Ludwig Tieck Der Aufzug der Romanze. Prolog zum Kaiser Octavianus. Einleitung des Herausgebers Tiecks zweites dramatisches Hauptwerk, von dem wir nur den Prolog »Aufzug der Romanze« abdrucken, und das der Dichter nicht ohne Berechtigung darum an die Spitze der ganzen Sammlung seiner »Schriften« (1828) stellte, »weil es seine Absicht in der Poesie am deutlichsten ausspricht«, das »Lustspiel« (wie er es sonderbar genug nannte) »Kaiser Octavianus«, erschien im Juni 1804 Jena, bei Fr. Frommann. Eine »Ankündigung« des Verlegers, die auf S. 500 ff., den letzten Blättern des 32. Bogens, steht, ist »Jena, im Juny 1804« datiert. im Druck. Nach des Verfassers eigner Aussage »Schriften«, Bd. 1, S. XXXVIII. ward es schon im Frühling 1801, also noch vor dem »Runenberg«, begonnen und nach 18 Monaten beendigt. Damit kann aber nur die Vollendung der Arbeit im großen und ganzen gemeint sein, während die Einsendung zum Druck sich noch um ein Jahr verzögerte. Tieck selbst berichtet, A. a. O., S. XL. er habe im »Octavian« »vieles oft geändert und umgearbeitet, vorzüglich den Prolog«, und verschiedene Zeugnisse beweisen, daß die Dichtung allerfrühestens im Herbst des Jahres 1803 völlig abgeschlossen worden ist. Die lyrischen Stellen des Dramas, die Tieck unter seine »Gedichte« aufnahm, sind von ihm selbst im »chronologischen Verzeichnis« »Gedichte«, Bd. 3, hinter dem »Vorwort« und »Inhalt des dritten Teils«. mit den Jahreszahlen 1801, 2 und 3 bezeichnet. Das älteste Zeugnis für die Entstehungszeit des »Octavianus« findet sich in einem Briefe Dorothea Veits, die von Jena aus am 17. Dezember 1801 an den Dichter schreibt: »Ich möchte Ihnen gern alles sagen können, welche innige Freude Sie mir mit dem ›Octavian‹ gemacht. Frommann hat ihn mir vorgelesen. Ich danke Ihnen tausendmal dafür. Wie habe ich wieder Ihre ganze Liebenswürdigkeit, die Tiefe und die Glorie Ihrer Kunst und Ihrer Ziele so gefühlt.« Damit kann indes nur der erste Teil gemeint sein, denn Karoline Schlegel meldet, gleichfalls aus Jena, am 14. Januar 1802, Tieck habe Manuskript von »Kaiser Octavian« geschickt, am 15. Februar, er habe noch nichts weiter geschickt. Friedrich Schlegel berichtet an seinen Bruder aus Dresden am 1. März, daß der »Octavian« noch nicht fertig sei. Vierzehn Tage später, am 15. März 1802 Bei Holtei, »Briefe an L. Tieck«, Bd. 3, S. 283, steht freilich 1803, und die Handschrift (mit andern Briefen W. Schlegels an Tieck und dessen Bruder und Schwester auf der königl. Bibliothek zu Dresden aufbewahrt) kann allerdings so gelesen werden; der ganze Inhalt des Briefes aber beweist unwiderleglich, daß dieser 1802 geschrieben sein muß.] schreibt Wilhelm Schlegel von Berlin aus an den Dichter: »Am Sonnabend Mittag ist Dein Brief angekommen, und ich habe noch gleich an demselben Tage den ›Octavian‹, deinem Auftrage gemäß, an Frommann mit einem Briefe abgeschickt... Melde doch..., ob die zweite Hälfte des ›Octavian‹ bald nachfolgen wird.« Daraus ergibt sich, daß auch Karolinens Worte vom 18. März: »Ich habe nun den ›Octavian‹ wirklich schon im Hause«, sich nur auf den ersten Teil beziehen können. Und selbst an diesem wurde vermutlich noch mancherlei geändert. Wenigstens ist die berühmte Glosse am Schlusse des »Prologs« im chronologischen Verzeichnis der Gedichte mit der Zahl 1803 bezeichnet. Die Freunde warteten lange vergebens auf den Abschluß des ganzen Werkes. »Es wäre wirklich«, mahnt W. Schlegel am 15. Februar 1803 den säumigen Dichter, »jetzt an der Zeit, daß Du einmal wieder ein großes Kunstwerk aufstelltest, und je länger Du es aufschiebst, je schwerer wird dir die Vollendung werden. Wenn Du einen Teil des Manuskripts um die Mitte März und das übrige Ende März hinschickst [an Frommann], so kann es gewiß noch auf die Messe fertig werden. Welchen Triumph alle deine Freunde haben würden, brauche ich nicht erst zu sagen.« Aber noch sieben Monate später klagt er in einem an Schleiermacher gerichteten Briefe vom 26. September 1803, der erste Teil des »Octavian« liege immer noch fertig gedruckt bei Frommann und warte auf den zweiten, nun angefangenen. So sehen wir, daß die Arbeit an dieser Dichtung sich recht im Gegensatz zu der schnell vollendeten »Genoveva« über länger als dritthalb Jahre hin erstreckte. Mancherlei Hemmungen waren daran schuld: Gemütsbewegungen, verursacht durch den Tod seiner beiden Eltern und die lebensgefährliche Erkrankung seiner Schwester, Nachwirkung des Schmerzes über Hardenbergs Tod, Mißstimmung über Angriffe litterarischer Gegner, Anfälle von tiefer Melancholie, körperliche Leiden, dazu äußere Störungen, wie die Übersiedelung von Dresden nach Ziebingen im Spätjahr 1802, die Sommerreise mit Burgsdorff im nächsten Jahre, endendlich anderweitige litterarische Beschäftigungen, wie die Herausgabe von Hardenbergs Nachlaß, das Studium der altdeutschen Poesie, dessen Frucht unter anderm die bereits 1803 erschienenen »Minnelieder« waren, Entwürfe und Anfänge eigner Dichtungen. Vgl. unser »Chronologisches Verzeichnis« am Schlusse des 3. Bandes. Über seine Bekanntschaft mit dem Stoffe erzählt Tieck: »Schriften«, Bd. 1, S. 37 ff. »In Hamburg fand ich [im Jahre 1800] auf einem Wege durch die Stadt [bei einem Antiquar] das Volksbuch vom ›Kaiser Octavian‹. Ich glaubte jene Volksbücher alle zu kennen, und doch war mir dieses neu. Ich nahm es auf meinem Spaziergang mit zu Rainville, einem Gasthof und Belustigungsort der Stadt, wo ich eine Gesellschaft von Freunden erwartete. Im Freien sitzend, wo man die schöne Aussicht über den breiten Strom hat und Schiffe kommen und wegsegeln sieht, las ich in meinem Büchelchen. Mich erfreute der Reichtum dieser Erfindung; die vielen heitern und seltsamen Gestalten ergötzten meine Phantasie, und das ganze buntgeflochtene Gewebe ward mir so lieb, daß in diesen behaglichen Stunden fast schon der Plan fertig wurde, wie es dramatisch auf neue Weise bearbeitet werden könne.« Ebenda heißt es unter anderm weiter: »Mir waren seitdem die poetischen Werke des Mittelalters bekannter geworden; es war in Deutschland vom Charakter des Romantischen so viel die Rede gewesen, und, von Calderon Vgl. die Anmerkung 1 zu S. 171. für die allegorische Poesie begeistert, versuchte ich es, in diesem wundersamen Märchen zugleich meine Ansicht der romantischen Poesie allegorisch, lyrisch und dramatisch niederzulegen.« Wir erfahren dann, daß der Prolog Der Entwurf zu diesem und der größte Teil der Ausführung fällt zweifelsohne schon ins Jahr 1801, die Vollendung aber, wie aus dem vorher Gesagten erhellt, erst in den Anfang 1803. bestimmt war, diese Absicht deutlich anzukündigen, daß nicht nur die Romanze.(d. i. die romantische Poesie in Person) im Prolog und im ersten Teil des Gedichtes, sondern sogar Personen, für deren Schicksale und Charaktere wir uns interessieren sollen, nämlich die Kaiserin Felicitas und die schöne Sultanstochter Marcebille, »zugleich die dichterische Ansicht der Poesie und Liebe aussprechen« sollen, daß sich »die Allegorie und das Bild der Rose und Lilie« durch das ganze Gedicht ziehen, ja, daß dieses Gedicht in seiner reichen, regellosen, lyrisch-phantastischen Fülle »selbst die Rose abspiegeln« solle, »die es verherrlicht«. Diese Allegorisierung des Ganzen aber, an der der Dichter selbst so viele Freude fand, mag wohl der Hauptgrund sein, weshalb einem beider Lektüredes Gedichtes, ungeachtet der berauschendsten Schönheiten im einzelnen, nicht recht wohl wird, weshalb dieses Erzeugnis, in dem Tieck die ganze Pracht und Lieblichkeit seiner Sprache in allen möglichen Versmaßen sich ergießen läßt, in das er Stimmungsbilder von wahrhaft hinreißender Macht verwoben hat, als Ganzes ein verfehltes Werk, mindestens ein verfehltes Drama ist; und ein Drama sollte es doch sein, obwohl es dazu schon eines festen Planes ermangelt. Überdies hat es unter der Hand eine so gewaltige Ausdehnung gewonnen, daß es in der ersten Ausgabe 498, in den »Schriften« 421 Seiten füllt. Schon aus äußern Gründen hätten wir demnach darauf verzichten müssen, den ganzen »Octavian« unsrer Auswahl einzuverleiben, selbst wenn dazu nicht die Erwägung getreten wäre, daß eine allegorisierende Dichtung von solchem Umfang heutige Leser schwer zu genießen vermöchten, sowie die andre, daß – trotz der Erweiterung des Gesichtskreises durch Bilder aus dem märchenhaften Orient und durch derben Humor – doch im wesentlichen alle hier erklingenden Töne schon in der »Genoneva« angeschlagen sind, die wir ja aufgenommen haben. Wir sind deshalb dem Vorgang Weltis »L. Tiecks ausgewählte Werke«. Mit einer Einleitung von L. Welti, Stuttgart o. J., Bd. 2. gefolgt und haben den Prolog: »Der Aufzug der Romanze«, den Tieck dem eigentlichen Drama vorausschickt, hier eingereiht, da er auch in sich ein abgerundetes und in seiner räumlichen Beschränkung genießbares Kunstwerk, ja unleugbar ein Prachtstück dichterischer Allegorie ist, dem nur etwas mehr greifbare Handlung zu wünschen wäre. Erwähnt sei noch, daß dieser Prolog bei der Tieck-Feier am 31. Mai 1833, dem 60. Geburtstage des Dichters, zu Berlin aufgeführt worden ist; die Komposition der Gesänge hatte Franz Gläser, damals Kapellmeister des Königsstädtischen Theaters, geliefert. Vgl. Holtei: »Vierzig Jahre«, Bd. 3, S. 342, und »Briefe an L. Tieck«, Bd. 2, S. 368. Neuerdings ist der Eingang der Dichtung von Ernst Rudorff, einem Bluts- und Geistesverwandten Tiecks, in Musik gesetzt worden. Die geist- und phantasievolle Komposition »Der Aufzug der Romanze. Eine Frühlingsfeier etc. für Chor, Solostimme und Orchester«, ist 1872 erschienen und als Op . 18 bezeichnet. Die Hauptgruppe des von Julius Hübner gemalten Vorhangs im alten, 1869 abgebrannten Dresdener Hoftheater stellte die wichtigsten der am Schlußtableau des Prologs teilnehmenden Personen dar. Über den Einfluß des ganzen Stückes auf jüngere Dichter vergleiche man die Einleitung zur »Genoveva«. Personen Der Glaube. Die Liebe. Die Tapferkeit. Der Scherz. Die Romanze. Eine Pilgerin. Ein Liebender. Ein Ritter. Ein Hirtenmädchen. Der Dichter. Zwei Reisende. Ein Küster. Chor von Kriegern. Chor von Schäfern und Schäferinnen.   Trompeten. Eine Schar von Kriegern zieht durch den Wald. Chor. Auf, tapfre Mannen, Und folgt dem Getön! Es führen uns schön Trommeten von dannen, Die Fahnen im Winde Rotglühend vorauf, Das Echo im Walde – Der Frühling gelinde – Das Herz geht uns auf Im Walde. Ein Ritter. Wie froh der Busen schlägt, Wie frei das Herz sich regt, Wenn es den Panzer spürt. Die goldne Sonne scheint: Wohlan, wo bist du, Feind? Hörst du die Jubelklänge? Siehst du die frohe Menge, Entgegen dir geführt, Die ziehend mit Gepränge Dich Flücht'gen einholt balde Im Walde? (Ziehn vorüber.)   Ein Zug von Schäfern und Schäferinnen , tanzend und singend, mit Flöten und Schalmeien. Schäfer. Die Mailust ist begonnen, Der Baum hat seine Grüne, Die Blätter schon gewonnen. Wie seufzten alle Knaben: O, daß der Mai erschiene, Daß wir die goldnen Gaben Bald möchten wieder haben! Komm wieder, Sonnenschein, Fließt wieder, Bäche, munter Den grünen Plan hinunter, Singt wieder, Vögelein, Im Walde. Schäferinnen. Und seht, er ist gekommen, Das goldne Kind, der Mai, Ist alles angeglommen, Das Eis ist weggenommen, Die Fluren sind so neu. Er bringt uns alles wieder: Schon tönen Frühlingslieder, Die kühlen Bächlein rauschen, Vom Hügel hergeschwommen, Die Vöglein alle tauschen Die tausend Melodieen, Die goldnen Blümlein blühen Im Walde. Vereinigtes Chor. Der Winter floh, ein Schatten, Und ließ die Erde los, Nun blüht der grüne Schoß, Nun sieht man auf den Matten, Im kühlen Waldesschatten, Das Wild, die Vögel fliehen, Eins nach dem andern ziehen Und liebend sich begatten. Gegrüßt sei, holder Mai! Die Lieb' ist dein Gespiele; Wann ich den Frühling fühle, Wird auch mein Lieben neu: Der Liebe Tempel sei Im Walde. (Ziehn vorüber.) Der Dichter tritt auf. Dichter Dies Sonett unter dem Titel »Der Dichter« und mit der Jahreszahl 1801 auch in den »Gedichten«. Wie sehnsuchtsvoll fühlt sich mein Herz gezogen, Dem frischen, grünen Walde zugelenket, Von Bächen wird das neue Gras getränket, Die Blumen schauen sich in klaren Wogen. Ein blau Kristall erscheint der Himmelsbogen, Zur blüh'nden Erde liebend hergesenket, Die Sonne zeigt, daß sie der Welt gedenket, Sie hat die Blumen küssend aufgesogen. Die Pflanzen glänzen, Wasserwogen lachen, Die muntern Tiere regen sich in Sprüngen, Der Vogel singt, wie Laub sich grün entzündet. Wenn Tiere, Wasser, Blumen, Flur erwachen, Läßt höher noch der Mensch die Stimm' erklingen, Der Dichter Himmelslust der Welt verkündet. Chor (von der einen Seite, mit Trompeten, wie in der Ferne). Das Herz geht uns auf Im Walde. Chor (von der andern Seite, mit Flöten, in der Ferne) Der Liebe Tempel sei Im Walde. Der Dichter. Es lebt der Wald von wunderbaren Zungen, Die Flöten tönen, der Trommete Klänge Ermuntern laut der Waldvöglein Gedränge, Dem Frühling wird, dem Mute Gruß gesungen. Die Fahnen dort sind kühn emporgeschwungen, Im blanken Erz regt sich der Krieger Menge, Dort singt ein Schäferchor Liebesgesänge, Und Flöten, Horn und Wald in eins erklungen. Drein gießt sich Duft von Baum- und Blumenblüte, Es brennt der Wald im hellen grünen Feuer, Und Geister spielend im Gezweige springen; Da regt die Poesie sich im Gemüte, Es greift der Dichter nach der goldnen Leier, Die Wonne, die sein Herz bewegt, zu singen. – Hör', Echo du, im Thale drunten – unten – Baumzweige über meinem Haupte droben – oben! Die alte Zeit kömmt mir in meine Sinnen – innen; Gefühle wundersel'ger Stunden – stunden Im Herzen auf, und mich bezwangen – Wangen, Und süße Lippen, Busen, Locken – locken Der Sehnsucht reizende Gefühle – fühle! Ein Liebender tritt auf. Liebender. Hier ist der Bach, das grünende Gebüsche, Wo einst bei eines schönen Morgens Frische, Ach, meiner allzusel'gen Hand Die Reizendste durch Handdruck sich verband, Mir ihre Gunst die Schäferin gestand. Alle Von hier ab sind die Worte des Liebenden unter dem Titel »Treue« und mit der Jahreszahl 1801 auch in die »Gedichte« aufgenommen worden. Wünsche, alle Träume Waren herrlich nun gestillt, Das Verlangen war erfüllt. Fröhlich rauschten grüne Bäume. Aus geh' ich, die Spur zu finden, Alles sagt mir von dem Glücke, Jene Zeit kömmt mir zurücke; Mußte sie so schnell verschwinden? Ach, wie war die Stunde süße, Als sich unsre Blick' erkannten, Unsre Herzen schnell entbrannten, Sich begegneten die Küsse. Jeder Frühling sagt mir wieder, Wie ich selig einst gewesen, Darum kann ich nicht genesen, Und das Auge sinket nieder. Kommt der Herbst, bin ich vermessen, Kommt der Winter, seh' ich glänzen Manche Schönheit bei den Tänzen, Und die Einz'ge wird vergessen. Aber wann die Blumen sprießen, Wann die Nachtigallen singen, Muß sie wieder mich bezwingen, Ich den schnöden Frevel büßen. Fließet, fließet, treue Thränen, Herz, vergeh im tiefen Schmachten, Mögt, ihr Augen, euch umnachten, Leben, löse dich in Sehnen. Eine Pilgerin kommt. Pilgerin. Was heute war, ist morgen schon entschwunden, Es wechseln ohne Rast des Lebens Stunden, Fortuna rennt unstetig durch die Welt Und weiß nicht, wo, weiß nicht, wann einer fällt: Sie spielt mit Zepter, Herrlichkeit und Kronen, Blind geht sie hin, wo irgend Menschen wohnen, Unglück und Leid, wie Thränen oder Lachen Begleiten sie, den Hofstaat ihr zu machen, Sie kümmert's nicht, wer jammert, wer gewinnt, Sie kömmt und flieht, forteilend wie der Wind. Ohne Ruhe ewig wandelnd, Geht sie fort, weiß nicht, wohin, Irr und unstet ist ihr Sinn, Nur nach blinder Laune handelnd. In das laute Lachen streut sie Unvermerkt der Thränen Saat, Und den Jammer, wenn auch spat, Durch ein holdes Glück erfreut sie. Dies sah ich auf allen Wegen, Und, die falsche Welt verlassend Und das Weib Fortuna hassend, Wall' ich einer Klaus' entgegen. Der Dichter. Durch Himmelsplan die roten Wolken ziehen, Beglänzet von der Sonne Abendstrahlen, Jetzt sieht man sie in hellem Feuer glühen, Und wie sie sich in seltsam Bildnis malen Zu seltsamen Gestalten formen. : So oftmals Helden, große Thaten blühen, Aufsteigend aus der Zeiten goldnen Schalen, Doch wie sie noch die Welt am schönsten schmücken, Fliehn sie wie Wolken und ein schnell Entzücken. Was dieser flieh'nde Schimmer will bedeuten, Die Bildnis, die sich durcheinander jagen, Die Glanzgestalten, die so furchtbar schreiten, Kann nur der Dichter offenbarend sagen; Es wechseln die Gestalten wie die Zeiten; Sind sie euch Rätsel, müßt ihr ihn nur fragen, Ewig bleibt stehn in seinem Lied gedichtet, Was die Natur schafft und im Rausch vernichtet. Es wohnt in ihr nur dieser ew'ge Wille, Zu wechseln mit Gebären und Erzeugen, Vom Chaos zieht sie ab die dunkle Hülle, Die Tön' erweckt sie aus dem toten Schweigen, Ein Lebensquell, regt sich die alte Stille, In der Gebilde auf und nieder steigen: Nur Phantasie schaut in das ew'ge Weben, Wie stets dem Tod erblüht verjüngtes Leben. Der Ritter kommt zurück. Ritter. Die Feinde sind entflohn, die mut'gen Krieger Gehn ohne Blut, mit unzerschlagnem Helm Zurück ins Vaterland. – Schon wird es Abend, Die laue Luft zieht durch die Blätter labend, Auf Harnisch und auf Schild erglänzt der Schein, Der Himmel funkelt wie ein roter Wein, Der lockend im Pokal von Golde schwimmt Und Glanz von ihm in seine Röte nimmt. Ein Hirtenmädchen kommt. Hirtenmädchen. Das Fest ist vorüber, Schon winken von ferne Die lieblichen Sterne Des Abends herüber. Nun klinget die Flöte Noch zärtlicher drein, Im lieblichen Schein Der sinkenden Röte. Und alle beginnen Mit schmeichelnden Tönen, Damit sie die Schönen Durch Lieder gewinnen. Mich lassen sie ziehen, Folgt keiner zum Hain, Verlassen, allein Zum Wald muß ich fliehen. Ich bin noch ein Kind, Drum darf ich es wagen, Mein Leiden zu klagen Dem nächtlichen Wind. Nach wenigen Lenzen, So nennt man mich schön, Beim Flötengetön Entschweb' ich in Tänzen, Dann werd' ich in Kränzen, Die zärtliche Hand Mir schenkte und band, Hell prangen und glänzen. Ein Reisender tritt auf. Reisender. So leg' ich hier den schweren Bündel nieder, Der mir die Reise zu beschwerlich macht. Genug der Länder hab' ich nun gesehn Und will mich im Erinnern schön ergötzen. Nichts geht doch der Bequemlichkeit zuvor. Wie freu' ich mich auf meine alten Freunde, Auf die Verwandten und auf Frau und Kinder Auch Nachbarn, ihnen alles zu erzählen; Die größte Lust kömmt immer hintennach. Ein zweiter Reisender tritt auf. Zweiter Reisender. Die folgenden Worte des zweiten Reisenden unter dem Titel »Bildung in der Fremde« und mit der Jahreszahl 1801 auch in den »Gedichten«. Weit hinaus treibt mich das Sehnen, Wundervolles Land zu schauen: Keiner darf sich selbst vertrauen Oder sich als weise wähnen; Das erfodert manche Künste, Mancherlei muß man erfahren, Und oft sieht man erst nach Jahren, Alles waren eitel Dünste. Darum will ich in die Weite, Manches Glück wird mir begegnen, Auch mag's manchmal Schläge regnen. Meist folgt Morgen auf das Heute. Jeder führt etwas im Schilde, Und umsonst ist nichts auf Erden, Darum acht ich nicht Beschwerden, Wenn ich mich nur etwas bilde. Ritter. Beglückt, wer mit den aufgespannten Flügeln Sein Schiff dahin auf ebnem Meere führt, Er sieht um sich die große Fläche spiegeln Und wird von keiner bleichen Furcht berührt! Er führt den Kiel zu seiner Heimat Hügeln, Den Lauf untrüglich der Magnet Im Kompaß. regiert, Die Sterne lenken an dem Himmelsbogen, Gehorsam dienen Winde wie die Wogen. Der erste Reisende. Was hab' ich doch von meiner ganzen Reise, Als daß ich nunmehr weiß, was ich nicht wußte, Wodurch mir jetzt die Zeit noch länger währt? Als ich den Weg vor meinen Füßen hatte, Dacht' ich, es müsse was Besondres werden, Nun, da ich endlich denn zurückgekehrt, Dünkt mir das Ganze nicht der Rede wert. Der zweite Reisende. Wundervolle Berge warten Meiner und die Wasserfälle, Glänzend springt wohl manche Quelle In dem blumgezierten Garten, Bäume rauschen, Gemsen klimmen Oben schwindlicht am Gesteine, Freundlich blinkt im Morgenscheine Stadt und Berg mit Türm' und Zinnen. Manches wird sich noch begeben, Mancher Rausch und manche Schöne, Mancher Zwist, den ich versöhne, Fügt sich lustig in mein Leben. Ein Küster tritt auf. Küster. Da hab' ich nun auf weiten Wegen Hin und zurücke reisen müssen. Das ist mir herzlich ungelegen, Denn meine Beine müssen's büßen. Und alles aus dem dummen Grunde, Weil unsre Uhr nicht richtig geht, So daß sie immer eine Stunde Nach dreien Stunden stille steht. Das Dach ist nicht ganz regendichte, Und immer scheut das Dorf die Kosten, Das macht die Uhr nun ganz zunichte, Denn Werk und alle Räder rosten. Kommt in Tumult drauf die Gemeine, Und alle machen groß Geschrei: Es ist zwölf Uhr, so ruft der eine, Der andre schwört, es sei schon drei. Die Einheit fehlt dem ganzen Werke, Es läuft nun gegen alle Regel, Und keiner ist's, der sich nicht merke Vermutlich ist zu erklären: Und keiner ist, der sich mit seinem Tabel nicht bemerkbar macht. Vielleicht muß man auch lesen: Und keiner ist, der sich's nicht merke. , Denn jedes Beichtkind wird zum Flegel, Man kann nun nicht zu rechten Zeiten Die liebe Kinderlehre halten, Mit Sicherheit die Glocken läuten, Da sich die Dinge so gestalten. Die Ordnung ist nun auch begraben, Und alles schwimmt in Anarchie, Und bis auf die Kurrende Der »laufende« Chor, der auf den Straßen singt und dafür bezahlt wird. Knaben Lebt jeder wie das liebe Vieh. Doch ist die Uhr nur erst im Stande, Und das geschieht in kurzer Frist, So weiß doch jedermann im Lande, Woran er mit sich selber ist. Der erste Reisende. Das ist gewiß, nichts in der ganzen Welt Geht über eine recht honette Uhr. Warum? Man weiß dann stets in jeder Stunde Wieviel die Glocke eigentlich geschlagen. Man ißt dann nicht zu spät und nicht zu früh, Legt sich gesetzt zur rechten Zeit zu Bette, Treibt das Studieren niemals über Macht, Und da das Leben aus der Zeit besteht, So muß man auch beständig danach sehn, Wieviel es an der Zeit ist in der Welt. Der zweite Reisende. Ach! und dann das dumpfe Läuten, Das vom Kirchhof schön herüber Einem kann so viel bedeuten, Nichts auf Erden ist mir lieber. Und die ernsten Glockenschläge In der stillen Mitternacht Machen alles Grausen rege, Wenn ich grade noch gewacht. Nie möcht' ich die Uhren missen, Und auf meinen weiten Gängen Will ich allenthalben wissen, Wo doch wohl die Glocken hängen. Der Dichter. Es klingt ein altes Lied Vom »Kaiser Octavianus« mir in mein Ohr, Drum zögert, eilt nicht allzuschnell von hinnen, Ich fühle schon bezaubert meine Sinnen, Im Wunderglanze steigt das Bild empor. Es thun sich Tiere, Länder, Meer' hervor, Da glänzen Burgen, königliche Zinnen, Ein Knab' will mit dem Riesen Schlacht beginnen, Ein Kinderpaar, das sich im Wald verlor. Es toben wild der Heiden rohe Scharen, Die Christenheit zu stürzen, all entbrannt, Doch Liebe hat den Helden angelacht, Ein schönes Frauenbild mit goldnen Haaren, Die Augen wie der reinste Diamant, Das kühne Herz dem Glauben dargebracht. – Doch schaut, welch Bildnis reitet durch den Wald? Ist's eine Jäg'rin, die dem Wild nachrennet? Die Kriegesgöttin, die, in Zorn entbrennet, Den Feind verfolgt mit siegender Gewalt? Ist es die Liebe, die den Aufenthalt Des Himmels läßt und unsrer Erde gönnet, Daß man sie wiederum als Göttin kennet? Noch nie sah ich so herrliche Gestalt. Mein Herz erbebt in freudigem Entzücken, Ein Zauberreiz umspielt dies Wunderwesen, So göttlich groß, so lieblich doch und mild. Uns näher komm, du herrlich Frauenbild, Von jedem Leiden fühl' ich mich genesen, Wenn du mich würdig hältst, mich anzublicken. Der erste Reisende. Wir stehn, so glaub' ich immer, in der Schonung, Der Jäger kommt, uns alle abzustrafen. Ich hab' so viel Erfahrung doch gewonnen Auf meinen Reisen, daß ich mich mit Klugheit Vor allem Schaden hüt'. Ich geh' nach Hause. (Geht ab.) Der zweite Reisende. Ich verweile mich zu lange; Wie die Zeit so schnell vergeht, Keine Stunde stille steht, Die Betrachtung macht mir bange. Warum soll ich hier noch harren? Diese Menschen sind fatal mir, Und nun mehrt sich noch die Zahl hier, Endlich wird man gar zum Narren. (Geht.) Der Küster. Ich frage nur: Kann dies die Uhr mir bessern? Wenn das nicht ist, so such' ich einen Meister, Der wieder alles in die Richtung bringt, Was uns den Kopf nur gar zu sehr verwirrt. (Geht ab.) Der Dichter. Halt' an! du wunderbares Bild! Wer bist du, Auf diesem weißen, königlichen Zelter? Mit Federbüschen, in dem Winde flatternd, Die weiße Brust mit blauem Schleier schmückend, Im Munde Lächeln, in den Augen Ernst, Auf vollen Wangen Throne für die Liebe? Mir ist, ich kenne dich, doch bist du fremd, Ich habe nie so Wunderherrliches, So Liebliches gesehn, so fremde Tracht. Die Romanze auf einem Pferde. Romanze. Hältst du mir des Rosses Zügel Auf in meinem schnellen Jagen? Wer ich bin, will ich nach Wahrheit Dir jetzt ohne Säumen sagen. Mit dem Namen nennt man mich nur, Wenn man von mir spricht, Romanze, Ich durchzieh' die Welt mit Freuden, Streue Lust aus, wo ich wandle. Meine Eltern will ich nennen: Glaube heißt mein edler Vater, Und die Mutter ist die Liebe, Die den Glauben nahm zum Gatten. Beide haben mich erzeuget, Als sie sehnsuchtsvoll entbrannten, Und an meiner Mutter Brüsten Wuchs ich auf in ihren Armen. Als die neue Lehr' erblühte, Hochrot wehten Christenfahnen, Kreuze drein Drin, in den Fahnen. die Krieger fühlten Und die Heidengötter sanken, Flohe Venus, die betrübte, Nach dem einsam dunkeln Walde, Und voll Trug hüllt sie die Glieder In die büßenden Gewande. Wie ein Pilgermädchen heilig War sie gänzlich umgestaltet, So fand sie ein Eremite, Der mit ihr durch Felsen wallte. Venus war erfreut des Truges, Und ihr weltlich Herze lachte, Als der fromme Mann erglühte, Seine Brunst gestand im Wahne. Drauf gebar sie nach neun Monden Liebe mit dem Heil'genglanze, Aber sie ward eingeschlossen In der Felsenklüfte Spalten, Daß sie keinen Trug ersinne Und die Liebe nicht verwandle: Selbst erzog, ernährt' sich diese Von der süßen Himmelsmanna. Und sie blühte auf, ein heil'ger Überirdisch schöner Garten; Drauf vermählte sich der Glaube Mit der süßen, die so zarte. Denn er sprach: »Wen soll ich freien? Alle Mädchen, die ich sahe, Alle Frauen, die ich kenne, Hält die Eitelkeit gefangen. Von der Welt und von der Sünde Losgerissen, muß mich laben Streit für Gott und Christ im Geist, das Herz erglühn im goldnen Brande; Wenn ich nun die Gattin wähle, Die nach Erdenfreuden trachtet, Wird mein stiller Sinn von jener Wie die Sehnsucht wohl verachtet.« Da erschien ihm die Holdsel'ge, Meiner Mutter Schönheit sah er; »Solch ein Himmel wohnt aus Erden?« Rief er und fand ihre Gnade. Und sie gingen durch die Welt hin, Liebe wie die Sonnenstrahlen, Wie des Mondes sanfte Lichter Schien der Glaube durch die Thale. Neue Liebe, neues Leben Schuf den Menschen neue Sprache. Liebesglut war stets der Glaube, Glauben nur ein Liebsgedanke. Das bezwang die härt'sten Herzen, Alle hin zum Kreuze kamen. »Ewig, ewig sei die Liebe!« Rief voll Inbrunst nun der Vater; »Ewig sei der Glaube blühend!« Sprach die Mutter im Gesange, Und die frommen Menschen riefen Zu den beiden Wünschen: Amen! Dichter. Steig' von deinem Roß alsbalde! Bist du wohl vom Jagen müde? Ha! daß ich dich endlich schaue, Das gibt meiner Seele Friede. Immer war nach dir mein Sehnen, Schöne Tochter hoher Liebe, Edles Kind des sanften Glaubens, Unvermutet steigst du nieder. Blieben deine Eltern einsam, Haben sie der Freunde viele? Romanze. Von dem Roß ab will ich steigen, Hier im zarten Grase spielen: Bald erscheinet mein Gefolge, Tapferkeit, Scherz, Glaub' und Liebe. Die zwei ersten, die ich nannte, Sind uns sehr getreue Diener; Eine werte Magd dem Vater Ist die Tapferkeit beschieden. Er allein mit tiefer Inbrunst Konnte nicht das Schwert regieren, Denn es ziemet seiner Rechte, Kreuz und Ölzweig nur zu führen. Tapferkeit ergab sich ihm Zu den allertreusten Diensten, Hohes Ganges geht das Mägdlein, Streit für ihn ist ihre Zierde. Liebe fühlte wohl, wie Andacht, Beten, ein zu heilig Fühlen Sie in Sehnsucht, Demut löste, Weil ihr Herz, zu oft gerühret, Sprach: »Wo find' ich einen treuen Und mir froh ergebnen Diener? Daß ich freies, innres Leben Und verschönt die Erde spüre?« Da kam hüpfend Scherz gelaufen, Sprach: »Ich fühl' mein Herz erglühen, Überwunden von der Schönheit, Will ich ewig nach dir ziehen. Gibt es Liebe ohne Scherzen, Kann man scherzen ohne Liebe? Reines Wasser fließt erzeugend, Aus dem Wasser Blumen blühen.« So steht Scherz im Lohn der Mutter, Bei dem Vater dient die Kühne, Ich, das Kind, voran, mir folgen Tapferkeit, Glaub', Scherz und Liebe. Glaube und Liebe treten herein. Glaube. Ei, du böses, wildes Kindlein, Sage doch, wo bist du blieben? Romanze. Ritt voran durch grüne Waldung, Durch die sanften Thale hüben. Liebe. Fliehst du uns, geliebte Tochter? Bist du gern von uns geschieden? Romanze. Nie sind wir getrennt; wes Macht Hätte mich von euch getrieben? Ewig ist in euch mein Herz nun: Aber gern, schein' ich zu fliehen, Dann vermerk' ich, wie ihr beide Mir nach durch die Thäler ziehet. – Jener dort mit süßem Kreuze Und dem schönen Christusbilde, Eine Taub' auf seinem Herzen, Ist der Glaube, groß und lieblich. Hat er nicht recht Vateraugen? Muß man nicht Vertrauen fühlen? Sieh, in diesem holden Lächeln Kann man recht die Sehnsucht kühlen. Jene dort, so wie Maria, Die zur Erde steigt hernieder, Alle Herzen an sich lockend, Ist die Mutter mein, die Liebe. In der Hand trägt sie zwei Blumen, Eine Rose, eine Lilje, Die mit inn'ger Liebessehnsucht Immer zu einander blühen. Rose lächelt voll Verlangen, Wird von Freude angetrieben, Lilje hat den heil'gen Willen, Reiner Glanz ist ihr beschieden. Beide Blumen schaut die Mutter An mit Sehnsucht in den Blicken. Will die Rote trunken machen, Schaut sie ihre Schwester drüben: Will die Bleiche Frommes sprechen, Sanft erheitern, sanft betrüben, Schaut sie auf die Rote sehnlich, Und ihr Auge lachet wieder. Recht ein Herz spricht aus den Augen, Senken sie sich golden nieder, Wer sie anschaut, kann nicht sorgen, Denn ihr Blick ist allzu lieblich. Was die Frühlingssonne meinet Und nicht Worte kann ersinnen Und wofür sie keine Worte ersinnen kann. , Was die zarten Blumen wollen, Wonach alle Farben zielen, Das verkünden diese Augen Und die goldnen Augenlider; Spürst du nicht: sie tragen Worte, Frühling, Blume, Sonn' im Blicke? Und so klingt dieselbe Sprache In dem Schwung der schönen Glieder, Jede Falte des Gewandes Fließt zu Füßen hold hernieder. Glaube. Ja, ich bin, den du beschrieben; Kennt ihr Menschen wohl den Glauben? Lange herrscht' ich hier auf Erden; Habt ihr noch die alten Augen? Sehnsucht floh, so wie die Pfeile Fliehn vom Bogen, mich zu schauen, Damals wollte jedes Herze Nur durch meine Hilfe bauen. Nicht auf Erde, nicht auf Zeitlich Ging ihr innigstes Vertrauen; Blumen, Gold und Menschen selber Sind Gewächse nur vom Staube. Jenseit allem, was du Anrede an den Menschen. denkest, Fühlest, hörest oder schauest, Liegen, die du erst verließest, Deine vaterländ'schen Auen. Pilgerin. Ach, wie froh, daß du erschienen, Ist die seligste der Frauen! Ich mit meinem Pilgerstabe Nahe dir mit heil'gem Schauer. Willst mich Arme nicht verwerfen? Du bist meine feste Mauer, Lange sucht' ich dich vergebens, Hier nun stirbt die Angst und Trauer. Liebe. Sind noch welche, die mir trauen, Die sich meinem Dienst ergeben, Leben, wie die stillen Priester, Ewig mir geweihtes Leben? Vormals waren alle Thaten, Alles kühne Heldenstreben, Alle Kämpfe, alles Ringen, Aller Lieder Klang und Wehen Nur von meinem Hauch ermuntert, Nur von meinem Geist erreget; Blühend standen alle Gärten, Liebe schmückte alle Wege. Keiner war, der mich nicht kannte, Still geweiht dem heil'gen Sehnen, Glänzt' Inbrunst aus allen Augen, Aus dem Quell des Lichts, den Herzen. Der Liebende. Wenn die holde Stimme rufet, Könnte noch wer widerstehen? Wer tritt feige wohl zurücke, Wenn der Liebe Fahnen wehen? Wenn du willst mein Hauptmann heißen, Will ich gern im Heere stehen. Glaube. Zu der »Pilgerin« Wenn du glaubst und niemals zweifelst, Wirst du jetzt dein Glück ersehen. Liebe. Zu dem »Liebenden«. Die du längst gesucht, sie steht dort, Grüße sie mit Freundes-Rede. Der Liebende. Himmel! sie, die Teure ist es? Pilgerin, willst du mich kennen? Pilgerin. O, wie könnt' ich dich verleugnen? Dich nicht meinen Liebsten nennen? Beide. Also waren wir uns nahe, Und wir glaubten uns so ferne, Und uns trennte keine Weite, Nur die allernächste Nähe. Scheiden kann nicht Raum und Zeit, die Sich in Glaub' und Lieb' erkennen. Glaube. Doch wo bleibt das kühne Mädchen? Tapferkeit, so komm von dorten! Liebe. Scherz, herbei zu mir behende! Warum hältst du dich verborgen? Tapferkeit und Scherz treten herein. Scherz. Sieh, hier ist dein treuster Diener. Tapferkeit. Dir bin ich berufen worden. Scherz. Eilend komm' ich hergelaufen. Tapferkeit. Weilten auf dem Hügel droben. Romanze. Jenes Mädchen in dem Harnisch, Blanken Helm auf dunkler Locke, Löwe ihr zur Seite gehend, Und die Brüste schön erhoben, Tapferkeit wird sie genennet: Niemals ist genug zu loben Ihre Schönheit, die so furchtbar In den kühnen Augen wohnet. Schild und Panzer, Eichenzweige Führt sie, Wehrgehenke golden, Was der Vater sagt, das thut sie, Angefrischt von seinem Lobe. – Jener, der ein Knabe scheinet, Ist vor langer Zeit geboren, Aber nimmer kann er altern, Jugend bleibt dem Scherz zum Lohne, Um die Liebe hüpft der Junge, Die erfreut sich an dem Holden, Alles jauchzt an ihm, vom Haupte Bis hernieder zu den Sohlen. Wen er anrührt, muß gesunden, Fühlt erfrischt den Todesotem, Keine Macht kann ihn bezwingen, Unglück trotzt er und dem Tode. Wo er weilet, ist der Frühling, Lacht er, Blumen aufgebrochen, Leid und Jammer, Weheklage Stirbt dem weg, den er erkoren; Alte Märchen weiß er, schöne, Er ist selber wie gewoben Aus den reinsten Phantasieen, Von dem Lichte ausgeboren. Liebe. Zum »Scherz« Warum bist du mir entwichen, Diener, der du Treu' gelobet? Glaube. Zur »Tapferkeit« Dienerin, du bleibst an meiner Seite, geh mir nicht verloren! Liebe. Zum »Glauben«. Immer muß sie dich begleiten, Scheint es fast, du könntest ohne Gattin leichter fröhlich leben Als ohn' sie, die herrlich thronen Muß in deiner Brust; ich neide Ihr die allerschönste Krone, Mehr als mich hast du sie immer Zur Vertrauten auserkoren. Glaube. Nie kann mich dein Vorwurf treffen, Aber daß du mit dem Sohne, Mit dem Knaben ewig tändelst, Und wenn nicht von ihm betrogen, Doch verwildern kannst am Ende, Hast du Thorheit eingesogen: Möchtest einst vergessen, fürcht' ich, Daß wir nun im Himmel wohnen. Romanze. Wild erschein' ich, gegen Glauben, Gegen Liebe, rasch und rohe, Dennoch bind' ich sie zusammen, Bin die Eintracht dieser Hohen. Zürne keiner ob dem andern, Du nicht ob dem jungen Sohne, Mutter, du nicht ob der Jungfrau! Ihr müßt bei einander wohnen. Niemals kann die Liebe zweifeln, Glaube traut nicht dem Argwohne, Ich bin euer Kind, vereine Diener, Vater, Magd, die Hohe. Tapferkeit. Bist du dort ein Kriegsmann worden? Trägst du Panzer, samt dem Helme? Ritter. Freudvoll war ich immerdar Und von Herzen dir ergeben, Keine höhre Lust mir wissend Als den Erzruf der Trommete, Schilder, in der Sonne spiegelnd, Feinde auf der grünen Ebne. Tapferkeit. Immer werd' ein Mann erfunden, Und es lohnt dir einst die Ehre. Ritter. Alles will ich fahren lassen, Will der Ruhm nur mein gedenken. Scherz. Du, im leichten Hirtenkleide, Willst du mir nicht näher treten? Komm und sag' mir, wer du sein magst, Daß ich deine Augen sehe. Hirtenmädchen. Immer hast du mir gefallen, Und mir dünkt, daß ich dich kenne, Meine aber, daß wir künftig Mehr beisammen spielen gerne, Die Gefährten sind gegangen Nach den grünen Fluren ferne. Nennen mich die kleine Unschuld, Weil ich noch nicht küssen lerne. Scherz. Kleine Unschuld, du gefällst mir, Immer möcht' ich bei dir leben, Wie du Mädchen, so ich Knabe, Beide gleiche Kinder eben. Mädchen. Freundlich wollen wir mitsammen Viele Märchen, Possen reden. Scherz. Lieblich wollen wir zusammen Durch die grünen Felder gehen. Mädchen. Und wer Blumen sieht am Wasser, Soll sie für den andern lesen. Ritter. Süßes Mädchen, zartes Kindchen, Jetzo muß ich zu dir sprechen: Willst du nicht mein Liebchen heißen, Muß mein Herz mir innen brechen. Mädchen. Du gefällst mir sehr, ja wahrlich! Schild und Harnisch, samt dem Degen, Und der Helm mit seinem Busche, Nicht ist mir das Gold entgegen: Willst du wohl mein Liebster heißen, Da ich nur ein kindisch Mädchen? Ritter. Kann was schöner sich verbinden. Als der Mut mit Unschuld, Scherze? Romanze. Zum »Dichter«. Und du siehst so einsam sinnend, Gar nichts sagt zu dir dein Herze? Dichter. Wer empfindet, wer entzückt ist, Kann der glühend Worte reden? Wenn dein Blick mein Herze anlacht, Bin ich nicht mehr auf der Erden. Was ich wollte, was ich suchte, Was mir keiner konnte geben, Alle Fülle, Schönheit, Anmut, Seh' ich spielend dich umschweben. Wenn du lächelst, will die Seele Fort aus dem Gefängnis streben, Sich in diese Lippen fangen, In die roten Fesseln legen: Mit dem Lächeln auferblühen, Sich in goldne Freiheit heben, Mit dem leisen Seufzer wieder In dem holden Kerker leben. Kannst du mir gewogen sein? Möchtest du mich nicht verschmähen? O, dann würd' ich in der Freude Überselig untergehen. Du bist Liebe, du bist Glauben, Du bist Tapferkeit und Scherzen, Wenn ich deinen Blick empfinde, Kann ich alles leicht verstehen. Jeder hat, was er gewünschet, Nach dem Herzen sich erwählet, Willst du günstig mir erscheinen, Hab' ich nicht des Glücks verfehlet. Romanze. Wenn du dienest, wenn du treu bleibst, Will ich dich mit Mut beseelen, Bleibe stets mein eingedenk, Wenn die andern mich verschmähen. Einmal hab' ich dich durchleuchtet, Nun mußt du mir treu bestehen, Und dein Herz wird dir geläutert, Wie der Blick Im bergmännischen Sinne. Wenn das »Werkblei« (Verbindung von Blei und Silber) auf dem »Treibherd« in Fluß geraten und alles Unreine ausgetrieben ist, erscheint das geläuterte Edelmetall auf einmal mit einem schnell vorübergehenden, reinen Glanze, den der Bergmann den »Blick« des Silbers der »Silberblick« nennt. durch Silber gehet. Folge denen, die mir dienten Den frühern Dichtern, insbesondere den von der Romantik gefeierten und anerkannten. , Lieb' auch sie mit voller Seele; Wer da will ein Priester heißen, Muß des Tempels Der »Tempel« ist das Heiligtum der Poesie, in dem die früher Dienenden nun selbst verehrt werden. nie vergessen. – Mondbeglänzte Zaubernacht, Nie den Sinn gefangen hält, Wundervolle Märchenwelt, Steig' auf in der alten Pracht!   Musik. Mit Trompeten kommen die Krieger auf der einen, die Schäfer mit Flöten auf der andern Seite zurück. In der Mitte stehen Glauben und Liebe, zur Seite des Glaubens Tapferkeit, zwischen ihnen der Liebende und die Pilgerin, neben der Liebe der Scherz, zwischen diesen der Ritter und das Hirtenmädchen, im Vordergrunde der Dichter und die Romanze. Chor der Krieger. Über die Berge, über die Baume Schwebt des Mundes goldner Flimmer, Durch den Wald senkt sich der Schimmer, Drin erwachen zarte Träume, Geister schweifen sacht Durch die grüne Nacht Im Walde. Chor der Schäfer. Der Tag versteckt sich in den Schatten, Mondenlicht will uns verkünden, Daß sich Traum und Wahrheit gatten, Sich die Geister wiederfinden, Die auf Erden hier geschieden, Die das Irdische getrennt; Wenn Mondschein brennt, Dann wandeln sie in Frieden Im Walde. Liebe. Die hier beginnende Glossierung der berühmten Worte: »Mondbeglänzte Zaubernacht« etc. unter dem Titel: »Wunder der Liebe« und mit der Jahreszahl 1803 auch in den »Gedichten«. Liebe läßt sich suchen, finden, Niemals lernen oder lehren; Wer da will die Flamm' entzünden, Ohne selbst sich zu versehren, Muß sich reinigen der Sünden. Alles schläft, weil Während. er noch wacht; Wann der Stern der Liebe lacht, Goldne Augen auf ihn blicken, Schaut er trunken von Entzücken Mondbeglänzte Zaubernacht . Tapferkeit. Aber nie darf er erschrecken, Wenn sich Wolken dunkel jagen, Finsternis die Sterne decken, Kaum der Mond es noch will wagen, Einen Schimmer aufzuwecken. Ewig steht der Liebe Zelt, Von dem eignen Licht erhellt; Aber Mut nur kann zerbrechen, Was die Furcht will ewig schwächen, Die den Sinn gefangen hält . Scherz. Keiner Liebe hat gefunden, Dem ein trüber Ernst beschieden; Flüchtig sind die goldnen Stunden, Welche immer den vermieden, Den die bleiche Sorg' umwunden. Wer die Schlange an sich hält, Wer die Schlange der Sorge an sich hält, von Sorgen umwunden ist, der sieht alles in trübem Lichte. Dem ist Schatten vorgestellt; Alles, was die Dichter sangen, Nennt der Arme, eingesungen, Befangen. Wundervolle Märchenwelt . Glauben. Herz, im Glauben auferblühend, Fühlt alsbald die goldnen Scheine Die es lieblich in sich ziehend Macht zu eigen sich und seine, In der schönsten Flamme glühend. Ist das Opfer angefacht, Wird's dem Himmel dargebracht; Hat dich Das Opfer. Liebe angenommen, Auf dem Altar hell entglommen Steig' auf in der alten Pracht! Allgemeines Chor. Mondbeglänzte Zaubernacht, Die den Sinn gefangen hält, Wundervolle Märchenwelt, Steig' auf in der alten Pracht!