Elisabeth Werner Hexengold und andere Erzählungen Hexengold »Also das ist nun deine Heimat und hier hast du wirklich zehn Jahre lang gesessen, in diesem gottverlassenen kleinen Neste? So schlimm habe ich mir die Sache doch nicht gedacht!« »Gottverlassenes kleines Nest! Das laß unsere Heilsberger hören, die so stolz sind auf ihre Stadt und deren historische Vergangenheit! Sie thun dich in Acht und Bann, wenn ihnen derartiges zu Ohren kommt.« Die beiden Herren, die dies Gespräch führten, befanden sich in einem kleinen Stadtgarten, eng umschlossen von den hohen Giebelhäusern des altertümlichen Städtchens, der eine groß und schlank, mit dunklem Haar und Bart und ernsten dunklen Augen, der andere etwas kleiner, aber eine stattliche, kraftvolle Erscheinung, das Haar voll und blond, das Antlitz gebräunt von der Sonne. Er zuckte lachend die Achseln. »Ja, sie sind allesamt Philister, die braven Heilsberger, und der ehrengeachtete und hochwohllöbliche Herr Notar Raimar – so lautet ja wohl dein voller Titel? – der ist leider auch einer geworden.« Raimar lächelte flüchtig, es lag eine gewisse Müdigkeit in seinen Zügen und seiner ganzen Haltung, auch die Stimme hatte einen müden, halb verschleierten Klang, als er erwiderte: »Spotte nur, Arnold, du hast ja recht. Ein Notar von Heilsberg nimmt allerdings keine weltbewegende Stellung ein, aber wie findest du die Lage unserer Stadt?« »Recht hübsch, recht idyllisch,« gestand Arnold zu. »Aber wenn ich jahrelang immer nur diese Idylle anschauen müßte und dazu diese stillen, sonnenbeschienenen Straßen und ringsherum die biederen Heilsberger – ich glaube, ich würde verrückt!« »Das habe ich im Anfang auch geglaubt,« sagte Raimar gelassen. »Aber man gewöhnt sich schließlich an alles.« »Das ist ja eben das Unglück, daß du dich daran gewöhnt hast,« brauste der andere auf. »Ernst, was ist aus dir geworden! Wenn ich denke, was du einst gewesen bist, damals, als wir uns kennen lernten, wie du da mit vollen Segeln hinaussteuertest in das Leben – und hier bist du gelandet!« »Gescheitert meinst du,« ergänzte Ernst. »Ja, es macht nicht jeder Karriere, wie Herr Major Hartmut, der mir jetzt so nachdrücklich den Text liest.« »Zum Kuckuck, du hattest aber das Zeug dazu,« fiel der Major ein. »Ich war ja dabei, als du deine erste Probe bestandest, eigentlich noch blutjung als Verteidiger, aber du warst der geborene Redner. Und welch ein Erfolg bei diesem ersten öffentlichen Auftreten!« »Es war auch mein letztes,« sagte Raimar mit schwerer Betonung. »Gleich darauf brach die Katastrophe herein. Du weißt es ja, was mich aus meiner Laufbahn gerissen hat.« »Ja, ich weiß, der Bankrott deines Vaters.« Das Gesicht Hartmuts wurde plötzlich ernst. »Das war allerdings eine schlimme Geschichte, aber du hättest die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen sollen. Du mußtest dableiben, standhalten und die Zähne zusammenbeißen. Leicht wäre es ja nicht gewesen, aber es galt deine ganze Zukunft.« »Die war ohnehin vernichtet! Dem jähen Glückswechsel hätte ich standgehalten, aber der Schande –« »Ach was Schande! du warst doch schuldlos, das wußte jeder. Du warst nicht einmal Kaufmann, sondern Jurist und standest dem Bankgeschäft deines Vaters ganz fern.« »Aber ich trug seinen Namen, und der war fortan verfemt. Meinst du, ich hätte die Stirn gehabt, wieder hinzutreten und das Recht und die Ehre anderer zu verteidigen, wenn mir jeder in das Gesicht schleudern konnte, daß meine eigene Ehre befleckt, daß mein Vater ein Dieb sei? – das war vorbei, für immer!« »Ja, das Unglück war, daß die sämtlichen Depots fehlten,« sagte der Major halblaut. »Ein Bankrott ist ja noch keine Schande, aber ein solcher Vertrauensbruch – du hast freilich nie an die Schuld deines Vaters glauben wollen.« »Nein!« Das Wort klang dumpf, aber fest. »Er hatte große Verluste gehabt,« warf Hartmut ein. »Da verliert mancher die Besinnung. Er glaubte zweifellos, alles ersetzen zu können, und dann brach die Katastrophe so jäh herein – « »Nein, sage ich dir!« unterbrach ihn Ernst. »Er ließ mir ja noch ein paar Zeilen zurück, ehe er in den Tod ging, und den Weg geht man nicht mit einer Lüge auf den Lippen. Ein Schuldiger hat nicht die letzte, verzweifelte Mahnung an den Sohn: ›Rette mein Andenken und meine Ehre, wenn du kannst!‹ – ich habe es nicht gekonnt!« Man hörte es an dem qualvoll gepreßten Ton, wie die Erinnerung noch heute den Mann erregte, jetzt richtete er sich mit einem tiefen Atemzuge empor. »Lassen wir das ruhen! Aber siehst du, Arnold, das ist es, was mir die Schwingen gelähmt hat. Ich konnte damals keinem Menschen mehr ins Auge sehen, ich kann es noch heute nicht, aber ich mußte fort aus Berlin, fort um jeden Preis!« »Aber warum gerade nach Heilsberg?« rief der Major heftig. »Ich wäre an deiner Stelle in die weite Welt gegangen, meinetwegen in die afrikanische Wüste oder in die australischen Urwälder, oder in sonst eine kulturbedürftige Gegend – in die Heilsberger Kanzlei wäre ich nicht gegangen.« »Und meine Mutter?« fragte Raimar ernst, »und Max, der damals noch ein Knabe war? Sollte ich mich hinüberretten in ein neues Leben und sie dem Mangel preisgeben, denn das war doch ihr Los, wenn ich nicht für sie eintrat. Für mich gab es überhaupt keine Wahl, ich mußte froh sein, daß ich unser Wrack hier landen durfte.« »Sie haben es dir aber nicht einmal gedankt, deine lieben Angehörigen,« grollte Hartmut, »Deine Frau Mutter machte dir fortwährend das Leben schwer, mit ihrem Jammer über die verlorene glänzende Vergangenheit. Sie hat dir überhaupt immer den dummen Jungen, den Max, vorgezogen. Der war ihr Liebling, der sollte mit aller Gewalt ein großer Künstler werden, und du mußtest die Mittel schaffen. Sie fand es ganz in der Ordnung, daß du dich halb zu Tode arbeitetest für sie und ihren vielgeliebten Max.« »Arnold, ich bitte dich!« unterbrach ihn der Freund. »Nun ja, es war deine Mutter – Gott hab' sie selig! Aber jetzt ist sie tot und dein Bruder endlich fertig mit seinen Studien. Nun wirfst du hoffentlich die ganze Jammergeschichte hier über Bord.« Ernst sah ihn befremdet an. »Was soll ich über Bord werfen?« »Nun, deine hochwohllöbliche Kanzlei, inklusive Schreiber und Akten. Oder willst du vielleicht zeitlebens hier sitzen, um zu beurkunden, daß Hinz dem Kunz einen Acker verkauft hat, oder ähnliche welterschütternde Thatsachen? Jetzt bist du frei, jetzt fort mit der ganzen Heilsberger Erbärmlichkeit und wieder hinaus in das Leben!« Raimar lächelte, aber es war ein müdes, hoffnungsloses Lächeln. »Jetzt noch? In meinem Alter? Dazu ist es zu spät.« »Unsinn!« sagte der Major kurz und bündig, »In deinem Alter? Bist wohl schon ein Greis mit deinen siebenunddreißig Jahren? Da sieh mich an! Ich bin drei Jahr älter, aber es soll sich einer unterstehen, mich alt zu nennen!« Er sprang auf und stellte sich mit militärischer Strammheit vor den Freund hin. Die stattliche, kraftstrotzende Gestalt zeigte in der That noch nichts vom Alter, und in das dichte blonde Haar mischte sich noch kein einziger Silberfaden, Raimar streifte ihn mit einem langen, düstern Blick. »Ja, du – das ist etwas anderes! Du warst stets mit Leib und Seele bei deinem Beruf, du hast immer mitten im Leben und Wirken gestanden. Ich habe zehn Jahre lang meine Kraft vergeudet, an die erbärmlichsten Alltäglichkeiten – vergeuden müssen, da bleibt nichts mehr übrig für das Leben.« »Ernst, thu mir den Gefallen und sieh nicht so entsagungsvoll aus!« brach Hartmut los. »Werde meinetwegen grob gegen das Schicksal und den schändlichen Streich, den es dir gespielt hat, aber diese elegische Miene kann ich nicht aushalten, die treibe ich dir aus und müßte ich mit einem Donnerwetter dreinfahren!« Das angekündigte Donnerwetter kam glücklicherweise nicht zum Ausbruch, denn soeben trat ein junger Mann aus dem Hause und näherte sich mit einem etwas schläfrigen »Guten Morgen!« den beiden Herren. »Guten Morgen, Max!« sagte Raimar, sich umwendend. »Kommst du endlich zum Vorschein?« »Ja, es ist elf Uhr,« bestätigte der Major. »So lange hat der junge Herr in den Federn gelegen.« Max Raimar zog einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Er war bedeutend jünger als der Notar und auffallend hübsch, schien sich dessen aber auch vollkommen bewußt zu sein. Die Brüder hatten eigentlich nur die dunkle Farbe des Haars gemeinsam und die dunklen Augen, die bei dem älteren nur viel tiefer und ausdrucksvoller waren, sonst bestand kaum eine Aehnlichkeit zwischen ihnen. Ernst war in seinem Aeußeren die Einfachheit selbst, aber es lag eine unbewußte Vornehmheit darin, die sich nie verleugnete. Max hatte einen gewissen genialen Anstrich, der ein klein wenig theatralisch war, ebenso wie sein, übrigens sehr sorgfältiger Anzug, aber das stand ihm sehr gut. Der junge Künstler war jedenfalls das, was man in den Salons eine interessante Erscheinung nennt. »Ich war angegriffen von der gestrigen Reise,« erwiderte er. »Die lange Eisenbahnfahrt von Berlin und dann noch drei Stunden im Wagen, von Neustadt bis hierher, da wird man ja todmüde, das halten meine Nerven nicht aus.« »Nerven hast du auch mitgebracht, Maxl?« fragte Hartmut. »Du scheinst ja recht modern geworden zu sein. Laß dich einmal anschauen, du siehst freilich etwas abgetakelt aus.« »Herr Major!« sagte der junge Mann mit etwas gereizter Betonung. »Ach so, du nimmst das übel? Man darf den Herrn Künstler und angehenden Raffael wohl gar nicht mehr beim Vornamen nennen?« Max machte eine halbe Verneigung. »Bitte, Herr Major, dem alten Freunde meines Bruders gestatte ich gern die alte Vertraulichkeit.« »Gestattest du? Freut mich, ich werde von deiner gütigen Erlaubnis Gebrauch machen. Aber du kommst ja wie vom Himmel geschneit. Was verschafft uns denn eigentlich die ganz plötzliche Ehre deiner Gegenwart?« »Ja, Max, das möchte ich auch fragen,« mischte sich Raimar ein, »Du kommst ganz unerwartet, ist irgend etwas vorgefallen?« »O nein, durchaus nichts,« versicherte Max. »Ich fühlte nur, daß ich des Ausruhens, der Erholung bedurfte. Du kennst das freilich nicht, Ernst! Danke Gott, daß du ruhig hier in deinem stillen Heilsberg sitzest und nichts siehst und hörst von dem Wogen und Treiben der Großstadt. Diese ewige, ruhelose Hetzjagd, dieser tägliche, aufreibende Kampf ums Dasein!« »Ist der dir so schwer geworden?« spottete der Major. »Ich dachte, das wäre bisher Sache deines Bruders gewesen. Du hast in unentwegter Tapferkeit nur immer die Geldbriefe angenommen, die er dir schickte.« »Ich werde Ernst nicht mehr lange in Anspruch nehmen,« erklärte der junge Künstler mit beleidigter Miene. »Ich hoffe, mich sehr bald schon auf eigene Füße stellen zu können.« »Es wäre auch Zeit, Max,« sagte der ältere Bruder ernst, aber ohne Vorwurf. »Ich habe seit sechs Jahren deine sämtlichen Ausgaben in Berlin bestritten, und das ist mir nicht immer leicht geworden, denn du hast sehr viel gebraucht. Ich wollte dir aber die Möglichkeit geben, dich frei zu entwickeln, wollte dir die volle Unabhängigkeit sichern bei deinen Studien. Jetzt ist die Bahn offen, nun zeige, was du kannst.« »Ja, wenn das Fach nur nicht so überfüllt wäre!« versetzte Max in einem höchst prosaischen Tone. »Alles drängt ja jetzt zur Kunst, es ist gar kein Raum da für den einzelnen und sein Talent. Und dann dieser Neid, diese Eifersucht bei jedem Erfolge und vor allem diese boshafte Kritik mit ihren ewigen Nergeleien – es ist ein jämmerliches Dasein!« Ernst zog die Brauen zusammen. »Ist das deine ganze Begeisterung für deinen Beruf?« »Begeisterung!« Max nahm eine tragische Miene an. »O, die verlernt man bald genug. Die Kunst, der Ruhm, das sind doch im Grunde auch nur Chimären. Es ist furchtbar dies Erkennen, aber es ist unausbleiblich. Ich habe überhaupt keine Ideale mehr! Das Leben verzehrt sie alle. Mir ist oft zu Mute, als wäre ich ein ausgebrannter Krater.« Der Major hatte sich zurückgelehnt und blickte höchst belustigt auf den jungen Herrn, der sich offenbar sehr interessant vorkam bei diesen pessimistischen Geständnissen. »Sehr schön gesagt!« bemerkte er. »Ausgebrannter Krater ist gut, es fragt sich nur, ob da etwas zu verbrennen war. Ernst, was sagst du denn eigentlich zu deinem Herrn Bruder mit der Kraterseele?« »Ich und Max, wir verstehen uns schon längst nicht mehr,« sagte Raimar kalt. »Ich möchte nur wissen, wie er mit solchen Ansichten die geplante Selbständigkeit durchsetzen will.« »Das wird sich ja finden,« erklärte Max mit einem vielsagenden Lächeln. »Ich bin noch nicht ganz im reinen mit meinen Zukunftsplänen, aber das klärt sich hoffentlich bald. Du hast doch nichts dagegen, wenn ich einige Wochen hier bleibe?« »Die Heimat steht dir immer offen, das weißt du, aber was willst du denn wochenlang in Heilsberg? Sonst hast du jeden Besuch hier als ein Opfer betrachtet und ihn möglichst abgekürzt.« »Ich suche ja diesmal nur Erholung,« erklärte der junge Künstler. »Und dann hoffe ich auch Bekannte hier zu treffen, du verkehrst ja wohl in Gernsbach, bei Frau von Maiendorf?« »Bisweilen und meist nur geschäftlich,« lautete die kühle Antwort. »Ich bin ihr Rechtsvertreter.« »Gleichviel, wir müssen in den nächsten Tagen hinüberfahren. Ich habe die Dame in Berlin kennen gelernt, im Hause ihrer Verwandten, die sie jetzt zum Besuch erwartet, Herrn Marlow nebst Tochter.« Den Notar schien diese Nachricht nicht im mindesten zu interessieren, Hartmut aber wiederholte nachsinnend: »Marlow? Etwa den Chef des Bankhauses in Berlin?« »Jawohl – ein Millionär!« Max sprach das Wort mit einer gewissen Feierlichkeit aus. »Eine alte, sehr solide Firma und sehr angesehen in den Finanzkreisen. Ich verkehre viel im Marlowschen Hause, der Sohn ist vor einigen Jahren gestorben, jetzt ist nur noch eine einzige Tochter da. Ein sehr schönes Mädchen, und natürlich von allen Seiten umschwärmt und umworben, da sie dereinst Alleinerbin ist – eine brillante Partie!« Raimar stutzte und richtete einen forschenden Blick auf den Bruder. »Du scheinst ja sehr genau unterrichtet –« hob er an, doch der Major unterbrach ihn mit einem lauten Auflachen. »Aber Ernst, merkst du denn nicht, was der geniale Maxl da ausgeheckt hat? Heiraten will er die Erbin und den Kampf ums Dasein als Millionär fortsetzen. Darum ist er dir wie eine Bombe ins Haus gefallen – und das nennt er, sich auf eigene Füße stellen!« Ernst antwortete nicht, er blickte noch fragend auf Max, der jetzt mit einer halb beleidigten, halb selbstbewußten Miene den Kopf hob. »Ich wüßte nicht, Herr Major, was daran so Merkwürdiges wäre. Ich verkehre, wie gesagt, sehr viel bei den Marlows und werde demnächst die junge Dame malen, auf ihren ausdrücklichen Wunsch. Ich glaube ihr nicht gleichgültig zu sein, aber in Berlin sind immer so viel andere in ihrer Nähe, mit den vornehmsten Namen und Titeln, da kann man sich nie zur Geltung bringen. In Gernsbach, auf dem Lande, ist das leichter, da steht man allein im Vordergrunde.« »Nun, mein Geschmack wärst du nicht, Maxl, so hübsch du auch bist,« sagte der Major trocken. »Aber der Geschmack ist verschieden und die Millionärin kann ja in ihren sonstigen Ansprüchen bescheiden sein.« Max hielt es unter seiner Würde, den Ausfall zu bemerken, er wandte sich zu seinem Bruder, der noch kein Wort gesprochen hatte. »Dir gegenüber brauche ich ja kein Geheimnis aus meinen Wünschen und Hoffnungen zu machen, aber das bleibt natürlich unter uns. Ich habe vorläufig noch gar keine Gewißheit, aber ich glaube hoffen zu dürfen. Dann brauchte ich dich allerdings nicht länger in Anspruch zu nehmen, du hast Opfer genug gebracht für mich –« »Für deine künstlerische Zukunft habe ich sie gebracht!« unterbrach ihn Raimar. »Damit scheint es jetzt vorbei zu sein. Nach deinen Aeußerungen von vorhin wirst du der Kunst einfach den Rücken kehren, wenn du eine Million heiratest.« Der junge Mann geriet einen Augenblick in Verlegenheit bei diesen mit voller Schärfe gesprochenen Worten, die durchaus das Richtige zu treffen schienen, dann aber zuckte er mit überlegener Miene die Achseln. »Ich glaube, du willst mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich das Glück nehme, wo ich es finde. Nimm es mir nicht übel, Ernst, aber du sitzest seit zehn Jahren in Heilsberg, und was weiß man denn hier, in dem abgelegenen kleinen Orte von der Welt und ihren Anforderungen! Du kennst sie überhaupt nur in der Vergangenheit, wo sie vielleicht noch einen romantischen Schimmer hatte, aber wir Kinder der Gegenwart haben keine Illusionen mehr. Wir sehen Welt und Leben, wie sie wirklich sind, und rechnen damit, deshalb gehört uns die Zukunft. – Du hast mit der deinigen ja eigentlich schon abgeschlossen.« Damit stand er auf und trat in einer Haltung, die schon sehr an den künftigen Millionär erinnerte, zu einem der Blumenbeete, wo er eine Knospe abpflückte und sie in das Knopfloch steckte. »Höre, Ernst,« der Major sprach halblaut, aber es grollte bedenklich in seiner Stimme. »Läßt du dir von dem dummen Jungen den Text so weiter lesen und dich als eine Art Urahn aus der Vorzeit behandeln, dann sage ich ihm die Wahrheit!« Raimar machte nur eine abwehrende Bewegung, dann erhob er sich gleichfalls. »Max!« Der Gerufene wendete sich etwas erstaunt um, der Bruder stand ihm ruhig gegenüber, aber in seiner Stimme klang die tiefste Bitterkeit und Verachtung. »Ich wünsche dir Glück zu deinen Zukunftsplänen, aber mich, laß aus dem Spiele dabei, und vor allem verschone mich mit deinen weisen Belehrungen. Es ist das erste Mal, daß du dir einen derartigen Ton erlaubst, und ich wünsche, daß es auch das letzte Mal ist, denn ich dulde ihn nicht, solange du in meinem Hause bist!« »Aber, Ernst, ich bitte dich –« Max war offenbar eingeschüchtert durch diese strenge Zurechtweisung, die er bei dem allzeit nachsichtigen Bruder gar nicht gewohnt war, und wollte einlenken, doch Ernst schnitt ihm das Wort ab. »Du hast wohl ganz vergessen, was mich in Heilsberg festgekettet hat! Ich wollte dich und die Mutter vor Not bewahren, ich wollte dir eine große Laufbahn öffnen, die sich mir verschloß, und jetzt, wo du am Eingange stehst, machst du nur Jagd auf eine reiche Frau, für die du offenbar gar keine Neigung hast. Jetzt willst du dein Talent, die Kunst, deine ganze Zukunft über Bord werfen, um dir mit dem Gelde dieser Frau das zu erkaufen, was du Lebensgenuß nennst. Ein Leben ohne Arbeit, ohne Zweck und Ziel, ein träges Prassen im Schoße des Reichtums, den andere erworben haben. Ich sage dir gerade heraus, daß ich deine klugen Berechnungen erbärmlich finde, durch und durch, erbärmlich – und dich dazu!« »Amen! Schäm dich, Maxl!« sagte Major Hartmut, dann folgte er dem Freunde, der seinem Bruder den Rücken gewandt hatte und in das Haus getreten war. Maxl stand da und sah ganz verblüfft den beiden nach. Er begriff gar nicht, weshalb er sich schämen sollte, aber allmählich kam es ihm doch zum Bewußtsein, daß man ihn, der gar keine Illusionen mehr hatte und auf der Höhe der modernen Anschauungen stand, wie einen Schuljungen behandelt und ausgescholten hatte. Er war natürlich empört darüber, aber an das Fortgehen dachte er trotzdem nicht. Der Aufenthalt in Heilsberg war notwendig, um sich bei der besagten Millionärin in den Vordergrund zu stellen, da mußte man sich notgedrungen fügen. Aber es war wirklich Zeit, daß man loskam von dieser Kette der Abhängigkeit von dem Bruder, die allerhöchste Zeit! Inzwischen machte Major Hartmut im Hausflur, wo er seinen Freund eingeholt hatte, seinem Herzen Luft, in sehr nachdrücklicher Weise. »Der Maxl ist ja ein recht nettes Gewächs geworden! Das hast du davon, daß du ihn nach Berlin geschickt hast, während du hier sitzen bliebst, um für ihn und die Frau Mama zu arbeiten. Der Junge hat ja all die modernen Schlagworte auswendig gelernt und plappert sie nach wie ein Starmatz, verstehen thut er natürlich nichts davon. Du scheinst ihn auch heut erst in seiner ganzen Pracht kennen gelernt zu haben, sonst hättest du ihm hoffentlich schon früher die Wechsel entzogen.« Ernst zuckte die Achseln, der bittere, verächtliche Ausdruck von vorhin lag noch in seinen Zügen, als er erwiderte: »Max ist immer nur selten und flüchtig hier gewesen, und da war er klug genug, sich die nötige Rücksicht aufzuerlegen – solange er mich brauchte. Jetzt scheint er das überflüssig zu finden.« »Ja, die Million, die er noch gar nicht hat, ist ihm zu Kopfe gestiegen,« spottete Hartmut. »Schade, daß der Bengel so bildhübsch ist! Eine Millionärin zeichnet sich gewöhnlich nicht durch hohe Geistesgaben aus, und da hat er mit dem Gesicht und der Geniekomödie möglicherweise Aussichten, da wird seine sonstige Dummheit mit in den Kauf genommen. Uebrigens warst du noch viel zu zahm in deiner Predigt, ich hätte ihn ganz anders ins Gebet genommen. Wenn er mir einmal kommt mit der ›eigentlich schon abgeschlossenen Zukunft‹, dann gnade ihm Gott!« Raimar wollte antworten, da wurde die Hausthür geöffnet, und ein alter Herr trat herein, so eilig, daß er sich kaum Zeit nahm, zu grüßen. »Aber, Ernst, was soll das heißen?« rief er vorwurfsvoll. »Maxl ist hier, die halbe Stadt weiß es schon, und ich erfahre es eben erst durch den Bürgermeister, der hat es von der Frau Doktor, und die weiß es von dem Apotheker, der den Maxl vorbeifahren sah. Warum hast du denn nicht zu mir geschickt?« »Max kam gestern spät abends und ganz unerwartet,« sagte Ernst. »Er wäre heut jedenfalls zu dir gekommen, Onkel Treumann.« Herr Notar Treumann, der bereits in der Mitte der Sechzig stand, war ein kleines, bewegliches Männchen, mit grauen Haaren und scharfen grauen Augen, noch sehr rüstig und lebhaft für seine Jahre. Er wandte sich jetzt erst an den Freund seines Neffen, den er bereits kennen gelernt hatte. »Ihr Diener, Herr Major! Nun, wie gefällt Ihnen unser Heilsberg? Interessant, nicht wahr, hochinteressant! Und die Hauptsachen haben Sie noch gar nicht gesehen. Sie müssen nach dem Rathaus kommen, da haben wir eine historische Sammlung, Urkunden, Waffen, Marterinstrumente aus den Hexenprozessen, wir haben eine ganze Folterkammer zusammengestellt, die müssen Sie sehen!« »Danke, ich inkliniere nicht für Folterkammern,« sagte der Major trocken. »Wenn Sie einen historischen Burg- oder Klosterkeller hätten – mit Inhalt natürlich – das wäre eher mein Fall.« »Bedaure, den haben wir nicht,« gestand der alte Herr, »aber im ›goldenen Löwen‹ finden Sie auch einen guten Tropfen. Dort haben wir heute abend Zusammenkunft, Sitzung des historischen Vereins. – Du bringst deinen Freund natürlich mit, Ernst.« »Du wirst uns wohl entschuldigen müssen, Onkel,« warf Ernst ein. »Arnold ist erst seit vorgestern hier, und da möchten wir doch –« »Was, du willst wieder nicht kommen?« unterbrach ihn der Onkel entrüstet, »Zwei Sitzungen hast du schon versäumt, heute werden wir wohl endlich auf die Ehre deiner Gegenwart rechnen dürfen. Freilich, du interessierst dich ja weder für das Historische noch für Heilsberg überhaupt, da hat der Maxl mehr Herz für seine Heimat. Denken Sie nur!« wandte er sich triumphierend an den Major. »Er hat seine Heilsberger Studien in Berlin im Kunstverein ausgestellt, alle Welt hat sie gesehen, die Zeitungen haben sie besprochen. Ja, unser Maxl, das ist ein Talent! Der wird die Familie noch zu Ehren bringen und Heilsberg berühmt machen mit seinem Genie. Aber wo ist er denn?« »Das Familiengenie sitzt im Garten,« sagte der Major. »Wir haben es schon gebührend bewundert.« »So, da will ich doch gleich zu ihm. Also heut abend um sieben Uhr, im goldenen Löwen! Sitzung – Vorträge und dann ein gemütliches Zusammensein. Da bringen wir dem Maxl eine Ovation für seine Heilsberger Studien, habe ich schon abgemacht mit dem Bürgermeister, alles abgemacht!« Damit schoß der Herr Notar davon und in den Garten, um das Familiengenie gleichfalls zu bewundern. Hartmut sah ihm ärgerlich nach. »Der Herr Onkel scheint das Geschäft deiner Frau Mama fortzusetzen,« bemerkte er. »Die ging auch ganz auf in der Anbetung ihres genialen Maxl.« »Ja, er steht sehr in Gunst bei dem Onkel,« sagte Ernst. »Was gibt es denn?« Die letzten Worte waren an den Schreiber gerichtet, der eben aus der Kanzlei trat und eintönig meldete: »Herr Notar, Anton Lechner und Johann Obermaier sind da und wollen einen Vergleich schließen wegen des Feldheimer Ackers – und vom Herrn Bürgermeister ist auch Bescheid gekommen wegen Verpachtung der Viehweide auf dem Gemeindeanger – und um zwölf Uhr kommt der Herr Apotheker wegen seiner Erbschaftssache –« »Es ist gut, ich weiß schon,« sagte Raimar müde. »Auf Wiedersehen, Arnold!« Er ging in seine Kanzlei und der Major stieg die Treppe hinauf, aber dabei brummte er wütend. »Und das hält er nun Tag für Tag aus! Bauernacker und Viehweide auf dem Gemeindeanger und apothekerliche Erbschaft – eigentlich ist es ein Wunder, daß Ernst nicht verrückt geworden ist dabei. Ich wäre es längst schon!« Inzwischen saß Notar Raimar in seiner Kanzlei und hörte zu, wie Anton Lechner und Johann Obermaier ihm weitschweifig auseinandersetzten, daß sie sich jetzt wegen des Feldheimer Ackers, um den sie so lange gestritten, vergleichen wollten. Dabei gerieten sie aber aufs neue in Hader und Zank und kamen beinahe bis zu Thätlichkeiten. Dann wurde die Verpachtung des Gemeindeangers erledigt, und zum Schluß erschien der Herr Apotheker, von dessen Erbschaft die ganze Stadt seit vier Wochen sprach, feierlich, im schwarzen Rock, einen Flor um den Arm, um die notarielle Beglaubigung einiger Unterschriften vollziehen zu lassen, mit denen jene welterschütternde Thatsache bestätigt werden sollte. Heilsberg war ein altertümliches Städtchen, das sich sogar einer historischen Vergangenheit rühmen konnte. Es hatte im Mittelalter bei den Fehden des in der Gegend ansässigen Adels öfter eine Rolle gespielt, die Stadtchronik gab beglaubigte Kunde davon. Die noch erhaltenen Reste des ehemaligen Wallgrabens und seiner Türme, das Rathaus und verschiedene Bürgerhäuser stammten noch aus der alten Zeit, und der nahe Burgberg trug die zerfallenen Mauern eines alten Grafenschlosses. Für die undankbare Gegenwart war das freilich verschollen und vergessen, denn Heilsberg lag abseits von allen Verkehrslinien. Die nächste Eisenbahnstation war mehrere Stunden entfernt, und sonst gab es keine größeren Orte in der Nachbarschaft, nicht einmal eine Sommerfrische. Die bescheidenen Reize der Landschaft zogen die Fremden nicht an, und so kam es, daß das Städtchen sich einer idyllischen Ruhe und Abgeschlossenheit erfreute, wie sie im Zeitalter des Verkehrs selten sind. Die Heilsberger waren freilich nicht einverstanden damit, sie empfanden diese Abgeschlossenheit als eine Zurücksetzung, um so mehr, als Neustadt, die erwähnte Bahnstation, sie längst überflügelt hatte. Dort lagen die Steinfelder Gruben und Hüttenwerke in unmittelbarer Nähe, fast vor den Thoren der Stadt, und das brachte dieser unberechenbare Vorteile. Das große industrielle Unternehmen war förmlich aus dem Boden emporgeschossen und hatte in wenigen Jahren einen Umfang und eine Bedeutung erlangt, zu der andere ein halbes Menschenalter brauchten. Dem Besitzer der Werke standen freilich der Einfluß und die Mittel zu Gebote, um jeder seiner Schöpfungen den Erfolg zu sichern, Felix Ronald spielte eine erste Rolle in der Finanzwelt und galt für einen der kühnsten, aber auch der genialsten Spekulanten. Er hatte sich in unglaublich kurzer Zeit zu der Höhe des Reichtums emporgeschwungen. Vor zehn Jahren noch in einer abhängigen Stellung in einem Bankhause, hatte er durch glückliches Börsenspiel den Grund zu seinem Vermögen gelegt und damit Unternehmungen begonnen, die bald genug in das Große gingen. Was andere erst nach jahrelanger Arbeit erreichten, das gewann er mit einem kecken Wagnis in Monaten. Das alte Sprichwort vom Wagen und Gewinnen bewährte sich auch hier. Ronald schien in der That das Geheimnis zu besitzen, Glück und Erfolg an sich zu fesseln, sie blieben ihm treu, mochte der Einsatz auch noch so hoch sein, und er wagte oft genug ein hohes Spiel. Jetzt war er eine Macht geworden, deren Einfluß sich nicht nur an der Börse, auch in der Presse, selbst bei der Regierung geltend machte, deren rastlose Thätigkeit sich auf alle möglichen Gebiete erstreckte. Er wußte alles an sich zu ketten, alles seinen Zwecken dienstbar zu machen und beherrschte das ganze weite Feld seiner Unternehmungen mit bewundernswerter Energie. Nach den Steinfelder Werken kam er nur selten, die technische Leitung lag in den Händen seiner Oberbeamten, die geschäftliche in Berlin, wo der Chef seinen Wohnsitz hatte. Jedenfalls wurde der Betrieb in großartigster Weise geführt. Neustadt war eigentlich nur der Vorort der großen Steinfelder Kolonie geworden, aber die zahlreichen Beamten, die sämtlichen Arbeiter verkehrten in der Stadt, wohnten sogar zum Teil dort. Neustadt hatte die Bahnlinie erhalten und spielte eine große Rolle in der Provinz, Das kannte jeder, davon sprach alle Welt – von Heilsberg wußte man auf einige Kilometer Entfernung kaum mehr, daß es auf der Welt sei, und Heilsberg war doch »historisch«! Dort gab es meist nur Bauerngüter in der Umgegend, der einzige herrschaftliche Besitz war Gernsbach, das eine Stunde von der Stadt entfernt lag. Es gehörte einer verwitweten Dame, die es mit ihrem kleinen Töchterchen bewohnte, und das geräumige, etwas altertümliche Herrenhaus, mit der breiten Steinterrasse und dem großen, schattigen Park war in der That ein behaglicher Wohnsitz. Die ziemlich umfangreiche Gutswirtschaft war verpachtet für eine recht ansehnliche Summe. Frau von Maiendorf galt überhaupt, wenn nicht für reich, doch für sehr wohlhabend. Es war in den Morgenstunden eines sonnigen Maitages, auf der Terrasse des Herrenhauses saßen zwei Damen am Frühstückstisch, während ein kleines, etwa siebenjähriges Mädchen sich mit Ballspielen vergnügte und dabei lustig die steinernen Stufen auf und ab sprang. »Ich fürchtete schon, du würdest nicht Wort halten mit dem versprochenen Besuche,« sagte die ältere. »Freilich, was kann ich dir bieten, du verwöhnte Prinzessin, hier in der Stille und Einsamkeit des Landlebens!« »Du ahnst nicht, Wilma, wie wohl mir diese Stille thut,« erwiderte die jüngere. »Wenn du wüßtest, was man uns alles zugemutet hat in dieser Saison – es war wirklich etwas zu viel.« »Ja, ich hielte diesen ewigen Strudel des Gesellschaftslebens nicht aus,« erklärte Wilma. »Du bist freilich daran gewöhnt, Edith, Du hast ja schon seit dem Tode deiner Mutter die Dame des Hauses vertreten müssen, eine schwere Aufgabe, du warst damals erst sechzehn Jahre alt.« »Das lernt sich,« sagte Edith ruhig. »Wenn es nur auf die Dauer nicht so ermüdend wäre! Immer neue Gesichter und immer dieselben Menschen, dieselben Redensarten und Komplimente! Wie selten findet man einen darunter, mit dem es sich überhaupt lohnt, zu reden, und wenn man näher zusieht, hält das Interesse auch nicht stand – er ist eben wie all die anderen.« Das herbe Urteil kam aus dem Munde einer jungen Dame von zwanzig Jahren. Edith Marlow war in der That ein schönes Mädchen, mit regelmäßigen, etwas kalten Zügen und großen braunen Augen, die sehr klug in die Welt blickten. Kühle, vornehme Ruhe war überhaupt der hervorstechende Zug in ihrem Aeußeren, und dazu gesellte sich eine gewisse Herablassung gegen alles, was ihr nicht als ebenbürtig erschien. Sie war im hellen Morgenkleide, das braune Haar nur lose aufgesteckt, aber sie verleugnete selbst hier, in dieser zwanglosen Umgebung, nicht die Weltdame. Wilma von Maiendorf stand dagegen schon am Ende der Zwanzig, sah aber noch sehr jugendlich aus. Die zierliche Gestalt mit dem blonden Haar und den hellen Augen konnte freilich nicht auf Schönheit Anspruch machen, aber es lag ein eigener Reiz in diesen weichen Zügen, der selbst neben der blendenden Erscheinung ihrer Cousine noch standhielt. »Du wohnst recht behaglich hier,« hob die letztere wieder an. »Gernsbach ist ein sehr hübscher Sommersitz, aber wie hältst du es nur das ganze Jahr hier aus?« »Ich komme ja in jedem Jahre nach Berlin,« warf Wilma ein. »Auf sechs oder acht Wochen, und dann sitzest du wieder allein hier in Schnee und Einsamkeit. Weshalb denn? Dein Vermögen erlaubt dir doch einen regelmäßigen Winteraufenthalt in Berlin. Papa meint überhaupt, du solltest dich wieder vermählen, du bist ja seit fünf Jahren Witwe. Es hat sich schon so mancher um dich bemüht, aber du läßt es nie zu einer Bewerbung und Aussprache kommen.« »Weil ich stets im Zweifel war, ob diese Bewerbung mir oder Gernsbach galt.« »Vermutlich beiden! Das ist nun einmal nicht anders in unserer Zeit. Die Männer rechnen alle, müssen es meist thun, deine Eltern haben es auch gethan, als sie dir Maiendorf zum Gatten auswählten. Er rechnete allerdings nicht, denn das Vermögen war auf seiner Seite, aber – warst du denn so glücklich mit dem Manne, der dich nur um deiner selbst willen nahm?« Wilma blieb die Antwort schuldig auf diese kluge, kühle Auseinandersetzung. Edith war ja noch ein Kind gewesen, als ihre Cousine sich vermählte, aber sie wußte durch ihren Vater, daß jene kurze Ehe keine glückliche gewesen war. Der derbe, rohe Landjunker, dem das junge Mädchen auf Andrängen der Eltern die Hand gereicht hatte, war ein sehr tyrannischer Ehemann gewesen. Er hatte die Zeit mit Trinken und Spielen vergeudet und, nachdem die erste verliebte Tändelei vorüber war, sich kaum mehr um Frau und Kind gekümmert. Die junge Frau hatte das schweigend getragen, ohne zu klagen, aber ein Geheimnis war es auch für ihre Verwandten nicht geblieben, und die Erinnerung that ihr noch jetzt weh, das sah man an dem schmerzlichen Zucken ihrer Lippen, auch Edith sah es und lenkte ein. »Verzeih, ich wollte dich nicht kränken, aber du bist achtundzwanzig Jahre, da hat man doch noch ein Anrecht an das Leben.« »Soll ich meiner Lisbeth einen Stiefvater geben, der kein Herz für sie hat, dem sie vielleicht sogar im Wege ist, mit ihren Ansprüchen an Gernsbach?« fragte Wilma gepreßt. »Um keinen Preis! Dein Vater meint es gut, ich weiß es – er kommt also erst übermorgen?« »Jawohl, er ist erst noch mit Herrn Ronald nach Steinfeld gefahren, in Geschäften natürlich. Die Werke sollen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, und Papa wird die Finanzierung übernehmen, sie haben da weitgehende Pläne. Vermutlich kommt Ronald auch einmal nach Gernsbach herüber, wenigstens sprach er davon bei seiner Abreise. Du hast ihn ja in unserem Hause kennen gelernt, da wird er dir wohl einen Besuch machen.« »Mir?« die junge Frau lächelte. »Nein. Edith, so eitel bin ich nicht, zu glauben, der Mann, der eine solche Rolle in der Welt spielt und nie eine Stunde übrig hat, würde mich in meinem einfachen Hause aufsuchen. Er kennt mich ja nur ganz flüchtig, aber freilich, du bist hier – das ändert die Sache.« »Hat dir Papa etwa schon eine Andeutung gemacht?« fragte Edith mit einem raschen Aufblick. »Nein, aber ich sah ja selbst, wie Ronald dich auszeichnete, und der Onkel ist offenbar ganz von ihm eingenommen.« »Gewiß, er schätzt seine Thatkraft und Energie sehr hoch, er nennt ihn eine geniale Kraft, die das Glück zu zwingen versteht und in Zukunft noch weit mehr leisten wird. Bis jetzt ist Ronald freilich nur ein kühner glücklicher Spekulant gewesen; vielleicht läßt er sich zu Größerem spornen.« »Und dieser Sporn wirst du sein?« neckte Wilma. »Ich dachte es mir, daß diese Verbindung der Wunsch und Wille des Onkels war.« »Hier kommt es doch wohl auf meinen Willen an,« sagte die junge Dame hoheitsvoll. »Ich lasse mir darin nichts vorschreiben. Das weiß mein Vater. Uebrigens hat sich Ronald noch nicht erklärt, wenigstens mir gegenüber nicht.« »Ist er denn wirklich ein solcher Krösus?« fragte die junge Frau. »Man spricht von, ich weiß nicht wie vielen Millionen.« Die Lippen des schönen Mädchens kräuselten sich verächtlich und ihre Augen blitzten auf. »Denkst du, daß mich das bestimmt? Ich will nicht nur die Frau eines reichen Mannes heißen. Der Mann, dessen Namen ich trage, soll mehr sein als all die anderen. Er soll sich und mich emportragen zu den Höhen des Lebens, ich muß auf ihn stolz sein können. Ronald steht bereits auf einer Höhe, wo ihm so leicht keiner nachklimmt, er ist eine Macht geworden, vor der sich alles beugt – es würde sich schon lohnen, an seiner Seite zu leben!« »Ja – hast du ihn denn auch lieb?« fragte die kleine Frau von Maiendorf ganz naiv. Edith sah sie mit einem etwas erstaunten Blick an, sie hatte sich diese Frage offenbar noch gar nicht vorgelegt, dann aber erwiderte sie mit voller Gelassenheit: »Wir sind uns ja bisher noch gar nicht so nahe getreten. Ein Mann wie Ronald hat wenig Zeit, auch für seine Werbung, aber mit der Gemeinsamkeit der Interessen kommt auch die Neigung, das findet sich in der Ehe.« »Nein, das findet sich nicht!« sagte Wilma leise. »Man kann sich fremd bleiben und immer fremder werden. Wenn ich mein Kind nicht gehabt hätte – Lisbeth, komm zu mir!« Die Kleine folgte dem Rufe und kam herbeigelaufen, es war ein munteres, rosiges Ding, mit den hellen Augen der Mutter, die ihm jetzt zärtlich die Arme entgegenstreckte. »Siehst du, Edith, ich habe trotzdem nicht gedarbt an Liebe. Ich hatte ja meine Lisbeth, und die hat mir alles, alles ersetzt. Gelt, mein süßer kleiner Wildfang?« Die Kleine antwortete mit stürmischen Liebkosungen. Edith lächelte flüchtig, aber sie sagte zugleich tadelnd: »Du verwöhnst das Kind mit dieser überschwenglichen Zärtlichkeit. Ich lerne das ausgelassene kleine Ding wirklich erst hier kennen, in Berlin ist es so scheu und fremd, aber das kommt von dieser einsamen Erziehung. Lisbeth kennt und sieht ja nichts als dich allein; was soll denn daraus werden, wenn sie einmal in das Leben treten soll? – Doch ich will mich jetzt umkleiden und einen Spaziergang in den Wald machen. Auf Wiedersehen!« Sie erhob sich, küßte mit kühler Freundlichkeit das Kind und ging in das Haus. Lisbeth hatte andächtig zugehört, wie ihre Mama von der viel jüngeren Verwandten abgekanzelt wurde: Ganz unbegründet mochte jener Vorwurf wohl nicht sein, denn die Kleine hegte eine sichtbare Scheu vor der schönen, vornehmen Tante. Auch jetzt blickte sie ihr nach und fragte in einem äußerst respektvollen Tone: »Mama – Tante Edith ist wohl sehr klug?« Wilma lachte laut auf bei der naiven Frage, es war ein frisches, beinahe kindliches Lachen, dann aber nahm sie das blonde Köpfchen zwischen ihre Hände und küßte es. »Ja, Lisbeth, sehr klug!« bestätigte sie. »Viel klüger als ich und du, aber es wird einem so kalt dabei. Du brauchst nicht so eisig klug zu werden – deine Mama ist es auch nicht!« +++ Die Umgebung von Heilsberg bot keine malerischen Reize, nur Wälder und Wiesen und fern am Horizont einen duftig blauen Höhenzug, aber der Wald war hier von einer seltenen Schönheit. Die prächtigen alten Forste, die als Staatseigentum sorgfältig geschont und geschützt wurden, dehnten sich stundenweit aus, man konnte sich verlieren in diesen tiefen, stillen Waldgründen. Draußen flutete der helle Sonnenschein des Maitages, aber hier im Tannendunkel war es schattig kühl, und auf dem moosbedeckten Boden lag noch der Morgentau, als Edith Marlow den schmalen, halb verwachsenen Fußweg dahinschritt. Sie hatte den Spaziergang gar nicht so weit ausdehnen wollen, aber es war ihr so neu, ganz allein durch den einsamen Forst zu streifen. Sie kannte als Sommeraufenthalt ja nur die großen Seebäder und Kurorte, wo man immer von einem Schwarm von Menschen umgeben war, wo man auf Schritt und Tritt Bekannten begegnete und der Begriff Einsamkeit überhaupt nicht vorhanden war. Diese Waldesstille umfing sie mit dem ganzen Reiz des Fremden, Ungewohnten und lockte sie immer weiter und weiter. Da plötzlich endete der Weg an einer niedrigen, halb zerbröckelten Mauer, hinter der sich so etwas wie eine grüne Wildnis auszudehnen schien. Die junge Dame blieb befremdet stehen, sie sah weder ein Haus noch sonst eine Wohnstätte, und doch war der Platz umfriedet und sogar durch ein Gitterthor abgeschlossen. Der Zugang war freilich leicht genug, das verrostete Gitter hing nur lose in den Angeln und gab einem leisen Drucke nach. Edith that noch einige Schritte vorwärts und stand nun inmitten eines kleinen Friedhofes, der einsam und ganz verwildert und verwachsen tief im Herzen des Waldes lag. Er mochte wohl aus der alten Zeit stammen, wo es hier noch Waldbauern gab, die in ihren abgelegenen, weit zerstreuten Gehöften wohnten und dort gemeinsam ihre Kirche und ihre Grabstätten hatten. Die Lebenden waren längst schon hinausgezogen aus dem düstern Forst in die Dörfer, das Kirchlein war zerfallen, aber man schonte pietätvoll die Ruhestätte der Toten, die hier vergessen schlummerten. Mächtige dunkle Tannen erhoben sich darüber, und dazwischen war ein ganzer Wald von Flieder- und Holundergebüschen emporgewachsen. Dichtes Riedgras wucherte auf dem Boden und auf den eingesunkenen Hügeln. Die schlichten Holzkreuze waren längst zerfallen und vermodert, die eisernen Gedenktafeln vom Roste zerfressen, nur die Grabsteine trotzten der Zeit und der Vergänglichkeit. Sie hoben sich grau und verwittert aus dem Moos und dem wilden, üppigen Rankenwerk, das sich darüber hinspann, und hie und da waren noch einzelne Worte der Inschriften erkennbar. Drüben unter den Tannen war ein uraltes Gemäuer sichtbar, die Ueberreste der einstigen Waldkirche, dorthin lenkte Edith ihre Schritte, als sie zu ihrer Ueberraschung gewahrte, daß sie nicht allein hier sei. Vor der Mauer stand die hochgewachsene Gestalt eines Mannes, der ein altes Denkmal sehr angelegentlich zu betrachten schien, sich aber beim Nahen der Schritte umwandte. Auch er schien überrascht, zog aber, als er eine Dame erblickte, leicht grüßend den Hut und trat seitwärts, um sie vorbeizulassen. Edith dankte flüchtig und wollte vorübergehen, geriet aber dabei in ein Brombeergesträuch, dessen wuchernde Ranken ihr den Weg verlegten, und ein ungeduldiger Versuch, sich zu befreien, verstrickte sie noch tiefer darin. Der Fremde kam ihr artig zu Hilfe, aber die eigensinnigen Ranken, die sich an ihr Kleid festgeklammert hatten, wollten nicht loslassen. Es dauerte einige Minuten, bis es ihm gelang, sie zu entfernen. »Ich danke,« sagte die junge Dame in ihrer kühlen, herablassenden Weise, sie hielt es aber jetzt doch für nötig, noch einige Worte zu sprechen, und so warf sie die Bemerkung hin: »Ein seltsamer Ort, dieser einsame Friedhof, mitten im tiefen Walde!« »Und ein schöner Ort! Hier dringt kein Laut des Lebens herüber, hier stört nichts den ernsten, heiligen Todesfrieden.« Edith blickte überrascht auf, sie hatte auf ihre gleichgültige Bemerkung eine ähnliche erwartet. Die Worte berührten sie ebenso eigentümlich wie der halb verschleierte Klang der Stimme. Sie ließ sich jetzt erst herab, den Fremden näher anzusehen. Es war ein Mann in mittleren Jahren, eine schlanke, durchaus vornehme Erscheinung mit dunklen Augen, in denen ein ernster, ja düsterer Ausdruck lag. Die Art, wie er sprach, wie er sich verneigte und ihr jenen kleinen Dienst leistete, verriet, daß er mit den Formen der höheren Gesellschaft vollkommen vertraut war. Das konnte doch kein Heilsberger Bürger sein! In der jungen Dame begann sich eine flüchtige Neugier zu regen. »Ich bin ganz zufällig auf einem Spaziergange hierher geraten, Sie sind vermutlich in dem gleichen Falle,« sagte sie, wie mit einer halben Frage. »Nein, ich bin auf dem Wege nach Steinfeld, aber ich wollte die Fahrt auf der sonnigen, staubigen Landstraße abkürzen und habe meinen Wagen vorausgesandt. Der Waldweg ist so schön, und da lockte es mich hier zum Eintritt,« war die einfache Antwort. Die Nahe Steinfelds erklärte allerdings den Besuch eines Fremden in dieser Gegend. Die dortigen Werke hatten ja Beziehungen in aller Welt, sie standen in regelmäßiger Verbindung mit Berlin, und die großartigen Anlagen galten überhaupt für eine Sehenswürdigkeit, sie wurden oft genug besichtigt, vielleicht war das auch hier die Veranlassung. Wenn Edith sich noch im Zweifel über die Persönlichkeit ihres Gefährten befand, so war ihm die ihrige kein Geheimnis mehr. Ernst Raimar hatte längst erraten, mit wem ihn der Zufall hier zusammenführte. Die junge Dame trug zwar auf diesem Waldspaziergange nur ein einfaches Lodenkleid und einen ebenso einfachen Strohhut, aber ihr ganzes Aeußere verriet, welchen Lebenskreisen sie angehörte. Solche Erscheinungen gab es nicht in der Umgebung von Heilsberg, das konnte nur der Gast der Frau von Maiendorf sein. Der schweigsame, zurückhaltende Mann würde unter anderen Umständen wohl die Unterhaltung abgebrochen und sich mit einem Gruße entfernt haben, jetzt blieb er. Er wollte doch Näheres über die Frau erfahren, an die sich die etwas verwegenen Hoffnungen seines Bruders knüpften. Schön war sie, gewiß! Ob aber dies schöne Mädchen mit den stolzen, kalten Zügen und der sehr selbstbewußten Haltung wirklich den jungen Maler liebte, der ihr noch nicht einmal einen Künstlernamen bieten konnte? Ob er in der That hoffen durfte? Es galt, darüber ins klare zu kommen. »Der Friedhof ist sehr alt,« sagte Raimar, an seine letzte Bemerkung anknüpfend, »Man kann noch hie und da die Jahreszahl auf den Grabsteinen entziffern. Es ist auch ein Stück der historischen Vergangenheit, auf die Heilsberg so stolz ist.« »Heilsberg? Sie stammen doch nicht aus dem kleinen Landstädtchen?« Die Frage klang erstaunt und ungläubig, Ernst zögerte einen Augenblick, dann erwiderte er ruhig: »Nein, mein gnädiges Fräulein, meine Heimat ist Berlin.« »Ah so!« Die Auskunft schien die junge Dame zu befriedigen, sie fuhr mit leichtem Spotte fort: »Jedenfalls ist dies Heilsberg eine längst verschollene Merkwürdigkeit, aber man weiß in Berlin wenigstens, daß es auf der Welt ist. Vor einigen Monaten waren im Kunstverein ein paar sehr hübsche Aquarelle ausgestellt, Heilsberger Studien, das Rathaus, ein altes Stadtthor und ähnliches.« »Vielleicht von Max Raimar?« »Ja – Sie kennen ihn?« »Er ist augenblicklich in Heilsberg, und ich komme eben von dort. Man scheint Hoffnungen auf die Zukunft des jungen Mannes zu setzen, es wird ihm allseitig Talent zugesprochen.« »Gewiß hat er Talent,« sagte Edith mit einiger Lebhaftigkeit, »und hoffentlich erobert er sich damit eine Zukunft. Freilich, wenn ein junger Künstler jahrelang ringen und arbeiten muß, um sich nur das Studium zu ermöglichen, wenn er fortwährend mit Verkennung, Unterdrückung, mit feindseligen Einflüssen in der eigenen Familie zu kämpfen hat, das muß ja seinen Flug hemmen.« »Unterdrückung? Feindselige Einflüsse?« wiederholte Raimar, der mit steigender Verwunderung, aber für den Augenblick noch ganz verständnislos zuhörte. »Das Talent des jungen Mannes ist doch nur gestützt und gefördert worden, es standen ihm hinreichende Mittel zu Gebote – so hörte ich wenigstens.« »Da sind Sie falsch berichtet,« erklärte Edith mit voller Bestimmtheit. »Ich weiß von Raimar selbst, wie schwer er sich hat losringen müssen von einer Umgebung, die nicht das mindeste Verständnis für Kunst und Künstlerberuf hatte und ihn in ihrem spießbürgerlichen Kreis festhalten wollte. Es zeugt immerhin von Charakter, daß er den Mut hatte, diese Fesseln zu zerreißen, und den Kampf mit dem Leben aufnahm, um, ganz auf die eigene Kraft gestellt, seinem inneren Drange zu folgen.« Ein unendlich bitteres Lächeln zuckte um Ernsts Lippen, er begriff jetzt, auf welche Art sich sein Bruder »interessant« gemacht hatte in den Berliner Kreisen. Ein junger Maler, der stets als ein Wunderkind von den Seinen verwöhnt und verhätschelt worden war, der in aller Behaglichkeit, mit reichlichen Mitteln versehen, seine Studien vollendete, war eben nichts Besonderes. Aber das ringende, kämpfende Genie, das die unwürdigen Fesseln zerbrach und in die Welt hinausging, um sich mit eigener Hand Leben und Zukunft zu erobern, das erweckte Interesse und Bewunderung. Max mußte die Dame seines Herzens wohl ziemlich genau kennen, bei ihr war das Manöver entschieden geglückt, das zeigte ihre lebhafte Parteinahme. »Das wußte ich in der That nicht,« sagte Raimar langsam. »Ich hörte nur, daß der junge Maler einen älteren Bruder besitzt, der ihn teilweise erzogen hat. Vermutlich ist dieser Bruder das ›Hemmnis‹ in seinem Leben gewesen.« Edith zuckte mit sehr verächtlicher Miene die Achseln. »Vermutlich! Ein alter, verknöcherter Hagestolz, der von der Welt nichts weiß und in seinem Heilsberg lebt und stirbt, wo er, glaube ich, Notar ist. Von dem ist allerdings nicht zu erwarten, daß er Höheres auch nur begreift. Ich habe dies kleine weltverlorene Städtchen kürzlich bei der Durchfahrt kennen gelernt, Raimar hatte es mir auch bereits geschildert – man ist ja wie lebendig begraben an einem solchen Orte!« »Lebendig begraben – jawohl! Dort ist man tot für die Welt und das Leben.« Die junge Dame richtete den Blick groß und fragend auf den Sprechenden. Die Worte waren ja zustimmend, aber es klang darin wie ein dumpfer, mühsam niedergehaltener Groll, und in den dunklen Augen blitzte es auf, fast wie eine Drohung. Eine andere hätte das vielleicht befremdend und unheimlich gefunden, Edith Marlow wurde gefesselt dadurch. Der Mann fing an, sie zu interessieren, er war offenbar nicht wie »all die anderen«, über die sie heut morgen so verächtlich den Stab gebrochen hatte. In seiner Haltung, seinem ganzen Wesen lag etwas, das dem an sich so gleichgültigen Gespräch den Charakter des Ungewöhnlichen gab, oder war es nur dieser Ort und diese Stunde, die so ganz der Alltäglichkeit entrückt schienen? Draußen lag der Wald in schweigender Mittagsruhe, die hohen, düsteren Tannen standen so dicht ringsum, als wollten sie die kleine vergessene Ruhestätte schützen und verbergen vor der Welt da draußen, aber auf dem grasbewachsenen Boden und den eingesunkenen Hügeln lag goldenes Sonnenlicht. Bunte Falter gaukelten darüber hin, wilde Bienen summten und hingen sich an Blumen und Gesträuche, der ganze Friedhof war ein blühender Garten. Von der einstigen Waldkapelle standen nur noch die äußeren Mauern, und innen war ein ganzer kleiner Frühlingswald lustig emporgewachsen. Aus dem Maiengrün schimmerten überall die weißen Blüten des Holunders, und hundertjähriger Epheu umspann die Trümmer mit seinen dichten Netzen. Er umrankte auch das uralte Grabdenkmal, das, in die Mauer eingefügt, den Verfall überdauert hatte. Es war bemoost und verwittert, man unterschied nur noch ein Kreuz und darunter eine Inschrift, die sich nicht mehr entziffern ließ, aber es schien ein frommer Spruch zu sein, von dem noch hie und da ein Buchstabe zu erkennen war. Nur ein einziges Wort stand noch deutlich lesbar in dem schwarzgrauen Gestein: Erwachen! Tiefe Stille ringsum, nur das leise Wehen und Flüstern der Gesträuche, das Summen der Insekten, das wie ferne Musik klang, und jetzt der helle Ruf einer Amsel. Er kam aus jener grünen Wildnis, inmitten der zerfallenen Mauern, erst in einzelnen Locktönen, dann ward er zum Gesange. Ein Lied, so einfach süß und doch so voll jubelnder Maienlust, als gäbe es an dieser Stätte des Todes nur Licht und Leben. Edith stand regungslos und lauschte den Tönen, die sie noch nie gehört. Der Amselschlag erklang ja nur in der Stille, der Einsamkeit, und das gab es nicht in ihrem glänzenden, bewegten Leben. Da gab es auch nicht so seltsame Stunden, wie diese hier, so ernst, zwischen den halbversunkenen Gräbern, und so traumhaft schön mit ihrem leisen Frühlingsweben, eine Stunde, wie aus einem Märchen emporgestiegen. Es war ein minutenlanges Schweigen eingetreten. Edith fühlte, daß die Augen ihres Gefährten unverwandt auf ihr ruhten, es war kein neugieriges Anstarren, das sie verletzte, aber es wachte eine rätselhafte, halb beklemmende Empfindung auf unter diesem Blicke, als übe er irgend einen Zwang aus. Sie empfand das, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und in diesem langen Schweigen lag auch etwas Lastendes, Bedrückendes. Sie brach es deshalb mit der in gleichgültigem Gesprächston hingeworfenen Frage: »Sie kannten den kleinen Waldfriedhof bereits?« »Jawohl!« lautete die ruhige Antwort. »Ich versuchte vorhin, die alte Inschrift dort zu entziffern, es ist aber nicht mehr möglich, nur ein einziges Wort ist noch erkennbar.« Er wies auf das verwitterte, moosbedeckte Denkmal an der Kirchenmauer, Edith folgte der Richtung seiner Hand. »Erwachen!« las sie halblaut. »Ein verheißungsvolles Wort!« »Für die Toten, gewiß!« ergänzte Raimar mit schwerer Betonung. »Nun, für die anderen gilt es auch nicht,« sagte die junge Dame in ihrer kühlen, bestimmten Art. »Wer noch mitten im Leben steht, der muß wach sein und wach bleiben.« »Es gibt aber viele, die abseits stehen vom Leben. Wen das Schicksal zum Beispiel an einen ›weltverlorenen Ort‹ wie dies Heilsberg versprengt hat –« »Ich sprach von Menschen, die etwas sein und bedeuten wollen im Leben,« unterbrach Edith, »Die anderen zählen nicht.« »Ganz recht, die zählen nicht! Aber der Wille ist nicht immer allmächtig und nicht jeder erreicht das ersehnte Ziel. Sie, mein Fräulein, stehen vielleicht auf den Höhen des Lebens. Dort sehen Sie nur die Sieger im Kampfe, nicht die Unterliegenden. Die verschwinden im Dunkel und gehen irgendwo zu Grunde.« Edith hob mit einer stolzen Bewegung den schönen Kopf. »Nun, wer ein solches Los ertragen kann, der mag es thun. Ich halte es mit denen, die auch im Lebenskampfe zu siegen oder zu fallen wissen. Wer ihn feig verläßt vor der Entscheidung, der ist eben ein Feigling.« Raimar zuckte leise zusammen, als habe das schmachvolle Wort ihm gegolten, und sein Auge heftete sich düster und vorwurfsvoll auf sie, als er halblaut sagte: »Sie urteilen sehr schonungslos.« »Ich urteile nur nach meinem eigenen Gefühl, und das sagt mir, wie ich handeln würde, wenn ich ein Mann wäre. Ein energischer Wille weiß sich Bahn zu schaffen im Leben. Sie wollen ja nach Steinfeld – dort haben Sie ein Beispiel, was ein solcher Wille vermag.« »Sie meinen den Herrn der großen Steinfelder Werke, Felix Ronald?« Die Frage klang eigentümlich herb. »Gewiß, der Name ist ja jetzt in aller Munde. Ein so schwindelnd schnelles Emporsteigen und so ungemessene Erfolge ist man in Deutschland nicht gewöhnt.« »Nein. Ein so schwindelhaftes Glück ist bei uns in der That unerhört.« »Hier handelt es sich doch wohl um mehr als blindes Glück,« sagte die junge Dame, gereizt durch den Ton, in dem etwas beinahe Verächtliches lag. »Ronald war arm, in abhängiger Stellung, ohne einflußreiche Verbindungen, er verdankt all seine Erfolge nur sich selbst und seiner rastlosen Energie. Freilich, um das zu erreichen, muß man nicht nur ein energischer, sondern auch ein genial beanlagter Mann sein.« »Oder ein –« Raimar brach plötzlich ab und preßte die Lippen zusammen, als habe er bereits zu viel gesagt. »Nun – oder? Weshalb fahren Sie nicht fort?« »Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, aber wir geraten da auf ein ganz persönliches Gebiet, Sie kennen Herrn Ronald vielleicht näher, jedenfalls bewundern Sie ihn und seine Erfolge, da habe ich weder das Recht noch den Wunsch, Ihnen mein Urteil aufzudrängen. Es kann Sie ja auch durchaus nicht interessieren, da wir uns völlig fremd sind.« Er sprach wieder mit jener höflich kühlen Zurückhaltung, wie im Anfange der Begegnung, aber dies jähe Abbrechen reizte Edith nur noch mehr, denn sie fühlte, daß es etwas Beleidigendes war, was er vorhin unterdrückt hatte. Dieser Fremde konnte ja freilich nicht ahnen, daß der Mann, von dem eben die Rede war, um sie warb, und daß sie auf dem Punkte stand, diese Werbung anzunehmen, aber anstatt nun auch ihrerseits das Gespräch abzubrechen, das eine so eigentümliche Wendung nahm, beharrte sie dabei. Es verletzte sie und hatte doch einen eigenen, unerklärlichen Reiz »Sie sind ein Gegner Ronalds?« fragte sie, ohne sein Ausweichen zu beachten. »Vielleicht sogar ein Feind?« Ernst schwieg, er schien nicht gewillt, das hier zu erörtern, aber da sah er, wie die Lippen der jungen Dame sich verächtlich kräuselten, er las in ihrem Gesichte, daß sie glaubte, er wage es nicht, sich als Feind des Mannes zu bekennen, der in manchen Kreisen allmächtig war, und das entschied. Er richtete sich plötzlich hoch und fest auf und sprach: »Ja!« Es war nur ein einziges Wort, aber es lag eine finstere, drohende Energie darin, und die bisher so verschleierte Stimme klang jetzt voll und laut. Edith blickte betroffen, fast bestürzt auf den Mann, der ihr mit jeder Minute rätselhafter wurde. Er stand ja auf einmal als ein ganz anderer vor ihr. Aber dies drohende »Ja« galt dem Namen, den auch sie dereinst tragen sollte, da fühlte sie sich mit beleidigt. »Ein sehr aufrichtiges Geständnis!« sagte sie kalt, aber mit dem ganzen hochmütigen Stolze, der ihr so meisterhaft zu Gebote stand, wenn sie jemand in seine Schranken zurückweisen wollte. »In einer Stellung, wie Ronald sie einnimmt, hat man natürlich Gegner und Feinde, und gegen eine offene, ehrliche Feindschaft ist ja auch nichts einzuwenden, aber die Feindschaft entstammt meist anderen Quellen. Man verzeiht es dem Manne nicht, daß er so hoch emporgestiegen ist, daß er Sieger blieb in einem Kampfe, wo andere unterliegen und ›im Dunkel verschwinden‹! Der Neid freilich – –« Sie hielt plötzlich inne, denn Raimar war aufgefahren und seine Augen sprühten. Das war nicht jenes unwillige Aufblitzen wie vorhin, da schlug eine Flamme auf – Edith Marlow war nicht furchtsam, aber sie erschrak vor diesem Blick, vor diesem Ton, der anfangs noch halb erstickt klang vor Erregung und sich dann zu voller glühender Empörung steigerte. »Sollen diese Worte mir gelten? dann weise ich sie zurück! Sie haben kein Recht, einem Fremden, dessen Beweggründe Sie nicht kennen, Niedrigkeit und Gemeinheit zuzutrauen, weil er sich als Feind eines anderen bekennt, und ich habe meine Gründe. Was wissen Sie überhaupt vom Kampfe des Lebens? Ihnen ist er doch schwerlich je genaht! Wer frei und glücklich dasteht, der hat es leicht, den Stab zu brechen über andere, die nicht kämpfen konnten, weil sie die Arme nicht frei hatten. Lernen Sie erst verstehen, was ›Schicksal‹ heißt, das plötzlich über einen Menschen hereinbricht und ihn wehrlos macht gegen feindliche Mächte, und dann verurteilen Sie!« Edith stand wie erstarrt vor diesem jähen Ausbruch, sie fand im Augenblick gar keine Antwort darauf. Wer war denn eigentlich dieser Fremde, dessen Haltung im Anfange so müde schien, der so düster und entsagungsvoll vom Leben sprach, als läge es bereits hinter ihm? Jetzt hatte er auf einmal Blitze in diesen müden, düsteren Augen, jetzt führte er eine Sprache, wie sie das verwöhnte, vielumworbene Mädchen noch nie gehört, das jetzt mitten in der Entrüstung, der Empörung über die empfangene Zurechtweisung doch etwas wie Bewunderung empfand. Aber das dauerte nur einen Moment, dann gewann die Entrüstung die Oberhand. »Ich glaube, wir müssen diese Unterredung endigen, sie führt uns allzu weit!« sagte die junge Dame in einem eiskalten Tone, und dabei traf ein vernichtender Blick den Mann, der es wagte, so mit ihr zu reden, aber hier blieb das wirkungslos. Jene dunklen Augen hielten den ihrigen stand, und die Flamme loderte noch immer darin. So standen sie einige Sekunden lang, ohne daß ein Wort gesprochen wurde, dann neigte Edith mit einer kaum merklichen Bewegung das Haupt, und mit der Miene einer beleidigten Fürstin wandte sie sich ab, um zu gehen. Ernst Raimar verharrte an seinem Platze. Er sah, wie sie über den Friedhof eilte, das Gitter öffnete und im Walde verschwand, dann atmete er tief auf und strich mit der Hand über die Stirn. Es kam ihm erst jetzt zum Bewußtsein, wie er sich hatte fortreißen lassen. Also das war der Dank eines Bruders, für den er sich aufgeopfert, so stand er da in den Augen des Mädchens, zu dem Max seine Blicke erhob. Ein alter, verknöcherter Hagestolz, der Höheres gar nicht begriff und in spießbürgerlicher Beschränktheit den jungen Künstler festketten wollte an den eigenen Lebenskreis! Noch gestern hätte er eine derartige Erfahrung mit einem bitteren Lächeln und einem Achselzucken hingenommen, jetzt biß er die Zähne zusammen, und auf seiner Stirn lagerte es wie eine Wetterwolke, als er der Enteilenden nachblickte. »Sie muß in irgend einer Beziehung zu diesem Ronald stehen!« murmelte er halblaut. »Das war nicht die Parteinahme einer Fremden, gleichviel, was geht es mich an! Sie werden freilich wie eine Meute über mich herfallen von allen Seiten, wenn ich wage, was jeder wagen darf, dessen Name rein ist, aber was liegt an mir, wenn es nur erreicht wird. Einer muß das Wort sprechen, und da sich kein anderer findet« – er richtete sich empor mit einer Bewegung, als werfe er eine lang getragene Last von sich – »ich will nicht länger ein Feigling sein, der »im Dunkel verschwindet«. Jetzt ist es entschieden! Werde daraus, was da will!« Er ging, da tönte wieder der helle Ruf der Amsel, und jetzt schwirrte sie hervor aus den zerfallenen Mauern und hinein in den Wald, in das Frühlingsleben da draußen. Still und einsam lag der kleine Friedhof wieder da, aber die Sonnenstrahlen spannen ihre goldenen Fäden über das alte, verwitterte Gestein, wo unter Moos und Epheuranken das verheißungsvolle Wort stand: Erwachen! Herr Notar Treumann war eine sehr beliebte Persönlichkeit in Heilsberg, wo er, obgleich er sein Amt schon vor Jahren niedergelegt hatte, noch die erste Rolle spielte. Er hatte in einer beinahe dreißigjährigen Amtsführung ein Vermögen erworben, das für seine bescheidenen Bedürfnisse ausreichend war, besaß außerdem ein hübsches Haus nebst Garten und lebte dort, da er Junggeselle war, unter der Pflege einer alten Wirtschafterin sehr behaglich und zufrieden. Jedermann hatte den alten Herrn gern, der die Gutmütigkeit und Dienstfertigkeit selbst war. Es gab nur einen Punkt, wo diese Eigenschaften versagten und sich sogar in das Gegenteil verkehrten, und das trat unfehlbar ein, wenn jemand sich erlaubte, Heilsberg den gebührenden Zoll der Achtung und Bewunderung zu versagen. Der Notar liebte die Stadt, in der er geboren war und wo er bereits die zweite Generation aufwachsen sah, mit einem förmlichen Fanatismus. Was man ihm selbst anthat, das konnte er verzeihen, und wenn es das Aergste war, aber Heilsberg – da wurde er wild. Er hatte damals, als das Unglück über die Familie seiner Schwester hereinbrach, gethan, was nur in seinen Kräften stand. Er war schleunigst nach Berlin gekommen und hatte die Witwe nebst ihrem jüngsten Sohne mit nach Heilsberg genommen, um sie all dem Schweren zu entziehen, was der Katastrophe unmittelbar folgte. Ernst blieb zurück, um das Notwendigste zu ordnen, eine furchtbare Aufgabe für den jungen Mann, der nur den völligen Ruin feststellen konnte und verzweifelte, aber vergebliche Anstrengungen machte, wenigstens den ehrlichen Namen seines Vaters zu retten. Dann trat die zweite schwere Aufgabe an ihn heran, für Mutter und Bruder eine Existenz zu schaffen, und da war es wieder Onkel Treumann, der helfend eingriff. Er legte das Notariat zu Gunsten seines ältesten Neffen nieder, früher als es ursprünglich seine Absicht gewesen war, führte ihn in das Amt ein und erleichterte ihm in jeder Weise den Eintritt in den neuen Wirkungskreis. Daß der junge Jurist, der bereits als Verteidiger seinen ersten Lorbeer errungen hatte und von einer großen Zukunft träumte, das als den geistigen Tod ansah, kam dem Onkel nicht in den Sinn, aber er stand immer auf einer Art von Kriegsfuß mit ihm. Er hatte Ernst in Verdacht, mit einer geheimen Geringschätzung auf seine Umgebung und auf Heilsberg herabzublicken, und damit hatte dieser verspielt bei dem Herrn Notar, der das düstere, verschlossene Wesen Ernsts seit jener Katastrophe überhaupt unbegreiflich und undankbar fand. Die Sache war ja doch nun längst überwunden, man hatte ihm eine behagliche, gesicherte und ziemlich einträgliche Stellung verschafft – was wollte er denn noch mehr? Der erklärte Liebling des Onkels war sein jüngster Neffe, den er um die Wette mit seiner Schwester verzog und verhätschelte. Er hielt ihn für ein Talent ersten Ranges, hegte die ungemessensten Erwartungen von seiner Zukunft und behandelte ihn schon ganz als künftige Größe. Max ließ sich das natürlich gefallen, der »Erbonkel« hatte ohnehin Anspruch auf seine Liebenswürdigkeit und hatte auch stets eine offene Hand für ihn, wenn er, wie gewöhnlich, nicht auskam. Da ließ er denn auch seinerseits diese Liebenswürdigkeit nicht vermissen, und die beiden standen auf dem allerbesten Fuß miteinander. Jetzt, wo Ernst auf zwei Tage nach Neustadt gefahren war, fühlte sich Treumann verpflichtet, dem Freunde seines Neffen die Honneurs von Heilsberg zu machen. Er schleppte ihn in der ganzen Stadt herum, zeigte ihm alles, natürlich auch die berühmte Folterkammer, und gab als Vorstand des historischen Vereins auch die nötigen Erklärungen. Er merkte es dabei gar nicht, daß der Major sich über ihn und sein Steckenpferd lustig machte, und nahm dessen ironische Bewunderung für bare Münze. So waren sie denn auch heute auf den Burgberg gestiegen, wo die Ruine des alten Schlosses lag. Der Herr Notar hatte die ganze Chronik des betreffenden Grafengeschlechts zum besten gegeben und war dabei so tief in das Mittelalter geraten, daß er sich gar nicht wieder herausfand, jetzt schloß er mit einer großartigen Handbewegung: »Ja, wir stehen hier auf historischem Boden! Jeder Stein, jeder Fuß breit in und um Heilsberg zeugt von einer großen Vergangenheit. Das ist es, was wir voraushaben vor all den anderen Städten in der Provinz – wir sind durch und durch historisch!« »Aber Neustadt hat die Bahn,« warf der Major etwas nüchtern ein, »und die Steinfelder Werke gehören ja doch auch dazu, damit hat es Heilsberg längst überflügelt.« Treumann, der noch im sechzehnten Jahrhundert schwelgte, tauchte urplötzlich daraus empor und war mit einem förmlichen Ruck mitten in der Gegenwart. »Neustadt?« wiederholte er. »Ja freilich, das möchte sich jetzt als Großstadt aufspielen, weil es ein paar tausend Einwohner mehr hat. Lächerlich! Kennen Sie dies Neustadt?« »Nur als Bahnstation. Ernst hat mich dort erwartet, und wir sind hindurchgefahren. Ein stattlicher Ort!« »Finden Sie das?« fragte der alte Herr in sehr gereiztem Tone. »Nun, vor acht Jahren war es noch ein jämmerliches Oertchen, das gar nicht den Namen einer Stadt verdiente, bis es dem großmächtigen Herrn Ronald gefiel, seine Werke dort anzulegen, und dann setzte er natürlich auch die Bahn durch. Der setzt ja alles durch! Stattlicher Ort? Pah, Arbeiterbevölkerung, Menschen ohne Bildung – Kohlenstaub und Maschinenlärm – gemeines Alltagsleben – das ist Neustadt, und das ist gar nichts!« Hartmut lächelte, er wußte bereits aus gelegentlichen Gesprächen, daß zwischen Neustadt und Heilsberg grimmige Fehde herrschte, die zum Glück nur theoretisch ausgefochten wurde. Die Neustädter verspotteten die »historischen Heilsberger«, und diese verachteten die »moderne Schwindelstadt«, wie sie den Nachbarort wegen seines schnellen Wachstums nannten. Der Herr Notar stand natürlich vorn im Kampfe, und seine sonst so freundlichen Augen leuchteten in einem förmlichen Ingrimm, als er fortfuhr: »Und Ernst ist schon wieder hinübergefahren, in Geschäften, wie er behauptet. Wenn ich nur wüßte, was das für Geschäfte sind! Sie haben doch drüben ihre eigenen Notare und ihre eigene Gerichtsbarkeit. Werden nächstens noch Gesetze erlassen, die Herren Neustädter! Aber aus dem Ernst ist nichts herauszubekommen, nicht das geringste.« »Vermutlich Privatangelegenheiten. Amtsgeheimnis – er kommt ja schon heut abend zurück. Haben Sie übrigens in der Zeitung gelesen, daß Ronald in diesen Tagen auf seinen Werken erwartet wird?« »Natürlich habe ich es gelesen, die Zeitungen melden das ja so gewissenhaft, wie die Ankunft irgend einer Fürstlichkeit. Dieser Nabob, der schon die ganze Berliner Finanzwelt regiert, spielt ja auch in unserer Provinz den Pascha. Es ist die reine Paschawirtschaft bei ihm und seiner Umgebung. Wochenlang vorher muß man sich um die Gnade einer Audienz bewerben, stundenlang muß man im Vorzimmer warten, und wenn man ihn dann endlich zu sehen bekommt, dann wirft er einen hinaus – mich hat er auch hinausgeworfen!« »O, wie kam er denn dazu?« fragte der Major erstaunt. »Kennen Sie ihn denn überhaupt?« Treumann schien nicht recht zu wissen, ob er die Begegnung, bei der er eine so merkwürdige Rolle gespielt hatte, erzählen oder verschweigen sollte, aber sein Mitteilungsbedürfnis war überwiegend, und so sprudelte er denn mit gewohnter Lebhaftigkeit die ganze Geschichte heraus. »Es war im vorigen Jahre und es geschah nur Heilsbergs wegen. Sehen Sie, Herr Major, hier in unserem Boden schlummern zweifellos noch eine Menge von historischen Schätzen aus dem Mittelalter, vielleicht aus der Römerzeit. Man müßte nur große, umfangreiche Nachgrabungen veranstalten, aber dazu gehört Geld, sehr viel Geld, und das haben wir nicht. Da kam ich auf den Gedanken, mich an Ronald zu wenden, für den Nabob sind ja die Summen, die wir brauchen, eine Kleinigkeit. Ich wollte ihm einen Vortrag halten und ihm klar machen, daß er hier etwas Großes vollbringen könnte für die Welt, für die Wissenschaft, aber er ließ mich gar nicht zu Worte kommen.« »Das kann ich mir denken!« warf Hartmut trocken ein. »Gleich im Anfange fiel er mir in die Rede und erklärte mir kurz und bündig, er habe mit der Gegenwart zu thun, nicht mit dem Staub und Moder der Vergangenheit, er habe weder Zeit noch Geld für solche Narrheiten. Da wurde ich natürlich auch gereizt, und das nahm der Pascha übel, denn er wurde grob und sagte mir die empörendsten Dinge ins Gesicht. Die erste beste Torfgrube wäre ihm lieber als der ganze historische Boden von Heilsberg. Ich solle doch sehen, was er aus Neustadt gemacht habe, Neustadt werde in zehn Jahren ein großer Industrieort sein und Heilsberg würde ein jammervolles kleines Nest bleiben, wo das Gras in den Straßen wachse. Ja, das – das hat er mir gesagt – wörtlich!« Hier versagte dem alten Herrn vor Empörung die Sprache, er schluckte ein paarmal heftig und sah den Major an, der mühsam das Lachen unterdrückte. Er stellte sich die urkomische Scene vor, wie der praktische Nabob den »historischen« Besuch zur Thür hinausbeförderte, aber er that diesem den Gefallen, mit ein paar kräftigen Worten in seine Entrüstung einzustimmen. »Und dieser Mensch war vor zehn Jahren noch Prokurist meines Schwagers Raimar und wurde Sonntags zu Tische eingeladen!« rief Treumann, noch immer ganz außer sich. »Das wissen Sie doch?« »Ja, ich weiß,« sagte Hartmut nachdenklich. »Ich habe ihn dort kennen gelernt, aber seitdem nicht wieder gesehen. Herr Raimar hielt sehr viel von dem kaufmännischen Talent seines damaligen Prokuristen, eine solche Carriere freilich hat er wohl nicht geahnt.« »Eine Schwindelcarriere!« erklärte verächtlich der Notar, dem seine sonstige Gutmütigkeit ganz abhanden kam, sobald von Neustadt oder von dem »Nabob« die Rede war, »Nichts als Schwindel! Auf ehrliche, solide Weise kann man doch die Millionen nicht so ohne weiteres aus dem Boden stampfen und in ein paar Jahren ein Dutzend Unternehmungen hinstellen, von denen jede einzelne ein Menschenalter braucht, um zu gedeihen. Wenn Sie nur wüßten, was man da alles flüstert! Laut wagt keiner etwas zu sagen, es ist ja alles bestochen, geknebelt, mundtot gemacht. Warten wir erst ab, wie die Geschichte endigt! Das habe ich dem Ernst schon oft gesagt, aber der zuckt die Achseln und schweigt, der kümmert sich überhaupt nicht darum. Ernst hat für gar nichts mehr Interesse.« »Ja, Gott sei's geklagt!« brummte der Major, fuhr aber plötzlich auf und beugte sich über die Mauerbrüstung, an der sie standen. Dort ertönte der Schrei einer Kinderstimme und gleich darauf ein lauter Angstruf von unten her. In demselben Augenblick setzte Hartmut aber auch schon mit einem Sprunge über die niedrige Mauer, brach durch die Gebüsche, die den Abhang bedeckten, und dann hörte man seine Kommandostimme: »Festhalten! Nicht loslassen! Ich komme schon!« Der alte Herr droben wußte gar nicht, was geschehen war, und lief ängstlich auf und nieder, während er vergebens versuchte, durch das Gebüsch zu schauen; aber schon nach wenigen Minuten tauchte sein Begleiter wieder auf, ein kleines Mädchen in den Armen, das er bis zur Ruine trug und dann auf den Boden stellte. »Das hätte schlimmer ablaufen können!« sagte er. »Kleine Gemse, wer hieß dich denn da hinaufklettern? Hast du dir weh gethan?« Die Kleine war noch blaß vor Schrecken, aber sie schrie und weinte nicht, sondern betrachtete nur ihr Aermchen, auf dem eine große dunkelrote Schramme sichtbar war. »Es thut gar nicht sehr weh,« sagte sie tapfer, zu dem Major aufblickend. »Braves Mädel!« lobte dieser. »Das heult nicht noch nachträglich, wenn es in Sicherheit ist. Zeig her! Das ist ja eine bloße Schramme, nicht der Rede wert!« Er zog sein Taschentuch hervor und trocknete ein paar Blutstropfen ab, die sich an dem kleinen Arme zeigten; jetzt kam Treumann auch herbei. »Das ist ja die kleine Lisbeth von Gernsbach!« rief er überrascht. »Lisbeth, was hast du angefangen?« »Da bin ich heraufgeklettert,« sagte die Kleine, auf den steilen Abhang zeigend. »Und da fielen die Steine – und ich auch.« »Ja, und da hing sie an dem Fliederstrauch, den sie glücklich noch erwischt hatte,« ergänzte Hartmut, »aber der gab schon nach, und wenn sie losließ oder ich zwei Minuten später kam, dann lag sie unten im Steinbruch, und dann war's aus!« Er beschäftigte sich noch mit dem Kinde, als dies ihm entwischte und mit dem Rufe »Mama! Mama!« einer Dame entgegenlief, die jetzt atemlos auf der Höhe erschien. Sie brach fast in die Kniee, als sie der Kleinen die Arme entgegenstreckte und sie an ihre Brust zog. »Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, es ist ja nichts geschehen,« tröstete der Notar, und eine andere Dame, die unmittelbar folgte, mahnte halblaut: »Fasse dich, Wilma. Wir sahen es ja schon von unten, wie Lisbeth aufgefangen und emporgetragen wurde von diesem Herrn – « »Major Hartmut,« stellte Treumann vor. »Er war zum Glück in der Nähe, als die Kleine stürzte.« Die junge Frau war noch totenbleich und völlig unfähig zu sprechen, sie reichte nur dem Retter ihres Kindes die Hand, während ihr die Thränen aus den Augen stürzten. »Bitte, gnädige Frau, es war ja kaum der Rede wert,« lehnte Hartmut den stummen Dank ab. »Wir Soldaten sind gewohnt, rasch zuzugreifen, und das Allerbeste hat das tapfere kleine Fräulein selbst gethan. Jede andere hätte, als der Fliederstrauch zu brechen anfing, mit lautem Jammergeschrei losgelassen, sie that keinen Muck und hielt fest auf meinen Zuruf, bis ich herankam.« Lisbeth war offenbar sehr stolz auf dies Lob, und Frau von Maiendorf faßte sich denn auch so weit, die beiden Herren ihrer Cousine, Fräulein Edith Marlow, vorzustellen, der sie den Burgberg hatte zeigen wollen. Der Major horchte auf bei dem Namen, und auch Treumann schien gewisse Andeutungen von seinem Neffen erhalten zu haben, denn er machte der jungen Dame eine ungemein respektvolle Verbeugung und war hochbeglückt, als sie den Wunsch zu erkennen gab, etwas Näheres über die alte Grafenburg zu hören. Er stürzte sich schleunigst wieder in das Mittelalter, und als Edith, die sich in der That für solche Dinge interessierte, seine Führung durch die Ruine annahm, war der Vorstand des historischen Vereins auf seiner vollen Höhe. Major Hartmut zog es vor, der jungen Frau Gesellschaft zu leisten, in der noch der Schrecken von vorhin nachzitterte, und die draußen auf der Steinbank zurückgeblieben war. Dabei neckte er sich mit Lisbeth, die den Sturz und die Schramme bereits vergessen hatte und lustig umhertollte. Die beiden waren schon die allerbesten Freunde, als Edith mit ihrem Führer zurückkehrte. Die Damen machten nun Anstalt, aufzubrechen; nach dem Vorgefallenen war es eigentlich selbstverständlich, daß der Major eine Einladung nach Gernsbach erhielt, und Herr Notar Treumann wurde als alter Freund des Hauses auch gebeten, mitzukommen. »Komm aber recht bald,« sagte die kleine Lisbeth, ihrem Retter zutraulich das Händchen bietend. »Es ist sehr schön bei uns.« »Zu Befehl, gnädiges Fräulein!« versetzte Hartmut mit militärischem Gruße. »Ich werde nicht verfehlen, mich nach Hochdero Befinden nach der unfreiwilligen Bergfahrt zu erkundigen.« Die Kleine lachte fröhlich auf bei dem Scherz und lief zur Mutter, die sie diesmal fest an der Hand nahm. Dann trennte man sich, die Damen schlugen einen Fußweg ein, der in den Wald hineinführte, wo sie ihren Wagen gelassen hatten, und die beiden Herren kehrten auf dem eigentlichen Burgwege nach der nahen Stadt zurück. »Das war also die junge Millionärin!« sagte Treumann, hoch befriedigt von der Begegnung. »Dieser Marlow hat nämlich auch eine Million, aber der steht auf soliderer Grundlage als der Hexenmeister Ronald. Altes Bankhaus, schon vom Großvater gegründet, Maxl kennt die Verhältnisse genau. Wie finden Sie Fräulein Marlow? Eine Schönheit, nicht wahr?« »Gewiß, ein schönes Mädchen!« stimmte der Major ziemlich kühl bei. »Aber für meinen Geschmack etwas zu großartig und selbstbewußt. Frau von Maiendorf kann sich ja in der äußeren Erscheinung nicht mit ihrer Cousine messen, aber sie ist viel anmutiger.« »Jawohl, ein liebes, sanftes Frauchen!« bestätigte Treumann, »und die kleine Lisbeth ist allerliebst. Aber mit dem Ernst ist ja nichts anzufangen, Sie sollten ihm doch einmal ins Gewissen reden.« »Ich? Weshalb denn?« fragte Hartmut, der sich diesen plötzlichen Gedankensprung nicht erklären konnte. Der Notar hatte sich längst schon vorgenommen, dem Freunde seines Neffen einmal sein Herz auszuschütten, und ergriff nun eifrig diese Gelegenheit. Er begann in empfindlichem Tone: »Ich habe damals doch gewiß das möglichste gethan, als ich das Notariat mit der ganzen Praxis an Ernst abtrat, aber dankbar ist er mir nie dafür gewesen. Das war ihm alles viel zu unbedeutend und kleinlich. O, ich habe das gemerkt, wenn er auch nie darüber sprach. Ja, als Verteidiger Reden halten, von denen dann alle Welt spricht, sich als Berühmtheit in den Reichstag wählen lassen, und dann zum Schluß womöglich den Ministersessel – das hat er im Kopf gehabt! Das möchte wohl mancher, aber nicht jeder hat das Zeug dazu.« »Ernst hatte es!« sagte der Major kurz und herb. »Es war ein Unglück, daß er damals aus seiner Laufbahn gerissen wurde, um hier –« Frondienste zu leisten, wollte er sagen, unterdrückte es aber, mit Rücksicht auf den alten Herrn, der doch aus reiner Herzensgüte gehandelt hatte. Dieser glaubte, er meine nur den Bankrott des Raimarschen Hauses und stimmte bei. »Ja, das war allerdings ein Unglück, aber dagegen ließ sich doch nun einmal nicht aufkommen. Das Notariat, das Ernst übernahm, war doch der einzige Rettungsanker für die Familie. Es ist ihm zuwider, ich weiß es längst, nun er kann sich ja davon losmachen und den großen Herren spielen, wenn er will. Das Glück liegt ihm ja gerade vor der Nase, er braucht nur zuzugreifen.« »Ach so, Sie meinen –?« sagte Hartmut, der jetzt anfing zu begreifen. »Natürlich meine ich! Sehen Sie das hohe Dach da drüben, zwischen den Bäumen? Das ist Gernsbach! Ein schönes, einträgliches Gut, vornehmes altes Herrenhaus, prächtiger Park. – Ernst ist Rechtsvertreter der jungen Witwe, kennt die Verhältnisse ganz genau und wird, glaube ich, gar nicht ungern gesehen. Ein anderer hätte da längst einen Antrag riskiert, aber ihm fällt das natürlich nicht ein. Ich habe ihn mir einmal vorgenommen deswegen, aber da bin ich schön angekommen! ›Ich verkaufe mich nicht, Onkel! Ich will nicht von dem Gelde meiner reichen Frau leben! Das ist unwürdig‹ – Punktum! Und als wir das nächste Mal zusammen in Gernsbach waren, benahm er sich wie der steinerne Gast und öffnete kaum den Mund.« »Da hat er recht!« erklärte der Major. Treumann sah ihn überrascht an. »Was? Würden Sie es Ihrer Frau vielleicht zum Vorwurf machen, wenn sie reich wäre?« »Zum Vorwurf – nein! Denn erstens ist Reichtum etwas, wofür der Mensch nicht kann, und zweitens ist er eigentlich auch kein Unglück. Aber ihm den Beruf opfern, um sich von einer reichen Frau füttern zu lassen, und in der Ehe eine Nebenperson zu sein, das ist erbärmlich, und das würde weder Ernst noch ich fertig bekommen, höchstens der Maxl.« »Oho!« rief der Notar, beleidigt durch diese Mißachtung seines Lieblings. »Maxl ist ein Talent, ein großes! Der bringt seiner künftigen Frau das Genie als Morgengabe, den Künstlerruhm, den er sich erwerben wird, das ist etwas anderes. Er verkehrt übrigens viel im Marlowschen Hause und hat mir bereits anvertraut, daß die junge Millionärin ihm gar nicht abgeneigt ist – der Teufelsjunge! Da werden wir noch etwas erleben, der Maxl ist ja bildhübsch und hat fabelhaftes Glück bei den Frauen.« »Möglich,« sagte Hartmut trocken, »aber die Millionärin bekommt er nicht.« »So? Und warum denn nicht?« »Weil er ihr zu dumm ist.« »Aber, Herr Major!« »Viel zu dumm!« bekräftigte der Major, ohne den Empörungsruf zu beachten. »Die verlangt mehr von ihrem Manne, als daß er ein paar Bilder malt und im Kunstverein ausstellt, sie sieht ganz danach aus, und mit einem Wechsel auf die Zukunft gibt sie sich schwerlich zufrieden. Was übrigens das Zukunftsgenie, den Maxl, betrifft, so sage ich dasselbe, wie Sie bei Ihrem Nabob! Warten wir erst ab, wie die Geschichte endigt! und im übrigen gebe ich Ihnen mein Wort darauf, Ernst hat im kleinen Finger mehr Genie als der Maxl in seinem ganzen hübschen, dummen Kopfe! – Aber da sind wir am Stadtthor, ich gehe über den Wallgraben. Ich empfehle mich Ihnen, Herr Notar.« Damit schlug sich Hartmut seitwärts und ließ den ganz verblüfften alten Herrn stehen. Dieser war bisher mit dem Freunde seines Neffen recht gut ausgekommen, jetzt aber neigte er sich doch der Ansicht Maxls zu, der ihm gleich bei dem ersten Besuche erklärt hatte, Major Hartmut sei einfach unerträglich geworden. Auf der Terrasse des Herrenhauses von Gernsbach befand sich Bankier Marlow mit seiner Tochter. Er war erst vor einigen Stunden von Steinfeld eingetroffen und hatte zugleich eine kurze Gastfreundschaft für Herrn Felix Ronald erbeten, der ihm heut noch folgen und erst morgen abend wieder abreisen wollte. Frau von Maiendorf sagte mit Vergnügen zu. So fern sie auch persönlich den Finanzkreisen stand, war sie doch nicht unempfindlich gegen die Auszeichnung, den Vielgenannten, Vielbeneideten, dessen Name in aller Munde war, als Gast in ihrem Hause zu beherbergen, zumal bei solchem Anlaß, denn sie wußte sich diesen Besuch zu deuten. Sie traf in aller Eile noch einige Anordnungen; wenn ein Ronald erwartet wurde, machte man natürlich mehr Umstände als bei anderen, gewöhnlichen Menschenkindern. Marlow war ein Mann in den Fünfzigern, mit schon ergrauten Haaren, kühl, zurückhaltend und etwas förmlich, ganz der vornehme Bankier, der, ohne mit seinem Reichtum zu prahlen, sich doch dessen und seiner Stellung vollkommen bewußt ist. Er hatte erst jetzt nach Tische Gelegenheit zu einem Alleinsein mit seiner Tochter gefunden und war in angelegentlichem Gespräche mit ihr. »Ronald wollte mich natürlich begleiten,« sagte er soeben, »aber gerade im letzten Augenblick trafen noch einige Depeschen ein, die sofortige Verfügungen erforderten und ihn zurückhielten. Er kommt aber jedenfalls noch heute, und es ist dir wohl kein Geheimnis mehr, Edith, was er dir zu sagen hat.« »Nein, Papa,« erwiderte Edith ruhig, »Ich bin längst auf diesen Antrag vorbereitet. Er hat sich dir bereits erklärt?« »Erst gestern, und ich habe meine Einwilligung gegeben, unter Vorbehalt der deinigen, die du ja wohl nicht versagen wirst, du weißt, was Ronald dir bieten kann.« »Ja, ich weiß es, und hatte bereits vor der Abreise meinen Entschluß gefaßt. Ich werde seine Hand annehmen.« Der Ton dieser Worte zeigte hinreichend, daß die junge Dame gewohnt war, selbst zu entscheiden, und daß der Vater weder den Willen noch die Macht hatte, ihr darin Vorschriften zu machen. Jedenfalls kam sie in diesem Punkte seinen Wünschen entgegen, und auf seinen Zügen lag der Ausdruck höchster Befriedigung, als er antwortete: »Daran habe ich nie gezweifelt, du bist ja stets mein kluges, mein verständiges Kind gewesen, und eine glänzendere Partie findest du überhaupt nicht. Aber du kommst auch nicht mit leeren Händen zu deinem künftigen Gatten, und wenn das Unternehmen, das ich jetzt mit Ronald im Auge habe, in das Leben tritt, wird sich mein Vermögen – dereinst das deinige – nahezu verdoppeln.« »Du meinst die Umwandlung der Steinfelder Werke in eine Aktiengesellschaft?« fragte die junge Dame sehr verständnisvoll. »Ganz recht, wir haben den Plan dazu bereits in seinen Hauptzügen festgestellt und denken im Herbste die Sache in Angriff zu nehmen. Dann soll auch eure Verlobung veröffentlicht werden.« »Erst im Herbst? Weshalb?« fragte Edith etwas befremdet. Marlow lächelte: »Das möchte dir Ronald selbst sagen. Ich will ihm darin nicht vorgreifen, glaube aber, du wirst mit seinem Wunsche einverstanden sein, wie ich, wenn du den Grund erfährst. Wir überlassen dir natürlich die Entscheidung, und jedenfalls feiern wir heut abend die Verlobung im engsten Familienkreise.« Damit küßte der Bankier sein »kluges, verständiges Kind«, und damit war die Sache erledigt. Gefühlsscenen waren nicht üblich zwischen ihnen, auch nicht bei solchem Anlaß. Wer den Verkehr zwischen Vater und Tochter sah, der begriff vollkommen, daß Edith Marlow so kühl und verstandesklar geworden war, wie sie sich eben zeigte. Er liebte ja zweifellos sein einziges Kind und war stolz darauf, aber Wärme und Herzlichkeit lagen nun einmal nicht in seinem Charakter, Edith war für die Welt erzogen und vollkommen befähigt, dort die glänzende Rolle zu spielen, die ihr jetzt geboten wurde, das genügte, Herzensbedürfnisse gab es da nicht. Das Rollen eines Wagens machte die beiden aufmerksam. Sollte das schon Ronald sein? Nein, es saßen mehrere Herren in einem offenen Wagen, der dort an dem Parkgitter entlang fuhr und dann in den Hof einbog. Der Bankier runzelte die Stirn. »Besuch? Und das gerade heut! Wie lästig, hier kann man sich ja nicht einmal verleugnen lassen. Nun, hoffentlich bleiben sie nicht lange, und Ronald trifft vermutlich erst gegen Abend ein. Noch eins, Edith, wir müssen natürlich Wilma in das Vertrauen ziehen, aber wir werden ihr Schweigen auferlegen gegen jeden Fremden, und jetzt werde ich mich einstweilen zurückziehen. Ich habe gar keine Eile, diese Herrschaften – wahrscheinlich doch Heilsberger – kennen zu lernen.« Er ging nach seinem Zimmer. Edith fand es auch sehr lästig und unbequem, sich heut zu einer Unterhaltung mit den Heilsberger Bekannten ihrer Cousine herablassen zu müssen, und beschloß gleichfalls, ihnen ihre Gegenwart vorläufig zu entziehen. Nicht, daß sie besonders aufgeregt war, weil heut ihr künftiger Gatte kommen wollte, um sich das Jawort von ihr zu holen, darauf war sie ja längst vorbereitet, der Besuch störte und langweilte sie nur. Edith Marlow wußte nichts von all dem Träumen, Sehnen und Hoffen, das sich sonst an eine solche Stunde knüpft, obgleich diese Verlobung ganz nach ihrem Wunsche war und ihren Stolz und Ehrgeiz vollkommen befriedigte. Es war doch wahrlich keine Kleinigkeit, einen Ronald zu fesseln, dessen genialer Unternehmungsgeist jeden zur Bewunderung zwang, dessen ungemessener Reichtum ihm eine fast unbegrenzte Macht gab, vor dem sich alle beugten! Alle? Nein! Einen gab es, der beugte sich nicht, der bekannte sich offen und rückhaltlos als Feind des fast allmächtigen Mannes, der wagte es sogar, ihm zu drohen, denn es war eine Drohung gewesen, die in den Augen, in der ganzen Haltung jenes Fremden lag, wenn er sie auch nicht ausgesprochen hatte. Seltsam! Edith konnte die Erinnerung nicht los werden, und sie war doch nichts weniger als angenehm, denn jene Begegnung endigte mit einer Zurechtweisung, die das stolze Mädchen als Beleidigung empfand. Es war eine quälende Erinnerung, die oft genug unwillig fortgewiesen wurde, aber sie kam immer wieder. Auch jetzt kam sie herangeschlichen, leise, unmerklich und spann ihre unsichtbaren Fäden und legte auf das schöne kalte Antlitz der jungen Dame einen Ausdruck von Träumerei, der ihr sonst ganz fremd war. Da tauchte wieder der kleine Friedhof auf, der so einsam und vergessen tief im Walde lag, wo der Sonnenschein hinflutete über halbversunkene Hügel und zerfallene Mauern, wo Tod und Leben sich so seltsam einten in dem Blühen und Duften, das über Gräbern erwuchs. Da tönte wieder das Summen der wilden Bienen, das wie ferne Musik klang, und der Gesang der Amsel, das jauchzende Maienlied. Und da stand auch die Gestalt des Mannes mit den düsteren Augen, die doch Blitze sprühen konnten, mit dem Aufflammen der Empörung, als man es wagte, ihn zu beleidigen. Das alles war erst vor ein paar Tagen geschehen und lag doch so fern wie ein Märchen, das man irgendwo gehört oder geträumt hat und das nichts zu thun hat mit der hellen, nüchternen Wirklichkeit. Da tönten Stimmen im Gartensaal, und Edith erwachte. Sie hatte diesen störenden Besuch ganz vergessen und wandte sich nun halb unwillig um, zuckte aber plötzlich zusammen, denn sie erblickte dieselbe Gestalt, die eben noch so deutlich vor ihrem inneren Auge gestanden hatte. Dort aus der Glasthür, die auf die Terrasse führte, trat Frau von Maiendorf mit mehreren Herren, Major Hartmut, Max Raimar und – der Fremde vom Waldfriedhofe! Max eilte schleunigst zu der jungen Dame, um sie zu begrüßen, und pries dabei sehr wortreich den »Zufall«, der ihn gerade jetzt nach Heilsberg geführt habe. Der Major erneuerte die Bekanntschaft vom Burgberge, und jetzt näherte sich auch Wilma mit dem Fremden und sagte unbefangen: »Sie kennen meine Cousine ja noch nicht. Liebe Edith, erlaube – Herr Notar Raimar aus Heilsberg – Fräulein Marlow.« Ernst Raimar war wohl der einzige, der es sah, daß die junge Dame für einen Moment die Fassung verlor, als sein Name genannt wurde. Er verneigte sich artig, aber völlig fremd. »Mein gnädiges Fräulein, gestatten Sie mir, den Dank auszusprechen für die gütige Aufnahme, die mein Bruder in Ihrem Hause gefunden hat. Er hat mir viel davon erzählt.« »Ja, sehr viel!« bestätigte Max eifrig. »Ernst weiß, wie hoch ich das Glück schätze, Ihrem Kreise angehören zu dürfen, gnädiges Fräulein,« Edith hatte sich bereits wieder gefaßt und erwiderte einige gleichgültige Worte, aber dabei traf ein Zornesblick den Mann, der es gewagt hatte, so mit ihr zu spielen. Er lächelte fast unmerklich, er wußte ja so genau wie sie jedes Wort, das über den »verknöcherten Hagestolz« gefallen war. Das Gespräch wurde jetzt allgemein. Herr Notar Treumann war nicht mitgekommen und ließ sich bedauernd entschuldigen. Es wurde irgendwo in der Nähe irgend etwas ausgegraben, und da mußte er natürlich dabei sein. Der Major neckte sich wieder mit der kleinen Lisbeth, die ihm jubelnd entgegengelaufen war und ihm kaum von der Seite ging. Das Kind zeigte, ganz im Gegensatz zu der Scheu, die es noch immer vor der schönen Tante Edith hegte, seinem Retter die vollste Zutraulichkeit. Max, der jetzt ganz in seinem Elemente war, spielte den Liebenswürdigen, und auch sein Bruder zeigte sich lebhafter als sonst, aber kein Wort, kein Blick erinnerte daran, daß er Edith Marlow bereits früher gesehen hatte, er bewahrte ihr gegenüber die völlige Fremdheit. Inzwischen war im Gartensaal der Theetisch gedeckt worden, und Frau von Maiendorf bat ihre Gäste, einzutreten. Hartmut und Max folgten ihr, und Ernst war im Begriff, das gleiche zu thun, als ein halblauter Ruf ihn zurückhielt. »Herr Raimar!« Er wandte sich um. »Sie befehlen, gnädiges Fräulein?« »Auf einen Augenblick – ich bitte!« Raimar blieb stehen und blickte fragend auf die junge Dame, deren Züge einen Ausdruck unverkennbarer Gereiztheit trugen, und dieselbe Gereiztheit verriet sich in ihrem Tone, obgleich sie gedämpft sprach. »Sie scheinen vergessen zu haben, daß wir uns nicht ganz fremd sind.« Ernst verneigte sich leicht. »Ich glaubte damit Ihren Wünschen entgegenzukommen, und ich wußte ja auch nicht, ob Sie sich jener Begegnung überhaupt noch erinnerten.« Das Spottlächeln, das dabei um seine Lippen spielte, ärgerte die junge Dame unbeschreiblich. Als ob sich eine derartige Zurechtweisung vergessen oder verzeihen ließe! Und mitten in ihrem Aerger sah sie es doch, wie sehr das Gesicht dieses Mannes gewann, wenn er lächelte. »Sie ließen mich damals absichtlich im Irrtum über Ihre Persönlichkeit,« sagte sie mit voller Schärfe, »obgleich Sie wußten, daß dies Inkognito sich schon in den nächsten Tagen lüften würde. Ich weiß in der That nicht, wie ich ein derartiges Spiel nennen soll –« »Bitte, mein Fräulein,« unterbrach sie Raimar ruhig, aber mit Nachdruck. »Ich habe mir sicher nie erlaubt, mit Ihnen zu spielen, denn ich hatte weder jenes Gespräch angeregt, noch konnte ich voraussehen, welche Wendung es nehmen würde. Daß ich mich nicht noch nachträglich vorstellte, als Sie die Güte hatten, meiner Persönlichkeit zu erwähnen, ist wohl verzeihlich. Ich wollte uns beiden eine gewisse – Verlegenheit ersparen.« »Uns beiden!« Edith biß sich auf die Lippen, sie wußte es, auf wessen Seite hier die Verlegenheit war, aber sie bemeisterte rasch die ungewohnte Empfindung und parierte den Hieb. »Ich sprach von einem Unbekannten!« »Den Ihnen mein Bruder so liebevoll geschildert hatte! Ich weiß, aber ich bin nicht so kühn, zu glauben, daß die persönliche Bekanntschaft Ihr Urteil geändert hat. Ich beuge mich ganz Ihrem damaligen Spruche und – der Menschenkenntnis meines Bruders.« Der schonungslose Spott raubte der jungen Dame völlig die vornehme kühle Haltung, die sie auch diesmal angenommen hatte. Dieser Notar von Heilsberg ließ sich nun einmal nicht von oben herab behandeln, sondern verkehrte mit ihr auf dem Fuße völliger Gleichheit, und dabei benahm er sich bei dem Wortgefecht, als komme er direkt aus den Berliner Salons. Dieser Kleinstädter behandelte sie, die Weltdame, mit einer ironischen Ueberlegenheit, die geradezu unerträglich war, und sie war auch nicht gesonnen, das zu ertragen. Sie griff jetzt auch ihrerseits zum Spott. »Ihr Bruder scheint Sie allerdings sehr wenig zu kennen,« bemerkte sie, »Vielleicht beurteile ich Sie richtiger, Herr Raimar, und jedenfalls bewundere ich Ihr Heimatsgefühl, das Sie an einen so idyllischen Ort wie dies Heilsberg kettet.« »Heilsberg ist nicht meine Heimat. Ich sagte Ihnen ja bereits, daß ich aus Berlin stamme.« »Um so mehr! Es gehört ein sehr – beschaulicher Charakter dazu, einen solchen Aufenthalt für die Lebenszeit zu wählen, denn Ihre Stellung hier ist doch wohl eine dauernde?« Das Lächeln in dem Antlitz Raimars erlosch, und die alte Düsterheit legte sich wieder darüber, als er mit aufquellender Bitterkeit fragte: »Glauben Sie, daß man freiwillig in die Verbannung geht? Doch ich fürchte, gnädiges Fräulein, da kommen wir wieder auf den Streitpunkt, der uns schon einmal entzweit hat. Ich denke, wir lassen ihn ruhen.« Er brach ab, zum großen Mißvergnügen Ediths, für die das Gespräch jetzt wieder etwas von dem seltsamen Reiz gewann, der sie damals im Walde so gefesselt hatte, wenn sie es sich auch nicht eingestand. Der Mann war ihr jetzt, wo sie seinen Namen und seine Lebensstellung kannte, fast noch rätselhafter als früher. Da erschien Marlow, der sich in den Gartensaal zu der Gesellschaft begeben wollte, auf der Terrasse. Er stutzte beim Anblick des Herrn, der dort im Gespräch mit seiner Tochter stand, und kam dann langsam näher. Ernst Raimar hatte sich umgewandt. Er wußte doch zweifellos, daß er den Onkel der Frau von Maiendorf diesmal in Gernsbach treffen werde, trotzdem schien ihm dies Zusammentreffen peinlich zu sein. Marlow streifte ihn mit einem langen, erstaunten Blick und schien seiner Sache nicht ganz sicher zu sein, denn es lag eine Frage in seiner Anrede: »Wenn ich nicht irre – Herr Notar Raimar?« Dieser verneigte sich zustimmend. Der Bankier schien einen Augenblick zu zögern, dann reichte er ihm die Hand. »Ich wußte bereits durch Ihren Bruder, daß Sie sich in Heilsberg niedergelassen haben. Wir haben uns lange nicht gesehen, Sie kommen ja nie nach Berlin.« In dem Antlitz Raimars stieg eine jähe Glut auf, die ebenso schnell wieder verschwand, und sein Auge suchte den Boden, als er antwortete: »Mein Amt läßt mir wenig Zeit übrig, ich muß mir das Reisen größtenteils versagen.« »Du kennst Herrn Raimar, Papa?« fragte Edith, aufs höchste erstaunt. »Jawohl, mein Kind, aber unsere Bekanntschaft liegt ziemlich weit zurück. – Sie haben einen sehr begabten Bruder, Herr Raimar, er wird Ihnen noch Freude machen mit seinem Talent. Der junge Mann ist ja oft ein Gast unseres Hauses,« und damit ging der Bankier gänzlich auf Max über und sprach so ausführlich über ihn und sein Talent, wie er es noch nie gethan hatte. Edith hörte mit steigendem Befremden zu. Sie fühlte deutlich, daß ihr Vater, der sonst wenig Notiz von dem jungen Maler nahm, mit diesem Lob über irgend etwas anderes hinwegkommen wollte, und sie bemerkte auch die eigentümliche Unsicherheit Raimars. Wo war die überlegene Haltung geblieben, mit der er ihr noch vor wenigen Minuten gegenüberstand? Er schien förmlich aufzuatmen, als jetzt die kleine Lisbeth gelaufen kam, um die Säumigen zu holen. Drinnen am Theetisch entspann sich eine sehr lebhafte und anregende Unterhaltung, bei der Major Hartmut die Hauptrolle spielte. Max machte zwar, seinem Programm getreu, einige krampfhafte Versuche, »sich in den Vordergrund zu stellen«, aber der Major drängte ihn völlig in den Hintergrund. Hartmut hatte stets in großen Garnisonen gestanden und auch sonst viel gesehen und erlebt. Er wußte sehr lebendig und anschaulich zu schildern, und obgleich er sich vorzugsweise an Frau von Maiendorf wandte, fesselte er doch die ganze Gesellschaft mit seinen Erzählungen. Auch Marlow hörte mit Interesse zu und fand offenbar Vergnügen an der neuen Bekanntschaft. Als man endlich aufstand, schlug Wilma einen Spaziergang durch den Park vor. Sie trat aber vorher noch mit den Herren in das Gewächshaus, um ihnen eine besonders schöne Orchidee zu zeigen, von der eben die Rede gewesen war, während Marlow und seine Tochter, die das Prachtexemplar schon kannten, langsam vorausgingen. »Der Besuch wird uns nicht weiter stören,« sagte der Bankier, der in sehr behaglicher Stimmung war. »Sie wollen ja schon um sechs Uhr abfahren, und bis dahin kann Ronald kaum hier sein. – Ein gescheiter, interessanter Mann, dieser Major Hartmut! Da hat man sich auf die Heilsberger Kleinstädterei gefaßt gemacht und verlebt nun ein paar recht angenehme Nachmittagstunden.« »Papa – was ist es mit diesem Raimar?« fragte Edith, ohne die Worte zu beachten, ganz unvermittelt. »Wen meinst du? Den älteren Bruder, den Notar?« »Ja, es liegt irgend etwas zwischen dir und ihm, ich sah es. Woher kennst du ihn? Er hat früher in Berlin gelebt?« »Allerdings, bis vor etwa zehn Jahren, aber ich hätte ihn kaum wieder erkannt. Was ist aus dem Manne geworden, der damals nur so sprühte von Leben und Heiterkeit! Freilich solch eine Katastrophe – doch davon weißt du nichts, du warst ja damals noch ein Kind, und es kann dich auch nicht interessieren.« »Doch, es interessiert mich,« sagte die junge Dame rasch. »Du sprichst von einer Katastrophe? Du hast mir doch damals, als der junge Raimar bei uns eingeführt wurde, nicht die leiseste Andeutung gemacht.« »Nein, denn ich wollte eine alte, längst abgethane Geschichte nicht wieder auferwecken und dem jungen Manne seine Stellung in der Gesellschaft nicht unnötig erschweren. Die Sache ist in unseren Kreisen noch nicht vergessen, und es hat sich ihm daraufhin manche Thür verschlossen. Ich halte es für ein Unrecht, man soll die Kinder nicht eine Schuld des Vaters büßen lassen, an der sie keinen Anteil haben. Dem ältesten Sohne hat es ohnehin die Carriere gekostet. Er konnte doch nicht vor den Schranken das Recht vertreten und verteidigen, wenn der Vater ein offenkundiger Betrüger war.« »Ein Betrüger?« wiederholte Edith betroffen, fast bestürzt. Marlow zuckte die Achseln. »Leider! Die Sache hat damals viel Aufsehen gemacht, denn das Haus Raimar galt für solid und ehrenwert. Es soll da eine große Spekulation mißglückt sein, das kommt ja öfter vor, und ein solides Haus überwindet solche Krisen. Raimar stürzte und – nahm sich das Leben. Er ersparte seiner Familie wenigstens die Schande, ihn im Gefängnis zu wissen, denn als der Bankrott ausbrach, fanden sich die ziemlich bedeutenden Depots nicht mehr vor. Sie waren vermutlich längst angegriffen und veruntreut, die Deponenten haben nie einen Pfennig zurückerhalten.« Der Bankier berichtete das alles in seiner kühlen, gelassenen Art, ohne besonderes Gewicht darauf zu legen. Edith erwiderte keine Silbe, aber ihre Augen hingen in atemloser Spannung an den Lippen des Vaters, der jetzt fortfuhr: »Ich habe mich stets über die Unbefangenheit gewundert, mit der dieser Max Raimar in unseren Kreisen verkehrt. Er war ja damals noch sehr jung, etwa sechzehn oder siebzehn Jahr, aber später ist ihm doch die volle Tragweite der Sache klar geworden. Uebrigens hat er recht, solchen Dingen muß man die Stirn bieten, sonst hängen sie sich wie ein Bleigewicht an das ganze Leben, aber es gehört doch eine gewisse Keckheit dazu. Der ältere Bruder scheint anders geartet zu sein, der hat Berlin seitdem nicht wieder betreten und empfindet selbst die Berührung mit seinen früheren Lebenskreisen peinlich, ich sah es bei unserer Begegnung. Er hat den Schlag noch heut nicht überwunden.« »Warum blieb er denn überhaupt in Deutschland?« fragte die junge Dame mit einer beinahe gereizten Aufwallung, so daß sie der Vater erstaunt anblickte. »Er konnte ja nach Amerika gehen und dort die ganze Vergangenheit hinter sich werfen.« »Nein, das konnte er nicht,« entgegnete Marlow ruhig. »Er hatte für die Existenz seiner Familie zu sorgen, der selbstverständlich nichts geblieben war. Die Stellung in Heilsberg gab ihm die Möglichkeit dazu, und als Notar hatte er ja auch nur das rein Geschäftliche der Rechtspraxis zu vertreten. Da entfielen die idealen Gesichtspunkte, die es ihm unmöglich machten, Verteidiger zu bleiben. In Heilsberg wird man wohl auch die näheren Umstände des Bankrotts nicht so genau gekannt haben. Schade um den Mann! Er war talentvoll, seine erste Rede vor den Schranken hatte einen geradezu sensationellen Erfolg – und nun muß er hier in einer untergeordneten Stellung verkümmern!« Mit diesem kühlen Bedauern und einem Achselzucken war die Sache abgethan für den Bankier. Seine Tochter schien eine Erwiderung auf den Lippen zu haben, aber in diesem Augenblick kam Wilma mit den anderen Gästen und schloß sich ihnen an. Der Spaziergang in dem großen Park mit seinen prächtigen alten Bäumen und schattigen Wegen wurde ziemlich lange ausgedehnt. Marlow ging mit seiner Nichte und dem Major Hartmut voraus, die anderen folgten, aber Max Raimar, der es noch nicht verwunden hatte, daß der Major ihn vorhin mit seiner Unterhaltungsgabe so vollständig in den Schatten gestellt, wußte es so einzurichten, daß sie scheinbar zufällig zurückblieben. Er machte die junge Dame auf einen schönen Durchblick aufmerksam, wo sich gerade der Burgberg mit dem alten Schlosse zeigte, und hielt sie dort einige Minuten lang fest, bis die anderen ziemlich weit voraus waren. Nun behauptete er allein das Feld, denn Ernst hatte sich wieder in seine alte Schweigsamkeit gehüllt und sprach nur so viel, als die unumgängliche Höflichkeit erforderte. Der junge Maler redete desto eifriger. Jetzt endlich stand er im Vordergrunde und nützte das gehörig aus, dabei entging es ihm nur leider, daß die Dame seines Herzens gar nicht zuhörte. Edith hatte in der That ganz andere Gedanken im Kopfe, und während ihr Ohr mechanisch hin und wieder ein paar Worte von dem Redeschwall auffing, und sie ebenso mechanisch antwortete, streifte ihr Auge bisweilen mit einem fragenden, halbscheuen Blick den schweigsamen Begleiter zu ihrer Rechten. Der Widerspruch zwischen seiner Persönlichkeit und seinem jetzigen Lebenskreise war ihr nun freilich gelöst, sie hatte es ja vorhin gesehen, wie ihm die Scham dunkelrot in die Stirn stieg bei dem Zusammentreffen mit ihrem Vater, der um jenen Makel wußte. Der jüngere Bruder, den die Sache doch ebenso nahe anging, schien sie allerdings viel leichter zu nehmen und ließ sich den Lebensgenuß nicht dadurch verkümmern. Max bemühte sich in der That aus allen Kräften, interessant zu sein. Das war sonst eigentlich nicht sein Fall, aber er wußte, daß die junge Dame es verlangte, wenn sie jemand der Ehre ihrer Gesellschaft würdigte, also war er interessant. Sein gutes Gedächtnis kam ihm dabei zu Hilfe, er hatte wirklich all die modernen Schlagworte im Kopfe und wußte sie geschickt anzubringen, verwendete auch gelegentlich die Aussprüche von Berühmtheiten, die er in den Salons gehört hatte, als eigenes Erzeugnis. Da man nun gerade auf dem Lande war, fing er auch an poetisch zu werden und von Rosen und Nachtigallen zu sprechen, obgleich die Rosen noch gar nicht blühten und die Nachtigallen jetzt im hellen Sonnenscheine nicht schlugen. Ihn störte das nicht weiter, aber Edith schien jetzt zu finden, daß der junge Herr unbequem werde, und schüttelte ihn ohne weiteres ab. Sie entdeckte auf einmal, daß es hier in dem schattigen Parke recht kühl sei, und bedauerte, ihr Tuch auf der Terrasse gelassen zu haben. Max stürzte natürlich schleunigst davon, um es zu holen und ließ die beiden allein. »Eine Frage, Herr Raimar! Haben Sie sich wirklich der künstlerischen Richtung Ihres Bruders widersetzt?« begann Edith. »Nein,« sagte Raimar kalt. »Er ließ mich glauben, daß er sich seine Laufbahn erst habe erkämpfen müssen, daß er sich bei seinen Studien, seiner ganzen Existenz auf die eigene Kraft gestellt habe. Er scheint sehr behaglich in Berlin zu leben und hat doch bis jetzt nur einige Studien ausgestellt. Woher stammen denn seine Mittel – von Ihnen vielleicht?« Ernst streifte mit einem langen düsteren Blick die Fragende, aber er schwieg. »Nun?« wiederholte sie ungeduldig. »Ich bitte – erlassen Sie mir die Antwort.« »Sie wollen Ihren Bruder nicht herabsetzen in meinen Augen? Aber er scheute sich nicht, Sie vor mir herabzusetzen.« »Um sich bei Ihnen interessant zu machen, allerdings auf meine Kosten! Das war ja nicht sehr brüderlich, aber doch gerade keine Todsünde.« »Nein – aber eine Erbärmlichkeit!« sagte Edith mit unverschleierter Verachtung. Raimar war im Grunde genau derselben Meinung. Er hatte es schon nach der ersten Begegnung gewußt, daß Maxls verwegene Hoffnungen nur Luftschlösser gewesen waren, die seine Eitelkeit baute, aber es war ihm peinlich, daß die junge Dame seinen Bruder jetzt ebenso klar durchschaute wie er selbst, und er versuchte abzulenken. »Sie dürfen mit ihm nicht so streng ins Gericht gehen,« versetzte er. »Max ist noch jung, ein leichtsinniges Künstlerblut, ohne viel Gedanken und Ueberlegung. Die Sache war wohl nicht so schlimm gemeint.« »Die Verleumdung eines Bruders, dem er alles verdankt? Sie opferten Ihre ganze Zukunft für ihn und Ihre Familie, und er –« »Woher wissen Sie denn das, gnädiges Fräulein?« unterbrach Ernst, sie groß und erstaunt ansehend. Edith zuckte leicht zusammen, aber die unvorsichtigen Worte waren nun einmal gesprochen und konnten nicht zurückgenommen werden. »Ich begreife,« sagte er mit tief aufquellender Bitterkeit. »Ihr Herr Vater hat Sie inzwischen aufgeklärt. Ich hätte das vorhersehen können.« »Mein Vater spricht mit der höchsten Achtung von Ihnen,« fiel Edith ein. »Er sagte mir –« »Daß ich Mitleid und Schonung verdiene – nicht wahr? Herr Marlow war in der That sehr gütig und rücksichtsvoll, ich bin nur leider eine so unglücklich angelegte Natur, daß ich nicht dankbar sein kann für solche Schonung und Großmut. Sie begreifen vielleicht nicht, daß es Menschen gibt, die von Fremden eher eine Beleidigung ertragen können als Mitleid. Ich bin damals geflohen vor diesem Mitleid, mit dem man sehr freigebig war – ich kann es noch heut nicht ertragen!« Die Worte verrieten, wie der Mann gelitten hatte bei jener Begegnung, wenn er dabei auch äußerlich ruhig erschien. Es lag ein wilder, mühsam beherrschter Groll darin, ein verzweifeltes Aufbäumen gegen jenes wohlfeile, herablassende Mitleid, das eine stolze, leidenschaftliche Natur als Entehrung empfindet. Edith verstand das nur zu gut, sie hätte genau ebenso empfunden. Sie schwiegen beide, die anderen mußten weit voraus sein, denn man hörte nicht einmal mehr ihre Stimmen. Es war still, ganz still in dem großen Park, der im lichten Maiengrün stand. Auch hier regte sich überall das Frühlingsleben, in den Gebüschen ringsum flüsterte, summte und zwitscherte es, und durch die Luft kam ein leises Wehen und Duften, das die beiden schmeichelnd umfing, als wolle es sie mahnen, die Schatten und das Weh des Menschenlebens doch nicht hineinzutragen in diese sonnige Lenzespracht. Das schöne Mädchen freilich, das im vollen Sonnenglanze des Lebens stand, wußte noch nichts von jenen Schatten, die so schwer und düster auf der Stirn des Mannes dort lagerten, aber sie wußte jetzt, was auf ihm lastete. Der Sohn eines Betrügers! Das also hatte ihn fortgetrieben aus der Welt, wie ein todwundes Wild hatte er sich in diese Abgeschiedenheit und Dunkelheit geflüchtet und barg sich dort scheu vor fremden Augen. Ja, er hatte recht, es gibt Schicksale, die den Menschen wehrlos machen, gegen die er nicht kämpfen kann – und er stand unter einem solchen Verhängnis! Das Schweigen hatte minutenlang gedauert, jetzt hob Edith langsam das Auge empor, aber der Ausdruck, der darin lag, war dem stolzen, kalten Mädchen bisher so fremd gewesen, wie die weichen, bebenden Laute, die jetzt von ihren Lippen kamen. »Ich habe Ihnen damals wehe gethan, Herr Raimar. Ich weiß es jetzt, aber ich ahnte ja nicht, wem meine Worte galten und welche Wunde sie berührten. Wir sind an jenem Tage so herb und feindlich geschieden. Wollen wir das vergessen? Beide vergessen? Ich – ich bitte Sie darum!« Sie bot ihm die Hand, da flammte es wieder auf in den Augen des Mannes, aber diesmal nicht in Zorn und Empörung. Ein heißer, leidenschaftlicher Strahl des Glückes brach daraus hervor, und wie ein sonniges Leuchten ging es über seine düsteren Züge. Er schloß die dargebotene Hand so fest in die seinige, als wolle er sie nie wieder loslassen und rief mit stürmisch aufwogender Empfindung: »Ich danke Ihnen, Edith!« Edith! das sprach ein Mann, den sie zum zweitenmal sah in ihrem Leben, aber sie hatte kein Zeichen der Entrüstung, der Abwehr dafür. Sie war völlig im Bann eines bisher nie gekannten, nie geahnten Gefühls, das sie halb süß, halb beängstigend durchschauerte und das sie noch nicht einmal verstand. Da ließen sich Schritte vernehmen, Raimar fuhr auf und trat rasch zurück, in der nächsten Minute bog auch schon Marlow um das Gebüsch. »Ich suchte dich, Edith,« sagte er hastig. »Soeben ist Herr Ronald angekommen. Ich werde ihn einstweilen empfangen, du kommst wohl mit Wilma nach. Entschuldigen Sie, Herr Raimar, ein Freund, den wir heute erwarteten – bitte, lassen Sie sich nicht stören!« Er ging in ungewohnter Eile, und die beiden waren wieder allein, aber jetzt waren sie erwacht. Der Traum, der sie eben noch umfing, zerrann vor dem grellen Strahl der Wirklichkeit, der da so plötzlich hereinbrach, Ernst hatte mit keinem Laut, keiner Bewegung seine Ueberraschung verraten, aber er war bleich geworden, und es schien wie ein Eishauch über seine Züge hingegangen zu sein, so starr und kalt waren sie, als er jetzt das Wort nahm, »Sie erwarteten Herrn Ronald – hier in Gernsbach?« »Ja, er wollte uns hier aufsuchen. Er hat meine Cousine in unserem Hause kennen gelernt und versprach schon damals den Besuch, wenn er nach Steinfeld käme.« Edith wußte selbst nicht, weshalb sie sich bemühte, diesen Besuch, der ja ein zufälliger sein konnte, so ausführlich zu erklären oder vielmehr zu verschleiern, aber sie sah, daß Ernst sich dadurch nicht täuschen ließ, obgleich er höflich zustimmend das Haupt neigte. »Dann wollen wir nicht länger stören. Wir wollen ja ohnehin bald aufbrechen. Sie gestatten wohl, gnädiges Fräulein, daß ich mich empfehle, ich möchte den Wagen bestellen.« »Sie stören durchaus nicht,« sagte Edith, gereizt durch die jähe Veränderung in seinem Wesen. »Der Besuch des Herrn Ronald – gilt Ihnen!« ergänzte er mit herbem Nachdruck. »Frau von Maiendorf sagte mir schon früher, daß ihre Bekanntschaft mit dem Herrn eine sehr flüchtige sei, und Ihr Herr Vater kommt ja eben von Steinfeld – es bedarf da wirklich keiner Erklärung.« »Ich wüßte auch nicht, wem ich sie zu geben hätte,« sagte die junge Dame, sich stolz emporrichtend. »Ihnen doch wohl nicht, Herr Raimar, mir sind uns ja völlig fremd.« Das klang in herber Zurechtweisung und erinnerte ihn nachdrücklich daran, daß er sich vergessen hatte mit jener Andeutung. Aber Ernst Raimar war jetzt nicht in der Stimmung, eine solche Zurechtweisung hinzunehmen, jetzt richtete auch er sich empor und gab Blick und Ton genau ebenso zurück. »Gewiß, gnädiges Fräulein, und als ein Fremder habe ich mich auch damals zu einer Erklärung hinreißen lassen, die nie ausgesprochen worden wäre, hätte ich geahnt, daß Sie in näheren Beziehungen zu Herrn Ronald stehen. Ich habe mich offen als sein Feind bekannt und kann und will das nicht zurücknehmen, aber ich begreife vollkommen, daß ich damit das Recht verwirkt habe, Ihnen wieder nahen zu dürfen. Wir sind nun einmal vom Schicksal bestimmt, uns feindlich gegenüber zu stehen – also bleiben wir dabei!« Er verneigte sich tief und fremd und ging. Edith stand regungslos und sah ihm nach. Er erriet oder ahnte doch zweifellos die Bedeutung dieses Besuches, den sie während der letzten halben Stunde – vergessen hatte. Ja, sie hatte es in der That vergessen, daß der Mann, dem sie durch den Vater ihre Hand bereits zugesagt hatte, auf dem Wege nach Gernsbach war. Er kam nun, um auch von ihr das Jawort zu fordern, und sie dachte ja auch nicht daran, es zu versagen – aber warum mußte er denn gerade in dieser Stunde kommen! Felix Ronald war inzwischen von seinem künftigen Schwiegervater empfangen und in den Salon geleitet worden, wo sie die Damen erwarteten. Marlow hatte ihm bereits mitgeteilt, daß Besuch aus Heilsberg da sei, den man habe annehmen müssen, hier in Gernsbach könne man sich ja leider nicht verleugnen lassen. »Warum denn nicht?« fragte Ronald, der die Gegenwart Fremder sehr unliebsam zu empfinden schien. »Wer wird denn Umstände machen mit diesen Heilsberger Kleinstädtern, wenn sie stören, wie gerade heut! Man schickt sie einfach fort.« »Meine Nichte hat aber manche Beziehung in der Stadt,« warf der Bankier ein. »Da war doch einige Rücksicht geboten. Uebrigens wollen die Herren in einer Stunde wieder abfahren, und dann sind wir ganz unter uns.« Die Beschwichtigung nützte nicht viel und wurde nur mit einem ungeduldigen Achselzucken aufgenommen, der neue Gast war es offenbar nicht gewöhnt, auf andere Rücksicht zu nehmen, während er für sich selbst die höchste Rücksicht forderte. Felix Ronald war nicht mehr jung, etwa vierzig Jahre und konnte nicht einmal für stattlich gelten, denn seine Gestalt erreichte kaum die Mittelgröße. Trotzdem war seine äußere Erscheinung interessant, ja bedeutend, denn die Energie, welche die ganze Laufbahn dieses Mannes kennzeichnete, prägte sich unverkennbar darin aus. Ein scharfgezeichnetes Gesicht, mit hoher Stirn, stahlgraue, durchdringende Augen, die alles sahen, alles erfaßten, eine Haltung voll hochmütigen Selbstbewußtseins und doch nichts von der prahlerischen Art des gewöhnlichen Emporkömmlings. Eine gewöhnliche Natur war dieser Ronald nicht, das sah man auf den ersten Blick, aber es lag ein Zug nervöser Ueberreizung in seinem ganzen Wesen. Es verriet die fieberhafte Rastlosigkeit eines Menschen, der die Ruhe überhaupt nicht kennt, dessen Geist unaufhörlich arbeitet an neuen Plänen und Entwürfen. »Edith und meine Nichte werden sogleich hier sein,« hob Marlow wieder an. »Was übrigens den Besuch aus Heilsberg betrifft, so ist er Ihnen nicht ganz fremd. Sie haben ja wohl den jungen Maler Max Raimar in meinen Salons gesehen?« Ronald war an die Glasthür getreten und blickte zerstreut auf die Terrasse hinaus. »Ich glaube ja,« sagte er nachlässig. »Ein hübscher, unbedeutender Junge, soviel ich mich erinnere. Eine Art Schützling von Fräulein Edith, die ja überhaupt die Kunst protegiert.« »Ganz recht, aber auch Ernst Raimar ist hier.« »Wer?« »Der ältere Bruder, der jetzt als Notar in Heilsberg lebt. Sie haben ihn ja doch auch gekannt.« Ronald hatte sich jäh umgewandt, als der Name genannt wurde, und eine sichtlich unangenehme Empfindung malte sich in seinen Zügen, als er entgegnete: »O ja! Der junge Herr hat mir damals genug zu schaffen gemacht, als die Katastrophe im Hause seines Vaters eintrat. Er wollte die Sache durchaus ›aufklären‹, wie er es nannte – als ob sie nicht klar genug gewesen wäre – und als ich auf seine tollen Hirngespinste von Diebstahl der Depots und dergleichen nicht einging, gerieten wir ernstlich aneinander. Er verstieg sich einmal sogar bis zur Beleidigung gegen mich – ich habe ihm das heute noch nicht vergessen!« Die Worte klangen in voller Gereiztheit, aber Marlow schüttelte ernst den Kopf. »Nun, einem Sohn muß man es schon verzeihen, wenn er an die Schuld des Vaters nicht glauben will; ihm kam der Schlag ja ganz unerwartet. Jedenfalls werden Sie es nicht vermeiden können, ihm heut zu begegnen.« »Meinetwegen, wenn er es nicht vermeidet!« sagte Ronald hochmütig, aber in diesem Augenblick traten die Damen ein, denen Major Hartmut und Max folgten, das machte dem Gespräch ein Ende. Die Begrüßung konnte selbstverständlich noch keine vertrauliche sein, das entscheidende Wort sollte ja erst gesprochen werden, man blieb also in den Schranken des gewohnten Verkehrs, Hartmut berührte mit keiner Silbe die einstige Bekanntschaft im Raimarschen Hause und ließ sich als Fremder vorstellen, und Ronald wollte sich offenbar jener früheren Begegnung nicht mehr erinnern, aber er war immerhin artig und verbindlich dem Offizier gegenüber. Dagegen machte er mit Max nicht die geringsten Umstände, dieser wurde mit einem kurzen Kopfnicken und einem sehr herablassenden: »Ah, Herr Raimar, wie geht es Ihnen?« abgefertigt und die Antwort wurde gar nicht abgewartet. Ernst schien sich draußen im Parke verspätet zu haben, das Gespräch war schon im vollen Gange, als er endlich eintrat. Ediths Augen richteten sich gespannt auf die beiden Männer, deren Begegnung ihr ein Rätsel lösen sollte, es wurde auch teilweise gelöst, denn schon in der nächsten Minute wußte sie, daß die Feindschaft eine gegenseitige war. Wilma stellte Herrn Notar Raimar vor, und Ronald, der dessen Eintritt kaum zu bemerken schien, mußte nun notgedrungen Notiz von ihm nehmen. Er wandte sich um, mit einer sehr nachlässigen Bewegung und zweifellos in der Absicht, den älteren Bruder mit derselben beleidigenden Nichtachtung zu behandeln, wie vorhin den jüngeren, aber hier scheiterte der Versuch völlig. Ernst Raimar stand ihm gegenüber in einer so eisigen Haltung, mit einem so unnahbaren Stolze, daß er sich wenigstens zur äußeren Form der Höflichkeit herbeiließ. Er grüßte kalt und gemessen, und der Gruß wurde ebenso förmlich erwidert, aber dabei begegneten sich die Blicke der beiden Männer mit einem Ausdruck, daß Edith unwillkürlich an zwei sich kreuzende Schwerter denken mußte. Sprühender Haß auf der einen Seite, drohendes Aufflammen auf der anderen! Das war keine Gegnerschaft, wie zwei Todfeinde standen sich die beiden gegenüber, Auge in Auge und maßen einander, wortlos, aber als gelte es einen Kampf auf Leben und Tod. Das dauerte freilich nur Sekunden, und zu Worten kam es überhaupt nicht, denn Raimar wandte sich sofort an die Frau vom Hause. »Wir möchten uns Ihnen empfehlen, gnädige Frau, wir müssen aufbrechen. – Arnold, der Wagen ist bereits vorgefahren.« Der Major sah etwas überrascht aus bei dieser Ankündigung, man hatte ja erst in einer Stunde fahren wollen, aber er stimmte sofort zu. Marlow dagegen atmete erleichtert auf; nach dieser Begegnung hätte sich ein längeres Zusammensein allerdings sehr unerquicklich gestaltet. Der Abschied war ziemlich kurz, man bedauerte den schnellen Aufbruch der Gäste, der im Grunde allen erwünscht war, machte aber keinen Versuch, sie zurückzuhalten. Nur Klein-Lisbeth war sehr betrübt, daß ihr Freund schon fort wolle und hing sich schmeichelnd an ihn mit der Bitte, doch noch zu bleiben. Er versicherte lachend, die Aufmerksamkeit der jungen Dame sei ihm unendlich schmeichelhaft, aber fünf Minuten später saß er bereits mit den anderen im Wagen. Anfangs herrschte ein unbehagliches Schweigen. Hartmut lehnte verstimmt in der einen Ecke des Wagens, Ernst stumm und düster in der anderen, während Max mit einem sehr langen Gesichte dasaß. Erst als man das Haus und den Park hinter sich hatte, fing der Major an. »Das war ja eine nette Ueberraschung! Was zum Kuckuck hat dieser Ronald in Gernsbach zu suchen? Wir waren gerade mitten in der vollsten Gemütlichkeit. Frau von Maiendorf lachte mit ihrer Lisbeth um die Wette – sie hat etwas so kindlich Frohes, wenn sie lacht – und sogar der steifleinene Bankier wurde ganz menschlich vergnügt bei einigen lustigen Kriegsgeschichten, die ich zum besten gab. Da wird der ›Nabob‹ gemeldet und sprengt wie ein böser Geist uns alle auseinander! – Was soll denn das alles bedeuten?« »Daß ich kein längeres Zusammensein mit dem Herrn Felix Ronald wünschte!« sagte Ernst kurz, aber mit vollster Schärfe. Hartmut zuckte die Achseln. »Nun ja, ich begreife, daß dies Zusammentreffen mit eurem ehemaligen Prokuristen und jetzigen Milliardenbesitzer dir nicht gerade angenehm war, aber deshalb brauchten wir doch nicht so über Hals und Kopf davonzugehen. Was soll Frau von Maiendorf denn davon denken! – Maxl, du bist ja so merkwürdig still geworden, was sagst du eigentlich zu der Geschichte?« Max war nicht bloß verstimmt, sondern tief beleidigt. Anstatt im Vordergrunde zu stehen, wie er sich geschmeichelt, war er heut überall beiseite geschoben worden und hatte das natürlich sehr übel genommen. »Ich sage, daß dieser Besuch sehr eigentümlich ist! Herr Ronald läßt sonst nur wenigen Auserwählten die Gnade seines Erscheinens zu teil werden, für gewöhnlich empfängt er , und wenn ihm das gerade nicht paßt, läßt er die Ersten und Vornehmsten abweisen. Bei den Marlows war er freilich oft, und jetzt fährt er vier Stunden von Steinfeld hierher und scheint tagelang zu bleiben, denn ich hörte, wie Frau von Maiendorf dem Diener befahl, den Koffer des Herrn nach dem Fremdenzimmer zu tragen. Ihr gilt das natürlich nicht, Ronald kennt sie ja kaum – man kommt dabei wirklich auf ganz eigene Gedanken!« »Oho, bist du eifersüchtig?« rief Hartmut lachend. »Übrigens könntest du recht haben, mir kam die Begrüßung auch etwas verdächtig vor. Da heißt es tapfer sein, Maxl! Vorwärts! Schlag die Milliarde aus dem Felde und sichere dir die Million. Dir ist das ja eine Kleinigkeit.« »Die Sache ist durchaus nicht scherzhaft, Herr Major,« versetzte Max in gereiztem Tone. »Wenn ein Ronald als ernstlicher Bewerber auftritt, hat ein anderer kaum noch Hoffnung neben ihm, denn da entscheidet natürlich nicht die Persönlichkeit oder das Talent. Da triumphiert einzig das schnöde Geld – erbärmlich!« »Ja, das Geld ist immer erbärmlich, wenn man es nicht haben kann,« bemerkte der Major philosophisch. »Bei dir ist übrigens diese Verachtung des schnöden Reichtums ganz neuen Datums, früher dachtest du sehr hochachtungsvoll darüber. – Was meinst du, Ernst, glaubst du an derartige Pläne? Marlow ist ja selbst reich, da wird seine Tochter sich doch nicht verkaufen um des Geldes willen.« »Warum denn nicht?« sagte Ernst mit schneidender Bitterkeit. »Vielleicht reizt sie weniger das Gold als die Macht, die es verleiht. Es beugt sich ja alles vor diesem Ronald, diesem Götzenbilde des Mammon! Warum sollte es da ein Mädchen nicht reizen, sich an seine Seite zu stellen und sich auch anbeten zu lassen!« »Nun, ihr seid ja heut beide in einer liebenswürdigen Stimmung!« brach Hartmut ärgerlich aus. »Was hast du denn eigentlich, Ernst? Du hast doch nicht auf die Millionärin spekuliert und benimmst dich gerade so wütend wie der Maxl. Mir ist es höchst gleichgültig, wen dieser Nabob mit seiner Hand und seinem Mammon beglückt, aber ich habe mich tagelang auf diese Fahrt nach Gernsbach gefreut, und nun –« er brach plötzlich ab und biß sich auf die Lippen, als habe er sich übereilt, aber weder Raimar noch Max achteten darauf. Sie hingen schweigend ihren eigenen Gedanken nach, und so lehnte sich denn der Major zurück und schwieg als der Dritte im Bunde. In Gernsbach war mit der Abfahrt der Gäste der Zwang gefallen, den man sich vor ihnen auferlegen mußte, und Marlow stellte die Geduld seines künftigen Schwiegersohnes auf keine harte Probe. Nachdem man noch eine Viertelstunde geplaudert hatte, nahm er die kleine Lisbeth an der Hand, um mit ihr draußen auf der Terrasse die Tauben zu füttern. Wilma folgte ihnen, und damit war die gewünschte Gelegenheit zur Erklärung gegeben. Edith und Ronald waren im Salon zurückgeblieben, aber ein Fremder hätte schwerlich erraten, daß es hier eine Brautwerbung galt. Da gab es kein plötzliches Verstummen auf der einen Seite, kein Erröten und keine Verwirrung auf der anderen, wie wohl sonst bei einem ersten Alleinsein, aber hier handelte es sich ja auch um keine romantische Scene. Die junge Dame, die in ihrer gewohnten kühlen Haltung auf dem Sofa saß, sollte einen Antrag entgegennehmen, den der Vater in ihrem Namen bereits angenommen hatte, und der Mann ihr gegenüber wußte es ja, daß er ein Jawort erhalten würde. Die Sache vollzog sich so durchaus korrekt und nüchtern, wie gewöhnlich solche Verbindungen in der großen Welt. Noch vor wenigen Stunden hatte Edith dieser Unterredung so ruhig, so sicher und hochbefriedigt entgegengesehen; äußerlich schien sie das ja auch jetzt zu sein, und doch lag es auf ihr wie ein beklemmender Druck, wie eine rätselhafte Angst vor dieser doch lang erwarteten Entscheidung. Für den Augenblick freilich sprachen sie noch von gleichgültigen Dingen. »Sie wollen im Sommer nach der Schweiz?« fragte Ronald. »Herr Marlow sagte mir schon, daß er einen längeren Aufenthalt in den Berner Alpen beabsichtige. Wer sich doch auch so losreißen könnte von den Sorgen und Arbeiten des Tages!« »Werden Sie sich denn im Sommer gar keine Erholung gönnen?« fragte Edith. »Ich kann nicht. Wer im Mittelpunkte so vieler Unternehmungen steht wie ich, der wird schließlich ein Sklave seiner eigenen Schöpfungen. Man muß immer auf dem Platze sein, wenn man Herr bleiben will über all dies Getriebe. Ich habe keine Zeit zur Erholung.« »Nein, Sie haben nur Zeit für die Arbeit, wie es scheint.« »Bis jetzt, ja,« sagte Ronald langsam. »Aber nun möchte ich endlich auch Zeit für – etwas anderes haben.« Er hielt inne, als erwarte er eine Antwort; als diese aber nicht kam, erhob er sich und trat an die Seite der jungen Dame. »Sie haben mir erlaubt, nach Gernsbach zu kommen, und nun komme ich mit einer Frage, einer Bitte zu Ihnen, die Sie vielleicht schon erraten haben. Ihr Vater hat mir eine Hoffnung gegeben, deren Erfüllung bei Ihnen allein steht, und ich möchte nun mein Urteil von Ihren Lippen hören. Ich biete Ihnen meine Hand, Edith – darf ich hoffen?« Es war ein Antrag in aller Form, in klaren, kühlen Worten, aber in dem Ton lag eine mühsam verhaltene Erregung, und die Augen des Bewerbers hingen mit verzehrender Unruhe an dem schönen Mädchen, das mit der Antwort zögerte. Da war sie wieder, die rätselhafte Angst, die sich vorhin so dunkel und beklemmend regte. Jetzt im Augenblick der Entscheidung flammte sie auf mit jäher Gewalt und schloß die Lippen, die das bindende Wort sprechen sollten, sie blieben stumm. »Edith, ich warte – ich bitte!« mahnte Ronald. Das kam aus dem Munde eines Mannes, der jetzt nur noch zu befehlen gewohnt war. Hier lag wirklich eine Bitte in seiner Stimme, und hier gab es ja überhaupt keine Wahl mehr. Mit ihrer ganzen Willenskraft entriß sich Edith jenem beklemmenden Druck und warf all die widerspruchsvollen Empfindungen hinter sich. »Wenn mein Vater Ihnen bereits Hoffnung gegeben hat, so werde ich sie wohl bestätigen müssen,« sagte sie mit einem Lächeln. »Nun denn ja – hier ist meine Hand!« Sie wollte ihm die Hand reichen, aber da fühlte sie sich plötzlich von seinen Armen umschlungen, an seine Brust gerissen, fühlte heiße, wilde Küsse auf ihrem Antlitz, auf ihren Lippen. Es war, als breche aus dem Innern des Mannes urplötzlich eine Flamme hervor, die über sie hinwehte und sie versengte mit ihrem glühenden Atem. Bestürzt, halb betäubt duldete sie das einige Sekunden lang, aber schon in der nächsten Minute riß sie sich los und stieß ihn von sich. »Herr Ronald!« Das klang nicht angstvoll, sondern entrüstet: als gelte es eine Beleidigung abzuwehren. Ronald zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück. »Was soll das, Edith?« fragte er mit drohender Heftigkeit. »Ich dächte, Sie hätten sich soeben zu meiner Braut erklärt!« Edith stand bleich mit bebenden Lippen da. Sie war einer unwillkürlichen, halb unbewußten Regung gefolgt, ohne zu wissen, was sie damit verriet. Ronald sah sie noch immer unverwandt an, und ein seltsamer Blick schoß aus seinen Augen. »Ist das Ihre Antwort auf die erste Umarmung des Bräutigams? Ich meine doch, ich hätte jetzt ein Recht dazu. Aber das sah ja aus wie – wie Widerwille!« »Sie haben mich erschreckt mit diesem stürmischen Aufflammen,« sagte Edith leise. »Erschreckt? Sie sind doch sonst nicht schreckhaft! Welche Zeremonien erwarteten Sie denn bei unserer Verlobung? Sollte ich Ihnen nach allen Regeln der Etikette die Hand küssen und für die gütige Zusage danken? Darf ich meine Braut nicht in die Arme schließen?« Er hatte recht mit seinem Vorwurf, Edith fühlte es und machte den Versuch, den Eindruck zu verwischen. »Sie tragen selbst die Schuld an meiner Ueberraschung,« entgegnete sie. »Ich glaubte nicht, daß Sie überhaupt leidenschaftlich empfinden könnten, Sie zeigten sich mir bisher von einer ganz anderen Seite.« »Bisher! Da trafen wir uns nur im Salon, vor Fremden, da zeigt man nicht sein wahres Gesicht. Die Welt hält mich freilich für eine Art Rechenmaschine, die nur Zahlen kennt – haben Sie das auch gethan?« Es klang wie bitterer Hohn in seinen Worten, und doch bebten sie in unterdrückter Leidenschaft, als er fortfuhr: »Da sind Sie doch im Irrtum gewesen. Der kluge, kühle Geschäftsmann, der nur rechnet und abwägt, das ist Ihr Vater, Edith. Ich bin es nicht, bin es nie gewesen, und damit erzwingt man auch nicht eine Laufbahn wie die meinige, die Erfolge eines ganzen Menschenlebens in wenigen Jahren! Sie kennen ihn freilich nicht, den dunklen, dämonischen Drang, der in manchen Naturen liegt und sie rastlos vorwärts treibt, durch alle Hindernisse, über alle Schranken hinweg. Ich habe diesen Dämon schon gekannt, als ich noch arm und unbekannt war, und er allein hat mich emporgetragen. Ich wollte ihm nicht folgen, ich mußte. Ihr Vater hat mir oft gesagt: ›Sie rechnen zu kühn! Das sind keine Rechnungen, Wagnisse sind es!‹ Aber sie glücken immer, wenn man nur den Mut hat, sich ganz und voll dafür einzusetzen, und die Energie, sie durchzuführen bis ans Ende. Schreckt Sie das, Edith? Ich glaubte, Sie würden es begreifen!« »Ja, ich begreife es,« sagte Edith, deren Augen jetzt an seinen Lippen hingen. Das war in der That eine Sprache, die sie verstand, die sie mächtig fesselte, die Sprache des stolzen Selbstbewußtseins, des rücksichtslosen Wagemutes. Ronald sah das, und sein beleidigter Stolz hielt nicht mehr stand, die Leidenschaft für das schöne Mädchen siegte. Er trat langsam wieder an ihre Seite, und jetzt sank seine Stimme zu einem heißen Flüstern herab. »Die Welt nennt das unerhörtes Glück, Ich bin nicht glücklich dabei gewesen und habe auch nicht viel danach gefragt, denn bei mir hieß die Losung immer nur: Vorwärts! Aufwärts! Da lernte ich Sie kennen, Edith, und da wurde es anders. Sie wollen ja die Meine werden, aber ich verlange mehr als dies kühle, förmliche Ja, mit dem Sie sich vorhin zu meiner Braut erklärten, weit mehr. In der ruhelosen Hetzjagd meines Lebens habe ich nie Zeit gehabt für das Glück, aber jetzt fordert es sein Recht, gewaltsam, unwiderstehlich. Willst du es mir geben? Du kannst es, du allein!« Das war der volle, echte Ton der Leidenschaft, und Edith hätte kein Weib sein müssen, wäre sie gleichgültig dabei geblieben. Sie war geblendet, hingerissen, und all die warnenden, widerstreitenden Empfindungen, mit denen sie vorhin gekämpft, gingen unter darin. Mit einem tiefen Atemzuge richtete sie sich empor. »Ich habe Sie bisher noch gar nicht gekannt, Ronald –« »Felix!« unterbrach er sie. »Laß mich doch endlich meinen Namen hören von deinen Lippen!« »Felix,« wiederholte sie leise. »Wir müssen es ja erst lernen, einander zu verstehen!« Er schloß sie in die Arme, nicht so wild und stürmisch wie vorhin, er fürchtete offenbar, sie wieder zu verletzen. Aber diesmal entzog sich Edith nicht seiner Umarmung. Marlow war inzwischen draußen auf der Terrasse allein geblieben. Wilma hatte sich mit ihren Hausfrauenpflichten entschuldigt. Sie wollte noch einige Anordnungen für den Abend treffen und nahm ihre Kleine mit sich. Der Bankier wandelte langsam auf und nieder und schien sich nur dem behaglichen Genuß seiner Zigarre hinzugeben. Aber sein Blick streifte im Vorüberschreiten öfters die offen gebliebene Glasthür, und jetzt mochte er wohl bemerkt haben, daß da drinnen alles in erwünschter Ordnung war. Er warf die Zigarre weg und trat in den Salon. Ronald führte ihm seine Braut entgegen, und nun folgten die üblichen Umarmungen, die Glückwünsche und das erste vertraute Zusammensein mit dem neuen Schwiegersohn. Aber hier fehlte das erste süße Geplauder eines Brautpaares mit der nun offen hervorbrechenden Zärtlichkeit des Mannes und der noch halb scheuen Hingebung des Mädchens. Ronald konnte wohl leidenschaftlich, aber nicht zärtlich sein und Edith war überhaupt nicht angelegt für weiche Hingebung. Auch Marlow bewahrte seine kühle Gelassenheit, die ihm zur zweiten Natur geworden war, obgleich er mit dieser Verlobung seinen höchsten Wunsch erfüllt sah. Nach fünf Minuten sprachen die drei bereits von sehr realen Dingen. »Verzeih, daß ich so spät kam,« sagte Felix. »Ich wollte natürlich mit deinem Vater kommen, wurde aber im letzten Augenblick noch zurückgehalten.« »Edith kennt den Grund bereits,« warf der Bankier ein. »Ich sagte ihr schon von der Depesche des Ministers, der sofortige Antwort verlangte.« »Ja, und eine sehr ausführliche,« bestätigte Ronald. »Ich habe erst Berichte diktieren, Ergänzungen hinzufügen müssen, und das hat ein paar Stunden gedauert. Aber du wirst die Verspätung entschuldigen, Edith, sie ging zum Teil auch dich an.« »Mich?« fragte Edith, die noch immer mit einem gewissen Zögern sein Du erwiderte. »Ich verstehe dich nicht.« – »Nun, du wirst doch künftig meinen Namen tragen, und der spielt auch eine Rolle dabei. Hast du etwas dagegen, wenn dieser lautet: Felix Freiherr von Ronald?« Die junge Dame fuhr in lebhafter Ueberraschung auf und blickte erst ihren Verlobten, dann den Vater an, dessen Lächeln zeigte, daß er bereits unterrichtet war. »Man will dir den Adel erteilen?« rief sie. »Man will das nun gerade nicht,« sagte Ronald mit einem spöttischen Auflachen. »Vermutlich verursacht der Entschluß einige Beklemmung an maßgebender Stelle, trotzdem wird man sich dazu bequemen müssen. Es handelt sich um gewisse finanzielle Schwierigkeiten bei der neuen Anleihe, die man möglichst schnell heben möchte. Ich habe die Fäden zum Teil in der Hand und kann nötigenfalls einen Druck auf die großen Banken und die Berliner Finanzwelt ausüben. Wenn ich mit meinem ganzen Einfluß eintrete, geben sie voraussichtlich ihre Zurückhaltung auf und folgen.« »Sie werden zweifellos folgen,« stimmte Marlow bei. »Wir haben hinreichend vorgearbeitet, und das wissen die Herren da oben sehr genau.« Edith hörte mit lebhafter Spannung zu. Als Tochter ihres Vaters war sie vertraut genug mit diesen Dingen, um sie zu verstehen; jetzt fragte sie: »Du hast den Adel gefordert?« »Nicht direkt, so etwas wird überhaupt nicht gefordert und ausgesprochen, aber man versteht sich trotzdem. Ich habe meine Wünsche hinreichend angedeutet und ebenso diskret die Zusage erhalten. Die Sache ist abgemacht, muß aber einstweilen noch Geheimnis bleiben. Und nun begreifst du vielleicht meinen Wunsch, daß auch unsere Verlobung geheim bleibt bis zum Herbst – dann bringe ich meiner Braut die Freiherrnkrone als Morgengabe mit!« Die Augen der jungen Braut blitzten in stolzer Genugthuung. Das war der erste glanzvolle Gruß der Zukunft, die ihrer wartete, und sie war viel zu sehr ein Kind der großen Welt, um ihn nicht als einen Triumph zu empfinden. »Wie du willst, Felix,« entgegnete sie lächelnd. »Ich füge mich ganz deinen Wünschen, aber weshalb hast du denn heut schon gesprochen?« »Weil du den ganzen Sommer fern sein wirst, und wer weiß, was dir da alles naht und dich umschwärmt. Ich hatte Furcht davor, Edith, ich wollte mir deine Hand sichern vor unserer Trennung. In drei bis vier Monaten wird jene Angelegenheit erledigt sein und damit auch die meine. Ich will erst als Felix von Ronald öffentlich um dich werben!« »Du kannst immerhin darauf stolz sein, mein Kind,« mischte sich der Bankier ein, dem man selbst den geschmeichelten Stolz und die hohe Befriedigung ansah. »Solch eine Standeserhöhung ist selten genug bei uns.« »In unserem schwerfälligen, pedantischen Deutschland allerdings,« sagte Ronald mit herbem Spott. »Da gilt ja nicht der Mann und seine Erfolge, da fordert man erst noch alle möglichen ›Garantien‹ für die Zukunft. Wenn man mich nicht so notwendig brauchte! Ich weiß, wie hoch ich diese ›Anerkennung‹ anzuschlagen habe.« – »Gleichviel, der Welt gegenüber behält sie ihre volle Geltung,« erklärte Marlow gelassen. »Aber nun werde ich Wilma holen, sie will dir doch auch Glück wünschen, Edith. Sie wird freilich nicht sehr überrascht sein, denn sie kennt den Grund Ihres Besuches, Felix.« Er stand auf und verließ den Salon, Edith wandte sich zu ihrem Verlobten. »Du scheinst gar keinen so großen Wert auf diese Standeserhöhung zu legen,« bemerkte sie. »Doch, den allergrößten, aber Freude habe ich nur um deinetwillen daran. Mich soll es nur decken gegen all die feindseligen Einflüsse – doch das geht mich allein an. Laß mir die Arbeit und die Sorge, dich soll nur der Glanz umgeben!« »Das heißt, ich soll nur ein glänzendes Schmuckstück deines Hauses sein, und der Ernst deines Lebens soll mir ferne bleiben? Felix, du kennst mich nicht, wenn du mir eine solche Rolle zumutest.« Das klang vorwurfsvoll, aber es war nicht der zärtliche Vorwurf einer Braut, die ihren Anteil fordert an den Sorgen des künftigen Gatten, und der Strahl, der eben wieder heiß aufflammte in den Augen des Mannes, erlosch vor den kühlen, ernsten Worten. »Ich weiß, daß du mir mehr sein kannst,« sagte er, sich zur Ruhe zwingend. »Aber es ist im Grunde nichts Neues, was du hören wirst. Die alte Geschichte von Neid und Mißgunst, von Haß gegen den ›Emporkömmling‹, der sie alle überflügelt hat. Ich habe nie viel danach gefragt, aber jetzt regt es sich an allen Ecken und Enden, jetzt wird überall gewühlt und gehetzt gegen mich, im geheimen natürlich. Offen wagt es keiner, gegen mich aufzutreten, und ich wollte es auch keinem raten, aber diese Maulwurfsarbeit ist gefährlicher als ein offener Kampf. Es mußte irgend etwas geschehen, um dem Gesindel da unten Respekt beizubringen. Das Adelsdiplom gilt in unseren Kreisen noch immer für die höchste Auszeichnung, das gibt man nicht irgend einem glücklichen Spekulanten, der heut der Held des Tages ist und morgen verschwindet, und das gibt mir auch den nötigen Rückhalt nach oben hin. Felix Ronald konnte man fallen lassen, wenn der Wind einmal aus anderer Richtung weht – den Freiherrn von Ronald nicht! Den hat man in die eigenen Kreise aufgenommen und muß diese Wahl vertreten.« Edith folgte mit steigender Betroffenheit seinen Worten. Sie hatte auch nur den Glanz gesehen in dieser meteorartigen Laufbahn, und nun blickte sie in eine dunkle Tiefe, wo sich allerlei feindselige Gewalten regten. »Ich habe nicht gewußt, daß du auf so schwankendem Boden stehst,« sagte sie leise. »Pah! Ein Schiff auf der hohen See schwankt immer. Das kümmert den Kapitän nicht, aber er sichert es gegen den Sturm. Ich wußte, was ich that, als ich nicht den einfachen Adel, sondern den Freiherrn forderte. Ob widerwillig zugestanden oder nicht, es ist eine Thatsache, und sie setzt Beziehungen und Verbindungen voraus, die meine Gegner zum Schweigen bringen werden. Jetzt wagen sie sich nicht mehr an mich!« Er sprach mit hochmütigem Siegesbewußtsein, aber die junge Braut schwieg. Ihre anfängliche freudige Genugthuung war vorbei, seit sie wußte, wie jene »Auszeichnung« errungen war und welchem Zweck sie dienen sollte. Es war überhaupt ein so seltsames Gespräch in der ersten Stunde der Verlobung. Da war nur von Haß und Feindschaft die Rede, von Kämpfen, die man bestehen, Stürmen, gegen die man sich sichern müsse. Edith dachte an die flammenden, drohenden Augen, die sie vorhin gesehen hatte, und fast unwillkürlich kam ihr die Frage auf die Lippen: »Felix, was liegt zwischen dir und diesem Raimar?« Ein schnelles, blitzähnliches Aufzucken ging über die Züge Ronalds bei dieser jähen, unvermittelten Frage, aber schon in der nächsten Minute zeigten sie nur noch einen kalt verächtlichen Ausdruck. »Raimar?« wiederholte er, als müsse er sich erst besinnen. »Ah so, du meinst den Notar von Heilsberg! Und was zwischen uns liegt, willst du wissen? Das weiß ich doch nicht, ich gebe mich nicht ab mit solchen untergeordneten Persönlichkeiten. Aber du scheinst ihn ja fast auf eine Stufe mit mir zu stellen – recht schmeichelhaft in der That!« »Du kanntest ihn aber doch,« beharrte Edith, ohne sich durch den wegwerfenden Ton beirren zu lassen. »Er benahm sich eigentümlich feindselig bei der Begegnung.« »Natürlich kenne ich ihn.« Ronald zuckte nachlässig die Achseln, »Ich habe ja meine kaufmännische Laufbahn im Bankhause seines Vaters begonnen. Das wußtest du nicht? Es ist auch nicht der Mühe wert! Er hat damals Vermögen und Lebensstellung eingebüßt und es überhaupt zu nichts gebracht in der Welt, sonst würde er nicht in Heilsberg sitzen. Ich bin emporgekommen – Grund genug für solche Menschen zum ohnmächtigen Groll und Haß gegen den einstigen Untergebenen, der jetzt so hoch über ihnen steht. Ich finde das im Grunde natürlich, aber man nimmt doch nicht weiter Notiz von solchen Erbärmlichkeiten.« »Scheint dir dieser Raimar so verachtungswert?« fragte Edith langsam. »Vielleicht unterschätzest du ihn doch. Furchtsam wenigstens ist er nicht, es lag ja fast eine Herausforderung in seiner Haltung, und du – ließest das hingehen.« Ronald streifte mit einem raschen, funkelnden Blick seine Braut, dann lachte er laut auf, aber es war ein grelles, nervöses Lachen. »Du hast ja eine unheimlich scharfe Beobachtungsgabe! Hast du das alles herausgefunden in den paar Minuten, wo der Herr Notar uns hier mit seiner Gegenwart beehrte?« »Sie bestätigten mir nur, was ich bereits wußte, daß er dein Feind ist. Ich habe es aus seinem eigenen Munde gehört.« Die Wirkung dieser unvorsichtigen Worte war eine ganz ungeahnte. Ronald fuhr auf, als habe er einen Schlag in das Gesicht erhalten. Er faßte plötzlich die Hand seiner Braut und preßte sie mit so wildem Druck, daß es schmerzte. »Das hat er gewagt, dir zu sagen?« stieß er hervor. »Und du hast das angehört? Was hat er dir gesagt; antworte, Edith! Was hat er angedeutet?« Mit einer energischen Bewegung machte Edith ihre Hand frei und trat zurück. »Du bist außer dir, Felix!« rief sie, mehr entrüstet als erschrocken über diesen wilden Ausbruch. Die scharfe Mahnung brachte ihn zur Besinnung. »Du hast recht, ich bin überreizt. Das kommt von der Überarbeitung, ich habe in der letzten Zeit ja immer die Nacht zum Tage machen müssen und kaum ein paar Stunden Schlaf gehabt, das rächt sich jetzt. Aber ich muß wissen, was da gesprochen worden ist. Wie kamst du überhaupt zu einem solchen Gespräch mit Raimar? Du sahst ihn ja zum erstenmal?« Die Worte klangen ruhiger, aber in seinem Blick lag noch immer die fieberhafte Unruhe. Es vergingen einige Sekunden, bevor Edith antwortete, es warnte sie etwas in ihrem Innern, jener ersten Begegnung im Walde zu erwähnen, so umging sie denn die Antwort. »Er wäre wohl nicht nach Gernsbach gekommen, wenn er geglaubt hätte, dich hier zu finden,« erwiderte sie. »Wir sprachen von Steinfeld, natürlich auch von dem Herrn der Steinfelder Werke, und da verriet er seine Feindschaft gegen dich. Er hatte ja keine Ahnung, in welchen Beziehungen wir stehen.« Ronald stützte die Hand auf die Lehne des Sessels, an dem er stand, aber seine Augen hafteten unverwandt auf dem Gesichte seiner Braut, als wollte er darin lesen. »So? Also nur ein gleichgültiges, zufälliges Gespräch?« fragte er endlich. »Gleichviel, ich bitte dich, dafür zu sorgen, daß sich das nicht wiederholt. Ihr wollt zwar in der nächsten Woche abreisen, aber Heilsberg ist nahe. Du wirst einsehen, daß ein Mann, der sich offen als meinen Feind bekennt, meiner Braut nicht wieder nahen darf.« »Ich sehe nur, daß du diesen Mann fürchtest!« sagte Edith kalt. Das grelle, höhnische Auflachen kam wieder von den Lippen Ronalds, aber er gab es auf, die Sache noch ferner als gleichgültig zu behandeln. »Fürchten?« wiederholte er. »Er soll mich fürchten! Ich pflege nicht viel Umstände zu machen mit meinen Feinden, und mit diesem Ernst Raimar habe ich noch abzurechnen von früher her. Er verschwand damals völlig aus der Welt, ich wußte gar nicht, wo er überhaupt vegetierte; wenn er aber jetzt versucht, meinen Weg zu kreuzen – er soll sich hüten! – Ich zertrete ihn!« Die letzten Worte klangen halb erstickt, fast wie ein Zischen, und dabei sprühte es auf in seinen Augen – Edith war nicht furchtsam, aber es durchschauerte sie eisig unter diesem Blick. Sie sah den Dämon, von dem er vorhin gesprochen, sich jetzt aufbäumen in dem Manne, dem sie eben ihre Hand zugesagt hatte, jenen Dämon, der ihn emporgetragen, weil er erbarmungslos alles zertrat, was sich ihm in den Weg stellte, sie wußte es jetzt! Das völlige Verstummen seiner Braut mochte Ronald daran erinnern, wie weit er sich hatte fortreißen lassen. Er nahm seine gewohnte Haltung wieder an und trat zu ihr. »Das erschreckt dich, Kind?« fragte er halblaut. »Du hast freilich noch keinen Blick gethan in die Tiefen des Lebens, du kennst ihn nicht, den wilden, erbitterten Kampf, wo einer den anderen fortzustoßen sucht von seinem Platze, wo man unterliegen oder selbst niederwerfen muß, ich kenne ihn zur Genüge. Aber du siehst, es ist nicht so leicht, meine Gefährtin und Vertraute zu sein, wie du es forderst.« »Ja, ich sehe es!« sagte Edith tonlos. »Und nun fort mit all diesen unerquicklichen Dingen!« rief Ronald, sich emporrichtend mit einer Bewegung, als werfe er alles weit hinter sich. »Wie kommen wir denn gerade heut darauf? Sieh nicht so ernsthaft aus, Edith, steh nicht so eisig da! Du hast mir dein Wort, deine Hand gegeben, nun laß mich auch endlich, endlich einmal glücklich sein!« Es war ein heißes, stürmisches Flehen, wie ein Aufschrei nach Glück klang es in den Worten, die ganze Leidenschaft des Mannes brach wieder hervor, als er seine Braut umfing. Edith duldete das schweigend, aber sie erwiderte seine Liebkosungen nicht, und sie atmete tief und erleichtert auf, als in diesem Augenblick ihr Vater mit Wilma eintrat. – Es war Abend geworden; die Verlobung wurde freilich im allerengsten Familienkreise gefeiert, aber sie sollte doch einen festlichen Anstrich haben. Im Eßzimmer überblickte Frau von Maiendorf noch einmal den Abendtisch und hatte dabei Mühe, den neugierigen Fragen ihres Töchterchens stand zu halten, das durchaus wissen wollte, warum die Mama heut, wo doch keine große Gesellschaft war, all das Silberzeug und die schönen Blumen aufstellte. Draußen auf der Terrasse plauderte Marlow in der behaglichsten Stimmung mit seinem Schwiegersohn, und Edith hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen, um noch etwas an ihrem Anzug zu ändern, wie sie erklärte. An dem offenen Fenster, das nach dem Park hinausging, stand die junge Braut, aber sie schien nicht an ihre Toilette zu denken, sondern blickte wie traumverloren hinaus in den dämmernden Maiabend. Der Himmel war noch licht und hell, aber im Park lagerten schon graue Schatten, und von den Wiesen her kamen die Nebel gezogen und woben leichte, duftige Schleier um Bäume und Gesträuch. All das Flattern, Zwitschern und Summen da drüben war verstummt, ringsum herrschte tiefe Abendstille. Nun war das Los gefallen, das bindende Wort gesprochen, aber es lag nichts von bräutlichem Glück auf dem Antlitz des schönen Mädchens, das da so regungslos am Fenster lehnte und dem sich die Zukunft doch jetzt so weit und glanzvoll öffnete. Marlow war ja reich nach gewöhnlichen Begriffen, er nahm eine hochgeachtete Stellung ein, aber es war doch etwas anderes, die Gemahlin des künftigen Freiherrn von Ronald zu sein, den ein märchenhafter Reichtum umgab, und der es eben wieder zeigte, daß seine Macht bis in die höchsten Kreise hinaufreichte. Seine Gattin brauchte sich keinen Wunsch zu versagen, sie konnte, wenn sie wollte, Fürsten verdunkeln mit der Pracht ihres Hauses. Der Traum des Ehrgeizes, den Edith Marlow seit Monaten geträumt, war erfüllt, übertroffen! Und sie wurde geliebt von dem Manne, dessen Braut sie heut geworden war, so glühend und leidenschaftlich geliebt, wie sie es nie geahnt hatte. Auch dies Höchste wurde ihr gegeben – was wollte sie denn noch? Da klang drüben in dem dämmernden, nebelduftigen Park noch eine einzelne Vogelstimme. Eine Amsel sang dort ihr spätes, einsames Lied, fern und leise kamen die Töne herüber, halb verweht im Abendwind, und dann verstummten sie. Der kleine Sänger ging zur Ruhe mit dem Maientage – und am Fenster lag die junge Braut auf den Knieen und weinte, wie sie seit ihren Kindertagen nicht geweint hatte. In diesen heißen, verzweifelten Thränen, da kam es – das Erwachen! Monate waren vergangen, der Sommer war vorüber, und mit dem September hatte der Herbst bereits seinen Einzug gehalten, Heilsberg führte das gewohnte Dasein als halbverschollene, historische Merkwürdigkeit, und Neustadt-Steinfeld stand mehr als je im Vordergründe, denn der längst entworfene Plan, die Steinfelder Werke, deren Besitzer Felix Ronald war, in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, wurde jetzt in Angriff genommen. Bei dem riesigen Umfange der großen Industriestätten gestaltete sich das zu einem Ereignis für die Finanzwelt und vor allem für die betreffende Provinz. Man wollte die Aktien in möglichst geringen Beträgen ausgeben, weil dabei hauptsächlich auf den Mittelstand und die »kleinen Leute« gerechnet wurde. Die Agenten Ronalds und die Blätter, die er beeinflußte, arbeiteten mit Hochdruck, um dem Publikum die Vorzüglichkeit und den unberechenbaren Gewinn dieser Kapitalanlage klar zu machen. Sie hatten auch die öffentliche Meinung bereits gewonnen, und in Berlin that man jetzt eben die nötigen Schritte, um dem bereits gesicherten Unternehmen die gesetzliche Form und Anerkennung zu geben. In Heilsberg war Max Raimar wieder aufgetaucht, nachdem er seinen Besuch im Frühjahr ziemlich kurz abgebrochen hatte, aber jetzt beglückte er die so lange vernachlässigte Heimat schon wieder mit seiner Gegenwart. Die Empfindlichkeit gehörte nicht zu den Fehlern des jungen Künstlers, er nahm nur da etwas übel, wo es ihm keinen Nachteil brachte. Trotzdem Ernst ihm damals so gründlich den Text gelesen hatte und ihn seit jener Zeit überhaupt sehr kühl behandelte, kam er ganz unbefangen wieder und befleißigte sich sogar einer besonderen Liebenswürdigkeit, denn er war leider noch immer abhängig von dem Bruder. Maxls Hoffnung auf die Million mit dazugehöriger Heirat hatte sich als trügerisch erwiesen, er war ganz plötzlich bei seiner Dame in Ungnade gefallen. Als er das nächste Mal nach Gernsbach kam, nahm ihn Fräulein Marlow gar nicht an, und als er sie in Berlin wiedersah, ließ sie ihm keinen Zweifel über diese Ungnade. Der junge Maler, der von jener Unterredung mit seinem Bruder nichts wußte und nicht ahnte, daß Edith jetzt über das »ringende, kämpfende Genie« im klaren war, fand aber eine andere Erklärung dafür – der Nabob, dieser Ronald, war an allem schuld! Mit der Stunde seines Eintreffens in Gernsbach hatte die junge Dame ihr Benehmen geändert. Zwar verlautete noch nichts von den vorausgesetzten näheren Beziehungen, Marlow war den größten Teil des Sommers mit seiner Tochter in der Schweiz gewesen, Ronald war in Berlin geblieben, aber Max ließ sich seinen Argwohn nicht nehmen und warf seinen ganzen Haß auf diesen »Zerstörer seines Glückes«, wie er ihn nannte. »Wenn Millionen winken, dann freilich wird ein armes, verratenes Künstlerherz in den Staub getreten!« sagte er tragisch, als er dem Onkel Treumann sein Herz ausschüttete, und der alte Herr gab seinem lieben Maxl vollkommen recht, um so mehr, als er nun einen Bundesgenossen gegen den verhaßten Ronald hatte. Er tröstete das verratene Künstlerherz nach Kräften mit einem reichlichen Zuschuß aus seiner Tasche und einigen Privatsitzungen im Goldenen Löwen, der bekanntlich einen sehr guten Tropfen schenkte. Da schimpften sie denn gemeinsam auf den »Nabob, den Pascha, den Schwindelkönig von Neustadt und Steinfeld« und wühlten in ganz Heilsberg gegen ihn und das Aktienunternehmen, das ihn wieder einmal bereichern sollte. Herr Notar Treumann erklärte es öffentlich für eine patriotische Pflicht, dagegen Front zu machen. In Heilsberg dürfe keine einzige Aktie gekauft werden, man müsse dem vor Hochmut völlig übergeschnappten Neustadt zeigen, daß es noch Manneswürde gebe. Die Neustädter prahlten in der That sehr mit dem neuen Unternehmen, von dem sie sich noch größere Vorteile versprachen, und ärgerten ihre liebe Nachbarstadt bis aufs Blut. Zwischen dem Neustädter »Tageblatt« und der Heilsberger »Burgwarte« brach eine wütende litterarische Fehde aus, in der sie sich gegenseitig die ärgsten Grobheiten an den Kopf warfen, und der Herr Notar, der natürlich Mitarbeiter der »Burgwarte« war, verstieg sich in einem Leitartikel bis zu der gewagten Behauptung, es werde nächstens ein Schwefelregen auf diese moderne Schwindelstadt herabgehen, wie einst auf Sodom und Gomorrha. Im Garten des Notars Raimar blühten statt des Flieders nun die Spätrosen, sonst hatte sich nichts geändert seit dem Frühjahr; hier in Heilsberg änderte sich ja überhaupt nichts. Rechts und links die hohen Giebel, die dem Gärtchen etwas so Beengtes, Gedrücktes gaben, an der Rückseite das Haus mit seiner Steintreppe und nach vorn ein Blick auf den alten Wallgraben mit seinen Mauern und Türmen. Und wie damals saß auch heute Major Hartmut seinem Freunde gegenüber, stattlich und kraftvoll wie immer, nur noch etwas mehr gebräunt von der Sonne. »Ja, diesmal habe ich es gemacht wie der Maxl und bin dir auch wie eine Bombe in das Haus gefallen!« sagte er lachend. »Nun, wenigstens zeigte mir dein Gesicht bei der Ueberraschung, daß ich willkommen bin.« »Und wie!« rief Ernst, dem in der That die helle Freude aus den Augen leuchtete. »Ich glaubte gar nicht, daß du schon vom Manöver zurück seiest.« »Ich komme auch geradeswegs daher. Vorgestern sind wir wieder eingerückt, einen Urlaub hatte ich zur Verfügung, da dachte ich mir, Ernst wird dich nicht gerade hinauswerfen, wenn du ihm über den Hals kommst – und da bin ich!« »Ein höchst gescheiter Einfall! Hoffentlich hast du diesmal die Uniform mitgebracht, denn wir stehen hier vor einer großartigen Festlichkeit. Der historische Verein feiert sein Jubiläum, und Onkel Treumann hat es sich in den Kopf gesetzt, Heilsberg müsse nun auch einen historischen Festzug haben wie andere Städte. Das ganze alte Waffengerümpel aus dem Rathause soll da paradieren, vielleicht schleppen sie auch die berühmte Folterkammer mit.« Hartmut sah ganz verwundert seinen Freund an. Er war es gar nicht gewohnt, einen Scherz von ihm zu hören, aber er ging fröhlich darauf ein. »Da werde ich das moderne Kriegsheer vertreten! Uebrigens habe ich die Uniform wirklich eingepackt, weil – nun man kann ja nicht wissen, wie man sie einmal braucht, um Effekt zu machen.« »Hier in Heilsberg? Was fällt dir ein?« »Nun oder irgendwo in der Umgegend! Aber wie siehst du denn eigentlich aus, Ernst? Du bist ja ganz menschlich geworden.« »Sehr artig von dir! War ich das vielleicht früher nicht?« »Nein, du warst in deiner hochwohllöblichen Kanzlei schon halb zur Mumie geworden. Jetzt scheint der Mumienprozeß zum Stillstand gekommen zu sein – Gott sei Dank!« Der Major hatte recht, mit Raimar war eine Veränderung vorgegangen, nicht gerade auffallend, aber dem Freundesauge doch erkennbar. Die Müdigkeit war verschwunden aus seinen Zügen und seiner Haltung, die Augen hatten Leben gewonnen, und in seinem ganzen Wesen lag ein neuer, fremder Zug, der sich nicht enträtseln ließ, aber er hatte nichts mehr gemein mit der früheren düsteren Gleichgültigkeit. »Du siehst ja ordentlich verjüngt aus,« fuhr Hartmut fort. »Was ist denn passiert? Bist du vielleicht Vizepräsident des historischen Vereins geworden?« »Hier in Heilsberg passiert nichts, das weißt du doch,« versetzte Ernst ausweichend. »Aber jetzt erzähle du. Wie war's beim Manöver?« »Nun, wir sind diesmal scharf ins Zeug gegangen, so scharf, daß ich wirklich ein paar Wochen Erholung brauche – und die denke ich mir hier zu holen.« Um Raimars Lippen spielte ein spöttisches Lächeln, während er den Freund musterte. »Du siehst wirklich recht erholungsbedürftig aus. Merkwürdig, Heilsberg scheint nachgerade Kurort zu werden. Max ist auch wieder da und behauptet, daß er sich hier ›erholen‹ müsse, aber er wird uns diesmal nicht stören. Er wollte heute zur Stadt kommen, im übrigen aber ist er schon seit acht Tagen in Gernsbach.« »Was hat der dumme Junge denn in Gernsbach zu suchen?« fuhr der Major heftig auf. »Wie kommt er dahin?« »Er malt die kleine Lisbeth, und da bei der Lebhaftigkeit des Kindes die Sitzungen nicht immer glücken, hat ihn Frau von Maiendorf eingeladen, damit er das Bild in aller Ruhe vollenden kann. Was hast du denn, Arnold? Die Einladung ist doch nicht auffallend.« »So? Mir fällt sie sehr auf! Aber ehe wir weiter reden, ein offenes Wort zwischen uns beiden, Ernst. Dein Onkel Treumann erzählte mir im Frühjahr von gewissen Heiratsplänen, auf die du allerdings damals nicht eingehen wolltest. Ich muß jetzt wissen, wie die Sache steht, also gerade heraus – hast du Absichten auf die junge Witwe? Ja oder nein?« Raimar runzelte die Stirn und machte eine unwillig abwehrende Bewegung. »Was fällt dir ein, Arnold! Von einer Neigung meinerseits war nie die Rede, und eine bloße Geldheirat traust du mir hoffentlich nicht zu. Lieber zeitlebens Notar in Heilsberg bleiben, als von der Gnade einer reichen Frau leben.« »Nun, bei mir trifft das nicht zu,« sagte der Major ruhig. »Ich bin und bleibe Soldat und heirate nicht nach Vermögen, aber wenn meine künftige Frau zufällig mit einem Rittergut behaftet wäre, so würde ich ihr das großmütig verzeihen. Also du hast keine Absichten? Freut mich außerordentlich! Ich habe sie nämlich.« »Du willst heiraten?« fragte Raimar erstaunt. »Aber du hast ja stets das Junggesellenleben für den einzig menschenwürdigen Zustand erklärt.« »Hast du denn nie in deinem Leben eine Dummheit gesagt?« rief Hartmut ärgerlich. »Ich bin eben erst im Schwabenalter klug geworden. Kurz und gut, die kleine, blonde Frau mit ihren blauen Kinderaugen hat es mir angethan. Ich bin die Geschichte den ganzen Sommer nicht los geworden, und jetzt hielt ich es überhaupt nicht mehr aus. Als das Manöver vorbei war, packte ich auf und kam hierher, um mein Glück zu versuchen. Jetzt weißt du es!« Ernst lächelte und streckte ihm herzlich die Hand hin. »Glückauf, Arnold! Es heißt, die junge Frau hätte schon einige Anträge ausgeschlagen, um ihres Kindes willen, aber wenn du anrückst – du bist ja ein stattlicher Freiersmann!« »Meinst du?« fragte Hartmut etwas bedenklich. »Nun, die ausgebrannte Kraterseele, den Maxl, werde ich wohl aus dem Felde schlagen, denn daß der Junge da wieder Unfug anrichten will, steht fest. Bei seiner Millionärin scheint er gründlich abgefallen zu sein, jetzt ist er bescheidener und will als Rittergutsbesitzer den Kampf um das Dasein weiter kämpfen.« »Du könntest recht haben,« sagte Raimar nachdenklich. »Ich habe bisher noch nicht daran gedacht, aber dem Maxl ist das schon zuzutrauen. Ihm ist die Heirat ja überhaupt nur Spekulation.« »Also ist keine Zeit zu verlieren,« ergänzte der Major. »Wir fahren morgen nach Gernsbach, da sondiere ich vorläufig das Terrain, und wenn euer Familiengenie sich wirklich untersteht, da ›Absichten‹ zu haben, dann werde ich ihm das Handwerk legen. Abgemacht!« Da wurde die Hausthür geöffnet, und das »Familiengenie«, von dem eben die Rede war, erschien in eigener Person mit dem Onkel Treumann, aber sie traten nicht mit der gewohnten Begrüßung ein, sondern stürzten sich förmlich in den Garten. »Weißt du es, Ernst?« rief der Notar schon von weitem. »Hast du es schon gehört? Nein, er weiß noch gar nichts, sonst würde er nicht so gemütlich dasitzen. – Ah, Herr Major Hartmut, Sie sind in Heilsberg? Kommen Sie aus Berlin? Dann wissen Sie es natürlich schon, ganz Berlin ist ja voll davon!« »Was ist denn los?« fragte überrascht der Major, während Raimar nicht das geringste Zeichen von Neugierde oder Teilnahme gab. »Der Teufel ist los!« erklärte Max, der sich augenscheinlich in höchst vergnügter Stimmung befand und darüber sogar den Aerger vergaß, daß sein ewiger Widersacher so urplötzlich auftauchte. »Drüben in Steinfeld nämlich! Ich wußte auch gar nichts; aber als ich heut von Gernsbach hereinkam und den Onkel besuchte, da erfuhr ich die Geschichte.« »Ja, ich habe es, ich habe es!« schrie der alte Herr, indem er ein ziemlich umfangreiches, gedrucktes Heft hervorzog und triumphierend schwenkte. »Das ›Hexengold‹ habe ich! Jetzt geht es den Neustädtern und ihrem Pascha an den Kragen, diesem Menschen, der anständige Leute hinauswirft und das Gras wachsen lassen will in den Straßen von Heilsberg. Jetzt wird es in seinem Steinfeld wachsen, fußhoch, und in Neustadt auch, denn Neustadt ist gar nichts ohne die Steinfelder Werke!« Hartmut sah erst den Onkel, dann den Neffen an, der ebenso aufgeregt war, und schüttelte den Kopf. »Verehrter Herr Notar, es gibt doch, soviel ich weiß, keine Taranteln in Heilsberg,« bemerkte er, »Sie sind ja ganz außer Rand und Band und der Maxl desgleichen. Wollen Sie uns denn nicht endlich sagen, was eigentlich los ist?« Treumann stellte sich dicht neben ihn und hielt ihm das Heft vor die Nase. »Können Sie lesen, Herr Major?« »Einigermaßen ja,« versetzte dieser, indem er das Heft nahm. »›Hexengold! – Ein Warnungsruf in letzter Stunde!‹ – So viel buchstabiere ich noch zusammen, aber ich kann nicht behaupten, daß mir die Sache klar geworden ist.« »Den Ronald geht es an!« erläuterte Max eifrig. »In der Broschüre da werden ihm die unerhörtesten Dinge vorgeworfen, die ganze Schwindelwirtschaft in Steinfeld wird aufgedeckt – das geht nieder wie ein Hagelwetter!« »Nein, wie ein Schwefelregen!« sagte der Notar feierlich, »Ich habe es ja prophezeit in der ›Burgwarte‹, und dies elende ›Tageblatt‹ wollte sich ausschütten vor Lachen und nannte mich ein Fossil aus der prähistorischen Zeit, jetzt wird ihnen das Lachen schon vergehen, den Herren Neustädtern. Jetzt kommt das Gericht!« Der sonst so gutmütige alte Herr sah so grimmig aus, als wolle er in eigener Person dies Gericht vollziehen. Hartmut aber war ernst geworden. »Gegen Ronald richtet sich die Flugschrift?« fragte er. »Nein, ich weiß nicht das geringste davon, ich komme direkt aus meiner Garnison. Und du, Ernst?« »Ich auch nicht – man wird ja wohl Näheres darüber hören,« versetzte Raimar mit einem gleichgültigen Achselzucken und trat zu dem Rosengebüsch in der Mitte des Gartens, wo er den anderen fast den Rücken kehrte. Sein Onkel geriet darüber in helle Entrüstung. »An dir ist Hopfen und Malz verloren!« eiferte er. »Ein solches Ereignis! Das geht nicht nur uns und die Neustädter, das geht die ganze Welt an, das rettet die Moral – und da stehst du wie ein Stock und sagst: Man wird ja Näheres hören? Ernst, du verknöcherst noch ganz und gar!« Ernst erwiderte keine Silbe, während Hartmut in dem Hefte blätterte und nochmals den Titel ansah. »Anonym erschienen – nur Veritas unterzeichnet – wer mag dahinterstecken?« »Das wird man schon erfahren!« rief Treumann wieder ganz begeistert. »Ein mutiger Mann ist's, ein Sankt Georg, der tapfer dem Drachen zu Leibe geht. Recht hat er, wenn er sagt: Es liegt ja alles vor diesem Götzenbilde des Mammon auf den Knieen –« Der Major stutzte bei den Worten und schickte einen raschen, funkelnden Blick zu seinem Freunde hinüber, der bemüht war, die welken Blätter aus dem Rosengesträuch zu entfernen, während der alte Herr fortfuhr: »Ja, eine Sprache hat das Ding, einen Schwung, ein Feuer! Ich habe dem Maxl die schönsten Stellen vorgelesen, er war ganz weg davon – gelt, Maxl?« »Großartig!« bestätigte Max, der ebenfalls hochbefriedigt war von diesem Angriff auf den ›Zerstörer seines Glücks‹. »Einfach großartig!« »Herr Notar,« sagte Hartmut in einem eigentümlich erregten Tone, »lassen Sie mir die Flugschrift auf einige Stunden, ich interessiere mich mehr dafür als Ernst – bitte!« »Mit Vergnügen, Herr Major. Der Doktor hat noch ein zweites Exemplar, das macht die Runde durch Heilsberg, und ich habe gleich in Berlin ein Dutzend bestellt. So etwas muß in das Volk gebracht werden, ja in das Volk! – Komm, Maxl, jetzt gehen wir in den Goldenen Löwen und trinken eine Flasche vom Allerbesten! Wir wollen ihn leben lassen, den mutigen Mann, den Sankt Georg! Hoch soll er leben! Dreimal hoch!« Der Herr Notar sang im Übermaß seiner Freude die letzten Worte ganz laut, dann nahm er den ebenso vergnügten Maxl unter den Arm, und sie zogen beide ab nach dem Goldenen Löwen. Im Garten herrschte einige Minuten lang völliges Schweigen. Ernst stand noch immer bei seinen Rosen, und der Major verharrte auf seinem Platze und blickte schweigend zu dem Freunde hinüber, endlich aber trat er zu ihm und sagte halblaut: »So bedanke dich doch!« »Wofür?« fragte Raimar befremdet. »Für den Toast, den sie dir ausbringen wollen, und für den Sankt Georg.« »Aber Arnold, ich bitte dich! Was soll –« »Duckmäuser!« brach der Major los. »Willst du auch mir eine Komödie vorspielen? Götzenbild des Mammon, vor dem alles auf den Knieen liegt – deine eigenen Worte auf der Rückfahrt von Gernsbach! Darum also stecktest du fortwährend in Neustadt und in Steinfeld, Studien für dein ›Hexengold‹ hast du da gemacht. Und von mir läßt du dich ausschelten und bedauern als angehende Mumie, während du schon mitten drin stehst im Leben, im Kampfe des Tages – schäme dich!« Trotz all der Vorwürfe klang es wie Jubel in den Worten, aber Raimars Antlitz blieb ernst und düster, als er antwortete: »Du hättest es noch heute abend von mir erfahren, aber die Sache ist ernster als du glaubst. Es handelt sich hier um keinen gewöhnlichen Angriff und um keinen Gegner gewöhnlicher Art, Ich bin mir vollkommen bewußt, daß ich meine ganze Existenz dabei auf das Spiel setze. Noch ist Ronald allmächtig in den Kreisen, auf die es hier ankommt, und er wird diese Macht bis aufs äußerste brauchen gegen mich, muß sie brauchen, denn wenn er mich und meine Anklagen nicht vernichtet, dann stürzt er selbst. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod!« »Den du doch nicht unternommen hättest ohne die Ueberzeugung des vollen Rechtes?« fiel Hartmut ein. »Gewiß nicht; aber wenn ich allein bleibe mit dieser Überzeugung, wenn die öffentliche Meinung mich im Stiche läßt, dann bin ich es, der unterliegt. Ronald hat zu viele Interessen an sich gefesselt, um nicht einen mächtigen Anhang zu haben, der mit ihm steht und fällt. Du ahnst nicht, mit welchen Mitteln da gearbeitet wird. Was nur irgendwie gefährlich werden kann, das ist entweder erkauft oder geknebelt. Sonst wären auch Verhältnisse, wie die drüben in Steinfeld, nicht möglich. Ich kenne sie, ich habe dies Steinfeld ja wachsen sehen und habe mich nie blenden lassen.« »Es gehen da freilich allerlei Gerüchte um, schon seit Jahr und Tag,« warf der Major ein. »Aber es sind eben Gerüchte geblieben.« »Weil keiner den Mut hatte, zu reden! Sie brachten ja alles zum Schweigen, und bisher ging es doch in erster Linie Ronald an. Wenn er va banque spielte, so that er es auf seine Gefahr. Jetzt aber sollen die Aktien tausendweise hinausgeworfen werden in unsere ohnehin schon arme Bevölkerung, jetzt sollen die kleinen Leute, die vielleicht ihr ganzes Leben lang gespart und gedarbt haben, das bißchen Habe hingeben für den erlogenen Gewinn, um dann alles zu verlieren – jetzt wäre es ein Verbrechen, noch zu schweigen. Schon im Frühjahr, als jener Plan auftauchte, faßte ich den Entschluß, die Schrift da ist die Arbeit der letzten drei Monate.« Sie waren an den früheren Platz zurückgekehrt, und Hartmut nahm das Heft wieder auf. »Hexengold! In dem Titel allein liegt schon die schwerste Anklage, aber du selbst hast dich nicht genannt? Das wirst du doch früher oder später thun müssen. Täusche dich nicht, Ernst, in solchem Kampfe streitet man nicht mit geschlossenem Visier.« »Das ist auch nie meine Absicht gewesen,« lautete die feste Antwort. »Denkst du, ich treffe einen Feind aus dem Hinterhalt und bleibe selbst im Dunkel? Für den Augenblick mußte ich es, wenn ich meiner Flugschrift die Wirkung sichern wollte.« »Du mußtest? Warum?« »Weil ich der Sohn meines Vaters bin! Diese Schrift, mit meinem Namen unterzeichnet und hinausgeschickt, wäre von vornherein verurteilt. – Ernst Raimar – wer ist das? Ah so, der Sohn des Bankrotteurs, der sich an fremden Geldern vergriff und sich dann mit einer Pistolenkugel der Rechenschaft entzog. Und der will sich zum Moralprediger aufwerfen in solchen Dingen, der will die Stellung eines Ronald erschüttern? Der Mann trägt selbst einen Makel auf seinem Namen und versucht es, die Ehre anderer anzugreifen! – So hätte es gelautet, und damit wäre mein Werk gerichtet und abgethan gewesen.« Die Worte klangen wieder in herber Bitterkeit, aber sie waren nur allzu wahr, und der Freund stimmte, wenn auch widerstrebend, bei. »Ich fürchte, du hast recht, so ungefähr hätte die Welt geurteilt. Jetzt ist das Geheimnis streng gewahrt?« »Unbedingt, und deshalb ist die Wirkung eine ungeheure, wie mir mein Verleger aus Berlin schreibt. In den Finanzkreisen ist man außer sich, die sämtlichen Zeitungen besprechen die Schrift, das ganze Publikum liest sie, jetzt ist es nicht mehr möglich, diese Anklagen zu unterdrücken oder totzuschweigen. Ronald muß Rede stehen, und sobald er öffentlich antwortet, nenne ich mich – das ist beschlossene Sache.« »Und dann werden sie dich wieder bis aufs Blut peinigen mit der alten, unseligen Geschichte!« rief der Major mit unterdrückter Heftigkeit. »Wirst du da standhalten? Man erspart dir das nicht, verlaß dich darauf.« »Ich weiß es,« sagte Ernst fest und ruhig, »Ronald wird seine ganze Presse wie eine Meute gegen mich hetzen, und gerade an dem Punkte werden sie einsetzen, denn es ist der einzige, wo ich angreifbar bin; aber fürchte nichts, Arnold! Das habe ich durchgekämpft und überwunden, ehe ich meine Schrift in die Welt hinaussandte. Jetzt ist der Würfel gefallen, jetzt stehe ich auf dem Kampfplatze, und nun mögen sie herankommen.« Er hatte sich hoch aufgerichtet. Da war auch nicht eine Spur mehr von der einstigen düsteren Ergebung, nur noch energischer Wille, der das ganze Wesen des Mannes zu durchdringen schien. »Bist du endlich wieder der alte!« brach Hartmut triumphierend aus, »Nun, dann will ich den Kampf segnen, wenn er dich dir selbst zurückgibt! Aber nun her mit deiner Flugschrift: Wir haben lange genug darüber geredet, jetzt will ich sie endlich lesen.« »Hier ist sie.« Ernst reichte ihm das Heft. »Ich lasse dich jetzt allein. Ich war eben im Begriff, nach Berlin zu schreiben, als du ankamst, und der Brief muß noch heute fort. In einer Stunde komme ich und hole mir dein Urteil.« – Eine volle Stunde war vergangen, und Major Hartmut saß noch immer wie gebannt an seinem Platze und las. Jetzt schlug er die letzte Seite um, las die Schlußworte und schloß dann das Heft. Aber seine Kritik bestand nur in einem einzigen Worte: »Donnerwetter!« Er zog sein Taschentuch hervor und fuhr sich damit über die Stirn, erst nach einem minutenlangen Schweigen sagte er mit einer gewissen Wehmut: »Da hat dieser Mensch, der Ernst, nun zehn Jahre lang in Heilsberg gesessen, mitten unter den Philistern, und ich habe ihm vorgehalten, daß er auch einer geworden ist, und jetzt geht er so ins Zeug und schlägt unter die ganze edle Raubrittergesellschaft, daß die Funken nur so fliegen! Das sind ja fürchterliche Dinge, die er diesem Ronald da in das Gesicht schleudert! Und die geehrten Herren von der Hochfinanz bekommen auch bittere Wahrheiten zu hören!« Er sprang plötzlich auf und jetzt schlug seine Stimmung in hellen Jubel um. »Das ist er wieder, wie er leibt und lebt, mein alter Jugendgenosse! So stand er damals vor den Schranken, als er die armen Teufel verteidigte, die in den Streik hineingehetzt waren und nun wegen Landfriedensbruch verurteilt werden sollten. So riß er einst mit seinen flammenden Worten alles hin und berief sich auf die Menschenrechte gegen den starren Buchstaben des Gesetzes. – Ja, ja, Onkel Treumann, dir und deinen braven Heilsbergern werden die Augen übergehen, wenn ihr ihn erst zu Gesicht bekommt, euren Sankt Georg, aber behalten werdet ihr ihn nicht lange mehr in eurem historischen Neste. Jetzt ist er los von dem Bann, jetzt ist er aufgewacht! Der geht euch durch, so wahr ich Arnold Hartmut heiße! Hurra!« Er schwenkte das Heft ebenso triumphierend wie vorhin der Herr Notar, aber es kam ein ganz merkwürdiges Echo zurück. »Hurra, Onkel Hartmut!« tönte eine helle Kinderstimme. Droben auf der Steintreppe stand die kleine Lisbeth von Maiendorf und schwenkte mit beiden Händen ihr Strohhütchen, dann sprang sie die Stufen herab und eilte dem Major jubelnd entgegen. »Kleiner Wildfang, weißt du es schon, daß man einstimmen muß, wenn Hurra gerufen wird?« fragte er lachend, indem er sie auffing. »Wo kommst du her, Lisbeth? Ist die Mama auch hier?« »Die Mama ist bei dem Onkel Notar in der Kanz–lei,« berichtete Lisbeth, der das Wort noch einige Mühe machte. »Und da hat der Onkel gesagt, ich sollte in den Garten laufen zu dir, er käme nach mit der Mama. O da bin ich gelaufen! Ich bin so froh, daß du wieder da bist!« »Ich auch,« sagte Hartmut sehr aufrichtig und hochbefriedigt von der Mitteilung. Er nahm die Kleine auf seine Kniee; sie fing sofort an, mit der größten Zutraulichkeit zu plaudern und mit sichtbarem Stolze zu erzählen, daß sie jetzt gemalt werde. »Ein so großes, schönes Bild! Und ein weißes Kleidchen hab' ich an und einen Strauß in der Hand –« »Und der Max Raimar malt dich,« ergänzte Arnold. »Ja, ich weiß es schon. Magst du ihn denn leiden, das angehende Genie – den Maxl meine ich?« Lisbeth verzog schmollend das Gesicht und schüttelte sehr entschieden das Köpfchen. »Nein, ich mag ihn gar nicht. Er will immer nur bei der Mama sein und mit ihr reden. Mit mir will er nie spielen. Er ist so dumm!« »Was das Kind schon für eine Menschenkenntnis hat!« sagte der Major bewundernd. »Also er spricht immer mit der Mama, auch wenn er dich malt?« »Ja immer, und dann macht er solche Augen,« und Klein-Lisbeth verdrehte ihre hellen Äuglein in einer ganz beängstigenden Weise, um den schwärmerischen Aufblick des jungen Künstlers wiederzugeben. »Dachte ich es doch! Ich drehe dem dummen Jungen noch nächstens den Hals um!« rief Hartmut wütend, ohne daran zu denken, daß die Kleine zuhörte; diese aber sagte ganz ernsthaft: »Das darfst du nicht thun, dann wird ja das schöne Bild nicht fertig.« »Das male ich fertig,« behauptete der Major mit unfehlbarer Sicherheit, »und den Maxl brauchen wir dann nicht mehr, der fliegt hinaus!« Lisbeth guckte ihn von der Seite an, sie schien doch einiges Mißtrauen in seine malerische Begabung zu setzen, plötzlich aber lachte sie hell auf. Sie fand es äußerst belustigend, daß der Maxl aus Gernsbach hinausfliegen sollte. Nach zehn Minuten war bereits ein Spiel im Gange. Das kleine Fräulein von Maiendorf lernte, mit einem Stock bewaffnet, die militärischen Griffe und den Parademarsch, und Herr Major Hartmut war so entzückt von ihren Fortschritten, daß er einmal über das andere versicherte: »Lisbeth, du verdientest wahrhaftig ein Soldatenkind zu sein!« Sie waren beide so vertieft, daß sie es gar nicht bemerkten, wie Raimar mit Frau von Maiendorf in den Garten trat, bis der erstere lachend rief: »Aber Arnold – übst du hier Rekruten ein?« »Ach, gnädige Frau – ich bitte um Verzeihung!« fuhr Arnold auf, Wilma lächelte nur. Als ob es bei einer Mutter der Entschuldigung bedürfte, wenn man ihrem Kinde eine Freundlichkeit erweist! Aber sie erwiderte seinen Gruß mit einer gewissen Befangenheit, und nun stellte sich auch noch Lisbeth vor sie hin und sagte in einem sehr vorwurfsvollen Tone: »Mama, Onkel Hartmut sagt, ich verdiente ein Soldatenkind zu sein – warum bin ich denn kein Soldatenkind?« Die junge Frau wurde purpurrot, und ein Blick des Majors, den sie auffing, steigerte noch ihre Verwirrung; glücklicherweise kam ihr Ernst zu Hilfe. »Komm, Lisbeth, da drüben im Gartenhause sind die jungen Kätzchen mit ihrer Mutter, mit denen sollst du spielen. – Es bleibt dabei, gnädige Frau, ich lasse sofort den neuen Pachtvertrag aufsetzen und bringe ihn dann selbst nach Gernsbach. Arnold, du mußt mich einstweilen hier vertreten, ich habe noch Geschäftliches zu erledigen.« Damit nahm er die Kleine an die Hand und führte sie nach dem Gartenhäuschen, wo die Katzenfamilie sofort ihre ganze Aufmerksamkeit fesselte. Arnold sandte seinem Freunde einen dankbaren Blick nach und widmete sich dann mit vollem Eifer der »Vertretung«. Er schien auch Glück damit zu haben. Ernst Raimar stand inzwischen am Fenster seines Wohnzimmers, das im oberen Stock lag, und blickte mit verschränkten Armen hinab in den Garten. Er hörte das Lachen des Kindes das sich mit den Kätzchen herumjagte, hinter dem Rosengebüsch schimmerte das helle Kleid der jungen Frau, und daneben war die Gestalt Hartmuts sichtbar. Ernst wandte sich jetzt plötzlich mit einer jähen Bewegung ab. Er nahm den Brief nach Berlin, der zum Abgehen fertig lag, von seinem Schreibtisch, um ihn fortzusenden, aber um seine Lippen zuckte es dabei wie mühsam verhaltene Qual. Er hatte ja auch geträumt, einen kurzen Frühlingstraum von wenigen Tagen, dann war ein bitteres Erwachen gekommen. Freilich ein Erwachen zum Kampf, zum Leben, aber das Glück – das ging doch in Trümmer dabei! Hexengold! Ein seltsamer Titel! Man hatte die Flugschrift mit Kopfschütteln zur Hand genommen, aber schon auf der ersten Seite wurde die Aufmerksamkeit gefesselt, denn da war ein Name genannt, den jeder kannte. Felix Ronald, dessen Glück fast sprichwörtlich geworden war, der alles, was er berührte, in Gold zu verwandeln schien. Wie ein Meteor war er aus dem Dunkel emporgestiegen und von Erfolg zu Erfolg geschritten, hatte alles, was ihm anfangs noch feindlich oder mißtrauisch gegenüberstand, in seinen Bannkreis gezogen und übte jetzt eine unbestrittene Herrschaft in diesem Kreise aus. Die Steinfelder Industriewerke, sein erstes großes Unternehmen, das jetzt in die Hände der Aktiengesellschaft übergehen sollte, galt für eines der glänzendsten und gewinnreichsten, und das rechtfertigte die riesigen Summen, die dafür gefordert und bewilligt wurden. Die Ausgabe der Aktien deckte ja das alles und war mehr als gesichert. Man fand es begreiflich, daß Ronald von der Leitung zurücktrat. Der Mann erlag ja fast unter der Last all seiner Unternehmungen, er mußte sich wenigstens zum Teil davon frei machen, wenn er sich, wie es den Anschein hatte, jetzt den Aufgaben der hohen Finanz zuwenden wollte. Man wußte, daß er beim Abschluß der neuen Anleihe eine hervorragende Rolle gespielt hatte, und munkelte von einer besonderen Auszeichnung, die ihm zugedacht sei. Und nun kam auf einmal diese Flugschrift mit ihren Enthüllungen, die wie ein Blitz niederfuhren in das ahnungslose Publikum. Nun wurden auf den Steinfelder Werken Verhältnisse aufgedeckt und Dinge an das Licht gezogen, die ganz unglaublich schienen. Die glänzenden Jahresabschlüsse sollten Trug und Schwindel sein und die Werke schon seit Jahren mit Verlust arbeiten. Das Schweigen aller, die durch ihre Stellungen einen Einblick in die Sache haben mußten, sei erkauft, die anderen seien mit unlauteren Mitteln eingeschüchtert, und gegen die Arbeiter werde ein Ausbeutungs- und Bedrückungssystem ohnegleichen geübt. In einem Gebäude, das so sicher und festgegründet zu stehen schien, wurden jetzt Thüren und Fenster aufgerissen, und nun sah man die klaffenden Risse und Spalten in den Mauern, die wankenden Pfeiler – das brach ja rettungslos zusammen! Wer aber war dieser Warner, der da so urplötzlich aufstand und den gefürchteten Ronald so kühn angriff? Er nannte sich nicht, aber er wies auf die Thatsachen in Steinfeld selbst hin. Man solle sich dort die Beweise holen, man solle die Beamten, die Arbeiter, die bisher nicht zu sprechen wagten, zum Reden bringen, und in dem Schlußworte wurde dem Publikum zugerufen: Das ist eine der Schöpfungen des unheilvollen Mannes! Seht euch die anderen an, sie tragen alle den Zusammenbruch in sich! Dies »Hexengold« war in einem geradezu glänzenden Stile geschrieben und es wirkte beim Lesen wie eine flammende, hinreißende Rede von der Tribüne aus. Man riet bald auf einen Journalisten, bald auf einen Abgeordneten, bekannte und berühmte Namen wurden genannt und die Betreffenden direkt und indirekt ausgeforscht. Sie lehnten alle mit der größten Entschiedenheit die Autorschaft ab, und das steigerte noch das allgemeine fieberhafte Interesse. Ronald antwortete später, als man erwartete, er ließ eine volle Woche verstreichen, dann aber kam die Antwort mit gewohnter Energie. Er erklärte, ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, alles für Verleumdung, für eine erbärmliche Intrigue, um die in der Bildung begriffene Aktiengesellschaft unmöglich zu machen, und dann wandte er sich gegen den »feigen Verleumder«, der die Ehre und die Stellung anderer zu untergraben suche und nicht einmal den Mut habe, sich zu nennen. Mit einem Namenlosen lasse er sich überhaupt nicht ein, der Angriff sei dadurch allein schon gerichtet. Der Sturm, der da eben in Berlin losbrach, hatte auch das stille Gernsbach in Mitleidenschaft gezogen. Frau von Maiendorf wußte ja von der Verlobung, die in ihrem Hause geschlossen, im übrigen aber ein Geheimnis geblieben war. In einigen Wochen, im Laufe des Oktober, sollte die Standeserhöhung Ronalds und zugleich die öffentliche Ankündigung der Verlobung erfolgen, und nun kam dieser Schlag. Wilma, die durch die Zeitungen von der Sache erfuhr, hatte sofort an Edith geschrieben, die noch in Interlaken weilte, während ihr Vater sich schon seit einigen Wochen in Berlin befand. Statt der Antwort kam ein Telegramm, in dem Edith sich zu einem kurzen Besuch in Gernsbach anmeldete, sie werde auf ihrer Rückreise den Umweg machen. Der jungen Frau kam das zwar überraschend, aber sie fand es erklärlich, Ronald war nach Steinfeld geeilt, wahrscheinlich um dort seine Maßregeln gegen jeden Angriff zu treffen, und Steinfeld lag nur einige Stunden entfernt. Da wollten die Verlobten natürlich hier zusammentreffen, sie hatten sich ja seit Monaten nicht gesehen. Die beiden Damen saßen wieder auf der Terrasse des Herrenhauses, aber nicht im ruhigen, behaglichen Geplauder wie damals im Frühjahr. Zwar zeigte Edith äußerlich die gewohnte Selbstbeherrschung, sie fragte nach allerlei gleichgültigen Dingen und erzählte von ihrer Reise, aber das war nicht mehr die kühle, vornehme Weltdame, die zu einem Besuche auf dem Lande war und die Menschen hier so unglaublich spießbürgerlich und unbedeutend fand. Sie sah bleich und überwacht aus, als liege eine schlaflose Nacht hinter ihr, und so lebhaft sie auch sprach, man sah es, daß sie mit ihren Gedanken ganz anderswo war. Die junge Frau saß befangen und beklommen neben ihr. Sie hatte den Zweck des Besuches noch mit keiner Silbe berührt, jetzt aber brachte ihn Edith selbst zur Sprache. »Du hast mich noch gar nicht gefragt, Wilma, weshalb ich dich so unvermutet überfalle,« sagte sie. »Vermutlich hast du es schon erraten.« »Ich glaube ja,« entgegnete Wilma etwas unsicher. »Ich wollte dich aber gestern abend bei deiner Ankunft nicht gleich mit Fragen quälen. Ronald ist ja in Steinfeld, und da habt ihr hier eine Zusammenkunft verabredet, nicht wahr?« »Verabredet – nein! Ronald weiß es natürlich, daß ich hier bin. Ich habe ihm Nachricht gesandt, und er wird wohl herüberkommen, sobald er sich frei machen kann.« Die junge Frau sah sie betroffen an. Keine Verabredung? Und Ronald wurde nicht einmal bestimmt erwartet – was aber führte dann ihre Cousine her? Diese ließ ihr jedoch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, sondern fuhr hastig fort: »Zunächst handelt es sich um etwas anderes: Herr Raimar wird heute vormittag nach Gernsbach kommen. Du entschuldigst es wohl, wenn ich ihn allein empfange.« »Unser Notar?« Wilma fiel von einem Erstaunen in das andere. »Er wollte mir allerdings den neuen Pachtkontrakt selbst bringen, aber –« »Sein heutiger Besuch gilt mir,« unterbrach sie Edith. »Ich habe ihn darum ersucht; bitte, sorge dafür, daß ich ihn ungestört sprechen kann.« »Du willst seinen Rat hören, wegen jener – jener peinlichen Angelegenheit?« fragte die junge Frau, die sich diese seltsame Einladung nicht anders zu erklären wußte. »Raimar ist allerdings Jurist und ziemlich bekannt in Steinfeld, aber du selbst kennst ihn ja kaum.« »Ich bitte dich, überlaß das mir,« sagte Edith, offenbar gepeinigt durch diese Fragen. »Ich wünsche nur eine Auskunft, die mir Herr Raimar am besten geben kann und wohl auch geben wird – unsere Unterredung wird nicht lange dauern.« Sie stand auf, trat an die steinerne Brüstung und begann die roten und gelben Blätter der dort rankenden Weinreben zu zerpflücken. Es lag eine nervöse Hast in dieser Bewegung, eine mühsam verhaltene, aber fieberhafte Unruhe in ihrem ganzen Wesen. Wilma war ihr gefolgt und wagte es jetzt endlich, den Hauptpunkt zu berühren. »Du hast natürlich die Flugschrift gelesen, das ›Hexengold‹?« »Ja, mein Vater sandte es mir – du kennst es auch?« »Ich erhielt es durch den Notar Treumann, – Edith, um Gottes willen, das sind ja furchtbare Dinge, die Ronald da vorgeworfen werden! Was wird er thun?« »Was er thun wird?« Es blitzte drohend auf in den Augen des schönen Mädchens. »Den Kampf aufnehmen. Das ist doch selbstverständlich. Er wird die Antwort darauf nicht schuldig bleiben.« »Er hat ja bereits geantwortet, aber er erklärt, sich mit einem solchen Gegner nicht einlassen zu wollen.« »Mit dem Namenlosen!« Es klang wie bitterer Hohn in den Worten. »Nun, vielleicht zwingt man ihn doch noch, sich zu nennen. – Ah, da kommt ein Wagen! Herr Notar Raimar scheint pünktlich zu sein.« Sie deutete auf die Allee, die zum Herrenhause führte, und in die jetzt ein offener Wagen einbog. Wilma blickte gleichfalls hinüber. »Ja, er ist es,« bestätigte sie. »Aber ich glaube – ich glaube, Major Hartmut sitzt neben ihm.« Die junge Frau war dunkelrot geworden und wandte sich ab, um ihre Verwirrung zu verbergen, aber Edith bemerkte das nicht. Sie hatte sich emporgerichtet und blickte mit fest zusammengepreßten Lippen und finsteren Augen dem Wagen entgegen, als erwarte sie einen Feind. »Major Hartmut?« wiederholte sie. »Gleichviel, es wird sich ja wohl irgend ein Vorwand finden, Raimar allein zu sprechen.« Als die Herren zehn Minuten später in den Salon traten, fanden sie beide Damen dort. Die Begrüßung zwischen Edith und Raimar entsprach der Kürze ihrer Bekanntschaft, sie war zurückhaltend und fremd. Hartmut wunderte sich allerdings, als er Fräulein Marlow erblickte; aber die Erklärung, daß sie auf der Rückreise von der Schweiz ihrer Cousine einen Besuch mache, klang sehr wahrscheinlich, er zweifelte nicht daran. Diese Reise und seine Ankunft gaben hinreichenden Stoff zu dem kurzen Gespräch, mit dem man der äußeren Form Rechnung trug, dann bat Frau von Maiendorf den Major, die neuen Wagenpferde zu besichtigen, die sie kürzlich gekauft hatte, sie wünschte ein sachverständiges Urteil darüber. Er ging mit vollem Eifer darauf ein und bemerkte es kaum, daß sein Freund zurückblieb. Der gute Arnold hatte viel zu sehr seine eigenen Angelegenheiten im Kopfe, um ein scharfer Beobachter zu sein. Edith und Raimar waren allein. Er hatte die anderen beiden bis zur Thür begleitet und kehrte nun zurück, aber ohne seinen Platz wieder einzunehmen. Er blieb stehen, der jungen Dame gegenüber, deren Augen wie mit einer finsteren Frage auf seinen Zügen ruhten. Sie sah es freilich, daß er ein anderer geworden war in den letzten Monaten. Was sich bei der Ankunft Hartmuts nur erst andeutungsweise verriet, das prägte sich heute scharf und unverkennbar aus – das Freiwerden einer lang gefesselten Natur. Jetzt waren die Fesseln abgeworfen, Ernst wußte es freilich, daß er auch hier in einen Kampf ging, und hatte sich gewaffnet. Er war nicht im Zweifel über das, was zur Sprache kommen sollte bei dieser seltsamen Einladung. »Sie haben befohlen, gnädiges Fräulein,« begann er. »Ich erhielt Ihren Brief und beeilte mich, Ihrem Wunsche nachzukommen.« »Ich möchte eine Frage an Sie richten,« sagte Edith, die jede Einleitung für überflüssig zu halten schien. »Vielleicht können Sie mir die Antwort geben, vielleicht auch nicht. In jedem Falle bitte ich um ein offenes Ja oder Nein.« Er verneigte sich schweigend. »Sie kennen vermutlich die Flugschrift, die vor etwa acht Tagen erschienen ist und jetzt das Tagesgespräch bildet – ›Hexengold‹?« »Ja, gnädiges Fräulein.« »Und Sie kennen auch den Verfasser?« »Ja!« Edith fuhr auf, ein so unumwundenes Zugeständnis hatte sie doch nicht erwartet. »Nun, ich kenne ihn auch! In der Stunde, wo ich die Schrift las, erriet ich auch den Verfasser – er heißt Ernst Raimar!« »Ganz recht,« erwiderte Raimar kalt. »Ich bekenne mich dazu; aber nun gestatten auch Sie mir eine Frage. Meine Schrift richtet sich gegen Herrn Ronald, gegen ihn allein, und Sie stellen mich zur Rede darüber?« Edith zögerte, nur eine Sekunde lang, es war, als raube ihr etwas den Atem, dann aber kam die Antwort klar und fest von ihren Lippen: »Ich bin die Braut Felix Ronalds.« Ernst gab kein Zeichen von Ueberraschung, er hatte ja das auch längst erraten, in der Stunde erraten, wo Ronald hier in Gernsbach erschien; nur etwas bleicher wurde er, als er die Bestätigung hörte. »Dann bin ich also auch in Ihren Augen gerichtet,« sagte er mit völlig beherrschter Stimme. »Ich sprach es Ihnen ja bereits aus, gnädiges Fräulein, wir sind nun einmal vom Schicksal dazu bestimmt, uns feindlich zu begegnen, und ich hätte es mit dieser Ueberzeugung sicher nicht gewagt, Ihnen wieder zu nahen. Sie waren es, die mich herrief.« »Ich wollte Gewißheit,« erklärte Edith, die sich jetzt auch erhob. »Für mich gab es freilich kaum noch einen Zweifel. Sie haben Wort gehalten, Herr Raimar. Sie wußten den Mann zu treffen, als dessen Feind Sie sich vor mir bekannten, und Sie führen Ihre Waffen meisterhaft.« »Im Kampfe braucht man eben die Waffen,« versetzte Ernst, ohne den verächtlichen Ton merken zu wollen, den sie auf jenes Wort legte. »Und Herr Ronald wird den Kampf wohl aufnehmen.« »Gegen wen?« rief Edith mit flammenden Augen. »Gegen einen namenlosen Feind, der sich feig im Dunkel birgt und von dort aus seine Angriffe, seine Beschimpfungen auf einen Mann schleudert, der allen sichtbar dasteht? So kämpft kein ehrlicher Gegner! Ronald hat recht, der Angriff ist durch sich selbst gerichtet!« Sie schienen die Rollen getauscht zu haben, heut war sie es, die sich von ihrer Erregung fortreißen ließ, während er ihr völlig unbewegt gegenüber stand, selbst die Beleidigung glitt ab an dieser eisigen Ruhe. »Sie sind im Irrtum, gnädiges Fräulein,« antwortete er, »Ich habe mich bereits genannt! Ich hatte schwerwiegende Gründe, die Schrift ohne meinen Namen hinauszusenden; anonym zu bleiben, war nie meine Absicht. Ich wollte nur die öffentliche Antwort abwarten. Diese ist gestern erfolgt, und die heutigen Abendzeitungen in Berlin bringen bereits meine Erklärung, in der ich mich zu der Autorschaft bekenne. Herr Ronald hat ja seine eigenen Quellen und erfährt das jedenfalls früher als das Publikum. Er weiß vermutlich schon in dieser Stunde, wer sein Gegner ist.« Der Angriff war abgeschlagen, Edith stand wortlos da, aber sie atmete tief und erleichtert auf, als er sich von jenem Vorwurf der Feigheit reinigte, als sei ihr damit eine Last von der Brust genommen. »Das konnte ich in der That nicht ahnen,« entgegnete sie endlich. »Dann allerdings war diese Unterredung überflüssig – ich bedaure, Sie bemüht zu haben.« Raimar neigte nur leicht das Haupt. »Vielleicht lassen Sie mir nun persönlich Gerechtigkeit widerfahren, mehr darf ich ja nicht fordern – leben Sie wohl!« Er ging, wollte wenigstens gehen, aber da begegneten sich ihre Augen, und wie gebannt von diesem Blick blieb er stehen. Der eisige Ton war verschwunden aus seiner Stimme, sie hatte wieder den alten, verschleierten Klang, als er sagte: »Mein Fräulein – ein Wort noch!« Mit einer abwehrenden Bewegung trat Edith zurück. »Ich glaube, Herr Raimar, wir haben uns nichts mehr zu sagen.« »Doch, eine Warnung habe ich Ihnen noch zu sagen! Sie haben den Mann nicht gekannt, dem Sie sich verlobten. Er hat Sie geblendet mit seinen mächtigen Erfolgen, wie er Ihren Vater, wie er alle Welt blendete. Sehen Sie sich das Bild an, das ich von ihm gezeichnet habe, es ist das wahre. Wollen Sie wirklich diesem Manne Ihre Zukunft, Ihr Glück anvertrauen?« »Sie sind sein Feind!« erklärte Edith herb und bitter, »Sie haben alles in das Schlimmste gedeutet. Es mag sein, daß er über manches hinausgegangen, daß er sich über vieles hinweggesetzt hat – er ist eben Felix Ronald! Den darf man nicht mit dem gewöhnlichen Maße messen, der kann es fordern, daß man ihm und seinen Schöpfungen andere Gesetze zugesteht. Sie sehen in ihm nur den Spekulanten –« »Das thue ich nicht!« fiel Ernst mit vollem Nachdruck ein. »Ich habe es nicht versucht, meinen Gegner zu verkleinern, ich habe offen und rückhaltlos den großen, genialen Zug anerkannt, der in dem Manne wie in seinen Unternehmungen liegt; aber es liegt auch ein Dämon in ihm, der anderen und vielleicht ihm selbst noch einmal zum Verderben wird. Hüten Sie sich davor!« Ein leichtes Beben ging durch die Gestalt des Mädchens. Das waren ja fast Ronalds eigene Worte, er hatte ja selbst von dem Dämon gesprochen, der ihn emporgetragen und dem er folgen mußte. Edith dachte an seinen Ton und Blick, als er drohte, den Feind zu zertreten, wenn dieser seinen Weg kreuze. Da hatte sich jene dunkle Macht geregt, und es hatte ihr gegraut davor, aber gleichviel, jetzt war es zu spät zur Warnung und zur Reue. »Sie sprechen von meinem Verlobten, Herr Raimar! Er hat mein Wort!« »Und auch Ihr Herz?« Edith schwieg, sie hatte ja sagen wollen, nur um diesem Gespräch ein Ende zu machen, um diesen Augen nicht länger Rede stehen zu müssen, aber die Lüge wollte nicht über ihre Lippen. Jetzt trat Ernst näher. »Edith! – Nein, weichen Sie nicht so zurück vor mir! Ich spreche ja nicht für mich. Ich habe abgeschlossen mit dem Hoffen, als ich jenen Schritt that, denn ich ahnte längst, wie es stand, und wußte, Sie würden mir das nie verzeihen. Vielleicht siegt Ronald in dem Kampfe, vielleicht bringt er meine Anklagen zum Schweigen. Er hat mächtige Bundesgenossen, ihm steht das Gold schrankenlos zu Gebote, und ich stehe allein. Aber wenn er auch droben bleibt, ich habe ihn der Welt gezeigt in seiner wahren Gestalt, und das löscht er nicht aus, auch bei Ihnen nicht, das tötet jedes Vertrauen. Edith, um Ihrer selbst willen, machen Sie sich los von dem unheilvollen Manne, fordern Sie Ihr Wort zurück! Machen Sie sich frei, um jeden Preis!« »Nein!« sprach Edith, ohne ihn anzusehen, aber mit unbeugsamer Festigkeit. »Edith!« »Nein!« wiederholte sie. »Ich gab ihm mein Wort, die Zusage meiner Hand, als er noch sicher auf seiner Höhe stand. Er liebt mich; er legte mir alles zu Füßen, was er erreicht und errungen hatte, und ich habe das hingenommen als ein Recht, das mir gebührte. Und jetzt, wo ein Sturm heranzieht, der ihn bedroht, jetzt soll ich dies Wort brechen, soll die erste sein, die ihn in der Gefahr verläßt? Muten Sie mir das im Ernste zu? Sie wußten es ja doch im voraus, wie meine Antwort lauten würde.« »Ich habe es gefürchtet!« sagte Raimar leise. »Und nun kein Wort weiter! Wir dürfen uns nichts mehr sagen – gehen Sie!« Ernst gehorchte, sein Blick streifte noch einmal düster das schöne Antlitz, dann ging er, ohne Lebewohl, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Edith war allein, sie stand unbeweglich und blickte mit heißen, starren Augen auf die Thür, die sich geschlossen hatte hinter ihm – und ihrem Glücke. +++ Dort gingen zwei Menschen voneinander in derselben Stunde, wo sich zwei andere fanden. Am Ende des Parkes lag eine kleine Laube, halb versteckt im lauschigen Grün, ein Lieblingsplatz Wilmas, und dort saß Major Hartmut neben seiner Braut. Er hatte sich heute noch gar nicht erklären wollen, die kurze Bekanntschaft gab ihm ja eigentlich noch kein Recht dazu. Er wollte nur das Terrain sondieren, dann in hergebrachter Weise werben und, wenn er seiner Sache sicher war, mit dem Antrage herausrücken. Eigens zu diesem Zwecke hatte er ja die Uniform eingepackt, aber es war nichts mit dem Hergebrachten und dem ganzen weisen Plane. Als er da neben der jungen Frau saß und ihr in die Augen blickte, da war ihm das Herz mit dem Kopfe durchgegangen, und das Geständnis war urplötzlich über seine Lippen gekommen. Wilma hatte gar nichts gesagt, sondern ihm nur beide Hände hingestreckt, und da hatte er dann natürlich nicht die Hände, sondern die ganze kleine, blonde Frau in seine Arme und an sein Herz genommen, und jetzt sahen sie beide aus, als säßen sie mitten im Paradiese. Da kam jemand durch den Park gestürmt. Lisbeth war drüben im Pachthofe gewesen, um ihre Spielgefährtin, die kleine Tochter des Pächters, zu besuchen, die im gleichen Alter stand, und hatte erst bei der Rückkehr gehört, daß die Herren aus Heilsberg da seien. Zwar aus dem ernsten, schweigsamen Raimar machte sie sich nicht viel, aber Onkel Hartmut war auch mitgekommen und befand sich mit ihrer Mama im Parke. Nun rannte sie atemlos und mit fliegenden Locken durch die Gänge, um die beiden zu suchen, hörte Stimmen in der Laube und stürzte eiligst dorthin. Aber das kleine Fräulein blieb wie angewachsen am Eingange stehen und sperrte das rosige Mündchen weit auf vor Erstaunen. Da saß Onkel Hartmut, der ihre Mama in den Armen hielt und sie küßte, und die Mama ließ sich das ganz ruhig gefallen. »O!« kam es endlich von Lisbeths Lippen, und nun fuhren die beiden auf. »Da ist sie – unser Mädel!« rief Hartmut. »Was meinst du, Wilma, wir werden Fräulein von Maiendorf wohl um ihre Sanktion zu unserer Verlobung ersuchen müssen?« Wilma streckte der Kleinen die Arme entgegen und zog sie an sich. »Um Lisbeths willen wollte ich ja allein bleiben,« flüsterte sie. »Aber als ich dich das erste Mal sah, Arnold, da hattest du mein Kind in den Armen und bewahrtest es vor dem tödlichen Sturze. Du wirst es lieb haben, ich weiß es!« »Und wie!« bekräftigte Arnold. »Komm her, Lisbeth! Du wolltest ja gern ein Soldatenkind sein. Ich werde deine Mama heiraten – willst du mich zum Papa? Dann bist du ein Soldatenkind.« Die kurze und bündige Auseinandersetzung fand volles Verständnis bei Lisbeth und erregte ihre höchste Zufriedenheit. Die Hurrascene von neulich hatte ihr aber sehr gefallen, und sie fand diese Gelegenheit zur Wiederholung äußerst passend. Sie schwenkte daher wieder ihr Hütchen und rief jubelnd: »Hurra Papa und Mama!« »Das ist ein Mädel!« sagte Hartmut in höchster Bewunderung. »Solch ein Mädel gibt es überhaupt gar nicht zum zweitenmal. Hurra, mein Fräulein Tochter!« Damit faßte er die Kleine und hob sie hoch empor, während Wilma mit feuchten Augen und glückseligem Lächeln dabei stand. Die Meldung, daß Herr Notar Treumann soeben angelangt sei, unterbrach das Beisammensein und verursachte dem Major einen gelinden Aerger. »Der hat gewiß wieder irgendwo etwas ausgegraben,« sagte er mißvergnügt, »und nun rückt er mit den verschiedenen Jahrhunderten vor. Ich bin aber heut gar nicht historisch angelegt; können wir ihn nicht los werden, Wilma?« »Aber ich habe ihn ja selbst eingeladen, er kommt zu Tische,« erklärte die junge Frau; »damals wußte ich freilich noch nichts von Ediths Besuch und« – sie blickte mit einem schelmischen Lächeln zu ihrem Bräutigam hinüber – »von einem gewissen anderen Ereignis. Ich muß ihn doch begrüßen – nein, Arnold, laß mich mit Lisbeth vorausgehen und komme erst in einer Viertelstunde nach. Du verrätst dich, und wir können doch unsere Verlobung nicht so Hals über Kopf proklamieren.« Arnold sah das zwar durchaus nicht ein, aber er blieb gehorsam zurück und zog die Uhr heraus, um die Viertelstunde gewissenhaft einzuhalten. Da tauchte urplötzlich Max Raimar auf, der von einem Spaziergange zu kommen schien, denn er trat durch die kleine Hinterpforte in den Park. Der junge Maler war heut einigermaßen verstimmt und nicht ohne Grund, Edith Marlow hatte gestern abend fast gar keine Notiz von ihm genommen und ihm deutlich gezeigt, daß er bei ihr noch immer in Ungnade war. Max wurde freilich jetzt nicht mehr gekränkt durch diese »Herzlosigkeit« der einst Angebeteten, denn er steuerte bereits einen anderen Kurs; aber der Besuch störte ihm die Gernsbacher Idylle, und es war auch nicht leicht, sich vor den beiden Damen in seiner Doppelrolle zu behaupten. In den Marlowschen Salons war er nämlich der moderne Mensch gewesen, der mit allen Illusionen abgeschlossen hatte, und nebenbei das ringende Genie, das sich mit seinen – erst zukünftigen – Thaten nur auf den Boden der Wirklichkeit stellte. Hier auf dem Lande, der jungen, etwas schwärmerisch angelegten Frau gegenüber, war der Idealismus bei ihm ausgebrochen. Er sprach von Unsterblichkeit, schwelgte in hohen Gefühlen und machte »solche Augen«, wie Lisbeth sich ausdrückte. Der Maxl war eben eine vielseitige Natur. Der Anblick Major Hartmuts überraschte ihn nicht, er wußte ja, daß die Herren heut oder morgen nach Gernsbach kommen wollten. »Sieh da, Maxl!« empfing ihn Hartmut, »Wo hast du denn den ganzen Vormittag gesteckt? Man bekommt dich ja erst jetzt zu Gesicht.« »Ich war im Walde,« versetzte der junge Mann. »Ich bin heut morgen mit den entsetzlichsten Kopfschmerzen aufgewacht und mußte mich beim Frühstück entschuldigen. Das geht leider bei mir nicht so schnell vorüber. Ich glaube, Herr Major, es ist das beste, ich fahre mit Ihnen und Ernst nach Heilsberg zurück, nur auf zwei Tage. In diesem Zustande kann ich ja doch nicht malen.« »Du Armer!« sagte der Major bedauernd. »Da kommst du ja ganz um den interessanten Besuch, Fräulein Marlow wird auch nur zwei Tage hier bleiben, wie ich hörte, und da willst du in Heilsberg sein? Sag einmal, wie stehst du denn eigentlich mit deiner Millionärin? Du sprichst ja gar nicht mehr davon.« Max war innerlich wütend über die Frage, aber er wollte um keinen Preis seine Niederlage eingestehen und zuckte daher nur die Achseln. »Erinnern Sie mich nicht daran – das ist vorbei! Wer ist nicht einmal einem gleißenden Irrlicht gefolgt, das ihn verlockte! Ich bin noch rechtzeitig zur Besinnung gekommen und habe mich losgerissen. Ich folge jetzt einem anderen, milderen Sterne!« »Maxl, du wirst poetisch!« bemerkte Arnold kopfschüttelnd. »Freilich, du machst ja jetzt in Idealismus, ich habe es schon gemerkt, und der milde Stern ist dir wohl hier in Gernsbach aufgegangen? Schönes Rittergut, was? Ist auch nicht zu verachten, wenn es auch nicht gerade eine Million ist. Bist du schon wieder auf der Jagd – beichte einmal!« Der junge Maler sah ihn mißtrauisch von der Seite an. Dieser rücksichtslose Spötter war im stande, der Frau von Maiendorf von jenen früheren Plänen zu erzählen; da galt es vorzubeugen. »Daran habe ich nicht gedacht,« erklärte er. »Ich frage diesmal nicht nach Geld und Gut. Ich weiß nur, daß ich liebe, daß ich erwacht bin aus jenem wüsten Traum. Ich scheue mich nicht, einen Irrtum, eine Verirrung offen einzugestehen. Ja, ich liebe die junge Herrin von Gernsbach, ich bete sie an!« Um die Lippen des Majors zuckte es ganz eigentümlich, aber sein Gesicht blieb vollkommen ernst, während er dem jungen Manne anerkennend und ziemlich derb auf die Schulter schlug. »Brav von dir, Maxl! Sehr brav! In dem ausgebrannten Krater deiner Seele sproßt ja jetzt der reine Blumengarten. Also die junge Herrin von Gernsbach hat dir den Idealismus beigebracht? Sehr schön – aber zur Frau bekommst du sie nicht.« »Und warum nicht?« fragte Max gereizt, indem er sich die Schulter rieb. »Weil sie meine Frau wird!« Der junge Maler fuhr zusammen und starrte den Redenden ganz fassungslos an. »Herr Major, ist das Scherz oder –?« »Bitte, das ist vollkommener Ernst. Vor einer Stunde habe ich mich mit Wilma von Maiendorf verlobt, und wir werden baldigst heiraten. Du bist freundlichst eingeladen zur Hochzeit, kannst uns die Tischkarten zeichnen.« Arnold hatte im Uebermut seines Glückes gar keine Schonung für den armen Max, der noch immer wie vernichtet dastand, aber jetzt doch begriff, daß die Sache ernst war, und nun brach seine ganze Wut und Enttäuschung aus. »Sie sind verlobt mit Frau von Maiendorf? Deshalb also kamen Sie wieder nach Heilsberg, deshalb haben Sie sich hier eingeschlichen, um mir –« »Oho, Maxl, nimm dich in acht!« unterbrach ihn der Major, der sich plötzlich hoch und drohend aufrichtete. »Du bist der Bruder meines liebsten Freundes, und ich möchte es dem Ernst ersparen, daß wir beide uns mit der Pistole gegenüberstehen, aber wenn du mir so kommst!« – Er rückte sehr energisch dem jungen Maler auf den Leib, der ebenso energisch zurückwich, dabei aber in hochgradiger Empörung rief: »Ich werde gehen! Ich bleibe nicht länger in einem Hause, wo man meine Gefühle so schonungslos verhöhnt.« »Erst nimmst du das schändliche Wort zurück!« fiel ihm Hartmut in die Rede. »Eingeschlichen! Denkst du, ein Offizier läßt sich dergleichen sagen? Zurücknahme auf der Stelle – oder wir sprechen uns morgen früh!« Max Raimar schien eine gewisse Abneigung gegen Pistolen zu hegen, und die Augen, die so drohend dicht vor den seinigen blitzten, waren ihm offenbar sehr ungemütlich, aber er zog sich sehr gut aus der Sache. Er legte die Hand über die Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Wollen Sie mit einem Verzweifelnden rechten, Herr Major? Sie sehen es ja doch, wie mich Ihre Nachricht getroffen hat, und da – nun ja, da habe ich mich übereilt mit jenem Worte. Ich nehme es zurück.« »So – nun, das genügt allenfalls!« sagte Arnold, aber dabei streifte ein unendlich verächtlicher Blick den tapferen Maxl. »Deine Verzweiflung kannst du behalten, dies Geseufze aber, das meiner Braut gilt, verbitte ich mir. In dem Punkte verstehe ich keinen Spaß, da bin ich sogar sehr empfindlich – merke dir das!« Er wollte gehen, aber gerade in dem Augenblick kam Herr Notar Treumann den Gang herauf, augenscheinlich in sehr vergnügter Stimmung, denn er winkte und rief schon von weitem: »Aber Herr Major, was hört man da für Geschichten! Sie wollen uns unsere kleine Gutsherrin entführen? Offiziell ist mir das freilich nicht mitgeteilt worden, aber Lisbeth hat geplaudert, sie hat mir bereits von ihrem neuen Papa vorgeschwärmt, und da mußte Frau Wilma beichten. Das nennt man ja im Sturme siegen. Nun, ich gratuliere von ganzem Herzen!« Damit streckte der alte Herr, der, sobald Neustadt nicht in das Spiel kam, aller Welt das Beste gönnte und sich mit aller Welt freute, ihm die Hand hin. Diesmal war er nicht im Vertrauen und hatte keine Ahnung davon, daß sein lieber Maxl wieder einmal abgefallen war. Der Major, dessen gute Laune sofort zurückkehrte, schlug kräftig ein. »Ich danke, Herr Notar! Finden Sie nicht, daß ich mich als Bräutigam vorzüglich ausnehme? Aber wo ist denn Ernst? Er weiß vermutlich noch nichts, ich muß ihm doch die große Neuigkeit mitteilen.« Treumann, der inzwischen seinen Neffen begrüßt hatte, wendete sich um und zeigte eine höchst ärgerliche Miene. »Ernst ist gar nicht mehr in Gernsbach,« berichtete er. »Er ist wieder einmal unbegreiflich! Denken Sie nur, eine Viertelstunde von hier begegne ich ihm, allein und zu Fuße. Ich lasse natürlich anhalten und frage ihn – was bekomme ich zur Antwort? Er sei auf dem Rückwege nach Heilsberg und habe den Wagen für Sie zurückgelassen. Er selbst könne nicht bleiben, müsse schleunigst nach Hause, dringende Geschäfte – und damit läuft er im Sturmschritt davon. Was soll Frau von Maiendorf davon denken, und Sie hat er auch im Stich gelassen. Mein Herr Neffe leistet jetzt wirklich das Möglichste in der Rücksichtslosigkeit!« Hartmut blickte mit einem etwas boshaften Lächeln auf den ganz ergrimmten alten Herrn. Ernst hatte ihm heut morgen erklärt, daß mit dem heutigen Tage das Geheimnis seiner Autorschaft zu Ende sei auch für Heilsberg, und nun beschloß der Herr Major, sich ein Extravergnügen zu machen. »Das müssen Sie ihm diesmal schon verzeihen,« bemerkte er. »Ernst ist jetzt wirklich sehr in Anspruch genommen, vermutlich hat er Depeschen aus Berlin erhalten.« »Depeschen aus Berlin?« wiederholte Treumann erstaunt. »Ja, was hat denn Ernst mit Berlin zu thun?« »Das werden Sie schon erfahren. Die Berliner Abendzeitungen kommen ja wohl morgen früh nach Heilsberg, da wird Ihnen die Geschichte zum Frühstück serviert. Aber eigentlich kann es Ernst nicht verantworten, daß Sie, der leibliche Onkel, es erst nachträglich und durch die Zeitung erfahren.« Jetzt wurde Max auch aufmerksam, der Notar aber schüttelte ratlos den Kopf. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Major,« gestand er. »Was ist denn los mit Ernst?« »Das sollten Sie doch wissen,« spottete Arnold. »Sie sind ja eigens mit Maxl nach dem Goldenen Löwen gegangen, um ihn zu feiern. Das hätten Sie freilich näher haben können, denn er stand gerade vor Ihnen im Garten. Aber Sie kanzelten ihn ab und erklärten, an ihm sei Hopfen und Malz verloren, und gleich darauf ließen Sie ihn unlogischerweise hochleben, den Ritter Sankt Georg, wie Sie sich so schön ausdrückten, den Verfasser von ›Hexengold‹.« »Das ist doch nicht etwa E–Ernst?« Der junge Maler stotterte vor Aufregung bei der Frage. »Freilich E– E– Ernst!« stotterte ihm der Major nach. »Das greift dich wohl an, Maxl? Ja, du bist jetzt nicht mehr die einzige Berühmtheit in der Familie. – Herr Notar, ich sehe, daß Sie mir noch immer nicht glauben. Nun denn, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, der Verfasser von ›Hexengold‹ heißt Ernst Raimar und bekennt sich heut öffentlich dazu. Und nun entschuldigen Sie mich, meine Herren, ich muß zu meiner Braut!« Er weidete sich noch einige Sekunden an der völligen Fassungslosigkeit der beiden, machte dann kehrt und ging davon. Onkel und Neffe standen sich noch immer wie zwei Salzsäulen gegenüber, endlich fragte der erstere halblaut, mit fast versagender Stimme: »Maxl – Maxl, was sagst du dazu?« »Es ist nicht wahr! Es ist wieder eine von den Possen des Majors,« behauptete Maxl, der sich an diese Möglichkeit förmlich zu klammern schien. »Er hat sein Wort darauf gegeben – es ist wahr!« brach der alte Herr aus, der jetzt zum vollen Begreifen kam. »Und das ist mein Neffe! Maxl, du mußt heut mit zur Stadt, heut abend ist Sitzung im historischen Verein, und da werde ich eine Rede halten. Meine Herren, werde ich sagen, ich bringe Ihnen eine große Neuigkeit! Wir haben diesen Verfasser von ›Hexengold‹ gesucht in Berlin, in Steinfeld, überall, alle Welt hat ihn gesucht, und nun ist er da! Hier aus Heilsberg ist das Gericht ergangen über diese Neustädter und ihren Pascha, mitten unter uns ist er auferstanden, dieser Sankt Georg – und ich bin sein Onkel!« Es blieb unentschieden, ob der Herr Notar diese letzten Worte als Schlußeffekt seiner Rede leisten wollte, oder ob sie nur seinem augenblicklichen Hochgefühl entstammten, aber er schleuderte sie triumphierend heraus, Max dagegen sprach kein Wort, er war wütend, denn es dämmerte ihm doch das Bewußtsein auf, daß er nun abgesetzt sei als Familiengenie. +++ Ernst Raimar war in der That nach Heilsberg zurückgekehrt und hatte nur eine kurze Nachricht für Arnold zurückgelassen. Er wollte ihn nicht stören in seiner Werbung, aber er konnte es nicht mit ansehen, dies Glück des Freundes, das in derselben Stunde aufkeimte, wo er Abschied nahm von dem seinigen. Er saß jetzt in seinem Arbeitszimmer am Schreibtische, den Kopf in die Hand gestützt. Heute abend war sein Name in aller Mund, da trat er persönlich ein in den heißen Streit des Tages und stellte sich dem Sturme, den er selbst entfesselt hatte; aber der helle, frohe Kampfesmut, der aus seinen Augen blitzte damals, als er sich dem Freunde entdeckte, war verschwunden. Die alte Düsterheit lag wieder auf seinen Zügen, er wußte jetzt erst ganz und voll, was ihn dieser Kampf kostete. Die Abschiedsstunde hatte es ihn gelehrt. Da trat einer seiner Schreiber ein und meldete: »Herr Notar, es ist ein Herr aus Steinfeld da, der Sie zu sprechen wünscht. Er will sich nicht nennen, es sei eine Privatsache –« Er kam nicht weiter in seinem Berichte, denn der Fremde, der ihm gefolgt war, trat jetzt aus dem anstoßenden Zimmer und sagte befehlend: »Genug, es bedarf keiner weiteren Anmeldung. Ich und der Herr Notar kennen uns.« Raimar saß in sprachloser Ueberraschung da, als er Felix Ronald erkannte, aber schon in der nächsten Minute erhob er sich mit anscheinender Ruhe. »Jawohl, ich kenne den Herrn. Gehen Sie!« Ein Wink verabschiedete den Schreiber, der den Gebieter von Steinfeld nicht persönlich kannte und sich nur über die kurze, herrische Art des Fremden wunderte. Er gehorchte und entfernte sich. »Sie haben wohl nicht erwartet, mich hier zu sehen?« begann Ronald. »Nein!« sagte Ernst kalt. »Aber Sie erraten vielleicht, was mich herführt?« »Allerdings. Meine Erklärung ist heute morgen in Berlin eingetroffen, zum Abdruck für die Abendzeitungen, und Sie haben die Nachricht jetzt schon erhalten, man hat sie Ihnen vermutlich telegraphisch zugesandt. Auf Ihr persönliches Erscheinen war ich allerdings nicht gefaßt, aber da Sie hier sind –« Er deutete auf einen Stuhl. Ronald machte eine hochmütig ablehnende Bewegung. »Ich danke, wir verhandeln besser stehend miteinander. Ich gestehe, daß es mich überrascht hat, Ihren Namen als den des Verfassers von ›Hexengold‹ zu hören. Bisweilen ist mir wohl der Gedanke gekommen, aber ich verwarf ihn immer wieder, ich hielt Sie – offen gesagt – nicht für bedeutend genug zu einem solchen, nach jeder Richtung hin meisterhaft geführten Angriff. Ich mache Ihnen mein Kompliment darüber.« Er sprach mit kaltem Hohne, und in seiner Haltung lag die ganze hochmütige Ueberlegenheit eines Mannes, der seines Sieges vollkommen sicher ist, nur seine Augen redeten eine andere Sprache, es brannte eine unheimliche Glut darin. »Sind Sie nur gekommen, um mir das zu sagen?« fragte Raimar, der seine Gelassenheit bewahrte. »Nein, aber ich hielt es für nützlich, wenn wir beide uns einmal unter vier Augen sprechen, ehe wir uns da draußen treffen vor aller Welt. Sie gestehen mir hoffentlich dies Recht zu. Wir sind ja – alte Feinde!« »Das sind wir!« »Also zur Sache! Was bezwecken Sie eigentlich mit diesem Angriff? Wollen Sie mich vielleicht stürzen? Das wäre doch ein etwas kühnes Unterfangen. Ich rate Ihnen nicht dazu.« Ernst lehnte mit verschränkten Armen an seinem Schreibtische, das Auge fest auf seinen Gegner gerichtet, und seine Antwort klang in vernichtender Ruhe. »Ich will ein System stürzen, dessen Führer und Vertreter Sie sind, das schon so vielen zum Unglück geworden ist, wenn sie es auch noch nicht wissen, denn die Augen werden ihnen zu spät aufgehen. Ihre anscheinend so mächtigen und riesenhaften Unternehmungen, die Ihren Namen in alle Welt hinausgetragen haben, sind auf Flugsand gebaut. Die stützt und hält nur der blinde Glaube der Menge an Sie und Ihre Macht, Steine in Gold zu verwandeln, dieser Glaube, der Ihnen immer wieder neue Quellen zuführt, wenn die alten längst versiegt sind. Wankt er einmal, dann stürzt das ganze Gebäude zusammen, muß zusammenstürzen – das wissen Sie am besten!« »Wirklich?« fragte Ronald mit einem höhnischen Auflachen. »Wollen Sie mich belehren in Finanzangelegenheiten, Herr Notar von Heilsberg? Wo haben Sie denn Ihre Studien darüber gemacht?« »In Steinfeld habe ich sie gemacht, es liegt uns ja nahe genug,« sagte Raimar, ohne sich durch den herben Spott beirren zu lassen. »Es war die erste Ihrer großen Schöpfungen, und sie wird auch zuerst dem Verhängnis verfallen. Sie wollten das freilich nicht abwarten und sich mit der Aktiengesellschaft decken – das dürfte jetzt nicht mehr möglich sein.« »Sie meinen durch Ihr Pamphlet!« rief Ronald. »Sie haben allerdings mein Steinfeld als eine Art Mördergrube geschildert, wo die größten Schandthaten verübt werden und der Bankrott vor der Thür steht; den Beweis sind Sie natürlich schuldig geblieben. Herr Notar, Sie machen sich lächerlich mit solchen haltlosen Behauptungen! Die Steinfelder Werke sind jedem zugänglich, dort sind Tausende von Arbeitern, Hunderte von Beamten. Sie werfen mir freilich vor, ich hätte sie blind und fühllos gemacht mit meinem ›Bann‹. Wir leben doch nicht mehr in einer Märchenwelt!« »Nein, wir leben in einer höchst realen Welt; aber die Bannworte sind geblieben, sie heißen jetzt nur: Furcht und Mitschuld. Ich glaube es wohl, daß Ihre Oberbeamten schweigen, sie werden sich nicht selbst an das Messer liefern, aber all die anderen hält nur die Furcht, und jetzt ist der Bann gebrochen, jetzt werden sie reden.« »Da sie einen so vorzüglichen Anwalt finden, der ihnen die Worte in den Mund legt – vielleicht! Solche Menschen lassen sich nur zu gern hetzen gegen den, der ihnen jahrelang Arbeit und Brot gegeben hat. Und Sie machen sich ja mit Vorliebe zum Anwalt der ›Unterdrückten‹. Sie haben schon damals Sensation damit gemacht, bei Ihrem ersten Auftreten in dem großen Streikprozeß, nun, jetzt können Sie Ihre Rednergaben in eigener Sache verwenden. Ich werde natürlich die Klage auf Verleumdung stellen, das haben Sie doch wohl erwartet?« »Gewiß, das habe ich sogar bezweckt. Ein Streit wie der unsere kann nur in vollster Oeffentlichkeit ausgefochten werden.« Ronald trat plötzlich dicht vor ihn hin und maß ihn verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen. »Glauben Sie etwa, daß ich Sie fürchte?« »Ja, Sie fürchten mich – sonst wären Sie nicht hier!« sagte Raimar, den Blick ebenso zurückgebend. »Sie wollen wissen, wie weit meine Kenntnis reicht, und was ich etwa noch verschweige. Geben Sie sich keine Mühe, bei einem Gegner wie Sie ist man auf seiner Hut.« »Daran thut man recht. Mit mir ist nicht leicht zu kämpfen, – ich heiße Felix Ronald!« Er richtete sich hoch und drohend auf, aber in den Worten lag mehr als der gemeine Hochmut des Emporkömmlings. Das ganze mächtige Selbstbewußtsein, die eiserne Energie, die den Mann emporgetragen und groß gemacht hatte, sprach daraus. Er stand da, als habe er in der That die Macht, alles, was sich gegen ihn erhob, in den Staub zu treten. Aber hier traf er auf einen ebenbürtigen Gegner, der ihm nicht einen Fuß breit wich, auch der richtete sich jetzt empor, und auch in dessen Augen flammte es drohend und vernichtend, als er kalt und fest antwortete: »Und ich heiße Ernst Raimar!« Ronald biß sich auf die Lippen. Er schien denn doch nicht gefaßt zu sein auf eine solche Kühnheit, mit der der »Notar von Heilsberg« sich auf gleiche Stufe mit ihm stellte, dann aber flog ein unheimliches Lächeln über seine Züge, und er wiederholte langsam, mit scharfer Betonung: »Raimar – jawohl! Der Name wird Ihnen doch hinderlich sein in der Oeffentlichkeit. Sie persönlich sind ja einwandfrei, aber ich fürchte, man wird Ihnen trotzdem nicht das Recht zugestehen, in solchen Dingen den idealen Standpunkt zu vertreten und sich zum Sittenrichter aufzuwerfen.« Der Hieb glitt wirkungslos ab, Ernst zuckte nicht einmal dabei, er blieb ruhig. »Das heißt, Sie wollen Ihren Anhang und die Presse, die Sie beeinflussen, gegen mich hetzen und ihnen das Losungswort geben, mich gerade an der Stelle schonungslos anzugreifen? Sie wollen mir die Waffen aus der Hand winden, indem Sie der Welt klarmachen, daß ich überhaupt kein Recht mehr habe, eine Waffe zu führen?« »Was ich thun werde, ist meine Sache!« »Ganz recht, aber was ich dann thue – Felix Ronald, es ist nicht das erste Mal, daß wir beide uns so treffen. So standen wir uns schon einmal vor zehn Jahren gegenüber, und die Worte, die damals fielen, haben Sie so wenig vergessen wie ich.« »Nein, aber Sie thäten gut, mich nicht daran zu erinnern,« sagte Ronald eisig, er schien auf einmal seine ganze Ruhe wiedergefunden zu haben, »Sie waren damals völlig unzurechnungsfähig in Ihrer Verzweiflung, und mit einem Tollen rechtet man nicht – sonst hätten Sie mir jene Stunde büßen müssen.« »Nun, ich habe es doch schon damals gewußt, daß man der Welt nicht mit Behauptungen, nur mit Beweisen kommen darf.« Ernst sprach nur halblaut, aber der Klang seiner Stimme, sein ganzes Aussehen verriet, daß es etwas Furchtbares war, was er da berührte. »Was ich in meiner Schrift behaupte und vertrete, dafür wird Steinfeld selbst den Beweis liefern, aber ich wiederhole es Ihnen, zügeln Sie Ihre Presse! Wenn sie die angebliche Schuld meines Vaters gegen mich ins Feld führt, wenn man diese Wunde schonungslos wieder aufreißt, dann reißt man auch mich fort über die Grenzen der Besonnenheit. Dann, beim ewigen Gott, schleudere ich das, was bisher nur einmal über meine Lippen gekommen ist, in die Welt hinaus, ohne Beweise! Jetzt glaubt man mir vielleicht doch!« Es war das letzte Aufbäumen einer lang getragenen Qual, Ronald erwiderte kein Wort auf diesen stürmischen Ausbruch, und in seinem Gesicht zuckte keine Muskel, nur die Augen loderten in wildem dämonischem Haß, und seine Rechte machte sich wie zufällig an der Brusttasche des Rockes zu schaffen. Raimar sah das und trat einen Schritt zurück. »Was soll das?« fragte er scharf und laut. Ronald schien sich zu besinnen, er ließ langsam die Hand wieder sinken. »Sie haben recht, es thut nicht gut, wenn wir beide uns unter vier Augen sprechen, das könnte noch einmal ein Unglück geben. Das weitere wird sich ja finden. Also – auf Wiedersehen!« Damit ging er, mit hoch erhobenem Haupte und festem Schritt, stieg in seinen draußen harrenden Wagen und rief dem Kutscher zu: »Nach Gernsbach!« Ernst Raimar blieb allein, aber die Düsterheit, die Träumerei von vorhin waren verschwunden. Diese Begegnung hatte ihm gezeigt, daß jetzt keine Zeit war, um verlorenes Glück zu trauern. Er atmete tief auf, aber es war etwas wie Erlösung in diesem Aufatmen, und laut und fest sprach er: »Nun denn hinein in den Kampf – in das Leben!« +++ Major Hartmut war als glücklicher Bräutigam nach der Stadt zurückgefahren, und Notar Treumann war gleichzeitig aufgebrochen, nicht minder glücklich im Besitz der »großen« Neuigkeit, die er zuerst nach Heilsberg brachte. Max hatte sich dem Onkel angeschlossen, begreiflicherweise in sehr gedrückter Stimmung, denn auch diese Landidylle endete für ihn mit einer Niederlage. Keiner von ihnen ahnte, daß in dem geschlossenen Wagen, der vorüberfuhr, Felix Ronald saß. Es dämmerte bereits, als dieser in Gernsbach eintraf. Die Begrüßung in Wilmas Gegenwart war vorüber, die beiden Verlobten traten soeben in Ediths Zimmer, und jetzt, wo sie allein waren, zog Ronald die Braut leidenschaftlich an seine Brust. »Ich danke dir!« sagte er. »Ich wollte dich nicht um diese Zusammenkunft in Gernsbach bitten, aber ohne deinen Entschluß hätten wir unser Wiedersehen noch länger hinausschieben müssen. Ich kann jetzt nicht fort von Steinfeld und gehe voraussichtlich erst in vierzehn Tagen nach Berlin. Ich danke dir, daß du gekommen bist, meine Edith!« Es klang eine stürmisch aufwogende Freude in seiner Stimme, Edith hatte die Umarmung hingenommen, ohne sie zu erwidern, jetzt machte sie sich los, fast mit einer Bewegung der Ungeduld, und sagte hastig: »Ich mußte dich auch sprechen, Felix, wir haben uns brieflich ja nur ganz flüchtig verständigen können. Du hast jetzt mehr als je zu thun, ich weiß es, und wollte dich nicht quälen mit Fragen und Drängen. Nun aber sage mir – was hast du beschlossen?« Sie wollte ihn neben sich auf das Sofa niederziehen, aber Felix blieb stehen. Er schien doch etwas anderes erwartet zu haben, in der ersten Stunde des Wiedersehens, nach mondenlanger Trennung, als diese hastigen, ungeduldigen Fragen. Seine eben noch so leidenschaftlich erregte Stimme hatte auf einmal einen kühlen, scharfen Ton, als er fragte: »Wovon redest du denn eigentlich? Ich verstehe dich nicht.« Edith sah ihn mit der äußersten Betroffenheit an. »Wovon ich rede? Aber ich bitte dich, Felix, gibt es denn jetzt für uns ein anderes Interesse als den Angriff, womit jene Flugschrift dich bedroht?« »Bedroht? Mich?« wiederholte er in dem gleichen Tone. »Du scheinst der Sache eine ganz unverdiente Wichtigkeit beizulegen. Es ist eine geschäftliche Intrigue, in erster Linie gegen die Aktiengesellschaft gerichtet, deren Bildung man verhindern will. Natürlich werden dabei auch ich und mein Steinfeld angegriffen, das gehört eben dazu, aber es ist doch nicht weiter bedrohlich. Ich habe meine Maßregeln bereits genommen und werde die Antwort nicht schuldig bleiben.« Ediths Augen hafteten noch immer befremdet und fragend auf seinen Zügen, als wolle sie darin lesen, ob diese kühle Ruhe natürlich oder erzwungen sei, endlich sagte sie halblaut: »Papa nimmt die Angelegenheit sehr ernst, das weißt du vermutlich.« »Ja, ich weiß,« Ronald zuckte verächtlich die Achseln. »Wir haben sie ja ausführlich erörtert, ehe ich nach Steinfeld ging. Er war ganz außer sich darüber. Dein Vater ist eben ein Geschäftsmann alten Schlages, der solche Zwischenfälle gar nicht kennt und überhaupt keinen persönlichen Feind hat. Ich habe von jeher mit dem Haß meiner Gegner rechnen müssen und bin noch immer mit ihnen fertig geworden. Ich werde es auch diesmal – verlaß dich darauf!« »Hier handelt es sich aber um mehr als bloße Feindseligkeit,« fiel Edith erregt ein. »Man greift nicht nur deine Schöpfungen, man greift dich und deine Ehre an, das kann und darf dir nicht gleichgültig sein. Du mußt diese Anklagen vernichten, ohne Zögern vernichten, wenn du ihnen nicht erliegen willst.« Ronald stand finster mit zusammengezogenen Brauen da, die Mahnung aus dem Munde seiner Braut schien ihn zu verletzen, aber in seiner Antwort lag eine furchtbare Bestimmtheit. »Sei ruhig! Ich werde sie vernichten und meinen Feind mit ihnen! Aber ich sehe, daß du dich hier ganz von deinem Vater beeinflussen laßt, der die Tragweite der Sache völlig überschätzt. Ihr habt euch brieflich bereits verständigt, wie es scheint, da wird er dir wohl auch mitgeteilt haben, daß ich mit seinem Vorschlag durchaus einverstanden bin.« »Mit welchem Vorschlage?« fragte Edith erstaunt. »Was meinst du damit?« »Nun, hinsichtlich unserer Verlobung. Sie sollte ja in allernächster Zeit veröffentlicht werden, und dein Vater wünscht das natürlich jetzt nicht, er verlangt im Gegenteil, daß sie unbedingt Geheimnis bleibe. Er ist eben immer und überall der kluge, vorsichtige Geschäftsmann und wird es auch dir wohl hinreichend klar gemacht haben, daß man – erst abwarten müsse.« »Felix, du bist im Irrtum,« unterbrach ihn Edith, aber er fuhr, ohne das zu beachten, fort: »Ich finde das ja ganz natürlich, aber es wäre rücksichtsvoller gewesen, wenn ihr mir den Vorschlag überlassen hättet, ihr konntet darin wirklich meinem Takte vertrauen.« Er sprach mit anscheinender Ruhe, aber um seine Lippen zuckte eine grenzenlose Bitterkeit. Edith begriff erst jetzt, um was es sich handelte, mit einer raschen Bewegung erhob sie sich und sagte fest und bestimmt: »Mein Vater hat mir nichts Derartiges geschrieben, und ich würde auch nicht zugestimmt haben. Ich sehe keinen Grund, die ursprüngliche Bestimmung zu ändern, und ich denke, wir bleiben dabei. Sobald du in Berlin eintriffst, erklären wir öffentlich unsere Verlobung und versenden die Anzeigen.« Felix fuhr auf, ein Strahl heißen, wilden Glückes flammte in seinen Augen, und mit stürmisch hervorbrechender Leidenschaft rief er: »Edith, das wolltest du? Gerade jetzt!« »Hast du daran gezweifelt?« fragte sie stolz und ruhig. »Mein Platz ist jetzt an deiner Seite, ich kenne meine Pflicht.« Ronald hatte eine Bewegung gemacht, als wolle er seine Braut an sich reißen, jetzt ließ er die Arme wieder sinken, und der Strahl in seinem Auge erlosch so jäh, wie er aufgeflammt war. »Deine Pflicht?« wiederholte er, in ganz verändertem Tone. »Ja so –« »Mein Vater wird vielleicht widerstreben,« fuhr Edith fort, ohne den Ton bemerken zu wollen, »aber er muß nachgeben, denn hier haben nur wir beide zu entscheiden. Ich gehe übermorgen nach Berlin, soll ich jetzt schon Andeutungen machen oder wollen wir warten bis zu deiner Ankunft? Ich bin zu allem bereit.« »Das sehe ich!« sagte Ronald herb. »Zu allem, nur zu dem einen nicht, worauf ich warte, seit wir allein sind, auf ein einziges warmes und inniges Wort aus deinem Munde! Hättest du mir gesagt: mein Vater hat recht, laß uns schweigen, bis der Sturm vorüber ist, aber ich bleibe dein, Felix, ich habe dich lieb! – Ich hätte dir gedankt, gedankt, wie ein Verschmachtender, dem man den frischen Trunk reicht. Und nun stehst du vor mir, so fremd, so eisig, als läge eine endlose Kluft zwischen uns, und bietest mir ein kaltes Opfer der Pflicht, das ich nicht will! Ich nehme kein Almosen der Großmut, das mir so geboten wird!« Edith stand halb verletzt, halb beschämt da, während er sich mit vollster Heftigkeit abwendete und an das Fenster trat. Er hatte ja recht mit seinen Vorwürfen, es lag kein Hauch von Liebe oder auch nur von Wärme in ihrer Erklärung, das eine Wort, das er forderte, wollte nicht über ihre Lippen, sie konnte es nicht aussprechen. Es lag wie eine Eiskluft zwischen ihr und dem Manne, dem doch ihr ganzes Leben gehörte. »Du thust mir unrecht,« sagte sie endlich leise. »Ich wollte dich nicht kränken, aber ich – – Du kannst nicht anders!« ergänzte Ronald, sich langsam wieder umwendend, »Du hast ja recht, ich sollte es doch nun endlich wissen! Aber ich habe geglaubt, ich könnte es erzwingen mit meiner Leidenschaft, habe es immer wieder versucht, und immer wieder trafen Eis und Feuer zusammen. Du kannst nun einmal nicht lieben, nicht heiß und voll empfinden! Es ist nicht deine Schuld, aber mein Verhängnis ist es, daß ich dich, gerade dich lieben muß!« Es klang fast wie Groll und Haß aus den Worten, und doch lag der Mann völlig im Banne der so spät erwachten Leidenschaft, die jetzt sein ganzes Sein und Wesen beherrschte. Selbst der Sturm, der so drohend gegen ihn heranzog, blieb machtlos diesem Banne gegenüber. Die junge Braut bebte leise zusammen. »Du kannst nicht lieben!« Sie wußte es besser, und vielleicht war es ein geheimes Schuldbewußtsein, was ihrer Stimme diesen weichen Klang gab, als sie erwiderte: »Laß uns doch nicht um Worte rechten! Ich zeige es dir ja, daß ich die Deine bin und bleiben will. Wozu denn diese Bitterkeit und diese Vorwürfe, du thust mir weh damit.« Der Ton, so neu und ungewohnt in dem Munde seiner Braut, verfehlte nicht den Eindruck auf Ronald. Sein Antlitz hellte sich auf, er trat wieder zu ihr und preßte, ohne ein Wort zu sprechen, in heißer, stummer Abbitte seine Lippen auf ihre Hand. Diesmal ließ er es auch geschehen, daß sie ihn an ihre Seite niederzog, während sie fortfuhr: »Du bist furchtbar gereizt, Felix, und ich finde das nur zu begreiflich. Es handelt sich hier doch um kein Opfer. Wir hatten ja stets den Anfang des Oktober für die Erklärung unserer Verlobung bestimmt.« »Nein, wir hatten den Zeitpunkt meiner Standeserhöhung dazu bestimmt,« sagte Ronald finster, »Das ist einstweilen verschoben worden! Also verschieben wir auch jene Erklärung.« »Man hält dir nicht Wort?« fragte Edith betroffen. »Du hieltest die Sache doch für vollkommen gesichert.« »Sie war beschlossen und genehmigt und sollte in diesen Tagen vollzogen werden, ich weiß das mit Bestimmtheit. Da kam jener Angriff, und da wuchs plötzlich ein ganzes Heer von Ausflüchten und Vorwänden aus dem Boden hervor. Mir lag aber gerade jetzt alles an diesem Beweis des Vertrauens von oben, ich wollte es erzwingen und stieß endlich auf ein unverhülltes Nein. Die Angelegenheit müsse ruhen, bis auf weiteres, ich müsse mich erst rechtfertigen gegen jene Anklagen.« Er sprach mit rücksichtsloser Offenheit, aber man sah doch, wie schwer es dem stolzen Manne wurde, das seiner Braut zu bekennen, der er die Freiherrnkrone als Morgengabe hatte bringen wollen. Er bekannte damit doch auch die Tragweite jenes Angriffs, die er bis jetzt geleugnet hatte. Edith erbleichte, sie ahnte, was diese Zurücknahme des gegebenen Wortes bedeutete. Zum erstenmal scheiterte die bisher so schrankenlose Macht ihres Verlobten, zum erstenmal wankte das Gebäude seines Glückes. Vielleicht fühlte er das selbst, denn die tiefste Gereiztheit verriet sich in jedem seiner Worte. »Rechtfertigen!« wiederholte er mit einem bitteren Auflachen. »Gegen eine anonyme Schmähschrift, die da aus irgend einem dunklen Winkel auftaucht! In jedem andern Lande würde man die Achseln darüber zucken und es mir überlassen, solches Gewürm zu zertreten, aber hier in unserem biederen, spießbürgerlichen Deutschland nimmt man solche Dinge ernst. Da fordert man mich vor das Forum der öffentlichen Meinung, da verlangt man, daß ich mit all meinen Schöpfungen einer Krämermoral Rede stehen soll. Ich, der ich gewohnt bin, mit Millionen zu rechnen! Auf meine Erfolge werde ich sie verweisen. Das bin ich geworden! Das habe ich geschaffen! – Da habt ihr meine Rechtfertigung!« Es war wieder das Aufflammen seines ganzen mächtigen Selbstbewußtseins, jener Zug von Größe, der auch Edith geblendet und gefesselt hatte, aber seltsam, jetzt versagte dieser Eindruck. »Man thut dir unrecht mit jenen Anklagen, ich weiß es,« sagte sie, aber es lag weit mehr geheime Angst als Ueberzeugung in ihrer Stimme. »Du hast vielleicht manche Grenzen überschritten, überschreiten müssen – ich begreife das, dir stand das Recht des Ungewöhnlichen zur Seite. Aber Felix, in jener Schrift werden dir Dinge vorgeworfen, denen du Rede stehen mußt. Man ruft ja Steinfeld selbst zum Beweise gegen dich auf, deine eigene Schöpfung.« »Wer thut das?« fragte Ronald verächtlich. »Erkaufte Federn, denen jedes Mittel recht ist. Die Hetzjagd gegen mich und Steinfeld wird wohl gut bezahlt werden – wütend genug ist sie dazu.« »Das ist nicht wahr!« brach Edith unvorsichtig aus. »Raimar läßt sich nicht erkaufen!« »Raimar?« Felix zuckte zusammen wie von einer Natter gestochen. »Du kennst den Namen? Wer verriet ihn dir?« Es war zu spät, die Uebereilung wieder zurückzunehmen, und Edith dachte auch nicht daran, zu leugnen, aber Ronald war aufgesprungen und wiederholte mit vollster Heftigkeit: »Woher kennst du den Namen? Er war Geheimnis, ich selbst erfuhr ihn erst heute morgen, und du weißt ihn? Woher? Durch wen?« »Durch Raimar selbst – er war heute in Gernsbach.« »So! Du scheinst ja merkwürdige Gespräche mit diesem Herrn zu führen. Das erste Mal, als du ihn sahst, bekannte er sich vor dir als meinen Feind, heute bekennt er sich als Verfasser der Schmähschrift. Hat er wirklich die Stirn gehabt, dir das zu sagen, und du hast es angehört?« Er sprach mit herbem Vorwurf, aber er hielt den Besuch Raimars, dessen Verkehr in Gernsbach er ja kannte, offenbar für zufällig, und eine geheime Stimme mahnte Edith, ihn dabei zu lassen. Doch das stolze, furchtlose Mädchen empfand die Aufrichtigkeit jetzt als eine unabweisbare Pflicht. »Du irrst, Felix,« antwortete sie, »Raimar kam nicht zufällig, ich selbst habe ihn hergerufen. Ich wollte ihn zwingen, das geschlossene Visier zu öffnen, das Geheimnis zu lösen – ich mußte Gewißheit haben, wenn ich auch kaum mehr zweifelte!« »Du hattest den Namen erraten, den ich nicht einmal erriet! Du kanntest bereits die Wahrheit?« Der dumpfe, heisere Ton, der Blick hätte Edith warnen sollen, aber sie ließ sich unvorsichtig fortreißen, freilich ohne zu ahnen, wie sie in diesem Augenblick aussah, wie ihr ganzes Wesen aufzuflammen schien, als sie rief: »Ich wußte sie, als ich die Schrift las! Mit so unerhörter Kühnheit vorgehen gegen einen Mann von deiner Macht und Stellung, sich so rücksichtslos einsetzen für das, was ihm Recht heißt, konnte nur einer, das konnte nur –« »Edith!« Das Wort brach wie ein wilder, halberstickter Aufschrei von Ronalds Lippen. Er war leichenblaß, und seine Augen bohrten sich förmlich in das Antlitz seiner Braut, als suche er etwas darin. Noch verstand sie ihn nicht, diesen starren, glühenden Blick, aber sie fühlte, daß etwas Furchtbares darin lag. »Nun?« fragte Felix nach einer Pause. »Warum sprichst du nicht weiter? Das konnte nur einer, dieser Held des Rechtes! Denn das scheint er ja zu sein in deinen Augen, und ich – was bin ich dir dann?« »Felix, ich bitte dich,« hob Edith beklommen an, aber er ließ sie nicht ausreden, seine Hand schloß sich wie eine Eisenklammer um ihren Arm, und er beugte sich zu ihr nieder, so nahe, daß sein heißer Atem ihre Wange streifte. »Ich that dir unrecht vorhin,« sagte er mit bitterem Hohne. »Du kannst empfinden, ich sehe es ja! Nur mir starrt immer und ewig das Eis entgegen, mir, dem du deine Hand zugesagt hast! Oder hast du das vielleicht vergessen?« Es lag eine kaum verhüllte Drohung in der Frage, aber Drohungen war Edith nicht zugänglich, sie gab den Blick fest und kalt zurück, und ebenso klang ihre Antwort: »Nein! Ich gab dir mein Wort und werde es halten – aber laß meinen Arm los, Felix, du thust mir weh mit diesem harten Druck!« Ronalds Finger lösten sich langsam, er gab ihren Arm frei, aber sein Blick hing noch immer mit jenem wilden Forschen an ihren Zügen. »Du mußt verzeihen, daß ich so spät kam,« begann er von neuem. »Ich hatte noch etwas abzumachen vorher – drüben in Heilsberg!« »Doch nicht etwa – mit Raimar?« fragte Edith mit stockendem Atem.« »Mit dem Herrn Notar, jawohl! Wir haben uns nun auch mündlich die Fehde angesagt. Ich glaube, du erschrickst darüber? Sei ruhig, ich stehe ja heil und gesund vor dir, und auch ›er‹ ist noch am Leben. Einen Augenblick freilich, als ich ihm so gegenüberstand, hatte ich einen Gedanken – eine bare Tollheit wäre es gewesen, die ich hätte büßen müssen! Ich wußte das ganz genau, aber es gibt Momente, wo man trotzdem fähig ist zu solchen Tollheiten. Ich kam noch rechtzeitig zur Besinnung, zum Glück für uns beide, aber wäre ich vorher in Gernsbach gewesen, vielleicht –« Er vollendete nicht, aber sein Blick ergänzte die Worte. Edith erhob sich plötzlich und trat an den Schreibtisch, der seitwärts stand, ihr war, als müsse sie flüchten vor dem Manne, der in diesem Augenblick etwas Tigerartiges hatte. Ronald folgte ihr nicht, er blieb am Tische stehen, und der volle Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht, das noch immer jene fahle Blässe zeigte. Das Stillschweigen dauerte minutenlang, auch Edith war bleich geworden, aber es kam keine Silbe über ihre Lippen, bis endlich Felix wieder das Wort nahm. »Du botest mir vorhin die öffentliche Erklärung unserer Verlobung an, und ich wiederhole dir: Ich will dies Opfer nicht, die Sache bleibt Geheimnis! Das Wort aber, das du mir gabst, behalte ich, auch wenn du dich – anders besinnen solltest. Ich lasse nicht mit mir spielen! Was mein ist, das bleibt mein, das halte ich fest, solange noch Leben in mir ist. Ich sagte es dir ja am Tage unserer Verlobung, ich bin nicht der kühle, berechnende Mann der Zahlen, für den mich die Welt hält, weil die Zahlen mich groß gemacht haben. Wenn der Dämon in mir geweckt wird – hüte dich vor ihm!« Er sprach mit einer unheimlichen Ruhe, die schlimmer war als sein drohendes Aufflammen vorhin, dann wandte er sich zum Gehen, blieb aber an der Thür noch einmal stehen. »Ich muß fort – lebe wohl!« »Jetzt willst du fort?« fragte Edith leise, »die Nacht bricht an.« »Gleichviel, ich muß nach Steinfeld zurück. In vierzehn Tagen bin ich in Berlin, bis dahin – leb wohl!« Er ging, und wenige Minuten später hörte Edith seinen Wagen davonrollen. Sie war in den Sessel vor dem Schreibtische niedergesunken und verbarg das Gesicht in den Händen. Sie fühlte nur noch eins, eisiges Grauen vor dem Manne, der sich ihr heute erst in seiner wahren Gestalt zeigte – und dieses Mannes Weib sollte sie werden! Indessen fuhr Felix Ronald nach Steinfeld zurück, wo er in der That notwendig war. Dort hatte man ihn zuerst angegriffen, dort mußte er sich auch verteidigen. Aber das schreckte den Mann nicht, der da, im finsteren Brüten in die Ecke seines Wagens gelehnt, durch die dunkle Herbstnacht dahinfuhr. Er hatte ja so oft schon va banque gespielt in seinem Leben, eigentlich immer. Wie oft schon hatte das Glück gedroht, ihn zu verlassen, er hatte es immer wieder zurückgezwungen an seine Seite, als stehe es bei ihm in Dienst und Pflicht. Noch hielt er die Macht in den Händen, noch gebot er über einen zahlreichen Anhang, der mit ihm gehen mußte, weil er mit ihm fiel – damit ließ sich dem heranziehenden Sturme die Stirn bieten. Es war etwas anderes, was jetzt in seinem Innern stürmte, die wild auflodernde Eifersucht, und der Instinkt dieser Eifersucht ließ ihn die Wahrheit ahnen. Er mit all seiner heißen Leidenschaft, seinem stürmischen Werben hatte immer nur kühle Duldung gefunden bei der schönen, eisigen Braut, aber er kam nicht los von dieser Leidenschaft. Sie war ihm in der ruhelosen Jagd nach Gold und Macht, die sein ganzes Leben ausfüllte, eine Verheißung von Frieden und Glück gewesen, hatte seine ganze Natur in Fesseln geschlagen, und jetzt? Er dachte an Ediths Aufflammen, als sie von Raimar sprach, und es lag eine grausame Entschlossenheit in den Worten, die er jetzt halblaut hervorstieß: »Nehmt euch in acht, ihr beide! Ich kann vernichten, was mein ist – lassen werde ich es nicht!« +++ Das Haus des Bankiers Mailow lag im älteren Teile Berlins und war eines jener alten, vornehmen Gebäude, die, vor mehr als einem halben Jahrhundert entstanden, sich noch ihre ganze Eigenart bewahrt haben. Die Geschäftsräume lagen im Erdgeschoß, die Wohnung der Familie im ersten Stock und im zweiten die Gesellschaftszimmer. Die innere Einrichtung des Hauses entsprach seinem Aeußeren, überall vornehme Behaglichkeit, gediegener Reichtum, aber nirgends ein Prahlen mit diesem Reichtum, nirgends eine aufdringliche Pracht. Man sah und fühlte es, daß man sich hier nicht bei einem der modernen Börsenfürsten befand, die solche Schaustellungen lieben. Etwas von dem ernsten, strengen Geiste des alten Handelsherrn, der einst das Haus Marlow gegründet hatte, wehte noch immer in den Räumen, die jetzt sein Enkel bewohnte. Es war in den ersten Tagen des Dezember. Marlow befand sich bei seiner Tochter, die er in ihren eigenen Zimmern nur selten aufsuchte, und man sah es auch an seinem Gesichte, daß von ernsten Dingen die Rede war. Er ging in offenbarer Erregung auf und nieder, während Edith am Erkerfenster saß. »Kurz, die Sache wird immer ernster und bedrohlicher!« schloß er soeben eine längere Rede. »Ronald leugnet das zwar noch immer, er will es eben nicht zugeben. Du sprachst ihn ja allein, was sagte er dir?« Edith, die halb abgewendet dasaß, schien dem Vater nicht gern Rede zu stehen, sie antwortete ausweichend. »Felix ist jetzt meist in einer Stimmung, mit der sich nicht rechten läßt. Ich begreife das und schone ihn so viel als möglich, du scheinst das nicht gethan zu haben, Papa, er war tief gereizt, als er von dir kam.« »Wir haben Geschäftliches besprochen, da kann man keine Schonung üben,« erklärte Marlow. »Ich habe es ihm offen herausgesagt, daß er nicht so rücksichtslos vorgehen, nicht so alle Brücken hinter sich abbrechen darf. Er hat nicht mehr die Zügel in Händen, wie noch vor drei Monaten, Was da inzwischen in Steinfeld laut geworden ist, läßt sich nicht so ohne weiteres niederzwingen. Jetzt, wo die Unterbeamten, die Arbeiter nicht mehr für ihre Existenz fürchten, wo sie sich im Schutze der Öffentlichkeit wissen, jetzt redet alles. Aber er will ja nicht hören und kümmert sich nicht um meine Warnungen. Meinetwegen! Steinfeld ist sein Eigentum – ich habe nichts mehr damit zu schaffen.« »Nichts mehr?« Edith wandte sich überrascht, fast erschrocken um. »Nein, der Plan ist ja gescheitert und die Aktiengesellschaft unmöglich geworden. Glaubst du, daß sich jetzt noch jemand findet, der sein Geld an Steinfeld wagt, oder dafür eintritt?« »Du bist doch einst dafür eingetreten, Papa, und mußt als Finanzmann doch ein Urteil darüber gehabt haben. Du stimmtest damals sofort dem Plane zu,« Der Vorwurf wurde gefühlt und verstanden, der Bankier blieb stehen, und in seiner Stimme verriet sich eine gewisse Unsicherheit, als er hastig sagte: »Da lagen die Dinge anders. Ich habe manches nicht gewußt, manches vielleicht zu milde beurteilt. An ein Riesenunternehmen wie Steinfeld durfte man nicht den gewöhnlichen Maßstab legen, da ist vieles erlaubt, ja notwendig, was in kleineren Verhältnissen zu verwerfen wäre. Es läßt sich da unendlich schwer eine Grenze ziehen. Nach dem Einblick, den ich jetzt habe, würde ich mich unbedingt zurückziehen, selbst wenn die Bildung der Gesellschaft noch möglich wäre. Diese Unmöglichkeit erspart mir die immerhin peinliche Absage an Ronald.« Edith schwieg, aber sie begriff vollkommen. Marlow hatte ja vielleicht manches nicht gewußt und vieles nicht wissen wollen, um nicht einem Unternehmen fern bleiben zu müssen, das ihm ungemessenen Vorteil versprach. Sobald die öffentliche Meinung sich dagegen erklärte, erwachte sein kaufmännisches Gewissen, da zog er sich vorsichtig und rechtzeitig zurück. »Der kühle, kluge Geschäftsmann« wußte immer, was er that, er hatte sich auch bei diesem Rückzuge keine Blöße gegeben, aber seine Tochter fühlte doch jetzt zum erstenmal, daß zwischen ihr und dem Vater eine Kluft lag. Freilich, er war derselbe geblieben, und sie war eine andere geworden – seit dem Frühjahr! »In der nächsten Woche beginnt der Prozeß,« hob Marlow wieder an. »Da hatte Ronald ja allerdings keine Wahl; zu den Anklagen jener unseligen Schrift schweigen hieß sie zugeben. Er mußte die Klage wegen Verleumdung stellen, auf alle Gefahr hin. – Bestehst du denn noch immer darauf, den Verhandlungen beizuwohnen?« »Ja,« sagte Edith mit voller Entschiedenheit. »Ich kann und will nicht fern bleiben, wo so viel für uns auf dem Spiele steht.« »Für uns – ja so!« wiederholte der Bankier gedehnt, und dabei streifte ein eigentümlich forschender Blick die Tochter. »Nun, gerade deshalb möchte ich dich noch einmal bitten, gib den Gedanken auf! In solchen gerichtlichen Verhandlungen werden oft die peinlichsten Dinge erörtert. Bist du deiner Selbstbeherrschung so völlig sicher, um nur als fremde Zuhörerin zu erscheinen? Oder wäre es dir gleichgültig, wenn man gerade jetzt deine Beziehungen zu Ronald erriete?« »Das Erraten wäre überflüssig gewesen. Ich habe Felix schon bei unserem letzten Zusammentreffen in Gernsbach vorgeschlagen, unsere Verlobung öffentlich zu erklären.« »Edith!« Es war ein Ausruf des Schreckens, aber sie fuhr unbeirrt fort! »Er wollte das damals nicht annehmen, ich war bereit dazu,« »Um Gottes willen, welch ein Gedanke!« brach Marlow aus. »Jetzt, wo Ronald von allen Seiten angegriffen wird, willst du dich öffentlich als seine Braut erklären? Ein Glück, daß er wenigstens vernünftig war. Er kann jetzt doch unmöglich verlangen – « »Was er später unbedingt verlangen wird!« ergänzte Edith. »Und da fordert er nur sein Recht,« Marlow schien einen Widerspruch auf den Lippen zu haben, unterdrückte ihn aber und nahm neben seiner Tochter Platz. »Kind, du ahnst nicht, wie die Sache steht,« sagte er in gedämpftem Tone, »Ich habe dich nicht ängstigen wollen, jetzt aber muß ich dir doch die Wahrheit sagen, Ronald ist grenzenlos – unvorsichtig gewesen in seiner Geschäftsführung, er hat sich Dinge erlaubt, die man ihm nicht verzeihen wird und auch nicht verzeihen kann. Es handelt sich nicht mehr um Steinfeld allein, aber Steinfeld wird sein Verhängnis werden. Die teilweisen Enthüllungen dort haben bereits verraten, daß er die Werke nicht mehr halten konnte, daß er die Aktiengesellschaft nur zur Deckung für seine Verluste benutzen wollte. Damit hat er verspielt bei dem Publikum, damit hat er das Vertrauen verloren, das ihn und all seine Unternehmungen trägt. Stürzt da eins, so wankt alles andere. Und nun noch einen Gegner wie dieser Raimar – du weißt nicht, was das bedeutet!« »Doch, ich weiß es!« sagte Edith leise. »Ich habe den Angriff von Anfang an ernst genommen,« fuhr Marlow fort. »Daß er eine so furchtbare Tragweite annehmen, einen solchen Wiederhall im ganzen Lande finden würde, das habe ich nicht vorausgesehen. Alle Zeitungen sind ja voll von der Sache, in jedem Gespräch hört man die Namen Ronald und Raimar, und seit Raimar nun vollends hier ist, scheint es gar kein anderes Interesse mehr zu geben. Es werden ja förmliche Parteiversammlungen abgehalten für und gegen Ronald – es ist eine heillose Aufregung!« »Raimar hat gestern gesprochen – ich las heute morgen den Bericht.« Die Worte kamen scheu und zögernd von Ediths Lippen, sie wußte es ja, daß der Vater dort gewesen war, aber es schien, als wage sie es nicht, eine Frage zu stellen. Seine finstere Stirn furchte sich noch tiefer, als er entgegnete: »Der Bericht gibt nur einen Auszug. Man muß den Mann selbst gesehen und gehört haben, wie er dastand, wie er sprach, um die ungeheure Wirkung zu begreifen. Dieser Raimar hat eine fast unheimliche Gewalt der Rede, er bezwingt Feind und Freund damit. Gestern schon wurde er bejubelt und förmlich auf den Schild gehoben, und das war doch nur ein Vorspiel. Er will sich natürlich selbst verteidigen, und wenn er so vor den Schranken spricht, so alles mit sich fortreißt, wie gestern – dann ist das Schlimmste zu fürchten!« »Das Schlimmste? Was heißt das, Papa?« »Daß Raimar nur rein formell zu irgend einer Geldstrafe verurteilt oder gar – freigesprochen wird. Dann hat er gesiegt, dann gibt man ihm recht mit seiner Anklage, und der Verurteilte ist Ronald!« Edith erwiderte nichts, aber sie war erschreckend bleich, und ihre Lippen preßten sich wie im Krampfe zusammen. Der Vater schloß ihre Hand fest in die seinige, und jetzt bebte auch seine Stimme. »Mein armes Kind! Ich bin schonungslos gegen dich, ich weiß es, aber hier hilft kein Verbergen. Du mußt auf alles gefaßt sein,« »Das bin ich längst. Felix will ja nichts zugeben, aber sein ganzes Wesen verrät mir, daß es sich hier für ihn um Sein oder Nichtsein handelt. An unserer Verlobung ändert das freilich nichts.« »Eine Verlobung ist noch keine Ehe!« Marlow sprach die Worte langsam und bedeutsam, »Und wenn du ernstlich willst –« »Ich will aber nicht!« erklärte Edith, indem sie sich erhob und ihre Hand aus der des Vaters zog. »Liebst du Ronald?« »Das hättest du mich fragen sollen, Papa, als du mir seinen Antrag überbrachtest. Du unterließest damals die Frage – jetzt erlaß mir die Antwort!« Ein schwerer Seufzer rang sich aus der Brust Marlows. Er stand gleichfalls auf und sagte: »Wir können jetzt überhaupt nichts beschließen, bis der Prozeß entschieden ist. – Wilma ist bereits angekommen?« »Gestern abend, ich erhielt heute morgen einige Zeilen von ihr und werde später zu ihr fahren. Du weißt ja, weshalb sie nicht unser Gast sein wollte.« »Weil ihr Bräutigam der nächste Freund Raimars ist?« Der Bankier zuckte die Achseln. »Eine ganz übertriebene Rücksicht! Wilma hat ihn allerdings mit unserer Zustimmung ins Vertrauen gezogen, das ließ sich nicht umgehen, aber sonst weiß niemand davon. Der Major konnte ruhig bei uns verkehren.« »Aber Felix hätte das erfahren und wäre außer sich geraten.« »Wenn ich den Verlobten meiner Nichte in meinem Hause empfange, ist das lediglich meine Sache,« bemerkte Marlow scharf. »Major Hartmut ist mir eine sehr sympathische Persönlichkeit, Wilma hätte gar keine bessere Wahl treffen können. Ich wäre mit ihrem Besuche ganz einverstanden gewesen, gleichviel ob Ronald das übelgenommen hätte oder nicht.« Er vermied es offenbar absichtlich, seinen künftigen Schwiegersohn beim Vornamen zu nennen, und es war wohl auch Absicht, daß er, der sonst sehr viel auf Rücksichten gab, diesmal die Rücksichtslosigkeit vertrat. Das wäre es in der That gewesen, wenn der nächste Freund Raimars täglich im Marlowschen Hause verkehrt hätte; aber eine heftige Scene wäre dem Bankier vielleicht nicht unerwünscht gewesen. Das konnte einen Vorwand zum Bruch geben, und er wollte jetzt los um jeden Preis von der Verbindung, die er einst so sehr erstrebt hatte. Daß die Verlobung seiner Tochter gelöst werden müsse, stand bereits bei ihm fest, das war nur eine Frage der Zeit, und als er Edith jetzt verließ, um in sein Arbeitszimmer zurückzukehren, war er überzeugt, sie werde, nun sie die Sachlage kannte, auch diesmal fein »kluges, verständiges Kind« sein, wie immer. Frau von Maiendorf war mit ihrem Töchterchen nach Berlin gekommen, denn ihre Hochzeit, die in sechs Wochen stattfinden sollte, und die Uebersiedlung nach der neuen Heimat machten noch mancherlei Einkäufe und Besorgungen notwendig. Major Hartmut wollte natürlich den Prozeßverhandlungen beiwohnen, in denen sein Freund eine Hauptrolle spielte, und hatte seine Braut bestimmt, die gleiche Zeit für ihre Reife zu wählen. Sie hatten sich seit der Verlobung nicht wiedergesehen, und sein Urlaub zählte diesmal nur nach Tagen. Ernst Raimar, der in der That beabsichtigte, seine Verteidigung persönlich zu führen, war seit vierzehn Tagen hier, und ihm hatte sich Herr Notar Treumann angeschlossen, der natürlich auch mit dabei sein wollte. Er ging als freiwilliger Berichterstatter der »Burgwarte« nach Berlin und schickte Triumphartikel nach Heilsberg. Jeden Morgen beim Kaffee hatten die Heilsberger ihren großen Moment, da kam die »Burgwarte«, und da lasen sie es schwarz auf weiß, daß »ihr Notar« jetzt in Berlin der Mann des Tages war. Die historische Stadt war denn auch vollständig auf der Höhe der Situation. Die Damen veranstalteten Kaffeekränzchen, wo der besagte Notar, an dem sie früher, seiner Ungeselligkeit wegen, kein gutes Haar gelassen hatten, als Sankt Georg gefeiert wurde. Die Herren hielten Extrasitzungen im historischen Verein, wo der Bürgermeister als Vizepräsident den abwesenden Präsidenten vertrat, und am besten befand sich dabei der Goldene Löwe, das Vereinslokal, denn in der allgemeinen Begeisterung fühlte man fortwährend das Bedürfnis, Toaste auszubringen und Gesundheiten zu trinken. Frau von Maiendorf hatte es aus dem schon erwähnten Grunde abgelehnt, die Gastfreundschaft ihrer Verwandten auch für diesmal anzunehmen, sie war im Hotel abgestiegen, während Hartmut bei seinem Freunde wohnte. Er hatte den ganzen Vormittag bei seiner Braut zugebracht und kam eben nach Hause, wo er Herrn Notar Treumann vorfand. Dieser fühlte wieder einmal die dringende Notwendigkeit, sich auszusprechen, und packte deshalb schleunigst den Major und begann die gestrige Rede seines Neffen zu erörtern, so ausführlich und unermüdlich, daß Arnold, der ja auch dabei gewesen war, endlich die Geduld verlor. »Nun ja, es war ein großer Erfolg, aber das alles sind doch im Grunde nur Vorpostengefechte, die eigentliche Schlacht soll erst in der nächsten Woche stattfinden. Am Montag beginnen die Verhandlungen, haben Sie sich denn schon einen Platz auf der Tribüne gesichert? Der Andrang wird sehr groß werden.« »Auf der Tribüne?« wiederholte Treumann mit überlegener Miene. »Ja, dort sitzen die Zuhörer, dort sitzen Sie, Herr Major – mein Platz ist natürlich bei der Presse.« »Was der Tausend! Hat man der ›Burgwarte‹ das zugestanden?« rief Hartmut lachend. »Man hat schon Mühe und Not, die Vertreter der großen Blätter unterzubringen.« »Ich habe es auch erst durchsetzen müssen!« erklärte der Notar. »Man war anfangs sehr wenig entgegenkommend, einer von den Herren wurde sogar ausfallend. Er fragte sehr von oben herab: Heilsberg? Was ist das für ein Ding? Und Burgwarte? Das klingt ja ganz mittelalterlich – bedaure sehr! Aber ich bin die Antwort nicht schuldig geblieben. Meine Herren – habe ich gesagt – Heilsberg ist eine historische Stadt, Heilsberg ist die Heimat und der Wohnort eines gewissen Ernst Raimar, dessen Name Ihnen vielleicht nicht ganz unbekannt ist, und ich bin sein Onkel! Ich hoffe, Sie werden meinem Neffen die Rücksicht erweisen und dem Organ seiner Vaterstadt, vertreten durch seinen nächsten Anverwandten, einen Platz gewähren.« »Eine ausgezeichnete Rede!« sagte der Major anerkennend, »Das mit der Vaterstadt stimmt zwar nicht, denn Ernst ist Berliner, aber das macht nichts, wenn es nur hilft.« »Natürlich half es!« triumphierte der alte Herr. »Man wurde ungemein höflich und verbindlich, man sagte mir sofort den gewünschten Platz zu, und gleich an Ort und Stelle hatte ich noch ein Interview.« Hartmut schüttelte etwas bedenklich den Kopf. »Herr Notar, Sie lassen sich aber jetzt von aller Welt interviewen. Sie wissen, Ernst liebt das gar nicht, er selbst ist sehr zurückhaltend, er steht niemand Rede, und Sie lassen sich von dem ersten besten ausfragen!« »Von dem ersten besten? Oho! Es war der Berichterstatter der ›Times‹!« »Nun, dann hätte er Ernst selbst fragen können.« »Das hat er ja versucht, aber Ernst war völlig unzugänglich wie immer, und nun hörte er die Verhandlung wegen des Platzes und stellte sich mir vor als Vertreter des Weltblattes. Er bat sehr artig um einige persönliche Notizen, die er seinem Berichte beizufügen wünsche. Mit Vergnügen, Herr Kollege – sagte ich – mit dem allergrößten Vergnügen! Ernst Raimar ist, wie schon erwähnt, mein Neffe, ich habe ihn aus der Taufe gehoben, ich kenne ihn von Kindesbeinen an. Sie finden in mir die allerbeste Quelle. Heute morgen habe ich nach Heilsberg telegraphiert: Interview des Berichterstatters der ›Burgwarte‹ durch den Berichterstatter der ›Times‹! Ich werde unserem Organ das ganze Interview mitteilen!« Das Entzücken des alten Herrn über seine Wichtigkeit als Onkel seines Neffen war so naiv und harmlos, daß der Major es nicht über das Herz brachte, ihn auszulachen, er bemerkte nur: »Herr Notar, Ihr Enthusiasmus für Ernst wird nachgerade beängstigend. Ihr Liebling, der Maxl, wird das übelnehmen, er ist ja doch das patentierte Genie in der Familie. Wo treibt er sich denn eigentlich herum? Bei uns ist er erst ein einziges Mal aufgetaucht, und da brauchte er Geld. Sonst glänzt er durch Abwesenheit, was wir mit Fassung ertragen.« In dem Gesicht Treumanns zeigte sich eine gewisse Verlegenheit, er zögerte mit der Antwort. »Das geschieht Ihretwegen,« gestand er endlich, »Maxl sagt, Sie hätten ihn beleidigt, und seine Selbstachtung verbiete ihm, die Schwelle zu überschreiten, wo Sie weilen.« »Nun, das Geld hat er sich doch geholt von der besagten Schwelle,« spottete Hartmut, »das gilt vermutlich als Ausnahme. Was übrigens die Selbstachtung des Maxl betrifft, so heißt die, ins Deutsche übersetzt: Neid! Ganz gemeiner Neid! Er kann es nicht ertragen, daß Ernst jetzt immer und überall die Hauptperson ist, während sich um ihn kein Mensch kümmert.« »Glauben Sie?« Die Frage klang etwas kleinlaut. »Mir ist es auch schon so vorgekommen. Er will nie von seinem Bruder und dessen Erfolgen hören, neulich sagte er mir sogar sehr unartig: ›So höre doch endlich auf mit deinem Ernst, das wird ja langweilig!‹« Maxl war offenbar nicht mehr Alleinherrscher bei seinem Onkel, man sah es, aber für jetzt machte der Eintritt Ernst Raimars dem Gespräch ein Ende. Der alte Herr eilte ihm entgegen. »Da bist du ja endlich, Ernst! Ich sitze seit einer Stunde hier und warte auf dich – habe unendlich viel zu thun, aber ich muß dir nochmals gratulieren zu deiner gestrigen Rede. Ich habe das zwar schon gethan –« »Ja, Onkel, schon zweimal,« unterbrach ihn Ernst abwehrend, aber das half ihm nichts. Der begeisterte Onkel gratulierte zum drittenmal, zog eine höchst schmeichelhafte Parallele zwischen seinem Neffen und Cicero und berichtete dann ausführlich über das »Interview«. Das befreite denn auch die beiden Herren von seiner Gegenwart, er wollte es schleunigst niederschreiben für die »Burgwarte« und verabschiedete sich, strahlend vor Glück. »Da hast du einen Erfolg errungen, größer als all die anderen,« sagte der Major lachend, als sie allein waren. »Onkel Treumann ist ganz außer Rand und Band. Uebrigens bin ich nur auf eine halbe Stunde nach Hause gekommen, um zu fragen, ob du dich heute abend frei machen kannst? Wilma möchte dich natürlich sehen, dürfen wir auf dich rechnen?« »Für einige Stunden gewiß,« versetzte Ernst, »Ich werde freilich erst spät kommen können, du weißt es ja, wie ich in Anspruch genommen bin.« »Ja, sie lassen dich kaum zu Atem kommen, alle Welt reißt sich ja um dich! Uebrigens bekommt dir das ausgezeichnet, es scheint, du brauchst Kampf und Streit, um dich völlig zu entwickeln, je ärger es dabei zugeht, desto mehr wächst deine Kraft.« Hartmut hatte recht mit seiner Bemerkung. Der Mann, der da mit hoch erhobener Stirn und feurig blitzenden Augen vor ihm stand, war ein völlig anderer als der frühere Ernst Raimar. Er zuckte leicht die Achseln. »Ich habe hier keine Wahl, ich muß kämpfen. Ronald hat seinen ganzen Heerbann aufgeboten; seine Presse, seine gesamte Anhängerschaft toben förmlich gegen mich. Glaubst du, ich hätte mich herbeigelassen, schon vor den Gerichtsverhandlungen zu sprechen, wenn ich nicht gezwungen war, mich zu wehren?« »Das hast du aber gründlich gethan! Das ging ja gestern wie mit Keulenschlägen nieder! Hast recht, sie machen dir das Leben schwer genug. Da muß man um sich schlagen. Eins freilich, was ich am meisten für dich fürchtete, weil du das am schwersten ertrügst, das ist völlig ausgeblieben. Ich glaubte, man würde die alten unseligen Erinnerungen beim Sturze deines Vaters gegen dich ins Feld führen, um dir den festen Boden zu untergraben, auf dem du stehst.« Ernst schwieg, er schien auf dies Thema nicht eingehen zu wollen, aber der Major hielt es fest. »Dem Ronald ist doch wahrhaftig jedes Mittel recht,« fuhr er fort. »Der kennt doch keine Rücksichten, und hier, wo er dich verwunden kann, schweigt er völlig. Es ist, als ob er das Losungswort ausgegeben hätte, an den Punkt nicht zu rühren.« »Das hat er auch gethan,« sagte Raimar kalt. »Ich warnte ihn damals bei unserer Unterredung in Heilsberg, den Stachel nicht einzusetzen, wenn er mich nicht zum Aeußersten treiben wolle, und er hat sich das gesagt sein lassen. Ronald weiß, was er thut!« »Hast du wirklich die Macht, ihn zu zwingen?« fragte der Major stutzend. »In dem einen Punkte – ja!« Hartmut schüttelte den Kopf und sah seinen Freund forschend an. »Ernst, da liegt noch etwas, was du mir verschweigst.« »Was ich verschweigen muß! Frage nicht, Arnold, hier handelt es sich nicht um Thatsachen, sondern um Empfindungen, und das bleibt mein Geheimnis.« »Meinetwegen, wenn es dir nur hilft, endlich die Vergangenheit zu überwinden! Du hast ihn so gefürchtet, den alten Schatten, Du siehst es ja, er zerrinnt, sobald du ihm klar und fest ins Auge blickst. Die paar Stimmen, die sich im Anfange regten, sind völlig untergegangen in der Woge, die dich emportrug.« »Solange der Kampf währt!« sagte Raimar mit einem Anflug seiner alten Schwermut. »Was später geschieht, gleichviel! Ich weiß es ja, daß ich nicht rechts noch links blicken darf, daß ich nur geradeaus auf das Ziel schauen muß, aber es wird mir nicht immer leicht.« »Komm mir um Gottes willen nicht wieder mit der Heilsberger Stimmung!« schalt der Major. »Die können wir hier am wenigsten brauchen, komm lieber heute abend eine Stunde früher zu uns und sieh dir ein echtes, rechtes Menschenglück an. Wir werden die Ehre haben, es mit unseren ganz bescheidenen Persönlichkeiten dem großen Cicero vorzuführen, zu dem dich Onkel Treumann proklamiert hat, das wird dir die Grillen vertreiben.« Ernst lächelte. »Ich komme bestimmt, und ich gönne dir dein Glück von Herzen, Arnold.« »Mach es mir lieber nach!« rief Arnold lachend. »Aber ich muß fort, Wilma erwartet mich zu Tische. Auf Wiedersehen!« Er ging und traf auf dem Wege zu seiner Braut wieder mit Treumann zusammen, der in dem gleichen Hotel wohnte. Aber der alte Herr hatte das frühere strahlende Aussehen völlig verloren, er ging mit düsterer Miene, den Blick auf den Boden geheftet, und wäre beinahe gegen den Major geprallt. »Was ist denn los?« rief dieser. »Sie sehen ja so gekränkt aus!« »Ich bin auch gekränkt,« entgegnete der Notar. »Eben bin ich dem Maxl begegnet, aber wie! Er ging mit einem Menschen – einem Menschen –« »Nun ja, ein Mensch wird es wohl gewesen sein,« meinte Hartmut. »Das ist doch weiter nichts Verfängliches.« »Der Redakteur des Neustädter Tageblattes war es!« brach Treumann grimmig aus. »Dieser Leibsklave des Pascha von Steinfeld, der mit seinem Herrn durch dick und dünn geht, der in jeder Nummer auf Heilsberg und auf Ernst schimpft – der mich damals verhöhnt hat wegen meiner Prophezeiung –« »Der Ihnen die fossile Beleidigung an den Kopf geworfen hat?« »Derselbe! Und mit dem geht mein Neffe Arm in Arm auf offener Straße. Ich habe den Maxl natürlich zur Rede gestellt – was gibt er mir zur Antwort? Der Herr wäre auch als Berichterstatter hier, es wäre ein ganz netter Junge, und wenn man sich öffentlich befehde, so hindere das nicht, daß man privatim gemütlich miteinander kneipe. Sie hatten allerdings sehr gekneipt, sie waren beide nicht mehr nüchtern. Da habe ich ihm freilich derb den Text gelesen, und er schien sein Unrecht auch einzusehen, aber ich fürchte –« Der Notar brach ab und starrte düster vor sich hin. »Daß er trotzdem weiter kneipt mit diesem schändlichen Redakteur,« ergänzte Hartmut. »Ja, das fürchte ich auch, denn wenn der Maxl vor einer Weinflasche sitzt, ist er im stande, mit dem Ronald selbst Brüderschaft zu trinken, das gehört auch zu seiner Selbstachtung.« Sie hatten inzwischen das Hotel erreicht, und während sie die Treppe hinaufstiegen, hob der alte Herr in unsicherem Tone wieder an: »Herr Major, mir sind da in der letzten Zeit doch Bedenken aufgestiegen wegen meines Testamentes, das ich schon vor Jahren gemacht habe. Der Maxl ist nämlich mein Universalerbe, Ernst bekommt nur ein kleines Legat. Er war ja hinreichend versorgt durch seine Stellung und auch ganz einverstanden mit der Bestimmung, denn Maxi hatte gar nichts und sollte seine Künstlerlaufbahn erst beginnen, aber wenn er solchen Umgang hat! Das ist der Weg zum Verderben.« »Ja und dann verjubelt er die ganze Erbschaft mit dem Neustädter Redakteur,« sagte der Major, »Dann gehen sie von einem Wirtshaus in das andere und bringen alles durch.« »Im Grabe würde ich mich umdrehen!« rief Treumann heftig. Da wurde im ersten Stock eine Thür geöffnet, Klein-Lisbeth guckte heraus, und hinter ihr wurde das rosige, glückliche Gesicht Wilmas sichtbar. »Da ist der Papa!« rief die Kleine jubelnd. »Natürlich ist er da!« bekräftigte Arnold und verschwand urplötzlich von der Seite seines Gefährten. Dieser sah nur noch, wie er seine Braut umfaßte und Lisbeth sich an ihn hing, dann schloß sich die Thür. Dem alten Junggesellen wurde es ganz wehmütig um das Herz. Er gönnte ja der jungen Frau ihr Glück, sie hatte nicht viel davon gehabt in ihrer ersten Ehe. Diesmal hatte sie es besser getroffen, Major Hartmut war ein prächtiger Mensch, und Ernst war ein großer Mensch – aber der Maxl, der Maxl! Der Berliner Aufenthalt hatte dem Onkel die Augen geöffnet über vieles, wovon er bisher nichts geahnt. Jetzt wollte das düstere Bild, das Hartmut heraufbeschworen hatte, nicht wieder weichen. Er sah den Maxl als seinen Erben, wie er, Arm in Arm mit seinem Todfeinde, dem Neustädter Redakteur, die ganze Erbschaft verjubelte, und sah sich selbst empfindlich dadurch gestört in seiner Grabesruhe. Ganz niedergebeugt ging er weiter, richtete sich aber plötzlich mit einem förmlichen Ruck empor. »Aber ich bin ja noch gar nicht tot!« sagte er ganz laut. »Vorläufig hast du noch nichts zu verjubeln, Maxl, vorläufig bin ich noch am Leben – sehr bin ich das!« Und mit dieser tröstlichen Gewißheit stieg er die Treppe vollends hinauf. – – Die Gerichtsverhandlungen hatten begonnen, und die fieberhafte Teilnahme, die sich nicht nur in der Hauptstadt, sondern im ganzen Lande kundgab, zeigte am besten die Tragweite der Interessen, die hier auf dem Spiele standen. Dem Wortlaute nach handelte es sich ja nur um eine Klage wegen Verleumdung und Beleidigung, in Wahrheit galt es einen Kampf zwischen der Macht des Geldes und dem öffentlichen Rechtsbewußtsein, das sich auch hatte blenden und einschläfern lassen, jahrelang, bis ein Mann auftrat, der es wach rüttelte mit seinem Mahnworte. Die meisten hatten es gemacht wie Bankier Marlow, sie hatten nicht sehen wollen, bis ihnen gezeigt wurde, daß der erträumte Gewinn trügerisch war und sich in Verlust verwandelte, und nun waren sie die ersten, die sich gegen den Mann wandten, den sie früher umschmeichelt hatten. Als Ernst Raimar seine Schrift in die Welt hinaussandte, stand er allein und wußte nicht, ob ihm auch nur ein einziger folgen würde, jetzt stand er inmitten einer immer wachsenden Partei, die nur auf den Führer gewartet zu haben schien. Jetzt wurde er gefeiert als der Mutige, der allein zu reden gewagt hatte, wo alles schwieg. Zwei Tage schon hatten die Verhandlungen gewährt, und immer drohender zog sich das Ungewitter zusammen über dem Haupte des Mannes, der hier als Kläger auftrat und nun zum Angeklagten wurde, denn Steinfeld selbst zeugte wider seinen Herrn. Zwar die Oberbeamten, die Vertreter jener Presse, die er beeinflußte, standen zu ihm oder schützten zum mindesten Unkenntnis vor. Sie durften ja nicht reden, wenn sie nicht eingestehen wollten, daß ihr Schweigen jahrelang erkauft worden war. Aber ihre Untergebenen, denen man den Einblick doch nicht ganz hatte verwehren können, redeten jetzt, und da wurden Dinge enthüllt über den Betrieb der Werke, über das Lohn- und Bedrückungssystem den Arbeitern gegenüber, daß man sich fragte, wie dergleichen möglich gewesen war auf großen Industriestätten, die doch aller Welt offen standen. Die Macht des Geldes, die alles geknebelt hatte, zeigte sich hier in wahrhaft unheimlicher Weise. Daß Steinfeld, diese große, vielbewunderte Schöpfung Ronalds, vor dem Ruin stand, galt bereits als öffentliches Geheimnis. Der Meister der Spekulation hatte mit der Aktiengesellschaft wieder einen meisterhaften Zug versucht, nur daß er diesmal damit scheiterte. Was kümmerte es ihn, was hinter ihm zusammenstürzte! Ein Mahnruf in letzter Stunde! hatte Raimar seine Schrift genannt, sie war in der That in der zwölften Stunde gekommen. Der heutige Tag brachte die Schlußverhandlung, wo die Entscheidung fallen sollte, brachte die große Verteidigungsrede Raimars. Er sprach seit länger als einer Stunde, und in atemloser Spannung hing die gesamte Zuhörerschaft an seinen Lippen. Dergleichen freilich hatte man kaum jemals gehört vor den Schranken, wo man sonst nur mehr oder weniger geistvolle Auseinandersetzungen, kühle Beweisführung vernahm. Ernst Raimar stand an dem Platze, der ihm so lange verschlossen geblieben war und sprach – der geborene Redner in jedem Worte, in jeder Bewegung! Hoch aufgerichtet, mit flammenden Augen stand er da, die einst so müde, verschleierte Stimme füllte jetzt mit vollem, mächtigem Klange den ganzen weiten Raum, und wie ein Sturm brauste es dahin und riß alles mit sich fort. Die Verteidigung wurde zu einer Anklage, jedes Wort wurde eine Waffe, und Streich auf Streich fiel nieder auf jenen anderen, der nie nach den Rechten und dem Schicksal der Menschen gefragt hatte, die er niederwarf. Jetzt fühlte er selbst, was es heißt, niedergeworfen zu werden. Und nun schloß Raimar seine Rede: »Ich halte jedes Wort aufrecht, das ich in meiner Schrift ausgesprochen habe, ich habe nichts zurückzunehmen, nichts zu mildern. Hexengold ist es, was man euch gezeigt hat, mit seinem gleißenden Schimmer! Hexengold, das den verdirbt, der es sich zu eigen macht, das in seinen Händen zu Staub und Asche wird. Ich habe das als Mahnwort laut in die Welt hinausgerufen, ehe es nochmals Tausenden zum Verderben wird. Ich habe gethan, was mir Recht und Pflicht hieß – ich erwarte den Spruch!« Er trat zurück, und eine mächtige Bewegung ging wie eine mühsam zurückgehaltene Woge der Zustimmung und Bewunderung durch die gesamte Zuhörerschaft. Er hatte gesiegt, noch ehe der Spruch des Gerichts gefallen war, das fühlte man, und jetzt, wo er nicht mehr alles mit dem Banne seiner Rede gefesselt hielt, jetzt wandten sich aller Blicke auf den Mann, der mit eherner Stirn, als ginge ihn die ganze Rede nichts an, ihr standgehalten hatte. Felix Ronald bewahrte seine Selbstbeherrschung, regungslos, mit gekreuzten Armen saß er da, und nicht eine Muskel zuckte in seinem Gesichte. Nur in den Augen brannte ein unheimliches Feuer, und bisweilen wandten sich diese Augen von dem Gegner hinüber zu den Tribünen, wo sie stets nur an einem Punkte hafteten. Für Ronald gab es nur zwei Menschen unter dieser ganzen Menge, den Mann, den er haßte bis zum Tode, und das Weib, das er liebte, und jener glühende, drohende Blick galt ihnen beiden. Edith Marlow saß neben ihrem Vater, auch sie hielt äußerlich stand, in der Schule der großen Welt lernt man die Selbstbeherrschung. Das schöne, anscheinend so kalte Antlitz verriet nichts von dem, was im Innern wogte, aber Marlow, der ihre Hand in der seinen hielt, als wolle er sie schützen, fühlte das krampfhafte Beben dieser Hand. Als Raimar zurücktrat, neigte er sich zu seiner Tochter nieder. »Edith, komm, laß uns gehen!« Sie schüttelte mit Entschiedenheit das Haupt. »Nein, ich bleibe bis zum Ende!« Der Vater sah es, daß er hier machtlos war, und fügte sich. Die Beratung der Richter dauerte nur kurze Zeit, dann wurde unter atemlosem Schweigen der Zuhörer der Spruch verkündet: Ernst Raimar war freigesprochen! Das Gericht erkannte an, daß er nur als Anwalt des öffentlichen Rechtsbewußtseins gehandelt hatte, und erkannte damit auch die Wahrheit seiner Anklagen an. Das Urteil wurde mit einem wahren Sturm der Begeisterung begrüßt. Auf den Tribünen gab es einen förmlichen Aufstand, und im Saale drängte sich alles um Raimar, um ihn zu beglückwünschen. Man jubelte ihm zu wie einem Helden nach gewonnener Schlacht und bemerkte es kaum, daß sein Gegner und dessen Anhänger sich entfernten – Felix Ronald war gerichtet! Es war am Tage nach der Gerichtsverhandlung, in den Nachmittagsstunden, als Ernst Raimar in das Hotel trat, wo Frau von Maiendorf wohnte. Er hatte eine Verabredung mit seinem Freunde getroffen, den er hier abholen wollte, und hatte sich eine halbe Stunde früher frei machen können. Der Portier berichtete, der Herr Major sei mit der gnädigen Frau und der Kleinen ausgefahren, habe aber eine Karte mit einigen Worten für Herrn Raimar zurückgelassen. Arnold bat ihn darin, zu warten, falls er früher kommen sollte, er selbst werde zur verabredeten Zeit wieder dasein. Wilma, die einige Wochen zu bleiben beabsichtigte, bewohnte im ersten Stock mehrere Räume, einen hübschen Salon mit angrenzendem Schlafzimmer und einem kleinen Vorgemach, die ziemlich abgeschlossen von den übrigen Hotelzimmern lagen und die Behaglichkeit einer eigenen Wohnung gewährten. Da man Raimar kannte, wurde er äußerst dienstbeflissen nach dem Salon geleitet, und ihm war ein kurzes Alleinsein gerade erwünscht, er brauchte wirklich Erholung. Seit gestern mittag war er in der That nicht mehr zu Atem gekommen. Jetzt half kein Abwehren und kein Zurückziehen mehr, er hatte der allgemeinen Bewunderung standhalten müssen, und jetzt, wo die Aufregung des Kampfes vorbei war, kam naturgemäß auch die Abspannung. Aber es lag nichts von Siegesfreude in den Zügen des Mannes, der sich da in einen Sessel geworfen hatte und düster vor sich hin blickte. Der Sieg war ja erfochten, aber er hatte das Lebensglück gekostet! Da wurde die Thür des Vorzimmers geöffnet, Ernst richtete sich empor in der Meinung, daß die Erwarteten zurückkehrten, doch er hörte eine fremde Stimme. »Bitte nur einzutreten! Die gnädige Frau muß bald kommen, sie wollte um vier Uhr zurück sein.« Dann schloß sich die Thür wieder und eine Dame im Pelz und dunklen Seidenkleide trat in den Salon. Raimar war aufgesprungen, er erkannte Edith Marlow. Auch sie sah ihn beim Eintritt und wich jäh zurück, um dann wie angefesselt stehen zu bleiben. Ernst verneigte sich stumm, er hatte jene fluchtartige Bewegung gesehen, und das nahm ihm den Mut zur Anrede. Einige Sekunden lang herrschte völliges Schweigen. »Ich wollte Wilma aufsuchen,« begann die junge Dame endlich. »Ich hatte keine Ahnung –« »Von meinem Hiersein!« ergänzte Ernst, als sie innehielt, »Ich bin unschuldig an diesem Zusammentreffen, gnädiges Fräulein, ich erwarte meinen Freund, Major Hartmut.« Edith stand noch immer an der Schwelle, ungewiß, ob sie gehen oder bleiben solle, schien sich aber doch für das letztere zu entscheiden. Sie trat langsam näher und schlug den Schleier zurück. Raimar sah erst jetzt, wie bleich sie war, aber ihre ganze Haltung zeigte jetzt wieder die stolze, eisige Abwehr, die er von den ersten Begegnungen her kannte. »Sie erwarten wohl von mir keinen Glückwunsch, Herr Raimar,« sagte sie in herbstem Tone. »Aber Sie haben glänzend gesiegt.« »Glauben Sie, daß ich Freude habe an diesem Siege?« fragte er ernst und vorwurfsvoll. »Gleichviel, er trägt Sie doch empor und öffnet Ihnen die Zukunft.« »Nein!« das Wort kam schwer und düster von Ernsts Lippen. »Nein? Nach diesem Erfolge? Ihr Name ist ja jetzt in aller Munde!« »Sie vergessen, was an diesem Namen hängt – Sie wissen es ja längst von Ihrem Vater.« »Das ist ausgelöscht, seit gestern.« »Das ist nicht ausgelöscht, nur vertagt. Jetzt hat man es vergessen, weil man vergessen wollte, weil ich die gesamte öffentliche Meinung vertrat. All die Feinde meines Gegners scharten sich um mich und deckten mich, der ganze Kampf stand ja überhaupt im Zeichen des Ungewöhnlichen. Wenn ich wieder dem Alltagsleben und der nüchternen Kritik gegenüberstehe, dann erinnert man sich auch wieder an das Vergangene, und dann muß ich büßen, was man mir jetzt verzeiht, weil man mich brauchte.« Betroffen, fast bestürzt blickte ihn Edith an, der Gedanke war ihr noch nicht gekommen. »Sie thun der Welt unrecht,« sagte sie leise, aber es klang nicht mehr überzeugungsvoll. »Wenn Sie es überwinden können –« »Das eben kann ich nicht!« fiel Raimar finster ein. »Was mich jetzt stählte und trug, das war der Kampf, den ich nun einmal begonnen hatte, und den ich durchführen mußte. Es galt ja meine eigene Verteidigung. Aber wenn dieser Sporn fehlt, dann stehe ich wieder unter dem alten Verhängnis. Ich muß mit freier Stirn hintreten können vor die Welt, wenn ich zu ihr reden will, und ich weiß es doch, daß der Haß oder die Bosheit jedes Buben mir zurufen darf: Du sprichst von Recht und Ehre? Denke an den Namen, den du selber trägst! Ich habe schon diesmal schwer genug gekämpft mit diesem Bewußtsein, und da schwieg doch jeder Vorwurf. Das hängt wie ein Bleigewicht an mir und zieht mich immer wieder zu Boden, das verschließt mir auch jetzt die große Laufbahn, von der ich einst geträumt – Sie sehen, es bedarf keines Glückwunsches!« Edith stand wortlos da, sie hatte stolzes Siegesbewußtsein, einen nur mühsam verhehlten Triumph erwartet und begegnete nun dieser düsteren Hoffnungslosigkeit, diesem völligen Verzicht auf die Zukunft. Ihr eigenes Urteil sagte ihr, daß Raimar recht hatte mit seinen Befürchtungen, sie kannte ja auch die Welt. Aber sobald sie ihn leiden sah, gingen Herbheit und Bitterkeit unter, ihre Stimme bebte hörbar, als sie erwiderte: »Ich habe Sie nicht anklagen wollen mit jenen Worten. Sie sprachen es ja gestern aus, daß Sie nur thaten, was Ihnen Recht und Pflicht hieß – es war wohl auch Verhängnis, daß Sie damit so unheilvoll in unser Leben eingriffen.« »In unser Leben?« fuhr Ernst auf. »Denken Sie wirklich noch an eine Verbindung, an eine gemeinsame Zukunft mit diesem Manne –« »Der noch derselbe ist wie damals, als ich seine Braut ward!« fiel Edith ein. »Man kannte längst ihn und sein Schaffen, man wußte, daß er immer über die Grenzen hinausging, die da gezogen sind, und niemand wagte, ihm das vorzuwerfen, niemand erhob sich gegen ihn. Da kamen Sie und hoben den ersten Stein, und nun rufen sie alle: Steinigt ihn!« Raimar stand vor ihr und sah sie unverwandt an, als wolle er in ihren Zügen lesen. »Sie betrachten sich noch immer als gebunden?« »Gewiß! Sobald Ronald es fordert, werde ich sein Weib, und er wird es fordern!« »Das werden Sie nicht!« sagte Ernst in einem beinahe drohenden Tone. »Herr Raimar!« »Nein, Edith, Sie werden nicht Felix Ronalds Weib! Ich lasse Sie nicht in das Verderben gehen, eher greife ich zum äußersten Mittel. Sie wissen nicht, wem Sie die Hand reichen wollen.« »Ich weiß es!« erklärte Edith mit neu aufwallender Bitterkeit, »Sie haben uns ja keinen Zug erspart in dem Bilde, das Sie aller Welt hinstellten, Ronald ist eine groß angelegte Natur, die zügellos geworden ist im schrankenlosen Besitz der Macht und des Goldes. Er hat sich allmächtig gedünkt, weil alles vor ihm und seinem Reichtum auf den Knieen lag, und da hat er die Menschen verachtet und geknechtet. Er mag ja viel verschuldet haben, aber es ist nichts Gemeines und Niedriges darin, nichts, was mich frei macht von jenem Bande. Stände er noch mitten im Glück und Glanz, ich würde mein Wort zurückfordern, jetzt ist er im Unglück, jetzt verlasse ich ihn nicht!« Sie sprach mit der Energie eines unbeugsamen Willens. Edith Marlow hatte sich ja auch blenden lassen von dem »Hexengolde«, und auch in ihren Händen wurde es jetzt Staub und Asche, aber die Seele hatte es ihr nicht verdorben. Was sie einst in Eitelkeit und Ehrgeiz verschuldet, als sie sich dem ungeliebten Manne zusagte, das sühnte sie nun mit dem Entschluß, dem ungeliebten Manne zu folgen, von dem Glück und Glanz gewichen war. In Raimars Innerem flammte ein heißes Weh auf, er fühlte erst jetzt ganz, was dies Mädchen ihm hätte sein und werden können. »Und Steinfeld?« fragte er. »Ronald wußte, daß der Zusammensturz unvermeidlich war, und wir wissen alle, was er that. Wollen Sie das auch die Verirrung einer ›großen‹ Natur nennen?« »Nein, es war der Verzweiflungsschritt eines Mannes, der nach jedem Mittel griff, um sich und seine Stellung im Leben zu behaupten. Das dürfen Sie nicht verurteilen, denn das, was Sie Ihr Verhängnis nennen, das war doch auch nur eine Schuld der Verzweiflung.« »Mein Vater war nicht schuldig,« sagte Ernst langsam, aber mit schwerer Betonung, Edith trat in äußerstem Erstaunen einen Schritt zurück. »Nicht schuldig? Er galt doch allgemein dafür!« »Er gilt noch heute dafür in seinem Grabe! Hören Sie mich an, Edith, die Sache geht auch Sie an!« Edith antwortete nicht, aber ihre Augen hefteten sich mit unruhiger Spannung auf sein Gesicht. Sie hatte keine Ahnung, wo das hinaus wollte, aber sie hatte das Gefühl, als tauche da etwas Dunkles, Furchtbares auf, das langsam näher kam. Raimar stand ihr gegenüber, in scheinbar ruhiger Haltung, aber in seiner Stimme verriet sich die mühsam zurückgehaltene Erregung. »Es war vor zehn Jahren, mein Vater hatte sich durch einen seiner – Beamten, dem er volles Vertrauen schenkte, zu gewagten Spekulationen verleiten lassen, was er bisher stets vermieden hatte. Die Sache scheiterte, und infolge der ziemlich bedeutenden Verluste trat eine Geschäftskrisis ein, nur eine Krisis, kein Ruin, denn es war Deckung vorhanden für alle Forderungen, und der Name und Ruf des Hauses Raimar gaben ihm Anspruch auf die Stützen, deren es in der augenblicklichen Verlegenheit bedurfte. Da wurden, vielleicht veranlaßt durch ein Gerücht über jenen Verlust, zwei der größeren Depots plötzlich zurückgefordert, und da brach das Unheil herein. Ich war damals nicht in Berlin, ein Rechtsfall, bei dem ich die Verteidigung übernehmen sollte, hatte mich in die Provinz geführt. Eine Depesche rief mich nach Hause, und dort trat mir unser Prokurist entgegen mit Nachrichten, die mich völlig niederschmetterten: die sämtlichen Depots nicht mehr vorhanden – die Ehre unseres Namens rettungslos verloren, und mein Vater – in den Tod gegangen!« »Furchtbar!« sagte Edith leise, als er schwieg, überwältigt von der Erinnerung. »Das steuerlose Schiff scheiterte natürlich,« fuhr Ernst fort. »Die Nachricht verbreitete sich sofort, und von Hilfe und Stütze war nun selbstverständlich keine Rede mehr. Alle Forderungen wurden auf einmal geltend gemacht, es stürzte von allen Seiten über uns herein, und ehe wir noch überhaupt zur Besinnung kamen, war der Ruin da. Es galt für ausgemacht, daß mein Vater sich an den anvertrauten Geldern vergriffen und bei der Entdeckung sich aus Scham und Verzweiflung den Tod gegeben hatte, selbst meine Mutter hat das geglaubt.« »Und Sie – Sie glaubten das nicht?« »Ich wußte es, daß er schuldlos war. Ich fand in seinem Schreibtische einen Brief, nur wenige Zeilen, in seiner Todesstunde geschrieben und an mich, seinen Aeltesten, gerichtet, er wollte wenigstens vor seinem Sohne rein dastehen. Glauben Sie, Edith, daß ein Mann, dessen ganzes Leben rein und ehrenvoll gewesen ist, lügen kann, wenn er vor der Pforte der Ewigkeit steht, wenn er im Begriff steht, diese Pforte mit eigener Hand zu öffnen?« »Nein!« sagte Edith mit einem tiefen Atemzuge, »Also der Schuldige war ein anderer?« »Ja, ein anderer!« Raimar hielt einen Augenblick inne, dann sprach er halblaut, aber mit furchtbarer Bedeutsamkeit: »Die Depots waren nur einem zugänglich, außer dem Chef, seinem Prokuristen, und der hieß – Felix Ronald!« Ein Ausruf des Entsetzens entrang sich Ediths Lippen. »Allmächtiger Gott! Was wagen Sie da anzudeuten?« »Was ich nicht beweisen kann,« entgegnete Ernst mit herber Aufrichtigkeit, »was wohl überhaupt nicht zu beweisen ist. Mein Vater scheint keinen Verdacht gehegt zu haben, wenigstens machte er keine Andeutungen in jenem Briefe, aber in mir erwachte der Argwohn in der ersten Stunde, wo ich wieder klar denken und urteilen konnte, und ließ mich nicht wieder los. Ich habe nach den Beweisen wochenlang, monatelang gesucht mit dem ganzen Scharfsinn eines Juristen, mit der fieberhaften Angst eines Menschen, der seine und seines toten Vaters Ehre retten will – es fand sich nichts, jede Spur war vernichtet. Ich war ja fern gewesen bei der Katastrophe, Ronald behauptete, er habe sofort nach dem Selbstmord seines Chefs das Fehlen der Depots entdeckt, er warf alle Schuld und Verantwortung auf den Toten.« Edith war totenbleich geworden, sie umklammerte mit beiden Händen die Lehne des vor ihr stehenden Sessels, endlich stieß sie abgebrochen hervor: »Das ist nur ein Argwohn – die Beweise fehlen – Sie sagen es ja selbst!« »Ja, aber ich habe mir die Gewißheit verschafft, auf anderem Wege. – Es war zu Ende, der Sturz unseres Hauses entschieden, ich hatte mit Ronald geordnet, was noch zu ordnen möglich war, und er kam nun, um sich von mir zu verabschieden. Bis dahin hatte ich mit keinem Worte, keinem Blicke meinen Verdacht verraten, jetzt waren wir beide allein im Arbeitszimmer meines Vaters, da überstürzte ich ihn plötzlich mit der Anklage und schleuderte es ihm in das Gesicht: der Schuldige sind Sie!« »Und da?« Die Frage klang halb erstickt. »Nun, da sah ich es – das jähe Erbleichen, das Zusammenzucken, sah in seinen Augen die Angst vor der Entdeckung. Das dauerte freilich nur eine Minute, dann hatte er seine volle Fassung wieder und trat mir mit eherner Stirn entgegen. Er wies meine Anklage mit kaltem Hohne zurück, forderte die Beweise für meine ›wahnsinnige Einbildung‹ und fragte achselzuckend, ob ich es denn durchaus der Welt zeigen wolle, daß die Verzweiflung mich unzurechnungsfähig gemacht habe.« Er hielt inne und schien eine Antwort zu erwarten, als sie nicht erfolgte, schloß er ruhiger, aber mit tiefer Bitterkeit: »Ich habe das in der That nicht versucht. Der Tod meines Vaters galt als Schuldbekenntnis, und wäre ich mit einer Anklage aufgetreten, der auch nicht der Schatten eines Beweises zur Seite stand, man hätte mich wirklich für unzurechnungsfähig gehalten. Meine Ueberzeugung stand fest seit jener Stunde – und seit jener Stunde ist Ronald mein Todfeind gewesen!« Edith stand noch immer regungslos da, aber ihre Augen hatten einen Ausdruck, als blicke sie in einen Abgrund. Das erste Zusammentreffen ihres Verlobten mit Raimar, dessen Zeuge sie gewesen war, sein wildes Auffahren, als er wissen wollte, was jener mit seiner Braut gesprochen, sein glühender Haß gegen den Mann, den er »zertreten« wollte, und den er doch offenbar fürchtete – das alles erhob sich jetzt in ihrer Erinnerung und zeugte wider Ronald. Es ging ein krampfhaftes Beben durch ihren Körper, als sie fragte: »Und das sagen Sie mir – jetzt!« »Weil ich muß!« erwiderte er tiefernst. »Sie trauen mir doch wohl keine niedrige Rache zu? Sie wissen es, Edith, ich habe auch damals in Gernsbach noch geschwiegen, als ich aus Ihrem eigenen Munde vernahm, daß Sie Ronalds Braut seien. Ich glaubte, die Enthüllungen meiner Schrift, der Prozeß, der ja vorherzusehen war, würden Sie frei machen von dem unheilvollen Manne. Ich rechnete auf das Eingreifen Ihres Vaters, der jenes Band zerreißen würde. Ich hielt es für längst zerrissen und höre nun von Ihnen, daß es noch besteht, daß Sie sich einer vermeinten Pflicht opfern wollen – nun denn, so sollen Sie wissen, wem dies Opfer gilt!« Edith richtete sich empor, das lähmende Entsetzen wich jetzt einem plötzlichen Entschlusse. »Ich werde es erfahren!« sagte sie fest. »Er soll mir Rede stehen.« »Ihnen, die er liebt? Glauben Sie, daß er sich selbst vernichten wird in Ihren Augen?« »Ich glaube, daß ich allein die Macht habe, ihn zu zwingen, vielleicht ich allein auf der ganzen Welt. Er wird ja nichts bekennen, aber was sein Mund verschweigt, das wird mir sein Auge sagen.« Raimar blickte sie mit unverhehlter Besorgnis an. »Sie haben recht, ich kann nicht erwarten, daß Sie mir blindlings glauben, aber – das wird eine furchtbare Stunde für Sie!« »Ja,« sagte Edith mit zuckenden Lippen. »Leben Sie wohl!« Sie ging, und Ernst versuchte nicht, sie zurückzuhalten. Er trat nur an das Fenster und sah, wie sie in ihren draußen harrenden Wagen stieg und fortfuhr. Da schlug es vier Uhr vom Turme der gegenüberliegenden Kirche. Arnold mußte gleich zurückkommen, aber Raimar fühlte, daß er in seiner jetzigen Stimmung dem Uebermut des glücklichen Bräutigams, dem frohen Lachen Wilmas nicht werde standhalten können. Nur jetzt allein sein! Er ging hinunter, ließ dem Portier eine Bestellung zurück und verließ das Hotel. Fünf Minuten später kam der Major mit Frau von Maiendorf angefahren und hörte zu seinem Aerger, daß sein Freund allerdings dagewesen, aber wieder fortgegangen sei. Der etwas unklare Bericht des Portiers ließ ihn an ein Mißverständnis glauben, aber vielleicht war Ernst bei seinem Onkel gewesen und hatte dort eine Nachricht zurückgelassen. Hartmut stieg die Treppe zum zweiten Stock hinauf, wo der Notar wohnte. Auf sein Anklopfen ertönte ein merkwürdig düster klingendes Herein. Treumann saß am Tische und schrieb so eifrig, daß er sich kaum Zeit nahm, den Gruß zu erwidern. »Ich wollte nur fragen, ob Ernst bei Ihnen gewesen ist,« sagte der Major. »Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe.« »Nein, Ernst war nicht hier,« versetzte der Notar aufblickend. »Sie stören mich durchaus nicht, ich bin sogleich fertig, nur noch zwei Minuten.« »Vermutlich der gestrige Bericht für die ›Burgwarte‹,« bemerkte Arnold, aber der alte Herr schüttelte den Kopf und antwortete in einem wahren Grabestone: »Nein – mein Testament!« »Was? Ich denke, das ist längst gemacht, und wenn Sie wirklich ein Kodizill beabsichtigen, so hat das doch Zeit, bis Sie wieder in Heilsberg sind.« »Nein, das hat nicht Zeit. Ich kann heut oder morgen sterben, ich habe gestern abend schon geglaubt, daß mich der Schlag treffen wird, und ich will wenigstens meine Ruhe im Grabe haben!« Treumann schaute den Major dabei so grimmig an, daß dieser das Bedürfnis fühlte, sich zu verteidigen. »Nun, ich störe Sie doch gewiß nicht darin,« sagte er. »Aber was ist denn eigentlich passiert? Gestern waren Sie in einem fortwährenden Zustande der Verklärung über Ernsts Sieg und seine Erfolge, und heut haben Sie Todesgedanken und machen ein Testament!« »Franz Philipp Treumann – Punktum!« Der Notar setzte einen dicken Punkt hinter die eben vollzogene Unterschrift und betrachtete dann mit höchster Befriedigung sein Werk. »Warum ich testiere, wollen Sie wissen? Weil ich einen anständigen Erben haben will, und das ist der Maxl nicht. Der Maxl ist ein Lump! Ein ausgemachter Lump!« »Das stimmt,« versetzte Hartmut mit Seelenruhe. »Ernst und ich haben diese betrübende Entdeckung schon längst gemacht, aber wie sind Sie denn dahinter gekommen?« Der alte Herr schluckte ein paarmal heftig, wie das seine Gewohnheit war, wenn er sich in äußerster Erregung befand, dann aber brach er los. »Ich bin schon hinter manches gekommen, denn ich habe Maxls Wirtin ausgefragt, und da bekam ich erbauliche Dinge zu hören. Aber ich glaubte, er sei nur leichtsinnig geworden hier in der großen Stadt, und wenn er auf einige Zeit nach Hause käme, würde er wieder solid und vernünftig werden. Ich wollte ihn mitnehmen in die historische Rumpelkammer, wo die Menschen verschimmeln – das ist nämlich Heilsberg! Und zu dem alten Fossil – das bin ich!« Jetzt wurde dem Major doch bange um den Verstand des Testators, er wollte ihm eben nach dem Puls greifen, als ihn die nächsten Worte glücklicherweise beruhigten. »So sagt nämlich der Maxl! So spricht er von seiner Heimat und seinem Onkel! Ich wollte ihn gestern abend noch sprechen und traf ihn nicht zu Hause; aber ich kenne das Lokal, wo er gewöhnlich verkehrt, und da fand ich ihn denn auch mit seinem Busenfreunde, dem Neustädter Redakteur. In einem Separatzimmer saßen sie, und Champagner tranken sie.« »Dieser Redakteur scheint doch ein sehr leichtsinniger Mensch zu sein,« meinte Hartmut. »Gestern, am Tage der schmählichen Niederlage seines Chefs, durfte er doch höchstens Selterwasser trinken, und nun feiert er das mit Champagner!« »Der Maxi bezahlt ja alles – von meinem Gelde!« rief Treumann mit einem krampfhaften Auflachen. »›Trinke nur, mein Junge!‹ sagte er. ›Das geht schon auf die Erbschaft vom alten Fossil, darauf habe ich mir einen Wechsel verschafft, hoffentlich fährt er bald ab, der Alte‹ – und darauf haben sie angestoßen!« »Schändlich!« fuhr Arnold diesmal mit wirklicher Entrüstung auf, während der alte Herr weiter berichtete: »Sie waren beide schon so bekneipt, daß sie es gar nicht merkten, wie ich an der Thür stand und zuhörte. Maxl wußte überhaupt nicht mehr, was er sprach, aber im Wein ist Wahrheit! Das alte Sprichwort bewährte sich wieder einmal. ›Dann ziehst du am Ende ganz nach Heilsberg?‹ sagte der Busenfreund. Das sollte ein Witz sein, und Maxl wollte sich darüber ausschütten vor Lachen. ›Denkst du, ich werde verschimmeln in der historischen Rumpelkammer?‹ rief er. ›Der Alte wohnt natürlich auch in solch einem windschiefen, mittelalterlichen Bau, wie der Fuchs im Loche, aber ein Gutes hat er darin, einen ganz erträglichen Weinkeller. Den trinken wir erst zusammen aus, Bruderherz, und dann wird der ganze historische Kram verkauft, ich bin ja Universalerbe! Kannst dich immer unter der Hand in Neustadt umsehen, ob du einen Käufer findest.‹ – Ein Neustädter in meinem Hause! Da hielt ich nicht mehr an mich – nun kam ich!« »Wie ein Racheengel, ich kann es mir denken!« warf Hartmut ein, der mit dem größten Behagen zuhörte. »O nein, ich war ganz ruhig, aber vernichtend. Den Maxl habe ich überhaupt keines Wortes gewürdigt, ich wandte mich an den Redakteur und sagte: ›Mein Herr! Dieser Mensch da war bisher mein Neffe – er ist es fortan nicht mehr! Um einen Käufer für den ›historischen Kram‹ brauchen Sie sich nicht zu bemühen, denn ich mache morgen ein neues Testament und setze meinen nunmehr alleinigen Neffen Ernst auch zum alleinigen Erben ein. Und um meinen Weinkeller brauchen Sie sich auch nicht zu bemühen, den wird Ernst in Gemeinschaft mit seinem Freunde Major Hartmut austrinken, ich werde ihnen das testamentarisch zur Pflicht machen. – Und nun bringen Sie diesen Menschen da nach Hause, er hat zuviel getrunken!‹« »Bravo!« rief der Major, »Das war großartig! Es ist wirklich rührend, daß Sie dabei auch meiner gedacht und mir testamentarisch eine so höchst angenehme Pflicht auferlegt haben. Der Maxl wird allerdings de- und wehmütig Abbitte leisten, wenn er wieder nüchterner geworden ist.« »Das soll er sich unterstehen!« Treumann richtete sich kampflustig auf. »Ich werfe ihn zur Thür hinaus! Heute habe ich das Testament niedergeschrieben für alle Fälle, und in Heilsberg werde ich es feierlich niederlegen, vor zeugen. Niet- und nagelfest soll werden, damit dieser Mensch nicht daran rütteln kann. Wofür bin ich denn Jurist!« Er faltete das Testament zusammen und verschloß es, dann aber schlug seine Stimmung plötzlich in das Elegische um. »Und ich habe den Jungen so lieb gehabt!« sagte er wehmütig. »Von Kindheit an habe ich ihn verwöhnt und verzogen und die größten Hoffnungen auf ihn und sein Talent gesetzt. Ich hatte immer eine offene Hand für ihn, und nun lohnt er es mir so!« Ein paar Thränen rollten langsam über die Wangen des alten Mannes, aber der Major legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. »Lassen Sie den dummen Jungen laufen,« sagte er. »Gut, daß Sie ihn jetzt kennen in seiner ganzen Erbärmlichkeit! Eigentlich hat das Familiengenie doch nur gewechselt, jetzt ist es auf Ernst übergegangen, und der bringt auch seinen Onkel zu Ehren. Sie waren ja gestern der eigentliche Mittelpunkt auf der Journalistentribüne. Was an Ernst nicht herankommen konnte, das drängte sich um Sie und gratulierte Ihnen.« Er hatte das rechte Trostmittel ergriffen, die Augen Treumanns strahlten auf bei der Erinnerung. »Ja, sie haben mir alle gratuliert!« rief er. »Der Vertreter der ›Times‹ hat mir die Hand geschüttelt und gesagt: ›Mr. Treumann, Sie werden einmal einen großen Neffen haben! Er ist ja ein Rednergenie ersten Ranges!‹ Ich lehnte natürlich bescheiden ab und antwortete: ›O, das liegt bei uns so in der Familie!‹ Es war der schönste Tag meines Lebens!« »Ja, das liegt in der Familie!« stimmte Hartmut bei, »Aber nun kommen Sie mit hinunter zu meiner Wilma und unserem kleinen Wildfang, der Lisbeth. Kommen Sie, Onkel Treumann, Sie müssen schon erlauben, daß ich Sie in Zukunft auch so nenne, Sie haben mich ja doch zum Miterben eingesetzt, bei dem Weinkeller« – damit ergriff er den Arm des alten Herrn, dem diese neue Onkelschaft höchst schmeichelhaft war. Nun hatte er vollen Ersatz für »diesen Menschen« da, der nicht mehr sein Neffe war, und den er nunmehr in aller Form enterbt hatte. In seinem Arbeitszimmer saß Bankier Marlow mit finsterer Stirn und sorgenvoller Miene. Der gestrige Tag hatte seine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Das hatte er nicht erwartet! Diese unbedingte Freisprechung seines, Gegners war die moralische Vernichtung Ronalds. Freilich verdankte Raimar den Sieg nur seiner glänzenden Selbstverteidigung, und Marlow gehörte auch zu den widerwillig Gezwungenen. Auch ihm war gestern ein Spiegel vorgehalten worden, wie so manchem seiner Kollegen von der hohen Finanz, die jahrelang gewußt und geduldet hatten, was sie, zur Ehre ihres Standes bekämpfen mußten. Auf den Namen und Ruf des Hauses Marlow fiel allerdings kein Schatten. Der Bankier hatte schon damals, als Raimars Schrift erschien, die Gefahr erkannt und seine Maßregeln getroffen. Er konnte sich darauf berufen, daß er sich sofort zurückgezogen hatte, als ihm das Unlautere jenes Unternehmens klar wurde, aber sein Kind, seine Tochter! Bis jetzt war das Geheimnis der Verlobung ja gewahrt worden, aber wenn es nun zum Bruche kam und Ronald sich rächte mit der öffentlichen Erklärung, daß Edith Marlow seine Braut gewesen war, und daß man ihn jetzt, wo sein Sturz drohte, schmählich im Stiche ließ? Das wäre mehr als peinlich gewesen der Welt gegenüber, und Marlow war gewohnt, deren Urteil in die erste Reihe zu stellen. Das schlimmste war, daß Edith selbst widerstrebte, daß sie mit voller Entschiedenheit erklärte, sie halte sich noch für gebunden, nur Felix selbst könne sie freigeben. Ihr Vater kannte den Charakter Ronalds doch hinreichend, um zu wissen, daß dieser einer solchen Großmut nicht fähig war, aber zu jedem Gewaltschritt, wenn man ihn reizte. Eine heiße Angst wallte plötzlich in Marlow auf, denn hier empfand er doch nur als Vater, alles andere trat davor zurück. Er wollte seine Tochter wieder haben, wollte sie frei machen von der Gewalt des Mannes, dem er sie selbst ausgeliefert. Einmal hatte er sich verleiten lassen, den alten Grundsätzen seines Hauses untreu zu werden, er hatte auch die Hand ausgestreckt nach dem »Hexengolde«, – das rächte sich jetzt an seinem einzigen Kinde! Edith war heute nachmittag bei ihrer Rückkehr von Wilma so seltsam verstört und aufgeregt gewesen, hatte aber dem Vater nicht Rede gestanden, sondern nur verlangt, er solle sie mit Ronald, der heute abend kommen wollte, allein lassen und die Unterredung unter keiner Bedingung stören. Widerstrebend hatte er nachgegeben, Gott weiß, was zwischen den beiden da entschieden wurde! Edith befand sich allein in ihrem Zimmer, die Dunkelheit war längst eingebrochen, aber hier in dem großen, reich und behaglich ausgestatteten Gemach herrschte blendende Helle. Das elektrische Licht, das aus gläsernen Blumenkelchen sprühte, wurde sonst durch einen rosigen Schleier gedämpft, heute war er entfernt worden. Grell und scharf floß das Licht nieder und beleuchtete jeden Gegenstand im Zimmer, jeden Zug in dem Gesicht des Mädchens, das bleich, aber in entschlossener Haltung am Kamin stand. Die »furchtbare Stunde« war da! Ronald war gestern fern geblieben, erst heute morgen, hatte er einige Zeilen gesandt, um sich für den Abend anzumelden. Jetzt trat er ein, die Thür schloß sich hinter ihm, die beiden waren allein. Edith ging ihm anscheinend ruhig entgegen, aber als er sich zu ihr niederbeugte, um sie nach gewohnter Art in die Arme zu schließen, zuckte sie leicht zusammen, und das entging ihm nicht. Er streifte sie mit einem raschen, funkelnden Blick, dann berührten seine Lippen nur ihre Stirn und er richtete sich wieder empor. »Hast du mich gestern erwartet?« fragte er. »Meine Stimmung war begreiflicherweise nicht die beste. Ich taugte schlecht zur Gesellschaft, deshalb blieb ich dir fern.« »Zur Unterhaltung habe ich dich auch nicht erwartet,« entgegnete Edith leise. »Vielleicht zur Aussprache? Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Trost brauchen, ich pflege das mit mir allein abzumachen.« Er stand ungebeugt vor ihr und sprach in einem völlig beherrschten Tone, nur die fahle Blässe in seinem Gesichte und das nervöse Zucken darin verrieten, wie ihn die gestrige Niederlage getroffen hatte, Edith war an den Kamin getreten, wo zwei niedrige Sessel standen, ihr gewöhnlicher Platz bei den Besuchen Ronalds. Sie ließ sich auch jetzt dort nieder, er folgte ihrem Beispiel. »Ich fürchte dich auch heute noch mit jedem Worte zu verletzen,« entgegnete sie, »Ich war ja gestern bei der Verhandlung, da brauchen wir es uns nicht erst zu sagen, wie der Ausgang uns beide getroffen hat.« »Uns beide?« wiederholte er. »Rechnest du dich wirklich noch, zu mir? Dein Vater thut das nicht mehr!« »Du kommst von Papa?« fragte Edith rasch. »Nein, ich kam direkt zu dir, aber es ist mir längst kein Geheimnis mehr, daß er dringend eine – Aenderung unseres Verhältnisses wünscht. Ich nehme ihm das nicht besonders übel, denn wir beide haben uns von jeher auf den geschäftlichen Standpunkt gestellt. Seine etwaige Abneigung kümmert mich sehr wenig. Ich habe mit dir zu thun, Edith, mit dir allein!« Seine brennenden Augen ruhten in fieberhafter Unruhe auf ihren Zügen, aber es vergingen einige Sekunden, ehe Edith antwortete. Die entscheidende Frage drängte sich auf ihre Lippen und wurde doch nicht ausgesprochen. Das wilde, stürmische Klopfen ihres Herzens erstickte ihr fast die Stimme. »Ich lasse mich nicht von äußeren Ereignissen beeinflussen, das weißt du, Felix,« erwiderte sie endlich. »Und eben deshalb verlange ich Offenheit von dir. Mein Vater hält deine Stellung für schwer erschüttert, er meint, der gestrige Tag –« »Sei der Anfang vom Ende!« unterbrach er sie mit bitterem Hohne. »Das glauben sie so ziemlich alle, man denkt sehr schnell mit mir fertig zu werden. Das ›Götzenbild des Mammons‹ wie mein genialer Gegner es nannte, ist ja nun gestürzt! Ich glaube, er hat nicht übel Lust, sich selbst an diese Stelle zu setzen, und Aussicht hat er auch dazu. Man warf sich ihm ja gestern schon beinahe zu Füßen, dem großen Redner! dem Anwalt des Rechtes! Hat er dich nicht auch hingerissen mit seinen flammenden Tiraden? Du bist ja sehr empfänglich dafür!« In den Worten verriet sich seine ganze furchtbare Gereiztheit, die er nicht länger zurückhalten konnte. Edith schwieg, sie wußte, daß sie an diesen Punkt nicht rühren durfte, ohne seine volle Leidenschaftlichkeit zu entfesseln, und hier galt es doch, ruhig zu sein. Felix fuhr mit steigender Heftigkeit fort. »Sie könnten sich doch irren, all die weisen Propheten. Noch bin ich Felix Ronald, das sollen sie erfahren! Steinfeld werde ich ja aufgeben müssen, und auch um meine anderen Schöpfungen werde ich kämpfen müssen. Wenn dies liebe Publikum einmal aufgerüttelt ist, dann läßt es sich gar nicht mehr regieren, und man braucht sie doch nun einmal, diese blinde, urteilslose Herde, die nur einen Gott kennt, den Erfolg! Wenn ich den behaupte, dann bin ich auch wieder gerechtfertigt in ihren Augen, und die ganze Moralkomödie, die sich da gestern abspielte, verpufft unschädlich in die Luft. Ich habe schon einmal am Abgrunde gestanden und habe das Unheil bezwungen – ich will nicht unterliegen!« Es war ein Ausbruch der herbsten Menschenverachtung, doch die wilde Energie dieses Mannes schien nur zu wachsen mit der Gefahr; wo andere sich verloren gegeben hätten, da bäumte er sich auf mit der alten Kraft. Aber jetzt schlug sein Ton plötzlich in volle, heiße Empfindung um. »Ich scheue den Kampf nicht, aber eine Gewißheit muß ich haben – daß du mir bleibst, Edith, daß ich dich nicht verliere! Ich verlange ja jetzt kein Opfer, kein Zugeständnis, du sollst nur warten, bis ich wieder Herr der Verhältnisse geworden bin. Sage es mir, daß du mein bleiben willst, und ich zwinge es zurück, das fliehende Glück, ich zwinge alles, um deinetwillen!« Er war aufgesprungen, all die Bitterkeit, der Haß, die eben noch so drohend aufflammten, gingen unter in der stürmischen Bitte. Edith hatte sich gleichfalls erhoben und trat jetzt an den Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Sie rang nach Atem, aber die Stimme gehorchte ihr doch wieder. »Ich habe noch eine Frage an dich, Felix, die du mir beantworten mußt. Ich bitte dich darum.« Felix war ihr gefolgt und stand ihr jetzt gegenüber, im vollen grellen Lichte, das jeden Zug seines Gesichtes deutlich hervortreten ließ. Er legte offenbar gar kein besonderes Gewicht auf die letzten Worte, sondern versetzte nur mit verhaltener Ungeduld: »Nun, so frage doch!« Noch ein sekundenlanges Zögern, dann sagte Edith, den Blick fest und unverwandt auf ihn, gerichtet: »Wer war es, der damals die Depots nahm im Raimarschen Hause?« Ronald zuckte zusammen, wie von einer Kugel getroffen, ein dumpfer, halb erstickter Laut rang sich von seinen Lippen, und in seinen Augen flammte wieder jener entsetzliche, dämonische Blick. Die Frage aus diesem Munde wirkte mit der Gewalt eines jäh niederfahrenden Blitzes, und der Blitz hatte getroffen. Das dauerte freilich nur einen Moment, dann war er wieder Herr seiner selbst und stand da in der gewohnten Haltung, nur die Stimme klang rauh und heiser, als er erwiderte: »Seltsame Frage! Was soll das?« »Ich frage nichts mehr – ich habe die Antwort!« sagte Edith tonlos. Es folgte ein langes, furchtbares Schweigen, das keiner zu brechen wagte. Ronald fühlte es, daß er den Selbstverrat nicht ungeschehen machen konnte, und machte auch nicht den Versuch dazu. Als er wieder sprach nach Minuten, lag ein fremder Klang in seiner Stimme. »Wer hat dir das eingegeben?« Edith gab keine Antwort, sie kämpfte noch mit ihrem Entsetzen, ihrem Grauen vor dem Manne, dessen Weib sie hatte werden sollen und der sich ihr nun so enthüllte. Er lachte bitter auf. »Was frage ich denn noch? Das hast du von ihm gelernt, das ist seine Taktik, ich kenne sie ja. Den Gegner sicher machen, mit der scheinbaren Arglosigkeit und dann plötzlich auf ihn niederstürzen, wie der Falk auf die Beute. Du bist eine gelehrige Schülerin!« Er wollte sich ihr nähern, aber sie wich mit dem Ausdruck des Abscheues zurück. »Komm mir nicht nahe! Rühre mich nicht an – du hast kein Recht mehr dazu!« »Warum nicht?« fragte er eisig. »Weil ich mich fangen ließ in der Schlinge, die du mir legtest? Ich habe nichts zugestanden, werde nichts zugestehen. Er hat es trotz alledem nicht gewagt, mich anzuklagen. Wenn du es versuchen wolltest – hüte dich!« »Ja, du hast aller Welt gelogen,« sagte Edith mit herber Verachtung, »willst du auch mir lügen? Sieh mir ins Auge und wage es zu sagen: Ich bin schuldlos!« »Wozu? Du würdest mir ja doch nicht glauben!« »Nein!« »Also ersparen wir uns die Auseinandersetzungen. Was ich that oder nicht that, das kannst du nicht begreifen, das begreift überhaupt keiner, der nicht selbst einmal gescheitert ist, und nun die rettende Planke erreicht, die schon einen trägt. Zwei trägt sie nicht, da heißt es: Er oder ich! Es ist Notwehr in dem Kampfe um das Dasein.« Edith begriff ihn in der That nicht. »Notwehr?« wiederholte sie völlig verständnislos. »Nun ja! Ich stand damals auch vor dem Revolver, und wenn sich nicht jene Rettung fand, dann hätte ich losgedrückt. Er, mein Chef, hatte eine gewagte Börsenspekulation unternommen, auf mein Drängen, denn ich war selbst beteiligt daran, und einem Prokuristen mit ein paar tausend Mark Gehalt gestattet man kein Geschäft mit Hunderttausenden, ohne ihn zu beargwöhnen. Ich brauchte Raimars Namen und Eintreten, um das meinige zu decken; wenn die Sache glückte, dann hatte ich ein Vermögen, und das seinige verdoppelte sich,« »Aber sie schlug fehl – ich weiß es!« »Sie schien wenigstens fehl zu schlagen. Ich sah es freilich voraus, daß ein Umschlag kommen werde, kommen mußte, denn der Krieg, der ihn brachte, lag schon in der Luft, aber Raimar warf vorzeitig die Flinte ins Korn und zog sich zurück. Er war überhaupt nicht angelegt für Wagnisse, und er mit seinem Vermögen konnte den Verlust auch überwinden. Ich war verloren, wenn ich die Differenzen nicht zahlen konnte, und es galt doch nur, über die nächsten Wochen wegzukommen. Ich war kaum dreißig Jahre, ich hatte große Zukunftspläne und fühlte die Kraft in mir – und da warf ich den Revolver fort und nahm die Rettung, wo ich sie fand.« »Und dann?« fragte Edith, so leise, als fürchte sie sich vor dem Laut ihrer eigenen Stimme. »Dann kam die Entdeckung und damit die Katastrophe. Raimar, schon aufs äußerste erregt durch seine Verluste, durch die letzten Vorgänge, verlor den Kopf und that jenen Verzweiflungsschritt. Unmittelbar darauf trat der Umschlag ein, auf den ich gerechnet hatte, da wurde der Verlust zum Gewinn. Nur drei Wochen später, und man hätte alles in Ordnung gefunden, alles wäre ersetzt gewesen – es war ein Verhängnis!« Er sprach in einem seltsam ausdruckslosen Tone, fast ohne Erregung, als erzähle er die Geschichte eines Fremden, und doch klang etwas darin, wie der Nachhall einer Verzweiflungsstunde, etwas, das verriet, der Mann war nicht ohne Kampf gefallen. Jetzt aber richtete er sich jäh empor, als sei es nun genug mit der Selbstfolter. »Und nun geh hin und denunziere mich! Aber sage es ihnen auch, daß du meine Braut gewesen bist, daß du in meinen Armen gelegen, meine Küsse gefühlt hast – vergiß das nicht!« Edith schauerte zusammen unter dem Hohne. »Ich werde nicht sprechen, das weißt du,« entgegnete sie. »Ich nicht – das ist deine Sache.« »Ich?« fuhr Ronald auf. »Bist du von Sinnen?« »Du hast einen schuldlosen Mann in den Tod gejagt, du hast seinem Sohne die Zukunft vernichtet, und jetzt stürzt dich dieser Sohn herab von deiner Höhe. Fühlst du denn nicht das Walten der Nemesis?« »Nemesis?« Er zuckte verächtlich die Achseln. »Ja so, du glaubst noch an dergleichen, ich bin längst darüber hinaus. Raimar hat eben einen Haupttrumpf ausgespielt, als er dich zur Vertrauten machte, und ich bin matt gesetzt von euch beiden. Aber sucht nicht etwa nach Beweisen, es existieren keine.« »Ich weiß – nur dein Geständnis kann es beweisen.« Ronald streifte sie mit einem langen, seltsamen Blick. »Traust du mir im Ernste eine solche romantische Tollheit zu? Man kann zum Selbstmord greifen, wenn alles verloren ist, das kann man nicht. Und ich gebe mich noch nicht verloren! Sturz – pah! – Ich werde kämpfen bis aufs Blut, um das, was noch mein ist; ein Verzweifelter wagt alles.« Er machte eine Bewegung, als wollte er gehen, hielt aber plötzlich inne. »Lebe wohl!« Edith regte sich nicht. »Hörst du nicht, Edith? Ich will noch ein Lebewohl von dir – und müßte ich es erzwingen!« Sie verharrte in ihrem Schweigen, aber sie wich langsam noch weiter zurück. Ronald biß die Zähne zusammen, mit ein paar Schritten war er an ihrer Seite und faßte ihren Arm. »Ein Wort will ich hören! Reize mich nicht oder –« Edith riß sich nicht los, aber ein Wort fiel von ihren Lippen, nur ein einziges. »Dieb!« Ronald taumelte zurück, sein Gesicht wurde leichenfahl, es kam kein Laut mehr über seine Lippen, aber in dem letzten Blick, der auf seine einstige Braut siel, lag doch etwas, was sie erbeben machte. Das war nicht mehr Drohung, das war Todesqual! Er war gegangen, ohne sich noch einmal umzuwenden, und jetzt, wo sie sich allein wußte, brach Edith zusammen mit einem Aufschrei, in dem sich die Verzweiflung einte mit dem Aufatmen der Erlösung: »Frei! Frei! Aber, o mein Gott, um welchen Preis!« Der Anfang vom Ende! So hatte Marlow die Gerichtsverhandlung genannt, aber das Ende kam viel schneller, als er und alle vermuteten. Zwar wurde das Aeußerste versucht, um zu retten, was noch zu retten war, Ronald hielt Wort, er kämpfte wie ein Verzweifelter gegen das nun von allen Seiten hereinbrechende Unheil. Alle Hilfsquellen, über die er verfügte, wurden aufgeboten, was er noch an Macht und Einfluß besaß, das wurde eingesetzt, und hätten die großen Werke der Industrie, die er in das Leben gerufen, eine Stütze in sich selbst gehabt, er hätte sie trotz alledem gerettet. Aber Raimar hatte nicht umsonst der Welt zugerufen: »Seht euch die anderen Schöpfungen des unheilvollen Mannes an, sie tragen alle den Zerfall in sich!« Jetzt sah und urteilte man. Jene Unternehmen arbeiteten mit Hunderttausenden, mit Millionen, weil man ihnen ein unbeschränktes Vertrauen entgegenbrachte, weil ihnen immer neue Mittel zuströmten, sobald der Name Ronald an der Spitze stand. Jetzt, wo das Vertrauen vernichtet war, wo die Mittel versagten, zeigte es sich, daß jene riesigen Schöpfungen sämtlich auf thönernen Füßen standen, sie wankten alle. Steinfeld fiel zuerst, und nun gab es keinen Halt mehr. Eins riß das andere mit sich, und das Publikum sah mit einer Art von Grauen zu, wie das scheinbar so glänzende Gebäude dieses vielbewunderten und vielbeneideten Reichtums in sich selbst zerfiel. Noch war kein Jahr vergangen, da war das Ende da – über das Vermögen Felix Ronalds wurde der Konkurs eröffnet. Es war ein finsterer, stürmischer Abend im Spätherbste, mit dicht verschleiertem Himmel und kalten Regenschauern. Im Ronaldschen Hause war alles still und dunkel, nur im Erkerfenster im ersten Stock schimmerte noch Licht hinter dem herabgelassenen Vorhange. Ronald war allein in seinem Arbeitszimmer, morgen sollte er das Haus verlassen, dessen Herr er nicht mehr war, sollte als Bettler von den Trümmern seines einst so unermeßlichen Besitzes gehen. Er konnte ja freilich Europa verlassen und in einem anderen Weltteil wieder von vorn anfangen. Das hatte mancher gethan, der hier gescheitert war, und mancher war wieder emporgestiegen. Dort drüben, in Amerika oder Australien, brauchte man die Leute von rücksichtsloser Thatkraft, da stürzte man sie nicht mit einer »Krämermoral«. Aber es war etwas zerbrochen in dem Manne, der da so düster in dem Sessel vor seinem Schreibtische lehnte, schon damals als er das Marlowsche Haus verließ, um es nicht wieder zu betreten. Bisher hatte ihn das Fieber des Kampfes aufrecht erhalten, jetzt versagten Wille und Kraft. Er hatte Unmögliches versucht, um das Unmögliche zu erzwingen – umsonst! Edith Marlow war gleich nach der Vermählung ihrer Cousine nach Italien gereist mit einer älteren Verwandten. Sie war noch nicht zurückgekehrt, auch hier wurde erst »das Ende« abgewartet. Ein bitteres Lächeln zuckte um Ronalds Lippen, sie hatte ja recht. Das konnte nicht verziehen und vergessen werden, das konnte nicht einmal ein liebendes Weib verzeihen, und sie hatte ihn ja nie geliebt. Jetzt stand er allein, er hatte Schmeichler und Anhänger besessen in Menge – Freunde nicht. Und sie hatten ihn alle verlassen, die einen mit brutaler Rücksichtslosigkeit, die anderen mit heuchlerischem Bedauern, gegangen waren sie alle. »Hexengold!« Das unheilvolle Wort war an ihm zur Wahrheit geworden. Er hatte seine Seele dafür verkauft, und es war ihm ja auch zugeströmt in unerschöpflicher Fülle. Da wurde der Bann gebrochen, und da wurde es auch in seiner Hand zu Staub und Asche, er selbst war ihm verfallen, er wußte es. Und nun trat auch eine Gestalt heran, die er kannte, sein einstiger Chef, den er in den Tod gejagt hatte. Raimar hatte seinen ersten Beamten nicht beargwöhnt, er war wohl überhaupt nicht mehr fähig, klar zu urteilen und nachzuforschen, nachdem er jene furchtbare Entdeckung gemacht hatte: Er fühlte nur, daß seine Ehre rettungslos verloren war in den Augen der Welt, und das ertrug er nicht. Ronald sah ihn noch deutlich vor sich, wie er in sein Arbeitszimmer ging und sich auf der Schwelle noch einmal umwandte. »Gute Nacht, Ronald!« dann schloß sich die Thür, und man hörte das leise Klirren des Schlüssels, der umgedreht wurde, und Felix Ronald stand draußen und wußte , was da drinnen geschah: Wohl trieb es ihn gewaltsam, sich gegen die Thüre zu stürzen, zu rufen und den Einlaß zu erzwingen, ehe das Entsetzliche geschah, aber da schoß es ihm durch den Kopf, daß dies Entsetzliche ja seine Rettung war. Wenn es geschah, dann hatte ein Schuldiger sich selbst gerichtet, denn es gab nur eine Erklärung, und man fragte und forschte nicht weiter. Dann war die Spur verwischt, die man sonst wohl entdeckt hätte. »Er oder ich!« Das grausame Wort entschied – und dann fiel der Schuß da drinnen! Jetzt stand sie wieder da, die Gestalt mit dem stillen bleichen Gesichte, und der finstere, einsame Mann wußte, was sie von ihm wollte, die geraubte Ehre und den reinen Namen für den Sohn, der den Vater jetzt gerächt hatte. Der Tote war oft wiedergekommen in den vergangenen Monaten, sehr oft. Heute kam er zum letztenmal, denn wenn er heute ging – dann ging er nicht allein! Ronald sprang auf und begann ruhelos im Zimmer auf und ab zu wandern. Er hatte die »romantische Tollheit« der Selbstanklage verhöhnt, wie er den Gedanken an die Nemesis verhöhnt hatte, aber mitten im Kampf und Sturm des Lebens denkt man anders darüber als in der Todesstunde. Jetzt fühlte er, daß er unter einer dunklen, rächenden Gewalt stand. Freilich, was kümmerte es ihn, wenn man hinter ihm her zeterte, er war ohnehin beladen mit dem Fluch aller, die sich nicht rechtzeitig zurückgezogen und nun durch ihn ihre Habe verloren hatten. Er hatte die Menschen und ihr Urteil stets verachtet, und ein Jenseits gab es für ihn nicht. Wenn der dunkle Vorhang fiel, dann war es zu Ende. Langsam trat Ronald wieder zum Schreibtische und nahm aus einem der Fächer ein Bild, das dort monatelang verschlossen gewesen war. Er blickte lange nieder auf das schöne Antlitz, das immer so kalt gewesen war für ihn und doch in Glut und Wärme aufstrahlen konnte für einen anderen. Er haßte jetzt diesen anderen nicht mehr, auch das war vorbei, war erstorben, nur jene Leidenschaft starb erst mit ihm, sie war nun einmal sein Verhängnis gewesen. Als er Edith das letzte Mal sah, da traf ihn jenes furchtbare Wort aus ihrem Munde wie ein Peitschenschlag in das Gesicht, das war ihr Lebewohl gewesen! So stand er in ihrer Erinnerung! Eins freilich würde es auslöschen, in Thränen auslöschen, die sie ja wohl weinen würde, wenn er ihr dies Vermächtnis hinterließ. Warum sollte er sich diese Thränen nicht erkaufen? Er setzte sich zum Schreiben nieder, es war bald gethan. Der Brief an Edith Marlow enthielt überhaupt nur drei Worte: »Lebe wohl! – Felix.« – Der zweite, an Ernst Raimar gerichtet, war auch nur kurz, aber inhaltreich, er setzte mit fester Hand die Unterschrift darunter: »Felix Ronald.« Dann schloß er beide Briefe in ein größeres Couvert, versiegelte es und adressierte an Bankier Marlow. Nun war es geschehen, nun hatte er Ruhe – auch vor dem Toten! Felix Ronald trat an den Kamin, wo noch die Glut leuchtete, und warf das Bild hinein. Die Flamme züngelte auf und erlosch nach einigen Minuten, es war vernichtet. Jetzt verschloß er die Thür – mit leisem Klirren drehte sich der Schlüssel um, wie damals – und dann waltete die Nemesis ihres Amtes! Erwachen! Das verheißungsvolle Wort auf dem alten, verwitterten Grabdenkmal des kleinen Waldfriedhofes war wieder einmal zur Wahrheit geworden für die Erde. Drei Jahre waren dahingegangen, und über vergessenen Menschenschicksalen erblühte die Welt aufs neue im Frühlingsleben. Die gute Stadt Heilsberg erfreute sich noch immer ihrer idyllischen Ruhe und Abgeschlossenheit. Hier hatte sich nichts verändert, nur der bisherige Notar war fortgezogen, und die Heilsberger Kanzlei hatte einen neuen Vertreter. Sonst war nichts passiert, aber die Stadt war und blieb »historisch«, und das genügte. In Steinfeld und Neustadt dagegen hatten sich tiefgreifende Aenderungen vollzogen, allerdings nicht zum Vorteil der beiden Orte. Die Steinfelder Werke, die anfangs für die Ronaldsche Konkursmasse verwaltet wurden, hatten wieder einen Herrn gefunden, der sie für einen verhältnismäßig sehr geringen Preis erstand, aber nicht daran dachte, den großen Betrieb aufrecht zu erhalten. Dieser ganze riesige Bestand von Arbeitermassen, Gebäuden und kostspieligen Einrichtungen war ja nur Blendwerk gewesen, das zeigte sich bei dem Zusammensturze. Ein wirklicher Ertrag war nur möglich, wenn man das alles auf ein ganz bescheidenes Maß zurückführte, und das geschah denn auch. Die Arbeiter wurden zum größten Teil entlassen, die überflüssigen Baulichkeiten verkauft oder an Pächter abgegeben und das Hüttenwerk selbst fortan so betrieben, wie die anderen Unternehmungen zweiten oder dritten Ranges. Neustadt, das seine Bedeutung ja nur den Steinfelder Werken verdankte, verlor sie naturgemäß mit ihnen. Die Arbeiterquartiere in der Vorstadt standen teilweise leer, der rege Verkehr mit den Kolonien, der der Stadt unberechenbare Vorteile gebracht hatte, wurde sehr eingeschränkt, und die Beziehungen, in denen die Werke durch ihren früheren Chef zu Berlin und zu dem Auslande standen, hörten völlig auf. Wenn auch nicht gerade das Gras in den Straßen Neustadts wuchs, wie die »Burgwarte« es prophezeit hatte, so war doch seine Blütezeit als Industrieort unwiederbringlich dahin. Ernst Raimar war nach Berlin übergesiedelt, allerdings zum großen Mißbehagen der Heilsberger. Die ganze Stadt sonnte sich in seiner Berühmtheit, und nun ging er auf und davon. Sein »Hexengold«, dieser kühne Angriff auf den damals noch allmächtigen Ronald, und seine glänzende Verteidigungsrede in jenem Prozeß hatten ihn mit einem Schlage dem Dunkel seines bisherigen Lebens entrissen und überall bekannt gemacht. Die Woge der Zustimmung und Begeisterung, die ihn emportrug, war noch nicht verrauscht, als ein anderes Ereignis ihn aufs neue in den Vordergrund stellte – die Selbstanklage Ronalds, der noch sterbend der Wahrheit die Ehre gegeben und sich als den Schuldigen bekannt hatte beim Diebstahl jener Depots. Es war selbst an der Schwelle des Grabes noch ein Akt der schwersten Selbstüberwindung, aber es nahm den Makel von dem Namen und der Ehre des verstorbenen Raimar und das »Verhängnis« aus dem Leben seines Sohnes. Jetzt konnte Ernst die so lange gebundenen Flügel regen, und er regte sie so mächtig, daß man nicht begreifen konnte und wollte, wie ein Mann von dieser Begabung so lange unbemerkt geblieben war. In Berlin fand er überall offene Thüren, und es war nur natürlich, daß alle, die den Vater gekannt und ihm unrecht gethan hatten, Bankier Marlow an der Spitze, nun dem Sohne eine Art von Abbitte leisteten, indem sie ihm das äußerste Entgegenkommen zeigten. Es war eigentlich merkwürdig, daß dabei immer nur von dem älteren Bruder die Rede war. Max erfreute sich doch auch noch des Daseins und galt auch für ein Talent, obgleich man noch immer nichts davon merkte. Er hatte zwar die Popularität seines Namens nach jener Enthüllung nach Kräften ausgenutzt und überall seine Studien ausgestellt, denn bis zu einem großen Bilde war er auch jetzt nicht gekommen. Seine Leistungen wurden auch freundlich bemerkt und besprochen, weil er eben Raimar hieß, aber dauernd war dieser Erfolg nicht in dem bewegten Treiben der Großstadt, wo ein Interesse das andere verdrängte. Ernst blieb im Vordergrunde, weil er eine bedeutende Persönlichkeit war und seinen Platz zu behaupten wußte; Max trat wieder vollständig in den Hintergrund und hatte es trotz krampfhafter Anstrengungen noch immer nicht zu einer reichen Heirat gebracht, die bekanntlich der Zweck seines Lebens war. Er sehnte sich noch immer nach einer Lebensgefährtin mit der nötigen Vergoldung, die ein grausames Geschick ihm hartnäckig vorenthielt. Gernsbach wurde wie sonst von dem Pächter bewirtschaftet, das Herrenhaus lag meist still und verschlossen da, aber um so lauter und lustiger ging es dort zu, wenn Major Hartmut mit Frau Gemahlin und Fräulein Tochter einrückte. Er brachte stets seine Urlaubszeit auf dem Gute zu, aber während die junge Witwe sehr zurückgezogen gelebt hatte, war Gernsbach jetzt ein gastfreies Haus mit dem angenehmsten Verkehr, und die Heilsberger wußten das zu schätzen. Auf der Terrasse saßen Frau Major Hartmut und Herr Notar Treumann, der noch immer Vorstand des historischen Vereins und Mitarbeiter der »Burgwarte« war, aber die Polemik mit dem Neustädter Tageblatt hatte aufgehört. »Gegen den besiegten Feind muß man Großmut üben, und Neustadt ist gar nichts mehr!« pflegte Treumann zu sagen. Diese Großmut wurde ihm um so leichter, als jener Redakteur mit der fossilen Beleidigung längst verduftet und das Tageblatt überhaupt sehr zahm geworden war, seit es nicht mehr die Ronaldschen Interessen vertrat. Der Besuch des alten Herrn war diesmal übrigens kein zufälliger. Man erwartete heute in Gernsbach seinen Neffen Ernst und »seine Nichte Edith, geborene Marlow«, wie er nie versäumte hinzuzusetzen, denn man kannte ja die Bedeutung dieses Namens in der Finanzwelt. Sie kamen von der Hochzeitsreise. Wilma Hartmut hatte sich nicht verändert, es war noch dieselbe zarte, anmutige Erscheinung, aber man sah es ihr an, daß sie jetzt eine glückliche Frau war. Da erschien drüben in der Allee der Major zu Pferde und neben ihm auf einem Pony Lisbeth. Sie gewahrten die beiden auf der Terrasse und bogen ab, das ging quer durch die Wiesen in vollem Trabe. Das Blondhaar der Kleinen flatterte im Winde, aber sie saß fest im Sattel und zügelte das kleine, lebhafte Tier mit Sicherheit. »Halt!« kommandierte Hartmut, und der große Fuchs und der kleine Pony standen wie die Mauern. Der Major grüßte militärisch, was Lisbeth mit großer Sachkenntnis wiederholte, dann stiegen sie ab und übergaben die Pferde dem herbeikommenden Diener, und Arnold führte sein Fräulein Tochter im Triumphe dem Gaste vor. »Sehen Sie sich dies Mädel an!« sagte er, »die reitet schon besser als ihre Mama. Furcht kennt sie nicht, das geht über Stock und Stein – meine Schule!« »Ja, so reite ich immer mit dem Papa!« rief die jetzt zwölfjährige Lisbeth, die auf dies Lob offenbar sehr stolz war. »Sah es nicht lustig aus?« »Etwas halsbrechend sah es aus,« versetzte der Gefragte. Lisbeth lachte und stahl einige Stückchen Zucker vom Theetische, um die Pferde damit zu füttern, aber es fiel ihr nicht ein, die Steintreppe zu benutzen. Sie setzte sich quer auf die Brüstung und turnte dann mit einem kühnen Sprunge hinunter, was ihr ein tadelndes »Aber Lisbeth« der Mutter und ein lautes »Bravo!« von seiten des Vaters eintrug. »Das hat Kraft und Leben!« rief er, »Rede mir nicht darein, Wilma, Lisbeth ist ein Prachtmädel!« »Aber viel zu wild für ein Mädchen,« warf Wilma ein. »Das ist deine Schuld, du machst einen vollständigen Jungen aus ihr mit deiner Erziehung.« »Nein, das ist deine Schuld,« widersprach Arnold. »Warum bist du mir die Jungen schuldig geblieben? Jetzt muß ich mich an der Lisbeth schadlos halten. – Also nun sind wir versammelt zum Empfange! Sehen Sie nicht so feierlich aus, Onkel Treumann, wir sind im Familienkreise. Bei der Hochzeit hatten Sie allerdings noch einen heillosen Respekt vor der Millionärin.« »Respekt?« wiederholte Treumann halb beleidigt. »Ich konnte meiner Nichte doch nicht näher treten bei dem großen, glänzenden Feste. Ich habe von jeher für sie geschwärmt, das wissen Sie ja von der ersten Begegnung her auf dem Burgberge.« »Aber damals glaubten Sie im vollen Ernst, der dumme Junge, der Maxl, würde den Preis davontragen!« rief der Major lachend. »Der erholt sich jetzt in Karlsbad von dem Schrecken. Gallenzustände! so schrieb er wenigstens an Ernst, von dem er sich natürlich das Reisegeld geben ließ.« »Das hat mein Mann auf dem Gewissen,« sagte Wilma vorwurfsvoll zu dem Notar gewandt. »Wir waren ja gerade in Berlin, als Ernst sich verlobte, und begegneten Max auf der Straße. Da erzählte ihm Arnold die Neuigkeit mit einer Schonungslosigkeit –« »Bitte, mein Kind, das hast du mißverstanden,« unterbrach sie Hartmut. »Ich war im Gegenteil äußerst zart und schonend. – Siehst du, Maxl, so geht es! sagte ich tröstend. Du hattest schon längst abgeschlossen mit der Zukunft deines Bruders damals in Heilsberg, als du um die Millionärin freitest, und nun bekommt er die Million und die schöne Frau! Den Ernst liebt sie nun einmal, und dich konnte sie nicht ausstehen. Aber tröste dich, du bekommst schon noch irgend ein Ehegespons. – Da wurde er erst grün, dann gelb, murmelte von ›Verrat‹ und stürzte davon wie ein Besessener, und jetzt trinkt er Sprudel, um sich dies Farbenspiel wieder abzugewöhnen. Mich soll nun wundern, wie lange der Maxl noch hausieren geht mit seinem hübschen Gesicht und seiner Dummheit. Er wird doch endlich unter die Haube kommen!« Treumann zuckte nur mit verächtlicher Miene die Achseln. Er liebte es nicht, wenn von »diesem Menschen« gesprochen wurde, den er nicht mehr als seinen Neffen betrachtete. Er hatte ihn in Acht und Bann gethan und blieb in diesem Punkte unbeugsam. Da kam Lisbeth die Treppe hinaufgestürmt und rief atemlos: »Sie kommen! Sie kommen! Ich sehe schon den Wagen!« Man bemerkte allerdings, wenn auch noch in ziemlicher Entfernung, einen Wagen. Das konnten nur die Erwarteten sein, und der Herr Notar schlug sofort wieder in eine verklärte Stimmung um. »Ja, sie kommen!« wiederholte er. »Unser Sankt Georg! Das Wort habe ich übrigens erfunden, und dann wurde es zum Schlagwort für die ganze Presse in dem Ronaldschen Prozeß. O, er wird noch ganz andere Kämpfe bestehen, unser Ritter Georg, wenn er erst im Reichstage sitzt! Sie wollen ihn ja als Kandidaten aufstellen bei der nächsten Wahl, ja, solche Redner lassen sie sich nicht entgehen im Parlamente! Wenn Ernst gewählt wird, reise ich nach Berlin und wohne allen Sitzungen bei, keine einzige werde ich versäumen!« und der alte Herr wippte vor Wonne auf und nieder auf seinem Stuhle, was Lisbeth zu der naseweisen Bemerkung veranlaßte: »Onkel Treumann, du machst es gerade wie die Maikäfer, wenn sie auffliegen wollen!« Jetzt bog der Wagen in die Allee ein, schon von weitem mit Winken und Tücherwehen begrüßt, und wenige Minuten später wurden die Heimgekehrten in Empfang genommen. »Euch sieht man es an, daß ihr von der Hochzeitsreise kommt. Ihr seht beide noch ganz überirdisch aus!« rief der Major lachend, während er seinem Freunde die Hand schüttelte. Edith hatte inzwischen ihre Cousine umarmt und wandte sich nun zu Lisbeth, die sich die Scheu vor der schönen, vornehmen Tante abgewöhnt zu haben schien. Freilich hatte sich die Tante auch ihrerseits die kühle Vornehmheit abgewöhnt, sie schloß herzlich den kleinen Wildfang in die Arme. Dann kam der Herr Notar an die Reihe, der in der That noch schwankte zwischen der Vertraulichkeit des Onkels und dem Respekt vor der Erbin, aber die Liebenswürdigkeit »seiner Nichte« beseitigte bald den Respekt. Sie versprach, morgen nach Heilsberg zu kommen und sich sein Haus anzusehen, Ernst habe ihr von dem interessanten alten Bau erzählt. Dann verlangte sie von dem »Onkel Treumann«, er solle sie Edith nennen, und bot ihm die Wange zum Russe. Das war zu viel für den alten Herrn, er küßte sie allerdings, aber er weinte dabei vor Rührung. Die junge Frau mit den strahlenden braunen Augen war freilich eine andere als die verwöhnte Erbin, die man nur für das Gesellschaftsleben erzogen hatte, und die es mit zwanzig Jahren schon so leer und inhaltslos fand. Jetzt hatte sie den Lebensinhalt gefunden, das sah man an dem Aufleuchten dieser Augen, wenn sie denen des Gatten begegneten. Edith Marlow war ein schönes, kaltes Mädchen gewesen, das es gar nicht der Mühe wert hielt, auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen, oder jemand näher zu treten. Edith Raimar besaß jene fesselnde Liebenswürdigkeit, die so leicht ist für eine schöne, gefeierte Frau. Sie hatte das ungemein schnell gelernt, seit sie lieben gelernt hatte. Ernst hatte ja eine ganze Reihe von Jahren voraus vor seiner jungen Gattin, aber das merkte man kaum bei dem Manne, der jetzt in der blühenden Vollkraft des Lebens stand, getragen und gehoben von seinen Erfolgen, von dem Bewußtsein des endlich errungenen Lebensglückes. Die zehnjährige »Verbannung« in Heilsberg war versunken und mit ihr der blasse, ernste Träumer von damals. Jetzt stand er mitten im Leben und Wirken und holte sich täglich neue Kraft daraus. Wilma geleitete jetzt die junge Frau nach dem Fremdenzimmer und war ihr dort beim Ablegen des Reisemantels behilflich. »Ich glaube, du bist noch schöner geworden, Edith!« sagte sie mit aufrichtiger Bewunderung. »Arnold hat recht, ihr seht noch immer nicht aus wie gewöhnliche Menschen.« »Wir haben auch soeben erst ein Stückchen Eden durchwandert, äußerlich und innerlich,« erwiderte Edith heiter. »Es war das erste Mal, daß wir uns ganz allein angehören durften, und wie lange haben wir darauf geharrt!« »Ja, aber warum denn eigentlich?« fragte die Frau Major. »Wir merkten ja längst schon, wie es mit euch beiden stand, und ich glaube, ihr seid auch längst einig gewesen. Die äußeren Verhältnisse hinderten euch doch nicht, du bist ja reich genug.« Die junge Frau, die eben ihr Haar vor dem Spiegel geordnet hatte, wandte sich lächelnd um. »Da kennst du meinen Ernst und seinen Stolz nicht! Er hätte um keinen Preis eine Abhängigkeit von meinem Vater ertragen, auch nicht einmal vorläufig. Er nahm mir das Versprechen ab, zu warten, bis er sich in Berlin eine Stellung geschaffen hatte und mir selbst etwas bieten konnte. Das geschah freilich viel schneller, als wir glaubten. Ich weiß es am besten, wie sehr er in Anspruch genommen wird.« »Das ist ja gerade dein Geschmack,« neckte Wilma. »Dein Gatte sollte ja durchaus mehr sein als all die anderen, er sollte dich und sich emportragen zu den Höhen des Lebens – nun, dein Ernst nimmt einen ganz hübschen Anlauf dazu. Jetzt wollen sie ihn gar in den Reichstag wählen!« »Ja, man will ihm ein Mandat anbieten,« sagte Edith, deren Augen in freudigem Stolze leuchteten. »Ernst ist ja längst in das politische Leben eingetreten, ich hoffe, er spielt noch einmal eine Rolle darin.« »Und wir warten inzwischen ganz bescheiden auf den Oberst,« erklärte Wilma lachend. »Dein Herr Gemahl will höher hinaus, der reserviert sich zweifellos den Ministersessel als Abschluß seiner Laufbahn. Aber nun komm, Edith, wir wollen die Herren nicht länger warten lassen.« Die Herren waren inzwischen auf der Terrasse zurückgeblieben und nahmen dort eine Neuigkeit in Empfang, die Ernst mitbrachte, und die doch einige Ueberraschung erregte. »Ich habe vorgestern einen Brief von Max erhalten,« sagte er. »Er teilt mir darin seine Verlobung mit. Die Anzeigen werden in diesen Tagen versandt.« »Hat er endlich eine erwischt – Gott sei Dank!« rief der Major. »Reich wird sie natürlich sein, unter dem thut es der Maxl nicht, nun, dann bist du ihn wenigstens los mit seinen ewigen Geldforderungen!« »Verlobt oder nicht, ich nehme keine Notiz mehr von ihm,« erklärte Treumann. »Weißt du etwas Näheres, Ernst?« »Nur was Max selbst darüber schreibt. Er hat seine Braut in Karlsbad kennen gelernt, jung scheint sie nicht mehr zu sein, auch nicht sehr liebreizend, wie gewisse Andeutungen verraten. Reich ist sie allerdings, wie er mir mit großer Genugthuung meldet. Vielleicht kennst du die Dame, Arnold, sie lebt in Hannover und dort hast du ja vor vier Jahren noch gestanden. Es ist eine Frau Altringer.« »Die Altringer – Gott steh' mir bei!« rief Hartmut mit hellem Entsetzen. »Hat die den Maxl am Kragen? Dann gnade ihm Gott, da muß er all seine Sünden abbüßen!« »Du kennst sie also? Es ist die Witwe eines früheren Gutsbesitzers.« »Ganz recht, sie sind durch Landspekulationen reich geworden und zogen dann nach der Stadt, aber man schlug drei Kreuze, wenn sie angefahren kamen. Das heißt er, der brave Altringer, war eigentlich unschädlich, er duckte nur vor seiner Frau Gemahlin. Das Kommando hatte sie, und sie plagte ihren Seligen Tag und Nacht, bis sie ihn glücklich unter die Erde gebracht hatte. Beiläufig ist sie etwa zwanzig Jahre älter als der Maxl. Halte dir die Schwägerin vom Leibe, Ernst, es ist der leibhaftige Satan!« »Ich denke durchaus nicht daran, mit Max wieder anzuknüpfen,« sagte Ernst ruhig. »Wir sind uns sehr fremd geworden in den letzten Jahren, er kam und schrieb überhaupt nur noch, wenn er ein Anliegen hatte, und das kam allerdings häufig vor.« »Ja, er brauchte immer Geld,« fiel der Notar ein, »und du ließest dich immer erweichen. Ich, das weißt du, habe ihm nie verziehen, diesem Menschen, der mein Haus einem Neustädter ausliefern wollte und auf meinen baldigen Tod anstieß.« »Verzeihen Sie ihm, Onkel Treumann!« sagte der Major feierlich. »Jetzt dürfen Sie es, denn wer die Altringer als Ehegemahl hat, der ist besorgt und aufgehoben! Die kriegt auch den Maxl unter, der ist viel zu dumm, um sich zu wehren, und das Wehren hilft auch in diesem Falle nichts, überlassen wir ihn seinem Schicksale – er ruhe in Frieden!« – Der nächste Morgen, verschleiert und nebelduftig, klärte sich bald zum vollen Sonnentage. Der Besuch in Heilsberg war auf den Nachmittag verschoben worden, weil Ernst und Edith erklärten, sie hatten noch eine kleine »Wallfahrt« in der Umgegend vor. Sie waren allein gegangen und standen nun wieder an dem Orte, wo sie sich vor vier Jahren zum erstenmal gesehen hatten, eine Begegnung, die über ihr Leben entschied. Der kleine Friedhof lag ebenso einsam und vergessen wie damals in seiner Waldesruhe. Was da draußen auch vorübergerauscht war an Kämpfen und Stürmen, an Glück und Weh, hier war es still geblieben. Die Toten hatten so friedlich geschlummert unter dem fallenden Laub des Herbstes und dem Schnee des Winters, wie sie jetzt schlummerten unter dem lichten Frühlingsgrün. Wieder lag der Sonnenschein auf den eingesunkenen Hügeln, den verwitterten Grabsteinen, und all das Blühen und Duften, das er geweckt hatte ringsum, wehte und webte jetzt um die Stätte der Toten. Aus den verfallenen Mauern des Waldkirchleins, unter den Holunderbüschen, klang der Amselschlag, das alte jubelnde Maienlied – es war alles wie damals. Nur für die beiden, die jetzt langsam durch das üppig wuchernde Riedgras schritten, war es anders geworden. Sie hatten sich freilich erst durchringen müssen durch schweren Kampf zu ihrem Lebensglück, und der eine, der damals so drohend zwischen ihnen stand, ruhte jetzt aus von Schuld und Leid, in seinem einsamen Grabe. Sie hatten von ihm gesprochen, das sah man an dem tiefen Ernst, der auf ihren Zügen lag, und an den Wimpern der jungen Frau hingen noch zwei Thränen, als sie mit verhaltener Stimme sagte: »Du ahnst nicht, Ernst, welchen furchtbaren Eindruck mir dieser letzte Gruß gemacht hat! Es waren ja nur drei Worte: ›Lebe wohl! Felix.‹ – Keine Erklärung, keine Bitte! Ich hatte ihn ja von mir gejagt mit jenem entsetzlichen Worte. Und in seiner Todesstunde gab er dir das eigentliche Leben zurück mit seinem Geständnis, dir, der ihn gestürzt hatte! Er konnte ja das Geheimnis mit sich in das Grab nehmen, und er belud sein Andenken auch noch mit diesem Vorwurf. Es war trotz alledem doch ein Zug von Größe in diesem Manne.« Zwischen Ernsts Brauen stand eine Falte, seine Entgegnung klang nicht hart, aber sie hatte auch nicht den Ton der Weichheit. »Ich trage keinen Haß mehr gegen den Toten – vergessen kann ich es nicht, daß er meinen Vater in den Tod jagte und zehn Jahre lang den Makel auf seiner Ehre ließ. Aber was Ronald sterbend that, das galt nicht mir und nicht der Gerechtigkeit, das galt einzig dir, Edith! In deiner Erinnerung wollte er versöhnt dastehen, du solltest um ihn weinen.« »Und ich habe geweint!« sagte Edith leise. »Ich weiß, aber nun laß das ruhen! Diese Erinnerung war es doch nicht, die wir hier suchen wollten. Sieh, da steht unser ›Verheißungswort‹ – es hat doch recht behalten!« Damit zog Ernst seine Gattin noch einige Schritte vorwärts. Sie standen wieder vor der Waldkapelle, wo sich aus dem grauen, zerfallenen Mauerwerk das alte Denkmal hob. Die Epheuranken hatten es noch dichter eingesponnen, aber dazwischen webte leuchtendes Sonnengefunkel auf dem dunklen, bemoosten Stein mit der halbverwischten Inschrift und jenem Verheißungswort, das auch einst leuchtend wie ein Sonnenstrahl in ein dunkles, schon halb aufgegebenes Dasein gefallen war: »Erwachen! Zu Leben und Licht!« Der höhere Standpunkt Ja, Gnädige, es ist schon richtig so, die Sach' mit dem Schleier Wenn's auch lange her ist, schon viele hundert Jahr, so geht's noch heutzutag, man soll's nur versuchen. Wenn em Bub was Liebes hat, dann muß er ihm den Schleier stehlen – ein Fürtuch thut's auch, wenn's ein Mädel aus den Bergen ist – dann vergißt's ihn nimmer. Er liegt ihm im Sinn Tag und Nacht und es kommt nimmer los von ihm – aber gestohl'n muß es halt sein.« Es war ein alter Bauer in Lodenjacke und Kniestrümpfen der soeben eine der Bergsagen erzählt hatte, an denen die Alpen so reich sind, und nun mit feierlichem Ernste den alten Volksglauben vertrat, der sich daran knüpfte. Seine Zuhörer, eine junge Dame und ein halb erwachsener Knabe, lauschten mit voller Aufmerksamkeit der wundersamen Geschichte, wahrend die beiden Herren, die etwas abseits auf der grünen Matte der Alm lagerten, sich ablehnender verhielten. Der Aeltere, ein Mann in vorgerückten Jahren, mit ergrautem Haar und freundlich wohlwollenden Zügen, lächelte nur, während sich in dem Gesichte des Jüngeren der herbste Spott ausprägte. »Nun hören Sie nur diesen Unsinn, Herr Kollege!« sagte er halblaut. »Und dabei spricht der Mensch im Tone felsenfester Ueberzeugung! Dieses Volk mit seinem Aberglauben hat doch noch entsetzlich weit bis zum Lichte der Vernunft!« »Wozu sich denn so ereifern, lieber Normann,« sagte der Aeltere ruhig, »Lassen Sie doch dem Volke das bißchen Poesie, das noch in seinen Sagen und Bräuchen wiederklingt, sonst ist sie ja nirgends mehr zu finden.« »Ist auch gar nicht nötig,« brummte Normann. »Man kann auch ohne das fertig werden im Leben.« »Je nachdem, mit zwanzig Jahren denkt man anders darüber. Ich habe auch meine poetischen Jugendsünden gehabt, ich habe sogar einigemal Verse verbrochen. Nun, entsetzen Sie sich nur nicht, besagte Verse waren ganz ehrbar an meine damalige Braut und spätere Ehegemahlin gerichtet. In solchem Falle greift auch einmal ein Mann der Wissenschaft in die Saiten der Leier – Sie haben das freilich wohl niemals gethan?« »Ich? Aber, Herr Professor Herwig!« »Nehmen Sie es nur nicht übel,« lachte Herwig. »Ihnen traut das ja auch niemand zu. – Nun, Dora, hast du endlich genug von der Wundergeschichte?« Die letzte Frage galt der jungen Dame, die soeben herantrat. Es war ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren, eine frische, anmutige Erscheinung, welcher der dunkelblaue Reiseanzug allerliebst stand. Der leichte Filzhut mit dem blauen Schleier, der auf den braunen Flechten saß, beschattete ein rosiges Gesicht mit klaren braunen Augen und zwei Grübchen in den Wangen, aus denen der Schelm lachte, und das ganze Wesen sprühte von jener glücklichen Heiterkeit und jenem Uebermut, den nur die Jugend kennt. »O Papa, ich plaudere so gern mit den Leuten,« erwiderte sie, »und wenn der Sepp nun vollends auf die Bergsagen kommt, hat er in mir die dankbarste Zuhörerin. Aber ist es nicht schön hier auf der Alm? Sieh nur, wie reizend unser Schlehdorf dort unten liegt, wie der See blitzt im Sonnenschein! Und droben auf dem Gipfel muß es noch schöner sein, da sieht man über all die Bergeshäupter weg, weit in das Land hinaus. Ich war noch nie dort oben, heut aber steigen wir jedenfalls hinauf, nicht wahr, Friedel?« Sie wandte sich zu dem Knaben, der gleichfalls städtisch gekleidet war, dessen dürftiger und schon vielfach abgetragener Anzug aber verriet, daß er nur eine dienende Stellung in der Gesellschaft einnahm. Er mochte dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein und war hochaufgeschossen, aber mager und schwächlich. Das reiche, blonde Haar fiel um ein blasses Gesicht, das recht kümmerlich aussah mit seiner krankhaften Farbe und den dunklen Ringen um die Augen. Anziehend waren nur diese großen blauen Augen selbst, die freilich nicht in froher Reise- und Wanderlust strahlten wie die der jungen Dame. Sie hatten im Gegenteil einen recht müden, traurigen Ausdruck und doch leuchteten sie auf, als von der weiten Aussicht droben auf der Höhe die Rede war. Der Knabe war augenscheinlich eines jener armen verkümmerten Stadtkinder, die in engen Straßen und dunklen Höfen aufwachsen, ohne viel Luft und Licht, ohne den Sonnenschein des Lebens. Es mochte wohl das erste Mal sein, daß er hinaus kam in die freie große Bergeswelt. Er warf einen halb fragenden, halb furchtsamen Blick auf den Professor Normann, der gleichmütig sagte: »Natürlich geht der Junge mit, wer soll denn sonst die Sachen tragen?« »Ich bleibe jedenfalls hier,« erklärte Herwig. »Der letzte Teil des Wegs scheint mir doch recht beschwerlich zu sein, und wie ich höre, ist es noch eine volle Stunde bis zum Gipfel. Sie nehmen meine Tochter wohl unter Ihren Schutz, lieber Normann, ich werde Sie hier erwarten.« Die junge Dame schien nicht gerade sehr erbaut von dieser ihr zugewiesenen Begleitung, sie warf das Köpfchen zurück und bemerkte in spöttischem Tone: »Der Herr Professor macht sich ja nichts aus den Bergaussichten.« »Nein, mein Fräulein, ich bin nun einmal nicht angelegt für die Landschaft und ihre Bewunderung,« lautete die ziemlich unverbindliche Erwiderung. Warum reisen Sie dann überhaupt?« »Um naturwissenschaftliche Studien zu machen – zu keinem anderen Zweck.« »Sie brauchen das gar nicht so nachdrücklich zu betonen,« lachte Dora. »Ich habe Sie durchaus nicht im Verdacht, daß Sie auf die Schleierjagd gehen wie der junge Jäger, von dem uns Sepp soeben erzählt; Sie haben es doch gehört?« Der Professor nahm es offenbar übel, daß man sich unterstand, mit ihm zu scherzen; er richtete sich steif in die Höhe. »Wenn Sie noch Vergnügen an Kindermärchen finden, Fräulein Dora – ich vermag dieses Vergnügen leider nicht zu teilen,« versetzte er und schritt zu einem seitwärts gelegenen Felsblock, wo er eine Moosart von dem Gestein löste und aufmerksam betrachtete. »Hu, wie ungnädig!« spottete das junge Mädchen halblaut. »Papa, diesmal hast du wirklich einen recht unliebenswürdigen Reisegefährten aufgefischt.« »Liebenswürdig ist Normann allerdings nicht,« gab Herwig zu. »Er gibt sich sogar redlich Mühe, das Gegenteil zu sein, sobald ein dritter zugegen ist; man muß ihn unter vier Augen haben, um ihn in seinem wahren Wesen kennen zu lernen. Wie ich dir bereits gesagt habe, seine wissenschaftlichen Leistungen sind hochbedeutend und er ist auf dem Wege, eine Berühmtheit in seinem Fache zu werden.« Doras Gesicht verriet deutlich, daß ihr ein unbedeutender, aber lustiger Reisegefährte weit lieber gewesen wäre, als diese unliebenswürdige künftige Berühmtheit; sie verzog schmollend die Lippen. »Daß er sich auch gerade in Schlehdorf ansiedeln mußte, wo wir wohnen! Und wenn er uns wenigstens nur auf den Bergwanderungen allein ließe, aber immer ist er hinter uns und verdirbt mir die ganze schöne Bergwelt mit seinem griesgrämigen Wesen und seinen herzlosen Spöttereien.« Der Vater widersprach nicht, denn er war im Grunde derselben Meinung. Trotz aller Hochschätzung sagte ihm das Wesen Normanns ganz und gar nicht zu, auch ihn verletzte dessen Schroffheit und Formlosigkeit oft genug; aber er konnte doch nichts dagegen einwenden, wenn der Kollege, den er zufällig in Schlehdorf getroffen hatte und mit dem er seit Jahren in regem wissenschaftlichen Verkehr stand, sich ihm anschloß. »Man sieht es ihm an, daß er wenig mit der Welt und den Menschen verkehrt,« sagte er ausweichend. »Er ist eben ein Gelehrter, mein Kind, der nur seine Wissenschaft im Kopfe hat und nicht gewohnt ist, auf andere Rücksicht zu nehmen.« »Nein, wahrhaftig nicht,« lachte Nora. »Und ich wäre in seinen Augen überhaupt gar nicht daseinsberechtigt, wenn ich nicht das Glück hätte, die Tochter meines Vaters zu sein. Ich glaube, er sperrte mich am liebsten in irgend eine Felskluft, und wenn ich vollends lache, sieht er aus, als möchte er mich gleich auf der Stelle mit Haut und Haar verschlingen.« Die letzte Behauptung schien in der That nicht so ganz unbegründet zu sein, denn der Professor, der jetzt zurückkam, machte ein unendlich grimmiges Gesicht, als dies helle frische Mädchenlachen an sein Ohr schlug. Er mochte im Anfang der Vierzig stehen, sah aber weit älter aus, und die finstere Falte auf der hohen Stirn, der herbe Zug um die Lippen verschönten ihn auch nicht besonders. Was ihm aber ein beinahe abschreckendes Ansehen gab, das waren die dichten schwarzen Haare, die ungebändigt und wenig gepflegt um den Kopf starrten wie eine Mähne. Sonst war er eine stattliche, kraftvolle Erscheinung und schien sich trotz angestrengter Geistesarbeit seine volle körperliche Gesundheit bewahrt zu haben. »Ich denke, wir brechen jetzt auf,« sagte er kurz. »Sie wollen also zurückbleiben, Kollege?« »Ja, ich bleibe auf der Alm und plaudere inzwischen mit dem Sepp.« »Viel Vergnügen zu Ihren Volkspoesiestudien! Ich bitte Sie nur, darin auf meine Mitarbeit von vornherein zu verzichten,« versetzte Normann in seiner rücksichtslosen Art. »Vorwärts, Friedet, nimm die Sachen! Ist es gefällig, Fräulein Dora?« Dora nahm Abschied von dem Vater, während Friedel sich mit einer ziemlich schweren Umhängetasche, mit dem Schirm des Professors und verschiedenen anderen Sachen belud; dann schritten die drei über die Matte hin und bald entzog sie der Wald dem Auge des Zurückbleibenden. Der Weg führte nur eine kurze Strecke unter den schattigen, rauschenden Tannen dahin, dann stieg er in vielfachen Windungen steil und schattenlos empor und die Sonne brannte mit immer heißerer Glut. Es war eine ziemlich beschwerliche Bergwanderung; das junge Mädchen freilich überwand sie mühelos, sie stieg leicht und sicher aufwärts, und die braunen Augen strahlten immer heller und freudiger, je weiter und mächtiger sich die Landschaft aufthat. Auch ihr Begleiter verriet keine Spur von Ermüdung, aber es wurde ihm doch heiß bei der ungewohnten Bewegung und er blieb auf einmal stehen. »Da, Friedel, nimm meinen Plaid,« sagte er. Dabei bemerkte er erst, daß Friedel nicht hinter ihm war. »Wo ist denn der Junge geblieben? Ich glaube, er kann schon wieder nicht mit, da unten schleicht er wie eine Schnecke!« Dora war gleichfalls stehen geblieben und sah sich um. »Sie hätten ihn auf der Alm lassen sollen,« erwiderte sie. »Er trägt so mühsam an der schweren Tasche und der Weg ist überhaupt zu beschwerlich für ihn!« »Auf der Alm lassen?« erwiderte Normann, »Wozu habe ich den Jungen denn mitgenommen, doch nicht etwa zu seinem Vergnügen? Die Sachen soll er mir tragen, ich habe keine Lust, mich bei der Hitze damit herumzuschleppen.« »Er ist aber ein Stadtkind und hält das Bergsteigen nicht aus.« »So muß er es lernen! Ein Junge von vierzehn Jahren und nicht steigen können! – Da kommt er endlich, aber in was für einem traurigen Tempo! Vorwärts, Friedel!« Friedel, der in der That eine Strecke zurückgeblieben war, kam jetzt heran. Der Schweiß stand in großen Tropfen auf seiner Stirn, aber das Gesicht war trotz Erhitzung und Anstrengung leichenblaß, und die schmale, kleine Brust keuchte in kurzen, schweren Atemzügen, Trotzdem streckte er gehorsam die Hände aus und nahm den Plaid, den sein Herr ihm zuwarf, in Empfang. Dora aber war nicht gesonnen, diese Mehrbelastung des armen Jungen zu dulden. »Setze dich hin, Friedel, und ruhe dich aus,« ordnete sie in einem sehr nachdrücklichen Tone an. »Du kannst ja nicht weiter. Gib mir den Plaid, ich will dir wenigstens das dicke Tuch abnehmen, wenn es dem Herrn Professor zu schwer ist!« Sie machte wirklich Miene, ihren Vorsatz auszuführen, jetzt aber schien es dem Herrn Professor doch einzuleuchten, daß das nicht ganz schicklich sei. Er riß mit einem unverständlichen Gebrumm dem erschöpften Knaben den Plaid aus der Hand und warf ihn über die Schulter, aber dabei fiel ein bitterböser Blick auf die junge Dame, die sich einen derartigen Eingriff erlaubte und ihm dabei noch eine verhüllte, aber doch recht fühlbare Zurechtweisung gab. »Nun, so ruhe dich aus!« grollte er, »Der Weg ist ja nicht zu verfehlen. Kannst nachkommen, wenn es durchaus nicht anders geht.« Die Erlaubnis wurde im barschesten Tone gegeben. Friedel nahm sie schweigend hin, aber die Art, wie er sich auf einen Stein niederließ, zeigte, daß er in der That nicht weiter konnte, während Normann, der offenbar nicht begriff, daß man von dem »bißchen Bergsteigen« ermüdet sein könne, die kraftvollen Glieder reckte und rüstig weiter stieg. Als er bemerkte, daß seine Begleiterin sich von Zeit zu Zeit besorgt umsah, fragte er spöttisch: »Sie haben den Friedel wohl sehr ins Herz geschlossen?« »Wenigstens habe ich Mitleid mit ihm; es geht dem armen Knaben so hart.« »Hart? Nun, ich dächte, es ginge ihm so gut, wie es einem Jungen in seiner Lage überhaupt gehen kann.« »Halten Sie es für ein Glück, eine Waise zu sein und bei fremden Menschen sein Brot essen zu müssen?« »So? Ist der Friedel elternlos?« sagte der Professor mit einer gewissen Verwunderung. Nora sah ihn erstaunt an. »Das wissen Sie nicht! Und Sie kennen ihn doch seit zwei Jahren, wie er mir erzählte.« »Kennen? Nun ja, ich weiß, daß er im Hinterhause wohnt, daß er jeden Tag kommt, um mir die Stiefel zu putzen, und weil er still und ruhig ist, habe ich ihn mir überhaupt zur persönlichen Bedienung genommen. Meine alte Wirtschafterin schwatzt den ganzen Tag lang, das geht wie ein Mühlwerk vom Morgen bis zum Abend, deshalb darf Sie mir auch nie in das Studierzimmer. Der Friedel weiß, daß er nicht mucksen darf, der thut den Mund nur auf, wenn er gefragt wird, den habe ich mir gezogen!« »Ja, ich merkte etwas von dieser Trappistenerziehung,« spottete das junge Mädchen. »Ich hatte anfangs Mühe genug, ihn zum Reden zu bringen, wenn er so still und traurig neben mir stand und zusah, wie ich malte oder zeichnete. Er ist ja glücklich, wenn er nur zuschauen darf, und dabei verrät er in seinen schüchternen Bemerkungen oft ein ganz merkwürdiges künstlerisches Verständnis.« »Künstlerisches Verständnis!« Normann zuckte verächtlich die Achseln. »Das ist doch nichts als der Reiz der Neuheit, welchen die bunten Farben auf den Jungen ausüben, weil er zu Hause und bei mir dergleichen nicht zu sehen bekommt! Leider ist er wie gebannt an Ihre Staffelei; so oft ich ihn brauche, steckt er drüben in Ihrem Garten und seine ganze Lebensgeschichte scheint er Ihnen auch schon erzählt zu haben. Warum denn nicht, wenn es Ihnen Vergnügen macht! Ich aber habe mehr zu thun, als mich mit meinem Stiefelputzer abzugeben.« Der spöttisch wegwerfende Ton reizte das junge Mädchen vielleicht noch mehr als die Worte selbst. Die sonst so weiche Stimme hatte einen ungewöhnlich herben Klang, als sie erwiderte: »Das wäre auch zu viel verlangt von Ihnen, Herr Professor! Mein Vater aber, der doch auch ein Mann der Wissenschaft ist, hat mir oft gesagt: Man kann in jedem Menschen den Prometheusfunken suchen und finden, den man selbst in der Brust trägt, es gehört nur ein wenig Herz und ein wenig Menschenliebe dazu – darüber verfügt freilich nicht jedermann.« »Oho, das geht auf mich!« rief Normann entrüstet. »Ich bin in Ihren Augen wohl ein herzloses Ungeheuer?« Doras Blick streifte einen Augenblick lang sein Gesicht, dann entgegnete sie mit unverhohlenem Spott: »Wenn Sie sich selbst so nennen – ich hätte es zarter ausgedrückt.« Der Professor war wütend über diese Antwort, Er vermißte wieder einmal gänzlich die Ehrfurcht, die man seinen Jahren und seiner wissenschaftlichen Bedeutung schuldig war. Diese Dora Herwig mißfiel ihm überhaupt gründlich. Man sah es, daß sie das einzige Kind eines überzärtlichen Vaters war, verzogen und verwöhnt in jeder Hinsicht. Dieses naseweise zwanzigjährige Ding hatte nicht die mindeste Hochachtung vor dem Herrn Professor, sondern verkehrte mit ihm völlig auf dem Fuße der Gleichheit, widersprach ihm bei jeder Gelegenheit und nahm sich bisweilen sogar heraus, ihn zurechtzuweisen. Und man konnte nicht einmal grob gegen sie sein, wenigstens nicht in genügendem Maße, weil sie die Tochter eines Kollegen war, den man schätzte und auf den man doch einige Rücksicht nehmen mußte. Norman hatte sich noch niemals so geärgert wie während dieses Aufenthaltes in Schlehdorf, wo er ganz ungestört seinen Studien zu leben gedacht hatte und wo ihm nun dieser Störenfried mit den braunen Augen und dem hellen Lachen die ganze Stimmung verdarb. Wie oft hatte er sich schon vorgenommen, lieber den Kollegen und die naturwissenschaftlichen Gespräche fahren zu lassen, als sich Tag für Tag so weiter zu ärgern; aber sobald Herwig mit seiner Tochter eine Bergwanderung unternahm, war er immer wieder da und ärgerte sich immer wieder von neuem. Der arme Friedel litt natürlich am meisten unter dieser üblen Laune seines Herrn und Gebieters, und er mußte auch jetzt als Blitzableiter dienen bei dem Gewitter, welches die letzte Aeußerung der jungen Dame heraufbeschworen hatte. Der Knabe hatte nur etwa zehn Minuten lang ausgeruht und sich dann wieder auf den Weg gemacht. Man sah es von oben, wie er hastete, um die Vorausgegangenen zu erreichen. Jetzt schlug er plötzlich einen schmalen, aber sehr steilen Felspfad ein, der eine große Biegung des eigentlichen Weges abschnitt. Das erregte nun aber erst recht den Zorn des Professors. »Was fallt denn dem Jungen ein, da hinaufzuklettern!« wetterte er. »Das soll er doch den Ziegen und den Hirtenbuben überlassen. Friedel! Er hört nicht! Nun, meinetwegen, wenn du's nicht besser haben willst –« »Friedel, nicht da hinauf!« rief auch Dora und winkte abwehrend, aber der Knabe mißverstand entweder den Zuruf, oder er scheute den noch gefährlicheren Rückweg, denn es war in der That eine bloße Felsrinne, in der er schon ziemlich weit an der jähen Wand emporgestiegen war. Genug, er klomm weiter aufwärts. »Er klettert bei alledem gar nicht so übel,« meinte Normann, der stehen geblieben war. »Und schwindelfrei scheint er auch zu sein. Es ist immerhin ein tollkühnes Stück, den Steig da zu versuchen, ich hätte es ihm kaum zugetraut, dem Duckmäuser,« »Friedel ist kein Duckmäuser,« sagte Dora ruhig. »Er ist nur verschüchtert, ein armes, kränkliches Kind, das verkommen wird in dem elenden Leben bei den harten Pflegeeltern. Ich ließe das sicher nicht zu, wenn ich ihn nur bei uns in Heidelberg hätte.« »Da würden Sie der Menschheit einen rechten Dienst erweisen, wenn Sie ihr ein solches Trauerpflänzchen erhielten,« versetzte der Professor, ohne den Vorwurf zu bemerken, der in den letzten Worten lag. »Aber Herr Professor!« Der Ausruf klang voller Entrüstung, doch Normann fuhr gleichmütig fort: »Nun ja, ist es etwa ein Glück für die Menschheit, wenn einem Jammerwesen, das nicht für das Leben taugt, dies Leben noch so und so lange gefristet wird? Sehen Sie sich den Jungen doch nur an! Der ist ein Schwindsuchtskandidat, Der wird nie die Arme ordentlich zur Arbeit rühren können, worauf er doch angewiesen ist. Das schleppt sich elend durch das armselige Dasein, ist sich und anderen eine Last und verkommt schließlich doch. Da ist es doch wahrhaftig besser, daß es je eher je lieber zu Grunde geht! – Ja, mein Fräulein, Sie brauchen mich gar nicht so entrüstet anzusehen, es ist mein voller Ernst, Sie stehen natürlich auf dem Standpunkte der sogenannten Menschenliebe, das ist recht hübsch, recht bequem, aber leider meistenteils recht unvernünftig. Es gibt noch einen höheren Standpunkt, der sich nicht mit schönen Empfindungen und Redensarten abgibt, sondern vernünftige Schlüsse zieht. Er ist freilich nichts für Frauen, die werden sich nie dazu erheben –« »Nein, das werden sie nie – Gott sei Dank!« fiel Dora ihm in das Wort. Ihr Antlitz war purpurrot und die sonst so lachenden Augen flammten in leidenschaftlicher Erregung. »Gott sei Dank!« wiederholte sie noch heftiger. »Denn eine Frau, die ein armes, verlassenes Menschenkind, dem sie vielleicht noch helfen könnte, ruhig vor ihren Augen verkommen sieht, weil sie vernünftige Schlüsse zieht und auf einem höheren Standpunkte steht als auf dem der ›sogenannten Menschenliebe‹, die verdiente – einen Mann wie Sie, Herr Professor!« Professor Normann war anfangs ganz starr vor Ueberraschung bei diesem Ausfall. Er war es bisher nur gewohnt, Grobheiten auszuteilen, und nun mußte er auch einmal eine echte, unverfälschte Grobheit in Empfang nehmen und noch dazu aus dem rosigen Munde eines jungen Mädchens. Das nötigte ihm bei alledem eine gewisse Hochachtung ab, so unangenehm es ihn traf. Und dabei sah das Mädchen so bildhübsch aus mit dem heißgeröteten Gesicht und den blitzenden Augen – es war, um aus der Haut zu fahren! »Das ist also das Schlimmste, was Sie einer Frau wünschen können, – mich zum Mann?« brach er endlich los. »Recht schmeichelhaft für mich, aber seien Sie nur unbesorgt, mein Fräulein, das Unglück passiert keiner Ihres Geschlechtes. Halten Sie mich nur für ein Ungeheuer, ich sage Ihnen noch einmal, ich halte gar nichts von der sogenannten Menschenliebe, ganz und gar nichts. Wie die Welt und das Leben nun einmal beschaffen sind, können wir nur gesunde, kraftvolle Menschen brauchen, keine Schwächlinge, die man mühsam aufpäppelt und die dann doch nichts leisten können. Was nicht lebenskräftig ist, dem ist auch besser, nicht zu leben! Das lehrt uns die Natur, die Wissenschaft, die Vernunft, das sehen wir überhaupt –« Er hielt inne, denn ein schwacher Angstruf, dem ein lauter Aufschrei Doras folgte, unterbrach die Auseinandersetzung. Friedel hatte bereits den größten Teil des gefährlichen Weges zurückgelegt und setzte eben den Fuß auf einen Stein, als dieser plötzlich unter seinen Tritten wich, – der Knabe strauchelte, fiel und glitt dann unaufhaltsam abwärts. Wohl klammerte er sich im Sturze noch an ein Felsengesträuch, das die schmächtige Gestalt allein vielleicht festgehalten und getragen hätte, aber die schwere Tasche hatte bei dem jähen Falle die rettenden Zweige geknickt und zog ihn unaufhaltsam nieder. Nur einen Augenblick lang hing er dort an der Wand, dann verlor er den Halt und verschwand in der Tiefe. Dora Herwig war ein mutiges, entschlossenes Mädchen. Wohl stand sie eine Minute lang starr vor Entsetzen bei dem Unglück, das sich so unmittelbar unter ihren Augen zutrug, dann aber hielt sie sich nicht mit nutzlosen Angst- und Schreckensrufen auf, sondern setzte ihren Bergstock ein und begann den Weg, den sie eben zurückgelegt hatte, so rasch wie möglich wieder abwärts zu steigen. Nach ihrem Begleiter sah sie sich dabei gar nicht um, denn von ihm erwartete sie keine Hilfe. Aber da hemmte ein höchst unerwarteter Anblick ihre Schritte. An ihr vorüber sauste Professor Normann auf demselben steilen Felspfade, den er vorhin als halsbrechend bezeichnet hatte und der dem armen Friedel so verhängnisvoll geworden war. Der Weg war natürlich beim Abstieg noch weit gefährlicher als beim Emporklimmen, besonders wenn man diesen Abstieg in so tollkühner Weise unternahm wie der Professor. Er sprang, kletterte, rutschte, wie es gerade kam, als ginge es auf Tod und Leben, und verschwand gleichfalls vor den Augen des jungen Mädchens in der Tiefe. Als Dora endlich atemlos unten anlangte und nach dem Gestürzten spähte, sah sie, daß ihre schlimmste Befürchtung sich nicht bestätigte. Friedel war nicht in die eigentliche Tiefe gestürzt, sondern lag auf dem Wege selbst. Nur wenige Schritte seitwärts und der Abgrund hätte ihn zerschmettert aufgenommen, aber auch jetzt war der Anblick bedenklich genug. Der Knabe lag totenbleich und regungslos da, während von seiner Stirn das Blut niederrieselte und der Professor sich mit hastigen, ungeschickten Hilfeleistungen um ihn bemühte. »Ich glaube, der Junge ist tot,« sagte er in einem eigentümlich dumpfen Tone. »So ziehen Sie ihn doch vor allen Dingen seitwärts,« rief Dora heftig. »Er liegt ja dicht am Abhang und kann bei der ersten Bewegung von neuem stürzen.« Normann gehorchte. Er hob den Knaben auf und trug ihn seitwärts, dann stand er stumm da und blickte auf ihn nieder. Er hatte in dem Kleinen bisher nur den Diener gesehen, der regelmäßig und geräuschlos die gewohnten Dienste verrichtete und ihm bequem war, weil er ihn nicht in der Arbeit störte, und jetzt lag ein blutendes Kind vor ihm, leblos, mit geschlossenen Augen und dem scharf und deutlich ausgeprägten Leidenszug in dem blassen Gesichtchen. Das war ihm ganz neu. Er sah mit einer Art von hilfloser Bestürzung seine junge Begleiterin an, die ihm zurief: »So, nun geben Sie Ihre Feldflasche her! Wir wollen versuchen, ihm Wein einzuflößen, oder ihm wenigstens die Schläfe damit reiben. Legen Sie ihm den Plaid unter den Kopf – so! Vielleicht ist er nur ohnmächtig vom Sturze.« Sie kniete nieder und suchte mit ihrem Taschentuche das reichlich hervorquellende Blut zu stillen; auch der Professor zog das seinige hervor, aber er hatte wahrscheinlich noch niemals in seinem Leben jemand solchen Beistand geleistet, denn er benahm sich dabei in der ungeschicktesten Weise. Zunächst goß er die Hälfte seiner bis an den Rand gefüllten Feldflasche über den Bewußtlosen aus, und als das nicht helfen wollte, faßte er ihn bei den Schultern und begann ihn derb zu schütteln, wobei er in halb angstvoller, halb zorniger Weise seinen Namen rief. Nora wollte unwillig auffahren, aber diese merkwürdige Behandlung hatte trotz alledem Erfolg. Friedel machte eine matte Bewegung und schlug gleich darauf die Augen auf. Er versuchte zu lächeln, als er das Fräulein erkannte, und griff mit der Hand nach der blutenden Stirn. »Bleib ruhig, Friedel,« ermahnte das junge Mädchen. »Rühre dich einstweilen nicht! Schmerzt es sehr?« Damit warf sie ihr eigenes blutgetränktes Taschentuch beiseite und ergriff das des Professors, mit dem sie einen notdürftigen Verband herstellte. »Ich weiß nicht,« sagte Friedet matt. »Es blutet ja – ich bin wohl gestürzt?« »Natürlich!« rief Normann, der seine innere Erleichterung sofort wieder mit Barschheit verdeckte. »Kopfüber bist du die Felswand heruntergeschossen und wir haben nachklettern müssen.« »Ich konnte wirklich nichts dafür,« entschuldigte sich Friedet, »der Stein brach los und die Tasche –« »Ungeschickt bist du gewesen!« fuhr ihn der Professor an, gab jedoch dabei der seitwärts liegenden Tasche einen nachdrücklichen Fußtritt; plötzlich aber hob er ohne weiteres den Knaben empor und stellte ihn auf die Beine. »Kannst du stehen? Jetzt hebe einmal den Arm! Nun, gebrochen wenigstens ist nichts und das Loch im Kopfe wird auch heilen. – Da wird er schon wieder ohnmächtig! Solch ein Jammerwesen!« Er fing den Sinkenden noch rechtzeitig auf und legte ihn nieder. Jetzt aber schritt Dora ein und verbat sich nachdrücklich diese Behandlung. »Ueberlassen Sie mir den Friedel,« sagte sie in gereiztem Tone, »Ihre sogenannten Hilfeleistungen sind ja schlimmer als der Sturz vom Felsen. Haben Sie wenigstens die Güte, nach der Alm vorauszugehen und ein paar Leute herzusenden, die den armen Jungen tragen, denn daß er nicht gehen kann, sehen Sie doch hoffentlich ein,« Normann blickte auf den Knaben nieder, der sich unter Doras Bemühungen schon nach wenigen Minuten wieder erholte, und schüttelte unwirsch den Kopf. »Damit er noch dazu den Sonnenstich bekommt,« brummte er. »Hier in der Nähe ist ja nirgends ein Schattenplatz zu finden, und ehe jemand von der Alm kommt, vergeht eine Stunde – da trage ich ihn lieber selbst.« Dora sah ihn in wortlosem Erstaunen an. Es war freilich das beste, wenn der kaum notdürftig verbundene Knabe so bald als möglich nach der Alm geschafft wurde, wo man ihm die nötige Hilfe leisten konnte, daß aber Professor Normann sich selbst dazu erbot, erschien ihr doch sehr sonderbar. Dieser wartete übrigens gar nicht ihre Antwort ab, sondern hob den Knaben von neuem empor; die empfangene Zurechtweisung schien indessen doch gefruchtet zu haben, denn es war eine merkwürdig schonende und vorsichtige Bewegung, mit der er ihn in die Arme nahm, während seine Stimme schon wieder sehr befehlshaberisch klang. »Jetzt legst du den Kopf an meine Schulter und rührst dich nicht – so! Und nun kannst du zum drittenmal ohnmächtig werden, wenn es dir Vergnügen macht!« Er trat mit dem Knaben in den Armen den Rückweg an, während Dora folgte. Die schmächtige Gestalt Friedels war keine schwere Last, aber auf dem steilen, schattenlosen Bergwege, auf welchen die Sonne in voller Mittagsglut niederbrannte, machte sie sich doch sehr fühlbar, zumal für den Herrn Professor, der nicht gewohnt war, irgend etwas zu tragen. Jetzt keuchte er und verlor den Atem, jetzt rann ihm der Schweiß in Strömen von der Stirn. Er ging zwar unverdrossen weiter, aber sie wurde ihm doch blutsauer, diese erste Leistung im Dienste der »sogenannten Menschenliebe«. Die Wohnung des Professors Herwig in Schlehdorf war ziemlich einfach, wie man es in dem kleinen Bergorte nicht anders erwarten konnte, und ließ manche der gewohnten Bequemlichkeiten vermissen, aber das Häuschen war freundlich und sauber und hatte die volle Aussicht auf das Gebirge. Ein kleiner Garten trennte es von dem Nebenhause, wo sich Professor Normann angesiedelt hatte, und selbstverständlich verkehrte man bei der nahen Nachbarschaft täglich miteinander. In dem großen, zu ebener Erde gelegenen Zimmer, das Herwig bewohnte, saßen die beiden Herren in angelegentlichem Gespräche und hatten sich so darin vertieft, daß sie weder den schönen Sonnenuntergang noch den Gesang beachteten, der durch das offene Fenster hereindrang. Draußen in der Laube saß Dora und bemühte sich, dem Friedel einige Lieder beizubringen. Er schien auch ein gelehriger Schüler zu sein, denn er sang mit schwacher, aber vollkommen reiner Stimme die Melodie nach, die er schnell begriff. »Wie ich Ihnen sage,« schloß Herwig soeben eine längere Auseinandersetzung. »Professor Welten geht im nächsten Frühjahr nach Wien; die Verhandlungen schweben augenblicklich noch, aber er wird jedenfalls annehmen. Ich weiß aus bester Quelle, daß man Sie sehr gern für unsere Universität gewinnen möchte, allein Sie hatten ja bisher eine entschiedene Abneigung gegen jede umfangreichere Lehrtätigkeit und wollten sich nicht binden.« »Ja – bisher!« sagte Normann mit einer gewissen Verlegenheit, die seinem Kollegen aber vollständig entging, denn dieser fuhr lebhaft fort: »Ich hoffe, Sie nun endlich umgestimmt zu haben. Glauben Sie mir, es ist doch ein erhebendes Wirken vom Lehrstuhl aus, und wir brauchen eine jüngere tüchtige Kraft, wenn Welten uns verläßt. Ich zweifelte nur bisher, ob Sie eine etwaige Berufung annehmen würden, denn – der Gesang da draußen stört Sie wohl? Dora hätte sich auch einen anderen Platz dazu aussuchen können! Wir wollen das Fenster schließen.« Er machte eine Bewegung nach dem Fenster hin, denn er hatte bemerkt, daß Normann, anstatt auf ihn zu hören, unausgesetzt dorthin blickte. Aber wie ein Stoßvogel schoß der Professor herbei und stellte sich davor. »Wozu denn? Ich höre gar nicht darauf – es ist doch etwas heiß im Zimmer!« »Nun, wie Sie wollen,« sagte Herwig. »Was also unser Heidelberg betrifft, so sind Ihnen die akademischen Verhältnisse ja hinreichend bekannt, die gesellschaftlichen Kreise sind sehr angenehm und die schöne Lage der Stadt kommt doch auch in Betracht bei einer etwaigen Uebersiedlung.« »Ich gehe nie in Gesellschaft,« erklärte Normann in seiner gewohnten Schroffheit. »Und aus der Lage mache ich mir gar nichts. Sie wissen ja, ich bin nicht angelegt für Landschaften.« »Ja, das weiß ich und habe es auch aufgegeben, Sie zu bekehren – aber Dora, was soll denn das? Hören Sie nur, das übermütige Mädchen hat jedenfalls Ihre letzten Worte gehört und macht sich lustig über Sie!« Dora hatte in der That ein angefangenes Lied in der Mitte abgebrochen und urplötzlich ein anderes angestimmt. Sie besaß eine etwas verschleierte, aber liebliche Stimme, und durch die Abendstille ringsum klang es weich und lockend: »Alt Heidelberg, du feine, Du Stadt an Ehren reich, Am Neckar und am Rheine, Kein' andre kommt dir gleich.« Bei der zweiten Strophe fiel Friedel ein, noch etwas schüchtern und unsicher, aber die Melodie wurde ihm schnell geläufig und den dritten Vers sang er tapfer mit. »Ja, Fräulein Dora scheint förmlich etwas darin zu suchen, mir bei jeder Gelegenheit einen Possen zu spielen,« sagte Normann in grollendem Tone. »Den Friedel hat sie mir überhaupt fortgenommen und thut, als wäre er ihr ausschließliches Eigentum. Ich bekomme den Jungen gar nicht mehr zu Gesicht! Und jetzt lehrt sie ihn gar singen – singen, weil sie weiß, daß ich das nicht leiden kann. Aber gnade ihm Gott, wenn er sich einfallen läßt, bei mir zu singen!« Indessen stand der Herr Professor trotz aller Entrüstung unverrückbar am Fenster, um den ihm bereiteten Aerger recht gründlich zu genießen. Herwig geriet in einige Verlegenheit, denn die Beschwerde war wirklich nicht ganz unbegründet. Dora stand mit seinem Kollegen nun einmal auf dem Kriegsfuße und ließ sich durchaus nicht zu der schuldigen Ehrfurcht bewegen. Selbst der Vater richtete mit seinen Ermahnungen nichts aus, und auch jetzt zuckte er nur die Achseln. »Sie müssen Nachsicht mit dem Uebermut haben. Ich gebe ja zu, daß meine Tochter etwas verzogen und eigenwillig ist. Sie hat früh die Mutter verloren und weiß nur zu gut, daß sie die erste Stelle im Herzen und im Hause des Vaters einnimmt, wo sie die Hausfrau vertritt. In der Gesellschaft wird sie nun vollends verwöhnt, die Studenten machen ihr eifrig den Hof und die jüngeren Dozenten thun das auch, zum Teil wohl mit ernsteren Absichten, Da bildet sich solch ein junges Ding ein, es dürfe mit aller Welt spielen, und vergißt bisweilen, was es einem Manne von Ihren Jahren und Ihrer Bedeutung schuldig ist,« Die gutgemeinte Entschuldigung hatte nicht die beabsichtigte Wirkung. Herr Professor Normann verzog den Mund, als gäbe man ihm etwas sehr Bitteres zu kosten. »Von meinen Jahren?« wiederholte er gedehnt. »Für wie alt halten Sie mich denn eigentlich?« »Ich denke, Sie werden in der Mitte der Vierzig stehen.« »Bitte, ich bin erst neununddreißig!« »Nun, nehmen Sie es mir nicht übel,« lachte Herwig. »Sie sehen wirklich älter aus. Aber das darf Ihnen gleichgültig sein, in der Wissenschaft zählen Sie unbedingt noch zu den Jüngeren.« Das Gespräch wurde hier unterbrochen; die Hauswirtin trat ein und berichtete, der Kutscher, der den Herrn Professor und das Fräulein morgen nach der Bahn bringen solle, sei da und möchte wegen der Abfahrtszeit und des Gepäckes noch mit den Herrschaften reden. »Ich werde wohl selbst mit dem Manne sprechen müssen,« meinte Herwig, indem er aufstand. »Wir sehen uns ja noch vor der Abreise, lieber Kollege, Sie werden froh sein, wenn Sie die unruhige Nachbarschaft endlich los sind!« Der Herr Kollege war so unhöflich, nicht zu widersprechen, aber er sah nicht gerade besonders froh aus, als er sich gleichfalls erhob und das Zimmer verließ; er schien im Gegenteil recht übler Laune zu sein, trotzdem die ersehnte Ruhe und Stille nun in sicherer Aussicht stand. Draußen in der Laube saß Dora und ordnete ihre Skizzen und Zeichnungen, die während des Aufenthaltes in Schlehdorf entstanden waren und nun eingepackt werden sollten. Es waren einige Landschaften in Wasserfarben und einige Studienköpfe darunter, und die sämtlichen Arbeiten verrieten zwar keine hervorragende künstlerische Begabung, aber doch ein hübsches, frisches Talent. Friedel legte die einzelnen Blätter in die Mappe und verschlang sie dabei fast mit den Augen. Er trug noch eine breite, frische Narbe auf der Stirn, ein Erinnerungszeichen an jenen Sturz vom Felsen, sonst aber hatte er sich merkwürdig verändert in den letzten vier Wochen. Seine Haltung war freier und kräftiger, sein Aussehen frischer geworden, und statt der krankhaft bleichen Farbe zeigte sich bereits eine leise Röte auf seinen Wangen. Die dunklen Ränder um die Augen waren verschwunden, ebenso wie das Scheue, Gedrückte in seinem Wesen. Er trug auch nicht mehr die dürftige, abgetragene Kleidung, die er mitgebracht hatte, sondern einen nagelneuen Anzug, und die Joppe mit den grünen Aufschlägen und das Lodenhütchen standen ihm allerliebst, man sah es jetzt erst, daß der Friedel eigentlich ein sehr hübscher Junge war. Das arme, verkümmerte Stadtkind, das zum erstenmal die frische Bergesluft hatte atmen dürfen, zum erstenmal Freiheit und Freude kennen gelernt hatte, war förmlich aufgeblüht bei dieser heilkräftigen Arznei. In das muntere Geplauder, das Dora mit ihrem Schützling führte, kam der Herr Professor wie ein Ungewitter hineingefahren und störte die ganze Gemütlichkeit. »Hast du denn ganz vergessen, daß es sieben Uhr ist?« schalt er. »Deine Abendmilch sollst du trinken, pünktlich soll sie getrunken werden! Da nahm ich den Jungen auf das unnütze Drängen des Doktors hin mit in die Berge, damit er ein menschliches Aussehen bekommen soll, und nun sitzt er da und guckt Bilder an, statt seine Milch zu trinken, um dann natürlich als das gleiche Jammerwesen nach Hause zurückzukehren. Auf der Stelle gehst du nach dem Kuhstall!« Dora hatte erstaunt zugehört. »Aber Herr Professor,« rief sie, »das klingt ja fast nach der dummen Menschenliebe, die Sie jüngst so verurteilt haben! – Geh nur, Friedel,« fuhr sie fort, »ich werde schon allein fertig. Da nimm meinen Hut mit und trage ihn in das Haus!« Der Knabe warf einen wehmütigen Abschiedsblick auf die Zeichnungen, die er gar zu gern noch einmal angesehen hätte, aber er gehorchte, nahm den Hut – es war das Filzhütchen mit dem blauen Schleier, das Dora stets auf den Bergwanderungen getragen hatte – und trottete davon. Das junge Mädchen sah ihm nach und fragte dann den Professor: »Finden Sie nicht, daß der Friedel sich merkwürdig erholt hat in den vier Wochen?« »Das finde ich gar nicht merkwürdig,« versetzte Normann. »Der Junge wird ja gepäppelt und verhätschelt und verwöhnt wie ein Prinz. Und einen neuen Anzug habe ich ihm auch kaufen müssen, der ein Heidengeld kostet!« »Er sieht aber so hübsch darin aus! Uebrigens bat ich nur ganz bescheiden um ein neues Jäckchen, da kauften Sie den ganzen Anzug und noch dazu vom teuersten Stoff,« »Weil ich mich schämte, daß der Junge in seinen Lumpen den ganzen Tag mit uns herumläuft. Sie nehmen ihn ja überall mit, es geht gar nicht mehr ohne ihn, und dabei trägt er höchstens Ihre Skizzenmappe, weil er sich beileibe nicht anstrengen soll. Ich muß mir meine Sachen selber tragen, ich werde überhaupt gar nicht mehr gefragt, eine förmliche Tyrannei wird über mich ausgeübt.« »Friedel befindet sich aber sehr gut bei dieser Tyrannei,« sagte Nora ruhig, »und Sie auch, Herr Professor.« »Bitte, ich befinde mich sehr schlecht dabei, denn der Junge wird mir in Grund und Boden verdorben. Ich hatte ihn mir so schön angelernt. Er wagte früher in meinem Zimmer nicht den Mund aufzuthun, – jetzt schwatzt er nur so drauf los, fängt sogar an, aufzumucken. Bei jeder Gelegenheit bekomme ich zu hören: Fräulein Dora mag das aber nicht! Fräulein Dora will das aber so haben! Und dann thut er natürlich, was das gnädige Fräulein will, und kümmert sich den Kuckuck um mich und meine Befehle.« »Ja, warum lassen Sie sich das gefallen?« fragte Dora. »Ich thäte es eben nicht an Ihrer Stelle!« Dabei nahm sie ihren Sonnenschirm von der Bank und lehnte ihn seitwärts an das Holzgitter. »Ja, warum lasse ich mir das eigentlich gefallen?« wiederholte Normann in hochgradiger Entrüstung und nahm schleunigst den leer gewordenen Platz auf der Bank ein. »Sie kümmern sich ja gar nicht um meinen Widerspruch.« »Nein, und ich leide es auch nicht, daß der Friedel wieder zur Maschine gemacht wird wie früher. Was gedenken Sie denn eigentlich mit ihm anzufangen, wenn Sie wieder in der Stadt sind?« »Die Stiefel soll er mir putzen!« erklärte der Professor mit grimmigem Behagen. »Oder glauben Sie etwa, daß ich ihn so weiter verhätscheln werde wie Sie, mein Fräulein? Schwindsüchtig ist er nicht, nur verkümmert, hat der Arzt gesagt, er braucht nur Luft, Bewegung, kräftige Kost. Nun, die hat er jetzt, und wenn er dabei gesund wird, um so besser für ihn! Dann aber ist es zu Ende mit dem Herrenleben, dann muß er wieder Stiefel putzen, vom Morgen bis zum Abend.« »Haben Sie denn eine so unendliche Menge Stiefel?« rief das junge Mädchen und brach in ein helles Gelächter aus, das den Professor vollends zur Verzweiflung brachte. »Lachen Sie nicht, Fräulein Dora,« sagte er zornig. »Ich muß dringend bitten, daß Sie mich nicht auslachen, mich –« »Den Professor Julius Normann, die Leuchte der Wissenschaft, die so viele Stiefel besitzt, daß man vom Morgen bis zum Abend daran zu putzen hat,« ergänzte Dora und lachte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. »Das möchte doch über die Kräfte des armen Friedel gehen, und ich wollte Ihnen auch ohnedies einen ganz anderen Vorschlag machen.« »Soll der Junge etwa Opernsänger werden?« fragte Normann boshaft. »Oder soll ich ihn studieren lassen, damit er dereinst auch eine Leuchte der Wissenschaft wird?« »Das gerade nicht, aber Aehnliches. Sehen Sie sich einmal dies an – Friedels erste künstlerische Leistung!« Dora zog aus der Mappe ein einzelnes Blatt hervor und reichte es dem Professor, der es sehr mißtrauisch in Empfang nahm. Aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, so fuhr er in heller Wut auf. »O dieser infame Schlingel, das ist also seine Dankbarkeit! Jetzt zeichnet er mich als Vogelscheuche. Nun, der kann sich freuen, wenn er mir unter die Hände gerät!« Um die Lippen der jungen Dame zuckte es von neuem bei diesem Wutausbruche, aber sie bemühte sich, diesmal ernst zu bleiben. »Ah, Sie erkennen also doch das Bild?« »Natürlich, es ist ja sprechend ähnlich. Aber das hat er Friedel nun und nimmermehr allein gemacht, dabei haben Sie ihm geholfen.« »Ich habe auch nicht einen Strich daran gezeichnet, er hat es ganz heimlich gethan und wollte mir das Blatt durchaus nicht geben, als ich ihn dabei überraschte. So sehen Sie aus, wenn Sie übler Laune sind, und das sind Sie eigentlich immer.« Das war dem Professor zu viel, er sprang auf. »Was, so soll ich aussehen? Bin ich ein Popanz, mit dem man die kleinen Kinder zu Bette jagt? Habe ich eine solche Nase, eine solche Urwaldsmähne?« »Die Nase ist allerdings etwas zu groß geraten, aber Stirn und Augen sind vorzüglich getroffen, und Ihr Haarwuchs – Sie sehen wohl nie in den Spiegel, Herr Professor?« »Nein!« schnaubte Normann, der immer erregter wurde, je mehr er das Bild anblickte, das allerdings nicht besonders schmeichelhaft war. »Nun, dann thun Sie es morgen und dann lassen Sie dem Friedel Gerechtigkeit widerfahren! Bei Ihrer Urwaldsmähne – bitte, das Wort stammt von Ihnen – hat er wirklich nicht übertrieben, die ist naturgetreu.« »Soll ich sie vielleicht abschneiden und mit geschorenem Kopfe umherlaufen wie ein Sträfling?« »Nein, Sie sollen es vorläufig nur mit etwas Haaröl versuchen, vielleicht würden Sie dann menschlicher aussehen.« Der Professor fuhr mit beiden Händen durch die Haare. »Ich sehe also unmenschlich aus? Unmenschlich! Meinten Sie das, Fräulein Dora?« »Ganz unmenschlich, Herr Professor,« sagte Dora kaltblütig, »und nun geben Sie mir das Bild zurück!« »Erst will ich es dem Jungen um die Ohren schlagen,« erklärte Normann, aber die junge Dame verhinderte ihn an dieser freundlichen Absicht, indem sie ihm das Blatt einfach fortnahm und es in die Mappe legte. »Bitte, ich nehme es mit nach Heidelberg und zeige es meinem Lehrer, der einer unserer angesehensten Maler ist. Ich weiß freilich im voraus, was er sagen wird! »Wenn der Knabe das wirklich ohne jeden Unterricht, ohne die geringste Anleitung gezeichnet hat, dann ist er ein gottbegnadetes Talent, das man fördern muß.«« »Oho, also darauf läuft es hinaus?« rief der Professor, dem jetzt in der That ein Licht aufging. »Einen Maler wollen Sie aus dem Jungen machen, weil er mit Bleistift irgend etwas hingekritzelt und mich zur Vogelscheuche gemacht hat! Sie denken es sich wohl sehr romantisch, so ein ›gottbegnadetes Talent‹ in Lumpen zu entdecken und der Welt einen modernen Raffael zu geben, junge Damen denken sich das immer so. Das ist ja so rührend, so menschenfreundlich, so erhaben – der Kuckuck hole all die schönen Gefühle, mit denen so viel Unheil angerichtet wird in der Welt. Ich, das wissen Sie –« »Ja, Sie stehen natürlich wieder auf dem höheren Standpunkte,« unterbrach ihn Dora. »Sie halten gar nichts von der sogenannten Menschenliebe, das weiß ich.« »Und darum leide ich es nicht, daß dem Jungen Mucken in den Kopf gesetzt werden,« erklärte Normann, den der Spott vollends reizte. »Da soll er wohl gar Zeichenunterricht haben, soll sich einbilden, er könne ein großer Maler werden, sich an ein Herrenleben gewöhnen, und dann wird schließlich nichts daraus, dann bleibt er mit seinem sogenannten Talente elendiglich sitzen oder wird Stubenmaler, und dann ist er erst recht unglücklich, denn die Mucken gehen nicht so leicht wieder aus dem Kopfe, wenn sie erst einmal drin sind. Nein, mein Fräulein, daraus wird nichts! Sie nennen es wahrscheinlich auch Menschenliebe, solch einen Burschen ohne weiteres seinem Lebenskreise zu entreißen und ihn aufs Geratewohl in einen anderen zu versetzen, ich sage Ihnen, das ist ein Unglück für ihn, und diesmal stehe ich ganz entschieden auf dem höheren Standpunkte, ganz entschieden.« Die Entschiedenheit half dem Herrn Professor vorläufig sehr wenig. Dora schloß die Mappe und sagte dann so gelassen, als habe sie die freundlichste Zustimmung gefunden: »Mein Urteil ist natürlich nicht maßgebend, aber wenn mein Lehrer es bestätigt, so muß irgend etwas für Friedel geschehen. Mein Vater ist leider nicht reich genug, um solche Opfer zu bringen, Sie sind vermögend, also müssen Sie es thun.« »Ich muß?« wiederholte Normann, ganz starr über diese Wirkung seiner hitzigen Erklärung. »Also weil Kollege Herwig die Dummheit nicht machen kann, muß ich sie machen? Das ist ganz selbstverständlich? Aber da irren Sie sich denn doch, mein Fräulein. Der Friedel ist ein Taglöhnerkind und muß sich durch die Welt schlagen, wie alle seinesgleichen es thun, der bleibt beim Stiefelputzen – Punktum!« Er setzte sich mit einem hörbaren Ruck auf die Bank nieder, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, und dachte mm mit diesem »Punktum!« fertig zu sein; aber er unterschätzte seine jugendliche Gegnerin, die plötzlich den Gegenstand fallen ließ und ganz unvermittelt fragte: »Herr Professor, haben Sie einen Garten bei Ihrer Wohnung?« »Ich? Nein, ich wohne ja mitten in der Stadt,« sagte Normann verwundert über diese Frage. »Wir haben einen großen schönen Garten in Heidelberg. Er liegt am Bergeshang, und man sieht weit hinaus in das Neckarthal. Der letzte Winter war sehr hart, und bei dem strengen Frost sind so manche von unseren Blumen und Gesträuchen zu Grunde gegangen. Sie lagen ausgerodet auf einem Haufen und sollten gerade fortgeschafft werden, als ich eines Morgens herunterkam. Da gewahrte ich mitten unter all dem dürren Gestrüpp ein paar dürftige grüne Blättchen. Es war ein kleiner Rosenstrauch, der so traurig hervorlugte aus den vertrockneten Reisern, wo er nun auch verkommen sollte. Ich zog ihn hervor und brachte ihn unserem alten Gärtner, der gerade die Rosengebüsche umpflanzte; doch der lachte mich aus und meinte, das Ding sei ganz erfroren und blühe nicht mehr, ich solle es nur in den Kehricht werfen. Aber mir that das arme Ding leid, das sich so gemüht hatte, auch ein paar armselige Blättchen zu treiben im ersten Frühlingssonnenschein und das nun doch vertrocknen und verderben sollte, während all seine Kameraden so lustig grünten. Ich pflanzte es selbst an den sonnigsten Platz und begoß es täglich. Es kränkelte wohl noch wochenlang und wollte nicht gedeihen, doch auf einmal fing es an zu treiben und grünte und wuchs, und zur Blütezeit stand es über und über voll Rosen.« Die sonst so helle Stimme des jungen Mädchens klang jetzt weich und verschleiert und die klaren braunen Augen blickten eigentümlich ernst in die des Professors, der keine Silbe erwiderte, aber sie unverwandt ansah. Nach einem minutenlangen Schweigen fuhr Dora leise fort: »Wenn ich in die hübschen blauen Augen des Friedel sehe, wie sie aufleuchten, sobald er nur irgend etwas vom Malen sieht oder hört, dann muß ich immer an meinen kleinen Pflegling denken mit seinen ersten dürftigen Trieben und seiner Rosenpracht.« Es trat wieder eine Pause ein, dann sagte Normann mit merkwürdig verändertem Tone: »Hm! Ich werde mir die Geschichte überlegen.« Dora stand auf und nahm ihre Skizzenmappe. »Thun Sie das, Herr Professor! Ich habe heute ein sehr, sehr grimmiges »Punktum« in Empfang genommen, ich will durchaus morgen ein ebenso grimmiges »Ja« mit auf die Reise nehmen – gute Nacht!« Und nun erklang es wieder, das frische, übermütige Lachen, das den Professor so oft geärgert hatte und dem er doch lauschte wie einer Musik, und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte das Mädchen davon und verschwand im Hause. Normann sah ihr einige Minuten lang unbeweglich nach, dann fuhr er sich mit beiden Händen in die Haare, sonst seine Lieblingsbewegung, die ihm aber diesmal ein merkliches Unbehagen verursachte. »Ob ich denn wirklich so aussehe; wie der verwünschte Junge mich abkonterfeit hat?« murmelte er. »Und zum Dank dafür soll ich ihm gar noch Unterricht geben lassen? Wie sie das erzählte, die Geschichte von dem Rosenstrauch! Man hätte das Mädchen beim Kopf nehmen mögen und« – hier hielt er inne, ganz entsetzt von dem ungeheuerlichen Gedanken, der ihm plötzlich aufstieg. Aber die schlimmen Gedanken haben es leider an sich, daß sie immer wieder kommen; so ging es auch dem armen Professor, er kam nicht los davon, bis er sie endlich mit einem förmlichen Ingrimm abschüttelte. »Unsinn! Wenn ich im Frühjahr nach Heidelberg komme, ist sie längst verlobt. Soll ich vielleicht die Herrlichkeit mit ansehen und meinen ergebensten Glückwunsch dazu abstatten? Die Studenten machen ihr ja sämtlich den Hof, und die Herren Dozenten thun das auch, »mit ernsteren Absichten« – ich möchte der ganzen Gesellschaft den Hals umdrehen!« schloß er wütend, mit einer entsprechenden Handbewegung, so daß Friedel, der eben in die Laube trat, erschrocken zurückprallte. »Herr Professor – ?« »Nun, dich meine ich nicht damit, brauchst dich nicht so zu fürchten,« brummte dieser. »Ich fürchte mich auch gar nicht mehr,« versicherte der Knabe treuherzig, allein sein Herr und Meister nahm das gewaltig übel. »So, also du hast gar keinen Respekt mehr vor mir, und das sagst du mir auch noch ins Gesicht? Der Junge fürchtet sich nicht einmal mehr! Das werde ich ihm doch wieder beibringen. Friedel, du kommst hierher!« Friedel gehorchte, aber er guckte mit seinen blauen Augen ganz furchtlos den Professor an, der nichts Geringeres beabsichtigte, als ihm eine donnernde Strafpredigt wegen des lieblichen Bildes zu halten; da kam ihm auf einmal wieder die Geschichte mit dem Rosenstrauch in das Gedächtnis und das Strafgericht verwandelte sich in einen ganz einfachen Auftrag. »Friedel, morgen reisen der Herr Professor und das Fräulein ab, da gehst du auf der Stelle und besorgst mir –« »Einen Blumenstrauß!« fiel Friedel verständnisvoll ein. »Naseweis! Was soll ich denn mit einem Blumenstrauß anfangen?« fuhr ihn Normann an, »Mußt du denn immer darauf losschwatzen? Eine Flasche Haaröl sollst du mir kaufen.« »Haar–öl?« wiederholte Friedel, starr vor Verwunderung. »Nun ja – oder gibt es etwa nicht dergleichen in dem Neste hier?« »Ich glaube wohl, beim ›Kramer‹.« »So geh zum ›Kramer‹!« Friedel konnte sich noch immer nicht in den unglaublichen Auftrag finden. »Soll es eine kleine oder eine große Flasche sein?« fragte er endlich. »Die größte, die zu haben ist, und nun mach, daß du fortkommst. – Halt, was hast du da in deiner Joppe?« Der Knabe wurde dunkelrot und griff hastig nach seiner Joppe, aus der ein gewisses blaues Etwas hervorlugte, das er zu verbergen suchte, aber der Professor merkte diese Absicht und nahm es ihm fort. »Was soll denn das heißen? Das ist ja der Schleier von Fräulein Doras Reisehut, den du vorhin erst in das Haus getragen hast? Wie kommst du dazu?« Die argwöhnische Frage brachte den Knaben noch mehr in Verwirrung; er senkte schuldbewußt die Augen und stotterte: »Das Fräulein reist doch morgen ab, und da dachte ich – da wollte ich –« »Was wolltest du?« fragte Normann hartnäckig, und nun gewann Friedel auf einmal Mut und fing ganz vergnüglich an zu schwatzen. »Fräulein Dora ist so gut zu mir gewesen, so gut, und hat gesagt, sie werde mich auch in Heidelberg nicht vergessen; aber Heidelberg ist so weit und sie vergißt's gewiß, und da dacht' ich an das, was der Sepp uns erzählt hat, damals auf der Alm, von dem Jäger, der den Schleier stahl. Der Sepp sagt, das geschieht noch heutzutage, man sollt' es nur probieren, aber gestohlen müßt' es halt sein – und da – hab' ich ihn gestohlen.« »O du dummer Junge!« fuhr der Professor in voller Entrüstung auf. »Bist doch ein Stadtkind und glaubst an solch hirnverrücktes Zeug! Aber so seid ihr alle. Vernunft, die begreift ihr nicht; doch wenn man euch mit dem krassesten Aberglauben kommt, darauf schwört ihr. Es ist ganz vergeblich, euch auf einen höheren Standpunkt heben zu wollen, ihr bleibt in eurer Dummheit. Du gehst jetzt sogleich und bringst Fräulein Dora den Schleier zurück – oder nein, ich werde das thun und ihr dabei erzählen, wie albern du dich dabei benommen hast.« Friedel ließ den Kopf hängen bei dieser Strafpredigt, er warf noch einen schmerzlichen Blick auf das seiner Meinung nach so wunderthätige Gewebe und schlich dann beschämt davon. Die Sonne war längst gesunken und auch das letzte Abendrot verblaßt. Leise kam die Dämmerung geschlichen und hüllte die Landschaft in ihre kühlen, grauen Schatten; jetzt tauchte langsam hinter den Bergen der Mond auf, und tiefe Abendstille und Abendruhe umfing die Erde. Professor Normann saß noch immer in der Laube und ärgerte sich über den krassen Aberglauben des Volkes im allgemeinen und über den seines Friedel im besonderen, aber dabei hatte er immer noch den blauen Schleier in der Hand. Ganz recht, der alte Sepp hatte den Unsinn erzählt, damals auf der Alm. Normann erinnerte sich sogar noch deutlich der Worte: »So geht's noch heutzutag, wenn ein Bub was Liebes hat, dann muß er ihm den Schleier stehlen – ein Fürtuch thut's auch, wenn's ein Mädel aus den Bergen ist – dann vergißt's ihn nimmer. Er liegt ihm im Sinn Tag und Nacht und es kommt nimmer los von ihm – aber gestohlen muß es halt sein.« Der dumme Junge, der Friedel! Als wenn das für einen vierzehnjährigen Burschen paßte, das hatte doch nur Sinn, wenn »was Liebes« ins Spiel kam! Der Professor blickte noch immer unverwandt nieder auf das luftige Gewebe in seiner Hand. Er hatte es so oft gesehen auf den Bergwanderungen, wenn es die braunen Flechten und das rosige Antlitz umflatterte, nun war das zu Ende. Morgen war es verstummt, das helle, übermütige Lachen, und das rosige Gesicht verschwunden. Nun fing in Heidelberg das vergnügte Leben an in dem gastfreien Herwigschen Hause, dann kamen all die Studenten und mit den ernsteren Absichten die Dozenten, die der Tochter des Hauses den Hof machten, und dann kam der Winter mit den Gesellschaften und Bällen – da wurde die Reise, und was sonst mit ihr zusammenhing, natürlich vergessen – natürlich! Der Mond warf jetzt seine ersten Strahlen durch das Blätterdach der Laube, er sah es allein, wie Professor Julius Normann, diese Leuchte der Wissenschaft, dieser erhabene Freigeist, stufenweise herabsank von seinem höheren Standpunkte, immer tiefer, bis zu dem vielgeschmähten krassen Aberglauben, Und dann kam ein Augenblick, wo der Mond eigentlich sein Antlitz hätte verhüllen müssen, um nicht zu sehen, was er doch sah. Besagter Professor blickte sich scheu um, faltete dann folgsam den blauen Schleier zusammen und barg ihn auf seiner Brust. Er schämte sich zwar vor sich selbst und seinem höheren Standpunkte noch viel mehr, als sich der Friedel vor ihm geschämt hatte, aber dabei hielt er die Hand fest auf die Brust gepreßt, um seinen Talisman zu hüten. Er hätte ihn nicht hergegeben, um keinen Preis der Welt, Der nächste Tag war sonnenhell angebrochen, die Gebirgskette zeigte sich in voller Klarheit, und der Garten lag taufunkelnd im Morgensonnenschein, es war ein herrliches Reisewetter. In dem Hause, das Herwig mit seiner Tochter bewohnte, war man mit den letzten Reisevorbereitungen beschäftigt; es zeigte sich niemand am Fenster oder in der Thür, im Garten dagegen wandelte eine hohe Gestalt mit langsamen Schlitten auf und ab. Es lag sonst gar nicht in der Art des Professors Normann, so feierlich und würdevoll einherzuschreiten, er war im Gegenteil meist hastig und formlos in seinen Bewegungen, heute aber schien ihm diese feierliche Haltung eine Ehrensache zu sein, bei der Veränderung, die er mit seinem äußeren Menschen vorgenommen hatte. Er hatte in der That das Erstaunlichste geleistet, die »Urwaldmähne« war mit Hilfe des Haaröls gebändigt, nur hatte Norman, der ganz unbekannt mit diesem Verschönerungsmittel war, leider einen allzu ausgiebigen Gebrauch davon gemacht. Auf seinem Haupte glänzte es wie der Tau ringsum auf den Gebüschen, der sonst so starr emporstrebende Haarwuchs lag jetzt glattfromm gescheitelt über der Stirn und klebte förmlich an den Schlafen. Der Professor war kaum wiederzuerkennen, und es war nicht zu leugnen, daß sein Aussehen bedeutend an Grimmigkeit verloren hatte; aber vorläufig fühlte er sich noch sehr unbehaglich in seiner nagelneuen »Menschlichkeit«. Friedel befand sich gleichfalls im Garten mit einem riesigen Blumenstrauß. Er wußte besser als sein Herr, was mit den Blumen anzufangen sei, wenn eine junge Dame abreiste, und hatte das Gärtchen seiner Wirtin nachdrücklich geplündert. Uebrigens war auch er in einer ungewöhnlichen Verfassung. Da der Herr Professor fast die ganze Flasche Oel verbraucht hatte zur Bändigung seines Haarwuchses, so hatte Friede! die Erlaubnis erbeten und erhalten, sich nun seinerseits mit dem Reste zu verschönern. Auch seine blonden Haare glänzten, wenn auch in bescheidenerem Maße, und er kam sich wundervoll dabei vor. Da öffnete sich die Thür des Hauses, und Dora, schon im vollen Reiseanzuge, trat heraus. Sie nickte freundlich ihrem Schützlinge zu, den sie zuerst erblickte, und wollte eben seinen Morgengruß erwidern, als plötzlich Professor Normann vor ihr auftauchte und mit einer gewissen Feierlichkeit sagte: »Guten Morgen, Fräulein Dora!« Dora wandte sich um, sah ihn an, stand einen Augenblick starr vor Verwunderung und brach dann in einen förmlichen Lachkrampf aus. »Aber mein Fräulein!« Normann richtete sich tief beleidigt empor, er hatte eine ganz andere Wirkung seiner Erscheinung erwartet. »Entschuldigen Sie, Herr Professor –« die junge Dame bemühte sich vergebens, ihre stürmische Heiterkeit zu mäßigen. »Ich wollte Sie gewiß nicht – aber – o, das ist köstlich!« Und sie erstickte fast vor Lachen. »Fräulein Dora, lachen Sie mich nicht wieder aus!« rief der Professor drohend und wollte sich seiner Gewohnheit nach mit beiden Händen in die Haare fahren, besann sich aber noch rechtzeitig, daß das in seiner jetzigen Verfassung nicht angehe. Er preßte die Hände krampfhaft an den Körper und fuhr in einem beinahe wehmütigen Tone fort: »Sie haben es mir doch angeraten, das Haaröl, fast eine ganze Flasche davon habe ich verbraucht, und der Friedel hat den Rest genommen.« »Ja, der sieht auch aus wie ein Oelgötze!« rief Dora und gab sich von neuem einer unbändigen Heiterkeit hin. Das war nun vollends eine Beleidigung, allein über den Professor schien mit jener Salbung eine ganz merkwürdige Sanftmut gekommen zu sein, denn anstatt aufzufahren, sagte er im Tone des tiefsten Vorwurfs: »Sie spotten – und ich habe es doch nur Ihretwegen gethan.« »Meinetwegen?« – Dora wurde plötzlich ernst, ihr Auge begegnete dem seinigen und dann streckte sie ihm die Hand hin und erwiderte leise: »Dann will ich nicht mehr lachen.« Friedel hatte seinen Blumenstrauß, den er erst beim Abschied überreichen wollte, einstweilen in der Laube untergebracht und wunderte sich nur, daß der Herr Professor die kleine Hand, die in der seinigen lag, so lange festhielt. Dieser schien überhaupt heute morgen sehr friedlich gestimmt zu sein, denn er begann im eifrigen Gespräch mit dem Fräulein auf und ab zu gehen. Dem Knaben klopfte das Herz, jetzt kam gewiß die Geschichte mit dem Schleier zur Sprache – ob Fräulein Dora das wohl übelnahm? Es war jedoch vorläufig weder von dem Schleier noch von dem Friedel die Rede in jenem Gespräch, denn Dora erwiderte soeben auf eine Bemerkung ihres Begleiters: »Papa meint, es hänge ja nur von Ihnen ab, ob Sie nach Heidelberg kommen wollen, und er werde sich freuen, wenn es geschehe.« »Ja, Kollege Herwig!« sagte Normann mit etwas unsicherer Stimme. »Aber andere würden sich darüber nicht freuen, Ihnen zum Beispiel wäre es wohl gar nicht recht?« »O gewiß, wenn Sie mir den Friedel mitbringen!« »Schon wieder der dumme Junge!« fuhr der Professor auf. »Der liegt Ihnen allein am Herzen.« »Seine Zukunft liegt mir am Herzen. Haben Sie sich die Geschichte überlegt?« »Welche Geschichte?« »Nun, ich zeigte Ihnen doch gestern das Bild, das Ihnen so wenig schmeichelhaft vorkam und das doch so charakteristisch ist in jeder Linie. Jetzt freilich hat die Ähnlichkeit bedeutend gelitten.« Es zuckte wieder verräterisch um die Lippen der jungen Dame, als sie einen Blick auf das gesalbte Haupt ihres Begleiters warf; diesen aber schien die Erwähnung des Bildes sehr ungnädig zu stimmen, er nahm wieder die alte griesgrämige Miene an, als er entgegnete: »Es fällt mir gar nicht ein, dem Jungen die künstlerischen Mucken in den Kopf zu setzen, er ist schon übermütig genug geworden, der bleibt bei seiner Stiefelbürste. Reden Sie mir nicht darein, mein Fräulein, es bleibt dabei!« »Punktum!« ergänzte Dora. »Soll ich Ihnen einmal sagen, Herr Professor, was Sie zunächst thun werden, wenn Sie nach der Stadt kommen?« »Wissen Sie das so genau?« »Ganz genau. Sie werden schleunigst zu irgend einem namhaften Künstler gehen und das Talent des Friedel prüfen lassen, dann werden Sie ihn in die Zeichenschule bringen, werden aufs freigebigste für alles sorgen, was er braucht, und mir hierauf mit bekannter Grobheit melden, die Sache sei in Ordnung, sie gehe mich gar nichts mehr an und ich brauche mich überhaupt nicht mehr darum zu kümmern, – Was sagen Sie zu meiner Hellseherei?« Normann sagte gar nichts. Es grenzte in der That an Hellseherei, daß man ihm seine geheimsten Gedanken und Absichten so ins Gesicht sagte, er war völlig verblüfft darüber. »Versuchen Sie nur nicht, es mir abzuleugnen,« fuhr Dora triumphierend fort. »Als wir damals den Aufstieg von der Alm aus unternahmen, hielten Sie mir eine lange Vorlesung darüber, daß es sehr erfreulich und nützlich für die Menschheit sei, wenn das ›Jammerpflänzchen‹, der Friedel, so bald als möglich umkomme, und dann trugen Sie ihn eine Stunde lang in der glühenden Sonnenhitze, um ihm so bald als möglich Hilfe zu schaffen. Als er nach Schlehdorf gebracht wurde, und ich ihn pflegen wollte, wurden Sie grob und erklärten, Sie könnten das ganz allein besorgen. Sie haben auch die ganze Nacht an seinem Bette gesessen und ihm Umschläge gemacht. Jetzt bestehen Sie hartnäckig auf der Stiefelbürste, und sobald ich Ihnen den Rücken gewandt habe, bekommt der Friedel doch den Zeichenstift in die Hand. Sehen Sie nicht so grimmig aus, Herr Professor! Ich glaube Ihnen nichts mehr, kein Wort, Sie haben bei mir verspielt mit Ihrer sogenannten Herzlosigkeit.« Norman hatte allerdings einen Versuch gemacht, die alte Grimmigkeit zu behaupten, aber es gelang ihm nicht, er fühlte das selbst und auf einmal beugte er sich nieder und fragte mit verhaltener Stimme: »Fräulein Dora, werden Sie bisweilen an mich denken?« Der Ton der Frage war so ernst, daß er keine unbefangene Antwort zuließ, Dora senkte den Blick. »Ich denke, Sie kommen nach Heidelberg?« »Vielleicht im nächsten Frühjahr. Jedoch bis dahin – haben Sie mich wohl längst vergessen.« »Nein!« sagte das junge Mädchen leise, aber fest und hob langsam wieder die schönen braunen Augen empor; sie tauchten tief in die des Fragenden, tief und ernst, und er mußte der Versicherung wohl Glauben schenken, denn seine Hand umschloß plötzlich mit festem leidenschaftlichen Drucke die ihrige. Da öffnete sich die Thür und Professor Herwig erschien. Auch er bemerkte mit dem höchsten Befremden die Oelpracht seines Kollegen, da er aber dessen Empfindlichkeit kannte, so äußerte er nichts darüber, sondern schüttelte ihm die Hand, während Dora in das Haus ging, um Hut und Handschuhe zu holen. Gleich darauf vernahm man drinnen ihre Stimme: »Wenn ich nur wüßte, wo mein Schleier geblieben ist! Er war doch um den Hut gelegt, und jetzt finde ich ihn nirgends.« Friedel, der mit seinem Blumenstrauß soeben wieder herbeigekommen war, wurde blutrot und schielte ängstlich zu seinem Herrn hinüber. Jetzt mußte dieser doch den vermißten Schleier übergeben, was er bisher wahrscheinlich vergessen hatte, aber seltsamerweise geschah das nicht. Der Professor, der auf einmal auch merkwürdig rot im Gesicht aussah, wandte sich vielmehr zu seinem Kollegen und begann mit krampfhafter Lebhaftigkeit von irgend welchen Moosarten zu sprechen, zur Verwunderung Herwigs, der es etwas sonderbar fand, jetzt, im Augenblick der Abreise, ein wissenschaftliches Thema zu erörtern. Inzwischen war der Wagen vorgefahren, das Gepäck wurde herausgeschafft und aufgeladen, und die Wirtsleute mit ihrer ganzen Familie kamen herbei, um den scheidenden Gästen lebewohl zu sagen. Professor Normann aber war noch immer bei den Moosen, und Dora suchte noch immer ihren Schleier. Jetzt trat sie heraus und fragte: »Friedel, du hast ja meinen Hut gestern abend in das Haus getragen, hast du den Schleier nicht gesehen?« Der arme Junge wagte nicht zu antworten und senkte schuldbewußt den Kopf; da kam ihm die Hilfe von einer Seite, von wo er sie am wenigsten erwartet hatte. Sein Herr wandte sich plötzlich um, nahm ihm den Blumenstrauß ohne weiteres aus der Hand und sagte, ihn der jungen Dame überreichend: »Hier, Fräulein Dora, ein Abschiedsgruß von Schlehdorf!« Das war ein glücklicher Gedanke, denn nun kamen die sämtlichen Hausbewohner mit ihren Blumensträußen gleichfalls herbei und umringten die Scheidenden. Es begann ein allgemeines Abschiednehmen und Händeschütteln, und darüber geriet der fehlende Schleier glücklich in Vergessenheit. Nur Friedel sah tiefgekränkt aus. Er hatte doch die Blumen gepflückt und zusammengebunden, und nun nahm sie ihm der Herr Professor weg und schenkte sie dem Fräulein, und er selbst stand mit leeren Händen da. Er fühlte sich erst einigermaßen getröstet, als Dora ihn herbeirief und aufs freundlichste von ihm Abschied nahm. Jetzt saßen die Reisenden im Wagen, noch ein letztes Winken und Grüßen, dann ging es fort, hinein in den sonnigen Morgen. Dem Friedel liefen die Thränen über die Backen, aber plötzlich fiel es ihm ein, daß der Weg um den ganzen See herum führe und daß man von der kleinen Anhöhe, am Ende des Gartens, den See überblicke. Er eilte spornstreichs dorthin, und der Professor, dem das gleichfalls einleuchtete, folgte ihm mit langen Schritten. Da standen sie nun beide und sahen dem Wagen nach, der in der That noch eine ganze Weile sichtbar war. Friedel schluchzte zum Herzbrechen, und Normann schalt ihn, aber dabei sah er aus, als hätte er mit dem trostlosen Jungen am liebsten ein Duett angestimmt. »Flenne nicht!« sagte er endlich. »Im Frühjahr siehst du das Fräulein wieder. Wir gehen nach Heidelberg.« Friedels Thränen versiegten plötzlich, seine Augen leuchteten auf, und fast atemlos vor freudiger Ueberraschung fragte er: »Ich auch?« »Natürlich! Fräulein Dora würde mir ein schönes Gesicht machen, wenn ich dich nicht mitbringen würde, aber erst hast du gesund zu werden – verstanden? Solch ein Jammerwesen, wie du jetzt noch bist, will ich nicht mitbringen; ein dicker, rotbackiger Bube hast du zu werden, damit ich Ehre mit dir einlege, sonst gnade dir Gott!« »Ich geb' mir schon alle Mühe dazu,« versicherte der Knabe treuherzig. »Ja, das thut mancher!« brummte der Professor – er sprach nicht aus, was er dachte: daß es jedenfalls leichter für den Friedel sei, dick und rotbackig, als für ihn selbst, »menschlich« zu werden, wie es von gewisser Seite gefordert wurde und leider mit Recht. Es ging doch nicht an, daß man ein grimmiger Sonderling, ein menschenfeindlicher Einsiedler blieb, wenn man – nun wenn man nach Heidelberg wollte. »Friedel,« sagte er, das Auge noch immer auf den schon weit entfernten Wagen gerichtet. »Wie war doch der Singsang, den du gestern gelernt hast, das Lied von Heidelberg? Kennst du die Melodie noch?« Friedel nickte und begann sofort mit seiner schwachen, aber wohllautenden Stimme: »Alt Heidelberg, du feine!« Er hatte Text und Melodie noch vollkommen im Kopfe und sang ganz richtig die Strophe herunter; aber als er damit zu Ende war, geschah etwas Unerhörtes, Unglaubliches, Herr Professor Normann fing selbst an zu singen. Ja, er sang wirklich und wahrhaftig, und als der Friedel ihn ganz entsetzt mit offenem Munde anstarrte, sang er allein den letzten Vers noch einmal. In greulich falschen Tönen, jedoch im kräftigsten Baß klang es über den See, dem eben verschwindenden Wagen nach: »Auch mir bist du geschrieben Ins Herz gleich einer Braut, Es klingt wie junges Lieben Dein Name mir so traut!« In seinem Studierzimmer zu Heidelberg ging Professor Herwig ungeduldig und ein wenig ärgerlich auf und ab. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Uhr und dann trat er wieder an das Fenster, das auf die Straße hinausging. Der Bahnzug war schon vor geraumer Zeit eingetroffen, und die Reisenden, die er gebracht hatte, mußten längst in der Stadt sein, aber noch immer ließ sich kein Wagen vor dem Hause blicken. Man erwartete den Professor Normann, der die Berufung an die Universität Heidelberg nun in der That angenommen hatte und heute eintreffen sollte. Er kam vorläufig nur auf einige Tage, um die Übersiedlung vorzubereiten, die erst im nächsten Monat stattfinden sollte, und hatte für diesen kurzen Aufenthalt die angebotene Gastfreundschaft des Herwigschen Hauses angenommen. Jetzt aber schlug die Uhr zwölf, eine volle Stunde war über die festgesetzte Zeit verstrichen, und es blieb nur die Annahme übrig, daß der Professor aus irgend einem Grunde den Zug versäumt habe. Wahrscheinlich traf im Laufe des Tages eine Nachricht von ihm ein, jedenfalls kam er jetzt nicht mehr. Etwas verstimmt über diese Unpünktlichkeit verließ Herwig endlich das Zimmer, um seiner Tochter, die sich im Garten befand, mitzuteilen, daß der erwartete Gast ausgeblieben sei. Der Professor bewohnte eine der höher gelegenen Villen, und der Garten derselben, der am Bergeshang lag, bot den vollen Ausblick über die Stadt und deren Umgebung. Es war in den ersten Frühlingstagen, ringsum keimte, sproßte und grünte das Frühlingsleben. Die Bäume standen bereits in voller Blüte, überall, in den Gärten, zwischen den Häusern, am Bergeshang leuchteten die weißen oder zartrosigen Schleier, und drüben auf den Höhen schimmerte ein wahres Meer von duftigem Blütenschnee. Blitzend und funkelnd zogen die Wellen des Neckars dahin, im hellen Mittagssonnenschein, weit hinaus in das schöne Neckarthal, und wie in silbernen Duft eingehüllt verschwamm die Ferne. Das Lied hatte wohl recht, der Frühling hielt auf seinem Wege nach dem Norden wirklich hier Rast und webte der Stadt aus seinen Blüten »ein schimmernd Brautgewand«! Herwigs Blicke schweiften mit stiller Freude über die Landschaft, die ihm so lieb geworden war. Er begriff es nicht, daß man gleichgültig dagegen sein konnte wie Kollege Normann. Ja dieser Sonderling machte ihm und der Universität vielleicht noch mancherlei zu schaffen. So hoch er dessen wissenschaftliche Bedeutung schätzte, so sehr er die Berufung als einen Gewinn ansah, so wenig verhehlte er sich, daß die Schroffheit und Rücksichtslosigkeit des neuen Professors vielfach verletzen werde. Dieser änderte sich schwerlich, wenn er in der neuen Stellung sein altes Einsiedlerleben fortführte und sich wie bisher hartnäckig jeder Geselligkeit verschloß. »Ich werde ihm noch einmal ins Gewissen reden,« sagte Herwig halblaut, »obwohl ich kaum glaube, daß es helfen wird. Ich komme allenfalls noch mit ihm aus, ob das aber auch den anderen möglich sein wird –« Er hielt urplötzlich inne und prallte förmlich zurück bei dem Anblick, der sich ihm bot. Auf einem kleinen rebenumsponnenen Altan, dessen Ranken die ersten zarten Blättchen trieben, stand seine Tochter und neben ihr – der vermißte Kollege, mit dessen Schroffheit und einsiedlerischen Neigungen er sich eben noch beschäftigt hatte. Augenblicklich war aber nichts von diesen beiden Eigenschaften an dem Herrn Professor wahrzunehmen, er hatte den Arm um das junge Mädchen gelegt und küßte wieder und immer wieder das rosige Gesichtchen, und Dora ließ sich das ganz ruhig gefallen. Beide waren so vertieft in das Küssen und Geküßtwerden, daß sie gar nicht den Nahenden bemerkten, der starr und regungslos dastand wie eine Salzsäule und erst nach einigen Minuten die Sprache zurückgewann. »Aber Dora! – Herr Kollege!« Die Gerufenen schreckten auf, Dora stand da wie mit Glut übergossen, Normann jedoch stürzte auf den Ueberraschten los und überfiel ihn mit einer stürmischen Umarmung. »Kollege! Schwiegervater! Da bin ich und stelle mich als Schwiegersohn vor!« Wäre ihm ein Schwiegersohn aus den Wolken und geradeswegs vor die Füße gefallen, Herwig hätte nicht erstaunter und erschrockener aussehen können als bei dieser Ankündigung, und als nun auch Dora herbeiflog und ihren Kopf an seiner Schulter barg, rief er ganz fassungslos! »Aber Kind, ums Himmels willen, was soll das heißen? Hast du wirklich –« »Ja, sie will mich, Kollege!« unterbrach ihn Normann triumphierend. »Sie will mich wirklich und wahrhaftig! Sie begreifen das nicht? Ich auch nicht, aber ich nehme sie. O, ich nehme sie unter allen Umständen!« »Ja, Papa, du wirst uns wohl deinen Segen geben müssen,« sagte Dora leise mit einem glücklichen Lächeln. »Julius kam zu Fuß vom Bahnhof und sah mich im Garten, und da – da ist er zuerst zu mir gekommen.« Herwig war vorläufig noch zu bestürzt, um den segnenden Vater zu spielen. Er hätte eher des Himmels Einfall erwartet als diese Verlobung. Seine heitere, übermütige Dora und dieser herbe, unzugängliche Mann, der jeder Lebensfreude abhold war, das ging doch nun und nimmermehr! Normann mochte ihm diese Bedenken wohl vom Gesichte ablesen, denn er sagte mit einem Spott, der aber nichts Herbes mehr hatte, sondern sehr gutmütig klang: »Kollege, Sie sehen aus, als möchten Sie vor Ihrem künftigen Schwiegersohn am liebsten drei Kreuze schlagen. Eigentlich verdenke ich Ihnen das gar nicht, denn ich bin ein verzweifelt unliebenswürdiger Geselle, doch das gibt sich, glauben Sie mir, das gibt sich, sobald Dora meine Frau ist. Den Anfang zum Menschlichwerden habe ich schon gemacht – sehen Sie mich nur an!« Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar, eine Bewegung, mit der er jetzt merkwürdig schnell fertig wurde, denn die »Urwaldsmähne« war verschwunden, Ihre Bändigung war nur möglich gewesen, wenn man täglich eine Flasche Haaröl dazu verbrauchte, und da der Professor keine Lust verspürte, zeitlebens als »Oelgötze« umherzulaufen, so hatte er den geliebten Hauptschmuck zum Opfer gebracht und sah nun mit dem kurzgeschnittenen Haar und dem förmlich verklärten Ausdruck in den einst so grimmigen Zügen um zehn Jahre jünger aus. »Ja, der Anfang ist vielversprechend,« versicherte Dora schelmisch, »aber in den nächsten Wochen kommt die Feuerprobe, Herr Professor, da müssen wir Brautbesuche machen bei der halben Stadt.« Das eben noch so strahlende Gesicht Normanns wurde sehr lang bei dieser Ankündigung und in kleinlautem Tone wiederholte er: »Brautbesuche? Muß das sein, Dora?« »Ja, Julius, es muß sein,« erklärte die junge Dame mit der ganzen Entschiedenheit einer Braut, die entschlossen ist, sich in ihrer künftigen Ehe das Scepter nicht entwinden zu lassen. Der künftige Ehegemahl faltete denn auch ergebungsvoll die Hände und sagte wehmütig: »Wenn es denn durchaus nicht anders geht – in Gottes Namen!« Das war nun allerdings eine großartige Selbstüberwindung, die auch ihren Eindruck auf Herwig nicht verfehlte. Er blickte in die bittenden Augen seines Kindes, das sich jetzt an ihn schmiegte und leise mahnte: »Papa, wir warten noch immer auf deine Einwilligung!« Er breitete die Arme aus und rief: »Nun, da wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als auch zu sagen: Wenn es durchaus nicht anders geht – in Gottes Namen!« – »Wo steckt denn aber der Junge, der Friedel?« rief Normann, nachdem die allgemeine Umarmung vorüber war. »Ich habe ihn vorhin fortgeschickt, weil er gänzlich überflüssig war bei meinem Gespräch mit Dora. Friedel, wo steckst du?« Der Gerufene kam hinter den Rosengebüschen am anderen Ende des Gartens hervor. Er hatte Dora bereits begrüßt, ehe er seiner gänzlichen Ueberflüssigkeit wegen fortgeschickt wurde, und näherte sich nun dem Professor Herwig, der ihn verwundert anblickte. Allerdings hatte Friedel die ihm so streng anbefohlene Entwickelung erst zur Hälfte durchgemacht. Dick war er nicht geworden, aber rotbackig, ein schlanker hübscher Bube, aus dessen Blauaugen jetzt auch die frohe Jugendlust leuchtete wie bei seinen Altersgenossen. Das arme, verkümmerte Pflänzchen hatte sich überraschend schnell in ein blühendes Menschenkind verwandelt. Was der Aufenthalt in Schlehdorf begonnen, das hatten die letzten sechs Monate vollendet, der Knabe war augenscheinlich völlig gesund. »Komm zu mir, Friedel! ich habe dich ja noch gar nicht recht gesprochen,« sagte Dora, »Nun, wie war es im Winter? Hast du brav Stiefel geputzt?« Sie warf einen neckischen Blick zu ihrem Bräutigam hinüber, der die Frage nicht zu hören schien. »Gezeichnet hab' ich!« rief Friede! mit aufleuchtenden Augen, »Der Herr Professor hat einen anderen Stiefelputzer angenommen!« »Der Arzt behauptete ja, daß der Junge einstweilen noch geschont werden müsse,« brummte Normann in sichtlicher Verlegenheit, »und da hat er natürlich gekritzelt vom Morgen bis zum Abend. Aber wart nur, jetzt bist du gesund, nun nimmt das Herrenleben ein Ende und das Kritzeln auch – und übrigens kannst du jetzt Fräulein Dora und mir Glück wünschen, wir sind ein Brautpaar und werden uns heiraten.« »Ja – das hab' ich schon in Schlehdorf gewußt!« versetzte Friedel mit Seelenruhe. »Nun, da hast du mehr gewußt als wir selber,« scherzte Dora, aber ihr Schützling sah mit pfiffigem Lächeln zu ihr auf. »Ich hab's auch erst gemerkt, als das Fräulein fort war und der Herr Professor nichts that, als den Schleier anschauen. Den Schleier hab' ich aber gestohlen und wurde so arg gescholten darum, und dann nahm ihn mir der Herr Professor fort und behielt ihn selbst und hat ihn angeschaut morgens und abends und mittags auch noch, und der Sepp –« »Du verwünschter Junge, willst du wohl schweigen!« fuhr Normann auf und wollte ihn beim Schopf nehmen, allein seine Braut trat dazwischen. »Meinen Schleier, den ich bei der Abreise vermißte? Und was hat denn der Sepp damit zu thun?« »Untersteh dich und sage ein Wort!« drohte der Professor, während Dora lachend den Knaben ermutigte: »Erzähle nur, Friedel! Es geschieht dir nichts.« Friedel schien ein untrügliches Ahnungsvermögen zu besitzen, er wußte bereits ganz genau, wem er zu gehorchen hatte, und hielt es mit der stärkeren Partei. Unter ihrem Schutz fing er vergnüglich an zu schwatzen und erzählte die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende. »Aber Kollege, Kollege!« sagte Herwig halb lächelnd, halb vorwurfsvoll. »Ein Mann der Wissenschaft und Aberglaube! Wie reimt sich das?« »Pah, die Liebe ist auch ungereimt,« erklärte Normann und sah seine Braut an, die ihn auslachte, so hell, so lustig und übermütig wie einst in den Bergen. »Und da verlangte dieser Herr Professor, daß man Respekt haben soll vor seinem ›höheren Standpunkte‹! Julius, schämst du dich denn gar nicht vor Papa und mir?« Der Herr Professor war viel zu glücklich, um sich zu schämen. Er hatte sich auf seinem höheren Standpunkte nicht halb so wohl befunden wie bei diesem Herabsinken zum schmählichsten Aberglauben, und was hatte es denn überhaupt mit dem Aberglauben zu thun, wenn man den Schleier seiner Dame bei sich trug und bisweilen anschaute? Das war Herzenssache. Daß aber der dumme Junge, der Friedel, plaudern mußte! Normann hatte große Lust, ihn dafür noch nachträglich beim Kragen zu nehmen; als er jedoch dies helle, herzerfrischende Lachen hörte, das er so lange hatte entbehren müssen, gab er die Rachegedanken auf und – lachte mit. Der alte Gärtner erschien jetzt, um zu melden, daß das Gepäck des Herrn Professors vom Bahnhofe gekommen sei. Herwig ging voran ins Haus, um das Nötige anzuordnen, und das Brautpaar folgte langsam. Da blieb Dora auf einmal stehen und wies auf einen Rosenstrauch, der, all seinen Gefährten voraus, schon über und über voll frischer zartgrüner Triebe war. »Das ist mein Pflegling vom vergangenen Jahre! Sieh nur, wie kräftig er treibt, im Sommer bringt er sicher wieder eine Fülle von Rosen. – Und was den Friedel betrifft – den behalten wir doch im Hause?« »Damit er dort auch überall herumspioniert wie in Schlehdorf – ich werde mich hüten!« sagte Normann. »Morgen gehe ich mit ihm zu deinem Lehrer, der ihn wohl auch wieder für ein Wunderkind erklären wird, wie alle die Herren Künstler, die ich daheim um Rat fragte. Sie sind ja einig über dies sogenannte großartige Talent des Jungen. Er kommt in die Zeichenschule und später geht er zur Akademie, und wenn er in zehn Jahren nicht ein großer Mann ist, dann drehe ich ihm noch nachträglich den Hals um!« Friedel vernahm weder diese Entscheidung über seine Zukunft noch die fürchterliche Drohung, die sich daran knüpfte. Er war mit dem Professor Herwig vorausgegangen, und die Geschichte mit dem Schleier ging ihm noch immer im Kopfe herum. Er hatte doch den Schleier gestohlen und der Herr Professor gewann die Braut, das paßte eigentlich gar nicht und wollte dem Friedel auch durchaus nicht einleuchten. Aber er tröstete sich schließlich mit der Ueberzeugung, daß er trotz alledem die Hauptperson bei der ganzen Sache gewesen war, denn – wie der alte Sepp so nachdrücklich betonte – »gestohl'n muß es halt sein!« Der Lebensquell In voller Fahrt durchschnitt der Dampfer die tiefblaue Flut des Ionischen Meeres, die, leise wogend, nur von einem leichten Windhauche bewegt, das leuchtende Blau des Himmels widerzuspiegeln schien. Auf dem Vorderdeck stand eine kleine Gruppe von Reisenden und blickte in das Meer hinaus, wo fern am Horizont, noch in bläulich nebelhaften Umrissen, eine Küste mit steil aufragenden Bergen sich zeigte. Die schlanke Dame, die an der Brüstung lehnte, mochte am Ende der Zwanzig stehen. Es war eine zarte, höchst anziehende Erscheinung, mit einem etwas bleichen Gesicht und großen dunklen Augen, aber es lag ein Hauch tiefer Müdigkeit und Gleichgültigkeit auf dem noch so jugendlichen Antlitz. Auf dem dunklen Haar saß ein graues Filzhütchen, dessen Schleier in dem frischen Morgenwinde auf und nieder flatterte, und der graue Reiseanzug verriet trotz seiner Einfachheit, daß die Dame den vornehmen Ständen angehörte. Sie beobachtete mit dem Fernglase in der Hand das auftauchende Land und wandte sich jetzt zu einem jungen Manne, der neben ihr stand. »Sie haben recht, es ist die Küste von Korfu. Sie sehen es zum erstenmal?« »Jawohl, gnädige Frau,« versetzte der Gefragte. »Ich habe bisher überhaupt noch nicht viel von der Welt gesehen und will jetzt das Versäumte nachholen. Mein seliger Papa hielt gar nichts vom Reisen, er saß jahraus, jahrein in seiner Fabrik und mochte das Herumtreiben in der Welt, wie er es nannte, nicht leiden. Merkwürdig, nicht wahr? Ja, mein Papa war überhaupt ein ganz merkwürdiger Mann. – Denken Sie lange in Korfu zu bleiben?« »Wahrscheinlich einige Wochen, da wir den Winter in Aegypten zubringen wollen, und vor dem November kann man ja nicht dorthin.« »O, Aegypten, das ist auch mein Reiseziel! Ich sagte es Ihnen ja bereits, gnädige Frau. Ich wollte sogar nur einige Tage auf der griechischen Insel zubringen, aber ich kann meine Pläne ändern.« Der junge Mann, der ungefähr in dem gleichen Alter stand wie seine Nachbarin, schien bereits entschlossen zu dieser Aenderung. Viel Geist lag gerade nicht in seinen Zügen, aber sie waren sehr hübsch, und der höchst elegante Reiseanzug stand ihm vortrefflich. Er wandte sich jetzt zu einem alten Herrn, der, die Arme auf die Brüstung gestützt, eine Herde von Delphinen beobachtete, die in der durchsichtig klaren Flut ihr Spiel trieben. »Da kommt das Land in Sicht, Herr Geheimrat, die Küste von Korfu. In einigen Stunden werden wir landen.« »Gott sei Dank, dann hat man doch endlich wieder festen Boden unter den Füßen!« sagte der Geheimrat, sich emporrichtend. »Seit zwei Tagen sind wir unterwegs, und ich bin gar nicht angelegt für Seereisen; wenn nun vollends die Seekrankheit kommt –« »Sie kommt nicht bei dieser ruhigen Fahrt,« unterbrach ihn die junge Frau. »Du siehst es ja, Papa, sie hat niemand auf dem Schiffe belästigt.« »Sie hätte aber doch kommen können! « meinte der Vater bedenklich. »Ich habe mich fortwährend davor geängstigt, weil Ihr Wetterglas auf Sturm stand, Herr Wellborn. Da hat sich dies vielgerühmte Glas einmal gründlich blamiert!« »Bitte, mein Wetterglas ist vorzüglich,« widersprach Wellborn eifrig, »Es ist eine ganz neue Art, und der Erfinder war ein Genie – das heißt, mein Papa behauptet, er wäre eigentlich ein Lump gewesen. Er wollte uns nämlich eine große technische Erfindung verkaufen und erhielt eine Anzahlung, um noch die letzten Proben zu machen, aber er brannte uns durch mit dem Gelde und mit der ganzen Erfindung. Er hat uns nur das Wetterglas zurückgelassen.« »Das schon in Triest auf Sturm stand,« warf der Geheimrat ein. »Dann wird der Sturm auch kommen, verlassen Sie sich darauf,« behauptete der junge Mann mit unerschütterlicher Zuversicht. »Aber hoffentlich kommt er erst, wenn wir am Lande sind.« Die Dame schien sich bei diesem Gespräch zu langweilen, das zeigte der Ausdruck ihres Gesichtes. Sie hatte wieder das Fernglas zur Hand genommen und schaute nach der Küste hinüber, deren Umrisse immer klarer und deutlicher wurden. Sie bemerkte es nicht, daß ein anderer Reisender, der soeben aus der Kajüte heraufgekommen war und jetzt in einiger Entfernung stand, sie und ihren Vater scharf beobachtete; auf einmal trat er an den letzteren heran und verbeugte sich. »Herr Geheimrat Rottenstein, habe ich die Ehre, noch von Ihnen gekannt zu sein, oder muß ich mich in aller Form vorstellen?« Rottenstein sah verwundert auf, und musterte die kraftvolle Erscheinung des vor ihm Stehenden, der bereits über die Jugend hinaus war. Er blickte in ein von der Sonne tiefgebräuntes Gesicht mit nicht schönen, aber festen, energischen Zügen und durchdringenden grauen Augen. Das dichte dunkelblonde Haar und der dichte Vollbart gaben dem Manne etwas Fremdartiges, aber er sprach ein vollkommen reines Deutsch. »Ich bedaure,« sagte Rottenstein verlegen. »Ich erinnere mich wirklich nicht – mit wem habe ich das Vergnügen?« Der Fremde lächelte flüchtig und wandte sich zu der jungen Frau. »Dann darf ich wohl bei Frau Baronin Wilkow noch weniger auf eine Erinnerung hoffen?« Die Baronin hatte sich bei dem Klange der Stimme mit einer jähen Bewegung umgewendet, ihre Augen begegneten denen des Fragenden, die mit einem eigentümlichen, beinahe finsteren Ausdruck auf ihrem Antlitz hafteten. Sie senkte langsam die Wimpern unter diesem Blick, aber sie erwiderte in kühlem Tone: »Herr Adlau – wenn ich nicht irre.« Er verneigte sich tief und förmlich. »Sie irren in der That nicht, gnädige Frau – Robert Adlau.« »Was, der Robert?« rief der alte Herr in maßlosem Erstaunen. »Wie in aller Welt kommst du – ich bitte um Verzeihung, wie kommen Sie hierher, Herr Adlau?« »Bitte, bleiben Sie bei dem Robert,« sagte Adlau herzlich. »Es klingt mir wie ein Gruß aus der Heimat, die ich lange genug entbehrt habe. Aber Ihre Frage möchte ich Ihnen zurückgeben. Bei mir ist es gerade nicht wunderbar, wenn ich an irgend einem entlegenen Punkte der Welt auftauche, doch wo kommen Sie her?« »Wir kommen von Triest und wollen nach Korfu.« »Dann haben wir den gleichen Weg, dahin gehe ich auch, aber ich bin erst in der letzten Nacht an Bord gekommen, als der Dampfer in Brindisi anlegte.« Es trat ein kurzes Schweigen ein, fast wollte es scheinen, als waltete bei diesem unerwarteten Zusammentreffen irgend ein Zwang vor; aber jetzt mischte sich Herr Wellborn in das Gespräch und bat, dem fremden Herrn vorgestellt zu werden, in dem er so etwas wie einen Weltreisenden witterte. Er stürzte sich deshalb schleunigst auf diese neue Bekanntschaft, die sich nur leider sehr kühl verhielt. Adlau streifte ihn mit einem flüchtigen Blick, nahm die Vorstellung mit einer ziemlich nachlässigen Verbeugung entgegen und sagte gar nichts, während der junge Mann auf ihn einsprach. »Ich mache gegenwärtig meine erste größere Reise,« erklärte er. »Ich bin gewissermaßen noch Lehrling in dem höheren Reiseleben, hoffe aber mit der Zeit Meister darin zu werden, wie die Frau Baronin es ist, und wie Sie es ohne Zweifel sind, Herr Adlau. Habe ich vielleicht das Vergnügen, einen unserer kühnen Forscher und Entdecker in Ihnen zu begrüßen? Einen Afrikareisenden –« »Bitte, nichts dergleichen,« schnitt ihm der andere ohne weiteres das Wort ab. »Wirklich nicht? Aber Sie sehen so ungemein tropisch aus und Sie äußerten ja auch vorhin, daß Sie an den entlegensten Punkten der Welt zu finden seien. Wo waren Sie zuletzt, wenn ich fragen darf?« »In Amerika.« »O, Amerika! Das kenne ich auch noch nicht, aber ich will später jedenfalls hinüber. Waren Sie in New York, Chicago?« »So ziemlich überall in dem ganzen Weltteil.« »Das muß höchst interessant gewesen sein!« »Je nachdem,« sagte Adlau trocken. »Es kann unter Umständen auch recht ungemütlich sein. Man entbehrt dort bisweilen die allernotwendigsten Kulturerrungenschaften. Handschuhe zum Beispiel kann man weder beim Goldgraben in Kalifornien noch in den Ranchos von Brasilien tragen.« »Fatal, aber trotz alledem interessant,« meinte Herr Wellborn, der sehr enganschließende wildlederne Handschuhe trug und den Spott durchaus nicht merkte. Er fragte unermüdlich weiter, bis Robert Adlau ungeduldig wurde und ihn abschüttelte. Er wandte sich wieder dem Geheimrat zu mit den Worten: »Ich komme soeben vom Rhein, aus unserer gemeinsamen Heimat, und da darf ich wohl nicht versäumen, mich Ihnen als zukünftigen Gutsnachbar vorzustellen.« »Als was?« fragte Rottenstein verwundert. »Ich wüßte wirklich nicht –« »Nun, Sie sind doch Besitzer von Lindenhof, wie man mir sagte.« »Gewiß, vor fünf Jahren, als ich meinen Abschied nahm, habe ich den hübschen kleinen Landsitz erworben.« »Das hörte ich zufällig beim Abschluß meines Kaufvertrages; nun, unmittelbar daran grenzt das Gebiet von Brankenberg.« »Brankenberg? Das haben Sie doch nicht etwa gek–« dem alten Herrn blieb vor Erstaunen das Wort im Munde stecken. »Gekauft, allerdings,« ergänzte Adlau, »Herr von Brankenberg hat sich nur noch eine kurze Frist ausbedungen. Er will erst im November das Schloß räumen und das Gut übergeben, und da ich in der Zwischenzeit doch nichts beginnen konnte, so beschloß ich einen Besuch bei meiner Schwester, die gegenwärtig in Korfu lebt als Frau unseres dortigen Konsuls.« Rottenstein sah noch immer aus, als traute er seinen Ohren nicht, aber auch Frau von Wilkow, die sich bisher gar nicht an dem Gespräch beteiligt hatte und kaum zuzuhören schien, wurde aufmerksam. Auch sie streifte den neuen Gutsherrn mit einem höchst erstaunten Blick, indessen äußerte sie nichts darüber, sondern sagte nur: »Wir erfuhren allerdings von Metas Heirat. Sie haben sie ja wohl jahrelang nicht gesehen?« »Das letzte Mal vor zwölf Jahren, als ich Europa verließ.« »Das ist allerdings eine lange Zeit.« »O ja! Lang genug, um in der Heimat vergessen zu werden.« Die Worte klangen so herb, als läge ihnen eine geheime Bedeutung zu Grunde. Die junge Frau hob den Kopf und schien im Begriff, eine gereizte Antwort zu geben, aber es kam nicht dazu. Der alte Ausdruck von Müdigkeit und Gleichgültigkeit legte sich wieder über ihre Züge, und sie erwiderte mit einem leichten Achselzucken: »Das Vergessen pflegt meist gegenseitig zu sein; aber ich finde es recht kühl hier oben, ich werde hinunter in die Kajüte gehen. Du bleibst wohl noch auf dem Deck, Papa?« Sie neigte flüchtig das Haupt gegen die Herren und ging; gleichzeitig verlor Herr Wellborn auch alle Lust, noch länger auf dem Deck zu bleiben. Er bemächtigte sich eiligst des Fernglases, das die Dame hatte liegen lassen, und trug es ihr nach. Zwischen den beiden Zurückgebliebenen aber wollte kein rechtes Gespräch in Gang kommen, obgleich dies Wiedersehen nach so langer Zeit doch Stoff genug dazu bot. Der alte Herr kämpfte sichtlich mit einer Verlegenheit, deren er nicht Herr zu werden vermochte, und Adlau blickte schweigsam und zerstreut in das Meer hinaus. Auf einmal aber richtete er sich empor, mit einer raschen Bewegung, als würfe er irgend etwas Lastendes von sich. »Herr Geheimrat, wozu der Zwang zwischen uns beiden! Sind wir uns denn so fremd geworden? Als Sie mich erkannten, sah ich ja, daß Sie mir die alte freundliche Gesinnung bewahrt haben, und ich bin auch der alte geblieben – Ihnen gegenüber.« »Wirklich, Robert?« rief Rottenstein, der jetzt zum erstenmal wieder die vertrauliche Anrede gebrauchte. »Das freut mich, freut mich von ganzem Herzen! Ich habe Sie immer gern gehabt, aber Sie waren ja ganz wild damals, als – nun, Sie wissen ja, was ich meine. Jetzt ist das hoffentlich vergessen.« »Vergessen und begraben! Ich hatte anderes zu thun in den letzten zwölf Jahren, als alten Erinnerungen nachzuhängen. Also – auf gute Nachbarschaft zwischen Lindenhof und Brankenberg!« »Auf gute Nachbarschaft!« Der alte Herr schlug herzlich in die dargebotene Hand ein, ihm war offenbar ein Stein von der Brust gefallen. Er nahm auf einem Feldstuhl Platz und fing behaglich an zu plaudern. »Also vor allen Dingen, wie geht es Ihnen, Robert? Doch die Frage ist eigentlich überflüssig, wer Brankenberg kaufen kann, muß ein reicher Mann sein.« »Wenigstens kein armer Mann,« sagte Robert gelassen. »Aber es ist mir nicht leicht gemacht worden, bis ich dahin kam. Jahrelang hatte ich nichts als Fehlschläge und Enttäuschungen; was ich heute gewann, zerrann morgen, bis es endlich aufwärts ging, und da ging es allerdings schnell, wie alles da drüben. Doch das erzähle ich Ihnen ausführlich, wenn wir im Winter behaglich am Kamin sitzen!« »Im Winter! Da sitze ich ja in Kairo bei den Pyramiden!« rief der Geheimrat in kläglichem Tone. »Ich muß ja nach Afrika!« »Sie müssen? Weshalb denn?« »Weil Elfriede den Winter in Deutschland nicht aushält. Ich meine, sie könnte als Frau und Witwe füglich allein reisen, aber das will sie durchaus nicht. Unter uns gesagt, Robert, ich mache mir aus diesem vielgepriesenen Orient nicht das geringste. Diese Pyramiden sehen mir schon auf den Bildern so langweilig aus, bei den Mumien wird mir übel und die Kamele kann ich nicht ausstehen. Und nun vollends diese ungemütlichen Bestien, die Löwen und Krokodile –« »Die kommen nicht nach Kairo,« warf Adlau ein. »Da müssen Sie schon weit nilaufwärts oder in die Wüste gehen.« »Aber wir wollen ja bis an die Katarakte!« rief der alte Herr verzweiflungsvoll. »Und Elfriede will auch in die Wüste, sie will überallhin! Das ist sie noch von ihrem Manne gewohnt, der trieb sich auch am liebsten in der Nähe des Aequators herum, aus Gesundheitsrücksichten, wie er behauptete. Als sie den Baron heiratete –« er hielt plötzlich inne und blickte etwas unsicher zu seinem Gefährten auf, aber dieser ergänzte ruhig: »Vor zehn Jahren, ich weiß. Sie sandten mir ja die Verlobungsanzeige.« »Ja, ich – das heißt, eigentlich hat es meine Frau gethan,« sagte Rottenstein. »Ich habe mich bei der ganzen Sache neutral verhalten, denn Wilkow war bedeutend älter als meine Tochter und sehr kränklich. Er mußte stets den Winter in den südlichen Kurorten zubringen, deshalb gaben sie auch bald ihren Haushalt in Berlin auf und führten nur noch ein Reiseleben. Das ging von einem Lande in das andere, ohne Rast und Ruhe, sie waren immer auf der Fahrt, bald in Italien, bald in Madeira oder Korfu, schließlich in Aegypten, und dort starb auch mein Schwiegersohn, vor zwei Jahren, Aber als Elfriede zurückkam – sie brachte die erste Zeit ihrer Witwentrauer bei mir zu – da war nichts mehr übrig von meiner rosigen, lustigen Friedel mit dem neckischen Uebermute und dem hellen Lachen, gar nichts mehr.« Robert Adlau lehnte mit verschränkten Armen an der Brüstung, an demselben Platze, wo vorhin die bleiche, nervöse Frau gestanden hatte, er hörte mit völlig unbewegter Miene zu und fragte jetzt in kühlem Tone: »War die Ehe der Frau Baronin keine glückliche?« »Doch, sie war glücklich; Wilkow trug seine Frau auf Händen und erfüllte ihr jeden Wunsch. Ich glaubte, dies ewige Reiseleben sei ihr nicht gut bekommen, und hoffte, sie würde sich nun endlich Ruhe gönnen, aber daran war nicht zu denken. Kaum daß sie den Sommer in Lindenhof aushielt, im Winter ging es nach Italien, und ich – ging mit!« »Freiwillig oder gepreßt?« Der alte Herr ließ die Frage unbeantwortet, er seufzte nur aus tiefstem Herzensgrunde; plötzlich aber faßte er seinen Nachbar beim Rock und zog ihn näher, während er halblaut fortfuhr: »Robert, wenn Sie wüßten, was ich ausgestanden habe bei diesen Kunststrapazen, bei diesen Antiken, die nie ein Ende nehmen und immer besichtigt sein wollen! Hätte ich in Rom nicht ein paar Landsleute aufgespürt, die sich abends zu einem kleinen gemütlichen Skat zusammenfanden, ich glaube, ich wäre an all den Galerien und Museen und Antiken zu Grunde gegangen.« Das Geständnis klang so jämmerlich, daß Adlau laut auflachte. »Armer Herr Geheimrat! Sie sind gar nicht angelegt für das ›höhere Reiseleben‹, wie dieser wißbegierige junge Mann mit den engen Handschuhen es nennt.« »Nein, ganz und gar nicht,« bestätigte Rottenstein, der immer mitteilsamer wurde. »Ich dankte Gott, als es endlich wieder nach Hause ging. Im Sommer hatte ich Ruhe, da war Elfriede in England und Schottland zum Besuch bei irgend einer englischen Familie, die sie irgendwo da unten kennen gelernt hatte, aber jetzt geht die Plage wieder an. Ich wäre so gern daheim geblieben in meinem stillen Lindenhof. Sie sollten es nur sehen! Eine hübsche Villa, mit großem Garten und prächtigem Blick auf den Rhein, ein Weingütchen – da wird jetzt geherbstet! Ich gab meinen Leuten immer ein kleines Fest nach der Traubenlese, da war Tanz und Jubel bis in die Nacht hinein. Und nun –« hier schlug die wehmütige Stimmung des alten Herrn plötzlich um, er wurde zornig, »nun sitze ich hier in dieser blauen Wasserwüste, unter wildfremden Menschen, und soll nach Afrika, in die Wildnis – das halte ich nicht aus!« »Das brauchen Sie ja auch nicht,« warf Adlau ein. »Warum weigern Sie sich nicht?« »Weigern?« wiederholte der Geheimrat, der diese Zumutung unerhört zu finden schien. »Das versuchen Sie einmal bei meiner Tochter! Sie ist leider sehr nervös und verträgt keinen Widerspruch. Sie wissen freilich nicht, was das bei einer Frau heißt, nervöse Zufälle.« »Nein, und ich würde sie der meinigen auch bald abgewöhnen.« »Ja, Sie waren immer so ein Gewaltmensch,« sagte Rottenstein, »und meine Friedel war ein eigensinniger Starrkopf. Deshalb wäre es auch nicht gut geworden, wenn ihr beide damals – nun runzeln Sie nur nicht so drohend die Stirn, Robert! Ich bin ja ganz Ihrer Meinung, daß wir das ›Einst‹ vergessen und begraben sein lassen.« »Ich bitte auch dringend darum!« Die Bitte ward mit solcher Entschiedenheit ausgesprochen, daß der alte Herr ganz verschüchtert wurde. Er stand auf und meinte, es werde ihm jetzt auch zu kühl, er wolle hinuntergehen in die Kajüte. Robert Adlau blieb allein zurück, aber die finstere Falte stand noch auf der Stirn, sie schien nur tiefer zu werden, als er halblaut sagte: »Also sie ist Witwe! Pah, was geht es mich an! Wir sind beide fertig miteinander, Frau Baronin von Wilkow!« – Einige Stunden später landete der Dampfer in Korfu. In unmittelbarer Nähe stiegen die Berge der Insel und des nahen Festlandes auf, sie schienen von allen Seiten aus der Flut emporzuwachsen, ein mächtiger Rahmen für das in südlicher Schönheit leuchtende Landschaftsbild. Immer deutlicher wurden die Häuser und Villen der hellschimmernden Stadt am Ufer, und jetzt stieß ein Schwarm von Booten dort ab, um die Landenden aufzunehmen. Die Reisenden waren sämtlich auf Deck gekommen, unter ihnen auch Geheimrat Rottenstein mit seiner Tochter und Herr Wellborn, der, das Reisebuch in der Hand, mit unendlicher Wißbegierde jeden Berggipfel und jede Meeresbucht studierte. Einige Schritte entfernt stand Adlau und spähte scharf nach den Booten hinüber, die pfeilschnell und zierlich wie Schwalben über die blaue Meeresfläche dahinschossen, allen voran eine größere Barke, die, von zwei Matrosen gerudert, an ihrer Spitze die deutsche Flagge zeigte. Die Insassen, ein stattlicher Mann und eine noch junge, hübsche Frau mit zwei Kindern, schienen gleichfalls an Bord des Dampfers jemand zu suchen. Jetzt flatterte ein weißes Tuch dort, und gleich darauf wurden über die Wellen hinweg jubelnde Grüße ausgetauscht. »Da ist er! Robert! – Willkommen, Schwager!« und ein freudiges »Grüß Gott! Da bin ich!« kam von Bord zurück. Der Dampfer hielt, die Schiffstreppe wurde hinuntergelassen, als das Boot eben anlegen wollte, aber Adlau wartete das nicht ab. Kaum die Stufen berührend, schwang er sich mit einem kühnen Satze hinüber in das kleine Schiff, umfaßte die Schwester, schüttelte dem Schwager die Hand und wandte sich dann zu den Kindern, die dem fremden Onkel freudig die Aermchen entgegenstreckten. »Dieser Herr aus Amerika scheint sehr wagehalsiger Natur zu sein,« bemerkte Wellborn, der diese Eigenschaft offenbar nicht besaß. »War das ein Sprung, mit dem er in das Boot hinuntersetzte! Um ein Haar wäre es umgeschlagen und er selbst wäre ins Meer gestürzt. Man soll das Schicksal nie herausfordern, meinen Sie nicht auch, Herr Geheimrat?« Der alte Herr betrachtete halb teilnehmend, halb neidisch die Familienscene da unten in der Barke. »Jawohl, der wird empfangen und begrüßt!« brummte er vor sich hin, »der ist gleich daheim bei seiner Familie, und unsereins muß ins Hotel, wo es natürlich wieder schändliches Essen gibt und Betten, wie – ums Himmels willen, wo ist denn meine Tochter geblieben? Da schreit mich dieser Mensch in drei verschiedenen Sprachen an, von denen ich keine einzige verstehe! Was will er denn? Ich glaube, jetzt spricht der Kerl gar griechisch oder arabisch. Elfriede, so komme mir doch zu Hilfe!« Der arme Geheimrat, der nur seine Muttersprache redete, stand in der That ganz hilflos vor einem der Kommissionäre der Hotels, die jetzt an Bord kamen, um sich der Reisenden und ihres Gepäcks zu bemächtigen. Er hatte den fremden Herrn vergebens englisch und französisch angeredet und versuchte es nun mit dem Italienischen. Frau von Wilkow war bei jener Begrüßung rasch zurückgetreten, als wollte sie von den Insassen des Bootes nicht gesehen werden, erst auf den Hilferuf ihres Vaters kam sie herbei und gab dem Dienstbeflissenen die nötigen Befehle. Im goldigen Scheine der Mittagssonne lag die griechische Insel vor ihnen wie ein fremdartiger Zaubergarten. Ringsum schlossen sich die Berge, bald in sanft geschwungenen Linien, bald in zackigen Gipfeln wie zu einem Kranze, und um sie her wogte und wimmelte das malerisch bunte Treiben des Hafens. Ueberall südliche Farbenpracht und südliches Leben, berauschend für jedes Auge, aber die Augen der jungen Frau blickten so müde, so gleichgültig darauf hin wie vorhin in die ferne Meeresweite und glitten dann langsam zu jenem Boote mit der lustig wehenden Flagge hinüber, das soeben am Ufer landete. Im Norden war längst schon der Herbst eingezogen, mit kalten Regengüssen und düsteren Nebeltagen, aber hier in Korfu blaute der Himmel über Myrten- und Lorbeergebüschen und in die weiche, warme Luft des Südens mischte sich der Meereshauch, der ihr eine köstliche Frische gab. Ein Tag glich dem anderen in klarer, wolkenloser Schönheit, und die fremden Gaste, die sich hier zusammenfanden, hatten alle Ursache, mit der Wahl ihres Aufenthaltes zufrieden zu sein. Das hatte fast drei Wochen gedauert, aber gestern war ein heftiges Gewitter über die Insel hingezogen und hatte böses Wetter hinterlassen. Draußen auf dem Meere herrschte Sturm, an den Bergen hingen dichte Wolkenschleier und der Regen strömte unaufhörlich nieder. In dem Lesezimmer des Hotels, wo er mit seiner Tochter wohnte, saß Geheimrat Rottenstein. Zum Glück befand sich hier eine deutsche Zeitung, das große rheinische Blatt, das neben der Politik auch allerlei Nachrichten aus der engeren Heimat brachte. Doch das pflegte stets das Heimweh des alten Herrn zu steigern; er gehörte zu jenen Menschen, die sich nur im engen, vertrauten Kreise wohl fühlen, deshalb hatte ihm auch der Aufenthalt in Berlin, wo sein Amt ihn fesselte, nie recht zugesagt. Als braver Beamter hatte er redlich seine Pflicht gethan, ohne den Ehrgeiz, etwas Besonderes zu leisten, und ohne Neid auf die anderen, jüngeren, die ihn überholten. Als sein Dienstalter ihm eine ausreichende Pension sicherte, hatte er den Abschied genommen und war sehr gerührt und dankbar, als der Staat seine Pflichttreue durch Verleihung des Geheimrattitels anerkannte. Ein hübsches Vermögen, das ihm erst in den letzten Jahren durch Erbschaft zugefallen war, ermöglichte ihm den Ankauf eines Landgutes, wo er sein Alter in Ruhe zu verleben dachte, und einige Jahre lang gab es in der That keinen glücklicheren und zufriedeneren Menschen als den Besitzer von Lindenhof. Aber das ging zu Ende, als seine Tochter zurückkehrte und vorläufig bei ihm ihren Aufenthalt nahm. Sie hatte es verlernt, in der Heimat auszuhalten, und riß den Vater mit hinein in ihr unstetes, unruhiges Reiseleben. Da sie als Witwe über ein bedeutendes Einkommen verfügte, so konnte sie unbeschränkt ihren Neigungen folgen, und Rottenstein war viel zu schwach, um seinem einzigen Kinde, das er zärtlich liebte, einen entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen, obgleich er bisweilen den Versuch dazu machte. Er gab immer wieder nach, aber da er weder Sinn für landschaftliche Schönheiten noch für Kunstgenüsse besaß, fühlte er sich äußerst unbehaglich in der Fremde und kam sich inmitten all der Pracht des Südens wie ein Verbannter vor. Ihm gegenüber, an der anderen Seite des Tisches, saß Herr Wellborn, der sich gerade in der entgegengesetzten Lage befand: er war mit sich und aller Welt zufrieden. Aus den drei Tagen, die er anfangs in Korfu zubringen wollte, waren nun bereits drei Wochen geworden und sein Entschluß stand fest, nicht eher abzureisen, als bis Frau von Wilkow mit ihrem Vater die Insel verließ, um sich ihnen dann selbstverständlich für die Fahrt nach Aegypten anzuschließen. Seiner Auffassung nach gehörte zu dem »höheren Reiseleben« notwendig immer etwas Roman, er hatte sich daher schleunigst in die junge Witwe verliebt und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten, die zwar ziemlich kühl aufgenommen, aber doch wenigstens nicht zurückgewiesen wurden. Auch »dieser Herr aus Amerika« erwies sich als eine äußerst schätzbare Bekanntschaft, obgleich es nicht zu leugnen war, daß er sich bisweilen etwas schroff benahm gegen den jungen Reisegefährten, der seinerseits die Höflichkeit selbst war. Aber diese hinterwäldlerischen Manieren mußte man dem Manne hingehen lassen, der so lange außerhalb der Kultur gelebt hatte und sich offenbar nicht so schnell wieder hineinfinden konnte. Jedenfalls hielt es Herrn Wellborn nicht ab, dem »Hinterwäldler«, der natürlich bei seinem Schwager, dem Konsul, wohnte, einen Besuch zu machen und die Einladungen des gastfreien Hausherrn anzunehmen. Dort lernte man die ganze Gesellschaft der Stadt kennen, und der Verkehr in dem großen Hotel, dessen Gäste aus allen Ecken und Enden der Welt stammten, war gleichfalls höchst anregend und interessant – kurz, der junge Mann schwamm und plätscherte im Strome des Reiselebens wie der Fisch im Wasser. Da es noch früh am Vormittage war, so befand sich außer den beiden Herren niemand im Lesezimmer. Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen, dann legte Wellborn die Zeitung nieder und bemerkte mit einem gewissen Nachdruck: »Es regnet!« Er hätte nicht nötig gehabt, diese Thatsache erst festzustellen, denn der Regen schlug prasselnd gegen die Fenster. Jetzt blickte auch Rottenstein von seiner Zeitung auf und bestätigte im Tone tiefster Befriedigung: »Ja, es regnet! Endlich einmal –Gott sei Dank!« »Aber Herr Geheimrat, das klingt ja, als freuten Sie sich darüber,« sagte der junge Mann vorwurfsvoll. »Alle Welt ist verzweifelt, denn bei diesem Wetter ist natürlich nicht an einen Ausflug zu denken.« »Eben deshalb – da hat man endlich einmal Ruhe. Sonst geht es ja Tag für Tag hinaus nach allen möglichen Orten, wo doch immer nur dasselbe zu sehen ist, blitzblaues Meer und graue Olivenwälder, eins so langweilig wie das andere. Ich wollte, es regnete so weiter, acht Tage lang!« Mit diesem frommen Wunsche lehnte sich der alte Herr behaglich zurück und blickte mit einer gewissen Zärtlichkeit in die strömende Regenflut. Wellborn schüttelte den Kopf über diese Anschauung und zog sein Wetterglas zu Rate, das er mitgenommen hatte, und von dem er sich überhaupt nur selten trennte. Es war ein merkwürdiges Ding, das schon in der Form von allen anderen abwich, steckte in einem noch merkwürdigeren Gehäuse und wies eine Menge sibyllinischer Zahlen und Zeichen auf, deren Bedeutung wahrscheinlich nur der Erfinder und der glückliche Besitzer kannten. Leider hatte es die für ein Wetterglas etwas bedenkliche Eigenschaft, sich stets im Widerspruch mit dem Wetter zu befinden, und das war auch heute der Fall. »Wie steht denn das Glas?« fragte der Geheimrat nach einer Pause. »Ausgezeichnet! Wir werden am Nachmittage herrliches Wetter haben.« Rottenstein zuckte ungläubig die Achseln. »Das haben Sie gestern auch gesagt, als ich nicht mitfahren wollte. Ich traute gleich den Wolken nicht, die da so urplötzlich am Monte Salvatore aufstiegen, aber Sie garantierten uns ja Sonnenschein und dann faßte uns das Gewitter, mitten in den Bergen, im offenen Wagen. Ganz durchweicht kamen wir zurück, und heute meldet sich natürlich mein Rheumatismus wieder. Dafür habe ich mich bei Ihrem berühmten Glas zu bedanken!« »Aber Herr Geheimrat!« Der junge Mann nahm eine gekränkte Miene an, »wie können Sie nur das unschuldige Glas für dies gänzlich unmotivierte Gewitter verantwortlich machen! Auf dieser Insel herrschen abnorme Witterungszustände, mit denen nicht zu rechnen ist. Als wir damals abreisten, in Triest –« »Stand Ihr Barometer auf Sturm – jawohl, und wir haben drei Wochen Prachtwetter gehabt.« »Das kam von der Seereise,« behauptete Wellborn, jetzt aber lachte der alte Herr laut auf. »Nun verträgt das Ding gar die Seefahrt nicht! Ist es vielleicht seekrank geworden?« Wellborn war tief beleidigt, er hob sein Glas hoch empor und begann dessen Vorzüge ausführlich auseinanderzusetzen, wurde aber darin durch den Eintritt Robert Adlaus unterbrochen, der den Geheimrat begrüßte, ohne viel Notiz von dem jungen Manne zu nehmen. »Ich komme eigentlich, um Ihnen zu sagen, daß ich in der nächsten Woche abreise,« wandte er sich an den Geheimrat. »Ich gehe mit dem Dampfer nach Triest und von da ohne Aufenthalt nach Hause.« »Sie wollen fort? So bald schon?« rief der Geheimrat fast erschrocken. »So bald? Ich bin lange genug hier gewesen. Meta und mein Schwager wollen mich zwar durchaus nicht fortlassen, aber es bleibt dabei, ich reise.« »Meta ist eben bei meiner Tochter,« sagte Rottenstein, »Ah, Sie wußten das nicht? Nun, jedenfalls kommen Sie doch mit hinauf und fahren dann mit Ihrer Schwester nach Hause. Sie hat den Wagen zum Abholen bestellt.« Adlau zögerte einige Sekunden, ehe er die Einladung annahm, dann aber sagte er kurz: »Das wird wohl bei diesem Wetter das beste sein. Also gehen wir!« Die drei Herren brachen auf, denn auch Wellborn benutzte die Gelegenheit, sich anzuschließen. Er hatte die gnädige Frau heute noch nicht gesehen und mußte sich notgedrungen nach ihrem Befinden erkundigen. Möglicherweise hatte ihr die gestrige Regenpartie eine Erkältung zugezogen, die Frau Baronin war eine äußerst zarte Natur und der Süden schützte durchaus nicht vor katarrhalischen Zuständen, aber hoffentlich ... so schwatzte er unausgesetzt weiter, und es störte ihn gar nicht, daß niemand zuhörte, er war dergleichen schon gewohnt. In dem Salon, der die Zimmer der Frau von Wilkow und ihres Vaters trennte und zu ihrer Wohnung gehörte, hatten unterdessen die Damen eine lebhafte Unterhaltung geführt, die Glasthüren waren fest geschlossen. Sonst hatte man vom Balkon aus eine prächtige Aussicht über den Hafen, über den Meeresarm, der die Insel vom Festlande schied, und die jenseitigen Berge; aber heute verschwand das alles in grauer Nebel- und Regenflut. Auf dem Eckdiwan saßen die beiden jungen Frauen, die zusammen aufgewachsen waren in der sonnigen Rheinstadt, wo Rottenstein mit den Seinigen gelebt hatte, bis er nach Berlin versetzt wurde. Freilich hatte die einstige Mädchenfreundschaft nicht jene Entfremdung überdauert, die später zwischen den beiden Familien eintrat und schließlich jedem Verkehr ein Ende machte. Aber jetzt, nach vollen zehn Jahren, als man sich so unvermutet wiederfand, waren die zerrissenen Fäden wieder angeknüpft und hier wenigstens die alte Vertraulichkeit wiederhergestellt worden. Frau Meta Rahnsdorf, eine hübsche, zierliche Blondine, ungemein lebhaft in Sprache und Bewegungen, war nur zwei Jahre jünger als Elfriede von Wilkow; sie unterhielt heiter die Freundin, während jene, den Kopf in die Hand gestützt, meistenteils zuhörte. Jetzt aber fragte sie, ohne ihre Stellung zu verändern: »Also du bist glücklich in deiner Ehe, Meta? Wirklich glücklich?« Die kleine Frau, der das Glück nur so aus den blauen Augen lachte, fuhr in komischer Entrüstung auf. »Hör, Elfriede, die Frage ist eigentlich eine Beleidigung für meinen Mann. Denkst du, er verstände es nicht, mich glücklich zu machen? Er hat es meinem Vater hoch und teuer versprochen, als er mich fortführte in das fremde Land, und er hielt Wort. Trotz alledem hatte ich arg mit dem Heimweh zu kämpfen in der ersten Zeit, wenn ich es auch meinem Fritz nicht zeigen wollte, aber dann kamen die Kinder –« »Die Kinder!« wiederholte Elfriede leise. »Sind sie nicht herzig alle beide, der Bub und das Mädel?« fragte die Mutter mit strahlenden Augen. »Ja, wenn solch kleines Volk erst anfängt im Hause zu krähen und herumzutappen, dann hat man an anderes zu denken als an die ferne Heimat! Du weißt das freilich nicht, deine Ehe ist ja kinderlos gewesen.« »Ja – Gott sei Dank!« Die Worte klangen so schroff, so seltsam bitter, daß Meta fast erschrocken aufblickte. »Aber, Elfriede!« Elfriede preßte die Lippen zusammen, als sei ihr die Antwort wider Willen entfahren. »Das heißt – du darfst mich nicht mißverstehen. Ich meine nur, in diesem Falle hätten wir unser Reiseleben aufgeben müssen, und Wilkows Gesundheit forderte den Aufenthalt in einem südlichen Klima, er ertrug den Norden nicht.« Sie sprach wieder im gleichgültigsten Tone. Die kleine Frau Konsul besaß noch nicht viel Menschenkenntnis, sonst hatte die tiefe Bitterkeit des so jäh hervorbrechenden Ausrufs ihr doch vielleicht zu denken gegeben, so aber sagte sie nach einiger Zeit unbefangen, wenn auch etwas zögernd: »Willst du mir noch immer nicht sagen, was das damals zwischen dir und Robert gewesen ist?« Elfriede richtete sich heftig empor, man hatte es ihren müden, dunklen Augen gar nicht zugetraut, daß sie noch so aufblitzen konnten wie jetzt, wo sie sich mit einer beinahe zornigen Bewegung frei machte. »Was quälst du mich mit diesen Fragen? Ich habe dich doch gebeten, mich damit zu verschonen!« »Ja, du machst es gerade so wie Robert!« sagte die kleine Frau, mehr erstaunt als beleidigt über diese Zurückweisung. »Der wird auch immer gleich wütend, wenn ich davon anfange, und setzt eine Miene auf, daß ich schleunigst aufhöre. Aber du könntest mir doch beichten, wir sind Jugendfreundinnen. Freilich, ich wurde von euch beiden immer noch als Kind behandelt, weil ich ein paar Jahre jünger war als du, mir wurde nie etwas anvertraut. Aber so klug war ich doch, zu merken, daß die Sache zwischen euch nicht richtig war.« Elfriede machte eine Bewegung der äußersten Ungeduld, es schien, als wollte sie um jeden Preis dies Gespräch abbrechen, aber Meta hielt es hartnäckig fest, sie plauderte weiter. »Als die Nachricht deiner Verlobung aus Berlin kam – Robert war ja damals schon in Amerika –, konnte ich mir die Sache nicht zusammenreimen; doch du schriebst mir seit jener Zeit überhaupt nicht mehr und Robert schwieg hartnäckig auf jede briefliche Frage. Ich habe mir damals oft genug den Kopf darüber zerbrochen.« »Du hättest dir dein blondes Köpfchen über etwas Besseres zerbrechen sollen,« sagte Elfriede kalt. »Das war wirklich nicht der Mühe wert.« »Nicht? Nun, weshalb seid ihr beide denn so gereizt bei der bloßen Erinnerung?« »Weil es nicht angenehm ist, an Kindereien erinnert zu werden, die längst vergessen sind. Du solltest das mir und deinem Bruder wirklich ersparen.« Das klang noch immer sehr ärgerlich. Die kleine Frau schüttelte nachdenklich den Kopf. Sie fand indessen keine Zeit zu weiteren Fragen, denn jetzt wurde die Thür des Salons geöffnet und man hörte Herrn Wellborn draußen bereits schwatzen, ehe noch jemand sich zeigte. Er ließ zwar den beiden anderen Herren den Vortritt, eilte dann aber schleunigst zu der Baronin, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und ihr den bereitgehaltenen Strauß blühender Rosen zu überreichen. Er sprach die ganze Litanei seiner Befürchtungen in Bezug auf ihr Befinden nochmals herunter und beglückte dann, nach der beruhigenden Versicherung der Baronin, daß sie ganz wohl sei, Frau Konsul Rahnsdorf mit seiner Unterhaltung. »Hast du es schon gehört, Elfriede, daß Robert in der nächsten Woche fort will?« wandte sich der Geheimrat an seine Tochter. Elfriede hob die Augen, ein rascher fragender Blick glitt zu Adlau hinüber, dann aber sagte sie mit höflich kühlem Bedauern: »Sie wollen Korfu schon wieder verlassen, Herr Adlau. Ist denn Meta damit einverstanden?« »Der Bösewicht ist ja nicht länger zu halten,« schmollte Meta. »Fritz und ich haben alles mögliche aufgeboten, aber er thut, als brenne ihm der Boden hier unter den Füßen.« »Ich muß fort, Meta,« sagte der Bruder bestimmt. »Die Zeit der Uebergabe von Brankenberg rückt heran und ich habe noch manches vorzubereiten. Ueberdies habt ihr mir ja im nächsten Sommer einen Besuch versprochen. Es bleibt dabei, ich reise am nächsten Mittwoch, und Mitte November hoffe ich, meinen Einzug in Brankenberg zu halten.« »Mitte November?« wiederholte der Geheimrat mit einem wehmütig fragenden Blick auf seine Tochter. »Dann sind wir ja wohl in Aegypten?« »Gewiß, Papa, du weißt es ja, wir gehen direkt von hier nach Kairo.« »O Kairo! Die Pyramiden!« rief Wellborn begeistert, »Sie müssen mit hinauf, Herr Geheimrat! Auf diesen Riesendenkmalen der Vergangenheit zu stehen, das ist so erhebend!« »Und so unbequem!« seufzte der Geheimrat, aber der Begeisterte ließ sich nicht stören: »Und dann die Kamele, darauf freue ich mich ganz besonders. Wir werden Wüstenritte unternehmen, wir werden uns tragen lassen von diesem Schiff der Wüste –« »Hören Sie auf, um Gottes willen!« unterbrach ihn der alte Herr verzweiflungsvoll. »Was mich betrifft – ich möchte am liebsten –« »Was möchtest du lieber, Papa?« Die Frage klang sehr ruhig, aber der Herr Papa, der so vollständig unter dem Kommando seiner Frau Tochter stand, kannte den Ton. Er hätte sich beinahe zu dem Geständnis aufgeschwungen, daß er weit lieber mit Adlau die Rückreise antreten würde, jetzt aber lenkte er schleunigst ein. »Ich meine nur, daß ich eigentlich doch ein wenig zu alt bin für solche Reisen.« »Aber Papa, du bist ja von einer beneidenswehrten Rüstigkeit und nimmst es noch mit all den Jüngeren auf! Du liebst nur etwas zu sehr die Bequemlichkeit, aber man darf solcher Schwäche nicht nachgeben. Es war ein Glück, daß ich noch rechtzeitig eingriff, denn du warst auf dem besten Wege, in deinem einsamen Lindenhof vollständig zu versumpfen.« Das hieß den alten Herrn aber an seiner empfindlichsten Stelle treffen, einen Spott über seinen geliebten Lindenhof ertrug er nicht. »Ich werde mit sechzig Jahren doch wohl das Recht haben, zu ›versumpfen‹!« sagte er beinahe zornig. »Ich habe mich übrigens sehr wohl bei dieser Versumpfung befunden.« »Das Recht kann Ihnen niemand bestreiten,« stimmte Adlau bei. »Uebrigens würden Sie jetzt Gesellschaft dabei haben, denn ich denke mich in Brankenberg ja ebenfalls dieser angenehmen Beschäftigung hinzugeben.« Elfriede biß sich auf die Lippen, sie fühlte den Seitenhieb, der ihr galt, aber sie lächelte und zuckte nur leicht die Achseln bei der Antwort: »Ich werde den Papa noch vor Ihnen hüten müssen, Herr Adlau, Sie stiften ihn ja förmlich zur Rebellion an! Zum Glück habe ich sein Versprechen, und er liebt mich viel zu sehr, um mich allein reisen zu lassen. Nicht wahr, Papa?« Der arme Geheimrat sah gar nicht nach Rebellion aus, und der Appell an seine Vaterliebe stimmte ihn nun vollends weichmütig. Er warf einen Blick auf seine Tochter, die in der That heute bleich und angegriffen aussah, und faltete dann ergeben die Hände. »Gewiß, mein Kind. Also in Gottes Namen – gehen wir nach Aegypten! Und wenn Sie nach Brankenberg kommen, Robert, dann grüßen Sie mir auch mein liebes kleines Heim, es liegt Ihnen ja gerade vor Augen!« »Merkwürdig, daß Herr Adlau gerade jetzt nach dem Norden will,« mischte sich Wellborn in das Gespräch. »Der November und Dezember pflegt ja dort gräßlich zu sein. Weshalb eilen Sie denn so mit der Abreise?« »Weil in diesem ›gräßlichen Norden‹ Arbeit und Pflichten auf mich warten, Herr Wellborn. Wer kümmert sich denn eigentlich um Ihre Fabrik, während Sie in Aegypten sind?« »O, das thut mein Direktor, ein sehr tüchtiger Mann, der schon unter meinem Vater alles leitete. Er kann mir ja seine Berichte nachschicken.« Der junge Mann setzte nun seine völlige Ueberflüssigkeit in seiner eigenen Fabrik mit einer beneidenswerten Harmlosigkeit auseinander. Meta verbarg mühsam das Lachen und ihr Bruder sagte mit unverhohlenem Spott: »Ihr Direktor wird die Berichte wahrscheinlich gar nicht für nötig halten, er würde Sie ja nur damit stören. Mir wäre übrigens mit solchen ›verständnisvollen‹ Beamten nicht gedient. Ich will mein Reich selbst regieren.« »Es wird Ihnen noch zu schaffen machen, Robert, dies Reich,« sagte der Geheimrat. »Es hieß in der ganzen Umgegend, Brankenberg müßte verkauft werden, um die Familie vor dem gänzlichen Ruin zu retten, und in der letzten Zeit sei es in der Wirtschaft drunter und drüber gegangen. Man hörte da arge Dinge.« »Ich weiß,« versetzte Robert ruhig. »Eine ganz tolle Wirtschaft, ohne Sinn und Verstand! Von den reichen Hilfsquellen des Gutes scheint kein Mensch eine Ahnung gehabt zu haben. Ich wußte genau Bescheid, als ich den Kauf abschloß, und habe auch nur den entsprechenden Preis gezahlt. Da heißt es, von Grund aus Ordnung schaffen, und das wird Zeit und Arbeit kosten, aber gleichviel – es ist etwas zu machen aus Brankenberg.« »Mein Gott, weshalb legen Sie sich denn aber eine solche Last auf?« warf Frau von Wilkow nachlässig ein. »Es gibt doch sicher Güter mit geordneten Verhältnissen, gerade in unserer Rheingegend.« »Gewiß, aber ich hatte keine Lust, mich in ein warmes, bequemes Nest zu setzen, wo alles schon gethan ist. Ich muß schaffen, aufbauen können, muß Freude haben an dem Werdenden und Gewordenen, das ist für mich – doch Verzeihung, gnädige Frau, ich langweile Sie da mit Dingen, die Ihnen ganz fern liegen!« »Warum gerade mir?« fragte Elfriede, gereizt durch die scharfe Betonung jenes Wortes. »Weil Sie Ihr Leben in ganz andere Bahnen gelenkt haben, mit vollem Rechte,« sagte Adlau mit einer Artigkeit, die nur mit dem Ausdruck seiner Augen nicht recht stimmen wollte. »Wer sich an die Arbeit gewöhnt hat wie ich, den läßt die Gewohnheit nicht los, auch wenn die Notwendigkeit zur Arbeit vorüber ist.« »Haben Sie das denn an sich selbst erfahren?« fragte Wellborn mit naiver Verwunderung. »Ich glaubte immer, Sie seien zu Ihrem Vergnügen in Amerika gewesen und hätten als Tourist den Weltteil durchstreift.« »Da sind Sie leider im Irrtum gewesen, Herr Wellborn. Ich hatte nicht das Glück, als Erbe eines reichen Fabrikherrn geboren zu werden, ich bin mit meiner Schwester in einem Pfarrhause aufgewachsen, und ein deutscher Pastor pflegt gewöhnlich keine Schätze aufzuhäufen. Mein Vater gab mir seinen Segen mit, als ich in die Welt hinausging, weiter konnte er mir nichts geben, aber schließlich bin ich damit und mit der eigenen Kraft doch ziemlich weit gekommen. Im Anfange freilich habe ich es oft genug fühlen müssen, daß ich ein armer Teufel war und als solcher gar kein Recht auf das Glück hatte; es wurde mir ziemlich schonungslos klar gemacht, daß das nur für die Reichen und Vornehmen da war. Ja, man muß bisweilen hartes Lehrgeld zahlen – da drüben in Amerika, meine ich.« Der Geheimrat räusperte sich, er fand, daß die Unterhaltung eine etwas bedenkliche Wendung nahm, und wollte eben eingreifen, als zu seiner großen Erleichterung der Wagen der Frau Konsul gemeldet wurde. Damit nahm der Besuch ein Ende, Meta brach mit ihrem Bruder auf und auch Herr Wellborn empfahl sich, mit der Versicherung, daß am Nachmittage herrliches Wetter sein und daß er sich dann gestatten werde, wegen einer Spazierfahrt anzufragen. Elfriede war an das Fenster getreten, um der Freundin nachzusehen, aber der Wagen war längst fort und sie stand noch immer, die Stirn gegen die Scheiben gelehnt, ohne sich zu regen. Auch ihr Vater, der auf dem Sofa Platz genommen hatte, schwieg einige Minuten lang, endlich sagte er: »Robert kann bisweilen recht ungemütlich werden in seinen Anspielungen. Ein Glück, daß die anderen beiden sie nicht verstanden, auch Meta Rahnsdorf scheint nicht eingeweiht zu sein.« Frau von Wilkow antwortete nicht, sie blickte noch immer hinaus in den strömenden Regen, während der Geheimrat fortfuhr: »Und du legst es manchmal geradezu darauf an, ihn zu reizen. Wenn ihr beide zusammen seid, steht man immer wie unter einer Gewitterwolke, die jeden Augenblick losbrechen kann. Für diesmal trennen wir uns ja bald wieder, aber wie soll das werden, wenn wir nach Hause kommen, wo Robert unser nächster Gutsnachbar ist?« Elfriede wandte sich langsam um, sie war auffallend bleich und ihre Lippen zuckten, als sie erwiderte: »Darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen, Papa. Ich werde Lindenhof nicht wieder betreten, nun ich weiß, daß Rob–, daß Herr Adlau in Brankenberg leben wird.« Der alte Herr fuhr förmlich entsetzt aus seiner Sofaecke empor, denn das Gespenst eines ewigen Herumwanderns tauchte drohend vor ihm auf. »Aber ich bitte dich, Elfriede!« »Nie wieder!« wiederholte sie mit scharfem Nachdruck. »Und auch hier, Papa, hättest du Adlau vermeiden sollen, vermeiden müssen! Statt dessen suchst du ihn förmlich auf, ihr verkehrt ja fortwährend miteinander, und du hast ihm die Hand geboten, als ob gar nichts geschehen wäre!« »Nein, er war es, der mir die Hand bot, schon bei unserer ersten Begegnung,« erklärte Rottenstein, nun auch seinerseits mit einigem Nachdruck. »Und das hätte ein anderer nicht gethan, denn er war es, dem damals unrecht geschah.« Die junge Frau war an den Tisch getreten und zog einige Rosen aus dem Strauße, den Wellborn ihr vorhin überreicht hatte. Ihr Antlitz trug wieder den müden, gleichgültigen Ausdruck, der ihm sonst eigen war, aber ihre Hand zerpflückte in nervöser Aufregung die Blumen. »Das heißt mit anderen Worten: ich habe ihm unrecht gethan! Gehst du in deiner blinden Vorliebe für diesen Mann so weit, Partei für ihn zu nehmen gegen die eigene Tochter? Freilich, das hast du ja schon damals gethan!« »Ich habe gar nichts gethan,« sagte der alte Herr sehr offenherzig. »Deine verstorbene Mama hatte die Sache in die Hand genommen. Ich wurde gar nicht gefragt –« »Und Mama hatte recht,« fiel Elfriede ein. »Auf die Art, wie Adlau sich damals benahm, als er von jener anderen Werbung erfuhr, gab es nur eine Antwort – meine Verlobung mit Wilkow.« »Nun, schmeichelhaft war das gerade nicht für Wilkow,« meinte der Geheimrat, in dem sich heute ein ganz ungewöhnlicher Geist des Widerspruchs regte. »Er hat es freilich nie erfahren, wie diese Verlobung eigentlich zu stande kam. Die Mama wollte dich ja durchaus als Baronin Wilkow, als reiche Frau sehen, und wenn deine liebe Mama sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann setzte sie es auch durch! Robert hat sich freilich wie ein Toller benommen. Das ist wahr, aber es ist ihm auch toll mitgespielt worden, und er liebte dich eben. Der arme Junge hat mir damals in der Seele leid gethan!« Elfriede zerpflückte mechanisch die letzten Rosen aus dem Strauß, aber bei den letzten Worten des Vaters stieg eine dunkle Glut in ihrem Antlitz empor, und sie hielt die Augen gesenkt, als sie mit halb erstickter Stimme wiederholte: »Er hat dir leid gethan! Ich nicht – und ich habe doch auch gelitten in jener Zeit!« Rottenstein richtete die ehrlichen blauen Augen fest auf sie, es stand ein stummer Vorwurf darin. »Nun, du bekamst ja deinen Willen! Ob Wilkow gerade der rechte Mann für dich war, das ist eine andere Frage. Du hast freilich immer behauptet, du wärest sehr glücklich mit ihm gewesen, aber ich habe nie recht an dies große Glück geglaubt. Dein Aussehen und dein ganzes Wesen waren nicht danach.« »Da bist du im Irrtum gewesen, Papa – ganz im Irrtum!« Die Stimme der jungen Frau klang halb erstickt bei dieser Versicherung. »Du warst überhaupt immer ungerecht gegen Wilkow, er war eine durchaus vornehme Natur!« »Vornehm! Das bestreite ich gar nicht. Er war es sogar gegen seine Schwiegereltern; und dabei hat er mit aller Artigkeit oft genug den Herrn Baron gegen uns herausgekehrt. Dich mag er ja auf Händen getragen haben, es sah wenigstens so aus, aber mir wäre der Robert mit all seiner Schroffheit, mit feiner stürmischen, rücksichtslosen, aber durch und durch gesunden Natur lieber gewesen als dein höflicher, kühler, vornehmer Herr Gemahl mit seiner ästhetischen Bildung. Nimm's mir nicht übel, Elfriede, aber ich habe ihn immer recht langweilig gefunden, und du wahrscheinlich auch, sonst hättest du nicht in dies ruhelose, unsinnige Reiseleben gewilligt. Du hast eben draußen in der Welt gesucht, was du in deiner Ehe nicht fandest, und da draußen hast du es auch nicht gefunden!« Nach dieser unerhörten Redeleistung setzte sich der alte Herr mit einem hörbaren Ruck wieder zurecht in seiner Sofaecke. Er empfand es als eine förmliche Heldenthat, seiner Frau Tochter endlich einmal die Wahrheit gesagt zu haben, und ihr maßloses Erstaunen darüber schmeichelte ihm sogar. O ja, er konnte auch etwas leisten, besonders wenn Robert Adlau ins Spiel kam, der schon als Knabe sein Liebling gewesen war! Elfriede mochte das fühlen, und das reizte sie nur noch mehr. Sie zerdrückte krampfhaft die schon halb vernichteten Rosen vollends in der Hand und warf sie dann auf den Boden. Die Bewegung hatte durchaus nichts mehr von Müdigkeit oder Gleichgültigkeit, sie war im Gegenteil höchst energisch. »Ich erkenne dich ja gar nicht wieder, Papa,« sagte sie im herbsten Tone. »Du bist sonst die Rücksicht selbst, und heute sagst du mir die verletzendsten Dinge ins Gesicht, erinnerst mich schonungslos an jene Zeit, wo ich noch ein halbes Kind war –« »Ja, das warst du!« unterbrach sie der Vater. »Und deshalb hätte ich damals eingreifen müssen. Ich wußte es ja, auf welcher Seite dein Herz war, aber das Eingreifen hat deine liebe Mama immer ganz allein besorgt. Jetzt aber sage ich dir, Friedel, gerade ein solcher Mann wie Robert hätte dir gefehlt – und mir,« schloß er in rührender Selbsterkenntnis. Das war zu viel für die schon überreizten Nerven der jungen Frau. Sie fand keine Erwiderung, aber sie warf sich in einen Sessel, brach in Thränen aus und kämpfte mit einem Ohnmachtsanfall. Der Geheimrat hegte sonst einen unbedingten Respekt vor diesen Nervenzufällen, er pflegte bei ihrem Eintritt stets nach Kölnischem Wasser zu stürzen und Abbitte zu leisten für Dinge, die er gar nicht begangen hatte. Aber heute verfing auch das nicht bei ihm. Er war nun einmal ins Rebellieren geraten, und da ihm dies zu seiner eigenen Verwunderung so ausgezeichnet glückte, fing er an, sich darin zu gefallen. Anstatt Beruhigungsversuche anzustellen, blieb er sitzen und sagte ganz gelassen: »Ja, nun weinst du wieder. Das solltest du dir abgewöhnen, Friedel! Robert sagt, er würde seiner Frau die Nervenzufälle sofort abgewöhnen – und ich glaube, er ist der Mann dazu!« Die Worte hatten eine ungeahnte Wirkung. Die Thränen versiegten plötzlich, und Elfriede sprang auf. Flammendrot im Gesicht, mit sprühenden Augen; ihr ganzes Wesen schien sich aufzubäumen in leidenschaftlicher Heftigkeit, und außer sich rief sie: »Robert und immer nur Robert! Für dich scheint es überhaupt gar nichts anderes mehr zu geben auf der Welt. Ich will aber diesen Namen nicht mehr hören! Ich will überhaupt nichts mehr hören von der Vergangenheit! Sie ist tot für mich!« Damit eilte sie stürmisch in das Nebenzimmer und schlug die Thür hinter sich zu, den Vater allein lassend, der durch diesen Ausbruch gar nicht aus der Fassung gebracht wurde. Um seine Lippen spielte im Gegenteil ein zufriedenes Lächeln, als er ihr nachblickte. »Ganz meine alte Friedel! Nun, wenn der Trotz und der Eigenwille erst wieder da sind, dann wird auch wohl das Lachen wiederkommen. Also ›tot‹ ist die Vergangenheit für sie, und für den Robert ist sie ›begraben und vergessen‹? Die beiden stellen sich doch etwas merkwürdig an bei dem ›Totsein‹ und ›Vergessen‹! Ich glaube, wenn sie einmal allein wären, so Auge in Auge, dann –« Er brach ab und versank in Gedanken. Der alte brave Herr, dem nichts auf der Welt so zuwider war wie Intriguen, der sich in seiner langen, ehrenwerten Laufbahn nie so etwas hatte zu schulden kommen lassen, er spann jetzt eine ganz regelrechte Intrigue, vorläufig noch im Kopfe, aber als er damit fertig war, stand er auf und sagte mit hohem Selbstgefühl: »Jetzt werde ich auch einmal eingreifen! Wofür bin ich denn Vater und Geheimrat!« Die Sonne brannte heiß nieder auf den steilen, schattenlosen Felspfad, den die Maultiere langsam erstiegen. Drei Tage lang hatte der Sturm angehalten und die sonnige griechische Insel war gar nicht wiederzuerkennen gewesen, mit der schäumenden See ringsum und den flatternden Nebelschleiern an den Bergen. Jetzt aber war es wieder ruhig geworden auf dem Meere wie in den Lüften, und die Landschaft ringsum zeigte sich in der alten leuchtenden Pracht. Die kleine Gesellschaft, die auf dem Wege zu einem vielgerühmten, aber etwas entfernten Aussichtspunkte war, hatte sich in zwei Gruppen geschieden; voran ritt Frau von Wilkow mit Herrn Wellborn, und in einiger Entfernung folgten Robert Adlau und Geheimrat Rottenstein. Der letztere parlamentierte fortwährend mit dem Führer, der zum Glück etwas Deutsch verstand und das Tier am Zügel leitete. Er empfahl ihm immer wieder von neuem, es ja nicht loszulassen und vor allen Dingen zu verhüten, daß es durchgehe. »Auf solchem Wege geht kein Maultier durch,« sagte Adlau, der unmittelbar vor ihm ritt, »Es hat genug mit dem Klettern zu thun, aber da oben liegt ja schon das kleine Bergnest, in einer halben Stunde werden wir dort sein!« »Das thut auch not,« meinte der alte Herr, indem er sein Taschentuch hervorzog und sich den Schweiß abtrocknete. »Zwei Stunden sich langweilen in der Sonnenglut und zum Schluß noch dieser halsbrecherische Felsweg als Spezialvergnügen! Ich habe mir die Sache nicht so schlimm gedacht, sonst –« »Hätten Sie uns nicht dazu angestiftet,« ergänzte Adlau. »Diesmal tragen Sie allein die Verantwortung für jeden vergossenen Schweißtropfen. Mir lag gar nichts an der Partie, ich gab nur Ihrem ausdrücklichen Wunsche nach.« Rottenstein widersprach nicht, er seufzte nur verstohlen. Es war ja richtig, er, der geschworene Feind aller unbequemen und anstrengenden Ausflüge, hatte den heutigen selbst angestiftet und trotz aller Hindernisse auch durchgesetzt. Der arme Geheimrat, der »auch einmal eingreifen wollte«, war längst zur Erkenntnis gelangt, daß dazu Talent gehörte, wie es seine selige Frau in so hervorragendem Maße besaß, das ihm aber völlig abging. Zuerst hatte er Not und Mühe mit Robert gehabt, der durchaus nicht mit wollte, wie er denn überhaupt jede Gelegenheit vermied, die ihn zu einem längeren Zusammensein mit Elfriede von Wilkow zwang. Endlich gelang es, ihn zu überreden, aber nun gab es wieder eine Scene mit Elfriede, die, als sie von seiner Teilnahme hörte, die ihrige entschieden verweigerte. Sie wich schließlich nur der Vorstellung, daß das als eine Art Flucht gedeutet werden könnte. Zuletzt kam noch die schwerste Aufgabe, Herrn Wellborn abzuschütteln. Das hatte auch Mühe gekostet, war aber leider nicht gelungen. Ferdinand Wellborn war überall, erfuhr alles; er erfuhr auch von diesem Ausfluge, den man ihm verheimlichen wollte, und stellte sich pünktlich beim Aufbruch ein, aber mit einer Kassandramiene. Er kam als Warner – sein Wetterglas hatte wieder einmal trübe Ahnungen. Jedenfalls war es gefährlich, sich bei solchen Anzeichen in das Innere zu wagen. Der Geheimrat fand das auch und redete ihm eifrig zu, zurückzubleiben, aber umsonst. Als der junge Mann sah, daß seine Warnungen nichts fruchteten, beschloß er opfermütig, das Schicksal seiner Reisegefährten zu teilen. Er setzte sich auf das erste beste Maultier, vorsichtshalber nahm er jedoch sein Wetterglas mit, das unter anderen ungewöhnlichen Eigenschaften auch die besaß, daß es jede Bewegung und jeden Ortswechsel vertrug. Natürlich war Herr Wellborn heute wie immer an seinem gewohnten Platz, an der Seite der jungen Frau. Die beiden waren stets voran, und Adlau machte gar keine Miene, sie einzuholen, sondern ritt im langsamsten Schritt neben dem alten Herrn. »Sie sind mir doch nicht böse, Robert,« begann jetzt Rottenstein, »daß ich Sie für heut noch in Beschlag nahm, aber morgen, am letzten Tage Ihres Hierseins, gehören Sie ja doch ganz Ihrer Familie, und wir sehen uns schwerlich vor dem Frühjahr wieder.« »Vielleicht auch dann nicht einmal. Wenn Sie erst in Aegypten sind, ist es eigentlich nur eine Spazierfahrt nach Indien hinüber, und von da nach China ist's auch nicht weit. Es wurde ja vorhin bereits eine Reise um die Erde in Vorschlag gebracht.« »Ja, von Wellborn, der heut wieder einmal das Blaue vom Himmel herunter schwatzt. Aber mit der Idee findet er doch keinen Anklang bei meiner Tochter, denn in dem Falle streike ich, trotz aller Vaterliebe! Das weiß Elfriede!« Adlaus Blick richtete sich mit einem eigentümlichen Ausdruck auf die Voranreitenden, dann zuckte er spöttisch die Achseln. »Ich glaube kaum, daß auf Ihre Teilnahme dabei gerechnet wird. Den Schwiegervater nimmt man gewöhnlich nicht mit auf die Hochzeitsreise.« »Schwiegervater? Hochzeitsreise?« Der alte Herr ließ vor Schreck den Zügel fallen. – »Sie meinen?« »Ich meine, daß dieser junge Herr da vorn ganz plötzlich einmal vor Ihnen stehen wird, um den väterlichen Segen zu erbitten.« Der Geheimrat sah ganz entsetzt aus; er hatte nie auch nur entfernt daran gedacht, daß die allerdings sehr augenfälligen Huldigungen des jungen Fabrikherrn einen ernsteren Hintergrund haben könnten. Das fehlte noch, daß er die Gelegenheit benutzte, die man einem anderen geben wollte! »Sie scherzen,« sagte er halb unwillig, halb ängstlich. »Da traue ich meiner Tochter denn doch einen besseren Geschmack zu. Sie wird doch nicht einen solchen Schwachkopf –« »Bitte, Sie unterschätzen den jungen Mann,« fiel Robert ein. »Sie ahnen gar nicht, was sich in dieser Tiefe birgt. Die Fabrik, die ihm sein Geld eingebracht hat, verachtet er als höchst trivial und will sich ganz und gar höheren Richtungen zuwenden. Er will berühmt werden und mit seinen Werken die ganze Welt in Erstaunen setzen, wie er mir neulich anvertraute. Vorläufig leistet er sich eine Reisebeschreibung. Er wollte mir absolut das erste Kapitel vorlesen, das er immer mit sich herumschleppt, ich habe aber nachdrücklichst dafür gedankt.« Der Spott dieser Worte hatte doch einen etwas herben Beigeschmack, aber Rottenstein achtete nicht darauf. Das drohende Gespenst dieses so ganz unerbetenen Schwiegersohnes, das da plötzlich vor ihm auftauchte, raubte ihm alle Fassung. Er traute freilich seiner Tochter einen derartigen Geschmack nicht zu, aber er kannte auch den Starrkopf seiner Friedel, die sich schon einmal aus Trotz zu einem Jawort hatte hinreißen lassen. Inzwischen ritt Wellborn ahnungslos an der Seite seiner Dame und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten, die heute besonders gnädig aufgenommen wurden. Endlich war das Ziel erreicht, ein kleiner, hochgelegener Bergort, malerisch und armselig wie die meisten in der Umgegend. Aber die Unterkunft in dem häufig von Fremden besuchten Wirtshause war leidlich, und selbstverständlich wurde hier eine mehrstündige Rast gemacht. Nach einem in Anbetracht der Verhältnisse ganz annehmbaren Frühstück wandte man sich nach dem eigentlichen Aussichtspunkte, der, noch eine Strecke entfernt, am Ausgange des Dorfes lag. Dort, auf einem felsigen Abhange, wo ein einsames, halb zerfallenes Gehöft stand, öffnete sich ein weiter und umfassender Ausblick über den schönsten Teil der Insel. Der Punkt war in der That herrlich. Adlau, der mit dem Fernglase in der Hand die Landschaft musterte, nannte dem Geheimrat die einzelnen Ortschaften und Berggipfel, da Herr Wellborn mit seinem unvermeidlichen Reisebuche anderweitig in Anspruch genommen war. Er half der gnädigen Frau, die ihr Skizzenbuch mitgenommen hatte, einen geeigneten Platz zum Zeichnen aussuchen. Als man endlich die Wahl getroffen hatte, breitete er mit der äußersten Sorgfalt seinen Plaid über die Steinmauer, um einen bequemeren Sitz zu schaffen. Rottenstein sah in stiller Verzweiflung zu, er hatte schon verschiedene, aber ganz erfolglose Versuche gemacht, den Diensteifrigen von der Seite seiner Tochter wegzubringen, – da auf einmal kam ihm ein rettender Gedanke. »Bitte, Herr Wellborn, auf ein paar Worte, ich möchte Sie etwas fragen!« Damit faßte er den jungen Mann ohne weiteres beim Arm und zog ihn einige Schritte seitwärts, während er mit gedämpfter Stimme fortfuhr: »Was muß ich denn da von Adlau hören! Sie stellen sich uns ganz bescheiden als Fabrikbesitzer vor, und dabei sind Sie Schriftsteller, werden ein großes Reisewerk veröffentlichen, ein berühmter Mann werden – und das erfährt man erst jetzt nach wochenlanger Bekanntschaft!« Herr Wellborn sah unendlich geschmeichelt aus bei diesem Vorwurf, aber er erwiderte stolz bescheiden: »Das ist vielleicht noch verfrüht – die Berühmtheit meine ich – ich beabsichtige allerdings – das Werk ist nämlich noch nicht geschrieben.« »Ja, das sagte mir Adlau, aber er sprach doch von einem Manuskripte, das Sie ihm vorlesen wollten.« Wellborn nahm eine tiefbeleidigte Miene an. »Ich wünschte allerdings seine Kritik über das erste Kapitel – ich habe natürlich bis jetzt nur unsere Seereise und Korfu behandelt – aber er nahm das sehr merkwürdig auf, durchaus ablehnend, man möchte beinahe sagen – grob!« »Das sieht ihm ähnlich, er kann ja stellenweise recht grob sein,« gab der Geheimrat zu. »Aber das ist bei ihm nur äußerlich, er hat trotzdem sehr eingehend mit mir darüber gesprochen, und ich interessiere mich ungemein für solche Dinge. Da könnten Sie ja –« er zögerte doch einen Augenblick, in der dunklen Vorahnung dessen, was er damit auf sich herabzog, vollendete dann aber opfermutig: »Da könnten Sie es ja mir vorlesen.« Das Gesicht des angehenden Schriftstellers verklärte sich förmlich bei diesem Vorschlag. »Herr Geheimrat – Sie wollen es kennen lernen?« »Selbstverständlich – aber hier wird das nicht angehen. Meine Tochter hat jetzt nur Sinn für ihre Skizze, und Adlau ärgert Sie am Ende wieder mit irgend einer rücksichtslosen Bemerkung, er scheint mir heute sehr kritisch angelegt. Kommen Sie, wir gehen nach dem Wirtshause zurück, da sind wir ganz ungestört.« Wellborn zögerte, er hätte es offenbar vorgezogen, auch Frau von Wilkow als Zuhörerin zu haben, aber die letzte Bemerkung entschied. Er hatte keine Lust, nochmals die »stellenweise Grobheit« des Hinterwäldlers auszuhalten, und willigte deshalb ein. »Wir gehen nach dem Wirtshause!« rief der alte Herr jetzt laut den beiden anderen zu. »Laß dich nicht stören, Elfriede, vollende ruhig deine Skizze, und Sie, Robert, werden wohl auch noch etwas hier herumsteigen wollen. Ihr braucht euch gar nicht zu beeilen, wir haben ja Zeit, mindestens noch eine Stunde!« Damit faßte er das Opfer seiner Intrigue freundschaftlich unter den Arm und zog es mit sich fort. Jetzt brauchte er sich nicht mehr anzustrengen mit dem Reden, das besorgte Wellborn, der sich in seinen litterarischen Plänen erging und dabei sein Manuskript, ein sehr dickleibiges Heft, aus der Tasche zog. Unter anderen Umständen hätte der Umfang dieses ersten Kapitels dem Geheimrat einen gelinden Schauer verursacht, heute aber blickte er mit außerordentlichem Wohlgefallen darauf und ließ sich sogar die Schrift zeigen. Das dauerte ja jedenfalls noch viel länger als eine Stunde, da konnte sich jene andere Angelegenheit hinreichend entwickeln! Wellborn dagegen war sehr angenehm berührt durch diese so lebhaft kundgegebene Teilnahme, und so langten denn beide im allerbesten Einvernehmen beim Wirtshause an. »So, nun wollen wir es uns gemütlich machen!« sagte der alte Herr. »Bestellen Sie uns noch etwas von dem ausgezeichneten Tropfen, den sie da drinnen haben! Dann setzen wir uns drüben unter die Oliven, und es kann losgehen.« Der Platz war gut und der Wein war noch besser. Zwar gaben die Oliven nur spärlichen Schatten, aber man wußte sich zu helfen. Der Reiseschirm wurde an den Zweigen befestigt, gerade über dem Haupte des Geheimrats, der seelenvergnügt dasaß, sich und seinem Gefährten fleißig einschenkte und im stillen meinte, nun könne er allenfalls das Unvermeidliche aushalten. Wellborn hatte sein Wetterglas vor sich auf den Tisch gestellt, dann sein Manuskript aufgeschlagen und las jetzt. Er begann mit der Abfahrt von Triest, lichtete dort pünktlich um zwei Uhr dreiundzwanzig Minuten die Anker und steuerte hinaus in die blaue Adria, dann verzeichnete er gewissenhaft nach dem Reisebuch jede Insel und jede Küste, die nur irgendwie in Sicht kamen, und landete endlich glücklich in Korfu, wo nun die Geschichte erst eigentlich begann. Der Geheimrat hörte kaum zu, er trank behaglich seinen Wein und malte sich dabei in Gedanken die Scene aus, die jetzt voraussichtlich droben am Felsenabhang spielte. Im Anfange würde sie etwas stürmisch verlaufen, davon war er überzeugt. Bei einem Eisenkopf wie Robert und einem Starrkopf wie seiner Friedel waren keine friedlichen Auseinandersetzungen zu erwarten, aber schließlich würde die Sache doch in Ordnung kommen, und dann fiel auch diese verwünschte ägyptische Reise ganz von selbst weg. Dann brauchte er nicht mehr aufs Kamel und auf die Pyramiden zu steigen, sondern steuerte fröhlich heimwärts mit seinen Kindern, und in Lindenhof ... hier spielte der griechische Wein dem alten Herrn doch einen Streich, die Umgebung wurde nebelhaft und undeutlich und die Gedanken auch. Aus den Oliven wurden die Linden des heimischen Gartens, zwischen denen befremdlicherweise die Kamele umherspazierten, und drüben in Brankenberg ragte eine riesige Pyramide auf. Dazu schwatzte und klapperte irgend etwas eintönig und unermüdlich, wie das Rad der Sägemühle am Fuße des Weinberges, aber die alte rheinische Mühle klapperte nur griechische Ortsnamen, und dann sah und hörte der Geheimrat nichts mehr, er war sanft und fest eingeschlafen. Der Schirm, der zwischen den Olivenzweigen schaukelte, senkte sich tief herab. Ferdinand Wellborn, der auf diese Weise das Gesicht seines Zuhörers nicht sehen konnte, nahm dessen Schweigen für höchste Aufmerksamkeit und las ungestört weiter. Inzwischen vergnügte sich das »nervöse« Wetterglas auf dem Tische in aller Stille, indem es die ganze Wetterskala durchlief. Es hüpfte hinauf bis zum höchsten Stand, und dann sank es von neuem, tief, immer tiefer, bis es endlich beim Erdbeben angelangt war. Da schien es ihm zu gefallen, denn da blieb es stehen. Robert Adlau und die junge Frau waren in der That zurückgeblieben, aber dies unerwartete Alleinsein schien beiden gleich unerwünscht. Elfriede hatte, als die beiden anderen Herren aufbrachen, eine unwillkürliche Bewegung gemacht, wie um sie zurückzuhalten, besann sich aber schon im nächsten Augenblick und vertiefte sich mit einem flüchtigen »Auf Wiedersehen, Papa!« ganz in ihre Skizze. Adlau zog die Stirn kraus, blieb aber ruhig am Abhange stehen, wo er die Aussicht betrachtete. Keiner wollte dem anderen zeigen, wie peinlich ihm dieser Zufall war, denn dafür nahmen sie es doch beide. Das Stillschweigen hatte schon ziemlich lange gewährt, da schien Adlau endlich einzusehen, daß er nicht immer so stumm durch das Fernglas blicken könne. Er schob es zusammen, trat zu der jungen Frau und machte eine Bemerkung über ihre Zeichnung und den malerischen Vorwurf, ein paar kurze Worte, die ebenso einsilbig beantwortet wurden. Malerisch war der Vorwurf allerdings. Das kleine Gehöft, das hier so einsam und abseits von den anderen lag, war augenscheinlich längst von seinen Bewohnern verlassen. Das Dach war zerfallen, den Fenstern fehlten die Läden und im Innern regte sich nichts. Eine hohe Steintreppe, mit tief eingesunkenen Stufen, führte zu der geschlossenen Thür, über der sich, roh in Stein gemeißelt, die Umrisse eines Heiligenbildes zeigten. Die niedrige, zerbröckelnde Mauer, die den Vorplatz umgab, trug noch die steinernen Pfeiler der landesüblichen Veranda, aber das Weinlaub, das sie umspann, wucherte verwildert und ungepflegt, in wirren Ranken, die hier die Mauern umklammerten und dort, tief niederhängend, ein Spiel des Windes waren. Durch das Blätterdach fielen die Sonnenstrahlen und spielten in zuckenden, goldigen Lichtern auf dem Boden. Sie huschten weiter bis zu der tiefen Mauerblende, wo es verstohlen aufblinkte wie von rinnendem Naß. Früher sprudelte wohl hier ein Felsenquell mit seinem hellen Strahl, das sah man noch an der kunstlosen Röhre und dem geborstenen steinernen Becken, das ihn auffing. Jetzt war er längst schon versiegt, nur eine kleine, kaum sichtbare Wasserader schlich über das feuchte Gestein und rann langsam, Tropfen um Tropfen, nieder, um sich dann in einer Spalte des felsigen Grundes zu verlieren. Ringsum Verfall und Verödung und hier der versiegende Quell! Aber diese öde, verlassene Stätte lag in einer Umgebung, deren Reiz selbst das verwöhnteste Auge fesseln mußte. Die weinumrankten Pfeiler umschlossen wie mit einem Rahmen ein weites Landschaftsbild voll lachender, sonniger Schönheit. Es war in den letzten Tagen des Oktober, aber noch lag Sommerpracht und Lichtglanz auf allen Fluren, nur das rötlich schimmernde Weinlaub und der bräunlich goldene Hauch auf einzelnen Baumgruppen mahnte daran, daß es auch hier einen Herbst gebe. Aus dem matten Graugrün der Oliven, die in endlosen Wäldern Thäler und Höhen bedeckten, tauchten schlanke Pinien und dunkle Cypressen auf. Hier oben an den Berghängen wucherte die Erika in mächtigen Gesträuchen, und Aloe und Kaktus senkten ihre Wurzeln in das Felsgestein. Dort drüben lag Korfu mit seinem Hafen, und vom Festlande herüber grüßten die Berge von Epirus schon im leichten Schneegewande. Sie hoben sich scharf und klar empor in die sonnige Luft. Weiter hinaus verschwammen all die Gipfel und Höhenzüge des Gebirges im schimmernden Duft, und dort, ganz in der Ferne, blaute das Meer – die nordischen Gäste, die an die ernsten Formen und Farben ihrer Heimat gewöhnt waren, konnten wohl geblendet sein von dieser Schönheitsfülle und diesem Sonnenglanz. Frau von Wilkow schien nur Sinn für ihre Skizze zu haben. Sie zeichnete, nur dann und wann flüchtig aufblickend, eifrig weiter. Adlau lehnte ihr gegenüber an einem der Pfeiler, aber sie mochte es wohl fühlen, daß sein Blick auf ihrem Antlitz ruhte, denn jetzt war sie es, die das wiederum eingetretene Schweigen brach. »Sie reisen also übermorgen, Herr Adlau?« »Jawohl, gnädige Frau, wie es bestimmt war.« »Werden Sie es denn aushalten in den engen Verhältnissen zu Hause, nach dem bewegten Leben, das Sie geführt haben? Ich fürchte, Sie werden dort –« »Versumpfen! Die Gefahr liegt allerdings sehr nahe.« »Das Wort galt meinem Vater,« sagte Elfriede kühl. »Vielleicht auch ein wenig mir. Unsere Ansichten sind in diesem Punkte nun einmal verschieden, freilich hat die Welt uns beiden auch ein ganz verschiedenes Gesicht gezeigt! Sie durchstreiften als vornehme Touristin die Länder und ließen sich tragen von den Wogen des Lebens bei voller Meeresstille. Ich habe im Sturm mit ihnen gerungen, da ist von Genuß nicht viel die Rede, man kommt überhaupt nicht zu Atem dabei.« »Aber man kommt doch zum Ziele, wie der Augenschein lehrt.« »Ich beklage mich ja auch nicht,« sagte Robert gelassen. »Eine harte Lehrzeit hat auch ihr Gutes, sie übt und stählt die Kraft. Aber nun sie überwunden ist, will ich mich auch nicht länger hin und her treiben lassen, nun steure ich ans Land. Ich muß endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, deutschen Boden! Sie, gnädige Frau, sind darin glücklicher beanlagt, und Sie hatten ja stets das beneidenswerte Vorrecht, Herrin Ihres Schicksals zu sein.« Der Spott reizte Elfriede, sie nahm jenen vornehm nachlässigen Ton an, der unter Umständen recht verletzend sein konnte, und hier sollte er verletzen. »Ich habe es allerdings verlernt, auszuhalten in unserem kalten, grauen Norden, in der Enge der deutschen Verhältnisse. Ich bin verwöhnt durch die Schönheitsfülle des Südens, durch den großen, freien Verkehr des Reiselebens, der keine kleinlichen Vorurteile und Rücksichten kennt. Das ist für mich der Lebensquell geworden, aus dem ich getrunken habe jahrelang; nun kann ich ihn nicht mehr entbehren.« »Sie können nicht? Das heißt, Sie wollen nicht.« »Vielleicht auch das – ich will nicht!« »Und hat er Ihnen denn wirklich Glück gegeben, dieser gerühmte Zaubertrank?« fragte Adlau langsam, mit scharfer Betonung. Die Frage kam so jäh und unvermittelt, daß die junge Frau leicht zusammenzuckte; aber schon in der nächsten Minute faßte sie sich und antwortete mit einem kurzen, entschiedenen Ja. Robert richtete das Auge fest und finster auf sie. »Das sagen Sie einem anderen, aber nicht mir! Ich habe Sie ja einst gekannt, es ist freilich schon lange her, aber ich weiß es doch noch, wie das Glück aussieht in Ihrem Antlitz. Als ich Sie jetzt wiedersah, eine bleiche, müde Frau, ohne Lebensmut und Lebensfreude, da sah ich auch, daß Sie krank waren bis in die Seele hinein, und Sie sind es noch! Sie mögen sich im Anfange berauscht haben an diesem ›Lebensquell‹, aber das hat nicht standgehalten, jetzt betäuben Sie sich nur noch mit diesem Tranke. Sie haben mit der Heimat auch den Boden unter den Füßen verloren.« Er sprach nur zu wahr, das wußte niemand besser als Elfriede, aber die verwöhnte Frau war es nicht gewohnt, die Wahrheit zu hören, und der schroffe Ton verletzte sie. Das war noch der Robert von einst, der mit seiner rücksichtslosen Energie überall durchgriff, ohne danach zu fragen, ob er die Empfindungen anderer verletzte. Er war der alte geblieben. »Es steht doch wohl einzig bei mir, wie ich mein Leben gestalten will!« erklärte sie mit aufflammendem Trotz. »Sie predigen mir und sind doch selbst eine Art Weltfahrer gewesen! Es zwang Sie ja niemand, die Heimat aufzugeben!« Das übereilte Wort war kaum heraus, als Elfriede es auch schon bereute. Vor dem Blick voll herben Vorwurfs, der sie traf, senkte sich ihr Auge, und rasch ablenkend, fügte sie hinzu: »Pastor Adlau war wenigstens nicht einverstanden damit. Er wollte seinen einzigen Sohn nicht verlieren.« »Und er hat ihn doch verlieren müssen!« sagte Robert bitter. »Ja, es traf ihn hart, daß ich mich meiner Stellung und all den heimischen Verhältnissen entriß, und er hat mich schweren Herzens fortziehen lassen! Aber ich hörte nicht auf ihn. Ich wollte mit aller Gewalt reich werden, und das in kürzester Frist. Warum – das wissen Sie vielleicht noch, Frau Baronin?« Die junge Frau schwieg, sie hatte wieder den Stift zur Hand genommen und zog hastig Linie um Linie in ihrem Skizzenbuche. Adlau hatte seinen Platz verlassen und stand jetzt dicht vor ihr: aber es bebte ein verhaltener Groll in seiner Stimme, als er fortfuhr: »Ihre Frau Mutter machte es mir ja in so überzeugender Weise klar, daß ein junger Landwirt ohne Vermögen, wie ich es damals war, keine Aussichten für die Zukunft habe, daß er sich vielleicht erst in zehn oder zwölf Jahren eine bescheidene Häuslichkeit gründen könne, und daß ihre Tochter sich nicht auf so lange binden dürfe. Ein bescheidenes Heim war ja überhaupt nicht nach dem Geschmack der Frau Rätin. Da hieß es: entweder entsagen oder sich ›Aussichten‹ schaffen, und ich zog das letztere vor. Drüben in der Neuen Welt war ja so mancher schon zu Glück und Reichtum gekommen, warum sollte es mir denn nicht glücken? Ich warf kurz entschlossen den Gutsinspektor über Bord und ging nach Amerika. Man ist bisweilen noch so unglaublich naiv mit fünfundzwanzig Jahren und meint, man könne ohne viel Mühe die halbe Welt erobern – ich meinte das damals auch!« Er hielt inne, als wartete er auf eine Antwort, doch diese erfolgte nicht; wohl aber bebte der Stift in der Hand der jungen Frau, die sich tief auf ihre Zeichnung herabbeugte, und sie merkte es nicht einmal, daß sie mit allerlei wirren Linien die ganze Skizze verdarb. Robert schien doch etwas anderes erwartet zu haben als dies hartnäckige Schweigen, allein er machte keinen Versuch, es zu brechen, sondern ließ das Thema plötzlich fallen. »Doch das sind alte, vergessene Geschichten, die uns beide nichts mehr angehen! Wir haben ja beide Carriere gemacht im Leben, jeder auf seine Weise. Ich will nicht undankbar sein gegen die Fremde, mir hat sie viel gegeben. Was ich bin und habe, danke ich ihr, aber zum ›Lebensquell‹ ist sie mir nie geworden. Der war fern in der Heimat zurückgeblieben, und ich habe mich oft genug danach gesehnt, wie ein Wanderer in der Wüste. Jetzt will ich mich wieder satt trinken daran, will endlich wieder schaffen auf heimischem Boden! Ich frage nicht danach, ob er im kalten, grauen Norden liegt, denn auf meiner Scholle bin ich der Herr und das Dach über meinem Haupte ist mein. Mehr brauche ich nicht – was sonst noch notthut, nehme ich auf mich!« Er hatte sich emporgerichtet und seine Augen blitzten in stolzer Genugthuung. Es lag etwas wie Neid in dem Blick, mit dem Elfriede auf den Mann schaute, der wie die verkörperte Kraft und Energie vor ihr stand. Er war gesund geblieben im heißen Kampfe des Lebens, gesund an Leib und Seele, und sie, der dies Leben alles gegeben hatte, was es an Gütern nur schenken konnte, sie? – Es stieg plötzlich bitter und verzweiflungsvoll in ihr empor, wie das Weh um etwas unwiederbringlich Verlorenes. »Sie sehen, ich habe doch kein rechtes Talent zum Weltfahrer,« hob Adlau wieder an. »Aber ein anderer scheint sich unter Ihrer Leitung dazu ausbilden zu wollen. Der getreue Ritter begleitet Sie ja auch nach Aegypten, wie ich höre.« Herr Wellborn hat allerdings gebeten, sich uns anschließen zu dürfen,« sagte Elfriede, ohne den Spott beachten zu wollen. »Wir haben nichts dagegen. Er ist ein angenehmer Reisegefährte, eine harmlos heitere Natur.« »Jawohl, sehr harmlos – wie alle Schwachköpfe!« Die junge Frau schlug heftig ihr Skizzenbuch zu und erhob sich. »Herr Adlau, Sie sind sehr rücksichtslos in Ihren Urteilen.« »Aber nicht ungerecht, das werden Sie zugeben. Trotzdem steht Herr Wellborn in hoher Gunst bei Ihnen. – Bitte, gnädige Frau, nicht diese Miene der Entrüstung! Ich thue Ihrem Geschmack wirklich nicht die Beleidigung an, da irgend ein Interesse vorauszusetzen. Der gute Narr ahnt es gar nicht, daß er diese Gunst im Grunde nur mir verdankt.« »Ihnen?« wiederholte Elfriede mit scharfer Betonung. »Ich wüßte doch nicht –« »Aber ich weiß es!« fiel Robert mit ausbrechender Gereiztheit ein. »Ich weiß, wem dies Spiel gilt, das ich oft genug habe mit ansehen müssen, wer damit gestachelt und gereizt werden soll. Sie kennen nur zu gut noch meine alte eifersüchtige Schwäche. Nun denn ja, es hat mich gereizt, trotz alledem, ich will's nicht leugnen! Aber jetzt, wo wir uns trennen, werden Sie den albernen Menschen doch wohl endlich fortschicken. Auf Ihrer Reise nach Aegypten ist er doch überflüssig, sollte ich meinen!« Dies Geständnis der Eifersucht brach grollend, fast wider Willen aus seinem Innern hervor, aber es war doch immer ein Geständnis und es verfehlte nicht seinen Eindruck auf die junge Frau, deren Antlitz sich plötzlich tief und glühend färbte. Ihre Stimme bebte, als sie unsicher und halblaut sagte: »Was kümmert Sie denn das, wenn Sie in Brankenberg sind? Da liegen ja Länder und Meere zwischen uns.« »Müssen Sie denn nach Aegypten, Elfriede?« Es klang ein alter, lang nicht gehörter Ton auf in der Frage, in dem Namen, den er zum erstenmal wieder aussprach. »Ihr Vater bringt Ihnen ein Opfer mit dieser Reise, er sehnt sich fortwährend nach seinem Lindenhof. Es steht ja nur bei Ihnen, die Orientfahrt aufzugeben – und heimzukehren.« Elfriede antwortete nicht, sie fühlte, welches Opfer hier verlangt wurde; nicht das Opfer einer Reise, die ihr höchst gleichgültig war: der Stolz, der Starrsinn in ihr sollten sich beugen. Sie kämpfte augenscheinlich mit sich selber. Ein gutes Wort, eine Bitte hätte in diesem Augenblick alles entschieden, aber Robert Adlau verstand es nun einmal nicht, zu bitten, am wenigsten da, wo er sich im Rechte fühlte. Ihr Zögern reizte ihn aufs äußerste. »Werden Sie bleiben? Werden Sie den zudringlichen Burschen ein für allemal verabschieden?« fragte er, beinahe drohend, und der herrische Ton rief den ganzen Trotz der jungen Frau wach. Sie richtete sich beleidigt empor. »Ich weiche keinem Befehl!« »Und ich verlange keinen Gnadenbeweis, sondern eine Entscheidung! Gehen Sie nach Aegypten? Ja oder nein?« »Ja!« kam es kurz und hart von Elfriedens Lippen. In den tief verfinsterten Zügen Adlaus zuckte es, ob vor Zorn oder Schmerz, das ließ sich nicht entscheiden, denn schon in der nächsten Minute verneigte er sich mit eisiger Kälte. »So wünsche ich Ihnen glückliche Reise, Frau Baronin – leben Sie wohl!« Er ging, ohne sich noch einmal umzuwenden, sonst hätte er es vielleicht gesehen, wie die junge Frau eine Bewegung machte, als wollte sie ihm nacheilen – zu spät, denn er verschwand bereits hinter der Mauer. Sein Schritt war längst verhallt und Elfriede stand noch immer bleich und regungslos an dem weinumrankten Pfeiler und schaute hinaus in die Landschaft. Aber sie sah nichts von all der lachenden, sonnigen Schönheit da draußen. Endlich wandte sie sich langsam zum Gehen, ihr Blick glitt noch einmal mit dem alten müden Ausdruck durch das verlassene Gemäuer. Ringsum Verödung und Verfall – und dort der versiegende Quell! Der Dampfer, der von Alexandrien kam und für einige Stunden in Korfu anlegte, war rechtzeitig eingelaufen und die Reisenden, die ihn zu der Fahrt nach Triest benutzen wollten, rüsteten sich, an Bord zu gehen. Die Träger schleppten von allen Seiten Gepäck herbei, während ein Teil der Boote bereits abstieß und nach dem Schiffe steuerte, das ziemlich weit draußen im Hafen lag. Geheimrat Rottenstein kam aus seinem Hotel und schlenderte langsam und anscheinend ganz absichtslos durch das Gewühl am Ufer. In Wirklichkeit war er auf dem Wege nach dem Rahnsdorfschen Hause, hatte das aber weislich seiner Tochter verschwiegen, sonst hätte es vermutlich wieder einen Sturm gegeben wie vorgestern. Der alte Herr befand sich in sehr niedergedrückter Stimmung, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß sein »Eingreifen« auf das er so stolz gewesen, kläglich gescheitert war. Zwar wußte er nicht, was eigentlich zwischen Elfriede und Adlau geschehen war, und hatte auch nicht gewagt, danach zu fragen, aber die Sache war zu Ende, ganz zu Ende, das stand fest. Der arme Geheimrat war aus dem süßen Schlummer, dem er sich damals unter den Oliven so behaglich hingegeben hatte, jäh und unliebsam geweckt worden, zunächst durch den Sonnenschirm, der seinen Halt in den Zweigen verlor und ihm gerade auf die Nase fiel. Herr Wellborn, der ebenso jäh in seiner Vorlesung unterbrochen wurde, sprang erschrocken auf und warf dabei den Tisch mit Krug und Gläsern um, während er sein kostbares Wetterglas noch glücklich auffing und vor dem Fall bewahrte. Da erschien auf einmal Frau von Wilkow ganz allein, sehr bleich und in einer Aufregung, die sie sich vergebens zu verbergen bemühte. Sie hatte sich, ihrer Erklärung nach, beim Zeichnen da oben, in dem »abscheulichen Gemäuer«, einen heftigen Kopfschmerz zugezogen und wollte sofort aufbrechen, da sie ihre Migräne im Anzug fühlte. Die Frage ihres Vaters, wo denn Robert bleibe, wurde mit der kurzen Bemerkung abgefertigt, Herr Adlau mache noch eine Kletterpartie in die Berge hinauf und komme später nach, er werde die Gesellschaft wohl noch einholen. Wellborn eilte in das Haus, um die Maultiere zu bestellen, und zehn Minuten später brach man wirklich auf. Der Rückweg war freilich sehr ungemütlich. Elfriede sprach überhaupt gar nicht, der Geheimrat nur das Notwendigste, so mußte Ferdinand Wellborn denn allein die Kosten der Unterhaltung tragen, was er auch mit Vergnügen übernahm. Er hatte natürlich nichts bemerkt, glaubte an den Kopfschmerz und brachte sechs oder acht verschiedene Mittel dagegen in Vorschlag. Schließlich kam er wieder bei seinem Lieblingsthema an und erklärte, die Unheilsatmosphäre, die sein Wetterglas verkünde, sei allein schuld an dem Kopfschmerz der gnädigen Frau. Adlau hatte die Gesellschaft natürlich nicht eingeholt, überhaupt nichts weiter von sich hören lassen. Er hatte nur heute morgen dem Geheimrat seine Karte mit einigen Abschiedsworten gesandt, eine Empfehlung an Frau von Wilkow war nicht beigefügt. Der alte Herr wußte nun Bescheid, er hatte es vorausgesehen, aber so fremd und kalt wollte er doch nicht von dem Manne scheiden, den er am liebsten Sohn genannt hatte, er wollte ihm wenigstens persönlich lebewohl sagen und war jetzt gerade auf dem Wege zu ihm. Da stieß er natürlich wieder auf den unvermeidlichen Wellborn, der ein eigenes Talent besaß, gerade da aufzutauchen, wo er am unbequemsten war, und in solchen Fällen war er überhaupt nicht wieder loszuwerden. Er blieb auch heute dieser freundlichen Gewohnheit treu und hing sich sofort an den Geheimrat, dem er nicht von der Seite wich. Dieser machte zwar einige krampfhafte Versuche ihn abzuschütteln, vergebens, Ferdinand blieb und ließ vergnüglich das Mühlwerk seiner Rede klappern. Er erkundigte sich zunächst nach dem Befinden der gnädigen Frau, die gestern leider für ihn unsichtbar geblieben war. Er hatte auf seine Anfragen nur die betrübende Thatsache erfahren, daß die Migräne noch immer anhalte. Dann kam er ganz unvermittelt auf den Dampfer zu sprechen, der draußen im Hafen lag, und mit dem auch Herr Adlau abreisen wolle. Dieser Herr aus Amerika habe sich vorgestern doch ganz merkwürdig benommen. So ohne weiteres zurückzubleiben und die Gesellschaft im Stiche zu lassen! Man merke es, daß ihm der Hinterwäldler noch im Blute stecke. Ob er denn wenigstens einen Abschiedsbesuch gemacht habe? »Nein!« rief der Geheimrat, der jetzt den letzten Rest seiner Geduld verlor. »Aber ich habe hier noch einige Einkäufe zu machen, und Sie sollten sich bei meiner Tochter melden lassen. Sie befindet sich heute besser, viel besser, ich glaube, sie nimmt Besuch an.« Dies Mittel that endlich die gewünschte Wirkung, der junge Mann machte schleunigst kehrt und wandte sich nach eiliger Verabschiedung zu dem Hotel zurück, während Rottenstein ebenso eilig nach dem Rahnsdorfschen Hause steuerte, das er denn auch ohne weiteren Zwischenfall erreichte. Er kam gerade zur rechten Zeit. Adlau war eben im Begriff, von den Seinigen Abschied zu nehmen, und über seine heute sehr düsteren Züge flog der Ausdruck einer freudigen Ueberraschung, als er den alten Herrn erblickte, er hatte ein Lebewohl von dieser Seite wohl nicht erwartet. Auch der Konsul schien verstimmt, er sagte nach der ersten Begrüßung etwas ärgerlich: »Das trifft sich heute sehr ungeschickt, jetzt können wir unserem Robert nicht einmal das Geleit bis zum Dampfer geben! Sie wissen es vermutlich, daß Prinz Karl heute in Korfu erwartet wird. Seine Jacht ist bereits in Sicht und wird in einer halben Stunde landen, ich muß in meiner amtlichen Eigenschaft beim Empfange sein und Meta soll der Prinzessin einen Blumenstrauß überreichen. Es hilft nichts, Schwager, du mußt allein hinausfahren.« »Aber ich bitte dich,« wehrte Adlau ab. »Je kürzer wir den Abschied machen, um so besser ist es, und übrigens wird es jetzt Zeit zum Aufbruch.« »Ich werde Sie vertreten, Herr Rahnsdorf,« sagte der Geheimrat. »Keine Einwendung, Robert, ich gebe Ihnen das Geleit bei der Abfahrt. Die See ist ja heute spiegelglatt, und in spätestens einer Stunde bin ich wieder zurück.« Robert fügte sich, und man ging gemeinsam zu dem Boote, das mit dem Gepäck bereits am Ufer harrte. Der Abschied war in der That kurz, aber um so herzlicher. Adlau hob noch einmal die Kinder empor, um sie zu küssen, schüttelte dem Schwager die Hand und ließ der Schwester eine letzte Umarmung zu teil werden. »Also im Sommer in Brankenberg! Ich rechne auf euer Versprechen, und die Kinder bringt ihr selbstverständlich mit. Weine nicht, Meta, es ist ja diesmal nur eine Trennung auf Monate. Behüt' Gott, Schwager! Auf frohes Wiedersehen!« Er sprang in das Boot und Rottenstein folgte ihm, noch ein Grüßen und Winken hinüber und herüber, dann steuerte die Barke hinaus und dem Dampfer zu. Dort herrschte bereits reges Leben, die Boote legten an und stießen ab, die Reisenden kamen an Bord und auf dem Verdeck wurden die Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen. Es war immer noch eine halbe Stunde bis dahin und die beiden Herren, die sich einen stilleren Platz auf dem Vorderdeck gesucht hatten, konnten ungestört plaudern. Aber das Gespräch stockte öfter, es lag doch ein gewisser Zwang darauf, obgleich der vorgestrige Tag und Adlaus Zurückbleiben von keiner Seite erwähnt wurde. Endlich sagte dieser, im Tone der Entschuldigung: »Ich habe im Drange der Abreise nicht einmal mehr Zeit gefunden, Ihnen einen Abschiedsbesuch zu machen. Ich konnte nur meine Karte senden, und es war sehr freundlich, daß Sie trotzdem gekommen sind.« »Die Karte war mir doch gar zu förmlich,« entgegnete der Geheimrat, mit einem leisen Vorwurf. »Ich wollte Sie wenigstens noch einmal sehen und Ihnen einen Gruß an die Heimat mitgeben.« »Herzlichen Dank! Und Sie gehen also wirklich nach Aegypten?« »Ich muß ja wohl, da Elfriede darauf besteht!« Die Antwort wurde in sehr beweglichem Tone gegeben, und dabei ließ der Geheimrat einen sehnsüchtigen Blick über den Dampfer hingleiten. »Wenn Sie wüßten, Robert, wie ich Sie um die Heimkehr beneide!« schloß er wehmütig, »Wie gern ginge ich mit Ihnen nach Haus!« Adlau stäubte ruhig die Asche von seiner Cigarre und fragte ganz gelassen: »Nun, warum thun Sie es denn nicht?« »Was – soll ich thun?« »Mit mir nach Triest fahren und von da weiter nach dem Rhein.« »Jawohl, nach unserem Rhein! Machen Sie mir doch das Herz nicht noch schwerer mit Ihrem Scherz!« »Ich scherze durchaus nicht, es ist mir vollkommen Ernst mit dem Vorschlage. In meiner Kabine ist der zweite Platz noch frei, wie ich heute morgen zufällig erfuhr. Das Wetter verspricht uns eine ganz ruhige Seefahrt, es bedarf nur einer kurzen Rücksprache mit dem Kapitän, und an mir haben Sie einen bequemen Reisegefährten. Allerdings können Sie nicht mehr ans Land, aber das ist auch nicht nötig. Meine Reisekasse steht Ihnen zur Verfügung, meine Koffer gleichfalls. Für die paar Tage kann ich Ihnen mit dem Nötigen aushelfen, und in Triest ordnen wir telegraphisch die sofortige Nachsendung Ihres Gepäckes an, die Sache ist ganz einfach.« Der Geheimrat blickte ihn höchst verdutzt an, jetzt wußte er wirklich nicht mehr, ob das Scherz oder Ernst sei. »Aber Robert, was fällt Ihnen denn ein? Meine Tochter ist ja doch hier in Korfu und will nach Aegypten.« »Nun, daran hindert Ihre Abreise sie doch nicht? Natürlich muß Frau von Wilkow benachrichtigt werden, Sie senden einige Zeilen ans Land, um sie zu verständigen. – Da ist ja noch Ihr Hoteldiener! soll ich ihn rufen?« »Um Gottes willen, nein!« wehrte der alte Herr entsetzt ab. »Ich glaube wahrhaftig, Sie wären zu einem solchen Streiche fähig!« Statt aller Antwort zog Adlau die Uhr und warf einen Blick darauf. »Wir haben noch zehn Minuten bis zur Abfahrt. Entschließen Sie sich rasch! Denken Sie an Ihr Lindenhof, an die gemütlichen Winterabende am Kamin. Warum wollen Sie durchaus in der Wüste schwitzen? Und dann die Pyramiden, die Kamele – Sie müssen ja hinauf, wenn Sie erst in Aegypten sind!« »Nein, nein!« rief der Geheimrat verzweiflungsvoll. »Aber ich kann doch nicht – lassen Sie mich in Ruhe, Robert – ich kann doch meine Tochter nicht allein im fremden Lande sitzen lassen.« »Nun, was das betrifft – die Baronin ist selbständig, ist völlig vertraut mit dem Reiseleben und hat ihre erprobte Kammerjungfer bei sich. Wie viele Damen reisen nicht heutzutage allein! – Sie haben natürlich Checks auf Kairo genommen, tragen Sie sie bei sich?« »Nein, sie liegen noch in Korfu, bei unserem Bankier, aber –« »Um so besser, dann kann Frau von Wilkow sie ohne weiteres dort erheben. Sie sehen – da wird schon der Anker aufgewunden, es ist die höchste Zeit! Hier ist mein Notizbuch, schreiben Sie nur ein paar Worte, das genügt für den Augenblick.« Rottenstein wußte nicht, wie ihm geschah, er hatte plötzlich Stift und Notizbuch in der Hand und Robert, der neben ihm stand, diktierte ihm kurz und bündig: »Ich fahre mit Adlau nach Triest, von da weiter nach Haus – alles Nähere brieflich – Checks auf Kairo findest Du bei unserem Bankier – viel Vergnügen in Aegypten! – Dein Dich liebender Vater.« Bis hierher hatte der alte Herr mechanisch nachgeschrieben, er stand ganz willenlos unter dem Zwange dieses fremden energischen Willens, als er aber nun gar noch seine Vaterliebe bekräftigen sollte, da hörte er auf. »Aber Robert, ums Himmels willen, das geht ja nun und nimmermehr! Elfriede wird außer sich sein, und mit vollem Rechte. Sie wird –« »Dein Dich liebender Vater,« wiederholte Adlau diktatorisch. »Haben Sie das? Gut! Die Adresse werde ich selbst schreiben. – Warten Sie noch eine Minute, Sie sollen eine Botschaft mit an das Land nehmen.« Die letzten Worte waren an den Hoteldiener gerichtet, den er inzwischen herbeigewinkt hatte, und der eben das Schiff verlassen wollte. Robert faltete rasch das Blatt, adressierte es und übergab es dem Manne. »An Frau Baronin von Wilkow, sofort zu übergeben, und mündlich bestellen Sie, der Herr Geheimrat sei soeben mit mir nach Triest abgefahren. – Hier!« Das Geldstück, das in die Hand des Dieners glitt, machte diesen sehr bereitwillig. Er versprach pünktliche Besorgung und eilte dann nach der Schiffstreppe; es war in der That die höchste Zeit, denn eben wurde das Zeichen zur Abfahrt gegeben. Der Geheimrat that einen Schritt, als wollte er nacheilen, aber Robert ergriff ihn ohne weiteres am Arme und hielt ihn fest. »Jetzt kein Schwanken mehr! Sie haben einmal den Entschluß gefaßt –« »Nein, Sie haben ihn gefaßt!« rief der alte Herr, völlig außer sich. »Ich habe gar nichts gethan, ich habe überhaupt nicht gewußt, wie mir geschah, und bin gar nicht zu Atem gekommen bei der Geschichte. Sie standen ja neben mir und kommandierten wie ein General – Sie sind ein schrecklicher Mensch!« Der »schreckliche Mensch« hielt ihn noch immer fest und sah in aller Gemütsruhe zu, wie die Schiffstreppe emporgezogen wurde und das letzte Boot abstieß, dann erst ließ er sein Opfer los, dessen Entweichen jetzt nicht mehr zu befürchten war, denn gleichzeitig setzte sich der Dampfer in Bewegung und glitt langsam aus dem Hafen. »So, jetzt schwimmen wir!« sagte Adlau, im Tone tiefster Befriedigung. »Nun will ich nach der Kajüte und Rücksprache wegen Ihres Platzes nehmen. Freuen Sie sich doch, Herr Geheimrat, jetzt geht es nach Hause!« Damit ging er, aber der arme Geheimrat dachte nicht daran, sich zu freuen. Er war halb betäubt auf die Bank niedergesunken und überlegte sich jetzt erst die unerhörte Geschichte, Er konnte sich die Scene ausmalen, die dort im Hotel spielte, wenn Elfriede die Nachricht erhielt, mit der Adresse von Adlaus Hand. Das vergab sie ihm nie, er hatte ja auch selbst das vernichtende Bewußtsein, eine Art Rabenvater zu sein, der sein Kind allein im fremden Lande zurückließ! Ja, dieser Robert war ein Gewaltmensch! Je mehr der alte Herr zur Besinnung kam, desto heftiger grollte er mit seinem einstigen Liebling, der an allem schuld war. Aber mitten in diesem Groll schlug er auf einmal mit der Hand auf die Banklehne und sagte überzeugungsvoll: »Aber wahr ist's doch! Gerade ein solcher Mann hat dir gefehlt, Friedel – und mir ein solcher Schwiegersohn!« Am Rhein war der Frühling eingezogen. Die Rebenhügel standen überall im zarten frischen Grün, im Walde sang und klang es von tausend neuerwachten Stimmen und die Wellen des Stromes blitzten im Sonnenschein. Es war ein Maientag von jener zarten duftigen Schönheit, die nur der deutsche Frühling kennt. Die Besitzung des Geheimrats Rottenstein war nur ein kleines Landgut, aber wie geschaffen zum behaglichen Ruhesitze des Alters. Das nicht große, aber sehr freundliche Haus lag im Schatten der alten Linden, die ihm den Namen gegeben hatten. An den ausgedehnten Garten schloß sich das Weingütchen, die höchste Freude des alten Herrn, der seinen Wein selbst zu keltern pflegte. Von der rebenumsponnenen Veranda, die an der Hauptseite des Hauses lag, hatte man einen schönen Blick auf den Rhein, zur Linken stiegen die sonnigen Weinberge des Ufers empor und zur Rechten ragte in einiger Entfernung, aus den dichten Laubmassen eines Parkes, ein mächtiges Gebäude auf, Schloß Brankenberg, das langer als ein Jahrhundert im Besitz einer alten Adelsfamilie gewesen war und jetzt einen neuen Herrn hatte. Auf der Veranda saßen der Geheimrat und sein Gutsnachbar und auf dem Tische funkelte in den Gläsern der Wein, »eigenes Gewächs«, auf das der alte Herr ungemein stolz war. Der heimische Winter schien ihm sehr gut bekommen zu sein, er sah weit wohler und frischer aus als im Herbst, er gehörte nun einmal zu den Naturen, die nur auf dem Heimatboden gedeihen. Robert Adlau hatte sich gar nicht verändert in seiner markigen, kraftvollen Erscheinung, nur etwas bleich sah er heute aus, und die breite schwarze Binde, die er um die Stirn trug, schien auf irgend eine Verletzung hinzudeuten. »Also auf die glückliche Genesung!« sagte Rottenstein, sein Glas erhebend. »Das ist freilich schnell genug bei Ihnen gegangen, Robert. Ein anderer hat wochenlang mit einer solchen Kopfwunde zu thun, und Sie laufen schon nach acht Tagen wieder umher, als ob gar nichts geschehen sei.« »Es war ja nicht all des Aufhebens wert, das davon gemacht wurde,« entgegnete Adlau mit einem Achselzucken. »Eine längere Betäubung infolge des Sturzes, ein etwas starker Blutverlust – mir thut nur mein schöner Fuchs leid, der bei der Geschichte draufgegangen ist.« »Nun, besser doch der Fuchs als Sie! Uebrigens sah die Sache im Anfange recht gefährlich aus. Sie ahnen gar nicht, was das für ein Anblick war, als ich nach Brankenberg gerufen wurde und Sie anscheinend leblos und blutüberströmt daliegen sah. Der Doktor machte auch zuerst ein sehr bedenkliches Gesicht, und auch jetzt meint er, eine Natur wie die Ihrige sei ihm noch nicht vorgekommen.« »Ja, meine Natur ist gut. Uebrigens habe ich dem Inspektor tüchtig den Kopf gewaschen, weil er nichts Gescheiteres wußte, als schleunigst zu Ihnen zu schicken und Sie zu erschrecken mit der Nachricht. Was ging denn das Sie an!« »Was es mich anging?« rief der Geheimrat unwillig. »Glauben Sie, daß mir Ihr Leben und Sterben gleichgültig ist?« »Nun ja – Ihnen vielleicht nicht,« sagte Robert langsam. »Andere freilich –« er brach plötzlich ab, als habe er schon zu viel gesagt, der alte Herr aber fiel eifrig ein: »Ja, andere Freunde haben Sie freilich nicht hier, aber das ist doch nur Ihre eigene Schuld. Ich wollte Ihnen längst schon eine Strafpredigt halten wegen dieses Einsiedlerlebens, das Sie nun bereits seit sechs Monaten führen. Sie haben keinen einzigen Besuch in der Nachbarschaft gemacht, verkehren mit niemand, ziehen sich hartnäckig von jeder Geselligkeit zurück. Wie halten Sie es denn nur aus in dem großen, öden Schlosse, so ganz allein?« »Nun, im Sommer wird es ja Leben genug geben, wenn meine Schwester mit Mann und Kindern kommt,« entgegnete Adlau ausweichend. »Für jetzt habe ich noch sehr viel zu thun, viel mehr, als ich anfangs glaubte. Ich habe bisher noch gar keine Zeit für die Geselligkeit gehabt.« »Ja, Sie kehren in Ihrem Brankenberg so ziemlich das Unterste zu oberst,« lachte der Geheimrat. »Unsere Landwirte sperren Mund und Nase auf über all das Neue, das da aus dem Boden hervorwächst, aber um so mehr nimmt man Ihnen die Zurückgezogenheit übel. Ich muß es oft genug hören, daß ich in der ganzen Umgegend für Sie der einzige Mensch zu sein scheine.« »Und der will mich jetzt auch verlassen,« warf Robert mit etwas gezwungenem Scherz ein. »Sie wollen ja nach der Schweiz.« Rottenstein nickte und ließ einen schmerzlichen Blick über seinen Garten hingleiten, der in voller Lenzespracht blühte und duftete. »Im nächsten Monat. Meine Tochter hat sich für den Sommeraufenthalt in Interlaken entschieden, und dort treffen wir uns. Ich habe sie ja seit einem halben Jahre nicht gesehen.« Die letzten Worte klangen sehr weichmütig. Adlau blickte ihn mit halb spöttischer, halb mitleidiger Miene an. »Ich fürchte, ich habe Ihnen einen schlechten Dienst geleistet mit der damaligen Entführung. Sie sind gar nicht angelegt für einen solchen Gewaltstreich und haben ihn gewiß längst schon bereut.« »Nicht doch! Ich war ja froh, diesem ewig drohenden Aegypten, mit seinen Pyramiden und Mumien, zu entrinnen, aber freilich, Elfriede – sie nahm mir das sehr übel. Ich habe bittere Dinge lesen müssen.« »Warum warfen Sie nicht die ganze Verantwortung auf mich allein, wie ich Ihnen riet?« Der alte Herr schwieg verlegen, er hatte das allerdings gethan, aber das war nur ein erschwerender Umstand gewesen in den Augen seiner Frau Tochter. Er wußte am besten, was er brieflich hatte aushalten müssen. »Nun, Sie können ja bald mündlich Abbitte leisten,« spottete Robert. »Malen Sie meine Unthat so schwarz als möglich, ich habe nichts dagegen. – Frau von Wilkow ist also noch in Konstantinopel?« »Jawohl, und sie beabsichtigt noch einige Wochen dort zu bleiben. Ich erwarte jetzt bestimmte Nachricht darüber, ich schrieb ihr vor acht Tagen, gerade an dem Tage, wo Sie mit dem Pferde gestürzt waren.« Adlau, der eben im Begriff war, das Glas zum Munde zu führen, setzte es jäh und heftig wieder hin. »Sie haben das doch nicht etwa geschrieben?« Rottenstein geriet etwas in Verwirrung, Er hatte es allerdings seiner Tochter geschrieben, sogar am Abend des Tages, an dem der Unfall stattgefunden hatte. Dieser zornigen Frage gegenüber wagte er es aber nicht, das einzugestehen, und deshalb klang seine Antwort sehr diplomatisch: »Wenn Sie es nicht wünschen, werde ich in meinem nächsten Briefe nichts davon erwähnen.« »Ich bitte ausdrücklich darum. Man hat in Konstantinopel schwerlich Interesse für solche Dinge, wenn man sich in so vortrefflicher Gesellschaft befindet.« Die Worte klangen in herbster Bitterkeit, aber der Geheimrat hielt es für besser, die Anspielung nicht zu verstehen. »Elfriede ist allerdings in guter Gesellschaft,« sagte er mit anscheinender Unbefangenheit. »Ich erzählte Ihnen ja, daß sie in Kairo mit Mister und Mistreß Thornton zusammentraf, der englischen Familie, bei der sie im Sommer zum Besuch war. Sie hatten schon damals dies Zusammentreffen verabredet und machten nun gemeinschaftlich die ganze Reise.« »Mit dem unvermeidlichen Anhängsel, dem geistreichen Herrn Ferdinand Wellborn?« »Ja, den scheinen sie allerdings nicht losgeworden zu sein! Von Aegypten ist er mit nach Palästina gegangen, von da nach Konstantinopel, und ich bin überzeugt, er taucht auch in der Schweiz auf. Ich fürchte jetzt auch, er steuert auf ein ganz bestimmtes Ziel los, und solch ein unermüdliches und beharrliches Werben wirkt schließlich bei jeder Frau. Elfriede besonders ist unberechenbar in mancher Hinsicht. Wenn sie sich wirklich überreden ließe, ihr Jawort zu geben, dann –« Robert stand plötzlich auf und griff nach seinem Hute. »Dann verdient sie einen solchen Gatten,« sagte er mit äußerster Schroffheit. »Ich wünsche der gnädigen Frau Glück dazu.« »Sie wollen schon fort?« fragte Rottenstein bestürzt. Er war ärgerlich auf sich selbst, er wußte es ja längst, daß Adlau die Berührung dieses Punktes nun einmal nicht vertrug, und hatte sich doch dazu verleiten lassen. »Sie sind ja kaum eine halbe Stunde hier gewesen,« fuhr er bittend fort. »Haben Sie es denn so eilig?« »Jawohl, ich will noch nach dem Reichenauer Forste und mir den dortigen Bestand ansehen. Das Waldrevier soll verkauft werden, es wurde mir angeboten und es liegt mir sehr bequem. Da heißt es, sich rasch entschließen und zugreifen. Also auf Wiedersehen!« Er ging nach flüchtigem Gruße; der alte Herr blickte ihm nach und schüttelte den Kopf. »Er kann's nicht verwinden – trotz alledem!« sagte er halblaut. »Er wirtschaftet zwar in Brankenberg herum, daß einem Hören und Sehen vergeht, aber Freude hat er nicht daran, und dies Einsiedlerleben kommt auch nur von dem Groll und der Verbitterung her. Ja ja, Friedel, den Robert hast du auf dem Gewissen!« Ob Elfriede wirklich so ganz gleichgültig war gegen die Nachricht, die er ihr geschrieben hatte? Man hatte ihn damals mit der Schreckensbotschaft vom Schreibtische fortgerufen, und als er zurückkam, noch ganz unter dem ersten Eindruck des Unfalls, der im Anfange gefährlich genug schien, hatte er nur eine Nachschrift unter den halb vollendeten Brief gesetzt: »Ich komme eben von Brankenberg, wo Robert schwer verwundet liegt. Ein Sturz mit dem Pferde – es steht leider alles zu befürchten!« Das war ja nun glücklicherweise ganz anders gekommen, aber antworten mußte man doch wenigstens auf eine derartige Meldung. Der Geheimrat sah allein bei seinem Glase, aber der Wein schmeckte ihm nicht mehr, und er versank in trübe Gedanken. Nun kam der Sommer, die schönste Zeit am Rhein, und andere kamen aus weiter Ferne, um das zu genießen, aber er selbst mußte sein behagliches Heim verlassen und auswandern, nach der großen, von Menschen überfüllten Sommerfrische der Schweiz. Es blieb ihm ja nichts anderes übrig, wenn er sein einziges Kind wiedersehen wollte. Elfriede hatte ihm in ihren Briefen mit vollstem Nachdruck wiederholt, sie werde nie wieder Lindenhof betreten, solange der Herr von Brankenberg in seinem Schlosse wohne. Bei der Nähe der beiden Orte hätte sich allerdings eine Begegnung nicht vermeiden lassen! Da hieß es also wieder monatelang in ungemütlichen Hotelzimmern wohnen und den ganzen Lärm des Reiseverkehrs aushalten, der dann auf seiner Höhe stand. Da ging es wieder Tag für Tag hinaus, auf alle möglichen Berggipfel, zu Pferd, zu Wagen, mit den Bahnen, eine ruhelose Hetzjagd vom Morgen bis zum Abend. Diesmal aber dachte der geplagte Vater nicht daran, durchzugehen, er hatte genug an dem einen Male. Er griff schließlich nach der Zeitung, um auf andere Gedanken zu kommen, und hatte wohl eine Stunde lang gelesen, da fuhr draußen am Gitterthor ein Wagen vor. Er sah auf: die beiden Koffer deuteten auf Fremde, und der Herr, der soeben ausstieg, schien auch den Kutscher nach dem Namen des Landhauses zu fragen. Rottenstein wurde aufmerksam, die Gestalt kam ihm so bekannt vor. Das konnte doch unmöglich – aber jetzt kam der junge Mann durch den Garten, im eleganten, hellen Reiseanzuge, einen Strohhut auf dem sorgfältig gekräuselten Haar, den unvermeidlichen Baedeker in der Hand – wahrhaftig, das war Ferdinand Wellborn und kein anderer! Dem Geheimrat fuhr der Schrecken in alle Glieder. Das konnte nur einen Grund haben. Elfriede hatte ihr Jawort gegeben und ihr Verlobter kam nun, um sich den väterlichen Segen zu holen. Eine andere Erklärung gab es gar nicht für dies plötzliche Auftauchen. »Friedel, das hättest du mir und dem Robert doch nicht anthun sollen!« stöhnte der alte Herr verzweiflungsvoll. »Solch einen Schwiegersohn, das halte ich nicht aus!« Wellborn kam bereits die Stufen der Veranda herauf, prallte aber förmlich zurück, als er den Hausherrn erblickte, den das Weinlaub seinem Blick bisher entzogen hatte. »Herr Geheimrat – Sie sind wirklich noch am Leben?« »Warum soll ich denn nicht am Leben sein?« fragte der Geheimrat, der seinen künftigen Schwiegersohn in ziemlich gereizter Stimmung empfing. »Haben Sie vielleicht etwas dagegen?« »O nein, durchaus nicht – ganz im Gegenteil! Aber es ist doch merkwürdig, daß Sie so dasitzen!« »Ich finde es noch weit merkwürdiger, daß Sie da sind. Ich glaubte Sie in Konstantinopel.« »Ja, dort war ich nsch vor drei Tagen, aber jetzt bin ich hier,« sagte Ferdinand verwirrt. »Sie sind also wirklich ganz munter und lebendig?« »Das sehen Sie doch!« rief der alte Herr, höchst beleidigt durch diesen fortwährenden Zweifel an seiner Lebendigkeit. »Haben Sie vielleicht geglaubt, mich als Leiche zu finden?« »Ja, das glaubten wir allerdings – das heißt, wir fürchteten es,« verbesserte sich Wellborn schnell, als jener entrüstet auffuhr. »Die gnädige Frau war in Todesangst und wollte auf der Stelle abreisen, die Kammerjungfer erklärte, in den zwei Stunden nicht packen zu können, da wurde sie einfach mit dem Gepäck zurückgelassen. Die Frau Baronin nahm nur das Allernotwendigste mit – mich hat sie auch mitgenommen. Das heißt, sie wollte es durchaus nicht, aber Mistreß Thornton bestand darauf, daß sie in dieser Angst und Aufregung nicht allein reisen dürfe – und die Kammerjungfer wird mit den Koffern nachkommen.« »Aber so erklären Sie mir doch endlich die Ursache!« unterbrach ihn Rottenstein, der bei diesem ohne jede Pause hervorgesprudelten konfusen Bericht die Geduld verlor. »Ich verstehe kein Wort von der ganzen Geschichte, so reden Sie doch vernünftig!« Der Aufgeregte mochte es wohl selbst fühlen, daß sein Vortrag einigermaßen der Klarheit entbehrte, und so fing er denn noch einmal von vorn an. »Wir waren in Konstantinopel, mit unseren englischen Reisegefährten, da kam der Unglücksbrief, mit der Nachricht von Ihrem Unfall, von dem schweren Sturze. Mister Thornton wollte erst telegraphisch nähere Nachrichten einziehen, aber die gnädige Frau wollte nichts davon hören und beschloß die sofortige Abreise. So nahmen wir denn den Orientexpreßzug und sind nur so durch die Länder geflogen, es war eine höchst anstrengende Fahrt. Und nun sitzen Sie hier bei einer Flasche Wein und man sieht Ihnen gar nichts mehr an. O, das ist merkwürdig, höchst merkwürdig!« Dem Geheimrat ging jetzt ein Licht auf und sein ganzes Gesicht verklärte sich dabei. Das also war die Wirkung jener Nachricht aus Brankenberg gewesen! Nun kommst du doch, Friedel, und noch dazu mit dem Orientexpreßzug! triumphierte er innerlich, aber er sah doch ein, daß er den Vorwand bestätigen müsse, den seine Tochter für ihre plötzliche Abreise erfunden hatte. »Ja, die Geschichte war gar nicht so gefährlich, als sie anfangs aussah,« sagte er im gemütlichsten Tone. »Ich bin allerdings die Treppe heruntergefallen –« »Nein, Sie fielen ja in den Graben, weil der Wagen ein Rad verlor,« berichtigte Wellborn, der die Sache viel genauer wußte als der Betroffene selbst. »Richtig, in den Graben! Ich weiß das nicht mehr so genau, mein Kopf hat doch etwas gelitten. Eine kleine Gehirnerschütterung, die aber Gott sei Dank nichts auf sich hatte. Doch nun sagen Sie mir vor allen Dingen, wo ist denn eigentlich meine Tochter?« »Ist sie denn noch nicht hier?« fragte Ferdinand höchst betroffen. »Mein Gott, sie hat mich ja schon vor zwei Stunden verlassen und einen Fußweg nach Lindenhof genommen, der bedeutend näher sein soll als die Fahrstraße – durch den Reichenauer Forst, wie sie sagte.« Der alte Herr sprang vom Stuhle auf. Der Reichenauer Forst! Da gab es nur einen Fußweg und der Wald war überhaupt nicht so groß, daß man sich darin verfehlen konnte. Da lief die Friedel dem Robert ja geradezu in die Arme! »Bravo!« Er hatte das letzte Wort ganz laut gerufen und fügte nun erklärend hinzu: »Ich freue mich nämlich sehr, daß meine Tochter da ist!« »Bitte, vorläufig ist sie noch nicht da,« warf Ferdinand mit besorgter Miene ein. »Wir fanden keinen Wagen auf der kleinen Station, wo wir ausstiegen; es mußte erst in das Dorf geschickt werden, und der Stationsvorsteher sagte, es könne wohl eine Stunde dauern. So lange wollte die gnädige Frau aber nicht warten, sondern zu Fuß vorausgehen. Ich wollte sie natürlich begleiten, aber sie meinte, ich müsse bei dem Gepäck bleiben. Das that ich denn auch und habe die Koffer gleich mitgebracht.« Der gute Ferdinand erzählte das ganz naiv, ohne zu merken, welche klägliche Rolle er dabei spielte. Er war es freilich längst gewohnt, von der Dame seines Herzens als eine Art höherer Kammerdiener behandelt zu werden, der auf der Reise alles Nötige besorgte, und den man dann, je nach Bedarf, entweder mitnahm oder bei dem Gepäck zurückließ, das fiel ihm gar nicht mehr auf. Geheimrat Rottenstein aber wurde jetzt auf einmal die Liebenswürdigkeit selbst. Er lud den jungen Mann zum Sitzen ein, bot ihm Wein an und äußerte gar keine Besorgnis wegen des Ausbleibens seiner Tochter. Sie kenne den Weg ja genau, man müsse eben warten. Ihm war diese Verspätung der sicherste Beweis, daß Elfriede »jemand« begegnet sei. Wellborn war sehr angenehm berührt von dieser Liebenswürdigkeit. Er nahm Platz und begann zu erzählen, wobei er wie gewöhnlich alles mögliche durcheinander schwatzte. Zunächst von der Reise, die er das Glück gehabt hatte, in Gesellschaft der gnädigen Frau zu machen. Es herrsche so unendlich viel Sympathie zwischen ihnen beiden, die Frau Baronin liebe das Reiseleben, er auch, er habe sich jetzt sogar zu einer Reise um die Erde entschlossen. Dann kam er plötzlich ganz unvermittelt auf seine Fabrik, die schon seinen Papa zum reichen Mann gemacht habe und fortwährend glänzende Geschäfte mache. Er habe zwar nicht Rang und Titel zu bieten, aber sonst ständen alle Annehmlichkeiten des Lebens zu Gebote, ihm, dem glücklichen Erben, und einem Wesen, das er nicht nennen wolle, das aber vielleicht erraten werde, da es dem Herrn Geheimrat sehr nahe stehe – kurz, er steuerte, zwar noch etwas schüchtern, aber doch unverkennbar, auf den väterlichen Segen los. Das hatte nun zwar jetzt keine Gefahr mehr, aber der Geheimrat sah doch ein, daß er es nicht zu einem förmlichen Antrage kommen lassen dürfe. Er lenkte deshalb rasch ab und erkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden des Wetterglases. In dem Gesicht des jungen Mannes zeigte sich eine gewisse Verlegenheit bei dieser Frage, aber er zog sofort das Glas hervor, das er natürlich wieder bei sich hatte, stellte es auf den Tisch und betrachtete es mit nachdenklicher Miene. »Ja, das ist eine merkwürdige Geschichte,« gestand er. »Denken Sie nur, mein Wetterglas stand in Aegypten fortwährend auf Regen, monatelang – und am Nil regnet es ja überhaupt nicht.« »Da hat sich das Ding eben geirrt, das passiert ihm ja gewöhnlich,« meinte der alte Herr wohlwollend. »Da hat mein Gärtner ein zuverlässigeres Wetterglas. Sein Laubfrosch saß gestern abend trotz des Regens auf der höchsten Stufe seiner Leiter, und heut haben wir wirklich herrliches Wetter.« »Das zeigt mein Glas ja auch an!« rief Wellborn triumphierend. »Da sehen Sie selbst – Beständig – höchster Stand! Nein, wie mich das freut!« »Wohl weil es so selten vorkommt?« sagte der Geheimrat, aber Ferdinand lächelte etwas verschämt. »O nein, aus einem anderen Grunde. Ich bekenne mich da einer gewissen Schwäche schuldig. Es ist eine Art Aberglaube – lachen Sie nur, Herr Geheimrat – aber ich nehme diesen günstigen Stand als ein glückliches Vorzeichen für mein Eintreffen in Ihrem Hause, für einen Wunsch, eine Hoffnung, die ich noch nicht nennen will, deren Erfüllung mich aber zum Glücklichsten der Sterblichen –« Da steuerte er schon wieder auf den Segen los. Rottenstein mußte zum zweitenmal dazwischen fahren, und diesmal erkundigte er sich mit krankhaftem Eifer, wie weit denn das große Reisewerk gediehen sei. Er empfing auch ausführlichen Bescheid. Die Reisebeschreibung war fertig und sollte demnächst erscheinen, in glänzender Ausstattung, natürlich auf Kosten des Verfassers, dessen Mittel ihm das ja erlaubten. Damit geriet Ferdinand wieder ins Schwatzen und fand kein Ende dabei. Der alte Herr hörte so wenig zu wie damals unter den Oliven, aber heute schlief er nicht ein, sondern schwelgte in dem erhebenden Bewußtsein, schließlich doch erfolgreich eingegriffen zu haben, wenn auch ganz absichtslos. Er war es ja doch gewesen, der die Nachricht aus Brankenberg gesandt hatte. Der Reichenauer Forst zog sich dicht an der Grenze von Brankenberg hin. Es war ein prächtiger Laubwald, dessen mächtige Baumkronen im Sommer tiefen, kühlen Schatten spendeten; jetzt flutete der Sonnenschein noch hell durch die Zweige, die das erste zarte Laub trugen, er glitzerte zwischen den Stämmen und spielte in goldenen Lichtern auf dem Boden, wo der Waldmeister duftete und allerlei lustiges Frühlingsleben summte und sich regte. Etwas abseits von dem schmalen Fußwege, der sich durch den ganzen Forst schlängelte, lag ein schattiges Plätzchen. Das grüne Unterholz, das schon reicheres Laub trug, war hier hoch aufgeschossen und in seinem Schütze plätscherte ein kleiner Waldbrunnen, kunstlos in einer Röhre von Baumrinde aufgefangen. Der helle Wasserstrahl sprudelte aus moosigem Gestein hervor, das von blühenden Ranken dicht umsponnen war, und ein Wildrosenstrauch, ganz übersät mit zarten, rosig angehauchten Blüten, neigte sich tief herab auf den einsamen Quell. Neben den Steinen, auf dem moosbedeckten Boden ausgestreckt, lag Robert Adlau; aber er schien sich wenig um den Forstbestand zu kümmern, den er doch besichtigen wollte. In finsteres Sinnen verloren, blickte er unverwandt in das niederrieselnde Wasser. Jetzt, wo er allein war und keinem fremden Auge mehr standzuhalten brauchte, trat der Zug verbissenen Schmerzes in seinem Gesichte deutlicher hervor. Sein alter Freund hatte ganz recht gesehen, der Mann konnte noch immer nicht verwinden, was der Jüngling einst verloren hatte; es ließ ihn nicht los. Wohl hatte er geglaubt, es sei vergessen und begraben, als er aus der Ferne zurückkehrte: da kam jene Begegnung und da flammte die alte Jugendliebe hell wieder auf. Jetzt wußte er es freilich, daß sie nicht gestorben war, aber das füllte die Kluft nicht aus, die sich von neuem aufthat zwischen zwei Menschen, die sich einst so nahe standen. Sie hatten es eben verlernt, einander zu verstehen. Ein Mann wie Adlau war freilich nicht geschaffen, sich in schmerzlicher Sehnsucht zu verzehren; im Gegenteil, er grollte bitter mit der Frau, die ihren Starrsinn so wenig beugen wollte wie er den seinen, aber vergessen konnte er sie nicht. Was half es, daß er sich in die Arbeit stürzte und sein Brankenberg zu einem ganz neuen Reiche umschuf: er hatte keine Freude daran! In jeder einsamen Stunde regte sich wieder das alte Weh und regte sich um so schärfer, je trotziger er versuchte, es niederzuhalten, es war stärker als er. Er hatte lange so dagelegen und erinnerte sich nun endlich, daß es Zeit sei, zu gehen. Mit einer unwilligen Bewegung schüttelte er die Träumerei ab und richtete sich halb empor, aber verharrte wie gebannt in dieser Stellung. Durch den frühlingslichten Wald, der noch einen vollen Einblick gestattete, kam eine Dame, ganz allein. Sie war noch in ziemlicher Entfernung, aber dem einsamen Manne stockte doch der Atem beim Anblick der schlanken Gestalt in dem grauen Reisekleide. Sein starres, ungläubiges Staunen hielt eine Weile an, dann blieb ihm kein Zweifel: es war Elfriede von Wilkow. Sie kam rasch näher, ohne auf ihre Umgebung zu achten. Die Augen zu Boden gesenkt, eilte sie vorwärts, wie gejagt von einer inneren Angst. Jetzt betrat sie den kleinen Seitenpfad, der, eine Windung des größeren Weges abschneidend, zum Waldbrunnen führte, jetzt erreichte sie diesen, da sprang Robert auf und trat ihr entgegen. Ein Aufschrei rang sich von den Lippen der jungen Frau, totenbleich, bebend an allen Gliedern, blickte sie auf den Mann, den sie tödlich verwundet, sterbend glaubte und der nun hier mitten im Walde ihr gegenüberstand. Das war zu viel für ihre schon durch die Angst erschöpfte Kraft, sie schwankte und griff nach den Holunderzweigen, als suchte sie einen Halt. Zu demselben Augenblick war Robert aber auch schon an ihrer Seite und stützte sie. »Um Gottes willen, was ist Ihnen? – Habe ich Sie erschreckt? – Elfriede!« Erst seine Stimme, seine unmittelbare Nähe schienen die junge Frau zu überzeugen, daß diese Erscheinung Wirklichkeit sei. Ihr Blick glitt scheu und fragend über ihn hin, er war wohl bleicher als sonst, aber doch unverändert; jetzt sah sie auch die Binde um seine Stirn, ein wirkliches Zeichen des Unfalls, und mit der Erkenntnis seiner Rettung kam ihr auch die Besinnung zurück. Mit einer raschen, beinahe heftigen Bewegung machte sie sich los von dem stützenden Arme. »Mir ist nichts, gar nichts!« sagte sie, mit einem vergeblichen Versuche, sich zu fassen. »Sie traten nur so plötzlich hervor – ich war in der That erschrocken.« Sie ließ sich auf einem der moosbewachsenen Steine nieder, notgedrungen, denn ihre Füße trugen sie nicht mehr. Adlau war zurückgetreten, die alte Gereiztheit erwachte wieder in ihm bei der fluchtähnlichen Bewegung, mit der Elfriede sich ihm entzog. Er ahnte ja nicht, daß sie von seinem Unfall etwas wußte, konnte nicht erraten, was sie hergeführt hatte. Aber sie war so bleich, sie zitterte noch immer, und dann ihr Aufschrei, als sie ihn erblickte; schwankend zwischen Unwillen und aufflammender Hoffnung, stand er vor ihr, aber seine Lippen waren fest zusammengepreßt. Die junge Frau bracht endlich das beklemmende Schweigen. »Ich bin auf dem Wege nach Lindenhof,« erklärte sie leise. »Ich will zu meinem Vater.« »Und ich komme eben von ihm,« fiel Robert ein. »Er ahnt noch nichts von Ihrer Ankunft, Sie wollen ihn vermutlich überraschen.« In das bleiche Gesicht Elfriedens stieg eine helle Glut bei dem Gedanken an die Veranlassung ihrer Reise. Sie hatte in besinnungsloser Angst zu dem Vater gewollt, um mit ihm nach Brankenberg zu eilen – der Todesgefahr gegenüber fielen ja alle Schranken, alle Rücksichten, Aber jetzt stand Robert lebend vor ihr, jetzt durfte er nicht ahnen, was sie hergetrieben hatte, um keinen Preis! »Es gilt allerdings eine Ueberraschung,« bestätigte sie, und es gelang ihr wenigstens einigermaßen, das Beben ihrer Stimme zu beherrschen. »Ich weiß ja, wie schwer es meinem Vater wird, sein geliebtes Lindenhof zu verlassen, ich wollte ihm das ersparen, und dann – dann hatte ich auch Sehnsucht nach unserem Rhein.« »Nach unserem Rhein! Gilt er Ihnen wirklich noch dafür?« »Wie vorwurfsvoll das klingt! Trauen Sie mir denn gar kein Heimatsgefühl zu?« »Für den kalten grauen Norden? Für die Enge der deutschen Verhältnisse? Damals in Korfu hatten Sie nur Spott dafür.« »Nun, dann bin ich wohl dafür bestraft,« versuchte Elfriede zu scherzen. »Ich habe diesmal im Orient tatsächlich Heimweh gehabt, Sehnsucht nach einem deutschen Frühling.« »Wirklich? Und findet er noch Gnade vor Ihren Augen?« Die junge Frau schwieg. Sie hatte ja nichts gesehen von all der Frühlingspracht ringsum, nicht auf ihrer Fahrt durch Deutschland, nicht auf dem Wege hierher. Vor ihrer Seele stand nur das eine, Furchtbare: die Todesgefahr des Mannes, den sie liebte – wie sehr, das hatte ihr die Stunde gezeigt, in der sie jene Nachricht empfing. Jetzt hob sie das Auge zu ihm empor, mit einem tiefen Atemzuge der Erlösung, und dann floh es doch wieder scheu das seinige und schweifte hinaus in den sonnigen Forst, jetzt erst sah sie, daß es Lenz geworden war in der Welt. Hier freilich zeigte sich kein südliches Landschaftsbild mit Lorbeeren und Cypressen, keine mächtigen Berggipfel ragten auf, kein tiefblaues Meer wogte fern am Horizonte, aber hier rauschte ein deutscher Wald in seinem lichten Maiengewande. Durch die zartgrünen Schleier des jungen Laubes blickte der klare Frühlingshimmel mit den weißen Wolken, die hoch oben dahinschifften, und der Sonnenschein flutete herein und durchleuchtete den ganzen Wald mit goldigem Schimmer. Von allen Zweigen sang und klang es mit süßem Gezwitscher, mit hellem Lockruf, mit jubelndem Finkenschlag, und in den Gebüschen ringsum regte sich ein Wehen, ein Summen und Schwirren ohne Ende. Und inmitten dieses Waldwebens rauschte und rieselte der einsame Quell, der da aus dem Gestein hervorbrach mit seinem hellen Wasserstrahl, überschattet von den blühenden Wildrosen. Es klang und flüsterte in diesem Rauschen geheimnisvoll, aber deutlich vernehmbar für die beiden, die sich hier so nahe und doch so fern gegenüberstanden: Habt acht! Laßt die Schicksalsstunde nicht wieder entfliehen! Sonst ist's vorbei – vorbei! Robert harrte vergebens einer Antwort auf seine Frage, sein Blick ruhte mit schmerzlichem Ausdruck auf dem Antlitz der jungen Frau, als er fortfuhr: »Wie lange ist es denn her, daß wir zusammen einen deutschen Frühling erlebten? Wissen Sie es noch, Elfriede? Ich zog damals hinaus, um drüben jenseit des Ozeans das Glück zu suchen, aber ich hatte mir die Sache doch allzuleicht gedacht. Der Kampf um das Glück wurde zunächst nur ein verzweifelter Kampf um das Dasein überhaupt. Oft genug war ich am Unterliegen, aber da war eines , was mich immer wieder emporriß, was mir Mut und Kraft gab zu neuem Ringen, eine Hoffnung, die Erinnerung an jene Abschiedsstunde, wo meine Braut an meiner Brust lag und mir unter Thränen gelobte: ›Was auch kommen mag, Robert, ich lasse nicht von dir!‹« »Robert, ich bitte Sie – nicht diese Erinnerungen!« Die Stimme der jungen Frau klang halb erstickt, aber er beachtete die Bitte nicht, sondern fuhr mit steigender Bitterkeit fort: »Zwei Jahre später freilich, da erhielt ich einen Brief, der ganz anders klang. Da wurde mir mitgeteilt, daß sich ein reicher, vornehmer Freier gefunden habe, der alles das bieten konnte, was mir fehlte, daß die Eltern drängten, daß – kurz und gut, ich las es deutlich zwischen den Zeilen, daß man der ›aussichtslosen Geschichte‹ müde war. Der Frau Mutter war sie ja stets ein Dorn im Auge gewesen; als sich nun vollends eine glänzende Partie fand, da war mein Urteil gesprochen. Und du, Elfriede – du gabst mich auf!« »Nein, du warst es, der mich aufgab!« fuhr Elfriede mit vollster Heftigkeit auf. »Ich stand allein, schutzlos, dem unermüdlichen Werben Wilkows, dem Drängen meiner Mutter gegenüber. Sie hielt es mir täglich vor, daß ich schon halb vergessen sei, deine Briefe würden ja immer kürzer, immer spärlicher – o, ich wußte das am besten! In meiner Angst, in meinem erwachenden Mißtrauen suchte ich bei dir Schutz. Ich schrieb dir alles, und was war die Antwort? Du sagtest dich los von mir mit den wildesten Anklagen gegen mich und meinen ›Verrat‹, mit dem Ausbruch eines maßlosen Hasses gegen den Mann, der um mich warb, und den du nicht einmal kanntest. Du gabst mir nicht mein Wort zurück – vor die Füße hast du es mir geworfen!« Der Vorwurf mochte wohl nicht ungerecht sein, denn Robert wies ihn nicht zurück und seine Stimme klang milder, als er erwiderte: »Meine Briefe – nun ja, die mögen kurz und karg gewesen sein, weil ich nichts Gutes zu melden hatte. Ich war ausgezogen mit dem stolzen Versprechen, uns ein Vermögen zu erringen, und sollte nun eingestehen, daß ich tagtäglich mit der bittersten Not rang! Es wollte mir ja nichts, nichts glücken! Was ich begann, schlug fehl, was ich wirklich einmal gewann, das ging wieder verloren. Und mitten in diesem verzweifelten Ringen kam der Brief, den ich für eine verhüllte Absage nahm – meine Antwort ist damals nur eine Verzweiflungsthat gewesen!« »Und mein Jawort an Wilkow war es auch!« sagte Elfriede leise. »Aber du wurdest doch sein Weib,« warf Robert mit bitterem Vorwurfe ein, »und wie zum Hohne kam bei mir schon im nächsten Jahre der Wendepunkt meines Lebens. Es gelang mir, Fuß zu fassen, und als ich erst fest stand, trotzte ich auch dem Schicksale ab, was es mir bis dahin versagte. Da ging es auf einmal aufwärts mit schwindelnder Schnelligkeit, da suchte mich das Glück förmlich, nachdem es mich so lange geflohen hatte, aber da war es zu spät – ich hatte dich verloren!« »Verloren?« Die junge Frau sah nicht auf, sie beugte sich tief über den sprudelnden Quell, als sie kaum vernehmbar hinzusetzte: »Du bist ja frei geblieben, Robert, und ich – bin es wieder geworden!« »Aber du bist eine andere geworden, Friedel, eine ganz andere,« sagte er herb. »Wie du es verlernt hast, die Heimat zu lieben, so hast du auch kein Herz mehr für mich. Damals, bei unserer letzten Begegnung in Korfu, hätte ein Wort von dir unser beider Schicksal entschieden. Ich harrte darauf. Du sahst es, aber du gingst und ließest mich zum zweitenmal allein.« »Nun, so bin ich jetzt gekommen!« Sie hatte sich emporgerichtet und in den dunklen Augen standen heiße Thränen. »Ich kam freilich in Todesangst, aber ich kam ja doch zu dir!« »Zu mir?« Adlau stutzte und sah sie einen Augenblick lang verständnislos an, dann aber erriet er die Wahrheit. »Du wußtest also – du hattest erfahren –?« »Von deinem Sturze, ja. Der Vater schrieb mir, du seiest schwer verwundet, es sei alles zu fürchten; da faßte mich die Angst, die Verzweiflung. Ich ließ mich nicht halten, sondern flog hierher. O, es waren furchtbare Stunden und Tage, aber gleichviel – ich wollte zu dir!« Sie lehnte in ausbrechendem Weinen ihr Haupt an seine Schulter, er hatte ja längst schon die Arme ausgestreckt und sie stürmisch an seine Brust gezogen. Da versiegten denn die Thränen bald. »Friedel!« Die Stimme Roberts bebte, aber sie klang in vollster Innigkeit. »Friedel, wir können ja doch nicht voneinander lassen, wir haben es oft genug erprobt! Du und ich, wir gehören nun einmal zusammen, nun, so wollen wir es auch zusammen suchen, was noch keiner von uns allein gefunden hat – das Glück!« Friedel antwortete nicht, sie schmiegte sich nur fester in seine Arme. Zu ihren Füßen rauschte und rieselte der Quell und wieder klang es empor, wie leises Flüstern, wie ein verhallendes Echo – das Glück! Das Glück! Geheimrat Rottenstein saß noch auf der Veranda mit seinem Gaste und sah nach der Uhr: nun, meinte er, könne die Sache im Reichenauer Forst endlich erledigt sein. Wellborn, der sich die unbegreifliche Sorglosigkeit des Vaters nicht erklären konnte, war längst unruhig geworden über das lange Ausbleiben der jungen Frau. Er behauptete, es müsse ihr im Walde etwas passiert sein, und machte eben zum zweitenmal den Vorschlag, Nachforschungen anzustellen. »Ist gar nicht nötig, da kommen sie schon!« rief der alte Herr und wies auf das Gitterthor, wo soeben die Vermißte erschien, aber nicht allein. »Gott sei Dank!« sagte Wellborn. »Aber Herr Adlau ist auch dabei – natürlich, er ist ja Ihr nächster Gutsnachbar.« »Ja, ich finde das auch ganz natürlich, aber jetzt entschuldigen Sie mich!« rief der Geheimrat, indem er mit jugendlicher Rüstigkeit aufsprang und die Stufen hinabeilte, den Ankommenden entgegen, Wellborn erhob sich gleichfalls und schickte sich an, zu folgen. Er fand es auch ›ganz natürlich‹, daß Elfriede in die weit ausgebreiteten Arme des Vaters flog und sich an seine Brust warf, aber dann kam etwas, das er ›merkwürdig‹ fand. Der alte Herr wandte sich zu Adlau und streckte ihm die Hand hin, aber dieser umarmte ihn ohne weiteres und küßte ihn herzhaft auf beide Wangen. Das schien ja eine sehr intime Freundschaft und Nachbarschaft geworden zu sein, ob die gnädige Frau wohl damit einverstanden war? Ferdinand setzte eben den Fuß auf die Treppe, da – da legte dieser Freund und Nachbar urplötzlich den Arm um die gnädige Frau und küßte sie, hier im offenen Garten, am hellen Mittage, und sie schien ganz einverstanden damit! Der junge Mann stand da wie eine Salzsäule. Er begriff überhaupt etwas schwer, bei diesem Anblick aber hörte sein Begriffsvermögen vollständig auf. Doch schon in der nächsten Minute ward ihm die Erklärung dafür, denn die laute, fröhliche Stimme des alten Herrn tönte bis zu ihm herüber: »Also verlobt habt ihr euch, Kinder? Das dachte ich mir, weil die Geschichte so lange dauerte, und eine Ueberraschung war das gar nicht für mich! Ich saß bereits seit einer halben Stunde auf der Veranda und wartete auf das Brautpaar. Aber eine Freude habt ihr mir gemacht, eine wahre Herzensfreude!« Er breitete die Arme aus, und nun fing das Umarmen wieder an. Dem unglücklichen Ferdinand wurde es ganz schwarz vor den Augen. Er hatte gerade noch so viel Besinnung, sein Wetterglas vom Tisch zu raffen und damit in den Hausflur zu flüchten, der glücklicherweise auf der anderen Seite wieder hinaus und in den Hintergarten führte. Wie er eigentlich durch diesen Garten und hinausgekommen war, das wußte Wellborn dann selbst nicht. Er stand auf einmal am Ufer eines kleinen Baches, der lustig plätschernd zwischen Weinbergen dahineilte, und starrte wie geistesabwesend auf sein Wetterglas, das er krampfhaft festhielt. Dieses schändliche Glas wollte noch immer die günstige Vorbedeutung aufrecht erhalten, es stand unverrückt auf »Schön Wetter«. Da packte den jungen Mann die Wut. »Du bist falsch, wie der, der dich erfunden hat, grundfalsch!« brach er ingrimmig aus. »Und sie ist auch falsch, die ganze Welt ist es! Fort mit dir!« In weitem Bogen flog das Wetterglas hinein in die Weinreben, wo es klirrend aufstieß; aber diese außergewöhnliche Benutzung schien ihm Spaß zu machen. Es blieb nicht liegen, sondern hüpfte in lustigen Sprüngen den ganzen Berg hinunter und schließlich in den Bach. Da tauchte es noch einmal auf und verschwand dann in den Wellen. Merkwürdig, wie das ganze Dasein dieser Erfindung, war auch ihr Ende! Dem Geheimrat Rottenstein war es eine große Erleichterung, als er bei der Rückkehr in die Veranda seinen Gast nicht mehr vorfand. Man wäre doch einigermaßen in Verlegenheit gewesen, was mit Ferdinand anzufangen sei, und erriet ungefähr, weshalb er so spurlos verschwand. Der alte Herr aber fand es jetzt für gut, in die Tiefe seines Kellers niederzutauchen, um dort etwas ganz Besonderes heraufzuholen. Er nahm eben den Schlüssel, da ertönte draußen ein Lachen, so hell, so übermütig und jugendfrisch, wie er es lange Jahre nicht gehört hatte. »Gott sei Dank, sie kann wieder lachen, meine Friedel!« sagte er seelenvergnügt. »Das war ganz der alte Ton! Und jetzt brauche ich auch nicht mehr nach Aegypten oder gar nach Indien, jetzt ›versumpfe‹ ich fröhlich weiter hier in meinem Lindenhof!« Zufällig hatte Robert draußen auf der Veranda dasselbe Wort ausgesprochen; er hatte seine Braut gefragt, ob sie denn wirklich entschlossen sei, in Brankenberg zu versumpfen, und damit jenes helle Lachen hervorgerufen; jetzt aber fügte er tröstend hinzu: »Aber gar zu eng wollen wir uns doch nicht einspinnen in unserem Nest. Ich bin ja auch lange genug ›da draußen‹ gewesen; da bleibt immer etwas hängen von der alten Wanderlust. Wir fliegen noch manchmal in die Welt hinaus, aber wir wissen dann doch, wo unsere Heimat ist. Wird dir das genug sein, Friedel?« Die junge Frau war plötzlich ernst geworden und ihre Augen schimmerten feucht, als sie leise erwiderte: »Wenn du wüßtest, Robert, wie unglücklich ich gewesen bin in all den Jahren, wo sich die halbe Welt vor mir aufthat, wie öde und einsam es in mir war, während eine ganze Flut von Menschen mich umwogte! Eingestanden habe ich das freilich niemals, nicht einmal mir selber, aber sie ist mir wie ein verlorenes Paradies erschienen, jene Zeit, wo wir beide noch arm waren – und so jung, so hoffnungsreich!« Robert lächelte nur und sah ihr tief in das Auge, »Nun, so uralt sind wir doch auch jetzt noch nicht, sollte ich meinen! Wir müssen es eben lernen, wieder jung zu sein. Den Reichenauer Forst aber kaufe ich jetzt unter allen Umständen. Da haben wir beide heute den Quell entdeckt, aus dem man sich neue Jugend trinkt und neues Leben, und den lassen wir keinem anderen, gelt Friedel? Den wollen wir hüten unser Leben lang!« Edelwild Die Nebelschleier, die so lange und dicht auf den Bergen gelegen hatten, begannen sich zu lichten, das unaufhörliche Rauschen und Rieseln des Regens war verstummt, und hoch oben am Himmel schimmerte zwischen jagenden Wolken das erste Blau. In der offenen Glasthür, die auf eine breite, steinerne Terrasse führte, stand ein Herr und blickte in das Nebelwogen da draußen. Von der Landschaft war noch nicht viel zu sehen, ein Stück des Sees, der dort unten lag, halb verschleierte Wälder und die undeutlichen Umrisse einzelner Berge, die auftauchten und wieder verschwanden. Das alles dampfte und gärte im Regendunst, aber der Beobachtende wandte sich nach dem Zimmer zurück und sagte mit voller Bestimmtheit: »Der Wind ist umgesprungen! Der Wetterumschlag ist da!« »Gott sei Dank!« klang die Antwort einer Dame, die in einem hohen Lehnstuhl saß und jetzt die Handarbeit sinken ließ, mit der sie beschäftigt war. »Diese Landschaft mit ihren endlosen Wäldern ist bei Regenwetter unglaublich melancholisch!« »Mein Restovicz gefällt dir nicht? Ich habe es vorausgesehen,« entgegnete der Herr, indem er an ihrer Seite Platz nahm. »Es ist weit großartiger, als ich es mir vorgestellt habe. Du hast dich ja in deinen kurzen, flüchtigen Briefen nie auf Einzelheiten eingelassen, du schriebst nur von einem größeren Gute, das du gekauft hättest. Es klang ja auch ganz stattlich ›Ulrich von Berneck auf Restovicz!‹ Daß du aber hier auf einer förmlichen Herrschaft sitzest, in einem alten Slowenenschlosse und ein ganzes Heer von Leuten kommandierst, das erfahre ich erst jetzt. Wenn das alles nur nicht so düster und fremdartig wäre! Es macht mir einen beinahe unheimlichen Eindruck.« Die Bemerkung war, wenigstens für die nächste Umgebung, durchaus zutreffend. Das hohe Gemach, mit den dunklen Ledertapeten und tiefen Fensternischen, dessen Einrichtung offenbar noch aus alter Zeit stammte, mochte bei hellem Sonnenschein behaglicher sein. Heut, in dem trüben Lichte des Regennachmittags, sah es sehr düster aus, und der Ausblick in die Nebellandschaft da draußen war auch nicht erheiternd. Die Dame, im dunklen Seidenkleide, ein schwarzes Spitzentuch über dem schon ergrauten Haar, war eine vornehme Erscheinung, aber sehr kühl und gemessen in Haltung und Sprache. Dieselbe kühle beobachtende Ruhe lag auch in dem Blick, der langsam durch das Zimmer glitt und dann auf dem Gutsherrn haften blieb. Ulrich von Berneck, eine hohe, sehnige Gestalt, war bereits über die Jugend hinaus. Er sah vielleicht älter aus, als er in der That war, und das volle dunkelblonde Haar zeigte schon einen leichten grauen Schimmer an den Schläfen. Das Gesicht wäre anziehend gewesen ohne den Ausdruck herber Verschlossenheit, der ihm ein beinahe feindseliges Gepräge gab. Auch in den dunkelgrauen Augen lag etwas Finsteres, Herbes, und das Lächeln schien diesen Zügen überhaupt fremd zu sein. Er trug die hier allgemein übliche Bergtracht, aber der Anzug wie die Haltung verrieten eine gewisse Nachlässigkeit. Der Mann gab offenbar nicht viel auf äußere Formen, und trotzdem sah man es auf den ersten Blick, daß er den höheren Kreisen angehörte. »Es ist allerdings nichts für eine verwöhnte Großstädterin,« sagte er, an die letzte Bemerkung anknüpfend. »Ich kenne ja den Geschmack meiner Tante Almers und habe es auch deshalb gar nicht gewagt, sie einzuladen.« »Nein, du ließest es darauf ankommen, daß ich ungeladen kam – und vielleicht unwillkommen!« erwiderte Frau Almers mit einiger Schärfe. »Aber Tante, ich bitte dich!« »Nun, ich wollte doch wenigstens sehen, wo und wie du lebst. Aber, offen gestanden, Ulrich, ich begreife nicht, wie du auf die Idee gekommen bist, dich gerade hier anzukaufen, hier an der Grenze der Kultur, wo du gar keinen Verkehr, gar keine geistige Anregung hast. Wie kannst du das nur aushalten?« Berneck zuckte die Achseln. »Aushalten? Ich habe bisher so viel zu thun gehabt, daß ich noch gar nicht zum Bewußtsein meiner Einsamkeit gekommen bin. Und ich brauchte vor allen Dingen Arbeit!« »Die hättest du auch bei uns gefunden. Wenn du nun einmal durchaus nicht in Auenfeld bleiben wolltest, so konntest du ein anderes Gut in der Heimat kaufen und es selbst bewirtschaften.« »Jawohl, eins von unseren Mustergütern!« spottete Ulrich. »Wo es das ganze Jahr nach der Schablone geht und jeder Inspektor den Herrn ersetzen kann, weil es nur darauf ankommt, die Arbeitsmaschine in Gang zu halten. Das ist ja sehr bequem und behaglich, aber es füllt doch nicht das Leben aus!« »Es hat doch früher das deinige ausgefüllt,« warf Frau Almers ein. »Auenfeld war meine Heimat, da war ich geboren und aufgewachsen. Das liebt man doch!« »Und trotzdem hast du es aufgegeben? Ulrich, ich begreife ja, daß jener unselige Vorfall dich schwer getroffen hat. Aber deshalb Haus und Hof verkaufen, mit all den früheren Beziehungen brechen und in die Fremde hinausgehen – das geht wirklich zu weit. Du warst doch schuldlos an der ganzen Sache und konntest –« »Schweig! Ich bitte dich!« unterbrach Berneck sie jäh und mit so wild auflodernder Heftigkeit, daß sie verstummte. Er war aufgesprungen und trat mit einer stürmischen Bewegung wieder an die offene Thür. Die Tante schüttelte mehr unwillig als erschrocken den Kopf. »Hast du das noch immer nicht überwunden?« fragte sie halblaut. »Nein!« klang es dumpf zurück. »So lassen wir es ruhen! In dem Punkte ist nun einmal nicht mit dir zu rechten, sprechen wir von anderen Dingen! – Ich begreife nicht, daß Paula sich noch nicht gemeldet hat, sie weiß es doch, daß sie zur Theestunde zurück sein muß.« Frau Almers wechselte den Gegenstand des Gespräches so ruhig, als sei ihr das jähe Auffahren ihres Neffen völlig entgangen. Er wandte sich langsam um und nahm seinen früheren Platz wieder ein, aber es stand eine finstere Falte auf seiner Stirn. »Fräulein Dietwald scheut weder Wind noch Wetter,« sagte er, sich zu dem gleichen Ton zwingend. »Ich sah sie vor zwei Stunden fortgehen, mitten im Regensturm, und das schien ihr außerordentlichen Spaß zu machen.« »Ja, sie ist noch ein halbes Kind, eigentlich viel zu jung für die Stellung einer Gesellschafterin. Ich muß da vieles übersehen und habe oft genug zu tadeln, aber hier lagen besondere Verhältnisse vor. Paulas Mutter war meine Jugendfreundin und hat eine Thorheit, die sie mit siebzehn Jahren beging, ihr ganzes Leben lang büßen müssen. Sie hätte eine sehr gute Partie machen können, aber sie schlug das aus und schloß eine sogenannte Liebesheirat, mit einem blutarmen Künstler. Das rächte sich natürlich. Ihre ganze Ehe war nur eine Kette von Sorgen und Enttäuschungen, und als der Mann starb, blieb sie in voller Armut zurück.« In der kurzen Schilderung lag das ganze tragische Schicksal einer Frau, die ihre Liebe über die Berechnung gestellt und das nun »gebüßt« hatte. Aber Frau Almers erzählte es so gelassen wie jede andere Geschichte, sie schien diesen Ausgang ganz natürlich zu finden. Berneck erwiderte nichts, aber die Falten auf seiner Stirn vertieften sich nur noch mehr, während seine Tante fortfuhr: »Ich habe mich natürlich ihrer angenommen und sie unterstützt, und als Paula nach ihrem Tode ganz verwaist zurückblieb, nahm ich sie in mein Haus. Die Stelle meiner Gesellschafterin war ohnehin frei geworden, aber mir bleibt da, wie gesagt, noch manches zu wünschen übrig. Es stört dich doch nicht, daß ich das junge Mädchen mitgebracht habe? Ich bin so an eine Begleiterin gewöhnt.« Sie warf die letzten Worte anscheinend ganz absichtslos hin, aber der scharfe, beobachtende Blick wich dabei nicht von dem Gesicht ihres Neffen, der sich jetzt mit einer raschen Bewegung emporrichtete. »Spielen wir doch keine Komödie miteinander, Tante! Denkst du, ich weiß es nicht längst, weshalb du nach Restovicz gekommen bist, und weshalb du Paula Dietwald mitgebracht hast?« »Wenn du es weißt – um so besser!« erklärte die Dame, ohne im mindesten aus der Fassung zu geraten. »Dann darf ich wohl auch offen sein und dir sagen, ich habe es längst bemerkt, daß du nicht gleichgültig geblieben bist.« Berneck widersprach nicht, aber er antwortete auch nicht, sondern verharrte in seinem Schweigen. »Du hast noch keinen Entschluß gefaßt? Ich finde das begreiflich, in deinen Jahren entscheidet man sich nicht so schnell; jetzt aber wirst du es doch thun müssen, denn unser Aufenthalt naht sich seinem Ende. Wenn du das Mädchen liebst – es liegt ja kein Hindernis vor – warum sprichst du dann nicht?« »Weil ich nicht eine bloße Figur sein will in deinem Spiel, die von deiner Hand hin und her geschoben wird.« »Ulrich!« Die Mahnung klang sehr unwillig, aber er fuhr mit voller Gereiztheit fort: »Nun ja, Tante, dir ist das Leben ja immer nur eine Art Schachspiel gewesen, wo man jeden Zug klug berechnet. Hier aber sind deine Figuren Menschen, die doch auch ihren Willen haben. Nimm dich in acht – du könntest diesmal matt gesetzt werden!« »Von wem?« fragte Frau Almers mit unzerstörbarer Ruhe. »Willst du den Eigensinn so weit treiben, deine Neigung zu bekämpfen, nur weil der Plan in meinem Kopfe entstand? Das sähe dir schon ähnlich!« »Ich sprach nicht von mir, sondern von deiner jungen Schutzbefohlenen.« »Von Paula? Nun, da ist doch sicher kein Widerstand zu erwarten. Sie wird deine Werbung als das aufnehmen, was sie in der That ist für eine arme, abhängige Waise: als ein großes, unverhofftes Glück.« »O gewiß!« sagte Ulrich mit tiefster Bitterkeit. »Sie wird vermutlich Ja sagen, um dieser Abhängigkeit zu entrinnen und eine reiche Frau zu werden. Der Gatte – nun, der wird dann als unvermeidliche Zugabe mit in Kauf genommen. Denkst du, daß ich das ertragen könnte?« Frau Almers zuckte die Achseln. »Du mußt immer alles gleich auf die Spitze treiben! Unsere jungen Mädchen sind überhaupt nicht mehr romantisch veranlagt, und ich halte das für ein Glück, denn ich habe an Paulas Mutter ein trauriges Beispiel, wohin diese romantische Liebe führt, die nicht mit der Wirklichkeit und den Verhältnissen rechnet. Ich und deine Mutter, wir folgten bei unserer Vermählung in erster Linie den Wünschen unserer Eltern und haben das nie bereut. Paula wird sich dir völlig unterordnen, und das brauchst du, denn ein Mädchen, das Ansprüche machen kann, vergräbt sich nicht mit dir in diese Einsamkeit und hält nicht deine oft so düsteren Launen aus.« »Das weiß ich, und deshalb ist es besser, ich bleibe allein!« sagte Berneck herb. »Warum willst du mich denn durchaus verheiraten?« »Weil du auf dem Wege bist, ein ausgemachter Menschenfeind zu werden,« erklärte Frau Almers mit Nachdruck. »Weil du verwilderst, wenn du dich hier völlig einspinnst und nur mit deinen Untergebenen verkehrst. Du bist der einzige Sohn meiner Schwester und, da ich kinderlos bin, nach meinem Tode auch mein Erbe. Da habe ich wohl das Recht, einzugreifen. Wenn du mir einen Vorwurf daraus machen willst – ich werde ihn tragen!« Die Worte hatten zum erstenmal einen Anflug wirklicher Wärme und Herzlichkeit. Man sah es deutlich: was diese Frau überhaupt an Herz besaß, das gehörte ihrem Neffen, dem einzigen, der ihr wirklich nahe stand. Das verfehlte nicht seinen Eindruck auf Ulrich, seine Stirn hellte sich auf und seine Stimme klang um vieles milder, als er antwortete: »Verzeih, Tante, du meinst es gut, aber was soll ich denn anfangen mit einer Frau, die nur Sonnenschein und Freude vom Leben verlangt? Paula fürchtet mich ja! Ich sehe es deutlich genug, wie scheu und befangen sie in meiner Gegenwart ist. Wenn ich nicht wüßte, wie sie mit dem alten Ullmann und den Schloßleuten verkehrt, ich würde ihr wahres Wesen gar nicht kennen.« »Das ist deine eigene Schuld, du bist ihr gegenüber ja noch ernster und schweigsamer als sonst. Das Mädchen ahnt nichts von deiner Neigung. Wenn du es wünschest, werde ich mit ihr reden und dir dann –« »Nein, nein!« fiel Berneck heftig ein. »Denkst du, ich bin nicht Manns genug, mir selbst die Entscheidung zu holen? Deute ihr nichts an! Ich will ihr Ja nicht der Ueberredung verdanken.« »Wie du willst!« Frau Almers stand auf und legte ihre Handarbeit zusammen. »Dann zögere aber auch nicht länger mit deinem Entschluß. Ich habe noch einen Brief zu schreiben, werde aber zur Theestunde wieder hier sein. Also um fünf Uhr, wie gewöhnlich.« Damit verließ sie das Zimmer. Die kluge Frau wußte sehr genau, daß jeder weitere Versuch, ihren Neffen zu beeinflussen, nur die entgegengesetzte Wirkung haben würde, aber sie hatte auch genug gesehen, um zu wissen, daß ihre Berechnung über Erwarten geglückt war. – Als Ulrich von Berneck allein war, begann er langsam, aber unaufhörlich im Zimmer auf und nieder zu schreiten. Er wußte am besten, wie wenig seine düstere, verschlossene Natur für ein häusliches Glück geeignet war. Er hatte ja allein bleiben wollen, hatte seinen ganzen Lebensplan darauf gegründet, und nun kam solch ein junges Wesen mit lachenden Augen, und alle Vorsätze und Pläne zerstoben wie Spreu vor dem Winde. Man sah es, der Mann kämpfte schwer mit sich selber bei dieser stummen, rastlosen Wanderung. Der Unterschied der Jahre, die grenzenlose Verschiedenheit der Charaktere, der immer wiederkehrende Gedanke, daß er das Jawort, an dem er ja auch nicht zweifelte, nur seinem Reichtum, seiner Lebensstellung verdanken werde, das alles wühlte und gärte in ihm, und endlich sagte er halblaut: »Nein! Das wäre eine Thorheit – würde ein Unglück – Nein!« Da klang draußen vom Garten her ein Lachen, so hell und frisch, wie es nur die Jugend kennt, und Ulrichs Fuß schien plötzlich am Boden zu wurzeln. Langsam wandte er das Haupt nach jener Richtung, und das herbe Nein!, das er eben gesprochen, wollte nicht standhalten vor jenem Laut. Frau Almers irrte doch, wenn sie nur eine Neigung bei ihrem Neffen voraussetzte. Das war mehr, das war eine Leidenschaft, gegen die sich seine Vernunft vergebens aufbäumte, sie war mächtiger als Wille und Kraft und behauptete auch jetzt ihr Recht. Sie flüsterte ihm zu, daß es feig sei, dem Entschluß aus dem Wege zu gehen, nicht einmal die entscheidende Frage zu stellen, und Ulrich wollte nicht feig sein. Mit einem raschen Entschluß richtete er sich empor und verließ das Zimmer. Am Fuße der Terrasse stand ein alter weißhaariger Mann und sprach in einem halb respektvollen, halb väterlichen Tone zu dem jungen Mädchen, das sich, ganz unbekümmert um die Nässe, auf den Sockel der steinernen Treppe gesetzt hatte. »Nein, Fräulein Paula, das ist zu arg! Da oben im Dollinawalde sind Sie gewesen? Bei diesem Wetter? Ich war ein einziges Mal da, aber ich probiere die Geschichte nicht zum zweitenmal. Das ist ja ein wahrer Gemsensteig, der von da zum See hinunterführt, Hals und Beine kann man dabei brechen!« »Ja, ich habe auch so etwas von einer Gemsennatur!« lachte Paula. »Vorläufig habe ich all meine Gliedmaßen noch beisammen, naß bin ich freilich geworden, naß wie eine Wassernixe! Da schauen Sie nur her, Ullmann!« Sie nahm das Filzhütchen ab und schwenkte es, so daß das in der Krempe angesammelte Wasser nach allen Richtungen sprühte. Ihr Anzug, ein dunkles, hochgeschürztes Lodenkleid und ein Jäckchen von dem gleichen Stoff, war allerdings reichlich getränkt mit Nässe, denn der Schirm, den sie in der Hand trug, hatte offenbar nur als Bergstock gedient, er zeigte noch die Spuren des aufgeweichten Bodens. Die zierliche, geschmeidige Gestalt des jungen Mädchens hatte in der That etwas von dem schlanken, scheuen Wild des Hochgebirges. Das krause, dunkle Haar war noch feucht vom Regen, zerweht vom Winde, das Antlitz heiß gerötet von der Kletterpartie, und die Augen strahlten in dem ganzen hoffnungsfreudigen Glück der Jugend, der die Zukunft noch alles verheißt. Paula Dietwald war, ohne eigentlich schön zu sein, doch eine ungemein liebreizende Erscheinung, und als jetzt der erste Sonnenstrahl durch das Gewölk brach und einen leuchtenden Blitz über See und Berge hinsandte, da jubelte sie auf wie ein Kind: »Ach, die Sonne! Da ist sie endlich wieder!« »Es ist auch Zeit, sie hat fast eine Woche lang in den Wolken gesteckt,« sagte Ullmann. »Viel haben Sie nicht gehabt hier in Restovicz, Fräulein Paula, das Wetter war ja immer rauh und unfreundlich.« »Und es war doch so schön!« rief Paula. »Ich bin ja zum erstenmal in den Bergen, ich habe ja immer nur in der großen lärmenden Stadt gelebt. Hier ist alles so frei, so mächtig! Sie wissen gar nicht, wie schön es war heut im Dollinawalde! Das sauste und brauste in den Tannenwipfeln, das wallte und wogte in den Bergen, und tief unten lag der See wie ein großes, weißes Nebelmeer. Das war alles so seltsam, so geheimnisvoll, als müßte irgend etwas auftauchen aus dem Nebel, irgend ein Märchen, das dann leibhaftig vor einem steht!« »Ja, ja, mit achtzehn Jahren glaubt man noch an solchen Unsinn,« sagte der Alte mit gutmütigem Spott. »Und da klettert man auch noch umher in den Bergen, die der Herrgott nur zur Plage erschaffen hat. Erst geht es hinauf, dann wieder herunter, man wird müde und matt dabei und zerreißt sich die Stiefel. Und es gibt Menschen, die das aus reinen Vergnügen thun – ich kann's nicht begreifen!« Das junge Mädchen lachte wieder hell auf bei diesem ärgerlichen Ausbruch. »Ja, Ullmann, das glaube ich! Sie stehen ja förmlich auf dem Kriegsfuß mit den Bergen und leben doch mitten darin.« »Ja, Gott sei's geklagt!« brummte Ullmann. »Aber ich habe die buckligen Länder mein Lebtag nicht leiden können. Da ist's anders in unserer lieben pommerschen Heimat! Da gibt es keinen Berg weit und breit, nichts als Felder, überall nur das schöne gesegnete Korn! Und mitten darin das Herrenhaus, mit den blitzblanken Fenstern, und ein Wirtschaftshof, an dem jeder Landmann seine Freude hat – aber hier! Wenn Sie nur wüßten, Fräulein, wie das hier aussah, als wir ankamen, die reine Räuberwirtschaft! Der Herr hat ja schon einigermaßen Ordnung geschafft in den fünf Jahren, aber ich glaube, er braucht zehn, um sein Restovicz nur menschlich zu machen.« »Warum hat Herr von Berneck sein Auenfeld denn nur verkauft und ist hierher gegangen?« fragte Paula unbefangen. »Frau Almers schien auch nicht einverstanden damit zu sein.« In dem Gesichte des Alten zeigte sich eine gewisse Verlegenheit, und er entgegnete ausweichend: »Das war so eine eigene Sache! Es war ihm verleidet worden, und er wollte fort, aber deshalb brauchte er doch nicht gerade in die Wildnis zu gehen, er konnte unter den Menschen bleiben. Aber das Volk hier, das ist ja eine Bande, bei der man seines Lebens nicht sicher ist! Der Herr und ich, wir werden sicher noch einmal totgeschlagen.« »Um Gottes willen!« fuhr das junge Mädchen entsetzt auf. »Sind die Leute so schlimm?« »Wie man's nimmt! Gegen einen von ihrer Sorte sind sie es nicht, aber den Fremden hassen sie bis aufs Blut, und nun vollends Herrn Ulrich, der ihnen Zucht und Ordnung beibringt. Das kennen sie freilich nicht hier zu Lande; bei ihren früheren Herren, da konnten sie machen, was sie wollten, kein Mensch kümmerte sich darum, und wenn die ganze Wirtschaft dabei zum Teufel ging. Jetzt heißt es, Ordre parieren, jetzt werden sie regiert, daß es nur so eine Art hat! Zu mucksen wagen sie ja nicht, sie kennen den Herrn, aber wenn sie ihm hinterrücks etwas anthun können, dann geschieht's. Ich sage Ihnen, Fräulein, man wird hier keine Stunde seines Lebens froh!« »Dann hätten Sie doch wenigstens in der Heimat bleiben sollen,« warf Paula ein, aber da richtete sich der Alte förmlich beleidigt auf. »Ich werde doch Herrn Ulrich nicht allein lassen! Ich war schon bei seinen Eltern im Dienst und habe ihn auf dem Arm getragen, als er noch nicht laufen konnte. Er hat mir freilich gesagt, als er fortging: ›Ullmann, für dich ist reichlich gesorgt, wenn du hier bleiben willst,‹ aber da sagte ich: ›Das gibt's nicht, Herr Ulrich, ich gehe mit Ihnen bis ans Ende der Welt!‹ Ich war ja auch der einzige, den er mitgenommen hat, und so ziemlich ans Ende der Welt sind wir auch geraten.« Das junge Mädchen hob nachdenklich den Blick empor zu den grauen Mauern des Schlosses, die wohl schon mehr als ein Jahrhundert überdauert hatten. »Und nun hausen Sie das ganze Jahr allein hier, mit Ihrem Herrn und all den fremden Dienstleuten? Er könnte sich seine Leute doch aus Deutschland kommen lassen.« Ullmann zuckte die Achseln. »Er will ja nicht, er sagt, sie passen nicht hierher, aber ich weiß es besser. Er will eben nichts mehr hören und sehen von da oben. Es ist ja auch das erste Mal in den fünf Jahren, daß wir Besuch haben. Die gnädige Frau – nun die ist freilich sehr vornehm, für die ist unsereins kaum vorhanden, aber Sie, Fräulein Paula! Mit Ihnen ist doch der leibhaftige Sonnenschein gekommen; ich meine immer, es ist heller geworden in Restovicz, seit Sie da sind!« Das Kompliment kam etwas ungeschickt, aber so treuherzig heraus, daß das junge Mädchen ihm lächelnd zunickte. »Ja, Ullmann, wir beide sind schon recht gute Freunde geworden, aber der ›Sonnenschein‹ ist nur für Sie allein da. Da drinnen im Schlosse bin ich immer äußerst gesetzt und verständig. Frau Almers fordert das von ihrer Umgebung und nun vollends Herr von Berneck – da darf man doch nicht lachen und lustig sein. Ich glaube, wenn ich mich einmal dergleichen unterstände, er verwiese mich auf der Stelle aus seinem Restovicz.« »Nun, so schlimm ist es nicht,« meinte der Alte. »Ernst ist er freilich, und das Lachen hat er ganz verlernt, aber früher, da konnte er es gerade so gut wie Sie. Haben Sie einmal das Bild angeschaut, das da oben im großen Saale hängt, gleich rechts am Eingang? Den Jägersmann mit dem grünen Spitzhut und der Büchse in der Hand? So hat er ausgesehen, noch vor neun Jahren!« »Das Jägerbild?« fragte Paula betroffen. »Jawohl, das kenne ich! Aber das soll doch nicht etwa Herr von Berneck sein?« »Natürlich ist er es, und das Bild war sehr ähnlich damals.« »Der junge Jäger? Aber wie alt ist er denn eigentlich jetzt?« »Gerade siebenunddreißig! Das wundert Sie, Fräulein? Ja, er sieht freilich um zehn Jahre älter aus. Damals war er eben ein junger, lustiger Patron, den alle Welt gern hatte, und es fehlte ihm auch nichts im Leben. Die Eltern waren ja früh gestorben, aber sie hatten ihm das schöne Auenfeld hinterlassen, und die reiche Tante in Berlin war kinderlos, deren Erbe wurde er auch einmal. Sie hätten ihn nur sehen sollen, unseren Jungherrn, wenn er durch die Felder ritt oder in den Wald zog mit seiner Büchse. Er konnte ja nicht leben ohne seine geliebte Jagd, und er war der beste Schütze weit und breit. Was ihm vor den Lauf kam, das traf er – ja, das waren andere Zeiten!« Paula hörte halb gefesselt, halb ungläubig zu und war eben im Begriff, eine Frage zu thun, als auf den Steinfliesen der Terrasse ein lauter Schritt hörbar wurde und Berneck selbst die Freitreppe herunterkam. Er verneigte sich flüchtig gegen das junge Mädchen und wandte sich dann an Ullmann. »Bist du schon drüben in den Ställen gewesen? Du solltest ja nachsehen, wie es meinem Rappen geht nach dem Fehltritt, den er gestern gethan hat. Du weißt doch, daß auf das Stallpersonal kein Verlaß ist.« Ullmann wußte das allerdings und ging nun schleunigst nach den Ställen hinüber. Paula hatte sich erhoben; aber als der Schloßherr jetzt rasch auf sie zutreten wollte, wich sie mit sichtbarer Scheu zurück. Er hielt sofort inne. »Sie haben dem Sturm und Regen getrotzt?« fragte er mit verhaltener Stimme. »Waren Sie weit hinaus?« »Ich war im Dollinawalde.« »Und da haben Sie vermutlich den Abstieg nach dem See genommen, sonst könnten Sie noch nicht zurück sein. Das ist aber kein Weg für zarte Mädchenfüße.« »Ich bin nicht so zart und verweichlicht, wie Sie glauben, Herr von Berneck,« sagte Paula mit einem Anfluge von Trotz. »Ich habe nicht von Verweichlichung gesprochen. Der Dollinawald bei solchem Wetter, und der Steig da an der Felswand herunter, das ist eine Leistung selbst für mich, und Sie sind zum erstenmal in den Bergen, soviel ich weiß.« »Jawohl!« Ulrich biß sich auf die Lippen. Seine Tante hatte ja recht, er durfte nicht immer so schweigsam sein, wo er doch werben wollte; aber bei jedem Versuch einer Annäherung traf er immer nur auf dies scheue Ausweichen, und das nahm ihm den Mut. Paula stand stumm und befangen vor ihm. Sie war sonst nichts weniger als furchtsam, allein dies dunkle, rätselhafte Gefühl, das sich ihr in der Nähe dieses Mannes immer so seltsam und beklemmend auf die Brust legte, mußte doch wohl Furcht sein. Und wenn vollends seine düsteren, grauen Augen so unverwandt auf ihr ruhten wie eben jetzt, dann war sie wie unter einem Bann, dem sich nicht entfliehen ließ. Nach einem sekundenlangen Schweigen hob Ulrich wieder an: »Im Sommer sind unsere Bergwälder sehr schön. Im Winter freilich, wenn alles ringsum verschneit ist, sind sie pfadlos. Ich bin trotzdem täglich draußen.« »Sie jagen vermutlich täglich?« fragte das junge Mädchen, mit einem Versuch, der beklommenen Stimmung Herr zu werden. »Ich habe ja das Bild gesehen, das Sie in voller Weidmannstracht darstellt. Es stammt wohl noch aus Auenfeld?« »Ja!« versetzte Berneck kurz. »Mich wundert nur, daß es da oben in dem großen Saale hängt, der, wie Ullmann sagt, fast das ganze Jahr nicht betreten wird. Es gehörte doch in Ihre Zimmer!« »Ich mag das Bild nicht! Es ist längst nicht mehr ähnlich, und es stammt überhaupt aus einer Zeit, die weit hinter mir liegt.« Das klang seltsam abweisend, beinahe rauh, als hätte die einfache Bemerkung ihn verletzt, und dann schwieg er wieder. Paula kannte bereits die langen Pausen im Gespräch mit dem Schloßherrn, die er gar nicht zu empfinden schien, und um nur etwas zu sagen, fuhr sie fort: »Ich begreife es, daß Restovicz gerade für Sie einen eigenen Reiz hat. Ullmann erzählte mir vorhin, welch ein leidenschaftlicher Jäger Sie sind. In diesen weiten, tiefen Forsten muß es sich ja prächtig jagen lassen.« Berneck wandte sich ab und blickte nach den Ställen hinüber, »Gewiß – aber ich jage nicht mehr!« »Sie jagen nicht mehr? Und Ullmann sagte mir doch –« »Er sprach von früheren Zeiten. Ich habe die Jagd völlig aufgegeben, schon seit Jahren, sie reizt mich nicht mehr!« Paula sah ihn betroffen und fragend an. Es war wieder der herbe Ton von vorhin und der harte, feindselige Ausdruck in seinen Zügen. Sie hatte eine dunkle Empfindung, als dürfte sie diesen Punkt nicht weiter berühren. Es war freilich nicht das erste Mal, daß Ulrich Berneck ihr rätselhaft und unverständlich erschien. Sie hatte diese plötzlich hervortretende Schroffheit schon öfter bemerkt, mitten im Gespräch, ohne daß sich irgend ein Grund erraten ließ, aber es vermehrte nur das unheimliche Gefühl, das sie stets in seiner Nähe hatte. Da ließ sich eine fremde Stimme hinter ihnen vernehmen, die in slowenischer Sprache einige Worte sagte. Berneck wandte sich rasch um und runzelte die Stirn, als er den Mann gewahrte, der eben aus den Gebüschen hervorgetreten war. »Was wollt Ihr, Zarzo?« fragte er. Zarzo verbeugte sich tief und unterwürfig und kam näher. Er sprach von neuem, aber der Schloßherr unterbrach ihn kurz und befehlend: »Sprecht deutsch! Ihr wißt doch, daß ich nicht anders rede mit den Leuten, die es verstehen, und Ihr versteht es sehr gut. Also, was gibt es?« Der Mann, ein stattlicher Bursche, in dessen Gesicht sich die charakteristischen Züge seines Volkes scharf ausprägten, war in der Landestracht, die hier in den Bergwäldern auch für Jäger unvermeidlich war; aber er trug die Abzeichen der herrschaftlichen Förster und hatte eine Büchse über die Schulter gehängt. Das schwarze Haar fiel schlicht und straff zu beiden Seiten nieder, doch der Ausdruck der schwarzen, brennenden Augen stimmte nicht zu dem unterwürfigen, ja kriechenden Wesen, mit dem er sich dem Gutsherrn nahte. Er sprach übrigens das Deutsche ganz geläufig, das zeigte sich jetzt, wo er sich dazu bequemte. »Ich wollte den gnädigen Herrn noch einmal bitten – ich soll ja doch fort aus Restovicz.« »In acht Tagen – jawohl!« »Ich weiß, gnädiger Herr, ich weiß. Aber ich habe immer gemeint, Sie nehmen es noch zurück.« »Nein!« sagte Berneck hart und bestimmt. Aus den Augen des Slowenen schoß ein seltsamer Blick, aber er bewahrte seine demütige Haltung. »Es geschieht nimmer wieder, bei meiner Seele! Wenn der Herr es mir nur noch diesmal verzeiht.« »Ungehorsam und Widersetzlichkeit verzeihe ich nie, und am wenigsten das Wort, das da gefallen ist. Ihr wißt es doch wohl noch, Zarzo?« Die Augen des Försters suchten scheu den Boden, aber er legte beteuernd die Hand auf die Brust. »Bei meiner Seligkeit, nein! Ich weiß gar nicht mehr, was ich an dem Tage geredet und gethan habe. Ich war ja ganz –« »Betrunken waret Ihr,« ergänzte Berneck kalt. »Das sah ich, sonst hätte ich es nicht bei der bloßen Entlassung bewenden lassen. Aber bewußt oder nicht! Ihr verlaßt Restovicz und laßt Euch nicht wieder hier blicken!« Paula war seitwärts getreten, ungewiß, ob sie gehen oder bleiben sollte. Es war das erste Mal, daß sie den Gutsherrn im Verkehr mit den Leuten sah, die nicht unmittelbar zu der Schloßdienerschaft gehörten, und der Eindruck war kein wohlthuender. Er stand vor dem Slowenen, in jedem Zoll der strenge Gebieter, der keine Nachsicht und kein Verzeihen kennt. Zarzo ließ sich trotzdem nicht abschrecken. Er warf sich seinem Herrn zu Füßen, er bat und flehte, bald deutsch, bald slowenisch, und schwor hoch und teuer, er werde nie wieder ungehorsam sein. Er winselte in allen Tonarten, aber die wilde, versteckte Tücke, die dabei in seinen Augen lauerte, entging dem jungen Mädchen, das auf den Stufen der Terrasse stand. Berneck blieb völlig ungerührt dabei, er hatte nur ein verächtliches Schweigen für all die Bitten und Beteuerungen, endlich hob er gebieterisch die Hand und zeigte auf den Weg. »Hinaus! Ich will nichts weiter hören. Es bleibt bei meinem Befehl!« Zarzo erhob sich, er mochte endlich einsehen, daß jeder weitere Versuch nutzlos sei, aber als er sich jetzt zum Gehen wandte, schoß er einen Blick auf seinen Herrn, in dem sich wild aufflammender Haß und dämonische Tücke mischten – in der nächsten Minute verschwand er im Gebüsch. Ulrich wandte sich zu dem jungen Mädchen, so gelassen wie vorhin, die Scene schien ihn nicht im mindesten erregt zu haben. »Ich bedaure, daß Sie das mit anhören mußten –«, er hielt plötzlich inne, und mit einem forschenden Blick auf ihr Gesicht setzte er langsam hinzu: »Sie halten mich wohl für sehr hart und unbarmherzig?« »Ja!« sagte Paula mit herber Aufrichtigkeit. Ulrich stutzte, er hörte diesen Ton zum erstenmal von den Lippen des jungen Mädchens, das er meist nur in Gegenwart seiner Tante sah. Es schien ihn zu überraschen, und seine Antwort klang wie eine halbe Entschuldigung. »Sie kennen das Volk hier nicht. Lasse ich ein einziges Mal eine offene Widersetzlichkeit hingehen, wie Zarzo sie versuchte, so ist meine Autorität rettungslos verloren bei den anderen, und keiner gehorcht mir mehr. Sie wollen eben mit eiserner Hand regiert sein, das ist nicht zu ändern.« »Aber der Mann lag Ihnen zu Füßen,« es klang ein unverhüllter Vorwurf aus den Worten, »er bat und flehte wie ein Verzweifelter!« »Jawohl, er winselte beweglich genug, aber das würde ihn nicht abhalten, mich in der nächsten Stunde niederzuschießen, wenn es straflos geschehen kann. Ob ich da gewähre oder versage, das gilt gleich. Ihm bin ich ja nicht der Herr, der ihm Brot gibt, sondern der Fremde, der hier eingedrungen ist, und den er und seinesgleichen hassen bis aufs Blut. Wissen Sie, wie das Wort lautete, das er mir damals zurief, als ich mir gewaltsam Gehorsam verschaffte? ›Das werde ich dir gedenken, du deutscher Hund!‹ Würden Sie das verzeihen?« »Nein!« sagte Paula gepreßt. »Aber der Mann war betrunken, Sie sagten es ja selbst.« »Gewiß, er wußte nicht mehr, was er sprach, sonst hätte er es auch nicht gewagt. Der Bursche ist feig, das sind sie freilich alle, aber sie nennen mich überhaupt nicht anders, wenn sie unter sich sind. Ich weiß das sehr genau.« »Und unter diesen Menschen leben Sie – freiwillig?« fragte das junge Mädchen mit unverhehlter Entrüstung. Er zuckte die Achseln. »Daran gewöhnt man sich! Das scheint Ihnen unbegreiflich! Oder vielmehr, Sie meinen, man muß schon zum Tyrannen angelegt sein, um sich daran zu gewöhnen? Geben Sie sich keine Mühe, das zu leugnen, ich lese es deutlich genug auf Ihrem Gesichte.« Paula verneigte sich kühl und gemessen. »Entschuldigen Sie mich, Herr von Berneck, ich muß in das Schloß. Frau Almers liebt es nicht, wenn ich unpünktlich bin, und ich muß mich noch umkleiden zur Theestunde. Also verzeihen Sie!« Damit eilte sie die Stufen hinauf und verschwand im Terrassenzimmer. Ulrich stützte sich auf den steinernen Pfeiler, an dem sie vorhin gesessen hatte, und sah ihr nach. »Daß sie auch dabei sein mußte!« murmelte er halblaut. »Jetzt habe ich vollends verspielt bei ihr!« Es lag ein unendlich bitterer Ausdruck auf dem Gesichte des Mannes, der es nur zu tief fühlte, daß er und seine Persönlichkeit nicht gemacht waren, einer Frau zu gefallen. Dies Bewußtsein war es ja, was ihm bisher die Lippen geschlossen hatte dem Mädchen gegenüber, das er liebte mit der ganzen Glut einer spät erwachten Leidenschaft. Er täuschte sich durchaus nicht über den Eindruck, den jene Scene auf sie machte, er hatte ihr die Empfindungen vom Gesicht abgelesen. Wenn sie bisher den düsteren, unzugänglichen Mann gefürchtet hatte, so verabscheute sie jetzt in ihm den Tyrannen, der nur die Zuchtrute über seine Untergebenen schwang, und so sollte er mit einer Werbung vor sie hintreten? Er würde trotz alledem wohl ein Jawort erhalten, die kluge Tante würde schon dafür sorgen, daß ihr Schützling in diesem Falle auch »vernünftig« war, und gerade dies Jawort fürchtete er. Der Traum von Glück, der wie ein leuchtender Schein in seiner Seele lag, sollte ihm beim Erwachen nur kalte, nüchterne Berechnung zeigen. Er wußte es ja, der Argwohn würde ihm keine ruhige Stunde lassen. In jedem Liebeswort, in jedem Lächeln würde er die Heuchelei sehen und ein Marterleben führen an der Seite eines jungen Weibes, dessen Hand er nur seinem Reichtum verdankte. Mit einer jähen Bewegung richtete er sich empor, als wollte er die Gedanken abschütteln, die ihm sein »Glück« in diesem Lichte zeigten. »Vielleicht war es am besten so!« sagte er finster. »Dann ist es ein für allemal zu Ende mit der Thorheit – und mit dem Träumen!« Das Wetter hatte sich in der That aufgehellt. In den Thälern und auf dem See lagerten noch die Nebel, aber die Berge waren klar geworden, und die Sonne hatte sich Bahn gebrochen durch das Gewölk. Sie neigte sich jetzt schon dem Untergange zu und erfüllte das vorhin so düstere Terrassenzimmer mit ihren rötlichen Strahlen. Die Unterhaltung am Theetisch war nicht besonders lebhaft gewesen. Frau Almers beherrschte sie fast allein, denn Ulrich zeigte die gewohnte Schweigsamkeit und Paula, die den Thee bereitete, mischte sich fast gar nicht in das Gespräch. Sie war freilich hier im Schlosse eine völlig andere als draußen in dem unbefangenen Verkehr mit dem alten Diener. Das zerwehte Haar war sorgfältig geordnet, der nasse Anzug durch ein leichtes, helles Sommerkleid ersetzt und der kleine rosige Mund, der vorhin so lustig gelacht und geplaudert hatte, schwieg hier äußerst »gesetzt und verständig«. Frau Almers verstand es schon, ihrer Umgebung die weitestgehenden Rücksichten aufzuerlegen. Paula war ihr Schützling, die Tochter ihrer Jugendfreundin, aber sie mußte es doch oft genug empfinden, daß die Beschützerin im Grunde eine Herrin war. Erst hier in Restovicz hatte sich das einigermaßen geändert. Sonst wäre es dem jungen Mädchen nicht gestattet worden, stundenlange Spaziergänge allein zu machen oder mit Ullmann zu plaudern, wenn Berneck seiner Tante Gesellschaft leistete – jetzt wurde ihr das zugestanden. Sie hatte freilich keine Ahnung davon, daß die Dame bereits in ihr die künftige Braut ihres Neffen sah und dem Rechnung trug. Mit dem frohen, leichten Sinne der Jugend nahm sie die ungewohnte Güte und Nachsicht hin wie ein Geschenk, ohne viel zu fragen, woher es stammte. Man war schließlich auf Restovicz und die hiesigen Verhältnisse gekommen, das einzige Thema, bei dem Ulrich mitteilsamer wurde. Er hatte sein Notizbuch hervorgezogen und darin geblättert, um irgend eine Frage seiner Tante zu beantworten, und sagte jetzt, im Anschluß daran: »Ja, es ist ein wahrer Spottpreis, den ich für die Herrschaft gezahlt habe, bei uns daheim kauft man höchstens ein mäßiges Gut dafür. Aber mein Vorgänger hatte es gemacht wie die meisten seiner hiesigen Standesgenossen. Der Besitz war schon tief verschuldet; als er ihn erbte, allein das störte ihn nicht in seinem Vergnügen. Es wurde in der alten Art fortgewirtschaftet, gejagt, gespielt, getrunken und mit einem Heer von Gästen auf großem Fuße gelebt. Die Beamten und das Dienstvolk thaten, was ihnen gerade beliebte, und stahlen dabei, wo sie nur wußten und konnten, bis es dann eines Tages nicht weiter ging. Da wurde der Besitz einfach verschleudert. Es war die höchste Zeit, daß er in feste Hand kam! Ich werde noch einmal fünf Jahre brauchen, ehe Restovicz das wird, was es werden kann und soll.« »Aber hoffentlich kettest du dich nicht wieder so lange an deine Scholle,« fiel Frau Almers ein. »Jetzt im Sommer kommst du freilich kaum zu Atem. Ich sehe es ja, wie du den ganzen Tag lang reitest und fährst und kommandierst, aber im Winter rechne ich bestimmt auf einen Besuch, Ulrich. Da hast du doch hinreichend Zeit.« »Schwerlich, Tante,« erwiderte er achselzuckend. »Restovicz will nicht nur bewirtschaftet, sondern auch regiert sein, und da darf ich die Zügel nicht locker lassen. Vorläufig bin ich noch immer im Kampf mit meinen Leuten, die sich nicht an Zucht und Ordnung gewöhnen können. Fräulein Dietwald wurde vorhin erst Zeuge einer unerquicklichen Scene, die ich mit einem meiner Förster hatte. Mir ist das freilich nichts Neues.« Er blickte zu dem jungen Mädchen hinüber, als erwartete er irgend eine Aeußerung, doch Paula beschäftigte sich angelegentlich mit der Theemaschine und erwiderte keine Silbe. Frau Almers bemerkte das mit Mißfallen, sie hielt es natürlich für Schüchternheit, aber diese seltenen Annäherungen durften doch nicht so aufgenommen werden, es war Zeit, daß man da mit einer Aufklärung zu Hilfe kam. Ulrich wußte sich dies Schweigen besser zu deuten. Er sah, daß ihm seine »Unbarmherzigkeit« gegen Zarzo noch nicht verziehen war, machte aber keinen Versuch, wieder einzulenken, sondern stand auf und erklärte, er müßte noch ausreiten, um einen Forstbestand zu besichtigen. Er verabschiedete sich kurz von den Damen und ging. – Der Gutsherr war bereits fertig zu dem Ausritt und hatte eben Befehl gegeben, sein Pferd vorzuführen, als er das Notizbuch vermißte, das im Salon liegen geblieben war. Er ging also noch einmal hinüber, um es zu holen; aber als er die Thür des Vorzimmers öffnete, klang ihm Paulas Stimme entgegen, in so erregtem Laute, daß er betroffen stehen blieb: »Sie sind im Irrtum, gnädige Frau! Herr von Berneck hat mir das nie mit einem Worte oder auch nur mit einem Blick verraten. Sie müssen im Irrtum sein!« Ulrich begriff sofort: seine Tante hatte die Sache, die, ihrer Meinung nach, nicht von der Stelle kam, selbst in die Hand genommen und nach seiner Entfernung zur Sprache gebracht. Daß sie dabei seinem Wunsch und Willen direkt entgegen handelte, kam für sie nicht in Betracht, sie war es gewohnt, eigenmächtig zu handeln. Sie wollte ihrem Neffen den Weg ebnen, den er sich eigensinnig selbst verschloß, und griff nun mit voller Energie ein. Ihre kühle, gelassene Stimme bildete den vollsten Gegensatz zu der Erregung des jungen Mädchens. »Ich weiß es, daß du keine Ahnung davon hattest, mein Kind, dennoch ist ein Irrtum hier ausgeschlossen. Ich habe die Sache mit meinem Neffen bereits erörtert und halte es jetzt doch für nötig, dich vorzubereiten, damit du nicht so fassungslos, so förmlich bestürzt bist wie in diesem Augenblick, wenn er mit seiner Werbung vor dich hintritt.« Es erfolgte keine Antwort, das junge Mädchen schien in der That fassungslos zu sein. Ulrich Berneck hätte sich sonst nie mit dem Lauschen abgegeben, sondern sich sofort bemerklich gemacht, aber was war aus ihm geworden in den letzten Wochen! Wie oft hatte er nicht da draußen auf der Terrasse gestanden, unter dem hängenden Weinlaub verborgen, und zugehört, wenn Paula mit dem alten Ullmann lachte und plauderte. Da allein sah und hörte er sie ja, ohne den Zwang, den seine und der Tante Gegenwart ihr auferlegten, da hatte auch er den »Sonnenschein« kennen gelernt, und auch für ihn war es hell geworden in Restovicz. Nun konnte er es ja erfahren, wie seine Werbung aufgenommen wurde, noch ehe Ueberredung und Beeinflussung sich geltend machten, und das entschied. Er trat leise einen Schritt seitwärts, wo die geöffnete Thür ihm einen Einblick in den Salon gestattete. Frau Almers saß noch am Theetische, der Thür den Rücken zuwendend, und Paula stand vor ihr, ganz umflimmert vom Lichte der Abendsonne, aber trotzdem eigentümlich bleich, mit großen, erschrockenen Augen. »Ich begreife deine Ueberraschung vollkommen,« hob die Dame wieder an, die dies völlige Verstummen vor dem »großen, unverhofften Glück« ganz natürlich fand. »Ulrich hat dir allerdings bisher seine Gefühle nicht verraten, er ist eben kein Jüngling mehr, der da schwärmt und schmeichelt, doch dem Ernste seiner Neigung darfst du trauen. Das hättest du dir wohl nicht träumen lassen, daß dein künftiges Geschick sich hier in Restovicz entscheiden würde?« »Nein, gnädige Frau!« kam es gepreßt von den Lippen des jungen Mädchens. Paula hatte ihre Beschützerin nie anders genannt und war auch nie aufgefordert worden, es zu thun. Jetzt wurde es ihr gnädig zugestanden: »Du wirst mich fortan ›Tante‹ nennen, mein Kind. Die Braut meines Neffen hat ein Recht darauf, und ich billige seine Wahl vollkommen. Ulrich braucht eine Frau, eine Gefährtin in seiner Einsamkeit, damit er sich der Welt und den Menschen nicht ganz entfremdet. Du bist mein Schützling und ich habe es deiner Mutter versprochen, für deine Zukunft zu sorgen. Daß sie sich so glänzend gestalten würde, hast du wohl nicht gehofft, aber ich bin überzeugt, du wirst dankbar dafür sein und dem Manne, der dir mit seiner Hand so viel bietet, nun auch mit voller Hingebung und Aufopferung lohnen.« Das klang trotz des gütigen Tones doch sehr gönnerhaft. Es fiel der Dame gar nicht ein, nach der Einwilligung des jungen Mädchens zu fragen. Für sie war diese Verbindung bereits eine vollendete Thatsache, die selbstverständlich in Demut und Dankbarkeit hingenommen wurde. Paula stand noch immer vor ihr, blaß und bestürzt; endlich sagte sie leise, mit hörbar bebender Stimme: »Ich hatte in der That keine Ahnung davon, daß Herr von Berneck mir seine Neigung zuwendet. Sie sind sehr gütig, daß Sie mich bereits als Verwandte begrüßen, aber ich – ich kann das nicht annehmen.« »Was kannst du nicht?« fragte Frau Almers ruhig, denn sie verstand die Antwort gar nicht. »Das Ja aussprechen, das Sie und Ihr Neffe erwarten – ich kann nicht, gnädige Frau!« Jetzt fuhr die Dame vom Stuhle auf. »Was soll das heißen? Willst du ihn etwa zurückweisen?« »Ich liebe Herrn von Beineck nicht,« die Stimme des jungen Mädchens gewann zusehends an Festigkeit. »Wenn er wirklich beabsichtigt, mir seine Hand zu bieten, so bitte ich, ersparen Sie ihm und mir eine peinliche Stunde. Ich müßte Nein sagen.« Frau Almers sah die Sprechende an, als zweifelte sie an deren Verstände, auf einmal aber kam ihr ein Gedanke, dem sie sofort Worte lieh. »Du liebst einen anderen?« fragte sie scharf. »Du hast irgend eine heimliche Neigung? Ich wüßte zwar nicht, wie das möglich wäre, denn du hast seit zwei Jahren ausschließlich an meiner Seite gelebt, allein es ist die einzige Erklärung. Gestehe!« »Ich habe nichts zu gestehen,« entgegnete Paula mit aufsteigendem Trotz. »Wenn ich eine Neigung hätte, so würde ich es offen bekennen, aber mir ist noch niemand so nahe getreten, daß ich ihn hätte lieben können.« Die Worte trugen so sehr das Gepräge der Aufrichtigkeit, daß die Dame ihren Argwohn fahren ließ, aber sie erhob sich jetzt vollends, in zürnender Majestät: »Nun, dann weiß ich in der That nicht, was ich sagen und denken soll! Dir wird ein Glück geboten, wie es unter hundert Mädchen kaum einem zu teil wird, und du willst es von dir stoßen? Was hast du gegen Ulrich?« »Ich habe nichts gegen Herrn von Berneck, aber ich kann auch kein Herz zu ihm fassen. Er hat mir immer wie ein Fremder gegenübergestanden.« »Das ist kein Grund!« fiel Frau Almers entrüstet ein. »Für Sie vielleicht nicht, gnädige Frau, aber für mich!« Es war ein eigentümlich herber Ton, den die Dame gar nicht kannte an ihrer jungen Gesellschafterin. Sie ließ jenen Grund allerdings nicht gelten, denn ihr wie ihrer Schwester war der Gatte von den Eltern zugeführt worden. Man hatte für die ältere Tochter den reichen Gutsherrn Berneck bestimmt und für die jüngere den noch reicheren Industriellen Almers. Das Leben beider Frauen war in all dem Glänze und der Behaglichkeit verlaufen, den Vermögen und Lebensstellung nur geben können. Sie hatten das ganz natürlich gefunden und nichts vermißt. Und nun wagte es solch ein blutjunges und blutarmes Ding, die Hand eines Ulrich von Berneck zurückzuweisen, weil es ihn nicht liebte! Vielleicht war es der unbewußte Vorwurf in jener Antwort, der Frau Almers verletzte, ihre Stimme konnte eine eisige Schärfe annehmen, wenn sie gereizt war. »Das Blut deiner Mutter scheint sich in dir zu regen, es ist, als ob ich Lena hörte! Gerade so sprach sie, als man ihr Vernunft predigen wollte, da sie einen reichen, angesehenen Mann zurückwies, um deinen Vater zu heiraten. Aber sie hatte wenigstens die Entschuldigung einer Jugendliebe, der sie dies Opfer brachte. Dein Herz ist noch frei! Bei dir ist es also nur romantische Ueberspanntheit, Phantasterei eines Mädchenkopfes! Denkst du, ich werde das so ohne weiteres hinnehmen? Du hast dir wohl noch gar nicht klar gemacht, daß dein Nein eine direkte Beleidigung für meinen Neffen ist?« »Herr von Berneck wird mein Nein sehr ruhig hinnehmen,« sagte Paula mit einer tiefen, ihr sonst ganz fremden Bitterkeit. »Er hat sich ja nicht einmal die Mühe gegeben, mir seine Neigung zu zeigen, und er hält es auch nicht der Mühe wert, mich selbst zu fragen, sondern läßt mir einfach ankündigen, daß er mir seine Hand zugedacht hat. Nein, gnädige Frau, für eine solche Werbung habe ich kein Ja und für ihn am wenigsten!« »Für ihn am wenigsten?« wiederholte Frau Almers entrüstet. »Was hast du dir denn eigentlich gedacht von der Werbung eines Mannes, der, wie Ulrich, sich seines Wertes und seiner Stellung bewußt ist? Sollte er vielleicht eine Romanscene mit dir spielen, vor dir auf die Kniee sinken und um deine Liebe flehen? Dergleichen kommt ja vor bei Männern, die eben nichts weiter zu geben haben als solche wohlfeile Tändeleien. Deine Mutter hat sie kennen gelernt in ihrer Brautzeit, leider lernte sie dann auch die Kehrseite der Medaille kennen – das ist immer das Ende solcher Romanspielereien!« Dem jungen Mädchen schossen die heißen Thränen in die Augen bei dieser schonungslosen Hindeutung. »Meine Eltern sind tot!« sagte sie leise. »Sie wissen es ja, daß mein armer Vater mitten in seinem Schaffen und Streben gelähmt wurde durch die schwere, jahrelange Krankheit, die ihm endlich den Tod brachte. Das war ein Unglück – und ich habe es doch so oft von Ihnen hören müssen, daß es ein verdientes Schicksal war. Er und meine Mutter waren ja arm, und sie wollten sich doch angehören. Das war ihre ganze Schuld!« Es lag ein so bitteres Weh in den Worten, daß selbst die kalte, stolze Frau nicht unempfindlich dagegen blieb. Ihre Stimme milderte sich, als sie antwortete: »Ich habe dir nicht wehe thun wollen, Paula, ich wollte dich nur bewahren vor einem gleichen Schicksal. Du bist noch so jung und hast es doch schon erfahren, wie bitter das Leben sein kann. Du hast schon als Kind Kummer und Sorgen kennen gelernt in deinem Elternhause. Hast du vergessen, wer es war, der dich und deine Mutter vor dem Schlimmsten bewahrte, als die nackte, bittere Not vor euch stand?« Paula senkte den Kopf, ihre Thränen versiegten, und kaum hörbar erwiderte sie: »Nein, gnädige Frau, ich habe es nicht vergessen. Ich weiß, was wir Ihnen danken!« »Du zeigst mir aber nichts von dieser Dankbarkeit. Du weißt es, daß diese Verbindung mein Wunsch ist, daß ich damit auch dein Glück begründen will, und sträubst dich dagegen mit kindischem Eigensinn. Du kannst Ulrich nicht lieben? Was weißt du denn überhaupt von Liebe? Die findet sich bald genug in einer glücklichen Ehe, das habe ich an mir selbst erfahren. Du bist eine Waise, bist arm, und wenn ich meine Hand von dir abziehe, mußt du unter Fremden dein Brot suchen. Jetzt sollst du eine reiche, vornehme Frau werden, die Herrin von Restovicz, die Gattin eines Mannes, auf dessen Werbung du stolz sein kannst. Gibt es denn da überhaupt noch eine Wahl?« Das wurde mit der ganzen kühlen Gelassenheit gesprochen, die der Dame eigen war, aber Paula kannte diesen Ton und wußte, daß sich die vollste Ungnade dahinter barg. Sie verstand auch die versteckte Drohung in den Worten: wenn ich meine Hand von dir abziehe! Die Scheu vor der Frau, die ihr im Grunde doch nur eine Gebieterin war, der langgewohnte Gehorsam, die Erinnerung an die empfangenen Wohlthaten – das alles schloß dem jungen Mädchen die Lippen und ließ Frau Almers glauben, daß der Widerstand bereits gebrochen sei. »Wir sprechen morgen weiter darüber,« sagte sie, indem sie ihren Stuhl zurückschob. »Jetzt bist du ja noch ganz fassungslos, und ich verlange nicht, daß du dich augenblicklich entscheidest. Auf morgen also! Da wirst du mir eine andere Antwort geben!« »Nein! Nein!« brach Paula plötzlich mit vollster Leidenschaftlichkeit aus. »Soll ich denn nicht einmal glauben dürfen an das Leben und an das Glück wie all die anderen, nur weil ich arm bin? Soll ich das alles begraben an der Seite eines Mannes, dessen ganzes Wesen mir fremd und unheimlich ist, der mir noch nicht ein warmes, herzliches Wort gesagt hat, der mir seine Hand bietet wie ein Gnadengeschenk. Es liegt etwas in ihm oder um ihn, irgend etwas Dunkles, das mich ängstigt. Ich werde nie Vertrauen zu ihm haben, ich fürchte schon seine bloße Nähe. Und dieses Mannes Frau soll ich werden? Das kann ich nicht, und wenn ich könnte, ich will nicht! Es suchen und finden ja so viele arme Mädchen ihr Brot in der Welt, ich werde es auch finden. Dann darf ich doch wenigstens noch träumen und hoffen auf ein Glück, das vielleicht nie kommt, aber es ist doch mein, solange ich darauf hoffe. Das gebe ich nicht hin für all den Reichtum Ihres Neffen – ich verkaufe mich nicht!« Es war, als habe dieser stürmische Ausbruch etwas in dem Mädchen befreit und erlöst, das sich nun gewaltsam Bahn schaffte. Sie stand da, wie zum Kampfe bereit, das vorhin so blasse Gesicht heiß gerötet, die Augen flammend in dem ganzen hoffnungsreichen Trotz der Jugend, die sich um ihr Glück und ihre Zukunft wehrt. Jener Trotz, den sie oft so hart büßen muß im Leben, und der doch ihr schönstes, heiligstes Vorrecht ist, weil er noch alles wagt und alles hofft. Frau Almers hörte zu, als redete man zu ihr in einer fremden Sprache, dergleichen verstand sie einfach nicht, aber es wäre das erste Mal in ihrem Leben gewesen, daß sie einen wohlüberlegten und lange vorbereiteten Plan aufgegeben hätte, sie dachte nicht daran. »Paula, du vergißt dich!« sagte sie schneidend, und der Ton legte sich wie ein Eishauch auf das heiße Aufflammen des jungen Mädchens. »Man sieht es, unter was für Einflüssen du aufgewachsen bist. Wenn ich dem nicht Rechnung tragen wollte, so würde ich dich jetzt dem Schicksal überlassen, das du dir selbst bereiten willst, dem harten Kampf mit dem Leben, an dem deine Eltern zu Grunde gegangen sind. Doch aus dir spricht mehr die Erziehung als die eigene Verblendung. – Wir bleiben noch vierzehn Tage in Restovicz, so lange hast du Bedenkzeit. Ich werde dich natürlich nicht zwingen, aber ich bin auch nicht gesonnen, Undankbarkeit und offene Auflehnung zu unterstützen. Bleibst du bei deinem Nein, dann müssen wir uns selbstverständlich trennen, weder ich, noch Ulrich werden eine solche Beleidigung hinnehmen. Ich stelle dir noch einmal die Wahl – hoffentlich kommst du zur Besinnung!« Damit verließ sie das Zimmer. Paula blieb allein oder glaubte wenigstens allein zu sein, als sie jetzt beide Hände auf die Brust preßte und tief aufatmete. Sie ahnte nicht, daß da draußen im Vorzimmer der Blick eines Mannes wie gebannt an ihr hing, als sie so dastand, in der roten Abendsonne, die dunklen Augen halb verschleiert von Thränen, aber mit dem Ausdruck trotziger Energie in den sonst so weichen Zügen. Ulrich Berneck fühlte es in diesem Augenblick, wie sehr er das Mädchen unterschätzt hatte, und fühlte auch, was er verlor, ohne es je besessen zu haben. Am Ufer des Sees, unterhalb des Schlosses von Restovicz, lag die Marienkapelle, ein altes Kirchlein, schmucklos und einfach, wie man es oft in den Bergen findet. Nur an einigen Wallfahrtstagen wurde dort Messe gelesen, und dann kamen auch wohl die Bewohner der nächsten Ortschaften, sonst lag das kleine Gotteshaus meist in stiller Einsamkeit. Eine Steintreppe mit tief eingesunkenen, moosbewachsenen Stufen führte vom See herauf, und dicht hinter den grauen Mauern begann der Wald, der den ganzen Schloßberg bedeckte. Das Kirchlein war uralt. Vor ein paar hundert Jahren, bei einem Einfall der Türken, war es zerstört worden, bis auf die nackten Mauern, und die Glocke hatten die heidnischen Eroberer in den See gestürzt. Später, als wieder Friede im Lande war, hatte man die Marienkapelle wieder aufgebaut, aber die Glocke ruht noch heute da unten im See und an stillen Abenden klingt sie leise und geheimnisvoll, als flehe sie um Erlösung. Es war die alte Sage, die sich so oft wiederholt, sei es am Meeresstrande oder an den Ufern der einsamen Bergseen. Die feuchte Tiefe hat eben ihre seltsamen, rätselhaften Stimmen, und der Volksglaube schafft sich dann die Märchen dazu. Auf einer schmalen, kunstlos gezimmerten Bank, die an der Kirchenmauer stand, saß Paula Dietwald und blickte träumend hinaus auf den See. Es war einer ihrer Lieblingsorte, sie kannte ja die ganze nähere und fernere Umgebung des Schlosses und hatte sie oft durchstreift, meist in den frühen Morgenstunden, die ihr allein gehörten, denn Frau Almers pflegte sehr lange zu schlafen. Sie waren so schön gewesen, diese sechs Wochen in Restovicz, hier war es dem jungen Mädchen zum erstenmal aufgegangen, wie eine Ahnung von Freiheit und Glück, und nun endete das mit einem solchen Mißklange! Ueber den heutigen Tag hatte ja die Abwesenheit des Schloßherrn hinweggeholfen. Er hatte sich schon am Morgen bei seiner Tante entschuldigen lassen, er müßte in Geschäften nach der Stadt, die volle drei Stunden entfernt war, und würde erst gegen Abend zurückkommen. Paula hatte aufgeatmet bei der Ankündigung, aber das war doch nur für heute. Morgen ließ sich ein Zusammentreffen nicht vermeiden, und das sollte so noch volle vierzehn Tage währen! Der eine Tag hatte dem jungen Mädchen bereits hinreichend gezeigt, was sie von der Ungnade ihrer Dame zu erwarten hatte. Ein Ja aus ihrem Munde konnte freilich alles ändern. Dann war sie die Braut des Schloßherrn, die künftige Herrin von Restovicz und – das Eigentum jenes harten, finsteren Mannes, vor dem sie nur Furcht empfand. Nein, nein, nur das nicht! Lieber wollte sie hinausgehen unter Fremde, lieber alles ertragen, als sich selbst eine Kette schmieden, die sie dann unlösbar gefesselt hielt, das ganze Leben lang. Paula Dietwald war eben die Tochter ihrer Mutter, und die verkaufte sich nicht. Der frische Ostwind, der gestern abend mitten in das Regengewölk hineingefahren war, hatte einen völligen Umschlag der Witterung gebracht. Ein leuchtender Sonnentag war gefolgt, und gerade jetzt, wo die Sonne schon hinter die Berge tauchte, kam die ernste Schönheit der Landschaft zur vollen Geltung. Droben standen die Berggipfel noch in voller Abendglut, und ein Purpurschein lag über den Wäldern, welche den See wie mit einem dichten, dunkelgrünen Kranze umgaben. Aber auf der vorhin so hell glitzernden Flut ruhte schon kühler Schatten, und zarte, bläuliche Nebel schwebten darüber hin. Da ließen sich Schritte vernehmen auf dem Fußwege, der sich vom Schlosse durch den Wald hinabzog. Paula achtete nicht viel darauf, vielleicht war es Ullmann, der wußte, wohin sie gegangen war, vielleicht einer von den Schloßleuten, die oft diesen Weg benutzten. Der Schritt kam näher und jetzt – das junge Mädchen zuckte zusammen – jetzt trat Ulrich von Berneck selbst aus dem Walde hervor und blieb eine Minute lang stehen, während sein Blick suchend die Kirche und deren Umgebung überflog. Ein seltsames Zusammentreffen! Er konnte ja kaum zurückgekehrt sein, und Paula fühlte es auch, daß diese Begegnung keine zufällige war, er kam ja sonst niemals hierher. Hatte Frau Almers noch geschwiegen gegen ihren Neffen oder ihm die gestrige Unterredung in einer Form mitgeteilt, die ihn nicht an eine ernstliche Abweisung glauben ließ – jedenfalls war es ihr Werk, daß er sich nun doch herabließ, selbst zu dem Mädchen zu sprechen, das er mit seiner Hand beglücken wollte. Also eine zweite peinvolle Erörterung! Der ganze Trotz Paulas flammte wieder auf bei dem Gedanken. Wollte man sie denn durchaus zwingen? Er kam, sich die Antwort zu holen auf eine Frage, die er nicht einmal persönlich gestellt hatte – nun denn, er sollte sie haben! »Ich störe Sie wohl in Ihrer Einsamkeit, Fräulein Dietwald?« fragte Ulrich, indem er grüßte und näher trat. »Ich hörte bei meiner Rückkehr von Ullmann, daß Sie hier seien, und mir lag daran, Sie einmal allein zu sprechen. Da müssen Sie mich schon entschuldigen. Wollen Sie mich anhören?« Das hieß allerdings geradeswegs auf das Ziel losgehen, er hielt sich nicht lange auf mit einer Einleitung. Paula neigte nur bejahend das Haupt, sie kämpfte schon wieder mit jener seltsamen Angst, gegen die kein Mut und kein Trotz half. Sobald sie die Stimme dieses Mannes hörte und im Bann seiner Augen war, fühlte sie sich wehrlos ihm gegenüber. »Vor allen Dingen eine Erklärung!« fuhr er fort. »Ich bin nicht gekommen, um die Frage und Bitte an Sie zu richten, die Sie so sehr fürchten. Sie können unbesorgt sein.« Das junge Mädchen senkte die Augen in peinlicher Verlegenheit. »Herr von Berneck, ich weiß in der That nicht –« »Sie wissen, was ich meine!« unterbrach er sie ruhig. »Sie ahnen wohl selbst nicht, wie deutlich das ›Nein!‹ aus Ihrer ganzen Haltung spricht. Sie haben es ja bereits gestern ausgesprochen, das genügt.« Paula stand betroffen vor ihm. Das klang ganz anders, als sie erwartet hatte, aber sie sah, daß sie dieser Unterredung standhalten mußte, hier gab es kein Ausweichen. »Frau Almers hat Ihnen das bereits mitgeteilt?« fragte sie, ohne aufzublicken. »Nein, meine Tante hat mir nichts mitgeteilt. Sie wird mir überhaupt die gestrige Unterredung verschweigen, denn sie hat gegen meinen Willen gesprochen. Ich bat sie ausdrücklich, das mir zu überlassen, sie hat trotzdem eingegriffen in eine Sache, die ihren Eingriff am wenigsten vertrug. – Ich kehrte gestern zurück, um mein vergessenes Notizbuch zu holen, und da wurde ich im Vorzimmer Zeuge des ganzen Gespräches.« »Sie haben es gehört?« fuhr das junge Mädchen auf, dessen Antlitz sich plötzlich mit einer tiefen Glut bedeckte. »Wenn ich das geahnt hätte –« »So wären Sie weniger aufrichtig gewesen!« ergänzte Ulrich. »Ich habe Sie unterschätzt, Paula! Ich glaubte, mein Restovicz und mein Vermögen fiele bei Ihnen so schwer ins Gewicht, daß Sie mich dafür – hinnehmen würden. Das war es ja, was mir bisher immer noch die Lippen schloß Ihnen gegenüber. Nicht Ihre Weigerung, Ihr Jawort habe ich gefürchtet! Ich that Ihnen unrecht. Sie haben sich und Ihre Freiheit mutig genug verteidigt gegen den ungeliebten Mann, der Ihnen aufgedrungen werden sollte. Es war ja eine bittere Stunde für mich, aber – ich danke Ihnen für diese Wahrheit!« Paula hörte in steigender Betroffenheit zu. Der Argwohn hatte ihm die Lippen geschlossen? Daher stammte seine Zurückhaltung, sein Schweigen, das sie so tief verletzt hatte? Langsam und scheu hob sie die Augen zu ihm empor. Er war bleicher als sonst, aber der herbe Ausdruck in seinen Zügen war gewichen, es lag nur eine ernste Ruhe darauf. »Sie sollen nichts mehr von meiner Werbung hören, mein Wort darauf!« fuhr er fort. »Aber ich konnte es doch nicht ertragen, in dem Lichte vor Ihnen zu stehen, in dem Sie mich gestern sahen. Sie können kein Herz zu mir fassen – ich begreife das. Aber fürchten sollen Sie mich nicht mehr! Wollen Sie mir das versprechen?« »Ja!« sagte das junge Mädchen mit einem tiefen Atemzuge, sie empfand in der That keine Furcht mehr, aber ein Gefühl, das fast der Beschämung glich. Ueber Bernecks Antlitz zuckte ein flüchtiges Lächeln bei diesem Ton, der unbewußt ein erwachendes Vertrauen verriet, aber es ging schnell unter in dem gewohnten Ernst. »So lassen Sie uns Frieden schließen, jetzt dürfen wir es ja wohl! Ich habe Sie gestört, aber der Abend ist so schön, und ich habe so selten eine Stunde des Ausruhens – wollen wir nicht den Sonnenuntergang hier abwarten?« Er deutete auf die Bank an der Kirche. Paula hatte nicht den Mut, sich zu weigern. Halb willenlos folgte sie, und sie nahmen beide dort Platz. Ein seltsames Beisammensein! Da saß der Mann, den ihre gestrigen Worte doch tödlich gekränkt haben mußten, ganz ruhig an ihrer Seite. Er schien ihr in der That nicht zu zürnen, und doch war es ihr, als hätte er ein Recht dazu. Langsam zerfloß das Abendrot droben am Himmel, und mit ihm erlosch der verklärende Schein, der Berge und Wälder so seltsam erglühen ließ, sie standen ernst und dunkel da, und auf dem See stiegen die Nebel dichter empor. Die Dämmerung begann ihre träumerischen Schleier zu weben. Nach einem sekundenlangen Schweigen hob Ulrich wieder an: »Sie wollen also meine Tante verlassen?« »Sobald wir wieder in Berlin sind. Sie hat mir ja selbst die Trennung angekündigt, und ich –« »Sie werden aufatmen, wenn endlich die Kette bricht, die Sie so schwer gedrückt hat!« unterbrach sie Berneck mit voller Bestimmtheit. »Scheuen Sie sich, mir das einzugestehen? Ich habe es längst gewußt, ich kenne ja meine Tante! Sie ist eine sehr kluge Frau und meint es auch gut in ihrer Weise, besonders mit mir. Aber sie vergißt immer, daß andere Menschen so etwas wie ein Herz in der Brust haben. Mit dem armen Dinge rechnet sie nie, und da scheitert bisweilen der klügste Plan.« Es lag ein bitterer Spott in den Worten, und doch sprachen sie nur aus, was das junge Mädchen Tag für Tag erfahren und sich selbst kaum eingestanden hatte. »Sie werden mich für sehr undankbar halten, Herr von Berneck,« sagte sie, noch kämpfend mit der alten Scheu vor ihm und doch zugleich mit schüchterner Vertraulichkeit. »Frau Almers ist meine Wohlthäterin, ich habe ihr alles zu danken und fühle das tief genug, aber sie kann zu Boden drücken mit ihren Wohlthaten. Ich war an so viel Liebe gewöhnt in meinem Elternhause, und ich bin so grenzenlos einsam und unglücklich gewesen in all dem Glanz des fremden, reichen Hauses. Erst hier in Restovicz habe ich es gefühlt, daß ich noch froh sein kann, denn da durfte ich stundenlang frei und allein sein. Ich bin so glücklich hier gewesen –« Sie brach plötzlich ab, denn es kam ihr erst in diesem Augenblick zum Bewußtsein, zu wem sie sprach. Bernecks Stirn war wieder finster zusammengezogen, aber die drohende Falte, die dort stand, galt nicht ihr. »Armes Kind!« sagte er halblaut. »Ja, es ist nicht leicht, mit meiner Tante auszukommen. Man muß ihr frei und unabhängig gegenüberstehen, ihr keinen Schritt weichen, wie ich – oder man muß eine Sklavennatur sein, die sich willenlos beugt. Sie haben ihr den eigenen Willen gezeigt, das verzeiht sie Ihnen nie! Wohin werden Sie denn zunächst gehen?« »Ich will einstweilen zu meinem Vormunde, bis sich eine andere Stellung findet. Hoffentlich brauche ich seine Güte nicht lange in Anspruch zu nehmen.« Das kam unsicher und stockend heraus, denn Paula wußte, was sie von dieser »Güte« zu erwarten hatte. Ihr Vormund würde außer sich sein über diesen Bruch mit der reichen, vornehmen Gönnerin, über dies Aufgeben der gesicherten Stellung, und ihr die bittersten Vorwürfe machen. Und doch blieb ihr keine Wahl, sie hatte sonst keine Zuflucht auf der ganzen Welt. Ulrich mochte das auf ihrem Gesichte lesen, aber er berührte es mit keiner Silbe. »Sie sind auch nicht geschaffen für eine Stellung, wie meine Tante sie ihrer Umgebung anweist,« sagte er. »Solch ein kleiner Vogel, der nur fliegen und singen möchte im Sonnenschein, der schlägt sich ja die Flügel wund an dem goldenen Gitter seines Käfigs! Was schauen Sie mich so verwundert an? Trauen Sie mir denn gar kein Herz zu? Es mag sein, daß ich hart und kalt geworden bin, aber. – Sie wissen nicht, was hinter mir liegt!« Paula hörte in der That mit einem halb ungläubigen Staunen zu. Es war das erste Mal, daß Berneck sie einen Blick thun ließ in die sonst streng verschlossene Tiefe seines Innern. Sie hatte wirklich nicht geglaubt, daß er irgend eine Empfindung habe für das Wohl und Wehe anderer, und nun sprach er, als lese er ihr die geheimsten Gedanken aus der Seele. Jawohl, ihr war zu Mute wie einem armen gefangenen Vögelchen, das die kleinen Schwingen vergebens zu regen versucht in dem Käfig, dem es nicht entfliehen kann – aber wer lehrte ihn denn das verstehen, sie gestand es sich ja kaum selbst ein! »Ich bin doch auch einmal jung und glücklich gewesen,« fuhr er fort, »sehr glücklich sogar! Sie kennen ja das Bild, das da oben im Saale hängt. Damals, vor neun Jahren, war es sprechend ähnlich, da war ich noch der junge, kecke Jägersmann, der da meinte, die ganze Welt gehörte ihm. Wir sprachen ja gestern davon.« »Aber Sie brachen so schnell davon ab,« warf das junge Mädchen schüchtern ein. »Es schien Ihnen irgend eine peinliche Erinnerung zu erwecken.« »Es ist für mich die letzte Erinnerung an die Jugend und das Glück! Dann kam jene Schicksalsstunde, die mein Leben vernichtete, und mich zu dem gemacht hat, was ich bin. – Ich kann das Bild nicht mehr vor Augen sehen!« Es klang aus den Worten wie dumpfer Groll, wie ein Aufbäumen gegen jene »Schicksalsstunde«. Man sah es, der Mann hatte immer noch nicht gelernt, geduldig zu leiden, und seine Züge hatten in diesem Augenblick einen Ausdruck, daß Paula unwillkürlich eine Bewegung machte, als wolle sie aus seiner Nähe flüchten. Er bemerkte es, und ein bitteres Lächeln zuckte um seine Lippen. »Nun scheuen Sie sich schon wieder vor mir, vor dem ›Dunklen, das in mir und um mich ist‹! Sie haben ganz recht gesehen, und es ist noch dunkler, als Sie glauben. Aber Sie scheinen mich für eine Art von Verbrecher zu halten, der irgend eine finstere Unthat mit sich herumträgt. Etwas dergleichen ist es ja auch, aber Schuld ist nicht dabei. Wollen Sie hören, was damals geschehen ist?« »Wenn Sie es mir sagen können und wollen – aber ich fürchte, es wird Ihnen wehe thun.« Es verriet sich eine unbewußte Angst in der Antwort. Ulrich streifte seine junge Gefährtin mit einem langen, düsteren Blick. »Kümmern Sie sich denn überhaupt darum, ob mir etwas wehe thut?« fragte er. »Ich habe es ja erlebt, da werde ich auch wohl davon reden können! Versucht habe ich es freilich nie, aber Sie sollen nicht so vor mir zusammenbeben, Paula, wie eben jetzt wieder, das ertrage ich nicht! Sie sollen die Wahrheit hören.« Er fuhr mit der Hand über die Stirn, aber es vergingen noch Minuten, ehe er es über sich gewann, zu sprechen. In der tiefen Abendstille ringsum war kein Laut vernehmbar, und die Landschaft spann sich immer mehr ein in den blauen Nebelduft der Dämmerung. Der See lag regungslos, aber aus seiner Tiefe quoll es jetzt empor, weiß und gespenstisch, zog über die dunkle Flut hin und löste sich dann in wallenden Dunst. Ein unheimliches Spiel, in dem allerlei schemenhafte Gestalten auftauchten und wieder zerflossen, als seien es die Geister der Vergangenheit, die diese Stunde heraufbeschwor. Berneck blickte unverwandt in dieses Nebelwogen und schien es fast zu vergessen, daß er nicht allein war, endlich aber richtete er sich empor und fragte: »Ullmann hat Ihnen wohl viel erzählt von alten Zeiten? Ich meine von der Zeit, als er noch mit mir in Auenfeld war?« Das junge Mädchen schüttelte verneinend das Haupt. »Er sprach nur sehr selten davon, so vertraut wir auch sonst waren. Ich weiß nur, daß Sie Ihre Eltern früh verloren haben.« »Ja, meine Mutter starb, als ich noch ein Knabe war, und auch der Vater verschied in vollster Lebenskraft. Mit zwanzig Jahren stand ich allein, aber in dem Alter überwindet man solchen Verlust. Ich hatte mein schönes Auenfeld, das mir ans Herz gewachsen war, hatte Jugend und Gesundheit und noch eins, was nur wenigen gegönnt wird – einen Freund, der mir das Liebste war auf der ganzen weiten Welt! Hans Dahlen war der Sohn unseres nächsten Gutsnachbarn, ein paar Jahre jünger als ich, eine jener sonnigen, glücklichen Naturen, die nur zur Freude geschaffen scheinen für sich und andere.« Er hielt einen Augenblick inne und schaute wieder in jenen wallenden Dunst, der jetzt die ganze Fläche des Sees erfüllte. Ohne den Blick davon abzuwenden, fuhr er fort: »Wir waren zusammen aufgewachsen, wir hatten die Knabenspiele und die Studienjahre geteilt, und später, als wir heimkehrten, verging kaum ein Tag, wo wir uns nicht sahen. Ich war ja schon damals ernst, etwas düster angelegt, aber bei Hans war alles nur Lachen, alles froher, überschäumender Lebensmut, und gerade das kettete uns so unlöslich zusammen. Der alte Dahlen drang oft genug in seinen Sohn, doch endlich Anstalt zum Heiraten zu machen, und auch mir las er den Text deswegen, aber Hans lachte dann immer nur in seiner übermütigen Weise und rief: ›Ich habe ja den Ulrich, Papa, und er hat mich! Was sollen wir denn da mit einer Frau anfangen? Die käme bei uns doch erst in zweiter Linie, und das ließe sie sich schwerlich gefallen!‹ Er hatte recht, wir waren Freunde auf Leben und Tod – und sind es ja auch geblieben, bis ans Ende!« Er sprach halblaut, anscheinend ruhig, aber es lag ein seltsam fremder Klang in seiner Stimme, der verriet, was er sich auferlegte mit dieser Erzählung. Paula hörte mit ängstlicher Spannung zu, und als er plötzlich abbrach, fragte sie leise und mitleidig: »Sie haben Ihren Freund verloren? Er ist Ihnen gestorben?« »Nein – gefallen!« sagte Ulrich plötzlich laut und schneidend: »Ich habe ihn erschossen!« Mit einem halb unterdrückten Aufschrei des Schreckens fuhr das junge Mädchen auf. »Um Gottes willen – Herr von Berneck!« »Auf der Jagd!« vollendete er dumpf. »Es war Verhängnis! Das trifft wie ein Blitzstrahl, und man bricht zusammen darunter!« »Aber wie war denn das möglich? Wie konnte das geschehen?« brach Paula aus, noch unter dem vollen Eindruck des Entsetzens. »Fragen Sie mich nicht – ich weiß es nicht! Es war ein einziger, unseliger Augenblick. Mein Schuß krachte – und es war geschehen!« Paula wagte in der That nicht, weiter zu fragen, sie sah es ja, daß er totenbleich war und daß seine Lippen zuckten, wie im Krampfe. Erst nach einer langen, qualvollen Pause begann er wieder: »Da heißt es immer, es gebe Ahnungen, Warnungsstimmen im Innern des Menschen, wenn er vor einem Unheil steht! Uns warnte nichts, keine Ahnung, kein Zeichen, wir waren vielleicht nie so glücklich, so jugendfroh gewesen, wie an jenem Tage, wo wir hinauszogen in den frischen Herbstmorgen – die letzte, glückliche Stunde meines Lebens! Es war die alljährliche große Jagd in Auenfeld, zu der stets die ganze Nachbarschaft geladen wurde, Hans und sein Vater selbstverständlich auch, und diesmal sollte auf Hochwild gepirscht werden, das bei uns ja selten ist. Ich hatte ein paar prächtige Stück in meinem Revier, die geschont worden waren für den großen Jagdtag. Hans und ich waren allen voran. Ich sehe ihn noch vor mir, den schönen, lebensvollen Jungen, mit seinem sprühenden Übermut. ›Heut geben wir uns nicht ab mit dem niederen Zeug, Ulrich!‹ rief er mir jubelnd zu. ›Heut jagen wir Edelwild ! Und das bringen wir heim!‹ Dabei lachte ihm die helle Weidmannslust aus den Augen, und ich lachte mit, wir ahnten ja nicht, wie furchtbar das Wort zur Wahrheit werden sollte! So zogen wir hinein in den herbstlichen Wald, wo der Reif noch auf dem Boden glitzerte und die ersten Sonnenstrahlen mit den Frühnebeln kämpften. Und da drinnen lauerte der Tod auf ihn und auf mich – noch Schlimmeres! Das Treiben begann, Hans und ich hatten unseren Stand dicht bei einander, die anderen Jäger hatten sich im Walde verteilt und schossen, sobald sich nur ein Wild blicken ließ. Ich rührte mich nicht, ich wartete auf einen Hirsch, der kommen mußte, und er kam auch. Aber Hans war schneller als ich, er schoß zuerst und ich sah das Tier zusammenbrechen. Was dann geschehen ist, das weiß Gott allein! Hans scheint in der Freude über sein Jagdglück alle Vorsicht vergessen und die sichere Deckung verlassen zu haben. Er wollte wohl zu seiner Beute. Ich hätte das ja vielleicht sehen können, sehen müssen, aber der Jagdeifer machte mich taub und blind gegen alles andere. Ich sah nur, daß eben der zweite Hirsch durchbrach, und legte an. – Das Wild entkam, aber ein anderes, ein Edelwild fiel unter meiner Kugel – Hans lag blutend am Boden!« »Er war – tot?« fragte das junge Mädchen kaum hörbar. »Tödlich verwundet! Die Hilfe war ja augenblicklich da, denn unser Arzt befand sich unter den Jagdgästen, aber er konnte auch keine Rettung bringen! Es war ein Sterbender, den wir aufhoben und in das Forsthaus trugen. Eine Stunde hat es noch gedauert, aber solche Stunde schließt eine Ewigkeit von Qual in sich! Wenn man das Liebste auf der Welt rettungslos verbluten sieht und weiß, daß die eigene Hand dies Blut vergossen hat, wenn man diese Augen brechen sieht im Todeskampfe, das letzte Röcheln hört –« Die Stimme versagte ihm, er sprang plötzlich auf und wandte sich ab, die geballte Faust gegen die Stirn gedrückt, als erliege er der Erinnerung. Paula saß stumm und bleich da, sie fühlte, daß jedes Wort, jeder Trost machtlos war, diesem furchtbaren Verhängnis gegenüber. – Es dauerte lange, dies Schweigen, endlich wandte sich Berneck um. Er beherrschte jetzt wieder seine Stimme, aber man sah es, wie gewaltsam er sich zur Ruhe zwang. »Was dann geschah, davon weiß ich nicht viel mehr,« sagte er in dem früheren gedämpften Tone. »Ich weiß nur, daß Dahlen, der Vater selbst, mir die Büchse aus der Hand riß, als ich seinem Sohne – folgen wollte, und daß sie mich dann Tag und Nacht bewachten. Über die ersten Wochen und Monate half mir eine schwere Krankheit hinweg, und als ich wieder zur Besinnung und zum Leben erwachte, da jagte es mich fort aus Auenfeld. Ich ging auf Reisen, um da draußen, in der Ferne zu vergessen oder doch wenigstens das Dasein zu ertragen. Ich habe das jahrelang versucht und die halbe Welt durchstreift, aber die Erinnerung ging mit mir, es wurde nur schlimmer mit der Zeit. Ich habe es auch versucht, nach Auenfeld zurückzukehren, aber da litt es mich vollends nicht. Ich glaube, ich wäre wahnsinnig geworden an dem Orte, wo Hans begraben lag! Da griff ich zum letzten Mittel. Ich verkaufte mein Erbe, riß mich gänzlich los von der Heimat und ging hierher, in die ›Selbstverbannung‹, wie meine Tante es nennt. Sie hat ja recht, aber ich fand hier, was mir not that – Arbeit, die mich gar nicht zur Besinnung kommen läßt. Es ist keine leichte Aufgabe, dieses Restovicz der Kultur zuzuführen. Es ist ein ewiger Kampf mit der Natur selbst und mit dem Boden. Sie, die bei uns daheim dankbar jede Mühe lohnen, muß ich hier immer erst unterwerfen, ehe ich sie mir dienstbar machen kann. Und denselben Kampf führe ich Tag für Tag mit meinen Leuten, die in mir den Fremden hassen und auf die ich doch angewiesen bin. Sie müssen auch immer wieder von neuem zum Gehorsam gezwungen werden. Das spannt Geist und Körper bis aufs äußerste an, das läßt mir keine Zeit zum Denken und Grübeln, und abends bin ich dann so todmüde, daß der Schlaf ungerufen kommt. Solche Arbeit habe ich noch auf Jahre hinaus, und das genügt einstweilen.« – Sie hatten es beide nicht bemerkt, daß die Dämmerung immer mehr wuchs. Am Himmel blinkten schon matt die ersten Sterne, und Berge und Wälder verschwammen im Zwielicht. Ueber dem See lag noch das weiße, wallende Dunstmeer, das langsam immer höher stieg, als wolle es alles überfluten. »Nun wissen Sie es!« schloß Berneck mit einem tiefen Atemzuge. »Fürchten Sie mich immer noch?« Paula antwortete nicht, sie hatte sich auch erhoben und streckte ihm jetzt plötzlich beide Hände hin, eine wortlose, aber fast leidenschaftliche Abbitte. Ulrich verstand sie, seine Hände schlossen sich fest um die ihrigen. »Und nun vergessen Sie die Thorheit, die ich ja bereits gebüßt habe, als ich gestern zuhörte,« sagte er ernst und ruhig. »Ich habe an keine Ehe gedacht, denn ich wußte, daß ich nicht mehr für Glück und Liebe taugte. Da kam meine Tante – mit Ihnen – und da habe ich trotz alledem einen Traum von Glück geträumt. Er war kurz genug, dann kam das Erwachen! Das soll kein Vorwurf für Sie sein, Paula. Sie mit Ihrer sonnigen Jugend und Heiterkeit konnten ja einen Mann wie ich nicht lieben, aber ich will wenigstens einen Platz in Ihrer Erinnerung haben. Deshalb sagte ich Ihnen, was ich noch keinem gesagt habe, und ließ Sie einen Blick thun in die eine Stunde, die über mein Leben entschied. – Und nun lassen Sie uns gehen! Es dunkelt bereits, wir müssen nach Haus.« Sie wandten sich zum Gehen und betraten den Waldweg, der schon völlig dunkel war, aber es wurde kein Wort weiter gesprochen. Ulrich ging voran und bog von Zeit zu Zeit die Zweige zurück, die den Pfad beengten. Aber er bot die Führung nicht an, und seine junge Gefährtin bedurfte in der That keiner Stütze. Sie stieg leicht und sicher aufwärts, und doch war ihr das Herz so schwer, als liege eine Last darauf. Sie hatte ja soeben einen Blick gethan in die Seele des Mannes, den sie so lange für kalt und hart und hochmütig gehalten hatte. Jetzt wußte sie, daß er eine Wunde mit sich herumtrug, die noch immer blutete und die sie hätte heilen können. Er liebte sie ja, wie tief und leidenschaftlich, das hatten sein Blick und sein Ton verraten, als er von dem »Traum von Glück« sprach. Paula bebte leise zusammen bei der Erinnerung an diesen Ton. Ihr war zu Mute, als habe sie die Glocke aufklingen hören, die der alten Sage nach da unten in der schweigenden Tiefe ruhte. Voll und mächtig klingen, als flehte sie um Erlösung – sie hatte vergebens gefleht. Die nächsten Tage vergingen in Restovicz in gewohnter Weise. Frau Almers hütete sich, ihrem Neffen zu verraten, was sie gegen seinen Willen zur Sprache gebracht hatte, denn Ulrich war vielleicht der einzige Mensch auf Erden, den sie scheute. Aber auch Paula gegenüber berührte sie jenen Punkt mit keiner Silbe. Sie wollte ihr Zeit lassen, »zur Vernunft zu kommen«, und das so auffallend schweigsame und gedrückte Wesen des jungen Mädchens bestärkte sie in ihrer Voraussetzung, daß dies bereits geschehen wäre. Sie ahnte weder, daß Ulrich Zeuge jenes Gespräches gewesen war, noch daß er selbst mit Paula gesprochen hatte. Unter anderen Verhältnissen würde die stolze Frau diese Verbindung ihres Neffen mit einer armen Waise, der Gesellschafterin seiner Tante, für höchst unpassend erachtet und scharf bekämpft haben. Sie hatte in früheren Zeiten ganz andere und sehr hochfliegende Pläne für ihn gehegt. Aber wie die Dinge nun einmal lagen, hielt sie es für ein Glück, wenn er sich überhaupt noch zu einer Heirat entschloß. Den jungen Damen ihrer Kreise, die »Ansprüche machen konnten«, wäre der Reichtum des Freiers allerdings sehr willkommen gewesen, aber keine einzige hätte sich mit ihm in die Einsamkeit von Restovicz vergraben und seine finsteren Eigentümlichkeiten hingenommen. Also wurde Paula Dietwald ausersehen, die für das ihr gebotene Glück dankbar sein mußte. Daß sie es nicht war und sich sogar zu einer energischen Weigerung aufraffte, zog ihr die volle Ungnade ihrer Beschützerin zu. Berneck hatte recht, seine Tante verzieh es nicht, wenn man ihr gegenüber einen eigenen Willen zeigte, das durfte er allein sich erlauben. Er selbst hatte sein Benehmen gegen Paula nicht im geringsten geändert, er war ernst und schweigsam wie sonst, aber kein Wort, kein Blick erinnerte sie an jene Stunde, wo er ihr sein Innerstes erschlossen hatte, das schien versunken und vergessen. Sie sollte ja auch seine »Thorheit« vergessen, und er ging ihr mit dem Beispiel dazu voran. Aber die peinliche Spannung, die über dem ganzen kleinen Kreise lag, wurde doch von jedem empfunden, und jeder atmete auf, als sich eine unerwartete Ablenkung fand in Gestalt eines Besuches, der den Schloßherrn überraschte. Der ehemalige Hauslehrer Ulrichs, der vier Jahre lang in dieser Eigenschaft in Auenfeld gelebt hatte, jetzt ein Mann in Amt und Würden, tauchte urplötzlich in Restovicz auf. Er hatte jahrelang nicht einmal brieflich mit seinem einstigen Zöglinge verkehrt, der alle Beziehungen mit der Heimat abgebrochen hatte, jetzt aber, wo eine Ferienreise ihn zufällig in die Gegend führte, wo Bernecks Besitzungen lagen, suchte er diesen wieder auf, und Ulrich schien sich wirklich über den Besuch zu freuen, denn er lud ihn zum Bleiben ein. Professor Rosner, der gegenwärtig ein Gymnasium in Dresden leitete, war einer jener jovialen, warmherzigen Menschen, die sich und aller Welt das Beste gönnen und von aller Welt das Beste glauben. Von der gnädigen Frau, die er noch von Auenfeld her kannte, und die auch heute noch etwas herablassend gegen ihn war, hielt er sich einigermaßen fern und beschränkte sich auf die nötige Artigkeit, dagegen schloß er sich gleich im Anfange mit vollster Vertraulichkeit an Paula an. Er plauderte mit ihr, ging mit ihr spazieren und war ungemein offenherzig in seinen Mitteilungen. Er lebte in angenehmen Verhältnissen, führte eine äußerst glückliche Ehe und besaß ein ganzes Häuflein Kinder, die er zärtlich zu lieben schien. Es wurde dem jungen Mädchen manchmal wehe um das Herz bei diesen Erzählungen. Sie that da Blicke in ein Haus und eine Familie, wo Glück und Sonnenschein, Liebe und Freude heimisch waren – das alles kannte sie längst nicht mehr. Es war auf einem dieser Spaziergänge, als der Professor, anscheinend ganz harmlos, fragte, ob sie sich denn auch glücklich fühlte in ihrer Stellung bei der alten, sehr anspruchsvollen Dame, die so gar kein Verständnis für die Jugend habe. Paula schwankte einen Augenblick lang, dann aber gestand sie, daß sie im Begriff wäre, Frau Almers zu verlassen, und knüpfte daran die schüchterne Frage, ob der Herr Professor in seinem großen Bekanntenkreise vielleicht irgend jemand wüßte, der eine ähnliche Stellung zu vergeben hätte. Er ließ sie kaum ausreden, »Aber liebes Fräulein, das trifft sich ja prächtig!« rief er, »Wir suchen ja gerade eine junge Dame zur Stütze für meine Frau und zur Aufsicht für unsere Kleinsten, die noch nicht schulpflichtig sind! Kommen Sie zu uns, wir nehmen Sie mit tausend Freuden auf!« Das junge Mädchen verstummte vor freudiger Ueberraschung. Das Anerbieten bedeutete ja für sie ein ganz unverhofftes Glück. Es nahm die bange Sorge um die nächste Zukunft von ihrem Herzen und befreite sie von der bitteren Notwendigkeit, im Hause ihres Vormundes ein lästiger Gast sein zu müssen und herbe Vorwürfe anzuhören. Professor Rosner aber schien ihr Schweigen für Bedenken zu halten und drang förmlich in sie, seinen Vorschlag anzunehmen. »So vornehm und glänzend wie bei Ihrer Gnädigen ist es ja freilich nicht bei uns,« sagte er in einem halb entschuldigenden Tone. »Wir sind nur einfache Professorleute und haben nicht eine Million zur Verfügung. Aber dafür scheint bei uns auch die Sonne, und bei der gnädigen Frau ist ewige Nordpolstimmung, Ich kenne das noch von Auenfeld her, sie brachte immer so eine gewisse Eistemperatur mit, ich glaube, das Thermometer sank um einige Grade, wenn sie anrückte. Kommen Sie zu uns, Fräulein Paula, Sie werden es nicht bereuen. In dem Hause, wo meine Frau regiert, da ist gut sein, und ich bin schließlich auch ein Mensch, mit dem sich leben läßt. Unsere kleine Bande wird Ihnen ja manchmal zu schaffen machen mit ihrer Wildheit, aber schlimm ist sie nicht. Wie die Kletten werden sich die kleinen Rangen an Sie hängen mit ihrer Zärtlichkeit. Machen wir die Sache gleich auf der Stelle ab – schlagen Sie ein!« Er streckte ihr fröhlich die Hand hin, und Paula schlug ein – wie gern! Sie machte kein Hehl aus ihrer freudigen Dankbarkeit. Zwar stutzte sie ein wenig, als der Professor von den Bedingungen sprach, die er nur so obenhin berührte, denn sie waren glänzend, aber das junge Mädchen war viel zu glücklich, um darüber nachzudenken, sie wäre ja mit dem geringsten Gehalt zufrieden gewesen. Der Professor dagegen schien seelenvergnügt über ihre Zusage, meinte aber, die Gnädige brauchte vorläufig noch nichts davon zu wissen, es wäre Zeit genug, wenn sie es bei der Trennung erfahre. Paula stimmte auch diesem Vorschlage sofort zu. Nach acht Tagen reiste Professor Rosner wieder ab, und Berneck brachte ihn selbst nach der Bahnstation. Er schien überhaupt die alte Vertraulichkeit mit seinem einstigen Lehrer wieder aufgenommen zu haben, zur Verwunderung von Frau Almers, welche sich diese ungewohnte Liebenswürdigkeit ihres sonst so schroffen und unzugänglichen Neffen nicht erklären konnte. Sie fand, daß der Besuch ungemein günstig auf ihn gewirkt hätte. Es war am Tage nach der Abfahrt Rosners, gegen Abend, als die beiden Damen von einem Spaziergange zurückkehrten, den sie in der näheren Umgebung des Schlosses unternommen hatten. Diese Spaziergänge waren jetzt nichts weniger als angenehm für Paula. Frau Almers hatte einen verletzend eisigen Ton, wenn sie ungnädig war, und den bekam das junge Mädchen jetzt immer zu hören, sobald Berneck nicht zugegen war. Heute nun hatte man ihr, als von der bevorstehenden Abreise die Rede war, einen sehr deutlichen Wink gegeben, daß die ihr gewährte Bedenkzeit nunmehr abgelaufen wäre. Paula hatte das schweigend hingenommen, ohne Widerspruch, zur großen Genugthuung der alten Dame, die in dem Schweigen den Beweis dafür erblickte, daß der »Trotzkopf« seine Thorheit eingesehen hätte und bereute. Das stimmte sie so gnädig, daß sie abwehrte, als das junge Mädchen sie wie gewöhnlich begleiten wollte, um ihr vorzulesen, und es klang zum erstenmal wieder etwas wie Güte in ihrer Stimme, als sie sagte: »Ich brauche dich heute nicht, mein Kind. Bleibe noch eine Stunde auf der Terrasse, du siehst recht blaß aus und klagst ja auch über Kopfschmerz. Die kühle Abendluft wird dir gut thun.« Damit ging sie, und Paula atmete auf bei der ihr gewährten Erlaubnis. Sie empfand es trotz alledem als eine Art Unrecht, daß sie ohne Wissen und Willen ihrer bisherigen Beschützerin über ihre Zukunft verfügt hatte, aber Frau Almers hatte ihr ja bereits mit der Trennung gedroht und würde zweifellos Ernst machen, wenn sie bei ihrem Nein blieb. Gott sei Dank, daß sie nun nicht ziellos hinauszugehen brauchte unter Fremde! Kurz vor der Abreise Rosners war noch ein Brief seiner Frau gekommen, die er benachrichtigt hatte. Sie erklärte sich ganz einverstanden mit seiner Wahl und hieß die künftige Hausgenossin in den herzlichsten Worten willkommen. Ebenso herzlich war der Abschied des Professors selbst gewesen. Paula wußte gar nicht, womit sie all diese Güte und Freundlichkeit verdient hatte, man schien ihr ja fast die Stellung einer älteren Tochter anzuweisen. Sie hätte doch nun sehr glücklich und dankbar sein müssen bei dieser unverhofften Wendung, und war es auch, wenigstens sagte sie sich das immer wieder von neuem, aber mitten in diesem Glück und dieser Dankbarkeit quoll oft ein heißes Weh, das sie nie vorher gekannt hatte, in ihrem Inneren auf. Vielleicht war es das Bangen vor der letzten, unvermeidlichen Auseinandersetzung mit Frau Almers, in der sie doch nur zu wiederholen brauchte, was sie bereits so energisch ausgesprochen hatte. Aber wohin war der Mut gekommen, mit dem sie sich damals gewehrt hatte gegen den fremden, den ungeliebten Mann, den man ihr aufdrängen wollte! Eine einzige Stunde hatte ihn vernichtet. Es war eine so düstere Stunde gewesen, dort an der Marienkapelle, in dem Weben der Dämmerung, an dem nebelatmenden See, wo das weiße Dunstmeer wogte und wallte. Was sie enthüllte, war noch düsterer gewesen und doch war aus all diesen finsteren Schatten etwas so Süßes emporgetaucht, das Paula auch noch nicht gekannt hatte – das Bewußtsein, geliebt zu werden! Sie hatte ja die Hand des Mannes zurückgewiesen, der ihr das nun endlich verriet. Freilich, da kannte sie ihn noch nicht, aber er hatte doch jene herbe Abweisung gehört und verzichtet, wie ernst es ihm damit war, das zeigte er ihr täglich. Es war vorbei – und dem jungen Mädchen war zu Mute, als hätte das Glück, von dem sie so oft geträumt, das sie sich retten wollte mit jenem Nein, so lange neben ihr gestanden, unerkannt, ungeahnt – und sei nun entflohen! Da fiel ein matter Lichtschein auf die Terrasse. Ullmann hatte drinnen im Salon, wo es schon dunkelte, die große Hängelampe angezündet und trat nun heraus zu dem jungen Mädchen, das still und träumerisch an der Brüstung lehnte. »Eben ist Herr Ulrich zurückgekommen,« sagte er. »Ich bin immer froh, wenn er da ist, solange es noch tageshell ist. Er reitet ja oft genug allein und im Dunkeln durch die Wälder, da helfen weder Bitten noch Vorstellungen.« »Ist denn das gefährlich?« fragte Paula. »Ich dachte, die Umgegend von Restovicz wäre sicher.« »Das kommt darauf an,« versetzte der Alte. »Sie können ganz ruhig im Walde spazieren gehen, Fräulein Paula, Ihnen geschieht nichts, aber der Herr – das ist eine andere Sache. Und nun ist auch noch der rabiate Bursche, der Zarzo, wieder da und treibt sich hier herum. Was hat er denn noch zu suchen in Restovicz?« »Der Förster Zarzo? Ich denke, er ist bereits entlassen.« »Jawohl, schon in der vorigen Woche, und es hieß ja auch, er wäre auf und davon gegangen. Ich dankte Gott, daß wir den tückischen Kerl endlich los waren, aber weit kann er nicht gewesen sein. Heut morgen hat ihn der Janko gesehen und das in seiner Dummheit verraten. Dahinter steckt etwas, da heißt es, die Augen offen halten!« »Haben Sie das denn Herrn von Berneck nicht gesagt?« fragte das junge Mädchen mit erwachender Unruhe. »Natürlich habe ich es gethan, aber er zuckte die Achseln und sagte: ›Er soll sich nur hüten, mir vor Augen zu kommen!‹ Das war alles! Er kennt eben keine Furcht und keine Vorsicht, aber ich habe es Ihnen ja schon gesagt, Fräulein Paula, man ist seines Lebens nicht sicher unter dieser Bande. Sie taugen alle nichts, aber Zarzo ist einer von den Schlimmsten. Der führt, nichts Gutes im Schilde, darauf will ich meinen Kopf verwetten!« Paula schwieg, sie hatte es so »unbarmherzig« gefunden, daß Berneck damals den Bitten und Beteuerungen des Försters ein hartes, unbeugsames Nein entgegensetzte, es schien doch jetzt, als wäre er im Rechte gewesen mit seiner Strenge. »Und nun ist Herr Professor Rosner auch wieder fort,« hob Ullmann von neuem, in einem wehmütigen Tone an. »Es war ein so freundlicher Herr, immer lustig und vergnügt, und man dankt ja überhaupt Gott, wenn man einmal wieder irgend etwas aus Deutschland zu sehen und zu hören bekommt. Aber eine merkwürdige Geschichte ist das doch mit dem Besuche!« »Ich finde das gar nicht merkwürdig,« sagte Paula unbefangen. »Daß der Professor seinen einstigen Schüler besucht, wenn er auf seiner Ferienreise gerade in die Nahe von Restovicz kommt, das ist doch nur natürlich.« Der Alte nahm eine geheimnisvolle Miene an und schüttelte den Kopf. »Er ist aber gar nicht auf der Reise gewesen. Er saß noch ruhig in Dresden, als das Telegramm von Herrn Ulrich abging, und darauf ist er spornstreichs nach Restovicz gekommen.« Das junge Mädchen sah den Sprechenden verwundert und völlig verständnislos an. »Da müssen Sie sich irren, Ullmann, die beiden Herren sprachen ja immer nur von einem zufälligen Besuche, und welchen Grund hätten sie denn auch gehabt, eine etwaige Verabredung zu verschweigen?« »Das weiß ich nicht,« sagte Ullmann. »Das erfährt man überhaupt bei Herrn Ulrich nicht. Was der thun will, das thut er auf eigene Hand, warum und weshalb, das weiß kein Mensch, Nicht einmal mir hat er das Telegramm anvertraut, der Janko mußte es nach der Station tragen, und ein Heidengeld hat er dafür bezahlt, denn es war zwei Seiten lang, ein förmlicher Brief. Er hat es mir gezeigt, aber ich konnte nur die Adresse lesen: Herrn Professor Rosner in Dresden. Das andere war französisch, damit es niemand verstehen konnte. Morgens ging die Depesche ab und abends war die Antwort da, und zwei Tage darauf war der Herr Professor da. Er muß die Kurierzüge genommen haben.« Paula hörte mit steigendem Befremden zu, noch begriff sie nichts, aber es begann sich doch eine dunkle Ahnung in ihr zu regen. »Dann muß es sich doch um etwas Wichtiges gehandelt haben,« warf sie ein. »Natürlich!« bestätigte der alte Diener, der beleidigt war, daß man ihn nicht ins Vertrauen gezogen hatte und in seinem Aerger darüber Dinge ausplauderte, über die er sonst wohl geschwiegen hätte, »Um nichts und wieder nichts fährt man doch nicht hundert Meilen von Dresden nach Restovicz und fährt nach kaum acht Tagen wieder ab. Die beiden Herren steckten ja auch immer zusammen, und Herr Ulrich, der sonst Besuche nicht ausstehen kann – unter uns gesagt, Fräulein Paula, er war gar nicht entzückt, als seine Frau Tante sich anmeldete, und hätte am liebsten abgeschrieben, wenn's nur gegangen wäre – der war diesmal förmlich liebenswürdig und hat den Professor geradezu auf Händen getragen, und was ich bei der Abreise hörte –« »Was haben Sie gehört? Bitte, Ullmann, sagen Sie es mir!« fiel das junge Mädchen mit einer beinahe angstvollen Spannung ein. Er zuckte die Achseln. »Ja, verstanden habe ich es nicht, aber merkwürdig war es auch. Ich wollte melden, daß der Wagen vorgefahren wäre, und da hörte ich im Vorzimmer, wie Herr Ulrich drinnen sagte: ›Und nun lassen Sie mich noch einmal, nein, tausendmal danken für Ihre Einwilligung! Sie waren der einzige, an den ich mich wenden konnte! Auf Ihr Schweigen verlasse ich mich unbedingt, ich habe ja Ihr Wort, und was Ihre Frau betrifft –‹ ›Die plaudert nichts aus, dafür bürge ich Ihnen, Ulrich!‹ sagte der Professor. Darauf schüttelten sie sich die Hände, und dann mußte ich hinein und den Wagen melden. Die Frau Professor da in Dresden ist also auch mit dabei! – Nun frage ich Sie, Fräulein Paula, ob das nicht eine merkwürdige Geschichte ist?« Ullmann erhielt keine Antwort auf seine Frage und wunderte sich darüber, es war bereits zu dunkel, als daß er hätte sehen können, wie totenbleich das junge Mädchen auf einmal geworden war. Da ertönte die Klingel in Bernecks Zimmer, der alte Diener wandte sich um. »Ja so, ich muß zu dem Herrn! Kommen Sie lieber mit hinein, Fräulein Paula, es ist recht kühl heut abend, und vom See steigen schon die Nebel herauf. Sie werden sich erkälten in dem leichten Sommerkleide, kommen Sie!« Paula folgte, noch halb betäubt von dem, was sie soeben gehört hatte, und während Ullmann zu seinem Herrn ging, blieb sie allein im Salon. Das große Gemach mit den dunklen Ledertapeten wurde von der Hängelampe nur teilweise erleuchtet, die Tiefe blieb im Schatten, und in eine dieser dunklen Ecken flüchtete Paula und warf sich auf das kleine Sofa, das dort stand. Sie wußte jetzt alles! Die letzten Worte jener Erzählung hatten ihr verraten, von wem das Anerbieten kam, das sie für einen glücklichen Zufall, für eine gütige Fügung des Schicksals gehalten hatte. Jetzt auf einmal tauchten all die Dinge vor ihr auf, die ihrer Unerfahrenheit bisher völlig entgangen waren. Der Professor hatte ja gar nicht gefragt, weshalb sie Frau Almers überhaupt verlasse, er hatte sich nicht einmal erkundigt, ob sie auch befähigt sei für die Stellung in seinem Hause, sondern ihr die Zusage förmlich abgedrungen, und ein Gymnasialprofessor, der ein ganzes Häuflein Kinder besaß, konnte unmöglich Bedingungen gewahren, wie er sie angeboten hatte. Hinter dem allen stand ein anderer, stand der Mann, dem sie so namenlos wehe gethan hatte, und der nun ihr Geschick in die Hand nahm und es eigenmächtig lenkte. In dem Sturm von widerstreitenden Empfindungen, der durch die Seele des jungen Mädchens wogte, stand nur eins klar vor ihr. Sie durfte das um keinen Preis annehmen, sie mußte es sofort mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Da gab es kein Zögern und Bedenken, und als sich jetzt die Thür öffnete und Berneck selbst eintrat, war sie entschlossen, das auf der Stelle zu thun. »Meine Tante ist wohl in ihren Zimmern?« fragte er, im Begriff, mit einem flüchtigen Gruß vorüberzugehen. »Ich wollte noch auf eine halbe Stunde zu ihr.« Paula hatte sich erhoben, aber sie blieb im Schutze des Halbdunkels, denn sie fühlte, daß die stürmische Erregung sich in ihren Zügen verriet. Es gelang ihr wenigstens, das Beben ihrer Stimme zu beherrschen, als sie sagte: »Herr von Berneck – darf ich Sie um einige Minuten bitten?« Er blieb sofort stehen. »Bitte, mein Fräulein!« Es schien, als versagten dem jungen Mädchen die Worte, und sie mußten doch gesprochen werden. Es galt, volle Gewißheit zu haben. »Sie wissen vielleicht, daß Herr Professor Rosner mir eine Stellung in seinem Hause angeboten hat?« hob sie an. »Jawohl, er hat es mir erzählt, und Sie haben angenommen, wie ich höre,« war die ruhige Antwort. »Ich glaube, Sie werden es nicht bereuen. Rosner war kurz nach der Hochzeit mit seiner jungen Frau zum Besuch in Auenfeld, und da habe ich sie gleichfalls kennengelernt. Es sind liebenswürdige Menschen, und es scheint auch ein glückliches Familienleben im Hause zu sein.« Er sprach mit voller Gelassenheit, wie man von fernliegenden, gleichgültigen Dingen spricht, die ein paar höfliche Redensarten erfordern. Aber Paula ließ sich dadurch nicht beirren. »Ich muß nun leider meine Zusage zurücknehmen,« fuhr sie fort. »Ich werde das dem Herrn Professor morgen mitteilen.« Ulrich trat einen Schritt zurück und streifte sie mit einem raschen, fragenden Blick, aber er bewahrte seine Ruhe. »Haben Sie so plötzlich Ihren Sinn geändert? Das ist ja merkwürdig und, offen gestanden, ich finde es geradezu beleidigend für den Professor.« »Ich habe geglaubt, das Anerbieten käme von ihm persönlich,« erklärte Paula fest. »Jetzt weiß ich, daß das nicht der Fall ist, und deshalb kann ich es nicht annehmen.« »Was wissen Sie?« fragte Berneck kühl. Aber seine Augen richteten sich dabei mit durchbohrender Schärfe auf das junge Mädchen, das ihn zur Rede stellen wollte und jetzt doch wie schuldbewußt das Haupt senkte, mit der leisen Erwiderung: »Das brauche ich Ihnen doch nicht erst zu sagen,« »Warum nicht mir? Ich verstehe Sie wirklich nicht, mein Fräulein.« »Weil ich den Entschluß des Professors Ihnen allein verdanke.« »Wenn Sie damit eine einfache Empfehlung meinen –« Ulrich zuckte gleichgültig die Achseln. »Rosner erwähnte zufällig, daß seine Frau eine Stütze im Hause und bei den Kindern wünschte, und da habe ich ihn darauf aufmerksam gemacht, daß Sie demnächst frei würden. Das ist mein ganzer Anteil an der Sache, und das werden Sie mir hoffentlich erlauben, denn im Grunde trage ich doch allein die Schuld an Ihrem Zerwürfnis mit meiner Tante.« Einen Augenblick wurde Paula schwankend dieser bestimmten Ableugnung gegenüber, dann aber richtete sie sich entschlossen auf. »Herr von Berneck, versuchen Sie nicht, mich jetzt noch zu täuschen. Ich weiß, daß Professor Rosner auf Ihren Ruf kam, daß er nur Ihren Auftrag vollzog mit seinem Anerbieten, weiß, daß ich unter dem Namen einer Erzieherin nur ein Gast in seinem Hause sein soll – durch Ihre Großmut!« »Was soll das heißen!« fuhr Ulrich in voller Gereiztheit auf. »Wie kommen Sie auf solche Ideen? Hat Rosner etwa –« »Nein, er hat sein Wort nicht gebrochen!« fiel das junge Mädchen rasch ein. »Er that im Gegenteil alles, um mich an einen Zufall glauben zu lassen, und ich ließ mich ja auch täuschen. Aber vorhin erzählte mir Ullmann ahnungslos von dem Telegramm, das Sie nach Dresden sandten, um den Professor herzurufen, solange ich noch in Restovicz war – und das übrige habe ich erraten!« Berneck stand da mit tiefverfinstertem Gesicht und fest zusammengepreßten Lippen, der alte feindselige Ausdruck erschien wieder in seinen Zügen, als er antwortete: »Ich werde dem alten Schwätzer, dem Ullmann, nachdrücklichst den Text lesen. Er scheint da auf eigene Hand den Spion gespielt und Ihnen allerlei Unsinn vorgeredet zu haben. Wenn ich meinen einstigen Lehrer bat, nach Restovicz zu kommen, was in aller Welt geht denn das Sie an, mein Fräulein, und wie kommen Sie zu solchen Voraussetzungen? Ich bedaure, Ihnen nicht mitteilen zu können, was wir verhandelten, aber auf Sie hatte es jedenfalls keinen Bezug. Ich muß den Verdacht, in dem Sie mich haben, ganz entschieden ablehnen. Bitte, verschonen Sie mich damit!« Er sprach mit einer fast beleidigenden Schroffheit, offenbar in der Absicht, jede weitere Erörterung unmöglich zu machen, aber er erreichte seinen Zweck nicht. Paula wußte ja, was sich hinter dieser Schroffheit barg, und jetzt hatte sie keine Furcht mehr davor. Langsam hob sie die Augen zu ihm empor. »Das glaube ich Ihnen nicht, Herr von Berneck. Nein, und wenn Sie mich noch so zornig anblicken! Oder – können Sie mir Ihr Wort darauf geben?« Er versuchte es, ihrem Blick zu begegnen, nur eine Sekunde lang, dann wandte er sich ab und stampfte in wilder Ungeduld mit dem Fuße, aber er schwieg. »Ich wußte es!« sagte das junge Mädchen leise. »Nun, dann hätten Sie uns beiden diese Stunde ersparen sollen!« brach Ulrich jetzt mit vollster Heftigkeit aus, »Haben Sie denn wirklich geglaubt, ich würde Sie allein und schutzlos hinausgehen lassen in eine ungewisse Zukunft, zu fremden, herzlosen Menschen, die in Ihnen nur eine Dienende sehen und Ihnen nur Bitterkeit und Demütigungen zu kosten geben? Ich habe Sie ja doch geliebt, Paula! Soll ich da nicht einmal das Recht haben, Sie zu schützen? Versuchen Sie nicht, mir das zu verweigern, ich lasse es mir nicht nehmen. Ich erzwinge es mir nötigenfalls von Ihnen!« Das klang alles so herb und drohend, wie mühsam zurückgehaltener Groll, und doch redeten die Augen des Mannes eine ganz andere Sprache, eine Sprache, die Paula verstehen gelernt hatte in jener Stunde am See. »Ich kann aber nicht!« rief sie außer sich. »Beschämen Sie mich doch nicht so tief! Sie müssen es doch fühlen, daß ich das nicht aus Ihrer Hand nehmen kann und darf.« »Wenn ich Sie nun aber bitte!« Es klang zum erstenmal etwas wie Weichheit auf in seiner Stimme. »Oder fürchten Sie vielleicht mein Kommen? Ich werde das Rosnersche Haus nie betreten, ich komme überhaupt nicht wieder nach Deutschland, mein Wort darauf! Denken Sie, ich werde betteln um eine Liebe, die mir einmal versagt worden ist? Da kennen Sie mich nicht!« Er stand in der Mitte des Zimmers, gerade unter der Hängelampe, die jede Linie seiner Gestalt, jeden Zug seines Gesichtes scharf und voll beleuchtete. Paula stand seitwärts im Schatten, sie kämpfte längst schon mit sich selber. Ein Wort, ein Geständnis konnte alles ändern, aber es wollte nicht über ihre Lippen, und seine letzten Worte nahmen ihr vollends den Mut dazu. Er würde ihr nicht glauben, sie kannte ja jetzt sein finsteres Mißtrauen, und das Nein, das sie einmal gesprochen hatte, stand wie eine drohende Schranke zwischen ihnen. Draußen war es längst dunkel geworden. Eine finstere Nacht brach herein mit schwer bewölktem Himmel, der mit Regen drohte. Man sah kaum einige Schritte weit, und jetzt erhob sich auch der Wind, und ein kalter Luftzug wehte herein durch die offene Thür, welche nach der Terrasse führte. Unwillkürlich blickte Paula dorthin und zuckte plötzlich zusammen. Die Lampe warf einen breiten Lichtstreif auf die Terrasse, der weiterhin in ungewisse Dämmerung verschwamm, und dort hinten regte sich etwas, schattenhaft und undeutlich, die Umrisse einer menschlichen Gestalt, die eben wieder zurücktauchte in die Dunkelheit. Aber jetzt erhob sich langsam etwas anderes aus diesem Dunkel, matt aufblinkend, als es in jenen Lichtkreis kam, und richtete sich auf den Schloßherrn, der der Thür den Rücken kehrte – der Lauf einer Büchse! Ein Augenblick und das junge Mädchen hatte alles begriffen. Es war zu spät zu einem Ruf, einer Warnung, der todbringende Lauf lag schußbereit, der nächste Atemzug entschied. Hier konnte nur eins retten! Das fuhr mit der Schnelligkeit des Blitzes durch Paulas Seele, und in der nächsten Sekunde hatte sie dies eine bereits gethan. Sie stürzte auf Ulrich Berneck zu, warf sich an seine Brust und, beide Arme um seinen Hals schlingend, riß sie ihn mit der Kraft der Todesangst seitwärts. Fast in demselben Augenblick krachte der Schuß! Pfeifend flog die Kugel durch das Gemach, dicht an den Häuptern der beiden vorüber, und schlug, da sie freie Bahn fand, in die gegenüberliegende Wand. Draußen klang es wie ein halbunterdrückter Fluch, dann ein schwerer Fall oder Sprung von der Terrasse, das Krachen und Brechen der Gesträuche, durch die ein Fliehender sich den Weg bahnte – dann tiefe Stille. Ulrich und Paula sahen und hörten freilich nichts mehr nach dem Schusse. Sie lag noch bleich und bebend an seiner Brust und flüsterte jetzt erst mit versagender Stimme: »Zarzo! Er war es – ich habe ihn gesehen!« Berneck achtete kaum darauf. Was kümmerte ihn Zarzo und sein Mordplan in diesem Augenblick, es war etwas anderes, was ihm den Atem stocken ließ, als er halblaut sagte: »Paula – allmächtiger Gott! Das hätte Sie treffen können!« »Was that das – Sie waren doch gerettet!« brach das junge Mädchen aus. Es lag ein stürmisch aufwogendes Glück in diesem Ausruf, der alles verriet, selbst wenn die That noch nicht gesprochen hätte. »Paula, hast du dich geängstigt um mich?« fragte er leidenschaftlich. Sie antwortete nicht, sie hob nur die Augen zu ihm empor, aus denen jetzt ein heißer Thränenstrom stürzte, und barg das Köpfchen dann wieder an seiner Brust, und er brauchte auch keine andere Antwort. Da wurde die Thür aufgerissen, und Ullmann, der den Schuß gehört hatte, stürzte herein. »Herr Ulrich – barmherziger Gott!« schrie er, verstummte aber jäh beim Anblick der Gruppe und stand da, als sei er in eine Salzsäule verwandelt. »Ja, Alter, das galt mir!« sagte Berneck, indem er sich emporrichtete, ohne Paula aus den Armen zu lassen. »Gib dich zufrieden, es ist ja nichts geschehen. Wir sind beide unversehrt!« Der alte Diener war fast ebenso erschrocken über das, was er vor Augen sah, als über den Mordanfall, den er bei dem Schuß sofort geahnt hatte. Als ihm die Besinnung zurückkam, eilte er zunächst nach der Terrasse und schloß die Außenthür, die feste Laden hatte, aber er zitterte noch an allen Gliedern. »Ich habe es ja gewußt!« rief er. »Das war der Zarzo und kein anderer!« »Jawohl, da sitzt seine Kugel!« sagte Ulrich, indem er nach der Wand blickte, wo die Tapete durchgeschlagen und der Kalk abgebröckelt war. »Er schießt gut, und ich war verloren ohne den Schutzengel, der neben mir stand. Schau ihn dir nur an, Ullmann, der hat mich gerettet!« Er ließ jetzt erst das junge Mädchen aus den Armen, und nun erschien auch Frau Almers, die allerdings nicht ahnte, was geschehen war, aber sie kam doch in voller Unruhe. »Was ist denn vorgefallen?« fragte sie. »Das war ja ein Schuß, in unmittelbarer Nähe des Schlosses! Hast du es auch gehört, Ulrich? Es hat doch kein Unglück gegeben?« »Nein, aber es sollte eins geben,« versetzte Ulrich. »Erschrick nicht, Tante, erfahren mußt du es ja doch! Es war ein Racheakt, der mir galt. Ich habe kürzlich einen meiner Förster fortgejagt, und dafür wollte er mich nun niederschießen. Man macht hier zu Lande nicht viel Umstände, wenn man eine Büchse führt.« »Um Gottes willen!« rief die alte Dame in vollstem Entsetzen und sank mehr in einen Sessel, als sie sich niederließ, aber schon in der nächsten Minute gewann ihre energische Natur wieder die Oberhand. »Und da stehst du so gelassen da und läßt den Mordbuben entkommen? So laß ihm doch nachsetzen, rufe die Leute zusammen! Er kann ja nicht weit sein.« »Der ist längst in Sicherheit,« erklärte Berneck mit einer Ruhe, die seiner Tante unbegreiflich erschien. »Er kennt hier alle Schleichwege, und meine Leute holen ihn gewiß nicht ein, sie helfen ihm höchstens bei der Flucht. Denen wäre es schon recht gewesen, wenn er getroffen hätte.« »Das sind ja furchtbare Zustände in deinem Restovicz!« rief Frau Ulmers halb angstvoll und halb empört. »Ulrich, wie kannst du das nur ertragen! Wie kannst du nur daran denken, allein zu bleiben unter solchen Menschen!« Ulrich lächelte, und der herbe Zug in seinem Antlitz verschwand unter diesem Lächeln. »Ich bleibe ja nicht mehr allein!« sagte er. »Ich habe ja jetzt mein Glück zur Seite. Das stand vorhin neben mir, als die Kugel uns beinahe streifte, und dem will ich auch ferner vertrauen. Paula, du weißt es ja nun, welche Gefahren Restovicz birgt. Es war nicht die erste, die mir drohte, und wird auch nicht die letzte sein. Hast du trotz alledem den Mut, hier mit mir zu leben, oder hast du Furcht davor?« Es lag doch noch eine verhaltene Angst in der Frage, aber die Antwort klang wie in ausbrechendem Jubel. »Ich fürchte nichts, gar nichts, Ulrich, wenn ich bei dir bin! Ich bleibe bei dir im Leben und Tod!« Da ging ein Aufleuchten über die Züge des Mannes, das sie lange, lange nicht gekannt hatten. Er nahm »sein Glück« in die Arme und schloß es so fest an die Brust, als wolle er es nie wieder von sich lassen. Die alte Dame bot jetzt einen ähnlichen Anblick wie Ullmann vorhin, sie saß wie erstarrt da. Was sie vor sich sah und hörte, das war ja ihr Wunsch und Wille, und sie begriff es auch, daß Ulrich nun endlich selbst gesprochen hatte, aber was er und Paula, von der sie doch höchstens Gehorsam erwartete, da verrieten, das hatte sie nicht geahnt, als sie ihren klugen Plan entwarf, das ging weit über ihr Programm hinaus. Berneck führte seine junge Braut zu ihr, und jetzt wurde seine Stimme wieder tiefernst. »Du weißt es ja noch gar nicht, Tante, was eigentlich geschehen ist. Ihr allein dankst du mein Leben, ohne sie läge ich jetzt sterbend dort am Boden. Zarzo fehlte nie, und er hätte auch mich getroffen, aber Paula sah ihn, in dem Augenblick, wo er anlegte. Warnen konnte sie mich nicht mehr, da warf sie sich an meine Brust und riß mich aus der Gefahr. Nur einen Schritt weniger, und die Kugel hätte sie getroffen, sie deckte mich ja mit ihrem eigenen Leibe!« Die sonst so kalte, stolze Frau war bleich geworden bei diesem Bericht. Das brach endlich das Eis. Ihr Neffe war das einzige, was sie überhaupt liebte in der Welt, das einzige, dessen Verlust sie nie verwunden hätte. Sie streckte dem jungen Mädchen beide Arme entgegen. »Paula, mein Kind – du hast mir meinen Ulrich erhalten? Komm zu mir! Ich muß dir doch danken dafür!« Paula wußte nicht, wie ihr geschah, sie fühlte ein paar Thränen auf ihrer Stirn, einen warmen Kuß, und es war die Umarmung einer Mutter, die ihr jetzt zu teil wurde. »Nun, Ullmann, jetzt darfst du auch kommen und uns Glück wünschen,« sagte Berneck, indem er sich zu seinem alten Getreuen wandte, der noch immer an der Thür stand und sich mühte, das Unerhörte zu begreifen. »Deine allerhöchste Sanktion zu unserer Verlobung werden wir wohl erhalten, du hast ja von jeher geschwärmt für deine künftige Herrin, und wirst dich geduldig unter ihrem Scepter beugen. Ich gedenke dir darin mit gutem Beispiel voranzugehen.« Ullmann kam heran und faßte mit beiden Händen die dargebotene Rechte, aber er blickte fast erschrocken zu seinem Herrn auf, aus dessen Munde zum erstenmal seit Jahren wieder ein Scherz kam. »Herr Ulrich!« rief er endlich mit ausbrechender Freude. »Ich gratuliere ja tausendmal! Herr Ulrich, ich glaube, die alten Zeiten kommen wieder zurück bei uns!« Berneck lächelte. »Ich glaube es auch, Alter! Du hattest ganz recht mit dem ›Sonnenschein‹ Ich habe ihn auch gespürt, und den behalten wir ja jetzt in Restovicz. Und nun sollst du auch wieder deutsche Gesichter sehen im Hause, hast dich ja oft genug danach gesehnt!« »Das weiß der Himmel!« sagte Ullmann mit einem Stoßseufzer. »Wir sind ja selbst fast wie die Wilden geworden hier unter dem Volk! Herr Ulrich, Sie wollten wirklich –« »Natürlich will ich! Denkst du, ich werde die junge gnädige Frau nur mit Slowenen umgeben, die uns eben erst eine solche Probe ihrer Liebenswürdigkeit gegeben haben? Die ganze Schloßdienerschaft wird deutsch, und das andere wird sich später finden. Du kannst einstweilen den Majordomus von Restovicz spielen und die Gesellschaft in Ordnung halten.« »Gott sei Dank!« Der alte Diener faltete förmlich andächtig die Hände bei dieser Ankündigung. Die künftige »junge gnädige Frau« wirkte ja schon Wunder, noch ehe sie das Regiment hier angetreten hatte! Aber auch Frau Almers blickte mit unverhehltem Erstaunen auf ihren Neffen, der Ton und Blick erinnerten so ganz an den Ulrich Berneck von einst, und auch in ihrem Innern klang ein unausgesprochenes: Gott sei Dank! – Es war am Morgen des nächsten Tages. In der Nacht war ein schwerer Regenschauer niedergegangen, aber jetzt lagen Restovicz und seine Umgebung im hellen Frühlichte. In dem Terrassenzimmer stand der Schloßherr mit seiner jungen Braut, er hatte den Arm um sie gelegt, und sie schmiegte sich, noch halb scheu ob der ungewohnten Vertraulichkeit, an ihn, die rosige Jugend mit ihrer sonnigen Heiterkeit an den ernsten, düsteren Mann, von dem freilich jetzt die Düsterheit gewichen war. Eine Kugel hatte ihm damals vor Jahren die ganze hoffnungsreiche Zukunft vernichtet – und eine Kugel hatte ihm jetzt sein Glück in die Arme geworfen. Nun hielt er es fest! »Du meinst, Zarzo wäre nicht mehr zu erreichen?« fragte Paula, während sie noch mit einem leisen Schauer nach der Stelle blickte, wo der Tod gestern an ihnen vorübergeflogen war, so nahe, daß sein Hauch sie fast berührte. »Wenn er sich nur nicht irgendwo in der Nähe verborgen hält und es noch einmal –« »Der kommt nicht mehr zurück!« unterbrach sie Ulrich mit voller Bestimmtheit. »Ich kenne den feigen Burschen. Er wagt so etwas nur einmal, und auch nur dann, wenn er sich sicher glaubt vor der Entdeckung. Er weiß, daß er erkannt worden ist und verloren ist, wenn er in der Nähe bleibt, da sucht er sein Heil nur in schleuniger Flucht. Der geht so weit als möglich, Restovicz ist sicher vor ihm!« »Und ich nahm damals noch seine Partei,« sagte das junge Mädchen gepreßt, »Du freilich kanntest ihn besser.« »Jawohl, ich ahnte so etwas, als ich ihn entließ, aber ich werde den Buben doch nicht behalten, aus Furcht vor seiner Rache? Er hat auch einmal ›Edelwild‹ gejagt, aber er war glücklicher als ich. Er fehlte – ich traf!« Paula blickte bittend zu ihm auf. »Ulrich, wirst du das denn nun endlich überwinden?« »Wenn du bei mir bleibst, ja!« sagte er mit einem tiefen Atemzuge. »Ich bin immer so allein gewesen mit der furchtbaren Erinnerung und mein armer Hans würde mir nicht zürnen, wenn ich sie nun endlich begrabe. Ich will es ja lernen, wieder Mut zum Leben zu haben und Freude am Leben – ich habe ja dich!« Aus der Tiefe, wo der blaue Morgenduft noch alles dicht umschleierte, stieg jetzt ein Ton herauf, leise und geheimnisvoll, wie ein Gruß aus weiter Ferne. Die Glocke der Marienkapelle klang über den See hin, und der Klang, halb verweht im Morgenwinde, fand doch den Weg empor zu den alten grauen Mauern von Restovicz, die jetzt im goldenen Frühlicht standen. Es war so düster gewesen da drinnen, jahrelang, jetzt war es hell geworden!