Carl Ewald Vier feine Freunde und andere Geschichten Naturwissenschaftliche Märchen Vier feine Freunde Auf dem Felde dicht hinter der Gartenhecke liegt die Mergelgrube. Sie besteht aus einem großen, tiefen Loch, dessen Boden mit garstigem, hellgelbem Wasser bedeckt ist. Auf den Böschungen wächst nacktes, fahles Gras; und von den großen und kleinen Steinen, die dort liegen, löst sich von Zeit zu Zeit der eine oder andere und plumpst klatschend ins Wasser hinab. Über den Abhang, der dem Garten zugekehrt ist, läßt ein Haselnußstrauch seine Zweige herabhängen. Sie reichen so weit über die Grube, daß die Knaben nie an die Nüsse an der Spitze der Zweige heran können, sondern sich darein finden müssen, daß die runden braunen Burschen jeden Herbst in die Mergelgrube hinabfallen. Wenn die Sonne so recht glühend herniederbrennt, dann kommt wohl vom Felde eine durstige Kuh und hält ihren großen, gehörnten Kopf über den Rand und brummt, weil sie nicht an das Wasser gelangen und trinken kann, und dann geht sie wieder ihrer Wege. Sonst ist's immer still an der Mergelgrube. Aber im vorigen Sommer trafen sich ganz oben auf dem Abhang unter der Haselnußhecke jeden Abend bei Sonnenuntergang vier feine Freunde. Eine seltsame Freundschaft verband sie, denn jeden Abend waren sie nahe daran, einander aufzufressen. Und doch vertrugen sie sich schließlich immer wieder und plauderten eine halbe Stunde vernünftig zusammen. Da war zunächst die Uferschwalbe . Sie hatte ihr Nest tief in dem Abhang. Dicht unterm Rande, mitten in dem gelben Steinschutt, war ein schwarzes Loch, das war die Tür zur Wohnung. Hatte die Schwalbe sich für den Tag fertig gemacht, so saß sie gern ein wenig draußen, ruhte ihre langen, spitzen Flügel aus und starrte in die Welt. Der zweite der vier Freunde war der Nachtfalter , ein großer grauer Geselle mit vier weichen, wolligen Flügeln. Er schwebte in ewiger Angst vor der Schwalbe. Den ganzen Tag saß er mit zusammengelegten Flügeln tief unter einem großen Huflattichblatt versteckt. Denn seine Arbeitszeit war die Nacht; erst wenn es dunkel wurde, flog er aus, aber nie bevor die Schwalbe gute Nacht gesagt hatte und in ihr Haus gekrochen war. Der dritte im Bunde war eine muntere kleine Waldmaus . Ganz braun war sie, und sie hatte kluge schwarze Äuglein, sie wohnte tief unten in der Hecke, wo die Wurzeln des Nutzstrauchs sich zu einem regelrechten Netz verflochten. Nacht für Nacht lief sie über die Hecke in den Garten, denn sie war ein Nachtschwärmer wie der Nachtfalter. Die Waldmaus hatte große Angst vor dem Igel , und der war just der vierte der Gesellschaft. Nicht weit von dem Mauseloch war ein großer Stein aus der Hecke hervorgerollt, und unter ihm hatte der Igel sich seine Höhle eingerichtet. Er schlief den ganzen Tag und wachte, wie die beiden zuletzt genannten der vier Freunde, erst auf, wenn die Dämmerung hereinbrach. Dann kroch er an der Hecke entlang bis zu dem Pförtchen hin, schlüpfte darunter her in den Garten und verschlang alles, was er erwischen konnte, – Stachelbeeren und abgefallene Äpfel, Schlangen und Kröten, Schnecken, Nüsse, Maikäfer und Mäuse. Wenn sich nun die vier Freunde am Abend trafen, dann waren also der Igel, die Maus und der Nachtfalter im Begriff, ihre Arbeit zu beginnen, während die Schwalbe müde war und zu Bett gehn wollte. »Eigentlich müßte ich dich fressen, Nachtfalter!« sagte die Schwalbe. »Du bist weich und vielversprechend, aber ich mag heute abend nicht mehr.« »Auch ich könnte dich bequem verspeisen,« pfiff die Maus und guckte nach dem Nachtfalter hinauf, der wie Espenlaub zitterte und sich unter seinem Matte verkroch. »Und mir wird es ein Vergnügen sein, euch alle drei zu fressen,« grunzte der Igel. »Mäusebraten mit Nachtfaltersalat und danach Schwalbenragout. Eine recht schöne Mahlzeit!« Er schnalzte mit der Zunge und klapperte so fürchterlich mit seinen starken Zähnen, daß die Maus und die Schwalbe wie der Blitz in ihren Behausungen verschwanden, während der Nachtfalter sich vor Angst nicht zu lassen wußte. Dem Igel machte die Furcht der drei den größten Spaß; aber bald darauf sagte er gnädig: »Kommt nur ruhig hervor! Ich bin augenblicklich nicht zum Fressen aufgelegt. Gestern hab ich drei fette Mäuse und eine leckre junge Lerche verspeist.« Aber er mußte ihnen lange gut zureden, bis die Schwalbe und die Maus die Köpfe wieder hervorsteckten; der Nachtfalter aber ließ sich nicht aus seinem Versteck herauslocken. »Nun will ich euch etwas sagen,« erklärte der Igel. »Es sieht heut abend nach Regen aus, und den mag wohl niemand von uns leiden. Was meint ihr dazu, wenn jeder von uns eine Geschichte erzählte?« »Was für eine Geschichte sollte das sein?« fragte die Schwalbe. »Eine Geschichte vom Essen ,« erwiderte der Igel. »Etwas Besseres als Essen gibt es nicht auf der Welt, und abgesehen vom Gutessen gibt es nichts so Gemütliches, wie wenn man jemanden eine gute Geschichte vom Essen erzählen hört.« »Ach Gott!« seufzte der Nachtfalter. »Was gibt es da zu stöhnen?« knurrte der Igel. »Es gibt denn doch etwas höheres im Leben als das Essen!« rief die Schwalbe. Die Maus aber saß da und nagte an einer Nuß, die vor ihr Loch gerollt war, und sie sagte gar nichts. »Ja, du bildest dir was darauf ein, daß du fliegen kannst!« meinte der Igel. »Aber ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, eine Geschichte vom Essen zu hören; und ich finde, ihr solltet euch mir fügen. Sonst ...« Er schnalzte wieder mit der Zunge und klapperte mit den Zähnen, daß ein Schauder die drei andern überlief. »Gut,« sagte die Schwalbe. »Dann erzählen wir also. Aber wer soll den Anfang machen?« »Der Nachtfalter,« bestimmte der Igel. »Gott!« rief der Falter. »Bloß nicht zimperlich wie eine alte Jungfer!« mahnte der Igel. »Du bist dazu ausersehen zu beginnen. Und nun sträub dich nicht!« »Ja ... das will ich auch nicht,« sagte der Nachtfalter. »Ich möchte ja gern erzählen, aber ...« »Nun?« »Ich esse nie,« gestand der Nachtfalter kläglich. »Nun brat mir einer 'nen Storch!« rief der Igel. Und die Maus hörte auf zu kauen, die Schwalbe kroch fast ganz aus ihrer Tür hervor und wollte sich den sonderbaren Gesellen ansehen, der nie aß. »Gott behüte!« sagte die Schwalbe. »Daß das Leben nur zum Essen da wäre, habe ich nie behauptet. Aber überhaupt nicht essen – das ist denn doch wohl übertrieben!« »Ich finde es unnatürlich,« bestätigte die Maus und machte sich wieder über ihre Nuß her. »Und ich halte es für eine Lüge!« erklärte der Igel. »Nein,« sagte der Nachtfalter. »Eine Lüge ist es nicht.« »Na, dann erzähl mal, wie sich das verhält!« gebot der Igel. Und der Nachtfalter erzählte. Die Geschichte des Nachtfalters. »Einst habe ich wie andere Tiere Nahrung zu mir genommen, und zwar gehörig. Ich glaube, ich habe damals nichts andres getan als gegessen. Aber das ist schon so lange her, daß ich mich kaum mehr darauf besinnen kann. Es war in meiner frühesten Kindheit; ich war damals eine Larve und sah ganz anders aus als jetzt. Eine kleine, weiche Raupe war ich; doch mit jedem Tag wurde ich größer und dicker. Ich kroch auf den Blättern der Bäume umher und fraß sie auf, so daß nur die Rippen übrig blieben. Nach einiger Zeit verpuppte ich mich dann. Ich hatte alle meine sechs Beine wie jetzt ... und meine vier Flügel und meine Augen und Fühlhörner; aber sie waren fest an meinen Körper angekleistert, ich war ganz mit Firnis überzogen und hart und glatt, und bewegen konnte ich mich gar nicht. Ich aß und trank nicht, sondern baumelte an einem dünnen Fädchen unter einem Zweig. Das war die ruhigste Zeit meines Lebens. Ich hatte weder Sorgen noch Pflichten, hing bloß in meinem Puppengehäuse da und träumte. Aber eines abends zersprang die Hülle, und ich merkte, daß ich meine Beine und Flügel ausstrecken konnte. Als ich eine Weile gesessen und mich gesammelt hatte, flog ich in die schöne, stille Nacht hinaus. Die Vögel rings auf den Sträuchern schliefen, drum konnte mir niemand etwas zuleide tun. Und selbst wenn einer Böses gegen mich im Schilde geführt hätte, so hätte er mich doch nicht sehen können. Denn ich bin dunkel wie die Finsternis, die ich durchfliege. Sobald die Sonne aufgeht, verstecke ich mich hier unter dem Huflattichblatt und bleibe da den ganzen Tag sitzen. Erst wenn die Sonne wieder vom Himmel verschwunden ist, die Kirchenglocke den Abend eingeläutet hat und auf den Wiesen der Fuchs braut ... erst dann fliege ich wieder aus. Aber ich raube nicht, wie ihr es tut. Ich mache mir nichts mehr aus dem Essen ... habe kaum Mund oder Magen, um es hineinzutun. Die ganze Nacht fliege ich umher und suche nach guten Stellen, an die ich meine Eier legen kann. Es ist keine Rede davon, daß ich während der kurzen Sommerzeit zu irgend etwas anderem Zeit finde. Da habt ihr meine Geschichte; und wenn sie nicht vom Essen handelt, so kann ich nichts dafür.« »Nun,« sagte die Schwalbe, als der Nachtfalter verstummt war, »ich glaube, ich verstehe das. Und ich meine, der Nachtfalter ist ein edles Geschöpf, das über das erbärmliche Streben nach Nahrung und persönlichem Vorteil erhaben ist und sein Leben etwas höherem widmet.« Aber die Maus schüttelte ihren kleinen Kopf. »Nein,« sagte sie. »Ich bleibe bei meinem Verfahren, und das Verhalten des Nachtfalters erscheint mir unnatürlich. Daß man für seine Kinder sorgt, kann ich so gut wie kein zweiter verstehn, aber ich stamme aus einem guten Hause, wo wir Geschwister aufs beste gefüttert und verpflegt wurden, bis wir konfirmiert waren und selber unser Brot verdienen konnten. Aber sowohl mein Vater wie meine Mutter aßen doch selber, wie ordentliche Leute es zu tun pflegen, und so will ich es ebenfalls halten, mag auch mein ganzes Nest voller Jungen sein. – Soll ich Ihnen meine aufrichtige Meinung sagen? Ich glaube, der Nachtfalter hat in jungen Jahren zu viel gegessen, und zur Strafe dafür hat der liebe Gott ihm nun den Mund verschlossen.« »Blödsinn!« brummte der Igel verdrießlich. »Man kann nie zu viel und zu gut essen! Aber grauenhaft muß es sein, gar nichts essen zu können . Das sieht allerdings beinah wie eine Strafe aus, darin hat die Maus recht. Aber wenn die Sache so zusammenhängt, dann hat die Strafe den Nachtfalter ereilt, weil er während seiner ganzen Larvenzeit dahing und nicht den Mund auftun und zugreifen mochte.« »Wie denkt er denn selber darüber?« fragte die Schwalbe. Sie riefen nach ihm, aber er war verschwunden. Während sie von ihm sprachen, war er auf seinen weichen, dunkeln Flügeln in die Nacht hinausgeflogen. »Die Geschichte hat mich hungrig gemacht,« sagte der Igel »Wir wollen uns die andern Erlebnisse für einen der nächsten Abende vorbehalten.« Er eilte an der Hecke entlang zu dem Pförtchen und schlüpfte in den Garten hinein. »Eine merkwürdige Geschichte!« sagte die Schwalbe. »Sie liefert Stoff zu allerlei tiefsinnigen Gedanken.« Damit entfernte sie sich und ging zur Ruhe. »Die Geschichte ist gut und schön,« sagte die Maus, die sich eine neue Nuß herangeholt hatte. »Aber keine Geschichte in der ganzen weiten Welt soll meine Verdauung stören.« Am nächsten Abend war die Schwalbe an der Reihe zu erzählen. Aber sie sagte, sie sei zu müde und nicht aufgelegt, Geschichten zu erzählen. Der Igel drohte, sie zu fressen, aber die Schwalbe kroch tief in den Gang hinein, der zu ihrem Nest führte, und rief von drinnen her, so leicht gehe das denn doch nicht. »Ich könnte dich herausgraben,« sagte der Igel. »Aber das hat Zeit bis auf ein andermal ... Dann erzählt uns also die Maus etwas.« »Ich habe nicht das geringste zu erzählen,« pfiff die Maus und schoß in ihr Loch hinab. »Ihr seid mir nette Kollegen!« grunzte der Igel. »Nachtfalter, kannst du noch eine Geschichte? Aber am liebsten eine, die 'n bißchen lebendiger ist.« Der Nachtfalter antwortete nicht, sondern flog über dem Huflattichblatt dahin, dicht an des Igels Nase vorbei. Er schwebte auf den weichen, dunkeln Flügeln durch die Luft und verschwand zwischen den Nußbäumen drinnen im Garten. Der Igel knirschte mit den Zähnen und guckte ihm nach, so daß er beinah in die Mergelgrube hinabgerollt wäre. »Wartet nur,« schalt er und trabte längs der Hecke bis zu dem Gartentörchen hin. »Ich werd euch schon erwischen, und dann erlebt ihr eine andre Geschichte, das könnt ihr mir glauben!« Es verstrichen mehrere Abende, an denen die vier feinen Freunde fast gar nicht zusammen sprachen. Keiner traute dem andern, und besondere Angst hatten die drei vor dem Igel. Die Schwalbe saß nicht mehr vor ihrer Türe, sondern begab sich immer gleich zu Bett. Der Nachtfalter flog aus, sobald die Schwalbe in ihrer Behausung verschwunden war; und die Maus steckte nicht einmal die Nasenspitze vor ihre Wohnung, bis der Igel weit im Garten war. Aber dann kam eine Regenzeit, Tag für Tag plätscherte es hernieder, und auch des Nachts goß es in Strömen. Die vier Freunde langweilten sich entsetzlich, und eines Abends kamen sie vor lauter Langeweile doch wieder ins Gespräch miteinander. »Das ist eine traurige Bescherung, Kameraden,« begann der Igel. »Wenn es kein andrer tun will, so werde ich mal eine Geschichte erzählen, und zwar eine, die Hörner und Klauen hat!« »Wovon handelt sie?« fragte die Schwalbe. »Vom Essen ,« war die Antwort. »Wie's unsrer Verabredung entspricht. Und eine lustige Geschichte ist's. Ihr Held ist ein Vetter von mir, ein Igel, der hier draußen im Garten auf der andern Seite der Hecke wohnte. Außerdem treten noch vier andre Personen in der Erzählung auf: ein Hund, eine Schnecke, eine Erdbeere und eine Kröte. – Hört zu!« »Entschuldige,« unterbrach die Schwalbe. »Du sagst, dein Vetter habe im Garten gewohnt. Ist er vielleicht in eine andere Gegend verzogen?« »Er ist tot,« erwiderte der Igel. »Vermutlich aufgefressen worden?« fragte die Schwalbe wieder, und die Maus lachte laut, während der Nachtfalter unter seinem Huflattichblatt ganz leise lächelte. Der Igel lief zu dem Erdloch der Schwalbe hin und steckte seinen Rüssel hinein. Die Schwalbe zog sich schleunigst in ihre Gemächer zurück, die Maus stolperte über ihre eigenen Beine, so schnell lief sie in das Loch hinab, und der Nachtfalter bekam so große Angst, daß er seine Flügel nicht bewegen konnte. Kurz darauf saß der Igel wieder auf seinem Platze, er ärgerte sich jetzt über seine Heftigkeit, denn er wollte gar zu gern seine Geschichte erzählen. Nach einer Weile steckte die Schwalbe den Kopf wieder aus ihrer Tür, die Maus guckte aus dem Loch heraus, und der Nachtfalter kroch bis an den Rand des Huflattichblattes; denn es regnete immer noch, und sie waren alle gespannt auf die Geschichte. »Nichts für ungut!« sagte die Schwalbe. »Schön!« erwiderte der Igel, »Aber ich bitte mir von nun an ein anständiges Benehmen aus, sonst ... »Erzähl!« bat die Maus. Und der Igel erzählte. Die Geschichte des Igels. »Es war im vorigen Sommer. Und meine Mutter hat mir erzählt, daß das der heißeste Sommer war, den sie je erlebt hatte. Die Sonne schien vom Morgen bis zum Abend, von Tag zu Tag und von Woche zu Woche. Es fiel nicht das kleinste Regentröpfchen. Früh morgens verjagte der Wind den Nebel, doch wenn er das vollbracht hatte, war er müde und mochte in der Hitze nichts mehr tun, sondern legte sich geschwinde. Und auch sonst mochte niemand arbeiten. Der Gärtner dehnte sein Mittagsschläfchen auf den halben Tag aus, die Vögel saßen traurig auf den Zweigen und ließen die Köpfe hängen, und der Hund streckte auf dem Weg alle Viere von sich und schnappte mit heraushängender Zunge nach Luft. Von Zeit zu Zeit schloß er das eine Auge und schielte den Weg entlang. Kam eine Fliege und setzte sich auf seine Nase, so schlug er mit dem Schwanz um sich und sagte im Schlafe ›Wuff!‹ Dicht bei der Stelle, wo der Hund lag, standen die Erdbeeren. Es waren so viele da, daß man einen großen Teller voll pflücken konnte, wenn man nur die Blätter ein wenig beiseitebog. Auf dünnen Stengeln lagen sie auf der Erde. Die Sonne hatte sie dunkelrot gefärbt, und sie waren alle sehr groß. Aber eine der Beeren war die beste. Die war so rund und so rot, so saftig und so süß wie keine der andern; und sie selber wußte recht gut, wie lecker sie war. An ihrem langen Stengel hatte sie sich bis auf den Weg vorgewagt, und da lag sie nun und leuchtete im Sonnenschein. ›Puh! Es ist zum schmelzen!‹ sagte die Erdbeere zu sich selbst. ›Mir ist gar nicht wohl, wenn doch der Gärtner nur bald käme und mich pflückte! wie gut würde so ein kleines Bad in schöner, fetter Sahne tun!‹ In diesem Augenblick kam eine große braune, schleimige Kröte auf dem Weg herbeigekrochen, sie machte vor der Erdbeere Halt und starrte sie mit ihren feuchten Augen an. ›Uff!‹ sagte die Erdbeere. ›Du bist ja ein unangenehmer Bursche. Was hast du denn da zu gaffen?‹ ›Nichts, Ew. Gnaden,‹ sagte die Kröte demütig. ›Haben sie nur keine Angst vor mir! Mein Magen ist leider nicht auf Erdbeeren eingerichtet. Ich habe mir bloß die Freiheit genommen, sie mir ein bißchen zu betrachten, sie sehen so wunderschön saftig aus, das ist bei dieser Dürre ein so erfreulicher Anblick. – Gestatten sie, daß ich mich unter Ihren Blättern ein wenig ausruhe?‹ Die Erdbeere antwortete nicht; aber die Kröte faßte ihr Schweigen als Zustimmung auf und machte es sich unter den Blättern bequem. ›Sie haben wohl nicht zufällig eine kleine Fliege oder eine Schnecke gesehen?‹ fragte sie kurz darauf. ›Soso, nicht? Entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, aber ich bin sehr hungrig.‹ ›Dummes, garstiges Tier!‹ sagte die Erdbeere. ›Ganz recht, ganz recht!‹ erwiderte die Kröte sanft. ›Schön bin ich gewiß nicht, und großer Klugheit kann ich mich auch nicht rühmen. Aber im übrigen bin ich ganz brav und nett und tu keiner Katze etwas zuleide, obwohl alle auf mir herumtreten und mich schelten. – – Aber hören Sie einmal, Ew. Gnaden: hier auf den Wegen treibt sich ein Igel herum. Sonst braucht man ihn am Tage nicht zu fürchten, aber heut habe ich ihn deutlich gehört, er muß also auf den Beinen sein, vielleicht hat ihn jemand aus seiner Höhle vertrieben. So ist es mir nämlich ergangen; ich saß unter einem Stein und schlief, da kam der Gärtner und stieß den Stein mit dem Fuß beiseite, und ich mußte fort. Sollte der Igel kommen, so verraten Sie mich bitte nicht! Seine Zähne sind so scharf, und meine arme Haut ist so weich.‹ Die Kröte kroch noch tiefer unter die Blätter hinab, und die Erdbeere hatte keine Zeit zu antworten, denn der Igel kam herbeigetrabt. ›Ei, was für eine allerliebste Erdbeere da steht!‹ sagte er und schnalzte vergnügt mit der Zunge. ›Ein rechter Bissen für mich!‹ ›Pah!‹ rief die Erdbeere. ›Für Leute deines Schlages bin ich nicht bestimmt. Ich soll auf den Tisch der Herrschaft kommen und mit Zucker und Sahne verspeist und mit dem feinsten Sherry hinuntergespült werden. Merk dir das, und mach einen weiten Umweg um mich! Gleich wird der Gärtner kommen und mich pflücken – ich merke es an meinem Stengel; beinah rolle ich von selbst auf die Erde.‹ ›Ja – guten Morgen!‹ sagte der Igel. ›Das wollen wir erst mal sehen! Nur nicht zu großsprecherisch sein, liebe Jungfer! Aber vorläufig brauchst du keine Angst zu haben. Ich habe doch auch Lebensart und esse keine Erdbeeren auf nüchternen Magen. Erst muß ich mir einen Braten suchen. – Auf Wiedersehen zum Nachtisch!‹ Damit ging der Igel. Kaum war er fort, so kam eine große schwarze Schnecke ganz langsam mit ihrem Hause auf dem Rücken herbeigeglitten. Ihre Stielaugen traten hervor, und sie schaute sich neugierig um. ›Ach, welch wunderschöne Erdbeere!‹ sagte sie, fächelte mit den Fühlern und kroch näher heran. ›Sieh dich um, du schwarze Schnecke! Du verlierst dein Haus!‹ sagte die Erdbeere. ›Das will ich nicht hoffen,‹ erwiderte die Schnecke, ›denn ich habe meinen ganzen Magen darin, und ich habe gerade Verwendung für ihn.‹ Sie biß in die Erdbeere hinein, und diese schrie laut: ›Ach, du mein Gott, du mein Gott! Soll ich denn wirklich von einer garstigen, gewöhnlichen Schnecke gefressen werden! Ich, die beste aller Beeren auf dem ganzen Beet! Hätte mich doch wenigstens der Igel verzehrt!‹ ›Ich werde behilflich sein, Ew. Gnaden,‹ sagte die Kröte. ›Sie waren vorhin zwar nicht besonders höflich, aber Sie haben mich doch dem Igel nicht verraten. Eine Liebe ist der andern wert, und außerdem bin ich hungrig.‹ Sie bemächtigte sich der Schnecke und begann, sie zu fressen. ›Au!‹ schrie die Schnecke. ›Au! Au! Au!‹ schrie die Erdbeere. ›Es ist zu spät! Es ist aus mit mir! selbst wenn die Schnecke noch etwas von mir übrig läßt, werde ich doch verworfen oder höchstens von der Frau, die mich pflückt, gegessen werden. Au! Au!‹ Die Erdbeere schrie, weil die Schnecke sie aß, und die Schnecke schrie, weil die Kröte sie verzehrte. In dem Erdbeerbeet herrschte ein Höllenlärm. Aber auf einmal begann die Kröte, noch lauter als die beiden andern zu schreien. Es biß sie jemand in die Hinterbeine; und als sie sich umdrehte, schaute sie in die runden, schwarzen Augen des Igels hinein. ›Das gefällt mir,‹ sagte er, während er die Beine der Kröte zwischen seinen starken Zähnen zermalmte. ›So soll es sein! Alles muß auf dem Tisch stehn, wenn man kommt: Braten, Zwischengericht, Nachtisch.‹ Nachdem er die Kröte verspeist hatte, fraß er die Hälfte der Schnecke, die die Kröte übriggelassen. Und dann fraß er die halbe Erdbeere, die die Schnecke übriggelassen hatte. ›Das ist der rechte Lohn für deine Einbildung!‹ meinte der Igel, indem er vergnügt an der leckeren Beere schmatzte. ›Diesmal winkt dir weder Zucker noch Sahne noch Sherry. Mit einem ganz gewöhnlichen Igelmagen mußt du vorliebnehmen.‹ Nach dieser Mahlzeit streckte er sich bequem unter den Erdbeerblättern aus und schickte sich an, ein Mittagsschläfchen zu halten. ›Ach Gott ja!‹ sagte er. ›Das Leben ist hell und glücklich.‹ Und dann schlief er ein.« Als der Igel schwieg, waren von der Maus nur noch die Haarspitzen um ihr Maul herum zu sehen, von der Schwalbe nur noch ihr Schnabel, und von dem Nachtfalter gar nichts. »Das war eine Geschichte – was!« sagte der Igel vergnügt. »Entsetzlich!« sagte der Nachtfalter. »Eine richtige Igelgeschichte!« sagte die Maus. Die Schwalbe dagegen sagte gar nichts, sondern pfiff ganz leise vor sich hin. »Na, Schwalbe?« fragte der Igel, »was meinst du denn dazu?« »Die Geschichte hat ja keinen Schluß,« erwiderte die Schwalbe. »Wie?« rief der Igel, keinen Schluß?« »Wo ist der Hund geblieben?« fragte die Schwalbe. »Der Hund? Der Hund? Es war ja gar kein Hund da!« »Gewiß. Du hast selber gesagt, es komme ein Hund in der Geschichte vor. Er lag draußen auf dem Wege und schlief mit dem einen Auge.« »Das ist richtig,« sagte die Maus. »Ein Hund war dabei.« »Bestimmt,« versicherte der Nachtfalter. Der Igel schwieg und knirschte greulich mit den Zähnen. »Ja ...« sagte er schließlich. »Allerdings kommt ein Hund in der Geschichte vor. Und ihr könnt sie zu hören kriegen, wenn ihr Lust habt. Aber ich sage euch im voraus, daß ich es nicht recht vertragen kann, von diesem Hund zu reden. Beim bloßen Gedanken an ihn gerate ich in Wut; und ich verliere meine Selbstbeherrschung, wenn ich wütend bin.« »Ich mache mir nicht das allergeringste aus dem Hund!« sagte der Nachtfalter erschrocken. Die Maus äußerte sich nicht weiter; die Schwalbe aber kroch ein Ende in ihren Gang hinein und rief von drinnen her: »Heraus mit dem Hund!« »Schön!« sagte der Igel. Und er erzählte: »Der Lärm auf dem Erdbeerbeet war so groß, daß der Hund auf dem Wege draußen erwachte. Er schüttelte den Kopf und spitzte die Ohren. Und eins zwei drei! war er auf den Beinen. Kaum hatte der Igel die Augen geschlossen, so sagte ihm jemand ›Wuff!‹ ins Ohr. Und da stand der große Hund mit gehobenem Schwanz und aufgerichteten Ohrlappen. Alle die garstigen weißen Zähne grinsten dem zu Tode erschrockenen Igel ins Gesicht. ›Wuff!‹ bellte der Hund wieder. ›Endlich hab ich dich Räuber, der meinem Herrn die Erdbeeren stiehlt! Nun beiß ich dir den Kopf ab. Wuff! Wuff!‹ Der Igel rollte sich zu einer Kugel zusammen, so daß alle Borsten emporstarrten. Als der Hund hinzusprang und biß, heulte er laut auf, das Blut tropfte von seinem Maul hinab. Der Igel sagte nichts, sondern lag still da und zeigte seine Stacheln. ›Warte du nur!‹ brummte der Hund. ›Ich werd dir doch schon beikommen!‹ Und nun fing er an, den Igel mit seinen Pfoten den Weg entlang vorwärtszurollen, von Zeit zu Zeit heulte er dabei auf, denn seine Pfoten wurden übel zugerichtet. Aber er fuhr fort, den Igel wie eine Kugel vor sich her zu puffen. Schließlich erreichten sie das Ende des langen Ganges, wo sich ein Wasserloch befand. Tief war es nicht, und der Hund konnte bequem darin stehen, der Igel aber nicht. Dahinein rollte der Hund den Igel; und als der Ärmste im Begriff zu ertrinken den Kopf hervorstreckte, um Luft zu schnappen, sprang der Hund hinzu und biß ihn tot.« Kaum hatte der Igel das letzte Wort ausgesprochen, als er wie ein besessener hinter der Schwalbe herjagte. Doch die war schon tief in ihrem Neste; und die Maus schoß in die Hecke hinein, so schnell sie auf ihren flinken Beinchen vorwärtskam, während der Nachtfalter geschwind ins Dunkel hinausflog. Eines Abends, kurze Zeit nachdem der Igel seine Geschichte erzählt hatte, waren die vier feinen Freunde sämtlich sehr schlechter Laune. Ein jeder saß vor seiner Behausung und schaute mißvergnügt über den Rand der Mergelgrube hin. Keinem von ihnen war wohl zumute, und der Nachtfalter konnte sich kaum auf dem Huflattichblatt festhalten. »Es ist irgend etwas Unangenehmes in der Luft,« sagte der Igel. »Die Stachelbeeren sind fort, und die schlechten Menschen haben angefangen, die Äpfel zu pflücken, anstatt sie von selber herabfallen zu lassen, so daß ich sie essen könnte.« »Ob nicht das im Anzuge ist, was die Menschen Winter nennen?« fragte die Maus. »Ich weiß es nicht,« erwiderte der Igel. »Ich bin am letzten Mai dieses Jahres geboren, darum hab ich das noch nie erlebt.« »Ja, ich bin im Juni geboren,« sagte die Maus, »darum weiß ich auch nichts. – Vielleicht kann der Nachtfalter uns Bescheid geben?« »Ganz und gar nicht!« war dessen Antwort. »Aber ich weiß es!« rief die Schwalbe. »Denn ich bin nicht aus diesem Jahr, müßt ihr wissen. Ich selber hab es freilich nicht gesehn, denn im vorigen Jahr bin ich mit meinen Eltern und Geschwistern nach dem Süden gereist, bevor der Winter kam. Aber der Sperling hat's mir erzählt.« »Was hat der Sperling erzählt?« fragte der Igel verdrießlich. »Vom Winter hat er mir erzählt,« sagte die Schwalbe. »Wenn alle Blätter von den Bäumen abgefallen und alle Blumen verwelkt sind, dann kommt der Winter. Dann sind keine Fliegen in der Luft und keine Mücken, es gibt weder Blumen noch Bienen, keine Frösche auf der Wiese, keine Nüsse ... nichts. Die Sonne scheint nur selten und wärmt nicht. Auf dem Wasser liegt eine harte Rinde, Eis genannt; sie ist so dick, daß der Schnabel keines Vogels sie durchschlagen kann. Und über Wiesen und Felder und über die Bäume im Walde wird eine große Decke gebreitet, die so weich ist, so weich, aber bitterkalt. Das ist der Schnee. So ist der Winter, nun wißt ihr's!« »Gott behüte!« meinte der Igel. »Was soll man während der Zeit denn essen?« »Man kriegt gar nichts zu essen,« war die Antwort der Schwalbe. »Dann ist es das beste, sich gut zu versorgen, solange noch etwas da ist,« erklärte der Igel und lief in den Garten hinein. »Ich will doch wirklich heut nacht ein paar Nüsse in meine Speisekammer hinabschaffen,« sagte die Maus. »Es ist immer gut, wenn man Proviant hat.« Sie begann auf der Stelle mit der Arbeit. Die Schwalbe saß vor ihrem Nestgang und sah zu. »Du handelst sehr vernünftig, Maus!« sagte sie. »Ich würde es ebenso machen, habe es aber glücklicherweise nicht nötig. Bald reise ich mit meiner ganzen Familie und allen meinen Freunden weit nach Süden, nach Afrika, wo ewiger Sommer ist. Für mich ist das das Einfachste. Aber was wird der Nachtfalter anfangen?« »Ich?« sagte der Angeredete mit matter Stimme. »Ich werde nichts anfangen. Ich verstehe gar nicht, wovon ihr sprecht. Ich habe nichts mit dem Winter zu schaffen.« Nach diesen Worten flog der Nachtfalter ins Dunkel hinaus. Aber er war so müde, daß er beinah seine Flügel nicht heben konnte. Die Nacht verstrich, und auch der nächste Tag. Der Wind rüttelte an den Zweigen, die Blätter rieselten auf die Mergelgrube hinab und wiegten sich auf dem gelben Wasser wie winzige Boote. Die Glockenblumen läuteten des Sommers Ende ein und verwelkten sofort. Der Bauer fuhr das letzte Fuder Getreide in die Scheune, und die Dreschmaschine klapperte, so daß es in der ganzen Gegend zu hören war. »Uff!« sagte der Igel am Abend. »Was meint ihr dazu?« Die Maus und die Schwalbe riefen gleichfalls Uff! Nur der Nachtfalter sagte nichts, denn er war gar nicht dabei. »Vielleicht ist er abgereist,« meinte die Maus. »Dahin, wo ewiger Sommer herrscht, wie die Schwalbe erzählt hat.« »Der Bursche kommt sicher nicht weit,« erwiderte die Schwalbe höhnisch. »Dazu sind denn doch andre Flügel nötig, das könnt ihr mir glauben! Aber morgen reise ich!« »Dann bleiben wir zwei ja allein übrig,« sagte der Igel und warf der Maus einen grimmigen Blick zu. »Das kann heiter werden. Ich glaube, ich fresse dich einfach auf.« Die Maus verschwand wie der Blitz, und die Schwalbe desgleichen. »Gott mag wissen, wie die Sache endigen wird,« meinte der Igel zu sich selbst, während er in den Garten hineintrabte. »Na ... dick und fett bin ich wenigstens, drum werd ich es wohl überstehen.« Am nächsten Abend war die Schwalbe nicht mehr da. Die Maus seufzte: »Wer doch mit der Schwalbe reisen könnte! Ich sterbe vor Angst, wenn ich an all das Eis und den Schnee denke. Und wie es wohl dem armen Nachtfalter ergangen sein mag?« »Wer weg ist, der ist weg,« sagte der Igel. »Es hat keinen Zweck, darüber zu trauern. Und du bist die Aller-, Allerniedlichste von allen, mußt du wissen. Komm heraus, und tanz ein bißchen mit mir, du nettes Waldmäuschen! Mich friert. Und nachher können wir zusammen einen Spaziergang in den Garten machen. Ich spendiere Nüsse.« »Vielen Dank für die freundliche Einladung!« sagte die Maus zu ihrem Loch hinaus. »Ich fürchte, es würde mir bei dir zu warm werden. Lieber will ich mich in meinem Loch einmauern, bis der Winter vorbei ist. Nüsse hab ich selber genug.« »Schade, daß du so mißtrauisch bist,« sagte der Igel. »Aber dann will ich unter die große Strohmiete hinter der Scheune kriechen. Will versuchen zu schlafen.« Am nächsten Abend flog das letzte gelbe Blatt von der Haselnußhecke auf die Mergelgrube hinab. Die Maus saß vor ihrem Loch und schaute ihm nach. »Ach, Herr Gott!« sagte sie betrübt. »Nun muß ich also den gestrengen Herrn ganz allein in Empfang nehmen.« Das kleine Mäuseherz klopfte vor Kummer, und es sehnte sich geradezu nach dem Igel. Aber der kam nicht wieder zum Vorschein; da setzte sich die Maus in ihre Vorratskammer und fing an, ihre Nüsse zu zählen.   Und dann kam der Winter. Er kam nicht anders wie sonst; und die, die ihn erwarteten und kannten, nahmen ihn ruhig und vernünftig entgegen. Der Gärtner band Stroh um seine Rosen und legte Matten auf seine Mistbeete. Die Menschen siedelten aus ihren Landhäusern in die warme Stadt über, sie setzten Doppelfenster ein, legten Teppiche auf die Fußböden, heizten tüchtig und zogen im Freien einen dicken Überrock an. Manche saßen auch fröstelnd in ihren Stuben und starrten den kalten Ofen an, in dem sie kein Feuer anmachen konnten, weil sie kein Brennmaterial hatten, oder sie gingen auf die Straße hinaus, und es fror sie bitterlich, weil sie kein Geld hatten, sich Winterkleider zu kaufen. Aber auf dem großen Kastanienbaum auf dem Hügel tief im Garten saß der Sperling und sang sein trauriges Winterliedlein: »Weg sind nun die Sänger all, weg die lieben Mücken! Drossel, Mönch und Nachtigall Drehten uns den Rücken. Weg ist Storch, und weg ist Star, wie's geschieht in jedem Jahr. Weg, weg, weg, Weg, weg, weg! Spatz, den Armen, Friert's zum Erbarmen!« Der Buchfink, der daneben saß, die Kohlmeise, die im Haselnußgang umherhüpfte, und die Krähen draußen auf dem Felde, sie alle stimmten mit ein und sangen: »Weg, weg, weg, Weg, weg, weg!« Für denjenigen, der den Winter nicht aus Erfahrung kannte, mochte er ja besonders schlimm sein. Welch eine Menge Schnee! Er lag auf Feld und Wiese, auf dem Dach des Gehöfts und auf den Zweigen des Haselnußstrauchs, auf dem alten Steinwall und dem Abhang dahinter. Ja, sogar die eine Seite der Fahnenstange war mit Schnee bedeckt, der festfror und sitzen blieb. Und das Wasser gefror zu Eis – das Wasser im Meere und das Wasser im Graben und in der Mergelgrube. Auf dem Abhang, wo sich einst die vier feinen Freunde getroffen hatten, lag nichts als Schnee; nur hier und dort ragte ein welker Grashalm hervor. Und so verging der Winter. Als seine Zeit um war, schlich er nicht etwa still fort wie ein Mann, der in dieser Gegend nichts mehr zu suchen hat und ebenso gut jetzt wie später gehen kann. Er veranstaltete vielmehr einen grauenhaften Lärm mit Sturm und Regen und Brausen und Tosen. Und als alles bereits überstanden war und ein jeder sehen konnte, daß der Winter fort war, kam er doch aus lauter Bosheit in der Nacht zuweilen gelaufen und biß in die grünen Blätter, die in ihrer Leichtgläubigkeit schon aufgesprungen waren. Auf diese Weise brachte er so mancher Anemone den Tod und verschiedenen kleinen Jungen und Mädchen einen gehörigen Schnupfen. Schließlich aber getraute er sich doch nicht mehr wiederzukommen. Eines Morgens steckte die Waldmaus die Nase aus ihrem Loch hinaus und schaute sich um. Frisch und schön wuchs das Gras auf dem Wege. Die grünen Huflattichblätter waren gar nicht mehr so klein, und der Löwenzahn leuchtete so gelb, daß es ein Vergnügen war, ihn anzusehen. Die Glockenblumen standen in der Knospe, während die Haselnußsträucher schon aufgesprungen waren. Es war alles in der schönsten Ordnung. Am Rande des Abhangs erscholl ein lustiges »Titeretit!« »Guten Tag, Schwalbe!« rief die Maus. »willkommen daheim! Und einen schönen Sommer wünsch ich! Gibt's was Neues in Afrika? wie ist's dir im Winter ergangen?« »Guten Tag, Maus!« erwiderte die Schwalbe. »schönen Sommer wünsch auch ich! Vom Winter habe ich nichts bemerkt, wo ich war, gab es keinen Winter. Ich habe mich auf Palmenzweigen gewiegt, habe schwarzen Menschen etwas vorgesungen und mich Tag für Tag im Sonnenschein getummelt. – Aber wie bist du denn durchgekommen?« »O, ich danke für die Nachfrage. Es ging so einigermaßen.« »Wo warst du denn?« »In meinem Loch. Da unten war's ja allerdings ein bißchen langweilig, aber sonst warm und gemütlich. Zum Schluß gingen meine Nußvorräte zwar auf die Neige. Aber in diesem Jahr werd ich klüger sein. Ich fange früh an, für den Winter Proviant zu sammeln, und dann will ich mich doch nach einem netten kleinen Mäusefrauchen umsehen. Natürlich ist's immer teurer, wenn man zu zweien ist; aber es ist auch gemütlicher. Es kommen Kinder, und die Zeit vergeht, ohne daß man weiß, wo sie bleibt.« »Das mag schon richtig sein, was du da sagst,« meinte die Schwalbe nachdenklich. »Und das ist ja nun einmal das Gebot der Natur und die Bestimmung aller Geschöpfe. Und doch ist's gar nicht so einfach, eine Familie zu begründen. Nun bin ich da in Afrika ein halbes Jahr frei von allem Kindergetümmel gewesen, und ich bin gar nicht versessen darauf, daß die Sache von neuem anfängt. Aber was ist dabei zu machen? Das liebe Frauchen hat bereits die Eier gelegt, drum nützt es nichts, aufzumucken.« »Ach! Muß das schön sein!« sagte die Maus und schaute träumerisch auf das frische grüne Gras. In diesem Augenblick raschelte es in dem welken Laube neben ihnen, und der Igel stand da. »Jesses!« schrie die Maus und war im Nu in ihrem Loch. Aber dann schämte sie sich, machte kehrt und steckte vorsichtig die Nase wieder in die Luft. »Guten Tag, Igel!« sagte sie freundlich, »schönen Sommer wünsche ich!« »Schöner Blödsinn!« entgegnete der Igel mürrisch. »Mir war so, als hätte ich die Stimme der Schwalbe gehört.« »Ja, ich bin hier,« sagte die Schwalbe. »Wie ist es dir ergangen? Es hapert wohl mit der guten Laune, was? Du siehst mir auch recht schlottrig aus!« »Wohl möglich,« erwiderte der Igel. »Ich habe auch keinen Grund, guter Laune zu sein.« »Ach was!« meinte die Schwalbe. »Nun ist es ja Sommer. Wo hast du denn übrigens gesteckt?« »Ich habe unter der Strohdieme gelegen,« sagte der Igel. »Den ganzen Winter?« »Allerdings, ich habe meinen Winterschlaf gehalten, weißt du! habe von meinem eigenen Fett gelebt. Anfangs war's recht schön, so immer zu schlafen. Ich träumte von prächtigem Frühstück mit den leckersten Mäusepasteten, grünen Äpfeln, Stachelbeerkompott und lebendigen Maikäfern. Allmählich aber hörten die schönen Träume auf, und schließlich hatte ich fortwährend das Gefühl, als ob mich jemand in meinen Eingeweiden zwickte und zwackte. Jetzt sehne ich mich von Herzen nach einer recht, recht guten Mahlzeit.« Der Igel setzte sich. Er zitterte an allen Gliedern. Die Haut hing lose um seinen Körper, seine Augen waren ganz matt; und er sah so erschöpft aus, daß die Waldmaus vor Mitleid ihre Angst vergaß und ganz aus ihrem Loch hervorkroch. »Wo ist der Nachtfalter?« fragte der Igel. Keiner der beiden andern wußte es. »Der ist tot,« sagte ein schwaches Stimmchen unter dem Huflattichblatt. »Herr Gott! wirklich?« sagte die Schwalbe. Ja, wir müssen ja alle einmal sterben. – – Aber wer bist du denn? Und woher hast du diese Nachricht?« »Ich bin die Tochter des Nachtfalters,« erwiderte die Stimme. »Als Mutter starb, lag ich im Ei. Aber sie flüsterte mir zu, daß ich hierhin fliegen solle, wenn ich erwachsen sei, um ihren drei Freunden zu erzählen, wie es ihr ergangen. Darum hatte sie keine Angst vor dem Winter. Sie wußte, daß sie sterben würde, wenn sie für ihre Eier gesorgt hätte. Sie bat mich, euch auch das zu berichten.« »Das war schön von ihr, an uns zu denken,« sagte die Schwalbe und guckte gerührt unter das Huflattichblatt. Die Maus aber lief ganz auf den Weg hinaus und schaute mit glänzenden Augen vom einen zum andern. »Ist das nicht wunderbar?« schrie sie. »Was ist denn so wunderbar, liebes, hübsches Mäuslein?« fragte der Igel freundlich und rückte der Maus ein wenig näher. »Es ist wunderbar, wie für uns alle gesorgt ist,« erklärte die Maus. »Denkt doch einmal daran, wie wir alle vier untergebracht wurden, als der Winter kam. Der Nachtfalter mußte sterben und war so aller Sorgen ledig. Der Igel lag im Halbschlaf unter der Strohdieme und zehrte von seinem Fett. Die Schwalbe floh vor Eis und Schnee und flog in die Ferne, und ich saß warm und behaglich in meinem Nest und lebte von den Nüssen, die ich mir gesammelt hatte. – Ist nicht alles in der Welt äußerst vernünftig eingerichtet?« Die Schwalbe nickte, und die Tochter des Nachtfalters stimmte der Maus zu. »Gewiß,« sagte auch der Igel und rückte ganz langsam noch näher an die Maus heran. »Gewiß ist das vernünftig eingerichtet. Außerordentlich vernünftig. Das war eine sehr richtige Bemerkung, liebstes Mäuslein. Aber solche Gedanken hat man eben nur im Herbst, wenn man fett und satt ist. In der jetzigen Jahreszeit kommt es darauf an, sich für den Winter zu kräftigen, verstehst du... und das will ich nun tun!« Dabei packte er das unvorsichtige Mäuslein am Nacken und zermalmte es schnell zwischen seinen starken Zähnen. Die Maus schrie jämmerlich, und der Nachtfalter unter dem Huflattichblatt verging schier vor Angst. Aber die Schwalbe flog mit lautem Geschrei empor. Der eine Flügel traf den Igel, so daß er das Gleichgewicht verlor und den Abhang hinabrollte. Plumps! Das Wasser spritzte auf, und Maus und Igel waren verschwunden. Die Schwalbe saß ganz verwirrt da und starrte in die Grube hinunter, wo sich große, runde Ringe um die Stelle herum bildeten, wo der Igel ertrunken war. »Gott erbarme sich! Wer hätte das gedacht, daß die Freundschaft ein solches Ende nehmen würde!« sagte die Schwalbe. »Wie gemütlich hatten wir's doch im vorigen Jahr! Und nun sind drei von uns tot!« Der Nachtfalter sagte nichts, denn er war von sehr zartem Körperbau, und das, was er gesehn, hatte ihn fürchterlich erschüttert. »Ja, – nun bin ich allein übrig von uns vier Freunden,« sagte die Schwalbe wieder und schaute unter das Huflattichblatt. Gleich darauf hob sie ihre langen Flügel und flog einmal über die Mergelgrube hin. Doch dann kam sie wieder zurück, schoß wie ein Pfeil unter das Huflattichblatt und schnappte den Falter. »Entschuldige!« sagte sie höflich, »wärest du deine Mutter gewesen, so wäre es mir nie eingefallen, dich zu fangen. Ich weiß, was man der Freundschaft schuldig ist. Und doch ist etwas wahres an dem, was der Igel gepredigt hat, daß jeder für sich selber sorgen müsse. Und meine Frau liegt leider auf fünf Eiern und schimpft mich aus, wenn ich ihr kein ordentliches Frühstück bringe.« Damit schlüpfte die Schwalbe in ihr Haus hinein. Und die Geschichte von den vier feinen Freunden ist aus. Der stille See Erstes Kapitel: Der Anfang Eines Tages im Vorfrühling saß ein junger Rohrsänger auf einem Strauch in Italien und ließ den Schnabel hängen. Und doch hatte er eigentlich gar keinen Grund zur Klage. Die Sonne schien, Fliegen waren genug vorhanden, und niemand tat ihm etwas zuleide, vorhin hatte ein schönes Mädchen mit schwarzen Augen unter dem Strauch gesessen, hatte dem Gesange des Rohrsängers gelauscht und ihm Kußhändchen zugeworfen. Und doch fehlte ihm etwas. Der italienischen Fliegen war er herzlich überdrüssig. In den Flügeln hatte er ein Gefühl, als könnte er hundert Meilen weit fliegen, ohne müde zu werden. In seiner Kehle steckten Töne, die er nicht herausbringen konnte. Und sein kleines Herz war von einer Sehnsucht erfüllt, über die er sich nicht klar zu werden vermochte, und die sich gewiß in Tränen Luft gemacht hätte, wenn ein Rohrsänger weinen könnte. Aber er kann nur singen, und das tut die gleichen Dienste, mag er vergnügt oder traurig sein. Also sang er. Und als er dann schwieg, hörte er eine Stimme aus einem Strauch ganz in der Nähe, die der seinen aufs Haar glich und bloß etwas schwächer war. Auf flinken Flügeln eilte er hinüber und saß nun auf einem Zweige des andern Strauchs und starrte auf das niedlichste Rohrsängerfräulein, das man sich denken kann. Es war niemand da, der die beiden einander hätte vorstellen können, drum taten sie das selber. Denn unter Vögeln geht es nicht so steif zu wie auf einem Hofball. Es geht auch alles viel schneller, und nachdem sie fünf Minuten zusammen geplaudert hatten, sagte der Rohrsänger: »Seit ich dich gesehen habe, weiß ich, was mir fehlt. Ich sehne mich nach dem Lande, in dem ich geboren bin. Ich erinnere mich so deutlich an einen stillen See mit Rohr und Schilf und grünen Buchen.« »Auch ich sehne mich dorthin,« sagte das Rohrsängerfräulein. »Ich habe ihn ebensowenig vergessen.« »Dann ist es das beste, wir verloben uns,« sagte er. »Sobald wir an den See kommen, feiern wir Hochzeit und bauen ein Nest.« »Willst du mich lieb behalten, bis ich sterbe?« fragte sie. »Über diesen Sommer hinaus kann ich mich nicht binden,« erwiderte er. »Aber für die Zeit versprech ich's dir.« Da gab sie ihm ihr Jawort. Keiner Menschenseele brauchten sie die Verlobung anzuzeigen, denn seit dem Herbst hatten sie beide nichts mehr von ihrer Familie gesehen. Darum veranstalteten sie ganz unter sich einen kleinen Festschmaus, bestehend aus ein paar feisten Mücken, die der Bräutigam herbeischaffte, sangen ein kleines Duett und begaben sich auf die Reise. Viele Tage lang flogen und flogen sie dahin. Zuweilen ruhten sie sich ein wenig aus, wenn sie gerade ein grünes Tal fanden, und Reisebekanntschaften machten sie auch. Denn viele Vögel legten denselben Weg zurück, und oft flogen sie in geselligem Schwarme. Aber das Rohrsängerpaar blieb immer dicht beisammen, wie es sich für gute Brautleute schickt. Und wenn sie müde waren, so ermunterten sie einander, indem sie allerhand von dem stillen See erzählten. Endlich kamen sie am Ziele an. Es war ein wunderschöner Tag Ende Mai. Die Sonne schien, und weiße Wolken schwebten langsam am Himmel dahin. Die Buchenknospen waren schon aufgesprungen, und die Eichenknospen waren im Begriff, ihrem Beispiel zu folgen. Schilf und Rohr waren grün, die kleinen Wellen hüpften munter im See umher, und alles strahlte so vergnügt. »Ist es hier nicht herrlich?« fragte der Rohrsänger. »Gewiß,« erwiderte das Weibchen, »hier wollen wir wohnen.« Dicht am Ufer fanden sie eine Stelle, die ihnen gefiel. Sie banden drei Rohrhalme ein Meter überm Wasser mit feinen Fasern zusammen und flochten dann das niedlichste Körbchen von der Welt, das sie mit prächtigen Daunen auspolsterten, wenn das Rohr im Winde schwankte, schwankte auch das Nest, aber das machte nichts, denn es war festgebunden, und Rohrsänger wissen nichts von Seekrankheit. Acht Tage dauerte der Nestbau, und während der ganzen Zeit waren sie ein Herz und eine Seele. Sie sangen, daß man es über den ganzen See hin hören konnte, und wenn sie des Abends müde waren, hüpften sie im Röhricht umher, schäkerten miteinander oder hielten Ausschau, was der liebe Nachbar treibe. »Da kommt die Seerose durch das Wasser herauf,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Ich entsinne mich ihrer so gut. Sie ist vornehm und schön.« »Dort sitzt der grüne Frosch am Ufer,« rief der Rohrsänger. »Er schnappt nach Fliegen und Larven wie ich, aber hier sind genug für uns beide, deswegen braucht keine Feindschaft zwischen uns zu sein.« »Da unten krabbeln die Krebse!« rief das Weibchen. »Und da ist die Plötze ... und der Barsch ... Nein, sieh einmal ... da ist ein ganzer grüner Wald auf dem Grunde des Sees, und die Fische schwimmen zwischen den Zweigen umher, und dort schaukeln sich die Larven der Frühlingsfliege in ihren Köchern ...« »Ja, hier ist es schön,« sagte er in einem Ton, als ob das alles ihm gehöre. »Und wie nett sehen diese Wesen aus!« fuhr das Rohrsängerweibchen fort. »Und so glücklich! sicherlich sind es lauter Neuvermählte wie wir.« »Natürlich. Im Frühling heiratet man eben, Aber so glücklich wie wir ist gewiß niemand in der ganzen Welt.« Bei diesen Worten streckte der Rohrsänger den Hals vor und sang mit schallender Stimme: »Nichts gleicht in der Welt der Liebsten mein. Wie ist sie so schön, so gut und rein! Wem könnt' ihr Gesang nicht gefallen! Der andere schwärme, für wen er mag, Ich sag' es von neuem mit jedem Tag: Mein Liebchen die schönste von allen!« »Du willst mich ja nur diesen Sommer lieb behalten?« scherzte sie. »Im Liede sagt man so mancherlei!« war seine Antwort. Zweites Kapitel: Ein Weltmann Das Rohrsängerweibchen seufzte fünfmal tief auf, und bei jedem Seufzer legte sie ein Ei. Dann setzte sie sich selber auf die fünf Eier und seufzte abermals. Und das Rohr schwankte in dem warmen Winde, und das Nest schwankte mit, und die Eier, die darin lagen, und das niedliche braune Weibchen, das auf den Eiern saß, schwankten auch. Und auch das Männchen schwankte. Denn wenn das eine Schilfrohr sich bewegt, bewegt sich auch das andre, und das Männchen saß just auf dem benachbarten Halm. »Du hast es nicht schlimmer als die andern, mein Schatz,« sagte er. »Schau ins Wasser hinunter, so wirst du's schon sehen.« »Ich kann nichts sehen und bekomme vier Wochen lang nichts zu sehen,« erwiderte sie ganz traurig. »Larifari,« sagte der Rohrsänger, »Du kannst recht gut einmal ein bißchen hinuntergucken, wenn du dich dann sofort wieder hinlegst.« Und so guckte sie denn hinab. Da unten war allerdings viel Leben. Dort schwamm die Schlammschnecke mit ihrem spitzen Schneckenhaus auf dem Rücken. Sie stand im Wasser geradezu auf dem Kopf und bildete mit ihrem breiten Fuß ein Boot, das auf der Wasseroberfläche lag und die ganze Geschichte trug. Dann streckte sie den Fuß, so daß das Boot verschwand, sank zu Boden und heftete dabei einen ganzen Haufen schleimiger Eier an einen Seerosenstengel. Dort kam der Hecht und brachte ein Ei in einem Tausendblattstrauch an. Der Karpfen tat ein gleiches, und der Barsch hängte ein zierliches Eiernetz zwischen den Binsen auf, wo die Rohrsängerleutchen ihr Nest gebaut hatten. Der Frosch kam mit seinen Eiern, der Stichling hatte sein Nest beinahe fertig, und Hunderte von Tieren, die so klein waren, daß man sie kaum sehen konnte, liefen umher und rüsteten sich zum Eierlegen. »Die armen Frauen!« sagte das Rohrsängerweibchen. »Sie haben wirklich ein saures Dasein.« In diesem Augenblick hob der Aal seinen Kopf aus dem Schlamm empor. »Wenn Ew. Gnaden es mir gestatten wollen – denn ich habe mich gleichfalls in der Welt umgesehn – so möchte ich bemerken...« Das Rohrsängerweibchen schrie leise auf. »Ich kann diese Person nicht leiden,« sagte sie zu ihrem Mann. »Er gleicht der Kreuzotter, die im vorigen Jahr meine kleine Schwester gefressen hat, als sie fliegen lernen sollte und dabei auf die Erde fiel. Der Bursche hat dieselben garstigen Manieren und ist ebenso glatt.« »O,« sagte der Aal, »ich bedauere außerordentlich, Ew. Gnaden Mißfallen zu erregen. Und ganz ungerechterweise. Ich bin nur ein Fisch und nicht im geringsten verwandt mit der Kreuzotter, die sich Ihrem Fräulein Schwester gegenüber die kleine Freiheit herausnahm. Bei oberflächlicher Betrachtung kann man vielleicht sagen, daß wir einander ähnlich sehen... in Figur und Bewegung... man muß sich eben winden, so gut man kann. Aber ich bin denn doch bedeutend glatter. Mein Name ist Aal. Zu dienen.« »Meine Frau sitzt auf unsern Eiern,« sagte der Rohrsänger. »Sie kann nicht gut Gemütsbewegungen vertragen.« »Natürlich, Herr Rohrsänger,« sagte der Aal. »Ich habe auch gar nicht die Absicht, irgendwie lästig zu fallen. Aber da ich ebenso wie die Herrschaften viel auf Reisen bin, dachte ich, ein Gespräch einleiten zu dürfen, in der Hoffnung, daß wir das gleiche unbefangene Urteil über die kleinen Verhältnisse hier im See haben.« »Sie reisen viel? ... Können Sie denn fliegen?« »Nicht so ganz. Fliegen kann ich eigentlich nicht. Aber ich kann mich winden. Ich kann ein gutes Stück weit auf dem festen Lande spazieren gehen, was mir nicht viele Fische nachmachen. Im feuchten Grase befinde ich mich äußerst wohl, und wenn Sie mir auch nur einen ganz erbärmlichen Graben zur Verfügung stellen, werd' ich mich nicht beklagen. Ich komme geradeswegs aus dem Meere, müssen Sie wissen. Und wenn ich mich hier fettgefressen habe, kehre ich wieder zum Meere zurück.« »Das ist ja alles mögliche,« meinte der Rohrsänger. »Ja,« sagte der Aal bescheiden. »Und gerade weil ich mich in der Welt umgesehen habe, kommt mir all dies Getue mit den Kindern hier im See ein bißchen lächerlich vor.« »Sie reden recht leichtfertig, mein lieber Aal! Man merkt, daß Sie weder Frau noch Kinder haben.« »O,« rief der Aal, indem er den Schwanz recht flott schwenkte, »wie man's nimmt! In diesem Jahr habe ich etwa eine Million Aale in die Welt gesetzt.« »Du meine Güte!« schrie das Rohrsängerweibchen. »Übertreiben Sie auch nicht?« fragte ihr Mann, auf den die Leistung des Aales gleichfalls großen Eindruck machte, der es sich aber nicht anmerken lassen wollte. »Möglich,« entgegnete der Aal. »Mit den großen Zahlen ist es ja nicht so einfach. Und es spielt auch keine Rolle. Ziehen sie meinetwegen die Hälfte ab, wenn Ihr Gewissen dann beruhigt ist.« »Und was sagt denn Ihr eignes Gewissen zu einer so ungeheuer großen Nachkommenschaft?« »Ich habe es noch nicht befragt,« erwiderte der Aal. »Wie bekommt Ihrer Frau denn die Geschichte?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Kann's nicht sagen, habe sie nie gesehn.« »Sie haben Ihre Frau nie gesehn?« »Nein, Ew. Gnaden. Auch meine Kinder nicht, wir Fische fassen diese Dinge überhaupt nicht so feierlich auf.« »Da tun Sie Ihren Kameraden aber wirklich unrecht,« sagte der Rohrsänger. »Vor einem Augenblick habe ich mit meinen eignen Augen gesehn, wie der Stichling da unten ein Nest für seine Kinder baut.« »Der Stichling!« höhnte der Aal. »Ich kann Stichlinge nicht leiden, sie bleiben einem so eklig im Halse stecken. Aber das ist eine Sache für sich. Was ist ein Stichling? frage ich Sie. Ich erinnere mich, daß ich einmal gefangen war und geschlachtet werden sollte. Ich war damals noch sehr klein, und die Köchin, die mich mit dem Messer totstechen sollte, sagte: So ein Stichling!« »Waren Sie gefangen? Sollten Sie geschlachtet werden?« fragte der Rohrsänger eifrig. »Wie in aller Welt sind sie denn da entwischt?« »Ich bin der Köchin aus der Hand geglitten. Dank meiner glatten Haut, die der gnädigen Frau so mißfallen hat. Dann glitt ich in den Spülstein... durch das Abflußrohr, in den Rinnstein, in den Graben usw. Man muß sich nur winden.« »Das muß ich sagen!« rief der Rohrsänger. »Man erlebt ja so mancherlei,« fuhr der Aal fort. »Aber um auf das zurückzukommen, wovon wir vorhin sprachen ... Wir Aale zum Beispiel, wir werfen unsere Jungen in das große Meer und überlassen es ihnen, wie sie fertig werden, wir sind Leute, die die Welt kennen und wissen, was zum Leben gehört, darum werfen wir sie en gros aus ... eine Million, wie ich vorhin sagte ... Verzeihung: eine halbe Million, um Ihre Wahrheitsliebe nicht zu kränken. Die Kinder lernen dann sofort auf eignen Füßen stehn. Ich bin selber so erzogen worden und habe mich winden gelernt.« »Das verstehe ich nicht,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Bedaure sehr,« erklärte der Aal. »Vielleicht ist meine Unterhaltung auch wirklich etwas zu stürmisch für eine Dame, die auf Eiern liegt!« »Ich finde, Kinder gehören zum Holdesten, was es gibt. Man muß sie lieb haben, mögen es nun die eignen oder die andrer Leute sein.« »Die Damen haben immer recht,« sagte der Aal, indem er zwei Frühlingsfliegenlarven und einen unkonfirmierten Regenwurm verzehrte. »Aber, Ew. Gnaden ... habe ich mich geirrt, oder sah ich Sie nicht vorhin eine Larve fressen, die Ihr Gemahl Ihnen brachte?« »Eine Larve?« »Ja ... das ist doch auch ein Kind?« »Mir wird übel,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Man muß sich winden!« rief der Aal, und weg war er. Der Rohrsänger rief seine Frau wieder ins Leben zurück durch drei fette Fliegen, sieben traute Lieder und einen gelinden Puff in den Nacken. »Da siehst du, was du an mir hast!« sagte er, als sie es wieder vertragen konnte, daß er mit ihr sprach. »Wie ich dich füttre und dir Liedchen vorsinge! Bedenke, wie die andern Männer sind!« »Ich bin ja auch zufrieden mit dir,« war ihre Antwort. Drittes Kapitel: Eine Mutter Die Zeit verstrich, und alle ehrbaren Vogelweibchen saßen auf den Eiern und schauten gar ernst aus den Augen, während ihre Ehemänner ausflogen, um Fliegen für sie zu fangen, oder ihnen etwas vorzuzwitschern. Auch bei dem Rohrsängerpärchen war es nicht anders. Aber es ließ sich nicht leugnen, daß der Rohrsänger manchmal etwas müde und verdrießlich war. Dann dachte er daran, wie gut der Aal und der Frosch und der Barsch und alle die andern Ehemänner es doch hätten. Eines Abends saß er beim Neste und sang: »Nun ist es Frühling – Gott sei Dank, Wenn's auch recht hart ist für einen Sänger. Flüchtig nur liebt' ich frei und frank, Renne umher jetzt als Fliegenfänger. Schlüpfen die Kleinen erst aus dem Ei, Wird noch ärger die Schererei!« »Wenn du's schon müde bist, hättest du die Finger davon lassen sollen,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Anfangs hast du dich gehörig für mich herausgeputzt. Wie hübsch du warst! – – – Ich finde, du fängst schon an, die Farben zu verlieren.« »Das Leben nimmt einen mit,« erwiderte er. »Wenn man so bei jedem Wetter auf die Fliegenjagd hinaus muß, geht der Hochzeitsstaat schnell genug flöten.« »Ich finde auch, du singst nicht mehr so schön wie früher.« »Nicht? Dann kann ich auch schweigen. Ich zwitschere ja nur deinetwegen. – Übrigens, verstehst du wohl, daß ich nur Spaß mache. Ich freue mich fürchterlich auf die Kinder. Es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein, sie vollzustopfen, bis sie platzen. Vielleicht hätten allerdings drei genügt ...« »Du solltest dich schämen.« »Das tu ich auch, meine Liebe. Den zweien gegenüber. Aber da ich nicht weiß, welche beiden es sind, macht es nichts.« Das Weibchen setzte ein sehr ernstes Gesicht auf. Aber er fing schnell eine fette Fliege, steckte sie ihr in den Mund und trillerte so herrlich, daß sie wieder ganz verliebt in ihn war. Da ertönte unten vom Wasser unter dem Uferabhang her ein tiefer Seufzer. »Der kam von einer Mutter,« rief das Rohrsängerweibchen. »Das konnte ich deutlich hören.« »Stimmt!« sagte eine grobe Stimme. Die Rohrsänger guckten hinab und erblickten einen Krebs, der im Schlamme saß und mit seinen Stielaugen heraufstarrte. »Herr Gott, sind Sie's, Madam Krebs!« rief das Rohrsängerweibchen. »Allerdings, liebe Frau,« erwiderte der Krebs. »Ich selbst und niemand anders, hier saß ich im Dreck und hörte der Unterhaltung der Herrschaften zu. Jesses, wie gut und reichlich so eine vornehme Dame es doch hat im Vergleich mit unsereinem!« »Ein jeder hat sein Päckchen zu tragen,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Sie können mir glauben: schön ist es wahrhaftig nicht, hier zu liegen im Schweiße seines Angesichts!« Der Krebs verdrehte die Augen und faltete die Fühlhörner. »Ja, ja, Sie können gerade mitreden! wie lange dauert's denn bei Ihnen? Sagen wir: vier bis fünf Wochen, während ich mit meinen Eiern sechs Monate herumlaufe.« »Du meine Güte! Aber Sie können sich doch wenigstens dabei bewegen!« »Ach! Mit der Bewegung ist's nicht weit her bei einem Krebs! Und die gnädige Frau hat nur fünf Eier, aber ich habe zweihundert.« »Gott behüte!« rief da der Rohrsänger. »Ihr armer Mann muß sich dann aber ordentlich abrackern, um Nahrung für eine so große Familie herbeizuschaffen.« »Der? Das Ungetüm!« war die Antwort des Krebses. »Der hütet sich wohl. Ich hab seit der Hochzeit nichts von ihm gesehn.« »Sie müssen doch ein riesiges Nest für alle die Eier brauchen,« bemerkte das Rohrsängerweibchen. »Man merkt's, daß Sie nicht mit den Verhältnissen kleiner Leute Bescheid wissen, liebe Frau,« sagte der Krebs. »Unsereins kann sich kein Nest leisten. Nein, ich muß brav die Eier mit mir herumschleppen.« »Wo haben Sie sie denn, Madam Krebs?« »Ich trage sie an den Hinterbeinen, gnädige Frau, sehen Sie, ich habe zehn kleine Hinterbeine, außer den acht richtigen Beinen und den Scheren natürlich, die man bitter nötig hat in dieser bösen Welt, um damit um sich zu beißen. Und an jedem der Hinterbeine sitzt ein Klumpen von zwanzig Eiern. Das macht im ganzen zweihundert. Sie können sich selbst davon überzeugen. Die Eier sind des Ansehns wert.« Damit legte Frau Krebs sich auf den Rücken und streckte den Schwanz aus, so gut sie konnte. Und richtig, da saßen die Eier an zehn schwarzen Beinchen. »Das kommt davon, wenn man zu viele Hinterbeine hat,« sagte der Rohrsänger. »Pfui, schäm dich, dich über die arme Frau noch lustig zu machen!« rief seine Ehehälfte. Aber Madam Krebs drehte sich wieder langsam um und sagte ruhig: »Die Herren sind immer so witzig, wir Frauenzimmer verstehen einander besser. Aber das mit den Eiern mag noch hingehn. Wenn bloß das nicht wäre, daß man sein Kleid nicht wechseln kann!« »Wechseln?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Ja ... Sie wechseln doch auch zuweilen Ihr Kleid, gnädige Frau, wie ich weiß. Ich habe mit diesen meinen ehrlichen Augen gesehn, wie die Federn auf dem Wasser herumschwammen. Und wie leicht und nett geht das! Eine Feder wird hier erneuert und eine Feder da, und dann ist die Sache in Ordnung. Aber wir armen Geschöpfe, die wir einen steifen Panzer tragen, müssen ihn auf einmal ganz ablegen. Und das kann ich ja nicht, solange ich die Eier mit mir herumschleppe, sehen Sie! Seitdem ich verheiratet bin, kann ich nur einmal im Jahr mein Kleid wechseln. Man nimmt ja nun immer etwas an Umfang zu, wenn man auch nur eine einfache Frau ist, darum drückt einen der alte Panzer manchmal gar sehr, Sie können's mir glauben!« Das Rohrsängerweibchen war tief erschüttert, und ihr Mann fing an zu singen, denn er hatte Angst, all dieser Kummer könne die Eier melancholisch machen und der Singstimme der Kinder schaden. Aber auf einmal schrie Frau Krebs laut auf, schlug mit den Scheren um sich und benahm sich wie besessen. »Sehen Sie, gnädige Frau ... nun können Sie sich eine Vorstellung machen ... da kommt das Ungeheuer!« Das Rohrsängerweibchen lehnte sich so weit über den Rand des Nestes, daß sie in den See geplumpst wäre, wenn ihr Mann ihr nicht beizeiten einen ordentlichen Puff versetzt hätte; aber zum Schelten hatte er keine Zeit, denn er war selber neugierig. Beide starrten voller Erwartung ins Wasser hinab. Und wirklich kam der Mann der Madam Krebs langsam rücklings auf seine Frau zu. »Tag, Mutter!« sagte er. »Ich werde mein Kleid wechseln.« »So, du frecher Bursche!« schrie sie. »Das sieht dir ähnlich. Du rennst herum und wechselst jeden Augenblick das Kleid, während deine unglückliche, rechtmäßige Ehefrau hübsch dieselbe Montur anbehalten muß. Du solltest lieber an mich und die Kinder denken.« »Warum sollte ich das, Mutter?« erwiderte er ruhig. »Was kann das viele Denken nützen? Und wozu soll ich mich in Frauenarbeit mischen? Aber was getan werden muß, wird getan. Halt den Mund, während die Sache vor sich geht, denn das sind durchaus keine Narrenpossen!« Nun sahen die Rohrsänger, wie der Krebsmann sich auf dem Schwanz in die Höhe richtete, und wie er quer über den Rücken hin aufbarst. Dann krümmte und wand er sich und streifte die Jacke über den Kopf ab. »Das wäre erledigt,« sagte er und verschnaufte sich ein wenig. »Nun kommen die Hosen an die Reihe!« Die Rohrsängerfrau zog den Kopf zurück, guckte aber dann doch wieder hinunter. Und der Krebs schüttelte und rüttelte sich, und – eins, zwei, drei! – lag auch die Schwanzschale da. Jetzt war er ganz weich, war sonderbar anzusehen und sprach mit recht verzagter Stimme. »Adieu, Mutter,« sagte er. »Grüß die Kinder, denn sie sind wahrscheinlich schon über alle Berge, wenn ich wiederkomme. Ich ziehe mich für etwa zehn Tage zurück und bin für niemand zu Hause.« »Du roher Bursche, du Ungeheuer!« schrie die Madam. »Da sehen sie's ... nun kriecht er in sein Loch und faulenzt. In zehn Tagen kommt er im funkelnagelneuen Anzug wieder und spielt sich gewaltig auf. Dann geht er in die Kneipe und ißt und trinkt nach Noten.« Sie rang ihre Scheren und wirtschaftete entsetzlich mit den Stielaugen. »Ich hätte wahrhaftig Lust, ihm in das Loch nachzukriechen und ihn totzukneifen,« fügte sie hinzu. »In dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, ist sein Leben nämlich keinen Pfifferling wert. Aber man hat ihn ja doch mal geliebt. Und man ist ja nur ein törichtes Frauenzimmer.« »Na ja, Madam Krebs, sie müssen doch auch an die Kinder denken!« sagte das Rohrsängerweibchen. »Allerdings,« erwiderte sie, »und die sind mein einziger Trost. Die lieben Kleinen, ich könnte sie aufessen. Sie sollen bloß mal sehen, gnädige Frau, wie sie mir in der ersten Woche an den Röcken hängen, vor lauter Zärtlichkeit können sie sich gar nicht von mir trennen.« »Wie reizend das ist!« meinte das Rohrsängerweibchen. »Nicht wahr. Und später machen sie mir auch keine Mühe mehr. Sie können's mir glauben, liebe Frau, wenn sie erst eine Woche alt sind, dann gehen sie in die Welt hinaus und sorgen für sich selbst. Das liegt ihnen so im Blut. Noch nie hat man hier im See gehört, daß ein Krebs, der zwölf Tage alt ist, seiner Familie zur Last gefallen wäre. Dann ist man sie eben los. Das mag traurig sein, aber es ist natürlich eine große Erleichterung ... bedenken sie: Zweihundert Kinder sind für einen bescheidenen Haushalt keine Kleinigkeit. Aber Sie sollen sie sehen, liebe Frau, wenn sie kommen ... ich muß mich förmlich zusammennehmen, sie nicht aufzuessen. So allerliebst sind sie.« »Ich will Ihnen etwas sagen, Madam Krebs,« erklärte das Rohrsängerweibchen. »Wenn meine Jungen ausschlüpfen, so sollen Sie die Schalen bekommen!« »Wie gut Sie sind! Sie könnten mir keine größere Freude machen. Denn ich will Ihnen gestehen ... ich fresse die Schalen. Ich fresse so viel Kalk, wie ich nur kriegen kann, wenn die Zeit kommt, wo ich mein Kleid zu wechseln habe, denn das neue wird steifer davon. Aber dann müssen Sie mir auch wirklich versprechen, gnädige Frau, sich meine Jungen richtig anzusehen. Sie sind so allerliebst, daß ich sie – weiß Gott! – aufessen könnte!« In diesem Augenblick sah man im Wasser einen großen Karpfen mit müdem, traurigem Gesichte stehen. »Du ißt sie ja auch wirklich auf, du abscheuliches altes Weib!« sagte er. »I, Gott erbarme sich!« schrie da die Madam und begab sich schleunigst rücklings in ihr Loch und ließ sich nicht wieder sehen. Aber das Rohrsängerweibchen auf seinen fünf Eiern wurde ohnmächtig, und der Karpfen schwamm mit seinem müden, betrübten Gesichtsausdruck weiter. Viertes Kapitel: Die Wasserspinne Dem Rohrsängerweibchen ging es nicht gut. Sie war nervös und war es müde auf den Eiern zu liegen – sie hatte geradezu Fieber. In der Nacht konnte sie nicht schlafen, oder sie träumte von dem Krebs, dem Karpfen und dem Aal und schrie dann auf, so daß ihr Mann vor Schreck beinah in den See gefallen wäre. »Ich wünschte, wir hätten uns anderswo angesiedelt,« sagte sie. »Hier in diesem See gibt es wohl nur ganz einfache Leute. Und wenn man denkt, wie mich die Krebsmadam zu Tränen gerührt hat. Glaubst du wirklich, daß sie ihre Kinder auffrißt?« Bevor ihr Mann antworten konnte, streckte der Aal den Kopf aus dem Schlamm herauf und machte seine Reverenz. »Unbedingt, Ew. Gnaden,« sagte er. »Unbedingt, wenn sie sie nämlich erwischen kann. Sobald sie dazu imstande sind, bringen sie sich in Sicherheit, denn sie wittern ja, was ihrer wartet. Kinder sind klüger, als man denkt.« »Das ist ja grauenhaft!« sagte das Rohrsängerweibchen. »Nun ja,« meinte der Aal. »Man verzehrt in Jahr und Tag allerdings so mancherlei. Ich verurteile die Frau deswegen nicht. Aber ich gebe zu, daß sich so etwas bei all der Zärtlichkeit nicht gerade gut ausnimmt. – – Hallo ... da ist der Hecht ... Entschuldigen Sie, daß ich mich zurückziehe und diese interessante Konversation abbreche.« Und weg war er. Zwischen den Binsen ließ sich der Hecht sehen, mit weitgeöffnetem Maul, tausend spitzen Zähnen und boshaften Augen. »Uff!« rief das Rohrsängerweibchen. »Komm herab, mein Täubchen, damit ich dich fresse!« sagte der Hecht einladend und grinste mit den Zähnen. »Bleiben Sie, bitte, in Ihrem Element,« entgegnete das Rohrsängerweibchen gekränkt. »Ich fresse alles,« erklärte der Hecht, »a–alles. Ich wittre den Aal, ich wittre den Krebs, ich wittre den Karpfen. Wo sind sie? Sagt es mir auf der Stelle, oder ich zerbreche euer elendes Rohr mit einem Schlage meines Schwanzes.« Die Rohrsängerleutchen waren vor Angst mäuschenstill. Und der Hecht schlug mit dem Schwanz um sich und segelte davon. Der Schlag war so heftig, daß das Röhricht aufseufzte und schwankte und die Vögel mit bangem Geschrei emporflogen. Aber die Halme hielten stand, und das Nest blieb hängen. Das Rohrsängerweibchen setzte sich von neuem zurecht, und ihr Mann sang aus Herzenslust, damit niemand merken sollte, wie sehr er sich gefürchtet hatte. »Hier ist's wahrhaftig gemütlich,« zeterte sie dann. »Du nimmst dir das alles viel zu sehr zu Herzen,« erwiderte er. »Das Leben ist überall gleich, und wenn man sich nur miteinander verträgt, muß man zufrieden sein. Ich habe nur große Angst, daß all diese Aufregung den Stimmen unsrer Kinder schadet, und daß wir beim Herbstkonzert keine Freude an ihnen erleben. Darum nimm dich zusammen, und beherrsche dich!« »Du hast gut reden,« sagte sie. »Ich kenne das Leben. Mein unschuldiges Schwesterchen wurde von einer Kreuzotter gefressen, und meine Mutter wurde von einem Habicht ergriffen, als sie uns soeben fliegen gelehrt hatte. Ich selbst mußte im vorigen Herbst Hals über Kopf nach Italien reisen, um nicht zu verhungern. Dann kamst du, und ich habe schon erkannt, daß die Ehe nicht nur Wonne und Seligkeit ist. Aber man will doch gern Ruhe haben, während man die Eier ausbrütet. Und nun mache ich mir natürlich Gedanken darüber, wie es unsern Kindern in dieser Mördergrube gehen wird. Kinder nehmen so leicht an, was sie bei andern sehen. Und was für Beispiele haben sie hier vor Augen! Schließlich endet es noch damit, daß sie ihre eigenen Eltern auffressen.« »Ja, warum auch nicht, wenn sie gut schmecken?« ließ ein feines Stimmchen unten an der Oberfläche des Wassers sich vernehmen. Das Rohrsängerweibchen fuhr zusammen und wagte kaum hinabzusehen. Auf einem Seerosenblatt saß eine kleine Wasserspinne und putzte ihren feinen Samtpelz. »Sie sehen mich so scharf an, Herr Rohrsänger, aber Sie fressen mich ja doch nicht,« sagte sie. »Ich liege Ihnen zu schwer im Magen. Ich bin ein bißchen giftig ... nur für den Hausbedarf natürlich. Sonst bin ich die bravste Frau hier im Wasser.« »Und Sie sagen, man solle seine Eltern fressen?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Mag sein, daß das zu starker Tabak für einen Vogel ist,« erwiderte die Spinne. »Eines schickt sich nicht für alle. Ich weiß nur so viel, daß ich im vorigen Jahr meine Mutter aufgefressen habe, und das war eine vornehme, appetitliche alte Dame.« »Sing mir etwas vor, oder ich sterbe!« schrie das Rohrsängerweibchen. Und ihr Mann sang ein Lied, während beide nach der Wasserspinne hinabspähten. Die Spinne sprang kopfüber ins Wasser. Einen Augenblick ließ sie ihren Hinterleib über die Oberfläche hinausragen und sperrte die Spinnwarzen auf, bis sie mit Luft gefüllt waren. Und dann ließ sie sich sinken und glitt, glänzend wie Silber, zu Boden. »Das sieht hübsch aus,« sagte der Rohrsänger. »Schweig still,« herrschte seine Frau ihn an und reckte sich vor Eifer fast den Hals aus. Tief unten in einem Busch hatte die Spinne eine Glocke gesponnen, die sie mit Luft füllte. Die Glocke war aus dem feinsten Gespinst und nach allen Seiten hin mit starken, feinen Fäden befestigt, so daß sie nicht fortgetrieben werden konnte. Und ringsherum war ein großes Fangnetz angebracht; es hing gerade eine Wassermilbe darin, und die Spinne zog sie dann in die Glocke hinein und sog sie aus. »Höchst merkwürdig,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Sie hat ja ein Nest wie wir, das zwischen den Binsen aufgehängt ist. Gott weiß, ob sie auch auf Eiern liegt.« »Frage sie doch,« riet ihr Mann. »Erst will ich über die Sache mit ihrer Mutter Bescheid haben,« erwiderte sie streng. Nach einer Weile tauchte die Spinne wieder auf, setzte sich auf das Seerosenblatt und putzte sich. »Sie haben wohl zu mir herabgeschaut?« begann sie. »Nicht wahr, es ist ganz nett bei mir? Ein hübsches Stübchen! Ich bin ja nämlich eigentlich ein Lufttier, genau wie Sie, meine Herrschaften. Da ich aber mein Gewerbe im Wasser ausübe, ist es am einfachsten für mich, die Sache so einzurichten. Es ist wirklich gemütlich da unten, das können Sie mir glauben. Und im Winter verschließe ich meine Tür und schlafe wie ein Murmeltier.« »Haben Sie Eier?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Aber gewiß,« war ihre Antwort. »Ich habe alles, was zu einem ordentlichen Haushalt gehört, sogar sehr viele Eier. Nach und nach lege ich sie und hänge sie in kleinen Bündeln an die Decke meiner Stube.« »Brüten Sie sie denn nicht aus?« »Nein, liebe Frau. Ein so warmes Herz habe ich nicht. Und das ist auch nicht notwendig. Die Kleinen schlüpfen von selber aus.« »Hat Ihr Mann Ihnen geholfen, die Stube zu bauen?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Der arme Schlucker hat genug mit seinem eigenen Bau zu tun gehabt,« erwiderte die Wasserspinne, »Sie müssen auch nicht glauben, daß ich ihn in meiner Kammer haben möchte. Er hat sich eine kleine Stube nebenan gebaut, und zwischen uns befand sich ein Durchgang. Das war mehr als ausreichend.« »War?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Jetzt nicht mehr? Ja ... Sie dürfen mir meine Frage nicht übelnehmen, falls sie Sie verletzen sollte ... Es wird mir'n bißchen schwer, mich in den ehelichen Verhältnissen der unteren Klassen zurechtzufinden ... Sie wissen vielleicht gar nicht, wo Ihr Mann ist?« »Doch, das weiß ich. So ungefähr wenigstens. Ich hab ihn am letzten Mittwoch aufgefressen.« »Du himmlischer Vater!« »Er war mir im Wege!« fügte die Spinne hinzu. »Überall stolperte ich über ihn. Und was sollte ich mit ihm anfangen? Da hab ich ihn eben verspeist. Ein recht zäher Bursche war's.« »Am Mittwoch hat sie ihren Mann gefressen und im vorigen Jahr ihre Mutter!« schrie das Rohrsängerweibchen entsetzt auf. »Sing mir etwas vor, Mann, sonst mordet das fürchterliche Frauenzimmer mich noch!« Aber der Rohrsänger war selber so erschrocken, daß er keinen Ton hervorbringen konnte, während die Spinne ganz gleichgültig blieb. »Ja,« sagte sie, »Mutter hab ich bloß aus Hunger gefressen. Ich bin auch leider nicht die einzige gewesen. Meine Geschwister haben sich an dem Schmause beteiligt, wir kamen um vor Hunger, und zu fressen gab's sonst nichts, denn es war im Herbst. Da kam uns Mutter wie gerufen.« Mit diesen Worten hüpfte die Spinne wieder ins Wasser. Aber in der folgenden Nacht tat das Rohrsängerweibchen kein Auge zu. Fortwährend flüsterte sie vor sich hin: »Sie hat ihre Mutter aufgefressen ... und am Mittwoch ihren Mann!« »Denk nicht mehr dran!« mahnte der Rohrsänger. »Deine Mutter ist dem Habicht zum Opfer gefallen. Und frissest du mich, so geschieht's aus Liebe.« »Du solltest dich schämen, in den gegenwärtigen Zeiten zu scherzen,« sagte seine Frau. »Ich meine, die Zeiten sind immer die gleichen,« erwiderte er. »Die Gegenwart ist immer am schlimmsten.« Dann dämmerte der Morgen, die Sonne schien und der Rohrsänger sang seinem Weibchen ein Liedlein vor, bis sie wieder vergnügt war. Fünftes Kapitel: Der Wasserschlauch Jetzt konnten die Jungen des Rohrsängerpärchens mit jedem Tag erwartet werden. Das Weibchen war außerordentlich nervös und verdrießlich. Ihr Mann konnte ihr beim besten Willen nichts recht machen. Brachte er ihr eine Fliege, so schüttelte sie den Kopf und sagte, wie er glauben könne, daß sie unmittelbar vor dem wichtigsten Ereignis ihres Lebens zu essen vermöge. Brachte er ihr keine Fliegen, so erklärte sie, es sei offenbar seine Absicht, sie dem Hungertode zu überliefern. Sang er ihr etwas vor, so rief sie, sie könne das nicht anhören. Schwieg er, so meinte sie, es sei deutlich zu merken, daß er sich nichts mehr aus ihr mache. »Du weißt gar nicht, wie gut du's bei mir hast,« sagte er. »Du solltest mal eine kleine Weile mit dem Aal oder mit dem Krebsmann verheiratet sein, dann würdest du was erleben!« »Und du hättest lieber die Frau Spinne heiraten sollen! Dann wärst du jetzt aufgefressen!« war die Antwort des Rohrsängerweibchens. »Liebe Frau! Liebe Frau!« rief Madam Krebs aus dem Schlamm herauf. »Nun?« fragte der Rohrsänger. »Ich halt es nicht aus!« seufzte seine Frau. »Ich wollte Ihnen nur sagen, liebe Frau,« rief die Krebsmadam, »Sie möchten die Schalen für mich nicht vergessen.« »Ich will nichts mit so einer herzlosen Person zu tun haben, die ihre eignen Kinder auffrißt!« erwiderte das Rohrsängerweibchen. »Jesses, Sie glauben doch wohl nicht, was der gemeine Karpfen, der vorhin hier war, erzählt hat? So ein widerwärtiger, boshafter Bursche! Er gehört eigentlich nicht mal hier zum See, müssen Sie wissen. Ein richtiges Menschentier ist er. Man hat ihn hier ausgesetzt, bloß um ihn fett zu machen und später zu essen ... ich hab es im vorigen Jahr selber gesehn ... damals war er erst ein ganz junges Bürschchen, jetzt ist er groß und dick geworden von dem Menschenfutter, und Zeit hat er ja genug, weil er nicht zu arbeiten braucht wie unsereiner. Der rennt bloß herum und verleumdet die armen Leute und nimmt uns unsern guten Ruf und die Teilnahme der Herrschaften.« »Halten Sie den Mund, Madam Krebs,« sagte der Rohrsänger. »Sie machen meine Frau noch ganz verrückt mit Ihrem Gewäsch!« »Jesses, ja, ich bitt auch vielmals um Verzeihung,« sagte Frau Krebs, »ich wollte die gnädige Frau bloß an die Schalen erinnern.« Damit begab sie sich rücklings in ihr Loch zurück. »Warum willst du immer an diese Bande denken!« sagte der Rohrsänger zu seiner Frau. »Es gibt doch noch was andres in der Welt außer Krebsen, Aalen und Spinnen, sieh dir jetzt lieber etwas Schönes an, das ist augenblicklich besser für dich.« »Zeig mir etwas!« flüsterte sie matt. »Sieh dir die schöne gelbe Blume dort unten an!« schlug er vor. »Schau, wie allerliebst sie sich überm Wasser erhebt! Die kann doch unmöglich ein Räuber oder Bandit sein!« Wirklich wuchs da eine schöne gelbe Blume, die auf langem, dünnem Stengel vom Boden heraufstrebte und ungeheuer lieb und unschuldig aussah. Das Rohrsängerweibchen betrachtete sie zärtlich und fragte: »Wie heißest du, liebe Blume? Darf ich dich ein wenig ansehn?« »Bitte schön, ich habe nichts dagegen!« erwiderte die Blume. »Ich heiße Wasserschlauch und habe gar keine Zeit dazu, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich habe meine Arbeit, will ich Ihnen sagen, und muß gut aufpassen.« Das Rohrsängerweibchen streckte den Hals vor und schaute ins Wasser hinab. »Die garstige Spinne hat ihr Netz zwischen den Blättern der Blume,« sagte sie. »Ja, was kann der Wasserschlauch dafür?« erwiderte ihr Mann. »So ist es nun mal mit den Blumen: sie stehn, wo sie stehn, und nehmen die Dinge, wie sie sind. Ruhig saugt die Blume ihre Nahrung aus der Erde, und auf ihren Blüten ist kein Flecken, auf ihren Blättern kein Blut. Gerade das macht die Blumen so poetisch und vornehm!« »Schweig still!« rief die Frau Rohrsänger. »Sie sprechen zusammen.« Und so war es. »Hast du etwas gefangen?« fragte der Wasserschlauch. »O gewiß,« erwiderte die Wasserspinne. »Ich geh nicht nüchtern zu Bett. Um diese Jahreszeit sind reichlich Wassermilben vorhanden, da kann ich nicht klagen. – Wie ist's dir ergangen?« »Danke, gut!« war die Antwort des Wasserschlauchs. »150 Mückenlarven und 40 Karpfenkinder hab ich heut nachmittag verspeist. Aber satt bin ich nicht. Ich glaube, ich kann überhaupt nicht satt werden.« »Was sagt er?« flüsterte das Rohrsängerweibchen und sah ihren Mann erschrocken an. »Still!« sagte dieser. »Laß uns weiter zuhören!« Die Spinne ging in ihre Kammer, hängte sieben Eier unter der Decke auf, nahm einen Mund voll Luft zu sich und kam wieder heraus. »Du bist eigentlich ein entsetzlicher Räuber,« sagte sie. »Wohnte ich nicht zur Miete bei dir, so könnte ich wütend auf dich werden. Du nimmst mir ja das Brot vom Munde fort!« »Red doch nicht so dummes Zeug!« beruhigte sie der Wasserschlauch. »Es ist wahrhaftig genug für uns beide da. Ich freue mich gerade darüber, daß ich einen Logiergast habe, der dasselbe Geschäft betreibt wie ich. Dann hat man wenigstens Stoff zur Unterhaltung.« »Wie sonderbar ist es im Grunde, daß eine Blume wie du ein Räuber geworden ist!« sagte die Wasserspinne. »Sonst liegt euch das doch gar nicht.« »Was soll man dazu sagen?« erwiderte der Wasserschlauch. »Die Zeiten sind hart, unser sind viele, und die Erde ist ganz ausgeplündert. Da bin ich auf diese Tätigkeit verfallen, und das Geschäft geht glänzend. Aber meine Apparate sind auch in schönster Ordnung. – Willst du sie mal sehen?« »Gern!« erwiderte die Spinne. »Aber du tust mir doch wohl nichts zuleide?« »Sei unbesorgt,« sagte der Wasserschlauch lachend. »Du bist mir zu groß. Lauf an einem meiner Stengel entlang, dann will ich dir das Ganze erklären.« Die Spinne stieg vorsichtig ein Ende auf dem Zweige hinab, blieb stehen und betrachtete die kleine Blase, die dort zu sehen war. »Ja, das ist eine meiner Fallen,« begann nun der Wasserschlauch. »Darin fange ich meine Beute ein. Ich habe zweihundert Stück von der Sorte.« »Dann kannst du also zweihundert Wassermilben auf einmal fressen?« fragte die Spinne voller Neid. »Allerdings, wenn so viele kommen. Aber so viel Glück hab ich nie. – – Sieh einmal! Neben der Blase ist eine kleine Klappe angebracht, die ganz lose ist. Wenn irgendein Dummkopf gegen sie stößt, geht sie nach innen auf, und wuppdich! plumpst der Tropf in die Blase hinein. Er kann nicht wieder entschlüpfen, und so fresse ich ihn in aller Ruhe.« »Hörst du's?« flüsterte das Rohrsängerweibchen. Der Rohrsänger bejahte mit traurigem Gesicht. Die Spinne konnte es nicht unterlassen, mit einem ihrer Beine an der Klappe zu zupfen. »Au!« schrie sie plötzlich. Mit einem Ruck fuhr sie zurück, und das Bein blieb in der Blase sitzen. In aller Geschwindigkeit wurde es ganz hineingezogen, die Klappe schloß sich, und weg war das Bein. »Ich möchte um mein Bein bitten!« rief die Spinne zornig. »Habe ich dein Bein?« fragte der Wasserschlauch. »Soso! Du bist an der Klappe gewesen? Ja, wozu tust du das auch, liebes Kind? Ich habe dich ja gewarnt.« »Du sagtest doch, ich wäre zu groß.« »Das bist du auch – leider. Aber in Portionen kann ich dich natürlich recht gut fressen.« »Das ist nicht hübsch von dir als Wirt!« versicherte die Spinne. »Aber da ich noch sieben andre Beine habe, muß ich dir wohl verzeihen.« »Tu das, meine Liebe!« sagte der Wasserschlauch, »weißt du, ich bin nicht recht Herr über mich, wenn jemand an eine meiner Klappen rührt. Dann muß ich fressen, was darin ist. Nimm dich daher ein andermal in acht!« »Du kannst ganz ruhig sein,« erwiderte die Spinne. »Mit einem Burschen, wie du es bist, muß man vorsichtig umgehen. – Wäre es indiskret, zu fragen, wie mein Bein dir mundet?« »Na ja, viel ist nicht dran. Ich bin übrigens jetzt fertig – bitte schön: wenn du die Überreste sehen willst!« Die Klappe wurde geöffnet und ein winziges hartes Stümpfchen ins Wasser geworfen. »Ist das mein Bein?« fragte, die Spinne. »Erkennst du es nicht wieder?« Der Wasserschlauch lachte vergnügt, während die Spinne sich das Stümpfchen näher besah. »Gut Nacht!« sagte sie dann und humpelte betrübt in ihr Kämmerlein. »Gut Nacht!« dankte der Wasserschlauch freundlich. »Und für morgen wünsch ich gute Jagd!« »Gott steh mir bei!« rief das Rohrsängerweibchen. »Das überlebe ich nicht.« Aber in diesem Augenblick spürte sie etwas Lebendiges unter sich. »Die Kinder!« schrie sie. Im Nu war sie auf dem Rande des Nestes. Auf der andern Seite saß ihr Mann und guckte ebenso eifrig. Das eine Ei war ganz entzwei, und eins von den andern war geplatzt. Ein winziges, blindes und nacktes junges Vögelchen lag im Nest, und aus dem andern Ei schaute ein allerliebstes Kinderbeinchen hervor. »Hast du je so etwas gesehen?« schrie sie. »Ist das nicht reizend?« »Entzückend!« krähte er. Und dann fingen sie an, vorsichtig die Eier aufzupicken. Von innen her pickten die Jungen mit ihren kleinen Schnäbeln, und im Laufe von wenigen Minuten waren alle fünf Vögelchen ausgekrochen. »Hilf mir reinmachen!« sagte die glückliche Mutter. Nach allen Seiten flogen nun die Schalen ins Wasser hinunter. »Gott segne das gnädige Frauchen!« rief die Krebsmadam von unten her. Sie war soeben im Begriff, einen kleinen Abendspaziergang anzutreten. Aber niemand hörte sie. Die Rohrsänger waren ganz aus dem Häuschen über ihre Kinder und dachten an nichts andres in der Welt. »Bist du denn von Sinnen?« schalt der Mann. »Sie erfrieren ja. Leg dich schnell auf sie!« Und die junge Mutter legte sich wieder hin, deckte die Kinderchen zu und guckte jeden Augenblick zu ihnen hinab. Der Vater aber saß die halbe Nacht auf dem Rohrwipfel und sang. Sechstes Kapitel: Sommer Der ganze See war lebendig. Da waren nicht bloß große, greuliche Hechte und große, biedere Karpfen, Weißfische, Barsche, Stichlinge und Aale. Da gab es auch Krebse, Frösche und Salamander, Moorschnecken und Teichmuscheln, Wasserkäfer und Schnaken, Taumelkäfer und viele, viele andre Tiere. Da war auch die Ente, die ihre Küchlein herbeirief, und der Schwan, der mit gebognem Halse und rauschenden Flügeln, vornehm und schön, über das Wasser dahinglitt. Da war die Wasserjungfer, die durch die Luft schwirrte, mit ihren Larven, die im Wasser lebten und fraßen, bis sie platzten. Aber das machte nichts – sie mußten platzen, um etwas zu werden. Da war der Wasserschlauch mit seiner unschuldigen gelben Blüte über dem Wasser und seiner Mördergrube unten am Boden. Die Wasserspinne war immer noch sein Logiergast und hatte jetzt den ganzen Speicher voller Eier. Hunderttausend Mückenlarven schwammen an der Oberfläche des Wassers und streckten ihre Luftgefäße empor; sobald nur ein Schatten über das Wasser fiel, liefen sie auf den Grund. Und in der Luft tanzten hunderttausend Mücken. Auch die Seerose fehlte nicht, die recht gut wußte, wie schön sie war, und die sich deshalb vor Stolz nicht zu lassen wußte. Dann waren da die lustigen Kaulquappen. Und wenn man bloß einen Wassertropfen nahm und ihn durch ein Vergrößerungsglas betrachtete, so sah man, daß er über und über angefüllt war mit winzigen Tierchen, die darin herumzappelten und einander auffraßen, ohne sich das geringste dabei zu denken. Aber unmittelbar unter dem Nest des Rohrsängerpärchens hielt sich eine kleine Eintagsfliegenlarve auf, die in ewiger Angst lebte. Eines Tages war sie mit dem Rohrsängerweibchen ins Gespräch gekommen, als dieses sich ins Röhricht hinabbegeben hatte, um mehr Futter für ihre fünf Jungen zu finden, die gar nicht satt werden konnten und stets mehr verlangten. Die Eintagsfliegenlarve war gerade an die Oberfläche gestiegen und hatte jetzt den Schnabel des Vogels dicht über sich. »Lassen Sie mich leben!« bat sie. »Das sagen sie alle,« entgegnete die Rohrsängerfrau. »Meine Kinder wollen auch leben!« Damit schnappte sie nach der Larve. Die aber wand sich so fürchterlich und sah so sonderbar aus, daß das Rohrsängerweibchen es nicht übers Herz brachte, sie zu packen. »Hören Sie mich bloß einen Augenblick an!« flehte die Larve. »Dann tun Sie mir sicherlich nichts zuleide. Ich bin so klein und so dünn und nehme in Ihrem Magen fast gar keinen Raum ein.« »Was wollen Sie denn sagen?« fragte Frau Rohrsänger. »Ich wohne schon lange hier,« erwiderte die Larve. »Und ich habe gehört, wie Sie mit Ihrem Manne und mit dem Krebs und dem Aal und der Spinne gesprochen haben. Was Sie sagten, das war so hübsch. Ich bin überzeugt, Sie haben ein gutes Herz.« »Ich weiß nicht, wie das mit dem Herzen ist. Aber ich habe fünf hungrige Kinder.« »Ich bin selber ein Kind. Und ich möchte so gerne am Leben bleiben, bis ich erwachsen bin.« »Findest Du das Leben denn so schön?« »Das weiß ich nicht. Ich bin ja nur ein Kind. Ich krieche hier unten umher und warte. Wenn ich erwachsen bin, bekomme ich Flügel und kann fliegen, wie Sie.« »Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß Du ein Vogel bist?« »Ach nein, so hoch will ich nicht hinaus. Ich bin und bleibe eine Eintagsfliege.« »Die kenne ich. Ich hab schon viele von der Art verspeist, sie schmecken gut.« »Oh ja – aber warten Sie dann doch lieber damit, mich zu fressen, bis ich erwachsen bin. Sie müssen wissen, ich habe nur wenige Stunden zu leben, wenn ich Flügel bekomme. Ich habe gerade Zeit genug, einmal um den See herumzufliegen und meine Eier ins Wasser zu legen. Dann muß ich sterben. Und darum können Sie mich dann ebensogut verspeisen. Aber jetzt lassen Sie mich entwischen! Und sagen Sie's auch Ihrem Mann. Er ist zweimal hinter mir her gewesen.« »Meinetwegen! Obwohl es dumm von mir ist! Du führst mich wahrscheinlich hinters Licht und lässest dich vorher von einem andern fressen.« »Ich will mein Bestes tun, um den andern zu entgehn. Und ich danke Ihnen vielmals.« Das Rohrsängerweibchen war schon wieder oben im Nest, mit sechs Mückenlarven, die sie auf einmal erhascht hatte. Auch ihr Mann war zur Stelle mit einer Wasserjungfer, die von den Kindern in Stücke gerissen und mit frohem Geschrei verspeist wurde. »Über den Appetit kann man nicht klagen, und über die Stimmen auch nicht,« sagte er. »Wenn sie sich nur bald selber helfen könnten! Ich bin mager wie ein Gerippe.« »Und ich erst!« rief seine Frau. »Aber die Kinder gedeihen, und das ist die Hauptsache.« Er seufzte, flog aus und kam nach Hause und flog wieder aus, und so ging es weiter bis zum Abend. Dann saß das Ehepaar müde am Rande des Nestes und schaute über den blanken See hin. »Es ist sonderbar, wie einen das Leben angreift,« begann die Frau die Unterhaltung. »Manchmal, wenn ich so recht müde bin, kann ich beinah diejenigen Tiere verstehen, die ihre Kinder für sich selber sorgen lassen. Hast du dir den Aal angesehn? Wie fett und vergnügt der ist?« »Ew. Gnaden sprechen von mir?« schrie der Aal und streckte seinen Kopf aus dem Schlamm hervor. »Sie sind doch auch überall!« meinte das Rohrsängerweibchen. »So ungefähr, ja! Man muß sich winden!« »Haben Sie etwas von Ihren Kindern gehört?« »Gott sei Dank, nein! Die Zwirnsfäden tummeln sich im salzigen Wasser herum, und es geht ihnen sicherlich ausgezeichnet, soweit sie nicht aufgefressen worden sind. Aber ein Teil ist ja zweifellos noch am Leben. Eines Tages werden Sie's erleben, daß die jungen Herrschaften hier heraufgewandert kommen. Sie wittern, daß es hier was zu verdienen gibt, und sie machen sich nichts daraus, zwei oder drei Meilen weit zu wandern.« »Ach ja!« seufzte das Rohrsängerweibchen. »Ew. Gnaden seufzen unter der Arbeit, die die Kinderchen Ihnen machen? Ja, sagte ich's Ihnen nicht?« »Ganz und gar nicht,« versetzte jene. »Nie könnte ich mich aufführen wie Sie!« »Man hat doch Pflichten!« sagte der Rohrsänger. »Und einen je höheren Rang man bekleidet, desto größer sind die Pflichten.« »Dann danke ich Gott, daß ich nur niedrig im Range stehe,« erwiderte der Aal. »Ich fühle mich im Moraste ungeheuer wohl.« »Und dann hat man doch auch ein Interesse daran, daß die Poesie nicht ganz aus der Welt verschwindet. Es gibt viel Gesindel und so viel Garstiges, das gebe ich zu. Um so wichtiger ist es, daß wir höheren Tiere etwas für das Ideale tun. Und man kann sich nichts Idealeres denken als die Arbeit eines Familienvaters für die Seinen, so anstrengend sie auch zuweilen sein mag.« »Sie sind heute ja gehörig in Stimmung, Herr Rohrsänger,« sagte der Aal. »Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Aber was die Poesie betrifft, so muß ich gestehen, daß ich in meinem Leben nicht viel davon zu sehen bekommen habe. Und ich habe mich doch genug in der Welt herumgewunden. Überall kommt es darauf an, zu fressen und zu fressen und zu fressen. Und diejenigen, die Kinder zu versorgen haben, sind die schlimmsten Räuber von allen. Ich empfehle mich Ihnen.« »Ein widerwärtiger Patron!« sagte das Rohrsängerweibchen. »Das war lieb von Dir, daß Du ihm mal ordentlich Bescheid gesagt hast. Ich bin ganz Deiner Meinung. Übrigens habe ich heute ein gutes Werk verrichtet.« Damit lief sie ins Röhricht hinunter und guckte ins Wasser. »Bist Du da, mein liebes Lärvchen?« fragte sie. »Danke für die Nachfrage!« erwiderte die Eintagsfliegenlarve. »Und es geht Dir gut?« »O ja. Der Aal hätte mich beinah gesehn; ich war nahe daran, vom Wasserschlauch eingefangen zu werden, und vorhin hat mir die Wasserspinne nachgestellt. Sonst geht es mir aber ganz gut.« »Wer ist denn das nun wieder?« fragte der Rohrsänger. »Ach, das ist ein Schützling von mir,« erwiderte seine Frau. »Eine kleine Eintagsfliegenlarve. Ich hab ihr versprochen, sie nicht zu fressen. Sie freut sich so darauf, daß sie erwachsen sein wird, und ist es nur ein paar Stunden lang, das arme Geschöpf!« Davon, daß sie die Larve fressen wolle, wenn sie erwachsen sei, sagte sie nichts, und der Rohrsänger wurde ernstlich böse. »Was ist das für sentimentales Gewäsch!« schalt er. »Schickt es sich für eine Frau mit fünf Kindern, solche Dummheiten zu begehen?« »Ich fand es so poetisch, sie am Leben zu lassen.« »Dummes Zeug! Poesie und Futterfragen sind zweierlei Dinge. Wenn wir so poetisch sein wollten, würden wir samt und sonders verhungern. Ein so jämmerliches Geschöpf kann auch gar nicht in Betracht kommen.« Mit diesen Worten lief er hinab und spähte eifrig nach der Larve aus, um sie zu fressen. Doch die hatte gehört, was er sagte, und war in größter Herzensangst untergetaucht. Siebentes Kapitel: Der Karpfen Der Sommer verstrich, und die Rohrsänger erlebten immer ärgere Dinge. In allen Familien waren die Jungen ausgeschlüpft und bevölkerten den ganzen See. In der Mitte war er ganz grün von Millionen kleiner Algen. Diese Pflänzchen starben und verfaulten und verbreiteten einen solchen Gestank, daß sieben große Barsche dadurch umkamen und, auf dem Rücken liegend, ans Land getrieben wurden. »Der See blüht!« raunten die Schilfgräser höhnisch. »Wie garstig riecht es hier!« klagte das Rohrsängerweibchen. »Mir gefällt's hier sehr gut,« erklärte darauf der Karpfen, der ins Röhricht geschwommen kam. Er hatte dort Freundschaft mit der Teichmuschel geschlossen, die sich langsam durch den Schlamm vorwärts wühlte oder sich auf dem Grunde festsetzte und gähnte. Die beiden paßten gut zusammen, es waren bedächtige, ruhige Leute, die die gleiche Lebensweise hatten. »Ich mag diese wilde Jagd nach Nahrung nicht mitmachen!« sagte der Karpfen. »Ich sperre das Maul auf, wo das Wasser mir ein bißchen dick vorkommt, und lasse hineinlaufen, was vorhanden ist. Etwas ist immer dabei. Dann bleibt es einem erspart, totzuschlagen und all den Jammer mitanzusehen.« »Ich mache es genau so,« meinte die Teichmuschel. »Diese Methode ist viel vornehmer, und ich bin fett dabei geworden.« So unterhielten sich die beiden, sie sperrten in einem fort den Mund auf und gähnten und waren trotzdem seelenvergnügt. »Nimm Dich in acht, daß Du ihnen nicht zu nahe kommst!« sagte das Rohrsängerweibchen zur Eintagsfliegenlarve. »Ja, vielen Dank, ich werde aufpassen,« erwiderte die Larve. »Der Karpfen und die Muschel sind doch netter als die andern,« berichtete das Rohrsängerweibchen ihrem Manne. »Ja, wieso denn, Ew. Gnaden?« fragte der Aal, der stets da auftauchte, wo man ihn am wenigsten erwartete. »Die tun ja nichts andres als wir alle. Bloß sind die Tiere, die von ihnen gefressen werden, kleiner.« »Es ist ein Unterschied vorhanden, Verehrtester!« sagte der Rohrsänger. »Ihr Mangel an Bildung verhindert Sie nur, ihn zu sehen.« »Ja, man muß sich winden!« verkündete der Aal. Der Rohrsänger würdigte ihn keiner Antwort, sondern wandte sich an den Karpfen und die Muschel, schlug einen kleinen Triller und sagte höflich: »Meine Frau und ich rechnen es sich zur Ehre an, Sie zu begrüßen, meine Herrschaften. Wir haben mit Vergnügen bemerkt, daß Sie viel mehr Lebensart haben als die meisten übrigen Bewohner des Sees. Der Anblick der unglaublichen Brutalität, die hier zutage tritt, hat uns sehr schmerzlich berührt. Für gebildete Leute ...« Er machte eine Pause, schnappte eine Schmeißfliege und warf sie den Kindern ins Nest. »Für gebildete Leute ist es äußerst unangenehm, die unverhüllte Roheit mitansehn zu müssen, mit der man hier für des ...« Er ergriff eine Köcherfliege, fraß sie, wischte sich den Mund und fuhr fort: »... mit der man hier für des Leibes Nahrung und Notdurft sorgt. Sie sind anders, meine Herrschaften. Wenn Sie Flügel hätten, dann wäre ich geneigt zu glauben, daß Sie von Rechts wegen gar nicht in diese Gesellschaft gehörten.« »Ihre Vermutung ist ganz richtig,« erwiderte der Karpfen und fächelte verbindlich mit den Flossen. »Sie haben vollkommen recht,« sagte auch die Teichmuschel und gähnte höflich. »Ich bin in einem andern See geboren,« erzählte nun der Karpfen. »Aber ich muß gestehen, daß ich keine deutliche Erinnerung daran bewahrt habe. Nur so viel weiß ich, daß dort kein so wildes, räuberisches Treiben herrschte wie hier. Ich glaube zum Beispiel, es gab keine andern Fische in jenem See als Karpfen; deshalb war der Ton natürlich viel netter, wie Sie begreifen werden. Es war wohl ein adliger Karpfenteich. Fünfmal täglich wurden wir gefüttert, und alles, was uns irgendwie stören konnte, war entfernt worden. Solche Wesen, wie Hechte, Wasserspinnen und wie diesen garstigen Wasserschlauch habe ich hier zum erstenmal gesehen.« »Da muß es ja sehr idyllisch gewesen sein!« meinte der Rohrsänger. »Darf ich fragen: gab es keine Rohrsänger an jenem See?« »Doch, ich glaube, es war ihnen erlaubt, sich im Röhricht anzubauen. Und dann war eine Anzahl Frösche vorhanden; vermutlich sollten sie uns mit ihrem Gequake ermuntern.« »Wie sind Sie denn hierher gekommen?« »Tja, diese Frage setzt mich in Verlegenheit. Wir kamen in einem Fischbehälter hier an, ich und eine Anzahl Kollegen. Und dann wurden wir in diesen See geschüttet. Ich kann mir nur denken, daß es geschah, um den Ton hier zu verbessern. Drüben, wo wir waren, hatten wir nicht im geringsten zu klagen. Haben Sie vielleicht davon gehört, daß gebildete Leute hier am Orte den Wunsch geäußert haben, in besserer Gesellschaft zu leben?« »Nein,« entgegnete der Rohrsänger, »zu meiner Zeit ist das nicht geschehn. Ich bin allerdings erst seit dem Frühjahr hier.« »Soso,« sagte der Karpfen. »Ich bin seit vier Jahren hier. Aber ich wäre am liebsten wieder fort. Man lebt ja in ewiger Angst vor dem Hecht. Viele meiner Kollegen sind auf ganz unbegreifliche Art verschwunden. Ich glaube wahrhaftig, der Hecht hat sie gefressen. Und außerdem herrscht hier allerdings, wie Sie richtig bemerkten, ein ziemlich ungebildeter Ton. Aber Sie haben's ja gut. Sie reisen wohl im Herbst wieder ab?« »Ich mache eine kleine Reise nach Italien,« erwiderte der Rohrsänger. »Mit meiner Familie.« Der Karpfen sann ein Weilchen nach, gähnte ein paarmal und sagte dann: »Sie könnten mir vielleicht einen Gefallen erweisen ... ich komme darauf, wenn ich mir Ihren wunderschönen spitzen Schnabel ansehe.« »Mit Vergnügen stehe ich zu Ihrer Verfügung,« sagte der Rohrsänger. »Sehen Sie, ein jeder hat ja sein Kreuz zu tragen, und das meine sitzt in meinen Kiemen. Wollen Sie mal sehn ...« Der Karpfen öffnete den Kiemendeckel, und der Rohrsänger lief das Rohr hinab und guckte. »Ja, wahrhaftig,« rief er, »da sitzt ein Kreuz.« »Das ist das Doppeltier,« erklärte der Karpfen mit einem tiefen Seufzer. »Was ist das für ein Wesen?« »Das Doppeltier. Leider muß ich gestehen, daß ich es aus dem sonst so vortrefflichen Karpfenteich, von dem ich Ihnen erzählte, mitgebracht habe. Schon damals peinigte es mich, aber in der letzten Zeit ist es kaum mehr auszuhalten. Sie müssen wissen, das Tier besteht ursprünglich aus zwei Würmern ... Sie kennen diese Sorte ja: selber mögen sie nicht arbeiten, statt dessen quartieren sie sich bei ordentlichen Leuten ein und saugen sie aus. Ich habe etwa zwanzig Stück davon in meinem Bauch, aber die fallen mir bei weitem nicht so lästig wie das Doppeltier. Sehen Sie, um die Gemeinheit vollkommen zu machen, haben diese Lümmel die Angewohnheit, sich zu je zweien kreuzweise übereinander zu legen. Sie saugen sich fest aneinander, bis sie zusammengewachsen sind, und dann saugen sie mich beide mit vereinten Kräften aus.« »So etwas ist mir noch nicht vorgekommen!« versicherte der Rohrsänger kopfschüttelnd. »Bei mir kommt die Sache auf der andern Seite des Kopfes zum zweitenmal vor,« sagte der Karpfen. »Darüber können wir später reden. Nun möchte ich Sie gerne bitten, doch zu versuchen, ob Sie die Bestie nicht mit Ihrem Schnabel packen können. Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar. Denn ich habe so viel auszustehen, daß ich lieber sterben als so weiterleben möchte ...« In diesem Augenblick schien der Weltuntergang gekommen zu sein. Der Röhrichtwald wogte, die Binsen zerbrachen, alle sieben Rohrsänger kreischten auf, das Wasser spritzte empor, die Muschel fiel um, und die Kammer der Spinne wurde zerschmettert. »Hab ich dich endlich!« ertönte die Stimme des Hechtes. »Verschone mein Leben! Gnade!« schrie der Karpfen. Was nun geschah, vermag niemand jemals richtig zu erzählen. Der Karpfen krachte und knackte zwischen den Zähnen des Hechtes, und alle, die in der Nähe waren, glaubten, ihr Ende sei gekommen. Aber bald darauf wurde es wieder still, und als die Rohrsängerfamilie ihre Fassung wiedergewann, war der Hecht verschwunden, und die Schwanzflosse des Karpfens schwamm an der Oberfläche des Wassers. Das Nest der Rohrsänger war auf der einen Seite heruntergefallen; und sie mußten eine ganze Weile arbeiten, um es wieder instand zu setzen. Aber im übrigen waren alle Kinder wohlbehalten, und allmählich erholten sie sich ja von ihrem Schrecken. Das Wasser wurde wieder klarer, und da unten sah man die Muschel sitzen und gähnen. »Ihr dahingeschiedener Freund war eine edle Seele,« sagte der Rohrsänger salbungsvoll. »Ja,« antwortete die Muschel. »Aber ich habe auch etwas erlebt ...« »Es wird uns freuen, morgen Ihre Geschichte zu hören,« wehrte der Rohrsänger ab. »Heute sind wir zu erschüttert und können nicht noch mehr ertragen.« In demselben Augenblick verschwand der Karpfenschwanz in der Tiefe. Madam Krebs hatte ihn erwischt und schleppte ihn in ihr Loch. »Arme Leute müssen froh sein über die Brosamen, die von des Reichen Tische fallen,« sagte sie. Achtes Kapitel: Die Muschel Am folgenden Abend schaute der Rohrsänger ins Wasser hinab. Die Teichmuschel saß dort unten und gähnte wie gewöhnlich. Man konnte ihr nichts Besondres anmerken. »Guten Abend!« redete der Rohrsänger sie an. »Wie befinden Sie sich nach dem unglücklichen Tode Ihres Freundes?« »Danke!« entgegnete die Muschel. »Meine Laune hat nicht darunter gelitten. Sie leidet überhaupt unter so etwas nicht. Nur wenn man etwas zwischen meine Schalen steckt, werde ich wütend und klemme sie zu.« »Das täte ich auch an Ihrer Stelle. Und Ihre Gemütsruhe ist ja geradezu beneidenswert. Aber ich finde doch, daß das Unglück Ihres Nächsten, Ihres vertrauten Freundes ...« »Ich habe keinen Nächsten. Und der Karpfen war nicht mein vertrauter Freund. Wir waren bloß keine Konkurrenten, das war alles. Dann ist es nicht schwer, gut Freund miteinander zu sein. Die Redensarten des Karpfens haben mir oft Spaß gemacht. Aber ich widerspreche nie jemandem, falls man nicht etwas zwischen meine Schalen steckt. Der Karpfen hatte mit den Menschen zu tun gehabt – das ist die Sache. Davon werden die Tiere so komisch. Sie sind das übrigens auch.« »Ich fasse das als Kompliment auf,« sagte der Rohrsänger, der sich ein wenig beleidigt fühlte, es sich aber nicht anmerken lassen wollte. »Übrigens habe ich nur insofern mit den Menschen zu tun, als sie mich meines schönen Gesanges wegen schützen und mir kein Leid zuzufügen wagen. Wenn sie vorübergehen, bleiben sie stehn und lauschen meinen Liedern. Viele Dichter haben mich in ihren Versen verherrlicht.« »So, haben sie das! Mich haben sie auch besungen. Aber was sie sagten, war lauter Lüge.« »Was haben sie denn gesagt?« »Allerhand dummes Gerede von Perlen.« »Ach, haben Sie Perlen? Frau, Frau! Die Muschel hat Perlen!« »Ich habe ja gar keine. Schreien Sie doch nur nicht so, daß es über den ganzen Teich hin schallt. Wenn jemand Sie hört, laufe ich Gefahr, daß man nach mir fischt. Gott sei Dank, daß ich keine Perle in mir habe!« »O–o!« rief der Rohrsänger enttäuscht. »Gerade von den Perlen faseln die Dichter so gern. Sie singen davon, wie glücklich die Muschel über die kostbare Perle sei, die sie in sich behüte, und so weiter ... Wissen Sie, was eine Perle ist?« »Nein.« »Ein garstiger, zudringlicher Schmarotzer – etwas Ähnliches wie das Doppeltier, das den Karpfen peinigte. Wenn er in uns hineingelangt, peinigt er uns natürlich. Dann überziehen wir den Wicht mit Perlmutter, bis er stirbt. Und dann sitzt er auf unserer Schale und spielt Perle.« »Herr Gott!« rief der Rohrsänger aus. »Hast Du's gehört, Frau? Alle unsre Illusionen werden zerstört. Fast nichts bleibt uns.« »Na, vorläufig bleiben uns noch die fünf ewig hungrigen Kinder, die immer mehr haben wollen,« antwortete seine Frau. »Heute bekommen sie nichts mehr,« sagte er verdrießlich. »Den ganzen Tag sind wir beide ihretwegen herumgerannt und herumgeflogen. Jetzt möchte ich wahrhaftig meine Ruhe haben und in Frieden ein wenig mit den Nachbarn plaudern. Zähl ihnen ein paar auf.« Frau Rohrsänger befolgte seinen Rat. Da schrien die Kleinen noch mehr, doch dann schliefen sie ein. »Gestern abend deuteten Sie an, daß Sie nicht von Geburt an hier im See gelebt hätten,« sagte der Rohrsänger zur Muschel. »Erzählen Sie uns doch, woher Sie stammen!« »Mit Vergnügen,« erwiderte die Muschel. »Auch ich liebe so ein Plauderstündchen am Abend. – – – Niemand glaubt einem ja, daß man etwas erlebt hat, weil man so schlecht zu Fuß ist. – Aber warten Sie bitte einen Augenblick ... da ist ein naseweises Geschöpf, mit dem ich ein Hühnchen zu pflücken habe!« Es war niemand anders als Madam Krebs. Sie war näher gekrochen und betastete mit ihren Beinen die Muschel. Diese schlug ihre Schalen zu, so daß eins der Beine mitten durchgeschnitten wurde. Madam Krebs schrie wie besessen und hämmerte mit ihren Scheren auf die Muschel los. Aber die lachte nur. »So ein Flegel! Kann Sie eine ehrbare Frau nicht ungeschoren lassen!« »Gewiß,« sagte die Muschel. »Sie darf mir nur nicht zu nahe kommen.« »So eine jämmerliche Muschel!« schrie Madam Krebs. »So ein Weichtier! Sie steht viel tiefer im Range als ich, und doch wagt Sie es, naseweis zu sein. Ich habe einundzwanzig Beinpaare, daß Sie's weiß! Wie viele hat Sie denn?« »Komm nur heran mit allen einundzwanzig!« sagte die Muschel. Madam Krebs fuhr fort zu schimpfen, und nun mischte sich der Rohrsänger ins Gespräch: »Hören Sie auf mit Ihren Grobheiten! Es kommt nicht auf die Beine an. Ich habe nur zwei.« »Gott behüte!« sagte Madam Krebs. »Allen Respekt vor Ihnen, Herr Rohrsänger. Ich kenne meine soziale Stellung. Ich begreife bloß nicht, daß ein so vornehmer Herr wie Sie mit so einem Weichtier reden mag.« Scheltend und schimpfend zog sie sich in ihr Loch zurück, ließ aber den Kopf und die Scheren heraushängen. Die Muschel öffnete sich, hielt aber die ganze Zeit vier bis fünf ihrer Augen auf die Madam gerichtet. Sobald diese die geringste Bewegung machte, schloß die Muschel sich sofort wieder. »Innen ist man weich,« sagte sie. »Aber der Welt zeigt man die harte Außenschale.« »Erzählen Sie doch jetzt, bitte!« bat der Rohrsänger. »Ich bin in einem andern See weit von hier geboren,« berichtete die Muschel. »Näher beschreiben kann ich ihn nicht ... Sie verstehen wohl, in meiner Stellung hat man nicht viel Gelegenheit, sich umzusehn. So vornehm wie der adlige Karpfenteich war mein Geburtsort nicht. Soll ich ganz aufrichtig sein, so scheint es mir, als wäre es dort nicht anders zugegangen als hier. Eine gefährliche Menge Gesindel von allen Sorten! Aber besonders viele Muscheln waren da. Sie saßen im Schlamm, so dicht wie Pflastersteine, und nahmen einander das Brot vom Munde fort. Trank man einen Schluck Wasser, so war's gewöhnlich schales Zeug. Irgendein andrer hatte es schon ausgesogen, verstehen Sie?« »Was taten Sie denn?« fragte der Rohrsänger. »Ich tat nichts,« erwiderte die Muschel. »Ich tu nie etwas, falls man nicht etwas zwischen meine Schalen steckt. Dann allerdings werde ich wütend und kneife ... Na, sind Sie wieder da, Madam Krebs? Wünschen Sie, daß ich Ihnen noch ein Beinchen amputieren soll?« »Windbeutel!« war die Antwort des Krebses. »Aber Sie hätten ja verhungern können,« meinte der Rohrsänger. »So leicht stirbt man nicht,« erwiderte die Muschel. »Wenn einem kein Unglück zustößt wie dem seligen Karpfen. Ich habe einmal ein ganzes Jahr auf einem Tisch in einer Stube gelegen.« »Gott behüte!« rief der Rohrsänger. »Wie kamen Sie denn dahin?« »Ein Student – oder was er nun war – hatte mich gefischt. Er packte mich in ein Stück Papier ein und legte mich auf den Tisch. Er wollte sehen, wie lange ich so leben könne. Jeden Sonnabend packte er mich aus und besprengte mich mit Wasser, und ich lebte immer weiter.« »Aber wie kamen Sie denn von ihm fort?« »Das geschah, als er sich verlobte. Sie müssen nämlich wissen, von Zeit zu Zeit besuchten ihn allerhand Leute, und die mußten natürlich alle die merkwürdige Muschel sehen, die nicht sterben wollte. Unter ihnen war auch ein junges Mädchen, die sehr ärgerlich auf ihn war, weil er mich so quälte. Aber er lachte sie bloß aus. Als ich ein Jahr lang da gelegen hatte, verlobte er sich mit ihr – auf dem Sofa ganz in meiner Nähe. Ich war noch lebendig genug, meine Schalen ein wenig zu lüften, um mir das Ganze anzusehen. Die Menschen sind doch zu lächerlich! Aber dann fragte er sie, ob sie an diesem Freudentage keinen Wunsch habe. Doch, sagte sie, er solle mich wieder ins Wasser setzen. Er lachte über sie, aber dann gingen sie sofort mit mir an denselben See, aus dem ich herausgefischt worden war, und warfen mich hinein. Ich siedelte mich von neuem unter meinen Kameraden an und begann mein Leben von vorn.« »Ja ... die Liebe!« sagte der Rohrsänger und sah seine Frau zärtlich dabei an. »O, die Liebe!« sagte sie und erwiderte seinen Blick. »Ich habe nichts gegen die Liebe einzuwenden,« erklärte die Muschel. »Allerdings kenne ich sie nicht aus persönlicher Erfahrung.« »Sie haben doch wohl eine Frau?« fragte der Rohrsänger. »Oder vielleicht sind Sie selbst eine Dame?« »Weder das eine noch das andre trifft zu. Ich bin nur eine Muschel. Lege meine Eier, und damit basta.« »Sorgen Sie hübsch für Ihre Kinder?« fragte der Rohrsänger. »Das fehlte bloß,« erwiderte die Muschel. »Meine Kinder sind höchst sonderbare Personen. Es sind Seeleute.« »Seeleute?« »Jawohl. Sobald sie aus dem Ei geschlüpft sind, setzen sie ein großes Segel auf und segeln in Sturm und Wogendrang dahin. Erst wenn sie älter werden und nicht inzwischen gefressen worden sind, lassen sie sich als biedere Muscheln mit Schalen und der nötigen Philosophie im Leibe nieder.« »Wir wollen lieber nicht von Kindern reden,« sagte der Rohrsänger. »Meine Frau wird immer so nervös davon. Erzählen Sie uns bitte, wie Sie in diesen See gekommen sind!« »Das hängt mit meiner Eigenschaft zusammen, daß ich wütend werde, wenn jemand etwas zwischen meine Schalen steckt ... Ich weiß nicht, ob ich Ihnen von dieser Eigenschaft erzählt habe?« »Mehrmals! Ich vergesse es nie und werde mich schon in acht nehmen.« »Tun Sie das nur! Einer von Ihrer Sorte war's übrigens, der meinen Umzug besorgte.« »Ein Rohrsänger?« »Ich weiß nicht genau, ob es ein Rohrsänger war. Außerhalb des Wassers sehe ich nicht gut ... Guten Tag, guten Tag, Madam Krebs! Sie sehe ich die ganze Zeit ... und für mich ist ein Vogel ungefähr wie der andre. Übrigens war's doch wohl eine Möwe. Na ... ich saß also auf dem Grunde und gähnte, wie ich's gewöhnlich zu tun pflege. Dicht über mir schwamm eine kleine Plötze. Da auf einmal ... platsch! packte die Möwe die Plötze. Sie sauste so hernieder, daß sie bis auf den Boden stieß. Und dabei geriet eine ihrer kleinen Zehen zwischen meine Schalen, und ich kniff zu. Die Möwe riß und zerrte, aber ich bin stark, wenn ich zornig werde, und hielt fest. Gewissermaßen war die Möwe nun doch die Stärkere. Sie riß mich los, und nun ging's durchs Wasser hinauf und in die Luft empor.« »Das ist ja ein richtiges Abenteuer!« sagte der Rohrsänger. »Wir flogen ein gutes Stück,« erzählte die Muschel weiter. »Hoch dahin über Felder und Wälder ... Ich konnte ein bißchen Umschau halten, denn die Schalen standen ja etwas offen, der Zehe wegen. Den Fisch verloren wir, ich aber hielt fest, so sehr der Vogel auch zappelte und um sich trat. Ewig hängen zu bleiben, war ja nicht meine Absicht, wie Sie wohl verstehen; aber ich wollte doch mit entscheiden helfen, wo wir niedersteigen sollten. Ich nehme mal den Fall an, daß ich auf einen hohen Baum gefallen wäre und da hätte hängen und darauf warten müssen, bis wieder ein Student kam und sich verlobte ...« »Der wäre gewiß gekommen,« sagte der Rohrsänger. »Ich bin weit gereist, aber überall habe ich einen Studenten getroffen, der sich verlobte.« »Na, die Sache wäre jedenfalls ziemlich unsicher gewesen. Und als ich darum unter mir blaues Wasser schimmern sah, ließ ich los und fiel in diesen See hinab.« »Und Sie sind zufrieden mit Ihrem neuen Wohnort?« »Vorläufig, ja. Ich habe noch keine andern Muscheln gesehn, so daß es sich hier bedeutend besser leben läßt als in dem andern See.« »Das ist ja eine sonderbare Geschichte!« meinte der Rohrsänger. Und dann verfiel er in Nachsinnen, und es wurde Nacht. Aber das Rohrsängerweibchen begab sich ins Röhricht hinab, guckte in das dunkle Wasser und rief: »Bist Du noch da, meine kleine Larve?« »Ich danke für die Nachfrage,« antwortete die Eintagsfliegenlarve. »Ist es Dir heute gut ergangen?« »Danke, ja. Beinah hätte der Barsch mich gefressen, und ein Entlein und eine garstige Libellenlarve und ein Wasserkäfer waren hinter mir her. Im übrigen ist es mir ausgezeichnet ergangen.« Neuntes Kapitel: Die Seerose »Meinst Du nicht, daß wir die Kinder bald aus dem Nest lassen können?« fragte der Rohrsänger. »I bewahre,« erwiderte seine Frau. »Es kann nicht die Rede davon sein, daß die lieben Kleinen vor einem Monat auf eignen Füßen zu stehen vermögen.« »Auf eignen Füßen können sie jetzt schon stehen, denn sie treten einander fast tot, wenn ich ihnen eine armselige Fliege bringe. Ich will dir was sagen: es wird mit der Zeit ein bißchen schwierig, die nötigen Nahrungsmittel herbeizuschaffen. Wir sind jetzt zu so vielen. Überall in der Umgegend sind Kinder angekommen, und alle schreien nach Futter.« »Erkennen Sie jetzt, daß ich recht hatte, Ew. Gnaden?« fragte der Aal und streckte den Kopf aus dem Schlamm hervor. »Schweigen Sie still und kehren Sie vor Ihrer eignen Tür, Sie widerwärtiger Fisch!« rief das Rohrsängerweibchen. »Ihr Mann ist längst meiner Ansicht,« sagte der Aal. »Das seh ich ihm an. Er gäbe viel darum, könnte er jetzt als freier Vogel umherstreifen, anstatt sich mit einer großen Familie zu plagen.« »Sie irren sich, Verehrtester!« erwiderte der Rohrsänger. »Wenn ich auch zugebe ...« »Versuch es einmal, das geringste zuzugeben!« schrie seine Frau und hackte nach ihm. »Man muß sich winden,« erklärte der Aal, und weg war er. Zur Mittagszeit saßen die beiden Eheleute beisammen und sprachen wieder von ihren Sorgen. »Wenn wir's bloß aushalten!« sagte der Rohrsänger. »Vorhin hab ich mich wie besessen mit meinem alten Freund, dem Fliegenschnäpper, um eine lächerliche kleine Larve herumgeprügelt. Ich habe sie bekommen, aber das verzeiht er mir nie. Wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde, sagen die Menschen. Geschrei und Spektakel auf dem ganzen See wird das Ende vom Liede sein.« »Kann es denn überhaupt noch schlimmer werden, als es ist?« zeterte seine Frau. »Mach es wie ich! Denk an all das Schöne, das die Dichter von uns gesungen haben. Damit vertreibt man die trüben Gedanken!« »Ich wünschte, ich hätte ein paar ganz kleine Dichter am Kragen und könnte unsre Jungen mit ihnen füttern!« sagte er ärgerlich. Und wieder saßen sie ein Weilchen schwermütig da. Die Kinder hielten inzwischen ein Mittagsschläfchen. »Wie wunderlich verteilt doch das Glück in der Welt ist!« sagte der Rohrsänger schließlich. »Wieviel Sorgen und Mühsal wir doch haben, wir frohen, freien Vögel, denen die ganze Welt offen steht! Sieh einmal die Seerose dort an! Sie ist an ihren Platz gebunden! Viele, viele Tage lang muß sie durch das finstre Wasser emporstreben, bis sie die Oberfläche erreicht. Dann ist sie am Ziel, sie entfaltet ihre weiße Blüte und ist glücklich. Keine Sorgen hat sie mehr ... Sieh, wie sie daliegt und sich schaukelt und träumt! Gebe Gott, daß wir auch Seerosen wären!« »Ja,« stimmte ihm sein Weibchen bei. »Und ihre Samen reifen in ihrem Schoß, gleiten ins Wasser hinab, fassen Wurzel und wachsen auf, und im nächsten Jahr blühen die Kinder rings um die Mutter. Wie reizend das sein muß!« »Nun, denk an den Wasserschlauch! Wie hat der uns hinters Licht geführt!« »Pah! Daran ist natürlich die garstige Wasserspinne schuld, die bei ihm wohnt. Die hat ihn auf die Verbrecherbahn gelockt. Niemand kann mir die Überzeugung rauben, daß in dem schönen Kelche der Seerose nur Frieden und Freude wohnt.« »Pst!« sagte er. »Sie unterhält sich mit dem hübschen kleinen Froschbiß neben ihr.« Die beiden betrübten Vogel neigten den Kopf und horchten. »Du boshaftes Geschöpf!« schalt die Seerose. »Du hast heute zwei Hummeln von mir fortgelockt. Und dabei ist in deinem welken Becher nicht mehr Honig als auf der Rückseite meiner Hand!« »Schimpf du nur!« sagte der Froschbiß. »All deine feinen Kleider nützen dir nicht das geringste. Es geht doch nach dem wahren Verdienst! Eine ordentliche Hummel kümmert sich nicht um so eine eingebildete Person wie dich. Du kannst überzeugt davon sein, daß ich mehr Honig in einer meiner Blüten habe, als du in deinem ganzen Körper!« »Hier stehe ich mit all meinem reifen Blütenstaub,« erwiderte die Seerose, »und kann ihn nicht los werden. Daß jemand so einen armen Schlucker wie dich ansehn mag! Aber ich werde mich schon rächen. Du bist mir schon längst lästig gewesen, als wir durchs Wasser emporwuchsen. Deine garstigen dünnen Stengel kletterten über mich her und hätten mich am liebsten erstickt, wenn sie gekonnt hätten. So ein armseliger Staat! Im Herbst ist kein Fäserchen von dir übrig. Es ist eine Schande, daß du ordentlichen Leuten im Wege stehen darfst.« »Im Herbst sind meine Samen reif und ausgesät, liebe Seerose,« erwiderte der Froschbiß. »Und im nächsten Frühjahr wachsen sie und halten dich zum Besten, wie ich es jetzt tue. Verlaß dich darauf!« »Falls man nicht vorher kommt und den See reinigt,« sagte die Seerose. »Denn dann nimmt man dich fort, mich aber läßt man um meiner Schönheit willen stehen.« Darauf konnte der Froschbiß nichts erwidern, weil es seine Richtigkeit damit hatte. »Hast du's gehört?« flüsterte das Rohrsängerweibchen. »Pst!« mahnte ihr Mann. »Da kommt eine Hummel.« Und eine große, summende Hummel schwirrte herbei und blieb in der Luft über den beiden Blumen stehen. »Bitte schön, liebste Hummel!« schrie die Seerose und entfaltete ihre weißen Blätter, so gut sie konnte. »Hier bei mir wird der frischeste Honig in der ganzen Gegend serviert. Seien Sie so gut, näher zu treten! Ich habe ganze Gruben voller Vorräte. Und hier ist Blütenstaub in der feinsten Verpackung. Meine großen weißen Blätter habe ich auf dem Wasser ausgebreitet, damit Sie sich auf ihnen ausruhen können, wenn Sie müde sind. Wollen Sie sich überzeugen, hier ist es ganz trocken ... Bitte schön!« »Hören Sie nicht auf den Humbugmacher!« sagte der Froschbiß. » Hier ist der richtige alte Honigladen! Ich verschmähe die dumme Reklame mit großen weißen Blättern und all dem Staat. Ich setze alles, was ich habe, für Honig und Blütenstaub ein. Habe nur eine kleine weiße Blüte, damit Sie mich finden können.« »Sie werden doch wohl nicht in die Trödelbude dort gehen!« schrie die Seerose. »Ihre geehrten Kinderchen werden sich geradezu vergiften an den Waren, die da geführt werden. Falls überhaupt noch etwas vorhanden ist. Denn es waren heute schon zwei große Hummeln da, und die sahen recht mißvergnügt aus, als sie fortflogen.« »Glauben Sie ihr nicht!« rief der Froschbiß. »Der reine Neid spricht aus ihr. Die Hummeln waren außerordentlich vergnügt und haben eine Menge Honig mitgenommen. Der Honig der Seerosenmadam ist von gestern , keiner mag ihn anrühren ... Ich möchte wetten, daß er total verdorben ist.« »Bum–sum–dum!« sagte die Hummel und flog ihrer Wege. »So ein einfältiger Tropf!« rief die Seerose. »So ein Dummkopf!« pflichtete der Froschbiß ihr bei. »Das kommt davon, wenn man in schlechter Gesellschaft lebt,« erklärte die Seerose. »Es kommt natürlich von deiner Marktschreierei,« sagte der Froschbiß. »Dadurch werden die ordentlichen Leute vom See verscheucht.« Dann wußten sie nichts mehr zu sagen, lagen auf dem Wasser und schielten boshaft zueinander hinüber. »Gott behüte mich!« rief das Rohrsängerweibchen aus. »Wo in aller Welt findet sich noch Poesie?« »Wo soll man eine Fliege erwischen?« setzte ihr Mann hinzu. »Man muß das Leben nehmen, wie es ist,« sagte die Muschel. »Und sich so wenig wie möglich hineinmischen. So halte ich es, und ich kann hier sitzen und hundert Jahre alt werden.« Am Ufer des Sees stand ein Knabe, der einen großen Stein in der Hand hatte, plötzlich warf er ihn mit aller Kraft ins Wasser und ging dann fort, ohne sich besondre Gedanken zu machen. Aber der Stein hatte die Muschel getroffen und ganz zerschmettert. »Sieh da!« sagte die Muschel. »Nun ist die Geschichte aus. Beide Schalen sind zerschmettert – da ist nichts mehr zu machen. Leben Sie wohl! Und schönen Dank für angenehme Gesellschaft!« Alle ihre Augen brachen, eins nach dem andern, und dann war sie tot. »Gott mag wissen, wer nun an die Reihe kommen wird,« sagte der Rohrsänger. Aber die Krebsmadam kam langsam herangekrochen und nahm die tote Muschel zwischen ihre Scheren. »Jetzt krieg ich mein Bein mit Zinsen zurück!« sagte sie vergnügt. Zehntes Kapitel: Die Reise des Krebses. »Wie geht es meiner lieben kleinen Larve?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Danke!« erwiderte die Eintagsfliegenlarve. »Ein Weißfisch wollte mich verspeisen, zwei Frühlingsfliegenlarven haben an mir herumgezerrt, und ein Taumelkäfer hat mich in das eine Bein gebissen, sonst geht es ausgezeichnet.« »Bist du nicht bald fertig?« »Heut oder morgen, denke ich.« »Gib gut acht, daß du nicht vorher noch verunglückst,« sagte Frau Rohrsänger freundlich. Die Krebsmadam kroch unruhig umher. »Es ist recht kärglich mit der Nahrung bestellt!« sagte sie. »Ach ja, wenn man doch ein vornehmer Vogel wäre und fortfliegen könnte! Aber Sie sind ja böse auf mich, gnädige Frau, da wage ich gar nicht mit Ihnen zu reden.« »Ich war allerdings sehr zornig auf Sie,« sagte das Rohrsängerweibchen. »Aber dann habe ich so viel Entsetzliches erlebt, daß ich Ihre Schlechtigkeit beinah vergessen habe. Ich habe eine Spinne kennen gelernt, die ihre eigne Mutter aufgefressen hat!« »I du meine Güte!« kreischte Madam Krebs auf. »Da muß ja jedes Mutterherz empört sein.« »Nicht wahr! Und sie hat auch ihren Mann aufgefressen.« »Ich sage nicht, daß das richtig wäre. Aber es ist entschuldbarer, denn die Männer sind Ungeheuer! Natürlich mit Ausnahme Ihres Mannes, gnädige Frau.« »Sie haben eine recht lockre Moral, Madam Krebs,« fiel der Rohrsänger ein. »Sagen Sie mal: haben Sie denn nun wirklich Ihre Kinder aufgefressen?« »Ich habe das Unglück gehabt, sieben zu fressen,« erwiderte die Krebsmadam mit unglücklicher Miene, »aber es geschah wahrhaftig aus reiner Liebe. Sie waren so allerliebst. Und als ich sie mit meinen Scheren streichelte, faßte ich sie aus Versehen zu hart an. Und dann mußt ich sie doch lieber selber verzehren, statt sie Fremden zu überlassen.« »Es ist furchtbar, so etwas mitanhören zu müssen!« jammerte das Rohrsängerweibchen. »Ja, traurig ist es,« sagte Frau Krebs. »Aber, du lieber Gott! Die armen Kleinen haben nun also ausgelitten, während ihre einhundertunddreiundneunzig Geschwister sich in der bösen Welt herumschlagen müssen. Gott weiß, wie viele von ihnen noch am Leben sind, und wie es ihnen geht.« »Ja, die Welt ist schlecht,« klagte das Rohrsängerweibchen.. »Könnten Sie mir wohl einen Rat geben, gnädige Frau?« fragte Madam Krebs. »Glauben Sie nicht, daß man hier von diesem See wegkommen könnte?« » Wir reisen im Herbst,« entgegnete Frau Rohrsänger. »Nach Italien. Aber Sie haben ja keine Flügel, Madam Krebs. Ich wüßte also nicht, wie Sie von der Stelle kommen könnten.« »Das ist es eben, hätte man Flügel, so würde man bald fort sein. Aber vielleicht wären sie einem im Wasser nur hinderlich. Und es gibt übrigens doch auch Leute ohne Flügel, die Reisen unternehmen. Was meinen Sie zum Beispiel vom Aal?« »Ja ... der Aal, der kann sich winden. Das können Sie nicht.« »Nein,« erwiderte Frau Krebs und bewegte ihre Stielaugen betrübt. »Das kann ich nicht. Meines steifen Panzers wegen, Sie wissen ja. Im übrigen muß ich den aber durchaus loben. Hätte ich ihn nicht gehabt, so wäre ich längst dem einen oder andern zum Opfer gefallen.« »Was wollen Sie also anfangen?« Der Krebs kroch ganz nah unter die Rohrhalme, an denen das Nest hing, und fragte sehr leise: »Wie denken Sie über die Muschel, gnädige Frau?« »Die Muschel?« »Jawohl. Sehen Sie, wenn ich hier so im Schlamm sitze, höre ich allerlei mit an und denke mir das meine dabei. So hab ich auch die Geschichte zu hören gekriegt, mit der die Muschel den Herrschaften neulich aufgewartet hat. Glauben Sie, daß die Sache sich wirklich so zugetragen hat?« »Natürlich glaube ich das.« »Ja, ich halte freilich nichts von der Muschel. So ein Weichtier! Und obendrein hat sie mich beleidigt. Aber ich habe sie ja gefressen, und ich möchte dem, den ich selber verspeist habe, nichts Böses nachreden. Und wenn die Geschichte wahr ist, so könnte unsereiner sich ja ebenso zu helfen wissen.« »Sie haben ja keine Schalen, die Sie zukneifen könnten, Madam Krebs.« »Nein, aber ich habe meine Scheren. Und kneifen können die auch, glauben Sie mir nur!« Der Rohrsänger kam von der Jagd nach Hause, und seine Frau erzählte ihm von den Plänen des Krebses. Beide lachten nicht schlecht darüber, aber Madam Krebs ließ sich von ihrer Absicht nicht abbringen. Den ganzen Vormittag kehrte sie nicht in ihr Loch zurück, sondern kroch umher und schwamm oben auf dem Wasser, um eine geeignete Gelegenheit zu erspähen. Zur Mittagszeit kam eine kleine Plötze vorbei. »Nimm Dich in acht, Larve!« schrie das Rohrsängerweibchen. »Ich habe mich unter einem Blatt versteckt, und es geht mir gut,« gab die Eintagsfliegenlarve zur Antwort. »Der Fisch wäre da,« meinte Madam Krebs. »Nun fehlt bloß noch die Möwe.« Sie blieb dicht unter der Plötze und hielt mit ihren langen Augen nach allen Seiten hin eifrig Ausschau. »Was willst du, du ekliger Krebs?« rief die Plötze und schlug mit dem Schwanze um sich. »Gott, Herr Fisch, ich tu Ihnen ja gar nichts,« sagte Frau Krebs. »Der See ist doch wohl für alle da, sollte ich meinen! Man wird sich doch wohl vor seiner eignen Tür ein bißchen ergehen dürfen!« In diesem Augenblick streckte der Aal den Kopf aus dem Schlamm hervor: »So ist's recht, Madam Krebs, seien Sie nur recht fleißig! Man muß sich winden.« Und die Rohrsängerleutchen lachten und guckten hinab, was wohl daraus werden würde, und auch den Jungen wurde die Sache erklärt, soweit sie sie verstehen konnten, und auch sie guckten mit hinunter. Die Wasserspinne kam herbeigelaufen und sah zu, und auch die Eintagsfliegenlarve sprengte fast ihr Puppengehäuse vor Neugier. Der Wasserschlauch vergaß, Tiere einzusaugen, Seerose und Froschbiß hörten auf, sich zu zanken – sie alle starrten den Krebs und die Plötze an. Denn sie alle hatten etwas von dem bevorstehenden Ereignis gehört, einer hatte es dem andern gesagt. Aber jetzt sprach keiner von ihnen ein Wort, um die Plötze nicht zu verscheuchen – sie war die einzige, die nicht das geringste ahnte. Nur das Röhricht flüsterte leise. Aber das tut es immer, so daß niemand darauf achtet. Auf einmal stieß eine Möwe herab und packte die Plötze. Das Wasser plätscherte so hoch auf, daß niemand richtig sehen konnte, was geschah. Aber die Plötze war verschwunden. Und gleich darauf riefen die Rohrsänger: »Seht, seht ... da fliegt die Möwe mit der Plötze ... und der Krebs hängt an ihrer hintern Kralle!« Die Seerose und der Froschbiß riefen dasselbe, und das Schilf flüsterte es weiter, so daß bald nicht eine Mückenlarve in dem See war, der das merkwürdige Ereignis unbekannt blieb. »Es ist ihr also geglückt!« sagten die Rohrsänger. Und man unterhielt sich eine ganze Stunde darüber, wo die Madam Krebs wohl gelandet wäre. Aber das konnte man ja nicht ausfindig machen, und keiner in dem See hat es jemals erfahren. Nur die Frau, die an dem See wohnte, wußte Bescheid. Denn als die Möwe sich gerade über dem Schornstein der kleinen Hütte befand, strampelte sie so heftig mit den Leinen, daß der Krebs losließ. Er fiel durch den Schornstein der Frau bis in die Küche hinab, in einen Kessel mit kochendem Wasser hinein, der auf dem Herde stand. »Au!« schrie der Krebs. »Das ist ja eine schöne Bescherung.« Vor Ärger wurde er feuerrot am ganzen Körper und hauchte sein Leben aus. Als aber die Frau ihren Kessel vom Feuer nahm und Kaffee aufbrühen wollte, starrte sie verblüfft auf den großen, prächtigen Krebs. »Das laß ich mir gefallen!« sagte sie und aß den Krebs. – – – An demselben Abend durchbrach die Eintagsfliege ihre Puppenhülle. Auf winzigen, zarten, durchsichtigen Flügeln und mit drei langen Fäden am Hinterleib stieg sie in die Luft empor. »Nein, wie schön es hier ist!« rief sie aus. »wie herrlich ist doch das Leben! Man kann recht gut viele, viele Tage als arme Larve leben, wenn man bloß eine einzige Stunde all diese Herrlichkeit erblicken darf.« »Aha, da bist Du ja!« sagte das Rohrsängerweibchen. »Du siehst recht gut aus.« »Nun fliege ich bloß noch um den See herum und lege meine Eier. Dann komme ich zurück und setze mich ins Röhricht und sterbe, und dann können Sie mich verspeisen. Tausend Dank dafür, daß Sie mein Leben damals geschont und mich gewarnt haben, wenn ich mich in Gefahr befand. Hätten Sie das nicht getan, so hätte ich nie all diese Schönheit zu sehen bekommen.« »Überiß Dich nur nirgendwo, und vergiß Dein Versprechen nicht!« »Seien Sie unbesorgt! Ich habe gegessen, was ich essen muß ... ich habe nicht einmal einen Mund. Bloß ein paar Stunden will ich mich des herrlichen Lebens erfreuen und dann meine Eier legen. Das ist mein Los, und ich beklage mich nicht.« »Das Leben ist nicht so schön, wie Du denkst. Wenn ich Dein aufrichtiger Freund sein wollte, so würde ich es Dir ersparen, daß Du alle Deine Illusionen verfliegen siehst.« »Wie können Sie sagen, daß das Leben nicht wunderschön sei? Sehen Sie doch ... dort ... und dort ...« »Ich will Dein aufrichtiger Freund sein! Du sollst vor Enttäuschungen bewahrt werden ... Ich fresse Dich auf der Stelle.« Mit diesen Worten erwischte das Rohrsängerweibchen die Fliege und verspeiste sie. »Guten Abend, Ew. Gnaden!« rief der Aal. »Betrachten Sie die poetische Natur? Wie ich sah, haben Sie soeben ein Stück von ihr in Ihren Magen befördert ... Denn eine Eintagsfliege ... das ist die Poesie! wie hat sie übrigens gemundet?« »Sie sind ein ganz gemeiner, ekelhafter Bursche!« beteuerte das Rohrsängerweibchen. »Sie reden wie jemand, dessen Hals voller Poesie steckt,« erwiderte der Aal. »Es freut mich, daß Sie so gute Fortschritte im Räubergewerbe machen. Anfangs waren Sie so fürchterlich feinfühlig.« Elftes Kapitel: Der schlimmste Tag. Es war Spätsommer. Die Buchen waren ganz gelb geworden vom Sonnenbrand, und der See war fast ganz bis zur Mitte mit Pflanzen bedeckt. Aus den Kaulquappen waren Frösche geworden, alle Jungen wuchsen heran und verlangten mehr zu essen. Die Seerose und der Froschbiß zankten sich nicht mehr, weil sie keinen Grund dazu hatten. Beide hatten ihre weißen Blumenkronen verloren, und ihre Köpfe waren voller Samen. Die Rohrsängerkinder waren jetzt so groß, daß sie angefangen hatten, das Nest zu verlassen und im Röhricht herumzuflattern. Aber noch hatten sie kein rechtes Selbstvertrauen und richteten sich ganz nach ihren Eltern. Sie entfernten sich auch immer nur so weit, daß sie mit Leichtigkeit zum Neste zurückgelangen konnten, und jeden Abend machten sie sich die Plätze darin streitig und hackten und traten aufeinander herum, während ihre abgemagerten Eltern daneben saßen und sie zu beruhigen suchten. »Ach, Mütterchen ... hol mir doch die Fliege da!« bat das eine Junge. »Ich kann die garstigen Mücken nicht fangen,« sagte das zweite. »Uhu ... uhu ... die Wasserjungfer ist mir entwischt!« rief das dritte. »Ich getrau mich nicht an die Schnake heran!« klagte das vierte. Das fünfte aber sagte nichts, denn es war ein schwächliches Geschöpf, das immer den Schnabel hängen ließ. »Aus dem da wird nie ein ordentlicher Rohrsänger werden,« erklärte der Vater. Wenn beim Exerzieren Versuche im Fliegen, Hüpfen und Klettern an den Rohrhalmen angestellt und wenn die Kinder im Gesang geprüft wurden, so blieb das fünfte immer hinter den andern zurück. »Wir schleppen es kaum bis nach Italien mit,« sagte der Rohrsänger. Und seine Frau seufzte. Unten im See plätscherte die Ente mit ihren ausgewachsenen Küchlein umher. »Es geht aufs Ende zu,« sagte sie. »Das merke ich an allem. Ich habe so böse Vorahnungen.« »Was sollte Ihnen wohl zustoßen?« fragte das Rohrsängerweibchen. »Sie verreisen ja nicht, sind also nicht solchen Gefahren ausgesetzt wie wir.« »Man kann nie wissen,« sagte die Ente. »Ich hab es in den Gliedern.« Dann ruderte sie weiter, lockte mit ihrer alten, ängstlichen Stimme die Kinder herbei und schaute recht bekümmert aus den Augen. – – Eines Tages ereignete sich etwas, das den ganzen See in Aufruhr versetzte: der Hecht wurde plötzlich aus dem Wasser emporgezogen. Der Rohrsänger sah es selbst. Der Hecht hing, entsetzlich zappelnd, an einer dünnen Schnur, sauste in einem großen Bogen durch die Luft und fiel ins Gras hinab. An dem andern Ende der Schnur war eine Stange, und an dem andern Ende der Stange ein Knabe, der einen feuerroten Kopf bekam vor Vergnügen, weil er einen so großen Fisch gefangen hatte. »Nun hat den Räuber sein Schicksal ereilt!« sagte der Barsch. »Gott sei Dank, daß er weg ist!« quakten die Frösche. Und alle kleinen Plötzen und Karpfen tummelten sich erfreut im Wasser. »Viele Freunde hat er nicht gehabt!« bemerkte der Rohrsänger. »Keinen einzigen,« sagte der Barsch. »Er war der schlimmste Räuber im See!« »Mir hat er nie etwas zuleide getan,« sagte die Seerose. »Er war ein vornehmer, tüchtiger Herr, der unter euch allen nicht seinesgleichen hatte. Es war mir immer ein wahres Vergnügen, wenn er an meinen Stengeln vorbeistrich.« »Ich habe so manchen in ihn hineinspazieren sehen,« meinte der Aal. »Und Spaß hat das wohl niemandem gemacht. Aber, du lieber Gott! – ich hätte es an seiner Stelle genau so gemacht. Nun ist er fort, und ich bin vermutlich der Größte im See.« Der Aal reckte sich in seiner ganzen Länge. »Sie sind groß und fett geworden,« sagte der Rohrsänger. »Es war ein recht gutes Jahr«, erwiderte der Aal. »Aber nun werd ich auch bald ins Meer wandern und dabei mein Fett wieder verlieren.« Am Abend desselben Tages erschien ein Mann dicht an der Stelle, wo die Rohrsänger wohnten. Er trug Wasserstiefel und wetzte eine Sense, daß es durch die Luft gellte. »Was geht denn nun vor?« rief das Rohrsängerweibchen. »Rap! Rap!« schrie die Ente entsetzt. Aber der Mann spuckte in die Hände und packte die Sense an. Dann ging er ins Wasser hinaus und fing an, das Rohr zu mähen ... am Ufer und bis in den See hinein, soweit es wuchs. Mit leisem Seufzer fielen die Halme ins Wasser; und als er fertig war, stellte er sich ans Ufer und betrachtete sein Werk. »Da haben wir eine schöne Schneise!« sagte er. »Morgen fängt die Entenjagd an.« Und dann ging er mit seiner Sense weiter und mähte eine zweite Schneise. Aber er hatte fürchterliches Unglück angerichtet. Er hatte das Gespinst der Wasserspinne zerrissen und sie selber zermalmt. Mit seinen schweren Stiefeln hatte er den Wasserschlauch an der Wurzel geknickt. Und in dem gefallnen Röhricht lag das umgestürzte Nest der Rohrsänger. Die Eltern umflatterten es mit lautem Geschrei. »Die Kinder! Die Kinder!« Doch die Kinder hatten sich in Sicherheit gebracht, vier von ihnen waren mit mühsamem Flügelschlägen ans Ufer gelangt und saßen nun da und schauten recht betreten aus. Das fünfte saß noch draußen im Röhricht, halb von den Halmen begraben, und konnte sich nicht bewegen. Die beiden Alten halfen ihm mit vieler Mühe zu den andern ans Land. »Herr Gott!« rief das Rohrsängerweibchen verzweifelt, »was sollen wir nun anfangen?« »Es hätte schlimmer ablaufen können,« erwiderte ihr Mann. »Nimm einmal an, daß es vor einem Monat passiert wäre! Jetzt können die Kinder sich doch wenigstens selber helfen, bis auf den armseligen Tropf da!« »Wir sind an einen schrecklichen Ort gekommen!« sagte sie. »Es war ein großes Unrecht von dir, mich hierher zu schleppen, viel lieber wäre ich in Italien geblieben, wenn ich mich auch niemals verheiratet hätte.« »Schwatz nicht so dummes Zeug, Frau!« sagte er. »Du hast dich so gut wie ich hierher gesehnt. Hier sind wir geboren, und hier sind wir zu Hause, darum müssen wir auch hier unser Nest bauen. Das liegt uns im Blut, dagegen können wir nichts machen. Es war doch auch sehr nett hier, und wir haben Freud und Leid redlich geteilt. Jetzt wollen wir uns doch auf unsre alten Tage nicht noch zanken, sondern die Kinder lieber reisefertig machen und aufbrechen.« Da wurde sie vernünftig, und die beiden saßen bis in die Nacht hinein wach und beratschlagten. Ihre Jungen liefen im Grase umher und fraßen Ameisen und fanden das Ganze recht lustig, denn Kinder haben ja nun mal nicht viel Verstand. Nur das fünfte saß verzagt da und ließ den Kopf hängen. »Was sollen wir doch nur mit dem Unglückswurm beginnen?« sagte das Rohrsängerweibchen und steckte dem Kleinen einen Bissen zu. »Nie und nimmer bringen wir ihn lebendig nach Italien,« sagte ihr Mann. – Am nächsten Morgen in aller Frühe herrschte ungeheurer Spektakel am See. Männer riefen, und Hunde bellten. Das Boot wurde ausgesetzt, und mit großer Mühe ruderte man durch all das grüne Pflanzengewirr hindurch. Am Ufer des Sees stand die Frau vor ihrer Hütte und schenkte Bier aus. »In des Himmels Namen, was ist das?« rief der Rohrsänger. »Das Ende der Welt ist da!« versicherte die Ente. »Rap! Rap! Rap!« »Auf den Grund! Auf den Grund!« sagte der Aal. »Man muß sich winden.« Erschrocken duckte sich die Rohrsängerfamilie ins Gras, aber die beiden Alten waren doch zu neugierig und konnten nicht ruhig sitzen bleiben. Sie ermahnten die Jungen, sich still zu verhalten, was auch immer geschehen möge, und setzten sich auf zwei Rohrwipfel neben der Schneise. Paff! Paff! tönten die Schüsse über den See hin. Paff! paff! paff! Und viele Enten schnatterten, und viele kleine Vögel flogen erschrocken aus ihren verstecken auf. Große, garstige Hunde, denen die Zunge aus dem Halse hing, schwammen bellend umher. Die Seerosenblätter schaukelten sich ganz unter Wasser, und der Froschbiß verschwand völlig und kam nicht wieder zum Vorschein. Piff! Paff! Piff! »Da liegt unsre Ente!« rief der Rohrsänger. Und wirklich lag sie tot auf dem Rücken und wartete bloß darauf, daß der Hund sie holen würde. Piff! Paff! Piff! »Ich will fort, ich halte es nicht mehr aus!« wehklagte das Rohrsängerweibchen. »Laß uns zu den Kindern zurückfliegen!« Sie erhielt keine Antwort; und als sie sich umblickte, war ihr Mann verschwunden. Sie starrte zu dem Rohr hinüber, auf dem er gesessen hatte, starrte in die Luft hinauf und ins Wasser hinab. Dann stieß sie einen gräßlichen Schrei aus. »Ach, ich arme, verlassene Witwe! was soll ich machen! Was soll ich nur machen!« Der Rohrsänger lag, von einem Streifschuß getroffen, tot im Wasser. »Kinder! Kinder! Euer Vater ist tot!« Die vier kräftigen Jungen sahen sie erschrocken an, als sie ihnen die Nachricht brachte, während das fünfte wie gewöhnlich schlaff und dumm dreinschaute. Draußen auf dem See wütete der Lärm weiter. Die sechs Rohrsänger saßen in einer Reihe am Ufer und wußten sich keinen Rat. Dann wurde es endlich wieder still. Der Pulverdampf verzog sich, und das Wasser kam zur Ruhe. Die Jäger saßen im Walde beim Frühstück, und die Frau in der Hütte zählte das Geld, das sie verdient hatte. »Das war ja eine schreckliche Geschichte!« sagte die Seerose. »Mein Mann ist tot!« wehklagte Frau Rohrsänger und stimmte einen Trauergesang an, der einen Stein hätte rühren können. »Meiner aufrichtigsten Teilnahme können Sie sicher sein!« sagte der Aal, der aus dem Schlamm emportauchte. »Aber wollen Sie mir nun nicht zugeben, Ew. Gnaden, daß ich recht gehabt habe? Bedenken sie, wieviel Sorgen und Kummer einem erspart bleiben, wenn man sich von all dem Familienunsinn fernhält. Ich kenne meine Frau nicht, wie ich schon die Ehre hatte, Ihnen zu erzählen. Habe sie nie gesehn. Es würde mir nicht einfallen, eine Träne zu vergießen, wenn jemand mir erzählte, daß sie gestorben wäre.« »Sie garstiger, herzloser Patron! Wie können Sie so zu einer Witwe mit fünf unmündigen Kindern sprechen, von denen das eine obendrein ein halber Krüppel ist!« »Sie ... Frauenzimmer!« rief der Aal und verschwand. Am Abend dachte das Rohrsängerweibchen über die Dinge nach. »Wir müssen fort!« sagte sie. »Noch in dieser Nacht. Es bleibt uns nichts andres übrig, wir fliegen und wir hüpfen, so gut wie wir können, wenn wir recht fleißig und artig sind, wird es schon gehen.« »Ich kann nicht mitkommen,« erklärte das gebrechliche Kind. »Dich hab ich ganz vergessen gehabt,« sagte die Mutter. Sie betrachtete das arme Wesen, und dann schüttelte sie ihre Flügel und faßte einen raschen Entschluß. »Nein, du kannst allerdings nicht mitfliegen,« sagte sie. »Und wir können nicht deinetwegen hier bleiben und zugrunde gehn. Lasse ich dich zurück, so wirst du von einem Fuchs oder einer Ratze oder den gefräßigen Ameisen aufgefressen. Es wäre schade, wenn du so gequält werden solltest, du armes Geschöpf! Da will ich dich lieber gleich totschlagen.« Und sie fuhr auf das Junge los und hackte auf seinen Kopf, so daß es tot umfiel. »Nun fort mit uns andern!« befahl sie. »Ew. Gnaden,« sagte der Aal. »sie dürfen nicht abreisen, bevor ich Ihnen adieu gesagt habe, Sie sind eine hübsche Dame, und sie verstehen es, sich in die Verhältnisse zu schicken. Sie waren von Erbitterung erfüllt gegen die garstigen Räuber hier im See, und Sie selber aßen vom Morgen bis zum Abend unschuldige Fliegen, sie liebten die Poesie, aber Sie verspeisten die arme Eintagsfliege, obwohl sie ihr versprochen hatten, daß sie das poetische Leben einer Stunde leben dürfe. Sie waren ergrimmt auf die Spinne, die ihre Mutter aß, und auf den Krebs, der seine Kinder verzehrte, und nun haben Sie höchst eigenhändig Ihr krankes Kind totgehackt, damit Sie nach Italien reisen können!« »Gott sei Dank, daß ich Sie nicht mehr zu sehen bekomme, Sie widerwärtiger, boshafter Bursche!« schrie das Rohrsängerweibchen. »Übrigens kann ich Ihnen mitteilen, daß ich mein Kind aus Mitleid getötet habe.« »Und die Spinne hat ihre Mutter aus Hunger gegessen, und der Krebs seine Kinder aus Liebe,« erwiderte der Aal, »während ich die meinen aus Vernunftgründen sich selber überlasse.« »Liebe Kinder!« belehrte das Rohrsängerweibchen ihre Jungen. »Dieser Aal ist wie geschaffen dazu, sein Leben in diesem häßlichen See zu verbringen!« Und dann flogen die Rohrsänger fort. »Ich glaube doch, ich bleibe lieber nicht hier!« sagte der Aal. »Ich sehne mich nach dem Meere.« Er sah sich vorsichtig um, kroch dann ins Gras hinauf und schlängelte sich geschwind zum nächsten Graben hin. Zwölftes Kapitel: Das Ende Der November kam und war nicht anders als sonst. Die Bäume waren entlaubt. Die Blätter raschelten auf der Erde oder schwammen auf dem See. Die Rohrhalme waren abgehauen, die Blätter der Seerose waren mit den Stengeln und allem verwelkt. Tief unten schlief sie den Winterschlaf und träumte von ihrem weißen Frühlingsgewande. Und auf dem Grunde lagen die Frösche, tief in den Schlamm eingegraben, so daß nur das Maul hervorragte. Es sah aus, als sei der See mit Froschmäulern gepflastert. Der Wald im See war entblättert wie der Wald am Rande, versteckt zwischen den Stengeln und welken Blättern, unter Steinen und im Schlamme lagen die Tiere und schliefen, und die Eier harrten des Frühlings, der sie ausbrüten sollte. Alle Vögel waren fortgeflogen, außer dem Buchfink und noch einigen, die umherhüpften und sich durchschlugen, so gut sie konnten. Alle Fliegen waren verschwunden, ebenso Libellen, Spinnen, Mücken und Schmetterlinge. Im See regten sich nur ein paar verdrossene Fische. Und der Sturm rüttelte an den Bäumen, daß sie knarrten, und peitschte den See auf zu hohen, schäumenden Wellen. »Hier ist's im Winter recht ungemütlich,« sagte die Frau in der Hütte am See und verdichtete ihre Fenster mit Moos. »Das heult im Schornstein, und das kracht und knarrt im Walde, und das saust und braust im See. Wäre es doch erst wieder Sommer! Der Sommer ist so schön und friedlich, dann wohnt es sich gut hier am Ufer des Sees.« Auf dem Wege, der um den See herumführte, ging ein Dichter mit sieben Damen spazieren. Er trug einen warmen Mantel und hatte den Kragen bis über die Ohren aufgeschlagen, und auch die Damen waren so gut eingepackt, daß man nur ihre Nasenspitzen sah. Denn kalt war es ja allerdings. »Meine Damen,« sagte der Dichter, »wenn Sie jetzt diesen wilden, tobenden See betrachten, so können Sie sich gar keine Vorstellung davon machen, wie wunderschön er im Sommer ist. Jetzt sind alle Elemente entfesselt. Welle rast gegen Welle, der Sturm wütet, und die Bäume stehen trostlos kahl. Das ist so recht ein Bild des Unfriedens, des Kummers und grimmigen Zornes. Aber gehen Sie einmal an einem Sommertag hierher, meine Damen, dann werden Sie ein anderes Bild sehen. Dann wächst das Rohr so hübsch am Ufer, Seerose und Froschbiß schwimmen Seite an Seite auf dem Wasser und nicken einander mit ihren weißen Kelchen lächelnd zu. Die Mücken tanzen in der Luft, die Frösche quaken, und fröhlich singen die Vögel. In der Tiefe schwimmen schöne Fische umher und spielen vergnügt mit ihren Flossen. Die Muschel träumt im Schlamm von herrlichen Perlen, und die Krebse krabbeln langsam umher und genießen das Leben und das Glück. Meine Damen, Sie können sich gar nicht denken, was für ein Bild des Friedens der See im Sommer darbietet. Die ganze wunderbare, harmonische Natur scheint hier vereint zu sein, und ihr Anblick tröstet uns arme Menschenkinder, die vom Morgen bis zum Abend miteinander kämpfen und streiten, die einander beneiden, verleumden und verfolgen. Vergessen Sie nicht, hierher zu gehen, meine Damen, wenn der Sommer kommt! Für den Menschen in seinem bittern Kampf ist es ein Halt und eine Stärkung, den Frieden und die Freude zu sehen, darin die niederen Geschöpfe Gottes leben ... die, denen nicht so große Gaben des Geistes zuteil wurden, aber ein reineres und tieferes Glück.« So sprach der Dichter. Und die sieben Damen hörten ihm ehrerbietig zu, und keine widersprach ihm. Die leeren Stuben Der Kapitän mußte eine weite Fahrt antreten, und diesmal wollte er seine Frau und sein Söhnchen mitnehmen. Alles war gepackt und an Bord gebracht, der Junge saß bereits im Wagen, und Stine stand weinend an der Haustür. »Wie lange bleiben wir fort?« fragte der kleine Junge. »Ein halbes Jahr,« erwiderte sein Vater. »Wer bewohnt denn in der ganzen Zeit unsre Stuben?« »Na, niemand, du dummer Peter. Die stehn eben leer, bis wir zurückkommen!« Dann setzten sich der Kapitän und seine Frau in den Wagen. Der Wagen fuhr zum Schiff, das Schiff glitt aus dem Hafen, und Stine ging zu ihren Verwandten. In der Wohnung des Kapitäns war eins der Fenster am Sturmhaken befestigt und als der Wagen davongerollt war, flog eine Fliege durch den Spalt ins Zimmer hinein. Sie flog an die Decke hinauf und setzte sich dort zu den andern Fliegen. Aber kaum hatte sie sich niedergelassen, so plumpste sie auf den Tisch hinab und lag da auf dem Rücken, zappelte mit ihren sechs Beinen und konnte sich nicht halten vor Lachen. »Was ist denn eigentlich so spaßig?« fragten die andern Fliegen. Sie lachte aber immer weiter und konnte vor Fröhlichkeit kein Wort hervorbringen. Da setzten sich die Fliegen rings um sie herum und betrachteten sie. Der Ohrwurm breitete seine Flügel aus – das tut der Ohrwurm nur, wenn etwas sehr Merkwürdiges geschieht – und flog auf den Tisch, wo die Fliege lag. Der Floh sprang mit einem einzigen Satz hinauf und starrte die Fliege mit recht gierigen Augen an. »Sie hat den Verstand verloren!« erklärte der Ohrwurm. »Eine Fliege verliert nie den Verstand,« sagten die andern Fliegen gekränkt. »Sie kann ihn nicht verlieren, weil sie keinen hat,« warf der Floh ein. »Vielleicht ist sie krank,« sagte die Motte, die aus der Gardine hervortanzte. »Hi hi hi!« Die sonderbare Fliege lachte immer noch. Nun kam die Schmeißfliege summend aus der Küche herbeigeflogen. »Willst du wohl wieder zu dir kommen und reden!« schalt sie und flog um die Lachende herum. Da gewann diese ihre Fassung wieder. Sie sprang auf, stand wieder auf ihren Beinen und wischte sich die Augen. Aber noch immer gluckste es in ihr. Und sie erzählte: »Ich mußte nur über diese Menschen so lachen ... als sie abreisten ... ihr wißt, die Leute, die hier wohnen! Ich saß nämlich in der Droschke auf der Nase des Kapitäns. Und da sagte er ... hi hi hi! ... er sagte, wenn sie jetzt abreisten ... hi hi hi! ... dann wären die Stuben ganz leer ... hi hi hi!« Der Floh sprang dreimal halb bis zur Decke hinauf und kicherte, der Ohrwurm lachte, die Fliegen lachten, die Motte lächelte – sie mußte sich in acht nehmen, daß der Staub nicht von ihren Flügeln fiel; aber die Schmeißfliege lachte, daß die Luft bebte. »Ja, diese Menschen! Sind sie nicht spaßig!« rief die Fliege. »Hier wohnt nun eine Menge strebsamer, achtbarer Familien, die Tür an Tür mit ihnen leben, tagaus tagein, und sie denken gar nicht an uns. Ich darf wohl sagen, in dem ganzen Hause ist kein Winkel und keine Fußbodenritze, die unbewohnt wäre, und dann heißt es, sobald die Menschen selber mal eine kleine Reise unternehmen, sofort: das Haus ist leer!« Und wieder lachten alle, mit Ausnahme der Motte. »Das ist alles recht gut und schön!« sagte diese, »Aber die Menschen sind nicht bloß lächerlich, sie sind ...« »Das ist eine ewige Wahrheit,« unterbrach sie der Ohrwurm. »Nicht bloß lächerlich!« »Hört! Hört!« riefen die Fliegen im Chore. »Auch ich habe mich über etwas zu beklagen,« sagte die Schmeißfliege. »Wollen wir uns einmal darüber aussprechen?« fragte die Motte. »Mir soll's recht sein!« sagte der Floh. »Aber dann müssen wir's auf der Stelle tun, denn sie kommen gewiß bald zurück.« »In einem halben Jahre erst,« verkündete die Fliege. »Ich hab es den Kapitän sagen hören.« »Au!« rief der Floh. »Das ist schlimm für mich. Dann muß ich mich für diese Zeit nach einem Logis bei einem Hund umtun. Schade, schade! Der kleine Bub hatte so schönes, süßes Blut. Und Stine war auch nicht zu verachten!« »Jetzt in der Helligkeit kann ich nichts sagen,« erklärte die Motte. »Wollen wir uns nicht heut abend wieder treffen?« »Das ist auch meine Ansicht,« sagte der Ohrwurm. »Es eilt ja nicht,« meinte die Schmeißfliege. »Diese Woche haben wir alle mit dem Eierlegen zu tun, denke ich. Heute in acht Tagen in der Dämmerung wollen wir zusammenkommen. Ich schlage als Versammlungsort die Küche vor.« »Wir wollen hier zusammenkommen,« sagte ein feines, hübsches Stimmchen, das sich bisher noch nicht hatte vernehmen lassen. »Wer spricht da?« fragte die Schmeißfliege. »Das Heimchen,« war die Antwort. »Ich schlage vor, daß wir uns hier treffen, weil ich so gemütlich in meiner Spalte am Ofen sitze.« »Komm hervor, daß man dich zu sehen kriegt!« sagte der Floh. »Ich komme niemals hervor!« erwiderte das Heimchen. »Ich fühle mich hier in meiner Ritze sehr wohl. Ich höre euch, und ihr hört mich, und das genügt!« »Gut,« sagte die Schmeißfliege. »Dann treffen wir uns also hier in acht Tagen!« »Es werden sich noch mehr einfinden,« meinte das Heimchen. »Wer denn?« fragte die Schmeißfliege. »Ich dachte, wir wären jetzt alle beisammen.« »Nein,« erklärte das Heimchen. »Das heißt, zur Stelle sind alle. Aber ihr könnt eben nicht alle sehen. Da ist die Totenuhr und der Zuckergast und der Dieb. Und außerdem noch eine sehr merkwürdige Person, von der ich nichts weiter weiß, aber die ich des Nachts ganz deutlich in dem kleinen neuen Tisch aus Tannenholz gehört habe.« »Ich kenne die Leute nicht,« sagte die Schmeißfliege. »Sind's anständige Wesen? Brave Gewerbetreibende wie wir? Genießen sie Bürgerrecht hier im Hause?« »Gewiß!« erwiderte das Heimchen. »Ich kenne sie alle und bürge für sie, mit Ausnahme der geheimnisvollen Person. Darüber müssen wir uns erst noch klar werden, wes Geistes Kind die ist.« »Schön!« sagte die Schmeißfliege. »Dann ist die Sache also in Ordnung, und die Versammlung wird stattfinden. Ich bin natürlich ihr Leiter, und von den Fliegen darf immer nur eine reden, sonst wird nichts draus!« Damit trennte man sich, und jeder ging seiner Beschäftigung nach. Am achten Tage darauf versammelten sich die Bewohner der leeren Stuben in der Dämmerung, wie es verabredet war. Die Zimmerdecke war voller Fliegen, der Floh sprang umher und war bald hier, bald da zu finden, das Heimchen saß in seiner Spalte, die Motte hielt sich in einer Gardinenfalte verborgen, der Ohrwurm saß auf dem Tisch neben der Schmeißfliege, die tüchtig summte und brummte und mit wichtiger Miene den Vorsitz führte. »Die Motte hat's Wort,« verkündete sie. »Sie hat die Anregung zu dieser Versammlung gegeben.« »Es ist noch zu hell,« meinte die Motte. »Ich bitte, nicht so zimperlich zu sein!« sagte die Schmeißfliege. »Wenn man die Menschen bekämpfen will, muß man alles Zartgefühl beiseite lassen.« »Ich finde, erst müssen wir doch sehen, ob wir alle zur Stelle sind,« sagte das Heimchen, »vielleicht darf ich dem Herrn Vorsitzenden diejenigen Mitglieder unsres Hausstandes vorstellen, die ihm noch unbekannt sind.« »Bitte schön!« sagte die Schmeißfliege gnädig. »Darf ich dann alle bitten, sich ganz still zu verhalten,« begann das Heimchen. Alle lauschten, und gleich darauf vernahmen sie ein seltsames Klopfen in dem alten Mahagonipult, einem Erbstück des Kapitäns von seinem Großvater her. »Tik ... tik!« sagte es in dem einen Ende des Pults. »Tak ... tak!« antwortete es in dem andern. So ging das eine Weile. »Das sind die Totenuhren!« erklärte das Heimchen. »Da haben wir sie.« In diesem Augenblick flogen zwei kleine braune Käfer aus dem alten Pult hervor. Recht sonderbar sahen sie aus; der Kopf steckte tief zwischen den Vorderbeinen, und ein Mützchen bedeckte ihn. Der eine flog gegen die Fensterscheibe und fiel tot auf die Fensterbank hinab. Der andere setzte sich auf den Tisch neben die Schmeißfliege. »Guten Tag!« sagte die Totenuhr. »Ich höre, hier wird eine Versammlung gegen die Menschen abgehalten.« »Ganz recht!« erwiderte die Schmeißfliege. »Aber mir scheint, Ihr Kamerad hat drüben am Fenster den Hals gebrochen.« »Hm ... das ist bloß mein Mann!« meinte die Totenuhr, »Wenn er den Hals gebrochen hat, so ist das seine Sache. Ich habe genug damit zu tun, meine Eier zu legen, und kann auf solche Kleinigkeiten nicht auch noch achten.« »Und wo legen Sie Ihre Eier?« fragte die Schmeißfliege. »In dem alten Pult dort. Meine Larven fressen das Holz, graben sich tiefer und tiefer hinein und kommen dann heraus, wenn sie ausgewachsen sind. Sie werden eine Menge kleiner Löcher in dem Pult bemerken. Die rühren von meiner Familie her.« »Sie betreiben also offenbar ein ebenso ehrliches Gewerbe wie wir andern,« sagte die Schmeißfliege. »Sie sollen Sitz und Stimme in der Generalversammlung haben. – Nun weiter, Heimchen!« »Dieb ... lieber Dieb!« flötete das Heimchen. Einen Augenblick war's still. Doch dann kam ein neuer kleiner Käfer mit sehr langen Fühlhörnern von dem Bücherregal herabgeflogen und setzte sich auf den Tisch. »Zu Diensten!« sagte er, sich verneigend. »Soso, du bist also der Dieb!« begrüßte ihn die Schmeißfliege. »Ich bin recht neugierig, was für eine Beschäftigung du denn hast. Dein Name klingt unheimlich.« »Jedermann ist ein Dieb in seinem Gewerbe,« versicherte der kleine Käfer. »Augenblicklich denke ich mehr an meine Kinder als an mich selbst, aber während meiner Larvenzeit habe ich Bücher gefressen.« »Eine trockne Kost!« meinte die Schmeißfliege, sich schüttelnd. »Aber, warum sollst du schlechter sein als die Totenuhr? Drum sei willkommen!« Nun kam der Zuckergast zum Vorschein. Das war ein drolliger Kauz mit drei langen Borsten am Hinterleib; er glänzte so schön wie Silber. Nachdem er berichtet hatte, daß er auch Silberfischchen genannt werde, zur Familie der Borstenschwänze gehöre und sich schlecht und recht von Zucker und Mehl ernähre, fand er Zutritt zu der Versammlung. »Sind mir nun alle beisammen?« fragte die Schmeißfliege. »Nein,« erwiderte der Floh. »Die geheimnisvolle Person, von der das Heimchen sprach, fehlt noch, sie möge sich vorstellen. Hat der Bursche viel Mut? Ist's ein anständiger Kerl? hervor mit ihm!« »Er sitzt dort in dem Tisch aus Tannenholz,« sagte das Heimchen. »Gesehen hab ich ihn nie, aber Nacht für Nacht höre ich ihn nagen und bohren, wenn ihr ihn herauslocken könnt, so seid so gut!« Da fingen alle an, zu rufen und einen fürchterlichen Lärm zu veranstalten; und nach einer Weile erscholl ein dünnes, unglückliches Stimmchen aus dem Tisch: »Ich will hinaus! ... Ich will fort! ... Ich will in meine grünen Wälder zurück! Ich habe hier gar nichts zu suchen! ... Ich bin das Opfer eines schrecklichen Verbrechens! ... Ich will hinaus! ... Ich will in meine Heimat!« »Gott behüte!« rief die Schmeißfliege. »Was ist denn das?« »Hab ich's nicht gesagt?« meinte das Heimchen. »Die Sache ist höchst geheimnisvoll und unheimlich!« »Zu meiner Familie gehört dieses Wesen nicht,« erklärte die Totenuhr energisch, »wir sind stille, ordentliche Leute, die ihrer Arbeit nachgehn, solange wir in den Möbeln sind und zur rechten Zeit ans Licht kommen.« »Ich weiß nicht, was man davon halten soll,« bemerkte die Motte. »Die fremde Person sprach von den grünen Wäldern, vielleicht ist es ein Verwandter von mir. In den grünen Wäldern lebt ein Zweig unsrer Familie ... große, prachtvolle Schmetterlinge, die im hellsten Sonnenschein, dessen bloße Erwähnung mich blind machen kann, umherfliegen.« »Hast du blinder, grauer Mann Verwandte, die im Sonnenschein leben?« fragte der Floh höhnisch. »Was die Motte sagt, stimmt ganz genau,« meinte der Ohrwurm. »Im Garten bin ich häufig Schmetterlingen begegnet.« So sprachen sie hin und her, ohne ins reine zu kommen. Dann lauschten sie wieder; und weil in dem Tische alles still blieb, sagte die Schmeißfliege: »Mag es mit diesem Gespenst sein, wie es will. Es wird ja wohl auch da drinnen bald sterben. Aber wir wollen nun unsre Versammlung eröffnen. – – Die Motte hat das Wort!« Und die Motte sprach: »Ich möchte bloß bemerken, daß die Menschen mich auf jede erdenkliche Weise verfolgen und vernichten, sie zünden Lichter an, und wenn ich dagegen fliege, verbrenne ich mir die Flügel; oder sie fangen mich und schlagen mich tot. Wo sie mich sehn, sind sie hinter mir her. Das allerschlimmste aber ist, daß sie meine Brut vernichten. Ich lege meine Eier ins Sofa, auf die Polsterstühle und an ähnliche Orte, und meine Jungen machen sich einen kleinen Pelz aus den Bezügen und fressen sich im übrigen nach Herzenslust satt daran, die armen kleinen Wesen! Darf ich fragen, ob man sich darüber aufhalten kann? Die Menschen aber streuen allerlei giftige Mittel auf die Möbel, so daß meine Kinder sterben, bevor sie aus dem Ei schlüpfen. Zum Beispiel jetzt! Ich habe nichts anderes als ein kleines Taburett gefunden, auf das ich meine Eier legen kann. Sonst ist alles eingepfeffert, so daß ich mich gar nicht herangetraue. Und dabei beiße und steche ich doch nicht. Ich bin der beste Kerl von der Welt!« »Du schadest ihren Möbeln doch!« sagte der Ohrwurm, »Aber was tue ich? Ich ernähre mich von lauter verfaulten Sachen, die ich finden kann, und über deren Beseitigung die Menschen froh sein müßten. Aber wenn sie einen Ohrwurm sehen, schreien sie und treten ihn tot. Sie erzählen, ich kröche in ihre Ohren, während sie schliefen, und kniffe sie mit meiner Zange. Aber an der Geschichte ist kein wahres Wort. Ich bin noch nie in die Ohren der Menschen gekrochen, und meine Zange dient mir nur dazu, meine Flügel auszubreiten, wenn ich, was selten genug vorkommt, mal ein bißchen fliegen will. Ich verlange nur, in Ruhe und Frieden das fressen zu dürfen, was andre verschmähen, und für meine armen Kleinen zu sorgen. Trotzdem bin ich eins von den Tieren, die von den Menschen am meisten gehaßt und verfolgt werden.« »Das Leben ist eine Kette von Ungerechtigkeiten,« erklärte der Floh, »Seht mich an! Bin ich nicht wirklich ein netter, muntrer Gesell? Ich springe hundertmal so hoch, wie ich groß bin, und ich bin immer obenauf, immer guter Laune. Und doch machen die Menschen geradezu Jagd auf mich, bloß weil ich ihnen das bißchen Blut abzapfe. Sie wollen nicht einmal öffentlich mit mir zu tun haben, sondern gehen beiseite und fangen mich in der Stille – ganz, als wäre ich etwas Entehrendes und kein braver, kleiner Krieger, der sich genau wie sie selber durchs Leben schlagen muß. Uha ... ich hab mich einmal zwischen zwei Nägeln befunden ... das war eine abscheuliche Geschichte!« »Du stichst sie wenigstens,« sagte die Fliege. »Aber was tue ich? Ich habe keinen Stachel, so daß ich nicht einmal könnte, wenn ich wollte. Ich habe nur zwei weiche Lippen auf meinem Rüssel. Und ich setze mich Ihnen nur auf die Stirn und sauge ihren Schweiß ein, den sie sowieso abwischen. Und wenn ich es forttragen kann, nasche ich ein bißchen Zucker. Herr Gott, ist das der Rede wert? Aber sie stellen mir mit giftigen Pflastern nach, mit Fliegenklappen, Pulvern und Taschentüchern, daß man gar nicht weiß, wo man bleiben soll. Obendrein beschuldigen sie mich zu Unrecht, daß ich sie stäche. Dabei bin ich das durchaus nicht ... mein grauer Vetter ist's, aber mir gibt man die Schuld. Bei alledem kann einem übel werden, wenn man im Winter sieht, wie gerührt sie sind, und wie sie sich anstellen, sobald sie eine von uns Fliegen bemerken, die sich in einen Winkel gedrückt hat und sich von der Ofenwärme hervorlocken läßt. Dann schmeicheln sie uns und lassen uns über ihre Hand kriechen und tun so, als wären sie uns wer weiß wie gut. Nach meiner Ansicht sind die Menschen recht falsche, boshafte Geschöpfe.« »Wie denkt das Heimchen darüber?« fragte die Schmeißfliege. »Ich denke gar nichts,« erwiderte das Heimchen. »Ich halte mich hier in meiner Ritze auf und spiele auf meiner Geige. Niemand tut mir etwas, und ich tue auch niemandem etwas. Im Sommer fliege ich von Zeit zu Zeit mit meiner Frau auf den Misthaufen oder bis aufs Feld hinaus. Im Winter fühle ich mich hier am wohlsten. Die Menschen hören mich gern geigen, der Dichter schreibt Geschichten über mich, und niemand stellt mir nach.« »Nun will ich euch mal was sagen,« begann da die Schmeißfliege selber. »Und weil ich ein praktischer Kerl bin, will ich nicht um die Sache herumreden. Was von der Verfolgung der Menschen geschwatzt wird, ist der reine Blödsinn. Natürlich verfolgen sie uns, wenn wir ihnen schaden. Das ist ganz selbstverständlich, so ist nun einmal das Leben! Doch ich muß von der entsetzlichen Reinlichkeit sprechen, die in der letzten Zeit immer mehr um sich greift, und die viel schlimmer ist als alles andre. Mögen sie uns töten, wenn sie uns kriegen können, dagegen läßt sich nichts sagen, höchstens der arme Ohrwurm kann einem leid tun, weil er nichts Böses getan hat und nur so unheimlich aussieht. Wenn das aber so weitergeht mit dieser Reinlichkeit, dann ist es bald mit uns allen aus.« »Hört!« schrien die Fliegen im Chore. Und »Hört!« riefen der Floh, der Dieb und der Zuckergast. »Jeden Sonnabend klopft man den Staub aus den Büchern,« sagte der Dieb. »Meine Eier und Jungen fliegen mit heraus. Es ist nicht auszuhalten!« »Man firnißt den Fußboden, so daß ein ehrliches Wesen keine Ritze hat, in die es seine Eier legen kann,« sagte der Floh. »Die Tabaksdose und der Spucknapf werden täglich reingemacht,« sagte die Fliege. »In alten Zeiten konnte ich da in Ruhe und Frieden meine Eier legen.« »In alten Zeiten!« meinte die Schmeißfliege. »Das ist es ja eben. Die alten Zeiten waren viel besser. Da waren die Menschen nicht so verteufelt reinlich.« »Sie wuschen sich nicht so viel,« warf der Floh ein. »Sie wechselten auch nicht so oft die Wäsche. Jetzt läuft man immer Gefahr, mit einem Strumpf in den Wäschebeutel zu wandern.« »So ist es,« bestätigte die Schmeißfliege. »Und jetzt, wo die Leute verreist sind, ist alles wie weggeblasen. In der Speisekammer ist kein Stückchen Fleisch zu entdecken.« »Auch kein Mehl und Zucker und keine Stärke,« berichtete der Zuckergast. »Die Käsemilben sind gestern sämtlich gestorben,« erzählte die Fliege. »Heut morgen hat der letzte Speckkäfer den Geist aufgegeben,« sagte der Floh. Und die Schmeißfliege erklärte: »Da seht ihr's! Und nun will ich euch sagen, wer schuld an alledem ist: Stine . Unter dem vorigen Dienstmädchen war es viel besser. Aber Stine ist ein richtiges Ungeheuer mit ihrem ewigen Putzen und Scheuern. Sie bohnt die Fußböden. Sie hat die Möbel eingepfeffert. Sie staubt jeden Sonnabend die Bücher ab. Sie hält die Tabaksdose und den Spucknapf rein und wäscht jeden Teller sauber in Küche und Speisekammer, so daß eine ehrliche Schmeißfliege vor Hunger und Zorn umkommt.« »Ich lege meine Eier in ihren Mantel,« versicherte die Motte. »Die meinen leg ich in ihr Gesangbuch,« versprach der Dieb. »Ich steche sie gehörig,« sagte der Floh. »Ich necke sie, daß sie nicht einschlafen kann,« erklärte die Fliege. Da schrie auf einmal eine grobe Stimme von der Zimmerdecke herab: »Stine ist ein Scheusal! Nieder mit Stine!« Alle blickten hinauf, und im selben Augenblick stoben sie mit unglaublicher Geschwindigkeit auseinander. Von der Decke glitt an einem Faden eine große graue Spinne herab. Nun stand sie auf dem Tisch und schaute erstaunt um sich. Keine Katze war zu sehen. Das Heimchen spielte leise und vergnügt Violine. »Wo ist Stine?« fragte die Spinne. »Sie ist fort,« erwiderte das Heimchen. »Wer hat hier von Stine gesprochen?« schalt die Spinne. »Sie sind weg,« antwortete das Heimchen. »Wer bist du?« »Das Heimchen.« »Warum sind die andern weggelaufen?« »Sie hatten Angst, du würdest sie auffressen.« »Komm hervor! Laß du dich wenigstens fressen!« »Ich danke. Übrigens bin ich dir gewiß zu groß.« »Schon gut. Ich wollte auch bloß sagen, daß das seine Richtigkeit mit Stine hat. Sie ist ein wahrer Satan. Siebenmal hat sie mit ihrer ekligen Eule mein Gewebe entzweigefegt. Will jemand ein Strafgericht über sie abhalten, so bin ich mit dabei. Das ist alles, was ich sagen wollte. Gut Nacht!« Damit kletterte sie an ihrem Faden wieder in die Höhe. Das Heimchen geigte weiter, sonst war's ganz still in der Stube. Von den andern ließ sich keiner mehr sehen. Da begann die Stimme in dem Tannentisch wieder zu jammern: »Herr Gott! Kann mir denn niemand helfen? ... Es ist doch wirklich eine Schande!« »Ist's wieder so arg, liebes Gespenst?« fragte das Heimchen freundlich. Dann aber sagte es nichts mehr, sondern starrte bloß mit großen Augen auf den Tisch und kam halb aus seiner Spalte hervor, um besser zu sehen. An dem einen der viereckigen Tischbeine entstand ein kleines rundes Loch, das größer und größer wurde. Nun kam ein Kopf zum Vorschein ... ein Vorderleib ... und nun kroch ein großes, schwarz und gelb gestreiftes Tier heraus, das Flügel, Beine, Fühler und alles Notwendige hatte. »Puh!« sagte das fremde Wesen. »Das war eine böse Sache. Wüßte man doch wenigstens, wo man sich befindet!« »Sie sind in der Stube des Kapitäns,« erklärte das Heimchen höflich. »Sie sind vor einem Augenblick aus jenem Tischbein dort gekrochen, wie Sie hineingekommen waren, was Sie da wollten, und wer Sie sind, müssen Sie selber am besten wissen. Ich bin das Heimchen, zu dienen.« »Können Sie mir nicht den Weg zum grünen Walde sagen?« fragte das Tier. »Leider nicht,« antwortete das Heimchen. »Ich bin nie weiter als bis zum Misthaufen und zum Felde gelangt. Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre?« »Ich bin die Holzwespe. Und ich muß wohl bald sterben. Ich ahne nicht, wie ich aus diesem Kasten entkommen soll. Außerdem bin ich so müde, so müde.« »Ruhen Sie sich ein wenig aus,« sagte das Heimchen, »wollen Sie mir Ihre Geschichte erzählen, so will ich Ihnen zeigen, wie Sie ins Freie gelangen können.« »Wirklich? Gott segne Sie!« rief die Holzwespe aus. »Aber zuerst die Geschichte. Ich liebe so eine gute, gruselige Geschichte, wenn es dunkel ist; und die Ihre ist sicherlich nicht schlecht. Fangen Sie an! Ich werde Sie mit meinem Spiel begleiten.« »Sie können es mir glauben, ich habe gräßliche Dinge erlebt, aber am schlimmsten war es doch zuletzt im Tische. Ich hätte nie gedacht, daß ich wieder hinausgelangen würde.« »Wir haben Sie stöhnen hören,« versicherte das Heimchen, »Weiter im Text!« »Sehen Sie,« erzählte die Holzwespe, »als ich noch ein Ei war, legte meine Mutter mich in eine große, schöne Tanne draußen im Walde, wissen Sie, was eine Tanne ist?« »Ein Weihnachtsbaum mit Kerzen daran. Und die Menschen fassen einander bei der Hand und singen und tanzen um den Baum herum.« »Davon habe ich nie etwas gehört, meine Tanne war groß und schlank – viel, viel höher als diese Stube. Und grün. Es saßen Vögel darin. Und zu ihren Füßen krochen die Ameisen umher. Und auf den Zweigen lag Sonnenschein.« »Davon weiß ich nichts. Was weiter?« »Meine Mutter steckte ihren Legestachel in die Rinde des Baumes und legte mich tief hinein. Gleich nachdem sie das getan hatte, kam ein Vogel und fraß sie.« »Gott behüte!« »Es kommt noch viel ärger. Neben mich hatte sie vorher meine Schwester gelegt ... gleichfalls als Ei, natürlich. In demselben Augenblick, als sie den Stachel herauszog, um mich zu legen, bohrte eine abscheuliche Schlupfwespe ihren Legestachel in meine Schwester und legte ihr Ei in sie hinein. Das Schlupfwespenkind kroch gleichzeitig mit meiner Schwester aus und fraß sie, verstehen Sie. Ich hörte sie jammern.« »Es geht doch wirklich schrecklich zu bei den wilden Tieren.« »Das ist noch gar nichts!« verkündigte die Holzwespe. »Da drinnen lag ich also und schlüpfte aus dem Ei und fing an, Holz zu fressen. Denn das war meine Bestimmung. Ich fraß mich immer tiefer in den Raum hinein. Im Innern war das Holz nämlich am besten, außerdem wollte ich natürlich gern von dem Ort fort, wo der Legestachel meiner seligen Mutter noch tief in der Rinde steckte. Dieser Anblick war zu traurig für mich, wissen Sie! Ich war noch zu jung, die Schrecken des Todes beständig vor Augen zu haben. Eines Tages verspürte ich einen entsetzlichen Stoß. Ich ahnte nicht, was es war. Erst später begriff ich, daß man den Baum gefällt hatte.« »So etwas hab ich noch nie ...« rief das Heimchen. »Das ist nur der Anfang!« sagte die Holzwespe. »Man hatte den Baum umgehauen, und nun sollte er zersägt werden. Ich hörte die Säge ganz in meiner Nähe und war jeden Augenblick darauf gefaßt, in zwei Teile geschnitten zu werden.« »Was haben Sie alles durchgemacht!« »Dann kam ich unter den Hobel. Sie können sich denken, daß es sehr interessant war, im Holze zu liegen und den Hobel zischen zu hören und dabei immer zu denken, daß es nun Matthäi am letzten sei.« »Na ... aber Sie sind mit heiler Haut davongekommen!« »Ich lag mitten im Bein ... im Tischbein, verstehen Sie. Ich wohnte in dem Tischbein, aus dem ich vorhin ausgekrochen bin. Der Tisch wurde geleimt und angestrichen und im Laden aufgestellt. Ich konnte hören, wie der Schreiner den Tisch anpries. Er sei besonders gut und solide, sagte er, und werde hundert Jahre halten. Er wußte ja nicht, daß ich das eine Bein kreuz und quer durchnagt hatte. Denn ich fraß ja in einem fort. Man muß sich doch ernähren, wenn man auch fortwährend in der größten Gefahr schwebt. Und ich war jetzt groß und dick und fett geworden ... Dann verpuppte ich mich.« »Im Laden?« fragte das Heimchen. »Nein, hier,« erwiderte die Holzwespe. »Ich habe wohl vergessen zu erzählen, daß der Tisch verkauft und hierher gebracht wurde. Und dann schlüpfte ich aus dem Puppengehäuse aus und wollte weiter, konnte mich aber nicht durch den verflixten Anstrich durchbeißen. Damals haben Sie mich stöhnen hören.« »Ich verstehe das alles sehr gut!« sagte das Heimchen. »Und ich habe schon lange keine so interessante Geschichte gehört! Sie läßt sich in Musik setzen!« »Das mag sein,« erwiderte die Holzwespe. »Aber Sie denken doch auch an Ihr Versprechen, mir zu zeigen, wie ich ins Freie kommen kann?« »Sie sollten lieber hier bleiben,« schlug das Heimchen vor und geigte so hübsch, wie es konnte, »Was wollen Sie draußen in dem grünen Wald, wo es so grauenhaft wild zugeht? Legen Sie doch Ihre Eier in das Bücherregal oder in den Tisch, aus dem Sie gekommen sind, oder in das alte Pult! Hier gibt es keine Schlupfwespen, sondern nur gute, angenehme Leute, wie die Schmeißfliege, die Totenuhr, den Floh und mich. Und dann wohnt hier natürlich auch noch der Kapitän mit seiner Familie, aber die sind augenblicklich verreist, darum kann ich sie Ihnen nicht vorstellen.« »Sie sind recht freundlich,« sagte die Holzwespe. »Aber ich muß in den Wald hinaus. Da bin ich geboren, und da fühle ich mich zu Hause, wenn ich nicht all das Mißgeschick erlebt hätte, flöge ich ja auch jetzt dort herum.« »Wollen Sie denn nicht wenigstens bis morgen früh warten?« fragte das Heimchen. »Ich hätte so gern, daß Sie meinen Hausgenossen guten Tag sagten. Sie haben uns vorhin, als wir unsre Generalversammlung gegen die Menschen abhielten, einen Totenschreck eingejagt. Die andern werden sich freuen, Sie zu sehen, denn auch Sie haben sich ja über die Menschen zu beklagen.« »Ich will ins Freie!« schrie die Holzwespe. »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!« meinte das Heimchen. »Da drüben ist ein Fenster ein wenig geöffnet. Für das übrige müssen Sie selber sorgen. Leben Sie wohl! Und schönen Dank für die Geschichte! Ich werde mich freuen, wenn ich mal eins Ihrer Kinder oder Kindeskinder in einem Stuhl oder Tisch treffen sollte.« Und die Holzwespe flog ins Freie. Das Heimchen zirpte und geigte noch lange in seiner Spalte. Auf dem Tisch aber lag die muntre Fliege und wälzte sich auf dem Rücken und wußte sich vor Lachen nicht zu lassen. Sie hatte sich, während die andern vor der Spinne Reißaus nahmen, hinter einer Glasschale versteckt und das Ganze mitangehört. »Hi hi hi! Das sind nun die leeren Stuben des Kapitäns!« krähte sie vergnügt. Die Nonnen Groß und mächtig ragte der Tannenwald auf, höher als alle andern Wälder. Er erstreckte sich talauf talab und meinte selber, die Hälfte des Landes zu füllen. »Wir sind die Herren des Waldes!« rauschten die Tannen, leise, aber gewaltig, wie ein Mächtiger der Welt, der da weiß, wieviel er zu sagen hat. »Bei euch ist's gar nicht hübsch,« plauderte die Hecke, die um den Wald herumführte und in Blumen fast erstickte. »Seht, wie ich leuchte! Atmet meinen Duft ein! Ihr habt keine einzige Blume ... bloß dürre, braune Nadeln.« »Blumen vergehn!« erwiderte der Tannenwald. »Jetzt prahlst du. In einem Monat aber liegst du kahl und häßlich da! Ich habe meine märchenhaften Pilze. Die schießen im Herbst hervor, und sie sind rot und weiß und gelb, giftig und seltsam, so daß man im Dunkeln Angst vor ihnen bekommt. Und ich habe mein feines, stilles grünes Moos!« »Bei dir geht es zu steif her,« sagte der Buchenwald. »Alles ganz gerade ... und ein Baum wie der andre ... ein, zwei! – ein, zwei! Wie Soldaten in Reih und Glied! Schatten gibt's bei dir nicht, und wo sind deine rieselnden Bächlein? Wo sind deine Vögel?« »Wo steckst du denn im Winter?« erwiderte der Tannenwald. »Ich bin auch dann grün wie jetzt ... bin immer ein und derselbe. Kein Lärm, kein Geschrei ertönt bei mir ... immer steh ich hoch, ruhig und feierlich da!« »Langweilig bist du,« zankte die Wiese. »Keine Biene summt in dir herum, keinen Schmetterling sieht man zwischen deinen Stämmen leuchten.« »Wirst du deiner Tiere denn froh?« fragte der Tannenwald. »Sie fressen deine Wurzeln, deine Blätter und deine Beeren! Ich halte mich an meine braven, fleißigen Ameisen.« »Gott segne meinen Tannenwald!« sagte der Förster. »Der versorgt sich selber und macht einem keine Schererei, und er läßt sich in Gold umsetzen. Ich wünschte, ich hätte nur Tannen in meinen Wäldern.« »Wir sind die Herren des Waldes!« rauschten die Tannen. Da kam eines Tages ein Schmetterling zum Tannenwalde geflogen. Er war weiß mit schwarzen Flecken und sah so ehrbar und unschuldig aus, daß der alten Tanne, auf deren Stamm er sich niederließ, ganz warm ums Herz wurde. »Was für ein niedliches Dämchen du bist!« sagte die Tanne, »wie heißest du denn, wenn ich fragen darf?« »Ich werde nie anders als die Nonne genannt,« antwortete der Schmetterling mit lieblichem Stimmchen. »Ich möchte so gern ein paar Eier auf deinen Stamm legen.« »Warum denn nicht?« sagte die alte Tanne. »Mit dem größten Vergnügen erlaube ich dir das! so viele du willst. Sieh doch, es ist Platz genug vorhanden.« »Es werden wohl noch ein paar hinzukommen,« bemerkte die Nonne leise und bescheiden, »wir sind eine kleine Familie.« »Gott behüte!« meinte die Tanne. »Für die wird wohl auch noch Raum sein.« Und es kamen allerdings noch ein paar hinzu. An die fünfzig Nonnen suchten die alte Tanne auf, und ungefähr ebenso viele kamen zu den andern Tannen, die in der Nähe standen. Am Nachmittag erschien ein neuer Schwarm und am nächsten Tage wieder ein neuer, und so ging es weiter. Die Tannen unterhielten sich über die Sache, und sie waren nicht wenig stolz auf ihre Einquartierung. Diejenigen Bäume, auf denen sich keine der Schmetterlinge niedergelassen hatten, wurden von den andern mit Mitleid und Verachtung betrachtet. Und alle die Nonnen waren über die Maßen bescheiden und dankbar. »Ihr seid zu liebenswürdig zu uns!« sagten sie zu den Tannen. »An so vornehmen Besuch sind wir nicht gewöhnt,« rauschten die Tannen mit ihren langen Zweigen. Im übrigen sagten die Nonnen nicht viel, sie waren zu sehr mit dem Eierlegen beschäftigt. »Es kommen wohl Larven aus den Eiern, wenn die Zeit da ist?« forschten die Tannen. »Wahrscheinlich!« erwiderten die Nonnen. »Wollt ihr so freundlich sein, mal zu uns herüberzugucken?« riefen die Tannen der Wiese, der Hecke und dem Buchenwald zu. »Seht ihr unsre schönen Schmetterlinge? Es sind nicht solche Prahlhänse wie die euren, sondern stille, bescheidene Frauenzimmer. Sie legen Eier auf unsre Stämme. Und später schlüpfen Larven aus.« »Viel Glück!« sagte der Buchenwald. Und die Wiese und die Hecke wünschten gleichfalls Glück. Nach einiger Zeit starben die Nonnen. Mit einem leichten, ehrbaren Seufzer fielen sie auf die Erde; die Tannen ließen ihre würzigen Nadeln auf sie hinabrieseln und sangen einen Totenchoral. Dann schlüpften die Larven aus, und die Bäume hatten genug damit zu tun, sie zu betrachten. Schön waren sie nicht, ungefähr einen Zoll lang und grüngrau wie der Stamm der Tannen. Auf beiden Seiten hatten sie steife Borsten, und der große Kopf hatte ein paar entsetzlich scharfe Kinnbacken und zwei gierige Augen. »Was befehlen die jungen Herrschaften?« fragten die Tannen. »Futter! – Futter! – Futter!« schrien die Raupen. Darauf begannen sie, an den Stämmen und Zweigen entlang zu kriechen, und machten sich daran, Nadeln zu fressen. »Sie haben einen gesegneten Appetit,« sagten die Tannen und nickten einander zu. »Aber was machen wir uns aus den paar Nadeln!« Ein paar Nadeln gingen allerdings drauf. Als der Sommer zu Ende war, stand es schlimm um die alte Tanne, auf der sich damals die erste Nonne niedergelassen hatte. Sie konnte die Nadeln, die ihr noch geblieben waren, zählen und sah recht mitgenommen aus. Den andern Tannen ringsum erging es nicht viel besser. »Das war doch eine anstrengende Geschichte!« seufzte die Alte. »Ich glaube, noch einmal übersteh ich's in meinem Alter nicht!« »Ich auch nicht ... ich auch nicht ... ich auch nicht!« rauschte es durch den Wald. Alle Larven hatten sich jetzt verpuppt; niedliche, braune Puppen waren es, die wie Bronze und Gold glänzten, wenn die Sonne darauf schien. »Wie hübsch sie aussehen!« sagte die alte Tanne, aber ihre Stimme war ganz matt und hatte keinen Klang mehr. »Wie geht es mit den schönen Schmetterlingen?« rief die Wiese herüber. »Ich finde, du bist in diesem Herbst nicht so grün wie sonst,« sagte der Buchenwald zum Tannenwald. »Ich glaube, du bist ebenso kahl und garstig wie ich!« rief die Hecke. Der Tannenwald erwiderte nichts, denn er wollte nicht klagen, aber recht hatten sie ja alle. Dann kam der Winter, und es schneite und stürmte. Es fielen mehr Zweige von den Tannen als sonst, und in einer Nacht stürzte die alte Tanne um. »Das hätte ich von dem Baum da nicht gedacht,« sagte der Förster, als er es bemerkte. »Er sah so aus, als könnte er noch lange leben.« »Die Non...« Mehr brachte die alte Tanne nicht hervor, denn nun war sie tot. Der Frühling kam, die Tannen bekamen neue Triebe und waren überzeugt, daß das Versäumte sich noch einholen lassen werde. Alle Zweige hatten kleine, hellgrüne Spitzchen, und man hatte wieder Mut gefaßt. »Wir sind doch die Herren des Waldes!« sagten die Tannen. Aber am ersten warmen Sommertag sprangen alle die Puppen wie auf Kommando auf, und heraus flogen Tausende von niedlichen Nonnen. Sie sahen so ehrbar und unschuldig aus wie ihre Eltern; aber sie waren so zahlreich, daß die Tannen bis zu den Wurzeln hinab erbebten. »O nein! O nein!« baten sie. »Wir können nicht mehr. Ihr müßt anderswohin gehn!« »Wir wollen doch bloß ein paar Eier auf eure Stämme legen,« sagten die Nonnen mit leiser, bescheidner Stimme. Und während die Tannen Einspruch erhoben und ihre halbkahlen Zweige zum Himmel emporstreckten, setzten sich die Nonnen auf die Stämme und legten ihre Eier. Darauf fielen sie herab und starben, wie ihre Mütter auch, aber es rieselten keine Nadeln auf sie nieder, und kein Totenchoral ertönte, denn man trauerte ihnen nicht nach, und es waren kaum Nadeln vorhanden zum Hinabrieseln und zum Rauschen. Als die Zeit kam, schlüpften die Larven aus, und ihrer waren so viele, daß man sie nicht zählen konnte. »Futter! – Futter! – Futter!« schrien sie. »Wir können euch kein Futter liefern!« sagten die Tannen verzweifelt. Aber die Larven machten sich über die neuen Triebe her und fraßen sich dick und fett. Wenn sie mit einem Zweig fertig waren, spannen sie einen langen Faden und ließen sich an ihm auf einen andern Zweig hinab. Fielen sie auf die Erde, so krochen sie an den Stämmen wieder empor. Der ganze Wald war in heller Verzweiflung. »Es ist aus mit uns!« seufzten die Tannen. »Futter! – Futter! – Futter!« schrien die Larven. »Mein wunderschöner Wald ist von Ungeziefer angefallen worden,« sagte der Förster, »was soll ich nur dagegen tun?« Als der Herbst kam, wurden die Larven zu Puppen; und im Winter stürzten so viele Bäume wie noch nie zuvor. Aber als es wieder Sommer wurde, da war des Jammers kein Ende. Die Hälfte des Waldes war abgestorben, und man sah so viele Nonnen, daß die Tannen wie verschneit aussahen. Der Wind trug die Tiere übers Land hin, und auf dem Waldsee lag eine zolldicke Schicht von Nonnen. Dann gab es so viele Larven, daß die Zweige sich unter ihrem Gewicht zur Erde bogen. Sie wimmelten hervor, traten aufeinander, und die Bäume waren wie ein Gewirr lebendigen Gewürms. Die Tannen sagten nichts. Sie hatten längst alle Hoffnung aufgegeben und warteten ruhig und schweigend auf den Tod. Stündlich stürzte ein Baum zu Boden, und alle Wege waren durch Stämme und Zweige versperrt. Der alte Förster konnte beinah nicht vorwärtskommen. Da rang er die Hände, während die Tränen ihm über die Backen liefen. »Mein Wald ... mein Wald ... mein wunderschöner Wald!« sagte er. »Es steht nicht in der Menschen Hand, dich zu retten!« Und noch während er das sagte, – aber sehen konnte er das nicht, denn er war alt, und selbst jungen Augen wäre es leicht entgangen – war schon jemand am Werk, dem Tannenwalde zu helfen. Wie schwarze Pünktchen sah es aus, die in Unmengen über den Bäumen in der Luft schwebten. Flinke Schlupfwespen waren es, die ihren Legebohrer in die fetten Nonnenlarven steckten und ihre Eier hineinlegten. Aus den Eiern schlüpften Junge aus, und während die Nonnenkinder die Tannen fraßen, fraßen die Schlupfwespen die jungen Nonnen. Als der Sommer vorbei war, gab es fast gar keine Nonnenpuppen. Die Haut der Larven lag dürr und geborsten auf den Zweigen, und darin fanden die Puppen der Schlupfwespen ein warmes Obdach für den Winter. Im nächsten Frühjahr waren nur wenige Nonnen, aber desto mehr Schlupfwespen vorhanden. Der Förster ging durch den Wald. Neben ihm schritt ein Mann mit einer Brille und einer Botanisiertrommel. Der verstand von Tieren und Pflanzen mehr als von den Menschen, und er war gekommen, um sich dieses garstige Werk der Zerstörung anzusehen. Der Förster erzählte ihm, wie groß und schön der Wald früher gewesen sei, und zeigte, wie die Bäume jetzt umgestürzt waren und wie zwischen den gefallenen Stämmen Himbeeren und Farne wuchsen. In dem Tannenwald herrschte Grabesstille, und die Sonne brannte auf die verdorrten Zweige herab. »Nun ist's vorbei,« sagte der Förster, »Aber der größte Teil des Waldes ist vernichtet. Im vorigen Jahr war es um diese Zeit schneeweiß von Nonnen. Dieses Jahr sind fast gar keine da. Ich begreife nicht, wie das zugegangen ist.« »Das haben die Schlupfwespen getan,« sagte der Mann mit der Brille; und dann erklärte er dem Förster, wie das zugegangen sei. »Dann segne der liebe Gott die Schlupfwespen,« sagte der Förster. »Das sind die reizendsten Tiere, die er erschaffen hat.« »Sie sind ganz und gar nicht reizender als die Nonnen,« erwiderte der Mann mit der Brille. »Wollen Sie sich über mich lustig machen?« meinte der Förster. »Und die Tannen sind nicht besser als die Nonnen,« sagte der Mann. »Sie haben alle das Recht zu leben.« »Ich habe noch nie so verdrehtes Zeug gehört!« rief der Förster ärgerlich. Aber der Mann mit der Brille und der Botanisiertrommel setzte sich ruhig auf einen umgestürzten Tannenstamm und schaute über den toten Wald hin. »Ich will Ihnen etwas sagen,« erklärte er. »Es waren zu viele Tannen hier. Da kamen die Nonnen und vernichteten sie. Dann waren zu viele Nonnen vorhanden, und da kamen die Schlupfwespen und machten den Nonnen den Garaus. Das nennt man die Polizeigewalt der Natur. Schauen Sie in die Luft hinauf. Dann sehen Sie eine ungeheure Menge Schlupfwespen. Die müssen sterben, ohne ihre Eier loszuwerden, denn sie wissen nicht, wohin sie sie legen sollen. Glauben Sie mir, die Schlupfwespen wünschen, der Wald wäre voll Nonnenlarven.« »Und ich wünschte, er wäre voll Tannen!« sagte der Förster. »Die kommen wieder,« meinte der Mann, »und dann finden sich die Nonnen ein, und dann die Schlupfwespen. Und so geht es weiter, solange die Welt besteht. Sonst gäbe es ja schließlich nur noch Tannen.« Der Aal Überm Meer flogen Möwen dahin, soweit ihre Flügel sie tragen konnten; und den Schiffen wiesen die Menschen den Kurs. Bald war es windstill, bald tobte der Sturm. Es kam vor, daß ein Matrose über Bord fiel und ertrank, oder daß ein Schiff mit Mann und Maus zugrunde ging und man nie wieder Kunde von ihm erhielt. In der Tiefe, weit unter den Möwen und den Schiffen, schwamm der Goldbutt mit schiefem Maul umher und langweilte sich gründlich. »So ein bißchen Veränderung wäre recht schön!« sagte er vor sich hin. »Es ist ja ganz nett hier im Tangwald, und kühl ist's hier auch und friedlich, und man ist keinen Gefahren ausgesetzt. Aber manchmal packt mich die Sehnsucht, und ich möchte etwas mehr von der Welt kennen lernen.« »Die Welt ist überall gleich,« fiel der Hering ein. »Wasser und Tang, Tang und Wasser, Muscheln, Schnecken und schiefmäulige Flundern. Jacke wie Hose! Ich weiß Bescheid, denn ich unternehme jedes Jahr eine Reise durch den kleinen Belt und zurück durch den großen.« »Nennst du das eine Reise?« rief der Dorsch höhnisch. »Nein ... ich besuche jährlich den Atlantischen Ozean. Das ist ganz was andres. Im übrigen hast du recht: die Welt ist überall gleich.« »Ich glaube das nicht!« meinte der Goldbutt. »Eine innere Stimme sagt mir, daß ihr euch irrt.« »Du solltest zunächst mal deine Augen richtig drehn,« bemerkte der Dorsch. » Jetzt siehst du ja nur halb so viel wie ein gewöhnlicher Dorsch. Deshalb bist du wohl auch so unzufrieden.« »Du meine Güte, was schwatzt ihr da!« rief die Auster. »Geht's uns denn nicht ganz gut? Was kümmert uns die Welt? In meiner Jugend bin ich wie ihr herumkutschiert, aber das machte gar keinen Spaß. Jetzt bin ich vernünftig geworden und sitze hier fest und danke Gott jeden Tag für das frische Wasser, das gute Essen und die friedlichen Tage.« Nun wußte man über diese Sache nichts mehr zu sagen, und darum schwiegen alle. Da kam der Aal herbei. »Da ist der Aal!« rief der Dorsch. »Es wird Herbst.« »Wo warst du im Sommer?« fragte der Goldbutt. »Guten Tag, alle miteinander!« sagte der Aal. »Ich war im Esromer See.« »Kruzitürken noch mal!« rief der Dorsch. »Wie hast du in dem Wasser Luft gekriegt? Wenn ich bloß an den Strand zur Flußmündung komme, bin ich dem Ersticken nahe.« »Ja,« erwiderte der Aal, »man darf nicht zu hohe Anforderungen stellen. Man muß sich winden!« »Könnte ich das nur!« klagte der Goldbutt mit einem Seufzer. »Ich kann nicht verstehen, wie die Leute so herumjagen mögen,« erklärte die Auster. »Was willst du denn eigentlich hier?« »Hier draußen bekomme ich meine Jungen,« war die Antwort des Aals. »Und das Meer habe ich im Winter auch am liebsten. Es ist tiefer und nicht so kalt und hat nicht so viel Eis. Aber sobald es Frühling wird, nehme ich wieder Reißaus.« »Nimmst du dann deine Kinder mit?« fragte der Dorsch. »Ich entsinne mich nicht, jemals einen jungen Aal gesehn zu haben.« »Meine Jungen sind auch nicht so leicht zu sehn. Anfangs sind sie nur ein Stück Faden, aber flink sind sie. Sie schwimmen von selbst nach dem See hinüber. Ich gebe ihnen nur eine einzige Lebensregel mit.« »Darf man fragen, was für eine das ist?« erkundigte sich der Hering. »Ich sage ihnen: Man muß sich winden!« Damit schwamm der Aal davon. »Das ist sehr leichtsinnig gesprochen von einem Vater,« bemerkte die Auster. »Meine Kinder winden sich auch. Aber wenn ich könnte, würde ich sie lehren, sich gleich festzusetzen.« Als das Frühjahr kam, erschien der Aal drüben im See. »Nun wird's Frühling!« sagte der Barsch. »Da haben wir den Aal!« »Willkommen zur Rückkehr!« sagte die Plötze, »Wo warst du im Winter?« »Guten Tag miteinander!« rief der Aal. »Ist der Hecht in der Nähe?« »Der ist drüben am andern Ende des Sees,« erwiderte die Plötze, »aber er kann jeden Augenblick hier sein, und dann ist's mit der Herrlichkeit zu Ende.« »Ach was,« meinte der Aal, »man muß sich winden. – Im übrigen komm ich vom Meere her – ich bin da draußen gewesen, um meine Kinder auf die Welt zu setzen.« »Sooo?« sagte der Barsch. »Ich bilde mir ein, daß ich ein paar von ihnen zum Frühstück gegessen habe – ja, du mußt entschuldigen, daß ich es so offen zugebe.« »O, bitte, bitte!« entgegnete der Aal. »Die Familie ist doch noch groß genug.« »Wie in aller Welt sind die Kleinen denn vom Meer hierher gekommen?« fragte die Plötze. »Genau so wie ich, denke ich,« erwiderte der Aal. »Zuerst schwamm ich den Fluß hinauf, soweit er reichte, und dann fuhr ich einen Bach entlang.« »Und was dann?« fragte der Barsch. »Tja, dann schlängelte ich mich durch eine wunderschöne, feuchte Wiese, ganz auf dem Grunde des Grases, wo die Sonne mich nicht erreichen konnte, und wo es recht naß war. Schön war die Sache ja nicht, aber es ging.« »Welches Leben für einen Fisch!« sagte der Barsch. »Pst! Da ist der Hecht!« rief die Plötze. Sie breitete ihre Flossen aus und schwamm fort, so schnell sie es gelernt hatte, und der Barsch desgleichen. »Man muß sich winden!« verkündigte der Aal. Und eins, zwei, drei! war er tief unten im Schlamm. – – – Sobald der Herbst herankam, machte der Aal sich wieder auf den Weg nach dem Meere. Er war gerade im Begriff, sich über die Wiese zu schlängeln, aber das Gras stand nicht so hoch wie im vorigen Jahr, und wie er sich da so vorwärtswand, bemerkten ihn zwei große Knaben. »Sieh mal die garstige Schlange da!« sagte der eine und schlug den Aal mit dem Stock über den Rücken. »Au!« schrie der Aal. Beide Jungen stürzten sich auf ihn und packten ihn. So sehr er sich auch drehte und wand, es half ihm nichts, sie hielten ihn mit beiden Händen fest und hoben ihn auf. »So ein Bursche!« sagte der eine Junge. Vorsichtig marschierten sie vorwärts; aber als sie ein kleines Ende gegangen waren, entschlüpfte ihnen der Aal. »Da läuft der heimtückische Kerl!« rief der eine der Knaben. Man muß sich winden!« schrie der Aal. »Ihm nach!« rief der zweite Junge. Bald hatten sie ihn wieder gefangen, und nun steckten sie ihn in die Mütze des einen Jungen und gaben scharf acht. »Das ist ja ein wunderschöner Aal!« sagte ihre Mutter, als sie mit ihm zu Hause ankamen. Dann rief sie das Mädchen. »Das beste ist, du schlachtest ihn sofort, Anna,« sagte sie. »So ein Aal ist zu lebendig; er bewegt sich ebensogut zu Lande wie zu Wasser.« Anna packte den Aal mit ihrer rauhen Linken. In die rechte Hand nahm sie ein scharfes Messer. Und ratsch! machte sie einen langen Schnitt in den Bauch des Fisches. Der Aal krümmte sich so heftig, daß sie ihn erschrocken losließ, schnell wie der Blitz schlängelte er sich auf den Fußboden der Küche hinab. »Du widerwärtiges Ungetüm!« rief Anna und lief ihm mit dem Messer in der Hand nach. »Man muß sich winden!« schrie der Aal. »Wir wollen ihn gleich in die Pfanne tun,« sagte die Hausfrau. »Sonst werden wir nie mit ihm fertig.« Sie setzte die Pfanne aufs Feuer und tat Butter hinein. Anna fing den Aal, zog ihm die Haut herunter, schnitt den Kopf ab und tauchte den Aal in Mehl. Dann legte sie ihn in die Pfanne. Das Feuer knisterte, und die Butter brutzelte. »Ich glaube wahrhaftig, der Bursche zappelt immer noch,« sagte Anna. »Man muß sich wi – –« Mehr vermochte der Aal nicht zu sagen, denn nun war er tot. Die Kohlraupe Der ganze Gemüsegarten war voller Kohlraupen. Die größte von ihnen kroch tagaus tagein auf einem Kohlkopf dicht an dem Gartenwege umher, sie war so dick und fett und grün, daß einem die Augen weh taten, wenn man sie ansah. Sie fraß und fraß; eine andre Beschäftigung kannte sie nicht. »Dummes Tier!« sagte der Gärtner. »Du und deine Geschwister fressen mir den halben Kohl fort, wäret ihr nicht so zahlreich, so schlüge ich euch tot.« »Dummes Tier!« sang die Nachtigall, die auf dem Jasminstrauch saß. »Diese Raupe macht sich nichts aus Blumen, Gesang und Musik. Nur fressen, fressen, fressen will sie!« »Dummes Tier!« pfiff die Schwalbe, die auf ihren langen, spitzen Flügeln über den Kohlgarten dahinstrich. »So ein Wesen hat nicht den geringsten Sinn für Poesie ... es denkt niemals an Sonnenschein und Sommerluft. Nicht ein bißchen Munterkeit! Bloß immer fressen, fressen, fressen! Obendrein ist sie noch mit garstigen, giftigen Haaren bedeckt, daß man sie nicht einmal selber verzehren kann.« »Dummes Tier!« zeterte die Ameise, die mit einem Korn im Munde vorbeilief. »Denkt sie jemals an Haus und Heim? An die Kinder? An Vorrat für den Winter? Sie kennt nichts als fressen, fressen, fressen!« »Herr Gott!« rief die Kohlraupe aus. Mehr hörte man sie vorläufig nichts sagen, so überwältigt war sie von all dem Geschelte. Aber während sie von dem saftigen grünen Kohl fraß, grübelte sie über das Gehörte nach und vor allem über das, was die Ameise gesagt hatte. Und als die Ameise das nächstemal vorüberkam, hatte die Kohlraupe einen Entschluß gefaßt. »Heda, Ameise!« rief sie. »Wart einmal und erkläre mir das, was du vorhin von den Kindern sagtest, weißt du denn nicht, daß ich selber ein Kind bin? ... Ich muß bloß Zeit haben, um groß und schön zu werden.« Die Ameise blieb vor Erstaunen stehen und ließ das Korn, das sie im Munde hatte, fallen. »Du willst ein Kind sein?« sagte sie. »Ein nettes Kind! Du bist ja ein reiner Elefant ... fünfzigmal so groß wie ich. Und du solltest ein Kind sein? Der liebe Gott mag wissen, wie du aussehen wirst, wenn du erwachsen bist.« »Das weiß ich selber allerdings nicht recht,« meinte die Kohlraupe geheimnisvoll, »Aber ich habe eine Ahnung. Könnte ich dir doch bloß erzählen, was ich manchmal in mir spüre! Ich bin fest überzeugt, daß ich einmal etwas recht Großes werde, wenn ihr mir nur Zeit zu wachsen laßt. Ich werde auf schönen Flügeln über dem Garten dahinfliegen ... ich werde ein Schmetterling werden ... gib nur acht, dann wirst du's sehen! Ich weiß es aus meinen Träumen, daß ich verwandt mit euch und ebenso viel wert bin wie ihr.« »Uff!« rief die Ameise und spuckte aus. »Es widert einen an, einen solchen Blödsinn mitanzuhören! Träume ... Ahnungen? Nein, es gibt etwas, das Familie und Ameisenhügel heißt; daran halte ich mich. Adieu, du dumme Kohlraupe!« Damit lief sie fort. Aber nachdem sie ein kleines Ende gelaufen war, blieb sie stehen und sagte noch einmal »Uff!« Und die Sonne brannte, und die Kohlraupe ließ sich von ihren Strahlen braten, während sie den grünen Kohl fraß. Es wurde Mittag, und die Nachtigall im Jasminstrauch konnte nicht mehr singen, weil es ihr zu warm war. Sie schwieg und hielt ein Mittagschläfchen. Die Schwalbe flog empor, um ein wenig frische Luft zu schöpfen. Die Ameise trug ihre kleinen weißen Eier in den Sonnenschein, und der Gärtner aß mit seiner Frau und seinen Kindern unter dem großen Walnußbaum zu Mittag. Aber die Kohlraupe fraß unverdrossen weiter. Da erschienen plötzlich viele, viele schwarze Pünktchen in der Luft über dem Garten. Sie tanzten auf und nieder, auf und nieder. Schließlich befanden sie sich dicht über der Kohlraupe; und diese sah, daß es niedliche Tierchen mit feinen, durchsichtigen Flügeln waren. »Wer seid ihr? ... Was wollt ihr?« fragte die Kohlraupe. »Wir sind Mütter!« erwiderten die kleinen Tiere. »Und wir sind hier, um einen Platz für unsre Kinder zu suchen.« »Das klingt ja recht gut und schön,« sagte die Kohlraupe, die an die Worte der Ameise dachte. »Aber ich kann euch trotzdem nicht leiden.« »Wie schade!« riefen die Tierchen da. »Denn wir haben gerade dich in unser Herz geschlossen.« Und schon ließ sich eine große Anzahl der Tierchen auf dem Rücken der Kohlraupe nieder. »Au! Au!« schrie diese. »Mord! Hilfe! Polizei!« Die Tierchen flogen wieder auf, blieben aber auf ihren klaren Flügeln in der Luft über der Kohlraupe stehen. »Wer seid ihr denn nur?« fragte diese, indem sie sich vor Schmerzen wand. »Was habe ich euch getan, daß ihr so schlecht zu mir seid?« »Ein jeder sorgt für sich und die Seinen,« erwiderten die Tiere, »und wir haben soeben für unsre Kinder gesorgt, wir werden Schlupfwespen genannt – ein schöner Name ist es nicht, aber wir haben nun einmal keinen bessern. Übrigens sind wir mit den Ameisen verwandt, wenn du die kennen solltest.« »Dann gehört ihr ja zu einer recht anständigen Familie,« sagte die Kohlraupe seufzend. »Aber ich weiß nicht, warum alle Leute mich schelten und stechen und verhöhnen. – Was habt ihr denn mit mir gemacht?« »Das erfährst du noch früh genug,« entgegneten die Schlupfwespen. »Leb wohl und vielen Dank!« Mit diesen Worten schwangen sie sich in die Höhe, wurden wieder zu schwarzen Pünktchen und verschwanden zuletzt ganz. Aber die Kohlraupe seufzte tief und lange und fraß doppelt so viel Kohl, um sich zu trösten. Und doch mußte sie immer wieder an den unheimlichen Besuch denken, den sie gehabt hatte. »Ich habe Ahnungen!« sagte sie zu sich selbst. »Böse Ahnungen! wenn ich nur klug daraus werden könnte!« Aber nach einiger Zeit fing sie an, die Sache zu verstehen. Sie konnte gar nicht mehr satt werden. Je mehr sie fraß, desto hungriger wurde sie. Sie verzehrte ein Kohlblatt nach dem andern, und trotzdem hatte sie vor Hunger geradezu Schmerzen. »Was ist denn das wieder?« knurrte sie mißmutig. » Wir sind es!« antwortete jemand in ihrem Innern. » Was ?« rief die Kohlraupe und rollte sich erschrocken auf die andre Seite. »Spukt es in mir, oder habe ich den Verstand verloren?« »Wir sind es – die jungen Schlupfwespen!« sagte wieder eine Stimme aus dem Innern der Kohlraupe. Der Kohlraupe war zumut, als drehte sich alles vor ihr im Kreise. Doch als sie sich ein wenig erholt hatte, wußte sie Bescheid. »Dann haben die Schlupfwespen also ihre Eier in meinen Körper gelegt!« schrie sie erbost. »Und nun soll ich wohl ihre gefräßigen Jungen großfüttern?« »Ganz recht!« sagten die Jungen. »Du hast es getroffen. Nun vorwärts, du dumme, faule Kohlraupe! Friß, bis du platzest ... sonst fressen wir dich.« Und dabei zwickten und zwackten sie gehörig an dem Fleisch ihrer Wirtin. »Au! Au!« schrie die Kohlraupe. »Ich will ... ich will alles tun, was ihr verlangt!« »Aber beeile dich!« sagten die Jungen, »wir sind fürchterlich hungrig!« Und die Kohlraupe fraß noch mehr als vorher, aber es half nichts. Sie konnte nicht satt werden, und die jungen Schlupfwespen schrien immer nach mehr Nahrung. Die Ameise, die Schwalbe und die Nachtigall verhöhnten die Raupe, und der Gärtner schlug mit seiner Harke auf den Kohl; so ärgerlich war er darüber, daß so viel draufging. Aber die Kohlraupe schluckte das alles hinunter und meinte, es gebe in der Welt kein unglücklicheres Wesen als sie. »Verspottet mich nur!« dachte sie. »Ihr habt gut reden! Ihr solltet bloß wissen, daß ich selber gar keinen Nutzen von dem habe, was ich fresse ... sondern daß die jungen Schlupfwespen alles für sich gebrauchen.« Verzweifelt fraß sie weiter, schließlich konnte sie es nicht länger ertragen. Den ganzen Tag hatte sie die Schlupfwespen in ihrem Innern rumoren hören. Nun wälzte sie sich auf dem Kohlblatt herum und wand und krümmte sich und schrie um Hilfe. »Freßt mich lieber mit Haut und Haaren!« rief sie. »Laßt mich lieber auf der Stelle sterben ... ich kann dies Leben nicht mehr aushalten!« »Pah!« sagten lachend die Jungen in ihr, und sie glucksten dabei vor Vergnügen. »So leicht geht das nicht, wenn deine Zeit kommt, werden wir dich schon ganz auffressen. Hab nur keine Angst! Aber vorläufig hast du hübsch den Mund zu halten und zu fressen.« Mit jedem Tag wurden die Jungen größer und verlangten mehr Nahrung. Als das, was die Kohlraupe fraß, sie nicht mehr sättigen konnte, begannen sie, zwei große Fettklumpen zu verzehren, die die Raupe während ihrer glücklichen Zeit, bevor die Schlupfwespen kamen, zusammengespart hatte. Die sollten ihr zu Flügeln und Beinen dienen, wenn sie einmal ein Schmetterling wurde; und als sie merkte, daß die Fettklumpen verschwunden waren, vergoß sie heiße Tränen. »Ach, meine schönen Träume!« rief sie aus. »Nun werde ich kein Schmetterling werden und werde nie im Sonnenschein über dem Garten hinfliegen.« »Ich hab es dir ja immer gesagt, daß das mit dem Schmetterlingsdasein Unsinn ist!« rief die Ameise, die gerade vorüberrannte. »Hör mal, liebe Ameise!« klagte die Kohlraupe, »Wenn du ein Herz im Leibe hast, so hilf mir!« Und dann erzählte sie der Ameise ihr Unglück, Schwalbe und Nachtigall kamen herbei und hörten zu, und die Kohlraupe bat sie flehentlich, ihr doch mit Rat und Tat beizustehen. »Ich gehöre doch zu euerm Geschlecht,« sagte sie schließlich. »Glaubt mir, ich habe das im Gefühl! wenn man mir nur Zeit und Ruhe gönnt, wird etwas Schönes aus mir ... ein Wesen, das fliegen kann wie die Vögel. Ich hab das schon seit meiner frühesten Jugend gefühlt.« Die Schwalbe und die Nachtigall blickten einander an und schüttelten die Köpfe. Aber die Ameise, die die klügste von den dreien war, nickte nachdenklich und sagte dann: »Das mit der Verwandtschaft mag ja seine Richtigkeit haben. So auf eine Art. Denn wir sind doch alle Menschen, wie der Gärtner sagt. Aber das mit dem Fliegen ist bestimmt bloß Einbildung. Du tust mir leid, Kohlraupe, wirklich. Aber helfen kann ich dir nicht. Du mußt dein Geschick mit Geduld ertragen!« »Ich kann es nicht ertragen!« schrie die Kohlraupe. »Ich gehe daran zugrunde. Denkt an die Schmetterlinge ... sind das nicht wunderschöne Geschöpfe? Macht es euch nicht Vergnügen, sie anzusehen? Helft mir, hört ihr! Wenn ich sterbe, stirbt ein Schmetterling. Stellt euch bloß einmal vor, wenn es eines Tages keine Schmetterlinge mehr gäbe!« »Na,« erwiderte die Ameise ruhig, »was das betrifft, so bleibt die Welt doch bestehen, wenn du auch recht haben solltest, hier im Garten gibt's Kohlraupen genug; und seid ihr wirklich Schmetterlingskinder, dann bleiben doch genug übrig, wenn auch ein paar draufgehen sollten. – – – Übrigens habe ich keine Zeit, über solche Narrenpossen nachzudenken. Willst du meine Ansicht klipp und klar hören, so wisse denn: deine Mutter hat schlecht für dich gesorgt, da du in die Gewalt der Schlupfwespen geraten bist! Und nun will ich nach Hause und für meine Kinder sorgen. Adieu! Der Herr sei mit dir!« Damit lief die Ameise fort. Die Nachtigall flog auf den Strauch und sang ihre Lieder in den lauen Abend hinaus, so daß alle bewundernd lauschten. Und die Schwalbe stieg hoch in die Lüfte und verkündigte gut Wetter für den folgenden Tag. Die Raupe aber krümmte sich demütig auf ihrem Kohlblatt und fraß und fraß. »Mir scheint, wir sind zu zahlreich hier drinnen,« sagte eine der jungen Wespen am nächsten Morgen. »Ich kann keine Luft kriegen.« »Dafür kann Rat geschafft werden,« meinte eine der andern, »wir beißen einfach die Luftröhren unsrer Hauswirtin durch, dann können wir besser atmen. Aber gebt acht, daß sie nicht zu früh erstickt!« Gesagt, getan. Aber die Kohlraupe schrie lauter als je. »Luft! Luft! Soll ich denn elend ersticken?« »Nein, das nicht,« erwiderten die Jungen, »Aber es ist gut für dich, wenn du dich mit wenigem begnügen lernst. Mach dich nur wieder über den Kohl her!« – »Nun kann ich wirklich nicht mehr!« rief die Raupe eines Morgens. »Nun mag es auch genug sein,« sagten die jungen Schlupfwespen. Am Abend fraßen sie den letzten Rest ihrer Wirtin. Nur die Haut war noch von der toten Raupe übrig, sie vertrocknete und schrumpfte zusammen, und die Jungen hüllten sich hinein wie in einen warmen Pelz. Eines schönen Tages flogen sie aus. Hübsche Tierchen waren es, mit leichten, durchsichtigen Flügeln, wie auch ihre Eltern sie gehabt hatten. »Hurra!« schrien sie. »Nun kommt es bloß darauf an, eine Kohlraupe für unsere Jungen ausfindig zu machen. Ein jeder sorgt für die Seinen, so gut er kann; so will es die Ordnung der Natur, was tut's, wenn dieser oder jener dabei zugrunde geht! Wir verkörpern die Polizeigewalt der Natur; wir passen auf, daß die Dinge im Gleichgewicht bleiben, wäre es nicht garstig, wenn die ganze Welt voller Kohlraupen wäre?« »Oder voller Schlupfwespen!« pfiff die Schwalbe und verschlang im selben Augenblick mehrere von ihnen. Der Fliederstrauch Im Fliederstrauch war ein entsetzlicher Spektakel. Obwohl gar kein Wind sich regte, zitterten die Zweige von oben bis unten, und alle Blätter bebten, so daß einem die Augen weh taten, wenn man nur hinsah. Der Buchfink setzte sich wie gewöhnlich auf den Strauch, um sein Mittagsschläfchen zu halten; doch der Zweig, auf dem er sich niederließ, schwankte so heftig unter ihm, daß er kein Auge schließen konnte; ganz erschrocken flog er auf den Goldregenstrauch hinüber und fragte seine Frau, was in aller Welt denn in den braven Fliederstrauch gefahren sei; aber die lag auf den Eiern und hatte keine Zeit, ihm zu antworten. Da fragte der Buchfink seinen Nachbar, die Kohlmeise, und diese kraute an ihrem schwarzen Käppchen herum und schüttelte geheimnisvoll den Kopf. »Ich verstehe die Strauchsprache nicht,« sagte sie. »Aber es muß irgend etwas nicht in Ordnung sein. Ich hab es schon heut morgen gemerkt, als ich drüben saß und sang.« Mit diesen Worten setzte sie sich neben den Buchfink auf den Goldregen, und beide starrten zu dem seltsamen Strauche hinüber. Mit dem Fliederstrauch war allerdings etwas nicht in Ordnung: die Wurzel war schlechter Laune. »Da muß man hier sitzen und für die ganze Familie tätig sein!« brummte sie. » Ich verrichte alle Arbeit. Den Zweigen, Blättern und Blüten muß ich Nahrung schaffen, und obendrein muß ich sie festhalten, sonst würde der ganze Staat bald vom Winde entführt werden! ... Aber wer denkt an einen treuen Diener wie mich? Fällt es einem von den vornehmen Burschen da oben jemals ein, daß unsereinem auch ein bißchen Zerstreuung nottäte?... Ich höre sie von Frühling, Sonnenschein und ähnlichen Dingen reden; aber für mich fällt nichts von alledem ab. Ich weiß nicht einmal, was Frühling und Sonne bedeutet! Ich weiß nur, daß im Frühling alle Welt frißt, als wäre sie von Sinnen. Der Winter ist so übel nicht; dann kann man die Arbeit mit Leichtigkeit bewältigen, und es ist gemütlich und behaglich hier unten, sobald aber die Luft warm wird, ist es ein reines Hundeleben für eine Wurzel.« »Halt dich ordentlich an der Erde fest, du alte Wurzel!« schrien die Zweige. »Es weht, es wird Sturm!« »Schaff mehr Nahrung herbei, du schwarze Wurzel!« flüsterterten die Blätter. »Die Familie ist noch lange nicht mit dem Wachsen fertig.« Dann fingen die Blüten an zu singen: »Ein Regenguß Wär Hochgenuß! Die Sonnenglut Versengt das Blut. Du Wurzelwicht, Wir sind erpicht Auf frische Flut ... Sei auf der Hut!« »Ja, sage ich das nicht immer?« brummte die Wurzel. » Ich habe die ganze Last auf dem Halse. Aber das soll nun ein Ende haben! Ich will hinauf, will mich vom Regen reinwaschen und von der Sonne erwärmen lassen, damit die Leute sehen, daß ich ebenso viel wert bin wie die andern. – Hallo, ihr prahlerischen Zweige, die ihr für keinen Pfifferling Nutzen stiftet! Nun hab ich keine Lust mehr, für solche Tagediebe zu arbeiten. Ich will hinauf und mir einen guten Tag machen! Haltet euch fest, denn ich lasse jetzt los.« »Tagediebe?« schrien die Zweige. »Du redest, wie dein Verstand es zuläßt, du dumme Wurzel! Wir bringen gewiß ebenso viel zuwege wie du!« »Ihr?« fragte die Wurzel. »Was denn, wenn man sich erkundigen darf?« »Wir ragen den ganzen Tag in die Lüfte, um die grünen Blätter in den Sonnenschein zu heben,« erwiderten die Zweige. »Wir müssen uns nach allen Seiten ausbreiten, damit alle gleich viel abbekommen. Könntest du hier heraufschauen, so würdest du sehen, wie einige von uns vor Anstrengung ganz krumm geworden sind. – Nein, die Blätter, die kannst du Tagediebe nennen, wenn du deine schlechte Laune denn unbedingt an jemandem auslassen willst.« Die Wurzel dachte ein wenig über diese Worte nach und fand sie ganz vernünftig. Und da begann sie denn nun, fürchterlich über die grünen Blätter herzuziehen. »Wie lange soll ich denn euer Diener sein?« brummte sie. »Ich kündige zum ersten meine Stellung, da habt ihr's! Dann könnt ihr selber zugreifen und arbeiten, ihr faulen Blätter!« Nun begannen auch die Zweige zu schelten, und sie schrien den Blättern zu: »Die Wurzel hat ganz recht! Ihr müßt euch nützlich machen, das sagen wir auch. Wir haben keine Lust mehr, euch zu tragen.« Und sie knarrten tüchtig, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. »Nur sachte, du schwarze Wurzel!« flüsterten die Blätter. »Und macht euch nicht so wichtig, ihr langen Zweige! Ihr solltet nicht so laut schreien, denn es wäre doch ärgerlich, wenn die Leute erführen, was für Dummköpfe ihr seid. – Glaubt ihr denn, wir hätten nicht auch unsre Arbeit, so gut wie ihr?« »Laßt hören!« sagten die Zweige, indem sie sich reckten. »Laßt hören!« sagte die Wurzel und machte sich dabei so steif, wie sie konnte. »Wißt ihr denn nicht, daß wir die Nahrung zubereiten?« flüsterten die Blätter. »Meint ihr, ordentliche Leute könnten sie roh verzehren, so wie die Wurzel sie aus der Erde aufnimmt und durch die Zweige hinaufschickt? Nein, erst muß die Nahrung zu uns, und wenn wir sie bekommen haben, heizen wir den Ofen und kochen mit Sonnenstrahlen drauf los, bis das Ganze in Ordnung ist. – Machen wir uns also etwa nicht nützlich?« »Ge–wiß!« erwiderten die Zweige mit verlegenem Knirschen. »Es mag ja etwas daran sein.« Und nun erklärten sie die Sache der Wurzel, die noch nicht recht klug aus den Worten der Blätter geworden war; und die Wurzel fand auch, daß es wohl seine Richtigkeit damit hätte. Bald darauf flüsterten die Blätter wieder: »Wenn ihr denn unbedingt jemanden ausschelten müßt, warum geht ihr dann nicht zu den Blüten? Die sind hübscher gekleidet als wir, sie sind vornehm und der Sonne am nächsten. Und was arbeiten sie? Vielleicht wißt ihr es – denn wir wissen es wirklich nicht!« »Richtig!« schrien die Zweige. »Da haben wir die Faulenzer!« Und die Wurzel brummte: »Ganz recht! Wir wollen uns das nicht länger gefallen lassen! Verantwortet euch, ihr faulen, aufgeputzten Blüten! Wozu seid ihr nütze? Warum sollen wir uns für euch abäschern?« Die Blüten wiegten sich leise hin und her und ließen ihren Duft in die Lüfte strömen. Dreimal mußten die andern fragen, ehe sie Antwort bekamen; doch dann sangen die Blüten: »Im sonnigen Raum Umfängt uns ein Traum ... »Ja, das wollen wir gerne glauben!« sagten die Blätter. »Und das nennt ihr arbeiten?« Aber die Fliederblüten sangen weiter: »Im sonnigen Raum Umfängt uns ein Traum Von Liebe und Glück Und zukünft'gem Geschick: Wie Fliedersträucher im Reigen Der schwarzen Erde entsteigen.« »Dummes Zeug!« tuschelten die Blätter, »Dummes Zeug!« schrien die Zweige, und »Dummes Zeug!« brummte die Wurzel, als man ihr den Sinn der Sache erklärt hatte. Alle waren der Meinung, daß es eine rechte Schande sei, daß man für die faulen Blumen arbeiten müsse. Und sie bebten, knarrten, flüsterten, schrien und brummten vor Ärger, daß ein fürchterlicher Spektakel entstand. Die Blüten aber lachten die aufgeregten Leutchen aus und sangen: »Brumme, Wurzel – tuschle, Blatt! Die Blüte nur ihren Spaß dran hat! Knarrt, ihr langen braunen Äste! Die Blüte feiert doch ihre Feste!« Der Sommer verstrich, und es wurde Herbst. Die jungen grünen Zweige zogen ihre Winterkleider an. Die Blätter aber hatten kein Winterkleid. Das nahmen sie sich sehr zu Herzen, und vor Ärger bekamen sie die Gelbsucht. Und dann starben sie. Eins nach dem andern fiel zur Erde, und zuletzt bedeckte ein ganzer Haufen die alte, mürrische Wurzel. Die Blüten hatten ja schon längst nicht mehr am Tanze teilgenommen. An ihrer Stelle saßen sonderbare, garstige kleine Gebilde, die im Winde raschelten. Und als der erste Wintersturm über den Fliederstrauch hinfuhr, fielen auch sie ab, und nur noch die nackten Zweige waren übrig. »Uha!« seufzten die Zweige. »Jetzt tauschen wir gerne mit dir, du schwarze Wurzel. Du liegst jetzt warm und behaglich in der Erde.« Die Wurzel antwortete nicht, denn sie hatte über etwas nachzudenken. Neben ihr lag nämlich ein seltsamer kleiner Gegenstand, aus dem sie nicht klug werden konnte. »Was bist du denn für einer?« fragte die Wurzel, aber sie bekam keine Antwort von dem fremden Wesen. »Willst du wohl antworten, wenn ordentliche Leute dich ansprechen!« sagte die Wurzel wieder. »Wir sind ja Nachbarn; da ist es doch natürlich, daß wir Bekanntschaft miteinander schließen!« Aber das wunderliche Wesen sagte andauernd nichts, und die Wurzel sann den ganzen Winter darüber nach, wer es wohl sein könne. Zum Frühjahr hin schwoll das Ding an, und eines Tages wuchs ein kleiner grüner Keim daraus hervor. »Guten Tag!« sagte die Wurzel. »Ein vergnügtes Frühjahr wünsche ich! Vielleicht paßt es dir jetzt, meine Frage vom Herbst her zu beantworten. Mit wem habe ich die Ehre?« »Ich bin der Traum der Fliederblüte,« erwiderte das Wesen. »Ich bin ein Samenkorn, und du bist ein Dummrian!« Die Wurzel grübelte ein wenig nach. Daß man sie Dummrian nannte, war ihr gleichgültig; denn als Wurzel muß man sich darein finden, gescholten zu werden. Aber das mit dem Traum der Blüte konnte sie nicht recht begreifen, und darum bat sie um eine nähere Erklärung. »Ich merke, daß der Erdboden doch noch zu hart ist, so daß ich nicht hindurchkommen kann,« sagte das Samenkorn, »darum kann ich ja ein bißchen mit dir plaudern. – – Sieh mal, ich lag in einer der Blüten, als ihr sie im vorigen Sommer ausschaltet, und hörte alles mit an. Ich hab euch gehörig ausgelacht, aber mitzureden wagte ich nicht, dazu war ich noch zu grün.« »Soso ... aber nun bist du groß und darfst mitreden?« fragte die Wurzel. »Groß genug, dir eine Nase zu drehen,« erwiderte das Samenkorn und entsandte im selben Augenblick eine niedliche kleine Wurzel in die Erde hinab. »Nun hab ich meine eigne Wurzel und brauche mir deine Unverschämtheit nicht mehr gefallen zu lassen.« Die alte Wurzel machte große Augen, sagte aber nichts. »Im übrigen will ich dich doch lieber höflich behandeln,« fuhr das Samenkorn fort. »Du bist ja sozusagen mein Vater.« »Wirklich?« erwiderte die Wurzel und sah so wichtig aus, wie sie nur konnte. »Natürlich,« erklärte das Samenkorn. »Ihr alle seid meine Eltern. Du hast in der Erde Nahrung für mich gesammelt, und die Blätter haben sie im Sonnenlichte gekocht. Die Zweige haben mich an Licht und Luft emporgetragen, aber die Blüte hat mich in ihrem Kelche gewiegt. Sie hat geträumt und ihren Traum den Hummeln ins Ohr geflüstert, damit die ihn den andern Fliedersträuchern erzählen sollten. Ein jeder von euch hat mir etwas gegeben – euch allen verdanke ich mein Leben!« Da hatte die Wurzel nun genügend Stoff zum Nachdenken. Es war fast schon Hochsommer, ehe sie der Sache auf den Grund kam. Als ihr dummer Kopf aber alles richtig verstanden hatte, fragte sie in ungewöhnlich höflichem Tone die Zweige, ob nicht ein hübscher kleiner Fliederstrauch nebenan stehe. »Gewiß! Gewiß!« antworteten die Zweige. »Aber besorg du nur deine Geschäfte, und halt tüchtig fest! Es weht so stark, daß wir fürchten müssen, umgeworfen zu werden.« »Seid nur ganz ruhig!« sagte die Wurzel. »Ich halte schon fest. Ich will euch bloß erzählen, daß der kleine Fliederstrauch mein Kind ist.« »Haha!« lachten die Zweige. »Glaubst du, so eine alte schwarze Wurzel wie du könnte solch allerliebstes Kindlein kriegen? Es ist so fein und frisch und grün, daß du dir gar keinen Begriff davon machen kannst.« »Es ist aber doch mein Kind!« sagte die Wurzel stolz. Und nun erzählte sie den Zweigen, was sie von dem Samenkorn gehört hatte, und die Zweige erzählten es den Blättern wieder. »Ach so! Ach so!« riefen da alle, und jetzt verstanden sie, daß sie miteinander einen großen Hausstand bildeten, in dem einem jeden seine Tätigkeit zugewiesen war. »Pst!« sagten sie zueinander. »Gebt acht, daß wir die Blüten in ihren Träumen nicht stören!« Und die alte Wurzel rackerte sich ab, als ob sie's bezahlt kriegte, wenn sie recht viel Nahrung einsammelte; und die Zweige reckten sich und streckten sich und krümmten sich ganz grauenhaft, um zu Licht und Luft zu gelangen; und die Blätter fächelten in dem lauen Sommerwind und sahen aus, als ob sie gar keine Arbeit verrichteten; aber in ihnen kochte und brutzelte es in tausend ganz, ganz kleinen Küchen. Und oben im Wipfel saßen die Blüten und träumten und sangen: »Blätter fallen und verderben. Nach dem grimmen Wintersterben Sprießt der Same, wird zum Strauch, Treibt nun Blatt und Blüte auch!« Die Kaulquappen Es war Ende März. Die Schlittschuhe waren bis zum nächstenmal verwahrt worden, denn das Eis war überall geschmolzen. Auch der Schnee war zu Wasser geworden und füllte die Gräben, daß sie überliefen. Nur tief unterm Gebüsch lag noch ein wenig; aber dieser Überrest war so gering und schmutzig, daß niemand sich etwas aus ihm machte. Und das Gras begann, sich zu schämen, weil es so gelb war; und es fragte unten in der Erde an, ob denn der neue Nachwuchs noch nicht bald komme. Die Veilchen schlugen vorsichtig ihre Blauäuglein auf, und in den Knospen der Bäume war ein emsiges Werden im Gange, damit der Pfingstschmuck nur ja beizeiten fertig würde. Tag für Tag schwollen die Knospen mehr und mehr; in ihnen lagen viele hellgrüne Gewänder bereit; und eines schönen Tages verlor der Stachelbeerstrauch die Geduld, seine Knospen sprangen auf, und er fächelte sich mit winzigen Blättern, als könnte er es vor Wärme nicht aushalten. Die Sonne aber guckte jeden Augenblick zwischen den treibenden Wolken hinab und rief mit schallender Stimme über die Erde hin: »Ich komme! Ich komme! Nur geschwind an die Arbeit, dann hat alles seine Ordnung!« Das meinte auch der Star, der im Walde auf dem Grabenrand saß und sich sehnte. Kalt war es freilich, besonders in der Nacht, und an Futter fand man auch nur das Allernotwendigste. Aber der Star kommt lieber einen Monat zu früh als einen Tag zu spät. Er putzte und schniegelte sich, hielt den Schnabel recht hoch in die Luft und pfiff, um die gute Laune nicht zu verlieren. Als die eigne Musik ihn langweilte, legte er den schwarzen Kopf auf die Seite, schloß die Augen und lauschte dem Grabenwasser, das eifrig rieselte und rauschte und allerlei vor sich hinmurmelte. »Sing, Bächlein!« sagte der Star. »Singe nur. Im Sommer bist du versiegt und verstummt. Wir andern aber fangen dann erst richtig an, denn dann ist der Tag voller Sonnenschein und das Feld voller Würmer, und ich selbst habe ein Nest mit allerliebsten Jungen.« »Ach ja!« seufzte eine Stimme ganz in der Nähe. »Wem Gott Kinder beschert, dem beschert er auch Sorgen.« Der Star schaute sich um und gewahrte einen großen braunen Frosch, der ihn mit traurigen Augen anstierte. »Aha, du bist es!« sagte er. »Ich wünsche dir ein frohes Frühjahr! Aber man darf nicht so reden, wie du es tust. Natürlich hat man viel Arbeit, wenn das Nest voller Kinder ist. Sie sind hungrig und schreien; und man hat ein gehöriges Tagewerk hinter sich, wenn man ihnen den Hals gestopft hat. Aber dafür ist's auch herrlich, so am Abend beim Neste zu sitzen und zu singen. – Sagst du das nicht auch?« »Ich sage Quorax!« schrie der Frosch ärgerlich. Der Star tat so, als ob er nichts gehört hätte, und fuhr ruhig fort: »Und noch schöner ist es, die Kinder heranwachsen zu sehn, zu beobachten, wie sie Augen bekommen ... und Flügel und Schwänze ... und sie fliegen und Würmer fangen zu lehren!« »Quak ... quak ... quorax!« schrie der Frosch und machte drei ungeheure Sprünge. »Ich weiß nicht, was du mit deinem Gequake sagen willst,« bemerkte der Star, »aber es klingt recht unmanierlich.« Bevor er noch ausgesprochen hatte, war der Frosch kopfüber in den Graben gesprungen. Er zog seine Vorderbeine an die Brust heran und machte mit den Hinterbeinen gewaltige Schwimmbewegungen. Drei-, viermal schwamm er hin und her, dann hüpfte er wieder aus dem Wasser, setzte sich auf seinen alten Platz neben den Star und starrte melancholisch in die Luft. Der Star pfiff eine sanfte Melodie und sagte dann: »Hat es geholfen? Du bist offenbar ein bißchen hitzig von Natur, und das ist recht dumm von Dir! Man soll das Leben nicht so feierlich nehmen. Erzähl mir, was Dich quält! Es hilft zuweilen, wenn man sein Herz erleichtert, und ich langweile mich.« »Sie würden mich doch nicht verstehn, wenn ich's Ihnen auch erzählen würde,« erwiderte der Frosch. »Was weiß ein vornehmer Vogel wie Sie vom Ernst des Lebens? Sie haben Ihr warmes, behagliches Nest und können Ihre Kinder zu anständigen Leuten erziehen. Unsereins hat es nicht so gut. Ich habe überhaupt kein Nest, und meine Jungen muß ich ganz ihrem Schicksal überlassen.« »Du hast kein Nest?« fragte der Star erstaunt. »Wohin legst du denn deine Eier?« »Dort unten hin,« erwiderte der Frosch und zeigte in den Graben hinab. »Ins Wasser?« »Natürlich. Daran ist doch nichts Merkwürdiges. Meine Eier haben keine so harte Schale wie die Ihren; wenn ich sie auf die Erde legen wollte, würden sie sofort vertrocknen und zugrunde gehn.« »Können Deine Kinder denn schwimmen – gleich von Anfang an?« »Gott sei Dank! Das können sie allerdings. Das liegt der Familie nun mal im Blut. Sonst aber sind sie so aus der Art geschlagen, daß man sich darüber zu Tode grämen könnte.« »Was tun sie denn?« »Kommen Sie, und überzeugen Sie sich selber!« Der Frosch hüpfte am Grabenrand entlang, und der Star spazierte hinterdrein; denn er war neugierig und hatte ja in dieser Jahreszeit nichts zu versäumen. Als sie an eine Stelle gelangten, wo der Graben sich zu einem regelrechten kleinen See erweiterte, und wo das Wasser stillzustehen schien, machte der Frosch Halt. Das Wasser war voll winziger Tierchen, die hin und her schwammen und an den Wasserpflanzen herumzupften. Beine hatten sie nicht, aber ungeheuer dicke Bäuche und lange Schwänze mit Schwimmflossen. Sie sahen aus wie Kugeln mit Fischschwänzen, und am Kopf hatten sie auf jeder Seite eine Art Büschel, mit dem sie im Wasser herumfächelten. Der Frosch sah den Star recht wehleidig an, sagte aber nichts. »Schau, schau!« meinte der Star und leckte sich den Schnabel. »Die sehen wirklich appetitlich aus. Wenn man nur wüßte, wie sie schmecken! Es sind doch wohl Fische.« »Ich weiß es nicht,« erwiderte der Frosch. »Aber aus meinen Eiern sind sie tatsächlich gekommen; und ich glaube nicht, daß unsre Familie jemals Fische aufzuweisen gehabt hat.« »Wart einmal!« sagte der Star nachdenklich. »Ich habe davon gehört, erinnere mich aber nicht mehr recht, wie die Dinge liegen. Nur so viel weiß ich, daß später richtige Frösche daraus werden. Wenn sie sich einmal die Hörner abgelaufen haben, wirst du gewiß Freude an ihnen erleben.« »Ja, sie müssen allerdings noch so manches ablegen, bevor Frösche daraus werden,« erwiderte der Frosch. »Was für einen Schwanz sie haben! Hat man je einen Frosch mit einem Schwanz gesehen? Und dieser Bauch! Man kann ja durch die Haut hindurch alle Gedärme sehen. Und dann das Gebaumel da am Halse! Wo sind denn eigentlich ihre Beine? Sehen Sie doch, wie sie im Wasser herumrennen und Gras und ähnliches Zeug fressen, während dicht vor ihrer Nase die prachtvollsten Insekten herumschwimmen! Der liebe Gott mag wissen, was ich verbrochen habe, daß meine Kinder solche Mißgeburten geworden sind!« Der Frosch begann, jämmerlich zu flennen, und der Star erwog schon, ob er sich nicht lieber empfehlen solle, denn alles Traurige war ihm zuwider. Aber da sprang der Frosch mit einem gewaltigen Satze in den Graben, schwamm zu einem Stein hin, der ein wenig über die Wasseroberfläche hervorragte, und kletterte hinauf. »Da ist das komische alte Geschöpf!« riefen die Tierchen im Wasser. »Nun wird's lustig werden!« Alle lachten, daß ihre dicken Bäuche wackelten und die Schwänzlein vor Freude bebten. Dann schwammen sie um den Stein herum und sangen aus vollem Halse: »Alter Frosch, auf trägen Beinen Humpelst du am Strand. Neuen Zeiten, will uns scheinen, Hältst du gar nicht stand! Statt zu humpeln durch das Gras, Plätschern wir im frischen Naß Wie aus Rand und Band.« Zweimal sangen sie ihr unartiges Liedchen, daß dem alten Frosch die Tränen über die Backen liefen. »Da können Sie es selbst sehen,« sagte er zu dem Star. »So reden sie mit ihrer eignen Mutter!« »Jaaaa,« erwiderte der Star nachdenklich. »Das macht sich freilich nicht gut.« Jetzt schwammen die Tierchen weiter den Graben entlang. Nachdem der Frosch sich die Augen getrocknet und seine Fassung wiedergewonnen hatte, sah er, daß nur ein einziges Tierchen zurückgeblieben war, das im Wasser gerade unter dem Stein stand und mit dem Schwanze um sich schlug. »Pfui! Schäm er sich!« schrie der Frosch. »Steht er noch immer da und macht sich über seine alte Mutter lustig! Ihr seid mir nette Burschen!« »Ich bin kein Bursch,« sagte das Junge. »Ich bin eine Kaulquappe.« »Ja, warte nur, bis ich dich zu fassen kriege, du ungezogner Lümmel du! Nicht einmal der ehrliche Name deiner Eltern ist gut genug für dich.« Die Kaulquappe schwamm ein paarmal hin und her und zupfte an einer Wasserpflanze. Dann blieb sie wieder unter dem Stein stehen und sagte: »Immer heulst und schimpfst du, als ob die Welt untergehen sollte. Ich begreife nicht, wie du dich so anstellen kannst, du alte Froschmutter! Du hast wohl ganz vergessen, daß du auch mal jung warst!« »Ob ich das vergessen habe?« erwiderte der Frosch erbost. »In meiner Jugend hatte man andre Begriffe von Anstand und guter Sitte, Jungfer Naseweis! Als ich ein junges Mädchen war, da wäre ich nicht um alles in der Welt mit solchen Firlefanzen am Kopf herumgelaufen, wie du sie da trägst!« »Davon weiß ich nichts,« sagte die Kaulquappe und fächelte vergnügt mit den Büscheln. »Sind sie nicht hübsch? Es sind meine Kiemen. Ohne die könnte ich überhaupt keine Luft kriegen.« Der alte Frosch bebte vor Zorn: »Soso ... du befaßt dich mit Kiemen ... du Grünschnabel! Und einen schönen langen Schwanz hast du zum Scharwenzeln! Aber dir ordentliche Beine anzuschaffen, das übersteigt wohl deine Mittel?« »Was sollte ich wohl mit denen?« fragte die Kaulquappe gleichgültig. »Du brauchst sie vielleicht, um da oben am Lande herumzustelzen. Ich schwimme ja, dazu habe ich meinen Schwanz. Heutzutage geht's nicht ohne ihn. Mit der langsamen altmodischen Manier kommt man nicht mehr durch. Die Kultur steigt, und man muß mit der Zeit mitgehn.« »Gott erbarme sich!« sagte der Frosch, indem er seine Vorderbeine auf der Brust kreuzte und zum Himmel aufblickte. »Übrigens ist es ganz unmöglich, so eine alte Faselliese wie dich zur Vernunft zu bringen,« sagte die Kaulquappe. »Du verstehst nichts, deine Zeit ist vorbei. Ich will dich bloß daran erinnern, daß du selber mich auf die Welt gesetzt hast. Darum mußt du mich auch nehmen, wie ich bin.« Mit diesen Worten schwamm die Kaulquappe davon. Der alte Frosch kehrte zum Grabenrande zurück und setzte sich neben den Star, der nicht wußte, wie er die traurige Mutter trösten sollte. Drum flötete er: »Nun kommt der Frühling, und dann wird alles wieder gut, du sollst es sehen! Wo warst du im Winter?« »Ich habe in einem Loch unten auf dem Grunde des Mühlenteiches gesessen,« erwiderte der Frosch. »Jaaa. Davon kann man allerdings schwermütig werden,« sagte der Star. »Du solltest ein wenig auf Reisen gehn. Das erfrischt und macht Laune.« »Gott, wo denken Sie hin?« entgegnete der Frosch. »Ich mit meiner Figur! Ich bin für die Ruhe geschaffen, wenn ich bloß quer über die Wiese hüpfe, tun mir meine Hinterbeine weh.« Dann flog der Star fort. Der Frosch ließ seine Zunge weit aus dem Munde hervorschnellen und schnappte eine Fliege, die auf dem nächsten Blatte saß, ohne an etwas Böses zu denken. Er fraß die Fliege und versank dann wieder in seine trüben Gedanken. Der Star war eifrig dabei, sein Nest dichtzumachen und auszupolstern. Er wohnte in dem Starenkasten auf der Ulme, die vor dem Forsthause stand, und er merkte, daß es bald Zeit war, die Eier zu legen; denn der Kopf war ihm so sonderbar benommen, und von Zeit zu Zeit mußte er weinen. Da fiel ihm der arme Frosch ein, den er nun schon geraume Zeit nicht zu Gesicht bekommen hatte. Er flog auf den Grabenrand und rief. »Hier bin ich, hier bin ich, Frau Star!« antwortete der Frosch dicht neben der Stelle, wo der Star sich niedergelassen hatte. »Was? Sitzest Du immer noch hier? Wie geht es denn mit den Kindern? Jetzt kommt auch meine Stunde, und da mußt ich an dich denken.« »Das war hübsch von Ihnen, daß Sie sich einer armen Frau erinnern. Vielen Dank! Ich sehe die Dinge jetzt nicht mehr so tragisch an.« »Wie kommt denn das?« fragte der Star. Der Frosch winkte ihm und hüpfte ganz bis ans Wasser heran. »Wollen Sie sich selbst überzeugen!« sagte er. Und der Star guckte in den Graben hinab. Der war voller Kaulquappen, die wie früher lustig umherschwammen, aber viel größer geworden waren. Und einige von ihnen hatten hinten die niedlichsten Froschschenkelchen von der Welt, ja zwei von den größten der Tierchen hatten sogar schon kleine Vorderbeine. »Nicht wahr?« sagte der alte Frosch, »Sie fangen an, sich besser aufzuführen. Sie haben allerdings immer noch den garstigen Schwanz und das Teufelszeug am Kopfe. Aber jetzt sehe ich wenigstens, daß die Sache einen Zweck hat. Und nun halte ich mich mehr zurück, schelte die kleinen Wesen nicht mehr aus. Ich denke, das beste ist, man läßt der Natur ihren Lauf. Sehr schwer zu behandeln sind sie übrigens. Als ich neulich eins von ihnen lobte, weil es anfange, Vernunft anzunehmen, lachte es mich bloß aus und sagte, ich dürfe mir nicht einbilden, daß es jemals so eine alte Hinkepinke werden wolle, wie ich. Ach ja, die Kinder, die Kinder! Gebe Gott, daß Sie mehr Glück mit den Ihren haben!« »Schönen Dank!« erwiderte der Star. »Ich fliege jetzt nach Hause und fange an.« Und in der nächsten Zeit lag das Starenweibchen auf seinen Eiern in dem Kasten auf der Ulme und hatte ganz und gar keine Zeit, an den Frosch zu denken. Als sie aber merkte, daß die Jungen nun jeden Augenblick ausschlüpfen konnten, bat sie ihren Mann, solange er noch Zeit habe, zum Graben hinüberzufliegen und einen Gruß von ihr zu bestellen. »Die Froschfrau ist auch Mutter,« sagte sie. »Aber die Ärmste hat mit ihren Kindern Pech gehabt. Man muß ihr ein bißchen Teilnahme erweisen.« Und nun erzählte Frau Star ihrem Manne alles, was sie auf dem Grabenrande gesehen und gehört hatte, und dann flog er hinüber. So sehr er sich jedoch auch umschaute, er sah keine Kaulquappen im Wasser. Der Graben war bereits halb ausgetrocknet, und unten im Schlamme kroch bloß eine alte, fette Kröte herum. Da hörte er auf einmal auf der Wiese jenseits des Grabens einen gewaltigen Lärm. »Quak! Quak! Quorax!« Eine ganze Menge Frösche schrie durcheinander. Mitten in dem Kreise saß die alte Froschmutter, während ihre Kinder im Grase umhersprangen. Alle hatten jetzt Beine, und die Kiemenbüschel am Kopfe waren verschwunden. Die Tierchen sahen überhaupt wie richtige kleine braune Frösche aus; ihre nasse Haut glänzte in der Sonne, und sie quakten nach Noten. Ein Schwanzstückchen aber hatten alle noch aus ihrer Jugend behalten. »Herr Gott, Kinder!« sagte der alte Frosch. »Seid doch nur vernünftig! Ich bin so froh, so froh über euch! Ihr sollt sehen, den widerwärtigen Schwanzrest werdet ihr auch noch los, und dann ist alles in schönster Ordnung.« Einige von den jungen Fröschen setzten sich nun so, daß man ihre Schwänze nicht sehen konnte. Sie legten den Kopf auf die Seite und sahen die Alte zärtlich an: »Wir haben gar keine Schwänze mehr! Wir sind schon richtige Frösche, liebes Mütterchen! Mit dem Kaulquappenwesen das war ja nur Spaß.« Aber andere streckten den Schwanz vor, soweit sie konnten, und lachten die Alte aus, wie sie es in ihrer ersten Kindheit getan hatten. »Unsinn! Unsinn! Unsinn! Du alte Froschmutter!« schrien sie. »Wir sind dieselben, die wir immer waren ... Kannst du den Schwanz nicht sehen? Bilde dir nur nicht ein, daß wir vernünftig geworden seien, wie du es nennst. Soweit bringen wir es nie. Stets wollen wir freie, lustige Kaulquappen bleiben!« Der alte Frosch schalt und bat, die Jungen schrien, und der Lärm wurde immer ärger. Der Star schüttelte den schwarzen Kopf und flog nach Hause, um seiner Frau zu erzählen, was er gesehn und gehört hatte. »Das ist ja eine recht unruhige Familie,« sagte er. »Eine unglückliche Familie ist's!« erwiderte Frau Star. »Sobald ich wieder ausgehen kann, mache ich mit unsern Kleinen einen Spaziergang und statte der Froschmutter einen Besuch ab. Für unsre Kinder ist es gut, wenn sie etwas von der Welt sehen. Dann wissen sie ihr behagliches Heim desto mehr zu schätzen.« Und als die jungen Stare Augen und Federn bekommen und ein wenig fliegen gelernt hatten, begab sich ihre Mutter mit ihnen auf die Wiese, damit sie den alten Frosch kennen lernen sollten. Lange suchten und riefen sie nach ihm; und schließlich fanden sie ihn unter einem großen grauen Stein. »Nun?« fragte der Star. »Ich bin jetzt so weit, wie du siehst! Wie ist es dir ergangen? Wo sind deine Kinder?« »Die sind längst weg,« erwiderte der Frosch. »Sie haben sich über die Wiese verstreut und sorgen für sich selber.« »Das ist ja großartig!« sagte der Star. »Und wie sehen sie denn aus?« »Jösses! Es sind die niedlichsten Frösche von der Welt geworden. Sie springen und sagen: Quak! Ich könnte mir keine bessern Kinder wünschen!« »Na also ... Ende gut, alles gut!« »Darin haben Sie recht. Aber der Anfang war allerdings schwer genug. Und stellen Sie sich einmal vor: Eines Tages, als sie ganz ausgewachsen waren und den Schwanz und all das andre Zeug abgelegt hatten, unterhielt ich mich mit ihnen über die Sache. Und da starrten sie mich an mit Augen, die gar nichts mehr von früher zu wissen schienen. Und die Kinder lachten und ließen mich kaum ausreden, schließlich sagte eins von ihnen, ich hätte ihnen eine zu schlechte Erziehung gegeben, wenn sie mal Kinder kriegten, so sollten die etwas andres zu hören bekommen, falls sie solche Affenstreiche unternehmen würden. – Ich bitte Sie, was sagen Sie dazu? Wie habe ich gepredigt und gekämpft!« »Ja ... die Jugend ist undankbar,« sagte Mutter Star. »Nun,« meinte die Froschfrau zum Schluß, »sie haben sich ja doch fügen müssen, und das ist die Hauptsache. Im Winter sitzen wir alle in unsern Löchern auf dem Grunde des Mühlenteichs, und dann kann niemand es ihnen ansehen, wie ausschweifend sie in ihrer Jugend gelebt haben.« Der kleine Junge und sein Magen Es war einmal ein kleiner Junge, der hatte einen Magen. Wenn nun auch alle Jungen einen Magen haben, so waren dieser Junge und dieser Magen doch besonders merkwürdig. Sie waren stets miteinander verfeindet, und zwar, obwohl der Junge ein guter Junge und der Magen ein guter Magen war. Man hat ja so etwas schon öfter gehört, selbst unter ordentlichen Menschen. Was sie veruneinigte, war nicht mehr und nicht weniger als eine Pflaume. Der Junge liebte Pflaumen sehr und der Magen seinerseits auch – er wollte nur nicht zu viele auf einmal haben. Er wollte sechs haben. Aber der Junge wollte sieben haben. Daraus entstand das ganze Unglück. Denn der Magen wie der Junge waren eigensinnig, und keiner wollte nachgeben. Wenn der Junge dasaß und Pflaumen verzehrte, so ging es bei den ersten sechs ausgezeichnet. Der Junge ließ es sich schmecken, und der Magen sagte kein Sterbenswörtchen. Dann nahm der Junge die siebente. Und da er die Ansicht des Magens in dieser Angelegenheit kannte und ein kleiner Spaßmacher war, rief er: »Da, bitte schön, Magen!« Und damit schluckte er die Pflaume mit dem Stein in aller Hast hinunter. »Bitte schön, mein Junge!« rief der Magen. Und im selben Augenblick hatte der Junge die entsetzlichsten Magenschmerzen. Dann gab man ihm Öl zu trinken. Und wenn es schließlich herauskam, daß er Pflaumen gegessen hatte, erhielt er obendrein Prügel, denn er durfte ja nicht so ohne weiteres selber zulangen. Amüsant war die Sache also nicht. Trotzdem begann er von neuem, sobald die Geschichte überstanden war. Denn er aß nun mal so unglaublich gern Pflaumen. Und dann meinte er auch, es sei eine Schande für einen gesunden Jungen, sich von seinem Magen kujonieren zu lassen. Eines Abends saß er auf der Treppe und dachte nach. Er hatte seine Schularbeiten gemacht, war unten am Pflaumenbaum gewesen und hatte gezählt, daß genau noch vierzehn Pflaumen übrig waren. »Noch zweimal werd ich mich mit dir zanken, du dummer Magen,« sagte er. »Und wenn ich dieses Jahr nicht mit dir fertig werde, dann wart nur bis zum nächsten Sommer!« »Ja, ich laufe dir nicht fort, lieber Freund,« antwortete der Magen, »wo du bist, werde ich auch sein. Übrigens denke ich, wir sehen uns zu Weihnachten. Honigkuchen sind auch etwas Schönes ... oder hast du vergessen, wie gemütlich es im letzten Jahre war?« »Ich habe nichts vergessen,« sagte der Junge und ballte seine Fäuste. »Du bist ein garstiger, boshafter Geselle, und ich will mich mit dir herumschlagen, so lange ich lebe.« »Das solltest du nicht tun!« sagte der Magen ruhig. »Es gibt genug Zank hier in der Welt, und ein kluger Mann hält Frieden mit seinem Magen. Ich hätte dich für größer und vernünftiger gehalten.« »Danke ... das kennen wir,« erwiderte der Junge. »Das sagt man immer zu einem kleinen Jungen, wenn man haben will, daß er etwas Langweiliges tut. Aber jetzt bin ich müde und will zu Bett. Dann kannst du rumoren, solange es dir Spaß macht. So ein Bursche, der immer nur die Leute ärgert!« »Glaubst du nicht, daß ich meine Arbeit zu verrichten habe?« fragte der Magen, »hör einmal ... darf ich dir einen Vorschlag machen?« »Handelt es sich um sechs Pflaumen dabei, so kannst du ebensogut schweigen,« erwiderte der Junge. »Ich habe sie gezählt. Es sind vierzehn. Und 14:2 = 7. Ich ergebe mich nicht.« »Nein,« sagte der Magen. »Es handelt sich um so viele Pflaumen, wie du willst.« »Dann handelt es sich um sehr viele,« sagte der Junge. »Laß mal hören!« »Ich schlage dir vor, daß du für einen Tag meine Geschäfte übernimmst. Oder wir wollen sagen: für vierundzwanzig Stunden ... vom einen bis zum andern Morgen. Dann siehst du mich vielleicht mit milderen Augen an.« Der Junge saß ein Weilchen grübelnd da. Hierauf fragte er: »Dann bestimme ich also selbst, ob ich Magenschmerzen haben soll oder nicht?« »Du bestimmst das alles selbst,« war die Antwort. »Du besorgst meine Geschäfte; und wie du sie besorgst, so werden sie gehen.« »Abgemacht!« rief der Junge. Sie verabredeten, daß sie am nächsten Morgen beginnen wollten. Der Junge ging zu Bett und träumte die ganze Nacht davon, wie schön das sein werde. Er stand früh auf; und das erste, was er tat, war, daß er in den Garten hinunterschlich, die vierzehn Pflaumen abpflückte und an einem sicheren Orte verwahrte, den nur er kannte. Darauf trank er seine warme Milch und aß wie gewöhnlich seine drei Zwiebäcke, nahm sein Buch und begab sich auf den Weg zur Schule. Als er kaum zur Tür hinaus war, begann der Magen, ganz fürchterlich zu schreien. »Bist du denn nicht recht gescheit, Junge ... so zu rennen?« »Guten Morgen, Magen,« sagte der Junge. »wir müssen uns sputen, sonst kommen wir zu spät in die Schule.« »Und an die Milch und die drei Zwiebäcke denkst du gar nicht?« fragte der Magen. »Was ist mit ihnen? Sie haben mir recht gut gemundet.« »Ja ... danke schön. Das ist dein Anteil am Geschäft, dir das Essen schmecken zu lassen. Aber heute hast du außerdem auch den meinen übernommen: das Essen zu verdauen.« »Na,« meinte der Junge. »Mit so ein paar Zwiebäcken kann's wohl nicht allzu gefährlich sein. – wie lange dauert das?« »Bis zum Frühstück,« antwortete der Magen. »Dann muß damit gewartet werden,« sagte der Junge. »Ich glaube, du bist nicht recht bei Trost,« sagte der Magen. »Glaubst du, ich könnte warten?« »Du mußt,« erwiderte der Junge; »denn ich muß zur Schule. Vater sagt, wenn ich die Schule vernachlässige, werde ich niemals ein tüchtiger Mann werden. Also verwahren wir die Zwiebäcke bis 1 Uhr. Punktum.« »Unsinn! Dein Vater redet, soweit sein Verstand reicht. Du hast ihm ja auch noch nichts von unsrer Übereinkunft erzählt. Ein Junge ist ein Junge, und ein Wort ist ein Wort.« »Können wir denn nicht bis zur Pause warten?« fragte der Junge wehleidig. »Ich will dir was sagen, mein Freund,« entgegnete der Magen. »Es mag sein, daß du kein tüchtiger Mensch wirst, wenn du die Schule vernachlässigst. Aber wenn du die Zwiebäcke vernachlässigst, dann stirbst du. Gekaut hast du sie schon oberflächlich genug ... es ist ein Stück dabei, auf das du verflixt gut acht geben mußt; das will ich dir nur sagen.« »Nun hab ich Morgen für Morgen, soweit ich zurückdenken kann; Zwieback gegessen!« rief der Junge, im Begriff, in Tränen auszubrechen. »Und noch nie hat es solchen Spektakel deshalb gegeben.« »Nein,« sagte der Magen. »Denn ich habe für die Zwiebäcke und für alles gesorgt. Heute hast du die Ehre und das Vergnügen. – Aber jetzt setz dich vorsichtig hier auf die Bank, dann will ich dir das Ganze erklären.« Das tat der Junge. Aber er war ganz verzweifelt. »Siehst du,« sagte der Magen. »Meine Arbeit, die du heute übernommen hast, ist die Verdauung. Du ißt, um groß und stark zu werden, damit du selber einmal einen Jungen bekommen und durchprügeln kannst, wenn er Pflaumen aus deinem Garten nimmt.« »Na, er kann sich auf etwas gefaßt machen! Er wird nette Prügel kriegen.« »Aber damit, daß man das Essen in den Mund steckt, ist es nicht getan. Das ist sogar das allerwenigste dabei. Wäre sonst nichts nötig, so brauchtest du gar keinen Magen.« »Hätte ich doch bloß keinen!« seufzte der Junge. »Unterlaß deine Ungezogenheiten,« sagte der Magen. »Und hör zu. Da sind nun also die Zwiebäcke, wenn du sie gekaut und in deinem Munde mit Speichel vermischt hast, schluckst du sie hinunter, und dann gelangen sie in mich hinab, damit ich sie in Behandlung nehmen kann. Je schlechter du sie gekaut hast, desto mehr Mühe habe ich. Ringsum in mir befinden sich kleine Fabriken, worin ich etwas herstelle, das Magensaft heißt; hiermit müssen die Zwiebäcke und die Milch sorgfältig vermengt werden.« »Bist du bald fertig?« fragte der Junge. »Du bist noch langweiliger als der Lehrer.« »Ich habe kaum angefangen,« entgegnete der Magen, »wenn die Zwiebäcke mit dem Magen fertig sind, gelangen sie in den Darm. Dort befinden sich viele Fabriken, die Darmsaft herstellen, und damit sollen sie nun vermischt werden, wenn das geschehen ist, kommen wir an neue Fabriken, die Amylopsin herstellen, andere, die Trypsin verfertigen, und wieder andre, die Steapsin fabrizieren ...« »Halt einmal,« sagte der Junge. »Das sind viel zu schwere Worte für einen kleinen Jungen. Ich verstehe keine Silbe davon.« »Das ist schlimm für dich,« erklärte der Magen. »Da du doch das Geschäft übernommen hast! – Danach kommt die Galle an die Reihe ... und dann ...« Doch da brach der Junge in Tränen aus, als ob er gepeitscht würde. »Nicht heulen,« sagte der Magen. »Das verzögert nur die Verdauung.« Und jetzt hielt der Magen noch einen langen Vortrag darüber, wie der kleine Junge es am besten anfange, zuerst ein wenig auf dem Rücken zu liegen und sich zu strecken und zu recken und den Körper auf die merkwürdigste Art zu verrenken, damit alles ordentlich zugehen könne. Als die Sache mit den Zwiebäcken endlich in Ordnung war, war die Frühstückszeit weit überschritten und der Junge war ganz erschöpft. »Iß jetzt dein Frühstück,« sagte der Magen. »Dann wirst du dich schon erholen.« Der Junge tat es, und es schien auch zu helfen. Aber da fiel ihm die Schule ein, und er geriet ganz außer sich vor Schreck. »Was soll ich nur machen, was soll ich nur machen!« rief er und trippelte von einem Bein auf das andre. »Ich bekomme einen Tadel, und was soll ich dann zu Hause sagen!« Er nahm seine Bücher und sprang auf. Doch da schrie der Magen: »Junge, Junge! Hast du deinen Verstand verloren?« »Was ist denn los?« fragte der Junge. »Willst du nicht an das Frühstück denken?« sagte der Magen, »willst du jetzt wieder wegrennen? Du bist der ungelehrigste Junge, den ich in meinem Leben getroffen habe.« Und nun fing die Geschichte von vorne an. Der Magen hielt wieder seinen Vortrag, und der Junge gab sich die größte Mühe, daß alles ging, wie es gehen sollte. Und doch ging es nicht gut. »Wie lange dauert die Geschichte?« fragte er. »Natürlich bis zum Mittagessen,« antwortete der Magen. Der Junge saß im Gebüsch und schalt und weinte abwechselnd, aber es half ihm nichts. Hervorzukommen, bevor die Schule aus war, wagte er nicht; und da er keine Uhr hatte, konnte er nicht wissen, wie spät es war; drum kam er gerade erst zu Tisch nach Hause. »Warum bist du nicht gleich aus der Schule nach Hause gekommen?« fragte die Mutter. Nun mußte er eine Geschichte erfinden. »Wie ist es heute in der Schule gegangen?« fragte der Vater. Da mußte er noch eine Geschichte erfinden. Er war ärgerlich, daß er so lügen mußte. Denn im Grunde war er ein ehrlicher Junge, der nicht log, außer wenn es unbedingt notwendig war. Als sie nun beim Mittagessen saßen, war er so todmüde und elend, daß er nichts essen konnte. Zu allem Unglück gab es an dem Tage Kartoffelbrei und Speck, ein Gericht, das er nicht leiden mochte. Natürlich glaubten alle, er wolle nichts essen, weil er wählerisch und eigensinnig sei. Er bekam Schelte und wurde an den Ohren gezogen, daß es zum Verzweifeln war. »Iß!« befahl der Magen. »Sonst wirst du es bereuen. Du kannst Stärkung gebrauchen.« »Nein,« sagte der Junge und biß die Zähne zusammen. Niemand hörte das Gespräch zwischen den beiden. Es kommt selten vor und ist gar nicht schön, wenn einer hört, was der Magen eines kleinen Jungen sagt. Am Nachmittag ging es ihm ein ganz Teil besser. Aber er war in schlechter Laune, weil er gelogen hatte. Und sie waren alle böse auf ihn, weil sie glaubten, er wolle eben nur nicht alles essen. Er ging hinunter und sah nach den vierzehn Pflaumen, zählte sie, hatte aber seltsamerweise keine Lust, sie zu essen. »Willst du nicht eine kleine Pflaume nehmen?« fragte der Magen freundlich. »Wart du nur!« rief der Junge wütend und ballte die Hände in der Tasche. Er war überzeugt, daß der Igel sie in der Nacht essen würde, wenn er es nicht täte. Und doch meinte er, nicht daran denken zu können, sie herunterzukriegen. Leim Abendessen wurde ihm der Brei vorgesetzt. Denn er mußte natürlich essen, was er mittags übriggelassen hatte. Da er sehr hungrig war, tat er's und verzehrte obendrein noch zwei große Schmalzschnitten. Dann ging er in den Garten und aß alle vierzehn Pflaumen. »So,« sagte er zum Magen. »Ich weiß recht gut, daß ich jetzt wieder Beschwerden mit dir haben werde. Aber das mag sein, wie es will. Ich gehe jetzt zu Bett und werde bald einschlafen. Dann magst du predigen, soviel du Lust hast.« »Ich fürchte, mit dem Schlaf wird es nichts werden,« erwiderte der Magen, »wir müssen den Brei und die beiden Schmalzschnitten verarbeiten. Wie es mit den vierzehn Pflaumen gehen soll, daran wage ich nicht zu denken. Du weißt, daß es für mich schon zu viel war, wenn es sieben waren. Und ich war doch geübt darin. Der liebe Gott mag wissen, wie es dir mit den vierzehn ergehen wird.« Nie hatte der Junge eine solche Nacht erlebt. Es rumorte und wütete in ihm, und das Zerren und Reißen wollte nicht aufhören. Er seufzte und stöhnte und weinte, drehte sich im Bette herum, setzte sich aufrecht und legte sich nieder, ging mit bloßen Beinen durchs Zimmer und erkältete sich fürchterlich. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und so oft er versuchte, die Augen zuzumachen, rief der Magen ihn an: »Haben wir Zeit zu schlafen?« Als seine Mutter am nächsten Morgen zu ihm ins Zimmer trat, bekam sie einen tüchtigen Schreck. »Gott erbarme sich, Junge, wie siehst du aus!« rief sie. »Du hast sicherlich nicht an deinen Magen gedacht.« »Doch, Mütterchen, das habe ich,« sagte er und weinte gottsjämmerlich. Sie verließ das Zimmer wieder, um den Arzt holen zu lassen. »Na, lieber Freund,« sagte der Magen. »Die vierundzwanzig Stunden sind jetzt vorbei, sollen wir den Kontrakt erneuern?« »Nein!« schrie der Junge. »Du meinst, das beste ist, ich übernehme meine Geschäfte wieder selber?« »Ja,« sagte der Junge. »Und nun hast du gelernt, daß der Magen genug zu tun hat und unmöglich Zeit findet, alle die Pflaumen zu verdauen, die ein kleiner Junge in ihn hineinstecken möchte?« »Ja,« sagte der Junge. »Und nun willst du dich in Zukunft hübsch mit sechs begnügen?« »Die Pflaumenzeit ist vorbei,« brummte der Junge verdrießlich. »Also brauchst du keine Angst mehr zu haben.« »Die Pflaumenzeit kommt wieder,« sagte der Magen. »Aber wenn du dir deinen Magen von Grund aus verdorben hast, dann hast du immer daran zu schleppen.« Von dem Tage an waren sie gute Freunde. Und damit ist die Geschichte von dem kleinen Jungen und seinem Magen aus. Man denkt ja auch nur an seinen Magen, wenn er nicht in Ordnung ist. Die Mistel Draußen vor der Gartenhecke des Försters stand ein wilder Apfelbaum mit knorrigen Ästen und essigsauren Früchten. Früher war er rings von Dornengestrüpp umgeben gewesen. Aber die Dornbüsche waren abgestorben und verfault, und nun stand der Apfelbaum ganz allein auf einer kleinen grünen Waldwiese. Alt war er, häßlich und klein. Er konnte gerade über die Haselnußhecke in den Garten zu dem Gravensteiner Apfelbaum und dem Goldrenettenbaum hinübergucken, deren große, rote und gelbe Früchte in der Herbstsonne leuchteten, und die viel, viel vornehmer aussahen als der Holzapfelbaum. Jeden Morgen lief der alte Hund des Försters um die Gartenhecke herum, um ein bißchen frische Luft zu schöpfen und sich ein wenig Bewegung zu machen. Er hatte alle Zähne verloren und konnte nur mit dem einen Auge sehen. Bei dem wilden Apfelbaum blieb er immer ein Weilchen stehn und rieb sich an dem Stamm. »Ich tu's der Flöhe wegen!« sagte der Hund. »Bitte schön!« erwiderte der Apfelbaum freundlich. »Laß dich nur gar nicht stören, wir kennen uns ja, seitdem du ein junges Hündchen warst und mit der Peitsche des Försters Bekanntschaft machtest, wenn du nicht gehorchen wolltest. Es ist mir immer ein Vergnügen, einem alten Freund einen Dienst zu erweisen. Übrigens hast du ja genug Apfelbäume näher bei der Hand ... da drinnen im Garten, meine ich. Warum reibst du dich nicht an denen?« »Ehre, wem Ehre gebührt!« sagte der Hund. »Die richtigen Apfelbäume mögen recht gut sein für ihre Zwecke, aber du bist so schön knorrig!« »Ich bin der richtige Apfelbaum!« entgegnete jener gekränkt. »Die da drinnen sind verkrüppelte Geschöpfe, die die Menschen sich aufgezogen haben. Sie wachsen an den Stellen, an die der Förster sie setzt, und lassen sich ihrer Früchte berauben, sobald es ihm paßt. Ich bin wild gewachsen und mein eigner Herr!« Der Hund rieb sich und schüttelte den klugen, alten Kopf. »Du hättest lieber auch in den Dienst des Menschen treten sollen, lieber Freund,« sagte er. »Da ist man gut aufgehoben. Und was soll denn sonst aus so alten Gesellen wie dir und mir werden? Natürlich muß man tun, was von einem verlangt wird, aber zur Entschädigung kriegt man auch, was man braucht.« »Daher hast du vielleicht deine Flöhe gekriegt?« fragte der Apfelbaum spöttisch. Aber der Hund war schon wieder auf den Hof zurückgetrabt und hörte es darum nicht mehr. Gleich darauf kam eine Amsel geflogen und setzte sich auf einen der dicksten Äste des Baums. Sie schlug mit den Flügeln um sich und strich den Schnabel an dem Zweige ab. »Gesegnete Mahlzeit!« sagte der Apfelbaum. Er wußte ja, daß die Amsel es nach dem Essen immer so machte, und er war ein höflicher Baum, solange man ihm nicht zu nahe trat. »Danke!« erwiderte die Amsel und strich ihren Schnabel weiter. »Du hast heut aber viel Arbeit!« meinte der Baum. »An meinem Schnabel sitzt ein Stein,« sagte die Amsel. »Er sitzt da, als wäre er angeleimt; und ich kann ihn nicht herunterbekommen, soviel ich auch streichen mag.« »Was hast du denn gefressen?« »Wunderschöne weiße Beeren! Ich hab noch nie etwas so Feines gekostet – und auf Beeren verstehe ich mich, wie du weißt. Es war weit, weit von hier, und nun bin ich anderthalb Tage mit dem dummen Stein geflogen. Fortwährend hab ich versucht, ihn abzustoßen ... So, Gott sei Dank! ... nun ist er herunter. Jetzt sitzt er an dir, du alter wilder Apfelbaum. Du wirst sehn, du wirst ihn nie wieder los!« »Laß ihn ruhig sitzen!« sagte der Apfelbaum vergnügt. »Und mach dir deshalb keine Sorgen! wenn es anfängt zu regnen und zu wehen, dann wird er sich schon bald empfehlen.« Die Amsel flog davon, und der wilde Apfelbaum stand nachdenklich da, mit dem Stein auf seinem Ast. Am Abend regnete es in Strömen, und der Stein glitt langsam an dem nassen Ast hinab, bis er auf der untern Seite lag. »Jetzt plumpst er hinunter!« dachte der Baum. Aber der Stein plumpste durchaus nicht. In der Nacht brach ein fürchterlicher Sturm los, und alle Bäume bogen sich krachend. In dem Garten des Försters fielen die Gravensteiner und die Goldrenetten und Taubenäpfel scheffelweis zur Erde. Aber der Stein blieb fest sitzen, wo er saß. »Das ist doch sonderbar!« dachte der wilde Apfelbaum. Und als der Hund am Morgen herangetrabt kam, erzählte ihm der Baum von dem merkwürdigen Gegenstand. »Was mag das für ein Bursche sein?« fragte er. »Sicherlich ist's ein Floh!« sagte der Hund und rieb sich. »Die wird man nie los. – – – Hüpft er auf dir herum? Beißt er?« »Das nicht!« erwiderte der Apfelbaum, »heut nacht ist er ganz sacht auf die untere Seite meines Asts hinabgeglitten, und er ist mir ja nicht weiter hinderlich.« »Dann ist es bestimmt kein Floh!« erklärte der Hund. Der Herbst rückte vor, und alle die guten Äpfel im Garten wurden gepflückt und gegessen oder auf dem Speicher aufbewahrt. Um den wilden Apfelbaum kümmerte sich niemand. Seine Früchte ließ man auf den Zweigen, bis sie von selbst zur Erde fielen; da lagen sie und verfaulten, Aber dem Baum war es ganz recht so. Er wußte, daß lauter kleine wilde Apfelbäume daraus entstehen würden, und darum hatte er ja diese Früchte an sich wachsen lassen. Dann kam der Winter mit Frost und Schnee. Der alte Hund lag den ganzen Tag in der Stube unterm Ofen. Der wilde Apfelbaum aber stand draußen im Schnee, und unter seinem Ast saß immer noch der sonderbare Stein. Als es wieder Frühling wurde, kam der Hund eines Tages um die Hecke getrabt. Er bewegte sich langsamer vorwärts als im vorigen Jahr, und jetzt war er auch auf dem andern Auge fast ganz blind. Aber er fand doch den Weg zu dem Apfelbaum und rieb sich so heftig an ihm, daß man merken konnte, daß er immer noch Flöhe hatte. »Alles beim alten, Hund?« »Jawohl, Apfelbaum ... auch bei dir?« »Nun sollst du hören,« sagte der Baum. »Du entsinnst dich doch noch des Steins, den die Amsel mir gebracht hat, nicht wahr? Sieh mal ... vor kurzer Zeit merkte ich an der Stelle, wo er saß, ein ganz merkwürdiges Stechen, Jucken und Brennen.« »Dann ist es doch ein Floh,« sagte der Hund. »Hör weiter! Es war also ein höchst unangenehmes Gefühl. Und dann schwoll mein Ast an der Stelle an ...« »Es ist ein Floh, es ist ein Floh!« rief der Hund. »Daran ist gar kein Zweifel. Reib dich bloß an mir, du alter Apfelbaum! Das ist das einzige, was ein bißchen lindert; und es ist nur recht und billig, daß ich mich erkenntlich zeige.« »Wie sieht ein Floh aus?« fragte der Apfelbaum. »Tja,« erwiderte der Hund und rieb sich. »Man hat eigentlich nie richtig Zeit, sich die Burschen anzusehn.« »Hat er grüne Blätter?« »Nicht daß ich wüßte!« »Guck mal hierher!« sagte der Baum. »Da ... auf meinem untersten Ast ... gleich über deinem Kopf ... ist das ein Floh?« Der alte Hund stellte sich auf die Hinterbeine und schaute blinzelnd mit seinen blinden Augen hinauf. »Ich kann nicht so weit sehen,« rief er. »Aber ich habe auch nie die Flöhe auf meinem eignen Schwanz sehen können, also das hat nichts zu sagen.« Damit schlich er weiter. Aber nach einer Weile ließ sich eine dünne Stimme auf dem Ast des Apfelbaums vernehmen: »Ich bin kein Floh. Ich bin die Mistel.« »Nun bin ich ebenso klug wie zuvor,« meinte der Apfelbaum. »Ich bin eine Pflanze wie du,« erklärte die Stimme. »Ich werde zu einem Busch ... mit Wurzeln, Zweigen, Blüten und Blättern.« »Warum wächst du dann nicht in der Erde wie wir andern?« fragte der wilde Apfelbaum. »Das wäre gegen meine Natur,« erwiderte die Mistel. »Dann hast du eine schlechte Natur,« sagte der Apfelbaum und schüttelte sich wütend, daß seine weißen Blüten zur Erde rieselten. »Denn so viel begreife ich nun, daß ich dich Faulpelz ernähren soll.« »Danke sehr ... wenn du so gut sein willst! Meine Wurzeln sitzen schon ganz fest in dir und wachsen täglich. Bald treibe ich kleine grüne Blüten ... An denen ist allerdings nicht viel, aber dann kommen die Beeren, wunderschöne, saftige, weiße Beeren ... Die Amsel ist ganz versessen auf sie.« »Die Amsel ist ein sehr netter Vogel,« entgegnete der Apfelbaum, »aber wenn sie bei mir etwas zu essen wünscht, so stehen ihr meine eignen Äpfel zur Verfügung.« »Glaube nicht, daß ich die Beeren der Amsel wegen habe,« bemerkte die Mistel. »In der Beere ist ein Stein, und in diesem Stein liegt mein Same. Der Stein ist so klebrig, daß er am Schnabel der Amsel hängen bleibt, bis sie ihn an irgendeinem schönen alten Apfelbaum abstreift, der Pflegemutter für mein Kind sein will, wie du für mich.« »Das ist ja eine saubere Familie!« rief der Apfelbaum. »schämst du dich nicht, auf Kosten andrer Leute zu leben? Und kannst du deinen Samen nicht auf die Erde werfen, wie unsereins es tut, und ihn sich selber überlassen?« »Nein,« sagte die Mistel. »Das kann ich nicht. Aber es hat keinen Zweck, dir das auseinanderzusetzen. Es haftet mir etwas Dunkles, Vornehmes an, das mich über die andern Pflanzen erhebt. Die Menschen verstehen es. Sie haben schöne, seltsame Sagen und Lieder von mir gedichtet ... denk einmal, in England können sie nicht Weihnachten ohne mich feiern. Sie hängen einen meiner Zweige unter der Decke auf. Und wenn sie dann tanzen und dabei unter den Zweig kommen, dürfen sie einander küssen.« »Pah!« brummte der wilde Apfelbaum. »Das ist gerade der Rede wert! Es gibt wohl kein Brautpaar hier in der Gegend, das nicht in meinem Schatten gesessen und Küsse getauscht hat!« »Du verstehst immer noch nicht, worin das Vornehme besteht, lieber Freund,« erwiderte die Mistel. »Brautleute können einander natürlich küssen, wo sie wollen, wer aber unter dem Mistelzweig tanzt, muß dem andern einen Kuß geben ... auch wenn es kein Brautpaar ist.« »Was sind das für garstige ausländische Unsitten! Aber wo du mit dabei bist, da kann man ja nichts Bessres erwarten. Na, hoffentlich erfrierst du in Grund und Boden, wenn's Winter wird.« »Das tu ich ganz sicher nicht! Wenn deine Blätter verwelken und zur Erde fallen und du mit nackten Zweigen im Schnee stehst, dann sind die meinen so frisch und grün wie immer. Ich grüne Sommer und Winter, mußt du wissen.« Der wilde Apfelbaum war so erbost, daß er gar nicht wußte, was er antworten sollte. Doch als der Hund sich am nächsten Tage einfand, erzählte der Baum ihm das Ganze. »Dann ist es also doch ein Floh,« meinte der alte Hund. »So gewissermaßen wenigstens. Du mußt ihn durch Reiben loszuwerden suchen. Das ist das einzige, was da helfen kann.« »Ich bin kein Hund und kann nicht herumrennen und mich reiben,« sagte der Apfelbaum. »Aber für einen anständigen Baum ist es in so hohem Alter recht hart, sich so etwas gefallen lassen zu müssen.« »Verlier nur die Ruhe nicht!« ermahnte die Mistel, »Wer weiß, ob du nicht doch noch einmal Freude an mir erleben wirst!« Im nächsten Sommer kam ein alter Professor mit einer Brille auf der Nase und einer gewaltigen grünen Botanisiertrommel auf dem Rücken durch den Wald gewandert. Er ließ sich unter dem wilden Apfelbaum nieder, um zu frühstücken; dabei versank er in Gedanken, lehnte den Kopf gegen den Stamm und blickte ins Laub hinauf. Plötzlich sprang er in die Höhe, das Butterbrot glitt aus seiner Hand, und scharf betrachtete er die Mistel. Er nahm die Brille ab, wischte mit dem Rockzipfel über die Gläser, setzte sie wieder auf die Nase und starrte von neuem hinauf. Dann lief er in das Forsthaus hinein und holte den alten Förster. »Sehen Sie sich den Baum da mal an!« rief er begeistert. »Das ist der merkwürdigste Baum im ganzen Walde.« »Der da?« meinte der Förster. »Das ist ja nur ein alter wilder Apfelbaum. Da sollten Sie mal die Apfelbäume in meinem Garten sehen!« »Die sind mir ganz gleichgültig!« sagte der Professor. » Dieser Baum aber interessiert mich, weil eine Mistel darauf wächst, sie müssen wissen, daß die Mistel eine Seltenheit für unser Land ist. Der Baum muß sofort eingezäunt werden, damit er nicht beschädigt wird. Denn wenn der Baum abstirbt, stirbt auch die Mistel.« Und so geschah es. Der alte Apfelbaum wurde eingezäunt. Der Professor schrieb in der Zeitung einen Artikel über seine Entdeckung; und alle Leute, die in die Gegend kamen, suchten den Apfelbaum und die Mistel auf. – »Nun?« fragte die Mistel. »Mein liebes, liebes Pflegekind!« sagte der Baum. »Wenn du irgendeinen Wunsch haben solltest, so sag es nur ja!« Und als der alte Hund des Försters herauskam und sich an dem Baum wie gewöhnlich reiben wollte, blieb er erstaunt stehen und starrte mit seinem einen halbblinden Auge auf die Einzäunung. »Geh in den Garten und reib dich an den richtigen Apfelbäumen!« sagte der wilde Apfelbaum vornehm. »Ich trage eine Mistel auf meinem Ast und muß mit der größten Vorsicht behandelt werden, wenn ich absterbe, stirbt auch die Mistel ab, verstehst du. Ich hab in der Zeitung gestanden! Ich bin der wichtigste Baum im ganzen Walde!« »Ja, wichtig bist du!« brummte der Hund und trabte wieder nach Hause. Die zwölf Schwestern Es war ein Tag Ende Mai. Der Wald war grün, und die Anemonen waren verschwunden. Die Vogelweibchen brüteten, und die Männchen hatten ihnen Nahrung zu bringen und lustige Weisen vorzusingen, damit sie ihre gute Laune nicht verlören. Der ganze Wald leuchtete und lachte, weil es Frühling war. Aber tief zwischen den Bäumen war ein kleines Stück Feld, auf dem der Hafer des Försters stand. Und auf diesem Felde lief jemand umher, der sehr traurig war. Es war ein niedliches, junges Maikäferfrauchen. Sie trippelte auf ihren sechs Beinen dahin und schnupperte jeden Augenblick an der Erde. Manchmal hob sie die Flügel ein wenig, als gedächte sie zu fliegen; aber dann schüttelte sie betrübt den Kopf und trippelte weiter. Zuletzt blieb sie auf einer Stelle stehen, wo die Erde recht weich war. Dann reckte sie sich in die Höhe, so hoch sie konnte, und schaute sich um, und es standen Tränen in ihrem aus achtzehntausend Teilen zusammengesetzten Auge. »Leb wohl, du grüner Wald!« rief sie aus. »Ich seh dich nie wieder!« Dann trocknete sie ihre Augen und begann, sich in die Erde hinabzugraben, tief hinab; schließlich hielt sie mit der Arbeit inne und machte sich in dem schwarzen Erdreich, so gut es ging, ein Stübchen zurecht. Und in diesem Stübchen legte sie nun zwölf winzige weiße Eier. »Ihr werdet's nicht leicht im Leben haben, und das Vergnügen wird kurz sein!« sagte sie. »Wie ich sehe, seid ihr alle Mädchen!« In einem der Eier ließ sich ein dünnes Stimmchen vernehmen, das fragte, ob es denn so schlimm sei, als Mädchen auf die Welt zu kommen. Niemand in der ganzen Welt konnte dieses feine Stimmchen hören, außer der Maikäferfrau. Denn eine Mutter versteht immer ihr Kind. »Ja, Maikäfermädchen sein, ist ein schweres Los!« antwortete sie. »Drei lange Jahre müßt ihr euch in der Erde abäschern. Dann gelangt ihr an die Oberfläche und verheiratet euch; aber gleich danach habt ihr die Arbeit mit den Kindern, und dann ist es aus. Die Männer haben es besser, seht zum Beispiel mal euern Vater an! Der kann noch einen ganzen Monat dort oben herumfliegen und sich sattessen, während ich hier sitzen und bald sterben muß. Das war eine wunderschöne, wenn auch kurze Zeit, als er in mich verliebt war! Wir durchschwärmten den grünen Wald und summten und fraßen; da ist es so hübsch wie nirgendwo sonst. Aber für mich ist die Herrlichkeit nun zu Ende.« »Der garstige Vater!« sagte die Stimme in dem Ei. Und in den andern Eiern sagten elf Stimmchen dasselbe. »Na na,« lenkte die Maikäferfrau ein, »immer scheint die Sonne nun doch nicht für ihn. Auch er hat mit allerlei Unannehmlichkeiten zu tun. Von seinen Gewissensbissen, weil er mich im Stich gelassen hat, will ich gar nicht reden, aber die Krähen sind hinter ihm her und die kleinen Jungen, die Maikäfer einsammeln und vom Förster Geld dafür bekommen. Und noch so manchen Feind hat er!« »Wenn ihn die Krähen nur auffressen möchten!« rief das Stimmchen in dem ersten Ei. »Wenn ihn die Jungen nur mit einsammeln möchten!« riefen die Stimmchen in den andern Eiern. »Wollt ihr wohl still sein!« schalt da die Maikäfermutter. »Es tut nicht gut zu krakehlen, bevor man aus dem Ei geschlüpft ist. Und im übrigen müßt ihr doch immer bedenken, daß es euer Vater ist!« Die zwölf Stimmen verstummten. Nach einer Weile seufzte die Maikäferfrau tief auf und sagte: »Vernehmt mein letztes Wort! Haltet euch immer frisch und dick, stemmt den Rücken gegen die Erde und schiebt mit aller Kraft! Und arbeitet euch tief in die Erde hinab, wenn ihr merkt, daß der Winter kommt! Nehmt euch in acht vor dem Maulwurf und der Spitzmaus, vor den Krähen und Möwen! Dann wird's euch so gut gehen, wie es einem Maikäferkind nur gehen kann. – – Lebt wohl! Gott sei mit euch!« Mit diesen Worten streckte sie ihre Beine aus, faltete die Fühlhörner und war gleich tot. »Wir müssen aber an vieles denken!« sagte die Stimme in dem einen Ei. Und alle die zwölf Wesen in den Eiern lagen nachdenklich da. Fast zwei Monate vergingen. Die jungen Vögel waren schon groß, das Geißblatt duftete, und auf den Feldern standen die Heumieten. Die Mücken tanzten, und die Kinder hatten Sommerferien. Aber im ganzen Wald war kein einziger Maikäfer zu sehen. »Diesmal sind wir mit ihnen fertig geworden,« sagte der Förster und nickte den Krähen zu, die auf den hohen Bäumen saßen und schrien. »Nun haben wir für drei Jahre Frieden, dann kommen die Maikäfer wieder, und dann verbünden wir uns abermals, ihr schwarzen Schreihälse!« In dem unterirdischen Stübchen lagen die zwölf Maikäfermädchen und hörten dies mit an. Sie waren eben aus den Eiern gekrochen, winzig und dünn und ganz blind; aber das letztere schadete nicht viel, denn es war ja nichts da, wonach sie hätten gucken können. Sie waren sehr verzagt und wußten nicht, wohin sie sich in der schwarzen Erde wenden sollten. Da gelobten sie einander, so lange, bis sie aus der Erde herauskämen, treu zusammenzuhalten. Und sie begannen, verfaulte Wurzeln und Blätter zu fressen. Die Tage verstrichen, eine Woche folgte der andern, und die Maikäfer wuchsen ein klein wenig. Wie sie da nun eines Abends so saßen und von dem grünen Walde plauderten, von dem ihnen ihre Mutter erzählt hatte, bebte die Erde auf einmal ganz entsetzlich unter ihnen. Es war ihnen, als würden sie hoch emporgeworfen und als fielen sie wieder tief hinab; sie bekamen einen gehörigen Schreck. »Wer ist das?« fragte die größte von ihnen, »Wir sind zwölf blinde Schwestern und haben weder Vater noch Mutter; und niemand darf uns etwas zuleide tun.« »Ich bin es. Der Maulwurf!« erwiderte eine tiefe, grobe Stimme. »Ich bin blind wie ihr, aber ich kann euch riechen. In zwei Jahren komme ich wieder und fresse euch – vielleicht auch schon nach einem Jahr. Noch seid ihr zu klein. Auf Wiedersehen! Und werdet recht schön fett!« Abermals bebte die Erde, und der Maulwurf lief weiter. Keinem der Maikäfermädchen war etwas zugestoßen, aber sie waren eine Weile ganz sprachlos vor Angst. »Das sind ja schöne Aussichten!« sagte endlich die Größte von ihnen. »In zwei Jahren will uns der Maulwurf fressen, und in drei wollen uns die Krähen und der Förster töten. – Na, wir müssen uns wehren, wie unsere selige Mutter gesagt hat. Wir müssen den Rücken gegen die Erde stemmen!« Und sie krümmte sich, schob sich ein kleines Stück rückwärts und fraß ein verfaultes Blatt. Die andern machten es ebenso; und als sie merkten, daß es anfing, kälter zu werden, gruben sie sich so tief hinab, daß der Frost sie nicht erreichen konnte. Im nächsten Frühjahr waren sie ein gutes Stück gewachsen und sehr munter geworden. Als sie näher an die Oberfläche kamen, hatten sie einen Bärenhunger und machten sich daran, die frischen Wurzeln, die hinabreichten, zu fressen. Nach drei Tagen waren alle Wurzeln bis auf eine verzehrt. »Die gehört mir!« sagte das älteste Maikäferfräulein. »Warum solltest du mehr bekommen als wir?« schrien die elf Schwestern. Es entspann sich ein heftiger Zank um die Wurzel, schließlich gingen sie alle wie ein Mann darauf los und fraßen sie im Handumdrehn weg. »Hört mal,« erklärte die älteste, »wir müssen uns trennen, wenn wir nicht verhungern wollen. Eine jede grabe ihren Gang und fresse sich satt, bis sie platzt! Wenn wir aber im Winter in den Keller hinabsteigen, wollen wir darauf achten, daß wir möglichst nahe zusammen sind, damit wir uns von unsern Erlebnissen unterhalten können.« Und so machten sie es auch. Sie stemmten den Rücken gegen die Erde und gruben mit den Füßen, und so schoben sie sich durch das weiche Erdreich weiter. Alle die Wurzeln, die so klein waren, daß die Maikäfer sie durchbeißen konnten, wurden gefressen; und die zwölf wuchsen so sehr, daß der Maulwurf sie auf der Stelle gefressen hätte, wenn er gerade da gewesen wäre. Das größte der Maikäfermädchen hatte natürlich auch den größten Appetit, und eines Tages war ihr, als sollte sie in Stücke zerspringen. »Herr Gott!« rief sie aus. »Nun werde ich für meine leichtsinnigen Worte bestraft. Ich habe gesagt, ich wolle fressen, bis ich platze, und nun platze ich.« In ihrem Schrecken grub sie sich tiefer hinab, so schnell sie konnte, wie die Maikäferkinder es immer tun, wenn sie in Gefahr sind; und dann platzte sie und fiel dabei in Ohnmacht. Aber daran war eben nur der Schreck schuld. Denn bald kam sie wieder zum Bewußtsein und fühlte sich nun viel wohler als zuvor, sie hatte eine neue, saubere, weiche Haut unter der alten bekommen, die lose um sie herum lag. »Aha!« rief sie und stieß die alten Kleider ab. »Nun geht's wieder zu den schönen Wurzeln hinauf! Ich sterbe vor Hunger in meinem neuen Kleid!« Sie grub sich in die Höhe und fraß. Und als der Winter kam, stieg sie in den Keller hinab und rief ihre Schwestern. Sie rief und rief; aber niemand antwortete. »Der Maulwurf hat sie gefressen!« sagte sie betrübt. Doch weinen konnte sie nicht, denn sie hatte ja keine Augen. Im Frühjahr gelangte sie ganz in die Nähe der Erdoberfläche. Sie war über einen Zoll lang und fast so dick wie der kleine Finger des Försters. Sie konnte mit den größten Wurzeln fertig werden, und sie fraß und fraß, stieg in die Erde hinab und platzte und kam in einem neuen Kleide wieder herauf und fraß weiter. Als sie sich eines Tages durch das Erdreich arbeitete, rannte sie mit dem Rücken gegen ein anderes Wesen, das auch sehr beschäftigt war. »Wer da?« rief sie. »Ich bin ein Maikäferkind!« erwiderte das fremde Wesen. »Das ist ja hübsch. Denn ich bin's auch, vielleicht kannst du mir etwas von meinen Schwestern erzählen? Wir waren zu zwölfen, aber wir sind auseinandergekommen. Wir hatten zwar verabredet, uns zu treffen; aber ich bin keiner von ihnen wieder begegnet; darum fürchte ich, daß sie verunglückt sind.« »Soso, gehörst du zu der Familie?« sagte die Fremde. »Gewiß, ich bin auf vier deiner Schwestern gestoßen! Es ging ihnen gut, und sie baten mich, Grüße zu bestellen, wenn ich einer von den Schwestern begegnen würde.« »Grüße sie wieder!« sagte die Larve. »Und bestell, daß es mir ausgezeichnet geht! Ich bin dreimal geplatzt.« »Ich auch. In der Beziehung kann ich nicht klagen. Aber meiner Familie ist es nicht so gut ergangen, wie der deinen, wir waren ursprünglich sieben, und jetzt bin ich allein übriggeblieben. Die Spitzmaus aß einen von uns, die Krähe zwei und die Möwe einen. Die beiden letzten fielen dem Maulwurf zum Opfer.« »Herr Gott! Aber ich bin hungrig und muß weiter!« Sie reckten beide ihren krummen Rücken ein wenig, was bei den Maikäferlarven ebenso höflich ist, wie wenn die Menschen den Hut voreinander abnehmen und sich verbeugen, und schoben sich dann weiter durchs Erdreich vorwärts, nach verschiedenen Richtungen hin. In diesem Sommer begegnete das Maikäferfräulein noch vielen andern, die ihr Nachricht von der Familie brachten, und zuletzt traf sie eine der Schwestern selber, so daß sie wieder neue Hoffnung schöpfte, daß die andern auch noch lebten. Aber oben auf der Erde stand der Förster und ärgerte sich. Er hatte auf seinem Feld in diesem Jahr den schönsten Weizen gesät, und Sonne und Regen waren ihm hold gewesen, so daß das Getreide gut gewachsen war und er eine prächtige Ernte erwarten konnte, aber jetzt war das ganze Feld gelb und welk. Die Halme saßen nur locker im Erdboden; denn die Wurzeln waren abgenagt. »Diese verfluchten Larven!« rief der Förster und stampfte auf die Erde. »Kann ich die denn nie ausrotten!« Das Maikäferfräulein lag dicht unter seinen Füßen und hörte recht gut, was er sagte. »Wir führen Krieg miteinander!« sagte sie vor sich hin und fraß dabei ein großes Stück Wurzel fort, »wir vernichten dein Getreide und deine Bäume und verderben dir deine gute Laune, und du tötest uns, wenn du uns in die Finger bekommst. Die Krähen und die Möwe, der Maulwurf und die Spitzmaus und andre unsrer Feinde helfen dir, und du gibst den Kindern Geld dafür, daß sie möglichst viele von uns einsammeln. Du bist der Klügere; aber wir sind in der Mehrzahl, und wir haben ein ebenso gutes Recht, zu essen und uns zu sättigen, wie du!« Es verstrich noch ein Winter, und das Maikäferfräulein kam aus dem Keller herauf und fraß und platzte und fraß wieder und war jetzt fast zwei Zoll lang. Sie konnte keinen Schritt tun, ohne auf andere Maikäferlarven zu stoßen, und der Wurzelvorrat wurde knapper und knapper. Sie hatte übrigens auch nicht mehr so viel Appetit wie früher und erinnerte sich zuweilen, daß es etwas Höheres im Leben gebe als Fressen und immer nur Fressen. »Man kann des ewigen Fressens wirklich überdrüssig werden!« sagte sie eines schönen Tages im Juni. »Ich möchte wohl in den grünen Wald hinauf, von dem Mutter so schön zu erzählen wußte, dann würde ich mich einmal davon überzeugen, ob die Männer wirklich so schlimm sind, wie sie meinte!« Sie beschloß, in Ruhe ein wenig über die Dinge nachzudenken; und um sicher zu sein, nicht gestört zu werden, grub sie sich ganz tief in die Erde hinab. So tief war sie noch nie gewesen. Unten drehte sie sich viele, viele Male herum, puffte mit dem Rücken die Erde beiseite und machte sich ein hübsches Kämmerchen zurecht. Dann überzog sie Decke und Wände mit Speichel, statt der Tapeten, und legte sich zur Ruhe. Und wieder begann sie aufzuplatzen, denn so fängt es bei den Maikäfern immer an. Aber diesmal sah das neue Kleid ganz anders aus als das alte. Es glich mehr dem, das ihre Mutter beim Tode angehabt hatte. Es war ganz steif, so daß sie sich gar nicht darin rühren konnte. So lag sie zwei Monate da. Dann platzte sie wieder, und nun sah sie genau so aus wie einst ihre Mutter. Sie hatte dieselben braunen Flügel mit dem kleinen schwarzen Brusttuch und dem schwarzen Bauch mit weißen Flecken an den Zeiten. Dieselben sechs schlanken Beine mit den hohen Lackstiefelchen. Dieselben niedlichen Fühlhörner und die achtzehntausend blanken Augen! »Nun will ich hinauf an die Luft, und zwar im Ernst!« sagte sie sich. Und sie hatte ganz recht. Denn was hat man tief unten in der schwarzen Erde von Flügeln und Beinen und blanken Augen! Doch dann wurde sie wieder nachdenklich. Das Vernünftigste war doch, noch ein wenig zu warten, wenn nun die Blätter von den Bäumen abgefallen waren! Und wenn alle Maikäfermänner von den Krähen gefressen oder von den garstigen Rindern eingesammelt waren! Oder wenn der Frost die Erde so fest gemacht hatte, daß sie gar nicht an die Oberfläche gelangen konnte, sondern auf halbem Wege stecken blieb und erfror. Sie legte sich also hin und wartete geduldig, bis der ganze lange Winter zu Ende war. Und sie vertrieb sich die Zeit mit dem Gedanken daran, ob ihre elf Schwestern wohl noch alle lebten, ob die nun auch in ihren Kämmerchen lägen und warteten wie sie selbst, oder ob sie vielleicht erst noch einmal aufplatzen müßten – und ob sie sich wohl ebenso vornehm ausnähmen wie sie selbst. Wieder war es Mai, und der Wald war grün. Blumenduft und Vogelgesang verschönten das Leben, die Mädchen banden Kränze, und die Dichter schrieben Verse, als ob sie's bezahlt kriegten. Mitten auf einem kleinen Weg, den die Menschen am Felde entlang ausgetreten hatten, saß das Maikäferfräulein. Mit dem halben Körper war sie aus der Erde heraus, und nun arbeitete sie sich mit ihren Beinen völlig an die Oberfläche empor. Der Pfad war steinhart, drum war's nicht leicht gewesen durchzukommen. Jede Schnecke vermag auf einer Bandstraße drei Meter weit zu kriechen, jeder Vogel kann drei Meilen weit durch die Luft fliegen. Aber sich tief in die Erde hinabgraben, das bringt nur ein Maikäfer fertig. Es war auch wirklich kein Spaß, in dieser Situation, während man noch halb im Erdboden steckte, von einer hungrigen Krähe erwischt oder vom Stiefel des Försters zermalmt zu werden! Unser Maikäferfräulein fürchtete sich denn auch ebenso sehr wie damals, als sie noch ganz klein war und der Maulwurf in der Nähe wühlte. Aber hervor kam sie, und dann stand sie da und ruhte sich ein wenig aus und schaute mit ihren vielen, vielen blanken Augen um sich in dem schönen, grünen Wald. Doch nun trieb es sie vom Boden weg. Sie lüftete ihre braunen Flügeldecken ein wenig, streckte den Kopf vor und atmete so tief und so lange, bis ihre langen, durchsichtigen Flügel mit Luft gefüllt waren. Dann breitete sie sie aus und flog summend vor Glück in den Wald hinein. Dort, wo sie aus der Erde hervorgekommen war, sah man ein kleines rundes Loch, und rings im Walde waren viele Tausende solch kleiner Löcher auf dem Erdboden. Unaufhörlich kamen neue Maikäfer an die Oberfläche und summten zwischen all dem Grün umher. Das Maikäferfräulein traf alle elf Schwestern wohlbehalten im Walde wieder. Unter den diesjährigen Maikäfern sprach man viel von dieser Familie von zwölf Köpfen: lauter Mädchen, die sämtlich Maulwurf und Krähe, Möwe und Spitzmaus entgangen waren. Und da die Schwestern sehr schön gewachsen waren, wurde beschlossen, daß alle heiratsfähigen Maikäferherren darum losen sollten, wer sie heimführen dürfe. Die zwölf Glücklichen hielten um die Hand der Schönen an und wurden erhört. Aber zunächst ließen sich die Schwestern, die das Schicksal ihrer armen Mutter nicht vergessen hatten, von ihren Freiern versprechen, daß diese sie nie verlassen und namentlich nicht im Walde bleiben und sich an den grünen Blättern gütlich tun würden, während die Frauen in der Erde säßen und mit tränenden Augen Eier legten. Die Herren versprachen das bereitwillig, weil sie so sehr verliebt waren; und am selben Abend fand die Hochzeit statt. Das war ein Summen und Brummen zwischen den hohen Buchen, während die Krähen schliefen! Alle Brautführer und sieben von den Brautjungfern wurden von zufällig vorüberkommenden Fledermäusen gefressen. Doch sonst verlief das Fest nach Wunsch. Am Abend gingen die Tochter des Försters und der Forstkandidat, der sich soeben mit ihr verlobt hatte, Arm in Arm durch den Wald. Zwei Maikäfer flogen herbei und setzten sich dem Mädchen ins Haar. Der Kandidat wollte die Tiere nehmen und tottreten. »Laß sie doch leben!« sagte sie und wehrte ihm. »Es sind böse Tiere,« erwiderte er. »Sie schaden dem Wald und dem Feld und dem Garten. Morgen fängt das Einsammeln an, dann werden sie hoffentlich sowieso getötet, wenn die flinken Krähen sie nicht vorher schon erwischt haben.« »Heute sollen sie mit dem Leben davonkommen,« sagte sie und ließ die beiden Maikäfer fliegen. »Kein Tier ist schlecht, wenn es uns auch Schaden bringt und wir es bekämpfen müssen. Vielleicht war es ein Liebespaar wie du und ich. Auch wir können morgen tot sein, und wir freuen uns doch unsres Lebens.« Da küßte der Kandidat seine Braut und vergaß die Maikäfer. Und diese schwirrten summend in der wunderschönen Nacht umher und vergaßen den Förster und die Krähen. Aber der Mond wanderte an dem klaren Himmel dahin und lachte sie alle aus. Eine neue Geschichte vom Zweifüßler I. Der Zweifüßler hatte sich vor vielen, vielen Jahren zum Herrn über die Tiere der Erde gemacht. Die, die ihm nützlich sein konnten und geeignet waren, ihm zu gehorchen, zähmte er und nahm er in seine Dienste. Die, die er nicht verwenden konnte, überließ er sich selbst, wenn sie nur ihn und die Seinen nicht behelligten. Taten sie das aber, so sagte er ihnen Krieg an und ruhte nicht, bis er sie bezwungen hatte, was ihm schließlich stets gelang, da er ja der Klügste und darum auch der stärkste war. Und die zahmen Tiere gewöhnten sich allmählich ganz daran, bei ihm zu sein, und verloren völlig die Eigenschaften, mit denen sie zuerst ausgestattet waren, als sie sich noch auf eigne Faust durchschlagen mußten; zuletzt konnten sie die Knechtschaft gar nicht mehr entbehren, wenn sie einmal flüchtig wurden und wieder wie die andern freien, wilden Tiere zu leben versuchten, dann konnten sie sich nicht zurechtfinden, sondern kamen elendiglich um. Die wilden Tiere aber, für die der Zweifüßler keine Verwendung hatte, verbargen sich ringsum in ihren Verstecken und lästerten und murrten, ohne damit etwas ausrichten zu können. Zu der Zeit, wo diese Geschichte anfängt, hatte der Zweifüßler sich auf einer grünen Wiese, nicht weit vom Strande, ein schönes Sommerzelt erbaut. Eines Abends saß er vor diesem Zelt. Seine ganze Familie war zur Ruhe gegangen und schlief nach den Anstrengungen des Tages. Die Tiere lagen im Grase und käuten wieder. Der Hund, des Zweifüßlers treuer Diener, hatte sich auf der Erde vor ihm ausgestreckt und spitzte die Ohren, wenn sich irgendein Geräusch vernehmen ließ; er schlief mit dem einen Auge und wachte mit dem andern. Der Zweifüßler selber schlief nicht. Er war jetzt alt und brauchte nicht mehr so viel Schlaf. Auch war er des Abends nicht mehr so müde wie in früheren Zeiten; denn jetzt hatte er viele Kinder und Kindeskinder, die ihm den größten Teil der Arbeit abnahmen. Er selbst liebte es, ruhig dazusitzen und nachzusinnen über das, was er erlebt hatte, und über das, was ihm wohl die Zukunft bringen würde. Wenn er so dasaß, kam es ihm oft vor, als hörte er Stimmen aus allen möglichen Richtungen. Sie kamen aus der vorbeirieselnden Quelle, aus dem Baume, der über seinem Kopfe rauschte, und vom Abendwinde her, der seine Stirne kühlte. »Zweifüßler – Herr der Erde – Klügster – Stärkster!« raunte ihm die Quelle ins Ohr. »Zweifüßler – Bezwinger des Löwen – Schrecken der wilden Tiere – Beschützer der Zahmen!« rauschte der Baum. »Zweifüßler – dem niemand widerstehen kann – dem alles gehört!« sang der Abendwind. Der Zweifüßler saß und lauschte. So etwas hörte er gern. Als aber der Abend weiter vorrückte, wurde der Wind heftiger und rüttelte an dem Zelt. Das sanfte Rauschen des Laubs klang nicht mehr so traulich wie vorher. Die Wellen des Bachs glucksten nicht mehr mit schmeichelndem Laut, sondern machten gehörigen Lärm, und der Schaum spritzte ihm bis auf die Füße. »Was habt ihr denn?« fragte der Zweifüßler, den zu frösteln begann, und der sich in seinen Mantel hüllte. »Ja, wer weiß das?« entgegnete das Laub. »Wer kennt das Verborgene?« fragte die Quelle. »Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als der Zweifüßler sich träumen läßt,« sagte der Wind. Der Zweifüßler lehnte sich gegen das Zelt und schaute sich stolz um. »Mag kommen, was da will!« sagte er. »Hab ich den Löwen bezwungen und mir das Pferd und den Ochsen dienstbar gemacht, so werd ich auch wohl das übrige überwinden.« Als er ausgesprochen hatte, fegte ein fürchterlicher Windstoß daher. Der warf den Zweifüßler zu Boden, so daß er in den Bach rollte, riß drei große Tierhäute von dem Zelt los und weckte alle, die drinnen schliefen. Sie fuhren schreiend empor, ohne zu wissen, was geschah. Der Hund heulte und klemmte den Schwanz zwischen die Beine. Und der Zweifüßler kroch pudelnaß aus dem Bache heraus. Als er sich aufrichten wollte, kam noch ein Windstoß – und noch einer – und noch einer. Der Zweifüßler kroch auf allen Vieren über die Erde. Das ganze Zelt war umgeweht worden, und die Menschen darin liefen und fielen in wildem Durcheinander; und sie schrien und jammerten, daß es gräßlich anzuhören war. Aber niemand hörte es; denn alle hatten genug damit zu tun, das Leben zu retten. Die Kühe, Ziegen und Schafe rannten, brüllend vor Angst, umher und traten einander nieder. Viele von ihnen fielen den Abhang hinunter und brachen das Bein. Die Pferde galoppierten über die Wiese hin und liefen so lange, bis sie in weiter Ferne vor Müdigkeit umsanken. Der große Baum über dem Zelt des Zweifüßlers wurde geknickt wie ein Grashalm. Die ganze Nacht währte der Sturm. Bei Tagesanbruch saß der Zweifüßler da und weinte ob all der Zerstörung um ihn her. Er überließ es der Familie, die Tiere zusammenzutreiben und das Zelt wieder aufzurichten, hüllte sich in seinen Mantel und starrte grübelnd vor sich hin. »Du böser Wind!« rief er dann und erhob die geballte Faust nach der Richtung, aus der der Wind kam; denn es stürmte immer noch heftig genug. »Heut nacht hast du meinen Besitz vernichtet, und du hättest leicht mich selbst und die Meinen erschlagen können. Jetzt richten wir das Zelt von neuem auf und fangen die Tiere ein; aber du kannst heut oder morgen wiederkommen und abermals alles zerschmettern.« »Das kann ich,« sagte der Wind. »Du böser Wind!« »Böse bin ich nicht.« »Soll ich dich etwa gut nennen, nachdem du so an mir gehandelt hast?« rief der Zweifüßler. »Gut bin ich nicht,« sagte der Wind. »Also du bist weder böse noch gut?« fragte der Zweifüßler. »Ganz recht,« erwiderte der Wind, »so ist es.« »Ich weiß es nicht,« sagte der Zweifüßler, »Aber kannst du mir sagen, was es mir nun nützt, daß ich den Löwen bezwungen und den Ochsen, das Pferd, das Kamel und den Elefanten gezähmt habe, wenn so ein bißchen Wind mir meine ganze Arbeit zu zerstören vermag? Kannst du mir sagen, wie ich dich dienstbar machen und wozu ich dich gebrauchen kann?« »Nichts kann ich dir sagen,« entgegnete der Wind. »Fang mich, bezwinge mich, gebrauche mich!« Er lief übers Feld hin und trug ein großes Stück Fell, das zu dem alten Zelt gehört hatte, mit sich fort, wehte es vor sich her, hob es hoch in die Luft und trug es weit übers Wasser hin. Der Zweifüßler saß da und sah dem Fell nach, bis er es aus den Augen verlor. Da kam sein ältester Sohn. Der sagte zu ihm: »Wir können hier nicht länger bleiben. Der Sturm hat Getreide und Gras vernichtet, und unsre Tiere haben nichts zu fressen. Ich bin meilenweit geritten, und überall ist es ebenso. Ich weiß nicht, was wir tun sollen.« Der Zweifüßler schaute übers Wasser hin, in der Richtung, nach der der Wind das Fell entführt hatte. Ganz in der Ferne drüben lag ein großes Land. Das war so grün, so grün! »Da drüben ist gute Weide,« sagte er. »Was nützt uns das?« erwiderte der Sohn. »Das Wasser ist tief, und der Strom ist reißend, wir kommen niemals hinüber.« »Von wo kommt der Wind?« fragte der Zweifüßler. »Er weht in der Richtung auf die Insel zu,« antwortete sein Sohn. »Meinst du, er solle uns hinübertragen?« »Ganz recht,« erwiderte der Zweifüßler, warf seinen Mantel ab und erhob sich. »Ich habe beschlossen, mir den Wind dienstbar zu machen.« Verständnislos starrte der Sohn ihn an. Doch der Zweifüßler rief die ganze Familie zusammen und befahl allen, die Arbeit zu unterbrechen, die sie gerade unter den Händen hatten. Er ließ die Seinen Planken hauen, hieß sie, die Planken hinabschleppen und zu einem großen Holzfloß zusammenbinden. Dann gebot er den Männern, einen hohen Mast aus jungem Eichenholz aufzurichten, während die Frauen Häute zusammennähten, um ein großes Segel herzustellen. Dies Segel wurde bis an die Spitze des Mastes emporgehißt, und die Enden wurden unten an dem Floße festgebunden. Der Wind füllte das Segel, aber noch war das Floß mit starken Tauen am Ufer befestigt. Dann ließ der Zweifüßler seine ganze Familie und alle seine Tiere das Floß besteigen. Als der letzte an Bord gekommen war, löste er das Floß. Im Winde straffte sich das große Segel, und schnell wurde man über das Wasser dahingetragen. Gegen Abend landete man vergnügt an dem grünen Lande. Unter den Söhnen des Zweifüßlers war einer, der sich von nun an um nichts andres kümmerte als um das Floß. Er baute es um und verbesserte es, ersann neue Arten, das Segel aufzusetzen, und erfand ein Ruder zum Steuern. Vorn machte er das Floß spitz, damit es leichter das Wasser durchschnitte. Auf den Boden legte er Ballast, damit ein plötzlicher Windstoß das Fahrzeug nicht so leicht umwerfen könnte. Er lernte den Wind verwenden, auch wenn der nicht gerade nach der Richtung wehte, nach der man fahren wollte. Nach und nach wagte der junge Zweifüßler es, weit aufs Meer hinauszufahren; und er fing Fische und kehrte wohlbehalten nach Hause zurück. Doch der Zweifüßler saß wiederum vor seinem Zelt und sann. »Also habe ich dich mir doch dienstbar gemacht,« sagte er zum Winde, der seine Wange umwehte. »Aber noch sind wir nicht zu Ende, warte nur. Du sollst für mich arbeiten wie die Ochsen und Pferde.« »Meinetwegen,« rief der Wind. »Ich bin, wie ich bin, und tue, was ich muß. Fang mich, bezwing mich, gebrauch mich!« Der Zweifüßler saß da und sah zu, wie die Seinen das Getreide in der Mühle zermalmten, damit sich Brot daraus backen ließe. Vor vielen Jahren hatte er einmal einen Stein ausgehöhlt und die Frauen gelehrt, darin mittels eines andern Steins das Getreide zu zermalmen, später war er darauf verfallen, zwei Steine gegeneinander mahlen zu lassen, Er hatte eine Stange daran angebracht und spannte einen Ochsen vor, der im Kreise ging und den Mahlgang drehte. Damals war er sehr stolz auf seine Erfindung gewesen. Auch jetzt ging der Ochse geduldig im Kreise. Doch da kam einer der Söhne, und fragte, ob man mit dem Mahlen nicht warten könne; er hätte alle Tiere auf dem Felde nötig. Die Frauen aber sagten, das sei unmöglich; es fehle ihnen Mehl zum Backen. Der Zweifüßler ließ sie zanken und saß sinnend da bis gegen Abend. »Woran denkst du?« fragte der Wind, der wie gewöhnlich über seine Stirn strich. »Top!« rief der Zweifüßler und sprang auf. »Nun hab ich's. Ich habe dich vor das Floß gespannt, und du hast mich und die Meinen zu diesem grünen Lande hergetragen, warum sollte ich dich nicht auch meine Mühlsteine treiben lassen?« »Fang mich, wenn du kannst!« sagte der Wind. Am nächsten Morgen machte sich der Zweifüßler an die Arbeit. Er baute ein großes Gerüst, das hoch in die Luft ragte. Oben brachte er vier breite Flügel an, die mit Fellen bekleidet waren und auf einer Achse saßen, damit sie sich leicht drehen konnten. Das war die Mühlenhaube. Unten auf dem Boden war der Mahlgang; durch Stangen und Tauwerk wurde eine Verbindung mit den Flügeln hergestellt, so daß sich der Mahlgang in Bewegung setzte, sobald die Flügel sich zu drehen begannen. Verwundert standen die Kinder des Zweifüßlers da. »Noch sind wir nicht fertig!« sagte der Zweifüßler. Und er richtete die Haube so ein, daß sie sich drehen ließ, damit die Mühlenflügel stets den Wind auffangen konnten, aus welcher Richtung er auch kommen mochte. »Jetzt mahlen wir!« rief der Zweifüßler. Und der Wind wehte und drehte die Mühlenflügel; und die Mühle mahlte, daß es eine Lust war. Man schüttete das Getreide oben in den Mahlgang hinein, und unten rieselte das feine, weiße Mehl in den Sack, den man angebunden hatte. »Da habe ich dich wieder gefangen, lieber Wind,« sagte der Zweifüßler. »Morgen komme ich aus der entgegengesetzten Richtung,« rief der Wind. »Ich habe auch das bedacht, und ich grolle dir deswegen nicht.« Als es Abend wurde, drehte der Zweifüßler die Haube herum. Und als der Wind am nächsten Morgen aus der entgegengesetzten Richtung wehte, mußte er genau so schön mahlen wie am Tage vorher. »Morgen lege ich mich,« sagte der Wind. »Es ist nicht mehr als billig, daß du zwischendurch einmal ausruhst,« sagte der Zweifüßler freundlich. »Das müssen das Pferd und der Ochse und die andern Zugtiere, die in meinen Diensten stehen, ja auch tun. Du wirst dich schon wieder erheben, wenn du sollst.« »Wer sagt, daß ich soll?« schrie der Wind. »Ich weiß nicht,« entgegnete der Zweifüßler. »Noch weiß ich's nicht. Aber ich denke darüber nach, und ich werde es schließlich schon herausfinden. Man denkt sich ja gar mancherlei aus, wenn man so sitzt und die Dinge betrachtet. So viel weiß ich jedenfalls schon, daß die Sonne dich unter ihrem Kommando hat.« »Woher weißt du das?« fragte der Wind. »Ich habe es bemerkt,« versetzte der Zweifüßler. »Sooft die Kälte sich in Wärme wandelt und umgekehrt, kommst du aus einer neuen Richtung.« »Wie klug du bist!« meinte der Wind, »aber es fehlt dir noch manches. Denn wenn du mich auch vor dein Schiff und deine Mühle zu spannen vermagst, so kann ich trotzdem heranstürmen wie damals, du weißt ja... und die Mühle umwerfen, dein Schiff zerschmettern und alle deine Tiere übers ganze Land hin zerstreuen.« »Das kannst du allerdings,« sagte der Zweifüßler. »Und ich kann dir obendrein nicht einmal darob zürnen, denn du bist ja weder böse noch gut, wie du sagtest.« »Ja, ja, nun lege ich mich,« rauschte der Wind. »Und ich gedenke, viele, viele Tage zu ruhen. Dann steht deine Mühle still.« »Allerdings,« sagte der Zweifüßler. »Aber ich hab auch daran gedacht. Komm her, dann wirst du sehen.« Er ging an den Bach hinab und zeigte dem Winde eine andre Mühle, die er erbaut hatte. Die hatte keine Flügel, sondern ein großes Rad mit breiten Schaufeln, die ins Wasser gingen. Das Rad war ebenso wie die Flügel mit einem Mahlgang in Verbindung gebracht; und wenn das Wasser lief, drehte sich das Rad, und der Mahlgang mahlte. »Das ist meine Wassermühle,« sagte der Zweifüßler stolz. Dann ging er in sein Zelt und legte sich schlafen; denn es war spät, und alle die andern waren zur Ruhe gegangen. Und auch der Wind legte sich, wie er angekündigt hatte. II. Der Zweifüßler war ein steinalter Mann geworden. Sein Geschlecht vermehrte sich beständig. Es lebte verstreut in einer großen, herrlichen Ebene, wo auf den Feldern reiches Getreide wogte, und wo das Vieh in hohem, saftigem Grase weidete. Einige der Männer befuhren die See, andre bebauten den Acker und hüteten das Vieh, andre fällten Holz im Walde. Die Frauen besorgten den Haushalt und spannen und woben. Überall, wo die Ebene sich zu einer kleinen Anhöhe erhob, ragte eine Windmühle in die Lüfte. Jeder Bach, der dort rann, drehte ein Mühlrad. Der Zweifüßler selber beobachtete alles, was in der Natur um ihn her geschah, und sann darüber nach. Alle sahen ehrfürchtig zu ihm auf als zu dem Ältesten des Geschlechts und dem Klügsten auf der Welt. Und alle holten sich Rat und Hilfe bei ihm. – Mitten auf der Ebene ragte ein hoher, kegelförmiger Berg empor, seinem Gipfel entstieg hier und da eine Rauchsäule. Oftmals betrachtete der Zweifüßler diesen Berg. Einmal ritt er hinauf und schaute in das Loch hinab, aus dem der Rauch emporstieg, aber von unten strömte so große Hitze herauf, daß er da oben nicht länger verweilen konnte. Da ritt er wieder nach Hause zurück, starrte auf den Berg und dachte daran, was wohl in seiner Tiefe stecken könnte. Er kannte Berge, darin Gold und Eisen und andre Metalle verborgen waren, und er hatte seine Kinder gelehrt, sie zu gewinnen und zu schmelzen und zu Gerätschaften und Schmuck zu verarbeiten. Doch solch einen Berg mit rauchendem Gipfel hatte er noch niemals gesehen. Als er eines Tages in tiefe Gedanken versunken dasaß, hörte er wie gewöhnlich um sich her allerlei Stimmen. Es rauschte in der schönen Palme hoch über seinem Kopfe: »Der Zweifüßler ist mächtig ... und größer als alle andern ... Er herrscht über die Erde und alles, was darauf ist.« Und in dem Flusse, der ins Meer hinauslief, sang es: »Der Zweifüßler herrscht über die Gewässer ... wir drehen seinen Mühlengang und mahlen sein Getreide ... wir tragen seine Schiffe, soweit er will ... und liefern ihm die Fische für seinen Tisch.« Und der warme Wind blies über sein Gesicht: »Der Zweifüßler ist größer als alle andern ... er beherrscht mich ... ich muß ihm dienen wie der Ochse und das Pferd ... Komm ich von Osten, komm ich von Westen, stets fängt er mich und gebraucht mich!« Der Zweifüßler strich mit der Hand über seinen langen, weißen Bart und nickte stolz und froh. Da auf einmal erscholl ein sonderbarer, donnernder Lärm. Es war, als ob er aus dem Innern der Erde herkäme; und es war auch nicht zu verstehen, woher er sonst hätte kommen können. Denn die Luft war wolkenfrei und rein, und die Sonne schien hell und warm, da es Mittag war. »Was war das?« fragte der Zweifüßler. »Wer kann es wissen,« entgegnete der Palmbaum, und er erbebte ganz unten an der Wurzel. »Wer kennt die Kräfte, die in der Natur walten?« »Wer kann es sagen?« rauschte der Fluß, und erhob seine Wogen vor Angst wie ein sich bäumendes Roß. »Was wissen wir alle, wenn man genau zusieht?« »Wer hat auch nur eine Ahnung davon?« sagte der Wind und duckte sich plötzlich wie ein Tiger, der auf dem Sprunge liegt. »Die Erde ist voll gewaltiger Kräfte, über die keiner von uns Bescheid weiß.« Noch ein Dröhnen erscholl. Der Zweifüßler erhob sich. Er sah zu dem Berge inmitten der Ebene hinüber und sah, daß die Rauchsäule zu einer großen, schwarzen Wolke geworden war, die schneller anwuchs und sich ausbreitete, als sein Auge verfolgen konnte. Jetzt verdeckte sie die Sonne ... jetzt schäumten die Wellen in dem Flusse empor und begegneten den Wellen des Meeres, die landeinwärts stürzten ... und jetzt erhob sich der Wind zum rasenden Sturm. Und ehe der Zweifüßler Zeit zum Nachdenken fand, war um ihn tiefe, dunkle Nacht. Sobald das Licht erlosch, sah er etwas vom Himmel herabstürzen, ohne zu erkennen, was es war. Er tastete sich zu seinem Stall hin, wo sein Pferd angebunden stand, sprang hinauf und jagte von dannen, fort aus dem Reiche des Bösen. Und das Tier war gleich ihm in Todesängsten und rannte, so schnell es vermochte. Die Hand vor den Augen konnte er nicht sehen, aber er meinte, überall auf der Ebene, wohin er kam, durch den Sturm hindurch jammern und schreien zu hören. Er erkannte diese und jene Stimme, aber er jagte bloß weiter und immer weiter, bis das Pferd unter ihm stürzte. Dann lief er, so schnell seine Beine ihn tragen konnten, stolperte, fiel und stand wieder auf, um von neuem zu laufen, zu laufen, während um ihn her die Schreie ertönten, wenn sie nicht untergingen in dem brüllenden Sturm und dem donnernden Lärm vom Berge. Am Nacken traf ihn ein Stein; und er merkte, daß sein Hals blutete, sein Fuß trat in etwas, das wie kochendes Wasser war. Mit einem Schrei zog er ihn zurück und rannte in einer anderen Richtung weiter. Zuletzt wußte er selbst nicht mehr, was er tat und wohin er kam. Als er das Bewußtsein wiedererlangte, lag er auf einer Anhöhe ganz am andern Ende der Ebene. Rings um ihn lag ein Dutzend seiner Angehörigen, gleich ihm betäubt und verwirrt. Sie sprachen nicht, sondern starrten entsetzt um sich und weinten, und ihre Hände zitterten. Der Zweifüßler hielt die Hand an die Brauen und schaute über die Ebene hin. Ebenso plötzlich, wie es dunkel geworden, war nun die Helligkeit wiedergekehrt. Die schwarzen Wolken hatten sich verzogen, und rot und golden wie am herrlichsten Sommertag ging die Sonne unter. Auf den umliegenden Anhöhen saßen hier und da Angehörige seines Geschlechts, die sich gleich ihm gerettet hatten, sie hatten auch ein paar von ihren Haustieren bei sich, und der Zweifüßler selber merkte plötzlich, daß ihm sein treuer Hund die Hand leckte. Das ganze Land aber – mit Ausnahme der wenigen Anhöhen – war begraben in einem Meere kochenden, Blasen treibenden Schlamms, der schnell zu einer harten Rinde erstarrte. Alle Häuser und Mühlen waren zerstört und in der Schlammflut ertrunken. Menschen und Tiere waren darunter begraben. Die ganze, reiche, herrliche Ebene sah aus wie eine Wüste, darin nie Leben gewesen war; und mitten darin stand der Berg, hoch und majestätisch, mit der Rauchsäule über dem Gipfel. Die Angehörigen des Zweifüßlers machten sich daran, das Gerettete zu sammeln. Mit Gejammer und Geschrei zogen sie mit den armseligen Überresten ihres Besitzes aus dem verwüsteten Lande fort, das ihnen eine Heimat gewesen war. Die Frauen trugen auf dem Arme das Kindlein, das sie gerettet hatten, und beweinten ihre Toten. Die Hirten zählten die wenigen Stück Vieh, die noch übriggeblieben waren. Die Seeleute spähten vergebens aufs Meer, ob nicht ein einziges ihrer Schiffe unbeschädigt wäre. »Komm, Vater!« sprachen sie zum Zweifüßler. »Wir wollen dieses verwünschte Land verlassen. Es gibt wohl noch einen Ort in der Welt, wo wir Frieden finden und alles, was uns zerstört wurde, wieder aufbauen können.« Doch der Zweifüßler schüttelte den Kopf. »Geht nur,« sagte er, »ich komme euch nach.« Sie gingen, ohne daß er ihnen nachgeblickt hätte; er saß und starrte auf den seltsamen Berg, von dem all das Unglück herrührte. Bis spät in die helle und milde Nacht hinein saß er da und hatte niemand bei sich außer dem Hunde, der ihn nicht verlassen wollte. Der Rauch wurde hier und da vom Winde an ihm vorübergetragen, aber jetzt war es nur noch ein leichter, flüchtiger Dampf. »Wer hat das verursacht? Wer hat das verursacht?« grübelte der Zweifüßler vor sich hin. »Ich!« sagte der Dampf. »Du? Wer bist du? Du wogst wie ein Nebel an mir vorbei, woher hast du die Macht dazu? Wer bist du? ... Woher kommst du?« »Ich bin der Dampf und komme aus dem Berge dort, wo ich eingesperrt war, bis ich wild und wütend wurde und mir Luft machen mußte. Da brach ich aus und verwüstete das ganze Land. Jetzt ist es vorbei, und ich habe Frieden und bin so, wie du mich siehst!« »Du böser, böser Dampf!« »Ich bin nicht böse.« »Willst du, daß ich dich gut nennen soll? Du hast mein reiches Land verwüstet und fast alle meine Rinder und Kindeskinder getötet, sowie auch den größten Teil meines Viehs. Alles Gute und Kluge, das ich ausgesonnen hatte, um mir und den Meinen das Leben leicht und glücklich zu gestalten, hast du in wenigen Stunden zunichte gemacht, ohne daß ich dich jemals gekränkt hätte. Bist du also gut?« »Ich bin nicht gut.« »Aha, du bist weder böse noch gut. Wie mich deucht, hab ich so ein Gerede schon einmal in meinem Leben vernommen, wart ein wenig. Ja, der Wind hat es einmal zu mir gesagt, als er mich gleichfalls ins Unglück gestürzt hatte.« »Ganz recht,« sagte der Dampf. »Ich bin weder böse noch gut. Es ist so, wie der Wind gesagt hat. Hast du das damals nicht auch eingesehn?« »Ja,« entgegnete der Zweifüßler still. »Hast du dir den Wind nicht dienstbar gemacht?« fragte der Dampf. »Du hast ihn eingefangen und vor dein Boot und deine Mühle gespannt. Du hast seine verschiedenen Richtungen erkannt, so daß du dich immer seiner bedienen konntest. Ist es nicht so?« »Gewiß,« erwiderte der Zweifüßler, »ich bin Herr über den Wind geworden. Aber ich verstehe nicht, wie ich dich bezwingen soll, der du doch viel gewaltiger bist, als der Wind, und wie ich mir deine Kraft dienstbar machen soll!« »Fang mich und gebrauch mich,« sagte der Dampf. »Ich bin der Stärkere.« Der Zweifüßler dachte nach. Er blickte auf das vernichtete Land, auf die Sonne, die so milde schien, wie wenn nichts geschehen wäre, und auf den still dahinwogenden Dampf. Kein Haus war zu sehen, kein Baum und kein Vogel. Als er sich umblickte, um seiner Sippe nachzuschauen, da sah er sie in weiter Ferne am Horizont verschwinden. Aber er dachte noch nicht daran, den Seinen zu folgen. »Wer bist du?« sprach er wiederum zum Dampfe. »Erzähl mir etwas von dir.« »Jetzt bin ich so, wie du mich hier siehst,« entgegnete der Dampf. »Blick aufs Meer, so siehst du mich auch da.« »Da sehe ich dich nicht.« »Du weißt es nur nicht. Ursprünglich bin ich Wasser.« »Erzähl!« »Das ist bald erzählt. Sieh, ich bin das Meerwasser, das durch die Erde bis zu dem Berge dort dringt. Auf tausend unterirdischen Wegen bin ich dorthin gesickert. Aber da drinnen im Berge glimmt ein ewiges Feuer, das nie erlischt, wenn das Wasser an das Feuer kommt, so wird es zu Dampf, und der Dampf sammelt sich dort unten im Berge in großen Höhlen an, solange Platz dafür da ist. Zuletzt aber entwickelt sich so viel Dampf, daß er dort nicht bleiben kann. Dann sprengt er den Berg. Felsen und Gesteine ... der ganze Bergsee da oben, der kochendheiß ist von dem Feuer in der Erde ... Schlamm und Morast, siedendes Wasser und brühendheißer Dampf stürzen hin übers Land, wie du es neulich gesehen hast. Alles sprenge ich, wenn ich allzusehr gequält werde. Keine Mauer, keine Tür bietet mir ein Hindernis dar ... begreifst du?« Der Zweifüßler nickte. »Hast du die Rauchsäule gesehen, die jeden Tag aus dem Berge aufsteigt? Es ist immer ein kleines Loch da, verstehst du, ein Ventil, durch das etwas von mir entweichen kann. Aber zuletzt verschlägt es nicht mehr, und dann spreng ich das Ganze. Lerne aus dem, was du heute erfahren hast, daß du dich nicht ansiedeln sollst, wo du einen Berg in der Nähe rauchen siehst; denn da bist du deines Lebens nicht sicher.« »Ich will dir nicht das Feld allein überlassen. Ich will über dich herrschen. Du bist die stärkste Macht, die ich in der Welt kenne. Du sollst mein Diener sein, wie das Pferd und der Ochse und der Wind.« »Fang mich und gebrauch mich, wenn du kannst!« rief der Dampf. »Gut,« erwiderte der Zweifüßler. »Ich will's versuchen. Aber erst sag mir: was wird denn aus dir, wenn du nun durch die Luft wogst?« »Dann kühl ich mich ab. Und wenn ich abgekühlt bin, werde ich Wasser ... Regen, Nebel ... was du willst.« »Und dann fällst du ins Meer? Und dann dringst du in den Berg, wo das Feuer ist, und wirst wieder zu Dampf, und so geht es im Kreislauf bis in alle Ewigkeit?« »Es ist so, wie du sagst,« bestätigte der Dampf. Damit wogte er weiter über die Wüste und verschwand auf dem Meere. Der Zweifüßler sah ihm nach und starrte dann wieder auf den Berg, der ebenso friedlich rauchte wie zuvor. Die ganze Nacht saß er wach und sann. Dann erhob er sich, rief den Hund zu sich und ging den Seinen nach. III Der Zweifüßler und seine Familie hatten ein neues Land gefunden. Sie bauten von neuem ihre Häuser, bestellten den Acker, ernteten Getreide und trieben Viehzucht. Im Walde fällten sie Holz, und die Seeleute bauten sich neue Schiffe. Es verstrichen viele Jahre, ehe das Unglück ganz verwunden war; schließlich aber hatte sich der ganze Stamm wieder aufgerichtet, und alle, außer dem Zweifüßler selbst, hatten das Unglück vergessen. Er aber grübelte immer noch. Das heißt, nicht mehr über das Unglück selbst. Den Verlust seiner Angehörigen hatte er verschmerzt, denn er hatte jetzt so viele Nachkommen, daß er weder ihre Namen noch ihre Zahl kannte. Er dachte an den Dampf . Wenn er sah, wie der Wind die Mühlenflügel herumwirbelte oder die Schiffe übers Meer trug, lächelte er höhnisch. Es schien ihm viel zu langsam zu gehen. Und wenn Sturm kam, konnten die Schiffe nicht segeln und die Mühlen nicht mahlen, bei starkem Gegenwind mußten die Schiffe ausweichen, und bei Windstille stockte alles. »Du bist mir ein recht erbärmlicher Diener, mein lieber Wind,« sagte er. »Der Dampf, das ist ein andrer Kerl als du!« Er dachte daran, wie der Dampf, der eingesperrt gewesen, ausgebrochen war und im Nu die Sonne ausgelöscht und den Tag zur Nacht gemacht ... wie er große Steine und Schlamm und Asche und alles, was in dem feuerspeienden Berge war, meilenweit übers Land hin verstreut hatte. Innerhalb weniger Stunden war die Ebene in eine Wüste verwandelt worden. Und es war mit schier unglaublicher Kraft und Schnelligkeit geschehn. Wahrlich, der Dampf mußte die stärkste Macht der Welt sein! Und der Dampf hatte dem Zweifüßler gesagt er entstehe, wenn das Wasser mit dem Feuer in Berührung komme. Der Zweifüßler betrachtete sinnend den Kessel über seinem eignen Feuer. Sobald das Wasser sich erwärmte, stieg weißer Dampf daraus auf. Er nahm ein Stück Glas und hielt es in den Dampf. Der setzte sich in klaren Tropfen auf dem Glase nieder. »Auch das ist richtig, daß der Dampf wieder zu Wasser wird,« sagte sich der Zweifüßler. Und er sah, wie man einen Deckel auf den Kessel legte, damit die Wärme erhalten bliebe. Man fachte das Feuer an, und es entwickelte sich immer mehr Dampf, so daß der Deckel zu hüpfen begann. »Nun wird es ihm da drinnen zu eng,« sagte der Zweifüßler. »Genau so wie dem Dampf in dem feuerspeienden Berg.« Man legte einen Stein auf den Deckel, um ihn niederzuhalten. Der Zweifüßler verstärkte das Feuer immer mehr, und es bildete sich neuer und immer neuer Dampf. Zuletzt warf der Dampf den Deckel mit dem Stein ab, so daß er in die Stube fiel. »Jetzt speit der Berg den Dampf aus,« sagte der Zweifüßler und rieb sich die Hände. Er baute sich ein Haus mit einem großen Kessel und einer gewaltigen Feuerstelle. Da unterhielt er ein beständiges Feuer, probierte die Kraft des Dampfes und dachte darüber nach, wie er Nutzen daraus ziehen könnte. Er hatte nur einen einzigen von den Seinen bei sich, einen seiner Enkel, der klüger war als die andern, und mit dem er sich über die Gedanken aussprach, die ihn bewegten. Oftmals saßen die beiden bis in die späte Nacht hinein bei der Arbeit. Es kam darauf an, den Dampf dahin zu bringen, daß er in einer ganz bestimmten Richtung wirkte und mit einer ganz bestimmten Kraft. Niemand wagte es, die beiden zu stören. Alle die andern Stammesmitglieder sahen mit Ehrfurcht auf das Haus des Zweifüßlers hin, denn sie wußten, wie klug er war, und daß er einzig und allein für das Wohl des ganzen Geschlechtes arbeitete. Einige von ihnen glaubten auch, daß es ihm schließlich doch gelingen werde, sich zum Herrn über den Dampf zu machen; viele aber meinten, das werde niemals geschehen, und es werde ein Ende mit Schrecken nehmen, wenn er so mit den geheimsten und stärksten Kräften der Natur herumhantiere. Aber mochten sie nun so oder so über die Sache denken, jedenfalls machten alle einen weiten Umweg um des Zweifüßlers Haus herum, denn sie begriffen sehr gut, einer wie großen Gefahr er sich aussetzte. Alle die, die jenes Unglück, das der feuerspeiende Berg anrichtete, überlebt hatten, waren längst gestorben; aber noch lebte in dem Stamme die Erinnerung an den entsetzlichen Tag, und des Zweifüßlers Geschlecht mußte immer wieder an die Möglichkeit denken, daß der Dampf eines Tages plötzlich wieder seine Tücke offenbarte. Der Zweifüßler aber kümmerte sich nicht um das, was sie dachten oder sagten. Von Zeit zu Zeit erschienen die Ältesten bei ihm, um ihm Bericht zu erstatten über das Gute und Böse, das dem Geschlecht widerfahren war, wie viele Kinder geboren worden, welche Verluste man zu verzeichnen und wie viel Wohlstand man gewonnen hatte. Er sah stets nur flüchtig von seiner Arbeit auf, nickte ihnen zu, und gebot ihnen, zu gehen und ihn in Frieden zu lassen. Manchmal kam auch dieser oder jener Jüngling zu ihm, strahlend vor Freude über eine neue Erfindung, um das Lob des alten, weisen Mannes zu vernehmen. Aber der Zweifüßler hörte ihn kaum an. Er wußte, daß seine eignen Gedanken größer und wichtiger waren; und voll Ungeduld sah er dem Tag entgegen, da sie Wirklichkeit werden würden. Er baute neue Kessel, die seltsame Formen hatten und größer waren als alle früheren, so daß sie mehr Dampf in sich aufnehmen konnten, und stärker waren, damit der Dampf sie nicht zu sprengen vermochte. Er ließ seine Leute Kohlen aus den Bergen ausgraben und unterhielt damit sein Feuer, weil er entdeckt hatte, daß die Kohlen besser heizten und darum das Wasser rascher in Dampf verwandelten. Mit jedem Jahr, das verging, meinte er, dem Ziel näherzukommen, aber noch hatte er es nicht erreicht, und manchmal wollte er schier verzweifeln. Eines Tages sprang der Kessel. Er selber wurde von einem Eisenstück an der Stirn getroffen, so daß er eine große Wunde davontrug, doch sein Enkel und Gehilfe wurde vor seinen Augen getötet. Da liefen alle herzu und wehklagten und jammerten, aber der Zweifüßler wischte sich das Blut aus dem Gesicht und betrachtete lange den zersprungenen Kessel. Dann wandte er sich um und blickte auf den Leichnam. »Armer Bursche!« sagte er. »Er hätte es so gern erlebt, daß mein großes Werk gelänge. Und nun hat er sterben müssen. Einen schönen Tod ist er gestorben; denn er ist für das Glück seiner Brüder dahingegangen. Begrabt ihn, und setzt ihm ein Denkmal aufs Grab!« Da nahmen sie ihn und wollten ihn forttragen, aber der Zweifüßler hielt sie zurück mit den Worten: »Wartet ein wenig ... ich muß an Stelle des Toten einen Gehilfen haben. Will jemand bei mir bleiben? Ihr wißt ja, was euer hier wartet ... vielleicht der Tod und jahrelange Enttäuschung, bis wir Glück haben. Und auch den Hohn der dummen Teufel, die nichts von der Sache verstehen, muß mein Gehilfe in Kauf nehmen.« Es meldeten sich sofort sieben. Denn wenn sie auch Angst hatten, so lockte sie doch das Geheimnisvolle und Gefährliche; und im Stamm galt nichts für ehrenvoller, als mit dem Zweifüßler zusammen zu arbeiten. Er wählte einen von den sieben, nahm ihn zu sich ins Haus und weihte ihn in seine Geheimnisse ein, während die andern den Toten forttrugen und begruben. Die Jahre vergingen. Eines Tages sahen die Leute den Zweifüßler vor seinem Hause stehen und den Arm schwenken, und sie hörten ihn laut rufen, von allen Seiten liefen sie hinzu, um zu hören, was er wolle. »Ich hab es, ich hab es!« rief er. Er nahm die Ältesten zu sich und zeigte ihnen ein großes eisernes Rohr, das er hergestellt hatte. Oben hatte das Rohr ein Loch, das in ein anderes Rohr hineinführte. In dem ersten Rohr befand sich ein Stöpsel, der gleichfalls aus Eisen war, und der so genau paßte, daß er auf und nieder gleiten konnte; er war mit Öl eingeschmiert, so daß er sich so leicht wie möglich bewegte. Unter dem Rohr stand der Kessel mit Wasser und unter dem Kessel die Feuerstelle. Der Zweifüßler heizte ein. Das Wasser verwandelte sich in Dampf, der Dampf stieg in das Rohr und hob den Eisenstöpsel bis an das oberste Ende des Rohrs. Durch das Loch gelangte der Dampf in das Nebenrohr, wo er sich wieder zu Wasser abkühlte; das Wasser lief in den Kessel hinab und wurde von neuem erhitzt und in Dampf verwandelt. Wenn aber der Dampf durch das Loch entwichen war, glitt der Stöpsel wieder hinab, wurde von neuem in die Höhe gehoben und stieg und sank fortwährend. »Seht,« sagte der Zweifüßler, und seine Augen strahlten vor Stolz und Freude. »Seht, ich habe den Dampf gefangen und im Rohr eingesperrt. Wenn ich heize, verwandelt sich das Wasser in Dampf, und der hebt den Stöpsel. Er tut, was ich ihm befehle; und er wird in dem andern Rohr zu Wasser, bis ich ihm wieder befehle, zu Dampf zu werden. So habe ich mir den Dampf dienstbar gemacht, wie den Ochsen, und das Pferd und den Wind.« »Wir verstehen nur nicht, wozu du deinen Diener brauchst! Hast du darum so viele Jahre in deinem Hause eingesperrt gelebt, während wir deinen weisen Rat entbehren mußten?« »Geht eures Wegs,« sagte der Zweifüßler, »und kommt übers Jahr wieder, so sollt ihr sehen, wozu ich meinen neuen Diener gebrauche. Wenn ich euch das dann gezeigt habe, könnt ihr selber weiter arbeiten. Ich sage euch, dieser neue Diener ist imstande, wenn ihr ihn richtig verwenden lernt, der ganzen Welt ein anderes Aussehen zu verleihen.« Darauf ging er ins Haus und verschloß seine Tür. Froh betrachtete er seine neue Maschine. »Ho, ho, du guter Dampf,« sagte er. »Jetzt hab ich dich. Und ich kann dich stark und schwach machen. Und immer mußt du im Rohr bleiben und tun, was ich dir befehle. Ich kann das Rohr lang und kurz ... ich kann den Stöpsel schwer und leicht machen ... stets mußt du ihn auf und nieder treiben, guter Dampf.« »Du nennst mich gut,« sagte der Dampf. »Und als ich den Berg sprengte und dir dein Land verwüstete, da nanntest du mich böse. Ich habe dir ja schon mitgeteilt, daß ich weder das eine noch das andre bin. Du hast mich gefangen, und wenn du mich gebrauchen kannst, so gebrauch mich.« Der Zweifüßler lachte und rieb sich vergnügt die Hände. »Ja, wozu soll ich dich gebrauchen?« rief er. »Sollen wir dich vor den Wagen spannen statt des Pferdes? Ich denke, du kommst rascher vorwärts. Sollst du das Schiff treiben? Du wirst gegen den Wind laufen und dir nichts aus ihm machen. Soll ich dir den Mahlgang in der Mühle überlassen? ... Ach, tausenderlei sollst du für mich tun.« Der Zweifüßler löschte das Feuer aus. Und in der nächsten Zeit ersann er immer neue Verbesserungen seiner Maschine. Unter anderm brachte er eine Stange in dem Stöpsel an, und zu der ersten Stange fügte er eine zweite hinzu, die an der Achse eines Rades befestigt war. Er verfertigte einen Wagen, setzte die ganze Dampfmaschine darauf und verband die Stange mit den Rädern. Er selbst stand hinten auf dem Wagen an der Heizung. Die Räder schnurrten, und der Wagen lief vorwärts. Die Leute des Stammes kamen von allen Zeiten gelaufen und starrten das seltsame Fuhrwerk verwundert an; die meisten schrien vor Angst und wichen dem gefährlichen Ungetüm aus. Nur die Klügeren begriffen den Wert des neuen Wagens. »Vater,« sagte einer der Ältesten, »du sollst nicht mit diesem Wagen fahren. Wir fürchten, daß es übel abläuft, daß der Dampf die Maschine auseinandersprengt und du dabei umkommst, wie damals dein Gehilfe.« »Gerade sein Tod hat mich Vorsicht gelehrt,« sagte der Zweifüßler. »Kommt, dann sollt ihr sehen.« Und er erklärte ihnen, daß er berechnet habe, von wie großer Stärke der Dampf sei, und wieviel Dampf er brauche, um mit seinem Wagen zu fahren. Je mehr Dampf vorhanden war, desto schneller glitt der Stöpsel auf und nieder, desto schneller schnurrten die Räder, und desto schneller fuhr der Wagen. Je stärker der Kessel und das Rohr waren, desto mehr Dampf konnte er aufnehmen, ohne zu zerspringen. Aber an einer Stelle des Kessels war ein Loch vorhanden, das durch eine an einem Scharnier befestigte Klappe bedeckt wurde. Die Klappe war genau so schwer, daß der Dampf sie nicht heben konnte, wenn so viel Dampf da war, wie die Maschine vertragen konnte. Aber sobald mehr Dampf vorhanden war, wurde die Klappe zu leicht und hob sich, und der überflüssige Dampf strömte zu dem Loch hinaus. »Ich gebe euch diese Dampfmaschine,« sagte der Zweifüßler, »seht selber zu, wie ihr sie verwenden wollt. Einige von euch können weiter forschen, wie ich geforscht habe. Die Schmiede mögen mit ihrem Werkzeug und ihrem Scharfsinn helfen.« – Dann ging er in sein Haus und dachte von neuem nach. Aber die Klügsten des Stammes begannen, mit der Dampfmaschine zu arbeiten. Im Laufe der Jahre ersannen sie neue Verbesserungen. Sie legten Eisenschienen über die Erde, auf denen der Dampfwagen mit großer Geschwindigkeit dahinlief und viele schwerbeladene Wagen hinter sich her zog. Innerhalb weniger Tage und Wochen konnte man jetzt Reisen machen, die früher Monate und Jahre gedauert hatten. Die Erzeugnisse eines Landes konnte man schnell und billig nach dem andern Ende der Erde befördern. Man setzte die Dampfmaschine in Schiffe, wo sie das Wasserrad drehte; und die Schiffe fuhren gegen den Wind und gegen den Strom. Man gebrauchte die Maschine zum Dreschen und zum Mahlen des Getreides ... es war gar nicht abzusehen, wozu man sie gebrauchen konnte. Die Dampfmaschine hatte der Welt ein andres Aussehen verliehen, wie der Zweifüßler es vorhergesagt hatte. – Der Zweifüßler war uralt geworden. Sein Geschlecht vermehrte sich beständig und verbreitete sich über die ganze Erde, wenn an einer Stelle zu viele waren, brachen einige auf und zogen in andere Gegenden, wo neues Land war. Sie bestellten es, gewannen aus den Bergen Metalle und segelten auf den Flüssen und auf dem Meere. Die Eisenbahnen und Dampfschiffe fuhren vom einen Ende der Erde zum andern. Die verschiednen Stämme wohnten weit auseinander, sprachen verschiedene Sprachen und kannten einander nicht mehr. In allen Ländern lebten kluge Männer und machten neue seltsame Erfindungen, die ihren Brüdern die Arbeit erleichtern und den allgemeinen Reichtum und das Glück aller vermehrten. Als der Vater und als der weiseste aller Geschlechter und Stämme aber wurde der alte Zweifüßler verehrt. Er wußte ganz und gar nicht mehr Bescheid über die Zahl seiner Nachkommen und schien sich kaum mehr um sie zu kümmern. Bald wohnte er bei dem einen Stamm seines Volkes und bald bei dem andern, stets einsam, in einem Hause für sich, um sich in Ruhe seinen Gedanken und arbeiten zu widmen. Aber manchmal kam ein Mann mit seinem kleinen Sohne zum Zweifüßler, damit der Knabe den Weisesten der Welt sähe. Wenn er das Glück hatte, Worte zu finden, die des Zweifüßlers Aufmerksamkeit von seiner Arbeit abzulenken vermochten, dann blickte der Zweifüßler wohl auf, legte seine Hand auf des Knaben Haupt und sagte: »Werde kein Tor, mein Sohn! Ein Tor ist der, der über etwas urteilt, wovon er nichts weiß.«