weiter laufen.‹ Er ließ sich das nicht ausreden, sondern machte den Schluß: ›ich werde müde, sie also auch müde werden müssen.‹Er ist im Gebrauch seiner Hände noch ganz unerfahren und ungeübt, stellt sich zum Halten, Tragen, Angreifen einer Sache ganz ungeschickt. Seine Finger spreizt er oft ganz sonderbar auseinander. Bei all dem aber zeigt er zugleich eine gewisse Bedächtigkeit, Behutsamkeit und Furchtsamkeit. Wenn er mit seinem Kehrwisch den Boden seiner Stube ausputzt, so geschieht dies mit der größten Genauigkeit und Sorgsamkeit. Aber selbst den Kehrwisch hält er ganz ungeschickt. Mit den Fingern kann er sich noch gar nicht helfen, besitzt in ihnen noch gar keine Festigkeit, faßt alles in die ganze Hand und hält die Sachen in der Faust. Schnelles Gehen hält er ebensowenig lange aus als weites. Seine Fußsohlen sind noch ganz weich.« überhaupt bemerke ich folgendes: Er ist, so lange ich ihn kenne, hauptsächlich aber gegenwärtig von gutem Aussehen und gesunder Gesichtsfarbe, aber sein Körper ist in Hinsicht auf Leistungen und äußere Einflüsse von kaum glaublicher Empfindlichkeit, Schwäche und Reizbarkeit. Eine gelinde Berührung mit der Hand macht die Wirkung eines Schlages auf ihn, wenn er einige Zeit lang gegen den Wind geht, wird er heiser; vom kleinsten Spaziergange wurde er früher bis zum Hinsinken müde, seit kurzem jedoch kann er stundenlang gehen, ohne sich gänzlich erschöpft zu fühlen. Er stand und ging früher mit eingekehrten Füßen und war in beständiger Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren; er konnte nicht den kleinsten Sprung machen, ohne umzufallen; jetzt ist sein Gang wenig mehr von dem anderer Menschen unterschieden. Seine Hände und Fußsohlen waren früher so weich, schwielenlos und verwundbar, daß man deutlich die Ungewohntheit des Gehens und Arbeitens ersehen konnte. Ich fand, als er mir übergeben worden war, an seinen Füßen noch bedeutende Spuren der vielen durch das ungewohnte Gehen erhaltenen Blasen und wunden Stellen. In seinem Käfig war er, seiner Aussage nach, nie aufgestanden und hatte es nicht vermocht, denn er war rückwärts am Boden angebunden, so daß er nur eben aufsitzen und sich zu dem gleich an seiner Seite befindlichen Nachttopf hinbewegen konnte. (D.) Bei Erregungen der Sinne, bei Kraftanstrengungen, Aufmerksamkeit und Nachdenken ist das Gesicht, vorzüglich der Mund nach der linken Seite zu und der linke Arm konvulsivisch bewegt. Die linke Seite des Körpers zeigte sich immer als die bei weitem schwächere und reizbarere. (D.) Von Fleischspeisen bekommt er fieberhafte Zufälle, v. Tucher führt dazu folgendes an (D. 73 S. 122): »Seine Nahrung besteht bis zur Stunde noch in Wasser und Brot; jede andere Art von Speise oder Trank macht ihn krank. Von einem sorgfältig für ihn gekochten Stückchen Fleisch ohne alles Gewürz bekam er Fieber; Hülsenfrüchte, Gerste, Reis usw. kann er zwar genießen, doch auch diese nicht ohne Ekel und Unannehmlichkeit; Warmes gar nicht, alles nur kalt. Brotsuppe ißt er, aber nicht sonderlich gern.« Ludw. Feuerbach (D. 73S. 124f.): »Kaspars Nahrung besteht in Wasser und Brot und in Wassersuppen, die er aber auch erst allmählich essen gelernt. Ein einziger Löffel Fleischbrühe, selbst einer ziemlichen Portion Wassersuppe beigemischt, macht sie ihm ungenießbar. Ein bißchen Rindfleisch, so groß als die Hälfte einer Fingerspitze, das überdem ganz durch- und ausgesotten worden war, verursachte ihm Fieber. Von den Gewürzen genießt er bloß Kümmel. Er vertrug und liebte nur die Gewürze, mit welchen die Brotsorte bestreut war, die er in seinem Käfig zu genießen pflegte, Kümmel, Koriander, Anis und Fenchel. Selbst unverarbeitete vegetabilische Produkte, wie Kirschen, Birnen mag er nicht. Er kann nicht begreifen, wie die Menschen etwas anderes essen und trinken mögen als Wasser und Brot; er rät fast jedem, doch auch bloß diese Nahrung zu genießen, die sei die beste. Wie man besonders Dinge, die ihm durch Farbe und Geruch, wie Käse und dergleichen, auffallen, so etwas Garstiges, wie er es nennt, genießen kann, ist ihm ganz rätselhaft und er drückt darüber ein mit Ekel und Tadel verbundenes Befremden aus. Sein Appetit ist groß, sein Schlaf ganz fest und ununterbrochen. Er schläft jetzt in einem Bette.« Siehe auch Preu. Pflanzensäure macht empfindlichen Reiz, das Süße ist ihm widerlich, alles Gewürzhafte und Geistige bringt Erscheinungen schreckhafter Art hervor. Nur die Gewürze, die er in seinem Käfig täglich mit dem Brote genossen hatte, Kümmel, Koriander, Anis und Fenchel, vertrug er nicht nur (selbst den so starken Fenchelzucker, wie man ihn in den Apotheken führt), sondern ihre Entbehrung fiel ihm auch äußerst schwer. Als er in Nürnberg jene Art stark gewürzten Brotes zum erstenmal zu Gesichte bekam und genoß, weinte er vor Freude. Kümmeltee und Quantitäten bloßen Kümmels dienen ihm als palliative Heilmittel. (D.) Alle seine Sinne sind von ungeheurer Schärfe und Feinheit. Er riecht z. B. Dinge, die für gewöhnliche Organe ganz geruchlos sind, in beträchtlicher Entfernung, schmeckt einen Tropfen Fleischbrühe, der unter seine Wassersuppe gekommen, und unterscheidet in einer Entfernung von ungefähr hundert Schritten die einzelnen Beeren der Trauben eines Holunderbaumes, Über Hausers Sehschärfe wissen die Augenzeugen viel Erstaunliches zu berichten, u. a. v. Tucher (S. 122): »Entfernte Gegenstände schienen ihm ganz nahe, nur kleiner als nähere zu sein.« in mehr als der Hälfte dieser Entfernung erkennt er den Unterschied einer Holunderbeere von einer Schwarzbeere. Sein an die Finsternis gewöhntes Auge sieht in einer Dunkelheit, in welcher ein gewöhnliches Auge weder Farbe noch Umriß erkennt, noch ziemlich gut. Er unterscheidet in einer für andere gänzlichen Finsternis Es gibt keine absolute Finsternis, denn selbst im tiefsten Dunkel hören die Körper nicht auf zu leuchten, welches sehr schwache Licht zwar nicht unser Auge in gewöhnlichem Zustande, aber doch das der Albinos, der Raubtiere, der Nachtvögel sammelt, und ein heftiger Schreck vermag zuweilen unser Auge schnell in Lichtsammler zu verwandeln, so daß sie alle Gegenstände erleuchtet sehen und selbst die kleinsten unterscheiden. Hieraus kann Herr Merker, der es lächerlich findet, daß Hauser in tiefem Dunkel noch Farben gesehen haben soll, weil Farben erst durch Einwirkung des Lichtes dargestellt würden, das Gewicht seines Einwurfs erkennen. Von jener Fähigkeit Hausers habe ich mich durch Beobachtungen und Versuche überzeugt, bei denen derselbe keinen Betrug spielen konnte. (D.) noch Dunkelbraun und Dunkelrot. Dunkelgrün und Schwarz und dergl. und braucht in der Nacht kein Licht, um sich im Hause überall zurecht zu finden und mit Sicherheit umherzugehen; ja er sieht in der Dämmerung besser als bei hellem Tage, da ihn das Tageslicht blendet. Auch bei hellem Tage jedoch erkannte er z. B., da wir ihm Blumen zerlegten, Bildungen in ihnen, welche anderen mit bloßem Auge unerkennbar sind. (D.) Am merkwürdigsten sind die bei ihm vorkommenden Erscheinungen, die in das Gebiet des animalischen Magnetismus und des Hellsehens hinüberstreifen. In der Nacht, in welcher sich seine Krankheit brach, hatte er einen Traum, in welchem sich der Übergang zur Genesung in einem freundlichen Bilde darstellte. Es ist über Hausers wunderbare Träume manches Falsche berichtet worden. Das Wahre hierüber werde ich in der Folge umständlich mitteilen. (D.) Wenn von hinten sich jemand auch ungesehen oder ungehört ihm nähert, so weiß er es vermöge einer ganz eigentümlichen Empfindung, welche ihm die Nähe lebendiger Wesen erregt. Wenn man die Hand gegen ihn richtet, so fühlt er eine Strömung von ihr ausgehen, die er mit dem Ausdruck »Anblasen« belegt; beim Anfassen einer Hand befällt ihn mit wenigen Ausnahmen (bei alternden Personen) ein kalter Schauder. Die meiste Empfänglichkeit für solche Eindrücke zeigt er (aus unbekannten Gründen) in Beziehung auf mich. Er empfindet es, rückwärts gekehrt, wenn ich in einer Entfernung von 125 Schritten die Hand gegen ihn ausstrecke. Eine ähnliche Empfindlichkeit äußert er gegen Metalle; er fühlt und unterscheidet durch die Stärke des Zuges Metalle, die man, ohne daß er es gesehen oder weiß, unter Papier verborgen hat. Dasselbe erzählt Preu. Diese Erscheinungen vermindern sich jedoch, sowie er jetzt kräftiger und gesunder wird. Zur Schilderung seiner geistigen Eigentümlichkeit, wie sie sich bis jetzt gezeigt hat, mögen folgende Züge dienen. Er ist von der größten Gutmütigkeit und Weichherzigkeit. Allen Menschen aber mißtraut er mehr oder weniger, was eine begreifliche Folge seiner bisherigen Erfahrungen ist. Sein Urteil ist scharf und treffend, seine Beobachtung außerordentlich fein. Autoritäten gelten nichts bei ihm; er vertraut nur eigener Anschauung, Erfahrung und Einsicht. Sein Verstand erkennt in seinen Anforderungen keine Grenzen an und will absolut befriedigt sein, Religiöse Vorstellungen waren ihm daher lange Zeit gar nicht beizubringen und er beklagte sich gewaltig über Geistliche, die dies zu tun versucht hatten, als über unverständige Menschen, die ihm absurde Dinge vorgesprochen. Durch Lernen schien ihm nichts unerreichbar. Als er von Beschränktheit menschlichen Vermögens in Beziehung auf Gott hörte, der alles vermöge, sagte er, die Menschen sollten eben auch so viel lernen, daß sie Gott würden und vermöchten, was er. (D.) sein moralisches Gefühl äußert sich rigoristisch, in Hinsicht der äußeren Ordnung und Reinheit ist er pedantisch. Seine Beharrlichkeit in Dingen, zu denen er sich selbst bestimmt hat, geht oft in Eigensinn über. Als seine hervorstechendsten Talente zeigen sich die technischen Hierüber v. Tucher (S. 121): »Seine Fähigkeit für alles Mechanische ist ganz bewundernswürdig. Er sah eine Frau stricken, und wie er alles, was er sieht und zu erfahren und zu begreifen sucht, ›lernen‹ heißt, so wollte er auch dieses ›lernen‹. Tags darauf, nachmittags, hatte er an einem Strumpfe ein eine starke Handbreit langes Stück gestrickt und so fest und gleich, wie es nur die geschickteste Frauenhand vermag. Herr v. Grundherr hatte beim Fortgehen mit dem Stocke gespielt, so daß dieser durch das Hin- und Herschwanken die Zipfel seines Rockes auseinanderschlug. Das zu begreifen war nun der Gegenstand seiner besonderen Untersuchung. ›Auch lernen‹, rief er, und versuchte es so lange, bis er das gleiche hervorgebracht hatte.« Daumer merkt dazu an: »Man sieht hier, wie er in solchen Fällen noch gar keinen Unterschied zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen, dem Ernsten und dem Spielenden machte. Es war ihm alles gleich wichtig und interessant.« S. a. Preu. und künstlerischen. In Hinsicht seines mündlichen Ausdruckes ist er so weit, daß man sich mit ihm über alles, was in dem nun verhältnismäßig schon sehr weiten Kreise seiner Vorstellungen und seiner Fassungskraft liegt, ohne große Schwierigkeit verständigen kann. Ludwig Feuerbach berichtet (S. 126): »Wenn er etwas verstehen soll, so muß es langsam und deutlich gesprochen werden; was schnell gesprochen wird, ist ihm, wie er selbst sagt, unverständlich. Manche Worte und Redensarten versteht er nicht, wenn man sie ihm nicht durch solche, die er schon kennt, umschreibt und verständlich macht.« Die zwei größten Veränderungen, die mit seiner Sinnesweise und Ansicht der Dinge vorgingen, waren nach seiner eigenen Angabe folgende. Die erste trat ein, als ich ihm ein Buchstabenkästchen zum Lesen gebracht und angefangen hatte, ihn die Buchstaben kennen zu lehren. Von der Zeit an, sagt er, sei es mit dem Spielen aus gewesen, die Spielpferde, bis dahin seine größte Freude, wurden zurückgestellt und er war von nun an nur aufs Lernen bedacht. Die zweite große Veränderung brachte die Wahrnehmung des Keimens und Wachsens in ihm hervor. Er glaubte nämlich früher, daß Bäume, Blätter, Blumen, Früchte von Menschenhand gemacht und geformt wären, und da ich mich bemühte, ihm eine Vorstellung vom Wachstum der Vegetabilien zu geben, verhielt er sich ganz ungläubig dagegen. Ich ließ ihn daher (August 1828) einige Samenkörner von verschiedener Art in Blumentöpfe stecken und verkündigte ihm, was geschehen würde. Er wolle mir alles glauben, sagte er, wenn sich das bestätige. Als nun die Körner wirklich aufgingen, geriet er in nicht zu beschreibende Freude und Verwunderung, und sieht seit dieser Zeit die Natur mit ganz anderen Augen an. Jene Blumentöpfe, in welchen sich das Wunderbare ereignet hatte, zeigte er jedem, der zu ihm kam, als etwas Außerordentliches. So auch einmal einem Frauenzimmer. Als dieses in dem Tone, in welchem man Kindern eingelernte Redensarten abfragt, zu ihm sagte: »Sage doch, Kaspar, wer hat denn das wachsen lassen?« erwiderte er ganz unwillig über die ihm einfältig vorkommende Frage: »Es ist von selber gewachsen.« »Aber«, fuhr jene fort, »es muß doch jemand sein, der es hat wachsen lassen.« Hauser würdigte die Fragerin keiner Antwort mehr. (D.) II. Einige Erinnerungen Hausers aus seinem Kerkerleben und der nächstfolgenden Zeit. Vgl. dazu, was Hauser darüber selbst erzählt. (Abgedruckt in den »Selbstzeugnissen«.) Bis zu der Zeit, da der Unbekannte, um ihn zu unterrichten, in seinem Kerker erschien, befand sich Hauser in einem dumpfen, reflexionslosen Zustand, ohne Erinnerung eines ehemaligen Lebens unter Menschen, ohne Befremden und Nachsinnen über seine Lage, ohne Wunsch, sie zu verändern, ohne Sehnsucht nach etwas, was er nicht besaß, im vollkommensten Gleichmute. Die meiste Zeit mag er verschlafen haben. Er selbst glaubt nur wenige Stunden gewacht zu haben. Im September 1828 äußerte er, es komme ihm sehr sonderbar vor, wenn er zurückdenke, daß er in seinem Kerker nichts gedacht noch gewünscht habe, da er doch jetzt so viele Gedanken und Wünsche habe. Er sei in einem immer gleichen Zustande gewesen, in den er sich jetzt schwer zurückdenken könne. In diesem Zustande wäre er auch ohne Zweifel bis ans Ende seines Lebens geblieben, wenn keine Erregung stattgefunden hätte. Aber schon nachdem der Unbekannte bei ihm erschienen war, ging eine große und wesentliche Veränderung in seinem Innern vor. Er blieb nicht nur bei dem stehen, was ihn der Mann lehrte und andeutete, sondern hat er über das Verschwinden der Hemmung keine Untersuchung fing an, Betrachtungen und Vergleichungen der ihm nächsten äußeren Gegenstände aus freiem Triebe anzustellen. Er erzählte mir von dem Übertritt zu diesem neuen, obwohl noch höchst beschränkten Geistesleben folgendes Merkwürdige. Das erste, was er in Betrachtung gezogen, sei, soviel er sich erinnere, seine Hand. Es sei ihm aufgefallen, daß »Löcher« darin seien, was er zuvor niemals bemerkt hatte, womit er nämlich die Schweißlöcher Schweißporen oder Mündungen der Talgdrüsen? D. H. meinte. Dies zeigt zugleich, mit welcher Schärfe er in seinem finstern Loche sah. Noch da er mir obiges erzählte, nannte er diese seinen Punkte »große Löcher«. Als er nun diese Entdeckung gemacht, verglich er die Streifen oder Bänder, mit denen er seine hölzernen Tierbilder zu schmücken pflegte, mit seiner Hand und fand, daß auch diese Bänder ähnliche Löcher hatten. Hierauf verglich er die hölzernen Tiere selbst und bemerkte etwas Abweichendes, da er in diesen keine solchen Löcher, sondern vertiefte Stellen, Einschnitte fand. Aufsitzend in seinem Gefängnis fühlte Hauser, daß ihn etwas hinderte, sich auch nur etwas stark gegen die Knie vorzubeugen; er vermochte sich nicht einmal ganz auf die Seite zu legen, nur die Lage auf dem Rücken und ein kleines Rutschen auf die linke Seite hin war ihm möglich. Als er von Professor Hermann (1828) auf dem Boden sitzend an der Hosenschnalle niedergehalten wurde, sagte er, so sei es gewesen. Näheres wußte er nicht anzugeben, denn was ihn hielt, hat er nie untersucht. Als der Unbekannte bei ihm gewesen war, fiel ihm beim Spiele eines seiner Pferdchen auf die Seite, so daß er, um es wieder zu erlangen, sich vorwärts bemühen mußte; da fühlte er zum ersten Male jene Hemmung nicht mehr. Wahrscheinlich hatte der Unbekannte, um ihm das Schreiben zu erleichtern, die Fessel gelöst und nachher nicht wieder befestigt. Er suchte nun vorwärts zu rutschen, um sein Pferdchen zu fassen, was ihm auch gelang, wobei er mit den Füßen auf den kalten Boden kam. Weiter zu rutschen oder aufzustehen hat er nicht versucht. Auch angestellt, was alles nicht ohne psychologische Merkwürdigkeit ist. Hauser meint jedoch, und wohl nicht mit Unrecht, wenn man ihn nach dem oben beschriebenen Geisteserwachen noch lange in seinem Loche gelassen hätte, so würde er in seinen Betrachtungen und Bestrebungen immer weiter gegangen sein und endlich auch wohl aufzustehen versucht haben. Der Ort, an welchem Hauser verborgen gehalten wurde, war allem Anschein nach ein kleines kellerartiges Gewölbe unter der Erde. v. Tucher (S. 123f.): »Als er in die Nähe eines in Daumers Garten befindlichen Bienenstandes kam, befiel ihn eine namenlose Angst. ›Da, da‹, schrie er, ›sei er drin gewesen.‹ Der Bienenstand hat nämlich an der Vorderseite, unterhalb des Brettes, auf dem die Bienenstöcke stehen, einen Verschlag und an der Seite eine Türe; wahrscheinlich dient dieser Raum dazu, Gartengerätschaften, leere Bienenstöcke und dergleichen aufzuheben. Man suchte ihn auf alle mögliche Weise zu überzeugen, daß er sich irre; aber es half nichts. Endlich, nachdem er sich von Daumer das Versprechen hatte geben lassen, daß er nicht mehr eingesperrt werden solle, ging er hin, öffnete die Türe, behauptete aber nun umsomehr, da drin sei er gewesen; nur seien seit der Zeit Balken hinein gemacht worden, die sich vorher nicht darin befunden; auch seien die zwei kleinen Fensterchen etwas größer gewesen. Ein solcher Käfig scheint also der Aufenthalt des Unglücklichen gewesen zu sein.« Als ich ihn (1828) in einen kleinen Hauskeller führte, sagte er, die Wölbung und die in ihr befindlichen Fenster seien so gewesen wie hier, nur sei sein Kerker noch kleiner und dunkler gewesen. Bei weiterem Besprechen trat die Erinnerung hervor, er sei, wie er aus seinem Gefängnis herausgekommen, zuerst einen kleinen Berg, dann einen großen hinaufgetragen worden. Früher hatte er nur angegeben, er sei, wie er aus seinem Gefängnis genommen wurde, aufwärts oder einen Berg hinauf getragen worden. Obige bestimmtere Angabe trat zuerst hervor, als er mir auf eine Frage die überraschende Antwort gab: das sei auf dem ersten Berg der Fall gewesen, worauf ich dieser Spur nach weiter fragte. (D.) Der erste sei nämlich gleich vorüber gewesen, bei dem zweiten, meint er, sei es hoch hinaufgegangen, auch habe auf diesem der Träger stark geatmet (»geschnauft«). Auf dem ersten habe der Gang des ihn tragenden Mannes stärker gestoßen als auf dem zweiten und die Luft sei ihm auf dem ersten weniger kalt vorgekommen als auf dem zweiten. Vom Weg habe er auf dem ersten nichts gesehen, da sein Gesicht auf des Trägers Rücken gelegen, auf dem zweiten sei ihm der Weg grün vorgekommen. Auf beiden Seiten des Weges, da er den ersten Berg hinaufgetragen worden, sei er neben (wie an Wänden) angestreift. Zwischen dem ersten und zweiten Berg sei es eine Zeitlang eben fortgegangen. Hieraus läßt sich abnehmen, daß die erste Höhe (der erste Berg) eine kleine schmale Treppe, die zweite aber eine Anhöhe im Freien gewesen sei. Als wir ihn über diese Gegenstände befragten, nahm ihn Professor Hermann auf den Rücken, so wie nach Hausers Angabe der Mann ihn auf den Rücken genommen, und ging mit ihm auf ebenem Boden und auf Treppen umher, um durch die Erneuerung der Empfindung seiner Erinnerung zu Hilfe zu kommen. Hauser sagte, er habe, als man ihn hinausgetragen, große Schmerzen empfunden und geweint; endlich sei er auf dem Rücken seines Trägers eingeschlafen oder ohnmächtig geworden und, da er wieder zu sich gekommen, mit dem Gesicht gegen die Erde gekehrt auf dem Boden gelegen usw. Schon durch mechanische Einwirkung konnte für Hauser das Herausgeschlepptwerden aus seinem Loche schmerzlich werden. Auch hat wohl die freie Luft, da er ihr zum erstenmal nach so langer Zeit wieder ausgesetzt war, einen starken Eindruck auf ihn gemacht. Gleichwohl glaube ich, daß die Hauptursache seines schmerzlichen Zustandes, der mit Ohnmacht endete, die animalisch-magnetische Einwirkung des Trägers war, auf dessen Rücken er lag. Es ist bemerkt worden, daß Hauser von Berührungen menschlicher Körper immer Erkältung und Schmerz empfand. Diese Empfindlichkeit, die sich später verlor, muß zu der Zeit, da er in seinem Gefängnis lebte und demselben entnommen wurde, im höchsten Grade stattgefunden haben. Er erinnerte sich später noch, wie er Kälteschauer und dann Hitze schmerzhaft empfunden, als der Unbekannte im Gefängnis seine Hand berührte. Die Erkältung, die Hauser auf des Mannes Rücken gefühlt haben will, kam gewiß weniger von der Luft als von dem Träger. Er äußerte einmal, die Kälte, die er empfunden, da man ihn hinausschleppte, sei auf dem kleinen Berg in Hitze übergegangen, dann sei es wieder sehr kalt geworden und wie er zuerst auf dem Weg erwachte, habe er Hitze im Kopfe gehabt und der Schweiß sei ihm übers Gesicht geronnen. Dies gibt wenigstens einen fieberischen Zustand zu erkennen. Seine Empfindlichkeit gegen Berührungen aber, die sich zu Nürnberg auf so auffallende Weise kund tat, legt auch folgende Stelle seiner schriftlichen Erzählung dar: »Ich glaube, er (Hausers Führer auf dem Weg nach Nürnberg) ließ mich ein wenig freier gehen, um zu probieren, ob ich auch allein gehen könne; aber ich glaube, daß ich hingefallen sein würde, weil ich nicht mehr die Füße vorwärts bringen konnte, und auf beiden Seiten empfand ich einen plötzlichen Schmerzen, der wahrscheinlich daher rührte, daß mich der Mann geschwind ergriff, als ich hinfallen wollte.« III. Hausers psychischer Zustand und Benehmen in den ersten Zeiten seines Aufenthalts zu Nürnberg im Jahre 1828 Als ich Hauser kennen lernte, stellte sich sein Gesicht, wenn es keinen Affekt äußerte, als ein gemeines dar, und die unteren Teile des Gesichtes traten vor v. Tucher (S. 118f.): »Eine kleine, untersetzte Figur von starkem Knochenbau, etwas hängendem, nicht gerade schwammigem Fleisch und von nicht ungesunder Gesichtsfarbe. Er stand nicht völlig aufgerichtet, sondern den oberen Teil des Körpers zwischen den Schultern etwas zusammengedrückt, auch die Knie nicht ausgestreckt und die Schenkel etwas einwärts gekrümmt. Sein Gesicht sah etwa dem eines tölpischen Bauernjungen gleich, die oberen Augenlider waren etwas herabgesetzt, der untere Teil des Gesichtes etwas vorhängend; struppiges, tief in die Stirne hereinhängendes Haar. Der Gesichtsbildung und dem keimenden Barte nach mochte er etwa 18 Jahre alt sein.« was von der langen Unterdrückung der geistigen Entwicklung herkommen mochte; auch änderte sich diese Gesichtsbildung nachher gänzlich. Sein Weinen war sehr unschön, er zog dabei den Mund weit herunter, dagegen hatte sein Lachen, wobei die unteren Teile des Gesichtes zurücktraten, der Mund sich öffnete, die Augen aufleuchteten, und der ganze Mensch in die lebhafteste Bewegung kam, einen unbeschreiblichen Reiz; ein solcher Ausdruck rein kindlicher Freude ist mir sonst nirgends vorgekommen. Es glich dem Lachen eines kleinen Kindes, mit dem man tändelt, oder dem man etwas Glänzendes vorhält, aber es drückte sich darin eine höhere Kraft des Bewußtseins aus. Im Gesichte malte sich jede Empfindung und Regung seines Innern mit den stärksten Farben. Er konnte sozusagen in einem Atem lachen und weinen. v. Tucher (S. 120): »Wenn er sprach und besonders wenn er von etwas ergriffen war, so veränderten sich seine Gesichtszüge auf eine merkwürdige Weise; die Augen öffneten sich weit, der Mund zog sich zurück und öffnete sich halb und eine Klarheit strahlte plötzlich über sein ganzes Gesicht.« Als man ihm seine Weste zum Ausbessern fortgetragen hatte, konnte er nie daran erinnert werden, ohne daß sich sein Mund zum Weinen verzog und ihm Tränen in die Augen traten; man durfte aber nur bemerken, daß er seine Weste verschönert zurückerhalten werde, so ging sein Gesicht augenblicklich in den hellsten Ausdruck der Freude über. Einige Worte, die Hauser von dem Unbekannten, der ihn nach Nürnberg geführt, nur äußerlich, ohne sie zu verstehen, aufgefaßt hatte, z. B. »I möcht ah (auch) a söchana (solcher) Reiter wern, wie Vater is.« – »We (wenn) Reiter bis, wie Vater, da (dann) ham weisen«, So glaubt Hauser sich zu erinnern, die Worte in der frühesten Zeit gesprochen zu haben. »Ham weisten«, sagte er nach Erinnerungen anderer. Was übrigens den Volksdialekt betrifft, der in Hausers Sprache so lange vorherrschte, so nahm er diesen weniger von dem Unbekannten, als von dem Gefängniswärter, in dessen Verpflegung er anfangs war, und von der Familie desselben an. Hauptsächlich die Frau dieses Mannes, die ganz im altbayerischen Dialekt spricht, gab sich viele Mühe, ihn reden zu lehren. (D.) vorzüglich die Worte »ham weisen« aus letzterem Satze brauchte Hauser in der früheren Zeit ganz allgemein, um Klage, Wunsch, Forderung usw. jeder Art auszudrücken. »Dahi weiß, wo Brief hi gehört«, sagte Hauser, wenn er ein Papier in die Hände bekam, weil der Mann so gesagt hatte, als er ihm den Brief in die Hand gegeben; »dich anschütt«, sagte er, als es regnete, weil der Mann so gesagt, da Hauser vom Regen naß wurde. So nach Hausers späteren Erinnerungen. Auch »da dei Nam Kaspar Hauser« und »du schö Roß komm, Vater« sind Worte, die er von Reden des Mannes gemerkt, dem er alles wie ein Papagei nachsprach. So sprach er auch anfangs zu Nürnberg die gehörten Worte nach, was zu manchem Mißverstand Anlaß gab. Ein fremdes, ihm nachher aus dem Sinn gekommenes (wohl ungarisches) Wort erinnert er sich, noch zu Nürnberg im Gefängnisturme beim Putzen seiner Spielpferde gesprochen und damit »Schönmachen, Putzen« ausdrücken gewollt zu haben. Als ich ihn kennen leinte und noch lange nachher erschien nicht nur sein Deutsch, sondern überhaupt sein Vermögen zu sprechen höchst mangelhaft und seine Wortfügung fremdartig. Hilfszeitwörter, Pronomina wurden häufig ausgelassen, das Verbum ans Ende des Satzes gestellt, statt bestimmter Verbalformen häufig der Infinitiv gesetzt, z. B. »Sie mir des lehrna,«»du mir dees lehrna«, statt lehren Sie mir das, lehre mir das,« »den raus tu«, statt diesen muß oder soll man heraustun, diesen tue man heraus, Er sagte dies in Beziehung auf einen, den er im Flusse baden sah und von dem er aus Unkunde dieser Erscheinung glaubte, er sei ins Wasser gefallen und in Lebensgefahr. (D.) und so immer bei Imperativsätzen. Um sein Gefallen oder Mißfallen an etwas auszudrücken, waren seine gewöhnlichen Worte »dees schö – dees nit schö – dees goarstigk.« Nur weiße Tiere nannte er anfangs Rosse, weil seine Spielpferde weiß gewesen, von braunen Pferden z. B. verneinte er, daß es Rosse seien, aber weiße Gänse und Ochsen ließ er dafür gelten. Wurzeln und Zöpfe nannte er Schweife, Balken: Bäume, Tanzen: herumlaufen, Schwimmen: Laufen, Gähnen: den Mund aufmachen, das Umringen und Umstehen der Leute, die sich an ihn drängten: einmachen, und so mehreres. Von sich selbst sprach er in der dritten Person, als vom Kaspar. v. Tucher (S. 119): »Seine Sprache war die eines Kindes im 2. oder 3. Lebensjahre. Vorherrschender Gebrauch des Infinitivs; von sich sprach er nur als ›Kaspar‹, nicht als ›ich‹, selbst das ›du‹ verstand er nicht, sondern meinte, ›du‹ wäre der Mann, bei dem er gewesen war.« Sein Sprechen war mühsam und ringend S. a. v. Tucher (S. 119). und er suchte dem Ausdruck der Rede durch eigentümliche Arm- und Handbewegungen nachzuhelfen; die Hände waren aufgehoben, das Innere derselben nach außen gekehrt, Daumen und Zeigefinger mit den Fingerspitzen aneinandergeschlossen und so die Hände und Arme gegen den bewegt, mit dem er sprach. Auch klopfte er mit den geschlossenen Spitzen des Daumens und Zeigefingers im Sprechen gern auf einen Tisch. Noch im Jahr 1830 sah ich zuweilen eine solche Bewegung an ihm. (D.) Wollte man ihm diese auffallenden Bewegungen abgewöhnen, so klagte er, daß ihm das Sprechen dann noch härter ankäme. Jenes Zusammenschließen des Daumens und Zeigefingers war auch der Fall bei angestrengtem Sinnen und Aufmerken und hatte einen krankhaften Grund; das einemal verursachte die Anstrengung des Sinnens und Aufmerkens, das anderemal die des Suchens nach dem Ausdrucke der Rede diese krampfhafte Zusammensetzung. Als ich ihn zum erstenmal besuchte, zog unter dem Tore vor der Stadt eine Bauernmusik vorbei. Hauser horchte auf und nahm die ganz eigentümliche Stellung an, in der ich ihn später öfters sah, wenn er über etwas nachdachte oder sich auf etwas besann. Er stand ganz starr und hielt die Arme mit gebogenem Ellenbogen vor sich hin, Daumen und Zeigefinger waren zusammengedrückt, wie wenn er etwas zwischen ihnen gehalten hätte. Den Augen sah man an, daß sie nicht sahen, daß die Seele aus ihnen gewichen war, die sich jetzt ganz und gar nur als hörend verhielt. Er verblieb in dieser Stellung, bis die Töne ganz in der Ferne verhallt waren. v. Tucher (S. 120f.): »Die Reizbarkeit seiner Nerven war erstaunlich. Es war, als ich mich bei ihm befand, Johanniskirchweih und es zog vor seinem Fenster Musik vorüber. Da riß er hastig das Fenster auf und gaffte mit höchster Anspannung hinaus, wiewohl man seinen Augen sehr wohl ansah, daß sie nichts sahen, auch nicht die Musikanten, sondern lediglich die Richtung bezeichneten, nach der sein ganzes Wesen hinstrebte. Den Mund geöffnet, horchte er und horchte lange, bis die letzten Töne in der weitesten Ferne verhallt waren; ja selbst noch lange nachher lauschte er, ob er nicht imstande sei, noch welche zu erreichen. Dabei zuckte sein ganzes Gesicht, und ein Zucken ging durch seinen ganzen Körper; übrigens stand er unbeweglich und hielt beide Hände in derselben Art vor sich hin, wie ich es oben beschrieben habe. Seine Empfänglichkeit für Musik hatte jemanden veranlaßt, ihm eine Glasharmonika – Glasstäbchen, auf die man mit zwei kleinen Hämmern schlägt – zu schenken. Er hatte auch mehrere Stücke gelernt und diese nun auf seine Weise höchst originell weiter ausgebildet. Im ganzen war darin mehr ein allgemeiner Rhythmus als eigentlicher Takt; er spielte mit großer Sicherheit und keine falsche, d. h. übeltönende Folge war zu vernehmen.« In einem solchen Fall, wenn seine Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet war, wenn er sann und nachdachte, hörte und sah er nichts von dem, was um ihn her vorging. v. Tucher (S. 119f.): »Wenn im Gespräche mit ihm ein Ausdruck, eine Vorstellung, die ihm nicht klar genug war, vorgebracht wurde, so wiederholte er das Wort mehrere Male für sich, als wolle er mit sich zu Rate gehen, was das heiße; er hörte und sah dann nicht mehr, vernahm selbst den Zuruf seines Namens nicht, sondern suchte nur zu begreifen, was ihm da Neues geboten war.« Dazu bemerkt Daumer: »Es stimmt das mit der Schilderung, die teilweise, freilich mit allerlei offenbar unechten Ausschmückungen, schon der erste Zeuge, der Schuster Weickmann, in seinen Verhören gegeben. Auch diesem sprach er die ihm neuen und unverständlichen Wörter nach. Als W. sagte: »Wir wollen zum Herrn Rittmeister gehen,« sprach H. die Worte: »Herr Rittmeister, Herr Rittmeister« nach; aber, wie W. ausdrücklich bemerkt, in der Art, »daß man deutlich sah, er verstehe das Wort nicht.« Man konnte ihm, der sonst so empfindlich gegen laute und starke Töne war, mit der lautesten Stimme zurufen, ohne daß er es hörte. Erst wenn er mit einer schwer zu beschreibenden, fast einem Aufschrecken gleichen, zuckenden oder vielmehr schüttelnden Bewegung Jetzt ist es zuweilen nur noch ein Ruck. (D.) in seinen gewöhnlichen Zustand überging und selbst wieder zu sprechen begann, vernahm er auch andere wieder. Was bei jedem Menschen der Fall ist, daß er bei angestrengtem Sinnen und Denken weniger empfänglich für äußere Eindrücke ist, zeigte sich bei Hauser in sehr hohem und auffallendem Grade. So kam es, daß derselbe Mensch jetzt mit so ungeheurer Schärfe, ein andermal gar nichts sah und vernahm, und was für einen Archimed seine mathematischen Figuren und Berechnungen waren, das war für Hauser jeder Gegenstand des Aufmerkens und Nachdenkens. Daß er in seinem Käfig kein Glockengeläut, keinen Donner, noch anderes von außen eindringendes Geräusch und Tönen vernahm (es ist ihm sogar nicht erinnerlich, daß er eine Tür öffnen und schließen oder gehen gehört), davon liegt wohl auch der Grund hauptsächlich in seinem psychischen Zustande. Was er zu tun gewohnt war, mit den Pferden zu spielen usw., nahm seine ganze Aufmerksamkeit hin, füllte seine ganze Seele aus, und das geringe Tun, auf welches er gewaltsam beschränkt, in welches seine durch Einsperrung, Anfesselung und Opium gebändigte Kinderseele gebannt worden war, reichte damals hin, seine Sinne von äußern Eindrücken abzuschließen. (D.) In Hinsicht des Geschmacks zeigte er sich auf der untersten Stufe der Entwicklung stehend. Alles Glänzende und Farbige war ihm schön, alles Dunkle häßlich und widerlich, für andere Schönheit als die des Hellfarbigen ermangelte er der Erkenntnis. Wenn Hauser früher ein Mädchen zu werden begehrte, so geschah dies keineswegs, weil er sich zur weiblichen Natur hingezogen fühlte, oder an weiblicher Schönheit Gefallen fand, sondern weil er als Mädchen in farbigen schmucken Kleidern zu prangen wünschte. Man konnte ihn in keine größere Freude versetzen, als wenn man ihm ein weibliches Kleidungsstück umhing. (D.) Alle Menschen waren ihm schön, die nicht schwarz waren, wie ein Mohr Mohren waren ihm auf Bilderbogen vorgekommen. (D.) oder Schornsteinfeger. Wenn man ihn fragte, ob ihm nicht einer schöner als der andere scheine, so sagte er, sie wären alle gleich schön, denn sie wären ja nicht schwarz im Gesichte. Das Weiße war ihm schön, Grün gefiel ihm nicht, Blau und Rot waren seine Lieblingsfarben. v. Tucher (S. 122): »Unter den Farben schien ihm das Rot der Rose die liebste zu sein.« Eine ganz weiße Katze, einen ganz weißen Hund fand er schön, schöner aber, meinte er, wäre es, wenn diese Tiere rot oder blau wären. Das Grün des Laubes, Grases usw. fand er nicht schön. Es sollte, sagte er, rot oder blau sein. Als er auf einem Wirtshausschilde ein rotes Pferd angemalt sah, sagte er, wenn die Pferde so schön rot wären, dann wären sie herrlich, und als er einst einen Baum voll roter Apfel sah, sagte er, wie schön wäre dieser Baum, wenn die Blätter auch so rot wären. Einmal äußerte er, sein Gesicht müßte recht schön aussehen, wenn es vergoldet wäre, ging auch einmal allen Ernstes Herrn Bürgermeister Binder an, ihm das Gesicht vergolden zu lassen. Sinn für die Natur fehlte ihm ganz. Dasselbe berichtet Ludw. Feuerbach (S. 126). Sein Zimmer mit den darin befindlichen Bildern und Gegenständen galt ihm für weit schöner als eine anmutige ländliche Gegend oder Szene. Als man ihn auf einer Anhöhe auf eine schöne Aussicht aufmerksam machte, sagte er, da sehe er nichts Schönes, es sei ja alles Grün. Erst wenn man ihn durch ein gefärbtes, zumal rotes Glas sehen ließ, gefiel ihm dergleichen. In der Musik sprach ihn nur das Lustige und Muntere an. Als man ihm einmal etwas von ernstem Charakter vorspielte, sagte er, das gehe ihm zu traurig. Traurig könne er selbst sein, dazu brauche er keine Musik. Alles was ihm gefiel, wünschte er zu besitzen und forderte er, auch Flammen und Töne. Uhren, Goldstücke und andere Gegenstände, an denen er Gefallen fand, wollte er anfangs nur seinen Spielpferden als Schmuck anhängen. Als er zum ersten Male (vor meiner Bekanntschaft mit ihm) eine brennende Kerze sah, wünschte er die Flamme zu haben, um sie dem Spielpferd umzuhängen, und da man sagte, man schenke sie ihm, langte er in die Flamme, so daß er sich die Finger verbrannte. v. Tucher (S. 122): »Von Hitze und Kälte schien er keinen Begriff zu haben. Er griff in das Licht, um es als etwas Neues genauer zu betrachten.« Alles, glaubte er, sei lebendig, auch das Toteste; in alles legte er Bewußtsein, Willen, Empfindung. In den ersten Tagen zu Nürnberg glaubte er, Brot, Wasser und Spielpferde seien ihm davongelaufen und sprach mit dem Brot, das er bekam, und mit einem Ofen, dessen glänzende Farbe ihn anzog. Als er sah, wie ein Kind, auf einem gefällten Baumstamm sitzend, mit einem Stöckchen daraufschlug, fragte er, warum es den Baum schlage, indem er meinte, es wolle demselben etwas zuleide tun. An einer Statue des Gartens, der an meiner Wohnung liegt, nahm er großes Ärgernis, weil sie sich, wie er sagte, nicht reinigte und putzte. Dasselbe erzählt v. Tucher (S. 123). In den ersten Zeiten hielt er selbst die Bilder der lebendigen Wesen aus seinen Kupferbögen für belebt. Beim Anblick eines an einem Hause angemalten, im Galopp laufenden Pferdes fragte er, warum dieses Pferd so ohne Führer daherspringe. Als ihm der Wind ein Blatt Papier vom Tische wehte, sagte er, es sei heruntergelaufen, und da man ihm sagte, der Wind habe es heruntergeweht, sagte er, sich beschwerend, das solle der Wind nicht tun, indem er den Wind als ein persönliches Wesen nahm. So machte er sogar mit dem Winter, von dem er sagte, er wundere sich, daß es ihn nicht selber friere, wenn er so kalt mache. Hauptsächlich wenn er etwas sich bewegen sah, ließ er sich nicht überzeugen, daß es nicht fühle, wolle und sich willkürlich selbst bewege. Als ich einen Apfel im Garten hinrollen ließ, verwunderte er sich, daß der Apfel so laufen könne und glaubte, es sei die selbständige Bewegung eines Lebendigen. Wenn sich der Apfel in Hecken und Beete verlief oder wenn er ihn in die Höhe warf und nicht wieder fangen konnte, sagte er, der Apfel folge nicht und fragte, warum er andern folge und nicht ihm? Als ein Apfel im Laufen einmal plötzlich innehielt, sagte er, er sei jetzt müde und man müsse ihn nicht länger plagen. Dasselbe erzählt Ludw. Feuerbach (S. 125). Jemand wollte ihm zeigen, daß es von ihm abhänge, welche Richtung der Apfel nehmen müsse und daß er hinfalle, wo er ihn hinwerfe. Da aber der Apfel nicht an der Stelle blieb, wo er auffiel, sondern absprang, so brauchte Hauser dies als Gegenbeweis Vergleiche unten, wo er den Gefängniswärter auf ähnliche Weise zu widerlegen glaubte. (D.) und blieb um so mehr bei der Meinung, daß der Apfel von selbst springen und laufen könne. Als ein rollender Apfel einmal an einen andern im Wege liegenden anstieß und ihn auf die Seite trieb, beschwerte er sich über den garstigen Apfel, der dem andern wehe getan und ihn weggestoßen habe und sagte, diesen möge er nun nicht mehr. Als jemand die rollenden Äpfel mit dem Fuße aufzuhalten suchte und diese an der etwas holperigen Stelle öfters in die Höhe und über den Fuß wegsprangen, freute er sich sehr über ihre Klugheit und Behendigkeit, ermahnte jeden, den er rollen ließ, zuvor, dasselbe zu tun und zeigte ihm wie er es machen müsse. v. Tucher (S. 123): »Daumer warf im Garten einen Apfel vor sich hin und forderte Hauser auf, das gleiche zu tun. Er sah den runden Körper laufen, hielt ihn für lebendig und konnte sich nicht davon überzeugen, daß er es nicht sei. Erklärungen waren fruchtlos, und als der senkrecht aufgeworfene Apfel wieder aufsprang, sah er darin eine Bestätigung seiner Meinung. Nun schnitt Daumer aus dem Brote, welches H. aß, eine Kugel; und als mit dieser die nämlichen Experimente gemacht wurden, so gab er endlich seine Vorstellung vom selbständigen Leben dieser Gegenstände auf. Eine steinerne Figur im Garten war ihm ein besonderer Anstoß, weil sie sich nicht von dem auf ihr liegenden Schmutze reinige; erst einige Tage, nachdem er die Erfahrung mit der Brotkugel gemacht, begriff er die Sache: »Also ist die, die sich nicht putzt, auch nicht lebendig!« Die Spielpferde, mit denen er sich im Käfig unterhalten hatte, sowie die, mit denen er zu Nürnberg spielte, galten ihm für lebendige und teilnehmende Wesen und alle Liebe, die in ihm war, hatte er in sie gelegt. Zu ihnen sehnte er sich unablässig hin, als man zu Nürnberg noch nicht darauf gekommen war, ihm dergleichen anzubieten; er hoffte, daß sie wieder zu ihm kommen würden und betrübte sich über ihr langes Ausbleiben; er erinnert sich noch, beim Hören eines Trompetentons gedacht zu haben, er wolle den Pferden, wenn sie wieder kämen, erzählen, was er Schönes gehört. In einer schriftlichen Erzählung Hausers heißt es: »Jetzt hörte ich wieder die Trompete in der Kaiserstallung, ich horcht und freute mich immer sehr, weil meine Hoffnung war, wann die Roß kommen, ich erzählen, was ich gehört habe.« Und an einem anderen Orte: »Ich war in der Meinung, die Pferde sind fortgegangen. Ich bekam auch den Gedanken, wenn die Pferde kommen, so sage ich, sie sollen nicht mehr fortgehen, auch dieses wollte ich sagen, sie sollten das Brot nicht mehr fortlassen, sonst habt ihr nichts« Ich werde diese Erzählung in dem Abschnitte »Selbstzeugnisse« mitteilen. Als er wieder Spielpferde bekam, weinte er vor Freude und vergaß den schmerzlichen Zustand, in dem er sich damals befand. Er hatte schon in seinem Käfig die Gewohnheit, seinen leblosen Gesellschaftern nicht nur Brot zum Fraße hinzuhalten, sondern sie auch mit dem Maule in sein Wassergefäß einzutauchen und, wie er meinte, saufen zu lassen. So machte er es auch (wie ich von zuverlässigen Leuten weiß) zu Nürnberg. Wenn er aß, so hielt er mit der einen Hand ein Stückchen Brot an den Kopf des Pferdes und steckte sich mit der anderen ein Stück in den Mund, dann aß er das, welches er dem Pferde vorgehalten und hielt diesem ein anderes vor, und so trieb er es fort, bis das Brot aufgezehrt war. Zuweilen blieb am Pferde etwas hängen; damit wollte er einmal den Gefängniswärter widerlegen, als dieser ihn zu belehren suchte, daß seine Pferde nicht fressen könnten. Wenn man ihm etwas zum Genusse anbot, was ihm widerstand, pflegte er zu sagen: »das fressen die Pferde nicht«, so sehr hatte er in ihnen die Anschauung seiner selbst. Doch hatte er sich durch den Gefängniswärter, schon ehe ich ihn kannte, überzeugen lassen, daß seine Spielpferde nicht lebendig seien, aber noch nach seinem Eintritt in mein Haus hielt er die Meinung fest, der große hölzerne Reitgaul, auf dem er sich öfters geschaukelt hatte, sei lebendig; ich hörte ihn noch, da ich ihn im Turme besuchte, die Besorgnis äußern, er möchte ihm davon laufen, wenn die Türen nicht verschlossen würden. Als er einmal auf diesem Holzpferde, von der Anstrengung des Schaukelns erschöpft, einschlief und sich am Finger quetschte, beklagte er sich, daß ihn das Pferd gebissen habe. Die Ansicht, daß alles lebe und empfinde, hinderte ihn ganz und gar nicht, anzunehmen, daß alles äußerlich von Menschenhänden geformt und gemacht worden sei. Beim Anblicke gezackter großer Blätter fragte er mich, wer das so ausgeschnitten habe und es war vergeblich, ihm vorstellbar und glaublich machen zu wollen, daß dies so von selbst hervorwachse. Ludw. Feuerbach (S. 127f.): »Bei allem, was er sieht, fragt er, wer es macht oder gemacht habe; bei den Blättern der Bäume, wer sie so ausgeschnitten habe usw. Von Gott weiß er nichts.« Als er einen Einäugigen sah, sagte er zu ihm, er solle sich ein Auge einmachen lassen, und da man entgegnete, das ginge nicht an, sagte er, wer das eine gemacht habe, könne auch ein anderes machen. Genau so Ludw. Feuerbach (S. 127). An gleicher Stelle erzählt er die folgende Geschichte: »Den Bart findet er besonders häßlich; als er in seinem Gesichte einige Härchen hervorsprossen sah, raufte er sie aus, in der Meinung, sie würden nun ausbleiben; wie er dann doch wieder welche bemerkte, drückte er sein Befremden und seinen Unwillen darüber aus, daß sie, obgleich er sie nicht wolle, dennoch kämen.« Zwischen der Natur und den Fähigkeiten der Menschen und Tiere wußte er keinen Unterschied. Die Hauskatze wollte er aufrecht gehen lehren. Er ärgerte sich darüber, daß sie mit dem Munde äße und sich mit demselben putze und ablecke. Er wollte ihr das Essen mit den Händen lehren, ergriff ihre Pfote und ermahnte sie, mit derselben ihren Fraß zu fassen und an das Maul zu bringen. Überhaupt sprach er mit der Katze wie mit einem Menschen und wunderte sich, daß sie nicht darauf achte und nichts lernen wolle. Ludw. Feuerbach (S. 127): »Als er irgendwo gesehen hatte, wie ein Hund stets dem Worte seines Herrn folgte, wollte er, nach Hause zurückgekommen, daß auch die Katze so folgsam sein solle; und als er nichts bei ihr ausrichtete, hielt er sich über ihren Ungehorsam auf. Auch wollte er die Katze mit den Pfoten essen lehren.« Da er Ochsen auf dem Pflaster gelagert sah, fragte er, warum die sich auf den harten Boden legten und nicht lieber nach Haus gingen, um sich niederzulegen. Er beschwerte sich darüber, daß die Tiere, z. B. Ochsen, Pferde, den Weg verunreinigten und nicht auf den Abtritt gingen. Noch im Herbste des Jahres 1828 hielt er sich sehr darüber auf, daß ein Pferd im Stalle »vor allen Leuten« sein Wasser ließ. Seine Unkunde der gewöhnlichsten und nächsten Erscheinungen und Gegenstände, welche die wunderlichsten Äußerungen verursachte, war anfangs so groß, daß er nicht einmal alle Glieder seines Leibes kannte. Einmal, erzählte er mir, sei jemand zu ihm gekommen, der sich bemüht hatte, ihn damit bekannt zu machen. Als man ihn hatte mit den Händen an seine Ohren langen lassen, sei er sehr verwundert gewesen und habe geglaubt, das sei etwas Ungehöriges, welches von seinem Körper weggeschafft werden müsse. Erst da der Gefängniswärter ihn ein wenig an den Ohren gezogen, habe er sich überzeugt, daß es ein Teil seines Leibes sei. Als ein Arzt seinen Kopf untersuchen wollte und mit beiden Händen daran griff, hörte ich ihn bitten, man möge ihm den Kopf nicht herunternehmen. Ebenso bei Untersuchung des Fußes, man möge ihn nicht wegnehmen. Einen Ring, den man ihm an den Finger gesteckt hatte und den er ablegen wollte, streifte er nicht ab, wie man zu tun hat, sondern bemühte sich, ihn unmittelbar von der Stelle des Fingers, an der er sich befand, durch den Finger hindurch wegzuziehen. Als ihm einmal die Röte seiner früher blasseren Wangen auffiel, fragte er, wer ihm das Rot hin gemacht habe. Weil ihm die Wassersuppe, zu der er sich bei Gewöhnung an warme Speisen zunächst verstanden hatte, täglich mehr behagte, meinte er, sie werde täglich besser zubereitet, fragte, wie das zugehe und warum man sie nicht gleich anfangs so gut gemacht habe. Als er eine graue Katze erblickte, fragte er, warum sie sich nicht wasche, damit sie weiß werde. Das Tanzen, das man ihn einmal versuchen ließ, faßte er leicht, meinte aber, wenn er mit einer anderen Person tanze, so geschehe dieses nur, um ihn zu unterstützen, weil er es doch noch nicht allein vermöge, wie man ihn auch gehen gelehrt hatte. Das Spiegelbild für das zu nehmen, was es ist, konnte er lange nicht bewogen werden. v. Tucher (S. 122): »Von den Wirkungen eines Spiegels war er aufs höchste überrascht.« Als sich einmal in dem geöffneten Fenster die im Zimmer befindlichen Personen abspiegelten, fürchtete er sich davor und sagte, man solle das Fenster zumachen, damit die Leute da draußen nicht hereinkommen könnten. Ich ließ ihn bemerken, daß die Bilder im Fenster und Spiegel alles nachmachten, was die davor stehenden Personen täten, und in allen Stücken so aussähen wie diese, dann ließ ich ihn mit der Hand hinter das Fenster greifen, wo die abgespiegelte Person zu stehen schien, und als er in das Leere griff, so überzeugte er sich endlich von der Scheinbarkeit der erblickten Gestalt. Man zeigte ihm ein Kupferblatt, auf welchem ein Ritter zu Pferde von der Seite dargestellt war, so daß man den Kopf des Pferdes nicht zu sehen bekam. Er fragte, warum dieses Pferd keinen Kopf habe; als man ihm sagte, der Kopf sei auf die Seite gewandt, die man hier nicht sehen könne, wandte er das Blatt um und wollte auf der leeren Seite desselben den Kopf erblicken. Auf ähnliche Weise machte er es bei anderen Gelegenheiten. Vom organischen Zusammenhang eines Gewächses hatte er keine Vorstellung. Als man eine Blume abriß und ihm zeigte, sagte er, man müsse nichts abreißen und zerbrechen, befestigte die Blume, so gut es gehen wollte, wieder an ihre Stelle und glaubte, sie nun in ihren vorigen Zustand zurückversetzt zu haben. Ludw. Feuerbach (S. 126): »Als ihm ein andermal eine Blume nach Art der Löwenklauen gezeigt wurde, und der Teil der Blume, der wie eine Haube aussieht, abgerissen wurde, nahm er ihn, setzte ihn der Pflanze wieder auf und glaubte, daß die abgerissene Blume, wenn man sie nur wieder an demselben Stamm anfüge, unverändert dieselbe, wie zuvor sei und ebenso gut wie zuvor einen Teil der Pflanze ausmache.«] Beim Anblick eines Turmes äußerte er, das müsse ein großer Mann gewesen sein, der diese Steine alle habe aufeinander legen können, den möchte er sehen. Als er Ende Oktober des Morgens plötzlich ein beschneites Dach erblickte (es war in der Nacht der erste Schnee gefallen), meinte er, es sei des Nachts weiß angestrichen worden. Da ihn jemand im Scherz aufforderte, einer Dame die Hand zu küssen und es ihm vormachte, sagte er abwehrend, nein, hineinbeißen muß man nicht. Einmal, als ich ihn noch nicht kannte, kam zu ihm ein Frauenzimmer mit gelbem Hut und rotem Kleid. Nachher bekam er einen Bilderbogen zum Geschenk, worauf unter anderem ein aufrechtstehender Löwe abgebildet war. Als er diesen Bogen mit Hilfe eines Sohnes des Gefängniswärters illuminierte, bemalte dieser den unteren Teil des oben gelb angestrichenen Löwen mit roter Farbe. Da erinnerte sich Hauser des Frauenzimmers und hielt diese gelbrote Erscheinung für das hier abgebildete Wesen oder für einen Löwen. Als nachher wieder Frauenzimmer mit gelben Hüten zu ihm kamen, nahm er sie für Löwen, nur wollte ihm, da er mit Aufmerksamkeit die Gestalten verglich, nicht alles passen. Die Füße und Hände des Frauenzimmers hatten ihm nicht genug Ähnlichkeit mit den Hinterfüßen und Tatzen der Löwen. Auch fragte er, warum das Frauenzimmer hinten keinen Stecken habe (damit meinte er nämlich den Löwenschweif), worauf er, wie er mir erzählte, die Antwort erhielt, der Löwe hier sei noch nicht ganz fertig (seiner oben angeführten Ansicht gemäß, daß alles mechanisch gemacht sei). Stecken nannte er den Schweif deshalb, weil er einen biegsamen Stock mit einer Quaste besaß und diesen mit dem Löwenschweif in eins zusammengefaßt hatte. Den Mond, da er ihn zum ersten Male erblickte, hielt er zuerst für die wiedergekehrte Sonne. Als er ihn aufmerksam betrachtete, verwunderte er sich darüber, daß er ein Gesicht habe, Augen, Nase, Mund, doch aber keine Ohren und Haare, die er für weggeschnitten hielt und glaubte, ein am Himmel angeklebtes Bild zu sehen. Er meinte, der Mond gehe durch die Wolken durch, und als ich ihm bemerklich gemacht, daß die Wolken vielmehr unter dem Monde hinweggingen, wunderte er sich, daß derselbe von dem anstreifenden schwarzen Gewölke nicht befleckt werde und immer wieder so rein und glänzend hervortrete. Er wollte mir nicht eher glauben, daß der Mond und die Wolken weit von einander entfernt seien, bis ich ihm die perspektivische Täuschung an andern Gegenständen gezeigt hatte. Im August 1828 sah er in meinem Hause zum ersten Male den gestirnten Himmel. Sein Erstaunen, sein Entzücken läßt sich nicht beschreiben. Er konnte sich nicht satt daran sehen, kehrte immer zum Anschauen dieses Glanzes zurück und bemerkte die Sterngruppen und die ausgezeichnet hellen Sterne mit ihren verschiedenen Farben. Das sei das Schönste, sagte er, was er jemals gesehen und fragte, wer die vielen schönen Lichter da hinaufsetze, anzünde und wieder auslösche. Als man ihm sagte, daß sie wie Sonne und Mond immerfort leuchteten, aber nicht immer gesehen wurden, fragte er, wer sie zuerst da hinaufgesetzt, so daß sie immer fortbrennen. Endlich versank er in tiefes Nachdenken, indem er, wie gewöhnlich in solchem Falle, unbeweglich und mit gesenktem Kopfe dastand, nichts mehr sehend und hörend. Als er wieder zu sich kam, hatte sich seine Freude in die tiefste Schwermut verwandelt. Er ließ sich zitternd auf einen Stuhl nieder und fragte, warum ihn jener böse Mann immer eingesperrt gehalten und nichts von all diesen Schönheiten gezeigt habe, da er doch nichts Böses getan. Er brach in ein langes, schwer zu stillendes Weinen aus. Man solle den Mann, äußerte er unter anderm, auch einmal zwei Tage lang einsperren, damit er wisse, wie hart das sei, wobei zu bemerken, daß er früher von einer Bestrafung des Mannes durchaus nichts hatte wissen wollen. In den ersten Zeiten hoffte er sogar auf die Rückkehr des Mannes, der ihn in seinen Käfig, wo ihm wohl gewesen, zurückbringen und dadurch in den früheren schmerzlosen Zustand versetzen werde. Als ich einmal im Turme, unbekannt mit dem Grunde seiner Sehnsucht, gegen ihn äußerte, daß er in jenen Käfig nicht zurückkehren könne, sah ich sein Gesicht den Ausdruck des Schmerzes und Kummers annehmen, und Tränen ihm in die Augen treten. Noch an dem Tage, da ich ihn in mein Haus nahm, fragte er in einem besonders schmerzvollen Momente, warum jener Mann so lang ausbleibe? Erst als es ihm in meinem Hause physisch wohler wurde, verlor er das Verlangen nach dem Käfig und dem Manne und sah es als ein hartes Schicksal an, so lange eingesperrt gewesen zu sein.(D.) Nur der Schlummer vermochte ihn endlich zu beruhigen. Er schlief erst gegen 11 Uhr ein, etwas bei ihm noch nie Vorgekommenes. Ludw. Feuerbach (S. 126f.): »Für die Natur hat er keinen Sinn und kein Verständnis. Als ihm ein schönes Baumblatt gezeigt und gegen die Sonne gehalten wurde, um den Anblick zu verschönern, fiel ihm nichts darin auf als ein kleines Nest von Raupeneiern, die er dann mit dem Ausdrucke, daß es garstig sei, herunterkratzte. An den Kirschen am Baume beschäftigte ihn nur das, daß sie so fest an ihrem Stengel hingen; er versuchte nun, ob sie leicht oder schwer herunterzureißen wären. Überhaupt scheint er sich nicht mit dem bloßen Schauen begnügen zu können, überall muß er sogleich mit seinen Händen geschäftig sein, greifen und hantieren können. Als er an einem heißen Tage spazieren geführt wurde, wo die Sonne ungehindert hinbrannte, fand er die Gegend garstig, weil ihm der Schweiß von der Stirne troff. Das einzige in der Natur, worüber er ein Wohlgefallen äußerte, war ein Regenbogen. Doch wandte er sich sogleich von dem Anblick weg zu der Frage, wer das gemacht habe. Die Antwort war, die Sonne bewirke es; aber alle ähnliche Antworten auf ähnliche Fragen schienen ihn nicht recht zu befriedigen. Bei diesem Anblicke äußerte er auch, daß er so etwas noch nie gesehen habe, und wunderte sich, daß es ihm, wiewohl es so schön sei, sein Vater nicht habe sehen lassen.« Als man ihn im September und Oktober des Jahres 1828 ins Theater führte, freute er sich bloß über die glänzenden Anzüge der Schauspieler. Von dem Gesprochenen verstand er damals noch nichts, er fing überhaupt erst an, von dem in Gesprächen, denen er zuhörte, mit gewöhnlicher Schnelligkeit Gesprochenen zwischendurch etwas zu verstehen. Kam auf der Bühne eine komische Figur vor, so bewog sie ihn nicht zum Lachen, sondern zum Abscheu und zum Wunsche ihrer Entfernung, denn Komisches und Lächerliches gab es für ihn in den ersten Zeiten nicht, daher auch kein Lachen in dieser Beziehung; das für uns Komische war ihm widerlich und grauenhaft. Im Oktober hörte er Paesiellos Oper: die Müllerin. Er hatte sich Baumwolle mitgenommen, um sich vor zu lauter Musik die Ohren zu verstopfen, doch konnte er zu jener Zeit bereits die nicht angreifende Musik dieser Oper bis aufs Finale ohne solche Verwahrung hören. Die Offizierskleider des Barons machten ihm große Freude, den stärksten Abscheu aber äußerte er gegen den Amtsverwalter, insbesondere gegen seinen Haarbeutel. So ein Zopf sei das Allergarstigste, was es gebe, garstiger noch als ein Bart, sagte er, auch forderte er oftmals dazu auf, dem Mann den Zopf abzuschneiden. So wollte er, als er in mein Haus kam, der Hauskatze die Schnurre abschneiden. Bärte, Zöpfe, lange Haare und Schnurren waren ihm ein Greuel und er schüttelte sich zuweilen heftig bei ihrem Anblick. (D.) Die Gegenwart des Amtsverwalters war ihm unerträglich, er wandte oft das Gesicht ab, ärgerte sich, wenn er erschien und bezeugte seine Zufriedenheit, wenn er abtrat. Er hielt sich darüber auf, daß dieser »Garstige« immer zu den anderen schönen Personen hinzugehe und wunderte sich darüber, daß diese mit ihm sprechen möchten. Als der Verwalter die Kleider des Barons aus der Kammer hervorbrachte, mißfiel ihm ebenso die Berührung derselben durch den »Garstigen«. Als der Baron dem Notar mit dem Degen drohte, sagte er, er sollte lieber den »Garstigen« erstechen. Es war das die erste Äußerung dieser Art, die ich von ihm hörte. Es mochte ihm in diesem Augenblicke ein ähnliches Gefühl ankommen, wie wenn wir ein grauenhaftes Insekt zu vernichten geneigt sind. Er sprach noch nach dem Theater von dem Manne mit einem Gesichte, als solle er ein Brechmittel einnehmen. IV. Sprache Es ist schon bemerkt worden, daß Hauser anfangs die Worte, die man mit ihm sprach, als bloße Laute, ohne ihren Sinn zu fassen, nachzuahmen pflegte. Dasselbe stellt er selbst in seiner Selbstbiographie umständlich dar. Hieraus läßt sich manche sonst unglaubliche Aussage anderer erklären. Wenn z. B. der Bürger, der ihn zuerst in Nürnberg erblickte, Ein armer, aber unbescholtener Mann.(D.) vom Neuen Tor sprach, etwa zu ihm sagte: »Sieht er, das ist das Neue Tor!« so mochte Hauser, wie er zu tun pflegte, die letzten Worte: »Neu Tor« nachsprechen, der Mann konnte glauben, Hauser frage, ob dies etwa ein neu gebautes Tor sei, und in seiner Einbildung stand nachher unerschütterlich fest, was Feuerbach als Aussage dieses Mannes mitteilt Als er mit K. zum Neuen Tor gekommen, habe dieser gesagt: »dös is g'wiß erst baut worn, weil mer's neu Tor heißt?« (D.) und was ich selbst von letzterem behaupten hörte. Wenn Hauser auf die Frage, woher er komme, keine verständliche Antwort gab, so suchte man ihm wahrscheinlich durch Nennung einiger Lokalitäten nachzuhelfen. Auf die Frage »Vielleicht von Regensburg?« mag Hauser das letzte Wort nachgesprochen haben, und so entstand die Meinung, Hauser habe gesagt, er sei von Regensburg gekommen, was jener Bürger gegen mich und Hauser, der nichts davon wissen will, ebenso fest behauptete. So werden eine Menge Inkonsequenzen und Unbegreiflichkeiten ganz leicht und einfach aufgelöst. Wie Hauser zu dem Ausdruck »Woas nit« oder »I was net« kam, erzählt er uns in seiner Selbstbiographie. Es waren ebenso wie seine Reden in den obigen und anderen Fällen nur sinnlos nachgeahmte Laute. Jedermann aber mußte damals glauben, wenn er sein »woas nit« sagte, es solle eine Verneinung dessen sein, was man von ihm erfragen wolle. Ich füge hier dem schon Gesagten noch folgendes von Eigentümlichkeiten in Hausers Sprache hinzu, was nicht ganz ohne Interesse sein dürfte. Auch da Hauser »ich« sagen gelernt hatte, sprach er doch noch mehrere Monate lang von sich selbst gern in der dritten Person und mit Nennung des Namens Kaspar Ähnlich v. Tucher S. 119. In Beziehung auf eine Zeichnung, die von ihm gemacht worden war, sagte er z. B.: »wenn die Nase nicht wäre, so wäre gar nichts von Kaspar in dem Bild.« – »Mich selbst darauf hindenken«, sagte er im Sommer 1828 statt: durch eigenes Studium herausbringen. – »Es fühlt mich« nach der Analogie: es friert mich usw. – »Fühlung« statt Gefühl, Empfindung. – »Auf die Drübenseite« statt: auf die andere Seite. – »Es ist eine Unmenschlichkeit« statt: es ist etwas Übermenschliches, etwas durch menschliche Kraft Unerreichbares (1828). – Der Ton der Violine sei ausführlicher als der der Gitarre, sagte er schön bezeichnend im Frühling 1829. Das Wort schwermütig brauchte er vom Körper und schrieb es schwermüdig, als Kompositum von schwer und müd (1829). – »Ich bin jetzt in einem ganz anderen Gedächtnis« statt: ich denke jetzt ganz anders als sonst, habe ganz andere Gedanken und Gesinnungen (1839). – Bei Gliedern des Leibes brauchte er eine undeutsche Redefügung, z. B. von einer Katze: sie hat Kopf nicht so groß als die andere« (noch 1830).–»Eine so Reue« mit betontem so, statt: eine solche (so große) Reue (1830). V. Weichheit und Güte des Gemüts in den ersten Zeiten. Das rührende Bild der reinsten Güte, welche Hausers Erscheinung in den ersten Zeiten gewährte, übertrifft alles, was von dieser Art die Phantasie sich erfinden könnte und läßt sich in der Fülle seiner Lebendigkeit durch keine Beschreibung ausdrücken. Über Hausers Weichheit und Güte wissen alle Beobachter der ersten Zeit viel Rührendes zu erzählen, v. Tucher (S. 123): »So wie ich diesen Menschen gefunden und geschildert habe, mit seiner natürlichen unmittelbaren Reinheit und Selbstbewußtlosigkeit, gab er im vollkommensten Grade das Bild des ersten Menschen im Paradiese vor dem Sündenfall.« Aus dem Jahre 1828 sind folgende Züge: Seine eigene Empfindlichkeit gegen äußere Einwirkungen auf alle lebendigen Wesen übertragend, konnte ihn selbst das, was andern nicht wehe tat, in Schrecken versetzen. Als ihn einmal jemand aufforderte, ihm mit einer Rute einen kleinen Schlag zu versetzen, war er nicht dazu zu bringen; es tue ihm selbst gar zu weh, sagte er. Schlug vor seinen Augen einer den andern und versicherte auch der Geschlagene lachend, keinen Schmerz zu fühlen, so vermochte dies den Schrecken und Schmerz, den Hauser bei solchem Anblick fühlte, nicht aufzuheben. Wenn er vollends jemand, wie ein paarmal in seiner Turmwohnung, ein Kind züchtigen sah, so vergoß er Tränen und geriet in die äußerste Unruhe. Ich sah ihn um die Zeit, da er mir übergeben wurde, in Angst und Unwillen geraten, als jemand eine Katze, um sie ihm zu zeigen, beim Kragen in die Höhe hob. Die Flöhe, die ihn im Turme gewaltig peinigten und mit ihren Stichen aus dem Schlafe weckten, Mit Schauder sprach er nachher von diesen »Schwarzen«. Vor einer schwarzen Henne fürchtete er sich deshalb, weil er sie der gleichen Farbe wegen für einen solchen »schwarzen Beißer« hielt. (D.) sah er mit Unwillen töten und begnügte sich, sie zum Fenster hinaus zu schaffen. Als jemand zu jener Zeit vor seinen Augen einen Floh tötete, ließ ihn Hauser mit unwilligem Tadel an, und da man ihm sagte, dies Tier sei deshalb getötet worden, weil es ihn plage und beiße, sagte er, man hätte es zum Fenster hinaus entlassen sollen. Ludwig Feuerbach (S. 126): »Als er jemanden eine Birne aufschneiden sah, in der zufällig ein Wurm war, kam er mit der Birne und dem Wurm zu uns in den Garten herunter und erzählte mit Ekel und Abscheu, wie jemand habe etwas essen wollen, worin so garstige Tiere seien. Es war ihm nicht bloß die ganze Gestalt des Tieres widerwärtig; er bemerkte auch, wie garstig es innen sei, wobei er den schwarzen Saft meinte, den er in dem durchsichtigen Körper wahrnahm. Als man ihn aufforderte, es zu töten, weigerte er sich und legte es in das Gras hinein.« Erst als man ihm bemerkte, daß es dann auf andere Menschen gesprungen sein und auch diese gebissen haben würde, beruhigte er sich einigermaßen. Wenn jemand ein Insekt umbringen wollte, hinderte er es und sagte, dieses Tier möchte auch gern leben. Wenn er einen Vogel oder andere Tiere eingesperrt sah, betrübte er sich und sagte, dieses Tier möchte auch gern frei sein, warum man es einsperre? Ich sah ihn weinen, als jemand im Scherze zu ihm sagte, eine gewisse Katze solle den damals in Nürnberg befindlichen Schlangen vorgeworfen werden. Er betrübte sich fast bis zu Tränen, als er hörte, das Pferd, das er zu reiten pflegte, habe ein geschwollenes Bein, und als er hörte, dieses Pferd werde auf dem Theater einen Maulesel vorstellen, erzürnte er sich und sagte, diesen braven Gaul müsse man nicht foppen. Sah er Tiere nach einem Fraße lüstern, so drang er darauf, sie zu befriedigen. Ich mußte ihm einst erlauben, einem Vogel, der gebraten werden sollte, die Freiheit zu geben, um nicht sein Gemüt gegen mich zu empören. Man kann keine Vorstellung von der rührenden Kindlichkeit haben, mit der er für ihn bat und von dem Entzücken, mit dem er den Vogel davonfliegen sah. Er erzählte mir einst mit einem Ausdruck unendlicher Wehmut, Herr Giehrl habe heute einen Hasen und zwei Vögel auf der Jagd geschossen, die er noch bluten gesehen. Giehrl erzählt diese Geschichte folgendermaßen: »Ich war von einem hiesigen Jagdpächter eingeladen, eine weidmännische Partie mitzumachen, welche Einladung ich auch mit Vergnügen annahm. Genannter Jagdpächter steht in Nürnberg auf einem ansehnlichen Posten und sein Geschäft verbreitet sich über technische Gegenstände. Herr Bürgermeister Binder, der sich gleich anfangs um den armen K. Hauser wahrhaft väterlich angenommen, sich auch durch verschiedene vorgenommene Versuche innig überzeugte, daß der Findling erstaunenswerte Fähigkeiten besitze, hatte den mehrgenannten technischen Beamten ersucht, dem Unglücklichen Zeichnungen und dergleichen vorzulegen, und mit bewunderungswürdiger Fertigkeit wurden diese von K. Hauser nachgemacht. Dadurch und durch sein kindliches Benehmen hatte sich K. Hauser bereits die Liebe des oben erwähnten Jagdpächters und dessen ganzer Familie erworben, und den ganzen Tag über war er in deren Hause. Ehe wir auf die Jagd auszogen, wurde bestimmt, daß uns die Fräulein Töchter des Pächters abends bis nach ...... entgegenfahren und K. Hauser mitnehmen sollten. Als wir abends unsere Jagd vollendet hatten, gingen wir mit unserer Beute (aus Wildenten und Bekassinen bestehend) nach ...... und fanden daselbst jene Personen, welche wir erwartet hatten. Ich zog aus meiner Weidtasche eine Ente und zeigte sie dem Findling, der sogleich zu verstehen gab, daß er zu wissen wünsche, was das für ein Ding wäre, und als ich ihm den Namen ›Wildente‹ genannt hatte, besah er dieselbe recht genau, wobei er plötzlich bemerkte, daß die Ente noch blutete. ›Bös? bös?‹ fragte er, auf die Blutspuren zeigend und zu erkennen gebend, daß er wissen wollte, ob die Wildente ein böses Tier sei, und als ich ihm diese Frage mit ›nein‹ erwiderte, warf mir der Findling einen gar zornigen Blick zu, durch welchen er mir deutlich zu verstehen gab, daß ich das Tier, wenn es nicht böse gewesen wäre, auch nicht hätte umbringen sollen. Auf dem Wege von Nürnberg nach ...... ist eine gute Strecke der Landstraße mit Baumreihen versehen, und mir ward erzählt, daß K. Hauser, der bei erwähnter Jagdpartie das erstemal fuhr, in dem Augenblicke, als der Wagen anfing, etwas schnell auf der Straße fortzurollen, ängstlich die Hände der mit ihm fahrenden Damen ergriff und mit zitternden Gebärden zu verstehen gab, daß ihm die an der Straße stehenden Bäume nachliefen.« Wie es möglich sei, daß die Menschen kein Erbarmen mit diesen Tieren hätten, die doch niemand etwas zu leide taten? Als man ihm sagte, man töte diese Tiere, um sich von ihrem Fleische zu nähren, erwiderte er, man könne ja etwas anderes essen, z. B. Brot, wie er. Als er im Herbste 1828 Affen sah, die allerlei Kunststücke machten, hatte er eine kindliche Freude darüber. Da er aber bemerkte, wie sie damit wieder von vorn anfangen mußten, um neu hinzugekommene Zuschauer zu befriedigen, verlangte er mit dem Ausdrucke des Mitleids fortgeführt zu werden. Er hätte vor Jammer nicht mehr zusehen können, sagte er nachher, denn er habe selbst die Erfahrung gemacht, wie widerlich es sei, das, was er schon tausendmal den Neugierigen gesagt und vorgezeigt habe, von neuem sagen und vorzeigen zu müssen. Dasselbe erzählt Daumer 1859, S. 80. Das erste, was er (im Sommer 1828) las und zugleich verstand, war die Geschichte Josephs und seiner Brüder. Er hatte darüber eine unaussprechliche Freude; aber über die Härte, mit welcher Joseph in Ägypten seine Brüder anfangs behandelte, beklagte er sich sehr und sagte, das sei nicht schön von ihm gewesen. Er an Josephs Stelle würde die Brüder nicht geängstigt, denen, die ihm Böses getan hatten, so viel als sie nötig gehabt, gegeben und von sich gelassen, den Ruben aber, der ihm das Leben gerettet, bei sich behalten haben. Der kaum zum Leben erwachte Findling läßt hier den alttestamentlichen Mann Gottes an Zartgefühl und Edelmut weit hinter sich. Obgleich noch ohne alle religiöse Bildung, ja von Religion und Christentum nichts wissen wollend, vergilt er nicht Böses mit Bösem, ja er will wohl tun denen, die ihn gehaßt und ins Elend gestürzt haben. Aber wie menschlich wahr zugleich ist jene Äußerung, die bei Hauser der Handlung selbst ganz gleich zu achten ist. Er will zwar denen nicht übel, die ihn so grausam behandelt haben, aber lieben kann er sie doch auch nicht. Er gibt ihnen reichlich, damit sie keinen Mangel leiden und will sie dann nicht weiter um sich haben. Den Ruben aber, der ihm Gutes getan, den liebt er, den behält er bei sich. Eine seiner köstlichsten Äußerungen, die er im Oktober 1828 tat, ist folgende: Er denke auch deshalb ungern an seine Einsperrung zurück, weil er sich die Angst vorstelle, in der der Unbekannte, der ihn gefangen hielt, gelebt haben müsse. Dieser habe wahrscheinlich immer auf seinen Tod gehofft, der nicht erfolgt sei, und so glaube er, daß der Unbekannte, bis er sich seiner entledigt habe, in der qualvollsten Unruhe gelebt habe, was ihm wehe tue, wenn er sichs vorstelle. Dasselbe D. 59, S. 80. v. Tucher (S. 122f.): »So schmerzlich ihm die Erinnerung an sein vergangenes Leben ist, so hat er doch keinen Begriff dafür, daß man dem, der ihn eingesperrt, ein Gleiches tun oder ihn gar schlagen sollte, wie ihm selbst geschehen war.« Solche Äußerungen waren damals bei Hauser weder durch Erziehung und Bildung überhaupt, noch insbesondere durch religiösen Einfluß begründet, sie flogen rein und selbständig aus seiner in ihrer Ursprünglichkeit noch ungetrübten Menschennatur, die aber das Leben in der Welt bald zum Abfall von sich selber nötigte. Der an ihm verübte Mordversuch machte einen üblen Eindruck auf sein Gemüt. Er äußerte nachher, wenn der Unbekannte, der ihn in der Gefangenschaft gehalten, und von dem er fest behauptete, er sei derselbe, der jene Tat verübt, früher entdeckt worden wäre, würde er für ihn gebeten haben, weil er ihn doch als Kind aufgenährt und nicht getötet habe. Jetzt aber, wenn man ihn ergriffe, möge man mit ihm tun, was man wolle. Als er einige Wochen nach seiner Verwundung sich im Schießen nach der Scheibe übte und einmal gut getroffen hatte, kam er jubelnd zu mir gelaufen und sagte, jetzt könne er schon einen Menschen totschießen. So umgestimmt war damals das früher so harmlose Wesen, das kein Tierchen zu beleidigen vermochte, auch wenn es ihn selber quälte. VI. Mitteilung weiterer Aufzeichnungen Daumers über Kaspar Hauser, aus seinen »Enthüllungen« (Frankfurt 1859). Nach ungefähr drei Monaten, Ende August, drückte er sich schon ziemlich geläufig und verständlich aus, beurteilte richtig und ohne weitere Konfusion Lebendiges und Totes, Organisches und Unorganisches, unterschied Ernst und Scherz und hatte es gern, wenn man mit ihm spaßte, so wie auch in seine eigenen Äußerungen und Antworten viel Humor kam; die Tätigkeit seines Geistes war nicht nur auffassend und nachahmend, sondern auch produktiv; er entwarf, wiewohl in noch sehr mangelhafter Form, Briefe und Aufsätze; auch hatte er das Schachspiel begriffen. Anfang September fing er an, eine Geschichte seiner bisherigen Lebensschicksale aufzusetzen, wobei er den Eigensinn hatte, sie niemand zu zeigen, bis sie fertig sein würde. Er versteckte das Manuskript unter sein Bett, damit es niemand finden und lesen solle. Bei der Aufsetzung dieser Geschichte wenigstens hat also niemand einen Einfluß auf ihn ausgeübt. (D.) Vgl. dazu die Selbstbiographie in dem Abschnitt »Selbstzeugnisse«. Über seine Gedächtniskraft finde ich in meinen Papieren folgendes bemerkt: Fast von allem, was ihn betraf, vermochte er anzugeben, vor wieviel Tagen und Wochen es geschehen war. Er wußte, wie oft er seine Suppe, seine Schokolade, seinen Milchbrei gegessen. Von seinem Damenspiel und Schachpartien konnte er sagen, wieviel er mit jeder einzelnen Person gespielt habe. Von fünf Partien des Damenspiels, die er gespielt, war er imstande, den Gang jeder einzelnen der Reihe nach herzusagen. Von jedem der vielen Dinge, die ihm geschenkt worden, wüßte er zu sagen, wer es ihm gegeben; sogar von mehreren Vierundzwanzigkreuzerstücken konnte er, vermöge der verschiedenen Schmutzflecken, die sie hatten, einzeln angeben, von wem er sie erhalten hatte. Er wußte die Namen vieler Hunderte von Personen, die ihn besucht, oder die er sonst kennen gelernt hatte. Einige Zeit vor meiner Bekanntschaft mit ihm sagte man ihm einmal 22 und dann wieder 34 Namen von Personen vor, die er, ohne irre zu werden oder einen davon zu vergessen, nachher wieder nennen konnte. An einem öffentlichen Orte sagte man ihm 45 Namen anwesender Personen, die er, ohne zu fehlen, nachher wieder nannte. Er merkte in diesen Fällen auch die beigefügten Bestimmungen des Standes und Amtes. Er behielt nie gehörte, zum Teil langgedehnte Titel und Benennungen, die nur sinnlose Laute für ihn waren, wie Major, Oberst, Aktuar, Offiziant, Adjutant, Oberleutnant, Generalleutnant, Kavallerieregiment. Kaum glaublich ist, was er später, nachdem diese große Gedächtniskraft abgenommen hatte, gegen mich behauptete: er habe alles, was ich im Turme die drei Wochen, in welchen ich vor seiner Erkrankung täglich zu ihm gekommen, mit ihm gesprochen hatte, wörtlich behalten und andern öfter Wort für Wort wiederholt; er habe bis zu jener Erkrankung kein Wort vergessen, so daß er in der dritten Woche noch alles der Ordnung nach hätte hersagen können. Giehrl erzählt hierzu: »K. Hauser bewies schon in den ersten Wochen seines Hierseins ein unglaublich fassendes und erstaunlich getreues Gedächtnis. Er konnte nicht nur Personen, die ihm nur ein einziges Mal vorgestellt und genannt wurden, wenn es auch noch so viele waren, mit ihren vollständigen Namen und Titulaturen sogleich nennen, sondern sogar nach mehreren Wochen sie wieder erkennen, und als ich K. Hauser lange nach der Geschichte in .... zum ersten Male wieder sah, nannte er mich nicht nur bei meinem Namen, sondern er warf mir sogleich wieder vor, daß ich ein Tier, das nicht böse gewesen, umgebracht hätte. Seitdem er zu reflektieren und forschen begonnen, arbeitete sein Kopf unaufhörlich; vorzüglich morgens und abends vor dem Einschlafen drängten sich ihm eine Menge von Reflexionen und Problemen auf; auch auf Spaziergängen und Spazierritten war er zuweilen lange stumm und dachte über etwas nach, was ihm noch nicht klar geworden. So z. B. im Beginne des Oktober 1828 auf einem Spaziergange, wo ihn der Anfang des Evangeliums Johannis beschäftigte, und auf einem Spazierritte, wo er darüber nachsann, was er einem gewissen Zuge, womit ich das Schachspiel zu beginnen liebte, entgegen zu setzen habe. Weitere Tatsachen sind folgende: Wenn man ihm einen Buchstaben vorschrieb, den er noch nicht geschrieben hatte, so zog er zuerst die Feder oder den Bleistift über den vorgeschriebenen Buchstaben hin und machte ihn dann aus freier Hand mit großer Richtigkeit. So war es schon, als ich ihn kennen lernte. Im August und September 1828, als er krank war und geistige Anstrengungen zu meiden hatte, wurde er unter anderm mit Papparbeiten beschäftigt. Er machte deren im September zum Teil von solcher Reinheit und Schönheit, daß sich kein Buchbinder derselben zu schämen gehabt hätte. Die Kästchen, die er gemacht hatte, pflegte er an Personen zu verschenken, die ihm wert waren oder denen er Dank schuldig war. Ein sehr schönes Nähpult erhielt Frau Binder von ihm. Er hatte bei dessen Verfertigung die Tischlerarbeit nach Anleitung eines Schreinermeisters gemacht; es war die einzige Arbeit der Art, die er zustande brachte, weil ihm das dabei entstehende Geräusch zu wehe tat. Im Hause machte er vom September an mit seinem Handwerkszeuge den Tausendkünstler; wo etwas fehlte, da war er bei der Hand und half. Daß er bei so großem Geschick und Talent in jeder Art von Fertigkeit so leicht das Reiten lernte, ist kein Wunder. Es kommt dazu, daß sein Geist eine große Gewalt über seinen wiewohl so schwachen und reizbaren Körper übte, wenn er für etwas ganz besonders eingenommen war; das Reiten liebte er leidenschaftlich und daher konnte er auch viel darin leisten, ohne zu ermatten und Nachteil zu spüren. Seine Haltung, sein Mut, die richtige Führung des Pferdes sogleich bei den ersten Versuchen setzten in Erstaunen; der Stallmeister sagte, mancher gehe zwei Monate lang bei ihm zur Lehre und sitze nicht so gut zu Pferde. Er hatte sich, ehe er noch auf das Pferd kam, vom Zusehen alles abgemerkt und wußte es besser als diejenigen, die der Stallmeister eben erst vorgehabt hatte. Er spürte nichts am Gesäße, das durch das jahrelange Sitzen und Rutschen abgehärtet sein mochte; doch allerdings etwas an den Schenkeln, was bei Feuerbach eines Schreibfehlers wegen, der in die für ihn gefertigte Abschrift meiner Bemerkungen gekommen, unrichtig angegeben ist. Ebenso verhält es sich mit dem türckischen Pferde, das er zu besteigen verlangt haben soll. Es heißt in meinen Nachrichten: »Als der Stallmeister Anfang Oktober ein tückisches und eigenwilliges Pferd getummelt hatte, verlangte es Hauser zu reiten, da ihn der Anblick mehr gereizt als erschreckt hatte. So traurig sieht es mit geschichtlichen Wahrheiten aus, daß sie zuweilen selbst bei dem redlichsten Willen derjenigen, welche sie aufzeichnen, durch die elendesten Zufälle entstellt und verfälscht werden und dann freilich der Kritik die bedenklichsten Blößen bieten. Merker hatte gar nicht unrecht, wenn er gegen Feuerbach die Bemerkung machte, daß Neulinge im Reiten nicht sowohl am eigentlichen Gesäße, als an den Oberteilen der Schenkel Verletzungen erleiden und daß daher die Abhärtung des Gesäßes zur Erklärung der Erscheinung nicht genüge; an jenen Teilen aber blieb H. wirklich nicht unverletzt. (D.) Im August 1829 ritt er auf die alte Veste und wieder zurück, dagegen taten ihm um dieselbe Zeit von einigen Gängen, die er gemacht, die Füße so weh, daß er sich ein paar Stunden früher als gewöhnlich zu Bett legte. Auf manche Vorteile beim Reiten kam er von selbst. Gleichwohl mußte er diese Kunst erst lernen und brachte sie nicht, wie man angenommen und vorgegeben hat, schon nach Nürnberg mit; ich kann das bezeugen, weil ich bei allen den betreffenden Szenen als aufmerksamer Beobachter zugegen war. Giehrl erzählt: Hauser wußte sogleich alles, was er sah, nachzumachen, und ich habe aus dem Munde des Stallmeisters Herrn v. Rumpler (welcher die Reitschule dahier dirigiert) die Versicherung erhalten, daß K. Hauser noch kaum ein einziges Mal einen damals gerade auf der Reitbahn sich befindlichen Schüler im Kreise hatte herumreiten sehen, er, Hauser, sich auch sogleich zu Pferd setzte und eine passende Haltung nahm. Übrigens die Kunst zu reiten eignete sich K. Hauser so schnell nicht an, als dieses Herr Merker glauben machen will, denn zur Kunst des Reitens fehlten dem Fremdlinge nur zu sehr die hierzu erforderlichen körperlichen Kräfte. Die albernen Hypothesen, die man auf Hausers Reitkunst gebaut hat, fallen daher in nichts dahin.« Merker meinte, er sei ein seiner Bande entlaufener englischer Reiter. Mit demselben Rechte hätte man sagen können, er sei ein entlaufener Buchbinderlehrling, da er so schöne Papparbeiten – und das ebenfalls mit besonderer Liebhaberei – zu machen pflegte. Jemand hatte ihm sein Porträt geschenkt. Als Hauser späterhin zu ihm kam, zeigte ihm derselbe ein anderes Exemplar dieses Porträts. Hauser bemerkte sogleich, daß auf dem seinigen der Backenbart stärker sei, und wirklich hatte der Künstler auf Hausers Exemplar den Backenbart durch Hineinzeichnen etwas verstärkt. Hauser bemerkte auch, daß auf diesem Porträt eine Warze nicht ganz am rechten Ort stehe, was vorher niemand wahrgenommen hatte. Im August 1828 sagte er in Beziehung auf ein Bild von ihm selbst, es sei nichts darin, was ihm gleich sehe, als die Nase. Er legte ein kleines Stück Papier auf die Nase und sagte, da könne man nun sehen, daß jetzt gar keine Ähnlichkeit mehr mit ihm vorhanden sei. Um ein Porträt von ihm zu prüfen, hielt er es verkehrt an den Spiegel und verglich in diesem sein Gesicht damit. An einem Bilde, Dieses Bild ist die diesem Werke beigegebene Steinzeichnung des Zeichenlehrers Hanfstengel, Kempten 1830. das ihn darstellen sollte, wie er nach Nürnberg gekommen, tadelte er im Sommer 1828 die Stellung der Füße. In jener Zeit, sagte er, sei er stets mit einwärts gekehrten Füßen gegangen und gestanden; hätte er stehen wollen wie das Bild, so wäre er umgefallen. Wenn er aus krankhafter Ursache nicht arbeiten konnte, so trieb er statt dessen einige Spiele, wie Damenspiel und Schach. In dem ersteren, das er mit sehr vielen Personen spielte, gewann er die meisten Partien. Schach spielte er im August 1828 so, daß er zwar nicht wohl anzugreifen, sich aber ziemlich gut zu verteidigen verstand. Doch schätzte er diese Beschäftigung gering. Wenn er wieder ernstlich lernen könne, sagte er, müßten diese Spiele sogleich unterbleiben. Er werde dann in einem fort studieren, keine Besuche mehr machen noch annehmen und nur einmal des Tages spazieren gehen. Im September 1828 bemerkte er auf einem Spaziergange eine auf einem Maienbaume befindliche, hin und her wehende Fahne in einer Entfernung, wo andere fernsichtige Augen nur den Baum, nichts aber von der Fahne und ihren Bewegungen erkannten. Ich fragte einige in der Nähe befindliche Bauernjungen, bei denen ich ein scharfes Gesicht voraussetzte, ob sie dieselbe zu erblicken vermöchten. Ein paar davon behaupteten, das Wehen der Fahne zu bemerken. »Gut,« sagte Hauser, der sie in Verdacht der Unwahrheit hatte, »wenn sie wieder weht, will ich euch fragen, ob ihr sie seht.« Er wartete einige Zeit und stellte dann, während die Fahne ruhig war, die irreführende Frage an sie: »Nun, weht sie jetzt, oder nicht?« – »Sie weht,« antworteten die Jungen. – »Ich sehe nun, daß ihr nichts seht,« sagte Hauser und verwies ihnen nachdrücklich ihre Lügenhaftigkeit. Wenn er zu befehlen hätte, äußerte er Mitte Oktober 1828, so müßte dieses und jenes geschehen. Jemand fragte, was er denn aber tun würde, wenn die Leute nicht gehorchten, ob er sie dann prügeln lassen wolle. Der Fragende kannte seinen Abscheu vor solchem Verfahren und wollte sehen, wie sich Häuser aus der Verlegenheit ziehen werde. Dieser antwortete: »nein, prügeln würde er sie nicht lassen, das würde ihnen wehe tun und doch nicht viel helfen; sie würden die erlittene Strafe leicht wieder vergessen und sich aufs neue vergehen, wie er es bei dem Sohne des Gefängniswärters beobachtet habe. Er würde sie um Geld strafen; das würde nachhaltiger sein; dann würden sie gewiß tun, was er wollte.« Scherz und Ernst zu unterscheiden fing er, wie schon oben bemerkt, im August 1828 an. Auch begann er damals, sich der Form des Spottes und der Ironie zu bedienen, was er von nun an sehr gerne zu tun pflegte. Er neckte mit vielem Witz und Humor, der sich oft durch ganze Gespräche hindurchzog. Im Oktober 1828 sagte er scherzweise von seiner Königin im Schachspiel, er müsse ihr noch ein paar Augen machen lassen, damit sie besser sehen könne und sich nicht immer von den Springern nehmen lasse. Wenn ein paar Monate früher ein anderer so gesprochen hätte, so hätte er es wohl noch für ernst genommen. – In einiger Entfernung von seinem Fenster stand ein Nußbaum, den er bei seinem feinen Geruch bis in sein Zimmer hinein roch und übel empfand. Er sagte daher, wenn er einen angenehmen Geruch haben wolle, dürfe er nur ans Fenster gehen. Diese Art des verkehrten Ausdruckes war ihm Anfang September 1828 schon sehr geläufig. Aus derselben Zeit ist folgender Zug: Ich glaubte einmal in einem Fluß Enten zu sehen, es waren aber Gänse. Er lachte mich darüber tüchtig aus, und als wir wieder einmal vor einem Wasser vorbei kamen, worin sich Gänse befanden, sagte er spottend, da solle ich hinsehen, da seien Enten drin. – Am Ende dieses Monats sagte er zu jemand, sich einer gehörten Phrase bedienend, er werde ihn aus Dankbarkeit in Gold fassen lassen. Dieser entgegnete, er möge ihm nur das Geld dafür geben; er könne sich dann, wenn er wolle, schon selbst vergolden lassen. Da machte Hauser mit der Hand am Munde die Bewegung des Trinkens und sagte spottend: »so werde er sich vergolden lassen,« nämlich mit Wein. – Mitte August bemerkte Hauser, daß eine weibliche Person bei einer Küchenarbeit ein Tuch umgetan hatte, worin mehrere Löcher oder Risse waren. Das mißfiel ihm, doch wollte er seinen Tadel nicht geradezu aussprechen. Er besann sich lange, dann sagte er: »In dieser Schürze ist nicht ein Loch.« Als jene entgegnete, er halte so viel auf Wahrheit und nun habe er doch eine offenbare Unwahrheit gesagt, entgegnete er, das, was er gesagt habe, sei richtig; denn die Schürze habe ja wirklich nicht ein Loch, sondern viele. Ich bemerkte ihm darauf, um ihn in Verlegenheit zu setzen: genau genommen sei es doch nicht richtig, denn wo viele Löcher seien, da sei auch eins. Darauf sagte er, ich hätte allerdings recht, wenn ich zählte: eins, zwei, drei usf.; er aber habe nicht so gezählt, sondern die Löcher im ganzen genommen, und insofern habe er recht. Es zeigt sich hier eine Gewandtheit im Denken und Ausdruck, zu der viele normal beschaffene und sorgfältig erzogene Individuen nicht befähigt sind. Die sehr hübschen Papparbeiten, die er machte, verschenkte er. Nun wollte aber die ganze Welt dergleichen von ihm haben. Da sagte er im Unwillen: »er werde den Leuten sagen, sie sollten zu Herrn Buchbinder Schnerr gehen; der habe die schönsten Sachen, sogar Pariser, und die seien alle für Geld zu haben, er gebe sie alle weg.« – Einen Neugierigen, der ihn ausfragen wollte, wie der Mann ausgesehen, der ihn hergebracht, wie sein Gefängnis beschaffen gewesen sei und dergleichen, fertigte er mit dem Bemerken ab, das sei alles schon aufgeschrieben. – »Nichts gesagt, ist auch etwas gesagt,« äußerte er einmal. Von einem Schüler, der der letzte seiner Klasse war, sagte er: »Er sei der erste, wenn man von hinten anfange.« Ob er diese und andere solche Ausdrücke von andern gehört und behalten, weiß ich nicht. Wenn er etwas wünschte und sich scheute, dies unumwunden auszusprechen, so hatte er eine feine Manier, es auf indirekte Weise kundzugeben. Als ich ihm, nachdem er zu mir gekommen, auf einem Spaziergange zu schnell ging, sagte er: »Wenn ich nur auch so schnell gehen könnte, wie Herr Professor!« Als ihm einmal Anfang Oktober 1828 sein Frühstück zu lange ausblieb, kam er in die Küche und sagte, wie er dieses und jenes verrichten wolle, wenn er sein Frühstück eingenommen. Als bei jemand eine blendende Lampe aufgesetzt wurde, die ihm wehe tat, sagte er: »Kann denn Herr v. T. dieses helle Licht ertragen?« Lob, Schmeichelei, Hätschelei, Zudrang der Neugier und Schaulust und Äußerungen, die ihm seine Merkwürdigkeit zu erkennen gaben, hatten nicht die blendende und verderbende Gewalt über ihn, die ihnen eigen sein konnten, und die man diesen allerdings gefährlichen Momenten beimißt. Teils setzten ihnen, wenn sie nicht zu verhüten waren, seine Vorgesetzten die geeigneten Aufklärungen entgegen; teils entging es seinem eignen großen Verstande nicht, welchen Wert diese Dinge hatten; er verachtete diejenigen, die ihm schön taten und ärgerte sich darüber, daß man so begierig war, ihn zu sehen und anzugaffen, wie eine für Geld zu sehende Kuriosität und Monstrosität. Er sagte öfters: »Sie mögen sagen, was Sie wollen, ich weiß doch, wie ich daran bin.« In Beziehung auf die Zudringlichkeit der Neugierigen, sagte er im September 1828: »Wenn die Leute etwas sehen wollten, so möchten sie doch den Riesenknaben auf der Schütt sehen; da trompetete man den ganzen Tag und doch wolle niemand hineingehen; bei ihm trompetete man nicht und doch strömten immer die Leute herzu, ihn zu sehen, als wenn er ein wildes Tier wäre.« Als jemand scherzend zu ihm sagte, er möchte sich doch auch für Geld sehen lassen, er würde viel damit verdienen können, entgegnete er, ein solches Geld möge er nicht. So war er unter meiner Leitung und so wenig ist es wahr, daß er durch mich zur Eitelkeit und Gaukelei verführt worden ist. So auffallend aber Hausers geistige Kräfte hervortraten, so besaß er doch gerade diejenige Art von Scharfblick oder Instinkt nicht, die ihm Eschricht Daniel Friedrich Eschricht: Unverstand und schlechte Erziehung, vier populäre Vorlesungen über Kaspar Hauser. Kopenhagen 1857. (D.) beimißt. Derselbe meint, Hauser habe gleich von vornherein vornehme und geringe Leute gar wohl zu unterscheiden gewußt und den ersteren zu schmeicheln gesucht (S. 22). Er führt Seite 88 eine Stelle von Seguin an, wonach idiotische Kinder ein Gefühl haben, inwieweit sie gegen Erwachsene zu gehen haben, was die Behauptung unterstützen soll, daß ich von Hauser pfiffigerweise düpiert und mißbraucht worden sei. Solcher Vorteile jedoch war Hausers Unschuld, Geradheit und Unbekanntschaft mit den menschlichen Dingen in dem Maße beraubt, daß er auf die rücksichtsloseste Weise selbst die hochgestelltesten und einflußreichsten Leute beleidigte, von deren Rang und Wichtigkeit er leicht eine Ahnung haben konnte, wie z. B. Feuerbach und den Regierungspräsidenten v. Mieg. Es ist sehr komisch, wie er gerade mit diesen umging, die zum Glücke zu einsichtsvoll und gebildet waren, um sich dadurch gekränkt zu fühlen. Den ersten ermahnte er zur Reinlichkeit, da er auf der Hemdkrause desselben den Tabak bemerkte, der beim Schnupfen darauf herabgefallen, wie Feuerbach selbst in seinem Buche berichtet hat; den andern schickte er geradezu fort mit dem Bedeuten, er müsse jetzt lernen und habe keine Zeit zu unnützen Unterhaltungen, wie mir Herr v. Mieg selbst mündlich mitgeteilt hat. In dem einen Falle offenbarte sich seine strenge Reinlichkeitstendenz, in dem andern seine Lernbegierde und sein Ärger über Störungen. Andere Vorstellungen und Rücksichten hatten dabei keinen Raum bei ihm. Allmählich lernte er allerdings, wie man sich in der Welt zu benehmen habe und was ihm speziell nützlich oder schädlich sei. Das war jedoch ein gewöhnlicher Erfahrungs- und Verstandesprozeß; von instinktartigem Idiotenblick kann hier keine Rede sein. Dies gegen Eschricht. Es kamen übrigens auch Fälle vor, wo Hauser recht gut wußte, wen er vor sich hatte, und wo er doch Tadel und Mißfallen unumwunden aussprach. Den Bürgermeister Binder betrachtete er, wie wir einen König zu betrachten pflegen; gleichwohl äußerte er zu der Zeit, wo er noch ein rigoristischer Feind jeder Art von Unwahrheit war, sein Erstaunen darüber, daß derselbe einmal, um sich vor einem lästigen Besucher zu schützen, zu sagen befahl, er sei nicht zu Hause. Ludw. Feuerbach erzählt folgendes Beispiel von Hausers Wahrhaftigkeit (S. 128f.): »Einmal sagte er, um nicht immer jedem, der zu ihm komme, sein Bild von dem Bürgermeister Binder zeigen zu müssen, was ihm sehr lästig ist, wolle er vorgeben, es sei nicht zu Hause. Bald darauf sagte er jedoch, daß lügen nicht recht sei, daß man die Wahrheit sagen müsse. Er wolle mir daher das Bild nach Ansbach mitgeben; dann sei es wirklich nicht mehr da, und dann lüge er doch nicht, wenn er sage, es sei nicht da.« Dazu bemerkt Daumer: »Dieser letztere Zug ist ungemein interessant. Man sieht, wie hier infolge des Zudranges der Menschen zu ihm und der ihn belästigenden und quälenden Anforderungen an ihn, die oft ganz unerträglich waren, die Versuchung zum Lügen an ihn herantrat und wie er, der anfangs engelreine, namentlich bis zum Pedantismus Wahrhaftige, dieser Versuchung zunächst gewissenhaft widerstand. Daß er ihr zuletzt dennoch erlag und dann, als die Schranke einmal durchbrochen war, sich wenig mehr aus der Wahrheit machte, ist sehr natürlich; man muß sich bloß wundern, daß es nicht früher geschah. Dies letztere Faktum ist das Verbrechen, welches die Gegner mit kriminalistischer Miene und triumphierendem Nachdrucke stets in den Vordergrund schieben; so wie sie beweisen können, daß Hauser irgendwie nicht absolut wahrhaft gewesen, so schreien sie: ›Sehet da den Lügner, den Betrüger, den Gaukler, den Selbstmörder‹. Niemand aber in der ganzen Welt kann einen größeren Abscheu vor Lug und Trug, wie vor allem Unrecht, aller Sünde überhaupt, haben, als Hauser gehabt; und nur eine drangvolle Lage und die Ansteckung und Verführung einer durch und durch so lügenhaften und täuschungsvollen Welt, wie diese ist, brachte ihn um jene ursprüngliche paradiesische Unschuld und Lauterkeit, die von allen bezeugt wird, die ihn in der betreffenden Periode kannten.« Eine amüsante Anekdote von Hausers Gerechtigkeitsliebe bringt Ludw. Feuerbach an derselben Stelle: »Einmal sagte er, man müsse jedem das Seine lassen und keinem tun, wie man ihm getan, dem man seine Papiere weggenommen; diese Papiere hatte er nämlich ad usum pium auf den Abtritt gelegt und sie waren dann zufällig von jemand verbraucht worden.« »Aber Herr Bürgermeister,« sagte er, »das ist ja nicht wahr, Sie sind ja zu Hause.« An mir fand er es lobenswert, daß ich nicht rauchte und schnupfte; und zu einem meiner Freunde, der blasser aussah als ich, sagte er, die Ursache sei, daß er Tabak rauche, ich aber nicht. Sonst aber fand er auch meine Diät sehr fehlerhaft und schrieb ihr allein meine Krankheitsübel zu. Als ich einmal von seiner Wassersuppe genoß, sagte er: so sei es recht; wenn ich so lebe, so werde es bald besser mit mir werden. Meine Schwester ermahnte er, das Kaffeetrinken zu unterlassen, indem er bemerkte, daß sie infolge dieses Genusses immer erhitzt aussehe, späterhin aber blaß werde. Dies gehört zugleich zu den Beweisen, wie scharf dieser Mensch beobachtete. Ich darf endlich auch auf das sehr getroffene Bild verweisen, das dem Buche Feuerbachs über Kaspar Hauser beigefügt ist, und das ebenso sehr, wie gegen die Ansicht des Berliner Polizeirats Merker. auch gegen die des dänischen Physiologen ein anschauliches Zeugnis ablegt. Es präsentiert sich hier eine freundliche, kindlich harmlose, unschuldige und gutmütige Physiognomie und verrät sich durchaus nichts Stumpf- und Blödsinniges, Geistesschwaches, Idiotisches; der Blick ist hell und klar und zeugt von natürlichem Verstande und intellektueller Anlage mangelloser und ungetrübter Art. Auch dieses Bild ist diesem Werke beigegeben. Aus dem Umstande, daß Hauser sich nicht in dem Maße fortentwickelte, als man seinen anfänglich zutage kommenden außerordentlichen Fähigkeiten nach erwarten konnte, und daß er in den späteren Zeiten seines kurzen Lebens in der Menschenwelt das Maß des Gewöhnlichen nicht mehr zu übersteigen schien, zieht Eschricht den Schluß, daß seine Begabung überhaupt nicht diejenige gewesen sei, für die sie gehalten worden war, und daß man dieselbe nur schwärmerisch beurteilt und übertrieben habe. Aber man sehe sich die so einstimmigen, so bestimmten Aussagen der verschiedensten Beobachter und Zeugen unbefangen an; man erinnere sich der einzelnen Züge und Tatsachen, die ich soeben angeführt habe, und die nicht nur eine wunderbar rasche Entwicklung der Intelligenz bezeugen, sondern auch ein offenbar schon von vornherein vorhandenes, mehr als normales Maß derselben voraussetzen! Man wird sich überzeugen, daß Hausers geistige Kraft wirklich in nicht geringem Grade hervorgetreten und mit Recht bewundert worden sei, wie sich dieselbe auch späterhin gestaltet und dargestellt und welchen Grund diese Veränderung auch gehabt haben möge. Die Wendung, die die Sache in der Tat nahm, und die Differenz der beiden Erscheinungsweisen ist ein Problem, wofür eine Erklärung zu suchen; eine solche findet sich indessen schon in meinen »Mitteilungen« mehrfach begründet und angedeutet. Die Sache ist nämlich diese: Die ungemeinen Befähigungen, die Hauser in den ersten Zeiten offenbarte, sowie die ihn damals auszeichnende ganz eigentümliche Feinheit und Zartheit seines ganzen Wesens standen in offenbarem Zusammenhang mit seiner reinen und unschuldigen Kost. D. 59 S. 334f. hat eine Rechnung seiner Mutter über Hausers Beköstigung überliefert, die ich hier abdrucken möchte: Den 18. Juli kam Hauser zu uns. Die erste Woche genoß er nur Wasser und Brot, für 6 kr. täglich. Dann aß er mittags und abends Suppe. Diese nebst Brot täglich 8 kr. Dann morgens Gesundheitsschokolade. Diese nebst dem übrigen bis zum 16. August täglich 11 kr. Vom 17.–31. August abends statt der Suppe ebenfalls Schokolade. Mit dem übrigen täglich 13 kr. Vom 31. August bis zum 31. Oktober des Morgens Schokolade mit Weißbrot, abends mit schwarzem. Mittags Milch und andere Speisen, täglich 15 kr. Für Wäsche wöchentlich 8 kr. usw. »Hieraus ersieht man ungefähr, fährt Daumer fort, »was H., von dem man sagte, es werde mit ihm ein unziemlicher Aufwand gemacht, der Stadt für Kosten verursachte. Ich ließ mir nur die für ihn gemachten bestimmten Ausgaben vergüten. Von meinem Verhältnisse zu ihm irgend welchen Gewinn ziehen wollte ich nicht, auch wurde mir durchaus kein Lohn dafür. Die anderen Lehrer Hausers unterrichteten ihn gleichfalls unentgeltlich. Viele Kleidungsstücke und andere Dinge wurden ihm geschenkt. Die Pferde, die er ritt, wurden ihm umsonst überlassen. Das Theater, wenn es ihm verstattet wurde, bezahlte Binder für ihn, wie ich das alles noch ausführlich in meinen Papieren verzeichnet finde.« Es blieben ihm jene besonderen Eigenschaften auch dann noch, als er nicht mehr wie anfangs nur Wasser und Brot, sondern auch Wassersuppen, Schokolade und Milchspeisen genoß. Er büßte sie aber ein, sowie er sich an Fleisch gewöhnte, welche Nahrung, wiewohl man ihn mit der äußersten Vorsicht und Allmählichkeit dazu überführte, doch eine merkwürdig abstumpfende und depotenzierende Wirkung hatte. Es verlor sich die beispiellose Empfindlichkeit für animalische und mineralische Einflüsse, die ihm so lästig und qualvoll war. Darauf hatte man gerechnet und fand seine Erwartung auch vollkommen gerechtfertigt. Aber es zeigte sich noch etwas anderes, was man nicht gewollt. Es nahm auch die erstaunliche Feinheit und Schärfe seiner Sinnesorgane, namentlich seines weithin erkennenden Auges und Ohres ab; es verschwand leider auch seine große Fassungs- und Gedächtniskraft. Er wurde nicht dumm und stumpf; auch war und wurde er niemals faul, wie ihm Eschricht vorwirft; Herr v. Tucher sagt in der am 5. Dezember 1830 geschehenen Vernehmung: »Seine Begierde zu lernen und sich zu entwickeln ist ungemessen und wird von der grenzenlosen Beharrlichkeit, die an Eigensinn grenzt, begleitet, so daß ich hierbei nur zu sorgen habe, allzu große Anstrengungen von ihm fern zu halten.« In den letzten Zeiten seines Lebens trieb er, den mir aus Ansbach zugekommenen Nachrichten zufolge, mit besonderem Eifer und Fleiß das Lateinische. (D.) aber er begriff und lernte nicht mehr mit der früheren Leichtigkeit; er offenbarte im Ganzen seiner Erscheinung, und Entwicklung keine außerordentlichen Seelenkräfte und Begabungen mehr und erschien fast in jeder Beziehung als ein gewöhnlicher Mensch. Ich finde in meinen Aufzeichnungen folgendes bemerkt: »Mit der größten Schnelligkeit entwickelte sich Hauser in den ersten Zeiten bis zu seiner Erkrankung im Turme. Dann trat eine Zeit ein, in der er zwar noch sehr gut zu fassen vermochte und im allgemeinen auch große Fortschritte machte, wegen Überreiztheit der Nerven aber zu bestimmten Arbeiten und Anstrengungen sehr wenig fähig war, so wie es vorkommt, daß ein krankhaft gereiztes Auge zwar klar zu erkennen, aber nichts ohne Schmerz und nachteilige Folgen zu leisten vermag. Mit der Gewöhnung an Fleischkost trat ein andersartiger Zustand ein. Seine geistige Regsamkeit verlor sich, die Augen büßten ihren Glanz und Ausdruck ein, sein Trieb zur Tätigkeit ließ nach, das Intensive seines Wesens ging in Zerstreuungssucht und Gleichgültigkeit über, seine Fassungskraft war herabgesetzt. Sein Zustand war nicht sowohl der der Überreiztheit und Schmerzhaftigkeit als der der Abstumpfung. Das ist indessen nicht so zu fassen, als wenn von nun an gar keine Spur von Geist und Talent mehr an ihm wahrzunehmen gewesen. Es ist mehr von der ersten gewaltsamen Wirkung jener Kost zu verstehen. Daß bei ihm auch späterhin Momente lichtvollerer, geistig erhöhter Art vorgekommen, Zeiten, wo alle die früher an ihm bewunderten geistigen Eigenschaften wenigstens eine Zeitlang wieder ihre Rolle spielten, werde ich noch in diesen »Mitteilungen« angeben. Es fehlten zwischendurch nicht Blitze von aufleuchtender poetischer Begabung und spekulativer Denk- und Erkenntniskraft, welche zum Teil die höchste Bewunderung zu erregen geeignet waren. Ein wieder regeres Seelenleben und energischeres Denken zeigte sich z. B. im März 1829; sein Auge leuchtete wie ehedem und sein Gesicht bekam den früheren Ausdruck von Geistigkeit wieder; sein Kopf arbeitete unaufhörlich, er dachte sich namentlich über religiöse Gegenstände manches Eigene mit großer Klarheit und Bestimmtheit aus. Im ganzen erschien er als ein nüchterner, verständiger Mensch, dem sehr wenig Poesie und Phantasie eigen; er hatte aber sehr poetische Träume und es schwebten ihm zuweilen auch im Wachen merkwürdige Bilder vor. Merkwürdig war ferner sein geistiger Zustand nach der Verwundung, die er den 17. Oktober 1829 in meinem Hause erlitten hatte. Weiteres darüber s. am Schlüsse dieser »Mitteilungen«. Sie hatte die Folge, ihn überhaupt wieder in den Zustand zurückzuversetzen, in welchem er sich vor dem Fleischessen befand, so daß sich mit geistiger Begabung und Erhöhung auch wieder z. B. seine Empfindlichkeit gegen Metall, Glas und animalische Einwirkungen zeigte. Hauser hatte Momente, wo ihm eine plötzliche Erleuchtung und Offenbarung zu kommen schien und wo ihm symbolische Bilder voll tiefen Sinnes in visionärer Weise vor Augen traten. So war es einmal im Winter 1830 auf 1831, wo er einen großen Drang nach Erkenntnis verspürte. Da sei ihm, erzählte er, auf einmal alles klar geworden und zwar durch ein Bild, das sich ihm darstellte und dessen Bedeutung er sogleich vollkommen verstand. Es sei ihm gewesen, »als sei alles eins, die Menschheit mit der Natur zusammen,« doch aber so, »daß eigentlich erst die Menschheit das Ganze ausmache.« Das Bild, das er gesehen, sei eine Art von Baum gewesen, dessen Äste sich bewegt und allerlei Figuren gebildet hätten, die ihm nicht mehr klar seien; denn er sei in seiner Betrachtung gestört worden und dann durch einen Kamphergeruch erkrankt; da sei ihm jene Klarheit getrübt worden und es sei ihm jetzt, als wäre ein Flor darüber. So viel wisse er noch: entgegengesetzte Äste hätten sich ineinander bewegt und es sei ihm gewesen, als entstehe dadurch erst das Ganze. Der Baum sei auf einer Basis, auf etwas Festem gestanden, das er nicht mehr näher zu bezeichnen wisse, von unten auf sei wie eine Stange gegangen, auf deren Spitze sich ein Krönlein mit einer roten Beere darin befunden; es habe ihm geschienen, als sei das die Hauptsache. Es zeigen sich hier spekulative Gedanken; namentlich ist es der eines einheitlichen Weltganzen mit einer Entwicklung, die von unten nach oben geht und eine höchste Spitze der Vollendung erreicht; es ist auch die Einheit erkannt, die aus dem sich aufhebenden Gegensatze resultiert. Hierbei ist wohl zu bemerken, daß in dem Unterrichte, den Hauser damals genoß, von solchen Ideen nichts vorkam und daß auch früherhin keiner stattgefunden hatte, aus welchem dergleichen abzuleiten war. Hauser war mit philosophischen Systemen ganz unbekannt; er wußte nichts von einem Hegel, Schelling, Spinoza usw.; es kamen ihm solche Bilder und Ideen, wie die beschriebenen, ganz aus dem eigenen Innern und in einer Weise, die an Jakob Böhme zu erinnern geeignet ist. Ich selbst habe nichts unterschoben, dazu getan und ausgeschmückt, und das mit Anführungszeichen versehene sind Hausers eigene Worte, wie er sie brauchte, als er mir gelegentlich von jenem Gesichte sprach. Ich ließ ihn in solchen Fällen ohne Unterbrechung reden, bis er selbst aufhörte oder auf anderes übersprang und erlaubte mir nur dann erst einiges zu fragen, aber ohne alle Suggestion. Wie selbständig sich seine Seele verhielt und wie rein und frei sie aus sich selber schöpfte, sieht man auch aus folgenden Umständen. Er quälte sich damals infolge des ihm erteilten Religionsunterrichtes, bei welchem man ihn so ganz seiner Natur zuwider auf bloßes Glauben verwies und über das Dunkle darin nicht zu forschen und grübeln ermahnte, gleichwohl gar sehr für sich selber ab, um das Verhältnis Gottes zur Menschheit, insbesondere zu dem Bösen im Menschen und dem Ursprung des Bösen, zu fassen. In dem aber, was er über jenes Gesicht mitteilte, kam weder eine Erwähnung Gottes noch des Bösen vor, während er dennoch versicherte, es sei ihm zu der Zeit jener Vision und Betrachtung alles, was ihm sonst zu schaffen machte, vollkommen klar gewesen und die Lösung der schwierigen Rätsel, die ihn ängstigten, ganz leicht vorgekommen; »wenn es ihm nur wieder so würde!« VII. Eigentümliche Empfindung für Mineralisches und Animalisches. Ich teile hier vorerst einige Fälle mit, welche Verdacht und Unglauben niederzuschlagen vorzüglich geeignet sind. Hausers Empfindlichkeit gegen Berührungen war so groß, daß er, wenn man ihn z. B. mit der Hand gelinde an die Schulter rührte, zuckte und auch wohl sagte, man möge ihn nicht schlagen, indem er unter schlagen eben jene Berührung verstand. Auf die Bemerkung eines Freundes (Herrn Professor Hermanns aus München), diese Empfindlichkeit möchte von tieferer Natur sein und Hauser sich in einer Art magnetischen Zustandes befinden, trat ich, während dieser im Gespräch mit anderen begriffen war, leise hinter ihn und fuhr in einiger Entfernung von ihm mit der Hand gegen seinen Rücken herab. Er drehte sich mit dem Ausdruck des Erschreckens um und fragte, was ich mache, warum ich ihm den Rücken gestrichen habe, und wollte es nicht glauben, als ich sagte, ich hätte ihn nicht berührt. Er sagte mir später, zuerst, als ich an den Kopfhaaren zu streichen begonnen, habe er geglaubt, es gehe vom Fenster ein Wind herein, wie ich aber weiter herabgefahren, sei ihm ein kalter Schauder gekommen und er habe gemerkt, daß jemand hinter ihm sei und dies verursache. Als mein Freund vorn in einiger Entfernung mit den Händen gegen ihn herabstrich, behauptete er, er blase ihn an, ein kühler Wind gehe an ihn hin, die Stirn wurde heiß, die Hände kalt, er bekam Drücken in der Herzgrube, wie wenn, nach seinem Ausdrucke, ein Brocken oder Stein sie belästige; als Aufstoßen Ein ganz gewöhnliches Erleichterungsmittel seiner Natur, was am öftesten nach Gerüchen bemerkt wurde, die ihn krankhaft erregt hatten. (D.) erfolgte, war diese Empfindung vorüber. Von mir und Herrn Professor Hermann fühlte er die magnetische Einwirkung am stärksten, doch war das, was er von letzterem empfand, bei weitem schwächer als das, was von mir. Ich trat einst mit jenem in sein Zimmer, als er, mit dem Rücken gegen die Türe gekehrt, bei einer Arbeit sehr aufmerksam beschäftigt war. Da er in solchem Falle, in welchem er außer dem Gegenstande seiner Aufmerksamkeit nichts hörte noch sah, auch die magnetische Wirkung schwächer fühlte, so versuchte mein Freund, ob er es merke, wenn er in Entfernung den Finger gegen ihn hinhalte. Er tat dies eine Zeitlang, ohne daß Hauser zu erkennen gab, daß er etwas verspüre; kaum aber hatte ich (schweigend, wie sich versteht) den Finger gegen ihn gerichtet, so schrak er zusammen und sah sich ganz verstört nach der Ursache dieser Einwirkung um. Auf einem Spaziergang machte ich einst im Beisein Herrn Professor Wurms zu Nürnberg folgenden Versuch: Ich ließ ihn in ziemlicher Entfernung vor mir hergehen und sagte ihm, ich wolle gegen ihn mit der Hand herabfahren und er solle sagen, wann er etwas empfinde. Ich fragte ihn zweimal, ob er nichts spüre, so daß es schien, als mache ich hinter ihm die Bewegung, die ich unterließ, worauf er verneinend antwortete. Als ich aber wirklich, und zwar schnell mit der Hand herabfuhr, sah man in diesem Augenblick die Äußerung des Frostschauders an ihm, worauf er sich umdrehte und sagte, nun sei ich mit der Hand herabgefahren. Bei anderen Versuchen dieser Art, die ich im Freien anstellte, ohne daß Hauser etwas von dem wußte noch wissen konnte, was ich hinter seinem Rücken vorhatte und tat, da ich unbemerkt weit hinter ihm zurückgeblieben war, waren Professor Hermann und Herr Baron v. Tucher Zeugen. Ich könnte noch mehr solche Fälle und noch mehr Namen anführen, doch denke ich, werden schon jene nebst den unten folgenden, Hausers Metallfühlen betreffenden, hinreichen, um jeden Verdacht, den Zweifelssüchtige auf ihn oder auf mein – des einzelnen – Zeugnis werfen könnten, zum Schweigen zu bringen. Animalisch Lebendiges (um Hausers Ausdruck beizubehalten) blies ihn an, Mineralisches nicht; hier pflegte eine Anziehung von verschiedener Stärke gefühlt zu werden. Bei Fassung und Berührung eines wenn auch für die Empfindung anderer nicht kalten Lebendiges fühlte er umso kälter, je wärmer es war, z.B. wenn jemand durch Bewegung erhitzt war. Tauchte ich meinen Finger in kaltes Wasser, so fühlte er bei Berührung desselben keine oder viel geringere innere Kälte als außerdem. (D.) Metalls, Glases usw. fühlte er zugleich eine durch die Hand den Arm hinaufgehende Erkältung, deren Schnelligkeit bei verschiedenen Mineralien verschieden war. Wenn ihm der Arm durch Anfassen oder Annäherung von Metall oder Edelsteinen kalt wurde, so schwollen sichtlich und auffallend die Adern der Hand auf, die der Wirkung ausgesetzt waren. Ich legte in seiner Abwesenheit einen goldenen Ring, einen Zirkel von Stahl und Messing und eine silberne Reißfeder unter Papier, so daß man nicht sehen konnte, daß etwas darunter verborgen war. Ich ließ ihn mit den Fingern über dieses Papier herfahren, so daß das Papier nicht berührt wurde, und er unterschied durch die verschiedene Stärke des Zuges, den jene Metalle gegen seine Finger ausübten, sie alle. Wenn er mit seinem Finger über den Zirkel und die Reißfeder, die unter dem Papier lagen, hinfuhr, fühlte er den Zug senkrecht herab, wenn er oben oder unten über die Enden hinausfuhr, schief zu jenen Instrumenten hin. Zufällig lag einst ein Blatt Papier auf dem Tisch, unter welchem nichts verborgen war. Ich sagte im Beisein Herrn Dr. Osterhausens und Herrn Kronanwalts Brunner aus München zu Hauser, der ins Zimmer trat, er möge versuchen, ob kein Metall darunter liege. Er fuhr mit dem Finger darüber hin und sagte an einer bestimmten Stelle: da ziehe es. Diesmal hast du dich getäuscht, sagte ich, betroffen über den mir früher nie vorgekommenen Fall und hob das Papier auf. Hauser fühlte wieder an die Stelle hin, wo er den Zug gefühlt und behauptete, nachdem das Papier weggenommen war, es ziehe noch immer. Wir vermuteten nun, daß unter der Wachsdecke des Tisches etwas verborgen sei, wiewohl wir nicht sogleich durch Betasten der Stelle etwas entdecken konnten, doch kam nach genauerer Nachforschung an der von Hauser bezeichneten Stelle eine Nadel zum Vorschein, die also Hauser durch die Wachsdecke und das Papier hindurch gespürt hatte. Jemand legte ihm, um ihn zu prüfen, ein ausländisches Goldstück von der ungefähren Größe und Dicke eines Kreuzers, ohne daß er es ansehen konnte, in die Hand. Er ließ sich nicht täuschen, sondern sagte, der Empfindung nach, die es ihm verursache, müsse es Gold sein. Anfang Dezember, als er schon für Gold, welches sonst stark gewirkt hatte, keine Empfindung mehr hatte, setzte ihm Herr Dr. Preu zu Nürnberg in meinem Beisein ein verschlossenes, mit Papier umwickeltes kleines Glas, welches halb mit Quecksilber gefüllt war, in die Hand, ohne daß er wußte, was es war. Brennender Schmerz und Anziehen wurde auf dem Fleck der Hand verspürt, auf welchen es aufgesetzt worden, ein starker Kälteschauder ging durch den ganzen Leib, worauf ihm bald heiß wurde und Schweiß auf die Stirne trat, welcher letztere wenigstens kein Betrug sein konnte. Er befand sich einmal einen Schritt weit von einem Pulte, in welchem ein Päckchen, mit verschiedenen Edelsteinen gefüllt, befindlich war. So wie es geöffnet wurde, sah er mit verstörten Blicken nach ihm hin und sagte, hierin sei etwas, was ihn ziehe. Als ich einen mit Papier umwickelten Diamanten gegen ihn hielt und ihn um die Wirkung dessen befragte, was darin sei, sagte er, was in dem Papier sei, wirke wie der Diamant eines ihm gehörigen Ringes. VIII. Wirkungen von Metallen, Glas, Edelsteinen usw. Ich war bei den an Hauser anzustellenden Versuchen sehr durch die Rücksicht beschränkt, die auf seinen Gesundheitszustand zu nehmen war. So vorsichtig ich auch stets zu Werke ging, wenn ich mir solche Versuche erlaubte, so fielen sie doch zuweilen sehr nachteilig für ihn aus, was mir in absichtlicher Herbeiführung von Gelegenheiten zu wissenschaftlicher Beobachtung umso größere Beschränkung auferlegte. So wirkte einmal eine kleine Magnetstange, aus großer Entfernung gegen ihn gerichtet, heftig und schädlich auf ihn ein. Wenn ich die Wirkungen von Metallen und Gesteinen an ihm versuchen wollte, ließ ich ihn nur einen Finger nähern. Hauser pflegte bei solchen Versuchen den Zeigefinger der rechten Hand zu gebrauchen, weil die Einwirkungen auf die linke Hand weit stärker waren. Justinus Kerner dagegen ließ die Seherin von Prevorst die Steine mit der linken Hand halten, weil diese nach ihrer Aussage weit empfindlicher als die rechte war. Auch von einer andern Somnambule wird erzählt, daß ihr linker Arm eine besondere Empfindlichkeit gegen Metalle gehabt habe. Legte man in ihre rechte Hand ein Metall, so blieb diese ruhig, aber die linke bewegte sich. Die Alten schreiben dem Diamant und Achat eigentümliche Wirkungen zu, wenn sie an der linken Hand getragen wurden. Obgleich Hauser in den ersten Zeiten bei äußeren Verrichtungen vorzugsweise die linke Hand gebrauchte, so schonte er sie doch stets bei Berührung mineralischer Gegenstände. So hütete er sich auch wegen der Schmerzlichkeit der Empfindung, seine linke Hand in die Hand eines andern zu legen. Mineralische Reize, die bei Hauser, wenn er die rechte Hand der Wirkung aussetzte, nur bis an den Ellbogen hinauf fühlbar waren, wirkten, wenn er in gleichem Maße die linke preisgab, den ganzen Arm hinauf bis in die Augen. Als er einmal Glas mit der linken Hand anfaßte, tat ihm der Arm sehr weh und die Augen füllten sich mit Wasser. Als er es ebenso mit einer Koralle machte deren Wirkung im rechten Arme schwach ungefähr wie die des Bleies (siehe unten) war und nur bis an den Ellbogen ging, kam die Kälte den ganzen Arm und den Hals hinauf; um die Augen wurde es kalt, in ihnen selbst fühlte er starkes Brennen, bis vieles Wasser herausgeflossen war und die Kälte sich verloren hatte. Einige Zeit hierauf scheint infolge dieser Einwirkung Augenverdunklung eingetreten zu sein. Die quantitative Verschiedenheit der Metallmassen änderte nichts in der Art des Zuges, durch welche er die Metalle unterschied. Wenn die Kälte von Metall, Edelsteinen schnell den Arm hinauf kam, dauerte es verhältnismäßig länger, bis derselbe wieder warm wurde, als wenn die Kälte langsam aufwärts stieg. So wie die Kälte von den Fingern an aufwärts stieg, so nahm sie auch von oben her ab, bis sie zuletzt nur noch in der Fingerspitze, die zuerst den Eindruck empfangen hatte, empfunden wurde. Schneller als bei den meisten Metallen lief es ihm erkältend die Finger und den Arm hinauf bei Berührung des Goldes, minder schnell bei der des Silbers, noch langsamer der Reihe nach bei der des Stahls, Messings, Zinns, Bleis. Stahl wirkte stärker als ungestähltes Eisen. Beim Reiten fühlte er durch den Sattel den Zug des darunter befindlichen Eisens, auch behauptete er, er sei deshalb weniger in Gefahr, den Steigbügel zu verlieren, weil das Metall desselben ihn an sich ziehe. Er sagte, er werde von dem unter dem Sattel befindlichen Eisen gezogen und sitze deshalb so fest im Sattel. Wenn er Sporen anhatte, so war es ihm, als würde er hinten an den Füßen gezogen. Silberne Sporen empfand er stärker als welche von Messing. – Als ich mit ihm in ein Gewölbe kam, das mit Messingwaren angefüllt war, zog es ihm am ganzen Leib nach allen Seiten hin, wo sich das Metall befand; er eilte, wieder hinaus zu kommen, und machte außen die Bewegung heftigen Schauders. – Er saß einst am Klavier, als ein Mann eintrat, der Summen Silbergeldes in einem Sacke trug und diesen drei bis vier Schritte weit von ihm auf den Tisch legte. Er hörte auf zu spielen und blickte mit verstörten Mienen auf den Tisch und den Mann hin, stand dann auf und begab sich, den Schweiß von der Stirne wischend, in ein Nebengemach, wartend, bis sich der Mann entfernt hatte. Das Geld im Sacke hatte diese Wirkung auf ihn gehabt. Mit einem silbernen Löffel essend mußte er so sehr zittern, daß er ihn kaum zum Munde führen konnte, weshalb ich ihm einen hölzernen anschaffte. Stärker als das ihn stark affizierende Gold wirkten Platina, Diamant, Quecksilber, Magnet. Letzterer wirkte nur dann erregend, und zwar in hohem Grade und aus großer Entfernung, wenn die Pole gegen ihn gerichtet wurden, die quer gegen ihn gerichtete Magnetstange spürte er nicht auf solche Weise. Nach dem Quecksilber wirkte Platina am stärksten; von einem dünnen Ring aus diesem Metall empfand er Ziehen drei Schritte weit. Quecksilber wirkte viel stärker als Gold. Als ich die Rückseite eines kleinen Spiegels gegen ihn hielt, spürte er den Zug neun Schritte weit. Schwefel, wenn er ihn dem Finger näherte, zog stärker als Gold und erregte noch größere Kälte, wirkte doch in beiden Stücken schwächer als Quecksilber. Er fühlte den Zug von Schwefelfäden nicht ganz zwei Schritte weit. Ein Diamant wurde zwei Schritte weit verspürt. Der Stärke des Zuges nach war Diamant zwischen Platin und Gold. Er fühlte seine Wirkung den ganzen Arm hinauf. Wenn er mehrere Minuten lang den Finger gegen den Diamant hielt, zog sich die Wirkung vom Arm in die Herzgrube hinüber, wo er schmerzlichen Druck empfand. Auch Glas wirkte bei Berührung den ganzen Arm hinauf, während Metall nur bis an den Ellenbogen zu wirken pflegte. Wenn er aus einem Glase trank, so zog sich eine schmerzlich kalte Empfindung in drei Linien vom Munde das Kinn herab; die eine dieser Linien ging von der Mitte der Unterlippe an und war am empfindlichsten, die anderen von den beiden Mundwinkeln. Unter dem Kinne vereinigten sich die drei Linien in eine, die bis an den Hals ging. Als sich in der Folge das Schmerzliche der Empfindungen verlor, blieb nur die in den beschriebenen Linien sich herabziehende Kälte. Das mit Wasser gefüllte Trinkglas machte geringere Wirkung als das leere. Von Kristall und unechten Steinen sagte er, sie zögen ihn wie Glas, und die Empfindung ziehe sich, wie bei diesem, durch den ganzen Arm. Als er einen mit Papier umwickelten Kristall anfaßte, ging die Wirkung nur bis an das Handgelenk, als er ihn ohne Papier befühlte, bis an die Schulter. Jaspis zog wie Zinn, wirkte aber mit der Langsamkeit des Messings erkältend den Arm hinauf bis an den Ellbogen. Amethyst und Smaragd wirkten wie Zink, Bernstein wie Stahl, Chalcedon wie Glas, den ganzen Arm hinauf; Malachit wie Blei, Lapis Lazuli etwas schwächer wie Glas und nur bis an den Ellbogen, Karneol wie Blei, Korallen ebenso. Diese Vergleichungen gab er selbst nur als ungefähr an. Er pflegte aber die Wirkung anderer Stoffe deshalb mit denen der Metalle und des Glases zu vergleichen, weil er die letzteren, denen er am häufigsten ausgesetzt war, am besten kannte. Salpeter zog ihn wie Glas, etwas stärker als Gold; Salpeter und Schwefel kamen mit ihrer Wirkung wie Gold, Silber usw. nur bis an den Ellbogen. Wenn er einen Bleistift in die Hand nahm, fühlte er ein Ziehen in derselben, das weit stärker war, wenn er einen spitzte. Auch will er bemerkt haben, daß er im letzteren Falle blaß wurde. Kalk brannte ihn auf der Hand wie Feuer. Beobachtungen, die gemacht wurden, als seine Empfindlichkeit schon im Abnehmen war, sind folgende: Jaspis wirkte wie Eisen, Granit wie Zink. Steinkohle schwächer als Blei und nur bis ans Handgelenk. Granit zog, Braunkohle nicht, machte bloß Kälte. Eine Muschel wirkte wie Zinn, eine andere weniger stark als Blei; Alaun etwas stärker als Blei. Schon der Geruch des letzteren verursachte, daß ihm der Mund voll Wasser wurde, welches, nachdem er den Finger angenähert, stark aus dem Munde floß, bis die Kälte im Arm sich verloren hatte. Dabei bitterer Geschmack im Munde. Er roch den Alaun einen Schritt weit »sauer und bitter«. Anfang November bemerkte ich, daß er Silber nicht mehr fühlte. Ende November zog sich noch vom Glase die Empfindung den ganzen Arm hinauf, aber langsam und schmerzlos. Damals spürte er das Quecksilber noch so stark, daß ihm, als er den Finger an die Rückseite eines Spiegels, der mit dem Brett überdeckt war, hinhielt, ein kalter Schauer durch den ganzen Körper fuhr. Gold wirkte Ende Dezember nicht mehr auf ihn und auch Glas nur, wenn er es mit der linken Hand berührte. In diesem Falle ging die Empfindung der Kälte ganz langsam aufwärts und nicht weiter als zum Ellbogen. Platina spürte er im März 1829 nicht mehr, Quecksilber am Spiegel im Juni noch ein wenig. Im Juni spürte er auch beim Anfühlen von Menschen nichts mehr, außer von mir ein wenig. Es ist früher bemerkt worden, daß, als die Empfindlichkeit gegen Mineralien sich schon zu verlieren angefangen hatte, dieselbe durch den im Januar 1829 homöopathisch gegebenen Schwefel in der Erstwirkung erneuert wurde. In der Nachwirkung aber folgte das Gegenteil, so daß er nun Quecksilber nur noch wenig spürte, gerade so, wie der schon einigermaßen überwundene Widerwille gegen Fleisch nach Anwendung der Silicea in vollem Maße zurückkehrte und dann in der Nachwirkung eine Lust zum Fleischessen sich einstellte, die vor der Anwendung dieser Arznei nicht vorhanden war. Erhitzt und geschmolzen wirkte Metall äußerst heftig auf Hauser, selbst dasjenige, welches in festem Zustande schon nicht mehr von ihm verspürt wurde. Als er im Februar 1829 in einer Glockengießerei das geschmolzene Metall ausgießen sah, wurde er in großes Unwohlsein versetzt. Als er im November 1829 Bleikugeln goß und das Blei, das er im Pfännchen über dem Feuer hielt, heiß wurde und schmolz, bekam er von dem mit der zunehmenden Hitze des Metalles immer stärker werdenden Zug desselben Schmerz im Arme. IX. Empfindlicher Geruch. Aus der großen Menge von Beispielen eines unerhört empfindlichen Geruchs, v. Tucher bemerkt dazu (S. 122): »Gerüche affizierten ihn so stark, daß er eine wohlriechende Blume mit Abscheu wegwarf.« die mir meine Beobachtungen darboten, will ich einstweilen nur folgende anführen. Als er einst (August 1828) in meinem Hause in ein Zimmer trat, in welchem ein paar Tropfen der tinctur. nervin. Bestuscheff. eingenommen worden waren, ergriff ihn der im Zimmer verbreitete Duft so, daß sich sogleich konvulsivische Bewegungen zeigten. Die Empfindung stieg, seiner Aussage nach, in den Kopf und verursachte Augenschmerz, dann zog sie sich auf beiden Seiten des Kopfes die Wangen herab durch den Hals in zwei Linien, die sich im Magen vereinigten. Im Vereinigungspunkt entstand Drücken, es erfolgte das gewöhnliche Laufen, dann zweimaliges Aufstoßen mit heraufkommendem Wasser, dies alles dauerte eine starke Viertelstunde lang. Es blieb Kopf- und Augenschmerz. Ich führte ihn nun auf seinen Wunsch ein wenig spazieren; auf dem Wege kam Frost und etwa nach einer halben Stunde zeigte sich mehrmaliges Aufstoßen, auf den Frost folgte Hitze und der Schweiß trat auf die Stirne, womit sich die Reihe der Erscheinungen, wie öfters, schloß. Das mit Kork verschlossene Gläschen jener Arznei roch er drei Schritte weit. Als ich ihm einmal (Herbst 1828) von ferne den Johanniskirchhof zeigte, bat er mich, ihn den Ort in der Nähe besehen zu lassen, wo die gestorbenen Menschen in ihren unterirdischen Kammern schliefen; denn unter der Vorstellung eines langen Schlafes war ihm der Begriff des Todes genähert worden. Einen widrigen Eindruck fürchtend, sagte ich ihm, ich wolle ihn zwar näher führen, er solle mir es aber sagen, sobald er irgend etwas Widriges zu empfinden anfangen würde. Ungefähr sechs Schritte weit vom Eingang ward er von der Ausdünstung der Gräber (obwohl es ein kühler, heller Herbstmorgen war) stark ergriffen. Er hatte sie weit früher empfunden, allein da er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Steinbilder am Kirchhof gerichtet hatte und begierig war, sie zu besehen, hatte er unterlassen, es mir anzuzeigen. Er bekam starken Frost und machte die Gebärden heftigen Schauders. Nach einiger Zeit kam Aufstoßen, bald darauf fing Wärme vom Unterleib an, sich langsam nach oben zu verbreiten. Vom Hals an stieg sie schnell in den Kopf und es erschien Schweiß auf der Stirne. So starke Hitze, sagte er, habe er noch nie empfunden. In der Nähe des Tores ward ihm wieder wohl. Doch klagte er, daß seine Augen durch jene Einwirkung dunkler geworden seien. Alles Wahrnehmbare dieser Begebenheit habe ich aufmerksam beobachtet. Andere, ungenaue oder ganz verdrehte Nachrichten hierüber, wie die des Herrn von Pirch, In dieser werden zwei sich ganz fremde Vorfälle aufs wunderlichste zusammengeworfen. (D.) sind also nach dieser zu berichtigen. Hier kann auch eine andere Angabe ihre Berichtigung finden. Wasser mit Opium gemischt hat Hauser zu Nürnberg nie getrunken, sondern der Versuch wurde gemacht, indem man ihn von Ferne Opium riechen ließ, wie ich von Herrn Dr. Preu und von Hauser selbst sogleich nach angestelltem Versuch erkundet habe. Die Beschreibung dieses Versuches gibt Preu. S. d Hauser erklärte den Geruch des Opiums für den, welchen sein Wasser im Gefängnis gehabt, »wenn es schlecht war«, fiel auch auf das bloße Riechen in einen langen Schlaf, worauf großer, schwer zu stillender Durst folgte. Daß er im Gefängnis öfters nicht genug Wasser hatte, wie er angibt, erklärt sich hieraus. Sein Trinkgefäß wurde ihm wohl täglich auf gleiche Weise gefüllt, hatte er aber Opium bekommen, so reichte nach dem Erwachen aus dem durch dasselbe bewirkten Schlaf für den nun krankhaft erhöhten Durst die gewöhnliche Wasserportion nicht hin. Vgl. Hausers eigene Beschreibung. (D. Auch glaubte sich Hauser zu entsinnen, daß es ihm an Wasser gemangelt habe, wenn er zuvor schlechtes bekommen. Dann sei es wieder gut gewesen und habe ihm vorzüglich geschmeckt, aber für seinen Durst nicht hingereicht. Daß aber bei Anstellung jenes Versuchs schon der Geruch des Mittels, wie früher im Käfig der Genuß, Schlaf und Durst bewirkte, darf nicht befremden. Denn erstlich hatte der Genuß jene Erscheinungen wohl noch in höherem Grade erregt, zweitens mußte bei Hauser, nachdem er lange Zeit hindurch kein Opium mehr bekommen hatte, die Empfindlichkeit gegen dasselbe erhöht sein Als Hauser im September 1828 die Art starkgewürzten Brotes, die er täglich im Käfig genossen hatte, zu Nürnberg wieder erhielt, konnte er es anfangs nicht ohne starke und nachteilige Erregungen genießen. Ich weiß zwei Personen, die, nachdem sie sich homöopatischer Behandlung wegen vom Genuß des Kaffees entwöhnt und sich eine Zeitlang desselben gänzlich enthalten hatten, so empfindlich gegen die Wirkungen desselben wurden, daß ihnen selbst sein Duft unleidlich wurde. Die eine Person, sonst ein starker Kaffeetrinker, konnte den Trank nicht mehr riechen, die andere, eine weibliche, fühlte die Unleidlichkeit beim (doch gewohnten) Kaffeebrennen.(D.) X. Berauschung durch Weinbeeren. Genuß von Weinbeeren und frischem Weinbeersaft erregte Hausers Zustände der Erhöhung, Erhitzung und Trunkenheit bis zu dem Grade, daß er seinen Rausch ausschlafen mußte. Nachdem er schon einmal eine Weinbeere gekostet und ich die Wirkung derselben gesehen hatte, untersagte ich ihm vorderhand, Weintrauben zu essen, lüstern jedoch kostete er einmal im September 1828 ein paar Tropfen aus Weinbeeren frisch gequollenen Saftes und stellte hierauf das vollkommene Bild eines Betrunkenen dar. Er ging schwankend, sprach mit schwerer Zunge und lachte beständig, indem er die Köstlichkeit des Saftes rühmte; der kleine Finger der linken Hand war in starker Bewegung, wie es bei starken Erregungen der Fall zu sein pflegte, und bald darauf mußte er sich zu Bette legen. – So entwickelte hier die Frucht des Weinstocks, ganz wie sie aus den Händen der Natur kommt, Symptome, die bei andern nur der gegorne Saft erregt. Von grünen Weinbeeren stieg ihm Hitze in den Kopf, nicht so von blauen. Ein Gefühl des Ausströmens in Hände und Füße, das er von vielen Genüssen bekam, trat auch hier ein. Er selbst schrieb folgendes: Vom 9. September 1828. »Am Mittwoch abends aß ich von blauen Weintrauben den Saft, und ich hatte ihn kaum zwei Minuten im Leibe, bekam ich einen starken Schwindel, daß ich kein Buchstaben mehr erkannte. Ich konnte nichts mehr lesen und mußte mich schlafen legen. Ich aß nur ein Kaffeelöffel voll.« Vom 5. September 1829: »– – Er gab mir ein Beer von der Traube; ich aß. Es wurde mir anfangs ein wenig heiß im Kopf, nach diesem wurde mir sehr leicht im Kopf, auch (bekam ich) ein kleinen Schwindel und es lief in den Armen und Füßen sehr stark heraus, als hätte mir jemand Wasser hingeschüttet, das hinunterlaufen würde bis an die Fingerspitzen (und Zehen).« Das Eingeschlossene ist von mir ergänzt. – Zwischen beiden Vorfällen liegt ein Jahr; daher der zweite, schon bei verminderter Schwäche und Empfindlichkeit den verhältnismäßigen Unterschied zeigt. XI. Eindruck, den Gewitter machten. In den ersten Zeiten war Hauser während eines Gewitters in höchst schmerzhaftem Zustande. Noch im Mai 1829 bemerkte ich während eines Gewitters Zuckungen in Hausers Gesicht und Gliedern (eine damals nicht mehr gewöhnliche Erscheinung). Er bekam inneren Frost, mit öfterm Schütteln und Schaudern. Während des Donners, sagte er, sei es ihm, als sei alles in seinem Leibe locker und bewege sich, und er fühlte von oben den Kopf herab einen Druck. Auf der linken Seite Die ich bei allen Gelegenheiten als die schwächere und krankhaftere fand. (D.) war der Frost stärker. Er mußte die Augen unwillkürlich zudrücken und zitterte. Der Frost dauerte bis das Gewitter vorüber war. Mitten auf der Brust fühlte er einen ganz kalten Fleck und es war ihm, als wäre dieser Fleck ganz locker. Der Druck war stärker, je nachdem der Donner stärker war. Beim Blitzen fühlte er Schmerz in den Augen »wie von Nadelstichen«. Ungefähr eine halbe Stunde nachher kam Nasenbluten, darauf war ihm sehr leicht im Kopfe. Ob ein Gewitter kurz oder lange dauern würde, konnte er seinem Gefühl abnehmen. Wenn es kurz dauerte, war die Kälte an Händen und Füßen mehr der Temperatur des übrigen Körpers gleich, wenn es aber lange dauerte, waren Finger und Zehen sehr kalt und viel kälter als die andern Teile des Leibes. Zu Ende des Juli 1829 machten Gewitter keinen Eindruck mehr auf ihn. Der Mordversuch regte auch diese Empfindlichkeit wieder auf. Im Sommer 1830 fühlte er vor Gewittern an der Stelle der geheilten Schußwunde, die er sich einmal zufällig beigebracht, ein Brennen. Ich füge diesen Bemerkungen einiges aus Hausers Feder hinzu und zwar so fehlerhaft als er es niederschrieb: 1. »Im vorigen Jahr 1828 als ich das erste Gewitter gehört habe beschreibe ich was für besondere eindrücke und würkungen gemacht hat, ein halbe Stund vor dem Gewitter bekam ich einen starken Frost, so, daß ich nicht mehr auf der Klaßharmonika spielen konnte ich mußte mich niederlegen und deckte mich zu aber ich konnte mich doch nicht erwärmen, der Frost, dauerte vieleicht ein viertl Stund, nachdem bekam ich starke hütze und schmerzen im ganzen Leib besonders in Kopf. Ich stund auf gieng zu den Pferden hin, und dachte warum sie mich nicht nach Hauß führen, und mich immer so blagen Er hielt allen Schmerz, den er empfand, für ein von Menschen zugefügtes Übel; oder vielmehr die Menschenwelt, in der er jetzt lebte, erschien ihm insgesamt als ein ihn anfeindendes, übeltätiges Wesen, dem er zu entrinnen sich sehnte. (D.) auf einmal fängt es zu donnern an, ich bin sehr erschrocken weil ich ein Schmerzhaften Druckt empfunden habe, ich fieng zu weinen an, setzte mich ganz in den Winkel hin hielt mich ganz ruhig. Dann kam die Mutter Die Frau des Gefängniswärters, die er damals Mutter nannte. (D.) fragte mich warum ich weine, ich sagte: Mutter mi Ham weißen, Damals, sagte er mir, habe er den Sinn dieser Worte, die ihm der Gefängniswärter erklärt hatte, verstanden, und habe auch wirklich dadurch den Wunsch, in seinen Käfig zurückzukehren, ausdrücken gewollt. (D.) dan sagte sie jetzt derfen wir nicht hinaus gehen da ist ein großer Man außen der zankt ist bös, ich deutet zum Fenster hinaus und sagte was däs ist, wenn du nicht brav bist dann zankt er, ich gab zur antwort ih scho brav. Sie wollte fortgehen ich ließ sie nicht fort ich sagte Mutter da bleiben, dann sagte sie mit dir ist er nicht böß nur mit solchen Kindern die immer auf der Gasse sind. Wenn es donnert hat bückte ich mich immer, dan sagte sie, Kaspar fürchte dich nicht, ich bleib schon bei dir ich gab Ihr zur antwort: »dieser Mann soll mit den andern auch aufhören zu zanken ih scho July sagen Das heißt: »ich will es schon dem Julius sagen.« Er meinte einen Sohn des Gefängniswärters. Über die Satzbildung mit dem Infinitiv s. unten. (D.) das er brav sein soll, wenn es donnert hat gabs mir ein Schmerzhaften Druckt auf den Kopf als hätte mir jemand auf den Kopf geschlagen mit einer Hand nachdem gabs mir auch einen kleinen Schütter, als hätte mich sehr stark gefroren das Gewitter Dauerte beinahe eine Stund, als es vorbei war, stund es etliche Minuten an bekam ich ein kleine Hütze diese dauerte eine Zeitlang dann gabs mir ein schütter dann waren die Schmerzen in den Leib weg aber Kopfschmerzen hatte ich stärker bekommen, der dauert ein lange Zeit nach dem Gewitter eh ich den Kopfschmerzen verlor gabs mir wieder ein solchen schüttler, dan sagte ich wie das Gewitter vorbei war, Mutter jetzt du sagen das der Man nit mehr Zanken soll und ah (auch) den July sagen, er soll nit mehr böß sein, dan sagte sie ja ich sage es den Man er soll nicht mehr Zanken.« 2 (Im Jahre 1829 geschrieben.) »Am 7. April kam ein Gewitter dieses hat ein sonderliche einwürckung gemacht, ein viertelstund, eh das Gewitter kam, hatte es mir ein kleinen schütter gegeben; als wollte mich ein Frost anfallen, dann wurde es mir auf der Brust, als wenn mich einer sehr fest gebunden hätte, dann bekam ich eine Art schwindel im Kopf, dieses hat gedauert bis das Gewitter vorüber war. Dann habe ich mich so leicht gefühlt in den ganzen Leibe dan hat es mir noch einen kleinen schütter gegeben, seit diesen wird es alle Tag leichter.« »Jetzt kan ich es erst sagen, was ich in den vorigen Sommer für ein gefühl gehabt habe, ich habe immer gesagt das ich mir so fürchte weil ich es nicht verstanden habe das ich immer an diesen Tage mehr schmerzen fühlte als sonst darum habe ich mir so gefürchtet wenn ein Gewitter gekommen ist.« XII. Wirkung des Mondes. Er erblickte in meinem Hause (1828) zum erstenmal den Mond. Es war gerade Vollmond. Schon den Tag zuvor hatte er sich unwohler als sonst befunden (wahrscheinlich Folge des eintretenden Vollmondes); nach Betrachtung des Mondes verstärkte sich das Unwohlsein, hauptsächlich ein Drücken auf der Brust. Es blieb in diesem Grade den folgenden Tag, dann ließ es nach. Wenn er den Mond mehr als flüchtig ansah, so fror ihn durch den ganzen Leib, und Bewegungen des Schauders waren an ihm bemerkbar. Auch als er ihn in sehr warmer Jahreszeit noch zu Anfang des August oder später, wie einmal im Oktober, den Vollmond vom geheizten Zimmer aus, in dem er sich schon lange Zeit befunden hatte, betrachtete, war dies der Fall. Angaben aus späterer Erinnerung sind folgende: War der Mond sichtbar, so war ihm unwohler als wenn er nicht gesehen wurde. War der Mond (nach seinem Ausdrucke) wie die Butter, so war der Schauder nicht so stark, wenn er halbvoll war, noch einmal so stark, wenn ganz voll, so war der Frost und andere Gefühle, über die er sich gar zu dunkel ausdrückte, als daß ich etwas Sicheres darüber hersetzen könnte, am stärksten. Nach langem Ansehen bekam er starkes Brennen in den Augen und sah alles weiß, was jedoch auch dem allgemeinen Lichtreiz zugeschrieben werden kann. Von Wirkung anderer Gestirne auf Hauser tat sich nichts kund. Wenn ich ihn bestimmte Sterne ins Auge fassen ließ und fragte, ob er von diesen nichts empfinde, verneinte er es. XIII. Auffallendes Verhältnis zu einer Katze. Mit einer Katze, die in meinem Hause ernährt wurde, stand Hauser, bevor er Fleischkost genießen lernte (1828), in einem auf gewöhnlichem Wege nicht wohl erklärbaren Verhältnisse. Diese Katze ließ sich zwar im Zimmer berühren und tragen, nie und von niemand aber, wenn sie im Freien war. Sowie dagegen Hauser in den Garten kam, lief sie auf ihn zu, wenn nicht etwa andere Leute sie abschreckten, ließ sich von ihm ergreifen und herumtragen und jagte sich mit ihm spielend im Garten umher. Sie schmeichelte ihm an den Füßen herum, wovon er wie er sagte, eine sehr wohltätige Empfindung eigener Art bekam. Dies ist, wie es scheint, die einzige animalisch-magnetische Einwirkung aus jener Zeit, die ihm wohltätig war. Er hatte bei jenem Anschmiegen auch das Gefühl des Angewehtwerdens. (D.) Diese Katze genoß sonst nichts als Fleisch und Milch; trockenes Brot pflegte sie auch dann nicht zu fressen, wenn sie sehr hungrig war. Allein aus Hausers Hand fraß sie viel schwarzes Brot, wenn es sie auch nicht sehr hungerte, sogar Obst. Ich hielt ihr einmal zuerst etwas von gekochten Äpfeln hin, was sie beroch und liegen ließ, dann nahm Hauser dasselbe in die Hand und bot es ihr an, worauf sie es sogleich verzehrte. Einmal kam sie zu Hauser, der sich im Garten befand, mit einem großen Band, das sie irgendwo gefunden haben mochte, herbeigerannt, ihn gewissermaßen zum Spielen auffordernd. Hauser hatte früher öfters mit seinem Strumpfband mit ihr gespielt. (D.) Ich sah es einst selbst mit an, als sie ihn, der in den Garten kam und das Band suchte, sogleich verstand, in das Gesträuch sprang und mit dem Band herauskam. Hauser behauptete, dieses Tier habe erst dann nach ihm gehauen, wie es andern zu tun pflegte, als er anfing, Fleisch zu vertragen. Durch das Fleischessen wurde das Magnetische und Somnambule in Hausers Natur für eine lange Zeit unterdrückt. Erst infolge des Mordversuchs trat es wieder hervor. (D.) Er selbst schrieb mir in seiner unvergleichlichen Manier hierüber folgendes auf: »Der Herr Professor Daumer hatte eine Katze, welche weiß und schwarze Flecken hatte Hauser flicht nach Art der Ungebildeten auch die ganz unbedeutenden und unwesentlichen Umstände in die Erzählung ein. (D.) , mit dieser unterhielt ich mich manche Stunde im Garten, an einem Morgen gieng ich in den Garten und dachte wenn nur die Katze in den Garten wäre, heute möchte ich gerade gerne mit ihr spielen. Als ich zur Gartenthüre hinein kam lief sie mir schon entgegen, ich rief ihr zu: Mützel bist du schon da, und lief den Garten hinunter bis zum andern Ende, sie konnte aber besser laufen als ich und ich lief nicht ganz hinunter sondern ich wandte mich um und wollte zur Mutter hinauf gehen und mir ein Band geben lassen daß ich mit ihr recht spielen könnte als ich langsam hinunter gieng lief sie mir vor und sprang in das Feld hinein und brachte mir ein Band entgegen und ich spielte mit ihr eine halbe Stunde lang dan kam auch der Herr Professor und wollte zu sehen wie ich mit ihr spielte denn der Herr Professor sah zuerst dem Fenster hinunter und da konnte er nicht recht hinunter sehen, so gieng er auch in den Garten, aber so bald er die Gartenthüre öffnete, hörte die Katze mit mir zu spielen auf und lief aus den Garten hinaus ich wußte nicht gleich warum den die Katze heute aus den garten lief und nicht zuerst mir das Zeichen gab, denn wan sie nicht mehr spielen mochte so lief sie nicht mehr auf das Band hin sondern auf meinen Fuß her und spielte mit den ein Zeit lang und dan that sie einen kleinen Schrei und gieng schön langsam zur Gartenthüre hinaus.« XIV. Einwirkung von Spinnen. Im Jahre 1829, am 9. September nachmittags, ließ sich auf seinen Kopf eine Spinne an ihrem Faden herab. Als sie an den Oberkopf kam, fühlte er Frost und besonders starke Kälte an der Stirne, ohne daß er wußte, was die Ursache war. Als sie weiter herunter kam, fühlte er hin und zerdrückte die Spinne an der Unterlippe. Hierauf fühlte er an dieser Stelle über eine Viertelstunde lang einen brennenden Schmerz, der mit einem Schauder verging. Als er zu Bette ging, kam der Brennschmerz wieder. Nachts schwoll die Stelle und es entstanden mehrere kleine Bläschen, aus welchen morgens weiße Flüssigkeit ging. In der folgenden Nacht kamen wieder Bläschen neben jener Stelle. Am 26. August 1830 bekam er abends beim Lesen einen kalten Schauder »wie früher einmal von den Schlangen«. Er sah sich um und bemerkte nichts. Es wurde ihm immer kälter und bei genauerem Nachsehen entdeckte er nicht ferne an der Wand eine herabkriechende große Spinne. Er nahm einen Leuchter, um sie zu besehen, und zwar mit der Hand des rechten Armes, an welchem er sich vorher beim Turnen durch Auffallen am Barren einen krankhaften Zustand zugezogen hatte. Bei der Annäherung ergriff ihn in diesem Arme so großer Schmerz, daß er den Leuchter fallen lassen mußte. Um diesen Schmerz zu beseitigen, näherte er den Finger dem stehen gebliebenen Arzneigläschen, das zuvor gegen jene Verletzung angewandt worden war. Er fühlte einen schmerzlichen Zug von oben herab, dann ging die Empfindung zurück in die Schulter, von da in den Fuß und wieder zurück. Nach einigen Minuten war aller Schmerz vorüber. Lang dauerte aber das Kältegefühl, das die Spinne erregt hatte. Der rechte Arm, der bei Annäherung an die Spinne so heftig affiziert wurde, scheint infolge der erwähnten Verletzung damals noch empfindlicher als gewöhnlich gegen solche Einwirkungen gewesen zu sein. XV. Wirkung einer Blume. (Von Hauser selbst geschrieben.) »Ich ging in Garten des Herrn Haubenstricker und fand eine Blume, die mir sehr wohlgefallen hat; ich sah es lange an, betrachtete es recht dann fragte ich den Herrn Haubenstricker, was dieses für eine Blume sei. Er gab mir zur Antwort: eine Kaiserkrone. Den andern Morgen erzählte ich es dem Herrn Professor, daß ich eine sehr schöne Blume gesehen und erzählte ich, wie es aussah, dann sagte der Herr Professor ich solle eine bringen, ich ging in den Garten und holte eine; als ichs anfaste und abpflücken wollte, bekam ich die nähmliche Empfindung, als von den Schlangen, die ich gesehen habe, bekam ich ein Frost, nach einiger Zeit wurde es mir sehr heiß, und bekam eine ganze Viertelstunde Kopfschmerzen, und meine Hand, in der ich die Blume trug, war, als wenn es lahm wäre. Dieses dauerte fünf Minuten. Eh der Kopfschmerz verging, gabs mir ein Schütter; dann sind die Empfindungen weggewesen, aber einige Stunden war mir nicht so wohl als zuerst; ich bin sehr müde gewesen, und so ist es bei den Schlangen auch gewesen.« Über die Wirkung der Klapperschlange, auf die sich Hauser hier bezieht, sehe man bei Feuerbach, wo dieselbe meinem Bericht zufolge angegeben ist. XVI. Hauser in Beziehung auf das weibliche Geschlecht. Hausers Natur verhielt sich lange Zeit in geschlechtlicher Beziehung völlig indifferent und sein Sexualvermögen war in tiefen, unerwecklichen Schlummer versenkt. Ludw. Feuerbach (S. 128): »Er weiß nichts von Geschlechtsunterschied. Schon öfters sagte er, er wolle ein Mädchen werden; man brachte ihn aber von diesem Verlangen dadurch ab, daß man ihm vorstellte, die Mädchen hätten Dinge zu verrichten, wobei man die Kleider beschmutze. Als er dies vernommen, erklärte er, kein Mädchen werden zu wollen. Denn er ist sehr reinlich und putzt an sich und andern, wo er etwas ›Garstiges‹ bemerkt. Seitdem er bemerkt hat, daß seine Hände in der Sonne schwärzer werden, trägt er immer Handschuhe.« v. Tucher (S. 120): »Von dieser (Kenntnis des Geschlechtsunterschieds) ist bis jetzt keine Spur in ihm. Ein Mädchen, eine Frau war für ihn anfangs, wie jeder Mann ein ›Bua‹, d. i. Bube; und nur der Umstand, daß Weiber Frauenröcke haben, hat ihn gelehrt, einen Unterschied zu machen und sie Frau zu heißen.« Anfangs wollte er mit aller Gewalt ein Mädchen werden, weil ihn die schmucken weiblichen Kleider reizten und nach seiner Meinung zu der Umwandlung nichts gehörte als die Veränderung des Anzuges. Später jedoch, als er, ohne zwar den Geschlechtsunterschied zu fassen, die weibliche Natur und ihre Stellung in der menschlichen Gesellschaft als eine eigentümliche erkannte, änderte sich diese Neigung in das Gegenteil um. Für Hauser gab es nichts Höheres als das Wissen und das Vermögen, kraft dieses Wissens zu wirken; da er nun sah, daß im Reiche des Wissens das männliche Geschlecht die Herrschaft behaupte, so setzte sich in ihm die Ansicht fest, dies Geschlecht sei eine höhere Gattung von Wesen als das weibliche (1828 und 1829). Die den letzteren anheimgestellten Verrichtungen und Fertigkeiten flößten ihm als untergeordnete wenig Achtung ein und den eigentümlichen sittlichen Wert der Weiblichkeit war Hauser damals noch nicht zu erkennen fähig. Dazu kamen mancherlei Beobachtungen, die er in der Gesellschaft junger Personen weiblichen Geschlechts zu machen Gelegenheit hatte und die ihn in seiner Ansicht bestärken mußten. So unvernünftig und unglaublich ihm auch von manchen weiblichen Personen geschmeichelt wurde (ich könnte wunderbare Beispiele davon anführen), so gewannen sie doch nichts anderes damit, als daß er sie geringschätzte. Am höchsten standen bei ihm alte und vielbeschäftigte, wenn auch nur dienende Frauenspersonen, die jungen und ihre Zeit mehr in geselligen Unterhaltungen hinbringenden Frauenzimmer pflegte er in schonungslosen Ausdrücken herabzusetzen. Als ihm im Sommer 1828 bemerklich gemacht wurde, daß die Natur das Männchen bei Vögeln, wie beim Hahn und Pfau durch Federschmuck ausgezeichnet habe, sagte er, bei den Menschen solle das auch so sein; die Männer sollten schöner geputzt sein als die Weiber, weil sie mehr verständen. Um dieselbe Zeit tat jemand die Frage an ihn, ob er auch einmal eine Frau nehmen wolle? Was soll ich mit einer Frau tun? erwiderte er, die kann mir nichts lehren. Nichts, pflegte er zu sagen, komme ihm einfältiger vor, als das Heiraten; denn wozu brauche man eine Frau? Als man ihm sagte, Ehefrauen hätten dem Hauswesen vorzustehen, erwiderte er, man könne sich ja eine Magd halten, und da ihm bemerkt wurde, mit einer Frau könne man freundschaftlicher und vertraulicher umgehen als mit Dienstboten, daher sei dies Verhältnis annehmlicher und das Hauswesen werde so besser besorgt als durch bloße Dienstboten, die weniger treu und eifrig wären, entgegnete er, wenn man mit einer Magd nicht zufrieden sei, könne man sich eine andere wählen, es gebe recht brave Dienstboten. Da sei z. B. die alte Bärbel (die Magd des Herrn Bürgermeister Binder), die würde er sich nehmen und die würde ihm alles tun, was und wie er es haben wollte. Nichts war ihm mehr zuwider, als Liebesgeschichten. Er wisse gar nicht, sagte er, warum denn einer immer nur eine bestimmte Frauensperson haben wolle und keine andere; als wenn er nicht so gut eine andere nehmen könnte. Im Oktober 1828 entdeckte es sich, daß er mit dem Worte Frauenzimmer ausschließlich die Vorstellung junger weiblicher Personen verband, die sich mit keiner ernsten Arbeit beschäftigen, wie sie sich ihm öfters in Gesellschaften zeigten. Frauenzimmer, sagte er, seien zu nichts nütze als zum Dasitzen; oder: Frauenzimmer könnten nichts als dasitzen und ein wenig nähen oder stricken. Von den weiblichen Personen meines Hauses, die er immer zweckmäßig beschäftigt sah, behauptete er, sie seien keine Frauenzimmer. Als z. B. meine Mutter einst, da er in seiner Weise die Frauenzimmer heruntersetzte, zu ihm sagte, sie sei ja auch ein Frauenzimmer, ob denn bei ihr auch stattfinde, was er tadle, entgegnete er: Sie sind kein Frauenzimmer, sondern eine Mutter. Frauenzimmer, pflegte er zu sagen, äßen und tränken unaufhörlich und alles durcheinander und seien demzufolge immer krank. – Die Weiber hätten einander so viel zu erzählen von der Not und Plage, die sie hätten, und das alles um des Essens und des Trinkens willen. – Frauenzimmer schmähten hinter dem Rücken auf andere Weiber, denen sie nicht gut seien, und wenn sie mit ihnen zusammen kämen, schmeichelten sie ihnen doch. – Zuweilen sage eine der andern: höre, ich will dir was anvertrauen, aber du mußt es niemand sagen, was denn diese auch gar sehr zu befolgen verspreche. Begegne nun letztere einer dritten und diese sage: Weißt du nichts Neues? so entgegnete jene: ich wüßte wohl etwas, aber du mußt es nicht weitersagen, und entdeckte sodann das ihr anvertraute Geheimnis usw. Im Sommer 1829 ärgerte er sich gewaltig darüber, daß er bei einem Paradezug von Seiltänzern einer in diesem Zuge reitenden Frauensperson, deren Putz, Figur und Reitkunst seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, ein paar Straßen weit nachgegangen war. Da sei ihm, sagte er ärgerlich, doch auch einmal geschehen, was, wie er höre, zuweilen bei andern der Fall wäre, er sei einem Weibe nachgelaufen. Daß man beim Weibe Schönheit suchen oder vermissen könne, schien ihm ganz fremd zu sein. Als er ein komisches Bild sah, wo bei einem Tanze, nachdem die hübschen und jungen Frauenzimmer an andere Tänzer gekommen waren, einem nur eine häßliche, dürre Alte überblieb, begriff er nicht, was gemeint sei und fragte, ob denn die Alte nicht auch tanzen könne? Da man entgegnete, sie könne wohl, aber sie sei alt und häßlich, erwiderte er, das tue ja gar nichts, wenn sie nur tanzen könne (Herbst 1829). Für männliche Schönheit entwickelte sich in ihm ein Sinn, während er weibliche noch ganz übersah. Öfters hörte ich ihn jene preisen, letztere nie, außer daß er einmal (Dezember 1829) die Schönheit einer mir persönlich nicht bekannten zweiundsiebzigjährigen Dame, mit der er sich sehr angenehm unterhalten und in deren Äußerungen ihn wahrscheinlich eine geistige Anmut angesprochen hatte, nicht genug zu rühmen wußte. XVII. Hausers Verhalten in religiösen Beziehungen. Es kommt zwar in diesem Aufsatz einiges vor, was schon im Feuerbachschen Werke ausgehoben worden ist; ich konnte dies aber nicht weglassen, ohne den Zusammenhang der hier gegenwärtigen Darstellung allzusehr zu beeinträchtigen. (D.) Die Äußerlichkeiten des Gottesdienstes waren Hauser anfangs nicht nur völlig fremd, sondern widerwärtig und unerträglich. Als er zuerst in eine Kirche kam und des Predigers erhobene Stimme vernahm, meinte er, der Mann »zanke« mit den Leuten da. Das Singen der Gemeinde, wie des Predigers Vortrag war ihm ein widerwärtiger Lärm und Unfug, der sein höchst feines und reizbares Gehör beleidigte: »erst«, sagte er ärgerlich, »schrien die Leute, und wenn diese aufhörten, fange der Pfarrer zu schreien an.« Die Kruzifixe in den Kirchen erregten ihm den ungeheuersten Schauder, weil er die angenagelten Christusbilder für gemarterte lebendige Wesen hielt. Ich hörte ihn in Kirchen mit dem Ausdrucke höchsten Schmerzes flehen, diese Menschen nicht so zu quälen, sondern von ihren Kreuzen herabzunehmen. Von der Art, wie er sich bei Betrachtung anderer religiöser Bildwerke zu benehmen pflegte, ist folgendes ein Beispiel. Als er im Oktober 1828 den betenden Christus an der Lorenzer Kirche sah, sagte er, das sei ein einfältiges Bild; der eine bitte um etwas und könne doch nichts empfangen, da er von Stein sei, der andere aber (Gott Vater) könne ihm nichts geben, weil er auch von Stein sei. Diese Äußerung ist zugleich in andrer Beziehung merkwürdig. Es ist früher bemerkt worden, das Hauser alle Bilder für das nahm, was sie vorstellten, und keinen Unterschied von Bild und lebendiger Wirklichkeit zu machen wußte. So als er im September 1828 die Steinbilder unter der Burg von Nürnberg betrachtete, lachte er über den schlafenden Johannes, der ein Buch in der Hand hält, »weil dieser lernen wolle und doch schlafe.« In der oben im Texte angefühlten Äußerung dagegen sehen wir ihn im Übergang zu dem Vermögen, Bild und Abgebildetes, Lebloses und Lebendes zu unterscheiden, aber aufs wunderlichste mischt sich noch sein früheres Nichtunterscheiden in dies beginnende Unterscheiden. Jener Mann von Stein bittet um etwas und scheint ihm das als ein lebendes Wesen zu tun, aber zugleich hat er schon das Bewußtsein, daß es nur ein lebloses Bild von Stein sei, welches daher nichts brauche und nichts empfangen könne und daher töricht handle, etwas zu bitten und zumal von einem andern Mann von Stein, der ihm nichts geben könne. (D.) Versuche, ihm religiöse Vorstellungen beizubringen, wie man sie vor meiner Bekanntschaft mit ihm angestellt hatte, waren gänzlich mißglückt. v. Tucher berichtet (S. 122): »Eine Frau suchte ihm Begriffe von Gott beizubringen und sagte ihm unter anderem, Gott sei allgegenwärtig. Hauser, nach langem Überlegen, sagte, erst auf sich, dann auf andere verschiedene Orte zeigend: »Kaspar da – nicht da – nicht da – nicht da.« Er hatte gefunden, daß der Begriff der Allgegenwart ein mit seinem eigenen persönlichen Sein unvereinbarer war, den er deshalb von sich wies.« Man hatte ihm gesagt, es sei nur ein Gott und der sei überall. Der erste Teil dieser Belehrung beunruhigte ihn nicht, weil er unter Gott wohl irgend ein menschliches Wesen verstand; desto mehr der zweite. Er verfiel, wie mir von Augenzeugen erzählt worden, in sein eigentümliches, tiefes Nachsinnen, stand lange Zeit mit konvulsivischen Bewegungen da und hatte endlich herausgebracht, daß dies nicht möglich sei, da auch er (Hauser) nicht mehr als an einem Orte zugleich sein könne. Denn seine eigene Beschaffenheit, sein eigenes individuelles Vermögen pflegte er zum Maßstab alles andern zu machen. »Kaspar da – nit da – nit da,« soll er gesagt haben, verschiedene Stellen bezeichnend (er sei hier – nicht dort oder an einem andern Ort). Wegen der Verwirrung und Beängstigung, in die ihn die Geistlichen durch ihren Religionseifer versetzten, hatte er die größte Furcht vor ihnen. In Beziehung auf einen Geistlichen, der ihn besucht hatte, sagte er mir einst (im Sommer 1828), er sei erschrocken, da er gehört, es sei ein Pfarrer, und da ich nach dem Grunde fragte, entgegnete er, daß ihn diese Leute schon sehr gepeinigt hätten. Einmal im Turme seien vier auf einmal zu ihm gekommen und hätten ihm Dinge gesagt, die ihm unbegreiflich gewesen, z. B. daß Gott alles aus nichts erschaffen habe. Da er wissen wollte, wie das zugegangen sei, hätten sie alle zusammengesprochen (geschrien nach seinem Ausdruck) und jeder habe etwas anderes gesagt. Auf seine Erwiderung, das verstehe er nicht, er wolle erst lesen und schreiben lernen, hätten sie geantwortet, jenes müsse man zuerst lernen. Auch wären sie nicht eher gegangen, bis er zu ihnen gesagt, sie sollten doch jetzt einmal fortgehen. Ich hatte ihn, da er mir über den Andrang der Neugierigen Klage führte, bedeutet, er möge, wenn neugierige Leute ihn bedrängten, nur erklären, daß er zu lernen habe und daß sie ihn daher ungestört lassen möchten. Das führte er in größerem Maße aus, als ich es gemeint hatte, und suchte ohne Unterschied alles fortzutreiben, was zu ihm kam, so auch einmal Herrn Regierungspräsidenten v. Mieg, wie ich aus dessen eigenem Mund weiß. (D.) Ein andermal erzählte er, er habe ihnen angedeutet: wenn er etwas machen wolle, so müsse er etwas haben, woraus er es mache, Er geht hier wieder, wie oben, von sich selber aus. (D.) sie sollten ihm sagen, wie Gott etwas aus nichts habe machen können. Hierauf hätten sie zusammen eine Zeitlang geschwiegen und dann miteinander zu reden angefangen, so daß er nun gar nichts mehr habe verstehen und unterscheiden können. So sehr auch Hauser einem Kinde glich, so war doch sein Wesen von dem eines Kindes außerordentlich verschieden. Kinder gewöhnen sich leicht auf Autorität der Erwachsenen hin gedankenlos anzunehmen und nachzusagen, was diese ihnen vorsagen; so war es bei Hauser nicht, der überall durchaus begreifen wollte. Unter solchen Umständen versuchte ich einmal, ihm einiges von den Gegenständen des religiösen Glaubens auf folgende Weise näher zu bringen, indem ich, wie er selbst zu tun pflegte (s. oben), von der Beschaffenheit und dem Vermögen seines eigenen individuellen Wesens ausging. Ich machte ihn zuerst darauf aufmerksam, daß Wille, Gedanken, Vorstellungen in ihm seien und fragte ihn dann, ob er diese sehen, hören usw. könne. Da er verneinte, sagte ich ihm, er erkenne daraus, daß es Dinge gebe, die man nicht sehen, hören usw., noch sonst äußerlich wahrnehmen könne. Er gestand es zu und zeigte sich ganz erstaunt und befremdet über die unkörperliche Natur seines inneren Wesens. Ein Wesen, fuhr ich fort, das vorstellen, denken, wollen könne, nenne man Geist. Gott sei eines von den Dingen, die man nicht äußerlich wahrnehmen könne, und verhalte sich zu der Welt, wie sein (Hausers) Denken und Wollen zu seinem Körper. Wie er in seinem Körper durch sein Denken und Wollen Veränderungen hervorbringen, z. B. die Hand bewegen könne, wenn er wolle, so könne es auch Gott in der Welt. Er sei der in allen Dingen, in der ganzen Welt innerlich wirkende Geist, das Leben in allen Dingen. Ich hieß ihn dann den Arm bewegen und machte ihm bemerklich, daß, indem er seinen Arm bewege, sein Denken und Wollen in seinem Arm wirke und daß er es nicht tun könnte, wenn sein Wille nicht darin wäre. Ich fragte ferner, ob er nicht auch zugleich den andern Arm aufheben und beide Arme miteinander bewegen könne, und als er es tat und bejahte, sagte ich ihm, er sehe daraus, daß sein Denken und Wollen in zweien seiner Glieder zugleich sein könne, und so könne er verstehen, wie Gott an verschiedenen Orten zugleich sein könne und was es heiße, er sei überall oder allgegenwärtig. Häuser bezeigte große Freude, da ihm dies klar geworden war und äußerte, was ich ihm da sage, sei doch etwas »Wirkliches«, dagegen ihm die andern Leute nie etwas Rechtes darüber gesagt hätten. Denkbar und wirklich war ihm also gleichbedeutend. Einen andern Weg, Hausers starrer Verständigkeit beizukommen, als den hier eingeschlagenen, gab es nicht. Am allerwenigsten durfte man ihn so behandeln, wie die Geistlichen taten, welche forderten, daß er in kindlicher Einfalt und Ehrfurcht ihnen nachsprechen solle, was sie ihm vorzusprechen beliebten, und welche sich nicht einmal die Mühe gaben, ihm Ausdrücke zu erklären, die er nie gehört hatte, und die für ihn durchaus sinnlos sein mußten. Als er z. B. einmal in Gegenwart eines Geistlichen auf die Pfarrer schalt und die ihm dargebotene Vorstellung von Gott für etwas Albernes erklärte, sagte dieser zurechtweisend zu ihm: »Ja, Gott ist auch kein Mensch, er ist ein Geist!« Abgesehen davon, daß der Mensch doch auch ein Geist ist, bedachte der Mann nicht, daß das Wort »Geist« für Hauser noch ein sinnloser Laut war. Seit der Zeit; da ich mit Hauser obigen Versuch angestellt, hörte dessen Widerspenstigkeit gegen die Idee Gottes auf. Als nachher durch die Gewöhnung an animalische Kost Abstumpfung des Geistes und Sinken der Verstandes- und Fassungskraft eintrat, ließ er sich auch die gewöhnlichen religiösen Vorstellungsarten gefallen, und ich hörte ihn nichts mehr hierüber bemerken und einwenden, bis nach dem Mordversuch, der den infolge des Fleischessens eingetretenen Zustand veränderte und Hausers physischen und geistigen Zustand demjenigen, in welchem er sich vor diesem Genusse befunden, wieder sehr nahe brachte. Zwischen der Gewöhnung an animalische Kost und dem Mordversuch war nur eine kurze Zeit lang sein Denkvermögen entfesselter, während ein Arzneimittel auf ihn wirkte. Damals faßte er eigentümliche Gedanken über Dreieinigkeit und Unsterblichkeit, die ihm jedoch, als das Mittel ausgewirkt hatte und neue Störungen des Befindens vorgefallen waren, wieder gänzlich aus dem Sinn kamen. Nach dem Mordversuch nahm er wieder eine sehr verneinende Stellung gegen die gewöhnliche religiöse Vorstellungsart an, wiewohl er der gemeinen Vorstellung von Gott überhaupt keinen Widerspruch entgegensetzte. Ich hörte zu dieser Zeit, wie jemand zu ihm sagte, auch Unglücksfälle könnten zum Besten der Menschen dienen und ihm als Beispiel anfühlte, wie jemand an Besteigung eines Schiffes durch einen Beinbruch gehindert worden, dieses Schiff aber nachher mit seiner Mannschaft untergegangen sei; so habe auch der Beinbruch jenem Menschen zum besten gedient. Hauser aber blieb bloß dabei stehen, daß ein Beinbruch nichts Gutes sei, und daß er auch das Bein nicht brechen möge. In Beziehung darauf, daß Gott ihn vor Ermordung bewahrt habe, sagte er, daran, daß der Mann ihn nicht umgebracht habe, sei der enge Raum und die spanische Wand schuld, wäre diese nicht gewesen, so hätte ihn der Mann niedergehauen und niemand hätte ihn gerettet. Auf die Entgegnung, daß es ja Gott so gefügt haben könne, daß die spanische Wand an den Ort gekommen, sagte er, er selbst habe sie zuvor angenagelt, da ihr Wanken ihm mißfallen habe; deshalb, weil sie angenagelt gewesen, habe sie der Mann nicht wegschieben und sich den gehörigen Raum verschaffen können. Der Bemerkung, Gott habe es ihm vielleicht in den Sinn gegeben, die Wand anzunageln, setzte er zwar keine entschiedene Verneinung entgegen, aber sein Benehmen zeigte, daß ihm diese Vorstellung nicht einging. Jenes »in den Sinn geben« schob die fragliche Sache aus der Sphäre des Faßlichen in ein Unbestimmtes, Begriffloses hinaus, deshalb wußte er keine bestimmte Antwort darauf, aber daß sein Mißfallen an der Lockerheit der Wand, die in seinem natürlichen Sinn für Ordnung und Zweckmäßigkeit gegründet war, hier nicht etwa schon dunkel jene Ahnung wirkte, von der später die Rede sein wird. Ist dies so, so hat ihn seine halbsomnambule Beschaffenheit vom Tode gerettet. (D.) die Wirkung eines außer ihm existierenden Wesens gewesen sei, konnte ihm nicht glaublich gemacht werden. Als ihm jemand sagte, das Vertrauen auf Gott müsse ihn in Hinsicht der ihm bereiteten Nachstellungen beruhigen und »auch jener Mordversuch sei nicht ohne Gottes Willen vorgefallen«, so sagte er, hiermit habe Gott nichts zu tun, das täten die Menschen. Niemand werde ihn glauben machen, es sei Gottes Wille gewesen, daß der Mordversuch an ihm begangen werde. Der Mann habe dies für sich getan und Gott werde ihn dafür bestrafen. »Das mache ihn zum Narren,« daß er gehört habe, Gott lasse den Menschen ihren freien Willen und strafe sie für ihre bösen Handlungen und doch sollten diese Handlungen auch Veranstaltungen Gottes sein. Ich hatte bei Hauser in religiöser Hinsicht einen schweren Stand. Ihm eine gedachtere Ansicht von Gott, als die sich durch und durch widersprechende gemeine beizubringen und dieselbe im Unterricht mit Bestimmtheit durchzuführen, war höchst bedenklich und ich hätte mich dadurch großen Vorwürfen und Mißkennungen ausgesetzt, da eine solche Ansicht dem Unverstand leicht atheistisch erscheint oder wenigstens unter dem Namen des Pantheismus gehaßt und verketzert zu werden pflegt. Ich wäre in steten Widerspruch mit den Vorstellungen gekommen, die man Hauser von andern Seiten her beizubringen suchte, und es hätte so, zumal in Beziehung auf den Unterricht, den er in der Folge durch einen Geistlichen erhalten mußte, die heilloseste Verwirrung entstehen können. Ich mußte mich daher jenen Vorstellungen bequemen und ihn bei vielen seiner Fragen mit den schlechten Antworten gewöhnlicher Art abspeisen, wodurch er aber ganz und gar nicht befriedigt ward. Nach dem Mordversuch, da er eingetretener Augenschwäche wegen monatelang nicht arbeiten konnte und man bei der Unmöglichkeit, ihn durch körperliche Bewegungen und Übungen zu beschäftigen, in Hinsicht der Ausfüllung seiner Zeit in großer Verlegenheit war, fragte er mich, ob er von Gott etwas Bestimmtes bitten dürfe und ob er es dann auch wirklich erhalten werde? Ich sagte ihm, zu bitten sei ihm gestattet, doch müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob er ihm seine Bitte gewähren werde oder nicht. Er erwiderte, er wolle von Gott nur die Genesung seiner Augen erbitten, und gegen dieses könne ja Gott nichts haben, denn er wolle den Gebrauch seiner Augen nur deshalb wieder, um arbeiten und in seinen Einsichten fortschreiten zu können und seine Zeit nicht wie so oft in unnützen Gesprächen und Spielereien hinbringen zu müssen. Als ich ihm hierauf die Antwort gab, Gott habe zuweilen seine weisen, aber unerforschlichen Gründe, uns etwas zu versagen, wovon wir glaubten, daß es uns heilsam wäre, er wolle uns zuweilen durch Leiden prüfen, in Geduld und Ergebung in seinen Willen üben, so mußte dies natürlich auf einen Hauser denselben Eindruck machen, den die gleichen Belehrungen der Geistlichen und Frommen machten. Schon im Oktober des Jahres 1828 hatte er vernommen, daß es verschiedene Religionsparteien gebe. Er äußerte damals in dieser Beziehung: es müsse doch einen geben, der unter allen am meisten wisse und verstehe, und von diesem müßten die andern sich überzeugen und zu einer Ansicht vereinigen lassen. Als man ihm um dieselbe Zeit bemerkte, er werde künftig einmal von einem Gottesgelehrten Unterricht empfangen, sagte er, den werde er recht ausfragen, um zu erfahren, wer recht habe, und zu der Partei, die recht hätte, wolle er sich halten. Es wäre von Interesse, zu wissen, wie sich Hauser benahm, als er später, nachdem er aus meiner Verpflegung gekommen, von einem protestantischen Geistlichen Nürnbergs vollständigen Religionsunterricht erhielt. Was ich aus jener Zeit von ihm vernahm, ist folgendes. Anfangs erzählte er mir, der Lehrer habe die Erklärung über dies und jenes, das er gefragt, auf folgende Lehrstunden verschoben und erwartete vertrauend den versprochenen Aufschluß. Später fing er an zu klagen, daß er keine Aufschlüsse erhalte und überall, wo er begreifen wolle, aufs Glauben verwiesen werde, ja daß man ihm sogar sage, das Forschen über dunkle Gegenstände des Glaubens sei unrecht. Einmal äußerte er, warum denn Gott jetzt nicht mehr, wie in früheren Zeiten, zu den Menschen herabkomme, um sie über so vieles, was dunkel und streitig sei, zu belehren, auf welche Frage, wie auf viele andere Hausers, es in der Tat keine andere Antwort gibt als eine schlechte. Wie es einem Hauser, für den sich die Belehrung auf die allerwesentlichsten Punkte des christlichen Glaubens hätte beschränken sollen, vorkommen mußte, wenn ihm gesagt wurde, es gebe drei Himmel, im Jahre 1836 werde der jüngste Tag kommen und dergleichen, kann man sich denken. Beim Lesen des Alten Testamentes fielen ihm Widersprüche in den Erzählungen auf. Obwohl Hausers Unglaube und Zweifeln von mir, wie bemerkt, ganz und gar nicht gefördert wurde, so war er doch gewohnt, mit mir zu sprechen, wie es ihm ums Herz war, und wenn ich ihn nicht befriedigen konnte, so hörte ich ihn doch ohne Tadel und Ereiferung an, weshalb ich manches von ihm vernahm, was andere nicht zu hören bekamen. XVIII. Träume. 1. In meinem Hause schlief Hauser zum ersten Male in einem ordentlichen Bette, welches ihm im Gegensatze gegen die Härte seines frühern Lagers ungemein behagte, wiewohl dieses Behagen durch eine gewisse unangenehme Empfindung, die ihm die Federn (dynamisch) verursachten, gestört wurde. Diese Empfindung verlor sich später, aber nach dem Mordversuch, durch welchen er auf seinen früheren Nervenzustand zurückgeführt wurde, machte ihm das Liegen im gewohnten Federbette wieder eine unangenehme Empfindung. (D.) Er hatte in der ersten Nacht, die er in diesem Bette zubrachte, auch seinen ersten Traum, der damit zusammenhing, daß sich in dieser Nacht die Krankheit, in die er damals verfallen war, zur Besserung entschied. v. Tucher erzählt darüber folgendes (S. 123): Merkwürdig war die Wirkung des ersten Traumes. Die Lage, in welcher er sich befand, bevor er zu Daumer kam, war derart, daß er erkrankte, an Kopfschmerz, Mangel an Appetit usw. litt. In diesem Zustand wurde er von Daumer aufgenommen. Eines Morgens aber kam er diesem mit großer Freude entgegen und erzählte ihm, die Frau Bürgermeister – die sich viel mit ihm abgegeben hatte – sei bei ihm gewesen und habe mit der Hand über seine Stirne gestrichen; da sei der Schmerz vergangen und er sei nun gesund. Er ließ sich nicht überzeugen, daß dies eine bloße Traumvorstellung gewesen; er habe sie gewiß gesehen, behauptete er. Einige Tage darauf träumte er wieder von dieser Dame; da kam er morgens lachend zu D. und sagte ihm: nun wisse er, daß jener Besuch nur ein Traum gewesen; denn diese Nacht sei die Frau Bürgermeister wieder bei ihm gewesen, und er wisse doch, daß sie verreist sei und also nicht habe zu ihm kommen können. Herrn Bürgermeister Binders Gemahlin, zu der er eine ganz vorzügliche Zuneigung hatte, Die liebevolle Behandlung, die er nach vielen rauhen und rohen Behandlungen in Herrn Bürgermeister Binders Hause erfuhr, hatte einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht. (D.) sei, erzählte er, an sein Bett gekommen und habe ihn gefragt, wie er sich befinde. Auf die Antwort, sein Kopfschmerz sei noch nicht vergangen, habe sie ihm entgegnet, er solle nur Geduld haben, es werde schon besser werden, habe ihm die Hand gereicht, ihn gegrüßt und sich entfernt. Hierauf habe sich etwas vom Kopf herab in die untern Teile seines Körpers gesenkt, der Kopfschmerz sei vergangen und vor Freuden habe er sehr gelacht«. Hiermit ist jenes kindliche Lachen gemeint, wovon früher die Rede gewesen. (D.) Frau Bürgermeisterin, behauptete er nun fest, habe in der Nacht seinen Kopfschmerz mit fortgenommen. Man suchte ihn davon zu überzeugen, daß dieser Vorgang ein Spiel der Einbildungskraft gewesen, aber vergebens; er wisse es gewiß, sagte er, daß Frau Bürgermeisterin bei ihm gewesen, er habe ihr ja die Hand gegeben und sie habe gesagt: Adieu Kaspar. Auch als die Dame selbst erschien und jene Aussagen bestätigte, glaubte er es nicht, drückte sich auch zuweilen mit komischem Widerspruche so aus: er müsse freilich glauben, was ihm Frau Bürgermeisterin und Herr Bürgermeister sagen, aber er wisse es doch gewiß, daß sie bei ihm gewesen. Doch schien er endlich überzeugt. Als aber jene beim Fortgehen fragte, ob er sie heute noch besuchen wolle und nicht etwa noch zu schwach wäre auszugehen, erwiderte er, weil Frau Bürgermeisterin heute Nacht zu ihm gekommen sei, so wolle er auch zu ihr kommen. Erst als er später mehrmals träumte, fing er an einzusehen, welche Bewandtnis es mit dem Träumen habe. An dem Tag, der auf jene wohltätige Nacht folgte, hob sich seine Leibverstopfung und es stellte sich zweimalige Öffnung ein. Der Kopfschmerz war, wie er geträumt hatte, verschwunden. Aber die ungeheuerste Nervenschwäche, schwere Verdauung und harte Öffnung blieben noch lange. 2. Im Frühling 1829 hatte er folgenden Traum. Eine schöne männliche Gestalt in weißem Gewande trat vor sein Bette und reichte ihm einen Kranz mit dem Bemerken dar, daß er in vierzehn Tagen sterben werde. Hauser sagte zurückweisend, er sei noch nicht lange auf der Welt und möge noch nicht sterben, worauf jener entgegnete, es sei umso besser, wenn er, ohne lange gelebt zu haben, von der Welt scheide. Welche trübe Ansicht vom menschlichen Leben, welche tiefe Schwermut spricht sich in diesen Worten aus! (D.) Hierauf legte der Mann den Kranz auf einen Tisch, Hauser stand auf, ihn zu nehmen, da begann derselbe zu glänzen, und wie er immer heller und heller glänzte, sagte Hauser, ich will sterben und wachte bald nachher auf. Ich hieß ihn den Traum aufzeichnen. Er schrieb folgendes: »Am 2. April Nachts hatte ich einen Traum, als hätte ich wirklich einen Mann gesehen, er hat ein weißes Tuch um den Leib hängen, seine Hände und Füße waren bloß, und wunderschön hatte er ausgesehen. Das Plusquamperfekt braucht Hauser als Imperfekt. So gleich unten wieder: »hatte er einen herrlichen Glanz bekommen.« (D.) Dann reichte er mir die Hand mit etwas, das einem Kranz gleicht, dann sagte er, ich solle ihn nehmen; dann wollte ich ihn nehmen; dann gab er mir zur Antwort, in vierzehn Tagen mußt du sterben; dann gab ich ihm zur Antwort, ich mag noch nicht sterben, weil ich nicht lange auf der Welt bin, und nahm den Kranz nicht, als er mir zur Antwort giebt: es ist desto besser. Dann stund er eine Zeitlang vor mir, als ich den Kranz nicht nahm, gieng er rückwärts gegen den Tisch zu, legte ihn auf den Tisch; so bald er ihn auf den Tisch gelegt hatte, stund ich auf und als ich näher kam, hatte er einen herrlichen Glanz bekommen. Dann nahm ich ihn und gieng auf mein Bett zu, als ich näher dem Bett zu kam, bekam er immer einen stärkeren Glanz, dann sagte ich: ich will sterben; dann war er fort; ich wollte in das Bett hinein steigen, dann wurde ich wach.« Der Kranz ist in der Symbolik dieses Traumes offenbar der Tod. Er ist anfänglich glanzlos, d. h. er hat keine Bedeutung für Hauser, der deshalb nicht sterben mag. Allein der Kranz fängt an zu leuchten und wie er immer heller und heller glänzt, erwacht Sehnsucht nach dem Tode und eine höhere Anschauung desselben in Hauser, der nun sterben will. – Von der wunderbaren Symbolik und Poesie, die in Hausers Träumen vorkam, und die mit dem prosaisch-verständigen Sinne, der in seinem Wachen waltete, sehr kontrastiert, werde ich im folgenden noch mehr Beispiele und noch ausgezeichnetere geben. XIX. Hausers Besuch bei einer Somnambule. Im Dezember 1829 wurde Hauser aus gewissen Gründen mit einer Somnambule zusammengebracht, die sich damals mit ihrem Magnetiseur, Herrn Professor Hensler aus München, zu Nürnberg befand. Hauser wurde von der Nähe dieser Person aufs widerwärtigste angegriffen, so wie hinwiederum sie von Hauser eine besonders widrige Wirkung verspürte. Ich bestimmte Hauser, über die Empfindungen, die er hatte, folgendes zu Papier zu geben. »Als ich an das Zimmer kam und die Thür von der Kranken geöffnet wurde, welche ich nicht kannte, fühlte ich ein plötzliches Ziehen auf beiden Seiten der Brust, als wenn man mich in das Zimmer ziehen wollte, als ich hinein trat, und an der Kranken vorüber ging, wehte mich eine sehr starke Luft an und als ich die Kranke im Rücken hatte, wehte es von hinten und den Zug, welchen ich vorher an der Brust fühlte, fühlte ich nun an den Schultern. Als ich auf das Fenster zuging, folgte mir die Kranke von hinten nach, indem ich Herr v. Tucher fragen wollte, bekam ich ein Zittern im linken Fuß und es wurde mir unwohl, sie gieng wieder zurück und das Zittern verlor sich, sie setzte sich auf das Kanapee und sagte: wollen sich die Herren nicht setzen? darauf sagte Herr Prof. Hensler zu ihr: sie sollte mich ansehen; so wie sie sich mir bis auf zwei Schritte näherte, wurde mir noch unwohler als vorher, und ich bekam an allen Gliedern Schmerzen. Herr Prof. Hensler sagte ihr, daß ich der Mensch sei, der geschlagen wurde, D. h. an dem der Mordversuch begangen worden war. (D.) indem bemerkte sie meine Narbe und deutete darauf hin, da gieng mir die Luft stark an die Stirne und ich bekam Schmerzen daran; auch fing mir der linke Fuß stark an zu zittern. Die Kranke setzte sich auf das Kanapee und sagte, daß ihr übel sei und ich sagte auch, daß mir so unwohl sei, daß ich mich setzen müsse. Ich setzte mich in das andere Zimmer, nun fing auch der andere Fuß an zu zittern. Obgleich mir Herr v. Tucher die Knie hielt, so konnte ich sie doch nicht stille halten. Nun bekam ich starkes Herzklopfen und mir wurde im ganzen Körper heiß; das Herzklopfen ließ nach und ich bekam Zittern im rechten Arm, welches nach einigen Minuten aufhörte, und mir wurde wieder etwas besser. Dieses Befinden blieb sich gleich bis den andern Morgen, da bekam ich wieder Herzklopfen und Zittern in den Gliedern, doch nicht so heftig; nach einer halben Stunde verlor es sich wieder; nachmittags um drei Uhr kam es wieder etwas weniger stark und verlor sich noch früher, ich bekam eine weiche Öffnung und eine halbe Stunde darnach wieder eine, darauf wurde mir wieder ganz wohl.« Die Somnambule wurde von Hausers Gegenwart sehr angegriffen. Ich hörte sie nachher, da sie in Schlaf gefallen war, noch die Worte sagen: »Das war ein harter Sturz für mich.« Sie fühlte noch den andern Tag ein Unwohlsein davon. Ich selbst konnte es im Zimmer der Somnambule nicht aushalten. Große Angegriffenheit der Augen, die nachließ, wenn ich ins Nebenzimmer trat, sich wieder verstärkte, wenn ich zurückkehrte, und zuletzt Glut im Gesichte nötigte mich zu gänzlicher Entfernung. Als ich mich am andern Tage bewegen ließ, die Somnambule bei der Hand zu fassen, die ich bald zurückziehen mußte, und da mich auf Geheiß derselben der Magnetiseur anblies, geriet ich in einen fieberhaften Zustand und fühlte noch den nächsten Tag die widerwärtigste Gereiztheit. Man beachte in Hausers Erzählung den Umstand, daß ihm erst nach weichem Stuhlgang wieder ganz wohl wurde. So fand ich sehr oft, daß sich sein Organismus der eingedrungenen feindlichen Wirkung durch Durchfallstuhl entledigte, bei Gerüchen, Genüssen, mineralischen und animalischen Einwirkungen. XX. Ahnung des Mordversuchs. Über diese merkwürdige Ahnung, die ihn in den dem Mordversuch vorausgehenden Tagen befiel, äußerte sich zwar Hauser erst nach dem Vorfall mit Bestimmtheit, weil er, was seiner großen Zaghaftigkeit wegen nicht selten geschehen war, verlacht zu werden fürchtete und seine Empfindlichkeit gegen Spott und Lächerlichwerden so groß war, daß er aus Furcht vor diesem jede andere Furcht zu unterdrücken oder zu verbergen suchte. Doch ist aus den über Hauser noch vor dem Mordversuch niedergeschriebenen Bemerkungen ersichtlich, daß er in jenen Tagen an einer erhöhten krankhaften Gereiztheit und Empfindlichkeit gelitten habe und in allerlei Unwohlsein herumgeworfen wurde, wogegen die bei ihm sonst immer sehr wirksamen Mittel den gewohnten Erfolg nicht hatten oder, ohne zu nützen, nur mehr aufreizten. Hausers nach dem Mordversuch gemachten bestimmten Angaben zufolge fing die Ahnung am Montag und Dienstag vor dem Sonnabend, an welchem die Tat geschah, sich zu regen an und trat am Mittwoch mit voller Bestimmtheit ein. Es befiel ihn des Morgens Angst und Frostschauder mit der Vorstellung verbunden, es werde jemand kommen und ihn umbringen. Dieses Gefühl hatte er die vier Tage lang bis zur Begebenheit, und wenn es ihn verließ, so kam es doch nach einer halben oder ganzen Stunde wieder. Wenn er allein im Zimmer war, kam es ihm vor, als sei ein (unbestimmter) Mann darin, auf der Straße, als gehe ihm ein Mann nach, nach welchem er sich auch umsah. Am Sonnabend vormittags vor der Tat war das Gefühl am stärksten. Es befiel ihn mitten auf dem Markte unter vielen Menschen mit Frostschauder und Vorstellung von Ermordung, die heute oder morgen an ihm geschehen werde, so daß er seine Begleiterin, eine Person meines Hauses, ohne ihr jedoch einen Grund zu nennen, antrieb, nach Hause zu gehen. Er hatte bestimmt die Vorstellung von Erschlagenwerden (nicht z. B. von Erstochenwerden). Die Vorstellung, daß er in seiner Wohnung ermordet werden solle, hatte er nicht, er fühlte nur im allgemeinen Angst vor Ermordung. Bis zum Sonnabend ward es mit jedem Tage ärger; gleich als er am Sonnabend aufwachte, befiel es ihn mit der größten Stärke, und höchst schmerzhaft wurde ein grabendes Gefühl in der Brust. Nicht lange vor der Begebenheit klagte er mir Unwohlsein und bat um Erlaß einer Lehrstunde, die er außer Hause zu nehmen hatte, dabei sagte er, es sei ihm so heiß, und ich meine ihn noch vor mir stehen zu sehen, wie er mit der Hand nach dem Kopf griff oder deutete. Ich schrieb dies einer anderen Ursache zu; es war wohl die mir unbekannte Ängstigung, die ihm das Blut in den Kopf trieb. Es könne sich niemand vorstellen, erzählte er nachher, wie ihm gewesen sei. Als ich fragte, ob es bis zur Zeit des Mordanfalls an diesem Morgen gleich geblieben oder gestiegen sei, antwortete er: damals habe es nicht ärger werden können. Wahrscheinlich war es die sich aufs höchste spannende Angst, die ihn zu ungewöhnlicher Zeit zu Stuhle trieb, Hauser selbst schrieb diesen Stuhlgang einer Nuß zu, die er ungefähr eine Stunde vorher gekostet hatte und die ihm übel bekommen war. Ist dieses so, so scheint es zu den Erscheinungen der wieder erhöhten Empfindlichkeit zu gehören, von der oben die Rede war, da sich früher seine in den ersten Zeiten allerdings häufig solche Erscheinungen bietende Empfindlichkeit bereits sehr vermindert hatte. (D.) als ihm der Mörder in Erwartung, daß Hauser wie gewöhnlich um diese Stunde ausgehen würde, auflauerte, wodurch es kam, daß die Begebenheit am Abtritt vorfiel. Als er den Unbekannten heranschleichen hörte, hatte er zwar nicht das bestimmte Bewußtsein, daß es der Mörder sei, doch, sagte er, sei es ihm »ganz dumm« geworden. Jenes Angstgefühl scheint bei naherückender Gefahr in eine Art von Betäubung übergegangen zu sein. Mitteil. II 6 führt Daumer aus: »Am 17. Oktober, Sonnabends, ereignete sich der Mordversuch, am Montag zuvor befiel Häuser seiner Angabe zufolge die in diesem Abschnitt beschriebene Ahnung. Es ist gesagt worden, daß Hauser über dieselbe sich vor dem Mordversuche nicht mit Bestimmtheit aussprach; hier aber will ich noch den Umstand bemerken, daß Hauser mir in den jener Woche vorausgehenden Tagen unter den Krankheitsbeschwerden, die, wie damals geglaubt wurde, von einer in Anwendung gebrachten Arzenei herkamen, auch Angstgefühl nannte. Ich erinnerte mich dessen später einmal und fragte ihn, ob er nicht glaube, daß dieses Angstgefühl mit der in der Woche vom 12. bis zum 17. Oktober gefühlten Ahnung im Zusammenhange gestanden sei? Er verneinte es und sagte, jene erste Angst sei eine ganz andere gewesen, als die in der Woche des Mordversuches gefühlte, denn mit jener sei die Vorstellung, es werde ihn jemand umbringen, gar nicht verbunden gewesen. Dem ungeachtet stehen die beiden Erscheinungen höchst wahrscheinlich im Zusammenhang; jene erste Angst, die mir Hauser schon vor der Begebenheit angab, jedoch nur als physisch begründet, war wohl der erste noch ganz unbestimmte Anflug, nachher, als die Vorstellung dazutrat, es werde ihn jemand ermorden, verbarg er seine Gefühle aus Scham und Besorgnis, verlacht zu werden. Nux vomica , welche Arznei Hauser am 4. Oktober erhalten hatte und welcher ich die von Hauser vor dem Mordversuch angegebene Beängstigung damals zuschrieb, ist öfters bei Hauser angewendet worden und hat sonst niemals diese Wirkung gezeigt. (D.) XXI. Der Mordversuch. Was ich über diese dunkle Begebenheit infolge von Hausers und der Meinigen Aussagen und meinen eigenen Beobachtungen beibringen kann, ist folgendes. Ich selbst war bei Hausers Verwundung nicht zu Hause, sondern bloß zwei mir verwandte weibliche Personen. In meine Wohnung führte damals bis zur Treppe, an einer Holzkammer vorbei, ein langer im Winkel laufender Gang; unter der Treppe befindet sich ein Abtritt, vor welchem eine spanische Wand stand. Als sich Hauser vor elf Uhr vormittags in diesem Abtritte befand, hörte er die ungefähr zwanzig Schritte weit entfernte Türe der Holzkammer öffnen, darauf leise die daneben befindliche Hausglocke ertönen. Der Mörder hatte offenbar in der Holzkammer gelauert, wahrscheinlich, um, wenn Hauser um elf Uhr, wie er pflegte, eine Lehrstunde zu besuchen ginge und vor der Holzkammer vorbeikäme, ihm entgegen zu stürzen. Ich aber hatte ihm für diesen Tag jene Lehrstunde erlassen; ein glücklicher Umstand, da sonst Hauser wohl zum Tode getroffen worden wäre. Der Mann scheint nun Hauser auf den Abtritt gehen gehört und darnach seinen Plan geändert zu haben. Wahrscheinlich war er nicht ohne Kunde von den Bewohnern meines Hauses, wußte vielleicht sogar, daß ich damals nicht zu Hause war. Er konnte somit aus Hausers männlichem Tritt vermuten, wer er sei, und die Gewißheit darüber konnte ihm Hausers nachheriges Rufen geben. Er langte, was leicht geschehen konnte, an die Klingel, als er sich schon im Hause befand, um, wie es scheint. Hauser vorzulocken. Hauser meinte, eine Person des Hauses sei in der Holzkammer, und rief ihr zu, sie solle die Haustüre öffnen, da man die Glocke gezogen. Hierauf kam der Mann mit leisen Schritten vorgegangen und Hauser, der ihn durch die spanische Wand hindurch erblickte, glaubte, des schwarzvermummten Gesichtes wegen, es sei der Schornsteinfeger. Jener trat in den engen Raum zwischen die Mauer und die spanische Wand und führte mit einem Hackmesser quer auf Hausers Stirne einen Streich in den Abtritt hinein. Durch eine Zurückbeugung Hausers wurde die Wirkung des Hiebes geschwächt, auch kam der Mann nach Hausers Beschreibung so zu stehen, daß er die Mauer und den Abtritt im Rücken hatte und den Streich rückwärts mit der linken Hand führen mußte, so daß derselbe notwendig in die Quere ging. Der Mann hatte die unbequeme Stellung wohl deshalb gewählt, um keinen Augenblick am freien Umherblicken gehindert zu sein, und wurde vor Vollendung des Mordes vielleicht durch das Geräusch eines auf den Treppen oder auf dem Söller des Hauses oder im anstoßenden Hofe gehenden Menschen hinweggescheucht, in welchen, zweien Wohngebäuden gemeinschaftlichen Hof man von der Stelle aus, wo der Mann den Hieb führend zu stehen kam, sogar durch ein Gitterfenster sehen kann, und in welchen gleich neben diesem Fenster eine damals unverschlossene Türe führt, so daß der Mann von zwei Eingängen her bedroht war. Leicht auch konnte der Mann den schwer verwundeten, mit Blut übergossenen Hauser wirklich zum Tode getroffen zu haben glauben und wer kann überhaupt die psychische Verfassung bestimmen, in der er sich im Augenblicke der Tat oder gleich nach derselben befand? Hausers Verwundung war in Beziehung auf die hohe Reizbarkeit seines Nervensystems so bedeutend, daß sein Wiederaufkommen zweifelhaft war. Nichts war in der Nähe, worauf er etwa fallen und sich selbst auf solche Weise hätte verwunden können. Niedergestürzt muß er, nach dem vielen auf der Stelle vergossenen Blute zu urteilen, Das Blut floß unter einer Tür weg, an welcher Hauser niedergestürzt war, in einen benachbarten Garten und häufte sich hier in einer vertieften Stelle an. (D.)] lange gelegen sein, bis er sich aufraffte und die Treppe hinaufging, um in das Zimmer meiner Mutter zu kommen. Allein die Betäubung, in der er war, machte, daß er statt dessen in sein eigenes Zimmer kam. An einem vor diesem an der Türe stehenden Schranke waren ganz deutlich die Spuren der blutigen Finger zu sehen, mit denen er sich an ihm angehalten hatte. Aus seinem Zimmer heraus geriet er, statt, wie er sollte, eine Treppe höher zu steigen, wieder die untere Treppe hinab und floh endlich von dunkler Angst gejagt in den Keller. Neben diesem Keller eröffnet sich in der Tiefe ein finsteres Gewölbe, dessen Boden mit Wasser überflössen ist. Als Hauser in dieses Wasser trat, kam er wieder zur Besinnung, bemerkte in einem Winkel das einzige trockene Plätzchen des Gewölbes und setzte sich dahin. Nun folgte Erbrechen; er hörte zwölf Uhr schlagen und dachte, »hier werde ihn niemand finden, da werde er sterben müssen«. Dann fiel er in Besinnungslosigkeit und in diesem Zustande wurde er gefunden, da die Blutspuren in das Kellergewölbe geführt hatten. Als man ihn ins Bett getragen hatte, verlangte er zu mir nach Hause gebracht zu werden. Ich war eben nach Hause gekommen und als ich ihm deutlich gemacht hatte, daß ich zugegen sei (seine Augen waren erblindet), erzählte er in abgebrochenen Worten Sie lauteten ungefähr folgendermaßen: »Professor erzählen« (d. h. er wolle es mir erzählen), – »Abtritt« – »Mann schlagen« – »schwarzer Mann« – »wie in der Küche« (et war einmal vor einem Schornsteinfeger in der Küche sehr erschrocken) – »ich Mutter sagen« (d. h. er habe es meiner Mutter sagen wollen) – »nicht gefunden« – »in mein Ammer gekommen« – »hinunter« – »in Keller versteckt.« (D.) In dem Abschnitt »Selbstzeugnisse« sind die Worte Hausers genau angegeben. den Hergang der Sache, worauf er bald wieder in Besinnungslosigkeit fiel, die nun zwei Tage lang mit von Zeit zu Zeit ausbrechenden Paroxysmen anhielt, in denen mehrere starke Männer Mühe hatten ihn zu bändigen. Auch wenn die Wunde im geringsten berührt wurde oder ein Lichtschein auf seine Augen fiel, kamen die Anfälle. XXII. Einiges, was infolge des Mordversuchs geschah. Während sich Hauser in diesem besinnungslosen Zustand befand, schickte mir der Arzt (Herr Dr. Preu) ein mit homöopathischer Akonitverdünnung befeuchtetes Streukügelchen, um Hauser daran riechen zu lassen. Ich nahm von dem Gläschen, in welchem das Kügelchen lag, den Stöpsel, setzte nur einen Augenblick lang einen neuen reinen drauf und hielt ihn sodann gegen Hausers Nase. Viele vorausgegangene Erfahrungen bestimmen zu so vorsichtiger Verfahrungsart. (D.) Sogleich fuhr dieser auf, tobte sehr und die Anfälle wiederholten sich schnell nacheinander mit Ungestüm. Dabei stieß er Worte aus, die zeigten, er habe ein Bewußtsein davon, daß etwas mit ihm geschehen sei, z.B. »stinkt, stinkt«, – »warum mir so garstige Sachen geben?« Er sprach in den Paroxysmen in der gebrochenen und mangelhaften Weise früherer Zeit, indem er die Sätze mit Infinitiven bildete. Z.B. »Warum du mich schlagen?« statt: »Warum schlägst du mich?« oder »warum hast du mich geschlagen?« Auch ließ er wieder seinen früheren Dialekt hören: z.B. »Juli weck! nit alles zammareißen!« (er meinte einen Knaben namens Julius, der ihm einst öfters seine Spielsachen zerstört hatte.) Dagegen sprach er nach Rückkehr der Besinnung ungewöhnlich rein und gut (s. unten). (D.) usw. Dann rief er nach mir, daß ich helfen und abwehren solle. In ungefähr zehn Minuten verminderten sich jedoch die Anfälle und er wurde so ruhig, daß die Wärter in ihrer Aufmerksamkeit nachließen und glaubten, es würde nichts mehr geschehen. Plötzlich aber brach er los und riß sich den Verband herab, nach welchem er schon sonst in den Paroxysmen zu greifen versucht hatte. Man hatte nämlich früher einen Umschlag mit Leim gemacht und wahrscheinlich war der hart gewordene Leim, der auf der empfindlichen Stelle einen großen Reiz verursachen mußte und so die Heilwirkung der Arznei vernichtete, die Ursache des neuen Ausbruchs. Ein wiederholter Versuch mit Riechenlassen wurde nicht gemacht. Der hier mitgeteilte homöopathische Fall ist einer der geringsten. (D.) Als das Bewußtsein zurückkehrte, verlangte er nach mir und erzählte in der reinsten Aussprache und in gewählten, oft fast poetischen Ausdrücken zusammenhängend und periodisch, wie er nie zuvor getan (früher hatte er sich den bayerischen Volksdialekt nie ganz abgewöhnen lassen), das Vorgefallene, indem er scharfsinnige Vermutungen und Erklärungen untermischte. Er war in einem erhöhten Zustande, den mit mir auch Herr Dr. Osterhausen beobachtete. Auch fand sich, daß er gegen Metall, Glas und Animalisches wieder so empfindlich war wie früher. Diese Empfindlichkeit hatte sich, seitdem er an Fleischkost gewöhnt worden war, gänzlich verloren. (D.) Noch im Zustand der Sinnlosigkeit schauderte er zurück, als man einen silbernen Löffel, mit dem man ihm Wasser geben wollte, dem Munde näherte, aus der Schale aber trank er mit solcher Wut, daß er ein Stück davon abbiß und zum Teil verschluckte. Er war schon auf dem Wege, zu sich zu kommen und erkannte einen Eintretenden, da dieser aber parfümiert war, fühlte er, wie er sich später noch erinnerte, großes Unwohlsein von dem Dufte und fiel wieder in tobendes Phantasieren. Da er mir später klagte, daß er große Schmerzen habe und seine Finger aufgeschwollen seien und ich, die Ursache vermutend, ihm die Ringe, wiewohl mit Mühe, von den Fingern zog, verschwanden jene Beschwerden. Als er noch nicht lange zu sich gekommen war, und jemand, den Mesmerismus anwendend, ihm mit den Händen die Brust herunter zu streichen anfing, bewog ich diesen zwar sogleich, von seinem Vorhaben abzustehen, dennoch klagte der Kranke darauf über Vermehrung der Schmerzen und hatte bald wieder einen Paroxysmus. Bald bot sich mir jedoch eine Gelegenheit dar, den Mesmerismus mit großem Nutzen in Anwendung zu bringen, indem ich unter den zu Wärtern und Wächtern bestellten Männern einen fand, der allem Anschein nach rein (sowohl apsorisch als unvenerisch), gesund und sehr robust, dabei wohlwollend gegen Hauser gesinnt, mir hierzu tauglich schien. Ich ließ ihn die Hände auf die mit einem wollenen Wams bekleideten Arme Hausers legen, worauf Linderung der Schmerzen und allgemeines Wohlseinsgefühl erfolgte. Das zweite Auflegen hatte Einschläferung und den ersten erquickenden Schlummer zur Folge. Den folgenden Abend (20. Oktober), als sich der Mann, der ihm auf mein Ansuchen jetzt für beständig beigegeben wurde, wieder einfand, machte ein kurzes Auflegen, daß er urinieren konnte, was er sonst bei vielem Trinken zu seiner Beschwerde nicht sobald vermochte. Bald darauf fiel er, wie den vorigen Tag, in einen kurzen erquickenden Schlummer, worauf ihm um recht vieles besser war. Der nachher erfolgende Nachtschlaf war gleichfalls sehr gut und lang. Auf der bloßen Hand konnte er des Mannes Hand nicht leiden, auch nicht auf der bekleideten Brust, die jetzt der schmerzlichste Teil des Körpers war, die Auflegung auf den untern Teil der Arme aber zog nach seiner Aussage die Schmerzen von der Brust hinweg, eine später öfters vorkommende Erscheinung. Die Wirkung äußerte sich bei Auflegen der Hände, sobald dadurch Wärme entstand. Als der Mann einmal mit der Hand ein wenig herabrückte, fing Hausers Hand zu zittern an und es entstand Kopfschmerz. Ein erneutes ruhiges Auflegen ließ beides fast sogleich verschwinden. Auch dieses Auflegen jedoch durfte nicht lange und nur nach Wunsch des Kranken geschehen, wenn es ihm wohltätig sein sollte. Verschwinden der Müdigkeit, leichteres Urinieren, Schlaf und Linderung der Schmerzen war fortwährend die Folge dieses Auflegens. Vorzüglich wohltätig war es ihm, dem Mann in die Augen zu schauen, was er oft sehr lange tat. Schon ein kurzes Anblicken verminderte ihm die Lichtscheu der Augen. Am empfindlichsten war er wieder gegen mich. Wenn er mich ansah, taten ihm die Augen weh. Wenn ich mich ihm stark näherte, z. B. mich seinem Ohre, um ihm etwas zu sagen, zuneigte, bekam er Frost. Eine Person, die eine Zeitlang an seinem Bette stand, empfand er sehr übel und bekam dadurch Aufstoßen mit Heraufkommen bittern Wassers aus dem Magen. Von einer Katze empfand er Ziehen, dann unangenehmes Abstoßen. Als er in den Spiegel schaute, empfand er in der Wunde und in den Augen ein starkes Ziehen zum Spiegel hin; es war ihm, als stürze Blut aus der Wunde, und im Körper fühlte er Frost. Das Quecksilber des Spiegels bewirkte dies (Quecksilber wirkte unter den Metallen am stärksten auf Hauser). Als der Arzt einmal bei Behandlung der Wunde ober und unter derselben mit vier Fingern die Stirne drückte, bekam er an den vier gedrückten Stellen schmerzliche Geschwülste. Beim Pulsfühlen fühlte er Schmerzen in allen Gliedern. Seit seiner Verwundung hatte er am 22. Oktober noch keine Öffnung gehabt. Da jetzt ein Individuum gefunden war, welches wohltätig auf Hauser zu wirken vermochte, so verfiel ich darauf, einen Versuch mit magnetisiertem Wasser zu machen. Wasser auf gewöhnliche Weise magnetisieren und ihn trinken zu lassen, war nicht zu wagen; ich durfte zur Probe nur höchst behutsam anfangen. Ich ließ den erwähnten Mann die Hand ein paar Augenblicke lang über eine mit Wasser gefüllte Tasse halten und Hauser an diesem Wasser riechen. Er rieche nichts, sagte er. Nun ließ ich des Mannes Hand über dem Wasser ein wenig zurückstreichen. Da Hauser hierauf ein paarmal gerochen hatte, sagte er, das sei sonderbar, er rieche nichts und doch werde ihm im Kopfe besser, Gleich beim ersten Riechen, wie er mir nachher sagte, ward ihm im Kopfe leichter, und es war ihm, als ziehe sich etwas den Kopf herab bis zum Magen, wo eine drehende Empfindung begann. Bei Wiederholung des Riechens wurden diese Empfindungen stärker. (D.) er war nämlich gewohnt, bei Arzneiwirkungen eine bestimmte Geruchsempfindung zu haben, und eine solche erregten ihm auch die feinsten für gewöhnliche Menschen geruchlosen homöopathischen Arzneigaben. Zugleich fing er an, in seinem Leibe eine Bewegung zu spüren. Er bekam nun Begierde, das wohltuende Wasser zu trinken, was ich nicht zuließ. Ich leerte, bevor ich aus dem Zimmer ging, so daß er es zufällig nicht bemerkte, die Tasse rein aus und füllte sie mit frischem Wasser, damit kein Mißbrauch damit getrieben werden könne. Als ich hinausgegangen, trank Hauser die Tasse aus und verwunderte sich, keine weitere Wirkung darauf zu verspüren. In etwa einer Viertelstunde kam abends reichliche Öffnung, doch mit schmerzlicher Anstrengung; eine nochmalige in den ersten Nachmittagstunden des folgenden Tages. Jedesmal kam nach der Öffnung Aufstoßen, was sonst nie der Fall gewesen war. Ich hatte ihm nicht gesagt, daß ich durch jenes Wasser Öffnung bewirken wollte, er aber hatte das bestimmte Gefühl, daß dies die Ursache derselben gewesen sei Auch kann ich versichern, daß das Zustuhlgehen nicht bloßes Vorgeben war. (D.) Das Befinden wurde nachher um sehr vieles besser, er verließ ein paarmal auf kurze Zeit das Bett und versuchte frei zu gehen. Die Brust ward freier, die Empfindlichkeit nahm sehr ab. Am 23. Oktober konnte er auf seiner bloßen Hand die jenes Mannes eine kleine Zeitlang mit bestem Erfolge leiden. Von nicht weniger leiberöffnender Folge war es später einmal, als ich ein kleines Arzneigläschen mit frischem Wasser füllte, jenen Mann dasselbe etwa eine Minute lang in der Hand halten und Hauser daran riechen ließ. Auf einmaliges Riechen stieg ihm die Wirkung in den Kopf, dann senkte sie sich herab, es entstand eine Bewegung im Unterleibe und in ein paar Minuten erfolgte Stuhlgang (18. November). Als ich einmal ein solches mit Wasser gefülltes Gläschen, das der Mann in der Hand gehalten, mit Kork verschlossen im Zimmer hatte stehen lassen, um gelegentlich zu sehen, ob es späterhin noch eine Wirkung zeige, nahm Hauser, dem das Riechen wohltat, das Gläschen, das schon mehrere Stunden gestanden hatte und hielt es sich unnötigerweise geöffnet an die Nase. Die nächste Wirkung war dieselbe, es erfolgte Stuhlgang darauf, aber Verschlimmerung des Befindens. In der Erstwirkung war Hauser dieses Wasser wohltuend wie ein Potenziermittel, daher die Lust dazu; es steige ihm, sagte er, wie Weinduft in den Kopf, aber die Wirkung des letzteren gehe schneller vorüber und bringe keine Bewegung im Leibe hervor. Sowohl im Kopfe als im Unterleibe sei ihm die Wirkung des Wassers äußerst angenehm, er wisse gar nicht, was ihm wohler tue. Dr. Preu: Der Findling Kaspar Hauser und dessen außerordentliches Verhältnis zu homöopathischen Heilstoffen Nach den teils schon im Druck erschienenen, teils aber noch ungedruckten Mitteilungen seines Erziehers, des Herrn Prof. Daumer zu Nürnberg, bearbeitet von seinem Arzte Dr. Preu, Königlich Bayerischem Stadtgerichtsarzte Als Kaspar Hauser am 26. Mai 1828 in Nürnberg aufgefunden wurde, war ich einer der ersten, denen er zu Gesicht kam, weil mir als Gerichtsarzt schon am andern Tage von dem Magistrat die Frage zur Beantwortung war vorgelegt worden, ob dieser Mensch, aus dem auf keine Weise eine Kunde über seine Person und Herkunft zu erforschen war, nicht gar vielleicht verrückt oder blödsinnig sein möchte. Zu dieser Annahme konnte man umso leichter verleitet werden, als beinahe alljährlich solche Subjekte hierher sich verirren, deren nähere Verhältnisse und eigentliche Herkunft zuweilen nur sehr mühsam erforscht wird. Nach mehrtägiger Beobachtung sowohl von meiner Seite als durch den hierzu besonders instruierten Gefangenwärter gab ich über unsern Findling nachstehendes Gutachten ab: »Dieser Mensch ist weder verrückt noch blödsinnig, aber offenbar auf die heilloseste Weise von aller menschlichen und gesellschaftlichen Bildung gewaltsam entfernt worden. Er kann nichts als notdürftig lesen und einige Worte schreiben. Der Polizeigefangenwärter kann ein Muster davon aufweisen. Er ist wie ein halbwilder Mensch in Wäldern erzogen worden, ist zur ordentlichen Kost durchaus nicht zu bequemen, sondern lebt bloß von schwarzem Brot und Wasser. Doch ist er geimpft, wie man am rechten Arm deutlich sieht. Dieses könnte vielleicht zu weitern Forschungen führen. Auch habe ich mit vieler Mühe aus ihm herausgebracht, daß er zu Hause ein Roß gefüttert hat, das weiß war.« Mehr konnte damals über Hauser nicht ausgesprochen werden und genügte auch vollkommen, um der Polizeibehörde die Wege anzudeuten, auf welchen die nähere Kenntnis von diesem Findling erlangt werden könnte, und sie dagegen von der weitern Verfolgung der durch die an mich gestellte Frage gleichsam schon vorläufig ins Auge gefaßten Ansicht eines blödsinnigen Zustandes des unbekannten Menschen abzuhalten. Indessen enthielt doch dieses Gutachten schon zwei arge Irrtümer, welche sich erst später aus der immer mehr gereinigten Beobachtung Hausers als solche darstellten, nämlich daß er damals schon notdürftig habe lesen können und daß er an seinem frühern Aufenthaltsorte ein weißes Roß gefüttert habe. Er hatte bloß seinen Namen und einzelne Buchstaben nachmalen gelernt und damit hatte er den ganzen Bogen Papier angefüllt, welchen er nebst einem Bleistift von dem Gefangenwärter erhalten hatte und welchen dieser nachher zu den Akten brachte, wo er noch sich vorfindet. Was er lesen zu können schien (aus einem mitgebrachten Gebetbüchlein), war ihm bloß auswendig eingelernt und das Roß, das er sollte gefüttert haben, waren kleine hölzerne Pferde, mit welchen er in seinem Kerker gespielt hat. Aber ebenso konnte ich damals auf keine Weise ahnen, daß der unscheinbare, hilflose und tölpisch vor mir dastehende Bursche in kurzer Zeit ein Gegenstand der allgemeinen Neugierde und der Schaulust von beinahe ganz Europa werden würde. Noch weniger hatte man sich's träumen lassen, daß er selbst dann, wenn jene Neugierde lange genug in leeren Vermutungen fruchtlos sich erschöpft haben würde, ein Vorwurf höherer wissenschaftlicher Forschungen sein und zu den interessantesten Beobachtungen nicht allein Veranlassung geben, sondern auch auf diesem Wege zu ganz neuen Entdeckungen führen und wahrhaft unerhörte und nie geahnte Aufschlüsse gewähren werde. Am allerwenigsten war zu hoffen, daß durch dieses merkwürdige Individuum Vater Hahnemanns Der Begründer der homöopathischen Heilmethode. Lehre nicht allein ihre volle Bestätigung finden – nein! auch zugleich eine allen menschlichen Glauben übersteigende Ausdehnung erhalten sollte. Nachfolgender getreue Auszug aus dem soeben erschienenen ersten Hefte der »Mitteilungen über Kaspar Hauser, von seinem ehemaligen Pflegevater, Professor G. Fr. Daumer , Nürnberg, bei Haubenstricker 1832« und aus dem zum Drucke bereit liegenden Manuskript des zweiten Heftes, welchen ich mit Einwilligung des Verfassers, meines vielverehrten Freundes, für das homöopathische Archiv bearbeitet habe, wird hierzu die erfreulichsten Belege liefern. Doch finde ich für nötig, demselben noch einige Bemerkungen voran zu schicken. Wenige Tage nach Abgabe meines Gutachtens erkrankte ich lang und heftig und reiste hierauf sogleich im Urlaub auf mehrere Wochen nach Karlsbad. Als ich zurück kam, war Hauser schon dem Herrn Professor Daumer zur Pflege übergeben, diesem aber Herr Dr. Osterhausen zur ärztlichen Beratung zugeteilt worden. Denn leider war Hauser bereits in einen höchst unwohlen Zustand geraten (wie weiter unten zur genauern Erörterung kommen wird). Glücklicherweise vereinten sich die Ansichten des Erziehers mit den meinen leicht dahin, daß ein positives Wirken der Heilkunst hier ganz am unrechten Ort sei und einzig und allein negative Behandlung stattfinden dürfe. Doch mußte sich meinem Freunde gar bald die Idee aufdringen, daß wahrscheinlich in der Homöopathie für seinen kränkelnden Zögling Heil zu finden sei. Er selber war ja von mehreren Ärzten jahrelang allopathisch mißhandelt und dadurch völlig herunter gebracht worden, hatte erst seit einem Jahre sich zur Homöopathie gewendet und meinen ärztlichen Rat gesucht, aber als Selbstdenker dieses nicht blindlings getan, sondern sogleich mit regem Eifer und mit dem ihm eigenen psychologischen Scharfsinne die neue Lehre studiert und aufgefaßt. Bald genug bot sich nach meiner Rückkunft die Gelegenheit dar, an Häuser die Homöopathie zu erproben; denn von jetzt an war Herr Dr. Osterhausen von der eigentlichen ärztlichen Behandlung des Hauser zurückgetreten. Eine Krätzansteckung eigener Art traf Hauser; dieser Zufall gab Gelegenheit zum ersten homöopathischen Versuch an ihm. Die auffallenden Erscheinungen, welche diesem Versuche folgten, erregten Erstaunen, Nachdenken, Abänderungen der Art und Weise, die homöopathischen Heilmittel bei Hauser anzuwenden, und so gelangte Herr Professor Daumer durch eine Reihe von Versuchen, Beobachtungen und Schlüssen zu den merkwürdigen Resultaten, welche nun in dem angezeigten Werke öffentlich mitgeteilt werden. Zwar enthält das erste Heft dieser Mitteilungen noch nicht die ganze Folge der mit Kaspar Hauser angestellten homöopatischen Versuche, weil es dem Verleger zweckmäßiger schien, solche auf zweimal zu geben, damit der Umfang eines Heftes nicht zu stark und der Ankaufspreis nicht zu groß werde. Unserm Zwecke habe ich es aber für anpassender gefunden, da mir das vollständige Manuskript zu Gebote stand, das Ganze hier auszugsweise zu geben, aus den vorangehenden Abschnitten aber nur dasjenige auszuheben, was zur richtigern Würdigung der Gesamtnatur unseres Hauser, seiner psychischen nicht minder wie seiner somatischen, notwendig erscheint, sowohl in der ersten Zeit seines Seins bei uns als in den spätern Perioden seines Lebens unter uns. Hauser war durch vieljährige Einsperrung in einem unterirdischen Gemach aller Einwirkung des Tageslichtes entzogen worden. Die solare Sphäre des menschlichen Organismus war bei ihm unterdrückt, in Schlummer gehalten, das tellurische Prinzip das vorwaltende, allein herrschende, er selber zum Nachtmenschen geworden. Notwendig mußte daher das plötzliche Herausreißen aus der ihn umgebenden ewigen Finsternis, das gewaltsame Einwirken des Lichtreizes, der Sonnenwärme, das durch beides bedingte täglich längere Wachen nicht weniger nachteilig auf seinen Körper sich äußern, als das Vertauschen seines jahrelangen dumpfen Hinbrütens in grabesstiller Einsamkeit mit dem Lärm des regen bürgerlichen Tuns und Treibens. Schon in den ersten Stunden seines Erscheinens unter uns stürmte es in letzter Hinsicht auf ihn ein, und wohltätig ausgleichend war ihm daher der unmittelbar darauf folgende ruhige Aufenthalt auf dem Turm, wohin der ausweislose, folglich auch verdächtige junge Mann jetzt war gebracht worden. Hätte man damals seine früheren Schicksale nur leise ahnen können, so wäre es leicht gefallen, ein methodisch-allmähliches Überführen dieses Nachtmenschen zum Tagesleben zu bewerkstelligen, wie wir ja täglich bei den neugebornen Kindern den Übergang aus der Nacht, in welcher sie der Leib der Mutter verschlossen hielt, zum hellen Morgen ihres Daseins zu veranstalten wissen. Allein ehe man jene Überzeugung gewinnen konnte, war schon jener unermeßliche Schaden, man darf wohl sagen an Leib und Seele dieses großgewachsenen unmündigen Kindes verübt worden, dessen harte Folgen Hauser leider noch immer großenteils an sich trägt. Um den zum allgemeinen Stadtgespräch gewordenen Findling, zu welchem täglich von alt und jung, besonders aber von Mädchen und Frauen, gleichsam gewallfahrtet wurde, gleichfalls kennen zu lernen, bestieg auch Herr Professor Daumer gegen das Ende des Monats Juni 1828 den Turm, welcher Hauser einschloß; er nahm bald persönlichen Anteil an dem jungen Menschen und beschloß, sich seiner Ausbildung anzunehmen. Von nun an besuchte er ihn täglich und lehrte ihn binnen drei Wochen notdürftig Lesen, Zählen, Zahlenreihen aussprechen, Addieren, Subtrahieren, Schönschreiben und ein kleines Musikstückchen auf dem Klavier. Hauser zeigte sich überall als gelehriger Schüler, aber sein Lehrer bemerkte nun gar bald, daß jedesmal nach angefangenem Unterrichte Schweiß auf Hausers Stirne trat und Kopfschmerz sich einstellte. Die Zuckungen im Gesichte, welche ohnehin bei jeder Aufregung sich einfanden, wurden stärker, und nach drei Wochen, wo sodann Hauser in die Daumersche Wohnung zur völligen Verpflegung kam, war er schon so sehr erkrankt, daß er kaum noch sich aufrecht zu erhalten vermochte. Wohl verloren sich schon nach zwei Tagen seine bisherigen Obstruktionen, aber seine Verdauung blieb geschwächt und sein Nervensystem zerrüttet. Die konvulsivischen Bewegungen waren erschreckender Art. Jeder starke Laut schmerzte seinem Ohre, alles Weiße und Helle seinem Auge; seine Hände zitterten beim Halten eines Gegenstandes. Alles Nachdenken vermehrte seine Krankhaftigkeit; demzufolge wurde alle geistige Beschäftigung beiseite gesetzt und Hauser bloß längere Zeit mit Papp-, Garten- und ähnlichen Arbeiten beschäftigt, viel ins Freie gebracht und zuweilen lau gebadet, was ihm besonders wohl bekam, ebenso das Reiten, das er nun zu lernen anfing. Nach acht bis zehn Wochen hatte er sich ziemlich erholt und war in den letzten vier Wochen um zwei Zoll gewachsen. Doch behielt sein Körper die ihm eigentümliche Sinnenfreiheit Soll wohl heißen: Sinnenfeinheit. und das erhöhte Gemeingefühl. Eine leise Berührung mit der bloßen Hand empfand er wie einen Schlag. Als ich ihm einmal auf der Straße begegnend die Hand reichte, sagte er ganz zufrieden: das ist schön, der Herr Doktor hat doch Handschuhe, das tut einem nicht so weh. Bei jeder Aufregung zuckte das Gesicht, besonders auf der linken Seite, und der linke Arm. (Die linke Körperhälfte zeigte sich durchaus als die bei weitem schwächere und reizbarere.) Seine Gesichtsschärfe glich der eines Indianers, nur daß ihm das Licht schmerzhaft war. In einer Entfernung von hundert Schlitten zählte er die einzelnen Beeren einer Holunderfrucht, konnte in völliger Finsternis dunkelbraun von dunkelrot usw. unterscheiden und sah überhaupt in der Dämmerung besser als am hellen Tage. Als Beweis für Hausers unbeschreiblich empfindlichen Geruch zeigte im August 1828 sich die Wirkung, welche der durch Öffnung eines mit Bestuscheffischer Tinktur gefüllten Gläschens in einem Zimmer verbreitete geringe Duft auf ihn machte, als er dasselbe betrat. Sogleich entstanden konvulsivische Bewegungen. Nach seiner Schilderung stieg die Empfindung in den Kopf, verursachte Augenschmerz, zog sich auf beiden Seiten des Kopfes die Wange herab durch den Hals in zwei Linien, die sich im Magen vereinigten. An dieser Stelle entstand Drücken, diesem folgte ein, wie er sich jedesmal bei ähnlichem Gefühl ausdrückte. Laufen in großen Umkreisen in der Herzgrube oder Magengegend, dann zweimaliges Aufstoßen mit heraufkommendem Wasser (Würmerbeseigen). Nach einer Viertelstunde war nur noch Kopf- und Augenschmerz übrig. Er verlangte in die freie Luft. Auf dem Spaziergange kam Frost und nach einer halben Stunde mehrmaliges Aufstoßen, auf den Frost Hitze. – Schweiß auf der Stirne schloß die Reihe der Erscheinungen. Bei diesen, wie bei so vielen später« Erscheinungen läßt sich nicht verkennen, wie die Reaktion des Organismus sich der ihm beigebrachten arzneilichen Schädlichkeit baldmöglichst durch Ausscheidungen jeder Art zu entledigen, oder, nach Hahnemanns Ausdruck, solche auszuspucken sich bestrebte. (Preu) (Hier hätte wahrscheinlich die kleinste Gabe von nux vomica in der höchsten Potenzierung Wunder gewirkt, und besonders die auch nachher zurückbleibende und immer von neuem wiederkehrende Überreiztheit seiner Sinne am sichersten gehoben. Daumer hatte aber mich als beratenden Arzt nicht zur Seite, weil ich abwesend war, und der ihm beigegebene Arzt hatte damals so wenig als jetzt noch eine wahre Kenntnis von der Homöopathie und noch weniger Zutrauen zu ihr; für sich allein wagte Daumer nichts zu unternehmen.) Seiner Kost, welche lange Zeit bloß aus Wasser und schwarzem Brot bestand, wurde allmählich eine gebrannte Mehlsuppe, weißes Brot und Milchspeise untergeschoben. Zur animalischen Kost wurde er nach und nach gebracht, indem man ihm zuerst einen Tropfen Fleischbrühe unter seine Wassersuppe mischte, was ihm anfangs aber sehr übel schmeckte und schlecht bekam, denn er fühlte sogleich darauf jenes kreisartige Laufen in der Magengegend, dessen oben schon erwähnt wurde. Nach und nach wurde mit der Beimischung auf einen großen Eßlöffel voll geschritten. Im Monat Oktober 1828 fing man an, ihn einzelne Fleischfasern genießen zu lassen, und erst nach drei Monaten von da an konnte er einen Bissen Fleisch vertragen. Gegenwärtig ist er ein tüchtiger Fleischesser und zieht diese Nahrung jeder andern vor. Später wurden zufällig an ihm Erscheinungen entdeckt, welche offenbar in das Gebiet des animalischen Magnetismus und des Hellsehens hinüberstreiften. Dahin gehören so manche ahnungsvolle symbolische Träume, ferner daß er durch eine ganz eigentümliche Empfindung es verspürte, wenn jemand sich ihm ungesehen und ungehört von hinten näherte. Er empfand es, wenn sein Erzieher auf 125 Schritte von hinten die Hand gegen ihn ausstreckte. Er fühlte dann eine Strömung, welche er mit dem Ausdruck »Anblasen« bezeichnete. Die gleiche Empfindung hatte er, wenn es von vorn geschah. Er fühlte und unterschied sowohl durch die Stärke als auch durch die verschiedene Beschaffenheit eines besondern »Zuges« Metalle, welche man unter Papier verborgen hatte, wenn er in einiger Entfernung mit der Hand darüber hinfuhr. Die Gewitter wirkten in der ersten Periode höchst schmerzhaft auf Hauser. Noch im Mai 1829 (also nach einem Jahr seit er zum Tagesleben übergegangen war) bemerkte man während eines Gewitters im Gesicht und an den Gliedern Zuckungen, welche außerdem nur ganz selten noch sich zeigten. Er spürte immer Frost mit öfterm Schütteln und Schaudern. Während des Donners, sagte er, spüre er alles im Leibe locker und sich bewegend, vom Kopfe herab einen Druck, auf der linken Seite war der Frost stärker. Dieser dauerte, bis das Gewitter vorüber war. Die Augen mußte er unwillkürlich schließen, dabei zitterte er. Mitten auf der Brust fühlte er einen ganz kalten Fleck und diese Stelle schien ihm gleichfalls locker. Je stärker der Donner, desto stärker war der Druck. Beim Blitz Schmerz in den Augen wie von Nadelstichen. Nach einer halben Stunde Nasenbluten, darauf leichter im Kopfe. Er bestimmte es voraus, ob ein Gewitter kurz oder lang dauern werde, im letzteren Falle waren die Finger und Zehen viel kälter als die andern Teile. Auch der Mond wirkte eigens auf Hauser. Vor eintretendem Vollmonde befand er sich unwohler – dieses Unwohlsein verstärkte sich bei Betrachtung des Mondes – er bekam Drücken auf der Brust, Frost und Schauder über den ganzen Leib, sogar in sehr warmer Jahreszeit, und einmal im Oktober im geheizten Zimmer. Stand der Mond im Viertelslichte, so waren diese Gefühle weit schwächer. Nachstehendes Betragen einer Katze in Professor Daumers Wohnung gegen Hauser deutet wohl auch auf ein animalischmagnetisches Verhältnis hin. Diese Katze ließ sich im Freien von niemand tragen und fangen, nur zu Hauser lief sie selbst und forderte ihn zum Spielen auf, wenn er in den Garten kam. Sie genoß sonst nur Fleisch und Milch. Aus Hausers Hand nahm sie gern und viel schwarzes Brot, sogar Obst. Dieses freundschaftliche Verhältnis dauerte nur so lange, bis Hauser anfing, Fleisch zu vertragen; von jetzt an haute sie nach ihm, wie nach allen andern Personen. Nicht minder merkwürdig ist das, was uns Herr Professor Daumer über Hausers Ahnung des an ihm später verübten Mordversuchs (17. Oktober 1829) mitteilt. Der Erscheinungen, welche dem Mordversuch nachfolgten, wird unten bei den homöopathischen Versuchen gedacht werden. Noch stehe hier eine kurze Charakteristik seines Geistes und Gemüts, meist mit Herrn Professor Daumers eigenen Worten. Er ist sehr gutmütig und weichherzig, dabei aber allen Menschen mehr oder weniger mißtrauend, sein Urteil scharf, seine Beobachtung fein. Keine Autorität gilt ihm etwas, er vertraut nur eigener Anschauung und Erkenntnis. In seinen Anforderungen erkennt sein Verstand keine Grenzen, sein moralisches Gefühl ist rigoristisch, seine Ordnungsliebe und Reinlichkeit pedantisch. Hervorstechend sind in ihm die technischen und künstlerischen Fähigkeiten. (Nach wenigen Wochen Übung im Zeichnen kopierte er das in Kupfer gestochene Bildnis seines Wohltäters, des Herrn Bürgermeisters Binder, wenn auch schülerhaft, doch bis zur sprechenden Ähnlichkeit.) Nach diesen notwendigen Vorausschickungen, um das den nachfolgenden homöopathischen Versuchen unterworfene Individuum vollständig nach allen seinen somatischen wie psychischen vielleicht einzigen und nie wieder vorkommenden Eigenschaften kennen zu lernen, möge nun die Mitteilung jener Versuche selbst anheben. Schwefel. Im Dezember 1828 wurde Hauser von jemand, welcher vor mehreren Jahren evident skabiös gewesen war, angehaucht, und es erzeugte sich an der angehauchten Seite des Gesichts ein juckendes und brennendes Bläschen, das nach einer Stunde aufplatzte und gelbliche Feuchtigkeit ausfließen ließ. Nach ungefähr drei Wochen, am 12. Januar 1829, geschah ihm das nämliche von einer anderen innerlich psorischen Person durch Anlachen, und bald brach an der angehauchten Stelle im Gesichte wieder ein juckendes Eiterbläschen hervor. Ungefähr eine Stunde nachher brachte Hauser zufällig Schwefel an seine Hände und damit in sein Gesicht und an das Bläschen. Sogleich ließ das Jucken nach und binnen dreiviertel Stunden war das Bläschen verschwunden. Am andern Tage kam neben dieser Stelle ein neues Bläschen hervor, verschwand aber wieder in freier Luft. Das Reiben an diesem letztem Bläschen war so wohltuend, daß er die Augen zublitzte. Nachher brannte es. Gegen diese offenbare Krätzansteckung bekam nun Hauser am 13. Januar Schwefel zu riechen, umso mehr, weil außer der allgemeinen außerordentlichen Reizbarkeit, Empfindlichkeit und Schwächlichkeit seines Organismus und einer großen Gesunkenheit der Geisteskräfte auch noch folgende chronische Krankheitsbeschwerden obwalteten: Krankheitsbild. Früh beim Erwachen tun die Glieder weh, besonders beim Berühren. Schwere in den Gliedern. Nach dem Aufstehen unheiter, müde und schwer; düster im Kopfe, Bedürfnis des Kopfwaschens. Erst nach ein paar Stunden wird ihm wohler; doch kommt das Unwohlsein den Tag über zuweilen wieder. Reißen in den Gliedern und im Kopfe. Kneipen im Leibe, hauptsächlich nach Tische. Der Unterleib schwer und hart nach dem Essen. Harter und unregelmäßiger Stuhl, der öfters zwei Tage aussetzt. Beständige Mattigkeit des ganzen Körpers und Schwere im Kopf. Augenschwäche, Trockenheit, Brennen der Augen, Empfindlichkeit derselben gegen Kerzen- und Tageslicht. Unaufgelegtheit zum Denken und Arbeiten; schweres Begreifen. Bauchdrücken. Urin abwechselnd trüb und klar. Nachtschwitzen. Erstwirkungen des Schwefels. Als er das Gläschen mit millionenfach potenziertem Schwefel noch fern von der Nase hielt, drang ihm ein starker, scharfer alaunähnlicher Geruch in die Nase und in den Kopf, und an der Stelle des verschwundenen Bläschens fing es wieder an zu brennen. Nach noch nicht zehn Minuten war das Bläschen ausgebildet und aufgebrochen. Es erfolgte wiederholter dünner Stuhlgang, und nach dreiviertel Stunden starkes Nasenbluten; der durch das Riechen eingenommene Kopf wurde hierauf leichter. Das Nasenbluten kam am zweiten Tage vormittags und am dritten vor- und nachmittags wieder. Vorher war jedesmal der Kopf eingenommen. Das letztemal kam zugleich der Geruch aus dem Arzneigläschen von selbst wieder in die Nase, dauerte über eine Stunde nach dem Nasenbluten und verschwand nach Aufstoßen. Der Kopf wurde ihm hierauf um vieles leichter als vor dem Riechen aus dem Arzneigläschen. Vor dem Aufstoßen fühlte er einen Druck in der Mitte der Stirn über den Augen, dann zog sich eine schwächere Empfindung nach beiden Seiten von jenem Punkte aus bis zu den Schläfen, wo wieder Druck erfolgte; dann schien es ihm von beiden Schläfen wie Wasser oder Schweiß über das Gesicht herab zu laufen, worauf Aufstoßen kam. Das Nasenbluten kam aus dem rechten Nasenloch, durch welches er hauptsächlich den Geruch aufgenommen hatte. Nach dem Nasenbluten tat die rechte Seite weh, besonders beim Befühlen. Nach und nach entwickelten sich in den ersten drei Tagen eine Menge krankhafter Beschwerden, welche, als früher nicht vorhanden, lediglich der Arzneiwirkung zugeschrieben werden müssen, und welche, merkwürdig genug, sämtlich mit mehr oder weniger treffender Ähnlichkeit unter den von Hahnemann verzeichneten Arzneiwirkungen aufgeführt sind, nämlich (nach der Arzneimittellehre 4. Band) Nr. 1-9, 13, 24, 26, 29, 43 usw., 46, 60, 66, 68, 73 usw., 77, 79, 83, 85, 87, 91, 95, 98, 99, 109, 123, 162, 201, 203, 291, 333-335, 337-347, 386, 387, 401 usw. 412 usw., 464, 474, 478, 490, 496, 497, 501-503, 507, 508, 521, 525, 530-538, 542-549, 551, 559, 570, 573, 585, 586, 603, 607-612, 636, 638, 639, 640, 642, 643, 654, 655, 666, 703, 718, 743, 746. Außerdem fanden sich noch folgende bei Hahnemann nicht vorfindliche Symptome ein: Abends heiße Füße, besonders den ersten Tag. Beim Auftreten spannt die Haut an den Füßen. Auf der linken Seite liegend kann er leichter Atem holen, als auf der rechten. Beim Einschlafen Herzklopfen. Beim Schreiben hält er wegen Unwohlsein die Hand vor die Augen (zweimal). Beim Aufsehen war es ihm, als wenn Stückchen Goldes vor seinen Augen herunterfielen. Blaue, grüne und rötliche Streifen vor den Augen, beim Ansehen eines Gegenstandes, beim Lesen und Schreiben. Beim Gehen im Freien schwitzen in strenger Kälte die Hände so, daß die dünnen ledernen Handschuhe ganz durchnäßt werden und nachher in der Rocktasche gefrieren. Nachmittags ist das Befinden schlechter als vormittags. Vom dritten Tag an trat allmähliches Besserbefinden und Umänderung einzelner Eigenheiten seines Körpers ein. Die Augen wurden heller, seine Gemütsstimmung heiterer, die Schwere im Kopf und in den Füßen schwand, auch die Schwere der Zunge, er konnte leichter sprechen. Besseres Gedächtnis. Das Fleisch schmeckte ihm besser. Das unangenehme Gefühl, wenn er sich selbst anrührte, verlor sich – er spürte Menschen und Metalle weniger, Gold gar nicht mehr, Quecksilber noch etwas. Er konnte jetzt niedrig liegen beim Schlafen, ohne Kopfschmerz zu bekommen. Sein Appetit, früher als Schwächegefühl sich äußernd, zeigt sich jetzt als natürlicher Hunger. Am 28. Januar (nach 13 Tagen) wurde der Kopf wieder schwer, der Arzneigeruch in der Nase kehrte zurück, dann kam Nasenbluten. (Ein abermaliges Auftreten der Erstwirkung.) Dann Fortschreiten der Besserung bis zum 4. Februar, wo eine heftige Einwirkung auf Hauser stattfand und das weitere Fortschreiten störte. Zurückbleibende Symptome waren noch: allgemeine große Reizbarkeit, hauptsächlich jenes das Denken erschwerende Drücken in der Stirne, obwohl vermindert. Dagegen am 17. Februar Silicea Ein kleines, mit Streukügelchen (X.) gefülltes Gläschen, wurde von ferne geöffnet und ihm langsam entgegengebracht. Ehe er es noch hatte erreichen können, schreckte er zusammen und sagte: der Geruch sei ihm in den Kopf gegangen. Hierbei unterschied er 1. einen dem des Weins oder Branntweins ähnlichen Geruch, 2. einen Zuckergeruch und 3. einen von ihm unbeschreiblichen fremden Geruch (den Geruch des Arzneistoffes). Er entfärbte sich, schwankte, es war ihm nach seiner Schilderung, als wäre ihm ein ungeheurer Schlag versetzt worden. Die Arznei fuhr ihm zuerst in den Kopf, wie er sagte, dann in den Leib und in alle Glieder, dann wieder in den Kopf und nach einigen Minuten brach Schweiß auf der Stirn aus. Hierauf Übelkeit, konnte kaum aufbleiben. Nach einer halben Stunde starkes Aufstoßen ohne Geruch, einige Minuten später stärkeres mit einem Geruch, den auch die Umstehenden gewahrten, und welcher nach Hausers Angabe dem Arzneigeruch gleich war. Darauf schwand die Übelkeit und die Eingenommenheit des Kopfes minderte sich. Sodann kamen folgende Erscheinungen als Erstwirkungen der Silicea zum Vorschein (Hahnemanns chronische Krankheiten III) 15 usw., 19 usw., 30, 39, 43, 76, 82, 83, 85, 97, 107, 170, 247, 305, 307, 404, 411 usw., 416, 441, 491, 504, 505 usw. Außerdem noch: Im Kopfe ist es öfters, »als wäre etwas Lebendiges darin, das herumlaufe, bald hin und her, bald im Kreise.« (39.) Stechen in den Augen. Muß aufhören zu lesen, wegen Wehtun der Augen. Die Pupillen trüb, am untern Augenlid des rechten Auges ein rotes Fleckchen. Die Augen brennen (seit dem eisten Aufstoßen), sind entzündet und tränen. In den Augen sind die krankhaften Gefühle am stärksten. Während des zweiten und dritten Tages fand sich ein: 6, 17, 25, 107, 170, 247, 265, 418, 490, 506; ferner: Drücken vom rechten Auge herab bis zum untern Kinnbacken. Stechen vom Genicke bis zum rechten Ohr; das Ohr schmerzt beim Befühlen. Roter Bodensatz im Urin. Vier Tage lang starkes Haarausfallen; fünf Tage lang schmerzte der Kopf beim Gehen. Einmal stößt er sich am Fuße, was starken Schmerz im Kopfe verursachte, »als wolle es ihm das Gehirn herausdrücken« (s. bei Hahnemann 23). Vom sechsten Tage an wurde es im Kopfe täglich freier; allgemeine Besserung. Sieben Tage lang hatte er Ekel vor Fleisch; erst am zehnten wieder ordentlichen Appetit hierzu. Am zwölften Tag morgens 8 Uhr Übelkeit und wiederkehrender Arzneigeruch, darauf Erbrechen sehr bittern Wassers und Schleims, Verstärkung jenes Geruchs. Nach einer Stunde roter Ausschlag auf der Stirne und unter den Augen, hierauf großes Unwohlsein, Kopfschmerz, muß sich legen. Riechender Schleim auf der Zunge. Vier Tage lang matt, unfähig zu arbeiten. Augen angegriffen, kann nichts lesen, die Augen tränen sogleich. Vierzehn Tage lang Ohrenklingen, nachmittags öfters als vormittags. Schreckhaftigkeit. Stiche in den Füßen und Brennen in allen Gliedern. Seit dem Erbrechen ist der Urin wieder trübe. Mit dem 4. März (17. Tag) erhöhte Geistestätigkeit und der Sinne: Leuchtender Blick, das Gesicht bekommt einen erhöhten Ausdruck von Geistigkeit. (Bei einer spätern Anwendung der Silicea in einer mehr als hundertsten Verdünnung hatte sie die nämliche Wirkung auf seinen Geist und besonders auf seinen Blick.) Am 20. und 21. März abermalige Rückkehr der Erstwirkung, doch im mindern Grade, auch durch Wechselwirkungen unterbrochen. Am 26. März plötzlich im obern Kopf ein Stich, sodann ein Gefühl, als senke sich etwas den Kopf herab, und er fühlte sich im Oberkopfe bis zum untern Teil der Stirn herab ganz frei. Hier aber, sagte er, sei es wie abgeschnitten, als sei ein Faden herum gebunden. Im übrigen Teile des Kopfes blieb es wie zuvor. Am 29. März verschwand das Gefühl des Gebundenseins im Kopfe, nur fühlt sich der untere Teil des Kopfes noch nicht frei. Bis zum 2. April war alles verschwunden. Zu Ende März verlor sich der Nachtschweiß, welcher auf den Gebrauch der Silicea sogleich stärker geworden war. Von nun an schritt seine Besserung von Tag zu Tag vorwärts bis zum 16. Mai, wo ein arger Unfall ihn von neuem niederwarf. An diesem Tage setzte er sich in einem befreundeten Hause, wo er zu Besuch war, dem starken Geruch eines Ölfirnisses aus und bekam davon urplötzlich den heftigsten und unausgesetzten Krampfhusten. Nachdem dieser schon von drei Uhr nachmittags bis acht Uhr gedauert hatte, erhielt ich erst Nachricht davon und schickte sogleich in einem Gläschen ein Streukügelchen, das mit II. von Ipsoacuanha befeuchtet war, um Hauser daran riechen zu lassen. Dieses geschah aus der Entfernung von zwei Schritten. Für einige Augenblicke verstärkte sich hörbar der Husten, hatte sich aber nach einer Viertelstunde vollkommen gelegt. Hierauf kam große Hitze, heftiger Brust- und Kopfschmerz und Augenentzündung. Lag er auf der linken Seite, so benahm es ihm den Atem, er bekam in der linken Brust Drücken und Stechen, es wollte ihn ersticken. Überempfindlichkeit des Gehörs. Stöhnen. Konnte nicht sprechen hören. Die Nacht schlaflos. Konnte sich im Bette nicht aufrichten. – Morgens Ausbrechen eines grünlich-gelben Schleims mit etwas Blut. Gelbsucht über den ganzen Körper. Ein paar Eßlöffel Kümmeltee bekam ihm gut. Hierbei muß bemerkt werden, daß Hauser, wie sich zufällig entdeckte, in seinem Kerker mit Brot war gefüttert worden, das mit Kümmel, Koriander, Anis und Fenchel bestreut war, daher diese Gewürze nicht allein indifferent auf ihn wirkten, sondern sogar eine wahre Labung für ihn waren. Als er zum ersten Male eines solchen Brotes ansichtig wurde und davon zu essen erhielt, weinte er vor Freude, Kümmeltee und bloßer Kümmel gekaut dienten ihm als Palliativmittel. (Preu) Die Röte auf den Wangen kehrte zurück und das Sprechen war erleichtert. In diesem Zustande erhielt er Nux vomica, gleichfalls in der letzten Verdünnung, in der Entfernung von zwei Schritten zu riechen. Er zuckte und gab ein Zeichen, daß er genug habe. Sogleich erschien Verschlimmerung – nach einer halben Stunde Besserung. Mittags war die Zunge weiß, nachmittags löste sich die Haut davon ab. Starkes Halsweh. Ausfluß vielen, mit Blut gemischten Schleimes aus dem Munde. Die zweite Nacht schlaflos. Am dritten Tage statt der Hitze Frost. Vormittags kurzer Schlummer. Dann verlangte er eine Tasse Kümmeltee, worauf der Kopf heiterer wurde. Des Tages über Hitze und Frost abwechselnd. Mehrmaliger Schlaf. Erbrechen des Nachts, wobei viel Blut aus dem wunden Halse zum Vorschein kam. Dritte Nacht schlaflos. Vierter Tag beginnt fieberhaft. Das Brustdrücken, an dem er die drei Tage durch gelitten, besonders in der linken Brust, läßt nach. Mittags ein paar Löffel Suppe. Nachmittags Schlaf. Abends verlangt er dringend und wiederholt Zwetschenbrühe, von der er meinte, sie müsse ihm bei seinem schmerzlich wunden Halse gut tun. Niemand hatte sie ihm geraten. Er erhielt sie. Nachher sagte er, daß sie wie Feuer den Schlund und die Brust hinunter gebrannt habe, aber nachher sei es ihm recht gut geworden. Die nächste Nacht wenig Schlaf. Tags darauf nachmittags lästige Beschwerden und Stiche im Kopf, die er seit dem Riechen an Nux vomica zu haben behauptete. Herr Professor Daumer befeuchtete ein Stückchen Fließpapier ganz wenig mit dem feuchten Stöpsel einer Weinbouteille und näherte es ihm bis auf einen Schritt, worauf ihm der Geruch in den Kopf stieg, die Beschwerden in einigen Minuten nachließen und nach einiger Zeit ganz aufhörten. Allmähliches Besserwerden. Am 23. Mai verließ er das Bett, aber noch viele Tage blieb Zusammengefallenheit, Kraftlosigkeit, unterbrochener Nachtschlaf, Augenschwäche, Unfähigkeit zu geistigen Arbeiten zurück. Anfangs Juni regten sich die frühern Symptome wieder, Dumpfheit im Kopfe morgens, Schwere und Vollheitsgefühl nach dem Essen, gesteigerte Empfindlichkeit seiner Sinne, namentlich des Geruchs. Durchfällige Öffnung nach der gewöhnlichen täglichen, Schwindel, Kopfschmerz, allgemeines Unwohlsein, mit kleinen gelblichen Flecken im Gesicht (immer nur von halb elf bis zwölf Uhr). Brennen den Hals herauf. Er bekam am 16. Juni Sepia Er roch nüchtern an dem trockenen Stöpsel eines Gläschens, worin ein mit Dezillionverdünnung der Sepia befeuchtetes Streukügelchen lag. Ehe noch der Stöpsel sehr nahe an seine Nase kam, verspürte er den Geruch der Arznei, sonst aber nichts Schlimmes. Nach einer Viertelstunde Wehtun an den Schläfen, beim Anfühlen ärger. Dann nach und nach die Symptome 17, 18, 123, 165, 300, 305, 306, 914, 1079 usw. Die Sprache rauh, katarrhalisch. Langsames, mattes Reden. Schwankender Gang. Um drei Uhr nachmittags ein Fieberanfall, ähnlich jenen, von 1177 bis 1184 beschriebenen. Plötzlicher brennender Ausschlag am Halse, welcher gegen Abend wieder abnahm. Starkrotes Gesicht. Aufgelaufene Adern der Arme und Hände. Auf einem Abendspaziergang war es ihm auf einmal, als ob ihm etwas wie Ameisen die Beine herauf laufe oder krieche, und als die Empfindung aufwärts bis an die Herzgrube kam, fühlte er daselbst und quer unter der Brust schmerzliches Drücken. Dabei war ihm heiß und es entstand starker Schweiß, die Glieder taten ihm weh. Ungefähr eine Stunde dauerte die Hitze und das Schwitzen, dazwischen Frostschauder. Mit starkem Schaudern und Schütteln endigte der Zustand, der Kopf war sehr erleichtert. Er mußte aber wegen Mattigkeit noch lange sitzen, ehe er nach Hause gehen konnte. Den Tag über Drücken auf der Stirne. Im Bette vor dem Einschlafen reißende Schmerzen in den Gelenken und an andern Teilen des Leibes, z. B. die Ohren herab, in den Hüftknochen. Nachts Schwitzen so arg, daß er das Hemd wechseln mußte. Am zweiten Tag mehrere Arzneisymptome neben Verminderung einzelner Krankheitssymptome, z. B. statt seines gewöhnlichen Vormittagsübels nur eine halbe Viertelstunde lang etwas Unwohlsein. Als ganz eigentümliches Arzneisymptom hatte er abends Klingen im rechten Ohre, wie von einer Schelle, mit Kopfweh. Dann war ihm, als ob ein Tropfen an der rechten Seite des Kopfes herabfiele, worauf das Klingen verschwand, der Kopfschmerz aber stärker wurde. Den dritten und vierten Tag wenigere Arzneibeschwerden, vom fünften Tag völliges Wohlseinsgefühl und vom neunten tägliches Besserwerden. Er konnte sogar jetzt starke Gerüche vertragen, ohne besonders davon angegriffen zu werden. Dieser günstige Zustand dauerte bis zum 15. Juli, an welchem Tage ihm der Unfall begegnete, daß er mit dem Hüftknochen der rechten Seite an die Schneide eines Fenstergesimses anstieß. Er fühlte von dem Fleck, an dem er sich gestoßen hatte, einen Schmerz den Rücken herauf bis zum Genicke, dann einen Riß im linken Auge mit Hitze im ganzen Körper, eine halbe Stunde darauf Kopfschmerz usw. Die gestoßene Stelle blieb fortwährend schmerzhaft, er konnte nachts nicht auf dem Rücken liegen. Da sich immer mehr Zufälle entwickelten, so bekam er am zweiten Abend Arnica und zwar bloß den Stöpsel eines Gläschens, worin ein mit der letzten Verdünnung angefeuchtetes senfsamengroßes Streukügelchen lag, aus spannenweiter Entfernung zu riechen. Ganz merkwürdig nahm jetzt die erste Empfindung, welche Hauser davon hatte, gerade den umgekehrten Weg, welchen die Wirkung des Stoßes genommen hatte. Die Arzneiwirkung ging ihm zuerst in den Kopf, dann riß es ihm in dem linken Auge, von da zog ein brennender Schmerz das Genicke herab bis an die Stelle, an welche er sich gestoßen hatte, von hier stieg die Empfindung wieder zurück bis an das Genick, worauf sie unter Schaudern verschwand. Weil Hauser sich augenblicklich gar zu heftig angegriffen fühlte, so ließ man ihn aus der Ferne an ein verstopftes Gläschen riechen, das Kampferverdünnung enthielt, worauf Erleichterung folgte. Diese Hilfe mußte am zweiten Tage noch einmal wiederholt werden. Nach sechs Tagen Besserung. Im August wurde er aber wieder rückfällig. Das Bedürfnis des Kopfwaschens nach dem Aufstehen kam wieder; auch wurde er zusehends dick und fett, worüber er sich sehr beklagte. (Hauser hatte einen Abscheu vor allen fetten Personen, weil er glaubte, dieser Zustand zeuge von großer Unmäßigkeit im Essen und Trinken.) Er bekam am 18. August 1829 Calcarea. Es wurde ihm ein Stöpsel ein Zoll weit vor die Nase gebracht, auf welchem ein mit der letzten Verdünnung befeuchtetes Streukügelchen im umgewendeten Gläschen nur einige Augenblicke war herum bewegt worden. Sogleich entstand Husten und Eingenommenheit des Kopfes. Starker Mundgeruch. Nach der Leibesöffnung fühlte er sich abgeschlagen. (Somit lösen sich die Klammern von 540 bei Hahnemann auf.) Schon am zweiten Tage wurden ihm die Kleider weiter. (Hahnemann gibt in dem Vorwort zur Calcarea an, daß sie gegen das Dick- und Fettwerden bei Jünglingen helfe und Hauser war hoch erfreut, von seinem Erzieher zu vernehmen, daß er gegen diesen Übelstand ihm etwas geben könne.) Beim Gehen und Reiten wird er wund. Ferner die Symptome 12, 140, 171, 331, 864, 923, 966, 1054, 1084. Ekel vor Fleisch. Starkes Haarausfallen (wie nach Silicea ). Anlaufen der Adern in der Hand mit Hitze im Gesicht. Als man ihn zur Milderung der Arzneibeschwerden an Kampfer riechen ließ, fingen die aufgelaufenen Adern auf der Stelle an zu verschwinden. Seine Dicke nimmt täglich ab. – Erst am 4. September ißt er wieder mit Behagen Fleisch. Die Besserung schreitet fort bis zum 24. September. Mehrtägige Gemütsbewegungen hoben nun die Wirkung der Calcarea auf. Die jetzt besonders hervorstechenden Beschwerden bestimmten zum Zwischengebrauch der Nux vomica Es wurde dabei am 4. Oktober folgender Versuch gemacht. Man ließ Hauser an ganz reine oder bloß mit reinem Weingeist befeuchtete Stöpsel riechen, während er glaubte, Arzneiliches riechen zu müssen. Allein er roch und spürte nichts. Abends endlich wurde eine um dreimal dreihundert Tropfen weiter als Dezillion getriebene Verdünnung auf die Weise angewendet, daß ein damit befeuchtetes größeres Streukügelchen in ein Glas gebracht und verschlossen und später der trockene Stöpsel, ohne mit dem Kügelchen in eine Berührung gekommen zu sein, auf eine Spanne weit vor Hausers Nase gebracht wurde. Es zeigte sich baldige und heftige Verschlimmerung, gegen welche wiederholtes Riechen an Kampfer, Wein, Kaffee usw. nur wenig ausrichtete. Es zeigte sich große Verworrenheit in allen Erscheinungen, was freilich später auf schreckliche Weise sich aufklärte. Hauser wurde als halber Somnambule von der Ahnung eines ihm drohenden Unglücks physisch so aufgeregt, ohne sich anfangs es deutlich bewußt zu sein. In den letzten Tagen aber verfolgte ihn unaufhörlich der Gedanke, er werde erschlagen werden. Als nun am 17. Oktober mittags zwischen elf und zwölf Uhr der Angriff auf sein Leben wirklich geschehen war, und man nach zwölf Uhr ihn in dem Keller, wohin er, ohne zu wissen, was er wolle, nach empfangener Verwundung sich geflüchtet hatte, bewußtlos fand und zu Bette brachte, waren seine Augen erblindet, er wußte nicht, wo er war, wollte immer nach Hause gebracht werden, erzählte seinem indessen nach Hause gekommenen Erzieher den Hergang der Sache, worauf er bald wieder in Besinnungslosigkeit verfiel, welche zwei Tage lang mit von Zeit zu Zeit ausbrechenden Paroxysmen anhielt, in denen mehrere starke Männer Mühe hatten, ihn zu bändigen. Wurde die Wunde berührt oder traf ein Lichtschein seine geschlossenen Augen, so kamen die Anfälle von neuem. Auf die erste Nachricht von der geschehenen Untat eilte ich herbei und fand ihn in dem erst geschilderten Zustande. Ich versuchte die schnelle Vereinigung der Stirnwunde mittels Auflegen einer warmen Leim-Auflösung als das mir bekannteste indifferente Mittel hierzu und schickte alsbald aus meinem Hause ein Gläschen, worin ich ein frisch angefeuchtetes Streukügelchen von Aconit VIII fallen ließ und mit einem Stöpsel verschloß. Herr Professor Daumer nahm diesen Stöpsel ab, setzte einen neuen nur einen Augenblick an seine Stelle und brachte diesen gegen Hausers Nase. Sogleich fuhr dieser auf, tobte gewaltig und die Anfälle wiederholten sich schnell nach einander mit Ungestüm. Dabei stieß er die Worte aus: »stinkt, stinkt,« – »warum mir so garstige Sachen geben?« Nach zehn Minuten wurde er ruhig. Aber nach einiger Zeit brach er los und riß den Verband von der Stirne, den er von nun an auch nicht mehr duldete. Als das Bewußtsein zurückgekehrt war, erzählte er seinem Erzieher in beinahe poetischen Ausdrücken, was ihm geschehen, mit Einmischung scharfsinniger Vermutungen und Erklärungen. Er war in einem erhöhten Zustand, wie solches auch der ihn besuchende Dr. Ofterhausen beobachtete. Er zeigte sich jetzt wieder gegen Metall, Glas und Animalisches ebenso empfindlich als er es früher gewesen war. Dieses bewog seinen Erzieher, den Mesmerismus anzuwenden. Er fand unter seinen Wärtern einen Mann, welcher allem Anschein nach rein (sowohl apsorisch als unvenerisch) gesund und sehr robust, dabei wohlwollend gegen Hauser gesinnt war. Diesen ließ er die Hände auf die mit einem wollenen Wams bekleideten Arme Hausers legen, worauf Linderung der Schmerzen und allgemeines Wohlseinsgefühl erfolgte. Auf das zweite Auflegen Einschläferung und der erste erquickende Schlummer. Am folgenden Abend (20. Oktober) machte ein kurzes Auflegen Urinieren, was er bisher nur schwer konnte. Darauf wieder erquickender Schlummer – auch steter, guter Nachtschlaf. Auf der bloßen Hand vertrug er des Mannes Hände nicht, auch nicht auf der bekleideten Brust, die jetzt am schmerzlichsten war – das Auflegen aber auf den Vorderarm zog jedesmal die Schmerzen von der Brust. Die Wirkung verkündigte sich immer durch Wärme an der berührten Stelle. Als der Mann einmal gegen die Hand herab rückte, entstand Zittern derselben und Kopfweh. Das Auflegen der Hand durfte nicht lange geschehen, sondern nur nach dem Wunsche des Kranken. Wohltätig war es ihm, dem Manne in die Augen zu schauen. Es verminderte sich dadurch die Lichtscheue. Jetzt konnte er den Blick und die Annäherung seines Erziehers nicht ertragen. Von der Annäherung einer andern Person bekam er Aufstoßen bittern Wassers. Von einer Katze empfand er Ziehen, dann widriges Abstoßen; vom Besehen im Spiegel in der Wunde und in den Augen starkes Ziehen zum Spiegel hin; es war ihm, als stürze Blut aus der Wunde; im Körper Frost (Wirkung des Quecksilbers). Als der Arzt (ich) einmal bei Untersuchung der Wunde oben und unter derselben mit vier Fingern die Stirne leise drückte, bekam er an den vier gedrückten Stellen schmerzliche Geschwülste. Pulsfühlen erregte ihm Schmerzen in allen Gliedern. Bis zum 22. Oktober hatte er seit seiner Verwundung keine Leibesöffnung gehabt. Sein Erzieher ließ durch jenen Mann eine Tasse Wasser ganz leise überstreichen und Hauser daran riechen. Es wurde ihm sogleich im Kopfe besser; es war ihm, als ziehe sich etwas den Kopf herab bis zum Magen, wo eine drehende Empfindung begann. (Wahrscheinlich ähnlich mit dem früheren Laufen im Kreise herum; Affektion des plexus solaris) . Nach einer Viertelstunde reichliche Öffnung; am folgenden Nachmittag nocheinmal. Jedesmal nach der Öffnung Aufstoßen, was sonst nie der Fall war. Am nächsten Tag konnte Hauser die Berührung seiner bloßen Hand durch die Hand jenes Mannes eine kleine Zeitlang gut ertragen. Auch später (18. November) hatte das Riechen an so magnetisiertem Wasser Leibesöffnung zur Folge. Der Geruch stieg ihm angenehm wie Weinduft in den Kopf. Sowohl im Kopfe als im Unterleib war ihm die Wirkung äußerst angenehm, er wußte nicht, was ihm wohler tue. Gegen die Mitte des Novembers fanden sich allmählich wieder bei Hauser folgende Beschwerden ein: Mundschleim, Mundgeruch, Augenschwäche, Schwäche des Kopfes, dunkelroter Urin, krankhafte Empfindlichkeit überhaupt. Noch schlummerte in ihm der Geschlechtstrieb gänzlich. Es wurde beraten, nun Lycopodium anzuwenden. Dies geschah am 15. November, morgens neun Uhr folgendermaßen. Herr Professor Daumer hatte in einem Gläschen ein Präparat des Lycopodium bis zum vorletzten Verdünnungsgrade gebracht (10 000/IX) in Pulverform. In dieses Gläschen ließ er ein senfkorngroßes Streukügelchen rollen und unter Nacht darin liegen. Dann nahm er es wieder heraus, löste es in hundert Tropfen reinen Wassers auf und schüttelte das Gläschen mit zwei Armschlägen. Nun sollten noch weitere Verdünnungen davon gemacht werden. Zu diesem Ende mußte Hauser vorher in einem besonderen Zimmer an alle Gläschen und Stöpsel riechen, welche hierbei verwendet werden sollten. Er fand alle rein und ohne Geruch. Als er aber, nachdem zwei Verdünnungen bereitet waren, abermals an dem dritten noch nicht gebrauchten Stöpsel roch, erklärte er sogleich, dieser sei jetzt nicht mehr rein – es steige ihm ein Geruch davon in den Kopf; er mußte zu schreiben aufhören. (Wahrscheinlich hatte sich während der obigen Arzneiverdünnung ein Duft davon verbreitet und in den Stöpsel gezogen. Denn so roch auch Hauser bisweilen an den ausgekochten Stöpseln, wenn in ihrer Nähe mit Weingeist war operiert worden, nachher den weingeistigen Duft. Wohlzumerken, Hauser kam nie in das Zimmer, worinnen die Arzneiverdünnungen vorgenommen wurden.) Bald wurde ihm voll und schwindlich im Kopfe; es senkte sich herab auf die Augen, welche stark brannten und tränten. Goldflimmern fielen wieder vor seinen Augen auf die Erde (siehe oben beim Schwefel). Auf Kampfer einige Milderung. Mittags roch er zufällig Zimt; sogleich verschwand das Brennen der Augen gänzlich. – Schnupfen. – Vor der Öffnung Jucken, Brennen, Wehtun in der Eichel des männlichen Gliedes. Am dritten Tage dasselbe Gefühl wieder, und die erste Erektion . Allgemeines Unwohlsein – wo er sich berührt, tut es ihm wehe ! – An den folgenden Tagen jedesmal die nämliche Erscheinung vor der Öffnung. Vom fünften Tage an tritt allmählich Besserung ein. Er versichert, daß diese Arznei die beste sei unter allen, welche er noch bekommen habe. Am neunten Tage nach der Erektion große Kraft und Klarheit in den Augen, was er näher so beschrieb: Es kam ihm von den Fußzehen bis an den Leib ein Gefühl wie Spinnenlaufen. Wie es mitten an den Leib kam, wurde ihm warm; dann blieb es ein wenig stehen und stieg hernach weiter aufwärts; als es an die Schultern kam, ging es schnell in den Hals, wo er an zwei Stellen ein Gefühl des Reißens oder Abreißens hatte; nachher brannten diese Stellen. Hierauf kam es ihm in die Augen, er hatte die Erscheinung des Goldfallens sehr stark; die Augen brannten, es war ihm, als flamme und blitze es ihm in die Augen, und seitdem waren diese klarer und kräftiger als sonst. Am 15. Dezember waren das Brennen und Jucken in der Eichel vor der Erektion verschwunden. Es stellte sich dafür allmählich ein wollüstiges Gefühl ein; doch kam es nie zu einem eigentlichen Geschlechtstrieb. (Noch im Frühling 1839 hielt er sich über die Erektionen mit der größten Unbefangenheit als über etwas ganz Unnützes auf, was er nicht an sich haben wolle.) Um diese Zeit trat Hauser aus der Pflege seines bisherigen Erziehers, wo man die Meinung hegte, daß er nunmehr seiner Natur überlassen und nur bei besondern Erkrankungen und dringenden Fällen ärztlich dürfe behandelt werden. Solche Fälle traten zwar oft genug ein, indessen war eine mit Konsequenz weiter fortgeführte antipsorische Behandlung nicht mehr möglich. Daher schlummerte auch das durch Lycopodium geweckte Geschlechtsvermögen später gänzlich wieder ein. Graphit, in hoher Potenzierung angewandt, rief es einmal wieder hervor, doch konnte unser Verfasser hierüber nichts Näheres aufzeichnen. Rhus. Von Zahnschmerz heftig geplagt, war Hauser beinahe schon unter den Händen des zur Ausziehung des Zahns herbeigerufenen Dentisten, als der Verfasser dazwischen kam und Rhus angezeigt fand. Er berührte mit dem trockenen Stöpsel eines Gläschens, worin die 28. Verdünnung enthalten war, ein senfkorngroßes Streukügelchen, und ließ Hauser an diesem riechen. Auf der Stelle vermehrte sich der Schmerz, das Auge dieser Seite wurde angegriffen und der kranke Zahn fing an zu bluten . Nach einer Viertelstunde Schwinden des Schmerzes. Später brachte erst diese Arznei noch allgemeines Besserwerden. Am 28. Mai 1839 erhielt Hauser, weil er durch angestrengtes Nachsinnen über erweckte Erinnerungen aus seiner Kindheit sehr angegriffen war und an Kopfschmerz litt, Nux vomica. Mit dem Stöpsel eines Gläschens, in welchem nux vomica bis zum 28. Verdünnungsgrade gebracht in Pulverform verwahrt war, wurde ein Streukügelchen berührt und in ein zweites Gläschen gebracht. Mit dem Stöpsel dieses Gläschens, nachdem dasselbe einen Augenblick lang umgekehrt und das Kügelchen mit dem Stöpsel in Berührung war gebracht worden, wurde nun ein zweites Streukügelchen berührt und in ein drittes Gläschen gebracht und auf diese Weise bis zum fünften Gläschen fortgefahren. Hauser hatte vorher alle Gläschen, Stöpsel und Streukügelchen berochen und sie für ganz rein erklärt. Nun wurden rückwärts in der Ordnung die Gläschen dem Hauser zum Riechen gegeben. Beim dritten Gläschen sagte er, daß ihm Arzneigeruch in den Kopf steige. Der Kopfschmerz verstärkte sich, die Augen tränten und schmerzten. Nach einer Stunde aber war der Kopfschmerz verschwunden und Besserung erfolgte von Tag zu Tag, obgleich sein Geist und Gemüt fortwährend angestrengt war. Am ersten Tage erfolgten zwei durchfällige Öffnungen, was gewöhnlich auf arzneiliche Einwirkung erfolgte. Später kam Hauser abermals sehr herunter. Unzufriedenheit mit seiner äußeren Lage und Unregelmäßigkeit in seiner gegenwärtig zu führenden Diät gaben hierzu Ursache. Er wurde kraftlos, konnte nichts mehr fassen und merken, hörte schwerer, fiel ab und sah schlecht aus. Er machte sich wenig Bewegung und verlor den Appetit. Auch seine Lieblingsspeisen reizten ihn nicht mehr. Der Leib war aufgetrieben, die Witterungsveränderungen waren ihm empfindlich. Brustschmerz, nachts den Schlaf raubend. Des Tags öfters Schweiße mit Unwohlsein. Das Essen war ihm zuwider. Vom Lesen zitterten die Hände, hierauf Kopf- und Brustschmerz und Blutausspucken. Seit einer vor drei Wochen nachmittags um vier Uhr erlittenen Kränkung muß er täglich um die nämliche Zeit Blut spucken . Auch gegen diese beträchtliche Reihe von Beschwerden erhielt er nux vomica als Arznei und zwar unter folgender Gestalt. Sein Erzieher berührte mit dem Stöpsel ein Gläschen, worin ein mit der 34. Verdünnung (100/XI) befeuchtetes Kügelchen lag, ein anderes Kügelchen und ließ es in ein reines Gläschen fallen; mit dem Stöpsel dieses Gläschens berührte er ein drittes Kügelchen, das sodann in ein drittes Gläschen kam. An den Stöpsel dieses Gläschens mußte Hauser riechen, und da er nichts roch, an das Gläschen selber. Auch hierbei roch er nichts. Auf sein dringendes Bitten ließ man ihn hierauf an das zweite Gläschen riechen und auch da roch er nichts. Auf weiteres Ausfragen zeigte sich's, daß Häuser schon seit einiger Zeit einen fauligen Geruch in der Nase hatte, welcher ihm diesmal den spezifischen Geruch der Arzenei verhüllte. Aber dagegen zeigte sich Eingenommenheit des Kopfes, stärkerer Kopfschmerz und nach einer kleinen Weile Blutauswurf und Schweiß, der Brustschmerz vermehrte sich und er mußte sich legen. Das Sprechen tat ihm weh, er verlangte gänzliche Stille. Zur Milderung Riechen an Wein, später an Kaffee. Weiter großer Durst, besserer Schlaf. Am zweiten Tag dreimal durchfällige Öffnung. Er war seit einiger Zeit obstruiert. Schon am vierten Tage fühlte er sich vollkommen hergestellt. Eine abermalige, noch mehr verfeinerte Anwendung der nux vomica fand zur Beseitigung erneuter Beschwerden, welche seine gegenwärtigen, ihm widrig gewordenen Verhältnisse immer wieder herbeiführten, am 9. August 1830 statt. Diesmal mußte Hauser, nachdem er Mund und Nase durch ein Tuch verschlossen hatte, den Zeigefinger auf die Öffnung eines Gläschens legen, worin sich einige Tropfen von nux vomica (X.) befanden. Sogleich verspürte er Brennschmerz an diesem Finger, es zog von den Teilen des Kopfes, welche ihn bisher schmerzten, durch den Arm stark herab. Die Augen brannten und wässerten. Bald war der Finger wie abgestorben und von jedermann kalt anzufühlen. Aber auch schon nach ein paar Minuten war der Kopfschmerz weg. Am andern Tage wurde, weil eine Störung die Arzneiwirkung zu bald unterbrochen hatte, der Versuch wiederholt, aber dahin abgeändert, daß Hauser bloß den Stöpsel eines verschlossenen Gläschens, worin ein paar Tropfen von beinahe (XII.) der nux vomica enthalten waren, berührte. Es erfolgten die nämlichen Symptome, aber in weit schwächerem Grade und schneller vorübergehend – nur die Kälte am Finger hielt lange an . Nach einer Viertelstunde schon Besserung. Hauser freute sich kindisch, als man ihm eine Lieblingsspeise vorschlug. Die übrigen Tage Wechselzustände. Am 24. August völliges Wohlbefinden. Arnica. Als Hauser nach einiger Zeit beim Turnen vom Barren abglitschte, erschütterte und quetschte er sich den rechten Arm unter der Achsel. Sogleich heftiger Schmerz, Verdunklung des Gesichts, auf der Achsel ausgetretenes Blut. Wenn er den Arm aufhob, fielen Goldflimmern vor den Augen herab. Aufstoßen aus dem Magen und übler Geruch. Bei Bewegung des Zeigefingers schmerzte die Schulter. Arm und Hand stark geschwollen. Ich schickte sogleich Arnica IV/^0 zum Riechen. Allein der gleichfalls herbeigeholte Wundarzt erklärte, diese Sächelchen könnten hier nichts helfen, man müsse der Gefahr kräftiger vorbeugen und ließ kalte Umschläge mit Essig, Salpeter und Salmiak machen. Aber der Schmerz wurde immer heftiger, ebenso das Kopfweh vom Geruch des Umschlags. Nach Mitternacht Erbrechen; Hauser glaubte sterben zu müssen. Am anderen Morgen fand ich ihn höchst elend. Ich ließ sogleich den Umschlag beseitigen und den ganzen Arm wiederholt mit lauem Wasser so viel als möglich von allem anhängenden Geruch jenes Umschlages reinigen. Hierauf mußte Hauser mit zugehaltener Nase und Mund den rechten Zeigefinger über obiges Gläschen halten. Augenblicklich entstand fürchterlicher Schmerz in der verletzten Stelle, Messerstichen ähnlich. Diese fuhren von dieser Stelle zum Zeigefinger, dann zurück zur Schulter und dann in den rechten Fuß. Dieser zitterte, es entstand Wadenklamm, alle Zehen wurden krampfhaft eingezogen. Hauser schrie vor Schmerzen laut auf. Mit einem Ruck, der oben und unten gefühlt wurde, war der Schmerz weg – es folgte Frost. Nach einer Viertelstunde schmerzte der Arm nur noch, wenn er ihn bewegte. Der Finger war ganz kalt von allen Anwesenden anzufühlen und schälte sich in der Folge ab . (Hauser versichert, früher beim Riechen der Arzneien sei ihm jedesmal auch die Nase kalt geworden.) Noch einige Tage Schmerz im Arm zur Zeit, wo er die Arznei empfangen hatte. Von jetzt an erfreute sich Hauser eines beinahe ungestörten Wohlseins. Erst im Hochsommer 1831, also nach mehr als dreiviertel Jahren, fanden sich wieder mehrere Beschwerden ein; er klagte über große Reizbarkeit und Hinfälligkeit, unterdrückte Geisteskraft, über Schwere und Gespanntheit in den Händen mit hochaufschwellenden Adern, worauf ein Übelsein im Leibe folgte. Herr Professor Daumer wollte einmal einen entscheidenden Versuch machen, wie weit die quantitative Verminderung der Arzneipotenzen bei Hauser getrieben werden könne, ohne daß jede Einwirkung auf ihn verloren ging, aber die lästigen Erstwirkungen möglichst beseitigt würden. Er wählte hierzu Silicea (XXXIV.) Das Gläschen, welches diese hohe Verdünnung enthielt, wurde an ein offenes Fenster ferne von Hauser verschlossen hingestellt und er mußte mit ausgestrecktem Finger sich ihm nähern. Ehe er das Gläschen noch hätte berühren können, zuckte der Finger und Hauser sagte nachher: er habe den Arm herab und wieder zurück einen leichten Stoß gefühlt. Sonst auf der Stelle keine Veränderung. Nach einer kleinen Weile Wärme durch den Körper. Ungefähr nach einer Stunde durchfällige Öffnung. Am zweiten Tag viermal Nasenbluten, darauf jedesmal Schwindel, dann Gefühl von Leichtigkeit und Kraft. An eben diesem Tage stellte sich lange fortdauernder starker Fußschweiß ein. Als schlagender Beweis, wie tief Herr Prof. Daumer in den Geist der homöopathischen Lehre eingedrungen ist, und mit welchem Scharfsinn er jeden Gegenstand zu erfassen und zu durchschauen vermag, soll hier die bei Erwähnung des hier auf Silicea erfolgten fortdauernden starken Fußschweißes von ihm gemachte Bemerkung vollständig und wörtlich mitgeteilt werden: »Dieser (Fußschweiß) ist zwar ein Krankheitssymptom und kann bei vollkommen geheilter Psora nicht stattfinden; allein er ist eine der wichtigsten und gewöhnlichsten palliativen Beschwerden der Natur, den unterdrückten Urausschlag der Psora, der das innere Leiden beschwichtigen und die Wirkung des durch die Natur nicht austilgbaren Miasma nach außen hin ableiten sollte, zu ersetzen. Indem nun die Natur infolge der das Miasma schwächenden Arznei die Überhand über dasselbe zu gewinnen begann, vermochte sie eine palliative Ableitung zu veranstalten, wodurch sie das große innere Siechtum oft so viele Jahre lang am Ausbruch hindert und das ausgebrochene mildert. Jener Fußschweiß kann somit als eine Heilwirkung der Silicea angesehen werden, die indessen ebenso auch solchen Fußschweiß zu heilen vermag, wenn sie nämlich zu einer Zeit und unter Umständen gegeben wird, wo das Afterleben des Miasma im Organismus bedeutend zu sinken beginnt, und die Natur, während die Arznei den inneren Feind vertilgt, nicht mehr nötig hat, solche Ableitung nach außen zu veranstalten.« (Preu) Nach einigen Tagen verlor sich alles vorherige Unwohlsein. Besonders wurde nun Hauser in geistiger Hinsicht viel besser. Hierauf lange Zeit dauerhaftes Wohlsein. Hier endigen sich die vom Herrn Professor Daumer an Hauser angestellten homöopathischen Versuche und Beobachtungen. An sie mögen sich noch ein paar anreihen, welche ich an Hauser besonders zu machen Gelegenheit hatte. Da Hauser aus seinem früheren Kerkerleben durchaus sich nicht erinnern konnte, daß er jemals gewaschen, gereinigt, umgekleidet oder ihm die Haare, die Nägel abgeschnitten worden, so mußte als gewiß angenommen werden, daß diese Prozeduren jedesmal im Schlafe mit ihm geschehen waren. Wohl aber erinnerte sich Hauser, daß sein täglich bei ihm sich vorfindendes Trinkwasser gewöhnlich sehr gut, dazwischen aber manchmal recht widrig geschmeckt habe. Dieses führte auf die Vermutung, daß ihm zu Zeiten ein Schlaftrunk im Wasser möchte beigebracht worden sein. Um hierin der Wahrheit so nahe als möglich zu kommen, ließ ich Hauser auf drei Schritte weit an die zweite Verdünnung von Opium riechen. Er erklärte sogleich, daß er den nämlichen Geruch jetzt wieder in der Nase habe, welchen er ehehin an seinem Wasser gefunden habe, wenn es so schlecht schmeckte. Ich widersprach es und versicherte ihn, diesen Geruch aus einem andern Gläschen ihm sicherer zu verschaffen. Ich hielt ihm nun eine gleiche Verdünnung von Oleander vor. Allein er war nicht mehr irre zu machen. Zugleich äußerte er große Schläfrigkeit und Betäubung. Ich brachte ihn auf mein Sopha, wo er augenblicklich einschlief und nach eineinhalb Stunden kaum zu erwecken war. Als er aufgewacht war, taumelte er wie ein Betrunkener und mußte heimgeführt werden. Nachher fand sich großer, schwer zu stillender Durst ein. Gleicher Durst, äußerte früher schon Hauser, habe ihn jedesmal geplagt, wenn er vorher jenes schlecht schmeckende Wasser getrunken habe. Hierdurch ist es nun sehr wahrscheinlich, daß Opium die Substanz war, deren der Unbekannte sich bediente, in dessen Händen Hauser so lange geschmachtet hatte, um ihm unbemerkt und ungesehen die oben ausgesprochene Hilfe leisten zu können. Zugleich mag aber auch ein großer Teil von Hausers krankhafter Reizbarkeit auf die so oft sich wiederholende Einwirkung einer so mächtigen Arznei als Opium ist, beim gänzlichen Mangel anderer ausgleichender Potenzen zu schieben sein. Eine zweite zufällige, aber nicht minder interessante Beobachtung hatte ich Gelegenheit im Frühjahr 1831 zu machen, wo ich Hauser eines Abends zu mir gebeten hatte, um einige über ihn gesammelte Notizen noch einmal mit ihm durchzugehen. Während dieses Geschäfts wurde eine homöopathische Arznei bei mir abverlangt. Meine Gattin langte mir zu diesem Zwecke mein homöopathisches Arzneietui zu, in welchem von allen Arzneien die letzten Verdünnungen an Streukügelchen in ganz kleinen zylindrischen Gläschen von einem halben Zoll Höhe wohl gepfropft in Fächern eingereiht liegen, mit einem seidenen Kissen bedeckt und dann erst noch durch den allgemeinen Deckel verschlossen sind. Dabei reichte sie dieses Etui in einiger Entfernung von Hausers Nase hin. Ich öffnete dasselbe, nahm das nötige Kügelchen heraus, gab das Pülverchen ab, schloß das Etui wieder zu und wollte nun mein Gespräch mit Hauser fortsetzen. Aber dieser saß besinnungs- und regungslos neben mir, gerade so, wie ihm jedesmal geschah, wenn er über einen Gegenstand scharf nachdachte. Erst auf zweimaliges Zurufen seines Namens, verbunden mit Anrühren seines Körpers, kam er zu sich, sagte, daß ihm ein widriger Geruch in die Nase und in den Kopf gestiegen sei – er entfärbte sich und bekam nach ein paar Minuten Nasenbluten. Ungewiß, ob das vor ihm vorübergelangte Etui oder vielleicht doch bloß das Nachdenken über die von mir ihm vorgelegten Fragen diesen Zustand herbeigeführt habe, ließ ich nach einer Weile das verschlossene Etui noch einmal vor ihm hin mir zulangen und die ganze Szene wiederholte sich, sogar das Nasenbluten kehrte wieder. Hierbei äußerte sich Hauser gegen mich, daß er jedesmal, wenn ihm die Nase bluten wolle, einen scharfen Zug vom Hinterhaupte über den Scheitel weg zur Stirne spüre, wenn aber das Bluten aufhöre, so ziehe es auf dem nämlichen Wege hinterwärts. Diese letzte Beobachtung hat das Eigene, daß nicht ein bestimmter einzelner Arzneigeruch gegen Hauser in Wirkung kam, sondern ein Vielgemisch von mehr als hundert hochverdünnten Arzneien. Ein abermaliger Beweis von der außerordentlichen Kraft, welche durch vielfache Potenzierung aus den Arzneien entwickelt und bis zum wahrhaft geistigen Wesen gesteigert wird. Wohl werden unsere Gegner auch gegen diese Beweise, sowie gegen die hochwichtigen Entdeckungen meines Freundes sich mit ihrem alten historischen Unglauben schützen, nur stehen ihnen diesmal die Zeugnisse aller derer entgegen, welche mit Augen sahen und mit Ohren hörten, was hier der Welt mitgeteilt wird. Ich schließe nun diesen Auszug mit der ehrlich gemeinten Verwahrung, als hätte ich dadurch meines Freundes Arbeit für die Leser und Besitzer dieses Archivs entbehrlich machen wollen. Vielmehr hoffe ich, sie alle erst auf den Selbstbesitz dieser »Mitteilungen« begierig gemacht zu haben. Immer konnte ich nur einen mageren Auszug der wirklichen Tatsachen liefern. Hätte ich die durchgehends eingewebten höchst interessanten und scharfsinnigen Bemerkungen des Verfassers auch mit aufnehmen wollen, so wäre mir nichts übrig geblieben als das ganze Werk wörtlich abzuschreiben. I. G. Meyer. Kaspar Hauser wie er wirklich ist und was aus ihm werden kann Ein unumwundenes Urteil von seinem Lehrer im Juli 1833, zugleich als ausführlicher Bericht an seine Herrlichkeit Herrn Graf Stanhope dienend. Akten des K. Kreis- und Stadtgerichts Ansbach, Bd. 5a – Justizministerialakt Nr. 2113, Beilage, eingeheftet zwischen Fol. 37 und 38. Beglaubigte Abschrift. Mir mag's diesmal gehen wie jenem deutschen Schriftsteller, der einen Brief an seinen Freund mit den Worten anfing: »Du erhältst diesmal einen langen Brief von mir, weil ich nicht Zeit habe, einen kurzen zu schreiben.« – Eine bessere Ausführung und mehrfachere Begründung meiner Ansichten über Kaspar Hausers Individualität mir für die nächste Zeit vorbehaltend, kann ich mich diesmal wegen Mangels an Zeit nur in nachstehender unbemessener Form äußern. Ich will dabei auf folgende Fragen antworten und meine Behauptungen immer nur durch die nächsten Erscheinungen belegen: I. Was zeigt Hauser fortwährend für geistige Anlagen? II. In welchem Verhältnis zu denselben steht sein Fleiß und Eifer im Lernen, und wie sind seine Fortschritte? III. Worin hat es seinen Grund, daß Hausers Leistungen nur selten vom rechten Standpunkte aus aufgefaßt und auf die rechte Weise gewürdigt werden? IV. Welche besondere Umstände in Hausers Leben konnten bisher unmöglich auf seine moralische und intellektuelle Entwicklung vorteilhaft einwirken, und wie steht es gegenwärtig um sein geistiges Wesen in dieser doppelten – sowohl moralischen als intellektuellen – Hinsicht? V. Welche Hoffnungen darf man sich von ihm in bezug auf seine künftige bürgerliche Brauchbarkeit machen, und zu welchem Berufe möchte er sich am ersten eignen? ad I. Hausers Anlagen erscheinen wie vom Anfange an noch immer wohl mittelmäßig. Glaubten einige, von seinen ersten Fortschritten und Leistungen aus auf gute oder gar vorzügliche Anlagen schließen zu können, so war dies ein Befangensein im Ungewöhnlichen und Außerordentlichen, und also gewiß ein offenbarer Irrtum. Es konnte den Unbefangenen, weniger zu Extremen Geneigten, nicht überraschen, daß er in kurzer Zeit die Sprachlautzeichen, welche er ja alle schon schreiben konnte, als er in Nürnberg öffentlich auftrat, bald in der Druckschrift auffassen und zusammensetzen lernte. Ebensowenig zeugte der Umstand von mehr als gewöhnlichen Anlagen, daß er schnell eine ziemliche Anzahl Wörter im Gedächtnis behielt und einmal gesehene Personen sogleich wiedererkannte usw. Diese Sätze werden eines theoretischen Beweises nicht wohl bedürfen. Alle späteren Erscheinungen rechtfertigen sie vollkommen. Wie weit brachte er es denn auch bis zum 17. Oktober 1829, als dem Tage des geheimnisvollen Mordversuchs, mit welchem seine Kräfte erst geschwunden sein sollen? Vom 26. Mai 1828, seinem zweiten Geburtstage, bis zum 17. Oktober 1829, also in einer Zeit von fast eineinhalb Jahren, konnte er in keinem Falle so fertig lesen als ein siebenjähriges, mit guten Anlagen ausgestattetes Kind, das ein Jahr lang eine deutsche Volksschule besucht hatte. Auf gleiche Weise mußte sich's auch mit dem Schreiben und Rechnen verhalten. Erst zwei Jahre und zwei Monate nach erwähntem Mordversuche, nachdem er also schon dreieinhalb Jahre lang von einsichtsvollen Lehrern unterrichtet worden war, kam er in mein Haus und wurde zugleich meinem Unterrichte anvertraut. Welche geringe Fertigkeit und wie wenig Wohlklang er aber damals noch im Lesen hatte, welche grobe Fehler er im Rechtschreiben machte, wie verworren er die einzelnen Vorstellungen eines Gedankens zusammenstellte und erst die Gedanken selbst aneinander reihte, wie weniges er damals noch in der Arithmetik und anderen Gegenständen leistete, davon konnten sich mit mehreren insbesondere auch Seine Herrlichkeit usw. selbst überzeugen. Er war in seiner geistigen Kraft und allen seinen Leistungen kaum einem neunjährigen Knaben gleich, der bei guten (nicht vorzüglichen) Anlagen den Unterricht einer gewöhnlichen öffentlichen Schule erhalten hatte. In bezug auf das Rechnen und Schreiben kann ich diese Behauptung noch durch Hefte, Schreibbücher belegen. Daraus mag dann aber doch so ziemlich sicher entnommen werden können, daß Hauser nie mehr als mittelmäßige Anlagen besessen habe. Wollte man seine geringen Fortschritte in den ersten dreieinhalb Jahren seiner häufigen Kränklichkeit und dem Umstande zuschreiben, daß seine Kräfte keine Anstrengung ertrugen, so ist dagegen zu sagen, daß bei Hauser auch in dieser Beziehung wie in so manch anderer gerne übertrieben wird, daß er in allem und allem doch nicht wohl länger als ein halbes Jahr lang krank war und daß ihn in Nürnberg stets nur vorzügliche Lehrer unterrichteten und leiteten. ad II. Wenn man der Wahrheit ganz treu bleiben und keinerlei Rücksicht nehmen darf, so kann sein Fleiß und Eifer zum Lernen im ganzen ebenfalls nur mittelmäßig genannt werden. Momentan beweist er bisweilen wohl großen Fleiß, allein er hält damit nicht lange an, hat bei keinem Gegenstand die gehörige Ausdauer. Am wenigsten ist er mit den Gegenständen befreundet, welche eine anhaltende Aufmerksamkeit, ein längeres Verweilen und etwas mehr Mühe erfordern. So mußte man mit ihm schon im vorigen Sommer den Zeichenunterricht aufgeben, weil man sah, daß er durchaus keine Lust mehr zum Zeichnen hatte und gar keine Fortschritte mehr darin machte. Um von dem Zeichenunterricht und dem Zeichnen selbst loszukommen, wußte er den Herren seiner Oberaufsicht einleuchtend zu machen, daß er es mit dem Zeichnen aus freier Hand doch nie weit bringen könne, daß ihm dies nie etwas nütze und der Zeichnungslehrer Weber in der orientalischen Malerei, die er lernen solle und wolle, keinen Unterricht erteilen könne. Bemerkungen von meiner Seite, wie die, daß das Zeichnen zur allgemeinen Bildung gehöre, daß man zeichnen müsse, um sein Auge zu üben, seinen Geschmack zu bilden usw., wenn man auch davon keinen Gebrauch zu machen gedenke, daß es sein Pflegevater wünsche usw., fanden bei ihm keinen Eingang. Auch dem orientalischen Malen hatte er im vorigen Sommer – trotz verschiedener Gegenvorstellungen – schon längere Zeit Valet gesagt, als er im Hause des Herrn Generalkommissärs v. Stichaner Veranlassung erhielt, seine Kunst wieder hervorzusuchen und mehreren Damen Obst- und Blumenkörbe als Andenken zu malen. Damals war ihm seine Eitelkeit ein mächtiger Sporn zu besonderem Fleiße; er malte mehrere Wochen lang mehr, als mir lieb sein konnte, brachte es auch zu einer ziemlichen Fertigkeit. Was war's: als seine verehrten Bekannten mit Andenken versehen waren, legte er es wieder unter dem Vorwande beiseite, daß ihn darin niemand unterrichten, er für sich es nicht mehr weiter bringen und auch damit sich weiter keinen Vorteil verschaffen könne. Die Frage: »Was kann und wird es mir nützen?« legte er sich bisher überhaupt schon viel zu oft vor. So sehr sie in einzelnen Fällen zu empfehlen sein mag, so erscheint sie bei Hauser gewiß sehr vorzeitig, da er in der Regel noch nicht imstande ist, das wirklich Nützliche zu erkennen. Es war bisher auch nicht immer sehr leicht, ihm das Wahre und Nützliche einleuchtend und begreiflich zu machen. Er hörte unter seinen Verhältnissen immer mehrere Ansichten, und da traf sich's denn öfters, daß der eine das gleichgültig behandelte und für unnötig erklärte, worauf der andere ein Gewicht legen zu müssen glaubte. Auch bei Hauser traf oft das Sprichwort ein: »viele Köche versalzen die Suppe!« Ich gehe nun von seinem Fleiße im Zeichnen und Malen zu dem im Schreiben über. Das Zeugnis eines anhaltenden Fleißes hierin kann ich ihm ebenfalls nicht geben. Auf die eindringlichsten Ermahnungen nahm er sich oft vor, die ihm gegebene Anleitung zu befolgen und die Charaktere einer gefälligen Schrift genau nachzumachen. Allein er hielt selten länger als acht Tage aus. Die Fortschritte waren ihm nicht sichtbar genug; das langsame Schreiben war ihm lästig; das eigentliche Schönschreiben hatte bei ihm auf einmal wieder keinen besonderen Wert mehr; er behandelte es wie zuvor gleichgültig, und ich hatte mich auf eine Zeitlang mit ihm umsonst abgemüht. Er ist nicht ohne Sinn für gefällige Formen überhaupt und für gefällige Schriftzüge insbesondere; aber diese sich anzueignen, findet er bei der natürlichen Steifheit seiner Hand zu mühevoll, und dabei tröstet er sich wie der gewöhnliche Mensch damit, daß viele nicht so schön schreiben wie er. Seine Schrift hat sich zwar gebessert, aber bei weitem nicht so, daß man damit zufrieden sein könnte. Er hat sich nichts von dem Zügigen angeeignet, was zum Beispiel ich in meiner Schrift habe und was ihm sehr schön gestochene Vorlagen sowohl in englischer als deutscher Schrift vorzüglich zeigten. In der Geographie und den mit ihr zusammenhängenden Gegenständen war er auch nur eine kurze Zeit eigentlich fleißig. Später, als er sich auf der ganzen Erde im allgemeinen zu Hause fühlte und er täglich selbst einen kurzen Abschnitt durchgehen, Zusammenstellungen usw. machen sollte, leistete er selten mehr das Verlangte. Seine Fortschritte in diesen Gegenständen befriedigten jedoch so ziemlich, solange er darin Unterricht erhielt. Am regelmäßigsten arbeitete er im Rechnen fort. Von seinen Rechnungsaufgaben löste er wenigstens immer einige, oft auch alle. Bis zum Ärger verdrießlich zeigte er sich jedoch oft zu meinem Ärger dann, wenn er ein leichtes Exempel falsch rechnete und nach ein- oder zweimaliger Durchsicht den Fehler der Oberflächlichkeit nicht fand. Daß er noch am liebsten seine Rechnungsaufgaben machte, erklärte ich mir stets – und erkläre mir dies noch – also, muß es aber dem Urteile weiserer Einsicht überlassen, ob ich recht habe oder nicht. Jedes Exempel stellt sich hier als ein für sich bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust und Verlangen, und die Arbeit gewährt ihm dann Vergnügen, wenn er sie bald ganz vollendet sieht. Mit einem Rechnungsexempel ist er bald fertig, und darum geht er auch gerne daran. Was ihn dagegen lange beschäftigt, bis es vollendet ist, verursacht ihm Mißbehagen und kann ihm Veranlassung zu allerlei unwahren Entschuldigungen geben. Im schriftlichen Rechnen sind nun auch seine Fortschritte in letzterer Zeit noch sichtbarer als früher. Sie lassen sich leicht aus folgendem erkennen. Als er zu mir kam, rechnete er die vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit Sicherheit. Eine Null konnte ihm bald da bald dort unüberwindliche Schwierigkeit machen. Und nun sind wir außer der Wiederholung des Vorgehabten mit der Lehre von den Brüchen, von den Verhältnissen und Proportionen, von der einfachen und zusammengesetzten Proportionalrechnung und dem Kettensatze durch, und er rechnet alle dahin einschlagenden, nicht sehr verwickelten Aufgaben mit ziemlicher Fertigkeit. Sein Fleiß in der Bearbeitung deutscher Sprachaufgaben genügte ebenfalls nur dann, wenn diese ohne besondere Mühe zu lösen waren. Einfache grammatikalische Übungen machte er in der Regel gut. Hatte er aber nach einer bestimmten Formel z. B. erweiterte und zusammengesetzte Sätze zu bilden und den Stoff selbst zu wählen, dann fiel seine Arbeit oft sehr mangelhaft und leer aus. Das anhaltende Denken kostete ihn zu viel Anstrengung. Bei Fertigung kleiner Aufsätze, als Erzählungen, Briefchen ging es ihm besonders hart; darum schob er solche Arbeit oft so lange, als es ihm ohne Verdruß nur immer möglich war, hinaus. Sie fielen gewöhnlich, wenn ich ihm auch gleich die Skizze entworfen habe und noch so viele Fingerzeige an die Hand gab, unter mittelmäßig aus. Faßte ich indeß seine geistige Bildungsstufe mehr ins Auge, so konnte ich diese Erscheinung nur natürlich finden. Er hatte durchaus nicht die Kraft, im Zusammenhange zu denken und dabei die Gesetze der Sprache in Anwendung zu bringen. Seine Fortschritte in der deutschen Sprache überhaupt und im Rechtschreiben insbesondere sind gleichwohl wacker. Den deutschen Kasus weiß er, wenn ihm daran gelegen ist, durchgängig zu setzen, den Modus und die Tempora der Verba gebraucht er in der Regel richtig und die Sätze und ihre Verbindungen kennt er soweit, daß er den Punkt, das Komma, das Kolon, Anführungs-, Frage- und Ausrufzeichen genau, und selbst das von Sprachkennern so verschieden in Anwendung gebrachte Semikolon in mehreren Fällen richtig zu setzen weiß. Wenn er dagegen Fehler macht, so geschieht es aus Gleichgültigkeit für den Gegenstand oder aus Zerstreutheit. Seine Fortschritte im Rechtschreiben lassen sich am besten nach dem Verhältnis der Fehler, die er bei Diktandoschreiben im Dezember 1831 machte, und die er bei demselben gegenwärtig noch macht, ermessen. Jene zu diesem verhalten sich beiläufig wie 10 zu 1 oder auf eine Seite, wo damals 20 Fehler vorkamen, kommen jetzt selten mehr als zwei vor. Auch seine kleinen Aufsätze haben bedeutend mehr Zusammenhang und weniger Fehler als sonst. Es wäre mir sehr angenehm, wenn Seine Herrlichkeit die Fortschritte aus seinen Briefen entnehmen könnten, und ich muß es recht sehr bedauern, daß Seine Exzellenz Herr Staatsrat Präsident von Feuerbach, was Herr Oberleutnant Hickel weiß, den Wunsch Kaspar Hausers genehmigte, sich alle seine Briefe, auch die an seinen Pflegevater, von mir korrigieren lassen zu dürfen. Ich habe dann den förmlichen Auftrag erhalten, diese Briefe zu korrigieren und sie zugleich als Stilübung zu benützen; und Hauser hätte so in keinem Falle einen Brief abgeschickt, ohne daß ihm von mir die Hauptfehler korrigiert gewesen wären. Künftig soll ihm nun aber dem ausdrücklichen Wunsche Seiner Herrlichkeit des Herrn Grafen Stanhope zufolge kein Buchstabe mehr verbessert werden. Am Gedanken selbst wurde aber auch bisher nie geändert. ad III. Hausers Leistungen werden nur selten und von den wenigsten vom rechten Gesichtspunkte aus aufgefaßt. Viele haben von ihm weit schnellere Fortschritte erwartet und vielen erscheinen seine dermaligen Leistungen noch überaus groß. Daß beide Parteien außer der Wahrheit sich befinden, läßt sich wohl ohne besondere Mühe nachweisen. Diejenigen, welche glaubten, als Hauser zu lernen anfing, daß seine Lernfähigkeit und deshalb auch seine Fortschritte größer, ja bedeutend größer als bei Kindern von sechs bis sieben Jahren sein mußten, befanden sich gewiß in einem bedeutenden pädagogischen Irrtum. Ich gehörte anfangs selbst mit zu diesen. Erst seitdem ich über diesen Punkt reiflicher nachgedacht habe, glaube ich folgendes als wahr annehmen zu dürfen: Kaspar Hausers Lernfähigkeit konnte anfangs kaum der eines sechsjährigen Kindes gleichkommen. Denn wenn er auch gleich fast dreimal so alt sein mochte, so hatte er ja eigentlich doch nicht so lange gelebt wie ein solches. Man schlägt die Eindrücke, welche ein Kind von seinem zweiten bis sechsten Jahre durch den Umgang und das Zusammenleben mit Vater, Mutter, Wärterin, andern Kindern usw. erhält, viel zu gering an, ja man vermag sich von deren Wichtigkeit gar keinen Begriff zu machen, wenn man glaubt, daß ein Mensch, wenn auch vom dreifachen Alter, dessen Sinne aber nicht die geringste Erregung erlitten haben, in höherem Grade lernfähig sein soll, als der auf mehrfache Weise geweckte Sinn eines körperlich und geistig gesunden Kindes von sechs Jahren. Höchstens, ja höchstens darf Hausers höheres Alter und vorgerückte körperliche Entwicklung für die wirklich verlebten Jahre eines sechsjährigen Kindes in Anschlag gebracht werden, und dann fängt er im glücklichsten Falle mit diesem an, die Bahn geistiger Ausbildung zu durchwandern und kann sich in keinem Falle leichter in die Form der Bewegungen finden als dieses. Daß dem so ist, hat die Erfahrung vollkommen bestätigt. Denn er hat bisher kaum gleichen Schritt mit solchen Knaben halten können, die ebenso lange wie er Unterricht genießen. Das Urteil derer, die seine Leistungen noch überaus groß finden, zeugt von zu oberflächlicher Auffassung des Gegenstandes und der Umstände, wird mehr von einer alltäglichen Gutmütigkeit und Genügsamkeit bestimmt und bedarf keiner weitern Widerlegung. Es ist indes gar nicht leicht und darum auch nicht jedermanns Sache, einen erwachsenen Jüngling vor sich zu sehen und in ihm nicht nur eine versäumte Kinderseele zu gewahren, sondern ihn auch in allen Fällen mit Rücksicht auf diese außerordentliche, ja einzige Erscheinung zu behandeln und zu beurteilen. So verlangt man z. B. von ihm offenbar zu viel, wenn man glaubt, er solle in der Abfassung schriftlicher Aufsätze schon etwas besonderes leisten, und ich selbst erwartete in dieser wie in manch anderer Beziehung längere Zeit mehr als ich billigerweise erwarten durfte. Diejenigen, welche nicht häufig um ihn sind und weniger praktischen Blick in die menschliche Seele haben, sie mögen sonst noch so gelehrt und ausgezeichnet sein, fassen ihn gewöhnlich entweder von der einen oder andern Seite falsch auf und geben dieses in der Regel sowohl durch den Ton als Inhalt ihrer Unterhaltung mit ihm zu erkennen. Ein kurzes unbefangenes Beobachten und Nachdenken lehrt übrigens auch hier das Rechte finden. ad IV. Dem bessern Gedeihen seines geistigen Wesens in keiner Weise förderlich war die übergroße Teilnahme, die der merkwürdige Sohn des seltsamsten Schicksals allenthalben erfuhr. Man sagte ihm zu oft ins Gesicht, daß er ein äußerst merkwürdiger und interessanter Mensch sei, daß man sich lange gesehnt habe, ihn zu sehen und kennen zu lernen, daß man sich nun ganz ungewöhnlich freue, seine interessante Bekanntschaft gemacht, sich von seiner Liebenswürdigkeit überzeugt zu haben usw. Diese und viele andere Floskeln wurden ihm nicht nur etwa früher in Nürnberg zu häufig gesagt, nein, man konnte sie während der Zeit seines Hierseins noch zum Überdrusse oft und selbst nicht selten von solchen Personen hören, deren Verstand sonst alle Anerkennung verdient. Auf diese und andere Weise wurde er schon vom Anfange an eitel gemacht und seine Eigenliebe nach und nach bis zur Einbildung gesteigert. Um sein Benehmen und den Wert der meisten seiner Handlungen richtig beurteilen zu können, muß man diese Umstände wohl ins Auge fassen. Es wäre übrigens ein wahres Wunder, wenn diese so leicht und unter weit gewöhnlicheren Verhältnissen zu erregenden menschlichen Schwächen bei ihm nicht eingetreten wären. Nach meiner Überzeugung spielen Eitelkeit und Eigenliebe schon seit geraumer Zeit eine bedeutende Rolle bei seinem Tun und Lassen, und um an Wichtigkeit und Bewunderung nichts zu verlieren, mochte es ihm oft auf ein Ja oder Nein mehr oder weniger nicht ankommen, zu welchen Antworten ihn der Fragende gewiß nicht selten durch Ton und Haltung erst bestimmte. Es sind dies Erscheinungen, die von (bei Hausers Verhältnis gar nicht zu vermeiden gewesenen) Erziehungsfehlern herrühren, bei jedem Kinde, dem man zu viel nachsieht, einräumt, schmeichelt usw., auf einer gewissen Entwicklungsstufe hervortreten, und die also bei Hauser nicht im geringsten auffallen dürfen. – Die Neigung, denen, an deren Gunst ihm gelegen ist, nach Gefallen zu reden und bei andern seiner Person und seinen Verhältnissen nichts zu vergeben, hat sich mit seinem Wesen eng verbunden. Diese meine vollkommene Überzeugung teilen auch alle diejenigen aus seiner frühern Umgebung in Nürnberg, die ihn längere Zeit unbefangen beobachten konnten, tiefer in sein Wesen zu blicken vermochten und weniger als andere zu seinem Nachteile geneigt waren, bei ihm das Gute stets als besser zu finden, andere Erscheinungen aber, die man sonst an jedem Kinde als fehlerhaft erkennt und tadelt, bei ihm auf jede nur mögliche Weise zu entschuldigen. Zur Ehre der Wahrheit muß ich es hier geradezu aussprechen, daß er alle die Fehler mit in mein Haus brachte, die zunächst aus der Eitelkeit und Einbildung hervorgehen, und daß seine spätern Verhältnisse nicht geeignet waren, dieselben abzulegen, wird man leicht zu ermessen vermögen. Will jemand glauben, daß ihm als Pflegesohn eines hochstehenden Mannes weniger Veranlassung zur Eitelkeit und Einbildung wird gegeben worden sein als früher? Kann man verlangen, daß er sich hier auf den Vorzug, in den ersten Häusern Zutritt zu haben und häufig eingeladen zu werden, weniger zugute tun sollte als darauf, daß er in dem Hause des ersten Bürgermeisters in Nürnberg aufgenommen und auf mannigfache Weise ausgezeichnet ward? Und wenn ihm bald da bald dort gesagt wurde, daß er um das Glück zu beneiden sei, sich den Pflegesohn eines so ausgezeichneten und edlen Mannes nennen zu dürfen usw. usw., waren etwa solche und andere ähnliche Bemerkungen, wie das ganze Benehmen exzellenter Familien dazu geeignet, seine Meinung von sich herabzustimmen? Oder will man vielleicht verlangen, daß Hauser bei nun gewecktem Selbstbewußtsein sich selbst nicht als wichtig erscheinen soll, während er so vielfältig bemerkt, welches Interesse er fast für jedermann hat und welche Aufmerksamkeit ihm besonders auch durchreisende Personen von Bedeutung und Hoheit schenken? Der Mensch kann sich nie ganz verleugnen, und von unserm Hauser wollen wir billig doch in keiner Weise zuviel Selbstverleugnung erwarten. Wenn Lehrer und Aufseher der fehlerhaften Neigung auch noch so sehr entgegen arbeiten, so können dieselben auch hierin doch nie die Stelle der Eltern ersetzen. Was von diesen, selbst wenn sie verletzen müssen, das kindliche Herz in unbedingtem Glauben an die gute Absicht aufnimmt, wird von jenen oft ganz anders genommen. – Ich möchte viele andere an Hausers Stelle bringen und sehen, ob sie weniger Fehler annehmen, als sich bis jetzt bei ihm gezeigt haben. Bei näherer Erwägung seiner bisherigen Verhältnisse muß man sich wahrlich wundern, daß er unter denselben noch das geblieben und geworden ist, was er wirklich ist. Sieht man von den erwähnten Fehlern ab, so kann man dagegen bemerken, daß er den bisherigen Einwirkungen einige sehr löbliche Eigenschaften verdankt, die ich weiter unten etwas näher bezeichnen will. Es kommen ihm dieselben besonders im geselligen Leben sehr gut zustatten, und sie vermögen es, ihn vorzüglich in den sogenannten bessern Zirkeln den meisten angenehm zu machen. Aber eben die häufigen Zerstreuungen und die große Abwechslung von äußern Eindrücken, denen Kaspar Hauser von seinem ersten Erscheinen in Nürnberg an bis jetzt ausgesetzt und unterworfen war, so wie die oben besprochene gute Meinung von sich selbst hinderte auch sein Fortschreiten im Wissen und Können oder, mit andern Worten, in Kenntnissen und Fertigkeiten. Es konnte dabei sein Sinn unmöglich mehr nach innen gerichtet und für eine anhaltendere ernstere Tätigkeit gewonnen werden. Ich mußte es recht bald für gut finden, auf ihn stets folgenden Grundsatz anzuwenden: »Laß ihn nie ohne nützliche Beschäftigung, mache ihm aber durch strenge Forderung das Lernen und Arbeiten nicht überdrüssig und vermeide es in jedem Falle, Mißvergnügen bei ihm zu erzeugen.« Einem bessern Fortschreiten keineswegs förderlich war auch der ungewisse Zustand, in dem sich Hauser längere Zeit befand. Da man nicht wußte, wie lange er hier bleiben und wozu er am Ende noch bestimmt werden sollte, so war es ebenso wenig möglich, bei ihm einen gründlich planmäßigen Bildungsgang einzuhalten, als ein regelmäßiges Fortschreiten zu erzielen. Vom 1. Dezember v. J. an, zu welcher Zeit es die hochverehrtesten Herren seiner hiesigen Oberaufsicht für gut fanden, ihn durch vorläufige Beschäftigung auf dem Appellationsgericht zur Schreiberei vorbereiten zu lassen, konnte er täglich auch nur noch eine Stunde abwechselnd im deutschen Gedankenausdruck, Rechtschreiben und Rechnen, nebenbei nur in andern gemeinnützigen Gegenständen eigentlichen Unterricht erhalten. Und so wirkten auch in Hausers letzter Bildungsperiode verschiedene Umstände, mit den hier aufgezählten vielleicht noch einige zusammen, die seiner Ausbildung nicht eben besondern Vorschub zu leisten vermochten. Nun insbesondere von dem gegenwärtigen innern Zustande Hausers. Seine Moralität in dem Sinne aufgefaßt, wie diesen Begriff die gewöhnliche Welt zu nehmen pflegt, kann man sehr lobenswert nennen. Denn er ist im allgemeinen und besonders gegen Vornehmere und Höhere sehr artig, höflich, gefällig, aufmerksam, dienstfertig usw. usw. In diesen äußern Tugenden, wie am Anstande überhaupt, ist er dem Alter, mit welchem er gleiche innere Bildung hat, weit voraus geeilt, während er demselben an reiner Ergebenheit und wahrer Bescheidenheit in jedem Falle nachsteht, ja infolge aller seiner bisherigen Verhältnisse wohl nachstehen muß. Man darf sehr zufrieden sein, daß Hausers sittlicher Charakter noch das ist, was er wirklich ist. Hunderte an seiner Stelle würden ohne innigeres Familienleben, dieser wahren Sonne gemütlicher Entfaltung und geistiger Entwicklung, es nicht so weit wie er gebracht haben. Und der ihm angeborene Sinn für das Rechte im allgemeinen läßt hoffen, daß er nach erlangter besserer Bildung und tieferer Einsicht auch noch die Fehler ablegen werde, die bisher verschiedene Eindrücke bei ihm erzeugten. Habe ich darum einerseits Ursache, zu glauben, daß bisher seinem Charakter die solidere Basis ermangelte, daß ihn der Egoismus und die Eitelkeit öfters dem Scheine huldigen ließen, so darf ich andererseits nicht zweifeln, daß ihm später mehr das erkannte Rechte und Wahre bei seinen Handlungen leiten, daß sein Verhalten weniger äußere Rücksichten und der Sinn fürs Äußere bestimmen werden. Nicht unbemerkt darf ich lassen, daß er außer den schon genannten Tugenden noch einzelne besitzt, die ihm sehr wohl stehen und ihn namentlich als Haus- und Tischgenossen gerne haben lassen. Er ist z.B. sehr teilnehmend an allem, was Freudiges und Trauriges in einer Familie vorkommt, und macht sich dadurch fast zum wirklichen Gliede derselben, das man in keiner Lage ungerne um sich sieht. Am Tische ist er nicht nur ungewöhnlich mäßig, sondern auch genügsamer als er es zu sein hätte. Er ist, seitdem er (vom 1. Dezember 1832 an) seinen Mittagstisch zu 10 Kreuzer und seinen Abendtisch zu 8 Kreuzer erhält, ebenso vollkommen zufrieden als früher, wo für jenen 15 und für diesen 10–12 Kreuzer bezahlt wurden. Ja er erklärt häufig, daß er nicht so viel bedürfe, mit weniger zufrieden sein könne usw. usw. Sein gutes und frisches Aussehen bürgt wenigstens dafür, daß er nicht mehr bedarf. Rücksichtlich seiner intellektuellen Kraft und Bildung darf ich ihn einem Knaben von elf bis zwölf Jahren mit gewöhnlichen Anlagen ganz gleich stellen. Um mich von dem Maße seiner Denkkraft deutlich zu überzeugen, gab ich den Schülern meiner Schule, die bereits alle zwischen dem elften und zwölften Jahre stehen, öfters dieselben Aufgaben aus der Sprache, Arithmetik usw. usw. Hierbei fand ich nun schon seit länger als einem Jahre immer, daß er an Sicherheit, Gewandtheit und Schnelligkeit den bessern Köpfen jenes Alters nachstund. Diese Erfahrung stimmt denn ganz mit meiner im ersten und dritten Abschnitte ausgesprochenen Ansicht zusammen. ad V. Ob ich gleich bei meiner Beobachtung und Erfahrung nicht wohl hoffen kann, daß Hauser in irgend einem Berufe mehr etwas Vollkommenes leisten werde, so darf ich doch glauben, daß er in einem leichten mechanischen Berufsgeschäfte, zu dem er Lust und Freude hat, sich noch recht wohl und brauchbar ausbilden könne. Für ein Metier im engeren Sinne paßt er nun aber einmal durchaus nicht. Abgesehen von den nachteiligen Einwirkungen der früher erduldeten Behandlung auf seinen physischen Zustand, auch abgesehen davon, daß er schon zu weit an Alter vorgerückt ist, um seinen schon vollkommen ausgebildeten Gliedmaßen noch die zu einer solchen erforderliche Gelenkigkeit zu geben, die Lehre zu erstehen, zu reifen usw. usw., so würde er sich zur Wahl eines bürgerlichen Geschäftes nur äußerst schwer bequemen, und sich wohl höchst unglücklich fühlen, wenn er sich der Forderung, ein solches zu erlernen, fügen müßte. Er hat den Umgang mit den gebildeteren und höheren Ständen zu lange genossen und ist an denselben zu sehr gewöhnt, als daß es ihn nicht bis zum Kummer betrüben sollte, wenn er ihn auf einmal mit der Umgebung in einer Werkstätte vertauschen müßte. Davon kann also nicht wohl eine weitere Rede sein. Aber auch für einen Beruf, der eine höhere geistige Ausbildung oder vielmehr ein höheres Studium erfordert, wird er sich nicht mehr eignen, würde sich auch schwerlich je dazu geeignet haben. Es müßte wenigstens noch eine große Veränderung in seinem Wesen vorgehen, wenn er für ein tieferes Studium Sinn, Ausdauer und die nötige Stetigkeit des Geistes erhalten sollte. Man muß deshalb gewiß am besten fahren, für ihn vorderhand eine Beschäftigung zu wählen, die ihm selbst zusagt und ihn in näherem Umgange mit den gebildeteren Ständen erhält. Ich konnte bei dieser Ansicht nur im Innersten mit einstimmen, als Se. Hochselige Exzellenz schon zu Ende des vorigen Jahres den Entschluß faßten, ihn der Schreiberei widmen zu lassen. Dabei findet er immer seine regelmäßige Beschäftigung und wird doch in jedem Falle, er mag weniges oder vieles leisten können, von den Torheiten abgehalten, in welche der Unbeschäftigte so leicht verfällt. Es ist ihm aber hier die Möglichkeit gegeben, durch Fleiß in seinem Berufe und durch nebenheriges Fortstudieren sich nicht bloß zu einem brauchbaren Kanzlisten, sondern selbst für eine Stelle beim Rechnungswesen usw. auszubilden. Und bringt er es nach Jahren wirklich so weit, so können ihm hier seine hohen Gönner, die er als der merkwürdige Hauser immer behalten wird, eher forthelfen, als wenn er ein Buchbinder oder Uhrmacher oder sonst ein Gewerbetreibender geworden wäre. Zu meinem Vergnügen vernahm ich daher in den letzten Wochen auch den Beschluß seiner sehr verehrlichen hiesigen Oberaufsicht, daß er seinem eigenen Wunsche gemäß, sofern derselbe nach eingetroffenen sicheren Nachrichten dem Willen seines hohen Pflegevaters nicht entgegenläuft, nunmehr bei der Schreiberei bleiben und nebenbei den Unterricht bekommen solle, den er notwendig hat, um sich für sein Fach womöglich tüchtig zu befähigen. Seit vierzehn Tagen erhält er denn nun außer meinem weiter oben näher bezeichneten erwähnten Unterrichte, von einem tüchtigen Instruktor auch wöchentlich vier Stunden Unterricht im Latein und betreibt dieses bis jetzt mit einer Neigung und Anstrengung, die ich bei ihm, so lange er in meinem Hause ist, nicht ahnen konnte. Ich will von Herzen wünschen, daß dieser sein außerordentlicher Fleiß und Eifer von Ausdauer sein möge. Er selbst äußert sich über seine gegenwärtige Lage fast wörtlich also: »Weil ich jetzt nur einmal weiß, woran ich bin. Nun will ich gewiß fleißig sein. Bisher habe ich kein bestimmtes Ziel vor mir gesehen und nicht gewußt, wie lange ich hier bleiben darf und was noch aus mir werden soll. Darum habe ich auch keine große Lust zum Arbeiten gehabt und bin lieber in Gesellschaft gewesen als daß ich gelernt habe. Jetzt ist's gerade umgekehrt; jetzt lerne ich lieber als daß ich ausgehe.« Man sieht also hieraus, daß durch die dermalige veränderte Richtung in seinen Verhältnissen und seiner Bildung sein Inneres aufs neue gehoben wurde, und daß dieselbe Wendung bei ihm wieder die besten Vorsätze hervorrief. Dabei kommt ihm diesmal seine Eitelkeit besonders gut zu statten. Denn in dem Augenblicke noch (so habe ich Ursache zu glauben) treibt er das Lateinische hauptsächlich deswegen so eifrig, weil er denkt, daß man durch die Kenntnis desselben den Bessergebildeten beigezählt werde, und zum Teil wohl auch deswegen, weil ich den lateinischen Stunden mitbeiwohne und, wie er, alle Übungen mündlich und schriftlich mit durchmache. Er gibt sich so alle Mühe, um mir an Fertigkeit, wenn nicht vorauszueilen, doch wenigstens gleichen Schritt zu halten. – Es ist recht wohl möglich, daß er die nun genommene gute Richtung behält, daß seine Eitelkeit und sein mit dieser zusammenhängender oft bemerkbarer Eigensinn nach und nach in ein vernünftiges Ehrgefühl und männliche Festigkeit, also in die Tugenden übergehen, welche schon so viel Herrliches und Vortreffliches in der Welt gewirkt haben. – Und nun schließe ich unter geziemenden Hoffnungen mit der Bitte, daß dieser in größter Eile entworfene Aufsatz in der Überzeugung hingenommen werden möge, daß er die Wahrheit ganz ungeschminkt ohne alles Abgemessene enthalte. Ich glaube nunmehr so, außer dem künftigen Wohle Hausers selbst, insbesondere auch dem Wunsche seines hochsinnigen und edlen Pflegevaters mehr zu dienen, als wenn ich allein wieder seine Lichtseite gezeigt hätte. Wenn ich letzteres früher vorzog und das Licht etwas heller machte, so geschah es nicht ohne höhere Genehmigung aus der gewiß verzeihlichen Besorgnis: ich möchte auf andere Weise das unglückliche Glückskind von dem Herzen entfernen, in dessen hohem Adel es das Glück seines irdischen Lebens gefunden hatte. Hierzu macht Dr. M. folgende Anmerkung: Am Schlusse des Konzeptes dieser Charakteristik finde ich von der Hand meines seligen Vaters, des Lehrers Meyer, folgende Bemerkungen: In meinem ersten Konzepte hatte ich mich über K. Hausers Fehler und insbesondere über seinen Hang zur Unwahrheit entschiedener und stärker ausgesprochen, allein es wurden mir alle jene Stellen, welche den Herrn Grafen Stanhope in seinen Zweifeln hätten bestärken können, von dem wohlwollenden und wohlmeinenden Herrn Hofrat Hofmann weggestrichen. Im Konzept lautet die von Hofmann gestrichene Stelle bezüglich des Hanges zur Unwahrheit also: »Wenn ihm die Gelegenheit gegeben wird, wichtig zu erscheinen, oder wenn er in den Fall kommt, eine Schwäche oder einen Fehler verbergen zu können, so bleibt er oft gar nicht gewissenhaft bei der einfachen Wahrheit stehen, sondern sucht im ersteren Falle das Wichtige als möglichst wichtig zu bezeichnen, im letzteren Falle sich durch allerlei Seitensprünge zu beschönigen und einen Fehler als solchen wegzureden. Er hat diese Eigenschaften mit jedem Kinde gemein, dem häufig gehuldigt und geschmeichelt wird, und sie sind also eine ganz gewöhnliche und natürliche Erscheinung. Daß er dieselben schon in Nürnberg, und zwar dort schon in hohem Grade besaß, davon zeugt eine von dort mir zugekommene zuverlässige Nachricht aus einem ganz soliden Hause. (Der Biberbachsche Brief ist hier gemeint.) Ich finde es für nötig, mich darüber einmal unumwunden auszusprechen, weil man sich ihn bisweilen aus Mangel an näherer Bekanntschaft mit seinem Wesen gerne ohne die gewöhnlichen Fehler der Menschen dachte. Wem er freilich stets, wie Sr. Herrlichkeit Herrn Grafen Stanhope, nur seine liebenswürdige Seite zeigte, dem mußte er natürlich fast als die natürlichste Güte erscheinen. Konnte man es aber von ihm solchen Wohltaten, wie denen des edlen Lords gegenüber, anders erwarten?« Auch folgende Stelle wurde von Hofmann gestrichen: »Noch ein anderer Umstand hinderte, seit 1½ Jahren besonders, bei K. Hauser einen gründlichen Bildungsgang einzuhalten und ein geregeltes Fortschreiten zu erzielen. Es war dies der Umstand, daß man von einer Zeit zur andern hoffen durfte, Hauser werde von seinem edlen Pflegevater nach England abgerufen. Als Se. Herrlichkeit Herr Graf Stanhope im Februar 1832 von hier abreisten, glaubte man, dies werde im Mai 1832 geschehen, und ich konnte also meinen Unterrichtsplan vom 10. Dezember 1831 an höchstens auf die Zeit eines halben Jahres anlegen. Daß man im Laufe eines halben Jahres bei täglich zwei Stunden Unterricht in folgenden Fächern, als 1. deutsche Sprache, 2. Rechtschreiben, 3. Schönschreiben, 4. Arithmetik, 5. Geographie in Verbindung mit Naturkunde und Geschichte, und 6. in der geschichtlichen Religion etwas Ersprießliches nicht leisten und einen systematischen zusammenhängenden Unterricht nicht erteilen kann, vermag wohl jedermann einzusehen. Da also unmöglich etwas Ganzes zu leisten war, so mußte ich es wohl am zweckmäßigsten finden, bei einigen Gegenständen in den Teilen nachzuhelfen, wo der Schüler am wenigsten fest war, und bei andern das auszuheben, was besonderes Interesse hatte. Als nach Verfluß eines halben Jahres Hauser noch hier war, mußten wir gewärtig sein, daß er demnächst abgerufen werde. Dieser Hoffnung lebte man von einem Monat zum andern, und es konnte so kein neuer oder eigentlicher Plan gemacht werden, vielmehr in allen Gegenständen, das Rechnen allein ausgenommen, auf die alte Weise recht eigentlich fortgeflickt werden. So verfloß auch das zweite Halbjahr, ohne daß man wußte, was aus Hauser noch werden oder wozu er bestimmt werden sollte. Indeß konnte man bis dahin mit immer mehr Sicherheit annehmen, daß Se. Herrlichkeit usw. Gründe bestimmen werden, Hauser nicht nach England kommen zu lassen, und unter dieser Voraussetzung fanden es Se. Exzellenz Herr Staatsrat v. Feuerbach in Übereinstimmung mit Herrn Appellationsgerichtsrat Schumann und Herrn Oberleutnant Hickel für gut, ihn durch vorläufige Beschäftigung auf dem Appellationsgerichte zur Schreiberei vorbereiten zu lassen.« Dagegen ist durch Hofrat Hofmann oben folgender Satzeingang dem Konzept meines Vaters hinzugefügt worden: »Abgesehen von den nachteiligen Einwirkungen der früher erduldeten Behandlung auf seinen physischen Zustand. –« Zweiter Band Kaspar Hauser Nach dem Steindruck der »Sammlung des Historischen Vereins für Mittelfranken« in Ansbach. Notizen über Kaspar Hauser von Dr. Julius Meyer I. Für die Annahme, daß auf Kaspar Hauser ein Attentat von fremder Hand stattgefunden habe, möchten Dr. Julius Meyer setzt hier das Wort »vielleicht« in seinem Abdruck hinzu. (S.414) folgende meiner Erfahrungen und Beobachtungen sprechen. a. Kaspar Hauser hat durch Worte und Gebärden großen Abscheu vor dem Tode ausgedrückt. Von diesem großen Abscheu Hausers vor dem Tode erzählt auch Fuhrmann (in seinen, in diesem Bande abgedruckten »Beobachtungen«). Wenn es die Unterhaltung zuweilen gab, daß man vom Sterben sprach, wenn man z. B. in bezug auf eines oder das andere der Verstorbenen sagte, daß ihm ja eigentlich recht geschehen wäre, daß er auf dieser Welt doch nichts Angenehmes gehabt hätte, daß überhaupt niemand den Tod so sehr fürchten sollte usw., so pflegte er gewöhnlich mit sichtbarem Abscheu zu äußern: »Da sag ich Dank. Sterben mag ich nicht. Ich will recht lange leben!« Besonders ereiferte er sich dann, wenn eines sagte, es machte sich selber nichts daraus, wenn es stürbe. b. Er benahm sich schon auffallend ängstlich, wenn mit Messern nur gespielt wurde. Auch dieser Umstand wird von zahlreichen Augenzeugen bestätigt, ebenso die unter c – e angeführten Dinge. Ich bin gerne heiter und mache bisweilen gerne kleine Scherze unter den Meinigen. Da geschah's nun einmal, daß ich meine Frau neckte, während ich gerade ein Federmesser in der Hand hatte. Als sie auf mich zueilte und ich zu ihr sagte, sie sollte wegbleiben, damit sie sich nicht stechen möchte, ging er unter ängstlichem Benehmen und mit dem Bemerken, daß er dies nicht sehen und hören könne, schnell beiseite. Erst ungefähr acht Tage vor seiner unglücklichen Verwundung, als nach geendigtem Mittagessen meine Frau mit einem scharfen und spitzigen Messer in der Hand, durch ein Gespräch veranlaßt, sagte, dies Messer wäre so scharf und spitzig, daß sich damit leicht auch jemand erstechen könnte, stand er sogleich vom Tische auf und ging unter der Äußerung: »So etwas muß man gar nicht sagen« zur Türe hinaus und auf sein Zimmer. c. Er zeigte große Empfindlichkeit bei den kleinsten Verletzungen. Es war zum Verwundern, wie ein kleiner Schnitt, den er sich einmal beim Schneiden eines Apfels mit einem Dessertmesser und ein anderes Mal mit dem Federmesser in einen Finger machte, auf ihn einwirkte, und wie er sich dabei benahm. Er empfand bald Frost, bald Hitze, wurde ziemlich blaß im Gesichte und fühlte sich einen bis zwei Tage unwohl. Dagegen benahm er sich bei einem im Februar 1832 gehabten Zahnschmerze nicht so sehr, und beim Herausnehmen des schadhaften Zahnes, sowie darnach, auch nicht im geringsten auffallend. d. Er gab mir auffallende Beweise von der Weichheit seines Gemüts. Gleich in einer der ersten Stunden des Unterrichts, den ich Kaspar Hauser in der biblischen Geschichte erteilte (es war in der Mitte Dezembers 1831) fing er bei der Geschichte des ersten Brudermords an, auffallend zu weinen. Ich gab ihm zu erkennen, daß ich dieses Gefühl ehre, daß er dasselbe jedoch nicht so sehr unterhalten, sondern sich vielmehr nach Kräften fassen möge. Er befolgte diesen Wink unmittelbar darauf. Am andern Tage erzählte ich auf meinem Zimmer diese Erscheinung dem Herrn Grafen Stanhope zum Beweis, welch ein gutes und weiches Herz sein Pflegsohn habe. Dieser kam eben zu meiner Erzählung, wurde aber, nachdem er nur erst einige Worte und etwa den Ausdruck unserer Mienen vernommen haben konnte, angewiesen, noch einen Augenblick abzutreten. Einige Tage darauf, als ich kaum angefangen hatte, auf gewöhnliche Weise von der Noahschen Flut zu sprechen, weinte er wieder. Da mir jedoch diesmal sein Benehmen etwas sehr unnatürlich vorkam, so ignorierte ich es ganz, und diese meine unerwartete Teilnahmslosigkeit überraschte und verdroß ihn so sehr, daß er später in keiner meiner Stunden mehr eine Träne vergoß, wenn ich gleich wirklich rührende Geschichten mit aller Wärme behandelte. Daumer bemerkt dazu: »Wenn H. nicht mehr geweint, nachdem er gemerkt, daß M. seine Tränen verachtete und für erkünstelt hielt, so ist das begreiflich.« (S. 298) Ich muß offen gestehen, daß ich gleich damals, und nach und nach immer mehr glaubte, jene Tränen seien erkünstelt gewesen, besonders wenn mir meine eigene, wie die Erfahrung vieler meiner ältern und jüngern Kollegen stets sagte, daß selbst die zartesten Kinder beiderlei Geschlechts bei den hier bezeichneten Geschichten keine Träne weinen. Meine Frau drückte sich nach dieser meiner Ansicht auch im anliegenden Briefe Nr. 2 an Madame B[iberbach] in N[ürnberg] aus. Dieser Brief, wie auch der später erwähnte Nr. 1, befindet sich heute noch bei den Akten. Indessen will ich mich gerne geirrt haben und mit Vergnügen zugeben, daß bei so außerordentlichen Verhältnissen, wie sie Kaspar Hauser gehabt haben soll, auch das Gefühl eine außerordentliche Macht erlangen und sich auf eine ungewöhnliche Weise äußern könne. Sehr gefühlvoll, und auch bis zu fließenden Tränen gerührt, gratulierte er mir in den ersten Stunden des Jahres 1832 und reihte seinem Wunsche die gewiß kindlichen Worte an: »Bleiben Sie mir recht gut. Ich will Ihnen gewiß recht folgen und fleißig sein.« Über seine Teilnahme und Dienstwilligkeit usw. habe ich mich schon in einem frühern, einer hochlöblichen Gerichtskommission übergebenen Urteil ausgesprochen und beziehe mich hier im allgemeinen auf dasselbe. Im I. Bd. abgedruckt. e. Es schien ihm nie die nötige Gemütsruhe zu fehlen. Kaspar Hauser zeigte auch in den letzten Tagen vor seiner unglücklichen Verwundung keine eigentliche Unruhe. Denn er ging nicht öfter aus als gewöhnlich und arbeitete auf seinem Zimmer so lange fort wie sonst. Im Umgange war er unbefangen, und man hörte von ihm nicht die geringste Klage oder Besorgnis, und ebensowenig wurde eine ganz besondere Unzufriedenheit oder Ängstlichkeit an ihm wahrgenommen. Die letzten 10 bis 12 Tage war er zwar ernster und zurückhaltender als gewöhnlich, allein dies konnte mir darum nicht so sehr auffallen, weil er während seines Aufenthalts bei mir früher schon einige solche Perioden hatte. f. Es spricht wohl auch seine eigene Aussage dafür. Er erklärte gegen mich ausdrücklich, wie ich schon in einer früheren Vernehmung mit allen Nebenumständen aussagte, daß ihm ein Mann den Stich beigebracht habe; und da er dieses nun während der Tage seines Leidens und selbst in seiner Sterbestunde nicht widerrufen hat, so läßt sich wohl nicht so leicht annehmen, daß er diesmal Unwahrheit sagte. g. Endlich zeigte er viele Fassung bei seinem Sterben. Äußerte er in seinen letzten Stunden gleich manches, was eine doppelte Deutung zuläßt, so war er doch im ganzen gefaßt und endete bei solcher Ruhe, die ich von einem Menschen, dessen Gewissen besonders beschwert ist, nicht wohl erwarten kann. Man lese hierzu die Schilderung Fuhrmanns über Hausers Sterbestunde. Vgl. auch D. 73 S. 347: »Lehrer M. in Ansbach über Hausers letzte Lebensmomente«. II. Wenn man annehmen wollte, daß ein Attentat von fremder Hand auf Hauser nicht stattgefunden hätte, so müßte man nach meiner Ansicht nichts Geringeres annehmen dürfen, als daß sein ganzes Benehmen Täuschung gewesen wäre. Eine solche Annahme möchte zum Teil in folgenden meiner Erfahrungen und Beobachtungen einige Begründung finden können. a. Kaspar Hauser besaß die Eigentümlichkeit, daß unter veränderter Lage auch sein ganzes Wesen verändert schien. Es hat bekanntlich jeder Mensch neben dem gewöhnlichen Ausdrucke seines Gesichtes und dem Benehmen in seiner gewöhnlichen Umgebung und Lage auch noch eine freundlichere und unfreundlichere Seite, und er wendet die eine oder die andere derselben heraus, je nachdem die Eindrücke auf ihn gemacht werden. Bei manchem zeigt sich der Abstand, die Verschiedenheit in seiner Physiognomie und ganzen Haltung so groß, daß er sich unter veränderten Situationen kaum mehr ähnlich sieht, daß man fast ein anderes Wesen vor sich zu haben glaubt. (Wenn das alltägliche Leben einen Menschen bisweilen mit dem Namen »Gassenengel« und »Hausteufel« bezeichnet, so ist dies ein deutlicher Beweis, wie sehr es den großen Abstand des Benehmens in bestimmten Beziehungen erkannt hat.) So lehrt ebenfalls die tägliche Erfahrung, daß es dem einen gegeben ist, die Farbe langsamer, dem andern, solche schneller, und einem dritten, sie so schnell zu wechseln, daß man bei gewöhnlichem Blicke kaum den Übergang bemerken kann. Zu den Menschen nun, denen die Natur wenigstens drei ganz verschiedene Anzüge – einen für den gewöhnlichen Hausbedarf, einen zweiten für günstige und einen dritten für ungünstige Gelegenheiten – und dazu die Fähigkeit erteilt hat, dieselben augenblicklich zu wechseln, gehörte nach meiner einfachen Beobachtung und innigsten Überzeugung Kaspar Hauser. Sein gewöhnliches Gesicht, wie sein gewöhnliches Benehmen, hatte für mich und die meisten weder etwas Empfehlendes noch etwas Abstoßendes. Es kündete einen sehr alltäglichen Menschen an und ließ jeden Unbefangenen weit eher auf eine gemeine, als höhere Abkunft schließen. In dieser Verfassung sahen ihn alle, welche sich gegen ihn benahmen, wie man sich auch gegen andere Menschen zu benehmen pflegt, sowie diejenigen, an deren Gunst und Wohlwollen ihm nicht so sehr gelegen war. Das gewöhnliche Gesicht war bei ihm aber wie verschwunden, wenn er auf eine oder die andere Weise überrascht und zu einer andern Richtung bestimmt wurde. Denen, die durch Ton und Haltung zu erkennen gaben, daß sie in ihm ein Kind sehen wollten, zeigten seine Mienen und Gebärden, wie seine Äußerungen usw. auch wirklich ein solches Gemische von Kindischem und Kindlichem, daß man recht füglich glauben konnte, ein Kind in Mannesgröße vor sich zu sehen. Ich und meine Frau mußten staunen, als wir ihn andern gegenüber einige Male in dieser Lage sahen, und zuweilen hörten, wie er sich außer dem Hause in gewissen Fällen benommen hatte. Es kam bei ihm lediglich darauf an, wen er vor sich hatte, und wie man ihn faßte. Wer gleich mir und meiner Frau mit ihm nie eigentlich tändelte, dem zu Ehren zeigte er sich auch nie in seinem Kindesrocke. Nicht weniger auffallend schien sein Wesen verändert im Umgange mit denen, bei welchen er sich ganz besonders insinuieren wollte. Auch in dieser Lage war der gewöhnliche Kaspar Häuser fast nicht mehr zu erkennen. Sein Gesicht zeigte eine solche blinzelnde Freundlichkeit und sein ganzes Benehmen eine solche schmeichelnde Zutätigkeit, daß ich sie wahrlich nicht treffender als Mad. Biberbach im anliegenden Brief Nr. 1 [in ihrem Briefe an meine Frau] mit dem Ausdrucke Katzenfreundlichkeit Hier bringt Dr. Meyer zu der Darstellung seines Vaters folgende Anmerkung: »In der außerordentlichen Beilage zur »Augsb. Allg. Ztg.«, 1834 Nr. 51, äußert sich Prof. Daumer über die an Hauser wahrgenommene Lügenhaftigkeit wie folgt: »Es ist nicht zu leugnen, daß sich Hausers Charakter von seiner ersten hohen Reinheit allmählich entfernt und eine sehr bedauerliche Richtung zur Unaufrichtigkeit, Unwahrhaftigkeit und Verstellung genommen hat, von der er sich, so tief er zuweilen das Unwürdige derselben empfinden mochte, und so schmerzlich er das Geschehene in Momenten der Erschütterung und Besinnung, selbst mit Verwünschung seines Lebens beklagte, nie wieder ganz loszumachen vermochte. Er schrieb mir einst: ›Sie schreiben mir, ich soll es recht bedenken, es stünde noch in meiner Macht; ich wollte, es wäre nie in meiner Macht gestanden, dann wäre ich auch nicht zu dieser Erbärmlichkeit gekommen.‹« Dazu äußert sich Daumer folgendermaßen: »Es sind in Hausers Leben, wie es vor uns liegt – was die Gegner im Interesse ihrer Sache stets zu tun vermeiden – sehr sorgfältig zwei verschiedene Zeiträume zu unterscheiden, in deren einer, der früheren, Qualitäten und Phänomene höchst eigentümlicher, ja wundersamer Art stattfanden, welche in der anderen, der späteren, entweder ganz verschwanden oder doch sehr in den Hintergrund traten und sich nur noch zeit- und teilweise offenbarten. Es fehlten auch darin moralische Differenzen nicht; in der ersteren war Hauser ein engelreiner Mensch vom feinsten Moralitätsgefühl und rigorosester Wahrheitsliebe; in der anderen bequemte er sich der Welt und den Menschen, wo ihm fast durchgängig so viel Unaufrichtigkeit, Unwahrhaftigkeit und Verstellung bemerklich wurde, und wo er sogar dazu gedrängt wurde, der List und Lüge als einer Notwehr, ohne die oft in der Tat kaum auszukommen war, sich selbst zu bedienen.« (S. 134f.) Vgl. auch die Schilderung Feuerbachs im letzten Abschnitt seines Buches. bezeichnen kann. Personen von Distinktion, vorzüglich aber Damen, die er mit mehr oder weniger Enthusiasmus für sich eingenommen fand, hatten das Vergnügen, ihn gewöhnlich in dieser großen Freundlichkeit zu sehen. Daumer schreibt dazu: »Die Waffe des Unselbständigen, Schwachen, von der Stimmung und Laune anderer Abhängigen ist Gefügigkeit, List, berechnetes und zweckmäßiges Benehmen den betreffenden Persönlichkeiten gegenüber; und ich zweifle nicht daran, daß Hauser, so wie er sich einmal in die Welt gefunden, seine Lage begriffen, die Menschen kennen, ja verachten gelernt, besonders als er von Nürnberg weg und in die Gewalt liebloser, übelwollender und boshafter Menschen geriet, alle Mittel angewendet, um sich dagegen zu schützen; wobei er auch wohl mitunter mehr getan haben mag als gerade nötig war..... Es hat hier kein Gewicht, was er später war und was erst die Welt, der er sich notgedrungen an- und einschmiegte, aus ihm gemacht hatte. Die vorhergehende Periode und Erscheinungsweise ist hier diejenige, welche unser Urteil zu bestimmen hat. In dieser, in welcher er, wie der alte Hiltel sagte, noch nicht ›kultiviert‹ war, kam von all dem, was man ihm vorwirft, nicht das mindeste vor, wohl aber das auffallendste Gegenteil. Er ging mit den hochgestelltesten Personen auf eine Weise um, die nicht selten eine höchst beleidigende gewesen wäre, wenn sie ihn nicht als das Kind, welches er war, betrachtet und ihm darum einsichtsvoll alles verziehen hätten.« (S. 308) Folgen eine Reihe von Beispielen Hauserscher Naivitäten im Umgang mit allerhand Notabilitäten. Mir war er in diesem Gewande, welches ihm so viele Gönner und Freunde verschaffte, nicht sehr leidentlich, da ich stets die Natur zu vermissen glaubte. Den vollkommensten Kontrast (man wird ihn nicht leicht bei jemand wieder so finden) zu seiner freundlichen Seite bildete seine unfreundliche. Man lernte ihn von dieser kennen: 1. bei unverhofftem Besuche auf seinem Zimmer, 2. in seinen verstimmten Perioden und 3. wenn man ihm eine Untugend zu verweisen oder ihm durch den Sinn zu fahren hatte. Solange er bei mir war, und gleich vom Anfange an, schon als Herr Graf Stanhope noch hier war, fand ich ihn immer auffallend düster und finster, wenn ich unverhofft zu ihm ins Zimmer trat, während noch irgend ein Gegenstand seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Der Ausdruck seines Gesichtes in dieser Lage beschäftigte oft mein Nachdenken, und er hätte mich jeden andern Menschen nicht wohl anders als einen sehr Verstockten und innerlich Unzufriedenen erkennen lassen; bei Hauser mußte ich mir denselben freilich aus seinen früheren Verhältnissen zu erklären suchen. Sobald er mich nur ansah, verloren sich indes jene sehr düsteren Züge schon großenteils, und sie verschwanden gänzlich bei den ersten Worten, die er zu mir sprach. Kaspar Hauser hatte, wie ich oben schon andeutete, zuweilen Perioden, in denen er ernster, zurückhaltender und verschlossener als gewöhnlich war. In solchen war er in hohem Grade unleidentlich. Andere Menschen haben wohl auch ähnliche Tage und Zeiten; aber man wird selten einen finden, der dann unausstehlicher wäre, als Kaspar Hauser war. Sogar sein Gesicht schien zu solchen Zeiten weit älter als sonst. Dabei war sein Benehmen ungefällig und stockisch. Er tat besonders wichtig und geheimnisvoll und zeigte den unbescheidensten Widerspruch. Alles schien ihm lästig zu sein. Die unfreundlichste Seite zeigte er, wie es wohl natürlich ist, jedoch dann, wenn ihm eine Untugend, ganz besonders aber eine Lüge vorgehalten wurde. Dabei schob er die Schuld rücksichtslos auf andere, leugnete, so lange es nur immer ging, und entfaltete, wenn man sich nicht beruhigte, ein so sehr entstelltes Gesicht – sogar die Nasenlöcher schienen dann bei ihm sich mehr zu eröffnen –, daß man in dem Augenblicke glauben mußte, den boshaftesten und ingrimmigsten Menschen vor sich zu sehen. In solchen Situationen haben ihn außer mir Herr Oberleutnant H[ickel] öfters und Herr Präsident v. F[euerbach] wenigstens einigemal gesehen. Beispielsweise erinnere ich nur daran, daß er Herrn Oberleutnant Hickel bei dem bekannten Auftritte, den er wegen des Tagebuchs Bezüglich des Tagebuches hat mein Vater später infolge eines Briefes, den Graf Stanhope an ihn schrieb (s. »Materialien« S. 110), folgendes als Ergänzung zu vorstehenden »Notizen« niedergeschrieben: »In bezug auf ein Tagebuch erzählt Graf Stanhope in diesem Briefe: Schon als ich in Ansbach war, ereignete sich ein Umstand, den ich in einem Briefe vom 24. Mai 1832 dem Leutnant Hickel schrieb mit der Bemerkung, daß er »einer nahem Beleuchtung« zu bedürfen schiene. Ich erzählte darüber in meinem ersten Verhör folgendes: ›Ich habe von dem Herrn Oberleutnant Hickel erfahren, daß unter den hinterlassenen Papieren des Verstorbenen kein Tagebuch zu finden war. Der Verstorbene hatte jedoch mir öfters von einem Tagebuch gesprochen, worin er täglich alles eintrug, was ihm sehr wichtig oder interessant zu sein schien, auch hatte mir der – – allhier gesagt, daß der Verstorbene ein solches Tagebuch geführt hätte, als er in Nürnberg bei Herrn Biberbach lebte, wie ihm derselbe, oder seine Tochter, gesagt haben sollen. Nach den Äußerungen des Verstorbenen soll er dieses Tagebuch schon zu der Zeit, als er beim Professor Daumer war, geführt haben. In den letzten Tagen meines Aufenthalts in Ansbach, im Monat Januar 1832, hat sich der Verstorbene selbst erboten, mir einmal etwas daraus vorzulesen; ich dankte ihm dafür und sagte ihm, daß es mir sehr interessant wäre. Am Nachmittage des Tages vor meiner Abreise von Ansbach ging ich ins Haus des Schullehrers Meyer, um Abschied von ihm zu nehmen, und ging zuerst in das Zimmer des Verstorbenen, wo ich sein Tagebuch zu sehen verlangte, ohne jedoch den Wunsch oder die Zeit zu haben, vieles darin zu lesen, nur um die Größe und die Umständlichkeit desselben kennen zu lernen. Der Verstorbene sagte mir, daß er es nicht tun könne, indem das Tagebuch unter vielen andern Sachen läge, und es sehr unbequem wäre, dazu zu kommen. Diese Entschuldigung schien mir eine Falschheit zu enthalten, indem man auf solche Art ein Tagebuch nicht zu halten pflegt, welches täglich gebraucht wird. Ich machte indessen dagegen keine Einwendung und ging ins Zimmer des Herrn Meyer, der mich bis an die Stiege begleitete, nachdem ich Abschied von ihm genommen hatte. Der Verstorbene bat mich hierauf, wieder in sein Zimmer zu gehen, welches ich auch, von dem Herrn Meyer begleitet, tat. Als wir darin waren, sagte mir der Verstorbene: ich will Ihnen doch mein Tagebuch zeigen; Sie müssen mir aber vorerst versprechen, ja nichts darin zu lesen. Ich gab ihm zur Antwort: Du wirst wohl glauben, daß ich ohne deine Erlaubnis gar nichts lesen werde, was du geschrieben hast. Dann machte er die Schublade eines Kommodkästchens, welches in seinem Zimmer stund, auf, und hob den Zipfel eines Rocks auf, worunter dann ein dünnes, in lichtblauem Papier geheftetes Buch lag, welches er jedoch nicht aus der Schublade hervorzog. Er sagte darauf dem Herrn Meyer: dieses Buch enthält Sachen, die für mich sind, und wovon weder der Herr Graf noch andere etwas zu wissen brauchen. Herr Meyer sagte ihm, daß er die Sachen nicht zu sehen brauche, die er für sich selbst behielt. – Seit dem Tode des Verstorbenen habe ich von dem Oberleutnant Hickel erfahren, daß er zufolge eines Briefs, den ich ihm, oder dem verstorbenen Herrn v. Feuerbach schrieb, und in welchem ich den oben erwähnten Umstand in Betreff des Tagebuchs erwähnte, zu dem Verstorbenen ging und ihm meinen Wunsch, wie auch den des Herrn v. Feuerbach, mitteilte, er solle dieses Tagebuch unverzüglich dem Herrn v. Feuerbach zuschicken, welches der Verstorbene durchaus zu tun sich weigerte und sagte, er wolle es nur mir persönlich übergeben oder mir etwas davon vorlesen. Herr Meyer kam ins Zimmer, und als der Verstorbene darauf bestand, er wolle schlechterdings dieses Tagebuch nicht an den Herrn v. Feuerbach schicken, so sagte der Oberleutnant Hickel, man solle es ihm mit Gewalt abnehmen, wo sodann der Verstorbene äußerte, er habe es unlängst verbrannt. Der Oberleutnant Hickel ließ aber sein Kommodkästchen und seine andern Behältnisse sogleich in seiner und des Herrn Meyer Gegenwart durchsuchen, und, da kein Tagebuch gefunden wurde, fragte Herr Meyer den Verstorbenen, wo er das Tagebuch aufbewahrt hätte, und der Verstorbene zeigte ihm hierauf eine Schublade, wo, wie ich es verstanden habe, es hinter einem Brette gelegen haben soll.‹ Bis zu den Worten »er habe es unlängst verbrannt«, ist die Sache vom Herrn Grafen Stanhope richtig erzählt. Daß aber Herr Oberleutnant Hickel Hausers Behältnisse sogleich in meiner Gegenwart durchsuchen ließ usw., ist unrichtig. Außer dem, was ich oben von dem Benehmen Hausers bei dieser Gelegenheit gesagt habe, verhält sich die Sache noch weiter so: Mir erschien das Wichtig- und Heimlichtun mit dem vermeintlichen Tagebuch selbst gegen den Herrn Grafen Stanhope sogleich unnatürlich, und ich nahm mir deshalb auf der Stelle vor, unter allen Umständen diese unwichtige Wichtigkeit aufzuklären. Zu dem Ende verschaffte ich mir bald einen Schlüssel, der Hausers sämtliche Behältnisse sperrte. Ich suchte dann gemeinschaftlich mit meiner Frau vor allem Hausers Kleider durch, um das in lichtblaues Papier gebundene Buch, welches ich ebenso deutlich wie Herr Graf Stanhope gesehen hatte, zu finden; allein – es war hier kein Buch mehr vorhanden. Wir suchten darauf jedes, auch das kleinste Behältnis, jede Ecke in der Stube, den Raum unter den Behältnissen, der Bettstelle, ja das Bett selbst vollständig und ganz genau durch; und wir fanden kein blaues Buch mehr. Ebenso genau suchte ich nach kürzern und längern Zwischenräumen noch einigemal nach und fand keine Spur mehr von einem blauen, aber ebensowenig von einem anderen Tagebuche. Als daher Hauser von Herrn Oberleutnant Hickel später angegangen wurde, das Tagebuch auszuhändigen, war ich schon überzeugt, daß er keines besitze. Ich machte nun mit meinem Verfahren, sowie mit meiner Erfahrung in dieser Beziehung Herrn Oberleutnant Hickel und Herrn Präsident v. Feuerbach bekannt, und fragte Hauser, wann er denn eigentlich sein Tagebuch verbrannt habe. Er gab zur Antwort: ›Erst neulich, weil der Herr Präsident und der Herr Oberleutnant immer von dem Tagebuch zu sprechen anfingen und sagten, daß ich es zeigen solle. Ich hatte es aber einige Zeit her nicht mehr ordentlich geführt, und darum wollte ich es nicht zeigen; und damit nun das Gerede von dem Tagebuch einmal ein Ende nimmt, darum habe ich es verbrannt.‹ Jetzt äußerte ich, daß, wenn er je ein Tagebuch geführt habe, er es wohl schon länger nicht mehr haben müsse (denn ich hatte es schon seit dem Februar 1832 überall gesucht, aber nie eine Spur von einem Tagebuche gefunden). Hauser blieb aber dabei stehen, daß er es erst neulich, d. h. vor zirka 8 Tagen, verbrannt und es bis dahin bald da, bald dort (die Orte aufzählend) aufbewahrt habe. Als ich einige Stunden später wieder auf sein Zimmer kam, sagte er mir, daß es längere Zeit hinter seiner Schreibkommode gehangen sei, und zeigte mir in deren Rückwand wirklich einen Nagel, wo es hängen konnte. Daß ich dort nicht gesucht hatte, ist richtig. Meine Magd aber, welche in der Küche neben Hausers Stübchen beschäftigt war, teilte mir mit, daß sie vor ungefähr einer Stunde in dem Stübchen habe klopfen hören, als ob ein Nagel in ein Brett eingeschlagen würde. Im Besitze von Hammer und Nägeln war Hauser wohl. Indem ich am Abende mit diesen Umständen Herrn Präsidenten v. Feuerbach bekannt machte, fiel mir ein (es war Sommer und schon lange nicht mehr geheizt worden), daß in Hausers Ofen sich noch die Papierasche finden müßte, wenn er das Buch verbrannt hätte, und glaubte, daß er nun ganz gewiß gefangen wäre. Allein ich täuschte mich. Als am andern Tage der Ofen untersucht wurde, fand sich in demselben eine große Menge Papierasche vor, und Hauser erklärte auf die Bemerkung: von dem Tagebuch könne unmöglich soviel Asche herrühren, – daß er mit demselben zugleich viele alte Schriften und Briefe verbrannt hätte. Nun war diese Komödie ganz zu Ende. Wenn ich ihn früher einige Male entschieden tadelte, daß er sein Tagebuch nicht sehen ließe, wenn ich ihm bemerkte, daß ein guter Mensch die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu scheuen brauche, vielmehr sie nur wünschen könne, daß am allerwenigsten er ein geheimes Tagebuch führen sollte usw., so entgegnete er mir ein- wie das anderemal: Herr Professor Daumer, bei welchem und unter dessen Anleitung er sein Tagebuch zu führen begonnen, habe ihm gesagt, daß man sein Tagebuch nur für sich habe, und es gar niemand sehen zu lassen brauche. Herr Professor habe ihn aber doch sonst nichts Falsches gelehrt. Weder Herr Professor Daumer und seine Frau Mutter, noch die Biberbachschen (ich habe sie nach Hausers Tode darüber gesprochen), haben aber bei Hauser je ein Tagebuch gesehen; und ich bin davon überzeugt, daß er gar nie eines führte. Denn unser Hauser hatte zu einem freiwilligen Geschäfte, das tagtäglich wiederkehrt, durchaus nicht Lust und moralische Kraft genug.« Hierzu bemerkt Daumer (S. 285f.): »Hauser äußerte bei Meyer, daß er ein Tagebuch führe; ließ auch ein Heft sehen, in welchem dasselbe enthalten sei; wollte es aber nicht aus den Händen geben. Dazu hatte er das Recht; jedem ist es erlaubt, sich Aufzeichnungen zu machen, die bloß für ihn bestimmt sind; ein mit solchen erfülltes Tagebuch pflegt jeder geheim zu halten; und es ist die vollste Indiskretion, ohne die gewichtvollste Veranlassung in ein solches Geheimnis einzudringen. Auch war Hauser nicht mehr in dem Grade Kind, daß man ihm nicht so viel Freiheit und Selbständigkeit hätte einräumen müssen, dergleichen Geheimnisse zu haben und bewahren zu dürfen. Dieses Tagebuches wollte sich nun aber der Graf durchaus bemächtigen.« Nach Hinweis auf die Widersprüche in der Stanhope- und Meyerschen Erzählung schließt Daumer: »Lehrer Meyer erzählt, wie er dem Findlinge bemerkt habe, daß ein guter Mensch die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu scheuen brauche, vielmehr sie nur wünschen könne. Das ist originell. ... Das Tagebuch ist eine Art Beichte, die man vor Gott und sich selber ablegt, aber nicht aller Welt preisgibt. Man pflegt darin auch nicht von sich allein, sondern auch von anderen zu sprechen; und das ist wohl nicht nur lauter Lob und Schmeichelei. Lesen es nun diese, so kann es dem Schreiber sehr übel bekommen. Vermutlich hat in Hausers Tagebuch manches gestanden, was seine Umgebung, seine Vorgesetzten, namentlich einen Stanhope, Hickel, Meyer betraf; Gott weiß, was namentlich über den Erstgenannten darin vorkam, über welchen Hauser im Sterben so bedenkliche Äußerungen hören ließ; und das war es wohl, weshalb es derselbe haben wollte.« S. 42 Anm. 2 bemerkt Daumer: »Anfang September 1828 kam er, ohne dazu aufgefordert zu werden, auf den Gedanken, sich das Merkwürdigste und Bedeutendste, was ihm begegnete, in Form eines Tagebuches aufzuzeichnen.... Ein angefangenes Tagebuch von Hauser ist noch in meinen Händen, und über sein Befinden führte er während der mit ihm angestellten Heilversuche sehr genaue Tagebücher, die ich ebenfalls noch aufzeigen kann.« Vgl. auch D. 59 S. 181ff. mit ihm hatte, durch sein Benehmen so ärgerte, daß Herr Oberleutnant Hickel sich mit Gewalt zurückhalten mußte, um Hausers Dreistigkeiten nicht tätlich zurückzuweisen. Daumer meint dazu: » Es wäre sehr interessant, zu wissen, wie sich damals Hauser äußerte, als Hickel so wütend wurde.« (S. 311) Hauser trieb hier seine unkindliche Widersetzlichkeit sehr weit. Am Ende, als Herr Oberleutnant Hickel bei seiner Erklärung sich nicht beruhigen wollte, sagte er zweimal: »Da will ich lieber sterben«, worauf Herr Oberleutnant Hickel mit gerechter Entrüstung erwiderte: »Dies kannst du tun, stirb nur, dann kann man doch auf deinem Grabstein lesen: Hier liegt der Betrüger Kaspar Hauser . Was ich von dir zu wissen brauche, weiß ich, darauf kannst du dich verlassen.« Nachdem Herr Oberleutnant Hickel sich entfernt hatte, suchte ich ihm das Unschickliche seines Benehmens einleuchtend zu machen, und bezeichnete dabei besonders die Gesinnung als höchst verwerflich, die sich im obigen Satze ausspricht. Statt aber diese Aussage zu bereuen, erklärte er mir, daß ihm, wenn man ihn immer mit solchen Dingen plage, ihm nicht glaube usw., an seinem Leben nichts läge, daß er ja früher auch nicht gelebt, und es ja lange gar nicht gewußt habe, daß er lebe. Wie sehr sich der selige Herr Staatsrat v. Feuerbach durch das Benehmen Hausers einige Male, und zwar namentlich einmal bei einer von diesem gemachten Klatscherei, und ein andermal bei einem an den Tag gelegten Mißtrauen gegen Herrn Oberleutnant Hickel Die hier von Meyer und ähnlich von Hickel im 38. Brief (S. 106f.) erzählten Vorfälle gibt Hickel in seiner gerichtlichen Vernehmung (Akten Bd. 5 d = Justizmin.-Akt. 2116 Fol. 529 ff.) ganz anders an. An anderer Stelle darüber mehr. überrascht sah, davon zeugen die gegen mich und Herrn Oberleutnant Hickel gemachten Äußerungen seiner seligen Exzellenz, welche fast wörtlich so lauteten: »Sie sollten gesehen haben, wie der Bube förmlich zu intriguieren wußte. Er kam zuerst ganz von der Ferne, rückte, mich fest im Auge behaltend, nur nach und nach mit seiner Absicht hervor, und trat am Ende mit solch dreister und boshafter Gebärde auf, daß ich glauben konnte, eine wahre Teufelsseele vor mir zu sehen. Ich erinnerte mich dabei Ihres Briefes von der Frau Biberbach und dachte: ›Diese Frau hat dich wahrlich recht erkannt und wahr geschildert.‹ Er stand mir in dem Augenblicke als ein im höchsten Grade Undankbarer, als Lügner und Verleumder gegenüber, und ich sah mich genötigt, ihn mit Worten gänzlich zu Boden zu donnern.« Bei einem andern Falle äußerte sich Herr Staatsrat v. Feuerbach unter mehrerem folgendermaßen: »Dieser Kaspar Hauser weiß mich so zu umwinden, wie eine Schlange, die einen zu erdrücken sucht.« Daß Herr Staatsrat v, Feuerbach später selbst glauben mochte, sich in Hausers Charakter im ganzen getäuscht zu haben, dürften folgende seiner Äußerungen beweisen: »So hat denn der alte Feuerbach vor seinem Ende auch noch einen Roman geschrieben.« »Wenn meine Schrift über Kaspar Hauser noch nicht geschrieben wäre, würde sie nicht mehr geschrieben.« Der Beweis dafür, daß Feuerbach diese Äußerungen unmöglich getan haben kann, wird an anderer Stelle erbracht. Mir scheint es nun, daß die chamäleonische Naturanlage Kaspar Hausers demselben bei einer allenfallsigen Täuschung hätte sehr gut zustatten kommen können. In einer zurückbehaltenen Abschrift dieser »Notizen« finde ich an dieser Stelle von der Hand meines Vaters folgenden Zusatz: »Als ich diesen Abschnitt niederschrieb, hatte ich Merkers Schrift: ›Kaspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger‹ noch nicht gelesen, und ich darf daher umsomehr auf die Seite 68 daselbst vorkommenden Worte des Herrn v. Pirch hinweisen: ›Ich habe selten einen schnelleren Wechsel in dem Ausdrucke einer Physiognomie gesehen, von der hellsten offensten Freundlichkeit zum ängstlichsten Ausdruck der Furcht, und zum tiefsten von allem abgeschiedenen Nachdenken.‹« (Dr. M.) b. Er faßte seine Umgebung schnell auf und verstand es, sein Benehmen trefflich einzurichten. Alle, die Kaspar Hauser jemals näher standen, stimmen wohl schon lange darin überein, daß er seine Umgebung bald los hatte, die Schwächen derselben schnell erkannte und solche mit Schlauheit zu benutzen wußte. Ich könnte hier viele einzelne Beispiele anführen; allein sie lassen sich mit Beobachtung der nötigen Schonung nicht gut erzählen, und dann gewähren sie doch kein getreues Bild, wenn man nicht Gelegenheit gehabt hat, sie mit anzusehen. Besuche von Fremden empfing er beobachtend und in gemessener Haltung. Der Rang Feuerbach und Daumer erzählen Geschichten aus Hausers frühester Zeit, aus denen hervorgeht, daß er damals »von Rang und dergleichen keinen Begriff hatte.« Vgl. auch D. 73 S. 308 ff. und das Benehmen derselben bestimmten augenblicklich das seinige. Solcher, die ihn mehr fragten als seine Verhältnisse bewunderten, hatte er sich bald entledigt. Zu große Übertreibungen usw. von Männern machten bei ihm jedoch auch kein besonderes Glück. So ließ er das vergangene Frühjahr einen Professor aus dem Norden in meiner Stube förmlich stehen, indem er sich unter der Entschuldigung, daß er nun auf das Gericht müsse, auf einmal entfernte. Derselbe hatte ihm mehrere unverdiente Elogen und dabei auch gesagt, er (Professor) wäre schon in Ungarn gereist und fände nun, daß er (Hauser) ein vollkommen ungarisches Gesicht hätte. Gar kein Vergnügen gewährten ihm Besuche von Personen des Mittelstandes. Daß Hauser gegen Arme freundlich und mildtätig war, geht aus einer Stelle seines Verhörs vom 17. Dezember 1833 hervor (in dem Abschnitt »Selbstzeugnisse« abgedruckt). S. a. Daumer S. 314 und Fuhrmann. Er blieb bei denselben ganz gleichgültig und so einsilbig, daß man in Verlegenheit kommen konnte. Es ist überhaupt bekannt, daß er mit Personen des gewöhnlicheren praktischen Lebens im allgemeinen durchaus nicht gerne verkehrte, und daß er sich stets lieber zu solchen, vorzüglich aber zu Damen hielt, die ihn als seltsames Wunder und als kindliche Unschuld venerierten. Wie sehr er eine gute Meinung von sich zu unterhalten wußte, davon hat man ja die auffallendsten Beweise. Gelang es ihm denn nicht, hochstehende und in jeder Beziehung ausgezeichnete Familien jahrelang bei dem Glauben zu erhalten, daß er keiner Lüge, und noch weniger einer anderen Untugend fähig sei! Dieser Umstand mag wohl den untrüglichsten Beleg zu meiner Behauptung liefern: »Hauser verstand es, sein Benehmen der jedesmaligen Umgebung ausgezeichnet gut anzupassen.« Mein Urteil in dieser Beziehung äußerte ich schon seit zwei Jahren stets dahin, daß sich Hauser gegen seine Besuche und Bekannte weit passender benehme, als sich die meisten derselben gegen ihn zu benehmen wüßten. Er zeigte sich fast überall anders. In dem Hause meiner Schwiegermutter, Hierzu bemerkt Daumer S. 314f.: »Wie kam es denn, daß eine diesem Manne selbst (Meyer) so nahestehende Person wie seine Schwiegermutter ein so ganz anderes Verhältnis zu Hauser hatte als er? Dieselbe hatte doch wohl ebenfalls Gelegenheit genug, ihn zu beobachten .... Sie vernahm gewiß alles, was .... ihr Schwiegersohn .... für Anklagen erhob, für Argwohn äußerte, für eine Ansicht vertrat. Bei all dem war und blieb diese Frau.... dem Unglücklichen stets freundlich, gütig, liebreich zugetan.... Sollte nicht auch das für ein Anzeichen gelten, daß Hauser unangemessen beurteilt und behandelt worden ist, und daß Meyers böse Gesinnung und feindliches Gebaren einen keineswegs objektiven Grund gehabt?« wo man ihm, wie an anderen Orten, als dem interessanten Kaspar Hauser gern huldigte, benahm er sich schon ganz anders als bei mir. Dort urteilte er auch über Dinge und Verhältnisse, die ihm mir gegenüber ganz fremd waren, mit Ein- und Umsicht. c. Seine Urteile in bezug auf andere, ihre Handlungen, Lebensverhältnisse usw. fand ich in der Regel richtig, ja oft treffend, wenn sie nicht gewisse Verhältnisse von ihm berührten; sobald sie sich aber auf einzelne Verhältnisse von ihm bezogen, trugen sie unter Umständen mehr oder weniger Spuren des Unwahrscheinlichen und Unwahren an sich. So viele Beweise er von Unkenntnis und Unerfahrenheit in den gewöhnlichsten Dingen gab, so viele gab er gewiß auch von seiner Bekanntschaft mit dem Leben. Er sprach natürlich öfters von denen, mit welchen er in kürzerer oder längerer Zeit bekannt geworden war. Dieselben hätten sich aber wahrlich oft gewundert, wenn sie gehört hätten, wie richtig Hauser sie aufgefaßt hatte. Ungünstige eheliche Verhältnisse, die er früher erkannte, als man glauben sollte, beurteilte er einige Male mit einer Umsicht, die mich überraschte. Den schuldigen Teil tadelte er zwar gehörig, bemerkte aber zur Entschuldigung recht schön, wo der eine Teil dem andern eben zu alt oder zu wenig gescheit sein möge. Zum Beweis, wie wacker er urteilen konnte, nur einige Beispiele etwas ausführlicher. Im vorigen Winter hatte ihm eine Frau ihren Herzenskummer entdeckt, und er nahm großen Anteil. Meine Frau, welche erfahren hatte, daß jene Frau bedenklich krank sei, kam über Tisch im Gespräch auf dieselbe und drückte ihr Bedauern aus. Hauser nahm das Wort und äußerte sich in folgender Weise: »Ja die Frau N. wird nicht mehr ganz gesund. Sie hat sich schon zu arg hinuntergegrämt. Der fehlte jetzt auf der Welt nichts; sie hätte alles, was sie sich nur wünschte. Nur ihr Mann ist gegen sie nicht, wie er sein sollte. Er mag sie eben nicht, hat jüngere lieber. Es ist so schad für ihn. Denn er hat sonst gar keinen Fehler, auch gar keinen. Er ist außerordentlich gescheit, gegen jedermann sehr gut, dient und hilft, wo er kann, und nur den einen Fehler hat er. Und er wird nicht mehr anders, wenn sich Frau N. auch zu Tode grämt. Ihre Bekannten sind aber auch dumm genug und sagen ihr immer wieder, was sie gehört haben. Ich hab' es ihr aber gesagt: ›Das sind keine Freundinnen von Ihnen; sonst würden sie Ihnen so was nicht sagen. Wahre Freundinnen sagten Ihnen nicht etwas, worüber sie sich abgrämen, und was doch nicht mehr zu ändern ist. Sagen Sie diesen guten Freundinnen, sie möchten solche Sachen künftig nur lieber für sich behalten. Sie wollten nichts mehr hören.‹ – Nachdem ich bei diesen Äußerungen meine Gedanken für mich gemacht hatte, glaubte ich doch eine Frage an ihn stellen zu müssen. Ich fragte ihn daher, ob denn Herr N. erst in der neuern Zeit seiner Frau Veranlassung zu Kränkungen gegeben habe, und darauf erwiderte er: »Ja freilich – es sollen erst in der letzten Zeit wieder zwei Kinder von ihm da sein. – –« Ich wählte dieses Beispiel ungerne; allein ich glaubte es deshalb nicht umgehen zu dürfen, weil Hauser beim Religionsunterrichte gegen Herrn Pfarrer Fuhrmann im vergangenen Frühjahre noch eine so gänzliche Unbekanntschaft mit ehelichen Verhältnissen an den Tag legte. Nachdem Daumer (S. 195 ff.) ausgeführt hat, daß Hauser in der ersten Zeit das »reinste Kind« gewesen sei und »absolute Unwissenheit und Unerfahrenheit im Punkte des Geschlechtslebens« gezeigt habe, fährt er fort: »Daß sich dies niemals ändern werde und solle, konnte kein vernünftiger Mensch erwarten und verlangen .... Hauser war in Ansbach ein in die Jahre der vollen Reife getretener, junger Mann; er hatte schon mehrere Jahre in verschiedenen Verhältnissen unter den Menschen gelebt, hatte unendlich viel reden und erzählen hören und war mit weiblichen Personen höheren und niedrigeren Standes in häufige zum Teil sehr nahe Berührungen gekommen. Da wäre es doch gewiß kein Wunder gewesen, wenn er eine größere Einsicht in geschlechtliche Dinge erlangt, sich wohl auch irgendwie verliebt und in ein inniges Verhältnis zu einem weiblichen Wesen eingelassen hätte ...« »Das (die von Meyer erzählten Geschichten) hatte er (Hauser) gehört und sagte es nach; was er sich dabei vorstellte, läßt sich daraus gar nicht mit Bestimmtheit ersehen.« In meiner Gegenwart bemerkte er nicht leicht etwas über Geschlechtsverhältnisse. Es wurde natürlich schon alles vermieden, was ihn zu dergleichen Bemerkungen hätte veranlassen können. Gleich in den ersten Wochen, die er bei mir war, erregte er in mir jedoch durch folgenden Fall die Meinung, als wäre er auch in dieser Beziehung nicht so ganz unwissend. Er hörte von mir den Namen einer hiesigen Bürgersfamilie nennen und fragte darauf, ob der N. nicht ein Wirt wäre. Auf meine Antwort »Ja« fuhr er fort: »Von dem hat eine Tochter in Nürnberg bei Frau v. Tucher gedient. Sie hat sich dann verheiratet, kam aber bald wieder von ihrem Manne. Dieser war ein lüderliches Stück. Wenn sie nur einen Augenblick frei hatte, lief sie selber den Mannsbildern nach. Sie war so unverschämt und zog sich einmal auf meinem Zimmer an. Ich erlaubte es ihr, weil ich glaubte, sie werde nur Oberkleider anziehen wollen; aber sie zog sich dann beinahe ganz aus und schnürte sich ein.« Mir erschien er hier, wie so oft, nicht mehr als das einfältige, arglose Kind. Daumer meint dazu (S. 196): »Das soll ein Beweis sein, daß Hauser selbst ein verdorbener Mensch gewesen!«] Mehr oder weniger gegen die Meinung, als sei er eben ein unerfahrenes Kind gewesen, streiten auch folgende Beobachtungen. Waren welche über bestimmte Dinge verschiedener Ansicht oder in Streit geraten, und hörte er die Ursache oder die Gründe beider Teile, so urteilte er in der Regel nicht nur sehr richtig, sondern auch billig. Es macht mir Vergnügen, dabei zu seinem Ruhme sagen zu können, daß er diejenigen stets hart tadelte, welche andern offenbar und absichtlich Unrecht taten. Den Erzählungen anderer mißtraute er gerne und gab oft zu erkennen, daß er ihnen nicht alles glaube. Über einen und den andern, der ihm oder in seiner Anwesenheit andern mehreres erzählt hatte, äußerte er nicht selten: »Der sagt auch mehr als er selber glaubt.« Gab er Punkte an, um welcher willen er dies glaubte, so zeigte er einen wahrhaft richtigen Blick und Bekanntschaft sowohl mit den menschlichen Schwächen als einzelnen Lebensverhältnissen. Dessen ungeachtet ließen seine Äußerungen und Erzählungen, sobald sie ihn oder Verhältnisse von ihm betrafen, oder wenn er sich gewissen Personen gegenüber befand, eine große Unerfahrenheit und geistige Beschränktheit, noch mehr aber die höchste Unwahrscheinlichkeit der Sache erkennen. Obgleich andere schon Belege genug für seine Unerfahrenheit usw. liefern, so will ich doch auch noch einen dazu geben, um zu zeigen, daß auch ich noch Gelegenheit hatte, seine kindlichen Vorstellungen zu bewundern. Zu der Zeit, als Kaspar Hauser in mein Haus kam, pflegte ich unmittelbar nach dem Abendessen den (Nürnberger) Korrespondenten und die bayerische Deputiertenkammer von 1831 zu lesen. Dabei nahm ich Veranlassung, ihn zu fragen, ob er denn wisse, was eine Deputiertenkammer sei? Ja – antwortete er – eine Deputiertenkammer ist eben eine recht schöne Kammer des Königs, wo nur die Deputierten hineingehen und recht viel Schönes sehen dürfen. Ich habe mir in Nürnberg schon gedacht, ich will doch den Herrn Plattner, wenn er von München zurückkommt, fragen, ob die Kammer unsers Königs recht schön war, und was er alles gesehen hat. Diese naive Antwort gab er mir in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft. Dr. M. bringt dazu folgende Anmerkung: »Auch zu dieser Stelle finde ich in der obenerwähnten zurückbehaltenen Abschrift der »Notizen« einen Zusatz, der wie folgt lautet: »Es kann dieser Antwort, wie so viel anderem, freilich nicht wohl die rechte Würdigung zuteil werden, wenn man nicht das Unnatürliche, Gezwungene, Berechnete usw. in Rede und Benehmen mit erfahrenem Auge zu beobachten Gelegenheit hatte.« Dr. M. setzt zu dem obigen Satze seines Vaters: »Diese naive Antwort ...« hinzu »aus dem Stegreif«. So vier bis sechs Wochen hindurch wurde auch ich von ihm mit einigen Naivitäten überrascht. Ich blieb indes – nicht ohne Absicht – bald gleichgültig. Daß ich später – nach höchstens zwei Monaten – dergleichen kindliche Äußerungen gegen mich nicht mehr vernommen habe, kann ich auf das Bestimmteste behaupten. Den Beweis, welche Unwahrscheinlichkeiten er einzumischen gewohnt war, wenn er von dem erzählte, was ihm begegnete, was er fühlte, dachte und tat, liefern ebenfalls die Mitteilungen anderer schon mehr als hinlänglich. Darum von mir nur noch folgende Beispiele. Es war in den letzten Tagen des Dezember 1831, als ich ihm Gelegenheit verschaffte, bei Herrn Musikus Schüler dahier mehrere Experimente mittels der Elektrisiermaschine mit anzusehen. Er sagte mir einige Tage vorher in der Stunde, daß er weder je von der Elektrizität etwas gehört noch eine Elektrisiermaschine gesehen hätte, und gedachte dabei, wie häufig, tadelnd seiner Nürnberger Verhältnisse, indem er sagte: »So etwas haben sie mir in Nürnberg nicht gelehrt und gezeigt, da hab´ ich nur immer das trockene Latein treiben müssen, wozu ich doch keine Lust hatte. An dieser Stelle findet sich folgender, auch in die Akten aufgenommener Zusatz von der Hand meines Vaters: »Nachdem dies schon geschrieben war, erfuhr ich durch Herrn Prof. Daumer, daß er in Nürnberg allerdings schon eine Elektrisiermaschine gesehen hatte,« (Dr. M.) An dem Experimente fand er großes Vergnügen und er wollte die gewöhnlichen Einwirkungen auf den menschlichen Körper an sich selbst erfahren. Anfangs war sein Benehmen dabei so, wie man es an jedem anderen Ziererei genannt haben würde. Bald aber entlockte er mittelst der Finger, sowohl dem bewegten Zylinder als den Personen auf dem Isolatorium, häufiger als alle andern elektrische Funken, ließ sich gleichfalls elektrisieren und von andern berühren. Selbst den elektrischen Schlag hätte er mit mehreren geteilt, wenn ich es zugegeben hätte. Nachdem das Experiment vorüber war, saßen wir wohl noch ein Stündchen mit der Familie Schüler zusammen. Gegen zehn Uhr ging Hauser in meiner und meiner Frau Begleitung vergnügt nach Hause und begab sich sogleich zu Bette. Am andern Tage morgens sagte er: »Ich habe aber eine schlechte Nacht gehabt. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zumachen können. Kaum war ich im Bette, so bekam ich ein fürchterliches Kopfweh und Nasenbluten. Das Nasenbluten hatte ich die Nacht hindurch mehrere Male und zweimal mußte ich mich auch stark übergeben.« Vom Nasenbluten (er hatte dieses auch sonst öfters, aber immer nur ganz unbedeutend) traf ich wirkliche Spuren in seinem Waschbecken und Sacktuche, vom Erbrechen aber keine. Als ich ihn fragte, wohin er denn gebrochen hätte, sagte er nach kurzem Besinnen: »In den Abtritt.« Dies schien mir nun im höchsten Grade unwahrscheinlich, und zwar in doppelter Hinsicht. War es denn nicht weit natürlicher, in das Waschbecken zu brechen, wohin er auch blutete? Welcher Mensch, auch nur mit gewöhnlichem Geruchssinne, insbesondere aber welches Kind (und für ein solches soll ja Hauser fortwährend gelten) wird wohl ohne dringendste Not beim Erbrechen den Abtritt wählen und aufsuchen? Dann wollte Kaspar Hauser aber auch damals feiner riechen und jeden unangenehmen Geruch unerträglicher finden als alle im Hause. »Entweder«, so mußte ich damals gleich schließen, »ist es nun nicht wahr, daß du einen feinen Geruch, oder daß du in den Abtritt, und überhaupt, gebrochen hast.« Nach meiner spätern näheren Bekanntschaft mit ihm konnte ich glauben, daß keines von beiden wahr sei. Eine ähnliche Erzählung in den Hickelschen »Briefen«. Meine Frau und ich haben uns recht oft überzeugt, daß sein Geschmack und sein Geruch nicht so fein waren, wie diese Sinne nur z.B. mir eigen sind. Wo er nicht schon im voraus wußte, daß er etwas Besonderes riechen oder schmecken sollte, – es mußten denn diese Eigenschaften sehr hervorstechend sein –, da gewahrte er solche an Speisen und andern Dingen häufig gar nicht. Wurde er indes gefragt, ob er nicht etwas rieche oder schmecke, dann fand er freilich jedesmal einen besondern Geruch oder Geschmack, hatte aber in der Regel keine deutliche Vorstellung von demselben, da er ihn gewöhnlich ganz falsch ableitete. Oft pflegte er wohl auch »wohl auch« hat Dr. M. in seinem Abdruck ausgelassen. auf meine Anregung zu behaupten, er rieche oder schmecke etwas, wo wahrlich nichts zu riechen oder zu schmecken war. Hatte er aber solches einmal behauptet, so blieb er auch fest darauf. Nie aber gab er zu, daß er sich hierin, wie in so vielem andern, habe irren können, und suchte dadurch glauben zu machen, daß er eben ganz andere Eigenschaften besäße, als andere. Zu diesem Satze nahm er gerne seine Zuflucht, wenn man seinen Vorgebungen gegründete Einwendungen entgegen setzte. Damit war nun freilich sein Gegner auf die kürzeste Weise abgefertigt. Eine große Unwahrscheinlichkeit liegt auch in folgender Versicherung, die er mir am Abend seines Konfirmationstages, dem 20. Mai 1833, gab. Ich nahm Veranlassung, von dem wohltätigen Einflüsse des Gebetes auf die geistige Veredlung des Betenden zu sprechen, nannte es sehr gut und löblich, wenn man regelmäßig zu gewissen Tageszeiten bete, und ermunterte ihn, er möge nun von seinem Konfirmationstage an die gewöhnliche Ordnung, beim Aufstehen und Schlafengehen zu beten, ja streng einhalten. Darauf sagte er mir, er hätte bisher schon jeden Morgen und jeden Abend und zwar immer aus der Gebetsammlung gebetet, die ihm der Graf gegeben hatte. Auf meine Frage, ob er denn einige solche Gebete auswendig könne, erwiderte er: nein, er lese sie jedesmal. Als ich ihm darauf bemerkte, ans Lesen käme man aber doch nicht immer, manchmal hätte man dazu nicht mehr Zeit, bisweilen würde man auch gestört usw., und darum wäre es besser, wenn man einige kurze Gebete oder wenigstens doch ein Morgen- und Abendlied auswendig lernte, die man dann während des Aufstehens und Anziehens usw. beten könne, entgegnete Hauser weiter, er würde nie gestört, er hätte sein Gebet bisher jedesmal lesen können und er hätte es noch kein einziges Mal, auch nicht einmal, sagte er mit Ausdruck, versäumt. »Auch nicht, wenn Sie sehr frühe morgens verreist und sehr geeilt haben,« fiel ich ein, und er sagte hierauf schnell und entschieden sein »Nein«. Nachdem ich ihm hierauf bemerkt hatte, daß ich ihm dies an einem andern Tage nicht leicht würde geglaubt haben, daß ich aber heute keine Unwahrheit von ihm erwarten wollte, versicherte er mir wiederholt die Wahrheit seiner Aussage und später brachte er ohne weitere Veranlassung das oben erwähnte Büchlein aus seinem Zimmer und zeigte mir in demselben die beiden Gebete, welche er vorgeblich jahraus jahrein morgens und abends zu beten pflegte, konnte aber gleichwohl auch kein Sätzchen, ja nicht die Aufeinanderfolge einiger Worte davon auswendig. Es gehört mehr als gewöhnlicher Glaube dazu, auch Kaspar Hausers diesfallsige Aussage als wahr anzunehmen. Ich hatte zwar schon lange vorher die Überzeugung gewonnen, daß er unwahr sei im Benehmen wie im Reden, ja daß er dies mit Dreistigkeit sei; allein ich getraute ihm bis daher nicht zu, daß er an dem Tage einer so ernsten und wichtigen Religionshandlung einen religiösen Gegenstand zum Gegenstande seines gewohnten Lügens machen könnte. Von nun an mußte ich dieses aber fast glauben. Ich hätte gleich sehr gewünscht, diese Erfahrung nicht gemacht zu haben. Wenn mich auch die große Unwahrscheinlichkeit im allgemeinen nicht schon zu meiner Meinung berechtigt hätte, so wäre es sein Benehmen gewesen, unter welchem er mir obige Behauptungen machte. Ich kannte ihn ziemlich genau und konnte in der Regel Wahres und Falsches in seiner Rede und Miene wohl unterscheiden. Da übrigens Kaspar Hauser in nichts Solidem Ausdauer zeigte, nichts weniger als religiösen Sinn hatte, ihn in meinem Hause weder ich noch die Meinigen je beim Beten antrafen, ob man gleich jeden Augenblick, unmittelbar vor und nach dem Aufstehen und Schlafengehen zu ihm aufs Zimmer kam, so trägt seine Aussage auch hierin jedenfalls die höchste Unwahrscheinlichkeit an sich. Der gewöhnliche, kalte Verstand möchte vielleicht den ganzen Umstand an und für sich höchst unbedeutend finden; allein man möchte ebensogut erkennen dürfen, daß Kaspar Hauser nichts zu heilig war, wenn es galt, sich in ein vorteilhaftes Licht zu setzen. d. Hauser besaß viele Schlauheit und gab davon oft Beweise. Im Januar v.J. wurde ihm angekündigt, daß er mit Herrn Oberleutnant Hickel eine Reise machen dürfe. Das Ziel und den Zweck derselben sagte man ihm natürlich nicht. Gegen mich sprach er sich darüber folgendermaßen aus: »Ich muß mit Herrn Oberleutnant Hickel auf die Woche schon wieder eine Reise machen.« Auf meine Frage, ob er denn wisse wohin, erwiderte er: »Der Herr Präsident (Feuerbach) und der Herr Oberleutnant sagen mir's wohl nicht; aber ich weiß es doch. Sie haben so von Bamberg heruntergeredet, wo der Herr Oberleutnant und seine Frau her sind, und als ob sie auf Besuch dorthin gingen. Aber (Sie müssen aber gar nichts sagen) wir gehen ganz gewiß nach Gotha. Auf Veranlassung des Polizeirats Eberhardt in Gotha wurde Hauser mit Hickel dorthin gesandt, um einer Demoiselle Königsheim gegenübergestellt zu werden. Diese war der Ansicht, Hauser sei die Frucht eines illegitimen Verhältnisses, das sie mit einem Bamberger Domherrn, einem Freiherrn v. Guttenbrunn, gehabt habe. Wie die Akten erweisen, ergab eine langwierige Untersuchung über diesen Fall ein negatives Resultat. S. a. Hickel S. 110 ff. Dort will wieder jemand etwas über meine Herkunft wissen. Sie glauben, ich weiß es nicht, aber ich hab's doch schon gemerkt. Man hat vor einigen Wochen eine Haarlocke von mir dorthin geschickt, was ich auch so gelegenheitlich merken konnte. Mir ist es so zuwider, daß mit allem immer so wichtig und geheimnisvoll getan wird; und was ist's am Ende doch immer? Nichts! Ich weiß gewiß, daß diese Reise wieder ganz umsonst ist. Es wird das Geld nur immer unnötigerweise verreist. Die Summe, welche der Herr Graf auf die Bank gelegt hat, und welche mir gehörte, wenn nicht so viel verreist würde, wird so immer kleiner. Aber in Nürnberg haben sie's schon so gemacht. Bald wurde ich dahin, bald dorthin gefahren. Sie meinten es auch immer recht pfiffig anzufangen und recht geheim zu halten; ich wußte aber doch schon fast jedesmal wohin, noch ehe zum Tore hinausgefahren wurde.« – In der zweiten Hälfte des ersten Jahres verursachte mir Hauser besonders viel Unangenehmes. Über Eigensinn, willkürliches Handeln und Übertretung der ihm gegebenen Vorschriften usw. mußte ich mich oft beklagen und zu manchem ernsten Auftritte veranlaßt sehen. Abgesehen von seiner Unlust zum Lernen und den alle Geduld in Anspruch genommenen dreisten Entschuldigungen suchte er sich auch der ihm lästigen Kontrolle beim Ausgehen auf jede mögliche Weise zu entziehen. Er hatte z. B. die gemessenste Weisung, mir jedesmal anzuzeigen, wohin er in Begleitung des Bedienten gehe; dessen ungeachtet und trotz meiner öftern Erinnerungen unterließ er diese Anzeige so häufig, daß ich für nötig fand, ihm durch Herrn Präsidenten von Feuerbach seine Pflicht wiederholt einschärfen zu lassen. Dem Bedienten, der ihn wohin geführt hatte, erließ er öfters das Abholen und ging, was ihm strenge verboten war, ohne Begleitung nach Hause, Auch ging er allein vom Hause weg, wenn er mich außer demselben wußte. Einmal begegnete ich ihm auf der Stiege und ein anderes Mal unter der Haustüre. Das erste Mal sagte er mir unter einiger Verlegenheit, er wolle nur auf den nahen Obstmarkt gehen und sich Obst kaufen. Darüber erhielt er von mir den gebührenden Verweis mit dem Auftrage, sich künftig, wie bisher, sein Obst durch die Magd holen zu lassen. Das andere Mal gab er vor, er wolle nur zu dem Uhrmacher gehen, da seine zum Reparieren gegebene Uhr fertig sein müsse, und der Bediente heute nicht mehr zu ihm komme. Diesmal bemerkte ich ihm nun allen Ernstes, daß er unter keinerlei Vorwand das Haus mehr allein verlassen möge, wenn er sich nicht den größten Verdruß zuziehen wolle. Er war jetzt auf der Stelle gefaßt, sich in folgender Weise zu entschuldigen: »Ja, der Herr Präsident hat es mir doch erlaubt, meine Gänge in der Stadt so lange allein tun zu dürfen, bis der Bediente des Herrn Leutnant wieder zurückgekommen ist. (Herr Oberleutnant Hickel war nämlich mit seinem Bedienten, der auch Hausers Dienste besorgte, auf einige Tage verreist, und ward Hauser inzwischen ein anderer Bedienter beigegeben.) Als ich ihm hierauf erklärte, diese Entschuldigung genügte mir nicht, ich müßte so lange bei meiner Instruktion beharren, bis ich eine andere erhielte, würde ihn aber mit Vergnügen ohne Begleitung ausgehen lassen, sobald er mir nur durch eine Zeile vom Herrn Präsidenten diese Erlaubnis und Anordnung nachweisen könnte, kehrte er auf sein Zimmer zurück, indem er mir zur Beibringung einer solchen Erlaubnis Hoffnung machte. Am andern Tage vermochte er Herrn Staatsrat von Feuerbach auch wirklich dahin, daß ihm die gewünschte Erlaubnis erteilt wurde. Herr Staatsrat von Feuerbach ließ mich auf den Abend zu sich rufen und eröffnete mir, daß Kaspar Hauser heute bei ihm gewesen sei, sehr verstimmt geschienen und geäußert habe: es sei ihm so ärgerlich und zuwider, daß er nicht ausgehen könne, wenn er gerade wolle und solle. Oft falle ihm noch ein Gang ein, wenn der Bediente schon fort sei; dann müsse er entweder warten, bis er wieder komme und manchmal komme er erst am andern Tag wieder, oder er müsse sich von der Magd, welche man auch nicht immer gerade entbehren könnte, begleiten lassen. Und jetzt, solange der Bediente des Herrn Leutnant nicht hier sei, komme ein anderer täglich nur einmal zu ihm. Er meinte, er könnte aber jetzt recht wohl allein ausgehen; er ginge ja nur bei hellem Tage in seine bekannten Häuser; auch verstände er jetzt doch schon mehr, und wenn ihm jemand etwas tun wollte, könnte er ja auch leicht davon laufen. Wenn er doch nur bei hellem Tage allein ausgehen dürfte, in der Dämmerung und bei Nacht möchte er schon selber nicht allein gehen, wiederholte er in kläglich bittendem Tone. Herr Staatsrat eröffnete mir nun weiter, er habe Hausers diesfallsigen Wunsch nicht unbillig gefunden und sei um so weniger bedenklich gewesen, ihm die gewünschte Erlaubnis zu versprechen, als Ansbach keine engen Gassen habe, die Häuser, welche Hauser besuchte, an frequenten Teilen der Stadt liegen, und er ja nur mit keinem Unbekannten sprechen und sich in dessen Nähe aufhalten dürfe, welch letzteres er sogleich mit dem Zusatze versprochen habe, so gescheit sei er nun schon selber. Von Sr. Exzellenz über meine Meinung befragt, konnte ich mich nur vollkommen mit derselben einverstanden erklären, da mir Hauser schon unzählige Beweise gegeben hatte, daß er in dem, was zu seinem äußern Frieden diene, bei weitem kein Kind war, vielmehr mit Schlauheit allem auszuweichen wußte, was ihm Nachteil bringen konnte. In diesem letztern Punkte war Se. Exzellenz auch damals schon ganz meiner Ansicht und Überzeugung. Hauser erhielt nun die förmliche Erlaubnis, in die von ihm benannten Häuser und in den frequenten Straßen der Stadt ohne Begleitung gehen zu dürfen. Dabei wurde ihm aber sowohl vom Herrn Präsidenten von Feuerbach, als von mir nachdrücklich gesagt, bei Verlust dieser Begünstigung an keinen entlegenen oder von Menschen leeren Platz (wenn ich nicht sehr irre, wurde der Hofgarten beispielsweise sogar als ein solcher bezeichnet), jedenfalls nicht aus der Stadt und bei der Dämmerung durchaus nie allein zu gehen. Über die erhaltene Erlaubnis erfreut, sprach sich Hauser gegen mich aus, wie folgt: »Dies hab' ich schon gewußt, daß mir der Herr Präsident es erlaubt, wenn der Herr Leutnant nicht hier ist und Sie nichts dagegen haben. Der Herr Leutnant hätte gewiß wieder allerlei einzuwenden gehabt und Sie werden sehen, wenn er zurückkommt, will er wieder Umstände machen. Aber bis dahin – es ist gut, daß er noch lange ausbleibt – weiß es der Herr Präsident nicht mehr anders, als daß ich allein gehen kann, und dann läßt er sich doch nicht so leicht wieder irre machen. Wäre der Herr Leutnant hier, wüßte ich wohl, wie es ginge. Bei Herrn Präsident hat immer der recht, welcher zuletzt kommt, seitdem er immer so kränklich und häufig verdrießlich ist.« So resolut und mit solcher Umsicht ist er auch bei diesem Falle zu Werke gegangen und so ganz hatte er seine hohen Freunde und Gönner durchschaut. Nicht vergessen darf ich, zu bemerken, daß er, nach der mir gegebenen Versicherung Sr. Exzellenz, mit demselben früher kein Wort über das Ausgehen ohne Begleitung gesprochen hatte, und daß sich also obige Entschuldigung damals sogleich als eine Lüge aus dem Stegreife darstellte. Daß er Herrn Oberleutnant Hickel für diesen Fall richtig beurteilt hatte, zeigte die Folge. Derselbe war nach seiner Rückkehr mit fraglicher Abänderung wirklich nicht zufrieden. Er machte verschiedene Einwendungen. Als die wichtigste darunter erschien jedoch die, und er bezeichnete sie selbst als solche, daß man es um des Grafen [Stanhope] willen nicht tun solle, der nicht anders wisse, als Hauser müsse sich seit dem Mordversuche [in Nürnberg] ungewöhnlich fürchten und dürfe sich natürlicherweise nicht allein zu gehen getrauen. Über den erzählten Vorfall siehe Hickel, 38. Brief S. 104 ff. Da Herr Oberleutnant ihm auch deshalb lange fort Vorwürfe machte, so wurde er nun sehr bedeutend gegen ihn (Hickel) eingenommen. Er legte dem Benehmen desselben die unlautersten Motive unter, und ich war nicht imstande, ihm seine Meinung ganz auszureden. Seine Hinweisung auf gemachte Erfahrungen zeugte ebensowohl von Scharfblick als davon, daß er den Handlungen anderer nicht gerne edle Triebfedern zutraute. Mit Verwunderung hörte ich ihn für sein Gebilde verschiedene entfernte Umstände trefflich unter einander in Verbindung bringen. Zu welch seinen Kombinationen ihn sein Mißtrauen gegen andere verleitete, davon nur ein Beispiel. Im Herbste 1832 war ihm gesagt worden, ich würde ihn nicht länger als bis zur Entbindung meiner Frau behalten können. Solange er nicht wußte, wohin er von mir aus kommen sollte, schien ihm der bevorstehende Wechsel gerade nicht unangenehm zu sein. Wenn davon die Rede war, drückte er wenigstens nie ein Bedauern aus. Auf einmal kam er jedoch nach Hause und fragte mich, ob ich ihn denn wirklich nicht mehr behalten könnte, wenn einmal die Frau niedergekommen wäre. Durch meine Entgegnung vernommen, daß ich ihn wohl behalten könnte, bis künftigen Sommer der Herr Graf käme, daß er sich eben fügen müßte, es ihn nicht genieren dürfte, wenn es bisweilen mit Kost und Bedienung nicht so ganz am Schnürchen ginge usw., äußerte er unter auffallender Freundlichkeit weiter: »O da will ich mir gerne alles gefallen lassen. Sind Sie nur so gütig und behalten Sie mich! Ich merke, daß ich zu Herrn Leutnant sollte, und ehe ich dahin ginge, wollte ich lieber Wassersuppen essen. Den größten Verdruß, wenn ich mir machte, ginge ich nicht hin, und es dürfte gehen, wie es wollte.« Darauf bemerkte ich ihm natürlich tadelnd, er müßte sich wieder sehr irren, er wäre abscheulich mißtrauisch und undankbar, er hätte in keinem Falle etwas der Art noch merken können, da bis jetzt kein Wort über eine dergleichen Veränderung mit mir gesprochen worden wäre usw. »Ja«, fuhr er fort, »Sie werden sehen, ich habe schon recht verstanden. Der Herr Leutnant zieht aus, und da ist mir schon einigemal zu Gehör geredet worden, daß man nun im neuen Quartier ein Stäbchen mehr bekomme. Man hat geglaubt, ich sollte sagen, da möchte ich mitziehen.« – Auch diesmal konnte ich ihn durch meine Einwendungen nicht weiter als zu der Erklärung bringen: »Sie kennen sich eben bei Herrn Leutnant noch nicht recht aus. Wüßten Sie nur, was ich weiß.« Ein paar Tage später trat er zu mir und meiner Frau mit den Worten in das Zimmer: »Was gilt's, Herr Meyer, ich habe neulich recht gehabt mit dem Ausziehen? Heute begegnete mir der Herr Kaplan auf dem Wege und sagte zu mir: ›Nun, Sie kommen von Meyer weg‹ Ich sagte darauf: ›Ich weiß es nicht, ich muß tun, was man von mir haben will‹ Dann sagte er: ›Ja, ja, ich hab's ganz gewiß gehört. Beim Meyer war' es langer doch nichts für Sie‹ Merken Sie jetzt noch nicht, daß man mich absichtlich von Ihnen weghaben will; es stecken noch andere dahinter; und nun gehe ich gerade nicht, wenn Sie mich behalten.« So beschloß Hauser diese seine Mitteilung. Meine Frau und ich – wir sahen uns an, und ich fühlte durch diese Überraschung mein Ehrgefühl einigermaßen angegriffen. Doch war ich noch immer nicht geneigt, zu glauben. Als ich aber am andern Tage dasselbe wieder erfuhr und diese Mitteilung von einer Person herrührte, welche mit Hausers Verhältnissen näher bekannt war, da konnte ich an Hausers richtigem Blicke auch in dieser Beziehung fast nicht mehr zweifeln. Auch meine spätern Erfahrungen waren nicht geeignet, einem solchen Zweifel besonders Raum zu geben. – Dem mag indes sein, wie ihm wolle. Hauser mag recht oder nicht recht bemerkt haben, so geht aus seinen Kombinationen doch klar hervor, daß er die Fähigkeit, unkindlich zu kombinieren, in einem recht wackeren Grade besaß. Ich muß hier, wie in hundert andern Fällen, das einfache Kind andere suchen lassen; ich vermag es nicht zu finden. Daumer bemerkt dazu: »Was soll man davon denken? Die Sache ist dunkel; es ist nicht alles ausgesprochen, was zum Verständnis derselben gehört; es ist wohl manches unterdrückt, was Hauser bemerkt, gemeint, geäußert haben mag. Die Geschichte soll ja bloß zeigen, daß er ›die Fähigkeit, unkindlich zu kombinieren‹ gehabt, d. h., daß er ein verschmitzter Junge, ein Gauner und Betrüger gewesen. Wer aber Augen im Kopfe hat, dem blitzt aus solchen, wenn auch zurückhaltenden und unvollständigen Erzählungen ein ganz anderes Licht entgegen.« S. 291. e. Hauser war der Unwahrheit und der Verstellung in einem auffallenden Grade ergeben. Daß Hausers Charakter eine sehr bedauerliche Richtung zur Unaufrichtigkeit, Unwahrhaftigkeit und Verstellung genommen hatte und daß seine Neigung zur Unwahrhaftigkeit schon im Oktober 1829 in auffallender Weise hervorgetreten war, bekennt selbst Herr Professor Daumer in seinem Aufsatze über Kaspar Hauser in Beziehung auf Herrn von Langs Aufsatz über denselben. (Siehe außerordentliche Beilage zur Allg. Ztg. 1834, Nr. 51) In welchem Grade diese seine Untugenden in dem Hause des Herrn Magistratsrats Biberbach erkannt wurden, davon zeugt der öfter erwähnte Brief der Frau Biberbach, welche Frau bei ihrer allgemein anerkannten Gutmütigkeit ihm wahrlich nicht unrecht tun konnte. Auch in der Zeit, die er in dem Hause des Herrn Baron v. Tucher verlebt hat, haben ihn die in Rede stehenden [Un]tugenden nicht verlassen. Ich werde weiter unten auch ein Beispiel aus jener Zeit anführen. Nach seinem ganzen Leben und Weben während seines Aufenthalts bei mir konnte ich schon seit 1½ Jahren kein anderes Urteil über ihn fällen, als daß er im Benehmen wie im Reden fast durchaus unwahr und [un]natürlich sei. Ich habe dieses Urteil seit erwähnter Zeit gegen niemanden, der es wissen wollte und würdigen konnte, zurückgehalten, als gegen Herrn Grafen Stanhope. Ob ich dadurch einen Beweis von Hartherzigkeit, deren man mich in der Hauserschen Sache so gerne beschuldigt, gegeben habe, muß ich billiger Beurteilung überlassen. Was sonst, wie die Besorgnis, Hauser bei Herrn Grafen Stanhope schaden zu können, konnte mich bewegen, letzterem gegenüber mein Urteil über die Gebühr zu moderieren. Wer mich näher kennt und sich überzeugt hat, daß die mir eigentümliche Wahrheitsliebe meinen eigenen Vorteil nicht schont, wird gerne zugeben, daß es mir nicht so leicht ist, dieses mein tiefstes Gefühl zu unterdrücken, und daß mich nur die gewissenhafteste Teilnahme an dem Wohl und Wehe anderer dazu bestimmen kann. Der letzte Absatz: »Ich habe dieses Urteil« ... bis »bestimmen kann« fehlt bei Dr. M. Lehrer Meyer ist also schon von seinen Zeitgenossen der »Hartherzigkeit« gegenüber Hauser beschuldigt worden. Einige Belege zu diesem Abschnitte. 1. Ein Beispiel von Unwahrhaftigkeit aus der Zeit seines Aufenthalts bei Herrn Professor Daumer. »Es waren, soviel ich mich erinnere, mehrere Ursachen, welche zu dieser Versetzung (nämlich zu Biberbach) bewegen. So mein damaliger, in hohem Grade verschlimmerter Gesundheitszustand; auch hielt man den Findling in Biberbachs Hause für sicherer als bei mir. Unrichtig aber ist die Angabe, ich sei mit ihm so arg zerfallen, daß ich ihn nicht mehr haben möchte und gleichsam aus dem Hause stieß. Ich blieb auch nach jener Entfernung stets mit ihm in enger freundschaftlicher Verbindung, besuchte ihn und empfing Besuche von ihm (S. a. D. 73 S. 48); er nahm besonders, wenn ihn ein Unwohlsein befiel, seine Zuflucht zu mir.« Vgl. die Berichte in Daumers »Mitteilungen«. Speziell zu dem hier von Meyer erzählten Vorfall bemerkt Daumer S. 311 Anm. 3: »Was über einen solchen Fall, der sich in meinem Hause zugetragen haben soll, bei Meyer S.445 erzählt wird, ist im höchsten Grade entstellt, namentlich was mein eigenes Benehmen dabei betrifft; so zu handeln war ganz gegen meine Art und Natur. Ebenso grundlos sind ohne Zweifel obige« (die von Meyer, Hickel und Stanhope behaupteten oben schon kommentierten) »Angaben über Feuerbachs Äußerungen und Benehmen; lebte er noch, er würde dagegen sicher gerade so protestieren, wie ich gegen das, was man mich sagen und tun läßt.« Vgl. die oben zitierte Äußerung Daumers über die zwei Perioden im Leben Hausers (S.13 Anm.). Weitere Äußerungen Daumers hierüber (S.40): »In moralischer Beziehung ist er von absoluter Reinheit, Unschuld, Güte und Seelenschönheit; was die ihm von den Gegnern im Interesse ihrer Negation so vorwurfsvoll zur Last gelegte Unwahrhaftigkeit betrifft, so sagt Herr v. Tucher: ›In der Periode der ersten Monate ist meines Wissens eine wissentliche oder absichtliche Täuschung bei H. nicht vorgekommen‹ Ich kann dasselbe bezeugen. Seine Wahrheitsliebe war in der ersten Zeit eine ganz rigorose und ins Pedantische gehende. Dr. Preu sprach von dem ›wahrhaft heiligen Wahrheitsgefühl‹ desselben. Die Versetzung Hausers aus dem Daumerschen in das Biberbachsche Haus geschah nach Aussage der Akten wegen Krankheit des Prof. Daumer, wie J. Meyer selbst (S.245) ausführt. Der von Lehrer Meyer gegebene Grund ist also aktenwidrig. Wenn J. Meyer in einer Anmerkung (S.245) schreibt, daß Daumer einen »anderen Grund, nämlich Sicherheitsrücksichten«, angibt, so ist das, wie aus der oben angegebenen Daumerschen Ausführung hervorgeht, ebenfalls unrichtig. Daumer gibt auch den in den Akten stehenden Grund an, und daß auch Sicherheitsgründe maßgebend waren, geht aus der Aktenstelle hervor, daß Hauser sich »durch diese Veränderung sehr beruhigt« fühlte. Ich wähle nicht ohne Grund gerade folgendes: Hauser ging an einem Freitage, anstatt eine Unterrichtsstunde zu besuchen, ums Tor, wie sich die Nürnberger auszudrücken pflegen. Sein Pflegevater erfuhr dies abends durch einen Freund und sah sich von seinem Pflegesohne eben nicht das erstemal hintergangen. Am andern Tage vormittags stellte Herr Professor Daumer Hauser darüber zur Rede. Er leugnete auch diesmal ganz hartnäckig und ließ es aufs äußerste ankommen, indem er Herrn Professor dreist aufforderte, er möge nur fragen lassen. Durch die Nachfrage bei dem betreffenden Lehrer erfuhr man, daß Hauser wohl schon die ganze Woche hindurch die Stunde versäumt hatte. Das Benehmen Hausers brachte Herrn Professor Daumer so sehr auf, daß er ihm auf das ernstlichste zusetzte, ihm die noch möglichen Folgen seiner Unwahrhaftigkeit in starken Zügen vorhielt, sich mit Unwillen von ihm abwandte und seine Frau Mutter beauftragte, den Lügner nunmehr mit Verachtung zu strafen und gar keine Notiz mehr von ihm zu nehmen, während er (Daumer) selbst Einleitungen treffen wollte, Häuser von sich weg zu tun. Unmittelbar darauf geht Herr Professor Daumer aus, und bis er zurückkommt, ist der bekannte Mordversuch in Daumers Abtritt ausgeführt. 2. Ein Beispiel aus der Zeit seines Aufenthalts bei Herrn Magistratsrat Biberbach. Hauser sagte zu Hause, er wäre von Herrn Bäumler (seinem damaligen Lateinlehrer) eingeladen, ging aber in ein anderes Haus, welches zu besuchen ihm heute nicht erlaubt war. Die Familie Biberbach durfte dieses nach verschiedenen Umständen und seinem ganzen Benehmen vermuten, und daher wurde er bei seiner etwas späten Rückkehr von Herrn Biberbach noch ausdrücklich gefragt, wo er so lange gewesen sei. »Bei Herrn Bäumler«, erwiderte er unbefangen und setzte hinzu: »Herr Bäumler hatte auch seine Zöglinge (er war nämlich Hofmeister bei Herrn v. N. eingeladen, er hat uns mit Süßigkeiten aufgewartet und mir noch die Lebkuchen mitgegeben, die ich hier (sie herausnehmend und vorzeigend) in der Tasche habe.« Herr Biberbach, der schon länger Ursache hatte, gegen Hausers Wahrhaftigkeit durchaus mißtrauisch zu sein, wollte sich aber diesmal von der Wahrheit vollkommen überzeugen. Er fragte daher am andern Tage Herrn Bäumler im Beisein Hausers, ob und wann dieser gestern bei ihm gewesen sei, und als die Antwort dahin ausfiel, daß er Hauser gestern gar nicht bei sich gesehen habe, geriet letzterer über die so unvermutete Niederlage in den abscheulichsten Zorn, sagte aber schlechterdings nicht, und auch Herrn Biberbach später nie, ob man es gleich bald gewußt hatte, wo er damals gewesen war. Als ihm nun Herr Biberbach die Meinung recht ernstlich sagte, schlug er mit beiden Fäusten über den Tisch hinein und stieß unter der boshaftesten Gebärdung die Worte aus: »Da will ich lieber nimmer leben«. Herr Biberbach verließ ihn mit der Weisung, bei solcher Aufführung heute nicht zum Mittagtische des Herrn Bürgermeisters Binder (bei welchem er jeden Sonnabend aß) zu gehen und vorderhand sein Zimmer nicht zu verlassen. Wie auffallend aber bei ihm jetzt wieder der Zufall spielt. Herr Bäumler (war) kaum aus der Unterrichtsstunde weggegangen, will Hauser von einem Büchergestell Bücher herunternehmen, sein Stuhl sinkt, er sucht sich an einer geladenen Pistole, die an der Wand hängt, zu halten, die Pistole geht los und Hauser wird, von der Kugel am Kopfe verwundet, auf dem Stubenboden in seinem Blute liegend gefunden. Der hier erwähnte Unfall kann, wie die darüber berichtenden Aktenstücke beweisen, keineswegs mit dem sog. »Mordversuch« im Daumerschen Hause verglichen werden. Auch ergibt sich aus den in der Dr. Meyerschen Aktenveröffentlichung nur verstümmelt abgedruckten gerichtlichen Aussagen der Familie Biberbach ein wesentlich anderes Bild Hausers als das hier von Lehrer Meyer gegebene. Über Frau Biberbach berichtet Daumer (S.294 ff.) wenig erbauliche Dinge. Näheres darüber später. 3. Ein Beispiel aus der Zeit seines Aufenthalts bei Herrn v. Tucher. Über Hausers Aufenthalt bei v. Tucher schreibt Daumer (S.45): »1830, Mai, zerfällt Hauser mit der Biberbachschen Familie und kommt zu dem zu seinem Vormund ernannten Freiherrn v. Tucher in Nürnberg, wo er sich 1  ½ ; Jahre lang tadellos und zur vollen Zufriedenheit seines ihn in liebreicher aber ernster Weise behandelnden und beaufsichtigenden Vormundes und Verpflegers beträgt. ›Es gelang mir,‹ sagt v. Tucher (Augsb.Allg.Ztg. vom 12. Februar 1872 Nr. 43), ›ihn so zu führen, daß während des ganzen Zeitraumes von 1 ½ Jahren, wo er unter meiner speziellen Leitung stand, auch nicht ein einziger Fall von Exzeß, Lüge, Betrug vorgekommen ist‹. Von einem wenig erheblichen Ausnahmefall weiß Tucher nicht mehr, ob er in diese Periode fiel« ... Über den Zwist v. Tuchers mit dem Grafen Stanhope, im Verlauf dessen v. Tucher die Vormundschaft niederlegte und Hauser nach Ansbach zu Meyer versetzt wurde, existiert ein in mancher Beziehung interessanter Briefwechsel, worüber an anderer Stelle mehr. Hauser bringt der Frau von Haller in seiner großen Freundlichkeit ein sehr geschmackvoll gearbeitetes, niedliches Pappekästchen und sagt, er habe dasselbe für sie gemacht und sich außerordentliche Mühe gegeben, damit es recht schön ausgefallen sei. Frau von Haller fand das Kästchen für eine Arbeit von Häuser zu vollkommen schön und fragte ihn daher mehrere Male mit Nachdruck, ob dasselbe denn wirklich er gemacht habe. Hauser, daran erinnernd, daß er ja bei Herrn Schnerr solche Arbeiten gelernt habe, versicherte wiederholt, er sei die ganze Nacht hindurch aufgeblieben, um das Kästchen ungesehen fertig zu bringen. Frau v. Haller ließ sich dann bei den Polizeisoldaten, die Hauser gewöhnlich bewachten, deshalb erkundigen und erfuhr durch dieselben den Laden, in welchem Hauser das Kästchen gekauft hatte. Ähnliche Dreistigkeiten begleiteten seine Unwahrheiten häufig, und er hatte dabei nichts zu riskieren. Forschte man der Wahrheit nicht weiter nach, – so war's gut; und kam man seinen Unwahrheiten auf die Spur, – so hatte sie eben das große Kind gesagt und man durfte die Erscheinung nicht unnatürlich finden. 4. Beispiele von Unwahrhaftigkeit aus der Zeit seines Aufenthaltes bei mir. Ich bin in Verlegenheit, aus der Masse von offenbaren, d. i. vollkommen erwiesenen Unwahrheiten einzelne auszuwählen. Sie können denjenigen, die nicht sein Benehmen überhaupt damit in Zusammenhang gesehen haben, zum Teil recht wohl als unbedeutend erscheinen, und ich vermag mich vielleicht kaum von dem Vorwurfe des Kleinlichen zu retten. Bei mir hat indes jede Unwahrheit Hausers ihre Bedeutung erhalten, sowie ich mir auch das außerordentlich Unwahre seines Charakters im ganzen anders erklären muß als dies so häufig zu geschehen pflegt. Von einem Kinde wird sich Hauser bei seinen Lügen wesentlich unterscheiden, 1. dadurch, daß er eine solche auch nie zugestand, bis man ihm den Beweis ganz sichtbar vor Augen stellen konnte. Gründe für die höchste Unwahrscheinlichkeit, ja fast Unmöglichkeit seiner Vorgebungen, selbst unter Annahme des mildernden und entschuldigenden Umstandes, daß er sich ja wohl geirrt haben könne und müsse –, vermochten ihn nicht zum Rückzuge zu bewegen, wenn er einmal etwas als bestimmt behauptet hatte; 2. dadurch, daß er sich noch häufiger unwahr zeigte, um wichtig und interessant zu erscheinen, für sich einzunehmen, sich einzuschmeicheln usw., als – um Fehler damit zu entschuldigen, während nach meinen Erfahrungen beim Kinde gerade das Gegenteil der Fall ist. Und nun einzelne Beispiele. 1. Es war gleich in den ersten Tagen, die Hauser unter meiner Aufsicht zubrachte, als er in der Ressource mit anhaltender Aufmerksamkeit und sichtbarem Interesse dem Billardspiele zusah, die hübschen kleinen Kugeln bewunderte und seine kindliche Freude Dr. M. schreibt: »eine kindische Freude.« bezeugte. Von einem Mitgliede aus der Gesellschaft gefragt, ob er noch nie habe Billard spielen sehen, antwortete er: nein – dies habe er noch nie gesehen, es gefalle ihm aber sehr gut, und zog nun durch sein weiteres Benehmen die fernere Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich. Mehreren Augenzeugen fiel damals sein Benehmen sogleich auf, und mich mußte es um so mehr befremden, als er mir schon selber gesagt hatte, daß er mit Herrn Professor Daumer öfters im Rösselschen Kaffeehause gewesen sei, wo doch gewöhnlich viel Billard gespielt wird. Später erkundigte sich außer mir namentlich Herr Rechnungsrevisor Veit deshalb in Nürnberg und dieser erfuhr, wie ich, daß Hauser daselbst oft habe Billard spielen sehen. (Herr Professor Daumer und dessen Frau Mutter sagten mir unlängst, daß er, seiner ihnen gemachten, eigenen Mitteilung gemäß, während er in ihrer Pflege war, dem Billardspiele zugesehen und wenigstens einmal auch selbst gespielt habe.) 2. Hauser hatte große Anhänglichkeit an Herrn Grafen Stanhope an den Tag gelegt, und da man ihm ein zartes Gefühl zuschrieb, so suchte man ihn an dem Tage, an welchem im Januar 1832 der Herr Graf von hier abreiste, zu zerstreuen, damit er sich nicht zu sehr dem Schmerze der Trennung hingeben möge. Es wurde deshalb ein Ausflug nach Triesdorf mit ihm gemacht. Bei seiner Rückkehr schien er sehr verstimmt, klagte über Kopfweh und sagte, daß er den ganzen Tag über sehr traurig gewesen wäre. Mir war hier sein Benehmen nach dem Elektrisieren noch im frischen Andenken, und ich wollte ihn daher nun etwas auf die Probe stellen. Zu dem Ende ging ich in der Nacht zweimal, und zwar einmal vor und einmal nach Mitternacht, an seine Türe, drehte den Schlüssel, klopfte mäßig an und rief ebenso einige Male: Hauser! Wer nicht hörte, war Kaspar Hauser, und wer am Morgen auf meine Frage, wie er denn geschlafen habe, antwortete: »Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugebracht; mein Kopfweh hat mich keine Minute schlafen lassen, auch habe ich viel geweint,« war wieder Kaspar Hauser. – Von diesem Vormittage an aber war seine Stimmung wieder so, als hätte er gar nichts zu vermissen, als wäre Herr Graf Stanhope gar nie in Ansbach gewesen. Stellte jedoch die zärtliche Teilnahme seiner Freundinnen bisweilen Fragen an ihn, wie: »Aber, lieber Hauser, der Abschied vom Grafen ist Ihnen gewiß recht schwer gefallen usw.?« so bejahte er dieses nicht nur, sondern es fiel ihm dann, seinen Äußerungen zufolge, die Abwesenheit des Herrn Grafen fortwährend äußerst schwer und schmerzlich. 3. Im Winter vom Jahre 1832/33 wurde Hauser von einer vornehmen hochverehrten Familie dahier öfters ins Theater eingeladen. Er besuchte dasselbe gerne. Es war ihm dort lieber, was gewiß am allervorzüglichsten erscheint, als beim Unterricht zu Hause. Doch kamen mir die Einladungen fast zu oft, und am Ende mußte ich glauben, er möchte wohl nicht so oft eingeladen werden als er vorgab. Ich verschaffte mir dann bald die Überzeugung, daß er sich häufig ein Billett an der Kasse kaufte, wenn er zu Hause vorgegeben hatte, er wäre eingeladen. Dies gestand er mir später bei folgender Gelegenheit selber zu. Herr Oberleutnant Hickel tat eines Vorfalls wegen seinen Bedienten schnell weg. Hauser kam dabei in Verlegenheit und der Bediente besuchte ihn noch einige Tage nach einander fort, nachdem er schon aus dem Dienst war. Mir und meiner Frau fiel dieses auf und als wir die Magd fragten, ob sie nicht wisse, warum wohl der Bediente noch immer zu Hauser komme, erfuhren wir durch dieselbe, daß Hauser öfters Geld von ihm entlehnt habe und ihm gegenwärtig noch einige Gulden schuldig sei, die er ihm nicht ganz zahlen könne, bis er heute oder morgen vom Herrn Leutnant Hickel sein Taschengeld erhalten werde. Auch von ihr, sagte sie, entlehne er öfters 12, 24, 30 kr. und etwas mehr, zahle ihr's aber immer bald wieder. Auf diese Erfahrung hin erhielt nun Hauser eine tüchtige Rüge. Sie war indes nicht die erste. Dr. M. läßt »tüchtige« und das Sätzchen »Sie war indes nicht die erste« aus. Andere unwahre Erscheinungen, die ich ihm einleitungsweise vorhielt, leugnete er wieder auf die entschiedenste Weise ab und war fast derb gegen mich, bis ich auf seine Geldgeschichte mit dem Bedienten und der Magd einlenkte und ihm anzeigte, daß ich morgen davon Herrn Präsidenten und Herrn Leutnant Hickel in Kenntnis setzen würde. Jetzt wurde er einige Augenblicke ganz stille und nachdenkend, fing darauf an zu weinen, reichte mir die Hand und bat, ich möchte doch nur diesmal nichts sagen, er wolle mich gewiß nicht mehr anlügen, mir künftig alles sagen, was er täte, nur diesmal sollte ich es ihm noch verzeihen und ihm wieder gut werden. Da er auf meine Frage, wozu er denn das entlehnte Geld nötig gehabt hätte, sich hin und her wandte, und in dem Augenblicke schon wieder nicht recht mit der Wahrheit herauskommen wollte und konnte, so half ich ihm selber auf das Theater, und nun gestand er mir zu, daß er oft von seinem Gelde dahin gegangen sei, auch bisweilen den Damen für sein Geld etwas habe aufwarten lassen. Hierauf versprach ich ihm, seine dermalige Bitte erfüllen zu wollen, kündigte ihm aber voll Ernstes an, ihn auf der Stelle aus dem Hause zu tun, sobald er mir von jetzt an wieder mit einer Lüge oder sonstigen Unredlichkeiten komme. Am Schlusse redete ich ihm ebenso ernstlich als freundlich ins Gewissen, und er versprach unter einem Flusse von Tränen vollkommene Besserung. Allein – wie lange hielt er Wort? Wohl kaum drei Tage. Dies mag das folgende Beispiel dartun. 4. Kaspar Hauser hatte auch die Untugend, häufig noch das Licht brennen zu lassen, nachdem er sich schon in das Bette begeben hatte. Natürlich schlief er so bisweilen ein und ließ das Licht hinunterbrennen. Die Magd, welche dies früher an Licht und Leuchter schon öfters zu deutlich bemerkte, sagte es meiner Frau, diese mir, und ich stellte ihn darüber einige Male zur Rede. Er gestand die Beschuldigung durchaus nie zu, blieb stets bei den unnatürlichsten Entschuldigungen stehen und ich mußte mich so immer auf die gehörige Warnung beschränken. Drei Tage nach obiger Rüge bringt er morgens der Magd seinen messingenen Leuchter mit abgebrochener Handhebe selbst in die Küche und sagt, da sei ihm von demselben beim Anfassen die Handhebe abgebrochen, sie möge den Leuchter sogleich zum Machen forttragen. Die Magd brachte aber den Leuchter zuerst meiner Frau, um zu zeigen, daß die Handhebe nicht herabgebrochen, sondern herabgeschmolzen sei. Wir fanden die Röhre ganz hinunter von der Hitze des Lichts inwendig schwarzgrau gebrannt und von außen durchaus bläulich und rötlich geflammt. In der Schale unten konnte man deutlich sehen, wie hoch das zerflossene Unschlitt heraufging und wie dasselbe an einigen Stellen weggekratzt war. Von einem ganzen Licht, das er abends spät erhalten hatte, war auch keine Spur mehr zu sehen. Aus Schonung wollte ich ihn jetzt nicht schon wieder selber vornehmen, sondern ließ ihn deshalb nur durch meine Frau gehörig instruieren und ihm sagen, daß, wenn er noch einmal, wie in der vergangenen Nacht, das Licht hinunterbrennen ließe, ich ihm, um Unglück zu verhüten, nie mehr ein Licht auf seinem Zimmer belassen würde. Diesmal erwartete ich ein Leugnen von seiner Seite um so weniger, als die Sache zu augenscheinlich war und er erst alles Gute versprochen hatte. Allein ich täuschte mich. Kaspar Hauser behauptete gegen meine Frau unter Beteuerungen standhaft – nicht nur, daß ihm die Handhebe vom Leuchter beim Anfassen heruntergebrochen, sondern auch, daß ihm das Licht nicht hinuntergebrannt sei. Diese Erscheinung in Verbindung mit gemachten anderen neuen Erfahrungen befestigten mich in der schon länger gewonnenen Ansicht immer mehr: daß dem lieben Kaspar Hauser die Unwahrheit bereits zur anderen Natur geworden sei, daß sie gleichsam das Element sei, in welchem er lebe und daß man eigentlich etwas rein Unmögliches von ihm verlange, wenn man fordere, er solle auf einmal alles Lügen aufgeben und ganz wahr sein. Von nun an nahm ich mir aber auch vor, seinen Lügen nur in durchaus notwendigen Fällen, und dann noch so schonend als möglich, »Und dann noch so schonend als möglich« von Dr. M. ausgelassen. entgegenzutreten, und ich war dazu umso mehr berechtigt, als mir ohnehin nur ungerne der gewöhnliche Einfluß des Lehrers auch auf die Erziehung und Charakterbildung zugestanden wurde. Bei der Ausführung dieses Vorsatzes befand sich mein Kaspar Hauser erst wieder wohl in meinem Hause, und wir kamen so vortrefflich als je miteinander aus. 5. Meine Frau und ich gingen im vorigen Winter eines Abends spät von einer Gesellschaft nach Hause und sahen von der Straße aus bei Hauser noch helles Licht. Um zu sehen, ob er noch auf sei oder ob er das Licht wieder habe brennen lassen, ging ich sogleich an seine Türe, welche von innen verriegelt war, klopfte an und rief, er möchte aufmachen. Es erfolgte keine Antwort. Ich klopfte stärker und immer stärker an, schlug mit der Faust kräftig an die Türe, – Hauser hörte nicht. – Meine Frau vor der Türe lassend, eilte ich schnell wieder auf die Straße, und siehe – das Licht war inzwischen gänzlich verschwunden. Da es jedoch hätte möglich sein können, daß es von selbst zu Ende gegangen wäre, so wollte ich mich genau überzeugen. Ich schlug jetzt nicht nur mit aller Gewalt mittels der Fäuste an die Türe, sondern stieß mit den Absätzen der Stiefel an dieselbe, so daß alle Leute im Hause darüber aufwachten. Später nahm ich ein Beil und wollte die Türe hineinsprengen, was ich aber nicht vermochte. Der schlafende Hauser wachte über all dieses Gepolter nicht auf. Hierzu bemerkt Daumer S. 287f.: »Man staunt, wenn man das liest. Der Mann erzählt es, als wenn es eine ganz anständige und tadellose Art wäre, sich so zu betragen....Weshalb Meyer mit solcher Gewalt verfuhr, sieht man nicht ein.... Hoffte M. vielleicht etwas erbeuten zu können, was H. in so später Zeit zu Papier gebracht hatte?« – – Man hätte glauben können, ein Murmeltier hätte aus seinem Winterschlaf aufwachen sollen. Am andern Tage morgens sagte ich darüber nichts weiter als: er möchte in der Nacht künftig seine Türe nicht mehr von innen verriegeln, sondern nur das Schloß ablassen und den Schlüssel an den bekannten Ort heraushängen, damit man ihn bei einem allenfallsigen Brande nicht einmal verbrennen lassen müßte. Sein Befremden darüber war unnatürlich, und als ich ihm kurz die Ursache sagte, äußerte er augenblicklich schnell: »Ja, das glaub' ich. Wenn ich einmal schlafe, kann mich kein Mensch, ohne mich anzufassen und hin und her zu rütteln und zu schütteln, aufwecken. So war's auch in Nürnberg.« Eine Bewunderung dieses Zustandes und eine Fortsetzung des Gesprächs darüber von meiner Seite erwartete er vergebens. Daß er schwer aufzuwecken war, davon hatte ich mich wohl vorher schon überzeugt. Es traf sich öfters, daß ich ihn besonders zu der Zeit schlafend fand, zu welcher mein Unterricht mit ihm anfangen sollte. Ja – da war er oft nur mit größter Mühe unter Rütteln und Schütteln aufzuwecken, aus seiner Schlaftrunkenheit oft aber gar nicht zu bringen. Leichter ging es mit dem Aufwecken schon zu andern Tageszeiten, Aus seiner Schlaftrunkenheit hatte er sich dann gewöhnlich bald von selbst herausgewunden. Gelegentlich muß ich hier rücksichtlich seines Schlafes überhaupt bemerken, daß ich ihn nicht so fand, wie man mir von demselben gesagt hatte. Herr Graf Stanhope hatte mir nämlich im Beisein des Hauser bemerklich gemacht, daß dieser abends, wenn die Hühner aufstiegen, d. h. eben bald, ins Bette zu gehen und morgens mit Tagesanbruch wieder aufzustehen pflegte, daß er dies wohl tun müßte, indem er den Schlaf weder übergehen, noch längere Zeit als gewöhnlich unterhalten könnte, – eine Erscheinung, die sich auf seinen früheren Zustand gründete. Bei mir konnte Hauser, wie jeder andere gewöhnliche Mensch, früh oder spät ins Bette gehen, längere und kürzere Zeit schlafen, je nachdem es die Umstände gaben. Er ging bisweilen abends um 9 Uhr schlafen und stand morgens erst um 8 Uhr auf, schlief aber öfters auch nur von nachts 11, auch 12 Uhr an bis 6 und 7 Uhr morgens. In der erwähnten Abschrift der Notizen finde ich bei dieser Stelle als Anmerkung: »Bei außerordentlichen Gelegenheiten, wie z. B. in der Neujahrsnacht, konnte er bis nach Mitternacht wach bleiben, und beim Reisen konnte er recht schön vor Tagesanbruch aufwachen.« (Dr. M.) 6. Im Dezember 1832 wurde einige Veränderung in Hausers Ökonomie vorgenommen. Er hatte jetzt eine Wäscherin nötig und wollte sich von meiner Frau eine solche rekommandieren lassen. Ich wies ihn an Herrn Oberleutnant, welcher die Ökonomie gewöhnlich gern allein besorgte, mit dem Bemerken, daß, wenn Herr Oberleutnant oder dessen Gemahlin nicht schon eine Wäscherin für ihn hätten oder wüßten und sie es wünschten, ich ihm eine solche und zwar diejenige empfehlen würde, die mir in meinem ledigen Stande einige Jahre zu meiner vollen Zufriedenheit gewaschen hatte. Er fragte mich deshalb nicht wieder, und es kam auf Bestellung dieselbe Wäscherin zu ihm, die ich ihm empfohlen haben würde. Als ich ihn nun fragte; wer ihm diese empfohlen hätte, erwiderte er ohne Zögern: »Die Degenfelds Köchin.« Ich hatte ihn weder das Haus des Herrn v. Degenfeld, noch den Namen dieser Köchin je nennen hören und fragte ihn deshalb weiter, wo er denn mit der Degenfelds Köchin zusammenkäme, und er entgegnete: »Sie war bei der Feuerbachs Köchin, und da hab' ich sie gefragt.« Dies hörte meine damalige Magd, welche überhaupt glaubte, daß Hauser nicht so unerfahren wäre, als er aussähe (ihre eigenen Ausdrücke) und sagte darauf zu meiner Frau, sie solle es nur nicht glauben, daß ihm die Degenfelds Köchin die Wäscherin rekommandiert hatte, sie wäre ihm von niemanden rekommandiert worden als von der Wild, die im Institut drüben auskehrt. (Die Wild ist ein wohlgestaltes, leidentliches Mädchen, welches in der höheren Töchterschule die Reinigung besorgt; das Fenster von Hausers Stübchen war den Fenstern von dieser Schule gegenüber.) In diese Wild wäre er verliebt, er spräche mit ihr, so oft er nur könnte, zum Fenster hinüber, und diese Wild wäre die Pate von der Wäscherin usw. Ich fragte später die Wäscherin darüber und erfuhr durch dieselbe, daß meine Magd wirklich recht hatte. Die Wild selber, die ich zu mir kommen ließ, sagte mir, daß ihr Hauser abends, als es schon etwas dunkel wurde, auf dem Obstmarkte begegnet sei, sie angeredet und gefragt habe, ob sie ihm keine gute Wäscherin wisse, daß sie ihm ihre Pate empfohlen und dieselbe seinem Auftrage gemäß zu ihm bestellt habe. Dabei äußerte sie auf meine Veranlassung zugleich weiter: Hauser sei oft ans Fenster gekommen, wenn sie im Institut ausgekehrt habe, er habe sie anfangs nur gegrüßt, dann aber zu ihr häufig hinübergeredet, bisweilen einen Apfel und sonstiges Obst ihr hinübergeworfen usw. Einmal habe sie auch ihr Kind (uneheliches) bei sich am Fenster gehabt; da habe er sie gefragt, ob das ihr Kind sei, und auf ihre Erwiderung: »Das wäre schön, – wenn ich schon ein solches Kind hätte!« lächelte er und sagte: »Ich weiß doch, daß es Ihnen gehört, wenn Sie es gleich nicht sagen; ich hab's schon erfahren.« Weil aber die Schuhmachergesellen daneben (am nächsten Fenster neben Hausers Stübchen arbeiteten nämlich die Gesellen des Schuhmachers Heisinger) und meine Magd öfters über sie gespottet und ihr nachgesagt haben, sie stelle sich ganze Stunden lang vors Fenster, um mit Hauser zu reden, so habe sie später die Reinigung des Instituts ihre kleine Schwester besorgen lassen. Will man hieraus nicht abnehmen, daß er den Unterschied des Geschlechts deutlicher gefühlt und erkannt habe, als er durch sein Benehmen wie durch seine Äußerungen so oft glauben machte, so mag doch um so deutlicher daraus hervorgehen, daß er keinen Augenblick um eine Lüge verlegen war und daß er bei den gleichgültigsten Dingen nicht bei der Wahrheit stehen bleiben konnte. Ich entnehme übrigens daraus vorzugsweise ersteres, denn gerade dadurch, daß er statt der Wild eine andere Person nannte, bewies er, daß er in bezug auf dieselbe befangen war. Hierzu Daumer S. 197f.: »Man merkt leicht, wie die Sachen standen. Die Wild kokettierte mit Hauser, er plauderte und scherzte mit ihr, ließ sich von ihr eine Wäscherin empfehlen – das ist alles! Die Magd aber war eifersüchtig und gab sich dem lauernden, nachspürenden, inquirierenden Meyer zum spionierenden und referierenden Werkzeug hin. Man schämt sich fast, solche Gemeinheiten zu berühren; aber sie charakterisieren diese Gegner und setzen die Unschuld Hausers, wider welche sie angehen, in ein vielmehr recht helles und zweifelloses Licht. Wenn ein so übelwollender Berichterstatter und Verschwärzer, wie dieser Ansbacher Schullehrer, trotz aller Spioniererei, aller Verschwörung mit Dienstboten und alles auf diese Weise entstehenden Geklatsches nichts Erhebliches aufbringen konnte, so können wir darauf schwören, daß Hauser bis an sein Ende in vollkommener Unschuld gelebt.« Es erscheint das freundliche Benehmen Hausers gegen die Wild aber um so auffallender, als er sonst gegen Personen aus der dienenden Klasse nichts weniger als herablassend und artig, vielmehr hochmütig und unbescheiden, ja nicht selten sehr unbillig war. S. dagegen, was Daumer S. 314 anführt. Auch Handwerks- und gewöhnliche Handelsleute behandelte er in der Regel geringschätzig. Ich habe ihn deshalb öfters zur Rede gestellt. Er kam mir in dieser Beziehung stets vor wie so mancher Alltagskopf, der, durch die Umstände über seinen Stand gestellt, eingebildet und hochmütig geworden ist und der sich gefällt, gegen seine natürlichen Standesgenossen den bemerklichen Herrn zu spielen. So oft der Diener, aus welchem die Verhältnisse einen Herrn gemacht haben, und ebenso die Magd, die unverhofft zur Frau geworden ist. – Meiner damaligen Magd, einem sehr ordentlichen und verständigen Mädchen, wurde er auf obige Geldgeschichte mit dem Bedienten und nach den gestörten Unterhaltungen mit der Wild so sehr abgeneigt, daß er gegen meine Frau beständig über sie klagte und sie äußerst gerne wandern sah. Dr. M. schreibt hier, den Tatbestand etwas modifizierend: »und es äußerst gerne sah, als sie infolge seiner anhaltenden Klagen wandern mußte.« Aus der Darstellung seines Vaters ergibt sich nicht, daß sie wegen Hausers Klagen wandern mußte! 7. Nach der letzten hiesigen Laurentiusmesse (1833) bemerkte ich bei ihm einen neuen goldenen Siegelring. Ich vermutete anfangs, er werde ihn zum Geschenke erhalten haben, mußte aber meine Vermutung bald ändern, da er diesmal weder mir noch meiner Frau etwas von einem Geschenke sagte, während ihn sonst seine Eitelkeit keinen Augenblick säumen ließ, erhaltene Geschenke vorzuzeigen. Als ich mich deshalb veranlaßt sah, ihn zu fragen, wo er denn diesen Ring her habe, sagte er mir und meiner Frau, unter Angabe mehrerer Nebenumstände, er habe denselben auf der Messe um 9 fl. gekauft und Herr Oberleutnant Hickel, welcher ihn für sehr billig halte, habe ihn bezahlt. Bald darauf ging er zum Volksfeste nach Nürnberg und nach seiner Zurückkunft waren die Buchstaben K. H. oder C. H. darauf gestochen. Daß er solche in Nürnberg habe darauf stechen lassen, sagte er selbst. Dies alles fand ich ganz natürlich und darum zweifelte ich diesmal nicht an seinen Angaben. Teilweise waren sie gewiß auch wahr. Herr Oberleutnant Hickel, mit welchem ich später gelegentlich über fraglichen Ring zu sprechen kam, sagte mir indes, daß er nichts weniger als den Ring gekauft. Hauser vielmehr zu ihm gesagt hatte, er wäre ein Geschenk von der Gräfin von Harrach, welche ihn auf einer Durchreise besucht, und ihm nun diesen Ring geschenkt hätte. Die Frau Gräfin hieße Karoline, ihre Namen hätten deshalb gerade dieselben Anfangsbuchstaben wie die seinigen, und darum hätte sie ihm gerade einen Siegelring als Andenken gegeben. Auch Hickel bespricht diesen Vorfall; 44. Brief S. 119f. Dasselbe soll er bei Gelegenheit auch zu Herrn Pfarrer Fuhrmann und zu dem Lithographen Herrn Oettel gesagt haben. Auf solche Weise wußte er selbst diejenigen, welche ihn näher kannten, fortwährend zu täuschen. – Ich könnte diese Beispiele wohl ums Zehnfache vermehren. Allein wer hieraus nicht entnehmen kann und will, daß Hauser etwas mehr als ein einfältiges, lügenhaftes Kind war, kann und will es in mehreren Beispielen auch nicht sehen. Einige wichtige Beispiele von Unwahrhaftigkeit werde ich jedoch weiter unten bei andern Abschnitten noch geben müssen. f. Kaspar Hauser behielt bis zu seinem Ende einen Dialekt und Schulton, auch war er mit München und Umgegend nicht unbekannt. Kaspar Hauser war so sehr an den altbayerischen Dialekt gewohnt, daß er sich von diesem bis zu seinem Ende nicht ganz loszumachen vermochte. In einzelnen Wörtern zeigte sich derselbe oft ganz auffallend, weniger jedoch im freien Gespräch als beim Lesen und Hersagen auswendig gelernter Stellen. So las er z. B. häufig statt der Sohn – der Sonn, statt die Sonne – die Sohne, für Staat – Statt, für Höhle – Hölle, für Gefühl – Gefüll usw. In dem Worte vigil und andern, sprach er den Hauchlaut des g=ch nie dem Lehrer nach, sondern ließ stets den gelinden Stoßlaut – ähnlich dem des k – hören. Mir fiel diese Erscheinung gleich in den ersten Stunden, in welchen er bei mir las, nicht wenig auf und ich fragte ihn deshalb sogleich, wo und wie er denn zu diesem Dialekt gekommen sei. Darauf erwiderte er mir: der Gefängniswärter Hiltel in Nürnberg, bei welchem er das Sprechen gelernt hätte, wäre ein Altbayer, und von dessen Dialekt hätte er sehr viel angenommen. Wäre ich sein Inquirent gewesen, so hätte ich mich bei dieser Erklärung nicht beruhigen können. Denn angenommen, daß Hiltel den altbayerischen Dialekt spricht, Im Original findet sich folgende Anmerkung meines Vaters: »Ich habe den Hiltel seit dem Tode Hausers gesprochen und den altbayerischen Dialekt gar nicht an ihm bemerkt.« (Dr. M). und daß er in der ersten Woche viel mit Häuser verkehrte, so wurde in dieser Zeit gewiß doch weit mehr von Hiltels Familie, besonders dessen Sohne Julius, und nach den häufigen Besuchen, die wohl selten einen altbayerischen Dialekt haben mochten, mit ihm gesprochen. Nach einigen Wochen kam er aber schon zu einem Lehrer, bei dem er stets ein reines Deutsch sprechen hörte, und seitdem war er in beständigem Umgange mit Personen, von denen er nichts weniger als den altbayerischen Dialekt vernehmen konnte. Es sollen aber fünf Jahre nicht hingereicht haben, aus seiner Sprache das zu verwischen, was ihm einige Wochen doch nur in geringem Maße hätten aufdringen können? Ich kann mir dies nicht erklären. Meine Erfahrungen als Lehrer zeugen vom Gegenteile. Auch das Wort »abkratzen«, welches am letzten Abend seines Lebens bei ihm vernommen wurde, ist in Altbayern ganz zu Hause. Ebenso auffallend wie sein Dialekt mußte mir stets sein Schulton erscheinen, in den er ebenfalls beim Lesen und Memorieren gewöhnlich verfiel. Einen Leseton, wie ich ihn bei Kaspar Hauser oft nicht verkennen konnte, trifft man nur in Schulen, vorzüglich in Landschulen an, deren Lehrer noch dem Mechanismus huldigen. Nie habe ich noch gefunden, daß sich ein solcher Ton beim Privatunterrichte herausbildet, am allerwenigsten, wenn ihn Lehrer erteilen, wie sie Kaspar Hauser hatte. Ich kann nicht begreifen, wie seine frühern Lehrer diesen Umstand gleichgültig ansehen konnten. Es müßte nur sein, daß sie mit den Eigentümlichkeiten vieler Volksschulen ganz unbekannt geblieben wären. Seinem Lesetone nach hatte Kaspar Hauser früher eine gewöhnliche Schule besucht, und es dürfte dies umso wahrscheinlicher sein, als er bei seinem Erscheinen in Nürnberg schon ziemlich wacker schreiben und, wie behauptet wird, auch lesen konnte. In einer Anmerkung zu dieser Stelle weist Dr. M. auf die von Feuerbach beschriebene Schriftprobe Hausers hin, die leider, da den Magistratsakten beigeheftet, verschwunden ist, ebenso auf die Merksche Aussage über den Schulbesuch Hausers, über die später zu handeln sein wird. So viel ist gewiß, daß in Bayern jährlich noch mehr als eintausend Schüler aus der Volksschule entlassen werden, die nicht mehr können, als Kaspar Hauser gleich anfangs in Nürnberg zeigte. – Diesen Satz wird jeder erfahrene Volksschullehrer bestätigen. In Gegenden, wo der Schulbesuch noch sehr schlecht ist, findet man bei Kindern unordentlicher Eltern, gewissenloser Dirnen usw. diese Erscheinung gar nicht selten. Die Militärs mögen es bezeugen, wie viel noch jährlich Rekruten eingereiht werden, die ihren Namen kaum schreiben können, obgleich sie 6 Jahre lang eine Schule besucht haben. Bei Gelegenheit eines Gesprächs über München legte er gegen mich eine ziemliche Lokalkenntnis von dieser Stadt an den Tag. Er wußte die Residenz, den Hofgarten, englischen Garten, das Ständehaus, das Karlstor, die Au usw. Überrascht durch seine diesfallsigen Äußerungen fragte ich ihn, woher er denn zu der Bekanntschaft mit München gekommen wäre? und erhielt die befriedigende Antwort, daß er ja mit Herrn Baron von Tucher und Herrn Leutnant Hickel in München war, als sie die Reise nach Ungarn machen wollten, in Wien oder Preßburg aber wegen der Cholera wieder umkehren mußten. Über die ungarische Reise vgl. Hickel, 23. Brief S. S. 8 ff. Er nannte dabei von München bis Braunau nicht nur alle Poststationen, sondern auch mehrere unbedeutendere Orte, die sie passierten, was mich damals sein gutes Gedächtnis bewundern ließ. Auch die Lage von Burghausen war ihm ganz genau bekannt. Nach seinem Tode erst erfuhr ich jedoch durch Herrn Oberleutnant Hickel, daß er jenesmal in München absichtlich keinen Schritt weit aus dem Hause kam, in welchem abgestiegen wurde, und daß er bei jener Gelegenheit von München so viel als nichts sehen konnte. Dieser Absatz über München, beginnend mit »Bei Gelegenheit eines Gespräches über München« bis »sehen konnte« fehlt bei Dr. M. g. Er zeigte viele körperliche Stärke und Gewandtheit. Wenn seine Muskeln so lange (wie bei Kaspar Hauser angenommen wird), ohne allen Gebrauch und ohne alle Übung gewesen wären, so hätten dieselben unmöglich die Kraft und Stärke bekommen können, welche sie wirklich hatten. Ich besitze bei meinem untersetzten Körperbau eine ziemliche Muskelkraft, und kann mehr heben, tragen usw. als mancher, dem ich an Größe weit nachstehe. Kaspar Hauser war aber stärker als ich. Ich war z. B. nicht imstande, ihm seinen Arm zu biegen, er bog mir dagegen den meinigen mit Gewandtheit. Dasselbe tat er einem Freunde von mir mit noch größerer Leichtigkeit. Hob ich mit ihm gemeinschaftlich eine Kommode, einen Koffer, einen Schrank usw., so war er damit stets zuerst in der Höhe und hielt beim Tragen weit länger aus als ich. Dr. M. hat hier folgende Anmerkung: »v. Feuerbach meint, die »herkulische« Arbeit des Aufhebens der Kellertür (gelegentlich des Nürnberger Mordversuchs) sei dem »Schwächling« Hauser zu jeder anderen Zeit, unter anderen Voraussetzungen, jedenfalls ganz unmöglich gewesen. Hierdurch wird ein in einfachster Weise erklärbarer Umstand zur Höhe eines Indiziums emporgeschraubt. Der etwa 18jährige vollentwickelte, sogar der Reitkunst obliegende Hauser hatte doch gewiß auch unter gewöhnlichen Umständen die Kraft, eine Kellertür zu öffnen, die auch die Frauen des Hauses wohl täglich emporhoben.« Dazu ist zu sagen, daß Hauser ja in Ansbach stärker gewesen sein kann als in Nürnberg, und dann ist noch die Frage, ob die von M. erzählten »Kraftstückchen« eine Folge von Kraft oder Geschicklichkeit waren. Besonders viel Festigkeit, Kraft und Geschicklichkeit besaß er auch in seinen Fingern. Letztere konnte er sich jedoch durch sein früheres Papparbeiten in Nürnberg erworben haben. Kuverte über Briefe machte er so akkurat und schnell, wie es nur selten jemand zu tun imstande sein wird. Meine Frau äußerte öfters: »Hauser hat in seinen Fingern eine außerordentliche Geschicklichkeit, er weiß sie fast besser zu gebrauchen als ich, die ich mich doch von jeher viel und gerne mit seiner Frauenzimmerarbeit beschäftigt habe.« Das Packen der Kleider verstand unter all seinen Bekannten niemand so gut wie er. Er packte deshalb gewöhnlich den Koffer, wenn solche verreisten. Man hätte bald versucht werden können, ihn für einen gelernten Schneider zu halten, um so mehr, als er – seiner Angabe nach auf Veranlassung seines ersten Erziehers in N. – ein Kästchen mit Zwirn, Nadel, Schere usw., also ein Nähzeug führte, um, wie er sagte, sich einen herausgerissenen Knopf selber wieder hineinnähen und andere Kleinigkeiten selbst machen zu können. Nicht minder konnte man versucht werden, ihn für einen gelernten Säckler und insbesondere Handschuhmacher zu halten, da er Leder überhaupt, dasselbe und Macherei bei Handschuhen aber so gut beurteilte, daß er einige Male aus einem Dutzend derselben zur größten Verwunderung des Fabrikanten wirklich in jeder Beziehung das beste Paar herausgefunden hatte. Eine auffallende Festigkeit seiner Finger bewies er oft dadurch, daß er sich öfters und gerne darauf einließ, mittelst des Zeige- und Mittelfingers einem anderen auf dieselben beiden Finger einen Schlag zu geben und sich dagegen immer wieder einen geben zu lassen. Ich versuchte dieses Spiel selbst einige Male mit ihm, konnte es ihm aber nie gleich tun, sondern mußte unter schmerzhaften Empfindungen, die mir seine schwer und fest wie Holz auffallenden Finger an den Spitzen der meinigen verursachten, aufhören, seine Überlegenheit anerkennen und mich von ihm deshalb auslachen lassen ... In seinen Füßen hatte er so viel Gewandtheit und Sicherheit als nur einer. Er lief die nicht eben bequemen Stiegen des Hauses in der Regel mit einer Schnelligkeit und Leichtigkeit auf und ab, wie es außer mir im Hause niemand mehr tut. Bei einem Kegelschieben in der Ressource dahier schob er im Sommer 1832 unter allen anwesenden Keglern die stärkste Kugel mit sicherem Aufwurfe. Dessenungeachtet äußerte er in demselben Sommer in Lichtenau, als ihn der Herr Revierförster Grießmeier aufforderte, mitzukegeln: »Ja, so stark bin ich noch nicht; eine solche Kugel bis zu den Kegeln hinauszuschieben, wäre ich nicht imstande. Über das Kegelspiel Hausers vgl. auch Hickels Erzählung S. 105 (Dr. M.) In Nürnberg galt er indes bis zu seinem Abgange von dort als der schwache Hauser, dessen Mattigkeit und Unbeholfenheit fortwährend Mitleid erregte. – h. Solange er in meinem Hause war, konnte er alle Speisen wie jeder andere gesunde Mensch vertragen. Als ich Hauser in die Pflege bekam, wurde mir bezüglich der Kost unter anderem bemerkt, daß er einige Speisen, wie z. B. Schweinefleisch, besonders aber Gewürze, immer noch nicht vertragen könne, daß er deshalb zu seinem Frühstücke auch keine Gewürzschokolade, sondern sogenannte Gesundheitsschokolade genieße, und daß eben seinen Speisen nur ganz wenig Gewürz zugesetzt werden solle. Um der lästigen Führung einer doppelten Küche womöglich auszuweichen, wollte ich erst den Versuch machen lassen, ob er wirklich die Speisen, wie sie bei mir gewöhnlich zubereitet werden, nicht vertragen möchte. Es wurde deshalb gleich vom ersten Tage an auch nicht die geringste Abänderung in meiner Küche gemacht und Hauser am Tische gefragt, ob er den Zusatz von Gewürz so recht finde usw. Er erklärte denselben für ganz getroffen und aß, mit Ausnahme von Schweinefleisch, das er bei mir gar nie versuchte, hinfort alles, was ihm vorgesetzt wurde. Auch Bratwürste von purem Schweinefleisch aß er nicht ungerne. Nach einiger Zeit war meiner Frau die Gesundheitsschokolade ausgegangen und sie ließ zu seinem Frühstücke einmal Gewürzschokolade nehmen. Hauser fragte, von wem jene Schokolade wäre, rühmte die Güte derselben und bat, man möchte sie immer dort nehmen. Ohne mein Wissen erhielt er von nun an sein Frühstück von der Gewürzschokolade und er befand sich dabei fast zwei Jahre lang vollkommen gesund. Er bedurfte keines Tröpfchens homöopathischer Arznei. Die Sorgfalt des Herrn Grafen Stanhope hatte ihm auch ein Kästchen – mit vielen Gläschen von solcher Arznei gefüllt – aus Nürnberg kommen lassen. Allein Hauser sah sie gar nicht an. Ich erinnerte mich nicht, sie später noch bei ihm gesehen zu haben. Wenn sie sich nicht noch in seinem versiegelten Bücherschrank befinden, so hat er sie am Ende gar vernichtet. Was die Getränke im allgemeinen anbelangt, so enthielt sich Hauser aller berauschenden Getränke, sie mochten diese Eigenschaften mehr oder weniger haben, als des Weines, Bieres usw., fortwährend gänzlich. Sogar das doch den kleinsten Kindern unschädliche weiße Bier, von dem er auf meine Veranlassung zweimal nur ganz wenig in den Mund nahm und das wenige unter auffallender Geberdung nur zum Teil verschluckte, verursachte ihm, wie er jedesmal bald darauf klagend äußerte, bedeutendes Mißbehagen. Tee wollte er anfangs bei mir auch nicht trinken können, trank ihn aber später oft in Gesellschaften, um dieser willen, wie zu erwarten stund ohne jede nachteilige Wirkung. Hierzu bemerkt Daumer (S. 179f.): »Was Meyer zugesteht und selbst bezeugt, ist bedeutend genug; und man muß sich wundern, daß zu jener Zeit, wo sich Hausers Empfindungen und Reizbarkeiten im allgemeinen so sehr gemindert hatten, doch noch so viel davon übrig war und sich nie völlig verloren hat.« i Er bewies, solange er bei mir war, mit der Tat nie, daß er sich fürchtete. Mir war es anfangs unheimlich, wenn ich nachts mit ihm ging, und ich konnte nicht umhin, mich bisweilen umzusehen. Ich müßte aber lügen, wenn ich sagen wollte, daß Kaspar Hauser an meiner Seite je auch nur eine kleine Furcht oder Ängstlichkeit gezeigt, daß er sich je einmal umgesehen hätte usw. Den Tennen meiner Wohnung hatte Herr Graf Stanhope zur Sicherheit seines Pflegesohns durch ein Gatter verschließen lassen, zu welchem kein Unbekannter ohne vorherigen Ausweis eingelassen wurde. Ich und die Meinigen hätten in der ersten Zeit das Geschäft des Fragens und Öffnens bei mancher unfreundlichen Gestalt gerne andern überlassen. Hauser hatte den Auftrag, gar nie an das Gatter zu gehen, wenn geläutet wurde, allein er fragte, wenn nicht gleich jemand bei der Hand war, bald die Leute, wer sie seien, und machte ohne alles Bedenken auf. Meine Warnungen und Verweise suchte er durch die Entgegnung zu entkräftigen, er sehe es den Leuten schon von ferne an, ob sie gefährlich wären oder nicht, er begäbe sich in keine Gefahr usw. Es ist diese Erfahrung nicht weniger auffallend als jene in Nürnberg, wo er nach dem geheimnisvollen Mordversuch nie den andern Abtritt besuchte, welchen man ihm zur Vermeidung schauerlicher Rückerinnerung angewiesen hatte, vielmehr fortwährend auf denselben Abtritt ging, wo ihm Dr. M. setzt hinzu »nach seiner Aussage«. das Attentat begegnet war. Wurde übrigens auf die gewöhnliche einfältige Weise gefragt: »Aber, lieber Hauser, – Sie müssen sich doch oft recht fürchten, wenn jemand, den Sie nicht kennen, auf Sie zuzugehen scheint, oder wenn Sie bei der Nacht gehen usw.« –, so lebte er natürlich in großer Furcht. In anderer Beziehung gewahrte ich oft eine Art Furcht oder Verlegenheit an ihm. Dies war z. B. der Fall, wenn er sich unverhofft von einem Nürnberger, der ihn früher näher kannte, überrascht sah. Sehr bemerkenswert ist es in dieser Beziehung ferner, daß Hauser die Zeugen Weickmann und Hüftlein in späterer Zeit augenscheinlich als ihm fatale Personen betrachtete. Er wollte sie nicht mehr erkennen und suchte die Berührung mit ihnen in einer diesen Personen selbst auffälligen Weise zu vermeiden.« (Dr. M.) Demgegenüber ist zu bemerken, daß es doch unnatürlich gewesen wäre und gerade auffallend, wenn H. sich zu jenen Personen, die ihm doch nicht günstig gesinnt waren, hingezogen gefühlt hätte. So fuhr er einmal, als er in mein Zimmer trat und den Herrn Magistratsrat Schnerr mit einem andern Bekannten erblickte, bei ganz scheuem Blicke sichtbar erschrocken zusammen und geriet in eine Verlegenheit, aus der er sich nicht augenblicklich reißen konnte. Herr Magistratsrat Schnerr, bei welchem er bald nach seinem Auftreten zu Nürnberg in Pappe arbeiten lernte, hatte ihn natürlich ganz in seinem ersten Zustande gesehen; – der andere Bekannte, ein Ungar, hatte früher auch Versuche in der ungarischen Sprache mit ihm angestellt, und, wenn ich mich noch recht erinnere, die Ansicht des Herrn von Pirch nicht teilen wollen. Alle Nürnberger fanden, daß sich Hauser in Ansbach äußerlich recht bald recht sehr zu seinem Vorteile verändert, daß er im Benehmen bedeutende Fortschritte gemacht habe usw. Sollte er sich vielleicht dabei vor älteren Bekannten gescheut haben!? – k. Kaspar Hauser übte gegen niemanden eigentliche Dankbarkeit. Wenn man an dem Grade der Dankbarkeit mit Bestimmtheit den Grad der Güte eines Menschen bemessen könnte, dann erschiene Hausers innere Güte wahrlich nicht groß. Nachdem er von den Daumerschen weg war, sprach er gegen die Biberbachschen und andere nachteilig von den ersteren, und namentlich von der würdigen Frau Mutter des Herrn Professors Daumer. Den Biberbachschen sagte er allenthalben und namentlich auch bei Herrn Bürgermeister Binder Unwahres und ihnen Unangenehmes nach. Wie er sich gegen die v. Tucherschen in hohem Grade undankbar, ja förmlich ungehalten aussprach, haben, außer mir und meiner Frau, Herr Oberleutnant Hickel und mehrere von ihm unmittelbar vernommen. Daß er sich bei mir ganz froh und glücklich fühlte, sich so behandelt zu sehen, als ob er zur Familie gehörte, daß es bei Herrn v. Tucher nicht so gewesen sei, daß man ihn dort stolz und hart behandelt, stets zurückgewiesen und nur immer gesagt habe, wenn er reden wollte: »Das verstehst du nicht, du mußt das Maul halten,« daß er gewöhnlich den ganzen Tag ohne Umgang mit Menschen auf seinem Zimmer habe allein zubringen müssen, daß er häufig, wenn Gesellschaften oder musikalische Kränzchen gegeben worden seien, erst nachts um 10, 11 Uhr sein Abendessen erhalten habe, daß er nicht einmal habe seine Bekannten, und diese ihn nicht haben besuchen dürfen, daß Herr v. Tucher ihn sogar um die Bekanntschaft des Herrn Grafen, der für ihn doch nun so gut sorge, habe bringen, und dann die Fortsetzung derselben nicht habe leiden wollen, daß Herr v. Tucher, was schlecht sei und niemand tun dürfe, Briefe von ihm an Herrn Grafen von der Post zurückgenommen habe: diese und ähnliche Äußerungen im ungehaltenen Tone konnte man in den ersten Tagen seines Hierseins häufig hören. Dr. M. zitiert hierzu die ungünstigen Angaben, die Hauser in einer Vernehmung über seinen Vormund v. Tucher machte, als er gerichtlich befragt wurde, ob er von Tucher weg zu Stanhope wollte. Dr. Meyer meint dazu: »Die strenge Zucht des gewissenhaften Vormundes behagte dem Jungen nicht. Hinc illae lacrimae , von denen das Protokoll im Eingang spricht. Die Präposition des edelmütigen, aber nach der pädagogischen Seite schwachen Stanhope gewährte ihm lockendere Aussichten, die für ihn genügendes Motiv waren, den Vormund zu verleumden und eine Liebe für den Lord an den Tag zu legen, die ebenfalls – eine erheuchelte war.« Über das Verhältnis Stanhope – v. Tucher, in das der v. Tuchersche Briefwechsel und die Akten interessante Einblicke geben, und über die Beziehungen Hausers zu Stanhope wird an anderer Stelle ausführlich zu handeln sein. Zu seiner Entschuldigung möchte ich jedoch bemerken, daß er sowohl von Seite des Herrn Staatsrats v. Feuerbach als des Herrn Grafen Stanhope das Verfahren des Herrn v. Tucher tadeln hörte. Allein, wenn man der Sache freilich wieder näher auf den Grund sehen will, so wurden eben beide Männer doch eigentlich erst durch die geschickt angebrachten Klagen von Hauser zu ihrer Ansicht bestimmt. Nachdem ich Hauser einige Male entgegnet hatte, daß man Herrn Baron v. Tucher hier von einer ganz niedern (= leutseligen, Der Herausg.) Seite kenne, daß man ihn nichts weniger als stolz usw. usw. gefunden habe, daß ich daher glaube, er, Hauser, tue ihm, Herrn Baron v. Tucher, doch etwas unrecht, suchte er mich durch Beispiele für seine Ansicht zu gewinnen; und von welchem konnte er sich wohl bei mir bessere Wirkung versprechen als von folgendem: »Ich habe mich oft geärgert,« erzählte er mit nachdrücklichem Tone und einnehmender Gebärdung, »wenn Herr v. Tucher geringere Leute hat so lange im Hause stehen und warten lassen. Da war z. B. der Schullehrer N. von Simmelsdorf (dieser Ort gehört Herrn v. Tucher), ein sehr ordentlicher und geschickter Mann, – den ließ er oft stundenlang stehen und warten, bis er ihn abfertigte. So einem Mann, der doch auch etwas gelernt hatte, mußte das recht unangenehm sein usw.« Ich konnte damals sogleich seine Absicht dabei nicht wohl verkennen. Diese Stelle von »Nachdem ich Hauser einige Male entgegnet hatte ...« bis »wohl verkennen« fehlt bei Dr. M. – –. Das Recht der Vormünder – gleich dem der Eltern –, die von ihren Mündeln oder Kindern ohne ihr Vor- und Mitwissen geschriebenen und auf die Post gegebenen Briefe nach Gutdünken zurücknehmen zu dürfen, ließ er durchaus nicht gelten, wenn ich es ihm durch Beispiele auch noch so klar machte. Später mußte ich immer mehr geneigt werden zu glauben, er habe, um sich bei Herrn Grafen wegen versprochenen, aber unterlassenen Schreibens zu rechtfertigen, seine Zuflucht zu solcher Lüge genommen, und ich muß es heute noch bezweifeln, ob ihm je Briefe an Herrn Grafen Stanhope von der Post zurückgenommen worden seien. Seine mir bewiesene große Trägheit im Briefschreiben Dr. M. fügt hinzu »und sein sonstiges freches Lügen«. berechtigt mich zu diesem Zweifel vollkommen. Konnte er einen an ihm bemerkten Fehler nie wohl ableugnen, so hatte er in der Regel schnell jemand aus seiner frühern Umgebung, auf dessen Rechnung er ihn zu bringen wußte. Er verfuhr hierbei rücksichtslos. Gezeigte Verkehrtheiten in seinen Lernübungen schrieb er stets auf die tadelnswerteste Weise frühern Lehrern zu und suchte mich durch Äußerungen wie: »Ja – so wenn es mir freilich früher gesagt und gezeigt worden wäre, wie Sie es tun usw.« – zu bestechen. Daß er mich dadurch nicht für sich gewinnen und einnehmen konnte, glaubt mir jeder, der mich naher kennt. Mit dergleichen undankbaren Äußerungen über Herrn Baron v. Tucher, seine früheren Lehrer und andere fuhr er einige Wochen und zwar so lange fort, bis ich ihm aufs unzweideutigste erklärte, daß er sich damit nirgends empfehlen, vielmehr nur gegen sich einnehmen und mich in dem Glauben bestärken könne, von ihm, wenn er einmal aus meinem Hause komme, keine andere Nachrede erwarten zu dürfen. Diese Erklärung tat ihre Wirkung. Auch in bezug auf Herrn Grafen Stanhope zeigte er nicht die geringste wirkliche Dankbarkeit. Durch Worte, die ihm keine Mühe kosteten, – ja, da war er der dankbarste, den es nur geben konnte. Wurde ihm auch in dieser Beziehung auf die gewöhnliche, gutmütige Weise gesagt, daß er gegen den edeln Grafen gewiß recht viel Liebe und Dankbarkeit empfinde, dann konnte er, wie in seinen Briefen, nie genug Worte finden, um seine Gefühle auszudrücken. Dagegen bewies er durch die Tat nicht ein einziges Mal, daß er gegen diesen seinen großen Wohltäter wahrhaft dankbar gewesen wäre. Ich hatte merken können, daß es Herrn Grafen sehr interessiere, alles zu erfahren, was seinem Pflegesohn begegne, was ihn anspreche oder nicht anspreche, einen angenehmen oder unangenehmen Eindruck auf ihn mache usw. Daher machte ich gleich am Tage nach der Abreise des Pflegevaters dem Pflegesohn den Vorschlag: er solle – vom gestrigen Tage anfangend – jeden Abend für die Briefe seines Pflegevaters in möglichster Kürze niederschreiben, womit er sich während des Tages beschäftigt hatte und was ihm Bemerkenswertes begegnet wäre; er könne damit nicht nur seinem edlen Pflegevater große Freude machen, sondern sich selbst den größten Dienst erweisen. Dann könne und wolle ich diese seine kleinen Arbeiten immer als Stilübung gelten lassen; er werde dabei eine ziemliche Gewandtheit im schriftlichen Gedankenausdrucke erlangen und in der Reinschrift, die er gleichfalls nach der Korrektur täglich sehr leicht besorgen könne, immer schon einen fast fertigen Brief an seinen Pflegevater bereit liegen haben. Dieser Vorschlag leuchtete ihm ein, er nahm ihn äußerst bereitwillig an und hatte einige Tage später über diese Art von Tagebuchführung besondere Freude, als er einen Brief von seinem Pflegevater – ganz in derselben Weise verfaßt – erhielt. Herr Graf hatte ihm nämlich von Tag zu Tag seine Reise kurz beschrieben. Wie lange gefiel es aber dem guten Kaspar Hauser, sich und seinem Wohltäter zulieb diese kleine Mühe zu übernehmen? – Volle 14 Tage. Schon am 16. Tage erklärte er unter allerlei Entschuldigungen, daß er vom gestrigen Tage nichts habe eintragen können, daß er es überhaupt doch nicht für so nötig halte und seinem Pfleger doch lieber in anderer Weise schreiben wolle. Alle meine Gegenvorstellungen waren nun vergeblich. An die Beantwortung der Briefe seines Pflegevaters ging er fast nie ohne Aufforderung; nicht selten mußte eine solche öfters erfolgen. Gewöhnlich ließ er das Schreiben bis zum letzten Tage anstehen, warf seine Meinung unvollkommen hin und verließ sich auf meine Verbesserung und gänzliche Unterstützung. Etwas später erhaltene Briefe aus England, in denen er auf der ersten Seite fand, daß über seine Abberufung dahin noch immer nicht entschieden sei, ließ er tagelang liegen, ohne sie ganz zu lesen. Auf eine diesfallsige Bemerkung von mir erwiderte er einmal: »Das andere ist lauter uninteressantes Zeug. – Dies weiß ich schon; und mich kann's ärgern, wenn jemand etwas verspricht und nicht Wort hält. Daumer bemerkt zu dieser Stelle, daß Stanhope sich Hausers erst mit »scheinbar so überschwenglicher Zuneigung annahm, ihm so glänzende Aussichten eröffnete, seine Erwartungen aufs höchste spannte und diese dann so gänzlich täuschte ... Auf H. machte dieser Verrat notwendig den empfindlichsten und verstimmendsten Eindruck. Wie er ihn merkte, so fing er an, den Grafen aufs tiefste zu verachten, so daß er die Briefe, die er noch von ihm erhielt, kaum mehr ansehen mochte.« (S. 307; siehe auch S. 247 ff.) Auch in anderer Weise hat er keine Dankbarkeit gegen diesen seinen Wohltäter gegeben. Wo Kaspar Hauser dankbar erschien, hatte er den Zweck, für sich zu gewinnen. Davon habe ich mich vielfältig überzeugt. Unzweideutige Beweise von Dankbarkeit habe ich von ihm nicht wahrgenommen. Am ersten könnte ich glauben, daß er gegen mich dankbar gewesen wäre, muß aber im besondern wie im allgemeinen bei der Meinung bleiben, daß er es mit mir und den Meinigen keineswegs böse gemeint habe, daß er uns noch weniger als in der Regel den meisten Menschen habe schaden wollen. Von Herrn Hofrat Hofmann dahier, welchen ausgezeichneten Mann er bei seinem ersten Besuche auch ganz für sich eingenommen hatte, wurde er sogleich bei demselben Besuche (im Februar 1833) aufgefordert, ihm auf sein Gefühl hin zu sagen, wer unter all den Menschen, die er bis jetzt kenne, mit denen er bisher in Verbindung getreten sei, den besten Eindruck auf ihn gemacht habe, wem er den meisten Dank schuldig zu sein glaube, zu wem er sich am meisten hingezogen fühle usw. – und wen nannte Hauser vor all den bedeutenden Männern und Frauen, die miteinander gewetteifert hatten, ihm Angenehmes zu erweisen, seine Wohltäter zu werden? – meine Wenigkeit – unter außerordentlicher Hervorhebung dessen, was er mir zu verdanken habe. Ich mußte staunen, als mich Herr Hofrat im Beisein einer vornehmen Dame auf die gefühlvollste Weise und mit Vergnügen davon in Kenntnis setzte, und konnte nur denken, daß der schlaue Hauser auch diesmal schon wieder richtiger aufgefaßt hatte als er aufgefaßt wurde. Während Hauser noch in Nürnberg als Schützling des Bürgermeisters Binder verweilte und unter Daumers Leitung stand, nannte er diese beiden Personen sowie Binders Gattin als die ihm vor allen teuren Personen. Der Gedanke liegt nahe, daß diese Versicherungen besonderer Zuneigung mit kluger Berechnung seinen jeweiligen Lebensverhältnissen angepaßt waren. (Dr. M.) Hauser hatte von mir schon einige Male gehört, daß ich wegen seiner zu Herrn Hofrat gehe, daß sich dieser vorzügliche Mann sehr kräftig für ihn verwende, deshalb seinen großen Dank verdiene. Er konnte aus meinen Äußerungen entnehmen, daß ich ihn aus Rücksichten für sein äußeres Wohl in meinem Urteile Herrn Hofrat habe besser erscheinen lassen, als er es verdiene, daß er sich nun aber auch in jeder Hinsicht bessern und mich am Ende bei meinen guten Absichten nicht in Verlegenheit bringen möge. Hausers Absicht, mir obige unverdiente Schmeichelei zu sagen, liegt daher nahe. Ich durfte jene Erklärung um so weniger als den wahren Ausdruck seines Gefühls annehmen, als ich ihn nicht lange vorher noch durch eine sehr ernstliche Begegnung bedeutend von mir abgewendet hatte. Zu bewundern bleibt es aber immer, wie schnell Hauser leicht reizbare und exzentrische Naturen für sich gewonnen und mit dem Herzen auch den ausgezeichnetsten Kopf gefangen genommen hatte. – l. Kaspar Hauser zeigte mir nie ein empfängliches Gemüt oder auch nur einigen reinen Sinn für Religion. Gegen mich zeigte er sich nie entfernt so, wie gegen Herrn Pfarrer Fuhrmann, der ihn jedoch hauptsächlich auch nur auf dem Grund seiner Äußerungen unmittelbar vor und nach der Konfirmation (siehe dessen Vorwort zu Kaspar Hausers Konfirmationsfeier, Seite III) »religiös« nennen konnte. Abgesehen davon, daß er fortwährend eine entschiedene Abneigung vor den Geistlichen im allgemeinen behielt und stets große Freude bezeugte, wenn er denselben durch Herrn Professor Daumers Schriften neue Hiebe versetzt glaubte, so zeigte er bei meinem Unterrichte in der biblischen Geschichte keineswegs das kindliche Gemüt, welches dieselbe meiner mehrjährigen Erfahrung zufolge gerne in dem Sinne hinnimmt, in welchem sie ihm gegeben wird. Kaspar Hauser war gewöhnlich bereit, das Gegenteil herauszusuchen. Wurde ich veranlaßt, bestimmter auf die göttliche Vorsehung, Gerechtigkeit usw. hinzuweisen, so hatte er häufig eine Menge Einwendungen bereit, die keine Unbekanntschaft mit den Lebensverhältnissen erkennen ließen. Am wenigsten wollte ihm der Satz einleuchten, daß alles Gute belohnt und alles Böse bestraft werde. Er meinte, daß eben doch so gar viele Menschen unverdienter Weise in glücklichen, dagegen andere ohne ihr Verschulden in elenden Verhältnissen lebten; er könne nicht begreifen, wie und warum dies erst in der andern Welt ausgeglichen werden sollte usw. Zuletzt berief er sich immer gerne auf sein bekanntes, trauriges Schicksal, und man mußte ihm in Berücksichtigung desselben, welches man ja nicht wohl merklich bezweifeln durfte, vieles zugute halten. Seine Einwürfe durfte man, nach leider beliebten Erziehungsgrundsätzen unserer Zeit, nur als Zeichen eines ungetrübten Verstandes nehmen, wenn man nicht für einen finstern Kopf erklärt werden wollte. Von seinen Äußerungen, die er kurze Zeit vor seiner Konfirmation noch außer meinem Hause tat, läßt sich ebenfalls auf keinen religiösen Sinn schließen. »Jetzt komme ich bei Herrn Pfarrer Fuhrmann bald zu einem Punkt, da will ich ihn doch in Verlegenheit bringen. Wir kommen nächstens zu der Lehre von der Dreieinigkeit, und dabei will ich ihn schon dran kriegen oder aufzuraten geben; diesmal wird er mit meinen Einwendungen nicht so leicht fertig werden können wie sonst,« – so äußerte er sich fast wörtlich gegen andere im Beisein meiner Frau, die mich damals sogleich davon in Kenntnis setzte. Ich wollte darin (wie heute noch) nicht gerne mehr als den eingebildeten und anmaßenden Jungen erblicken, welcher eben nichts weniger als religiösen Sinn hatte. Diesen letzten Satz »Ich wollte« ... bis »Sinn hatte« läßt Dr. M. wieder aus. Nach der Zeit seiner Konfirmation fragte er schon einige Wochen und Monate vorher ohne Zweifel darum sehr fleißig, weil er Hoffnung hatte, nach derselben auf dem Appellationsgerichte ein kleines Diurnium zu bekommen, welches man, wie er glaubte, ihm ganz zur beliebigen Verfügung überlassen würde. Aus den häufigen Äußerungen: »Wenn ich nur konfirmiert wäre, dann könnte ich doch verpflichtet werden, und dann bekäme ich für mein Schreiben etwas«, dürfte dies wohl schon zu entnehmen sein, wenn man sonst auch keine Ursache hätte, es zu glauben. Den Religionsunterricht, welcher ihm nach der Konfirmation noch bestimmt wurde, nahm er nur äußerst ungern. Daß er es nicht einsähe, wozu er jetzt noch Religionsunterricht nehmen solle, sprach er sowohl gegen Herrn Oberleutnant Hickel als gegen mich aus. Den Gottesdienst besuchte er ebenfalls nur, um einer nicht wohl auszuweichenden lästigen Anordnung Folge zu leisten. Seinen Platz in der Kirche wählte er gewöhnlich so, daß er jeden Augenblick ungeniert aus derselben weggehen konnte. Selten hörte er die ganze Predigt mit an. Bis zum Schlusse des Gottesdienstes blieb er fast nie. Wenn er nur einigen Grund hatte, versäumte er ihn ganz, und in den letzten 4 bis 5 Wochen besuchte er gar keinen Gottesdienst mehr, indem er jedesmal sagte, er müsse den heutigen Vormittag im Lateinischen arbeiten, wenn er seine Aufgabe fertig bringen solle. Bei dieser Stelle finde ich von der Hand meines Vaters in der öfter erwähnten Abschrift folgende Anmerkung: »Ich weiß wohl, daß man bei diesem Absatze sagen kann: In dieser Beziehung gibt es heutzutage viele K. H. und sie sind deshalb nichts weniger als Betrüger, und es beweist dies also gegen K. H. nichts. Ich stimme hier gerne bei. Allein es ist gewiß noch niemandem eingefallen, von einem solchen Menschen in die Welt hinauszuschreiben, daß er »religiös« sei, wie es in Beziehung auf K. H. geschehen ist. Zur Berichtigung einer von Pfarrer Fuhrmann verbreiteten falschen Meinung über K. H. fand ich es für nötig, auch diesen Umstand zu besprechen.« (Dr. M.) Siehe dagegen die Äußerungen Fuhrmanns, die im folgenden abgedruckt sind. m Kaspar Hauser erschien mir stets als ein Mensch von höchst oberflächlichem Gefühl bei einem sogenannten gesunden Hausverstande. Der Verstand Kaspar Hausers muß von einem doppelten Gesichtspunkte aus beurteilt werden. Nach seinen Leistungen in dem sogenannten Schulwissen erscheint er fast unter mittelmäßig. Hier ist jedoch nicht zu übersehen, daß er für solches in der Tat nur ganz wenig Sinn hatte. Seine Worte, zufolge deren er oft einen wahren Heißhunger nach dem Lernen zu erkennen gab, können auch hier nichts entscheiden. Daumer zitiert dagegen aus Hofrat Hofmanns Briefwechsel mit dem Staatsrat Klüber: »Am 18. Dezember, also nach dem Tode desselben (Hausers), ließ sich Meyer wieder bei mir sehen und brachte mir Hausers Arbeiten und Hefte, um mich aus solchen von den Nachlässigkeiten, die er sich in letzter Zeit habe zuschulden kommen lassen, zu überzeugen. Ich fand indessen das Gegenteil und drückte mein Staunen über seine (Meyers) Verblendung aus, da ich allenthalben sichtbare Fortschritte ganz deutlich erkannte.« (S. 459 f.) Nach seiner Routine in dem umgänglichen Leben und öftern Beurteilung desselben war er im eigentlichen Sinne des Wortes gescheit, d.h. er wußte hier in der Regel schnell und scharf zu scheiden und sein Verhalten sehr geschickt darnach einzurichten. In dieser Hinsicht geht er wohl vielen Gebildeten, sicher aber allen sogenannten Stubengelehrten voraus. Tiefe und Wärme vermißte ich in seinem Gefühle gänzlich; dagegen schien es mir in der Regel erkünstelt. In seiner ungewöhnlichen Freundlichkeit und Gefälligkeit im leichtern sozialen Leben wird man wohl diese Eigenschaften eines Gefühles nicht finden wollen. Von einem wahren Ehrgefühle traf ich bei ihm auch keine Spur an, wohl aber sah ich ihn dem falschen Ehrgefühl täglich huldigen. Ob sich mit diesen und ähnlichen Haupteigenschaften eines Geistes und Gemütes die der Täuschung und des Betruges mehr oder weniger leicht vereinigen mögen, muß ich weiterer Einsicht überlassen. n. Hauser war ohne innere Stetigkeit und hatte bei keiner Beschäftigung, die einige Mühe erforderte, die nötige Ausdauer; dabei besaß er einen außerordentlichen Hang, besser und mehr zu scheinen, als er wirklich war, und konnte so in keiner Lage lange zufrieden sein. Über seinen Mangel an innerer Stetigkeit und Ausdauer bei ernsten Beschäftigungen habe ich mich schon in meinem Urteile vom Juli vorigen Jahres erschöpfend ausgesprochen. Im I. Bd. abgedruckt. Dort habe ich auch unter geziemenden Hoffnungen von Herzen gewünscht, daß sein großer Fleiß und Eifer beim und zum Lateinischen nur von Dauer sein möge. Meine Besorgnis ging nur zu bald in Erfüllung. Bis in die Mitte Augusts lag ihm das Lateinische schon wieder so wenig auf, daß er ohne seine erklärte Lieblingsbeschäftigung mehrere Wochen in Nürnberg sein konnte und noch länger daselbst bleiben wollte. Einige Tage nach seiner Zurückkunft, im September, fing er, durch mich besonders dazu aufgemuntert, zwar an, das Lateinische wieder mit dem vorigen Eifer zu betreiben, und hielt darin aus bis Ende Novembers. Dr. M. hat »bis in die Mitte Novembers.« Von jetzt, und hauptsächlich vom 5. Dezember an, behandelte er diesen Gegenstand so gleichgültig wie jeden andern. Während er sonst beim Lehrer fast jeden Fehler zu entschuldigen suchte und ihn nicht gerne als solchen gelten lassen wollte, war es ihm jetzt ziemlich gleichviel, ob er mehr oder weniger Fehler, ob er gut oder schlecht gearbeitet hatte. Er fragte seinen Lehrer im Lateinischen, Herrn Kandidaten Gebert, auch über keine ihm vorgekommene Schwierigkeiten mehr, was er sonst so häufig getan hatte, und machte die leichtesten Übungen äußerst fehlerhaft. Diese Erscheinung war natürlich auch Herrn Gebert aufgefallen. Sein Hang, besser zu scheinen und mehr zu gelten, zeigte sich bis zu den unbedeutendsten Dingen herab. Auf ein Billett, ein Briefchen, ein gemaltes Blättchen, wie auf andere Produkte seiner Geschicklichkeit hatte er nach seinen Reden oft kaum die Hälfte Zeit verwendet, als er wirklich dazu gebraucht hatte, und hatte dabei den Zweck, entweder das Unvollkommene zu entschuldigen oder das Gelungene um so mehr bewundern zu lassen. Wenn er sich dagegen von einer Arbeit für die Zukunft gerne los machen wollte, so hatte er auch wieder zur äußerst mangelhaften Vollendung derselben stets noch einmal so viel Dr. M. setzt dazu »und mehr«. Zeit nötig gehabt, als er wirklich dazu verwendet hatte. Sah sich Kaspar Hauser aber einmal erkannt, und seine unrühmlichen Eigenschaften nicht mehr entschuldigt (sic!), so konnte man an ihm deutlich merken, wie unbehaglich er sich fühlte. Er war dann mit seiner Lage gänzlich unzufrieden und wünschte sie natürlich um jeden Preis geändert. Als Beleg hiezu folgendes: In bezug auf Herrn Oberleutnant Hickel, welcher ihn vom Anfange an in der Regel auf den Eindruck seiner Handlungsweise bei dem Herrn Grafen, der sie am Ende erfahren müsse, ernstlich hinzuweisen pflegte, äußerte er gegen meine Frau einigemale und darauf auch gegen mich: »Der Hickel muß mir aus dem Spiel kommen, es mag gehen, wie es will. Ich weiß nicht, ob ich warten soll, bis der Herr Graf kommt, oder nicht. Lieber will ich bloß Wassersuppen essen, als immer hören: Laß nur dies den Grafen erfahren, dann magst du sehen, was geschieht. Und so tut er bei den unwichtigsten Dingen immer, als wenn er die größten Geheimnisse hätte. Es macht's doch der Herr Präsident nicht so.« Wäre er von mir deshalb nicht ernstlich zurechtgewiesen und auf das Unheilvolle seines diesfallsigen Beginnens aufmerksam gemacht worden, so hätte er wahrlich mit Dreistigkeit und ohne Verzug auf sein Ziel losgesteuert. Einmal (siehe oben unter den Auftritt mit Herrn Präsidenten v. Feuerbach) versuchte er es dennoch, entschieden aufzutreten und seinen Plan durchzusetzen. Ich muß übrigens um der Wahrheit willen hier gestehen, daß ich selber glaubte, Kaspar Hauser werde oft am unrechten Orte, d. h. da, wo er es weniger verdiente, empfindlich getadelt, und es werde dabei nicht immer mit der gehörigen Klugheit verfahren; darum glaubte ich, ihm auch seine diesfallsigen Heraustretungen nicht so ganz hoch anrechnen zu dürfen. Das ist jedoch nur meine Ansicht, die ich als Erzieher habe, und sie mag dem eigentlichen Polizeimann wie dem Richter recht wohl als irrig erscheinen können. Bei Herrn Professor Daumer gefiel es unserm Kaspar Hauser von da an nicht mehr, wo er sich als unwahr erkannt und seinen auffallenden Lügen gebührend begegnen sah. Erzieher und Zögling wünschten einander los zu haben, und der bekannte Mordversuch führte zum Ziel. Im Biberbachschen Hause sagte ihm seine Lage gar nicht lange zu. Diese ebenso gebildete als gemütliche Familie sah mit unbefangenen Augen, ohne Brille der Gelehrsamkeit, war nicht geneigt, ein X für ein Q zu nehmen, und kam daher recht bald auf seine Haupt[un]tugenden. Um von ihr wegzukommen, nahm er seine Zuflucht zu den offenbarsten, unverschämtesten Lügen. Der Dr. M. schreibt: »Der – zufällige« (mit bezeichnendem Gedankenstrich). zufällige Pistolenschuß begünstigte sein Streben. Das Haus des Herrn Baron v. Tucher verließ er gleichfalls auf die undankbarste Weise, als er seine unrühmlichen Eigenschaften daselbst größtenteils erkannt und daher nicht mehr in so hohem Grade für sich eingenommen sah. Hier in Ansbach konnte er seine Lage so lange nicht bedenklich finden, als er sich in Herrn Staatsrat v. Feuerbach stets Dieses wichtige »stets« läßt Dr. M. aus. Es steht offenbar im Gegensatz zu der Erzählung des Lehrers M., daß Feuerbach sich von Hauser abgewandt habe. seinen Hauptvertreter denken durfte, wie er denselben in Nürnberg an Herrn Bürgermeister Binder hatte. Ob man nach dem Tode des Herrn Staatsrats v. Feuerbach alles aufbot, um dem Verlassenen den Verlust so wenig als möglich fühlen zu lassen, so mußte ihm doch derselbe je länger je fühlbarer werden. Hierzu zitiert Daumer aus dem 34. Brief Hickels (S. 95): »So hat auf einmal die so glücklich gedachte Lage Hausers eine sonderbare Wandlung erfahren; der Stadt Nürnberg entzogen, des Vertrauens des Grafen verlustig, in Ansbach ohne sichernde Teilnahme behandelt, ist er jetzt schon in den Händen einzelner Männer, die zwar des Grafen Gesinnungen nicht völlig teilen, jedoch zur Entdeckung der Wahrheit und zur Entlarvung etwaigen Betrugs nichts unversucht lassen werden.« (S. 291 f.) An die Stelle des Herrn Staatsrats ist bei Hauser in gewisser Beziehung Herr Hofrat Hofmann getreten. Dieser hatte schon einige Zeit vor dem Tode des Herrn Staatsrats v. Feuerbach für Hausers Existenzsicherung die Feder ergriffen und ließ sich nun die Sache, welche er bei seiner ausgezeichneten Humanität als Sache der Menschlichkeit behandelte, womöglich noch mehr angelegen sein. Um durch Selbstbeobachtung seinen Klienten näher kennen zu lernen und auf seine Moralität einigen Einfluß zu erlangen, ließ sich Herr Hofrat öfters von ihm besuchen. Nach dreivierteljährlicher Bekanntschaft mit ihm versicherte mir Herr Hofrat am Sonntage, nicht volle 8 Tage vor Hausers unglücklicher Verwundung, noch, daß dieser ihm bis jetzt durchaus keine Achtung habe abgewinnen können, daß er gegen ihn insbesondere den Heuchler und Schmeichler spiele, ihn deshalb immer etwas von sich entfernt halten müsse, und daß ich mit meinen moralischen Lektionen, deren ich einige berührt hatte, ja fortfahren solle. Auch an diesem Tage kam Hauser noch, und zwar fast unmittelbar, nachdem ich weg war, zu Herrn Hofrat. Konnte dem schlauen Hauser bisher schon, wovon ich vollkommen überzeugt bin, der kontrollierende Blick und die gemessene Haltung des Herrn Hofrats nicht entgehen, so kam er gewiß heute um so mißtrauischer, als ihm von demselben erst einige Tage vorher bei Aushändigung eines Briefes von Herrn Staatsrat v. Klüber in Frankfurt einige seiner Fehler deutlich vorgeführt worden waren. Nach der Stimmung, in welcher ich Herrn Hofrat in bezug auf Hauser verlassen habe, hat er sich demselben diesmal ganz zuverlässig nicht besonders genähert In dem erwähnten Briefe sagt Hofmann noch: »So weit ich Hauser während eines einjährigen Umganges kennen lernte, halte ich es für beinahe unmöglich, daß er den Betrüger so schlau zu spielen und diese Rolle mit ebenso viel Kraft als Entschlossenheit höchst tragisch zu enden physisch und moralisch fähig gewesen sei. Sein Religionslehrer teilt diese Meinung ...« Daumer S. 460. Hofmann will Meyer wegen »seiner vorgefaßten Meinung«, Hauser sei ein Betrüger, »derb zurechtgewiesen haben.« (S. 460) Meyer scheint also Aussagen Hofmanns, ebenso wie oben solche Feuerbachs, falsch verstanden oder falsch interpretiert zu haben. Es ist außer Zweifel, daß Kaspar Hauser seine hiesige Lage in Hinsicht auf Beschäftigung und Umgebung durchaus nicht mehr zusagte. Seine Beschäftigungen waren ihm bereits sämtlich lästig geworden. Auf dem Appellationsgerichte schrieb er nur noch äußerst ungerne. Er hatte das nach seiner Konfirmation erwartete Taggeld bis jetzt nicht bekommen und hörte von einem solchen schon lange nichts mehr. Die Schreiberei selbst, für welche er sich früher veranlaßt, ich möchte sagen, notgedrungen fand, seine entschiedene Neigung zu erklären, gefiel ihm keineswegs. Nachdem im vorigen Jahre einer seiner Bekannten (Herr Baron von Seckendorf) zum hiesigen Chevauxlegers-Regiment als Kadett gekommen war, äußerte er gegen mich folgendes: »Ich weiß nicht, die Schreiberei ist auch gar so langweilig. Wenn ich nur wüßte, ich ginge am Ende auch noch zum Militär. Die Kadetten haben es nicht so übel, und nach und nach kommen sie doch weiter.« (Hier führte er einige Beispiele an.) Von mir auf die gegenwärtigen geringen Aussichten beim Militär und dessen weniger freundliche Seite, wie auch darauf aufmerksam gemacht, daß man es in unseren Tagen ohne solidere Kenntnisse und bestandenes Examen nicht so leicht mehr zum Offizier bringen könne usw., wurde er gänzlich stille. Mit Ehren sich von der Schreiberei wieder loszumachen, mußte ihm aber um so schwerer erscheinen, je mehr Lust und Neigung zu derselben er anfangs durch Worte an den Tag gelegt hatte. Es scheint, als hätte er seine Entlassung dadurch zu bewirken gesucht, daß er seit längerer Zeit schon sichtbare Rückschritte zeigte. Einen Beweis von Unlust zu dieser Beschäftigung gibt gewiß auch der Umstand, daß er schon lange her wöchentlich viermal um 11 Uhr mittags aus der Kanzlei unter dem Vorwande wegging, eine Unterrichtsstunde zu haben, während er zu dieser Zeit nie einen Unterricht empfing. Des Unterrichts und der Übungen in den gewöhnlichen Schulgegenständen war er längst satt. Ich konnte ihn zuletzt nicht wohl mehr zur Fertigung eines Briefchens bewegen. Neben dem Lateinischen ward ihm auch jede Aufgabe für meinen Unterricht zur Last und wurde von ihm in jeder Beziehung nachlässig und oberflächlich behandelt. Letzteres wiesen die Hefte nach. In Berücksichtigung seines Eifers zum Lateinischen mußte ich ihn möglichst entschuldigen, und es blieb mir am Ende nichts anderes übrig, als ihm äußerst wenig aufzugeben und ihm das wenige noch so leicht als möglich zu machen. Am ersten schrieb er noch eine Erzählung nach und darum ließ ich ihn in der letzten Zeit wöchentlich eine solche selbst wählen und nachbilden. War sie etwas länger, so durfte er sie in zwei Abteilungen für zwei Wochen behandeln. Aber auch so war's ihm noch unbequem. Häufig hatte er seine Arbeit nicht zur bestimmten Zeit fertig und wenn sie fertig war, so mußte ich ihn wegen gleichgültiger und oberflächlicher Behandlung des ganzen in der Regel tadeln. Gar nicht so gleichgültig wie den gewöhnlichen Tadel nahm er in den letzten Tagen Novembers die Erklärung hin, daß ich nun eben jedesmal in seine Schrift bemerken müsse, ob er etwas oder nichts und wie er gearbeitet habe. Ich wolle dadurch Herrn Graf, wenn er hierher komme, in den Stand setzen, selbst sein Urteil über ihn fällen zu können. Es tue in die Länge nicht mehr gut, bei ihm alles zu beschönigen. Das Schlechte – mittelmäßig, das Mittelmäßige – gut, und das Gute – sehr gut und vorzüglich zu nennen. Man bringe dadurch am Ende sich und ihn in Verlegenheiten. Von nun an könne er sich darauf verlassen, daß ich mein Urteil nicht mehr durch den seltenen Kaspar Hauser bestechen und die gewohnten unstichhaltigen und unverantwortlichen Rücksichten eintreten lasse. Dieser Abschnitt von: »Es tue in die Länge ...« bis »eintreten lasse...« fehlt wieder bei Dr. M. ... Über diese ernstliche Erklärung war er in hohem Grade betroffen, arbeitete aber nachher fast noch nachlässiger als vorher. In seinem letzten Aufsatze, den er am Abend vor seiner unglücklichen Verwundung verfertigte, kommen einige Fehler vor, die er ein Jahr früher nicht wohl gemacht haben würde. Es ist psychologisch gewiß auch nicht unwichtig, daß er das Aufsätzchen über das biblische Thema: »Tue deinem Feinde Gutes, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln,« – mit dem Satze schließt: »Hat er dir an deinem Körper geschadet, so tue ihm Gutes dafür.« Er hat dieses Aufsätzchen nach einem ihm zweimal vorgelesenen Muster aus »Dittmars Weizenkörnern« bearbeitet, in welchem alle Gedanken seiner Arbeit vorkommen, bis auf den letzten. Auch der Umstand ist nicht zu übersehen, daß er eigentlich schon geschlossen hatte, und den letzten Satz – mit einer neuen Zeile beginnend – allein hinstellte. Es möchten diese Umstände wenigstens davon zeugen, daß er tags vorher mit dem Gedanken einer Körperverletzung umging. Diese leise Andeutung hatte vielleicht, wahrscheinlich in Verbindung mit einigen anderen Anzeichen, wie früher seine Angaben bei Herrn Professor Daumer, im günstigen Falle wieder zu den Ahnungen des Mordversuchs gerechnet werden sollen. Hierzu bemerkt Daumer: »Es ist aber in dieser gehässigen Auffassung eines fühlbar so harmlosen Satzes auch kein wahrer Verstand. Hauser wußte, daß er hier keine Nürnberger Schwachköpfe und Mystiker vor sich hatte, und daß man ihm nicht das geringste, was er etwa Absonderliches vorgebe, glauben, sondern ihn deshalb nur umsomehr für einen ›Lügner und Betrüger‹ erklären würde.« (S. 342) Über seine Ausdauer beim Lateinischen habe ich mich oben schon ausgesprochen; davon hier nur weniges, woraus etwa der Grund des ihm Lästigen ersehen werden möge. So lange er sich in der einfachen Formenlehre bewegte, die ihm aus seinem genossenen Unterricht in Nürnberg noch ziemlich bekannt war, so lange machte ihm das Lateinische diesmal um so mehr Vergnügen, als er mir, dem mit seinem sonstigen Fleiße Unzufriedenen, gerne glauben machen wollte, daß er bei einem weniger alltäglichen Gegenstande, zu dem er Luft habe, schon fleißig und eifrig sein könne. Als er aber über die Dinge hinausgekommen, mit denen er noch mehr vertraut war, und als er sah, daß er ohne Anstrengung nicht und mit solcher nur langsam weiter fortzuschreiten vermöge, da wurde ihm auch das Lateinische, gegen welches er in den letzten 14 Tagen seine volle Gleichgültigkeit bewies, von Tag zu Tag lästiger. Auch diese Wahrnehmung an sich wieder machen zu lassen, mußte ihn jedenfalls in hohem Grade genieren. Und von dem Lateinischen so bald wieder befreit zu werden, dazu hatte er hier gar keine Aussicht. Es ist darum bei diesen und andern Verhältnissen auch nicht auffallend, daß er sich während seiner letzten Anwesenheit in Nürnberg so ganz innig an Frau von Kannawurf aus Wien anschloß, wenn man weiß, daß diese Dame (was auch aus ihren Briefen ganz deutlich hervorging) dem äußerst interessanten Kaspar Hauser viele Hoffnung machte, ihn mit der Erlaubnis seines Pflegevaters bald auf längere Zeit bei sich in Wien (wo man sich für ihn ganz ungewöhnlich interessiere) sehen zu dürfen. Dieser Punkt und die gegebene Zusicherung, seinerseits das nötige einleiten zu wollen, mag auch die Ursache sein, warum er weder mir [mich] noch meine[r] Frau, was er noch in keinem andern Falle getan hatte, die von dieser Dame erhaltenen Briefe selbst lesen ließ, dieselben immer sogleich in seiner Schreibkommode verschloß und sie vor dem Attentat mit zweien von einer anderen Dame ganz wegschaffte. Daß Kaspar Hauser bereits auch seine ganze engere Umgebung zu vertauschen wünschte, läßt sich ebenfalls nicht wohl bezweifeln. Herrn Hofrat Hofmann fand er für sich offenbar zu ernst und zu redlich. Dessen öfteren moralischen Ausbeugungen, in denen er wohl nicht selten die an ihm wahrgenommenen Untugenden sich vorgehalten glaubte, konnten ihm ebenso wenig gefallen als er demselben für die Anordnung dankte, Religionsunterricht fortnehmen zu müssen. Von Herrn Oberleutnant Hickel sah er sich ohnehin nicht gerne abhängig und am allerwenigsten gerne bei dem auf der Hieherreise begriffenen Grafen vertreten. Mich, auf dessen schonendes Urteil gegen Herrn Grafen er noch immer Ursache hatte zu rechnen, Dr. M. schreibt: »gerechnet hatte, fand er ebenfalls nicht geneigt« – »rücksichtsloses« statt »rücksichtsloseres« Urteil. fand er in der letzten Zeit weniger geneigt, seine tadelnswerten Eigenschaften zu entschuldigen, und ich darf glauben, daß er mein rücksichtsloseres Urteil hauptsächlich fürchtete. Aus allem konnte er entnehmen, daß seine unrühmlichen Eigenschaften hier immer mehr erkannt werden und immer weniger Entschuldigung finden; und hätte er nicht noch in den wenigen Häusern, an denen ihm alles lag, für den gegolten, für welchen er stets gelten wollte, so wäre ihm sicher seine Lage dahier schon länger unerträglich gewesen. Er durfte jetzt nur noch befürchten müssen, was sich unten zeigen wird, daß das unbedingte Vertrauen in seine Wahrhaftigkeit auch in jenen Familien bald schwinden möchte, so hatte er volle Ursache, die Veränderung seiner Lage schlechterdings zu bewirken. Es lag ganz in Hausers Charakter, was auch oben erzählte Tatsachen ziemlich deutlich erkennen lassen, daß er unter bedenklichen Umständen dachte: »Anders muß es werden; es mag nun kommen, wie es will – besser oder schlechter –«; und daß er im letztern Falle selbst den Tod nicht unbeachtet ließ, legte er selbst einige Male durch unzweideutige Äußerungen an den Tag. Zu einem entscheidenden Schritt war aber jetzt eben die rechte Zeit gekommen. Mit dem nahen Christfeste hatte man auf die Ankunft des Herrn Grafen gerechnet. Über dessen Benehmen war Hauser sehr in Ungewißheit. Daß der Herr Graf an seiner Aufrichtigkeit zweifelte, wußte er, und dies war ihm keineswegs gleichgültig. Eine etwaige gleichgültige Behandlung usw. von demselben dürfte vielleicht auch diejenigen gegen ihn mißtrauisch machen, in deren hoher Gunst auch Dr. M. hat statt »auch« »allein«. er sich noch behaglich fühlte,– so mochte er recht füglich denken. Ein Wagestück, bei dem er sich auch auf das Schlimmste gefaßt machen mußte, konnte im glücklichen Falle gerade jetzt doch auch die beste Wirkung tun. Es konnte die Zweifel des Grafen verscheuchen, sein Mitleid aufs neue rege machen und ihn bewegen, den Unbeschützten doch noch nach England mitzunehmen. Seine Bekannten, die mit den nähern Verhältnissen nicht vertraut waren, erhielt er ohnehin noch lange bei der Meinung, daß er nach England komme, nachdem ihm das Gegenteil schon mit Bestimmtheit angekündigt war. Scham und die Befürchtung, außerdem an Interesse zu verlieren, mochten wohl Das »wohl« läßt Dr. M. weg. auch hier, wie bei so manchen seiner Handlungen, die Motive sein. Hat Kaspar Hauser das Attentat an sich selbst verübt, so kann ich nach meiner Bekanntschaft mit ihm nicht annehmen, daß er bei der entschiedenen Absicht, seiner bisherigen Lage ein Ende zu machen, mit Ängstlichkeit die Einwirkung auf Herrn Graf Stanhope berechnet, sondern muß vielmehr glauben, daß er ebenso wohl, und vielleicht gar vorzugsweise, den Tod im Auge behalten habe. Angenommen indes, er hätte letzteres weniger gewollt, so war Hauser doch so gescheit, daß ihn ein unbedeutender Stich sogleich verdächtig erscheinen lassen würde und daß es ihm bei einem stärkeren Druck leicht fehlen konnte. Es wäre demnach kaum anders anzunehmen, als daß er beide Fälle im Auge gehabt und seine ganze Einrichtung darauf gemacht hätte. – Gelingt's, – so ist's gut; – und gelingt's nicht, so ist's auch recht; dann habe ich auch dabei nichts verloren. – Ehe ich so fortlebe, will ich lieber sterben –: Dies sind Gedanken, welche der Gesinnung Kaspar Hausers gar nicht ferne lagen. o. Bemerkens- und beachtenswerte Erscheinungen und Vorfälle an und bei Kaspar Hauser in den letzten 14 Tagen seines Lebens. Daß er in dieser Zeit ernster und zurückhaltender als gewöhnlich war, oder vielmehr, daß er in derselben eine seiner unfreundlichen und unleidentlichen Perioden hatte, habe ich ganz oben schon bemerkt. Besonders gewahrte ich an ihm diese Stimmung vom 5. Dezember an. Nachdem ich schon einige Tage vorher eine ziemliche Gleichgültigkeit auch gegen das Lateinische an ihm bemerkt und er heute dasselbe kaum noch mit einem Worte berührt hatte, fragte ich ihn, (Donnerstag, den 5. Dezember vor. Js.) abends nach Tische, ob er denn seine Übersetzung für morgen schon fertig habe. Hauser erwiderte bei übrigens ernster Stimmung augenblicklich unter scheinbar gezwungener Freundlichkeit: »Ja – schon ganz bin ich damit fertig.« Ich nahm das Buch zur Hand, zeigte ihm, wie groß die Aufgabe sei und fragte ihn, ob er denn wirklich auch so weit übersetzt habe, und er deutete mir dabei mit dem Finger an, daß er wohl noch um ein Absätzchen weiter gekommen sei. Mir mußte dies jedoch um so unwahrscheinlicher vorkommen, als fragliche Aufgabe ein paar Fälle enthielt, mit denen er für sich allein zuverlässig nicht hätte fertig werden können und bei welchen er sich sonst sicher an mich hätte wenden müssen. Ich fand indes für gut, ihm jetzt im Beisein meiner Frau nichts weiter zu bemerken, sondern ihn ungestört auf sein Zimmer gehen zu lassen. Ungefähr 5 Minuten darauf nahm ich mein »Lateinisches Elementarbuch von Jakobs und Döring« und ging ihm nach. Er hatte, was zu der Zeit gegen seine Ordnung und Gewohnheit war, die Türe schon verschlossen und fragte mich erst, ehe er öffnete, ob ich noch zu ihm herein wolle. Ich legte ihm dann einen und noch einen Satz vor und ersuchte ihn, mir zu sagen, wie er übersetzt habe. Hauser, kaum vermögend, ein Wort passend zu dem andern zu bringen und darüber sichtbar verlegen, äußerte: »Ich habe ja erst präpariert, übersetzen will ich erst jetzt.« Hierauf sah ich ihn bei einem ausdrucksvollen »So« – ruhig an, wünschte ihm gute Nacht und entfernte mich. Ich erwartete nun, daß er bei den Stellen, die ich über seinen Horizont wußte, noch zu mir kommen werde; allein er kam nicht und am andern Tage in der Stunde zeigte sich's, daß er mit denselben durchaus nicht im Reinen war. Er fragte mich von jetzt an überhaupt mit keinem Worte mehr, auch nicht in bezug auf das Lateinische, mit welchem er mich früher, und selbst vor wenigen Tagen noch, fast jede Viertelstunde, wenn ich zu Hause war, in Anspruch genommen hatte. Sowohl meine Frau als ich wollten anfangs in diesem, seinem veränderten Benehmen und Verhalten einen gewissen bübischen Trotz erkennen. Ich fand indes für gut, ihn vorderhand ungestört zu lassen, ihm aber bei der nächsten Gelegenheit meine Meinung darüber zu sagen. In diesen Tagen, und wenn ich mich nicht irre, war's Freitag, den 6. Dezember, hatte er den oben (S. 78 f.) erwähnten Brief des Herrn Staatsrats v. Klüber erhalten. Er kam damals ziemlich verstimmt von Herrn Hofrat Hofmann zurück und gab mir den erhaltenen Brief hin, ohne über seinen Inhalt auch nur ein Wort zu sagen. Dieser schien ihm nicht ganz zu gefallen und ohne Zweifel aus dem Grunde, weil er, wenngleich sehr schonend, aber eben dennoch vor Eigenschaften warnte, welche nur gemeinen Seelen eigen seien, unserm Kaspar Hauser aber nicht eben fremd waren. Hauser wußte, daß im Juli von mir ein ausführlicher Bericht über ihn durch Herrn Hofrat Hofmann zunächst an Herrn Staatsrat v. Klüber und von diesem an den Herrn Grafen befördert worden sei, und war in bezug auf denselben um so mißtrauischer, als ihm einige Wochen vorher Herr Oberleutnant Hickel gesagt hatte: ich hätte meinen Bericht an den Herrn Grafen erst ihn (Herrn Oberleutnant) sehen und einiges darin recht füglich unberührt lassen sollen. Daß seine nicht eben empfehlenden Eigenschaften, wenigstens teilweise, erstgenannten Herren bekannt seien, durfte und konnte er diesem und anderem nach wohl schließen. Und wer kein reines Gewissen hat, sieht ja ohnehin überall leicht Gespenster. Am Montag darauf, den 9. Dezember, fügte er sich in meiner Unterrichtsstunde von 5 bis 6 Uhr abends noch eine sehr ernste Rüge zu, welche ganz getreu und umständlich zu erzählen ich für durchaus notwendig erachte. Ich gab ihm zu Anfang der Stunde ein Sprachheft zurück mit dem Bemerken, daß eben hier schon wieder ein Blatt herausgeschnitten wäre, obgleich ich ihn deshalb schon so oft getadelt und es ihm so bestimmt untersagt hätte. »Ja, ich hatte auf das Blatt einen Flecken gebracht, und den wollte ich nicht in der Schrift haben«, entgegnete er mir augenblicklich. Ich erwiderte (es wird am besten sein, wenn ich von nun an das ganze Wechselgespräch so getreu als möglich gebe): »Sie werden mir wohl nicht zumuten, daß ich Ihnen dies unbedingt glauben soll?« Hauser: Warum wollen Sie es denn nicht glauben? Es ist gewiß wahr. Ich: Sie kennen doch das Sprichwort: »Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht«, und Sie, lieber Freund, lügen wohl täglich öfter als einmal. Hauser: Ich habe seitdem nicht mehr gelogen, seitdem ich Ihnen damals versprochen habe, nie mehr lügen zu wollen. Ich: Sie haben seitdem nicht mehr gelogen? Dies getrauen Sie sich mir wirklich ins Gesicht zu sagen? Häuser: Nein, ich habe seitdem nicht mehr gelogen! Sagen Sie mir nur, wann! Sie können mir nichts beweisen. Ich: Lieber Hauser! – Sie haben es in der Dreistigkeit weit gebracht. Indem Sie dies behaupten, sagen Sie mir ja sogleich wieder die frechste Lüge ins Gesicht. Glauben Sie vielleicht, weil ich Ihnen seit geraumer Zeit keine Lüge mehr berede, darum merke ich es nicht, wenn Sie lügen? In diesem Falle irren Sie sehr. Sie sollten mich eigentlich besser kennen gelernt haben. Indes ist es Ihnen wohl zu verzeihen, wenn Sie in dieser Hinsicht dreist geworden sind, da Sie in den verehrlichen und hochverehrlichen Zirkeln, wo sich das große interessante Kind nur stets als die gutmütigste Einfalt zeigt, jedes Ihrer auch noch so unwahren Worte als lautere Wahrheit hinnehmen sehen. Wo man Sie näher kennt, ist es übrigens anders. Mir und vielen andern können Sie nicht mehr weiß machen, was schwarz ist. Die Stelle: »Lieber Hauser – Sie haben es in der Dreistigkeit« ... bis »was schwarz ist« fehlt bei Dr. M. Wenn ich Ihre häufigen Unwahrheiten nicht mehr berede, so bestimmt mich dazu allein die nach und nach gewonnene Überzeugung, daß ich Sie doch nicht von Ihrer Hauptkrankheit zu heilen imstande bin. Warum soll ich mich dann immer vergeblich ärgern? Und ärgern muß man sich ja jedesmal, so oft man Sie auf eine Unwahrheit aufmerksam macht, denn Sie sind, was sonst nur ganz niedrige Charaktere tun, Dieser Satzanfang fehlt bei Dr. M., wie auch im folgenden häufige Auslassungen. Dr. M.: »Sie sind gewohnt, so lange ...« so lange fort nein und immer nein zu sagen gewohnt, bis man Sie mit Mühe so weit in die Enge getrieben hat, daß Sie nicht mehr nein sagen können, und dann sprechen Sie dennoch auch kein Ja aus; das Warum kann man sich allenfalls denken. Hauser (in ungehaltenem Tone): Ich kann doch nicht Ja sagen, wenn's nicht so ist. Beweisen Sie mir nur, daß ich seit damals noch einmal gelogen habe! Ich: O Häuser, Sie glauben nicht, wie sehr es mich schmerzt. Sie mir gegenüber so zu sehen, wie wehe es mir tut, Sie immer mehr von der unvorteilhaftesten Seite kennen zu lernen. Weil Sie indes durchaus Beweise wollen, so sollen Sie denn welche haben. Ich bin aber wahrlich verlegen, wo ich anfangen soll. – Doch – ich will der Zeit folgen. Haben Sie nicht gleich einige Tage wieder nach Ihrem damals gegebenen Versprechen das Licht im Leuchter herunterbrennen lassen, so daß dadurch die Handhebe heruntergeschmolzen ist, der Magd aber weisgemacht, die Handhebe sei Ihnen beim Anfassen weggebrochen und gegen meine Frau standhaft behauptet, Sie haben kein Licht hinunterbrennen lassen? Häuser: Es war auch so, wie ich gesagt habe. Ich: Meinen Sie denn, daß man sich auf solche Weise von Ihnen hat abspeisen lassen? Wenn ich Sie aus Gründen gleich nicht selbst zur Rede stellen mochte, so dürfen Sie doch glauben, daß ich mich deshalb mit den Meinigen genau benommen habe. Dieser letzte Satz fehlt bei Dr. M. Wo war denn das ganze Licht hingekommen, welches Sie abends spät erst erhalten hatten? Wie kam es denn, daß der Leuchter äußerlich durchaus rötlich und bläulich geflammt und inwendig ganz schwarzgrau gebrannt war? Das sich in der Schale unten gesammelte Unschlitt hatten Sie wohl recht sorgfältig herausgenommen, es zum Teil sogar mit dem Messer abgekratzt, allein etwas hatten Sie doch zu tun vergessen. Es war nämlich deutlich zu sehen, wie weit der Unschlittguß in der Schale heraufgereicht hatte. Diese Spur, d. h. diesen Rand, hätten Sie füglich verwischen sollen. Häuser: Da will ich gleich sterben, wenn mir nicht die Handhebe des Leuchters in der Hand geblieben ist. Ich: Ja – das bezweifle ich keinen Augenblick. Sie war eben von der Hitze soweit abgelöst, daß sie durch die geringste Berührung herabfallen mußte. Übrigens können Sie versichert sein, daß ich diesen Vorfall, wie so manch andern, mit allem Fleiße aufgezeichnet habe, um nötigenfalls vollständige Rechenschaft über Sie geben zu können. Hauser (sichtbar überrascht und betroffen): Aber Herr Meyer, von damals war die Handhebe ganz gewiß nicht weggeschmolzen; es müßte schon von früher hergerührt haben. Ich: Nun sehen Sie, jetzt gestehen Sie bei dieser Gelegenheit doch zu, daß Ihnen das Licht früher hinuntergebrannt ist. Warum haben Sie es denn aber stets festweg geleugnet? Hauser: (Keine Antwort). Ich: Wie oft sagte ich Ihnen nicht schon, wenn Sie gefehlt hatten –, Sie sollten es nur zugestehen; man würde Ihnen dann noch einmal so gerne verzeihen. Aber waren Sie denn je einmal geneigt, meinen wohlmeinenden Rat zu befolgen? Sie sind, mein lieber Hauser, dem Laster der Lüge und der Verstellung in solchem Grade verfallen, daß Sie von demselben förmlich beherrscht werden, daß Sie nicht mehr bei der Wahrheit stehen bleiben können, selbst wenn Sie es tun wollen. Auch in den unbedeutendsten Fällen, wo gar nichts davon abhängt, ob es so oder anders ist, können Sie nicht die Wahrheit reden. Die Beweise wollte ich Ihnen zu Dutzenden liefern, wenn ich es der Mühe wert fände. Sie wissen dies gar zu gut. Damit Sie Ihr Gedächtnis nicht anzustrengen brauchen, will ich in der Nähe bleiben. Der Abschnitt: »Wie oft sagte ich Ihnen«... bis: »in der Nähe bleiben« fehlt bei Dr. M. Es war doch ganz einerlei, ob Sie am vergangenen Donnerstage abends mit Ihrer Übersetzung schon fertig waren oder ob Sie erst den Abend zur Fertigung derselben verwenden wollten. Da Sie während des Tages außerdem hinlängliche Beschäftigung gefunden hatten, so konnten und sollten Sie ja an jenem Tage, wie sonst auch, Ihre Übersetzung erst abends machen. Ich setzte dies voraus und fragte Sie darüber aus einem gewissen andern Grunde. Warum antworteten Sie nun. Sie wären schon ganz fertig, während Sie noch nicht das geringste an dieser Arbeit getan hatten? Hauser: Sie haben gefragt, ob ich schon präpariert habe, und damit war ich auch fertig. Ich: Sie hatten letzthin schon die Frechheit, mir deshalb weiters die Worte zu verdrehen, wobei ich Sie bloß ansah und meine Gedanken machte. Jetzt tun Sie es wieder auf dieselbe Weise. ... Schämen Sie sich vor mir und vor jedem redlichen Menschen, wenn Sie sich nicht mehr vor sich selber schämen können. Bei Ihnen muß man am Ende die Geduld verlieren Der Satz zwischen den Punkten ... fehlt bei Dr. M. ... Ich fragte Sie: »Haben Sie Ihre Übersetzung für morgen schon fertig?« Meine Frau war zugegen und weiß nicht anders, als daß ich Sie wörtlich so fragte. Hauser: Wenn Sie so gefragt haben, dann habe ich's eben anders verstanden. Ich: Hören Sie auf mit Ihren bekannten Ausflüchten. ... Von nun an verbitte ich mir alles Ernstes jede dreiste lügenhafte Entgegnung. Ich will nichts mehr darüber hören, weil ich nicht länger geneigt sein kann, einen dumm-dreisten Lügner förmlich zu überführen und mich mit einem solchen zu ärgern, Der Satz zwischen den Punkten ... fehlt bei Dr. M. ... Sie hatten ja auch nicht einmal präpariert. Dies können Sie jemand weismachen, der Sie weniger genau kennt als ich. Ich wollte übrigens, ich hätte Sie gar nie kennen gelernt. Wie viel Unangenehmes hätte ich dann nicht gehabt! Am Ende kann ich durch Sie gar leicht um den Ruf eines redlichen Mannes kommen. Aus übertriebener Rücksicht für Ihre Zukunft habe ich stets und anfangs besonders besser über Sie berichtet, als ich es zu verantworten imstande bin. Denken Sie sich, in welch große Verlegenheit ich wegen Ihrer schon in den nächsten Wochen fast kommen muß. Wenn spätestens bis zum Neujahr, wie wir hoffen, der Herr Graf kommt, und ich von ihm auf mein Gewissen über Sie gefragt werde, kann ich dann wohl als ehrlicher Mann die Wahrheit verschweigen? Oder wollen Sie mir zumuten, daß ich einen Lügner machen soll? Reden Sie selbst! Wie aber, wenn ich mein Urteil dem Herrn Grafen gegenüber nicht mehr so sehr mäßigen darf? – Daß der Herr Graf ohnehin schon lange an Ihrer Aufrichtigkeit zweifelt, haben Sie ja nicht allein durch Herrn Oberleutnant Hickel mündlich, sondern von anderer Seite her sogar schriftlich erfahren. Wenn Sie sich nicht bald durchaus ändern, bringen Sie nicht nur andere, sondern sich selbst wohl noch in die größte Verlegenheit. Vermeiden Sie doch das ums Himmelswillen! Vor allem müssen Sie künftig das genauer befolgen, Der ganze Abschnitt von »Vor allem müssen Sie künftig das genauer befolgen ...« bis: »Achtung gewinnen« fehlt bei Dr. M. was Ihnen diejenigen sagen, welche es ernster mit Ihrem eigentlichen Wohle meinen. Erhaltene Weisungen von Ihren Lehrern dürfen Sie nicht nur nach Belieben behandeln. Sie sind zum Beispiel (um wieder auf die Veranlassung unserer heutigen ersten Unterhaltung zurückzukommen) von mir schon so oft angewiesen worden, unter keinem Vorwande mehr ein Blatt aus einer Schrift herauszuschneiden. Wie oft sagte ich Ihnen nicht schon. Sie sollten sich, wie jeder ordentliche Mensch, immer ein vollständiges Konzept machen und dann könnten Sie Ihre Arbeiten in die Reinschrift bringen, ohne Ursache zum Herausschneiden der Blätter zu bekommen. Es nutzte bei Ihnen aber alles Reden nichts. Früher wollte mich Ihr Nichtbefolgen meiner Vorschriften öfters beleidigen, weil ich glaubte, Mangel an Achtung gegen mich darin erkennen zu müssen. Allein seitdem ich sehe, daß Sie es dem Lateinischlehrer noch auffallender machen, daß Sie aus manchem Hefte zum Lateinischen mehr als den dritten Teil der Blätter herausnehmen, jedesmal wieder im Scheller aufschlagen, wenn er Ihnen stets richtig sagt, Sie verlören dabei zu viel Zeit, was Sie suchen wollten, fänden Sie leichter und sicherer im Anhang von Doering usw. – seitdem bin ich in dieser Hinsicht vollkommen beruhigt. Ich überzeugte mich mit der Zeit immer mehr, daß Sie bei Ihrem Eigensinne, Ihrer Lügenhaftigkeit und andern Untugenden vorzüglich nur dem Scheine leben, das heißt, stets mehr und besser sein wollen, als Sie wirklich sind. Daher immer das ängstliche Wegräumen dessen, was von Ihren Fehlern und Schwächen zeugen möchte; daher so manch andere Erscheinungen. – In diesen Tagen beobachten Sie auch wieder ein Benehmen, das vollen Tadel verdient. Wozu wieder das zurückhaltende, mißtrauische, trotzige und daher beleidigende Wesen gegen diejenigen, die nur stets Ihr Bestes im Auge haben und es wahrhaft gut mit Ihnen meinen? Sie können dadurch, was Sie freilich recht sehr vermeiden sollten, nur von sich abwenden. Ändern Sie sich darum in vieler Hinsicht um Ihrer selbst willen. Ich rate es Ihnen freundschaftlich und bitte Sie recht dringend darum. Der Unwahrheit müssen Sie ein für allemal gänzlich entsagen können, wenn Sie am Ende nicht allen Glauben und alle Achtung verlieren wollen. Den festen Vorsatz, weder im Kleinen noch im Großen unwahr zu sein, müssen Sie strenge durchführen. Außerdem, daß Sie dann immer mehr an innerem Werte zunehmen, werden Sie auch immer mehr an wahrer äußerer Achtung gewinnen ... Glauben Sie ja, daß Sie allenthalben so ziemlich durchschaut weiden. Es sind nur wenige Häuser, in denen Sie noch für den aufrichtigen, gutmütigen und liebenswürdigen Kaspar gelten. Die meisten, die Sie bis jetzt haben kennen lernen, sehen nicht nur ein, daß Sie eine alltägliche Einbildung und einen gemeinen Hochmut haben, stets gleichgültig und undankbar gegen weniger Angesehene und Vornehme sind, sobald Sie bei Angeseheneren und Vornehmeren Beachtung und Zutritt finden, sondern Sie haben auch bemerkt, daß Sie es mit der Wahrheit durchaus nicht so genau nehmen. Sie dürfen nur in jenen Häusern, auf welche Sie sich bisher so viel zugute tun, auch noch erkannt werden, und es ist um Ihre ganze Achtung geschehen; es wird Sie dann niemand mehr um Ihre Auszeichnung beneiden dürfen. Fangen Sie Ihre Besserung besonders damit an, daß Sie auch im Kleinsten keine Unwahrheit mehr sagen. Haben Sie von jemand etwas gehört, und wollen Sie es nachsagen, so müssen Sie nicht andere, wichtigere Personen nennen, als hätten Sie es von denen erfahren. Das, was Sie gelegentlich über Dinge hören, von welchen Sie unmöglich etwas verstehen können, und über welche kein Vernünftiger mit Ihnen eine Unterhaltung pflegen kann, müssen Sie anderwärts nicht so erzählen, als wäre gerade Ihnen darüber Mitteilung gemacht worden. Von den Verständigeren wird deshalb mindestens über Sie gelächelt, häufig aber auch an die Ähnlichkeit erinnert, die Sie in dieser Beziehung wieder mit ganz alltäglichen Menschen gemein haben. Ferner dürfen Sie nicht länger an dem einen Orte den Unabhängigen, und an dem andern das abhängige, folgsame Kind spielen, hier nicht alles besser verstehen und wissen wollen und dort die größte Unerfahrenheit und Bescheidenheit zeigen, dürfen Sie sich nicht länger von einer lächerlichen Eitelkeit und Einbildung verleiten lassen, bei Gelegenheit die gleichgültigsten Dinge, als damit bekannt, auf das bestimmteste zu behaupten, während Sie denselben offenbar nicht die dazu erforderliche, ja oft nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Halten Sie (ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam) ja die Mehrzahl nicht für so leichtgläubig und kurzsichtig und unerfahren. Es gibt wahrlich viele, die Ihre Eigenschaften gar bald los haben. Ich versichere Sie, daß ich Ihnen bei jedem Falle sagen will, wie weit Sie bei der Wahrheit bleiben und wo Sie von dieser abweichen, was in und außer Ihrem Gesichtskreise liegt, was Ihre Aufmerksamkeit fesseln und was dieselbe nicht leicht erregen kann. Um Sie davon zu überzeugen, will ich Ihnen nur noch ein ganz kleines Beispiel vom heutigen Tage anführen. Es war heute am Mittagtische die Rede von Herrn Regierungsrat Fließen. Meine Frau äußerte, wie Sie wissen, daß es diesem guten alten Manne doch recht unangenehm sein müsse, nicht bei den Seinigen in Speyer sein zu können usw. Ich bemerkte, daß Herr Regierungsrat Fließen noch dazu eine sehr große Verwandtschaft im Rheinkreise und, ich weiß nur nicht, wie viele Enkel schon haben solle. Darauf sagten Sie: »Ja, 11 Enkel hat er schon; es war davon die Rede bei Herrn Generalkommissär«, und ich ließ Ihnen dann vernehmen, daß ich wohl von zirka 20 gehört hätte. Sie wiederholten aber Ihre Aussage mit dem Zusatz, daß Sie es gewiß wüßten. Sehen Sie, lieber Hauser, ich weiß nun die Anzahl der Enkel des Herrn Regierungsrats Fließen nicht bestimmt, aber das weiß ich so ziemlich gewiß, daß Sie dieselben auch nicht wissen und nur so geschwinde eine Zahl in den Mund nehmen, um das Haus des Herrn Generalkommissärs wieder dabei nennen und gleichsam andeuten zu können, wie Sie natürlich mit den Verhältnissen derer genauer bekannt wären, die auch öfters in das Haus des Herrn Generalkommissärs kämen. Hauser: Daß der Herr Regierungsrat Fließen 11 Enkel hat, weiß ich ganz gewiß; er hat es an der Tafel des Herrn Generalkommissärs selbst erzählt. Ich: Und ich kann's Ihnen eben doch nicht glauben. So weit ich Sie kenne, ist Ihnen so etwas im allgemeinen viel zu gleichgültig, als daß Sie einem darauf bezüglichen Gespräche Ihre Aufmerksamkeit schenken und sich daraus die bestimmte Zahl merken sollten. Warum lassen Sie nicht auch, wie ich und andere, die eine Sache nur im allgemeinen vernommen haben, die bestimmte Zahl weg? es kommt ja garnichts darauf an! Hauser: Ich weiß die Zahl daher ganz genau, weil Herr Regierungsrat Fließen 3 Töchter, und von diesen eine 5, die andere 4 und die dritte Dr. M. macht hier den Zusatz: »(er hielt hier merklich inne)–«. 2 Kinder hat. Ich: Jetzt glaub' ich's Ihnen erst noch weniger (ich gab ihm hier wieder meine Gründe an). Hauser beharrte fest auf seiner Aussage, und ich – darüber aufs neue die Geduld verlierend – fuhr etwa in folgender Weise fort: »Pfui, schämen Sie sich doch, bei unserer gegenwärtigen Stimmung in der Unwahrheit zu beharren und sogar noch eine auf die andere zu setzen. Es gehört wahrlich ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, ich möchte fast sagen Nichtswürdigkeit dazu. An der Sache selbst liegt nun rein gar nichts. Ob der Enkel 11 oder 20 sind, gilt hier ganz gleichviel. Aber in Ihrer fortgesetzten dreisten Behauptung liegt wieder etwas, darin liegt etwas, daß Sie nie einen Fehler auf eigene Rechnung nehmen, daß Sie nie eine Schwäche auf eigene Schuld – auch nicht die kleinste, zugestehen wollen, und daß Sie es dabei stets aufs äußerste ankommen lassen. Dadurch charakterisieren Sie sich aber ganz vollkommen. Wie der Mensch sich im Kleinen zeigt, so ist er in der Regel auch im Großen. Bei Ihnen hat man bisher aber nur immer den Fehler gemacht, daß man sich durch Ihre Unverschämtheit hat irreführen und beruhigen lassen. Man hat aus Schonung für Sie es stets gerne vermieden, durch Fragen bei andern Ihren dumm-dreisten Lügen ganz auf den Grund zu kommen. Wie oft hatte ich nicht schon Ursache gehabt, in dem Hause des Herrn Generalkommissärs mich zu erkundigen und daselbst auf einzelne Ihrer löblichen Eigenschaften aufmerksam zu machen. Allein die Rücksichten für Ihre hiesigen angenehmeren Verhältnisse konnte mich jedesmal davon zurückhalten. Weil Sie aber nun diese Rücksichten wahrlich nicht verdienen, es vielmehr durchaus darauf ankommen lassen, so will ich mir jetzt denn doch einmal die förmliche Gewißheit verschaffen. Der Absatz von »Dadurch charakterisieren Sie sich aber ganz vollkommen ...« bis »Gewißheit verschaffen« fehlt bei Dr. M. In der ersten freien Stunde, die ich habe, will ich im Hause des Herrn Generalkommissärs fragen, wie viele Enkel Herr Regierungsrat Fließen habe. Erfahre ich die Zahl 11, so werde ich Ihnen gehörige Satisfaktion geben, im andern Falle Sie aber auf eine Weise beschämen, daß Sie an mich denken sollen. – Hauser fängt an zu weinen und bittet, ich möchte es ihm doch nur immer gleich sagen, wenn ich eine Lüge bei ihm bemerkte. Am Schlusse meiner Erwiderung, daß ich ihm dies nicht versprechen könnte, daß ich eben nicht zu jeder Stunde aufgelegt wäre, mich mit ihm abzustreiten, daß er bei weitem kein Kind mehr, sondern alt und gescheit genug wäre, um sich selber jeden Augenblick sagen zu können, was recht oder nicht recht sei, – schien er bedeutend in sich gekehrt und sprach kein Wort mehr. – Nun beendigte ich diese Stunde unter der nochmaligen freundlichsten und herzlichsten Ermahnung, daß er sich doch ja von Grund aus bekehren und ein ganz neuer, oder, wie man in der Sprache der Kirche sagt, ein geistig wiedergeborener Mensch werden solle, damit er sich künftig den gnädigen Beifall des allwissenden, heiligen Gottes »den gnädigen Beifall des allwissenden, heiligen Gottes« läßt Dr. M. weg. die wahre Achtung guter Menschen erwerben und sich in einem besseren Selbstbewußtsein glücklich fühlen möge. – So gerne ich diesen Vorfall kürzer erzählt hätte, so wenig glaubte ich es im Hinblick auf meinen Eid ohne jede Verrückung des Sinnes tun zu können. Manche Sätze haben hier natürlich eine etwas veränderte Form, wohl auch eine andere Ordnung erhalten, als ihnen im Flusse der mündlichen Rede zuteil geworden waren. Allein mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit habe ich auf die getreue und darum weitläufige Wiedergebung des Sinnes gehalten. Aus ganz sicherer Quelle ließ ich mir nach seiner unglücklichen Verwundung sagen, daß der fraglichen Enkel 18 seien. Anmerkung Dr. Meyers: Bei dieser Stelle finde ich die im Originale nicht enthaltene Anmerkung meines Vaters: »Hieraus dürfte wohl entnommen werden können, daß ich mich in Kaspar Hausers Benehmen mit Zuverlässigkeit auskannte; sowie dadurch auch mein entschiedenes Entgegentreten vor Einholung des förmlichen Beweises gewiß gerechtfertigt erscheint.« Unmittelbar nach dem erzählten Akt wurde Hauser zum Abendessen gerufen und er schien dabei so unbefangen, als ob nicht das geringste vorgefallen wäre. Ich war darüber um so mehr verwundert, als man ihm sonst eine erlittene ernstliche Begegnung gar wohl anmerken konnte. Meine Frau, der früher nicht leicht ein stattgefundener Eindruck auf ihn entgangen war, fand ihn diesmal durchaus nicht verändert. Er war nicht finsterer, er sprach und aß auch nicht weniger als schon einige Tage her. Nach dem Essen begab er sich sogleich wieder auf sein Zimmer, unterließ es aber von heute an, mir beim Weggehen die Hand zu geben, was er bisher abends immer zu tun gewohnt war. Ob ich mich gleich die folgenden Tage ihm besonders zu nähern suchte, um ihn wo möglich wieder zutätiger zu machen, und mehr freundlichen Einfluß auf seine moralische Besserung zu erlangen, so behielt er doch sein zurückhaltendes und verschlossenes Wesen bei, ohne es gerade auffallender zu machen, als er es sonst schon einige Male gemacht hatte. Nur hielt er diesmal etwas länger damit an. Ziemlich auffallend war auch sein Benehmen am Mittagstische Mittwochs, den 11. Dezember. Ich kam verstimmt von meiner Schule zurück und erzählte, daß ich mich diesen Morgen sehr habe ärgern müssen, daß ich wieder ein betrübendes Beispiel erlebt habe, wie gewissenlose Eltern ihre Kinder im Schlechten schon förmlich unterrichten und unterstützen. Anmerkung Dr. Meyers: »Mein Vater erzählt hier im Originale den fraglichen Vorfall – ein Gewebe von Lügen, von frecher Dreistigkeit, um den Diebstahl eines Buches zu verbergen.« Es ist dies das einzige Mal, daß Dr. M. eine Auslassung oder Umänderung gegenüber dem in den Akten befindlichen Originaltext vermerkt. Die hier von Dr. M. ausgelassene Stelle beginnt: »Es war mir nämlich einige Tage vorher ein Buch ...« und schließt: »und es kann einem nichts geschehen.« Es war mir nämlich einige Tage vorher ein Buch von meinem Tische in der Schule weggekommen und infolge meiner getroffenen Maßregeln auf eine schlaue Weise wiedergebracht worden. Der Schüler (zwischen dem 11. und 12. Jahre), welcher sich der Tat überführt glaubte, gestand sie mir zu in der Meinung, es werde ihm bei einem offenen Geständnisse nichts weiter als ein tüchtiger Verweis von mir zuteil werden. Als er aber merkte, daß ich die Sache dem Herrn Lokalinspektor überlassen wolle, widerrief er sein Geständnis unter dem Vorwande, er habe vorhin nur aus Furcht vor der Strafe gesagt, daß er das Buch gehabt habe, es sei dies aber nicht der Fall, er sei unschuldig usw. Gegen den inzwischen gekommenen Herrn Lokalinspektor behauptete er dasselbe. Auf meine Einleitung hörte man nun seine ledige Mutter, welche er vorhin als Mitwisserin genannt hatte, stellte sie dann mit ihm zusammen, und ich mußte mich über die Gewandtheit wundern, mit welcher Mutter und Kind sich in den Augen lagen und ihre Unschuld zu behaupten wußten. Da die leichtfertige Mutter schon mehrere Jahre in einem Strafarbeitshause hatte zubringen müssen, so war mir's gar nicht unwahrscheinlich, daß der schon ziemlich erfahrene Knabe von ihr die solchen Individuen geläufigen Äußerungen vernommen haben mochte: »man darf nur nichts eingestehen, und wenn man auch schon etwas eingestanden hat, so kann man's auf diese oder jene Weise widerrufen und es kann einem nichts geschehen.« Über diese Erfahrung sprach ich nun natürlich meinen vollsten Abscheu aus, und was sagte unser Hauser dazu? Auch nicht ein einziges Wort, während er sich sonst über minder auffallende Schlechtigkeiten heftig auszusprechen pflegte. Meinem gewiß arglosen und gutmütigen Weibe Dr. M. schreibt: »Meiner Frau.« fiel dies so sehr auf, daß sie mir unmittelbar nach Hausers Entfernung aus der Stube bemerkte: »Ist es dir denn nicht aufgefallen, daß dein Hauser diesmal auch gar kein Wort äußerte?« worauf ich ihr entgegnete, daß es mir allerdings auch aufgefallen sei. Gegen 1 Uhr nach diesem Mittage kam er in seinem alten braunen Rock – ohne Mantel – auf mein Zimmer und zeigte mir an, daß er jetzt zur Frau Oberleutnant Hickel gehe und die Quittung (die ich ihm erst gegeben hatte) hintrage. Um diese Stunde war es also, daß er dort sagte, er wolle von da aus in den Hofgarten gehen, indem ihn der Hofgärtner habe bestellen lassen usw. Hatte Hauser vor, das Attentat an sich zu verüben, so erscheint seine Mitteilung, die er der Frau Oberleutnantin machte, wohl berechnet. Daß er von hier aus keine Einwendungen erhalten werde, durfte er mit ziemlicher »Ziemlicher« läßt Dr. M. weg. Bestimmtheit annehmen. Durch die Mitteilung konnte er sich aber in den Stand setzen, den jedenfalls zu erwartenden Vorwurf, warum er nichts gesagt habe, wenigstens teilweise zu entkräften. Ich möchte dann auch darin, daß er in meinem Hause seinen Gang in den Hofgarten gegen niemanden entfernt berührte, wieder erkennen dürfen, daß er mir etwas eigentlich Unangenehmes und allenfalls Nachteiliges durchaus nicht bereiten wollte. So sehr zerstreut und gleichgültig ich Hauser bei meinen letzten Unterrichtsstunden im ganzen gefunden hatte, so mußte mir die Gleichgültigkeit und Zerstreutheit, welche er am Abende vor dem unglücklichen Attentat Dr. M. schreibt: »Vor der unglücklichen Verwundung.« am 13. Dezember in der Rechenstunde bewies, später doch im höchsten Grade auffallen. Eine Zerstreutheit in solchem Grade erinnerte ich mich früher doch nie an ihm bemerkt zu haben. Nicht allein, daß er höchst einfache Exempel im ganzen verkehrt auffaßte und behandelte, die er sonst mit Leichtigkeit verarbeitete, nein – er machte diesmal bei der leichtesten Manipulation, selbst bei den gewöhnlichsten Fällen der Addition und Subtraktion Fehler auf Fehler, so daß ich nach langem Zurückhalten nicht umhin konnte, ihm zu bemerken: »Wenn Sie freilich gar keine Lust mehr haben und gar keinen Ernst mehr anwenden wollen, so müssen wir eben die Stunde schließen. Nehmen Sie sich doch etwas mehr zusammen! Es ist ja zu arg.« Zum besondern Beweis, wie sehr auffallend er es diesmal machte, dürfte noch der Umstand dienen, daß ich unmittelbar nach der Stunde gegen meine Frau (an welche er sich früher oft wandte, wenn er mit einer Rechenaufgabe für die Stunde nicht zurecht kommen konnte) äußerte: »Aber heute, wenn du deinen alten Rechenschüler hättest rechnen sehen und hören, dann würdest du eine Freude an ihm gehabt und dich über ihn gewundert haben. Du kannst dir keinen Begriff von der Unbeholfenheit machen, die er heute zeigte. Ich glaubte es kaum mehr aushalten zu können usw. usw.« Daß Kaspar Hauser in den letzten Tagen weniger aß als sonst, daß er am Mittage vor dem Unfalle weniger aß als je, daß ihn meine Frau darüber mit den Worten beredete: »Aber Hauser, Sie essen am Ende gar nichts mehr!« und daß er darauf erwiderte: »Ja, ich hab schon einige Zeit her keinen Appetit, kaum daß ich angefangen habe zu essen, bin ich schon wieder satt, und es fehlt mir doch nichts –«, diese und andere Umstände sind Einem hochverehrlichen Untersuchungsgerichte schon vollständig bekannt. Ich habe dabei nur noch darauf aufmerksam zu machen, daß Hauser, weil früher alles so gut für ihn gedeutet wurde, diesmal vielleicht wieder Ahnungen hätte haben wollen. Um 1 Uhr kam er heute (14.) in demselben Anzuge, wie am vergangenen Mittwoch, auf mein Zimmer und zeigte mir an, daß er jetzt zu Herrn Pfarrer Fuhrmann gehe. Dabei darf ich nicht unbemerkt lassen, daß Hauser vorzüglich an diesen Tagen schon lange nicht mehr gewohnt war, zu sagen, wo er hingehe, wenn er nicht ungewöhnliche Gänge hatte. Seine bekannten Häuser, zu welchen ja vorzüglich das des Herrn Pfarrers Fuhrmann und das des Herrn Oberleutnant Hickel gehörten, besuchte er sonst in der Regel ohne vorherige Anzeige. Es verdient seiner gleichfalls erwogen zu werden, daß Hauser in der letzten Zeit nur an den Nachmittagen der Mittwoche und Sonnabende sich etwas länger vom Hause entfernen konnte, ohne es auffallend werden zu lassen. An allen übrigen Tagen – den Sonntag natürlich ausgenommen, an welchem er aber fast immer eingeladen war, – hatte er mehr Unterricht, mehr zu arbeiten und konnte deshalb nur selten und auch nicht so wohl ohne vorherige Angabe der Ursache ausgehen. Daß er nun gerade an diesen zweien Tagen bestellt werden mußte, ließe sich auf eine doppelte Weise erklären. An diesem Nachmittage und insbesondere zwischen 3 und 4 Uhr wußte er mich am sichersten zu Hause, und es war diesmal ein ganz außergewöhnlicher Fall, daß ich bis um halb 4 Uhr außer dem Hause war. Höchst unnatürlich und daher sehr auffallend erschien mir Hausers Benehmen, als er mit der Stichwunde nach Hause kam. Ich und meine Frau vermögen es nicht besser zu bezeichnen, als wenn wir es mit dem Auftreten der Stummen von Portici auf dem Theater vergleichen. Er deutete nicht eben auf seine Wunde, sondern stellte sich bald vor mich hin, streckte unter fürchterlicher Gebärdung die Hände mehr vor und über sich hinaus und ließ mich die Wunde erst suchen. Hier setzte mein Vater in der mir vorliegenden Abschrift nachträglich die Worte bei: »Nur ein paar Male zeigte er mit der rechten Hand auf seine linke Seite.« (Dr. M.) Auffallend war es mir, daß er bei seiner sonstigen Kraft und Fassung nicht reden konnte, auffallend, daß er dann sogleich zu sprechen anfing, als ich mit ihm auf dem Wege zum Hofgarten umgekehrt hatte, daß er mich wiederholt bewegen wollte, mit ihm weiter zu gehen, und daß ihm so außerordentlich viel an dem Aufsuchen des Beutels lag. Auffallend fand ich seinen schnellen Blick gen Himmel und die Äußerung: »Gott – wissen«, als ich ihm sagte, daß er diesmal den dümmsten Streich gemacht habe, »diesmal den dümmsten Streich gemacht habe« läßt Dr. M. weg. nun gar leicht keinen so guten Ausgang wie das vorige Mal nehmen könne. Er durfte bei gutem Gewissen doch wohl nicht leicht etwas anderes annehmen, als daß ich seinen unerlaubten und leichtsinnigen Gang in den Hofgarten damit meinte. Auffallen mußte es mir, daß er auf meine bestimmte Frage: »War der Mann groß?« besonnen antwortete: »mittel«, d. i. mittelmäßig, daß er ihn aber gegen andere, bis ich von der Polizei zurückgekommen war, schon groß mit Schnurr- und Backenbart und in Hut und Mantel hat erscheinen lassen. Bei dem allen und nach meiner näheren Bekanntschaft mit seinem Charakter konnte ich gleich anfangs keinen Augenblick über den Täter im Zweifel sein. Da er bei mir allen Glauben verloren hatte, so zweifelte ich auch daran, ob später an demselben Abende ein Delirium bei ihm auch wirklich eingetreten war, als er ein solches zeigte. Die anscheinend geringe Wunde, seine bewiesene Kraft nach der Verwundung machten mir ein solches unwahrscheinlich. Ich erinnerte mich in dem Augenblicke daran, daß in Nürnberg nach dem bekannten Mordversuche oft zwei Mann an ihm zu halten hatten, und befürchtete, als er in meinem Beisein (es war dies unmittelbar nach der mir von Herrn Pfarrer Fuhrmann gewordenen Mitteilung, daß Hauser ihn soeben nicht erkannt, statt seines Namens den meinigen genannt und im Delirium gesprochen habe), unter dem Rufe: »nach Münken (München) – Münken – nach Münken! – –« aus dem Bette sprang, er wolle nun einen ähnlichen Zustand ankündigen. Darum nahm ich keinen Anstand, ihn jetzt im ernsten Tone zu fragen: was er denn eigentlich vorhabe, ob er sogleich in sein Bette, wohin er gehöre, zurückkehren wolle –, und ihm nachdrücklich zu raten, daß er keine weitern Umstände machen möge, daß ihm eigentlich eine Tracht Schläge gehörten. »Daß ihm eigentlich eine Tracht Schläge gehörten« läßt Dr. M. aus. Ich wollte mir über diese Strenge später Vorwürfe machen. Allein wenn ich in Erwägung zog, daß er dieselbe nicht fühlte, wenn er den Schritt wirklich im Delirium tat, und daß er sie vollkommen verdiente, wenn er ein solches affektierte, so konnte ich dabei so ziemlich beruhigt bleiben. Von jenem Augenblicke meiner ernstlichen Zurechtweisung zeigte sich übrigens bis zum letzten Abende seines Lebens (bis 3 Tage später also) bei ihm kein Delirium mehr. In hohem Grade mußte mir endlich auch sein Benehmen auf dem Krankenbette auffallen. Der übrigens so wehleidige Kaspar Hauser, welcher sonst bei dem kleinsten Übelbefinden fast unausstehlich mit seinen Klagen war, der stets jede wirkliche und vermeintliche Zuckung bemerklich machte, klagte diesmal auch mit keiner Silbe über Schmerzen, wenn er nicht gefragt wurde, und im letzteren Falle blieb er äußerst einsilbig. Selbst gegen meine Schwiegermutter, die ihm auch diesmal, wie immer, alle Aufmerksamkeit schenkte und auf die er, weil sie ihm gerne Angenehmes sagte, sehr viel hielt, an die er sich mit seinen Klagen über Schmerzen an einem Finger, einer Zehe usw. stets gewandt und Rats erholt hatte, – selbst gegen diese sprach er diesmal unaufgefordert keinen Schmerz aus. Von einem freiwilligen Blicke nach oben wurde an ihm während seines dreitägigen Leidens auch keine Spur bemerkt. Es darf bei der Beurteilung seiner religiösen Äußerungen unmittelbar vor seinem Ende nicht unberücksichtigt bleiben, daß er zu denselben erst die vollste Veranlassung erhalten hatte, und daß ihm die Worte wohl zum Teil in den Mund gelegt wurden. Ein förmliches Geständnis im schuldigen Falle vor 8 bis 10 Zeugen, welche sein Krankenbett am letzten Abende gewöhnlich umgaben, konnte von Hauser wohl niemand erwarten, der ihn näher kannte und nur einige Psychologie besitzt. Jene meiner in fraglicher Beziehung gemachten Erfahrungen und Beobachtungen, welche ich auf spezielle Fragen eines hochverehrlichen Untersuchungsgerichtes schon vollständig beantwortet und in den Akten niedergelegt hatte, blieben hier natürlich ganz unberührt. Das ganz Außerordentliche des Falles und die hohe Wichtigkeit desselben bestimmten mich übrigens, nichts unberührt zu lassen, was – nach meiner Ansicht – vielleicht zur Ermittelung der Wahrheit beitragen könnte. Ich hielt dies für meine Pflicht und konnte mich darin durch die vielfach erfahrene Mißbilligung einer gewichtigen Partei Dr. M. schreibt: von gewichtiger »Seite« statt »Partei«. durchaus nicht irre machen lassen. Kaspar Hauser beobachtet und dargestellt in der letzten Zeit seines Lebens von seinem Religionslehrer und Beichtvater H. Fuhrmann Aus dem Vorwort Ich übergebe hiermit zur Steuer der Wahrheit dem größern Publikum meine bis zu Kaspar Hausers letztem Lebensaugenblicke seit dem Oktober 1832 über ihn angestellten und fortgesetzten Beobachtungen. Nur Fakta, die ich selbst gesehen habe, gebe ich, jedes weitere Raisonnement bleibt ausgeschlossen, das Urteil wird sich von selbst ergeben. I. Seltsame Menschen werden in der Regel in entgegengesetzten Richtungen beurteilt. Dieser Grundsatz hat sich in diesen Tagen wieder auf eine merkwürdige Weise bewährt. Kaspar Hauser, dessen Geschichte bis zu seinem tragischen Ende aus einem trefflich geschriebenen Buche, das den Titel führt: »Kaspar Hauser, Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen, von Anselm Ritter von Feuerbach«, sowie aus den Daumerschen und Merkerschen Heften, aus Zeitungen und Korrespondenzen wohl den meisten bekannt ist, liefert den Beleg dazu. Er setzt gegenwärtig viele Gemüter in Bewegung und die Teilnahme an seinem Schicksale hat sich bereits auf eine so lebendige Weise ausgesprochen, ist noch immer so rege, daß einige Bemerkungen über sein inneres Leben, über die Art und Weise, wie er den Religionsunterricht, der ihm zur Vorbereitung auf seine Konfirmation, welche er am 20. Mai 1833 feierte, erhalten und aufgefaßt hat, über sein gewaltsam herbeigeführtes Ende und seine letzten Lebensaugenblicke teils nicht unerwartet, teils nicht uninteressant sein werden. Kaspar Hauser hat im Leben seine Gönner und Gegner gefunden, die schriftlich und mündlich ihr Urteil über ihn ausgesprochen haben, und es wird auch jetzt nach seinem Tode nicht fehlen, daß entgegengesetzte Richtungen des Urteils über ihn sich offenbaren. Mündlich geben sie sich bereits kund, und es steht zu erwarten, daß das auch schriftlich geschehen wird. Wenn dies nun nur von solchen geschieht, die selbst gesehen und beobachtet haben, wenn dies, gleichviel ob für oder gegen Hauser, mit der in solchen Fällen gerade am meisten notwendigen Ruhe, Besonnenheit und Unbefangenheit geschieht, so kann durch die nach geschlossener Untersuchung vielleicht erfolgende Veröffentlichung des Tatbestandes von der kundigen Hand eines tüchtigen Rechtsgelehrten manches für Seelen- und Rechtswissenschaft gewonnen werden, was außerdem noch auf längere Zeit verborgen geblieben wäre. Hätte Hauser uns, die wir mit regem Bedauern einen Unglücklichen in ihm erblickten, der nach langer unverschuldeter Gefangenschaft für seinen Körper liebende Sorgfalt und Pflege, für seinen Geist Bildung, für sein Gemüt Erheiterung und Aussöhnung mit dem Leben und den Menschen, die es ihm verkümmert hatten, bedurfte, getäuscht, – was ich indessen nach meinen Beobachtungen, wenn es mir nicht mit mathematischer Gewißheit dargetan wird, niemals glaube – so müßten wir freilich arge Trugschlüsse gemacht haben und nach ganz anderem Maßstäbe als bisher die Menschen in ihrer Denkweise bemessen. Hätten sich aber diejenigen, die noch immer an ihm irre sind, die sogar die erst am 14. ds. Mts. an ihm verübte schaudervolle Tat auf seine Rechnung zu schreiben nicht ungeneigt sind, in ihrem Urteil über ihn geirrt, was ich bis jetzt noch immer mit aller Bestimmtheit annehme, dann wäre eine milde und christlich-liebevolle Beurteilung des Nebenmenschen mit stärkerer Sprache gepredigt als auf allen Kanzeln der Welt. In diesen Bogen nun soll dargestellt werden, und zwar dargestellt aus längerer genauer Bekanntschaft und eigner Beobachtung. Nicht vorgefaßte Meinung, sondern aus Erfahrung gewonnene Überzeugung wird hier dargelegt. Zunächst richte ich den Blick auf Hausers inneres Leben, wie ich es kennen gelernt habe, und ich habe ihn demnach in doppelter Hinsicht zu betrachten, einmal von seiten seines Geistes, fürs andere von seiten seines Herzens. Was die erste Seite betrifft, so halte ich mich hier zuerst an die Fassungskraft und glaube, darin den natürlichen Weg gewählt zu haben. Denn es ist klar, daß die Gegenstände, welcher Art sie auch seien, mögen sie der äußern Anschauung dargeboten werden oder bloß im Gebiete des Denkens liegen, um über sie ein Urteil zu fällen und Schlüsse auf sie zu begründen, vorher aufgefaßt werden müssen. Auch wird es kaum jemand bestreiten, daß von der Art und Weise der Auffassung eines Gegenstandes die Anwendung oder Beurteilung desselben und ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit, Mangelhaftigkeit oder Vollständigkeit abhänge. Eben deswegen muß die Fassungsgabe eines Menschen, die Gelegenheit, die er hatte, dieselbe zu üben und zu bereichern, welcherlei Gegenstände ihn umgaben, wie sie sich ihm darboten oder gereicht wurden, sorgfältig ins Auge gefaßt werden, wenn wir über sein Tun und Treiben, wenn wir überhaupt über seine Lebensäußerungen absprechen wollen. Jedes Urteil über den Wert oder Unwert eines Menschen, über den innern Grund seiner Reden und Handlungen sollte vorher in eine Frage nach seiner Fassungskraft verwandelt werden und es würde manches auch mit mehr Gerechtigkeit und Liebe gefällt werden, als es gewöhnlich geschieht. Doch ich wollte ja von Hauser reden und habe also die Frage nach seiner Fassungskraft zu beantworten. Und wie war sie? Nach meinem Urteil ein eigentümliches Gemische von Jünglingsreife und Kindereinfältigkeit. Das sind Widersprüche, wie manche sagen. Und sie haben recht. Das ist Verschrobenheit, sagen wieder andere, und auch sie mögen, vorausgesetzt, daß sie damit nicht einen dem moralischen Werte widersprechenden Sinn ausdrücken, gewissermaßen recht haben. Allein, möchte man beiden entgegnen, woher soll denn die Regelmäßigkeit in Hauser kommen, dessen ganze Entwicklung unregelmäßig war? Man tut diesem Unglücklichen so vielfach wehe, indem man ungerechte, übermäßige Forderungen an ihn macht. Weil er einem Jünglinge gleich sah und eine Jünglingsstimme hatte, weil er auf eine fast wunderbare Weise an das Tageslicht kam, so sollte er eben so allen Jünglingen gleich stehen, sie, wenn es möglich war, übertreffen und ein kleiner Wundermann sein. Das geschah denn nicht. Jetzt redete er überraschend gut über einen Gegenstand und zeigte tüchtige Auffassung der Gegenstände überhaupt, dann aber auf einmal kam der Tölpel und man war versucht, böse zu werden über den großen Menschen, der ein so gar kleines Maß von Fassungskraft entwickelte. Was war davon zu sagen? Viele halfen sich kurz, waren also gleich mit der Sache fertig, indem sie dieselbe unter die vielfassende Rubrik »Betrügerei, Verstellung« brachten. Viele wunderten sich, schüttelten den Kopf und konnten die Sache nicht begreifen. Allein bei genauerer Betrachtung wird teils der Verdacht gegen Hauser, teils das Rätselhafte seiner Fassungskraft verschwinden. Man darf durchaus keine Parallele zwischen ihm und unsern in normalmäßigen Lebensverhältnissen aufgewachsenen Kindern ziehen. Bei diesen wird von der ersten Spur des Bewußtseins, das sie verraten, durch die Mutter, die Amme, die Kindesmagd, durch den Umgang mit andern Kindern und dergl. die Fassungskraft geweckt und geübt. Bei Hauser war das alles anders. Aus den Armen seiner natürlichen Pfleger gerissen, geriet er gleich in den ersten Kindheitsjahren in die Hände unnatürlicher Menschen. Mit der Türe seines Loches, in das er gesteckt wurde, schloß sich für ihn die schöne weite Welt und eine sehr enge, von niedrigen Mauern eingeschlossene, welche ihm nichts zur Betrachtung darbot als ein paar hölzerne Rosse, ein Stück Brot und einen Krug mit Wasser, war der Schauplatz seines Wirkens und Lebens. In dieser körperlichen und geistigen Gefangenschaft blieb er bis zu jener Zeit, wo er in Nürnberg zuerst mit Welt und Menschen bekannt wurde. Da stürmte das Leben auf ihn ein. Die unermeßliche Zahl der Gegenstände, die sich ihm, sobald er etwas aufgewacht war, darbot, erdrückte ihn fast. Alles war ihm neu, alles gleich interessant. Aber er verstand nichts und der Totaleindruck, der hier auf ihn gemacht wurde, konnte keineswegs wohltätig auf seine so ungeübten, zum Teil schlummernden, zum Teil förmlich vergrabenen Geisteskräfte wirken. Hierzu zitiert Fuhrmann Feuerbach und Dr. Osterhausen Ich habe das oft an ihm bemerkt und würde jeden andern meiner Schüler, bei denen natürlich andere Voraussetzungen als bei Hauser galten, der Zerstreutheit beschuldigt oder mir Unfähigkeit, mich einem andern deutlich zu machen, vorgeworfen haben. Aber bei Hauser mußte ich billig sein. Denn wer noch so mühsam wie er an konkreten Begriffen sammelte, dem mußten die abstrakten allerdings des Schweren und Rätselhaften genug bieten. Ich durfte, was man doch bei dem Konfirmandenunterricht in der Regel darf, bei ihm fast gar nichts voraussetzen. Denn tat ich's bei einem Artikel, so fühlte ich bei dem andern die daraus natürlich abzuleitenden Mängel und Lücken nur allzumerklich. Er hatte zwar in Nürnberg mancherlei gehört und rühmte auch die Bemühungen der Herren Prof. Daumer und Pfarrer Hering an ihm recht dankbar; aber er hatte gar vieles davon nur äußerst mangelhaft aufgefaßt und zeigte auch in meinem Unterrichte, daß sein Fassungsvermögen für sein Alter sehr ungeübt und mangelhaft war. Ich mußte äußerst vorsichtig im Urteile darüber sein, ob er die ihm vorgetragenen Lehren begriffen habe, und nur zu oft die Wahrnehmung machen, daß, wenn bisweilen der Jüngling aus ihm dem Anschein nach recht verständig sprach, mir das Kind in ihm sagte, er habe mich nicht recht verstanden. Gleichermaßen verhielt es sich mit seiner Urteilskraft. Ich kann und will hier gleichfalls nur das geben, was ich zu beobachten und wahrzunehmen Gelegenheit hatte. Schärfe und Stumpfheit wechselten auch hier mit einander ab. Beide erregten in gleichem Grade mein Erstaunen. Ich konnte auch hier durchaus nicht auf den Jüngling rechnen. Er sprach zwar öfters; aber von Konsequenz und Beständigkeit war keine Rede, denn er wurde alsbald durch das Kind verdrängt. Ebensowenig kann ich sagen, daß Hauser eine eigentlich scharfe Beurteilungsgabe besaß. Es gab allerdings Fälle, wo sie vorhanden zu sein schien; allein diese waren Blitzen zu vergleichen, die schnell entstehen, flammend, ja blendend leuchten, aber ebenso schnell vergehen, und die Dunkelheit oder Finsternis, die vor uns liegt, nur noch bestimmter sehen und erkennen lassen. So verhielt es sich bei ihm mit rein geistigen wie mit sinnlichen Gegenständen, mit Personen wie mit Sachen. Man vergleiche hierzu, was Daumer über die verschiedenen Stadien seiner geistigen Entwicklung ausgeführt hat Wenn ich aber hier sage, Hausers Urteilskraft sei keineswegs eine scharfe gewesen, so ist dies natürlich immer im Verhältnis zu seiner körperlichen Entwicklung zu verstehen, vermöge welcher man dem äußeren Anschein nach allerdings stärkere Forderungen an ihn zu machen berechtigt gewesen wäre. Allein es wird sich weiter unten zeigen, daß auch hieran seine frühere Lebensweise schuld war, für welche neben seiner Erzählung auch die eigentümliche Bildung und Lage eines Teiles seiner Eingeweide spricht, und namentlich die geringe Entwicklung einiger Organe seines Gehirns, wie sie sich bei frühzeitig geistig angeregten Menschen nicht findet. Vgl. dazu den Sektionsbefund bei Heidenreich (letztes Stück der »Augenzeugenberichte«) Man würde daher mit Unrecht von Hauser mehr gefordert haben als er bis jetzt wirklich leistete, und man kann eben deswegen auch nicht behaupten, daß, weil man im Verhältnis zu seinem Äußern nicht genug fand, Häuser das nur zu sein vorgab, was er war. Nicht unbedeutend erscheint dieser Umstand aber zur Erläuterung mancher Dunkelheiten und Rätsel, mit denen die letzte Katastrophe seines Lebens umgeben ist. Je reifer in seinem Urteil Kaspar angenommen wird, desto mehr Schwierigkeiten bietet die Untersuchung über sein erstes Erscheinen wie über seinen Austritt aus dem Leben. Je mehr wir ihm Geübtheit im Urteil zutrauen, desto tiefer in den Hintergrund träten Tausende von geistreichen und hellsehenden Menschen, welche bis jetzt in Kaspar den unglücklichen Findling, den bedauernswerten Menschen erblickten. Was helfen aber Annahmen, oder vielmehr, was braucht man sich mit Annahmen zu behelfen, wo Beobachtungen und eigene Überzeugung zu Gebote stehen? Und diese Beobachtungen haben mich eben zu der Überzeugung geführt, welche ich gerade über Hauser ausgesprochen habe. Es ist nicht wissenschaftliche Schärfe und Präzision des Urteils, die ich an ihm vermißte. Ich konnte sie ja gar nicht von ihm erwarten. Aber jene Fertigkeit, die sich bei den meisten Menschen, die im Leben und mit andern Menschen aufgewachsen sind, zeigt, die die Umgebungen richtig zu würdigen weiß und über das Gehörte oder Gesehene oder Erlernte sich bestimmt und klar zu äußern versteht, meine ich hier. Daran fehlte es dem guten Kaspar. Allein wie hätte er auch jetzt schon dazu kommen sollen? Ich habe die Überzeugung, daß er es schon dahin gebracht hätte, wenn sein Leben länger gedauert hätte. Gerade das Leben muß hier ja helfen, der Katheder tut und kann es nicht, wenn er gleich dabei nicht entbehrt werden kann. Man kann, beispielsweise zu reden, aus dem Unterrichte in der Weltgeschichte recht viel lernen, aber weit lehrreicher ist die Geschichte, welche wir selbst leben. Daher Leute, die oft in gar kein Buch gesehen haben, ein weit gediegeneres Urteil über die Erfahrungen des Lebens fällen als der, welcher eine ganze Bibliothek durchgelesen hat. An Hauser aber bemerkte ich eben diese Übung nicht, es fehlte ihm die Erfahrung, jene treffliche Lehrerin. Ich bin überzeugt, er hätte nachgeholt, was er ohne seine Schuld versäumt hatte. An Anlagen fehlte es nicht, wenn sie auch nicht glänzend waren, aber an Ausbildung derselben; nicht zwar, was seine Lehrer anbelangt, denn da sah man aus vielen Reminiszenzen, die er vorbrachte, daß viel an ihm geschehen war, sondern an jener Ausbildung, die das Leben gewährt. Von Seite des Herzens habe ich an Hauser manchen Vorzug bemerkt, und es ist mir nicht leicht ein Mensch von mehr Sanftmut, Weichheit, Freundlichkeit, Gefälligkeit, Güte und Liebenswürdigkeit vorgekommen, als er. Ich hatte vielfache Gelegenheit, dieses alles zu beobachten. Auch gegen keinen Menschen fand ich ihn feindselig gestimmt, gerne redete er von jedem das beste, dabei war er aber weit entfernt, die Fehler oder Laster, die er an andern bemerkte, nicht als solche zu erklären. Sie beleidigten sein sittliches Gefühl, aber er urteilte immer mit äußerster Schonung über den Fehlenden. Besonders wohl gefiel er mir bei einer Gelegenheit, wo ihm Unrecht getan wurde, indem man einen Wunsch, den er hegte, und wozu ich ihm selbst die Anregung gab, aus unlauteren Motiven ableitete. Er fühlte das schmerzlich und weinte heimlich; allein nicht ein bitteres Wort kam über seine Lippen. Er fügte sich und hätte eher alles getragen, als sich rauh und unfreundlich ausgesprochen, ja er redete sogar mir beruhigend zu, als ich mit tadelnder Verwunderung mich über die Sache äußerte. Ein besonders schöner Zug in seinem moralischen Charakter war seine Mildtätigkeit gegen Arme. Sah er einen, oder hörte er von der Not desselben, so bedurfte es keiner weitern Aufmunterung, um ihn zur tätigen Unterstützung zu bewegen. Er teilte verschwenderisch seine Gaben aus und hatte nur immer die Sorge dabei, ob es denn auch genug sei, was er gegeben habe. Noch eine Stunde vor seiner Verwundung legte er davon eine Probe in meinem Hause ab, auf die ich später unten kommen werde. Doch eine andere Tatsache will ich hier erwähnen, welche charakteristisch ist. Hauser war in der Familie des Herrn von *** einheimisch, er war, wie man zu sagen pflegt, wie das Kind im Hause. Täglich beinahe, wenigstens wann es ihm möglich war, kam er in diesen ehrenwerten Kreis und unterhielt sich da oft mit Schachspiel, worin er in der letzten Zeit einige Fertigkeit erlangt haben soll. Es wurde eine Kleinigkeit bestimmt, welche der Verlierende in eine gemeinschaftliche Kasse zahlen mußte, woraus dann die Ausgaben für kleine Partien u. dgl. bestritten wurden. Bereits waren wieder einige Gulden angefallen. Als nun, während Hauser das Geld zählte. Fr. v. *** fragte: »Was werden wir denn dieses Mal damit machen?« so antwortete er kurz entschlossen: »Wir wollen es den Armen geben, und da fragen Sie nur den Herrn Pfarrer Fuhrmann, der kennt alle Armen!« Dieser Antrag wurde in der edlen Familie allgemein angenommen, und Fr. v. *** ließ mich vor einigen Tagen zu sich kommen, machte mich mit dem Vorgange bekannt und händigte mir die durch einen Beitrag von ihrer Seite vermehrte Summe ein. Bereits sind schon mehrere recht Dürftige mit Unterstützungen erquickt, deren erfreute Mienen dem vollendeten Hauser sein behaglich liebliches Lächeln gewiß entlockt hätten. Ich nannte diesen Zug charakteristisch, und zwar aus dem Grunde, weil Hauser, immer ein Freund von Lustpartien und überhaupt äußerst lebenslustig, lieber einen Genuß opferte, wenn er nur den Armen Gutes tun konnte. Aber er gab nicht pharisäisch. Nicht um sich, sondern um die Sache war es ihm zu tun. Was seinen persönlichen Mut anbelangt, so fand ich denselben ganz, wie ihn v. Feuerbach schildert. Hauser war furchtsam, und recht kindisch furchtsam, ganz das Gegenteil von dem, was er früher gewesen war. Er kannte einst keine Furcht, man mochte auf ihn hauen oder schießen. Feuerbach schrieb dies aber nicht seiner »Furchtlosigkeit« zu, sondern er schreibt, Hauser »schien gar nicht zu ahnen, daß ihm mit diesen Dingen ein Leid geschehen könne.« Solange ich ihn kannte, war das anders. Ging man mit einem Messer oder überhaupt einer Waffe auf ihn los, so konnte man ihn treiben, wohin man wollte. Bittend und flehend und nicht mit erheuchelten, sondern mit wahren Geberden und Bewegungen der Angst zog er sich zurück und kauerte sich, fand er einen Winkel, ballförmig in demselben zusammen. Ich erprobte das selbst, aber ganz absichtslos. Ich war nämlich mit ihm in dem Hause des Herrn ***, eines Mannes, der mit ganz besonderer Tätigkeit in Hausers Angelegenheiten wirksam war. Unter mehreren Gegenständen im Zimmer befand sich auch in einer Ecke ein schöner Kavalleristensäbel, welchen ich bewunderte und, weil er mir sehr groß vorkam, um seine Schwere zu untersuchen, aus seiner eisernen Scheide zog und mit gestrecktem Arme vor mich hinhielt. Als ich das letztere tat, stund Hauser mehr als die doppelte Länge des Säbels von mir entfernt am Fenster und es war unmöglich, ihn von meinem Platze aus zu erreichen. Dennoch stellte sein Gesicht die Wirkungen des größten Schreckens dar, und er bat mich flehentlich, das gefährliche Instrument wieder an seinen Ort zu bringen. Ich willfahrte. Hauser war wieder froh wie vorher, und ich bedauerte es, diesen guten Menschen in eine so große Angst gesetzt zu haben. Hauser konnte keinem Menschen wehe tun sehen und machte mir, wie ich an seinen Mienen nicht undeutlich sah, öfters stille Vorwürfe, wenn er mich mit meinem kleinen Knaben zanken hörte, und ich mußte mich dann förmlich bei ihm verantworten und ihm auf das weitläufigste demonstrieren, daß Wilhelm – so heißt mein Kleiner – seinen Verweis wohl verdient habe. Einen andern Beweis von seinem Mitleid hat mir eine äußerst achtungswerte Dame erzählt. Er war bei ihr zu Tische geladen. Da betrug sich dann eines der Kinder etwas widerspenstig und bildete einen augenblicklichen Gegensatz gegen den guten sanften Kaspar, welcher mit stillem Unbehagen das Benehmen des Unartigen betrachtete. Die Dame, hierdurch gereizt, bediente sich des Ausdrucks: »Ach lieber Gott, man sollte doch alle Knaben bis zu ihrem zwölften Jahre ins Loch sperren, damit sie sich keine solche Unarten angewöhnen können.« Als Hauser diese Worte hörte, sprach er beruhigend: »Ach nein, das wäre das härteste, was man sich denken kann, da würden ja alle Knaben und auch der gute Fr. da um ihre ganze Kindheit gebracht.« Neben diesen Äußerungen seiner Herzensgüte bemerkte ich, wie schon erwähnt, ziemliche Lebenslust bei ihm. Von einem Konzerte, das er besuchen, einem Balle, dem er beiwohnen, einer Gesellschaft, an der er teilnehmen durfte, hörte ich ihn immer mit einem großen Wohlbehagen sprechen. Am Theater hatte er eine besondere Freude. Wenn man ihn aber mit einer von den ehrenwerten Familien dahier, wo er liebevolle Aufnahme gefunden hatte, auf einem Spaziergange oder bei einer Landpartie sah, so wurde man hingerissen von der lieblichen Freundlichkeit, die sein ganzes Gesicht überstrahlte. Wenn er etwas dergleichen vor sich wußte, so war er wie ein Kind. Er war zerstreut und allzu sehr nach außen gekehrt, so daß es manchmal der zurechtweisenden Aufmunterung bedurfte, um seine Aufmerksamkeit dem Lehrgegenstande zu erhalten. Doch wenn ich ihm dann ein Gebot oder Verbot gegeben hatte, so konnte ich auf den bereitwilligsten Gehorsam rechnen. Hätte ich von ihm verlangt, er solle seine Lektion bei mir um Mitternacht nehmen, ich glaube, er wäre mit derselben Freundlichkeit und Bereitwilligkeit gekommen, mit der er immer morgens um acht Uhr in mein Zimmer trat. Nie habe ich den geringsten Widerspruchsgeist an ihm bemerkt. Er war stets sanft, hingebend, folg- und duldsam. Wollte ich ihn aber recht im Eifer sehen, so durfte ich nur einen kleinen Lobspruch spenden. Denn etwas eitel, aber im unschuldigen kindlichen Sinne, erschien mir Kaspar immer. Er hatte gerne schöne Kleider und putzte sich überhaupt gerne, hatte es auch gar gerne, wenn man seine Sachen, seine Geschicklichkeit in einzelnen Dingen anerkannte oder bewunderte, und zeigte nach meinem Urteile in dieser Beziehung sich mehr mädchenhaft. Überhaupt bemerkte ich, wenn ich Gelegenheit hatte, ihn im geselligen Umgänge zu beobachten, daß er sich mehr an das weibliche als männliche Geschlecht anschloß. Ich fand aber auch darin nichts Besonderes, sondern vielmehr etwas sehr Natürliches. Es ging ihm bei den Frauen, als dem weicheren zarteren Geschlechte, im Grunde auch besser als bei den Männern, die ihm zwar Teilnahme und Freundlichkeit, aber niemals jene innige, zärtliche schenken konnten, die den tiefer fühlenden weiblichen Seelen eigentümlich ist. Auch paßte meiner Meinung nach Hausers Charakter mehr zu den Frauen als zu den Männern. Er war noch bei weitem nicht der rasche ungestüme Jüngling, der er seinen Jahren, die man ihm ansah, und seiner Stimme nach hätte sein sollen. Er war der sanfte, liebliche Knabe auf seiner geistigen Entwicklungsstufe, dem das rauhe Wort wehe tut; er war die Pflanze, die nur das milde Spiel des weichen Zephirs ertragen kann, noch nicht der junge Baum, der durch des Sturmwinds Andrang immer tiefer wurzelt. Ich glaube, daß er unter diejenigen Menschen gehörte, über die das sanfte Wort alles vermag, welche aber dagegen durch rauhe harte Behandlung leicht so verwirrt werden können, daß sie gar nicht mehr wissen, was sie tun, oder lebenslang ein schüchternes Mißtrauen gegen jeden hegen. Endlich muß ich noch sagen, daß ich ihn immer recht offen und aufrichtig gegen mich fand. Ich gewahrte nicht leicht eine Unwahrheit an ihm, eine Lüge aber nie. Zu dem ersten hatte er bei mir gar keinen Grund und zu dem andern schien er mir viel zu gutmütig. Mag er nun bei andern auch manchmal eine Unwahrheit gesagt haben, so sehe ich darin gar nichts anderes, als jene alltägliche Erscheinung, die sich bei den meisten, ja, es wird nicht zu kühn behauptet sein, bei allen Kindern seines geistigen Alters findet. Wer Vater oder Mutter ist oder wer sich mit der Erziehung von Kindern abgegeben hat, wird das gar wohl bemerkt und in jenen kindischen Unwahrheiten, die er an seinen Kindern oder Pfleglingen wahrgenommen hat, nicht gerade einen Fehler seiner Kinder, sondern der Kinder überhaupt erkannt haben, die in der Regel Egoisten sind und, um in ihrer Behaglichkeit nicht gestört zu werden, ihren Willen durchzusetzen, einer Strafe zu entgehen usw. es mit der strengen Wahrheit nicht so ganz genau nehmen, ohne deswegen Lügner zu sein. Dieses Wort sagt viel. Es setzt ausdrückliche Bosheit und Verschmitztheit voraus und den festen Willen, zu schaden. Von allen diesen Dingen nahm ich aber an Hauser auch nicht das Geringste wahr. Aus seinen Äußerungen, die er zu mir über die Personen, welche sich seiner angenommen hatten, machte, konnte ich auch recht wohl ein mit warmer Dankbarkeit erfülltes Herz entnehmen. Er äußerte sich so liebevoll, so gemütlich über sie alle, verriet eine so große Anhänglichkeit, ein so warmes Freundschaftsgefühl für sie, daß ich eine recht lebendige Aufforderung darin fand, sein kindliches Vertrauen zu erwerben. Er erzählte so gerne von ihnen, wie viele Beweise ihrer Liebe er erfahren. Wenn ich ihm dann sagte: »Sehen Sie, mein lieber Kaspar, wie sehr Sie Ursache haben, gegen den lieben Gott recht von Herzen dankbar zu sein, sehen Sie, wie er, der gute Himmelsvater, so recht wunderbar und liebevoll für die Unglücklichen sorgt,« so traten ihm alsbald die Tränen in die Augen. Bemerkte ich ihm ferner, daß er seinen Wohltätern nicht besser danken könne, als wenn er sich alle Mühe gäbe, ein recht guter und brauchbarer Mensch zu werden, so sprach er mit größter Entschiedenheit den Vorsatz aus, auch alles dazu aufzubieten. II. Doch ich will nun zu einem andern Abschnitte übergehen und Hauser, den ich bisher so darstellte, wie ich ihn als Mensch im allgemeinen fand, nun als Schüler in meinem Konfirmandenunterricht darstellen. Er konnte ihm nicht erteilt werden wie den übrigen Kindern, die schon an der Mutterbrust den lieben Gott kennen lernen, von ihrem sechsten oder siebenten Lebensjahre an im Verhältnis zu unserm unglücklichen Kaspar als wahre Gelehrte die Schule besuchen und, nachdem sie da sieben bis acht Jahre auf die mannigfachste Weise mit Gott und seinen Offenbarungen bekannt gemacht worden sind, im Konfirmandenunterricht teils Rechenschaft davon zu geben haben, wie sie die ihnen bereits mitgeteilten Lehren aufgefaßt, teils zur verhältnismäßig vollkommenen Erkenntnis des Christentums überhaupt, teils zur bestimmten Auffassung des Symbols der Kirche, zu welcher sie sich bei dem Konfirmationsakte verpflichten, gebracht werden sollen. Schüchternheit und Freude waren daher die Gefühle, welche in meinem Heizen kämpften, als das wohlwollende Vertrauen sehr geachteter Männer den merkwürdigen Findling meinen Händen anvertraute. Ich war begierig, recht begierig auf die erste Stunde, wo er zu mir kommen würde, verkannte das Schwierige meiner Aufgabe an ihm keineswegs und fand auch, als ich den Unterricht mit ihm begann, daß v. Feuerbach recht hatte, wenn er von ihm behauptete, »daß der ihm eingeborene Pyrrho Pyrrho war ein alter griechischer Philosoph, der von dem Grundsatz ausging, man müsse alles bezweifeln, ehe man es für wahr anerkenne. (F.) bei vielen Gelegenheiten immer wieder zum Vorschein kam.« Es war bei ihm immer ein guter Vorrat von anschaulichen Beispielen notwendig und ich kann mit Wahrheit sagen, daß die Zeit vom Oktober 1832 bis zum Mai 1833, welche ich in wöchentlich fünf bis sieben Stunden zu seinem Unterricht verwendete, für mich als Jugendlehrer eine sehr lehrreiche gewesen ist. So tüchtig die Herren Professor Daumer und Pfarrer Hering in Nürnberg und Herr Lehrer Meyer dahier mir in die Hand gearbeitet hatten, so fand ich dennoch recht viel zu tun. Indessen die gute, gemütliche, unschuldsvolle und nach religiöser Überzeugung so begierige Seele Hausers erleichterte mir vieles und machte mir die Unterrichtsstunden zu wahren Freudenstunden. Die Zeit verging so schnell und angenehm, daß Kaspar und ich uns oft wunderten, wenn die Uhr uns sagte, wir seien statt einer zwei Stunden zusammen gesessen. Da Hauser in Nürnberg nach dem Spenerschen Katechismus seinen Unterricht zum Teil erhalten hatte, da ferner in diesem Buche der lutherische Katechismus ganz erklärt wird, so behielt ich denselben bei; die Bibel aber war und blieb das Hauptfundament. Allein ich mußte, wie schon erwähnt, eine ganz andere Methode in dem Gebrauche des Lehrbuches befolgen als es bei jungen Leuten, die den Konfirmandenunterricht gewöhnlich genießen, der Fall ist. Bei jedem, der nicht im Zustande der Verwilderung aufgewachsen ist, findet der Lehrer Anknüpfungspunkte für die positiven Lehren des Christentums wie für die charakteristische Auffassung und Darstellung derselben von seiten der Kirchengesellschaft. Das Gedächtnis ist vertraut mit den Hauptsätzen derselben, der Verstand nimmt das meiste von denselben auf, ohne den geringsten Zweifel zu hegen, ein inneres Nötigungsgefühl, wie es ein bekannter theologischer Gelehrter nennt, bestimmt ihn dazu, ohne seiner Selbständigkeit wehe zu tun, weil es in dem Gebiete derselben einheimisch ist. Bei Hauser war das nun freilich anders. Zwar war sein Gedächtnis durchaus nicht leer, sondern zeugte ganz unzweideutig davon, daß viel an ihm geschehen war. Allein je mehr sein Verstand sich entwickelte, je mehr der Kreis seiner Lebenserfahrungen sich erweiterte, desto mehr zeigte sich in ihm der Mangel früherer oder, wenn ich so sagen darf, ursprünglicher Geistesentwicklung. Vorübung und weitere Bildung machten bei ihm nicht eigentlich verschiedene Perioden aus, sondern fielen fast in eins zusammen. Indessen kam ich, unterstützt durch die oben angegebenen, in Hausers Individualität liegenden moralischen Mittel, nach meinen Wahrnehmungen, zwar nicht ohne große Schwierigkeit, doch zu einem erfreulichen Ziele. Es liegt nicht in dem Plane dieser Bogen, Stunde für Stunde zu verzeichnen, was mit Hauser und von ihm in dem Konfirmandenunterricht geschah. Teils könnte ich das nicht mehr mit genauer historischer Treue, teils würde vieles weder interessant noch ungewöhnlich erscheinen, teils würde ich eine weitläufige theologisch-pädagogische Abhandlung zu schreiben haben. Nur einiges will ich anführen, um einerseits zu zeigen, wie Hauser den Unterrichtsstunden beiwohnte, andererseits, wie es anzufangen war, um den Aufforderungen, die an den Religionslehrer im Verhältnis zu ihm gemacht wurden, zu genügen. Aus seinen sonderbaren Schicksalen nahm er zwar keine Veranlassung zu Einwendungen gegen Gottes segensvolles Dasein, wie er es einst (nach Feuerbachs Buch) getan hatte, sondern er war schon so weit, die Spuren desselben in der wohltätigen Änderung seines Lebensganges zu erkennen und zu preisen. Allein dennoch fehlte es nicht an Augenblicken, wo das Entzücken über Gottes Vollkommenheit sich in sogar tadelnde Bemerkungen verwandelte. Als Beweis für das erstere will ich nur anführen, daß Hauser in einer der ersten Unterrichtsstunden sich ungefähr so gegen mich äußerte: »Anfangs, als ich nach Nürnberg gekommen war, konnte ich mir gar keinen Begriff von etwas Geistigem machen, und es war mir nicht möglich, mir einen Gott zu denken, der allgegenwärtig ist. Ich meinte, zu jedem einzelnen Gegenstand der Natur, den ich erkannte, sei jemand notwendig, der ihn verfertige und dann an seinen Platz stelle. Jetzt denke ich freilich anders, der Herr Professor (Daumer) hat mich eines bessern belehrt. – – – – – Besonders sehe ich aus der Veränderung, die mit meinem Schicksale vorgegangen ist, daß Gott viel mächtiger und viel besser ist als alle Menschen. Denn es waren doch die Menschen, die mich eingesperrt hatten, und am Ende vielleicht umbringen wollten. Das litt aber der allmächtige Gott nicht, sondern er hat mich erhalten, und es ist mir jetzt recht wohl in der Welt, in die er mich geführt hat: – – – – – Es ist mir ein rechter Trost, daß ich Gott kenne, denn nun weiß ich es, daß ich nicht verlassen bin, wenn ich auch von allen Menschen verstoßen würde.« Da ich gleich anfangs mit Hauser (bei dem es mir, wie ich ihn und seine Begebenheiten auffaßte, ganz besonders darum zu tun war, daß er sich gleich bei mir in der Stunde als vollkommen einverstanden mit den religiösen Wahrheiten, die ich ihm vortrug, zeige, da ich bei ihm nichts dem Leben überlassen wollte oder durfte), ausgemacht hatte, daß er nicht etwa dieses oder jenes mir zulieb bis auf weiteres möge dahingestellt sein lassen oder nur darum annehmen, weil ich es ihm sage, so fehlte es ganz natürlich nicht an Oppositionen und Einwendungen. Indessen kamen diese alle aus einem so unbefangenen Herzen, trugen alle das Gepräge der Gutmütigkeit in so hohem Grade an sich, daß ich daraus nur das Bestreben, seiner Sache gewiß zu sein, nicht das, bloß einen Widerspruch einzulegen, wahrnahm. Gerne war ich daher bereit, aufzubieten, was ich vermochte, um diese heilsdurstige Seele zu befriedigen, und ich will hier aus den mancherlei Notizen, die ich mir über den Gang seiner religiösen Bildung nach jeder Lehrstunde machte, einige mitteilen. Am 24. Oktober 1832 redeten wir unter anderm davon, daß Gott, von dem alles herkomme, das allervollkommenste Wesen sein müsse. Hauser schien im Anfang damit einverstanden. Aber auf einmal fing er an: »Wie ist es doch möglich, daß der vollkommene Gott so etwas Böses schaffen konnte wie die Schlange, durch welche die ersten Eltern verführt wurden, und den Apfel, durch dessen Genuß sie in ein so großes Elend kamen!« Ich schlug darauf die Bibel auf und bemerkte ihm, daß Gott den Baum ja nicht für den Menschen geschaffen habe und eben deswegen denselben ausdrücklich warnte, nicht davon zu essen, weil er gerade ihm schädlich sei. Daraus folge noch keineswegs, daß er an und für sich böse gewesen wäre. Ferner käme es auch nicht darauf an, anzunehmen, daß die Schlange ausdrücklich gesprochen habe wie wir Menschen sprechen. Die Eva könne auch die Worte, welche nach der mosaischen Darstellung der Schlange in den Mund gelegt werden, bei sich selbst gesprochen haben, indem sie die Schlange behaglich von dem den Menschen verbotenen Baume fressen sah. Gott habe jeder Art von Geschöpfen ihre eigentümliche Nahrung angewiesen und zu dem Menschen darum warnend gesprochen, weil derselbe nicht bloß einem tierischen Triebe, sondern freier, auf Gründen beruhender Wahl zu folgen habe. Und wenn wir auch annehmen, die Schlange habe wirklich gesprochen, so liege in der Art und Weise, wie sie sich an die Eva wandte, durchaus nichts Gott Unanständiges und es sei nicht in ihm die Ursache des menschlichen Falles zu suchen, sondern in dem Menschen selbst, der die von Gott ihm anerschaffene Freiheit mißbrauchte und eben deswegen auch alle traurigen Folgen seiner Tat hätte tragen müssen. Hauser zeigte sich damit zufrieden und wir schieden, nachdem wir vorher unser Schlußgebet gesprochen hatten, auseinander. Am 26. Oktober hatte er wieder Lehrstunde und am Ende derselben brachte er den erst vor zwei Tagen besprochenen und nach meiner Meinung abgefertigten Gegenstand abermals zur Sprache, wiederholte in betreff des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen seine frühere Bemerkung und wollte Gott die Schuld des Bösen in der Welt beilegen. In diesem Augenblicke trat eines meiner Mädchen mit Namen Julie ins Zimmer und fragte mich irgend etwas Gleichgültiges. Ich beantwortete ihre Frage und wendete mich an Hauser etwa so: »Sehen Sie, lieber Hauser, dieses Mädchen, welches ich als mein Kind herzlich liebe. Glauben Sie wohl, daß ich ihm etwas versagen werde, wenn ich sehe, daß es ihm nützlich ist, oder daß ich etwas ihm Schädliches in seiner Nähe stehen lasse, ohne es vor dem Gebrauch desselben zu warnen? Warnt man nicht auch Sie, mein lieber Freund, vor gefährlichen Sachen, indem man Ihnen die damit verbundenen Nachteile für Sie sagt? Nehmen Sie nun an, ich stelle, ehe wir miteinander fortgehen, zwei Gläser mit roter Flüssigkeit auf unseren Tisch, welche sich durch ihre äußere Form genau unterscheiden. In dem einen sei roter Wein, aber es sei weniger schön als das andere, in welchem sich rote Farbe befindet. Ehe ich gehe, bemerke ich der Julie: ›Siehe, liebes Kind, aus diesem Glas da, ob es gleich schön ist, darfst du nicht trinken, es ist etwas für dich Schädliches darin. Hüte dich also davor und beweise mir dadurch deinen Gehorsam. Wenn du aber aus dem andern weniger schönen Glase trinken willst, so sei es dir erlaubt, es ist roter Wein darin.‹ Nun gehen wir beide fort. Julie aber, die allein ist, betrachtet die Gläser und denkt: ›Es ist doch recht sonderbar, daß mir der Vater das schöne Glas verbietet‹, betrachtet es lange, tritt näher und immer näher, berührt es mit der Hand, faßt es an, trinkt daraus – und schreit laut auf, denn es ist eine ätzende rote Flüssigkeit darin, wodurch sie sich den ganzen Mund verbrennt und sehr krank darauf wird. Wer trägt die Schuld?« Hauser war gleich mit der Antwort da: »Die Julie!« und setzt hinzu: »Nun versteh ich das auch mit dem Baum im Paradiese und sehe, daß ich nur noch nicht recht darüber nachgedacht habe, als ich meinte, der liebe Gott hätte den Baum nicht schaffen sollen. Der Baum hat keine Schuld und der liebe Gott auch nicht, sondern die Menschen, die davon aßen.« Mit der Ewigkeit Gottes wollte Hauser nur insofern einverstanden sein, als er ihm zwar kein Ende, aber doch einen Anfang mit und zu einer gewissen Zeit beilegen zu müssen glaubte. Es waren mancherlei Beispiele nötig, um ihm zu zeigen, daß alles mit und in der Zeit Entstandene nur wieder durch ein anderes entstehen kann, daß aber alles, was zeitlich entsteht, den Keim seines Untergangs in sich selber trage, und eben darum auch zu einer bestimmten Zeit aufhöre, und daß man bei ernstem Nachdenken über die erschaffenen Dinge endlich auf einen Schöpfer kommen müsse, der die Ursache seines Daseins in sich selber habe und deswegen nicht aufhören könne, weil er nicht gleich den andern erschaffenen Wesen angefangen habe. Betrachtet man aber den Zweifel Hausers überhaupt, so ergibt sich als Resultat, daß Gefühl für Religion zwar dem Menschen angeboren sei, aber die Kenntnis derselben durchaus erworben werden müsse. Als wir miteinander von Gottes Allmacht, Allgegenwart und Allwissenheit sprachen und ich meinem Schüler außer einigen Bibelsprüchen, welche jene göttlichen Eigenschaften lehren, auch einige Bibelgeschichten zum Beweise anführte, so sagte er mir, daß ihm diese Erkenntnis sehr wohltätig sei und daß er auch in seinem Leben, so kurz es sei, denn als seines Lebens Anfang bezeichnete er seinen ersten Auftritt in Nürnberg, recht ernste Hinweisungen auf sie erhalten habe. Begierig, welche es seien, erzählte er mir den am 17. Oktober 1829 gegen ihn gerichteten Mordversuch und noch eine Veranlassung, bei der er durch eigene Unvorsichtigkeit beinahe sein Leben verloren hätte. Mit dem letzteren verhielt es sich folgendermaßen: Hauser wohnte damals im Hause des Herrn Biberbach in Nürnberg und hatte eine Aufgabe auszuarbeiten, zu der er eines Buches bedurfte, welches auf einem Brett an der Wand eines Zimmers stand. Er stieg auf einen Stuhl und fiel gerade, als er das Buch von seinem Orte herablangen wollte, selbst herab. Im Fallen riß er aber eine an der Wand hängende geladene Pistole herunter, deren Schuß ihn an der rechten Schläfe ziemlich verwundete. Ich habe die Narbe dort selbst gesehen und gefühlt. »Bei diesen beiden Gelegenheiten,« meinte er, »habe ich doch recht deutlich sehen müssen, daß Gott alles weiß und überall ist und viel mächtiger ist als die Menschen. Ich wäre gewiß getötet worden ohne ihn, während ich jetzt nur mit Narben davon gekommen bin.« Bei der Gerechtigkeit Gottes fiel es dem Hauser auf, daß der liebe Gott, wie er ihn gewöhnlich nannte, es doch so manchem guten Menschen nicht gar gut, sondern oft recht übel gehen lasse. Er selber kenne solche. Als ich ihm aber den Unterschied zwischen äußerem und innerem Glücke auseinandersetzte, da sagte er: »O wie will ich mich hüten, böse zu sein, damit ich mir meinen inneren Frieden erhalte. Mit diesem kann ich arm und äußerlich recht elend, im Herzen aber doch ruhig sein und mein Elend eher tragen, als wenn ich ein Bösewicht bin!« Als von der Güte Gottes die Rede war, so war Hauser unerschöpflich in Bemerkungen über dieselbe und versicherte, daß er dieselbe in seinem Leben ganz vorzüglich erfahren habe. »Der liebe Gott,« sagte er, »gibt mir weit mehr als ich verdiene und brauche. Gewiß will er mir dadurch zu verstehen geben, daß ich gegen die Menschen recht gütig sein soll. Ich will es aber auch sein.« Ich habe manche Gelegenheit bemerkt, bei der er diese Gesinnung durch die Tat bewährte, und auch von sehr achtbaren Personen dieses Zeugnis über ihn vernommen. Die Gnade Gottes leuchtete ihm besonders, als ich ihn auf sich selbst verwies und zur ernsten Selbstprüfung aufforderte, vollkommen ein, denn, sagte er, ich bin bei weitem noch nicht so gut als ich vor Gott sein sollte, ich habe noch recht viel zu tun an mir und der Herr Meyer muß oft viel Geduld mit mir haben.« In einer Unterrichtsstunde, wo wir von den Engeln, dem Teufel, der Sünde sprachen, fand ich bei Hauser für die Lehre von den ersteren viel Empfänglichkeit. Aber über den Teufel machte er mir folgende Bemerkung: »Es ist doch recht sonderbar, niemand hat noch einen Teufel gesehen und doch wollen ihn die Leute abbilden. Sie malen ein ganz häßliches Gesicht mit Bockshörnern, einen sonderbaren menschlichen Leib mit Bocksfüßen und einem langen Schweif. Sagen Sie mir doch, ob denn das das rechte Bild vom Teufel ist?« Ich sagte zu ihm, ob er wohl eine häßlichere Figur sich denken könne als die, welche durch eine solche Zusammensetzung entstehe. Als er das verneinte, sagte ich ungefähr so: »Lieber Hauser, um dem Menschen das Böse recht verächtlich zu machen, muß man auch für das Auge das allerhäßlichste und abstoßendste Bild wählen. Wenn Sie nun wieder eine Abbildung wie die eben von Ihnen beschriebene sehen, so denken Sie ja nicht, daß Sie etwa ein Porträt von einer Person sehen, die jemand gesehen hat, sondern lassen Sie sich immer dabei einfallen: ›So häßlich würde ich in den Augen Gottes sein, wenn ich ein böser Mensch wäre.‹ Hauser war zufrieden gestellt und versprach, immer ein recht guter Mensch zu sein. In bezug auf die Sünde bemerkte er: »Hier ist mir immer etwas aufgefallen. Es ist doch recht sonderbar, daß Gott dem Menschen den Gedanken des Bösen eingab.« Als ich ihn fragte, woher er denn das wisse, daß Gott dem Menschen den Gedanken des Bösen eingäbe, so sagte er: »Die Menschen handeln ja böse und wenn sie die Gedanken dazu nicht hätten, so würden sie nicht böse handeln.« Ich bemerkte ihm, daß Gott dem Menschen zwar das Denkvermögen, aber durchaus nicht den bösen Gedanken eingegeben, daß er in ihm nicht eine Schachfigur – dieses Beispiels bediente ich mich, weil ich wußte, daß Hauser Schach spielte –, sondern ein Wesen geschaffen habe, das vollkommene Freiheit zu wählen besaß, was man ohne alle Kunst und Deutelei daraus schließen könne, daß Gott bei dem Baum im Paradiese, von dem wir ja bereits gesprochen hätten, den Menschen vor dem Mißbrauche seiner Freiheit durch die Darstellung der Folgen desselben gewarnt habe. Durch die Auseinandersetzung dieser Gedanken beruhigte ich Hauser zwar ziemlich, jedoch bemerkte ich, daß ich anschaulicher werden mußte, um ihm ganz deutlich zu sein. Ich mußte also in die Welt der äußern Erscheinungen heraus und ad oculos demonstrieren. Da wählte ich denn das Beispiel eines Messers oder einer Schere, mit welchen Instrumenten der Mensch ebenso gut seinen Nutzen fördern als sich tödlich verwunden könne und fragte meinen Schüler: »Was würden Sie wohl zu einem Menschen sagen, der sich mit einem Messer in den Finger schneidet und im Schmerze ausriefe: ›Ach, wenn es doch keine so gefährlichen Instrumente gäbe! Der Verfertiger derselben ist doch ein recht eigener Mensch, daß er sie machte!‹ Hauser lachte und sagte: »Ich würde ihn damit auslachen und ihm sagen: ›Warum hast du denn auch das sonst so nützliche Instrument so ungeschickt gebraucht?‹« »Und –« sagte ich darauf – »wenn Ihnen nun jemand einen Einwurf der Art machte, wie Sie mir ihn eben über Gott gemacht haben, daß es sonderbar von ihm sei, daß er dem Sünder den Gedanken des Bösen eingegeben habe?« »So würde ich,« sagte Hauser, zufriedengestellt, »ihm antworten, wie Sie mir, und er müßte dann zufrieden sein, wie ich es jetzt bin!« Besonders stark und entrüstet sprach sich aber Hauser bei Gelegenheit des zweiten Gebotes gegen diejenigen Menschen aus, die einen falschen Eid schwören oder eine eidliche Versicherung oder Zusage brechen. Solche, meinte er, könne man gar nicht hart genug bestrafen. In v. Feuerbachs Buch über Hauser kommen folgende Stellen vor: »Sah er (Hauser) einen Pfarrer, so geriet er in Schreck und Entsetzen. Fragte man ihn um die Ursache, so antwortete er: ›Weil mich diese Leute schon sehr gepeinigt haben.‹ – – – – Kaspar Hauser Nach der Steinzeichnung von Fr. Hanffstengel, Kempten 1830. In Kirchen war es Kasparn ebenfalls gar nicht wohl zumute. Die Kruzifixe darin erregten ihm ein entsetzliches Schaudern, indem seine Vorstellung noch lange Zeit den Bildern unwillkürlich Leben verlieh. Das Singen der Gemeinde dünkt ihm ein widerliches Schreien. ›Zuerst,‹ sagte er einmal nach einem Kirchenbesuche, ›schreien die Leute, und, wenn diese aufhören, fängt der Pfarrer zu schreien an.‹« Man könnte in diesen Äußerungen Zeichen der Frivolität und wenig Anlage zur Religiosität erblicken, wenn man in Hauser sich den 17–18jährigen Jüngling dächte. Allein, da er von diesem nur den Körper, vom Kinde dagegen die Seele hatte, so fällt dieses Bedenken weg. Und das um so mehr, als sich Hausers Urteil und Ansicht hierin durchaus geändert hat. Ich hatte Gelegenheit, das zu bemerken, als wir vom dritten Gebote mit einander redeten. Er erzählte mir bei dieser Gelegenheit, daß er die Erlaubnis habe, in einem Zimmer des Appellationsgerichts, dessen Fenster in die Kirche gingen, die Sonntagspredigt anzuhören. Gerne gehe er dahin, weil er nach seiner Überzeugung da andächtiger sein könnte als zu Hause in seinem Zimmer, wo ihm immer allerlei einfalle, was nicht zum Beten gehöre, und wo es ihm auch schon geschehen sei, daß er durch Besuche an der Übung seiner Andacht gestört wurde. Um zu sehen, mit welchem Erfolge Hauser die Kirche besuche, unterhielt ich mich öfters mit ihm über die am Sonntag vorher gehaltene Predigt und bemerkte mit Vergnügen, daß er den religiösen Vorträgen mit Andacht und Aufmerksamkeit beiwohne. Bisweilen erzählte er mir auch unaufgefordert, welchen Eindruck die Sonntagspredigt auf ihn machte. Es wird wohl hier kaum notwendig sein zu erwähnen, daß ich hierbei nicht die von mir gehaltenen Reden meine, weil diese meine Darstellung sonst in doppelter Beziehung als Eitelkeit betrachtet werden könnte; sondern ich rede hier von meinen hiesigen Herren Kollegen, die gewöhnlich des Vormittags predigen. Das vierte Gebot erfüllte mich, als ich mich mit Hauser darüber unterhielt, mit Wehmut. Er hatte ja seinen Vater und seine Mutter nie gesehen und gekannt. Er beneidete meinen kleinen Wilhelm, der öfters ins Zimmer zu mir kam, daß dieser einen Vater habe. Aber sein Gefühl sprach sich nicht etwa aus wie bei einem Menschen, der seine Eltern, die er kannte, durch den Tod verloren hat. Es war nicht jene Wehmut, die einen solchen durchdringt, welche sich in Hauser regte, sondern mehr die Sehnsucht nach einem zwar noch nicht empfundenen, aber doch von andern ganz besonders süß geschilderten Genuß. Hätte ich im gegebenen Falle nicht lieber das Verhältnis der Eltern und Kinder nur flüchtig andeuten sollen, um Hausers Gemüt zu schonen? Manche mögen es glauben. Ich war und bin entgegengesetzter Meinung. Der Schleier über Hausers Schicksal konnte bei seinen Lebzeiten noch zerrissen und Vater und Mutter vor ihm stehen als überglückliche Menschen, die ihr geraubtes und nun wieder gefundenes Kind an die hochklopfende Brust drückten, oder sie konnten vor ihm stehen als die entlarvten Tyrannen, die schändlich genug ihr Kind einem äußerlichen Gewinne opferten, oder sie konnten ihn als gute oder böse Menschen in der Ewigkeit erwarten. Jeden dieser Fälle hatte ich vor Augen, als ich das Kindesgefühl in ihm zu wecken bemüht war. In jedem dieser Fälle sollte Hauser den Christen im wahren Sinne des Worts darstellen. Bis aber die Zukunft hell und klar werden würde, sollte er, das war mein Bemühen, den Himmelsvater als seinen Vater desto inniger verehren und seine kindliche Liebe denen weihen, die ihm Vater- und Muttersorge gaben. Als wir einmal auf die Rachsucht zur Rede kamen, so fand ich bei ihm keinen Anknüpfungspunkt. Er kannte ihre Regungen nicht und ich glaube, daß niemand diese Untugend, die so gewöhnlich unter den Menschen teils als Gesinnung, teils als Wort, teils als Tat sich ausspricht, an ihm bemerkt hat. Ich wenigstens müßte der Wahrheit untreu werden, wenn ich ihm nicht hier öffentlich das Zeugnis gäbe, daß er nach meinem Urteil keines Rachegedankens fähig, ja daß er denselben als entehrend für den Menschen und höchst töricht hielt. »Denn,« sagte er unter anderem, »das ist doch recht töricht, wenn ich an einem Menschen das zu tun wünsche, was ich schlecht und lieblos nannte, als er es an mir tat!« Bei dem sechsten Gebote sprach sich Hauser recht kindlich aus und meinte, das ginge ihn gar nichts an, da er nicht verheiratet sei und sich auch nicht verheiraten werde, weil er gar nicht absehe, was man eigentlich mit einer Frau anfange. Es werde ihm alles, was er nur immerhin brauche, gereicht, und wenn er mit Frauenzimmern reden wolle, so könne er das ja auch tun. Da ich ihm erklärte, er könne ja nicht wissen, was noch in Zukunft aus ihm werde, und was er dann tun würde, und ich müsse ihm deswegen durch das sechste Gebot jenen Sinn empfehlen, der nur das denkt, redet und tut, was Gott und die Menschen immer sehen dürften, ohne die Liebe und Achtung vor uns zu verlieren: so hörte er mich aufmerksam an und ließ sich's gefallen. Das achte Gebot gab ihm besondere Veranlassung, sich darüber auszusprechen, welche Torheit und wie böse das sei, etwas, das einem als Geheimnis anvertraut werde, weiter zu sagen. Nicht einmal im größten Vertrauen dürfte es geschehen. Was einem anvertraut werde, das müsse man für sich behalten, sonst verdiene man gar kein Vertrauen. Der vollendete v. Feuerbach sagt in seinem mehrfach angeführten Buche, worin er Hausers früheren Seelenzustand schildert, nachdem er von den Bemühungen Daumers, demselben zur Gotteserkenntnis zu verhelfen, und von den vielen Schwierigkeiten, die ihm seines Schülers Zweifel verursachten, gesprochen hat: »Aus diesem wenigen mag man nun schließen, wie es vollends mit der positiven Religion, mit der christlichen Dogmatik, mit dem Geheimnis der Versöhnungslehre und andern dergleichen Lehren stand.« Feuerbach selbst glaubte anfangs, ich würde gerade mit diesen Lehren vielleicht am wenigsten auf Hauser wirken können. Allein die Übung zeigte es anders. Gerade hier sprach Hauser das meiste, das erhabenste Gefühl aus, gerade hier zeigte er eine Rührung und Eifer, der jedem, der ihn so sah, wie ich, zur Bewunderung hingerissen hätte. Seine Tränen flossen unzählig bei der Erzählung der Geschichte Jesu Christi, sein Wort und seine Gebärde drückten die tiefste Ehrfurcht, die heiligste Bewunderung gegen den leidenden Erlöser aus. Da ich ihm früher im einzelnen die Entzweiung des Menschen mit Gott und das aus derselben hervorgehende Bedürfnis der Vermittlung und Versöhnung nachgewiesen, da ich ihm aus seinem eigenen Innern den Beweis dafür geliefert hatte, so begriff er leichter als ich dachte. Zwar meinte er einmal, Gott hätte ja auch ohne den grausamen Tod des unschuldigen Jesu Christi uns Menschen von der Sünde lossprechen und mit der verlorenen Seligkeit wieder beschenken können, ein Bedenken, das sich im natürlichen Menschen so oft und vielfach ausspricht. Allein, da ich mich bei meinem Schüler weder in weitläufige philosophische Deduktionen noch in dogmatische Demonstrationen einlassen durfte, denen sein geistiges Ich nicht gewachsen war, so mußte ich, auf eine künftige weitere Entwicklung seiner Geisteskräfte bauend, mich nur auf weniges beschränken, was ihm sein Bedenken heben könnte, ohne dabei seine Ehrfurcht vor Gott zu schwächen oder etwa gar in den Schein zu kommen, ihm etwas aufzudrängen, was sich mit seiner Überzeugung durchaus nicht vereinen könne. Ich schlug daher folgenden Weg bei ihm ein, daß ich ihn zurückführte in die Lehrstunden, wo wir miteinander von Gottes Weisheit, Gerechtigkeit, Gnade gesprochen hatten. »Damals,« sagte ich zu ihm, »waren Sie von der Wahrheit dieser Eigenschaften vollkommen überzeugt und gaben sich zufrieden, als ich Ihnen sagte, diese Weisheit und Gerechtigkeit wirkten gar oft nicht augenscheinlich für uns, wir müßten sie aber zugeben, weil einesteils ihr Dasein und Wirken sich uns später kund gibt, andernteils unsere Einsicht viel zu beschränkt sei, sie zu ergründen. Aus diesem letzteren Grunde haben wir Menschen immer die Frage in Bereitschaft, ob denn diese oder jene Begebenheit nicht eben so gut auch anders sich hätte zutragen können, als sie sich wirklich zugetragen hat. Aus eben diesem Grunde, so bald wir einmal die Weisheit Gottes für erhabener als die unsrige erkennen, müssen wir aber annehmen und einsehen lernen, daß das, was er tut, gerade so, wie es geschehen ist, und nicht anders geschehen konnte. Wollen Sie aber auch hier ein in die Augen fallendes Beispiel, so denken Sie sich Christum als denjenigen, der eine fremde Schuld zur Bezahlung freiwillig für den Fall übernommen hat, als der Schuldner nicht zahlen kann, oder als einen Bürgen. Der Schuldner ist das Menschengeschlecht, der Gläubiger ist Gott, die Schuldenlast, der Tod, ist durch die Sünde bewirkt. Wenn wir sie nicht bezahlen, dann sind wir ewig verloren. Da sendet uns Gott aus lauter Erbarmen in Jesu Christo, seinem eingeborenen Sohne, einen Bürgen zu, der unsere Schuld zahlt, den Tod erleidet, ohne demselben zu erliegen, weil er, wie Sie wissen, am dritten Tage wieder auferstanden ist.« Diese Worte sind indessen nur das Resumee einer weitläufigen Unterhaltung, die ich mit Hauser über diesen Gegenstand hatte, aber aus mancherlei Umständen hier ausführlich nicht wiedergeben kann noch will. Es wird aber jeder Unbefangene aus den bisherigen Mitteilungen ersehen, daß es dem nun vollendeten Unglücklichen um religiöse Belehrungen sehr angelegentlich zu tun war, und aus der Art und Weise seiner Einwürfe ein Gemüt entnehmen, welches voll kindlicher Gefühle war und einen Geist, der so ziemlich stark mit den Schwierigkeiten seiner Entwicklung zu kämpfen hatte. Bei der Lehre von den Sakramenten hätte ich mehr Einwendungen von ihm erwartet als ich wirklich erfuhr. Allein selbst diejenigen, die er machte, waren von weniger Erheblichkeit und werden darum hier übergangen. Nur das finde noch eine Stelle, daß ich dem Hauser sagte und auch selbst völlig überzeugt bin, daß, wenn die Religion zu nichts weiter Anlaß gibt, als zu dürren, herzlosen Verstandserörterungen, sie entweder an sich selbst oder für den, der sich auf keine andere Weise mit ihr zu beschäftigen weiß, aufgehört habe, Religion zu sein, d.h. jenes heilige Band der Ehrfurcht und Liebe, das die Herzen mit dem lieblichsten Zuge nach oben hebt und Trost und Frieden von dort herab, gleich einem milden, erquickenden Frühlingstau, in sie herabsenkt. Der Ahnung und dem Glauben muß immer ein weites großes Feld bleiben. Aber dieses ist nicht eine öde Steppe, wie sie der kalte egoistische Verstandesmensch nennt, der von dem sonderbaren Grundsatz ausgeht, was ich nicht begreifen kann, ist nicht wahr, sondern es ist eine Aue, mit den lieblichsten Blumen bewachsen, deren herrliche Formen dem Auge wohltun, deren liebliche Wohlgerüche mit verjüngender Kraft auf die Seele wirken, die sich unter ihnen ergeht. Deswegen empfahl ich meinem Hauser ein emsiges, andachtsvolles Lesen in der Bibel, eine besondere Aufmerksamkeit auf den Gang seines Lebens, fleißigen Besuch der Kirche und frommes, fortgesetztes, demutsvolles Nachdenken über die bereits gehörten religiösen Wahrheiten. Er aber gelobte es mir und wir beschlossen unsere Lehrstunden, welche, wie ich mit Wahrheit in der von mir zum Druck beförderten »Konfirmationsfeier Kaspar Hausers« S. 7 sagte, schöne selige Stunden für mich gewesen sind, um in wenigen Tagen jene Feier zu begehen. Der 20. Mai des vorigen Jahrs war der feierliche Tag, von welchem noch jetzt Hunderte als von einem Tage der Erhebung für sie sprechen. Es war Hausers Konfirmationstag. Die angesehensten hiesigen Familien, in welchen mit wahrer Christenmilde kindliche Gefühle in dem Bedauernswerten erweckt worden waren, umgaben ihn und seine Pfleger und Führer, welche ihn auf seinem heiligen Gange in die zum Erdrücken angefüllte Kapelle der schönen hiesigen Gumpertuskirche begleitet hatten. Hier wurde zuerst aus dem bayrischen Gesangbuche das Lied Nr. 2: »Herr, vor deinem Angesicht hat die Andacht uns versammelt« von der ganzen Gemeinde gesungen. Hierauf betrat ich, als Religionslehrer und Beichtvater Hausers, den Altar, sprach ein Gebet und hielt zuerst an die ganze Versammlung, sodann an Kaspar Hauser eine kurze Anrede, in welcher ich an den Zweck der Feier erinnerte. Nach Beendigung derselben trug ein Sängerchor unter der Leitung des Stadtkantors Dürrner das Gebet: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen gewissen Geist; verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir« vierstimmig vor. Während dieses Gesanges kniete Hauser auf einem Betschemel vor dem Altare. Der Augenblick aber, in welchem er sich niederließ, die Rührung, mit der er im stillen obige Worte betete, brachten auf die ganze Versammlung eine außerordentliche Wirkung hervor. Aller Lippen regten sich leise; aller Herzen beteten mit ihm und für ihn. Nach Beendigung des Gesanges erhob sich Hauser wieder, und ich richtete nun, in gedrängtester Kürze wiederholend, womit wir uns während der Lehrstunden beschäftigt hatten, das Wort ausschließend an ihn. Wer den Inhalt desselben genau lesen will, der wird sich sein Benehmen in religiöser Beziehung auf dem Sterbebette erklären können und in einzelnen seiner Äußerungen, an welche sich der Zweifel so gerne hängen möchte, nichts Befremdendes finden. Ich beziehe mich hier auf das Schriftchen: »Kaspar Hausers Konfirmationsfeier am 20. Mai 1833 in der St. Gumpertuskirche zu Ansbach, 1833«, welches bei J. M. Dollfuß daselbst um 12 kr. zu haben ist. (F.) Nach der Konfirmationshandlung sah ich Hauser bei einem freundlichen Familientische wieder, wozu ich gleichfalls gezogen wurde. Hier bemerkte ich Ernst und stilles Nachdenken an ihm und eine gewisse Verklärtheit seines Gesichts, die mir sehr wohltat und woraus ich den Beweis entnahm, daß ihm die christliche Wahrheit zu Herzen gegangen und eben deswegen der Eindruck seiner Konfirmationsfeier auf ihn ein sehr tiefer, belebender war. Ich machte einen Spaziergang ins Freie mit ihm und meine Bemerkung war die nämliche. Wie langsamer Nachklang einer zarten Saite erschien mir seine Seele. III. Mit dem Konfirmationstage kam Hauser auf einige Zeit aus meinen Händen und ich sah ihn seltener. Immer aber war er gegen mich der Freundliche und Zuvorkommende, der er während der Unterrichtszeit gewesen war. Im Monat November aber trat er auf den Wunsch Lord Stanhopes, welcher von einem sehr tüchtigen Manne dahier in ihm angeregt worden war, wieder zum Religionsunterricht bei mir ein. Nicht als ob Lord Stanhope, welchem von tüchtigen Leuten, die sich Hausers angenommen hatten, beständig Bericht über denselben erstattet wurde, mit seinen Fortschritten nicht zufrieden gewesen wäre, fand er es im allgemeinen sehr zweckmäßig, diese unmündige Seele auf dem religiösen Gebiete noch nicht sich allein zu überlassen, sondern sie noch tiefer in die Geheimnisse derselben einzuweihen. Um meine Ansicht darüber befragt, mußte ich natürlich beistimmen und war der Meinung, meinen wieder neu eingetretenen Schüler durch fleißiges Lesen und Erklären der Bibel zu diesem Ziele zu führen. Dabei wollte ich ihn aber auch mit der äußeren und inneren Geschichte der Religion vertraut machen und es war daher auch ein Abriß der Kirchengeschichte, der biblischen Einleitung, der einzelnen Symbole unserer Kirche notwendig. Deswegen wählte ich mir als Lehrbuch dazu: »Anleitung zu einem ausführlichen und gründlichen Unterricht in der christlichen Religion, nach den sechs Hauptstücken des lutherischen Katechismus für Jugendlehrer und Religionsfreunde bearbeitet von Ernst Christian Pfitzner, Pfarrer zu Neurode und Troßdorf im Herzogtume Gotha; Gotha und Erfurt 1824; in der Henningsschen Buchhandlung«, welches ich schon öfters mit großem Nutzen beim christlichen Religionsunterricht höherer Art gebraucht hatte. Bis zur dreizehnten Lehrstunde waren wir bereits vorgerückt und hatten in dem genannten Buche die Seiten 1 – 16 durchgegangen. Auf der 17. Seite, auf welcher unter anderem der Gleichnisse Erwähnung geschieht, in welchen Christus lehrte, weilten wir noch und lasen am 14. Dezember vorigen Jahres, dem letzten, verhängnisvollen Tage, welchen Hauser in meinem Hauser teilweise hinbrachte, das XXII. Kapitel des Evangeliums Matthäi vom 1. – 14. Verse, wo das Himmelreich in Beziehung auf die Berufung zu demselben mit einem Könige verglichen wird, der seinem Sohne Hochzeit macht und unter den Gästen einen findet, der das ihm gebotene Festkleid verschmäht hatte und darum als unpassend zu den übrigen Erschienenen für unwürdig erklärt wird, in ihrer Gesellschaft zu sein. Vers für Vers betrachtete ich mit Hauser auf das ernsteste den berührten evangelischen Abschnitt und fand bei ihm, wie immer, wenn er in meinen Lehrstunden war, ungeteilte emsige Aufmerksamkeit. Doch sei es mir gestattet, ausführlicher über alles zu reden, was sich in dieser Zeit, die Hauser bei mir zubrachte, zugetragen hat; denn ich halte es für entscheidend im Urteil über seine Katastrophe. Am 14. Dezember v. Is. also kam Kaspar Hauser, es war an einem Sonnabend, morgens 8 ¼ Uhr zu mir, um wie gewöhnlich an diesem Tage seine Religionsstunde zu nehmen. Als er kam, war ich eben beschäftigt, meinen Tisch, an dem wir dieselbe hielten, abzuräumen. Ich hatte nämlich für meine Kinder einige Bilderbögen gekauft, deren Figuren ich ausgeschnitten und auf starkes Aktendeckelpapier aufgezogen, ferner auf kleine Hölzchen zum Aufstellen aufgeleimt hatte. Zu diesen Figuren nun wollte ich Kästchen von Pappendeckel machen. Hierzu mußte ich aber, weil sie zu den Weihnachtsgeschenken gehörten, welche bis zum Empfange unbekannt bleiben sollten, die Abendstunden wählen, wo die Kinder zu Bette lagen, und die Morgenstunden, wo sie noch schliefen. Daher fand mich denn auch Hauser am 14. Dezember, als er morgens kam, in der oben angegebenen Beschäftigung. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen zeigte ich ihm ein bereits fertiges Kästchen und sagte: »Da sehen Sie, lieber Kaspar, wie sehr ich mich plagen muß; ich pappe hier Schachteln. Es kommt mir aber hart an, da ich, wie Sie schon aus der Form dieses Kästchens hier sehen werden, in Arbeiten der Art gar nicht erfahren bin.« Hauser betrachtete das Kästchen, lächelte, schüttelte den Kopf und meinte: »Ja, ich sehe es! Doch,« setzte er hinzu, »für das erstemal ist es doch nicht übel!« »Ja,« sagte ich zu ihm, »ich bin aber dennoch in einiger Verlegenheit. Meine Frau hat den Wunsch ausgesprochen, ein hübsches Pappendeckelkästchen zur Aufbewahrung ihrer Locken zu besitzen. Ich wäre bereit, ihr ein solches zu kaufen, wenn ich nicht wüßte, daß es, von mir selbst gearbeitet, doppelten Wert für sie hätte. Sie sehen aber selbst, lieber Kaspar, welche Figur aus meinen Händen hervorgehen wird.« Mit seiner angenehmen und bekannten Gefälligkeit antwortete mir Hauser auf der Stelle: »Da lassen Sie sich von mir helfen; ich kann es, denn ich habe es bei Schnerr in Nürnberg gelernt; ich will es Ihnen gleich zeigen!« »Jetzt nicht, lieber Kaspar«, sagte ich, »wir haben jetzt etwas wichtigeres zu tun; wir wollen unsere Religionsstunde halten.« Wie gewöhnlich, ohne die leiseste Widerrede, fügte sich Hauser, sprach sein Anfangsgebet und wir hielten unsere Stunde. Nicht die mindeste Zerstreutheit war hierbei bemerkbar, sehr aufmerksam hörte er mir zu, als ich ihm die oben angefühlte neutestamentalische Stelle erklärte. Um 9 ¼ Uhr schloß ich und Hauser ging, nachdem er sein Schlußgebet gesprochen, von mir weg und ich scherzte ihm nach, weil er von vielen Arbeiten sprach, die er noch auf dem Appellationsgerichte bei Herrn Inspektor Meyer habe: »So wünsche ich, daß Sie einmal Appellationsgerichtsrat werden; aber vorher müssen Sie mich noch in Papparbeiten unterrichten.« Er versprach, heute noch den Anfang damit zu machen, und gleich nach Tische wieder zu kommen. Noch hatte es nicht 1 Uhr geschlagen, als mein Kaspar schon wieder bei mir war. Ich war noch nicht auf meinem Zimmer. Bis ich kam, unterhielt er sich mit meinem ältesten Sohne, dem Gymnasialschüler Geißmann, und ich fand beide, als ich vom Mittagstische kam, in sehr heiterm Gespräche miteinander. Nun sollte es frisch an die Arbeit gehen, aber es waren noch keine Pappendeckel bei der Hand. Ich bot mich an, mit Kaspar fortzugehen und welche zu holen, sagte aber zu ihm, da ich zum Ausgehen noch nicht angezogen sei, könne er mir diesen Gang ersparen und die Pappendeckel bei der Kaufmannswitwe Loschge, welche nur 49 – 50 Schritte von meinem Hause entfernt wohnte, selbst aussuchen. Er war damit einverstanden, ging und kam eher, als ich es vermutete, mit zwei starken Pappendeckeln wieder zurück. Nun setzte er sich an den Tisch, zog sein Taschenmesser heraus und fing an, zuzuschneiden und zwar mit der rechten Hand, Diese Beobachtung Fuhrmanns ist deshalb sehr wichtig, weil das von Daumer einmal bemerkte Arbeiten Hausers mit der linken Hand als Argument gebraucht wurde für Hausers Selbstverwundung im Ansbacher Hofgarten. Wenn Hauser Selbstmord verübt hätte, mußte er sich, nach dem Sektionsbefund, die tödliche Wunde mit der linken Hand beigebracht haben immer dabei mich belehrend. Über dieser Arbeit wurde es nahe an 2 ½ Uhr. Ich sah auf die Uhr und sagte: »Lieber Kaspar, ich werde jetzt einen Augenblick in der Kirche nachsehen, ob sich niemand zur Kommunion bei mir angemeldet hat. Da es aber nicht schön Wetter ist, sondern, wie ich sehe, etwas schneit und regnet, so wird wohl niemand gekommen sein und ich werde daher recht bald wieder zurück sein. Arbeiten Sie unterdessen fort und lassen Sie sich die Zeit nicht zu lange werden.« »Ich gehe auch fort,« sagte er, und als ich ihn fragte, wohin, so antwortete er mit aller Unbefangenheit: »Zu Fräulein L. v. Stichaner, wo es wohl auch eine ähnliche Arbeit, ich glaube an einem Licht- oder Ofenschirm, geben wird. Später habe ich von der nämlichen Dame erfahren, daß Hauser schon am Donnerstag vorher versprochen hatte, am gedachten Sonnabend nachmittags dorthin zu kommen. (F.) Sie können aber (mir einige Handgriffe zeigend) schon allein fortarbeiten. Morgen nach Tische werde ich wieder kommen und weiter arbeiten. Ich lasse meine Sachen bei Ihnen liegen. Wenn Sie auch nicht zu Hause sind, so macht das gar nichts. Lassen Sie mir nur Ihren Zimmerschlüssel zurück; die Frau Pfarrerin soll nicht erfahren, was ich mache.« »Gut«, sagte ich, »aber ich habe Ihnen die Pappendeckel noch nicht bezahlt; was kosten sie denn?« – »Die sind schon bezahlt,« sprach er darauf. Ich erwiderte ihm: »Allerdings, aber nicht von mir, und ich kann doch meiner Frau nicht eine Unwahrheit sagen, wenn ich ihr das Kästchen gebe; es kommt dann ja nur zum Teil von mir; ich will es ihr aber ganz gegeben haben!« Hauser sagte darauf mit seinem Lächeln, in welchem ich immer den Ausdruck der höchsten Liebenswürdigkeit fand: »Aber ich will auch dazu helfen; Sie können ja das der Frau Pfarrerin sagen!« Nach einigem Zögern willigte ich ein und wir schickten uns zum Fortgehen an. In diesem Augenblicke läutet es an meiner Gangtüre. Ich öffne, und eine arme Frau bittet mich um ein Almosen, weil sie gar kein Holz habe. Hauser bemerkt das, und ich sehe ihn, von mir weggekehrt, in seinem Geldbeutelchen suchen. Während ich der Armen eine Kleinigkeit reiche, gibt er ihr gleichfalls etwas und fragt mich leise: »Kennen Sie diese Frau, dann will ich ihr mehr geben!« Als ich ihm sagte, daß sie mir unbekannt sei, ließ er es bewenden. Heiteren Mutes gingen wir nun die Treppe hinab und als wir unten angekommen waren, sagte ich zu ihm: »Sie könnten jetzt durch meinen Garten gehen, dann wären Sie schneller bei Fräulein L. v. Stichaner. Indessen es ist da schmutzig und der Herr hat junge Beine, kann schon einen kleinen Umweg machen und mich noch ein Stückchen Wegs begleiten!« Herzlich lachend willigt Kaspar ein und wir gehen Arm in Arm fröhlich plaudernd bis an das Haus der genannten Witwe Loschge miteinander. Dort trennte uns der Weg. Kaspar ging gerade aus, schüttelte mir zum Abschied die Hand mit wahrhaft kindlicher Freundlichkeit, und ich bog links in die Gasse ein, die zu meiner Kirche führt. Als ich dort kein Geschäft für mich fand, besuchte ich die unter meiner Aufsicht stehende Kleinkinderschule, traf dort mit der Wärterin einige Veranstalten zum heil. Christ für meine Kleinen und ging hierauf nach Hause, wo ich einige nötige Arbeiten besorgte. Während ich damit beschäftigt bin, stürzen zur einen Türe meines Zimmers meine Magd, zur andern meine älteste Tochter herein und rufen beide: »Wissen Sie es schon, der Hauser ist im Hofgarten erstochen worden!« »Im Hofgarten?« frage ich zweifelnd und erschrocken. »Ja, im Hofgarten,« erhalte ich zur Antwort, will es aber immer noch nicht glauben. Endlich (es war nahe an 5 Uhr) lege ich meine Arbeit beiseite, laufe mehr, als ich gehe, in das Haus des Schullehrers Meyer, welchem bekanntlich Hauser übergeben war und finde leider die mir gewordene traurige Nachricht bestätigt. Drei Ärzte waren daselbst, ferner eine Stadtgerichts- und eine Polizeikommission. Meine erste Frage war nach der Gefährlichkeit der Wunde, und die Antwort, die ich erhielt, war, die Wunde sei zwar nicht tief, indessen könne man über ihre Gefährlichkeit noch kein bestimmtes Urteil fällen. Es ist aber hier zu bemerken, daß bis zur Ankunft jener Herren Ärzte die sehr tiefe und absolut tödliche Wunde sich wahrscheinlich von innen geschlossen hatte, weswegen sie mit der Sonde nicht mehr genau untersucht werden konnte. Indessen ging ich in Kaspars Zimmer. Aber wie erschrak ich über ihn. Bleich, entstellt, ein Bild des Schreckens lag er in seinem Bette, das Gesicht gegen die Wand gekehrt. Ich schleiche zu ihm, und als er sich wendet und mich starr ansieht, sage ich zu ihm: »Kaspar, lieber Kaspar, was ist Ihnen geschehen? Ach! wie find ich Sie!« Kaspar, ohne den Blick zu wenden, ruft ängstlich mit äußerst gedämpfter Stimme: »Herr Meyer, Herr Meyer!« »Kaspar, lieber Kaspar,« wiederhole ich, »kennen Sie mich denn nicht? Ich bin ja nicht der Herr Meyer, ich bin Fuhrmann, Ihr Lehrer, Ihr Freund, bei dem Sie ja erst vor ein paar Stunden so froh und zufrieden gewesen sind!« »Herr Meyer, Herr Meyer,« wiederholte, mit dem Stöhnen eines Sterbenden, Kaspar und setzt hinzu: »Die Mutter soll kommen, die Mutter soll kommen, die Mutter!« Diese Worte sprach er mit der größten Hast und, wie seine Gebärden zeigten, ohne ihren Sinn zu wissen. Auf meine Frage, wen er denn unter der Mutter meine, zeigte man mir die Frau des Herrn Polizeikommissar K., Herrn Meyers würdige Schwiegermutter, welche im Zimmer war, und an welche, weil sie seiner in Verbindung mit der Familie Meyer immer so liebreich und teilnehmend gepflegt hatte, Kaspar eine wahrhaft kindliche Anhänglichkeit hatte. Frau K. trat nun an Hausers Bette, beugte sich mit aller Liebe einer Mutter über ihn hin und fragte ihn auf das zärtlichste: »Was wollen Sie denn, lieber Hauser, was fehlt Ihnen denn?« »Die Mutter soll kommen! die Mutter!« und ein sehr ängstliches Stöhnen war die Antwort. Gleich darauf legte er sich wieder auf die Seite und schien zu schlummern, ich aber verließ sein Zimmer und ging in ein anderes, wo ich den seidenen Beutel, auf den Hauser nach den Äußerungen der Anwesenden so viel Gewicht legte, sah, und die auf ein darin gelegenes Duodezblättchen seines Schreibpapier von der Rechten zur Linken mit Bleistift geschriebenen Zeilen las, die wörtlich also lauteten: »Hauser wird es euch ganz genau erzählen können, wie ich aussehe und woher ich bin. Denn Dieses ist der einzige orthographische Fehler in den verruchten Zeilen. (F.) Hauser die Mühe zu ersparen, will ich es euch selber sagen, woher ich komme – – – Ich komme von – – der bayerischen Grenze – – – Am Flusse – – – Ich will euch [noch] sogar meinen [den] Namen sagen: M. L. O[Oe].« Da ich nun noch nichts Genaueres über den Hergang der Sache wußte, so erkundigte ich mich, nachdem ich den Brief gelesen, nach dem Zusammenhang der Umstände und erfuhr folgendes: Hauser stürzte, als eben Herr Meyer im Zimmer bei seiner Gattin stand, welche gerade in einem für jeden Schrecken ungeeigneten Zustande sich befand, mit starr geöffneten Augen atemlos herein, die Arme nach seinem Pfleger ausstreckend, der nicht wußte, ob er die einer Ohnmacht nahe Gattin oder seinen wie einen Wahnsinnigen sich gebärdenden Pflegling zuerst ansehen sollte. Mit Schrecken und dem Ausrufe des Entsetzens bemerkte Herr Meyer alsbald, daß Hauser unterhalb des Herzens blute und einen Stich habe. Auf das angelegentlichste und eindringlichste fragte er ihn, wo ihm denn das geschehen sei. Aber statt aller Antwort deutete Hauser durch Zeichen an, daß er nicht imstande sei, zu sprechen, faßte Herrn Meyer hastig beim Arm und zog ihn mit heftiger Gewalt mit sich fort, die Stiege hinunter, zum Hause hinaus durch die Reitbahn und das Schloß. Da er noch so schnell zu gehen vermochte und sonst nicht kraftlos erschien, so glaubte Herr Meyer nicht, daß es Gefahr mit ihm habe. Unterwegs fragte er ihn oft, wo denn seine Verwundung geschehen sei, konnte aber keine Antwort aus ihm herausbringen, da er nach allen Zeichen nicht sprechen konnte, sondern nur immer weiter zu gehen verlangte. Herr Meyer gibt mit Mühe nach, und als sie an die außerhalb des Schlosses auf dem Schloßplatz gelegene sogenannte offene Reitschule kommen, fragt Herr Meyer, Unsicherheit an Hausers Gang bemerkend: »War's vielleicht im Hofgarten?« und kehrte, als Hauser es durch deutliche Zeichen bejahte, mit ihm um. Auf dem Rückwege fing Hauser an, in abgebrochenen Worten zu sprechen, woraus man abnehmen konnte, daß ihm ein großer Mann im Mantel mit schwarzem Schnurr- und Backenbart beim Uzschen Denkmal einen Beutel gegeben und einen Stich versetzt habe, und daß er den Beutel habe fallen lassen. Bei den letzten Worten wollte er wieder umkehren und den Beutel holen. Herr Meyer gab das aber nicht zu, sondern brachte unter dem Versprechen, der Beutel sollte geholt werden, den Verwundeten nach Hause, wo er auch sogleich zu Bette gebracht wurde. Ärzte, Polizei, Stadtgericht wurden nun von der Sache in Kenntnis gesetzt und nach dem Beutel sogleich fortgeschickt, den man auch am Fuße des Uzschen Denkmals wirklich vorfand. Dieser Beutel, länglich-viereckig, ist ohne besondere Kunst aus lilablauem Seidenzeug zusammengenäht und mit weißem Seidenzeug gefüttert, hat oben einen Zug, durch welchen zwei Schnürchen gezogen sind. Darin nun fand sich das oben angegebene Briefchen oder vielmehr Zettelchen. Mit dem Beutel selbst verhielt es sich etwa so: Während Hauser, der nach seiner Angabe von einem ihm unbekannten Fremden, allen Umständen nach bei schwerem Verbot, etwas davon zu entdecken, an das Uzsche Denkmal vielleicht unter dem Vorwande bestellt war, daß ihm nun sein ganzes Schicksal bekannt gemacht und alle Aufschlüsse, nach denen er sich sehnte, gegeben würden, den fraglichen Beutel, welchen der Fremde fallen ließ, aufheben wollte, erhielt er zwischen die sechste und siebente Rippe auf der linken Seite einen Stich, der, wie die Sektion auswies, äußerst gefährlich, der absolut tödlich war. Ob Hauser nach seiner Verwundung stürzte und einige Zeit bewußtlos auf dem Boden lag, oder ob er sogleich in einer Art von Todesangst nach Hause rannte, konnte ich nicht ermitteln. Genug, er kam zu Hause an, wie wir aus dem bereits Erzählten wissen. In derselben Nacht soll er auch die Besorgnis geäußert haben, er werde wohl sterben müssen, was er sich indessen wieder ausreden ließ. Am folgenden Tage war er bei sich, aber stark mit Gelbsucht befallen und unfähig, ein Gespräch oder einen Gedanken lange fortzuführen. Er bekam häufige Schwächen. Am Montag, am 16. Dezember, war ich mittags zwischen 12 und 1 Uhr bei ihm, fand ihn sehr gelbsüchtig aber heiter, wenn er gleich sehr kurz und schwer atmete und über Schmerzen in der linken Seite klagte. Er sprach mit mir, meinte, es gehe ihm jetzt besser und hörte es gerne, als ich ihm bemerkte, wenn er wieder gesund sei, mich ja zu besuchen und mit seiner Kunst zu unterstützen, ja er gab mir sogar einige belehrende Winke, wie ich unterdessen allein in unserer unterbrochenen Arbeit fortfahren könnte. Da ich indessen doch bemerkte, daß ihm das viele Sprechen wehe tue, entfernte ich mich, ihm ein christlich-ergebenes aufrichtiges Gebet zu dem himmlischen Vater empfehlend, der es gewiß bald wieder gut mit ihm machen werde. Da ich Kasparn so auf dem Wege einer schnell fortschreitenden Besserung wähnte, glaubte ich, er werde nun nur der Erholung wegen noch einige Tage das Bett hüten müssen, und nahm mir vor, am nächsten Tage, am 17. Dezember, ihm einen Abendbesuch zu machen, um ihm ein paar Stunden durch Unterhaltung zu verkürzen und dadurch auch die Nacht ihm weniger lang zu machen. Ich aß zu dem Ende mit meiner Familie, der ich meinen Entschluß bekannt gemacht hatte, nach sieben Uhr zu Abend und stand mit den Worten vom Tische auf: »Nun will ich mich anziehen und sehen, was mein Kaspar macht.« Eben nehme ich den Hut vom Nagel, da pocht es gewaltig an meiner Stubentüre, und atemlos tritt Herrn Meyers Magd herein mit den Worten: »Sie möchten so schleunigst als möglich zu Herrn Hauser kommen; er stirbt!« Man kann sich denken, daß ich nicht zögerte. Ich lief trotz Sturm und Regen und Finsternis, es war gegen acht Uhr des Abends, durch die Straßen und kam auch wirklich eher als die mich rufende Magd in Hausers Wohnung an. Um mich vorher nach dem Zustande des Patienten zu erkundigen, ging ich in Herrn Meyers Wohnung und fand nebst dem Gerichtskommissär drei Ärzte daselbst, welche auf meine Fragen nach Hauser mir antworteten, daß er Mitternacht nicht überleben werde; diesen Nachmittag sei er schon von einem Starrkrampf überfallen worden, jetzt aber sei bereits partielle Kälte und schon Todesschweiß, auch Delirien eingetreten; ich sei jetzt notwendiger als sie und möge eilen, ihm noch eine Labung auf dem letzten Wege zu geben. Ohne weitere Zögerung ging ich denn auch an das Sterbebette, auf dem der arme Kaspar nach so kurzem Leben, ohne daß der Schleier desselben sich auch nur im mindesten lüftete, schon nach zwei Stunden seinen Geist ausgehaucht hatte. IV. Wehmut, Ernst, Entsetzen waren die Gefühle, welche mich beim Anblick des stillen, ergebenen Dulders bewegten; ich hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten und einen kurzen stillen Kampf mit mir selbst zu bestehen, ehe ich mich dem Sterbenden näherte, um ihm die Tröstungen der Religion darzubringen. Er schlummerte gerade, wachte aber in dem Augenblicke auf, als ich mich seinem Bette näherte. »Guten Abend, lieber Kaspar,« sagte ich, seine Hand fassend, die matt und kalt in der meinigen lag, »wie geht es Ihnen denn? Sie sind wohl recht krank? Ihr Lehrer und Freund steht vor Ihnen, dem Ihre Leiden recht nahe gehen; wie ist denn Ihr Befinden? wie fühlen Sie sich denn?« »Wohl!« erwiderte er mir, »ich habe keine Schmerzen, aber meine Glieder werden mir so schwer, ich bin sehr müde!« Nach diesen Worten schloß er die Augen etwas, öffnete sie aber bald wieder. Da fragte ich ihn: »Wollen Sie nicht beten, lieber Kaspar?« »Ich kann nicht beten!« antwortete er, und als ich ihn nach der Ursache fragte, so sagte er: »Ich bin so matt – kann nicht sprechen – die Gedanken vergehen mir gleich!« – – »Nun,« sprach ich zu ihm, »so will ich mit Ihnen beten oder vielmehr, ich will ein Gebet laut sprechen, was auf Ihre Lage paßt, und Sie können das dann im stillen mitsprechen.« Da ihm das recht war, so faltete ich die Hände. Alle Umstehenden taten es mit. Hauser aber erhob, so schwer es ihm ankam, die seinigen. Tiefe Stille herrschte unter allen Umstehenden und ich sprach im Namen Hausers etwa folgendes: »Gott, Vater in Jesu Christo, den ich auch als meinen Vater kennen gelernt habe, zu dir, der du in der Schule der Prüfung mich frühe schon geübt, aber immer treu und väterlich beschützt hast, zu dir wende ich mich nun in diesen ernsten Augenblicken. Dich bitte ich, verlaß mich mit deinem Troste nicht, und wie du deinen Engel einst meinem Heilande in seiner bangsten Stunde gesendet hast, so sende ihn jetzt mir. Dunkel wird es um mich, immer dunkler, ach laß das Licht deiner Gnade leuchten. Vergib dem sündigen Menschen, der jetzt so dringend zu dir flehet. Gib mir Kraft, damit ich christlich trage, was du mir auferlegt hast. Nimm dich meiner Seele an und erfülle das Wort an mir: Nahet euch zu mir, so seid ihr selig aller Welt Ende! Jesus Christus, der du so liebevoll rufest: Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken, erquicke auch mich, denn ich komme zu dir! Amen.« – »Amen!« wiederholte Hauser und legte sich auf meine Frage, ob er etwa müde oder erschöpft sei, mit einem stillen »Ja« auf die rechte Seite, und schlummerte etwas ein. Bald erwachte er mit dem Begehren nach Wasser, welches ihm auch sogleich gereicht wurde. Nun nahte ich mich ihm wieder und sagte: »Lieber Hauser, wie ist denn der Zustand Ihres Gemüts; sind Sie denn auch innerlich recht ruhig, drückt Sie kein Anliegen, wofür Sie Erleichterung wünschen?« – »Warum,« sagte er, »soll ich denn unruhig sein, ich habe ja alle Leute, die ich kenne, um Verzeihung gebeten. Der liebe Gott wird mich gewiß nicht verlassen.« – »Nein,« antwortete ich darauf, »das wird der liebe Gott nicht, er wird sich freuen über Ihren christlichen demutsvollen Sinn, dessen Äußerungen ich, als Ihr Religionslehrer, mit großem Vergnügen vernehme. Aber ich muß Sie doch auch darauf aufmerksam machen, daß Christus, unser Herr, auch fordert, daß wir unsern Mitmenschen vergeben, und ich frage Sie deswegen in diesem ernsten Augenblicke, ob Sie auf niemanden in dieser Welt zürnen, ob Sie keinen Groll auf jemand im Herzen haben?« – »Warum sollte ich,« sprach er hier, »Groll oder Zorn haben, da mir niemand etwas getan hat!« – Das ist nun eine Äußerung Hausers, aus welcher der Zweifel an seiner Redlichkeit Gift über Gift saugt. Mir aber, der ich sie in Zusammenhang mit Hausers ganzem inneren Leben, wie ich es kennen gelernt habe, bringe, mir, der ich die Stunde, in der er es sagte, genauer ins Auge fasse, fällt es nicht ein, in dieser Äußerung etwas Verdächtiges zu finden, und es sind nach meiner Meinung und Beobachtung nur drei Gesichtspunkte möglich, aus denen sie betrachtet werden kann. Den ersten gibt Hausers außerordentliche Gutmütigkeit an die Hand, die vielleicht von dem Mörder gar nicht sprechen und lieber die Aufmerksamkeit von ihm wegwenden wollte. Den andern Grund finde ich darin, daß Hauser diese seine Worte in Zusammenhang mit den kurz zuvor von ihm gesprochenen brachte und sie auf seine Bekannten bezog. Der dritte Grund liegt in dem Augenblick des Sterbens. Hauser hatte da keine Erdensorge mehr, sein Gemüt war mit dem Himmlischen allzu sehr beschäftigt, das Irdische war vergessen wie seine Wunde, von der er keinen Schmerz mehr empfand. Seine Seele hatte sich bereits über das Zeitliche erhoben. Dies ist mir das allerwahrscheinlichste. Da ich etwas unpäßlich war, so wirkte die Luft des kleinen, ziemlich mit Leuten angefüllten Zimmers auf einmal sehr widerlich auf mich, und ich glaubte mich umso eher einige Augenblicke entfernen zu können, weil Hauser eingeschlummert war. Als ich wieder zurück kam, schlummerte er noch, wachte aber alsbald auf, indem er ungefähr folgende Worte sprach: »Ach, diesen Kampf kann der Mensch nicht allein bestehen, er ist sehr schwer!« Ich entgegnete ihm: »Getrost, mein lieber Freund, und nach oben gesehen, dort wohnt ja der gute himmlische Vater, zu dem wir vorhin miteinander gebetet haben; der hilft sicherlich, denn er sagt nicht umsonst ›Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott.‹ Halten Sie nur fest an seinen Wegen und vertrauen Sie sich ihm recht herzlich an.« Nach einiger Pause sagte Hauser, nachdem er wiederholt von einer weiten Reise, die er zu machen habe, gesprochen hatte: »Ja, das ist der rechte Weg, den ich nicht verlassen will.« Hierauf trat Herr Meyer an sein Bette, faßte seine Hand und fragte im freundlichsten Tone: »Lieber Häuser, haben Sie nichts mehr zu sagen?« und Hausers Antwort waren die herzlichsten Danksagungen an ihn und seine Gattin. Bald sagte er, von einigen Delirien unterbrochen: »Ach, das sind dunkle Wege, die Wege Gottes!« – »Aber,« erwiderte ich, »Sie halten sie doch für Wege der Liebe und Gnade?« Ein festes »Ja« war seine Antwort. Da er öfters die Hände faltete, so sagte ich ihm häufige Trostsprüche, die ich aber durchaus nicht mehr alle wörtlich aufführen kann. Unter anderen sagte ich das Gebet Jesu: »Vater, nicht mein Wille geschehe, sondern der deinige.« Als Hauser dieses wiederholte, so fragte ich ihn: »Wer hat dieses gesprochen?« – »Der liebe Gott, Jesus Christus vor seinem Sterben!« – »Nun wohl,« sagte ich darauf, »sei es auch Ihr Gebet jetzt, mein Lieber!« Da war es nahe an 10 Uhr geworden und Hauser, dem man fortwährend den Todesschweiß abtrocknen mußte, wurde immer schwächer, so schwach, daß er nichts Zusammenhängendes mehr reden und verstehen konnte. Glied für Glied starb langsam an ihm ab. Gerade als es 10 Uhr schlug, tat er den letzten Atemzug. Keine abschreckenden Gesichtsverzerrungen, keine Verdrehung der Augen und Glieder, wie man sie öfters an Sterbenden sieht, waren an ihm wahrzunehmen, nur einen äußerst schmerzhaften Zug an seinem Munde glaubte ich zu bemerken. So sah ich ihn auch am folgenden Tage, die noch heftiger ausgebrochene Gelbsucht abgerechnet, ganz unentstellt. Am 19. Dezember wurde die Sektion Vgl. den Sektionsbefund im folgenden Stück vorgenommen, welche freilich eine entsetzliche Wunde sehen ließ. Sie ging von oben nach unten in schiefer Richtung und muß mit großer Gewalt beigebracht worden sein, denn sie war tief in den Körper eingedrungen, hatte den Herzbeutel durchstochen, das Herz unten an der Spitze geritzt, war durch die ungewöhnlich große Leber gedrungen und hatte auch den Magen durchschnitten. Es ist zu verwundern, wie Hauser mit dieser schrecklichen Verwundung noch einen Weg von einigen tausend Schritten machen konnte und daß er nicht mehr Schmerzen und Beängstigungen hatte, da die Wunde nach innen entsetzlich blutete und aus dem zerschnittenen Magen die Speisen in den hohlen Leib gedrungen waren. Daraus mag sich denn aber auch der Umstand erklären, daß er so häufig, besonders wenn er mit Sprechen oder Nachdenken angestrengt wurde, plötzlich erklären mußte, er könne nun nicht mehr, man möge ihn in Ruhe lassen. Man willfahrte ihm natürlich immer, aber es wäre zu wünschen, er möchte stärker gewesen sein, damit sein so schreckliches Geheimnis entschleiert und der Gerechtigkeit der Weg zur Erreichung des Mörders geöffnet werden möge, über welchen alle teilnahmsvollen Gemüter auf das äußerste erbittert sind. Die Sektion bot aber auch einem unserer hiesigen Ärzte, der dabei anwesend war, Stoff zu Untersuchungen über Hausers innere Körperorganisation, sowie zu Nachforschungen nach Spuren über Hausers früheren Zustand dar und bestätigte dessen Angaben durch die größte Wahrscheinlichkeit. In das Journal für Chirurgie und Augenheilkunde von Gräffe und Walter, welches bei Reimer in Berlin erscheint, wird demnächst hierüber im 1. Heft des 21. Bandes ein Aufsatz von jenem Arzte unter dem Titel »Kaspar Hausers Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung« eingerückt werden, der sich über die Sache weiter verbreitet, als es in diesen Bogen geschehen kann, und der, da er noch besonders abgedruckt wird, auch dem nichtärztlichen Publikum zugänglich ist und allgemeine Beachtung verdient. Im folgenden abgedruckt Wenn ich oben sagte, daß Hausers geistige Anlagen nur dann richtig gewürdigt werden können, wenn man sie aus dem doppelten Standpunkt seiner frühen Einkerkerung und der dadurch gestörten regelmäßigen Körperentwicklung beurteile, so muß die letztere hergestellt und die erstere durch dieselbe bewiesen werden. Das tut nun jener oben erwähnte Arzt mit größter Evidenz und seine Beobachtungen in dieser Beziehung sind in der Kürze folgende: Hausers Lunge ist klein und beweist, daß sie mit keinem großen Maße äußerer Luft zu kämpfen hatte, sondern daß ihre Funktion nur auf sehr beschränkte Weise in Anspruch genommen worden sein muß. Die Leber war ungewöhnlich breit und groß, wie man sie auch bei Tieren findet, denen man die Gelegenheit zur freien Bewegung benommen hat, und spricht für die lange enge Einkerkerung Hausers. Die Galle war zähe und schwärzlich, eine Folge des früheren langen Genusses von Kohlenstoff haltenden Vegetabilien, z. B. trockenen Brotes. Die Kleinheit und Roheit des Gehirns im allgemeinen, die relativ geringe Masse des großen und bedeutende Größe des kleinen Gehirns deuten nächst den gröberen und größeren Windungen an der Oberfläche der Kopfhöhle auf sehr mangelhafte Entwicklung des Hirns. Die geistige Entwicklung Hausers war aber nicht sowohl durch mangelhafte Bildung des Hirnorgans gehemmt, sondern das Organ blieb in seiner Entwicklung durch Mangel aller früheren geistigen Tätigkeit und Erregung zurück und erlangte seine Reife und materielle Entwicklung nicht, welche bis zum siebten Lebensjahre als demjenigen, wo sie nach dem Naturgesetz gefordert werden kann, erfolgt ist. In diesem unvollkommenen Zustande wurde es bei der Leichenöffnung vorgefunden, was als genügender Beweis gelten kann, daß Hauser geraume Zeit sich in einem Zustande befand, welcher die Gehirnentwicklung hemmte und aufhielt, so daß er auf einer niederen Bildungsstufe zurückbleiben mußte. Aus diesem Umstande erklärt sich auch die Erscheinung, daß Hauser im Anfang sehr rasche, dann aber unverhältnismäßig langsamere Fortschritte machte, eine Tatsache, die ihn demnach bei manchen, welche mehr in ihm erwarteten als sich zeigte, ohne allen Grund in einem üblen Lichte erscheinen ließ. Daraus möge ferner entnommen werden, ob ihm so viel geistige Kraft zugetraut werden konnte, daß er, einem mit innern Widersprüchen angefüllten Aufsatze in den Blättern für literarische Unterhaltung zufolge Gemeint ist der Aufsatz des Ritters von Lang in den »Blättern für literarische Unterhaltung«, Leipzig 1834, 14 S. 13 f. sich selbst gemordet und fünf Jahre lang die tüchtigsten Männer am Irrseile herumgeführt haben soll. Am 29. Dezember war der Begräbnistag des in jeder Beziehung Unglücklichen; es war ein Tag allgemeiner Teilnahme. Einfach, aber würdig und anständig war die Leichenfeier angeordnet. Tausende von Menschen, kann man ohne Übertreibung sagen, waren auf dem Kirchhofe anwesend und drängten sich an das Grab. Langsam fuhr unter feierlichem Glockengeläute der Trauerwagen mit der irdischen Hülle des Verstorbenen daher, um sie zu ihrer Ruhestätte zu bringen. Aus der Ferne und Nähe wurden Blumen als letzter Beweis christlicher Liebe und Zärtlichkeit gespendet, welche zum Teil den Leichnam im Sarge zierten, zum Teil von freundlicher Hand in das Grab gestreut wurden. Wer aber die Tränen zählen wollte, welche gefühlvollen Herzen bei den Einsegnungsworten, die über die eingesenkte Leiche gesprochen wurden, entquollen, der würde das Unmögliche unternehmen. Ebenso entschieden sprach sich die Teilnahme bei der am Altar der Gottesackerkirche gehaltenen Trauerrede aus. Hauser ist zwar begraben, aber sein selbst noch Ungewisser Name lebt noch in der Welt und die Erinnerung an die traurige Katastrophe, welche den armen Jüngling unserer Mitte entriß, ja das Andenken an dieselbe spricht sich mit solcher Lebendigkeit aus, daß fast kein Zeitungsblatt erscheint, welches nicht eine Nachricht über ihn und sein trauriges Ende enthielte. Zu bedauern ist nur, daß viele sprechen, ohne Hauser im Leben gekannt zu haben, daß manche unter ihnen mit heftiger Leidenschaft unbegründete Urteile gegen den Bedauernswerten aussprechen, manche wiederum auf Kosten der Wahrheit die ganze Begebenheit in ein allzuromantisches Gewand kleiden, wodurch sie das unbefangene Urteil irreführen und dem guten Hauser, indem sie für ihn entschiedene Partei nehmen, weniger nützlich sind als sie wollen. Noch ist keine Spur des Verbrechens, von welchem sich der Genius der Menschheit mit Entsetzen abwendet, mit Bestimmtheit entdeckt. Vielleicht wird das Menschengefühl und die Rechtsliebe noch lange darauf warten müssen. Über es ist kein Faden so klar gesponnen, er kommt doch endlich an die Sonne, sagt ein altes Sprichwort. Es lebt ein Gott, sagt der Christ, der väterlich alles leitet, dessen Pläne wir anfangs gar oft nicht verstehen, aber später oft in diesem Erdenleben noch mit reumütigem Danke preisen müssen, im Jenseits desto herrlicher erkennen werden, und der zur rechten Zeit alles Verborgene enthüllt. Vielleicht wird auch uns noch Licht über die bis jetzt in das schwärzeste Dunkel gehüllte Begebenheit. Dann, Menschheit, preise den Herrn! Gedenkstein für Hauser im Hofgarten zu Ansbach Dr. Heidenreich: Kaspar Hausers Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung Ein rätselhaftes Wesen hat den Schauplatz des Lebens verlassen. Dunkel ruht auf seinem Eintritt in die Welt, Dunkel umhüllt sein Scheiden. Nur der Himmel kennt des Schicksals Wege! Ob Fürstensohn oder Betteljunge, ob schuldloser Gegenstand der grausamsten Mißhandlung oder verächtlicher Betrüger, ob schmählicher Selbstmörder oder der ruchlosesten Bosheit blutiges Opfer, keines Menschen Zunge hat es ausgesprochen, keines Geistes Tiefe hat es ergründet, ein dichter Schleier birgt dieses Menschen Verhängnis. Merkwürdig ist dieser Mensch geworden, und wenn auch unbedeutend in seiner Persönlichkeit, so läßt doch das Seltsame seines Erscheinens und Verschwindens im Leben furchtbare Verbrechen an Leib und Seele ahnen und reißt unwillkürlich zur Teilnahme an einem Individuum hin, welches den schauderhaftesten Ereignissen zum Spiele geworden ist. Ferne aber von allen Vermutungen, über die man in Mund und Schrift der Worte genug gemacht, ferne von der Meinung des Publikums, das wie der Wechselwind bald dieser bald jener Richtung folgt, unbekümmert um die Ansichten ausgezeichneter Männer, die für diese oder jene Meinung stritten, und unbekannt endlich mit den Resultaten der ausgedehntesten Kriminaluntersuchungen, weise ich alles Ungewisse und Zweifelhafte von der Hand, nur an das mich haltend, was als Tatsache zu verbürgen ist. Sonnabends, den 14. Dezember 1833, nachmittags gegen 4 Uhr wurde ich von dem auf der Straße an mir vorübereilenden Lehrer Meyer gebeten, den Kaspar Hauser zu besuchen, der soeben im hiesigen Hofgarten in die Brust verwundet worden sei. Ich begab mich unverzüglich in dessen Wohnung und fand daselbst in seinem Zimmer den Kaspar Hauser auf einem Sopha ausgestreckt, in halb liegender, halb sitzender Stellung, die Füße gegen den Boden herabhängend, mit dem Leibe auf der rechten Seite liegend. Er war noch nicht ausgekleidet, hatte noch seinen Rock an, unter diesem die Weste, ein flanellenes Kittelchen und ein feines Hemd. Die Kleider und das Hemd waren vorn auseinandergezogen, die Brust entblößt, mit Blut befleckt. Das Hemd war ebenfalls blutig, von nicht sehr vielem, aber hellrotem Blute gerötet. Das Gesicht war blaß, entstellt, etwas verzerrt, kühl, die Hände kalt, der Puls klein, schwach, selten, unterdrückt, der Herzschlag selten und sehr schwach. Sprache war nur mit Mühe möglich, er brachte nur einzelne Worte hervor, »es tue ihm weh«, »er könne nicht schnaufen« usw. Tiefes Einatmen war vollkommen unmöglich, Husten und Blutauswurf waren nicht vorhanden. Ich schloß aus den soeben geschilderten Erscheinungen auf eine ernstliche Verletzung und unternahm zuerst die äußere Besichtigung der Wunde. Die verletzte Stelle befand sich dritthalb Zoll Heidenreich mißt (a.a.O.) dritthalb (= 2  ½ ) Zoll unter der linken Brustwarze, drei Zoll von der Medianlinie des Körpers. Der Gerichtsarzt (S. 159): Zwei Zoll unter der Brustwarze und vier Zoll von der Mitte des Brustbeins entfernt. Beide Ärzte hätten den Anfangs- und Endpunkt ihrer Messungen genauer angeben müssen. – 1 Bayr. Fuß (Schuh) = 10 Zoll'' = 100 Linien''' = 0,2919 m. – Mit der »äußeren Besichtigung der Wunde« meint Heidenreich die Besichtigung der außen sichtbaren Hautwunde. unter der linken Brustwarze, drei Zoll von der Medianlinie des Körpers, nach meiner Vermutung zwischen der sechsten und siebenten Rippe: denn genau konnten die Rippen wegen Fettigkeit des Körpers nicht gezählt werden. Die Wunde selbst an der bezeichneten Stelle war scharf geschnitten, mit zwei vollkommen scharfen Enden, sie war schräg von oben und hinten nach unten und vorn verlaufend von einem Winkel zum andern drei Viertel Zoll lang, die Ränder kaum eine Linie klaffend, so daß sie nur von einem bis weit nach oben Bis zum Heft scharf zweischneidigen Instrumente veranlaßt worden sein konnte. Rock, Weste, Hemd waren ebenso scharf durchschnitten und bestätigten die Vermutung über die Gestalt des verletzenden Instruments, sowie sie die große Gewalt, mit welcher der Stich geführt sein mußte, beurkundeten. Es zeigte sich in der Umgebung der verletzten Stelle kein Emphysem, auch drang aus der Wunde weder Blut noch Luft. Ich entkleidete nun den Verletzten und unternahm eine innere Untersuchung der Wunde; dazu brachte ich den Kranken zuerst in eine sitzende und dann halb stehende Situation mit nach vorne gebeugtem Körper und Kopfe, welchen letzteren ich an meiner Brust zu stützen suchte. In dieser Stellung brachte ich den kleinen Finger der rechten Hand in die Wunde, der allerdings unter der Zellhaut nicht sogleich die wahre Richtung des Wundkanals entdecken konnte, auch stieß ich auf eine Rippe, die meinen Forschungen ein Ziel zu setzen schien. Da ich aber wohl sah, daß die oben angegebenen Zufälle von einer nur die äußeren Bedeckungen treffenden oder auch bis auf die Rippe durchdringenden Verletzung nicht veranlaßt werden konnten, auch die Gestalt und das äußere Ansehen der, wie es hieß, gestochenen Wunde mit der bis jetzt gefühlten Seichtigkeit derselben unverträglich war, so suchte ich weiter, und bald fand ich unmittelbar von der Rippe selbst ausgehend in der Richtung von oben nach unten und vorn nach hinten den Wundkanal. Mit geringer Mühe gelangte der kleine Finger durch die Muskelwunde, stieß an der einen Seite auf ein paar Fleischfasern und fühlte es ganz deutlich, als er auch durch eine mit den Muskeln nicht zusammenhängende Membran, deren Öffnung etwas enger schien als die der Fleischwunde, in den freien Raum der Brusthöhle drang. Der Finger konnte sich nun frei in der Brusthöhle bewegen und nachdem er etwas leeren Raum in derselben durchdrungen hatte, stieß er in einer Tiefe von fünf Viertel oder anderthalb Zoll von der äußeren Wunde an gerechnet auf einen in der Brusthöhle befindlichen glatten, schlüpfrigen, aber nicht ganz ebenen Körper, der beinahe etwas wie eine Furche mit zwei seitlichen Erhabenheiten fühlen ließ. Ich hielt anfangs diesen Körper für das gleichfalls durch die Verletzung getroffene Herz und glaubte in den gefühlten Unebenheiten in der Furche eine Wunde der Substanz desselben und in den seitlichen Erhabenheiten deren Ränder zu erkennen. Da ich aber vor der inneren Untersuchung mich vom Vorhandensein des Herz- und Pulsschlages überzeugt hatte und nun in der verhältnismäßigen Zeit gar keine Bewegung, gar keine Zuckung des berührten Körpers fühlte, so glaubte ich die linke Lunge berührt zu haben. Da der Verletzte sehr über Schmerzen klagte, so konnte und wollte ich die Untersuchung nicht länger fortsetzen, zumal da mein therapeutischer Zweck, zu ermitteln, ob die Wunde penetrierend und eine innere Blutung zu besorgen sei, bereits erreicht war. Blutdurchgang oder Blutung aus der Wunde war bei der Untersuchung nicht erfolgt, auch hätte die Schiefheit der Wunde nach unten dem Blute kaum den Austritt gestattet. Ich brachte nun den entkleideten Kranken zu Bette; Puls und Gesicht waren wie oben angegeben, der Herzschlag selten, langsam, schwach, dem Ohre fast plätschernd vernehmbar, als ob das Herz in einer Flüssigkeit sich bewege. Ich machte kalte Überschläge über die Wunde, wollte kühles Getränk reichen, was aber der Kranke anzunehmen sich weigerte, und war soeben im Begriff, einen Aderlaß vorzunehmen, als der Stadtgerichtsarzt, der alsbald gerufen war, eintrat. Kurze Zeit hierauf kam auch der hiesige Landgerichtsarzt, welchen man als früheren und bisherigen Arzt des Verletzten von dem Vorfall benachrichtigt hatte. Desgleichen traf auch bald eine Kommission des hiesigen Stadtgerichtes ein, der die Sache auf meine Erklärung, daß die Wunde sehr gefährlich sei, unverzüglich war angezeigt worden. Seinem früheren Arzte klagte der Verwundete über Schmerzen am Hals und der linken Schulter, Erscheinungen, die man bereits als konsekutive Nervenzufälle, höchst wahrscheinlich als Folgen der Verletzung des Zwerchfells oder Zwerchfellsnerven betrachten mußte. Der Stadtgerichtsarzt übernahm nun die Behandlung des Kranken von Amts wegen, ich trat also zurück und hatte auf das ärztliche Verfahren durchaus keinen Einfluß mehr. Dieser Arzt Auf dem Totenbett wurde Hauser von Amts wegen von dem K. Medizinalrat und Stadtgerichtsarzt Dr. Horlacher behandelt, der eine »Relation über die Krankheit und ärztliche Behandlung des K. H.« zu den Akten gab (Justizministerialakten Nr. 2117 Fol. 728–31). Auszüge hieraus sind die von Heidenreich mit Anführungszeichen gegebenen Stellen. erklärte sich sogleich über den Zustand der Wunde folgendermaßen: »Bei sogleich vorgenommener Untersuchung fand man an der linken Seite der Brust zwei Zoll unter der Brustwarze und vier Zoll von der Mitte des Brustbeins entfernt eine von hinten nach vorne schief abwärts laufende, drei Viertel Zoll lange Wunde. Beim Auseinanderziehen der Wundlefzen zeigte sich etwas Fett. Mittels einer Sonde konnte man nur durch die fleischigen Bedeckungen, aber nicht in die Brusthöhle gelangen. Übrige Erscheinungen und Befinden: Blasses, eingefallenes Aussehen, verminderte Hautwärme, langsamer, schwacher Puls, kurzer, beengter Atem; mittelst Auskultation war bei der Pulsation des Herzens ein abnormes Geräusch wahrzunehmen.« Um 7 Uhr abends hatte sich am Befinden des Kranken nichts verändert. Es wurde ohne besondere Beschwerde das Hemd gewechselt. Abends halb neun Uhr besuchte ich den Kranken wieder. Das Befinden war im ganzen dasselbe, doch eher etwas gebessert als verschlimmert. Der Herzschlag war derselbe geblieben, der Puls hatte sich etwas gehoben, war etwas frequenter und voller. Die Temperatur der Haut hatte sich etwas erhöht, der Schweiß war warm. Es hatte sich aber auch etwas Delirium eingestellt. Nachdem ich mich nunmehr überzeugt hatte, daß der Gerichtsarzt die Behandlung des Kranken wirklich übernommen und das ihm nötig scheinende Verfahren bereits eingeleitet habe, konnte ich ohne zudringlich zu sein den mir allerdings höchst interessanten Patienten nicht ferner beobachten und habe daher vom Sonnabend Abend bis zum Dienstag Abend, also dreimal vierundzwanzig Stunden, den Kranken nicht gesehen. Die Beobachtungen des behandelnden Gerichtsarztes waren aber folgende: »Sonntag, den 15. Dezember, morgens 8 Uhr. Während der Nacht war etwas Schlaf eingetreten. Aussehen, Atem, Puls wie gestern. Übelkeit, Neigung zum Erbrechen, welches auch einmal erfolgt ist. Schmerzhaftes Drücken in der Magengegend gegen die Brust aufwärts. Schmerzen an beiden Seiten des Halses, besonders beim Schlingen. Durst bei feuchter Zunge. Mittags 12 Uhr. Sehr eingefallenes blasses Gesicht, große Schwäche, kaum fühlbarer Puls, mehr Schmerz und große Beengung. Nachmittags 3 Uhr. Etwas lebhafteres Aussehen, kräftigerer Puls, schmerzhaftes Atmen, angeblich blutige Sputa, Durst, Ekel vor Nahrung. Abends 7 Uhr. Minderung der Brustbeschwerden und des Durstes; ruhigerer Zustand. Montag, den 16. Dezember, morgens 8 Uhr. Es war eine unruhige Nacht. Gelbe Hautfarbe, ikterischer Urin, Schmerzen in der Magen- und Lebergegend, das Gesicht noch mehr eingefallen, sehr schwacher, schneller Puls, kurzer Atem, feuchte blasse Zunge, Durst. Die Wunde ist mit einem Blutschorf bedeckt. Mittags hatte der Kranke etwas Schleim genossen, alle übrigen Umstände waren wie morgens. Abends 5 Uhr. Patient fühlt sich etwas besser. Allgemeiner gelinder Schweiß, weniger Durst, aus der Wunde schwitzt etwas Blut und dünnes Eiter. Dienstag, den 17. Dezember, morgens. Es waren um 3 Uhr und 7 Uhr breiartige braune Stuhlausleerungen erfolgt, worauf sich etwas Schlaf, der die ganze Nacht gefehlt hatte, einfand. Übrigens sehr gelbe Hautfarbe, sehr kleiner schneller Puls, Magen- und Lebergegend sehr schmerzhaft, großer Durst, feuchte Haut. Mittags 12 Uhr. Patient wurde seit zwei Stunden verhört, sprach ziemlich leicht, der Puls etwas lebhafter. Nachmittags 2 Uhr. Patient ist sehr matt, atmet sehr kurz. Puls kaum fühlbar. Abends halb 7 Uhr. Kaltes eingefallenes Gesicht, kalte Extremitäten mit kaltem Schweiße bedeckt, sehr kurzer Atem, an den Händen kein Puls. Alle Zeichen des herannahenden Todes.« An diesem Abende gegen 7 Uhr wurde ich wieder eiligst gerufen, nachdem der behandelnde Arzt nicht sehr lange erst den Kranken verlassen hatte. Der Patient hatte wegen einer Ausleerung aus dem Bette verlangt, war da noch kälter geworden, es hatte sich ein Stickanfall eingestellt, der das Leben zu enden drohte, weshalb ich als der zunächst wohnende Arzt schleunigst zur möglichsten Hilfe herbeigeholt wurde. Ich fand den Kranken mit entstelltem Gesicht ohne Bewußtsein auf dem Deckbette liegend, die Augen nach oben verdrehend, Gesicht kalt. Hände kalt, kalter Schweiß ihn überziehend, das Atmen sehr kurz und beengt, der Herzschlag schwach, der Puls kaum mehr zu fühlen, unter dem Finger verschwindend. Er erkannte die Umstehenden nur in einzelnen Momenten, mich erkannte er nicht, begriff es auch nicht, als ich ihm sagte, warum ich da sei. Er äußerte einzelne Worte: »daß er nicht zu Hause sei, daß man ihn heim bringen solle, sagte, daß er sterben müsse, fragte, wo er sich befinde usw.« Beruhigendes Zusprechen, Auftröpfeln und Bestreichen mit Salmiakgeist, die Anwendung eines Senfteiges, Bedeckung und äußere Erwärmung und alle in solchen Fällen erforderlichen Mittel wurden in Anwendung gebracht, konnten aber natürlich dem Sterbenden nichts nützen. Er kam später noch etwas mehr zu Bewußtsein, betete, gab Antworten auf einige über sein Befinden gestellte Fragen, und so erfolgte abends 10 Uhr, 78 Stunden nach der Verletzung, ein sanfter und stiller Tod. Dem Leser meiner Abhandlung wird sich die ganz natürliche und verzeihliche Neubegierde aufdrängen, wie sich denn diese Verwundung zugetragen habe? Um dieser einigermaßen zu entsprechen und weil es gewissermaßen auch zur Sache gehört, möge eine kurze Schilderung des Vorfalles gestattet werden. Voraussetzen muß ich aber, daß der Leser mit Kaspar Hausers Namen und Schicksal, seinem ersten Erscheinen in Nürnberg am 26. Mai 1828 und den darauf gefolgten Vorfällen nicht ganz unbekannt und aus des Staatsrats v. Feuerbach oder einer andern Schrift wenigstens von dem allgemeinsten, was Hauser betrifft, unterrichtet sei. Auch muß ich noch anführen, daß, während ich dieses schreibe, Resultate von den Untersuchungen der Justiz- und Polizeibehörden nicht bekannt geworden sind, daher ein allenfallsiger Irrtum im Nichtärztlichen meiner Darstellung Entschuldigung finden möge. Nachdem Hauser in der Großmut des Lord Stanhope Über die Beziehungen Stanhopes zu H. und seinen Gesinnungswechsel ist an anderer Stelle noch mehreres zu sagen. reichliche Unterstützung gefunden hatte, wurde er einem hiesigen Lehrer, Herrn Meyer, in Kost, Pflege und Unterricht gegeben und beschäftigte sich in letzter Zeit nebenbei mit Schreiben in der Kanzlei des hiesigen Appellationsgerichtes. Sonnabends, den 14. Dezember, einem trüben, nebeligen Tage, nachmittags gegen 4 Uhr, sah die Magd des Hauses, in welchem Lehrer Meyer wohnte, den Kaspar Hauser mit vorgespreizten Händen, etwas nach vorwärts gebeugt, nach Hause eilen, so daß sie ausrief: »O seht doch, der Hauser ist in den Kot gefallen!« Der Sohn des Hausbesitzers aber, der Hausern unsicher und etwas wankend gehen sah, meinte dagegen: »Nicht doch, der Hauser ist betrunken!« Häuser eilte aber die Treppe hinauf, klingelte heftig, gab der betroffenen Hausfrau, die die Türe öffnete, auf ihre ängstliche Frage keine Antwort, stürzte in das Zimmer, stieß in einem Zustand von Schrecken und Verwirrung einige Worte von einem Mordversuche gegen ihn aus, faßte den Lehrer Meyer bei der Hand, zog ihn aus dem Zimmer die Treppe hinab, zum Hause hinaus, gegen den Hofgarten zu und erst unterwegs konnte Meyer aus ihm herausbringen, daß im Hofgarten in der Nähe des Uzschen Denkmals ein Mann mit schwarzem Schnurrbart und blauem Mantel ihm einen Beutel habe geben wollen und mit einem langen Messer ihn in die Brust gestochen habe. Der Mann sei in entgegengesetzter Richtung davongelaufen. Unterdes waren Meyer und Hauser bis in die Nähe des Hofgartens gekommen und es beredete Meyer nun den Verwundeten, umzukehren, unter der Voraussetzung, daß der Mann mit schwarzem Schnurrbart und blauem Mantel wohl nicht mehr im Garten werde zu finden sein, sowie er überhaupt bei der geringen Verblutung auf die Meinung geriet, daß sich Hauser bloß verstelle. Erst auf dem Rückwege sank Hauser fast zusammen, raffte nur mit Anstrengung sich auf und wurde nur mit Mühe und Meyers Unterstützung in das Haus und auf sein Zimmer gebracht. Es wurde nach Ärzten geschickt, der Stadtgerichtsarzt gerufen und der Landgerichtsarzt als des Kranken früherer Arzt von dem Vorfalle in Kenntnis gesetzt, ehe aber diese noch ankamen, wollte Meyer die Sache der Polizeibehörde anzeigen und auf dem Wege dahin begegnete er mir und bat mich als den ersten Arzt, den er sah, dem Verwundeten die möglichste Hilfe zu leisten. Auffallend ist es, wie der Verwundete bei der Größe seiner Verletzung, die erst aus der Leichenöffnung sich ergab, den weiten Weg, den er wirklich machte, zurücklegen konnte, ohne früher Zufälle zu erleiden, als es wirklich geschah. Vom Uzschen Denkmale bis zum Tore des Hofgartens sind ungefähr 300 Schritte, vom Gartentore bis zu Meyers Wohnung wohl über 900, und hat nun der Verwundete den letztern Weg dreimal gemacht, so ergibt sich eine Strecke von mehr denn 3000 Schritten, die er zurücklegte, ehe Zufälle eintraten. Der Beutel, von dem Hauser gesprochen hatte, wurde gefunden. Er enthielt ein verkehrt geschriebenes, also nur durch den Spiegel lesbares Billett: »Hauser wird es Euch ganz genau erzählen können, wie ich aussehe, und woher ich komme. Dem Hauser die Mühe zu ersparen will ich es euch selber sagen. Woher ich komme – – Ich komme von der – – bayerischen Gränze – – vom Flusse – Ich will euch sogar noch den Namen sagen. M. L. Oe.« Heidenreich zitiert die Spiegelschrift, ebenso wie Fuhrmann, nach unkorrekter Quelle. Vgl. das diesem Bande beigegebene Faksimile des Zettels. Dieser selbst war gleich zu Gerichtshänden gekommen und somit der Einsichtnahme entzogen. Der Text lief durch alle Zeitungen und wurde dabei vielfach verstümmelt. Es ist dieses Billett im Originale verkehrt geschrieben, hat einen Schreibfehler »denn Hauser« statt »dem Hauser«, und dem Stile nach, nur viel kürzer, allerdings einige entfernte Ähnlichkeit mit dem Briefe, mit dem in der Hand Hauser in Nürnberg zuerst gefunden wurde. Der Zettel in Spiegelschrift geschrieben Ein Instrument, womit die Tat geschehen sein konnte, wurde nicht gefunden, kann aber leicht in die in mehreren Windungen vorüberfließende Rezat geworfen worden sein. Es lag an diesem Tage ein erst in der vorhergehenden Nacht gefallener unbedeutender Schnee. Es müssen in demselben in dem um diese Jahreszeit wenig besuchten Hofgarten die Spuren von mehr oder weniger Fußtritten zu entdecken gewesen sein, was die gerichtliche Untersuchung ergeben wird. Das Vorhandensein von Fußspuren wurde gerichtlich festgestellt. In den ersten Tagen nach der Verwundung war die Stimmung des Publikums sehr gegen Hauser; da man ihm entweder wirklich Selbstmord zutraute oder es noch wahrscheinlicher fand, daß er Betrug und Täuschung übe, um durch einen neuen scheinbaren Mordversuch irgendeine Absicht zu erreichen. Ob und welche mehr oder minder gegründete Ursachen zu einem solchen Verdachte vorhanden waren, ist mir unbekannt. Ich hörte wenigstens seit einem zweijährigen Aufenthalt Hausers dahier nicht das mindeste, was zu einer solchen Voraussetzung Anlaß zu geben oder die Meinung zu rechtfertigen vermöchte, daß man sich zu ihm des einen oder des andern versehen könnte. Als aber die Leichenöffnung die Größe der Wunde, die er kaum selbst hätte sich beibringen können, ergeben hatte, war die Mehrheit wieder gereizt, an Meuchelmord zu glauben. Wie es scheint, ist bis jetzt gar nichts erwiesen und alles noch so rätselhaft, als ich es in den ersten Zeilen dieser Abhandlung angegeben habe. Diese Darstellung des Vorfalles stützt sich, wenn auch nicht auf offizielle, doch auf solche glaubwürdige Nachrichten, welche durch Tatsachen außer Zweifel gesetzt werden, die ich daher schon deswegen berühren mußte, weil sie mit der Schilderung des Ärztlichen innig verbunden und dem Leser zum freien Überblick der ganzen Sache und Gestaltung eines selbständigen Urteils unentbehrlich sind. Den 19. Dezember, vormittags 9 Uhr, 35 Stunden nach dem Tode, wurde die gerichtliche Leichenöffnung Die Sektion wurde vorgenommen von dem K. Landgerichtsphysikus Dr. Albert. Es assistierte Landarzt Koppen. Anwesend war, außer Heidenreich, noch Dr. Horlacher. Ein »Protokoll über die vorgenommene Leichenbeschau und Leichenöffnung« befindet sich bei den Alten (Nr. 2113, Fol, 132–49, auch 2142, c ad 16). vorgenommen. Der Leichnam lag auf einem Tische, Totenflecken waren bemerklich am Rücken und an den Extremitäten, grünliche Flecken am Unterleibe als Spuren beginnender Verwesung. Die Spuren der vorhandenen Gelbsucht zeigten sich vornehmlich am Gesicht und auf der Brust, auch an den Extremitäten. Die Gesichtszüge waren wenig entstellt, jedoch mit dem Ausdrucke tiefen Schmerzes. Eine anderthalb Zoll lange, in der Quere verlaufende, mit den unterliegenden Teilen nicht verwachsene Hautnarbe zeigte sich an der Mitte der Stirne, eine unebene Narbe, wie von einem geheilten tiefen Geschwüre, am rechten Ellenbogengelenke, zwei hautähnliche Warzen an der rechten Wange und eine am Jochbein, eine linsenförmige Warze am rechten Vorderarme, deutliche Impfnarben am rechten Oberarme unter dem Deltamuskel, zwei flachere unbestimmte Narben am linken Oberarme an ähnlicher Stelle. Die Wunde der Brust war mit einem Pflaster bedeckt und sonst zeigte sich nichts Auffallendes am ganzen Leichnam. Dritthalb Zoll unter der linken Brustwarze, drei Zolle von der Mitte des Körpers entfernt, befand sich die dreiviertel Zoll lange, zwei Linien klaffende, schräg von hinten nach vorne abwärts stehende, etwas eiternde Wunde. Verschiedene Sonden drangen unter die Zellhaut ein, konnten aber den rechten Wundkanal nicht verfolgen. Bei Zurücklegung der Haut und des Zellgewebes ergab sich, als man von unten und der Seite an gegen die Brust aufwärts präparierte, schon drei Zoll unterhalb der äußeren Hautwunde ein Blutextravasat. Das Zellgewebe war rötlich mit Blut unterlaufen, und nun fand es sich, daß die innere Wunde der Muskeln von der äußern der Haut sich um dritthalb Zoll verschoben hatte und die Muskelwunde um so viel tiefer nach unten stand als die äußere Hautwunde. Die Muskelwunde erschien nun zwischen der sechsten und siebenten Rippe in den die Rippen bedeckenden Zwischenrippenmuskeln. Die Umgebung knisterte, es floß etwas Jauche aus, die Muskelsubstanz war mit den Fingern zerreibbar und man hielt diese Stelle für gangränös. Nun lag die Fleischwunde zwar deutlich vor Augen, aber die Sonde wollte immer noch nicht eindringen. Erst als man am unteren Rande des großen Brustmuskels die Zacken des äußeren schiefen Bauchmuskels und großen Sägemuskels entfernt hatte, drang die Sonde wie von selbst ohne Mühe durch die Interkostalmuskeln in die Tiefe ein, und zwar mehr in der Richtung von oben nach unten und etwas von links nach rechts, den Körper in aufrecht stehender Situation betrachtet. Die Ablösung des Brustbeins zeigte nichts Besonderes, als man aber die Rippen der rechten Seite wegnahm, um sich zur Untersuchung der linken mehr Raum zu verschaffen, flossen aus der rechten Brusthöhle vier bis sechs Unzen dunkelrotes flüssiges Blut aus. Wo dieses Extravasat hergekommen sei, darüber hat die anatomische Untersuchung des Leichnams keine Aufklärung gegeben; denn eine Verletzung der Lunge oder eines Gefäßes wurde nicht aufgefunden. Bei Eröffnung des Herzbeutels flossen sechs bis acht Unzen gelbe wässerige, wie es anfangs schien, mit Eiterflocken gemischte Flüssigkeit. Die ganze innere Wand des Herzbeutels, seine ganze Höhle sowohl als die großen Gefäße, soweit sie sich in demselben befinden, waren mit einer ziemlich festen Pseudomembran bedeckt. Dieselbe hatte an der Seite, womit sie am Herzbeutel anlag, ein mehr seröses, an der innern dem Herzen selbst zugekehrten Seite ein mehr flockiges Ansehen, wie sehr lange mazerierte Haut. Im Grunde des Herzbeutels, namentlich auf der untern Wand desselben, die das Zwerchfell bildet, lag auf der krankhaft gebildeten Membran eine große Menge weißliches, breiartiges, schmutzig-gelb aussehendes Exsudat in solcher Quantität, daß man es mit der Hand herausschöpfen konnte. Es war dieses dieselbe Masse, aus der die Pseudomembran bestand, nur war diese Masse noch von breiartiger flüssigerer Konsistenz und noch nicht in ein hautiges oder anderes Pseudogebild umgewandelt. Etwas davon war als flockige Masse mit dem Wasser des Herzbeutels gleich nach der Eröffnung desselben ausgeflossen. Auch das Herz selbst war über und über mit dieser Membran überzogen, ebenfalls so, daß die glatte Fläche dem Herzen, die flockige dem Herzbeutel zugekehrt war und das Herz selbst durch diesen Überzug ganz schmutzig-gelb aussah. Nach Ablösung dieser Haut zeigte sich das Herz an mehreren Stellen entzündet, indem diese Stellen mehr oder minder heller oder dunkler gerötet erschienen. Die Wunde hatte den Herzbeutel getroffen, und nachdem an der Spitze des Herzens, die sehr entzündet schien, ein wenig ganz fest aufsitzendes Exsudat vorsichtig abgeschabt worden war, ergab sich eine kleine Wunde an der Spitze des Herzens selbst, ungefähr einen drittel Zoll lang und eine Linie tief. Die Substanz des Herzens war gesund, im rechten Ventrikel befand sich etwas geronnenes Blut, aber seröse Konkremente (sogenannte Herz- oder Sterbepolypen) waren weder im Herzen noch in den großen Gefäßen vorhanden. Die rechte Lunge war gesund, an der hintern Flache etwas schwärzlich. Bei der Eröffnung der linken Brusthöhle flossen gegen acht bis zehn Unzen einer wässerig blutigen Flüssigkeit ab, die linke Lunge war sehr nach hinten gedrängt und erschien, herausgenommen, an ihrer äußern Oberfläche mit einem dicken bräunlichen Exsudate bedeckt, das sich ebenfalls als häutige Fetzen von der Lungensubstanz abziehen ließ, über anderthalb bis zwei Linien dick die ganze äußere Fläche der Lunge überzog, aber doch weniger zur selbständigen Membran gebildet war als das Exsudat des Herzbeutels. Das soeben angegebene Extravasat der linken Brusthöhle befand sich aber nicht im Brustfellsacke, sondern zwischen Pleura und Interkostalmuskeln ergossen und floß aus, sobald man die Rippen entfernte, ehe noch der Pleurasack geöffnet war. Eine Verwundung oder Verletzung wurde an beiden Lungen nicht entdeckt, an den großen Gefäßen zeigte sich durchaus nichts Abnormes und alles übrige war in der Brusthöhle gesund und ohne Fehler. Die Wunde drang nun an der Stelle, an der die Spitze des Herzens liegt, die sie selbst verletzt hatte, durch den fleischigen Teil des Zwerchfelles in den Unterleib. Die Zwerchfellwunde war etwas schmaler als die äußere, ungefähr nur einen halben Zoll lang, dagegen etwas weiter klaffend gegen ein viertel Zoll, so daß sie einem verschobenen Viereck ähnelte. Bei Eröffnung des Unterleibes floß sogleich eine Menge weißlicher, schleimiger Flüssigkeit aus, die alsbald für den Inhalt des Magens anerkannt wurde. Die Wunde war durch das Zwerchfell in den linken Rand des kleinen Leberlappens, der sich sehr weit nach links erstreckte, gedrungen, hatte diesen Lappen einen halben Zoll von seinem linken Rande durchbohrt und auch noch eine penetrierende Verletzung der Wandungen des Magens veranlaßt, so daß der Inhalt des Magens in die Unterleibshöhle ausgeflossen war. Die Wunden des Zwerchfelles und Leberlappens waren übrigens ebenso scharf geschnitten an ihren Winkeln als die äußere Hautwunde im ersten Augenblicke nach der Verletzung beobachtet worden war, nur daß Zwerchfell- und Leberwunde etwas kürzer in ihrem Längendurchmesser erschienen. Der Magen war in der Art verletzt, daß sich die Wunde an der oberen und vorderen Fläche, ungefähr in der Mitte zwischen Cardia und Fundus befand, sich über einen Zoll in die Länge erstreckte und die Wandungen gestreift hatte und zwar so, daß an den äußeren Enden der Wunde nur die seröse Haut, mehr nach innen die Muskelhaut und in der Mitte auch die Schleimhaut, letztere ungefähr in der Länge von zwei Linien durchschnitten war, so daß eine starke Rabenfeder in die Öffnung hatte eingebracht werden können. Die Gedärme waren an der äußeren Seite, mit der sie an den Bauchdecken anlagen, gerötet, jedoch ohne entzündet zu sein. Die Netze waren mißfarbig und mager. Die Flüssigkeit des Magens war im ganzen Unterleibs verbreitet, hatte sich in das kleine Becken bis zum S. romanum und rectum hinab gesenkt und von diesen Darmgebilden an waren nach aufwärts fast alle Gedärme der linken Seite auf ihrer äußeren Fläche mehr oder weniger entzündet und brandig. So war die äußere Fläche des S. romani schwärzlich, mit Blut unterlaufen, brandig. Nach der Durchschneidung zeigte sich die innere Fläche gesund. So war auch das Colon descendens mehr auf der äußeren als inneren Fläche brandig. Am meisten brandig war die untere und hintere Fläche des Magens in der Gegend zwischen Cardia und Fundus , gerade derjenigen Stelle entgegengesetzt, wo die obere und vordere Fläche verwundet war. Diese Stellen waren schwarz und brandig in großer Ausdehnung, die innere Fläche allerdings ebenfalls von durchgreifendem Brande entfärbt, aber nur an kleineren Stellen, und es war deutlich genug zu erkennen, daß der Brand von außen ausgegangen war und sich nur nach innen verbreitet hatte. Die Wandungen des Magens waren übrigens an einzelnen Stellen so zerstört und mürbe, daß einzelne brandige Partien bei vorsichtigem Herausnehmen des ganzen Magens von selbst zerrissen. Die Leber, namentlich der linke Lappen, der verletzt worden war, war ganz mürbe und breiartig, so daß in der Umgebung der Wunde eine Sonde nach allen Richtungen in der Lebersubstanz bewegt werden konnte. Auch die Substanz der gesamten Leber war erweicht. Die gesamte Leber war sehr groß und der kleine Lappen erstreckte sich ungemein weit nach links hinüber. Die Gallenblase enthielt eine schwärzliche, schmierige, ziemlich konsistente, fast sulzige Flüssigkeit, ähnlich der natürlichen Farbe einer durchschnittenen Milz. Die Milz selbst war ohne Fehler und gesund. Die Nieren waren gesund, die linke in ihrer äußern Umgebung etwas dunkler aussehend als die rechte. Die Harnblase war entleert und gesund. Die Hoden waren im Hodensacke und gesund, wie sich schon bei der äußern Besichtigung ergeben hätte. Der Schädel schien etwas niedrig, wie von oben nach unten zusammengedrückt, namentlich vom Scheitel an gegen die Stirne hin. Die Schädelknochen waren etwas dick, sonst erschien nichts Auffallendes an ihnen. Das Gehirn schien im ganzen klein. Abnormes war nichts daran zu bemerken. Die Blutleiter der zarten und die Venen der weichen Hirnhaut waren ziemlich mit schwärzlichem Blute angefüllt. Der Sichelfortsatz der zarten Hirnhaut war derb und fest und reichte sehr weit zwischen den Hemisphären herab. Übrigens waren Hirn und Häute gesund, Rinden- und Marksubstanz normal. Das kleine Hirn schien im Verhältnis zum großen ziemlich groß und entwickelt, die hinteren Lappen des großen Hirns wollten das kleine nicht so recht bedecken, wie es sonst natürlich ist. Das große Hirn erschien in diesem Verhältnis ziemlich klein. Das Hirn nun herausgenommen und durch Horizontalschnitte untersucht, gab nichts besonders Abnormes. Die große Kommissur des großen Hirns war sehr stark ausgebildet. Desgleichen waren die Sehhügel groß und ausgezeichnet. Die Plexus chorioidei waren natürlich, im rechten Seitenventrikel etwas Serum, im linken nicht. Die Vierhügel waren sehr klein. Die Blättchen im sogenannten Lebensbaume des kleinen Hirns waren ausgezeichnet deutlich und sehr zahlreich vorhanden. An der Basis des Gehirns und den hier entspringenden Nerven war nichts Auffallendes oder Abweichendes zu bemerken. An der knöchernen Basis des Schädels war allerdings sehr auffallend die abgesonderte Lage des mittleren Hirnlappens, die Nämlich die beiden Lappen (rechter und linker mittlerer Lappen). durch das besonders hoch stehende Felsenbein und den ebenfalls sehr hoch nach oben stehenden Schwertfortsatz des Keilbeines wie in einem rundlichen, vertieften Neste lagen. Die Vertiefungen und Erhabenheiten an den Knochen waren an dieser Stelle ausgezeichnet. Die Erhabenheiten der Knochen ragten hier als bedeutende, über ein viertel ja gegen ein drittel Zoll hohe Spitzen und Zacken, wie man in Landschaftsgemälden entfernte Gletscher zeichnet, gegen die Basis des Hirns herauf. Auch waren diese spitzigen, zackigen Knochenbildungen auf beiden Seiten nicht gleich, sondern auf der rechten Seite größer und stärker als auf der linken. Die Windungen an der Oberfläche des Hirns im allgemeinen schienen nicht sehr zahlreich und sein, im Gegenteil derber, gröber, überhaupt schienen am ganzen Gehirne mehr einzelne Massen, z.B. Kommissur, Sehhügel usw. groß und stark entwickelt, das Hirn im ganzen aber von nicht besonders feiner und zarter Struktur und Konstruktion zu sein. Nach dem Ergebnis der Leichenöffnung glaube ich nun, bei meiner Untersuchung der Verletzung mit der Spitze des Fingers das Zwerchfell und dessen Wunde berührt zu haben. So viel der Tatsachen. In den Folgerungen daraus sind diejenigen, die befugt und unbefugt darüber urteilen, in ihren Meinungen und Ansichten teils übereinstimmend, teils sehr verschieden. Über die Gefährlichkeit der Verletzung und die Tödlichkeit der Wunde sind alle Stimmen einig. Die Wunde hatte zwischen der sechsten und siebten Rippe die äußern Bedeckungen getroffen, war am Rande des großen Brustmuskels durch die Dentationen des Säge- und schiefen Bauchmuskels und durch die Zwischenrippenmuskeln gedrungen, hatte ihren Weg durch den Herzbeutel genommen und das Herz selbst an der Spitze verletzt, sie hatte endlich den fleischigen Teil des Zwerchfells durchbohrt, den Rand des linken Leberlappens durchstochen und eine penetrierende Wunde in den Wandungen des Magens veranlaßt. Diese letztere Wunde, die Verletzung des Magens, der nun seinen Inhalt in die Unterleibshöhle ergießen und Entzündung und Brand erzeugen mußte, muß auch um so mehr und in allen Fällen für tödlich erklärt werden, als diese Wunde nicht entdeckt werden konnte und auch bei der genauesten Erkenntnis keine Hilfe hatte stattfinden können, zumal da der Magen nicht durch die äußeren Bedeckungen des Unterleibes, sondern von der Brusthöhle aus verletzt worden war. Abgesehen nun von der Magenwunde würden auch die Leber- und Zwerchfellwunden, deren erstere baldige Erweichung und Entartung der Lebersubstanz, namentlich in der Umgebung der verletzten Stelle, und letztere fast augenblicklich eintretende konsekutive Nervenzufälle an der linken Schulter und am Hals veranlaßte, ebenfalls tödlich geworden sein. Wenn Herzbeutel- und Herzwunden auch mitunter geheilt werden, so wären doch in diesem individuellen Falle durch die ungemeine Reizung zu Lympherguß, plastischem Exsudat und Pseudogebild auch diese Verletzungen durch Herzbeutelwassersucht und exsudierte Pseudomembranen bestimmt und in kaum viel späterer Zeit als der Brand der Eingeweide des Unterleibes tödlich geworden. Endlich die äußere Wunde, auch nur bis an und zu dem Herzbeutel durchdringend betrachtet, wäre durch das aus den Verzweigungen der Interkostalgefäße und aus der äußeren Fläche des Herzbeutels und der Pleura abgesonderte und zwischen Brustfell und Zwischenrippenmuskeln ergossene Extravasat in der Folge unfehlbar tödlich geworden. Es liegt also hier eine vierfache Tödlichkeit der Wunde vor, und darüber sind die Ansichten auch so ziemlich einstimmig. Das in der rechten Brusthöhle befindliche Extravasat floß aus, als man dieselbe eröffnete. Man wollte diese Blutansammlung als Ergießung aus der bei der Leichenöffnung verletzten Schlüsselbeinvene erklären, da aber aus dieser Vene gewöhnlich nur ganz schwarzes Blut ausfließt und auch bei dieser Leichenöffnung aus anderen großen Venen der Brust und des Unterleibs ebenfalls nur ganz schwarzes gestocktes Blut ausfloß, das vorgefundene aber nur dunkelrot und flüssig war, auch eine Verletzung der gedachten Vene sich hätte ergeben müssen, so möchte ich dieser Ansicht nicht beitreten, obgleich ich bei Abwesenheit einer Entzündung der rechten Pleura und vollkommener Integrität der Lunge die Veranlassung dieses Ertravasates nicht zu erklären vermag. Auch über die Größe des Ertravasates in der linken Brusthöhle könnte sich ein kleiner Anstand ergeben, wenn man annähme, daß bei der auch noch so vorsichtigen Entleerung des Herzbeutels etwas von dieser Flüssigkeit zwischen die Pleura und Interkostalmuskeln geflossen wäre. Jedenfalls befand sich aber demnach dort ein Blutextravasat, indem die hinweggeflossene Flüssigkeit nur reines, mit Flocken gelblichen Exsudates vermengtes ganz helles Wasser gewesen sein konnte, bei Entfernung der linken Rippen aber blutige, dünnere und hellere Flüssigkeit als aus der rechten Brusthöhle entleert wurde. Ob aber Hauser ein Leben, in welchem er die Stelle des raffiniertesten Betrügers zu spielen wußte, durch schmerzvollen Selbstmord geendet hat, oder ob er als unschuldiges Opfer einer verabscheuungswürdigen Untat fiel, darüber sind die Ansichten derer, die berufen und unberufen das Urteil sprechen, sehr verschieden. Während die eine Meinung die Unmöglichkeit zu beweisen sucht, daß Hauser eine solche Wunde sich selbst habe beibringen können und mit Bestimmtheit annimmt, daß diese Verletzung nur durch ein Banditenmesser und nur von einem geübten Mörder habe geschehen können, erklärt die andere Ansicht mit ebenso viel Gründen und Festigkeit, daß dieser Streich habe töten wollen, ebenso gut aber von eigener als von fremder Hand habe geführt werden können. Die Wichtigkeit der Sache und Merkwürdigkeit dieser von zwei erfahrenen, sachverständigen, zum Ausspruche berufenen Männern In seinem gerichtsärztlichen Gutachten (2117 Fol. 763-68) führt Dr. Albert, der die Sektion vorgenommen hatte, u.a. aus: »Die Unmöglichkeit des Selbstmordes kann nicht in Abrede gestellt werden; ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit spricht aber dafür, daß die Wunde durch fremde, geübte Hand zugefügt worden ist. Die Gründe, welche zu diesem Ausspruche berechtigen, müssen a) aus physischen Merkmalen an dem Leichnam, aus der Richtung [von A. unterstrichen] der Wunde entnommen, b) nach den Grundsätzen der empirischen Psychologie näher erörtert werden.« A. war Hausers Hausarzt und hatte ihn noch drei Tage vor seiner Verwundung auf einem Balle beobachtet. Dr. Horlacher kannte Hauser früher nicht persönlich. Er hatte ihn nur auf seinem Totenbett (als Stadtgerichtsarzt) behandelt und sein« Beobachtungen in der in Note 3 genannten Relation dem Untersuchungsgericht übergeben. Gelegentlich dieser Übergabe wurde er gerichtlich vernommen und sagte u.a. aus, »daß die Wunde in diesem Falle ebensogut durch eigene als durch fremde Hand hat beigebracht werden können.« Es ist ihm jedoch aus psychologischen Gründen »wahrscheinlicher, daß die fragliche Verwundung eher durch eigene als durch fremde Hand beigebracht worden ist«. Dies begründet er in einem »Gutachten« (2120, Fol. 1320-25). Die hier genannten Aktenstücke sind von Dr. Meyer (Authent. Mitteil. 1872 S. 352-87), allerdings verstümmelt, wiedergegeben. erhobenen Widersprüche gestattet etwas ausführlichere Darstellung. Die äußere Wunde befand sich dritthalb Zoll unter der linken Brustwarze, drei Zoll von der Mittellinie des Körpers entfernt, und das unterste Ende derselben befand sich am Magen, an der Grenze der großen und kleinen Kurvatur, d.h. an der oberen und vorderen Fläche, so ziemlich in der Mitte zwischen Cardia und Fundus. Betrachtet man nun den Körper in aufrechter Stellung, so verlief der Wundkanal in dreifach schiefer Richtung von oben nach unten, von links nach rechts und von vorne nach hinten. Auch war der Streich nicht in einer ganz gerade stehenden, sondern in einer etwas nach vorwärts gebeugten Stellung geführt worden: denn in dieser Situation, halb stehend, halb sitzend, etwas nach vorne gebeugt, konnte ich mit dem Finger in die Wunde eindringen, bei mehr horizontaler Lage im Bette dagegen hatten die äußere und innere Wunde, und zwar, wie die Leichenöffnung ergab, die äußere über zwei Zoll S. 167 gibt Heidenreich einen bestimmten Wert = dritthalb = 2 ½ Zoll an. nach oben sich verschoben, woraus erhellt, daß über die Stellung, in der die Verletzung vorfiel, kein Zweifel bestehen kann. Versucht man es nun an sich selbst, mit einer und der andern Hand, die man auf die Stelle der äußeren Wunde auffallen läßt, die Richtung des Wundkanales einzuhalten, so ist solche kaum zu treffen, und fast jedesmal wird in diesem Falle die Richtung des Instruments einen stumpfern Winkel mit der Scheitellinie des Körpers bilden, d. h. in mehr horizontaler Richtung von vorn nach hinten treffen. Dagegen ist diese Richtung von fremder Hand sehr leicht einzuhalten und alles ist viel leichter erklärbar, wenn man annimmt, daß ein vor Hauser stehender Mann ihm diese Verletzung beigebracht habe. Es wird ferner der Selbstmörder in der angegebenen Stellung kaum die Kraft haben, einen solchen gleichförmigen Stoß durch den wattierten Rock, Kittelchen, Weste und Hemd noch vier bis fünfeinhalb Zoll tief in Brust und Unterleib zu treiben. Daß aber dieser Stoß in einem einzigen kräftigen Zuge geführt worden sei, geht aus der Richtung und Gleichförmigkeit der Wunde genugsam hervor. Auch dieses spricht also gegen den Selbstmord und für Verletzung durch fremde Hand. Noch ein Fall wäre denkbar, Denkbar sind natürlich noch weitere »Fälle«. daß Hauser das Instrument mit der linken Hand angesetzt und gehalten, mit der rechten aber, oder gar mittels eines in derselben geführten Körpers aufgeschlagen und auf diese Weise das Messer hineingetrieben habe. Auf solche Weise hatte er zwar leicht die Richtung der Wunde, keineswegs aber deren Gleichförmigkeit bewirken können, indem nur eine sehr bedeutende Gewalt, die kaum anzunehmen ist, das Instrument so tief führen konnte, und außerdem er bei Schmerzgefühl gezuckt haben müßte, wodurch die Wunde ungleichförmig geworden wäre. Nimmt man dagegen aber an, wie von glaubwürdigen Beobachtern versichert wird, daß Hauser in der linken Hand mehr Fertigkeit und Kraft besessen habe als in der rechten, so bedarf es dieser Gründe gegen den Selbstmord weniger, und derselbe ist dadurch wieder leichter zu erklären. Unter den mancherlei Ansichten, die gelegentlich der Untersuchung über den Tod Hausers zutage traten, tauchte auch die Meinung auf, daß bei Annahme eines Selbstmordes Hausers die Richtung und Gleichförmigkeit der Wunde nur dann erklärlich sei, wenn Hauser linkshändig gewesen. Das sei aber der Fall gewesen. Siehe dagegen Fuhrmann Note 7. Woher sollte aber der genau beobachtete Hauser das Mordwerkzeug erhalten haben? zumal da es kein Instrument des gewöhnlichen Lebens, nicht einmal ein gewöhnlicher Dolch gewesen sein sollte. Es bedarf aber hierzu keines Banditenmessers, indem ein sogenannter Niederländer Dolch vollkommen geeignet ist, eine solche Wunde zu bewirken. Wie hatte aber Hauser diesen sich verschaffen sollen, ohne daß es hätte ermittelt werden können? In einer Stadt wie Ansbach wäre Hauser der Kauf eines Dolches und sein Tod durch gewaltsame Verwundung zu auffallend, als daß es sich nicht schon ergeben haben sollte, es müßte denn Hauser sich schon lange mit diesem Plan herumgetragen und bei einem früheren Aufenthalte in Nürnberg sich den Dolch zu verschaffen gewußt haben. Warum noch Rock und Kleider durchstoßen, wenn er die Brust treffen wollte? Die Stelle des Einstiches war übrigens dort gewählt, wo jeder das Herz am deutlichsten schlagen fühlt, es also am sichersten zu treffen glaubt, und hierzu bedarf es keines geübten Mörders. Wollten wir nun die Sache moralisch fassen, so läßt sich fragen, wie sollte der lebenslustige Hauser, der, wie er selbst sagte, so kurz zu leben erst angefangen, der, wenn ich nicht irre, erst wenige Tage vor seiner Verwundung geäußert hatte, er möge wohl gerne Offizier werden, wenn es nur keinen Krieg gebe und er nicht verwundet oder gar totgeschossen würde, wie sollte der selbstgefällige, gutmütige, tändelnde, feigherzige Hauser zum ernstlichen Entschlusse des Selbstmords kommen und zu einem so gewaltigen Streiche gegen sich selbst ausholen? er, den ein Federmesser, den eine Toilettenschere in Mädchenhand zu erschrecken vermochte? Nach tiefem Gefühle und Ausspruche der allermeisten, die Hauser früher und näher kannten, ist ein Selbstmord mit dem Charakter dieses Menschen vollkommen unverträglich. Angenommen aber auch, er habe täuschen wollen, um durch einen scheinbar erneuten Mordversuch auf sein Leben die Gunst seiner Gönner, das Interesse des Publikums, die Zuneigung des schönen Geschlechtes sich in erhöhtem Grade zu erwerben und es sei der Versuch nur etwas zu übel abgelaufen, so läßt sich hierauf mit Recht entgegnen, wer durch Betrug und Täuschung sein Dasein verbessern will, ergreift wahrlich nicht die Maßregeln, um es ganz zu vernichten; und daß man eine solche Wunde sich aus Unwissenheit und Unerfahrenheit zufügen könne, überhaupt, daß man so etwas zum Spasse treibe, möge mir niemand einwenden. Sanft und ruhig, ohne Feindschaft oder Haß, ist Hauser gestorben. Unter seine letzten Worte gehörte: »Warum sollte ich Zorn oder Groll hegen, da mir niemand etwas getan hat.« Auch dieses hat man auf Selbstmord gedeutet. Vergleicht man mit allem diesem nun noch die Beobachtung unseres hiesigen Stadtgerichtsarztes, Horlacher in seinem Gutachten (s. Note 9). daß alle von fremder Hand Verwundeten ängstlich über ihre Verletzung sind und Besorgnis über ihr Schicksal äußern, Selbstmörder dagegen sich nicht um ihre Wunden kümmern, gleichgültig bleiben und ihren Zustand kaum einer Frage würdigen, wie letzteres von Hauser geschah, so gewinnt die Ansicht für den Selbstmord wieder mehr Wahrscheinlichkeit, wenn man Erfahrungen des gewöhnlichen Lebens auf diesen außerordentlichen Fall in Anwendung bringen darf, und der Widersprüche ist kein Ende. Heidenreich kann sich zu einer entschiedenen Stellungnahme nicht durchringen. Daumer (D. 73 S. 273) ist der Ansicht, »daß Heidenreich bloß durch die Scheu, sich das Mißfallen gewisser Persönlichkeiten zuzuziehen, von einem entschiedenen Auftreten abgehalten wurde«. Je weniger aber diese Zweifel zu lösen sind, und je mehr der ruhige Beobachter durch das Heer der Widersprüche nur in Verwirrung, aber nicht zur Klarheit kommt, um so lieber wird der Leser dieses Feld verlassen und nur vom berichtenden Arzte noch einige Aufklärung fordern, ob die Leichenöffnung vielleicht Resultate geliefert habe, die sich auf Hausers früheres Verhältnis beziehen, Momente, die untergehen, wenn sie jetzt nicht gerettet und erhalten werden. Diejenigen aber, die zuviel fordern könnten, mögen bedenken, daß ein Leichnam, der an einem trüben Tage, in einem engen Zimmer, einer mit allen Formalitäten vor sich gehenden ununterbrochenen, über sieben Stunden dauernden gerichtlichen Obduktion unterworfen wird, nicht der Gegenstand von Studien und Versuchen werden kann, und es möge daher dem Verfasser dieser Mitteilungen, dem nur als Beobachter und Zuschauer die Anwesenheit gestattet war, entschuldigt werden, wenn er zu physiologischen Untersuchungen weder Zeit noch Raum gefunden hat. Die wesentlichsten dieser Resultate sind aber folgende: Bei der äußeren Besichtigung des Leichnams war nichts besonders Auffallendes zu bemerken. Die Oberschenkel waren allerdings stark, dick, voll, aber die angeblich früher vorhandene übermäßige Stärke des großen äußern und innern Schenkelmuskels ( Vastus ) wurde nicht vorgefunden. Die Kniekehle war allerdings etwas weniger ausgehöhlt, platter aufliegend, als sie in der Regel gefunden wird. Wenn man aber annimmt, daß Gesäß und Wadenmuskeln durch das Liegen des Leichnams auf dem Brett ebenfalls etwas platter gedrückt waren, so erschien auch hier nichts Ausgezeichnetes. Die Leber war sehr groß und hypertrophisch. Dem Landgerichtsarzte, der sich gutachtlich auszusprechen hatte, konnte es daher nicht entgehen, daß diese Vergrößerung und Hypertrophie mit Hausers früherer Einkerkerung in Verhältnis zu setzen sei, indem auch Tiere, denen man in engen Käfigen wenig Bewegung gestattet, große Lebern bekommen. Aus dem Drucke der vergrößerten Leber erklärte derselbe, der auch Hausers früherer Arzt gewesen war, das fortwährende Aufstoßen nach dem Genuß auch jeder Speise, über welches Hauser so häufig klagte, welche Erscheinung aber auch, nächst leicht und bald vorübergehenden Rückenschmerzen, die er sich einmal durch eine Erkältung zugezogen hatte, die einzigen Krankheitszufälle waren, die an Hauser wahrend seines zweijährigen Aufenthaltes dahier beobachtet wurden. In Übereinstimmung mit den verhältnismäßig kleinen Lungen finde auch ich die Vergrößerung der Leber ganz natürlich, indem diese beiden Organe sich physiologisch bedingen als Ausscheidungsorgane des Kohlenstoffes, die Leber im Fötus für die Lunge funktioniert und in der Tierreihe umsomehr hervortritt, je mehr die Lunge sich zurückzieht. Konnte sich bei weniger Bewegung und in der dumpfen Luft des Kerkers die Lunge nur wenig entwickeln, so mußte das Übergewicht auf die Leber fallen. Ist es aber ausgemacht, daß Hauser lange Zeit nur Kohlenstoff haltende Vegetabilien (trockenes Brot) und kein stickstoffhaltiges Fleisch zur Nahrung erhalten hatte, so wurde durch vermehrtes Bedürfnis, den Kohlenstoff auszuscheiden, auch die Vergrößerung der Leber und die dicke, zähe, schwärzliche Galle bedingt. Umgekehrt aber beweisen diese Erscheinungen für Hausers früheres Verhältnis, für seine Einkerkerung in einem dumpfen Loche und Ernährung durch Pflanzenkost. Eine frühere Untersuchung über vorhandenen oder mangelnden Stickstoffgehalt des Urins hätte diesen Beweis vervollständigen können. Sonst wurde in Brust- und Unterleibshöhle nichts Seltsames, Abweichendes oder Auffallendes gefunden. Etwas schwieriger und verwickelter ist die Untersuchung und Beurteilung des Gehirns. Über den namentlich vom Scheitel gegen die Stirne zu etwas niedergedrückten Schädel, die ziemliche Dicke der Knochen, den weit herein ragenden Sichelfortsatz der harten Hirnhaut, über die Kleinheit des Gehirns im allgemeinen, die relativ geringe Masse des großen und bedeutende Größe des kleinen Hirns, über die der Zahl nach wenigeren, aber dem Ansehen nach größeren und gröberen Windungen an der Oberfläche, das besondere Hervortreten einzelner Massen im innern, namentlich im großen Gehirne, und endlich über einige Eigentümlichkeiten der Schädelbasis habe ich mich schon im Leichenbefunde ausgesprochen. Alle diese Momente schienen mir auf mangelhafte Entwicklung des Hirnorgans zu deuten. Als dasselbe herausgenommen war, wurde die Kleinheit der hinteren Lappen des großen Hirnes, die auseinander fielen und das kleine nicht decken wollten, noch auffallender, und diese Erscheinung hatte einige, wenngleich nur entfernte Ähnlichkeit mit dem Aussehen, wie Carus (Versuch über das Nervensystem, Tafel V, Figur 21) das Hirn des Marders, oder Tiedemann (Bildungsgeschichte des Fötushirns Tafel III, Figur 1) das Hirn des menschlichen Fötus abgebildet haben. Nach phrenologischen Grundsätzen, Schädel und Hirn zu untersuchen, um aus der äußeren Bildung auf das Vorhandensein oder den Mangel gewisser Neigungen, Gefühle und Triebe zu schließen, wäre höchst interessant gewesen, konnte aber nicht geschehen, und wäre es auch wirklich geschehen, so möchte ich bei der Unsicherheit dieser Lehre die Zahl der Zweifel und Widersprüche nicht noch mehr vergrößern. Übrigens konnte ich während der Untersuchung des Gehirnes das Gefühl, und wahrend ich dieses schreibe, das Wort »tierähnliche Bildung« nicht unterdrücken. In diesem Falle war nicht nur geistige Entwicklung durch mangelhafte Bildung des Hirnorgans gehemmt, sondern das Organ blieb in seiner Entwicklung zurück durch Mangel aller geistigen Tätigkeit und Erregung. Denn es ist ein Naturgesetz, daß jedes Organ und Gebilde, das ungeübt und unbenutzt bleibt, den vollständigen Grad seiner möglichen Vollkommenheit nicht erreicht oder von demselben zurücksinkt und verkümmert wird. Bis zum siebten Jahre ist die materielle Entwicklung des Menschenhirns so ziemlich beendigt, haben aber vor dieser Zeit und nur dieselben Störender Druckfehler: »nur ein und dieselben« Einflüsse stattgefunden, die dessen naturgemäße Bildung hemmen und aufhalten konnten, so muß das Hirn auch in physischer und materieller Hinsicht auf der niederen Bildungsstufe stehen bleiben. Nach dem angegebenen Naturgesetze, daß Übung und Tätigkeit zur vollständigen Entwicklung eines Organes nötig sei, und ohne dieselben auch die physische Organisation in ihrer Ausbildung zurückbleibe, mußte die Hirnbildung auch im vorliegenden Falle geschehen. Hat Hauser geraume Zeit vor dem siebten Jahre seine Zeit in einem finstern Loche, im dumpfen Hinbrüten, ohne alle intellektuelle Tätigkeit und geistige Lebensreize, die zur Entwicklung des menschlichen Hirns nötig sind, zubringen müssen, so mußte auch seine Hirnbildung auf der tierähnlichen Stufe stehen bleiben, wie er selbst nur in tierischem Zustande gelebt hatte. Hat aber die Leichenöffnung einen solchen unentwickelten Zustand in der physischen Hirnbildung wirklich nachgewiesen, so ist dieser Zustand auch genügender Beweis, daß Hauser geraume Zeit vor seinem siebten Jahre in die Lage, in der er so lange verharren mußte, gebracht worden ist. Waren aber darüber die Jugendjahre verstrichen und hatte das Hirn seine physische Bildung auf dieser niedern Stufe vollendet, so konnte das Versäumte nicht mehr ersetzt werden. Als er wirklich an das Licht und unter die Menschen getreten war, war es zu spät, als daß die intellektuellen Reize auf die Bildung des bereits gereiften, physisch ausgewachsenen, aber nur für diese niedere Stufe geistigen Lebens vollendeten Hirns noch hätten Einfluß äußern können. Daher lassen sich die reißenden Fortschritte und glänzenden Anlagen erklären, die Hauser anfangs verriet, weil für sie das Hirnorgan schon gereift war, das bei Kindern sich erst auch noch physisch bilden muß, daher aber auch sein alsbaldiges Stehenbleiben an der Grenze des Mittelmäßigen und Gewöhnlichen, weil das Hirn für höheres geistiges Leben nicht mehr umgebildet werden konnte. Wäre Hauser früher gestorben, so würde man wohl mehrere und deutliche Spuren, die sein seltsames Schicksal der physischen Organisation aufgedrückt hatte, gefunden haben, die aber von der Natur unter den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens mehr oder minder verwischt worden sein mögen. Wohl ihm, der es überstanden hat! Dem des Lebens Rätsel gelöst erscheinen. Möge der Himmel bald es fügen, daß der Menschen Augen das Dunkel dieser Wege des Schicksals durchdringe, damit dem Gefallenen Gerechtigkeit werde, in dieser wie in jener Welt! Selbstzeugnisse I. Ueber Kaspar Hausers Leben. Von ihm selbst geschrieben. Dem Grafen Stanhope mitgeteilt von dem Herrn Präsidenten von Feuerbach. Getreu nach der Urschrift abgedruckt. Aus einem Schulheft Hausers, das sich in den »Sammlungen des historischen Vereins für Mittelfranken« in Ansbach befindet. Vorliegender Anfang der »Selbstbiographie« ist nach dem ersten Stück der »Materialien« des Grafen Stanhope gegeben: Es handelt sich hier um die Fassung, von der Daumer (Mitteilungen I 8) schreibt: »Von einem dritten Versuch, vom Februar 1829, worin schon eine gebildetere, doch noch sehr natürliche und naive Schreibart erscheint, ist folgendes ein Stück.« Daumer gibt dann als Überschrift: »Diese Lebensbeschreibung von meinem vorigen Zustand nach der Erinnerung geschrieben.« Auch bei Hickel (S. 27 ff.) steht diese Fassung, jedoch lehnt sie sich aufs engste an die Daumersche an. Die Hickel-Daumerschen Varianten gegen den Text von Stanhope sind im folgenden in Fußnoten angemerkt. Die Überschrift Hickels lautet: »Lebensbeschreibung von meinem vorigen Zustand nach der Erinnerung geschrieben (wörtlich nach der Urschrift Hausers).« Stanhope einerseits, Daumer-Hickel anderseits (bezw. Dr. J. Meyer, der Herausgeber der sog. Hickelschen Briefe) müssen also zwei ähnliche, aber doch in Einzelheiten von einander abweichende »Urschriften« gehabt haben. Das Gefängnis, in dem ich bis zu meiner Befreiung leben mußte, war ungefähr sechs bis sieben Schuh lang, vier breit und fünf hoch. Der Boden schien mir festgestampfte Erde zu sein, »Der Boden... zu sein« fehlt bei Daumer-Hickel an der Vorderseite waren zwei kleine Fenster mit Holz verschlichtet, welches ganz schwarz aussah. Hierzu macht Daumer folgende Anmerkung: »Zu der Annahme, daß es Holz gewesen, was er an oder vor den Fenstern gesehen hatte, war Hauser, der sich bloß der gekreuzten Form und der schwarzen Farbe erinnert, durch andere gekommen.] Auf dem Boden war Stroh gelegt, worauf ich zu sitzen und zu schlafen pflegte. Meine Füße waren von den Knien bei D.-H.: »vom Knie an«. an mit einer Decke bedeckt. Neben meinem Lager auf der linken Seite war im Erdboden ein Loch, worin ein Topf angebracht war; es war auch ein Deckel darüber, den ich wegschieben mußte und immer wieder darüber bei H.: »darauf«. deckte. Die Kleider, die ich in dem Gefängnisse getragen habe, waren ein Hemd, kurze Hosen, in denen aber das Hinterteil fehlte, daß ich meine Notdurft verrichten konnte, Hierzu macht Daumer folgende Anmerkung: »Dieser und andere für die Beurteilung der Sache wichtige Umstände, z. B. daß Hauser am Boden festgebunden war (und also nicht herumrutschen konnte), wurden erst durch die sehr zweckmäßigen Ausforschungen offenbar, die mein Freund, Herr Prof. Hermann zu München, als er sich im Jahre 1828 zu Nürnberg befand, in meinem Hause mit Hauser anstellte. Die Verständigung mit diesem war anfangs so schwierig, daß eine Menge von Mißverständnissen und Unbegreiflichkeiten entstehen mußten, die sich durch jene und meine eigenen fortwährenden Ausforschungen und Beobachtungen fast alle gehoben haben. Ich fand z. B., daß das von Hauser angegebene Nachtwerden auf dem Wege nichts als Augenverdunklung bei äußerster Erschöpfung war, worauf er schlief, wie es auch zu Nürnberg dreimal vorkam, daß er bei Tage glaubte, es werde oder sei Nacht. Hauser wurde bei Nacht aus seinem Behältnis genommen und schlafend eine Zeitlang getragen, vielleicht gefahren, machte den Weg nach Nürnberg höchst wahrscheinlich in einem Tage, wurde von seinem Führer in die Stadt gebracht (nicht hinein geschickt), und auf dem Platze, wo man ihn fand, verlassen. Daß draußen Gott sei, der zanke (böse sei), sagte zu Hauser bei einem Gewitter seine erste Verpflegerin zu Nürnberg, nicht der Mann im Käfig. Von Eingeheizt werden und einem Ofen weiß Hauser nicht das geringste; die Annahme eines runden Ofens entstand, als er die gewölbte Decke seines Gefängnisses am Boden zu bezeichnen suchte. Das Einheizen war auch nicht notwendig, da sein Gemach, wie man mit ziemlicher Sicherheit annehmen kann, unter der Erde lag.« weil ich die Hosen nicht ausziehen konnte. Die Bei D.-H.: »den«. Hosenträger hatte ich auf dem bloßen Leib. Das Hemd war darüber. Meine Nahrungsmittel waren nichts anderes als Wasser und Brot; an Wasser hatte ich zuweilen Mangel; Brot war immer genug da, ich aß wenig Brot, weil ich keine Bewegung hatte; ich konnte ja nicht gehen und wußte nicht, daß ich aufstehen könnte, weil mir das Gehen niemand gelehrt hatte; es ist mir nie der Gedanke gekommen, aufstehen zu wollen. »Ich aß wenig Brot ... aufstehen zu wollen« fehlte bei D.-H. Ich hatte zwei hölzerne Pferde und einen Hund, mit denen ich mich immer unterhalten habe; ich hatte Bänder von roter und blauer Farbe, damit putzte ich die Pferde und den Hund, aber manchmal fielen sie herunter, weil ich sie nicht binden konnte. Wenn ich erwachte, lag das Stück Brot neben mir und ein Krüglein Wasser. Zuerst griff ich nach dem Wasser, um meinen Durst zu stillen, dann aß ich Brot, hierauf nahm ich die Pferde und putzte sie eine Zeitlang, dann nahm ich den Hund; war ich mit diesem fertig, so trank ich das übrige Wasser aus und nahm nochmal die zwei Pferde, tat wieder alle Bänder herunter und putzte sie von neuem und machte eine Zeitlang so fort. Dann aß ich Brot, ich wollte auch trinken, aber es war kein Wasser mehr darin, da nahm ich den Hund und wollte ihn putzen wie die Pferde, aber ich konnte ihn nicht mehr fertig bringen, weil mein Mund zu trocken wurde, Hierzu merkt Daumer an: »Hauser mischt einzelne Fälle, die ihm in lebhafter Erinnerung sind, ohne gehörige Unterscheidung in die allgemeine Darstellung. Jenen Wassermangel fühlte er, wenn er Opium erhalten hatte.« ich nahm sehr oft das Krüglein in die Hand und hielt es lange an den Mund, aber es ging niemals Wasser heraus, ich stellte es immer wieder hin und wartete eine Zeitlang, ob nicht bald ein Wasser kommt, weil ich nicht wußte, daß mir das Wasser und Brot »und Brot« fehlt bei D.-H. gebracht werden mußte; ich hatte ja keinen Begriff, daß außer mir noch jemand sein könnte. Ich habe nie einen Menschen gesehen, auch niemals einen gehört, »Ich habe nie einen Menschen ... gehört«, fehlt bei D.-H. wenn ich eine Zeitlang gewartet habe und es ist kein Wasser gekommen, dann legte ich mich rückwärts und schlief ein. Ich erwachte wieder, da ist mein erstes gewesen, nach dem Wasser zu langen, und so oft ich erwachte, war ein Wasser in dem Krüglein und auch ein Brot da. Das Wasser trank ich beinahe immer aus, dann war mir »aber« eingeschoben bei D.-H. sehr wohl, ich nahm die Pferde und machte es gerade wieder so, wie ich's schon erzählte. Gewöhnlich fand ich das Wasser recht gut, aber manchmal war es nicht so gut, und wenn ich getrunken hatte, verlor ich alle Munterkeit, aß nicht mehr und spielte auch nicht, sondern schlief ein. Hierzu merkt Daumer an: »Folge des schlafmachenden Arzneimittels, das man ihm unter das Wasser getan!« Wenn ich erwachte, war's einmal so hell als das andere Mal; ich habe niemals eine »solche« eingeschoben bei D.-H. Tageshelle gesehen, als in der ich jetzt lebe. Als das erstemal der Mann zu mir hereinkam, »herein« fehlt bei D.-H. stellte er einen ganz niedrigen Stuhl vor mich hin, legte ein Stück Papier und einen Bleistift darauf, dann nahm er meine Hand, gab mir den Bleistift in die Hand, drückte mir die Finger zusammen und schrieb mir etwas vor. Das tat er recht oft, bis ich's nachmachen konnte. Dieses zeigte er mir sieben bis »oder« statt »bis« bei D.-H. achtmal; es gefiel mir sehr wohl, weil es schwarz und weiß aussah; Anmerkung Daumers: »Es ist nicht nötig, denkende Leser auf dergleichen unnachahmliche Züge in den Erzählungen Hausers aufmerksam zu machen. Man vergleiche obige Stelle, die schon allein hinreichend wäre, jeden Gedanken an Betrug zu entfernen.« er ließ meine Hand frei, ließ mich allein schreiben, ich schrieb fort und machte es gerade wie er's mir vorgezeigt hatte, und wiederholte dieses öfter. Hier schließt Daumer mit einem »usw.« das »Stück« des dritten Versuchs. Hickel hat weiteres, und es sind die im folgenden angemerkten Varianten diejenigen Hickels gegen die Stanhopesche Fassung. Wenn der Mann meine Hand losließ, machte ich mir gar nichts daraus und schrieb fort, mir kam kein Gedanke, warum meine Hand alle Festigkeit verlor. In dieser Zeit kann »er« eingeschoben. der Mann hinter mir gewesen sein und mir zugesehen haben, ob ich es nachmachen kann oder nicht; ich hörte ihn nicht kommen, auch nicht fortgehen. Ich schrieb eine Zeitlang so fort und bemerkte gleich, daß meine Buchstaben den vorgezeichneten nicht ähnlich sind; ich ließ aber nicht eher nach, bis ich die Ähnlichkeit erreichte. Dann wollte ich wieder trinken, weil ich vor dem Eifer meinen Durst gar nicht so »gar« und »so« fehlen bei H. bemerkte; aß ein wenig Brot, nahm die Pferde, putzte sie wieder so, wie ich oben erzählt habe. Aber ich konnte sie nicht mehr so leicht putzen als zuerst, weil mich der Stuhl hinderte, der vor mir über meinen Beinen stand; und machte mir vielmehr Anstrengung, weil die Pferde neben dem Stuhl standen, und ich hatte nicht so viel Verstand, daß ich den Stuhl weggetan, oder die Pferde auf den Stuhl gestellt hatte. Da hatte ich viel mehr Durst bekommen und hatte kein Wasser mehr, sodann schlief ich ein. Als ich erwachte, stand der Stuhl noch über meinen Füßen; mein erstes ist immer gewesen, nach dem Wasser zu langen; darauf aß ich ein Brot, schrieb sodann eine Zeitlang, nahm die Pferde und den Hund, als ich fertig war, trank ich mein weniges »wenig« statt weniges bei H., so auch im folgenden. Wasser aus, aß ein wenig Brot. Dieses wiederholte ich. Ob ich mit dem Tag erwachte, kann ich nicht angeben, weil ich keinen Begriff von Tag und Nacht hatte. Ich kann auch nicht sagen, wie lang ich schlief, nach meiner jetzigen Vermutung ziemlich lang, mein Spiel währte immer, so viel ich jetzt bestimmen kann, höchstens vier Stunden. Wie der Mann mir das Schreiben zeigte, sagte er kein Wort zu mir, sondern nahm meine Hand und schrieb mir vor; als er mich bei der Hand nahm, kam mir's nicht in Gedanken, mich umzusehen, um den Mann zu erkennen; ich hatte ja nicht gewußt, daß es eine solche Gestalt gibt, wie ich bin. Der Mann kam zum zweitenmal, brachte ein Büchlein mit, legte es vor mich aufgeschlagen auf den Stuhl, nahm meine Hand und fing zu sprechen an, er deutete auf die Pferde hin und sagte leis »Roß« etliche Male nacheinander; als ich dieses hörte, horchte ich lange, ich hörte immer das nämliche; dann kam mir's in Gedanken, ich solle es auch so machen, ich sagte auch die nämlichen Worte, nahm ein Bändchen mit der linken Hand und sagte nochmal »Roß«, weil ich mit der rechten Hand nicht hinlangen konnte, die mir der Mann hielt; dann sagte er etlichemal »dieses merken« und legte meine Hand aufs Büchlein hin und zugleich auf die Pferde und fuhr mit hin und wieder. Welches mir sehr wohl gefiel, er sagte dabei: »dieses nachsagen, dann bekommst du solch schöne Roß vom Vater«. Diese Worte sagte er mir etlichemal vor, ich sagte es nicht nach und horchte sehr lange, und da ich immer dieselben Worte hörte, fing ich's wieder zum Nachsprechen an; er sagte es vielleicht noch sieben- oder achtmal vor, dann konnte ich's ein wenig deutlicher nachsprechen; wie ich es deutlicher nachsprechen konnte, deutete er nochmal auf die Pferde hin, fuhr wieder so hin und wieder und sagte: »dieses merken, den Roß vorsagen, dann darfst du auch so fahren«, dieses gefiel mir am allerbesten. Jetzt war meine Hand frei und das Büchlein lag auf dem Stuhl; ich sah immer auf das Büchlein hin, weil es mir so wohl gefiel, da es gerade so aussah, wie mein Papier, worauf ich geschrieben hatte; ich sagte es noch etlichemal für mich allein, ich trank mein weniges Wasser aus, aß ein wenig Brot, fuhr dann mit den Pferden anfangs ganz langsam und ohne Geräusch, wie mir's der Mann gezeigt hatte, sagte auch die Worte zu den Pferden; dabei wurde ich sehr durstig, müde und schläfrig, und wenn ich kein Wasser mehr hatte, legte ich mich rückwärts und schlief ein. Als ich erwachte, lag mein Büchlein noch auf dem Stuhl. Dieses sah ich nicht eher, als bis ich das Wasser getrunken hatte; dann schrieb ich, putzte die Pferde und den Hund; nachher ging´s über das Büchlein und sagte die Worte, die mir der Mann gelehrt hat und deutete gerade so auf die Pferde und sagte auch diese Worte, »dieses merken, du schöne Roß vom Vater bekommst,« dann deutete ich ins Büchlein hin und wiederholte es nochmal, nachdem fuhr ich so hin und wieder, fühlte wieder Durst, trank mein weniges Wasser aus, aß ein wenig Brot, sagte jene Worte noch etlichemal und fing zu fahren an; fuhr aber so stark, daß es mir selber wehe tat. Da kam der Mann mit einem Stock, schlug mich auf den Arm, welches mir sehr wehe tat und weinte; ich war von dieser Zeit an sehr stille und fuhr nicht mehr mit den Pferden. Nachdem ich lange geweint habe, »hatte«. wollte ich trinken, ich hatte kein Wasser mehr, aß mein weniges Brot und schlief ein. Als ich erwachte, saß ich auf und trank mein Wasser, dann legte ich die Bänder ganz leise hin auf die Pferde, wie der Mann es mir »mir es«. gezeigt hatte, und sagte jene gemerkten Worte zu den Pferden, schrieb wieder, nachdem ich auch eine Zeitlang in das Büchlein dieselben Worte sprach, nahm das Krüglein, trank mein weniges Wasser aus, ich spielte noch eine Zeitlang, ich wurde sehr müde und schläfrig und schlief ein. Ich werde noch etlichemal erwacht sein, vielleicht noch vier- oder fünfmal, bis mich der Mann forttrug. In der Nacht, in welcher der Mann kam, schlief ich recht gut, wie ich erwachte, war ich schon angezogen, bis auf die Stiefel, die zog er mir an, setzte mir einen Hut auf, hob mich in die Höhe und lehnte mich an die Wand, nahm meine beiden Arme und legte sie um den Hals. Als er mich aus dem Gefängnis trug, mußte er sich bücken und es ging einen kleinen Berg hinauf, vielleicht war's eine Treppe; dann ging es ein Stück weit eben fort, ich fühlte schon große Schmerzen und fing an zu weinen; jetzt kam ein großer Berg, als ich ein Stück weit hinauf kam, sagte der Mann, du mußt gleich zu weinen aufhören, sonst bekommst du keine Roß. Ich gehorchte ihm, er trug mich noch ein Stück weit, ich schlief ein. Wie ich erwachte, lag ich auf der Erde mit dem Angesicht dem Boden zugewendet. Ich bewegte mich mit dem Kopf, vielleicht sah der Mann, daß ich erwacht war, er hob mich auf, nahm mich unter den beiden Armen und lehrte mir das Gehen. Und wie ich zu gehen anfangen sollte, schob er mit seinen Füßen die meinigen fort, um mir begreiflich zu machen, wie ich's machen sollte. Ich werde etliche Schritte weit gegangen sein, da fing ich zu weinen an, ich fühlte schon sehr viele Schmerzen an den Füßen, der Mann sagte: »Du mußt gleich aufhören zu weinen, sonst bekommst du keine Roß.« Ich sagte: »Roß,« womit ich wollte, daß ich bald heim zu meinen Rossen käme; der Mann sagte mir, du mußt das Gehen recht lernen und merken, du mußt auch ein solcher Reiter werden, wie dein Vater ist. Er plagte mich noch immer mit dem Gehen; ich fing an zu weinen, weil mir die Füße sehr wehe taten. Er sagte nochmal jene Worte: »Du mußt gleich zu weinen aufhören, sonst usw.«, wenn er vorher diese Worte gesagt hatte, hörte ich immer gleich zu weinen auf; diesmal aber nicht, weil mir die Füße sehr wehe getan haben; »hatten«. worauf er mich mit dem Angesicht auf den Boden hinlegte, und ich werde eine Zeitlang gelegen sein, bis ich einschlief. Da ich wieder erwachte, hob er mich in die Höhe und sagte: ich solle das Gehen recht lernen, dann bekommst du schöne Roß, er schleppte mich gerade wieder so fort, wie das erstemal. Ehe der Mann auf dem Wege mir vorzusprechen anfing, legte er mich sehr oft auf die Erde hin, weil ich immer gleich ermüdet war. Jetzt fing er an, mir vorzusprechen: »I möcht a söchäna Reiter wären, »wär'n«, ebenso stets im folgenden. wie mei Vater gwän is.« Diese Worte wiederholte er sehr oft: bis ich dieselben recht deutlich nachsprechen konnte. Ich fing an zu weinen, weil mir die Füße und der Kopf, besonders aber die Augen schrecklich wehe taten, ich sagte: »Roß,« womit ich andeuten wollte, man sollte mich heim zu meinen Rossen führen. Der Mann verstand, was ich damit sagen wollte, und sagte: »Bald bekommst du schöne Roß vom Vater«; ich fing an zu weinen, er legte mich nieder aufs Gesicht, ich weinte noch immer fort; er sagte: »Du mußt gleich zu weinen aufhören, sonst bekommst du keine schöne Roß,« und legte mir etwas Weiches unter das Gesicht, und ich hörte zu weinen auf und schlief ein. Da ich wieder erwacht bin, hob er mich auf, schleppte mich fort, und mußte mir noch immer meine Füße mit den seinigen fortschieben, ich konnte noch nicht die Füße allein bewegen. Wenn er mit mir höchstens 20 Schritte weit gegangen war, fing ich jedesmal zu weinen an und sagte: »I möcht a söchäna Reiter wären, wie mein Vater gwän is.« Dann sagte der Mann: »Wenn du nicht zu weinen aufhörst, so bekommst du keine »kein«. Roß.« Nun hörte ich eine Zeitlang auf, weil ich meinte, dann würde ich bald zu meinen Rossen heimkommen, ich glaube, es hätte keine sechs Schritte gewährt, so fing ich schon wieder zu weinen an; er legte mich nieder, und so oft er mich ausruhen ließ, schlief ich aus Müdigkeit ein. Ich erwachte wieder, er hob mich auf und schleppte mich fort, er sagte mir die Worte: »I möcht a söchäna Reiter wären, wie mein Vater gwän is«, noch sehr oft vor. Vielleicht sind wir sechs bis acht Schritte weit gegangen, fing es zu regnen an, ich wurde ganz naß, fing mich sehr stark zu frieren an; ich weinte; weil ich immer mehr Schmerzen fühlte; er legte mich auf die Erde hin in nassen Kleidern, es fror mich sehr, ich konnte nicht einschlafen, weinte eine Zeitlang fort, dann legte er mir wieder etwas Weiches unter das Gesicht, und ich schlief unter den größten Schmerzen ein. Wie ich wieder erwacht bin, waren die größten Schmerzen vorüber, er hob mich auf, schleppte mich fort, ich hatte schon so viele Begriffe vom Gehen, »gelernt« bei H. eingeschoben. daß ich die Füße selber aufgehoben und bewegt habe. Dann sagte der Mann, ich solle nur das Gehen merken, »dann bekommst du recht schöne Roß von »von deinem«. Vater« und sagte auch jene Worte: »Du mußt auch recht auf den Boden sehen«, worauf er mir zugleich auch immer den Kopf gegen den Boden neigte, und sagte, »wenn du dieses recht gut so machen kannst, so bekommst du die Roß«. Ich sah ohnedies niemals in die Höhe, weil mir die Augen schrecklich wehe taten, er hätte es mir garnicht zu sagen brauchen, aber desto mehr sah ich auf den Boden. Ich fing an zu weinen, er legte mich wieder auf das Gesicht, ich weinte noch immer fort; er legte mir etwas Weiches unter das Gesicht, und ich hörte auf zu weinen und schlief ein. Als ich wieder erwachte, da sagte ich: »Roß«, er hob mich auf, schleppte mich fort, ich sagte nochmal jene Worte, womit ich mich ausgedrückt habe, er solle mich heim zu meinen Rossen führen und nicht mehr so wehe tun. Ich ging vielleicht dreißig Schritte, so fing ich zu weinen an, ich bekam nach und nach immer mehr Schmerzen im ganzen Leib, besonders an den Augen, im Kopf und Füßen, dann sagte der Mann jene Worte. Da hörte ich am ersten auf, weil ich große Sehnsucht nach den Pferden hatte. Er führte mich noch ein Stück weit, »fort« eingeschoben da fing ich schon wieder zu weinen an und sagte jene Worte. Hierauf sagte der Mann: »Jetzt kommst du bald zu deinen Rossen ham;« ich sagte auch dieselben Worte. »Hierauf sagte der Mann....Worte« fehlt bei H. Er legte mich nieder und ich schlief ein. Wie ich wieder erwachte, sagte ich: »Roß ham«, womit ich mich ausdrücken wollte, mir tun meine Füße sehr wehe, er möchte mich bald zu meinen Rossen heimführen und mir nicht mehr so wehe tun. Hierauf legte er mich nieder und sagte jene Worte: »Jetzt bekommst du bald Roß, aber zu weinen mußt du aufhören«, mit diesen Worten schlief ich ein. Ich erwachte wieder, er hob mich auf und schleppte mich fort und ich sagte jene Worte sehr oft: »ich Roß ham«, ich wollte sagen, ich kann es mit meinen Füßen nicht mehr so machen, aber er schleppte mich doch fort unter seinen gewöhnlichen Drohungen. Er führte mich wieder fort, ich bekam immer mehr Schmerzen. Dann wurde es auf einmal Nacht, ich weiß es mich nicht zu erinnern, daß er mich niederlegte, aber wie es wieder hell gewesen ist, lag ich auf der Erde, ich sagte: »Roß ham«, damit wollte ich sagen, warum tun mir die Augen und der Kopf so wehe und bekomme so lange meine Roß nicht. Er hob mich in die Höhe und reichte mir Wasser dar, ich trank recht viel und dieses hat mich ganz erquickt; ich hätte schon eher Durst gehabt, aber ich konnte kein Wasser verlangen, weil ich nicht wußte, daß mir der Mann Wasser geben könne. Wie ich das Wasser getrunken hatte, waren meine Schmerzen viel leichter. Dann schleppte er mich wieder fort, ich konnte auch etwas schneller gehen, so daß nach meiner Meinung es nicht mehr so langsam ging als anfangs, aber dem Mann muß es doch noch zu langsam gegangen sein, weil er dennoch immer mit seinen Füßen nachschob. Als ich eine Zeitlang gegangen war, kamen wieder sehr viele Schmerzen, ich fing zu weinen an und sagte: »Roß ham«. Er tröstete mich: »Jetzt kommst du bald zu deinem Vater,« ich sagte: »Roß ham«. Er legte mich auf die Erde hin, aber ich konnte nicht gleich einschlafen und weinte eine Zeitlang und sagte: »Roß ham«, womit ich sagen wollte, warum mir denn immer meine Augen so wehe tun, mit diesen Worten usw. endlich einschlief. Da ich wieder erwachte, hob er mich wieder auf und führte mich fort. Es ging auch mit dem Gehen etwas besser nach meiner Meinung, weil mich der Mann nicht mehr so festhielt, ich fühlte auch die Schmerzen nicht mehr so stark unter den Armen, und der Mann sagte: »Du mußt noch besser gehen lernen«; worauf er auch wieder jene Worte sagte: »Du bekommst bald schöne Roß: weil du das Gehen so gut kannst«, worauf er zugleich mit seinen Füßen die meinigen dabei fortschob und dieses machte er mir verständlich. Ich glaube, er ließ mich ein wenig freier gehen, um zu probieren, ob ich auch allein gehen könne; aber ich glaube, daß ich hingefallen sein würde, weil ich die Füße nicht mehr vorwärts bringen konnte, und auf beiden Seiten empfand ich einen plötzlichen Schmerzen, der wahrscheinlich daher rührte, daß mich der Mann geschwind ergriff, als ich hinfallen wollte. Ich fing an zu weinen, er legte mich nieder und sagte jene Drohung, ich hörte auf und schlief endlich ein. Als ich erwachte, war mein erstes Wort: »Roß ham, I möcht a söchäna Reiter wären, wie mei Vater gwän is.« Er hob mich auf, führte mich fort, ich glaube, daß das Gehen viel besser gegangen sein muß, weil ich manchmal gar keine Schmerzen unter den beiden Armen fühlte. Ich werde eine Zeitlang gegangen sein, so fing es wieder zu regnen an, da ich ganz naß wurde und sehr viel von der Kälte litte. Ich weinte, er sagte diese Worte etlichemal nach einander: »Habens dich angeschüttet,« ich fing sie an nachzusprechen: womit ich sagen wollte, es tut mir alles sehr wehe. Er legte mich auf den Boden hin, und ich konnte nicht gleich einschlafen, weil die Kleider ganz naß waren, und sehr viele Schmerzen hatte, er legte mir etwas Weiches unter das Gesicht, und endlich schlief ich doch ein. Wie ich wieder erwachte, hob er mich auf, schleppte mich fort, ich empfand noch sehr viele Schmerzen, weil ich ganz naß war, es fror mir »mich« auch sehr. Er sprach mir jene Worte immer vor; ich konnte keines nachsprechen, über das lange Vorsprechen gab ich ihm zur Antwort: »Roß ham« usw. wollte ich sagen, warum ich denn es jetzt immer mit den Füßen so machen muß, welches mir sehr wehe tut. Er sagte: »wenn du nicht mehr weinst, dann bekommst du Roß vom Vater, aber das Gehen mußt du recht merken«. Ich fing wieder an zu weinen, »zu weinen an«. da legte er mich auf den Erdboden und mit den Worten: Roß usw. schlief ich endlich ein. Da ich wieder erwachte, sagte ich jene vorgesagten Worte. Er hob mich auf, schleppte mich fort und sagte: »Jetzt bekommst du deine Roß, aber das Gehen mußt du recht merken.« Er führte mich fort eine Zeitlang, ich fühlte immer mehr Schmerzen und es wurde auf einmal Nacht, und ich »ich« fehlt bei H. fühlte mich ganz unbewußt. Und wenn ich erwacht bin, sah ich mich auf dem Boden liegend, und war wieder so hell, als es vor der Nacht gewesen ist, er setzte mich auf, reichte mir Wasser dar, welches ich sehr begierig trank, nach dem wurde mir sehr leicht; ich glaubte, es sind die Hälfte der Schmerzen weg. Er gab mir auch Brot, aber ich aß sehr wenig, weil ich keinen Hunger hatte, oder vielleicht konnte ich vor Schmerzen keines essen, das Wasser, welches er mir nochmal reichte, erquickte mich ganz besonders. Jetzt hob er mich auf, führte mich fort, ich konnte viel leichter gehen, ich hatte es nicht mehr so nötig auf dem Mann seinen Armen zu liegen. Der Mann lobte mich, »weil du so gehen gelernt hast, so bekommst du jetzt bald schöne Roß.« Ich konnte ununterbrochen ungefähr 40 bis 50 Schritte weit gehen, welches mir vorher nicht möglich war. Ich fing jene gemerkten Worte an zu sprechen, wodurch ich immer meine Ermüdung und Schmerzen ausdrücken wollte; er legte mich nach diesen Worten sogleich auf die Erde hin; ich war sehr müde und schläfrig und schlief sogleich ein. Da ich erwacht bin, hob er mich auf, nahm mich das erstemal unter einen Arm, schleppte mich fort und sprach immerfort die nämlichen Worte, bis ich sie recht gemerkt und deutlich nachsprechen konnte. Er plagte mich so lange, weiter zu gehen, bis ich anfing zu weinen. Er legte mich auf die Erde hin und sagte: »Du mußt gleich zu weinen aufhören«, usw. ich war sehr ermüdet, und schlief sogleich ein. Ich erwachte wieder, er hob mich auf, führte mich fort. Er legte mich noch etlichemal nieder, um mich ausruhen zu lassen, bis er mir die Kleider wechselte. Er setzte mich auf die Erde hin, ohne daß ich es verlangt hatte, zog mir meine Kleider aus, legte mir andere an, in denen ich in die Stadt Nürnberg kam. Während er mir die Kleider auszog und diese anzog, war er hinter mir, er langte nur vor. Als ich angezogen war, hob er mich auf, wollte mich wieder fortführen, aber ich fing an zu weinen und sagte jene gemerkten Worte: womit ich sagen wollte, ich kann nicht mehr gehen, ich bin sehr müde, es tun mir auch die Füße so »sehr« statt »so« wehe; dann sagte der Mann: »Wenn du nicht gleich aufhörst zu weinen, so bekommst du keine Roß« usw., allein ich hörte nicht auf, bis er mich niederlegte, daß ich ausruhen konnte, ich schlief ermüdet ein. Da ich erwacht bin, sagte ich jene Worte. Hierauf reichte er mir Wasser, welches mich so sehr erquickte, welches ich nicht beschreiben kann; er hob mich ganz in die Höhe und führte mich fort und sagte mir immer dieselben Worte vor, bis ich sie recht deutlich nachsprechen konnte. Dann probierte er auch, ob ich noch nicht allein gehen kann, er ließ mich frei und allein und hielt mich nur hinten am Jäckchen. Aber ich würde doch noch etliche Mal hingefallen sein, denn ich konnte einigemal meine Füße nicht mehr vorwärts bringen und fühlte einen starken Schmerzen an beiden Seiten. Ich fing an zu weinen, und sagte die gemerkten Worte, womit ich sagen wollte, er solle mir nicht so wehe tun. Er tröstete mich wie immer und legte mich gleich nieder und ich schlief sogleich ein. Als ich erwachte, sagte ich dieselben gemerkten Worte, damit wollte ich sagen, was denn dieses sei, welches mir immerfort in den Augen so vielen Schmerzen verursachte und gar nicht aufhörte, wehe zu tun. Er hob mich auf und schleppte mich fort und sagte: »Du mußt das Gehen recht merken«, worauf er mir wieder neue Worte vorzusprechen anfing. »In dem großen Dorf da ist dein Vater, der gibt dir schöne Roß, und wenn du auch ein solcher Reiter bist, dann hole ich dich wieder.« Jetzt fing ich wieder an zu weinen, »zu weinen an«. er legte mich nieder und ließ mich ausruhen. Er hob mich auf, führte mich wieder fort und fing jene Worte an vorzusprechen; ich fing sie alle nachzusprechen an. Hierauf sagte er: »Dieses merken und nicht mehr vergessen,« worauf er wieder andere Worte sprach, und gab mir den Brief in die Hand. »Dahin weisen wo der Brief hie »hin«. gehört.« »I möcht a söchsna Reiter wären, wie mein Vater gwän is.« Dieses sagte er mir am öftesten vor, bis ich sie deutlich nachsprechen konnte. Ich weinte, er legte mich nieder und ich schlief aus Müdigkeit ein. Da ich wieder erwacht bin, reichte er mir wieder Wasser dar, ich trank, welches sehr gut war, nachdem hob er mich auf, führte mich fort, worauf er mir immer dieselben Worte vorsprach und zugleich auch den Brief in die Hand gab, und wenn ein Bu kommt, so mußt du es so machen. Von dieser Zeit an, da er mir die Kleider gewechselt hatte, legte er mich gewiß noch zehnmal auf die Erde hin, um mich ausruhen zu lassen, wobei er immer diejenigen Worte vorsprach, um ja keines zu vergessen. Als mich der Mann stehen ließ und mir den Brief in die Hand gab, sagte er diejenigen Worte nochmal vor, worauf er mich verlassen hatte. Hier beginnt das im folgenden abgedruckte Stück Daumers, »Hausers erstes Auftreten zu Nürnberg usw.« – Hier sind weiter angemerkt die Varianten Hickels gegen Stanhope. Ich stand eine Zeitlang an der nämlichen Stelle, in welcher mich der Mann verlassen hatte, bis derjenige Mann meinen Brief abnahm und mich in das Haus des Herrn Rittmeisters brachte. Als ich in dem Hause ankam, empfand ich von einer starken Stimme, die ich dort hörte, heftige Schmerzen in dem Kopf; ich fing an zu weinen. Der Bediente nahm mich, setzte mich auf einen Stuhl, oder was es war, und suchte mich auszufragen. Doch ich konnte nicht mit andern Worten Antworten geben als mit denjenigen, die ich gelernt hatte, und welche ich ohne Unterschied gebrauchte, um Müdigkeit und Schmerzen auszudrücken. Er brachte mir hierauf einen zinnernen Teller mit Fleisch und in »in« fehlt bei H. einem Glase Bier. Der Glanz des Tellers und die Farbe des Biers gefiel mir sehr wohl, aber schon der Geruch verursachte mir Schmerzen. Ich schob es weg. Er wollte es mir »mir es«. aufdringen und ich schob es immer zurück und sagte: m m. Dann brachte er mir Wasser und ein Stückchen Brot; das erkannte ich gleich und nahm es in die Hand, aß und trank. Das Wasser war sehr gut frisch, daß ich drei bis vier Gläser austrank und mich ganz gestärkt fühlte. Dann legte er mich in den Pferdstall und ich schlief ein. Als der Herr Rittmeister nach Hause kam, weckte man mich auf, und wie ich erwachte, war es sehr gut in den Augen, weil es schon ein wenig Nacht gewesen ist, welches für meine Augen eine große Wohltat war, man führte mich aus dem Stall heraus. Ich sah »sehe« des Herrn Rittmeisters Uniform und seinen Säbel, ich erstaunte und erfreute mich sehr daran und wollte auch ein solches haben. Ich sagte: »I mögt a söchäna Reiter wär'n, wie mei Vater g'wän is.« Womit ich sagen wollte, man sollte mir auch ein solches glänzendes schönes [Ding] geben. Sie fingen an zu sprechen und so stark, daß es mir im ganzen Leib wehe getan hatte; ich fing an zu weinen und sagte dieselben Worte. Dann führten sie mich auf die Polizei, welches mein schmerzlichster Weg war, weil die Füße ein wenig ausgeruht waren und an den Stellen, wo die Blasen gewesen, sind sie sehr empfindlich geworden. Als ich auf die Polizei hin kam, waren sehr viele Menschen da, und ich erstaunte und wußte nicht, was denn dieses sei, welches sich so beweget und immer so stark sprachen, »sprechen«. daß mir der Kopf noch weher getan hatte, da gaben sie mir einen Schnupftabak, welchen ich in die Nase hin tun mußte, von diesen bekam »bekomm«. ich sehr vielen Kopfschmerzen. Ich fing an zu weinen. Sie plagten mich noch immer mit allerhand Sachen, welche mir schreckliche Schmerzen verursachten, und ich weinte immer fort. Als ich eine Zeitlang auf der Polizei gewesen war, führten sie mich auf den Turm. Ich mußte einen sehr hohen Berg hinaufsteigen und sagte zu diesen Polizeisoldaten: »Ich möcht a söchäna Reiter »Reiter« fehlt bei H. wär'n, wie mei Vater gwän is,« womit ich meine großen Schmerzen ausgedrückt hatte und ihn zugleich fragen wollte, was denn dieses gewesen ist, was ich gerade gesehen habe. Er gab mir wohl eine Antwort, welche ich nicht verstanden hatte. Als ich aus dem Turme kam, mußte ich wieder noch einen größern Berg hinaufsteigen, welches die Stiege war. Da hörte ich wieder eine starke Stimme, ich weinte noch immer fort und sagte: »I möcht a söchäna Reiter wä'r'n, wie mei Vater gwän is.« Er nahm mich, führte mich noch etliche Stiegen hinauf, er machte die Türe auf, welche einen ganz besondern Laut für mich gab, worüber ich ganz erstaunte, und da konnte ich recht ausruhen. Aber ich weinte eine Zeitlang, bis ich einschlief, weil mir alles sehr wehe getan hatte, und schlief in größten »großen«. Schmerzen ein. II. Hausers erstes Auftreten zu Nürnberg. Von ihm selbst beschrieben. Das folgende Stück, offenbar der Schluß der schon öfters erwähnten »dritten Fassung« der »Selbstbiographie«, gibt Daumer, Mitteil. I 9. Er leitet seinen Abdruck folgendermaßen ein: »Ich füge den Proben von Hausers schriftlichem Ausdruck folgende merkwürdige Erzählung hinzu, die ich Häuser aufzusetzen veranlaßte. Schwerlich würde selbst dem genialsten und wissenschaftlich tiefkundigsten Betrüger so etwas zu schreiben möglich sein. Hausers Fehler gegen die Orthographie und sein Setzen eines ›n‹ statt des ›m‹ des Dativs auch hier beizubehalten, ist nicht für nötig erachtet worden.« Den Anfang hat noch Stanhope (bis zu der angemerkten Stelle), Hickel hat das Ganze. Im folgenden sind die Varianten Hickels gegen die Daumersche Fassung angegeben. Die mit (D.) bezeichneten Anmerkungen sind von Daumer. Ich stand eine Zeitlang an der nämlichen Stelle, an welcher mich der Mann Der Unbekannte, der ihn in die Stadt geführt hatte. (D.) verlassen hat, bis derjenige Mann Der Bürger, der ihn auf dem Platze fand, wo ihn sein unbekannter Führer verlassen hatte.(D.) meinen Brief abnahm und mich in das Haus des Herrn Rittmeisters brachte. Als ich in dem Hause ankam, empfand ich von einer starken Stimme, die ich dort hörte, heftige Schmerzen in dem Kopf. Der Bediente setzte mich auf einen Stuhl und suchte mich auszufragen, Häuser kann sich nur erinnern, daß der Bediente mit ihm gesprochen; daß dieser ihn habe ausfragen wollen, was auch ohne Zweifel der Fall war, ist Hausers in der Erinnerung gefaßte Vorstellung. Daß er damals nicht gewußt habe, was man mit ihm sprach, erklärt er selbst weiter unten.(D.) doch ich konnte nicht mit andern Worten antworten, als mit denjenigen, die ich gelernt hatte und die ich ohne Unterschied gebrauchte, um Müdigkeit und Schmerzen auszudrücken. Er brachte mir hierauf einen zinnernen Teller mit Fleisch und einem Glase Bier. Der Glanz des Tellers und die Farbe des Biers gefiel mir, aber schon der Geruch verursachte mir Schmerzen. Ich schob es weg, er wollte es mir aufdringen und ich schob es immer zurück. Dann brachte er mir Wasser und ein Stückchen Brot, das erkannte ich gleich und nahm es in die Hand, aß und trank. Das Wasser war so gut frisch, daß ich drei bis vier Gläser austrank und mich ganz gestärkt fühlte. Dann legte er mich in den Pferdestall und ich schlief sogleich ein. Als der Herr Rittmeister nach Hause kam, weckte man mich auf, ich sah seine Uniform und seinen Säbel, ich erstaunte und freute mich daran und wollte, man solle mir ein solches glänzendes, schönes Ding geben. Ich sagte: »I möcht a söchäna Reiter wern wi Vater is,« womit ich zu verstehen geben wollte, man solle mir ein solches glänzendes, schönes Ding geben. Sie fingen zu sprechen an und so stark, daß es mir im ganzen Leib weh getan hat, Noch in meinem Hause litt er sehr, wenn man mit lauter Stimme zu ihm sprach.(D.) ich fing an zu weinen und sagte dieselben Worte, dann fühlten sie mich auf die Polizei und das war mein schmerzlichster Weg. Als ich hin kam, waren sehr viele Menschen da und ich erstaunte und wußte nicht, was denn dieses sei, das sich so bewegt, welche immer sprachen und sehr stark, dann gaben sie mir einen Schnupftabak, welchen ich in die Nase hintun mußte; dieser tat mir sehr wehe und ich fing an zu weinen, weil ich schreckliche Schmerzen in den Kopf bekam. Sie plagten mich noch mit allerhand Sachen, welche mir schreckliche Schmelzen verursachten Ehe Hauser zu Herrn Bürgermeister Binder gebracht wurde, von dem er die erste liebevolle Behandlung erfuhr, wurden ihm durch Unverstand und Mutwillen anderer schreckliche Qualen bereitet. Man zwang ihm, den schon der Geruch solcher Dinge furchtbar erregte, Rauch- und Schnupftabak und geistige Getränke auf und versetzte ihn dadurch in Zustände, die selbst die rohen Menschen, welche dies verübten oder geschehen ließen, bang machten. Schon vom Geruche des Branntweins, den man dem in solchen Fällen sich stets Weigernden nahebrachte, bekam er tagelange Kopfleiden, von aufgedrungenem Käse tagelanges Magendrücken usw. So nach Hausers von mir im Jahre 1828 gehörten und mit Nachrichten anderer verglichenen Erzählungen. Wie er den Teller mit Bier und Fleisch wegschob, hat man oben gelesen. (D.) und ich weinte immerfort. Als ich eine Zeitlang auf der Polizei gewesen war, führten sie mich auf den Turm. Ich mußte einen sehr hohen Berg hinaufsteigen und weinte, weil mir alles sehr wehe getan hat. Als ich auf den Turm kam, sprach wieder einer so stark, daß ich noch mehr Schmerzen empfand. Derselbe führte mich noch einen größeren Berg hinauf, das ist die Stiege gewesen, er machte die Türe auf, welche einen besonderen Hall von sich gab Dergleichen Geräusche, die andere gar nicht beachten, spannten damals seine Aufmerksamkeit. (D.) und da konnte ich erst ausruhen. Aber ich weinte noch eine Zeitlang bis ich einschlief, weil mir alles sehr wehe getan, und endlich schlief ich doch ein. Hier schließt die Stanhopesche Version. (S. voriges Stück.) Als ich erwachte, hörte ich etwas, Das Schlagen der Turmuhr, das ihn vielleicht erweckte, da er, wie aus dem folgenden erhellt, in der Nacht aufwachte. (D.) worüber ich so in Erstaunen geraten war und mit einer solchen Aufmerksamkeit horchte, weil ich in meinem vorigen Zustande nie etwas solches gehört hatte. Diese Aufmerksamkeit, die kann ich gar nicht beschreiben. Ich horchte sehr lange, aber nach und nach hörte ich nichts mehr und verlor sich die Aufmerksamkeit, ich fühlte die Schmerzen an Hickel hat »in«. meinen Füßen. Erst also, da er nichts mehr hörte, vgl. unten Note 62. (D.) Ich bemerkte, daß ich in den Augen keine Schmerzen fühlte und warum empfand ich keine? weil es nicht Tag gewesen ist, welches für meine Augen die größte Wohltat war. Aber sonst fühlte ich im ganzen Leib Schmerzen, besonders an den Füßen. Ich setzte mich auf, ich wollte nach meinem Wasser langen um meinen Durst zu stillen, den ich fühlte; ich sah kein Wasser und Brot mehr, statt dem sah ich den Boden, der ganz anders ausgesehen hat als in meinem früheren Aufenthaltsort. Ich wollte mich nach meinen Pferden umsehen und mit spielen, es war aber auch keines da, worauf ich sagte: »I möcht ah a söchana Reiter wern, wie Vater is,« womit ich sagen wollte, wo sind die Pferde hin und das Wasser und Brot. Hierauf bemerkte ich den Strohsack, auf dem ich saß, welchen ich so mit Erstaunen betrachtete und wußte nicht, was denn dieses sei. Als ich ihn sehr lange betrachtet hatte, klopfte ich mit dem Finger darauf, wodurch ich das nämliche Geräusch vernommen hatte, als wie von dem Stroh, welches ich in (meinem) früheren Aufenthaltsort hatte, worauf ich immer zu sitzen und zugleich zu schlafen pflegte. Ich sah auch sehr viele andere Sachen, worüber ich so in Erstaunen geraten bin, welches sich nicht beschreiben läßt. Ich sagte: »I möcht ah a söchana Reiter wern, wie Vater is,« womit ich sagen wollte: was ist denn dieses und wo sind denn »denn« fehlt bei H. die Pferde hin? Ich hörte wieder die Uhr schlagen; ich horchte sehr lange; als ich nichts mehr hörte, sah ich den Ofen, welcher von grüner Farbe war, und einen Glanz von sich gab. Er konnte, wie bemerkt, in den ersten Zeiten in tiefem Dunkel Farben erkennen. (D.) Zu diesem sagte ich auch die gemerkten Worte, welche mir der Mann gelernt hatte, womit ich sagen wollte: er möchte mir auch ein so schönes glänzendes Ding geben; ich sagte es etliche Mal, aber ich bekam nichts. Ich sah ihn sehr lange an; ich sagte nochmal die nämlichen Worte, womit ich zu dem Ofen sagen wollte, warum denn meine Pferde solange nicht kommen. Ich war in der Meinung, die Pferde sind fortgegangen. Ich bekam auch den Gedanken, wenn die Pferde kommen, so sage ich, sie sollten nicht mehr fortgehen, auch dieses wollte ich sagen: sie sollten das Brot nicht mehr fortlassen, sonst habt ihr nichts. Er pflegte, wie schon oben gesagt, seine Spielpferde mit dem Brot zu füttern, das er selbst aß, hier will er die Pferde ermahnen, das Brot nicht fortlaufen zu lassen, damit es ihnen nicht an Futter fehle. (D.) Durch das viele Sprechen bekam ich sehr vielen Durst und weil ich kein Wasser mehr sah, so legte ich mich nieder und schlief ein. Als ich wieder erwachte, empfand ich wieder dieselben Schmerzen in den Augen, als ich auf dem Herwege nach der Stadt empfunden hatte, als ich wieder erwachte, war es Tag, und weil mir die Tageshelle sehr wehe tat. Noch als ich Hauser kennen lernte, zeigten sich die Augen etwas entzündet. (D.) Ich fing an zu weinen und sagte: »I möcht a söchana Reiter wern, wie Vater is. Dahi weis, wo Brief highört.« Damit wollte ich sagen: warum es mir in den Augen so wehe tut? Er solle dieses wegtun, welches mir in den Augen so viele Schmerzen verursachte, gebe du mir bald die Pferde und plage mich nicht immer so fort. Es ist merkwürdig, daß Hauser zuweilen eine unbestimmte, allgemeine Person anspricht, von der er glaubt, daß sie ihm sein Weh verursache, Abhilfe schaffen und Gewünschtes geben könne. (D.) Ich hörte das nämliche, was ich zum erstenmal hörte, ich meinte aber doch, es ist etwas anders, weil ich es viel stärker hörte; es ist auch nicht das nämliche gewesen, sondern (statt) daß die Uhr geschlagen hat, war es geläutet worden. Es fehlt ihm das Wort »ähnlich«, daher das wunderliche Ringen mit dem Ausdruck. (D.) Dieses hörte ich sehr lange; aber nach und nach hörte ich immer weniger, und wie meine Aufmerksamkeit weg war, sagte ich jene Worte: »dahi weis, wo Brief highört,« womit ich sagen wollte, er möchte mir auch ein solches schönes Ding geben Nämlich den Klang, wie unten wieder vorkommt. (D.) und möchte mich nicht immer so plagen. Ich lag sehr lange; der Mann hob mich nicht mehr auf; ich setzte mich auf; ich bemerkte, daß ich auf dem nämlichen Ort bin; da dachte ich gleich an dieses, daß ich keine Schmerzen fühlte in den Augen Er bemerkte, daß er an dem nämlichen Orte war, an dem er sich bei seinem ersten Erwachen (im Turme) des Nachts befunden hatte, und dachte daran, daß er damals keine Schmerzen in den Augen gefühlt. Anfangs meinte er, er befinde sich noch auf dem Wege mit seinem Führer und er erwartete, daß ihn dieser, wie es auf dem Wege geschehen war, nach dem Erwachen vom Boden erheben würde. (D.) und ich hörte auch dasselbe. Endlich stand ich auf; ich setzte mich gleich wieder nieder, weil mir die Füße schrecklich wehe getan haben. Ich fing wieder an zu weinen und sagte die gelernten Worte; damit wollte ich sagen: warum denn die Pferde so lang nicht kommen und lassen mir immer so wehe tun? Ich weinte sehr lange und der Mann kam nicht mehr. Ich sagte die Worte, ich wollte sagen, warum ich denn jetzt nicht mehr gehen lernen muß. Ich hörte die Uhr schlagen, dies nahm mir immer die Hälfte Schmerzen weg, So wie er oben die Schmerzen erst fühlte, als er die Uhr nicht mehr hörte, so verschwinden sie hier, da er sie hört. (D.) worüber mich der Gedanke tröstete, daß jetzt bald die Pferde kommen werden. Und während dieser Zeit, als ich horchte, kam ein Mann zu mir her und fragte mich um allerhand Sachen, ich gab ihm vielleicht keine Antwort, weil meine Aufmerksamkeit auf das gerichtet war, was ich hörte. Er faßte mich am Kinn an, hob mir den Kopf in die Höhe, wodurch ich einen schrecklichen Schmerz in den Augen fühlte von der Tageshelle. Daß ihn der Mann zuvor gefragt habe, ist Vermutung Hausers (vgl. Note 48). Hauser will sagen: der Mann hat mich wahrscheinlich befragt und deshalb, weil er keine Antwort erhielt, beim Kinn gefaßt. (D.) Von dem Mann, von dem ich jetzt spreche, dieser war bei mir eingesperrt gewesen, wovon ich auch nichts wußte, daß ich eingesperrt bin. Er fing an zu sprechen, ich horchte sehr lange und hörte immer fort andere Worte, jetzt sagte ich meine gemerkten Worte: »dahi weis wo Brief hi ghört« – »I möcht a söchana Reiter wern wie Vater is«, womit ich sagen wollte, was denn dieses gewesen sei, welches mir in den Augen so wehe getan hat, wie du mir den Kopf in die Höhe gehoben hast. Aber er hat mich nicht verstanden, was ich gesagt habe, er hat wohl verstanden, Hickel hat: »aber er hat mich nicht verstanden, was die Worte heißen, aber nicht, was ich gewollt hätte«. was die Worte heißen, aber nicht was ich gewollt hätte. Er ließ meinen Kopf los, setzte sich neben mich her und fragte mich immer aus; unterdessen fing die Uhr zu schlagen an; ich hatte meine Aufmerksamkeit auf dieses bekommen, was ich in dem Augenblick hörte und dem Mann mußte ich zu lange gehorcht haben; er nahm mich am Kinn, wandte mein Gesicht gegen ihn und er würde mich gefragt haben, Statt: »er mag mich gefragt haben«: »hat mich vielleicht gefragt.« (D.) was ich so horche, ich verstand ihn aber nicht, was er gesagt hat; ich sagte zu ihm: »I möcht a söchana Reiter wern« usw. womit ich sagen wollte, er solle mir ein solches schönes Ding geben, Den Klang, wie schon oben einmal (s. Note 62). (D.) aber er verstand mich nicht, was ich wollte, er sprach noch immer fort; ich fing an zu weinen und sagte: »Roß ham,« womit ich sagen wollte, er solle mich nicht immer mit dem Sprechen so plagen, es tut mir alles sehr wehe. Er stand auf, ging an seine Lagerstätte hin und ließ mich allein sitzen. Ich weinte sehr lange; ich fühlte große Schmerzen in den Augen, so daß ich nicht mehr weinen konnte. Ich saß sehr lange Zeit allein. Jetzt hörte ich ganz etwas anderes, worüber ich mit einer solchen Aufmerksamkeit horchte, die ich gar nicht sagen kann. Dasjenige, was ich hörte, war die Trompete in der Kaiserstallung, aber ich hörte es nicht lange und als ich nichts mehr hörte, sagte ich: »Roß ham,« er solle mir auch so etwas Schönes gebend. Den Ton, wie schon zweimal vorkam, beim Hören des Glockenschlags und Glockenläutens. (D.) Jetzt kam der Mann zu mir her und sagte etlichemal sehr langsam diese Worte vor, ich sagte es ihm nach; er sagte: »Weißt du nicht, was dieses sei?« Scheint eine Vermischung direkter und indirekter Rede zu sein. (D.) Ich sagte diese Worte zu ihm etlichemal, damit wollte ich sagen, er solle mir bald die Rosse geben und möchte mich nicht immer so plagen. Der Mann langte nun den Wasserkrug hin, der unter meiner Pritschen stand und wollte trinken, aber ich langte danach und sagte »Roß ham«. Der Mann gab mir gleich den Krug, ließ mich trinken; als ich das Wasser getrunken hatte, wurde mir so leicht, welches sich nicht beschreiben läßt. Ich verlangte die Pferde von ihm und sagte: »Roß ham,« worauf er etlichemal sagte, ich weiß nicht, was du willst, ich sagte auch die Worte nach, ich konnte es aber doch nicht gleich so deutlich nachsprechen und sagte »I wü's net« und mit dem Roß ham wollte ich sagen, er solle mir auch meine Rosse geben. Er verstand mich nicht, was ich gewollt hatte und stand auf, ging an seine Lagerstätte hin und ließ mich allein sitzen. Jetzt fing die Uhr an zu schlagen, welches mich unendlich erfreute, sodaß ich immer meine Schmerzen vergaß und meine Sehnsucht war nach diesem Aufenthaltsort. Man verstehe: »und die Sehnsucht (verlor), die ich nach meinem früheren Aufenthaltsorte hatte.« Ich habe schon oben bemerkt, daß Hauser sich anfangs in seinen Käfig zurücksehnte, wo er ohne Schmerz gelebt hatte. (D.) Jetzt kommt der Gefängniswärter Hiltel, brachte das Brot und Wasser, welches ich gleich erkannte und sagte zu ihm: »I möcht ah a söchana Reiter wern, wie Vater is,« damit sagte ich zu dem Brot, jetzt du nicht mehr fortgehen und mich nicht mehr so plagen lassen. Er legte das Brot neben mich hin; ich nahm es gleich in die Hand; das Wasser schüttete er in den Krug hinein, stellte ihn auf den Boden hin. Jetzt fing er mich auszufragen an. Er fragte mich mit so rascher Stimme, welche mir viele Schmerzen verursachte im Kopf, ich fing an zu weinen und sagte: »I möcht ah a söchana Reiter wern wie Vater is«, »ham weisen«, »i was net«, »In groß Dorf, da iß dei Vatter«. Diese Worte gebrauchte ich ohne Unterschied, um dieses zu verlangen, was ich gewollt hätte. Der Gefängniswärter ging fort, weil er mich nicht verstanden hat, er verstand wohl die Worte, was es heißen, aber nicht was ich damit gesagt habe und ich verstand ihn auch nicht, was er zu mir gesagt hat. Ich aß mein Brot, als ich es in den Mund brachte, war es nicht so hart, als dieses, welches ich in meinem vorigen Aufenthaltsort hatte. Ich betrachtete es und sah, daß es doch ein Brot sei, aber es hat diesen Geschmack Seine gewohnte Speise war feines, stark gewürztes Roggenbrot. (D.) und das harte nicht gehabt. Er bekam im Käfig ganz altgebackenes Brot und konnte das neugebackene, das er im Turme erhielt, um so weniger vertragen. (D.) Ich aß doch, weil ich Hunger hatte, ich werde es einige Minuten im Magen gehabt haben, bekam ich starke Schmerzen im Leib, ich fing an zu weinen und sagte: »ham weisen«, damit wollte ich sagen, er solle mir nicht so wehe tun und möchte mich dahin tun, wo meine Roß sind. Jetzt hörte ich wieder die Trompete in der Kaiserstallung; ich horchte und freute mich sehr, weil meine Hoffnung war, wenn die Roß kommen, ich erzählen, Wenn Hauser Reden und Gedanken von sich aus den ersten Zeiten seines Aufenthalts zu Nürnberg anführt, so bedient er sich der unvollkommenen Redeweise, in der er in jenen Zeiten sprach. Darum sagt er hier »ich erzählen« mit ausgelassenem: will, wolle, werde. (D.) was ich gehört habe. Ich horchte sehr lange, ich hörte nichts mehr. Jetzt kam der Gefängniswärter wieder, brachte ein Stückchen Papier und einen Bleistift mit. Dieses erkannte ich gleich, »gleich« fehlt bei Hickel. worüber ich mich so erfreute, welches ich nicht beschreiben kann, weil ich dachte, jetzt bekomme ich bald meine Roß. Im Käfig hatte er mit Bleistift auf Papier geschrieben, daher verband er beim Anblick dieser Gegenstände die Vorstellung derselben mit der der Spielpferde, die er im Käfig gehabt, und meinte, da die ersteren vorhanden waren, die letzteren, als mit ihnen zusammengehörig, seien auch nicht weit. (D.) Er gab mir das Papier und den Bleistift in die Hand und (ich) schrieb das, was mir der Mann gelehrt hatte, und dieses war meinen Namen gewesen, welches ich nicht gewußt habe, was ich geschrieben hatte. Als ich mit dem Schreiben fertig war, sagte ich: »I möcht ah a söchana Reiter wern, wie Vater is«, damit sagte ich: jetzt solle er mir die Pferde geben. Er sagte wohl etwas mit einer starken Stimme, welches ich nicht verstanden habe und nahm das Papier und ging fort.« III. Aufsätze von Hauser. Aus Daumers »Mitteilungen« 18. Der Gang, den Hausers geistige Entwicklung nahm, läßt sich sehr wohl an den schriftlichen Versuchen nachweisen, die ich (Daumer) von ihm in Händen habe. Im Herbste des Jahres 1828 ließ ich ihn kleine Aufsätze über beliebige Gegenstände fertigen, die ihm sodann verbessert wurden. Ein paar von diesen, die ich ganz so fehlerhaft, wie er sie schrieb, hersetze, sind folgende. Sie sind das erste, was er schriftlich entwarf, und er erscheint darin noch ganz als Kind. I. »Gestern hat mir der Herr Baron von Schaeuerl einen Köstlichen Ring gebracht daß ich noch keine so große Freude gehabt habe, als wie gestern und dieser Ring soll ein Andenken sein so lange ich lebe so vergesse ich den Herrn Baron von Schaeuerl nicht weil er mir ein so schönes Andenken gegeben hat.« II. »Gestern bin ich auf der Peterheide gewesen da habe ich recht viele Menschen gesehen und viele andere Sachen auch Affen die haben viele Künsten gemacht aber diese sind abscheuliche Tiere und ich habe auch Hunde gesehen die haben Tanzen können und haben schöne Kleider angehabt, die sind recht schön gewesen.« III. »Vor etliche wochen habe ich von Gartenkreß mein Namen gesähet und dieser ist recht schön gekommen der hat mir ein solche Freude gemacht das ich es nicht sagen kann und da ist einer in Garten herein gekommen hat viele Birn fortgetragen der hat mir meinen Namen Zertreten da habe ich geweint dann hat Herr Professor gesagt ich soll ihn wieder machen, ich habe ihn gemacht den andern Morgen haben mir wieder die Katzen Zertreten.« Ich veranlaßte ihn noch im Jahre 1828, eine Geschichte seiner Schicksale zu schreiben. Von dieser – wie er denn überhaupt seine Aufsätze endlos umzuarbeiten pflegte – sind mehrere Anfänge vorhanden. Der erste lautet so: »Die Geschichte von Kaspar Hauser ich will es selbst schreiben, wie hart es mir ergangen hat. Da wo ich immer eingespirt war in diesen Gefängniß da war es mir recht gut vorkommen, weil ich von der Welt nichts gewußt habe und so lange ich eingespirt war und keinen Menschen niemals gesehen habe. Ich habe zwei hölzerne Pferd und ein Hund gehabt, mit diesen habe ich immer gespielt, aber ich kann es nicht sagen, ob ich den ganzen Tag gespielt habe oder eine Woche ich wußte nicht was ein Tag oder eine Woche ist, und ich will es beschreiben wie es ausgesehen hat in dem Gefängniß da war ein Stroh darin« usw. Ein anderer Anfang ist folgender: »Diese Geschichte von Kaspar Hauser, will ich selber schreiben. Wie ich in den Gefängniß gelebt habe, und beschreibe wie es ausgesehen hat und alles was bei mir darin gewesen ist« usw. Von einem dritten Versuche, vom Februar 1829, worin schon eine gebildetere, doch noch sehr natürliche und naive Schreibart erscheint, ist folgendes ein Stück. »Diese Lebensbeschreibung von meinen vorigen Zustand nach der Erinnerung geschrieben. Es folgt hier der Anfang der oben als erstes Stück abgedruckten Stanhopeschen Fassung. Folgende Reime, die er im Frühling des Jahres 1829 an einem Tage, an welchem er sich vorzüglich wohl befand und einer heitern Zukunft entgegensah, niederschrieb, sind noch ganz in seiner ersten natürlichen Sprache verfaßt: »Mein erstes Jahr begrüß ich heut In Dank und Liebe hocherfreut, Von vieler Noth und Last gedrückt, Von heute an genieß ich was mein Herz entzückt, Und fühl auch jetzt mich neu beglückt. In meinem ersten Jahre steh ich nun, Da gibts erstaunlich viel zu thun, Zum Schreiben und zum Mahlen, Zum Rechnen oft mit Zahlen. Gott wollte, daß ich sehe, wies in der Welt hergeht, Und zu lesen, was in den Büchern steht, Und anzubauen mein Gartenbeet. Er wollte dieses bildlich von der Ausbildung seines Geistes verstanden wissen. (D.) Gott wird die Kraft mir geben in Jugendtagen, Um die Klugen auszufragen. Jetzt muß ich mich vorbereiten, Täglich fortzuschreiten; Ein Schritt ist nicht gar viel, Doch führt er mich noch zu mein' erwünschten Ziel.« Nun aber geriet er in seinen Aufsätzen in sentimentale Schwülstigkeit und Geziertheit, ein Durchgangspunkt der Bildung, an welchen andere geraten, wenn sie die Zeit der Kindheit schon weit hinter sich liegen haben, zu dem aber Hauser aus der Periode der Kindheit und des Knabenalters schon im zweiten Entwicklungsjahre seines neubegonnenen Lebens übertrat«. (Mein obengenannter Freund schrieb in dieser Beziehung an Hauser: »Sie haben die verschiedenen Alter, vom Kinde bis zum Jüngling, in einer so kurzen Zeit durchlaufen, daß man Ihr Leben mit einer Alpenreise vergleichen kann, die in dem Zeitraum von wenigen Tagen, ja oft von wenigen Stunden, die Erscheinungen der verschiedenen Jahreszeiten vor dem Blick vorüberführt.« D.) In einem Briefe schrieb er damals unter anderem: »der Wonnemonat wäre bald mein Sterbemonat geworden.« (Er war durch einen eingesogenen Duft schwer erkrankt. D.) Einem neuen Entwurf der Lebensgeschichte gab er folgenden gesuchten Eingang: »Lebensgeschichte von Kaspar Hauser in Nürnberg. Welcher Erwachsene gedachte nicht mit trauriger Rührung an mein unschuldige Einsperrung für meine jungen Jahre, die ich in meiner blühtesten (blühendsten) Lebenszeit zugebracht habe. Das sich so manche Jugend das Leben erfreuet hat, in entzückenden goldenen Träumen und Vergnügen lebten da meine Natur noch gar nicht erweckt war« usw. IV. Das älteste größere Fragment der »Selbstbiographie«. Dieses älteste größere Fragment der »Selbstbiographie« wurde 1888 von A. v. d. Linde nach einer von ihm erworbenen, aus Daumers Besitz stammenden Handschrift Hausers veröffentlicht. Der Bericht Daumers über diesen Hauserschen Aufsatz steht im vorigen Stück S. 213. V. d. Linde benutzt hier wieder einmal die Gelegenheit, in seiner gewohnten Manier den toten Daumer herabzusetzen und zu verdächtigen. Seine Polemik richtet sich sachlich (auf die unsachlichen persönlichen Unflätigkeiten v. d. Lindes kann hier natürlich nicht eingegangen werden) gegen den Daumerschen Ausdruck »Anfang«. Daumer bemerkt (s. S. 213), daß von Hausers Selbstbiographie verschiedene »Anfänge« vorhanden seien, »wie er denn überhaupt seine Aufsätze endlos umzuarbeiten pflegte«. (Eine auch von anderen berichtete Eigentümlichkeit Hausers.) – Aber ein so großes Stück kann man doch nicht einen »Anfang« nennen! Das ist wieder eine der Fälschungen Daumers! meint v. d. Linde. – Aber gewiß kann man das! denn der Schluß fehlt doch, wie v. d. Linde ja selbst bemerkt. – Ja, den hat Daumer als »zu häretisch« herausgenommen, denn es sind Blätter aus dem Heft herausgeschnitten! – Den Beweis für diese ehrenkränkende Beschimpfung Daumers bleibt v. d. Linde schuldig. Er hat natürlich auch nicht in den »Notizen« des Lehrers Meyer gelesen (S. 87 u. 92), daß Hauser die von Meyer so sehr verurteilte Angewohnheit hatte, aus seinen Heften Blätter herauszuschneiden. – Daumer schreibt weiter (s. S. 213): »Ein anderer Anfang ist folgender:« Da bringt er einige Zeilen des Fragments und schließt mit »usw.«. Dieses »usw.« beweist doch, daß D. gar nicht die Absicht hatte, hier etwas zu unterschlagen. »Anfangs des November 1828. Durchstrichen; in der Fortsetzung werden wir die Durchstriche und Korrekturen im Text in Klammern hervorheben. (v. d. L.) Diese Geschichte von Kaspar Hauser will ich selber schreiben! Wie ich in den Gefängniß gelebt habe, und beschreibe, wie es ausgesehnen hat, und alles was bey mir darin gewesen ist; Das Gefängniß war in der Größe sechs bis sieben Schu lang gewesen, und in der Breyte vier Schu, da waren zwey kleine Fenster, die sind acht bis neu zohl in der Höhe und auch breit gewesen, und oben auf der Decke war es wie in einen Keller. Da war aber nichts (»darin, war nichts«: durchstrichen) anders als das Stroh, wo ich gelegen bin, und gesessen, und die zwei Pferd, der Hund, und die Wohlen Decke, und in der Erde, neben mir war ein runtes Loch, wo ich meine Nothdurft hin ein gethan habe, und der Wasserkrug; und sonst war gar nichts darin, es ist auch kein Offen gewesen. Ich wiel (korrigiert in: »will«) es ihnen erzählen, was ich imer gethan habe, und was ich immer zu Essen bekom(m)en Ab und zu hat das ›m‹ oder ›n‹ den Querstrich der Verdoppelung, was wir durch die Einschaltungen (m) oder (n) andeuten werden. (v.d.L.) habe; und wie ich mein la(n)ge Zeit gelebt hab: und zu gebracht; ich habe zwey spill Pferd, und ein Hund gehabt, und so Rothe bänder wo ich die Pferd damit Butz habe; und meine Kleider die Ich an gehabt habe dieses war ein Kurze hosen und ein schwarzer hosen träger, und ein Hemd, aber den Hosenträger und die Hosen habe ich auf den Bloßen Leib; gehabt und das Hemd, ausen her, und die Hosen war in Hintertheil zehrrissen, daß ich die Nothdurft verrichten habe können, ich habe ja die Hosen nicht aus ziehen kön(n)en, weil es mir niemand gelehrt hat; Ich will ein Gleichniß angeben von ein Tag wie ich es imer gemacht und gethan habe, wie ich mein Tag gehalten habe. Wen ich auf wachte; da war das Wasser und Brod neben mir,. Da ist mein erstes gewesen; daß ich das Wasser getruncken habe, dann ein wenig Brod gessen; bis ich satt war, dann habe den Pferden, und den Hund, ein Brod und Wasser geben: dan habe ich es ganz aus getruncken. Jetz fange ich zu spillen an, da habe ich die Bänder runder gethan: da habe ich sehr lange gebraucht, bis ich ein Pferd gebutz habe, wen eins Butz gewesen ist, da habe ich wieder ein wenig Brod gessen; und da habe ich noch ein wenig Wasser gehabt, dieses habe ich aus truncken, dan habe ich daß zweyte Butz, da hat es auch ein so lange Zeit Dauert; als wie mit den ersten, dan hat mich wieder gehungert; dann habe ich ein wenig Brod gessen, und ein Wasser hätte ich auch gerne truncken: aber da habe ich schon keines mehr gehabt, daß ich meinen Durst bestählen (korrigiert in bestiehlen) hätte könen. Da habe ich den Krug gewiß zehn mal in die Hände genohmen, und habe Trincken wollen, da war niemals kein Wasser darin gefunden, weil ich gemeint daß Wasser komt selbst. Da habe ich noch eine Zeit lang, den Hund Butz, wen mir der Durst gar zu arg gewesen ist, da habe ich iemer ain geschlaffen, weil ich vor durst nicht mehr spiellen kon(n)te, da her kan ich es mir vorstehlen, daß ich sehr lange, geschlaffen haben muß, wen ich auf wachte, ist im(m)er daß Wasser da gewesen, und das Brod. Aber das Brod habe ich auch immer alles gessen von schlaffen auf daß andere, Brod habe ich imer gnug gehabt aber daß Wasser nicht, weil der Krug nicht groß war, da ist nicht genug Wasser hinein gangen, vielleicht hat mir der Mann nicht mehr, Wasser geben kön(n)en; weil ich kein größern Krug erhalten kon(n)te, und wie lange ich gespielt habe dieses kan ich nicht beschreiben weil ich nicht wußte was eine Stunde, oder ein Tag ist, oder ein Woche; Ich bin imer vergnügt gewesen, und zu frieden, weil mir niemals was weh gethan habe; und so habe ich es die ganze; Lebenszeit gemacht, bis der Man gekomen ist, und hat mir das nach mahlen gelehrt, ich wußte aber nicht was ich geschrieben habe. Als jetz kam der Man, zum ersten mal zu mir; ich hörte aber ihm nicht komen, auf einmal hat er mir ein kleinen Stuhl vorgesetzt, und da hat er ein Pappier, und ein Bleiweiß mit gebracht; und hat er auf den Stuhl, hingelegt, da schaue ich ein wenig immer das Pappir an, auf einmal nimt mich der Mann, bey der Hand, und giebt mir den Bleiweiß in die Hand, und hat gesagt, ich soll dieses recht gut merken, dann bekom(m)e ich recht schöne Das ›n‹ hat einen feinen, falsch angebrachten Querstrich, wie nach fünf Jahren der Artikel den in dem Merkzettel zu Ansbach. (v. d. L.) Roß, und hat auf mein Roß hinzeigt, solche bekomst du, wen ich das recht mercke und schön mache, daß schreiben hat er gemeint. Da hat er es mir gewiessen, und hat meine Hand, geführt, und der Mann war hinter mir, und dann habe ich es allein gemacht ich machte rechte lang allein mit dem schreiben, so fort, und habe alles gemerckt, was er gesagt hat, und von dieser zeit an, wußte, ich, wie die, Pferd heißen, da habe ich imer gesagt wen ich spilte Roß, net, vo, lauf, du da beim, dableiben. (v. d. L.) und der Mann, war wieder fort, ich wußte, nichts, wo er hin komen ist, aber den Stuhl, und das Pappir, hat er da gelassen, da habe ich den zum ersten mal gemerkt, gesehen habe ich ihn nicht, weil er hinter mir gewesen ist, und wie dieser Mann, den Stuhl hin gestehlt hat, so habe ich ihn stehen lassen so gescheit bin ich nicht gewesen, daß ich den Stuhl weg gethan hätte, wenn ich mich neider gelagt habe, und wie ich wieder aufwachte da habe ich wieder daß Wasser getruncken, und daß Brot gessen, dan habe, ich zum ersten schreiben angefängt, und dan wie ich daß schreiben aufgehört habe, da habe ich die Roß genohmen, und habe es wieder, so butzt, wie, imer aber wen ich mit der Händ ein wenig, hingestossen bin da habe ich imer gesagt, Ros, net, vo, lauf, du da beim; aber zu vor habe ich nur imer gesagt, net, vo, lauf, du da beim, weil ich es nicht wußte was es sind. Da habe ich gewis, noch zwey oder drey mal, geschlaffen, ich beschreibe es, nach meinen, zwey, oder drey, Tage, sinds gewesen, bis dieser Mann gekomen ist, wie er das zweyte mal gekomen ist, da war es grad wieder so, ich habe ihm auch nicht komen gehört, wie das erstemal; und wie er das zweyte mal kam, da hat er ein kleines, Büchlein mit gebracht; dieses hat er mir auf den Stuhl hin gelegt, wie das Pappir, und den Bleiweis, dann hat er mir die Hand genohmen, und die überigen in die Hand genohmen und mit einen Finger auf das Büchlein hingethan, und hat mir dieses vorgesagt, drey oder virmal dan habe ich es gekant, da hat er gesagt, ich soll es recht merken, da hat, er ein Roß genohmen und hat so gerohlt, und dieses hat mir gefallen, und habe alles gut mercken kön(n)en, und da habe, ich imer fort, gelernt, und der Mann, ist auch hinter mir gewesen, und wen ich es ein Wort nicht mehr gut gekannt habe, da hat er es mir wieder gesagt; dan wird ich es noch villeicht nur zweymal gesagt haben, da war der Mann, fort gewesen, da habe ich mein Pferd in die Hand genohmen, und habe es auch so gemacht, weil der Mann, gesagt habe (korrigiert in hatte) wen ich recht mercke, so dürfe ich auch so machen, und wie ich diese Worte, gut gekannt habe, dann habe ich mit den Roß grad so gemacht wie er es mir gezeigt hat, und bin so strack gerohlt das es mir selber weh gethann habe (wie oben), dann ist dieser man komen und hat mich mit den Stock, geschlagen, und hat mir so weh gethann, daß ich still weinte, stiehl (durchstrichen) daß mir die Thränen, herunter gefallen sind; und hat mir am rechten Elenbogen weh gethan, und ich wußte nicht wo auf einmal der Schlag herkomt; weil ich den Mann niemals gehört habe, wan er kam; wie er mir den Schlag gegäben hat, da habe ich mich recht stiell gehalten, weil es mir sehr weh gethan habe (wie oben), und habe ich meine Roß Butzt, so habe ich die Bänder so leiß hin gelegt: das es selber nicht weiß, wie stiell als ich es gethan habe; und da wen ich mein Nothdurft verrichtet habe, da habe ich den Deckl; recht leis weg gethan, und von meinen Stroh, auf den ich gelegen, und gesessen bin, da habe ich niemals weg gehen können, weil ich zum ersten nicht gehen kante und zum zweyten habe ich nicht weg gekonnt; da ist es gewesen, als, wen ich hin gehalten were und habe schon, niemals gedacht, daß ich weg wollte, oder daß ich ein gespert wehre. und wie er mich geschlagen habe (wie oben) da ist es gewiß (durchstrichen) eine solche Zeit angestanden, daß ich gewiß noch zwanzig mal wach geworden, und mit die Roß spilt habe, bis er kam und hat mich, fort getragen aus meinen Gefängniß. Da kam er noch ein mal und hat wieder, ein Pappir gebracht, und hat gesagt, ich soll es wieder so machen, schreiben habe er gemeint, jetz, habe ich meinen Namen, noch mal schreiben müssen, und ich habe es nicht vergessen, gehabt, wie er mir anfangs gelehrt hat, und dieses habe, ich auch noch mal sagen müßen, und alles habe ich gekannt, was er mir gelehrt hat. Dann war er wieder fort; wie er fort war, habe ich wieder mit meinen, Pferd gespilt; und das Wasser, und Brod, ist noch imer so gewesen, wie der Mann, zum ersten gekomen ist, ist daß Wasser, und Brod imer so komen, wen ich aufwachte war daß Brod, und Wasser da, wie vor her, Ehe der Mann, zu mir kam. Am denselben Tage, wie er mich noch meinen Namen schreiben hat lassen. Da hat er mich fort tragen. Jetz kam dieser Mann, und hat mich auf gehoben, von Schlaffe, und hat mir mein Kurze hosen aus gezogen, und ein andere, Kurze hosen angezogen, und ein großen Hut und Stiefel, und Janker, und wie er mich angezogen, hat, dan habe (wie oben) er mich, an die Wand hin gestellt, und hat mir, die zwey Hände genohmen (das h ausradiert) und hats an den Hals gethan; wie er mich aus den, Gefängniß, raus getragen, hat, da habe (wie oben) er sich, bickgen müßen und hat, mich über ein kleinen, Berg, hinauf getragen, da habe ich schon zum, weinen angefangt, da hat der Mann gesagt, ich soll aufheren (aufhören), sonst bekome ich keine Roß wie aber, ich über den Kleinen Berg, hinauf gekomen bin, da hat, mich so gefrohren, weil ich die Luft niemals, gehabt habe, und ein so schröcklicher Geruch, ist mich angefallen, daß es mir weh gethan habe (korrigiert in hat), und dan sind mir auf den zweyten, Berg gekomen, und da habe ich ein geschlaffen, dieses kan ich aber nicht; sagen, obe der Berg lange (ge)dauert hat oder kurz und wie weit er mich getragen hat, dieses kann ich auch nicht sagen, und wie ich wach geworden bin, da war ich auf der Erden gelegen, und auf den Angesicht, war ich gelegen, und da hat es schröcklich gerochen und hat mir alles so weh gethan, wie ich erwachte habe ich den Kopf um gewend, da wird es der Mann gesehen haben, da ist er gekomen, und hat mich, aufgehoben, und hat mir das gehen (Gehen) gelernt, hat, mir ein Fuß um den andern so fortgestoßen mit seinen Fuß, weil er in anfang (Anfang), mich an alle zwey arme (Arme) geführt hat, weil ich gar, keinen Schritt gehen kon(n)te, und da hat der Man gesagt, ich soll imer auf den Boden sehen und soll recht aufmercken, daß ich allein gehen kan, das erste, war immer gewesen (daß ich ge)weint habe, Kaspar nicht weinen sonst bekomst keinen Roß, ich habe oft geweint, weil mir das gehen (Gehen) so hart ankomen ist, und alles hat mir weh gethan, aber wenn er gesagt habe (wie oben), daß ich kein Roß bekome da habe ich imer gleich auf gehört zum weinen, da war ich kaum 8 Schritt weit gegangen, da hat mich der Mann hin gelegt, auf den Boden, und auch wieder mit den gesicht (Gesicht) auf die Erde hin, da habe ich ein wenig aus geruth (geruht) ich habe aber auh nicht lange liegen bleiben könen weil es mir zu strack gerochen hat, und da habe ich den Kopf, auf gehoben, da hat er mich wieder ab (durchstrichen) aufgehoben, und hat mich wieder fortgeschlept, das zweyte mal wie ich um etliche Schritte weiter (ge)gangen sei (bin), als das erste mal, und da haben mir mein Füße, so weh gethan, daß ich es gar nicht sagen, (kann), da hat er mir ein Wasser und ein Brod geben, da habe ich mich hin gesetzt auf den Boden, und er ist hinter mir gewesen, und wie ich daß Brod und Wasser verzährt habe, da hat er mich wieder fort (geschleppt) und da hat er mich zum ersten mal unter einen Arm geführt, und habe es nicht sagen könen daß mir alles so weh thut, da sind wir um etliche Schritt weitter (ge)gangen als das zweyte mal, da ist es dunckel worden, und bin recht mid (müd) gewesen, und haben mir die Füße recht weh gethan, da habe, ich mich auf den Boden, hingelegt, und habe geschlaffen, und wie lange ich geschlaffen, habe, dieses kan ich nicht sagen, wie ich wach geworden bin da ist es schon häll gewesen, da war ich schon wieder ausgeruht gewesen, aber, die Schmerzen, sind gar niemals vergangen, diese waren imer gleich gewesen, (da bin ich Gewis um durchstrichen) da bin ich gewis Acht Schritte weitergegangen, da habe ich vielleicht meinen meisten weg (Weg) gethan; wie die erste Nacht vorüber war, aber ich kan es nicht gewis sagen ob es würklich, Nacht wahr, es kan(n) leicht gewesen sein, daß mir die Augen, vergangen sind; vor Schmerzen, weil sie zu groß waren, dann hat er mir wieder ein Brod geben, und ein Wasser, dan hat mir dieser Mann das betten, gelehrt, die (das) wird er mir dreymal vorgesagt haben, (und es, er? mir vor gesagt habe, hat er gesagt durchstrichen) ich soll dieses recht merken, daß du schöne Roß bekommst, im dem großen dorf da ist dein Vater; der hat recht schöne Roß, und ein solcher Reiter kanst du auch werden; wie dein Vater gewesen ist; jetz würde es zum zweyten mal nacht (Nacht), und ist mir auch der große Schmerzen komen als wie die vorige Nacht, da habe ich mich auf die Erde hin gelegt, und habe ein geschlaffen, und dieses kan ich aber nicht sagen, wie lange ich imer geschlaffe habe; wan ich aber aufwachte, wahr es imer Hell, dann wie ich wach wurde hat mich die (der) Mann wieder fort, da bin ich ein stück (Stück) weit(er ge)gangen, da habe (ich) zum weinen angefangt, und sagt, Roß, Roß, weil mir, die Fuß sehr weh gethan haben, da sagte der Mann ich sollte daß weinen auf hören, sonst bekome ich keine Roß mehr, dann habe ich wieder aufgehört zum weinen; wen mir gleich die Füße recht weh gethan haben, dann würde ich mir (nur) zehn, mal ausgeruht haben, und dieser Mann hat sich im(m)er hinter mir hin, gesetzt, da habe ich wieder ein Brod, und Wasser, bekom(m)en, wie ich aber dieses Brod gessen habe, und daß Wasser truncken, da hat er mich wieder fort, dann wirde ich vielleicht nur acht, oder Neun, mal, ausgeruht, haben, da habe ich wieder zum weinen angefangt, und sagte Roß, Roß, Roß, mit diesen wollte, ich sagen, er soll mich nach Haus führen zu meine Pferd, wo ich ein, gespirt war; dieses konnte ich aber nicht sagen, da hat der Mann gesagt, höre ab (auf) zu weinen jetzt bekomst bald eine Roß, dann würde ich nur zweymal aus geruht, dann hat, er mir wieder die Kurze hosen aus gezogen und habe (wie oben) mir, ein lange Hosen angezogen, und ein andern Hut auf gesetzt, und wie er mir die Kleider angezogen habe (wie oben), ist er auch imer, hinter mir gewesen, wie ich aber diese Kleider an gehabt, habe, da wird ich vielleicht, zwanzig, oder dreysigmal aus geruht haben bis mir in daß (durchstrichen) daß Große (große) dorf gekomen, sind. wie wir aber in der Stadt gewesen sind, da hat er mir ein Brief in die Hand geben, und hat gesagt, ich soll stehen bleiben bis ein solchr, komt wie du bist, dan sagt du er soll dich da hin führen wo dieser Brief hingehört. Da war ich lange dagestanden, bis ein Bub gekomen ist, da haben aber mir meine Füße so weh gethan, und der Arm in dem ich den Brief gehalten habe, entlich (endlich) ist doch einer komen, der mich in das Haus hingeführt hat, und wie ich hin komen bin, da war ich so müd gewesen, und haben mir die Füße so weh gethan, das ich es nicht sagen kann, da habe ich zum weinen angefangt, dan haben sie mir auf einen Theller etwas gebracht, ich habe es gar nicht gekant, was es sein soll, weil ich niemals ein Teller, oder Schüßln gesehen habe, und dan in ein kleinen Glaß, haben sie auch was gebracht, dieses habe ich auch nicht gekant was es sein soll, und hat mir der gerucht schon weh gethan, dan haben sie mir ein Brod, geben und ein Wasser, dieses habe, ich gleich erkannt, dieses habe ich gleich gessen, und das Wasser, wie ich bekomen habe, dieses war mein bestes gewesen, dann haben Sie mich in einen Pferdstahl gelegt, und wie ich dannu gekomen bin da hat es auch so gerochen und habe so ville Kopfschmerzen bekomen, und ich habe es gar nicht gewuß was denn dies alles ist, dann habe sie mich von diesen Haus wieder fort, und in ein anderes geführt, und von diesen Hauß wo sie mich wieder fort, haben, da haben erst mir meine Füß, so weh gethan, daß ich gar nicht wußte, wie ich gehen sollte, und wie ich in das zweyte Hauß komen bin da waren sehr ville Buben, und die haben mich so geplagt und, dan haben sie mit mir imer gesch (durchstrichen) gesprochen und ich habe es nicht verstanden, was sie alles gesagt, haben, dann haben sie mich wieder in ein anderes Hauß geführt, ich habe so kaum mehr gehen können, weil ich so schmerzen gehabt habe, im dritten Hauß habe ich erst schlaffen können, aber da bin ich sehr froh gewesen, wie ich mich setzen, habe können, und ein geschlaffen habe ich gleich, mit den großen Schmerzen die ich gehabt habe. Den ersten Tag wie ich aufwachte da bin ich auf gesessen, und da war es soll hell gewesen, ich wüßte nicht, wo ich bin, und habe sehr ville Schmerzen gehabt, und haben mir die Augen sehr weh gethan, und ich habe imer nach meine Roß umgesehen und ich habe keine gesehen, da habe ich zum weinen angefangt, da war noch einer beim darin gewesen, der ist zu mir herga(n)gen und hat zu mir was gesagt, aber ich verst (durchstrichen) habe ihm nicht verstanden was er sagte, aber ich sagte zu ihm Roß, Roß, ham, da ist dieser wieder zu seinem Bette hingegangen und hat, sich wieder hin gelegt, und ich habe wieder geweint, da ist er noch eine zeitlang, auf seinen Bette dort gelegen, dann ist er auf gestanden, und nahm das Wasser und ich meinte er wollte Trincken aber truncken hat er nicht er hat es in den Mund genohmen und hat sich gewaschen, und wie ich dieses gesechen habe, ich wußte nicht was dieses ist, und da ist er wieder zu mir hergangen und und hat wieder zu mir vielles gesprochen aber ich habe nichts verstanden, was er sagte, da war wieder einer gekomen und der hat mir ein Brod gebracht, und ein Wasser, und dieser hat so Starck gesprochen, daß er mir recht weh gethan, da waren mir sehr vielle trenen (durchstrichen) Trehnen aus den Augen gefloßen, da habe ich dieses alles sagen könen, was mir dieser Mann gesagt habe, da ich ein Reider (Reiter) werden soll, wie mein Vater ist, und schöne, Roß, bekome, und daß habe ich, ich zu den Man gesagt, den Hieldel kan ich auch nicht anders nennen als den Man, weil ich noch nicht wußte wie ich sagen soll, zum Gefängniß werter weil ich nicht sprechen kan, aber wie er daß Wasser und Brod gebracht habe da hat er recht laut gesprochen und sehr lange, dan ist er wieder fortgegangen, da habe ich zu(m) Hieldel gesagt, ham weißen, dan hat er gesagt ich soll sagen wo ich her gekomen bin, ich habe dieses nicht verstanden wie er mich um dieses gefragt hat Da ist er wieder fort gegangen, dan habe ich zum weinen angefangt, daß mir die trehnen herunter gefallen sind, dan ist dieser Man der bei mir eingespirt war, ist wieder hergegangen und hat gesagt ich soll zum weinen auf hören, und hat noch mehr zu mir gesagt, das andere habe ich nicht verstanden was er zu mir gesagt hate, aber dieses habe ich verstanden, wie er sagte ich soll zum weinen auf hören, dann habe ich auf gehört, und sagte zu ihm Roß Reiter wie Vater is da hat er wieder was gesagt, aber ich ver (durchstrichen) habe aber ihm nicht verstanden was er gesagt hat, und wie er dieses gesagt hat dan ist er wieder zum seinen Bette hin gegangen, und da war ich sitzen bliben bis der Gefängnißwärter kam, und wie er gekomen ist, da hat er daß essen gebracht, in einer Schüßl mir, und der Andern und wie er hingestehl hat, da ist mich ein so geruch angefallen daß ich es gar nicht erzählen kan, und habe recht vielle Schmerzen bekomen, und wie ers mir hin gestehlt hat, wußte ich es was dieses sein soll ich habe niemals eine schüßel und ein Lefel gesehen, und dieser Mann der bey mir war hat auch in einer Schüßel was bekomen, der hat alles gessen, und wie er daß seinige gessen gehabt hat, da hat er mein Schüßel in die Hand genohmen und den Lefel und hat es mir hin gehalten und sagte er ich soll essen und dieses habe ich auch nicht verstanden wie er dieses gesagt hat, dan habe ich gesagt j was nit, dann hat er es gessen, aber das Brod habe ich schon gessen, dieses der Hieldel mit gebracht hat und wie er mir das Essen hin gestelt hat dan hat er imer gesagt, ich soll sagen wo ich her bin, und weil ich dieses nicht verstanden habe dann sagte ich imer j, was, nit, Roß Reiter wie mei Vater ist, dann hat der Hieldel gesagt, wenn ich nicht sage wo ich her bin, dan kan ich kein Reiter werden, aber ich verstande van diesen alles nichts dan sagte ich imer j, was, nit, dan ist er wieder fort gegangen Dan habe ich wieder sehr lange geweint, dan ist dieser Mann wieder her gegangen und sagt ich zum weinen auf hören, und habe es gethan und er hat noch mehr gesagt aber ich habe ihm nicht verstanden was er alles gesagt hat, dan ist es abend geworden da hat der Hieldel wieder daß Brod, und Wasser, gebracht, da habe ich zu weinen angefangt und sagte ham weiße Roß, dan hat imer der Hieldel mich recht rasch an gesprochen und dieses hat mir im(m)er sehr weh gethan, in den Kopf dan habe ich daß Brod gessen und daß Wasser truncken, dann ist es Nacht geworden, da habe ich wieder geschlaffen, jetz würd es zum zweigten mal nacht (durchstrichen) Tag, da bin ich wieder auf gesessen und habe zum weinen wieder angefangt, und habe wieder geweint bis der Hieldel gekomen ist, und hat das Brod gebracht, dan sagte ich wieder ham Roß und Reiter möcht wän wie Vater ist, dan hat der Hieldel gesagt was er imer gesagt hat, und imer so rasch daß es mir weh gethan, und weil ich den Hieldel niemals verstanden habe da was er gesagt hat ich habe immer gesagt j, was, nit, und weinte wieder fort dan ist er wieder fort, dan ist dieser wieder her gangen der bey mir ein gespirt war und sagt ich soll zum weinen aufhören dan habe ich wieder auf gehört, und hat auch noch mehr gesagt, aber ich habe ihm nicht verstand was er gesagt hat, gegen 9 Uhr ist er vort komen dan bin ich allein gewessen, und wie dieser fort war da habe ich wieder geweint bis der Hieldel zu mittag kam, und hat daß Essen und ein Brod – Hier ist das Blatt weggeschnitten, der Schluß dieser Urrezension ist wohl gar zu häretisch gewesen. Der Schlußsatz von v. d. Linde. Vgl. die Anmerkung 82. V. Aufzeichnungen Prof. Dr. Hermann's über Hauser's Leben in seinem Käfig und seine Reise von da nach Nürnberg. D. 73 S. 107ff. Daumer bemerkt zu Hermanns Arbeit: »Professor Hermann zu Nürnberg, Lehrer der Mathematik am Nürnberger Gymnasium, nachheriger Staatsrat v. Hermann in München, mein vieljähriger vertrauter Freund, der sich sehr viel und sehr aufmerksam mit dem Findling beschäftigte, schrieb die Resultate seiner Unterhaltungen mit ihm sorgfältig auf und überantwortete mir ein Manuskript, welches ich seit jener Zeit bewahrt habe, und welches die nachstehenden Notizen enthält.« (D. 73 S. 107. Vgl. a. Note 6 S. 188) In der Zeit, da Hauser auf dem Vestnerturm wohnte, war es vor allem Bürgermeister Binder, der das Rätsel des Vorlebens Hausers zu lösen sich bemühte. Den Niederschlag seines Eifers finden wir in seiner »Bekanntmachung« (S. 240 ff.). Im Daumerschen Hause, wohin Häuser am 18. Juli 1828 übersiedelte, war es besonders Hermann, der die »Forschungen« Binders rastlos fortsetzte. Sein Aufsatz ist schon deshalb interessant, weil er unverhüllt die Art und Weise zeigt, wie man Hauser nach jeder Richtung hin »auspumpte«. Es ist gar nicht zu ermessen, wie viel durch diese und ähnliche Recherchen in Hauser hineingefragt, und wie das, was wir einmal die Erinnerungen Hausers nennen wollen, durch all diese Experimente entstellt und verzerrt wurde. Die Spuren dieser Einflüsse sind denn auch in den später entstandenen »Selbstzeugnissen« Hausers sowie in den gerichtlichen Vernehmungen über seine Herkunft unverkennbar. Dabei darf man jedoch vieles Echte, Unerfindbare darin nicht übersehen. Dies herauszustellen wäre eine ebenso mühevolle wie aufhellende Arbeit für den Psychologen. Kaspar Hauser befand sich, so lang er zurückdenken kann, in einem Gemach von so geringer Breite, daß er, in der Mitte zwischen beiden Wänden auf dem Boden sitzend, diese am Boden erlangen konnte. Um die Arme wagrecht auszustrecken, wäre es zu schmal gewesen. Die Höhe vermag er nicht anzugeben, da er sich nicht recht erinnert, die Decke gesehen zu haben – wie er denn auch später nicht in die Höhe blickte oder das über ihm Befindliche noch nicht in Verhältnis zu sich bringen konnte, wovon unten mehr Beispiele vorkommen. Die Wände waren Steinmauern, der Boden scheint gestampfter Lehm gewesen zu sein, er vergleicht ihn mit festgetretenen Gartenwegen. Er lag auf Stroh, das am Kopf eine Erhöhung bildete. Ob das Stroh unmittelbar auf dem Boden oder auf Brettern lag, kann er nicht angeben, da er nicht nachsuchte; es scheint aber dick gelegen zu haben, da ihm später im Gefängnis zu Nürnberg der Spreusack hart und kalt vorkam. In der Wand, gegen die hin seine Füße lagen, waren oben (er bezeichnete eine Höhe von etwa 6 Fuß) wie er glaubt, nicht weit von der Decke, zwei kleine, unverschlossene, viereckige Öffnungen – er bezeichnete sie 6" hoch und 3" breit – die außen mit Holz verlegt waren, wie von einem Holzstoße. Von seinen Füßen war es noch eine kleine Strecke bis an die Wand; er gab eine Strecke von ein paar Fuß an. Sein Kopf lag gegen die Türe hin, deren Höhe und Gestalt er nicht angeben kann. Er hatte kurze Lederhosen an mit ledernem Ich finde beigefügt: »schwarzem, wollenem.« (D.) Hosenträger, beides auf bloßer Haut, über diesen ein Hemd. Zur Bedeckung diente ihm eine grobe Wolldecke (Pferdedecke), die er, wenn er nicht schlief, auf den unbekleideten Füßen liegen hatte. Die Hosen waren hinten aufgeschlitzt, so daß er sie nicht zu öffnen brauchte. Er wußte auch nach seiner Ankunft in Nürnberg die Hosen nicht zu öffnen, noch den Hosenträger abzunehmen. (H.) Wenn er sich aufsetzte, so fühlte er, daß ihn etwas hinderte, sich nur etwa stark vorwärts gegen die Knie hin zu beugen, Wenn er ein Band, das ihm entfiel, aufnehmen wollte. (D.) noch weniger konnte er fortrutschen oder gar aufstehen; ja nicht einmal auf die Seite vermochte er sich zu legen, nur die Lage auf dem Rücken und ein kleines Rutschen gegen die linke Seite hin (etwa 2-3 Zoll weit) war ihm möglich. Als er, auf dem Boden sitzend, an der Hosenschnalle niedergehalten wurde, sagte er: so sei es gewesen. Was ihn aber hielt oder wie es festgemacht war, kann er nicht angeben, da er es nie untersuchte. Neben ihm rechts an der Wand stand ein Krug mit Wasser und Brot. Links fast unter ihm war eine Vertiefung im Boden mit einem Holzdeckel bedeckt, der sich wegschieben ließ; in ihr stand ein Gefäß, in das er seine Notdurft verrichtete, wozu nichts nötig war als Wegschiebung des Deckels und jenes kleine Rücken nach links, das ihm seine Fessel erlaubte. War der Deckel auf der Öffnung, so mußte er Stroh auf seine Kante legen, damit sie ihn nicht drückte, weil er auf ihr lag. Er hatte zwei hölzerne Pferde und einen hölzernen Hund, etwa 1 Fuß hoch, die auf Brettchen mit Rollen standen. Mit ihnen zu spielen, ihnen jeden Bissen hinzuhalten, ehe er ihn in den Mund steckte, um sie fressen zu lassen, sie schlafen zu legen, war seine einzige Beschäftigung. Er erinnert sich nicht, ihren Namen gewußt zu haben; nur die Worte habe er zu ihnen gesagt: »Nit vo laf, do bleib. Hiernach hätte er also schon in seinem Käfig etwas sprechen können und zwar deutsch. Da er aber späterhin, als man die bekannten sprachlichen Experimente mit ihm anstellte, das Deutsche als eine ihm ursprünglich fremde Sprache bezeichnete, statt deren er früher an andere Sprachlaute gewöhnt gewesen, so ist wohl die Vermutung erlaubt, daß er in seinem Käfig zwar mit seinen Spieltieren gesprochen habe, aber in einer anderen Sprache. War er in Deutschland geboren und erst nach Ungarn gebracht worden, nachdem er schon angefangen, ein wenig deutsch zu plaudern, so konnten ihm auch wohl aus dieser frühesten Zeit ein paar Wörter geblieben sein. Es wird übrigens auch in Ungarn deutsch gesprochen. (D.) Er hat nie einen Laut von außen gehört und nie irgend Schmerz und Störung empfunden bis gegen das Ende seines Aufenthaltes in diesem Käfig. Den Wechsel von Tag und Nacht sah er an Dämmerung und Finsternis, wie es bei dem wenigen Lichte möglich war, das zu dem verlegten Fenster herein konnte. Die Zeit wußte er nicht zu messen, solange er in der völligen Ungestörtheit und Einsamkeit hinlebte. Wärme und Kälte der Luft scheint ihm nie beschwerlich gewesen zu sein, nur über das Stroh mit den Füßen herabzurutschen hütete er sich, da der Boden kalt war. Von einem erwärmten Körper wie einem Ofen, hatte er keine Vorstellung; am wenigsten weiß er etwas davon, daß der Ofen die oder jene Farbe gehabt, sowie er überhaupt leugnet, daß irgend etwas der Art oder sonst ein Gerät in seinem Gemache gewesen. Das Wort »einkenten« (nach bayerischer Mundart einheizen) habe ihm der Mann, der ihn nach Nürnberg gebracht, angelehrt mit der Anweisung, zu sagen, man habe ihm »einkent.« Wenn er morgens erwachte, fand er den Wasserkrug gefüllt und frisches Brot. Wasser hätte er oft mehr gewünscht, Brot war immer genug. Bevor er schlief, hatte er eine nicht feste Öffnung; nachher fand er das Nachtgeschirr oder die Vertiefung geleert. Die Leerung scheint während seines Schlafes geschehen zu sein. Ebenso alles, was zur Reinigung nötig war, wie z.B. das Wechseln des Strohes und das Anziehen eines frischen Hemdes, das ihn im Schlaf störte. Das Hemd wurde ihm bloß übergeworfen, sowie das alte leicht abzunehmen war, da Hose und Hosenträger unter ihm befindlich waren; es war über den Hosenträger in die Hosen gesteckt. Gewaschen scheint man ihn niemals zu haben; denn als er in Nürnberg gereinigt wurde, ging der Schmutz wie eine Haut von ihm ab. Seife vertrug er nicht, sie machte ihn krank. (H.) Die Angaben über die »Reinlichkeit« Hausers bei seinem Auftauchen gehen auf Aussagen des Gefängniswärters Hiltel zurück. Dieser äußerte sich darüber in seinen Verhören folgendermaßen: Protokoll vom 3.11.29 (2100 F. 21 ff.): .... »sein Körper (war) soweit es nicht die Fußreise mit sich brachte, reinlich gehalten ....« Protokoll vom 12.4.34 (2121 F. 1513 ff.): .... »wie ich K. H. gleich zur Aufsicht erhielt, war er schmutzig und hatte keinen Sinn für Reinlichkeit, doch erlernte er solche, wie auch Ordnung, durch meine Anleitungen in kurzer Zeit. .... Wie ich schon erwähnt habe, war K. H. am Körper ganz schmutzig, und als er nach zirka 8 oder 10 Tagen gewaschen wurde, fiel der Schmutz ab und K. H. sagte da in meinem Beisein zu meiner Frau: ›Mutter, die Haut‹.« Von Ungeziefer litt er nie, auch fand sich in Nürnberg keines an ihm. Aus der Art, wie er hinten am Boden festgebunden war, erklärt sich's, warum er nie die Türe sah. Er konnte sich nicht nach ihr umdrehen und war dieser Bewegung auch wohl ganz ungewohnt. Die Haare hingen ihm ins Gesicht, so daß er sie, um zu sehen, aus dem Gesichte streichen mußte. Eines Tages kam »der Du«, d.h. der Mann, der ihn nach Nürnberg führte, zu ihm und sagte ihm, er wolle ihn zu seinem Vater bringen, der habe viele andere, schönere Roß (wobei er auf die hölzernen Pferdchen deutete), die werde der ihm geben. Aber da müsse er lesen und schreiben lernen. Von dieser Rede habe er nichts verstanden, als daß, womit er seither gespielt, Roß heiße, was er jetzt erst gelernt; und daß er andere Roß erhalten solle, habe er daraus begriffen, daß der Mann mit seiner Hand von diesen weggedeutet. Trotz dieser ausdrücklichen und anschaulichen Erklärung Kaspars schien es doch, als ob die Rede des Mannes, die er damals zum ersten Male gehört zu haben sich entsinnt, nur dunkle Erinnerungen einer früheren Sprache in ihm aufgeregt habe, durch die ihm das Verständnis und Behalten derselben möglich geworden, wiewohl für das Behalten schon das starke Gedächtnis desselben spricht. (H.) Da der Mann, wie sich Hauser später erinnerte, einen ungarischen Fluch ausstieß, und H. selbst ungarische Wörter verstand, gewisse undeutsche Wörter selbst noch zu Nürnberg auf dem Turme gebraucht haben will, wofür ihm der Gefangenwärter die deutschen gelehrt, so kann man vermuten, daß sich jener Mann, soweit er verstanden sein wollte, mit ihm in dieser Sprache verständigte, ihm aber zum Behufe der Aussetzung einige deutsche Wörter und Redensarten vorsagte und einprägte, die der Knabe nur mechanisch nachsprach und so auch in Nürnberg hören ließ. (D.) Dies habe er leise hinter ihm gesprochen. Darauf stellte der Mann einen niedrigen Stuhl (eine Art Schemel mit vier runden Füßen, wie er ihn bezeichnete) vor ihn, legte auf diesen Papier und sagte, er werde ihn seinen Namen schreiben lehren. Er schrieb nun »Kaspar Hauser« vor und führte dem Knaben die Hand beim Nachschreiben. Dieser behielt sogleich die ganze Reihe der Züge. Dies stimmt ganz mit der wunderbaren Gelehrigkeit und Gedächtniskraft, die H. in Nürnberg bewies. (D.) Darauf legte er ihm ein Gebetbuch vor, was er auch nach Nürnberg mitgebracht und sprach ihm, auf die Worte deutend, dieselben vor, die der Knabe dann nachsprach. Auch hier merkte dieser sogleich die ganze Reihe der Worte oder vielmehr Laute; ihren Sinn begriff er nicht. Um ihn gleichsam zu belohnen, zeigte ihm der Mann, daß er seine Pferdchen hin und herrollen könne, und verließ ihn unter dem Versprechen, bald wieder zu kommen. Das war gegen Abend geschehen. Als er am andern Morgen erwachte, richtete er sich wie gewöhnlich auf, um zu essen und mit seinen Pferdchen zu spielen. Es vergnügte ihn nun, sie auf dem Deckel des Nachtgefäßes hin und her zu rollen. Während er aber eines erlangen wollte, das er weiter von sich und vom Deckel hinabgestoßen, mußte er sich weiter vorwärts neigen und fühlte nun zum ersten Male das Hemmnis nicht mehr, das ihn bisher an der Stelle festgehalten. Allmählich suchte er nun vorwärts zu rutschen, was ihm auch gelang; doch ging er nicht weiter als um sein Pferdchen zu erlangen, da er unten mit seinen Füßen auf den kalten Boden kam, was ihm weh tat. Es scheint also, der Mann habe ihn an jenem Tage von der Fessel befreit, um ihn vorläufig an einige Freiheit der Bewegung zu gewöhnen; oder vielleicht, um ihm das Schreiben zu erleichtern, worauf er das Wiederanbinden unnötig fand, da er ihn bald zu holen gedachte. Nun rollte Kaspar den ganzen Tag sein Rößchen auf dem Deckel der Vertiefung hin und her und machte dadurch ein Geräusch, das ihm selbst weh tat, der vorher nie etwas gehört hatte. Dies mochte seinen Wärter beunruhigen; vielleicht hatte er auch nicht Zeit, ihn wieder anzubinden, da es Tag war; plötzlich öffnet sich die Türe und Kaspar mitten in seiner Freude an dem Leben seiner Spielkameraden (denn jetzt hielt er sie vollends für belebt und seinesgleichen; doch sagte er schon oben »Nit vo las«, wenn sie umfielen) erhält einen so heftigen Schlag auf den rechten Arm, daß man von der Wunde noch jetzt die Narbe sieht. Als er in Nürnberg ankam, war die Wunde mit einer trockenen Kruste bedeckt, die bald darauf im Gefängnis abging. Der Arm tat ihm nach dem Schlage mehtere Tage lang weh. (H.) Man hat nicht ohne Anschein der Richtigkeit eingewendet, der Unbekannte hätte fürchten müssen, daß der Knabe infolge des Schlages weinen und schreien und sich daduich bemerklicher machen werde als durch das Rollen der Spielpferde. Ich vermute jedoch, der Mann habe die Besorgnis gehabt, H. möchte jetzt überhaupt aus seiner Dumpfheit erwachen, lebendiger werden, aufstehen, seine Stimme hören lassen usw. Darum habe er ihm in einem Momente, wo niemand zugegen war, den er zu fürchten hatte, in der Cile jenen Schlag versetzt. (D.) Er sah bloß, daß ein ziemlich starker Stock noch ein Stück über seinen Arm vorragte. Der Schlag wurde also wahrscheinlich zur Türe hereingeführt, gegen die Kaspar immer mit dem Rücken gekehrt saß, und so eilig, daß weder seine Stärke, noch der Ort, wohin er traf, gehörig ermessen wurde; denn außerdem scheint eine so heftige Mißhandlung nicht im Plane seiner Pfleger gelegen zu sein. Der Schlag war vielleicht so gar heftig nicht; die Wirkung desselben erklärt sich aus der enormen Verletzbarkeit des Knaben, die sich auch in Nürnberg offenbarte. (H.) Kaspar erschrak und wurde ganz still. Es wurde dreimal Tag und Nacht Dies ist die erste Angabe, daß er Zeit festgehalten. Ob er hätte über drei Tage merken können, ist zu bezweifeln, wenigstens den darauf folgenden Zeitraum weiß er nicht anzugeben. Überhaupt aber sieht man, daß ihn diese Begebenheiten zuerst veranlaßten, auch den gleichförmigen Wechsel von Tag und Nacht, den er bisher allein wahrgenommen, zu behalten. (H.) Hier ist jedoch noch etwas zu bemerken. Es kam zu Nürnberg vor, daß Hauser bei Tage wähnte, es werde oder sei Nacht, weil ihn eine Schwäche mit Augenverdunklung befiel. Dadurch werden seine Angaben über den Wechsel des Tages und der Nacht in seinem Käfig und auf der Wanderung sehr zweifelhaft. Hermann selbst bemerkt dies am Ende seiner Aufzeichnungen. (D.) bis der Mann wiederkam und versuchte, ob Kaspar noch seinen Namen schreiben und die Gebete sprechen könne. Das war der Fall. Nun wurden ihm seine Hosen aus- und andere, ebenfalls kurze aber viel weitere Lederhosen angezogen nebst Stiefeln und einem Kittel. Alles das geschah von hinten, ohne daß Kaspar ein Gesicht sah. Darauf sagte ihm der Du, er werde ihn jetzt zu seinem Vater bringen. Er zog ihn aus dem Gemach heraus, hob ihn auf und stellte ihn auf die Füße, wo sich aber Kaspar nur unterstützt erhalten konnte. Er setzte ihm einen schwarzen Filzhut mit breiter Krempe auf; darauf stellte er ihn auf eine Erhöhung an der Wand, ihn anlehnend, damit er nicht umfalle, und nahm ihn auf den Rücken; Kaspar umfaßte den Mann am Halse und dieser die Beine Kaspars. Die Hände waren zusammengebunden, wovon noch die roten Spuren in Nürnberg zu sehen waren. (H.) Sobald Kaspar herausgekommen war, fühlte er kalte Luft, die ihm wehtat. Der Mann ging nun mit ihm unmittelbar (ausdrücklich ohne vorher eben fortzugehen) einen Berg hinauf, den er grün vor sich sah. Eine spätere Erinnerung und Aussage ist die, daß er erst einen kleinen Berg, dann einen großen hinaufgetragen worden sei. Auf dem ersten habe ihn der Gang des Mannes stärker gestoßen als auf dem zweiten und die Luft sei ihm auf diesem kälter vorgekommen als auf jenem. Der erste, kleine, sei bald vorüber gewesen, und er sei von ihm nicht wieder abwärts getragen worden, wie von dem zweiten. Den Weg habe er auf dem ersten nicht gesehen, da sein Gesicht auf dem Rücken des Mannes gelegen, auf dem zweiten sei er ihm grün erschienen. Als er den ersten hinaufgetragen worden, sei er wie an Wänden angestreift. Alles dies gibt zu erkennen, daß der erste Berg vielmehr eine kleine, schmale Treppe, dagegen der zweite eine eigentliche, grün bewachsene Anhöhe im Freien gewesen. (D.) Er meinte Gras gesehen zu haben; doch kann er nichts angeben, als daß er Grünes vor sich sah, was er indes erst später bezeichnen lernte. Andere Farbe sah er nicht. Daß Kaspar bei Nacht von Farbe spricht, darf nicht verwundern, da noch jetzt sein Auge für Farbenunterschied bei (für ein gewöhnliches Auge) völligeer Finsternis empfänglich ist, sogar für Dunkelgrün und Schwarz, Dunkelbraun und Dunkelrot usw. (H.) Eigentliche Gegenstände unterschied er nicht. Die Kälte der Luft und die Heftigkeit des Windes griffen ihn an; er fühlte Kopfschmerz und weinte; es ging hoch hinauf und der Mann schnaufte stark. Bald nachdem sie oben angekommen, ging es wieder abwärts. Kaspar weinte noch, der Mann tröstete ihn; er komme bald zu seinem Vater, der gebe ihm schöne Rosse. Während des Absteigens sah Kaspar den Abhang vor sich, abermals grün. Er schlief im Hinabsteigen auf dem Rücken des Mannes ein. Beim Erwachen fand er sich auf dem Boden liegend; es war kalt; er lag im Grünen auf dem Gesicht; dies war überhaupt immer der Fall, so oft ihn der Mann niederlegte. Es war noch nicht ganz hell, als er erwachte. Nun richtete ihn der Mann auf und sagte ihm, er müsse gehen lernen. Er hielt ihn von hinten unter beiden Armen und hieß ihn beständig auf den Boden sehen, sonst könne er nicht gehen lernen. Es wurde hier wiederholt gefragt, ob er den Mann nicht gesehen. Er verneinte es entschieden; er habe sich auf dem ganzen Weg nie umgedreht, da ihm das Stehen und Gehen zu viel Aufmerksamkeit und Mühe gekostet. Auch habe er der Anweisung des Mannes, nicht vom Boden wegzusehen, strenge folgen zu müssen geglaubt. Überhaupt scheint Kaspar erst später den Blick erhoben zu haben. Denn nachdem er mit Bürgermeister Binder gesprochen hatte, erkannte er ihn das nächste Mal bloß an der goldenen Uhrkette wieder, auf die er das erstemal beständig geblickt. Erst zwei Monate nach seiner Ankunft in Nürnberg, als er schon einige Tage bei Daumer war, sah er den Mond und den Sternenhimmel zum ersten Male, was zu einem ergreifenden Auftritt veranlaßte. Schon oben wurde bemerkt, daß er sich der Decke seines Gemachs nicht recht erinnerte, obwohl er auf dem Rücken lag. (H.) Wankend und zitternd versuchte nun Kaspar seine ersten Schritte. Von der Kälte und dem starken Geruch des Bodens tat ihm der Kopf Erst seit kurzem sind Versuche angestellt worden über die Schärfe seines Geruchs, die alles übertrifft, was man sonst an Menschen wahrnimmt. So roch er z. B. das Blatt der Schafgarbe auf 6, gemeinen Nachtschatten auf 11 Schritte; ein Bein, das, drei Personen an die Nase gehalten, geruchlos schien, roch er auf 10 Schritte. Man denke sich nun die Wirkung der Ausdünstung des Bodens auf einen solchen Menschen! (H.) weh und er weinte. Der Mann redete ihm zu, immer nur leise, nicht heftig; geschlagen hat er ihn nie mehr seit jenem einzigen Schlag. Oft (alle 6–8 Schritte) mußte er niedergesetzt werden, um von der großen Anstrengung auszuruhen. Oft legte ihn der Mann; dann immer aufs Gesicht. Er lehrte ihn, wenn er geruht habe, zu sagen »mal komm!« Denn er ging immer etwas abseits, während Kaspar saß oder lag. Als es hell wurde, schmerzten ihn die Augen und er sah nichts mehr. Bald fühlte er auch Schmerz in den Beinen über den Knien und an den Füßen, wo ihn die Stiefel drückten. Wie oft er den Tag über aufgehoben und niedergesetzt worden, weiß er nicht mehr, er erinnert sich dessen auch auf dem ganzen Weg nicht weiter. Ebensowenig wurde er gefahren. Den Tag über gab ihm der Mann dasselbe Brot zu essen, das er bisher bekommen, und ließ ihn Wasser aus einer Glasflasche trinken, die er, wie Kaspar meint, in der Seitentasche stecken hatte. Wie es dunkel wurde, sah er wieder Grünes vor sich. Vielleicht deshalb, weil er überhaupt erst wieder sah. Er wird wohl, da ihn das Licht blendete, an einer Art von Tagesblindheit gelitten haben. Dagegen sah er im Finstern, wie sich bei uns auswies, sehr gut. Der Boden war den Tag über eben gewesen. Der Mann legte ihn auf das Gesicht und er schlief ein. Als er erwachte, war's noch finster, er fühlte Kälte und zum ersten Male Nässe; darüber klagte er weinend. Der Mann sagte ihm, er schütte ihn nicht an, es schütte vom Himmel; jetzt wisse er, daß es geregnet habe, doch sanft; denn er hörte kein Plätschern. Dies ist überhaupt im Walde, wo er wahrscheinlich lag, selten der Fall. (H.) (D. H.) Noch ehe es tagte, hob ihn der Mann auf und er mußte wieder gehen. Es tat ihm alles weh. Er sah kein Hindernis im Wege, wie etwa von Bäumen, nur Grünes. Als der Tag kam, schmerzten ihn seine Augen wieder. Als es helle geworden, war der Boden nicht mehr so grün, sondern weißer und mehr glatt (eben); nur hatte er Gruben. Er deutete auf einem Spaziergang auf kleine Lachen, die der Regen gebildet, leugnete aber, daß es Geleise gewesen, die man ihm zeigte. Den zweiten Tag setzte er sich recht vielmal nieder und wurde von dem Manne stets durch das Versprechen schöner Pferdchen bei seinem Vater wieder aufgetrieben. Gegen Abend besserte sich das Kopfweh etwas, das Gras, das er jetzt deutlich sah, ging ihm bis über die Knöchel herauf; er glaubt Blumen daran gesehen zu haben. Wieder legte ihn der Mann, als es dunkel, auf das Gesicht nieder ins feuchte Gras, welches das ganze Gesicht verhüllte. Dies war ihm wegen der Feuchtigkeit und des starken Geruchs recht peinlich und er versuchte oft aufzustehen, aber er konnte nicht. Am dritten Morgen abermals Versprechungen, ihn bald zum Vater zu bringen, oftmaliges Niedersetzen. Noch konnte er nicht weiter als etwa 20 bis 30 Schritte gehen, ohne sich zu setzen. Nun führte ihn der Mann nur mehr mit einem Arm und endlich mußte er allein gehen, was aber, wie er es zeigt, so wankend und langsam ging, daß 100 seiner Schritte kaum 30 der gewöhnlichen gaben. Nachdem er oft war niedergesetzt worden, sagte endlich der Mann, nun kämen sie bald zum Vater. Er setzte ihn, zog ihm die Lederhosen aus und graue Tuchhosen an; ebenso wechselte er ihm das Hemd und den Kittel. Statt des großen Bauernhutes mit breiter Krempe erhielt er einen runden, den der Mann gehabt, und dieser setzte jenen auf. Die Stiefel behielt er an. Die Lederhosen seien so weit gewesen, daß sie über die Stiefel herabgegnngen. (H.) Der Mann scheint den Kittel mit ihm getauscht zu haben, obwohl Kaspar weder hierüber, noch ob derselbe einen Bündel getragen, sicher ist. Nun ließ ihn der Mann vor sich hergehen, der Weg war weiß. Wenn es oft geschehen, so habe er sich noch dreißigmal gesetzt, von da an, wo er die Kleider gewechselt, bis zur Stadt. Der Mann sagte ihm, in dem großen Dorfe wohne sein Vater; er sah aber nichts davon, da er auf den Boden blickte. Endlich stand der Mann mit ihm still, gab ihm einen Brief in die Hand, sagte zu ihm, er solle ihn Hinhalten und verlangen, ihn hinzuweisen, und verließ ihn unter dem Versprechen, bald wieder zu kommen. Gegen die Stadt her stieg der Weg etwas an. Er wisse gewiß, über keinen Steg gekommen zu sein, da er sich jetzt noch fürchte, über einen zu gehen. Ob über eine Brücke, wisse er nicht. Pflaster fühlte er erst in der Stadt. Ausdrücklich versichert er, nie über einen Berg gekommen zu sein, den ersten ausgenommen. Er habe, als ihn der Mann verlassen, viele Häuser um sich gesehen; doch habe er damals nicht gewußt, was er sehe; erst später habe ihm der Gefängniswärter gesagt, es seien Häuser. Auf dem ganzen Wege ist ihm nie irgend ein lebendes Wesen begegnet. Von den Kleidern, die er mitgebracht, ist Kittel, Hose und Hemd noch vorhanden, auch der Hut. Die Stiefel sind vom Gefängniswärter in den Abtritt geworfen worden, »weil sie so schlecht gewesen«. Kittel und Hose sind von grobem, grauem Tuch. Der Kittel ist ein Frack (wie von einem Bedienten) gewesen; wo er abgeschnitten, ist er nur leicht verstochen. Die Hosen sind von demselben Tuch vielfach geflickt und haben neben eine Tasche, wie zu einem Waidmesser oder Besteck. Beide schmutzig und von sehr üblem Geruch; das Hemd hat am Hals Haften und Schlingen und am Ende des Brustschlitzes einen Buchstaben ec mit rotem Garn eingenäht. Es ist grob, doch nicht sehr zerrissen. Einzelne Worte, die er von seinem Führer gehört, und das Gebet, das er sprechen konnte, zeigten die altbayerische oder doch oberpfälzische Mundart. Doch ist dabei sehr zu bedauern, daß man im ersten Unterricht oder vielmehr der ersten Behandlung desselben nicht sorgfältiger gewesen. Denn dadurch z. B., daß der Gefängniswärter den Auftrag erhalten, ihn sprechen zu lehren, hat der Knabe eben erst recht die altbayerische Mundart sich angewöhnt, da die ganze Familie des Mannes sie spricht; und nun läßt sich nicht mehr ausmitteln, was er mitgebracht oder hier erhalten hat. Nach Kaspars Aussage hat sein erster Inquirent, Herr Polizeiaktuar Hüftlein, jenen Auftrag dem Gefängniswärter gegeben, nachdem er selbst dem armen Menschen, trotz des lautesten Schreiens, sich nicht verständlich machen konnte. Auf die nachholend gestellte Frage, wie oft er unterwegs seine Notdurft verrichtet, erwiderte er, weder Öffnung gehabt noch Wasser gelassen zu haben. Er habe nur zweimal zu essen bekommen, jedoch öfters getrunken. Dazu kommt, daß er noch in Nürnberg zweimal Verdunklung des Gesichtes fühlte, einmal bei Binder und einmal bei Daumer, wo ihm Nacht zu werden oder zu sein schien. Ähnlicher Art, meint er jetzt selbst, könne das damalige Nachtwerden auf dem Wege gewesen sein. Das alles zusammengenommen deutet wohl mit ziemlicher Sicherheit auf einen nur eintägigen Weg hin. Denn da er erst am andern Tage nach seiner Ankunft in Nürnberg Öffnung hatte, während er im Käfig täglich ganz regelmäßig zu Stuhle war, da auf der Reise seine Nahrung sich nicht veränderte und die Erkältung im feuchten Grase eher auf Erregung von Durchfall schließen läßt, so ist es höchst unwahrscheinlich, daß er 4 Tage lang ohne Öffnung gewesen sein sollte. VI. Die Bindersche Bekanntmachung. (Einen in widerrechtlicher Gefangenschaft aufgezogenen und gänzlich verwahrlosten, dann aber ausgesetzten jungen Menschen betr.) 2138 F. 1–4 Vom Magistrat der königlich bayrischen Stadt Nürnberg wird hiermit ein Fall zur allgemeinen öffentlichen Kenntnis gebracht, der so merkwürdig und in seiner Art vielleicht so unerhört ist, daß er nicht nur die Aufmerksamkeit aller Polizei- und Justiz-, Zivil- und Militärbehörden, sondern auch die Teilnahme aller fühlenden Menschen unsers Vaterlandes in Anspruch nimmt. Am zweiten Pfingstfeiertage, Montag den 26. Mai d. J., Nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr begegnete einem hiesigen Bürger am Eingange der Kreuzgasse dahier, bei dem s. g. Unschlittplatze ein junger Mensch, dem Anschein nach 16 bis 18 Jahre alt, ohne Begleitung und fragte ihn nach der Neutorstraße. Der Bürger erbot sich, dem jungen Menschen den Weg dahin zu zeigen und begleitete ihn; während dessen zog dieser aus der Tasche einen versiegelten Brief, worauf die Adresse stand: An Tit. Hrn. Wohlgebohner Rittmeister bei der 4. Esgataron bey 6. Schwolische Regiment in Nierberg, und dies bewog den Bürger, mit ihm auf die Wache vor dem Neuen Tor zu gehen, um dort am ersten Auskunft zu erlangen. Auf dem weiten Weg dahin suchte der Bürger ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, überzeugte sich aber bald, daß wegen Mangels an Begriffen bei ihm solches nicht möglich sei. Am Neuen Tore angelangt, wurde der junge Mensch nach Vorzeigung des gedachten Briefes an das nicht weit davon entfernte Haus gewiesen, in welchem der bezeichnete Herr Rittmeister wohnte. In dessen Abwesenheit bemühte sich der Bediente, den jungen Menschen möglichst auszufragen, konnte aber keine befriedigende Antwort erlangen, und, als inzwischen der Herr Rittmeister zurückgekommen war, den Brief gelesen, aber sich ebenfalls vergebens bemüht hatte, dessen ihm ganz fremden, rätselhaften Inhalt bei dem jungen Menschen näher zu erforschen, wurde solcher nebst diesem Briefe noch an jenem Abend dem Magistrat übergeben. Was der Brief und dessen Beilage enthält, geht aus dem unter Nr. 1 folgenden im lithographierten ganz getreuen sämtlichen königl. Landgerichten des Ober- und Unterdonau-, Regen- und Isarkreises mitgeteilten Faksimile hervor. Die Reproduktion dieses Faksimiles ist diesem Werke beigegeben. Das erste von einem Magistratspolizeibeamten mit ihm vorgenommene Verhör lieferte in abgerissenen kurzen Antworten kein anderes Resultat, als daß ihm weder der Ort noch die Gegend seiner Geburt oder seines Aufenthaltes noch seine Herkunft bekannt und daß er von demjenigen Unbekannten, bei welchem er »alleweil« (immer) gewesen, bis an das »große Dorf« (Nürnberg) gewiesen worden sei, wo sich alsbald der Fremde entfernt habe. Ob nun schon dieses erste Verhör und die Art und Weise, wie er sich dabei benahm, keine Veranlassung gaben, anzunehmen, daß Blödsinn oder Verstellung zu Grunde liege, sondern vielmehr auf die Meinung führen mußten, daß dieser junge Mensch von seiner Kindheit an mit Entbehrung aller menschlichen Gesellschaft auf die unmenschlichste Weise in einem tierähnlichen Zustande einsam gefangen gehalten worden sei, wozu hauptsächlich der Umstand berechtigte, daß er nichts als Wasser und Brot genoß, so unterstellte ihn doch der Magistrat, um vor jeder Täuschung gesichert zu sein, neben der geheimen sorgfältigen Beobachtung des erfahrenen Gefängniswärters der genauen Untersuchung und Beobachtung des hiesigen königl. Stadtgerichtsarztes. Während aber jener nichts entdecken konnte, was irgend einen Verdacht gegen diesen jungen Menschen zu erregen imstande gewesen wäre, fiel nach sechs Tagen das gerichtsärztliche Gutachten wörtlich dahin aus: »daß dieser Mensch weder verrückt noch blödsinnig, aber offenbar auf die heilloseste Weise von aller menschlichen und gesellschaftlichen Bildung gewaltsam entfernt wie ein halbwilder Mensch erzogen worden, zur ordentlichen Kost nicht zu bewegen sei, sondern bloß von schwarzem Brot und Wasser lebe.« Von der Wahrheit dieses Urteils überzeugte sich der unterzeichnete Vorstand des Magistrats und Polizeisenats in einem bald nachher von ihm mit diesem jungen Menschen vorgenommenen umständlichen Verhör und es ergab sich hiebei, daß derselbe weder von Menschen noch von Tieren eine Vorstellung hatte und außer »Buben«, worunter er aber nur sich und denjenigen verstand, bei welchem er immer gewesen war, und einem »Roß« (Pferd), womit er gespielt, nichts kannte. Diese Beschränktheit seiner Begriffe, – obschon im schreiendsten Widerspruche mit seiner auf die herrlichsten Naturanlagen deutenden großen Wißbegierde und einem ganz außerordentlichen Gedächtnisse, – bestimmte bald den Unterzeichneten, die Bahn förmlicher Verhöre zu verlassen und statt deren sich vertraulich mit ihm zu unterhalten. Ärzte, Lehrer, Erzieher, Psychologen, Polizei- und Gerichtsbeamte, die scharfsichtigsten Beobachter aus allen Ständen und unzählige an seinem früher traurig gewesenen Schicksale innigen Anteil nehmende Personen erhielten seitdem Zutritt zu ihm und ihre mehrfältig ausgesprochenen Erklärungen stimmen mit den Ansichten der unterzeichneten Polizeibehörde überein. Er selbst befindet sich in einem, soweit es unbeschadet der Aufsicht über ihn geschehen kann, möglichst freien Zustande, bleibt sich aber, der täglich sichtbaren erfreulichen Fortschritte in seiner geistigen Entwicklung ungeachtet, in der ersten Erzählung seines Schicksals treu. Um so sicherer kann daher sein bisheriges Leben, insoweit es ihm selbst klar ist, aus unzähligen Unterhaltungen des unterzeichneten Vorstandes mit ihm wie folgt mitgeteilt werden. Kaspar Hauser – so nennt sich das Opfer unmenschlicher Behandlung und sein Signalement ist in der unten folgenden Beilage Nr. II angegeben (wovon hieher nur zu bemerken ist, daß er die bayrische Mundart spricht, wie man sie in der Gegend von Regensburg, Straubing, Landshut usw., vielleicht auch Altötting, Burghausen hört, und daß er am rechten Arm geimpft ist), war immer ganz allein eingesperrt und sah und hörte niemand anders als das Ungeheuer, das ihm seine einzige Nahrung, Brot und Wasser, reichte. Er befand sich stets in einem kleinen, engen, niedrigen Raum zu ebener Erde, dessen Boden nicht gebrettert war, sondern, wie es scheint, aus festgeschlagener Erde, dessen Decke aber aus ineinandergeschobenen und befestigten Brettern bestand. Zwei kleine, längliche Fenster waren mit Holzstößen verschlichtet und durch sie drang daher nur ein schwaches dämmerndes Licht; niemals sah er die Sonne. Er saß in einem Hemde und kurzen, am Knie gebundenen, wahrscheinlich dunkelfarbigen und durch einen Hosenträger (nach bayrischer Mundart »Halfter«) gehaltenen Hosen ohne alle weitere Bekleidung auf dem Boden und spielte mit zwei weißen hölzernen Pferden, die er sonst Rosse nannte, und einem weißen hölzernen Hund, hing ihnen verschiedene kleine Spielsachen um den Hals und sprach mit ihnen so viel, als ihm der Mangel an Wörtern und somit die Armut an Begriffen gestattete. Das eine dieser Pferde war kleiner als das andere, keines höher als ungefähr 1 bis 1 ¼ Schuh und der Hund viel kleiner als beide – demnach gewöhnliche Kinderspielwerke. Im Boden seines Behältnisses stand, wie es scheint, mit ausgehöhlter Vertiefung, ein Hafen oder ein ähnliches Gefäß mit einem Deckel, in welches er seine körperlichen Bedürfnisse verrichtete, nicht weit davon lag auf der Erde ein Strohsack, welchen er zuerst sein Bett nannte. Da er wegen Mangel an Übung fast gar nicht stehen und gehen konnte, sondern, wenn er sich aufrichtete, fiel, so rutschte er auf dem Boden bei seinen Pferden herum, von diesen zum Hafen und von da zum Strohsack, auf welchem er schlief. Dies geschah immer, sobald die Nacht hereinbrach. Der früheste Morgen traf ihn schon wieder wach. Beim Erwachen fand er vor seinem Lager schwarzes Brot und frisches Wasser und den oben gedachten Hafen geleert; er schließt daraus mit Recht, daß statt der Nahrungsmittel, welche er immer tags vorher verzehrt hatte, während des Schlafes ihm neue gebracht worden sind und auf gleiche Weise die Reinigung des Hafens erfolgt ist. Ein gleiches behauptet er auch hinsichtlich des Beschneidens der Nägel und Haare. Sein Hemd wechselte er selten und da er nicht weiß, wie es geschah, so behauptete er, daß es ebenfalls während des Schlafes, der gut und fest war, geschehen sein müsse. Das Brot, das er genoß, war ihm zureichend, an Wasser dagegen hatte er nicht immer Vorrat nach Durst. Der Eingang zu seinem Kerker war mit einer kleinen, niedrigen Tür verwahrt und diese von außen verriegelt. Der Ofen darin war weißfarbig, klein, rund, wie etwa ein großer Bienenkorb geformt und wurde von außen geheizt (oder wie er sich ausdrückte »einkenten«). Lang, lang, aber wie lang, das weiß er nicht, weil er keinen Begriff von der Einteilung der Zeit hatte, war er in diesem Kerker gewesen. Niemand hatte er darin gesehen, keinen Strahl der Sonne, keinen Schimmer des Mondes, kein Licht, keine menschliche Stimme, keinen Laut eines Vogels, kein Geschrei eines Tieres, keinen Fußtritt gehört. Da öffnet sich endlich die Türe des Kerkers und der Unbekannte, welcher ihn bis Nürnberg geführt, trat ein, barfuß und fast ebenso, wie er, dürftig gekleidet und gebückt, um nicht anzustoßen, so daß, obschon er nur mittlerer Größe war, beinahe die Decke des Kerkers auf ihm ruhte, und gab sich ihm als denjenigen zu erkennen, der ihm immer Brot und Wasser gebracht und die Pferde geschenkt habe. Derselbe gab ihm die unten unter Beilage Nr. III verzeichneten Bücher, sagte ihm, daß er nun lesen und schreiben lernen müsse und dann zu seinem Vater komme, der ein Reiter gewesen sei, und daß er auch ein solcher werden solle. Bei seinen außerordentlichen, durch die langwierige und furchtbare Einkerkerung dennoch nicht in Stumpfsinn übergegangenen geistigen Anlagen fand die Bemühung des Unbekannten leicht Eingang. Er lernte, wie er sagt und ihm auch nach seinen jetzigen sichtbaren Fortschritten ebenfalls zu glauben ist, schnell und leicht, aber doch nicht viel, sondern nur notdürftig lesen und seinen Namen schreiben, weil der Unbekannte immer nur nach 4 Tagen, am fünften Tage wieder zu ihm kam und ihn unterrichtete. Immer aber kam er in derselben Kleidung, barfuß, und Hauser hörte ihn nicht eher kommen, als bis er die Türe geöffnet hatte. Um seine Lernbegierde zu vermehren, versprach ihm derselbe zu erlauben, daß, wenn er gut lerne, er mit den Rossen in seinem Kerker herumfahren dürfe; aber noch beklagt er es bitter, daß, obschon er jene Bedingung erfüllt habe und dann herumgefahren sei, der Unbekannte nicht Wort gehalten, sondern ihn mit einem Stecken dafür, und wenn er weinte, gezüchtigt habe (wovon auch noch die Spuren am rechten Ellenbogen sichtbar sind) und daß er ihm das Fahren ernstlich verboten habe. Zum Schreiben bediente er sich eines Bleistifts, welchen der Unbekannte für eine Feder ausgab. Bei Erteilung dieses Unterrichtes schärfte ihm dieser ernstlich ein, »niemals zur Türe hinauszuwollen, weil über ihm der Himmel und darin ein Gott sei, der bös würde und schlage, wenn er hinaus wolle.« So verging wieder eine geraume Zeit, doch war sie nach seiner Meinung nicht so lang, als er sich in Nürnberg befindet, da wurde er auf einmal nachts geweckt. Der Unbekannte stand wieder vor ihm und sagte ihm, daß er ihn jetzt fortführen wolle. Er weinte darüber, ließ sich aber durch die ihm inzwischen oft vorgesagte, wahrscheinlich auch erklärte und lieb gewonnene Vorstellung, daß er zu seinem Vater komme und daß er wie dieser ein Reiter werde, bald beruhigen. Der Unbekannte, der bis dahin immer nur in bloßen Hemdärmeln, kurzen gebundenen Hosen und barfuß zu ihm gekommen war, hatte sich nun außerdem auch noch in einen kurzen Schalk (auch Jankerl, Kittel genannt) gekleidet, Stiefel angezogen, einen groben runden schwarzen Herrenhut aufgesetzt und blaue Strümpfe an. Er nahm Hauser, wie er war, auf den Rücken und trug ihn, bloß mit einem Hemd und kurzen gebundenen Hosen bekleidet und mit einem großen schwarzen breiten runden Bauernhut mit hohem Kopf bedeckt, gleich von seinem Kerker aus ins Freie und unmittelbar darauf einen langen hohen Berg hinauf immer weiter fort bis es Tag wurde. Er war indes wieder eingeschlafen und erwachte erst, als er auf den Boden niedergesetzt wurde; da lehrte ihn der Unbekannte gehen, was ihm sehr schwer fiel, denn er war barfuß und seine Fußsohlen sehr weich, er mußte daher sich oft niedersetzen, endlich konnte er aber doch besser gehen und abwechselnd unter Gehen und Ausruhen trat die zweite Nacht ein. Sie legten sich im Freien auf die Erde nieder, es regnete heftig, oder, wie er sich früher ausdrückte, schüttete vom Himmel herunter, und den armen Kaspar Hauser fror es stark. Er schlief indessen doch ein und setzte mit Anbruch des zweiten Tages in Begleitung des Unbekannten auf gleiche Weise die Reise weiter fort. Das Gehen war ihm leichter geworden, aber die Beine und Lenden schmerzten ihn um so heftiger. Mit einbrechender dritter Nacht lagerten sie sich wieder auf der Erde im Freien; diesmal regnete es zwar nicht, doch war es sehr kalt und es fror ihn abermals heftig. Mit der ersten Helle des dritten Tages setzten sie ihre Reise in der vorigen Weise fort und als es noch weit von hier war, nahm der Unbekannte aus einem in ein Tuch eingebundenen Bündel, das er mit sich trug, die unten in der Beilage II beschriebenen Kleider bis auf die blauen Strümpfe, welche er sich selbst von den Füßen zog, und zog ihm alles an. Derselbe vertauschte alsdann seinen Hut, der ein grober schwarzer Herrenhut war, gegen denjenigen, welchen er ihm bei dem Weggang aus dem Kerker gegeben hatte, zog barfüßig seine Stiefel wieder an, die nach Hausers Meinung weit schöner waren als die schlechten Stiefel, die er hatte anziehen müssen, und nahm dessen im Kerker getragene Hosen an sich. So verändert setzten sie ihre Reise weiter fort. Ihre Nahrung auf dem ganzen Weg blieb dieselbe, welche Hauser im Kerker genossen hatte, das Brot, in einem großen Laib bestehend und das Wasser in einer Bouteille trug der Unbekannte in der Tasche bei sich. Derselbe beschäftigte sich auf dem ganzen Wege damit, ihm nach einem Rosenkranz, den er damals zum erstenmal sah und von jenem erhielt, das Vaterunser und noch ein anderes Gebet zu lehren, welche beide er früher nie gehört hatte und jetzt noch gut vorsagen kann. Auch unterhielt derselbe ihn stets mit der Erzählung, daß er zu seinem Vater komme und ein Reiter werde, der dieser gewesen sei, was ihm immer Freude machte. Sie kamen auf dem ganzen Weg in kein Haus, wohl aber an Häusern und Menschen vorbei, die aber natürlich Hauser nicht beschreiben kann. Der Unbekannte ermahnte ihn hiebei, immer nur auf den Boden zu sehen, damit er ordentlich gehen könne, wahrscheinlich aber mehr noch deswegen, damit er keine Eindrücke von den Umgebungen aufnähme, an welchen er sich dereinst wieder zu erkennen imstande wäre. Er tat dies auch pünktlich. Als sie endlich Nürnberg, welches der Unbekannte mit dem Namen des »großen Dorfs« bezeichnete, sich genähert hatten, zog derselbe den bereits erwähnten Brief aus der Tasche und übergab ihn dem Kaspar Hauser mit dem Auftrag, solchen in das große Dorf hineinzutragen, einem Buben zu zeigen und zu geben, der ihn weiter führen würde. Er bezeichnete ihm, wie es scheint, oft und genau den Weg, den er allein zu gehen habe, und versprach ihm, als Hauser sich ungern von ihm trennte, gleich nachzukommen. Hauser ging, wie ihm geheißen worden war, immer gerade vor sich hin, kam so zum Tor, ohne mehr zu wissen zu welchem, herein und wahrscheinlich bald nachher zu dem Bürger, der ihm den Weg zeigte. – Wenn dieses in seiner Art vielleicht einzige, in Akten noch nicht vorgekommene Beispiel unbarmherziger, unmenschlicher Behandlung jedes menschlich fühlende Herz ergreift, so möge auch der scharfprüfende Verstand in nachfolgenden treugegebenen Zügen die lautere Wahrheit dieses Falles erkennen. Die weiche Hand unseres Findlings, die einfache Kost, die er bei äußerem gesunden Aussehen und wohlgenährtem Körper, mit dem größten Abscheu vor jeder andern nahe oder fern ihm dargebotenen oder auch versuchten und sogleich mit wahrem Ekel zurückgewiesenen Kost noch bis zur Stunde genießt, die Empfindlichkeit seiner Geruchs- und Geschmacksnerven gegen die einfachsten Gegenstande, z. B. Blumen, Erdbeeren, Milch, die auf andere Menschen keinen Eindruck machen, der mit seinem, dem Anschein nach starken, aber zufolge angestellter Versuche sehr schwachen, an die Kräfte eines achtjährigen Kindes nicht hinreichenden Körper ebenfalls in Widerspruch stehende langsame, schwankende und ihn anstrengende Gang, der ihn in das Alter eines Kindes von zwei Jahren versetzt; die Nervenschwäche, die sich bei kleinen Anstrengungen durch momentanes Zittern der Hände und Zucken der Gesichtsmuskeln ausspricht, der zwar helle und weittragende aber nicht kräftige, gegen den Eindruck des Tageslichts sehr empfindliche Blick, die Neigung, solchen auf die Erde zu richten, wie die Neigung zur Einsamkeit, eine gewisse Unbehaglichkeit im freien großen Reiche der Natur und unter vielen Menschen, die Abneigung gegen großes Geräusch und Lärmen, die Dürftigkeit in Worten, Vorstellungen und Begriffen von allen sinnlichen und übersinnlichen Gegenständen, im auffallenden Kontraste mit dem sichtbaren Bestreben, sich verständlich zu machen und zu verstehen, und die Weise, nur in kurzen abgebrochenen Sätzen zu sprechen, diese wichtigen Momente zusammen lassen mit vollem Rechte schließen, daß er viele, viele Jahre lang mit Ausschließung von aller menschlichen Gesellschaft widerrechtlich eingekerkert gewesen ist. Sein reiner offener schuldloser Blick dagegen, die breite hohe Stirn, die höchste Unschuld der Natur, die keinen Geschlechtsunterschied kennt, nicht einmal ahnt, und erst jetzt die Menschen nur nach den Kleidern zu unterscheiden gelernt hat, seine unbeschreibliche Sanftmut, seine alle seine Umgebungen anziehende Herzlichkeit und Gutmütigkeit, in der er anfangs immer nur mit Tränen und jetzt, nach eingetretenem Gefühle der Freiheit, mit Innigkeit selbst seines Unterdrückers gedenkt, die zuerst in heißer Sehnsucht nach seiner Heimat, seinem Kerker und seinem Kerkermeister bestandene, dann aber in wehmütige Erinnerung übergegangene und erst jetzt durch liebevolle Behandlung allmählig verschwindende Anhänglichkeit an das Vergangene, die eben so aufrichtige als rührende Ergebenheit an alle diejenigen, welche häufig mit ihm umgehen und ihm Gutes erweisen, sein Vertrauen aber auch gegen alle andere Menschen, seine Schonung des kleinsten Insekts, seine Abneigung gegen alles, was einem Menschen oder Tier nur den leisesten Schmerz verursachen könnte, seine unbedingte Folgsamkeit und Willfährigkeit zu allem Guten ebensosehr als seine Freiheit von jeder Unart und Untugend, verbunden gleichwohl mit der Ahnung dessen, was böse ist, und endlich seine ganz außerordentliche Lernbegierde, durch die er mit Hilfe eines ebenso schnell fassenden als treuen Gedächtnisses seinen Wörtervorrat, der anfangs kaum in 50 Wörtern bestand, bereichert und bereits Vorstellungen und Begriffe von vielen Gegenständen, deren er außer denen, welche in seinem Kerker waren, keine kannte und jetzt auch von Zeit und Raum erlangt hat, seine ganz besondere Vorliebe für die ihm früher ganz unbekannt gewesene Musik und das Zeichnen, seine Neigung und Geschicklichkeit, beide zu erlernen, und seine ganz ungemeine Ordnungsliebe und Reinlichkeit, so überhaupt sein ganzes kindliches Wesen und sein reines unbeflecktes Innere – diese wichtigen Erscheinungen zusammen geben in demselben Maße, in welchem sie seine Angaben über seine widerrechtliche Gefangennahme unterstützen und bekräftigen, die volle Überzeugung, daß die Natur ihn mit den herrlichsten Anlagen des Geistes, Gemüts und Herzens reich ausgestattet hat. Sie berechtigen aber auch eben deshalb, und bei genauer Prüfung des sich durchaus als unwahrscheinlich und erdichtet darstellenden Inhalts des unter Nr. I abgedruckten Briefes zur dringenden Vermutung, daß mit seiner widerrechtlichen Gefangenhaltung das nicht minder schwere Verbrechen des Betrugs am Familienstande verbunden ist, wodurch ihm vielleicht seine Eltern, und wenn diese nicht mehr lebten, wenigstens seine Freiheit, sein Vermögen, wohl gar die Vorzüge vornehmer Geburt, in jedem Falle aber neben den unschuldigen Freuden einer frohen Kinderwelt die höchsten Güter des Lebens geraubt und seine physische und geistige Ausbildung gewaltsam unterdrückt und verzögert worden ist. Der Umstand, daß er im Kerker mit seinen Spielsachen sprechen konnte, ehe er den Unbekannten gesehen und von ihm Unterricht in der Sprache erhalten hat, beweist aber auch zugleich, daß das Verbrechen an ihm schon in den ersten Jahren der Kindheit, vielleicht im zweiten bis vierten Jahre seines Alters und schon daher zu einer Zeit angefangen wurde, wo er schon sprechen konnte und vielleicht schon der Grund zu einer edlen Erziehung gelegt war, die, gleich einem Stern in der dunklen Nacht seines Lebens, aus seinem ganzen Wesen hervorleuchtet. Daher ergeht, nicht um ihn zu entfernen, denn die Gemeinde, die ihn in ihren Schoß aufgenommen, liebt ihn und betrachtet ihn als ein ihr von der Vorsehung zugeführtes Pfand der Liebe, das sie ohne den vollen Beweis der Ansprüche anderer auf ihn nicht abtreten wird, sondern um das Verbrechen zu entdecken, das ohne allen Zweifel an ihm begangen wurde, um den Bösewicht oder seinen Gehilfen zu entdecken, die es begingen, und um ihn dadurch womöglich in den Besitz der verlorenen Rechte der Geburt wieder einzusetzen, an alle Justiz- und Polizei-, Zivil- und Militärbehörden und alle diejenigen, welche ein menschliches Herz in dem Busen tragen, die dringende Aufforderung, alle und auch nur die entferntesten Spuren, Anzeigen und Verdachtsgründe, welche auf die Entdeckung des Verbrechens führen könnten, der unterzeichneten Polizeibehörde mitzuteilen und diese dadurch in den Stand zu setzen, die Verhandlungen dem betreffenden Gericht zur weitern Einschreitung übergeben zu können. – Es darf in dieser Hinsicht kaum erinnert werden, daß die Nachforschungen sich neben der Ausmittelung des Kerkers, oder wenigstens der wahrscheinlich stillen einsamen Gegend, wo er liegt oder gelegen war, denn der Bösewicht, der Häuser darin gefangen hielt, möchte jenen vielleicht nach der Wegführung unsres Findlings der Erde gleichgemacht und jede Spur davon vertilgt haben, auch auf die Ausmittelung eines Kindes richten müssen, welches in einem Alter von 2 bis 4 Jahren vor 14 bis 18 Jahren vermißt worden ist und über dessen Verschwinden vielleicht bedenkliche Gerüchte in Umlauf gekommen sind. Jede Mitteilung, jeder Wink wird dankbar benützt und wenn sich der Angeber genannt hat, dessen Name möglichst verschwiegen, auch nach Umständen derselbe reichlich belohnt werden. Anonyme Anzeigen dagegen können nicht berücksichtigt werden. Nürnberg, den 7. Juli 1828. Der erste Bürgermeister Binder. Erste Beilage. Wortlaut des Briefes, den Häuser bei sich trug Text des Briefes und Zettels s. Bd. I Seite 37 f., die Abbildung des Faksimiles Seite 112 f. Bemerkungen hinsichtlich des Briefs und seiner Beilage. Das Siegel, womit der Brief rot verschlossen war, scheint ein Handwerkssiegel zu sein; beim Aufmachen des Briefs wurde es aber zu sehr verletzt, als daß man seine ursprüngliche Beschaffenheit erkennen könnte. – Die darauf befindlichen Buchstaben, welche man noch für ein G. I. R. oder G. F. R. halten kann, sind ohne Zweifel, um sie unkenntlich zu machen, nach dem Einsiegeln heraus- oder abgekratzt worden. Durch Vergleichung der Handschrift des in dem Brief selbst eingeschlossenen, auf einem Oktavblättchen geschriebenen Zettels mit der Handschrift des Briefs ergibt sich, wenngleich jener mit lateinischen, dieser mit deutschen Buchstaben geschrieben ist, eine große Ähnlichkeit zwischen beiderlei Schriftzügen. Auch sind beide offenbar mit ein und derselben Tinte geschrieben, und es geht daraus hervor, daß der Zettel nicht schon vor 16 Jahren, sondern erst jetzt geschrieben und also erdichtet wurde. Denn wäre der Zettel 16 Jahre älter als der Brief, so würde die Tinte eine ganz andere Farbe als die im Briefe angenommen haben. Dies scheint der übrigens schlaue, bösartige Betrüger vorher nicht erwogen zu haben. Das Wasserzeichen im Papier heißt I. Reindel, welcher eine Papiermühle in Mühlhof, im königlichen Landgericht Schwabach im Rezatkreise des Königreichs besitzt. Vielleicht gibt es aber auch wo anders einen Papierfabrikanten dieses Namens. Zweite Beilage Signalement Kaspar Hausers Er ist mittlerer Statur, wohlgewachsen, hat hellbraune fast ins Blonde fallende Haare, ein ovales Gesicht, breite hohe Stirne, braune Augenbrauen, graue Augen, eine mittelgroße, etwas breite Nase, einen proportionierten Mund mit etwas aufgeworfener Unterlippe, ein rundes Kinn, einen hellen wie an den Backen schwach hervorkeimenden Bart, gute Zähne, eine gesunde Gesichtsfarbe, eine angenehme Gesichtsbildung und außer dem Impfzeichen am rechten Arm kein besonderes Zeichen. Bei seiner Ankunft in Nürnberg war er bekleidet mit einem groben, runden, schwarzen, mit gelber Seide gefütterten und mit rotem Leder besetzten Filzhut von der Form, in der er von den mittleren und höheren Ständen getragen wird. Auf dem Boden des Hutes ist eine Abbildung, die Stadt München darstellend, aufgeklebt, welche wahrscheinlich den Namen und den Ort des Fabrikanten bezeichnen soll. Wahrscheinlich waren beide in der Form eines Herzens aufgedruckt oder geschrieben; denn man sieht deutlich, daß etwas herausgekratzt ist. Er war ferner bekleidet mit einem schwarzseidenen Halstuch, einer alten, ausgewaschenen, rotgetupften, zeugenen Weste mit runden, durchbrochenen, gelbmetallenen Schleifen, die man samt den erstem aus der Weste nehmen und in eine andere einmachen kann und die bekanntlich vor 12 bis 14 Jahren zur Mode gehörten, aber jetzt nur noch selten gesehen werden; ferner mit einem dunkelgrautuchenen Kittel (auch Schalk, Jankerl genannt) mit tuchenen Knöpfen, mit dergleichen Pantalons, zwischen den Beinen mit dergleichen Tuch besetzt, mit kalbledernen Halbstiefeln, die zu seinen Füßen nicht recht paßten und ihm daher wehe taten, mit hohen Absätzen und Hufeisen, die Sohlen mit Nägeln beschlagen. Sein Dialekt ist der altbayrische, wie er in der Gegend von Regensburg, Straubing, Landshut, vielleicht auch Altöttingen, Burghausen gesprochen wird. Er sagt zum Beispiel »hoamweisen« statt heimweisen; »a söchenes möcht i« statt ein solches möchte ich; »er kümmt scho, wenn i a Reiter wer, wie mei Voter aner gween is« statt er kommt schon, wenn ich ein Reiter werde, wie mein Vater einer gewesen ist usw. Jetzt aber veredelt sich durch den Unterricht sein Dialekt von Tag zu Tag. Dritte Beilage Beschreibung der übrigen Gegenstände, welche Kaspar Hauser bei sich hatte. Ein Gebetbüchlein, betitelt: Geistliches Vergißmeinnicht, d.i. schöne auserlesene und eifrige Morgengebether, einer frommen Seele, Altöttingen, bei Johann Michael Seidel, bürgerlicher Buchbinder; ein kleiner Rosenkranz von Horn, mit einem metallenen Kreuz; ein deutscher Schlüssel; eine gedruckte Piece, betitelt: Sechs andächtige und kräftige Gebeter; Eine dergleichen: Geistliche Schildwacht betitelt (gedruckt zu Prag); eine dergleichen, mit geschriebenen Rosenkranzgebeten und mehreren gedruckten Gebeten und Bildnissen, darunter: ein sehr kräftiges Gebet, dadurch man sich aller heiligen Messen ect. teilhaftig machen kann ect. (ohne Jahrzahl). Gedruckt und zu finden in Burghausen. Gebet oder Aufopferung seiner selbst vor dem Hochwürdigsten Gut (ohne Jahrzahl). Burghausen, gedruckt und zu finden bei Jakob Lutzenbergers churfürstlichen Regie ... Gebet zu dem hl. Schutzengel (ohne Jahrzahl). Salzburg, zu haben bei Franz Xaver Oberer. Die drei theologischen Tugenden ect. (ohne Jahrzahl). Salzburg, zu haben bei Franz Xaver Oberer. Kunst, die verlorene Zeit und übel zugebrachten Jahre zu ersetzen ect. (ohne Jahrzahl). Gedruckt und zu finden in Burghausen. Gebet zu dem hl. Blut (ohne Jahrzahl). Gedruckt in Prag. Gebet zu der unbefleckten Empfängnis Mariä ect. Im Jahr 1770. Alle, sowohl gedruckte als geschriebene Gebete dem Anscheine nach alt und lange aufbewahrt. 7. Ein viereckig zusammengeschlagenes Papier, worin sich eine kleine Quantität Goldsand befindet. 8. Einige leinene blau und weiß geblumte Lumpen. VII. Die gerichtlichen Vernehmungen Hausers. I. Verhöre Hausers vor dem Kreis- und Stadtgericht Nürnbergs. Am 17. Oktober 1829 war Hauser mit einer Wunde an der Stirn aufgefunden worden. Wegen dieses Vorfalls wurde von dem Kreis- und Stadtgericht Nürnberg eine Untersuchung angestellt, in deren Verlauf auch Hauser sowohl über den Unfall selbst als auch über seine Herkunft ausführlich vernommen wurde. Im folgenden sind die Protokolle darüber aus den Akten des betreffenden Gerichtes abgedruckt. Die ersten drei Verhöre wurden in der Wohnung Hausers bei Professor Daumer in dem Haubenstrickerschen Haus abgehalten. 1. Verhör vom 59. Oktober 1829. In Gegenwart des K. Kreis- und Stadtgerichtsrats von Roeder und des K. Kreis- und Stadtgerichtsdiurnisten Pritting. (Bd. 2a = Justizministerialakt 2099 Fol. 7-9) Es begab sich (die) Die (eingeklammerten) Stellen sind von mir ergänzt und befinden sich nicht in den Akten. Kommissio(n) in das obengenannte (Haubenstrickersche) Haus (auf der Schütt) und traf dortselbst den dem Deputierten von Person bekannten K. H. zwar matt und schwach im Bette liegend, doch bei vollkommenem Gebrauch seiner Geisteskräfte, wie eine mit demselben gepflogene Unterredung bewährte, daher in Rücksicht der dem H. noch anklebenden Schwäche von dessen umständlicher Vernehmung Umgang genommen, derselbe dagegen nach vorgängiger Ermahnung zur Angabe der Wahrheit vernommen (wurde), wie folgt: Frage: Woher rührt die Beschädigung auf Ihrer Stirn? Antwort: Von einem Schlag, den ich am letztverflossenen Sonnabend den 17. Oktober erhalten, gerade als ich vom Abtritt aufgestanden war. Fr.: Von wem erhielten Sie diesen Schlag? A.: Von einem Manne, der plötzlich vor mir (mich) hintrat, als ich vom Abtritt aufgestanden war. Fr.: Über die Gestalt und Größe des Mannes, der Sie geschlagen, was können Sie desfalls angeben? A.: Der Mann, der mich geschlagen, stand in der Größe zwischen dem Herrn Bürgermeister Binder und meinem Herrn Professor Daumer, doch war er über die Brust ungleich breiter als letzterer. Fr.: Über das Gesicht und dessen Züge, was können Sie desfalls angeben? U.: Hierüber vermag ich Auskunft nicht zu geben, da der Mann ein vielleicht von der Luft aufgeblähtes schwarzes Tuch vor seinem Gesichte hatte. Fr.: Was hatte der fragliche Mann am Leibe? A.: Einen neuen Überrock und dergleichen lange Beinkleider. Die Farbe kann ich nicht angeben, weil es am Abtritte zu dunkel war, als daß ich hätte unterscheiden können, ob die Kleider blau, dunkelgrün oder schwarz gewesen. Genau nahm ich dagegen wahr, daß dessen Stiefel schön gewichst und ganz neu waren. Fr.: Zu welcher Volksklasse dürfte der fragliche Mann zu zählen sein? A.: Er schien zu den vornehmen Herrn in der Stadt nach seinem Aussehen zu gehören. Fr.: Erinnern Sie sich, den Mann, der Sie geschlagen hat, bei irgend einer Gelegenheit schon gesehen zu haben? A.: Nein, insoferne ich nämlich das Gesicht des Mannes garnicht erblickt habe. – Fr.: Womit oder vermittelst welchen Instrumentes sind Sie geschlagen worden? A.: Mit einem Instrumente, welches ich bereits heute früh dem Herrn Professor Daumer auf einer Tafel vorgezeichnet habe. Fr.: Warum glauben Sie vom fremden Manne geschlagen worden zu sein? A.: Ich vermute, daß jener Mann es fürchtet, es möchten mir Sachen in Sinne (in den Sinn) kommen aus meiner früheren Zeit. Mein Gefühl sagt in Sonderheit, daß dieser Mann es fürchtet und es bereits vernommen hat, daß ich den Weg, den ich hierher genommen, genau bezeichnet, und ihm hierdurch auf die Spur könnte gekommen werden. Diese Vermutung geht in Sonderheit aus den eigenen Worten des Mannes hervor, denn er sprach unmittelbar, nachdem er mich geschlagen hatte: »Du mußt doch noch sterben, ehe du aus der Stadt Nürnberg kommst,« welche Worte mir durch alle Glieder gingen. Fr.: Nach den Angaben Ihrer Pflegmutter Daumer, so wurden Sie am 17. Oktober gegen 1 Uhr mittags aus dem Keller ihres Hauses herausgebracht. Wie kamen Sie in den bezeichneten Keller? A.: Infolge des erhaltenen Schlages fiel ich auf den Boden vor dem Abtritte. Ich weiß es genau, daß ich geraume Zeit dort gelegen bin; wie lange jedoch kann ich nicht sagen, da ich meiner dortmalen nicht bewußt war. Nachdem ich wieder zu mir gekommen, spürte ich es warm über mein Gesicht laufen; ich wollte zur Pflegmutter eilen, kam in der Angst meines Herzens aber statt an die über zwei Stiegen gelegene Stube der Mutter in mein Zimmer. Dies beängstigte mich noch mehr, dergestalt, daß ich mich am Behälter des Haustennens, um aufrecht zu bleiben, anhielt. Nachdem ich mich erholt hatte, faßte ich abermals den Entschluß, zur Pflegmutter zu gehen, kam in der weitern Verwirrung aber statt die Treppe hinauf – die Treppe hinunter und bis an den Keller. Wie ich dortselbst so viele Kraft erlangt, als zur Eröffnung der Kellertüre erforderlich ist, begreife ich selbst nicht, immerhin aber ward die Türe des Kellers von mir selbst aufgezogen und ich ging in den Keller hinab, wo ich mich in einer Ecke desselben hinhockte. Als letzteres von mir geschah, schlug es eben 12 Uhr, und als ich das Geläute der Glocken hörte, dachte ich bei mir selbst: »Nun bist du hier so ganz verlassen, es wird dich niemand finden und du wirst daher hier umkommen.« Unter diesen Gedanken verlor ich mein Bewußtsein, so daß ich von jenem Zeitpunkte an durchaus keine weitere Wahrnehmung machte, geschweige denn etwas anzugeben imstande wäre. Ansprache des Kommissärs: Sie haben über alles das, was Sie befragt worden und angegeben haben, tiefes Stillschweigen zu beobachten und mir hierüber ein feierliches Handgelübde abzuleisten. A.: Ich verspreche Ihnen dieses auf meine Hand. Es ist möglich, daß sich die Angabe Feuerbachs in seinem vorn abgedruckten Werke, Hauser sei vor Gericht vereidigt worden, auf dieses »feierliche Handgelübde« bezieht Womit beschlossen worden, ohne daß dieses Protokoll jedoch von dem H. unterzeichnet werden konnte, indem ihn die Vernehmung sehr mitgenommen und ermattet hatte. 2. Verhör vom 20. Oktober 1829 (Fol. 10-13) Wurde heute K. H., nachdem derselbe nicht minder denn gestern bei vollkommenem Gebrauche seiner Geisteskräfte befunden worden, anderweit vernommen, wie folgt: Fr.: Zur näheren Bezeichnung des entflohenen Verbrechers, was können Sie desfalls angeben? A.: Schon gestern habe ich es gesagt, daß der Mann, der mich geschlagen hat, in der Größe meines Professors Daumer, über die Brust jedoch ungleich breiter denn dieser war, daß er Rock und Beinkleider von einer Farbe getragen und daß er ganz neue gewichste Stiefel an den Füßen hatte, welche mit Hufeisen nicht können versehen gewesen sein, weil ich das leise Auftreten desselben genau wahrgenommen. Er hatte den Rock übereinander geknüpft, so daß ich keines seiner etwaigen weiteren Kleidungsstücke sehen konnte, auch konnte ich keine seiner Züge wahrnehmen, weil er sein Gesicht, so wie schon gesagt, mit einem schwarzen Tuche und zwar dergestalt vermummt hatte, daß mir nicht einmal sein Haar zu Gesicht gekommen ist. Die Stimme, in der er zu mir sprach: »Du mußt doch noch sterben, ehe du aus der Stadt Nürnberg kommst,« war leise; doch erkannt ich auch in dieser leisen Sprache den Mann, der mich hierher nach Nürnberg geführt hat und auch schon dortmalen nur ganz leise oder mit verstellter Sprache mit mir gesprochen hat. Vergessen habe ich jedoch bisher zu bemerken, daß der Mann, der mich geschlagen, an beiden Händen weißgelbe Handschuhe trug, was vielleicht auch sein Glück ist, denn hätte ich auch nur eine seiner Hände gesehen, ich getraute mir, sie in vorkommenden Fällen sofort wieder zu erkennen. Eben deswegen betrachte ich alles, was mir zu Augen kommt, so genau, daß ich es bei meinem so guten Gedächtnisse immer wieder erkennen kann. Fr.: Über die Art und Weise, wie der Verbrecher in Ihr Haus gekommen ist, was können Sie desfalls angeben? A.: Es gehen gar viele Leute in dem Hause aus und ein, sie lassen die Türe hinter sich offen und ich traf selbst, als ich von meinem Unterrichte nach Hause kam, zum öftern unsere Türe offen stehend an. Daß der Mann schon lange darauf lauerte, ins Haus zu kommen, dessen bin ich überzeugt, und er wird zunächst eine solche Gelegenheit, wo die Türe offengestanden, benützt haben. Glaublich ist mir aber auch, daß der Mann imstande war, die Türe des Hauses selbst vermittelst irgend eines Instrumentes zu eröffnen. Da ich übrigens, während ich auf dem Abtritt gesessen bin, aus der unteren Holzkammer ein Geräusch vernommen habe, demjenigen Geräusche ähnlich, welches mit der Eröffnung der Türe der Holzkammer gewöhnlich verbunden und mir von daher recht wohl bekannt ist, so kann ich mit Recht annehmen, daß sich der bezeichnete Mann in der untern Holzkammer enthalten (aufgehalten), und allererst, während ich schon auf dem Abtritt gesessen, sich von dort herausgemacht und zu mir an den Abtritt hingegangen ist. Fr.: Aus den Verhandlungen des Magistrats ergibt sich, daß Sie während Ihres dermaligen Zubetteliegens unter anderm wörtlich geäußert (haben): »nicht umbringen, nicht Mund zuhalten.« Erinnern Sie sich dieser Äußerung? Siehe den Abdruck dieser Äußerungen Seite 269 A.: Ich erinnere mich dieser Äußerung nicht, ich hatte auch keinen Grund, so etwas zu sagen, da mir der Mund am 17. Oktober nicht zugehalten worden ist. Fr.: Daß Sie ferner geäußert: »gewiß der Mann, der mich in der Plattners Anlage hat umbringen wollen?« A.: Von dieser Äußerung ist mir nichts erinnerlich, es sind Gedanken, die mir in meiner Krankheit vorgekommen. Fr.: Es kömmt vor, daß Sie mit dem k. Rittmeister v. Wessenig bezüglich Ihrer Herkunft gesprochen? A.: Vor 8 Tagen, oder etwas länger, ritt ich auf einem Pferde des Herrn Stallmeisters v. Rumpler ohne weitere Begleitung nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr zum Laufertor hinaus gegen das Spittlertor zu. Unfern des Vestnertores begegnete mir der k. Rittmeister Herr v. Wessenig, welcher zu Pferde die Torwache visitierte und der mit mir bis an das Spittlertor ritt. Er, nämlich Herr Rittmeister v. Wessenig, erzählte mir bei dieser Gelegenheit, daß er einen Brief von meiner Mutter erhalten habe und daß ihm letztere geschrieben habe, ich solle mich nur gut aufführen, sie werde in zwei Jahren auftreten und daß ich dann Soldat, Chevauleger, werden könne. Ich frug den Herrn v. Wessenig hierauf, nicht einmal, sondern dreimal, ob ich denn das, was mir eben von ihm eröffnet worden, dem Herrn Bürgermeister (Binder) mitteilen dürfe, und da er mir jedesmal geantwortet hatte, »ja Sie können es dem Herrn Bürgermeister sagen;« so erzählte ich die bezeichnete Eröffnung noch desselbigen Tages abends der Frau Bürgermeisterin Binder und des andern Tags auch dem Herrn Bürgermeister selbst. Als Herr Bürgermeister Binder hierauf an den Rittmeister v. Wessenig geschrieben und ihn aufgefordert hat, den erhaltenen Brief meiner Mutter zu meiner Beruhigung mitzuteilen, stellte derselbe zwar nicht in Abrede, von einem Briefe meiner Mutter mit mir gesprochen zu haben, er erklärte jedoch, daß er denjenigen Brief gemeint, mit dem ich hierher nach Nürnberg gekommen, daß er einen zweiten, späteren Brief aber, nicht erhalten. Nach diesen Umständen muß ich glauben, daß sich Herr Rittmeister v. Wessenig durch die bezeichnete Erzählung einen Spaß mit mir gemacht hat, was er nicht hätte tun sollen und was um so weniger hübsch von ihm ist, als er ja ausdrücklich es mir erlaubte, es dem Herrn Bürgermeister zu erzählen, was er mit mir gesprochen hatte. Dieser Vorfall wirft ein bezeichnendes Licht auf den Charakter des Zeugen Wessenig. Womit geschlossen, vorstehendes Protokoll jedoch, obwohl es von dem H. ausdrücklich genehmigt worden, dennoch wegen andauernder Schwäche nicht unterzeichnet werden konnte. Gebärde(nnote der Kommission): Hauser deponierte mit aller Zuversicht, er war jedoch gegen jedes Geräusch empfänglich und erschrocken und bat verschiedentlich dringendst, ihn gegen seine Feinde zu schützen. 3. Verhör vom 28. Oktober 1829 nachmittags (Fol. 109 - 117). Nachdem der Inquirent aus dem Munde des praktischen Arztes Dr. Osterhausen, welcher den Krankheitszustand des K. H. respizierte, in Erfahrung gebracht hatte, daß H. dergestalt hergestellt sei, daß er eine zusammenhängende Erzählung des Vorfalls ohne Nachteile für seine Gesundheit zu Protokoll geben könne, so begab sich (die) Kommission in das obenbezeichnete (Haubenstrickersche) Haus und vernahm den H., welcher bei vollkommenem Gebrauch seiner Geisteskräfte befunden worden, wie folgt: Generalia: Ich heiße, so viel mir bekannt ist, Kaspar Hauser. Nach der hier herrschenden Religion erhalte ich im evangelisch-lutherischen Glauben bei dem Herrn Professor Daumer Unterricht, ohne daß ich jedoch bis zur Zeit von einem Herrn Geistlichen zur Kommunion selbst vorbereitet worden. Nach dem Inhalte des Briefes, der mir mit hierher gegeben worden ist, soll ich den 39. April 1812 geboren und sohin 17 Jahre alt sein, ohne daß mir der Ort meiner Geburt oder meines jugendlichen Aufenthaltes jedoch bekannt ist. Seit dem 26. Mai 1828 bin ich bekanntlich dahier und namentlich seit dem 18. Juni 1828 im Hause des Herrn Professor Daumer, der mich mit Liebe und Sorgfalt pflegt und erzieht. Ich bin meinen Nebenmenschen mit Liebe zugetan, jedoch ist mir der Herr Bürgermeister Binder, dessen Gattin und Professor Daumer wegen der mir bewiesenen Güte und Liebe besonders teuer. Von meiner Aussage erwarte ich keinen Nutzen, fürchte aber auch keinen Schaden, zumal mir Schutz gegen meine Verfolger von allen Seiten zugesagt worden ist. Kommissionsnote: Von der Beeidigung des Komparenten ward Umgang genommen, einesteils wegen Minderjährigkeit, andernteils aber, weil dem H. ohnedies der erforderliche Religionsunterricht annoch ermangelt. Die Angabe Feuerbachs, H. sei vereidigt worden, ist also aktenwidrig. Siehe jedoch Note 111. Spezialia: Fr. 1: Geben Sie eine zusammenhängende Erzählung des Vorfalls vom 17. Oktober d. J. zu Protokoll? A.: Am Sonnabend den 17. d. M. stand ich früh um 7 Uhr wie gewöhnlich auf, ich wusch mich, machte mein Bett und ging dann zum Frühstücke zur Pflegmutter, der Mutter des Herrn Professor Daumer. Als ich von dort aus in meine Stube zurückgekommen war, las ich die christliche Betrachtung des Tages und beschäftigte mich sodann insolange, bis mich die Schwester des Herrn Professor Daumer, Frln. Kathy, frug, ob ich sie etwa, wie schon oft geschehen, auf den Markt begleiten wolle. Es war schönes Wetter, daher ich von diesem Anerbieten Gebrauch machte und zirka um ¾ 8 Uhr mit der Frl. Kathy auf den Grünen Markt ging. Fräulein Daumer sprach geraume Zeit mit der ihr wohlbekannten Gärtnerin von Schniegling, während welcher Unterredung mir die Zeit wahrhaft lange wurde, weil ich von einem Gefühle innerer Beängstigung mich dergestalt ergriffen fühlte, daß ich Fräulein Daumer ausdrücklich ersuchte, bald mit mir nach Hause zu gehen. – Schon auf dem Wege nach dem Markte war uns der Dr. Preu begegnet, der mich um 10 Uhr zu sich bestellte, weil ein Fremder mich in seinem Hause zu sehen wünsche, daher ich vom Markte aus nur eigentlich, um eine Rechentafel zu holen, nach Hause gegangen und von da aus erst gegen 10 Uhr zu dem Herrn Dr. Preu ins Haus gekommen bin. – Dr. Preu befand sich dortmalen noch nicht zu Hause, traf jedoch bald nach mir ein, ohne daß übrigens aber der Fremde erschienen, welchem mich Herr Dr. Preu vorstellig machen wollte. Nachdem ich bis auf ¼ nach 10 Uhr bei Herrn Dr. Preu gewartet, ging ich nach Hause, weil ich mich infolge einer von Herrn Dr. Preu mir gegebenen welschen Nuß, von der ich jedoch kaum den vierten Teil gegessen, höchst unwohl fühlte. – Ich setzte den Herrn Professor Daumer von diesem meinem Übelbefinden in Kenntnis, der hierauf verlangt hat, daß ich für jenen Tag die Rechnungsstunde, welche ich von 11 bis 12 Uhr bei Herrn Emmerling besuchen sollte, nicht nehmen, sondern zu Hause bleiben sollte. – Ich ging hierauf in mein Zimmer, zog den Rock aus und reinigte insonderheit meinen Mantel im Hausplatze vor meiner Stube. Während dieser Beschäftigung hörte ich an der Haustüre läuten, es war diese von der Mutter aufgezogen und ich nahm wahr, daß es die Günthers Magd gewesen, welche, wie täglich zu geschehen pflegt und an diesem Tage namentlich, zwischen ½ und ¾ auf 11 Uhr eingetroffen ist. Schon früher habe ich zum öftern bemerkt, es auch der Mutter ausdrücklich erzählt, Dieser Zusatz: »es auch der Mutter ausdrücklich erzählt«, fehlt in dem Meyerschen Abdruck. (S. 226.) daß die Günthersche Magd es verabsäumt, die Haustüre zuzumachen, vielmehr insolange, bis sie von oben herab zurückkehrt, die Haustüre lediglich anlehnt und obwohl ich es nicht wahrnehmen konnte, daß dies auch am 17. von der Güntherschen Magd nur geschehen, so bin ich doch des Dafürhaltens, daß die Günthersche Magd auch an diesem Tage die Türe nur angelehnt und dadurch Gelegenheit zum Einschleichen gegeben habe. – Als mein Mantel von mir gereinigt war, wollte ich mich im Schreiben etwas beschäftigen, ward von hier aus aber durch ein natürliches Bedürfnis auf den Abtritt geführt, wo ich kaum eingetroffen war, als es ¾ auf 11 Uhr schlug. Wegen Leibreißens ward ich länger denn eine halbe Viertelstunde auf dem Abtritte gehalten, von wo aus ich aus der unteren Holzkammer ein Geräusch wahrgenommen, demjenigen ähnlich, welches mit der Eröffnung der Türe der Holzkammer gewöhnlich verbunden und mir wohlbekannt ist. Auch nahm ich vom Abtritte aus einen leisen Ton der Haustürglocke wahr, welcher mir jedoch nicht vom Anschellen, sondern von unmittelbarer Berührung der Glocke selbst herzurühren schien. Ich rief: »Käthe, möchten Sie nicht etwan aufmachen, ich glaube, es hat jemand angeschellt«; sie antwortete mir jedoch nicht, was, wie die Folge zeigte, daher rührt, weil sie sich über zwei Stiegen enthalten (verhalten) und meinen Ruf sohin nicht vernehmen konnte. – Gleich nachdem ich angegebenermaßen gerufen, eine Antwort jedoch nicht erhalten hatte, hörte ich leise Fußtritte vom untern Gang her, nahm zugleich auch durch den Zwischenraum der vor dem Abtritte befindlichen Tapete und der Stiege selbst wahr, daß eine Mannsperson aus dem Gange hergeschlichen ist. – Bei dem Blick durch die Tapete und die Stiege bemerkte ich den ganzen schwarzen Kopf der Mannsperson. Ich dachte, es sei etwan der Schlottfeger, welcher, weil er die Stiege nicht hinaufging, etwan an der Haustüre sich verhalte; ich verweilte noch einen Augenblick auf dem Abtritt, um von dem Schlottfeger nicht gerade im Aufstehen bemerkt zu werden; als ich hierauf aber mich vom Sitze des Abtrittes aufrichtete, erhielt ich plötzlich einen Schlag auf den Kopf, in dessen Folge ich für den ersten Augenblick mit dem Kopfe in den Abtritt zurück, sogleich nachher aber mit dem ganzen Körper auf den Boden vor dem Abtritt niederfiel. Deutlich sah ich, als ich aus dem Abtritt heraustreten wollte, daß es eine Mannsperson in der Größe zwischen dem Herrn Bürgermeister und dem Herrn Professor Daumer gewesen, der vor dem Abtritte an der Mauer der Stiege gegenüber sich enthielt (verhielt) und von da aus mir den Schlag versetzt hat. Dieser Mann war seiner Statur nach ungleich breiter über die Brust, denn Herr Professor Daumer, ja sogar aber auch etwas breiter, als Herr Bürgermeister Binder. Vom Gesichte mit Einschluß der Haupthaare dieses Mannes konnte ich gar nichts wahrnehmen, denn er war verschleiert und zwar, wie ich glaube, vermittelst eines über den ganzen Kopf herübergezogenen seidenen schwarzen Tuches. Die Kleider desselben bestanden aus einem neuen Überrock und dergleichen langen Beinkleidern, ohne daß ich darüber zu urteilen mir getraue, ob die bezeichneten Kleider von dunkelblauer, dunkelgrüner oder schwarzer Farbe gewesen. Genau nahm ich dagegen wahr, daß er mit neuen, schön gewichsten Stiefeln ohne Hufeisen oder Nägeln auf den Absätzen, endlich mit gelbledernen Handschuhen an beiden Händen versehen gewesen. Endlich hörte ich im Niederfallen auf den Boden vor dem Abtritt aus dem Munde des bezeichneten Mannes die Worte: »Du mußt doch noch sterben, ehe du aus der Stadt Nürnberg kommst,« und obwohl er diese Worte nur ganz leise sprach, so erkannte ich dennoch an der Stimme denselben Mann, der mich hieher geführt und auch schon dortmalen nur leise mit mir gesprochen hat. Nachdem ich geraume Zeit bewußtlos vor dem Abtritt gelegen, endlich aber doch wieder zu mir selbst gekommen war, spürte ich etwas Warmes mir über das Gesicht laufen, griff mit beiden Händen nach der Stirn, die hiedurch blutig wurden. – Erschreckt hierüber wollte ich zur Mutter hinauf, kam in der Verwirrung und Angst aber statt zur Türe der Mutter an den Kleiderschrank vor meiner Stube. Hier verging mir das Gesicht, es wurde Nacht vor meinen Augen und ich suchte mich durch Anhalten mit der Hand am Schranke aufrecht zu erhalten, – woher die heute noch am Schranke befindlichen Blutspuren rühren. Als ich mich erholt hatte, wollte ich abermals zur Mutter hinauf, kam in der weiteren Verwirrung jedoch statt die Treppe hinauf – die Treppe hinunter, den Gang vor und an den Keller. Wie ich dazu gekommen, oder mit anderen Worten, wie ich die Kraft erlangt, die Falltüre des Kellers zu eröffnen, dies ist mir bis zur Stunde ein Rätsel; gleichwohl aber geschah es dennoch, daß die Kellertüre von mir eröffnet worden und daß ich hineingeschlupft bin. Durch das im Keller getroffene Wasser und dessen Kälte kam ich zu besserem Bewußtsein, ich bemerkte einen trockenen Fleck auf dem Boden des Kellers, woselbst ich mich niederließ. – Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich 12 Uhr läuten hörte und da bei mir selbst dachte, »nun bist du hier so ganz verlassen, es wird dich niemand finden und du wirst hier umkommen,« welche Aussicht meine Augen mit Tränen füllte, bis mich Erbrechen überfallen und ich in dessen Folge das Bewußtsein verloren habe. – Als ich mein Bewußtsein wieder erlangt hatte, fand ich mich in meiner Stube auf dem Bette; ich wollte meinen anwesenden Pflegeltern den Vorfall erzählen, ich war aber zu schwach dazu und konnte nur abgebrochene Worte als »schwarzer Mann, wie Schlotfeger, der schlug mich« vorbringen. Dies ist eine getreue Erzählung des mir am 17ten (Oktober) zugegangenen Unfalles, der nach meiner festen Überzeugung von eben jenem Manne herrührt, der mich gefangen gehalten und zuletzt hieher nach Nürnberg geführt hat, und welcher, weil er fürchtet, von mir verraten zu werden, mich ums Leben zu bringen trachtet. Fr. 2: ... Sie wurden ersucht, nächst der Beschreibung auch eine Zeichnung des fraglichen Instrumentes hieher zu geben. A.: Das ganze Instrument, mit dem ich geschlagen worden bin, war nach meinem Dafürhalten 12 bis 13 Zoll lang, nämlich einschlüssig des hölzernen Heftes. – Das breite scharfe Eisen desselben war breiter denn 2 Zoll, ich entsinne mich nicht, ein dergleichen Instrument je gesehen zu haben, und zu dessen Versinnlichung ich nachstehendes hieher zeichne. Wobei K. H. nach einer Feder griff und vermittelst derselben nachfolgende Zeichnung hieher In den Akten Fol. 115 befindet sich beiliegende, von Hauser am 5. November angefertigte Zeichnung gefertigt hat. Meine Augen sind noch leidend und daher rührt es, daß ich eine bessere Zeichnung des Instrumentes zu liefern nicht vermag. Fr. 3: Nach einer früheren Äußerung sind Sie des Dafürhaltens, den Verbrecher schon an der Hand wieder zu erkennen, woher können Sie dieses behaupten? A.: Zur Zeit, da ich in die große Welt eingetreten, habe ich die Menschen an zufälligen Merkmalen zu unterscheiden gesucht, ich habe namentlich in Gegenwart des Herrn Bürgermeisters Binder bemerkt, daß ich die Madame Ryß an den roten Korallen wieder erkannt habe, welche sie um den Hals zu tragen pflegt.– Herr Bürgermeister Binder verwies mir dieses und lehrte mich, den Menschen selbst und nicht die zufälligen Merkmale desselben genau zu beobachten. – Dies tue ich denn auch seitdem und habe infolge sorgfältiger Beobachtung wahrgenommen, daß keines Menschen Hand der des andern gleich ist. – An den Nägeln, den Gliedern der Finger und der breiten Hand selbst werden Sie an jeder Hand besondere Merkmale finden und ich erachte diese Beobachtung für verlässiger als das Wiedererkennen nach dem Gesichte, welch letzteres sich durch die Zeit, durch Krankheit und andere zufällige Ereignisse leicht verändern kann. – Ich habe Leute aus Ungarn, aus Frankreich, aus Dänemark und anderen Gegenden schon gesehen, ich würde sie vielleicht im Gesichte nicht wiedererkennen, daß ich sie an den Händen jedoch wieder erkennen würde, dies (dessen) bin ich nach der Stärke meiner Eindrücke und der Kraft meines Gedächtnisses fest überzeugt. Fr. 4: Sie sagten, daß Sie infolge des erhaltenen Schlages zu Boden gefallen; der Verbrecher hatte daher Grund, zu glauben und anzunehmen, daß er den Zweck seiner Übeltat erreicht habe. Unter diesen vorwaltenden Umständen läßt sich nicht glauben, daß der Verbrecher dennoch gesprochen, namentlich geäußert habe: »Du mußt doch noch sterben, ehe du aus Nürnberg kommst«. A.: Der Mann fühlte gar wohl, daß er an Ort und Stelle wegen Enge des Raumes und Nähe der spanischen Wand außerstande war, einen so kräftigen Schlag zu führen als erforderlich gewesen wäre, um mich zu morden. In diesem Gefühle und weil er sich vielleicht nicht Zeit genommen, mir einen zweiten tödlichen Schlag zu versetzen, sprach er die bezeichneten Worte, die ich recht wohl vernommen, die Stimme des Mannes auch sofort wieder erkannt habe. – Fr. 5: Die Witwe Zeidtler bekundet, daß Sie kürzlich beim Nachhausegehen vom Herrn Bürgermeister Binder von einer wohlgekleideten Mannsperson mit »bst, bst« angesprochen worden? A.: Ja, und zwar von einem mir wohlbekannten durchaus unverdächtigen Kommis des Buchhändlers Mainberger. – Fr. 6: Haben Sie sonst noch etwas anzugeben? A.: Nein. – Vorgelesen, genehmigt und unterzeichnet: Kaspar Hauser. Gebärdennote: Hauser deponierte sehr unbefangen und mit vieler Zuversicht. Das geringste Geräusch, namentlich aber die Wahrnehmung, als unter der Vertäfelung vielleicht Ratten oder Mäuse hin- und herliefen, setzte denselben dergestalt in Angst und Schrecken, daß er in entgegengesetzter Richtung Platz nahm und dringendst um Schutz gegen allenfallsige Angriffe bat. Anhang: Äußerungen, die Hauser in der Nacht vom 17. auf 18. Oktober 1829 im Fieber machte, und die von den ihm vom Magistrat Nürnberg beigegebenen Wärtern sofort aufgezeichnet wurden. (Akten des Stadtmagistrats Nürnberg, den an K. H. verübten Mordversuch betr. vom Jahre 1829 Fol. 14) Herrn Bürgermeister sagen – nicht einsperren – Mann weg – Mann kommt – Glocken weg – Gaul weg – Hundl weg, nicht einsperren – auf dem Markt gewesen – weg Mann, kommt Herr Bürgermeister Kartusch geben – weg – Mann kommt – nicht einsperren – schöne Musik – ich nach Fürth hinunter reiten – Mann weg – nicht einsperren – nicht mit nach Erlangen in Wallfisch (zweimal wiederholt) – nicht umbringen – nicht Mund zuhalten – nicht sterben – meine Notdurft verrichten – nicht umbringen – Hauser wo gewesen – beim Herr Dr. Preu – nicht nach Fürth heute – nicht – nicht mehr fort – schon Kopfweh – nicht nach Erlang in Wallfisch – der Mann mich umbringen – Gewiß der Mann, der mich in der Plattner's Anlage umbringen hat wollen – weg – nicht umbringen – ich alle Menschen lieb – niemand nichts getan – Frau Bürgermeisterin mir helfen – Mann dich auch lieb – nicht umbringen – warum Mann mich umbringen – ich auch gern lebe – warum du mich umbringen – ich dir niemals getan – mich nicht umbringen – dich doch bitten, daß du nicht eingesperrt wirst – du hast mich niemals herausgetan aus meinem Gefängnis – du mich gar umbringen – du mich zuerst umgebracht, ehe ich verstanden, was Leben ist – du mußt sagen, warum du mich eingesperrt hast gehabt. – (Diese Worte wiederholte er zum öfteren) 4. Verhör vom 6. November 1829 (Band 2 b = Justizministerialakt 2100, Fol. 40-47) In Gegenwart (wie 1. Verhör). Mündlicher Ladung gemäß erscheint Kaspar Hauser, dessen persönliche Verhältnisse dem Protokoll vom 28. Oktober d. J. angefügt sind, und wurde anderweit vernommen wie folgt: Fr. 7: Auf welche Zeit geht Ihre Erinnerung zurück? A.: Der Zeit meiner Jugend, welche ich außer der Gefangenschaft verlebt, bin ich mir nicht bewußt; alle meine Erinnerungen rühren aus der Zeit her, wo ich in einem engen Raum und von aller menschlichen Gesellschaft entfernt gehalten worden bin. Fr. 8: Beschreiben Sie den Ort, wo Sie gefangen gehalten worden sind, und die Art Ihres Gefangenhaltens überhaupt, so treu als möglich? A.: Der Platz, der zu meinem Gefängnisse auserwählt worden, war 6 bis 7 Schuh lang, vier Schuh breit und 5 Schuh hoch. Ich kann dieses mit Bestimmtheit sagen, da ich über Höhe, Breite und Länge Begriffe habe, auch wohl weiß, welcher Raum unter einem Schuh verstanden wird. Der Boden schien mir aus festgestampfter Erde bereitet worden zu sein und ich sah an derjenigen Stelle desselben, wo er mit Stroh nicht bedeckt war, gelblichen Sand. In der Vorderseite dieses Kerkers befanden sich zwei kleine Fenster, welche mit Holz verschlichtet waren. Nach meinen inzwischen durch die Erfahrung erlangten Begriffen kann ich annehmen, daß beide Fenster mit klein gebautem Holze verschlichtet gewesen. Die Fenster waren viereckigt, 8 bis 9 Zoll hoch und breit und bestanden aus einer Tafel von Glas, unterhalb der Decke angebracht. Die Wände meines Gefängnisses waren von dunkler Farbe, ich meine von Sandsteinen, ohne desfalls jedoch mit Bestimmtheit urteilen zu können, weil ich mich nicht entsinne, die bezeichneten Wände je angetastet zu haben. Im Innern meines Gefängnisses war es dunkel, immer gleich dunkel; daher ich, als ich frei ward, gegen die Helle sehr empfindlich gewesen bin, jedoch bei Nacht und in einer Dunkelheit, in welcher andere Menschen nichts sehen oder unterscheiden konnten, dennoch genau gesehen habe und unterscheiden konnte. Infolge dieser gleichmäßigen Dunkelheit meines Kerkers fehlte mir in jenem Zustande auch der Begriff zwischen Tag und Nacht. Die Temperatur meines Aufenthaltsortes war nicht minder gleichmäßig, dergestalt, daß ich darin nie weder Hitze noch Kälte verspürte, mich in dieser Beziehung vielmehr behaglich befunden habe. Der Boden meines Gefängnisses war etwan zur Hälfte mit Stroh belegt, welches mir zum Lager diente. Im Boden meines Gefängnisses stand in ausgehöhlter Vertiefung ein Gefäß mit einem Deckel, dessen ich mich zur Verrichtung meiner körperlichen Bedürfnisse bediente, ich meine, daß ein irdener Hafen darin befindlich gewesen und ein- und ausgesetzt worden. Über den Zugang zu meinem Aufenthaltsorte kann ich aus Wahrnehmung nichts sagen; ich meine jedoch, daß eine kleine Türe dahin geführt und daß solche von außen verriegelt worden. Meine Füße waren von den Knien an mit einer weißen Decke aus Wolle bedeckt. Zur Bekleidung trug ich am Leibe kurze Beinkleider von schwarzem Leder, hinten offen, einen Hosenträger von schwarzer Wolle und über letzterem ein Hemd. Meine Nahrung bestand aus Brot und Wasser. Das Brot war schwarz, sogenannter Auszug vom Roggenbrot, in Stücken geschnitten und, obwohl gut und schmackhaft, dennoch fortwährend sehr hart. Das Wasser ward mir in einem irdenen Gefäße vorgestellt, welches gleich weit war, ohne daß ich jedoch zu urteilen vermag, ob es ein Krug oder Hafen gewesen. Am Brote hatte ich nie Mangel, wohl aber oft an Wasser. Als mir noch die Begriffe vom Laufe der Dinge mangelten, glaubte ich, daß sich auch mein Trinkgeschirr nach Bedarf von selbst fülle, und ich entsinne mich noch im Gefühle des Schmerzes derjenigen Augenblicke, da ich, um brennenden Durst zu löschen, das leere Gefäß an meinen Mund geführt habe. Die Beschaffenheit des Wassers war meistens rein, doch fand ich dann und wann auch Wasser, das mir durchaus nicht schmeckte und auf welches ich, statt erquickt und erfrischt zu werden, besonderen Hang zum Schlafe fühlte. Beim Erwachen nahm ich Brot und Wasser, spielte dann mit zwei kleinen Pferden, dann einem noch kleineren Hund aus Holz, bis ich wieder einschlief und wieder erwachte. Erst in der letzten Zeit meiner Gefangenhaltung, nach meinem Dafürhalten in den letzten 8 bis 9 Tagen vor meinem Transporte hieher, erschien ein Mann bei mir, den ich jedoch nicht beschreiben kann, weil ich ihn weder gesehen noch dessen Stimme gehört habe, da er teils garnicht, teils in verstellter Stimme und leise mit mir gesprochen hat. Dieser Mann kam in Zwischenräumen von 3 bis 4 Tagen zu mir; er erschien zu drei verschiedenen Malen. Beim ersten Erscheinen stellte er einen ganz niedrigen Stuhl vor mich hin, legte ein Stück Papier und einen Bleistift darauf, nahm meine Hand, gab mir den Bleistift in die Hand, drückte mir die Finger zusammen und schrieb mir etwas vor. Während dieses ersten Besuches führte mir der Mann 7 bis 8 mal auf die bezeichnete Weise die Hand; diese Beschäftigung gefiel mir und ich schrieb hierauf ohne Führung das nach, was mir der Mann vorgeschrieben hatte. Bei diesem ersten Besuch sprach der Mann auch nicht eine Silbe; ich habe auch nicht bemerkt, als er eingetreten oder weggegangen ist. 3 oder 4 Tage später kam der Mann zum zweitenmal, er legte mir ebenmäßig, wie beim ersten Male, von hinten her ein kleines Buch vor, nahm meine Hand, legte sie aufs Buch und sprach mir das Wort »Roß« so oft vor, bis ich solches nachsagen konnte; ferner äußerte der Mann dortmals auch: »Im großen Dorf, da ist dein Vater, da bekommst du schöne Roß und dieses merken«, wobei er abwechslungsweise auf die Rosse, dann wieder auf das Buch hinwies, womit er andeuten wollte, daß ich dergleichen Rosse erhalten, dagegen aber bezüglich der Anweisung im Buche gut merken solle. Und so, wie ich beim ersten Besuche des Mannes die Buchstaben und meinen Namen so schreiben lernte, wie ich bei dem Gefangenwärter Hiltel dahier in der Folge geschrieben habe, so lernte ich beim zweiten Besuche des Mannes sagen »Roß, in dem großen Dorfe, da ist dein Vater und du bekommst schöne Roß«, ferner »ich mögt a sechener Reiter wärn, wie mei Vater g'wehn iß«, welche Worte mir der Mann ebenmäßig während seines zweiten Besuches vielfältig und in solange vorgesagt hat, bis ich solche nachgesprochen. Nach weiterem Verlaufe von ebenmäßig 3 bis 4 Tagen erfolgte der dritte und letzte Besuch des Mannes. Er erweckte mich aus dem Schlafs und als ich erwacht war, stand der Unbekannte vor mir, der mir sagte, »daß er mich fortführen wolle«. Zugleich zog er mir, rücklings hinter mir stehend, Stiefeln an, wobei ich wahrnahm, daß dieser Mann einen kurzen Schalk, kurze schwarze Beinkleider, blaue Strümpfe und Stiefeln am Leibe getragen. Er nahm mich so, wie ich in meinem Gefängnisse gekleidet war, auf den Rücken und trug mich, mit einem Hute bedeckt, gleich vom Kerker aus ins Freie, unmittelbar darauf eine Anhöhe, bald nachher aber einen größeren Berg hinauf. Es war damals auch im Freien noch nicht helle, was mir genau beifällt, wobei ich jedoch in einen Schlaf verfiel, aus dem ich auf dem Boden liegend erwachte. Als der Mann merkte, daß ich erwacht war, hob er mich auf, faßte mich unter beiden Armen und lehrte mir das Gehen, indem er meine Füße mit den seinigen fortschob. Durch die versuchten Schritte fühlte ich mich bald ermüdet, ich weinte über die Schmerzen des Gehens, was meinen Führer zu der Äußerung veranlaßte: »Du mußt gleich aufhören zu weinen, sonst bekommst du kein Roß«, er sagte auch ferner, daß ich die Worte ja recht merken sollte: »Ich möcht a sechener Reiter wärn, woi mei Vater g'wen ist« und plagte mich teils mit diesen Worten, teils mit dem Gehenlernen dergestalt, daß mir zum öfteren das Gesicht verging und ich ausruhen und schlafen mußte. Beim Weitergehen, und als mein Gang etwas besser worden, neigte mir mein Führer den Kopf gegen den Boden zu und sagte: »Du mußt recht auf den Boden sehen«, was ich ohnedies tat, da mir das Tageslicht gar zu empfindlich fiel. Nachdem ich, wie schon gesagt, oft ausgeruht und geschlafen, vom Regen durchnäßt und durch Kälte erstarrt worden, namentlich auch einmal Brot, dreimal aber Wasser zu mir genommen hatte, welches mein Führer in einer Bouteille bei sich getragen, so setzte mich der Mann, ohne daß ich es verlangt hatte, auf die Erde und legte mir diejenigen Kleider an, in welchen ich hieher gekommen bin. Diese Kleider bestanden aus einer Jacke von grauem Tuch, dergleichen langen Beinkleidern, kurzen Stiefeln, rundem Hut, zwei Hemden und zwei Halsbinden. Zur Bezeichnung der Hemden kann ich angeben, daß solche mit einem »G« rot gezeichnet waren, während das Sacktuch, welches ich ebenmäßig mit hieher gebracht habe und auch noch besitze, mit »H« rot bezeichnet ist. Während ich mit diesen Kleidern angetan worden, stand mein Führer ebenmäßig hinter mir, daher ich ihn auch damals nicht im Gesichte sehen konnte. Beim Weitergehen sprach mir der Mann noch vielfältig vor: »In dem großen Dorf da ist dein Vater, der gibt dir schöne Roß«, »wenn du a sechener Reiter bist, wie dein Vater g'weh'n, so hole ich dich wieder«, fügte immer aber die ausdrückliche Aufforderung bei: »dieses merken und nicht vergessen.« Unter dieser Äußerung gab mir mein Führer den Brief, den ich mit hieher gebracht habe, in die Hand, und die letzten Worte, die ich von demselben gehört habe, lauteten: »dahin weisen, – wo der Brief hingehört.« Nachdem wir noch ein Weilchen zusammen gegangen waren, der Mann mich namentlich auch noch ein paar Male hatte ausruhen lassen, verließ mich derselbe oder vielmehr, er verschwand, ohne daß ich wahrnahm, ob er zurück oder beiseite gegangen. An dieser Stelle, wo mich mein Führer verlassen hatte, stand ich ein gutes Weilchen und schon weinte ich ob des Schmerzens meiner Füße vom Gehen auf dem Pflaster der Stadt, als ich jenen kleinen Mann wahrnahm, der mir in der Folge als der Schuhmacher Weickmann vorstellig gemacht wurde, und von dem ich an das Haus des Herrn Rittmeisters v. Wesenich (Wessenig) geführt worden bin. Ich weiß es wohl, daß der Schuhmacher Weickmann angibt, er habe mich nur bis an das Neue Tor geleitet; es verhält sich aber nicht so, und ich kann mit Bestimmtheit versichern, daß ich durch ihn, den Weickmann, unmittelbar an das Haus des Herrn Rittmeisters v. Wesenich geführt wurde. Fr. 9: Werden Sie die Kleider, in denen Sie hieher gekommen sind, auf Vorzeigen wieder erkennen? A.: Ja freilich. Wurden dem Komparenten die mit Schreiben des Magistrats anhero abgelieferten Kleider, bestehend aus einer Jacke von grauem Tuch, dergleichen langen Beinkleidern und einem runden Hute zur Einsicht vorgelegt, welcher hierauf erklärte: Hut und Kleider sind diejenigen, in denen ich hieher nach Nürnberg gekommen bin. Die Hemden, die ich mit hieher gebracht, sind zerrissen, die Stiefel auch als zerlumpt weggeworfen worden, nur das Schnupftuch besitze ich noch. Fr. 10: Werden Sie auch den Brief, den Sie mit hieher gebracht haben, auf Vorzeigen wieder erkennen? A.: Ja allerdings. Wurde dem Komparenten der Fol. 7 der Magistratsakten vom Jahre 1828 befindliche Brief zur Einsicht vorgelegt, welcher hierauf erklärte: Schon das Äußere des Briefs gibt mir die Überzeugung, daß der hier vorliegende Brief derjenige ist, den ich hieher gebracht und im Hause des Herrn Rittmeisters v. Wesenich abgegeben habe; aber auch nach dem Inhalte erkenne ich solchen an, weil mir der Herr Bürgermeister schon zur Zeit, als ich das Lesen gelernt hatte, diesen Brief gezeigt und zum Selbstlesen vorgelegt hat. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben: Kaspar Hauser. Gebärde (Note der Kommission). Hauser bat ausdrücklich um denjenigen Platz, der ihm den Blick auf die Türe gewährte, und obwohl er hier dicht an dem Inquirenten saß, so fuhr er dennoch bei jedem Geräusch an der Türe und deren Eröffnung heftig zusammen. Übrigens deponierte derselbe mit Zuversicht und Bestimmtheit. 5. Verhör vom 7. November 1829 (Fol. 50 – 55). Fr. 11: Ad respons (Bezüglich Ihrer Antwort auf Frage) 8 dringt sich die Vermutung auf, ob der schwarze Gegenstand vor den Fenstern Ihres Aufenthaltsortes nicht etwan ein Gitter gewesen? A.: Ich bin zwar in meinem Kerker nie aufgestanden, geschweige denn herum oder an die Fenster selbst hingegangen. Gleichwohl aber getraue ich mir schon aus meinen Wahrnehmungen aus der Entfernung und den inzwischen erlangten Begriffen vom aufgeschlichteten Holz, sogenannten Holzstößen mit Bestimmtheit angeben zu können, daß es Holz gewesen, welches sich vor den Fenstern meines Aufenthaltsortes befunden hat. Fr. 12: Über die Art und Weise, wie der Mann in den Ort gekommen, der zu Ihrem Aufenthaltsorte bestimmt war, was können Sie desfalls Näheres angeben? A.: Über die Art und Weise, wie der Mann in meinen Aufenthaltsort gekommen, habe ich eine Wahrnehmung nie gemacht. Da ich jedoch fortwährend mit dem Gesichte gegen die beiden Fenster auf dem Boden lag, so dürfte anzunehmen sein, daß er mir im Rücken eingetreten, welch letzteres ich jedoch sogar nie gehört habe. Fr. 13: Ist es Ihnen vollkommen bewußt, daß Sie nur zu bestimmten Malen menschlichen Besuch in Ihrem Aufenthaltsort hatten? A.: Es ist mir genau bewußt und ich kann daher mit Bestimmtheit behaupten, daß der Mann nicht öfter denn zu dreien Malen in meinen Aufenthaltsort gekommen ist. Das erstemal acht bis neun Tage vor meiner Wegschaffung, wo er mir Unterricht im Schreiben gab, das zweitemal, wo er mir das Büchlein vorlegte und (mich) davon unterrichtete, was ich zu sprechen habe, und das drittemal endlich, wo er mich abholte und mich fortgeführt hat. Fr. 14: Daß Sie schon auf den Grund eines einzigen Unterrichts das Schreiben so erlernt haben sollten, wie bei Hiltel geschehen und durch die Anlage nachgewiesen wird, ist beinahe zu bezweifeln. Unter Vorlegung der Fol. 10 der Magistratsakten befindlichen Schrift mit Bleistift. A.: Ich entsinne mich recht wohl, die hier vorliegende Schrift beim Hiltel gefertigt zu haben. Daß diese Schrift hübsch ist, kann nicht gesagt werden, und ich schrieb ganz anders und ungleich hübscher und besser, nachdem ich nur zweimal durch Herrn Professor Daumer Unterricht im Schreiben erhalten hatte. Und obwohl ich, wie schon gesagt, nur ein einziges Mal Unterricht im Schreiben während meiner Gefangenschaft erhalten hatte, so beschäftigte ich mich dennoch auch ohne den Mann damit, dasjenige nachzuschreiben, wozu er die Hand geführt und ich in der Folge ohne diese Leitung nachgeschrieben hatte, und daher rührt es, daß ich schon beim Hiltel wenigstens einige Fertigkeit im Schreiben gehabt habe. Übrigens schrieb ich die Buchstaben sowie meinen Namen durchaus ohne allen Begriff. Fr. 15: Auch Ihr Spiel mit den hölzernen Rossen setzt einen Unterricht voraus, daher auch in dieser Hinsicht die Vermutung vorliegt, daß mindestens vielleicht früher ein Mensch sich bei Ihnen eingefunden habe? A.: Daß weder der Mann noch irgend ein menschliches Wesen, denn zu den drei Malen, die ich bezeichnet habe, in meinen Aufenthaltsort gekommen, kann ich mit Bestimmtheit behaupten. Die hölzernen Pferde befanden sich seit meines Gedenkens zur linken Hand meines Lagers; wie es mir in den Sinn gekommen, damit zu spielen, kann ich mir selbst nicht erklären, obwohl ich mich fortwährend damit beschäftigte, die an den hölzernen Rossen befindlich gewesenen Bänder abzulegen und wieder an die Pferde hinzulegen. Fr. 16: Zur näheren Bezeichnung der in Ihrem Aufenthaltsorte befindlich gewesenen Pferde, was können Sie desfalls angeben? A.: Die beiden Pferde waren von Holz, 8 -9 Zoll hoch. Doch getraue ich mir nicht zu behaupten, ob die weiße Farbe derselben Natur oder Folge eines Anstriches gewesen. Das eine Pferd, deren beide gleich groß gewesen und hölzerne Schweife hatten, war mit roten, das andere mit blauen Bändern, 7 bis 8 Stückchen an der Zahl, belegt. Jedes Stückchen Band war 10 bis 12 Zoll lang und ein Zoll breit, entweder aus leinen Zeug oder von Leder, und meine ganze Beschäftigung bestand darin, diese Bandstückchen vom Rücken des Pferdes herab und wieder hinaufzulegen, und obwohl ich den Pferden auch von meinem schwarzen Brote zuerst gereicht und solches dann selbst hinuntergeschluckt, weshalb ich nach meinen damaligen Begriffen gemeint, das Brot sei von den Pferden gefressen worden, so wurde dennoch keines der Pferde von dem ursprünglichen Platze weggerückt. – Erst als der Mann bei mir erschienen war und mir Unterricht im Schreiben erteilt hatte, wobei die Pferde von ihm auf die Seite geschoben worden sind, machte ich die Beobachtung, daß die Pferde von Ort und Stelle weggerückt werden können. Dies freute mich sehr und ich fuhr die Pferde, welche mit vier kleinen Rädern versehen waren, auf meinem Lager liegend hin und her. Dies machte Geräusch, das selbst meinen Ohren wehe tat, aber auch noch die weitere Folge hatte, daß ich einstens während meines Fahrens mit den Pferden einen derben Schlag auf den rechten Arm erhielt, ohne daß ich jedoch den Mann selbst bemerkt oder besonders wahrgenommen habe. Von diesem Schlage hatte ich damals durchaus keinen Begriff, noch weniger aber kannte ich den Zweck desselben, gleichwohl aber unterließ ich hierauf das Fahren, weil ich bei mir selbst mutmaßte, daß ich bei fernerem Fahren einen abermaligen Schlag als Folge meines Fahrens erhalten könnte. Was endlich den hölzernen Hund betrifft, der ebenmäßig zur linken Seite meines Lagers stand, so war derselbe nur halb so groß als meine Pferde, höchstens 4½ Zoll hoch und hatte herunterhängende geschnitzte Ohren und dergleichen kurzen Schwanz, weiß wie die Pferde. Auch auf dem Rücken dieses Hundes befanden sich mehrere Stückchen Band von roter Farbe und er war nicht minder mit vier kleinen Rädern versehen. Das Schnitzwerk an den Pferden und an dem Hund war nicht schlecht, keineswegs aber so schön und regelmäßig wie an denjenigen Spielsachen, welche ich während meines Hierseins gesehen habe oder öffentlich verkauft werden. Fr. 17: Schon aus Ihren Angaben zu Frage 8 geht hervor, daß Sie auch in dem mehrerwähnten Aufenthaltsort an Ordnung gewöhnt waren; es hat auch der Gefangenwärter Hiltel [s. Note 93] ausdrücklich bekundet, daß Sie einen reinlich gehaltenen Körper mit hieher gebracht haben, was alles eine besondere Anweisung voraussetzt? Da Sie sich desfalls noch nicht erklärt haben, so hat dies nachholend zu geschehen? A.: Vom Waschen des Körpers hatte ich in meinem Aufenthaltsorte durchaus keinen Begriff. Nie aber habe ich meinen Aufenthaltsort durch meine Leibesöffnung verunreinigt; ich habe mich hiezu jederzeit des schon bezeichneten Loches bedient, dessen Deckel ich auch jedesmal weggeschoben und sodann wieder daraufgeschoben habe. Daß mir dies gelehrt worden, davon bin ich lebhaft überzeugt, es ist mir desfalls jedoch durchaus nichts erinnerlich. Nach meinen nun erlangten Kenntnissen von der Beschaffenheit des Körpers bin ich zwar wohl selbst überzeugt, daß mir auch während meiner Gefangenschaft die Hemden gewechselt und Haare und Nägel abgeschnitten worden, da ich mir desfalls aber nicht das Geringste bewußt bin, so dürfte anzunehmen sein, daß die bezeichneten Verrichtungen, während ich geschlafen, vor sich gegangen, zumal mein Schlaf vornehmlich sonst außerordentlich fest war. Fr. 18: Über die Art und Weise, wie Sie selbst aus dem Orte Ihrer Gefangenschaft herausgekommen, und Ihre Wahrnehmung hierbei, was können Sie desfalls näher angeben? A.: Nachdem mich der Mann auf seinen Rücken genommen und sich beim Fortgehen auch gebückt hat, so stieß mein Kopf dennoch bei einem Hinweggleiten etwas an, was mir die Überzeugung gewährt, daß ich durch eine niedere Türe des Ortes meiner Gefangenhaltung hindurch getragen worden. Eine besondere Wahrnehmung machte ich aber dabei nicht, ich muß über die Art meiner Wegschaffung jedoch noch bemerken, daß mir der Mann, ehe er mich auf den Rücken genommen, mir zuvor auch die beiden Hände mit einem weißen Tuche bei den Handgelenken zusammengebunden hat, diese meine beiden Hände sich sodann um seinen Hals gelegt und mich auf diese Weise fortgetragen hat. Übrigens habe ich deutlich wahrgenommen, daß ich von meinem Aufenthaltsorte unmittelbar aus ins Freie und gleich nachher eine Anhöhe oder einen Berg hinaufgetragen worden. Fr. 19: Wie lange Zeit glauben Sie von dem Orte Ihrer Gefangenschaft bis hieher sich unterwegs befunden zu haben? A.: Vor allem muß ich bemerken, daß ich bei meinem Eintritt in die große Welt, oder als ich hier zum Bewußtsein gekommen bin, so oft mir das Gesicht durch die Sonne oder infolge allgemeiner Ermüdung vergangen, ich jederzeit gesagt habe: es wird Nacht. In meiner Lebensgeschichte habe ich daher auch oft vom Nachtwerden gesprochen, was nur in dem oben erwähnten Sinn zu verstehen ist. Übrigens kann ich über die Dauer meiner Reise nach Tag und Nacht nicht urteilen. Wenn ich jedoch berücksichtige, daß ich während meiner Hieherschaffung nur ein einzigesmal Brot und das in geringer Quantität, gegessen habe, daß ich nicht mehr denn dreimal Wasser getrunken, auf der ganzen Tour mein Wasser nur einmal abgeschlagen, eine Leibesöffnung aber gar nicht gehabt habe, so möchte aus diesen Umständen wohl mit Bestimmtheit anzunehmen sein, daß ich nicht länger denn eine Nacht und einen Tag unterwegs gewesen, daß ich nimmermehr aber viel länger denn diese Zeit unterwegs gewesen. Daß jedenfalls aber auch in dieser Zeit nur ein sehr geringer Raum von mir und meinem Führer durchwandert worden sein kann, ist mit Bestimmtheit anzunehmen, weil ich, als des Stehens und Gehens durchaus unkundig, nur wenige Schritte gehen, dann ausruhen mußte und dann erst wieder gehen konnte. Fr. 20: Nachdem Sie an dem Manne wahrgenommen, daß er mit einem Schalk, kurzen Beinkleidern, Stiefeln und blauen Strümpfen angetan gewesen, so läßt sich annehmen, daß Sie auch dessen Gestalt, Größe, Gesichtszüge und dergleichen ins Auge gefaßt? A.: Ich entsinne mich, wahrgenommen zu haben, daß der Mann keinesfalls klein war, er näherte sich vielmehr mehr der größeren als der mittleren Statur. Brust und Schultern waren breit, was ich besonders wahrnahm, als ich mich auf dessen Rücken befunden. Würde ich eine nähere Bezeichnung des Mannes geben, so spräche ich nicht aus eigener Wahrnehmung und kann daher lediglich versichern, daß ich insonderheit über das Gesicht des Mannes durchaus keine Auskunft zu geben imstande bin. Vorgelesen, genehmigt und unterzeichnet: Kaspar Hauser. 6. Verhör vom 9. November 1829 (Fol. 64 - 68). Fr. 21: Über äußere Dinge, Ereignisse usw., welche Wahrnehmungen haben Sie desfalls hieher auf Ihrer Reise gemacht? A.: Der Eindruck der äußern Luft, das Sonnenlicht und die verwirrende Masse der unendlichen Mannigfaltigkeit von Gegenständen in der mir ganz neuen Welt betäubte dergestalt meine Sinnen, daß mir das Gesicht oft ganz verging und daß ich mich fortwährend in einem betäubten Zustande befand. Zur gestellten Frage vermag ich daher nur soviel anzugeben, daß ich einen andern Berg oder Anhöhe, denn jene ganz am Anfang meines Transportes nicht hinaufgekommen bin. Ebenso glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu können, daß ich einen Berg hinunter während der ganzen Reise nicht gekommen, daß mir endlich auch nicht erinnerlich ist, Wasser oder eine Brücke auch nur mit einem Blicke auf der Reise gesehen zu haben. Fr. 22: Über die Beschaffenheit des Weges und dessen Umgebung, was haben Sie desfalls bemerkt? A. Während der ganzen Reise kam ich auf keinen Fahrweg, geschweige denn auf Chausseen. Der Weg ging fortwährend auf weichem Sand von gelblicher Farbe und ich entsinne mich, zu verschiedenen Mal über sogenannte Fußsteige geschritten zu sein. Ich bin noch nie weit über die Stadt hinausgekommen, daher ich denn auch nur auf der Peterhaide Ähnlichkeit mit dem Wege meiner Reise bemerkt habe. Fr. 23: In welcher Richtung hatten Sie während Ihrer Reise hieher die Sonne? A.: Am Anfang meiner Reise und nachdem mir schon zu verschiedenen Malen Unterricht im Gehen erteilt worden war, bemerkte ich ganz besondere Hellung im Gesicht und sohin gegen mein Gesicht gekehrt, welches Licht sich beim weiteren Fortschreiten minderte. Dies ist mir erinnerlich, ohne weitere Wahrnehmungen gemacht zu haben. Fr. 24: Nach dem, was Sie am Schlusse Ihrer Angabe ad inter (zu Frage) 8 sagten, so wurden Sie innerhalb der Stadt von Ihrem Führer verlassen? Warum haben Sie Ihrer Gefühle, Ihrer Wahrnehmungen nicht erwähnt, als Sie die Stadt, deren Gebäude usw. erblickt? A.: Wie ich in die Stadt gekommen, dessen bin ich mir durchaus nicht bewußt, ich habe auch die Stadt weder in der Entfernung noch in deren nächster Umgebung bemerkt, weil ich, mit der Haltung meines Körpers beschäftigt, nur vor mich hin auf den Weg sah, auch durch die Schmerzen meiner Augen und aller meiner Glieder von äußeren Gegenständen durchaus abgezogen war. Fr. 25: Zwischen dem Manne, der Sie hieher geführt und jenem, der Sie in Ihrem Aufenthaltsorte besucht hat, welche Ähnlichkeit oder welche Verschiedenheit haben Sie desfalls wahrgenommen? A.: Die Stimme, welche ich in meinem Aufenthaltsorte, auf meiner Reise hieher und endlich am 17. v. Mts. auf dem Abtritte meines Hauses vernommen, gibt mir die feste Überzeugung, daß es ein und derselbe Mann gewesen, der mich zu dreimalen im Orte meiner Gefangenschaft besucht, mich darauf hieher geführt und es endlich am 17. Oktober versucht hat, mich umzubringen. Dieser Mann sprach zwar jederzeit leise und mit verstellter Sprache, jedoch dergestalt gleichförmig, daß ich mit Bestimmtheit sagen kann, daß es ein und dieselbe Person war, mit der ich angegebenermaßen zusammen gekommen bin und deren Stimme ich vor allen übrigen der Welt wieder erkennen werde. Fr. 26: Besinnen Sie sich und geben Sie an, ob Ihnen der bezeichnete Mann auch sonst bei irgend einer Gelegenheit zu Gesicht gekommen oder dessen Stimme vernommen? A.: Der fragliche Mann ist mir sonst nie zu Gesicht gekommen, ich habe auch seine Stimme nie vernommen. Eine große Angst fühlte ich zwar am 24. Juni d.J., als ich ganz allein bei schönem Wetter durch die Plattnersche Anlage ging und aus einem Gesträuche ein Geräusch der Art vernahm, als wolle jemanden hinter der Hecke aufstehen. Da ich jedoch damals weder irgend eine Gestalt gesehen noch irgend eine Stimme, geschweige einen Wortlaut gehört habe, so kann ich über den Ursprung des wahrgenommenen Geräusches denn auch keine Auskunft geben. Ich kann mir meine Ängstlichkeit daher zwar nicht erklären, dennoch aber war mein Gefühl von ganz besonderer Furcht; es kam mir der Mann im Sinne (in den Sinn), der mich hieher geführt hatte und ich fürchtete, wie schon gesagt, ganz ohne nähere Veranlassung, daß mir jener Mann etwa Leides zufügen möchte. Fr. 27: Durch Spaziergänge, sonderheitlich aber durch Ihr Reiten, haben Sie die Umgegend der Stadt wohl kennen gelernt; in welcher Richtung glauben Sie, hieher gekommen zu sein? A.: Was ich nicht überzeugt bin und was ich nicht gewiß weiß, darf und kann ich nicht sagen, daher ich denn zu dieser Frage Auskunft zu geben nicht vermag. Fr. 28: Daß Sie unterwegs auf Menschen gestoßen, muß allen Umständen nach angenommen werden; welche Wahrnehmungen haben Sie desfalls gemacht? A.: Auf meiner ganzen Reise entsinne ich mich nicht, weder einen Menschen, noch irgend ein Gebäude bemerkt oder wahrgenommen zu haben. Der Schuhmacher Weickmann, der mich, wie er mir selbst erzählte, in der Gegend des Unschlitthauses gefunden hat, ist das erste menschliche Wesen, dessen ich mir bewußt bin, daher ich auch nicht wenig erstaunte, als ich vor dem Hause des Herrn Rittmeisters v. Wesenich noch mehrere Menschen gesehen habe. Fr. 29: Außer den Ihnen schon am 6. November vorgezeigten Kleidungsstücken brachten Sie noch einiges mit hieher. Was ist Ihnen desfalls bekannt? A.: Wie ich aus dem Munde des Herrn Bürgermeisters Binder vernommen, so fanden sich in den Kleidern, die ich am Leibe hieher gebracht habe, ein Gebetbuch, ein Rosenkranz und ein Schlüssel vor; ich weiß jedoch nicht, wie diese Stücke in meine Kleider gekommen sind, noch wie es sichs desfalls überhaupt verhält. Diese Stücke sind mir auch lediglich in der Folge und zwar aus der Hand des Herrn Bürgermeisters Binder zu Gesicht gekommen. Wurden dem Komparenten die mit Schreiben des Magistrats de pr. 3ten abgegebenen Gegenstände zur Einsicht vorgelegt, welcher hierauf erklärt: Nur hinsichtlich des in Leder gebundenen Gebetbüchleins (Geistliches Vergißmeinnicht betitelt), kann ich angeben, daß solches dasjenige Büchlein ist, welches mir der Mann bei seinem zweiten Besuche vorgelegt und hinterlassen hat. Was hier weiter vorliegt, kam mir, wie schon gesagt, erst bei dem Herrn Bürgermeister Binder zu Gesicht und ich kann desfalls nichts angeben. Fr. 39: Wenn man Sie in diese und jene Gegenden hinausführen sollte, um sie genau zu besehen und anzugeben, ob Ihnen solche bereits zu Gesicht gekommen, werden Sie sich in dieser Beziehung zu urteilen getrauen? A.: Über die Gegenden und sonstigen Gegenstände der Natur werde ich wohl schwerlich je zu urteilen vermögen; dagegen würde ich den Ort meiner Gefangenhaltung, und wenn er auch inzwischen sollte verändert worden sein, alsbald wieder erkennen, vorausgesetzt nämlich, daß er nicht ganz zusammengerissen oder vernichtet worden; denn mein Gefühl ist äußerst stark und treu und leitet mich auch ohne zureichenden Grund richtig und vollständig, ja es sagte mir sogar am 16. und 17. Oktober durch eine innere fortwährende Angst, daß ich einen Unglücksfall werde zu bestehen haben, wesfalls ich mich auch mitgeteilt haben würde, wenn ich nicht schon hie und da ein Hasenfuß genannt worden wäre, welcher Äußerung ich mich nicht abermals aussetzen wollte. Fr. 31: Sie sagten ad inter . (zu Frage) 9, daß sich das Schnupftuch, welches Sie mit hieher gebracht haben, noch in Ihrem Gewahrsam befindet; übergeben Sie solches. A.: Das hier vorliegende Sacktuch ist von mir hieher gebracht worden, daher ich solches, wie hiermit geschieht, übergebe. Wobei Komparent ein weiß und rotes Sacktuch, K. H. bezeichnet, übergeben hat. Fr. 32: Haben Sie sonst noch etwas anzugeben? A.: Nein, durchaus nichts. Vorgelesen, genehmigt und unterzeichnet: Kaspar Hauser. Gebärde(nnote der Kommission): Ruhig und gelassen, und hat K. H. ausdrücklich erklärt, daß er sich seit gestern, wo ihm das Allerhöchste Reskript dd. München, 1. November 1829 Durch dieses Reskript wurde eine Belohnung von 500 fl. auf die Entdeckung des Täters ausgesetzt und befohlen, daß alle Vorsichtsmaßregeln zur künftigen Sicherung Hausers ergriffen werden sollten. vorgezeigt worden, sehr beruhigt fühle. – 7. Verhör vom 4. Dezember 1829. (Bd. 2d = Justizministerialakt 2102, Fol. 63 – 64) In Gegenwart (wie oben). Fr. 33: Die Beschaffenheit Ihres Kerkers betreffend, bestehen Sie desfalls auf dem, was Sie bisher und insonderheit über die Beschaffenheit der Fenster angegeben haben? A.: Meine Angabe über die Beschaffenheit meines Kerkers ist so genau und auf meine genaueste Wahrnehmung gegründet, daher ich durchgehends dabei bestehen muß. Insonderheit liegt es mir in der Erinnerung klar vor Augen, daß mein Kerker mit zwei kleinen viereckigen Fenstern, 8 – 9 Zoll hoch und eben so breit, versehen war und daß diese Fenster 9 – 10 Zoll, höchstens aber ein Schuh von einander gestanden sind. Fr. 34: Aus dem Orte Ihrer Gefangenhaltung entsinnen Sie sich von daher der sinnlichen Wahrnehmung des Läutens mit Glocken? A.: An dem Orte meiner Gefangenhaltung habe ich gar nie auch nur das geringste gehört. Als ich den ersten Laut der Glocke hier in Nürnberg auf dem Turme des Hiltel vernommen, gefiel mir solches zwar wohl, es machte jedoch einen ganz besonderen Eindruck auf meine Ohren, welche es sonderbar erschüttert hat. Übrigens habe ich nie irgend einen Laut oder Geschrei eines Tieres, ja sogar nie weder Donner noch Blitz wahrgenommen. Das erste Gewitter, dessen ich mir ebenmäßig beim Hiltel bewußt bin, flößte mir Angst und Schrecken ein, dergestalt, daß ich heftig weinte. Fr. 35.: Werden Sie den Hosenträger, den Sie bei Ihrer Gefangenschaft getragen, auf Vorzeigen wiedererkennen? A.: Nicht leicht, weil ich den Hosenträger nicht gesehen habe und nur auf Grund meiner hier erlangten Begriffe zu sagen vermag, daß der Hosenträger von Wolle war und mich, weil er auf dem bloßen Leibe lag, sehr auf der Schulter kratzte. Wurde dem Komparenten der im Hause des Mesners Schrey Der Mesner Schrey, genannt Agathen, zu Mariahilf (bei Neumarkt, Oberpfalz) war in Verdacht geraten, daß er derjenige sei, bei dem Hauser gefangen gehalten worden war. Bei einer Haussuchung waren bei ihm die oben erwähnten Hemden, Hosenträger und Lederstückchen gefunden worden, die in dem Verhör Hauser vorgelegt worden sind. Nach umfangreichen und langwierigen Untersuchungen mußte jedoch der Verdacht gegen Schrey fallen gelassen werden. Hickel beschreibt im Briefe Nr. 15 S. 51 seine Recherchen in dieser Sache. zur Hand genommene Hosenträger aus Tuchwand zur Einsicht vorgelegt, welcher hierauf bemerkte: Dieser hier vorliegende Hosenträger kann unmöglich von mir getragen worden sein; einesteils ist derselbe viel zu lang, andernteils aber glaube ich nicht, daß mein Hosenträger, so wie der vorliegende, Querleisten über die Brust herüberlaufend gehabt hat. Fr. 36: Sie sagten, in dem Orte Ihres Gefangenhaltens mit schwarzledernen Beinkleidern angetan gewesen zu sein. Da sich Lederstücke vorgefunden haben, welche man Grund hat, Ihnen zur Einsicht vorzulegen, so geschieht solches. Unter Vorlegung der im Hause des Mesners Schrey zu Gerichtshänden genommenen Lederstücke. A.: Ich trug in meinem Gefängnis allerdings schwarzlederne Beinkleider, deren Leder war jedoch milder und weniger steif als das hier vorliegende Leder. Fr. 37: Auch alte Hemden wurden vorgefunden, welche man Ihnen vorzuzeigen sich veranlaßt findet. Unter Vorlegung der im Hause des Meßners Schrey zu Gerichtshänden genommenen Hemden. A.: So garstige Hemden hatte ich nie am Leibe. Die meinigen waren jederzeit weiß, nicht vergraut, nicht zerrissen. In Hemden der Beschaffenheit, wie die vorliegenden, hätte ich ja Ungeziefer, das ich nie gehabt, bekommen müssen. Fr. 38: Haben Sie sonst noch etwas anzugeben? A.: Nein. – Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben: Kaspar Hauser. Note: Höchst unbefangen, jedoch ad int. 37 unter Abscheu und Schütteln vor Entsetzen. II. Verhöre Hausers vor dem Kreis- und Stadtgericht Ansbach. Hauser wurde nach seiner im Ansbacher Hofgarten am 14. Dezember 1833 erhaltenen Verwundung von einer Kommission des Ansbacher Kreis- und Stadtgerichts auf dem Totenbette dreimal vernommen. Im folgenden die darüber aufgenommenen Protokolle. l. Verhör vom 14. Dezember 1833, abends 5 ½ Uhr. (Bd. 5a – Justizministerialakt 2113, Fol. 6 ff.) In Gegenwart des Kgl. Kreis- und Stadtgerichtsrats Waltenmeir und des Kgl. Kreis- und Stadtgerichtsschreibers Traumüller. Unmittelbar nach geschehener Wundbeschau schritt man, so viel es tunlich war, zur Vernehmung des K. H. selbst, wie folgt. Vor allem wird vorausgeschickt, daß K. H. gleich beim Eintreffen der Gerichtskommission teils zu den Umstehenden, teils gegen den unterzeichneten Gerichtskommissar selbst sich in folgenden abgebrochenen Sätzen äußerte: »Hofgarten, bei Uz, großer Mann, schwarzer Backenbart und schwarzer Schnurrbart, mehr alt als jung, hatte einen Mantel an.« Auf kurze Fragen um nähere Bezeichnung erwiderte er: »Kann nicht angeben; als ich den Stich hatte, gleich davon gelaufen, – an dem Ort muß ein Beutel liegen.« Darauf gründete man nun die nachstehende Vernehmung. Fr. 1: Sie haben angegeben, heute im Hofgarten gewesen zu sein. Wann war dieses? A.: Nach 3 Uhr. Fr. 2: Was hat Sie denn bewogen, in den Hofgarten zu gehen? A.: Ach, es hat mich ja jemand bestellt. Fr. 3: Wo ist diese Bestellung geschehen? A.: Da herunten vor der Stiege, wo man in das Appellationsgericht hinaufgeht. Fr. 4: Um welche Stunde wurden Sie bestellt? A.: Zwischen 3 und 4 Uhr wurde ich in den Hofgarten hineinbestellt, aber um 9 Uhr vormittags, wie ich in das Appellationsgericht hineinging, kam der Mann. Fr. 5: Mit welchen Worten erfolgte denn die Bestellung? A.: Warten Sie noch ein wenig, ich habe Schmerzen auf der Brust. Man hat dieser Äußerung zufolge die Vernehmung abgebrochen, besonders da H. hierauf etwas irre sprach und, wie es schien, Herrn Pfarrer Fuhrmann, der inzwischen kam, nicht kannte. Auch rief er: »Die Mutter (Lehrer Meyers Schwiegermutter meinend) will ich.« Als man später um 9 Uhr die Vernehmung mit H. fortsetzen wollte, fand es der k. Medizinalrat Dr. Horlacher, der sich inzwischen eingefunden hatte, nicht mehr ratsam, ihn heute noch zu stören, besonders da er schlummerte. 2. Verhör vom 16. Dezember 1833, vormittags 9 Uhr (Fol. 46 ff). In Gegenwart (wie oben). Nachdem Herr Medizinalrat Dr. Horlacher und Herr Landgerichtsphysikus Dr. Albert dem unterzeichneten Kommissär mündlich erklärt hatten, daß die Vernehmung des K. H. heute geschehen könne und daß man hiebei nur zu berücksichtigen habe, daß sie nicht zu lange in einem fort dauere, so begab man sich in die Wohnung des K. H. und traf denselben im Bette liegend bei vollkommenem Bewußtsein an. Man schritt hierauf zur Vernehmung selbst, wie folgt: Fr. 6: Sie haben schon bei Ihrer Vernehmung am verflossenen Samstag angegeben, daß Sie an diesem Tage im Hofgarten gewesen seien, geben Sie genau die Stunde an, wann dieses geschah? A.: Um halb 3 Uhr bin ich von Herrn Pfarrer Fuhrmann fort und in den Hofgarten gegangen. Fr. 7: Was hat Sie denn veranlaßt, in den Hofgarten zu gehen? A.: Ich bin bewogen worden durch die Einladung, daß mir alles im Hofgarten gezeigt werden würde von dem Brunnen, der dort gegraben wird. Fr. 8: Wer hat diese Einladung Ihnen gemacht? A.: Derjenige, der mich eingeladen hat auf dem Tennen, wo man ins Appellationsgericht hinaufgeht, schien mir ein Arbeiter zu sein. Fr. 9: Wie sah denn dieser Mensch aus? A.: Er war nicht großer, sondern mittlerer Statur, im mittleren Alter und hatte einen blonden Das Wort »blonden« ist in dem Text des Protokolls hineinkorrigiert, so daß die Behauptung Hausers im 3. Verhör, er habe den Schnurrbart des Mannes als schwarz bezeichnet und der Gerichtsschreiber müsse sich verschrieben haben, in diesem Umstand eine Stütze findet. Schnurrbart. Er trug einen Kittel. Fr. 10: Können Sie seine Gesichtsfarbe, die Farbe seiner Augen und Haare nicht mehr beschreiben? A.: Seine Gesichtsfarbe war blaß, seine Augen schwarz und seine Haare braun oder schwarz. Er trug eine Kappe auf dem Kopf. Fr. 11: Was hatte er für Beinkleider an? A.: Das weiß ich nicht, da hab' ich ihn nicht angesehen. Fr. 12: Um welche Stunde kam dieser Mann zu Ihnen, der Sie in den Hofgarten eingeladen hatte? A.: Um ein Viertel über 9 Uhr, da ging ich vom Herrn Pfarrer Fuhrmann weg ins Appellationsgericht hinein. Der Mann stund schon da in dem Tennen zur ebenen Erde, ehe man die Treppe hinaufgeht. Er sagte zu mir: »Eine schöne Empfehlung vom Herrn Hofgärtner und ich sollte so nach 3 Uhr in den Hofgarten hineingehen, wo mir die Tonarten am artesischen Brunnen gezeigt würden.« Fr. 13: Was haben Sie auf diese Einladung erwidert? A.: Ich sagte darauf: »Ich komme.« Fr. 14: Hat dieser Mann denn nichts weiteres gesprochen? A.: Nein, er ging fort. Fr. 15: Wie war denn seine Sprache, sowohl inbezug auf den Klang derselben als auch auf den Dialekt? A.: Er hatte eine Baßstimme, den Dialekt konnte ich aber nicht erkennen, weil er zu wenig sprach. Fr. 16: Welchen Weg haben Sie vom Herrn Pfarrer Fuhrmann aus in den Hofgarten und in diesem selbst genommen? A.: Durchs neue Tor hinaus, zum Herrn Generalkommissar (Präsidentenhaus) herunter und bei Freiberg hinein. Wie ich im Hofgarten angekommen war, ging ich gerade auf den artesischen Brunnen zu und als ich dort niemanden antraf, ging ich weiter den Weg auf das Uzsche Denkmal zu. Wo die zwei Sitzsteine sind, links, wenn man vom Glashause herkommt, wo sich ein Gebüsch befindet, gab mir dieser Mann einen Beutel, und als ich ihn nehmen wollte, stach er mich in die Seite. Fr. 17: Sie haben in Ihrer Antwort zu dieser Frage sich des Ausdruckes bedient »dieser Mann«; was verstehen Sie darunter? A.: Ich meinte: der Mann, der mir den Beutel gab, gab mir einen Stich. Fr. 18: Was hat sich dieser Mann hiezu für eines Instrumentes bedient? A.: Das weiß ich nicht, weil ich mehr auf den Beutel sah, ich glaube, es wird ein Stilett gewesen sein, es hat mir lang geschienen. Fr. 19: Beschreiben Sie auch diesen Mann, der Ihnen im Hofgarten den Stich beigebracht hat. A.: Der war etwas größer als jener, der mich bestellt hat, und hatte einen schwarzen Schnurrbart und schwarzen Backenbart. Fr. 20: Wie war die Farbe seiner Augen, Haare und seines Gesichts? A.: Er hatte ein rotes Gesicht, dunkelbraune Haare; wie aber die Farbe der Augen ist, weiß ich nicht. Ich gewahrte ihn erst, als ich schon ganz nahe am Denkmal war. Fr. 21: War er groß oder klein, jung oder alt? A.: Er war über die mittlere Statur und mag 50-54 Jahre alt sein. Fr. 22: Hat dieser Mann etwas gesprochen? A.: Er sagte: »Ich mache Ihnen den Beutel zum Präsent«, und wie ich ihn nehmen wollte, hat er mich gleich hineingestochen. Fr. 23: Wie war dieser Mann gekleidet? A.: Daß er einen Mantel trug, das weiß ich, aber von welcher Farbe dieser war, weiß ich nicht. Doch hatte der Mantel nur einen Kragen, der, glaube ich, über die Ärmel hinunterreichte. Auch hatte er einen runden schwarzen Hut auf. Was er unter dem Mantel anhatte, weiß ich nicht. Fr. 24: Was geschah nach dem Stich? A.: Ich lief gleich nach Hause und ließ den Beutel fallen und lief so stark, daß mich niemand einholen konnte. Ich sah mich nicht mehr um und weiß daher auch nicht, was der Mann getan oder wohin er sich gewendet hat. Nachdem H. über zunehmende Schwäche klagte, hat man die Vernehmung vorläufig geschlossen, demselben noch einmal wortdeutlich vorgelesen und an ihn nur noch die Fr. 25 gestellt: Ist alles richtig niedergeschrieben und haben Sie daran nichts abzuändern oder beizusetzen? A.: Ja, ganz richtig, und ich habe nichts abzuändern. Die Leute meinen immer, es hätte mich niemand gestochen. Ich hab's schon gehört, vom Herrn Meyer, sie haben leise unter einander gesprochen. Zur Bestätigung unterschreibt derselbe eigenhändig. Gebärdennote: Trug die Antworten auf die an ihn gestellten Fragen mit anscheinender Gemütsruhe und zusammenhängend vor. Die Antworten wurden wörtlich, wie er sie gab, niedergeschrieben. – 3. Verhör vom 17. Dezember 1833, vormittags 11 Uhr. (Fol. 94 ff.) In Gegenwart (wie oben). Heute verfügte man sich abermals in die Wohnung des K. H., traf denselben zwar im Bette liegend, jedoch bei vollkommen gutem Bewußtsein an, ermahnte ihn sofort zur Angabe der Wahrheit und vernahm ihn weiters, wie folgt: Fr. 26: Sie haben angegeben, vergangenen Samstag um ein Viertel nach 9 Uhr vormittags in dem Gebäude des Appellationsgerichtes von einem Mann in den Hofgarten hinein bestellt worden zu sein, haben Sie diesen Mann früher niemals gesehen? A.: Nein, ich hab' mir gedacht, es sei ein Arbeiter, weil er vom Herrn Hofgärtner eine Empfehlung ausrichtete; man möchte darüber doch auch den Herrn Hofgärtner fragen, ob er keinen solchen Arbeiter hat, mit einem schwarzen, breiten Schnurrbart. Fr. 27: Sie haben aber gestern angegeben, der Schnurrbart desjenigen, der Sie bestellt hatte, sei blond gewesen? S. vorige Note. A.: Da haben Sie sich verschrieben, ich habe deutlich gesagt, daß er einen bräunlichen, ins Schwarze gehenden Schnurrbart hatte. Vergessen Sie nicht, daß das abgeändert wird. Ich muß es beim Vorlesen überhört haben, denn sonst hätte ich es auf der Stelle bemerkt. Fr. 28: War irgend jemand zugegen oder ist irgend jemand vorbeigegangen, während Sie mit dem Manne sprachen, der Sie in den Hofgarten bestellte? A.: Nein, ich habe wenigstens niemand bemerkt. Wenn arme Leute kommen, die passen auch immer da auf, so z. B. eine gewisse Feigelein, der ich immer etwas gebe, so auch die Tuchmacherswitwe Weigel, die paßt immer da auf. Fr. 29: Haben Sie auch außer dem Manne, der Ihnen im Hofgarten den Stich beibrachte, im Hinein- oder Hinausgehen vom Hofgarten niemand gesehen, der mit Ihnen gleichzeitig im Hofgarten war? A.: Nein, es ist mir niemand begegnet. Wenn mir nach dem Stich auch jemand begegnet wäre, so hätte ich ihn nicht gesehen, denn ich war ganz außer mir vor Schrecken. Ich habe auch gehört, daß mir außer dem Hofgarten viele Leute begegnet sind, ich habe aber keinen Menschen gesehen. Fr. 30: Auf welchem Weg sind Sie denn nach dem Stich zurückgelaufen? A.: Ich bin gleich über alle Felder und das Gras hinüber und (in) ganz gerader Richtung auf das eiserne Gittertor zugelaufen und habe gar den Weg nicht beobachtet und gekannt. Fr. 31: Sie haben angegeben, vorerst, als Sie in den Hofgarten hineingingen, auf den artesischen Brunnen zugegangen zu sein und erst, als Sie dort niemand antrafen, in die Gegend des Uzschen Denkmals hingegangen zu sein. Da Sie nun einmal an den artesischen Brunnen bestellt waren, was bewog Sie denn, ihrem Wege diese soweit veränderte Richtung zu geben? A: Das war mein gewöhnlicher Spaziergang. Ich ging öfters im Hofgarten spazieren. Fr. 32: Haben Sie von Ihrer Einladung in den Hofgarten irgend jemand etwas gesagt? A.: Keinem Menschen. Auch früher war ich schon einmal in den Hofgarten eingeladen, wie bei Herrn Generalkommissär der letzte Ball war, da war mir aber das Wetter zu schlecht. Damals habe ich es der Frau Oberleutenantin Hickel Diese Angabe Hausers wird von Frau Hickel in ihrem Verhör vom 24.12.33 (2114 F. 336 – 38) bestätigt. gesagt. Die wird es Ihnen auch sagen können, wenn sie sich noch erinnert. Fr. 33: Wer hat Sie denn damals eingeladen? A.: Derselbe Mensch, der mich am Samstag eingeladen hat. Eben darum war ich überzeugt, daß es ein Arbeiter vom Hofgärtner sein müsse, und habe deswegen zum zweiten Male nichts mehr gesagt. Fr. 34: Wann und wo geschah denn diese erste Bestellung? A.: Um halb 9 Uhr beiläufig, etwas nachher, und an dem nämlichen Platze wie am Samstag. Fr. 35: Mit welchen Worten geschah denn damals die Bestellung? A.: Er sagte: eine Empfehlung vom Herrn Hofgärtner und ich sollte hineinkommen auch in den Hofgarten zwischen 3 und 4 Uhr an den artesischen Brunnen, wenn ich die Tonarten sehen wollte. Fr. 36: Sie haben angegeben, von dem Mann, der Ihnen den Stich beibrachte, einen Beutel erhalten zu haben; wie sah denn dieser Beutel aus? A.: Ja, einen leeren Beutel meinem Anfassen nach, weil er mir ihn in die Hand gab, wo die Schnüre zusammengehen; wie er aber aussah, weiß ich nicht, weil, wie ich den Beutel anfaßte, ich gleich den Stich erhielt und ich ihn fallen ließ. Ich habe Herrn Meyer gesagt, man möchte sogleich hineingehen, um ihn, wenn man ihn noch fände, mitzunehmen. Fr. 37: Würden Sie wohl diesen Beutel auf Vorzeigen wieder erkennen? A.: Nein, das würde ich nicht, doch, soviel ich mich noch dunkel erinnere, so müssen die Schnüre desselben blau sein. Fr. 38: Unter Vorzeigen des zu Gerichtshänden gekommenen violettseidenen Beutels. Was sagen Sie zu diesem Beutel? A.: Ich meine, den Schnüren nach könnte er es sein, doch ist mir jener Beutel etwas größer vorgekommen; es war auch garstiges Wetter und schon dunkel. Fr. 39: Sie sind gleichwohl bei diesem garstigen Wetter ohne Mantel in den Hofgarten gegangen, warum das? A.: Weil ich bei Herrn Pfarrer Fuhrmann ein Pappkästchen gemacht habe und da hätte mich der Mantel gedauert, wenn ein Leim daran gekommen wäre und ich schone ihn überhaupt, weil er schön ist. Fr. 40: Bei einem schon früher vorausgegangenen, Ihnen in Nürnberg begegneten Unfall, wie mochten Sie es wagen, einer Einladung Folge zu leisten an einen einsamen Platz von einem Ihnen gänzlich unbekannten Menschen? A.: Ich habe nicht mehr geglaubt, daß mir noch nach dem Leben gestrebt werde, da ich einen Pflegvater habe und deshalb die Sache leichter genommen. Fr. 41: Für wen haben Sie denn das Pappkästchen gemacht? A.: Für die Frau des Herrn Pfarrers Fuhrmann zum Weihnachtsgeschenk, weil Herr Pfarrer Fuhrmann damit nicht umgehen kann und ich es bei Buchbinder Schnerr in Nürnberg gelernt habe. Des andern Tages wollte ich wieder hinuntergehen, weil es nicht fertig wurde. Auf Vorlesen: Fr. 42: Ist alles richtig niedergeschrieben und haben Sie daran nichts abzuändern oder beizusetzen? A.: Es ist alles richtig und wörtlich niedergeschrieben und ich habe nichts beizusetzen und nichts hinein zu korrigieren. Zur Bestätigung unterschreibt derselbe eigenhändig. Kaspar Hauser. Gebärde(nnote): Deponierte ruhig, mit sichtlicher Gemütsruhe, anscheinend gänzlich unbefangen und ohne alle Verlegenheit. Anhang: Äußerungen Hausers in seinen letzten Lebensstunden. Protokoll vom 17. Dezember 1833. (Bd. 5b = Justizministerialakt 2314 Fol. 169a bis h.) In Gegenwart (wie oben). Nachdem dem Inquirenten in rubr. Untersuchungssache vom Herrn Medizinalrate Horlacher abends, etwas vor 1/2-8 Uhr, die Anzeige erstattet wurde, daß K. H.s Krankheitszustand plötzlich eine solche gefährliche Wendung genommen habe, daß selber diese Nacht (vom 17. auf den 18.) schwerlich überleben werde, so begab sich Inquirent alsbald in die Wohnung des K. H., schickte auch zugleich nach dem Kommissionsaktuar, da man es der Wichtigkeit der Untersuchung angemessen erachtete, daß die Untersuchungskommission in den letzten Sterbestunden des Damnifikaten zugegen sei, um allenfallsige Äußerungen desselben, die für die Untersuchung von Relevanz sein konnten, aktenmäßig zu konstatieren. K. H. wurde in einer tiefen Ohnmacht angetroffen und erwachte aus derselben nur allmählich. Seine ersten Äußerungen waren Fragen an die Umstehenden – wo er sei. – Nach 8 Uhr kehrte sein Bewußtsein mehr zurück. Sein Lehrer Meyer näherte sich ihm mit Ermahnungen zum Gottvertrauen und fragte ihn, ob er ihm denn nichts mehr zu sagen habe. – K. H. äußerte: »Ich will ja gerne verzeihen, aber ich weiß nicht, wer mir's getan hat.« Über eine Weile äußerte derselbe: »Das erinnere ich mich noch, daß ich alle, die um mich waren, um Verzeihung gebeten habe.« Auf Veranlassung des Inquirenten wurde dessen Beichtvater Pfarrer Fuhrmann geholt, der ihm in religiöser Hinsicht zusprach und mit ihm betete. Um halb 9 Uhr trat wieder ein, (einer) Ohnmacht ähnlicher Zustand ein. Er erholte sich jedoch wieder und äußerte nunmehr: »ich bin recht müde, ich bin recht schwach, ich werde vielleicht in einigen Stunden von hier scheiden von diesem Lasterleben. Gott hat mir immer die besten Menschen gegeben, doch war das Ungeheuer größer.« (Im Nachsatze fehlen ein paar Worte, die nicht verständlich waren, oder doch von der Kommission nicht verstanden wurden.) Er fuhr fort: »Ich will jetzt gehen zu dem, der mich den rechten Weg geführt hat.« Auf die Frage, ob er nicht etwas Wasser oder Wein wünsche, erwiderte er: »Der Höhere stärkt mich mit anderem Wein und Wasser.« Als Herr Gendarmerie-Oberleutnant Hickel zu ihm trat und fragte, ob H. ihm nichts an den Grafen (Stanhope) aufzugeben habe, machte H. eine Äußerung, welche der Kommission im Vordersatze unverständlich blieb, daher auch der Nachsatz dieser Äußerung H.s: »daß er (der Graf) viel getan hat, ist eigentlich noch sein Schutz, sonst wäre er auch verloren,« nicht wörtlich verbürgt werden kann, sondern von dem Inquirenten so verstanden wurde. Näher eruiert kann diese Äußerung nur durch Vernehmung der übrigen Zeugen seiner Todesstunde Die »Hauserakten« enthalten zahlreiche Protokolle über Vernehmungen von Augenzeugen der Todesstunde Hausers, in denen diese und ähnliche Äußerungen Hausers angeführt sind. werden. Um halb 10 Uhr wandte er sich wieder an Meyer und äußerte: »Meinen verbindlichsten Dank, den ich niemals abtragen kann.« Er fragte auch nach Herrn Meyers Gattin, welche aber nicht zugegen war, und äußerte auch für sie Gefühle des Dankes. – Hierauf äußerte er nach einer Weile für sich: »Das ermüdete Haupt erbittet sich Ruhe, indem es so schwer gegangen ist, bis es auf den rechten Weg gegangen ist.« Das Bewußtsein schien ihn nun wieder zu verlassen und es war bemerklich, daß er mit dem Zeigefinger auf dem Deckbett eine solche Bewegung machte, als ob er schreiben wolle, was jedoch nicht lange währte. Um dreiviertel auf 10 Uhr schwand das Bewußtsein, er antwortete auf keine Frage mehr. Um 10 Uhr starb er, ohne harten Todeskampf oder Verzerrung der Gesichtszüge. Kommissionsaktuar Traumüller hat noch nachstehende Reden Hausers notiert, die dem Inquirenten (nicht) erinnerlich oder nicht mehr gegenwärtig sind. (Zu Lehrer Meyer gewendet): »Es ist nur eine Einbildung, diese wird sie »sie« kleingeschrieben. Bezieht sich vielleicht auf Hausers Äußerung in der Antwort auf Frage 25, Verhör vom 16.12. 33 (S. 293). aber bald verlassen.« »Dem geht es schlecht, der es auf den rechten Weg macht, nicht wie ich.« – »Der wird seine Abrechnung finden, der nicht Gutes getan hat, wie ich, sonst wäre er auch verloren wie ich.« – »Wenn's möglich ist, mich auf der Welt zu lassen, nur alles Törichte zurücklassen auf den Weg, den sie hier nicht mehr kennen. – – »Ich war auf dem Weg, Gutes zu wirken, wie lange, weiß ich nicht.« – – In der Todesstunde waren teils beständig teils abwechselnd zugegen: Herr Pfarrer Fuhrmann. Herr Schullehrer Meyer. Herr Gendarmerie-Oberleutnant Hickel, Herr Rechnungskommissär Apell. Herr Landarzt Dr. Koppen. Der Sohn des Herrn Appellationsrats Schumann. Hausers Krankenwärter. Die Schwiegermutter des Herrn Lehrers Meyer. Jedoch nur anfangs Herr med. Dr. Heidenreich. Herr Medizinalrat Dr. Horlacher und Herr medic. Dr. Albert. Sonst fand sich nichts Relevantes zu bemerken. Nachwort Es ist eine sehr verschiedenartige Schau, die mit den »Selbstzeugnissen« gegeben ist. Je nach Temperament, Vorbildung, Beruf, Lebensart, Milieu usw. eines jeden Beobachters muß der Eindruck, den Hauser auf seinen Schilderer gemacht hat, verschieden sein, und dementsprechend trägt auch die Schilderung selbst den Stempel der ganz bestimmt ausgeprägten Individualität des Beobachters. Daher kann man auch nicht erwarten, daß diese Berichte in allen Einzelheiten übereinstimmen. Zahlreich sind die Fehlerquellen, aus denen sich Unstimmigkeiten aller Art, ja selbst gelegentliche Unrichtigkeiten ohne weiteres ergeben. Je seltsamer einerseits der zu beschreibende Vorfall, je ausgeprägter anderseits die Persönlichkeit des beobachtenden Subjekts, umso verschiedenartiger werden Form und Resultate der individuell gefärbten Darstellung sein. Noch ein anderes kommt dazu. Auch der selbständigste Denker steht im Banne der Anschauungen und des Allgemeinwissens seiner Zeit. Und auch diesen Umstand muß man in Rechnung stellen, wenn man Resultate des Denkens einer anderen Zeit, in der der Stand des Wissens naturgemäß ein anderer ist, heute kritisch sichtet und beurteilt. Ich denke hier vor allem auch an die oft störenden Ungenauigkeiten im Zitieren, an die vielfach fehlende Akkuratesse im Definieren, Beschreiben, vor allem im Messen, Mängel, die in einer Zeit, in der man mit wissenschaftlicher Akribie, mit Mikroskop, Mikrotom u. dgl. zu arbeiten pflegt, ärgerlich auf die Nerven fallen. Somit ist es nicht verwunderlich, wenn man bei einer Kritik der »Augenzeugenberichte« manche Fehler feststellt. Eine Reihe von Unrichtigkeiten habe ich schon in Fußnoten angemerkt. Anderseits durfte ich mich nicht zu tief in eine solche Kritik einlassen, um nicht die individuelle Färbung der gebrachten Berichte zu sehr zu beeinträchtigen. Auch wird erst nach Vorlegung des gesamten Materials, neben den »Augenzeugenberichten« und »Selbstzeugnissen« kommen vor allem die »Amtlichen Aktenstücke« in Betracht, von denen weiter unten die Rede ist, eine Gesamtkritik am Platze sein. Aber eins muß auch hier noch einmal betont werden: Alles Gebrachte ist von Augenzeugen gegeben, die Gelegenheit hatten, in längerem, persönlichem Umgang mit Hauser sich ein bestimmtes, mehr oder weniger zutreffendes Bild der Person des seltsamen Findlings zu verschaffen. Zu diesen »Augenzeugenberichten«, nicht zu dem unsagbaren Wust der Meinungen späterer Generationen, die sich bei genauerer Prüfung vielfach als Zerrbilder der verschiedenartigsten Parteikonstellationen darstellen, muß der Beurteiler greifen, wenn er ein »authentisches« Bild der vielumstrittenen Persönlichkeit Hausers gewinnen will. Das unverlierbare, eingeborene Recht eines jeden Menschen ist es aber auch, selbst über sich gehört zu werden. Daher treten, als nicht weniger wichtiger Abschnitt, neben die »Augenzeugenberichte« die »Selbstzeugnisse« Hausers. Eine Kritik dieser Produkte ist mit das schwierigste Kapitel der Hauserforschung. Naturgemäß wieder. Zur Erklärung häufiger, landläufiger Geschehnisse ist unser Verstand ohne weiteres geschickt und geschaffen. Je mehr aber ein Geschehnis aus dem Rahmen des Gewohnten herausfällt, je seltsamer der Gang eines Ereignisses von der Alltäglichkeit abweicht, umso größeren Schwierigkeiten sieht sich der denkende Forscher gegenüber gestellt. Von solchen Rätseln darf man nicht verlangen, daß sie wie eine algebraische Gleichung ohne Rest aufgehen. Es ist, wie Feuerbach so treffend sagt, eben die Eigenschaft des Rätsels, daß es – rätselhaft ist. Auch ist das Ungewöhnliche nicht schon deshalb, weil es ungewöhnlich ist, Betrug oder Krankheit oder Irrsinn! Es erfordert viel Geduld, viel Hingabe, viel Bescheidung: ignoramus , solch ein Rätselraten. Vor allem auch richtige Methode! Nicht gesondert für sich kann man die »Selbstzeugnisse« beurteilen, nur unter Mitbeachtung alles dessen, was dazu gehört, der Art und Weise, wie sie entstanden sind, der Aussagen der Umgebung usw. läßt sich erhoffen, ans Ziel zu gelangen, soweit ein lückenloser Aufschluß überhaupt möglich ist. Deswegen sind ja Binders »Bekanntmachung« und Hermanns Aufsatz unter die »Selbstzeugnisse« aufgenommen, weil sie ein instruktives Bild davon geben, wie heftig man von allen Seiten auf Hauser eingefragt und dadurch sicher die kärglichen Erinnerungsbilder des Findlings modifiziert und verfälscht hat. Jedoch mit Vorlage der in diesen beiden Bänden gegebenen Stücke ist das eine Beurteilung des Hauserfalles erst ermöglichende grundlegende Material noch nicht erschöpft. Die »Augenzeugenberichte« sind eine Sammlung der Berichte prominenter Zeugen, die zur Hauserzeit vorgelegt wurden, also von den Zeitgenossen selbst noch geprüft werden konnten. Daneben schlummert aber noch eine ungeheure Fülle wichtigster zur Sache gehöriger Dokumente in den »Hauserakten« des bayerischen Hauptstaatsarchivs in München, deren Kenntnis zur Beurteilung des Hauserfalles unbedingt notwendig ist. Ein kurzer Überblick über dieses Aktenmaterial wird seine Wichtigkeit ohne weiteres verständlich machen. Es sind im ganzen 49 Aktenbände (Justizministerialakten No. 1461 und 1462, 2098 – 2144). Davon sind die wichtigsten die Akten der Kreis- und Stadtgerichte Nürnberg (9 Bde. = 2099 – 2107) und Ansbach (11 Bde. = 2113 – 2123). Beide Gruppen enthalten in ihrem größten Teil fruchtlose Recherchen nach der Herkunft Hausers, kommen also in diesen Stücken für eine Beurteilung der geschichtlichen Persönlichkeit Hausers nicht in Betracht. Um so wichtiger sind aber die auf die einschneidenden Vorfälle in Hausers Leben bezüglichen Protokolle. So finden sich in beiden Aktenreihen Zeugenprotokolle über Hausers erstes Auftreten in Nürnberg. Weiter enthalten die Nürnberger Akten Zeugenaussagen über den Mordversuch im Daumerschen Haus, die Verwundung bei Biberbachs, die ungarischen Sprachversuche usw., die Ansbacher vor allem die bedeutungsvollen Untersuchungen über Hausers Tod. Beide bringen zahlreiche ärztliche Vernehmungen und Gutachten, daneben wichtige Charakterschilderungen Hausers usw. Parallel zu diesen Akten der beiden Gerichte laufen die der vorgesetzten Behörde, des Appellationsgerichts für den Rezarkreis (2138 und 2139), des Präsidiums dieses Gerichtes (2098 und 2140) und des Justizministeriums (1461 und 1462). Den beiden Aktenreihen der Stadtgerichte sind angeschlossen eine Reihe weniger bedeutungsvoller Adhibenden (2108 – 2112, 2124 – 2137). Schließlich liegen noch vor die wichtigen 4 Bände »Geheime Bureauakten des kgl. Staatsministeriums des Inneren« (2141 – 2144). Man kann wohl sagen, daß es keinen bedeutungsvollen Umstand im 5½jährigen geschichtlichen Leben Hausers gibt, der nicht irgendwie durch ein diesbezügliches Aktenstück illustriert wäre. Daraus ergibt sich nun ohne weiteres, daß eigentlich niemand, abgesehen natürlich von den Augenzeugen, die ja ihre persönlichen, im Umgang mit dem Findling gesammelten Erfahrungen berichten, es sich erlauben dürfte, über Hauser zu schreiben, der nicht das in diesen Akten enthaltene grundlegende Material vollkommen beherrschte. Daß dies doch geschehen ist, und noch immer geschieht, ist ein Grund dafür, weshalb der größte Teil der bisherigen Hauserliteratur einfach wertlos ist. Früher war eine Benutzung der Akten allerdings mit Schwierigkeiten verknüpft. Wurde doch noch im Jahre 1858 ein Gesuch des Lehrers Meyer um Gestattung der Akteneinsicht abgewiesen. Aber seit 1871, wo dem damaligen Gerichtsassessor Dr. J. Meyer die Benutzung der Akten genehmigt wurde, stand kein Hindernis der Einsichtnahme mehr im Wege. Dr. J. Meyer war der erste Natürlich hat auch Feuerbach die Akten benutzt. Er gab 1831 »Einige wichtige Aktenstücke, den unglücklichen Kaspar Hauser betreffend« heraus, die in Hitzigs Annalen, aber auch gesondert, gedruckt wurden. Da er Pfingsten 1833 starb, hat er die nachfolgenden Hausergeschehnisse, sowie das ausgedehnteste und wichtigste Aktenmaterial nicht mehr erlebt. Von ihm herausgegeben und mit Anmerkungen versehen wurden die ausführlichen Gutachten der Ärzte Dr. Preu und Osterhausen vom Dezember 1830, ein Protokoll über eine Vernehmung des Freiherrn v. Tucher und ein Bericht Daumers über den Mordversuch vom 17. Oktober 1829 (das Ganze 31 Seiten) der in seinen »Authentischen Mitteilungen« Aktenstücke in weiterem Umfang veröffentlicht hat. Aber diese Veröffentlichung kann trotz gegenteiliger Behauptungen nicht als »authentische« Wiedergabe des Akteninhalts angesehen werden. Einmal hatte Dr. J. Meyer keine Einsicht in die Akten des Justizministeriums und des Ministeriums des Innern, deren Einsichtnahme damals noch nicht genehmigt wurde, und gerade auch die Kenntnis letzterer ist zur Beurteilung des Hauserfalles unbedingt notwendig. Weiterhin hat Meyer aus den Akten des Ansbacher Gerichts nur die Berichte des Untersuchungsrichters mit Beilagen veröffentlicht. Als Grund dafür gibt Meyer Platzmangel an. Wenn er aber eine Reihe weniger wichtiger Dinge, vor allem die apokryphen Hickelschen Briefe, weggelassen hätte, hätte er eine beträchtlich größere Menge von wichtigen Protokollen bringen können Die in diesen Berichten des Untersuchungsrichters niedergelegten Ansichten stellen aber natürlich nur die subjektive, wenn auch aus noch so gewissenhafter Prüfung des Falles gewonnene Meinung des betreffenden Beamten dar, eine Meinung, von der andere, mit dem Stoff wohlvertraute Beamte, wie z. B. der Regierungspräsident von Stichaner, der Minister des Innern, Fürst von Öttingen-Wallerstein, ja König Ludwig selbst, der die Akten genau durchgearbeitet hat, in gewichtigsten Punkten abweichen. Diese Berichte können somit keineswegs die Kenntnis der Originalzeugenaussagen ersetzen. Aus den Akten des Nürnberger Gerichts gibt Dr. Meyer reichlicher. Aber wenn er wenigstens das, was er gibt, ungekürzt gebracht hatte! Aber auch da ergibt sich aus einer Vergleichung mit den Akten, daß er durch gewisse Kürzungen Tatsachen relevantester Art verschwiegen hat. Aus Dutzenden von Beispielen nur eines: Was soll man dazu sagen, daß Meyer bei Wiedergabe des Protokolls über die Aussagen des Merk, des Bedienten des Rittmeisters von Wessenig, eines der ersten Zeugen, die Hauser bei seinem Auftauchen in Nürnberg gesehen haben, die überaus wichtige Gebärdennote des Untersuchungsrichters wegläßt! Diese lautet: »Komparent, der von sehr schwachen Verstandesgaben ist, deponierte zwar mit Ruhe, doch sehr unverlässig.« (2102, F. 152 – 154). Und doch benützt Dr. Meyer diese Äußerungen, als wären sie feststehende Tatsachen, gegen die entgegengesetzte Zeugenaussagen nicht ankommen können! Auf jeden Fall ist somit diese Meyersche Aktenpublikation alles andere eher als »wissenschaftlich« und für wissenschaftliche Zwecke nicht verwendbar. Der zweite, der die Akten literarisch ausgewertet (auch die von Dr. Meyer nicht eingesehenen), ist A. von der Linde. Lange jedoch wird man suchen müssen, bis man in der wissenschaftlichen Literatur ein derartiges Haß- und Schmähbuch, vollgepfropft mit Verdrehungen und Lügen, wiederfinden wird. Da man heute allseitig von ihm abrückt, kann ich mir hier die unerquickliche Arbeit sparen, mich näher damit zu befassen. Wie steht es aber nun mit den neuesten Hauserbüchern, deren uns das Jahr 1925 eine so »reiche« Flut beschert hat? Die in Buchform erschienenen Werke (auf die Zeitungsartikel gehe ich hier aus Raummangel nicht ein) sind: Klara Hofer , Das Schicksal einer Seele, die Geschichte vom Kaspar Hauser. Sophie Hoechstetter , Das Kind von Europa, die Geschichte des Kaspar Hauser. (Da es sich hier um einen Roman handelt, ist auf eine Besprechung nicht eingegangen.) Georg Gärtner , Kaspar Hauser, der Findling von Nürnberg – ein badischer Thronerbe? Dr. med. Richard Rahner , Kaspar Hauser, des Rätsels Lösung. Rudolf Stratz , Kaspar Häuser, wer er nicht war – wer er vielleicht war. (Als demnächst erscheinend ist angezeigt: Hans Sittenberger , Kaspar Hauser, der Findling von Nürnberg.) Da ist zunächst das Buch der Klara Hofer. Wäre es ein Roman, könnte man es fein nennen. Ist doch die Figur des »Helden« inbrünstig geschaut und psychologisch tiefschürfend plastisch komponiert. Aber zu einem »Geschichtswerk« gehört die einwandfreie Sicherstellung der historischen Grundelemente, und die ist hier letzten Endes nicht gegeben. Unter anderem sind weder das Gefängnis Hausers noch die Vergiftung Feuerbachs einwandfrei »bewiesen«. Aber eins ist auf jeden Fall von einschneidendster Bedeutung: der Nachweis, daß es auch noch zur Hauserzeit geheime Verließe gegeben hat, ähnlich dem, wie es Hauser beschreibt. Das Gärtnersche Buch ist wissenschaftlich völlig haltlos. Es ist eine wahllos zusammengestellte Kompilation aus zum Teil durchaus wertlosen Quellen. Der Verfasser entbehrt auch der notwendigsten, hier in Frage kommenden Literaturkenntnisse, sonst hätte er zum mindesten die famose Staatsratssitzung nicht ernst nehmen können, die doch längst (von Dr. Meyer) als Erfindung eines phantasiereichen Romanschreibers nachgewiesen ist. Das Buch von Rahner verspricht (nach berüchtigtem Muster) »des Rätsels Lösung«. »Als Historiker und Arzt zugleich hat der Verfasser das Kaspar-Hauser-Rätsel behandelt und die Lösung gefunden. Dr. med. Rahner hat nach einem jahrelangen Quellenstudium Geschichte und Märchen geschieden....« sagt der Umschlagzettel. »Die zahlreichen Aktenbände in Nürnberg und Ansbach sind als die wichtigsten Quellen ohne jeden Einfluß auf obige drei (Hofers, Hoechstetters und Gärtners) Schriften gewesen (S. 12). Rahner wirft Daumer Fahrlässigkeit vor, »da ihm (soll wohl heißen: ihn!) die Meyerschen ›Authentischen Mitteilungen‹ von 1872 die wichtigsten Akten im Kaspar-Hauser-Falle kennen lernen ließen, wenn ihm selbst die Mühe zu groß war, ein gründliches, vergleichendes Aktenstudium vorzunehmen« (S. 129). Klara Hofer wirft er Einseitigkeit vor, »weil ohne Kenntnis des Aktenmaterials....« (S. 139). Da sollte man doch meinen, daß dem Verfasser selbst nicht »die Mühe zu groß war, ein gründliches, vergleichendes Aktenstudium vorzunehmen.« Und trotzdem hat Rahner die Originalakten nicht in Händen gehabt! Er vermutet sie in Nürnberg und Ansbach, obwohl er schon aus Meyer (Auth. Mitteil., zweite, gekürzte und veränderte Aufl. 1913, S. 147) hätte wissen können, daß sie in München sind. Die Unkenntnis Rahners betreffs des Ortes, wo die Akten sich befinden, geht schon aus obigem Zitat von S. 12 hervor. Man darf wohl von Nürnberger Akten, aber nicht von Akten in Nürnberg sprechen. Auch im Nürnberger Archiv befindet sich noch einiges Aktenmaterial über Hauser (Fehlanzeigen von Landgerichten u. dgl.), aber nichts irgendwie Relevantes. Die Nürnberger Gerichtsakten, die Rahner meint, sind in München. Noch deutlicher aus folgender Stelle S. 216: »Von Pirch gab am 30. März 1830 sein Gutachten zu den Gerichtsakten in Nürnberg, wo es sich noch heute befindet.« Das ist nicht wahr! Das Protokoll über die Vernehmung von Pirchs, kein »Gutachten«, befindet sich in München im Hauptstaatsarchiv (Justizmin.-Akt. Nr. 2104, Fol. 120 – 123). Die Zitate, die Rahner aus den Akten gibt, sind solche nach Dr. J. Meyer. Er übernimmt auch die Meyersche Stellenbezeichnung, die heute, nach der Einnumerierung der Bände, wie sie das Archiv vorgenommen hat, unzulässig ist. Aber hat denn Rahner wenigstens seinen Meyer studiert? Ich schlage das Kapitel 2 auf: »Der Nürnberger Findling«, in dem beschrieben wird, wie Hauser in Nürnberg auftauchte. S. 22: »der Kleidung nach ein Bauernjunge«. Falsch! Hauser trug u. a. einen Frack, dem die Schöße abgeschnitten waren, und einen »Herrenhut«. Weickmann hielt ihn für einen »Kutschergehilfen«, Beck für einen »Schneidergesellen«. – Weiter bei Rahner: »Reithose, die zwischen den Beinen mit Leder besetzt war ...« Wieder falsch! Der Besatz war von gleichem Tuch wie die Hose. – S. 24: »Der junge Mann sprach nichts, er lüpfte den Hut und während Beck das gelbseidene Futter der etwas merkwürdigen Kopfbedeckung betrachtete, holte das junge Kerlchen einen Brief aus der Tasche hervor, den er dem Schustermeister Weichmann (soll heißen Weickmann) vorhielt mit den Worten: ›Hinweisa, wo Brief hing'hört.‹« Das ist Roman, keine Geschichte! Bei Meyer (1872, S. 27 f., 1913, S. 1 f.) liest man (nach den Akten): »Ich (Weickmann) befand mich ... vor meiner Haustüre, als ein junger Mensch ... vom Bärleinhuter Berge herunterwackelte. In einiger Entfernung von mir fing er an zu rufen: ›He, Bue!‹ und als er mir näher gekommen war, sprach er ziemlich deutlich das Wort ›Neutorstraße‹ aus. ... Ich ging mit dem Hauser hierauf über die Maxbrücke gegen die Neuetorstraße zu, wo er ohnfern der Maxbrücke in die Seitentasche seiner Jacke griff und einen versiegelten großen Brief daraus hervorzog ...« Den Hut hat Hauser vor dem Handwerksmeister nicht »gelüpft«, was Meyer aus bestimmten Gründen ausdrücklich hervorhebt. – S. 25: »Frau Rittmeister übergab ihrem Gatten den Brief.« Falsch! Meyer (1872, S. 40; 1913, S. 11): »Mein (Rittmeister v. Wessenigs) damaliger Bedienter überreichte mir...« Kurz noch einige weitere Unrichtigkeiten, um nicht zu weitschweifig zu werden. S. 116: »Obwohl dieser Dr. Julius Meyer in seinen ›Authentischen Mitteilungen‹ 1872 .... Kaspar Hausers badisches Prinzentum auf Grund eines riesigen Aktenmaterials zurückgewiesen ...« Meyer (1913, S. 219): »Im Jahre 1872 ließ ich ... meine ›Auth. Mitteil.‹ erscheinen. Die Hypothese von dem badischen Prinzentum Kaspar Hausers ist darin nur in zwei Anmerkungen gestreift und dabei als unbegründet erwähnt.« – S. 161: »In Wahrheit hatte Stanhope einen Wagenunfall in Nürnberg, als er im Oktober 1829 in Bayern herumreiste. Da lernte er Hauser kennen, befreundete sich mit ihm ...« In Wahrheit lernte Stanhope Hauser erst 1831 kennen (S. Meyer 1872, S. 265 Anm., 1913, S. 108 ff.). Ich denke, wir brauchen uns nicht weiter mit dem »Historiker« Rahner zu befassen! Fehler und Irrtümer darf man niemand verübeln. (Auch in den »Augenzeugenberichten« findet man viele. Aber sie sind von Augenzeugen und diese müssen gehört werden!) Ebenso sind Gedanken über das Hauserrätsel zollfrei. Hypothesen aller Art ist da der weiteste Spielraum gegeben. Von jedem aber, der heute als »Hauserforscher« in die Öffentlichkeit tritt, muß man eins verlangen: Beherrschung des vorliegenden historischen Materials. Das neueste vom Neuen: das Hauserbuch von Stratz. »Ich habe in meinen Betrachtungen über Kaspar Hauser mit klarer Absicht, in bewußtem Gegensatz zu meinem eigentlichen Beruf als mit der Phantasie arbeitender Romanschriftsteller, gestützt auf meine vorhergegangenen geschichtlichen Universitätsstudien, ausschließlich rein wissenschaftlich die wie Wetterleuchten sich widersprechenden Tatsachen nebeneinander gestellt und zu einem Lebensbild des ›Rätsels Europas‹ vereint.« So sagt er von seiner Arbeit S. 84. Da sollte man doch eine gediegene Arbeit erwarten, vor allem von einem Autor von so bekanntem Namen! Schon die »Zusammenstellung der wichtigeren Literatur über Kaspar Hauser von 1828–1925« ist eine schwere Enttäuschung, ein entschiedener Rückschritt gegenüber v. d. Lindes (1887) und Dr. I. Meyers (1913) Literaturverzeichnissen, die Stratz vor allem ausgeschrieben hat. Es fehlen gleich anfangs: Die Bindersche »Bekanntmachung«, die Kemptener »Skizze« (1830) und deren vermehrter Wiederabdruck in Hitzigs »Annalen« (1830). Diese Schriften sind historisch von größter Bedeutung, denn sie zunächst machten Hauser zum »Kind von Europa«, da ihr Inhalt und das Bild Hausers in der Kemptener »Skizze« in die damaligen Zeitungen übergingen. Der Artikel in den »Annalen« war für Merker die Veranlassung zu seiner ersten Hauserschrift. Die Schriften Merkers müßten genauer zitiert sein. Sie erschienen in den »Beiträgen zur Erleichterung des Gelingens der praktischen Polizei« (1830, Nr. 28–34, 45–49; 1831 Nr. 11–24, 31; 1833 Nr. 11–23; 1834 Nr. 7–12, 16–23, 36–38, 41–42; 1835 Nr. 24, 30–40; einzelnes auch gesondert.) Weiterer Artikel Merkers über Hauser in »Allg. preuß. Staatsztg.« Berlin 1830, Nr. 301. Unter den Gegenschriften gegen Merker ist die gehaltvollste ein Aufsatz eines D. M. in der »Allgemeinen preußischen Staatszeitung« 1830 Nr. 296f., ebenfalls wichtig ein Aufsatz von Krug im »Eremiten« (beide von v. d. Linde zitiert), wieder abgedruckt z. T. in den »Annalen« (1830), auch von Merker (auszugsweise). Der dänische Justizrat heißt nicht von Schmidt, sondern Schmidt. Er betätigte sich in der zeitgenössischen Belletristik unter dem Namen Schmidt von Lübeck. Er schrieb zwei interessante Büchlein »Über Kaspar Hauser«, das erste 1831, das zweite (2. Heft) 1832 (auch Zeitungsartikel). Daß Hitzig auch (später) den »Neuen Pitaval« herausgegeben hat, ist in diesem Zusammenhang weniger wichtig, als daß er der Herausgeber der »Annalen der deutschen und ausländischen Kriminal-Rechtspflege« ist, in der einige wichtige Hauser-Artikel erschienen. Stratz erwähnt einen davon. »Einige wichtige Aktenstücke usw.« Aber deren Herausgeber ist nicht Hitzig selbst, wie Stratz zu meinen scheint, sondern Feuerbach, der diese Aktenstücke zudem mit wichtigen Anmerkungen aus eigener Beobachtung versehen hat, was Stratz auch hätte vermerken müssen. Das Feuerbachsche Memoire, dessen Urtext in Ludwig Feuerbachs Buch: »Anselm Ritter von Feuerbachs Leben und Wirken usw.«, Leipzig 1852, 2 Bände, steht, erwähnt sein Literaturverzeichnis gar nicht, ebenso wenig die Hauserbriefe Feuerbachs an E. v. d. Recke, abgedruckt in demselben Werk. F. Hoffmann, Kaspar Hauser, ein wertloses Büchlein in der Art und Ausstattung der 10-Pfennig-Indianerheftchen (sicher keine »wichtigere« Hauserliteratur),ist nicht 1834 erschienen, wenn es auch schon bei v. d. Linde und Braun irrtümlich unter diesem Jahre steht. Welcker, »die tönenden Bilder«, ist eine Sammlung von reizend-naiven Holzschnitten, zu jedem Holzschnitt ein (weniger reizendes) Gedicht. Zum letzten Holzschnitt schrieb der Sammler und Dichter ein Gedicht über Hauser und fügte als Anhang zu dem Ganzen eine Zusammenfassung seiner Kenntnisse des Hauserfalles. Das Büchlein hat zwei Titelblätter, auf dem einen, gestochenen, steht 1834, auf dem anderen 1835. Linde entschied sich für 1835, auf jeden Fall aber darf man nicht, wie das Stratz (Braun trennt ebenfalls beides, hat aber für beides 1835) tut, das Buch 1834 ansetzen und das davon nicht zu trennende Gedicht 1835. Das Büchlein gehört nicht zur wichtigeren Hauserliteratur. »Über Kaspar Hausers Leben usw.« ist von Stanhope herausgegeben, erst einzeln, dann in Verbindung mit den »Briefen« in den »Materialien«. »Der Mord, verübt an Ludwig Lessing usw.« ist nicht der richtige Titel, er lautet: »Aktenmäßige Darstellung der über die Ermordung des Studenten Ludwig Lessing aus Freienwalde in Preußen bei dem Kriminalgerichte des Kantons Zürich geführten Untersuchung von Dr. Joseph Schauberg.« Wichtig für die Hauserfrage ist die Beilage zu diesem Büchlein: »Zweites Beilagenheft. Beiträge zur Geschichte Kaspar Hausers«. Die Eschrichtschen »populären Vorlesungen« über Kaspar Hauser wurden keineswegs an der Kopenhagener Universität gehalten, sondern, wie es im Vorwort heißt, »im letzten Winter (1856/57) einer Versammlung von Herren und Damen hierselbst (Kopenhagen) in den hier folgenden Vorträgen mitgeteilt« (S. V). Kolb 1883 ist weniger eine Gegenschrift gegen den voranstehenden v. K., sondern vor allem gegen Dr. J. Meyer 1872 und Mittelstädt 1876. Auch sonst wäre noch manches über dieses Literaturverzeichnis zu sagen, vor allem, was den Begriff »wichtigere« Hauserliteratur angeht. Ist nun aber wenigstens der eigentliche Text des Büchleins überall zuverlässig? Da heißt es S. 18: »Was war eigentlich damals geschehen? Hundertmal hat man es schon beschrieben. Also kurz: »Er trägt einen großen Brief in der Hand...« Falsch, wie oben ausgeführt. – »Der Schuhmacher Weickmann führt den Fremden nach dessen (v. Wessenigs) Wohnung.« Weickmann sagt aus, Hauser sei allein von der Wache aus dorthin gegangen. (S. 61 berichtet Stratz selbst so, im Gegensatz zu der Stelle hier!!) »Abends kommt der Rittmeister mit zwei Freunden von der Kirchweih in Erlangen zurück. Es wird ihm gemeldet, ein Unbekannter warte mit einem Brief auf ihn. Der Rittmeister, ferner der Leutnant von Hugenpoet, der Polizeiaktuar von Scheurl, des Rittmeisters Freunde, und sein Kutscher begeben sich in den Stall. Sie finden dort ein Geschöpf, das diesmal den Eindruck eines ›wohlgenährten, gesunden und reinlichen Bauernburschen‹ und eines ›ungebildeten Naturmenschen‹ machte. Der Naturmensch zog den Hut ab, sagte ›Euer Gnaden‹, verbeugte sich und überreichte durch den Diener den mitgebrachten, rot gesiegelten Brief (S. 18f.) Was steht nun bei Meyer (bzw. in den Akten)? 1. Verhör v. Wessenigs vom 2. November 1829 (Dr. Meyer 1872, S. 38 ff.; 1913 S. 10 ff.): »... Ich traf den Kaspar Hauser am 26. Mai 1828 im Stalle auf der Streu schlafend. Nachdem ich ihn hatte erwecken lassen, taumelte er mir entgegen, sich über meine Uniform kindlich freuend, und unter der Äußerung: ›a sechtener möcht ich wern.‹ Sein Gang war äußerst ermattet und schwach, und was ich bezüglich Hausers geistiger Bildung wahrzunehmen imstande war, verriet den Zustand gänzlicher Verwahrlosung oder einer Kindheit, die mit seiner Größe kontrastierte. Das ist alles, was ich wegen Kürze der Zeit, wo Hauser in meinem Hause war, bemerkte und anzugeben vermag.« (Der letzte, doch sehr wichtige Satz ist von Meyer ausgelassen!) Viereinhalb Jahre später, am 29. April 1834, wird v. Wessenig wieder vernommen. Vorher war er von dem Grafen Stanhope bearbeitet worden, was aus folgendem, von Meyer nicht gegebenen Anfang des Protokolls hervorgeht: »Am 27. Febr. l. J. ersuchte mich der Lord Stanhope bei seinem Hiersein, ihn in dem »Gasthof zu den drei Mohren« zu besuchen. Da ersuchte er mich nun, ihm über das erste Auftreten des Kaspar Hauser in meiner damaligen Behausung in Nürnberg Aufschluß zu geben. Ich habe ihm folgendes mitgeteilt...« »... Wir (Dr. J. Meyer 1872 S. 40, 1913 S. 10 f.) sahen nun einen jungen Bauernburschen auf dem Stroh schlafen; ich ließ ihn nun wecken, und als er mich erblickte, ging er auf mich lächelnd zu, äußerte: ›ein söchener möchte ich sein‹ und spielte mit der Hand an meinem Portepee; ich fragte ihn, wie er heiße; darauf erwiderte er, sein Pflegevater habe ihm befohlen, er solle nur sagen, ›ih woaß es nit Euer Gnaden‹, zog dabei den Hut vom Kopf und setzte bei, sein Pflegevater habe ihm gesagt, er solle nur immer den Hut abziehen und ›Euer Gnaden‹ sagen, auch machte er dabei eine Verbeugung ...« Nun kann ich ja von Stratz nicht verlangen, daß er in die Intimitäten der Akten eingeweiht ist, aber den himmelweiten Unterschied, der auch bei der Meyerschen verstümmelten Wiedergabe zwischen der ersten, den Ereignissen wesentlich näherliegenden Aussage und der zweiten, so viel späteren, liegt, hätte er sehen und darnach seine Darlegung formulieren müssen. Nur kurz noch einige weitere Unrichtigkeiten. S. 68: »Die Nachprüfung seiner (Hausers) Angaben durch den Präsidenten des Appellhofs füllte acht dicke Aktenbände.« Diese Äußerung verrät wieder völlige Unkenntnis der Akten sowohl wie des damals üblichen Gerichtsganges. Die »Nachprüfung« der Angaben Hausers nehmen den geringsten Teil der neun Bände fassenden Akten des Nürnberger Kreis- und Stadtgerichts ein, nicht der »Präsident des Appellhofes« führte die Untersuchung, sondern Inquirent war der Kreis- und Stadtgerichtsrat von Röder. S. 83 sagt er, die Ansbacher Gerichtsakten füllten fünf dicke Aktenbände, es sind elf, wie er aus Meyer hätte ersehen können. S. 83 meint er betr. des lila Beutels: »man hat seinerzeit – wahrscheinlich aus guten Gründen – nicht eben übermäßig viel darnach gefragt!« Das Gegenteil ist der Fall. Überaus zahlreiche Recherchen wurden darnach angestellt. (Es ist noch heute eine farbige Abbildung in Naturgröße des Beutels bei den Akten.) Ich glaube in den vorstehenden Darlegungen gezeigt zu haben, wie wertlos im Grunde genommen auch wieder die neueste Hauserliteratur ist. Es ist ja naturgemäß auch gar nicht möglich, eine zutreffende Darstellung des so verwickelten Problems zu geben ohne Zugrundelegung des ganzen in Frage kommenden Materials. Die nächste Aufgabe, die der Hauserforschung obliegt, ist daher eine wirklich authentische, lückenlose Herausgabe aller wichtigeren Aktenstücke. Ich habe nun wiederholt jedes Blatt der Akten sorgfältig durchgesehen (eine Arbeit, der sich, wie man mir an Ort und Stelle versicherte, keiner der heutigen »Hauserforscher« unterzogen hat!) und hoffe, in Bälde meine neue Arbeit: »Kaspar Hauser, amtliche Aktenstücke« vorlegen zu können. Zum Schluß noch einige Ausführungen über die Hauserliteratur. Ein lückenloses Verzeichnis all dessen, was über den Findling seit nunmehr fast 100 Jahren gedruckt worden ist, Interessant wäre z.B. eine Aufstellung der zeitgenössischen Zeitungsartikel über Hauser. Die Bindersche »Bekanntmachung« und die sich daran anschließenden Broschüren riefen ein gewaltiges Zeitungsecho wach, ebenso der Mordversuch bei Daumer und vor allem der Tod Hausers. Merker und Schmidt von Lübeck zitieren zahlreiche solcher Zeitungsnotizen, auch den Akten sind manche beigelegt, da man von Amts wegen auf alle solche Auslassungen über Hauser fahndete. Als Beleg dafür, wie stark sich die öffentliche Meinung mit dem Fall Hauser befaßte, gebe ich die Nummern der Münchener Zeitungen von Ende Dezember 1833 an, in denen ich Hausernotizen fand (bisher in keiner Hauserbibliographie notiert): »Münchener politische Zeitung«: Nr. 303 (18./12.): Nachricht von Hausers Verwundung in Ansbach. 305 (20./12.): Mitteilung der Binderschen Todesanzeige Hausers. Weitere Notizen: 306, 310. – »Münchener Tagsblatt«: Nr. 350 (19./12.), 351, 352, 353, 356, 359. – »Der bayr. Landbote«: Nr. 353 (19./12.), 354, 355, 359/60, 361. – »Die bayr. Landbotin« Nr. 151 (17./12.) bis 157 jede Nummer. – »Der bayr. Volksfreund« Nr. 99 (19./12.) 100, 101, 102, 104. (Eine Wiener Zeitung: »Österreichischer Beobachter«, beschäftigt sich mit Hauser in folgenden Nummern: 358 (24./12.): Hausers Verwundung und Tod (Binders Todesanzeige). Weiter 359/60, 361.] Ritter von Lang : Kaspar Hausersche Literatur. Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung. Juni 1834, Nr. 101, S. 322f., 21 Nummern. gibt es noch nicht. Jedoch enthalten die bisher veröffentlichten Hauserbibliographien doch wohl das Wesentlichste. Da zu ihnen jeder greifen muß, der sich mit der ungeheuren Masse aller der hier in Frage kommenden Druckschriften Ein Verzeichnis der auf den Hauserfall sich beziehenden Handschriften liegt noch nirgends vor. Wo mag sich z. B. der Briefwechsel Feuerbach-Hofmann-Klüber befinden? Wo die Urschriften der Selbstbiographien? Wo die Hauserbriefe Stanhopes? (Ich meine hier nicht die als »Briefe« auffrisierten Druckschriften des Grafen.) befassen will, seien die wichtigsten Hauserbibliographien kurz charakterisiert. Als erste Zusammenstellung der Bücher, Broschüren und einiger Artikel periodischer Zeitschriften über Hauser (mit einigen subjektiv gefärbten kurzen Kritiken) historisch interessant, jedoch praktisch nicht mehr in Frage kommend. Dr. I. Petzholdt : Bibliographisch-kritische Übersicht der Kaspar-Hauser-Literatur. Neuer Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekswissenschaft, Dresden, 1859: S. 1-5[1], S. 36-41 [77]. Sonderdruck s. S. 85 [185]. 1864: S. 141 [360], 1872: S. 129 [242]. 1873: S. 302 [791]. 1876: S. 49 [97]. 1878: S. 271 [733]. 1881: S. 200 [531]. 1882: S. 381 [1045]. 1883: S. 268 [771]. 1884: S. 198 [564]. In der Überzeugung, daß auch die Bibliographie das ihrige zur Enthüllung des Hauserrätsels beizutragen habe (S. 1), gibt er 1859 eine Zusammenstellung und kurze, angenehm objektiv wirkende Kritik von ihm gelesener Hauserschriften mit einem Anhang solcher, die er nur dem Titel nach kennt. In den folgenden Jahren vervollständigt er seine Sammlung durch Nachträge. A. von der Linde : Chronologische Übersicht und Kaspar-Hauser-Literatur 1828-1886. Im 2. Band seines »Kaspar Hauser, eine neugeschichtliche Legende«, Wiesbaden 1887, S. 325 ff. Diese »chronologische Übersicht«, aufgebaut auf die »Hauserakten« (jetzt im Münchener Hauptstaatsarchiv) und die bibliographischen Vorarbeiten Petzholdts (eine Tatsache, die der Verfasser nicht erwähnt) leidet vor allem an völligem Mangel wissenschaftlicher Objektivität. I. Braun : Kaspar Hauser-Literatur. Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, 1901 Nr. 301 und 302. 1.-3. Nachtrag 1901 Nr. 303, 1902 Nr. 4 und 186. Eine alphabetische Zusammenstellung von früheren Autoren (vor allem Petzholdt und v. d. Linde) erwähnter und auch neu eruierter Hauserliteratur ohne weitere kritische Bemerkungen. Eine fleißige Arbeit, die aber auch hie und da Fehler der vorigen übernimmt. Dr. I. Meyer : Kaspar-Hauser-Literatur seit von der Linde. Anhang zur 2. umgearbeiteten Auflage der »Authentischen Mitteilungen über Kaspar Hauser«, Ansbach 1913. Zeitlich geordnete bibliographische Angaben ohne weitere Kritiken. Eine »Übersicht der wichtigsten Hauserliteratur«, die eine zuverlässige Hilfe beim Eindringen in die Materie sein soll, müßte nun aus dem Chaos der in den Bibliographien angegebenen Schriften die bedeutungsvollsten unter bestimmten Gesichtspunkten zusammenfassen. Ich denke mir z. B. folgendes Einteilungsschema: Natürlich wird sich eine völlige Scheidung nicht durchführen lassen, da der Gesamtinhalt eines jeden Werkes auch auf Nachbargebiete übergreifen wird. Hausers Selbstzeugnisse. Augenzeugenberichte. Zeitgenössische Streitschriften. Wichtige Schriften aus späterer Zeit. Der Kampf um Hausers badisches Prinzentum. Die Ärzte und sonstige Fachleute über Hauser. Hauser in der schönen Literatur. Von den beiden ersten Abschnitten hat das vorliegende Werk gehandelt. Ich beschränke mich daher auf die Angabe der Titel. Anselm Ritter von Feuerbach : Kaspar Hauser. Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Ansbach, J. M. Dollfuß, 1832. Anselm Ritter von Feuerbachs Leben und Wirken aus seinen ungedruckten Briefen und Tagebüchern, Vorträgen und Denkschriften, veröffentlicht von seinem Sohne Ludwig Feuerbach. 2 Bände. Leipzig, O. Wigand. 1852. – Hierin die Hauserbriefe an E. von der Recke (II S. 272–280), ferner das Memoire über Kaspar Hauser, der Königin Caroline von Bayern übersandt, und den darauf bezüglichen Brief an den Hofprediger Schmidt (II S.318-333). Die Arbeit Feuerbachs: »Einige wichtige Aktenstücke usw.« s. S. 311 Georg Friedrich Daumer : Mitteilungen über Kaspar Hauser »Vorläufige Mitteilungen über Kaspar Hauser« machte Daumer schon 1830 im »Inland«, die er später in seine »Mitteilungen« 1832 übernahm. Da bisher nirgends zitiert, gebe ich hier die betreffenden Nummern an: 223, 224, 226, 229/30, 234/35, 244, 247, 248/49, 267. Weitere, bisher nicht (oder unrichtig) zitierte Hauserartikel im »Inland«: 1829 Nr. 300, 317, 331 (mit Hausers Bild nach der Hanfstengelschen Zeichnung), 338, 340/41. 1830 Nr. 97. von seinem ehemaligen Pflegevater. Nürnberg, H. Haubenstricker, 1832. 2 Hefte. – Enthüllungen über Kaspar Hauser. Frankfurt a. M., Meidinger Sohn K Comp., 1859 (zitiert als D. 59). – Kaspar Hauser, sein Wesen, seine Unschuld, seine Erduldungen und sein Ursprung usw., Regensburg, A. Coppenrath, 1873. Aus diesem D. 73 bezeichneten Werke sind alle in vorliegender Arbeit gegebenen Daumerschen Zitate, die nicht anders gekennzeichnet sind – Hierin (S. 107-117) Prof. Dr. Hermanns Aufzeichnungen (II S. 227 dieses Werkes), sowie die von Tuchers (S. 117–124) und Ludwig Feuerbachs (S. 124-129), die in vorliegendem Werk in den Fußnoten zitiert sind. Dr. Preu : Der Findling Kaspar Die Zeitgenossen schreiben teils Kaspar teils auch Caspar. Hauser und dessen außerordentliches Verhältnis zu homöopathischen Heilstoffen... bearbeitet von seinem Arzte. Archiv für die homöopatische Heilkunst. Leipzig, C. H. Reclam, XI 3, 1832. H. Fuhrmann : Kaspar Hauser, beobachtet und dargestellt in der letzten Zeit seines Lebens von seinem Religionslehrer und Beichtvater. Ansbach, J. M. Dollfuß, 1834. Dr. Heidenreich : Kaspar Hausers Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung. Berlin, G. Reimer, 1834. Graf Stanhope : Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers. Heidelberg, I. C. B. Mohr, 1835. – Daraus in vorliegendem Werk (II S. 187 ff.) das erste Stück der Selbstbiographie. Aus den Justizministerialakten des Münchener Hauptstaatsarchivs sind entnommen: Die Stücke von J. G. Meyer (I S. 281 ff., II S. 5 ff.), die Bindersche »Bekanntmachung« (II S. 240) sowie die Protokolle über die gerichtlichen Vernehmungen Hausers (II S. 254 ff.). Unter den »zeitgenössischen Streitschriften« sind vor allem interessant die schon oben (S. 311) zitierten Merkerschen Merker ist kein »Augenzeuge«, da er Hauser nie gesehen. Ich komme auf diesen ersten literarischen Gegner Hausers, der einzige, der zu des Findlings Lebzeiten gegen diesen geschrieben hat, in einer besonderen Arbeit zurück. Schriften, die zahlreiche Gegenschriften zur Folge hatten. Außer den schon genannten will ich noch erwähnen R. Giehrl : Kaspar Hauser, der ehrliche Findling. Nürnberg, Eichhorn, 1830. – Daraus Zitate in meinen Anmerkungen, da Giehrl auch Augenzeuge. Nach Hausers Tod traten gegen diesen auf der Ritter von Lang und vor allem Stanhope. Es entbrannte ein heftiger Zeitungskampf. Für Hauser traten vor allem ein Daumer und der Staatsrat von Klüber, der von Feuerbach gewissermaßen dessen Sorge für Hauser geerbt hatte. Klübers Auslassungen in verschiedenen Zeitungen, vor allem auch im Morgenblatt für gebildete Stände, Stuttgart, Cotta, 1834 Nr. 123 f., sind natürlich überaus wichtig. Ohne mich auf weitere Einzelheiten Über das »Hauserrätsel« Stanhope werde ich in einer besonderen Arbeit handeln, wobei auch die auf ihn bezügliche Literatur zur Sprache kommt. einzulassen, will ich nur noch erwähnen Schmidt von Lübeck : Über Kaspar Hauser. Altona, K. Aue, 1831. 2. Heft 1832. Wichtige Hauserschriften der neueren Zeit sind die schon öfters erwähnten Bücher von Dr. J. Meyer und A. von der Linde. Der Erstdruck des in diesem Werk (II S. 215 ff.) gebrachten Fragments der Selbstbiographie in A. von der Linde : Zum Kaspar-Hauser-Schwindel. I. Die älteste noch ungedruckte Selbstbiographie. Nach dem Original herausgegeben. Wiesbaden. C. Ritter, 1888. Kolb für, Mittelstädt gegen Häuser, das sind die beiden Hauptwerke, die über Hausers badisches Prinzentum streiten. G. Friedrich Kolb : Kaspar Hauser, ältere und neuere Beiträge zur Aufhellung der Geschichte des Unglücklichen. Regensburg, A. Coppenrath, 1883. Dr. O. Mittelstädt : Kaspar Hauser und sein badisches Prinzentum. Heidelberg, Fr. Bassermann, 1876. Hauser und die Ärzte: Die Zeitgenossen und Augenzeugen Preu, Osterhausen, Heidenreich, Albert, Horlacher werden noch in dem kommenden Werk: »Kaspar Hauser, amtliche Aktenstücke« zu Worte kommen. Ein seltsamer Zeitgenosse ist der Dr. Joh. Mich. Zimmermann (Kaspar Hauser in physiologischen, psychologischen und pathogenisch-pathologischen Untersuchungen beurteilt. Nürnberg, I. A. Stein (E. Geiger), 1834), der, ohne näher mit der Hausersache in Verbindung gestanden zu haben, rein a priori , wie Merker, »beweist«. Die späteren Ärzte, vom Physiologen Eschricht bis Rahner, urteilen alle auf Grund lückenhaften Materials. Hauser und die schöne Literatur: Turmhoch ragt über die Dutzende von Gedichten, Dramen, Novellen, Romane, die sich das rätselhafte Geschick des Findlings zum Vorwurf genommen haben, der 1908 erstmalig erschienene Roman Wassermanns: »Kaspar Hauser, oder die Trägheit des Herzens«. Der Meisterschaft des Künstlers ist hier gelungen, was wohl für immer dem Historiker in dem Maße versagt bleibt: aus verworrenen Einzelheiten eine Gestalt zu schaffen: sie steht da, überzeugend, blutvoll – »und geht den schweren Gang« – und schließlich die erschütternde Tragik des vereinzelten Geschehens hinaufzusteigern zu einer Angelegenheit der ganzen Menschheit. Saarbrücken 1, Sept. 1925. Dr. phil. H. Pies.