John Habberton Anderer Leute Kinder Humoreske Anderer Leute Kinder. Ein wahrheitsgetreuer Bericht über die Behandlung, deren sich Helenens Kinderchen von Seiten einer Dame erfreuten, welche ganz genau wußte, wie anderer Leute Kinder erzogen werden müssen. Gleichzeitig ein sehr gewissenhaft geführtes Tagebuch über die Erfolge ihrer Erziehungsmethode von dem Verfasser von Helenens Kinderchen. Widmung. Die Eltern der artigsten Kinder der Welt, welchen »Helenens Kinderchen« gewidmet waren, kamen der Anstandspflicht, Exemplare genannten Werkes käuflich zu erwerben, in solchem Umfange nach, daß der Verfasser, durch die gewöhnlichste Form der Selbstsucht angetrieben, sich veranlaßt sah, einen noch größeren Interessentenkreis ausfindig zu machen, dem er das vorliegende Büchlein widmen könnte. Er widmet es also: »Allen ohne Ausnahme, die da wissen, wie anderer Leute Kinder erzogen werden müssen«, indem er sich mit der frohen Hoffnung schmeichelt, daß, wenn seine Artigkeit in der üblichen Weise anerkannt wird, alle Männer, Frauen und Kinder der Vereinigten Staaten ein Exemplar desselben kaufen werden. Vorwort des Verfassers zur Verteidigung und Erläuterung Wenn ein Schriftsteller im Laufe der Ereignisse sich genötigt sieht, dem Urteile des Publikums während eines einzigen Jahres fünf neue Werke zu unterbreiten, so gebietet schon die Achtung vor litterarischer Sitte, daß er die Umstände, welche ihn dazu nötigten, bekannt macht. Der Verfasser von »Helenens Kinderchen« könnte diese Pflicht dadurch umgehen, daß er zugiebt – und er ist gern willens, dies zu thun – daß seine Werke nicht zur Litteratur im landläufigen Sinne dieses Wortes gehören. Aber schon aus dem egoistischen Grunde, seine eigenen Besorgnisse zu beschwichtigen, möchte er doch sagen, daß die Bücher, welche er seit »Helenens Kinderchen« veröffentlicht hat, mit Ausnahme des vorliegenden Werkes schon teilweise oder gänzlich vollendet waren, ehe noch die Geschichte von Willi und Toddi in weiteren Kreisen bekannt wurde. Ein Gefühl, welches der Verfasser für Bescheidenheit hielt, und ebenso sein Wunsch, daß so eilig zusammengeschriebene Skizzen nicht etwa als Maßstab zur Beurteilung seines Talentes, welches er erst später freier zu entfalten gedachte, genommen werden möchten, veranlasse ihn, darauf zu bestehen, daß die fraglichen Werke anonym erschienen. Er ging dabei von der Annahme aus, daß diese Werke, wie es solchen Erzählungen gewöhnlich geht, bald der Vergessenheit anheimfallen würden, ohne irgend welche Teilnahme für den Verfasser zu erwecken. Das Werk: The Scripture Club of Valley Rest sollte bereits vor einigen Monaten anonym erscheinen, aber die beschleunigte Herstellung anderer Werke verzögerte die Vollendung des Buches bis vor kurzem, so daß es nur einen Monat früher erschien als das vorliegende Büchlein. Der Verfasser kann jedoch »Anderer Leute Kinder« ohne Gewissensbisse schon jetzt erscheinen lassen, obgleich er das Erscheinen des Werkes gern noch etwas hinausgezögert hätte, weil die bereits erfolgte Veröffentlichung desselben in einer Zeitschrift eine lebhafte Nachfrage nach dem ganzen Werke zur Folge gehabt hat, für welche das Publikum allein verantwortlich ist. Der Verfasser erklärt hiermit feierlichst, daß er jetzt weiter keine Manuscripte hat, womit er die Verleger oder das Publikum behelligen könnte, und daß, wenn seine künftigen litterarischen Versuche nicht besser ausfallen sollten, als die bisherigen, die Schuld keineswegs in übereilter Arbeit zu suchen sein wird; denn er wird jedem künftig erscheinenden Werke ein größeres Quantum Sorgfalt widmen, als es allen bisher erschienenen zusammen zu teil geworden ist. Da die Hauptpersonen in »Anderer Leute Kinder« dieselben sind wie in »Helenens Kinderchen«, und da diesbezügliche Anfragen, welche schon seit einem Jahre immer wieder an ihn gerichtet sind, jetzt wieder in größerer Anzahl zu kommen drohen, so erlaubt sich der Verfasser, seinen Lesern die Versicherung zu geben, daß in keinem der beiden Werke seine persönlichen Erlebnisse geschildert sind, und er giebt der Hoffnung Ausdruck, daß man sich bei dieser Mitteilung beruhigen möge. »Helenens Kinderchen« entstanden aus einem Versuch des Verfassers, über das Thun und Treiben zweier ihm nahe verwandter Knaben nur für einen einzigen Tag gewissenhaft Protokoll zu führen, der übrige Teil des Werkes ist das Produkt dichterischer Phantasie. Wäre der Verfasser so schlau gewesen, die Namen der Kinder zu ändern, so würde keiner seiner Bekannten das Werk für die Familiengeschichte des Verfassers gehalten haben, denn noch heute behaupten mehr als hundert ihm befreundete würdige Ehepaare, daß in Willi und Toddi ihre eigenen Kinder gezeichnet sind, daß aber weder der Verfasser noch sonst irgend jemand den Talenten ihrer Sprößlinge auch nur annähernd gerecht zu werden vermöge. Was die Erwachsenen anbetrifft, so kann der Verfasser sich kaum noch an die Zeit seiner Junggesellenjahre erinnern; er weiß aber ganz bestimmt, daß er niemals Manufakturwaren verkaufte, und niemals in der glücklichen Lage war, eine zehntägige Ferienzeit in Gesellschaft zweier munterer Knaben zu verleben. Den jüngeren Leuten, welche angefragt haben, ob Fräulein Mayton in der That schon über ihre Hand verfügt hat, kann der Verfasser nur mitteilen, daß dieselbe nur eine Schöpfung seiner Phantasie ist und daß ihre Hand somit wohl für immer frei bleiben wird. New York, den 25. Juni 1877. Der Verfasser von »Helenens Kinderchen«. Erstes Kapitel Der Verfasser eines gewissen, vielgeschmähten Buches saß eines Morgens mit seiner Frau beim Frühstück, und die Unterhaltung drehte sich, wie es schon häufig der Fall gewesen war, bald um ein Knabenpaar, welches Freunden lustiger Geschichten vielen Spaß, ihrem Onkel aber argen Verdruß gemacht hatte. Dank jener weiblichen Großmut, die wie ein Gewand die Fehler glücklich verheirateter Ehemänner bedeckt, war Frau Burton so stolz auf ihren Gemahl, daß sie sogar sein mangelhaftes Buch bewunderte. Sie hatte bereits glänzende Versuche unternommen, dasselbe selbst da in Schutz zu nehmen, wo offenbare Mängel zu Tage traten; nur die in dem Werke sich offenbarende Unwissenheit in allen Kindererziehung betreffenden Fragen hatte ihr kritisches Gefühl häufig verletzt. An besagtem Morgen äußerte sich dieses kritische Gefühl ungewöhnlich lebhaft. Möglicherweise deshalb, weil sie die Woche hindurch von den Alltagssorgen des Lebens ausnahmsweise verschont geblieben war, möglicherweise auch, weil der Mürbebraten nicht gar war und seinen Namen Lügen strafte. Leider hatte der Verfasser keine Zeit, diese Frage auf philosophischem Wege zu entscheiden, denn er war genötigt, seine ganze Aufmerksamkeit der Kunst der Selbstverteidigung zu widmen. Wie ein kluger Feldherr, der die Ueberlegenheit der feindlichen Streitkräfte erkannt hat, versuchte er es mit ablenkenden Kriegslisten, aber alle diese Versuche wurden sofort in ihrer Schwäche erkannt und mit gebührender Verachtung bestraft. »Wenn ich bedenke, Harry«, sagte Frau Burton, »wie wenig du dich eigentlich um Willi und Toddi gekümmert hast, obgleich du sie mit all der Zärtlichkeit eines Blutsverwandten zu lieben vorgiebst, so muß ich mich doch fragen, ob nicht gewisse Leute sich einbilden, daß Kinder, gleich Waldbäumen, ohne Pflege und Zucht heranwachsen können.« »Ich verwendete den größten Teil meiner Zeit«, sagte Herr Burton, indem er sich mit größerer Eile über seine Bratenschnitte hermachte, als es bei seinen bequemen Geschäftsstunden nötig gewesen wäre – »ich verwendete den größten Teil meiner Zeit darauf, ihrer Eltern Hab und Gut und sie selbst vor dem Untergange zu bewahren. Wann hatte ich Gelegenheit, noch mehr zu thun?« Ein ungekünsteltes, aber nichts desto weniger herausforderndes Lächeln bewußter Überlegenheit huschte über Frau Burtons ernste Züge, als sie entgegnete: »Diese Gelegenheit hattest du beständig. Du vertrödeltest deine Zeit mit deinen Bemühungen, wieder gut zu machen, was jugendlicher Unverstand gesündigt hatte, während du die lieben Kinder so hättest anleiten sollen, daß ihre Energie sich nicht in unheilvoller Weise bethätigen konnte. Ein Lot Vorbeugung ist besser als ein ganzes Pfund Heilungsversuche.« Herr Burton, von jeher ein geschworner Feind aller Sprichwörter, wußte nicht, von wem das Schlußcitat seiner Frau eigentlich stammte, machte aber im stillen den weisen Salomon zum schwerbeladenen Sündenbock und dachte an Dinge, welche orthodoxe Ohren beileibe nicht hören dürfen. Seine Frau aber fuhr fort: »Du hättest ihnen klar machen sollen, wie schön und notwendig Ruhe, Ordnung, Reinlichkeit und Bescheidenheit sind. Kannst du daran zweifeln, daß ihre kleinen, unverdorbenen Herzen alles willig in sich aufgenommen und danach gehandelt haben würden?« »Glaubst du denn, liebe Frau«, antwortete Herr Burton, »daß ihnen niemals zu Gemüte geführt wurde, wie herrlich alle diese Tugenden sind? Hast du nie das einfache aber wahre Sprichwort gehört: »Man kann ein Pferd zum Wasser bringen, doch kann man's nicht zum Trinken zwingen.« Frau Burton ließ sich jedoch durch dieses Sprichwort durchaus nicht irre machen, sondern suchte ihrem Gemahl in anderer Weise beizukommen. »Du hättest wenigstens versuchen sollen, ihnen die innere Bedeutung der Dinge klar zu machen«, sagte sie, »dann würden sie alles um sich her mit größerem Verständnis betrachtet haben«. Herr Burton blickte mit nahezu ehrfurchtsvoller Bewunderung auf seine Frau, dieses reine, edle Geschöpf, deren feinfühlige Natur mit unfehlbarer Sicherheit die wahren Triebfedern alles Handelns erkannte, und mit geziemender Demut bemerkte er: »Willst du mir, bitte, sagen, wie du den Kindern die innere Bedeutung des Begriffes Schmutz so erklärt haben würdest, daß sie über eine staubige Landstraße gehen konnten, ohne sich in dichte Staubwolken einzuhüllen?« »Scherze doch nicht in ernsten Dingen, Harry«, sagte Frau Burton, nach einer kurzen Verlegenheitspause. »Du weißt, daß das Gewissen und ästhetisches Gefühl alle Menschen, welche sich ihrem Einfluß unterwerfen, zu besseren Sitten erziehen, und du weißt auch, daß die reinsten Naturen dafür am empfänglichsten sind. Wenn sogar Männer und Frauen, deren Vorleben infolge falscher Erziehung eine einzige Kette von Verirrungen war, unter richtiger Leitung wieder zu gesitteten und einsichtsvollen Menschen werden, welche Erfolge kann man da nicht mit Kindern erzielen, von welchen es heißt: Das Himmelreich ist ihrer?« Bei den letzten Worten seiner Gemahlin hatte Herr Burton unwillkürlich das Haupt gesenkt; aber er erhob es sogleich wieder, als die Dame, angeregt durch die eben von ihr citierte Bibelstelle, in ihren religiösen Ermahnungen fortfuhr: »Und dann. Wie konntest du nur dulden, daß die Kinder so unschickliche Gespräche über heilige Dinge führten?« »Dafür, liebes Kind«, verteidigte sich ihr Gemahl, »mußt du in erster Linie ihre Eltern verantwortlich machen. Ich habe mit den Gewohnheiten der Kinder nichts zu thun, und speziell ihre drollige Manier, über das, was du heilige Dinge nennst, zu sprechen, ist ihnen von ihren Eltern anerzogen. Tom Lawrence vertritt die Ansicht, daß nicht alle in der Bibel erwähnten Personen schon an und für sich ein Patent auf Heiligkeit haben, und Helene stimmt ihm darin bei.« Frau Burton hüstelte. Es ist erstaunlich, wie ausdrucksvoll ein bloßes Hüsteln unter Umständen sein kann. Jedenfalls bereitete der leichte Kehlkopfreiz, welchen Frau Burton simulierte, ihren Gemahl genügend auf das Kommende vor: »Mir scheint«, sagte Frau Burton langsam, als ob sie laut überlegte, »daß Kinder recht viel häßliche Eigenschaften von ihren Eltern erben, die den armen kleinen Dingern dann selbst zur Last gelegt werden. Ich kann mit der Ansicht Toms und Helenens nicht im geringsten sympathisieren, denn sowohl in der Mayton'schen Familie als auch in der meiner Mutter wurden religiöse Dinge stets mit besonderer Ehrfurcht behandelt. Ich weiß sehr wohl, daß du recht hast, wenn du den Eltern und nicht den Kindern die Schuld beimißt, aber ich kann nicht verstehen, wie Tom und Helene ihre Kinder zu solchen Gewohnheiten erziehen können. Auch verstehe ich nicht, wie sie das aneinander dulden können; aber eine Familie ist nicht wie die andere.« Frau Burton hatte ihre Serviette ergriffen und wischte bei den letzten Worten einige Krümchen von ihrem Kleide. O, dieses bevorzugte Geschöpf! Es war in der That Zeit, daß etwas menschliche Schwachheit bei ihr zum Vorschein kam, um ihren Gemahl zu überzeugen, daß sie nicht ganz und gar zu gut für diese Welt sei. Glücklicherweise war ihre Anspielung auf ihre bessere Herkunft, diese Lieblingsidee jeder Frau, (Eva ausgenommen) überzeugend genug. Ihr Gatte ließ sich den Hieb ruhig gefallen, was gute Ehemänner in ähnlichen Fällen immer zu thun pflegen. Er überreichte ihr nur seine Kaffeetasse etwas hastig mit der Bitte um mehr Zucker und fragte in leicht erregtem Ton: »Bist du fertig, mein Schatz?« Frau Burton, welche die Sachlage sofort begriff, erhob sich von ihrem Stuhl, versöhnte ihren Gemahl mit einem Kuß und sagte dann: »Nur eins möchte ich noch sagen, lieber Herzensmann, und ich glaube, daß ich es eigentlich nur wiederhole. Eltern verfallen oft in denselben Fehler, wie zärtliche Onkel: sie beaufsichtigen die Kinder nur, anstatt sie zu erziehen. Kinder sollten schon in ihrer frühesten Jugend von älteren, vernünftigen Leuten so erzogen werden, daß ihr Charakter gebildet wird und nicht zufälligen Einflüssen überlassen bleibt.« »Und nichts ist natürlich nach deiner Ansicht leichter als das. Meinst du, daß sogar ein verliebter Onkel während einer kurzen Ferienzeit in diesem Sinne wirken kann.« »Gewiß! Werden doch selbst wilde Tiere oft durch den ersten Blick eines überlegenen Geistes gezähmt.« »Aber wenn nun die erziehungsbedürftigen kleinen Wesen ihre eigenen Ansichten und Wünsche haben?« »So muß man sie in vernünftiger Weise davon abbringen.« »Und wenn sie eigensinnig darauf bestehen?« »Das bleibt sich gleich«, sagte Frau Burton, welche plötzlich einige Zoll zu wachsen schien. »Glaubst du wirklich, daß du sie dahin bringen könntest, dir zu gehorchen?« fragte Herr Burton mit so ehrfurchtsvoller Miene, als erwarte er die Antwort einer unfehlbaren Autorität. »Gewiß!« antwortete die Dame. »Bei Gott!« rief ihr Gemahl. »Das stimmt auffallend! Ganz derselbe feste Entschluß beseelte mich, als ich mich damals der Aufgabe unterzog, die beiden Jungen zu beaufsichtigen.« »Und doch schlug es dir fehl«, sagte Frau Burton. »O, ich wollte, ich wäre an deiner Stelle gewesen!« »Das wollte ich auch, liebes Kind«, sagte Herr Burton, »oder vielmehr, ich würde diesen Wunsch äußern, wenn mir nicht zur rechten Zeit einfiele, daß von all den wunderbaren Ereignissen, die ein Paar aus uns gemacht haben, nichts passiert sein würde, wenn du anstatt meiner die Kinder beaufsichtigt hättest.« Die Dame antwortete mit anmutigem Lächeln: »O, ich finde wohl noch Gelegenheit, meine Ueberlegenheit in pädagogischen Fragen zu beweisen; ich habe in der That bereits bestimmte Verabredungen gerade zu diesem speziellen Zweck getroffen und die Kinder zu uns eingeladen, du solltest es eigentlich noch nicht wissen, aber leider habe ich noch nicht gelernt, etwas vor dir geheim zu halten. Ich bin überzeugt, daß Helene und Tom und du bald zu der Einsicht kommen werdet, daß ich recht habe«. »Ich hoffe, du wirst dein Erziehungstalent erproben, wenn ich meine Frühjahrstour mache und die Kunden besuche«, sagte Herr Burton ängstlich. »Oder« fuhr er fort, »wenn das nicht der Fall ist, so weiß ich, hast du mich lieb genug, um mich vorher zu warnen, damit ich mich rechtzeitig aus dem Staube machen kann. Wann werden die Kinder hierherkommen?« Frau Burton antwortete mit einem Blick, den ihr Gemahl vergeblich zu enträtseln suchte. In dieser Verlegenheit kam ihm plötzlich Hilfe von einer Seite, von welcher er sie am wenigsten erwartet hätte. Die Thürglocke wurde anhaltend und heftig in Bewegung gesetzt, und gleichzeitig ertönten dröhnende, offenbar mit einem Backstein ausgeführte Stöße gegen die Hinterthür. Dann folgte ein heftiges Zuschlagen von Thüren, ein Getrampel im Hausflur wie von zahlreichen Kriegsrossen, dann jauchzte eine helle Kinderstimme: »Ich kam zuerst herein!« und eine lautere, tiefere ließ sich hören: »Ich aber auch!« Und dann, als Herr und Frau Burton bestürzt und erwartungsvoll von ihren Stühlen aufgesprungen waren, wurde die Thür des Eßzimmers aufgestoßen und Willi und Toddi kamen herein geschossen wie von einer Wurfmaschine geschleudert. »Hallo!« rief Willi gleichsam zum Gruß, während Toddi sich den Umarmungen seiner Tante entwand und den Familien-Dachshund am Schwanz ergriff. »Was sagt ihr aber nu'? Wir haben ein kleines Kind gekriegt, und Toddi und ich sind hierhergekommen und sollen ein paar Tage bei euch bleiben; Papa hat uns geschickt. Euer Frühstück gefällt mir aber gar nicht«, schloß Willi nach einem kritischen Blick über den Speisetisch. »Und so groß is es man«, sagte Toddi, aus dessen Händen der Hund Terry seinen Schwanz befreit hatte, um sodann seine ganze werte Persönlichkeit zur Thür hinaus in Sicherheit zu bringen. »So groß is es man«, wiederholte Toddi, indem er seine quabbeligen Hände einige Zoll auseinanderhielt und jede Miene seines Gesichts zusammenzog, als ob er die außerordentliche Kleinheit des neuen Erben dadurch veranschaulichen wollte. Frau Burton küßte ihre Neffen und ihren Gatten mit ungewöhnlicher Herzlichkeit und erkundigte sich nach dem Geschlecht des neuen Erdenbürgers. »O, das ist gerade das Netteste dabei«, sagte Willi. »Es is ein Mädchen. Die vielen Jungens habe ich satt – Toddi is so schlimm wie ein ganzer Haufen Jungens, weißt du, wenn ich auf ihn aufpassen muß. Aber jetzt sind wir in Verlegenheit und wissen nicht, wie es heißen soll. Mama sagte uns, wir möchten mal das Schönste ausdenken, was es auf der Welt giebt, un' da dachte ich gleich an Plumpudding und Toddi dachte an Apfeltorte. Aber Papa sagte, das wären keine Namen für ein kleines Mädchen. Und ich sehe doch nicht ein, weshalb die nicht ebensogut sind wie Rosen und Veilchen und all die anderen Dinge, wo die kleinen Mädchen nach genannt werden«. Während Willi diese Neuigkeiten auskramte, hatte Toddi beständig: »Ich – ich – ich – ich« gerufen, wie ein kluger Parlamentsredner, der sich beim Präsidenten zum Worte melden will. In seiner Aufregung merkte er einige Sekunden lang gar nicht, daß sein Bruder bereits ausgeredet hatte, aber endlich rief er eifrig: »Un' ich – ich – ich schenke ihr meine Schildkröte und zeige ihr Sandtorten zu backen mit Rosinen drin.« »Pah!« rief Willi mit unsagbarer Verachtung im Ton. »Mädchen mögen so was nicht leiden. Ich schenke ihr mein blaues Halstuch und fahre sie in meinem Ziegenwagen spazieren.« »Ich weiß noch was Schöneres«, rief Toddi, mit der Miene eines Mannes, der seinen Gegner übertrumpfen kann. »Ich schenke ihr Raupen, die haben so hübsche Pelzjacken an, so wunderschön grün und rot und braun, wie Damenkleider, die mag sie ganz gewiß gern leiden.« »O, wenn ihr wüßtet, was Toddi und ich haben beten müssen, um das Kind zu kriegen«, rief Willi. »Mir wird ganz schlecht, wenn ich nur dran denke. Ganze Tage und Wochen und Monate!« »Ach ja«, sagte Toddi. »Und Willi wollte manchmal aufhören, weil er dachte, der liebe Gott hätte keine Zeit, auf ihn zu hören. Aber da hab' ich ihm gesagt, daß der liebe Gott unser größter Papa is un' grad so, wie Papas sein müssen, un' unser Papa zu Haus is auch grad', wie Papas sein müssen – und der hört immer zuerst auf das, was kleine Jungens sagen, sagt Mama. Wenn ihr recht brav seid und immerzu betet, dann kriegt ihr vielleicht auch ein liebes, süßes, kleines Kind«. Das plötzliche Wiedererscheinen Terrys machte der Unterhaltung ein Ende, da beide Knaben sich nach ihm umwandten und sogleich eine lebhafte Jagd auf ihn eröffneten. Terry, der die Jungen schon kannte und wußte, daß er nichts Gutes von ihnen zu erwarten hatte, suchte und fand ein Versteck im nahen Walde, und die Jungens kamen bald atemlos zurück und setzten sich mißmutig auf das Brunnengehäuse. Frau Burton, welche auf ihres Gatten Schulter gelehnt am Fenster stand, beobachtete sie liebevollen Blicks. »Die armen lieben Kinder haben schon Heimweh«, sagte sie leise. »Jetzt ist für mich die Zeit gekommen, mein Erziehungswerk zu beginnen – Kinder!« Beide Knaben blickten zu dem Fenster auf. Frau Burton lehnte in malerischer, anmutiger Haltung über die Fensterbrüstung und bewundernd lauschte ihr Mann ihren Worten: »Kommt herein, Jungens! Wir wollen uns mal recht hübsch was von Mama erzählen.« »Mag nichts von Mama hören«, sagte Toddi, dessen Stimme etwas verdrießlich klang. »Will mit Terry spielen.« »Aber Mama und kleine Kinder sind doch viel netter als Hunde«, sagte Frau Burton eindringlich nach einem vernichtenden Blick auf ihren Gemahl, der über Toddis Bemerkung gekichert hatte. »Das mein' ich aber doch nich«, sagte Willi nachdenklich. »Mama und Schwesterchen können wir alle Tage sehen, aber Terry können wir nur manchmal sehen, und dann will er nie was mit uns zu thun haben.« »Mein Schatz«, sagte Herr Burton demütig, »wenn du auf meine Erfahrungen etwas giebst, möchte ich dir raten, die Jungen sich selbst zu überlassen, damit sie ihre Enttäuschung allein verwinden. Sie thun das in ihrer Weise, ganz ohne dich.« »Es giebt Erfahrungen«, antwortete Frau Burton mit kühler Würde, »welche nur dann etwas nützen, wenn man sich ihre Wertlosigkeit recht klar macht. Kinder sich selbst überlassen – das kann jeder. Hört mal, Kinder! Habt ihr schon einmal die Geschichte von Else Mai gehört?« »Ne«, brummte Willi in einem Ton, der jeden eingeschüchtert haben würde, der sich nicht als geborener Herrscher fühlte. »Also gut, hört mal zu! Else Mai war ein kleines, niedliches Mädchen; aber wenn nicht alles nach ihrem Wunsch ging, dann fing sie an zu schmollen. Eines Tags hatte sie eine schöne Zuckerstange und spielte Verstecken und Wiederfinden damit. Da passierte es ihr, daß sie die Zuckerstange so schön versteckte, daß sie dieselbe nicht wiederfinden konnte. Da setzte sie sich hin und schmollte. Aber plötzlich kam ein Regenschauer und schmolz die Zuckerstange, welche die ganze Zeit ganz in der Nähe, grad' um die Ecke, gelegen hatte.« »Is Terry grad' um die Ecke?« fragte Toddi und sprang plötzlich auf, während Willi mißmutig mit den Spitzen seiner Schuhe im Sande scharrte. »Hätte sie die Zuckerstange aufgegessen, als sie sie hatte«, sagte er, »dann hätte sie keinen Aerger davon gehabt.« Herr Burton eilte in das hintere Besuchszimmer, um ohne auffällige Respektswidrigkeit recht herzlich lachen zu können, Frau Burton aber fiel jetzt ein, daß es Zeit sei, der Köchin und dem Hausmädchen zum Frühstück zu klingeln. Als sie gleich darauf an das Fenster zurückkehrte, waren die Kinder verschwunden und mit ihnen ein großer Steinkrug, eins jener Familienerbstücke, welche Männern ein Greuel, Frauen aber weit teurer sind als ererbte Staatskleider oder Edelgestein. Nun war Frau Burton mit jener Einmacheleidenschaft behaftet, welche man selbst bei den besten und glänzendsten Vertreterinnen des schönen Geschlechtes antrifft, und der fragliche Krug war denselben Morgen erst sorgfältig gereinigt und in die Sonne gestellt, um sodann mit Himbeersaft gefüllt zu werden. »Harry«, fragte Frau Burton, »willst du nicht so gut sein und den Krug wieder herbeischaffen? Er muß jetzt trocken sein.« Herr Burton sah nach seiner Uhr und antwortete: »Ich habe kaum noch Zeit, den Schnellzug zu erwischen, aber die Jungen werden sich zur Essenszeit schon wieder einfinden; dann kannst du leicht erfahren, wo der Krug geblieben ist.« Herr Burton eilte vorn zur Hausthür hinaus, während seine Frau ebenso geschwind in entgegengesetzter Richtung verschwand. Die Jungen waren nirgends zu sehen und auch bei sorgfältigster Besichtigung der Gegend ringsumher war ihre Spur nicht aufzufinden. Frau Burton rief die Köchin und das Hausmädchen herbei, und die drei Frauen suchten nun das hinter dem Hause liegende kleine Gehölz nach den Kindern ab. Bald hörte Frau Burton bekannte Stimmen und als sie ihrem Klange nachging, stand sie plötzlich am Saume des Waldes und sah das Besitztum ihres Schwagers Tom Lawrence vor sich liegen. Als sie darauf zuschritt, hörte sie, daß die Stimmen aus der Lawrenceschen Scheune kamen, und kaum hatte sie die Thür derselben erreicht, als sie ihren schmerzlich vermißten Krug erblickte. Er stand mit grünen Tomaten gefüllt, mitten auf der Tenne, und die Jungen waren eben dabei, den Inhalt zweier Flaschen mit den Etiketten »Mexikanische Pferde-Salbe« und »Patent-Wagen-Schmiere« darüber auszuleeren. Als die Kinder ihre Tante erblickten, sagte Toddi mit zutraulichem Lächeln und mit Genugthuung über ihr gelungenes Werk: »Wir machen Pickles für dich, weil du uns so'ne schöne Geschichte erzählt hast. Sieh, gerade so macht Mama sie auch. Nur heiß machen konnten wir das nich, was in der Flasche is.« Frau Burton schien ihre Redefertigkeit auf einmal eingebüßt zu haben; sie machte sich, mit einem Neffen an jeder Hand, sofort auf den Heimweg. Die Gefühle aber, welche sie beseelten, kennzeichnete Willi durch den Schmerzensruf: »Au! Tante Alice, quetsche meine Hand doch nich' so!« »Jungens«, fragte Frau Burton, »wie konntet ihr ohne Erlaubnis meinen Krug fortnehmen?« »Was sagst du?« antwortete Willi. »Weißt du, weshalb wir ihn genommen haben?« »Allerdings!« »O, wir wollten dir eine Überraschung zurecht machen.« »Das ist euch vorzüglich gelungen«, sagte Frau Burton erbost. »Nu' mußt du uns aber auch Überraschungen schenken«, sagte Toddi. »Überraschungen sind schön; Papa schenkt uns oft welche. Manchmal ist es Zuckerwerk, aber die von Bananen sind doch die schönsten.« »Wie würde es euch gefallen, wenn ich euch den ganzen Tag in ein dunkles Zimmer sperrte, damit ihr über eure Missethat nachdenken könnt?« fragte Frau Burton. »Pfui«, sagte Willi, »das is gar keine Ueberraschung. Das können wir ja thun, wenn wir mal was Böses gethan haben, und Papa und Mama haben es rausgekriegt. Aber du hast ja ganz vergessen, deine Pickles mitzunehmen; ich meine, das ist nicht hübsch von dir, wie du es mit Geschenken und Überraschungen machst.« Frau Burton ließ sich auf Erklärungen weiter nicht ein und die Unterhaltung hörte damit auf. Als sie aber bei ihrer Hausthür anlangten, wandte sie sich um und sagte: »Nun, meine Lieblinge, könnt ihr im Hofe spielen, wo es euch gefällt, aber ihr dürft nicht wieder fortlaufen und auch nicht eher ins Haus kommen, bis ich euch um 12 Uhr rufe. Ich habe heute Morgen noch viel zu thun und ihr dürft mich nicht stören. So, jetzt zeigt einmal, daß ihr artige Jungens seid, wollt ihr?« »Ich will«, rief Toddi, indem er der Tante sein treuherziges kleines Gesicht zum Kusse hinhielt und sie zu sich niederzog, bis er beide Arme um sie schlingen und sie herzlich liebkosen konnte. Willi dagegen schien in Nachdenken versunken, aber das Geräusch der sich schließenden Hausthür weckte ihn aus seinen Träumen auf, er machte die Thür geschwind wieder auf und rief: »Tante Alice!« »Was denn?« »Komm mal her – ich möchte dich was fragen.« »Es schickt sich, daß du zu mir kommst, Willi, wenn du mich um etwas bitten willst«, rief Frau Burton aus dem Wohnzimmer zurück. »O, ich möchte man bloß eins wissen. Wie machte der liebe Gott die erste Hornis – die allererste, die überhaupt da war?« »Genau so, wie er alles andere schuf«, antwortete Frau Burton, »ganz einfach durch sein Wort«. »Hat denn Noah auch Hornisse mit in die Arche gerettet?« fragte Willi weiter. »Ich weiß nämlich gar nich', wie er es einrichtete, daß sie seine Jungens und Mädchen nich' stachen und nachher totgemacht wurden.« »Frage mich alle diese Sachen nach Tisch, lieber Willi«, antwortete Frau Burton. »Dann will ich dir nach bestem Wissen Auskunft geben. Jetzt gehe aber hin und spiele!« Die Thür schloß sich wieder und Frau Burton setzte sich etwas verwirrt, aber ihres Entschlusses eingedenk zum Klavierüben nieder. Sie hatte etwa 10 Minuten gespielt, als ein langgezogener Seufzer aus fremder Brust sie veranlaßte, sich geschwind umzudrehen. Sie erblickte ihren Neffen Willi. Ein scharfer Verweis schwebte bereits auf ihren Lippen, und doch kam der junge Mann ohne denselben davon. Frau Burton erklärte später, sie habe geschwiegen, weil Willi so unsagbar kummervoll aussah, daß sie nur annehmen konnte, sein Gewissen sei erwacht und er käme, um der Krug-Geschichte wegen um Entschuldigung zu bitten. »Tante Alice«, sagte Willi, »weißt du was? Ich halte nicht viel von eurem Garten. Da is keine einzige Schildkröte drin zu finden von einem Ende bis zum andern. Und 'ne hübscher Grasberg wo man runterrutschen kann, is da auch nich.« »Kannst du wohl begreifen, liebes Kind, daß wir Haus und Garten nach unserem Geschmack eingerichtet haben und nicht kleinen Jungens zu Liebe die uns hier besuchen?« »Aber Tante, das finde ich gar nich' hübsch von euch«, sagte Willi. »Papa sagt, wir müssen sorgen, daß wir anderen Leuten ebensoviel Freude machen wie uns selbst. Sieh, ich hatte eigentlich gar keine Lust, dir den Krug mit Pickles zu machen, aber Toddi sagte, das wäre was Schönes für dich. Da ging ich denn mit und that es; ich hätte aber viel lieber den Mann, der gerade vorbeifuhr, gefragt, ob ich nich 'n bischen mitfahren könnte. Sieh, so müßt ihr es mit eurem Garten auch machen?« »Du thust jetzt am besten, du gehst wieder hinaus«, sagte Frau Burton. »Ich hatte dir doch gesagt, du solltest nicht eher hereinkommen, als bis ich dich riefe.« »Ach ja! Aber ich suche meinen Kreisel. Ich hab' ihn ins Eßzimmer hingelegt, als ich kam, un' jetzt is er da weg. Ich möchte gern wissen, was du damit gemacht hast un' weshalb große Leute kleine Jungens ihre Sachen nich in Ruhe lassen können.« »Hör' mal, Willi«, sagte Frau Burton und drehte sich plötzlich auf dem Klaviersessel herum. Es scheint mir so, als ob ein recht unartiger kleiner Junge hier bei mir ist. Was meinst du wohl wenn ich nun etwas Gewisses verlöre –?« » Es war 'n Kreisel für dreißig Pfennig, es war nich' bloß so'n etwas,« antwortete Willi. »Wenn ich also einen Kreisel verlöre«, sagte Frau Burton, »was meinst du wohl, was ich thun würde, um ihn wiederzubekommen?« »Du würdest das Mädchen rufen, damit sie ihn wiederfindet«, antwortete Willi: »Und ich möchte, daß du das jetzt auch thust.« »Ich würde nichts dergleichen thun«, sagte Frau Burton. »Denke mal drüber nach, was ein verständiger Mensch in solchem Falle am besten thut.« Willi zog mißvergnügt mit der Fußspitze eine Figur des Teppichs nach und schien sich tief in Gedanken zu verlieren. Plötzlich erheiterte sich sein Gesicht; er blickte etwas scheu zur Tante auf und sagte mit wunderbar melodischer Stimme: »Jetzt weiß ich's.« »Ich dachte mir, daß du darauf kommen würdest«, sagte Frau Burton, ihn zur Belohnung küssend und umarmend. Willi jedoch riß sich ungestüm aus ihrer Umarmung los und eilte davon: »Ein Sieg bereits, worüber ich meinem gestrengen Eheherrn, dem thörichten alten Knaben berichten kann«, sagte Frau Burton leise, als sie sich wieder ans Klavier setzte. Aber ehe sie noch die unterbrochene Uebung wieder aufnehmen konnte kam Willi mit strahlendem Gesicht und dem wiedergefundenen Kreisel ins Zimmer gestürmt. »Ich sagte dir ja, daß ich wußte, wie du es machen würdest«, rief er. »Und da bin ich gleich hingegangen un' habe es auch so gemacht. Ich habe den lieben Gott darum gebittet. Ich ging oben in die Kammer und machte die Thür zu und kniete nieder und betete: »Lieber Gott, segne uns alle un' laß mich nichts Böses thun un' hilf mir, daß ich den Kreisel wiederfinde un' gieb, daß ich nich' so lange darum zu beten brauche, wie ich um das Kind gebittet habe – um Christi willen, Amen«. Und da, als ich runter kam, da lag der Kreisel auf demselben Platz, wo ich ihn hingelegt hatte. Sag' mal, Tante Alice, ich glaube Frühstück is schon schrecklich lange her. Hast du nich' Kuchen un' Apfelsinen für kleine Jungens?« »Kinder dürfen nie außer der Zeit essen«, antwortete Frau Burton prompt. »Das verdirbt ihre Magen und macht sie verdrießlich.« »Ach Tante! ich glaube, dann is mein Magen schon lange verdorben, denn ich bin manchmal ganz schrecklich verdrießlich. Und Michel sagt: an 'm faulen Ei is weiter nichts zu verderben. Deshalb kann ich ganz gut 'n bißchen Kuchen essen – ich mag den mit Rosinen und Citronen am liebsten.« »Dies soll 'mal eine Ausnahme sein«, sagte Frau Burton vor sich hin, als sie ins Eßzimmer voranging und auf den Speiseschrank zuschritt, indem sie gleichzeitig ein Lächeln zu verbergen suchte. »Ich will Harry aber nichts davon sagen«, fuhr sie energischer fort. »Da ist auch ein Stückchen für Toddi«, wandte sie sich dann laut an Willi. »Nun denkt aber beide daran, daß ihr nicht eher hereinkommen dürft, als bis ihr gerufen werdet.« Willi verschwand, und seine Tante hatte eine so überaus friedliche Stunde, daß sie sich wieder nach Abwechslung sehnte und ihre Neffen ins Haus rief. Willi kam eiligst angesaust, als er gerufen wurde und überbrachte die wichtige Neuigkeit, daß der Burton'sche Hühnerstall weit, weit netter sei als der zu Hause, denn letzerer wäre so eingerichtet, daß kleine Jungen nicht hineinklettern könnten. Toddi dagegen näherte sich mit sichtlichem Widerstreben, machte unterwegs halt, setzte sich auf den Rasen und führte die wunderlichsten Rutschbewegungen darauf aus. »Was fehlt dir denn, Toddi?« fragte Frau Burton, deren scharfes Auge schnell erkannt hatte, daß ihrem jüngeren Neffen nicht wohl zu Mute war. »Ach, Tante Alice,« antwortete Toddi, ich setzte mich auf ein Nest mit Eiern un' that so, als ob ich 'ne Henne wäre un' kleine Kükens ausbrüten thäte. Un' welche sollten braun werden, un' welche weiß un' welche schwarz. Un' alle sollten so hübsche kleine runde Dinger werden, un' dann wollte ich sie jede Nacht in mein Bett nehmen. Un' eins von den weißen wollte ich der lieben, kleinen Schwester geben, un' eins wollte ich dir geben, weil du so gut bist. Un' ich saß man ganz sachte auf dem Nest, weil ich ja keine weichen Federn habe, un' als ich aufstehte, war da weiter nichts als ekliges Mus. Un ich fühle mich nich' ganz wohl.« Frau Burton zeigte sich der Situation sofort gewachsen und rief: »Bleib ganz ruhig auf dem Rasen sitzen, Toddi! Und du, Willi, laufe geschwind nach Hause und laß dir von Anna einen reinen Anzug für Toddi geben! Johanna! mache sofort ein Bad für Toddi zurecht.« »Mag nich' auf dein Rasen sitzen» wimmerte Toddi. »Ich bin krank, un' du sollst mich liebhaben.« »Tante hat dich herzlich lieb, Toddi,« tröstete Frau Burton ihn zärtlich. »Macht dich das nicht glücklich?« »Nee!« rief Toddi mit großer Entschiedenheit. So'n Art Liebhaben kann kleinen Jungens nichts nützen, die in Eiermus gesessen haben. Du mußt rauskommen un' dich zu mir setzen un' mich liebhaben.« Toddi's Augen baten beredter als seine Lippen, und Frau Burton eilte zu ihm hinaus, nachdem sie vorsichtshalber ein leichtes Tuch umgeworfen hatte. Toddi bewillkommnete sie mit überströmender Zärtlichkeit, die verhängnisvoll für ihr Morgenkleid wurde, was zur Zeit, als Willi zurückkehrte, selbst dem sorglosesten Auge auffallen mußte. Sorgfältig in ein Badelaken gefüllt, wurde Toddi dann ins Badezimmer getragen und zeigte sich, als er wieder zum Vorschein kam, so zufrieden mit der ihm widerfahrenen Behandlung, daß er fragte: »Tante Alice, willst du mich jeden Tag tüchtig baden lassen, wenn ich mir Mühe gebe, kleine Küken für dich auszubrüten?« Die Ereignisse des Morgens hatten zur Folge, daß das zweite Frühstück eine Stunde später eingenommen wurde, so daß Frau Burton sich sehr mit ihrer Toilette für eine beabsichtigte Visitenrunde beeilen mußte. Indes, sie war zu umsichtig, als daß sie die Gefahren, denen ihr Haus während ihrer Abwesenheit möglicherweise ausgesetzt sein konnte, nicht erwägt hätte. Sie rief daher ihre Neffen herbei und belehrte sie über die Pflichten und Rechte, die der Nachmittag ihnen bringen würde. Ihr Gemahl würde freilich mit seiner den meisten Männern eigenen Blindheit gegen die besseren Seiten der Kindesnatur seine Zuflucht zu listigen Drohungen und plumpen Bestechungen genommen haben; Frau Burton aber blieb ihrem Geschlecht und den von ihr bekannten Grundsätzen getreu und appelierte an die bessere Natur der Kinder: »Liebe Kinder,« sagte sie, die beiden Knaben an sich ziehend und einen Arm um jeden Knaben schlingend, »Tante Alice muß heute Nachmittag einige Stunden fort und möchte gern wissen, wer so lange das Haus für sie hüten kann.« »Ich will mit,« sagte Toddi mit einem Kuß. »Ich kann dich nicht mitnehmen, lieber Toddi,« sagte Frau Burton, seinen Kuß erwidernd. »Der Weg ist zu weit für dich; aber Tante Alice kommt, sobald sie kann, zu ihrem lieben, kleinen Toddi zurück.« »O, du willst zu Fuß dahin gehen, wo du hin willst?« fragte Toddi und suchte sich dem Arm seiner Tante zu entwinden. »Dann möchte ich nich' mit dir gehen um alles in der Welt.« Der zärtliche Druck von Frau Burtons Arm ließ bedeutend nach, aber sie blieb ihrer Pflicht eingedenk. »Nun hört mal, Jungens!« sagte sie. »Das mögt ihr doch gewiß gern, wenn Häuser recht nett und hübsch eingerichtet sind, wie Mamas Haus und meins?« »Ich mag's gern«, antwortete Willi. »Ich denke mir immer, so muß es im Himmel auch sein, mit guten Stuben un' Bildern un' Büchern un Pianos. Nur zu fegen brauchen sie im Himmel nich', weil da ja kein Dreck is', nich' wahr? Aber ich möchte wissen, womit der liebe Gott die kleinen Engel glücklich macht, wenn sie Sandtorte backen wollen un' können nich?« »Ich will dir das erklären, wenn ich zurückkomme, Willi. Aber das kann nie vorkommen, daß die kleinen Engel Sandtorte backen wollen.« »O du, Tante! Papa sagt, wenn man auch stirbt, der Geist bleibt so, wie er war,« sagte Willi. »Sieh', da geht's den kleinen Engel-Jungens doch ebenso.« Frau Burton that ein stilles Gelübde, ihre Neffen zu gelegenerer Zeit einen systematischen, theologischen Kursus durchmachen zu lassen, um die lockeren Lehren ihres Schwagers zu berichtigen. Es war aber jetzt schon ziemlich spät am Nachmittage, und sie war mit der beabsichtigten Versicherung ihrer beweglichen und unbeweglichen Habe gegen Unglücksfälle noch nicht weiter gekommen. »Ihr mögt also beide hübsch eingerichtete Zimmer gern leiden?« fragte Frau Burton in Verfolgung ihres Zieles. Aber Toddi protestierte: »Ich mag sie nich' leiden,« versicherte er mit großer Entschiedenheit. »Da sagen die großen Leute immer »Mußt nich'« zu den kleinen Jungens, die vergnügt sein wollen.« »Aber Toddi,« belehrte ihn Frau Burton, »du mußt lernen, dich über alles zu freuen, was nett und hübsch ist, dann kannst du immer vergnügt sein. Schon von Anbeginn der Welt her sind die Menschen darauf bedacht gewesen, ihre Wohnungen nett und hübsch einzurichten.« »Adam und Eva aber nich'!« kritisierte Toddi. »Der liebe Gott hat es doch für sie gethan – sieh! Un' Kain un' Abel hatten mehr Spaß als alle anderen kleinen Jungens nachher.« »O nein,« sagte Frau Burton, »das hatten sie wohl nicht, denn sie waren niemals im Paradiese. Ihre Eltern aber mußten lange, lange nachdenken und arbeiten, bis sie ihre Wohnung gemütlich eingerichtet hatten. Ihr wißt gar nicht, wie viele, viele Leute haben nachdenken und arbeiten müssen, bis die Welt so hübsch eingerichtet war, wie es heute der Fall ist. Wenn ihr euch die schönen Sachen in Mamas und meiner Stube mal anseht, werdet ihr schon besser begreifen, daß Tausende und Millionen haben lange denken und arbeiten müssen, um so etwas herstellen zu können.« »O Tante,« rief Toddi mit leuchtenden Augen, »das is ja wunderschön!« »Jawohl! Und alle netten Leute machen es auch heute noch so,« fuhr Frau Burton fort, sehr ermutigt durch den Eindruck, den ihre Worte gemacht hatten. »Und auch kleine Jungen sollten es so machen und all' die hübschen Sachen, die sie sehen, nicht ruinieren, sondern sich nur darüber freuen und womöglich versuchen, sie noch schöner zu machen. Ja, auch kleine Jungen sollten da immer dran denken.« »Ich will dran denken,« sagte Toddi, abwesenden Blicks. »Ich glaub', es is furchtbar nett, wenn kleine Jungens dasselbe denken wie große Leute.« »Süßer kleiner Toddi,« sagte Frau Burton, sich erhebend, »du willst also dafür sorgen, daß in Tante Alices Hause nichts ruiniert wird, nicht wahr? Du giebst hübsch auf alles acht, gerade wie ein großer Mann – willst du das?« »Ja, ich will,« antwortete Toddi. »Un' ich auch,« erklärte Willi. »Ihr seid ein Paar prächtige kleine Burschen, und ich will euch auch recht was Schönes mit nach Hause bringen«, sagte Frau Burton, indem sie sich mit einem Kuß von ihren Neffen verabschiedete. »Das ist ein Erfolg!« flüsterte Frau Burton vor sich hin, als sie aus der Gartenpforte schritt. »Ich bin neugierig, was mein Herr und Gemahl zu diesen meinem Siege über den Eigenwillen der Kinder sagen wird – zu ihrem Gefühl für das Schickliche. Er würde die Kinder der Aufsicht der Dienstboten unterstellt haben, ich bin stolz darauf, daß ich sie ohne Besorgnis sich selbst überlassen kann.« Als Frau Burton zwei Stunden später zurückkehrte, wurde sie vor der Hausthür von ihren beiden Neffen, die recht schmutzig und müde aussahen, mit wichtigen und erwartungsvollen Gesichtern in Empfang genommen. »Wir haben grad' gethan, was du haben wolltest,« rief Toddi. »Wir haben nichts kaput gemacht aber nachgedenkt, die Welt hübscher zu machen un' alles gethan, was wir konnten. Sieh dir's mal an!« Frau Burton folgte ihren Neffen eiligen Schrittes in das hintere Besuchzimmer. Möbel, Gemälde, Bücher und Nippsachen – alles war genau so, wie sie es verlassen hatte, aber einige Verschönerungen waren geplant und zum Teil auch ausgeführt. Eine mehrere Fuß breite Wandfläche, die, von einem einzigen Bilde abgesehen, vom Fußboden bis zur Decke keinerlei Schmuck aufwies, hatte schon lange Frau Burtons Künstlerauge beleidigt, jetzt sah sie zu ihrem Erstaunen, daß ihre kunstsinnigen Neffen ebenso empfanden wie sie. »Sieh Tante, Zimmer ohne Blumen gefallen mir gar nich', un' Papa un' Mama auch nich'; deshalb dachten wir, wir wollten dich mal mit Blumen überraschen.« Auf dem Fußboden lag, nicht ohne Geschmack angeordnet, beinahe eine Wagenladung Steine, die eine Grotte vorstellen sollten, und obendrauf und zwischen den Ritzen eine große Menge Erde. Aus einigen Ritzen ragten welke Farnkräuter empor, denen man ansah, daß sie schon öfters umgesteckt und auf die staubige Erde gefallen waren, welche ihre Wurzeln bedeckte. Unten waren Schlingpflanzen um die Grotte gelegt, während oben auf der Spitze ein üppiges Exemplar des gewöhnlichen Stechapfels ( datura stromonium , Stinkkraut) prangte. Die drei Hüter des Schönen schauten einen Augenblick stumm auf das Kunstwerk; dann blickte Toddi mit bezauberndem Lächeln zu seiner Tante auf und fragte: »Is das nich' wunderschön?« »Ich hoffe, du hast uns recht was Schönes mitgebracht,« sagte Willi. »Wir haben uns furchtbar quälen müssen, um die Grotte fertig zu kriegen. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nich' so müde gewesen. Mama ihre steht auf einem großen Kasten; aber Kasten waren hier nirgends zu finden, un' die Mädchen konnten wir auch nich' finden. Diese Sorte Datura obenauf hat keine Blumen, die wie hübsche Vasen aussehen, aber Papa sagt, sie is noch üppiger als die zahme Art. Die Farnkräuter sehen ein bißchen welk aus, aber ich wußte nich', wie ich sie begießen konnte, ohne den Teppich naß zu machen. Deshalb dachte ich, ich wollte nur warten, bis du kämest, und dich fragen.« Ein plötzliches Rauschen seidener Kleider – und die beiden Jungen fanden sich allein gelassen. Als Herr Burton eine halbe Stunde später aus der Stadt zurückkehrte, fand er seine Frau schweigsamer, als er sie je gekannt, während zwei dienstbare Geister mit großen Marktkörben Sand auf die Teppiche des Hauses siebten und auf dem Platz vor dem Hause einen großen Steinhaufen aufbauten. Zweites Kapitel Am Morgen des zweiten Experimentiertages erwachte Frau Burton mit einem ungewöhnlich regen Gefühl für die Verantwortlichkeit und Schwere des Daseins. Ihres Mannes Beschreibung einer reizenden Sammlung von Nipp- und Porzellansachen, die demnächst versteigert werden sollte, erweckte nicht die Teilnahme, welche derartige Mitteilungen sonst zu erwecken pflegen, und Frau Burtons Köchin wartete vergeblich auf den üblichen Morgenbesuch ihrer umsichtigen Herrin. Frau Burton war ganz von ihren Erwägungen in Anspruch genommen welche der mannigfachen Pflichten, welche sie gegen ihre Neffen hatte, zuerst von ihr erfüllt werden müssen. Als sie nun länger überlegt hatte, ohne sich darüber schlüssig zu werden, kam eine von jeher gütige Vorsehung ihr zu Hilfe: die Kinder erwachten und vollführten gerade über ihrem Kopfe einen solchen Lärm, daß ihr sofort klar war, daß ein scharfer Verweis zunächst das Nötigste sei. Sie kleidete sich rasch an, eilte die Treppe hinauf in das Zimmer der unschuldigen Seelen und fand, daß der Spektakel dadurch verursacht wurde, daß zwei Paar stämmiger kleiner Arme einen schweren, altertümlichen Rolltisch im Zimmer hin- und herrollen ließen. »Halloh, Tante Alice!« rief Willi. »Ich bin schrecklich froh, daß du kommst. Der Tisch is 'ne Lockmotive, weißt du, un' meine Ecke is New-York un' Toddi seine is Hillcrest. Un' Toddi is Billetmann an einem Ende un' ich am andern. Aber die Lockmotive hat keinen Führer, un' wir müssen sie schieben; un' es is doch nich' in der Ordnung, daß Billetmänner so viel Arbeit nebenbei haben. Sieh, jetzt kannst du Zugführer sein – steig geschwind auf!« Er schob die improvisierte Lokomotive bei den letzten Worten mit solcher Gewalt gegen Frau Burton, daß sie beinahe das Gleichgewicht verlor. Aber sie erholte sich rasch und fragte: »Macht ihr es denn mit den Möbeln in Mamas bester Stube auch so?« »Nee,« antwortete Toddi. »Weil – weißt du – weil – gute Stube is immer zugeschlossen. Un' weil – Papa nehmte mal alle Räder von unseren Tischen ab – sagte, Tische sind zu unruhig.« »Kleine Jungen,« ermahnte Frau Burton, indem sie den Tisch mit einer Energie an seinen Platz zurückschob, die ihren Eindruck nicht verfehlte, »kleine Jungen dürfen anderer Leute Sachen nie benutzen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Auch dürfen sie keinen Gegenstand, wem er auch gehören mag, zu einem andern Zwecke benutzen, als für den er bestimmt ist. Nun sagt mal, hat wohl einer von euch beiden je einen Tisch auf einem Bahngeleise gesehen?« »Natürlich, Tante, das haben wir,« antwortete Toddi prompt. »Da is 'n Drehtisch in Hillcrest un' einer in Jersey City – wie könnten denn die Lockmotiven sonst umkehren, wenn da keine wären?« »Es ist Zeit, daß ich mich zum Frühstück ankleide,« sagte Frau Burton etwas verwirrt und ging wieder hinunter. Als die Glocke rief, erschienen die Kinder pünktlich am Frühstückstisch und brachten einen gewaltigen Appetit mit. Frau Burton klopfte ernsten Blickes mit dem Griff des Vorlegemessers auf den Tisch, alle Köpfe beugten sich, und der Herr des Hauses und seine Gemahlin verrichteten ein stilles Tischgebet. Als sie aufblickten, sahen sie, daß die Gesichter ihrer Neffen noch andächtig in ihren kleinen Händen verborgen blieben. Frau Burton winkte stumm zu ihnen hinüber, um ihren Gemahl auf sie aufmerksam zu machen; gleichzeitig drängte sich ihr die Ueberzeugung auf, daß die Seelen dieser Kinder, welche so andächtig beten konnten, ein empfänglicher Boden für bessere religiöse Samenkörner seien, als Tom und Helene Lawrence sie bisher ausgestreut hatten. Jedoch allmählich trennten sich zweimal zehn kleine Finger so weit, daß große neugierige Augen fragend dazwischen durchlugen konnten; dann ließ Willi plötzlich die Hände sinken, richtete sich auf seinem Stuhl in die Höhe und fragte: »Ei, Onkel Harry, hast du schon wieder vergessen, wie du beten mußt?« Toddi dagegen blickte vorwurfsvoll nach dem Onkel und sehr hungrig auf den Braten und erklärte dann. »Hab' mein Gebet beinah' fünfzigmal gesagt.« »Einmal wäre genug gewesen, Toddi«, sagte Frau Burton. »Weshalb hast du denn deins nich' mal einmal gesagt?« fragte Toddi. »Ich habe gebetet. Wir brauchen nicht laut zu beten; der liebe Gott hört uns doch,« belehrte ihn Frau Burton. »Wenn auch«, sagte Toddi; »ich glaube, das is gar nich' hübsch, daß du zu dem lieben Gott was flüsterst. Wenn ich mal flüstere, sagt Mama: »Toddi weshalb flüsterst du? Schämst du dich über etwas?« Sieh, ich glaube, du und Onkel Harry, ihr habt euch alle beide zusammen geschämt.« Herr Burton fühlte den dringenden Wunsch, seiner Frau einen guten Rat zu erteilen, wagte es aber nicht, weil zwei Paar wachsame Ohren ihn genierten. Da kam ihm ein glücklicher Gedanke, und er sagte in sehr schlechtem Deutsch: »Es ist die höchste Zeit, daß den Jungen bessere Manieren beigebracht werden.« Und mit tadelloser Grammatik und Aussprache antwortete Frau Burton: »Nur Geduld! Ich werde das schon besorgen.« »Das hört sich mal spaßig an,« sagte Willi. »Ich wollte, ich könnte auch so 'n Kauderwelsch. Gerade so sprechen manchmal schmutzige, zerlumpte Männer mit meinem Papa, un' dann schenkt er ihnen 'ne ganze Masse Pfennige. Bist du und Tante Alice denn auch mal lumpig un' schmutzig gewesen, daß ihr so sprechen gelernt habt?« »Willi, Willi!« rief Frau Burton. »Tausende von reichen und anständigen Leuten – alle Deutschen sprechen so.« »Sprechen sie denn mit dem lieben Gott auch so?« fragte Willi. »Gewiß,« antwortete Frau Burton. »Wirklich?« rief Willi. »Der muß aber furchtbar klug sein, daß er sie verstehen kann?« Herr Burton wiederholte seinen bereits vorhin geäußerten Wunsch auf Deutsch; seine Frau schwieg aber dazu, machte ein sehr ernstes Gesicht und sah etwas verdrießlich aus. »Jungens,« fragte Herr Burton, »was wollt ihr heute anfangen, wenn ihr mit Tante allein seid?« »Ich glaube,« antwortete Willi, indem er nach dem Wetter ausschaute, »es wird heute regnen. Da wird es wohl das Beste sein, daß Tante uns den ganzen Tag Geschichten erzählt. Geschichten können wir nie genug hören.« »Ein guter Vorschlag!« rief Frau Burton und ihr Gesicht erheiterte sich wieder. »Weißt du denn viele Geschichten auswendig?« fragte Toddi, indem er seine Gabel mit einem aufgespießten Stückchen Braten in die Höhe hielt, ohne sich darum zu kümmern, daß ihm dabei Sauce auf die Hand tröpfelte. »Ich weiß ein Paar Dutzend auswendig,« antwortete Frau Burton. »Denk nur mal, ich habe zehn Jahre lang Geschichten in der Sonntagsschule gehört und niemals Gelegenheit gehabt, sie wieder zu erzählen.« »Ich mag die Geschichten aus der Sonntagsschule nich' gern,« sagte Willi, in dem unliebsame Erinnerungen aufzusteigen schienen. »Da kommt immer was am Ende, was den ganzen Geschmack davon verdirbt – so was von artige kleine Jungens sein.« »Tante Alices Geschichten enden nicht so,« sagte Herr Burton, mit dem hinterlistigen Wunsche, daß seine Gemahlin, ihrer großartigen Erziehungspläne uneingedenk, eine fidele Sitzung mit den beiden Neffen abhalten werde. »Sie weiß, daß kleine Jungen gern artig sind, und will euch mit ihren Geschichten nur Vergnügen machen.« »Ich will euch nur solche Geschichten erzählen, die ihr gern hört, das verspreche ich euch,« sagte Frau Burton heiter, da sie ihres Erfolges sicher war. »Wir wollen Onkel Harry gleich nach dem Frühstück fortschicken, und dann giebt's so viel Geschichten, wie ihr hören wollt.« »Un' Kuchen auch?« fragte Toddi. »Mama giebt uns immer Kuchen, wenn sie Geschichten erzählt. Dann sitzen wir still un' treiben keine Alloterja.« »Nein! Kuchen giebt's nicht,« sagte Frau Burton freundlich aber fest. »Das Essen zwischen den Mahlzeiten verdirbt kleinen Jungen den Magen und macht sie ganz verdrießlich.« »Nu' weiß ich erst, was Terry gestern gefehlt hat,« rief Willi. »Er aß draußen im Garten 'n Knochen zwischen den Mahlzeiten, un' als ich ihn bei den Hinterbeinen faßte un' Schiebkarre mit ihm spielen wollte, da biß er mich.« Herr Burton streichelte Terry aus Mitgefühl und gab ihm einen Bissen Fleisch. Dann ließ er ihn auf den Hinterbeinen sitzen und »hübsch« machen, worüber die Kinder ganz entzückt waren. Darauf wünschte er seiner Frau mit einem Kuß und einem Blick besorgnisvoller Teilnahme einen glücklichen Tag und eilte in die Stadt. Frau Burton aber ging mit den Kindern ins Lesezimmer und nahm eine kleine Bibel zur Hand. »Was für eine Geschichte möchtet ihr denn gern zuerst hören?« fragte sie und blätterte bedächtig in der Bibel. »Die von Abraham, wie er seinen Sohn beinah' totgemacht hat,« rief Toddi eifrig. »O nein,« sagte Willi, »eine von Jesus, weil der immer so gut gegen alle Leute war.« »Du Herzensjunge!« rief Frau Burton. »Gute Menschen, die hat man lieb, nicht wahr?« »O ja,« antwortete Willi. »Man bloß, sie müssen kleinen Jungens nich' immer von artig sein vorreden. Sag mal, Tante Alice, warum sterben denn gute Menschen immer so früh?« »Weil der liebe Gott sie nötig hat, Willi,« erwiderte Frau Burton. »Hat er mich denn nich' nötig?« fragte Willi mit einem Blick voll rührender Wißbegier. »Gewiß, lieber Willi,« antwortete Frau Burton. »Aber er will, daß du vorher andere Leute glücklich machst. Sehr viele gute Menschen bleiben zu diesem Zwecke bei uns auf Erden.« »Weshalb is denn Jesus nich' bei uns geblieben?« fragte Willi. »Der konnte doch die Menschen glücklicher machen als alle anderen zusammen es können.« »Das wirst du noch alles verstehen, wenn du heranwächst und älter wirst,« antwortete Frau Burton. »Ach, dann wollte ich, ich wachsste ganz geschwind,« sagte Willi. »Weshalb wachsen denn die kleinen Jungens nich' ebenso rasch wie die kleinen Blumen? Ach, könnte man sie doch auch in die Erde stecken un' begießen un' harken. Unser Spargel wächst beinah' n' halben Fuß in einem Tage.« »Du bist 'n alter, schmutziger Junge, Willi, weil du dich in die Erde stecken lassen willst,« rief Toddi, »un' ich will gar nich' mehr mit dir spielen. Mama sagt, ich soll nich' mit schmutzigen Jungens spielen.« »Du bist selbst 'n schmutziger Junge,« gab Willi zurück. »Gerade du spielst gern im Dreck; gerade du bist es, der immer schreit, wenn er gewaschen werden soll. Sag mal, Tante Alice – wie lange muß man nach dem Tode in der Erde bleiben, ehe man in den Himmel kommt?« »Ich glaube drei Tage, Willi,« antwortete Frau Burton. »Glaubst du das, weil es mit Jesus auch so lange dauerte?« »Jawohl, lieber Willi.« »Un' dann kommen alle Leute, die der liebe Gott gern hat, in den Himmel?« »Jawohl, mein Junge.« »Aber hör' mal', Papa sagt, welche Leute glauben da nich' an, daß tote Menschen in den Himmel kommen.« »Kehre dich nicht an das, was die glauben, Willi, sondern glaube, was dich gelehrt wird.« »Aber ich möchte gern genau wissen, wie es is.« »Das wirst du auch eines Tages.« »Ach! Dann wollte ich aber, es dauerte das nich' mehr gar so lange,« sagte Willi. »Nu' erzähl uns 'ne Geschichte.« Frau Burton zog die Kinder näher zu sich heran und schlug die Bibel wieder auf, plötzlich sah sie zu ihrer Ueberraschung, daß Toddi weinte. »Ich hab' all die ganze Zeit noch kein bißchen erzählen können,« schluchzte er mit thränenerstickter Stimme. »Was möchtest du denn gern erzählen, lieber Toddi?« fragte Frau Burton. »Daß ich weiß, wie Leute begraben werden,« sagte Toddi, »Mama hat mir mal alles erzählt. Un' gestern haben ich un' Willi ganz allein ein Begräbnis gehabt. Wir fanden einen lieben, kleinen, toten Vogel, un' wir wickelten ihn in Papier, weil wir keinen ordentlichen Sarg hatten. Un' wir grabten ein kleines Grab, un' wir knieten nieder un' sagten ein schönes Gebet. Un' wir bitteten den lieben Gott, er möchte den lieben Vogel in den Himmel nehmen, un' dann deckten wir Erde auf das Grab un' pflanzten kleine Blumen darauf – sieh, das wollt' ich gern erzählen.« »Ja, un' wir legten einen kleinen Stein oben auf das Grab, wie man es bei großen Menschen auch macht,« sagte Willi. »Wir konnten keinen Stein finden, wo was drauf geschrieben stand; aber ich ging nach Haus un' nahm 'n Bilderbuch un' schnitt ein kleines Vogelbild heraus un' klebte es auf den Stein mit 'n bißchen Theer von dem Kaufmann seinen Wagen. Wenn nun der Engel vorbeikommt, der die Seelen in den Himmel bringt, so kann er gleich sehen, daß ein kleiner, toter Vogel auf ihn wartet.« »Ja, un' der kleine Vogel is nich' wie wir,« sagte Toddi. »Der braucht sich nich' zu wundern, daß er Flügel hat, wenn er erst 'n Engel is; der hatte ja schon Flügel, ehe er starb.« »Vögel kommen nich –,« fing Frau Burton an, in der Absicht, die Ansichten der Kinder über ein künftiges Leben der Tiere im Himmel zu berichtigen – da erinnerte sie sich auf einmal an die Fragen, die sie selbst als Kind gestellt – Fragen, welche sie mit ihren reiferen Erfahrungen auch jetzt noch nicht beantworten konnte, und so schob sie denn die ihr auf einmal immens schwierig vorkommende Aufgabe, die Ansichten ihrer Neffen über himmlische Dinge zu berichtigen, wieder hinaus. Auch bat jetzt die Köchin um eine Unterredung und beklagte sich, daß ihr zwei silberne Suppenlöffel abhanden gekommen seien. Frau Burton überkam jene aus Argwohn, Aerger und Ungewißheit zusammengesetzte Stimmung, in welcher sich alle amerikanischen Frauen, die in der unglücklichen Lage sind, Dienstboten halten zu müssen, häufig befinden. »Wo ist das Hausmädchen?« fragte sie. »O, auf die brauchen Sie keinen Verdacht zu haben,« fagte die Köchin. »Ne! Die gehören eher zu Ihrer eigenen Familie, glaub ich, die sie fortgenommen haben.« Und die Köchin warf dabei einen nicht mißzuverstehenden Blick auf die Jungen. Frau Burton nahm den Wink an. »Jungen,« fragte sie, »hat einer von euch beiden Tante Alices Löffel fortgenommen?« »Nee,« antwortete Toddi, während Willi ein so unschuldiges und dabei scheues Gesicht machte, als wüßte er etwas, was er weniger aus Furcht als aus Zartgefühl nicht sagen mochte. »Nun, bekenne mal, Willi?« sagte Frau Burton. »Ja, siehst du,« sagte Willi mit der süßesten Stimme. »Wir suchten gestern was, um damit das Grab für den Vogel zu graben, un' da konnten wir nichts ausdenken, was da schöner zu taugte als Löffel. Da lagen ja alte, häßliche, eiserne Löffel genug umher, aber Vögel sind so süß un' nett, daß ich da keinen von nehmen wollte. Un' das Eßgeschirr lag da mit den großen silbernen Löffeln obendrauf; da nahm ich geschwind zwei davon. Sie waren noch nich' gewaschen, aber wir wuschten sie ganz rein. Es sollte ja doch alles ganz sauber sein, daß der Geist des kleinen Vogels sich nich' ekelte, wenn er auf uns runter sah.« »Und wo sind die Löffel geblieben?« fragte Frau Burton, die für das Bezaubernde in Willis Wesen und Aussehen kein Auge hatte. »Ich weiß nich',« antwortete Willi, aus dem alsbald wieder ein gewöhnlicher Junge wurde. »Aber ich weiß es,« rief Toddi. »Ich habe sie hübsch weggelegt. Un' wenn wir mal wieder Haus spielen, brauchen wir nich' zu thun, als wenn kleine Stöcke Löffel sind.« »Zeige mir sofort, wo du sie hingelegt hast!« befahl Frau Burton und erhob sich von ihrem Stuhle. »Willst du sie uns auch leihen, wenn wir nächstes Mal Haus spielen?« fragte Toddi. »Nein!« sagte Frau Burton mit grausamer Entschiedenheit. Toddi schmollte, rieb sich die Augen und führte die Tante in den hinteren Teil des Gartens, wo sich die vermißten Löffel in dem hohlen Stamme eines alten Apfelbaumes fanden. Um zu sehen, ob nicht noch andere wertvolle Gegenstände darin verborgen seien, untersuchte Frau Burton die Höhlung mit Hilfe eines Stockes und förderte alsbald eine ihrer Damastservietten ans Tageslicht. »Das soll unser Tischtuch sein,« erklärte Toddi, »un' das hier (als ein ungeöffneter Topf mit französischem Senf zum Vorschein kam) is Eingemachtes.« Frau Burton brachte ihr Eigentum in ihrer Schürzentasche unter, führte ihre beiden Neffen ins Haus, setzte sie mit unnötiger Heftigkeit auf ein Sofa, schlug die Thür heftig hinter sich zu, schloß sie ab, setzte sich dann dicht vor ihre Gefangenen und sagte: »Jetzt kriegt ihr eure Strafe, Jungen, weil ihr Tantes Sachen ohne Erlaubnis aus dem Hause geholt habt.« »Will keine Haue haben,« schrie Toddi in Tönen, die wie ein Duett zwischen einer Sägenfeile und einem ungeschmierten Wagenrad klangen. »Ihr sollt keine Prügel haben,« beruhigte ihn Frau Burton; »aber ihr müßt lernen, daß ihr ohne Erlaubnis nichts anrühren dürft. Ich glaube, wenn ihr euer Mittagessen nicht kriegt, so werdet ihr schon besser begreifen, wie unartig ihr gewesen seid.« »Ich bin beinah' totgehungert,« rief Toddi und brach in Thränen aus – seit dem Frühstück war, wohlgemerkt, kaum eine Stunde verflossen. »Dann will ich euch so lange in ein leeres Zimmer sperren, bis ihr euer Unrecht einseht.« Toddi schrie, als ob er tausend Martern erdulde, und Willi sah so unglücklich drein, wie ein verliebter Jüngling, der vergeblich nach poetischem Ausdruck für seine Gefühle ringt; aber Frau Burton führte sie beide in eine leere Dachkammer, stellte zwei Stühle in zwei Ecken, setzte auf jeden Stuhl einen Jungen und sagte: »So, daß jetzt keiner von euch vom Stuhl runter klettert! Ganz still sollt ihr sitzen und darüber nachdenken, wie unartig ihr gewesen seid. In einer Stunde komme ich wieder und sehe mal nach, ob ihr meint, daß ihr wieder artige Jungen sein wollt.« Als Frau Burton das Zimmer verließ, folgte ihr ein Schrei, daß sie meinte, er müsse die starken Mauern durchdringen und über die halbe Erde hinschallen. Sie wandte sich um und sah zu ihrer Beruhigung, daß Toddi, welcher den Schrei ausgestoßen, weder in Krämpfen dalag, noch vom Stuhl gefallen oder von einem giftigen Insekt gestochen war; so machte sie denn die Thür zu, schloß dieselbe ab, stellte leise einen Stuhl davor, setzte sich sachte auf den Stuhl und horchte; Toddi ward nach einigen Minuten des Schreiens überdrüssig, und tiefe Stille trat ein; bald aber hörte Frau Burton folgende Unterredung: »Toddi!« »Was denn?« »Was sollen wir nu' machen?« »Tante Alice in lauter kleine Stücke hauen – das möcht' ich am liebsten.« »Das wär' aber schrecklich unartig, nachdem wir sie so geärgert haben,« sagte Willi. »Nein, wir wollen mal recht was Gutes thun, wie große Leute, wenn sie was Böses gethan haben.« »Was thun denn die großen Leute da?« fragte Toddi. »O, die lesen in der Bibel un' gehen in die Kirche,« antwortete Willi. »Aber du un' ich, wir können nich' in die Kirche gehen, weil es nich' Sonntag is. Un' wir haben auch keine Bibel, un' wenn wir eine hätten, könnten wir sie doch nich' lesen.« »Dann laß uns man weiter nichts thun als furchtbar eklig sein,« sagte der unbußfertige Toddi. »Ich will dir sagen, was wir thun können, wir wollen's so machen wie die Magdalene, die auf Mama ihrem Bilde is. Die hatte auch was Böses gethan, un' das that ihr leid. Wir wollen mal schrecklich traurig un' verdrießlich aussehen. Sieh so!« Allem Anschein nach gab Toddi in Haltung und Miene ein lebendes Bild seines Ideals eines bußfertigen Sünders, denn Willi rief plötzlich: »O Toddi, was siehst du gräßlich aus! Gerade wie ein toter – kleiner Hund, mit dem Kopf so ganz auf einer Seite. Ich will dir was sagen: wir können nich' wie große Leute Bibeln lesen, aber wir können Geschichten aus der Bibel erzählen, un' dann sind wir ebenso brav, als ob wir sie lesen.« »O ja,« sagte Toddi, auf einmal reumütig, »man zu! Ich möchte furchtbar gern brav sein.« »Aber wovon sollen wir denn erzählen?« fragte Willi. »O, von Jesus, wie er ein kleiner Junge war,« antwortete Toddi, »denn der war schrecklich brav.« »Nein,« sagte Willi, »wir sind unartig gewesen un' müssen von jemand erzählen, der furchtbar schlecht war. Ich glaube, die Geschichte vom alten Pharao paßt am besten.« »Gut,« sagte Toddi, »erzähle mal von dem.« »Also – es lebte einmal ein böser, alter König da hinten in Egypten. Der hatte alle Isruliten in seinem Lande un' ließ sie arbeiten, un' wenn sie nich' arbeiten wollten, kriegten sie Prügel. Aber der liebe, kleine Mosesknabe, der in einem Korb im Flusse lebte, wuchs heran un' wurde ein starker Mann. Der schlug mal einen von Pharao seinen bösen Prügelknechten tot, un' dann riß er aus un' versteckte sich. Da sah der liebe Gott, daß Moses der Mann war, wo er recht was mit anfangen konnte. Deshalb sagte er zu Moses: »Geh hin zu Pharao un' sag ihm, er soll alle Isruliten ziehen lassen, wohin sie wollen.« Da ging Moses hin zu Pharao und bestellte das. Aber Pharao rief: »Da wird nichts draus.« Da ging Moses zum lieben Gott und erzählte ihm das. Un' der liebe Gott wurde furchtbar ärgerlich un' machte alles Wasser im Flusse zu Blut.« »O je,« rief Toddi. »Wenn da einer gern blutig aussehen wollte, da brauchte er nur hinzugehen un' zu baden, nich'?« »Aber Pharao wollte die Isruliten doch nich' ziehen lassen,« fuhr Willi fort. »Da machte der liebe Gott, daß aus allen Flüssen un' allen Sümpfen Frösche gehuppt kamen. Un' die huppten in alle Häuser un' die Leute konnten sie nich' wieder los werden.« »O, ich wollte, Mama un' ich wären damals in Egypten gewesen,« sagte Toddi. »Dann brauchte ich meine Hoppfrösche doch nich' draußen zu lassen, wenn der liebe Gott selbst will, daß sie im Hause sein sollen. Ich mag' Hoppfrösche gern; ich hab' mal einen übergeschluckt, un' der rutschte in mein' Magen runter.« »That er denn in deinem Leib nich' rumhuppen?« fragte Willi mit erklärlichem Interesse. »Nee!« sagte Toddi. »Ich hab' ihn erst mittendurch gebeißt. Aber er wachste wieder zusammen un' – hopps! sprang er auf einmal oben aus mein' Kopp raus.« »Laß mich das Loch mal sehen, wo er rausgehuppt is,« sagte Willi und eilte zu Toddi hin. »Das is schon ganz wieder zugewaxt,« sagte Toddi geschwind. »Aber du bist ein schlechter Junge, weil du von dein' Stuhl runter kommst, un' Tante Alice hat doch gesagt, du darfst nich'. Nu' mußt du zur Strafe noch 'ne andere Geschichte voll bösen Menschen erzählen – aber gleich.« Willi kehrte zu seinem Stuhl zurück und fuhr fort: »Un der alte Pharao kam zu Moses un' sagte: »Bitte doch mal den lieben Gott, daß er die Frösche wieder weghuppen läßt, dann kannst du deine alten Isruliten wegbringen; ich bin froh, wenn ich sie los werde.« Das hörte der liebe Gott, un' da' ließ er die Frösche wieder weghuppen; un' der alte Pharao war gräßlich froh darüber, aber die Isruliten ließ er doch nich' fort. Da dachte der liebe Gott: »Na warte, dich will ich aber!« un' da verwandelte er allen Schmutz in Ungeziefer.« »Was fingen denn da die kleinen Jungens an, wenn sie Sandtorte backen wollten?« fragte Toddi. »Ja, sieh!« erwiderte Willi. »Das Ungeziefer war bloß aus trockenem Schmutz gemacht – aus dem Staub, weißt du, der in den Straßen liegt.« »Du, Willi, ich möchte wohl wissen, ob da auch Stinkwanzen mit bei waren,« sagte Toddi. »Das weiß ich nich',« antwortete Willi. »Aber die Sorte war mit dabei, die Mamas mit engen Kämmen fangen, wenn ihre kleinen Jungens mit schmutzigen Kindern gespielt haben. Aber Pharao seine klugen Männer, die immer dachten, sie könnten alles, na – die probierten mal, ob sie auch Ungeziefer machen könnten, aber das konnten sie lange nich'.« »Weshalb thaten sie denn das?« fragte Toddi. »Wollte denn Pharao noch mehr Ungeziefer haben?« »Nee,« erwiderte Willi, »das glaube ich nich', aber höre nur weiter. Also Pharao besserte sich immer noch nich', un' dafür mußte er wieder seine Strafe kriegen. Deshalb schickte Gott furchtbar große Schwärme Fliegen nach Egypten, un' dabei gab's noch kein einziges Fliegennetz im ganzen Lande – un' nu' die vielen Fliegen! Da besserte sich Pharao auf einmal, un' der liebe Gott nahm die Fliegen wieder weg. Na, un' was meinst du woll? – gleich war Pharao wieder böse. Da ließ der liebe Gott alle Pferde un' Kühe im Lande krank werden un' sterben.« »Da konnte woll Pharao gar nich mehr ausreiten?« fragte Toddi. »Nein,« antwortete Willi. »Er mußte immer zu Fuß laufen, un' wenn er auch noch so schnell zur Bahn wollte. Un' das machte ihn so dollköppig, daß er sagte, nu' sollten die Isruliten erst recht nich' fort. Da nahm Moses eine Hand voll Asche un' warf sie vor Pharao in die Luft, un' da wurden alle Leute in Aegypten krank un' kriegten Beulen.« »Au weh!« rief Toddi. »Ich hatte auch mal eklige Beulen, aber ich wußte nich', daß die von Asche kommen; annermal will ich aber an denken.« »Das half aber auch noch nichts,« fuhr Willi fort, »denn Pharao war sehr eigensinnig un' sagte wieder »nein.« Da mußte denn Gott noch andere Plagen schicken, un' er machte, daß große Eisklumpen vom Himmel runter fielen, un' er ließ die Donner rollen, un' die Blitze fahrten über die Erde hin wie unsere Zischraketen am vierten Juli, un' alle Pflanzen wurden versäuft.« »Die Erdbeeren auch?« fragte Toddi. »Ja.« »Un' all die lieben, schönen Blumen auch?« »Die auch.« »Das war aber schlimm,« seufzte Toddi. »Da kamen aber Pharao seine Freunde an,« fuhr Willi fort, »un' sagten ihm, er wäre noch dümmer als 'ne Gans, daß er meinte, er wäre noch stärker als der liebe Gott. Un' Pharao dachte, das könnte am Ende doch woll so sein. Deshalb sagte er zu Moses, alle Isruliten-Männer könnten wegziehen, wenn sie wollten, aber ihre Frauen un' Kinder nich'.« »Der dumme Kerl!« rief Toddi. »Wer sollte denn da das Kochen besorgen un in die Schule gehen?« »Ich weiß nich',« antwortete Willi. »Aber Pharao hatte bald Gelegenheit, darüber nachzudenken, denn Gott ließ große Schwärme Heuschrecken kommen – Grashopper, weißt du, un' die fraßen alles auf, was in den Gärten war, un' die Leute wurden halb verrückt darüber.« »Na, da hat's gewiß keiner gemacht, wie Mama, un' zu den kleinen Jungens gesagt, sie sollen keine Grashopper tot machen. O, ich wollte, ich wäre dagewesen! Was machte denn Pharao aber nu'?« »O, der war noch ebenso brummig un' schlecht, wie vorher,« erwiderte Willi. »Deshalb sagte Gott zu Moses: ›Hebe mal deine Hand auf zum Himmel – nur eine Minute.‹ Un' Moses hebte die Hand auf. Da wurde es noch dunkler in Aegypten als in unserm Kohlenstall. Die Leute konnten nirgendwo was sehen un' mußten drei Tage un' drei Nächte auf derselben Stelle bleiben, wo sie gerade standen, als es dunkel wurde.« »O, Himmel!« rief Toddi. »Wär' das nich' gräßlich, wenn Moses jetzt auf einmal seine Hand aufhebte, un' wir müßten drei Tage un' Nächte auf den Stühlen sitzen? Vielleicht thut er's schon. Laß uns Tante Alice rufen, so laut wir können.« »O, du brauchst nich' bange zu sein,« sagte Willi, »Moses is ja tot. Un' wir thun ja auch keinem Isruliten was zu leide. Nun hör' weiter. Der alte Pharao wurde jetzt furchtbar bange un' sagte zu Moses, er sollte die Isruliten nur alle zusammen fortbringen, aber ihre Sachen dürften sie nich' mitnehmen – sieh! so schlecht war der Kerl! Aber Moses wußte, daß die Isruliten sich ihr bißchen Kram hatten sauer verdienen müssen, deshalb sagte er, sie wollten nich' anders fort, als wenn sie alle ihre Sachen mitnehmen könnten. Da wurde Pharao aber wieder grob un' rief: »Mach, daß du rauskommst! Wenn ich dich hier noch mal sehe, so laß ich dir den Kopf abhauen.« Aber Moses sagte: »Das sollst du woll bleiben lassen. Ich lasse mich nich' eher wieder bei dir sehen, als bis du mich nötig hast.« »Kann ich ihm nich' verdenken,« sagte Toddi. »Das thut keiner un' besucht 'n König man bloß, um sich sein' Kopp abhauen zu lassen. So klug sind unsere Küken schon, daß sie nich' zu Michel kommen, wenn er ihnen den Kopp abhacken will. Erzähl' weiter!« »Un' da erzählte Gott was zu Moses, daß dem alle Haare zu Berge standen. Er sagte: »Hör' mal, Moses, in nächster Nacht schicke ich 'n Engel, der soll alle ältesten Jungens un' Mädchens in allen Familien totmachen.« Ach, was bin ich froh, daß ich da nich mit drunter war! Ich möchte ja gern mal 'n Engel sehen, aber so einen doch nich'. Was thätest du woll, Toddi, wenn 'n Engel käme un' machte mich tot?« »Dann nehmte ich deine Marmeln,« antwortete Toddi prompt, »un der Ziegenwagen gehörte mir dann ganz allein. Erzähl' weiter!« »Als Gott Moses das gesagt hatte, da ging Moses hin zu den Israliten un' sagte ihnen, sie sollten ein kleines Lamm töten un' ihre Finger in das Blut tauchen un' ein Kreuz an ihre Thüren machen. Un' wenn der Engel käme un' die Kreuze sähe, dann würde der an ihren Häusern vorübergehn, un' die ältesten Jungens un' Mädchens leben lassen. Un' mitten in der Nacht kam der Engel nieder zur Erde, un' alle Leute wachten auf un' weinten schrecklich – noch ärger als du, als du mal die Treppe runter fielest – weil alle ihre ältesten Jungens un' Mädchens starben. Un' wo man auch hinging, hörte man die Papas un' Mamas weinen.« »Hatten die denn alle 'n Begräbnis?« fragte Toddi. »Ja natürlich,« sagte Willi. »O wie hübsch,« rief Toddi. »Da konnten ja all die kleinen Aegypterjungens, die nich' totgemacht waren, den ganzen Tag Leichenzüge sehen! Was machte denn Pharao aber nu'?« »Der ließ ganz geschwind Moses holen un' sagte zu ihm: »Ich bin ein schlechter König gewesen« – als ob der das nich' schon längst gewußt hätte. Un' dann sagte er, er sollte man alle Israliten mit fortnehmen un' alle ihre Sachen auch, un' man gleich damit abziehen. Er hatte es so eilig, daß er Moses nich' mal zum Begräbnis einladete, un' er hatte doch selbst einen Jungen zu begraben. Un' alle Aegypter kamen an un' baten die Israliten, sie möchten doch ganz, ganz geschwind fortziehen un' man ja nich' länger warten. Un' sie waren so froh, daß sie die Israliten los wurden, daß sie ihnen alles liehen, was sie haben wollten.« »Kuchen un' Torte auch?« fragte Toddi. »Nein,« antwortete Willi verächtlich. »Meinst du denn, daß Leute zuerst an Essen un' Trinken denken, wenn sie 'ne Reise von vierzig Jahren machen wollen? Nee, die borgten sich Kleider un' Geld un' alles, was sie kriegen konnten; un' als sie abzogen, da hatten die armen Aegypter beinahe gar nichts mehr.« »Reisten sie denn in'm Extrazug?« fragte Toddi. »Nein,« sagte Willi. »Die vielen Israliten hätten in allen Extrazügen auf der ganzen Welt keinen Platz gehabt. Welche ritten auf Kamelen un' welche auf Eseln, aber die allermeisten mußten zu Fuß laufen.« »Na, das war aber wahrhaftig kein Vergnügen,« rief Toddi. »Du hättest dich gräßlich gefreut, wenn du dabei gewesen wärst,« sagte Willi, »wenn du vorher hättest so furchtbar arbeiten müssen. Weißt du woll noch, als Mama dich mal arbeiten ließ un' du all die Steine wieder fortragen solltest, die du von dem neuen Haus nach unserem Garten geschleppt hattest? Da liefst du ganz weit weg, weil du keine Lust dazu hattest.« »O ja,« sagte Toddi nachdenklich. »Aber ich konnte doch nach Hause fahren, als sie mich wieder holten, un' das hatt' ich mir gleich gedacht. Aber was machten die Israliten dann weiter?« »Sie machten sich auf den Weg nach einem schönen Lande, von dem der liebe Gott Moses erzählt hatte, un' sie wanderten so lange, bis sie an einen großen See kamen, auf dem kein einziges Fährboot war. Ich weiß augenblicklich nich', weshalb Moses sie da eigentlich hinbrachte, ich glaube aber, Gott wollte den Israliten mal zeigen, daß er ihnen aus der Patsche helfen könnte, wenn sie da kein Fährboot fänden. Da auf einmal sahen die Israliten 'ne Masse Staub hinter sich aufwirbeln, un' einer rief: »Na, nu' hört aber alles auf, der Pharao kommt!« »Ich dachte, der hätte die Israliten doch längst satt gehabt,« sagte Toddi. »Der kam gewiß zum Boot, um ihnen adieu zu sagen un' sein Taschentuch zu schwenken?« »Nein,« sagte Willi, »deshalb nich'. Der wußte woll, daß da keine Boote waren; er kam, um sie wiederzuholen, weil sie wieder für ihn arbeiten sollten.« »Hatte er denn gar keine Angst vor dem lieben Gott?« fragte Toddi. »Angst mocht' er woll haben,« sagte Willi, »aber, weißt du, er war gräßlich faul un' mochte nich' arbeiten. Papa sagt, es giebt 'ne Menge Leute, die lieber sterben, als daß sie arbeiten.« »Aber was fangen denn die an?« fragte Toddi. »Die können sich doch keine Israliten fangen, die für sie arbeiten.« »Nee,« sagte Willi. »Die machen's so, wie's die Israliten auch machen, die borgen Geld von andern Leuten. Als nu' die Israliten sahen, daß Pharao angezogen kam, da fingen sie an zu murren un' Moses zu schelten. Un' sie sagten ihm, er müßte sich schämen, daß er sie so weit fortgebracht hätte, damit sie totgeschlagen würden. Da wären sie doch viel lieber in Aegypten gestorben un' hätten sich nich' so müde gelaufen. Aber Moses sagte: »Seid nur nich' bange, der liebe Gott wird uns schon aus der Not helfen.« Un' richtig – der liebe Gott sagte zu Moses: »Heb mal deinen Stab auf un' zeige damit über's Wasser.« Un' in demselben Augenblick, als Moses das that, da stieg das Wasser auf der einen Seite in die Höhe un' auf der andern Seite auch – gerade wie in unserer Badewanne, wenn wir plantschen, – un' da ging auf einmal ein Weg grad' über den Meeresboden hin. Un' da machte das ganze Israliten-Volk geschwind, daß es hinüber kam.« »Zogen sie denn erst Gummischuhe an?« fragte Toddi. »Wenn sie keine anhatten, da müssen ja ganz viele kleine Israliten-Jungens Prügel gekriegt haben, weil ihre Schuhe so schmutzig wurden.« »Das weiß ich nich' mal,« sagte Willi nach kurzem Besinnen. »Ich will mal dran denken un' Papa darnach fragen. Aber als sie alle drüben waren, fingen sie wieder an zu murren, denn Pharao kam mit seinem Heere ganz dicht hinterher.« »Na, die hatten aber auch gar keine Kourage,« sagte Toddi. »So?« sagte Willi höhnisch. »Du hättest mal schön geheult, wenn du den ganzen weiten Weg durch den Dreck gemacht hättest, un' es wären dann Soldaten mit Degen un' Speeren un' Bogen un' Pfeilen gekommen, um dich zu töten. Aber Gott wußte schon, wie er helfen konnte – un' das weiß er immer. Papa sagt, er hilft immer, wenn die Not am größten ist. Er sagte zu Moses: »Hebe mal deinen Stab auf un' zeige damit übers Meer. Un' Moses that das, un' da stürzten die hohen Wassermauern von beiden Seiten zusammen un' versauften Pharao un' sein ganzes Heer mit Mann un' Maus.« »Fingen denn da die Israliten auch wieder an zu weinen?« fragte Toddi. »Wird woll nich' so schlimm gewesen sein,« antwortete Willi. »Sie sammelten sich aber alle im Kreise un' sangen ein großes Loblied.« »Ich weiß, was sie sangen,« sagte Toddi. »Sie sangen: »Pharaos Heer ertränkte der Herr, halleluja.« »Nein, das sangen sie nich',« antwortete Willi. Sie sangen das schöne Lied, das Mama manchmal singt: »Laßt die Zimbeln ertönen ü–ber Aegyptens – ...« Willi konnte diese Worte der herrlichen alten Hymne nur mit Anstrengung hervorbringen; auf einmal versagte ihm die Stimme, un' er brach in Thränen aus. »Weshalb weinst du denn?« fragte Toddi. »Thust du so, als ob du 'n Isralit bist?« »Nein,« antwortete Willi. »Aber jedesmal, wenn ich an das Lied denke, steigt mir etwas im Halse auf, un' dann muß ich weinen.« Die Thür des Zimmers flog auf; Frau Burton eilte herein, umarmte Willi mit thränenüberströmtem Gesicht und küßte ihn wiederholt. Toddi aber erklärte trocken: »Wenn ich was im Halse habe, da schluck' ich's runter.« Frau Burton erlöste ihre Neffen aus der Gefangenschaft und sagte versöhnt: »Es ist gleich Frühstückszeit, und ich will euch sauber waschen und anziehen lassen. Wenn dann Besuch kommt, seht ihr aus wie kleine Gentlemen.« »Sollen wir auch noch Strafe haben, weil wir unartig gewesen sind?« fragte Willi. »Nein,« antwortete Frau Burton freundlich. »Ich habe das Vertrauen zu euch, daß ihr künftig artig sein werdet.« »Deshalb mein' ich das nich',« sagte Willi. »Ich habe Toddi oben eine lange, lange Geschichte aus der Bibel erzählt un' wieder gut gemacht, daß ich so unartig war; aber Toddi hat noch keine Geschichte erzählt un' seine Strafe noch nich' gekriegt.« »Er kann seine Geschichte heute Abend erzählen, wenn Onkel Harry zu Haus ist,« sagte Frau Burton. »Soll er dabei wieder in der Ecke auf dem Stuhl sitzen, oben im Zimmer?« fragte Willi. »Ich glaube nicht, daß das diesmal nötig ist,« erwiderte seine Tante. »Das is aber keine gerechte Strafe,« sagte Willi, und sah ganz beleidigt aus; »da bin ich nich' mit zufrieden.« »Ich will es so viel bedauern, wie ich nur kann, Willi,« sagte Toddi mit brüderlichem Kuß. Das Hausmädchen holte die beiden Jungen ab, um sie anzukleiden, und Frau Burton verlor sich in ernste Betrachtungen. Wie eilte die Zeit dahin! Vor dem Frühstück hatte sich ihr Gemahl verzweifelt pessimistisch über ihre Erziehungsgrundsätze geäußert, und trotz ihrer wunderbaren Beredsamkeit hatte sie ihn nicht zu überzeugen vermocht. Sie fühlte, daß sie bis jetzt in der Praxis eine Niederlage nach der anderen erlitten habe. Aber ihr Gemahl selbst hatte ihr einst erzählt, daß auch die besten Feldherren die ersten Schlachten zu verlieren pflegen, und sie schöpfte daraus die Hoffnung, daß sie trotz der erlittenen Niederlagen doch schließlich den Sieg davontragen würde. Sie wollte und mußte siegen! Der schreckliche Gedanke, ein lebenslängliches »Hab's dir doch gleich gesagt« von ihrem Gemahl hören zu müssen, härtete ihren Entschluß, sich durch keinen Mißerfolg in ihren Bestrebungen beirren zu lassen. Die erlittenen Niederlagen ließen sie freilich, wie schon manchen General, erkennen, daß der gute Wille allein den Erfolg nicht verbürgt, und daß die Fähigkeit, sich eine klare Vorstellung von dem zu machen, was eigentlich erreicht werden müßte, sehr verschieden ist von der Fähigkeit, die zur Erreichung dieses Zieles richtigen Mittel und Wege zu finden. Die Frühstücksglocke schreckte sie aus ihren Betrachtungen auf, mit denen sie bereits im Thale der Demütigung angelangt war. Sie fand ihre Neffen bereits am Frühstückstisch – Willi in gefälligem Matrosenanzug und Toddi in einem reinen Röckchen und tadellos weißer Schürze. Eine früher gemachte Erfahrung veranlaßte sie, den Untersuchungen Toddis, ob unter Tantes Tafelgeschirr auch »Schildtötenteller« seien, ein jähes Ende zu bereiten, und ein Versuch Willis, Terry Austern in das Maul fallen zu lassen, wie er es seinen Onkel am Morgen mit Brotrinde hatte machen sehen, wurde gewaltsam verhindert. Hiervon abgesehen machten es die Kinder bei Tisch nicht schlimmer oder nicht mal so schlimm, als man es in guter Gesellschaft häufig zu machen pflegt. Drittes Kapitel Nach dem Frühstück sagte Frau Burton: »Heute ist Tante Alice's Empfangstag, Kinder. Wahrscheinlich werden mich mehrere Damen besuchen, und alle werden gern etwas über euer liebes, kleines Schwesterchen hören; deshalb müßt ihr hier bleiben und ihnen erzählen, was ihr wißt. Auch müßt ihr euch recht nett und sauber halten. Ich weiß, auch ihr würdet nicht gern schmutzige Leute in meinem Besuchzimmer sehen.« »Mag nich' in Besuchzimmern sitzen,« erklärte Toddi, »will ausgehn un' Hänschen suchen (Hänschen auf der Kanzel, Arisoema triphyllum , eine Sumpfpflanze.) »Heute nicht!« sagte Frau Burton freundlich aber fest. »Wenn kleine Jungen hübsche, weiße Schürzen anhaben, können sie keine Hänschen suchen. Was würdest du wohl denken, wenn du mich an einem morastigen, sumpfigen Platze Hänschen suchen sähest, und ich hätte dabei eine weiße Schürze vor?« »Ich würde denken, daß du noch mehr Hänschen nach Hause bringen könntest als ich, weil in deine Schürze noch mehr hineingehen als in meine,« antwortete Toddi. »Ich will dir mal was sagen, Toddi,« unterbrach Willi diese Unterredung, indem er Toddi in eine Ecke rief und ihm mit wichtiger Miene etwas ins Ohr flüsterte. Die rührende Unschuld, welche dabei sein Antlitz verklärte, und die zarte Scheu, mit welcher er den Blicken seiner Tante auswich, veranlaßten diese, unwillkürlich das Gesicht abzuwenden – hier mußte es sich um ein kindliches Geheimnis außerordentlich zarter Natur handeln! Als sie nach einiger Zeit einen verstohlenen Blick auf ihre beiden Neffen warf, sah sie, daß auch Toddi ein ungewöhnlich ernstes Gesicht machte. Schließlich zogen beide Jungen durch den Garten ab; unterwegs jedoch wandte sich Willi um und versicherte mit melodischer Stimme: »Wir kommen sehr bald wieder zurück, Tante Alice.« Frau Burton hatte ihre Toilette beendet und eben einige Akkorde auf ihrem Instrument angeschlagen, als eine Dame nach der andern erschien und ihre Zeit in Anspruch nahm. Plötzlich, während sie gerade bemüht war, einen recht vorteilhaften Eindruck auf eine sehr ehrwürdige Dame aus der alten Schule zu machen, betraten beide Knaben, aus dem Speisesaal kommend, das Besuchzimmer. Frau Burton winkte ihnen energisch zu, wieder fortzugehen, denn Willis Hosen und Toddis Schürze waren entsetzlich schmutzig. Aber die beiden Jungen konnten den Besuch nicht sehen, weil derselbe hinter einem Vorhange versteckt saß; sie marschierten daher sorglos auf ihre Tante zu, und Willi meldete: »Am zweiten Tage kommt noch niemand in'n Himmel, Tante Alice. Wir haben den Vogel wieder ausgegraben, um nachzusehen, un' der lag noch ebenso da, wie vorher.« »Un' da waren viele, viele kleine Ameisen bei ihm,« sagte Toddi. »Die wollen woll auch gern in'n Himmel un' kommen zu dem Vogel, weil er Flügel hat un' sie mitnehmen soll?« »Willi,« rief Frau Burton in entmutigendem Ton, »wie konntest du nur deinen Anzug so schmutzig machen?« »Ja, siehst du,« antwortete Willi, indem er sich seiner Tante zutraulich näherte, seine Ellbogen auf ihre Kniee stützte und ihr offen ins Gesicht blickte, »ich mochte den lieben, kleinen Vogel nich' wieder begraben, ohne noch mal zu beten, un' da hab' ich nachher vergessen, meine Kniee abzubürsten.« »Und du Toddi,« rief Frau Burton dann, »du hast doch nicht auf Bauch und Brust knieen können. Wie hast du es angefangen, deine hübsche, weiße Schürze so schmutzig zu machen.« Toddi sah erst seine Schürze, dann seine Tante an, blickte fragend auf einige Gemälde, dann auf's Klavier, sah endlich zur Decke empor und schien da zu finden, was er suchte, denn er antwortete: »Meinst du, die Schürze is schmutzig? Ich mein's nich. Will dir sagen, was dran fehlt – das Weiße is abgegangen.« »Geht in die Küche!« befahl Frau Burton, und beide Kinder verzogen schmollend die hübschen Mäulchen und gingen hinaus. Eine halbe Stunde später traf ihr Onkel, der in der löblichen Absicht, noch einige Freundinnen seiner Frau anzutreffen, frühzeitig nach Hause aufgebrochen war, Toddi auf dem Gerüst eines im Bau begriffenen Hauses auf halbem Wege zwischen seiner Wohnung und der Eisenbahnstation. »Spring herab!« rief er ihm zu, indem er an das Gerüst eilte, um ihn aufzufangen. »Ich kann nich',« sagte Toddi. »Springe sofort herab!« rief Herr Burton energischer als zuvor. »Sag dir, ich kann nich',« wiederholte Toddi. »Wir spielen Turm zu Babel, un' unsere Sprache is verschieden. Un' wenn ich Willi sage, er soll Steine bringen, dann bringt er Mörtel; un' wenn ich Mörtel haben will, dann bringt er Steine. Un' dann sprechen wir so, wie du un' Tante Alice gestern bei Tisch.« »Ja,« bestätigte Willi, welcher aus dem Innern des Hauses kommend mit einem Arm voll Steinen auf dem Gerüst erschien, »hör' mal!« Und der junge Mann schnatterte einige Augenblicke in einer noch nie gehörten Mundart, die vielleicht einige Aehnlichkeit mit der Affensprache haben mochte. Herr Burton stieg zweimal vorsichtig auf das Gerüst und holte seine Neffen herunter; dann küßte er sie und schüttelte sie tüchtig, worauf alle drei, die Jungen bedeckt mit Sägespänen und Schmutz, den Heimweg antraten. Unterwegs hatten sie das Vergnügen, den meisten von Frau Burton heimkehrenden Damen zu begegnen. Herr Burton fand seine Frau in sehr gesprächiger Stimmung aber jeder Unterhaltung über ihre Neffen derart abgeneigt, als ob dieselben aus voradamitischer Zeit stammten und sie eine Verfechterin der buchstäblichen Zuverlässigkeit des Buchs der Genesis sei. Die Anstrengungen, denen sich diese jungen Leute bei der Nachäffung der Bauleute des unvollendeten Riesenbaues in der Ebene von Sinear unterzogen hatten, hatte ihren Appetit geschärft und ihre Zungen zum Schweigen gebracht; als aber Willi sein möglichstes geleistet hatte, bemerkte er: »Jetzt ist's Zeit, Tante Alice, daß Toddi seine Strafe kriegt; du weißt doch schon?« Frau Burton winkte ihrem Gemahl und nickte Willi beistimmend zu. »Komm her Toddi,« sagte Willi. »Jetzt mußt du deine Geschichte erzählen, die so schrecklich traurig is, un' mußt recht betrübt dabei aussehen.« »Dann will ich mal die Geschichte von Peter Gray erzählen,« sagte Toddi. »Die is schrecklich traurig.« »Wer war denn Peter Gray?« »Das war ein Gentleman, von dem uns der schmutzige, kleine Junge aus der nächsten Straße immer was vorsingt« antwortete Toddi. »Aber singen will ich die Geschichte nich', ich erzähle sie bloß – un' das is ebenso traurig.« »Nu' erzähl doch!« rief Willi. »Es war einmal 'n Mann,« erzählte Toddi sehr feierlich und mit gedämpfter Stimme, »un' der hieß Peter Gray. Der liebte eine Dame un' sagte zu ihrem Papa: »Ich will dein kleines Mädchen heiraten.« Un' was meint ihr woll, daß der Papa sagte? Er sagte: »Nein« (dies mit ergreifendem Ausdruck). »Das klingt nich' so bös, wie er es sagte, aber so bös, wie ich es sagen kann. Es is gräßlich zu hören, wenn Jimmy es singt. Da ward Peter Gray ganz traurig un' ging nach dem Westen un' kaufte die Felle, die von wilden Tieren kommen – aber wie ihn das wieder vergnügt machen konnte, davon singt Jimmy nichts. Un' böse Injaner kriegten ihn zu fassen un' zogen ihm das Haar ab, gerade wie Damen manchmal ihr Haar abnehmen. Un' als seine Dame das hörte, da wurde sie so krank, daß sie sich ins Bett legte un' starb. Nu' is die Geschichte aus. Du, Onkel Harry, hast du auch noch Strafe zu kriegen? Dann kannst du uns auch 'ne Geschichte erzählen.« »Kleine Jungen müssen jetzt eigentlich schon im Bette sein,« sagte Frau Burton sich erhebend und Toddi auf ihren Arm nehmend. »Ach, Tante,« rief Willi, »ich wollte, ich wär' ein kleiner Junge in China un' stände jetzt gerade auf.« »Ich auch,« sagte Toddi. »Dann hättest du 'n Schwanz am Kopfe, un' ich könnte dran ziehen.« Die Kinder wurden zu Bett gebracht, und Frau Burton trat so weit aus ihrer Zurückhaltung heraus, daß sie ihrem Gemahl die Geschichte von dem Begräbnis erzählte, die sie am Vormittage gehört hatte. Sie bat ihn dringend, daß er am nächsten Morgen recht zeitig aufstehe, den Vogel wieder ausgrabe und ganz auf die Seite schaffe. »Es ist ein schrecklicher Gedanke,« sagte sie, »daß die Kinder ermutigt werden könnten, mit heiligen Gebräuchen kindisches Spiel zu treiben, und ich bin entschlossen, dem nach Kräften vorzubeugen.« Herr Burton lächelte pessimistisch und schüttelte bedenklich das Haupt. Die Sonne ging am nächsten Morgen zu der im Juni üblichen, höchst ungemütlich frühen Zeit auf, aber Frau Burton war doch noch früher auf als sie. Ihr Mann hatte am Abend vorher einer Versammlung beigewohnt und war erst um Mitternacht nach Haus gekommen. Er bedurfte der Ruhe, und seine Frau wollte ihn so lange wie möglich schlafen lassen. Es gab jedoch Dinge, die ihr noch mehr am Herzen lagen, als die Bequemlichkeit ihres Mannes, und dazu gehörten die ihr überlieferten Ueberzeugen hinsichtlich geheimnisvoller und heiliger Dinge. Eine Ahnung sagte ihr, daß ihre Neffen die Lehre von der Auferstehung, auf welcher die Hoffnungen der ganzen Christenheit beruhen, auf ihre Richtigkeit hin prüfen und das Grab des vor zwei Tagen begrabenen Vogels untersuchen würden, und ihr graute davor, die Fragen und Erörterungen anzuhören, die dann sicher folgen würden. Hätte es sich nicht um einen Vogel, sondern um einen Menschen gehandelt, so würden die Ansichten der weichherzigen Kinder ihr nichts weniger als materialistisch vorgekommen sein; aber es war nur ein Vogel, und sie war sich klar darüber, daß es keine leichte Aufgabe sein würde, kindliche Fragen über die Seelenlosigkeit eines unschuldigen Vogels und den verhältnismäßigen Wert charakterloser Männer und Frauen zu beantworten. Sie sann deshalb einen Plan aus, der allen Beteiligten recht und billig sein konnte. Sie wollte ihren Mann erst wecken, wenn sie hörte, daß ihre Neffen aufstanden; dann wollte sie dieselben so lange beschäftigen, bis ihr Mann den Vogel ausgegraben und beseitigt hatte. Sie hätte sich freilich alle diese Sorgen ersparen können, wenn sie die Neffen in ihrer Kammer eingeschlossen und ihrem Gemahl gestattet hätte, ordentlich auszuschlafen. Aber leider hatte sie versäumt, den Schlüssel vor der Ankunft der Kinder in Sicherheit zu bringen; diese hatten selbst Besitz davon ergriffen, und über seinen Verbleib war auch durch das eingehendste Verhör nichts zu ermitteln. Inzwischen verhielten sich die beiden Jungen ruhig, und Frau Burton benutzte die ruhigen Augenblicke, den Tagesstundenplan so zu entwerfen, daß sie möglichst wenig Last von ihren Neffen, aber Gelegenheit habe, erzieherisch auf dieselben einzuwirken; denn leider hatte sie mit ihren pädagogischen Versuchen, wie sie sich selbst eingestehen mußte, bis jetzt nur Mißerfolge zu verzeichnen gehabt. Ein heftiges Pochen gegen die Hausthür und ein heftiges Klingeln der Hausglocke weckte die Dame aus ihren Betrachtungen und ihren Gemahl aus seinen Träumen, während Terry, welcher gewöhnlich auf der inneren Matte der Hausthür schlief, erbarmungswürdig an zu heulen fing. »Donnerwetter!« brummte Herr Burton, sich die Augen reibend, während seine Frau dem Hausmädchen klingelte. »Wem sind wir denn in Hillcrest Geld schuldig?« »Ach, wenn nur Helene nicht kränker geworden ist oder dem Kinde etwas fehlt,« erwiderte Frau Burton, indem sie das Kammerfenster öffnete. »Wer ist da?« rief sie hinaus. »Ich,« antwortete eine Stimme, die unverkennbar diejenige Willis war. »Ich auch,« rief dann eine weniger laute, aber ebenso bekannte Stimme. »Wir müssen dir geschwind ganz was Süßes erzählen, Tante Alice,« rief Willi. »Laß uns flink ein!« »Süßer als Kuchen un' Torte un' Zuckerwerk,« schrie Toddi. Das Hausmädchen eilte hinunter, die Thür wurde geöffnet, leichte Füße eilten die Treppe herauf und Terry, ohne die gewohnte Liebkosung seines Herrn abzuwarten, flüchtete sich eiligst unter ein Bett, wo er seiner Seelenangst in gräßlichen Falsettönen Luft machte. Dann hörte man ein Getrampel, wie es nur Kinder vollführen können, und das noch geräuschvoller ist als Pferdegetrappel, und Willi und Toddi erschienen. Bei der Kammerthür angelangt, suchte jeder den andern beiseite zu stoßen, um die Geschichte, von welcher sie beide voll waren, zuerst erzählen zu können. Zuletzt rief Toddi von der äußeren Kante des Thürpfostens her, gegen welche sein Gesicht von dem seines Bruders gepreßt war: »Der liebe kleine Vogel is in'n Himmel gekommen!« »Ja,« bestätigte Willi, indem er Toddi freigab, »die Engel haben ihn geholt.« »Un' alle die kleinen Ameisen sind mit ihm in'n Himmel gegangen.« »Nur den Grabstein haben die Engel nich' mitgenommen,« Willi fuhr fort. »Sag mal, Tante Alice, was nützen denn die Grabsteine noch, wenn die Toten schon im Himmel sind?« »Ich weiß es,« sagte Toddi mit unaussprechlicher Geringschätzung. »Ich dachte, das wüßte doch jeder. Die sind da, daß die Leute wissen, wo sie hübsche Blumen pflanzen müssen. Dann kann ihr Engel, der im Grabe war, drauf runter sehen.« »Aber nu',« sagte Willi mit der Miene eines Mannes, der eine epochemachende Entdeckung gemacht hat, »nu' will ich gleich Papa mal fragen, wer die Leute sind, die nich' glauben wollen, daß tote Menschen in den Himmel kommen. Denen will ich mal sagen, was sie für Schafsköppe sind.« »Engel sind gerade wie Vögel, »weil sie Flügel un' Krallen haben, nich' Tante Alice?« fragte Toddi. »Woher weißt du denn, daß sie Krallen haben?« fragte Herr Burton. »Weil ich die Krallenlöcher in der Erde am Grabe gesehen habe,« antwortete Toddi. »Es waren ganz kleine Kratzlöcher, wie sie kleine Vögel machen; »es sind gewiß kleine Engelkinder gewesen.« Herr Burton blinzelte seiner Frau zu, welche ganz verlegen dreinschaute, und flüsterte ihr das eine Wort »Katze« zu. »Wie seid ihr denn zum Haus hinaus gekommen, Kinder?« fragte Herr Burton. »Wir sind aus dem Küchenfenster gesprungen,« antwortete Willi. »Aber das is so hoch über der Erde, daß wir nich' wieder reinklettern konnten. Un' ich glaube, es is jetzt Frühstückszeit; wir sind beinahe zwei Stunden aufgewesen.« »Jetzt is die beste Zeit für orthodoxen Unterricht, liebe Frau,« schlug Herr Burton vor. »Die Physiologen sagen, wenn der Magen leer ist, ist der Geist um so thätiger.« »Danke für den Rat,« sagte Frau Burton, nach der Küche gehend. »Aber die Knaben sind selbst mit vollem Magen noch zu lebhaften Geistes.« Das Frühstück stand rechtzeitig auf dem Tisch, und die Jungen thaten ihm alle Ehre an. Als sie einigermaßen gesättigt waren, bemerkte Willi: »Tante Alice, wie lange, meinst du woll, können wir es noch aushalten, bis wir die liebe kleine Schwester mal wiedersehen?« »Liebe kleine Mädchen-Schwester,« verbesserte Toddi. »O, ich denke, eine gute Weile noch,« antwortete Frau Burton. »Ich weiß, ihr habt euer Schwesterchen und eure Mama viel zu lieb, als daß ihr ihnen lästig werden möchtet – und alle beide sind noch recht schwach. Ihr habt sie doch gewiß noch lieber als euch selbst, nicht wahr?« »Natürlich,« sagte Willi. »Deshalb möchte ich sie ja gerade so schrecklich gern mal wieder sehen.« »Ich denk', es is furchtbar gemein, wenn kleine Mädchen ihre Brüder nich' zum Spielen haben,« bemerkte Toddi. »Nun,« sagte Frau Burton, »ich will es mir überlegen, und wenn ich sehe, daß ihr beide recht artig seid, so gehen wir heute hin.« »Hurra!« rief Willi. »Wir wollen so artig sein, wie wir können. Ich will dir mal was sagen, Toddi. Gleich nach dem Frühstück wollen wir Sonntagsschule halten – das is was Gutes.« »Ich weiß was Besseres als das,« sagte Toddi. »Wir wollen Daniel in der Löwengrube spielen, un' du bist der König un' holst mich raus. Das is viel besser, als wenn wir Sonntagsschule spielen; denn wenn man andere Leute von hungrigen Löwen wegnimmt, so ist das besser als bloß singen und beten, wie man's in der Sonntagsschule macht.« »Da zeigt sich wieder ein Irrglaube, der bekämpft werden muß, mein Schatz,« bemerkte Herr Burton. »Das schreckliche Kind bekennt sich zu der Lehre von der Werkegerechtigkeit anstatt der Rechtfertigung durch den Glauben.« »Dann will ich ihm die Geschichte von Daniel vernünftig erzählen und ihm alles so klar machen, daß er nicht wieder in seinen Irrtum verfällt,« sagte Frau Burton. Herr Burton verabschiedete sich für den Tag, und während seine Frau sich mit Haushaltungsangelegenheiten beschäftigte, berieten die Kinder, wie sie sich am besten für den in Aussicht gestellten Besuch vorbereiteten. »Hör' mal, Toddi,« sagte Willi, »wir müssen ihr jedenfalls Geschenke mitbringen. Das war auch so wunderschön, als Jesus ein kleines Wickelkind war. Da kamen die Schafhirten, weißt du, un' brachten ihm 'ne Masse Geschenke.« »Was sollen wir ihr denn bringen?« fragte Toddi. »Ja sieh,« sagte Willi, »die Schafhirten brachten Geld und Dinge, die schön riechen. Deshalb glaube ich, wir sollten das man auch so machen.« »Schön,« erwiderte Toddi, »aber wo sollen wir's herkriegen?« »Wir gehen ganz leise ins Haus, wenn wir hinkommen,« antwortete Willi, »un' schütteln ein paar Pfennige aus unserer Sparbüchse; dann haben wir Geld. Un' wenn wir dann Blumen aus den Garten holen, dann haben wir auch etwas, was schön riecht.« »Da schenken wir ihr ja gerade die Sachen, die schon zu Hause sind. Es wär' doch viel netter, wenn wir ihr was von hier mitbrächten un' thäten, als ob wir weit her kämen und Schafe gehütet hätten.« »Will dir was sagen,« sagte Willi. »Wir wollen Tante Alice quälen, daß sie uns Pfennige giebt. Wir hätten dran denken sollen, ehe Onkel Harry fortging.« »O ja,« sagte Toddi. »Un' da is 'ne Flasche mit Riechwasser in Tante Alice's Stube; davon wollen wir nehmen. Sollen wir erst fragen oder gleich thun, als ob es uns gehört.« »Wir wollen ehrliche Jungen sein,« erwiderte Willi. »Es is schlecht, Sachen zu stehlen.« »Das is kein Stehlen, wenn wir's für die liebe, kleine Schwester nehmen,« sagte Toddi. »Un' ich möchte gern viele Geschenke bringen, daß Tante Alice un' alle übergerascht werden.« »O, jetzt weiß ich ganz was Schönes,« rief Willi, der in seinem Entzücken über einen neuen Einfall die Geschenke ganz vergaß. »Du weißt doch, wie hell an unserem Hause die Spitze von dem neuen Blitzableiter glänzt? Sieh, das soll mal der Stern im Osten sein, der uns zeigt, wo das Kind zu finden is.« »O ja!« rief Toddi. »Un' vielleicht trägt uns Tante Alice huckepack; das is denn so, als ob wir auf Kameelen reiten, wie die Schafhirten auf den Bildern, die wir Weihnachten hatten.« Das Auftauchen einer großen Heuschrecke gerade vor den Augen der Jungen machte der Unterredung zunächst ein Ende, denn beide machten mit der gewöhnlichen Erfolglosigkeit Jagd auf dieselbe. Eine halbe Stunde später kamen beide Kinder keuchend und staubbedeckt in das Haus gestrolcht und ließen sich zum Erstaunen ihrer Tante auf dem Fußboden nieder. Mit jener Unerfahrenheit, die allen Frauen eigen zu sein pflegt, die nicht zugleich Mutter sind, fragte sie ihre Neffen, wo sie gewesen, und weshalb sie außer Atem wären, wie sie ihre Anzüge so schmutzig machen konnten und weshalb sie so verdrießlich wären. Willi antwortete mit tiefem Seufzer: »Große Leute wissen gar nich', wie viel Aerger kleine Jungens eigentlich haben.« »Alter, schlechter Grashopper huppte immer umher, wie er wollte, un' wollte nich' unter mein' Hut kommen,« beklagte sich Toddi. »Er wußte vielleicht, daß es am besten für ihn wäre, wenn du ihn nicht fingest,« sagte Frau Burton. »Was hättest du denn mit ihm gemacht, wenn du ihn gefangen hättest?« »Seine Hinterhoppers ausgereißt,« antwortete Toddi prompt. »Nein, wie abscheulich!« rief Frau Burton. »Weshalb hättest du denn das gethan?« »Weil er fliegen soll,« erwiderte Toddi. ,,Er hat doch Flügel un' braucht nich' auf seinen Hoppers herumzulaufen. Wie gefiele dir das, wenn ich Flügel hätte un' laufte un' springte bloß, anstatt zu fliegen?« »Mein liebes Kind,« sagte Frau Burton und nahm ihren Neffen auf ihren Schoß. »Weißt du denn nicht, daß es sehr unrecht ist, Tiere so zu quälen. Sie sind gerade so, wie Gott sie erschaffen hat und wie er sie haben will.« »Alle Tiere?« fragte Toddi. »Gewiß!« antwortete Frau Burton. »Weshalb fängst du denn aber hübsche, kleine Mäuse in Fallen un' machst sie tot?« fragte Toddi mit großen verwunderten Augen. »Weil sie sehr lästig find,« erwiderte Frau Burton. »Sogar Menschen müssen bestraft werden, wenn sie lästig sind und anderer Leute Sachen nich' in Ruhe lassen.« »Das wissen wir woll,« sagte Willi mit einem Seufzer. »Aber,« fuhr Frau Burton, rasch auf ihr Ziel lossteuernd, fort, »auch die Tiere haben Nerven und Fleisch und Blut und Knochen, gerade wie kleine Jungen, und sind gerade so, wie Gott sie erschaffen hat.« Das nächste Mal, »wenn ich 'n Grashopper die Beine ausreiße, will ich mal nachsehn, ob er Blut hat,« sagte Toddi. »Das darfst du nicht thun,« antwortete Frau Burton. Du mußt glauben, was Tante dir sagt, und die armen, kleinen Dinger überhaupt nicht quälen. Denk nur mal, Toddi, es giebt sehr kluge und gute Leute, die jedermann gern hat, die bringen ihr ganzes Leben damit hin, die kleinen Insekten zu studieren, z. B. Heuschrecken und Fliegen und Bienen.« »Un' werden nie gestochen?« fragte Toddi. »Wie machen sie denn das?« »Die machen sich nichts draus, wenn sie mal gestochen werden,« erwiderte Frau Burton; »so groß ist ihr Interesse, zu erfahren, wie die Tiere beschaffen sind. Sie studieren alle Arten Tiere, um zu sehen, wie sie sich von den Menschen unterscheiden, und da finden sie denn, daß ganz kleine Tiere, z. B. Heuschrecken, noch wunderbarer sind, als irgend ein Mensch, der da lebt.« »Das glaube ich woll,« sagte Willi. »Wenn ich so hopsen könnte wie 'n Grashopper, dann könnt' ich noch höher springen als alle Jungens im Kindergarten; un' wenn ich stechen könnte, wie 'ne Hornis, dann könnt' ich alle Jungens in der Stadt zwingen.« »Studieren sie denn die großen Tiere auch?« fragte Toddi. »Jawohl,« erwiderte Frau Burton. »Einer von ihnen ist lange fortgewesen, im Westen bei den schrecklichen Indianern, nur um ausfindig zu machen, wie die Pferde vor langen Jahren beschaffen waren.« »Wenn ich nu' alles über Pferde ausfinden thue,« fragte Toddi, »mögen mich dann alle Leute gern leiden?« »Sehr wahrscheinlich,« antwortete Frau Burton. »Dann will ich es gleich mal thun,« sagte Toddi, aus dem Schoß seiner Tante schlüpfend. »Das eilt nicht so, lieber Toddi,« sagte Frau Burton. »Jetzt wollen wir erst Mama und euer Schwesterchen besuchen. Geht hin und zieht euch hübsch an!« Beide Jungen eilten davon und Frau Burton, welche bereits zum Ausgehen fertig war, nahm eine Novelle zur Hand, mit einem Gefühle der Genugthuung darüber, daß es ihr gelungen war, wenigstens eins der irregeleiteten Talente Toddis auf die ihm vom Himmel bestimmte Bahn zu lenken. »Schon wieder ein Erfolg, worüber ich meinem Manne berichten kann,« frohlockte sie, als sie die Novelle aufschlug. »Allerdings,« fuhr sie nachdenklich fort und legte das Buch wieder hin, »habe ich noch gar keine Gelegenheit gehabt, über meine Erfolge des gestrigen Tages zu berichten.« Die Jungen blieben lange aus, als sie aber endlich herunter kamen, präsentierten sie sich so überaus vorteilhaft in ihrer Erscheinung, daß ihre Tante nicht umhin konnte, ihnen deswegen ein besonderes Lob zu erteilen. Auf dem Wege nach dem Hause ihrer Mama waren sie sehr heiter, schienen aber etwas Besonderes auf dem Herzen zu haben und flüsterten häufig miteinander. Als sie zu Hause anlangten, kannte ihre Ungeduld keine Grenzen, und als die Amme mit einem kleinen, auf einem großen Kopfkissen liegenden, Bündel erschien, aus dem oben ein kleines Gesicht herausschaute, da sprangen beide Jungen sofort auf dasselbe los. Willi versuchte einige Pfennige in die winzig kleinen Hände der Schwester zu drücken, während Toddi ihr ein Fläschchen mit der Aufschrift »Flüssiges Waschblau« unter die Nase hielt; gleichzeitig nieste die Kleine beunruhigend, und ein starker Kampfergeruch machte sich im Zimmer bemerkbar. »Wo mag nur der Kampfergeruch herkommen?« fragte die Amme. »Es giebt gar nichts, was Frau Lawrence so sehr verabscheut.« Die Kleine hörte auf zu niesen und begann mitleiderweckend zu weinen, während Toddi geschwind sein Fläschchen aufnahm. Da bemerkte die Amme, daß auf den kurz vorher noch tadellos reinen Windeln ein großer Fleck von hellblauer Farbe war, der einen starken Kampfergeruch verbreitete. Inzwischen war Toddi seiner Tante auf den Schoß geklettert, hielt ihr die kostbare Flasche unter die Nase und rief: »Is das nich' zu dumm? Schwesterchen greifte danach un' schüttete beinah' alles auf ihre Kleider un' auf die Erde.« »Wo hast du den Kampfer her, Toddi?« fragte Frau Burton. »Und weshalb hast du ihn hier mit hergebracht?« »Is kein Kampfer,« erwiderte Toddi. »Es is Riechwasser. Ich hab' es aus einer großen Flasche genehmt, von deiner Kommode, wo du deine Taschentücher hübsch riechen machst. Willi un' ich, wir haben es ebenso gemacht, wie die Schafhirten, als sie nach Betlehem kamten, um das liebe, kleine Jesuskind zu sehen – wir haben unserm Schwesterchen Geld gebracht un' Wasser, das schön riecht.« Frau Burton küßte Toddi, und die Amme folgte ihrem Beispiel. Dann setzte sich die Amme auf den Fußboden und ließ das Gesichtchen des Kindes bewundern. Dann wurde das Gesichtchen vor dem Licht geschützt, und die Kleine öffnete ihre beiden Aeugelein und sah ihre Brüder würdevoll und freundlich an wie eine Königin, und die staunende Verehrung, die sich in den Zügen der beiden Knaben ausprägte, war so rührend, wie sie keiner der alten Meister jemals in einer Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande zum Ausdruck gebracht hat. Und über sie neigte sich ein reiferes, aber nichtsdestoweniger von zärtlicher Ehrfurcht verklärtes Antlitz. Das Schweigen schien eine Zeit lang zu heilig und zu schön für jede Unterbrechung; aber endlich blickte Toddi mit neugierigen Augen zu seiner Tante auf und fragte: »Tante Alice, weshalb is denn keine hübsche Sonne um ihren Kopf, wie auf den Bildern vom lieben, kleinen Jesuskind?« Die Versammelten fühlten sich in die Prosa des Alltagslebens zurückversetzt, und die Amme bewilligte jedem Gaste eine Audienz von fünf Minuten bei der Mutter. Frau Burton kehrte aus der Stube der Wöchnerin mit einem Gesicht zurück, welches die größte Neugierde bei ihren Neffen wachrief. Als Willi zurückkam, erklärte er, daß er seine liebe Mama nicht wieder ärgern wolle, so lange er lebe, aber Toddi versicherte: »Wenn ich ein kleines, neues Kind hätte, dann wollt' ich nich' den ganzen Tag im dunkeln Zimmer zu Bett liegen, dann stehte ich auf un' tanzte herum.« »Tante Alice,« fragte Willi auf dem Rückwege nach der Villa seines Onkels, »jetzt is noch einer mehr in unserm Hause, der Geburtstag hat, nich'? Wie lange ist's noch hin, daß klein Schwesterchen Geburtstag hat – wieviel Tage?« »Dreihundertzweiundsechzig Tage,« erwiderte Frau Burton. »So lange!« rief Willi. »Un' wie lange is es noch, bis Weihnachten wieder kommt?« »Beinahe zweihundert Tage,« antwortete seine Tante. »Na, dann glaub' ich aber, ich sterbe beinah', wenn nich' recht bald mal einer Geburtstag hat, daß ich ihm was schenken kann,« sagte Willi. »Du lieber kleiner, gutherziger Willi!,« rief Frau Burton, indem sie sich bückte und ihn küßte: »Morgen ist mein Geburtstag.« »O-h!« rief Willi. »Sag mal, Toddi –« Die weitere Unterhaltung wurde im Flüsterton geführt, wobei die beiden Brüder äußerst wichtig dreinschauten. Sie gingen dann einen besonderen Weg nach Hause, was Willi damit entschuldigte, daß sie ein wichtiges Geheimnis besprechen müßten. Frau Burton hielt sich unterwegs auf, um bei einigen Nachbarn vorzusprechen, und kam daher später als ihre Neffen zu Hause. Als sie sich ihrem Besitztum näherte, sah sie ein einspänniges Fuhrwerk vor der Thür halten. Sie erriet ganz richtig, daß dasselbe ihrem Krämer gehöre und der Fuhrmann im Hause mit den Dienstboten verhandele. Woraus aber eine gewisse, weiße Masse bestehen mochte, die auf der Erde unter dem Pferde lag, das konnte Frau Burton nicht einmal mutmaßen. Sie beschleunigte ihre Schritte und erkannte näherkommend in besagter weißer Masse ihren sauber gekleideten Neffen Toddi, der auf dem Rücken ausgestreckt im Schmutze dalag und in aller Gemütsruhe die Brust des edlen Tieres betrachtete. Es giebt im Menschenleben Situationen, denen man mit würdevollem Benehmen und anmutiger Haltung allein nicht gewachsen ist. In solch kritischer Lage befand sich Frau Burton jetzt; sie ließ daher ihren Sonnenschirm fallen, packte Toddi mit vorsichtigem, aber festem Griff und riß ihn rasch aus seiner gefährlichen Lage. »Geh sofort ins Haus, du schmutziger Junge!« rief Frau Burton, indem sie energisch mit dem Fuß aufstampfte. Toddis Furcht machte dem Verlangen Platz, sich zu rechtfertigen, und er fing an: »Ich hab' nur mal ... « »Sofort gehst du ins Haus!« wiederholte Frau Burton. »A–h –h!« schluchzte Toddi und rollte seine Unterlippe so freigebig nach außen, als ob noch ganze Ellen davon nachfolgen sollten. »Ich habe bloß studiert, wie das Pferd von Gott gemacht is, weil alle Leute mich gern haben sollen. Wo die Injaner sind, kann ich nich' hingehn un' ich dachte, ein Kaufmannspferd wäre ebenso gut. A–h–h!« »Zu dem Zweck brauchtest du dich keineswegs mit dem guten reinen Anzug in den Schmutz zu legen,« sagte Frau Burton. »A–h–h,« schluchzte Toddi von neuem, »ich habe zuerst alles andere an ihm studiert, aber ich konnte es nich' in die Höhe heben, um drunter zu gucken. Ich hab's bloß versucht; da sah es mich schrecklich böse an, un' da ließ ich's.« »Geh jetzt ins Haus und laß dich umziehn!« befahl Frau Burton. »Du weißt sehr wohl, daß es keine Entschuldigung für kleine Jungen giebt, die ihr Zeug mutwillig schmutzig machen. Wenn Onkel Harry nach Haus kommt, muß ich mit ihm überlegen, wie wir dich am besten bestrafen, damit du dein Zeug künftig besser schonst.« »A–h–h! Ich wollte, Gott machte gar keine Pferde mehr, un' kleine Jungens auch nich', die die Pferde studieren sollen un' dann Strafe kriegen, bloß, weil sie ihr Zeug ein bißchen schmutzig machen,« schluchzte Toddi, durch den Thorweg verschwindend und das Haus mit zornigem Geschrei erfüllend. Frau Burton stand einen Augenblick auf der Veranda-Treppe still, weil sie von einem Herzkrampf befallen wurde, den sie tapfer ertrug. Es drängte sich ihr der Gedanke auf, daß – nach der Bibel zu urteilen, einem Gesetzbuch, welches zuverlässiger ist als die bestgeregelte Hausordnung – das Beschmutzen von Anzügen doch gerade keine Todsünde sei, und daß ihre Belehrung über den edlen Ursprung und die Natur des tierischen Organismus in der That großen Eindruck auf Toddi gemacht habe. Sicherlich – einzig und allein echter Wissensdrang konnte Toddi zwischen die Füße des Pferdes geführt haben; und wer so selbstlos seinen wissenschaftlichen Forschungen nachging, konnte wohl entschuldigt werden, wenn er seine äußere Erscheinung vernachlässigte. Aber nein – von reinen Herzen abgesehen wurde in der Mayton'schen Familie auf nichts so viel Wert gelegt wie auf reine Kleidung, und die guten Eigenschaften, die sie selbst besaß, wollte sie, soweit es in ihrer Macht stand, in verwandtschaftlicher Liebe ans ihre Neffen übertragen. Aber Toddi schien wirklich tief entrüstet zu sein, und sie mußte auch trotz seiner Dummheit die gute Absicht desselben anerkennen. Deshalb entschloß sie sich, den Versuch zu machen, das weinende Kind zu trösten. Als sie in das Zimmer der Jungen ging, fand sie ihren Neffen auf dem Rücken liegend, mit den Beinen strampelnd, schreiend und auf jede Weise seiner Erbitterung Luft machend. »Toddi,« sagte Frau Burton, »das ist doch gar zu traurig, daß du dich so grämst, nachdem du eben erst deine Mama und deine kleine Schwester besucht hast.« »Weiß woll,« schrie Toddi. »Kannst nur gleich wieder runter gehn, wenn du mir weiter nichts sagen willst.« »Lieber Toddi,« sagte Frau Burton, indem sie niederkniete und die heiße Stirn ihres Neffen streichelte, »Tante möchte gern, daß du wieder vergnügt bist.« »Dann lege mich nur wieder unter's Pferd, daß die Leute mich gern leiden mögen.« »Für heute hast du genug von Pferden gelernt,« tröstete ihn Frau Burton. »Ich will aber deinen Papa bitten, daß er dich noch mehr davon lernen läßt, wenn du erst wieder zu Hause bist. Du armer, kleiner Toddi, wie heiß deine Wangen sind! Tante Alice möchte so gern, daß du wieder glücklich aussiehst.« Toddi hörte einen Augenblick mit Weinen auf, sah seine Tante mißtrauisch an, setzte sich aufrecht hin und erklärte mit sehr wichtiger Miene: »Hat der liebe Gott dich raufgeschickt, mir zu sagen, daß dir leid thut, was du mir gethan hast? Dann verzeih' ich dir; nur mußt du nie wieder so häßlich gegen mich sein. Wenn du mir reines Zeug anziehn willst, kannst du's thun.« »Tante Alice,« rief Willi, der unbemerkt ins Zimmer gekommen war, »beim Frühstück hast du doch zu Onkel Harry gesagt, du wolltest uns heute die Geschichte von Daniel erzählen. Meinst du nich', daß es nu' bald Zeit dazu is?« »O ja,« sagte Toddi, indem er flink mit seinem Kopf durch sein reines Kleidchen fuhr. »Un' wie die Löwen die schlechten Männer auffraßen, die den König aufkriegten, daß er Daniel in das tiefe Loch werfen ließ. Erzähl' das mal!« »Es war einmal ein sehr frommer Jüngling, namens Daniel,« erzählte Frau Burton, »und obgleich sein König ein Gesetz erlassen hatte, daß alle Leute zu den Göttern beten sollten, die sein Volk verehrte, betete er doch alle Tage zu demselben Gott, den wir liebhaben.« »Der war doch damals auch schon im Himmel, ebenso wie heute, nich'?« fragte Willi. »Natürlich« antwortete Frau Burton. »Wo waren denn die Götter der anderen Leute?« »O, auf Börten und in geheimen Kammern und an allen möglichen Plätzen,« antwortete Frau Burton. Die waren nur aus Holz und Stein – nur Götzenbilder – Abgötter.« »Un' taugten die denn nichts?« fragte Willi. »Nein, gar nichts,« erwiderte Frau Burton. »O du, das gefällt mir aber gar nich',« sagte Willi, »denn Papa sagt manchmal, ich bin Mamas Abgott. Ich bin doch nich' von Holz oder Stein.« »Gewiß nicht, lieber Willi. Er will damit nur sagen, daß Mama dich sehr lieb hat – weiter nichts. – Und Daniel betete, wie und wann es ihm gefiel, und die Leute, die ihn nicht leiden mochten, gingen geschwind zum König und sagten: »Nun hör aber mal, o König, der Jüngling, von dem du so viel hältst, betet zu dem Gott, an den die Juden glauben.« Der König war betrübt, als er das hörte, und verhörte Daniel. Und Daniel wollte keine Lüge vorbringen und gab zu, daß er zu dem wahren Gott bete. Da befahl der König, daß man Daniel in die Löwengrube werfe. Er hatte aber nachher Gewissensbisse, denn Daniel war immer sehr gut und brav gewesen, und recht brave Leute sind überall schwer zu finden.« »Das muß ich Mama erzählen, wenn sie mal wieder sagt, ich soll recht brav sein« erklärte Toddi. »Erzähl weiter!« »Da warfen sie den armen Daniel mitten zwischen die Löwen,« fuhr Frau Burton fort, »und ganz schrecklich muß ihm schon auf dem Wege zur Löwengrube zu Mute gewesen sein, denn er wußte, daß Löwen sehr wild und hungrig sind. Denkt euch nur mal, ein einziger Löwe frißt oft einen ganzen Menschen auf, und da waren sehr viele Löwen in der Grube, in welche Daniel geworfen wurde.« »Dann reichte er nich' zum Abendbrot für all' die Löwen, der arme Daniel, nich' wahr?« fragte Willi. »Nein,« erwiederte Frau Burton. »Er that nun aber das, was vernünftige Leute immer thun, wenn sie in großer Not sind, er betete. Was aber den König anbetrifft, so glaube ich, daß er in der Nacht darauf wenig geschlafen hat. Wer wider sein eigenes besseres Urteil die Ratschläge anderer befolgt, den läßt gewöhnlich sein Gewissen keine Ruhe. Am nächsten Morgen war der König schon sehr früh wach. Er lief ganz allein nach der Löwengrube, sah hinunter und rief: »Daniel, war der Gott, an den du glaubst, stark genug, dich vor den hungrigen Löwen zu schützen!« Und siehe! Daniel gab dem Könige Antwort. Denkt euch, wie glücklich es den König gemacht haben muß, seine Stimme zu hören und zu wissen, daß er noch lebte! Obgleich der König sehr lieblos gegen ihn gewesen war, vergaß Daniel doch nicht, ehrerbietig zu sein und er rief: »Möge dir ein langes, langes Leben beschieden sein, o König!« Dann erzählte er den König, daß er ganz unversehrt geblieben sei, und der König war sehr froh darüber und ließ Daniel aus der Löwengrube holen. Aber dann wurden die schlechten Männer, die schuld daran gewesen waren, daß Daniel den Löwen vorgeworfen wurde, alle in die Grube geworfen und die Löwen fraßen sie alle mit Haut und Haaren auf.« »Ich weiß, weshalb sie Daniel nichts thaten und die anderen Männer alle auffraßen,« sagte Willi mit verständnisvoller Miene. »Ich war davon überzeugt, mein lieber Junge,« sagte Frau Burton. »Aber du kannst mir deine Ansicht darüber mal mitteilen.« »Ja, siehst du,« sagte Willi, »Daniel war nur ein einziger Mann, un' da hätten die Löwen alle man bloß einen Happen von gekriegt – gerade als wenn ein kleiner Junge nur einen einzigen Happen Kuchen ißt – aber als da Männer genug da waren, so daß jeder Löwe einen allein verzehren konnte, da dachten sie, es wäre nu' Zeit zum Mittagessen, un' da machten sie sich drüber her.« Diese Antwort war aus irgend welchem Grunde schuld daran, daß Frau Burton versäumte, ihren Neffen die große moralische Nutzanwendung der Geschichte von Daniel einzuschärfen; sie hielt es plötzlich für angezeigt, eine Inspektionsreise nach der Küche anzutreten. Sie wurde sich zu ihrer Verzweiflung der Thatsache bewußt, daß sie, anstatt die Kinder zu belehren und zu lenken, dieselben ganz gegen ihre Absicht veranlaßte, ihre geistige und körperliche Regsamkeit in einer Weise zu bethätigen, die ihr gelindes Grauen einflößte. Mehr als einmal schwankte sie in ihrer Wahl zwischen zwei extremen Grundsätzen der Erziehungskunst – es schien ihr, daß sie entweder die größte Strenge anwenden, oder gestatten müsse, daß sich die Fähigkeiten der Kinder innerhalb vernünftiger Grenzen selbständig entwickelten. Gegen das erste Extrem empörte sich ihr Gefühl, einmal weil sie von Natur nicht grausam war, was strenge Kinder-Erzieher immer sind, und dann auch, weil die Kinder nicht ihre eigenen waren. Das andere Extrem war ihr aber ebenso zuwider. Wurden nicht in allen gebildeten Familien die Kinder zu striktem Gehorsam angehalten? Freilich erfüllten sie dann in reiferen Jahren nie, was sie in der Jugend versprochen hatten, aber das war natürlich ihre eigene Schuld – wem sollte man sonst die Schuld geben? Sollten Erwachsene – sollte sie, deren vernünftige Wünsche von ihren Eltern und ihrem Gemahl noch stets erfüllt waren, zwei unmündigen, unvernünftigen Kindern zuliebe ihre Wünsche hintansetzen? Wie die meisten Leute, die in solchem Dilemma sind, blieb Frau Burton einige Stunden lang unthätig, und die Folge davon war, daß sie ihre Neffen vom zweiten Frühstück bis Sonnenuntergang nicht wieder zu sehen kriegte. Dann aber kehrten die Jungen, angetrieben von jenem Instinkte, der in den meisten unreifen Naturen am stärksten sich geltend macht, nach Hause zurück, um zu essen. Obgleich sie sich sehr ruhig verhielten, konnte man nicht daran zweifeln, daß sie sich zufrieden fühlten. Ihre Anzüge waren sehr schmutzig, ebenso ihre Gesichter, aber aus letzteren sprach jenes undefinierbare Etwas, welches das sicherste Kennzeichen eines guten Gewissens ist und einer inneren Zufriedenheit, welche jeden belohnt, der auf den Pfaden der Tugend wandelt. Sie waren sehr wenig mitteilsam, obgleich häufig Fragen an sie gerichtet wurden, und Herr Burton sagte schließlich wie im Selbstgespräch: »Ich möchte wissen, was da vorliegt.« »Was meinst du, Harry?« fragte seine Frau. »Ich überlege mir eben, was für ein wunderbares und kostspieliges Experiment die beiden jetzt wieder ausgeführt haben mögen,« erwiederte der Herr des Hauses. »Gar keins,« bemerkte Frau Burton. »Ich wundere mich oft, daß Männer so blind sein können. Sieh nur ihre lieben, reinen, kleinen Gesichtchen an; trotz ihres Schmutzes ist ebenso wenig Schuldbewußtsein darin, wie in einem Engelsantlitz.« »Ganz recht, liebe Frau« sagte Herr Burton. »Wenn sie sich dessen bewußt wären, daß sie schlimme Streiche machen, so würden sie bösere Jungen sein, aber seltener lästig werden. Jungen! kommt mal zu Onkel – wollt ihr mal auf meinen Knieen reiten?« Beide Kinder kletterten in die Arme ihres Onkels, und Willi flüsterte ihm eifrig etwas zu. »Ja, ich glaube wohl,« antwortete Herr Burton auf sein Geflüster. »Hurra! wie schön,« rief Willi in die Hände klatschend. »Ich will dir morgen was zum Geburtstag schenken, Tante Alice.« »Ich auch,« setzte Toddi hinzu. »Es is was zu essen,« verriet Willi. »Mein Geschenk auch,« erklärte Toddi. »Sieh dich vor, Willi!« sagte Herr Burton. »Du verrätst dein Geheimnis, wenn du so schwatzhaft bist.« »O nein, das thue ich nich',« erwiderte Willi. »Ich sagte nur, es wäre was zu essen. Aber sag' doch mal, Tante Alice, wie werden Bananen gezogen?« »Ich weiß, wie Weintrauben wachsen,« sagte Toddi mit aufleuchtenden Augen, indem er sein lockiges Köpfchen schalkhaft der Tante zuwandte. »Und ich weiß,« sagte Herr Burton, indem er Toddi plötzlich vom Kniee absetzte, »daß entweder ein gewisser, kleiner Junge oder sonst irgend etwas entzwei gegangen ist und häßlich ausläuft. Was ist denn das hier?« fuhr er fort, als er einen großen, nassen Fleck auf Toddis Schürze bemerkte, gerade an der Stelle, wo Toddis Tasche war. »Und was ist denn da für ein ekliges Mus in deiner Tasche?« fragte er weiter, indem er die Tasche vorsichtig untersuchte. Verwundert riß Toddi die Augen auf und machte dann ein bestürztes Gesicht. »Es war nur 'ne kleine Traube,« sagte er, »un' ich wollte sie auf dem Wege nach Hause essen, aber ich vergaß es.« »Es sind Weintrauben, liebe Frau,« sagte Herr Burton. »Die Jungen müssen irgend ein fremdes Treibhaus geplündert haben. Tom hat keine Weintrauben in seinem Treibhause. Wo habt ihr sie her, Jungen?« »Pst–pst,« flüsterte Toddi eindringlich. »Geheimnisse muß nie niemand ausplaudern.« »Wo hast du die Trauben her?« fragte Frau Burton gebieterisch, indem sie rasch eine Untersuchung des tropfenden Anzuges vornahm. Toddi brach jetzt in Thränen aus. »Kein Wunder, daß du weinst,« rief Frau Burton, »nachdem du anderer Leute Trauben gestohlen hast.« »Deshalb weine ich nich',« schluchzte Toddi. »Ich weine, weil du meine Ueberraschung zu deinem Geburtstag verdirbst, jede Minute, die du sprichst.« »Alice, Alice,« bat Herr Burton leise. »Du vergißt, daß der arme Junge noch nicht alt genug ist, um zu wissen, was stehlen ist.« »Dann soll er es jetzt lernen!« rief Frau Burton in ihrer Entrüstung. »Was sollte wohl aus dir werden, Toddi wenn du diese Nacht sterben müßtest?« »Will nich' sterben,« schluchzte Toddi. »Wenn ein Engel kommt un' mich totmachen will, wie die Aegypterjungs, dann versteck' ich mich.« »Vor dem Engel Gottes kann sich niemand verstecken,« sagte Frau Burton, fest entschlossen, Toddi einzuschüchtern, da ihre Ermahnungen nichts fruchteten. »Hat der denn nachts 'ne Laterne bei sich?« fragte Toddi. Herr Burton lachte, aber seine Frau brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen und antwortete: »Er kann auch ohne Laterne genug sehen, um böse, kleine Jungen zu finden, wenn er sie sucht.« »Bin nich' böse,« schrie Toddi. »Un' jetzt sollst du die anderen Trauben gar nich' haben, die wir in 'm Blumentopf nach Hause brachten.« »Komm zu Onkel!« sagte Herr Burton, indem er das trostlose Kind wieder auf seinen Schoß nahm und zärtlich liebkoste. »Erzähle Onkel Harry mal die ganze Geschichte, der wird dann schon wissen, wie dir zu helfen ist.« »Willst du auch nich' den Würgengel kommen lassen, daß er mich holt?« fragte Toddi. »Ich will dir mal erzählen, wie es war, Onkel Harry,« fiel Willi ein. »Wir wollten Tante Alice gern Obst zum Geburtstag schenken – ich Bananen und Toddi Weintrauben. Nu' wußten wir aber nich', wo Bananen wachsen, aber Herr Buschmann, der da oben am Berge wohnt, der hat ganz viele schöne Trauben in seinem Treibhause. Sieh, das wußten wir daher, weil wir mal mit Papa dort waren, un' da sprachen sie fast den ganzen Nachmittag von Weintrauben un' solchen Sachen. Un' Herr Buschmann gab Papa ein paar Trauben mit un' sagte, er möchte nur immer kommen un' sich davon holen, wenn er welche haben wollte. Da dachten wir uns ein großes Geheimnis aus – Toddi un' ich – un' wir gingen heute nachmittag hin, um ihn zu bitten, daß er uns ein paar Trauben für Tante Alice gäbe, weil sie morgen Geburtstag hat. Aber er war nich' zu Hause, un' der Treibhausmann auch nich'; aber die Thür stand offen, un' da gingen wir hinein un' sahen uns die Trauben an. Na, da dachten wir, es wäre ihm wohl egal, wenn wir ein Paar Trauben mitnähmten, weil er doch zu unserem Papa gesagt hat, er soll's man thun. Na – un' da nahmen wir drei oder vier hübsche Trauben un' legten sie in einen Blumentopf – aber erst Blätter hinein. Un' jeder von uns nahm sich 'ne kleine Traube, für uns selbst zu essen. Als wir aber nach Hause gingen, fanden wir 'ne ganze Masse wilde Erdbeeren; deshalb dachte Toddi woll nich' an seine Trauben, aber meine sind in mein' Magen aufbewahrt. Un' es war schrecklich heiß un' staubig, un' ich bin in meinem ganzen Leben noch nich' so müde gewesen. Aber wir wollten Tante Alice glücklich machen, darum kehrten wir uns da nich' an.« »Un' nu' sagt sie, wir sind Diebe,« schluchzte Toddi. »Die alte häßliche Tante.« »Weine nur nicht länger, Toddi,« sagte Frau Burton, indem sie die thränenfeuchten, schmutzigen, Wangen ihres Neffen küßte und ihn auf ihren Armen zur Abendtafel trug. Toddi hatte sein Abendbrot bald verzehrt. Er schien in sich gekehrt und eilte bald vom Tische fort; doch war er nachher gleich bereit, zu Bett zu gehen, als seine Tante ihn rief. Als Herr Burton eine halbe Stunde später auf die Veranda hinausging, um seine Zigarre zu rauchen, sah er ein großes, häßliches Kreuz von roter Tinte auf jeder Seite des Thürrahmens. Auch Männer haben ihre Schwächen, und eine Schwäche Herrn Burtons war die, daß er sehr eigen hinsichtlich des Aussehens seines Hauses war. Er sprang die Treppe hinauf, drei Stufen auf einmal nehmend, eilte ungestüm in das Zimmer seiner Neffen und rief: »Wer hat die Thür mit Tinte beschmiert?« »Ich,« antwortete Toddi unerschrocken. »Ich war bange, du würdest vergessen, dem Würgengel zu sagen, daß ich kein Dieb bin. Deshalb habe ich Kreuze an die Thür gemacht, wie es die Israliten machten, damit der Engel vorüberzieht. Er wird in der Nacht wohl nich' sehen, daß es Tinte un' kein Blut is.« Toddi sah seinen Onkel sofort wieder kehrt machen. Viertes Kapitel Hell und freundlich brach Frau Burtons Geburtstag an. Es war der erste seit ihrer Verheiratung mit einem Manne, dessen zärtliche Gattenliebe ihr ein dauerndes Eheglück verbürgte; da war es denn nur zu natürlich, daß die wenigen Minuten, welche sie bis zum Frühstück hatte, zu völlig und beseeligend ausgefüllt waren, als daß sie an die beiden kleinen Jungen hätte denken können, die ihr schon deutliche Beweise geliefert hatten, daß sie gewillt und durchaus imstande seien, für sich selbst zu sorgen. Was die Kinder selbst anbetrifft, so erwachten sie beim ersten Tagesgrauen und zwar mit einem Gefühl schwerer Verantwortlichkeit. Ihr Zimmer stieß an das der Jungfer, und da diese von ihrer Herrin beauftragt war, während der ersten Morgenstunden auf die Jungen zu achten, so hatte sie bereits jene Gabe des festen Schlafes eingebüßt, welche Dienstboten so auffällig von allen anderen Menschenkindern unterscheidet. Sie hatte sich schon daran gewöhnt, beim ersten Geräusch im Zimmer der Jungen aufzuwachen, und das erste, was sie an diesem Morgen hörte, war der Ruf »Toddi.« Keine Antwort. »T–o–d–d–i!« »A–h–h–au!« knurrte jemand erbost mit schläfriger Stimme. »Wach auf, lieber Toddi! Heute ist ja Tante Alices Geburtstag!« »Brauchst mir nich' die Ohren aufzubrüllen, wenn Geburtstag is,« sagte Toddi weinerlich. »Ich hab's ja bloß in ein Ohr gerufen, Toddi,« entschuldigte sich Willi, »un' du mußt Tante Alice doch lieb genug haben, daß du lieber ein wehes Ohr hast, als gar nich' aufwachst.« Verdrießliche, unartikulierte Laute ließen sich hören, dann unverständliche Worte, dann drang ein Geräusch wie von krampfhaften Wälzen und Strampeln im Bette an das Ohr der Lauschenden, und zuletzt ließ Willi sich vernehmen: »Das is recht, nu' wollen wir aufstehen un' uns fertig machen. Aber da fällt mir ein, wir haben ja gar nich' an Musik gedacht. Weißt du woll noch, wie Mamas Geburtstag war, da spielte Papa Klavier, als sie runter kam, un' das machte sie ganz glücklich un' wir tanzten alle umher.« »Weiß woll,« erwiderte Toddi. »Laß uns das auch machen!« »O ich will dir mal was sagen,« sagte Willi. »Wir wollen beide auf dem Klavier trommeln, wie's Mama un' Tante manchmal zusammen machen.« »O ja!« rief Toddi. »Bis sie runterkommt un' sagt: ›Müßt nich'!‹, können wir noch tüchtig was zusammentrommeln.« Dann ließ sich ein Hin- und Hertrippeln kleiner Füße im Kinderzimmer vernehmen, wo auf Stühlen und Ecken, auf Tisch und Kommode die verschiedenen Kleidungsstücke umherlagen, welche die Jungen am Abend vorher abgeworfen hatten. Dann eilte die Jungfer hinein, um ihnen beim Ankleiden behilflich zu sein, und bald waren die beiden Kinder angezogen. Ein Teller mit Bananen und ein zweiter mit den sauer geernteten Trauben standen auf der Kommode; die Kinder nahmen die Teller in die Hand und gingen dann auf den Zehen die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. »Hör' mal!« sagte Toddi, als er seinen Teller auf den Anrichtetisch stellte, »ich bin bange, die Trauben sind sauer geworden. Ich glaube, wir schmecken mal zu, wie es Mama mit der Milch macht, an heißen Tagen, wenn der alte Milchmann nich' früh genug kommt« – und Toddi setzte sein Wort in die That um und pflückte von einer Traube die leckerste Beere in seinen Mund. »Ich glaube,« sagte er dann, mit den Lippen schmähend und argwöhnisch dreinschauend wie ein berufsmäßiger Weinschmecker, »ich glaube, sie werden sauer.« »Laß mich mal schmecken,« sagte Willi. »Ne,« antwortete Toddi, indem er mit der einen Hand eine zweite Beere naschte, während er mit der anderen sein Geburtstagsgeschenk zu schützen suchte, »ich bin groß genug un' kann es allein. Oder,« setzte er hinzu, da ihm plötzlich eine glückliche Eingebung kam, »du mußt mich auch mal schmecken lassen, ob deine Bananen sauer sind.« »Du darfst aber nur einen Happen abbeißen« erwiderte Willi, »un' dafür mußt du mir sechs Beeren geben. So viel müssen es wenigstens sein, weil deine Happen sonst ganz gewiß größer sind.« »Na ja,« erwiederte Toddi. Dann gingen die Jungen an das Tauschgeschäft, wobei Willi die Vorsicht gebrauchte, die Banane mit einer Hand festzuhalten, damit sein Bruder in der Zerstreutheit nicht etwa zweimal abbeiße, während Toddi seinem Bruder die Beeren aufs gewissenhafteste zuzählte. »Sie sind 'n bißchen sauer,« sagte Willi und verzog sein Gesicht dabei. »Vielleicht is 'ne andere Traube besser; ich glaube, es is am besten, wir schmecken sie alle mal, nich' wahr?« »Un' die anderen Bananen auch alle,« schlug Toddi dagegen vor. »Die eine war recht gut, aber vielleicht sind doch welche dabei, die nich' schmecken.« Sein Vorschlag wurde angenommen, und bald hatte jede Banane ein Viertel eingebüßt, während die Trauben einen schön entwickelten Stengelwuchs zu zeigen begannen. Dann schien Willi auf einmal der Gedanke zu kommen, daß sein Geschenk sich nicht mehr stattlich genug präsentiere, denn er kehrte mit der Schlauheit eines geborenen Obsthändlers die unbenaschte Seite nach oben. Dann rief er: »O, wir müssen ja unsere Karten noch dabeilegen! Wie soll sie sonst wissen, von wem sie's kriegt?« »Wir sind ja da un' können es ihr sagen,« erwiderte Toddi. »Bewahre!« sagte Willi. »Das würde ihr nich' halb so viel Freude machen. Du weißt doch, wenn Cousine Anna Blumen geschenkt kriegt, daß sie immer am glücklichsten is, wenn sie die Karte sieht, die mitkommt.« »O ja,« antwortete Toddi; dann eilte er ins Besuchzimmer und kehrte mit zwei Karten zurück, die er auf gut Glück dem Kartenkörbchen seiner Tante entnommen hatte. »Jetzt müssen wir noch ›Ich gratuliere‹ hinten draufschreiben,« sagte Willi, indem er seine Taschen durchsuchte und ein Stückchen Bleifeder hervorholte. »Sieh so!« fuhr Willi fort, indem er über die Karte gebeugt mit unendlicher Mühe in großen Buchstaben die Worte: ›Ich gratuliere‹ hinmalte. Dabei sprach er jeden Buchstaben vor sich hin und ließ die wunderlichsten Gesichtsverzerrungen sehen, wie sie ungeübte Schreiber zu zeigen pflegen. »So, jetzt mußt du deinen Glückwunsch selbst schreiben,« erklärte er dann, »sonst is er nich' so süß, sagt Mama.« Toddi nahm die Bleifeder in seine Grübchen-Hand, Willi führte dieselbe, und zwei Kinderköpfchen machten Wange an Wange die drolligsten Bewegungen beim Schreiben, bis das Werk vollendet war. »So, nu' müssen sie kommen, denk ich,« sagte Willi. (Es war noch länger als eine Stunde bis zum Frühstück.) »Aber die Aufstehglocke hat ja noch nich' geklingelt! Laß uns gleich mal klingeln!« Die Jungen kämpften um den Besitz der Glocke; Willi, der Stärkere, war der Sieger und klingelte, im Hausflur auf- und abmarschierend mit einer Begeisterung und Ausdauer, wie sie nur Dilettanten zu besitzen pflegen. »Ist es schon so spät?« fragte Frau Burton indem sie sich beeilte, ihre Toilette zu vervollständigen. »Wie die Zeit heute vergeht!« Herr Burton sah etwas im Antlitz seiner Frau, welches ihn an seine Pflichten dem Geburtstagskinde gegenüber erinnerte. Er sah nach seiner Uhr und rief unangenehm überrascht: »Der Tausend! Ich möchte drauf schwören, daß wir noch keine halbe Stunde wach sind. Ah! Ich habe gestern Abend vergessen, meine Uhr aufzuziehen.« Die Kinder eilten jetzt in das Besuchzimmer. »Ich höre sie rumtrampeln!« rief Willi. »Na nu'! Das Klavier is ja verschlossen! Is das nich gemein? O, jetzt weiß ich was – hier is Onkel Harrys Geige.« »Wo soll ich denn auf spielen?« fragte Toddi, der ungeduldig umhersprang. »Warte bloß eine Minute!« rief Willi, indem er die Geige aus der Hand legte und nach oben eilte, von wo er alsbald mit einem Kamm zurückkehrte. Dann schlug er einen ans dem Tisch liegenden gebundenen Jahrgang einer illustrierten Zeitschrift auf, riß das einen Stahlstich schützende Seidenpapier heraus und wickelte den Kamm hinein. »So,« rief er dann, »du fiedelst, un' ich blase auf dem Kamm. Aber weshalb kommen sie denn noch nich' runter? Ach! da fällt mir was ein! Wir haben ja vergessen, Pfennige unter den Teller zu legen, un' wir Nüssen gar nich' mal, wie viel Jahre es sind, für die wir Pfennige hinlegen müssen.« »Un' wir haben ja auch gar keine Pfennige,« rief Toddi. »Ich weiß, wie wir's machen!« rief Willi und eilte in ein Seitenkabinett, wo sein Onkel in einer Schublade eine Sammlung amerikanischer Münzen aufbewahrte. »Diese Sorte Pfennige,« fuhr Willi, mit einer Handvoll Münzen zurückkehrend, fort, »is nich so hübsch wie unsere, aber sie sind größer und sehen auf dem Tischtuch ganz hübsch aus. Aber sag mal, wie alt ist sie denn eigentlich?« »Ich weiß nich',« versicherte Toddi, der sich vergeblich den Kopf darüber zerbrach. »Sie is ungefähr so groß wie ich un' du zusammen.« »Also du bist vier,« rechnete Willi aus, »un' ich bin sechs, un' vier un' sechs is zehn – ich glaube, zehn wird sie woll ungefähr sein.« Der Teller Frau Burtons wurde aufgehoben und an seinen Platz wurden rund im Kreise die Pfennige gelegt. Dann gab's ein mühsames Zählen und Rechnen und viele Irrtümer in: Addieren und Subtrahieren. Endlich waren die Pfennige in vier Reihen geordnet, zwei zu drei und zwei zu zwei Stück. Willi zählte die Dreien nach und Toddi die Zweien, und eben wollte Willi die vier Summen noch mal addieren, als plötzlich Schnitte auf der Treppe sich hören ließen. Geschwind legte Willi die überzähligen Kupfermünzen zu den vier Reihen, stellte den Teller obendrauf und ergriff seinen Kamm, während Toddi die Geige gegen ein Knie stemmte, wie er es von herumziehenden kleinen Italienern hatte machen sehen. Als Herr Burton mit dem Geburtstagskinde einige Augenblicke später ins Eßzimmer trat, da brach eine solche Katzenmusik los, daß Frau Burton sich die Ohren zuhielt und ihr Mann einen Schreckensruf ausstieß. Jetzt legten beide Jungen ihre Instrumente nieder – wobei Toddis Füßchen in ernsten Konflikt mit den Saiten der Geige gerieten – wandten ihre glückstrahlenden Gesichter der Tante zu und riefen: »Ich gratuliere!« Herr Burton beeilte sich, sein teures Instrument zu retten, während seine Frau die beiden Kinder in ihre Arme schloß und Thränen der Rührung weinte. Dann fiel ihr Blick auf das Obst, welches auf dem Anrichtetisch stand und sie las mit lauter Stimme die Karten: »Frau Franziska Römer – das sieht ihr ähnlich! Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen, aber ich denke, ihre Bananen müssen für ihre Taktlosigkeit aufkommen. Aber hier erst! Karl Krone! Du liebe Zeit. Was manche Herren für ein merkwürdiges Gedächtnis haben!« Eine Wolke lagerte sich auf Herrn Burtons Stirn. Karl Krone war einer seiner Nebenbuhler um Fräulein Maytons Hand gewesen! Frau Burton sah etwas nachdenklich aus, und ihr Mann gab sich nach Art frischgebackener Ehemänner eifersüchtigen Betrachtungen hin. Auf einmal rief Frau Burton: »Da hat jemand ganz unverschämt von den Trauben genascht! – Kinder!« »Die sind nich' von Römers un' Krones,« sagte Toddi, »die sind ja von mir un' Willi, un' wir haben bloß mal zugeschmeckt, ob sie in der Nacht nich' sauer geworden sind.« »Wo sind denn die Karten hergekommen?« fragte Frau Burton. »Aus dem Körbchen im Besuchzimmer,« erwiderte Willi; »aber die andere Seite is das Schönste dran.« Frau Burtons nachdenkliches Aussehen und ihres Mannes Mißstimmung schwanden zugleich, als sie die von den Kindern gemachte Aufschrift entzifferten, und man setzte sich in bester Stimmung zu Tisch. Die beiden Jungen zappelten vor Ungeduld, bis die Tante ihren Teller aufhob; dann rief Willi: »Einen Pfennig für jedes Jahr, weißt du.« »Einunddreißig!« rief Frau Burton, als sie den Haufen gezählt hatte. »Wie schmeichelhaft!« »Was thust du denn für kleine Jungens an deinem Geburtstag?« fragte Toddi während des Frühstücks. »Mama thut ganz – ganz viel dafür.« »Ja,« bestätigte Willi, »sie sagt, man muß andere glücklich machen, dann is man selbst glücklich. Un' Mama weiß das ganz gewiß besser als du, weil sie am längsten verheiratet is.« Obgleich Frau Burton diese Thatsache nicht leugnen konnte, schien ihr die Schlußfolgerung doch etwas gewagt und sie erhob Widerspruch. »Na, ganz egal,« sagte Toddi, »Mama hat immer Besuch an ihrem Geburtstag, un' dann kriegen wir so viel Kuchen, als wir mögen.« »Dann sollt ihr heute auch nicht zu kurz kommen,« sagte Frau Burton. »Bald werden mich einige Freundinnen besuchen, und ich werde ein gemütliches Gabelfrühstück mit ihnen halten. Wenn ihr bis dahin recht artig seid und euch hübsch sauber haltet, sollt ihr mit uns am Tische essen.« »O wie schön!« rief Toddi. »Is es noch nich' bald so weit?« »Toddi denkt bloß immer ans Essen,« sagte Willi verächtlich. »Sag' mal, Tante Alice, hoffentlich vergißt du nich', Obstkuchen zu backen. Das is die Sorte, die wir am liebsten mögen.« »Du kommst doch recht bald wieder heim, Harry?« fragte Frau Burton, die Frage ihres Neffen nicht beachtend. »Spätestens um die Mittagszeit,« antwortete Herr Burton. »Ich will nur meine Briefe durchsehen und die nötigen Aufträge erteilen.« »Weshalb kommst du denn so früh wieder nach Hause, Onkel Harry?« fragte Willi. Weil ich Tante Alice spazieren fahren will, mein Junge,« antwortete Herr Burton. »O hör' mal, Toddi!« rief Willi. »Das giebt mal 'n Spaß! Onkel Harry will uns ausfahren!« »Ich habe gesagt, ich wollte eure Tante Alice spazieren fahren, Willi,« sagte Herr Burton. »Hab's wohl gehört,« erwiderte Willi, »aber das geniert uns weiter nich'. Sie mag sich immer lieber mit dir unterhalten als mit uns, un' wir freuen uns, wenn sie glücklich is. Wann geht's denn los?« Herr Burton fragte seine Frau auf deutsch, ob die Unverschämtheit ihres Neffen nicht reizend naiv sei, und Frau Burton antwortete in derselben Sprache, daß dieselbe an Naivetät nichts zu wünschen übrig lasse aber gleichwohl einen Verweis rechtfertige, und daß sie es für ihre Pflicht halte, ihren Neffen etwas mehr Bescheidenheit beizubringen. Herr Burton wünschte ihr dazu viel Glück und brachte seine Frau durch eine Anzahl recht eingehender Fragen über die bereits erzielten Erfolge so in Verlegenheit, daß sie froh war, als Toddi aus tiefem Nachdenken erwachend sich also vernehmen ließ: »Ich glaube, der Platz, wo der Fluß abgebrochen is, is der allerschönste.« »Was meint das Kind?« fragte seine Tante. »Weißt du nich' mehr,« sagte Willi, »wo wir voriges Jahr hinfuhren? Da, wo du uns wegholtest, als wir sehen wollten, wie weit wir überhängen könnten.« »Ah – am Wasserfall?« riet Herr Burton. »Ja, das is der Platz, erwiderte Willi. »Der Fluß is da plumps! entzwei gebrochen,« sagte Toddi, »un' ein Stück davon hängt oben in der Luft, un' das andere Stück is unten im großen Loch zwischen den Steinen. Dahin möcht' ich gern ausfahren.« »Hör' mal zu, Toddi,« sagte Frau Burton. »Wir nehmen dich sonst sehr gern mit, aber heute fahren wir lieber allein aus. Du und Willi, ihr bleibt diesmal zu Hause; wir werden höchstens zwei Stunden ausbleiben.« »Ich möchte gern mit ausfahren,« bat Toddi. »Ich weiß, daß du gern ausfährst, lieber Toddi,« antwortete seine Tante, »aber du mußt Geduld haben, bis es mal besser paßt.« »Aber ich will mit,« erklärte Toddi. »Und ich will dich nicht mitnehmen, deshalb bleibst du hier,« antwortete Frau Burton in einen: Ton, der jeden vernünftigen Menschen vollständig entmutigt haben würde. Aber Toddis Entschluß war nicht zu erschüttern und er versicherte von neuem: »Will mit ausfahren.« »Nun ist die Bescheerung da,« murmelte Herr Burton für sich hin. Dann stand er rasch vom Tische auf und sagte: »Ich will mal sehen, ob ich noch mit dem Frühzug fort kann, liebe Frau. Ich komme ja bald wieder nach Hause.« Frau Burton erhob sich, um ihrem Manne adieu zu sagen. Derselbe küßte sie ungewöhnlich zärtlich, hielt sie dann in Armeslänge von sich und senkte seinen Blick mit einem Ausdruck in ihre Augen, den sie für die nächsten paar Stunden nicht zu deuten wußte. Frau Burton brachte ihren Mann ein gutes Stück auf den Weg, kehrte dann ins Eßzimmer zurück, ging mit Toddi ins Besuchzimmer, nahm ihn auf ihren Schoß, umarmte ihn zärtlich und sagte dann: »Nun, lieber Toddi, achte mal hübsch auf das, was Taute Alice dir sagt. Ihr Jungen könnt heute aus verschiedenen Gründen nicht mit uns ausfahren, und Tante Alice meint im Ernst, was sie sagt, wenn sie euch erklärt, daß ihr nicht mitfahren dürft. Und wenn ihr auch hundertmal darum bätet, das würde daran nicht das mindeste ändern. Ihr könnt nicht mit und müßt deshalb nicht mehr daran denken.« Toddi hörte von Anfang bis zu Ende aufmerksam zu und sagte dann: »Aber ich will mit.« »Du sollst nun einmal nicht, und dabei bleibt's.« »Ne, das thut's woll nich,« antwortete Toddi, »nu' erst recht nich'. Jetzt will ich noch gerner mit als vorher.« »Aber du kommst nicht mit.« »Ich möchte so schrecklich – schrecklich gern mit,« sagte Toddi und begann zu weinen. »Daran zweifle ich nicht, und du thust mir deshalb sehr leid,« sagte Frau Burton freundlich, »aber das ändert nichts an der Sache. Wenn große Leute ›Nein‹ sagen, müssen kleine Jungen einsehen, daß sie's auch so meinen.« »Aber ich möchte gern mit euch ausfahren,« sagte Toddi. »Und ich möchte gern, daß du zu Hause bleibst, deshalb bleibst du eben hier,« erwiderte Frau Burton. »Laß uns jetzt nicht weiter darüber sprechen. Möchtest du nicht mal in den Garten gehen und einige Erdbeeren pflücken – für dich ganz allein?« »Nein, ich möchte gern mit ausfahren.« »Toddi,« sagte Frau Burton, »laß mich jetzt kein Wort mehr von ausfahren hören.« »Nein, ich will aber mit.« »Toddi, Toddi! Ich werde dich noch strafen müssen, wenn du nicht davon aufhörst, und das wird mich ganz unglücklich machen. Du willst doch Tante an ihrem Geburtstag nicht unglücklich machen, nicht wahr?« »Nein, aber ich will mit ausfahren.« »Nun hör' aber mein letztes Wort, Toddi,« sagte Frau Burton, indem sie ärgerlich mit dem Fuß aufstampfte und ihren ganzen Geduldsvorrat auf einmal verlor. »Wenn du jetzt noch ein Wort von ausfahren redest, so sperre ich dich in die Bodenkammer, wo ihr vorgestern gesessen habt – aber Willi soll dann nicht bei dir sein.« Toddi ließ seinen Thränen jetzt freien Lauf und schrie: »A–h–h–h! Will nich' eingesperrt werden, will mit ausfahren.« Da fühlte sich Toddi auf einmal fest von den Armen seiner Tante umschlungen und wurde trotz seines Zappelns, Strampelns, Schreiens und Brüllens zwei Treppen hinauf in die Bodenkammer getragen. Der Augenblick seiner endgültigen Einkerkerung wurde durch einen durchdringenden Schrei bezeichnet, welcher aus dem Dachfenster schallend Terry plötzlich von seinem behaglichen Ruheplatz auf dem Brunnengehäuse aufscheuchte und einen vorüberreitenden Farmer veranlaßte, sein Pferd anzuhalten und fünf Minuten lang in lauschender Stellung zu verharren. Inzwischen ging Frau Burton wieder ins Besuchzimmer hinunter, erhitzter, zerzauster und ärgerlicher, als man sie je vorher gesehen. Hier begegnete sie alsbald dem Blicke ihres Neffen Willi, der so feierlich, forschend und vorwurfsvoll auf ihr ruhte, daß ihr Aerger sofort verflog. »Wie würde es dir woll gefallen, wenn man dich die Treppe hinauf schleppte und in ein einsames Zimmer sperrte, nur weil du gern ausfahren möchtest?« fragte Willi. Frau Burton konnte sich nicht in eine solche Lage hineindenken und entgegnete: »Ich würde nicht so thöricht sein, mir fortgesetzt etwas zu wünschen, was ich doch nicht haben kann.« »Ach so!« rief Willi. »So klug sind große Leute?« Frau Burton empfand ziemliche Gewissensbisse; sie ging daher bald zu einem andern Thema über und widmete sich ihrem Neffen Willi mit einem Eifer, als ob sie das Unrecht, welches sie seinem Bruder vielleicht gethan hatte, wieder gut machen wollte. Die gelegentlich aus dem Dachfenster zu ihr dringenden Klagelaute veranlaßten sie, mit noch größerem Eifer für Willis Behagen zu sorgen. Mit jedem Klagelaut jedoch wurde ihr Entschluß schwankender und endlich eilte sie mit einer heuchlerischen Ausrede gegen Willi die Treppe hinauf an die Thür von Willis Gefängnis und fragte durch's Schlüsselloch: »Toddi?« »Was?« antwortete Toddi. »Willst du wieder ein artiger Junge sein?« »Ja, wenn ich mit ausfahren soll.« Frau Burton drehte sich kurz um und eilte in großer Hast die Treppe hinunter. Willi, welcher sie am Fuße der Treppe erwartete, trat unwillkürlich auf die Seite und rief: »Na nu'! Ich dachte, du fielest die Treppe runter! Weshalb hast du ihn denn nicht mitgebracht?« »Wen mitgebracht?« fragte Frau Burton unwirsch. »O, ich weiß ganz gut, weshalb du hinaufgingst. Deine Augen haben mir alles verraten.« »Du bist ein recht unbequemer Gesellschafter,« sagte Frau Burton, indem sie ihr Gesicht abwandte, »und ich möchte, daß du jetzt erst mal nach Hause läufst und fragst, wie es Mama und der kleinen Schwester geht. Bleibe aber nicht zu lange aus; denke daran, daß wir heute früher zu Mittag essen.« Willi machte sich auf den Weg und Frau Burton ging mit sich selbst zu Rate. Zu schweigendem Gehorsam hatte sie sich als Kind bequemen müssen, so weit ihre Erinnerungen zurückreichten, und doch war ihr Eigenwille sicherlich ebenso groß gewesen wie derjenige Toddis. Wenn sie es als Kind stets über sich vermocht hatte, zu gehorchen, dann mußte es dem unglücklichen kleinen Jungen in der Dachkammer ebenso gut möglich sein – weshalb sollte er also ungehorsam sein? Vielleicht – das räumte sie ein – war sie in dieser Beziehung durch Vererbung besonders glücklich veranlagt, und vielleicht – nein, sicherlich war das bei Toddi nicht der Fall. Wie sollte sie nun gegen diesen Charakterfehler Toddis ankämpfen? Oder war es besser, das ganz zu lassen? War das nicht eine Aufgabe, an die niemand sich wagen durfte, der nur vorübergehend mal ein Kind zu beaufsichtigen hatte? Während sie diese Betrachtungen anstellte, wurde die Strenge ihrer Grundsätze durch das zuweilen an ihr Ohr dringende Klagegeschrei Toddis mehr und mehr gemildert, aber als ihr Blick dann wieder auf ein Bildnis ihres Mannes fiel, da schien es ihr, als ob das eine Auge mit spöttischem Ausdruck auf ihr ruhe, und sie war jetzt entschlossener als je, den Eigensinn des Kindes zu brechen. Einige Minuten später kam Willi zurück. Den Nachrichten, welche er von daheim mitbrachte, und seinem Berichte über seine Erlebnisse unterwegs schenkte Frau Burton nur einige Augenblicke Gehör und kleidete sich dann für die Spazierfahrt an. Sie schloß die Thür fest zu, um Toddis Geschrei nicht zu hören, aber alles Holzwerk schien mit Toddis Stimme zu sympathisieren, denn dieselbe drang anscheinend mühelos durch Thür und Fenster. Jedoch allmählich schien sie schwächer zu werden, und je seltener das Geschrei ertönte und je schwächer es wurde, desto mehr hoben sich Frau Burtons Lebensgeister. Nach beendeter Toilette stieg sie zu Toddis Gefängnis hinauf, um sein Sündenbekenntnis entgegen zu nehmen und gnädige Verzeihung zu gewähren. Sie klopfte leise an die Thür und rief: »Toddi?« Als keine Antwort kam, klopfte und rief sie energischer als zuvor – aber wiederum vergeblich. Sie hatte von Kindern gehört, die sich aus Aerger zu Tode geschrieen hatten, und eine furchtbare Angst überkam sie. Rasch öffnete sie die Thür und sah Toddi schmutzig und mit verweintem Gesicht auf dem Fußboden liegen. Sie beugte sich über ihn, um sich zu überzeugen, das er noch atme, und die halb geöffneten Lippen des Kindes umspielte so süßer Liebreiz, daß sie nicht umhin konnte, dieselben zu küssen. Dann nahm sie die schlafende, verlassene, rührende, kleine Gestalt sanft auf ihren Arm, und das kleine Köpfchen sank auf ihre Schulter und schmiegte sich an ihren Nacken, und ein kleiner Arm legte sich weich um ihren Hals und eine sanfte Stimme murmelte wie im Traum: »Ich möchte gern mit ausfahren.« Gerade in diesem Augenblicke trat Herr Burton ins Zimmer, und empörend war die Heuchelei, mit welcher er anscheinend treuherzig teilnehmend fragte: »Hast du seinen Eigensinn gebrochen, liebes Kind?« Seine Frau warf ihm einen vernichtenden Blick zu und ging ins Speisezimmer voraus. Inzwischen erwachte Toddi aus seinem Schlummer, rieb sich die Augen, erkannte seinen Onkel und rief: »Onkel Harry, weißt du, was wir heute Nachmittag machen wollen? Wir wollen ausfahren.« Herr Burton empfand das Bedürfnis, sein Gesicht unterhalb der Augen hinter seiner Serviette zu verstecken; seine Frau hätte freilich noch lieber gesehen, daß er auch seine Augen versteckt hätte, denn noch nie war es ihr so unangenehm gewesen, daß er ihr in die Augen sah. Das musterhafte Betragen der beiden Jungen während der Spazierfahrt am Nachmittage nahm der Niederlage Frau Burtons den Stachel. Ihre Neffen plauderten zusammen über Blumen, Blätter und Vögel, spielten sich als Eigentümer einiger Sommerwolken auf, die über ihnen schwebten, und machten verschiedene Tauschgeschäfte damit. Und als Terry, welcher ihnen heimlich gefolgt und müde geworden war, von seinem Herrn in den Wagen genommen wurde, da gestatteten sie ihm sogar, zu ihren Füßen zu liegen, ohne daß sie ihn traten, seine Ohren kniffen oder ihn am Schwanze zerrten. Herr Burton war zu edeldenkend, um seine Frau an ihrem Geburtstage absichtlich zu quälen, so vergaß dieselbe denn bald die am Vormittage erlittene Demütigung und kam in ausgezeichneter Stimmung und in ihrer Jugendfrische strahlend wieder zu Hause an, um ihre Gäste zu bewillkommnen. Dieselben trafen denn auch bald ein, und als die Gesellschaft vollzählig war, wurden Willi und Toddi in tadelloser Toilette von dem Hausmädchen hereingeführt. Leider führte sich Terry bei dieser Gelegenheit selbst ein, und kaum hatte Toddi ihn erblickt, als er auch schon eine Verständigung mit ihm anzubahnen suchte. Die beiden bildeten alsbald ein unentwirrbares Durcheinander mit den Füßen eines leichten Blumentisches, der zum Schluß mit lautem Krach zu Boden stürzte. Dann wurden beide mit Schimpf und Schande hinausgeschickt, was durchaus ihren Wünschen entsprach – freilich herrschte in einem Punkte große Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen, nämlich darüber, ob Terry die Einsamkeit, nach welcher sein Herz sich offenbar sehnte, aufsuchen und genießen solle oder nicht. Dann zog sich auch Willi mit einem Antlitz voll väterlicher Besorgnis zurück, und Frau Burton konnte sich jetzt endlich ihren Freundinnen widmen, mit denen sie bis dahin noch nicht hatte sprechen können, ohne beständig unterbrochen zu werden. Frau Burton gab ihrem Gemahl gelegentlich zu verstehen, daß es sich empfehlen dürfte, ab und zu mal nach den Kindern zu sehen. Aber ihr Eheherr hatte bis dahin selten das Vergnügen gehabt, als einziger Herr einem Dutzend liebenswürdiger und intelligenter Damen Gesellschaft zu leisten, und er wußte sehr wohl, daß sich ihm eine solche Gelegenheit sobald nicht wieder bieten würde. Er sah sich deshalb nicht bemüßigt, sich um die beiden Jungen zu bekümmern, zumal ihr Talent, sich vor Schaden zu bewahren, unbegrenzt schien. So blieben denn die Jungen zwei Stunden hindurch unbeaufsichtigt. Inzwischen stellte sich ein leichter Sommerregen ein, und eine gefühlvolle junge Dame bat um den Vortrag des Liedes ›Der Regen auf dem Dach‹. Herr Burton trug den ersten Vers desselben mit seiner Frau zweistimmig vor; beim zweiten Verse jedoch begann Frau Burton zu hüsteln, während ihr Gemahl ängstlich Luft holte. Gleichzeitig sprangen mehrere Damen von ihren Stühlen auf, während andere erbleichten. Zum Entsetzen aller füllte sich das Zimmer sichtlich mit Rauch. »Jedenfalls ist keinerlei Gefahr vorhanden, meine Damen,« sagte Frau Burton. »Sie wissen ja alle, was für Kunststücke amerikanische Dienstboten fertig bringen. Ich vermute, daß meine Köchin mit der ihr angebornen Findigkeit die Küchenthür aufgesperrt hat, um das Küchenfeuer wieder in Gang zu bringen, so daß der Rauch nicht zum Schornstein hinaus, sondern ins Haus hinein zieht. Ich will hingehen und dem Unfug steuern.« Das eine Wort Dienstboten war von elektrisierender Wirkung. Die Damen begannen sofort jene lebhafte Unterhaltung, zu welcher dieses Thema das schöne Geschlecht stets angeregt hat und wahrscheinlich auch so lange anregen wird, bis alle haushaltenden Frauen sich in jenem glücklichen Lande versammelt haben werden, zu dessen Hauptreizen auch der gehört, daß sich keine amerikanische Küchen in seinen Grenzen vorfinden, und wo die erlöste Köchin vor ihrer Herrin stehen kann, ohne der Schelte zu bedürfen. Da berührte eine nervöse junge Dame, deren Aufregung sich nur mittels der Füße kundgab, mit der Spitze eines Stiefels zufällig die Stellschraube des Luftheizungsregisters, und sofort stieg eine dicke Rauchsäule aus dem Register auf, während die Dame mit gellendem Schrei zurücksprang. »Feuer!« schrie eine Dame. »Wasser!« kreischte eine andere. »Hilfe!« riefen mehrere zugleich. Einige stürzten nach oben, andere in den Regen auf die Straße, die nervöse junge Dame wurde ohnmächtig, und eine praktische junge Frau, die schon seit Jahren wohlüberlegte Rettungspläne für Feuerunfälle ausgedacht hatte, raffte geschwind ein Dutzend schön gebundener Bücher in eine Tischdecke und schleppte sie durch den Regen nach einem mehrere hundert Meter entferntem Hause. Der treue Terry aber, der das Unheil von ferne gewittert hatte, rannte nach Haus und erfüllte seine Pflicht nach besten Kräften in der Weise, daß er bellend und wütend nach jedem schnappend durch das Haus raste und fast auf jedem Quadratmeter Teppich seine Fußspuren zurückließ. Inzwischen eilte Herr Burton in Hemdärmeln, mit wirrem Haar, schmutzigen Händen und geschwärztem Gesicht nach oben, um den Damen die tröstliche Nachricht zu bringen, daß in der That keine Gefahr vorhanden sei, während Willi und Toddi, ersterer totenbleich und letzterer krebsrot im Gesicht nach ihrem Zimmer hinaufschlichen. Die Gesellschaft zerstreute sich. Damen, welche ihre Wagen bestellt hatten, warteten nicht auf dieselben, sondern suchten in nahezu unhöflicher Weise der verschiedenen Regenmäntel und Schirme habhaft zu werden, mit denen Frau Burton aushelfen konnte. Fünfzehn Minuten später war Terry die einzige lebende Seele im Besuchzimmer und lag, wachsam umherspähend, mitten auf einem großen türkischen Sessel. Von ihrem Mann liebevoll gestützt, kam Frau Burton die Treppe herunter und betrachtete mit fest zusammengepreßten Lippen und flammenden Augen die Unordnung ihres trostlos öden Salons. Als sie dann aber das Eßzimmer betrat und den reizend gedeckten Tisch sah, auf dessen Anordnung sie in den vergangenen Tagen und Wochen ganze Stunden ernsten Nachdenkens verwandt hatte, da brach sie in eine Flut von Thränen aus. »Ich will dir mal erzählen wie es war,« sagte Willi, der plötzlich uneingeladen erschien und sich im Bewußtsein seiner guten Absicht durch die unwilligen Blicke von Onkel und Tante nicht einschüchtern ließ. »Ich habe immer schon gemeint, daß Freudenfeuer das Schönste sind, was man an solchen Festen hat, un' Toddi un' ich, wir haben schon seit zwei Tagen Holz zusammengetragen, weil wir hinten im Hof ein großes Freudenfeuer machen wollten. Aber da regnete es auf einmal, und nasses Holz will nich' brennen – das wissen wir noch vom letzten Danksagungsfest her. Da dachten wir, wir wollten man ein Feuer im Keller machen, weil die Decke von Zinn is und der Boden von Erde, un' weil's da nich' reinregnen kann. Un' da holten wir uns 'ne ganze Masse Zeitungen un' Spähne un' gossen etwas Petroleum drauf. Un' da kamen die Flammen wunderschön hoch, un' wir wollten gerade nach oben un' euch alle holen, da kam Onkel Harry un' bumste mich gegen die Wand und Toddi auf den Kohlenhaufen. Un' dann warf er einen schmutzigen alten Teppich obendrauf un' machte alles über und über naß.« »Wenn kleine Jungens mal was Nettes thun, dann heißt's immer gleich, ›Müßt nich'!‹« sagte Toddi. »Seht nur mal, was ich für einen furchtbar großen Splitter in die Hand gekriegt habe, als ich Holz aufs Feuer warf! Ich hab' aber gar nich' drüber geweint, weil ich dachte, ich machte andere Leute glücklich, wie es der liebe Gott von kleinen Jungens haben will. Aber nu' sind sie nich' glücklich geworden, deshalb will ich jetzt auch um den Splitter weinen.« Und Toddi erhob ein Geheul, welches seinem gewöhnlichen Geschrei so sehr überlegen war, wie auf Bestellung gearbeitete Sachen der Fabrikware. »Wir hatten auch 'n Fackelzug,« sagte Willi. Wir probierten ihn in der Dachstube, aber das war gar nich hübsch. Da oben sind ja keine Bäume, wo das Licht drin rumtanzen kann, wie wir's am Abend des Wahltages gesehen haben. Deshalb hörten wir gleich wieder auf, und wir wären ganz traurig geworden, wenn wir nicht an das Freudenfeuer gedacht hätten.« »Wo habt ihr denn die Fackeln gelassen?« fragte Herr Burton, vom Stuhl aufspringend und seine Frau gleichzeitig auf ihre Füße stellend. »Ich – ich weiß nich',« antwortete Willi nach kurzem Besinnen. »Wir werften sie in den Verschlag, wo die Lumpen liegen, weil wir den Fußboden nicht schmutzig machen wollten,« sagte Toddi. Herr Burton eilte die Treppe hinauf und löschte einen Haufen qualmender Lumpen aus, während seine Frau, deren Groll nie lange vorhielt, Willi an sich zog und freundlich sagte: »Andere Leute glücklich machen wollen und es wirklich thun sind zwei verschiedene Dinge, lieber Willi.« »Ja, das glaube ich auch,« sagte Willi, mit einem Seufzer, der Unausgesprochenes erraten ließ. »Kleine Jungens sind dumm, wenn sie große Leute glücklich machen wollen,« sagte Toddi und begann von neuem zu weinen. »O nein, das sind sie doch nicht, lieber Toddi,« sagte Frau Burton, und nahm das betrübte Kind auf ihren Schoß, »aber sie wissen es nur nicht immer richtig anzufangen, deshalb ist es am besten, sie fragen die großen Leute erst, wie sie's machen sollen.« »Dann sind es ja keine Überraschungen,« klagte Toddi. »Sag mal Tante Alice, wollen wir denn all das Abendbrot allein aufessen? »Ja – leider, wenn wir können,« seufzte Frau Burton. »Ich glaube, wir können es – Willi un' ich,« sagte Toddi. »Un' dann freuen wir uns, daß die Damen alle weggegangen sind.« Als die Kinder sich am Abend zurückgezogen hatten, schien Frau Burton etwas Besonderes auf dem Herzen zu haben; sie sagte schließlich zu ihrem Mann: »Ich mache mir Vorwürfe, daß ich die Kinder noch nie zur Abendandacht angehalten habe, so lange sie hier sind, und ich wüßte keine bessere Zeit, damit zu beginnen, als den heutigen Abend.« Herr Burton sah seiner Frau mit bewunderndem Blicke nach, als sie das Zimmer verließ. Den Dienst, den sie den Kindern zu erweisen sich erbot, hatte sie ihm selbst schon öfter geleistet, und zwar mit einem Erfolge, für den er ihr nicht dankbar genug sein konnte; dennoch konnte er sich eines geheimen Bangens nicht erwehren, als er seiner Frau leise nach oben folgte. Als Frau Burton das Kinderzimmer betrat, spielten die Jungen, jeder mit einem Kopfkissen bewaffnet ›Sturmlaufen.‹ »Nun Kinder,« fragte sie, »habt ihr schon eure Gebete gesagt?« »Nein,« erwiderte Willi; »einer muß erst umgerannt werden, dann wollen wir beten.« Das plötzliche Umpurzeln Toddis war das Zeichen zum Beginn der Andachtsübungen, und beide Knaben knieten am Bette nieder. »Nun hört erst mal auf das, was Tante euch zu sagen hat,« begann Frau Burton. »Ihr habt heute mehrmals in arger Weise gefehlt und könnt daraus lernen, daß ihr auch dann, wenn ihr die besten Absichten habt, ohne den Rat und die Hilfe anderer nur Dummheiten macht. Seht ihr das ein?« »Ich sehe's ein,« sagte Willi, »massenhaft.« »Ich nich'«, sagte Toddi. »Wenn mich andere helfen, wird's erst recht verkehrt – will später lieber alles allein machen.« »Ich weiß, was ich heute zu dem lieben Gott beten kann, Tante Alice,« sagte Willi. »Du Herzensjunge, dann bete mal recht schön,« sagte Frau Burton. »Lieber Gott,« betete Willi, »es geht uns immer gräßlich schlecht, wenn wir andere Leute glücklich machen wollen. Laß – bitte – laß doch die großen Leute mal wissen, wie schwer es kleinen Jungens wird, etwas auszudenken, was ihnen Freude macht. Un' gieb, daß große Leute kleine Jungens besser verstehen lernen un' sie nich unglücklich machen, wenn kleine Jungens sich Mühe geben, ihnen Freude zu machen. Un' gieb, daß große Leute ebenso schwer nachdenken müssen, wie kleine Jungens, um Christi Willen – Amen! Un' – o ja – un' segne die liebe Mama un' die liebe kleine Schwester. Ist's so recht, Tante Alice?« Frau Burton antwortete nicht, und als Willi sich umwandte, sah er sie bereits aus dem Zimmer gehen. Toddi aber sagte: »Jetzt bin ich an der Reihe. Lieber Gott, wenn ich ein kleiner Engeljunge oben im Himmel werde, dann laß die großen Engel nich' jedesmal kommen und sagen \>Mußt nich!\< wenn ich ganz was Nettes für sie thue, – un' mich auch nich' auf alte, eklige, schwarze Kohlen werfen. Sieh so! Amen!« Fünftes Kapitel Mit einem Gefühl der Erleichterung dachte Frau Burton am folgenden Morgen beim Erwachen daran, daß es Sonntag sei. Sogar Schullehrer haben zwei Ruhetage in der Woche – so überlegte sie – und niemand bezweifelt, daß sie dieselben verdienen. Hat aber nicht in weit höherem Grade eine Lehrerin Anspruch auf Ruhe und Erholung, die aus freiem Antriebe nicht allein für einige Stunden, sondern vom Tagesgrauen bis zur Abenddämmerung zwei Kinder beaufsichtigt, deren Lust zum Lernen sowohl, als zum Unheilstiften sicherlich ebenso groß ist wie die einer ganzen Schule voll Jungen? Dann dachte sie wieder daran, daß sie sich ja nur für einige Tage einer Aufgabe unterzogen habe, welche alle Mütter ohne Hoffnung auf Ruhe ihr ganzes Leben hindurch erfüllen, und sie fühlte sich so gedemütigt und unwürdig wie noch nie im Leben. Dennoch konnte sie den Wunsch nicht unterdrücken, die Sorge für die Kinder für diesen Sonntag an ihren Mann abzutreten. Wäre sie aufrichtig gegen sich selbst gewesen, so hätte sie sich eingestehen müssen, daß sie sich hauptsächlich aus dem Grunde so nach Ablösung sehnte, weil es ihr peinlich war, daß ihr Mann Zeuge der Mißerfolge wurde, die ihr offenbar so lange beschieden waren, als sie ihr Erziehungstalent an den Kindern erprobte. Was sollte sie machen? Vielleicht einen Sonntagsausflug vorschlagen und dann unter irgend einem Vorwande nicht daran teilnehmen? Oder für einen Tag das Kindermädchen bei der Schwägerin ablösen – und inzwischen Haus und Kinder der Obhut ihres Mannes unterstellen? Oder sollte sie einen Besuch bei ihrer Mutter machen, was einer jungen Ehefrau ja nie verargt werden kann. Diese und andere, weniger praktische Pläne wurden von Frau Burton ersonnen und geprüft, um dann schließlich alle zu Wasser zu werden, da Herr Burton aufwachte und über wütende Zahnschmerzen klagte. Frau Burton, so mitleidig und teilnehmend sie sonst auch war, fühlte doch einige Erleichterung bei dem Gedanken, daß ihr Gatte wahrscheinlich den ganzen Tag das Zimmer werde hüten müssen, und die Kinder unbedingt von ihm fern gehalten werden mußten. Dann hatte er keine Gelegenheit, Kritik zu üben, mochte sie auch noch so viel Mißerfolge haben, dann würde er nur von ihren Erfolgen hören. Da klopfte es leise an die Thür und, ohne ein ›Herein‹ abzuwarten, kamen zwei frische rosige Gesichter, zwei Köpfe mit ungekämmtem Haar und zwei lange Nachtkleider zum Vorschein – der Inhaber des längeren Kleides aber rief: »Sag mal, Onkel Harry, weißt du woll, daß heute Sonntag is? Was willst du heute für uns thun? Wir haben Sonntags immer 'ne Masse Spaß, weil es der einzige Tag is, wo Papa zu Hause is.« »Ja, ich – glaube, ich hörte – schon – früher etwas Aehnliches,« brummte Herr Burton zwischen den Fingern hervor, welche den schmerzenden Schneidezahn bedeckten. »O – h!« rief Toddi, »ich glaube, er will Bär mit uns spielen! Komm her, Willi! Wir sind die Hunde!« Und Toddi vergrub sein Gesicht in die Bettdecke und seine Zähne in eine Wade seines Onkels. Ein Weheruf des armen Dulders ließ den seine Rolle ernst nehmenden Neffen ungerührt, und er ließ sein Opfer nicht eher los, als bis dasselbe ihm die Kehle zudrückte. »Das is kein ordentliches Bär-Spielen,« klagte Toddi. »Du mußt in einem fort brummen und mich immerzu beißen lassen; un' dann giebst du mir Pfennige, daß ich aufhöre – so macht's Papa.« »Kannst du fassen, wie Tom so blödsinnig sein kann?« fragte Frau Burton. »Das könnte ich vielleicht,« antwortete ihr Mann, »wenn ich nicht solche Zahnschmerzen hätte.« »Du armer, lieber Mann!« sagte Frau Burton zärtlich. Dann wandte sie sich an ihre Neffen und rief: »Nun hört mal, Jungens! Onkel Harry ist heute sehr krank. Er hat schreckliche Zahnschmerzen, und jeder Lärm und jede Störung machen sie schlimmer. Ihr dürft euch in seinem Zimmer nicht wieder sehen lassen und müßt euch im Hause so ruhig wie möglich verhalten. Wenn jemand Zahnschmerzen hat, dann mag er andere Leute nicht mal sprechen hören.« »Dann bist du 'ne schlechte Tante,« sagte Toddi, »weil du im Zimmer bleibst und all die ganze Zeit immerzu sprichst; da muß Onkel Harry ja immer kränker werden. Mach, daß du rauskommst!« Herr Burton mußte trotz seiner Schmerzen recht herzlich über diesen unerwarteten Verweis lachen, und seine Frau war zu sehr verdutzt, um mit einer passenden Antwort dienen zu können. So machten sich denn die Jungen das Vergnügen, die Kammer zu durchstöbern, wobei selbst die Taschen in den Kleidungsstücken ihres Onkels nicht vergessen wurden. Als sie dieses Werk mit hingebendem Eifer vollendet hatten, verlangten sie ihr Frühstück. »Vor acht Uhr giebt's kein Frühstück,« sagte Frau Burton »und es ist jetzt erst um sechs. Deshalb thut ihr am besten, ihr geht wieder zu Bett, sonst werdet ihr noch schrecklich hungrig bis zum Frühstück.« »Werden wir denn im Bett nich' hungrig?« fragte Toddi mit jenen großen neugierigen Augen, die auf einen empfänglichen Geist schließen lassen. »Nein, im Bette nicht,« antwortete Frau Burton. »Aber wenn ihr umherrennt, so erschüttert ihr euern Magen, und wenn der Magen unruhig wird, so werdet ihr hungrig.« »I so was!« rief Toddi. »Was kleine Jungens nicht alle lernen müssen, nich' wahr? Komm, Willi! wir wollen unsere Magen zu Bett bringen, daß sie nich' geschüttelt werden.« »Denn man zu,« sagte Willi. »Aber sag doch mal, Tante Alice, meinst du nich', daß unsere Magen schläfriger und ruhiger sind, wenn da 'n paar Theekuchen oder Butterbrote rein kommen?« »Es ist niemand unten, der euch welche geben könnte,« erwiderte Frau Burton. »O,« sagte Willi, »wir finden sie schon. Wir wissen, wo alles steht – in der Speisekammer und in den Schränken.« »Ich wollte, ich wäre auch so gescheit,« seufzte Frau Burton. »Nun geht fort! Nehmt euch, was ihr mögt, aber kommt nicht wieder in Onkels Zimmer! Und daß ich unten ja alles in bester Ordnung finde, sonst dürft ihr nie wieder in die Küche.« Die Kinder eilten hinaus, aber Frau Burton gewann dadurch nichts, denn sie wurde alsbald in anderer Weise heimgesucht. Ihr Gemahl hielt plötzlich mitten im Rasieren inne und sagte zu ihr: »Deinetwegen, mein Schatz, habe ich den Sonntag still herbeigesehnt. Wie du schon häufiger bemerkt hast, haben die Kinder die wunderlichsten Vorstellungen von religiösen Dingen, obwohl sie von Natur ein frommes, religiöses Gemüt haben. Du hast nicht allein das letztere, sondern bist auch frei von Aber- und Buchstabenglauben, die beide auf Abwege führen. Da nun die mystischen Einflüsse des Sonntags sich wohl auch diesen unschuldigen kleinen Herzen fühlbar machen werden, so bietet sich dir heute Gelegenheit, falsche Vorstellungen zu berichtigen und neue Gefühle und Wahrheiten einzustoßen.« Die Stimme Herrn Burtons klang etwas unsicher, als er diese erbauliche Ansprache schloß, so daß seine Frau mißtrauisch in seinen Zügen forschte, ob nicht der Schalk irgendwo verborgen laure. Die eine Backe ihres Eheherrn war jedoch mit Seifenschaum bedeckt und der böse Zahn hatte die andere schief gezogen, so daß Frau Burton nicht umhin konnte, mit dem Lobe zugleich auch die Mahnung an ihre religiösen Pflichten als Erzieherin entgegen zu nehmen. »Ich will die Kinder beaufsichtigen, so lange du in der Kirche bist, liebe Frau,« sagte Herr Burton. »Gegen Kranke betragen sie sich musterhaft.« Frau Burton stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Sie nahm sich vor, gleich nach dem Frühstück einen Morgengottesdienst mit den Kindern abzuhalten und ihnen die Heiligkeit des Sonntags recht zu Gemüte zu führen. Wenn dann ihr Mann das so begonnene gute Werk einfach fortführte, so konnten die Kinder in den wenigen Stunden von Mittag bis Abend unmöglich schon wieder auf Abwege geraten. Von diesem Plan erfüllt, dachte sie nicht daran, daß sie dem Hausmädchen den Besuch des Frühgottesdienstes erlaubt und ihr versprochen hatte, danach zu sehen, daß die Kinder sauber gekleidet zum Frühstück erschienen. Als ihr aber dann am Frühstückstisch auffiel, daß ihre Neffen dem Rufe der Glocke nicht mit gewohnter Pünktlichkeit folgten, da erinnerte sie sich wieder an die vergessene Pflicht und eilte sofort in das Zimmer der Jungen. Hier sah sie zu ihrem maßlosen Erstaunen, daß die Kinder bereits eine Mahlzeit hielten, die in Bezug auf Zusammenstellung der Gerichte in der That merkwürdig war. Auf einem kleinen an das Bett gerückten Tische standen, appetitlich anzuschauen, eine Torte, ein Glas mit Pickles, ein Teller mit Scheibenhonig und eine kleine Schale mit gestoßenem Zimmt, und die Jungen waren mit Löffeln, Messern, Gabeln und Fingern emsig beschäftigt, diese Delikatessen zu verzehren. Toddi sah etwas schuldbewußt aus, als er seine Tante erblickte, aber Willi war nicht im mindesten betroffen und sagte lächelnd: »Nu' weißt du doch wenigstens, was kleine Jungens gern essen mögen, Tante Alice. Ich hoffe, daß du's nich' wieder vergißt, so lange wir hier sind.« »Schämt ihr euch nicht, diese Sachen hier mit raufzubringen?« fragte Frau Burton in strengem Ton. »Wie so?« antwortete Willi. »Du hast uns doch gesagt, wir sollten nehmen, was wir wollten; un' da dachten wir, du sagtest die Wahrheit.« »Un' ich bin nich' mehr so hungrig, wie ich war,« sagte Toddi; »aber mein Magen fühlt so, als ob er immerzu groß un' dann wieder klein würde, un' weh thut er auch. Ich wollte, wir könnten unsere Magen weglegen, wenn wir sie nich' mehr nötig haben, so wie Hüte un' Gummischuhe.« Die Ueberbleibsel des originellen Frühstücks zusammenraffen, und vor ihren Neffen in Sicherheit bringen, war für Frau Burton das Werk einiger Sekunden, und gleich nachher fanden sich die beiden Jungen mit beispielloser Geschwindigkeit angekleidet. An der Frühstückstafel angelangt, hatten sie für ein delikates Kotelett, für die leckersten, braun gebratenen Kartoffelscheiben von oblatenähnlicher Zartheit und einen Haufen appetitlicher, schneeflockenleichter Wecken nur verächtliche Blicke. »Von solchem alten Frühstück mögen wir kein bischen mehr,« sagte Willi. »Kein bischen mehr,« bestätigte Toddi, »weil wir so viel andere Sachen im Magen haben; ich weiß noch gar nich', wo ich das Mittagessen hinthun soll, wenn's so weit is.« »Aergere dich da man nich' über, Toddi,« sagte Willi. »Weißt du nich', was Papa manchmal sagt? Er sagt, in der Bibel steht, man soll sich nich' früher ärgern, als bis es nötig is.« Frau Burton zog vor Verlegenheit und Grauen ihre Augenbrauen in die Höhe, und ihr Gemahl beeilte sich, die Stelle der Bibel anzuführen, aus welche Willi sich berief: »Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage hat.« Frau Burtons Verlegenheit war durch diese Erklärung teilweise gehoben, ihr Entsetzen dagegen nicht, und sie sagte hastig: »Kinder, gleich nach dem Frühstück wollen wir im Besuchzimmer ganz gemütlich unter uns Sonntagsschule halten.« »Hurra!« rief Willi. »Un' du giebst uns Billets un' reichst 'ne Pfennigbüchse rum, wie sie's in der großen Sonntagsschule machen?« »Ich – glaube – ja,« erwiderte Frau Burton, die an diese Magnete der erfolgreichen Sonntagsschule noch gar nicht gedacht hatte. »Laß uns gleich rein gehn, Toddi, weil der Hund da drin is,« sagte Willi. »Ich sah ihn, als ich runter kam, un' ich machte alle Thüren zu, daß er nich' raus kann. Wir können 'n bischen Spaß mit ihm haben, ehe die Sonntagsschule anfängt.« Die beiden Kinder eilten an die Thür des Besuchzimmers und Terry, geleitet von jenem wunderbaren Instinkt, mit welchem die Vorsehung die Minderzahl gegen die Mehrzahl und die Schwachen gegen die Starken waffnet, näherte sich der Thür gleichzeitig von innen. Als die Thür geöffnet wurde, hörte man gleichzeitig ein krampfhaftes Geheul und ein Uebereinanderpurzeln kleiner Jungen, während Terry unmittelbar darauf in das Speisezimmer stürmte und sich in dem faltenreichen Morgenkleide seiner Herrin versteckte. Einige Minuten später betrat Willi das Speisezimmer mit sehr betrübtem Gesicht und erklärte: »Ich glaube, wir haben die Sonntagsschule recht bald nötig, Tante Alice. Terry will nich' mit uns spielen, un' wir müssen deshalb getröstet werden.« »Sie machen's da wieder genau wie die Erwachsenen,« sagte Herr Burton lachend. »Was willst du damit sagen?« fragte seine Frau. »Nur soviel – daß sie sofort nach den Tröstungen der Religion verlangen, wenn ihre eigenen Anschläge mißlingen,« antwortete Herr Burton. »Darf ich der Sonntagsschule beiwohnen?« »Ich werde dich schwerlich daran hindern können,« seufzte Frau Burton, indem sie in's Besuchzimmer voranging. »Hört mal Kinder,« wandte sie sich an ihre Neffen, »wir wollen zuerst ein kleines Loblied singen, welches soll es sein?« »Das vom alten Onkel Ned,« antwortete Toddi prompt. »Ach, das ist ja kein Sonntagslied,« sagte Frau Burton. »Is woll doch,« sagte Toddi, »denn da kommt doch drei- oder viermal drin vor: ›Er ist hingegangen, wo die guten Neger hingehen‹ – un' das is doch der Himmel, nich' wahr? Deshalb ist's ein Sonntagslied.« »Ich glaube ›Nun danket alle Gott‹ is viel hübscher,« sagte Willi, »un' ich weiß gewiß, daß es 'n Sonntagslied is, weil ich es in der Kirche gehört habe.« »Man zu,« sagte Toddi und begann sofort, nach jener wohlbekannten Melodie zu singen: »Da liegt die Whisky-Flasche, Doch leider ist sie leer« wurde aber von seiner Tante sofort durch Schütteln zur Ruhe verwiesen, während sein Onkel im Nebenzimmer einen Ausbruch von Heiterkeit niederkämpfte, der mit seinen Zahnschmerzen jedenfalls wenig zu thun hatte. »Pfui, Toddi!« rief Frau Burton. »Das ist erst recht kein Sonntagslied, das ist ein ganz häßliches, gemeines Lied. Wo hast du das gelernt?« »Um die Ecke von unserm Haus,« erwiderte Toddi. »Un' du kannst deine alten Lieder selber singen, wenn du meine nich' leiden magst.« Frau Burton setzte sich ans Klavier, ließ ihre Finger wie suchend über die Tasten gleiten und spielte und sang sodann ein frommes Lied, in welches Toddi so lieblich mit einstimmte, als ob er gegen musikalische Geschmacksverirrungen stets gefeit gewesen sei. »Aber ich glaube, wir thun jetzt am besten, wir sammeln erst mal, eh die kleinen Jungen ihre Pfennige verlieren,« sagte Willi ins Speisezimmer eilend und mit einer Erdbeerenbüchse zurückkehrend, welche für diesen speziellen Zweck schon bereit gehalten zu sein schien. Dann hielt er sie mit ernster Miene Toddi hin, und Toddi hielt seine Hand so vorsichtig drüber, als ob er Hunderte spenden wolle. Dann nahm Toddi die Büchse und hielt sie Willi hin, welcher dieselbe Geberde des Gebens machte, worauf Willi die Büchse wieder an sich nahm, dieselbe vor seinen Ohren schüttelte und mit den Worten: »Es klappert nich – ich glaube, es is heute lauter Papiergeld« auf den Kaminmantel stellte. Dann setzte er sich wieder hin und sagte: »Jetzt kannst du Bibelstunde halten.« Frau Burton öffnete die Bibel mit dem Gefühl der größten Hilflosigkeit. Mit dem natürlichen Instinkt einer Frau, die gern gründlich zu Werke geht, schlug sie die Bibel zuerst ganz vorn auf – blätterte aber gleich weiter, da das erste Kapitel des 1. Buch Mosis auch ihrem eigenen orthodoxen Geiste schon manche Frage eingegeben hatte, um deren Beantwortung sie noch immer verlegen war. Als sie rasch umblätterte, überschlug sie aus Gewissensrücksichten manchen Schlachtbericht, dessen Einzelheiten die Jungen entzückt haben würden, eilte an den Propheten vorbei, deren Weisheit die Kinder noch nicht erfassen konnten, und gelangte so an das neue Testament und die ewig-neue Geschichte jenes einzigen Knaben, der jemals alle Hoffnungen erfüllte, die Eltern und Verwandte auf ihn gesetzt hatten. »Ich werde euch von Jesus erzählen,« sagte sie dann. »Von klein' Jesusjungen oder vom großen Mann Jesus?« fragte Toddi. »Von – von – beiden,« antwortete seine Tante etwas verwirrt. »Gut,« sagte Toddi, »erzähl weiter.« »Es war einmal eine Zeit, in der alle Menschen in qualvoller Unruhe lebten, ohne recht zu wissen, weshalb,« erzählte Frau Burton. »Aber der liebe Gott wußte wohl, wie das zuging, denn er weiß alles.« »Weiß er denn auch, wie 'n kleinen Jungen zu Mut is, der ins Bett muß un' mag nich'?« fragte Toddi. »Und er beschloß, den Menschen Trost zu bringen, wie er das ja immer thut, wenn die Menschen einsehen, daß sie sich selbst nich' trösten können,« fuhr Frau Burton fort, die Frage ihres Neffen nicht beachtend. »Aber gab es denn da nich' schon viele, viele kleine Jungens? Un' mußten denn die nich' ebenso gut getröstert werden, wie die großen Leute?« fragte Toddi. »Das wohl,« erwiderte Frau Burton. »Aber er wußte, wenn er die großen Leute tröstete, daß dieselben die Kinder dann auch glücklich machen würden.« »Dann wollt' ich, er trösterte dich un' Onkel Harry jeden Morgen,« sagte Toddi. »Erzähl weiter!« »Gott sandte also seinen eigenen – seinen einzigen Sohn zur Erde nieder als liebes, kleines Jesuskind.« »Ich glaube aber sicher, Gott hätt 'n kleines Schwester-Kindchen aus ihm gemacht, wenn er wirklich alle Menschen glücklich machen wollte,« sagte Willi. »Das wußte Gott am besten,« sagte Frau Burton. »Und während die weisen Leute in der ganzen Welt nich' wußten, was den unruhigen Herzen der Menschen Ruhe und Frieden bringen könne.« – »Sind denn unruhige Herzen so wie unruhige Magen?,« fragte Toddi. »Thun sie kollern un' bullern?« »Ich glaube wohl,« erwiderte Frau Burton. »Die armen Leute,« sagte Toddi, seine Hände über seinem Magen faltend, »die thun mir aber leid.« »Während also weise Leute sich vergeblich den Kopf darüber zerbrachen, was man thun könne,« fuhr Frau Burton fort, »sahen einfältige Schafhirten, die nachts unter Mond und Sternen zu sitzen und über Dinge nachzugrübeln pflegten, die sie nicht begreifen konnten, einen wunderbar hellen Stern am Himmel.« »War das einer von den Flacker-Flacker-Sternen oder einer von den Stillsteh-Sternen?« fragte Toddi. »Ich weiß nicht,« antwortete Frau Burton nach kurzem Besinnen. »Weshalb fragst du?« »Weil ich weiß, warum der Stern da stand – darum,« sagte Toddi. »Un' es muß 'n Flackerstern gewesen sein. Denn die Flackersterne gehen so hin un' her, weil sie lachen un' nich still halten können. Un' ich hätte ganz gewiß gelacht, wenn ich 'n Stern gewesen wäre un' so viele Leute so schrecklich glücklich machen wollte. Erzähl weiter.« »Da sahen die Schafhirten,« erzählte Frau Burton weiter, indem sie bald die eine und bald die andere der beiden Adventsgeschichten zu Rate zog, »auf einmal einen Engel, und sie fürchteten sich.« »Die sollten woll bange werden,« sagte Toddi. »Da wird jeder bange, wenn er auf einmal 'n Engel ankommen sieht. Sie dachten gewiß, der sagt nu' gleich: »Müßt nich!« »Aber der Engel sprach zu ihnen,« fuhr Frau Burton fort, »sie sollten nicht bange sein, denn er sei nur gekommen, um ihnen die frohe Botschaft zu verkünden, daß der Heiland zu Bethlehem geboren und gekommen sei, um alle Menschen glücklich zu machen.« »O Tante, wäre das nich' wunderschön, wenn der Engel bald wieder käme un' alles noch mal thäte?« rief Willi. »Nur müßt' er sich kleine Jungens aussuchen un' keine Schafhirten. Ich wäre nich' bange vor 'n Engel.« »Ich auch nich,« sagte Toddi. »Aber ich gingte geschwind mal hinter ihn rum un' sähe mal nach, wie seine Flügel festgemacht sind.« »Darauf kamen noch viele andere Engel herbei,« fuhr Frau Burton fort »und sangen wunderschöne Lieder. Die armen Schafhirten wußten gar nicht, was sie daraus machen sollten; als aber der Gesang vorbei war, da machten sie sich auf den Weg nach Bethlehem, um das Jesuskind zu sehen.« »Gerade so,« meinte Willi, »wie wir neulich hingingen, um das Schwester-Kind zu sehen.« »Jawohl,« sagte Frau Burton. »Aber sie fanden Jesus nicht in einem schönem Hause und einer gemütlichen Kammer bei Freunden und Ammen, die für ihn sorgen konnten; er lag draußen im Stall in einer Krippe.« »Das kam davon,« sagte Willi, »weil er so klug war, daß er thun konnte, was er wollte, und weil er sein konnte, wo es ihm am besten gefiel. Un' er war ja doch 'n kleiner Junge, un' kleine Jungens mögen Ställe immer lieber leiden als Häuser. Ich wollte, ich könnte in 'm Stall wohnen für immer un' ewig.« »Ich auch,« sagte Toddi, »un' in 'ner Krippe schlafen. Dann thäten die Pferde alle Leute mit den Hinterbeinen schlagen, die mir reine Kleider anziehen wollten, wenn ich das nich haben möchte. Un' sie brachten ihm doch Geschenke, nich' wahr?« »Jawohl, lieber Toddi,« sagte Frau Burton, »Gold, Weihrauch und Myrrhen.« »Weshalb brachten sie ihm denn keine Klappern und Piepbälle, wie sie Bruder Philli von den Leuten kriegte, als er noch ganz klein war?« fragte Toddi. »Weil,« antwortete Frau Burton, erfreut darüber, daß sich ihr Gelegenheit bot, ihren beiden Neffen über das göttliche Wunder der Geburt des Heilandes recht eindringliche Worte zu sagen, woran sie die Fragen derselben bislang gehindert hatten, »weil das Jesuskind kein gewöhnliches Kind war, wie andere Kinder. Es war Gott selbst, der Sohn Gottes.« »Was?« rief Toddi. »Gott war mal 'n kleines Kind?« »Ja,« erwiderte Frau Burton, ganz entsetzt bei dem Gedanken, daß Toddi vielleicht noch nie über das Wesen der heiligen Dreieinigkeit belehrt sei. »Un' spielte umher, wie andere Kinder?« fragte Toddi weiter. »Ich – ich glaube wohl,« antwortete Frau Burton zögernd, da sie besorgte, daß sie bei dem Versuche, ihren Neffen religiöse Ehrfurcht einzuflößen, es selbst daran fehlen lassen möge. »War da auch jemand, der immer ›Mußt nich‹ zu ihm sagte, jedesmal, wenn er was that?« fragte Toddi. »N–ei–n, das war nicht nötig,« erwiderte Frau Burton, »denn er war immer gut und brav.« »Das hilft nichts,« sagte Toddi. »Wenn ich mal ganz – ganz artig sein will, dann sagen die großen Leute erst recht ›Mußt nich!‹ zu mir. Da hat der kleine Jesus gewiß gar nichts anderes zu hören gekriegt.« »Wie ging's ihm denn weiter?« fragte Willi mit so großem Interesse, als ob er die ihm wohl bekannte Geschichte zum erstenmal hörte. »Er wurde stark an Leib und Seele und jedermann hatte ihn lieb. Aber als er noch recht klein war, wurde sein Papa im Traum von einem Engel erschreckt. Der Engel kam und sagte ihm, daß der König des Landes den kleinen Jesus töten würde, wenn er ihn finden könnte. Deshalb standen Josef, sein Vater, und Maria, seine Mutter, mitten in der Nacht auf und flohen nach Aegypten.« »Da war Aegypten damals woll ebenso'n Land wie jetzt Europa?« fragte Willi. »Jedesmal, wenn Papa von jemand erzählt, den niemand finden kann, sagt er: ›Is wahrscheinlich nach Europa durchgebrannt‹ Was machten sie denn da in Aegypten?« »Ich weiß nich',« erwiderte Frau Burton nachsinnend. »Ich glaube aber; Josef wird wohl tüchtig gearbeitet haben, um Geld zu verdienen und seiner Frau und dem Jesuskind Nahrung und Wohnung zu verschaffen. Und die Mama, denk' ich mir, ging mit Jesus in die Felder und pflückte hübsche Blumen für ihn zum Spielen, und wenn Jesus die Blumen kriegte, dann freute er sich und lachte und tanzte und spielte, bis er müde wurde. Dann kam er und legte sein kleines Gesicht in seiner Mama Schoß und wurde von ihr auf den Arm genommen und hin und her gewiegt. Und wenn er dann einschlief, sah seine gute Mama ihm recht zärtlich ins Antlitz und dachte darüber nach, was wohl aus ihrem Kinde werden würde, wenn es erst groß sei, und ob es wohl von ihr genommen würde, und dann schien es ihr, als ob das Leben keinen Wert mehr für sie habe, wenn sie ihr Kind nicht fest ans Herz drücken könnte, und ...« Frau Burton's Stimme wurde schwächer und schwächer und versagte ihr zuletzt ganz. Willi trat vor sie hin, sah sie mit forschenden Blicken an, stützte seine Ellbogen auf ihre Kniee und sein Gesicht in seine Hände, blickte ihr dann teilnehmend ins Gesicht und sagte: »Hör' mal, Tante Alice, die war doch gerade so, wie meine Mama, nich' wahr? Un' ich glaube du bist gerade so, wie die alle beide.« Frau Burton nahm Willi hastig in ihre Arme, bedeckte sein Gesicht mit Küssen und versäumte dabei zum zweiten Mal eine Gelegenheit, ihren Neffen den Unterschied zwischen himmlischen und irdischen Dingen klar zu machen. Toddi sah mit unverhohlenem Mißtrauen auf das Paar und erklärte: »Nu' hörst du mitten im Erzählen auf un' hast Willi lieb. Ich glaube, es wäre netterer, wenn du mal nachsähest, ob das Mittagessen noch nich' fertig is'. Mein Magen is schon wieder ganz klein geworden.« Frau Burton versetzte sich mit einem Seufzer aus der Welt der heiligen Geschichte wieder in die des Alltaglebens zurück, während Terry, welcher die friedliche Natur der Sitzung geahnt und sich erlaubt hatte, unter dem Stuhle seiner Herrin Platz zu nehmen, sich so schmal wie möglich machend, zur Thür hinaus schlich und eiligst in der Richtung des nahen Gebüsches davontrabte. Toddi hatte ihn jedoch entfliehen sehen und Willi davon benachrichtigt, und beide Jungen machten sich sofort an die Verfolgung des Hundes. Dieser kriegte aber rechtzeitig Wind davon und begab sich schleunigst in ein sicheres Versteck, wie es jeder Hund, der kleine Jungen aus Erfahrung kennt, so gut zu entdecken und zu behaupten weiß. Im Verlaufe des Vormittags wurden die Jungen unruhig: sie balgten sich, trommelten auf dem Klavier, murrten, als das Instrument geschlossen wurde, untersuchten alle Gegenstände, die ihnen erreichbar waren, und wurden zuletzt so lästig, daß ihre Tante bald die Ueberzeugung gewann, daß sie sich am besten stände, wenn sie den Kindern das Feld räumte. Sie suchte daher ihren kranken Gemahl auf und nahm neben dem Sofa Platz, auf welches er sich hingelegt hatte. Der Spürsinn der beiden Kinder hatte sie hier jedoch bald entdeckt und Willi kam und mahnte: »Du, Tante Alice, wenn du zur Kirche willst, mußt du dich jetzt aber bald 'n bischen beeilen.« »Ich kann nicht zur Kirche gehen, Willi,« seufzte Frau Burton. »Wenn ich hinginge, würdet ihr Jungen das ganze Haus auf den Kopf stellen und euern armen Onkel zur Verzweiflung bringen.« »Nein, das thun wir nicht,« antwortete Willi. »Du weißt gar nich', was wir für nette Krankenpfleger sind! Papa sagt, keiner hat 'ne blasse Ahnung, wie schön wir andere Leute pflegen können, bis er's mal sieht. Wenn du's nicht glauben willst, so laß uns mit Onkel Harry allein und bleib von der Kirche weg un' guck durch's Schlüsselloch.« »Geh nur, Alice!« sagte Herr Burton. »Wenn du gern zur Kirche willst, so laß mich ohne Besorgnis allein. Nach deinen Erfahrungen von heute Morgen halte ich es für das beste, daß du hingehst. Ich glaube, du wirst deine Gemütsruhe nicht eher wiederfinden, als bis du in den Gesang der Gemeinde einstimmst und reumütig bekennst, daß auch du nur ein armes sündiges Geschöpf bist.« Frau Burton zuckte leicht zusammen, zog sich aber doch zurück und kam bald für die Kirche angekleidet zurück. Dann küßte sie ihren Mann und ihre Neffen, erteilte zum Abschied allerlei gute Ratschläge und ging fort. Willi folgte ihr mit den Augen, bis sie die letzten Verandastufen hinuntergeschritten war und sagte dann mit einem Seufzer der Erleichterung: »So jetzt können wir mal recht gemütlich unter uns sein, wie Papa sagt – jetzt sind wir sie erst mal los geworden.« »Willi!« rief Herr Burton und sprang entrüstet auf, »weißt du, von wem du sprichst? Weißt du nicht, daß eure Tante Alice meine Frau ist, daß sie euch schon manche Strafe erlassen und manchen Gefallen gethan hat, und daß sie immer eure beste Freundin gewesen ist?« »O doch,« erwiderte Willi mit außerordentlich vielsagender Betonung der einzelnen Worte. »Aber manche Leute hat man Sonntags gern un' andere alltags, meinst du nich? Sie kann weder Flöten machen, noch Frösche fangen, noch uns alle beide huckepack den Berg rauftragen oder singen: »Die Schwerter klirren.« »Erwartet ihr denn, daß ich das heute alles thue?« fragte Herr Burton. »N–ei–n,« erwiderte Willi, »außer, wenn es dir besser geht und du auch Lust dazu hast. Aber wir möchten gern bei jemand sein, der so was kann, wenn er bloß will. Manchmal mögen wir lieber bei Tante sein un' manchmal lieber bei dir. Tante Alice is beinah wie 'n Engel, glaub' ich, un' du, du bist's nich. Un' wir möchten erst dann immer bei Engeln sein, wenn wir selber welche sind.« Herr Burton's Zorn schwand bei diesem ehrlichen Eingeständnis einer der größten menschlichen Schwächen plötzlich dahin und er betrachtete nachdenklich die Rückseite seines Ruhelagers. Willi aber fuhr fort: »Wir möchten nich', daß du auch 'n Engel wirst. Deshalb möchte ich gern wissen, wie ich dich gesund machen kann. Meinst du nich', wenn ich Papas Pferd und Wagen borge und dich ausfahre, daß du dann besser wirst? Ich weiß, er würde sie mir leihen, wenn ich ihm sagte, daß du damit ausfahren willst.« »Besonders, wenn du ihm sagst, du willst mitfahren und auf mich passen,« scherzte Herr Burton. »J–a,« sagte Willi so zögernd, als ob ihm etwas Derartiges nie eingefallen wäre. »Un' meinst du nich auch, daß jemand, der krank is, am besten thut, er fährt nach der Habichtsklippe oder nach dem Wasserfall? Wenn du nich' mehr fahren magst, dann kannst du ja anhalten un' uns Stöcke schneiden oder Flöten machen oder Pfingster-Aepfel (Samenkapseln der wilden Azalie) für uns suchen oder, wenn du uns satt hast, uns in einem Bache schwimmen lassen.« »Hm!« brummte Herr Burton. »Un' du mußt auch was zu essen mitnehmen,« riet Toddi; »un wenn du dann recht müde wirst un' dich elend fühlst, dann hälst du an un' machst ein kleines Picknick. Ich glaube, das is das beste für jemand, der Zahnweh hat. Un' wir könnten dir helfen – tüchtig!« »Ich will mal sehen, wie es mir nach Tische geht,« sagte Herr Burton. »Aber was wollt ihr bis dahin für mich thun, damit ich wieder besser werde?« »Wir wollen dir Geschichten erzählen,« antwortete Toddi; »die mögen kranke Leute immer am liebsten leiden.« »Schön,« sagte Herr Burton. »Erzähle mal eine!« »Denn man zu,« sagte Toddi. »Magst du lieber 'ne traurige oder 'ne lustige Geschichte?« »Irgend eine,« antwortete Herr Burton. »Leute die Zahnweh haben, können ziemlich alles ertragen. Aber spanne deine Phantasie nur nicht zu stark an.« »Ich spanne niemals Phantasinen an, ich spanne bloß die Ziege mit an,« versicherte Toddi. »Auch gut, Toddi. Nun leg mal los!« »Schön,« sagte Toddi, in einem kleinen Schaukelstuhle Platz nehmend und unverwandt die Zimmerdecke betrachtend, »dann will ich mal von Abraham un' Isak erzählen. Der liebe Gott sagte mal zu Abraham, er sollte auf den Berg raufgehen un' seinen kleinen Sohn die Kehle durchschneiden un' ihn auf 'm Altar aufbrennen. Un' Abraham ging wahrhaftig hin un' wollte es thun. Un' er ließ seinen kleinen Sohn Isak, den er totmachen un' aufbrennen wollte, das Holz tragen, wo das Feuer mit angemacht werde sollte. Un' nu' möcht' ich gern wissen, ob du meinst, daß das sehr nett von ihm war?« »Hm – nein,« antwortete Herr Burton. »Will dir mal was sagen,« sagte Willi. »Da laß ich mich nich zu kriegen, daß ich Holz auf 'n Berg rauf trage – auch nich', wenn mein Papa es haben will.« »Als sie raufkamen,« fuhr Toddi fort, »da baute Abraham 'n Altar un' legte den kleinen Isak drauf un' nahm 'n Messer un' wollte ihm gerade die Kehle durchschneiden – da kam auf einmal 'n Engel vom Himmel un' rief: »Thu's nich'!« Un' Abraham that 's nich un' Isak laufte weg. Un' Abraham sah ein Schaf, das saß im Gebüsche fest, un' da fing er das Schaf un' machte es tot. Nu' war er den Berg doch nich' umsonst raufgeklettert un' hatte 'n schönes blutiges Messer. Un' da brannte er das Schaf auf un' ging wieder nach Hause.« »Ich möchte mit dir wetten, daß Isak seine Mama da gar nichts von gewußt hat, was sein Papa mit ihm machen wollte,« erklärte Willi, »sonst hätte sie ihren kleinen Jungen nicht mitgehen lassen. Willst du wetten?« »Nein, am Sonntag nicht,« antwortete Herr Burton. »Aber ich möchte euch vorschlagen, daß ihr jetzt mal hinausgeht und draußen eine Zeitlang spielt, damit ich etwas schlafen kann.« Die Jungen folgten diesem Wink und verschwanden. Als Frau Burton eine halbe Stunde später unter dem Schutzgeleit des alten Generals v. Stachelschwein aus der Kirche nach Hause ging und mit der Standhaftigkeit einer Heiligen seine Komplimente über ihre Kindererziehung über sich ergehen ließ, da wurden die beiden plötzlich durch ein Angst- und Klagegeschrei erschreckt, welches von der Besitzung des Generals her, an welcher sie soeben vorübergingen, an ihr Ohr drang. »Schwerenot! was ist das?« fluchte der General, während sein kurzes Haupthaar sich wie die Stacheln seines Namensvetters emporsträubte. »Wir haben doch keine Kinder.« »Ich – glaube, ich kenne die Stimmen,« hauchte Frau Burton erbleichend. »Gott sei mir gnädig!« rief der General in einem Tone, welcher bewies, daß er das Gegenteil der göttlichen Gnade gewissen Seelen wünschte, die derselben wohl weniger bedürftig waren, als seine eigene. »Sie meinen doch nicht –« »Ja doch,« erwiderte Frau Burton, ihre Hände ringend, »Bitte, eilen Sie.« Pustend und schnaubend eilte der General seinen Kiesweg hinab auf ein Gebüsch zu, hinter welchem ein Fischteich lag, von dem das Geschrei herzukommen schien. Frau Burton folgte ihm eiligst und kam gerade noch zur rechten Zeit, um zu sehen, daß ihr Neffe Willi seinem Bruder aus dem Teiche heraushalf, während der General an einem großen Bachkrebs zerrte, der seine Schere in Toddis Finger gezwickt hatte. Der Krebs hielt krampfhaft fest, aber – ein mächtiger Ruck von seiten des Generals und ein übermenschlicher Schrei von seiten Toddis – und Schere und Leib des Krebses rissen auseinander, und der General, welcher den Krebs noch immer festhielt, stolperte rückwärts und fiel nun selbst in den Teich. »Au – au – au!« heulte Toddi, indem er das Kleid seiner Tante in verderbenbringender Umarmung umfaßte, während der General schnaubte und zappelte wie ein Walfisch im Todeskampf und Willi so vergnügt lachte, als ob die ganze Scene zu seinem Privatvergnügen aufgeführt würde. Frau Burton trieb ihre Neffen zu eiliger Heimkehr an und vergaß in ihrer Aufregung ganz, dem General für seine aufopfernden Dienste zu danken; dagegen hielt sie ihrem schreienden Neffen Toddi mit einer Hand den Mund zu. »Es thut so weh!« murmelte Toddi hinter ihrer Hand hervor. »Wozu hast du denn den Krebs auch angefaßt?« fragte seine Tante. »Es war 'n kleiner Baby-Krebs,« schluchzte Toddi, »un' ich mag Babies so gern, alle Sorten Babies – un' ich wollte ihm gern mal ei-ei machen. Un' dann wollte ich ihn wieder loslassen.« »Weshalb thatest du es denn nicht?« fragte seine Tante. »Weil er mich nich' loslassen wollte,« erwiderte Toddi. »Er hat immer noch nich' losgelassen.« Wahr genug. Die Schere des Krebses hing noch an Toddis Finger, und Frau Burton verdarb ein Paar vierknöpfiger Handschuhe, als sie dieselbe losmachte. Willi hatte die ganze Zeit hindurch herzlich gelacht. Endlich machte jedoch seine Heiterkeit brüderlicher Liebe Platz und er fragte zärtlich: »Lieber Toddi, hast du deinen Bruder Willi denn nich' lieb?« »Ja, d-o-ch,« schluchzte Toddi. »Na, dann freu' dich doch,« sagte Willi, »denn du hast mich gräßlich glücklich gemacht. Wenn der Krebs dich nich' gekniffen hätte, dann hätte der General ihn auch nich' abreißen können, un' dann wär' er auch nich' in den Teich gepurzelt, un' – ha! – ha! – wie schön war das, als er da drin rumplantschte.« »Nu' mußt du dich aber auch von 'm Krebs beißen lassen,« antworte Toddi, »un' den General noch mal reinpurzeln lassen, daß ich auch was zu lachen habe.« »Ihr seid ein Paar nichtsnutzige Jungen,« schalt Frau Burton. »Also so macht ihr's, wenn ihr euren kranken Onkel pflegen sollt?« »Hab' ihn schon gepflegt,« erwiderte Toddi. »Hab' ihm 'ne hübsche biblische Geschichte erzählt un' du doch nich' – un' er hätte ganz gewiß keinen Sonntag gar nich gehabt, wenn ich das nich' gethan hätte. Un' heute Nachmittag wollen wir ihn auch noch spazieren fahren.« Frau Burton beeilte sich, mit ihren Neffen nach Hause zu kommen, aber es schien ihr, als ob ihr auf einem so kurzen Wege noch nie so viele neugierige Bekannte begegnet seien. Als sie endlich zu Hause ankamen, schickte sie ihre Neffen auf ihr Zimmer, setzte sich dann weinend an das Krankenlager ihres Gatten und schluchzte: »Harry!« Herr Burton musterte mit erfahrenem Blick ihr übel zugerichtetes Kleid und sagte nur das eine Wort: »Die Jungen!« »Was soll ich mit ihnen anfangen?« fragte die unglückliche Frau. Herr Burton war ein zärtlicher Ehemann. Er war überdies ein warmer Verehrer des schönen Geschlechts im allgemeinen und nahm innigen Anteil an allen Leiden, welche dasselbe zu tragen hat; dennoch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, seine Frau an die Unterredung zu erinnern, welche sie vor fünf Tagen gehabt hatten, und er flüsterte ihr zu: »Erziehe sie doch!« »Ich ...« Schwere Männertritte verhinderten für diesmal, daß Frau Burton ein demütigendes Bekenntnis ablegte. Sie wandte sich um und sah ihren Schwager Tom Lawrence herankommen, der scherzend fragte: »Zarte Geheimnisse, wie? Thut mir leid, daß ich gestört habe. Kein Eheglück ohne solche Geheimnisse. Aber Helene fühlt sich heute recht wohl und stirbt vor Sehnsucht nach ihren Jungen, und mir geht's beinahe ebenso. Könnt ihr sie für kurze Zeit entbehren?« Der schalkhafte Humor, welcher aus Tom Lawrences Augen blitzte, während er auf Antwort wartete, würde zu jeder andern Zeit den ganzen Trotz Alice Burtons wachgerufen haben, aber jetzt blickte sie nur kummervoll auf ihr übel zugerichtetes Kleid und sagte dann: »Nun – ich denke, wir können sie wohl ein bis zwei Stunden entbehren.« »Du arme, liebe Spartanerin,« sagte Tom mit aufrichtigem Mitgefühl, »du sollst Ruhe vor ihnen haben, bis sie zu Bett gehen.« Frau Burton aber machte sich an der Kopfbinde ihres Mannes zu schaffen und flüsterte ihm ins Ohr: »Gott sei Dank!« Sechstes Kapitel Der einzige Dämpfer auf das sonst vollkommene Glücksgefühl des Burtonschen Ehepaares an diesem Sonntag-Nachmittag war der Gedanke an die bald bevorstehende Rückkehr ihrer Neffen. Aber diese Sorge erwies sich als unbegründet. Die Jungen waren in tiefem Schlaf, als sie zurückgebracht wurden; Willi wurde von seinem Vater auf dem Arme getragen, und Toddi hatte sein Köpfchen auf die Schulter des treuen Michel gebettet. Außer einem Seufzer, den Toddi schlaftrunken hören ließ, gaben beide Kinder bis zum nächsten Morgen keinen Laut von sich. Dann aber ging Frau Burton in ihre Kammer hinauf, um sie zu wecken, da ihr aufgefallen war, daß die Kinder ungewöhnlich lange schliefen. Sie fand Willi aufrecht im Bett sitzend und sich mit der einen Hand seine Augen reibend, während er mit der andern seinen Bruder schüttelte, welcher gegen diese Liebkosung mit einigen häßlichen, grunzenden Lauten protestierte. »Toddi!« rief Willi. »Toddi, wach auf! Wir sind nich' mehr, wo wir waren.« »Is mir ganz egal,« erwiderte Toddi. »Bin – wo's schöner is – bin in 'm großen Bonbonladen.« »Ne, bist du woll nich,« rief Willi indem er seinen Bruder heftiger schüttelte und seine Augen zu öffnen versuchte. »Du bist bei Tante Alice, un' als du einschliefst, warst du bei Mama.« »Au – au!« schrie Toddi, indem er sich langsam aufrichtete. »Du bist 'n alter schlechter Junge, Willi! Ich träumte grade, ich wär' in 'm Bonbonladen und kriegte alle meine Taschen voll, un' meine Hände auch. Aber, jetzt hast du mich aufgeweckt, un' meine Hände sind ganz leer, un' ich habe gar kein Zeug mit Taschen an, du häßlicher Junge.« »Na – is' gut,« sagte Willi, »das nächste Mal, wenn du träumst, wecke ich dich nich' wieder auf, un' wenn du auch Alpdrücken hast un' schreckliche Dinge träumst. Sag mal, Tante Alice,« fuhr Willi fort, »wo kommt das eigentlich von, daß man träumt? Un' weshalb geht dann alles weg un' is dann ganz was anderes?« »Träume entstehen, wenn das Gehirn im Halbschlummer unbestimmte Eindrücke empfängt,« erwiderte Frau Burton, um nur etwas zu sagen. »Ach!« rief Willi erstaunt. Frau Burton glaubte in dem Ausrufe ihres Neffen etwas wie Spott zu entdecken, aber er war noch so jung und sah so harmlos aus, daß sie diesen Verdacht wieder fallen ließ. Ueberdies hatte ihr jüngerer Neffe schon eine ganze Weile »Tante Alice – Tante Alice – Tante Alice« gerufen, und zwar so rasch, als er konnte, und mit immer kräftiger tönender Stimme. Endlich fand Frau Burton Zeit, ihn zu fragen: »Was denn, Toddi?« »Sagtest du nich', Tante Alice, daß das Drücken auf's Gehirn uns träumen macht?« »Ja,« antwortete Frau Burton, »das heißt ...« »Na, schön,« unterbrach sie Toddi, »dann setze dich mal flink auf meinen Kopf un' laß den Bonbonladen wieder kommen, willst du?« »Sag doch mal, Tante Alice,« rief Willi jetzt, »weißt du woll, daß ich ganz viele, viele Male nachher auch nich' mehr weiß, als ich vorher gewußt habe.« »Ich verstehe dich nicht, Willi.« »Ich meine, wenn ich etwas nich' verstehe, was die Leute mir erzählen, un' ich frage sie, was sie meinen, un' sie sagen es mir – sieh, dann weiß ich es oft nachher nich' besser als vorher. Geht es großen Leuten auch so?« Frau Burton überlegte einen Augenblick und da erinnerte sie sich, daß sie häufig ähnliche Erfahrungen gemacht hatte, wie Willi, und noch dazu Erfahrungen, bei welchen sie dasselbe harmlose Gesicht gemacht hatte, wie es Willi vorhin zur Schau trug. Ja, sie hatte dann gethan, als ob sie etwas begriffen habe, was mangelhaft erklärt und deshalb unverständlich war. Sie erinnerte sich auch, wie tief ihr mangelndes Verständnis sie niedergedrückt, und wie schmerzlich sie es als eine Ungerechtigkeit empfunden hatte, wenn man von ihr verlangte, sie solle so handeln, als habe sie in der That alles völlig begriffen. Mochte es sich nun um kindliche Angelegenheiten handeln oder um Belehrungen über sociale, ästhetische und religiöse Zweifel eines reiferen Alters, in beiden Fällen hatte sie, wie wohl die meisten Menschen, mehr zu hören bekommen, als sie verstehen konnte und manches obendrein falsch verstanden. Dann hatte sie ihre Freunde und die Welt für ihre eigenen Irrtümer verantwortlich gemacht und sich beklagt, daß man nicht einmal ihren guten Willen zu würdigen wisse. War es möglich, daß sie ihren Neffen gegenüber in dieselben Fehler verfallen war, welche andere begangen hatten, als sie ihren Geist zu bilden versuchten? Frau Burton verlor sich in immer tiefere Grübeleien, aus welchen Willi sie endlich durch die Frage aufschreckte: »Tante Alice, siehst du den lieben Gott?« »Nein, Willi,« rief Frau Burton zusammenfahrend. »Wie kommst du darauf?« »Nun,« antwortete Willi, »du gucktest so starr durchs Fenster, un' gerade dahin, wo du weiter nichts sehen konntest als den Himmel; un' deine Augen sahen so aus, als ob sie ganz weit in die Ferne blickten – da dachte ich, du müßtest sicher den lieben Gott sehen.« »Wenn du ihn siehst,« sagte Toddi jetzt, »dann bitt' ihn doch, daß er mir nächste Nacht den Traum wieder schickt. Bitt' ihn nur, er soll mein Gehirn drücken, daß der Traum wiederkommt, und dann soll er mich schlafen lassen, bis ich alle Bonbons aufgegessen habe, die ich in meinen Taschen un' in beiden Händen hatte.« Das Erscheinen des Hausmädchens, welches kam, um die Kinder anzukleiden, machte der Unterhaltung ein Ende, aber Frau Burton nahm sich vor, dieselbe bei erster Gelegenheit wieder anzuknüpfen. Die Fehler, welche sie bisher als Lehrerin gemacht, sollten künftig vermieden, und der Unterricht sobald als möglich auf eine gesundere Basis gestellt werden! Dieser Entschluß beschäftigte sie eine Zeitlang so, daß sie eine auffallende Schweigsamkeit an den Tag legte, die ihren Mann in einige Verlegenheit brachte. Er konnte an dem Ausdruck ihres Gesichtes deutlich erkennen, daß der Grund ihrer Schweigsamkeit ein ungewöhnlicher war und keineswegs in einer bloßen Verstimmung zu suchen sei. In der That war die Veränderung in Frau Burtons Antlitz und ihrem Benehmen eine so vorteilhafte, daß ihr Mann sich entschloß, Zahnschmerzen als eine Entschuldigung vorzuschützen, um den Tag zu Hause bleiben und sich an ihrem Anblick erfreuen zu können. Bei der bloßen Aeußerung dieser Absicht jedoch zählte Frau Burton so viele dringend notwendige Sachen auf, die nur in der Stadt und auch nur von ihrem Mann besorgt werden könnten, daß der junge Ehemann noch früher als gewöhnlich abreiste und sich ungefähr vorkam, wie jemand, den man aus seinem eigenen Hause hinausgeworfen. Jetzt führte Frau Burton ihre beiden Neffen ins Wohnzimmer, setzte sich hin, zog beide Kinder zärtlich an sich und fragte: »Kinder, giebt es irgend etwas, worüber ihr gern Auskunft haben möchtet?« »O ja,« antwortete Toddi rasch. »Ich möchte gern wissen, was wir heute Mittag essen werden.« »Un' ich,« erklärte Willi, »möchte gern wissen, wann wir mal wieder alle zusammen ausfahren werden?« »Solche einfältige Dinge meine ich nicht,« sagte Frau Burton, ich –« »Sind keine einfältigen Dinge,« protestierte Toddi. »Sind gerade die Dinge, die uns glücklich machen.« Frau Burton gab im stillen die Gerechtigkeit dieses Vorwurfes zu, ebenso den Zusammenhang desselben mit einem Gegenstand, von welchem ihr Herz bereits voll war; aber sie war doch zu sehr Frau Alice Mayton-Burton, als daß sie sich durch derartige Wahrnehmungen hätte abhalten lassen, den Weg zu verfolgen, den sie sich einmal vorgezeichnet hatte. So erwiderte sie denn: »Das weiß ich wohl. Aber ich möchte euch gern über alle wichtigen Dinge aufklären, die ihr zu wissen wünscht.« »Du meinst woll, du willst Schule mit uns spielen?« fragte Willi. »Papa meint, das ist nich' gesund für Kinder bei warmem Wetter, un' wir meinen das auch.« »Nein, ich will nicht Schule mit euch spielen, aber ich möchte euch gern einige von den Dingen erklären, die ihr nicht verstanden habt, obgleich andere Leute euch schon vieles darüber gesagt haben' Der Gedanke macht Tante Alice ganz unglücklich, daß es ihren lieben kleinen Neffen so schwer wird, manche Dinge zu begreifen, worüber sie so gern Bescheid wissen möchten. Seht, als Tante Alice noch ein kleines Mädchen war, da ist ihr das Begreifen auch manchmal recht schwer geworden, und sie erinnert sich noch recht gut, wie unglücklich sie das gemacht hat.« »Wirklich?« rief Willi, seine Stellung ändernd, um seiner Tante in die Augen sehen zu können. »Hast du dich damals auch drüber gewundert, daß der Mond erst so groß is, un' dann wieder so klein? Un' haben dir die großen Leute dann auch erzählt, daß die alten Monde in kleine Stücke gehackt und Sterne draus gemacht werden, wenn du doch wußtest, daß man dir nur was vorlügen wollte?« »O ja,« antwortete Frau Burton. »Un' wolltest du da auch immer gern wissen, wo das Mittagessen von gemacht wird?« fragte Toddi. »Un' haben da die großen Leute dir dann auch immer gesagt: »Bekümmere dich da nich' um?« »Jawohl,« antwortete Frau Burton, Toddi zärtlich an sich drückend, »das ist mir auch so gegangen.« »I so was!« rief Willi. »Dann bist du aber mal schrecklich klein gewesen, nich' wahr? Na, aber sag mal, hast du auch mal wissen wollen, wo der liebe Gott eigentlich stand, als er die Welt aus gar nichts schöpfte?« »Un' hast du auch immer gefragt, wie das Süße um die Dattel- und Pflaumenkerne rumgemacht wird?« fragte Toddi. »Jawohl, auch das.« »Dann erklär' uns mal, wie das is,« rief Willi. »Du fragtest mich doch heute Morgen wegen der Träume, mein Herz,« sagte Frau Burton, sich an Willi wendend, »und ...« »Das weiß ich woll,« unterbrach sie Willi; »aber ich möchte jetzt lieber über Datteln un' Pflaumen Bescheid wissen. Ich kann nich' eher wieder träumen, als bis ich zu Bett gehe, aber Datteln kann ich in 'r Viertelstunde kaufen, wenn du mir bloß die Pfennige dazu geben willst. O, hör' mal, Tante, – ich will dir mal was sagen – du läßt uns erst Datteln kaufen, dann kannst du sie uns viel leichter erklären. Es is viel netter, wenn man sieht, wie so was aussieht, als wenn man es sich bloß denkt.« »Ich kann dich jetzt keine Datteln holen lassen, denn, wenn du zurückkommst, habe ich vielleicht gar keine Zeit mehr, euch was zu erzählen.« »O, wir richten es schon so ein, daß du nicht gestört wirst,« sagte Willi. »Ich glaube auch, wir können das schon allein 'rausfinden – das heißt, wenn wir Datteln genug haben un' ordentlich nachsehen können.« »Gut denn,« sagte Frau Burton, sich zögernd zu einem Vergleich entschließend. »Ich erzähle euch jetzt erst von etwas anderem, nachher gebe ich euch Geld, daß ihr Datteln kaufen könnt und dann könnt ihr sie nach Herzenslust allein studieren.« »Schön,« sagte Willi. »Zuerst sag' uns mal, warum Terry immer wegläuft, wenn wir mit ihm spielen wollen?« »Weil ihr ihn jedesmal, wenn er in eure Hände fällt, so abscheulich quält und peinigt, daß er euch hassen gelernt hat,« erwiderte Frau Burton, welche sich freute, daß sich ihr Gelegenheit bot, gleichzeitig deutlich zu sprechen und ihren Neffen einen Verweis zu erteilen. »Jetzt sagst du gewiß gleich: »Müßt nich!«, sagte Toddi weinerlich. »Können denn kleine Jungens gar nichts lernen, wo das alte, häßliche »Müßt nich« nich' drin vorkommt?« »Ich glaube schwerlich, du armer, kleiner Bursche,« sagte Frau Burton, ihren Verweis bereits wieder bereuend. »Aber sagt mal, worüber möchtet ihr gern Auskunft haben?« Toddi sperrte Mund und Nase auf, neigte den Kopf auf eine Seite, überlegte einige Minuten lang und sagte dann: »Ich – ich – ich – ich möchte gern wissen, warum 'n kleiner Junge keine Bananen mehr essen kann, wenn er schon 'ne ganze Masse gegessen hat und hat all die ganze Zeit ausgefunden, wie schön sie schmecken?« »Weil sein kleiner Magen voll ist, und wenn ein Magen voll ist, dann ist er schon so vernünftig und verlangt nichts mehr.« »Das is aber dumm vom Magen,« rief Toddi. »Ich wollte, ich könnt' mal mein Magen sein, dann wollt' ich ihm mal zeigen, daß man Bananen gar nich' satt zu kriegen braucht.« »Un' ich möchte gern wissen,« sagte Willi, »wo die Träume herkommen, weil ich da jetzt noch nich' mehr von weiß als vorher, obgleich du mir's diesen Morgen erst gesagt hast.« »Das ist schwer zu erklären, lieber Willi,« antwortete Frau Burton und bemühte sich gleichzeitig, Worte für eine einfache Erklärung zu finden. »Sieh, wir denken mit unserem Gehirn, und wenn wir schlafen, so schläft unser Gehirn auch. Aber manchmal ist es nicht so müde, wie der übrige Körper, und wenn es dann etwas wach bleibt, so denkt es auch etwas; aber es denkt dann nicht klar, und die einzelnen Gedanken vermischen sich.« »Also deshalb träumte ich die letzte Nacht, eine Kuh säße in deinem Schaukelstuhl und läse in 'm Atlas,« rief Willi. »Aber weshalb mußte ich gerade an Kühe un' Schaukelstühle un' Atlasse denken?« »Das ist eins von den Dingen, die wir in Bezug auf Träume nicht erklären können,« erwiderte Frau Burton. »Wir scheinen uns an etwas zu erinnern, was wir früher einmal gesehen haben, und wenn dann zwei oder drei Erinnerungen zugleich kommen, so mischen sie sich bunt durcheinander.« »Dann will ich mal des Nachts,« sagte Toddi, »wenn ich einschlafe, an Bananen un' Bücklinge un' Fruchteis un' Sauerkraut un' hart gekochte Eier un' Bonbons un' gerösteten Maiskuchen denken. Dann hab' ich doch 'ne hübsche, kleine Theegesellschaft im Bett, wenn alle diese Sachen zusammenkommen, nich'? Da will ich aber nichts von träumen, daß da noch annere Jungs mit bei sind.« Wenn ich nun aber vom lieben, kleinen, toten Bruder Philli träume,« fragte Willi, »is das dann weiter nichts, als daß ich mich an ihn erinnere? Kommt er wirklich nich' vom Himmel runter und besucht mich in meinem Bett?« »Ich glaube nicht, lieber Willi.« »Wie kann er denn aber so hell und sonnig aussehen und so süß lachen un' seine lieben, kleinen Flügel dicht vor meinem Gesicht bewegen, so daß ich sie anfassen kann?« fragte Willi. »Ich vermute, das kommt daher, weil – weil du ihn dir in Gedanken so vorgestellt hast,« antwortete Frau Burton, indem sie Willi an sich zog, um sein sehnsüchtig-trauriges Gesicht nicht sehen zu müssen. »Du hast vielleicht Bilder von weißgekleideten Engeln mit hübschen Flügeln gesehen und hast dir deinen Bruder Philli deshalb ebenso vorgestellt.« »Ach, liebe Tante,« rief Willi, indem er sein Gesichtchen in dem Kleid seiner Tante vergrub und in Thränen ausbrach. »Ich wollte, ich hätte gar nich' gefragt, wie's mit den Träumen is, un' ich will mir auch nie wieder was erklären lassen. Wenn der liebe, kleine Engel Philli weiter nichts is als ein Gedanke in meinem Gehirn, wenn ich schlafe, dann giebt's überhaupt gar nichts, was etwas sein kann. Ich dachte immer, es wäre so spaßig, daß er immer gleich wegging, wenn ich aufwachte.« »Kühe gehen aber nich' weg, wenn ich aufwache und von ihnen geträumt habe,« sagte Toddi. »Dann denke ich an sie den ganzen Tag un' sehe sie, wenn ich sie gar nich' mal sehen mag.« Frau Burton mußte unwillkürlich lachen, während Willi sein Köpfchen wieder aufrichtete und sagte: »Ach, ich glaube, es nützt zu nichts, daß man traurig is; wir wollen lieber Spaß machen und nicht an Sachen denken, die so schrecklich traurig sind. Besinne dich doch mal, Tante, ob du nich' ein neues Spiel für uns weißt.« »Ich fürchte, daß ich mich in diesem Augenblick auf keins besinnen kann,« erwiderte Frau Burton. »O, ich weiß was – du kannst mal Kaufladen spielen un' hast viele schöne Sachen in deinem Laden, so was wie Kuchen un' Bonbons. Un' dann verkaufst du sie uns, un' wir geben dir Stecknadeln dafür. O, ja! Un' du giebst uns die Stecknadeln, daß wir sie kaufen können. »Un' das mußt du bald thun,« sagte Toddi, »ehe es Essenszeit is, daß die Sachen, die du uns verkaufst, nich' im Wege sind un' der Magen wieder leer is, daß wir heute Mittag tüchtig was essen können.« »Das darf ich nicht thun,« sagte Frau Burton, »dann hättet ihr eine Entschuldigung, zwischen den Mahlzeiten zu essen.« »Na, dann erzähl' uns Geschichten – oder nein, mach uns mal 'ne Menagerie vor, nein nein – ich, ich will dir was sagen: thu mal so, als ob uns das Haus gehört, un' dann besuchst du uns, un' wir bringen dir Kaffee un' Kuchen, un' da pflegst du dich mit.« »Ich – fürchte, ich wittere zwei kleine Mäuse,« scherzte Frau Burton. »In der Mausefalle?« fragte Toddi. »O, dann gieb sie uns mal zum Spielen.« »Jetzt weiß ich was,« sagte Willi; du kannst uns mal die spaßige Geschichte von dem Mann erzählen, der Hunde zu Dokters hatte.« »Hunde zu Aerzten?« fragte Frau Burton. »Ja, ja,« sagte Willi. »Weißt du nich? Es steht doch in der Bibel.« »Das kann wohl sein,« sagte Frau Burton, und ließ in Gedanken rasch alle biblischen Hunde Revue passieren, deren sie sich erinnern konnte, »aber ich weiß nicht, wo.« »Na nu', das weißt du nich mal?« rief Willi erstaunt. »Das war ja der Mann, der so arm war, daß er Brotkrumen essen mußte, un' Papa glaubt auch nich', daß er da Sirup zu gehabt hat, wie wir ihn kriegen, wenn uns die Köchin Krumen aus der Brotkiste giebt.« »Ach, du meinst wohl den armen Lazarus?« riet Frau Burton. »Ja gewiß,« antwortete Willi. »Es war aber nich' der Lazarus, der noch mal an zu leben fing, als er schon begraben war. Der hatte gar keine Hunde.« »Der arme Lazarus, den ihr meint,« fing Frau Burton an zu erzählen, »war sehr krank und so arm, daß er von den Abfällen leben mußte, die ein reicher Mann, namens Divus auf seiner Tafel übrig ließ. Aber Gott der Herr wußte, wie sehr er zu leiden hatte und beschloß, ihn nach seinem Tode glücklich zu machen und für das viele Unglück, welches er in seinem Leben erdulden mußte, zu entschädigen. Deshalb nahm er ihn nach seinem Tode gleich in den Himmel.« »Da braucht doch keiner Tisch-Abfälle zu essen, nich?« fragte Willi. »Aber sag mal, Tante Alice, was machen sie denn im Himmel mit den Sachen, die von Tisch übrig bleiben? Ist es da oben keine Sünde, sie wegzuwerfen?« »Ich denke, sie schneiden ein Loch in den Himmelsboden und werfen die Abfälle runter für arme Leute,« sagte Toddi. »Wenn ich erst mal 'n Engel bin un' kann mein Essen nich' allein aufkriegen, dann klettere ich an der Mauer in die Höhe un' werfe das Uebrige runter in die Welt. Man bloß, ich muß aufpassen, daß ich nich' abrutsche un' nich wieder in die Welt hinunterpurzle.« »Aber jetzt möcht ich doch auch wissen,« sagte Willi, »wo sie im Himmel das Essen für die Engel herkriegen? Haben sie denn da auch Kaufläden un' Schlachterläden un' Milchwagen?« »O Himmel! Nein!« rief Frau Burton, sich unwillkürlich die Ohren zuhaltend. »Der liebe Gott schafft das Essen auf eine Weise herbei, die wir nicht verstehen können. Aber hört die Geschichte weiter! Als der arme Lazarus ein Engel geworden war, da hielt er mal Umschau vom Himmel runter, und da sah er denn den reichen Mann, dessen Abfälle er zu essen pflegte, unten in der Hölle sitzen – der reiche Mann war nämlich inzwischen auch gestorben. Und der reiche Mann bat Abraham –« »Ich dachte, er hieße Lazarus,« sagte Toddi. »Der arme Mann hieß Lazarus,« antwortete Frau Burton. »Als der aber in den Himmel kam, da fand er den guten, alten Abraham dort, und der nahm ihn in seinen Schoß. Und der reiche Mann bat Abraham, er möchte doch Lazarus mal runter schicken, nur damit er seinen Finger in Wasser tauche und seine Zunge damit kühle, denn er litt schrecklichen Durst.« »Weshalb holte er sich denn nich' selbst was zu trinken?« fragte Willi. »Können sich denn reiche Leute nich' mal selbst bedienen, wenn sie in der Hölle sitzen?« »Dort giebt's kein Wasser, deshalb war er ja gerade so durstig.« »Das is aber schlimm,« rief Toddi. »Wo backen denn die kleinen Jungen da unten Sandtorte von?« »Ich hoffe, daß kleine Jungen dort überhaupt nie hinkommen,« erwiderte Frau Burton. »Abraham aber sagte: »Nicht so, mein Freund. Du hast dein Gutes genossen, als du noch auf der Erde lebtest, jetzt mußt du dich mit dem begnügen, was du hast. Aber der arme Lazarus soll es jetzt gut haben, weil es ihm bei Lebzeiten so schrecklich traurig ergangen ist.« »Ist das immer so?« fragte Willi. »Dann muß Abraham sehr viel für mich thun, wenn ich tot bin, denn ich erlebe hier auch oft recht was Trauriges. Was machte denn aber der alte, unglückliche, reiche Mann nachher?« »Er sagte zu Abraham, er hätte Brüder, die noch lebten, und Abraham möchte doch einen Engel zu ihnen schicken, der sie ermahnte, gut und brav zu sein, damit sie nicht auch an den Ort der Qual kämen. Aber Abraham sagte, das könnte gar nichts helfen; sie hätten ja gute Bücher und Prediger, die sagten ihnen schon, was sie zu thun hätten.« »Muß der reiche Mann denn nun immer und ewig Durst leiden?« fragte Willi. »Ich glaube, ja,« antwortete schaudernd Frau Burton, die sich jetzt erklären konnte, weshalb die Lehre von der ewigen Qual nicht fleißiger von der Kanzel herab verkündet wird. »Erzähl' weiter!« rief Toddi. »Die Geschichte ist schon aus,« sagte Frau Burton. »O nein, du hast uns ja noch gar nichts von den Dokter-Hunden erzählt,« klagte Toddi. »Ach, da läßt sich auch nichts Hübsches von erzählen,« erwiderte seine Tante. »Na, ich glaube aber, sie sind gerade das Schönste an der ganzen Geschichte,« sagte Toddi. »Wenn ich mal 'n schlimmen Finger habe, dann gehe ich hinten an die Hausthür und rufe Terry. Aber ich glaube, Terry is kein guter Dokter-Hund, denn er kommt nicht, wenn ich ihn nötig habe. Wenn ich aber mal ganz schlimm krank werde, wie der kleine Jimmy, als er die Pocken hatte, un' Terry will mich dann furchtbar gern doktern, dann soll er mich auch gar nich' zu sehen kriegen. Nu' erzähl' uns 'ne andere Geschichte.« Draußen ertönten jetzt plötzlich Harfen- und Geigenklänge und erlösten Frau Burton. Die beiden Knaben eilten geschwind vor die Hausthür und erblickten dort zwei kleine, herumziehende Italiener, welche ihr Möglichstes thaten, ihren Mitmenschen die Ueberzeugung beizubringen, daß eigentlich nichts über friedliche Ruhe geht. Willi und Toddi hörten andächtig das ganze Repertoire der kleinen Kunstjünger an, verlangten jedes Stück da capo , spendeten großmütig die Geldstücke, welche ihre Tante ihnen zu diesem Zwecke gab und würden die Musikanten auch auf ihrem Rundgange durch das Städtchen begleitet haben, wenn ihre Tante sie nicht zurückgehalten hätte. »Was machen denn die beiden Jungen mit dem vielen Geld, das sie kriegen?« fragte Willi. »Kaufen sie sich da Bonbons für?« »O, was die für 'ne Masse Bonbons haben müssen!« rief Toddi. »Sie nehmen das Geld gewiß mit nach Hause und geben es ihren Eltern, denn das sind ganz arme Leute,« sagte Frau Burton. »Vielleicht sind die Eltern der beiden kleinen Jungen jetzt gerade krank und warten ängstlich auf die Rückkehr ihrer Kinder, die so weit fortgezogen sind.« »Machen denn die kleinen Jungen die Musik nur, weil sie ihre Eltern liebhaben?« fragte Toddi. »Jawohl, lieber Toddi,« antwortete Frau Burton. »Aber man wird doch stets vom lieben Gott belohnt, wenn man was für andere Leute thut?« fragte Willi. »Ja gewiß, mein Junge,« erwiderte Frau Burton. »Weißt du,« fragte Toddi, »was mir an den kleinen Jungens so gefällt? Das is, daß keiner zu ihnen sagen kann, sie sollen ihre Schuhe nich' so schmutzig machen – denn ihre Eltern sind ja krank. Sieh mal, wie sie mitten auf der Straße latschen un' den Staub aufwirbeln; un' keiner sagt zu ihnen »Mußt nich!«, un' keiner is stark genug, sie zu hauen, wenn sie nach Haus kommen. Ich wollte, ich wär 'n Musiker.« »Ach, nun sind sie schon wieder fort,« seufzte Willi, »un' wir müssen nu' wieder was anderes haben, was uns glücklich macht. Sag doch, Tante Alice, weshalb hast du nich' auch Pferd un' Wagen, wie Mama? Dann könntest du doch mit uns ausfahren?« »Onkel Harry ist nicht reich genug, um gute Pferde und Wagen zu halten und schlechte mag er nich leiden,« erwiderte Frau Burton. »So? Was kosten denn woll 'n Paar gute Pferde?« fragte Willi wieder. »Ich glaube, Onkel Blanner seine beiden sind ganz hübsch, aber Papa sagt 1000 Pfennig für's Stück wär' ihm zu teuer.« »Ich glaube, ein gutes Pferd kostet 1000 – 1600 Mark,« antwortete Frau Burton. »O-h, so viel? rief Willi. »Das is ja noch mehr Geld, als unsere Sonntagsschule für den Missionar bezahlt.« »Was taugt denn mehr, ein Pferd oder 'n Missionar?« »Natürlich ein Missionar,« sagte Frau Burton, indem sie sich von der Veranda zurückzog mit dem dunkeln Gefühl, im Laufe des Vormittages eine lange Reihe Fragen beantwortet zu haben, ohne daß irgend jemand damit gedient wäre. Die Jungen mußten bis zum zweiten Frühstück für sich selbst sorgen und brachten nicht den guten Appetit mit, der sie sonst auszuzeichnen pflegte. Die Wiederaufnahme des Bombardements mit Kreuz- und Querfragen, auf welche Frau Burton sich gefaßt gemacht hatte, erfolgte jedoch nicht – beide Jungen schienen in einer mehr nachdenklichen als wißbegierigen Geistesverfassung zu sein. Nach dem Frühstück verschwanden sie eiligst, ohne daß ihre Tante irgendwie versuchte, sie zurückzuhalten, denn sie hatte an diesem Nachmittag einen überaus wichtigen Besuch vor. Frau Elliot, deren Mann Mitglied des Kongresses war, weilte bei einer Freundin in Hillcrest zum Besuch. Da nun Frau Elliots Mutter und Frau Burtons Großmutter Schulfreundinnen gewesen waren, so hatte Frau Mayton (Frau Burtons Mutter) beabsichtigt, von New-York herüberzukommen, um der Tochter der alten Freundin ihrer Familie ihre Aufwartung zu machen, aber eine Unpäßlichkeit hatte sie daran gehindert. Deshalb hatte Frau Mayton ihre Tochter beauftragt, als Repräsentantin der Familie Mayton Frau Elliot ihre Aufwartung zu machen. Und Frau Burton würde lieber ihre rechte Hand oder ihren neuen Frühjahrshut eingebüßt als diesen Auftrag nicht erfüllt haben. So hatte sie denn eine Droschke bestellt, sorgfältig Toilette gemacht und gewissenhaft alles ins Gedächtnis zurückgerufen, was sie je über die Familie der Dame gehört hatte, die jetzt Frau Elliot war. Die Droschke kam an, ohne daß ein Paar unbändiger Jungen aus einem heimlichen Versteck hervorbrach, um einige Sitze mit Beschlag zu belegen. Dann fuhr Frau Burton unbehelligt ab und sandte ein stilles Dankgebet an die freundliche Macht empor, die uns häufig Gutes erweist, wenn wir es am wenigsten erwarten. Der Wagen fuhr bei dem Hause vor, wo Frau Elliot zum Besuch weilte, und der gefürchtete Gast entpuppte sich als eine der liebenswürdigsten jungen Damen, vor deren sonnigem Temperament Frau Burtons angenommene Steifheit dahinschmolz wie der Schnee im Mai. Ebenso rasch verschwanden aus ihrem Gedächtnis die vielen ehrwürdigen Familien-Anekdoten, welche sie so sorgfältig darin aufgestapelt hatte. Doch des Lebens ungemischte Freude wird keinem Irdischen zu teil. Unter dem Einfluß jener von den abscheulichen Männern so verlästerten Seelenverwandtschaft, welche liebenswürdige Frauen so gern aneinander zu entdecken pflegen, plauderten die beiden Damen eben recht vergnügt zusammen. Frau Elliot bestand darauf, daß Frau Burton sie während der Tagung des Kongresses in Washington besuchen solle; Frau Burton dagegen suchte ihre neugewonnene Freundin zu überreden, doch wenigstens für einige Tage ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Da ertönten unter dem Fenster plötzlich die Quietschtöne einer Geige und die Klagelaute eines schlecht gespielten Blasinstruments. »Diese abscheulichen kleinen Italiener!« rief Frau Elliot. »Ich möchte wissen, für welche unserer Sünden wir verdammt sind, sie anhören zu müssen.« »Wenn sie als Strafe für unsere Sünden kommen,« sagte Frau Burton, »dann muß ich schwer gefehlt haben, denn ich höre sie heute bereits zum zweiten Mal. Erst heute Morgen haben sie eine halbe Stunde lang vor meinem Hause gespielt.« »Und doch sind Sie heute so gut gelaunt!« rief Frau Elliot. »Dann muß ich mich wirklich für einige Tage bei Ihnen einquartieren, um etwas himmlische Geduld von Ihnen zu lernen.« Frau Burton nickte zustimmend und ihre Freundin wollte die Unterhaltung eben auf ein anderes Thema lenken, als die Geige unter dem Fenster plötzlich eine ganze Reihe herzzerreißender Klagetöne hören ließ, während das Blasinstrument, allem Anschein nach eine Flöte, die gräulichsten Mißtöne hervorbrachte. »Entsetzlich!« rief Frau Elliot. »Wahrscheinlich eine Kunstübung auf einer Saite. Geradezu ein Attentat auf unsere Gesundheit! Was soll man mit den beiden Attentätern anfangen? Und doch kann man nicht umhin, ihnen Geld zu geben. Haben Sie diese Woche die Berichte über ihr schreckliches Los in den Zeitungen gelesen? Wie es scheint, werden sie von gewissenlosen Menschen in Italien gemietet und hierhergeschleppt. Hier paukt man ihnen dann unter Mißhandlungen ihre greulichen Stücke ein und schickt sie zum Spielen und Betteln aus. Wenn sie dann nicht täglich eine gewisse Summe Geld mit nach Hause bringen, werden sie schrecklich mißhandelt.« »Die armen Kinder!« rief Frau Burton. »Davon höre ich jetzt zum erstenmal. Es freut mich nur, daß ich ihnen heute Morgen eine ganze Menge Pfennige gegeben habe. Ich muß ihr Geschick wohl geahnt haben, denn musikalischer Genuß war es nicht, der mich so freigebig machte. Die beiden Jungen können Ja kaum der Kinderstube entwachsen sein.« »Nein, in der That,« sagte Frau Elliot, ans Fenster tretend, »der ältere Knabe kann höchstens sechs, und der jüngere vielleicht vier Jahre alt sein. Und wie traurig und in sich gekehrt der ältere aussieht! Der jüngere dagegen zeigt frohe Erwartung im Gesicht. Er blickt zu allen Fenstern in die Höhe und hofft, daß man ihnen Pfennige hinunterwirft. Es wird ihm wahrscheinlich nicht so schlimm mitgespielt, wie seinem kleinen Gefährten; er hat auch nur eine gewöhnliche Kinderflöte. Denken Sie sich, wie ihre Herren das weichherzige Publikum betrügen! Wie kann man nur ein Kind mit einer solchen Flöte ausschicken und den Leuten weißmachen wollen, daß es Musik damit macht!« »Es ist einfach himmelschreiend!« sagte Frau Burton. »Es wäre interessant, zu wissen, was die Eltern dieser Kinder gewesen sind,« fuhr Frau Elliot fort. »Der ältere Knabe hat wirklich edle Gesichtszüge, aber der Schmerz über die lange Trennung von den Freunden in der Heimat und schlechte Behandlung haben ihre Spuren hineingezeichnet. Der kleinere, so entsetzlich schmutzig er auch aussieht, hat ein Gesicht und eine Figur zum Malen. Jetzt lächelt er gerade. O, was würde ich drum geben, wenn mir ein Künstler seinen Liebreiz im Bilde festhielte! »Ich bin erstaunt,« rief Frau Burton, »ich habe so viele Reize nicht an ihnen bemerkt; aber es soll mich freuen, wenn sie mich darauf aufmerksam machen wollen. Ach Himmel!« »Was fehlt Ihnen?« rief Frau Elliot besorgt, die ihren Gast plötzlich vom Fenster zurückwanken und in einen Stuhl sinken sah. »Es sind – mei–ne – Neffen,« hauchte Frau Burton. »O, was soll ich mit den schrecklichen Kindern anfangen? »Ihren Eltern gestohlen?« fragte Frau Elliot, die in den beiden Kindern bereits die Helden eines wunderbaren Romans sah. »Nein, o nein!« rief Frau Burton. »Erst vor ein oder zwei Stunden ließ ich sie zu Hause zurück. Ich kann gar nicht begreifen, wie sie auf diesen Einfall gekommen sind. Es scheint bald, daß die Jungen einem das Leben verbittern wollen, und wenn man sich noch so sehr mit ihnen abmüht. »Ich vermute, »fuhr sie, wieder an das Fenster tretend fort, »daß Willi die Geige seines Onkels genommen hat, welche ihrem Eigentümer fast ebenso teuer ist wie seine Frau. Richtig – er hat sie! Kinder! rief sie dann, auf die Veranda hinaustretend, »geht sofort nach Hause!« Beim Klange der Stimme ihrer Tante blickten die Knaben mit frohem Erkennungslächeln auf, und Willi rief: »O, Tante Alixe! Wir haben vor ganz vielen Häusern gespielt und beinah schon einen Thaler gekriegt. Wir haben allen Leuten erzählt, daß wir nur spielen, um Onkel Harry Pferd und Wagen zu kaufen.« »Geht nach Hause!« wiederholte Frau Burton, »Geht hinten herum! Ich komme gleich nach – daß ich euch aber ja zu Hause antreffe, wenn ich komme!« Langsam und traurig folgten die beiden Jungen diesem verhängnisvollen Befehl und trollten nach Hause ab, während Frau Elliot ihrer betrübten Freundin einen Kuß herzlicher Teilnahme gab. Sehr viele Leute eilten an Thüren und Fenster, um das Brüderpaar vorbeiziehen zu sehen. Aber was konnte denn beiden die Teilnahme des Publikums nutzen, nachdem ihre menschenfreundlichen Pläne so rauh durchkreuzt waren? Sie sahen so niedergeschlagen aus, als sie die Burtonsche Villa erreichten, und schlichen so trübselig einher, daß Terry, der an der Hausthür Wache hielt, nur fragend mit dem Schwanz wedelte und sich nicht von der Stelle rührte, als die Jungen über die Thürmatte schritten, auf welcher er lag. Einige Minuten später kam ein Wagen vor das Haus gerasselt; Frau Burton entstieg demselben, eilte ins Haus und rief: »Wie konntet uns ihr einen so gemeinen, schimpflichen Streich spielen?« »Wie so?« antwortete Willi. »Das is nun wieder eins von den Dingen, die wir nicht ordentlich verstehen, wenn man sie uns auch gesagt hat. Sieh, wir dachten, wir könnten ebenso gut gegen Dich un' Onkel Georg sein, wie die schmutzigen, kleinen Italiener Jungen gegen ihre Papas un' Mamas, un' als wir es versuchten, da schicktest Du uns wieder nach Hause.« »Is ganz dasselbe, als wenn Du »Müßt nich! sagst«, fügte Toddi hinzu. »Un' noch dazu nachdem wir 'ne ganze Masse Geld gekriegt haben!« rief Willi entrüstet. »Papa sagt, manche großen Männer verdienen in einem ganzen Tage nich' mehr als einen Thaler, un' wir haben beinahe einen Thaler in so'n bischen Zeit verdient. Wir mögen's wohl auch gekriegt haben, weil wir ehrlich waren un' die Wahrheit sagten – wir haben allen Leuten erzählt, daß wir das Geld brauchten, weil wir Onkel Harry helfen wollen, Pferd un' Wagen zu kaufen.« Onkel Harry, der von Zahnschmerzen gepeinigt, früh von New-York heimgekommen war, hatte den letzten Teil von Willis Erzählung unbemerkt mit angehört, worauf er den Rest der Geschichte von seiner Frau erfuhr. Sein Gesichtsausdruck, als er ihren Bericht entgegennahm, der Blick, welchen er seinen Neffen zuwarf, und der wahnwitzige Eifer, mit welchem er seine geliebte Geige untersuchte, alles dies brachte den Jungen die Ueberzeugung bei, daß man zu weilen mit seinen guten, auf das Wohl seiner Mitmenschen gerichteten Absichten ganz gründlich hereinfallen kann. Alle Ereignisse der späteren Nachmittagsstunden vermochten die beiden Jungen nicht von ihren düstern Betrachtungen abzulenken, und als sie zu Bett gingen, da betete Willi aus vollen, sorgengequälten Herzen: »Lieber Gott, ich habe schon wieder Schelte gekriegt, weil ich etwas recht Nettes für andere Leute thun wollte. Ich glaube, ich kann mir nun beinahe denken, wie die guten Propheten un' Jesus zu Mut gewesen is. Bitte, lieber Gott, laß mich nich' gekreuzigt werden, weil ich Gutes thun will, um Christiwillen – Amen.« Und Toddi betete: »Lieber Gott, heute haben sie immerzu: »Mußt nich« zu mir gesagt, un' ich glaube, Tante Alice sollte sich was schämen. Bitte, bitte, laß sie das mal thun. Amen.« Siebentes Kapitel »Das Wetter,« murmelte Frau Burton, während sie am Dienstag Morgen ihre Toilette beendete und sich anschickte, zum Frühstück hinunterzugehen »verspricht einen guten Tag.« Dann wandte sie sich laut an ihren Mann: »Harry, hör nur mal, wie hübsch die lieben Kinder singen! Haben sie nicht süße Stimmen?« »Wer allzu früh singt, geht mit Thränen zu Bett« brummte Herr Burton, ein bekanntes Sprichwort citirend. »Du solltest Dich schämen!« rief Frau Burton, Sie singen ein frommes Kinderlied – jetzt fangen sie gerade ein anderes an.« Frau Burton nahm jene anmutige Lauscherstellung ein, welche den Damen eigentümlich ist, ihr Mann dagegen verharrte mäuschenstill in der komischen, militärischen Stellung, welche das Kommando »Stillgestanden!« vorschreibt, und beide hörten folgendes Lied. »Ich wollt', ich wär 'ein Engel Im schönen Himmelsland Auf meinem Haupt' die Krone Den Hopper in der Hand.« »Hopper – hm – das steht ihnen ähnlich,« sagte Herr Burton. Sie meinen das Hinterbein einer Heuschrecke, mein Schatz. Ohne ein derartiges originelles Spielzeug würde das Leben im Himmel den beiden jungen Herren freilich recht langweilig vorkommen.« »Schäme Dich doch!« schalt seine Frau wieder. »Ich hoffe, daß Du 's nicht etwa bist, der ihnen solche Ideen beibringt. Wahrscheinlich würden sie die vielen wunderlichen Vorstellungen vom Jenseits gar nicht haben, wenn nicht gewisse Leute einen nachteiligen Einfluß auf sie ausgeübt hätten – z. B. Du und dein Schwager Tom Lawrence, ihr Vater.« »Nun,« erwiderte Herr Burton, während er sich mit großer Sorgfalt das Haar bürstete, wenn sie von anderen Leuten so leicht zu beeinflussen sind, so darf ich wohl annehmen, daß Du sie in mancher Beziehung zu besseren Sitten erzogen hast. Du hast sie ja bereits sieben Tage unter deiner Aufsicht.« »Sechs – erst sechs,« berichtigte Frau Burton rasch. »Ich wollte – « »Daß ihr Besuch in der That um einen Tag verkürzt werden könnte, nicht wahr?« fragte Herr Burton, seiner Frau voll ins Gesicht blickend. Frau Burton senkte rasch ihre Augen, drehte sich um und that, als ob sie etwas suchte; aber ihr Mann kannte sie zu gut, als daß er sich durch diese List hätte täuschen lassen. Er sagte also mit all der Zärtlichkeit, die ihm zu Gebote stand: »Liebes Kind, sag mir jetzt die Wahrheit. Hast du bei deinen Erziehungsversuchen nicht mehr gelernt als die Kinder?« Frau Burton vermied es noch immer, ihrem Mann in die Augen zu sehen, antwortete aber mit bewunderungswürdiger Fassung: »Ich habe viel dabei gelernt, wie jeder, der eine neue Aufgabe zu lösen versucht, aber die Erfahrungen, die wir Erwachsenen sammeln, sind die Quelle neuer Macht und kommen den Kindern wieder zu gute.« Herr Burton sah erst mit Neugier, dann aber mit unverhohlener Bewunderung auf seine Frau; als er aber sein Gesicht wieder dem Spiegel zuwandte, konnte er doch nur den Abdruck des Mitleids in seinen Zügen lesen. Inzwischen hatte das Aufhören des Gesanges, das Trippeln und Stampfen kleiner Füße auf der Treppe und ein Wehgeschrei Terrys angekündigt, daß die Jungen ihre Kammer verlassen hatten. Dann hörte das Burton'sche Ehepaar, daß an dem Griffe ihrer Kammerthür gerüttelt wurde. Der Entdeckung, daß sie verriegelt war, folgte ein ärgerlicher Fußtritt gegen dieselbe, dann rief eine Stimme: »Macht doch auf!« »Was wollt ihr denn?« fragte Herr Burton. »Ich will herein!« antwortete Willi. »Ich auch,« Piepte Toddi. »Wozu denn?« fragte Herr Burton jetzt. Einen Augenblick blieb es still, dann antwortete Willi: »Na, weil wir wollen; das kann doch woll jeder verstehen, ohne zu fragen.« »So, so! Und wir haben die Thür verriegelt, weil wir nicht wollen, daß jemand herein kommt,« antwortete Herr Burton. »Ich denke, das kann wohl auch jeder, verstehen, ohne zu fragen.« »Ach du!« rief Willi. »Na, denn will ich dir sagen, weshalb wir hereinwollen; wir wollen euch mal ganz was Reizendes erzählen.« »Hast du Lust, ein recht originelles Anliegen entgegenzunehmen, liebe Frau?« fragte Herr Burton. »Gewiß!« antwortete dieselbe. »Aber du wolltest ihnen doch beibringen, daß unsere Kammer nicht etwa allgemeines Versammlungszimmer für Frühstücksgäste ist.« »O, das werden sie nicht gleich denken«, wenn wir sie ein einziges Mal hereinlassen,« erwiderte Frau Burton. »Hm – dies eine Mal gilt also nicht,« citierte Herr Burton aus Rip von Winkle mit ironischem Lächeln, welches jedoch vor einem Stirnrunzeln seiner Frau alsbald dahinschwand. Herr Burton schob jetzt pflichtschuldigst den Riegel zurück, und die beiden Jungen purzelten über einander in das Zimmer. »Wir lehnten uns beide gegen die Thür,« erklärte Willi, »deshalb purzelten wir übereinander; wir wußten woll, daß ihr uns reinlassen würdet.« Herr Burton warf seiner Frau wieder einen ganz eigentümlichen Blick zu; diese that jedoch, als sähe sie ihn nicht und sagte zu ihren Neffen: »Nun erzählt doch die reizende Geschichte mal, die ihr uns versprochen habt!« »Ach ...« fing Willi an. »I–i–i–ich,« unterbrach ihn Toddi. »Sei still, Toddi!« befahl Willi. »Ich habe zuerst angefangen.« »Aber ich habe es ausgedacht,« wandte Toddi ein. »Na, ich will dir was sagen, Toddi – ich erzähle ihnen, was wir wollen, und du quälst sie, daß sie es thun – das is ehrlich Spiel, nich?« Und ohne das Ergebnis von Toddis Erwägungen abzuwarten, fuhr Willi fort: »Wir möchten also gar zu gern mal 'n Picknick haben. Papa leiht uns seinen Wagen, und da setzen wir uns alle rein, un' dann fahren wir nach dem Wasserfall un' machen uns einen vergnügten Tag. Das is der allerschönste Platz, den es giebt. Un' dann könnt ihr uns in der großen Schaukel schaukeln und uns schwimmen lassen un' im Boot spazieren fahren un' uns im Wirtshaus Limonade kaufen. Aber wir können Steine ins Wasser werfen un' im Wasser paddeln un' Fische fangen un' um die Wette laufen. Alle diese andern Sachen – nich' die ersten, wo ich von erzählt habe – können wir ganz allein machen, un' du un' Tante Alice, ihr könnt auf dem Gras unter den Bäumen liegen un' Cigarren rauchen un' vergnügt sein, weil ihr uns glücklich gemacht habt. Sieh – so macht's Papa auch. Aber ihr müßt tüchtig was zu essen mitnehmen, denn kleine Jungens haben immer 'n leeren Magen, wenn sie an solche Plätze kommen. Un' dann – o ja – dann könnt ihr Terry ins Wasser werfen un' ihn nach Stöcken schwimmen lassen – ich möchte wetten, er kann da nich' auskneifen, ohne daß wir ihn fangen.« »Aber nehmt nur ja genug Frühstück mit,« riet Toddi, »sonst giebts keinen rechten Spaß, nich' n' bischen. Un' wir fahren auch wirklich hin, nich? Wir sind den ganzen Morgen schrecklich artig gewesen. Ich habe so viele Sonntagslieder gesungen daß meine Kehle ganz sandig is.« »Ganz was?« fragte Frau Burton. »Ganz sandig,« wiederholte Toddi. »Weißt du nicht, wie spaßig das anzufühlen is, wenn du Sand zwischen den Händen reibst, wenn du keine Handschuhe anhast. Wenn du's nich' weißt, will ich mal welchen reinholen.« »Tante Alice glaubt's dir auch ohne Sand,« sagte Herr Burton, als seine Frau nicht antwortete. »Un' wir werden woll schrecklich müde sein, wenn das Picknick vorüber is,« sagte Willi, »dann könnt ihr uns im Wagen auf den Schoß nehmen – den ganzen Weg bis zu Hause. So machen's Papa un' Mama auch.« »Danke für den Wink!« sagte Herr Burton. »Das ist in der That verführerisch und erklärte gleichzeitig, weshalb dein Papa seine neuen Anzüge eher aufträgt, als alle anderen Bekannten, die ich habe.« »Und ebenso, weshalb die Mäntel und Ueberwürfe eurer Mutter beständig gereinigt und ausgebessert werden müssen,« sagte Frau Burton. »So Toddi,« rief Willi, »ich habe jetzt alles erzählt. Weshalb quälst du sie denn nich'?« Toddi umfaßte zärtlich das Kleid seiner Tante und bat flehentlich: »Bitte, laß uns hinfahren! Bitte, bitte, liebe Tante nich?« »Papa sagt, es wäre immer leichter für dich gewesen, »ja« zu sagen als »nein«,« wandte sich Willi jetzt an seinen Onkel, »un' ...« »Da bringt dich dein Schwager ja in ein feines Renommee,« scherzte Frau Burton. »Un' ich hörte mal 'ne Dame sagen,« fuhr Willi, sich an seine Tante wendend, fort, »du besinntest dich nich' lange, ehe du »ja« sagtest. Ich glaube, sie meinte etwas, was du mal zu Onkel Harry gesagt hast.« Frau Burton errötete vor Aerger, aber Willi fuhr fort: »Un' du mußt gegen uns doch eben so nett sein wie gegen ihn, denn er is 'n großer Mann un' braucht nich' immer erst geholfen zu werden, wenn er mal Spaß haben will. Un' außerdem hast du ihn auch immer bei dir, aber uns hast du nur noch vier Tage, – außer heute man bloß noch einen Tag.« »Wieder eine Umschreibung einer Bibelstelle – mit packender Nutzanwendung,« sagte Herr Burton zu seiner Frau. »Sollen wir fahren?« »Kannst du denn?« fragte diese mit strahlender Heiterkeit. »Ich denke, es läßt sich einrichten,« erwiderte Herr Burton zärtlich, in der irrigen Annahme, daß einzig die Aussicht, einen ganzen Tag in seiner Gesellschaft verleben zu können, seine Frau so frohgelaunt mache.« Frau Burton erriet seine Gedanken, zog es aber vor, diese Illusion nicht zu zerstören, obgleich ihr Gewissen sie dazu drängte. War doch der Gedanke, daß sie den ganzen Tag der Verantwortung für ihre Neffen enthoben sein würde, der wahre Grund ihrer Heiterkeit. Die Kinder hatten stets die Gesellschaft ihres Onkels der seiner Frau vorgezogen; letztere hatte sich zuweilen heimlich darüber gegrämt, aber im Laufe der zu Ende gehenden Woche war sie von dieser Empfindlichkeit vollständig geheilt. Die Ankündigung, daß Onkel und Tante ihren Vorschlag günstig aufgenommen hatten, wurde von den Kindern mit ausgelassenem Jubel begrüßt, und während der nächsten beiden Stunden gab es im ganzen Staate New-York keine emsiger beschäftigten Personen als Willi und Toddi. Sogar ihr Appetit litt unter der Aufregung, und ihr Aufenthalt am Frühstückstisch war von kürzester Dauer. Willi besuchte seinen Vater und bestellte den Wagen, während Toddi das Einpacken des Frühstücks überwachte, bis die Köchin ihn aus der Küche verbannte und sich gegen etwaige Ueberfälle dadurch sicherte, daß sie die Thür verriegelte. Dann wollten die beiden Jungen so viel Extra-Gepäck mitnehmen, daß man einen Frachtwagen damit hätte füllen können, und erteilten unaufgefordert wohlgemeinte Ratschläge mit einem Eifer, der auch dann nicht nachließ, als ihre Wünsche nicht die geringste Berücksichtigung fanden. Endlich war das letzte Gepäckstück im Wagen untergebracht, Terry hatte einen Sitz erhalten, und die Gesellschaft fuhr ab. Sie waren etwa fünf Minuten unterwegs, da sagte Willi: »Onkel Harry, ich möchte mal trinken.« »Onkel Harry,« meldete sich Toddi, »ich bin beinah totgehungert – ich habe beinah gar kein Frühstück gegessen.« »Weshalb denn nicht?« fragte Frau Burton. »Es war doch wahrlich genug auf dem Tisch, oder meinst du nicht?« »Ich weiß nich',« erwiderte Toddi und blickte seiner Tante fragend ins Gesicht, als ob er sein Gedächtnis dadurch auffrischen wolle. »Warst du denn beim Frühstück nicht hungrig?« forschte seine Tante weiter. »I–i–i–ich – na, ich meine, mein Magen war woll hungrig, aber meine Zähne nich – ja, so war's. Un' jetzt möcht' ich gern Sardinen und Torte haben.« »Aetherisches Geschöpf!« rief Frau Burton und gab Toddi einen Zwieback. »Ich habe gar nich' daran gedacht, daß ich hungrig war,« sagte Willi, »aber nu' Toddi es sagt, fällt mir's wieder ein. Un' ich möchte auch was zu trinken haben.« Willi erhielt ebenfalls einige Zwiebäcke und am nächsten Brunnen wurde Halt gemacht. Als Herr Burton aus dem Wagen stieg, um Wasser zu holen, war Terry genötigt seinen Platz zu wechseln. Bei dieser Gelegenheit wurde das arme Tier von den beiden Jungen so gedrangsalt, daß es zur Erde sprang und sich Toddis Protest zum Trotz auf den Heimweg machte. Willi aber erklärte: »Das is nu' mal gewiß, daß Terry nich' in Himmel kommt – er hat doch ganz und gar keine Lust, andere Leute glücklich zu machen.« Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung und hatte bald die äußersten Grenzen des Stadtgebietes erreicht. Auf einmal meldete Toddi: »Ich bin furchtbar durstig.« »Weshalb trankst du denn nicht, als Willi trank?« fragte Frau Burton. »Weil ich nich' mochte,« erwiderte Toddi. »Ich bin doch nich wie 'ne Loketive, die nur vollgemacht wird, weil grad 'n Wasserplatz kommt. Ich mag bloß trinken, wenn ich durstig bin; un' jetzt bin ich furchtbar durstig.« Man machte beim nächsten Brunnen wieder Halt, und Toddi trank etwa zwei Schluck Wasser. Als seine Tante dann meinte, daß er gar nicht durstig gewesen sein könne, da zerstreute er ihre Zweifel durch die Erklärung: »So viel Platz is nich' in mein Magen. Ich bin ja nich' wie so'n Pferd, das ganze Eimers voll Wasser trinkt un' dann noch Platz für Gras hat. Aber ich glaube, ich habe noch Platz für 'n bischen Kuchen.« »Dann will ich dir noch einen Zwieback geben,« sagte Herr Burton. »Ne – den mag ich nich',« sagte Toddi. »Zwieback rutscht nich' so gut wie Kuchen.« »Ich glaube nun bald,« sagte Frau Burton, »daß die tierische Natur bei dem Kinde vollständig zur Herrschaft gelangt ist. Essen und Unheilstiften hat diese ganze Woche hindurch seine Zeit ausgefüllt; und er war doch früher so gemütvoll und nett.« »Der Sinn der Kinder ist wie der Wind, liebe Frau,« sagte Herr Burton. »Du weißt nich', von wannen er kommt und wohin er fährt – du setzest deine Segel nach ihm und siehe! er ist nicht mehr da, aber wenn du ihn gar nicht erwartest, kommt er plötzlich daher.« »Du Onkel Harry,« sagte Willi. »Heute wollen wir aber mal ordentlich Pläsier haben.« »Ach was,« sagte Toddi, »wir wollen ja 'n Picknicks haben.« »Schafskopp,« erwiderte Willi. »Pläsier un' Picknick is ja dasselbe.« »Is woll nich,« rief Toddi. »Pläsir is doch nichts zu essen wie Picknicks. Picknicks is was süßes, so wie liebes, kleine Schwesterkindchen.« »Ach Tante!«, seufzte Willi, »wir haben das Schwesterchen nun schon seit zwei Tagen nich' gesehen – laß uns gleich umkehren un' sie besuchen.« »Willi, Willi,« schalt Frau Burton. »Sei doch zufrieden, mit dem, was du hast, und wünsche dir nicht stets etwas anderes. Du kannst sie besuchen, wenn wir nach Haus kommen.« »Ich brauche gar nich' nach Haus zu gehen, ich kann sie doch sehen,« sagte Toddi. »Ich kann jeden sehen, den ich sehen will, wenn es mir gerade gefällt.« »Sei nicht albern, Toddi,« schalt Frau Burton trotz eines Warnungswinkes ihres Gemahls. »Wie fängst du denn das an, Toddi?« fragte Herr Burton. »O, ich denke an all die Leute, un dann kommen sie vor meine Augen, un dann sehe ich sie. Ich kann ganz viele, viele Menschen so sehen: Abraham un' Isak un' Goliath un' Klein-David un' die Isruliten un' George Washington, wie er seinem Papa seinen Baum umhaute; ich brauche man bloß dran zu denken. O, da läuft ein Kaninchen! Laß uns mal halten un' es fangen!« »O nein, laß es laufen,« erwiderte Herr Burton. »Es geht vielleicht zum Mittagessen nach Hause, und die ganze Familie erwartet es am Tische.« »Jemine«, rief Toddi, indem er die Augen weit aufriß und dann einige Minuten lang nachdenklich schwieg, darauf erzählte er: »Ich habe mal 'ne Kaninchenfamilie beim Mittagessen gesehen. Sie hatten 'n ganz kleinen Tisch un' ganz kleine Stühle: un' der Kaninchen-Papa sagte sein Gebet un' ...« »Toddi, Toddi, lüge uns doch nichts vor!« rief Frau Burton. »Ich lüge euch gar nichts vor,« erwiderte Toddi. »Un' ein kleiner Kaninchenjunge sagte: »Papa, ich möcht mal trinken,« da nahm sein Papa 'n kleines Glas; grad so groß wie'n Fingerhut, un' hielt 'n großes Blatt schief, un' da lief der Tau in das Glas, un' er gab es seinem kleinen Jungen; un' als sie gegessen hatten, da gab die Kaninchen-Mama all' ihren Jungen 'ne Erdbeere zu lutschen. Un' keiner brauchte Schürzen vorzubinden, weil sie nur einen Anzug hatten, un' der hatte so'ne Farbe, wo kein Schmutz an zu sehen is – wie Mama sagt, daß ich einen haben muß.« »Waren es lauter Kaninchen-Jungen und gar kein Kaninchen-Mädchen?« fragte Herr Burton. »Doch, da war auch 'ne kleine Kaninchenschwester dabei, aber sie war ganz klein un' kam nich' an den Tisch. Un' die Mama nahm sie auf ihren Schoß und spielte damit. Un' da wurde das Schwesterchen müde, un' die Mama wiegte es im Schaukelstuhl un' sang: »Papa is auf die Jagd gegangen Un' will ein klein Kaninchen fangen. Un' wenn er es gefangen hat Dann zieht er ihm das Fellchen ab.« Un' da wollte die Kaninchen-Schwester nich mehr bei der Mama sein un' kam runter auf die Erde un' kroch auf ihren Händen un' Knieen umher; aber sie machte ihr Kleid nich' schmutzig un' ihre Kniee nich wund, weil da hübsche weiche Blätter und Farnkräuter lagen, wo sie auf kriechen konnte, un' nich' so häßliche alte Teppiche. Weißt du woll, daß ich schon mal 'n Kaninchen gewesen bin? »Wirklich?« erwiederte Herr Burton. »Erzähl uns das mal.« »Harry!« schalt seine Frau. »Er glaubt es, mein Schatz,« erklärte ihr Mann. »Er ist jetzt in der poetisch-schwärmerischen Stimmung, die du vor einigen Minuten so schmerzlich an ihm vermißtest. Nur weiter, Toddi!« »Schön. Ich war mal 'n Kaninchen, un' lebte ganz allein in 'm Loch unten im Baum. Un' manchmal besuchten mich andere Kaninchen, un' wir setzten uns alle auf die Hinterfüße un' machten Männchen. Manchmal wollten mich auch Hunde besuchen, aber ich ließ sie bloß klingeln un' rief nich »herein.« Un' da kam ein vornehmer Mann un' sagte, ich möchte doch in sein' Circus kommen un' ihm helfen, kleine Jungens lachen zu machen. Da lief ich denn im Circus rum un' hebte Menschen un' andere Sachen mit meinem Rüssel auf –.« »I bewahre, Toddi,« unterbrach ihn Herr Burton. »Kaninchen haben ja gar keinen Rüssel.« »Ich weiß woll,« sagte Toddi, »aber ich war ja 'n Ephalant geworden, un' ich eßte 'ne Masse Heu un' annern Kram mit mein Rüssel, un' die Leute gaben mir 'ne Masse Kuchen und Zuckerwerk un' wollten sehen wie ich es mit mein' Rüssel essen würde, un' ich war so groß, daß ich alles aufkriegen konnte, un' da war keine Ephalanten-Mama, die immer sagte: du darfst nich' so viel Kuchen un' Bonbons essen, Toddi; sonst wirst du krank.« »Kommt noch mehr?« fragte Herr Burton. »Wir können ziemlich alles ertragen.« »Warte mal,« antwortete Toddi nachsinnend. »Ja, nachher wurde ich 'n Löwe un' mußte soviel brüllen, daß meine Kehle ganz sandig wurde. Deshalb wurde ich wieder 'n kleiner Junge un' war furchtbar hungrig, un' ich glaube, das war eben jetzt.« »Kannst du diesem Wink widerstehen, liebe Frau?« fragte Herr Burton. Frau Burton öffnete seufzend einen Korb und gab Toddi ein Stück Kuchen, welches dieser mit den Worten in Empfang nahm: »Das giebst du mir, weil ich nur die Wahrheit gesagt habe, nich?« Inzwischen hatte man sich dem Reiseziel genähert und Willi schlug vor: »Ich denke, zu allererst frühstücken wir mal ganz tüchtig.« »Jetzt noch nicht,« sagte Frau Burton. »Wir wollen das zweite Frühstück zur gewohnten Zeit einnehmen.« »Aber trinken kannst du so viel, wie du magst,« sagte Herr Burton. »Hier ist 'n ganzer Fluß voll Wasser.« »Ach, ich fühle so, als ob ich in mein ganzen Leben keinen Durst mehr kriegte,« sagte Willi. »Aber ich wollte, Terry wäre hier un' könnte nach 'm Stock schwimmen. O, thu du es mal! nich? – Du spielst Hund un' ich spiele Onkel Harry un' werfe dir was zu.« Inzwischen war Toddi an das Ufer des Wassers getreten und hatte sich in gebückter Stellung nach Fischen umgesehen. Der abschüssige Stein, auf dem er stand, war etwas feucht, und Toddi war so erpicht auf die Fische, daß er sich immer mehr vornüber beugte. Da hörte man auf einmal ein Platschen und einen Angstschrei, und Toddi stand bis an die Kniee im Wasser. Ihn auf's Trockene zu bringen war das Werk eines Augenblicks, aber seinen Thränenstrom zu hemmen war keine so leichte Aufgabe. »Was machen wir nun?« fragte Frau Burton. »Zieh ihm Schuhe und Strümpfe aus und laß ihn barfuß laufen,« erwiderte Herr Burton. »Bei dem warmen Wetter kann er sich nicht erkälten.« »Ei!« rief Toddi, »darf ich den ganzen Tag barfuß laufen. Ich wollte, der Fluß wäre dicht an unserm Hause, dann wollt' ich jeden Tag hineinpurzeln. Willi, Willi, wenn du Spaß haben willst, brauchst du nur mal in den Fluß zu plumpsen.« Aber Willi hatte sich entfernt und war eben damit beschäftigt, ein Moosbüschel aus einer Felsenspalte loszureißen. Hier fand ihn seine Tante, und er erklärte, während er emsig zog und zerrte: »Ich denke, dies is 'n schönes Kissen für dich, drauf zu sitzen.« Das letzte Wort hatte den letzten Ruck begleitet, und das Moos löste sich los; gleichzeitig sprang Willi mit einem Schrei des Schreckens zurück; denn eine kleine Schlange, die sich unter dem Moose häuslich niedergelassen hatte, legte in ihrer Schlangenmanier große Entrüstung über den Hausfriedensbruch an den Tag. »Nie un' nimmer thu ich nichts für andere Leute nich wieder,« schluchzte Willi. »Jedesmal, wenn ich die Augen zumache, werd' ich jetzt die scheußliche Schlange sehen.« »Du armer, kleiner Bursche,« sagte Frau Burton, ihn zärtlich liebkosend, »ich wollte, ich könnte etwas dazu thun, daß du es bald wieder vergißt.« »Ne, das kannst du nich',« schluchzte Willi; »außer – außer vielleicht, wenn du mir 'n Stück Torte giebst. Es kann wenigstens nich' schaden, wenn wir's mal versuchen, nich'?« Frau Burton machte sich eiligst daran, eine Torte auszupacken, und ihr Mann gab bei dieser Gelegenheit seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß Willi ein geborener Diplomat sei. Als sie dann mißtrauisch umherspähte, aus Besorgnis, daß Toddi Willis Medizin erblicken und sich irgend ein Leiden andichten werde, was mit Torte kuriert werden müsse, machte sie die Entdeckung, daß Toddi spurlos verschwunden war. »O Himmel! Toddi ist fort! Vielleicht ist er bei dem Wasserfall, Harry. Ich wollte, wir hätten uns weiter stromabwärts gelagert.« Herr Burton eilte im Laufschritt das Ufer des Flusses entlang, konnte aber keine Spur von Toddi entdecken. Endlich hörte er jedoch durch das Rauschen des Wasserfalls eine schrille Stimme, welche den Anfang einer alten Methodistenhymne sang und immer von neuem wiederholte. »Rauschende Flüsse, mächtige Quellen« Er folgte dem Klange der Stimme, spähte über die Uferbank und erblickte Toddi in einem sonnigen Felseneckchen unterhalb des Wasserfalls. Der Junge befand sich in einem wahren Rausch des Entzückens. Bald streckte er die Hände aus, als ob er das herunterstürzende Wasser auffangen wollte, bald warf er sein Köpfchen zurück, um mit kräftigerer Stimme zu singen, dann wieder sprang und tanzte er wie toll umher, als ob sein kleiner Körper seiner großen Seele nicht Raum genug biete. Plötzlich erschien auch Frau Burton, welche, von Angst getrieben, sich ebenfalls auf die Suche nach Toddi gemacht hatte und jetzt die Sandbänke unterhalb des Wasserfalls heraufkam. »O, Tante Alice,« rief Toddi, auf sie zueilend und ihre rechte Hand mit seinen beiden Händen fassend, »sieh doch mal das Wasser tanzen! Siehst du woll die vielen schönen Lichter, die der liebe Gott angesteckt hat? Möchtest du da nich' hineingehen un' zwischendurch fliegen un' alles über dich geschüttelt haben un' dich drin schütteln un' nachher alles abschütteln un' wieder hineinfliegen? Oben im Himmel giebt's auch solche Plätze. Das weiß ich, weil ich sie mal gesehen habe – ja, das hab' ich. Un' alle Engel standen drum rum un' flogen hin un' her un' mittendurch und lachten, was sie nur konnten. Un' Jesus saß oben am Ufer un' sah zu un' lachte mit.« Herr Burton versteckte seine ganze werte Persönlichkeit bis auf Augen und Hut, weil er einen Meinungs-Konflikt der beiden für nahe bevorstehend hielt. Es folgte jedoch kein Konflikt, denn Frau Burton zog ihren Neffen an sich und küßte ihn herzhaft. Aber Toddi entwand sich ihren Armen und rief: »Das darfst du nich' thun, sonst krieg ich andere Augen, un' ich habe keine nötig.« Wie lange das Entzücken Toddis noch gedauert haben würde, konnte das Burtonsche Ehepaar nicht feststellen, denn ein unheilverkündendes Pferdegetrappel nahm die Aufmerksamkeit Herrn Burtons in Anspruch. Als er sich hastig umwandte, sah er eins der beiden Pferde in wildem Galopp in der Richtung nach Hillcrest dahinjagen, während die Gestalt des Knaben Willi, der gerade einen Zügel fahren ließ, durch den Staub der Landstraße geschleift wurde, wobei seine Stimme in schrillen Tönen das Rauschen des Wasserfalles übertönte. Mit dem natürlichen Instinkte eines alten Kavalleristen versuchte Herr Burton zunächst das Pferd einzufangen, aber das Tier sprang so scheu zur Seite und hatte eine so freie Strecke Weges vor sich, daß die Sorge um Willi, der inzwischen am Wege liegen geblieben war, in seinem Herzen die Oberhand gewann und er zu seinem Beistand herbeieilte. »Ich – bu – hu wollte das Pferd gerade zum Wasser führen, wie's – bu – hu – hu – hu – Papa macht, da riß – oh! wie mein Ellbogen wehthut! – da riß es sich los un' lief weg. Un' ich faßte die Zügel un' wollte es halten, un' au! – da schleifte es mich fort, mit mein' Mund im Staub, woll zehn Meilen weit. Ich habe so viel Staub schlucken müssen, wie ich konnte, aber ich glaube, ich habe noch immer einen ganzen Mund voll.« Herr Burton schirrte das andere Pferd geschwind ab und galoppierte ohne Sattel hinter dem Durchbrenner her, während seine Frau, die ahnte, daß etwas passiert sein mußte, mit Toddi rasch die Klippe hinaufstieg und beide Jungen in den Schatten des Wagens führte, mit dem strikten Befehl, sich dort bis zur Rückkehr ihres Onkels ganz ruhig zu verhalten. »Dürfen wir auch nich' sprechen?« fragte Toddi. »Nein, es sei denn, daß ihr durchaus müßt,« antwortete Frau Burton, die wie die meisten sorgengequälten Menschen jede Art Zerstreuung von sich fern zu halten suchen, welche sie hätte abhalten können, sich ihrem Kummer hinzugeben. »Können denn kleine Jungen nie den Mund halten?« »O, doch,« sagte Willi, »wenn sie 'n guten Happen zu essen haben.« In ihrer Verzweiflung packte Frau Burton alle Frühstückskörbe aus und lud die Kinder ein, sich selbst zu bedienen. Dann begab sie sich auf die Landstraße und spähte nach ihrem Mann aus. Als sie endlich, des vergeblichen Hoffens und Harrens müde, zum Wagen zurückkehrte, da stellte sich heraus, daß die Jungen den ganzen Kuchen- und Tortenvorrat aufgegessen hatten; außerdem hatten sie die Milch getrunken und den Zucker vernascht, welche zu dem köstlichen Kaffee verwendet werden sollten, den Frau Burton à la militaire zu machen beabsichtigt hatte. Eine Sardinenbüchse, welche die Kinder mit einem Stein zu öffnen versucht hatten, war zu einer formlosen Masse zerstampft. »Ihr unartigen Jungen!« schalt Frau Burton. »Was soll denn nun unser armer Onkel essen, wenn er müde, hungrig und durstig zurückkommt? Un' das alles nur deines dummen Streiches wegen, Willi!« »Na nu', Tante Alice,« sagte Willi, »wir haben ja den Zwieback gar nich' angerührt, un' Zwieback gab er uns auch, als wir sagten, wir wären so furchtbar hungrig. Un' da is ja auch ein ganzer Fluß voll Wasser – das hat er uns auch gesagt, als er dachte, wir wären durstig.« Diese Erklärung schien Frau Burton keinen besonderen Trost zu gewähren; sie begab sich wieder auf die Landstraße und sagte sich, daß sie immerhin schon den Gedanken ertragen könne, daß ihr Mann Hunger leide, wenn er nur erst unversehrt wieder zurück wäre. Langsam verstrich eine Minute nach der andern. Die Jungen wurden erst ungeduldig, dann eigensinnig, aber endlich gegen 3 Uhr nachmittags kam Herr Burton zurück. Das durchgebrannte Pferd war beinahe bis nach Hillcrest gelaufen und hatte unterwegs ein Hufeisen verloren, so daß Herr Burton genötigt war, einen Hufschmied aufzusuchen. Das Pferd, welches er geritten hatte, war offenbar niemals zugeritten worden, und er hatte seiner scheinbaren Ungeschicklichkeit wegen allerlei Spöttereien der lieben Dorfjugend über sich ergehen lassen müssen. Jetzt war ihm vor allen Dingen das eine klar, daß er riesigen Hunger habe. »Armer Mann,« seufzte Frau Burton, »bis auf Brot und Zwieback haben die Jungen alles aufgegessen; ich habe noch keinen Bissen genossen.« »Unmöglich!« rief Herr Burton und befühlte den Leibgürtel der Kinder. »Da haben sie sicher was fortgeworfen.« »Nur in unsern Magen runter,« versicherte Toddi. »Dann will ich zum nächsten Wirtshaus gehen und ein gutes Mittagessen genießen,« sagte der enttäuschte Mann. »Wir wollen mit!« rief Willi. »Von Kuchen un' Torte un' so was wird man auf Picknicks nich' ordentlich satt.« »Dann wird ein wenig Hunger jedenfalls das beste für euch sein,« erwiderte Herr Burton. »Ihr bleibt hier bei eurer Tante.« »Gut, aber dann beeile dich,« mahnte Willi. »Tante Alice sagt, der Nachmittag ist schon halb hin, un' du hast uns noch keine Flöten gemacht, un' hast uns noch nich' schwimmen un' noch keine Fische fangen lassen. Du hast auch noch keine dicken Steine für uns ins Wasser geworfen, un' all so was nich'.« Herr Burton ging ziemlich gedemütigt fort, da ihm die Vorwürfe seines Neffen in den Ohren klangen; die Kinder aber umkreisten ihre Tante in feierlichem Schweigen, bis diese erstaunt fragte: »Weshalb macht ihr solchen Hokuspokus, Kinder?« »Ach, wir fühlen uns so verlassen un' möchten getröstet werden,« erwiderte Willi. »Wollt ihr dann aber auch Onkel Harry trösten, wenn er zurückkommt?« fragte Frau Burton. »Wozu denn?« antwortete Willi. »Ich habe doch mal gehört, daß er zu dir sagte, du wärst sein einziger Trost; da hat er uns doch nich' nötig.« Frau Burton küßte ihre beiden Neffen und fragte sie, ob sie etwas für sie thun könne. »Ich weiß nich',« erwiderte Toddi. Höhere Eingebung kam Frau Burton in ihrer Ratlosigkeit zu Hilfe, und sie erklärte: »Ihr dürft euch beide amüsieren, wie ihr wollt.« »Hurra!« rief Willi. »Un' willst du auch nich' 'n einziges Mal »Müßt nich'« sagen?« fragte Toddi vorsichtshalber. »Nein,« antwortete Frau Burton. Da ließen beide gleichzeitig einen Ruf des Staunens hören, reichten sich die Hand und gingen langsam und schweigend hinweg. Sie blieben sogar einmal stehen, um sich zu küssen, während Frau Burton ihnen in stummer Verwunderung nachblickte. War dies wirklich die Folge davon, daß sie kein wachsames Auge – ein Luchs-Auge, wie ihr Mann es nannte – auf die Kinder hatte? Die Jungen setzten ihren Spaziergang schweigend fort und ließen sich endlich auf einem großen Felsblock nieder. Dann umfaßten sie sich mit den Armen und blickten still in die Landschaft hinaus. So blieben sie sitzen, bis ihr Onkel zurückkehrte und von seiner Frau auf das Paar aufmerksam gemacht wurde. Die beiden Erwachsenen folgten bald dem Beispiel der Kinder, und eine Stunde lang herrschte süßer Frieden an den Ufern des Flusses, bis die alte Sonne, die einst stillstand, um einer Schlacht zuzusehen, die ihren Lauf aber noch niemals hemmte, um sich an dem Anblick friedlicher, naturkneipender Touristen zu erfreuen, die Gesellschaft mahnte, daß es Zeit sei heimzukehren. »Wir müssen wieder nach Hause, Kinder,« sagte Herr Burton mit einem Seufzer. Diese Worte bannten den Zauber, der die Kinder wie mit unsichtbaren Fäden gefangen hielt, und sie waren sofort wieder die alten Jungen, freilich nicht, ohne noch einen sehnsüchtigen Blick auf das Paradies zu werfen, welches sie verlassen mußten. »Nun, Onkel Harry,« sagte Willi, »is da noch etwas, das zu jedem ordentlichen Picknick un' zu jeder Spazierfahrt mit dazu gehört, un' das is, daß ich die Zügel führe.« »Un' daß ich die Peitsche halte,« fügte Toddi hinzu. »O, ich glaube, ihr habt eure Schuldigkeit heute schon reichlich gethan – ihr alle beide,« antwortete Herr Burton, indem er die Zügel unwillkürlich fester faßte. »Wir glauben das aber nich',« sagte Willi, »un' ganz gewiß, wir können fahren. Wenn's bergauf geht, läßt uns Papa immer fahren; er sagt, die Pferde merken es gleich, wenn wir sie in die Hand nehmen.« »Das wundert mich nicht,« sagte Herr Burton. »Gut, hier geht's bergauf. Halte fest!« Willi ergriff die Zügel, und Toddi zog die Peitsche aus ihrem Lederhalter. Die edlen Tiere bestätigten sofort die Behauptung ihres Herrn, denn sie begannen sich in einer Weise zu bäumen, die sich für wohlerzogene Familienpferde durchaus nicht schickt. Frau Burton klammerte sich an den Arm ihres Mannes und dieser legte vorsichtig eine Hand auf die Zügel. Der Gipfel des Hügel war erreicht, und Herr Burton nahm Willi die Zügel wieder ab. Ehe aber Toddi seine Würde niederlegte, gab er dem Handpferd einen tüchtigen Peitschenhieb. Tom Lawrence würde nie ein Pferd behalten haben, das auch nur ein Berühren mit der Peitsche nötig gehabt hätte, obwohl dieses Zeichen der Gewalt stets seinen Wagen zierte. Da nun die Pferde derartige Liebkosungen nicht gewohnt waren, so entbrannte das geschlagene Tier in edlem Zorn, und da sein Gefährte seine Gefühle durchaus teilte, so schlugen beide Tiere mit den Hinterbeinen aus und rasten dann mit einer Geschwindigkeit, die sie selbst nicht mehr zu mäßigen vermochten, den felsigen, holperigen Weg hinunter. Bald ging die tolle Fahrt direkt auf einen im Wege liegenden, hell schimmernden Steinblock los. Herr Burton sah die Gefahr und versuchte die Pferde zur Seite zu lenken. Aber was bedeutete für die entrüsteten Tiere ein solches Hindernis? Jetzt waren sie unmittelbar vor dem Steinblock, den die Räder unbedingt treffen mußten. Frau Burton, auf die Zertrümmerung des Wagens und das Schlimmste gefaßt, schlang den einen Arm fest um ihren Mann, während sie mit dem andern zwischen die Zügel fuhr; die Jungen stimmten die Negerhymne an: »O, Felsenpfad zu Zion's Stadt«, die Räder trafen den Steinblock, und vier Personen beschrieben weitgeschweifte Bogen in der Luft und gelangten erst wieder auf die Erde, als ihr weiterer Flug durch die am Wege stehenden Büsche aufgehalten wurde. Der Wagen richtete sich selbst wieder auf und wurde von den Pferden mit Windeseile nach Hause gebracht, während die früheren Insassen, von denen zwei sehr vergnügt und die beiden andern sehr schweigsam waren, zu Fuß nach Hause pilgerten und nur einmal anhielten, um ihre zerkratzten Gesichter in einem Bache zu baden. Eine Stunde später, als die beiden Kinder ohne jedwede Hilfe die zum Schlafengehen nötigen Vorbereitungen getroffen hatten, und während ihre derzeitigen Hüter abwechselnd lachend und wehklagend die Ereignisse des Tages besprachen, ließ sich auf einmal oben an der Treppe eine Stimme vernehmen: »Du, Onkel Harry, werden wir morgen unser Picknick zu Ende kriegen? Wir sind heute noch nich' halb damit fertig geworden. Da sind noch ganz viele Picknicksachen, wo wir noch gar nich' haben an denken können.« Und eine andere Stimme rief: »Un' laß uns mehr Frühstück mitnehmen. Ich bin den ganzen Tag furchtbar hungrig gewesen.« Achtes Kapitel »Nur noch drei Tage,« sprach Frau Burton zu sich selbst, als die Abreise ihres Mannes nach New-York und das gleichzeitige Verschwinden der Jungen ihr einige ruhige Minuten verschaffte. »Nur noch drei Tage, dann habe ich Ruhe – und das lebenslängliche Bewußtsein einer Niederlage. Und durch wen? Durch zwei Kinder, recht jung noch an Jahren und doch so reif schon an Lebensweisheit. Ich beging den Fehler, sie nicht einzeln zu nehmen. Wenn sie beisammen sind, ist es unmöglich, ihren Geist lange genug von ihren kindlichen Angelegenheiten abzulenken, um ihnen ernsteren Sinn und bessere Manieren beibringen zu können. Aber ich habe sie nun einmal nicht einzeln genommen, und oh! – ich dümmste aller Frauen habe meinem Manne gegenüber so oft geprahlt und mir Blößen gegeben. Er wird besser mit ihnen fertig als ich und das Aergerlichste bei der Sache ist, daß er das so mühelos zu erreichen scheint. Wie geht das nun zu? Sie hängen an ihn, gehorchen ihm, sitzen oft eine ganze Stunde am Wege, ehe er mit dem Zuge kommt, nur um ihn zuerst begrüßen zu können, während ich – fange ich vielleicht schon an langweilig zu werden? Das geht ja vielen Frauen so, wenn sie verheiratet sind, aber ich glaube doch nicht, daß ich« – hier nahm sie einen kleinen Spiegel aus einer auf dem Kaminsims stehenden Vase zur Hand – »daß ich langweilig geworden bin, weil ich meinen lieben Harry, diese gute, lustige Seele, geheiratet habe.« Frau Burton forschte aufmerksam in ihren Gesichtszügen, erst argwöhnisch, dann mit unwilligem Erröten, was die Schönheit ihres Antlitzes wunderbar hob. »Die schlimmste Furie ein verschmähtes Weib,« schrieb einst ein Dichter, aber edle Frauen haben dieses Wort von jeher Lügen gestraft. So geschah es denn auch, daß ein wehmütiger Ernst sich in Frau Burtons Gesicht stahl, während sie es so eingehend besichtigte. Er milderte jeden Zug desselben, legte endlich einen feuchten Schleier über ihre Augen und öffnete ihre Lippen, die stumm zu begehren schienen, wogegen ihre Eigentümerin sich früher gesträubt hatte. Da legte sich plötzlich ein Aermchen um ihren Nacken, und eine Kinderstimme rief, als sie überrascht zusammenfuhr: »Tante Alice, warum siehst du nicht immer so aus? Da! Jetzt hörst du schon wieder auf. Große Leute sind doch gerade wie kleine Jungen, nich'? Mama sagt, man darf uns nie sagen, daß wir artig sind, weil wir sonst gleich wieder unartig werden.« »Wann bist du hereingekommen, Willi? Weshalb kamst du so leise? Hast du vielleicht gehorcht? Weißt du nicht, daß es sich nicht für dich schickt, Leute zu belauschen, die nicht zu dir sprechen? Und – wo hast du deine Schuhe und Strümpfe gelassen?« »Ja sieh,« erwiderte Willi, »ich habe sie ausgezogen, weil ich 'n bißchen Kuchen für 'ne kleine Theegesellschaft holen wollte, un' ich mochte da keinen Lärm um machen. Du sagst immer, unsere kleinen Schuhe machen so 'n furchtbaren Lärm. Aber sag' doch, weshalb thust du es denn nicht?« »Was meinst du denn?« fragte Frau Burton, deren Traumbilder blitzschnell zerflossen waren. »Weshalb machst du nicht immer so'n Gesicht wie eine Minute vorher? Wenn du das thätest, so wollte ich gar nich' mehr spielen und lärmen; dann wollte ich ganz still sitzen un' dich immerzu angucken.« »Was machte ich denn für ein Gesicht, Willi?« fragte Frau Burton, indem sie den Jungen auf ihren Schoß nahm. »Na – das war so, als ob – als ob – ich weiß nich' so recht – du sahst so aus, wie Papas Bild von Jesus Mama, wenn ich es lange ansehe un' keiner mich dabei stört. Ich habe noch keinen weiter gesehen, der so aussieht, als meine Mama, un' wenn die mal so aussieht, dann sag ich kein Wort, sonst hört sie gleich wieder damit auf.« »Du kannst den Kuchen kriegen, den du holen wolltest,« sagte Frau Burton. »Ich mag jetzt keinen Kuchen,« sagte Willi ungeduldig, »ich mag auch keine Theegesellschaft. Ich will jetzt bei dir bleiben, un' ich möchte gern, daß du mit mir sprichst, weil du wieder anfängst, so auszusehen wie vorhin.« Dann erstickte Willi seine Tante nahezu in einer festen Umarmung und küßte sie wiederholt. »Du lieber, lieber Willi!« sagte Frau Burton gerührt, indem sie seine Liebkosungen erwiderte, »Weißt du auch, weshalb ich vorhin so aussah? Ich dachte darüber nach, wie es wohl kommt, daß ihr Onkel Harry viel lieber leiden mögt als mich, und weshalb ihr ihm stets gehorcht und mir nicht. Sag mal, wie geht das zu, Willi.« Willi schwieg einige Augenblicke, dann seufzte er und antwortete: »Weil – weil ....« »Nun, sag's nur,« ermunterte ihn Frau Burton. »Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir das erklären wolltest.« »Ja, sieh,« sagte Willi, »weil du ganz anders bist.« »Aber Willi,« wandte Frau Burton ein, »ich kenne recht viele Leute, die ganz verschieden sind, und ich habe sie doch gleich lieb.« »Sie sind aber doch keine Onkels und Tanten, nich' wahr?« fragte Willi. »Nein,« erwiderte Frau Burton, »aber was hat das damit zu thun?« »Und es sind auch keine Leute, denen du zu gehorchen brauchst?« fuhr Willi fort. »N – ei – n,« antwortete Frau Burton, die in der Ferne ein schwaches Licht aufdämmern sah. »Wollen die denn haben, daß du alles so machst, wie sie es wünschen?« fragte Willi. »Einige erwarten das freilich,« erwiderte seine Tante. »Thust du es denn auch?« fuhr der Neffe in seinem Verhör fort. »Zuweilen thue ich es.« »Aber doch nur, wenn du Lust dazu hast, nich' wahr.« »Allerdings,« antwortete Frau Burton prompt. »Na ja,« sagte Willi, »so mach' ich's auch. Aber wenn Onkel gern will, daß ich etwas thun soll, na – dann dauert's nich' lange, dann hab' ich selbst Lust dazu. Ich weiß nich', wie das zugeht, aber so ist's. Aber mit dir ist es anders. Ich hab' dich sehr – sehr lieb, wenn du nich' haben willst, daß ich was thun soll. Aber wenn du das willst, dann hab' ich manchmal keine Lust dazu. Das is alles, was ich davon weiß. Außerdem bloß noch, daß er nich' so gräßlich viel Sachen von uns gethan haben will wie du. Er sieht gern, daß wir vergnügt sind, aber manchmal denke ich, du thust's nich'. Wir können nur auf unsere Art vergnügt sein, un' Onkel Harry scheint das zu wissen un' du nich'.« Frau Burton verlor sich in ernstes Nachdenken, und ihre Lippen zeigten bald wieder die natürlichen stolzen Linien. »Da! – jetzt hörst du schon wieder auf, so lieb auszusehen,« klagte Willi, indem er sich seufzend aufrichtete. »Ich glaube, ich habe jetzt wieder Lust zu Kuchen und Theegesellschaft.« »Bleib' doch bei mir, lieber Willi,« sagte Frau Burton, indem sie das Kind fester an sich drückte. »Sag mal, wenn jemand dich etwas lehrt, was du gar zu gern wissen möchtest, macht dich das nicht glücklich?« »O doch – furchtbar,« erwiderte Willi. »Nun höre mal, wenn du willst, kannst du vielleicht Tante Alice etwas lehren, was sie gar zu gern wissen möchte.« »Was!« rief Willi. »Ein kleiner Junge soll 'ner großen, erwachsenen Dame was lernen! Herrjeh! Dann will ich man hier bleiben.« »Nun höre, ich möchte gern ganz genau Bescheid wissen, worin Onkel Harry und ich so verschieden sind,« fuhr Frau Burton fort. »Glaubst du, daß du vorigen Sommer recht gehorsam gegen ihn gewesen bist?« »Das is schon zu lange her, das weiß ich nich' mehr,« erwiderte Willi. »Aber das weiß ich, ich habe ihm nur gehorcht, wenn ich wollte oder mußte. Wenn ich aber mußte un' hatte keine Lust dazu, dann hatt' ich ihn auch nich' 'n bißchen lieb. Ich erzählte Papa gleich davon, als er wieder nach Hause kam, un' Papa sagte, daß käme davon, daß Onkel uns noch nich' gut genug kennte, un' auch nich' immer Zeit hätte, sich um uns zu bekümmern. Einmal sprachen sie – ich meine Papa un' Onkel Harry – im Lesezimmer darüber. Sieh, das weiß ich davon, weil ich gerade in 'ner Ecke saß un' Hausbauen spielte, un' ich hörte auf zu spielen un' hörte ihnen was zu. Un' auf einmal sagte Papa: »Der Racker spitzt die Ohren« – was er da nur mit gemeint haben mag? Un' dann sagte er zu mir, ich sollte doch mal zum Kaufmann spazieren, un' ihn 'ne Schachtel Streichhölzer holen. Aber da horchte ich noch 'ne Minute, als ich schon aus der Thür war, un' da hörte ich Onkel Harry sagen: »Ich bin doch ein rechter Esel gewesen.« Aber ich wußte ganz gewiß, daß das nich' wahr war. Deshalb ging ich wieder hinein un' sagte zu ihm, er wäre man bloß Mennascherie-Tiere gewesen aber 'n Esel nich'. Un' da lachten sie beide un' gingen dann gleich spazieren, un' ich weiß deshalb nich', was sie nachher gesprochen haben. Onkel Harry is seit der Zeit immer furchtbar nett gegen mich gewesen, obgleich ich ihn manchmal ärgere, wenn ich auch gar nich' will.« Frau Burton gab ihren Neffen mit einem Arm frei und stützte ihren Kopf gedankenvoll auf ihre Hand. Willi sah ihr ins Antlitz und rief: »O, jetzt siehst du wieder so lieb aus. Sag' mal, Tante Alice, hat Onkel Harry dich nich' ganz schrecklich lieb, wenn du so aussiehst?« Frau Burton erinnerte sich an manche Erfahrungen, welche das offenbar bestätigten, aber ehe sie sich darüber äußern konnte, lugte ein kleines Lockenköpfchen vorsichtig zur Thür herein, ihm folgte Toddi in Lebensgröße und rief entrüstet: »Du bist aber doch 'n ganz schlechter, ekliger Bruder, Willi. Die Theegesellschaft wartet nu' schon so lange auf dir un' den Kuchen, daß ich schon alle Erdbeeren habe aufessen müssen, weil sonst die garstigen Ameisen es gethan hätten. Un' ich habe auch den Kohlblatt-Teller aufgegessen, wo sie d'rin waren, weil ich nich' noch hungriger werden wollte.« »Da haben wir's,« rief Willi, indem er von dem Schoß seiner Tante sprang. »So geht's immer! Wenn ich mal jemand recht lieb haben will, dann passiert immer gleich was Schlimmes.« »Also so wenig machst du dir aus deiner Tante, Willi?« fragte Frau Burton. »Ist dir eine Theegesellschaft mehr wert als ich? Willi überlegte einen Augenblick: »Hast du etwa nich' geweint,« fragte er dann, »als deine Theegesellschaft verstört wurde vorige Woche an deinem Geburtstag? Na, un' wenn deine Theegesellschaft auch größer war als unsere, dafür bist du auch 'n ganz Ende größer als ich, un' ich hab' doch nich' 'n bißchen geweint.« Frau Burton fühlte sich getroffen und wußte ihrem Neffen nichts zu erwidern. Sie befand sich auf einmal in der Lage eines Kindes und schien ihre Rolle mit Willi vertauscht zu haben. Jetzt gingen ihr die Augen darüber auf, daß physische oder geistige Selbstsucht fast allen ihren Bemühungen um die Kinder zu Grunde gelegen hatte. Diese Erkenntnis war keineswegs angenehm und wurde immer demütigender, je länger sie sich damit beschäftigte. Um diese Gedanken zu bannen, erhob sie sich von ihrem Stuhl, holte aus einem Schrank im Eßzimmer zwei Stück Kuchen und gab sie den Kindern mit den Worten: »Ich gönne euch den Kuchen von Herzen, liebe Kinder, aber ich sehe nicht gern, daß ihr ihn zwischen den Mahlzeiten eßt, weil kleine Jungen so schwere Speisen zwischen den Mahlzeiten nicht gut vertragen können. Es giebt viele Erwachsene, die als kleine Kinder gesund und vergnügt waren, die aber jetzt stets krank und verdrießlich sind, weil sie ihre Magen dadurch verdorben haben, daß sie zu unrechter Zeit aßen und obendrein fette, schwere Speisen, die ihr Körper nicht vertragen konnte.« »Na gut,« murmelte Willi, indem er den Inhalt seines Mundes in seine Backen schob, »dann dürfen wir woll noch etwas Einfaches und Leichtes essen, daß das Schwere in unserem Magen 'n bißchen gemischt wird? Ich glaube, Schlagsahne oder Schaumflocken wäre recht was für uns. Soll ich der Köchin mal sagen, daß sie 's zurecht macht?« »Nein,« erwiderte Frau Burton, »Bewegung würde euch besser bekommen als alles andere. Ihr thut am besten und macht einen Spaziergang.« »Nach der Habichtsklippe?« fragte Toddi. »O ja,« rief Willi. »Un' du gehst mit, Tante Alice, nich? Vielleicht siehst du dann wieder so aus – so lieb, weißt du – un' ich mag das so gern an dir leiden.« Frau Burton konnte diese höfliche Einladung nicht ablehnen, und bald war das Trio unterwegs. Frau Burton schritt gemächlich seitwärts auf dem Rasen dahin, während sich die Jungen ihren Weg mitten durch den Staub der Landstraße pflügten. Sie spielten dabei Pferde, und es gelang ihnen in der That, eine Staubwolke aufzuwühlen, wie sie kein Pferdegespann dichter hätte hervorbringen können. »Willi! Toddi!« rief Frau Burton. »Will denn keiner von euch mir Gesellschaft leisten?« »O doch,« rief Willi. »Ich will dein Herren-Begleiter sein.« »Un' ich will helfen,« rief Toddi, und beide Jungen eilten an die Seite ihrer Tante. »Wißt ihr nicht, Kinder,« sagte Frau Burton mit sanftem Vorwurf, »daß Mama und Papa euer Vergnügen, den Staub aufzuwühlen, teuer bezahlen müssen. Seht eure Anzüge mal an! Die müssen erst in eine Reinigungs-Anstalt geschickt werden, ehe ihr euch damit vor anständigen Leuten wieder sehen lassen könnt.« »Dann,« sagte Willi, »taugen sie wunderschön zu Geschenken für arme Jungen. Un' denk nur mal, was die sich freuen werden, wenn sie sie kriegen. Ich glaube, die danken dem lieben Gott, daß wir sie dreckig gemacht haben.« »Die armen kleinen Jungen würden sich noch mehr freuen,« erwiderte Frau Burton, »wenn sie die Anzüge bekämen, so lange sie sauber sind. Und das würde eure Eltern keinen Pfennig mehr kosten.« »Na, dann – dann – dann glaub' ich, wir sprechen lieber von was anderem,« sagte Willi, »un' gehen lieber durch den Wald un' nich auf der Landstraße. Oh – h!« fuhr er fort, indem er mit einem Fuße in dem Grase unter einem am Wege stehenden Kastanienbaum umherstöberte, hier ist 'ne Kastanie! Ist die Kastanienzeit schon wieder da?« »Nein, bewahre,« erwiderte Frau Burton, das ist noch eine Kastanie vom vorigen Jahr.« »Natürlich,« rief Willi. »Das hätte ich auch allein wissen können, sie ist schrecklich altmodisch.« »Altmodisch?« fragte Frau Burton. »Na ja, sie is voll Runzeln, siehst du nich? Grad so wie Frau Müller ihr Gesicht, un' du hast doch selbst gesagt, die wäre altmodisch.« »Tante Alice,« sagte Toddi an, »Birken sind doch die einzigen Bäume, die Sonntagszeug anhaben, nich? Die haben immer weiße Kleider an, wie Willi un' ich, wenn wir zur Sonntagsschule gehen. Herrjeh,« rief er dann, während er sich gegen eine Birke lehnte, um ihr äußeres Gewand zu untersuchen, »die Sonntagsbäume sind furchtbar spaßig – dieser hier singt 'n Lied. Komm un' horche mal!« Betroffen über Toddis lebhafte Einbildungskraft, wollte Frau Burton gern wissen, was dieselbe so angeregt haben könne, und näherte sich dem Baum. Da hörte sie den Wind sanft in den Zweigen säuseln und hatte die Lösung des Rätsels gefunden. Als sie Toddi erklärte, wie das Geräusch entstände, da meinte der junge Mann: O, dann is der liebe Gott gewiß runtergekommen un' singt im Baum, weil er Sonntagszeug anhat, nich' wahr?« »Nein, Toddi,« erwiderte Frau Burton. »Es ist weiter nichts als der Wind.« »Ach, un' ich habe immer gedacht, wenn der Wind so heulte, es wäre der liebe Gott, der spräche.« Während Frau Burton gemächlich den Gebirgsweg hinanstieg, untersuchten ihre Neffen jeden größeren Stein, jeden Felsblock, jeden Baum, jedes Erdloch. Dieser Forschungstrieb wurde endlich belohnt, denn als Toddi mit einem Stock in einer Höhlung unter einer Baumwurzel herumstocherte, kam plötzlich eine kleine Schlange herausgeschnellt, die geneigt schien, ihren Wohnsitz zu verteidigen. Toddi lief schreiend zu seiner Tante, während Willi das Reptil so lange mit seinem Stock bearbeitete, bis es tot war. »A – h – h – h!« heulte Toddi. »Das garstige Tier! Weshalb kommen denn Schlangen nich' mehr un' bieten kleinen Jungens Aepfel an, wie es die Schlange im Paradiese machte? Dann würden sie kleine Jungens doch nich' so erschrecken.« »Schlangen mögen sich von kleinen Jungen nicht gern stören lassen,« erwiderte Frau Burton und bemühte sich, das erschrockene Kind zu beruhigen. »Wenn die Schlange mir bloß zeigen wollte, wie ich auf der Erde auf mein' Magen rumlaufen kann, so wie sie, dann wär' ich zufrieden,« sagte Toddi. »Weshalb wird sie denn nich' schmutzig, wenn sie läuft? Sieh nur mal, wie rein un' weiß ihre allerunterste Seite is! Ich wollte, wir hätten sie erst gefragt, wie sie sich so schön rein hält, ehe Willi sie totmachte.« »Aber Toddi, Schlangen können ja doch nich' sprechen,« antwortete Frau Burton. »Nich?« fragte Toddi. »Aber die Schlange im Paradiese sprach doch.« »Das war eigentlich gar keine Schlange – da war der Teufel hineingefahren,« sagte Frau Burton. »Kroch er denn in die Schlange, um im Staube spielen zu können, ohne daß er sein Zeug schmutzig machte?« fragte der wißbegierige Junge. »Nein, er wollte nur Unheil stiften,« antwortete seine Tante. »Das war ja gar nich' nötig,« sagte Toddi. »Er konnte ja schon Spaß genug haben, wenn er sich hin- und herschlängelte.« Der Gipfel der Anhöhe war endlich erreicht, und mit einem Ausruf der Bewunderung ließen sich die beiden Jungen auf Felsblöcke nieder und blickten entzückt auf das Bild zu ihren Füßen. Nach längerem Stillschweigen fragte Willi: »Sag mal, Tante Alice, glaubst du, daß unsere Freunde im Himmel alle diese Städte un' Hügel un' Flüsse ebenso sehen können wie wir?« »Wahrscheinlich,« erwiderte Frau Burton. »O, dann können sie aber viel weiter sehen als wir. Kriegen denn unsere Seelen neue Augen eingesetzt, wenn sie in den Himmel kommen?« »Ich weiß nicht, wie das ist,« erwiderte Frau Burton. »Vielleicht wird nur ihr Blick geschärft.« »Wie so? Nehmen denn die Seelen ihre alten Augen mit in'n Himmel un' lassen alles andere unten im Grab?« fragte Toddi. Frau Burton sah ein, daß sie sich mit ihrer Kenntnis der Geisterphysiognomien etwas voreilig gebrüstet hatte; sie suchte deshalb einzulenken und sagte: »Geistige Augen und körperliche Augen sind verschieden.« »Kommt denn in geistige Augen auch Staub un' Schmutz von Puff – Puff – Loketiven un' macht kleine Engel weinen un' große Engel fluchen?« fragte Toddi. »Nein, bewahre,« antwortete Frau Burton. »Im Himmel giebt's weder Weinen noch Fluchen.« »Na, was machen denn aber die Engel mit dem Wasser, das ihnen in die Augen kommt, wenn sie Musik hören un' vor Freude weinen müssen?« fragte Willi. Frau Burton versuchte jetzt die Unterhaltung auf ein Gebiet hinüberzuspielen, auf welchem sie besser zu Hause war, und fragte Willi, ob er wohl wisse, daß es Berge gäbe, die hundertmal so hoch wären wie die Habichtsklippe. »So? Wirklich?« rief Willi. »Na, dann glaub' ich aber, wenn man da oben draufsteht, kann man gerade in den Himmel reingucken, nich?« »Nein,« erwiderte Frau Burton, die über den Mißerfolg ihres Ablenkungsversuches etwas ungeduldig wurde. »Außerdem sind die Gipfel dieser Berge beständig mit Schnee bedeckt, und deshalb kann niemand hinaufklettern.« »Dann können die kleinen Engeljungen da oben drauf Schneeballen spielen, ohne daß 'n ekliger Mensch kommt un' sagt: ›Müßt nich‹,« sagte Toddi. Frau Burton machte noch einen Ablenkungsversuch. »Seht doch mal, wie hoch der Vogel da oben fliegt,« sagte sie, auf einen Habicht zeigend, der hoch über dem Hügel in der Luft kreiste. »O,« sagte Willi, »der kann in den Himmel hinaufstiegen, wenn er nur will, nich' wahr? Er hat ja doch Flügel. Ich möchte nur wissen, weshalb Vögel Flügel haben un' kleine Jungen nich'.« »Kleine Jungen sind so schon schwer genug zu finden, wenn sie gesucht werden,« antwortete Frau Burton, »wenn sie auch noch Flügel hätten, würden sie stets unsichtbar sein. Aber weshalb sprecht ihr beiden denn heute so viel vom Himmel?« »O, ich denke, weil wir viel näher am Himmel sind, und auf einem so hohen Hügel stehen,« antwortete Willi. »Meint ihr nicht, daß es bald Frühstückzeit ist?« fragte Frau Burton, die in ihrer Verzweiflung auf ein Ablenkungsmittel verfiel, welches bei gesunden Kindern stets anzuschlagen pflegt. »Na sicher,« antwortete Willi. »Da denk' ich immer dran. Komm Toddi, wir gehen den kürzesten Weg!« Der kürzeste Weg bestand in zahlreichen Richtwegen, mit denen die Jungen vollständig vertraut zu sein schienen. Einer derselben bildete eine sehr steile Fläche, und Willi, der in der Ferne vielleicht das Frühstück witterte, stieg so eilig hinab, daß er das Gleichgewicht verlor, vornüber fiel und nach einem vergeblichen Versuch, sich wieder aufzurichten, rasch einen schmalen Pfad hinunterrutschte, um schließlich in einer den Weg durchkreuzenden Wasserrinne liegen zu bleiben. »Au!« rief der junge Mann, als er sich wieder aufgerichtet hatte, und spuckte einen Mundvoll Mudde aus. »Haste woll gesehen, Toddi, wie ich meinen Rücken nach oben kehrte un' auf meinem Mund den Berg hinunterspazierte? Das macht mir keine Schlange nach, so leicht wie's aussieht. Ich hab's gar nich' erst probiert, das ging eins – zwei – drei, da war ich unten.« »Un' hast nich' mal Schelte gekriegt, weil du dein Zeug schmutzig gemacht hast,« sagte Toddi. »Laß uns 'n Loblied singen.« Inzwischen suchte Frau Burton zu der Frage des Zeugbeschmutzens auf philosophischem Wege Stellung zu nehmen. Konnte es möglich sein, daß Kinder ein natürliches Recht hatten, weniger saubere Kleidungsstücke zu tragen als erwachsene Leute? War Unreinlichkeit sündhaft? In gewissem Sinne ja – das heißt, sie war widerwärtig; und alles Widerwärtige war in Frau Burtons Augen noch schlimmer als Sünde. Aber war es Kindern auch möglich, so reinlich zu sein wie Erwachsene? Besaßen sie den erforderlichen Reinlichkeitssinn, die Gabe, auf ihre äußere Erscheinung zu achten und sich sauber zu halten? Frau Burton verlor sich in tiefe Grübeleien, während die Kinder sich ihre Geistesabwesenheit zu Nutze machten und allerlei Dummheiten ausführten, die ihrer Tante schrecklich vorgekommen sein würden, ihnen selbst aber viel Vergnügen machten. Endlich jedoch langten die beiden am Burtonschen Frühstückstisch an und beeilten sich, den ganzen Vorrat der aufgetischten Speisen in rascher Reihenfolge ihrem innern Menschen einzuverleiben! »Tante Alice,« fragte Willi, als er seine Mahlzeit beendet hatte, »hast du schon was ausgedacht, wo du uns heute nachmittag mit glücklich machen kannst?« »Ich werde euch wohl erlauben müssen, euch allein zu amüsieren,« erwiderte Frau Burton. »Ich muß das Backen beaufsichtigen und habe keine Zeit. Unsere Köchin ist erst kurze Zeit im Dienst, wie du weißt, und ich werde ihr wohl etwas helfen müssen.« »Ich dachte, es würde nur morgens gebacken,« sagte Toddi. »Mama sagt, nur faule Leute backen nachmittags.« »Die Köchin hatte heute Morgen zu viel zu thun, Toddi,« erwiderte Frau Burton. »Außerdem backen viele Leute des Morgens, weil sie müssen; denn, wenn sie des nachts Brotteig aufgehen lassen, so müssen sie ihn am andern Morgen backen. Aber es giebt jetzt einen neuen Gäscht, mit dem man innerhalb einiger Stunden jederzeit backen kann.« »Weißt du woll, Tante Alice, daß wir auch backen können?« fragte Willi. »Ganz gewiß – wunderschön. Wir haben Mama schon ganz viele Male geholfen, Kuchen und Torten zu backen – bloß, daß ihre groß sind un' unsere klein.« »Soll ich das vielleicht als einen Wink auffassen, daß ihr mir helfen wollt?« fragte Frau Burton. »Wenn ihr auf's Wort gehorchen wollt, dürft ihr mit in die Küche kommen. Aber hört! – sobald ihr mir oder der Köchin im geringsten lästig werdet, werdet ihr an die Luft gesetzt.« »O wie schön, wie schön!« rief Toddi. »Un' dürfen wir auch Theegesellschaft auf dem Küchentisch halten, wenn wir mit Backen fertig sind?« »Das dürft ihr,« antwortete Frau Burton. »Na, denn man zu, aber flink!« rief Toddi. »Meine Hände sind schon ganz unruhig – so gern will ich mit helfen. Wieviel Sorten Torte willst du denn backen?« »Gar keine,« antwortete Frau Burton. »Ach nein!« rief Toddi. »Das kannst du doch gar keinen Backtag nennen. Willst du denn weiter nichts backen als altes garstiges Brot?« »Na, vielleicht kann ich es einrichten, daß ihr einen kleinen Kuchen backen könnt – oder noch besser ein paar Zuckerplätzchen,« sagte Frau Burton nachgiebig. »Schön,« rief Toddi erfreut, »dann is es doch wenigstens so wie Backtag, aber meine Hände werden jetzt schon wieder ganz ruhig.« Frau Burton ging mit den beiden Kindern in die Küche, und die Köchin nahm die Zubereitung des Brotes, dieses Hauptnahrungsmittels, in Angriff. Die beiden Jungen gingen ihr dabei in der Weise an die Hand, daß sich jeder unter einen ihrer Ellbogen klemmte und mit neugierigem Gesicht über den Rand des Backtroges guckte. »Das sieht noch gar nich' nach Kuchen aus,« sagte Willi. »Sie hat ja gar kein Backpulver hineingethan.« »Zu dieser Sorte Brot braucht man auch keins,« antwortete Frau Burton. »Backpulver nimmt man nur zu Theekuchen.« »Wenn Theekuchen in den Ofen kommen, sind es nur ganz kleine, dünne Dinger,« bemerkte Toddi; »aber wenn sie wieder raus kommen, sind sie furchtbar dick und fett. Was macht sie denn so dick?« »Zu dem Zweck kommt ja gerade das Pulver hinein,« erwiderte Frau Burton. »Es würden kleine, harte Dinger ohne jeden Geschmack bleiben, wenn das nicht der Fall wäre. Brigitte, mengen Sie doch etwas Teig mit Zucker an, dann können sich die Jungen ein Paar Zuckerbrote backen.« Die beiden Kinder begleiteten die Köchin, als sie den Zucker holte, bis an den Speiseschrank und wieder zurück an den Tisch; dann steckten sie ihre Nasen so dicht wie möglich unter die Walze, womit der Zucker zermalmt wurde und beaufsichtigten das Einkneten desselben in den Teig. Dann fand Frau Burton einige ganz kleine Backpfannen, in deren Mitte die Jungen ihre Plätzchen legten, welche sie mit der Erlaubnis ihrer Tante selbst geformt hatten. Dann holte Frau Burton, einer glücklichen Eingebung folgend, einige Rosinen aus dem Speiseschrank, steckte mitten auf jedes Plätzchen, das geformt wurde, eine Rosine und wurde dafür durch ein Jubelgeschrei ihrer beiden Neffen belohnt. »Halt Toddi!« rief Frau Burton, die plötzlich bemerkte, daß Toddi seinen Teig in der Weise formte, daß er ihn kräftig zwischen den Händen rollte, wie es kleine Jungen mit Lehm machen, wenn sie Marmeln backen wollen. Wenn du den Teig so fest zusammenrollst, kannst du sicher sein, daß er nie im Leben aufgehen wird.« »Du meinst woll, daß er im Ofen nicht dick wird?« fragte Toddi. »Ja.« Das is aber schlimm – das is wirklich ganz furchtbar schlimm,« sagte Toddi. »Dann is er ja nichts an zu essen. O, ich weiß was – schütte mal 'n bißchen Pulver dran, daß sie besser dick werden.« »Ich fürchte, das wird nichts helfen,« sagte Frau Burton. »Wollen's mal versuchen,« schlug Toddi vor. »A – h – h – h,« heulte er dann. »Willi hat welche von mein' Kuchen kahlköpfig gemacht.« »Was in aller Welt meinst du damit?« fragte Frau Burton. »Er nimmt die Rosinen weg, die oben drauf sitzen und das macht sie kahlköpfig.« »Ich wollte gern, daß die Plätzchen 'n bißchen verschieden aussehen,« erklärte Willi, indem er die Rosinen geschwind an einen Platz beförderte, wo sie vor allen weiteren Nachforschungen gesichert waren. »Siehst du nich', Toddi? du hast jetzt zwei Sorten Plätzchen.« »Will keine zwei Sorten,« schrie Toddi. »Ich möchte dich am liebsten aufschneiden und alle Köpfe wieder aus deinem Magen nehmen.« Willi erhielt einen Verweis von seiner Tante, und Toddi wurde dadurch zufriedengestellt, daß die Rosinen von den Plätzchen seines Bruders auf seine eigenen versetzt wurden. Dann wurden einige kleine Pfannen in den Ofen geschoben, und während der nächsten 15 Minuten wurde Frau Burton wenigstens zwanzigmal beschworen, nachzusehen ob die Plätzchen noch nicht gar seien. Als das Backen endlich vorbei war, waren die Kuchen Toddis so klein und beinahe so hart wie Flintenkugeln. »Ach Tante, mach doch 'n bißchen Pulver in die andern, die noch nich' gebacken sind,« bat Toddi. »Das würde nicht das geringste nützen, lieber Toddi,« erwiderte Frau Burton. Weiteres Bitten und Betteln führte zu einem Konflikt zwischen Toddis Eigensinn und der Autorität seiner Tante, der damit endete, daß Toddi schmollend abzog und eine seiner kostbaren Pfannen mitnahm. Als er nach einigen Minuten zurückkehrte, war das Backen vorüber und die Ofenthür stand offen. »Diesen einen will ich aber doch wenigstens noch backen – nu' grade,« sagte Toddi, indem er die einzige übrig gebliebene Pfanne in den Ofen schob und die Thür zumachte. »Du, Tante Alice,« wandte er sich dann versöhnt an seine Tante, »mach uns doch jetzt die Theegesellschaft zurecht, die wir von unseren eigenen Kuchen haben sollen. Du darfst auch mit an den Tisch kommen, wenn du willst?« »Aber meinst du nich' auch, Toddi, daß sie eigentlich etwas mitbringen müßte?« fragte Willi. »So ist's immer bei Theegesellschaften, die kleine Jungen draußen geben.« Frau Burton entschied diese Frage in befriedigender Weise dadurch, daß sie einen kleinen Krug Limonade bereitete. Der Tisch wurde der Herdwärme wegen so nahe wie möglich an die Thür gerückt. Dann führte Willi seine Tante an den Ehrenplatz, und, als alle sich gesetzt hatten, fragte er: »Meinst du woll, daß wir Sachen genug haben, um 'n Tischgebet darüber zu halten? Manchmal thun wir's un' manchmal nich', das richtet sich danach, wie viel wir haben.« Frau Burton entwarf in Gedanken rasch eine kleine Standrede, um ihre Neffen darüber aufzuklären, aus welchem Grunde man vor Tische beten müsse, aber welche Vorzüge dieselbe auch haben mag, die Jungen kamen niemals in die Lage, sich ein Urteil darüber bilden zu können, denn plötzlich wurde die ganze Gesellschaft durch einen lauten Knall erschreckt, der wie ein Flintenschuß dröhnte. Ein Stück des Kochherdes wurde quer durch die Küche geschleudert und krachte gegen die Wand, die Herdteile wurden heftig erschüttert, die Herdthüren flogen auf; die Feuerzange, die auf dem Herde lag, tanzte wie toll umher, und eine kleine Pfanne mit Fett, von der Art, wie sie viele Köchinnen unsinniger Weise immer vorrätig halten, ohne jemals irgend welchen Gebrauch davon zu machen, wurde ausgeschüttet und ihr schwellender Inhalt begann einen ekelhaften Geruch zu verbreiten. Die Köchin fiel auf ihre Knie und bekreuzte sich. Die Theegesellschaft sprang auf, Willi heulend, Toddi kreischend und Frau Burton totenbleich. »Heilige Mutter Gottes,« rief die Köchin, »Der Wasserbehälter ist geplatzt!« Frau Burton machte sich von ihren sie fest umklammernden Neffen los und trat vorsichtig an den Herd. Da war keine Spur von Wasser zu sehen und der Wasserbehälter war unversehrt; sogar das Feuer war in bester Ordnung. »Der Wasserbehälter ist es nicht,« sagte Frau Burton, »und das Feuer ist in Ordnung. Was mag es nur gewesen sein?« »Mit Respekt zu melden, Madame,« sagte die Köchin, »ich glaube ganz sicher, es war der Teufel. Alle Heiligen mögen uns beistehen! Zu Hause hab' ich schon gehört, daß der Teufel die neumodische Art, zu kochen, haßt; weil da keine Ecke im Herd is, wo er drin sitzen kann, der arme Kerl. Es war ganz sicher der Teufel, Madame,« versicherte die Köchin nochmals und bekreuzte sich von neuem. »Haben Sie schon mal so'n Teufelsgestank gerochen?« Frau Burton zog ihre Nase zu Rate und mußte zugeben, daß trotz des unangenehmen Geruchs von verbrennendem Fett ein starker Schwefelgeruch sich bemerklich machte. »Un' mein letztes Plätzchen hat der Teufel auch mitgenommen«, jammerte Toddi, der sich ganz vorsichtig dem Herde genähert hatte, um nach seiner Backpfanne zu sehen. »Alter, böser Teufel! Ich dachte immer, er äße bloß gebackene Menschen, wenn er Theegesellschaft hält.« Alle Anwesenden waren zu sehr erregt und mystifiziert, um ihre Nachforschungen weiter fortzusetzen. Man ließ das Feuer ausgehen, und Frau Burton eilte mit den Kindern nach oben in die vorderen Wohnzimmer, nachdem sie der Köchin die dringend erbetene Erlaubnis erteilt hatte, unverzüglich ihren geistigen Berater aufsuchen zu dürfen. Auf dem Heimwege wurde Herr Burton von seiner Frau und seinen beiden Neffen in Empfang genommen und mit einer Erzählung überrascht, die in ihren Einzelheiten geradezu haarsträubend war. Nur ungern erlaubte ihm seine Frau, zu dem Schauplatz der schaurigen Begebenheit hinabzusteigen. Es gelang ihm auch nicht die Ursache des Unfalles zu ermitteln, dagegen machte er sich die Hände schauderhaft schmutzig. Er eilte in seine Kammer, um sie zu waschen, aber einen Augenblick später dröhnte seine Stimme die Treppe herunter: »Jungen, wer von euch ist heute in meiner Kammer gewesen?« Eine Zeitlang war alles still, dann rief Willi hinauf: »Ich nich.« Frau Burton sah Toddi fragend an, derselbe wich jedoch ihren Blicken aus. Dann eilte Herr Burton die Treppe hinunter, sah sich die beiden Jungen an und fragte: »Was hast du denn mit meinem Pulverhorn gemacht, Toddi?« »Ja – na – ich,« stammelte Toddi, »ich wollte gern Pulver an meine Plätzchen haben, daß sie aufgehen sollten, weil ich sie zu fest gerollt hatte, un' Tante Alice wollte keins dran thun un' sagte, es nützte zu gar nichts. Aber mein Papa sagt immer, ein Versuch kann ja nicht schaden, deshalb ging ich hin und nahm etwas Pulver aus der Flasche, die an deiner Flinte hängt, un' ich sagte da keinem was von, weil ich euch alle überraschen wollte. Un' nachher hab' ich gewartet, daß der Kuchen gar werden sollte – da kam auf einmal der böse Teufel un' stahl ihn weg. Ich denke, der Kuchen muß ganz furchtbar gut gewesen sein, sonst hätt' er ihn nich' gestohlen. Denn er ist ein so schlauer Dieb, daß er die schönsten Sachen stehlen kann, wenn er will, un' wenn's auch ein ganzes Ladenfenster voll Kuchen is.« »Wie hast du denn das Pulver mit dem Teig angemengt?« fragte Frau Burton. »Und wie viel hast du genommen?« »Hab gar nichts gemengt,« antwortete Toddi. »Ich hab' bloß so viel Pulver aus der Flasche auf die Pfanne geschüttet, wie drin war. Wenn du mal meine Plätzchen probiert hättest, wo kein Pulver drin war, dann hättest du sehen können, daß das nötig war. Ach nein, was die hart waren! Die könnt' ich gar nich' beißen, die hab' ich heil hinuntergeschluckt.« »Hm!« brummte Herr Burton. »Und weißt du jetzt auch wohl, wer der Teufel, der kleine Teufel war, der ...« »Harry!« verwies ihn seine Frau. »Nun, mein Schatz, der Sachverhalt ist offenbar folgender. Dein Neffe – « »Ihr Neffe, Herr Burton.« »Nun gut, mein oder unser Neffe hat heute eine Quantität Pulver in den Ofen geschüttet, die genügt haben würde, eine Kanone damit zu laden, und die Hitze ist dem Pulver nach und nach zu viel geworden.« Toddi hatte diese Unterredung mit ängstlich forschender Miene angehört und fragte jetzt schüchtern: »War es denn die rechte Sorte Pulver nich? Ich dachte, es wäre die rechte, weil es alle Sachen so leicht macht, wenn es losgeht.« »Glaubst du, daß du mit deiner Erziehungsmethode jemals etwas gegen die Logik dieses Jungen ausrichten wirst, liebe Frau?« fragte Herr Burton. »Und wenn nicht – was dann?« »Das nächste Mal will ich nich' so viel Pulver dran thun,« sagte Toddi. »Das is doch gar nich hübsch, wenn einer was probiert un' das Probierzeug geht los un' nimmt alles mit fort und wird so toll, daß es den Ofen entzwei reißt un' kleine Jungens und Tante Alice beinahe totschreckt.« Neuntes Kapitel »Au – au – au!« war der Weckruf, der am nächsten Morgen aus dem Zimmer der Jungens schallend das Burtonsche Ehepaar begrüßte. »Da balgen sie sich wahrscheinlich wieder einmal,« brummte Herr Burton in seiner Kammer »und da ich schon angekleidet bin, so ist's wohl am besten, ich sehe mal nach, wer die Prügel gekriegt hat und wer sie noch haben muß.« Im Zimmer der Neffen angelangt, fand Herr Burton Toddi mitten im Bett zusammengerollt im tiefsten Schlaf. Sein Bruder dagegen war wach und wälzte sich mit geschlossenen Augen ruhelos im Bett hin und her. »Was fehlt dir denn, Willi?« fragte Herr Burton. »Meine Seite thut weh – da, wo ich aufschlug, als ich den Berg runterrutschte und in dem Graben liegen blieb,« stöhnte Willi. »Un der harte Teil des Bettes kommt immer hoch un' drückt so; un' wenn ich eben 'ne weiche Stelle im Bett gefunden habe, dann kommt das Harte wieder hoch un' dann hab' ich Schmerzen.« »Na, dann dreh dich doch um und lege dich auf die andere Seite,« schlug Herr Burton vor. »Ich – ich,« stammelte Willi, indem er sich langsam aufrichtete und seine Augen rieb, »ja, dann braucht' ich aber keine weichen Stellen mehr zu suchen un' dann hätt' ich ja nichts zu thun.« »Ach so,« brummte Herr Burton, kurz umwendend und das Zimmer verlassend. »Da behaupte noch einer, daß das Talent, sich zu kasteien, den Menschen nicht angeboren ist! Das muß ich doch unserm Pastor erzählen, der kann eine erbauliche Predigt draus machen, die vielen Leuten was nützt.« Am Frühstückstisch verhielt sich Willi ganz ruhig, verzehrte aber seine Mahlzeit mit der charakteristischen Emsigkeit eines Amerikaners; endlich bemerkte er: »Du, Tante Alice, zu viel Thee bekommt doch nich' gut, nich' wahr?« »Nein,« antwortete Frau Burton, »im Gegenteil, sehr schlecht.« »Un' eine Tasse,« fuhr Willi fort, »is reichlich genug für die meisten Leute?« »Ich glaube, ja,« erwiderte Frau Burton. »Aber mein Papa trinkt doch manchmal drei oder vier,« sagte Willi. »Das thut er gewiß nur dann, wenn er Kopfschmerzen hat,« erwiderte Frau Burton. »O ja, woher weißt du denn das?« sagte Willi. »Leute, die Kopfschmerzen haben, haben mehr nötig, nich' wahr?« »Allerdings.« »Na, aber meinst du nich' auch, daß Seitenschmerzen wenigstens ebenso schlimm sind wie Kopfschmerzen?« fragte Willi. Frau Burton erriet, worauf Willi hinauswollte, und antwortete nicht. »Ich meine ganz schlimme Seitenschmerzen,« fuhr Willi fort, »so wie ein kleiner Junge sie kriegt, der auf dem Bauch einen harten, steinigen Berg runterrutscht.« Frau Burton biß sich auf die Oberlippe und langte nach Willis leerem Becher, welchen der junge Mann ihr zuvorkommend mit den Worten hinschob: »Un' ich glaube, wenn 'n kleiner Junge Thee trinken muß, weil er krank is, dann gehört 'ne Masse Zucker hinein, weil der Thee sonst zu stark is.« Willis Becher wurde seinen Wünschen gemäß gefüllt, aber Herr Burton schien spöttisch dazu zu lächeln, was selbst dann nicht aufhörte, als seine Frau ihn vorwurfsvoll anblickte. Einige Minuten ernsten Schweigens waren die natürliche Folge, und die Jungen benutzten diese Gelegenheit, ohne Erlaubnis zu verschwinden. Als dann Herr Burton beim Abschiede zuvorkommend fragte, ob er etwas aus der Stadt mitbringen solle, erhielt er als einzige Antwort nur ein kurzes »Nein.« Bald darauf war Frau Burton wieder einmal in ernste Betrachtungen darüber versunken, welche Erfolge sie als Erzieherin ihrer Neffen denn eigentlich schon erzielt habe, und sie wurde sich jetzt klar darüber, daß sie ebensowohl durch zu große Strenge wie durch zu große Nachsicht gefehlt hatte. Wenn sie sich die Pfiffe und Kniffe ins Gedächtnis zurückrief, deren sich die Kinder bedient hatten, um ihre Grundsätze über den Haufen zu werfen, so konnte sie sich nicht eines einzigen Falles erinnern, in welchem ihnen dies nicht gelungen war. Dieser Gedanke war ebenso demütigend für ihr Pflichtgefühl wie für ihren Stolz. Sie mußte sich eingestehen, daß sie wie die meisten Menschen nicht die Charakterfestigkeit besaß, ihren Grundsätzen getreu zu bleiben, wenn humoristische Ereignisse auf sie einwirkten, und der Umstand, daß sie sich dieser Schwäche jetzt zum ersten Male bewußt ward, verstärkte noch ihr Gefühl der Verantwortlichkeit und Demütigung. Aber bald ging letzteres Gefühl in einem anderen unter, das weit natürlicher und bei den meisten Menschen auch wunderbar schön entwickelt ist – im Stolz. Was würde sie nicht darum geben, wenn sie die Frühstücksscene noch einmal erleben könnte! Dann sollte es anders kommen! Wie war es nur möglich, daß sie, die früher in allen Lebenslagen listige Anschläge von fern gewittert und erfolgreich vereitelt hatte, jetzt beständig von zwei kleinen Jungen hinters Licht geführt werden konnte? Aber sie sollten ihr nur noch einmal kommen! Frau Burton biß sich unwillkürlich in die Lippe, bis es schmerzte. Ihr Entschluß stand fest: sie wollte ihre Neffen künftig nicht allein an der Ausführung ihrer listig ersonnenen Streiche hindern, sondern ihnen auch klar machen, wie unehrenhaft dieselben seien, und auf diese Weise versuchen, sie durch Erweckung ihres Schamgefühls zu vollkommener Aufrichtigkeit zu erziehen. Da drang plötzlich ein immer lebhafter werdender Wortwechsel aus dem Küchenfenster an ihr Ohr, und sie eilte hinunter, um ein entscheidendes Machtwort zu sprechen. »Weil wir ihn brauchen wollen, darum,« ließ Willi sich grade vernehmen, als Frau Burton die Küche betrat. »Was ist denn los, Willi?« fragte die Herrin des Hauses. »Ach, Tante,« erwiderte Willi, dessen Gesicht sich in Vorahnung nahender Hilfe aufheiterte, »wir haben ziemlich weit von hier ein großes Nest mit Eiern mitten im Grase gefunden, un' wir möchten die Eier kochen und essen. Un' ich habe Brigitte schon hundertmal gebeten, sie möchte uns doch einen Topf geben, wo wir die Eier drinn kochen können, aber sie sagt weiter nichts als: »Wird nichts draus!« »Da ist sie auch ganz in ihrem Recht,« antwortete Frau Burton, »weil du ihr, wie ich beim Kommen selbst hörte, nicht einmal sagen wolltest, wozu ihr den Topf gebrauchen wollt!« »Aber Tante,« erwiderte Willi, »das konnte ich doch nicht. Ich mußte immer an das denken, was du neulich abends zu Onkel Harry sagtest – daß du die souveränste Verachtung für Leute hegtest, die sich immer um andere Leute ihre Sachen kümmern. Was ›souveränste Verachtung‹ ist, weiß ich eigentlich nicht, aber du sagtest es so, als ob du Leute meintest, die immerzu fragen, was andere Leute damit machen wollen.« Frau Burton nahm hastig einen kleinen Topf vom Bort und reichte ihn Willi mit den Worten hin: »Da, nimm!« Der Köchin entschlüpfte dabei die kritische Bemerkung: »Na aber, Madame!« Willi trollte mit seinem Topf ab, während Frau Burton, der auf einmal alle ihre schönen Vorsätze wieder einfielen, sich auf ihr Zimmer zurückzog und bitterlich weinte. Welch entsetzlicher Gedanke, daß sie die beiden Kinder eine Menge Eier zwischen den Mahlzeiten essen ließ! Niemand wußte, wo die Jungen eigentlich steckten und wie viel Eier sie hatten. Wahrscheinlich hatten sie das Feuer an einem Ort angezündet, wo alles andere, aber nur kein Feuer sein durfte, und der Himmel mochte wissen, ob nicht Leben und Eigentum durch sie bedroht wurden. Sie sehnte sich nach himmlischer Erleuchtung und beging ein Dutzend schreckliche Ketzereien, während sie ihren Betrachtungen nachhing; endlich aber wappnete sie sich notgedrungen mit der christlichen Tugend der Resignation, denn wie die Jungen zu finden waren, das würde auch ein mit den Gewohnheiten kleiner Jungen besser vertrauter Kopf schwerlich ergrübelt haben. Frau Burton brachte den Vormittag mit allerlei vergeblichen Versuchen hin, irgend eine Arbeit vorzunehmen, und atmete erleichtert auf, als sie ihre Neffen endlich auf einem durch Wald und Felder führenden Wege zurückkehren sah. Den geborgten Topf hatten sie allerdings nicht bei sich, aber das fiel Frau Burton gar nicht einmal auf. Toddi ließ sich in gedrückter Stimmung auf einem großen Stein im Hofe nieder und Willi schlenderte in das Wohnzimmer mit der Miene eines Lebemannes, der den Becher der Freuden bis auf die Neige geleert und dieselben schal gefunden hat. »Seid ihr heil und unversehrt wieder da?« fragte Frau Burton in banger Erwartung, da sie nicht direkt fragen mochte, was vorgefallen sei. »Ja,« erwiderte Willi, »wir sind woll wieder da, aber das kann uns weiter nichts nützen.« »Nun, was ist dir denn passiert, mein lieber guter Willi?« forschte die Tante weiter. »O, sehr viel!« klagte Willi. »Weißt du, Tante, es giebt doch furchtbar merkwürdige Sachen in der Welt, die auch nich' 'n bißchen nett sind.« »Erzähle mir nur alles, was dir passiert ist, lieber Willi,« ermunterte ihn Frau Burton. »Ach,« erzählte Willi, »ich habe mich heute so scheußlich geärgert. Wir fanden ein Nest mit sechzehn Eiern un' ich machte den weiten Weg nach Hause, um den Topf zu holen, wo wir sie drin kochen wollten. Un' ich nahm auch Salz un' Pfeffer mit, damit sie recht schön schmecken sollten, un' als wir sie gekocht hatten, was meinst du woll? – da war in jedem Ei ein kleines Küken.« »Wie ekelhaft!« rief Frau Burton schaudernd. »Das weiß ich ganz von selbst,« fuhr Willi fort, »aber du hättest mal dabei sein sollen, als wir sie öffneten! Du weißt doch, wie nett Eier riechen, wenn du sie aufmachst – na – aber diese rochen auch nich' 'n bischen gut.« »Laß uns von etwas anderem sprechen, Willi,« rief Frau Burton, indem sie unwillkürlich ihr Taschentuch vor die Nase hielt. »Aber ich bin noch nich' fertig,« antwortete Willi. »Ich möchte gern wissen, weshalb die kleinen Küken nicht aus ihren Schalen heraus zu ihrer Mama kamen? Die haben woll nur gewartet, um uns zu ärgern?« »Wahrscheinlich habt ihr ihre Mama von ihnen hinweg gescheucht, als ihr das Nest fandet,« erwiederte Frau Burton. »Nein, das haben wir ganz gewiß nich',« versicherte Willi, »sie lief selbst vom Nest fort. Wir riefen: \>Gluck, gluck, gluck!\< un' da lief sie ums Nest herum un' gackerte. Da dachten wir, sie wäre mit Eierlegen fertig un' nahmen alle Eier aus dem Nest, weil sie nicht verderben sollten. Mein Papa sagt, Eier verderben, wenn sie so in der Sonne liegen. Aber was, Tante Alice, meinst du woll, wird die arme Kükenmama denken, wenn sie mal den Weg daherspaziert un' alle ihre lieben kleinen Kinder so im Grase herumliegen sieht?« »Sie wird wahrscheinlich denken,« erwiderte Frau Burton, »daß zwei kleine nichtsnutzige Jungen des Wegs gekommen sind, die nach nichts und nach niemand gefragt haben als nach sich selbst.« Willi blickte seiner Tante rasch ins Antlitz, aber als er weder gute Laune noch Mitgefühl darin entdeckte, wandte er sich mit tiefem Seufzer zum Gehen, um seinen Bruder wieder aufzusuchen.« »Willi!« rief Frau Burton. Der junge Mann blieb stehen und sah sich erwartungsvoll um. »Wenn du etwas haben möchtest,« sprach seine Tante ernst, »wie zum Beispiel eine Extra-Tasse Thee heute morgen, oder ein Gefäß, um Eier darin zu kochen, so schickt es sich, daß du offen darum bittest. Wenn aber erwachsene Leute dir das Gewünschte nicht geben, so haben sie sicher allen Grund dazu und du mußt dich damit zufrieden geben und sie nicht weiter quälen. Du mußt lernen, so wahr und aufrichtig zu sein, daß du dich schämst, auf Umwegen zum Ziele zu gelangen und etwas Hinterlistiges zu thun oder zu sagen.« »Aber Tante, ist denn das hinterlistig, wenn ich just sage, was ich denke?« fragte Willi. »Mein Papa sagt, man soll immer aufrichtig sein und offen sagen, was man will. Un' ganz gewiß, das thu' ich auch immer, aber ich sage gern alles auf so 'ne Art, wie ich denke, daß die Leute am besten danach hinhören. Machst du es denn nich' ebenso?« Frau Burton konnte nicht »nein« und wollte nicht »ja« sagen; sie zog sich deshalb zurück, sodaß ihr Neffe siegreich das Feld behauptete – allerdings nur, um es bald darauf selbst zu räumen – und dem wiederholten Ruf »Willi! Willi!« seines Bruders Folge zu leisten. »O, Willi,« rief Toddi frohlockend, als sein Bruder bei ihm eintraf »ich hab' ihn. Freust du dich denn nich?« »Wen hast du denn?« fragte Willi, der nicht geneigt war, sich ohne hinreichenden Grund zu freuen. »Terry hab' ich,« jubelte Toddi, »ich hab' ihn gefangen.« »Hurra!« jauchzte Willi, in die Hände klatschend und umhertanzend. »Das is das Netteste, was ich je gehört habe. Ei! Das giebt aber Spaß. Wie hast du ihn denn gefangen?« »Er schlief gerade; da band ich geschwind einen Strick an sein Halsband un' das andere Ende an einen kleinen Baum, un' jetzt kann er nich los. Siehst du woll?« Das Brüderpaar ging auf den Hund zu und das unglückliche Tier erkannte nach einem letzten verzweifelten Versuch, sich loszureißen, sein unabwendbares Verhängnis und drückte sich winselnd gegen den Baum. »Der arme Hund is krank,« sagte Willi mitleidsvoll. »Wir müssen Doktor spielen' un' ihn wieder gesund machen. Ich denke, er muß zu Bett; meinst du nich' auch?« »O ja,« erwiderte Toddi; »un' n' Nachtrock muß er anhaben, wie wir, wenn wir krank sind.« »Da hast du recht,« stimmte Willi bei; »lauf geschwind hin un' hole deinen Nachtrock für ihn. Er hat 'n recht kleinen nötig, weißt du. Ich glaube aber, du ziehst lieber deine Schuhe aus, damit du Tante Alice nich' störst.« Toddi schleuderte seine Schuhe ab und verschwand, um nach kurzer Zeit mit einem Nachtrock zurückzukehren, in welchen Terry trotz heftigen Sträubens schleunigst eingehüllt wurde. Dann nahm Willi den Patienten zärtlich auf den Arm und sagte: »Sein Nachtrock hängt aber 'n schrecklich Ende runter, Toddi. Ich glaube, wir stecken den unteren Teil lieber mit Stecknadeln hoch, so wie es die Amme neulich beim Schwesterkindchen machte.« »Wir haben ja keine Stecknadeln,« erwiderte Toddi. »O, ich weiß was – wir wollen den Rock mit dem Strick hochbinden. Dann kann Terry auch die Füße nich' rausstecken un' braucht nich' mehr dran zu denken, daß er so'n armer, kleiner, kranker Hund is.« In einer Minute waren die herabhängenden Teile des Rockes um das arme Tier geschlagen und fest um den Körper desselben geschnürt, wobei Toddi, welcher den stämmigen, kleinen Hund nur mit Mühe halten konnte, ausrief: »Herrje! Sein Vorderende is ganz gesund! Sie nur, wie es hin- un' herzappelt. Aber ich glaube, sein Nachtrockkragen sieht gar nich hübsch aus, nich' wahr?« »Nein,« antwortete Willi, »un' Terry wird gleich rauskriechen, wenn wir den Kragen nich' hübsch zusammenschnüren. Ich will das gleichmal thun. Sieh so! Jetzt möcht ich aber doch wissen, ob einer schon mal 'n kranken Hund gesehen hat, der reizender aussah als Terry. Aber wo bringen wir ihn denn jetzt zu Bett?« »Wir wollen ihn wiegen,« schlug Toddi vor, »das mögen wir auch gern, wenn wir krank sind.« »Dann müssen wir ihn ins Haus tragen,« erwiderte Willi. »Hier ist es ja nichts, wo wir Schaukelstuhl mit spielen können. Komm mit!« Leise schlichen die beiden ins Haus und in ihr Zimmer. Dann trat Willi seine kostbare Bürde einen Augenblick an Toddi ab und machte sich auf die Suche nach einem Schaukelstuhl, mit dem er nach kurzer Zeit zurückkehrte. »Da!« sagte er, indem er den Patienten wieder auf den Arm nahm und sich damit im Schaukelstuhl niederließ, »jetzt ist's doch wenigstens 'n ordentliches Doktorspielen, aber ich weiß nich' recht, was für 'ne Medizin er eigentlich nehmen muß – Pillen oder Pulver.« »Oder Medizin aus 'ner Flasche?« fragte Toddi. »Das is' so'ne Sache,« meinte Willi. »Ich glaube, wir müssen woll die Medizin nehmen, die wir kriegen können. Wollen wir ihm nich' 'n paar schöne Pillen aus Seife machen?« »O, jetzt weiß ich was,« jubelte Toddi, indem er in ein Seitenzimmer eilte und einen alten mit Jettperlen besetzten Damenmantel daraus hervorholte, von dem er eine Anzahl Perlen abriß, »dies sind wunderschöne Pillen, die hab ich neulich auch genommen, als ich Dokter un' kranker Junge spielte, un' sie schmecken nich 'n bischen schlecht;« »Famos,« erklärte Willi: »reiß man noch 'n paar ab.« Dieser Befehl wurde ausgeführt und gleich darauf wurden die Jettperlen, eine nach der anderen, sorgfältig den Schlund des armen Tieres hinunterbefördert, wobei Willi das Maul desselben mit einem Finger öffnete, wie er es seinem Vater hatte machen sehen. Doch plötzlich klappten die Kinnbacken des Hundes fest zusammen. »Ich will auch mit helfen,« sagte Toddi, »ich hab' ihn noch nich' 'n bißchen gedoktert.« »Schön,« sagte Willi, »ich weiß aber wirklich nich', was du noch für ihn thun kannst, denn Pillen will er ja nich' mehr nehmen. Vielleicht hat er irgendwo am Kopf 'ne schlimme Stelle, wo du 'n Heftpflaster auflegen kannst – aber du hast ja kein Heftpflaster. O, ich will dir was sagen, du kannst dir 'ne Briefmarke aus Onkel Harrys Schreibpult holen– die geht wunderschön als Heftpflaster.« »Ich will ihn auch wiegen, nich bloß doktern,« erklärte Toddi. »Ich bin bange, daß ihm das jetzt nich' gut bekommt,« erwiderte Willi, das Gesicht des Patienten mit zärtlicher Besorgnis betrachtend. »Na, dann will ich dir was sagen,« erwiederte Toddi mit der Miene eines Mannes, dem eine direkte Inspiration geworden ist, »laß uns eine Minute mit Doktorspielen aufhören, bis ich ihn wieder auf den Arm genommen habe – nachher kann er wieder kranker Junge sein.« »Na, denn man zu,« antwortete Willi, offenbar gegen seinen Willen überzeugt, »ich glaube, es geht woll nich' anders, wenn alle Dokters ihr Glück an ihm versuchen wollen. Aber hör' mal Toddi, Papa sagt, zuviel Dokters sind den Kranken ihr Tod. Meinst du nich' auch, daß wir's lieber erst mal ordentlich zusammen besprechen? Es wäre doch schrecklich, wenn Onkel Harrys lieber, kleiner Hund totginge, nich' wahr?« »Schön,« sagte Toddi, »aber ich will ihn halten, während wir sprechen. Ich will ihm auch kein Bischen Medizin geben, bis wir wissen, was er nehmen darf.« »Es is aber nich einerlei, wer kranke Leute auf den Arm nimmt,« sagte Willi nachdenklich, indem er den Patienten noch zärtlicher umfaßte und Toddis ausgestreckte Arme gar nicht beachtete. »Weißt du nich' mehr, daß Mama immer sagte, es käme alles darauf an, wer Philli auf dem Arme hielte? Un daß die Medizin nich' ordentlich in seine lieben kleinen Knochen und Muskeln laufen könnte, wenn manche Leute ihn auf den Arm nähmen? Un' weißt du nich' mehr, wie er immer schrie, wenn du an ihn 'rankamst?« »Ach, das that er ja nur, weil ich meine Finger in seine Augen stippte, weil ich gern sehen wollte, wo das Weiße von gemacht is. Mit Terry hab' ich das noch nich einmal gemacht, ich konnte ihn noch nich' ordentlich zu fassen kriegen. Sieh' nur, wie traurig er dich anguckt. Ich glaube, seine Augen wollen sagen: ›Ach, ich muß sterben, wenn der liebe Doktor Toddi mich nich' auf den Arm nimmt.‹ So schrecklich grausam wirst du doch nich' sein, Willi.« Willi gab seine kostbare Bürde zögernd an Toddi ab, und letzterer empfing den Patienten mit einer so liebevollen Umarmung, daß derselbe jämmerlich heulend sich loszustrampeln suchte. »Siehst du woll?« rief Willi, »Hab ich's nich' gleich gesagt? Du gehörst zu den Leuten, die er nich leiden kann.« »Das is nich' wahr,« antwortete Toddi. »Die Medizin is schuld daran. Es sind die Perlen – die Pillen mein' ich – die thun so weh, wenn sie in seine Knochen und Muskeln kommen.« »Ich glaube,« meinte Willi, »das kommt davon, weil wir sie ihm nich' mit was Süßem zusammen gegeben haben, so wie Papa uns Medizin giebt.« »Dann wollen wir ihm jetzt gleich was Süßes geben,« schlug Toddi vor. »Vielleicht kann das die Medizin finden, dann können sie hübsch zusammen gehen, grad' wie zwei kleine Brüder.« »Ja, ja,« rief Willi, »aber was soll es sein?« »Torte,« schlug Toddi vor. »Wer soll denn Tante Alice darum bitten?« fragte Willi. »Ich glaube, das thust du am besten – diesmal. Als wir das letzte Mal Kuchen haben wollten, hab' ich's gethan. Das heißt, ich hab ihn mir selbst genommen, ohne zu fragen, aber nachher hab' ich ihr versprochen, immer erst darum zu bitten.« »Dann fange jetzt man gleich damit an,« riet Toddi, »sonst vergißt du's vielleicht wieder. Ich weiß woll, warum du so gerne willst, daß ich's thun soll. Dann kannst du Terry wieder auf den Arm nehmen, wenn ich fort bin.« »Na denn,« antwortete Willi, sichtlich niedergeschlagen, »denn muß ich woll.« Willi ging fort und kehrte nach einigen Minuten mit einem großen Stück Fruchttorte und strahlend vor Freude zurück. »Nu' will ich dir mal was sagen, Toddi. Wenn einer wirklich gut is, kriegt er auch gleich seine Belohnung. Ich ging hinunter, um Tante recht schön um die Torte zu bitten; aber da konnt ich sie nirgends im Hause finden, un' da ging's doch nich' anders, da mußt' ich sie mir selber nehmen. Un' so'n großes Stück hätten wir sicher nich' gekriegt, wenn sie dagewesen wäre, das is gewiß. Jetzt weiß ich erst, was der große Spruch an der Wand in der Sonntagsschule bedeutet: ›Jede gute That belohnt sich selbst.‹ »O du,« rief Toddi, die Torte ergreifend, »das ganze Stück dürfen wir ihm nich' geben, da kriegt er schlechte Träume nach.« Gleichzeitig hielt er dem Hunde die Torte vor's Maul, welcher gierig hineinbiß. »Ach Gott! Ich hab' ja gar nich' dran gedacht, daß Hunde größere Happen nehmen als kleine Kinder. Ich glaube, er hat schon mehr gekriegt, als ihm bekommt. Weg, Terry!« rief er dann, als der Hund wieder gierig nach der Torte schnappte. »Wir müssen das wohinthun, wo er's nich' sehen kann, sonst jammert er immerzu danach.« Und mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart stopfte Toddi geschwind den größten Teil der übrig gebliebenen Torte in seinen Mund. »Nein, das gilt nich'!« protestierte Willi, indem er den Rest der Torte durch einen schnellen Griff an sich zu bringen suchte. »Du hast ja gar keine Medizin genommen; jetzt wirst du von so viel Kühen träumen (beim Alpdrücken der Lawrence kamen stets Kühe vor) wie du noch nie gesehen Haft. Gieb mir doch den Rest!« »Un – m – m mu – um!« murmelte Toddi mit Anstrengung, den Rest der Torte mit festerem Griff umklammernd. »O gieb ihn mir doch,« flehte Willi. »Ich will ihn essen, dann träum' ich von denselben Kühen, wie du. Du hast doch so oft gewünscht, ich möchte dasselbe träumen, wie du, und hast dich oft geärgert, wenn ich was anderes träumte; weißt du's nich' mehr?« Toddi suchte seinen Mundvoll schleunigst hinunterzuwürgen, verschluckte sich und hustete heftig, aber endlich konnte er seinen Gefühlen Ausdruck verleihen: »Ach Willi, es' is ja gräßlich, von Kühen zu träumen, und ich hab dich doch so lieb, weil du mein lieber Bruder Willi bist, und ich will nich', daß du schreckliche Dinge träumst.« Hiermit stopfte Toddi den größten Teil des Tortenrestes in seinen Mund und reichte dann die traurigen Ueberbleibsel seinem Bruder mit den Worten hin: »So, das kannst du kriegen, nu' wirst du höchstens von zwei oder drei Kühen träumen un' brauchst nich' so gräßliche Angst auszustehen, wie ich manchmal.« Willi würde diesen Beweis brüderlicher Fürsorge sicherlich mit passenden Worten anerkannt haben, wenn sein Mund nicht angenehmere Beschäftigung gefunden hätte. Underdessen jaulte und zappelte der arme Patient erbarmungswürdig. Endlich befreite er sich jedoch mit verzweifelter Anstrengung aus Toddis Armen und fiel auf den Boden, wo er sich heulend und krampfhafte Bewegungen machend umherwälzte. »Der arme Terry hat Krämpfe gekriegt,« sagte Willi mitleidig, »er kriegt wahrscheinlich Backenzähne. Was können wir dabei thun?« »Morphium,« schlug Toddi vor. Wir haben ja keins,« erwiderte Willi nachdenklich. »Aber ich will dir mal was sagen. Laß uns mal 'n Augenblick so thun, als ob er 'n Hund is, un' ihn mit Wasser begießen – das thut man immer, wenn Hunde Krämpfe haben.« »Ne du, dann machen wir ja Tante Alice ihren hübschen Teppich ganz naß,« wandte Toddi ein. »Wir wollen ihn lieber in die Badewanne setzen.« »Hurra, das geht!« jubelte Willi und nahm den Hund geschwind auf den Arm, während Toddi voranlief und einen Wasserhahn aufdrehte. Dann wurde der Hund in die Wanne gesetzt, wo er seine Anstrengungen, sich zu befreien, natürlich verdoppelte. Als Willi dies sah, sagte er: »Du Toddi, hör' mal, wenn Kinder Zähne kriegen, werden sie in heißes Wasser gesetzt. Wir wollen jetzt wieder so thun, als ob er 'n Kind is, un' das andere Loch aufdrehen.« Toddi ließ sofort heißes Wasser in die Badewanne, und das arme Tier, welches einzusehen begann, daß es sich nicht selbst aus dieser qualvollen Lage befreien könne, fügte sich allmählich ins Unvermeidliche. »Siehst du woll – jetzt geht's ihm besser,« rief Willi, welcher Terry mit ruhig prüfender Doktormiene beobachtete. »Ich glaube, er kann jetzt wieder raus. Au! Au! Das Wasser is gräßlich heiß! Wie kriegen wir ihn denn jetzt wieder raus?« Toddi beugte sich über den Rand der Wanne und ergriff Terry am Kopf. Der arme Hund machte krampfhafte Bewegungen. Toddi verdoppelte seine Anstrengungen und war mit Leib und Seele bei der Sache. Da verlor er plötzlich das Gleichgewicht und purzelte kopfüber in die Badewanne. Unter fürchterlichem Geschrei kletterte er dann sogleich wieder heraus, während Willi Terry am Kopfe ergriff und ihn ebenfalls auf's Trockene brachte. »Au–au–oh,« heulte Toddi. »Thut's denn so schrecklich weh, lieber, kleiner Toddi?« fragte Willi zärtlich. »Nein,« erwiderte Toddi schluchzend. »Das Wehthun hat schon wieder aufgehört, aber–o! puh! 'n ganzen Eimer Wasser hab' ich in mein' Mund gekriegt, und der hat den ganzen Kuchengeschmack herausgewaschen – un' das ist's, was mich so furchtbar ärgert.« »Wenn's weiter nichts is, dann setze dich nur draußen in die Sonne un' trockene dich,« sagte Willi beruhigt, »un' bring erst mal trockene Kleider für den armen Hund.« »Ich will selbst trockene Kleider haben,« schluchzte Toddi. »Na denn komm mal mit,« rief Willi, ins Kinderzimmer vorangehend und das nasse Bündel mit dem Hunde hinter sich herschleifend. »So,« sagte or dann, die Thür zuschließend, »jetzt zieh' du dich um, ich will Terry hübsch machen.« Mit großer Sorgfalt löste er dann den Strick, der das arme Tier gefesselt hielt, dabei die Vorsicht gebrauchend, das eine Ende desselben an Terrys Halsband und das andere an einen Stuhl zu binden. Dann befreite er Terry aus dem Nachtrock, holte eine Bürste, einen Kamm und eine Flasche Eau de Cologne aus der Kammer seiner Tante und machte sich daran, das Fell des Hundes zu bürsten, welches er ausgiebig mit Eau de Cologne begoß. Terry, der wieder auf seinen Füßen stehen konnte, war zu sehr von Dank erfüllt, als daß er ernstlichen Widerstand versucht hätte, und die Toilette-Arbeit nahm ihren ungestörten Fortgang, bis Willi plötzlich eine gehörige Portion Eau de Cologne über den Kopf des Hundes goß. Die Flüssigkeit fand ihren Weg in Terrys Augen, und der darin enthaltene Alkohol verursachte dem armen Tier solche Pein, daß es, den leichten Stuhl hinter sich herschleifend, wie toll durch's Zimmer raste. Da nun Willi, als er aus der Kammer seiner Tante kam, die Thür offen gelassen hatte, so stürmte Terry auf die Treppe los. Der obere Teil des Stuhles prallte gegen das Treppengeländer und löste sich sofort in seine Bestandteile auf. Die Ueberbleibsel dieses Meisterstückes amerikanischer Tischlerkunst flogen hinter dem Hunde drein die Treppe hinunter, beschrieben am Fuße derselben einen schwungvollen Halbkreis in der Luft und karambolierten bei dieser Gelegenheit mit einem hübschen Kabinett-Hutständer, zum schweren Nachteil der Politur des letzteren. Dann, immer noch dem ungestümen Gebot des am Halsband des Hundes befestigten Strickes gehorchend, bewegte sich die Stuhlruine in Zickzacksprüngen durch's Wohnzimmer, mit den Klavierpedalen in Konflikt geratend, und ein Bein als Siegestrophäe für dieselben zurücklassend. Darauf versuchte sie vom Feuerplatz aus in den Kamin hinaufzuspringen, kam aber nicht weiter als bis zum Feuerbock, dessen Stellung ernstlich erschüttert wurde, dann geriet sie zwischen die Beine eines antiken Tisches, denselben vollständig über den Haufen werfend und gleichzeitig ihr Sitzbrett bei den Trümmern desselben zurücklassend, – prallte gegen einen Blumenständer, der sofort mit lautem Krach zu Boden stürzte, – nahm ihren Weg in das Eßzimmer, in einen Stuhl, über den Tisch, dessen Decke wegraffend und sich einige Augenblicke darin verwickelnd, – und Polterte endlich die Stufen zur Küche hinunter, wo sie Frau Burton begegnete, die eben von einem Besuch bei ihrem Grünwarenhändler zurückkehrte. Da nun der Stuhl ein sehr schmuckes Möbel und enorm teuer gewesen war, suchte Frau Burton natürlich eine Auseinandersetzung mit Terry anzubahnen, aber der gar zu hart geprüfte Hund verfolgte offenbar andere Pläne, die er nicht durchkreuzen lassen wollte. So wich er denn wütend um sich schnappend seiner Herrin aus, stürmte an ihr vorbei durch die Küche und suchte die schattige Einsamkeit des Waldes auf. Weibliches Ahnungsvermögen, mit Erfahrung gepaart, ließ Frau Burton den wahren Sachverhalt erraten. Sie blieb einige Augenblicke stehen, um ihre Fassung wiederzugewinnen und vollkommen ruhig ihres Richteramtes walten zu können, dann machte sie sich auf, um die Uebelthäter zu suchen. Sie waren nicht in ihrem Zimmer, doch legten ein Haufen nasser Kleidungsstücke und die überall im Zimmer herrschende Unordnung Zeugnis davon ab, daß sie dagewesen waren, seitdem das Mädchen das Zimmer in Ordnung gebracht hatte. Bei weiteren Nachforschungen fand sie Toddi auf ihrem eigenem Bett so fest und friedlich schlummernd, daß sie nicht das Herz hatte, ihn zu wecken. Es drängte sich ihr die Ueberzeugung auf, daß Willi der einzige Schuldige sein müsse, sie fahndete also eifrig auf Willi und fand ihn schließlich in einem kleinen Aussichtsturm auf der First des Hauses, wo er träumerisch aus einem Fenster blickte. Das Rauschen des Kleides seiner Tante schreckte ihn auf; er wandte sich nach ihr um und fragte mit einem Blick voll innigen Gefühls und wehmütiger Trauer: »Du, Tante Alice, alle Menschen müssen doch sterben, nich?« »Ganz gewiß,« erwiderte seine Tante mit Nachdruck, »und wenn du das Zeitliche gesegnet hättest, ehe du meinen hübschen Stuhl zerbrachst, so würde dein Pilgerleben hienieden weniger verderbenbringend gewesen sein, als es sich heute morgen leider erwiesen hat.« »O, Tante Alice,« fuhr Willi, ganz von seinen Gedanken in Anspruch genommen, fort, »siehst du woll den Gottesacker dort seitwärts in der Ferne? Da sind doch gewiß schon schrecklich viel tote Menschen drauf, nich' wahr?« »Gewiß,« antwortete Frau Burton, »aber was die mit meinem zerbrochenen Stuhl zu thun haben, ist mir durchaus unerfindlich.« »Ich möchte nämlich schrecklich gern wissen,« fuhr Willi, unbekümmert um alles andere auf sein Ziel lossteuernd fort, »wenn mal der letzte Mensch stirbt, wer dann Blumen in sein Grab wirft, und wer das Grab graben soll, wo der letzte Mensch hineinkommt? Wenn ich das nun wäre? Dann wüßt ich ja gar nich', wie ich es anfangen sollte, 'n ordentliches Begräbnis zu kriegen. Halt! Jetzt weiß ich's, – ich würde den lieben Gott bitten, daß er mich gleich in den Himmel hinauf nimmt, wie den guten, alten Elias. Aber sag doch mal, Tante Alice, wer hat denn eigentlich den Wagen gezogen, wo Elias mit in den Himmel gefahren ist? Das haben woll die Raben gethan, die ihm immer sein Frühstück brachten?« »Ich weiß nicht,« erwiderte Frau Burton kurz, »aber das ist gewiß, daß er niemals in den Himmel geholt sein würde, wenn er die Gewohnheit gehabt hätte, die Stühle anderer Leute zu zerbrechen und die zerbrochenen Teile an Hunde festzubinden.« »Wie so denn?« erwiderte Willi, dem jetzt erst ein Licht darüber aufging, worauf seine Tante mit ihren Bemerkungen hinauswollte. »Ich hab' doch keine Teile von Stühlen an Hunde festgebunden, ich hab' den ganzen, heilen Terry an 'n Stuhl angebunden un' ich war so nett gegen ihn, wie du es nur je gegen mich gewesen bist – da, auf einmal rannte er mit dem ganzen Stuhl fort. Du kennst doch die Geschichte in der Bibel von den bösen Teufeln, die in 'ne Herde Schweine fuhren un' sie dann von 'm Berg runter in den Ocean stürzten. Na ja – ich glaube ganz sicher, daß welche von diesen Teufeln in Terry hineingefahren sind.« Frau Burton glaubte nicht so recht an derartigen Teufelsspuk, aber ihr Zorn war größtenteils verraucht. Um weiteren Demütigungen zu entgehen, verließ sie Willi plötzlich und ging in's Wohnzimmer hinab. Die Szene, welche sich dort ihren Blicken darbot, war derart, daß keine Frauenzunge sie hätte beschreiben können, und ihre hastigen Versuche, den angerichteten Schaden wieder gut zu machen, waren so wenig erfolgreich, daß ihr Zorn von neuem emporloderte. Während in ihrer Seele noch Zorn und Verzweiflung um die Herrschaft kämpften, betrat ihr Neffe Willi das Zimmer und rief vorwurfsvoll: »Aber Tante Alice, weshalb hast du denn den Tisch umgeworfen und die hübsche Vase mit den künstlichen Blumen zerbrochen?« Frau Burton sprang auf, nahm die konventionelle Attitüde der Lady Macbeth an und drohte Willi so unheilverkündend mit dem Finger, daß der junge Mann scheu zurückwich. »Morgen!« war das einzige Wort, welches sie ihm zurief. Zehntes Kapitel »Der Anfang vom Ende.« Mit diesen Worten brach Herr Burton das Schweigen, welches am letzten Besuchstage seiner beiden Neffen kurze Zeit an der Frühstückstafel geherrscht hatte. Seine Frau sah etwas niedergeschlagen aus und antwortete nicht. »Nun Jungens,« wandte sich Herr Burton an seine Neffen, »fühlt ihr euch rekonstruiert?« »Was meinst du?« fragte Willi. »Fühlt ihr euch geistig und moralisch rekonstruiert?,« fragte der Onkel von neuem. »Bekonsterniert?« fragte Willi erstaunt. »Das is 'n schrecklich langes Wort,« knurrte Toddi, den Mund voll Hafergrütze. »So was Aehnliches sagt der Pastor in der Kirche manchmal, un' dann krieg' ich immer Lust, mich auf der Bank rumzudrehen.« »Rekonstruiert – vorteilhaft verändert,« erklärte Herr Burton. »Na, das glaub' ich nich',« erwiderte Willi, nachdem er seine Hände besehen und seinen Magen befühlt hatte, als ob er sich vergewissern wollte, ob nicht in der That ohne sein Wissen irgend eine radikale physische Veränderung mit ihm vorgegangen sei. »Wir sind jetzt vielleicht 'n bißchen größer, aber wir können uns ja nich' sehen, wenn wir wachsen.« »Fühlt ihr keine Sehnsucht, eure Schwester einmal wieder zu sehen?«, fragte jetzt Frau Burton um das Gesprächsthema zu ändern. »Möchtet ihr nicht wieder nach Haus gehen und immer dort bleiben?« »Ne – ich nich'!« antwortete Toddi prompt. »Bei uns zu Hause is ja nich' mal 'n Hund, un' Hunde fangen is 'n Hauptspaß – bloß nich, wenn sie sich gar nich fangen lassen wollen, wie es Terry immer macht.« »Ich meine, habt ihr nicht während der Zeit eures Hierseins gelernt, weit, weit artiger zu sein als früher?« fragte Herr Burton, den deutlichen Wink seiner Frau in unhöflicher Weise gar nicht beachtend. »O doch,« antwortete Toddi. »Ich ab' so viel Gebete hergesagt un' so viel fromme Lieder gesungen, wie in meinem ganzen Leben noch nich'. Un' ich habe auch den Heuschrecken keine Hinterhoppers mehr ausgereißt, weil Tante Alice sagte, das wäre grausam. Jetzt reiß ich ihnen bloß noch Vorderhoppers aus. Die sind ja nur ganz klein, das kann ihnen auch nur 'n ganz klein bißchen wehthun.« »Wie steht es mit dir, Willi?« examinierte Herr Burton weiter. »Ist es dir so, als ob du gelernt hättest, aus anderen Motiven zu handeln?« »Was is denn 'ne Motive?« fragte Willi. »So was wie 'ne Lokomotive? Wenn ich mal ganz rasch laufe, dann komm ich mir auch so vor wie 'ne Lokomotive, dann puff' ich, was ich nur kann – bloß Dampf kommt nich' aus mir raus, Un' dann denk' ich immer, da is 'ne Maschine in mir, die macht immer puff! puff! Aber mein Papa sagt, es is nur das Herz, ein ganzes kleines Jungensherz. Aber wenn's davon kommt, dann kann ein großes Männerherz gewiß einen ganzen Eisenbahnzug ziehen.« »Nun, ich sehe schon, ihr habt noch nich' gelernt, den Gegenstand der Unterhaltung zu erfassen. Aber seid ihr denn jetzt imstande, das innere Wesen der Dinge zu begreifen?« »Meinst du die Dinge, die in uns drin sind?« fragte Willi. »So was wie Hafergrütze?« riet Toddi. »Seid ihr euch bewußt geworden, daß ein überlegener Geist einen reformatorischen Einfluß auf euch ausgeübt hat?« »Du willst woll mit uns zanken?« fragte Toddi. »Wir haben ja nichts gethan, als unser Frühstück gegessen. Ich weiß gar nich', was du willst.« »Habt ihr stets ohne Zögern den Befehlen eurer Tante Folge geleistet und auf diese Weise die ihr durch göttliches Recht verliehene Autorität anerkannt?« »Aber, ich bitte dich, Harry!« rief Frau Burton, welche während dieser ganzen Unterredung stumme Bitten an ihren Mann gerichtet hatte, denen zu widerstehen ihm unmöglich gewesen wäre, falls er sie gesehen und nicht absichtlich vermieden hätte, ihr ins Gesicht zu blicken. »Wenn du nicht aufhörst, die armen Kinder mit albernen Brocken aus dem Konversations-Lexikon zu quälen, so sollst du die mir durch göttliches Recht verliehene Autorität fühlen, denn ich werde sie von dir hinweg nach oben bringen.« »Nur noch eine Frage, liebe Frau,« erwiderte Herr Burton, »dann bin ich fertig. Ich will nur noch von den Jungen hören, ob sie etwas von Konflikten zwischen Lawrence'schen und Burton'schen Erbfehlern in sich verspürt haben, und wenn ja, auf welcher Seite der Sieg gewesen ist.« »Ich glaube, du willst den Pastor spielen,« bemerkte Willi. »Meinst du?« antwortete Herr Burton, bei dem munteren Auflachen seiner Frau etwas errötend. »Nun, wie ist euch dabei zu Mute?« Mir ist so zu Mute, wie in der Kirche, wenn ich denke, ach, wenn's doch erst mal zu Ende wär',« erwiderte Willi seufzend. »Mir auch,« erklärte Toddi. »Ihr könnt jetzt hinausgehen und spielen,« sagte Herr Burton, da er sah. daß die Teller der Kinder leer waren. Die Jungen gingen hinaus, scheinbar von Terry geführt; als sie jedoch ins Freie gelangten, hatte sich der Hund bereits vollständig unsichtbar gemacht. »Mich vor ihnen zu demütigen, das hättest du doch nicht nötig gehabt«, sagte Frau Burton mit dem ersten Schmollen, welches ihr Mann bis jetzt in ihrem Gesicht bemerkt hatte. Herr Burton beeilte sich, seine Frau durch einen Kuß zu versöhnen und antwortete: »Sei unbesorgt, liebe Frau, sie haben kein Wort verstanden.« »So, meinst du?« rief Frau Burton. »Ich wollte, alle meine erwachsenen Freunde begriffen so rasch wie diese Jungen. Deine Phrasen mögen sie nicht verstanden haben, aber Ton und Blick genügen ihnen.« »Ach bewahre,« erwiderte Herr Burton, sie haben ja kaum von ihren Tellern aufgeblickt.« »Wenn auch,« erwiderte seine Frau, froh, daß sich ihr Gelegenheit bot, wenigstens in einem Punkte ihre Ueberlegenheit zu behaupten. »Kinder – Jungen sind ihrer Natur nach uns Frauen ähnlicher als euch Männern. Sie beobachten mit feinem unverdorbenen Gefühl, ihre Anschauungsweise ist geradezu engelhaft, ich wollte, ihre anderen Eigenschaften wären ebenso vollkommen.« »Es thut mir herzlich leid, liebe Frau, daß ich so mit ihnen gesprochen habe,« antwortete Herr Burton, momentan besiegt, »aber wenn du jetzt innere Einkehr halten und Buße thun willst, so will ich abreisen und dich allein lassen.« Dann kannst du ruhig hier bleiben,« erwiderte seine Frau. »Ich habe schon gebeichtet – und zwar den Kindern, und eine Beichte genügt. Ich unterziehe mich ganz gern einer Beichte wenn ich nur herzlicher Teilnahme und nicht kaltem Spott begegne.« »Ich bitte nochmals um Verzeihung,« lenkte Herr Burton ein, »und da ich mich nun ebenfalls zur Buße bequemt habe, so vergilt nur Böses mit Gutem und lasse mich wissen, was meine Leidensgefährtin durch Erfahrung gelernt hat?« »Eins vor allem,« antwortete seine Frau, »nämlich, daß niemand Kinder zu behandeln versteht, außer den eigenen Eltern.« Herr Burton legte Messer und Gabel nieder. »Liebe Frau,« sagte er, »das ist mehr als eine Erfahrung, das ist eine Offenbarung. Ich habe stets behauptet, daß du eine Heilige bist, jetzt beweist du, daß ich stets Recht gehabt habe.« Frau Burtons Stolz kehrte zurück und mit ihm die alte Heiterkeit ihres Antlitzes. »Ich bin der Ansicht,« sagte sie, »daß Erwachsene nur von Blutsverwandten richtig beurteilt werden – –.« »Vorausgesetzt, daß letztere bescheiden genug sind, ihren Egoismus zeitweilig abzulegen, um einen objektiven Standpunkt zu gewinnen,« erlaubte sich Herr Burton zu bemerken. Seine Frau machte große Augen und sah etwas mißmutig darein; aber sie faßte sich bald soweit, daß sie ihre unterbrochene Rede beenden konnte. »Noch weit schwieriger aber,« fuhr sie fort, »ist es nach meiner Meinung, Kinder richtig zu beurteilen, da ihre unvollkommenen Naturen sich nie harmonisch entwickeln, und sie nur selten imstande sind, ihren Gefühlen passende Worte zu verleihen.« »Ich habe noch nie gemerkt, daß es den Jungen schwer fällt, sich verständlich auszudrücken, wenn sie etwas haben wollen,« entgegnete Herr Burton. »Du sprichst gerade, wie ein Mann eben spricht,« antwortete seine Frau, sich ihrer Ueberlegenheit wieder voll bewußt. »Glaubst du denn, daß das Sinnen und Trachten der Kinder nur nach materiellen Dingen steht? Wie kommt denn Willi dazu, daß er sich so oft in irgend einer Ecke niederläßt, sich in tiefes Sinnen verliert und auf alle Fragen, was ihm fehlt, nur ein gedehntes ›Nichts‹, hören läßt, aber in einem Tone, der deutlich zeigt, daß ein ganz bedeutendes Etwas seinen jungen Kopf verwirrt? Wie kommt ferner Toddi dazu, daß er in seiner drolligen, rührenden Weise nach Dingen fragt, die weit über sein Verständnis hinausgehen? Wie kommt es, daß er so nachdenklich aussieht, wenn du versucht hast, seine Fragen zu beantworten? Glaubst du wirklich, daß die Kinder nur für Essen und Spielen Interesse haben?« Herr Burton fühlte sich vollständig gedemütigt, sein Aussehen ließ das deutlich erkennen. – – »Du hast recht, kleine Frau,« sagte er endlich. »Ich wollte, ich hätte erst deinen Rat eingeholt, ehe ich mich im vorigen Sommer der Aufgabe unterzog, die beiden Jungen zu beaufsichtigen.« »O, ich bin herzlich froh, daß du es nicht gethan hast,« erwiderte seine Frau, »denn – denn du bist weit besser mit ihnen fertig geworden, als es der Fall gewesen wäre, wenn ich dir als Beraterin zur Seite gestanden hätte. Ihr seid ja auch Blutsverwandte, und dir glückte es in manchen Punkten, wo ich Mißerfolge hatte. O, hätte ich nur all diese Erfahrungen schon gemacht, ehe sie kamen! Wie viel Unangenehmes hätte ich ihnen dann ersparen können und ebenso mir!« Herr Burton beeilte sich, seiner Frau einige stumme Sympathiebezeugungen zu verabreichen. »Und heute gehen sie wieder fort,« fuhr Frau Burton mit Thränen in den Augen fort, »gerade jetzt, nun ich endlich weiß, was ich ihnen eigentlich sein sollte. Sie sind trotz ihrer dummen Streiche die reinen Engel – aber es ist nun einmal so mit den Engeln, die uns besuchen, man kommt erst dahinter, was sie sind, wenn sie ihre Flügel ausbreiten, um uns zu verlassen.« »Nun, wenn du es wünschest, ist dieses spezielle Engelpaar wohl noch für einige Tage leihweise zu haben,« bemerkte Herr Burton. »Bravo,« rief Frau Burton. »Ein herrlicher Einfall! Ich will Helene besuchen und ihr sagen, daß sie noch nicht kräftig genug ist, die Jungen wieder um sich zu haben.« »Und ich,« sagte Herr Burton, indem er sich reisefertig machte, um in die Stadt zu fahren, »will versuchen, Tom zu derselben Ansicht zu bekehren. Er wird freilich dabei aussehen, wie ein Mensch, der zur Hinrichtung geführt wird, das weiß ich im voraus.« Einige Minuten später verließ das Ehepaar gemeinsam das Haus, und unmittelbar darauf kehrten die Jungen in dasselbe zurück. Da sie ihre Tante nicht finden konnten, gingen sie in die Küche hinunter und baten sich von der Köchin ohne weitere Umschweife einige Untertassen, zwei Theelöffel, Zucker und Sahne aus. »Was führt ihr denn im Schilde, Jungens?« fragte Brigitte. Das siehst du schon, wenn du uns die Sachen gegeben hast,« antwortete Willi. »So 'ne roten, dicken hab' ich mein Lebtag noch nich' gesehen,« fügte Toddi zur Erläuterung hinzu. Ich will nich', daß ihr mir die Sachen wegschleppt, un kein Deuwel nachher weiß, wo sie hingekommen sind,« sagte Brigitte. »Wenn ihr einen Theelöffel verliert, dann denkt die Madame, ich hab ihn gestohlen; das fehlte gerade noch.« »Ach, Brigitte,« bettelte Willi, »wir gehen ja nirgendwo hin als unter die Bäume hinten im Hof. Un' alle unsere hübschen Beeren verderben uns, wenn du so 'n langen Sums darum machst. Mein Papa sagt immer, Beeren müssen gleich gegessen werden, wenn sie gepflückt sind.« Wenn's weiter nichts ist als Beeren, sollt ihr die Sachen meinetwegen haben,« murmelte Brigitte, einen kleinen Präsentierteller aus dem Schrank nehmend und die gewünschten Sachen drauf stellend. »So, nu' gieb uns man noch 'ne Untertasse, dann bringen wir dir auch welche mit, weil du so nett gegen uns gewesen bist,« sagte Willi. »Aber wenn wir das thun wollen, müssen wir noch mehr Zucker haben.« Dieser Schmeichelei gegenüber erwies sich Brigitte nur als ein Weib. Freigebig ersetzte sie die kleine Obertasse mit Zucker durch eine große wohlgefüllte Schale und legte sogar noch einige große Stücke Zucker obendrauf. Als die Jungen mit ihrer Beute abgezogen waren, sagte sie zu dem Stubenmädchen: »Unser Willi ist doch schon 'n richtiger kleiner Gentleman. Ich hab' mal gehört, daß seines Vaters Familie aus dem alten Lande herübergekommen ist; die müssen vom irischen Adel abstammen, das glauben Sie nur sicher.« Inzwischen hatte Frau Burton ihre Schwägerin aufgesucht. Sie hatte die Absicht gehabt, nur einige Minuten dort zu verweilen, aber man hatte ihr eine besondere Gunst erwiesen und ihren Armen die Miniaturausgabe ihrer Schwägerin anvertraut, und das winzige, hilflose Geschöpf gab so drollige dünne Laute von sich, blinzelte so neugierig mit den Augen und steckte ein so allerliebstes rosiges Patschhändchen aus, daß die Zeit wie im Fluge verging und die Amme plötzlich erschien, um das zierliche Ding wieder unter ihre Obhut zu nehmen und den Besuch zu verscheuchen. In angenehme Betrachtungen versunken, schlenderte Frau Burton gemächlich heimwärts. Hier und da berührte sie mit der Spitze ihres Sonnenschirms liebkosend die Gänse- und Butterblumen, die vom Wege zu ihr aufblickten; dann blieb sie sogar stehen, um neugierig ein einsames Mutterschaf zu beobachten, das sehr um das Wohlergehen eines Lammes besorgt schien, welches vor der Mutter im übermütigen Spiele davonsprang. Da wurde sie plötzlich durch ein verworrenes Geschrei aus ihren idyllischen Betrachtungen aufgeschreckt. Sie hörte sofort, daß es die Stimmen ihrer Neffen waren und hatte für Lämmer, Blumen und andere unbedeutende Geschöpfe natürlich kein Interesse mehr. Einen Augenblick später, während das Geschrei immer lauter ertönte, kamen die beiden Jungen in schnellem Laufe um den Rand des nahegelegenen Waldes gestürmt; indem sie abwechselnd schrieen und mit den Händen krampfhaft nach dem Munde faßten. Frau Burton lief ihnen entgegen und rief angsterfüllt: »Ruhig, Jungen! Schreit doch nicht so! Was ist denn los?« »Au – au – au!« heulte Willi. »Wir haben – au! – ein paar Stücke aus der Hölle gegessen,« jammerte Toddi »mit Sahne un' Zucker drauf –, au! au!, sie waren aber ebenso heiß, als wenn gar nichts drauf wäre.« »Kommt gleich mal zu mir und laßt mich einmal nachsehen!« rief Frau Burton in größter Ratlosigkeit, aber Willi nahm brüllend reißaus während Toddi schluchzend hervorstieß: »Ich will zu Papa un' Mama, die haben alle Jungenwehwehs schon selbst gehabt un' können uns helfen. Ich will in unsern Eiskeller kriechen un' gar nich' wieder rauskommen.« Das Geschrei der Kinder war offenbar in größerer Entfernung zu hören gewesen, als Frau Burton es für möglich gehalten hätte, denn von hinten näherten sich schwere, eilige Laufschritte und als Frau Burton sich umdrehte, sah sie den treuen Michel, ihres Schwagers Gärtner-Kutscher in atemloser Eile herankommen. »Was is denn los, Herzensjungs?« fragte er, die beiden Jungen einer scharfen Musterung unterziehend und etwas Rotes von Toddis Brustlatz auflesend. »Deuwel noch mal, das is ja roter Pfeffer.« Damit stürmte er quer über den Weg, setzte über eine Einfriedigung in ein eingehegtes Stück Waldland, rannte wie toll zwischen den Bäumen umher, bis er endlich vor einem derselben halt machte und ihm mit seinem Messer zu leibe ging, und alles dies zum größten Erstaunen von Frau Burton, die nicht anders dachte, als, der Mann hätte seinen Verstand verloren. Eine Sekunde später kehrte er mit einem Streifen Baumrinde zurück, die er unterwegs in kleine Stücke schnitt. »Hier, ihr lieben kleinen Schwerenöter, kaut das mal runter,« rief er dann, indem er beiden Jungen ein Stück Rinde in den Mund stopfte, »Es ist Ulmenbast, der hilft gegen das Brennen. Wie oft werden Schuljungen nicht von andern Jungen so angeführt! Meiner Schwester Kinder sind auf so' ne Art beinah ums Leben gekommen! Was soll nur euer Vater mit euch anfangen, daß ihr solches Zeug gefressen habt? Aber warte! wenn ich nur erst die Kanaillen gefunden habe, die euch dazu aufkriegten! Wer wars denn? Sagt's nur, dann kann ich sie zum Deuwel schicken, daß er ihnen die Hölle heiß macht.« »Wie seid ihr denn dazu gekommen, Pfeffer zu essen?« fragte Frau Burton, als die Kinder sich langsam von ihrer Pein erholten. »Ein Junge hat uns mal weiß gemacht, es wären Erdbeeren,« erzählte Willi, »un heute sahen wir 'ne ganze Masse Beeren in dem Garten, wo die vielen Männer drin arbeiten, weil da ein Haus gebaut werden soll. Un' da fragten wir sie, ob wir die Beeren pflücken dürften un' da sagten sie ja. Da nahmen wir sie alle in einem großen Bogen Papier mit nach Hause. Wir haben aber keine einzige geschmeckt, weil wir sie alle bei 'ner kleinen Theegesellschaft essen wollten wie kleine Gentlemen. Aber als ich die erste aß – au! Jetzt weiß ich erst, wie dem armen reichen Mann in der Hölle zu Mute war, als er Abraham bat, er möchte seine Zunge mit einem Tropfen Wasser kühlen.« »Ganz so schlimm ging's dem armen reichen Manne nich'. Er hatte ja das Feuer nich' alle in seinem Munde un' brauchte sich auch nich darüber zu ärgern, daß es keine Erdbeeren waren,« schluchzte Toddi. »Aber der hatte auch unsern guten Michel nich', daß er Ulmenbast für ihn holen konnte,« antwortete Willi. »Wenn wir erst wieder zu Hause sind, Michel, will ich geschwind mal Dreck in die Stallpumpe stopfen, bloß, weil ich es gewiß un' wahrhaftig gleich wieder lassen will, wenn du es sagst, dir zu Gefallen.« »Un' ich« erklärte Toddi, »ich mache dir 'n Geschenk, Michel, ich ganz für mich allein. Ich weiß noch nich', was es sein soll, aber ich denke es soll 'ne Ueberraschung werden. Was möchtest du denn am liebsten haben, 'ne goldne Uhr oder 'ne Tafel Schokolade?« Ihrem Wohlthäter Michel fiel es einigermaßen schwer, zwischen diesen beiden fast gleichwertigen Geschenken eine Wahl zu treffen, und er verließ den Schauplatz seiner Erfolge, indem er sich hinter den Ohren kratzte, was ja viele Leute zu thun pflegen, wenn sie in Verlegenheit sind. Inzwischen trat Frau Burton mit ihren beiden Neffen den Heimweg an. »Besinnt euch mal, liebe Kinder, wie wir den heutigen Tag am angenehmsten verleben?« sprach sie zu ihnen. »Eure Mama erwartet euch schon morgen zurück, und ich möchte gern, daß ihr an eurem letzten Besuchstage recht vergnügt und glücklich seid.« »Morgen erst?« rief Willi, auf den die übrigen Worte seiner Tante keinen Eindruck machten. »Ich dachte, wir gingen schon heute wieder nach Hause?« »Das solltet ihr eigentlich auch, lieber Willi,« entgegnete Frau Burton, »aber ihr schienet ja gar kein großes Verlangen darnach zu haben, und ich wollte euch gern noch einen Tag bei mir behalten. Möchtet ihr denn wirklich schon heute wieder nach Hause?« »Ach,« erwiderte Willi, »ich habe immer dran denken müssen und alle Tage gezählt vom ersten Tage an, als wir kamen. Manchmal war es mir gerade, als ob ich sterben müßte, wenn ich nich' gleich wieder nach Hause gehen könnte. Aber ich habe mir Mühe gegeben, deswegen doch recht artig zu sein, weil Papa sagte, es wäre besser für das Schwesterkindchen und Mama, wenn wir nich' zu Hause wären. Manchmal hab' ich nachts geweint, weil ich nich' in meinem kleinen Bette lag.« »Ach du armer kleiner Bursche!« rief Frau Burton, indem sie sich bückte und Willi küßte. »Weshalb hast du denn das nicht gesagt, wenn du dich so unglücklich fühltest?« »Du konntest mir doch nich' helfen,« entgegnete Willi, »das konnte nur mein Papa oder meine Mama. Un' ich mag's auch nich' gern sagen, wenn mein Herz so weh thut, dann kommt mir so was in die Kehle un' dann kann ich nich' gut sprechen.« »Habt ihr nicht eine recht schöne Zeit bei uns verlebt? Konntet ihr nicht thun, was ihr thun wolltet, und haben Onkel und ich nicht alles gethan, um euch glücklich zu machen?« »O doch,« seufzte Willi, »aber welche Leute wissen, was uns Spaß macht, un' welche Leute wissen nur, was uns Spaß machen soll, un' die ersten, das sind mein Papa un' meine Mama, und die anderen, das bist du un' Onkel Harry. Aber ihr seid doch recht gut gegen uns gewesen, un' ich will Mama bitten, daß sie euch zu uns einladet, un' dann will ich euch mal zeigen, wie ihr es anfangen müßt, wenn ihr kleine Jungens glücklich machen wollt.« »O, komm doch mal zu uns zum Besuch,« bat Toddi, »dann darfst Du auch Kuchen zwischen den Mahlzeiten essen un' Sandtorte backen, wann Du willst, und wenn Du auch Dein allerbestes Zeug anhast. Un' ich will auch nich' ein einziges Mal »Mußt nich'« zu Dir sagen.« »Un' Deine Mama darf dich dann alle Tage besuchen un' darf mit Dir spielen, so viel sie will,« fügte Willy hinzu. »Ich wollte Du hättest auch einen Papa, dann wollten wir den auch einladen. Wie können nur große Leute ohne Mamas und Papas fertig werden, Tante Alice?« »Das weiß ich auch nicht, liebes Kind«, entgegnete Frau Burton, welche daran denken mußte, wie hilflos sie sich in der ersten Zeit fühlte, als ihr Mann sie unter den Flügeln ihrer Mutter fortgenommen hatte. »Wenn sie aber nu' etwas haben, was sie gern jemand erzählen möchten, un' es is dann keiner da, dem sie es erzählen können, kommen sie sich dann nich ganz einsam vor?« »Ich glaube, vielen geht es wohl so,« erwiderte Frau Burton, welcher verschiedene Perioden ihres Lebens einfielen, in welchen sie sich nach einer vertrauten Seele gesehnt hatte, die weder Liebhaber noch Freundin wäre. »Dann besehen sie sich wahrscheinlich alles rundum und denken: Wenn auch alles noch so hübsch is, einsam fühlen wir uns doch,' nich wahr?« fuhr Willi fort. »Jawohl«, entgegnete seine Tante, indem sie ihn auf die Stirn küßte. »Es muß gräßlich sein, wenn man keinen hat, wo man Pfennige von betteln kann, wenn man sich so einsam fühlt un' nich' weiß, was man anfangen soll,« bemerkte Toddi jetzt. »Un' wenn man alles Schöne gesehen hat,« sagte Willi, un' einen nichts mehr Vergnügen macht, un' man hat dann keinen, der einem die Langeweile vertreibt, das muß ganz schrecklich sein, Tante. Geht es den Leuten nich' manchmal so, wenn sie erst Engel im Himmel sind?« »Bewahre, nein,« antwortete Frau Burton. »Aber glaubst Du denn, daß Leute sich im Himmel glücklich fühlen können, wenn sie einen Vater haben – den lieben Gott weißt Du – un brauchen ihn um gar nichts zu bitten? Wenn sie immer glücklich sind, dann brauchen sie da gar nich' an zu denken, wie hübsch das is, einen Vater im Himmel zu haben. Müssen denn die kleinen Engel auch manchmal von Hause weg un' bleiben dann ein paar Tage fort und sehen dann ihren Papa nich'?« »Um Himmelswillen, nein!« rief Frau Burton schaudernd, »Wie kommst Du auf solche Gedanken?« »Da komm' ich nich auf,« erwiderte Willi, »Die kommen zu mir un' gehen nicht eher wieder weg, bis ich mir beinahe den Kopf zerbrochen habe oder was Neues zu thun kriege, daß ich sie wieder vergesse.« Frau Burton nahm sich vor, sofort etwas Neues ausfindig zu machen, womit sie Willi beschäftigen und verhindern konnte, daß er ihren Geist auf ein Gebiet führte, welches ihr unbekannt war und deshalb gefährlich erschien. Ihr Unbehagen ließ auch keineswegs nach, als Toddi in seiner lebhaften Weise das himmlische Thema weiterspann. »Tante Alice« fragte er, »was machen denn die kleinen Engeljungen mit den Pfennigen, die sie kriegen? Sind denn im Himmel auch Bonbonladen un' geben die Bonbonladenmänner mehr für'n Pfennig als hier?« »Im Himmel nützen Pfennige nichts«, antwortete Frau Burton, die vor Ungeduld brannte, die beiden Frage- und Plagegeister wieder los zu werden. Und doch wie sehnsüchtig hatte sie nicht erst am frühen Morgen gewünscht, die beiden Jungen bei sich zu haben, damit sie den rechten Weg zu ihren Herzen finden und ihre vollen Sympathien gewinnen könne. »Was sagst du? Nützen nichts?« fragte Toddi erstaunt. Dann wär's aber schlimm, wenn ich jetzt gleich ein Engel würde, ich habe sechzig Pfennige in meiner Sparbüchse.« »Du Schafskopf!« rief Willi, »du kannst ja doch deine Pfennige nich' mit in den Himmel nehmen. Meinst du, daß einer da oben nach Pfennigen fragt, wo alle Straßen von Gold gemacht sind? Da kostet 'ne einzige Zuckerstange doch allerwenigstens ein Goldstück – das glaub' ich sicher.« »Wenn ihr beiden Knirpse so gern Zuckerwerk nascht,« sagte Frau Burton in theologischer Verzweiflung, »so wollen wir gleich nach dem Frühstück' mal einen tüchtigen Vorrat backen.« »O – h!« rief Willi. »Können denn so gewöhnliche Leute wie mir auch Zuckerstangen backen?« »Gewiß können wir das,« antwortete Frau Burton, »aber gewöhnliche Leute sind wir nicht, Willi.« »Ich glaube aber doch«, erwiderte Willi treuherzig, »wenn ich bedenke, was für nette Leute die Zuckerbäcker sein müssen.« »Wie viel wollen wir denn backen?« fragte Toddi neugierig »für zwei Pfennige?« »O viel mehr – mehr als zwei kleine Jungen in einem Tage essen können.« »Herrje!« rief Toddi ganz entzückt. »Das ische mehr als 'n ganzen Bonbonladen voll! Nu' man flink! Laß uns lieber gar kein Frühstück essen, daß unsere Magen recht leer sind für das Zuckerwerk. »Ich wette mit Dir, daß ich rascher gehen kann, als Du, Tante Alice,« sagte Willi, seine Tante mit einer Hand ziehend und mit der anderen schiebend. »Un' ich kann rascher laufen, als ihr alle beide,« rief Toddi. »Lauft mal zu!« Frau Burton lehnte beide Herausforderungen ab, aber die Kinder liefen ohne sie um die Wette bis nach Hause und sprangen dann wie toll auf der Veranda umher, bis ihre Tante bei ihnen eintraf. Worin willst Du sie denn backen, Tante Alice?« rief Willy ihr entgegen, als sie noch hundert Schritte entfernt war. »In einer Backpfanne« antwortete diese. »Nimm lieber 'nen Waschkessel – zwei Waschkessels,« schlug Toddi vor. »Hast Du jetzt immer noch Sehnsucht nach Hause, Willy?« fragte Frau Burton neckend. »Ich – na – ich glaube, es is am besten, Du erinnerst mich da nich zuviel an,« entgegnete Willy, »sonst krieg' ich wieder Heimweh. Aber was für 'ne Sorte Zuckerstangen soll es denn werden, Tante Alice?« »Syrupstangen,« antwortete Frau Burton. »Die harte Sorte oder die klebrige?« fragte Willy. »Alle beide«, erwiderte Frau Burton. »O wie schön, wie schön!« jubelte Toddi, das Kleid seiner Tante umfassend. »Ich will Dich mal küssen!« »Un' ich will Dich mal tüchtig umarmen,« erklärte Willi. Frau Burton nahm diese angebotenen Sympathiebezeichnungen zum ernsten Nachteil ihrer Toilette gnädig entgegen und bemühte sich dann zwei ungemütliche Stunden hindurch, die Ungeduld ihrer Neffen bis zum Frühstück zu zügeln. An der Frühstückstafel aßen die Kinder fast nichts und verdarben ihrer Tante den Appetit so gründlich, daß die Speisen kaum berührt wurden. Dann wurde Frau Burton von ihren beiden Neffen in die Küche geführt. Dort entspann sich zunächst ein sehr lebhafter Meinungsaustausch über die Größe der zu benutzenden Backpfanne und beim Eingießen des Syrups hielten die beiden Jungen dann so sorgfältig Wache, daß keine Fliege sich heranwagen durfte. Dann zankten sie sich so lange um das Vorrecht, die duftende Masse umrühren zu dürfen, bis Frau Burton entschied, daß sie beide abwechselnd nach der Küchenuhr drei Minuten rühren sollten. Willi erklärte beim Rühren, daß »seine Reihen« nicht länger dauerten als eine Sekunde, aber Toddi beschwerte sich darüber, daß dieselben gar kein Ende nähmen. Dann beteiligten sich beide Jungen an dem kritischen Geschäft des »Zuschmeckens« und endlos lange Jahre schien die Zeit sich auszudehnen, als sie auf das Abkühlen der Masse warteten. Als aber Frau Burton endlich verkündete, daß eine Pfanne fertig zum »Ziehen« sei, da stieg aus jeder kleinen Brust ein tiefer Seufzer der Erleichterung empor. »Nun gebt acht, wie ich die Zuckerstangen ziehe,« sagte Frau Burton, indem sie ihre Finger mit etwas Butter anfettete und dann einem Teil des Teiches aus der Pfanne nahm und in der üblichen Weise auseinanderzog. »Und hier,« fuhr sie fort, indem sie kleinere Portionen abtrennte, »habt ihr jeder ein Stück –« Willi fettete seine Finger sorgfältig, wie er es seine Tante hatte machen sehen, und ging dann vorsichtig daran, seine Zuckerstangen zu ziehen. Toddi aber ergriff seine Portion mit beiden Händen, brachte sie an den Mund und biß herzhaft hinein. Frau Burton sprang im Nu hinzu. »Hör' auf, Toddi, rasch! Das klebt dir ja die Zähne zusammen!« Mit einer Reihe unartikulierter Laute protestierte Toddi, als seine Tante den Teig gewaltsam von seinem Gesicht entfernte. Als er endlich seinen Mund öffnen konnte, rief er: »Will meins nich gezogen haben – es is ja wunnerschön, so wie es is! Bin bange, daß du bloß das beste rausziehst.« »Ihr Jungen solltet Schürzen anhaben«, meinte Frau Burton. »Willi lege 'mal geschwind deinen Teig weg, laufe nach oben und sage dem Mädchen; daß sie dir zwei von Toddi's Schürzen giebt«. Willi eilte nach oben, vergaß aber die erste Hälfte seines Auftrages. Auf dem Rückwege hatte er eben den Fuß der Haupttreppe erreicht, als an der Thür geklingelt wurde. Er legte rasch seinen Teig hin, öffnete die Thür und ließ zwei Damen herein, die nach Frau Burton fragten. »Ich glaube, sie hats ganz eilig mit Syrupstangen zu backen un' kann sich von Damens gewiß nich' stören lassen«, erklärte Willi. »Aber ich will sie mal fragen. Setzt euch nur hin!« Dank jener wunderbaren dem weiblichen Geschlechte eigenen Kunst im Toilettemachen, welche den Männern ewig ein Geheimnis bleiben wird – erschien Frau Burton zehn Minuten später in Gesellschaftskostüm und begrüßte ihre Gäste. Beide erhoben sich, um ihr entgegen zu gehen und mit der einen Dame zugleich erhob sich ein Schaukelstuhl mit Rohrsitz. Derselbe schwebte in der Luft – freilich nur einen Augenblick, denn das Kleid der Dame war nicht zum Möbelrücken eingerichtet, und mit einem scharfen knatternden Laut, weit entferntem Musketenfeuer vergleichbar, nahm ihr Rockschooß alsbald an der Taille mit einem Stoff von anderer Farbe aufgebauschten Schleppkleides an. Die beiden anderen Damen bemühten sich, sie zu befreien, und Frau Burton erblaßte und errötete, als sie die Ursache des Mißgeschickes entdeckte. Da ließ sich Willi auf einmal von der Thür her vernehmen: »Tante Alice, hast du meinen Teig nich' gesehen? Ich legte ihn wohin, um die Damen reinzulassen, un' jetzt kann ich ihn nich wiederfinden.« Ein unwilliger Wink Frau Burtons scheuchte Willi fort; schmollend und murrend zog er sich zurück. Dann wurde die Jungfer gerufen und das Kleid notdürftig ausgebessert. Man lachte eben über das Mißgeschick, als plötzlich von der Küche her ein schrecklicher Lärm ertönte: Geschrei, Hundegebell und ein eigentümliches Geräusch, als ob etwas zu Boden geworfen würde. Der Lärm wurde ärger, unregelmäßige Tritte auf der Küchentreppe ließen sich hören und zuletzt erschien Toddi mit dem am Halsband gezogenen Terry, an dessen Vorderfüßen an einem sich immer mehr verlängernden Tau eine der Pfannen mit dem ungezogenem Teig hing. »Ich dachte, wenn ich ihm Zuckerteig gäbe, würde er netter gegen mich sein«, erklärte Toddi, deshalb jagte ich ihn in eine Ecke und hielt ihm die Pfanne unter die Nase un' sagte ihm, er sollte mal zuschmecken. Un' da steckte er einen Fuß hinein, un ...« Die weitere Erklärung wurde durch Thaten nicht durch Worte gegeben, denn während Toddi erzählte, strampelte der Hund heftig mit den Hinterbeinen, befreite sich von Toddi, suchte die Thür zu gewinnen und schleppte dabei seine süßen Fesseln auf dem Fußboden hinter sich her. Toddi kreischte und suchte ihn zu fangen; dabei trat er auf den Teig, fühlte sich am Teppich festgehalten und brach in Thränen aus. Inzwischen empfahlen sich die Damen und trugen die Geschichte weiter, welche sich schon am nächsten Tage zu dem Klatsch entwickelt hatte, daß Frau Burton so thöricht gewesen wäre, ihre Neffen in ihrem Besuchszimmer und auf ihrem Teppich Zuckerstangen ziehen zu lassen. Was nun die Jungen anbetrifft, so aß Willi nur wenig von seinem Zuckerwerk, während Toddi den größten Teil seines eigenen und desjenigen Willis verzehrte und nur mit großer Selbstüberwindung eine kleine Probe für seinen Onkel aufbewahrte. Als er dann am Abend in fleckenlosem Weiß zum Gebet niederkniete, da benachrichtigte er den Himmel, daß er jetzt wüßte, was Damen meinten, wenn sie sagten, sie hätten mal 'ne recht süße Zeit gehabt. Elftes Kapitel »Wir gehen heim Wir gehen heim Wir gehen heim Und sterben dann nicht mehr« sang Willi am nächsten Morgen im Kinderzimmer und wiederholte diese Worte immer wieder von neuem so viele Male, daß sie zuletzt Eindruck auf Toddi machten. »Is das wahr, was du da singst, Willi?« fragte er. »Was denn?« »Na – das vom Sterben. Müssen denn kleine Jungen nich' sterben, wenn sie eine Zeitlang bei ihren Onkels un' Tanten gelebt haben?« »Ach, natürlich müssen sie sterben, aber ich bin so glücklich un' darum muß ich singen. Der erste Teil is aber wahr, un' der is dreimal so lang wie der andere, un' ich kann an weiter nichts denken als daß wir nach Hause gehen.« »Das is aber schade,« sagte Toddi. »Ich dachte, du sagtest die Wahrheit, dann braucht' ich mir im Grabe keinen Dreck auf die Augen werfen zu lassen, un' nachher kann ich dann nich' mehr in den Himmel raufsehen.« »Da ärgere dich man nich' über«, sagte Willi. »Wenn du stirbst, geht deine Seele gleich in den Himmel un' dann kannst du mit deinen neuen Augen wunderschön von oben runtergucken und den alten Dreck auslachen, der sich einbildet, daß er deine Augen zuhalten kann.« »Will gar keine neuen Augen,« erwiderte Toddi, »kann mit meinen Augen gut genug sehen.« »Aber denk nur mal an, Toddi,« suchte ihn Willi zu überzeugen. »In die Himmels-Augen kann kein Schmutz hinein kommen, die brauchen auch nich' gewaschen zu werden, un' Rauch von Puff-puff-Lokotiven kann da auch nich' rein kommen.« »Is das wahr?« fragte Toddi. »Kann der Rauch da oben im Himmel nich' in die Fenster vom Eisenbahnwagen hineinkommen. »Gott bewahre«, antwortete Willi, »das kann nich passieren, wenn da oben alles ordentlich zugeht. Da giebts überhaupt keine Lokotiven, zu was haben denn die Engel auch Lokotiven nötig, die haben ja Flügel un' können fliegen.« »O du! Ich möchte die Lokotiven ganz gern da oben haben, un' wenn ich auch tausend Flügel hätte,« entgegnete Toddi. »Das gäb' mal 'n Spaß, wenn ich durch alte heiße Tunnels fahrte un' könnte mich dann mit meinen Flügeln kühl wehen.« »Heiß können die Tunnels im Himmel nich' sein,« belehrte ihn Willi, denn heiße Tunnels sind ungemütlich un' im Himmel giebt's nichts Ungemütliches. Ich glaube, da giebt's überhaupt gar keine Tunnels – oder warte mal! – Doch, ganz kleine werden da woll sein, grad' groß genug, daß kleine Jungens da rein- un' rausfahren können.« »Aber du, wie kannst du denn da aus- un' einfahren, wenn da keine Lokotiven sind, die den Wagen ziehen?« Willi überlegte und entgegnete endlich: »Hör', ich will dir was sagen Toddi. Ich glaube, das is eins von den Dingen, wo die Bibel den Leuten nichts von erzählt. Du weißt doch, daß Papa immer sagt, es giebt 'ne Masse Dinge im Himmel, wo der liebe Gott die Menschen nichts von wissen läßt, un' ich glaube, dies is eins von den Dingen.« »Du, ich wollte, es gäbe noch mehr Bibeln als eine«, sagte Toddi nachdenklich. »Es giebt so viele Sachen, wo ich gern über Bescheid wissen möchte.« »Na, einerlei,« rief Willi, »wir gehen heute nach Hause un' das macht mich so voll, daß ich für das allerkleinste Stück Himmel keinen Platz mehr habe. Aber ich möchte wissen, wer uns abholt un' wann mir gehen un' alles das. Laß uns Onkel mal fragen!« »Ja, komm!« rief Toddi. »Wie können wir aber in seine Kammer kommen, ohne Schelte zu kriegen! Ah, jetzt weiß ich's. Mach' schnell, daß ich's nicht wieder vergesse.« Die beiden Kinder eilten nach der Familienkammer und trommelten mit Fäusten und Füßen gegen die Thür. »Die Ouvertüre der Engel,« zitierte Herr Burton, »unwiderruflich letztes Auftreten.« »Sprich nicht so,« schalt Frau Burton. »Ich habe im Traume darüber geweint und bin in der Stimmung, wieder anzufangen.« »Und ich habe große Lust, die Jungen zum Weinen zu bringen,« antwortete der Hausherr erbost. »Kein Scheuern wird die Spuren ihrer Schuhnägel aus dem Thüranstrich herausbringen.« »Laß sie nur nach Herzenslust dagegentreten,« sagte seine Frau wehmütig. »Kein derartiges Merkmal soll durch eine Scheuerbürste entweiht werden. Mir ist zu Mute, als müßte ich im ganzen Hause herumgehen und alles küssen, was sie berührt haben.« »Dann küsse nur den Resonanzboden meiner Geige da, wo die unvergängliche Schramme von Toddis Schuhnagel sitzt und die Erinnerung an deinen letzten Geburtstag nachhält«, erklärte Herr Burton. »Da ist ferner ein wunderhübscher Fleck auf der Politur meines Schreibtisches, da wo Toddi eine Flasche violetter Tinte umwarf. Ich möchte nur, daß deine Küsse den Fleck vertilgen könnten, der nach dem Urteil des Möbeltischlers unvergänglich ist. Ferner findest du einige schmutzige Streifen auf der Tapete neben ihrem Bett, wo sie quer gelegen und den Kopf gegen die Tapete gerieben haben.« »Die sollen da sitzen bleiben – für immer,« entschied seine Frau. »Wirklich? In der guten Fremdenkammer?« fragte Herr Burton. In Frau Burtons Zügen spiegelte sich ein heftiger, innerer Kampf. »Die Möbel können ja umgestellt werden,« antwortete sie dann. Wir können auch einen Schirm davor stellen. Wir wollen jede andere Veränderung im Zimmer vornehmen, aber die teuren Spuren ihrer Anwesenheit sollen da bleiben.« Leider fand keine dieser Aeußerungen zärtlicher Liebe ihren Weg durchs Schlüsselloch, um die Jungen zu beschämen und zur Ruhe zu bringen. Der Lärm wurde sogar noch ärger, bis Frau Burton endlich an die Thür eilte, und den Riegel zurückschob. »Wir sind es!« war die überflüssige Erklärung, mit welcher sich Willi beim Oeffnen der Thür einführte. »Wir möchten nämlich gern wissen, wenn wir nach Hause gehen, un' wer uns abholt, un' wie un' was ihr uns zum Andenken schenken wollt. Aber an Blumen is uns nichts gelegen, die kriegen wir immer von Papa un' Mama, weil wir da 'ne ganze Masse von zu Hause haben. »Obsttorte wäre das Netteste«, schlug Toddi vor, »da muß man gräßlich lange an denken. Als Mama Papa mal fragte, ob er noch an die Obsttorte bei Tante Birch dächte, da sah er ganz betrübt aus un sagte, die könnte er nie wieder vergessen. Sag doch mal Tante Alice, machst du auch was Extrafeines zu Mittag für den Besuch, der wieder weggeht? Mama thut's immer – Mama sagt, Leute, die auf Reisen gehen, müssen gut was zu essen haben.« (Die Entfernung zwischen Villa Burton und Villa Lawrence betrug etwa zehn Minuten.) »Du sollst ein Abschiedsessen haben, lieber Toddi,« antwortete Frau Burton, »und zwar das allerbeste, was ich zubereiten kann.« »Mach da nur ein Frühstück von,« schlug Toddi vor, »vielleicht sind wir heute Mittag schon zu Hause.« »Du sollst nicht eher fort, bis du es verzehrt hast«, beruhigte ihn Frau Burton. »Ich möchte wetten, daß Papa auch ein furchtbar gutes Mittagessen auf uns warten hat, wenn wir nach Hause kommen«, sagte Willi. »So hat es auch der Papa in der Bibel gemacht, un' der hatte doch nur einen einzigen Sohn, der nach Hause kam, un' der war noch dazu recht unartig gewesen.« »Was ist das wieder für eine biblische Geschichte, die der Junge da zu Grunde richtet?« fragte seine Tante. »Tante Alice weiß nicht wovon du sprichst«, sagte Herr Burton. »Erkläre dich 'mal deutlicher.« »Sieh, ich meine den Jungen, dem sein Papa ein fettes Kalb zum Mittagessen braten ließ,« sagte Willi, daß das aber gerade so'n schönes Essen gewesen sein soll, versteh' ich eigentlich nich' so recht.« »Die Geschichte wird immer dunkler,« seufzte Frau Burton. »Erzähle uns die Geschichte genauer, alter Junge,« rief Herr Burton. Wir wissen immer noch nicht, was du meinst.« »Aber so was!« rief Willi, maßlos erstaunt. »Gehört ihr denn zu den bösen Leuten, die ihre Bibeln nich' lesen? Ich dachte, jeder wüßte die Geschichte von dem Jungen. Na – das war so: Es war einmal ein Junge, der kam zu seinem Papa un' sagte, alles was sein Papa ihm noch schenken wollte, so lange er lebte, das solle er ihm nur alles auf einmal geben. Un' sein Papa that das. Sieh! das war mal 'n guter Papa! Da nahm der Junge das Geld und ging auf Reisen un' machte sich lustige Tage. In Tommy Bryants Mama ihrem Besuchszimmer – da hängt ein Bild von alle dem, aber ich finde nich', daß das gerade so lustig is. Da setzt er sich gerade hin un' 'ne ganze Menge Frauen sind um ihn rum un' thun so albern wie Gänse. Aber er mußte mal Geld bezahlen, wenn er Spaß haben wollte und dabei machte er so viel tolle Streiche, daß sein Geld bald alle war. Aber sag doch mal, Onkel Harry, weshalb hat denn nich' jeder so viel Geld, wie er braucht?« »Das ist das große Preisrätsel der Welt,« antwortete Herr Burton, »Frage mich etwas Leichteres.« »Wenn ich erst mal groß bin, dann hab' ich alles Geld, was ich brauche,« versicherte Toddi. »Wo kriegst du denn das her?« fragte sein Onkel mit erklärlichem Interesse. »O, dann bin ich recht brav un' bitte den lieben Gott darum,« antwortete Toddi. »Aber ich möchte wissen, wo der liebe Gott die vielen schönen Sachen aufbewahrt, die er den guten Menschen schenkt, wenn sie ihn darum bitten – Geld un' annere Sachen.« »Natürlich im Himmel, du Schafskopp,« rief Willi. »Hat er denn da 'ne Sparbank un' 'n Spielzeugladen?« fragte Toddi wieder. »Pst – pst –« wisperte Frau Burton unwillkürlich. »Er sagt nur offen heraus, was erwachsene Leute für sich behalten, liebe Frau,« nahm ihn Herr Burton in Schutz. »Erzähle jetzt weiter, Willi.« »Gut. Also er hatte kein Geld mehr un' konnte seinen Papa auch nich' um Geld schreiben, denn da gab's keine Post im Lande. Da arbeitete er für einen anderen Mann, un' der ließ ihn seine Schweine füttern, un' er mußte dasselbe essen, was die Schweine fraßen. Ich weiß aber nich' ob er aus einem Troge aß oder nich'.« »Das ist ja recht schade, daß du darüber im Zweifel bist,« sagte Herr Burton mit Bedauern. »Der durfte doch auch im Dreck spielen, wie die Schweine, nich' wahr?« erkundigte sich Toddi. »Sein Papa war ja weit weg un' konnte ihn nich' schelten.« »Ja, das durft' er wohl,« antwortete Willi, »aber ich glaube, wenn ein kleiner Junge mit den Schweinen zusammen essen muß, dann macht es ihm keinen Spaß, im Drecke zu spielen. Als er nun die Schweine lange Zeit gefüttert hatte, da fiel ihm auf einmal ein, daß es bei seinem Vater im Hause immer genug zu essen gab. Du, Onkel Harry, Jungens sind doch überall ganz gleich, nich' wahr?« »Ich glaube wohl,« antwortete Herr Burton, »die anwesenden Jungen ausgenommen. Aber wie kommst du gerade jetzt zu der Frage?« »Sieh, als er von den Schweinen nich' genug abkriegen konnte, um satt zu werden, da wollte er wieder nach Hause – un' mein Papa sagt, kleine Jungens, die nie zu finden sind, wenn ihre Mamas sie rufen, laufen immer geschwind nach Hause, wenn sie hungrig sind. Sieh, so hat's der Junge in dem fremden Lande auch gemacht. Papa sagt, es stände nich' in der Bibel, ob er seinem Herrn erst sagte, er solle sich 'n andern Schweinejungen nehmen, oder ob er ganz eilig durchgebrannt is. Na, einerlei – er kam bald nahe genug nach Hause, un' da hat er sich gewiß furchtbar geschämt un' hat sich hinten herumgeschlichen, denn auf dem Bilde in unserer dicken Bibel sind seine Kleider ganz zerrissen un' schmutzig. Er wußte ganz gewiß, daß er Schelte kriegte, deshalb wollte er gern durch die Hinterthür ins Haus un' nachher auf sein Zimmer schleichen, ohne daß ihn jemand sähe.« »O Harry,« rief Frau Burton entsetzt, »das ist wirklich schrecklich – das ist Gotteslästerung.« »Die Nutzanwendung allein macht diese biblische Erzählung zu einer heiligen, liebe Frau,« entgegnete Herr Burton, »und du kannst dich darauf verlassen, daß dieser Junge stets herausfindet, worauf es ankommt. Ich wollte, alle Gottesgelehrten besäßen nur die Hälfte seiner Findigkeit. Nur weiter, Willi!« »Also er schlich sich heran, un' wenn er jemand kommen sah, den er kannte, dann versteckte er sich hinter Bäume und Hecken. Da auf einmal wurde er von seinem Papa gesehen. Ich glaube, Papas können überhaupt immer weiter sehen als andere Leute un' haben immer so 'ne Ahnung, wann ihre Jungens kommen un' dann sehen sie gerade so aus, als ob sie immer da gestanden un' auf sie gewartet hätten. Un' dem Schweinejungen sein Papa lief gleich ohne Hut aus dem Hause – so ist er auf dem Bilde in der Bibel – un' faßte un' küßte ihn un' umarmte ihn so fest, daß der Junge an zu weinen fing un –« »Fragte er ihn nich', wo hast du dein Zeug so schmutzig gemacht?« fragte Toddi. »Nein, bewahre,« antwortete Willi. »Un' der Schweinejunge sagte, er wäre ein unartiger Junge gewesen und wollte sein Mittagessen künftig lieber in der Küche essen. Aber das wollte sein Papa nich'. Er zog ihm reines Zeug an un' gab ihm ein Paar neue Schuhe un' steckte einen Ring an seinen Finger.« »Ringe kann man nich' gut essen,« bemerkte Toddi nachdenklich. »Ich hab' mal einen übergeschluckt – ja, das hab' ich – un' der hatte gar keinen Geschmack. Un' da mußte ich alte, häßliche Medizin nehmen un' da kam der Ring heil wieder raus.« »Er gab ihm den Ring doch nich' zu essen, dummer Junge,« rief Willi. »Weißt du, Ringe drücken den Finger immerzu un' dann wissen die Leute, daß die anderen Leute, die ihnen die Ringe gegeben haben, sie auch immer rundum drücken möchten.« Na – un' da schlachteten sie ein ganzes Kalb, denn der Schweinejunge war natürlich furchtbar hungrig, un' dann aßen sie wieder so gemütlich zusammen wie früher. Als aber der große Bruder von dem Schweinejungen hörte, daß sie alle so vergnügt waren, da wurde er ganz böse, denn er war immer ein artiger Junge gewesen un' für ihn war noch nich' mal so viel wie 'ne Theegesellschaft gegeben. Aber sein Papa sagte zu ihm: »O freue dich doch, wir haben ja deinen Bruder wieder gekriegt – da denk doch man an, mein Junge« Mir thuts aber doch gräßlich leid um den großen Bruder, ich weiß ganz gut, wie ihm zu Mut gewesen is, denn wenn Toddi mal unartig is, un' ich nich', da nimmt Papa Toddi gleich auf seinen Schoß un' erzählt ihm was un' küßt ihn, un' dann fühl ich mich ganz einsam un' möchte, ich wär' nich' 'n bischen artig gewesen.« »Und was that denn wohl seine Mama, als sie ihn sah?« fragte Frau Burton. »O«, erwiederte Willi, »ich glaube, sie sagte gar nichts un' sah ihn nur so betrübt an, daß er sich vornahm, sein ganzes Leben lang keine schlechten Streiche mehr zu machen. Un' nachher stellte er sich ganze halbe Stunden lang hinter ihren Stuhl und sah sie an, wenn sie es nich' merkte.« »Und was ist wohl der Sinn der ganzen Geschichte, Willi?« fragte Frau Burton, fest entschlossen, ihrem Neffen wenigstens eine große Heilswahrheit einzuprägen. »Die Geschichte bedeutet,« antwortete Willi, »daß gute Papas immer sehen können, ob ihre unartigen Jungen sich wirklich ordentlich schämen, un' daß es am besten is, wenn sie recht lieb gegen sie sind. Wenn aber Papa's das nich' wissen un' weiter nichts thun als schelten, da können sie lange lauern, da kommen ihre unartigen, kleinen Jungen gar nicht wieder nach Hause.« Frau Burton war etwas bestürzt, und ihr Mann lachte innerlich über diese Schlußfolgerung. Auch Frau Burton fand ihren Gleichmut wieder und kam geschwind auf den Kernpunkt der Sache zurück. »Meinst Du nicht, daß wir aus der Geschichte etwas vom lieben Gott lernen sollen?« fragte sie. »O doch, natürlich,« antwortete Willi. »Gott is der beste von allen Papas un' hat seine unartigen Kinder noch lieber als alle anderen guten Papas.« »Richtig, das sollen wir aus der Geschichte lernen,« sagte Frau Burton. »Na – ich dachte, so viel wüßte doch woll jeder vom lieben Gott,« meinte Willi. »Wenn das so wäre, dann hätte Jesus die Geschichte nie erzählt,« belehrte ihn seine Tante. »Du, ich glaube, die alten Juden mußten sie hören,« rief Willi, »die waren so furchtbar häßlich gegen ihre Kinder un' glaubten, der liebe Gott würde ebenso häßlich gegen sie sein.« »Auch heute noch muß man den Leuten die Geschichte erzählen, Willi,« belehrte ihn seine Tante. »Sie hören sie gern und wissen, wie gut der liebe Gott es mit ihnen meint.« »Mögen sie denn das lieber hören, als daß sie lernen, wie nett sie gegen ihre eigenen Kinder sein sollen?« fragte Willi. »Dann bedanke ich mich vor ihnen. Gut, daß Papa un' Mama nich' so sind. Die sagen, das Geben macht mehr Freude als das Nehmen. Aber Onkel Harry, Du hast uns ja noch gar nich' erzählt, wann wir nach Hause gehen un' wer uns holt.« »Euer Papa holt euch ab, wenn er aus der Stadt zurückkommt,« antwortete Herr Burton. »Wahrscheinlich wird er euch noch mancherlei mitzuteilen haben, ehe ihr nach Hause geht. Ihr Knirpse wißt noch gar nicht, wie ihr euch in Häusern zu verhalten habt, wo kranke Mama's und kleine Wickelkinder sind.« »O doch, das wissen wir woll,« protestierte Willi. »Wir brauchen bloß still zu sitzen und sie anzugucken, so gut wir können.« »Un' dann springen wir alle paar Minuten auf un' küssen sie,« sagte Toddi. »O ja,« rief Willi, »un' streicheln ihnen die Wangen, un' stecken ihnen was Schönes zu essen in den Mund, wie es Papa un' Mama mit uns machen, wenn wir krank sind,« ergänzte Willi gleich darauf. »Un' machen ihnen Musik vor,« meinte Toddi. »Un' geben ihnen Pfennige,« erweiterte Willi das Programm. »Un schütteln ihre Sparbüchse, daß die Pfennige klappern, so wie es Willi für mich that, als ich krank war un' meine Sparbüchse nich' schütteln konnte,« sagte Toddi, seinen Bruder ungestüm umarmend. »Un' bringen ihnen hübsche Sandtorten, ganz fertig gebacken, so wie ich sie Willi mal brachte, auf dem Bett mit zu spielen, als er krank war,« fuhr Toddi fort. »Un' dann kleben wir Bilder an die Wand,« fuhr Toddi unverdrossen fort. »Wir hatten ganze Zeitungen voll Bilder, un' die haben wir da oben in der Dachstube ausgeschnitten un' da steht auch 'ne ganze Flasche Leim –« »O weh, meine Kriegsberichte in Frank Leslies illustrierter Zeitung,« rief Herr Burton wehmütig. »Wir haben sie die nur aufgestöbert? O dieses Liebeskreuz!« »Ne ganze Flasche Leim in Papa's Zimmer, wo mir sie mit ankleben können,« nahm Toddi seine unterbrochene Rede wieder auf. »Un' Mama's Kammer is hübsch rosa, wie die Blätter in meinem Klebebuch, wo die Bilder so hübsch darauf aussehen.« »O diese Vorstellungen der Kinder, wie sie sich angenehm und nützlich machen können, sind staunenerweckend!« rief Frau Burton, als die Jungen bei der Entdeckung des Rasir-Streichriemens ihres Onkels mit einer Ausziehe-Vorrichtung alles andere vergaßen. »Jawohl,« seufzte Herr Burton, »und sie sind trotz ihrer guten Absichten damit ebenso sehr in Irrtum, wie gewisse erwachsene Leute mit ihren Plänen betreffs Kindererziehung, Weltverbesserung und recht vieler anderer Dinge.« »Harry!« rief seine Frau in beleidigtem Ton. »Es sollte keine persönliche Anspielung sein, liebe Frau,« erklärte Herr Burton rasch. »Daran hab' ich nicht im entferntesten gedacht. Beide, Erwachsene wie Kinder, haben die besten Absichten, der Unterschied ist nur der, daß die ersteren sich wundern, weshalb ihre Ideen keinen Anklang finden, während bei den Kindern die Bemühungen von Eltern und Lehrern darauf hinauslaufen, unklare Vorstellungen wie große Sünden zu behandeln. Wie viele Kinder dürften es wohl wagen, die Beglückungspläne, welche Willi und Toddi in der Unschuld ihrer lieben kleinen Herzen eben ersonnen haben, wirklich auszuführen, ohne daß sie für ihre guten Absichten gescholten oder gar geschlagen würden. Ich kenne sehr viele Kinder, aus denen alles gesunde Empfinden, alle Aufrichtigkeit und Herzensgüte herausgescholten und herausgeprügelt würde, bei denen nur die gemeinen Anlagen sich ungehindert entwickeln könnten und zwar aus dem Grunde, weil dieselben in der Jugend noch schlummern und nicht lästig werden!« »Aber Harry, was für ein Prediger du bist – was für ein schrecklicher Prediger!« rief Frau Burton entsetzt. »Und was ist Schreckliches daran?« fragte Herr Burton mit Zeichen jener Entrüstung, die jeder, der seiner Zeit mit seinen Ideen vorausgeeilt ist, häufig empfindet. »Wie kannst du nur behaupten, daß Kindern so häufig derartiges Unrecht geschieht?« fragte seine Frau. »Ach so, das Feststellen der Uebelstände ist natürlich schlimmer als die Uebelstände selbst,« antwortete Herr Burton mit spöttischer Lippe. »Bitte sprich nicht in diesem häßlichen Ton,« bat seine Frau. »So liegt die Sache denn doch nicht, das sind ja Ausnahmen.« Herr Burton beobachtete Stillschweigen und stellte das gute Einvernehmen dadurch wieder her, dann sah sich das Ehepaar unwillkürlich nach den Urhebern diese Debatte um, aber die Jungen waren verschwunden. »Die Sturmglocke ihrer Seelen, die Mittags- oder vielmehr die Frühstücksglocke hat wahrscheinlich geläutet,« mutmaßte Herr Burton, »und ich bin selbst hungrig wie ein Bär. Laß uns hinuntergehen und sehen, was sie in den kurzen fünf Minuten alles angerichtet haben. Das Ehepaar ging in's Speisezimmer, fand aber die Kinder nicht dort. Die Jungfer wurde deshalb ausgeschickt, sie zu suchen. Die Mahlzeit wurde langsam eingenommen, ohne daß die Kinder erschienen. »Laß die Köchin nur noch ein Extragericht bereiten,« sagte Herr Burton, als er aufstand, um seinen Zug zu erreichen. »Der Appetit kleiner Jungen ist ein Kapital, das in kurzer Zeit schreckliche Wucherzinsen bringt.« Frau Burton befolgte den Rat ihres Mannes und beschäftigte sich eine gute Stunde lang mit Haushaltungs-Angelegenheiten. Als sie aber dann erfuhr, daß die Jungen immer noch nicht zurückgekehrt seien, machte sie sich mit eigener Besorgnis auf den Weg, um sie zu suchen. In der Annahme, daß sie von Ungeduld gepeinigt schnurstracks nach Hause geeilt sein könnten, ging sie zunächst nach der Villa ihrer Schwägerin und erkundigte sich bei dem treuen Michel nach den Kindern. »Den Deuwel sind sie hier gewesen,« antwortete Michel. Wir haben uns die ganze Zeit halb blind danach geguckt. Na – hier herum stecken sie nirgends, da können Sie ruhig um' sein. Ich bin bange, daß sie sich verirrt haben,« sagte Frau Burton ängstlich. Michel brach in ein anhaltendes, wieherndes Gelächter aus, brachte sich aber durch allerlei Grimassen und Schlingbewegungen wieder in normale Verfassung. »Entschuldigen die Madame, daß ich Sie auslache, aber bei der heiligen Jungfrau ...! ich kann mir nich' helfen. Wie können Sie nur denken, daß die Jungens sich verirren können? Die können sich ebenso wenig verirren wie'n Geist oder 'n Vogel. Wo die einmal gewesen sind, da finden sie sich zurecht, un' wo sie noch nich' gewesen sind, da kennen sie sich auch schon aus. Sparen Sie sich die Angst bis zur Essenszeit un' glauben Sie sicher, zum Essen sind sie da!« Damit brach Michel von neuem in Gelächter aus und eilte in den Stall um es zu verheimlichen, während Frau Burton beinahe ganz beruhigt nach Hause zurückkehrte. Die Frühstückszeit kam jedoch heran, ohne daß die Kinder an der Tafel erschienen. Frau Burtons Besorgnisse stellten sich in verstärktem Maße wieder ein, und sie eilte wiederum zu Michel und beschwor ihn, die Kinder zu suchen. Beim Anblick mehrerer Landstreicher von unheimlichen Aussehen fiel ihr die Geschichte eines geraubten Kindes ein und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Selbst der skeptische Michel wurde sichtlich unruhig, als er hörte, daß die Kinder den ganzen Tag noch nichts gegessen hätten, und in großer Eile machte er sich beritten. »Wo willst du zuerst hin, Michel?« fragte Frau Burton. »Den Deuwel weiß ich,« rief Michel, »aber finden werde ich sie schon – die Heiligen mögen mir beistehen!« Michel galoppierte von dannen und Frau Burton, welche besorgte, daß ihre Schwägerin alarmiert werden könnte, eilte nach Hause, schickte die Köchin und das Mädchen in verschiedenen Richtungen aus und schlug selbst einen dritten Weg ein, während Michel den Bonbonladen, die Schule, verschiedene Brücken und andere Plätze, an welchen sich Jungen gern aufhalten, nach den Kindern absuchte. Der von Frau Burton eingeschlagene Weg führte einen holperigen, dicht bewaldeten Hügel hinan. Sie blieb häufig stehen, um zu rufen und zu lauschen. Oft wich sie auch beträchtlich vom Wege ab, um zu sehen, ob Figuren, deren dunkle Umrisse sie erspäht hatte, nicht diejenigen ihrer Neffen sein. Beim Näherkommen machte sie aber immer wieder die Entdeckung, daß sie Baumstümpfe oder Gestrüpp für die Gestalten ihrer Neffen gehalten hatte. So wurde der Weg unendlich lang und sie hatte bereits zwei Stunden darauf zugebracht, da erblickte sie auf dem holperigen Wege auf einmal in einiger Entfernung eine bekannte Gestalt, die einen großen, belaubten Ast hinter sich her schleifte. »Willi!« rief sie und lief auf ihn zu. Die kleine Gestalt wandte sich um und Frau Burton war tief erschrocken, als sie das abgehärmte Gesicht ihres Neffen erblickte, dessen große Blässe durch die starr blickenden Augen, durch die geröteten, gedehnten Nasenflügel und die schaalen, festgeschlossenen Lippen noch mehr hervorgehoben wurde. Auf dem Ast aber, sich mit einer Hand fest an einen der oberen Zweige klammernd und mit der anderen ein grüne, zerknüllte Masse festhaltend lag Toddi, über und über mit Staub bedeckt. »Großer Gott, was ist denn passiert?« rief Frau Burton. Toddi richtete sein Köpfchen hoch und erwiederte: »Ich bin ein geschossener Soldat und werde hingebracht, wo die Schützen mich nich' fangen können – so wie's im Kriege is.« Willi fiel jetzt ermattet hin und fing an zu weinen. »Was fehlt Dir, mein Herzensjunge?« rief Frau Burton, kniete neben Toddi hin und nahm ihn auf ihren Schoß. »Au!« antwortete Toddi. »Lieber Willi,« rief Frau Burton jetzt, indem sie Toddi wieder hinlegte und zu seinem Bruder eilte, »was ist euch passiert? Erzähle mir doch.« Mit sichtlicher Anstrengung öffnete Willi Augen und Mund und erwiederte mit recht matter Stimme: »Warte nur bis ich erst ordentlich wieder lebendig bin, dann will ich's erzählen. Jetzt kann ich noch nich' mal sprechen, ich bin so müde, un –« Willi schloß seine Augen wieder. Frau Burton nahm in zärtlich auf, setzte sich auf einen großen Stein, wiegte ihn hin und her, küßte ihn wiederholt und weinte dabei, während Toddi sich auf dem Baume herumdrehte und die Szene mit offenbarer Genugtuung beobachtete. »Du, Tante Alice,« sagte er dann, »es is doch hübsch, geschossener Soldat zu sein.« Willi erholte sich inzwischen, umarmte seine Tante herzhaft und seufzte dann: »Ach, Tante Alice es war schrecklich!« »Erzähle mir mal alles von Anfang an, lieber Willi, wenn du wohl genug bist,« sagte Frau Burton. »Wo seid ihr den ganzen Tag gewesen?« Ich bin fast aus Angst um euch gestorben.« »Sieh' es war so«, fing Willi an, »wir wollten gern etwas Nettes für dich thun, eh' wir nach Hause gingen, weil du so nett gegen uns gewesen bist. Un' als wir da nun über sprachen, da konnten wir uns nich' besinnen, daß du auch nur ein einziges Mal häßlich gegen uns warst. Ich weiß ja woll, daß du's manchmal warst, aber – einerlei wir konnten uns doch nich' mehr auf besinnen.« »Man bloß, daß du immerzu mußt nich' gesagt hast«, ergänzte Toddi. »Ach so«, sagte Willi, »ja, da hat Toddi an gedacht, aber wir meinten zuletzt, daß wir's vielleicht doch nötig hatten. Na – wir konnten also gar nichts Netteres ausdenken, als daß wir dir 'n paar wilde Blumen holten – zahme Blumen hat ja 'n jeder, weißt du. Deshalb meinten wir, wilde wären netter. Un' wir dachten, wir könnten sie noch vor dem Frühstück holen, wenn wir uns 'n bißchen beeilten. Da liefen wir denn gleich bis unten an den Berg, aber da waren keine Blumen, un' da wußten wir nich' was wir machen sollten.« Sonst hätten wir dir Birkensaft mitbringen müssen«, sagte Toddi. »Ja,« sagte Willi, »aber Birkensaft is was zu essen un' nichts zum Besehen, un' wir wollten dir doch was zum Besehen geben, daß du 'n Paar Tage an uns denken solltest.« »Un' da auf einmal rief ich, Farnkraut,« unterbrach ihn Toddi. »Ja, sagte Willi, »Toddi sagte es zuerst«, aber ich dachte es in derselben Sekunde, un' da wächst so wunderschönes Farnkraut oben auf dem Felsen – siehst du's woll?« Frau Burton blickte in die Höhe und schauderte. Die Klippe zu ihren Häupten war hundert Fuß hoch und vielfach zerklüftet, aber aus allen Ritzen überwucherten üppige Farnkräuter mit ihren anmutigen Wedeln das graue Gestein. »Hier wars nicht«, sagte Willi, »es war etwas weiter um die Ecke, wo die Felsen nich' so hoch sind, aber schwerer raufzuklettern. Hier sind wir zuerst raufgeklettert«. »O, ihr bösen lieben Kinder!« rief Frau Burton, Willi mit stürmischer Zärtlichkeit umarmend. »Schon der Gedanke macht mich zittern, daß ihr beiden kleinen Knirpse diese steilen Felsen hinanklettern konntet. Ich werde schon schwindlig, wenn ich euern Onkel Harry dort klettern sehe.« »Wenn wir auf die Berge klettern«, versicherte Toddi, »sind wir keine Kinder, dann sind wir Männer. »Wir fanden 'ne Masse Farnkräuter«, fuhr Willi fort, »warfen sie aber alle wieder weg, weil wir weiter oben immer schönere sahen. Sag mal, Tante Alice, wie geht das zu, daß die Dinge nach oben zu immer hübscher aussehen?« »Ich weiß es«, rief Toddi. »Weshalb denn, Toddi?« fragte Frau Burton. »Weil sie näher am Himmel sind,« antwortete Toddi. »Erzähl' weiter, Willi – ich hör auch gern zu.« »Schön,« sagte Willi. »Zuletzt kamen wir an eine Stelle, wo die ersten Felsen auf einmal aufhören und andere wieder aufsteigen, un' ganz obendrauf standen die schönsten Farnkräuter von allen.« »Un da bin ich zuerst raufgeklettert – ganz gewiß!« rief Toddi stolz. »Ja, das ist er, der liebe kleine Toddi«, bezeugte Willi, indem er seinem Bruder eine Kußhand zuwarf. Ich sagte zu ihm, ich glaubte nich', daß die Farnkräuter da oben schöner wären als die anderen, aber er sagte für Tante Alice macht sie der liebe Gott noch schöner,« un' da kletterte er geschwind hinauf wie 'ne Spinne.« »Ich kam zuerst hinauf,« rief Toddi. »Natürlich,« antwortete Willi, »weil ich überhaupt gar nich' raufgeklettert bin. Na, da oben zog Toddi denn an einem großen Büschel Farnkraut, un' drehte mir dabei den Rücken zu, un' eh' ich nur mal ordentlich hinsah, fiel er in der Luft um und purzelte geschwind wieder runter. Un' da heulte er.« »Weil ich so auf 'ne ganze Masse Steine aufgeschlagen bin, sieh«, sagte Toddi. »Aber das Farnkraut hab' ich nich' losgelassen – hier ist's.« Mit diesen Worten hielt Toddi eine welke, übel zusammengedrückte Masse hoch, die vorher Farnkraut gewesen war. Beim Anblick derselben setzte Frau Burton Willi auf den Stein, eilte zu Toddi, barg das übelzugerichtete Farnkraut in ihrem Busen und gab dem Eroberer desselben ein herzhaften Kuß. »Halte mich noch etwas, Tante,« sagte Willi, »ich fühle mich noch nich' ganz wohl.« »Was machtet ihr denn weiter?« fragte Frau Burton, ihr Pflegeamt wieder übernehmend. »Toddi weinte noch immer un' konnte nich' gehen. Da half ich ihm bis auf den Weg runter, aber er konnte da auch noch nich' gehen.« Frau Burton eilte wieder zu Toddi und untersuchte seine Beine sorgfältig, ohne einen Knochenbruch zu entdecken. »Das Wehweh sitzt ganz unten in meinem Bein un' ganz oben in meinem Fuß,« sagte Toddi, der seinen Knöchel verstaucht hatte. »Un' da heulte er so traurig. »Mama« un' »Papa«, fuhr Willi fort, »es war gräßlich anzuhören. Un' da sah ich den Weg rauf, da war niemand zu sehen, un' da sah ich den Weg runter, da war auch niemand zu sehen un' da sah ich die Seite vor dem Berge runter, da war auch kein Mensch, un' da wußte ich nich', was ich machen sollte, denn ich konnte ja doch nich' so weit fort gehen un' zu Hause Bescheid sagen, wenn der arme, kleine Toddi da so elend lag. Da fiel mir ein, daß Papa mal erzählte, er hätte verwundete Soldaten wegbringen sehen, wenn gar keine Wagen da waren. Da riß ich an einem Baumzweig, um ihn drauf zu fahren. »Aber Willi,« rief Frau Burton, du willst doch nicht damit sagen, daß du den großen Zweig ganz allein abgerissen Haft?« »Ganz allein woll nich'«, antwortete Willi zögernd. »Ich zog an einem Zweig nach dem andern, aber keiner wollte absplittern, da kam mir 'n Gedanke, un' ich kniete neben dem Baum nieder un' erzählte dem lieben Gott alles un' sagte ihm, ich wüßte, daß er den armen, kleinen, kranken Bruder da nich' den ganzen Tag liegen lassen würde, un' er sollte mir doch man den Zweig mit abbrechen helfen, wo ich Toddi drauf ziehen könnte. Un' als ich wieder aufstand, da war ich so stark wie vierzigtausend Pferde. Ich glaube, nachher brauchte mir der liebe Gott gar nich' mehr zu helfen. Un' da zog ich noch einmal an dem Zweige un' knacks! lag er unten. Dann legte ich Toddi obendrauf un' zog ihn fort. Das war aber mal schwer, sag' ich dir!« »Aber Spaß machte es auch,« sagte Toddi. »Bloß nich' wenn da Steine im Wege lagen un' ich kam mit den wehen Stellen dran.« »Ich zog ihn da, wo der Weg weiche Stelle hatte,« sagte Willi, »aber manchmal gab es gar keine weichen Stellen über den ganzen Weg. Un' in mir da hämmerte es ganz furchtbar – die kleine Herzmaschine, weißt du. Ich konnte immer nur zwölf Schritte ziehen, dann mußt' ich halten un' mich ausruhen, un' auf einmal hörte Toddi mit Weinen auf un' sagte, er wäre hungrig, un' da fiel mir ein, daß ich auch hungrig war.« »Aber das Farnkraut haben wir nich' verloren,« sagte Toddi. Frau Burton nahm das Andenken aus ihrem Busen und küßte es. »Hurra! du magst es gut leiden, nich' wahr?« rief Willi. Das is mal schön, na, dann machen wir uns auch nichts aus 'n paar Schrammen un' 'n bischen Wehweh, nich' wahr, Toddi?« »Ne bewahre,« sagte Toddi. »Wenn wir fahren können, wie geschossene Soldaten un' zu Hause Kaffee un' Frühstück zusammen kriegen – dann nich.« »Jetzt braucht ihr euch alle beide keine Sorgen mehr zu machen, wie ihr nach Hause kommt,« sagte Frau Burton. »Bleibt nur ruhig hier sitzen, ich gehe jetzt und lasse euch mit dem Wagen holen.« »Famos!« rief Willi, »das wird mal hübsch, nich' wahr, Toddi? Freust du dich nich', daß du Wehweh hast? Aber sag' mal, Tante Alice, hast du nich' 'n Paar Zwiebäcke in deiner Tasche? »Bewahre nein!« rief die Tante, vorübergehend ihre Zärtlichkeit verlierend. »Schade,« sagte Willi, »ich dachte, du hättest welche. Papa hat immer welche bei sich, wenn er uns draußen sucht, wenn wir so lange von Hause wegbleiben.« Jetzt ließ sich unten vom Wege her Pferdegetrappel hören. »Das wird wohl Michel sein,« sagte Frau Burton. »Er ist fortgeritten, um euch zu suchen.« »Ich glaube aber eher, daß es Papa is,« sagte Willi. »Das is so wundernett an ihm, daß er immer gerade zu der Zeit kommt, wo wir ihn am meisten nötig haben.« »Un' daß er Zwieback mitbringt,« ergänzte Toddi. Das Pferdegetrappel kam langsam näher und schließlich kam Tom Lawrence, die Ahnungen der Kinder erfüllend, um die Biegung des Weges geritten, einen alten Soldaten-Tornister nebst Feldflasche um die Schulter gehängt. »Hurra, Papa!« riefen beide Jungen. Tom Lawrence schwenkte seinen Hut und Toddi rief: »Er hat Zwiebäcke mit – ich sehe den Tornister.« Ihr Vater hielt sein Pferd plötzlich an und stieg ab. Willi eilte in seine Arme, Toddi aber rief: »Papa! Papa! Geschossene Soldaten hast du gewiß lange nich' gesehen, nich wahr?« Dann wurden Toddi und Willi in den Sattel gesetzt, Toddi vorn und Willi hinten. Dann ging's ans Öffnen des Tornisters und es stellte sich heraus, daß derselbe Butterbrote enthielt. Dann versuchten beide Knaben aus der Feldflasche zu trinken und schütteten dabei eine ziemliche Menge Wasser auf ihre Schürzen. Tom aber führte das Pferd vorsichtig am Zügel und Frau Burton ging auf der einen Seite nebenher und hielt eine Hand unter Toddis lahmes Bein, damit der gequetschte Knöchel nicht mit dem Sattel in Berührung käme. Und sie wich nicht aus der Mitte der staubigen Straße, selbst wenn Wagen mit vornehmen Bekanntschaften ihr begegneten. Die beiden kleinen Helden aber vergaßen bald, daß sie Helden gewesen waren und plauderten ebenso kindlich-einfältig, wie andere Kinder es gethan haben würden. Dann wurde das Pferd auf einem Umwege nach Hause geführt, damit keiner die Reisegesellschaft sehen und Frau Lawrence benachrichtigen könnte, daß etwas Besonderes passiert sein müsse. Die Jungen aber wurden durch großartige Versprechungen gewonnen, ihrer Mama nicht eher etwas davon zu erzählen, als bis der Papa ihr eingehend Bericht erstattet hatte. Dann wurden beide auf den Armen ihres Vaters hineingetragen, um ihre Mama zu küssen, und als sie zu Bett gingen, durfte die kleine Schwester mit Erlaubnis der Amme einige Sekunden zwischen ihnen liegen. Die Abend-Ceremonien zogen sich infolge der vereinigten Anstrengungen des Vaters und der Jungen unglaublich in die Länge. Endlich aber kniete Willi nieder und betete: »Lieber Gott, wir sind gräßlich froh, daß wir wieder zu Hause sind, weil doch niemand so gut gegen uns sein kann wie Mama und Papa. Un' ich weiß noch gar nich', wie ich dich dafür danken soll, daß du mich so stark gemacht hast, als ich den Zweig abbrechen wollte. Un' segne Tante Alice, weil sie uns gefunden hat un' segne auch den armen Michel, weil er uns gesucht hat un' hat da weiter nichts als Ärger von gehabt, un' mache die Papas von allen andern kleinen Jungen ebenso wie unsern Papa, damit sie immer gleich kommen, wenn die kleinen Jungen sie nötig haben.« Toddi aber schloß seine Augen und betete: »Lieber Gott ich bin zuerst auf den Berg raufgeklettert – vergiß das nich', Amen!« Zwölftes Kapitel Vierzehn Tage später fand im Lawrence'schen Hause eine Sitzung im engeren Familienkreise statt. Nicht zum Zweck feierlicher Beratung, ganz im Gegenteil! Frau Lawrence sollte zum erstenmal seit vier Wochen wieder am Mittagstisch erscheinen und Herr und Frau Burton waren eingeladen, sich ganz zwanglos an diesem Essen zu beteiligen. Sie brauchten auch nicht zu bereuen, dieser Einladung nachgekommen zu sein, obgleich die beiden Jungen, welchen zur Feier des Tages gestattet war mit den Erwachsenen zusammen zu diniren, eine solche Zungenfertigkeit entwickelten, daß keine andere Person am Tische recht zu Worte kommen konnte. Aber endlich kam doch die Stunde, wo die Jungen ihre üblichen Zubettgehe-Vorbereitungen nicht weiter in die Länge ziehen konnten. Einmal hatten sie ihre Eltern und deren Gäste bereits geküßt, weil sich das ja von selbst verstand, dann zum zweiten Male, um sicher zu sein, daß sie es auch gethan hatten, und endlich zum dritten Mal, um sich zu vergewissern, daß sie auch wirklich niemand vergessen hatten. Dann wurden sie die Treppe hinauf und zu Bett gebracht, aber auch von oben her unterbrachen sie die Gespräche der Erwachsenen wiederholt durch laute Zurufe, Anliegen und Fragen. Als dann ihr Vater sich endlich nach oben bemühte, um ihre letzte Frage zu beantworten, fand er beide Jungen im festen Schlaf. Jetzt widmeten sich die Erwachsenen einander mit der Herzlichkeit vertrauter Freunde, die lange getrennt gewesen sind. Sie sprachen über dieses und jenes, was in der Welt passiert war, und bedauerten, daß so manches nicht Ereignis geworden war, was sich von Rechtswegen hätte zutragen müssen, wenn gewisse Leute ihre vernünftigen Ansichten besäßen. Sie sangen, spielten, kritisierten Bücher, besprachen Gemälde und allerlei Modeartikel, bis schließlich Frau Lawrence die ganze Unterhaltung dadurch auf ein anderes Gebiet lenkte, daß sie ihrer Schwägerin versprach, den auf spezielle Veranstaltung der Jungen von Terry zerbrochenen Stuhl ersetzen zu wollen. »Das laß nur bleiben«, erwiderte Frau Burton, »und sorge lieber dafür, daß die lieben kleinen Schelme derartige Possen nicht etwa Leuten spielen, die sie nicht so lieb haben. Ich verzeihe ihnen von Herzen.« Du glaubst doch nicht etwa, daß sie wußten, was daraus entstehen würde, als sie Terry an den Stuhl banden?« fragte Frau Lawrence. »Gott bewahre!« rief Frau Burton eifrig. »Aber sie haben es doch nun einmal gethan, und es hätte doch ebenso gut irgend wo anders passieren können, bei Leuten, die sie nicht so lieb haben; und was hätten die wohl gedacht?« »Sie meint, daß fremde Leute deine Jungen für ein paar ungezogene Rangen gehalten haben würden, Helene«, erläuterte Herr Burton die Antwort seiner Frau. »Fremde Leute können anderer Leute Kinder überhaupt nicht beurteilen«, erwiderte Frau Lawrence mit beträchtlicher Würde. »Deshalb sollen sie sich auch nicht um sie bekümmern und keine Ansichten über sie äußern. Sie beurteilen die Kinder nicht nach dem, was sie sind, sondern darnach, ob sie sich hübsch ruhig verhalten oder Lärm machen. Man findet ja auch sogenannte Musterkinder, die nie dumme Streiche machen, nie einen Gegenstand von seinem Platze fortrücken, aber das sind schwächliche blutleere Wesen, oder gar Idioten – arme bedauernswerte Geschöpfe. Wie viel Gutes und Liebes bleibt ungethan, was diese hilflosen, beinahe seelenlosen Wesen eigentlich thun sollten, und niemals thun. Aber daran denkt niemand.« »Da hast du die Bescheerung, Alice!« sagte Herr Burton zu seiner Frau. Wahrlich, es ist angenehmer, einer Bärin zu begegnen, der ihre Jungen geraubt sind, als einer Mutter, deren Kinder von unberufener Seite getadelt werden.« »So?« rief Frau Burton. »Wer war es denn, der meiner harmlosen Bemerkung den verletzenden Sinn unterschob, der jede Mutter erbittern muß. Außerdem hast du die Sache durch eine falsch citierte Bibelstelle noch verschlimmert. Wenn ich nicht irre, vergleicht das Sprichwort die Bärin und ihre Jungen mit einem Narren und seiner Narrheit. Willst du solche beleidigende Vergleiche etwa auf deine Schwester und ihre Kinder anwenden?« Aber der größte Aufwand von Beredsamkeit hätte Frau Lawrence nicht darüber hinweggetäuscht, daß in den sorgsam abgewogenen Worten ihrer Schwägerin ein versteckter Vorwurf für sie enthalten war, deshalb sagte sie etwas erregt: »Es thut mir herzlich leid, daß die Kinder bei dir untergebracht werden mußten, aber ich wußte nichts Besseres mit ihnen anzufangen. Ich wollte, Tom hätte die ganze Zeit über zu Hause bleiben und sich ihrer annehmen können. Sollten wir – Tom und ich – einmal vorzeitig sterben, so wünschte ich aufrichtig, daß die Kinder uns gleich nachfolgen könnten, denn nichts ist so schrecklich wie der Gedanke, daß sie von anderen Leuten beständig mißverstanden werden könnten, und daß ihre treuen, kleinen Herzen verhärten und verstocken müßten, weil man ihnen nicht mit Geduld und Liebe begegnet.« »Aber Helene,« rief Frau Burton ihren Sitz wechselnd und eine Hand ihrer Schwägerin ergreifend, »ich würde gern den Augenblick für sie sterben, wenn ihnen das was nützen könnte.« »Ich weiß das, liebste Schwägerin,« sagte Frau Lawrence, die sich wieder beruhigt hatte und sich ihrer leidenschaftlichen Erregung von vorhin etwas schämte, »aber jetzt kannst du das alles noch nicht so recht verstehen – später vielleicht. Niemand hat so viel Verdruß von den Kindern, wie ich, aber das ist nicht ihre Schuld. Ich weiß das und kann's deshalb aushalten – aber niemand anders. Es wäre deshalb thöricht von mir, wenn ich Leuten Vorwürfe machen wollte, die sich über die Streiche der Jungen ärgern, die in der That ärgerlich sind.« »Was fängt man denn am besten mit solchen Jungen an?« fragte Frau Burton. »Man behält sie am besten zu Hause,« antwortete ihre Schwägerin, »damit sie beständig von Vater oder Mutter beaufsichtigt werden und zwar solange, bis sie so alt sind, daß man sich auf sie verlassen kann. Freilich darf dieser Zeitpunkt nicht von der Ungeduld ihrer Eltern oder Erzieher festgesetzt werden, sondern von der Entwickelung der Kinder selbst. »Werde nicht bange, Alice,« sagte Tom. »Meine Frau vertrat derartige Grundsätze bereits, als sie noch gar keine Kinder hatte – sie sind ganz allgemein zu nehmen.« »Jedenfalls sind sie nicht das Resultat der angenehmen Erfahrungen, die meine Kinder bei der besten aller Tanten und bei dem besten Onkel der Welt gemacht haben,« sagte Helene, die Hand ihrer Schwägerin liebkosend. »Wenn ihr hören könntet, wie die Kinder mit vollen Backen euer Lob blasen, so würdet ihr unerträglich eitel werden und euch einbilden, Waisenhäuser beaufsichtigen zu können.« »Um Himmelswillen nicht!« rief Frau Burton entsetzt, was zu Folge hatte, daß Helene ihr die Hand zum Teil wieder entzog. »Da sind nur zwei Kinder in der Familie –« »Drei,« berichtigte Frau Lawrence prompt. »Bitte um Entschuldigung. Natürlich drei!« rief Frau Burton. »Da sind also nur drei Kinder in der Familie, und das sind nicht genug, um ein Kinderasyl mit ihnen zu gründen und ich verspüre nicht die geringste Neigung, für Kinder zu sorgen, die ich nicht kenne und deshalb nicht lieb habe.« »Wie ist es möglich, daß jemand in kurzer Zeit so viel lernen kann?« fragte Tom Lawrence scherzend. »Harry, mein Junge, ich muß dir gratulieren.« »Weil er mich so gut erzogen hat?« fragte Frau Burton mit künstlichem Schmollen. »Nein, der seltenen Weisheit wegen, mit welcher er sich eine Frau erwählte oder auch der besonderen Gunst wegen, die der himmlische Heiratsvermittler ihm zuwandte.« »Harry hat mich überhaupt nicht gewählt,« antwortete Frau Burton, »das that Willi für ihn; deshalb muß die Partie wohl im Himmel beschlossen worden sein. Aber darf ich denn nicht wissen, welche Kenntnisse ich so unverhofft erworben habe? Wenn es unter den Erfahrungen, die ich mit den Kindern machte, solche giebt, deretwegen ich mich nicht gedemütigt zu fühlen brauche, so möchte ich herzlich gern etwas Näheres darüber wissen. Bereits eine Stunde nach ihrer Ankunft war ich im Thal der Demütigung angelangt und bin seitdem eigentlich noch gar nicht wieder herausgekommen.« »Wenn ich nicht befürchten müßte, für einen aufdringlichen Moralprediger gehalten zu werden, so würde ich behaupten, daß man im Thal der Demütigungen sehr wertvolle Entdeckungen machen kann. Aber – ohne zu predigen – du hast in der That eine seltene Entdeckung gemacht, als du dir klar darüber wurdest, daß man Kinder erst lenken kann, wenn man sie lieb gewonnen hat; selbst ein Herz voller Liebe hat ein gut Teil Kummer zu tragen, weil es irrt und fehlt.« »Gar nicht zu reden von der Thatsache, daß Kummer und Liebe den väterlichen Haarwuchs bedenklich zu lichten pflegen« ergänzte Herr Burton. »Derartige persönliche Anspielungen sind unstatthaft, bis ich das Alter von 60 Jahren erreicht haben werde,« bemerkte Tom trocken. »Ich habe gelernt, daß man bei Kindern ohne herzliche Liebe nichts erreicht,« sagte Frau Burton, »aber ich sehe, offen gestanden, nicht ein, daß diese Liebe es notwendig macht, daß wir uns von den Kindern hinteres Licht führen, für Nullen ansehen oder auf der Nase herumspielen lassen und uns so der Autorität im eigenen Hause begeben; das wäre in der That ...« »Da hast du wieder was angerichtet!« flüsterte Herr Burton seiner Frau zu, während Frau Lawrence vor Unwillen errötend mit mütterlicher Würde antwortete: »Verzichtet denn unser aller Vater auf seine Autorität, wenn er uns in unserem kindischen Thun und Treiben gewähren läßt, weil wir in unserer Herzenseinfalt nicht anders handeln können? Jedes Zugeständnis seinerseits aber wird fortschreitende Erkenntnis auf Seiten seiner Kinder zur Folge haben, wenn dieselben redlichen Herzens sind, sind sie das aber nicht, so werden ihnen, so scheint es mir, überhaupt keine Zugeständnisse gemacht. Aber meine Kinder sind wahr und aufrichtig.« Frau Burton wollte eben etwas erwidern, als ihr Mann ihr zuflüsterte: »Laß doch!« Einige Augenblicke herrschte Stillschweigen, dann aber fragte Frau Burton dennoch: »Woran läßt sich denn erkennen, ob man von den Kindern hintergangen wird? Du kannst doch die drolligen kleinen Geschöpfe nicht nach demselben Moralcodex beurteilen, wie das Thun und Treiben der Erwachsenen.« »Ist denn das etwas so besonders Schreckliches, wenn man von einem Kinde hintergangen wird?« fragte Tom. »Sind wir denn stets aufrichtig gegen Kinder? Geben wir ihnen nicht oft ausweichende Antworten, willkürliche Befehle, unfreundlichen Bescheid, nur um uns eine kleine Mühe oder etwas Nachdenken zu ersparen?« »Aber Tom!« rief Frau Burton. »Sicherlich, das habe ich nie gethan!« »Weshalb bist du denn so empfindlich?« flüsterte ihr Mann. »Wenn du fortfährst, immer gleich eine Verteidigungs-Stellung einzunehmen, sobald Tom eine kritische Bemerkung macht, so wird er argwöhnen, daß du lieblos gegen die Kinder gewesen bist.« »Das hat nichts zu sagen,« sagte Tom lachend. »Bedenke nur, Harry, daß sie bereits ein halbes Jahr damit beschäftigt war, einen besseren Menschen aus dir zu machen, ehe die Jungen sie besuchten, und trotzdem bist du noch am Leben,« sagte Helene. »Aber – ernsthaft gesprochen, Tom – du willst damit doch jedenfalls nicht sagen, daß es verkehrt ist, Kinder zum Gehorsam zu erziehen und sie an der Ausführung der dummen Streiche zu hindern, mit denen sie älteren Leuten Verdruß bereiten?« fragte Frau Burton. »Gewiß sollen sie zum Gehorsam erzogen werden,« erwiderte Tom. »Wenn sie aber gleichzeitig die Ueberzeugung gewinnen – und im allgemeinen können sie gar nicht anders – daß sie mehr im Interesse der älteren Leute als zu ihrem eigenen Besten gehorchen müssen, dann wäre es mir lieber, sie lernten gar nicht gehorchen.« »Ich habe immer gehorchen müssen,« erklärte Frau Burton, welche die häufiger vorkommende, aber stets unbewußte Eigenheit besaß, persönliche Erfahrungen als unwiderlegliche Beweise und Beispiele anzuführen. »Findest du, daß sie diese Gewohnheit in alter Stärke bewahrt hat, Harry?« fragte sein Schwager. »Ob ich das finde?« rief der junge Ehemann mit tragikomischer Miene. »Könnte ich dir die Schrecken meiner häuslichen Gefangenschaft entschleiern, so würdest du erkennen, daß es nicht das Kleider tragende Mitglied der Familie Burton ist, welches sich zum Gehorsam bequemt.« »Sicherlich nicht,« bestätigte seine Frau. »Hat er auch nicht versprochen, daß mir das Regiment zufallen soll? Soll ich meine übernommenen Herrscherpflichten etwa vernachlässigen? Ich habe meinen Eltern gehorcht.« »Und hast natürlich nicht daran gezweifelt, daß ihre Befehle weise, notwendig und segenbringend waren?« fragte ihr Schwager. »Tom, Tom!« rief Helene warnend. »Wenn du willst, daß Alice nicht schlecht von anderer Leute Kindern redet, so achte auf das, was du von anderer Leute Eltern sprichst. Spiele nur nicht den Großinquisitor!« »Sei unbesorgt!« sagte Tom rasch. »Ich möchte mir aber für kurze Zeit etwas weibliche Neugier borgen und sie in diesem speziellen Falle auch befriedigt sehen.« »Ich glaube nicht, daß mir die Weisheit der Befehle meiner Eltern immer einleuchtete,« sagte Frau Burton. »Aber wie war das auch möglich? Ich war ja noch ein Kind.« »Uebtest du den schweigenden Gehorsam – aus Ueberzeugung sowohl als durch die That – als du zur Jungfrau herangewachsen warst?« forschte Herr Burton weiter. »Nein, das that ich nicht,« rief Frau Burton. »Aber wie kann ein Kind die Sorgen und Mühen der Eltern besser vergelten als dadurch, daß es sich den Wünschen derselben anbequemt, auch dann, wenn dieselben mit ihren eigenen nicht übereinstimmen.« »Gut gesagt!« rief Harry. »Und was kann ein Ehemann, der sich des rechten Weges bewußt ist, seiner Ehehälfte zu Liebe besseres thun, als daß er sich den Wünschen derselben demütig fügt, und wenn ihre Ansichten auch noch so verkehrt sind?« »Er kann Vernunft annehmen und braucht kein eingebildeter Tropf zu sein!« rief Frau Burton eifrig. »Auch hatte er durchaus nicht nötig, seinem Schwager in die Rede zu fallen, der sich gerade herbeiließ, aus der Fülle seiner Weisheit zu spenden.« »O, danke vielmals, danke sehr!« rief Tom. Ich hoffe, daß diese Ironie meinen Witz etwas schärft, denn du hast mich auf mein Steckenpferd gesetzt, und jetzt muß ich es reiten, bis ich müde bin.« »Sei nicht albern, Tom!« warnte seine Frau. »Ich will's versuchen«, antwortete Tom, »aber man kann auf dieser Welt keine unliebsamen Wahrheiten sagen, ohne ein Narr zu sein, oder wenigstens als solcher verschrieen zu werden.« »Tom soll sagen, was er auf dem Herzen hat; ich befehle es jetzt!« sagte Frau Burton. Ein Lächeln ihrer Schwägerin ließ erraten, daß sie den Herzensergüssen ihres Mannes mit freudiger Erwartung entgegensah. Herr Burton aber fuhr fort: »Kinder – jedenfalls neunundneunzig Prozent von denen, die ich gesehen habe – werden von ihren Eltern wie notwendige Uebel behandelt. Die guten Väter und Mütter würden sich entsetzen, wenn man sie über diese Thatsache aufklärte. Wenn sich ihnen die Erkenntnis derselben aber gelegentlich von selbst aufdrängt, was ja bei Leuten von gesunder Vernunft und gesundem Gefühl häufiger vorkommt, so ist ihnen dieselbe so unangenehm und verwirrend, daß sie sich mit Sitte und Herkommen zu entschuldigen suchen. Wurden sie etwa nicht genau so erzogen? Man findet da wieder einmal die alte Lehre bestätigt, daß aus den früheren Sklaven der grausamste Aufseher und aus dem früheren Knechte der schlechteste Herr wird; aber solche Vergleiche verletzen unseren Stolz und wo bleibt die Selbstachtung, wenn unser Stolz so gedemütigt wird?« »Die arme sündige Menschheit!« seufzte Harry. »Du wirst jetzt bald auf den Sündenfall zu sprechen kommen, Tom. Nicht wahr?« »Sei unbesorgt,« erwiderte Herr Lawrence lächelnd, es ist der Fall anderer Leute, der mir Kummer macht, außerdem ihre Geneigtheit, liegen zu bleiben, wenn sie gefallen sind, besonders ist's die Gemütsruhe, mit welcher sie ruhig daliegen und die armen Kinder erdrücken, die nichts dafür können, daß sie unter ihnen liegen. Adam war so vernünftig, sich in seine frühere ehrenvolle Stellung zurückzuwünschen, aber die meisten Eltern haben nie eine bessere Stellung kennen gelernt, an die sie mit Sehnsucht zurückdenken könnten, und es giebt nur wenige unter ihnen, die sich erinnern können, daß irgend ein Mitglied ihrer respektiven Familien jemals eine derartige Stellung innegehabt hat.« »Aber was muß denn nun derjenige thun, der dem dir vorschwebenden Ideal eines Kindererziehers nachstreben möchte?« fragte Frau Burton. »Muß er jede Ungezogenheit der Kinder ungestraft hingehen und sich jeden Possen von ihnen spielen lassen? Muß er der Beherrschte sein anstatt zu herrschen?« »O nein!« erwiderte Tom. »Er hat eine noch weit schwierigere Aufgabe zu lösen; er muß für die Kinder leben statt für sich selbst.« »Und sich alle gemütlichen Stunden vergällen und alle Pläne durchkreuzen lassen?« fragte Frau Burton. »Jawohl,« antwortete Tom, »es sei denn, daß sie in der That von größerem Wert sind als Leben und Charakterentwicklung der Kinder. Du kamst mit deiner letzten Bemerkung auf den Kernpunkt der Sache zu sprechen, wenn du den für dich allein mal eingehend studierst, so wirst du mehr dabei lernen, als ich dir sagen kann und noch dazu in weit angenehmerer Weise.« »Ich habe keine Lust zu solchen Privatstudien, wenn ich meine Belehrungen bequemer aus zweiter Hand schöpfen kann,« sagte Frau Burton. »Also vorwärts, Tom! Lasse dein Licht weiter leuchten als klassischer Wegweiser auf dem Gebiete der Kindererziehung! Wir wollen versuchen, uns ein Ohr zu verstopfen, damit deine Weisheit nicht zu einem Ohr hinein und zum andern wieder hinausgeht.« »Ich möchte nur noch sagen,« fuhr Tom fort, »daß gerade diese Pläne und gemütlichen Stunden, die, wie Alice sagt, von den Kindern vereitelt werden, Schuld daran sind, daß die heranwachsenden Generationen verkümmern. Das Kind sollte belehrt werden, statt dessen hört es nur Vorwürfe; es sollte ermutigt werden, Wesen und Bedeutung aller jener Dinge kennen zu lernen, die in jedem neuen Jahr unvermeidlich an es herantreten, statt dessen lernt es nur zu bald, daß Kinderfragen ebenso unwillkommen sind wie Steuereintreiber und Zahlungsbefehle. Und es ist erstaunlich, wie wenig dazu gehört, ein Kind so zu gewöhnen, daß es verschlossen und in sich gekehrt jede Gesellschaft meidet, die nicht nachsichtig mit ihm verfährt.« »Um deine Sprößlinge brauchst du dir in dieser Beziehung keine Sorgen zu machen, Tom,« erklärte Herr Burton. »Ich könnte eine ganz hübsche Summe wetten, daß sie stets den Mut ihrer Wißbegier gehabt und nach allem gefragt haben, was sie zu wissen wünschten.« »Sie sind ganz unermüdlich im Fragen«, sagte Frau Burton. »Das soll natürlich kein Vorwurf für die kleinen Lieblinge sein« »Ich freue mich darüber,« erklärte Tom, aber ich hoffe, daß sie nie wieder in die Lage kommen werden, sich bei jemand anders als bei ihren Eltern Auskunft holen zu müssen.« »Aber Tom, wie kannst du nur so sprechen?« sagte Frau Burton vorwurfsvoll. »Ich glaube nicht, daß ich ihnen je eine Antwort schuldig geblieben bin oder ihnen unfreundlich geantwortet habe.« »Davon bin ich überzeugt,« antwortete Tom. »Aber du bestätigst die Regel als Ausnahme – entschuldige diese banale Redensart – und ich habe die Richtigkeit dieser Regel so lange angezweifelt, bis du in die Familie kamst; eine weitere Ausnahme habe ich noch nicht kennen gelernt.« »Darf ich wohl ganz bescheiden daran erinnern, daß ein gewisser Schwager schon lange existierte, ehe die Jungen eine Tante Alice hatten?« scherzte Herr Burton. »Gewiß,« erwiderte Tom, »aber der wurde für seine geringen Dienste bereits so großartig belohnt, daß er füglich unerwähnt bleiben konnte.« In Anerkennung des ihr vom Schwager gemachten Komplimentes nickte Frau Burton beifällig und fragte dann: »Aber glaubst du wirklich, daß allen Fragen der Kinder Wißbegier zu Grunde liegt? Sollten sie nicht häufig Fragen stellen, weil sie eben nichts Besseres zu thun wissen, oder weil sie die Befolgung irgend eines Befehles dadurch hinauszuschieben wünschen, oder auch weil – weil – ?« »Oder rein zum Zeitvertreib, will sie sagen, Tom,« ergänzte Herr Burton. »Das ist schon möglich,« antwortete Tom, »aber es kommt auf die Antworten an, einerlei, aus welchen Gründen die Fragen gestellt werden.« »Welch sonderbare Idee!« rief Frau Burton erstaunt. »Bist du nicht bange, über das Ziel hinauszuschießen?« »Das fürchte ich nicht,« antwortete Tom gleichmütig, »aber vielleicht wird es mir gelingen, mich deutlicher auszudrücken. Besuchst du die Kirche?« »Regelmäßig jeden Sonntag,« – antwortete Frau Burton prompt. »Und natürlich stets mit den andächtigsten Empfindungen. Du ertappst dich wohl nie darüber, daß dein Geist sich mit eitlen Fragen abmüht oder von vorwitzigen Zweifeln gequält wird – daß dir die innere Sammlung fehlt oder deine Gedanken sich im Kreise jagend wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren ohne Zweck und Ziel?« »Wie gut du die Qualen eines ruhelosen Gemütes zu kennen scheinst, Tom!« rief Frau Burton verwundert. »Hoffentlich hast du sie nicht aus eigner Erfahrung kennen gelernt?« »Ich wollte, ich hätte das nicht,« erwiderte Tom. »Aber ich setze den Fall, daß du das Gotteshaus doch zuweilen in ähnlicher Gemütsstimmung betratest, und frage dich: hast du denn beim Anhören der Predigt nie deine Gemütsruhe wiedergefunden, nie die häufig vorkommende Erfahrung gemacht, daß der Geist gerade in solchen Augenblicken der Schwachheit, Unentschlossenheit, inneren Leere und Ratlosigkeit, oder wie du diese Geistesverfassung nennen willst, außerordentlich empfänglich für alles wirklich Wertvolle ist, was sich ihm darbietet?« Frau Burton überlegte und gab ihre Zustimmung durch Stillschweigen zu erkennen; aber sie war mit dieser Erklärung offenbar nicht ganz zufrieden, denn sie fragte von neuem: »Du glaubst also, daß Kinder sich stets so benehmen, wie sie sollen, daß sie nur himmlischer Eingebung folgend ihre Fragen stellen und daß jede Arglist ihnen fernliegt?« »Auch Kinder sind Menschen und menschlicher Schwachheit voll«, antwortete Tom »aber alle erwachsenen Leute – die Anwesenden natürlich ausgenommen – sollten aus Erfahrung wissen, wie wenig böser Wille in den lästigsten Kindern steckt. Allerdings ahmen die Kinder die Fehler älterer Leute nach und erben – es schmerzt mich, es sagen zu müssen – die Schwächen ihrer Vorfahren, aber trotzdem wird jeder Beobachter der Kinder, welcher sich selbstlos dem Wohle derselben widmet, darüber staunen müssen, daß sie so wenig Fehler zu haben scheinen. Ich gestehe übrigens, daß salomonische Weisheit dazu gehört, um zu entscheiden, ob die Kinder aufrichtig sind oder mit Hintergedanken kommen.« »Und kannst du uns mitteilen, woher die salomonische Weisheit zu diesem Zwecke beschafft werden kann?« fragte Frau Burton. »Vermutlich aus derselben Quelle, aus welcher Salomo sie schöpfte, erwiderte Tom, »aus einem reinen, selbstlosen Herzen und aus dem Beistande des Allmächtigen, welcher die, so reines Herzens sind, schnell zu finden und ihnen zu helfen weiß. Da es aber viel bequemer ist, der Selbstsucht und ihrem Zwillings-Dämon, dem Argwohn zu vertrauen, so kann nur eine allgütige Vorsehung die Kinder vor Besserungsanstalten und Zuchthäusern bewahren.« »Aber die Autorität der Erwachsenen – ihr Recht, unbedingten, schweigenden Gehorsam zu verlangen. –« »Diese Autorität« unterbrach sie Tom mit ungewohnter Heftigkeit, »bedeutet die unseligste, unwürdigste Tyrannei, von welcher die Welt jemals heimgesucht wurde,« sie gab den alten Römern Gewalt über Leben und Tod ihrer Kinder und besudelte mehrere Blätter der heiligen Schrift mit häßlichen Schandflecken. Heute steht die Sache noch schlimmer, denn damals war diese Autorität hauptsächlich für die leibliche Wohlfahrt verhängnisvoll, aber jetzt, ich sage euch, fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten – entschuldige das freie Citat – fürchtet euch vielmehr vor denen, die Leib und Seele verderben können, in die Hölle! Du bist doch orthodox, so viel ich weiß.« Frau Burton schauderte, aber ihr Glaube an die Rechte der Erwachsenen, den sie von einer langen Reihe von Vorfahren ererbt hatte, die bis zu Adam, oder, wenn die Gelehrten es vorziehen sollten, die unerfreuliche Kette der sündigen Menschen noch weiter zurück zu verfolgen, bis zur Urzelle zurückreichten, war stärker als ihr Entsetzen und wurde des letzteren in kurzer Zeit Herr. »Erwachsene haben also keine Rechte, die von den Kindern respektiert werden müssen?« fragte sie. »O doch, sie haben das Recht, wieder gut zu machen, was bei ihrer eigenen Erziehung gesündigt wurde, und zwar gut zu machen zum Wohle derjenigen Geschöpfe, für deren Dasein sie allein verantwortlich sind. Kannst du dir ein größeres Verbrechen denken, als eine Seele ohne ihren Wunsch und Willen ins Leben zu rufen und sie sich dann zum Sklaven zu machen statt zum Freunde?« »Um Himmelswillen, Tom! Du fängst an fürchterlich zu werden!« rief Frau Burton. »Man sollte meinen, daß alle Eltern ein Haufen gottgewollte Ungeheuer sind!« »Sie sind etwas Schlimmeres als das,« erwiderte Tom, »sie sind gedankenlose Leute voll Selbstgerechtigkeit, die in dem Ruf der Ehrbarkeit stehen. Wirklich schlechte Subjekte werden bald abgefaßt und auf gesetzlichem Wege unschädlich gemacht, aber es sind gerade die ehrbaren, unbewußten Uebelthäter, die am meisten Elend und Herzeleid in die Welt bringen.« »Und du würdest also vorschlagen,« fragte Alice weiter, »daß man sich den Kindern zu Gefallen lieber einem lebenslänglichen Martyrium widmet, als daß man sie so erzieht, wie man sie haben will?« »Doch nicht,« antwortete Tom. »Ich würde vorschlagen, jeden Tag ein neues Leben anzufangen um zu lernen, was das Leben eigentlich sein soll. Dann werden die Kinder auch nach einem Ideal erzogen werden. Dieselben sind aber in meinen Augen weder ein notwendiges Uebel noch ein angenehmes Spielzeug, sondern ich beurteile sie nach dem, was sie einst sich selbst und der Welt sein werden, die so dringend guter Männer bedarf.« »Und guter Frauen,« fügte Frau Burton hinzu. »Ich glaube, du hast dein Töchterchen ganz vergessen, du herzloser Bösewicht.« »Ich bin mit deiner Verbesserung einverstanden,« sagte Tom, »aber ich möchte betonen, daß ich sie nicht selbst gemacht habe, denn die Welt hat schon mehr gute Frauen, als sie zu schätzen weiß.« »Himmel! Was wird die arme kleine Maus für eine Menge Erziehungsversuche über sich ergehen lassen müssen!« rief Frau Burton. »Aber freilich, du nennst das ja nicht Erziehen, sondern Selbstaufopferung; du wirst voraussichtlich bereits im ersten Lebensjahre des süßen Geschöpfes den Rest deines Haarschmucks verlieren und um zehn Jahre altern.« »Das sollte mich allerdings nicht wundern,« antwortete Tom mit so finsterm Gesichtsausdruck, daß die Heiterkeit, welche die Bemerkungen seiner Schwägerin erregt hatte, sich gleich wieder legte. »Bester Schwager,« fragte jetzt Frau Burton »hast Du sonst noch etwas in petto?« »Noch eins, und das ist positiv das letzte: Wir, die wir stark sind, sollen die Gebrechen der Schwachen ertragen und nicht nur an unser Vergnügen denken. Ich nehme wieder an, daß du orthodox bist.« Herr und Frau Burton blickten gerade sehr ernst drein, da ertönte plötzlich der Ruf »Papa!« Tom sprang auf, seine Frau sah etwas ängstlich aus und das junge Ehepaar sah sich lächelnd an. Der Ruf wiederholte sich diesmal lauter, und als Tom die Thür öffnete, kam eine kleine weiß gekleidete Gestalt zum Vorschein. »Papa, ich kann nich' einschlafen,« klagte Willi, seine Augen einen Augenblick vor dem Lichte schützend. »Ich habe dich so lange nich' gesehen, daß ich auf deinem Schoß sitzen muß, bis ich einschlafen kann.« »Komm zu deiner Tante, Willi,« sagte Frau Burton. »Dein armer Papa ist ganz müde. Du kannst dir gar keinen Begriff von der sauren Arbeit machen, mit welcher er sich schon eine ganze Stunde abgemüht hat.« »Papa sagt, es ist eine Erholung für ihn, mich auf den Schoß zu nehmen,« erwiderte Willi, seinen Vater umarmend, während die Burtons stillvergnügt zuschauten. Da rief auf einmal eine andere Stimme auf dem Korridor »Papa!« Papa!« Abermals eilte Tom an die Thür, diesesmal mit Willi auf dem Arm, und als er die Thür öffnete, kam Toddi auf Händen und Knieen hereingebrochen. »Das alte Bett war ganz leer, bloß ich war noch drin,« erklärte er sein unerwartetes Erscheinen, »un' da bin ich die Treppe untergekrochen, weil ich nich' länger einsam sein wollte, un' ich bin auch ganz leer un' möchte was essen.« Seine Mutter ging in das Speisezimmer und kehrte mit einem Stückchen leichten Kuchen zurück. »Da sind alle meine guten Lehren vergeblich gewesen!« seufzte Frau Burton. »Was habe ich mir nicht für unendliche Mühe gegeben, die Kinder darüber aufzuklären, daß es schädlich ist, zwischen den Mahlzeiten zu essen, besonders Kuchen!« »Schade, daß deine Bemühungen stets damit endeten, daß du sie alles essen ließest!« spottete Herr Burton. »Das Essen zwischen den Mahlzeiten,« sah sich Herr Lawrence zu bemerken veranlaßt, »ist das kleinere von zwei Übeln, wenn ein kleiner Junge mit verstauchtem Knöchel bei schmaler Kost im Bette gehalten wird. Jetzt komme ich beinahe auf mein altes Thema zurück. Weißt du denn nicht, daß die meisten Ungezogenheiten der Kinder dadurch entstehen, daß man ihre körperliche Pflege vernachlässigt?« »Um Himmelswillen, habe Mitleid mit mir!« rief Frau Burton. »Ich bin bereits fest überzeugt, daß ich von Kindern überhaupt gar nichts verstehe, und wenn du mir noch eine Vorlesung hältst, so werde ich völlig konfus und lerne gar nichts dabei.« »Nimmst du denn Unterricht, Tante Alice?« fragte Toddi, der ein Wort der Unterhaltung aufgeschnappt hatte. »Aus was für'n Buch lernst du denn?« »Aus einer Fibel«, erwiderte seine Tante, »aus dem allerersten kleinsten Abc-Buch.« »Aber Tante, kannst du denn noch nich' lesen?« fragte Willi. »O doch«, seufzte Frau Burton, »aber unser Wissen ist Stückwerk und obendrein vergänglich.« »Aber die Liebe höret nimmer auf,« setzte Helene hinzu. »Wenn du gern was wissen willst«, sagte Willi zu seiner Tante, »so frage nur meinen Papa. Von ihm kannst du alles lernen, was du wissen möchtest, und wenn du auch noch so schrecklich dumm bist.« »Besten Dank für den Rat und das Kompliment!« erwiderte seine Tante. »Das letztere scheint mir sehr am Platze zu sein, denn ich bin in der That ganz konfus geworden. Ich hätte mir bis heute nie träumen lassen, wie weit man sich selbst verleugnen muß, um wenigstens etwas vorzustellen.« Jetzt belegten die Kinder ihren Vater mit Beschlag und setzten sich jedes auf eins seiner Knie. Tom ließ sie reiten, plauderte leise mit ihnen und summte eine Melodie vor sich hin. Bald aber stimmte er mit lauter Stimme ein Lied an, und da dieses zufällig ein Rundgesang war, fiel sein Schwager mit ein, und da das Lied die Erinnerung an alte Freunde und froh verlebte Stunden weckte, so wurden die Stimmen lauter und lauter. Da konnten auch die Damen dem gegebenen Beispiele nicht widerstehen und sangen nach besten Kräften mit, bis sich endlich eine sehr dünne, schrille Stimme über ihnen hören ließ. »Pst! Das Baby ist wach!« rief Frau Lawrence. Eine Reihe weiterer Schreitöne erbrachten den unleugbaren Beweis, daß die Mama richtig vermutet hatte. Sie wollte eben instinktiv nach oben eilen, als sie von dem Arm ihres besorgt dreinschauenden Mannes zurückgehalten wurde. Frau Burton aber rief: »O, laß sie doch herunterbringen, liebste Helene, bitte!« Jetzt wurde die Amme gerufen und erschien bald mit einem winzigen, aus Flanell, Leinen, einem rosigen Gesicht und rosigen Fingern bestehenden Bündel. »Geben Sie sie mir!« bat Frau Burton und erhob sich, um das Kind in Empfang zu nehmen, aber dieses ließ ein deutliches »A–h« hören und wurde alsbald von seiner Mutter auf den Arm genommen. Dann bemühte sich das Baby nach Kräften, sich am Busen der Mutter zu verstecken und die Mutter suchte ihm das so viel wie möglich zu erleichtern. Als sich dabei ganz zufällig ein kleines, rosiges Füßchen aus seiner Hülle hervorstahl, rückte Frau Burton geschwind mit ihrem Stuhl näher heran und deckte das Füßchen mit beiden Händen zu, obgleich es viel zweckmäßiger und bei weitem nicht so umständlich gewesen wäre, daß Füßchen wieder unter die gewohnte Hülle zurückzuschieben. Dann mußten die Jungen näher an die Schwester herangesetzt werden, so daß sie dieselbe berühren und ihr Gefühlsäußerungen entlocken konnten. Dann machte Harry Burton die Entdeckung, daß er ganz weit ab von all den anderen saß und rückte er dann mit seinem Stuhl näher an die Familiengruppe heran, um nicht ungesellig zu sein. Das Ehepaar Lawrence begann dann allgemach sehr glücklich auszusehen, während das Ehepaar Burton immer feierlicher dreinschaute. Zuletzt fanden sich die Hände des letzteren unter den herabhängenden Hüllen des Babys und ihre Augen begegneten sich, und die Augen Frau Burtons waren voller Thränen und die ihres Mannes voller Zärtlichkeit. Dann brach Willi, welcher diese Vorgänge beobachtet hatte, das Schweigen mit den Worten: »Tante Alice, weshalb weinst Du denn?« Da sahen sich alle sehr verlegen an, bis Frau Lawrence sich über ihr Kind beugte und ihrer Schwägerin einen herzlichen Kuß gab. Bei diesem Geschehnis erhoben sich die beiden Männer plötzlich und Tom Lawrence fand Gelegenheit, Harry Burton mit einiger Feierlichkeit die Hand zu drücken. Dann gab das Baby den Bitten seiner Tante nach und ließ sich einen Augenblick von ihr halten, und den Herren wurde mitgeteilt, daß, falls sie zu rauchen wünschten, dies im Rauchzimmer zu geschehen habe, da die junge Mutter Zigarrenrauch noch nicht ertragen könne. Dann zogen sich die beiden Herren ins Rauchzimmer zurück und starrten sich über ihre Cigarren weg so verlegen an, als ob sie sich noch nie vorher gesehen hätten, aber die Damen plauderten so vertraut mit einander, als ob sie Zwillingsschwestern und noch nie von einander getrennt gewesen wären. Dann wurden die Jungen von den beiden Herren wieder zu Bett gebracht, und als die letzteren sich nach wiederholten Gutenacht-Küssen wieder zurückziehen wollten, fragte Toddi: »Du Papa, Mama hat doch unser Schwesterkindchen nicht an Tante Alice verschenkt?« »Nein, alter Bursche,« antwortete Tom. »Schwesterkindchen soll weiter keiner haben als wir,« erklärte Willi. »Aber wenn es doch jemand anders kriegen soll, dann soll Tante Alice es haben. Weißt Du, ich glaube, sie betete zu ihm, sie machte grad' so'n Gesicht.« Die Herren blinzelten einander zu und zum zweiten Mal drückte Tom seinem Schwager die Hand. Einige Monate später wurden die Besorgnisse der Jungen durch das Erscheinen eines kleinen weiblichen Gastes im Burton'schen Hause zum Schweigen gebracht. Derselbe that so, als ob er ganz zu bleiben gedächte und heilte Frau Burton im Laufe der Jahre von ihrem Wahn, daß Verwandte das Talent besäßen, anderer Leute Kinder zu erziehen.