Rudolf Hawel Dr. Thorns Lebensabend Erstes Kapitel »Dann werde ich aufleben, dann werde ich wieder jung werden«, erklärte Dr. Thorn seinen Bekannten unzählige Male. Er meinte mit dem »dann« jene schöne, von ihm so heißersehnte Zeit, da er aus den Händen seines Chefs den bewußten »blauen Bogen« erhalten werde. »Ich bin ja nicht wie die anderen«, pflegte er hinzuzusetzen, »die nicht aufhören können, sich im Dienste des Molochs Staat ewig abzurackern, weil sie sonst nicht wüßten, was sie mit der freien Zeit anfangen sollten. Wenn ich einmal pensioniert bin, werde ich alle Hände voll zu tun haben. Denn dann habe ich wieder Arbeit übergenug, wieder ein neues, schönes Amt, von dem ich hoffentlich erst in späten Jahren enthoben werde.« Und wie ein seliges Kind plauderte er dann von allem, was er während dieser köstlichen, von keinem Amte bedrängten Zeit schaffen werde, von der Neuordnung seiner Sammlungen, von seinem Garten mit dem herrlichen Rosenflor, von den Hasen, Rebhühnern und Rehböcken in seinem Jagdrevier, von den Forellen in seinem Gebirgsbach und von tausend und abertausend anderen Dingen, mit denen er sich beschäftigen wird, nicht um des Broterwerbes willen, sondern einzig zur Freude seines Herzens. Im Amte drinnen hatten sie den alten fröhlichen Herrn sehr lieb. Das kleine Männchen mit dem roten, lustigen Gesichte verbreitete um sich her einen warmen Schimmer von Behaglichkeit; selbst der alte Oberoffizial sah um eine Nuance weniger griesgrämig drein, wenn Herr Dr. Thorn das Wort an ihn richtete. Herr Sauer, so hieß der Oberoffizial, laborierte an einem Magenleiden, das ihm viele Beschwerden verursachte und sein Gemüt schwer verdüsterte. Er war stets verdrossen und schimpfte über alles, während Dr. Thorn selbst der widerwärtigsten Sache eine angenehme Seite abzugewinnen verstand. Ein Gespräch zwischen den beiden war für die Herren im Amte stets eine Quelle reichen Vergnügens. »Hundewetter, vermaledeites«, schimpft Sauer, indes der Novembersturm klatschend den Regen an das Fenster treibt. »Man könnte...« »Sie wollen schon wieder aus der Haut fahren«, sagte milde lächelnd Dr. Thorn. »Sehen Sie, mich freut der Regen; da schauen Sie nur, Herr Sauer, wie das Wasser in kleinen Bächlein über die Fensterscheiben läuft. Herrgott noch einmal – das war jetzt ein Windstoß – haben Sie nichts gehört – alle Fenster haben geklirrt. Und da schauen Sie auf das Dach hinauf, wie der Sturm den Regen über den Schiefer treibt! Prächtig, über die Maßen prächtig! Und da können Sie schimpfen? Und wie behaglich es jetzt da herinnen ist! Da horchen Sie, wie der Wind im Ofen singt, er möcht' gern herein und winselt vor Kälte und Regen, aber er kann nicht. Die Stube ist gut verwahrt, und es ist so behaglich da herinnen.« Der Herr Direktor rieb sich vergnügt die Hände. »Sauer, Sie sind ein sonderbarer Mensch«, setzte er dazu. Sauer sah mißmutig von der Seite auf seinen lebensfrohen Chef hin. »Und wenn der Herr Direktor jetzt nach Hause gehn?« fragte er mit einem Gesicht, als wenn er in eine Zitrone gebissen hätte, »wenn der Regen Ihnen ins Gesicht schlägt und der Wind so heftig bläst, daß Sie keinen Schirm aufspannen können und ihn unter dem Arm tragen müssen? Und dann mit der freien Hand den Hut halten, daß er nicht unter die Elektrische geweht wird! Und in der nächsten Seitengasse werden Sie von hinten angeregnet, das kalte Wasser fließt Ihnen beim Halskragen hinein, tropft auf den nackten Rücken, und Sie bekommen einen Schüttelfrost, – und am anderen Tag eine Lungenentzündung. Für eine solche Freude, danke ich.« Der Herr Direktor bleibt mitleidig beim Tisch stehen. »Sauer, Sie sind ein halsstarriges Kind«, sagt er in ungemein wohlwollendem Tone, »sehen Sie, ich freue mich, wenn ich hinaus komme. Je ärger der Sturm und der Regen es treiben, desto lieber ist's mir. Ich stelle den Rockkragen auf, halte mit der rechten Hand den Hut und laufe wie ein Schusterjunge. Dabei denk' ich schon, wie hübsch es zu Hause sein wird. So schön warm, das Mädchen nimmt mir den Rock und Hut ab, schimpft dabei über das Hundewetter, bringt mir die Hausschuhe und meine lange Pfeife. O, herrlich, man muß nur verstehen, sich das Leben einzuteilen.« Herr Sauer schaut mißmutig auf den jovialen Direktor. In seinem Blick liegt etwas, so als wenn er der bestimmten Ansicht wäre, der Herr Direktor gehöre in ein Sanatorium. »Jedes Ding hat eine gute Seite«, schließt gewohnterweise der Herr Direktor seine heiteren philosophischen Ausführungen. »Sehen Sie, Herr Sauer, es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen haben das hübsche Talent, allen Dingen die beste Seite abzugewinnen, das sind die lustigen, glücklichen Menschen. Zu dieser Sorte gehöre zum Beispiel ich. Sie, Herr Sauer, gehören zur anderen Sorte. Sie sind einer von jenen, die an allen Dingen immer die schlechteste Seite herausfinden; das sind die traurigen, unglücklichen Menschen, die Misanthropen, die Melancholiker – brrr! Da sehen Sie sich den Spatzen an, der dort auf dem Gesimse sitzt; da, kommen Sie nur her zum Fenster! Dort sitzt er – dort auf dem Gesimse, tropfnaß ist er, der arme Kerl. Wie glücklich wäre der jetzt, wenn er bei Ihnen am Schreibtisch sitzen könnte!« Die anderen Herren, die im Bureau sitzen, haben höchst belustigt den Ausführungen ihres Chefs zugehört. Derselbe Streit spinnt sich mit wenig Variationen das ganze Jahr hindurch zwischen den beiden Herren ab. Im Sommer, wenn brütend der helle Sonnenschein auf den Dächern und in den Straßen liegt, beklagt sich Herr Sauer über die gräßliche Hitze und freut sich der Herr Direktor über die Kühle in seinem Arbeitszimmer. Als Herr Dr. Thorn erklärte, er werde demnächst um seine Pensionierung einkommen, erweckte diese Nachricht bei seinen Untergebenen ein recht wehmütiges Gefühl. Wenn sonst einer der alten Herren als Pensionist aus dem Amte schied und dadurch für ungeduldig Wartende den Platz frei machte, herrschte in dem Departement stets lebhafte Freude, die in den innigsten Glückwünschen für den ferneren Lebensgang des endlich, endlich Abtretenden passenden Ausdruck fand. Anders war es, als Dr. Thorn Miene machte, seinen Schreibtisch im Departement nun für immer zu verlassen. »Sie wollen schon aus dem Amte scheiden?« fragte fast erschrocken der Herr Hofrat. »Sie sind ja noch sehr rüstig, Herr Direktor!« »Ja, Gott sei Dank, das bin ich – und darüber freue ich mich auch – mir fehlt gar nichts. Aber ich werde morgen sechzig Jahre alt, und wie Herr Hofrat wissen ...« »Ja, ja, Herr Direktor, ich lege Ihnen nichts in den Weg – nein, nein! Aber wenn Sie noch einige Jährchen geblieben wären – ich habe schon daran gedacht – ich würde eine Eingabe machen!« »Verstehe, Herr Hofrat – meinen verbindlichsten, wärmsten Dank. Es wäre sehr hübsch, man könnte damit Staat machen. Wenn man zu Kaisers Geburtstag in die Kirche geht – mit so einem Bande im Knopfloch – da kriegen die Leute heillosen Respekt. Denn Herr Hofrat müssen wissen, ich gehe dann auf das Land mit meiner Schwester; das Haus ist nun fertig, und bis mein Pensionsgesuch erledigt sein wird, wird es auch schon gut ausgetrocknet sein!« Der Herr Hofrat lächelte wider Willen. »Mir ist leid um Sie, Herr Direktor«, sagte er, »recht leid!« Der Herr Hofrat hatte noch niemals in so herzlich wehmütigem Tone gesprochen. »Sehr schmeichelhaft«, erwiderte mit einer Verbeugung Dr. Thorn, »aber es ist schon alles bereit. Auch Gesellschaft habe ich dort: den Herrn Pfarrer, den Notar, den Bürgermeister, den Doktor, die Lehrer, den Förster. Letzterer ist mir besonders wichtig, sein Heger übernimmt auch mein Revier zur Beaufsichtigung. Man kommt jeden Abend punkt sieben Uhr im Gemeindegasthaus zusammen. Und dann werden der allgemeine Weltlauf und die lokalen Angelegenheiten besprochen, so bis gegen neun oder halb zehn Uhr abends – dann geht man nach Hause und legt sich friedlich aufs Ohr. Es wird sehr schön werden.« Herr Direktor Thorn sah bei diesen Worten so wundersam glücklich aus. Es war, als strahlte ein heller Schimmer von seinem Gesicht hin über den Schreibtisch, über die Aktenfaszikel, die dort lagen, und flöge leuchtend über die graue Tapete bis hinauf auf den Plafond. »Und ist Ihnen denn so gar nicht leid, daß Sie von der Stätte, an der Sie so lange gewirkt haben, nun scheiden müssen?« fragte fast verdrossen der Herr Hofrat. »Ja ... und nein ... wie man's nimmt. Ich werde oft daher denken und an so manches, das hier passiert ist. Aber mir ist zumute, wie in jungen Jahren, da ich noch auf dem Gymnasium war. Der letzte Tag vor den großen Ferien! Gerade so ist mir. Nun kann ich hinaus ... du lieber Gott ... wie schön ist das! Und ich hoffe, noch so manches Jahr so in Ruhe und frohem Glück dahinzuleben!« Der Herr Hofrat war ernst geworden. »Ich werde Ihr Gesuch befürworten. Ja, ich werde trachten, daß die Erledigung möglichst beschleunigt wird«, sagte er. »Mögen Sie glücklich sein, und recht, recht lange, lange leben!« Er wendete sich um und ging in sein Zimmer. Es war, als ob ihm der helle Sonnenschein, der auf Doktor Thorns Antlitz lag, die Tränen in die Augen gelockt hätte. Und nun kam des fröhlichen Mannes Abschied. An dem Abend jenes Tages, da er sein Pensionierungsdekret erhalten hatte, hatte er seine Kollegen zu einer »Schlußfeier«, wie er es nannte, in eines der besten Restaurants der Stadt geladen. Die Bewirtung war eine glänzende. Der Herr Hofrat war auch erschienen. Er hatte eine sehr ernste Rede gehalten, in der er der Tüchtigkeit des Scheidenden als Beamten das glänzendste Lob erteilte. In bewegten Worten hatte er erklärt, wie leid es ihm um den Herrn Direktor Dr. Thorn sei. Niemals noch war die Beamtenschaft mit dem Herrn Hofrat so einverstanden gewesen, wie an diesem Abend. Dr. Thorn hatte in seiner liebenswürdig fröhlichen Art gedankt, und als die Gläser aneinander klangen, glänzten alle Augen in Tränen. Man wußte nicht, waren es Tränen des Lachens über die lustige Rede, oder Tränen verhaltener Wehmut über den Abschied des lustigen Mannes. Am nächsten Morgen kam der Herr Direktor noch einmal in das Amt. Er war sehr ernst. »Lieber Herr Sauer«, sagte er zu dem misanthropischen Oberoffizial, »werden Sie lustig – es kommt auf eins hinaus. Die Sachen, wenn's notwendig ist, umdrehen. Wenn etwas auf der einen Seite schwarz ist, ist es sicher auf der anderen Seite weiß, womit ich natürlich keinen Rauchfangkehrer gemeint haben will. Die sind außen ganz schwarz, innen aber doch sehr hell und freundlich, was ich von unserer Köchin weiß, die sich in unseren Distriktsrauchfangkehrer verliebt hat.« Alles lachte – alle Arbeit ruhte – die Herren umstanden gerührt den kleinen, frohseligen Mann. »Meinen Federstiel, meine Löschrolle und mein Papiermesser nehme ich mit – und diese alte Aktentasche«, sagte er. »Wenn ich meine Pensionsquittung schreibe, werde ich diese Sachen dazu verwenden, und in diesen Minuten wird mir zumute sein, als sei ich noch in Amt und Würden.« Als er diese Gegenstände einpackte, kam just der Hofrat herein. Er reichte dem Direktor bewegt die Hand. »Also, Herr Doktor, leben Sie recht wohl«, sagte er ernst. Dr. Thorn verbeugte sich tief. »Ich danke, danke, Herr Hofrat! Herr Hofrat werden mir gestatten, daß ich dann und wann eine Karte hieher sende. Ich werde mir, wenn ich diese Karte schreibe, einbilden, nur auf Urlaub zu sein.« Der Hofrat lächelte milde. »Also viel Glück, recht, recht viel Glück!« sagte er und reichte dem Scheidenden die Hand. Alles umdrängte den alten Herrn – und als er zur Tür hinaus war, eilten die Kollegen an das Fenster, um ihm nachzusehen. Da schritt er über die Straße. An der Ecke blieb er stehen und sah nochmals zu dem alten Hause zurück. Als er die Kollegen am Fenster erblickte, schwenkte er fröhlich den Hut zu ihnen hinauf. Die Herren gingen zu ihren Tischen zurück. Es war ihnen zumute, als sei aller Sonnenschein – alles Licht plötzlich aus dem Zimmer entschwunden. Zweites Kapitel Als Herr Doktor Thorn nach Hause kam, zeigte er ein so strahlendes Gesicht, daß sich selbst die Köchin und das Dienstmädchen, die doch an diese sonnigen Stimmungen ihres Herrn längst gewohnt waren, erstaunten. »Der gnä Herr sind aber gut aufg'legt heut«, meinte das Stubenmädchen, als sie ihm den Überzieher abnahm. »Glaub' ich, hab' auch alle Ursache dazu, meine liebe Marie«, sagte er fröhlich und nickte ihr mit seinem lachenden Gesicht zu. »Wissen Sie, wen Sie vor sich haben? Herrn Rechnungsdirektor in Pension Dr. Thorn. Horchen Sie mal, wie lieblich das klingt – in Pension! Es ist kein deutsches Wort, aber ein gutes, frohes, behagliches Wort.« Er rieb sich vergnüglich die Hände. Ein riesig großer schwarzer Hund, der vorher auf einer mit einem weichen Teppich bedeckten Matratze in der Ecke gelegen war, war herbeigekommen und rieb vertraulich den schwarzen Kopf an den Beinen seines Herrn, wozu er fortwährend nieste. »Pfui, Pascha«, sagte der Herr Direktor, »ich hab' dir schon so oft gesagt, daß sich das nicht gehört. Du mußt dir eine andere Form der Begrüßung aussuchen. Diese wirkt verderblich auf die Beinkleider. Setz' dich!« Der Hund setzte sich auf die Hinterbeine und hob die rechte Pfote. Der Herr Direktor drückte sie freundschaftlichst. »So ist es recht, mein Pascha, so gehört sich's. Ja, mein lieber Pascha, jetzt geht's aus einem andern Ton. Heut sind wir in den Ruhestand getreten!« Der Hund sprang auf und wedelte übermäßig mit dem Schweife, als wenn er voll und ganz verstände, was das heißt, in den Ruhestand zu treten. »Ja, jetzt geht der Pascha mit seinem Herrn auf das Land. Jetzt braucht er keinen Maulkorb mehr zu tragen und kann äußerln geh'n, wann er nur will, ohne daß die Kathi oder die Marie mitgehen müssen!« Der Hund gab einen seltsamen Laut von sich – es klang fast wie ein sehnsüchtiges Heulen. »Aber Gustav!« Die Zimmertür hatte sich geöffnet, eine Dame in schwarzer Kleidung mit einem unendlich feinen, blassen, von grauen Haaren umrahmten Gesicht sah heraus. »Pardon, Pauline, aber ich muß Pascha doch erzählen, was jetzt kommt!« Und er kehrte sich wieder zu dem Hunde, der vor ihm auf den Hinterbeinen saß, und abwechselnd die rechte und die linke Pfote hob. »Ja, der Pascha«, fuhr Dr. Thorn fort, »bekommt eine Villa, eine grün angestrichene Villa. Die steht unter dem großen Hollerbusch und hat eine Portiere, die aus einem persischen Teppich gemacht ist. Großartig, sag ich dir, Pascha.« Der Hund sprang auf und lief zur Spiegelwand, im Vorzimmer hin, wo auf einem Haken der Stock seines Herrn hing. Er stellte sich in ganzer Große auf und versuchte, den Stock mit den Zähnen zu fassen. »Schau, was er macht«, klagte lächelnd Frau Pauline. »Er will gleich hingeh'n in seine Villa!« rief das Dienstmädchen und schlug die Hände zusammen. »Pascha, laß das, komm her da!« rief der Herr Direktor. »Du mußt noch warten!« Der Hund kam winselnd herbei. »Ja, ja, mein Pascha, ich habe fünfunddreißig Jahre auf diesen schönen Moment warten müssen. Nur Geduld, du schwarzer Kerl, in acht bis vierzehn Tagen sind wir draußen. Ein Porzellanschild mit der Aufschrift ›Pascha‹ werde ich sogar an deiner Villa anbringen lassen, und das Frauerl muß in die Portiere mit Seide ein großes ›P‹ sticken!« Er drehte sich um und ging zur Zimmertür. Er gab der alten Dame die Hand. Der Hund drängte nach. »Na, ein wenig darfst du herein da, du willst wohl zuhören?« Die alte Dame setzte sich in den Erker zu einem kleinen Tischchen, der Hund legte sich vor sie auf den Teppich und sah unverwandt mit den klugen, braunen Augen auf die beiden. »Pascha ist neugierig«, sagte Thorn. »Na, hör nur zu!« »Also jetzt hast du endgültig Abschied genommen?« fragte Frau Pauline. »Ja, liebe Schwester, mit dem heutigen Tag hat das Amt begonnen, für mich eine Erinnerung zu sein. In acht bis vierzehn Tagen geht's dann hinaus auf das Land. Ist dir nicht doch leid – in diese Einsamkeit zu gehen? Es ist ein großes Opfer, das ich von dir verlange!« Die alte Dame schüttelte den Kopf und lächelte. Es war, als ob der wehmütige Schimmer der scheidenden Sonne eine stille Landschaft verklärte. »Beruhige dich, Gustav«, sagte sie. »Es war ja auch hier einsam. Und draußen bist du bei mir, so wie da.« »Und Pascha ist da – und deine Kanarienvögel werden da sein, die Marie und die Kathi – und Blumen wirst du in Hülle und Fülle haben – hundertmal mehr als da!« »Nein, mache dir keine Sorgen, ich freue mich schon unendlich darauf, hinauszukommen. Denn hier mahnt so vieles an die böse Vergangenheit ...« »Ach, laß das, das ist vorüber«, sagte Dr. Thorn, »draußen am Lande wirst du das alles vergessen!« Er nahm ihre Hand und tätschelte sie. »Wenn wir einmal all das Gerassel und Gerummel nicht mehr hören, wird es auch Frieden werden in dir! Ja! Du, Pauline, weißt, wie mir zumute ist? Wenn heute jemand ›Herr Direktor‹ zu mir sagt, werde ich grob. Ich würde den Titel zurücklegen, wenn er nicht in so innigem Zusammenhange mit der Pension stünde, und in solchen Sachen muß man vorsichtig sein. Also in acht Tagen brechen wir auf?« »Ja – auch früher – wie du willst«, meinte Pauline. »Nein, es ist Zeit genug in acht Tagen – du würdest dich sonst ganz zusammenrackern!« »Aber Gustav«, warf Pauline ein. »Kein aber«, sagte der kleine Herr streng und lachte dabei mit dem ganzen Gesicht. Der Herr Direktor ging hinüber in sein Zimmer. Es war ein mäßig großer Raum mit einem einzigen, sehr hohen und breiten Fenster, das fast die ganze Schmalseite des Zimmers ausfüllte. Neben dem Fenster stand auf einem Bambustischchen ein Vogelbauer. Darin saß dick und frech ein Kernbeißer. Als Thorn eintrat, drehte er mißmutig den Kopf nach ihm, rückte zwei Schritte auf dem Sitzstängelchen naher und sperrte den dicken breiten Schnabel auf. »O – Herr Sauer!« Thorn hatte ihm diesen Namen gegeben, weil der Vogel einen ebenso sauertöpfischen Charakter hatte wie der Herr Oberoffizial. »Nein, Herr Sauer, ich habe vom letzten Male genug – ich weiß schon, daß Sie tüchtig zwicken können. Aber ich bin nicht rachsüchtig. Vielleicht einige Kirschkerne gefällig?« Thorn nahm aus einem Schächtelchen einen Kern heraus und reichte denselben, ihn vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger haltend, dem Vogel bin. Der Kernbeißer rückte näher, packte den Kern, ein Knacks, und die Splitter der harten Schale fielen auf den Boden hinab. »Gut hast du das gemacht«, sagte zufrieden Thorn. »Also, lieber Herr Sauer, wir ziehen auf das Land. Herr Sauer werden fortan immer im Grünen stehen, was Ihren Gemütszustand beträchtlich heben wird.« In diesem Augenblick geschah ein Wunder. Der Vogel fing leise zu zwitschern an. »O bravo! Ja, wir verstehen uns. Großartig ist der Gesang nicht. Gesang aber ist es immerhin und Zeichen fröhlichen Gemütszustandes. Bravo! Herr Sauer wird auf dem Land sogar ein lustiger Mann werden!« Er gab dem Vogel noch einige Kirschkerne in den Futternapf hinein, welch wohltuendes Gebaren er mit tiefem Interesse beobachtete. Dann ging Thorn, die Arme über dem Rücken verschränkt, im Zimmer auf und ab. Musterhafte Akkuratesse und Reinlichkeit herrschten in dem Raum, alles spiegelte und glänzte, es schien, als läge ein Abglanz von dem fröhlichen Gemüt des Besitzers auf den blanken Möbelstücken, auf den blinkenden Goldrahmen der Bilder, auf dem mannigfachen, sauber geordneten Gerät, auf dem Schreibtisch und auf den Goldzieraten der Bücherrücken im großen Glasschrank. Vor vier mit Spiegelscheiben versehenen Schränken im Zimmer blieb Thorn sinnend stehen. Drinnen lagen in verständiger Aneinanderreihung jene köstlichen anthropologischen Schaustücke, die er durch fünfunddreißig Jahre in kärglich bemessenen Urlaubswochen sich in stiller Herzensfreude zusammengetragen hatte. Messer, Pfeilspitzen, Dolche, Sägen, Äxte und Hämmer aus Feuerstein, große und kleine Töpfe aus Ton, Tonscherben mannigfaltigster Art, zierliche Fibeln, Trümmer von Hals- und Armschmuck, bearbeitete Tierknochen und das Prunkstück der Sammlung, ein Bronzegefäß, das er einst selbst unverständigen Kroaten, die es gelegentlich eines Bahnbaues aus der Erde gefördert hatten, um verhältnismäßig wenig Geld abgekauft hatte. Daß er damals die Sache nicht ordnungsgemäß höheren Ortes angezeigt hatte, hatte seine Ursache darin, daß der Grund, darin das seltsame Stück gefunden wurde, einst dem Vater des Herrn Dr. Thorn gehört hatte und diesem auf dem Weg der Expropriation von der Regierung abgenommen wurde, da sich die Behörde partout einbildete, die Eisenbahn müsse über den Acker des Herrn Thorn senior gehen. Mit stiller Freude besah er den uralten Tand, und alle Lust und frohe Glückseligkeit, die er einst empfunden hatte, als er Stück für Stück zusammengetragen hatte, fingen wieder an, sich in seinem Herzen zu regen. Und aus diesem stillen Denken an jene ferne Zeit wendete sich dann fröhlich sein Gemüt der Gegenwart zu. Ihm war, als hätte er plötzlich die schöne Gegenwart vergessen; es fiel ihm auf einmal ein, daß er nun frei sei – frei wie ein Jüngling; es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er vor dem Kasten aufgejauchzt wie ein wilder Bergbub. Auch seinem Gewehrschrank gönnte er manchen liebevollen Blick, und dabei stiegen die entzückendsten Zukunftsbilder vor ihm empör. Du lieber Gott, welch köstliche Tage werden nun kommen? Ja – er wird noch einmal jung werden! In seinem Bauer begann der Kernbeißer wieder sein einfaches Liedchen. »Was?« fragte Thorn, »auch du? Sonst ein Misanthrop der schlimmsten Sorte – tückisch und undankbar. Auch dein Herz ist heute fröhlichen Regungen zugänglich? Ja, mein Thorn, heute ist ein gottgesegneter, herrlicher Tag!« * In den nächsten acht Tagen hatte Herr Dr. Thorn alle Hände voll zu tun. »Ich spüre derzeit noch nichts davon, daß ich in Pension bin«, sagte er schweißtriefend zu seiner Schwester Pauline. »In meinem Amt hatte ich viel weniger zu tun!« Aber wie genau er auch seine Arbeit machte. Jedes Stück der anthropologischen Sammlung, jede Pfeilspitze, jeder Tonscherben ward vorsichtig in graues Konzeptpapier gewickelt und säuberlich die Katalognummer auf das Päckchen geschrieben. Diese Arbeit nahm ihn drei Tage lang in Anspruch. Unterdessen ließ Frau Pauline alle Bilder abnehmen, die Teppiche vom Boden abheben, die Möbel mit Überzügen aus Sackleinwand versehen und den sonstigen Hausrat in umfangreiche Kisten verpacken. Die Wohnung Dr. Thorns glich dem Magazin eines Spediteurs. Die Mahlzeiten wurden zum größten Teil in einem nahe gelegenen Restaurant eingenommen. Kurzum, es war sehr ungemütlich. Aber daß es die Laune des Herrn Dr. Thorn verdorben hätte? Keine Spur! »Gustav!« rief Frau Pauline, »komm herein und hilf da!« Gehorsam humpelte Gustav in den Salon hinüber. Die wehmütige Gangart hatte er sich damit eingewirtschaftet, daß er sich beim Rücken eines Kastens den Fuß desselben auf seine große Zehe gestellt hatte. »Was gibt es?« fragte er. »Hilf uns die Kiste wegschieben! Was diese Bücher für ein Gewicht haben!« Gustav schob mächtig an. Als die Kiste auf dem vorgeschriebenen Platze stand, richtete er sich schnaufend auf und rieb sich mit dem Sacktuche Gesicht, Hals und .Kopf. »Sehr anstrengend! Ich kenne angenehmere Beschäftigungen als die eines .Möbelpackers!« »Ich werde froh sein, wenn dies eine Mal alles vorüber ist!« sagte verzagt Pauline. »Du bist ungeschickt«, sagte Gustav,, »denk doch an all das, was nach diesen Mühen und Plackereien kommt! Diese Ruhe in unserem Landhause! Es wird dort sein wie in einer Kirche! Aber nicht so feierlich, sondern fröhlich, gemütlich und über die Maßen behaglich. Ich bin eigentlich schon müde, muß ich dir aufrichtig sagen, sobald ich aber anfange, zu merken, daß ich verdrießlich werde, denke ich schnell an unser Landhaus, und der Gedanke flößt mir sofort neue Kraft und Freude ein.« Endlich waren alle Vorbereitungen zur Abreise getroffen. Am nächsten Morgen wurde der Möbelwagen erwartet, der alles zur Bahn bringen sollte. »Nachmittags machen wir Johann den Abschiedsbesuch«, schlug Gustav vor. »Ja selbstverständlich! Wir müssen uns doch vom Bruder empfehlen«, sagte Frau Pauline. »Ja, ja ...« erwiderte eifrig Gustav. »Aber das muß ich dir sagen, lieber möchte ich noch einmal von vorne anfangen, einzupacken!« »Aber Gustav!« verwies Frau Pauline. Gustav gab keine Antwort. »Den Hund nimmt Marie mit. Sie schläft die beiden Tage bei ihrer Mutter!« »Wer wird ihn füttern?« »Nun, Marie! Du weißt doch, du kannst da vollständig ruhig sein, eher verhungert, sie, als daß sie den Hund hungern läßt. Und ihr Vater ist ja so riesig stolz, wenn er mit Pascha spazieren gehen darf!« »Ja, das ist wahr«, sagte Dr. Thorn, und aus seinem Gesicht schwand der leichte Schatten, der bei der Erwähnung des Abschiedsbesuches bei seinem Bruder sich auf seinem Gesicht gelagert hatte. »Marie ist sehr brav und ihr Vater ist ein guter, tierfreundlicher Mensch ...! Die beiden Zimmer für uns habe ich im Hotel bereits aufgenommen. Sie sind sehr einfach – aber recht freundlich –, wir werden uns denken, wir seien auf einer großen Reise begriffen.« Nachmittag schickte man sich an, den Abschiedsbesuch bei Herrn Rechnungsrat Johann Thorn zu machen. Als Dr. Thorn seinen Hut aufsetzte, sagte er: »Heute habe ich mir Gewalt antun müssen, ich wäre beinahe unwirsch geworden. Aber da fiel mein Blick zufällig auf Herrn Sauer ...« »Aber Gustav, du solltest dem Vogel doch keinen Menschennamen geben – das gehört sich nicht ...« verwies Frau Pauline. »Laß mir die Freude – er erinnert mich so stark an meinen Kollegen. Also, Sauer saß. dick und breit in seinem Käfig und sah aus wie die fleischgewordene Misanthropie. Ich rief ihn an. Nicht einmal den Kopf wendete er nach mir. Nun ging ich zum Käfig hin, steckte den Zeigefinger zwischen den Gitterstäben durch und wollte ihm freundlich zureden, aber sofort sträubte er die Halsfedern und hackte nach dem vorgehaltenen Finger. Ich zog den Finger eilig zurück. ›Du bist nicht gut gelaunt, das sieht häßlich aus‹, sagte ich, und dabei fiel mir ein, daß ich selber nicht gut gelaunt sei, nahm mich zusammen und versuchte, wieder ein freundliches Gesicht zu machen, was so leidlich gelang.« »Du und Johann habt euch nie gut vertragen«, warf Frau Pauline ein. »Da magst du recht haben – aber Abschied müssen wir doch nehmen von ihm. Morgen geht's dann hinaus – na, das tröstet mich!« Er ließ durch das Mädchen einen Einspänner besorgen. Als der Einspänner nach längerer Fahrt bei der Wohnung des Bruders anlangte, schritt gerade ein hagerer Mann mit blassem, fast fahlem Gesicht, eine Aktentasche tragend, auf das Haustor zu. Das große Ereignis, daß vor dem alten Haus ein Komfortabel stehen bleibe, veranlaßte ihn ebenfalls, stehen zu bleiben. Dr. Thorn kletterte aus dem Wagen und half in höchst ritterlicher Weise seiner Schwester beim Aussteigen. Der lange, hagere Mann sah mit maßloser Verwunderung auf das Paar. »Bist du's, Gustav ...? Ach, Pauline ...« sagte er. »Ach, da ist ja Johann«, sagte Dr. Thorn, »das trifft sich gut! Kommst du jetzt erst aus dem Amte?« Die Begrüßung der Geschwister gestaltete sich sehr formell. »Ja, ich komme jetzt erst aus dem Amte. Du kannst dir wohl denken, daß ich mich abrackern muß. Ich mach' Überstunden wie ein Fabriksarbeiter. Kommt ihr zu uns?« »Wen sollt' ich denn in diesem Hause besuchen?« fragte etwas geärgert Dr. Thorn. »Wir ziehen morgen weg von Wien!« »Also Abschiedsbesuch!« sagte Johann und schüttelte mißbilligend sein stark angegrautes Haupt; »und wie Ihr das Geld hinauswerft – dort oben ist gleich eine Haltestelle der Elektrischen. Die Einspännerkutscher wissen nie, was sie verlangen sollen. Aber du warst immer so!« Er ging voran. »Wir wohnen natürlich im dritten Stock. Aufzug ist keiner im Hause. Für Leute, die an Asthma leiden, ist das sehr unangenehm. Ich hoffe, es wird dir nicht zu viel werden, Pauline!« sagte er grämlich, indem er sich auf der Stiege nach dem Besuch umdrehte. »O, ich hab noch genug Atem, sei unbesorgt«, tröstete Pauline. »Nein, dich habe ich nicht gemeint«, sagte Johann, »Gustav wird es etwas schwer werden. Denn ich glaube, er leidet schon etwas an Arterienverkalkung. Was natürlich bei seinem Leben kein Wunder wäre. Er hat immer gut gegessen und getrunken, und das rächt sich dann in seinen Jahren.« Unter solch lieblichen Gesprächen stieg Johann die Treppe empor. Ziemlich verdrossen folgten die beiden nach. Johann sperrte die Wohnungstür auf. »Charlotte wird sehr überrascht sein«, sagte er, als der Schlüssel im Vexierschloß knackste. »Wir haben nämlich gerade Waschtag. Du hast dir das gut ausgewählt – infolge der vielen Arbeit ist an einem solchen Tage meine Frau immer sehr nervös.« Als sie in die Wohnung traten, kam eben Frau Charlotte aus der Küche heraus. Auch sie war lang und hager und hatte ein schmerzliches, mageres Gesicht. »Gustav und Pauline machen uns einen Besuch«, sagte Johann zögernd. »Heute – am Waschtag?« Frau Charlotte schlug entsetzt die Hände zusammen. »Nun, wir werden euch nicht lange aufhalten«, sagte Gustav. »Aber ich hab' mir eben gedacht – wir müssen doch noch früher zu euch kommen!« »Ja, man sollte das glauben«, sagte pikiert Johann. »Wir wollen nicht stören«, drängte sich Pauline vor; »den guten Willen habt ihr gesehen, also lebt wohl – laßt's euch gut gehen!« Sie reichte beiden die rechte Hand hin. Mechanisch folgte Gustav ihrem Beispiel. »Nein, nein, kommt nur herein da – das Vorzimmer ist wirklich nicht der Ort dazu. Schließlich sind wir ja doch Geschwister!« Johann machte die Zimmertüre auf und bestand darauf, daß die beiden eintraten. Das Zimmer sah ungemütlich und verstaubt aus. Das Rouleau an dem einen Fenster War schief in die Höhe gezogen; eine Schnur war abgerissen. »Das solltest du doch einmal machen lassen«, bemerkte etwas verlegen Johann. »Ja, ja, kaum bist du zur Tür herein, fängst du schon an, zu knurren. Ich glaube – ich plage mich genug den ganzen Tag – wenn andere Leute hier sind, könntest du wohl den Mund halten.« Frau Charlotte ging hinaus. Es trat eine bange Stille ein. »Also – du bist jetzt pensioniert, Gustav?« fragte Johann. »Ja, Gott sei Dank!« »Mir ist das aber nicht recht. Denn du hast mir dadurch einen Schaden zugefügt, einen großen Schaden. Wie ich gehört habe, warst du sehr beliebt im Amte – bei all deinen Vorgesetzten. Du wärst in wenigen Jahren Hofrat geworden, ja – auch einen Orden hättest du bekommen. Weißt du, daß du direkt ein Verbrechen an deinem Bruder begangen hast? Nun ja, wir sind eben Stiefbrüder.« In sprachloser Verwunderung sah Gustav seinem Stiefbruder ins Gesicht. »Wieso ... wieso? ...« »Wenn du Hof rat geworden wärst – und dazu einen Orden – du hättest etwas für mich tun können!« In diesem Augenblick kam Frau Charlotte herein. Ihre Neugierde hatte über ihre Erregung gesiegt. Sie setzte sich zu ihnen zum Tisch nieder. »Also ihr geht auf das Land! Für immer?« »Ja«, sagte Pauline. »Da sind wir arme Narren!« sagte Charlotte seufzend und warf einen furchtbaren, fragenden Blick zum Plafond empor. »Ihr werdet uns doch öfter besuchen«, fragte Gustav. Charlotte schüttelte energisch das Haupt. Johann sagte schmerzlich: »Nein, Gustav, das kannst du von uns nicht verlangen. Mir würde das Herz zerbrechen. Wir sitzen da in Sorgen und Kummer, du bringst deine Tage im Wohlleben dahin ...! Das anzuschauen, würde ich nie übers Herz bringen!« Die Tür ging auf, und ein Knabe von ungefähr vierzehn Jahren trat ein. Es war ein hübscher Bursch, aber in seinem Gesicht lag ein seltsamer, lauernder Zug. »Eugen«, sagte Johann, »Onkel und Tante sind da!« Eugen machte eine Verbeugung und reichte den beiden Respektpersonen die Hand. »Grüß dich Gott, Eugen«, sagte Gustav, froh, daß durch das Erscheinen des Knaben die wehmütige Rede seines Bruders unterbrochen wurde, »wie geht's dir?« »Frage nur das nicht«, krächzte Bruder Johann weiter, »das ist auch so ein Sorgenquell.« »Wieso ...?« fragte Frau Pauline. »Lernt er nicht gut?« fragte erschrocken Gustav. »Das ist keine Frage, lieber Bruder, Eugen ist sicher einer der fleißigsten und fähigsten Schüler der Anstalt, ungemein pflichteifrig. Charlotte kann es nicht anders sagen. Aber die Professoren!« »Die Professoren!« klagte auch Frau Charlotte, zog ein Taschentuch von, unbestimmter Farbe aus ihrem Rock und drückte es an die Augen. »Hat es was gegeben?« fragte Dr. Thorn. »Erzähle, Eugen!« befahl der Vater. Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit begann Eugen: »Ja, in der Klasse war ein fürchterlicher Tumult vor der Schule, daß der Schuldiener den Direktor holen mußte. Ich war der einzige, der ruhig in der Bank gesessen ist, die anderen schrien und lärmten, und als der Direktor kam, zeigten sie mich an, daß ich den Lärm gemacht habe!« Er warf, wie wenige Minuten vorher seine Mutter, einen schmerzlichen Blick zum Plafond empor. »Und was sagte der Herr Direktor?« Da brach Eugen in furchtbares Weinen aus, wobei er ebenfalls ein Taschentuch von höchst unbestimmter Farbe an seine Augen drückte. Frau Charlotte stand auf, drückte den Sohn an ihren mütterlichen Busen und sagte: »Mach' dir nichts draus, Eugen, komm', trink da draußen in Ruhe deinen Kaffee – da herin ist es nicht möglich!« Plötzlich faßte sie eine furchtbare Wut. »Weißt du, Schwager, wenn du nur herkommst, um Ärger und Verwirrung in die Familie zu bringen, dann ist es mir schon lieber, du bleibst draußen. Ich kann .eure Protzerei überhaupt nicht leiden!« Sie ging mit dem heulenden Eugen hinaus. Es war eine peinliche Pause, die nach dem Abgang der beiden entstand. Dr. Thorn erhob sich. »Komm, Pauline«, sagte er. »Du mußt nicht böse sein über ihre harten Worte«, wollte Johann begütigen, »sie ist eben Mutter. Ihr Herz blutet unter dem Unrecht, das man ihrem Kinde zufügt. Und dann ist es mit einer schweren materiellen Schädigung verbunden. Eugen verliert zum mindesten die Schulgeldbefreiung – bitte – ohne die mindeste Disziplin-Widrigkeit begangen zu haben. Es ist sogar noch fraglich, ob er in der Schule bleiben kann.« »Wenn er nichts getan hat ...?« Dr. Thorn schüttelte zweifelnd den Kopf. »Vielleicht hat er sich ein wenig an dem Rumor beteiligt, das kann ja schon sein«, gab Bruder Johann zu, »aber die Strafe ist zu grausam. Eugen ist ein lebhaftes, aufgewecktes Kind – er ist kein Duckmäuser!« Johann verschwieg die eigentliche Ursache des Schüleraufstandes. Der aufgeweckte Eugen war außergewöhnlich früh in die Schule gekommen und hatte Stiegen, Gänge und den Boden seiner Klasse mit den abgebrochenen Köpfchen roter Zündhölzchen bestreut, die die erfreuliche Eigenschaft besitzen, unter Stiefelsohlen mit einem durchdringenden Krach zu explodieren. Der Einzug der Schüler vollzog sich unter fortwährenden Detonationen, die bei den jungen Herren lebhafte Heiterkeit erregten. Noch ehe der erschreckte Direktor dem Schuldiener den Befehl geben konnte, die Sprengkörper abzukehren, war schon größeres Unheil angestiftet worden. Einer Mama, die besorgten Herzens zu irgendeinem Professor gekommen war, um Nachrichten über das Verhalten des Sohnes einzuholen, war auf der Schleppe des Unterrockes ein brennendes Zündholzköpfchen kleben geblieben, und beinahe wäre die Dame von hinten verbrannt worden. Sogar der seidene Unterrock hatte hell aufgeflammt und bei den liebevollen Bemühungen, den Brand zu löschen, hatten sich zwei herbeigeeilte Professoren, der Direktor und der Schuldiener die Hände tüchtig verbrannt. Die Dame war in Ohnmacht gefallen und mußte mit der Rettungsgesellschaft nach Hause geführt werden. In der Konferenz war beschlossen worden, Eugen Thorn aus der Anstalt auszuschließen. Der Papa des unglücklichen Kindes wischte sich die Augen aus. »Ja«, sagte er, »das Leben wird, einem schwer gemacht!« Da ging die Tür auf – ein junges, etwa siebzehnjähriges Mädchen stürmte herein. Es war, als fiele wunderhelles, schimmerndes Leuchten in die dämmernde, staubige Stube. Die schlanke, feine Gestalt mit den großen dunklen Augen ... wie kam die in diese Familie herein? »Siehst du nicht, Elise, daß Onkel und Tante hier sind?« fragte verweisend der Papa. Er sah dabei sehr ernst drein. »Ja ... Onkel, ... Tante! ... Ja, seid ihr's wirklich?« fragte Elise, »...ah, das ist schön ... Das ist ja mehr als ein Jahrhundert her, daß ihr nicht dagewesen seid! Und ihr geht schon?« Und sie begrüßte die beiden mit heller, stürmischer Freude. Darauf setzte sich der Herr Rechnungsdirektor i. P. noch einmal nieder. »Ja ... wir haben Abschied genommen!« sagte er. »Wir gehen auf das Land!« »Du, Onkel«, sagte stürmisch das schöne Fräulein, »und du, Tante ... bitt' schön, bitt' schön, gelt, ich darf dann zu den Ferien zu dir auf das Land gehen. Gelt, Onkel, auf einige Wochen nur ... nur vierzehn Tage ... höchstens drei Wochen ... bitt' schön, bitt' schön!« Und sie faltete so reizend die Hände, und das liebe Gesicht leuchtete so innig. »Elise ... schäm dich!« verwies aufs neue der Vater. »Warum nicht? ... einige Wochen kann sie immerhin bei mir bleiben!« »Die Mutter wird sich schwer von dem Kinde trennen«, sagte pathetisch der Vater. Elise sah mit einem sonderbaren Blick auf ihren Vater. »Nein, nein, Onkel – Papa wird dir's ja erzählt haben – wir gehen heuer gar nicht aufs Land. Denk' dir, Onkel, das Kleid der Dame, das durch Eugens Schuld verbrannt wurde, kostet 296 Kronen. Und die muß Papa bezahlen.« »Wie?« fragte erstaunt Dr. Thorn. »Was?« fragte Pauline. »Elise ... rede nicht so dumm daher!« sagte wütend der Vater. Die Tür ging auf, die Mama steckte den schlecht frisierten Kopf ins Zimmer herein. »Ah ... bist du da, Elise?« fragte sie. »Geh gleich hinaus in die Küche und trink deinen Kaffee, sonst wird er kalt. Und du«, wendete sie sich zum Herrn Gemahl, »könntest ihn auch am besten gleich draußen trinken. Oder soll ich dir ihn hereinbringen?« »Ja ... hast du für Gustav und Pauline nicht eine Schale Kaffee?« fragte betreten der Herr Gemahl. »Wieso ... woher? Ich war ja gar nicht vorbereitet. Ich müßte jetzt Milch holen lassen!« »Ich hol' sie«, sagte entschlossen das schöne Mädchen, »gib mir nur einen Topf...« »Nein, nein«, sagte Gustav und stand auf. »Komm, Pauline, wir müssen gehen.« »Du bist doch nicht böse?« fragte betreten Johann. »Nein ... nein ... wir haben noch einen Besuch zu machen ...« log Frau Pauline. »Ich müßte erst Feuer machen ...« entschuldigte sich Frau Charlotte. Der Abschied war kühl. In wortreicher Rede beneidete Johann noch auf dem Gang draußen den glücklichen Bruder. »Also, Lisel ... du kommst zu den Ferien!« sagte Dr. Thorn. »Ja, komm', komm', Lise«, lud Pauline ein. »Ich glaube, für Eugen wäre es notwendiger«, meinte Frau Charlotte. Da stieg der Herr Direktor Dr. Thorn eiliger die Stufen hinab. Von der Höhe des Stiegenabsatzes winkten der Bruder und Frau Charlotte den beiden nach. Elise ging mit zum Wagen. »Komm' nur, komm' nur in den Ferien«, luden sie Gustav und Pauline nochmals ein. »Ich schick' dir das Reisegeld.« »Ja, das mußt du tun, Onkel ... sonst könnt ich nicht kommen. Die daheim haben ja nie eine Krone übrig!« Der Wagen rollte fort. Das schöne Mädchen blieb am Trottoir stehen und winkte, so lange der Wagen noch in Sicht war. Drittes Kapitel Dr. Thorn und Frau Pauline saßen stumm im Wagen nebeneinander. »Hätten wir nicht doch Charlotte und Eugen einladen sollen, auf das Land zu kommen?« fragte ganz ernsthaft Gustav. »Ich danke«, sagte ruhig Frau Pauline. »Ja, wir werden es schön haben«, fing Gustav wieder zu schwärmen an, »jetzt, nachdem ich meinen Bruder besucht habe, sehe ich erst ein, wie glücklich wir sind, Pauline.« »Was es nur mit dem Kleide, von dem Elise gesprochen hat, für eine Bewandtnis haben muß?« fragte Frau Pauline. Dr. Thorn zuckte die Achseln. »Soweit ich den LackI kenne, steckt sicher irgendeine Spitzbüberei Eugens dahinter. Um Lisel ist mir leid, die arme Kleine verkommt unter denen. O, wie schön wird es da draußen sein, nur Licht und Glanz, Lust und Freude und stille, wohltuende Behaglichkeit.« Im Hotel wurde genachtmahlt. Gustav war in angeregtester Stimmung. Er traf zwei Bekannte aus dem Amt, und in längerer begeisterter Rede entwickelte er ihnen sein glänzendes Zukunftsprogramm. Um halb elf Uhr begab sich Frau Pauline in ihr Zimmer. Gustav blieb noch eine Weile sitzen; sein Herz war so warm geworden, daß er den beiden Herren noch einen Abschiedstrunk offerierte, Gumpoldskirchner von der besten Sorte. Die Dinge nahmen eine fröhliche Entwicklung. Dr. Thorn ward so aufgeräumt, plauderte, lachte, ja, er versuchte sogar zu singen, daß die anderen Wirtshausgäste ganz vergnügt auf den lustigen alten Herrn mit der goldenen Brille und den roten Wangen hinsahen. »Das Ende war gut«, sagte Dr. Thorn zu sich, als er in mitternächtiger Stunde sein Schlafgemach im Hotel aufsuchte, »hoffentlich wird der Anfang morgen auch sehr gut sein. Noch eine Nacht – sie wird kurz sein, Bettschwere ist in genügendem Maße vorhanden.« Mit Rücksicht auf die in »genügendem Maß vorhandene Bettschwere« läutete er vorsichtshalber doch noch einmal dem Zimmerkellner und gab ihm, als er erschien, in liebreichen Worten den strengen Auftrag, ihn ja morgen um dreiviertel sechs Uhr zu wecken. Der nächste Morgen ließ sich für Herrn Dr. Thorn zuerst etwas mißlich an. Die Bettschwere vom vorigen Abend hatte sich während der Nacht im Kopfe festgesetzt. Nur der Gedanke, daß es nun hinausgehe in die sonnige Freiheit, in sein Heim ... in jenen gesegneten Ort, wo er, wie er so oft pathetisch ausgedrückt hatte: »auf freiem Grund als freier Mensch stehen werde«, hielt ihn aufrecht. Nachdem ihm Schwester Pauline ein Aspirinpulver gereicht hatte, begannen die Schatten des gestrigen Abends zu schwinden, und als der Wagen am Bahnhof landete, sah Herr Dr. Thorn schon wieder sehr fröhlich in die Welt hinein. Als sie im Zuge in die Nähe ihrer zukünftigen Heimat kamen, unterließ es Dr. Thorn nicht, der Schwester jedes Dorf, jeden Weiler zu nennen, der vom Waggon aus sichtbar wurde. Und er zeigte eine erstaunliche Ortskenntnis. Er hatte sich diese im Laufe der zwei Jahre erworben, da er zu öfteren Malen wegen des Hausbaues in St. Ruprecht zu tun gehabt hatte. »Und siehst du ... dort fängt mein Revier an ... und jetzt ... die Brücke führt über meinen Forellenbach ... aber da sind keine Forellen mehr darinnen ... denn zehn Minuten weiter oben hat ein Gerber sein Atelier, und die Forellen sind durchaus keine Freunde von Tannin und Gerbsäure. Und da, da ... siehst du dort die drei Hügel ... ich wette, das sind Tumuli ... dort werde ich graben lassen, bei dem Bürgermeister habe ich mich bereits wegen der Bewilligung erkundigt ... man wird mir nicht das geringste Hindernis in den Weg legen.« So plauderte er unablässig fort, voll Freude, munter, wie ein Schuljunge, der auf Ferien geht. Im Bahnhof ward ihm eine große Enttäuschung zuteil. Er hatte geglaubt, die Freunde würden ihn alle dort erwarten. Niemand war da, ein Diener, den er gar nicht kannte, nahm ihm die Fahrkarten ab. Eben, als er mit Pauline den Perron verließ, entdeckte er, daß der Stationsvorstand in fluchtartiger Eile sich aus dem Bahnhofgebäude entfernte. Mißmutig schüttelte er den Kopf. »Das ist nicht schön!« brummte er vor sich hin. Wortkarg ging er neben Pauline in den Markt hinein. Ein Bahnbediensteter führte ihm in einem Schiebkarren das Reisegepäck nach. Frau Pauline war sehr erschrocken. Aber sein Mißmut schwand, als er in die Nähe des Hauses kam. Dort standen sie ja alle, schon aus weiter Ferne winkten sie ihm zu. Auf einmal huschten dort zwei weiße Rauchwolken empor – zwei kurze Detonationen folgten nach. »Es sind blinde Schüsse!« beruhigte Gustav. »Der Förster und der Heger waren es. Und jetzt seh' ich auch die anderen. Dort der kleine Dicke, das ist der Herr Bürgermeister und – welche Ehre – auch der Herr Pfarrer sind erschienen; und dort der mit der Glatze, wie eine Tonsur schaut sie aus, eine lange Pfeife raucht er, das ist der Oberlehrer. Auch der Herr Postmeister ist da, und Donnerwetter, der Stationsvorstand, er hat wegen meiner Ankunft seine Amtspflichten versäumt.« Die beiden waren noch fünfzig Schritte vom Hause entfernt, da erklang schon aus der Gesellschaft ein donnerndes Hurra, Hoch! Die Gewehre krachten noch einmal, und es fehlte nur, daß der Herr Pfarrer Befehl gegeben hätte, alle Glocken läuten zu lassen. Der Empfang war ein ungemein herzlicher. Frau Pauline wurde mit möglichster Eleganz, so weit diese Eigenschaft den Freunden Dr. Thorns zu Gebote stand, bewillkommt. Gustav wurde etwas burschikos begrüßt, wie sich's für solche alte Knaben geziemt. Die Herren traten durch den mit einem Laufteppich bedeckten Flur in den Hofraum ein, dessen Mitte ein riesiger Kastanienbaum schmückte. Im kühlen Schatten stand ein weißgedeckter Tisch, darauf in einem Kübel voll Eis eine stattliche Weinflasche, und um das Kühlgerät herum waren feingeschliffene Weingläser geschmackvoll arrangiert. Der Herr Bürgermeister zog die Flasche aus dem Kübel, goldiger Schein flog über die Tische, und als die Gläser gefüllt waren, bot das Arrangement einen ungemein prachtvollen und herzerhebenden Anblick. »Ich bitte die Herrschaften, die Gläser in die Hand zu nehmen«, gebot die weltliche Obrigkeit. Dann trat der Herr Pfarrer vor. Die Herren entblößten in alter Gewohnheit das Haupt. »Meine lieben Freunde!« begann der alte, würdige Herr, »es ist uns Freude widerfahren, nicht nur unserem kleinen Freundeskreise, nein, auch unserer Gemeinde. Einen guten, klugen, fröhlichen Mann uns zu eigen zu wissen, ist ein großer Gewinn. Er mehrt unsere Freude in den schönen Tagen des Glückes und mildert die Tage der Trauer durch weisen Rat und fröhlichen Zuspruch. Möge Ihnen, Herr Dr. Thorn, durch die Güte des Allmächtigen beschieden sein, lange Jahre voll stillen, behaglichen Glückes in diesen Räumen, die Sie sich für den Abend Ihres Lebens erbaut haben, zu verleben, und mag es Ihnen, gnädige Frau, hier gelingen, in dem stillen, truglos gleitenden Leben das herbe Leid zu verwinden, das Sie in der Großstadt erlitten. Und noch eine Bitte, Herr Dr. Thorn: bleiben Sie uns immerdar ein wohlgesinnter, fröhlicher Freund« – Dr. Thorn reichte gerührt dem Herrn Pfarrer die Hand – »und nun, meine Herren, lassen Sie die Gläser aneinanderklingen zur Begrüßung unseres Freundes in der neuen Heimat. Gott segne, schütze und bewahre ihn, seine Lieben und sein neues Heim!« Die Gläser klangen aneinander, unzählige Heils, Prosits und Willkommen erklangen. Der Förster wollte eine Ehrensalve abgeben, schoß aber diesmal allein, da der Heger just das Weinglas in der Hand hatte. Er schoß eine halbe Minute später nach, was allgemeines Lächeln erregte, worauf der Heger um seine Verlegenheit zu verbergen, das Glas des Herrn Bürgermeisters leer trank. Aber auch die weltliche Obrigkeit trat vor, erhob das neueingeschenkte Glas und fing zu sprechen an. »Indem, daß ich hier der Bürgermeister bin, alsdann der Leiter der politischen Angelegenheiten dieses Ortes – nämlich der Marktgemeinde St. Ruprecht und mehrerer Orte und Rotten und als solcher die Pflicht habe, nach Gerechtigkeit und beschworenen Gesetzen ...« er stockte, wischte sich den Schweiß von der Stirn, trank sein Glas aus – »und jede Ungesetzlichkeit ... die man ... die man...« Der Herr Pfarrer lächelte milde. Es war immerdar sein Bestreben als geistliche Obrigkeit die weltliche zu unterstützen, er erhob nochmals sein Glas und rief: »Also nochmals hoch und herzlich willkommen«, und im neuerlichen Jubel blieb die Verlegenheit des Bürgermeisters unbeachtet. Und dies um so mehr, als eine sehr exakte Salve folgte, deren Krach Frau Pauline bald einen Nervenchok zugezogen hätte. »Aber jetzt, meine Herren, lassen wir die Neuangekommenen allein«, mahnte der Herr Pfarrer. Die Kommission verließ unter nochmaligen lebhaften Ehrenbezeigungen das Haus. Die Zimmer waren schon leidlich in Ordnung, und todmüde setzte sich Frau Pauline in einen beim Fenster stehenden Fauteuil. »Ja, wo sind denn Marie – die Köchin – und Pascha?« fragte erregt Dr. Thorn. »Wir haben sie in diesem Trubel ganz vergessen.« In diesem Moment erklangen eilige Schritte draußen auf dem Flur, dazu das Winseln eines Hundes, »'s Herrl ist da, Pascha!« rief eine Frauenstimme. »Ah, da sind sie ja!« rief befriedigt Dr. Thorn und öffnete die Tür, und der schwarze Hund stürmte herein. Er war wie toll vor Freude, sprang ungestüm an Doktor Thorn hinauf, riß Frau Pauline fast in ihrem Fauteuil um, ergriff schließlich Dr. Thorns silberbeschlagenen Spazierstock mit den Zähnen und fuchtelte mit diesem in höchst gefährlicher Weise herum, so daß sich die beiden Mädchen, die mit strahlenden Gesichtern bei der Tür standen, gar nicht getrauten, einzutreten. Mit vieler Mühe war der Hund gebändigt, und als er endlich keuchend mit lappender Zunge am Boden lag, fragte Frau Pauline erstaunt: »Ja, wo wart ihr denn?« Das Rätsel war bald gelöst. Die Damen hatten sich geniert, unter solch hochhonoriger Gesellschaft zu erscheinen und hatten mit Pascha im Garten die Ankunft ihrer Herrschaft erwartet. »Und die Schießerei kann ich überhaupt nicht vertragen, ich tu so viel erschrecken«, erklärte die Köchin noch näher den Sachverhalt. Während die Köchin ein kleines Gabelfrühstück bereitete, zeigte Dr. Thorn der Schwester die Wohnung. Rechts vom Flur lagen zwei hübsche Zimmer, die Küche und die Speisekammer. »Hier ist das Departement der Frau Pauline«, sagte Gustav mit vieler Wichtigkeit. »Hier dieses lichte, freundliche Gelaß ist das Wohnzimmer und gleichzeitig die Stätte, wo feine Handarbeiten angefertigt, Romane gelesen und Briefe geschrieben werden. Ein lichter, heller Raum ... nicht wahr? Wenn hier einmal alles in der richtigen Ordnung ist und die Blumen am Fenster stehen, wird es da herrlich sein. Die Fenster gehen auf den Hauptplatz, auf dem sich alle weltbewegenden Ereignisse, die den Ort treffen, abspielen: die Feuerwehrtage, die Fronleichnamsprozession und so weiter. Und wenn ein Zirkus in den Ort kommt, so kann man von hier aus gratis, wie in einer Loge, die Darbietungen der Trapez- und sonstigen Luftkünstler bewundern. Pantomime, Parterreakrobatik und den Clown gratis zu sehen, ist leider unmöglich, da eine mächtige graue Leinwand die Kunststätte unten umgibt. Und hier ist das Schlafzimmer. Das Muster der Tapeten ist ein sehr ruhiges, auch werden mannigfache schöne Kunstwerke an den Wänden angebracht: Bilder, Statuetten und, was unbedingt nötig ist, ein ›Haussegen‹.« Frau Pauline lächelte. »O, ich habe an alles gedacht ...« setzte Dr. Thorn mit stolzer Befriedigung fort. »Und hier ...« er hatte die Schwester in die Küche geführt, wo ein Kachelherd neuester Konstruktion prangte. Kathi machte eben die Eierspeise. »Brennt er gut?« fragte Dr. Thorn. »Ja ... brennte gut«, sagte die Köchin, »viel besser wie in Wien.« »Na also!« erwiderte Dr. Thorn, »wenn zur Ausstattung des Raumes noch was fehlen sollte, wird es ergänzt.« »Bitt dich, das ist ja ohnehin eine Hotelküche ...« »Stimmt, stimmt«, antwortete vergnügt der Bruder, »ich wollte eben alles so wohlhabend gestalten, als es nur anging.« Dann zeigte er die Speisekammer mit dem neuesten Eiskasten und schließlich das Mägdezimmer. »Die Fenster sind mit Eisengittern verwahrt und gehen in den Garten. Wie ich gehört habe, wird hier im Orte seitens der jungen Burschen weiblicher Tugend sehr eifrig nachgestellt.« In diesem Moment meldete die Köchin, daß das Gabelfrühstück schon fertig sei. Gustav befahl, im Hofe, unter dem Kastanienbaum zu decken. »Ach, diese Ruhe ... wundervoll«, sagte er, als er mit Pauline in den Hof trat. Aus seiner großen Hundehütte kam Pascha hervor und schmiegte schmeichelnd seinen Kopf an Dr. Thorn an. »Hatte schon ganze Nacht in Hundshütte g'schlaf'n, g'fallte ihm recht gut dort!« sagte Kathi, als sie das Essen in den Hof brachte. »Ja, auch Pascha ist Hausherr geworden«, erklärte Dr. Thorn und streichelte des Hundes großen Kopf. »Köstlich ... ausgezeichnet!« rief ein- über das anderemal Thorn aus, als er die Eierspeise verzehrte. »Und diese Luft ... ah ... großartig ... was, Pauline?« »Jetzt müssen wir aber einmal mein Departement besuchen ...« meinte er dann und stand auf. »Aber laß mich doch noch essen!« sagte vorwurfsvoll Pauline. »Ja ... ja ... es schmeckt dir ... so ist es recht. Ich warte schon.« Dann wurden die Appartements des Dr. Thorn besichtigt. »Hier das Wohn- und zugleich das Besuchszimmer. Von der Ausschmückung sieht man noch nichts. Nur die Schlafräumlichkeiten wurden instand gesetzt. Und hier, dieser große, fast fürstliche Raum« – es war ein Zimmer im Ausmaße von etwa achtzehn Quadratmeter – »wird das Museum aufnehmen!« An der Wand standen die vier Kästen mit den Spiegelgläsern und mitten im Zimmer drei enorme Kisten, die die anthropologischen Schätze enthielten. »Ich werde in den nächsten Tagen viel, sehr viel Arbeit haben, um alles dies zu ordnen. Davon, daß ich in den Ruhestand versetzt bin, werde ich wohl monatelang nichts verspüren. Aber es ist recht so!« »Mein Schlafzimmer wird sehr einfach sein ... das Messingbett, ist aufgestellt, der Waschkasten und so weiter. Die Hauptsache ist und bleibt das Museum.« So waren sie plaudernd und bunte Zukunftsträume spinnend durch die spiegelblanken Räume des Hauses gegangen. »Den Hof kennst du ja, den Kastanienbaum hat der Förster auf vierzig bis fünfzig Jahre geschätzt. Es wäre mir lieber gewesen, eine Linde stünde da. Lindenduft und Bienengesumm liebe ich über alles. Aber ich kann da keine Linde setzen lassen ... bis sie so groß ist, wie ich Linden liebe, spür ich längst von Lindenduft und Bienengesumm nichts mehr. Und wenn im Mai der Kastanienbaum blüht, sieht er ungemein prächtig aus, wie ein Christbaum, auf den man statt Kerzen lauter Lampen aufgesteckt hat. Ich bin auch mit dem Kastanienbaum zufrieden!« Frau Pauline kam gar nicht zum Reden, sie konnte nur »ja, ja, freilich, freilich« zu allem sagen. »Die Hütte ist groß genug für Pascha ... nicht? Aber einen besseren Vorhang aus irgendeinem Teppichstoff mußt du machen. Und das große gestickte ›P‹ vergiß nicht!« »Soll ich das ›P‹ in Gold sticken?« fragte schalkhaft Frau Pauline. »Ja, aber es müßten echte Goldfäden sein, da Kompositionen dem Witterungswechsel nicht gewachsen sind und das ›P‹ nur allzu bald die Farbe Paschas annehmen würde. Nimm hellgelbe Seide!« Den Hof schloß eine graue Planke ab, durch die eine Tür ins Freie führte. »Diese häßliche Planke wird kassiert, denn sie verschließt mir den Ausblick in mein liebliches Heiligtum, in den Garten. An ihre Stelle kommt ein Eisengitter mit Lanzenspitzen, um Turnern, die unmoralische Absichten hegen, den Eintritt in das Haus zu verwehren.« Sie gingen durch das schmale Pförtchen in den Garten hinaus. Es war ein alter, verwilderter Bauerngarten, die Wege mit Gras und gelbem Huflattich verwuchert, auf den Beeten wuchsen neben verkümmerten Gartenpflanzen alle möglichen Kräuter, wie sie draußen in Feld und Wald vorkommen. Ein mäßiger Hügel an der Plankenecke war botanisch besonders interessant. Denn hier sprossen mehrere Stauden des giftigen Stechapfels empor, und am Rande blühte sogar das häßliche Bilsenkraut. »Hier hat mein Vorfahr sicher einen mäßigen Schutthaufen angelegt gehabt, dieses Giftgewächs gibt Zeugnis davon«, sagte Gustav; »der Garten gleicht überhaupt einer Wüstenei – sieh nur, diese alten verkrüppelten Obstbäume! Aber groß ist er, wir müssen gut zehn Minuten gehen, bis wir an sein Ende kommen. Es sieht traurig aus, aber ich habe mir vorgenommen, aus dieser Wüste ein Paradies hervorzuzaubern. Bis hierher wird sich der Blumengarten erstrecken, in dem ich die köstlichsten und neuesten Sorten, die die Firma Schmidt in Erfurt in Handel bringt, pflanzen werde. In erster Linie Rosen in einer hier nie gesehenen Pracht – es wird ein Flor werden, daß meine guten Mitbürger hier, nicht nur die Augen, sondern auch den Mund aufreißen werden. Eine Taxushecke wird sehr schön den Blumengarten vom Nutzgarten abschließen.« »Na, das wird Arbeit genug geben, ich danke«, sagte kopfschüttelnd die Schwester. »Ja wohl, geliebte Pauline«, stimmte Gustav zu, »aber frohe, freudige, gesunde Arbeit; Arbeit, deren Erfolg man täglich kommen sieht und deren Segen man an sich verspürt.« Er war ganz glücklich. »Also hier wird der Nutzgarten beginnen. Du kannst dir doch denken, daß ich nur das auserlesenste Gemüse hier pflanzen werde und die besten Obstsorten: Die Wege werden eingesäumt mit Johannisbeer- und Stachelbeersträuchern, natürlich ebenfalls hochedle Sorten. Diesem Teil des Gartens ist der größte Raum gewidmet.« Sie gingen weiter. Der Boden steigt etwas an, Sand und Steine zeigten sich und der Pflanzenwuchs wurde seltener. »Aus diesem Boden hier wird wenig Nutzen zu ziehen sein, er hat Steppencharakter. Aber ich mußte dieses Stück dazu nehmen. Es erstreckt sich bis zur Landstraße hinaus. Trotz der Sterilität des Grundes gedenke ich ihn doch gut zu verwerten. Das hier wird der englische Garten werden. Ich werde hier einige genügsame Nadelholzsorten anpflanzen, das gibt ein kleines Wäldchen, und so habe ich auf meinem Grundstück alle Vegetationsformen beisammen. Selbst eine Heide könnte ich haben, freilich in sehr kleinem Maßstabe, denn diese verlassene Sandgrube gehört auch mir, und siehe – da ist schon die Landstraße, staubig und sonnig. Wenn einige Jahre vergangen sind, werden die mühseligen Wanderer da draußen mit Sehnsucht auf dieses grüne Paradies schauen, das ich an dieser Stelle aus der Erde zu stampfen gedenke.« Die beiden Leutchen kehrten um. Der helle Sonnenschein lag auf dem verwilderten Garten und die Schmetterlinge gaukelten um die Feldblumen, die hier so üppig wuchsen, als seien sie eigens angepflanzt worden. Als sie beim Haus wieder angelangt waren, öffnete Gustav eine kleine Tür in der Planke und trat ins Freie hinaus. Ein Stück Anger lag da, durch den träge ein schmales Bächlein zog. »Auch dieses Stück Land ist mir zur Arrondierung meines Besitztums angeboten worden, und zwar zu einem sehr billigen Preise«, sagte Gustav, und sah dabei ungeheuer berechnend drein. »Und was willst du damit anfangen!« meinte Pauline. »O, die Kurzsichtigkeit der Frauen!« sagte triumphierend Herr Dr. Thorn, »daß ich es dir gleich sage, ich habe dieses Stück Land bereits um einen Spottpreis der Gemeinde abgekauft, und auf diesem Boden werden dir viele, viele Freuden erblühen!« Er sah dabei mit einem Ausdruck voll Pfiffigkeit und Schalkheit der Schwester in das sonst so bleiche, stille, heute aber lebhaft gerötete Antlitz. »Auf diesem Grund wird der Hühnerhof entstehen. Das wird deine Domäne sein! Wir werden natürlich nur Rassehühner halten. Ein Taubenkobel wird auch aufgerichtet, dessen Ständer mit Weißblech beschlagen ist, daß Katzen, Iltisse und Marder nicht hinauf gelangen können. Es wird dir viel Vergnügen machen, diese Tiere zu füttern. Sie werden bald so zahm werden, daß sie dir auf Kopf und Schultern fliegen. Dann kaufe ich dir ein griechisches Kostüm und lasse dich in dieser Situation in Öl malen!« »Worauf du kommst!« sagte lachend Pauline. »Aber wozu wird der Bach dienen?« »Wir werden auch Wassergeflügel halten!« erklärte Dr. Thorn, Enten, schöne Enten mit Metallschimmer auf den Flügeln. Diese Vögel liebe ich über alles, ich kenne in der Naturgeschichte kein Tier, das so selbstzufrieden, so behaglich durch das Leben watschelt. Es ist fleischgewordener Humor! In der Mitte dieses Grundstückes lasse ich einen Teich ausheben, ungefähr einen halben bis drei Viertelmeter tief, damit die Enten auch tauchen können, was sie gern tun und dabei einen ungemein abweisenden Ausdruck zeigen. Selbstverständlich, wenn du dann ein Gelüste hast auf fremdländisches Geflügel, so steht solchen Wünschen durchaus nichts entgegen, Trut- und Perlhühner bilden eine stattliche Zierde eines jeden Hühnerhofes. Auch einen Pfau kannst du dir halten – ich bin nicht musikalisch – und kannst ihn als Barometer benützen, denn er soll einer frommen Sage zufolge vierundzwanzig Stunden vor eintretenden! Regen sein melancholisches Geheul ertönen lassen.« »Na, das wird Arbeit genug geben!« meinte bekümmert Frau Pauline. »Und die würdest du nicht gern tun? Wenn so eine Schar gelber Kücken dich umpiepst, du wirst dir sicher vor lauter Liebe und Erbarmen einen Herzfehler einwirtschaften.« Frau Pauline lachte ganz glücklich vor sich hin. »Viel Nutzen werden wir von der Kleintierzucht nicht haben, denn ich glaube, du wirst niemals zugeben, daß eines der von dir aufgezogenen Stücke dem Schlachtbeil – pardon – Messer verfällt.« Als die beiden in die Wohnung zurückkamen, saßen in der Küche Marie und Kathi beim Mittagmahl. Gustav war sehr erstaunt, daß man schon zu Mittag esse, und als die beiden Damen erklärten, daß es schon zwölf Uhr vorbei sei, sagte er erschrocken: »Pauline, beeile dich, ich habe mich ja brieflich für heute zwölf Uhr zu Mittag im Gemeindegasthaus angesagt.« Als sie beim Gemeindegasthaus ankamen, standen unter dem großen Tor der dicke Wirt und die noch weit umfangreichere Wirtin. Die Begrüßung war eine stürmische – wortreiche. Im Extrazimmer war ein Tisch mit blütenweißem Tischtuch gedeckt, in der Mitte des Tisches stand ein ungeheurer Blumenstrauß. Gustav fand alles vortrefflich, Pauline stimmte in ihrer stillen Art bei. Wirt und Wirtin sprachen in einemfort. Frau Pauline aber drängte zum Aufbruch; sie war müde. Der Nachmittag verging unter kleinen Vorarbeiten. Abends fand sich Dr. Thorn zum Stammtisch im Gemeindegasthaus ein. Man wollte ihn wieder festlich begrüßen. Aber Dr. Thorn lehnte ab. »Erst dann, meine Herren, wenn ich sicher und geruhig in meinem Heim sitze, wollen wir den Einstand feiern. Und zwar bei mir, im Hofe unter dem großen Kastanienbaum. Zu großen Gemütserregungen bin ich heute zu müde. Prosit!« Er erhob sein Glas und stieß mit allen an. Die Unterhaltung floß nun im gewohnten Gleichmaß dahin. Der Bürgermeister besprach in langatmigen Reden die Schwierigkeiten seines verantwortungsreichen Amtes, sprach über die zu erwartende Grummeternte und über die maßlosen Ansprüche, die seitens der armen Bevölkerung an den Gemeindesäckel gestellt würden, und er erzählte haarsträubende Dinge, die ihm während seiner langjährigen Amtstätigkeit widerfahren waren. Die aufregendste unter diesen Geschichten erzählte, wie er einmal nur dadurch mit genauer Not mit dem Leben davongekommen sei, daß der damals zufällig nüchterne Gemeindediener einem den Herrn Bürgermeister attackierenden Strolch mit einer Mistgabel einen derartigen Deuter gegeben habe, daß der Angreifer heulend das Weite suchte, aber gleich außerhalb des Ortes vom Gendarm hopp genommen wurde. Auch der Herr Oberlehrer erzählte von den Mühen seines Berufes und wie viel Streitigkeiten es im Orte gebe, wenn er Eltern zur Anzeige bringe, die ihre Kinder der Feldarbeit wegen zu Hause behielten; der Herr Postmeister beklagte sich, daß er den Leuten hierorts alle postalischen Schreibereien besorgen müsse und jede Postanweisung, jeden Begleitbrief selbst anzufertigen habe, und daß die Leute so stupid seien wie zum Beispiel der Lendbauer, der unlängst seinem Sohn, der in Enns bei den Dragonern dient, einen Schinken und etliche Blut- und Leberwürste durchaus telegraphisch zuschicken wollte, ein Gespräch, in das der Stationsvorstand lebhaftest einstimmte; auch er wußte ungeheuerliche Geschichten über die Dummheit der hiesigen Bevölkerung zu erzählen. Der Herr Pfarrer hörte schweigend zu. Er kannte ja doch die Leute hierorts viel genauer als alle die anderen Herren. Endlich kam auch der Förster zum Wort. Er ließ es nicht mehr aus. Der Herr Dr. Thorn hatte ihn um sein Revier gefragt, und er fing an, die unglaublichsten Geschichten zu erzählen. »Herr Doktor, ich sag Ihnen, beim roten Kreuz wechselt a Bock, der hat solche Stangen!« Dabei erhob er die Hand vom Tisch, um die Höhe des Geweihes anzuzeigen. Nach seinen Angaben mußte das Gehörn etwas geradezu Fabelhaftes sein. Und er erzählte weiter und weiter Jagdgeschichten, die die anderen unzählige Male schon gehört hatten. Der Herr Pfarrer stand auf und wünschte allen Beisitzern eine geruhsame Nacht; besonders warm empfahl er sich von Herrn Dr. Thorn. Dieser ging mit ihm. Als er den Schlüssel in das Schloß seines Hauses steckte, sah er, daß auch die anderen Gäste das Gemeindegasthaus verließen. Er hörte sie noch laut und erregt miteinander reden. »Und das ist wahr, was i sag'«, vernahm er noch des Försters weittragende Stimme. Ein mildes Lächeln überglitt Herrn Dr. Thorns Züge, als er sein Schlafzimmer aufsuchte. Viertes Kapitel Nun folgten für Herrn Dr. Thorn, Frau Pauline und die beiden Mädchen arbeitsfrohe Tage. Es galt, sich im neuen Heim behaglich einzurichten. Zuerst beendigten die Damen ihr vorgeschriebenes Pensum; nach Verlauf von drei Tagen schon erglänzten alle Fußböden in freudigem lichten Braun, strahlten die Fensterscheiben in ungetrübter Klarheit, und die gestickten weißen Vorhänge verbreiteten einen Schimmer angenehmer Wohlhabenheit in den Zimmern. Selbst der Boden des Flurs war mit einem grauen Laufteppich belegt, und an den diskret bemalten Wänden prangten alte Kupferstiche und Rehgehörne. Im Hintergrunde breitete eine stattliche Fächerpalme ihre grünen Wedel aus, eine Konzession, die Dr. Thorn seiner Schwester machte, denn die Fächerpalme war künstlich gemacht, und vor solchen Dingen hegte er eine abgrundtiefe Scheu. Als aber die Einrichtung des Flurs vollendet war, bezeigte der Kritikus seine vollste Befriedigung. »So ist es recht«, sagte er. »Wenn man in ein Haus tritt, muß einen sofort eine gewisse Stimmung erfassen. Dieser Flur erfüllt die Aufgabe. Einfach, aber von einer gewissen Wohlhabenheit, zeigt der schlichte, aber höchst behagliche Raum, daß hier Menschen wohnen, die mit sich zufrieden sind.« Weit länger als die Damen brauchte Herr Doktor Thorn zu seiner Einrichtung. Endlich war auch der Schreibtisch, der Bücherkasten in Ordnung, und in der Ecke stand der Gewehrschrank, und die Büchsen, die darin hingen, waren so blank geputzt, daß jeder, auch der pflichtgetreueste Feldwebel, daran hätte seine Freude haben müssen. Weit umständlicher gestaltete sich die Ordnung respektive Aufstellung der Gegenstände im Museum. Bis jedes Stück der Sammlung der Kiste entnommen, aus dem Papier gewickelt und mit einer Nummer versehen war, vergingen drei volle Wochen. Während der Arbeit hatte der Herr Pfarrer, der einzige Mann im Ort, der diesen Dingen Interesse entgegenbrachte, Herrn Dr. Thorn besucht. Er fand ihn in eifrigster Tätigkeit. »Ja, ja ... es ist eine Heidenarbeit, Herr Pfarrer«, sagte Dr. Thorn nach kurzem Gespräch, »2293 Nummern in mehr als 3000 einzelnen Stücken!« Der Pfarrer schlug die Hände zusammen und erbat sich eine kurze Übersicht über die Schätze des Museums. Und in angenehm lehrhaften Ton begann Herr Dr. Thorn: »Hier in diesem ersten Kasten befinden sich verschiedene Gegenstände aus der älteren und jüngeren Steinzeit, wie Steinbeile, Mahl- und Schleifsteine, aus der Bronzezeit Tongefäße, Messer, Lanzen- und Pfeilspitzen, Schmucknadeln und Armringe, Fibeln, Tränenfläschchen, Urnen, Tonlämpchen und Bronzeornamente. Und hier«, er wies triumphierend auf ein langes, rostiges Eisenstuck hin, »ein Schmuckstück meiner Sammlung, ein Schwert aus der Karolingerzeit ... und hier sind noch Steigbügel, Sporne, Armbrustbolzen usw.« Und er sprach unablässig weiter, erklärte die Mineraliensammlung mit den zahlreichen Meteoriten, die Gesteinssammlung und die verwunderlichen Petrefakten, deren Entstehung bis in die ältesten Zeiten zurückreicht. Er sprach mit Wärme und Lebendigkeit, denn seine ganze Seele hing an diesen toten Dingen, die er gesammelt, größtenteils selbst gegraben hatte. Dem Herrn Pfarrer wirbelte der Kopf, als er Herrn Dr. Thorn verließ. »Großartig großartig«, sagte er noch im Flur bewundernd zu dem Inhaber des Museums. Und als das Museum eingerichtet war, ging es an die Ausstattung des Hofraumes. Um den Kastanienbaum herum sollte sich ein mit blankem Kies bestreuter Raum breiten. Der Herr Förster war eben zu Besuch gewesen, um das Museum zu besichtigen. Das alte Gerümpel hatte ihn nicht allzusehr interessiert, nur die Renntierknochen hatten ihm Beifall abgenötigt. »Schad', daß die schon ausgestorben sind«, meinte er. Unterm Kastanienbaum saßen die beiden gemütlich beisammen, Herr Dr. Thorn hatte eine Flasche Kognak gebracht und schenkte dem Förster in verschwenderischester Weise ein. »Ich will den Hofplatz mit weißem Kies beschottern lassen«, sagte Dr. Thorn, »aber woher bekomme ich den?« Der Förster dachte eine Weile nach. Wahrscheinlich, um sein Gedächtnis zu stärken, trank er sein volles Glas mit einem Zuge leer. »Aber, Mann Gottes!« rief er dann erleuchtet aus, »Herr Doktor, Sie haben ja selbst eine Sandgrube dort oben, dort lassen Sie abgraben, mit Schiebkarren gleich den Sand herbeiführen, in anderthalb Tagen ist die Sache gemacht.« Er versprach noch, die betreffenden passenden Personen zu senden und nahm dann Abschied. Er erklärte, daß es ihm eine große Freude sei, mit Dr. Thorn bekannt zu sein und trank gerührt noch einen Kognak. Dann sprach er nochmals seine Bewunderung über die Sammlung aus und trank noch ein Glas. Zum Schluß versprach er, bestimmt die Sandgräber mit Spaten und Schiebkarren zu schicken, und trank noch ein Glas. Dann reichte er gerührt Dr. Thorn die Hand zum Abschied. Als er, geleitet von Dr. Thorn, durch den Flur schritt, hätte er bald mit der rechten Achsel einen ausgestopften Nußhäher von der Wand gewischt. Schon um sechs Uhr früh des nächsten Tages meldete Marie dem noch im tiefsten Schlummer liegenden Dr. Thorn, nachdem sie ihn aufgerüttelt hatte, daß drei Herren mit Krampen und Schaufeln und zwei Schiebtruhen da wären, vom Herrn Förster für den Dienst des Herrn Doktors bestellt. Dr. Thorn setzte sich sofort im Bette auf, rieb sich die Augen und fragte: »Was ist gescheh'n?« »Drei Männer sind da, sie sollen Sand graben!« erklärte Marie. »Aha«, sagte Dr. Thorn. Mählich kam ihm die Erinnerung zurück. »Geben Sie jedem der Männer einen Sliwowitz«, befahl er und räckelte sich noch grunzend im Bette. »Ich werde gleich kommen!« sagte er dann noch. Er ließ sich, da es ein heller, schöner Tag war, das Frühstück in den Hof hinausgeben. Als er hinauskam, fand er dort die drei Sandgräber. Marie stand vor ihnen und goß ihnen aus einer großen Flasche Schnaps in kleine Gläser ein. Als sie Herrn Dr. Thorn erblickten, nahmen sie hochachtungsvollst ihre etwas deformierten Deckel ab und sagten demütig: »Küßt d'Hand, gnä' Herr!« Während der gnä' Herr seinen Kaffee trank, genehmigte er gütigst, daß die drei Deichgräber noch weitere Schnapsrationen zugemessen erhielten. Dann ward zum Aufbruch geschritten. In der Sandgrube angelangt, ward zuerst ein Sandgitter aufgestellt. Dann begannen die drei Männer mächtig zu graben. Als genügend Sand und Schotter abgegraben war, ward mit dem Durchwerfen des Materials begonnen. Plötzlich bemerkte Dr. Thorn, wie ein seltsam grünlich blinkender Stein über das Gitter hinabrollte. Er ging hin, hob den vermeintlichen Stein auf und entdeckte zu seinem unsäglichen Entzücken, daß es ein uraltes Stück Bronzeblech sei, mit wunderbarer Patina, auf dem, wohl kaum erkenntlich, sich Spuren getriebener Arbeit zeigten. »Halt!« schrie Dr. Thorn mit mächtiger Stimme. Verwundert hielten die Männer inne und sahen fragend auf Dr. Thorn, der eine ganz ungemessene Aufregung zeigte. »Graben Sie vorsichtig weiter«, befahl er, »sehr vorsichtig, und wenn wir drei Tage brauchen sollten, um Sand für den Hof zu gewinnen! Und Sie«, sagte er zu einem der Arbeiter, »Sie gehen hinein und holen ein Schaff heraus. Meine Schwester soll kommen!« Die Schwester kam gleichzeitig mit dem Mann, der das Schaff trug. »Um Gottes willen ... was hast du«, fragte sie erschrocken. »Du bist so aufgeregt ... hast du einen Streit gehabt mit den Leuten?« »Hab ich im Leben schon einmal gestritten?« fragte vorwurfsvoll Gustav. »Da, schau her!« sagte er, und wies, ihr den grünlich schimmernden Scherben. »Und was soll das?« fragte sie. Gustav sah mit einer Miene unsäglicher Verachtung auf die naive Schwester. »Hier ist ein Schatz begraben«, flüsterte er, »das ist ein Teil einer uralten Situla, eines Trinkeimers. Grabt vorsichtig weiter! Sehr vorsichtig!« wendete er sich zu den Arbeitern. Diese gruben nun mit einer Langsamkeit und Vorsicht, die ihnen augenscheinlich großes Vergnügen machte. Nach wenigen Minuten brachte einer ein großes Stück grünes Blech zutage. »Ah, ah ...« rief Gustav aus, »der Boden der Situla – bene optime!« Das Stück wurde mit dem früher gefundenen sorgfältig in das Schaff gelegt. Dr. Thorn zeigte eine Aufregung, daß Pauline schon eine tüchtige Dosis Bromnatrium für den nervösen Herrn herbeischaffen wollte. Die Ausbeute erwies sich als eine großartige. Das grüne Blech der Situla war mit schönen getriebenen Figuren verziert, soweit man das unter der Staub- und Sandschichte erkennen konnte. Dann kam ein großer, feinverzierter Bronzelöffel zutage, der dem Doktor fast Freudentränen entlockte. »Dös is a Suppenschöpfer!« sagte der jüngste der drei Arbeiter. Gustav warf ihm einen strafenden Blick zu wegen der infamen Profanierung des herrlichen Fundes. Ein großes, geschweiftes Hackmesser und drei an Größe verschiedene Lanzenspitzen aus Eisen und eine Menge tönerner Topfscherben kamen noch an die Oberfläche. Alles ward sorgsam in das Schaff gelegt. Die weitere Grabung blieb erfolglos. Um zehn Uhr trugen zwei Arbeiter das Schaff in das Museum. Hinter ihnen schritt in feierlicher Stimmung Dr. Thorn. Er war ganz verklärt. »Unerhört, unerhört, was ich für ein Glück habe«, sagte er. Das Schaff stand auf dem Tische im Museum; entzückt betrachtete er Stück für Stück seines Fundes, ging dann hinüber zu Pauline, schritt, die Hände auf die Hüften gestemmt, im Zimmer, auf und ab, und sagte immer vor sich hin: »Unerhört, unerhört, was ich für ein Glück habe!« Frau Pauline sah besorgt nach dem aufgeregten Bruder. »Aber beruhige dich doch!« mahnte sie. »Du hast keinen Begriff, von welcher Bedeutung dieser Fund ist«, sagte er, »diese schöne, vollendete Arbeit! Die getriebenen figuralen Darstellungen zeigen die feinste Ausführung – es ist einfach unfaßbar, was für ein Glückspilz ich bin!« Zu Mittag konnte er fast nichts essen. Er schickte nach dem Essen zum Herrn Pfarrer, zum Herrn Lehrer und zum Herrn Doktor die Nachricht von dem Funde hin und bat sie um ihren Besuch. Er muß sich aussprechen über diese Sache – sonst – sonst wäre ihm das Herz zersprungen. Und die drei Herren kamen fast gleichzeitig an. Doktor Thorn begrüßte sie mit tiefem Ernst. »Ich muß den Göttern opfern, damit sie mir mein Glück verzeihen«, begann er und führte die Herren zum Tisch unter den Kastanienbaum. »Ich hoffe, sie mit diesem Trankopfer zu versöhnen.« Womit er eine große Flasche goldig strahlenden Gumpoldskirchner aus dem Eiskübel hervorzog. Auf einem Tisch neben dem Kastanienbaum lagen die Fundgegenstände ausgebreitet. Ehe der Vortrag begann, wurden die Becher zum Trankopfer gehoben, welche feierliche Handlung der Herr Pfarrer mit den Worten einleitete: »Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf.« Dann wurden die Gegenstände bewundert: die drei rostigen Lanzenspitzen und das Hackmesser. Herr Dr. Thorn erklärte, daß der Fund wahrscheinlich aus dem vierten Jahrhundert vor Christi stamme, und mit Ehrfurcht betrachteten die Herren das verrostete Gerät und dachten daran, daß sie nun mehr als dreiundzwanzig Jahrhunderte von jenen Menschen trennten, die einst die Lanzen geführt und das ungefüge Messer geschwungen hatten. Der Herr Pfarrer wiegte sinnend das Haupt. »Eine lange, lange Zeit ist es, daß diese Dinge da geschaffen wurden – in Griechenland lebte damals Alexander der Große, und das Weltreich Rom war noch eine kleine Republik –, wie viele, viele Menschenalter sind dahingegangen, seit diese Lanzenspitzen, dieses verrostete Messer und dieser uralte Löffel geformt wurden und dieses Gefäß aus Bronze! Wie mag es damals ausgesehen haben in dieser Gegend!« Der Herr Doktor, ein starker, gesunder Mann mit gebräunten Wangeny die ein reichlicher brauner Bart beschattete, gab auch seinen Senf dazu. »Die Klempner jener Zeit müssen geschickte Kerle gewesen sein«, sagte er. »Man ersieht's aus diesen grünen Scherben. Das Gravieren oder wie man's heißt, war damals schon erfunden.« »Nein, das ist nicht graviert; das ist von innen aus mit Punzen getrieben«, erklärte eifrig Dr. Thorn und zeigte ein großes Blechstück her. »Das ist eine Situla, ein Eimer mit einem Henkel. Ich möchte die Herren noch ganz besonders auf diese Darstellungen aufmerksam machen. Doch vorher, bitte ich, sich zu stärken.« Er schenkte ein, die Herren tranken und setzten sich behaglich zum Vortrag zurecht. Auch Pascha kam herbei, begrüßte die Herren, wozu er heftig nieste. Dann legte er sich nieder, um ebenfalls den gelehrten Ausführungen seines Herrn zu folgen. »Soviel ich entnehmen kann«, begann Dr. Thorn seinen Vortrag, »ist es eine recht tröstliche Kunde aus jener fernen Zeit, die diese zierlichen Bildnisse uns bringen.« Er reichte dem Herrn Pfarrer ein Stück Blech hin, und alle Herren neigten sich neugierig darüber. »Es stellt eine Wirtshausszene dar, geeignet, in jedem fühlenden Herzen Bewunderung zu erregen. Da ist der dicke Wirt. Er trägt eben zwei solche gehenkelte Eimer weg, und dadurch, daß er sie in der Luft schwenkt, zeigt er an, daß sie vollständig geleert wurden.« »Bravo!« sagte der Förster, der ganz unvermutet zur Gruppe getreten war. Im. wissenschaftlichen Eifer hatten die Herren sein Kommen gar nicht bemerkt. Nach kurzer Begrüßung fuhr der Herr Professor fort: »Und diese Figur hier, mit der gefüllten Situla und dem großen Löffel, dürfte der Oberkellner sein; er schenkt dem Süffling, der da behaglich in einem Lehnsessel sitzt, in seine Trunkschale ein. Der kleine Knabe dahier, mit der Tellerkappe auf dem Kopf, scheint nur mehr darauf zu warten, daß dem eifrigen Gast der große Hut infolge zunehmender Betäubung vom Kopf fällt. Diese genial eingerichtete Stellage mit den Haken, an denen sechs solcher Henkeleimer hängen, wirkt ungemein beruhigend und beweist, daß wir es mit einer guteingerichteten Restauration aus dem vierten Jahrhundert vor Christus zu tun haben.« Die Herren nickten fröhlich zu den gelehrten Ausführungen. »Man darf aber nicht glauben«, setzte der gelehrte Freund fort, »daß man sich in jenen fernen Zeiten nur einem gewissenlosen, körperzerstörenden Schlemmerleben hingegeben hat: wie sehr schon damals der Sport blühte, beweisen die weiteren Teile des Streifens. Hier sehen Sie einen veritablen Faustkampf; zwei splitternackte Männer schlagen mit Instrumenten aufeinander los, die eine große Ähnlichkeit mit den Hanteln zeigen, die heute die Turner gebrauchen. Sie scheinen es sehr ernst zu nehmen, denn sie machen bitterböse Mienen, und der Kampfrichter, der etwas wie eine Wünschelrute in der Hand hält, schaut sehr strenge darein. Dann sieht man ein Wettreiten und ein Wagenrennen abgebildet. Die dazu verwendeten Pferde müssen einer ganz eigenartigen, heute nicht mehr gezüchteten Rasse angehören, sie haben alle so schmale Wespentaillen, daß man fürchten muß, sie werden bei der ungeheuren Anstrengung auf einmal mitten auseinander brechen. Die Mäuler der Pferde sind etwas unförmlich geschwollen, als wenn die Gäule Zahnschmerzen hätten, und ihre Ohren sind so lang, daß man fast auf Maultiere schließen könnte. Ein höchst ordinärer Kerl muß der Kutscher sein – hier bitte, der allen voran ist und der sich nun spottend auf seinem Wagensitz zu den anderen umdreht.« Dr. Thorn hielt erschöpft einen Moment inne. »Großartig – nicht war?« fragte er dann mit leuchtendem Angesicht. »Dieser herrliche Löffel hier gleicht ganz jenem, mit dem der Oberkellner da hier einschenkt. Meine Herren, ist das nicht ein Glückszufall sondergleichen? Nicht genug, solch einen erlesenen Fund zu machen, auch die Aufklärung dazu ist gleich mitgegeben!« In diesem Moment betrat ein neuer Gast den Hofraum, der Herr Bürgermeister. Auch er hatte von dem rätselhaften Funde gehört und kam nun in offizieller Eigenschaft, um sofort eventuelle Anrechte des Staates, des Landes, allem zuvor aber der Gemeinde, festzustellen. Er betrachtete die ausgestellten Dinge mit einer sehr weisen, aber höchst geringschätzigen Miene. »Ich werde doch in Betrachtung der mir obliegenden Pflichten bezüglich dieser Sache eine amtliche Anzeige an die hohe Statthalterei machen«, begann er dann mit tiefem Ernst. »Lassen Sie das«, sagte Herr Thorn, verheimlicht wird nichts; ich selber werde die Anzeige an die diesbezügliche Stelle machen und außerdem in gelehrten Zeitschriften eingehend den Fund beschreiben. Es wird weder Staat, noch Land, noch die Gemeinde durch mich geschädigt werden.« Der etwas gereizte Ton dieser Erwiderung fand sein Echo in den Herzen der Gäste. »Da soll einem doch der leibhaftige ...« fing zornig der Förster an. Der Herr Pfarrer schüttelte mitleidig lächelnd den Kopf, und der Herr Lehrer klopfte unter einem infamen Lächeln seine Pfeife aus. Ein allgemeiner Ausbruch des Unwillens war zu befürchten. »Aber meine Herren«, bat der Doktor, »der Herr Bürgermeister meint es gar nicht so! Sie werden es sofort sehen! Herr Bürgermeister, was sagen Sie zu dieser Situla?« fragte er den Gestrengen mit fröhlichem Lächeln. »Was – Situla – was heißt das?« fragte verwirrt das Oberhaupt der Gemeinde. »Direkt etrurische Zeichnungen – und dieses Gefäß – dieser Schöpfer – diese Fibula da; was glauben Sie, was das ist?« Er hob das verrostete Hackmesser in die Höhe. »Wenn Sie einen Bericht an die Statthalterei absenden, müssen Sie diese Dinge mit ihrem wissenschaftlichen Namen bezeichnen. Können Sie das?« Der Herr Bürgermeister ward verwirrt; die unangenehme Manier des Doktors, mit ihm zu reden, hatte ihn verstimmt. »Ich werde den Herrn Lehrer ersuchen ...« stammelte er. Der Herr Lehrer steckte seine Pfeife zusammen und probierte umständlich, ob sie Luft hätte. Dann erklärte er, daß er von diesen Dingen nur eine unbestimmte Ahnung habe, keinesfalls aber so genaue Kenntnis besitze, um darüber einen Bericht an die hohe Statthalterei verfassen zu können. »Herr Bürgermeister – zuerst ein Glas –« sagte der Herr Pfarrer und reichte dem Gestrengen ein volles Weinglas. Die Obrigkeit knickte zusammen. »Wir gratulieren unserem Freunde Dr. Thorn, wir gratulieren dem Herrn Bürgermeister; Herr Dr. Thorn wird in seinem Berichte nicht verfehlen, auch den Namen des Herrn Bürgermeisters zu erwähnen, der dem glorreichen Orte vorsteht, in dessen Weichbild der so bedeutungsvolle Fund gemacht wurde!« »Selbstverständlich – selbstverständlich«, murmelte Dr. Thorn, ohne jedoch im Moment zu wissen, wie er dies bewerkstelligen werde. Dem Herrn Bürgermeister ward zugetrunken. Er verbeugte sich verbindlichst und kam sich in diesem Moment ungeheuer wichtig vor. Nun kam auch Pascha herbei, in seiner Herzensfreude hatte er eine ungefähr zwei Meter lange Stange erfaßt und präsentierte sich nun damit vor den Gästen. »Brav, Pascha!« lobte der Herr Förster. Dieses Lob erfreute Pascha so, daß er eine rasche Wendung machte, um zu dem Förster hinzugelangen und dabei mit der Stange dem Bürgermeister den Hut vom Kopfe schlug. »Aber, Pascha!« schrie zornig Dr. Thorn. Pascha ließ die Stange fallen und ging entrüstet in sein Haus. Die Herren empfahlen sich, nicht ohne Dr. Thorn das Versprechen abgenommen zu haben, abends gewiß im Gemeindegasthaus zu erscheinen. Er sagte in verbindlichster Weise zu. Die Fundgegenstände wurden wieder unter ganz besonderen Vorsichtsmaßregeln in das Museum geschafft. »Nun, was sagt Herr Sauer dazu?« fragte Doktor Thorn den Kernbeißer, der dick und übelgelaunt auf seiner Sitzstange im Käfig saß. »Das heiß' ich ein Glück!« Der Vogel warf erst einen schiefen Blick auf seinen Herrn und drehte dann verächtlich seinen Kopf weg. »Du bist glücklich, Gustav«, sagte Frau Pauline. »Ja, Schwester, mein Lebensabend fängt gut an. Ich glaube, das Beste hoffen zu dürfen.« Der Abend im Gemeindegasthaus war ganz und gar wissenschaftlichen Gesprächen gewidmet. Dr. Thorn fühlte sich infolge der Aufregungen des heutigen Tages sehr ermüdet, und als der Förster nach dem elften Krügel anfing, von seinen Ausgrabungen zu reden, empfahl er sich unter wiederholten Glückwünschen seiner Freunde. Er konnte lange nicht einschlafen. Sein Glück glänzte auch in seine Träume hinein. Erst spät konnte er ruhigen Schlaf finden. Fünftes Kapitel Während der Herr Rechnungsdirektor sich in seinem Tuskulum behaglich einrichtete und bei dieser löblichen Tätigkeit ungezählte fröhliche Stunden verlebte, war bei seinem Stiefbruder das Unglück eingezogen. Die Dame hatte einen Schadenersatzprozeß gegen ihn wegen des verbrannten Kleides angestrengt, und trotz seiner feierlichen Schwüre, daß sein geliebter Sohn einer solchen Tat nicht fähig sei, entschied das Gericht gegen ihn; er mußte außer den 296 Kronen für das Kleid noch mehr als 100 Kronen Gerichtskosten zahlen. Einem außergerichtlichen Vergleich zuzustimmen, hatte er unter seiner Würde gefunden, und als der Gemahl der so schwer geschädigten Dame bei ihm erschienen war, hatte er gegen ihn nicht nur freche, sondern auch sehr starke Worte gesprochen. Frau Charlotte hatte wacker sekundiert und durchaus zu wissen verlangt, warum die Gemahlin des Herrn so kostbare Kleider trage, und dabei den schmählichen Verdacht ausgesprochen, daß die Dame wahrscheinlich durch ihren körperlichen Liebreiz Einfluß auf die strengen Professoren gewinnen wollte, was sie als höchst unehrenhaft, ja geradezu als schändlich bezeichnete. Auch Eugen hatte sich an dem Redekampf beteiligt, indem er fortwährend beteuerte: »Und i war's gar nicht, der das 'tan hat!«, wobei er heftig weinte und mit schmerzvollen Blicken den Himmel um seine Zeugenschaft bat. Eugens Schmerz hatte seine guten Eltern noch mehr in Harnisch gebracht, und schließlich wurde der unverschämte Herr mit vereinter Kraft hinausgeworfen. Er rächte sich in gemeiner Weise dadurch, daß er Herrn Johann Thorn bei Gericht verklagte. Das bei dieser Gelegenheit erflossene Urteil versetzte die Familie Thorn in eine höchst prekäre Situation, denn der Herr Revident verfügte nicht über Barmittel. Es ward im Hause von nichts anderem gesprochen als davon, auf welche Weise das Geld beschafft werden könnte. Frau Charlotte besprach das Thema beim Frühstück, beim Mittagmahl, bei der Jause und beim Nachtmahl, und ihre Reden endeten stets mit einem ungeheuren Vorwurf gegen den Gemahl, der so gar keine Schritte unternehme, um die Sache zu sanieren. Die Folge dieser Mißhelligkeiten war, daß der Appetit der Familie auf Null sank, daß einmal Lise schweigend das Eßzeug niederlegte und mit bösem Gesicht aufstand, oder daß Herr Thorn wütend den Teller vor sich hinschob, oder daß der brave Eugen sich plötzlich in eine Zimmerecke stellte und erbarmungswürdig mit halb unterdrücktem Schluchzen, das viel energischer auf das Gemüt der Mama wirkt als lautes Heulen, zu erkennen gab, wie sehr er unter diesen Verhältnissen leide. Der Tag, an dem die Schadenssumme und die Prozeßkosten laut richterlichen Spruches zu Händen des Vertreters der angebrannten Dame erlegt werden sollten, rückte immer näher heran. Eines Tages kam es direkt zur Explosion. Frau Charlotte hatte ihrem Gemahl vorgeschlagen, sich um ein Darlehen an seinen Stiefbruder Gustav zu wenden. Da war der Herr Gemahl entrüstet aufgesprungen, und hatte mit dröhnender Stimme gefragt, ob er kein Recht auf Ehre mehr habe. »Diesen Protzen, diesen Menschen, der mich um mein Erbe gebracht hat, um etwas angehen, das werde ich niemals – nein – eher geschieht das Schrecklichste! Eher sollen die Häscher« – er meinte damit die Exekutionsorgane – »mir den Sessel aus dem Hause tragen ...« »Na, und die Schand' ... du ... du ... Esel!« sagte energisch Frau Charlotte. Johann Thorn kam etwas zur Besinnung und sprach finsteren Antlitzes mit der Würde eines Senators aus der Zeit der ersten römischen Republik: »Schande ...! Weib, wie kannst du so etwas sagen! Alles soll zugrunde gehen, meine Ehre bleibt aufrecht ... dem Mann komme ich um keinen Heller! Er hat mich um mein Erbe betrogen!« »Aber wieso?« fragte Lise, »Onkel Gustav ist doch dein Stiefbruder, und sein Vermögen stammt von seiner Mutter, die sehr reich war. Das hast du ja selbst erzählt. Unsere Großmutter war ja arm ...« Da schlug der Vater gewaltig mit der Faust in den Tisch ein. »Sprich nicht so unehrerbietig von deiner Großmutter, Fratz!« Frau Charlotte rang die Hände und rief mit schmerzlicher Stimme aus: »Und solch ein Kind habe ich unter meinem Herzen getragen! Ein Kind, das meine arme Mutter im Grabe beschimpft.« »Hinaus! Aus meinen Augen!« donnerte der Vater. »Hinaus!« kreischte Charlotte. »Hinaus, du entartetes Kind!« »Aber Papa, es ist doch so; Onkel Gustav hat dir ja nie etwas getan.« Ihre Widerrede nützte nichts, sie mußte das Zimmer verlassen. Sie ging hinüber in das kleine, schmale, dunkle Kabinett, dessen vergittertes Fenster auf den Gang mündete. Neben dem Fenster stand ein kleiner Tisch, sie legte den Kopf auf die Arme und schluchzte, daß es zum Erbarmen war. Plötzlich weckte sie ein leises Klopfen. »Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« fragte eine männliche Stimme. Lise hob den Kopf. »Ach, Herr Breuer?« sagte sie. Auf dem Gange draußen stand ein älterer Herr, ein einstiger Amtsgenosse ihres Vaters. Ziemlich mit Glücksgütern gesegnet, hatte er sich schon seit längerer Zeit vom Amt zurückgezogen. Er besuchte so alle sechs Wochen im Vorübergehen auf ein Viertelstündchen die Familie. Er hatte im selben Hause eine für einen alleinstehenden Witwer unverhältnismäßig große, sehr hübsch eingerichtete Wohnung inne. Die Verwaltung seines Hauses besorgte eine Dame, die schon vor langen Jahren in das kanonische Alter eingetreten war. »Also, was ist geschehen?« Lise drückte ihr Taschentuch an die Augen und weinte erbärmlich. Dem alten Herrn ward sonderbar weich ums Herz, als er das junge, frühlingsschöne Geschöpf vor Schmerz und Gram fast vergehen sah. »Ach, Eugen hat etwas angestellt – Papa soll morgen zahlen – und er hat das Geld nicht – und so ist jeden Tag Streit und Jammer im Hause. Ich möcht am liebsten fort – ganz fort von da!« weinte sie. »Ist's viel?« fragte der alte Herr durchs Fenster. »Ich weiß es nicht genau ... mir scheint, ein Weniges über 400 Kronen«, antwortete sie. Herr Breuer schwieg eine Weile. Dann fragte er plötzlich: »Möchten Sie mich nicht bei Ihren Eltern melden?« »Jetzt?« fragte erschrocken Elise, »in dem Durcheinander?« Sie horchte auf. Wüster Lärm drang aus dem Zimmer. »Jetzt hat Eugen eine Ohrfeige bekommen«, sagte sie, »jetzt wird der Lärm noch ärger werden. Gehen Sie lieber doch nicht hinein, es ist zu häßlich!« Und sie drückte aufs Neue ihr Taschentuch an das liebe, blühende Gesichtchen. »Macht nichts, macht gar nichts«, sagte bewegt Herr Breuer, melden Sie mich nur bei Ihren werten Eltern ... aber dringendst!« »Wenn Sie nicht anders wollen«, sagte Elise und ging. Als sie in das Zimmer trat, bot sich ihr ein schauerlicher Anblick. Der unglückliche Eugen hielt sich heulend den Kopf, die Mama stand mit funkelnden Blicken und zum Kratzen bereiten Händen vor dem ebenfalls äußerst kampfbereiten Papa. »Papa ... Herr Breuer wünscht dich zu sprechen«, sagte Elise. Diese Ankündigung goß öl in die Sturmeswogen. Zuerst ward Eugen mit vereinten Kräften aufgefordert, sofort das Maul zu halten; da er es nicht tat, ward er von der Mama in die Küche hinausgefuhrwerkt. »Ich lasse Herrn Breuer bitten«, sagte der Papa mit vieler Hoheit. Als Elise mit Herrn Breuer eintrat, war eine wohltuende Veränderung in den Zügen ihrer verehrten Eltern vorgegangen. Der Papa zeigte ein sehr freundliches Gesicht, das ihn aber augenscheinlich sehr viel Mühe kostete, die Mama bekam fast den Krampf in ihrem langen hageren Antlitz. »Ich komme doch nicht ungelegen?« fragte Herr Breuer. Menschenkenner würden es sofort ersehen haben, daß Herr Breuer es genau wisse, derzeit höchst ungelegen zu kommen. »Ich traf Fräulein Lise am Fenster«, sagte er, »und da konnte ich nicht umhin ...« Papa und Mama beeiferten sich außerordentlich, Herrn Breuer kundzutun, wie sehr sie sich durch seinen Besuch geschmeichelt fühlten. Charlotte wischte sogar einen Sessel ab, damit die Hose des Herrn Breuer durch den Staub in der Thornschen Wohnung nicht gefährdet werde. »Herr Thorn, ich möchte einige Worte mit Ihnen sprechen«, begann Breuer. »Bitte sehr – stehe zu Diensten«, sagte Vater Thorn. Mutter Thorn zersprang fast vor Neugierde. »Die Sache ist wichtig, aber in Gegenwart der Damen – da möchte es mir schwer werden.« »Wir können auch hinausgehen. Komm, Elis'! befahl Frau Thorn und ihr Antlitz legte sich wieder in die üblichen Falten. »Pardon, meine Damen – wir sind gleich fertig«, begann Herr Breuer. »Nur auf einen Moment.« Die Damen empfahlen sich. »Also was ist's?« fing Breuer an, als er mit Thorn allein war. »Was soll der Lärm? Warum hat Lise so geweint? Wenn die Sache mit Geld gutgemacht werden kann – auf kurze Frist kann ich es vorstrecken.« »Wie – wer hat Ihnen gesagt?« fährt Herr Thorn auf. »Das tut nichts zur Sache. Ich biete meine Hilfe an. Also was ist's? Wenn ich unangenehm bin – bitte es nur ruhig zu sagen!« »Ja ... ich verstehe nicht ...« stottert Thorn. »Sie brauchen momentan ungefähr vierhundertfünfzig Kronen – nicht war?« »Ja ... freilich ... aber ...« »Sonst werden Sie gepfändet, wie ich gehört habe.« »Ja, wer hat Ihnen das gesagt?« fährt Thorn erregt auf. »Bekannte«, antwortete mit ruhiger Einfachheit Herr Breuer. »Also machen wir keine Geschichten, Sie werden ja einen Bogen Briefpapier zu Hause haben, daß wir über die Sache einen juristischen Aufsatz machen können, einen sogenannten Schuldschein; ich gebe Ihnen die vierhundertfünfzig Kronen – ich glaube sogar, daß ich so viel zu Hause habe –, das heißt, wenn Ihnen das Angebot angenehm ist.« Herrn Thorn war zumute, als müßte ihn jetzt und jetzt der Schlag treffen. Er mußte sich mit Mühe an einer Sessellehne festhalten. »Ja ... ich verstehe noch immer nicht«, sagte er, und seine Stimme hatte einen seltsamen Klang. Herr Breuer erklärte dem Begriffstutzigen noch einmal die Angelegenheit, Thorn brachte Papier, Tinte und Feder und mit Unterstützung Herrn Breuers kam der gewünschte Aufsatz zustande, in dem Herr Thorn zugab, daß er Herrn Breuer vierhundertfünfzig Kronen schulde, und versprach, die Summe binnen Jahresfrist mit sechs Prozent Zinsen zurückzuzahlen. Das Rechtsgeschäft erfuhr fortwährende Störungen, denn alle Augenblicke erschien Frau Charlotte im Zimmer, um irgend einen Gegenstand, den sie gerade dringendst benötigte, zu suchen. Schließlich begann sie sogar Staub abzuwischen, was sie tat, nur um während der Verhandlungen im Zimmer bleiben zu können. Während Breuer das Geld holte, fragte Frau Charlotte begierig: »Also, was will er?« »Er leiht mir das Geld«, sagte Thorn einfach, aber mit schmerzlichem Zuge im Antlitz. »Gott sei Dank«, rief Charlotte aus, rang die Hände und warf einen unsäglich dankbaren Blick zum Himmel empor. »Du bedenkst aber nicht, was ich gelitten hab in diesen wenigen Minuten! Vor diesem Protz als Bittender stehen zu müssen!« Er sah dabei aus wie ein schwer und unverdient vom Schicksal geschlagener Mensch. Charlotte aber zeigte sich solcher Tragik gegenüber vollständig gefühllos. Sie erkundigte sich zuerst, ob der Herr Gemahl vielleicht verrückt geworden sei, an welche Meinung sie dann eine Charakterschilderung ihres Mannes anknüpfte, die nicht einen sympathischen Zug aufwies. Es läutete. Frau Charlotte eilte hinaus, um zu öffnen, aber Fräulein Elise war schon zuvorgekommen. Herr Breuer trat ein, sein Gesicht leuchtete ordentlich von Güte und Wohlwollen, als er Elise erblickte. Bei Frau Charlottens Anblick hörte das Leuchten auf und sein Antlitz überlief ein dunkler Schatten. »Der Herr Gemahl ist doch noch drinnen?« fragte er. Mit den süßesten Tönen erklärte Charlotte, daß dies selbstverständlich der Fall sei, öffnete die Tür mit vieler Devotion und fügte der feierlichen Handlung noch eine etwas verunglückte Verbeugung bei. »Also, da ist das Geld«, sagte Breuer, als er in das Zimmer trat. Ruhig und groß trat ihm Thorn entgegen. »Sie handeln wirklich großartig«, sagte er und reichte dem Hilfebringer die Hand. »Das Leben ist schwer ...«, sagte er mit leisem Stöhnen, »man muß vieles, vieles ertragen!« »Ja, wenn Ihnen das unangenehm ist – so lassen wir es –«, sagte Breuer, der schon die Brieftasche in der Hand hatte. Da geriet Frau Charlotte in eine furchtbare Wut. Nachdem sie ihren Mann verschiedenes geheißen und ihn unter anderem gefragt hatte, ob er wirklich gesonnen sei, Weib und Kinder in das Elend zu stoßen, wendete sie sich bittend an Breuer um Hilfe. »Er ist ein Esel«, war ihr letztes Wort. Breuer entnahm darauf schweigend seiner Brieftasche die nötige Summe, forderte Herrn Thorn auf, den Schuldschein zu unterfertigen, was dieser mit einer ungemein schmerzlichen Gebärde tat. »Also, bitte, hier ist die Summe«, sagte Breuer. »Hundert, zweihundert, dreihundert, vierhundert, fünfzig, also vierhundertfünfzig – stimmt's?« »Ja, ich danke Ihnen!« sagte Thorn in einem Ton, der geradezu unbeschreiblich war in seiner Einfachheit und Erhabenheit. »Möchten Sie nicht Fräulein Lise hereinrufen?« fragte Breuer. Frau Charlotte zeigte eine großartige Beeiferung. »Auch Eugen?« »Nun ja«, sagte Breuer, aber aus seinen Zügen war zu ersehen, daß es ihm um den jungen Mann eigentlich sehr wenig zu tun war. Als Elise eintrat, ging er auf sie zu und sagte: »Jetzt müssen Sie zu weinen aufhören, die Sache ist geschlichtet – die Gefahr ist vorüber.« Sie sah ihm verwundert in das Gesicht. »Sie haben Papa das Geld gegeben?« »Ja, mit seiner gütigen Erlaubnis«, lachte Herr Breuer. »Dank schön, dank schön«, sagte sie und ihre Augen glänzten unter Tränen – wie ein Blütenfeld, wenn plötzlich durch die Regentrübe ein heller Sonnenstrahl fällt. »Eugen«, erklang die Stimme des Herrn Papas, »gib Herrn Breuer die Hand – er ist der Wohltäter der Familie!« In diesem Augenblick war er ganz Erzieher. Der Abschied Herrn Breuers gestaltete sich großartig. Thorn zeigte noch immer die gedrückte Größe, die er sich für diesen Anlaß als höchst passend zurecht gelegt hatte, Charlotte floß über in dankbarer Überschwenglichkeit, Eugen machte einige höchst formelle Verbeugungen und Elise gab dem alten Herrn in ihrer Heben Weise noch einmal die kleine, feine Hand. »Ich danke Ihnen, Herr Breuer«, sagte sie. »Also sind Sie mit mir zufrieden?« fragte der alte Herr lächelnd. »O ja, Herr Breuer, das war sehr, sehr schön von Ihnen!« Und sie sah ihn dabei mit so sonnigen, glänzenden Augen an, daß dem Alten wieder weich und weh ums Herz wurde. »Aber jetzt müssen Sie mir etwas versprechen, Fräulein«, sägte Breuer. »Ja – was wäre denn das?« fragte Elise erstaunt. »Sie müssen mir versprechen, mindestens ein Jahr lang nicht mehr zu weinen! Ja? Werden Sie das tun?« fragte lachend Herr Breuer. »Wenn's geht«, meinte etwas zweifelnd das schöne Fräulein, »aber man kann nie wissen, ob nicht wieder etwas Trauriges daherkommt und dann kommen eben die Tränen von selber.« »Na, na, nur Mut – und vergessen Sie nicht – wenn ich Tränen zu trocknen imstande bin – besonders in so lieben, schönen Augen – so ist mir das eine recht angenehme Beschäftigung! Also adjö allerseits!« Unter maßlosen Abschiedsworten der Familie Thorn schritt er zur Tür hinaus. Das Ehepaar ging in das Zimmer zurück. Herr Thorn schritt erst eine Weile im Zimmer auf und ab, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, in seinen Gedanken das Ereignis herumwälzend, das sich eben hier abgespielt hatte. Charlotte erging sich unterdessen in lauten Ausdrücken der Freude, daß die häßliche, drohende Gefahr so unvermutet von ihren Häuptern abgewendet worden sei. Da richtete sich Thorn in seiner ganzen heroischen Größe auf. »Charlotte«, sagte er mit erhobener Stimme, »mich freut das nur um eines Umstandes willen. Durch das kollegiale Entgegenkommen meines Freundes und früheren Amtsgenossen ist es mir erspart geblieben, meinem Stiefbruder um Geld kommen zu müssen. Diese Schmach hätte ich nicht überlebt.« »Aber wie kommt Herr Breuer dazu, uns das Geld zu geben? Hast du ihn darum gebeten?« »Nein«, sagte Thorn mit stolzer, abweisender Miene, zu solchen Sachen ist Johann Thorn nicht zu haben; Breuer hat mich immer hoch verehrt, ich glaube ...« Er stockte bei diesen Worten, da er sich momentan erinnerte, daß er einmal von Breuer, der sein Vorgesetzter gewesen war, in einer sehr ernsten Stunde ein »einfältiger Pinsel« genannt wurde. »Aber es muß ihm's doch jemand gesagt haben, wie könnte er es denn sonst wissen«, sagte die scharfsinnige Charlotte. »Das ist wohl wahr«, meinte Thorn, »er sagte, Bekannte hätten es ihm gesagt. Ob das nicht das Mädel war. Lise ist das alles imstande! Sie soll sofort hereinkommen!« Als Lise kam, wurde sie sofort scharf inquiriert, ob sie Herrn Breuer etwas gesagt habe. »Ja – freilich habe ich's gesagt«, antwortete sie, »ich war draußen, im Kabinett und hatte geweint wegen eures Streites; da kam Herr Breuer vorüber und fragte, warum ich weine ... und ...« Sie stockte, es fiel ihr plötzlich ein, daß sie ohne Mandat die Unannehmlichkeiten in der Familie einem Fremden verraten hatte. »Na – und«, begehrte ungeduldig der Papa die Fortsetzung der Geschichte. »Na – und da habe ich ihm eben alles erzählt«, – sagte Lise. »So – also so wenig schonst du die Ehre deines Vaters?« fragte zürnend der strenge Mann. »Esel«, sagte darauf die realistisch denkende Mama, »was hättest du getan, wenn Breuer nicht das Geld hergegeben hätte?« Er schwieg, machte aber ein finsteres Gesicht, das anzeigen sollte, wie sehr er mit allen Mächten des Schicksals hadere. »Nein, nein, Lise«, begütigte Charlotte, »es war ganz recht, daß du das getan hast, dein Vater ist ein Esel.« Nach dieser lapidaren Erklärung entfernte sich Lise wieder. Sie fand durchaus nicht die mindeste Freude daran, einer Auseinandersetzung zwischen ihren verehrten Eltern beizuwohnen. Und sie hatte recht, denn in längerer Rede entwickelte jetzt Frau Charlotte ihre Meinung. »Lise hat dich gerettet – du mußt ihr auch dankbar sein, und statt dessen fährst du sie an, als wenn sie das größte Verbrechen begangen hätte! Wer weiß, ob er einen Heller hergegeben hätte, wenn du ihn darum gebeten hättest!« Thorn schwieg erst eine Weile, dann sagte er, die Hände auf den Tisch gestützt, wie immer, wenn eine Erleuchtung über ihn kam: »Weißt du, Charlotte, was für ein Gedanke plötzlich in mir emporstieg?« Die Frau sah ihn mit sonderbar fragendem Ausdruck an, so, als ob sie von den Gedanken ihres Herrn Gemahls keine allzuhohe Achtung hätte. »Also – was für ein Gedanke?« fragte Charlotte. »Breuer muß ein tieferes Interesse an Lise haben. Nun ja, hübsch und jung ist sie, und gescheit – in der Beziehung ist sie mir nachgeraten – solche alte Herren – hm – hm –.« Er schüttelte nachdenklich den Kopf. – »Wenn das so wäre – nicht übel für Lise!« »Aber was du denkst«, sagte verschämt Charlotte, »so ein alter Herr! Aber es wäre ein Glück für sie – er muß ja sehr reich sein ...!« »Wir haben Glück mit unseren Kindern!« sagte er nachdenklich. »Du mußt Lise aufmerksam machen, daß sie immer sehr freundlich ist mit ihm ...« »Ja – aber man muß da vorsichtig sein. Sie ist ein Trotzkopf«, sagte Charlotte. »Ja – leider – das hat sie von dir«, meinte unvorsichtigerweise Herr Thorn. »Bin ich trotzig?« fuhr, Charlotte auf. Nach längerem Zwiegespräch erklärte Thorn nun zu dem Advokaten zu gehen, um das Geld zu bezahlen. Mit strenger Miene versprach er, dem Herrn, der Rechnungsräte so behandelte, es ganz gehörig zeigen zu wollen! Ich glaube, niemals ist noch ein Ministerpräsident so stolz über die Stiege gegangen, als Herr Thorn die beiden Stockwerke zur Kanzlei des gegnerischen Advokaten emporstieg. Alle Leute, die ihm begegneten, sahen ihn verwundert an und ein Dienstmann, der eben die Treppe herabkam, zog devot seine Dienstkappe und sagte: »Küß d' Hand, gnä' Herr!« Thorn dankte mit majestätischem Kopfnicken. In der Kanzlei ward Herr Thorn höflich eingeladen, einen Moment Platz zu nehmen, da eben ein sehr hervorragender Klient bei dem Herrn Doktor sei. »Wissen Sie, wer ich bin?« fragte Thorn entrüstet. Der Beamte gab dem sonderbaren Heiligen keine Antwort. Endlich kam Herr Thorn bei dem Rechtsvertreter vor. »Ich komme, um die widerrechtlich eingeklagte Summe samt Kosten zu bezahlen«, fing er an, und zog mit einer majestätischen Bewegung seine Brieftasche heraus. »Also, wie groß ist die Bagatelle?« fragte er vornehm geringschätzig. Thorn legte die 450 Kronen, die er vor einer halben Stunde von Breuer erhalten hatte, auf den Tisch. Er tat dies mit einer Miene, die zu sagen schien: »Kleinigkeit für einen, der täglich Tausende auszugeben gewohnt ist.« Der Herr fertigte eine Quittung aus, nahm das Geld und verwahrte es in einer großen eisernen Kasse, die hinter seinem Schreibtisch stand. »Gestatten Sie mir, Herr Doktor«, begann dann Thorn, »daß ich Ihnen erkläre, daß ich das, was da gegen mich geschehen ist, für etwas höchst Verwerfliches betrachte ... Ich will keine starken Worte gebrauchen, denn, wenn ich ...« »Bitte, es hat keinen Reiz, darüber zu reden, Herr Thorn«, sagte milde der Advokat und ging zur Tür, damit anzeigend, daß es ihm sehr angenehm wäre, wenn Herr Thorn nun wieder seiner gewohnten Beschäftigung nachgehen würde. »Ich verachte Ihren Stand«, sagte Thorn mit starker Stimme. »Ja ja ... freilich, ganz selbstverständlich«, erwiderte ruhig der Advokat und machte dem gereizten Gegner die Tür auf. Thorn ging wütend an ihm vorüber, und als er draußen im Zimmer war, wo der Sollizitator saß, sagte der Advokat: »Die Exekution gegen Herrn Thorn ist aufgehoben!« »Sehr wohl, Herr Doktor!« antwortete der Herr Sollizitator. »Habe die Ehre, Herr von Thorn«, empfahl sich der Advokat. Thorn schlug wütend hinter sich die Tür zu. Sechstes Kapitel Herr Dr. Thorn war mit seiner häuslichen Einrichtung vollständig fertig geworden, selbst das Museum war schon in größter Ordnung. Der herrliche Fund war in einer separaten Vitrine untergebracht worden. Die prachtvolle Situla war wiederhergestellt worden; St. Ruprechts geschickter Klempnermeister mit dem Genie Dr. Thorns im Vereine hatten das uralte Gefäß wieder in jene Form gebracht, in der es einst vor so vielen Jahrhunderten benutzt worden war. Nun prangte es geschmückt mit edelster, dunkelgrüner Patina hinter den Spiegelscheiben der Vitrine, neben ihr lagen der bronzene Schöpflöffel, die drei Lanzenspitzen und das verrostete Hackmesser. Auch zwei Tongefäße standen da, sie waren selbstverständlich ältester Provenienz; Dr. Thorn hatte sie aus den in der Sandgrube gefundenen Tonscherben mühsam zusammengeflickt. Die Kunde von den Schätzen Dr. Thorns hatte sich weit über die Grenzen von St. Ruprecht verbreitet. Ein angesehenes Wiener Tagblatt, das dann und wann wissenschaftlichen Tendenzen huldigte, hatte sogar ein Feuilleton aus der Feder eines berühmten Gelehrten gebracht, und die Bewohner von St. Ruprecht waren nicht wenig stolz geworden auf ihren neuen und so gelehrten Mitbürger. Auch wissenschaftliche Zeitschriften hatten sich eingehend mit dem Funde beschäftigt, und in den Mitteilungen des Anthropologischen Vereines ward mit staunenswerter Gelehrsamkeit dargetan, wie alt die Sachen seien, und die berühmte Situla samt den Nebendingen ward in trefflichen Bildern dargestellt. Einem im Orte aber verursachte dieser Ruhm geheime Kränkung, und dieser eine war der Herr Bürgermeister. In keinem der Blätter, die von dem Funde erzählten, war sein Name erwähnt worden, und er war ein Mann, dessen Seele gierig war nach öffentlicher Anerkennung. Dr. Thorn wußte sich das lange nicht zu deuten, daß der Bürgermeister gegen ihn so kühl geworden sei; endlich machte ihn der Doktor auf das Versehen der Journalistik aufmerksam und man beschloß, bei nächster Gelegenheit die Sache wieder gutzumachen. Und diese Gelegenheit, fand sich recht bald. Im Oktober feierte der Herr Bürgermeister seinen sechzigsten Geburtstag, und die Tafelrunde beschloß, ihn so festlich als möglich zu begehen. Die Feuerwehr rückte aus, selbstverständlich auch die Veteranen in Paradeadjustierung, und beide Körperschaften sangen vereint vor dem Fenster des Herrn Bürgermeisters den schönen Chor »Das ist der Tag des Herrn«. Der Herr Oberlehrer dirigierte die Sängerschar in der Uniform des Feuerwehrhauptmannes, denn die Mitglieder des Männergesangvereines St. Ruprecht gehörten fast durchweg einer der beiden Vereinigungen an. Die unmusikalischen Veteranen und Feuerwehrleute trugen qualmende Fackeln, um den Sängern zu leuchten. Die Serenade ward nur wenig gestört durch Pascha, der mit Frau Pauline ebenfalls ausgerückt war und, als der Doktor in einer formvollendeten Anrede die Taten und Verdienste des Herrn Bürgermeisters pries, fürchterlich zu bellen anfing, worauf er von Frau Pauline sofort nach Hause geführt wurde. Den Abend beschloß ein Bankett im Gemeindegasthaus, bei dem noch viele Reden gehalten wurden. Der Oberlehrer pries den Gefeierten als Förderer und Freund von Lehrer und Schule, ein hervorragender Funktionär der Feuerwehr lobte ihn als werktätigen Mitarbeiter in ihrer Korporation und der älteste Veteran zählte seine Verdienste, die er sich um die alten Krieger erworben hatte und die allzumal in Spendung von zeitgemäßen Bierfasseln bestanden, auf. Die Dankesrede des Herrn Bürgermeisters war großartig, einmal half ihm der Doktor, dann der Herr Lehrer weiter, und auch Dr. Thorn betätigte sich mit anerkennenswertem Eifer als Souffleur. Die Rede klang in ein Hoch auf den Kaiser aus, die anwesenden Mitglieder des Männergesangsvereines St. Ruprecht stimmten die Volkshymne an, und alles war ungemein gerührt und ergriffen. Lange, lange in die Nacht hinein dauerte das Gelage. Der Herr Bürgermeister ward schließlich von einer großen Zahl seiner Freunde nach Hause begleitet, was für ihn von großem Vorteil war, da er in eine höchst wehmütige Stimmung geraten war und fortwährend bedauerte, daß sein Sohn, der jetzt in Melk heiligen Studien obliege, nicht bei dieser erhebenden Feier sein konnte. Beim Haustor wollte er noch eine Ansprache halten, aber die Rede stand ihm plötzlich still und ein heftiger Schlucken überfiel ihn, worauf die Obrigkeit mit vieler Mühe ins Bett gebracht wurde. In sämtlichen Bezirksblättern und sogar in einem hervorragenden Wiener Blatte ward das Fest beschrieben und der Name Aloisius Melcher konnte unzählige Male gedruckt gesehen werden. Vierzehn Tage lang ging der Bürgermeister wie in stiller Verklärung einher, gegen seine Freunde, besonders aber gegen Dr. Thorn war er von liebenswürdiger Zuvorkommenheit, während er Unterstehende, wie zum Beispiel Nachtwächter, Gemeindediener und die Ortsarmen, nun mit unsäglich vornehmer Herablassung behandelte. Die Besitzung Dr. Thorns kam allmählich in jenen Zustand, den sich der Herr Doktor in den letzten Jahren immer geträumt hatte. Sehr hübsch war der Hof mit dem alten Kastanienbaum. Die Mauer an der Sonnenseite war mit Schlingrosen bezogen, und Dr. Thorn freute sich unendlich darauf, die Dekoration im nächsten Jahre blühen zu sehen. »Es wird herrlich werden«, sagte er zu seiner Schwester, »wenn das Glühen und Leuchten an dieser Wand anheben wird!« Frau Pauline saß jeden schönen Nachmittag bei dem Tisch unter dem Kastanienbaum, es war ihr Lieblingsplätzchen geworden, und mit zarter Aufmerksamkeit trachtete der Bruder, den Platz so anheimelnd als nur möglich zu gestalten. Auch Pascha schien große Freude an seiner Villa zu haben, deren Vorhang mit einem großen, gelben, von Frau Pauline mit Seide gestickten »P« geziert war. Meist lag der Hund zu Frau Paulinens Füßen oder ging mit ihr im Blumengarten spazieren. Wie sehr er sich aber als Hausbesitzer fühlte, bewies der Umstand, daß er, wenn er durch irgendein Wort oder eine Tat seiner Herrenleute oder gar des Gesindes sich beleidigt fühlte, sich sofort in seinen Salon zurückzog und sich vor einer Stunde nicht mehr sehen ließ. Der Blumengarten war erst im Werden begriffen, aber alle Beete waren schon für den Frühling hergerichtet. Sogar ein Springbrunnen war vorgesehen, aber er hatte eine etwas umständliche Einrichtung. Wenn man die Wasserkunst in Gang setzen wollte, mußte man vorher einen auf dem Hausboden stehenden massiven Zinkbehälter mittelst einer Druckpumpe mit Wasser füllen, worauf dann nach dem altertümlichen Gesetz der kommunizierenden Gefäße der Springbrunnen im Blumengarten lustig zu plätschern anfing. Der Gemüsegarten war durch kundige Hände ebenfalls schon für das nächste Frühjahr bereitgestellt und die öde Sandgrube war unter Leitung des Försters bereits aufgeforstet worden. Die Kosten dieser Anlage erwiesen sich als sehr bedeutende wegen des ungeheuren Durstes, den der Herr Förster bei dieser Arbeit entwickelte. War es sehr heiß, so trank er Bier, bei angenehmer Temperatur bevorzugte er Wein und bei Kälte und Regen nahm er größere Quantitäten Slibowitz zu sich. Waren es die großen Mengen Feuchtigkeit, die bei der Aufforstung verwendet wurden oder ein höchst zusagender Boden, die jungen Kiefern gediehen glänzend. Der Förster gab sich auch unendlich viel Mühe, mindestens dreimal in der Woche sah er nach, wie der Wald gedeihe, und ließ sich dabei mit einigen Gläschen für seinen hingebenden Pflichteifer belohnen. Die meiste Freude bereitete Frau Pauline der Hühnerhof, der wirklich zu einer Musteranlage geworden war. Die Hühnerställe waren mit den neuesten Einrichtungen versehen, der Teich mit dem kaum halben Meter breiten Bache war recht ansehnlich geworden, so daß das Entenpaar, der Enterich mit glänzend dunkelblauem Spiegel geschmückt, fast fünf Minuten brauchte, ihn zu umkreisen. Fünf große graue Hühner mit einem riesigen Hahne trieben sich im Hofe herum und stritten mit den Tauben und Enten um das Futter, das ihnen Frau Pauline oder eines der Mädchen hinstreute. Am herzigsten waren die kleinen zierlichen Zwerghühner, deren Hahn trotz seiner Kleinheit eine unglaubliche Frechheit entwickelte. Als die Hühnchen einmal mit Pascha beim Jausentische Frau Pauline Gesellschaft leisteten und sie einen Brocken hinunterwarf, nach dem der Hund schnappte, versetzte ihm der Zwerghahn einen derartigen Hieb mit dem Schnabel, daß sich Pascha gekränkt in seine Villa zurückzog und trotz allen Rufens vor einer Stunde nicht herauszubringen war. Die Zwerghühner genossen auch den Vorzug vor allem anderen Hausgeflügel, daß sie ungestört sich im Garten bewegen konnten, da sie nicht wie die gewöhnlichen Haushühner die unangenehme Eigenschaft besaßen, den Boden aufzukratzen und außerdem durch Vertilgung schädlicher Insekten vielen Nutzen stifteten. Auch ein zahmes Reh war in einem eigenen Verschlag im Hühnerhof untergebracht. Daß man das zierliche Tierchen nicht mehr frei im Garten laufen ließ, wo es sich sehr hübsch und so ungemein »parkmäßig« gemacht hatte, wie Dr. Thorn sagte, hatte seinen guten Grund darin, daß das Böckchen ein ganz ordinärer Bengel war, der jeden rauflustig anging und mit den zwei scharfen Zacken seines Geweihs recht ernstlich bedrohte. Man mußte stets mit einem ordentlichen Prügel bewaffnet sein, um den Bock abzuwehren, wenn man einen Spaziergang im Garten machen wollte. Der Bock war Dr. Thorn vom Förster zum Geschenk gemacht worden, und dieser war auch der einzige, dem Hansi, so war er von Frau Pauline genannt worden, im weiten Bogen aus dem Wege ging. Der Förster hatte ihn einmal in die Wäsche genommen, wie sich der rauhe Weidmann auszudrücken pflegte. Im Kiefernforst hatte ihn der Bock hinterwärts in sehr schmerzhafter Weise angegangen, so daß der Förster einen für sein Alter und seine sonstige Gesetztheit recht ansehnlichen Sprung machte. Als aber der Raufbold ein zweitesmal auf den Förster eindrang, packte ihn der riesenstarke Mann mit jähem Griff beim Geweih und karbatschte ihn mit der Hundspeitsche erbärmlich durch. Der Bock wollte sich in tunlichster Eile dieser rauhen Behandlung entziehen, da ihn aber der Förster mit eisernem Griff am Gehörn festhielt, so blieb ihm nur übrig, mit dem grausamen Mann herumzutanzen, während hageldicht die Hiebe der Hundspeitsche auf sein braunes Fell niederklatschen. Endlich ließ der Förster keuchend los, und Hansl empfahl sich in tunlichster Eile, sprengte wie verrückt durch den Gemüse- und Blumengarten, setzte im Hof über den ruhig daliegenden Pascha hinweg, sprang über das niedere Türchen des Hühnerhofes und verbarg sich verängstigt in seinem Verschlag. Als nach einigen Minuten Dr. Thorn und der Förster aus dem Föhrenwald zurückkamen, bemerkten sie, über die Planke des Geflügelhofes hinüberschauend, daß Hansl auf dem Rücken liegend, sein schmerzendes Hinterteil im scharfen Sand in konvulsivischen Zuckungen hin und her rieb. »Aha – beißt's, Hansl?« fragte befriedigt der Förster; »Herr Doktor, dö Wix hat er sich schon sauber verdient!« Die Annahme, daß die Lehre, die Hansl vom Förster erhalten hatte, ihn zu einem anständigen Benehmen veranlassen werde, erwies sich leider als trügerisch. Ein Vorfall, bei dem Herr Dr. Thorn eine höchst lächerliche Rolle spielte, brachte Hansl gänzlich um die bisher genossene Freiheit. Dr. Thorn ging mit Hansi zum Kiefernforst hinaus;. War's der Waldgeruch, der Hansi plötzlich rabiat machte, oder die angeborene verderbliche Anlage, plötzlich faßte er auch Dr. Thorn von hinterwärts und riß mit seinen zwei Spießen ihm auf eine lange Strecke hin die Hose auf. Dr. Thorn sprang erschreckt auf. »Aber Hansi!« sagte er begütigend. Hansi senkte jedoch neuerlich in höchst bedrohlicher Weise sein zierliches Haupt und Thorn fand es für sehr geraten, sofort auszukneifen. An der Planke, die den Kiefernforst von der Landstraße trennt, steht eine Bank. Thorn springt hinauf, geängstigt, klammert sich am Plankenrande an und stößt mit den Füßen nach dem Bocke, der ihn fortwährend attackiert. Zum Glück kommt draußen auf der Landstraße just der Herr Lehrer mit seinem weißen Foxterrier vorüber. Thorn ruft ihn an. »Das werden wir gleich haben«, sagt der Herr Lehrer, »Foxl komm her da!« Der Hund hat das Reh schon verspürt, er heult vor Aufregung. Der Herr Lehrer reicht den Hund dem Doktor Thorn hinauf, Thorn nimmt ihn und will ihn sänftiglich auf die Bank niederlassen; aber kaum hat Foxl den Bock erschaut, als er aufheulend vor Jagdeifer vom Plankenrande schnurstracks auf den Boden springt. Hansi läßt ab von seinem Herrn und betrachtet einen Moment verwundert die neue Erscheinung. Aber schon fährt ihm Foxl an die Kehle, erschreckt nimmt Hansi Reißaus, Foxl tollt hinten nach und wie ein Sturmwind saust die wilde Jagd durch den Garten. Indessen klettert der Herr Lehrer über die Planke, ein dicht daranstoßender Kilometerstein erleichtert dem schon etwas behäbigen Herrn die turnerische Übung. Auch Doktor Thorn leistet Hilfe, endlich steht der Herr Lehrer aufatmend auf sicherem Boden. Aus der Ferne tönt das zornige Gebell Foxls. Näher kommend, bemerken die beiden Herren, daß Foxl den Bock weidgerecht verbellt hat. Hansl wehrte sich mit dem Gehörn gegen den zornwütigen Angreifer. Aber in diesem Moment rast Pascha herein. Hansl, sein Hausgenosse ist in Gefahr; ein Tritt des großen Hundes, und Foxl fliegt heulend zur Seite. Dann entspinnt sich ein wütender Kampf und nur mit außerordentlicher Anstrengung gelingt es, die beiden Hunde voneinander zu trennen. Der Herr Lehrer hält Foxl auf dem Arme, trotzdem kläfft der Köter mit bleckendem Gebiß nach dem großen Hunde, und Dr. Thorn muß sich mit Gewalt anstrengen, Pascha zur Ruhe zu bringen. Hansl hat sich angesichts der etwas verworrenen Verhältnisse empfohlen und liegt schon in seiner Hundshütte drüben im Hühnerhofe. Nach diesem Vorfall wurde Hansl der Ausgang für ewige Zeiten verboten, und wenn er ja einmal durch die Nachlässigkeit eines Dienstmädchens durchbricht, dann geht ihm Dr. Thorn bewaffnet mit einer ungeheuren Hundspeitsche, mit der man ein Nilpferd erschlagen könnte, entgegen und jagt ihn in die ihm zugewiesenen Appartements zurück. Auch eine Kaninchenzucht hat sich Herr Dr. Thorn angelegt. Dank der vortrefflichen Einrichtungen gedeiht die Kolonie außerordentlich; es sind belgische graue Riesenkaninchen, so groß wie Spanferkel. Die erste Zucht ging durch einen unangenehmen Zufall zugrunde. Herr Dr. Thorn hatte, als er mit den wichtigsten Einrichtungen seines Besitztums fertig geworden war, seine Freunde zu einer kleinen Festversammlung zu sich geladen. Selbstverständlich war auch der Herr Lehrer dabei gewesen, eine halbe Stunde nach ihm war auch, ohne direkt eingeladen zu sein, sein Foxl erschienen. Während der Herr Pfarrer in seiner lieben, gütigen Weise den Wunsch aussprach, Dr. Thorns Haus möge wachsen, blühen und gedeihen, war Foxl in den Hühnerhof gedrungen, in den Kaninchenstall eingebrochen und hatte Alte und Junge grausam umgebracht. Und als alles mit dem Pfarrer anstieß, kam Just Foxl daher, der den Haushaltungsvorstand der Kaninchenfamilie im Rachen trug. Sofort war es mit allen festlichen Gefühlen vorüber, Foxl bekam von seinem Herrn einen Tritt in den Hintern, der ihn veranlaßte, den Schauplatz seiner Übeltat sofort zu verlassen. Dann ward eine Untersuchung des Kaninchenstalles vorgenommen. Diese ergab ein höchst betrübendes Resultat. Im Stalle sah es aus, wie seinerzeit in Bethlehem, nach dem aus der Bibel bekannten bethlehemitischen Kindermord. Da lag die tote Mutter, um sie herum die greulich hingemordeten Kleinen, und das Blut sickerte aus dem Stalle heraus. Der Herr Lehrer erklärte sich sofort bereit, den Schaden gutzumachen. »Nein, nein«, sagte Dr. Thorn, »aber wenn Sie mit Ihrem Foxl wieder zu Besuch kommen, dann bringen Sie ihn nicht ohne einen sehr sicheren Maulkorb.« Der Herr Lehrer war wütend über den Mörder und versprach, wenn er heimkomme, das Untier sofort niederzuschießen. Er kam leider nicht dazu, da Foxl auf mehrere Tage unsichtbar wurde. Und als er dann, demütig auf dem Bauche kriechend, wieder erschien, war seines Herrls Zorn zum größten Teil verflogen. Er bekam wohl eine auserlesene Tracht Prügel, so daß er weithin die Dorfflur mit seinen Klagelauten erfüllte, aber er blieb zum großen Mißvergnügen der anderen Lebewesen der Mitwelt erhalten. Die Angelegenheit ging vorüber, ohne eine Mißstimmung zurückzulassen. Und als der Herr Lehrer von einem Kollegen, der sich ebenfalls mit großem Eifer der Kaninchenzucht hingab, aus seinem Sack ein Paar prachtvoller, langohriger Lapin Belier erwarb und sie Herrn Dr. Thorn übergab – er nahm sie erst nach langem Sträuben an –, da war Thorn hochentzückt. »Jetzt dürfen Sie mir aber Foxl gar nicht mehr ins Haus bringen!« sagte er mit glücklicher Miene. Und in diesem Wort lagen, frohe Anerkennung und sanfter Verweis zugleich. Geschmückt mit solchen Ereignissen, die am Schluß fast immer eine höchst erheiternde Wirkung ausübten, floß die Zeit dahin. »Mein Lebensabend gestaltet sich sehr angenehm«, pflegte Dr. Thorn zu seiner Schwester zu sagen, »einige Kleinigkeiten ausgenommen, womit ich unseren Hansl und den Foxl des Herrn Oberlehrers meine, bin ich sehr zufrieden.« Aber wenn die Sonne wochenlang recht klar und heiß geschienen hat, kommt auf einmal ein recht greulicher Tag mit Sturm, Blitz und Donner und wolkenbruchartigem Regen, damit die Menschen nicht verwöhnt werden und vermessentlich glauben, sie seien nur auf Erden, um lauter Glück und Freude zu genießen. Eine Zigeunerbande war in das Dorf gekommen. Sie lagerte draußen auf dem Anger, und selbst die schärfsten Befehle des Herrn Bürgermeisters, das Weichbild von St. Ruprecht zu verlassen, fruchteten nichts, die Bande mit Weibern und Kindern, etwa dreißig Köpfe stark, richtete sich wohnlich auf dem Anger ein. Das bunte Treiben draußen im Zigeunerlager übte auf die Bewohner von St. Ruprecht eine starke Anziehung aus. Wer halbwegs Zeit hatte, befand sich am Anger, obwohl die fremden Gäste in ihrem Verkehr durchaus nicht angenehm waren. Die Kinder – die Kleinen vollständig nackt, die größeren höchst notdürftig bekleidet – bettelten in der unverschämtesten und zudringlichsten Weise. Eine alte, unsäglich häßliche Dame – die Dorfinsassen behaupteten, sie hätte auch Läuse – war stets bereit, jedem, der es wünschte, die Zukunft zu offenbaren. Erst hatte sie großen Zulauf, als sie aber der jungen, hübschen Frau des Doktors prophezeite, daß sie sehr bald einen jungen, hübschen und sehr reichen Herrn heiraten werde, schwand in der Bevölkerung der Glaube an ihre prophetische Gabe. Die Männer zeigten eine leidenschaftliche Vorliebe für den Pferdehandel, machten aber trotzdem keine Geschäfte, denn die Bevölkerung wußte von früheren Gelegenheiten her, daß die Gebarung der Söhne Indiens durchaus keine redliche sei und jeder noch erklecklich daraufgezahlt habe, der mit ihnen in Verbindung getreten war. Aber auch sonst machten sich die fremden Leute im Ort recht unangenehm. Weiber und Kinder zogen bettelnd von Haus zu Haus, und es kostete viele Mühe, die Frechen wieder loszukriegen. Sie nahmen alles: Butter, Eier, Milch, Brot, Gemüse der verschiedensten Art, und es war durchaus nicht selten, daß nach ihrem Abgang verschiedene Gegenstände fehlten, die man ihnen durchaus nicht als Almosen gegeben hatte. Auch zu Dr. Thorn waren die Fremdlinge gekommen; er hatte ihnen großmütigerweise vierzig Heller gegeben, und sie hatten sich dringendst erkundigt, ob der gnädige Herr vielleicht einige alte Hosen oder Röcke zu vergeben hätte. Sie waren in die Küche gedrungen und wollten mit aller Gewalt einen ganz tadellosen, neuen, kupfernen Topf reparieren. Thorn wußte nicht, wie er die unangenehmen Gäste losbekommen sollte. Da kam Pascha Dr. Thorn zu Hilfe. Während die Fremden in der Küche sich mit der Köchin stritten, trabte Pascha herein. Mit dumpfem Knurren sprang er auf den kunstbeflissenen fremdländischen Klempner hinauf, so daß sich dieser a tempo auf die kalten Steinfliesen der Küche niedersetzen mußte. Dieses Ereignis verstimmte die Herrschaften derart, daß sie sofort das Haus verließen. Der Stammtisch im Gemeindegasthaus war an; diesem Abend schlecht besucht. Der Herr Lehrer, der Doktor, der Pfarrer und sogar der Herr Stationsvorstand waren zu Hause geblieben. Sie wagten es wegen der im Orte herrschenden Unsicherheit nicht, das Haus zu verlassen. Es erschienen nur der Herr Förster, der Herr Bürgermeister und der Herr Dr. Thorn. Das Gespräch drehte sich nur um die Invasion. »Es traut sich ja keiner vom Hause fort«, sagte der Bürgermeister, »die Kerle sind so schlau, daß sie einem unterm Schlafen das Bett wegstehlen, und man merkt's nicht einmal. Ich habe bereits an die Bezirkshauptmannschaft telegraphiert, hoffentlich werden morgen die Kerle abgeschafft.« »Na, zu mir kommen sie nicht«, sagte der Förster, »war auch noch keiner da, um zu betteln; und sie würden doch was kriegen bei mir.« Er deutete pantomimisch an, worin die Gabe bestehen könnte, und es war leichtlich zu ersehen, daß selbst Zigeuner nach solchen Sachen kein Verlangen tragen. Mählich ward auch Dr. Thorn bange um Haus und Hof. Früher als sonst machte er sich auf den Heimweg. Daheim angekommen, sperrte er erst sorgfältig alle Eingänge ab. Dann setzte er sich zur Frau Pauline hinüber, um mit gemütlichem Schauder die Gefahren zu besprechen, die ihnen von dem fremden Volke drohten. Schließlich begann er die Sache vom anthropologisch-ethnographischen Standpunkt zu besprechen. Er erklärte, wie rätselhaft dieses Volk sei und daß in seiner Sprache Elemente aller Sprachen zu finden seien, vor allem des Rotwelschs, jenes Idioms, das als das Esperanto sämtlicher Gauner und Diebe anzusehen ist. Seine Ausführungen waren so interessant, daß Frau Pauline nach kurzer Zeit die Augen zufielen. Bald danach suchte auch Dr. Thorn sein Bett auf. Die Nacht ließ sich sehr unruhig an. Dr. Thorn konnte sich nicht überwinden, noch einmal bei allen Türen zu versuchen, ob sie auch fest geschlossen seien. Im Schlafrock, mit der Hundspeitsche bewaffnet, ging er durch den Hof zur Gartentür hin, trat in den Hühnerhof ein und fand zu seiner Befriedigung, daß alle Türen ordnungsgemäß geschlossen seien. Im Hühnerhof kam ihm Hansl entgegen, die fremde weiße Gestalt erregte seine Neugierde. Als er bedrohlich sein Haupt senkte, zeigte ihm Thorn die Peitsche, Hansl wendete sich gekränkt ab und trabte in seine Hütte zurück. Dr. Thorn legte sich hierauf wieder zu Bette und hüllte sich fröstelnd in seine Bettdecke. Er hatte noch nicht lange geschlafen, als ihn ein sonderbares Geräusch weckte. Es klang wie ärgerliches Fluchen einer starken Männerstimme, aber es waren fremde, unverständliche Laute, die an sein Ohr drangen. In diesem Moment schlug auch Pascha an. Mit wütendem, zornigem Gebell zeigte er an, daß sich im Hause etwas Ungehöriges begebe. Dr. Thorn stand auf, zog den Schlafrock an und nahm den Revolver aus dem Waffenschrank. Immer wütender wurde das Gebell des Hundes. Als Thorn in den Hof trat, sah er trotz des ungewissen Lichtes, daß Pascha mit Macht an die Tür des Hühnerhofes tobte. Er schloß sie auf und der Hund stob in die Nacht hinaus. Thorn lief ihm nach. Ein seltsamer Anblick bot sich ihm. Der Rehbock hatte einen Zigeuner gestellt, und der Kerl versuchte vergebens, sich mit Fußtritten von dem Tier zu befreien. Pascha sprang mit beiden Tatzen dem Eindringling an die Brust, und im Moment lag der Mann auf dem Kies des Hühnerhofes, Pascha stand, drohend die Zähne fletschend, über ihm. Ehe noch Thorn zu dieser halb lächerlichen, halb recht ernsthaften Gruppe – Hansl trampelte erregt um die beiden herum – gelangen konnte, krachte ein Schuß. Wütend fuhr der Hund dem Eindringling an die Kehle. »Pascha, zurück!« donnerte Dr. Thorn. »Was ist los?« fragte plötzlich eine fremde Stimme. Über der Planke war der Kopf des Postenführers von Meilbach sichtbar. »Herr Postenführer – bitte – bitte hereinzukommen!« rief Dr. Thorn. Er öffnete dem Gendarmen die Tür des Hühnerhofes. Pascha stand noch immer drohend über dem Zigeuner. Thorn rief ihn zurück. Hansl trollte sich, als ihm sein Herr die Peitsche zeigte. Der Gendarm fragte den eingedrungenen Fremdling,, was er da zu tun habe, und als er keine genügende Antwort gab, lud er ihn ein, mitzukommen. »Bin ich ehrlicher Mann«, versicherte das Individuum, fand aber mit dieser Angabe nicht den geringsten Glauben. Der Gendarm legte dem fremden Herrn Handschellen an, was diesen sehr verstimmte. Dann ward er in das Haus spediert und einer gründlichen Untersuchung unterzogen. Das Ergebnis dieser Untersuchung war: ein noch mit fünf Schüssen geladener Revolver, eine Kollektion Schlosserwerkzeuge und eine Geldsumme im Betrage von dreiundsechzig Hellern. Das Ereignis hatte Frau Pauline und die beiden Dienstmädchen aufgestört. Mit schauderndem Entsetzen sahen sie auf den Einbrecher, mit tiefer Bewunderung auf den Gendarm, der mit ihm sprach, als wenn sich die beiden schon jahrelang kennen würden. »Also vorwärts!« kommandierte der Gendarm. »Komm schon«, sagte der Verhaftete. »Aber erlauben noch«, setzte er noch dazu, »wann der gnädige Herr so gut sein wollt, bin ich jo armer, armer Kerl, hob'n S' vielleicht ainen Schnaps zu Haus'?« Und er hob flehentlich die Arme empor, daß die Ketten klirrten. »Ist's erlaubt?« fragte Dr. Thorn. Der Gendarm zuckte ungewiß die Achseln. »Eigentlich«, meinte er, »ist es gegen die Vorschrift.« »Na also, einen Schnaps – Marie schnell – den Slibowitz!« sagte Dr. Thorn. Marie brachte die Flasche und zwei Gläser. »Sehr gut – wirklich sehr gut«, sagte der Arrestant, als er das Gläschen zu sich genommen hatte. Die Damen waren ungeheuer gerührt, als sie sahen, mit welcher Anstrengung der Mann mit den gefesselten Händen das Glas zum Munde geführt hatte. Auf einen Wink des Doktors ward ihm noch einmal eingeschenkt. Auch der Gendarm trank ein Gläschen. »Also weiter – weiter!« befahl er dann. »Komm schon – komm schon«, sagte gutmütig der Zigeuner und ging voran. Im Hausflur wäre die Eskorte bald über einen dunklen Gegenstand gefallen, der da mitten auf dem Boden lag. »Der Hund!« sagte der Gendarm. Beim Licht der Lampe sah man, daß Pascha inmitten einer Lache Blutes am Boden lag. »Pascha, Pascha – ja, was ist's denn?« fragte fast weinend Dr. Thorn. Mühsam hob der kranke Hund den Kopf. »Er ist angeschossen worden; ich hab ja den Schuß gehört«, sagte der Gendarm. »Von dem Kerl da!« schrie Thorn. In diesem Moment schwand alles Mitleid aus den Weiberherzen. »Wos – de Kedl hat auf Pascha g'schossen?« fragte die Köchin, und im selben Moment hatte der Arrestant eine Ohrfeige im Gesicht, daß er sich darin einwickeln konnte. Marie fuhr ihm zornmütig in die Haare, Thorn stand mit geballter Faust vor dem Unglücklichen, und der Gendarm hatte Mühe, ihn vor der Lynchjustiz zu schützen. »Beser Hund – sehr beser Hund – wullt beißen«, verteidigte sich der Arrestant. »Weiter ... weiter ... marsch ... vorwärts!« Der Gendarm stieß den Zigeuner zur Tür hinaus. Dr. Thorn sperrte auf, er war so erregt, daß er lange nicht damit fertig werden konnte. »So ein Schuft! So ein Kerl!« schrie er mit schluchzender Stimme. Das Haustor stand offen. Da kehrte sich der Arrestant noch einmal an den wütenden Hausherrn. »Gnä Herr ... ich bitt' Sie ... nur noch ein Glasl... Slibowitz, sein sehr gut ... nur ein Glasl!« sagte er. In diesem Moment tat Dr. Thorn etwas, was er noch nie in seinem Leben getan hatte, er gab dem Arrestanten eine wuchtige Ohrfeige, daß er taumelte. »Vorwärts!« Vorwärts!« trieb der Gendarm den Geschlagenen an. Unter dem Wutgeheul der Damen verließ die Eskorte den Schauplatz. Schwer atmend lag Pascha im Hausflur. Müde hob er den Kopf. »Pascha! Pascha!« rief weinend Frau Pauline. Der Hund wedelte mit dem Schwanze und hob den Kopf nach dem Frauerl hin. Mühsam erhob er sich, ging fast taumelnd durch den Flur und wollte in die Hundehütte hinaus. Thorn führte ihn in sein Schlafzimmer. Dort wurden Decken ausgebreitet und der Hund darauf gebettet. Dankbar hob das arme Tier die Pfote. »Schnell den Hufschmied«, befahl Thorn. »Herr Katzlinger soll sofort kommen!« Marie stürmte zur Tür hinaus. In einer Viertelstunde kam der Schmied. Er untersuchte sorgfältig den Hund, der ihm, als ob er verstünde, was mit ihm geschehe, dankbar die Hand leckte. »Brav, brav, Pascha«, sagte Katzlinger und strich ihm liebkosend über den mächtigen Kopf. »Es ist nicht mehr viel zu machen mit ihm«, sagte er, »er hat einen Lungenschuß erhalten; an einer solchen Verletzung geht jeder Hund zugrunde!« Der Hund ward verbunden. Er ließ alles dankbar mit sich geschehen, ohne nur einen Laut von sich zu geben. »Wie lange kann's noch dauern mit ihm?« fragte Dr. Thorn. »Höchstens zwei bis drei Tage!« antwortete der Schmied. »Länger auf keinen Fall!« Es war vier Uhr morgens, als Dr. Thorn zu Bette ging. Die ganze Zeit war er bei dem Hund geblieben. Am nächsten Morgen erkannte man, daß der Hund rettungslos verloren sei. Er hustete und bei jedem Hustenanfall kam geronnenes schwarzes Blut zutage. Um acht Uhr früh waren im Orte drei Gendarmen erschienen, die die Zigeunerbande zum Kreisgericht nach St. Pölten transportierten. Paschas Mörder hatte noch bei Nacht, diesen Weg antreten müssen. Die Teilnahme um den kranken Hund war eine außerordentliche; alle Freunde Thorns erschienen, um mit den Worten: »Pascha, brav, braves HunderI, wird schon wieder gut werden!« und so weiter ihr tiefes Mitgefühl auszudrücken. So elend der Hund war, er wedelte doch dankbar mit dem Schwanze zu allen diesen Äußerungen tiefen Mitgefühls. Nachmittags kam auch der Herr Förster zu Besuch. In Hundeangelegenheiten war er Fachmann. Er verordnete sofort Schießpulver mit Tafelöl. Da aber indes bereits der Bezirkstierarzt dagewesen war und größte Ruhe für den Kranken empfohlen hatte, so blieb der weise Rat des Herrn Försters unbeachtet. Abends saßen Dr. Thorn und Pauline im Hofe unter dem großen Kastanienbaum. »Da schau! Wer kommt denn da!« sagte plötzlich Frau Pauline. Auf den Stufen, die vom Hausflur hinab in den Hof führten, war Pascha erschienen. »Ja, so komm doch, Pascha, mein guter Hund!« rief erfreut Dr. Thorn und ging zu dem Tier hin. Mühsam schleppte sich der Hund über die Stufen herab. Frau Pauline kam dem Hund entgegen; er wedelte mit dem Schwänze bei ihren Liebkosungen. Auf einmal drang ein Blutstrom aus seinem Rachen, ein Zittern überlief den ganzen Körper, dann stürzte das Tier zusammen. An seinen gebrochenen Augen erkannte Thorn, daß Pascha tot sei. Vielen mag es lächerlich vorkommen, über den Tod eines Tieres zu weinen, aber ich muß sagen, es sind in der Welt wenig so ehrliche Tränen geflossen, als die es waren, die Herr Dr. Thorn und Frau Pauline um den toten Pascha weinten. Groß war der Jammer der beiden Mägde. Es waren die reinen Klageweiber. Kathi, die Köchin, wünschte nichts sehnlicher, als den Zigeuner in greifbarer Nähe zu haben. Die Behandlung, die ihm nach den Andeutungen Kathis zuteil geworden wäre, hier zu detaillieren, ist einfach unmöglich, weil sich jedes empfindende Herz vor solchen Scheußlichkeiten entsetzen würde. Pascha ward ihm Kiefernforst eingegraben. Der berühmteste Bildhauer von Melk ward beauftragt, ihm ein seiner würdiges Denkmal zu schaffen. Aus dem Dunkel des Kiefernforstes leuchtet ein hoher, weißer Obelisk heraus; er trägt in Goldbuchstaben die Worte: »Meinem treuen Freunde Pascha.« Siebentes Kapitel Das mitleidlose Schicksal hatte den strebsamen Jüngling Eugen Thorn schwer getroffen, man hatte ihn wirklich aus der Schule entfernt. Seine Professoren hatten im Verein mit dem Direktor durchaus nicht die Überzeugung gewinnen können, daß Eugen ein unschuldiger Knabe sei, und ihm dringendst nahegelegt, sein Heil irgend anderswo, und zwar möglichst weit entfernt von seiner derzeitigen Bildungsstätte, zu suchen. Für Herrn Thorn war es ein Leidensweg, als er mit seinem Sohne verschiedene Versuche unternahm, den strebsamen Jüngling in irgend einem Gymnasium unterzubringen, woran einzig und allein der sonderbare Umstand schuld trug, daß in diesem Jahre an sämtlichen Gymnasien just die vierten Klassen total überfüllt waren. Der Direktor bedauerte ungemein, den braven Eugen nicht aufnehmen zu können, was unter halbwegs günstigeren Verhältnissen ganz entschiedenst der Fall gewesen wäre, denn der Schulmonarch war überzeugt, daß unter seiner zielbewußten, pädagogischen Leitung der junge Mann eine geradezu glänzende Karriere machen würde. Der Papa war schon ganz verzweifelt, als ihm auf einmal einfiel, sein Bruder Gustav sei infolge seiner wissenschaftlichen und gelehrten Neigungen mit vielen Herren Professoren und Direktoren gut, ja er stehe sogar in Beziehungen zu dem hohen k. k. Unterrichtsministerium. Nach schweren Kämpfen entschloß er sich, an seinen Bruder zu schreiben, daß dieser seinen ganzen Einfluß aufbiete, damit Eugen wieder in einem Gymnasium untergebracht werde. Bevor er sich zu diesem Briefe niedersetzte, spielte sich eine ergreifende Szene ab. Thorn rief Eugen zu sich in das Zimmer. »Mein Sohn«, begann er mit ernster, feierlicher Stimme, »was ich jetzt in diesem Moment für dich tue, das kannst du mir dein ganzes Leben nicht vergelten. Durch dich bin ich gezwungen, meinen Bruder um eine Gefälligkeit, ich muß beinahe sagen, um einen großen Dienst anzugehen. Du begreifst gar nicht, Eugen, wie sehr dadurch mein Mannesstolz verletzt wird, wie sehr ich mich dadurch erniedrigt fühle.« Zu anderen Zeiten würde Eugen bitterlich geschluchzt haben, diesmal schwieg er. Die Mama war nämlich nicht daheim, und so wäre das Manöver nichts als eine nutzlose Anstrengung gewesen. So begnügte er sich, mit möglichst trotzigem Gesichtsausdruck dazustehen. Die Intervention Onkel Gustavs war von bestem Erfolg begleitet. Kaum acht Tage später, nachdem Dr. Thorn seinen Brief an den als Anthropologen und Ethnographen bestens bekannten Dr. Alexander Müller, Direktors eines Staatsgymnasiums, abgesendet hatte, erhielt er von diesem die Zusicherung, daß der geniale Neffe in der von ihm geleiteten Anstalt Aufnahme finden werde. Der Herr Direktor sprach in seinem Briefe aus, daß er es als sicher annehme, daß der Herr Onkel allen ihm zustehenden Einfluß aufbieten werde, damit sich der Neffe immerdar dieser unverdienten Gnade würdig erweise. Er empfahl gleichzeitig längst veraltete, aber äußerst wirksame pädagogische Mittel. Wenige Tage nach Erhalt der so überaus günstigen Erledigung langte an Herrn Dr. Thorn ein Brief ein, der in diesem höchst gemischte Gefühle weckte. Er lautete: Mein lieber Bruder! Durch Deinen weitreichenden Einfluß, der mir, selbst leider in den gedrückten Verhältnissen, in denen zu leben ich gezwungen bin, vollständig fehlt, ist es gelungen, daß mein Sohn wieder in einem Gymnasium aufgenommen wurde. Es war sehr schön von Dir, daß Du Dich Deiner brüderlichen Pflichten gegen mich erinnertest. Eugen wird, ich habe mit Energie darauf bestanden, Dir seinen Dank persönlich abstatten. Er fährt mit dem Zug, der vormittags um 9 Uhr 25 Minuten vom Westbahnhof abgeht, zu Dir. Erteile ihm eine Lehre, sei ernst, aber gütig gegen ihn. Rauhes Benehmen verträgt er nicht. Vielleicht kannst Du ihn abends bei Dir behalten. Es wäre überhaupt für ihn sehr gut, wenn er jetzt acht bis vierzehn Tage Landaufenthalt genießen würde. Der arme Knabe hat in diesen Wochen schwer, ich kann schon sagen sehr schwer gelitten. Ruhe und frische Luft benötigt er dringendst. Frau Charlotte läßt Dir sagen, daß er Kohlrüben nicht verträgt, verschone ihn mit dieser Speise, denn es muß jetzt alles aufgeboten werden, damit er sich zu seiner seelischen nicht auch eine körperliche Indisposition zuzieht. Hole den Knaben um ein Uhr sechzehn Minuten vom Bahnhof ab: Du weißt ja, er kennt sich in St. Ruprecht nicht aus. Ich, Charlotte, Eugen und Lise danken Dir schon im vorhinein bestens für Deine Bemühungen. Johann Thorn. NB. Sei nur recht vorsichtig mit ihm. Du mußt bedenken, daß er jetzt riesig nervös ist. Als Dr. Thorn diesen Brief gelesen hatte, sah er erst eine Weile seiner Schwester sprachlos ins Gesicht. »Das ist wirklich und wahrhaftig eine Heimsuchung«, das werden bewegte Stunden meines Lebensabends werden«, sagte er betrübt. »Du kannst ihn doch nicht fortjagen, wenn er kommt, es ist doch der Sohn deines Bruders«, bemerkte sanft Frau Pauline, »und wie ich dich kenne, tust du's auch nicht.« »Er schickt ihn einfach her, er fragt sich nicht einmal vorher an«, brauste Gustav auf. »Wie wär's, wenn ich krank wäre oder ... wie höchst ungelegen würde er da kommen!« »Aber wir sind nicht krank, und dann kann er auf keinen Fall lange dableiben, wir schreiben schon den 9. September. Längstens, am fünfzehnten muß er ja ohnehin zur Schule hinein.« »Na, aber in diesen sechs Tagen kann ich mich krank ärgern; aber wenn mir der Bengel etwas Ungehöriges macht, eine Dummheit anstellt, dann wix' ich ihn.« »Aber, Gustav, Gustav!« verwies Frau Pauline; »wenn ich nicht so genau wüßte, daß du das gar nicht imstande bist, müßte man wirklich Angst haben.« Gustav ging erregt hinüber in das Museum. Nach einer halben Stunde kam er in die Küche hinaus und fragte Kathi, was heute gekocht werde. »Schweinskoteletten mit Erdäpfelschmarren« erklärte Kathi, »und Rahmsuppen.« Frau Pauline kam herein und war sehr verwundert, Gustav in der Küche zu finden. »Habt ihr das ins Kalkül gezogen, daß heute ein Gast kommt?« fragte er weiter. »Ja, Gustav. Kathi hat noch ein Kotelett geholt«, beruhigte sie den Haushaltungsvorstand. »Nun ja ... wenn er einmal kommt ... man kann ihn ja doch nicht verhungern lassen!« sagte er dann, ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. Junge Leute haben gern etwas Bäckerei ... etwas Süßes!« sagte er. Frau Pauline lächelte mild. »Dazu wird es schon etwas zu spät sein«, sagte sie zweifelnd. »Ich habe draußen in der Speisekammer ein Körbchen mit Erdbeeren gesehen. Macht das viele Umstände, wenn du oder Kathi etwas Obersschaum fabrizieren würdest? Ich habe selbst einigen Appetit auf etwas Süßes.« »Du ...?« fragte erstaunt Frau Pauline. »Du ißt doch nie so etwas!« »Nun ... so ... ich meinte nur wegen des Jungen«, erwiderte etwas stockend Herr Dr. Thorn. »Wir werden es schon machen«, sagte Frau Pauline. Sichtlich befriedigt verließ Herr Dr. Thorn die Küche. Lange vor ein Uhr sechzehn Minuten war schon Doktor Thorn auf dem Bahnhof, um seinen Neffen zu erwarten. Der Herr Stationsvorstand fragte erstaunt, was den Herrn Direktor herausgeführt habe. »Ich erhalte Besuch ... mein Neffe kommt!« erzählte er. »Es ist ein großer Nichtsnutz, aber ich werde ihn schon ...« setzte er drohend hinzu und schwang mit einer fürchterlichen Miene sein spanisches Rohr. Der Stationsvorstand machte eine Miene, als ob auch er von den Drohungen des Herrn Direktors nicht viel hielte. Endlich rollte der Zug ein. »Ah – da ist er ja«, sagte Thorn und zeigte mit dem Stock auf den eben vom Coupe herabkletternden Eugen. »Eigentlich ein hübscher Bursch«, sagte er nicht ohne Stolz. Er hatte damit durchaus nicht unrecht. Eugen war wirklich ein hübscher Bursch. Der trotzige Zug, der sonst auf seinem Antlitz lag, war heute geschwunden, der Junge sah ganz sonnig und hoffnungsfreudig in den lachenden Sonnenschein hinaus. Dr. Thorn ging Eugen entgegen. »Na, also glücklich angekommen?« fragte er, und vergaß bei dieser Frage alle Strenge, die er sich vorgenommen hatte. Eugen küßte nach einer tadellosen Verbeugung dem Onkel die Hand. »Mutter und Vater und Lisel lassen dich grüßen«, sagte er, »und ich dank dir, Onkel, daß du so für mich eingetreten bist. Ich danke dir!« »Ja – ja«, sagte Thorn, »aber in der neuen Anstalt darfst du keine Zündhölzchenköpfe mehr auf die Stiegen und Gänge streuen! Sonst schmeißen sie dich wieder hinaus!« »Aber Onkel!« erwiderte entrüstet Eugen. »Na, warst du's vielleicht nicht?« fragte eindringlich der Onkel. Da wendete Eugen sein Antlitz zur Seite; einen Moment lang hafteten seine Augen auf dem in allen Farben strahlenden Laubwerk des wilden Weines, das den kleinen Perron umspann. Und als er das Antlitz wieder dem Onkel zuwendete, lag ein ganz seltsamer Zug darauf, ein leises, etwas boshaftes Lächeln, und dieses Antlitz war so rot: geworden wie die rotesten Blätter des wilden Weines. »Ja, Onkel, dir sag ich's, aber sei nicht bös, ja, ich war's!« »So so«, sägte Thorn, »sehr hübsch! Na, werden darüber etwas später reden!« Nachdem Eugen noch dem Stationsvorstand eine tadellose Verbeugung gemacht hatte, machten sich Onkel und Neffe auf den Heimweg. »Warum ist Lise nicht mitgekommen?« fragte Thorn. »Lise ist in der Bank«, sagte Eugen, »o sie wäre so gern mitgekommen, sie hat sogar geweint, als ich fortfuhr. Sie läßt dich vielmals grüßen.« Eugen küßte auch der Tante höchst ehrerbietig die Hand. »Grüß dich Gott, Eugen«, sagte die Tante, »da mußt du sehr brav sein, daß sich der Onkel nicht ärgern muß!« »Sonst kommst du sofort auf den Schub!« ergänzte der Onkel die Rede. Eugens Appetit war großartig. Thorn sah sofort ein, daß er sich in dieser Hinsicht wegen des Neffen nicht werde ärgern müssen. Nach dem Essen blieben alle drei erst ein wenig beisammen sitzen. »Also, du Pauline«, fing Thorn an, »der Spitzbub hat wirklich die Zündholzköpfchen auf die Stiege gestreut!« »So«, sagte die Tante, als wenn ihr diese Nachricht gar keine Neuigkeit wäre. »Wer hat dir das gesagt?« »Eugen selbst!« sagte Thorn. »Und warum hast du das getan?« fragte er dann den Jungen weiter, der unermüdlich sich den Mund mit Obersschaum und Erdbeeren vollstopfte. »Aber laß ihn doch essen«, verwies die Tante. »Weil ich so einen Zorn gehabt hab'«, erklärte Eugen, »der Selber von der dritten Klasse hat mir auf der Stiege einen Stoß mit der Faust gegeben, und ich hab' mir das nicht gefallen lassen, und da ist der Schuldiener gekommen, nahm mich beim Arm und führte mich zum Direktor. Und da mußte ich zwei Stunden nachsitzen. Und wie ich gesagt hab', der Selber ist schuld daran, sind der Direktor und der Schuldiener über mich hergefallen – und am andern Tag hab ich dann das getan!« »Und warum hast du nicht gleich gesagt, daß du es gewesen bist?« inquirierte weiter der Onkel. In diesem Moment erschien plötzlich wieder jener häßliche, boshafte Zug auf dem Antlitz des Jungen. Er schwieg erst eine Weile, dann sagte er in einem bösen, trotzigen Tone: »Der Vater hat's ja gewußt – aber ich hab' weiter nichts sagen dürfen – und die Mutter hat's auch gewußt, daß ich es getan hab'!« Er legte den Löffel weg, die Augen waren ihm feucht geworden. »Bei uns wird immerfort gestritten«, sagte er noch dazu. Gustav und Pauline sahen sich mit sonderbaren Mienen an. Es war ihnen eben klar geworden, daß die Familie des Herrn Johann Thorn keinen gesunden Nährboden für einen in der Entwicklung begriffenen Charakter abgebe. Als Eugen gegessen hatte, führte ihn der Onkel auf seinem Besitztum umher. Er zeigte ihm Hof und Garten und draußen am Straßenrande den Kiefernforst. Am meisten interessierte den Jungen der Hühnerhof. Thorn hatte einen Sack voll Hafer und Kukurutzkörner mitgenommen und ließ Eugen das Futter selbst ausstreuen. Die Tauben, Hühner und Enten kamen daher und umringten den freigebigen Spender. Als der kleine Zwerghahn dem großen Hahn einen tüchtigen Hieb mit dem Schnabel versetzte, mußte Eugen laut auflachen. »Du hast's gut, Onkel, am liebsten möcht ich immerfort bei dir bleiben!« sagte er. »Du bist mir zu schlimm!« sagte Thorn. Eugen schwieg. Nach einer Weile sagte er: »Ich glaube, Onkel, bei dir heraußen wär's keine Kunst, brav zu sein!« »Wie meinst du das?« »Bei dir ist's so ruhig ... es wird nicht gestritten ... und bei dir weiß man immer, was man zu sagen hat ... aber zu Hause!« Dr. Thorn machte sich so seine eigenen Gedanken bei den Worten des Knaben. Er führte ihn zum Kaninchenstall, der sein größtes Interesse erweckte. »So etwas kann man in der Stadt nicht haben ... und ich hätt' eine große Freude an solchen Sachen. Wir haben daheim nicht einmal einen Kanarienvogel. Mir ist einmal ein kleiner Hund zugelaufen, es war mitten im Winter, und in der Nacht hat ihn dann die Mutter wieder aufs Pflaster geworfen.« Dann führte ihn der Onkel zur größten Sehenswürdigkeit seines Besitzes, zum Heim des Rehbocks. Hansl hatte einen sonderbaren Hauptschmuck bekommen. Um das gefährliche Tier unschädlich zu machen, hatte Dr. Thorn für den Bock einen höchst genialen Lederhut erfunden, der von dem hervorragendsten Schustermeister des Ortes in geradezu bewunderungswürdiger Weise konstruiert wurde. Der Hut, aus starkem Kalbleder in Naturfarbe gearbeitet, hatte die Form eines kleinen Sackes. Dieser wurde dem Bock unter mehrfacher Assistenz über das Geweih gestülpt und unterhalb der Kronen mit starken Schuhriemen zugeschnürt, wodurch die Waffen des infamen Kerls so ziemlich unschädlich gemacht wurden. Seit jenem Tag, da Hansl diesen Hauptschmuck erhalten, war er fortgesetzt in sehr trüber Stimmung; daß er nun in voller Freiheit durch alle Räume des Gartens traben durfte, galt ihm wenig gegenüber dem Umstand, daß man seine Waffe in so lächerlicher Weise unschädlich gemacht hatte. Eugen zeigte das größte Entzücken, als er das zierliche Tier sah. Er bat in den rührendsten Tönen den Onkel, er möge Hansl von seiner Krone befreien, damit man sehen könne, wie sich das schöne Tier im Naturzustand in Wald und Wiese ausnehme. Aber der Onkel schüttelte ablehnend das Haupt. »Da müßten wir alle zwei laufen, was uns die Beine tragen könnten«, sagte er. »Wir sind doch stärker ... wir beide zusammen«, meinte Eugen. »Ich fürchte mich nicht vor dem kleinen Kerl!« »Na, so geh hinein, die Tante soll dir die Hundspeitsche geben«, sagte der nachgiebige Onkel. Eugen lief schnurstracks in das Haus und brachte nach wenigen Augenblicken, keuchend infolge des eiligen Laufes, die Peitsche. Als Hansl die Peitsche sah, zog er sich sofort gekränkt in seine Hundshütte zurück und war erst nach vielem Zureden zu bewegen, herauszukommen. Thorn nahm ihm die Haube ab. Er schüttelte, als er sich frei fühlte, energisch das zierliche Haupt und trabte dann vergnügt durch das offene Törchen seines Geheges in den Garten hinaus. Eugen zeigte die größte Freude, als das Tier so lustig hin und her galoppierte, und lief ihm trotz steter Abmahnung des Onkels fast bis zum Kiefernforst nach. Der Bock ersah darin eine Aufforderung zum Tanz, nahm den Kampf auf, und plötzlich ertönte aus Eugens Mund ein heller, durchdringender Angstschrei. Erschrocken lief Thorn herbei, drohend die große Peitsche schwingend. Es bot sich ihm ein lächerlicher Anblick. Eugen lief voran, hinter ihm, gesenkten Hauptes, der Bock. Als die beiden an ihm vorüberstürmten, versuchte er, dem Bock mit der Peitsche einen ordentlichen Hieb hinaufzuklatschen; es mißlang. Keuchend stürmte nun Thorn ebenfalls hinter den beiden nach. Eugen klammerte sich an den großen Apfelbaum; der Bock stutzte eine Weile und bekam in diesem Moment von Thorn eine Ordentliche über sein Hinterteil heruntergemessen. Erschreckt sprang Hansl in die Höhe, machte kehrt und eilte in mächtigen Sätzen in sein Heim zurück. »Hat er dir was getan?« fragte erschrocken der Onkel. »Ja«, sagte Eugen und machte ein sehr schmerzliches Gesicht. »Wo?« fragte der Onkel weiter. »Hinten«, sagte Eugen. Onkel Thorn betrachtete angstvoll die Reversseite des geliebten Neffen. Die Hose zeigte einen umfänglichen Biß, aus dem das blutgefärbte Hemd hervordrang. Das gab keine geringe Aufregung, als Thorn mit dem Neffen, der schamhaft die Hand auf die schmerzende Stelle hielt, in das Haus zurückkehrte. Die Damen mußten trotz allen Mitleids mit dem hübschen Burschen lächeln, als sie sahen, welche Stelle der Bock sich zum Angriff ausgesucht hatte. Marie mußte sofort zum Doktor laufen. Nach einer halben Stunde erschien der Medizinmann, und die drei Herren verschwanden auf eine geraume Weile im Schlafzimmer des Herrn Dr. Thorn. Der Herr Doktor untersuchte die Wunde. »Am meisten hat die Hose gelitten«, erklärte der Doktor nach genauester Untersuchung, »der edlere Teil ist nur geringfügig verletzt – eine tüchtige Schramme, das ist alles, mit einem Heftpflaster ist die Sache korrigiert!« Der Doktor korrigierte die Sache, wie er den Vorgang genannt hatte, und die geschädigte Hose ward zur Korrektur dem Schneider zugesendet, der beauftragt wurde, die Behandlung des verwundeten Kleidungsstückes in kürzester Zeit durchzuführen. Da Eugen keine zweite Hose mit hatte, mußte er im Schlafzimmer des Onkels längeren Aufenthalt nehmen. »Der Bock ist ein ausnehmend gescheites Luder«, sagte anerkennend der Doktor beim Abschied. »Er hat die richtige Stelle gefunden, wo junge Herren in Eugens Alter dann und wann behandelt werden müssen.« Abends brachte der Schneider die Hose. Auch sie hatte ein Heftpflaster bekommen, aber innen. Da Eugen nun wieder instand gesetzt war, vor Damen erscheinen zu können, so wurde das Nachtmahl im Zimmer bei Frau Pauline eingenommen. Eugen saß in einem Fauteuil, die gütige Tante hatte, um die Wundschmerzen zu lindern, dem Neffen noch einen Polster untergelegt. »Also was macht Lisel?« fragte während des Essens der Onkel. »Sie geht ja jeden Tag in die Bank – sie hat schon sechzig Kronen monatlich – und weißt du, Onkel, wer jetzt fast jeden Abend bei uns ist?« fragte Eugen. »Na, wer wäre das?« »Herr Breuer – der bei uns im selben Stockwerk wohnt – er war früher mit Papa im Amt.« »Den kenn' ich ja – er ist ja schon in Pension, er soll ein vermöglicher Mann sein!« meinte Thorn. »Geld muß er haben, er bringt Lisel Blumen und Bonbons mit – mir hat er zu meinem Namenstag einen großen Malkasten gekauft, der mindestens zwanzig Kronen kostet«, erzählte Eugen weiter. Thorn sah seine Schwester verwundert an. Eugen hatte dies bemerkt, und da es ihn freute, daß seine Mitteilungen solches Interesse fanden, fuhr er unentwegt fort: »Und weißt du, Onkel, was unlängst der Papa zu Mama gesagt hat? Sie wußten nicht, daß ich im Zimmer sei. Papa sagte, am besten wäre es, wenn Lisel den Herrn Breuer heiraten würde!« »Das ist doch nicht möglich – Eugen, du hast schlecht gehört –!« »O, ich hab' ganz gut gehört. Die Mama gab dem Papa recht. Sie sagte – ja, ja, bei dem Alten ist man gut gehalten. Da hab' ich lachen müssen und bin darauf hinausgeworfen worden.« Dr. Thorn stand auf und ging mit starken Schritten im Zimmer auf und ab. »Und was sagt Lisel dazu?« fragte er dann, vor Eugen stehen bleibend. »Lisel?« Eugen war gerade mit einer Weintraube beschäftigt, »Lisel sagt gar nichts – ja, einmal hat sie sich beklagt; Herr Breuer traf sie auf der Straße und ging mit ihr nach Hause. Eine Kollegin ist ihr begegnet und hat dann des anderen Tages gefragt, ob der Alte auch recht reich ist!« Thorn brach nach einem langen, bedeutungsvollen Blicke auf Frau Pauline das Gespräch ab, das seinem schlichten, altfränkischen Sinne nach Bahnen einzuschlagen drohte, die ihm in Gegenwart eines kaum vierzehnjährigen Menschenkindes nicht passend erschienen. »Also, Eugen, was werden wir morgen machen?« fragte er wohlwollend den Neffen. »Eine sitzende Beschäftigung wird dir bei deinem Leiden nicht gut tun. Wie wär's, wenn wir auf den Forellenfang ausgingen?« Eugen hüpfte vergnügt in die Höhe, zog aber beim Niedersetzen ein höchst schmerzliches Gesicht. »Recht so, jugendliche Unvorsichtigkeit muß bestraft werden«, sagte Thorn milde. »Mein Vorschlag ist also akzeptiert. Marie«, wendete er sich an die Schwester, »soll den alten Hofbauer verständigen, daß er noch heute eine Dose Regenwürmer sucht, so mittelgroße! Morgen, punkt sieben Uhr, wird ausgerückt. Junger Mann, du gehst jetzt schlafen, daß dein Gebreste möglichst Heilung findet!« Eugen machte zwei höchst elegante Verbeugungen, küßte Tante und Onkel respektvollst die Hand und ging, von Marie geleitet, in sein Kämmerchen hinüber. Nach Eugens Abgang sagte Dr. Thorn zu seiner Schwester: »Das wäre doch schrecklich! Wohin denkt denn der Esel? Breuer ist ein gutmütiger, liebenswürdiger Mann – dagegen ist gar nichts zu sagen – aber er und Lisel! Er ist so alt wie ich. Was ist denn Johann da eingefallen? Ach, wer weiß, was der dumme Junge gehört hat!« Obwohl Eugen die Nacht etwas unruhig verbracht hatte, war er doch schon punkt sechs Uhr früh munter. Im Hofe saß ein alter Herr, der beschäftigt war, einige Fischzeuge in Ordnung zu bringen, eine Tätigkeit, die Eugens lebhaftestes Interesse erweckte. »Eugen, Eugen!« hörte er plötzlich rufen. Der Onkel kam schon in den Hof heraus. »Ah, da bist du? Schnell hinein und den Kaffee getrunken. Wie geht's, wie steht's? Wenn die Wunden noch nicht vernarbt sind, müßten wir doch die Expedition unterlassen!« »Nein, nein, es ist alles gut, ich bin heute sogar schon auf einem Holzsessel gesessen!« »Dann ist's recht. Also schnell den Kaffee!« Nachdem das Frühstück vorüber war, bekam Eugen eine Tasche umgehängt, in der sich außer Fischereigeräten auch mannigfacher Proviant befand. Kein Minister hat jemals mit größerem Stolz ein Ordensband sich um den Hals geschlungen, als Eugen den Riemen der Tasche um seine Schulter legte. Flehentlichst bat er, auch einen Angelstock tragen zu dürfen. Er erklärte, er würde sich zu Tode schämen, ohne Angelstock durch das Dorf gehen zu müssen. Sein Wunsch wurde erfüllt, er bekam ebenfalls eine Angelrute in die Hand, deren einzelne Teile in einem Etui aus grauer Leinwand steckten. Der alte Mann, der vom Doktor für die Partie gedungen war, trug ein sogenanntes Fischlagel, ein langgestrecktes Fäßchen, an einem grauen Hanfbande und einen Feldsessel. Als Eugen von der Tante Abschied nahm, erschien er wirklich als ein blühender, hübscher Bursch, die Augen leuchteten ihm in heller, sonniger Jugendfreude und die beiden Mägde betrachteten den jungen Mann mit innigem Wohlgefallen. Es ging von ihm ein ordentlicher Glanz von Freude und jugendlichem Frohsinn aus. »Wenn ihm nur nicht wieder etwas passiert«, meinte Marie. »Daß er vielleicht wieder muß Pflaster kriegen, wann hamkummte!« meinte die Köchin. Es war ein herrlicher, schöner Vorherbsttag. Stolz schritt Eugen neben seinem Onkel dahin, mit glänzenden Augen auf den gütigen alten Herrn blickend. Alle Leute grüßten die Eskorte, der Herr Postmeister, der Stationsvorstand und der Herr Lehrer, schließlich kam auch der Doktor die Straße daher, er erkundigte sich um den Patienten und fragte, wie sich das geschädigte Hinterteil verhalte. »Ich bin schon auf einem harten Sessel gesessen«, sagte freudig strahlend Eugen. »Also, dann ist's recht!« sagte er und grüßte noch aus der Ferne. »Petri Heil!« rief er ihnen zu. »Petri Heil!« sagte auch der sonst so ernsthafte Herr Bürgermeister, als die Expedition an seinem Kaufmannsladen vorüberschritt. Außerhalb des Dorfes zweigte von der Straße ein Feldweg ab. Bald an Sturzäckern, bald an abgemähten Wiesen, auf denen Jungvieh, von halbwüchsigen Kindern bewacht, weidete, ging es vorüber. Eine Kalbin kam ganz nahe an den Weg heran, glotzte die Gesellschaft verwundert an, schlug auf einmal mit den Hinterfüßen aus, beschrieb mit dem Büschelschwanz einige Kreise und galoppierte dann zu den Genossen zurück. »Was hat sie denn?« fragte verwundert Eugen. »Lustig ist s' – gut aufgelegt!« sagte der Onkel. »Narrisch Luada!« sagte Herr Hofbauer, der das Fischzeug trug. »Heunt' is aber a a wunderschöner Tag. Mir scheint, dös g'spürn sogar die Viecher!« Hie und da ging ein Pflug über das Feld, der Ackermann hielt inne und schwang den Hut, wenn er den Doktor erkannte. Alles grüßte zurück, am fröhlichsten Eugen. Es war wirklich ein wunderherrlicher Tag – der Himmel war so sehnsüchtig blau, am Rande des Hohlweges zeichnete sich jeder Halm, jede Rispe vom Horizont so klar ab; als sie auf die Höhe hinaus kamen, hörten sie von der fernen Landstraße herüber das Knarren der Wagen, sogar das Rufen der Kutscher. Als sie auf schmalem Fußpfad über eine recht dürftige Wiese schritten, entdeckte Eugen eine blaßviolette Blume. »Eine Herbstzeitlose«, rief er, »und dort, sieh, Onkel – dort – dort überall –!« »Ja«, sagte der Onkel, »das Jahr geht zu Ende – seine Totenblumen sind schon da! Ich mag die Blumen nicht – das sind die richtigen, stillen Totenblumen!« »Net amal die Küah mögn s'«, ergänzte Herr Hofbauer. Dann kamen sie zu einer Mühle, über das Wehr strömte eilfertig das Wasser. Bei der Radstube stand der dicke Müller, er schwenkte einladend sein weißes Käppchen. »Na, Herr Doktor – kommen S' net auf an Sprung 'rein – der junge Herr hat vielleicht schon an Durst«, sagte er und reichte dem Doktor die Hand. »Auf dem Rückweg, Herr Bauer«, versprach der Doktor. »Aber der Herr Hofbauer nimmt schon a Schluckerl – daß er die Forelln besser sieht«, meinte der Müller. Herr Hofbauer verzog das Gesicht zu einem ungefügen Lächeln. »Vergelts Gott«, sagte er, als er das Gläschen ausgetrunken hatte. Auch der Herr Doktor hatte sich ein Gläschen genehmigt und dabei die Meinung ausgesprochen, daß ein so trefflicher Slibowitz ein gutes Gegengewicht gegen Kälte und Feuchtigkeit sei. Für Eugen dankte Thorn in der verbindlichsten Weise. Mit »Petri Heil« nahmen die Fischer Abschied. »Petri Heil!« scholl es von der Wiese herüber, wo eben die Müllerin bei einem mächtigen Grasbund stand. Weiter und weiter ging der Weg längs des Baches dahin – stetig bergan – bald engten mächtige Felsen sein Bett ein. Und so still ward's ringsum – nichts als die Schritte der Männer, das Plaudern der Wellen und fernher der Schrei eines Vogels. Nach fast zweistündiger Wanderung befahl Herr Doktor Thorn Halt! Das Fischereigerät ward instand gesetzt. Thorn steckte den Fischstock zusammen. »Onkel, darf ich auch fischen?« fragte bittend Eugen. Herr Hofbauer lachte, es war das richtige, boshafte, hämische Bauernlachen. Dann stieg er vorsichtig zum Bache hinunter, um das Lagel mit Wasser zu füllen. »Erst schau zu!« empfahl der Onkel dem strebsamen Jüngling. Mit tiefem Interesse verfolgte Eugen das Gebaren des Onkels. Wie ein Indianer auf dem Kriegspfad schlich der kleine, etwas beleibte Herr, die Angelrute in der Rechten, längs des Ufers hin; sorgsam achtete er, daß kein Stein ins Rollen komme, vorsichtig bog er das Gestrüpp zur Seite, und endlich warf er, auf einer freien Stelle angekommen, mit geschicktem Schwung die Angel aus. Atemlos stand Eugen hinter ihm, die Träume seiner Indianerbüchel hatten hier Leben, Farbe und Gestalt bekommen. Plötzlich machte Thorn einen Ruck mit der Angelrute, und silberglänzend stieg im Sonnenschein an der emporgeschnellten Schnur eine stattliche Forelle zum Licht – und Tod empor. »Heunt' beißen s' an«, sagte befriedigt der alte Hofbauer. Der Alte entnahm der am Boden zappelnden Forelle die Angel und steckte den Fisch in das Lagel, wo er zuerst heftig herumschlug, daß das Wasser beim Türchen des Fasses herausspritzte. Eugen ward fast närrisch vor Freude und Entzücken – er jubelte – nein, er jauchzte laut auf. Thorn setzte den Fischzug fort; es mußte heute ein ausnehmender Glückstag sein, alle Augenblicke hing eine Forelle an der Angel. Eugen sprühte vor Begeisterung. »Onkel, bitte, laß mich auch eine Forelle fangen!« bat er mit gefalteten Händen. »Wieviel haben wir jetzt?« fragte Thorn. »Eilf Stückln«, sagte Hofbauer. »Na also, so versuche dein Glück«, sagte Thorn und reichte Eugen den Angelstock. Der alte Hofbauer köderte einen Wurm an, Thorn ging langsam schleichend am Ufer voran. »Dort wirf ein!« befahl er dem Schüler. Im Bette des Baches lagen ungeheure bemooste Felsen, klares, ruhiges, im Schatten fast tiefgrünes Wasser erfüllte die kleine Bucht. »Wenn du einen Rück spürst, ziehst du sofort scharf an«, belehrte der Onkel. Eugen warf aus und die Angel verfing sich im Gestrüpp der Erlen über seinem Haupt. »Halt aus«, sagte Herr Hofbauer, löste das Fanggerät aus den Zweigen und steckte frischen Köder an. Nach einigen mißglückten Versuchen gelang es Eugen, die Angel sportgerecht in das Wasser zu werfen, und, o Wunder, nach wenigen Augenblicken hing an der stramm emporgeschnellten Schnur eine mäßige Forelle. Eugen schrie auf vor Entzücken. »Bravo!« rief der Onkel. »Schauts ma den Sakrawolt an!« sagte Herr Hofbauer. Leider verfing sich der Fisch, als er gelandet werden sollte, mit der Schnur wieder im Gebüsch. Rasch entschlossen stieg Eugen über das Ufer hinab, rutschte aber auf den schlüpfrigen Steinen aus und setzte sich komfortabel im kühlen Grunde nieder. In seinem Eifer spürte er es gar nicht, wie das kalte Wasser ihm fast bis zur Brust drang; mutig drang er zur Stelle vor, wo im Gebüsch die Forelle zappelte, löste sie geschickt von der Angel und warf sie auf das Ufer hinauf. Beinahe wäre sie wieder in den Bach zurückgesprungen. Der Onkel half dem Neffen aus dem Bade. »Das ist jetzt eine schöne Geschichte, du hast entschieden Pech«, sagte er, als Eugen triefend naß auf dem Ufer stand. »Ah, das macht nichts«, sagte der Verunglückte lustig, »eine Forelle hab ich doch gefangen!« »Jetzt aber schnell weiter zur Mühle – der Müller muß uns von seinem Sohn eine Hose usw. leihen, sonst verkühlst du dich!« Thorn und Eugen wurden in der Mühle mit großem Bedauern empfangen, die Müllerin beklagte in wortreicher Rede das Unglück. Während Eugen die Kleider wechselte, bereitete die Müllerin rasch russischen Tee, um eine etwaige Verkühlung hintanzuhalten. »Das Heftpflaster hält noch«, sagte befriedigt Thorn, der seinem Neffen beim Kleiderwechsel behilflich war, »du hast in diesen zwei Tagen entschieden Pech!« Eugen hatte sich in einen sehr hübschen Bauernjungen verwandelt; er sah etwas theatermäßig aus, Gesicht und Haltung paßten nicht recht zum ländlichen Kostüm. Während Eugen den Tee trank, die Müllerin hatte ein tüchtiges Stück Butterbrot dazugegeben, saß Thorn neben ihm und betrachtete den Jungen mit sonderbar gemischten Gefühlen. Es kam ihm in den Sinn, daß er, wenn sich sein Schicksal anders gestaltet hätte, wohl auch jetzt neben einem solch frischen Burschen sitzen könnte, der aber dann sein Eigen wäre, und dem er in inniger Vaterfreude alles schaffen würde, was sein Herz begehrte. Der helle Sonnenschein lag auf dem grünen Anger, das Wasser rauschte über das Wehr – es war ein wunderbar herrlicher Tag. Plötzlich sprang Eugen auf. »Was war das?« sagte er und zeigte in die Ferne. In reißendem Fluge war ein herrlich gefärbter Vogel, dessen Gefieder im Sonnenschimmer mit allen Farben des Regenbogens geschmückt schien, über das Wehr gezogen. »A Eisvogel«, sagte der Müller, »dort hat er sein Nest.« Eugen starrte in der Richtung, die der Müller wies, konnte aber nichts mehr sehen. »O, dö san scheu!« sagte der Müller, »aber schöne Kerln san's!« Mit herzlichem Danke für die erwiesene Gastfreundschaft brachen nun beide auf. Der alte Hofbauer hatte neben den Fischereigeräten auch Eugens nasse Kleider mitgenommen. Eugen machte beim Abschiede eine tadellose Verbeugung vor den Müllersleuten. »Siagst Tonl«, sagte die Müllerin zu ihrem mittlerweile herbeigekommenen Sohne, »schau an den Burschen, was der für a Benehmen hat und was du für a Lümmel bist!« Tonl entfernte sich schweigend, aber seine Gedanken waren der entschiedenste Gegensatz von Bewunderung großstädtischer Umgangsformen. Auf dem Rückwege sagte Eugen plötzlich: »Onkel ... ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich dir bin, so schöne Tage habe ich noch gar niemals gehabt ... niemals, und jetzt, wenn der Vater wieder ...« Er stockte plötzlich bei diesen Worten. »Wenn du es nicht sagen willst, was sich dir eben auf die Zunge gedrängt hat – so brauchst du es auch nicht ...« sagte Thorn und sah mit innigem Bedauern auf den schmerzlich bewegten Knaben. »Nein, nein ... ich muß dir's doch sagen; wenn der Vater wieder schimpft über dich, dann mach ich's so wie die Lisel!« »Wie macht's denn die?« fragte Thorn. »O ... die draht auf ... und verteidigt dich ... der Vater heißt sie dann eine ungeratene Tochter!« Er mußte unwillkürlich lachen – er dachte an das Pathos seines Vaters, das ihm jetzt in der Erinnerung so ungeheuer lächerlich vorkam. »Und du willst auch aufdrehn? – Das darfst du nicht tun, Eugen – Vater ist Vater!« verwies der Onkel. Schweigend schritten die beiden eine Weile weiter, jeder hatte seine eigenen Gedanken. Bevor der Feldweg auf die Dorfstraße einbog, fragte plötzlich Eugen: »Onkel, gelt, ich darf übers Jahr wieder zu dir kommen?« Er war bei diesen Worten stehen geblieben und sah dem alten Herrn fast flehend in das Gesicht. Die Augen waren ihm feucht geworden. »Ja, was hast du denn, Eugen«, fragte Thorn erschrocken. »Selbstverständlich, wenn du brav bist, kannst du immer wieder kommen; aber ich darf von keinem dummen Streich mehr etwas hören. Und lernen muß der Herr Neffe sehr, aber schon sehr fleißig!« »Hier ist alles so hell ... so schön ... du und Tante seid so gut; ich glaub', Onkel, sogar wenn du schimpfst, muß man dir die Hand küssen! Ach, Onkel, du kannst ja gar nicht schimpfen; auch Tante kann's nicht.« Und er küßte in leidenschaftlicher Erregung des Onkels Hand. »Laß das ... laß das; sei nur recht brav! Weiß schon, wie du's meinst!« sagte Thorn. Unterm Weitergehen mußte Thorn immer daran denken, was so einem Großstadtkind oft alles fehlt: Blauer Himmel, Feld und Wald und lachender Sonnenschein – und mit diesem der Sonnenschein im Herzen! Er ahnte, was im Herzen des Knaben vor sich ging; am Glück der beiden frohen Tage hatte er kennen gelernt, was er bis jetzt im Leben verloren hatte. »Wenn die Zensur nächstes Jahr eine sehr gute ist, kann der Herr Neffe schon anfangs Juli herauskommen!« Dr. Thorn blieb stehen und machte eine fürchterlich ernste Miene. »Aber nur wenn die Zensur eine sehr gute ist! Und weiß der Herr Neffe, was dann noch außerdem seiner wartet?« Mit geröteten Wangen sah Eugen dem Onkel ins Gesicht. »Ein Jagdgewehr bekommt er und darf mit dem Onkel und mit dem Förster auf die Jagd gehen!« »Onkel, Onkel!« rief der Junge aus und umschlang Thorn mit beiden Armen und ruhte nicht eher, als bis der Onkel sein Antlitz niederneigte, damit ihn der Neffe recht herzlich abküssen konnte. »Geh du dummer Bub!« war das einzige, was er sagen konnte. Es ist so was Wunderbares um die Liebe, die aus einem schönen guten Herzen hinüberstrahlt in ein junges Herz und es mit Jubel und hellem Sonnenschein erfüllt. Sehr herzlich gestaltete sich die Heimkunft. Tante Pauline fragte erschreckt, ob Eugen weiter nichts geschehen sei, was Eugen energisch verneinte. Marie und Kathi konnten sich nicht genug lachen über den schmucken Bauernbuben. »Aber lieb ise – lieb '...«, sagte Kathi und schlug ein- über das anderemal entzückt die Hände zusammen. Dr. Thorn war so aufgeräumt, daß ihn Frau Pauline fragte, was es denn gegeben habe. Thorn antwortete erst ausweichend. Nach dem Mittagessen ließ er sich zu einer Erklärung herbei. »Ich hab den Buben verkannt, total verkannt. Natürlich unter den Leuten – unter Bruder Johann und der Soeur Charlotte konnte das Gewächs nicht anders gedeihen. Es ist eigentlich ein prächtiger Kerl. Ich schaff ihm ein Lodengewand an. Denn wenn die Sache so fort geht – einmal zerreißt ihm der Bock die Hosen, einmal fällt er ins Wasser – auf einmal steht er dann im Hemd da. Und was das für ein ekler, trotziger Kerl war! Ich glaube, er war sogar heimtückisch! Mir kommt's vor, als ob die Sonne hier, vielleicht auch die Stille und Freudigkeit, aus seinem Gemüt alles Schlechte ausgezogen habe!« »Du bist ja ganz verliebt in den Jungen!« sagte Frau Pauline. Es folgten noch einige wunderbare Tage für Eugen. Ein Besuch im Försterhaus bereitete ihm ein großartiges Vergnügen. Er war mit dem Onkel und dem alten Förster hinaus in den Wald gegangen; die beiden Herren hatten auf wilde Kaninchen geschossen, die zum Verdruß des Försters dort in weit größerer Anzahl vorkamen, als es für das Gedeihen des Waldes gut war. Auf dringendes Bitten hin ward auch Eugen gestattet, einen Schuß abzugeben. Er bekam mit einer Fülle von Belehrungen seitens des Onkels und des Försters die Flinte in die Hand. »Den Schaft fest in die Achsel hineindrücken, sonst gibt dir der alte Schießprügel eine gewaltige Ohrfeige«, mahnte der Förster. »Das Korn direkt auf das Ziel anhalten, das linke Auge schließen ... so ...!« Der Onkel zeigte stramm vor. »Mit dem Zeigefinger nur eine leichte Anlehnung nehmen ...!« sagte der Förster. Die Fülle der Details machte den Jungen ganz verwirrt. Nach einer halben Stunde kam wirklich ein Kaninchen zum Vorschein. »Da ... da ...!« flüsterte fast tonlos der Förster. »Dort, dort!« sagte der Onkel. »Wo, wo?« fragte Eugen. Endlich sah er es – es humpelte, als sei es sich gar keiner Gefahr bewußt, zwischen den Wachholderbüschen umher. Eugen legte an, der Schuß krachte, und der Knabe rieb sich erschrocken die Wange. Das Kaninchen hatte sich aber in tunlichster Eile empfohlen. »Macht nichts – macht gar nichts«, tröstete der Onkel, »wenn du nächstes Jahr kommst, bekommst du ein hübsches Gewehr, und ich und der Herr Förster werden dich zu einem tüchtigen Jäger vor dem Herrn machen.« Es ereignete sich weiter kein Unglück mehr; der Onkel sagte, daß es eigentlich schade war um das hübsche Lodengewand mit den grünen Aufschlägen, für das er eine Menge Geld ausgegeben hatte. Sogar ein Jägerhut mit Spielhahnfeder und breitem grünen Bande war dazu gekommen. Allzu schnell – allzu früh war der Abschiedstag herangerückt. Der Zug, der den Jungen wieder in die Heimat bringen sollte, ging um zwei Uhr vom Bahnhof in St. Ruprecht ab. Den Vormittag benützte Eugen, um von den so liebgewordenen Stätten Abschied zu nehmen. Vom Hof mit dem alten Kastanienbaum, vom Blumengarten, wo heute ihm zu Ehren der Springbrunnen in Tätigkeit war, vorn Kiefernforst mit dem Grabdenkmal Paschas. Eugen legte zu Füßen des Obelisken einen Strauß wilder Waldblumen nieder, die er vormittags gelegentlich eines Spazierganges gepflückt hatte. »Ja«, sagte der Onkel befriedigt – »da hast du recht, unter seinem schwarzen Fell hat ein biederes, treues Herz geschlagen – er verdient diese Ehrung!« Auch in den Hühnerhof ward hinausgegangen und vom Hansl Abschied genommen. Hansl trug wieder seine Ledermütze. Er stellte sich am Gitter auf und tat ungemein liebenswürdig. »Nein, nein, Hansl«, sagte Thorn – »bleib nur drinnen, Eugen hat eine neue Hose an.« Das Mittagmahl verfloß in gedrückter Stimmung. Trotzdem es wieder Erdbeeren mit Obersschaum gab, zeigte Eugen sehr wenig Appetit. Eher als nötig war, drängte Eugen zum Abschied. »Wir versäumen noch den Zug ...« mahnte er. »Kannst du es nicht mehr erwarten, fortzukommen?« fragte fast böse der Onkel. Der Knabe gab keine Antwort. »Wenn das Fortgehen nur schon vorüber wär!« sagte er dann. Nun verstanden sie ihn. Onkel und Tante geleiteten ihn zum Bahnhof. Der Abschied war sehr kurz. »Also nächstes Jahr kommst du wieder, und schick auch die Lisel heraus!« Schweigend küßte er Onkel und Tante, als der Zug einfuhr. Es ist ein großes Glück, daß die Züge in St. Ruprecht nur eine Minute Aufenthalt haben! Achtes Kapitel »Heute kommt mein Sohn zurück«, sagte Herr Johann Thorn zu Herrn Breuer, den er im Hausflur traf. »Wir werden abends eine kleine Fête geben, wenn Herr Breuer auch ein Stündchen sich bei uns einfinden wollten?« Herr Breuer sagte zu. »Welche Sorte von Süßigkeiten liebt der heimkehrende Jüngling ganz besonders?« fragte der Eingeladene. »Nichts von dem ...« wies Thorn stolz ab; »wenn Sie ihm aber eine Freude machen wollen«, setzte er dann nach einigem Nachdenken fort – »Schaumtorte hat er schon als kleiner Knabe sehr gern gegessen. Ich glaube aber, daß seine Mutter bereits vorgesorgt hat.« Schaumtorte aß nämlich die ganze Familie sehr gern. »Also, ich werde ganz bestimmt kommen – vielleicht so gegen acht Uhr?« sagte Breuer. »Ja, ja – ganz gut. Lise kommt erst um halb acht Uhr aus der englischen Stunde nach Hause!« »Also, ich werde Punkt dreiviertel acht mich einfinden.« Im Bahnhof harrte Herrn Thorns eine seltsame Überraschung. Er suchte lange, lange in der Menschenmenge nach seinem vielgeliebten Sohne, bis ihn auf einmal ein junger Herr in Lodenkleidung mit grünem Jägerhut sehr devot grüßte. »Guten Abend, Herr von Thorn!« sagte der junge Herr und verbeugte sich. Herr Thorn, der etwas kurzsichtig war, erkannte erst an der Stimme den Sohn. »Du bist's, Eugen? Wie kommst du in diese Kleider?« »Der Onkel hat sie mir gekauft!« war die prompte Antwort. »Wieso kommt der dazu, dir neue Kleider zu kaufen?« fragte entrüstet der stolze Vater, »wie kannst du so etwas von ihm annehmen?« »Ich hab ja das Essen auch nicht gezahlt«, antwortete prompt der Sohn. »Essen – du warst sein Gast – da mußte er das tun – aber neue Kleider! Das ist eine Demütigung für mich! Und wie ein Bauernbub siehst du aus! Man muß sich schämen, mit dir zu gehen!« »Du mußt ja nicht – ich find auch allein nach Hause!« sagte Eugen und wollte sich entfernen. Auf seinem Gesicht kam wieder der trotzige, halb verächtliche Zug zum Vorschein. Vater Thorn zog lindere Saiten auf. »Du mußt bedenken, wie ich immer von diesem Mann gedemütigt wurde. Wenn du einmal groß bist, werde ich dir das erzählen, dann wirst du verstehen, was dein armer Vater in diesen Jahren gelitten hat.« Sie gingen zur Elektrischen. Leise pfeifend ging der Sohn erst neben dem Vater; niemals noch war ihm das hohle, falsche Pathos des Alten so dumm vorgekommen wie diesmal, da er aus Licht und Sonnenschein, von guten warmherzigen Menschen weg in die Stadt nach Hause zurückkehrte. »Na, wie ist's dir gegangen?« fragte der Vater, als sie im Waggon der Elektrischen saßen. »O, gut – gut wie niemals noch – der Onkel ist ein herrlicher Mann! Und so gut – so gut ist er gegen mich gewesen!« »Nun ja, ich hab ihm ja geschrieben, daß deine Nerven sehr geschont werden müßten – und das ist das Wenigste, was er für dich tun konnte. Hat er über mich geschimpft?« Eugen sah seinen Erzeuger mit einem sonderbaren Blick von der Seite an. »Von dir ist fast gar nichts geredet worden«, sagte Eugen, »und geschimpft hat dort überhaupt niemand, mir scheint, das kommt beim Onkel gar nicht vor.« »Daß er mich ignoriert, das weiß ich«, sagte Thorn beleidigt, »nun, auch für mich wird einmal eine andere Zeit kommen!« Er seufzte und sah dabei, wie es in der Familie Thorn üblich war, schmerzvoll zum Himmel auf. Die weitere Fahrt wurde schweigend fortgesetzt. Zu Hause machte Lise auf. Hell klang ihr Lachen durch das Haus, als sie in dem schmucken Jägersmann ihren Bruder erkannte. Frau Charlotte war geradezu entsetzt. »So schickt dich der Onkel nach Wien ... wo hat denn der Mensch nur hingedacht. Wie ein Bauernbub siehst du aus! Du wirst dich sofort umzieh'n ... Herr Breuer darf dich in dem Anzug nicht sehen!« »Aber Mutter!« sagte Lise. »Ich hab es ja gleich gesagt!« gab Vater Thorn seinen Kren dazu ... »aber Gustav scheint seinen Sinn ganz verwirrt zu haben ...!« In diesem Moment kam Herr Breuer herein. »Bravo«, sagte er, »der hat sich am Lande gut herausgemaust ... und wie fesch er ausschaut!« Auf das wohlwollende Urteil Herrn Breuers hin wurde es Eugen gestattet, die Jägerkleidung anzubehalten. Das Nachtmahl war großartig. Herr Breuer hatte eine Menge Süßigkeiten mitgebracht, denen die Familie alle Ehre antat. Auch zwei Flaschen Wein hatte er zum Feste beigestellt, ausgezeichneten Wein; Frau Charlottens Züge waren eitel Sonnenschein, so oft sie das Glas an die Lippen setzte. Und sie tat dies sehr oft. »Aber, jetzt erzähl' doch einmal«, drängte Lisel, »wie ist's dir beim Onkel gegangen? Geschrieben hast du nicht ein einziges Mal ...!« »Eine Karte, bitte, Lisel«, wehrte sich Eugen. »Ja, daß du leider wieder kommst!« sagte Lise. Herr Breuer lachte laut auf und sah ganz verklärt in das Gesicht des schönen Fräuleins. Eugen erzählte. Vom Bock und von der unangenehmen Verwundung, die ihm von dem rauflustigen Tier beigebracht worden war. »Morgen werde ich dich von einem Arzt untersuchen lassen. Wenn von der Verletzung Spuren zurückgeblieben sind, so werde ich die Anzeige erstatten!« sagte streng der Hausvater. »Ein böses Haustier muß in sicherem Gewahrsam gehalten werden. Besitzer solcher Tiere sind ersatzpflichtig für jeden Schaden, den sie verüben. Aber mein Bruder war immer so!« Er ging wieder mit den gewohnten starken Schritten erregt im Zimmer auf und ab. Eugen und Lise waren sprachlos. »Du wirst doch Onkel Gustav nicht aufhängen lassen?« fragte Lise. Herr Breuer war sehr belustigt. »Es ist ja doch nichts geschehen«, sagte Eugen. »Die Hose ist geflickt, Onkel hat mir neue Kleider gekauft – was willst du denn noch mehr?« »Und das andere?« fragte Herr Breuer. »Das andere ...? O, das ist schon lange gut!« sagte Eugen und erzählte weiter. Von der Forelle, die er gefangen, und wie er dabei ins Wasser gerutscht war; von der Kaninchenjagd, wobei er die gewaltige Ohrfeige von der Flinte des Onkels erhalten hatte, usw. Plötzlich richtete sich Vater Thorn in seiner ganzen Größe auf. »Herr Breuer«, fing er an, »also sagen Sie – welchen Gefahren ist mein Kind entgangen, als ich es zu meinem Bruder schickte? Eugen, Eugen, mein armes Kind! Welches Glück, daß ich dich wieder habe!« Er wollte Eugen umarmen, aber der Knabe lehnte sich abwehrend zurück. Da fiel ein Wort von elementarer Gewalt, Frau Charlotte sagte es. »Thorn, du bist ein Esel.« Lise lächelte milde ... Eugen platzte heraus, Breuer befand sich in einer äußerst prekären Lage. Er mußte um des Hausherrn willen das Lachen zurückhalten, und hätte so gern gleich Eugen aufgeschrien. Thorn machte ein höchst schafsmäßiges Gesicht. Er wußte nicht, wie er es nach dem Lacherfolg seiner Frau anfangen sollte, wieder zum gewohnten Pathos zurückzukehren. Der Sohn gab ihm Gelegenheit dazu. »Lisel, der Onkel hat gesagt, du sollst ihn auch besuchen. Wenn du Urlaub brauchst, so schreibt er an deinen Direktor!« »Das war eine Idee!« sagte Lise. »Ich könnte ganz gut so ein paar lustige Tage auf dem Land brauchen!« »Nach dem, was Eugen erzählt hat, werde ich mich wohl hüten, jemals mehr eines meiner Kinder zu meinem Stiefbruder auf das Land zu geben. Ich würde während ihrer Abwesenheit vor Angst vergehen!« sagte Thorn. »Ich weiß nicht, was du gegen Onkel Gustav hast«, fuhr Eugen auf. »Mir ist's noch niemals so gut gegangen, als wie ich bei ihm war. Mir ekelt, wenn ich das anhören muß!« Das ging Thorn über die Hutschnur. Ohne die geringste Rücksicht auf die Familie und den Gast zu nehmen, schrie er den frechen Stammhalter an: »Lausbub, noch ein Wort und du hast eine Ohrfeige, daß du herumspringst!« »Ich hab' ja gar nichts getan«, heulte Eugen und warf den Thornschen Familienblick zum Himmel hinauf. »Kaum ist man da, so geht's schon wieder los, wenn ich nur lieber beim Onkel wäre!« »Ich werfe dich hinaus, dann kannst du zum Onkel hingehen, mißratener Junge!« schrie Thorn und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Gut, dann geh' ich ... sofort geh' ich«, sagte Eugen. »Onkel Gustav nimmt mich ganz gern auf. Ich geh' sofort, und wenn ich die ganze Nacht durchgehen müßt.« Er stand auf und tat, als ob er sofort seinen Vorsatz ausführen wollte. Die Situation war eine äußerst kritische. Lise war erregt aufgesprungen und rief weinend: »Aber Papa ...!« Herr Breuer griff schweigend nach Stock und Hut. Frau Charlotte brachte Ordnung in den Wirrwarr. Als sie sah, daß der einzige Sohn Anstalten mache aus dem Vaterhaus zu fliehen, empörte sich direkt ihr Mutterherz. Wie eine Löwin stand sie vor dem Gemahl, in kreischenden Tönen kündigte sie an, ihm alles auf den Kopf zu werfen, und, um zu bestätigen, wie ernstlich ihr Vorsatz gemeint sei, ergriff sie die Sodawasserflasche, um sie dem Gemahl an den Eisenkopf zu werfen. Lise sprang auf, um der Mama das Gefäß zu entwinden und erfaßte während des kurzen Ringens den Hahn der Flasche; zischend strömte die Flüssigkeit aus. Der Strahl traf Herrn Breuer mitten ins Gesicht. »Au ... au!« schrie Herr Breuer auf, nach Atem ringend. Eugen mußte trotz seines tiefen Seelenschmerzes laut auflachen, als er sah, wie sich der verdutzte Breuer mit der Serviette das Gesicht abwischte. Herr Thorn stand kreidebleich bei dem Tisch, daß die Sache so kommen könnte, hatte er sich gar nicht vorgestellt. Er fing an einzulenken. »Liebe Charlotte«, begann er. »Wer sagt dir, daß ich deine liebe Charlotte bin?« fragte entrüstet die Frau. Lise hatte sich indes bemüht, Herrn Breuers Weste vom Sodawasser zu trocknen, und er hatte sich die Bemühungen des schönen Mädchens mit großer Freude gefallen lassen. »Herr Breuer, seien sie nicht böse«, fing Thorn wieder an, »aber ein entrüstetes Vaterherz ...« Charlotte nahm hierauf erregt den Gatten am Arm und empfahl ihm, dringendst schlafen zu gehen. »Geh' – geh', sonst geschieht noch etwas«, sagte sie. »Herr Breuer – es tut mir sehr leid – aber das Familienleben bringt manches mit sich. Sie müssen entschuldigen. Sie sind ein glücklicher, sorgloser Mann, Sie sind nicht verheiratet«, sagte Thorn mit von Schluchzen erstickter Stimme, und wurde dann von Frau Charlotte zu Bett gebracht. »Ein paar ruhige Tage auf dem Lande täten einem wirklich gut«, sagte Lise verdrossen, während drüben die Mama eifrig mit dem Papa haderte. »Ich glaub' dir's Lisel«, sagte Eugen. »Ruh' hast du dort, gestritten wird gar nicht; so viel wie an dem heutigen Abend hörst du dort nicht in einem Jahre.« »Gehen Sie doch, Fräulein!« sagte Breuer, »und wenn es an Reisegeld mangeln sollte, so bin ich recht gern bereit ...« »Ach, der Onkel schickt mir sofort das Reisegeld, wenn ich ihm schreibe«, lehnte Lise ab. »Und von mir wollen Sie es nicht annehmen?« fragte gekränkt Herr Breuer; »mir ist es recht leid, wenn Sie von hier fortgehen ...« »Dann kommt der Herr Breuer auch nicht mehr am Abend her, und dann kann man sich direkt aufhängen«, sagte Eugen. Herr Breuer lachte. »Also, wenn Sie Reisegeld brauchen – ich bin recht gern bereit!« Jetzt kam Frau Charlotte aus dem Schlafzimmer, und Herr Breuer empfahl sich. Im Vorzimmer bot er nochmals Fräulein Lise den Vorschuß an. »Trachten Sie, daß Sie auf einige Tage fortkommen«, sagte er. »Seien Sie mir nicht böse – aber wenn es Ihnen möglich ist, lassen Sie Ihren Herrn Papa ausstopfen!« »Warum?« fragte Lise lachend. »Wir verkaufen ihn dann billig«, sagte er und machte die Tür hinter sich zu. Man ging zu Bette. Eugen dachte darüber nach, wie schön es in diesen acht Tagen draußen auf dem Lande gewesen war und wie häßlich sich der erste Abend daheim gestaltet hatte. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er hätte aufstehen und sofort wieder zum Onkel gehen können. * Im Hause des Herrn Thorn war alles wieder in das richtige Gleis gekommen. Lise ging jeden Tag in die Bank, wo ihr das höchst ergötzliche Geschäft übergeben war, verschiedene Schriftstücke aus der Handschrift in Maschinenschrift zu übertragen. Eugen ging in die Schule. Strenge Pflichterfüllung gelang ihm heuer besser als sonst. Wenn ihm die verschiedenen Gegenstände zu fad zu werden drohten, dann fiel ihm unwillkürlich der Onkel ein, und vor seiner Seele stiegen glänzende Zukunftsbilder auf: Wald und Wiese, der murmelnde Forellenbach, das trautsame Försterhaus und – o selige Wonne! – das Jagdgewehr, das ihm der Onkel versprochen hatte, falls er ein fleißiger Student gewesen wäre. Dann warf sich Eugen mit Macht auf die Wissenschaft und lernte, daß ihm der Kopf rauchte. Als eines Tages Herr Thorn den Direktor besuchte, um sich über die Fortschritte seines Sohnes zu erkundigen, erhielt er die befriedigendsten Nachrichten. Der Direktor erklärte, daß alle Professoren sehr zufrieden seien und daß sich noch niemand darüber klar geworden sei, warum Eugen früher so miserable Noten gehabt habe. Thorns Vaterherz quoll über vor Stolz, aber bei seiner Neigung zur Tragik kam die Freude nicht zum Ausdruck. »Er wurde verkannt«, sagte er düster. Und damit hatte er recht. Aber in ganz anderer Weise, als er es meinte. Ja, der Junge war verkannt worden, aber in erster Linie daheim, von Vater und Mutter, die niemals bedacht hatten, daß für ein junges Gemüt vor allem Sonne nötig sei und daß im Wirrwarr eines gestörten Familienlebens auch die bestveranlagte Kinderseele verderbe. Am ersten Oktober langte im Hause Thorn ein Brief von Dr. Gustav Thorn an, der lebhafte Aufregung hervorrief. Er war an Fräulein Elise Thorn gerichtet und hatte folgenden Wortlaut: »Liebe Nichte! Am vierten Oktober ist hier ein großes Kaiserfest, verbunden mit einem Feuerwehrtag. Sämtliche Feuerwehren der Umgebung haben sich angesagt, auch die hiesigen Veteranen rücken aus, soweit diese nicht schon bei der Feuerwehr inkorporiert sind. Es wird ein glänzendes Schauspiel werden, und ich lade Dich ein, dieses zu genießen. Eugen will ich aus seinen Studien nicht herausreißen; damit er sich tröstet, kannst Du ihm sagen, daß das Gewehr schon bestellt ist. Ich erwarte Dich am zweiten Oktober nachmittags 4 Uhr 16 Minuten im hiesigen Bahnhof. Dein Chef ist bereits von mir dahin verständigt worden, daß Du, auf mindestens acht Tage verhindert bist ›Maschin zu schreiben‹. Das Nähere wird er Dir selbst sagen. Mit dem mitfolgenden Beitrag decke die Reisespesen. Grüße Vater, Mutter und Eugen recht herzlich von uns. Dein Onkel Dr. Gustav Thorn.« Als Herr Johann Thorn den Brief las, wurde er furchtbar aufgebracht. »Er verfügt über meine Kinder, als wenn es seine wären. Er muß mich erst ersuchen, ob ich es gestatte, daß mein Kind zu ihm hinfährt. Nach den traurigen Erfahrungen, die Eugen dort gemacht hat, ist es sehr fraglich, ob ich diese Erlaubnis geben werde!« Seine Frau beruhigte den aufgebrachten Vater in der ihr eigenen, strengen Weise. »Warum soll Lise nicht hinfahren ... er erwirkt ihr en Urlaub, er schickt ihr das Geld zur Reise ... was willst du denn? Kannst du deinen Kindern etwas bieten?« fragte sie. »Du hast immer nur den Mund voll ... aber sonst ...!« Diese scharfe Charakteristik verstimmte Herrn Thorn derart, daß er, wie es immer seine Art war, gekränkt schwieg. Um halb vier Uhr nachmittags kam Fräulein Elise Thorn in einem wahren Sturm von Entzücken nach Hause. »Der Herr Direktor hat mir vierzehn Tage Urlaub gegeben«, jubelte sie und schwenkte ein Blatt Papier lustig in der Hand. »Ich soll zum Onkel fahren!« »Ob du darfst, hast du noch nicht gefragt«, sagte der Vater; »dein Chef ist Bankdirektor, aber über meine Kinder verfüge ich! Wie wär's, wenn ich es dir verbiete, hinzufahren?« »Und wie wär's, wenn wir dich gar nicht fragten«, begehrte Frau Charlotte auf, »bist du ein Vater? Nein, ein Esel bist du – nichts weiter!« »Weißt du, Charlotte«, sagte ernst und eindringlich Herr Thorn, »daß du meine Mannesrechte gar nicht achtest? Wie beschämt stehe ich vor dem Menschen da, der mich immer in seiner protzigen Art mit Wohltaten überhäuft, der mir mein Erbe gestohlen hat!« »Er hat dir dein Erbe gestohlen? Red' nicht so blöd daher! Was er hat, hat er von seiner Mutter; die hat eben mehr Geld gehabt als deine!« »Nein und dreimal nein, Lise darf nicht fahren – ich dulde es nicht!« schrie er und schien ernstlich gewillt zu sein, gegen seine Frau aufzutreten. Lise weinte, daß es zum Erbarmen war. Es klopfte an die Tür. Lise machte auf, Herr Breuer trat ein. »Pardon, daß ich störe«, sagte er, »ja, was ist denn los? Warum weint denn Fräulein Lise?« Thorn war entschlossen, einmal zu zeigen, daß er der Herr sei. »Mein Bruder hat sie zu sich geladen, und ich verweigere ihr die Erlaubnis!« sagte der Vater. »Ich kann es nicht dulden, daß sie allen möglichen Gefahren dort entgegengeht. Und dann will ich einmal nicht, ich will es dem Menschen zeigen, daß ich der Herr bin, und wenn er noch so viel Geld hat!« Da Charlotte nicht übel Lust zeigte, ihrem obstinaten Gemahl eine langstielige Eierpfanne an den Kopf zu schlagen, so nahm er Thorn beim Arm und führte ihn in das Zimmer hinein. »Sie entschuldigen, lieber Freund, daß ich Sie belästige«, sagte Herr Breuer. »Auch Ihnen wird es nichts nützen, wenn Sie versuchen, mich umzustimmen! Ich bin der Herr, ich lasse meine Tochter nicht zu fremden Leuten ziehen! Ich bin der Herr! Verstanden, Herr Breuer!« Dabei schrie er, daß die Fenster klirrten. Da ging die Tür auf und Lise kam weinend herein. »Ich bleib schon hier, Papa«, sagte sie, »du brauchst deswegen nicht so zu schreien!« Auch die Mama kam herein. Die Eierpfanne hatte sie wohl weggelegt, aber trotzdem sah sie aus wie eine der Damen, die nach dem Glauben der alten Griechen den Missetäter verfolgen. Herrn Breuer ward bange. Er trat Frau Charlotte mit Mut und Fräulein Lise mit tiefem Mitgefühl entgegen und bat beide Damen, ihn nur für einen Moment mit dem Vater und Gemahl allein zu lassen. Er bat mit solchem Ernst, daß die Herrschaften trotz ihrer Aufgeregtheit das Zimmer verließen. »Auch Sie, Herr Breuer, werden meinen Sinn nicht ändern«, sagte Thorn stolz, als er mit dem Freunde der Familie allein war; »es ist höchste Zeit, daß ich dieser Bande den Herrn zeige!« »Pardon«, sagte ruhig und gelassen Herr Breuer, »wollen Sie, lieber Freund, sich nicht ein wenig niedersetzen?« Thorn setzte sich. »Es steht mir fern, vollständig fern, mich in Ihre Familienangelegenheiten zu mengen. Ich bin nur gekommen, um Sie zu ersuchen, mir einen Teil meines Darlehens zurückzugeben. Ich habe morgen eine dringende Zahlung!« Wenn der Plafond eingestürzt wäre, Thorn wäre nicht entsetzter gewesen. »Wie, was ... ja ... woher soll ich auf einmal jetzt das Geld nehmen ... aber lieber Freund! Wo denken Sie nur hin!« »Sie wissen, daß die Summe, die ich Ihnen damals geliehen habe, längst fällig ist – ich habe sie nie gemahnt – ich habe Geduld genug bewiesen, aber jetzt benötige ich wirklich dringendst Geld!« sagte Breuer mit furchtbar ernster Miene. »Aber jetzt ... ich hatte so viele Auslagen ... momentan kann ich wirklich nicht!« sagte Thorn mit ängstlichem Gesicht. »Das ist bös ... sehr bös«, sagte Breuer und trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte. Nach längerer Pause fuhr er dann mit sonderbar listigem Gesichtsausdruck fort: »Sollten Sie aus dem Grunde nicht in der Lage sein, mir etwas zu zahlen, weil Sie morgen Ihrer Tochter müssen etwas Reisegeld mitgeben, so müßte ich eben zuwarten und trachten, von anderer Seite Geld zu bekommen.« »Wie? Was ... was meinen Sie?« fragte verdutzt Herr Thorn. »Ich meine nur, wenn es durch meine Forderung Fräulein Lise unmöglich gemacht würde, die Reise zum Herrn Onkel anzutreten, stehe ich gern davon ab – aber nur unter dieser Bedingung.« »Ja, ja, ich verstehe«, sagte Thorn, »aber verzeihen Sie, bester Herr Breuer, Sie benützen Ihr materielles Übergewicht über mich in einer Weise, – die – ich weiß nicht, was ich sagen soll ...« »Sagen Sie gar nichts«, meinte wohlwollend Breuer, »wenn Fräulein Lise noch etwas Geld brauchen sollte, mir geht es wohl, wie Sie jetzt gehört haben, etwas knapp zusammen – aber ich glaube bestimmt, so viel noch entbehren zu können.« Er sah dabei aus wie ein alter Fuchs, der sich vergnügt am Abend seines Lebens früherer Schandtaten erinnert. »Lise hat das Reisegeld von ihrem Onkel bereits zugesendet erhalten«, sagte Thorn mit stolzer, abweisender Miene, »wenn Sie aber durchaus glauben, daß wir das Kind auf Wochen hinausgeben sollen in eine fremde Familie ...« »Ich glaube, die Luftveränderung wird ihr gut tun«, sagte Breuer. »Sie braucht wirklich reinere, frischere Luft, als man dahier findet. Mir ist ja selbst sehr leid, daß sie fortgeht, ich bin gern am Abend manchmal dagesessen und hab mich über sie gefreut – aber ihr tät's so gut, wenn sie hinauskommt in gute, frische Luft und – unter andere Menschen!« »Aber ich will keine Wohltaten von diesem Menschen empfangen«, sagte Thorn; »mir ist es in die Seele hinein zuwider; nichts Schrecklicheres kann mir passieren, als wenn ich ihm um eine Gefälligkeit kommen muß.« »Er ist doch kein ungefälliger Mensch!« wendete Herr Breuer ein. »Nein, das ist er gerade nicht«, gab Thorn zu. »Er tut fast so, als wenn es ihm eine Freude machte, mir dienen zu können, denn ich glaube, im innersten Herzen hat er vor mir eine ungeheure Hochachtung!« Herr Breuer machte ein Gesicht, als ob er schwer unter einem jäh aufgetretenen Muskelkrampf der Mundpartien litte. Er war nahe daran, zu explodieren. »So will ich denn die Erlaubnis geben, daß meine Tochter ihn besucht, es wird ihm gut tun in seiner Vereinsamung.« »Es wird auch Fräulein Lise gut tun. Mir kommt es so vor, als ob Eugen ein ganz anderer geworden wäre, seit er die paar glücklichen frohen Tage bei seinem Onkel zugebracht hat, er sieht frischer aus – und auch das Lernen macht ihm mehr Freude!« »Ja, der Onkel hat ihm ein Jagdgewehr versprochen, wenn er gute Noten nach Hause bringt«, erklärte Thorn diesen Umstand. Als Lise hörte, daß das Familienoberhaupt die Zustimmung zur Reise gegeben habe, zeigte sie wohl große Freude, aber keine sonderliche Überraschung; sie hatte es im vorhinein gewußt, daß der stolze und so unbeugsame Papa schlechterdings nachgeben müsse, wenn sich Mama in irgendeiner Sache auf den entgegengesetzten Standpunkt stellt. Eugen trug eine wehmütige, betrübte Miene zur Schau. »Ich bin dir nicht darum neidig, daß du zum Onkel gehst, Lisel«, sagte er, »aber ich muß immer daran denken, wie lieb und gut Onkel und Tante sind, und wie schön und hell es dort ist – und dann kommt's mir da so traurig und öde vor wie in einem Gefängnis.« Die Vorbereitungen zur Reise wurden sehr energisch betrieben. Als Thorn einmal seinem Schmerz darüber Ausdruck gab, daß die Sache so ungeheuer viel Geld koste, da, wie Mama Charlotte stets mit größter Bitterkeit ausführte, Lise so gar keine Sachen habe, so bot Breuer Herrn Thorn eine entsprechende Summe an, damit das Fräulein in standesgemäßer Toilette beim Onkel erscheinen könne. Thorn sträubte sich anfangs sehr heftig dagegen, diese Summe anzunehmen, nahm sie aber schließlich doch, indem er sagte, er habe die Pflicht, seine Gefühle um seines Kindes willen zu unterdrücken, selbst wenn sein Mannesstolz darunter litte. Eines Tages erschien die Schneiderin, die gewöhnlich für die Damen der Familie Thorn arbeitete, im Verein mit der Putzmacherin, die auch mehreremal schon in den Dienst des Hauses gestellt worden war, mit großen Paketen, die sie mit einem verschlossenen Handschreiben des Herrn Breuer an das Fräulein ablieferte. Das Handschreiben lautete: »Liebes Fräulein Lise! Gestatten Sie einem alten Freunde Ihres Hauses, daß auch er ein wenig zur Reiseausstattung beiträgt und nehmen Sie die übersendeten Kleinigkeiten mit solcher Freundlichkeit entgegen, als wenn sie der Onkel gesendet hätte! Mit recht herzlichen Grüßen                                    T. Breuer.« Die Pakete enthielten einen geradezu wundervollen Dirndlanzug nebst allem, was zu solchem Kostüm altgeheiligter Tradition gemäß notwendig ist. Lise jubelte vor Entzücken auf, selbst die sonst so grämliche Frau Charlotte verzog ihren Mund zu einem gröblichen Lächeln, und Eugen, der sonst solchen Dingen nicht eine Spur von Verständnis entgegenbrachte, drückte seine volle Anerkennung aus. In seiner Phantasie sah er die schöne Schwester in dem hübschen Kostüm auf dem Feldrain stehen, mitten unter den goldenen, wogenden Ähren und den so vertrauten, blauen, roten, gelben und weißen Feldblumen. Nur der Papa war in gewohnter Weise höchst unwirsch. »Es ist für mein Mannesherz so schwer, immerfort Wohltaten empfangen zu müssen«, fing er an, hörte aber sofort auf, als Frau Charlotte in ihrer rüden Weise empfahl, um diesen verhaßten Unannehmlichkeiten zu entgehen, solche Herrlichkeiten aus eigenen Geldern anzuschaffen. »Du hast mich nie verstanden«, grollte er vor sich hin, aber so unverständlich, daß es Frau Charlotte, die noch immer in Betrachtung der angelangten Schätze vertieft war, gar nicht verstehen konnte. Lise brannte vor Begierde danach, das Kostüm zu probieren, ein Vorhaben, das die größte Billigung der Mama errang. Während Lise im Schlafzimmer unter Assistenz das Kostüm anzog, erklang die Wohnungsglocke. Frau Thorn öffnete; vor der Tür stand Herr Breuer. »Na, sind die Sachen schon angekommen?« fragte er mit fröhlichem Lächeln. Mit wortreichem Schwall erging sich Frau Charlotte über die Schönheiten des Geschenkes. »Lise wird sich selbst bedanken ... sie kommt gleich«, kündigte sie an, strahlend vor stolzem Mutterglück. Herr Thorn befand sich mit seinem Stammhalter im Speisezimmer. Als Herr Breuer eintrat, ging er ihm mit pathetischen Schritten entgegen. »Ich danke Ihnen, verehrter Freund«, sagte er und reichte dem Eintretenden beide Hände hin,, »aber Sie machen einem Vater das Herz schwer ...; die Wucht Ihrer Freundschaft, die ich nie werde vergelten können, erdrückt mich. Wenn meine Tochter sich das richtig überlegt, so muß sie ihren armen Vater verachten!« Er seufzte schwer, sank in einen Fauteuil und warf den Thornschen Familienblick zum Himmel empor. »Na, was sagt Lise«, fing Breuer an. Das falsche Pathos des Herrn Thorn war ihm in die Seele hinein zuwider. Aber Thorn seufzte nur, er war so ergriffen, daß er kein Wort hervorbrachte. Um so lebhafter antwortete Eugen. »Sie ist ganz verrückt vor Freude«, sagte er, »denken Sie sich nur, sie zieht das Kostüm jetzt an! Das ist doch eine rechte Putzgredl!« »Eugen, mäßige dich, bedenke, du sprichst von deiner Schwester«, sagte Vater Thorn. Zum Glück tat sich in diesem Moment die Tür auf, und herein schritt in das Zimmer, strahlend in Jugend und Schönheit, Lise; hinter ihr stand als dunkle Folie die selige Mutter, die weinend vor Glück die alte Schürze an die Augen drückte. »Bravo, bravo! Lisel!« schrie Eugen und klatschte wütend in die Hände. Breuer saß stumm in freudigem Staunen da; ihm selber war zumute, als sei da ein wunderbares Märchen lebendig geworden, als sei in seinen sinkenden Tagen nun auf einmal alle Pracht und aller Glanz des Lebensfrühlings aufgetaucht. Er war so erregt, daß er lange kein Wort hervorbringen konnte. Aber des Redens Mühe überhob ihn die glückliche Mama. »Sie ist schön – das Kostüm steht ihr großartig«, seufzte sie und dachte auch jener Tage, da sie jung gewesen war. Mit ungeheurer Würde erhob sich der Papa. »Es kleidet sie gut«, sagte er; »man kann wirklich einige Freude haben!« Lise ging auf Breuer zu und gab ihm die Hand. »Ich danke Ihnen«, sagte sie und sah im freudestrahlend in das Gesicht. Und es schien, als läge ein heller Sonnenschimmer auf dem Antlitz des alternden Mannes. »Aber es fehlt noch etwas zu dem Kostüm, ich habe es aber schon mitgebracht«, sagte er und lachte selber vor Glück. Er zog ein altes, verschossenes Samtetui aus der Tasche und öffnete es. Darin lag eine zwölffache, feine Silberkette, wie sie einst von den Frauen in Oberösterreich an festlichen Tagen getragen wurde. Das Schloß der Kette war ein Meisterstück in zierlicher, feiner Arbeit. »Es ist ein uraltes Erbstück unserer Familie. Ich glaube, schon meine Urgroßmutter hat damit an ihrem Hochzeitstage Staat gemacht. Ich habe keine Tochter, die ich damit glücklich machen könnte, und so biete ich es Ihnen als notwendige Ergänzung zum Kostüm an.« Er reichte das Etui dem schönen Mädchen. Man war allseits völlig sprachlos über die Großmut des alten Herrn. Da das Schloß der Silberkette einen sehr komplizierten Mechanismus zeigte, so daß die Mama sich nicht getraute, Lise die Kette um den Hals zu legen, aus Furcht, etwas daran zu verderben, so ward allgemein Herr Breuer aufgefordert, dieses schwierige Werk auszuführen. Er tat es, aber auch er schien den altväterischen Mechanismus nur wenig zu kennen, denn seine Hände bebten bei der Ausführung dieses Familienantrages, und es dauerte lange, bis die Kette sich ordnungsgemäß um Lises blanken Hals schmiegte. »So ist's recht«, meinte Breuer, als er, zurücktretend, tat, als ob er nur mit Kennerblicken das Kostüm betrachte. »Jetzt stimmt es. Hätte nicht gedacht, daß das alte Schmuckstück einst noch so passende Verwendung finde. Schade, Fräulein Lise, daß Sie – die Zeiten haben sich, und dies leider nicht zu ihrem Vorteil, so geändert – nicht gleich meiner Urahne einst, angetan mit diesem altfränkischen Zierat, vor den Traualtar treten können! Es müßte etwas Wunderbares sein!« Herr Breuer hatte versucht, die Sache scherzhaft zu behandeln, aber es gelang ihm schlecht, an seiner Stimme war die tiefe Bewegung zu erkennen, die ihn durchzitterte. Der Abend verlief sehr angenehm. Herr Breuer war ganz Wonne und Glück und War wunderbar gesprächig, trotzdem Fräulein Lise das Prachtkostüm gleich wieder abgelegt hatte und nun im schlichten Hauskleid neben ihm saß. Ja er verstieg sich zu der Äußerung, daß sie ihm jetzt fast besser gefalle als in dem früheren Staate, der unstreitbar etwas Theatralisches an sich habe. »Herr Breuer, Sie machen sich so viele Ausgaben meines Kindes wegen – Ihre Großmut bedrückt mich«, begann Herr Thorn und reichte dem edlen Wohltäter die Hand. Frau Charlotte wollte schon mit scharfer Stimme den misanthropischen Gemahl ersuchen, wenigstens heute abends gefälligst das Maul zu halten, als Herr Breuer, das Unheil ahnend, mit milden Worten bat, Fräulein Lise möge ihn eben als zweiten Onkel betrachten, er werde alles daransetzen, um ja hinter dem rechtmäßigen Onkel nicht zurückzustehen. Ehe noch Thorn wie gewohnt seiner schmerzlichen Verachtung gegen diesen rechtmäßigen Onkel Ausdruck geben konnte, erklärte Lise mit herzlichem Lachen ihre volle Zustimmung zu dem erbetenen Avancement, worauf der neue Onkel Eugen mit einem geheimen Auftrag in die in der Straße gelegene große Weinhandlung schickte. In kaum einer Viertelstunde erschien ein Geschäftsdiener und brachte zwei Flaschen mit goldenen Hälsen, deren Inhalt sich zur allgemeinen Befriedigung als Champagner erwies, was Herrn Thorn mit unsäglichem Stolz erfüllte. Breuer bewies eine großartige Geschicklichkeit im Eröffnen der Flaschen; der Knall der Pfropfen erweckte Sensation und gab Eugen Anlaß, sich höchst gelehrt über die Wirkung komprimierter Kohlensäure auszusprechen. Vater Thorn machte ein so vornehmes Gesicht, als ob er jeden Abend seine Flasche Schaumwein trinke. Das erste Glas erhob Breuer auf das Wohlergehen der Familie, wobei er besonders Lises Zukunft in den hellsten Farben malte und Eugen versicherte, daß er trotz der von ihm begangenen Schurkereien durchaus nicht zweifle, daß er zu Glück und Ruhm und sonstigen materiellen und ideellen Gütern noch gelangen werde. Die Gläser klangen fröhlich aneinander. Auch Vater Thorn erhob sein Glas. In seinem Trinkspruch gab er seiner bestimmten Zuversicht Ausdruck, daß einst das Schicksal alles an ihm gutmachen werde, was es bis jetzt an ihm verschuldet habe. Da er schon mehrere Gläser des ihm unbekannten, aber recht wohlschmeckenden Getränkes hinter die Binde gegossen hatte, so kam der eigentliche Grundzug seines Wesens zum Ausdruck; er wurde erst elegisch, dann sehr melancholisch. Seine Worte überwältigten ihn so sehr, daß er sich, das Champagnerglas in der Rechten haltend, betrübt mit dem linken Ärmel die Augen auswischen mußte. Angesichts der betrübten Stimmung des Familienoberhauptes mußte die Sitzung abgebrochen werden. Mit Ausnahme Thorns, der aus gewissen Gründen zurückgeblieben war, begleitete alles Herrn Breuer über den Gang hinüber zur Tür seiner Wohnung. »Gute Nacht, Herr Onkel«, sagte Fräulein Lise, gab ihm die Hand und machte dabei den herrlichsten Knicks, den je ein schönes, graziöses Mädchen zustande gebracht hat. Seufzend ging Breuer in sein Schlafzimmer, in dem er erst in tiefen Gedanken eine Weile auf und ab wandelte. Ihm war, als fühle er noch immer den Druck der feinen weichen Hand. Dann stieg er endlich zu Bett. Der Spruch des Altmeisters deutschen Humors Wilhelm Busch kam ihm in den Sinn: Onkel heißt es, günst'gen Falles. Aber das ist dann auch alles! Neuntes Kapitel Der Tag der Abreise war gekommen. Mama, Papa und Bruder Eugen begleiteten Lise zum Westbahnhof. Dort erwartete sie schon Herr Breuer, der als besorgter Onkel bereits eine Karte zweiter Klasse gelöst hatte. Der Abschied gestaltete sich sehr bewegt. Die Zahl der Vorsichtsmaßregeln, die Frau Charlotte der scheidenden Tochter auf den Weg mitgab, war Legion. Der Vater bat sie mit lauter Stimme, so daß es alle Umstehenden hören konnten, der stolzen, ehrenhaften Traditionen der Familie immerdar eingedenk zu sein. Dabei warf er finstere Blicke um sich, damit jeder von den Mitreisenden erkennen sollte, mit welch einem fürchterlichen Gegner er es zu tun haben würde, wenn er sich unterfänge, mit der Tochter anzubandeln. Am lautesten benahm sich Eugen. Er trug der Schwester unzählige Grüße an den geliebten Onkel, an die Tante, an den Doktor, an den Förster, an den Rehbock, an die Hühner, sogar an die Forellen und die wilden Kaninchen auf. Herr Breuer reichte zum Schluß noch einen sehr fein ausgestatteten Karton mit unterschiedlichen Süßigkeiten in den Wagen hinein. Er versuchte zu sprechen, brachte es aber nicht zustande und winkte nur wortlos mit der Hand. Auf dem Heimweg empfahl sich Breuer von der Familie; einen dringenden Besuch vorschützend. »Wenn Elise gescheit ist, so ist sie für ihr ganzes Leben gesichert«, sagte daheim Charlotte zu ihrem Manne. »Breuer ist noch ein gesunder, rüstiger Mann; von seiner Glatze abgesehen, ist er sogar ein hübscher Mann. Ich kenne Leute in seinem Alter, die ihm in dieser Beziehung nicht das Wasser reichen können. Er wäre ein ganz prächtiger Schwiegersohn!« Thorn tat, als hätte er die ihm geltende böse Äußerung ganz überhört. Breuer als Schwiegersohn – welches Ansehen, welche Geltung würde da die Familie gewinnen! Da könnte er stolz dem Stiefbruder entgegentreten. Als Schwiegervater eines solchen Mannes! »Meine Tochter weiß, was sie sich und ihrer Familie schuldig ist«, sagte er stolz. »Ich hoffe, sie wird dem Rat ihrer Eltern folgen!« Zehntes Kapitel In den letzten Wochen hatte sich der Lebensabend des Herrn Dr. Thorn durchaus nicht so ruhig gestaltet, als er es sich einst erträumt hatte, da er noch Tag für Tag sein Bureau aufsuchen mußte. Und daran war einzig und allein nur er selbst schuld. Seit er sein Amt verlassen hatte, entwickelte er einen Tatendrang, der mit seinem großen Ruhebedürfnis, das er vorgeschützt hatte, als er sein Pensionsgesuch überreichte, durchaus nicht in Einklang zu bringen war. Durch die Freundschaft, die ihn mit den Honoratioren des Ortes verband, war er auf den seltsamen Gedanken gekommen, irgendeine Stelle anzunehmen, die ihm Gelegenheit geben sollte, auf das Schicksal des Ortes, in dem er jetzt lebte, in dem er Grund und Boden hatte, bestimmenden Einfluß zu nehmen. »Mir kommt's vor, als ob ich mit jedem Jahre jünger würde«, sagte er zu seiner Schwester, »ich glaube, einige Aufregungen würden mir gar nicht schaden!« Im Orte war ein großes Fest geplant – die Feuerwehr beging die Feier ihres fünfundzwanzigährigen Bestandes in Verbindung mit der Feier von Kaisers Namenstag. Ein zwölfgliedriges Festkomitee war eingesetzt worden, das Herrn Dr. Thorn zu seinem Obmann wählte. Dies brachte dem alten Herrn eine Riesenfülle von Arbeit. Bald hatte er eine Besprechung mit dem Zimmermeister des Ortes, bald mußte er mit dem Hauptmann der Feuerwehr konferieren – jeden Tag gab es in Angelegenheiten des Festes etwas zu tun. Bittere Sorge bereitete ihm das reichentwickelte gesellige Leben des Ortes. Der Schneidermeister Riener hatte hohe Stellen bei der Feuerwehr und im Veteranenkorps inne und könnte sich absolut nicht entscheiden, in welcher der beiden hochansehnlichen Vereinigungen er am Festtage auftreten sollte. Da die Feier der Feuerwehr galt, so drängte alles natürlich dazu, seine Pflichten als Feuerwehrmann auszuüben. Das Veteranenkorps schmolz dadurch auf die lächerlich geringe Zahl von elf Mitgliedern zusammen. Entrüstet erklärten diese elf Mitglieder, daß sie unter diesen traurigen Umständen auf ihre Mitwirkung lieber gänzlich verzichten wollten. Der Tischlermeister Wymetal, längst bekannt als aufrührerischer Geist, wiegelte die elf übrig gebliebenen Veteranen in gehässigster Weise auf. In einer glänzend besuchten Versammlung – außer den elf Mitgliedern war kein einziger Veteran erschienen – wurde mit Stimmeneinheit beschlossen, für den Festzug abzusagen. Die Stimmung wurde immer erregter, nach einer flammenden Rede Wymetals wurde einhellig auch der Beschluß gefaßt, aus dem Veteranenkorps überhaupt auszutreten. Dieser übereilte Beschluß erregte im Festkomitee große Bestürzung. Für den geplanten Festzug waren die Veteranen unbedingt nötig; das Korps besaß eine prachtvolle Fahne, ohne die man sich in St. Ruprecht überhaupt keinen Festzug denken konnte. Es mußten nun Mittel und Wege gefunden werden, die streitenden Parteien wieder zu versöhnen. Dr. Thorn berief eine Sitzung des Festkomitees ein, zu der auch Experten der beiden Streitteile geladen wurden. Die Sitzung gestaltete sich stellenweise ungemein stürmisch. Wymetal hielt eine Rede, die an Schärfe und Rücksichtslosigkeit alles überbot, was man jemals von dem streitbaren Manne hatte hören können. »Veterane!« rief er aus. »wie kommens imme mi dazu, hint stehn zu miesen! Wir seins gediente Soldaten, wir habens den Rock des Kaisers tragen, und wenn uns den Vaterland ruft, dann werdens wir zeigen! Dann werden wir nicht hintanstehen wie da in Ruprecht!« Die letzte Phrase fand tönenden Beifall, nicht nur bei den elf übriggebliebenen Veteranen; auch in den Herzen jener Feuerwehrleute, die das schöne Recht besaßen, den Rock des gedienten Soldaten tragen zu dürfen, regten sich die stolzen Erinnerungen der Jugendzeit. Wymetal ward allseits beglückwünscht, obwohl es nur zu bekannt war, daß der Redner den größten Teil seiner Dienstzeit beim k. u. k. Heere nur in der bescheidenen Stellung eines »Pfeifendeckels« verbracht habe. Die Volksgunst neigte sich bedeutend auf Seite der Veteranen und viele der tapferen Männer erwogen in ihren Herzen, ob es nicht passender sei, am vierten Oktober als Veteran statt als Feuerwehrmann zu erscheinen. Der Hauptmann der Feuerwehr, Herr Oberlehrer Dungl, fühlte das Interesse seiner Korporation schwer bedroht und fand sich bemüßigt, ebenfalls in flammender Rede für sein Institut einzutreten. »Meine Herren, es steht mir vollkommen ferne, zu verkennen, welche große Verdienste sich die Veteranen von St. Ruprecht einst um das Vaterland erworben haben, da sie noch als aktiv dienende Soldaten stramm in Reih und Glied standen. Ich zweifle auch gar nicht daran, daß sie, wenn sie in Not und Gefahr vom Vaterland gerufen werden, mutvoll wieder einstehen werden für Kaiser und Reich!« Diese demagogischen Sätze fanden ebenfalls stürmischen Beifall. »Aber meine Herren, vergessen Sie ja darüber nicht«, fuhr unentwegt der Redner fort, »daß auch der Feuerwehrmann große und heilige Pflichten zu erfüllen hat. Wenn sein Wirken auch beschränkt ist auf den engen Kreis der Gemeinde, so dient er damit dem ganzen Vaterland!« (Stürmischer Beifall der Feuerwehr.) »Unsere hochgeschätzten Veteranen werden höchst selten in die Lage kommen, wieder in Reih und Glied zu treten und mit dem Schwert in der Faust das Vaterland zu beschützen, wir Feuerwehrmänner müssen bei Tag und Nacht, bei Hitze und Kälte hinaus, um unser Leben für unsere Mitbürger zu wagen, ihnen und ihren Kindern Habe und Leben zu retten. Fünfundzwanzig Jahre besteht glorreich unser Verein ...!« Weiter kam der Redner nicht. Er wurde so stürmisch akklamiert, daß er auf die Fortsetzung verzichten mußte. Die allgemeinen Sympathien neigten sich wieder der Feuerwehr zu. Durch die Rede Dungls; mehr aber durch seinen glänzenden Erfolg, fühlte sich Wymetal schwer verletzt. »Wir sinds auch was! Herr Oberlehrer!« rief er entrüstet. »Sehr richtig!« riefen die Veteranen. Die Feuerwehr replizierte – es drohte ein fürchterlicher Streit auszubrechen. Dr. Thorn, der den Vorsitz führte, schwang mit aller Macht die Präsidentenglocke. Allmählich beruhigten sich die Gemüter. »Gestatten Sie mir«, begann der Vorsitzende, als die Versammlungsteilnehmer wieder ruhigen Erwägungen zugänglich erschienen, »daß ich in der Sache einige aufklärende Worte an die sehr geehrte Versammlung richte!« »Bitte um Ruhe!« schrie Wymetal, der erst vor wenigen Tagen von Dr. Thorn eine Summe von 350 Kronen für gelieferte Tischlerarbeiten bezogen hatte, »wenn der Präsident spricht, muß alles stad sein!« Zur Bekräftigung seiner Worte schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch. Er fühlte sich moralisch verpflichtet, sich für die wertvolle Kundschaft mit aller Gewalt einzusetzen. »Ruhe!« schrie der Schneidermeister, »Ruhe für den Vorsitzenden!« Es war derselbe Schneidermeister, der für Eugen den Lodenanzug und seither so manches andere für den Vorsitzenden geliefert hatte. »Ruhe!« schrien der Schlossermeister, der Schuster, der Hafner, der die Öfen in dem Hause Thorns betreute, der Klempner, der Fleischhauer, ja selbst der Gemeindewirt beteiligte sich an dem allgemeinen Verlangen. Sie alle waren schon in sehr erheblicher Weise von dem Vorsitzenden in Nahrung gesetzt worden und statteten ihm nun auf diese Art den Dank ab. Infolge der unaufhörlichen Rufe konnte Thorn lange nicht zum Worte kommen. »Hochgeehrte Versammlung!« »Bravo, bravo, sehr gut!« schrie Wymetal. »Ruhe!« schrien die anderen. »Der vierte Oktober ist der Namenstag unseres glorreichen Kaisers. Es ist dies stets ein Festtag für die gesamte Bevölkerung, diesmal bekommt der Tag noch eine besondere Weihe dadurch, daß unsere Feuerwehr ihren fünfundzwanzigjährigen Bestand feiert. Es soll dies daher ein ganz besonderer Festtag werden!« Die Menge bricht in stürmische Hochrufe auf die Feuerwehr aus. Wymetal und sein Anhang schweigen anfangs, als er aber einen strafenden Blick von seinem Gönner, dem Vorsitzenden, erhält, bricht auch er mit seinen zehn Anhängern in brausende Hochrufe aus. Dr. Thorn fährt fort: »›Viribus unitis‹ (›Mit vereinten Kräften‹), so lautet der Wahlspruch unseres erlauchten Herrschers. Mit tiefem Bedauern aber muß ich sehen, daß die zwei angesehensten Korporationen unseres Ortes wegen des Festes miteinander in Zwist geraten sind. Mitbürger, vereinigt euch wieder, vereinigt euch, damit dieses schöne Fest mit besonderem Glanze, verschönt durch eure Einigkeit, begangen werden kann. Seit Feuerwehr und Veteranenkorps bestehen, sind sie immer Hand in Hand gegangen. Es muß sich ein Ausweg finden, der uns wieder zum Frieden führt. Ich unterbreche auf unbestimmte Zeit die Sitzung, um sofort den maßgebenden Funktionären beider Körperschaften Gelegenheit zu geben, sich über die Sache auszusprechen.« »Bravo!« brüllte die Menge. Die Funktionäre versammeln sich im Extrazimmer zur Besprechung. Dem Zureden Dr. Thorns gelingt es, die Streitenden zu vereinigen. Es wird beschlossen, die Macht der Veteranen fast auf das Doppelte, nämlich zwanzig Mann, zu erhöhen. Wohl zeigt der Feuerwehrhauptmann eine böse Miene, aber auf das Versprechen, daß die infolge des Beschlusses zu den Veteranen abkommandierte Mannschaft nachmittags in voller Rüstung als Feuerwehrleute verkleidet zur offiziellen Schauübung ausrücken wird, beschwichtigt auch den Herrn Hauptmann. Im Plenum wird die Nachricht vom geschlossenen Frieden mit großem Jubel aufgenommen, der sich dadurch ins Unendliche steigert, daß Herr Dr. Thorn, der Obmann des Festkomitees, ein Fäßchen Bier auf dem Altar des Gemeinsinnes opfert. Spät abends – im Extrazimmer sitzen nur mehr Herr Dr. Thorn, der Herr Pfarrer, der Förster, der Oberlehrer und der Doktor beisammen – erscheint erst der Herr Bürgermeister. Er ist in Wien gewesen und bringt seinen Sohn mit, der dort geistlichen Studien obliegt. Er ist ein hochgewachsener, schlanker, schöner Jüngling mit gewelltem braunen Haar und schönen dunklen Augen. »Mein Sohn Ulrich«, stellt der Herr Bürgermeister – die Vaterfreude leuchtet ihm aus dem Gesicht – den Sohn der Versammlung vor. Die Begrüßung ist allgemein eine ungemein herzliche. Das nachfolgende Gespräch dreht sich selbstverständlich um das zu erwartende Fest; der Herr Bürgermeister entwickelt seine Ansichten in der bekannten markigen Weise. »Sie bleiben doch über den vierten Oktober hier?« fragte Dr. Thorn den angehenden Geistlichen. »Selbstverständlich, Herr Doktor«, sagte Ulrich, »der Vater will es so ...!« »Es wird eine Menge Leute geben ...«, sagte Doktor Thorn, »ich habe sogar meine Nichte, die Lisel, eingeladen, morgen nachmittags kommt sie an. Da wird wieder einmal Leben in die Bude kommen!« Ulrich schwieg. »Aufrichtig gesagt, wenn dem Vater nicht so darum zu tun gewesen wäre ... ich wäre' nicht mitgekommen. Mir tut's fast weh, wenn ich unter so vielen Menschen sein muß«, sagte er dann. Dr. Thorn wollte eben seine Verwunderung über eine solche, bei jungen Leuten höchst seltene Sinnesart aussprechen, als der Herr Bürgermeister sich erhob, um dem Leiter des Festkomitees herzlichen Dank der Gemeinde auszusprechen für die vielfachen Bemühungen, die er nun habe. Er hörte sich ungemein gern sprechen und hielt mit Vorliebe Tischreden, deren unschätzbarster Vorteil darin besteht, daß sie ausnahmslos den größten Beifall finden. Nachdem das Gläsergeklirr verklungen war, erhob sich der Herr Pfarrer zum Abschiede. Dies erachtete der Herr Bürgermeister als gemessenen Wink, mit dem dereinst heiligen Diensten gewidmeten Sohne ebenfalls den Ort zu verlassen. Es war überhaupt in St. Ruprecht Sitte, daß die weltliche Obrigkeit ihr Verhalten genau nach dem der geistlichen einrichtete. Nachdem die beiden Herren die Stube verlassen hatten, begann das beliebte, übliche Gespräch über die bereits Gegangenen. »Ein hübscher Junge, der Ulrich«, sagte der Doktor. »Schade um ihn ... er war mein fähigster Schüler«, sagte Herr Oberlehrer Dungl, »daß er nicht weiterstudiert hat; der hätt's zu was gebracht!« »Das war a Jagabursch word'n«, meinte der Förster. Im weiteren Verlaufe des Gespräches kam es zutage, daß der Herr Bürgermeister nicht nur in der Gemeinde ein von unstillbarem Ehrgeiz besessener Tyrann sei, sondern auch in der Familie, und daß er sich gar nicht scheue, seiner unbezähmbaren Ehrsucht das Wohl und Glück von Menschen zu opfern. Selbst seine politische Gesinnung ward arg kritisiert, und mit harten Worten erklärte ihn der Doktor als einen Klerikalen. »Ulrich will gar kein Geistlicher werden ... er hat mir selbst erklärt, er fühlt in sich nicht die Berufung dazu!« erzählte der Oberlehrer. Es ward noch viel, viel über diesen Gegenstand gesprochen. Als Dr. Thorn, der infolge der Aufregungen und Anstrengungen des vergangenen Tages todmüde war, aufstand, folgten auch die anderen seinem glorreichen Beispiel. Man begleitete den Vorstand des Festkomitees in gewohnter Weise zu seinem Haustor. Als Dr. Thorn in seiner Schlafstube die Lampe entzündete und auf die Uhr sah, entdeckte er zu seinem Schrecken, daß es zwölf Uhr längst vorüber sei. »Hm, hm«, sagte er verweisend zu sich selbst. »Das ist ein recht ruhiger Lebensabend! Wenn ich im Amte auch so lange zu tun gehabt hätte, ich hätt mich schon längst aufgehängt!« Auch der nächste Tag, der zweite Oktober, nahm Herrn Dr. Thorn höchst ungebührlich in Anspruch. Er hatte wieder unzählige Konferenzen. Die erste fand im Forsthause statt; der Herr Förster hatte bereits in der k. k. Guts- und Domänenverwaltung interveniert wegen kostenloser Lieferung des zu den Triumphpforten, Girlanden und Kränzen nötigen Reisigs. Die Bewilligung war höheren Ortes bereits herabgelangt und der Herr Förster konnte nicht umhin, anläßlich des freudigen Ereignisses Herrn Dr. Thorn mit einigen Gläschen vom Besten aus seinem Keller aufzuwarten. Nach langem Sträuben und einer sehr bedeutsamen Rede über die tiefen Schädigungen, die der Menschheit durch den Dämon Alkohol widerfahren, nahm Dr. Thorn an und trank in Anbetracht dessen, daß sich die Oberbehörde des Herrn Försters so zuvorkommend erwiesen hatte, drei Gläschen. Vom Förster weg begab sich Herr Dr. Thorn zum alten Grabwinkler, einem der reichsten Bauern der Gemeinde, der voll patriotischer Gesinnung es übernommen hatte, mit seinem Fuhrwerk das Reisig nach Hause zu befördern. Herr Grabwinkler fühlte sich außerordentlich geschmeichelt, den Herrn Doktor bei sich begrüßen zu können. Er wäre tödlich gekränkt gewesen, wenn Herr Dr. Thorn nicht ein Glas Most aus seinem Keller angenommen hätte. Als Dr. Thorn von seinen Amtsgängen endlich nach Hause gekommen war, war es bereits dreiviertel zwölf Uhr geworden, Frau Pauline sah sehnsüchtig zum Fenster hinaus. Denn Gustav hatte bei sich die ländlich altväterische Art eingeführt, wenige Minuten nach elf Uhr zu speisen, hatte aber, seit er zum Obmann des Festkomitees erhöht worden war, regelmäßig dieses von ihm geschaffene und sanktionierte Gesetz übertreten, was seitens Frau Paulinens lebhafte Rekrimination hervorrief. Auch Kathi, die Köchin, gab ihrer Entrüstung über den unordentlichen Herrn unverhohlen Ausdruck, denn durch seine Nachlässigkeit verloren ihre gastronomischen Meisterwerke bedeutend an Wert, der Braten wurde dürr und trocken und die Mehlspeise in der Suppe, zum Beispiel Grießnockerl, gewannen eine unleidliche Festigkeit. »Ich kann wirklich nichts dafür«, sagte Thorn beim Eintreten, »aber diese Geschichte mit dem Fest gibt mir ungeheuer zu tun. Die Leute haben hier die Manier, über jede Kleinigkeit ungeheure Reden zu halten. Ich werde herzlich froh sein, wenn die Sache vorüber sein wird!« Als sie bei Tische saßen, sagte Frau Pauline: »Ich habe geglaubt, du werdest wenigstens heute etwas früher kommen, nachmittags trifft Lisel ein! Wir haben noch manches für sie zu richten!« »Richtig, richtig, im Trubel der Geschäfte habe ich das ganz vergessen. Ja, ja, wenn ich daran gedacht hätte – freilich – damit hätte ich mich entschuldigen können!« sagte er. »Wir holen selbstverständlich beide das Mädchen ab. Ich freue mich schon auf den Fratzen!« »Als Eugen kam, warst du erst wütend, und dann ist dir leid gewesen, als er fortfuhr; vielleicht ist's diesmal bei der Lisel gerade umgekehrt!« meinte Pauline. »O nein, wenn Lisel kommt, so kommt mit ihr heller Sonnenschein ins Haus. Ich denke mir immer, so wie sie muß einst meine Großmutter ausgesehen haben, als sie jung war. Ich erinnere mich noch heute recht gern an die alte, liebe, lustige Frau!« Herr Dr. Thorn kam leider nicht dazu, beim Empfang der Nichte anwesend zu sein, denn nach drei Uhr erschien Herr Ulrich, der Sohn des Bürgermeisters, um Herrn Doktor Thorn pflichtgemäß seine Aufwartung zu machen. Frau Pauline, der von jeher ein Stich ins Religiöse anhaftete, war sehr erfreut, den Gast zu sehen. Nach den üblichen Begrüßungen führte Dr. Thorn den Besuch in seiner Besitzung herum, und der junge Herr sprach in klugen, verständigen Worten aufrichtiges Lob des Gesehenen aus. Bei Paschas Grab blieben die beiden eine Weile stehen. Ulrich sah über die Planke hinaus auf die Straße. Draußen zog eben ein wandernder Geschirrhändler vorüber, Mann und Weib hatten sich in den Karren gespannt, drei Kinder im Alter von vielleicht vier bis neun Jahren liefen hinten nach. »Wissen Sie, Herr Doktor, woran ich jetzt denken muß«, fragte mit beinahe wehmütigem Lächeln Ulrich. »Nun, das wäre?« »Das ist so der richtige Lebenskontrast: draußen auf der Landstraße mühseliges Hasten und Treiben in Sonnenglut und Regensturm, – hier innen, von der übrigen Welt durch Planke und Mauer vornehm geschieden, Frieden und ruhige Sicherheit. Ich gratuliere Ihnen, Herr Doktor, nochmals, Sie haben es wirklich verstanden, Ihren Lebensabend freundlich und sonnig zu gestalten!« »Nun, Herr Ulrich ...«, entgegnete Dr. Thorn, »Sie gehen ja auch einem ruhigen, stillen, weltabgeschiedenen Leben entgegen – einem Leben, in das der häßliche Kampf der Welt nicht hineindringt! Ich kann mir nichts Schöneres denken, Herr Ulrich, als das Leben eines Herrn Pfarrers auf dem Lande – geehrt, geliebt von allen, neben dem Betrieb der Landwirtschaft hat er sich vielleicht noch irgendein Steckenpferd zugetan, das ihm seine stillen Lebensstunden verklärt.« »Sie wissen es schön zu schildern, Herr Doktor ... auch ich denke oft an jene mir beschiedene und noch so ferne Zeit ... ach, lassen wir das! ...« Er brach jäh ab und schritt fortan schweigend mit Dr. Thorn durch den Garten hindurch. Im Hof, unter dem großen Kastanienbaum, hatte Frau Pauline die Jause gedeckt. Sie lud in liebenswürdigster, fast feierlicher Weise den jungen Herrn ein, hier Platz zu nehmen. »Ich werde Lisel allein abholen, Gustav«, sagte sie, »ich bitte, Herr Ulrich, sich zu bedienen; Gustav mach schön den Wirt!« »Pardon, gnädige Frau, wenn ich störe ... ich bitte, mich zu entschuldigen, ich werde meinen Besuch gelegentlich wiederholen!« sagte Ulrich und griff nach seinem Hute. »Nein, nein, Herr Ulrich«, wehrte Thorn ab, »ich lasse Sie nicht fort, ich habe Ihnen ja gar nicht meine Situla gezeigt – ah – früher laß ich Sie nicht hinaus! Pauline bringt Lisel schon ganz allein hieher!« Herr Ulrich ließ sich durch vieles Zureden bewegen, noch zu bleiben und im Anschluß an die Jause dem Museum einen Besuch abzustatten. Im Museum saßen die beiden als gute Freunde beisammen. Ulrich horchte in guter verständiger Art auf die gelehrten Ausführungen des Hausherrn. Die herrliche etrurische Situla, das Schlachtschwert aus der Karolingerzeit wurden nach Gebühr bewundert, und manches kluge Wort fiel aus Ulrichs Mund über den im Museum aufgehäuften, aus uralter Zeit stammenden Hausrat. Die beiden bewunderten eben eine uralte Bronzefibula mit köstlicher Arbeit, als plötzlich die Tür aufging und Lisel mit Frau Pauline hereinkam. In stürmischer Freude fiel sie dem Onkel um den Hals – im Dämmer der Stube hatte sie den fremden Besuch nicht bemerkt – und küßte den Onkel unzählige Male. »Aber Lisel ... Lisel ...!« wehrte der Onkel die Nichte ab, »laß dir Zeit ...!« »Aber ich bin so froh, daß ich bei dir einige Tage sein kann!« Und sie haschte in überströmender Freude nach seiner Hand, um sie zu küssen. »Laß das, dummes Mädel, und erlaube, daß ich das Fräulein Elise Thorn Herrn Ulrich Kirchmaier, meinem lieben Gaste, vorstelle!« Ulrich war während der Szene neben dem Kasten gestanden, der die herrliche Situla barg. Verlegen stand er, eine Hand auf den Tisch gestützt, auf dem noch das verrostete Schlachtschwert aus der Karolingerzeit lag, vor dem schönen Mädchen. Es war ein sonderbarer Kontrast. In den Kasten ringsum uraltes Gerät aus grauester Vorzeit, morsche Tier- und Menschenknochen, und mitten im Zimmer zwei junge, blühende, sonnige Menschenkinder, die aussahen, als ob sie beide erschrocken wären darüber, daß es so viel Jugend und Schönheit in der Welt geben könne. »Guten Tag – Fräulein«, sagte Herr Ulrich mit leiser, fast tonloser Stimme. »Guten Tag, Herr Ulrich«, sagte das Fräulein ebenso leise. Dann schwiegen sie. Aber gründlich! Herr Ulrich hatte plötzlich eine äußerst gesunde Gesichtsfarbe bekommen, und auch das Fräulein sah aus wie eine eben aufgeblühte Pfingstrose. »Ja – was ist's denn?« fragte erschrocken Dr. Thorn. »Die zwei sind ja ganz paff ...!« »Na, komm Lise – du mußt eine Jause nehmen«, löste Frau Pauline den Bann. Es war eine höchst förmliche Verbeugung, mit der Lise von dem jungen Mann Abschied nahm, fast noch förmlicher war Ulrichs Abschied. In gewohnter zartsinniger Weise huschte Herr Doktor Thorn über diesen Zwischenfall hinweg und begann neuerdings seinen Gast auf verschiedene großartige Schönheiten seines Museums aufmerksam zu machen. Aber Herr Ulrich hatte momentan alles Interesse an den prähistorischen und anthropologischen Schätzen des Herrn Dr. Thorn verloren. Zerstreut hörte er auf die weiteren gelehrten Ausführungen, die schönste Fibula und die wertvollsten Pfeilspitzen und Äxte aus der Steinzeit waren ihm auf einmal höchst schnuppe geworden. Als gewiegter Menschenkenner stellte daher Dr. Thorn seinen Vortrag ein. Unterm Kastanienbaum im Hofe saß Frau Pauline bei der geleerten Kaffeeschale. Lise fütterte die hübschen Zwerghühner mit kleinen Kuchenstücken und freute sich wie ein Kind über die zahmen Tiere, besonders über den kecken, kleinen Hahn, der ihr ohne weiteres das Kuchenstückchen aus der Hand nahm, ohne jegliche Scheu ihr dabei fast zur Brust hinauf springend. Die beiden Herren kamen in den Hof hinaus, um von den Damen Abschied zu nehmen. Herr Ulrich mußte sich auf Einladung der Frau Pauline auf noch einen Moment zum Tische setzen. Frau Pauline hatte eine Menge zu fragen, Herr Ulrich gab sehr einsilbige Antworten, er mußte fortwährend auf das schöne Mädchen sehen, dessen helles, frohes Lachen – der kleine Hahn war ihr auf den Schoß gesprungen – durch den Garten tönte. Der Abschied des jungen Herrn war um eine Nuance etwas weniger formell. »Wie gefällt es Ihnen hier, Fräulein?« fragte Ulrich. »Sie sind zum erstenmal hier?« »Ja ... o ... hier ist es hübsch ... etwas schöner als in dem öden Komptoir in der Bankgasse. Onkel, das war eine glänzende Idee von dir, daß du mich daher verschrieben hast ... Gehst du ... weg, ist das ein kecker Kerl ... husch ...!« Sie mußte mit Gewalt den kleinen Hahn wegjagen, der mit zornigen Flügelschlägen immerfort neues Futter verlangte. »Den haben Sie schon gründlich verzogen, Fräulein«, meinte Ulrich, »er ist schon sehr keck geworden!« Man begleitete den Gast zum Flureingang. Plötzlich lachte Lise laut auf. »Schaut's doch die Bande an!« rief sie. Während die Herrschaften durch den Hof schritten, hatten sämtliche Zwerghühner auf dem Tisch Platz genommen. »Marsch ihr ...,« rief Thorn und klatschte in die Hände. Die Hühner flatterten vom Tisch herab, nur ein kleines braunes Hühnchen trippelte ängstlich längs des Tischrandes hin und her. Lise lief hin und ergriff es. »Das ist lieb ... Herr Ulrich ... was? Und wie Ihm das Herz klopft! Nein, nein ... es geschieht dir nichts ... nein, nein!« Herr Ulrich ging. Herr Dr. Thorn winkte ihm noch über die Straße hin einige Male nach. Nun begann der obligate Rundgang durch die Besitzung des Herrn Dr. Thorn. Das größte Entzücken des Fräuleins erregte der Hühnerhof. Als Tante Pauline die Gittertür öffnete, entstand unter dem Federvieh eine ungeheure Aufregung. Mit Glucksen, Schnattern und freudigem Geknurr ward die Ernährerin begrüßt. Die ersten waren die perlgrauen Hühner, die sich um die Eintretenden versammelten, mit stolzen Schritten kam auch der Hahn herzu, die Enten verließen den Teich und watschelten in komischer Eile näher, selbst der Truthahn führte seine beiden Gattinnen herbei, und als er den fremden Gast erblickte, breitete er kollernd den Schwanzfächer aus und der Fleischwulst über dem Schnabel ward fast blau. Das Taubenvolk flatterte aus dem Schlage und von den Dächern herab, und der dickkröpfige Tauber trippelte höchst aufgeblasen herum, als bilde er sich ein, der Herr dieses vielstimmigen und vielfarbigen Volkes zu sein. Tante Pauline hatte Lise eine Schwinge voll Futter übergeben und Lise streute nun dem hungrigen Volke in überreicher Weise die gelben Körner hin. Das gab ein Durcheinander! Die Hühner glucksten, die Tauben gurrten, die Enten sagten: »Schnapp, schnapp!« und die Sperlinge schlüpften geschickt zwischen den Füßen der großen Vögel durch, um auch ihren Anteil an dem reichlichen Mahle zu haben. Und mitten unter dem glucksenden, schnatternden und knurrenden Volke stand Lise; es war ein wunderhübscher Anblick, ihr frohseliges Gesicht glänzte in Lust und Freude! »Ich werd' sie photographieren lassen«, sagte lachend Dr. Thorn, »sie sieht wirklich hübsch aus.« »Onkel, schön ist's bei dir«, sagte Lise, als sie nach vollendetem Rundgange wieder im Hofe ankamen, »mit Grausen denk ich daran, wenn ich wieder zur Stadt zurück muß ... in das finstere, düstere Bureau und ...« Hier stockte sie. Sie dachte auch an das trübselige Heim und mußte mit Gewalt an sich halten, um nicht mit bitteren Worten sich über die unangenehmen Verhältnisse im Vaterhause auszusprechen. »Jetzt verstehe ich es, daß Eugen geweint hat, als ich zu dir fuhr. Ich glaub es ihm von Herzen, daß er gern, gern mit mir gefahren wäre«, sagte sie darauf. Marie, das Dienstmädchen, kam in den Hof und meldete, daß der Herr Förster einen ganzen Wagen voll Tannenreisig geschickt habe. »Bravo, bravo«, sagte befriedigt Herr Thorn, »das heiß' ich eine prompte Bedienung, die Damen haben von morgen an alle Hände voll zu tun. Es gibt auch Gesellschaft! Ein großer Teil der jungen Damen des Ortes wird sich hier im Hof versammeln, um für das Fest Kränze und Girlanlanden zu winden. Auch das Fräulein Lise wird hierzu freundlichst eingeladen.« »Fräulein Lise hat aber noch niemals Kränze gewunden«, wehrte die Nichte ab, »es hat sich für sie noch keine passende Gelegenheit dazu ergeben.« »Tante Pauline wird Fräulein Lise Unterricht in diesem Gegenstand geben«, antwortete mit komischem Ernst Herr Dr. Thorn, »auch Fräulein Marie wird sich morgen nach beendigter Tagesarbeit in den Dienst unserer großen Sache stellen.« »Vielleicht auch Frau Pauline?« fragte sich bescheiden die Schwester an. »Frau Pauline wird im Verein mit der Köchin Kathi sorgen, daß die fleißigen Arbeiter nicht hungern und dürsten müssen. Es müssen mindestens fünfundzwanzig Kilo Wuchtel und anderes feines Gebäck bereitet werden. Zur Zubereitung des nötigen Kaffees muß der Waschkessel genommen werden, vorausgesetzt, daß er den nötigen Kubikinhalt aufweist!« Während dieses amüsanten Gespräches kam der Herr Förster herein, ihm nach folgten zwei Arbeiter mit gewaltig großen Reisigbündeln. Auf Befehl des Dr. Thorn wurden die Reisigbündel in einer Ecke des Hofes niedergelegt. »Meine Nichte Elise«, stellte Herr Dr. Thorn seinen Gast vor. »Donnerwetter – ist das ein Mädel!« begrüßte sie der rauhe Forstmann, »Herr Doktor – Respekt – aber – aber –« fuhr er zweifelnd fort, »wenn ich Ihnen einen guten Rat geben kann, dann lassen Sie die Nichte ja nicht mit dem Festzug mitgehen, sonst gibt's einen Heidenskandal. Dann streiken uns alle Ehrenjungfrauen!« »Und ich hab mich so gefreut, als Ehrenjungfrau prangen zu können«, sagte Lise und machte ein Gesicht, als wenn sie wirklich zu Tode betrübt wäre. Thorn lachte. »Nein, meine Lise, das ginge wirklich nicht an; nimm dir das als eine weise Lehre von deinem Onkel auf deinen ferneren Lebensgang mit: der Neid ist wohl ein häßliches Laster, aber er ist eine gewaltige Triebfeder im Menschenleben!« Lise mußte bei dieser weisen Sentenz unwillkürlich an ihren Herrn Papa denken. Der nächste Tag brachte wirklich Leben in die Bude. Schon um acht Uhr morgens fand sich die Damenwelt von St. Ruprecht bei Herrn Dr. Thorn ein. Die jungen Damen erwiesen sich Fräulein Lise gegenüber von einer geradezu honigsüßen Freundlichkeit. Wie sie sich beeiferten, der Unerfahrenen beim Kränzewinden mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, wie sie den ersten Kranz, der aus Lises Hand hervorging, als ein Meisterwerk priesen, ist geradezu unbeschreiblich. Und was die jungen Damen alles zu plaudern hatten! Schon auf der Straße vernahm man das Stimmengewirr. Die Tochter des Herrn Oberlehrers machte den Vorschlag, einige Lieder zu singen, was mit allgemeiner Begeisterung angenommen wurde. »Hier sitz ich am Rasen, mit Veilchen bekränzt«, »Da drunten in der Mühle«, »Sah ein Knab' ein Röslein steh'n«, und noch so manches der lieben deutschen Volkslieder. Thorn war ganz entzückt. »Wenn mich meine Kollegen, die jetzt drinnen im Amt schwitzen, hier in dem Kreis der jungen Damen sehen würden, sie möchten vor Neid vergehen!« sagte er mit vergnügtem Lachen. Eine sehr angenehme Abwechslung wurde den Damen durch die Zehnerpause geboten. Kathi, die Köchin, hatte wunderbares Gebäck für diesen Tag vorbereitet, und Herr Dr. Thorn kredenzte höchst eigenhändig kleine Gläschen mit wundervoll süßem Wein. Die Damen sträubten sich lange, davon zu kosten; als aber Lisel ihr Gläschen mit einem Zuge leergetrunken und dem Onkel mit den Worten: »Saperment, Onkel, der ist aber gut!« ihre belobende Anerkennung ausgedrückt hatte, konnten die jungen Damen nicht mehr widerstehen. Sie nippten erst vorsichtig, dann tranken sie einige Tropfen – und schließlich leerten sie mit einer Miene, die das größte Entzücken verkündete, das Gläschen in einem Zuge. »Was für ein Wein ist das?« fragte Lisel. »Das ist echter Madeira, wird nur Kranken verordnet!« sagte Dr. Thorn. »Onkel, mir ist plötzlich so riesig schlecht, geh gib mir noch ein Gläschen Madeira!« bat Lisel. Alles lachte. »Na, da hast du«, sagte Thorn und goß ihr ein Gläschen ein. »Ich will es durchaus nicht haben, daß du mir vor dem Feste stirbst.« »Bitte, mir ist auch schlecht!« rief eine andere Dame. »Bitte, mir auch, mir auch!« hallte es im Chorus. Im Nu war Herr Dr. Thorn von den Mädchen umringt, und er hatte alle Hände voll zu tun, die hingereichten Gläser zu füllen. Es war ein ganz eigenartiger Anblick, den alten, frohsinnigen Herrn zu sehen, wie vergnügt er die Gläser vollschenkte, wie er lachte, und für jedes der Mädchen ein fröhliches Wort hatte. Lise hatte im Sturm die Herzen der Damen gewonnen, sie war so lieb und gut gegen alle, und die Mädchen vergalten ihr's mit einem ungeheuren Aufwand von Herzlichkeit. Der Nachmittag gestaltete sich noch amüsanter. Bei der Austeilung des Jausenkaffees war Lise der Frau Pauline behilflich und sie servierte mit solcher Grazie und Anmut, sprach alle mit »liebes Fräulein« an, welche ungewohnte Ansprache die Damen derart entzückte, daß sie übereinstimmend erklärten, Fräulein Lise sei das liebenswürdigste Mädchen, das sie jemals kennengelernt hatten. Zahllose Kränze lagen fertig auf dem Boden, unzählige Meter von Beisiggirlanden waren unter den fleißigen Händen entstanden, als Herr Dr. Thorn einen unerwarteten Besuch in den Hof führte, Herrn Ulrich, den Kandidaten der Theologie. Es war interessant zu beobachten, welchen faszinierenden Eindruck die Erscheinung, dieses Jüngers der Gottesgelahrtheit auf die jungen Mädchen machte. Alle arbeiteten plötzlich mit ungeheurem Eifer und taten so, als ob sie vor lauter Anstrengung weder sehen noch hören würden. »Kommen Sie nur, Herr Ulrich, und schauen Sie sich die fleißigen Leute da an«, sagte Thorn, »ist das nicht ein lieblicher Anblick? Hier das viele Grün – die frischen Gesichter der Damen heben sich wie Blumen aus dem vielen Laub und Tannenreisig hervor.« Herr Ulrich begrüßte in seiner stillen Weise die Anwesenden, errötend dankten die Damen, senkten die lieblichen Häupter und setzten mit verzehrendem Eifer ihre Arbeit fort. Er trat zu Lise hin. »Das ist Ihnen wohl eine seltene Arbeit, Fräulein?« fragte er. »Ja freilich, wann käme man denn in Wien dazu, Kränze und Girlanden zu winden? Wenn man derartiges braucht, kauft man es beim Gärtner. Aber mich freut's, ich habe die Geschichte gleich weggehabt ..., da sehen Sie ...« sie zog eine wohl zwanzig Meter lange Girlande aus Tannenreisig zu sich heran; »diese große grüne Raupe habe ich schon ganz allein gemacht!« Dr. Thorn ging von Gruppe zu Gruppe, mit überschwenglichen Worten den Fleiß und die Ausdauer der Damen bewundernd. »Bitte, Herr Doktor, wie viel Uhr ist es bereits«, fragte Fräulein Dungl, die Tochter des Herrn Oberlehrers. »Halb fünf«, sagte Thorn, nachdem er einen Blick auf seine prachtvolle Glashüttenuhr geworfen hatte. »Was ... halb fünf?« rief zu Tode erschrocken Fräulein Dungl, »ja, da muß ich sofort gehen, ich sollte um vier Uhr schon zu Hause sein!« Sie raffte in möglichster Eile ihre Sachen zusammen und empfahl sich von Herrn Dr. Thorn und Frau Pauline. In ihrer Eile vergaß sie, auch von Fräulein Elise und Herrn Ulrich Abschied zu nehmen, die plaudernd unter dem Kastanienbaum saßen. Das Beispiel des Fräuleins Dungl wirkte ansteckend auf die übrigen Damen, sie erhoben sich scharenweise, nahmen von Herrn Dr. Thorn und Frau Pauline überaus herzlich, von Herrn Ulrich und Fräulein Elise nur kühl formell Abschied. »Ja, was war denn das auf einmal?« fragte verwundert Lisel. »Glücklich, wer der Dinge geheimste Ursachen erkennt«, deklamierte Herr Dr. Thorn. »An diesem raschen Abschied seid nur ihr schuld – du Lisel – und der Herr Gottesgelahrte!« »Ja, was soll das heißen?« fragte ganz erzürnt Herr Ulrich. »Auch die anderen Damen wollten von Ihrer Gottesgelahrtheit profitieren«, meinte Dr. Thorn mit aller Ironie, die ihm zu Gebote stand, »da Sie sich aber einzig und allein meiner Nichte zur Verfügung stellten, haben Sie die anderen Damen alle tief verletzt!« »Das ist doch nicht möglich!« rief geärgert Herr Ulrich aus. »Aber Onkel – du machst Spaß«, sagte tief gekränkt Fräulein Lise. »Es ist so, meine Lieben!« sagte Thorn mit weiser, aber höchst düsterer Miene. »Ich möchte jetzt eine unsichtbar machende Tarnkappe haben und zuhören, was die Damenwelt von St. Ruprecht alles über euch beide zu reden hat.« Am Abend des 3. Oktober war die Dekoration von St. Ruprecht vollendet. Es war über alle Maßen prachtvoll. Herrlich präsentierte sich das Haus des Herrn Doktor Thorn, dessen Front reich mit Girlandenbogen, in deren Mitte Blumenkränze hingen, geziert war. Auch die anderen Häuser hatten reichen Schmuck erhalten, doch wurde von Dr. Thorn mit tiefem Schmerz bemerkt, daß der weitaus größte Teil der Dekoration nicht aus lebendem Laub und Reisig, sondern aus schnödem, gefärbten Papier bestand. Am vergangenen Sonntag war im Ort ein Handelsmann erschienen, der in solchen Sachen »machte«. Er hatte gleich am ersten Tag so reißenden Absatz gehabt, daß er, um den allseits anstürmenden Aufträgen zu genügen, sich ein großes Paket frischer Ware mußte nachschicken lassen, dessen Inhalt schon in wenigen Stunden in festen Händen war. In jenen Tagen gab es in St. Ruprecht keinen patriotischer gesinnten Mann als Herrn Hermann Blau von der Firma Goldstein und Blau in Wien. Leider fand der Zwist zwischen Feuerwehr und Veteranenkorps auch in der Ausschmückung der Häuser sinnigen Ausdruck. Jene Baulichkeiten, die von begeisterten Feuerwehrleuten bewohnt waren, trugen nur Wappen mit den Emblemen der Feuerwehr und der Aufschrift: »Einer für alle, alle für Einen«, woraus zu ersehen war, daß trotz aller Zerwürfnisse der Sinn für Einigkeit in den Herzen der wackeren Männer lebte. Die Häuser der Veteranen waren durchweg mit kriegerischen Emblemen geziert und trugen stolze Aufschriften, zum Beispiel: »Mit Gott, für Kaiser und Vaterland.« Großartig prangte das Haus des Bürgermeisters mit schwarzgelben und weißroten Fahnen, Kaiserbildern und Wappenschildern. Leider wurde viel zu spät entdeckt, daß die Adler auf den Wappenschildern alle nur einen Kopf hatten. Diese Schilder stammten nämlich aus deutschen Fabriken und waren den dortigen Einrichtungen und Empfindungen gemäß angefertigt worden. Beinahe wäre wegen dieser Sache zwischen Doktor und Bürgermeister abends im Gemeindegasthaus ein heftiger Streit entstanden. Der Doktor war von seinen Studentenjahren her noch ein Deutschnationaler und hielt in vorgerückten Stunden gern flammende Reden, in denen er die Anwesenden flehentlichst beschwor, ja deutsch zu reden, zu denken und zu handeln. Er war oft mit dem Bürgermeister in Konflikt geraten, denn Herr Kirchmaier war ein überzeugter Österreicher mit religiösem Einschlag. Die einköpfigen Adler auf den Dekorationen des bürgermeisterlichen Hauses gaben nun dem Doktor angenehmen Anlaß, den politischen Gegner aufzuziehen. Er führte aus, daß nunmehr, wenn auch etwas spät, im Gemeindeoberhaupt der deutsche Gedanke zum Durchbruch gekommen sei, und beglückwünschte mit drei donnernden Heil den Bürgermeister zum erfolgten Gesinnungswechsel. Der Bürgermeister sträubte sich heftigst gegen die Lobrede und versprach, noch in der Nacht die Wappenschilder von den Wänden seines Hauses herabzureißen, tat es aber nicht, zunächst weil ihm diese patriotische Handlung Geld gekostet hätte, und nebenbei auch aus dem Grunde, weil neue Wappenschilder wegen der Kürze der Zeit nicht zu beschaffen gewesen wären. So blieb denn Deutschlands Wappenvogel an der Wand des Bürgermeisterhauses hängen. Manche ärgerten, manche freuten sich darüber, was übrigens auch der Fall gewesen wäre, wenn der doppelköpfige Aar an der Hausfront geprangt hätte. Am nächsten Morgen wurde Fräulein Elisabeth Thorn etwas unsanft aus dem Schlafe geweckt. Sie träumte eben, auf dem Rathausplatze der Regimentsmusik zuzuhören. Die Musik spielte immer stärker und stärker, schließlich so stark, daß sie aufwachte. Und, sonderbar, die Musik spielte noch fort, als das Fräulein schon munter war und sich bereits mühselig den Schlaf aus den Augen gerieben hatte. Vor dem Hause des Doktors war die Musik des vereinigten Veteranen- und Feuerwehrkorps aufgestellt und blies, daß es mächtig über den Markt schallte. Es war mehr Kraft als Reinheit in dem Spiele. »Lise komm – komm!« rief Frau Pauline, »schnell, so was siehst und hörst du in Wien nicht.« Lise schlüpfte schnell in einen Schlafrock und strich das blonde, lockige Haar zurück. Beinahe wären beide zur Produktion zu spät gekommen, schon erklangen die letzten Takte des Marsches. Als aber das schöne Mädchen neben dem Onkel den blonden, sonnigen Kopf zum Fenster hinausneigte, kam dem Kapellmeister eine glorreiche Idee. Er flüsterte seinen Untergebenen einige kurze Kommandoworte zu, die mit freudigem Zunicken seitens der Herren Musiker beantwortet wurden. Dann erklang mächtig und brausend Suppés »Hab' ich nur deine Liebe, die Treue brauch' ich nicht«. Onkel und Tante kannten das Lied und sie wußten sofort, daß der Vortrag desselben eine Huldigung für die Nichte bedeute. Herr Dr. Thorn klatschte stürmisch Beifall. »Lisel, bedank dich!« rief er aus. Das schöne Fräulein neigte sittsam das blonde Haupt vor der huldigenden Musika. Der Flügelhornist blies mit aller Macht, es war, als ob er alles in seinem Herzen vorhandene Gefühl in seine Töne legen wollte. Fräulein Lise Thorn dankte nochmals mit jungfräulichem Erröten, als die sinnige Huldigung zu Ende war. Die Herren Musiker salutierten stramm, formierten sich zum Marsch, und mit Pauken und Trompeten gings die Dorfstraße weiter. Etwas unsicher erklang die Musik, denn mancher der Herren Musikanten fand es für nötig, noch einmal den Kopf nach dem schönen Mädchen zurückzuwenden, was immer einen erheblichen Gickser zur Folge hatte. Ja der Klarinettist wäre infolge seiner Unachtsamkeit fast über einen Pflasterstein gestolpert, der sich übermäßig hoch über das Niveau der Dorfstraße erhob. Dem tief religiösen Sinn der Bevölkerung entsprechend, begann die Feier mit einer Feldmesse, die draußen auf dem Anger abgehalten wurde. Es war ein wunderbar herrlicher Herbsttag. Der Himmel strahlte in hellklarer Bläue. Um den improvisierten Altar waren die Mannschaften aufgestellt, Kopf an Kopf umdrängte die Menge die geheiligte Stätte, mit feierlicher Macht erklang das alte Meßlied »Hier liegt vor deiner Majestät im Staub die Christenschar«, vorgetragen von der Musikkapelle. Es liegt etwas von einer wunderbaren Eindringlichkeit in solch feierlicher Handlung, ihre Weise schlug auch mit Macht in Elisens Seele. Als das Glöcklein erklang, und trotz der Menschenmenge, die im Kreise herumkniete, weit und breit nichts zu hören war als die Stimme des Priesters, da kam es ihr auf einmal in den Sinn, wie es sein würde, wenn einst Herr Ulrich als Geweihter des Herrn im goldenen Ornat am Altar stehen werde. Ihr war so ganz eigen ums Herz – am liebsten hätte sie weinen mögen. »Hörst du, is dir dös net eh, als wann a Engel da knien tat!« stieß ein alter Bauer den Nebenstehenden in die Seite und wies auf die knieende Elise. Sie hatte die Worte gehört, purpurrot im Gesicht stand sie auf. Nach der Messe ward in den Ort hineinmarschiert. Vor dem Hause des Onkels stand Herr Ulrich. Er wurde von der Tante mit lauten Äußerungen der Freude begrüßt. Lise reichte ihm kaum die Hand. Herr Dr. Thorn bat den jungen Herrn doch einzutreten, eine Aufforderung, die von Frau Pauline mit einem Schwall liebenswürdiger Worte unterstützt wurde. Die Herrschaften nahmen am Tische unter dem Kastanienbaum Platz. »Ich muß mich aber entschuldigen«, sagte Thorn, »wir haben im Gemeindehause alle Hände voll zu tun, einige der geladenen Feuerwehren sind bereits erschienen, das Gros rückt jetzt an, wir sind verpflichtet, sie mit feierlichen Worten zu begrüßen!« Er entfernte sich in höchst lebhafter Eile. »Der Bruder ist ganz verändert«, sagte lächelnd Frau Pauline. »Er hat immer von einem stillen, frohen Lebensabend geschwärmt, und jetzt macht er solche Sachen! Aber er ist ganz Feuer und Flamme – wie ein Jüngling ist er bei allem dabei! Ich bin ganz froh darüber, sonst würde er wieder den ganzen Tag bei seinem alten Gerümpel im Museum stecken!« Frau Pauline offerierte ein kleines Frühstück, das dankbarst angenommen wurde. »Auch mich müssen Sie entschuldigen«, sagte sie, als das Frühstück auf dem Tische stand, »ich habe an diesem hohen Festtage in der Küche alle Hände voll zu tun. Mein geliebter Herr Bruder hat zwei hervorragende Feuerwehrhauptleute der Umgebung bei sich zu Gast geladen und zu Ehren der beiden wackeren Männer für Küche und Keller weitestgehende Aufträge erlassen.« Als Ulrich und Elise allein waren, ergriff zögernd der junge Gottesgelehrte das Wort. »Wie hat Ihnen, Fräulein, die Feier draußen auf dem Felde gefallen?« fragte er. »Sie hat mich mächtig ergriffen«, sagte Lisel, »und wissen Sie, woran ich hab denken müssen? Wir haben im Lyzeum auch von der Religion der alten Deutschen gehört, wie die in Wald und Flur ihre Götter ehrten, heute hab ich ihre Art des Gottesdienstes verstehen gelernt!« »Wieso ... wie meinen Sie dies?« fragte verwundert Herr Ulrich. »Ich gehe gern in Wien an einem Sonn- oder Feiertag zum Hochamt. Mir hat das immer imponiert, Pauken und Trompeten tönen vom Chor, dazu vielstimmiger Gesang ... die Kirche beleuchtet ... am Hochaltar allein flammen hundert Kerzen, dazu in goldenem Ornat die geistlichen Herren ... es ist alles großartig und prächtig... aber so schön wie heut war's doch niemals. Nichts als der blaue Himmel über uns, am Altar der liebe alte Herr Pfarrer ... und alles umflutet vom hellen Sonnenschein, von Luft und Glanz ... ich hab mich an das Uhlandsche Gedicht erinnert, mir war zumute, als knieten im weiten Feld Tausende lichter Engel!« »Einen lichten Engel hab ich geseh'n ...« sagte mit wehmütigem Lächeln Herr Ulrich. Lise sah ihm fragend in das Gesicht. »Wie meinen Sie das?« sagte sie. »Ich bin ganz abseits gestanden und hab zu Ihnen hinübergeschaut. Als Sie bei der Wandlung niederknieten – die Sonnenstrahlen spielten in Ihren blonden Haaren, daß es aussah, als umgebe ein lichter Heiligenschein Ihr Haupt – da kam's mir vor, als kniete wirklich ein Engel im Feld und betete mit.« Der Herr Gottesgelehrte war bei diesen Worten recht ernst geworden. »Ich müßt fast bös werden über das, was Sie sagen«, erwiderte mit recht ernsthaftem Gesicht Fräulein Lise, »wenn ich dasselbe nicht schon heute gehört hätte.« »Nun ja, wer Sie gesehen hat, muß ja auf diesen Gedanken kommen«, meinte Herr Ulrich. »Zwei alte Bauern standen neben mir; der eine stieß den anderen in die Seite, deutete auf mich und sagte ...« »Ja, was sagte er?« fragte Herr Ulrich. »Nun, eben dasselbe ... genau weiß ich seine Worte nicht ... er sprach auch von einem Engel ...« »Na, da sehen Sie, Fräulein, wie sehr ich recht habe. Wenn sogar im Herzen des biederen Landmannes, das sonst poetischen Regungen absolut nicht zugänglich ist, ein solch seliges Bild emporsteigt ... dann ...« Diesmal stockte der Gottesgelehrte. »Ich hab aber auch an Sie gedacht«, sagte Lise. »An mich?« Auf des jungen Gottesgelehrten Angesicht leuchtete der hellste Freudenschimmer. »An mich ... Fräulein?« »Ja, ich hab mir das vorgestellt, wie es einst sein wird, wenn Sie im goldgestickten Meßgewande am Altar stehen und segnend die Hände über das Volk ausbreiten werden.« In diesem Moment verblich der helle Sonnenschein auf dem Antlitz des Herrn Ulrich und dunkle Schatten lagerten auf dem noch eben so frohseligen Gesicht. »Daran haben Sie gedacht?« fragte er und runzelte finster die Stirn. »Ja ... aber was haben Sie denn auf einmal?« fragte sie erschrocken; »ich wollte Ihnen ja gar nicht wehtun. Wie der alte Herr Pfarrer dort am Altar stand, kam es mir vor, als sei der liebe alte Gott selber heruntergestiegen vom Himmel ... es kam mir das so schön, so rührend vor!« »Wollen Fräulein nicht einen kleinen Spaziergang machen?« fragte aufstehend Herr Ulrich. Das Fräulein war sehr gern bereit dazu. Sie gingen durch den Blumengarten, in dem eben Astern und Georginen blühten, die Totenblumen des Jahres. Auf der Bank im Kiefernforst rasteten sie. »Warum sind Sie auf einmal so verstimmt, Herr Ulrich«, fragte verwundert Fräulein Lise. »Mir war's gar nicht recht, Fräulein, daß Sie mich schon als Priester gesehen haben!« sagte er mit leiser Stimme. »Aber du lieber Gott, warum denn nicht?« fragte sie. Ulrich stand auf und sah schweigend über die Planke des Gartens auf das Gebreite der Felder hinaus. Im hellen Sonnenschein glitzerten die weißen, feinen Fäden des Altweibersommers, die im leisen Lufthauch vorn Felde hereinzogen über die Planke. Die Weite draußen lag im zauberischen Lichte des Herbsttages in wunderbarer Verklärung da. »Ich will ja gar nicht Priester werden«, sagte Ulrich und wendete sich nach dem Mädchen um. »Ja, warum denn nicht?« fragte mit maßlosem Erstaunen Fräulein Lise. »Die Welt ist mir zu schön dazu! Glauben Sie wirklich, Fräulein, daß der, der all diese Herrlichkeiten, diese von Licht und Glanz erfüllten Weiten geschaffen hat, will, daß man verzichte auf das irdische Glück?« »Ich verstehe Sie nicht, Herr Ulrich«, sagte Lise. »Ich bitte, sagen Sie nichts von dem, was ich Ihnen jetzt erzähle, anderen Leuten. Ich bin nach St. Ruprecht gekommen, um meinem Vater zu erklären, daß ich nicht Priester werden will.« »Um Gottes Willen, was wird Ihr Herr Vater dazu sagen?« »Ich habe daran oft und oft gedacht; er wird toben, er wird mich mit aufgehobenen Händen bitten – in tausend Ängsten bin ich hergefahren, ich hab gezweifelt daran, daß ich fest bleiben werde. Aber jetzt, jetzt bleib ich fest, jetzt, Fräulein, nachdem ich Sie gesehen habe!« »Nachdem Sie mich gesehen haben ... Herr Ulrich, wie meinen Sie das?« Der angehende Gottesgelehrte schwieg erst eine Weile. Dann sagte er, überwältigt von heißem Gefühl: »Fräulein, ich bin zagenden Herzens hieher gefahren, im Bewußtsein, es wird eine bitterböse, schwere Stunde werden, in der ich meinem Vater mitteile, daß ich nicht Priester werden will – nein, daß ich es nicht kann – als der Zug in die Station einfuhr, bin ich erst ganz kleinmütig, ganz verzagt gewesen – ich hatte allen Mut verloren – und dann, dann habe ich Sie gesehen – und jetzt, jetzt mag kommen was will – er soll mich hinauswerfen – mir liegt gar nichts daran – mir stehen so viele Wege dann offen, hinaus in das Glück – in die Freude – und wenn ich hungern und darben muß – auf dem Wege zu Ihnen Fräulein Lise ...!« In übermächtiger heißer Bewegung reichte er plötzlich dem schönen Mädchen beide Hände hin. Lise wich scheu zurück. »In Ihrem sonnigen Antlitz habe ich die Botschaft vom schönen, herzerfüllenden Glück gelesen. Der liebe Gott da oben, der weiß ja, was er tut ... er weiß auch, warum er es so gefügt hat, daß wir beide zusammenkommen mußten. Fräulein, Sie können mir die Hand ruhig geben...« »Herr Ulrich«, sagte sie leise, »ja, ja ... ich weiß nicht, was ich sagen soll ...« Sie reichte ihm die eine Hand hin, er ergriff sie, sie mit unzähligen Küssen bedeckend, sie wendete sich ab, den schönen Kopf an den Stamm einer jungen Kiefer gelehnt, schluchzte sie, daß es zum Erbarmen war. »Ja, was ist's denn ... ja, was ist's denn?« erklang in diesem Moment Herrn Dr. Thorns Stimme. Er stand bei Paschas Grabmal und sah bekümmert auf die beiden jungen Menschen hin. »Herr Ulrich ... Lise ... ja, was ist denn geschehen?« Errötend barg Fräulein Lise den Blondkopf an der breiten Brüst des Herrn Dr. Thorn. »Onkel ... Onkel ...!« rief sie. Herr Ulrich kam herbei. »Verzeihen Sie, Herr Doktor«, begann er mit höchst unsicherer Stimme, »darf ich Ihnen etwas erzählen ... ich habe niemanden sonst, dem ich mich anvertrauen kann!« bat Ulrich. Herr Dr. Thorn löste sich milde aus der Umarmung der Nichte. »Sei nicht so dumm«, sagte er darauf, »geh hinein zur Tante, sei ihr behilflich an ihrem heutigen schweren Tagewerke; zwei hervorragende Feuerwehrhauptleute werden sofort erscheinen, und zu ihren Gunsten wird heut' alles aufgeboten, was Küche und Keller zu liefern vermag. Trockne deine höchst überflüssigen Tränen, komme Tante Pauline mit deiner Jugendkraft zu Hilfe, das übrige werde ich mit dem jungen Herrn hier besprechen.« Lise ging. Im Blumengarten begegnete ihr der Rehbock mit der ledernen, Grenadiermütze. Er schmiegte sich schmeichelnd an das Mädchen an. »Er hat sie gern«, sagte befriedigt Dr. Thorn, »ich hab es immer gesagt – Hansl ist ein ganz gescheiter Kerl!« Ulrich erzählte in fliegender Eile seine Leidens- und Herzensgeschichte. Es war ein recht beweglicher Anblick, dem jungen Mann in das Gesicht zu sehen, in dem Leidenschaft, Angst und Sorge in raschem Wechsel zum Ausdruck kamen. »Hm, hm«, sagte Dr.« Thorn, »schöne Pastete das, schnell Feuer gefangen – wer soll das denken. Donnerwetter, das kann ein hübscher Lebensabend werden! Junger Herr, ich will Ihnen vorläufig eines sagen, überlegen Sie sich die Sache recht gut – und machen Sie sich das Herz dadurch nicht noch schwerer, daß Sie meine Nichte öfters aufsuchen. Sie scheint auch leicht entzündlich zu sein ...!« »Sie werfen mich aus Ihrem Hause hinaus?« sagte Ulrich. »Gott bewahre – Gott bewahre«, wehrte Thorn lebhaft ab, »was Ihnen einfällt – ich meine nur, so lange Lise da ist – denn wozu soll die Sache führen? Ich will es auch durchaus nicht haben, daß Sie sich wegen meiner Nichte mit ihrem Vater entzweien!« »Ich glaube, es wäre auch so gekommen, wenn ich Fräulein Lise nicht kennen gelernt hätte; die Absicht hatte ich schon längst, den Mut, sie auszuführen, gab mir der Anblick Ihrer Nichte!« In diesem Moment ging die Haustür auf, herein traten in silber- und goldglänzenden Helmen, die breite Brust mit unzähligen Auszeichnungen bedeckt, die eine frappante Ähnlichkeit mit Ordensdekorationen besaßen, die beiden Gäste. Die Begrüßung war, wie dies bei solch älteren, jovialen Herren üblich ist, eine höchst stürmische. Es war gut, daß die beiden Herren bereits in verschiedenen Wirtshäusern des Ortes gewesen waren, so daß sie es nicht bemerkten, daß Herr Dr. Thorn ein etwas gedrücktes Wesen zur Schau trug und das junge, schöne Gesicht des Klerikers Spuren des inneren Leides zeigte. Nur als Ulrich Abschied nahm, fiel es Herrn Lederer, Kommandant der Feuerwehr und Gutsverwalter des Marktes Steinholen auf, wie gedrückt, mit fast tonloser Stimme der Scheidende diese gesellschaftliche Formalität ausführte. »Schade um den hübschen Burschen«, sagte er, als der Hausherr die Gäste in das Speisezimmer geleitet hatte, »aber man sieht's, wie die Pfafferei den Kerl schon verdorben hat. Er hat keinem von uns offen ins Gesicht sehen können!« Herr Verwalter Lederer war in der ganzen Umgebung bekannt als wütender Antiklerikaler, und seine Kämpfe mit dem Pfarramt von Steinhofen bildeten eine stehende Rubrik der hierortigen Wirtshausgespräche. Der Verwalter, der Pfarrer und der Kaplan hatten sich gegenseitig bereits unzählige Male vor das Bezirksgericht Markenau zitiert, und alle drei waren zu unterschiedlichen Malen zu erheblichen Geldstrafen, der Herr Verwalter sogar einmal zu acht Tagen Arrest verurteilt worden, und es hatte ungeheure Anstrengungen gekostet, die Strafe in eine Geldbuße von zweihundert Kronen umzuwandeln, denn der Herr Verwalter liebte frische Luft und Sonnenlicht über alles. Herr Dr. Thorn nahm den jungen Herrn in Schutz. »Nein, nein, Herr Verwalter«, sagte er, »da tun Sie dem jungen Herrn schwer Unrecht, der ist sicherlich kein Klerikaler!« »Dann soll er aus der Kutte springen, der Kerl!« rief mit donnernder Stimme der kirchenfeindliche Verwalter. Frau Pauline kam herein und begrüßte in ihrer stillen Weise die beiden martialischen Gäste. »Wo ist Lise?« fragte Dr. Thorn. »Drüben in meinem Zimmer«, sagte leise die Schwester, »laß sie – sie ist ganz erschüttert!« Das Mahl, das Herr Dr. Thorn seinen Gästen gab, war ein ganz exquisites. Forellen aus dem Forellenbach des Herrn Dr. Thorn und Rehbraten, den der Herr Förster gegen das ortsübliche Entgelt beigesteuert hatte. Herr Dr. Thorn war in den letzten Tagen durch die Festangelegenheiten derart in Anspruch genommen gewesen, daß er sich in seinem Revier nicht hatte dem Dienst St. Hubertus widmen können. – Wein, den er aus der Kellerei des Klosters Göttweih um schweres Geld bezogen hatte, und feines Backwerk, das der Köchin Kathi großartige Lobsprüche eintrug, bildeten so die Hauptbestandteile der Mahlzeit. Die beiden Herren pampften, daß ihnen förmlich die Augen aus dem Kopfe traten. Beim schwarzen Kaffee ward der Herr Verwalter Lederer lyrisch gestimmt. »Frau Paulin – Donnerwetter noch einmal – sagen Sie mir doch – wer war denn das hübsche Mädel, das Sie heute bei der Feldmesse mit hatten? Ich habe sie immer anschauen müssen!« »Das war Lise, unsere Nichte, sie ist auf einige Tage zu Besuch gekommen«, sagte Thorn. »Und wir bekommen sie nicht zu sehen, Herr Doktor? Ist sie vielleicht heute schlimm gewesen, daß sie am Katzentischl hat speisen müssen«, sagte Lederer, »wenn man auch schon längst über die Fünfzig hinaus ist, für so'n altes Herz ist es immer noch ein Labsal, ein junges, frisches Gesicht zu sehen.« Auch Herr Kern, der andere Kommandant, seines Zeichens wohlbestallter Müllermeister zu Maierhof, sprach den dringenden Wunsch aus, dem schönen Fräulein vorgestellt zu werden. »Geh red' ihr zu, Pauline, vielleicht kommt sie herüber«, sagte Thorn. Das allgemeine Lob, das seiner Nichte zuteil wurde, tat dem Onkel ungemein wohl. »Ach laß sie doch gehen«, wehrte Frau Pauline ab, aber den stürmischen Bitten der beiden gemütlichen Herren konnte sie schließlich doch nicht widerstehen. Sie ging hinüber in ihr Zimmer, wo Lise, sorgsam von der ganzen Damenwelt des Hauses betreut, einsam und ganz ohne Appetit ihr Mittagmahl verzehrt hatte. Mit den Forellen war's noch gegangen, der Rehrücken war unberührt geblieben. »Geh, Lise, komm, der Onkel will, daß du die Gäste begrüßt, geh, komm auf einen Moment herüber!« sagte Frau Pauline. »Ach, Tante ... laß mich ...« bat Lise. »Lisel ... laß die Dummheit, wirst im Leben noch ganz anderes erfahren ... sei ein frisches, gescheites Mädel, tue dem Onkel den Gefallen, er hat eine so große Freude an dir. Komm nur, komm nur!« Sie nahm das Mädchen bei der Hand und führte es hinüber. Die Gäste erhoben sich mit einer Geschwindigkeit von ihren Sitzen, die den alten Knaben niemand zugetraut haben würde. Sie salutierten mit noch nie dagewesener militärischer Strammheit. Es war, als wenn ein hoher Offizier das Mannschaftszimmer betritt und alle darin Anwesenden mit Macht von ihren Sitzgelegenheiten aufrumpeln. Nur des Herrn Kommandanten Lederer Begrüßung war eine höchst unmilitärische. »Donnerwetter!« rief er mit markiger Stimme, »heut geht die Sonne zweimal auf!« Lise mußte trotz ihres Herzeleides lächeln. Es war, wie wenn nach einem Frühlingsregen die Sonne durch die Wolken bricht und Wiese und Felder auf einmal im feuchten Schimmer erglänzen läßt. Den alten Knaben ward das Herz butterweich; sie taten höchst verlegen, als sie das schöne Mädchen begrüßten. Lise mußte eine Weile bei ihnen sitzen bleiben. Die Wirkung, die die Gegenwart des Mädchens auf die beiden machte, war eine grundverschiedene. Der Herr Müllermeister Kern saß schweigend da und wendete keinen Blick von dem Fräulein ab. Der Herr Verwalter, die aggressivere Natur, fing an, ungeheure Heldentaten zu erzählen, die er einst verübt hatte, und tat auch sonst noch verschiedenes, von dem er hoffte, daß es ihn dem jungen Mädchen interessant mache. Er ließ sich das Wort durchaus nicht nehmen; obwohl Herr Dr. Thorn mehrmals versuchte, das Gespräch auf Angelegenheiten der Feuerwehr zu bringen, redete Herr Verwalter Lederer unentwegt weiter. Wenn nicht die Glocken zum Segen geläutet hätten, nach dem programmäßig der geplante Festzug stattfinden sollte, er würde fortgeredet haben bis hinein in die späte Nacht. Die Herren nahmen Abschied, Dr. Thorn schloß sich ihnen an. Herr Feuerwehrkommandant Lederer sprach den bestimmten Wunsch aus, die junge Dame beim Festzug zu sehen; als dies verneint wurde, stellte er es als unabweisliche Forderung auf, sie auf dem Tanzplatze zu begrüßen, und erbat sich in jugendlichem Ungestüm sofort den ersten Walzer. Dieses Intermezzo hatte den Sturm in Lisens Brust etwas besänftigt, und Frau Pauline hütete sich, an die Wunde zu rühren. Der Verlauf des Festzuges, dem die Damen vom Fenster aus zusahen, bot auch manches Erheiternde. Zuerst kam die Musik, die einen Heidenlärm machte. Hinter der Musik schritten die weißgekleideten Ehrenjungfrauen, umfangreiche Blumensträuße in den Händen tragend, um die Schulter rotweiße oder schwarzgelbe Schärpen geschlungen. Die ungefüge Grazie, mit der St. Ruprechts junge Damenwelt dahinschritt, entlockte den beiden Herrschaften am Fenster ein mildes Lächeln. Hinter den Ehrenjungfrauen schritt der Senat von St. Ruprecht, Bürgermeister und Gemeinderäte, soweit diese nicht in einem der beiden wehrhaften Korps beschäftigt waren. Zwischen dem Herrn Doktor und dem Förster schritt im schwarzen Festkleid Herr Dr. Thorn. Er versuchte, sehr ernsthaft und würdig dreinzusehen, aber dieser Ausdruck paßte so gar nicht zu seinem fröhlichen, wohlwollenden Gesicht. Dann kamen erst die verschiedenen Feuerwehren. Sie wurden mit tosendem Jubel empfangen. Von den Fenstern aus wurden den marschierenden Feuerwehren mächtige Kränze zugeworfen, die die wackeren Männer geschickt auffingen, um sie erhobenen Gemütes während des Festzuges mitzuschleppen. Beim Hause des Herrn Dr. Thorn gab es eine höchst bemerkenswerte Szene. Auch Lise warf, dem allgemeinen Brauchs entsprechend, selbstgeflochtene Kränze den Männern zu. Alles riß sich um die Gaben des schönen Mädchens. »Von derer muaß i an Kranz hab'n«, sagte ein junger, stämmiger Feuerwehrmann und drängte sich ungestüm durch die Menge, als eben Lise wieder ausholte, um einen Kranz hinunterzuwerfen. Unzählige Hände griffen danach, und im nächsten Moment krachten vier bis fünf Helme aneinander. Ein kleiner, dicker Feuerwehrmann war durch diesen Anprall zu Falle gekommen und der junge Mann war über ihn gestürzt. Beide hatten den Kranz ergriffen, keiner wollte ihn loslassen, und als sie sich keuchend erhoben, rissen sie eine Weile damit herum. Sie hatten beide hochrote Gesichter und gebrauchten sehr heftige Worte. Die anderen Herren wollten beschwichtigen, dadurch kam der Zug in Unordnung, und es dauerte eine Weile, bis man wieder weitermarschieren konnte. Selbst St. Ruprechts hoher Senat mußte stehen bleiben. Als Herr Dr. Thorn erfuhr, daß ein von den Händen seiner Nichte geschleuderter Kranz die Verwirrung angerichtet habe, schüttelte er unwillig das Haupt. »Ich muß trachten, daß das Mädel wieder weiterkommt. Sie bringt mir sonst noch das ganze Dorf in Aufregung!« sagte er. Auf dem Festplatz vor der Kirche war eine große Rednertribüne aufgestellt. Zuerst ergriff der Herr Bürgermeister das Wort. Er sprach patriotisch und sehr religiös, stockte aber mehreremal, und der Doktor mußte ihm soufflieren. Es war ihm das ein leichtes, da er schon mehrere Reden des Bürgermeisters gehört hatte, von denen eine der anderen immer auf ein Haar geglichen hatte, so daß er genau wußte, was jetzt usw. kommen müsse. Dann sprach Herr Feuerwehrhauptmann Oberlehrer Dungl und begrüßte in schwungvollen Worten die erschienenen fremden Feuerwehren. Herr Hauptmann Lederer dankte auch ungemein schwungvoll. Da er aber immer während der Rede unter der Zuhörerschaft nach Fräulein Lise suchte – ihre Anwesenheit hätte seinen Worten unerhörten Glanz und Feuer verliehen –, so blieb der Phrasengewohnte trotz vieljähriger Übung einmal derart stecken, daß er mit einem höchst merkwürdigen Übergang sehr unmotiviert zum Schluß eilte und in seiner Verwirrung statt der Gemeinde St. Ruprecht für den solennen Empfang zu danken, ein Hoch auf den Kaiser ausbrachte, wodurch der Herr Bürgermeister zu seinem größten Leidwesen um seine Schlußrede kam. Die Menge schrie »Hoch!«, die Musik intonierte die Volkshymne, Kommandorufe ertönten, und der Zug setzte sich zum Spritzenhaus in Bewegung, wo programmäßig eine Schauübung stattfand. Es wurden wahre Wunder von Bravour unter dem Kommando des Herrn Oberlehrers verrichtet. Mit einer Tollkühnheit sondergleichen erstiegen die wackeren Feuerwehrleute die fast zwei Stockwerke hohe Bretterwand mit Fensteröffnungen und hackten sich dort in den Fensterrahmen ein. Die Ehrenjungfrauen und so manche andere Dame im Publikum konnten vor Schauder zu den Kühnen, die da oben an der eingebildeten Hausfront hingen, gar nicht aufblicken. An der Spritze arbeiteten sechs andere der wackeren Männer; zwei der Herren stiegen, ungeheure Schläuche wie graue Riesenschlangen nach sich schleppend, an gewaltigen Schiebleitern empor. Auf ein etwas vergickstes Hornsignal flog knatternd der Wasserstrahl in die Fenster, und es war nur das allgemeine Interesse des Publikums, das sich, jede Warnung mißachtend, allzu dicht an die Akteurs herandrängte, schuld, daß das großartige Schauspiel dadurch eine unangenehme Wendung fand, daß ein Teil der Wassermassen einen durch kein Feuerwehrstatut vorgeschriebenen Weg in das Publikum fand. Nicht nur die Zylinder einiger Mitglieder des Gemeinderates, selbst einige Ehrenjungfrauen wurden arg begossen; schreiend stob die Menge auseinander. Die Mitglieder der fremden Feuerwehren, soweit sie nicht von dem unangenehmen Ereignis mitbetroffen wurden, zeigten sich von dem Verlauf der Schauübung höchst befriedigt und versicherten dem Herrn Oberlehrer, niemals noch einer so gediegenen Produktion beigewohnt zu haben. Nach der Schauübung zerstreuten sich die Mannschaften in den verschiedenen Restaurants des Ortes, in denen sich bald ein höchst bewegtes Leben entwickelte. Der Bierkonsum steigerte sich ins Ungemessene, unzählige Verbrüderungen fanden statt, unzählige Hochs wurden ausgebracht, es schien, als ob der ganze Ort in einen allgemeinen Freudentaumel verfallen wäre. Schon am frühen Abend sah man Feuerwehrleute und Veteranen Arm in Arm durch die Straßen in einer Verfassung ziehen, die von der vormittägigen Strammheit wenig mehr erkennen ließ. Frau Pauline und Lise waren zu Hause geblieben. Von dem Ereignis des Vormittags war weiterhin nicht mehr die Rede gewesen. Lise war sehr schweigsam; man sah es ihr an, daß ihre Gedanken ganz wo anders weilten als bei den Dingen, von denen Tante sprach. »Also, was ist's?« fragte plötzlich Frau Pauline. »Begleiten wir nicht abends den Onkel und sehen uns die Tanzunterhaltung ein wenig an?« Das Fräulein teilte mit, daß es ihr weit lieber wäre, zu Hause zu bleiben. »Du bist ungeschickt, Lisel, du hast so etwas noch nie gesehen, und Onkel würde sicher die größte Freude haben!« »Wenn Onkel durchaus will, so geh ich schon mit!« »Der Tanz der Ehren Jungfrauen ... Du, das mußt dir anseh'n!« »Ja, wenn ich nur ein weißes Kleid hätte!« »Weißt Lisel, du ziehst dein Dirndlgewand an; wenigstens sehen die Ehrenjungfrauen, daß du durchaus nicht mit ihnen konkurrieren willst. Die kommen heute im Stadtputz, und du kommst als Bauernmädel.« Lises Antlitz wurde um eine Nuance freundlicher bei der Aussicht, heute zum erstenmal mit dem Dirndlgewand Staat machen zu können. Knapp vor sechs Uhr kam der Onkel nach Hause. Auch er hatte in passiver Weise an der Schauübung teilgenommen, und sein feiner Zylinder zeigte untrügliche Spuren der erhaltenen Taufe. »Diesen Esel, den Hofstädter Karl, haben sie mit dem einen Schlauch hinaufgeschickt«, erklärte er das Unglück. »Wenn der Kerl nur heruntergefallen wäre!« »Und wie du am Rücken ausschaust ...« sagte entsetzt Pauline. »Ja, er hat mich »auch von hinten erwischt«, bestätigte Onkel Gustav. »Ich habe sofort Unheil geahnt, als ich den Lackl hinaufsteigen sah. Natürlich, wie ich die erste Ladung erhielt, habe ich mich sofort umgedreht, um den Schauplatz zu verlassen, und so traf mich der zweite Strahl in den Rücken!« Er putzte leidenschaftlich an seinem Zylinder. »Das Spritzwasser enthält sehr viel erdige Bestandteile«, sagte er. »Gib her, Marie wird den Rock ausputzen!« sagte Frau Pauline. »Ja, ja ... denn ich muß ihn abends zum Kränzchen anziehen. Ihr müßt's mitkommen! Lisel – es wird dich aufheitern, du närrisches Mädel, du! Siehst du, man muß alles von der lustigen Seite anschauen. Ich war zuerst sehr indigniert, als mir der Wasserstrahl fast den Hut vom Kopf trieb, konnte mich aber nicht enthalten, laut aufzulachen, als der Herr Bürgermeister, seinen Zylinder mit beiden Händen festhaltend, davonlief. Auch der Herr Verwalter Lederer ist schlimm zum Teil gekommen; er sah lange Zeit nichts, da ihm das Wasser und der feine Sand direkt in die Augen kamen. Ich glaube, er muß sich noch abends seine Tränensäcke ausbaggern lassen, übrigens, wie schon oft gesagt, mein Lebensabend gestaltet sich recht ruhig und angenehm; statt in aller Stille meinen Kohl zu bauen, meng ich mich da unnötigerweise in alle möglichen Angelegenheiten, die mich im Grunde eigentlich gar nichts angehen!« Trotz dieser höchst weisen Erkenntnis bestand Thorn darauf, daß Pauline und Lise abends mit zur Tanzunterhaltung gingen. Selbst Marie und Kathi erhielten eine Extragratifikation, damit auch sie sich an dem Tanzvergnügen beteiligen könnten. Mit vieler Mühe ließ sich Fräulein Lise schließlich doch bewegen, mitzukommen. Marie und Kathi waren ganz außer sich, als sie in das Zimmer berufen wurden, um Lise als Dirndl zu bewundern. »A Engerl«, sagte Marie. »Fräulein san S' su schön!« meinte Kathi. »Donnerwetter«, sagte Onkel Thorn, als er zur Besichtigung geladen wurde. »Lisel, du bist wirklich ein Prachtmädel. Ja – woher hast du denn die Silberkette? Das ist nichts Gewöhnliches ... das ist ... man könnte beinahe sagen ... ein Altertum!« »Herr Breuer hat sie mir geschenkt, sie gehört zum Kostüm, es soll schon seine Urgroßmutter die Kette als Braut getragen haben!« »So, so ... aha ...« meinte trocken Herr Dr. Thorn. Dann aber siegte der Ethnograph und Kunstkenner in ihm. »Prachtvolle Arbeit ... stammt aus Oberösterreich ... siebzehntes Jahrhundert ...« sagte er. Um acht Uhr ward der Weg in das Vergnügungslokal angetreten. Das Eintreten Lises erweckte die gewohnte Sensation. Am Honoratiorentisch saßen die weltliche und geistliche Obrigkeit, der Herr Doktor, der Postmeister, der Stationsvorstand, der Oberlehrer, die Kommandanten der Feuerwehren, der Hauptmann des Veteranenkorps, kurz alle, die Anrecht auf hervorragende Behandlung hatten; neben dem Herrn Bürgermeister hatte sein Sohn Ulrich Platz genommen. Die Begrüßung war eine außerordentlich herzliche – Lise ward mit anerkennenden Worten geradezu überhäuft. Eine sonderbare Szene gab es, als sie den Herrn Bürgermeister begrüßte. »Sehr schön Fräulein ... daß Sie auch zu unserem Feste kommen ...« sagte er und schüttelte ihr wohlwollend, aber recht ausgiebig die feine Hand. »Hier mein Sohn Ulrich ...« stellte er dann vor. Ulrich war längst aufgestanden. »Guten Tag, Fräulein ...« sagte er. Sein Gesicht war bleich – die Stimme fast tonlos. Fräulein Lise knickste und reichte Herrn Ulrich schweigend die Hand. Wenigen am Tische war die Szene entgangen; alles sah verwundert auf die jungen Leute. Dr. Thorn bemühte sich krankhaft, die Aufmerksamkeit der Leute von den beiden abzulenken. Er sprach begeistert über den Festzug, über die Reden und lobte selbst die Schauübung, bei der ihm doch ein so unangenehmes Malheur passiert war. Seine Bemühungen blieben nicht ohne Erfolg, in wenigen Minuten war die Unterhaltung im Gange. Lise saß zwischen Frau Pauline und dem Herrn Verwalter Lederer; sie war sehr schweigsam. Lederer gab sich alle Mühe, das schöne Fräulein zu unterhalten, und zeigte wieder mit tönenden großen Worten, was für ein bedeutender, hochgesinnter Mann er sei. Er übte an der Schauübung eine vernichtende Kritik, die den Herrn Oberlehrer Dungl derart verärgerte, daß er im spitzen Ton fragte, warum er in seiner Rede auf einmal stecken geblieben sei. So wogte das Gespräch hin und her, mindestens die Hälfte der am Tisch sitzenden Personen sprach gleichzeitig. »Was ist das?« fragte Fräulein Lise. Ein sonderbares, dumpfes Geräusch war ihr aufgefallen, wie unterdrückter Gesang aus rauhen Bauernkehlen, vermengt mit Stampftritten und höchst unordentlichem Getön einer Musikkapelle. Es schien ihr, als ob die Decke über ihr erzittern würde. »Der Ball ist bereits im Gange«, sagte Lederer; »Fräulein werden sich doch das Fest ansehen! Wenn es angenehm ist, werde ich Sie hinaufführen!« Lise lehnte ab. »Fräulein haben mir einen Walzer versprochen«, sagte er dann, »Sie müssen Ihr Versprechen einlösen.« Eine Menge Leute kam in diesem Augenblick in den Saal herein, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, die roten, erhitzten Gesichter mit den Sacktüchern trocknend, junge und auch ältere Herren, alle sichtlich erschöpft von der Anstrengung des Tanzes. Verwundert sah Lise, wie die Herren ihre Damen zu den Tischen geleiteten und dort mit einer höchst ungelenken Verbeugung ihren Dank ausdrückten; die ungenierte, robuste Art des Verkehres amüsierte sie. Nach einer Weile vernahm man schrille Trompetentöne. Die anwesenden jungen Herren forderten a tempo ihre Schönen in mehr oder minder eleganter Art zum Tanze auf. Die jungen Damen kamen der galanten Aufforderung mit den verschiedensten Mienen nach; die einen senkten verschämt das Köpfchen und wagten gar nicht aufzusehen, die anderen taten, als wenn sie über eine solche Aufforderung höchst indigniert wären, die dritten nahmen die Sache mit gleichgültigen Mienen hin, als wenn diese Huldigung eine veraltete Selbstverständlichkeit sei. Herr Kommandant Lederer fuhr ebenfalls stramm salutierend in die Höhe, mit äußerst gewählten Worten bat er Lise um die hohe Gnade, mit ihr ein Tänzchen wagen zu dürfen. Lise lehnte errötend ab. »Verzeihen Sie, Herr Lederer, aber ...« sagte sie. Der abgewiesene Hauptmann machte ein sehr sonderbares Gesicht; in seinem Innern stritt der Schmerz wegen des verloren gegangenen angenehmen Vergnügens mit dem wegen der Abweisung verletzten Mannesstolz. »Aber Lise – wirst doch den Herrn Hauptmann nicht abweisen«, drängte der Onkel. »Aber Lise – tanz einen Walzer mit!« sagte Tante Pauline. Lise stand auf und reichte Herrn Lederer den Arm. Stolz wie ein König schritt er mit dem schönen Mädchen durch den Saal. Als Lise mit ihm bei Ulrich vorüberkam, sah sie, wie sich dieser erregt auf die Lippen biß. Am liebsten hätte sie den Arm des Herrn Hauptmannes losgelassen und wäre wieder zu ihrem Platz zurückgekehrt. Herr Dr. Thorn, Frau Pauline, ja selbst der Herr Bürgermeister gingen den beiden nach, um sich des lieblichen Schauspieles zu erfreuen, das die tanzende Lise bieten werde. Der Tanzsaal machte auf Lise einen etwas sonderbaren Eindruck. Der Raum war von einer dicken, schwülen, mit Tabak- und Lampenrauch gemengten Luft erfüllt. Auf einer Estrade standen sechs Musiker, zwei Geiger, ein Flötist, ein Trompeter, ein Baßgeiger und ein Mann mit einer großen Trommel, die er mit Wucht bearbeitete. Die Musik paßte zur Atmosphäre – sie war so unrein wie diese. Herr Hauptmann Lederer tanzte mit dem Aufgebote aller Grazie, die seinen alten Beinen noch abzuringen war. Thorn und Frau Pauline sahen entzückt auf das schöne Mädchen, das, ein heller Sonnenstrahl, durch den Raum schwebte. Auch der Förster, der Herr Bürgermeister, der Herr Doktor, der Herr Stationsvorstand gaben unverhohlen ihrer Bewunderung Ausdruck. Als der Herr Hauptmann Lederer das schöne Mädchen mit einer eleganten Verbeugung zu Dr. Thorn, der mit Frau Pauline und den anderen Herren am Saaleingang stand, zurückführte, trat sofort der unverheiratete Herr Stationsvorstand vor, um sich ebenfalls die Gnade eines Tänzchens mit Fräulein Lise zu erbitten. Aber auch der Herr Förster und der Herr Doktor erhoben gleichartige Ansprüche. »Na, Lisel, um dich geht's zu!« meinte erfreut Herr Dr. Thorn. Schon wollte Lise mit dem Herrn Stationsvorstand zum Tanz antreten, als ihr Blick auf das totenbleiche Antlitz Ulrichs fiel, der in der halbdunklen Ecke bei der Tür stand. Unwillkürlich ließ sie den Arm des Stationsvorstandes los und trat einen Schritt auf Ulrich zu. »Nein – nein – tanzen Sie nur, Fräulein«, sagte er in übermächtiger Bewegung. »Wie sehen Sie aus – Sie sind ja totenbleich«, sagte erschrocken Elise. »Ach nein – es ist nichts – tanzen Sie nur! Nehmen Sie keine Rücksicht auf mich!« »Aber Lise – Lise!« sagte tiefbekümmert Frau Pauline. »Ulrich – was hast denn?« fragte der Herr Bürgermeister. »Du wirst doch nicht ...« Dr. Thorn war sprachlos, die anderen Herren sahen sich mit sonderbaren Blicken an. Es war gut, daß in diesem Moment die Musik aussetzte. Während des wütenden Klatschens, das sich jetzt erhob, verließen die Herren den Saal. Pauline führte die Nichte hinab. »Wir gehen nach Hause, es ist das beste«, sagte Frau Pauline zu ihrem Bruder. Unter allseitigem Bedauern nahmen die beiden Damen Abschied. »Es braucht sich so ein Pfaff nur wo einzudrängen«, knurrte Herr Lederer, »gleich ist das Unglück fertig.« Er begleitete die Damen bis auf die Straße hinaus. Auch der Förster, der Doktor, der Stationsvorstand und der Herr Postmeister beteiligten sich an dem Ehrengeleite. Im Saale wurden die Herren noch eine Weile von einem jungen Landmann, der schon diverse Viertel hinter die Binde gegossen hatte, aufgehalten. Er bestand hartnäckig darauf, mit Lise zu tanzen. Den sanften Ermahnungen Dr. Thorns und der anderen Herren gab er kein Gehör. Der Hausknecht führte ihn dann mit dem Versprechen, ein nächstesmal dürfe er mit Fräulein Lise tanzen, gewaltsam aus dem Saale hinaus. Marie und Kathi hatten sich auch recht lebhaft am Tanzvergnügen beteiligt. Als sie hörten, daß ihre Herrschaften das Fest zu verlassen im Begriffe seien, wollten auch sie zum Leidwesen ihrer Tänzer sich anschließen, erhielten aber die Erlaubnis, hier zu bleiben, von der sie auch nach einiger gutgespielter Weigerung dankbar Gebrauch machten. Dr. Thorn begleitete die Damen bis zum Hause, sperrte auf, machte Licht und ging dann wieder zum Festplatz zurück, über die Affäre sprach er kein Wort. Auch Frau Pauline unterließ es, über die Sache ein Wort zu verlieren. Sie half Lise beim Auskleiden, sprach noch einige Worte der Bewunderung über das herrliche alte Silberhalsband und wünschte schließlich dem unglücklichen Fräulein »Gute Nacht«. Während sich Frau Pauline anschickte, selbst zu Bette zu gehen, hörte sie aus Lises Schlafgemach unterdrücktes Schluchzen klingen. Sie ging hinüber und fand Lise bitterlich weinend auf dem Bett sitzend. »Aber, du armes Kind«, rief sie erschrocken aus, »was hast du denn? Kind, du machst uns wirklich schwere Sorgen!« Lise umschlang den Hals der Tante mit beiden Armen Und drückte ihr Köpfchen an ihre Brust. »Tante, ich kann nicht anders«, sagte sie weinend. »Ich muß immer und immer an ihn denken.« Tante Pauline ließ sie ruhig gewähren. Durch ihre Seele zogen die Bilder langst vergangener Tage, jener so süßen und so wehen Zeit, da auch einst ihr junges Herz von den Qualen erster Liebe erfüllt wurde. »Ich glaub, Kind, es wird am besten sein, du fährst wieder heim«, sagte sie dann. »Daheim wirst du wieder ruhig werden. Lise faßte sie mit beiden Händen. Wild aufschluchzend bat sie: »Tante, Tante, bitte, schick mich nicht fort! Ich hab ja daheim niemand, mit dem ich reden kann; laßt mich doch bei euch!« Und sie weinte, daß es Steine erbarmen hätte können. Tante Pauline redete ihr zu, so gut sie es vermochte. Endlich versiegten allmählich die Tränen der Nichte. Sie schlief ein. Tante Pauline horchte bis ihre Atemzüge ruhig und gleichmäßig geworden waren, dann löschte sie die Lampe aus und verließ leise das Zimmer. Sie konnte lange nicht zur Ruhe kommen. Es war aber nicht der Seelenschmerz der Nichte allein, der ihr den Schlaf raubte, die Straße war heute so unruhig wie noch nie. Das schöne Fest war eben im Ausklingen – ganze Banden von Burschen durchzogen johlend und singend die Straße, Gruppen von Männern ständen beisammen und unterhielten sich äußerst geräuschvoll über die Vorgänge des heutigen Tages oder besprachen erregt Angelegenheiten, durch die sie einst in Differenzen geraten waren, im Rausch den alten Zwist erneuernd. Gegen drei Uhr morgens kam Herr Dr. Thorn nach Hause. Pauline erwachte durch ein ungewöhnliches Geräusch an der Haustür, das daher rührte, daß der Hausherr lange nicht ins Schlüsselloch finden konnte. Dann vernahm sie die Stimme des Herrn Hauptmannes Lederer; hierauf knarrte der Schlüssel im Schloß, und im Hausflur wurden noch mehrere Stimmen laut. Schließlich klopfte es ganz leise an die Tür des Schlafzimmers. »Sei nicht böse, Pauline, aber ich finde die Schlüssel zur Kredenz nicht. Es sind hier einige gute Freunde, denen ich mit einem Glas Kognak aufwarten möchte«, bat flehentlich Herr Dr. Thorn. Pauline reichte ihm die Schlüssel hinaus. »Machts keinen Lärm; Lise ist eben eingeschlafen; vorher hat sie furchtbar geweint.« »Ich muß dir dann auch noch etwas erzählen. Es ist Furchtbares vorgefallen«, flüsterte er. »Morgen, Gustav, morgen, denn heute ist wirklich keine Zeit mehr dazu.« Tante Pauline hörte noch eine Weile dumpfes Stimmengewirr und Gläserklingen herüber und schlief dann todmüde ein. Elftes Kapitel Es war ein trüber, grauer Regentag, an dem sie erwachten. Marie und Kathi zeigten höchst sorgenvolle Mienen, was davon herrührte, daß sie beide einen beträchtlichen Katzenjammer hatten. Die Hausfrau gab jeder ein Aspirinpulver. Pauline und Lise hatten längst ihren Morgenkaffee getrunken, als auch Herr Dr. Thorn zum Frühstück erschien. Auch er zeigte eine höchst sorgenvolle Miene und erkundigte sich sofort sehr angelegentlich, ob nicht Aspirin zu Hause wäre. »Ich muß mir gestern den Magen verdorben haben«, sagte er mit grämlicher Miene. »Das glaube ich auch«, pflichtete Frau Pauline bei. »In der Kognakflasche war heute nicht ein Tropfen mehr!« »Der Verwalter und der Förster haben den Kognak getrunken«, verteidigte sich der Haushaltungsvorstand. »Und du hast keinen getrunken?« »Nein... vielleicht zwei Gläschen!« Er sagte dies so komisch, daß die bleiche Lise das Lachen nicht unterdrücken konnte. »Du solltest übrigens auch einen Kognak trinken, Lise«, sagte er darauf, »du schaust auch nicht gut aus.« »Ich glaub, der Kognak dürfte bei ihrem Leiden nicht viel helfen«, meinte Frau Pauline. »Es ist noch recht hübsch zugegangen. Das Fest schloß mit einer solennen Keilerei. Die zwei Feuerwehrleute, die sich beim Festzug um Lises Kranz gerauft hatten, haben einen Streit angefangen. Ihre Kollegen haben natürlich Partei ergriffen. Mehr als ein Dutzend Gläser und zwei Lampen sind darauf gegangen. Der Bürgermeister wollte den Streit schlichten, worauf ihm der Lackner Karl, der schon sternhagelvoll besoffen war, eine halbe Torte an den Kopf geworfen hat, daß sein Gesicht ganz mit Obersschaum verklebt war. Er hätte sich sofort rasieren lassen können, so eingeseift sah er aus. Es ist ein recht gemütlicher Lebensabend. »Na... und wie ging die Sache aus?« fragte Pauline. »Der Hausknecht hat die beiden Kerle hinausgefuhrwerkt.« Der Tag stimmte so recht zu dem allgemeinen Katzenjammer, den das Fest hinterließ. Der Sturm trieb den Regen prasselnd an die Scheiben und rüttelte wütend an den Fensterrahmen. Dr. Thorn verbrachte den ganzen Vormittag mit der Behandlung seines ausgedehnten Katzenjammers. Zu Mittag stattete der Doktor der Familie einen Besuch ab. »Aspirin gefällig?« fragte lächelnd der Heilkünstler den Hausherrn. »Danke, bereits in mir«, knurrte Dr. Thorn. »Wissen die Herrschaften bereits das Neueste? Großer Zwist im Hause des Bürgermeisters. Es soll eine höchst ernsthafte Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Sohne gegeben haben. Unverbürgten Nachrichten zufolge, soll Herrn Ulrich das Vaterhaus verboten worden sein...« »Ja, warum?« fragte entsetzt Pauline. »Er soll erklärt haben, nicht Geistlicher werden zu wollen. Ich traf ihn heute früh im Bahnhof. Er fuhr nach St. Polten. Gut, daß ich mich erinnere, Fräulein Lise, er läßt sie – natürlich vieltausendmal – grüßen.« Lise saß starr auf ihrem Sitz... »Aber, Herr Doktor!« rief vorwurfsvoll Tante Pauline aus. Der Vormittagsbesuch des Herrn Doktors endete recht ungemütlich. »Wenn ich das geahnt hätte... Herrgott, ich hätt mir am liebsten eine aufs Maul gegeben«, waren seine Abschiedsworte, als er dem Hausherrn die Hand schüttelte. Zwölftes Kapitel Der Winter war gekommen und mit ihm wieder stillere, daher gemütlichere Tage. Herr Dr. Thorn war wieder ganz Museumsdirektor. Wenn der Sturm die Schneeflocken wirbelnd ans Fenster trieb und im weißen Tonofen lustig das Feuer brannte, dann saß er behaglich bei seinen prähistorischen Schätzen, die ein günstiger Zufall noch um ein prächtiges Stück, den vollständigen Unterkiefer eines Höhlenbären, vermehrt hatte. Der Herr Förster war gerade dazugekommen, als das Wertobjekt von einem Arbeiter aus der Lehmgrube, in der er es ausgegraben hatte, mißmutig hinausgefeuert wurde. Die Riesendimensionen der Knochen waren ihm aufgefallen; er hatte sofort erkannt, daß solches Gebein keinem derzeitigen Wildbret angehöre, und hatte den Arbeiter beauftragt, sämtliche Knochen, die er noch auffinden werde, dem Dr. Thorn zu bringen, der ihm einen ausgiebigen Finderlohn bezahlen werde. Der Arbeiter hatte erst mißtrauisch den Kopf geschüttelt, denn der Förster war als Spaßvogel weit und breit bekannt und unterhielt sich gern auf Kosten anderer Leute. Als ihm aber der Förster eine Krone gab, kam es ihm in den Sinn, daß diesmal nicht er, sondern wohl der Dr. Thorn das Opfer sein sollte, und als ihm der Herr Förster noch eine Karte mitgab, mit der er sich selbst als den Absender bekannte, schwanden alle seine Bedenken; er packte alles zusammen auf seinen Schiebkarren, um es auftragsgemäß zu Dr. Thorn zu führen. Als aber die schwarzbraunen, häßlichen Knochen im Haufen auf dem Karren lagen, erfaßten ihn starke Zweifel, und er sprach die Vermutung aus, daß ihn der Doktor wohl hinauswerfen werde, wenn er mit seiner Fuhre anlange. Dem Förster blieb nichts anderes übrig, als die prähistorische Fracht zu begleiten. Der Herr Doktor war ganz närrisch vor Freude, als er die mächtigen Knochen sah. Unter Assistenz des Herrn Försters wurden die Knochen mit großer Sorgfalt in das Haus getragen und auf dem großen Tisch im Museum niedergelegt. Der Lehmgräber war ganz außer sich vor Erstaunen, als man ihm zumutete, all den Schmutz und das ganze greuliche Gebein in dem Zimmer unterzubringen. Als die Fracht geborgen war, überreichte ihm der Doktor einen funkelnagelneuen Zwanzigkronenschein zur Belohnung seiner die Wissenschaft in so hohem Maße unterstützenden Tätigkeit. Verwundert hielt er lange Zeit die Banknote in der Hand, und es bedurfte einer höchst energischen Ansprache seitens des Försters, daß er sie endlich in einer Tasche seines alten, löcherigen Rockes verwahrte. Er bedankte sich höflich, ging kopfschüttelnd zu seinem Schiebkarren und fuhr davon. »Was sich der jetzt von uns denkt, sind lauter Ehrenbeleidigungen«, sagte der Förster, »der hält uns beide für ausgemachte Narren.« Dieser Fund war seit langer Zeit die erste Freude, die dem Dr. Thorn bereitet wurde. Sein Lebensabend hatte sich in den letzten Wochen durchaus nicht so freundlich, gestaltet, als er sich's einst erhofft hatte. Gleich nach der Abreise der Nichte war von seinem Bruder ein Brief angekommen, in dem sich dieser in sehr ironischer Weise für alles Gute und Liebe, das seiner armen Tochter bei ihm widerfahren war, bedankte. In harten Worten sprach er den Entschluß aus, keinem seiner Kinder jemals mehr zu erlauben, den Onkel zu besuchen. Sein Sohn sei mit Mühe und Not mehreren Lebensgefahren entronnen, die Tochter sei seelisch zerrüttet zurückgekommen und gehe nur mit verweintem Gesicht umher. »Der Himmel möge an Dir strafen«, schloß der Brief, »was Du mir angetan hast. Du hast mir sogar die Herzen meiner Kinder entfremdet. Denn trotz alldem, was ihnen bei Dir geschehen ist, reden sie den ganzen Tag von nichts anderem als von Dir, und haben keinen anderen Wunsch, als zu Dir zu fahren. Merke Dir's – Du bist mein Bruder gewesen; von nun an bist Du für mich tot und vergessen!« »Sehr hübsch«, sagte Dr. Thorn, nachdem er den Brief gelesen hatte. »Er hat übrigens gar nicht so Unrecht. Die Kinder haben entschieden Pech, wenn sie zu mir kommen. Eugen wird erst von hinten aufgespießt und fällt dann ins Wasser. Lisel verliert hier sogar ihr Herz, ist also noch viel schlechter daran als Eugen,« bei dem nur ein weit weniger edler Teil verletzt wurde.« Mit der nächsten Post kamen zwei weitere Briefe an, einer von Lise, der andere von Eugen. Beide Briefe hatten annähernd den gleichen Inhalt. Die Kinder baten in aufgeregten Worten, den Brief ihres Erzeugers nicht ernst zu nehmen und ihnen nicht böse zu sein und vielleicht gar sein Haus zu verschließen. Der Brief des frechen Eugen war sogar mit einem Zitat aus dem Evangelium geschmückt: »Onkel, vergib ihm, denn er weiß nicht was er tut!« – Thorn mußte auflachen. »So ein Lausbub, aufs Maul gefallen ist er nicht!« sagte er befriedigt. »Mich dauern die Kinder, die werden glauben, du bist böse auf sie; da muß etwas geschehen«, sagte Pauline. »Wenn ich ihnen einen Brief schreibe, so ist der Bruder imstande und gibt ihnen diesen nicht einmal. Halt, ich hab's; ich schreib der Lisel in die Bank hinein!« Und er führte den schönen Vorsatz sofort aus: »Liebe Lisel und lieber Eugen! Ihr braucht Euch gar nicht zu fürchten, daß ich böse auf Euch bin. Es kann ja niemand etwas dafür, daß Euch all dies Unglück passiert ist. Es wird wieder alles gut werden. Ich kenne Euren Vater bekanntlich weit länger, als Ihr ihn kennt. Er ist weit besser als seine Worte. ›Es wird sich schon wieder setzen‹, hat mein gottseliger Großvater, der Euer Urgroßvater ist, immer gesagt, wenn etwas Unangenehmes passiert ist. Sagt Euch dieses altertümliche Wort auch öfters vor, es ist ein gutes Arkanum gegen Ärger und wirkt ungemein beruhigend auf das Gemüt. Mein Haus steht Euch jederzeit offen, und ich ahne, daß Ihr wohl weit früher wieder durch seine Pforten schreiten werdet, als Ihr heute glaubt. Seid's nur recht brav! Tante läßt Euch schön grüßen. Ich will nicht Öl ins Feuer gießen und sende daher meinem geliebten Bruder, Eurem Vater, keinen Gruß. Euer Euch höchst wohlgewogener Onkel                                    Dr. Gustav Thorn. NB. Eugen soll nicht so frech sein und nicht die Worte des heiligen Evangeliums in solcher Weise anwenden, wie er es in seinem Brief getan hat.« * Die Antwort auf das Schreiben des Onkels erfolgte umgehend. Zwei Jubelbriefe der Kinder langten ein, in denen wieder übereinstimmend Onkel Gustav als weitaus der beste, herrlichste Mensch gepriesen wurde, der derzeit durch dieses irdische Jammertal wandle. Eugen teilte mit, daß er bereits einer der hervorragendsten Gelehrten seiner Klasse sei und ihm bei der letzten Zensur ein fulminantes Lob ausgesprochen wurde. Gleichzeitig erinnerte er schüchtern den Onkel an das versprochene Jagdgewehr. Lises Brief war, ihrem Seelenzustand entsprechend, Grau in Grau gefärbt. Im ersten Teil sprach sie die Sehnsucht aus, recht bald auf irgendeine passende Weise dieses Jammertal zu verlassen, im zweiten Teil teilte sie mit, daß sie es gar nicht erwarten könne, wieder zum Onkel zu kommen. »Es waren doch himmlisch schöne Tage, die ich bei Dir verbrachte!« »O du Veronika!« brummte der Herr Onkel vor sich hin. »Mich strudelt sie da an und den Herrn Ulrich meint sie!« Aber er war doch herzlich erfreut über die beiden Briefe. »Weißt du«, sagte er zu Pauline, »daß mich die zwei Briefe eigentlich recht wehmütig stimmen! Wie ich jetzt sehe, hätte ich vielleicht recht viel Glück gehabt als Pater familias. Mir ist das Glück versagt geblieben.« »Als Familienvater härtest du Glück gehabt?« fragte zweifelnd Frau Pauline. »Du? Als Familienvater! Wo du nur hin denkst!« »Warum denn nicht?« fragte er erstaunt. »Du hättest mit dem dir eigenen Übermaß von Güte und Liebe all deine Kinder verzogen!« »Auch möglich!« sagte kurz Herr Gustav und ging hinüber in das Museum. Auch das Glück des Stammtisches war in sehr erheblicher Weise gestört. Der Herr Bürgermeister war seit dem schönen Feste dem Tische ferngeblieben. Auf verschiedene Anfragen ob der Ursachen dieser Vernachlässigung hatte er stets sehr ausweichend geantwortet. Er ließ nur durchblicken, daß es jetzt im Orte Leute gebe, die nichts anderes im Sinne hätten, als den Frieden in alten erbgesessenen Familien zu stören. Man könne es ihm als Vater nicht verargen, daß er einen Tisch meide, an dem ein Mann sitze, der den Zwist in sein Haus getragen habe. »Laßt's 'n gehn, den narrischen Toni«, hatte der Förster gesagt, als diese Nachricht am Tische besprochen wurde. »Es wird sich schon wieder setzen«, sagte Dr. Thorn mit den Worten seines Großvaters. Er dachte nämlich nicht im entferntesten daran, daß der Herr Bürgermeister mit der den Haus- und Familienfrieden störenden Persönlichkeit vielleicht gar ihn gemeint haben könne. Er hatte den Doktor im Verdacht, der es bei keiner Gelegenheit unterlassen konnte, die weltliche Obrigkeit bloßzustellen. Im Orte hielt sich hartnäckig das Gerücht, daß der Sohn des Herrn Bürgermeisters, wie der rauhe Forstmann sagte, aus der Kutte springen wolle. Dieses Gerücht erhielt eine Nahrung, als kurz vor Weihnachten Herr Ulrich im Orte erschien. Herr Dr. Thorn saß eben im Museum und war eifrig mit dem Präparieren des Schädels des Höhlenbären beschäftigt: da wurde ihm der Besuch des Herrn Kirchmaier junior gemeldet. »Herr Ulrich?« fragte er erstaunt. »Ja, ja«, sagte Frau Pauline, »er sieht sehr schlecht aus.« »Warum führst du ihn denn nicht gleich herein?« fragte Gustav. Pauline verschwand und erschien in wenigen Sekunden mit dem jungen Herrn. »Bitte, Herr Doktor, hätten Sie einige Augenblicke Zeit für mich?« fragte er. Frau Pauline verschwand respektvollst, als sie die ernsten Worte vernahm. »Bitte, nur Platz zu nehmen!« Dr. Thorn rückte dem Gast einen Sessel hin. »Fräulein Lise ist ja längst nicht mehr da«, begann er, »und so habe ich mir die Freiheit genommen, wieder Ihr Haus aufzusuchen.« »Sie scheinen noch immer böse auf mich zu sein, Herr Ulrich.« »Herr Doktor, ich war nie Löse ... ich hab es ja eingesehen, daß Sie damals vollkommen recht hatten. Ich bin gekommen, mir in meiner jetzigen recht schweren Lebenslage Ihren Rat zu erbitten. Ich habe bereits alle Schritte unternommen, um aus dem Priesterhaus auszutreten.« »Pardon, Herr Ulrich, wie komme ich dazu, Ihnen in dieser Sache einen Rat zu erteilen. Da würde ich direkt einen Keil zwischen Sie und Ihren Vater treiben, das kann ich, das darf ich nicht tun!« Ulrich sah schweigend vor sich hin. »Ich habe auf Ihre Güte, auf Ihr Wohlwollen gerechnet«, sagte er, »ich will Sie nicht zum Gesandten an den Vater erbitten, die Sache mache ich schon allein aus. Heute teile ich ihm meinen unabänderlichen Entschluß mit. Etwas anderes ist es, das ich mir von Ihnen erbitte. Ich gedenke die Laufbahn des Beamten einzuschlagen und habe gehört, daß Sie von Ihrer eigenen Amtstätigkeit her noch großen Einfluß in den Kreisen der höheren Beamtenschaft besitzen. Man hat mir gesagt, ein gutes Wort, das Sie für mich einlegen, würde es mir sehr erleichtern, den neuen Lebensweg einzuschlagen, den Weg hinaus in die Freiheit, den Weg zum eigenen Leben. Und um dieses Wort Sie zu bitten, Herr Doktor, bin ich hergekommen.« »Sie stellen mir eine schwere Aufgabe, ich kenne wohl viele Leute, die Ihnen auf mein Wort hin in der gewünschten Weise behilflich sein würden, aber es ist mir jetzt eine Unmöglichkeit, Ihnen eine Zusage zu machen. Sagen Sie mir, wie sind Sie überhaupt auf den Gedanken gekommen sich gerade an mich zu wenden?« »Das weiß ich fast selbst nicht«, sagte verlegen Ulrich, »es war mir zumute, als müßte ich gerade zu dem kommen, in dessen Haus ich den Mut zum Glück gefunden habe.« Thorn sah in seiner gewohnten Art lange schweigend vor sich hin. »Wenn ich das gewußt hätte, daß dieses Mädel mir solche Ungelegenheiten bereiten würde, ich hätte die Krabbe wirklich, nicht eingeladen«, sagte er und schüttelte kummervoll sein weises Haupt. »Da ist doch Fräulein Lise nicht schuld daran«, erwiderte eifrig Herr Ulrich. »Den Gedanken, dem mir aufgezwungenen Beruf zu entrinnen, trug ich längst in mir: es zu tun, dazu fand ich erst den Mut, als ich Ihre Nichte kennenlernte!« »Wenn Sie dann Hofrat geworden sind, werden Sie Lise heiraten – selbstverständlich – das scheint mir in der ganzen Affäre die Hauptsache zu sein!« Herr Ulrich zeigte in diesem Moment wieder die bekannte, gesunde Gesichtsfarbe. »Ich will sie sogar etwas früher heiraten, will aber mein Bestes daransetzen, sie früher oder später zur Frau Hofrätin zu machen«, sagte er dann. »Aber das ist ja eine Sache, an die heute noch gar nicht zu denken ist.« Nachdem Herr Dr. Thorn einen längeren Spaziergang in der Museumshalle gemacht hatte, blieb er plötzlich vor Ulrich stehen. »Heute kann ich Ihnen, junger Freund, in der besprochenen Angelegenheit gar nichts sagen. Erst wenn Sie mit Ihrem Herrn Vater sich endgültig darüber auseinandergesetzt haben, können Sie zu mir kommen. Und dann ist es auch noch recht ungewiß, ob das, was ich für Sie unternehmen werde, irgendeinen Erfolg haben wird! ... Und dann, wovon wollen Sie leben – in den ersten Jahren Ihrer Anstellung bekommen Sie ja keinen Kreuzer Gehalt – der Staat macht's eben nicht billiger –, was tun Sie, wenn Ihnen Ihr Herr Vater allen Zuschuß entzieht?« »Von meiner Mutter her besitze ich einige tausend Kronen; ich hoffe, sie werden mir für die Zeit genügen!« »Also gut, mein verehrter junger Herr. Trachten Sie zuerst so gut als möglich mit Ihrem Herrn Vater auseinander zu kommen, früher rühre ich keine Hand! Und eines bitte ich mir noch aus: Sie dürfen unter keiner Bedingung Ihrem Herrn Vater gegenüber erwähnen, daß Sie an mir eine Stütze finden würden. Erst, wenn Sie das alles geordnet haben, dürfen Sie wieder zu mir kommen! Wann soll die Auseinandersetzung zwischen Ihnen beiden stattfinden?« »Noch heute abends! Ich habe vorher noch einen Weg, der mir recht schwer fällt, den Weg zum Herrn Pfarrer. Als ich. noch ins Gymnasium ging, hat er sich redlich mit mir Mühe gegeben, und wenn ich in den klassischen Sprachen, wie meine Lehrer behaupteten, Ausgezeichnetes geleistet habe, so ist dies zum großen Teil auch sein Verdienst, ich erachte es als meine Pflicht, auch ihn von meinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen!« »Richtig, sehr richtig«, bestätigte Herr Dr. Thorn, »er wird Ihnen auch ein besserer Gewissensrat sein, als ich es kann!« Herr Ulrich ging. Als Frau Pauline hörte, wie er sich im Flur von dem Bruder empfahl, kam sie heraus, um sich! mit einigen liebenswürdigen, aber recht respektablen Worten von dem jungen Herrn zu empfehlen. »Das wird einmal ein hübscher Pfarrer werden«, sagte sie, als Herr Ulrich das Haus verlassen hatte. »Glaub' nicht«, meinte kurz Herr Dr. Thorn und ging in sein geliebtes Museum. »Nette Geschichten das«, brummte er vor sich hin. »Da wird noch eine schöne Pastete daraus werden. Lisel, Lisel, was hast du mir angetan!« Der Herr Pfarrer war sehr erstaunt, als Herr Ulrich sein Zimmer betrat. »Das ist etwas Seltsames, Ulrich«, sagte freundlich der alte Herr. »Schön, daß Sie Ihren alten Lehrer nicht vergessen!« »Ich sollte Sie vergessen, Herr Pfarrer ... meinen einstigen Lehrer? Ich komm zu Ihnen, so wie damals, da ich noch ein grüner Junge war«, sagte Ulrich. »Auch gut, werde sofort meinen alten Cicero heraussuchen, Ulrich.« »Nein, Herr Pfarrer, heute brauch ich eine andere Unterweisung.« »Ich kann auch mit Griechisch dienen, lesen wir einen Gesang aus der Odyssee; sehr passend wäre die Heimkehr des Helden Ulysses nach Ithaka«, schlug der joviale alte Herr vor. Die ausgezeichnete Stimmung des alten, gütigen Herrn berührte Ulrich äußerst peinlich; sie schien ihm eine höchst unpassende Einleitung zu der nachfolgenden ernsthaften Szene zu sein. »Herr Pfarrer, die Erinnerung an jene Stunden, da Sie sich mit mir dummen Jungen immer in den Ferien abmühten, ist mir jetzt recht, recht peinlich!« »So, so? ... Ah ... warum denn?« »Ich stehe heut als Undankbarer vor Ihnen«, sagte Ulrich. »So? Ja ... was soll das heißen ... was meinen Sie damit, mein Bester?« »Herr Pfarrer ... seien Sie mir nicht böse ... aber ich kann nicht anders ... ich kann nicht Priester werden. Bevor ich den letzten entscheidenden Schritt tue, mußte ich zu Ihnen kommen! ...« Der Pfarrer sah dem Jüngling lange in das schmerzbewegte Antlitz. »Also, du kommst zu mir ... mein Junge ... als Undankbarer! Du entschuldigst; aber wenn man jemand ordentlich seine Meinung sagen will, so geht das mit dem Du-Wort entschieden leichter. Aber vorerst eine Frage: Glaubst du mir damit eine Neuigkeit mitzuteilen?« Ulrich sah verwundert auf den alten Herrn. »Das hab ich längst kommen sehen. Sag mir, Ulrich, nur eines vorher, bevor wir weiterreden. Hand aufs Herz, hab ich dich jemals gedrängt, Priester zu werden?« »Nein, Herr Pfarrer ... niemals ... niemals! Einzig und allein der Vater war's!« »Dann ist's recht ...! Und warum kommst du gerade zu mir, Ulrich ... Hast du es dem Vater bereits gesagt?« »Heut sag ich's ihm ... ich weiß ... er wird mich wieder hinausjagen wie damals ... aber, Herr Pfarrer, ich kann nicht anders ... Aber ich mußte zu Ihnen kommen ... Hundert- und hundertmal hab ich mir die Frage vorgelegt, ob das auch recht ist, was ich nun tue, und ich hab nur eine Antwort auf all diese Fragen gehabt: ... ja ... ja ... denn du hast ein Recht auf dich selbst ... Ich bitte, Herr Pfarrer, ich bitte meinen Lehrer um ein gütiges Wort ... um trostreichen Zuspruch in meiner argen Herzensnot.« Der alte Herr saß beim Tische und sah zum Fenster hinaus. Noch immer trieb der Sturm wirbelnd die weißen Flocken ans Fenster, und in dem großen Kachelofen in der Ecke knackten die Fichtenscheite, sang und pfiff der wilde Wintersturm. Draußen Schnee und Eiswinter überall, und da hier ein junges Menschenherz, das der Frühlings stürm des Lebens durchtobte. Und in dem Summen und Träumen, das ihn erfüllte, fiel ihm eine Geschichte aus der eigenen, so lange vergangenen Jugendzeit ein. Und wie aus weiter, ewigweiter Ferne stieg ein schönes, einst so heiß geliebtes Bild vor ihm empor. und er erinnerte sich an die tausend und abertausend Tränen, die er in jener schweren Zeit geweint, und an die große, feierliche Stunde seiner ersten Messe, da sie mit Lichterglanz, angetan mit goldschimmernden Gewändern, und unter Pauken- und Trompetenschall seine erste und einzige Liebe begruben. »Ulrich«, sagte er aufstehend, und seine Stimme klang so sonderbar weich, es war als ob der alte Herr mühsam kämpfe, mächtig hervordrängende Tränen zurückzuhalten, »ich bin mir selber unklar, was ich dir da raten soll. Aber ich meine selbst, es ist besser für dich und für deinen Beruf, wenn du zur rechten Zeit gehst, eh' dich seine Fesseln untrennbar binden. Es kann der Fall sein, daß du dein ganzes Lebensglück dahingibst, um vielleicht ein schlechter Priester zu werden. Gottes Wege sind viel verschlungen, vielleicht ist dein überquellendes Gefühl ein Wegweiser, den dir der Hebe Gott ins Herz gestellt hat, damit du zur rechten Zeit noch den Weg hinaus zu dem Glück findest, das du suchst, und das vielleicht von Gott dir vom Anbeginn bereitet ist.« Er reichte Ulrich die Hände hin. »Dank, tausend Dank«, sagte Ulrich und bedeckte die beiden alten feinen Hände mit vielen Küssen. »Und wenn dein Herr Vater allzusehr zu toben anfängt, dann werde ich mit ihm reden«, tröstete der alte gütige Herr. Ulrich wollte Abschied nehmen, er brachte kein Wort hervor. »Nur ruhig, ruhig, Ulrich«, sagte der Herr Pfarrer. »Wenn du auch just kein Priester wirst, so vertraue doch allerwege auf Gott, der dich zu deinem Besten leiten und führen wird.« Es lag eine wunderbare Milde und Güte in den Worten des alten Herrn. »Jetzt mußt du aber noch ein Viertelstündchen dableiben, Ulrich, mit diesem Gesiebt kannst du nicht fortgehen; du siebst ja aus wie ein Gymnasiast, der bei der Prüfung durchgefallen ist und der nun die schrecklichsten Selbstmordideen hat.« Er ging zur Kredenz und entnahm dem alten Kasten eine Flasche nebst zwei sehr fein geschliffenen Gläschen. »Es ist eine ausgezeichnete Herzstärkung, Ulrich, ich gebrauche sie auch dann und wann. Uralter Kognak, ein Geschenk, mit dem ein alter und sehr vermögender Herr, nämlich dein verehrter Herr Papa, mir zu meinem Namenstag seine Anerkennung für mein hierörtliches Wirken ausdrückte. Trinke, Ulrich!« Ulrich trank. »Du wirst einen schweren, harten Kampf mit deinem Vater bestehen müssen; bedenke aber mein Junge auch bei seinen härtesten Worten, daß er ja doch dein Vater ist, und daß du ihm eine Freude, vielleicht seine schönste Lebenshoffnung zerstörst, wenn du nicht Priester wirst!« Der Herr Pfarrer versorgte die Kognakflasche im Schranke. In diesem Moment erschütterte ein arger Windstoß fast das ganze Haus. Der Pfarrer trat zum Fenster, die Flocken wirbelten so dicht draußen im Garten, daß man nicht drei Schritte weit sehen konnte. »Na, heut geht's wild zu«, sagte er, »Sturm, draußen und Sturm im Herzen ... nicht wahr Ulrich? Aber weißt du, Junge, was mir eingefallen ist? Wenn der Frühling gekommen sein wird, und im hellen Sonnenschein alles hier blüht und grünt, so werden wir es uns gar nicht vorstellen können, daß es vor wenigen Monaten da so wild zugegangen ist! Und wir werden fröhlich im Herzen durch die Wege des Gartens gehen und uns freuen, wenn der Kirschbaum seine weißen Blüten uns auf Kopf und Schultern fallen läßt. Merk dir's, Ulrich, im Menschenlehen und in der Natur da draußen gilt das gleiche Gesetz. Es muß erst Winter werden, ehe der Frühling kommen kann. Und so ein rechter Herzensfrühling kann auch nur gedeihen, wenn vorher wilde Stürme übers Herz gegangen sind!« Es war eine wunderbar milde, eindringliche Predigt, die der alte Herr Pfarrer hielt. Ulrich stand auf und küßte wie in den jungen Tagen dem alten Herrn die Hand. »Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer«, sagte Ulrich, »wollte Gott, ich könnte zu meinem Vater so kommen, wie ich zu Ihnen gekommen bin, und dann von ihm so gehen, getröstet und voll froher Zuversicht, wie ich jetzt von Ihnen gehe!« Der Pfarrer begleitete ihn bis vor das Haustor hinaus. »Also sei gescheit, denk immer, er ist dein Vater, den du ehren mußt nach Gottes Gebot, und wenn du hinaus gehst in das Leben und dir den neuen Weg zum Glück suchst, dann bleib brav, und der liebe Gott wird dich auch auf diesem anderen Weg segnen!« Er reichte ihm die Hand zum Abschied hin; trotzdem drüben auf der Straße Leute gingen, küßte Ulrich die Hand mit heißem Dank. Dann wendete er sich schweigend um und ging. Der Pfarrer sah ihm noch lange nach. Als Ulrich nach Hause kam, fand er den Vater oben im großen Zimmer. Ulrich grüßte, er dankte ihm nicht einmal. »Was hast du bei Dr. Thorn zu tun gehabt?« fragte er dann plötzlich, »man hat dich aus seinem Hause herausgehen sehen.« »Ich hab ihn gebeten, er möge für mich sorgen, daß ich bald irgendeine Anstellung beim Staat erhalte!« »Und er hat es dir natürlich sofort zugesagt – läßt sich ja denken! Demi wenn der mir etwas antun kann, so tut er's!« »Das hab ich nicht gefunden. Er will vorläufig überhaupt nichts für mich tun, erst dann, wenn ich mit dir ins reine gekommen bin!« »So gehst du also wirklich aus dem Priester haus hinaus – es ist das letzte Mal, daß ich dich frage.« »Ja, ich gehe ...« »Und was wirst du jetzt tun?« »Ich muß mich auf meinen neuen Beruf vorbereiten, denn von dem, was ich bis jetzt gelernt habe, werde ich nicht viel brauchen können!« »So geh ... geh nur! Und merk dir's: Zu mir darfst du nicht mehr zurückkommen! Mein Haus ist dir für immer verschlossen. Und schau, daß du bald hinauskommst! Was suchst du denn überhaupt noch da?« Der Alte war zornrot im Gesichte geworden und wies drohend mit der ausgestreckten Hand zur Tür. Ulrich wollte schon antworten – aber ihm kam die Bitte des Herrn Pfarrers in den Sinn: »Bedenke, daß er dein Vater ist«, er unterdrückte das harte Wort, das auf seinen Lippen lag, und sagte mit wunderbarer Ruhe: »Daß du mich hinauswerfen wirst, wenn ich in der Sache zu dir komme, habe ich längst gewußt. Ich hoffe, daß einmal die Zeit kommen wird, wo du froh und stolz sein wirst, wenn dein Sohn wieder zu dir zurückkehrt!« »Niemals ... schau nur, daß du bald weiterkommst ...« schrie Kirchmaier, »oder ich werfe dich die Stiege hinab«, und hob wütend die geballte Faust. Ulrich stand ruhig vor seinem Vater: »Dem Herrn Pfarrer habe ich es heut versprochen, immer daran zu denken, daß du mein Vater bist. Mach es mir nicht gar so schwer, mein Versprechen zu halten. Ich will mir nur einige Sachen mitnehmen, die mir wert und lieb sind, da sie von der Mutter stammen. Sie sind mein Eigentum.« »Also mit dem Herrn Pfarrer hast du gesprochen, und der hat dich nicht auch gleich hinausgeworfen?« fragte Herr Kirchmaier. Ulrich gab keine Antwort darauf, er ging in seine Stube hinüber und raffte in seine Tasche zusammen, was an teuren Angedenken an die verstorbene Mutter noch vorhanden war. Da waren Ringe, eine alte, goldene Spindeluhr, und zuletzt ein Päckchen vergilbter Briefe. Sie waren nach dem Datum geordnet und er konnte es sich nicht versagen, den letzten durchzulesen. »Es wird mir der Gedanke an das Sterben recht schwer, leichter würd' ich dahingehen, wenn du schon aus allem draußen wärst. Und der ewige Streit mit dem Vater liegt mir schwer auf dem Herzen. Ich will ja selber nicht, daß du ein Geistlicher wirst, wenn du nicht Lust zu dem Berufe hast, denn ich glaube immer, in unseren Herzen hat Gott selber einen Wegweiser aufgerichtet, der uns sagt, welchen Weg wir gehen sollen!« Er faltete den Brief zusammen und legte ihn in die Tasche zu den anderen. Wenn die gute, stille Frau noch lebte, dann würde jetzt vieles, vieles anders sein. Als er mit dem Packen fertig war, überlegte er, ob er noch einmal vom Vater Abschied nehmen sollte. Er erinnerte sich der Worte des Pfarrers und ging hinüber in die große Staatsstube. Er fand sie leer. Er winkte noch einmal tiefbewegt zum Bilde der toten Mutter empor, das dort am Ehrenplatze über dem Diwan hing. Dann schritt er leise zur Tür. Auf einmal fiel ihm ein: »Wirst doch nicht wie ein Dieb aus dem Vaterhause schleichen«, und mit festen Schritten ging er durch den Gang und hinunter über die Stiege. »Wann werd' ich einmal den Weg zurückfinden in die Heimat?« fragte er sich bekümmert. Und da stieg mit schimmernder Pracht das Bild des schönen Mädchens in ihm empor: leichteren Schrittes als vorher ging er weiter, ihm war zumute, als eile er jetzt dem großen schönen Glück entgegen. Verborgen in einer dicht verschneiten Hecke des Hausgartens stand Herr Kirchmaier. Mit finsteren Blicken sah er dem Jüngling nach, der so fest und sicher dahinschritt, und es tat ihm das Herz darüber weh, daß sich der Sohn so leicht vom Vaterhaus löse. Dreizehntes Kapitel Während Herr Dr. Thorn an seinem Lebensabend mit mancherlei Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, gestalteten sich die Verhältnisse seines Bruders recht angenehm. Mit Eugen war eine äußerst vorteilhafte Veränderung vorgegangen. Er hatte auf einmal sehr viel Gefallen an der Wissenschaft, die er früher mit vielem Fleiß gemieden hatte, gefunden. Er war ein in jeder Beziehung tadelloser Schüler geworden, und wenn Herr Thorn behufs Nachfrage des Sohnes im Gymnasium erschien, so hörte er stets die glänzendsten Urteile über seinen Nachkommen. »Er gerät mir nach«, sagte er dann mit stolzer Miene; auch ich war am Gymnasium einer der hervorragendsten Schüler!« Er hatte das auch seinem Sohne gegenüber öfter ausgesprochen. Als aber Eugen darauf bestand, doch einmal die Zeugnisse des Herrn Papa zu sehen, wich dieser in weitem Bogen aus, indem er erklärte, daß ihm sämtliche Semester- und Jahreszeugnisse abhanden gekommen seien. »Und dein Maturazeugnis mußt du doch haben«, fragte sich der hartnäckige Sohn an. »Mein Maturazeugnis, das werde ich wohl noch haben, aber es liegt unter einem Wust von Schriften«, verteidigte sich der angegriffene Herr Papa. »Ich werd es einmal heraussuchen«, versprach die Mama. Auch die Mama war in diesen Zeiten zumeist in weit besserer Laune als sonst, wozu sehr viel der Umstand beitrug, daß Fräulein Lise in ihrem Amte eine monatliche Aufbesserung um dreißig Kronen zuteil geworden war. Diese Aufbesserung war ganz unvermutet gekommen, und als Herr Thorn sich zu dem Bankdirektor begab, um ihm seinen Dank auszusprechen, ward ihm eine tiefe Demütigung zuteil. Der Herr Bankdirektor erkundigte sich in den wärmsten Worten um das Befinden des Herrn Dr. Thorn und teilte mit, daß es ihm ein großes Vergnügen gewesen sei, die Bitte dieses von ihm hochgeschätzten Herrn zu erfüllen und dem Fräulein die von ihm erbetene Bezugsvergrößerung zu bewilligen, wozu übrigens der Fleiß und die berufliche Hingabe der Bedachten die gesetzliche Grundlage abgegeben habe. »Wir werden das Fräulein wohl nicht lange als Kollegin begrüßen können«, sagte der Bankdirektor; »sie wird sich bald einen anderen Beruf wählen, zu dem Beruf als Maschin- und Rechenfräulein ist sie zu hübsch.« »Ja, es liegen Anträge vor«, sagte Herr Thorn in seiner pathetischen Weise, »aber es ist noch Zeit, sich die Sache zu überlegen!« Er tat so, als wäre er daran, sich zu überlegen, irgendeinen bedeutenden Wertgegenstand zu den möglichst günstigen Bedingungen zu verkaufen. »Wenn Sie Herrn Dr. Thorn schreiben, bitte ihm von mir einen Gruß auszurichten. Wenn es mir im nächsten Frühjahr nur halbwegs möglich ist, werde ich ihn auf seiner Besitzung besuchen. Ich habe erst unlängst wieder einen Bericht über neue wertvolle Bereicherungen seines Museums gelesen ...« erklärte der Herr Direktor dem glücklichen Vater, ohne zu bedenken, wie sehr er durch solche Lobeshymnen das Herz des Bruders verletze. »Und dann muß ich Ihnen auch sagen, es ist einem immer eine Herzensfreude, mit dem Manne beisammen zu sein; das ist einer von jenen wenigen, die das Talent zum Glück haben, es wird einem selber so froh und leicht ums Herz, wenn man mit ihm plaudert. Ich glaube, das muß schon ein recht böser, verdorbener Mensch sein, der Herrn Dr. Thorn nicht gut sein kann!« Herr Thorn war schon nahe daran gewesen, den Bankdirektor über den wahren Charakter seines Bruders aufzuklären, aber die Rede des gewaltigen Mannes zeigte ihm, daß er da sehr vorsichtig sein müsse. Er versprach, in seinem nächsten Briefe die hochehrenden Grüße bestimmt auszurichten! Mißvergnügt stieg er die blanken Marmorstufen des Bankgebäudes hinab. »Also der Onkel gilt hier in diesem korrupten Institut mehr als selbst der Vater«, knurrte der alte Neidhammel; »es ist ein verhängnisvolles Schicksal, daß mir gerade gegenüber diesem Menschen die Hände gebunden sind!« Er war ganz böse, als er nach Hause kam. »Weißt du, wem also Lise die Gehaltsaufbesserung zu verdanken hat?« sagte er schmerzbewegt, während er im Vorzimmer den Winterrock auszog, zu Frau Charlotte. »Nun, wem denn?« fragte sie begierig. »Du kannst dir's wohl denken«, antwortete der Gemahl mit böser Miene, »meinem Bruder, der keine Gelegenheit vorübergehen läßt, um mich zu demütigen!« »Johann ...!« klang scharf und drohend die Stimme Charlottens. »Nun ... hab ich nicht recht!« »Du bist ein Esel!« »Daß ich im Kreise der eigenen: Familie immer verkannt werde, das ist mein Schicksal; wenn ich einmal nicht mehr sein werde, dann werdet ihr erkennen, was ich euch gewesen bin, dann wurdet ihr froh sein, mich mit eueren: Fingern aus der Erde kratzen zu können.« Frau Charlotte fragte ihn zuerst, ob er jetzt gänzlich verrückt geworden sei, und empfahl ihm dann dringendst das Maul zu halten, da Herr Breuer mit Eugen drinnen sitze. Auf diese Nachricht hin veränderte Herr Thorn mit großer Geschicklichkeit sofort seinen Gesichtsausdruck und trat, die allerliebenswürdigste Miene von der Welt zeigend, in das Speisezimmer. »Ich traf Eugen vor dem Schulhaus. Es ist wirklich eine Ehre, mit dem jungen Herrn Gelehrten zu gehen«, begann Herr Breuer, »sein Mathematikprofessor sprach mich an – er glaubte, ich sei der Vater – und erzählte mir, daß der Junge geradezu ein Phänomen sei, die Gleichung x hoch x ist gleich x hat er mit verblüffender Schnelligkeit gelöst, lange vorher, bevor die anderen jungen Herren die Aufgabe nur angeschrieben hatten. Er stellte ihm das glänzendste Prognostikon für die Zukunft. Ich bedauerte, nicht der Vater dieses Genies zu sein, und begleitete Eugen nach Hause.« »Ich komme gerade aus der Bank«, sagte Thorn mit einer Miene, als ob er dort Tausende erliegen hätte. »Lise entwickelt dort eine derart hervorragende Tätigkeit, daß das Direktorium ihr aus diesem Grunde die Erhöhung ihrer Bezüge bewilligt hat. Mir ist das sehr angenehm, denn ich verachte jede Protektion; meine Kinder müssen sich im Leben alle Erfolge durch eigene Kraft – und nur aus; eigener Kraft allein erringen!« Vierzehntes Kapitel Die Weihnachtsfeiertage kamen heran. »Herr Breuer, Sie werden doch den Heiligen Abend bei uns verbringen?« sagte Herr Thorn. »Infolge der durch unglückliche Schicksale und böse Menschen verursachten unangenehmen Verhältnisse können wir leider dem Gaste nichts Großes bieten, aber wir werden alles tun, damit der Abend in festlicher Stimmung verlaufe.« Herr Breuer nahm dankbar an. »Ich hätte mich selbst eingeladen«, sagte er, »ich habe wohl Freunde und Bekannte genug, aber es ist mir am liebsten, dieses schönste und fröhlichste aller Feste bei Ihnen zu erleben. Ich werde mir denken, ich hätte selbst eine Familie und Kinder, die ich beschenken kann.« »Sehr richtig«, sagte Herr Thorn,, »die Familie geht mir über alles. Mein teures Weib Charlotte hat viel mit mir gelitten, aber wir sind ein Herz und ein Sinn!« Herr Breuer war nahe daran, loszuplatzen wegen der öden Faseleien, aber er bezwang sich. »Dann ist da mein Sohn Eugen, ein tüchtiger, braver Student, der einst seinem Vater alle Ehre machen wird. Und meine geliebte Tochter Elise. Treu geleitet von den Händen ihrer trefflichen Mutter, diesem echt deutschen Weibe, sie ist zu einer holden Jungfrau herangewachsen. Sie hängt mit rührender Liebe an ihren Eltern, und wenn sie einmal jenen so vielbedeutenden Weg zum Traualtar gehen wird, so wird sie: auch da nur dem weisen Rate ihrer guten Eltern folgen und nur mit meinem Willen ihre Hand in die Hand ihres Bräutigams legen. Heiraten Sie, Herr Breuer, das Glück der Familie ist ein wunderbares, heiraten Sie!« Herr Breuer versprach, sich die Sache zu überlegen, und nahm dann kühlen, frostigen Abschied, der Herrn Thorn dermaßen verwirrte, daß er fragte, ob er vielleicht unwissend den Gast beleidigt habe. »Nein, nein, durchaus nicht, Herr Thorn, aber ich bin den ganzen Tag schon etwas unwohl! Ich werde heute abends ruhig zu Hause bleiben!« »Nein, nein, gerade in den Zeiten der Krankheit bedarf man treuer Freunde. Charlotte wird Ihnen russischen Tee mit Kognak kochen!« sagte Herr Thorn. »Danke, danke, nicht nötig!« sagte Breuer und empfahl sich. Die sonderbare, fast zudringliche Weise, mit der Thorn ihm seine Tochter aufdringen wollte, hatte ihn verstimmt. Der Mann war ihm mit seiner Phrasendrescherei in die Seele hinein zuwider, und alles in ihm sträubte sich gegen den Gedanken, daß ein solcher Mensch das Schicksal des schönen Mädchens bestimmen sollte. Als er in sein einsames Zimmer kam, konnte er den Gedanken nicht losbringen, wie es einmal sein werde, wenn Lise heiraten werde und er zusehen müsse, wie sie mit einem anderen, einem Fremden, zum Traualtar schreite. Und alle Qualen der Eifersucht fühlte er wie ein Jüngling, dem das erstemal das Glück der Liebe im Herzen aufgegangen war. Breuer schalt sich selber einen Narren ... Wie konnte er mit seinen neunundvierzig Jahren daran denken, das Mädchen heimzuführen? Ja, die wäre die Rechte für ihn gewesen, aber zu solchem Glück war es viel, viel zu spät geworden. Ja vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, da wäre die rechte Zeit gewesen; wenn sie damals ihm in den Weg getreten wäre, das wäre ein heller Liebesfrühling und sein ganzes Leben ein einziger sonniger Sommertag geworden. Lächelnd erinnerte er sich eines hübschen Märchens, das er vor vielen, vielen Jahren gelesen hatte. Ein alter Mann besaß einen Zauberspiegel, der die hübsche Eigenschaft besaß, daß, wenn ein Ehekandidat in den Spiegel sah, ihm darin das Bild jener Dame erschien, mit der er allein glücklich werden konnte. Als Stifter lauter glücklicher Ehen war er weit und breit bekannt und gesucht. Aber allgemein war die Verwunderung, daß der Besitzer dieses wundervollen Instruments nicht selber verheiratet sei. »Ja, wenn ich in den Spiegel sehe, erscheint darin kein Bild«, sagte er denen, die ihn darum fragten. »Die, mit der ich glücklich werden könnte, ist entweder schon längst gestorben oder gar noch nicht auf die Welt gekommen.« Und der Mann war schon über die siebzig Jahre hinaus, und als er wieder einmal in den Spiegel sah – er hatte diese Frage an das Schicksal schon längst aufgegeben –, da erschien im Spiegel ein holdes kleines Mädchen. »Zu spät, zu spät«, schrie er, und sank tot vor dem Spiegel zusammen. Das ihm bestimmte Glück war auf einmal gekommen, aber viel zu spät. Diese wehmütige Geschichte wollte Herrn Breuer gar nicht aus dem Kopfe. Nichtsdestoweniger beteiligte er sich sehr eifrig in den Abendstunden an jenen gemütlichen Handarbeiten, die schon einen Vorgeschmack der seligen Weihnachtsfreude verspüren lassen. Im Verein mit Lise und Eugen. Nüsse und Äpfel wurden vergoldet, um zierlich geformtes Zuckerbackwerk feine Silberfäden geschlungen und aus buntgefärbtem Papier schöne Netze geschnitten, die bestimmt waren, goldene und silberne Nüsse oder Kanditen aufzunehmen. Die Materialien dazu brachte zumeist Herr Breuer mit, und immer, wenn er mit einem großen Pack anlangte, zeigte Herr Thorn eine ernste abweisende Miene. »Sie überhäufen mich und meine Kinder mit Wohltaten. Es ist zu viel. Sie wissen, daß ich Ihnen das nie vergelten werde können. Und es ist so schwer, unter solchen Umständen Almosen entgegennehmen zu müssen!« Auch den Weihnachtsbaum, eine ungeheure Tanne, besorgte Herr Breuer. Zwei Männer schleppten den Baum hinauf in die Wohnung des Herrn Thorn. Nun ward allseits ein verzehrender Eifer entwickelt. Herr Breuer erschien jeden Abend schon um fünf Uhr. Der Baum ward mit Ketten und Silberfäden behängt und an seinem Gipfel ward ein wächserner Engel angebracht, der ein weißes, seidenglitzerndes Band in den Händen hielt, auf dem in Goldbuchstaben die Worte standen: »Ehre sei Gott in der Höhe!« Da der Wipfel des Baumes bis nahe an die Zimmerdecke reichte, so mußte zur Dekoration der oberen Partien vom Hausmeister eine Doppelleiter beschafft werden, und Eugen ward damit betraut, den Dienst in jener Höhe zu versehen. Mangels jeglicher turnerischer Fertigkeiten hatte ihn Herr Breuer gebeten, diesen gefährlichen Teil der Ausschmückung zu übernehmen. Mutter Thorn hatte keine Zeit, sich an dieser freudevollen Tätigkeit zu beteiligen, da sie stets alle Hände voll in der Küche zu tun hatte. Vater Thorn hielt ein sehr schwermütiger Grund ab, mitzutun. »Für mein ernstes, durch Sorgen und mancherlei Leid verdüstertes Gemüt paßt solche Arbeit nicht; dazu gehört ein fröhliches Herz, und woher sollte ich das nehmen?« Dann setzte er sich behaglich zu Tische und las in einem alten abgegriffenen Kolportageroman. Die Schilderung furchtbarer, spannender Ereignisse, die in solchen Werken üblich sind, entsprach den Bedürfnissen seines heroischen Gemütes besser als die Teilnahme an den Vorbereitungen zur Weihnachtsfreude. Am Vorabende zum Weihnachtsfeste zeigte es sich, daß Herr Breuer den Bedarf an Weihnachtskerzen etwas unterschätzt hatte und daß noch mindestens dreißig solcher Beleuchtungskörper nötig seien. »Ich hole sofort, was wir brauchen«, sagte Herr Breuer. »Nein, nein, Herr Breuer, ich nehme meinen Mantel um, ich bin sogleich da«, wehrte Fräulein Lise ab. »Ach nein ...!« meinte Breuer. »Mir tut's aber gut, wenn ich etwas hinauskomme ... nein, nein, ich hol's schon 1« Herr Breuer bot sich zur Begleitung an. »Dann weiß ich nicht, was ich zu tun habe«, sagte Eugen, »Lisel kann ja ganz gut allein gehen, sie ist alt und groß genug dazu!« »Eugen!« ermahnte ernst und streng der Vater. »Nun was hat er denn weiter gesagt?« fragte pikiert Frau Charlotte, »kümmere dich um dein Buch und laß die Kinder in Ruh'.« Lise ging – Herr Breuer hatte ihr die nötigen Geldmittel zum Einkauf mitgegeben. Das große Geschäft, in dem sonst Herr Breuer die Weihnachtsherrlichkeiten einzukaufen pflegte, war überfüllt mit Menschen, und Lise mußte lange warten, bis sie zum Verkaufstisch gelangte. Endlich hatte sie ihre dreißig Stück Kerzchen erhalten und schritt in tunlichster Eile hinaus auf die Straße. »Guten Abend, Fräulein Thorn«, grüßte sie draußen ein bekannter junger Mann. »Herr Ulrich ... ja ... sind Sie's denn wirklich?« stammelte das Fräulein. »Weichen S' do aus«, sagte ein ungebildeter Herr, der eben in das Geschäft treten wollte. Er schob die beiden zur Seite. Sie spürten kaum die unglaubliche Roheit, die in dem Vorgange lag. »Ja – was ist's mit Ihnen, Ulrich?« fragte mit leuchtenden Augen das schöne Fräulein. »Ich hätte Sie fast gar nicht mehr erkannt – in dem Anzug, den Sie jetzt tragen!« »Ich bin kein Kleriker mehr – ich bin aus der Kutte gesprungen, wie man sagt«, erzählte Herr Ulrich. »Mein Vater hat mich hinausgeworfen ... Ich bin schon oft daher gekommen, um Sie zu sehen... leider ... leider ...« »Ja – aber was tun Sie jetzt?« »Ich tu schon etwas – ich bin Praktikant beim Handelsministerium. Ein guter Bekannter – Sie kennen ihn ja auch – hat mir diese Stelle verschafft.« »Wer ist das?« »Ein gewisser Dr. Gustav Thorn!« »Onkel Gustav!« jubelte Lise. »Aber daß ich hier mit Ihnen rede – ist gegen die Verabredung. Er hat mir streng verboten, mit Ihnen zusammenzukommen, bevor ich eine anständige Stelle erlangt habe!« »Und dann ...? Wenn dies der Fall sein wird?« »Ach, darüber hat er sich gar nicht ausgedrückt, ich glaube aber, wenn ich etwas geworden bin, dann darf ich schon herkommen!« Fräulein Lise war höchst befangen. »Ich hoffe, Onkel Gustav wird Ihnen recht bald eine gute Stelle verschaffen ...« »Ich glaube auch. Ich habe vom Herrn Pfarrer einen Brief erhalten – er schreibt – mit Gottes und des Herrn Thorn Hilfe wird schließlich alles gut gehen!« Schweigend gingen die beiden Glücklichen erst eine Weile nebeneinander. Die weißen Schneeflocken wirbelten auf sie herunter, sie tanzten um die Straßenlaternen und bedeckten die Dächer der Einspänner und Fiaker mit weißen Decken. Eine mit Schachteln hochbepackte Dame stieß an Fräulein Lise an, ein Mann, der einen großen Christbaum trug, streifte mit dessen Ästen beinahe den Hut des Herrn Ulrich, herab und fragte ihn danach noch in grober Weise, oh er denn nicht aufschauen könne. Die beiden Liebenden merkten nichts davon, die Welt um sie war verschwunden, sie waren allein mit ihren seligen Gefühlen und Worten, und trotz Schnee und Wintersturm blühte in ihren Herzen der selige Frühling der ersten Liebe. Die beiden nahmen Abschied. »Leben Sie wohl, Herr Ulrich«, sagte Lise und reichte ihm die Hand, »wann werden wir uns wohl wieder treffen?« fragte sie. »Mein liebes Fräulein, das kann ich Ihnen nicht sagen – ich habe Onkel Gustav versprechen müssen, Sie nicht aufzusuchen. Und dem herzensguten Mann gegenüber das Wort nicht halten, das wäre ein Verbrechen!« »Aber wenn wir uns so ganz zufällig treffen?« gab Fräulein Lise zu bedenken. »Natürlich – da können wir ja nichts dafür – da hat uns eben der Zufall zusammengeführt! Das ist kein Wortbruch!« Und sie trennten sich mit dem heißen Wunsch, der Zufall möge sie recht bald wieder zusammenführen! Als Lise mit den Kerzen zurückkam, merkten sofort alle, daß mit ihr eine erhebliche Veränderung vorgegangen sei. Zuerst war sie ungemein heiter, aber nach Verlauf einer Stunde bekam sie plötzlich schwer Kopfweh, so daß sie nach ihrer eigenen Aussage recht froh war, als der Christbaum vollständig geschmückt in der Stube stand und sie sich zu Bette legen konnte. Ein weiteres Symptom der beginnenden Krankheit war vollständige Appetitlosigkeit. Breuer geriet in große Angst und wollte sofort den Doktor holen lassen, Charlotte kochte gleich Tausendguldenkraut und der Papa sprach die düstere Meinung aus, daß wahrscheinlich die schönen Weihnachtstage durch Lises Krankheit vollständig verdorben wurden, denn ihm sei es niemals gegönnt gewesen, ein Glück voll und ganz zu genießen. Etwas weniger schmerzlich äußerte sich Eugen über die Angelegenheit, er nannte Fräulein Lise eine »dumme Urschel«, die sich manchmal vor Fadigkeit nicht auskenne. Schon der Morgen des so heiß und unter so großartigen Vorbereitungen erwarteten Tages brachte eine Fülle von Überraschungen. Vor allem zeigte es sich, daß Fräulein Lise vollständig gesund sei, was den Vater zu dem pathetischen Ausspruch veranlaßte, daß Lise eben einem durchaus gesunden, von keiner Leidenschaft geschädigten Geschlecht angehöre. Weniger pathetisch legte sich Eugen die Sache zurecht. »Unkraut verdirbt nicht!« sagte er kurz. »Eugen, mäßige dich!« rief der erzürnte Vater. »Bitte, mische dich nicht unter die Kinder!« sagte mit gewohnter scharfer Stimme Frau Charlotte. Den Erziehungsversuchen ihres Gemahls hatte sie stets den größten Widerstand entgegengesetzt. Zu Lisens vollständiger Genesung trug ungemein viel die aus St. Ruprecht eingelangte Sendung von Onkel Gustav bei: eine prachtvolle Pelzjacke mit Kappe. Lise jubelte auf vor Freude. An die P. T. Eltern langte ein ganzes Reh nebst zwei Hasen ein. Für den Festtisch am Heiligen Abend hatte der Gute noch eine besondere Einrichtung getroffen: zwanzig Stück ansehnliche Forellen. »Immer und immer diese Sachen«, brummte Herr Thorn; »Gustavs Protzerei ist mir direkt unleidlich!« »Ich bitte«, sagte Frau Charlotte streng, »wenigstens an diesem Tage möchte ich Ruhe haben!« Nach diesem ernstlichen Verweis lenkte Vater Thorn sofort ein und untersuchte mit großer Sachkenntnis die Sendung. »Die Forellen sind großartig – wenn man die kaufen müßte, unter vierzig Kronen würde man sie nicht bekommen. Für Leute wie wir ist das nichts – das kann sich Gustav erlauben, aber unsereiner ....« In dem »unsereiner« lag wieder eine unsagbare Fülle von Wehmut. Trotzdem zollte er auch dem Bock und den beiden Hasen hohe Anerkennung. »Es sind junge Tiere«, sagte er, »sie werden ein zartes, mürbes Fleisch haben. Wenn es nicht unter meiner Würde wäre, so würde ich dem Menschen einige Zeilen schreiben, aber diesen Schritt verbietet mir die Selbstachtung!« Frau Charlotte empfahl dem Gemahl dringendst, sich aus dem Küchendepartement zu entfernen. »Und für mich hat Onkel Gustav gar nichts geschickt?« fragte mit Tränen in den Augen Eugen. Es wurden die Pelzjacke, die Kappe untersucht, selbst in das Innere des Rehbocks senkte Thorn die suchenden Blicke. »Nun, es ist nichts da ...!« Eugen konnte nur mit Mühe die Tränen unterdrücken. »Mir scheint – Onkel Gustav ist böse auf mich!« sagte er. »Nein – das ist wieder so eine Tücke von ihm – er versteht es mit außerordentlichem Raffinement, Zerstörung und Wirrnis in die Familie zu bringen«, sagte Thorn. »Weine nicht, Eugen – dieser Mensch ist keine Träne wert!« setzte er dann fort. In diesem Augenblick ward Herr Thorn von seiner Gemahlin kräftigst beim Arm genommen und mit aller Entschiedenheit aus der Küche geschoben. »Hinaus – ich mag diesen Quatsch nicht mehr anhören!« In diesem Moment trat der Briefträger ein. Er lächelte mild, als er sah, wie der große Mann mit dem furchtbar ernsten Antlitz so rücksichtslos hinausgefuhrwerkt wurde. Er hatte ein rekommandiertes Schreiben an einen gewissen Herrn Eugen Thorn abzugeben. Eugens Kummer schmolz im Nu dahin. Mit vor Freude zitternden Händen unterschrieb er den Empfangsschein. Beim öffnen des Kuverts entfiel diesem eine Zwanzigkronennote. »Geld?« fragte betrübt Eugen. Er hatte auf etwas anderes gewartet. Dann las er den Brief. Er lautete: »Lieber Eugen!« Das Christkind hat soeben bei mir für Dich ein Paket abgegeben. Allem Anschein nach enthält es ein Jagdgewehr. Ich wollte es Dir schon zuschicken, überlegte es mir aber zum Glück im letzten Moment. Denn wisse, Eugen, ein Jagdgewehr unterscheidet sich in vielfacher Beziehung von den sogenannten pneumatischen Stoppelbüchsen, die in sehr einfacher Konstruktion pro Stück um sechzehn Heller bei den Krowotten zu erhalten sind. Ein solches Jagdgewehr, wie eines das Christkind Dir geschickt hat, erfordert eine sehr subtile Behandlung, sonst ist es bald verdorben. Auch die Hantierung damit ist eine sehr gefährliche. Du könntest ohne den nötigen Unterricht im Gebrauch einer Feuerwaffe leicht zum Massenmörder werden. Da ich nun genau weiß, daß Dein Herr Väter noch niemals eine andere Waffe getragen hat als einen Spazierstock, so bin ich gewillt, Dir Schießunterricht zu erteilen. Du hast ja bis Neujahr Ferien. Ich erwarte Dich am Sankt Stephanstag bei mir. Das Reisegeld liegt bei. Grüße herzlichst Deine Eltern und auch Lise. Sei auch Du bestens gegrüßt von Deinem Onkel                                    Gustav.« Nun jubelte auch Eugen in heller Freude auf ... Aber in seine Jugendfreude fielen knarrend die Worte des besorgten Vaters hinein. »Niemals – niemals darfst du mir hin. Jetzt wirst auch du, Charlotte, einsehen, mit welcher List und Tücke der Mensch unser Kind zur heiligsten Zeit im Jahre vom väterlichen Hause weglocken will. Und ein Gewehr hat er ihm gekauft, ein Jagdgewehr. Wahrscheinlich ein solches, das mit Pulver und Blei geladen wird! Niemals würde ich eine solche gefährliche Mordwaffe im Hause dulden. Der Bub spielt sich damit und schießt seine Eltern tot. Und dann, das eine muß man noch bedenken, wie ein solcher Sport, wie, es der Jagdsport ist, das Herz der Jugend verroht. Zeugt das vielleicht von einem edlen Sinn, harmlose Rehe und Hasen wegzuschießen? Und diese Gefahr – der Rehbock, der Eugen in so gefährlicher Weise damals von hinten faßte, war nur ein zahmes Tier. Was kann geschehen, wenn Eugen auf der Jagd ein wilder Rehbock entgegentritt! Ich vermag mir den Gedanken gar nicht auszudenken!« Frau Charlotte machte den Herrn Gemahl streng darauf aufmerksam, daß höchste Zeit sei, in das Amt zu gehen. »Der Staat ruft dich«, mahnte auch Eugen mit vielem Ernst, der aber so humoristisch zum Ausdruck kam, daß Fräulein Lise schleunigst ihre Siebensachen zusammenpackte, um auch ihrerseits ihrer Nahrung nachzugehen. »Lisel, ich begleite dich«, sagte Eugen. Lange, bevor Vater Thorn so weit war, seinen Gang in das Amt anzutreten, hatten die beiden Kinder das Haus verlassen. »Lisel, und ich fahr doch nach St. Ruprecht! Und wenn ich daheim durchgehen müßt«, sagte Eugen, der ein ungeheures Bedürfnis empfand, sich wenigstens mit der Schwester über das zu erwartende Glück auszusprechen. »Ach Gott, Eugen, das wird gar nicht notwendig sein, die Mutter wird ihm schon den Kopf zurechtsetzen«, meinte die unartige Tochter, »fahr nur hin, Eugen, ich möchte gern mit dir fahren.« Da fiel ihr plötzlich ein, daß ja Herr Ulrich nicht mehr dort sei, und sie sagte mit einem Ausdruck, der ein Übermaß von Pflichttreue verriet: »Es geht aber nicht, beide können wir gleichzeitig nicht fort!« Eugen plauderte glückselig von dem zu erwartenden Glück. »Ich weiß schon, wo die Schießübungen vorgenommen werden. Draußen heim Förster, da ist ein alter Steinbruch, der nicht mehr bearbeitet wird. Dort wird Onkel eine Scheibe aufstellen und da wird geschossen, daß es nur so kracht. O, ich werde mir Mühe geben, daß ich auch mit der Kreisjagd mitgehen darf! Nur muß man da vorsichtig sein, weil da auch Leute dabei sind, die von der Jagd gar nichts verstehen!« Und er tat, als ob er schon ein ganzes Lebensalter dem edlen Weidwerk gewidmet hätte. Nachdem er die Schwester verlassen hatte, ging er über die Rotenturmstraße und den Graben nach Hause. Bei jeder Waffenhandlung blieb er stehen und betrachtete mit leuchtenden Augen die in den Auslagen ausgestellten Waffen und malte es sich in den schimmerndsten Farben aus, wie es einmal sein werde, wenn er mit der Flinte durch Wald und Feld ziehen werde. Er spann die allerherrlichsten Jugendträume, er war so froh – so glücklich. Eugens Augen leuchteten in sonnigem Glanz; und alle Leute, die vorüberkamen, hatten ihre Freude an dem hübschen Burschen, der so mit lachenden Augen durch die Welt schritt. Der Heilige Abend ließ sich zuerst recht geheimnisvoll an. Herr Breuer hielt den Zugang zum Speisezimmer, in dem der Christbaum aufgestellt war, abgesperrt, nicht einmal Papa Thorn durfte diesen mystischen Raum betreten. Er war ganz erhabene Feierlichkeit; angetan mit dem schwarzen Salonrock, bewegte er sich aus dem Vorzimmer zur Küche, in der Mutter Charlotte zusammen mit Lise eine ungeheure Tätigkeit entwickelte. Während die Forellen blaugesotten wurden, kam er herein. Er war in tiefster Bewegung. »Es gibt nichts Wundervolleres als solch ein Bild eines geordneten Hausstandes. Frieden und Freude im Herzen feiert man Feste, der Tisch ist opulent gedeckt ...« deklamierte er. Da die Küche sehr klein war, so ersuchte ihn Frau Charlotte, sich einen anderen Vortragssaal zu wählen, worauf er gekränkt in das Schlafzimmer hinüberging und sich beim Scheine einer niederträchtig qualmenden Petroleumlampe in das Studium des hochinteressanten Romans »Hinko der Freiknecht oder die Totenglocke um Mitternacht« vertiefte. Eugen war Herrn Breuer beim Christbaum behilflich. Endlich ertönte das Glöcklein zum Zeichen, daß das Christkind die Wohnung des Herrn Thorn betreten habe. Herr Thorn machte in seinem Roman ein mächtiges Eselsohr, damit er ja gewiß die Stelle wieder finde, wo er die Lektüre dieses so überaus spannenden Werkes unterbrochen habe. Frau Charlotte war eben mit der Zubereitung der Forellen fertig geworden und stellte den Teller mit dem köstlichen Fischbraten zur Seite. Alles eilte in das Speisezimmer. Dort prangte in Pracht und Fülle der Weihnachtsbaum. »Schön, wunderschön«, jubelte Lise. »Sehr schön – prachtvoll«, sagte Frau Charlotte und wischte sich die Augen mit dem Zipfel der Küchenschürze aus. »Ich bin tief gerührt«, begann Herr Thorn, »es ist gut eingerichtet, daß die Wüste unseres Lebens dann und wann durch eine Oase häuslicher Freuden unterbrochen wird.« Und dann begann die Verteilung der Gaben. Mama Charlotte hatte einen kostbaren Seidenstoff erhalten, zu dem Läse und Eugen nicht ganz ein Drittel, das übrige Herr Breuer beigesteuert hatte. Die Geschenke des Papas bestanden in Tabak und Zigarren und einer vollständigen Ausgabe von Karl Mays Romanen. Etwas komisch, gestaltete sich die Ankündigung von Lises Weihnachtsgeschenk. Herr Breuer kündigte die verschiedenen Sachen an, als wenn er ein Auktionator wäre: »Zum ersten: Eine Jacke aus Marderpelz, dann eine Boa aus dem gleichen Stoff und eine Mütze – außerdem ein höchst moderner Muff –, selbstverständlich ebenfalls aus Marderpelz! Zum zweiten: Wieder eine Jacke aus Marderpelz mit Boa, Kragen, Mütze und Muff. Zum dritten: Eine Mütze unbekannter Herkunft; dürfte Sealskin oder anderes sein. Nach den beiliegenden Dokumenten hat das Christkind diese Rauhware für Fräulein Lise hier deponiert.« Lise errötete tief. »Das eine ist vom Onkel – das andere von Ihnen, ich danke Ihnen, danke vom ganzen Herzen«, sagte sie und reichte Herrn Breuer die Hand. Herr Breuer fuhr weiter fort: »Ferner ein wertvolles Werk über das Bankwesen – leider bereits etwas veraltet – auch für Fräulein Lise!« »Ich schenke nur geistig wertvolle Sachen«, sagte Thorn und wehrte würdevoll die Danksagung der Tochter ab, die tat, als ob sie der alte Schmöker überglücklich gemacht hätte. »Und dann ist hier noch ein wissenschaftliches Werk, eine illustrierte Naturgeschichte aus der Zeit vor Darwin, als Antiquität bemerkenswerter als wegen seines Inhalts. Es gehört für Eugen.« Auch Eugen bedankte sich sehr lebhaft bei seinem Papa. »Wenn ich aber Naturgeschichte aus diesem Buche lerne«, fügte er weise hinzu, »so kann's mir passieren, daß ich mit Glanz durchfalle. Herr Breuer, schauen Sie her, hier beginnen die Insekten mit den Käfern, in den heutigen Naturgeschichtsbüchern wird mit den Hautflüglern begonnen.« »Sei zufrieden«, meinte Herr Breuer. »Ich habe dir dieses Buch mit Vorbedacht gekauft«, erklärte Herr Thorn. »Ich verachte Darwins Theorie, die den Menschen so sehr herabwürdigt.« Unentwegt fuhr Herr Breuer fort: »Und hier ist noch ein Buch, ein sehr altes, aber eben in diesem Jahre neu herausgegeben und nach den neuesten Erfahrungen auf diesem Gebiet ergänzt. Es ist Diezels ›Niederjagd‹ und wird dem angehenden Weidmann Eugen Thorn hoffentlich einige Freude bereiten.« Er reichte den prachtvoll ausgestatteten Band Eugen hin, der ihn in stürmischer Freude ergriff. »Danke, danke«, jubelte er, schlang seinen Arm um Herrn Breuers Nacken und küßte den gütigen Mann herzhaft auf beide Wangen. »Schon gut, schon gut«, sagte Herr Breuer und löste sich sanft aus der Umarmung des Jünglings. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er solch stürmischen Dank und die Küsse für die Rauhware erhalten hätte. Nun erbat sich Herr Eugen das Wort. »Hier sind noch zwei Sachen: Zum ersten ein prachtvoll gestickter Polster von Fräulein Elise. Wie sie mir gesagt hat, gehört der nur dazu, daß man ihn auf das Sofa legt und dann anschaut.« Herr Breuer lächelte. »Aber Eugen!« ermahnte zornig Fräulein Lise den ungezogenen Bruder. Der Polster ward mit innigen Dankeskundgebungen seitens Breuer hingenommen und die Stickerei gebührend allseits bewundert. »Das Beste aber kommt zuletzt«, fuhr Herr Eugen fort, und wickelte aus einer Papierhülle ein Bild in schmalem, dunkelbraunem Rahmen heraus. »Hier ein Meisterwerk des rühmlichst bekannten Aquarellisten Thorn – ein Original, direkt von der Hand des Künstlers für Herrn Breuer gemalt!« Er reichte das Bild dem herzlich erfreuten Breuer hin. Es stellte ein Forsthaus am Waldrand dar. Trotzdem der Himmel etwas zu blau und die Bäume sehr stark grün waren, fand es allgemeine Bewunderung. »Es ist eine Freude für einen Vater, so hochbegabte Kinder zu haben«, begann Herr Thorn. Da zu befürchten stand, daß Vater Thorn wieder eine längere Rede halten werde, so drängte Frau Charlotte. »Aber jetzt zum Essen«, sagte sie, »sonst verdirbt alles!« Trotzdem Herr Thorn so schnöde in seiner Rede unterbrochen worden war, klang die Aufforderung wie Musik in seinen Ohren. Er verfügte über einen neidenswerten Appetit, und hatte schon mehrere Male abends den Versuch unternommen, sich widerrechtlich eine der Forellen anzueignen, die bereits in Essig, garniert mit den angenehmsten Gewürzen, in einer umfänglichen Schüssel lagen. Er wollte sie ungesehen im stillen Schlafzimmer während der anregenden Lektüre von »Hinko, der Freiknecht« verzehren, aber die stete Anwesenheit Frau Charlottens verhinderte den räuberischen Überfall. Das Mahl brachte Frau Charlotte reiche Ehren; die Forellen erwiesen sich als mustergültig. »Ich geb es ja gern zu«, begann Herr Thorn, »daß mein Stiefbruder hie und da eine angenehme Seite hat ...« »Vater, paß auf«, mahnte Charlotte, »daß dir keine Gräte in die unrechte Kehle kommt, du weißt, wie gefährlich es ist, während des Essens von Fischen zu sprechen!« »Aber die Forellen haben ja keine so spitzigen Gräten«, erklärte Eugen, »ich habe damals beim Onkel Forellen gegessen ...« »Ja, wo du ins Wasser gefallen bist, ich denke heute noch mit Schaudern daran ... nein ... niemals ... würde ich dir erlauben, nach St. Ruprecht zu gehen!« Eugen wollte eben etwas sagen, aber Herr Breuer versetzte ihm einen leichten Rippenstoß. »Sei ruhig, ich werd' es schon machen«, sagte, er leise. Das Mahl verlief in ausgezeichneter Weise. Die verschiedenen Gerichte fanden den größten Beifall, und Frau Charlotte ward mit Auszeichnung überhäuft. »Ja, ja«, nahm in recht angenehmer Weise Herr Thorn das Wort, »Lise, bilde dich an dem glorreichen Beispiel deiner Mutter. Wenn du einst heiraten wirst, dann beherzige das Wort, das dir dein Vater auf deinen Lebensweg mitgibt: Der Weg zum Herzen des Mannes geht immer durch den Magen! Ich glaube, die Küchentätigkeit deiner Mutter war die Hauptursache unseres glücklichen Ehelebens!« Frau Charlotte wollte scharf erwidern – der Gedanke, daß sie jemals mit ihrer Kochkunst um die Liebe ihres Mannes geworben habe, empörte sie – aber sie besann sieh und beschloß in ihrem Innern, dem Gatten mehrere Male in der Woche Kohlrüben aufzutischen, deren Geruch dem Teuren in der Seele zuwider war. Zum Schluß des Mahles kam noch eine ganz besondere Überraschung. Herr Breuer entfernte sich einen Moment aus dem Zimmer. Erst ward allgemein angenommen, daß ein dringendes Bedürfnis den seelenguten Menschen genötigt habe, sich dem Kreise seiner Freunde auf einige Minuten zu entziehen, als aber auch die Tür, die aus dem Vorzimmer auf den Gang hinausführte, geöffnet und geschlossen wurde, ward der Korona etwas ängstlich zumute. »Er ist fortgegangen«, sagte erschrocken Frau Charlotte. »Ja – er ist, fortgegangen«, sagte Lise, »was er nur haben mag?« »Ja – ja – er ist fort«, sagte Eugen betreten; er hatte im Vorzimmer draußen die Tür des geheimen Kabinetts geöffnet und dasselbe leer gefunden. »Da bist sicher du schuld«, fuhr Frau Charlotte auf, »ich sag dir's ein- für allemal, am besten ist's, wenn du das Maul hältst, wenn Gäste da sind, Johann. Mit deinem öden Gequatsch verdirbst du immer alles!« »Aber der Papa hat doch gar nichts gesagt«, verteidigte Lise den Vater. »Aber er hat doch gar nichts geredet«, meinte auch Eugen. »Ruhig –!« fuhr die Mutter auf. »In unserem Hause ist es eben nicht möglich, daß etwas gut ausgeht. Ihr habt's alle miteinander keine Lebensart. Ihr beleidigt ja die Gäste!« »Charlotte, mäßige dich«, sagte Vater Thorn. Die Zustimmung seiner Kinder schuf ihm den Mut, der grimmen Gattin entgegenzutreten. »Was – du willst auch etwas sagen – du? Dein ödes Gequatsch muß jeden vernünftigen Menschen vertreiben!« Mitten in den Wirbel hinein ertönte plötzlich die Glocke der Wohnungstür. Alles sprang dienstbeflissen auf, um dem späten Eindringling zu öffnen. Die Wirkung der Türglocke war eine geradezu katastrophale. Der etwas unbeholfene Vater Thorn stieß an der Tür überaus heftig mit der Mama zusammen, so daß Frau Charlotte ihren schon ergrauten Kopf an der Türkante anschlug. Den Preis im Wettrennen errang Eugen; nachdem er Lise einmal heftig auf die Zehen getreten hatte, so daß sie mit Tränen in den Augen in die Ecke taumelte, erreichte er die Tür und öffnete. Und, o Entzücken! Vor der Tür stand der Hebe Herr Breuer und neben ihm ein schön geschmückter Korb mit vier Flaschen, deren Hälse mit Gold verziert waren. Trotzdem Frau Charlotte der Kopf wie eine große Kirchenglocke brummte, sagte sie mit den süßesten Tönen, die sich in ihrem Register fanden: »Aber Kinder – Kinder – laßt euch doch Zeit!« Und dann setzte sie mit womöglich noch hebevollerer Stimme fort: »Es ist ja Herr Breuer – ah – großartig!« »Großartig – zu viel – verehrter Freund!« sagte Thorn, auf dessen Gesicht sonniges Leuchten lagerte. Er hatte es bereits kennengelernt, daß der Genuß edlen Weines imstande sei, die bösen Dämonen in der Brust bedrängter Menschen zu bannen, und erhoffte von der neuen Sendung eine genußreiche Lebensstunde. »Aber Herr Breuer«, flötete Lise, trotzdem sie die rechte kleine Zehe heftig schmerzte. Eugen machte kurzen Prozeß; er faßte den Korb und trug ihn in das Zimmer. Die Herrschaften drängten freudig erregt nach. Herr Breuer brachte aus der Tasche ein seltsam geformtes Instrument zutage. »Wollen wir den Pfropf' springen lassen?« fragte er. »Ja, ja!« jubelte Eugen und klatschte in die Hände. »Ja, ja, daß es recht knallt, das ist so lustig!« sagte Lise. »Ja – es ist das ein fürstliches Vergnügen – wie man in den besseren Romanen liest«, sagte Vater Thorn. Der erste Pfropfen knallte. »Bravo!« rief Eugen. »Ach!« sagte Charlotte und hielt sich die Ohren zu. Sie war so viel nervös. »Großartig!« sagte Elise und winkte dem alten Knaben mit bezaubernden Blicken zu. »Er ist gut frottiert«, sagte Vater Thorn, der immer das Unglück hatte, seine Weisheiten an der unpassendsten Stelle vorzubringen. Das köstliche Naß perlte in den hohen Gläsern. Breuer hob seinen Kelch und brachte einen kurzen Trinkspruch aus: »Ich habe heute hier in Eurem Kreise einen fröhlichen Weihnachtsabend verbracht. Einen Abend, der meinem Herzen wohlgetan hat. Eigenartige Schicksale haben es gefügt, daß ich immer ein einsamer Mensch gewesen bin; diesmal ist es mir nach langen Jahren gegönnt gewesen, diesen Abend, der sonst immerdar einander in Freundschaft und Liebe geneigte Herzen zu neuer Freude zusammenzuschließen bestimmt ist, wieder einmal in einem traulichen Kreise zu verbringen. Für mich ist es dadurch im vollen Sinne des Wortes ein geweihter Abend geworden. Dankend bringe ich Ihnen für dieses Glück einer frohen Stunde mein Glas!« Es klang wie helle Silberglocken, als die hohen Kelche einander berührten. Frau Charlotte verneigte sich tief, als ihr Glas an das des Herrn Breuer anklang. Seine Worte weckten helle Glücksflammen in ihrem Herzen auf. Sie sah sich bereits als Schwiegermama des Herrn Breuer. »Prosit, Herr Breuer!« schrie Eugen. »Prosit!« rief Fräulein Elise, und als ihr Glas an das des Herrn Breuer anklang, war es, als ob sein heller Klang sonnigen Schimmer auf dem Antlitz des gütigen Mannes weckte. »Prosit!« sagte auch Herr Thorn und rüstete sich zu längerer Rede. Er setzte sich zuerst eine Weile nieder, um das rhetorische Meisterwerk etwas zu überdenken. »Verehrte Versammlung«, fing Thorn dann in gewohnter pathetischer Weise an, »dieser Abend ist mir ein Beweis, daß es mir gelungen ist, kraft der mir eigenen persönlichen Eigenschaften einen Familienkreis zu begründen, in den aufgenommen zu werden jedem eine ganz besondere Ehre sein muß.« In diesem Moment bekam Vater Thorn einen ganz gewaltigen Rippenstoß von Frau Charlotte. »Ja – meinst du nicht ...« fragte etwas betreten der gewaltige Mann. »Ja, ja, red nur weiter ..., aber überleg dir, was du sprichst!« Herr Thorn war etwas aus dem Konzept geraten und sah hilflos im Kreise herum. Eugen amüsierte sich wie ein Schneekönig. Lise schämte sich wegen ihres Herrn Papas, der so unbehilflich am Tische stand. »Na, so red' weiter – daß die Sache einmal zu Ende kommt«, drängte Frau Charlotte. »Diesen Wein«, hob in neuem Anlaufe Herr Thorn an, »wollen wir unserem verehrten Gaste darbringen – Herrn Breuer, den wir heute schon als Glied unserer Familie begrüßen können – Herr Breuer gestatten Sie mir noch einige Worte ...« »Hoch, hoch, Herr Breuer!« schrie mit Stentorstimme Eugen und ließ sein Glas an das des verehrten Gastes anklingen. »Hoch, hoch, Herr Breuer!« rief Elise mit ihrem bezauberndsten Lächeln. »Hoch!« sagte Frau Charlotte und machte dabei einen tiefen, achtungsvollen Knicks. Herr Thorn stand hilflos, das Glas in der Hand, die schön ausgedachte Rede, war ihm wie mit einem Rasiermesser mitten auseinander geschnitten worden. Er verbeugte sich mit mildem Lächeln gegen den gefeierten Gast und das gesamte Auditorium, trank sein Glas in einem langen Zuge aus und setzte sich, fröhlich um sich blickend, nieder. Fortan hielt er keine Rede mehr. Sein weitreichender Geist machte sich nur mehr in kurzen Aussprüchen Luft. »Ich bin so glücklich!« »Ein herrlicher Abend!« Und jedesmal trank er ein Kelchglas leer. »Johann ...!« rief einmal Frau Charlotte mit besorgter Miene. »Ich könnte heute meinem größten Feinde keine Bitte abschlagen« ...«, sagte er gerührt. Herr Breuer stieß Eugen in die Seite. »Red, jetzt ist's Zeit«, flüsterte er ihm zu. »Papa, du hast gesagt, du kannst heute niemandem eine Bitte abschlagen; gilt das auch für mich?« »Ja, mein lieber Sohn«, antwortete gerührt der Vater. »So darf ich also am Stephanitag zu Onkel Gustav fahren?« Thorn stutzte ein wenig. Frau Charlotte richtete sich bereits drohend empor. »Ja, fahre, mein Kind, zu deinem Onkel; er ist wohl mein Todfeind. Aber am Heiligen Abend will ich ihm alles – alles vergeben, was er mir angetan hat. Du kannst getrost am Stephanitag nach St. Ruprecht fahren. Aber du mußt mir versprechen, sehr vorsichtig zu sein. Ein Feuergewehr ist eine ungemein gefährliche Sache. Ich werde auch dem Onkel schreiben, daß er dem Rehbock einen Beißkorb umgibt für die Zeit, da du oben bist.« »Aber Papa!« sagte Lise, »der Hansl beißt ja nicht, er stoßt nur. Und Onkel Gustav hat ihm über die Hörner eine Lederhaube machen lassen, daß er nichts mehr tun kann. Mit mir war der Hansl ja sehr gut.« »Das glaub ich«, bemerkte Herr Breuer. »Dann ist es recht, dann ist mein Vaterherz befriedigt.« »Also ich darf fahren?« jubelte Eugen. »Ja, fahre hin«, sagte Thorn und trank ein Glas Sekt leer. Die Unterhaltung wogte weiter. Eugen saß neben Breuer und machte ihn unaufhörlich auf die Schönheiten von Diezels »Niederjagd« aufmerksam, und Lise ward nicht müde, ihre Freude über das prachtvolle Pelzwerk zum Ausdruck zu bringen. »Morgen gehe ich damit in das Hochamt«, sagte sie. »Darf ich Sie begleiten?« fragte schüchtern Herr Breuer» »Warum nicht?« Vater Thorn trank unterdes ein Glas nach dem andern. Auf einmal erhob er sich. »Geliebte Gattin, geliebte Kinder, mein teurer Freund!« begann er mit schluchzender Stimme, »ich kann nicht umhin, Ihnen allen zu sagen, wie tief betrübt ich bin. Das Schicksal hat es mir vom Anfang an versagt ...« Frau Charlotte sprang auf, um den Unglücklichen sofort aus der Gesellschaft zu entfernen. »Er hat das heulende Elend«, sagte sie, »er verträgt keinen Wein.« »Charlotte, laß mich sprechen«, bat er. »Nein, geh lieber schlafen!« »Aber so laß ihn doch reden, wenn es ihm einmal eine Freude macht«, bat Lise. Aber die Fürsprache kam zu spät. Vater Thorn konnte sich kaum mehr dunkel erinnern, was er sagen wollte, und nahm tiefgerührten Abschied von allen. Dann wurde es noch recht gemütlich. Eugen entwarf die herrlichsten Zukunftsbilder in betreff seines Aufenthaltes in St. Ruprecht und bestimmte schon im vorhinein die Stelle an der Wand, wo er sein erstes Rehkrickel anbringen werde. Lise sah sich schon im prachtvollen Pelzwerk bewundert und beneidet von den anderen jungen Damen, und Frau Charlotte entwickelte umfassende Pläne wegen der Verwertung des prachtvollen Seidenstoffes. Es war schon ziemlich spät, als Herr Breuer Abschied nahm. Lise begleitete ihn zur Tür. »Also, Sie wissen nicht, von wem die Sealskinkappe war, die Ihnen heute das Christkind brachte?« Sie wußte es wohl, sagte aber kurzweg »Nein«. »Gute Nacht! Fräulein Lise.« »Gute Nacht! Herr Breuer.« Fünfzehntes Kapitel Herr Dr. Thorn hatte durch Vermittlung des Herrn Försters zwei Griffons um schweres Geld angekauft. Als der Förster mit den beiden reizenden Tieren ankam, hatte Frau Pauline erschrocken die Hände zusammengeschlagen. »Das sind aber Scheusäler!« hatte sie ausgerufen. Auch Kathi und Marie waren gekommen und hatten dezidiert erklärt, zwei so grausliche Hunde ihr Lebtag nicht gesehen zu haben. Sie waren auch danach. Den Körper bedeckte graubraunes, ziemlich langes, leicht gewelltes Haar, das ihnen dicht über die gelben Augen herabfiel. Sie sahen aus wie zwei Gassenjungen, die sich mindestens acht Wochen lang nicht gekämmt haben. Und ganz grimmige Schnauzbärte hatten sie, die sich in wirren Strähnen von der braunen Nase abwärts senkten. Aber eines versöhnte mit ihrem struppigen Aussehen, das waren die Augen, die mit einem wunderbaren Gemisch von verständiger Aufmerksamkeit, Humor und ergötzlicher Bosheit unter dem Haargewirr hervorsahen. Dr. Thorn war ob seines neuen Erwerbes ganz Feuer. Paschas Haus mit dem gestickten Vorhang ward ihnen als Erbe taxfrei überwiesen. Der Boden wurde zwanzig Zentimeter hoch mit feinster Holzwolle bedeckt, und Herr Wymetal hatte einen ganzen Nachmittag damit zu tun, die durch das Austrocknen des Holzes entstandenen Fugen mit Leisten zu vernageln. Als das Gelaß fertig war, wurde es feierlich Hex und Lady zum Gebrauch übergeben. Die beiden Damen bezogen mit großer Selbstverständlichkeit das Haus, und es war herzig anzusehen, wie sie friedlich nebeneinander auf der Holzwolle lagen und mit einer unsäglich dankbaren und frommen Miene auf ihren Herrn sahen. »Wenn man sie genau anschaut, so sind sie eigentlich ganz liebe Kerle«, sagte anerkennend Frau Pauline. »Man muß sie aber sehr genau anschauen«, meinte lachend der Herr Doktor Schon am nächsten Tage gab es für Herrn Dr. Thorn eine angenehme Überraschung. Als er in den Hofraum hinaustrat, sprangen ihm die beiden Hunde mit allen Zeichen großer Freude entgegen; er liebelte sie ab, was sie scheinbar ungeheuer erfreute. Bei der Hundshütte lagen einige Fetzen braunen Stoffes. Er trat näher hinzu. Richtig, die Hunde hatten bereits mit der Adaptierung ihres Heims begonnen; der Vorhang war von ihnen in seine Teile zerlegt worden. Die Hunde legten sich vor der Hütte nieder und sahen, freundlich mit den kurzen Schwänzen wedelnd, mit leuchtenden Augen ihrem Herrn ins Gesicht, als wollten sie sagen: »Was, das haben wir aber gut gemacht.« Mit etwas betretener Miene betrachtete der Herr Doktor die Sachlage. »Sehr schön«, sagte er. »Was wird Frau Pauline dazu sagen; jetzt könnt's ihr euch mit euren Hintern zudecken!« Und es lag keine Spur von Freudigkeit in seinen Worten. Frau Pauline kam, auch Kathi und Marie betrachteten die Greuel der Zerstörung. Als Pauline erschien, apportierte ihr freundlich wedelnd Lady das größte Stück des Vorhanges, das noch einen Teil des gestickten P enthielt. Hex präsentierte eine grüne Holzleiste, die bei der Demolierung des Vorhanges mitgegangen war. »Na, dö werd'n no was anstellen!« prophezeite Marie. Auch Frau Pauline schüttelte wehmütig das Haupt. Die einzigen Fröhlichen waren die beiden Hunde. »Was soll nun geschehen?« fragte Dr. Thorn. »Wenn wir ihnen einen neuen Vorhang machen, und selbst wenn wir ihn mit dem Monogramm HL verzieren, so werden sie ihn wieder zerreißen. Denn ich glaube nicht, daß sie das P, das auf den früheren Besitzer hinweist, so verstört hat, daß sie diese Verwüstung anrichteten.« »Denen stick ich überhaupt nichts«, erklärte entrüstet Frau Pauline und verließ den Schauplatz. Kathi und Marie gingen mit ihr. Die beiden Hunde wollten ihnen nach, wurden aber mit allgemeiner Verachtung zurückgewiesen. Entsprechend den Ermahnungen des Försters brachte Herr Dr. Thorn den Hunden selbst das Frühstück. Die Milch ward mit Leidenschaft verzehrt und die beiden Tiere boten einen recht hübschen Anblick; bedeutende Teile der genossenen weißen Flüssigkeit tropften ihnen von den Bärten herab. Thorn mußte lachen, daß ihm die Tränen aus den Augen rannen. »Ich werde nach dem Frühstück mit den Hunden einen Spaziergang machen«, sagte Thorn. »Ich habe auch schon ein Mittel gefunden, um den neuen Vorhang vor ihrer Zerstörungssucht zu bewahren. Der Stoff wird mit einer sehr bitteren, vielleicht auch zusammenziehenden, aber durchaus unschädlichen Substanz imprägniert. Da wird ihnen der Gusto schon vergehen, wenn ihnen das Wasser zwischen den Zähnen zusammenrinnt.« Dr. Thorn kam nach dem Spaziergang mit den beiden Hunden sehr verspätet und höchst echauffiert nach Hause. Auf die Frage, wie es gegangen sei, antwortete er ziemlich einsilbig. »Sie haben noch keinen Appell«, sagte er, »aber ich hoffe, nach und nach werden sie ihn bekommen.« »Warum kommst du so spät?« fragte Pauline. »Ich konnte die Hunde doch nicht davonlaufen lassen«, erklärte er. »Sie strebten ungestüm in die Weite!« Er verschwieg, daß es nur der Dazwischenkunft des Försters zu danken war, daß sie überhaupt nach Hause kamen. Der Förster hatte ein Pfeiferl, das einen äußerst durchdringenden schrillen Ton gab. Hex und Lady hatten eben willenlos ihrem »ungestümen Drang ins Weite« nachgegeben, ihr Herrl rief ihnen nach, daß er blau im Gesicht wurde, aber sie hörten ihn nicht. Da erklang der schrille, durchdringende Ton. Die beiden Hundedamen kehrten sofort um, da sie aus Erfahrung wußten, daß dieser Ton gemeiniglich mit einer ansehnlichen Tracht Prügel verbunden sei. So war es möglich gewesen, die beiden nach Hause zu bringen. »Und wie sie stinken«, sagte vorwurfsvoll Frau Pauline. »Ja, sie haben die unangenehme Gewohnheit, Kuhfladen zu fressen und noch anderes. Ich glaube, der unangenehme Geruch rührt davon her!« Die Hunde wurden sofort in den Hof gejagt. »Sie haben auch eine Mordtat verübt. Lady erwischte ein junges Kätzchen. Hex half ihr, und ich glaube, das Tier starb an einer Sehnenzerrung. Lady zog beim Kopf, Hex beim Hinterteil an, wodurch sich der Körper der Katze bedeutend verlängerte. Ich glaube, die Hunde werden sehr scharf werden. Für die Katze mußte ich dem Besitzer drei Kronen bezahlen, was eigentlich unverschämt viel ist.« »Warum hast du dir nicht eine andere Hunderasse angeschafft?« fragte vorwurfsvoll Frau Pauline. »Es gibt doch so schöne Jagdhunde. Gerade solche Köter mußt du dir nehmen!« »Sag nicht Köter«, verwies ihr der Bruder die unangemessene Redensart. »Griffons sind eine sehr edle Hundeart. Sie haben für mich auch eine hygienische Bedeutung!« »Ah!« sagte verwundert Frau Pauline. »Ja!« erwiderte Thorn. »Ich bemerke seit einiger Zeit Anzeichen von Fettleibigkeit an mir. Ich glaube, wenn Hex und Lady einmal sechs Wochen bei uns sind, dann habe ich mir bereits die letzte Spur von Fett weggeärgert!« Frau Pauline lachte zu dieser eigenartigen Auffassung. »Du hast doch eine wunderbare Manier, selbst dem Unangenehmsten eine gute Seite abzugewinnen!« »Ja, gottlob!« Sehr erheiternd wirkte es, als Hex und Lady am nächsten Tag mit Hansl, der zufällig den Hof betrat, Bekanntschaft machten. Die Hunde sahen erst höchst verwundert drein, als das unbekannte Tier angriffbereit die Grenadiermütze senkte. Dann aber fuhren sie wütend auf ihn los. Hansl kam die Geschichte etwas unheimlich vor; die beiden grauen Borstwische erregten ihm tiefen Abscheu, und er versuchte, sich zu drücken. Heulend fuhren ihm die Hunde nach und dahin ging die wilde Jagd durch den Blumen- und Gemüsegarten und wieder zurück. Dr. Thorn, durch den Krawall aufmerksam gemacht, kam heraus und sah mit freudigem Staunen die wilde Jagd. »Sie werden gut«, sagte er zufrieden, »sie haben Schneid!« Dann versuchte Dr. Thorn der Sache ein Ende zu machen. »Hex! Lady!« schrie er mit Stentorstimme, pfiff, was er nur konnte, aber die Hunde hörten nicht. Ein Glück für Hansl war es, daß ihm einfiel, sich durch den Flur in die Küche zu flüchten, wo ihm durch Marie und Kathi werktätige Hilfe zuteil ward. Die Hunde stürmten natürlich nach, wurden aber dort sehr unangenehm empfangen. Marie hatte den Rüttelbesen und Kathi einen gewaltigen großen Kochlöffel gepackt und Dr. Thorn genoß wenige Minuten danach das ergötzliche Schauspiel, daß die beiden Hunde gestreckten Laufes aus dem Flur ausfuhren und sich in der Hütte verbargen, deren Eingang sie infolge ihrer Eile bald zertrümmert hätten. Hinter ihnen erschienen wie Rachegeister die beiden Mägde, ihre Waffen schwingend. Dr. Thorn lachte, daß ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Eine weitere Strafhandlung verbot er strengstens, denn Hex und Lady lagen bereits vereint in ihrer Hütte und schauten mit frommen Augen in den Hof hinaus. Hansl wurde in seinen Stall geführt. An der Hundehütte vorbei mußte er direkt geschoben werden, solchen Respekt hatte er vor den Kötern bekommen. Auch noch einen anderen schönen Herzenszug besaßen sie, sie stahlen wie die Raben. Die Köchin hatte Bischofbrot bereitet, eine Sorte von Mehlspeise, in der sie geradezu exzellierte. Während einer momentanen Abwesenheit waren Hex und Lady zu Besuch gekommen, hatten das Blech, auf dem das Bischofbrot lag, vom Tisch gerissen und angefangen, mit großer Begierde die Bäckerei zu verzehren. Als Kathi die Schandtat entdeckte, stieß sie einen gellenden Schrei aus. Dr. Thorn, Frau Pauline und Marie stürzten erschrocken in die Küche, wo Hex und Lady unbekümmert um den Verzweiflungsschrei der Köchin, sich am Bischofbrot gütlich taten. Als die beiden Hunde sahen, daß die vereinte Macht anrücke, nahm jeder noch den Rachen voll von der Leckerei und dann verzogen sich beide in aller Eile in ihre Wohnung. Beim Gitter des Hühnerhofes konnten sie stundenlang sitzen und hineinschauen. Wenn eines der Kaninchen sichtbar wurde, vergingen sie fast vor Aufregung, sie rannten längs des Gitters hin und her und heulten und bellten. Wenn Hansl die Hunde hörte, dann zog er sich scheu in seine Kemenate zurück. »Du mußt die Hunde zu einem Jäger in die Dressur geben!« schlug Frau Pauline vor. »Nein, nein, das werde ich niemals tun«, erwiderte energisch der Bruder, »ich werde sie selbst in das Feld führen, ich werde sie selbst dressieren!« »Aber du verstehst das ja nicht – du hast ja niemals Jagdhunde dressiert.« »Ich habe mir fünf einschlägige Werke gekauft, ausgezeichnete Werke. Bei verzweifelten Gelegenheiten wird mir der Förster mit Rat und Tat an die Hand gehen. Schlagen werde ich die Hunde nicht, denn es sind sehr weiche Hunde, die sehr leicht verschüchtert werden!« »Die Hunde können verschüchtert werden?« sagte Frau Pauline und warf einen fragenden Blick zum Himmel hinauf. Die Hunde gaben mancherlei Anlaß zu Debatten. Frau Pauline verwünschte den Förster, der ihrem Bruder den unseligen Rat gegeben hatte, sich solche Scheusäler anzuschaffen. Ja, wenn der Förster zu Besuch war, waren die beiden jungen Hundedamen ungemein manierlich. Er hatte eine sehr grobe Art zu befehlen, und wenn eine der beiden nicht sofort folgte, so bekam sie sofort eins mit der Peitsche über das Hinterteil, daß sie quietschte. »Das ist nicht richtig«, sagte dann Dr. Thorn. »So edle Hunde sind bald verschlagen! Mit guten, sanften Worten richtet man auch sehr viel!« Sechzehntes Kapitel Eugen war angekommen. Als er das »vom Christkind beim Onkel für den Neffen abgegebene Jagdgewehr« betrachtete, geriet er außer sich vor Entzücken. Dr. Thorn war fast nicht imstande, die stürmischen Dankesbezeigungen des Neffen abzuwehren. »Darf ich das Gewehr mit nach Hause nehmen?« fragte er mit glänzenden Augen. »Das Gewehr gehört ja dir, Eugen«, sagte der Onkel, »es ist eine sehr schöne Waffe, wie sie ein solch nichtsnutziger Junge gar nicht verdient. Freilich kannst du es mit nach Hause nehmen, aber was willst du in Wien damit: Fliegen schießen – oder Wanzen – oder solches Kleintier?« »Nein, nein, Onkel, wenn ich es nur jeden Tag ein paarmal anschaun kann. Ich werde dabei immer recht, recht dankbar an dich denken. Und dann noch eins: der Vater fürchtet sich vor einem Gewehr ...« »So ... und du willst ihn damit erschrecken, du dummer Junge! Nein, da wird nichts daraus!« Eugen bat aber so lange, bis ihm der Onkel einige annehmbare Bedingungen stellte, unter denen er die Flinte nach Wien mitnehmen dürfe. Erstens: Genaueste Kenntnis der Waffe. Zweitens: Niemals eine Patrone (leere oder ausgeschossene ausgenommen) in die Läufe zu stecken. Drittens: Genau nachsehen, ob sich nicht infolge feuchter Luft Rost in den Läufen festsetze. Eugen schwur einen heiligen Eid, diese Bedingungen einzuhalten »Na also, dann kannst du es mitnehmen!« gab der Onkel zu. Nach dem Essen stellte der Onkel seinem Neffen die beiden Hunde vor. Mit wütendem Gebell empfingen die beiden den Fremden. »Das sind ja Griffons«, sagte mit großartiger Kennermiene der angehende Jäger. »Donnerwetter, Kerl, woher weißt denn du das?« »Herr Breuer hat mir ein großes, schönes Buch über die Jagd geschenkt, da sind sie drinnen abgebildet.« Die Hunde kamen herbei und beschnupperten Eugen. Er versuchte sofort, sich mit ihnen in gutes Einvernehmen zu setzen, und wollte sie liebkosen. Aber knurrend wichen sie zurück. »Warte nur, wenn sie dich erst kennen werden, dann sind sie sehr heb. Morgen machen wir einen Gang mit ihnen hinaus in den Wald.« Nach dem Abendessen blieb man noch eine gute Weile sitzen. Eugen erzählte, was er zu Weihnachten alles bekommen hatte. »Das Liebste aber ist mir das Jagdgewehr«, sagte er mit strahlender Miene, »Onkel, du hast mir eine große, große Freude gemacht.« Und er nahm die Waffe vom Gewehrstand des Onkels, betrachtete sie mit freudigen Blicken und fuhr mit der Hand hebkosend über die fein damaszierten Läufe, als wenn es etwas Lebendes wäre. »Das Buch, das mir Herr Breuer geschenkt hat, ist mir auch sehr heb, ›Diezels Niederjagd‹ heißt es.« »Ein gutes Buch«, sagte anerkennend der Onkel. »Ich hab es auch in meinem Bücherschrank.« »Ich habe die neueste Auflage«, betonte stolz Eugen, »mit vielen Verbesserungen und Zusätzen!« »Junge, in dich ist ja der Jagdteufel mit aller Gewalt gefahren«, sagte lachend der Onkel. »Ich will ein Forstmann werden, kein Beamter. Ich möcht es nicht aushalten den ganzen Tag, wie der Vater oder die Lise, im Bureau zu sitzen und zu schreiben.« »Ein wirklicher Forstmann muß aber sehr viel lernen«, gab der Onkel zu bedenken. »Das werd ich schon; wenn ich daran denke, eine Klasse vielleicht wiederholen zu müssen, wird mir völlig übel. Ich will nach dem Gymnasium auf die Hochschule für Bodenkultur gehen.« »Ja, ja, ganz recht, es ist gut, daß du schon ein festes Lebensziel vor Augen hast. Jetzt sag mir aber, was haben denn dein Vater und deine Mutter gesagt, als das Wildbret anlangte.« »Vater hat zuerst geschimpft, und als es gekocht war, hat er es sehr gelobt«, antwortete Eugen, »aber Lisel ist gut zu Teil gekommen, sie hat zwei großartige Pelzgarnituren bekommen, die eine von dir Onkel, und die andere von Herrn Breuer und außerdem eine Sealskinmütze, von der wir nicht wissen, woher sie kommt. Lisel könnte jetzt ganz gut eine Nordpolexpedition unternehmen, so gut ist sie ausgerüstet.« »Und hat man gar nicht entdeckt, von wem die Mütze stammt?« fragte Frau Pauline. »Nein! Aber Lisel setzt sie sehr gern auf – sie trägt sie jeden Tag, ich glaub, sie wird's auch im Sommer tragen! Ich meine, sie hat einen Klamsch«, setzte er noch ganz überflüssiger Weise hinzu. Pauline warf einen viel bedeutsamen Blick auf den Bruder. »Hm, hm«, sagte der, und schüttelte sein weises Haupt. »Ja, aber jetzt heißt es schlafen gehen, wir wollen morgen mit Hex und Lady in den Wald gehen, das gibt viel Arbeit!« sagte Dr. Thorn, und Frau Pauline nickte wehmütig mit dem Kopf. »Ach ja«, seufzte sie. – Der Waldgang gestaltete sieh sehr abwechslungsreich. Die beiden Hunde wurden mit Leinen versehen, Hex ward von Herrn Dr. Thorn, Lady von Eugen geführt. Doktor Thorn war außerdem mit einer ansehnlichen Peitsche und einem sehr schrillen Pfeifchen versehen. Dem Abschiede wohnte die ganze Damenwelt in Doktor Thorns Hause bei. Die drei Damen hegten den heißesten Wunsch, die beiden Herren möchten die Hunde im Walde verlieren. Die Dressur begann schon auf der Straße. »Pfui Hex!« rief Dr. Thorn. »Pfui Lady!« schrie Eugen. Die beiden Hunde zeigten wieder das größte Interesse an den Kuhfladen. Nach einiger Zeit sah sich Dr. Thorn genötigt, die Mäuler beider Hunde mit Büscheln trockenen Grases abzuwischen. Sie erschienen grün eingeseift. Zur Strafe für ihre Untat wurden beide mit Maulkörben versehen, die an der Vorderseite mit einem sehr engmaschigen Gitter versehen waren. Die Hunde ließen traurig ihre Struwelpeterköpfe hängen. »Ja, ja«, tröstete Dr. Thorn die beiden Scheusäler, »es werden auch Menschen oft Maulkörbe vorgebunden.« Eugen mußte unwillkürlich an seinen teuren Papa denken. Am Waldrande angelangt, wurden ihnen die Maulkörbe wieder abgenommen; dankbar sahen sie mit ihren zottigen Gesichtern zu ihrem Herrn auf. Der Wald lag in weißer Winterpracht vor ihnen. In der Nacht hatte es Rauhreif gemacht und im Lichte der noch tief am Horizont stehenden Sonne glitzerten und funkelten die kahlen Zweige der Bäume und das dürre Buschwerk in heller Pracht. »Schön, schön ist's da«, sagte Eugen, »oh, wie freue ich mich, wenn ich einst Förster sein werde!« »Na, die Sache hat auch ihre unangenehmen Seiten. Wenn's regnet, ist's im Walde sehr naß – und ...«, er mußte plötzlich seine Rede unterbrechen, denn die beiden Hunde hatten ihre Leinen um seine Füße gewunden und strebten mit Macht einem Hasen nach, der vor ihnen aufgestanden war. Im Nu saß Dr. Thorn auf dem Schnee. Eugen leistete ihm Gesellschaft. »Hex – Lady!« erklang es durch den stillen Wald. Als Thorn und Eugen sich aus der Verwicklung befreit hatten, setzte es Hiebe für die beiden Hundedamen. Dies hatte zur Folge, daß sie einige Zeit sehr sittsam neben den beiden Jägern gingen. Nach einiger Zeit »standen« sie weidgerecht einen Fasan. Eugen hatte verwundert dem Gebaren der Hunde zugesehen. »Was haben sie denn?« fragte er. »Pst, pst!« sagte warnend Dr. Thorn. In diesem Moment erklangen dumpfe Flügelschläge, ein prachtvoller Fasanhahn stieg auf und strich in den Wald hinein. Eugen war sprachlos vor Entzücken. »Brav, brav ...«, lobte begeistert Thorn die beiden Köter. Geehrt und erfreut durch diese Aufmunterung wedelten die Hunde mit ihren kurzen ruppigen Schwänzen und gingen hochanständig mit ihren Herren weiter. »Ich werde es jetzt versuchen, sie von der Leine abzulassen«, sagte Thorn und öffnete die Karabiner. Einige Zeit gingen die beiden recht brav mit. Aber das neuerliche Erscheinen eines gewaltigen Hasen zerstörte sofort die Disziplin. Wie verrückt flohen die Hunde ihm nach. »Hex – Lady!« klang es wieder durch den Wald. »Trrrrr« erklang das Patentpfeifchen durch die Stille. Aber Hex und Lady waren bereits verschwunden. Thorn und Eugen machten sich auf die Suche. Aber alle Mühe war vergebens. Hügel ab, Hügel auf ging es, Dr. Thorn schwitzte infolge des Watens durch den knietiefen Schnee, daß ihm die hellen Tropfen auf der geröteten Stirn standen. »Es nützt nichts«, sagte er keuchend, »wer weiß, wo die Luder hin sind. Gehen wir nach Hause, es ist bereits 11 Uhr – Tante wartet schon mit dem Mittagessen. Wer einen geruhigen Lebensabend genießen will, soll sich nicht die Aufgabe stellen, junge Griffons aufzuziehen.« Betrübt gingen sie heimwärts. »Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer«, dachte sich Eugen, der kurz vorher Scheffels »Ekkehart« gelesen hatte, als der Onkel so mißmutig vor ihm einherstapfte. »Ich weiß gewiß, die daheim werden eine Riesenfreude haben, wenn ich ohne die zwei Biester heimkomme«, knurrte Dr. Thorn. Als sie heimkamen, begrüßte sie das wütende Gebell der beiden Hunde. Mit freudigem Antlitz trat ihnen bei der Tür Tante Pauline entgegen. »Gott sei Dank«, sagte sie, »soeben wollte ich zum Förster schicken. Anderthalb Stunden schon sind die beiden Hunde zu Hause. Ich hatte die furchtbarste Angst, daß euch was passiert ist, als die Hex und Lady allein nach Hause kamen.« »Pauline, mich hätt's viel mehr gewundert, wenn sie mit mir zugleich gekommen wären«, sagte verdrossen Doktor Thorn. »Und hungrig waren sie«, fuhr Pauline fort, »komm nur herein ins Speisezimmer und sieh dir die Bescherung an.« Der Teppich im Zimmer war entfernt, mannigfache Zeichen am Boden deuteten darauf hin, daß eine fulminante Katastrophe stattgefunden habe. »Ich hatte bereits für uns gedeckt, und in meiner Besorgnis sah ich alle Augenblicke beim Tor hinaus. Dabei muß ich die Tür offen gelassen haben, die Hunde kamen herein und rissen das Tischtuch herab. Die Suppenschüssel, zwei Teller und vier Gläser sind zerbrochen!« »Sehr schön«, sagte Dr. Thorn und betrachtete mit Gram die Greuel der Verwüstung. In diesem Augenblick kamen Hex und Lady zur Tür herein und begrüßten das geliebte Herrl mit freundlichem Schwanzwedeln und vielen krummen Verbeugungen. »Brave Hunde«, sagte Thorn und streichelte sie. »Merke dir, Eugen, für den Fall, daß auch du einmal einen Jagdhund bekommst: ein Hund muß gut behandelt werden. Weiche Hunde dürfen nicht geschlagen werden, sonst werden sie nervös und verschüchtert! Und ich glaube, Hex und Lady sind sehr weiche Hunde. Es wäre mir momentan auch bedeutend lieber, wenn sie bereits ausgestopft wären, aber ich bedenke, daß sie eben junge Hunde sind!« Während des Speisens – das Mittagmahl wurde im Zimmer der Frau Pauline eingenommen – sagte Herr Dr. Thorn: »Nachmittags lasse ich mich beim Bäckermeister abwägen, damit ich nach acht Tagen konstatieren kann, wieviel ich an Gewicht dann verloren habe!« Der Nachmittag verlief in lehrreicher Unterhaltung. Nach dem Mittagsschläfchen erteilte der Onkel dem Neffen Unterricht in der Waffenlehre. Abends wurde der Herr Bürgermeister gemeldet. »Ein seltener Gast, aber sehr willkommen«, begrüßte Dr. Thorn den Gestrengen, »Pauline, die Kognakflasche ... schnell! Sehr brav ... Herr Bürgermeister, daß Sie einmal mit Ihrem Besuche mein geringes Heim beehren!« »Bitte, gnädige Frau, sich nicht zu bemühen«, sagte mit scharfem Ton der Herr Bürgermeister, »erstens nehme ich zu dieser Stunde niemals geistige Getränke zu mir, und zweitens« – er zögerte – »werde ich niemals in diesem Hause etwas annehmen!« »Oho!« sagte Dr. Thorn, »da möchte ich denn doch bitten!« »Entschuldigen Sie, Herr Doktor«, sagte der Bürgermeister ruhig, aber sehr ernst, »wäre es vielleicht möglich, einige Worte mit Ihnen zu reden?« »Oh, sehr gern, mich wundert es nur, daß Sie mich nicht in die Gemeindekanzlei vorgeladen haben!« »Es sind private Angelegenheiten, die ich mit Ihnen zu besprechen habe.« Auf diese Andeutung hin verließen Pauline und Eugen die Szene. »Sie haben mir den Sohn entfremdet«, begann er. »Ah – sehr gut! Ich hätte Ihnen den Sohn entfremdet?« »Ich habe bestimmte Beweise dafür!« »So! Möchten Sie mir diese Beweise vorlegen?« »Ja, deswegen bin ich gekommen! Ulrich war stets ein guter, braver Sohn. Seit dem Moment, da Ihre Nichte hier erschienen ist, hat er sich sehr zu seinem Nachteil geändert ...« »Auch meine Nichte soll sich nicht zu ihrem Vorteil geändert haben, seit sie Ihren Sohn hier getroffen hat. Wollen Sie mir vielleicht einen Vorwurf daraus machen, daß ich meine Nichte zu mir eingeladen habe?« »Verdrehen Sie nicht die Sachen, Herr Dr. Thorn«, entgegnete mit großer Schärfe der Bürgermeister; »ich habe noch andere Beweise, daß Sie gegen mich konspirieren!« »Also Revolution! Die Gendarmerie ist hoffentlich schon verständigt!« »Sie haben meinem Sohn eine Praktikantenstelle im Handelsministerium verschafft. Heute habe ich diesen Brief erhalten – da – da hier steht's!« »Dürfte ungefähr stimmen«, sagte Dr. Thorn; »ich habe einigen bekannten Herren geschrieben, daß das Gesuch Ihres Sohnes baldigste Erledigung findet. Es freut mich, daß das geschehen ist!« »Wissen Sie, Herr, was Sie sind?« fragte fast schreiend der Bürgermeister. »Sehr wohl; Regierungsrat Dr. Thorn, Hausherr dahier und gewohnt, jeden unangenehmen Gast sofort hinauszuwerfen.« Die prompte Antwort verstimmte den Herrn Bürgermeister. »Ich habe die Absicht, Sie wegen Störung der Familie zu verklagen!« »Ich weiß nicht, ob es einen solchen Paragraphen gibt – aber versuchen Sie es getrost. Sie tun übrigens so, als wenn sich Ihr Sohn geradezu in mich verliebt hätte! Was wollen Sie denn eigentlich von mir?« »Wenn Sie das nicht getan hätten, so wäre mein Sohn wahrscheinlich wieder zu mir zurückgekehrt.« »Hätten Sie ihn nicht hinausgeworfen, so wäre er wahrscheinlich noch bei Ihnen.« So ging das Gespräch in recht anmutiger Weise weiter, bis der verletzte Vater dem Dr. Thorn ankündigte, daß er ihn verachte. Dies war Herrn Dr. Thorn denn doch zu viel; er erhob sich, um dem unwillkommenen Gast zu bedeuten, daß er die Audienz als beendet erachte. »Herr Bürgermeister«, sagte er ruhig, »niemand in der Welt wird mich jemals abhalten, einem Menschen, der ungerechterweise in Not und Elend geraten ist, zu helfen, und kein Bürgermeister wird es verhindern, daß ich einem Jüngling, der von seinem Vater aus Eigensinn und Dummheit aus dem Vaterhause getrieben wurde, beispringe. Ich habe mich nicht zwischen Sie und Ihren Sohn gestellt; erst dann, nachdem Sie jedes Band zwischen Ihnen und Ihrem Sohn selbst zerrissen hatten, habe ich ihm meine Hilfe angeboten. Und jetzt bitte ich Sie, Herr Bürgermeister, mein Haus zu verlassen!« Höflich öffnete er dabei die Tür. Wütend schritt der Bürgermeister hinaus. »Sie werden noch von mir hören, Herr Doktor«, sagte er drohend. »Selbstverständlich, Herr Bürgermeister«, antwortete friedfertig der Hausherr, »in einem so kleinen Ort hört man alle Augenblicke etwas von seinen geehrten Mitmenschen.« Dr. Thorn begleitete den Gast durch den Flur. Mit wütendem Gebell stürmten aus dem Hofe Hex und Lady herein. Dr. Thorn hatte alle Mühe, die beiden Hunde abzuwehren. »Die passen zu Ihnen«, sagte mit einer Miene unsäglichen Abscheues der Bürgermeister, und verließ ohne Gruß das Haus. Nach dem Nachtmahl setzte sich Dr. Thorn in sein Museum und schrieb zwei sehr lange Briefe; in dem ersten ward Herr Ulrich Kirchmaier, Praktikant beim Handelsministerium in Wien, dringendst ersucht, jeden Verkehr mit Fräulein Elisabeth Thorn sofort einzustellen und weder Sealskinmützen noch Briefe an das geehrte Fräulein abzusenden. In dem zweiten Briefe ward die Bankmanipulantin Fräulein Elisabeth Thorn dringendst ersucht, an Herrn Ulrich Kirchmaier keinerlei Briefe abzusenden und sofort jeden Verkehr mit ihm einzustellen. Den nächsten Tag war wieder prachtvolles Winterwetter. »Na, Eugen«, fragte der Onkel, »ist es dir angenehm, auf den Schießplatz zu gehen? Ich mache dich aber aufmerksam, es hat sieben Grad Kälte.« »Aber Onkel, das macht ja gar nichts, wenn ich einmal Förster werden will, darf mich die Kälte ja nicht genieren.« Und wie stolz war er, als er, das Gewehr vorschriftsmäßig mit dem Riemen über die linke Schulter gehängt, aus dem Hause schritt. Der Förster empfing die Gäste sehr liebenswürdig und erklärte, die Schießlektion nicht eher zu beginnen, bis nicht die Gäste etwas Erwärmendes angenommen hätten. Eugen bekam ein Glas warmen Tee, der Onkel genoß als alter Weidmann zwei Sliwowitze. Dann ward der Weg in den Steinbruch angetreten. An der richtigen Stelle angekommen, zählte der Förster dreißig Schritte ab. Der Waldarbeiter stellte das Brett, auf dem Onkel Gustav ein Papierblatt, darstellend einen flüchtigen Hasen, mit Reißnägeln befestigt hatte, an einer Felsenwand auf und versicherte es mit tüchtigen Steinen. »Also laden!« befahl der Förster. Vorschriftsmäßig senkte Eugen die Mündung des Gewehrlaufes zu Boden, drehte den Verschlußhebel zur Seite und steckte die Patrone in den Lauf. »Sehr brav, mein Junge«, lobte der Herr Förster, als das Gewehr schießbereit war. »Unser Stationsvorstand könnte von dir schon etwas lernen, der richtet beim Laden das Gewehr am liebsten gegen die Brust oder das Gesicht seiner Mitmenschen.« »Anschlag!« befahl er weiter. »Tadellos!« sagte der Förster, als Eugen die befohlene Übung ausgeführt hatte. »Gewehrkolben fest an die Schulter andrücken, sonst gibt's eine Ohrfeige. Nicht von mir, sondern von dem Schießprügel! Jetzt ordentlich das Ziel in das Auge fassen ... so ... ganz brav! Und wenn du glaubst, daß du es richtig hast, dann drück los!« Der Schuß krachte. Der Holzknecht brachte das Brett herbei. »Bravo, Eugen!« sagte beglückt Onkel Gustav. »Ausgezeichnet!« rief der Förster. »Wenn das ein wirklicher Hase war, der hätte jetzt seinen Lebenslauf beendet.« Eugens Antlitz glühte vor Freude und Aufregung. Nun ward das Bild eines Rebhuhnes im vollen Flug und danach das eines Rehbockes auf der improvisierten Scheibe angebracht. Auch die Schießversuche auf diese Objekte gelangen geradezu ausgezeichnet. Eugen wurde mit Lob geradezu überschüttet. Dann ward der Rückweg angetreten. »Wie wär's, wenn wir ihm ein wirkliches Jagdvergnügen bereiten würden?« fragte der Förster. Eugens Augen leuchteten hell auf. »Bitte, Herr Förster«, sagte er mit flehender Miene. »Beim Lißgraben, neben dem Gehöft des Leitbauern, wechselt ein Fuchs. Vielleicht gelingt's, dem alten Herrn eins auf den Pelz zu brennen. Wir müßten natürlich um längstens sieben Uhr zur Stelle sein!« Eugen erklärte sich mit freudiger Begeisterung bereit, schon um zwölf Uhr nachts zur Stelle zu sein. »Ob wir ihn kriegen, ist etwas unsicher«, sagte der Förster, »aber der Pirschgang ist auch etwas wert.« Es ward verabredet, daß am nächsten Morgen der Herr Förster Eugen abholen sollte. »Da wird's gut sein, einen Sliwowitz vorher zu nehmen!« meinte der Förster. Eugen erklärte sich selbst auf diese Bedingung hin bereit, mitzugehen. »Jetzt aber komm«, sagte der Onkel, »du hast noch Arbeit genug vor dir, du mußt dein Gewehr putzen!« Am nächsten Morgen, punkt sechs Uhr, trommelte es an die Tür von Herrn Dr. Thorns Hause. Der Hausherr, umhüllt vom dicken, weichen Schlafrock, öffnete selbst. »O, Herr Förster – sehr willkommen!« »Was ist's mit Eugen?« »Er ist schon seit halb Fünf auf. Er wollte erst vor Aufregung keinen Bissen zürn Frühstück nehmen. Durch die Drohung, er müsse dann überhaupt daheim bleiben, zwang ich ihn, Speise zu sich zu nehmen.« »Das ist ein Racker«, sagte der Förster. »Na, den hat das Jagdfieber ordentlich gepackt.« Eugen begrüßte den eintretenden Förster so ehrfurchtsvoll, als wenn es sein Schuldirektor wäre. Nur war die Begrüßung bedeutend wärmer. »Die Damen haben sich zurückgezogen«, erklärte Herr Dr. Thorn die Abwesenheit des weiblichen Geschlechtes. »Sie sind noch nicht in Besuchstoilette. Wenn aber Herr Förster geistige Bedürfnisse haben, so bin ich beauftragt, Ihnen solche zuzuführen. Vielleicht einige Gläser Kognak gefällig?« Der Förster schmunzelte sehr fröhlich, als er die bekannte Flasche erblickte. »Ich werde die Jagdflasche damit anfüllen«, schlug Dr. Thorn vor. In der Jagdflasche war noch eine Neige Sliwowitz vorhanden, welchen Übelstand der Förster mit einem Schluck entfernte. Als die Jagdflasche gefüllt war, ward die Reise angetreten. Eugen trug sein grünes Jagdgewand und den Hut mit dem Spielhahnstoß. »Donnerwetter«, sagte auf einmal Onkel Thorn. »Ich werde schon recht vergeßlich. Eugen, das Christkind hat noch etwas gebracht.« Und er holte aus dem Museum einen ganz neuen, kurzen Pelzrock heraus. »Wurde direkt beim Christkindl bestellt. Infolge des ungeheuren Andranges zu den Feiertagen ist die Lieferung verspätet eingetroffen.« »Und wie der Rock paßt!« Eugen küßte schweigend dem gütigen alten Herrn die Hand. »Aber jetzt heißt's immer brav sein!« mahnte der Onkel. Eugen nickte nur, zu sprechen wagte er nicht, weil er sich fürchtete, daß ihm Tränen der Freude die Worte ersticken würden. Der Förster reichte ihm das Gewehr. »Wo ist die Jagdtasche?« fragte er dann. »Ja, richtig, eine Jagdtasche – muß doch nachsehen, ob das Christkind nicht auch eine Jagdtasche gebracht hat.« Richtig brachte er aus dem Museum auch noch eine sehr hübsche Jagdtasche heraus. »Nein, wie ich schon vergeßlich werde!« sagte er, als er dem Jungen die Tasche umhing. Der Förster mußte infolge der ungeheuren Rührung, die ihn erfaßt hatte, sofort einen Kognak trinken. »Patronen mit Viererschrot sind bereits in der Jagdtasche, wie ich gesehen habe, so ein Christkind denkt doch an alles!« »Weidmanns Heil!« wünschte der Herr Onkel zum Abschied. »Weidmanns Dank!« ertönte der Baß des Försters und jubelte Eugen. Auf der verschneiten Dorfstraße lag das helle Mondlicht, seltsam flimmerte der Schnee in dem fahlen Schein. Aber kalt war es, bitterkalt, der hartgefrorene Schnee knirschte unter ihren Tritten. »Prachtvolles Jagdwetter!« sagte der Förster, »bin neugierig, ob wir den alten Racker zu Gesicht bekommen. Der Kerl hat schon genug Schaden angestiftet!« Bald ging der Weg bergauf. Die schwierigste Partie war der Hohlweg, in dem knietief der Schnee lag. Die Kronen der Föhren und Fichten sahen fast schwarz aus. Plötzlich huschte ein Schatten über den Weg, Eugen sah auf, in lautlosem Fluge zog ein Waldkauz über die Blöße. Dann kamen sie zu einem Bauernhof, der so still wie verschlafen dalag. Aus den im Mondeslicht schimmernden weißen Mauern sahen die dunklen Fenster wie große, gespenstische Augen auf die beiden herüber. »Das ist seit einigen Tagen Reineckes Revier. Gestern in aller Früh war der Bauer bei mir und klagte, daß ihm der rothaarige Schurke bereits eine Gans, zwei Enten und einige Hühner gestohlen habe. Jetzt aber heißt es stille sein – denn wenn er nur einen Laut vernimmt, empfiehlt er sich für heute!« Schweigend stiegen die beiden weiter und weiter empor! Unter Eugens Tritt krachte einmal ein dürrer Ast. Der Förster sah sich mißbilligend um. Eugen schämte sich so, wie er sich nicht einmal geschämt hatte, wenn ihm der Professor einen Sechser einschrieb. Als sie etwa hundertfünfzig Meter weit gegangen waren, kamen sie an eine Waldblöße. Die schneebedeckte Fläche hob sich seltsam von ihrer tief dunklen Umrahmung ab. Abseits vom Straßenrande, am Stamm einer riesigen Föhre, ward Aufstellung genommen. »Dort an der Ecke kommt er heraus«, sagte der Förster flüsternd, »wenn er überhaupt kommt! Ich hab die Fährten abgespürt.« Auf Geheiß des Försters machte Eugen sein Gewehr schußbereit; er hielt es vorschriftsmäßig unter dem linken Arm. Alle Schauer des schweigenden, nachtdunklen und dabei so mondhellen Waldes fielen in seine Seele – jede Fiber war gespannt. Plötzlich hörte man aus der Ferne mißtöniges Geschrei erschreckter Gänse und angstvolles Gegacker von Hühnern. »Jetzt raubt er!« sagte der Förster – »na wart nur!« Dann klang das Kreischen einer Weiberstimme und das zornige Fluchen eines Mannes waldein. »Aufgepaßt«, sagte der Förster, »wenn er kommt, so kommt er jetzt.« Das Pochen vom Herzen des jungen Weidmannes konnte man fast durch die Stille der Nacht vernehmen. Am Rande der Waldblöße glitt es wie ein grauer Schatten vorüber. Der Förster tupfte leise den angehenden Weidmann auf die Schulter. Eugen verstand das Zeichen. Er legte das Gewehr an. Am Rande der Waldblöße stand nun Meister Reinecke; mit gespitzten Lauschern sichernd stand er im hellen Mondlicht da. In diesem Moment krachte der Schuß aus Eugens Rohr. Und die Stille des Waldes ward unheimlich lebendig, über die mondbelichtete Waldblöße zog scheltend ein Schwärm von Krähen dahin. »Er liegt –!« sagte der Förster, »komm, mein Junge.« Er schritt voran, so rasch, daß ihm der Knabe kaum folgen, konnte. Am Waldrand lag mit zerschossenen Vorderläufen der Fuchs, neben ihm der tote Gockel, den er sich aus dem Bauernhause mitgenommen hatte. Grimmig wies er den Näherkommenden die Zähne. »Also, Eugen – den Gnadenschuß aufs Blatt«, Eugen legte an, zitterte aber vor Aufregung. »Na, ich werd' einen ordentlichen Knüppel suchen ...«, sagte der Förster, »und ihm eins auf die Nase geben. Du bist viel zu aufgeregt. Begreif's ja!« In diesem Moment hatte Eugen seine Ruhe gefunden, neuerlich weckte ein Schuß aus seinem Gewehr das Echo der stillen Waldföhren, der Fuchs streckte sich, einmal wendete er sich noch zähnebleckend seinen Widersachern zu, dann sank der Kopf auf die Seite. »Weidmannsheil!« sagte der Förster, tauchte ein Tannenzweiglein in das herausquellende Blut des Fuchses und steckte es auf Eugens Hut. »Brav gemacht, List ein tüchtiger Jung'«, sagte befriedigt der Förster, »den Gockel trägst du und den Lackl werd' ich mitnehmen.« Aber Eugen bestand darauf, den Fuchs und den Gockel selbst zu tragen. »Gut – auch recht«, sagte der Förster, »es wird für dich sehr erwärmend wirken.« Erfüllt von seligstem Stolz schritt Eugen den schneebedeckten Pfad abwärts. Beim Bauernhaus hielten sie an. Eines der kleinen niederen Fenster war bereits erleuchtet. Mit Macht klopfte der Förster daran. »Was ist's denn?« klang die Frage heraus. »Macht's auf, Euren Hahn hab'n wir bracht«, erklärte der Förster. »Was?« »Den Hahn hab'n ma wieder bracht, den Euch der Fuchs g'holt hat – törrische Kanon', übereinand'«, schimpfte der Förster. »Ah – der Herr Förster – kimm scho' – kimm scho'!« sagte das Bäuerlein. An dem Kraftworte hatte der Mann erkannt, wer draußen stehe. Der Schlüssel knarrte im Schloß; eine Laterne in der Hand, trat der Bauer heraus. »Hobt's do amol den Toifl derwischt«, sagte er freudigst. Den Hahn nahm er mit einem Schwall von Dankesworten entgegen. »Das ist der Schütz«, sagte der Förster und wies auf Eugen. »Der junge Herr?« Mißbilligend schüttelte der Bauer sein Haupt und lachte. »Wann der Förster an' nur an Bär'n aufbind'n' kann, dann is eahm schon leichter«, sagte er und lud die Herren; ein, einzutreten. Der Förster lehnte ab. Weiter ging's durch den Wald. Als die Weidgenossen ins Dorf kamen, umspann schon die Morgendämmerung Wiesen und Felder. Unbeschreiblich war der Aufruhr, den die Ankunft der beiden Schützen im Hause der Herrn Dr. Thorn verursachte. Tante Pauline öffnete. Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als Eugen mit dem Untier auf dem Rücken ins Haus trat. Marie und Kathi kamen herbei und schlugen die Hände zusammen, als sie Eugens Beute erblickten. Auf den Spektakel hin öffnete sich die Tür von Herrn Dr. Thorns Schlafzimmer. In den gelben weichen Schlafrock gehüllt, guckte er erst vorsichtig heraus. »O bravo, Weidmannsheil – hat er ihn geschossen?« fragte auch der Onkel. »Sind lauter Viererschrot drinnen – ich habe nur Sechser und Achter bei mir«, sagte der Förster. »Ein alter Herr«, sagte bewundernd der Onkel. Marie hatte eine Lampe gebracht, damit man das Raubtier besser betrachten könne. »Ein prachtvoller Kerl – dicht im Pelz! Na, der hat schon genug Geflügel im Magen gehabt!« Im Speisezimmer herrschte wohlige Wärme. Der Tisch war bereits gedeckt, was im Busen des Försters die angenehmsten Gefühle erweckte. »Was – so'n warmer Kaffee tut wohl nach solchem kalten Spaziergang?« fragte der Onkel, als er sah, mit welchem Wohlbehagen die durchfrorenen Weidmänner den angenehm duftenden Trank schlürften. Das Gespräch drehte sich naturgemäß nur um das große Ereignis. Der Herr Förster schilderte begeistert, wie sicher und fest Eugen dagestanden, wie keine Fiber an ihm gezuckt habe, als er den für Meister Reinecke so verderblichen Schuß abgegeben hat. »Ich muß Förster werden«, sagte Eugen, »gelt, Onkel, du hilfst mir dabei!« Der Onkel versprach es. Dann ward beraten, was mit dem Fell zu geschehen habe. »Du willst es der Schule spendieren?« fragte der Onkel. »Ja, die anderen werden mich alle beneiden«, sagte Eugen; »die haben noch nie ein richtiges Gewehr in der Hand gehabt und auf eine Jagd sind sie auch niemals gegangen!« »Gut, der Herr Förster wird dem rothaarigen Schurken die Haut über die Ohren ziehen und wir schicken sie dann sofort an die Schule. Ich werde dem Herrn Direktor einen Brief dazu schreiben und ihm deine Heldentat schildern. Der Herr Direktor ist, wie du weißt, ein guter Freund von mir; ich werde einen entsprechenden Geldbetrag mitsenden, damit die Präparierung der Anstalt keine Kosten verursacht.« »Wenn er sich nur nicht verkühlt hat«, fragte besorgt die Tante, »sonst bekommen wir sofort einen Brief vom Bruder Johann.« »Aber Tante – das mach' ich gleich mit der Mutter aus, die wird ihm schon die rechte Auffassung beibringen. Ich glaube, zum Briefschreiben hat er jetzt gar keine Zeit – er wird in einemfort Karl Mays Romane lesen.« »Aber du wirst sofort nach Hause schreiben«, befahl der Onkel. »Ja – gleich heute, vielleicht findet der Papa so viel Zeit, um darauf zu antworten. Die Antwort könnt' ich übrigens sofort selber schreiben; ich kenne den Stil des Papas sehr genau.« Alles lachte. Es war schon neun Uhr morgens, als sich die Gesellschaft trennte. Der Glanz des glücklichen Tages leuchtete noch lange in Eugens Seele nach. An den Vater, an Lise und Herrn Breuer schrieb er glückstrahlende Briefe. Am letzten Tage seines Aufenthaltes kamen die Antworten zurück. Vater Thorn schrieb: »Mein vielgeliebter Sohn Eugen! Dein Brief hat meinem Vaterherzen große Freude bereitet, trotzdem es mir unbegreiflich erscheint, daß Dein Onkel es zugeben konnte, daß Du eine so gefährliche Sache, wie es die Jagd auf ein so bösartiges Raubtier ist, unternimmst. Infolge Deines Mutes, den Du von mir geerbt hast, ist die Geschichte gut ausgegangen; wie aber wäre es gewesen, wenn der Fuchs auf Dich zugesprungen wäre und Dich gebissen hätte. Er hätte Dir den Kehlkopf aus dem Halse reißen können! Daß Du das Fell an das Gymnasium geschickt hast, finde ich sehr gut. Der Naturgeschichtsprofessor muß Dir nun die Note ›Eins‹ geben. Ich lese jetzt Karl Mays Romane, worin auch sehr viele Jagden vorkommen. Wenn es mir einmal die Zeit erlaubt, werde ich Dich auf einer Jagd begleiten. Frage Onkel, ob es Hochwild in seinem Revier gibt. Denn wenn ich einmal auf die Jagd gehe, so muß es sich um eine große Sache handeln. Lasse lieber Dein Gewehr beim Onkel zurück, ich habe solche gefährliche Sachen nicht gern im Hause. Wie Du schreibst, ist es eine Waffe neuester Konstruktion. Von solchen weiß man nie genau, wie sie losgehen, und ich möchte nicht, daß Deine Mutter und Deine Schwester in Gefahr kommen. Von mir rede ich nicht; denn ich habe dem Tode stets furchtlos ins Auge geschaut. Bringe auch weder Patronen, Pulver oder gar Schrote oder Kugeln mit, wegen der Explosionsgefahr. Ich lasse Onkel und Tante bestens grüßens. Ich grüße auch Dich und ermahne Dich, immer sehr vorsichtig zu sein. Mir ist es sehr unangenehm, daß Du das Gewehr bekommen hast! Dein liebender                                    Vater.« »Mir scheint«, sagte der Onkel, »dein Vater fürchtet, daß das Gewehr einmal mitten in der Nacht von selber losgeht. Ein märchenhafter Mensch. Aber nimms nur mit. Die Sache wegen des Waffenpasses werde ich schon machen. Ich schreibe das Gesuch, die nötigen Stempel gebe ich bei und du bittest deine gewaltige Frau Mama, es dem Vater zur Unterschrift zu übergeben.« Der Abschiedsabend, zu dem auch der Herr Förster geladen war, gestaltete sich so recht nach dem Sinne des Herrn Dr. Thorn. Die große Hängelampe verbreitete einen milden warmen Schimmer in der Stube, über den Teppich strahlte behaglicher Feuerschein aus dem großen Tonofen. Hex und Lady hatten es sich dort bequem gemacht. Sie lagen dort auf einer alten Decke, die ihnen. Tante Pauline zum Schutze des Parkettbodens aufgebreitet hatte, und sahen mit fröhlichen Blicken nach dem Tische hin, auf dem so köstliche Dinge, an denen auch sie Geschmack gefunden härten, aufgetragen wurden. Manchmal regte sich in ihnen unbezähmbar die Gier, an dem Reichtum teilzunehmen, aber das scharfe »Pfui« des Herrn Försters scheuchte sie sofort auf ihren Lagerplatz zurück. Als das Abschiedsmahl zu Ende war, brachte der Onkel eine versiegelte Flasche. Tante Pauline bekam ein kleines, der Herr Förster ein großes, und Eugen ein sehr kleines Glas. Der Onkel schenkte ein. Und als der Wein tief golden im Glas perlte, erhob er sich dann, und begann mit bewegter Stimme: »Mein lieber Neffe! Ich glaube, die Tage, die du jetzt bei uns zugebracht hast, werden dir unvergeßlich bleiben. Wenn du einmal ein alter Mann geworden bist – und ich wünsche dir dieses etwas wehmütige Glück von ganzer Seele –, dann wird die Erinnerung an diese Tage dein erkaltetes Herz neu beleben. Jetzt aber heißt es wieder fleißig arbeiten. Wenn der Traum deiner Jugend Wirklichkeit werden soll, wenn du ein richtiger Forstmann werden willst, dann mußt du viele Mühe aufwenden! Also herzliches Prosit auf deine Zukunft, ich hoffe noch den Tag zu erleben, dich als k. k. Forstrat zu sehen!« Die Gläser klangen aneinander. Es wurde noch recht gemütlich. Der Herr Förster erzählte die lustigsten Jagdgeschichten, die bewiesen, was für unglaubliche Sachen ein Forstmann erleben könne. Onkel Thorn begleitete des anderen Tages Eugen auf den Bahnhof. Der Abschied war sehr kurz. Eugen war so betrübt, daß er kein Wort sprechen konnte. »Sei recht fleißig, Eugen, Arbeit ist die beste Trösterin. Zu Ostern kommst du wieder! Lebe wohl, und grüß' mir alle!« Der Zug rollte ein. »So, und jetzt geh'!« sagte kurz der Onkel und verließ noch vor Abgang des Zuges den Bahnhof. Es war ihm nämlich ebenfalls etwas unangenehm ums Herz geworden. Siebzehntes Kapitel Der erste Tag in der Schule gestaltete sich für Eugen sehr freundlich. Der Herr Direktor kam in die Klasse, sprach ihm öffentlich den Dank für die erfolgte Sendung aus und ließ sich von ihm ausführlich über die Affäre berichten. Die gesamte Jugend horchte mit großer Begierde auf den Jagdbericht, und Eugen stieg bei seinen Mitschülern ungeheuer im Ansehen. Als Eugen dieses Ereignis daheim erzählte, schwoll Thorns Vaterherz in freudigem Stolz. »Ich hätte es wohl einmal gern gesehen, daß du die Laufbahn eines Beamten eingeschlagen hättest, in welchem Beruf unsere Familie seit undenklichen Zeiten Hervorragendes geleistet hat, da dich aber deine Fähigkeiten, dein gutes Auge, deine sichere Hand auf den schönen Beruf des Forstmannes hinweisen, so gehe mit Gott diesen Weg!« Er war fest der Meinung, daß ein moderner Forstmann nichts anderes zu tun habe als Hasen, Rehe, Hirsche, Bären und andere Raubtiere zu schießen, eine Anschauung, in der ihn die vortrefflichen Romane von Karl May, die er eben zum zweitenmal las, sehr bestärkten. Auch die Mutter war sehr erfreut. »Wenn ich einmal allein bin, so werd' ich dann zu dir ziehen. Die gute Luft in einem solchen Forsthaus wird mir sehr gut tun!« Sie hoffte nämlich, bestimmt den Gatten zu überleben, und malte sich ihr Witwentum im Forsthaus bereits in den glänzendsten Farben aus. »Und wenn ich einmal allein sein werde, dann werde auch ich zu meinem Sohne ziehen. Die Ruhe und Abgeschiedenheit des mitten im grünen Walde liegenden Forsthauses werden sehr angenehm auf meine Nerven einwirken«, antwortete der Vater in spitzem Ton auf die Rede der Mutter. Es fehlte nicht viel, und die beiden hätten wieder tüchtig zu streiten begonnen. Auch Herr Breuer war sehr erfreut, als Eugen abends im Familienkreise von dem Jagdzug erzählte. Nur Fräulein Lise saß schweigend da und machte ein Gesicht, als ob ihr Geist in weiten Fernen abwesend sei. Sie war auch böse auf den Bruder, den sie beschuldigte, daß er sie beim Onkel verklatscht habe. Die nächsten Wochen verflossen sehr ruhig. Diese Ruhe wurde nur einmal durch ein großes Ereignis unterbrochen: Herr Thorn wurde zum Oberrechnungsrat ernannt. Dieses Ereignis wurde von der Familie durch ein großes Fest gefeiert, bei dem Herr Thorn wieder eine sehr gehaltvolle Rede hielt. Zum erstenmal in seinem Leben war es ihm gegönnt, sich ganz auszusprechen. Herr Breuer verhinderte in seiner liebenswürdigen Weise jede Unterbrechung des Redners. Thorns Verhältnis zu seinem Bruder wurde auch mählich ein besseres, wozu in hervorragendster Weise die mannigfachen Wildbretsendungen beitrugen. Seine Briefe an Dr. Thorn hatten ihren pathetischen Ton gemildert und an Herzlichkeit gewonnen. »Schließlich muß ich bedenken, er trägt den Namen Thorn, und diesem Namen gegenüber bin ich Rücksicht schuldig.« Er tat immer so, als wenn er der Nachkomme eines uralten hochfürstlichen Geschlechtes wäre. Ende Februar fragte Herr Breuer, ob Fräulein Lise nicht Lust hätte, sich einmal einen großen Ball anzusehen. Fräulein Lise erklärte zuerst, daß ihr um solche Sachen eigentlich gar nicht zu tun sei. Im weiteren Verlauf ihrer Rede gab sie zu, daß ein solcher großer Ball eigentlich sehr interessant sein müsse, worauf Herr Breuer sich bereit erklärte, Karten zu besorgen. »Wegen der Karten allein ist es nicht«, sagte Herr Thorn. »Ein solches Vergnügen kostet noch außerdem sehr viel Geld. Das Kleid für Elise; die Wagen, Speisen und Getränke sind bei solchen Gelegenheiten fast unerschwinglich. Ich weiß nicht, ob mir derzeit so viele Barmittel zur Verfügung stehen, als ein solches Unternehmen erfordert.« Herr Breuer zerstörte die Bedenken des besorgten Familienvaters. Während der Konstruktion des Ballkleides, das Herr Breuer bei jener Firma bestellte, die seinerzeit das Dirndlgewand geliefert hatte, besserte sich die Stimmung des Fräuleins um ein Bedeutendes. Ihre sonst so düstere Lebensanschauung machte einer etwas freundlicheren Platz, ja, eines Abends kam sie sogar in einer wunderbar rosigen Laune nach Hause, die alle sehr verwunderte. Sie erklärte Eugen, daß sie nun wieder gut sei mit ihm, welche Nachricht von dem Bruder aber mit sehr großem Gleichmut aufgenommen wurde. Er teilte ihr mit, daß es ihm ganz Wurst sei, ob sie gut oder böse auf ihn sei. Die Ballgeschichte brachte großen Aufruhr in der Familie hervor. Frau Charlotte sollte zum erstenmal als Ballmutter und Herr Oberrechnungsrat Thorn als Ballvater figurieren. Nun fand der prachtvolle Seidenstoff, den die Mama zu Weihnachten bekommen hatte, auf einmal eine höchst passende Verwendung. Um einen geradezu lächerlich geringen Preis hatte sich die bekannte Firma auf Herrn Breuers Befragen bereit erklärt, aus dem Seidenstoff eine würdige Robe für Ballmütter herzustellen. Vater Thorn bestellte sich sogar einen Frack, der ihm, als er ihn anprobierte, ganz wunderbar paßte und die Ebenmäßigkeit seiner Gestalt prachtvoll zur Erscheinung gelangen ließ. Fast jeden Tag erschien nun aus dem Modesalon eine Mamsell, die von einem Mädchen begleitet wurde, das einen ungeheuren Karton trug. Im Schlafzimmer wurden die Kostümproben vorgenommen, und Fräulein Lise zeigte trotz ihres sonstigen Lebensüberdrusses ein ungeheures Interesse an all diesen amüsanten Vorbereitungen. »Was wird aber Eugen tun? Er kann übrigens ganz leicht mitkommen!« meinte Herr Breuer. Aber Eugen sagte, daß ihn ein Ball nicht im mindesten interessiere, und daß er ganz gern allein zu Hause bleibe. Ja, er freute sich sogar auf den einsamen Abend. Da konnte er wieder so recht con amore Diezels »Niederjagd« studieren, sein Gewehr untersuchen, die Läufe blankputzen und so weiter. Endlich kam der große Abend heran. Lise sah in ihrem Ballkleide entzückend aus. Breuer konnte das Auge von der holdseligen Gestalt gar nicht abwenden – das reizende Gesicht – die wunderfeine schlanke Gestalt – es sah aus, als sei der Frühling selber bei der Familie Thorn zu Besuch gekommen. Eugen erklärte, daß sein Jagdgewehr trotzdem viel schöner sei und fragte die Schwester, ob sie die Sealskinmütze aufsetzen werde. Lise würdigte ihn keiner Antwort. Die Mama sah äußerst würdevoll aus. Es machte ihr große Freude, daß das Seidenkleid bei jedem Schritt so vornehm rauschte. »Charlotte, du siehst sehr gut aus«, sagte Vater Thorn und betrachtete sie mit so liebevollen Blicken, daß die Mama errötend das schön frisierte Haupt zur Seite wandte. Denn auch ihr gefiel heute der Gemahl ausnehmend gut. Im Frack, um den Hals die weiße Krawatte geschlungen, schritt er würdevoll im Speisezimmer auf und ab und blieb alle Augenblicke vor dem Spiegel stehen und freute sich der machtvollen Erscheinung, die ihm daraus entgegenblickte. Das ganze Haus geriet in Aufregung, als die Familie Thorn zum Ball ausrückte. Aus allen Türen sahen neugierige Gesichter heraus, und die Hausmeisterin wagte es sogar, Fräulein Lise in wortreicher Rede im Hausflur zu bewundern. »Sie sans aber su scheen!« sagte sie. »Sie wern S' amal scheene Braut sein – wirde eh nit lang dauern, su wirds Hochzeit geben!« Vater Thorn war tief empört. »Eine ordinäre Person«, sagte er verächtlich, als er im Wagen saß. »Wenn es einmal möglich sein wird, dann ziehen wir aus!« Vor dem Sophiensaal stand Wagen an Wagen gereiht. Es dauerte lange, bis Thorns Landauer vor dem Eingang anlangte. »Es ist ein Elend mit dem Verkehr in Wien«, entrüstete sich Vater Thorn. »Solchen Gelegenheiten steht die Behörde gewöhnlich ratlos gegenüber.« Der Andrang bei den Garderoben war ein ungeheurer; es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Familie Thorn dazu gelangt war, ihre Überkleider abzulegen. Das überwiegend sehr elegante Publikum zeigte sich sehr indigniert. In unverhohlenster Weise machte Herr Thorn seinem Groll Luft. »So etwas ist nur in Wien möglich!« rief er erregt aus. Er hatte aber weder in Wien noch sonst irgendwo in der Welt jemals einen Ball besucht. Endlich waren mit Herrn Breuers energischer Mithilfe die Überkleider geborgen und die Familie stieg die Stufen zum Saaleingang empor. Herr Breuer führte Fräulein Lise. Der Anblick des Saales übte eine geradezu überwältigende Wirkung auf die Eintretenden aus. Die Decke war überspannt mit Schnüren, an denen Hunderte und Hunderte von Glühlampen hingen, die im Verein mit den mächtigen Bogenlampen den Saal mit einem Meere von Licht überfluteten. Die Stirnseite des Saales war prächtig mit Lorbeerbäumen, Palmen und riesigen Blattpflanzen dekoriert. Aus dem dunklen Grün hob sich eine kolossale Kaiserbüste hervor. Die Klangmassen des Orchesters, das Gewirre der Stimmen der unzähligen Anwesenden vereinten sich zu einem ungeheuren dumpfen Tosen und Brausen, das den ganzen Saal erfüllte. Herr Breuer hatte die Familie in eine Loge geführt. Die Damen saßen vorn an der Rampe; Breuer und Thorn hatten hinter ihnen Platz genommen. Frau Charlotte war ganz stumme Verwunderung, Lise sah mit leuchtenden Augen auf all den Glanz und die strahlende Pracht da unten. Herr Thorn trug eine unsäglich stolze und zugleich blasierte Haltung zur Schau. Jeder Zug seines ernsten und erhabenen Antlitzes schien zu sagen: »Was ist mir das – das ist mir, dem k. k. Oberrechnungsrat, gar nichts! Das habe ich schon mindestens tausendmal mitgemacht!« Herr Breuer nannte seinen Gästen die Namen der hervorragenden Persönlichkeiten, die da unten vorbeipromenierten. Und er besaß außerordentliche Kenntnisse in dieser Beziehung. Er kannte jeden Minister, jeden Abgeordneten von Bedeutung, alle Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, und als der Chef des Amtes, in dem Vater Thorn seit Jahrzehnten eine so hervorragende Kraft war, unten vorüberging, winkte er ihm in höchst kordialer Weise zu. Der Gewaltige winkte ungemein liebenswürdig zurück. Als Thorn dies sah, schnellte er mit militärischer Strammheit von seinem Sessel empor und verneigte sich tief vor dem mächtigen Manne. Lise konnte sich eines leichten Lächelns nicht erwehren, als sie sah, mit welch ungeheurer Devotion ihr Erzeuger den flüchtigen Gruß seines Chefs quittierte. Die Musik spielte, unten wogte die Menge – es dauerte mehr als zwei Stunden, ehe die Paare zum Tanz antreten konnten, so überfüllt war der Saal. Herr Breuer bestellte mit überraschender Sachkenntnis ein glänzendes Souper, dem alle Ehre angetan wurde. Eben hatte der Kellner abserviert, als Herr Sektionschef v. Arnoldi, der Chef Vater Thorns, die Loge betrat. Er begrüßte die Anwesenden mit vornehmer, etwas zurückhaltender Freundlichkeit, Herrn Breuer aber mit der Wärme eines, alten Freundes. Thorn stand stramm da, daß Lise fürchtete, er werde jetzt und jetzt salutieren. Als Lise dem Herrn Sektionschef vorgestellt wurde, ging eine kleine Veränderung in dem Wesen des Gewaltigen vor. »Fräulein Lise Thorn ...« stellte Breuer vor. »Ah – eine Tochter des Herrn Oberrechnungsrates Thorn – ah – sehr schön – ist es erlaubt, hier ein wenig Platz zu nehmen?« fragte er. Mit vielem Eifer schob ihm Thorn den freien Stuhl hin, daß der mächtige Herr neben der Tochter Platz nehmen konnte. Der Herr Sektionschef war sehr freundlich mit Thorn, worüber dessen Antlitz im hellsten Glanz erstrahlte; er sprach auch mit Frau Charlotte sehr liebenswürdig, und die Gute machte ein so süßes Gesicht, wie es ihr schon seit vielen Jahren nicht mehr gelungen war. Am meisten wendete er sich an Fräulein Lise, und wenn er mit dem schönen Fräulein sprach, so überflog ein heller Glanz sein scharf markiertes Antlitz, und es sah aus, als ob die Jugendschöne des holden Mädchens vergnüglich auf den alten Knaben wirkte. Ein melancholisches Vorspiel verkündete einen Walzer. Der Herr Sektionschef erhob sich und wollte vom Papa die Ehre eines Tanzes mit Fräulein Lise erbitten, aber schon hatte Herr Breuer ihr den Arm gereicht. Verlegen stand Lise da. »Pardon, Herr von Breuer hat wahrscheinlich ältere Rechte ...« entschuldigte er sich. »Den ersten Tanz hat mir Fräulein Lise schon vor vierzehn Tagen zugesagt. Ich bitte, Herr Sektionschef, nicht böse zu sein... aber ich kann auf die Erfüllung dieser wertvollen Zusage nicht verzichten!« entschuldigte sich lächelnd Herr Breuer. »Pardon – Pardon, Herr von Breuer... sehe ein ... ganz mein Fall ... auch ich würde niemals auf solch ein Geschenk verzichten. Wenn aber die nächste Tour noch frei ist ...« Lise nickte errötend dem hohen Herrn zu. »Herr Sektionschef, den nächsten Tanz wird meine Tochter ganz bestimmt...« fiel Vater Thorn ein. »Aber Thorn ...!« unterbrach ihn Breuer. Lise sah tödlich verlegen auf ihren Vater, der in so läppischer Weise auftrat. Der Herr Sektionschef griff vermittelnd ein. Er hatte mit aller Macht an sich halten müssen, um dem Herrn Thorn nicht direkt ins Gesicht zu lachen. »Sehr verbunden, Herr Oberrechnungsrat«, sagte er lächelnd; »ältere Rechte müssen eben geachtet werden!« Über Breuers Gesicht flog ein leichter Schatten. Die Rede des Herrn Sektionschefs mißfiel ihm etwas. Er trat mit Lise zum Tanz an. »Er ist noch immer derselbe – trotz seiner sechzig Jahre«, sagte er, »wenn er einem so ein spitzes Wort sagen kann – auf das zu erwidern fast unmöglich ist, so tut er das mit Vorliebe.« »Aber er hat doch nichts weiter gesagt«, erwiderte Lise. »Warum sind Sie denn auf einmal so böse?« Breuer gab keine Antwort. Er hatte sich so gefreut, dem schönen Mädchen dieses Vergnügen zu bereiten; das böse Wort des Mannes hatte ihm die Freude verdorben. Es hatte so häßlich, so beleidigend geklungen, es erschien ihm direkt als ein Verbrechen an all der Jugendholdheit, die da an seiner Seite durch den Saal schwebte. Verstimmt und mißmutig führte er Lise in die Loge zurück. In elegantester Form bot der Herr Sektionschef dem schönen Mädchen den Arm. »Wenn Lise klug ist – dann – dann ...« Vater Thorn sprach sich nicht aus. Durch seine Seele flogen große Zukunftsgedanken. »Wenn Lise einen Sektionschef heiratete! Durch eine solche Verbindung müßte er es bis zum Hofrat bringen!« Mit ungeheurem Stolz sah er hinunter in den Saal. Eben schwebte Lise am Arm des Herrn Sektionschefs vorbei. Frau Charlotte sah mit ebenfalls ungeheurem Stolz auf das Paar. Auch in ihrer Seele stiegen stolze, sinnbetörende Glücksträume empor. Breuer saß schweigend da. Die ganze Sache behagte ihm nicht. Er ärgerte sich über das devote, geradezu hundemäßige Benehmen des Herrn Thorn; er ärgerte sich über Frau Charlotte, die nichts anderes zu sagen wußte als: »Ein solcher Herr – ja, wenn Lise klug ist!« Es war ihm zumute, als ob die beiden imstande wären, Lise sofort gegen ein entsprechendes Handgeld zu verschachern. Er ärgerte sich auch über Lise. Er war der Meinung, ein klein wenig Zuneigung hätte er sich schon verdient. Ein bischen Dankbarkeit, dieses klägliche Surrogat für Liebe: –! Unterdessen schwebte Lise am Arm des Herrn Sektionschefs von Arnoldi im Reigen der Tanzenden dahin. Plötzlich hielt Lise im Tanze inne. Herr von Arnoldi führte die Erregte aus dem Gewühl der Tanzenden. »Sind Fräulein unwohl geworden?« fragte er erschrocken. »Nein, nein«, erwiderte sie. An eine der mächtigen Säulen gelehnt, stand dort Ulrich. Er bot einen ganz seltsamen Anblick in dem Frack, der weißen Binde und mit dem bleichen Gesicht. Herr von Arnoldi hatte Lise zu einem Sessel geführt. »Ich bitte, Herr Sektionschef – bitte – verraten Sie mich nicht«, bat flüsternd, mit Tränen in den Augen, das schöne Fräulein. »Ja, was soll ich denn nicht verraten?« fragte Herr von Arnoldi. In diesem Moment kam Ulrich herbei. »Küß' die Hand, Fräulein.« Lise machte eine höfliche Verbeugung. »Hm – hm –« dachte vergnügt der Herr Sektionschef ... »die Chancen des Herrn Breuer sind durchaus nicht die günstigsten.« »Ja – soll ich den jungen Herrn nicht verraten?« fragte mit der unschuldigsten Miene von der Welt der Herr Sektionschef. Lise nickte. »Aber ich kenne ihn ja gar nicht!« »Ulrich Kirchmaier, Praktikant im Handelsministerium«, stellte sich Herr Ulrich vor. »Sektionschef von Arnoldi«, erklärte der andere. Der Praktikant knickte ein wenig zusammen, aber weitaus nicht so großartig, als in der Loge Herr Thorn zusammengeknickt war, da ihm der Sektionschef vorgestellt wurde. »Also – was soll ich nicht verraten?« fragte der Herr Sektionschef. In fliegender Eile teilte ihm der Herr Praktikant das Wesentlichste mit. »Verstehe – verstehe«, sagte der Herr Sektionschef. »Ich werde das Fräulein jetzt zu ihren Eltern und zu Herrn Breuer zurückführen. Dann bitte ich Sie, mich in der Loge Nummer vier aufzusuchen. Aber den Sophiensaal als Rendezvousplatz sich unter solchen Verhältnissen zu wählen, ist die märchenhafteste Idee, die mir jemals vorgekommen ist.« »Ich habe Fräulein Lise nur sehen wollen!« beteuerte Ulrich. »Ich hab' ihm auf der Straße – ganz flüchtig erzählt, daß uns Herr Breuer auf den Ball führen wird«, sagte Lise. »Gesindel! – Also – Loge Nummer vier! Nicht vergessen!« Ulrich verbeugte sich sehr tief; der Herr Sektionschef führte das Fräulein zu ihren Eltern zurück. »Dieser Breuer – hört sich doch alles auf – der alte Rabe möchte sich diese junge Taube ergattern. Nun – da machen wir uns einen Spaß daraus!« dachte Herr von Arnoldi bei sich. Er war sehr entrüstet, denn es wäre ihm gar nicht so unangenehm gewesen, diese junge Taube für sich selbst zu ergattern. »Ich bin neugierig, ob er die Courage aufbringt, in die Loge zu kommen; wenn er der richtige Liebhaber wäre, sollte er schon längst dort sein.« Als der Herr Sektionschef mit Lise in die Loge zurückkehrte, machte Vater Thorn eine Verbeugung, in der sich Würde und Devotion in unaussprechlicher Weise mischten. Auch die Mama war eitel Glanz und Entzücken über die Erfolge. Nur Herr Breuer machte ein etwas finsteres Gesicht. »Ich habe«, sagte Herr von Arnoldi, »einen jungen Bekannten gefunden, derzeit Praktikant im Handelsministerium, dürfte aber in kürzester Zeit avancieren, da sich sehr hochvermögende Herren für den jungen Mann interessieren. Ich habe ihn Fräulein Lise bereits im Saale vorgestellt und ihn aufgefordert, auch hier zu erscheinen. Ach – da ist er ja!« In der Loge erschien Ulrich. »Herr Ulrich Kirchmaier«, stellte der Herr Sektionschef vor. Ulrich verbeugte sich tief. Herr Thorn empfing den jungen Mann mit ungemein viel Wohlwollen, Mama Thorn lächelte ihm sehr süß zu. Lise saß da wie ein Marmorbild. Es war ihr in dem Moment der Brief des Onkels eingefallen. »Es ist nur gut, daß Eugen nicht da ist; der wäre imstande, es ihm sofort zu schreiben.« Herr Breuer runzelte die Stirn; er kannte ja den jungen Mann von der Straße her. Er war ihm des öfteren begegnet, wenn er Lise auf einem Gang begleitete. Er konnte sich eines unangenehmen Gefühls nicht erwehren und verwünschte sich selbst, daß er den Sektionschef angerufen hatte. Herr von Arnoldi hatte die unangenehme Eigenschaft, sich riesig darüber freuen zu können, wenn er jemandem irgendeine Unannehmlichkeit zufügen konnte. Es war ganz sicher anzunehmen, daß er dieses Arrangement nur getroffen hatte, um ihm das gemütliche Beisammensein zu stören. Die Unterhaltung geriet ins Stocken. Es sprach eigentlich nur der Sektionschef. »Ja, was ist denn los ...« sagte er, »soll ich die Kosten der Unterhaltung allein bestreiten? Fräulein Elise spricht kein Wort – Herr Kirchmaier schweigt – was haben denn Sie, Freund Breuer – Ihnen ist auf einmal die Rede stehen geblieben, wie Sonne und Mond in der Schlacht von Jericho.« In diesem Augenblick setzte die Musik ein. Ulrich erhob sich und erbat sich mit einer sehr eleganten Verbeugung von dem Elternpaar die Erlaubnis, das Fräulein zum Tanz führen zu dürfen, die ihm seitens des Vaters wieder mit massenhaftem Wohlwollen gewährt wurde. Ulrich war überselig. »Daß mir dieses Glück heute zuteil wird, hätte ich nicht gedacht!« »Aber wir begehen ein großes Unrecht«, sagte Lise, »wenn Onkel Gustav das wüßte, der würde ein schönes Gesicht machen.« »Ich glaube, er würde sogar schimpfen, obwohl ich mir das von ihm gar nicht recht vorstellen kann«, meinte Ulrich. »Aber wissen Sie, Fräulein, das Neueste? Mein Herr Papa hat Herrn Doktor Thorn wegen Ehrenbeleidigung geklagt!« »O Gott ..., da wird sich der Onkel schön geärgert haben ..., er, der sich so auf einen ruhigen Lebensabend freute!« »Ich traf gestern einen Bauern aus St. Ruprecht. Der hat's mir erzählt. Der Onkel ist aber freigesprochen worden – und mein guter Vater mußte eine ganze Menge Prozeßkosten zahlen!« »Ja ... aber was war die Ursache?« »Tratsch, gemeiner. Tratsch, den der Tischler Wymetal verursacht haben soll. Aber lassen wir das. Wir haben ja von so vielem anderen zu sprechen, was weit hübscher ist. übermorgen habe ich Prüfung ... und wenn es gut geht, so bin ich in zwei, drei Jahren Assistent ... und dann ... Fräulein ...!« Was dann geschehen würde, wurde nicht weiter erörtert. Während des Tanzes malten sich beide es in den schimmerndsten Farben aus, was dann geschehen würde, wenn jenes Dekret eintreffen wird, das eigentlich nur die Zusicherung einer Assistentenstelle, in Wirklichkeit aber weit mehr enthält: eine Anweisung auf ein herrliches Leben voll Glück und Sonnenschein! Sie tanzten bei der Loge vorüber – fröhlich plaudernd. Lise blickte auf, Breuer sah mit todbleichem Antlitz eben auf sie herab, neben ihm saß, wie ein Mephisto, Herr von Arnoldi und winkte ihnen wohlwollend und freundlich lächelnd zu. Lise ward plötzlich todangst. Sie dachte daran, mit welch überreichen Geschenken der stille, gütige Mann da oben sie bedacht hatte; und nicht nur sie allein – den Bruder, die Eltern; wie er in mancher unangenehmen Situation als tröstender Helfer erschienen war. Ulrich führte sein schönes Fräulein in die Loge zu dem hocherfreuten, in seligem Stolz prangenden Elternpaar zurück. Lise setzte sich wieder neben Breuer und versuchte mit einer Fülle von Liebenswürdigkeiten, dem alten Herrn wieder ein fröhliches Lächeln abzugewinnen. Es gelang ihr nur zum Teil – er lächelte wohl, aber es war nur jener matte Schimmer, wie wenn nach langem Regen die Sonne auf einen Moment durch die regenschweren Wolken bricht. Desto gesprächiger war der Mephisto. In überschwenglichen Worten bewunderte er Lisens Haltung beim Tanz und erklärte, seit langen Jahren kein so reizendes Paar gesehen zu haben als Lise und Ulrich. »Ja, ja, die Jugend ist ein wunderbares Glück«, setzte er seufzend dazu, »von all dem Glück ist uns alten Knaben nur die Erinnerung geblieben. Meinen Sie nicht auch, Freund Breuer?« Breuer schwieg. Am liebsten aber hätte er in diesem Moment den Herrn Sektionschef über die Logenbrüstung in den Saal hinausgeworfen. Es ward recht ungemütlich. Nach einigen Minuten empfahl sich der Mephisto und nahm seinen Schützling mit. Die Stimmung in der Loge blieb trotz des Abganges der beiden Herren sehr gedrückt. Herr Thorn erging sich zuerst in weitschweifigen Lobeshymnen über den Sektionschef von Arnoldi, den er als Muster eines gebildeten hohen Beamten bezeichnete, welchem Ausspruch Mama Charlotte mit vieler Wärme zustimmte. Da aber weder Lise noch Herr Breuer beipflichteten, so stellte Thorn mit strategischer Umsicht seine Lobeshymnen ein und schwenkte mählich in das Gegenteil hinüber. »Den Aristokraten sieht man ihm aber auf Schritt und Tritt an«, bemerkte er, vorsichtig einlenkend. »Er war wohl sehr freundlich«, bemerkte Frau Charlotte, »aber ...« »Du hast ganz recht, aber man fühlt sich durch diese Freundlichkeit gedrückt; es sieht aus, als wenn einem so ein Mensch Almosen erteilen wollte!« »Und wozu er diesen jungen Menschen daherbrachte?« fragte Charlotte. »Einen einfachen Praktikanten!« entrüstete sich Thorn. »Man weiß nicht einmal, ob er von Familie ist!« Dieses widerliche Gequarre ging eine Weile fort, weder Lise noch Breuer mischten sich hinein. Gegen zwölf Uhr nachts erschien der Herr Sektionschef von Arnoldi wieder in der Loge. »Ich komme, um mich von den Herrschaften zu empfehlen«, sagte er in seiner leichten, überlegenen Art. »Ich küß' die Hand, gnädiges Fräulein!« Er reichte Lise die Hand. Sie erhob sich errötend von ihrem Sitz. »Es war sehr schön«, setzte er fort, »im allgemeinen liebe ich diese präsentativen Ballfeste nicht, aber von dem heutigen Abend wird mir eine leuchtende Erinnerung zurückbleiben.« Er küßte ihr die Hand. »Ich bin schon etwas müde«, setzte er hinzu, »wir alten Knaben müssen etwas vorsichtig sein, nicht wahr, mein lieber Freund Breuer?« In diesem Moment war er wieder ganz Mephisto. Von Frau Charlotte empfahl er sich in schlichter, aber äußerst höflicher Weise. Er küßte auch ihr die Hand, was die Dame mit Wonnen stolzesten Glückes erfüllte und fast zu Tränen rührte. Herrn Thorn reichte er mit kameradschaftlicher Einfachheit die Hand. »Servus!« sagte er. Thorn verbeugte sich mit solcher Demut und Hingebung, daß seine etwas enge, schwarze Hose bedenklich in Gefahr kam, hinterwärts zu platzen. Seine demokratischen Anwandlungen waren wie Frühlingsreif in der Morgensonne dahingeschmolzen. »Also Servus, lieber Herr Breuer! Sie bleiben natürlich noch. Finde das selbstverständlich. Unter solchen Verhältnissen – natürlich! Aber, lieber Freund – ich würde zur Vorsicht raten, noch vor zwei Jahren – o, vor vier Uhr kam ich da nicht zu Hause – aber jetzt ... der Arzt sagte mir, in unserem Alter – die Arteriensklerose ist eine unausweichliche Alterserscheinung – muß man vorsichtig sein. Das Herz, das im Leben so ungeheure Anstrengungen durchmachte, ist dann schon müde, und man darf ihm dann keine solche Aufregungen mehr zumuten. Also Servus, lieber Freund.« Von selten Breuers war der Abschied ein sehr kühler. »Gute Nacht!« sagte er. Nochmals nach allen Seiten grüßend, ging er. In höchst demütiger Stellung schob Vater Thorn den Vorhang der Loge zur Seite, als der Gewaltige dahinging. Die Stimmung in der Loge ward nachgerade so ungemütlich, daß selbst Lise zum Aufbruch drängte. Es war ihr die Sache recht unbehaglich geworden. Die Art und Weise, wie der Herr Sektionschef mit allen da umsprang, hatte sie direkt verletzt, die fast höhnenden Worte, die er dem lieben, gütigen Menschen gewidmet hatte, hatten sie empört. Herr Breuer hatte eben nach dem Zahlkellner gerufen, als Ulrich in die Loge trat. »Die Herrschaften gehen schon?« fragte er. »Wenn Fräulein Lise noch bleiben will«, – sagte Breuer – »es ist ja noch gar nicht spät.« Eben hatte das Orchester eine Mazurka begonnen. In Lise drängte alles danach, ja noch hier zu bleiben; als sie aber in das vergrämte Antlitz Breuers blickte, das auf einmal so alt und verfallen aussah, ward ihr ganz weich und weh ums Herz. »Entschuldigen Sie, Herr Kirchmaier – ich bin schon ganz müde – und ich habe solche Kopfschmerzen«, sagte sie. Herr Thorn und Frau Charlotte wären gern noch länger geblieben. Frau Charlotte, die in der langen Zeit ihres Ehelebens sehr wenig auf Unterhaltungen gekommen war, interessierte das Ballfest ungeheuer, und Thorn, der ein begeisterter Verehrer guter Weine war, tat es leid, so schnell diese angenehme Stätte verlassen zu müssen. »Meine Tochter ist etwas unwohl«, sagte Thorn, »Herr von Kirchmaier – Sie werden also entschuldigen ...« Ulrich war ganz erschrocken und empfahl sich. Thorn reichte ihm würdevoll die Hand. Charlotte machte sogar einen Knicks, den Herr Thorn sehr ungnädig aufnahm. Er – der Oberrechnungsrat – und Vater einer solchen Tochter, und da hier der einfache Praktikant! »Aber er hat hohe Protektoren!« fiel ihm plötzlich ein. Und er winkte dem jungen Mann noch einmal recht gnädig zu. Der Abschied von Lise war kühl – beinahe frostig. Breuer reichte dem jungen Mann mit vieler Wärme die Hand. »Es war doch ein schöner Abend«, sagte er mit einem wehmütigen, fast schmerzlichen Lächeln, »nicht wahr, Herr Kirchmaier?« Herr Kirchmaier begleitete die Herrschaften noch zur Garderobe. Er hatte die Zettel übernommen und entwickelte einen leidenschaftlichen Eifer, um zu bewirken, daß alle recht bald zu ihren Effekten kamen. Er war überglücklich, in die Lage versetzt zu sein, Fräulein Lise in die kostbare Pelzjacke hineinhelfen und ihr die Boa um den Hals zu schlingen. Als er ihr die Mardermütze überreichte, ward sein Herz schwer bewegt. »Tragen Sie die andere Mütze nicht mehr?« fragte er leise. »O ja«, sagte sie, »aber nicht jetzt. Ich habe Verdruß deswegen gehabt!« »Verdruß? Wieso?« »Eugen hatte dem Onkel geschrieben, daß ich immer diese Mütze trage, und darauf habe ich vom Onkel einen tüchtigen Strafbrief bekommen.« »Auch ich bin von ihm gehörig vermoppelt worden. Ja, woher weiß er denn, daß die Mütze von mir ist?« Herr Thorn und Frau Charlotte waren mit dem Ankleiden bereits fertig. Breuer betrachtete mit trübem Lächeln das junge Paar, das sich so unendlich viel zu erzählen hatte. »Onkel heißt er, günstigen Falles«, fiel ihm wieder ein, und es ward ihm recht weh ums Herz. »Nun, was ist's, Lise? Bist du noch immer nicht fertig?« fragte Vater Thorn mit strenger Stimme. Das wirkte. Beim Abschied küßte Ulrich der Mama mit vieler Wärme die Hand, was sie sehr für den jungen, hübschen Mann einnahm. Als er in den Saal zurückkehrte, schien es ihm, als sei darin alles öde und leer geworden, obwohl noch eine riesige Menschenmenge den weiten Raum erfüllte. Er setzte sich in einem der Nebenräume an ein kleines Tischchen und ließ sich vom Kellner ein Glas Bier geben. »Servus, Kirchmaier«, störte ihn plötzlich eine Stimme in seinen süßen Träumen. Es war ein Amtskollege, hochberühmt in allen Bureaus durch seine enorme Geschicklichkeit, sich des größten Teiles seiner Amts Obliegenheiten zu entziehen. »Wer war denn die, mit der du und der Sektionschef getanzt habt's – das ist ja ein Prachtkerl gewesen. Wenn sie noch frei ist, kannst du mich ihr empfehlen«, sagte er. Ulrich war empört über die infame Art und Weise, wie sein Herr Kollege die Sache behandelte, und drehte ihm verächtlich den Rücken zu. »Pardon«, sagte der joviale Kollege; »ich habe nicht gewußt, daß bereits Anrechte vorhanden sind. Diese müssen selbstverständlich respektiert werden!« Ulrich hätte dem Kerl am liebsten sein Bierglas an den Kopf geworfen. Es war ihm höchst unangenehm, den Lackl da hier getroffen zu haben, denn es war sicher anzunehmen, daß morgen sämtliche Kollegen des Amtes davon verständigt würden, daß er mit dem schönen Mädchen sich so gut unterhalten habe, und bei der regen Phantasie, die dem Herrn eigen war, mußte vorausgesetzt werden, daß er aus dem kümmerlichen Material sofort eine sehr interessante Liebesgeschichte konstruieren werde. »Herr von Krasten, die Dame ist die Nichte eines hochverehrten Mannes, dem ich mich sehr verpflichtet halte. Ich ersuche dich ...« »Ja – ja – weiß schon«, sagte der leichtfertige Herr von Krasten; »genügt – genügt vollkommen. Danke für die Information. Sei nicht böse – aber ein herrlicher Kerl. Hätt' mir nicht gedacht, daß Leute, die schon im Alumnat waren, einen so konzentrierten Geschmack aufweisen würden ...« Ulrich stand empört auf. »O, küß die Hand, Gnädige!« rief entzückt in diesem Moment Herr von Krasten aus und schritt mit der Miene freudigster Verwunderung auf eine große, üppige, sehr stark dekolletierte Dame zu, die an der Seite eines großen, reichlich mit Orden versehenen Herrn eben daherkam. Ulrich war froh, daß der fade Schwätzer gegangen war. Er war wirklich nahe daran gewesen, ihm das Glas an den kahlen Schädel zu schlagen, so etwas von bäuerischer Berserkerwut war urplötzlich über ihn gekommen. Er hatte sich so sehr auf den Abend gefreut; nun war das Glück, nach dem er sich Tage lang gesehnt hatte, vorüber, und hatte in seinem Gemüte einen ansehnlichen Bodensatz von Unbehagen zurückgelassen. Dieser Krasten – dieser Herr Breuer – alle, alle waren sie ihm todzuwider. »Wenn sie einmal aber mein Eigentum wird!« Dieser Gedanke erfüllte mit hellem Schimmer plötzlich seine Seele. »Dann fort von allen! Das Erste ist, dem Herrn Breuer das Haus verbieten.« Er wollte einen Wagen der Elektrischen besteigen, es war unmöglich, die Wagen wurden von der Menschenmenge geradezu gestürmt. Da es ihm ohnedies sehr unangenehm gewesen wäre, mit so vielen fremden Menschen jetzt beisammen zu sein, so ging er zu Fuß. Auf einmal stand er bei dem Haus, in dem er wohnte. Das Wirrsal froher und trauriger Gedanken, das in seiner Seele wogte, hatte ihn auf seinem Weg begleitet, wie im Traum war er heimgelangt. Auch für die Familie Thorn endete der Abend mit einem Mißton. Als Herr Breuer Abschied nahm, kündigte er an, daß er wahrscheinlich in absehbarer Zeit eine größere Reise unternehmen werde, die ihn vielleicht Monate lang vom Hause fernhalten werde. Diese Nachricht war Herrn Thorn sehr unangenehm, denn er war es bereits gewohnt, daß Herr Breuer bei außerordentlichen Gelegenheiten finanziell der Familie zu Hilfe kam. In seinem sonst gar nicht findigen Gehirn tauchte plötzlich der Gedanke auf, daß vielleicht der Herr Sektionschef von Arnoldi oder gar der Praktikant Kirchmaier Ursache seien, daß Herr Breuer plötzlich solchen Wandertrieb empfinde. »Warum das?« Breuer gab. keine Antwort. Er empfahl sich von der Mama und dem etwas perplex dreinschauenden Papa und reichte Lise die Hand. »Sie haben sich doch recht gut unterhalten«, fragte er. Lise war um die Antwort verlegen. Aus Breuers Frage klang etwas heraus wie ein stummer Vorwurf. »O ja, es war ganz schön!« sagte sie. »Gute Nacht!« erklang es nun von allen Seiten. Beim Eintritt in das Speisezimmer ergab sich sofort neuerlicher Anlaß zum Ärger. Eugen war, den Kopf auf die Arme gelegt, am Tisch eingeschlafen. Neben ihm lag aufgeschlagen Diezels Niederjagd. »Warum bist du nicht schlafen gegangen?« fragte streng der Papa, während Charlotte sanft den Sohn wachrüttelte. Eugen sah sich verwundert im Kreise herum. Er war so verschlafen, daß er sehr lange brauchte, um sich zurecht zu finden. »Ihr seid's ja auch nicht schlafen gegangen«, war sein erstes Wort. »Laß ihn gehen ...« gebot die Mama. Es dauerte lange, bis allgemeine Ruhe ward. Während Vater Thorn seine Stiefel auszog, fragte er plötzlich Frau, Charlotte: »Was hat denn Breuer?« »Er scheint böse zu sein«, erwiderte die Mama, »er kann den Sektionschef nicht leiden!« »Ich glaube, es war ihm auch nicht recht; daß Lise mit dem jungen Manne tanzte«, erwiderte der weitschauende Vater. »Mir war es auch sehr unangenehm. Auf keinen Fall hat es für sie gepaßt!« »Er wurde ihr doch von dem Sektionschef vorgestellt. Es wäre sehr unhöflich von ihr gewesen, wenn sie seine Aufforderung zurückgewiesen hätte!« »Das ist wahr«, gab wieder der Vater zu. »Lise hat wirklich ein sehr feines Benehmen. Wenn man bedenkt, wie verletzend eine solche Zurückweisung auf diesen Herrn gewirkt hätte ... Nein, sie hat ganz recht gehabt.« »Aber Breuer war sehr böse ...« gab wieder die Mutter zu bedenken. »Er hat kein Recht, böse zu sein, ich bin der Vater, ich werde mir nicht von ihm vorschreiben lassen, was ich zu tun habe!« Vater Thorn war während dieses Zwiegespräches endlich in jenen Zustand gekommen, in dem sich ein gesitteter Mensch zu Bette legt. »Lise hat sehr viel Glück«, sagte noch Frau Charlotte, erhielt aber keine Antwort mehr, denn Papa Thorn war bereits eingeschlafen. Am nächsten Abend kam Herr Breuer nur auf eine Viertelstunde zu Besuch. Sein Benehmen war dasselbe wie sonst, und doch fiel es der Familie auf, daß er nicht mehr derselbe war wie einst. »Sie werden uns doch einige Ansichtskarten schreiben von Ihrer Reise?« fragte Fräulein Lise. »Ja, ja, selbstverständlich, aber allzu viel dürfen Sie nicht erwarten«, antwortete er in resigniertem Ton, »ich habe mir vorgenommen, während der ganzen Zeit keine Zeitung zu lesen und keine Briefe zu schreiben. Ich bin recht, recht nervös geworden.« »Und mir wollen Sie auch nicht schreiben?« fragte Lise. »Mein Fräulein – verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit –, Ihnen darf ich am wenigsten schreiben ...« erwiderte Breuer. »Bist du unartig gegen Herrn Breuer gewesen?« fragte mit strenger Miene Vater Thorn. »Was hat es gegeben? Heraus damit!« »Ja, was ist's denn? Lise ... ich hab' es immer gesagt ... du bist ein vorlautes, unüberlegtes Wesen!« rief die Mutter. »Sie ist eine Gans«, dachte sich Eugen; sprach es aber nicht aus, da er in Streitfällen der Schwester gegenüber infolge der Parteilichkeit der Eltern stets den Kürzeren zog. »Wie meinen Sie das, Herr Breuer? Ich habe Ihnen doch nichts getan?« sagte fast bebend das schöne Mädchen. »Nein, nein, durchaus nicht, Fräulein Lise; nicht Ihretwegen darf ich nicht schreiben, nein, nur meinetwegen. Ich geh' hinaus in die Welt um Ruhe zu finden. Gestern abends habe ich eingesehen, in welch törichte Gedanken ich mich hineingelebt habe. Und das muß wieder hinaus.« »Aber, Herr Breuer!« warf erschrocken Lise ein. »Hier ist nicht die richtige Zeit und Gelegenheit, daß ich mich darüber ausspreche. Ich glaube, es ist am allerbesten, wir reden überhaupt gar nicht darüber!« Er ging und ließ die Familie in maßloser Bestürzung zurück. »Das ist eine schöne Pastete«, fing Vater Thorn an; »es sieht ganz so aus, als ob sich Breuer gänzlich von uns zurückziehen wollte. Das wäre mir sehr unangenehm, Breuer ist ein edler Charakter, ein Mann, vor dem man nur die größte Achtung haben kann. Und er besitzt dazu ein großes Vermögen. Sollte es der Sektionschef sein, weshalb er sich zurückzieht? Nein – unmöglich – Breuer hat sich verletzt gefühlt, daß dieser junge Mensch – dieser Praktikant – wie heißt er nur – Lise – du mußt seinen Namen wissen ...« »Ich kann mich auch nicht erinnern«, log das schöne Fräulein. Bruder Eugen warf einen verächtlichen Blick auf die Schwester. »Ulrich Kirchmaier heißt er«, sagte er trocken. »Woher weißt du das?« inquirierte sehr scharf der Papa. Eugen sah zuerst seine Schwester an, dann die Mutter – und schließlich den Vater. Aus ihren Mienen erkannte er, daß etwaige Enthüllungen eine direkte Explosion hervorrufen würden und gebrauchte eine fromme Lüge. »Ihr habt es ja selber gesagt, zehn-, zwanzigmal ...« gab er zur Antwort. »Gestern abends, als ihr nach Hause kamt!« Damit log er beträchtlich, denn seine Kenntnis des betreffenden teuren Namens rührte davon her, daß er einst einen Brief aufgefunden hatte, in dem ein Herr, der ganz genau so hieß, seine Schwester dringendst bat, sich an der Ecke des Bankgebäudes einfinden zu dürfen. »Ja, so heißt er!« sagte Thorn mit der gewohnten starken Stimme. »Ich weiß eigentlich gar nicht, wer ihn hei uns eingeführt hat!« »Sektionschef von Arnoldi«, sagte Lise. Auf diesen Namen konnte sie sich mit Sicherheit erinnern. »Und wer hat den Sektionschef eingeladen, frage ich?« polterte Vater Thorn mit einer geradezu fürchterlichen Miene. »Esel«, sagte Mutter Thorn zum Haushaltungsvorstand unbekümmert darum, daß die ganze Familie anwesend war. »Wer hat Herrn von Arnoldi eingeladen – Herr Breuer selbst –«, setzte sie in gleichem Ton fort –, »wenn nur du nichts reden würdest!« Thorn schwieg. Die Arme über den Rücken gekreuzt, ging er mit starken Schritten im Zimmer auf und ab. Eugen erklärte, daß er zutode froh sei, nicht auf dem Balle gewesen zu sein. »Auf mich kommt immer die Schuld«, klagte Lise. Diese Anwürfe erbitterten Frau Charlotte derart, daß sie dem Gemahl androhte, ihm verschiedene leicht handhabbare Einrichtungsstücke an den Kopf zu werfen. Der Ausklang des Festes war ein recht mißtöniger. »Niemals mehr«, sagte Thorn am nächsten Tage, »solche Ballfeste passen nicht für einfache, schlichte Leute, denen die Verderbtheit der höheren Kreise unbekannt ist.« Achtzehntes Kapitel Sämtliche pflanzliche Anlagen auf der Besitzung des Herrn Dr. Thorn waren herrlich gediehen. Die Schlingrosen im Hofe bildeten eine herrlich leuchtende Wand, die den Raum unter dem großen Kastanienbaum direkt mit purpurnem Schimmer überstrahlte. Im Blumengarten blühten die allerherrlichsten Rosen, vom dunkelsten Samtrot, dann gelbe, hell rosarote und solche von schimmerndem Weiß. Dieser Teil der Besitzung war für Dr. Thorn gewissermaßen das Hauptstück, das bedeutungsvollste Feld seiner Tätigkeit. Er pfropfte und okulierte und hatte dabei ein Riesenglück, fast jedes Edelreis gelangte zur Entwicklung. Auf zehn Kilometer im Umkreis galt er als die berufenste Autorität in diesem Fach. Er hatte infolgedessen stets sehr viel zu tun und es war ihm schließlich direkt unmöglich geworden, allen Einladungen Folge zu leisten, in denen seine bewährte Mithilfe zur Verschönerung des Rosenflors erbeten wurde. »Es wäre mir beinahe lieber, ich wäre noch im Amt«, sagte er, als er eines Abends schweißtriefend aus dem vier Kilometer entfernten Feldkirchen, wo er im Garten des Herrn Pfarrers dreißig Rosenstämme veredelt hatte, nach Hause kam. »Mein Lebensabend gestaltet sich etwas mühevoll!« »Du nimmst dich um zu viel an!« sagte die Schwester. »Na – aber es macht mir ein Vergnügen – und gesund ist es auch ... Wenn ich so aus meiner Plage und Mühe, die ich da habe, an das Amt denke, an das große düstere Zimmer mit seinem unleidlichen Staubgeruch, dann wird mir wieder recht wohl ums Herz. Nein, es ist ganz recht so. Es geht nichts über die Ruhe des Landlebens.« Die Tür tat sich auf und die Köchin kam heulend herein, in jeder Hand eine tote Ente tragend. »Bitt' Ihne, da schaun S' her!« rief sie weinend aus. Das ise doch gruse Schlechtigkeit.« »Gott im Himmel!« rief auch Pauline und schlug entsetzt die Hände zusammen, »seit vierzehn Tagen sind es nun fünf Stück!« Auch Marie kam und bedauerte in schmerzlichen Worten das Unglück. Hex und Lady fühlten sich ebenfalls verpflichtet, an der allgemeinen Trauer teilzunehmen, sie drängten sich zur Tür herein und leckten wehmutsvoll die aus den Entenkörpern quellenden Blutstropfen ab. »Pfui, Hex, pfui, Lady!« rief Thorn und untersuchte die beiden Enten. »Es ist wieder derselbe Schurke«, sagte er empört, »ein Ratz, oder wie er in der Naturgeschichte heißt, ein Iltis, Putorius foetidus, der hier sein Unwesen treibt. Ich werde doch noch einmal die Falle aufstellen!« »Und dann fängt sich wieder einer der Hunde«, gab Pauline zu bedenken; »besser ist es, du ersuchst den Förster.« »Auch gut, der ist Fachmann. Es geht nichts über Fachmänner. Ich weiß das von mir. Es sind junge Tiere«, setzte er hinzu, die Enten mit zufriedener Miene abgreifend. »Entenbraten ist mir das Liebste, wie du weißt, Pauline. Ich bin dem Iltis sogar dankbar, denn du würdest es nie zugegeben haben, daß einer dieser humoristischen Vögel geschlachtet wird!« Dr. Thorn hatte nicht so Unrecht. Das Geflügel in seinem Hühnerhofe hatte unbedingte Schonzeit. Wenn vor hohen Festtagen eines der Geschöpfe doch ans Messer kam, gab es immer Tränen, und selten war Frau Pauline dazu zu bringen, einen Bissen von dem Braten zu sich zu nehmen. Es kam ihr direkt wie Kannibalismus vor. Infolgedessen hatte sich die Tierwelt im Hühnerhofe fast ins Unendliche vermehrt, deren Unterhaltung kostete geradezu enorme Summen. »Sie fressen mich auf«, sagte Dr. Thorn eines Tages. »Das ist ein höchst unnatürliches Verhältnis, denn eigentlich sollten wir sie aufessen.« Mit Hex und Lady war inzwischen auch eine sehr vorteilhafte Veränderung vorgegangen. Dr. Thorn hatte sie auf mehrere Monate zum Förster gegeben, damit sie Bildung bekämen. Unter der harten Hand dieses Mannes waren sie leidlich gesittet worden, aus den früheren Hofhunden, die jedem Besuch wütend um die Beine fuhren, waren brave Jagdhunde geworden. Auch der Gemüsegarten war prächtig gediehen: Doktor Thorns Kohlköpfe und Kartoffel waren eine Berühmtheit geworden. Leider hatte dieser überreiche Segen eine unangenehme Folge gehabt. Als Thorn einmal im Gasthause eine solche Kollektion von Riesenkartoffeln vorgezeigt hatte und der Bürgermeister davon erfuhr, machte er die schmähende Bemerkung, man wisse ja, bei wem die größten Erdäpfel wüchsen. Dies war zu Dr. Thorns Ohren gekommen. Es hatte Schwester Pauline viele Mühe gekostet, den sonst so behäbigen, friedliebenden Bruder davon abzuhalten, sofort haßerfüllt vor das Oberhaupt der Gemeinde zu treten und dieses mit zornigen Worten zur Rechenschaft zu ziehen. Schließlich hatte er sich doch beruhigt. »Es ist nur Neid – und der Neid ist von allen menschlichen Schwächen die begreiflichste. Ich verzeihe ihm, obwohl er mein größter Gegner im Orte ist.« Auch das Museum verursachte ihm mancherlei Unannehmlichkeiten. Seit er den Sandgräber damals so reichlich entlohnt hatte, wurde er mit »prähistorischen Funden« geradezu überschwemmt. Alle Augenblick brachte ihm ein Bäuerlein oder irgendein Arbeiter einen Knochen, der angeblich ausgeackert oder ausgegraben worden war, mit der Meinung, das Fundstück passe für das Museum. Wenn dann Dr. Thorn erklärte, das Fundstück sei weit passender für eine Spodiumfabrik als für ein Museum, wurden die redlichen Finder gemeiniglich sehr böse, und ein kroatischer Deichgräber, der mit einem großen, vermorschten Rindsknochen eine Stunde weit zu Dr. Thorn gekommen war, hatte nach erfolgter Ablehnung das Stück in höchst böswilliger Absicht von der Straße aus in das Speisezimmer hineingeworfen, wodurch eine porzellanene Blumenvase, die am Tische gestanden, vollkommen zertrümmert wurde. Schwester Pauline war darüber so entrüstet, daß sie den Übeltäter bei der Gendarmerie anzeigen wollte. »Laß das«, mahnte Thorn, »der Mann sah sich in seinen Hoffnungen betrogen, und ich finde seine Entrüstung sehr begreiflich. Ich werde von nun an jedem, der etwas bringt, wenigstens eine Krone Trinkgeld geben – er verdient sie ja doch für seine Mühe, die er hatte, und für die gute Meinung!« »Danke schön«, sagte Frau Pauline, »du wärst das wirklich imstande! Dann kommen sie dir mit allem möglichen Unsinn daher und du kannst nicht genug Kronen hinauswerfen ... Am besten ist's, du trachtest, daß hier ein ständiger Gendarmerieposten aufgestellt wird, der gleich jeden Finder arretiert, der zu dir kommt.« Der Stammtisch im Gemeindegasthause war recht spärlich besetzt. Der Herr Bürgermeister fand sich sehr selten ein. Wenn Dr. Thorn bereits am Tische saß, drehte er sich sofort um und verließ knurrend das Lokal. Wenn Dr. Thorn etwas verspätet in das Lokal kam und den Bürgermeister erblickte, so drehte auch er sich um und verließ sofort die Stube. Ein Unterschied in dem Benehmen der beiden Gegner war zu konstatieren. Dr. Thorn grüßte bei seinem Abschied freundlichst die anwesenden Herren, mit Ausnahme des Bürgermeisters, während dieser das Lokal immer schweigend verließ. Eine Ausnahme fand nur statt, wenn der Herr Pfarrer anwesend war. Vor diesem Herrn verbeugte er sich mit gemessener Würde, während er die übrigen Anwesenden ausnahmslos ignorierte. Man hatte schon vieles versucht, die beiden Herren mit einander zu versöhnen. Selbst der Herr Pfarrer hatte einst in fast zweistündiger Rede dem obstinaten Herrn Bürgermeister zugesetzt – es war alles umsonst gewesen. »Er hat mir meinen Sohn geraubt ... er hat mir mein Kind gestohlen ... Herr Pfarrer, verzeihen Sie, Sie haben ja ganz recht, man soll seine Mitmenschen lieben ... aber diesen Mitmenschen kann ich nicht lieben!« hatte er immer mit Pathos ausgerufen. Selbst Herr Dr. Thorn, der Friedfertige, war nicht von Friedensanträgen verschont geblieben. »Ja, was soll ich denn machen? Ich habe ihm doch nichts getan ... er wirft mir vor, ich habe ihm den Sohn geraubt ...!« »Und Sie haben ihn gar nicht«, warf der Doktor ein. »Ich bitte, die Sache ist doch zu ernst«, gab der Oberlehrer zu bedenken. »Ich kann mich doch nicht dem Herrn Bürgermeister zu Füßen werfen ... Freudig reiche ich ihm die Hand zur Versöhnung! Ich will ja recht, recht gern wieder mit ihm beisammen sitzen, so wie einstmals ... aber ... so ... es geht nicht ... ich werde doch nicht zu ihm kommen!« Auch hohen Besuch hatte Herr Dr. Thorn erhalten. Sein einstiger Chef, der unterdes zum Rang eines Sektionschefs emporgestiegen war, war auf zwei Tage zu ihm gekommen. Es waren zwei stillfrohe Tage gewesen. Herr Dr. Thorn war hocherfreut, daß der große Herr sich zu ihm bemüht hatte. »Sie sind ein glücklicher Mensch, Herr Dr. Thorn«, hätte er gesagt, nachdem er an seiner Seite einen Rundgang durch die Besitzung angetreten hatte; »sagen Sie mir aber, was wird mit Ihrem kostbaren Museum geschehen, wenn Sie einmal dahingehen, wohin wir einst alle gehen müssen? – Werden diese Schätze nicht in alle Winde zerstreut werden?« »Nein – da ist vorgesorgt«, hatte Herr Dr. Thorn mit großer Entschiedenheit geantwortet. »So lange ich lebe, will ich mich an all den Dingen freuen, die ich da mein Leben lang zusammengetragen habe. Ich will durchaus nicht, daß dies alles zerstreut und verworfen wird, wenn ich einmal nicht mehr bin!« Und er holte ein großes Schriftstück aus einem Schranke des Museums hervor. »Mein Testament«, las stirnrunzelnd der Sektionschef, er liebte es nicht, auch nur in entferntester Weise an den Tod und sonstige Vergängnis gemahnt zu werden.« »Wenn ich einstmals sterben werde, so fällt mein Museum dem Staate zu«, sagte Dr. Thorn, »bitte, hier zu lesen!« Er zeigte mit fröhlicher Miene auf den betreffenden Absatz. Der Herr Sektionschef las mit billigendem Kopfnicken die zutreffende Stelle. »Brav, sehr brav!« sagte er, »aber sagen Sie mir, mein lieber Dr. Thorn, verursacht es Ihnen nicht einiges Grauen, dieses Schriftstück zu lesen?« »Ich wüßte nicht«, antwortete fröhlich lächelnd Doktor Thorn, »daß ich einmal sterben muß, weiß ich seit jener Zeit, da ich zu denken angefangen habe. An diesem morschen Gerumpel, an diesen verwitterten Knochen hat sich mein Herz erfreut; wenn ich all den Kram im Falle meines Ablebens dem Staat schenke, so ist mir die Gewißheit gegeben, daß all das hübsch beisammen gehalten wird und daß noch lange, lange nach meinem Tode sich Tausende und Abertausende an diesen Dingen erfreuen werden. Und es kommt mir dann vor, als ob ich doch nicht so ganz umsonst gelebt hätte. Es war mir nicht gegönnt, ein Weib zu nehmen – an meiner Bahre werden keine Kinder trauern –, mir geschieht ganz recht, daß nichts anderes als dieses tausendjährige, halb vermoderte Gerumpel meinen Namen der Nachwelt übermittelt.« »Brav – sehr brav«, hatte der Herr Sektionschef wiederholt. »Herr Doktor, Sie haben mir eine sehr große Freude bereitet; daß Sie gedenken, ein so wertvolles Geschenk dem Staate zu machen, zeigt in heller Klarheit Ihren Patriotismus. Anläßlich des bevorstehenden Regierungsjubiläums ist mir die Aufgabe zuteil geworden, Namen jener Personen zu nennen, die sich in meinem Ressort verdient gemacht haben. Ihr Name prangt als erster auf meiner Liste der zu einer Ehrung vorgeschlagenen Personen. Wenn Sie auch nicht mehr im Amte sind, so – es erschien mir als eine Herzenspflicht ...« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Sektionschef, aber diese Auszeichnung entspricht durchaus nicht den Absichten, mit denen ich hierher in diesen friedlichen Ort gekommen bin. Es wird viel Unruhe geben!« »Wie meinen Sie das, Herr Doktor?« fragte der Herr Sektionschef. »Meine guten Freunde werden die Auszeichnung ebenfalls feiern wollen, was mich manche Flasche Wein und einige Abende kosten wird. Und die Gemeinde wird es sich nicht nehmen lassen, mir in besonders feierlicher Form zu gratulieren. Die Leute hier sind sehr vergnügungssüchtig und benützen jede Gelegenheit, sich auf Kosten anderer zu unterhalten!« Der Herr Sektionschef lächelte. »Ich muß die Eingabe machen, sonst wäre mein ganzes Departement höchst aufgebracht. Die Leute haben Sie noch immer nicht vergessen. Als Sie damals fortgingen, war uns wirklich allen so zumute, als hätten Sie allen Sonnenschein mit fortgenommen. Tagtäglich wird von Ihnen gesprochen, selbst der griesgrämige Herr Sauer macht ein fröhliches Gesicht, wenn von Ihnen die Rede ist.« »Sauer ist noch immer im Amte? Er muß doch schon seine vierzig Dienstjahre haben!« sagte lächelnd Dr. Thorn. »O, weit darüber«, erwiderte der Herr Sektionschef, »aber er geht nicht. Ich glaube, aus dem Grunde, weil er fürchtet, dann gar nichts mehr zu haben, worüber er sich ärgern könnte.« »Ja, es ist ein sonderbarer Kauz«, sagte nachdenklich Dr. Thorn. »Also, mein lieber Herr Doktor, seien Sie nicht gar zu sehr überrascht, wenn die große Kunde kommt. Ertragen Sie mutig die Last der Ehren, die man auf Sie häufen wird.« Bevor der Herr Sektionschef von Thorn Abschied nahm, machte er noch einen Rundgang durch die Besitzung; er besah sich noch einmal den herrlichen Blumengarten, freute sich über das Gedeihen des Gemüses und gedachte am Grabmal Paschas mit gerührten Worten des treuen Hundes, der im Kampf für seinen Herrn den Tod gefunden hatte. Auch der Hühnerhof ward besucht; Frau Pauline hatte eine Schwinge voll Weizen, Hafer und kleinsamigen Kukuruz gebracht, damit der hohe Herr das Gesindel an sich locke. Und das Federvolk kam eilig herbeigelaufen, als er im Bogen die Sämereien ausstreute; auf einmal stand er mitten in einer großen glucksenden, gurrenden, girrenden und schnatternden Schar. Selbst der Truthahn machte seine Reverenz, breitete den Fächerschweif aus und kollerte,, daß es das ganze sonstige Stimmengewirr übertönte. Im Hofe ward noch der Kaffee eingenommen. Dann brachte Frau Pauline einen herrlichen Rosenstrauch. »Danke, danke, gnädige Frau«, sagte gerührt der Herr Sektionschef und küßte ihr galant die Hand. »Ist Ihnen nicht leid, Herr Doktor, wenn Ihr Blumenflor so geplündert wird?« fragte der Gast. »Sie fallen ja ohnehin in einigen Tagen ab, und es sind so viele Knospen an den Rosenstöcken, daß der Ausfall in ganz kurzer Zeit ersetzt sein wird«, tröstete Frau Pauline. »Dann danke ich Ihnen herzlichst. Es macht einem Freude, so ein bißchen Blütenduft mit hineinzunehmen in die große Stadt.« Herr Doktor Thorn begleitete den Herrn Sektionschef noch zum Bahnhof. Beim Abschied sagte der Sektionschef zu Dr. Thorn: »Ich danke Ihnen vielmals für die hebe Gastfreundschaft, die Sie mir erwiesen haben. Es waren schöne, stillfrohe Stunden, die ich bei Ihnen verlebte. Machen Sie sich nicht allzuviel Sorgen, wenn die bestimmt zu erwartende große Ehrung Ihnen einen Wust von Unruhe in das Haus bringen wird. Wenn alles wieder vorüber ist, wird Ihnen dann die Stille und Ruhe Ihres Hauses noch einmal so traulich und erquickend vorkommen als jetzt. Aber eine Bitte müssen Sie mir gewähren, Herr Doktor!« »Aber verehrter Herr Sektionschef ...!« »Ich will meine Gratulation persönlich Ihnen vorbringen. Ich bin ein Egoist – ich will diese Gelegenheit benützen, um wieder einen so innigfrohen Tag zu verbringen. »Nicht einen Tag – eine Woche – einen Monat!« rief begeistert Dr. Thorn aus. Diesmal blieb er so lange am Perron stehen, bis der Zug in der Ferne verschwunden war. Wenige Wochen danach brachten die Zeitungen die Kunde, daß Herr Dr. Thorn einen Orden bekommen habe. Diese Nachricht erregte in St. Ruprecht Sensation. Als der Herr Bürgermeister die Kunde vernahm, war er erst sehr betroffen. Dann tröstete er sich mit dem Gedanken, daß dieses Ereignis eine Ehre für den ganzen Ort sei. In der nächsten Gemeinderatssitzung ward beschlossen, den Dekorierten durch einen solennen Fackelzug zu ehren, den die Feuerwehr Und die Veteranen zu besorgen hätten. Dieser Antrag wurde mit vieler Begeisterung angenommen. Erstens war Dr. Thorn ein freigebiger Wohltäter beider Institutionen und hatte außerdem die Gewohnheit, wenn die Deputationen der beiden Vereine, wie es ortsüblich war, zu ihm kamen, um ihm zum Namenstag zu gratulieren, eine größere Quantität Pilsenerbier zu spenden, was seine Popularität ins Ungemessene steigerte. Auch der Gemeinderat von St. Ruprecht beschloß, eine Abordnung zur Gratulation an Herrn Dr. Thorn abzusenden. Der Herr Bürgermeister hielt bei dieser Gelegenheit eine längere Rede, die darin gipfelte, daß es ihm persönlich sehr unangenehm sei, mit Herrn Dr. Thorn verkehren zu müssen, daß er aber, gezwungen durch sein Pflichtgefühl, selbstverständlich den Beschluß des löblichen Gemeinderates ausführen werde. »Ich handle nur als Bürgermeister«, sagte er – »einzig nur als Bürgermeister – ich werde nur die Gemeinde verkörpern, denn persönlich habe ich dabei nichts zu tun. Es ist ein Opfer, das ich der Gemeinde bringe.« Als der Doktor, der die Stelle eines ersten Gemeinderates bekleidete, den Antrag einbrachte, man möge den Herrn Bürgermeister dieser schweren Pflicht entbinden und vielleicht den ersten Gemeinderat mit der Ausführung dieses Beschlusses betrauen, ward das Gemeindeoberhaupt erst recht böse. »Nein, nein«, rief er pathetisch aus, »das ist die Pflicht des Bürgermeisters!« Es wäre ihm wirklich sehr leid gewesen, wenn er aus dieser Angelegenheit ausgeschaltet worden wäre, denn er hörte sich gern reden. »Na ... alsdann!« begehrte der Doktor auf, »wozu dann die Raunzerei?« Es ward nach längerer Debatte beschlossen, der Bürgermeister solle gratulieren. »Dieser Doktor Thorn bringt immer Unfrieden in die Gemeinde ... man sieht's da wieder«, schloß der Bürger^ meister die Debatte. Der Herr Postmeister hatte einen starken Tag. Eine solche Unmenge von Briefen und Telegrammen hatte noch niemand in St. Ruprecht erhalten. Von Eugen kam ein kalligraphierter Glückwunsch, von Lise ein sehr schönes Schreiben, in dem sie in den überschwenglichsten Ausdrücken dem guten Onkel wünschte, er möge von einem freundlichen Schicksal .in die Lage versetzt werden, den Orden recht lange zu tragen. Auch Herr Ulrich sendete einen großen Schreibebrief, in dem er seine tiefe Befriedigung darüber aussprach, daß die an der Sache beteiligten Staatsgewalten diesmal wirklich sehr weise gehandelt haben, indem sie den Orden einem Manne verliehen, der ihn seinem Charakter, Wesen und Wirken nach auch vollständig verdiene. Zum Schluß bat er neuerdings um Thorns Protektion. Besonders ergreifend wirkte Vater Thorns Brief an den Bruder: »Mein lieber, teurer Bruder!« Dr. Thorn mußte den Brief umwenden, um die Unterschrift nachzusehen – denn er hätte es sich niemals träumen lassen, daß sein Bruder je eine solche Anrede brauchen werde. »Ich bin stolz auf Dich, diese Auszeichnung gereicht nicht nur Dir, sondern der ganzen Familie zu hoher Ehre; denn man ersieht daraus, welch mächtige, weitreichende Verbindungen Du besitzest. Wir freuen uns alle sehr darüber. Alle Herren in meinem Bureau lassen Dir durch mich gratulieren. Charlotte war zu Tränen gerührt und Eugen schrie ›Hurrah!‹ und wollte gleich zu Dir fahren. Herr Breuer ist leider vereist, aber wenn er aus der Zeitung diese Nachricht erfährt, so wird er Dir wohl selbst gratulieren. Wenn ich auf zwei Tage hier abkommen kann, so werde ich Dir die Glückwünsche der Familie persönlich überbringen. Den Tag meiner Ankunft werde ich Dir natürlich bekanntgeben. Mit den besten Grüßen und herzlichsten Glückwünschen Dein Bruder Johann.« Thorn war sehr erfreut über den Brief. »Er fühlt sich ganz als das Oberhaupt der Familie«, sagte er lachend, »na, lassen wir ihm das Vergnügen. Und wenn er wirklich kommt, dann sammeln wir glühende Kohlen auf sein Haupt und bieten alles auf, was Küche und Keller vermag. Er ist ein armer Kerl mit seinen verschrobenen Ansichten.« Auch von Herrn Breuer kam ein Glückwunschschreiben. Er weilte in Riva und beklagte sich, daß er da gar so einsam sei. »Mir scheint, den hat's ordentlich«, sagte Dr. Thorn; »sollte er wirklich in Lise so verschossen sein? Das wäre ein Unglück für ihn. Begreife auch, gar nicht; er ist nahe an die Fünfzig, wenn nicht darüber. In diesem Alter – sie ist achtzehn – ich finde das unbegreiflich ... Ach, wird sich schon setzen!« tröstete er sich dann selbst. Der Orden brachte wirklich große Unruhe ins Haus. Der Fackelzug fiel glänzend aus. Auch ein Ständchen wurde gebracht. »Das ist der Tag des Herrn«, sang der durch hervorragende Kunstkräfte aus der Umgebung verstärkte Gesangverein von St. Ruprecht. Die Gratulation des Bürgermeisters war, dem Wesen des hohen Herrn entsprechend, sehr pathetisch. Infolgedessen fehlte ihr auch alle Wärme; sie klang wie eine Leichenrede. Vierzehn Tage nach diesen Festlichkeiten kam Herr Thorn zu seinem Bruder zu Besuch. Die beiden Herren bildeten einen seltsamen Kontrast, als sie vom Bahnhof aus zum Hause des Dr. Thorn schritten. Dr. Thorn mit seinem fröhlichen, ewig lächelnden Gesicht, neben ihm der lange, hagere Bruder mit dem ergrauten Bart und dem erhabenen, feierlich ernsten Antlitz! Die Begrüßung war seitens Gustavs sehr lebhaft gewesen. Die beiden Herren hatten sich sogar geküßt. Als Herr Thorn seine Lippen auf die des älteren Bruders drückte, hatte es den Anschein, als begrüßte ein gerührter Vater den eben heimgekehrten Sohn. Schwester Pauline war sehr erfreut, den Bruder zu sehen, und war ungemein rührig, ihm sofort mit einem tüchtigen Imbiß aufzuwarten. Der ward, wie selbstverständlich, unter dem Kastanienbaum eingenommen. Zwei Gläser guten Weines übten auf das Gemüt des finsteren Bruders eine höchst belebende Wirkung aus. Er wurde sehr gesprächig und sein Antlitz erhellte sich. »Es ist sehr schön hier, du hast es da gut getroffen. Mir wird wohl niemals im Leben ein solch angenehmes Los blühen, ich werde ewig in dem dumpfen Bureau schmachten müssen. Ich habe nur eine leise Hoffnung: Wenn Eugen einmal Förster geworden ist, dann will ich zu ihm ziehen. Charlotte wird dann wohl auch nicht mehr leben, und so wird es vielleicht für mich einen ruhigen Lebensabend geben.« »Warum sollte Charlotte dann nicht mehr leben«, fragte verwundert Bruder Gustav, »ist sie denn krank?« »Das so eigentlich nicht, im Gegenteil, sie ist sogar noch sehr rüstig, nur ihre Nervosität nimmt immer mehr zu ... nun, lassen wir das. Es gibt doch noch einiges im Leben, was einem Freude bereitet. Da ist vor allem mein Sohn Eugen; seine Zeugnisse kennst du ja. Er hat dir noch jedes geschickt, er ist der tüchtigste Schüler am Gymnasium. Freilich macht es mir große Sorgen, wenn ich an die Hochschule denke. Du weißt ja, meine Mittel sind sehr gering!« »Du solltest aber auch wissen, daß Eugen einen Onkel hat, mach dir nicht zu große Sorgen. Wenn er auf die Hochschule kommt, so werde ich schon ein wenig nachhelfen.« »Das ist sehr schön von dir, ich danke dir!« Er drückte gerührt des Doktors Hand ... »Du weißt nicht, welch ein bitteres Gefühl der Gedanke erregt, ein hochtalentiertes Kind sein eigen zu nennen und selbst außerstande zu sein, ihm die Mittel zu seiner Bildung zu geben!« Er warf den gewohnten, schmerzlich fragenden Blick zum Himmel empor. »Und wie geht es Lise?« fragte Pauline, um das Gespräch von diesem unangenehmen Thema abzulenken. »Ach, die macht uns Sorgen«, erwiderte Thorn seufzend; »ich bin der festen Meinung, daß ... wie soll ich nur sagen ... ich glaube ... sie ist heimlicherweise in einen jungen Mann verliebt. Bestimmtes weiß ich noch nicht. Aber ich werde schon dahinterkommen. Sie würde sich ja ihre ganze Zukunft zerstören, durch ein solches Verhältnis.« »Welchen jungen Mann hast du im Verdacht?« fragte Dr. Thorn mit der unschuldigsten Miene von der Welt. »Ich kann eigentlich keinen Namen nennen«, sagte er seufzend. »Genaues weiß ich eben nicht. Daß es dieser Herr Kirchmaier ist, wäre anzunehmen ... Aber ich würde nie meine Zustimmung zu einer solchen Verbindung geben! Denn ihr winkt ein großes Glück. Das unverständige Mädchen brauchte nur zuzugreifen ... es wäre für sie eine glänzende Versorgung!« »Wie meinst du das? Ihr wird eben nicht so sehr um eine glänzende Versorgung zu tun sein ... sondern ...« meinte Dr. Thorn. »Herr Breuer, du kennst ihn ja noch vom Amt her... bewirbt sich sehr um sie! Ich bitte, sage niemandem etwas davon ... es ist noch ein Geheimnis. Auch hat sich Breuer noch nicht direkt ausgesprochen!« »Er hat mir von Riva aus gratuliert«, sagte Dr. Thorn. »Ja, er ist jetzt viel auf Reisen. Ein Vorfall, der sich im Winter auf einem großen Ballfeste abspielte, zu dem wir geladen waren, hat ihn etwas verstimmt. Aber ich glaube, in einigen Monaten gibt sich das wieder. Er kommt, wenn er in Wien ist, fast jeden Abend zu uns, ist aber sehr schweigsam. Wir haben Lise den strengsten Auftrag gegeben, mit ihm sehr freundlich zu sein. Lise ist eine folgsame Tochter und behandelt ihn demgemäß mit großer Liebenswürdigkeit.« Gustav und Pauline hatten dem Schwätzer zugehört, ohne ein Wort zu erwidern. Sie dachten mit Wehmut an das schöne Mädchen. Gustav tröstete sich mit dem Gedanken, daß Breuer ein viel zu anständiger Mensch sei, als daß er seinen Einfluß auf die Eltern benutzen würde, um dadurch Lise zu erlangen. Der Eintritt von Hex und Lady machte dem unerwünschten Gespräch ein Ende. Als die beiden grauzottigen Köter Herrn Johann Thorn erblickten, erhoben sie ein wahrhaft infernalisches Geheul. Herr Thorn erschrak zu Tode. Mit der rechten Hand sich an die Schulter des Bruders anklammernd, fragte er mit bebender Stimme: »Um Gottes willen, die beißen doch nicht?« »Hex! Lady!« rief Dr. Thorn. Er konnte fast das Lachen nicht verbeißen, ergriff die Hunde an den Halsbändern und hängte sie in der Hundehütte an. Nun saßen sie vor ihrer Behausung und sahen mit mißtrauischen Bücken auf den Fremdling. »Gehören die Hunde dir?« fragte etwas beruhigter Thorn. »Ja, die gehören mir ... Was, hübsche Geschöpfe?« fragte mit freudigem Stolze der Bruder. »Hübsch? So grausliche Hunde habe ich überhaupt noch nicht gesehen.« »Hu, hu, hu!« fingen auf einmal mit kräftiger Intonation die Hunde zu heulen an. »Pfui Hex, pfui Lady!« befahl ihr Besitzer. Die Hunde schwiegen. Ein verhaltenes, leises Knurren bewies aber, daß sich ihre Gemüter wegen des Fremdlings noch immer nicht beruhigt hatten. »Die Ketten sind doch fest?« fragte ängstlich Thorn. »Ja, ja ... mach dir keine Sorgen; es tut dir keiner etwas. Es sind Griffons – prachtvolle Tiere – Jagdhunde nämlich, haben ein Heidengeld gekostet!« »Ich glaube, Gustav, du bist mit diesen Tieren angeschmiert worden, du warst immer ein etwas leichtsinniger Mensch!« Gustav nahm sich nicht die Mühe, den Bruder weiter zu belehren, und schlug einen Rundgang durch die Besitzung vor. Er führte ihn dann in den, Blumengarten, den Johann wohl sehr schön fand, aber gleichzeitig bedauerte, daß damit ein so großer Teil der Bodenfläche dem Anbau nützlicher Pflanzen entzogen würde. Der Gemüsegarten fand seine volle Anerkennung, aber auch in diese lobenden Worte mischte sich ein Mißton. »Schön ... sehr schön!« sagte er, »aber man sieht daran, wie kümmerlich unser Leben in der Stadt ist. Wie teuer müssen wir alles bezahlen – Charlotte ist oft wütend –, dir wächst das alles da aus der Erde hervor. Die Güter der Welt sind sehr ungleich verteilt, ich finde das höchst ungerecht!« Auch auf die Bank im Kiefernwalde hatte er sich gesetzt. Die roten Stämme flammten ordentlich im Sonnenbrande. Die Schweißtropfen sich von der Stirn trocknend, stand er unwillig auf. »Das hast du sehr unpraktisch eingerichtet, diese Bäume geben gar keinen Schatten, du hättest da eine alte Linde herpflanzen sollen«, sagte er. Im Hühnerhofe störte ihn das vielfältige Stimmengewirr seiner gefiederten Bewohner. »Daß du das nur aushalten kannst«, sagte; er, »du mußt rein keine Nerven haben!« So ging das mißtönige Gequarr fort. Am meisten empörte er sich über das Museum. »Es ist geradezu unfaßbar, wie du das Geld hinauswirfst!« sagte er grollend. Als Thorn ihm begeistert die herrliche Situla zeigte, meinte er geringschätzig: »Ich finde es unbegreiflich, daß du an solchem Gerumpel Freude haben kannst. Die Knochen – glaube ich – stinken sogar.« »Aber schau dir doch dieses herrliche Gefäß näher an. Dieser Henkeleimer ist fast zweitausend Jahre alt!« redete Dr. Thorn auf den Bruder ein. »Weißt du das so gewiß? Weißt du überhaupt, oh diese Gegenstände wirklich echt sind?« »Die bedeutendsten, namhaftesten Gelehrten haben sie geprüft und als echt befunden«, erklärte schon etwas gereizt Dr. Thorn. »O, wie oft haben sich nicht schon die größten Gelehrten geirrt! Gustav – wirklich – es ist schade um das viele Geld, das du so hinauswirfst! Und wie viel Gewehre du hast! Das ist wohl gar ein Revolver, der da Hegt. Ich würde mich gar nicht getrauen, dieses Zimmer zu betreten. Eugen spielt auch immer mit seinem Gewehr. Auf einmal wird es losgehen, und ein Mitglied der Familie ist tot oder wenigstens schwer verletzt!« »Er hat ja doch keine Patronen!« warf verärgert der Bruder ein. »Manches Unglück ist schon dadurch entstanden, daß man angenommen hatte, das Gewehr sei nicht geladen, und dann ist es ganz unerwartet losgegangen.« Es war ein recht unangenehmer Tag. »Wenn er nur schon wieder fort wäre. Dem Menschen ist einmal schon gar nichts recht«, sagte Dr. Thorn. Abends nahm Dr. Thorn den Bruder an den Stammtisch im Gemeindegasthaus mit. Er tat es mit großer Sorge, denn er fürchtete, daß das unleidliche Wesen des Bruders Anlaß zu manchen Mißhelligkeiten geben könne. Auch war ihm bekannt, daß der Bruder niemals Gasthäuser besuchte, da Frau Charlotte ihm dazu nicht die nötigen Mittel bewilligte. Und Johannes Unerfahrenheit im Verein mit seinem hohen Selbstbewußtsein konnte die schwersten Konflikte herauf beschwören. Doch gelang die Sache besser, als Dr. Thorn erwartet hatte. Die Anwesenheit so hoher Persönlichkeiten wie des Herrn Pfarrers und des Herrn Bürgermeisters hatte er nicht erwartet. Besonders die Erscheinung des würdigen, alten Herrn Pfarrers begeisterte ihn, und seine Ehrerbietung kannte keine Grenzen. Er fühlte sich durch die Liebenswürdigkeit, mit der der Herr Pfarrer ihn behandelte, ungemein geschmeichelt. Alle anwesenden Herren waren ungemein zuvorkommend gegen ihn und sprachen, geziemend ihre hohe Freude darüber aus, den Bruder des Herrn Doktors kennen zu lernen. Besonders interessierte ihn der Herr Förster. Seine Erscheinung zauberte ihm lebhaft jene schöne, glückliche Zeit vor, da einst sein Sohn in der grünen Tracht durch den Forst stolzieren werde, und erzählte ihm, daß sein Eugen sich ebenfalls dem Beruf eines Weidmanns zu widmen gedenke. »Da hat er recht«, stimmte der Förster bei. »Ich kenn den Jungen; ein prächtiger Kerl; hat schon einen Fuchs geschossen.« Diese Anerkennung tat dem Vater wohl. »Ich habe ihn zuerst zum Beruf eines Beamten bestimmt«, sagte Thorn. »Unsere Familie ist so recht eine Beamtenfamilie; schon der Urgroßvater hat in dieser Weise dem Staat gedient.« »Da war doch jammerschade um den prächtigen Kerl, wenn der auch so eine Schreiberseele werden sollte!« meinte darauf der Förster. Nach diesem Ausspruch verstummte Herr Thorn, da er in ihm eine Beleidigung der gesamten Thornschen Familie erblickte. Aber dem Herr Förster scharf zu erwidern, getraute er sich nicht. Der mächtige langbärtige Herr sah ganz danach aus, als ob er ausgiebig grob werden könnte. Er lenkte daher sanft ein und erklärte, daß ihm um den Sohn aus dem Grunde sehr bange sei, weil dieser dann durch seinen Beruf genötigt sei, mit so gefährlichen Feuerwaffen umzugehen. »Ja, mit'n Nudelwalker kann man die Hasen nit derschlagen«, fuhr der Förster auf. Alles lachte, die einen lauter, die anderen gemäßigter, ja selbst der Herr Pfarrer konnte sich des Lachens nicht enthalten. Der Herr Bruder Gustav zeigte sein fröhlichstes Gesicht. Das Gespräch wogte weiter. Da Thorn mit jenen Gegenständen, die hier zur Sprache kamen, ganz und gar nicht vertraut war, so saß er zumeist still am Tisch und beteiligte sich nur selten mit einem Wort an der Unterhaltung. Der Herr Oberlehrer erzählte, daß im Nachbarort zwei Bauernknechte wegen Wilderns verhaftet worden seien. Der Jäger, der sich ihnen entgegengestellt hatte, war von ihnen bös zugerichtet worden und lag nun mit schweren Wunden im Spital der nächsten Kreisstadt. Das war Wasser auf Thorns Mühle. Sein Vaterherz begann zu bluten, und mit tiefbewegter Stimme sprach er seinen Schmerz darüber aus, daß sein Sohn einen so gefahrvollen Beruf erwählen wolle. Thorn ward allgemein bedauert. Der Förster fand es nun höchst passend, einiges von seinen Erlebnissen zu erzählen. Er brachte die schauderhaftesten Geschichten mit Wilderern vor und erzählte haarsträubende Begebnisse mit Bären und Wildschweinen, die sich abgespielt hatten, als er noch an der galizischen Grenze dicht am Fuße der Karpathen seinen Dienstort hatte. Thorn hörte mit jenem angenehmen Gruseln zu, mit dem er sonst Mays Romane las. »Aber, Förster!« mahnte hin und wieder ein Mitglied der Tafelrunde; aber der Erzähler ließ sich nicht beirren, faustdick quollen die Lügen aus seinem beredten Munde. Als er aber die Geschichte erzählte, wie er sich einst allein gegen ein ganzes Rudel Wölfe verteidigte und, nachdem er alle Patronen verschossen hatte, mit verzweiflungsvollem Mute dem Wolfe, der allein lebend geblieben war, mit der Faust in den offenen Rachen fuhr, dessen Zunge packte und ihn so lebend nach Hause brachte, brüllte alles auf vor Lachen. Thorn sah ganz verwundert auf die in Lachkrämpfen sich windende Gesellschaft. Er wußte nicht, was das zu bedeuten habe, er hatte die Lügen alle aufs Wort geglaubt. Der Förster saß ruhig da und schmunzelte vergnügt. »Warum lachen die Herren?« fragte verdutzt Bruder Johann. Jetzt brach neuerliches Gelächter los. Ein Teil der Gesellschaft verließ schleunigst die Stube ... aus der geöffneten Tür, sie führte in den Hof hinaus, klang ihr Lachen in das Zimmer herein. »Aber, Bruder, hast du nicht gemerkt, daß dich der Förster blau anlaufen ließ? Er hat ja das Blaue vom Himmel heruntergelogen.« »Das kann doch nicht sein ...« meinte betreten Thorn, »so ein ernster alter Herr wird doch nicht ...« »Na ... nicht wird er ...« sagte geärgert Dr. Thorn. »Aber Herr Doktor«, mahnte der Herr Pfarrer, »Sie werden sich doch nicht ärgern.« »Jeder ordentliche Förster lügt«, belehrte der anwesende Bezirksarzt. Die Herren kamen nach und nach herein, zuletzt der Förster. »Die Bande will mir nichts glauben«, flüsterte der Förster Thorn so laut ins Ohr, daß es alle hören konnten. Die Gesichter der Anwesenden waren fast blau vor Anstrengung. Nur mit größter Mühe konnten sie es verhüten, daß eine neuerliche Lachsalve losbrach. Im großen und ganzen war die Unterhaltung verdorben. Man mühte sich, ein ernstes Gespräch zu führen; es war vergebens. Ohne jeden Anlaß lachte plötzlich irgendeiner aus der Runde auf. Das drollige Ereignis ließ die Gemüter nicht zur Ruhe kommen. Dr. Thorn drängte zum Aufbruch. »Mein Bruder ist nicht so viel zu trinken gewohnt«, entschuldigte er sich. Auf der Straße gab Dr. Thorn seinem Ärger Ausdruck. »Daß du nicht gekannt hast, daß dich der Förster nur aufzieht! Auf ein Jahr hinaus haben nun die Leute Stoff zum Lachen«, sagte er zornig. »Ich werde den Förster zur Verantwortung ziehen!« drohte Thorn. »Ja, das versuch nur!« knurrte der Doktor. Trotz allen Ärgers vergönnte er es dem Herrn Bruder, daß er den Schabernack erfahren hatte. Am nächsten Tag begleitete Dr. Thorn den Gast zur Bahn. Der Abschied war recht kühl. Johann war sehr gedeftet; Gustav hatte ihm noch einmal seine Dummheit so recht vor Augen geführt. Dr. Thorn war von Herzen froh, als der Raunzer abgedampft war. Neunzehntes Kapitel Als Vater Thorn gegen Abend wieder in den vertrauten Räumen anlangte, Eugen hatte ihn vom Bahnhof abgeholt, zeigte er ein müdes, abgespanntes Wesen. »Was hast du denn? Ist dir nicht recht wohl?« fragte besorgt Frau Charlotte. »Ich glaub es – nach einer solchen Reise!« Er war kaum zweieinhalb Stunden mit der Eisenbahn gefahren, da er aber alles, was ihn betraf, stets ins Ungeheuerliche vergrößerte, so tat er, als ob er eine Weltreise gemacht hätte. »Für meine Nerven sind diese Anstrengungen nichts. Ich bin total erschöpft!« »Das Nachtmahl ist sofort fertig. Ich habe zu Ehren deiner Ankunft Schweinskoteletten gemacht und dazu geröstete Kartoffeln«, tröstete Frau Charlotte. Diese angenehme Aussicht wirkte außerordentlich belebend auf den körperlichen Zustand des Papas. »Charlotte – du bist mein gutes Weib«, sagte er mit gerührter Stimme, »ach, es ist doch ein wunderbares Gefühl, im eigenen Hause, unter seinen teuren Familienangehörigen zu weilen.« Die Aussicht auf Schweinskoteletten mit gerösteten Kartoffeln hatte in direkt in Entzücken versetzt. »Wenn man so draußen in der fernen Fremde weilt, dann lernt man erst das Glück der Heimat schätzen. Gib mir einen Kuß, Charlotte!« »Ach, laß doch diese albernen Dummheiten«, gab Charlotte ärgerlich zur Antwort; »zu solchen Dingen sind wir doch schon zu alt.« Die Abweisung kränkte Vater Thorn tief und über sein frohseliges Heimatsglück legte sich ein tiefer Schatten. Eine halbe Stunde später kam Lise nach Hause. Nachdem sie den Vater begrüßt hatte, überhäufte sie ihn sofort mit einer Flut von Fragen. »Wie geht es dem Onkel?« »Wie geht es Tante Pauline?« »Hat Onkel noch den Rehbock?« »In seinem Garten muß es jetzt wunderschön sein?« »Lise«, sagte mit tiefem Ernst der gekränkte Vater, »du siehst, wie müde und abgespannt ich bin – laß mich in Ruhe!« »Zweieinhalb Stunden Bahnfahrt ... das ist doch gar nichts ... das sind ja ich und Lise auch schon gefahren«, warf der Sohn ein. »Eugen«, sagte Thorn mit scharfer Stimme, »ich finde das für eine große Unmanier, auf solche Weise mit dem Vater zu sprechen!« »Ja, was hab ich denn gesagt?« fragte entrüstet Eugen. »Eugen war doch gar nicht unanständig!« nahm Lise den Bruder in Schutz. »Ruhe, ihr beiden!« donnerte Vater Thorn. »So ist es eben! Da kommt man todmüde von der Reise nach Hause, man erwartet, daß einem entzückt Weib und Kinder entgegenfliegen ... und statt dessen ...« Frau Charlotte steckte den Kopf durch den Türspalt herein. »Was ist's denn, was gibt's denn?« Mit finsteren Mienen sah Vater Thorn auf sein Weib; aber es verschlug ihm die Rede. »Bist du schon wieder da?« fragte Charlotte mit funkelnden Augen ... »man hört das sofort!« »Ich bitte mir Ruhe aus! Hast du gehört!« »Ich war gar nicht keck, und Vater ...« klagte Eugen. »Nein, das war er nicht ...« bestätigte Lise. »Ruhe ... oder ...!« befahl die Mutter. »Und daß ich ja keinen Ton mehr höre!« Damit ging sie wieder. Grollend begab sieh der Papa hinüber in das Schlafzimmer, nachdem er sich vorher Karl Mays »Old Shatterhand« aus dem Bücherkasten mitgenommen hatte. Große, gefahrvolle Reisen bloß im Geiste zu unternehmen, war ihm bedeutend lieber. Das Nachtmahl begann unter allgemeinem Schweigen. Als Mutter Charlotte unter Lises Assistenz die Koteletten auftrug, erleuchtete sich Thorns Gesicht. »Ausgezeichnet!« rief er aus, »Mutter, das macht dir keine nach!« »Und du bist vielleicht der Meinung, daß du so etwas verdienst? Kaum bist du zu Hause, fängst du mit den Kindern zu streiten an.« »Nein, durchaus nicht!« beteuerte der Vater. »Aber lassen wir das, und sollte ich zu schroff gewesen sein, so bedenkt, daß meine Nerven die Anstrengungen einer so weiten Reise nicht ertragen können.« Eugen und Lise sahen sich gegenseitig an. Sie schienen außerordentlich vergnügt zu sein. Charlotte warf ihnen einen mißbilligenden Blick zu. Von all dem bemerkte Vater Thorn nicht das mindeste. Er war eifrigst beschäftigt, mit einem Tischmesser die letzten Fäserchen von einem Knochen herunter zuschaben. Lise räumte unter Mithilfe der Mutter ab. Als das geschehen war, stellte Charlotte eine Flasche goldig funkelnden Weines auf den Tisch. »Eigentlich verdienst du das nicht«, sagte Charlotte, »aber heute will ich gnädig sein ...« Thorn behagte dieser Ausdruck der Gnade seitens Frau Charlotte ungemein. »Woher hast du diesen Wein?« fragte er. »Breuer hat ihn von Meran geschickt. Gestern nachmittags ist er angekommen.« »Breuer ist ein herrlicher Mensch«, erklärte der Vater. Es lag eine wunderbare Rührung in seiner Stimme. In fast feierlicher Weise entkorkte er die Flasche. Als die kleinen Gläser, die Mama herbeigebracht hatte, gefüllt waren, erhob sich Thorn, um eine Rede zu halten. »Laß das, Johann«, sagte sanft die Mutter, »der Wein wird dir auch schmecken, wenn du keine Rede hältst. Erzähl uns jetzt, wie's dir bei Gustav gegangen ist.« »Im allgemeinen recht gut. Ich wurde von Gustav empfangen, wie es mir bei meiner Stellung in der Familie gebührt.« Eugen warf einen schmerzlichen Blick zum Himmel hinauf. »Wir sind auch gestern abends im Gasthaus gewesen, der Herr Pfarrer, der Herr Bürgermeister waren da ...« Als Papa den Bürgermeister erwähnte, errötete Lise. Der Gewaltige war ja doch Ulrichs Vater, und es fiel ihr ein, wie hart der Mann gegen den Geliebten gehandelt hatte. »Ich wurde mit unendlicher Hochachtung und Verehrung begrüßt. Nur einer paßt mir nicht in dieser Gesellschaft. Und das ist der Förster!« »Der Förster?« fragte verwundert Eugen. »Jawohl! Ich habe noch selten einen so rohen und ungebildeten Menschen kennen gelernt. Er wollte sich mit mir einen Witz erlauben. Aber ich hab ihn gebührend in seine Schranken zurückgewiesen.« Eugen pfiff leise vor sich hin; er kannte den Förster und kannte seinen Papa. »Die Besitzung ist schön. Aber was er nur für Hunde hat! Direkt grauhaarige Stallpintsche. Er behauptet, es seien seine Jagdhunde. Sie haben ein Heidengeld gekostet. Na, da haben sie ihn ganz gehörig angeschmiert!« »Das sind Griffons«, sagte Eugen, der die Hunde doch kannte und schon seinerzeit seinen Onkel durch die Rassenbestimmung überraschte, welches Wissen er aus seinem Buch über Hundezucht und -Dressur geschöpft hatte. »Es sind ausgezeichnete Gebrauchshunde, zu Wasser und zu Lande gleich tüchtig.« »Hast du die Hunde deines Onkels schon jemals gesehen?« fragte streng der Vater. »O ja«, sagte Eugen und holte aus dem Bücherschrank sein Hundebuch hervor. »Sehen sie nicht so aus wie die hier?« fragte er in examinierendem Tone den weisen Papa. Dieser betrachtete lange mit weisen Kennerblicken das Bild des zottigen Hundes. »Wirklich«, sagte er dann etwas verlegen, »der eine von den Hunden des Onkels schaut ganz dem gleich.« Triumphierend trug Eugen sein Buch in den Schrank zurück. »Es sind drahthaarige Hunde«, wollte er beginnen. Er hatte schon die Gewohnheiten junger Jäger angenommen, recht viel mit jagdsportlichen Ausdrücken um sich zu werfen. Aber Frau Charlotte kam ihm bereits zuvor. »Johann«, sagte sie streng, »du solltest wirklich nicht über Dinge reden, von denen du gar nichts verstehst. Und dann bitte ich mir aus, die Kinder so unnötig anzufahren!« »Und der Blumengarten muß auch sehr hübsch sein«, warf Lise ein. »Ja, der ist ganz prächtig, er hat eine Menge Rosen – aber besser gefiel mir der große Gemüsegarten. Wenn man bedenkt, wie teuer das Grünzeug heute ist, so übermannt einen förmlich der ... wie soll ich nur sagen ... der Kummer – wenn man bedenkt, daß der eigentlich ganz umsonst zu allen diesen Dingen kommt!« »Aber Papa ... rede doch nicht so häßlich ...« ermahnte Lise. In dieser Weise ging es so eine halbe Stunde weiter. Auch über den Hühnerhof sprach er sein Mißfallen aus. »Dieses Geschnatter ... dieser Lärm. Und was dieses Geflügel für eine Menge Futter braucht! Einen Pfau hat er auch. Das ist so das richtige Protzentum!« »Wie aber der Onkel die beiden jungen, fetten Enten geschickt hat, da warst du ganz zufrieden!« sagte Eugen. »Nun ... was sind zwei junge Enten! ... Wegen dieses Almosens soll ich mich vielleicht vor dem Menschen demütigen?« Es war ein Glück, daß in diesem Moment Frau Charlotte sich in der Küche befand. Herr Thorn sprach noch weiter über all das Erlebte und Geschaute, und über alles drückte er seine tiefste Mißbilligung aus. Zum Schluß wäre es bald zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Elternpaare gekommen. »Wenn ich so denke, wie wir hier in Elend und Kummer leben«, hatte er angefangen, worauf Frau Charlotte wütend auffuhr und ihn mit keifender Stimme fragte, ob man von Elend und Kummer reden könne, wenn man soeben Schweinskoteletten mit gerösteten Kartoffeln gegessen und eine Flasche vorzüglichen Weines dazu getrunken habe. Die beiden Kinder waren zu Tode froh, als das Mahl aufgehoben wurde und sie zu Bette gehen konnten. Beide konnten längere Zeit nicht einschlafen. Aus dem Schlafzimmer heraus tönte immerfort die grelle Stimme der Mama, die dem Neidhammel von einem Papa den Standpunkt klar machte. Sie dachten beide an die herrlichen Tage, die sie in St. Ruprecht zugebracht hatten, und mählich ward ihr Sehnen zu schönen, lichten Träumen. Eugen ging mit dem alten Förster durch den nachtdunklen Wald auf die Hirschpirsch, und Lise stand Hand in Hand mit Ulrich Kirchmaier bei Paschas Grabdenkmal im Kiefernforst. Zwanzigstes Kapitel Das Jahr neigte sich dem Ende zu. Herr Breuer war von seiner Reise zurückgekehrt und verbrachte wieder die Abende zumeist bei Thorn. Er war aber ein anderer, Stillerer geworden. Er konnte sich nicht mehr mit so herzlichem Lachen an der Unterhaltung beteiligen wie einst. Gegen Lise war er derselbe geblieben, ja er war fast noch zuvorkommender und liebenswürdiger als früher; aber in der Art, wie er mit ihr verkehrte, lag etwas sonderbar Gedrücktes, Wehmütiges. Es schien, als ob er mit jedem Worte, das er zu ihr sprach, sie gleichzeitig um Verzeihung bitten wollte, daß er sich überhaupt erlaube, mit ihr zu sprechen. »Das wäre ein Mann für sie«, sagte eines Tages Frau Charlotte zu Vater Thorn, »der würde sie auf den Händen tragen. Ich verstehe das Mädchen nicht. Sie ist gerade nicht unfreundlich, aber sie könnte weit liebenswürdiger mit ihm sein. So eine Partie macht sie ihr Lebtag nicht mehr.« »Sie ist eine Gans«, stimmte entrüstet Vater Thorn zu. »Thorn!« sagte mit scharfer Stimme die in ihrer Tochter beleidigte Mutter. Aus verschiedenen Anzeichen war zu ersehen, daß wieder einmal das heilige Weihnachtsfest herannahe. Eugen malte seit einigen Wochen mit großem Fleiß an einem herrlichen Aquarell, darstellend das Haus des Onkels. Eine Photographie, die seinerzeit Dr. Thorn von diesem Objekt eingesendet hatte, bildete die Vorlage dazu. Lise hatte sehr viel mit Stickerei zu tun und wurde höchst mißgestimmt, wenn ihr jemand bei dieser Arbeit zusehen wollte. »Du, vergiß nicht, auch für Breuer etwas vorzubereiten«, mahnte der weitschauende Vater. »Du bist ihm vielen Dank schuldig!« In diesen Tagen ward Herr Breuer etwas gesprächiger. Er versuchte in verschiedenen Redewendungen herauszubekommen, was für Wünsche Fräulein Lise auf dem Herzen habe, über Eugen war er sehr bald im klaren. Nur Gegenstände, die irgendwelche Beziehung zur Jagd haben, waren der Gegenstand seiner Sehnsucht. Für Mama Charlotte wurde etwas »Praktisches für den Haushalt« ausgesucht, ein Glasservice mit dem Monogramm Ch. Th. Wie gewöhnlich erstand Breuer dieses zu einem unerhört niedrigen Preise für die Kinder. Papa Thorn sollte eine Kiste feiner Havannazigarren erhalten. Der Papa rauchte sonst nur Beamtenzigarren, denn die Mama gestattete ihm auf diesem Gebiet durchaus keinen Luxus. Breuer brachte ihm fast jeden Abend einige Stücke feinerer Sorte mit, die er mit sichtlicher Befriedigung und unter Aussprüchen hohen Lobes schmauchte. Schließlich war sich auch Breuer klar geworden, was er Lise zu schenken habe. Einen jener arabischen Schals, die, mit Silberplättchen gestickt, sich so wunderbar um schlanke Frauenleiber schmiegen. Die Familie war vor einigen Wochen mit ihm im Theater gewesen, und Lise hatte ihr Entzücken über dieses orientalische Kleidungsstück ausgesprochen, über die breite hellerleuchtete Treppe des Foyers schritt eine junge Dame, deren Schultern ein solcher Schal umschlang. Bei jeder Bewegung des schlanken Leibes erhob sich ein Leuchten und Flimmern sondergleichen um die feine Gestalt. Herr Breuer hatte sich entschlossen, ein solches Prachtstück für Lise anzuschaffen. Trotz der bösen Erfahrungen an jenem Ballabende, trotz der weiten Reisen, die er unternommen hatte, um jenes heiße, brennende Gefühl, das er für Lise empfand, zu unterdrücken, glomm in seinem Herzen still die Liebe zu dem schönen Mädchen, die er sich noch selbst nicht eingestehen wollte, fort. »Du hast dich getäuscht damals«, tröstete er sich, »sie ist ja noch ein Kind –!« Er führte einen harten Kampf mit sich selbst. Immer und immer nahm er sich vor, das Haus Thorns zu meiden. Wenn es aber gegen sieben Uhr abends ging, erfaßte ihn wieder die alte Sehnsucht, er mußte hinüber zu Thorns, saß wie der sehnsüchtige Ritter Toggenburg am Sofa, froh und glücklich, das schöne Mädchen zu sehen und auf ihre Stimme zu lauschen. Er freute sich selber wie ein Kind auf den Heiligen Abend, auf jenen Moment, wo Lise, den arabischen Schal um die Schultern geschlungen, im Lichterglanz des Weihnachtsbaumes zu ihm treten und mit leuchtenden Augen zu ihm sagen werde: »Herr Breuer, ich danke Ihnen, wirklich, ich danke Ihnen vom ganzen Herzen.« Es war ein trüber, häßlicher Dezembertag, als er sich aufmachte, das kostbare Schmuckstück zu kaufen. Trotzdem es erst drei Uhr nachmittags war, war es schon ganz dunkel geworden. Aus den hellerleuchteten Schaukästen und Auslagen der großen Geschäfte flutete das grelle Licht über die Straße. Auf den Trottoirs staute sich die Menge. Die hohen Bogenlampen am Kohlmarkt und Graben boten in dem dichten Nebel ein sonderbares Bild; sie glichen brennenden Kerzen in einer mit Wasserdampf erfüllten Waschküche. Er trat in ein Konfektionsgeschäft ein und mußte ziemlich lange warten, bis ihn endlich einer der jungen, eleganten Herren, die hier zur Bedienung des Publikums angestellt waren, um sein Begehren fragte. Es war eine nicht unbeträchtliche Summe, die Herr Breuer für den Schal an der Kasse zahlen mußte. Er freute sich darüber, Lise eine solche Kostbarkeit zu schenken. Der Schal wurde sorgfältig eingepackt, und Breuer verließ in höchst fröhlicher Stimmung das Lokal, um in einem Optikergeschäft für Eugen einen Trieder anzukaufen. Eugen hatte eines Abends erklärt, ein solches optisches Instrument sei für den Weidmann absolut notwendig, um ein Stück Wild gehörig »anzusprechen«. Er war etwas verdutzt, als er hörte, daß dieses unentbehrliche Instrument beinahe so viel koste wie Lises herrlicher Schal. Trotzdem nahm er ruhig den teuren Gegenstand entgegen. »Ach was«, sagte er zu sich, »du hast ohnehin niemanden, dem du Freude machen kannst – was liegt denn an den paar Zehnern daran. Und wenn Eugen eine Freude hat, freut sich Lise mit.« Das Herz mit den fröhlichsten Weihnachtsgefühlen erfüllt, trat er aus dem Lokal. Das Trottoir war fast nicht passierbar, er mußte sich durch die Menge direkt durchzwängen. »Pardon«, sagte mit scharfer Stimme ein junger Herr, an den er mit ziemlicher Wucht im Gedränge angestoßen war. Breuer sah auf. Vor ihm stand der junge Herr von jenem Ballabend. Er wollte schon in gleicher Schärfe erwidern, als er plötzlich an der Seite des jungen Mannes Lise erblickte. Sie ward purpurrot im Gesicht. »Herr Breuer«, flüsterte Lise fast tonlos. Auch Ulrich hatte nun den Herrn erkannt. In diesem Moment erhielt Breuer von einem Passanten einen Stoß, daß er fast zur Seite taumelte. »Pardon!« schrie der Rohling. »Wanns' was z'reden habt's, so geht's wo anders hin; net da, wo ma eh' gar net geh'n kann!« Breuer beachtete den Lümmel nicht weiter. »O, guten Abend, Fräulein Lise – woher?« fragte er mit vor Erregung bebender Stimme. Ulrich zog den Hut. Auch sein Gesicht glühte wie eine Päonie. »Herr von Breuer, wir kennen uns ja?« fragte er beklommen. »Ja, ja, von jenem Balle her ...« »Ich habe das Fräulein zufällig getroffen«, stammelte Ulrich. »Guten Abend – ich will nicht länger stören!« Breuer lüftete den Hut und wollte weitergehen. »Nicht – Herr Breuer, um Gottes willen – bleiben Sie bei uns«, bat mit Tränen in den Augen Lise. Sie ergriff in leidenschaftlicher Erregung seine Hand. »Gehen Sie doch mit uns! Ich laß Sie nicht fort«, bat sie in heißer Angst. Die Passanten wurden aufmerksam auf die Szene. Ein dicker, vierschrötiger Wasserer pflanzte sich direkt vor ihnen auf. »Geh'n wir« – drängte Breuer. Sie gingen weiter. »Hörst, hast dös g'seg'n, Toni«, hörte Breuer trotz des Stimmengewirres den Wasserer rufen; »dös war der Vata. Dös hast seg'n soll'n, was der für Aug'n g'macht hat! Aber sie is a fesche Godl!« Die weiteren Worte verhallten im Lärm der Straße. Breuer ging mit den beiden weiter. Keines von allen dreien fand ein Wort. Bei der Ringstraße angelangt, verabschiedete sich Ulrich. »Gute Nacht, Herr von Breuer«, sagte Ulrich und verneigte eich tief. Breuer gab ihm die Hand. »Bitte, Herr von Breuer – sagen Sie nichts davon, daß Sie uns getroffen haben!« »Nein, nein, durchaus nicht!« sagte Breuer. »Sie können sich auf mich verlassen!« »Schonen Sie Lise!« Darauf gab Breuer keine Antwort. Daß Ulrich von Fräulein Elisabeth Thorn nur als »Lise« sprach, tat ihm weh. Von Lise nahm er höchst förmlichen Abschied. Sie reichte ihm kaum die Hand. Breuer ging mit Lise weiter. Es war ihm ganz seltsam zumute. Zufällig fiel sein Blick auf das Paket, das den arabischen Schal enthielt, und beinahe hätte er aufgelacht. Aber so recht bitter, mit jenem wehen Lachen, das aus verhaltenen Tränen emporklingt. Lise hatte seinen Arm erfaßt. »Herr Breuer ... Sie werden doch zu Hause nichts sagen ...?« bat sie angstvoll. »Nein, nein, beruhigen Sie sich. Kein Wort!« Sie kamen in dem Moment an einer mit unzähligen Glühlichtern erleuchteten Auslage vorüber. Lises Antlitz war fast verzerrt vor Angst. Die Tränen liefen ihr über die Wangen herab. »Lise, Lise!« rief er erschrocken aus, »seien Sie doch nicht so kindisch, fassen Sie sich!« Bebend schmiegte sie sich an ihn. »Es wäre alles aus ...« flehte sie. »So können Sie nicht nach Hause gehen, Lise«, sagte Breuer, »aus Ihrem Gesicht kann man ja alles ablesen, was heute passiert ist. Den ganzen Schauerroman!« Eine dicke Frau kam des Weges, mit unzähligen Paketen beladen. Sie drängte das Paar ungestüm zur Seite. Breuer fiel das Paket mit dem arabischen Schal zu Boden. Als er sich bückte, um es aufzuheben, überkam ihn wieder jenes sonderbare Gefühl, sich selbst so recht ordentlich auszulachen. Lise hatte sich ebenfalls bemüht, das Paket aufzuheben. Die Köpfe der beiden prallten hart aneinander. »Fräulein Lise – es ist doch nichts geschehen?« fragte erschrocken Breuer. »Nein, nein«, erwiderte Lise und rieb sich die schmerzende Stirn. Breuer hatte das Paket wieder an sich genommen. »Fräulein Lise – ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir gehen in irgendein Restaurant oder Kaffeehaus. So können Sie nicht nach Hause kommen. Sie sind zu erregt. Und wir können uns über die Geschichte ganz ruhig ausreden! Nicht wahr? Und sollten wir etwas zu spät kommen, ich weiß es ganz gewiß, daß weder Papa noch Mama ein Wort dagegen haben, wenn wir beide zusammen zu spät kommen.« Sie traten in ein großes Restaurant in der Mariahilferstraße. Das Speisezimmer war vollständig leer. In einer Ecke schlief, den Kopf auf die Arme gelegt, ein Kellnerjunge. Nach mehrmaligem Klopfen erschien endlich ein Kellner und fragte um die Wünsche der beiden Herrschaften. Breuer bestellte für sich ein Glas Bier und für das Fräulein ein Achtel Rotwein mit Zucker. Beim Hinausgehen trat der Kellner auf den schlafenden Jungen zu und gab ihm einen tüchtigen Klaps auf den Kopf. Der Junge fuhr erschrocken in die Höhe und sah mit einem ungeheuer schafsmäßigen Ausdruck auf den gestrengen Herrn, der gebieterisch die rechte Hand erhoben hatte und mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Tür wies. Mühselig raffte er sich auf und torkelte, die Serviette unter dem Arm, dem Kellner nach. »Mein Gott«, sagte Breuer, »wer weiß, wie lange der Junge heute nachts aufgeblieben ist.« Der Kellner brachte das Gewünschte. Endlich waren die beiden allein. »Sie werden sich was Schönes von mir denken«, fing bekümmert Lise an. »Lassen Sie das, Lise – mich hat's zuerst wohl sehr überrascht. Dann mußte ich mir sagen, daß an der ganzen Sache eigentlich nichts Verwunderliches sei. Ich hab ja all das kommen sehen. Also reden wir weiter nichts über die Affäre. Wenn wir jetzt nach Hause kommen, werde ich erzählen, daß wir uns zufällig getroffen haben, daß wir uns die Auslagen angeschaut haben usw. Und jetzt seien Sie nicht mehr ängstlich, Lise. Jetzt machen Sie wieder ein fröhliches Gesicht. Trinken Sie ein Gläschen, daß Sie wieder lustig werden.« Lise lächelte. Sie haschte mit beiden Händen nach der Hand Breuers. »Danke ... danke, Herr Breuer.« Sie hatte selber kennen gelernt, was Liebe sei, und nun dämmerte ihr eine Ahnung davon auf, was dieser liebe, gütige Mensch, der da vor ihr saß, litt und kämpfte ihretwegen. Sie hatte sein stilles Werben lange nicht erkannt; nun ward ihr klar, wie innig er sie liebte, und es tat ihr weh, wenn sie daran dachte, welch herben Schmerz ihm diese Begegnung heute bereitet haben müßte. Er ließ ihr aber keine Zeit, sich darüber auszusprechen. »Es wird ja alles gut werden«, tröstete er, und fing an, von vielerlei zu erzählen. Von seiner Jugendzeit, die so still und ruhig verlaufen war; von seinen Wanderfahrten, bis er schließlich bei den Vorbereitungen zum Weihnachtsfest anlangte. Und er plauderte so frohselig, daß in Lises Brust alle Schatten der Bekümmernis dahinschwanden und das liebe, fröhliche Antlitz wieder in sonniger Heiterkeit erstrahlte. »Ich hab mir auch einmal gedacht, das Weihnachtsfest einst mit Weib und Kind zu feiern; ich hab die Zeit versäumt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als jetzt bei den Weihnachtsfesten anderer mitzuschmarotzen«, sagte Breuer zum Schluß mit einem leisen Anflug von Wehmut. Das Märchen vom Zauberspiegel war ihm wieder in den Sinn gekommen. Als die beiden nach Hause kamen, wurden sie mit jubelnder Verwunderung empfangen. Das lange Ausbleiben Lises harte das würdige Elternpaar bereits mit Besorgnis erfüllt; als nun Mutter Charlotte die Tochter an der Seite des so hochverehrten Mannes erscheinen sah, schwoll ihr das Herz in Entzücken. Die leuchtendsten Zukunftsbilder tauchten in ihrer Seele auf, Verlobung, Hochzeit, neue Stellung als Großmutter usw. Papa Thorn versuchte es sogar, den erzürnten komischen Vater zu spielen, was ihm so gut gelang, wie einem Seehund das Tanzen. »Was seh ich ...?« rief er mit Pathos aus, »mein Freund entführt meine Tochter?« Einige sanfte Ermahnungen von Seiten Frau Charlottens genügten, und Vater Thorn legte seine Stelle als komischer Vater sofort nieder und begrüßte den Freund und das Kind mit gewohnter Würde. Der Abend verlief ungemein anregend. Lise war von geradezu ausgelassener Heiterkeit und begegnete Breuer mit einer so bezwingenden Liebenswürdigkeit wie noch niemals. Breuer hatte zufälligerweise in seinem Vorrat noch zwei Flaschen feurigen italienischen Weines entdeckt. Er holte ihn herüber und nun begann ein Gelage sondergleichen. Man wurde ungeheuer lustig, und schließlich kam es im Verlauf dieser solennen Lustbarkeit so weit, daß Lise Herrn Breuer einen Kuß zur Ausgleichung einer ihrerseits verlorenen Wette geben mußte. Und sie küßte Breuer mit solcher Herzlichkeit, daß Mutter Charlottens Augen feucht wurden und der Papa mit stolzer Freude auf sein liebliches Kind sah, dem sich solche erfreuliche Aussichten eröffneten. Als Breuer Abschied nahm, begleitete ihn Lise bis auf den Gang hinaus. »Danke – danke tausendmal«, flüsterte sie und drückte ihm die Hand. »Seien Sie nur getrost, Fräulein, es wird ja alles gut werden! Gute Nacht!« Damit ging er. Mit vor Erregung roten Wangen kehrte Lise in das Schlafzimmer zurück. Frau Charlotte stieß ihren Gemahl heimlich in die Seite, um ihn auf die so interessante pathologische Veränderung aufmerksam zu machen. Befriedigt nickte der erfreute Papa. Man ging zu Bette. Papa Thorn konnte keine Ruhe finden und schritt, wie es seine Art in Erregungszuständen war, mit langen Schritten im Schlafzimmer auf und ab. »Charlotte«, sagte er, »wir haben Glück mit unseren Kindern. Es liegt wahrhaftig die gute Art meiner Familie in ihnen!« »Nun – und was für eine Art hat denn meine Familie«, fragte mit zornigem Erstaunen die Mutter. »Befinden sich in meiner Familie vielleicht Raubmörder und andere Verbrecher?« Herr Thorn sah ein, daß er einen sehr gefährlichen Fehler begangen habe und bemühte sich, die Verletzte zu beruhigen. Es gelang ihm schlecht, und noch lange konnte man die helle Stimme Charlottens aus dem Schlafzimmer heraus tönen hören. Einundzwanzigstes Kapitel Das Weihnachtsfest war programmäßig verlaufen. Lise hatte direkt wie der Weihnachtsengel selbst ausgesehen, als ihr Breuer den kostbaren Schal um die Schultern legte, und Mutter und Vater hatten unzähligemale beteuert, daß das alles viel, viel zu viel sei, was Herr Breuer für ihre Tochter tue, und wie denn sie überhaupt dazu komme, in solch geradezu fürstlicher Weise beschenkt zu werden. Die Geschenke des Onkel Gustav, ein prachtvoller Truthahn und noch anderes Geflügel, hatten Thorns Herz sehr zur Milde gestimmt, und er sprach Breuer gegenüber mit höchst anerkennenden Worten von dem großartigen Geflügelhof seines Bruders. Überglücklich war Eugen. Der Onkel hatte ihm einige hervorragende forstwirtschaftliche Werke und eine ziemlich umfassende Jagdausrüstung geschickt, Patronengürtel, Galgen für Rebhühner und andere höchst notwendige jagdsportliche Gegenstände. Am meisten freute ihn aber der prachtvolle Trieder, den ihm Herr Breuer zum Geschenk gemacht hatte. Eine Stunde lang stand er trotz der bitteren Kälte beim offenen Fenster und betrachtete mit Entzücken durch das scharfe Glas die Spitzen zweier Kirchtürme, die sich in der Ferne über das Häusermeer erhoben. Auf einmal erschien der Papa; er war noch in der Morgentoilette und rauchte eine der herrlichen Weihnachtszigarren. Mit Donnerstimme befahl er Eugen, sofort die Fenster zu schließen, und fragte ihn gleichzeitig, ob vielleicht er die sündteuren Kohlen bezahle. Er war gegen Kälte sehr empfindlich und schimpfte richtig so lange fort, bis Frau Charlotte erschien und dem bequemen Herrn Papa befahl, sich anzuziehen, wenn ihm in dieser nachlässigen Toilette zu kalt sei. Selbstverständlich bekam auch Eugen bei dieser Gelegenheit seinen Teil ab. Das Abflauen irgendeiner Freude bedeutet immer einen Katzenjammer im Gemüt. Dieser Vormittag war grau in grau. Papa Thorn hatte einen sehr warmen Kopf und eine unstillbare Sehnsucht nach sauren Gurken. »Meine Nerven sind sehr angegriffen«, sagte er und preßte mit beiden Händen sein schmerzendes Haupt zusammen. »Nerven!« rief entrüstet Frau Charlotte aus, »hab ich keine Nerven ... mir ist elend, zum Umfallen schlecht, und muß mich von aller Früh an plagen. Wenn man niemand zur Hilfe hat – aber bei uns ist so 'was nicht möglich. Die Bedienerin ist natürlich auch nicht gekommen! ...« »Ich sage immer, du solltest dir einen Dienstboten halten«, sagte Papa. »Wovon sollen wir ihn bezahlen?« fragte entrüstet die Mama, »gibst du mir die Mittel dazu?« Ganz so, wie die Mama die Sache darstellte, war es eigentlich nicht, Frau Charlotte hatte schon mehrere Male Dienstboten aufgenommen, aber ihr Aufenthalt in der Thornschen Familie hatte niemals länger als drei Tage gedauert, entweder hatte Frau Charlotte das dienende Mädchen hinausgeworfen oder der Dienstbote war selbst gegangen. Im letzteren Falle kam es meist zu einer hochdramatischen Szene, in der das scheidende Mädchen eine Rede hielt, in der sie mit dem Aufgebot aller Stimmittel ihre Ansicht über den Charakter der allzu strengen Herrin entwickelte. Frau Charlotte erwiderte, und ihr heller Sopran erfüllte bei solcher Gelegenheit das ganze Haus. Einmal artete der Abschied direkt in eine Schlacht aus. Das scheidende Mädchen hatte einen umfänglichen Topf ergriffen und ihn der Herrin so wuchtig auf den Kopf geschlagen, daß ihr das Blut über die schöne Stirne rann. Vater Thorn war der bedrängten Mama zur Hilfe gekommen, mußte aber selbst vor der streitbaren Magd die Flucht ergreifen. Im Schlafzimmer warteten die beiden, bis die Wütende das Haus verlassen haben werde. Endlich verkündete ein donnerähnlicher Krach, daß das Mädchen sich entfernt habe, und mit erleichterten Herzen verließen die beiden ihre Zufluchtsstätte. Unter solchen Umständen mußte man es ganz natürlich finden, daß Frau Charlotte auf jegliche fremde Mithilfe in ihrem Haushalt verzichtete. Lise mußte nun mithelfen, aber auch ihr waren keine angenehmen Stunden damit bereitet, denn es gab Tage, wo nicht einmal ein direkt vom Himmel bezogener Engel es hätte Frau Charlotte recht machen können. Gegen zehn Uhr gingen beide Kinder zur Kirche. Vater Thorn blieb daheim, um sein Leiden gründlich zu behandeln. Charlotte war etwas ruhiger geworden. Als sie sah, wie schwer ihr Mann litt, kochte sie ihm russischen Tee zum Gabelfrühstück und stellte ihm sogar die Kognakflasche zur Verfügung. Denn auch Charlotte hatte eine hohe Anschauung von der Heilkraft des russischen Tees' mit Kognak, und sie setzte sich zu dem kranken Mann ins Speisezimmer, um selbst die gleiche Kur zu gebrauchen. Und die Kur tat Wunder. In die Herzen der beiden zog holder Friede ein im Bunde mit stiller Freude. »Wir sind eigentlich doch glücklich!« sagte Thorn, »wir haben vieles Schwere durchgemacht im Leben – aber jetzt fängt unser Lebensweg an, sich mählich zu ebnen.« »Wenn nur Lise nicht später Dummheiten macht«, gab Frau Charlotte zu bedenken, »ein solches Glück begegnet ihr kein zweites Mal im Leben!« »Sie ist ein vernünftiges Mädchen«, sagte der Vater. »Sie wird ein Leben haben, herrlich und in Freuden, er wird sie auf den Händen tragen und ihr alles bieten, was ihr Herz verlangt.« »Der Schal ist prachtvoll«, sagte schwärmerisch Frau Charlotte, »ich hab in meinem Leben – selbst wie ich schon Braut war – nie ein solch wertvolles Geschenk erhalten!« Das war ein Hieb auf Vater Thorn. Frau Charlotte konnte es nicht unterlassen, ihren Reden behufs größerer Wirkung solche spitzige Bemerkungen beizumengen. Thorn schwieg wie immer bei solchen Gelegenheiten. Schließlich ward Frau Charlotte so von der Bewunderung dieses herrlichen Weihnachtsgeschenkes überwältigt, daß sie nicht umhin konnte, den Schal aus Lises Kasten herauszunehmen und ihn auf der Bettdecke auszubreiten. Die Silberplättchen glitzerten und funkelten auf dem feinen Gewebe. Das Herz mit tiefer Bewunderung erfüllt, standen beide vor dem herrlichen Schmuckstück. »Sie wird sehr glücklich werden«, sagte Thorn, »sie wird einst ein ruhiges, schönes Leben führen, wie es dir, du meine arme Charlotte, nicht beschieden war!« Er drückte das teure Weib an sich und wischte sich dabei eine Träne aus dem Auge. »Auch unser Lebensabend wird ein glücklicher werden – Eugen als Forstrat – Lise als die Gattin eines immens reichen – edlen Menschen, es kommt das Glück! Es kommt spät, seien wir froh, daß es überhaupt kommt!« Der Tee mit dem guten Kognak hatte die. bittere Morgenstimmung in den beiden edlen Herzen verscheucht, sie waren wieder froheren Regungen zugänglich geworden. Frau Charlotte faltete den Schleier, wie Thorn poetisch den arabischen Schal nannte, sorgfältig zusammen, hüllte ihn gewissenhaft in das Seidenpapier und legte ihn wieder in den Kasten zurück. »Ich will nicht, daß sie es kennt, daß wir in ihrem Kasten herumgestöbert haben«, sagte sie in einer unübertrefflich zarten Weise, die ihr sonst absolut nicht zu eigen war. Vater Thorn öffnete weit die Kastentür. Dabei fiel ein Brief aus einem Fach heraus. Während die Mutter den »Schleier« mit großer Aufmerksamkeit in dem Kasten unterbrachte, studierte Thorn mit ungeheurem Interesse die Aufschrift des Briefes; »Ihrer Hochwohlgeboren Fräulein Elise Thorn, Wien, 1. Bezirk, Bankgasse.« »Da sieh, Mutter«, sagte Thorn, »da ist ein Brief herausgefallen. Er ist an Lise gerichtet und augenscheinlich von Männerhand. Von Breuer ist er nicht – dessen Handschrift kenne ich.« Er drehte den Brief kopfschüttelnd hin und her, wie es so viele machen, denen ein Brief mit unbekannter Handschrift in die Hände kommt. »So mach ihn auf!« »Aber er ist ja an Lise gerichtet – das Staatsgrundgesetz verbietet ...« »Red' nicht so geschwollen daher – gib mir den Brief!« Zögernd reichte Thorn der teuren Gattin den Brief hin. Rasch entschlossen zog sie das Schreiben aus der Hülle. Sie hatte kaum einige Zeilen gelesen, als sie mit einem markerschütternden Aufschrei in einen Sessel sank. »Was ist's – um Gotteswillen, was ist's denn?« fragte zu Tode erschrocken der Gatte. Charlotte reichte ihm den Brief hin. »Da ließ – alles ist aus!« Und Thorn las. Es war ein Brief des Herrn Ulrich Kirchmaier, in welchem der Absender Fräulein Elise Thorn in den süßesten und innigsten Ausdrücken beschwor, ihn gewiß nach Schluß der Bureaustunden bei der Kunsthandlung Neumann am Kohlmarkt zu erwarten. »Schrecklich – schrecklich ...!« stöhnte Thorn. »Was sagst du nun?« »Ich bin einfach fassungslos!« jammerte der unglückliche Vater. »Wenn das Breuer erfährt, dann ist alles aus«, schluchzte die Mutter. »Wir haben uns zu früh gefreut. Wer hätte das gedacht ... Lise, das reine, unschuldsvolle Mädchen, hat einen Verehrer!« »Da mußt du Ordnung machen!« schrie Charlotte. »Das werde ich! Mit der Hundspeitsche in der Hand werde ich diesen Menschen aufsuchen. Und dann, wenn ich ihn gefunden habe ... dann ...!« Er machte eine furchtbar drohende Gebärde. Der Jammer der unglücklichen Eltern war erbarmungswürdig. Mutter Charlotte heulte, daß man es bis auf den Gang hinaus hörte. Vater Thorn ging wieder mit starken Schritten händeringend im Zimmer auf und ab, unablässig tiefschmerzliche Blicke zum Himmel sendend. Da läutete die Klingel der Wohnungstür. Gleich einem Satan fuhr Frau Charlotte in das Vorzimmer hinaus. Richtig, draußen auf dem Gang standen die beiden Kinder. »Du ... du, komm nur herein da ...!« rief Frau Charlotte mit zornfunkelnden Augen, ergriff Lise beim Arm und riß sie zur Tür herein. »Nun ... was ist's denn?« fragte sie erschrocken. »Da komm nur, du Mißratene!« schrie der empörte Vater. Eugen glaubte, seine Erzeuger seien beide verrückt geworden. Als Lise, halb gestoßen, halb gezerrt, im Schlafzimmer ankam, zeigte ihr Thorn mit der furchtbaren Miene eines Rächers der Familienehre den unglückseligen Brief. »Kennst du diesen Brief?« schrie er mit furchtbarer Stimme und gab ihr das Schreiben. Lise erbleichte. Es war Ulrichs letzter Brief; der Briefträger hatte ihn ihr im Hausflur des Bankgebäudes übergeben, und so hatte sie ihn unglückseligerweise mit nach Hause gebracht. »Natürlich kenne ich ihn«, sagte sie trotzig. »Und du schämst dich nicht – du – du –«, schrie heulend die Mutter. »Also, das hast du uns angetan? Du Elende – du Schande der Familie –!« schrie der Vater. »Also ein solches Kind habe ich unter meinem Herzen getragen? Einen solchen Schandfleck habe ich mir aufgezogen?« fragte mit tränennassen Blicken die Mutter. Lise stand trotzig in der Fensterecke und gab auf all diese rhetorischen Fragen keine Antwort. »Nein, ein solcher Spektakel, schämen muß man sich«,, sagte Eugen. »Hinaus, du Lotterbube!« schrie wieder Thorn. »O ja«, sagte Eugen, »mich freut's ohnehin nicht da,, bei einem solchen Skandal ...« Drohend erhob Thorn die Faust gegen den Sohn. Der aber blieb mutig vor ihm stehen und sah ihm unsäglich. frech ins Gesicht. »Schlag nur her!« Da Vater Thorn nicht ganz sicher war, wie die Sache ausgehen werde, so wendete er sich wieder an die Tochter und verlangte von ihr mit furchtbaren Worten, sie solle sich sofort niedersetzen, und diesem Menschen, diesen elenden Feigling, diesem Ulrich Kirchmaier, einen für alle Zeiten gültigen Abschiedsbrief schreiben. »Das tue ich nicht – und dazu könnt's Ihr mich nicht zwingen«, sagte mit einer seltsamen Ruhe Lise. Da brauste Mutter Charlotte auf. »Was, wir können dich nicht dazu zwingen? Du, das werd' ich dir zeigen, ich!« schrie sie mit gellender Stimme. Lise gab keine Antwort. »Da wirst dich sofort niedersetzen und an diesem Lotterbuben den Brief schreiben! Oder –« schrie Thorn. »Er ist kein Lotterbube«, brauste nun Lise auf. Sie trat aus ihrer Ecke hervor und stand nun mit blitzenden Augen vor ihren Eltern. »Mich könnt's ihr schimpfen wie ihr wollt – den aber laß ich nicht beschimpfen!« rief sie. Das war für Frau Charlotte zu viel; wütend fuhr sie der mißratenen Tochter in die Haare, aber die Schwester bekam unerwarteterweise vom Bruder Hilfe. »Lise hat nichts getan, Mutter!« rief er und packte beide Hände der Erbosten. »Laß sie geh'n, sag ich dir.« Es war ein eiserner Griff, mit dem der Jüngling die Arme der Mutter, umfaßte. Frau Charlotte mußte von dem geplanten Attentat ablassen. Mit geballter Faust stand nun Vater Thorn vor dem Sohne. »Ich schlag dich nieder ...!« rief er aus. Eugen sah mit einem sonderbaren Blick auf den Vater. Aus diesem Bück sprühte alle Verachtung, die sich im Laufe der Jahre gegen seinen Erzeuger in seinem Herzen angesammelt hatte. Herr Johann Thorn war ein Kind geblieben, während sein Sohn mählich zum Jüngling herangereift war, der mit hellen Augen in die Welt sah. Mama Charlotte lag in einem Sessel und stöhnte und schluchzte. »Hinaus ... du Elende!« rief der Vater Lise zu. »Hinaus ... sofort, auf der Stelle! Im Vaterhause ist kein Platz mehr für dich!« Lise ging; Eugen folgte ihr nach. »O ja – ich gehe«, sagte sie, als beide drüben im Zimmer angelangt waren. »Hast recht, Lise«, sagte Eugen, »geh nur zu Onkel Gustav. Wenn du Geld brauchst – ich hab noch zehn Kronen, die kann ich dir leihen. Geh aber gleich – ich verrat' dich nicht. Ich vergönn's den beiden.« Er gab Lise das Geld. »Aber schick' mir's bald – ich hab nur drei Kronen. Du weißt ja, die Alten geben nichts her.« Lise nahm das Geld und küßte den Bruder. Dann ging sie. »Mach' die Tür leise zu, daß sie dich nicht hören«, empfahl der vorsichtige Bruder; »wisch dir das Gesicht ab, du siehst ganz verweint aus.« Lise ging. Eugen machte. das Fenster auf und sah mit seinem Trieder gemütlich der dem Vaterhaus entfliehenden Schwester vom geöffneten Fenster aus nach. Auf einmal ward die Tür aufgerissen. Vater Thorn trat ein. Erstaunt sah er, daß Eugen allein im Zimmer war. »Wo ist Lise?« fragte er. »Weiß nicht – sie ist fortgegangen!« antwortete prompt der brave Sohn. »Wohin?« »Weiß ich auch nicht!« »Mach das Fenster zu. Warum hast du das Fenster aufgerissen?« »Weil mir warm war. Da soll einem nicht warm werden bei einem solchen Skandal!« Auch Mutter Charlotte kam herein. »Wo ist sie?« schrie sie mit gellender Stimme. »Sie ist fort!« antwortete Thorn. »Eugen – wo ist sie hin?« »Weiß nicht – sie hat mir's nicht gesagt! Sie hat so geweint, ich hab sie gar nicht verstanden!« antwortete Eugen. Verzweiflungsvoll schrie die Mutter auf und rang die Hände. Eine fürchterliche Ahnung stieg in ihr auf. Unzähligemale hätte sie in den Zeitungen von Selbstmorden unglücklicher Liebenden gelesen. Infolge ihrer hochgradigen Nervosität vermutete sie sofort das Schlimmste. Sie wendete sich an Eugen. »Eugen, du mußt wissen, wohin sie gegangen ist!« schrie sie den Sohn an. »Ich hab sie nicht verstanden, weil sie so furchtbar geweint hat. Sie geht fort – hat sie gesagt.« »Warum geht sie fort?« fragte der naive Vater. »Nun, du hast sie ja doch hinausgeworfen, du hast zu ihr gesagt, im Vaterhause ist kein Platz mehr für sie!« Dabei ahmte er in trefflicher Weise das Pathos seines Vaters nach. Nun wendete sich die unglückliche Mutter gegen den Vater. »Du – du hast sie hinausgeworfen ... Du hast sie in den Tod getrieben – hole mir mein Kind – ich will mein Kind von dir haben, du Mörder!« Thorn stand fassungslos da. »Ich werde sie suchen ... Ich werde sofort auf die Polizei gehen – in alle Redaktionen – ich muß sie finden, ich werde mein Kind wieder ins Vaterhaus zurückbringen – ich versprech' dir's Mutter.« »Du mußt sie auch bringen!« sagte schreiend die Mutter. »Komm' mir ja nicht ohne Elise nach Hause!« Thorn warf sich sofort in sein Staatsgewand. Diese Aufregung war dem bequemen Herrn ein Greuel. Statt bequem daheim beim warmen Öfen zu sitzen, die Zeitung zu lesen und behaglich dazu eine der Weihnachtszigarren zu rauchen, mußte er nun hinaus in die bittere Kälte, um ohne Rast und Ruh nach der verlorenen Tochter zu suchen. Er verwünschte sich unzählige Male, daß er die Sache so scharf angegangen habe, und zehntausendmal hieß er sich einen Esel, weil er Muttern den verhängnisvollen Brief gezeigt hatte. Es nützte aber nichts – er mußte hinaus. Zuerst ging er auf das Polizeikommissariat und meldete, daß seine Tochter abgängig sei. Als der journalführende Beamte hörte, daß sich die Affäre vor kaum drei Viertelstunden abgespielt habe, lächelte er und tröstete den betrübten Vater. »Sie wird schon wieder kommen«, sagte er; »sie ist wahrscheinlich in der ersten Aufregung fortgelaufen. Wenn sie zwei bis drei Stunden herumgegangen sein wird, wird sie schon wieder zurückkommen. Dann müssen Sie halt recht vorsichtig mit ihr sein!« Leichten Herzens verließ der Vater das düstere Gebäude und begab sich in ein Restaurant, um seine aufgeregten Geister mit einem Beinfleisch, welche Speise er abgöttisch verzehrte, und einigen Krügeln Pilsner wieder in den normalen Zustand zurückzuführen. Es überkam ihn eine angenehme Ruhe, als er das zweite Krügel getrunken hatte, und nach dem dritten fand er sogar den Mut, zu Frau Charlotte zurückzukehren. Er machte ein tiefbetrübtes, sorgenvolles Gesicht, als er die Tür öffnete. »Wo ist Lise?,– Hast du sie nicht?« fragte mit weinenden Augen die Mutter. »Ich bin vergebens in den Straßen umhergeirrt – ich sah sie nirgends. Der Beamte auf dem Kommissariat hat mir gesagt, solche Fälle kommen sehr häufig vor und die betreffenden kommen gewöhnlich nach einem zwei- bis dreistündigen Spaziergang, der sie sehr beruhigt, wieder zurück.« Aber die Mutter ließ sich mit solchen Argumenten nicht trösten, sie ging händeringend im Zimmer herum, warf sich aufs Bett, verbarg das Gesicht in den Händen und stöhnte und schluchzte. Thorn konnte diesen Jammer nicht mehr länger ansehen und ging in die Küche hinaus. Dort ward ihm eine neue unangenehme Überraschung zuteil, der Herd war kalt, und betrübt sah er ein, daß das heutige Mittagmahl sehr frugal ausfallen werde. Er verwünschte sich aufs neue, daß er den Brief Lisens so indiskret behandelt hatte. Der Nachmittag verging sehr unangenehm. Die Mutter sah geradezu erbarmungswürdig aus. Unablässig horchte sie auf jeden Schritt, der auf dem Gang ertönte, hoffend, jetzt und jetzt werde sich die Tür öffnen und das verlorene Kind eintreten. Vater Thorn verlebte schreckliche Stunden, er wurde mit Vorwürfen überhäuft, und alle Bemühungen, die Teure zu besänftigen, blieben vollständig erfolglos. Nicht viel weniger hatte Eugen zu leiden. Man machte ihm den Vorwurf, die Eltern nicht rechtzeitig von der Flucht der Tochter in Kenntnis gesetzt zu haben. »Ich hab nicht zu euch hinübergehen mögen«, sagte er ganz unverfroren, »diese Streiterei und Schimpfereien sind mir ganz zuwider. Ihr reißt's einem den Kopf zuerst ab, und dann wollt's ihr ihn wieder aufsetzen.« Diese ziemlich zutreffende Schilderung der mildelosen Gebarung der beiden Eltern versetzte Thorn in eine derartige Wut, daß er Eugen eine schallende Ohrfeige verabreichte. Bleich vor Zorn stand der Junge da. Keine Träne netzte seine Augen. »Ich kann ja auch fortgehen –«, sagte er mit einer für sein Alter bewunderungswürdigen Ruhe. Als Mutter Charlotte diese Worte hörte, kreischte sie auf, stürzte in die Küche hinaus und zog den Schlüssel ab. »Du elender Kerl«, wendete sie sich an den Gemahl; »willst du mich um alle meine Kinder bringen?« Sie war gefährlich anzuschauen, der Skalp des Familienvaters und seine geistvollen Züge standen in großer Gefahr, gründlichst verändert zu werden. Eugen ging hinüber in sein Zimmer. Er war furchtbar erregt. Plötzlich fiel ihm Lise ein. Welch glückliche Tage wird die jetzt bei Onkel Gustav verleben! Er beneidete sie, und doch gönnte er es der Schwester von ganzem Herzen, daß sie nun auf einige Tage Ruhe und Frieden bei den beiden lieben Alten finden werde. Aber das nahm er sich vor: kein Wort vom Aufenthalt der Schwester zu verraten. Es war, als ob er an der Folie des stillen, friedlichen Glückes, das im Hause seines Onkels wohnte, plötzlich erkannt habe, wieviel ihm in den Tagen seiner Jugend daheim verloren gegangen war. »Vielleicht wirkt die Angst Gutes!« dachte er sich. Höchst dramatisch gestaltete sich die Szene, als gegen sechs Uhr abends Breuer bei der Familie Thorn zu Besuch erschien. Frau Thorn war nahe daran, dem Erschrockenen an die Brust zu fallen. Der Vater warf stumme, tränennasse Blicke zum Himmel empor. »Ja, was ist denn geschehen?« rief er aus, als er die tränenfeuchte Szene erblickte. Er erhielt lange keine Antwort. Wie sollten sie es ihm, auf dem die Hoffnung, auf dem alle Glücksträume der Familie beruhten, mitteilen, daß Lise aus einem solchen Grunde das Haus verlassen habe. Breuer war so bestürzt, daß er beim Eintreten fast vergaß, zu grüßen. »Ja, wo ist denn Fräulein Lise?« fragte er. Frau Charlotte hob jammernd die Hände zum Himmel empor und Vater Thorn schluchzte, daß es klang wie das dumpfe Brüllen eines schwer verwundeten Stieres. »Sie ist fort!« schrie die Mutter »Sie hat sich selbst vom Herzen ihres Vaters losgerissen!« wimmerte Vater Thorn. Stockend, von häufigem Schluchzen unterbrochen, erzählte Thorn so verschleiert als möglich die Unglücksgeschichte. »Es war nur ein kleiner Disput – wie solche ja in allen Familien vorkommen – ich und die Mutter machten ihr einige Vorwürfe wegen – wegen –¦ Gott – die Sache ist mir in meinem Schmerz ganz entfallen ...« begann er, »sie ging in das Zimmer hinüber, und als wir später nach ihr sehen wollten, war sie verschwunden.« Breuer war's zumute, als müßte sich der Boden unter ihm auftun. »Und sie hat keine Zeile zurückgelassen? Kein Wort des Abschiedes?« fragte er. »Nein ... kein Wort ... nichts ... gar nichts; sie ging ganz wortlos aus dem Elternhause weg«, stöhnte Thorn. »O, ich weiß ... sie ist längst tot ... sie hat sich in die Donau gestürzt!« wimmerte die Mutter. Breuer saß wortlos da. Da fiel sein Blick auf Eugen, der mit sonderbarem, halb trotzigem, halb boshaftem Ausdruck in dem hübschen Jünglingsgesicht, in der Ecke stand. »Und weißt du auch nicht, Eugen, wohin sie gegangen ist?« Der Junge zuckte die Achseln. »Mit ihm war sie zuletzt beisammen«, erklärte Vater Thorn. »Eugen, um des Himmels willen, sag es, wenn du es weißt, wohin sie ist!« bat die Mutter. Er tat wie vorher. Die ungerechten Beschimpfungen, die Ohrfeige seitens des Vaters, überhaupt all die häßlichen Szenen vom Vormittag, hatten ihn so verbittert, daß er, unbekümmert um den furchtbaren Kummer seiner Eltern, auch weiterhin verschwieg, daß höchstwahrscheinlich die Schwester zu Onkel Gustav gefahren sei. Breuer hatte während des Verhörs mit ängstlicher Aufmerksamkeit in das Gesicht des Jungen gesehen, und es drängte sich ihm die Ahnung auf, daß Eugen doch etwas wissen könne, das er aus Trotz gegen die Eltern verschweige. »Ich werde mich bei der Polizei erkundigen, ob noch keine Nachricht vorliegt«, sagte er und stand auf. Die Eltern dankten ihm unter Tränen. »Eugen – geh mit! Der Junge ist ganz furchtbar erregt; es wird ihm gut tun, wenn er auf eine Stunde ins Freie kommt«, sagte er. Eugen war vergnügt wie ein Schneekönig, als ihm die Aussicht winkte, dieses tränenreiche Jammertal wenigstens auf eine Stunde verlassen zu können. Mutter Charlotte war eifrigst bestrebt, ihrem Sohne bei der Toilette zu helfen. »Daß du ihm ja nichts von dem Briefe sagst«, flüsterte sie ihm zu, »oder der Vater ... du kennst ihn!« Das war gerade die richtige Art und Weise, Eugen von irgend etwas abzuhalten. »Der Vater?« fragte er fast höhnisch – »will er mir noch eine Ohrfeige geben?« In diesem Moment dämmerte Frau Charlotte die Ahnung auf, wie verfehlt das von der Familie eingeschlagene Erziehungssystem war. Es war rührend zu sehen, wie Vater und Mutter mit inbrünstigen Bitten beim Abschied Breuer bestürmten, ihnen ja gewiß ihr teures Kind wiederzubringen. »Was war's eigentlich, Eugen?« fragte Breuer, als .sie auf der Gasse waren. »Warum ist Lise fortgegangen? Weißt du, wohin, sie ist? Mir kannst du es sagen, mein Junge, ich werde machen, daß alles wieder gut wird.« Eugen sah Breuer ins Gesicht. Es war fast verzerrt vor Angst. »Herr Breuer, Ihnen sag ich alles. Lise ist zu Onkel Gustav gefahren. Und sie hat ganz recht. gehabt. Ich hab ihr zehn Kronen geliehen. Am liebsten war ich mit ihr gefahren, denn daheim ist es wirklich nicht mehr auszuhalten. »Komm, Eugen, mein Junge, wir gehen in dies Restaurant hinein, und du erzählst mir die ganze Geschichte.« Eugen war mit dieser Wendung der Affäre äußerst zufrieden. »Ich hab ohnehin fast den ganzen Tag nichts gegessen«, sagte er. Im Restaurant ließ Breuer dem Jungen eine ausgiebige Portion Schinken geben. »Also, was war's?« fragte er, als Eugen den Schinken fast bis auf die letzte Faser verzehrt hatte. »Ich und Lise sind heut' mitsammen in der Kirche gewesen«, fing Eugen an. »Als wir heim kamen, ging der Spektakel los. Vater hat einen Brief des Herrn Ulrich gefunden und sagte zu Lise, daß für sie in seinem Hause kein Platz mehr sei. Und so ist sie fortgefahren.« »Und warum sagst du das nicht deinen Eltern?« »Der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben«, antwortete trotzig Eugen. »Wenn ich nicht Lise meine letzten Kronen gegeben hätte, so wäre ich ja selbst mitgefahren.« »Und sie ist wirklich hingefahren?« fragte besorgt Breuer. »O ja, ganz bestimmt«, antwortete Eugen. Breuer saß lange schweigend am Tisch. Dann sagte er plötzlich: »Eugen, morgen in aller Früh fahren wir zu Lise. Bist du's zufrieden?« Natürlich war er es zufrieden. Zum Onkel zu fahren – welches Glück! Und wenn Herr Breuer es befahl, dann wagten weder Vater noch Mutter ein Wort dagegen. Als die beiden nach Hause kamen, wurden sie in gewohnter tränenreicher Weise begrüßt. »Ist Lise da?« fragte die Mutter. »Bringen Sie mir mein Kind?« fragte der pathetische Vater. »Nein ...« antwortete Breuer; »aber ich habe bereits eine Spur von ihr.« »Lebt sie?« fragten beide. »Ich glaube!« sagte Breuer. »O du himmlischer Gott!« rief Frau Charlotte aus und erhob die Hände zum Gebet gefaltet inbrünstig zum Himmel empor. »Wo ist sie hin? Sagen Sie uns, Herr Breuer ... Lassen Sie mich mein Kind holen!« rief der pathetische Vater aus. »Ruhe! ... Ruhe! ...« gebot Breuer. »Morgen in aller Frühe fahre ich mit Eugen in jenen Ort, wo ich Lise vermute. Bevor ich nicht vollständig Gewißheit habe, sage ich nichts! Eugen, punkt sechs Uhr heißt es parat sein! Sonst versäumen wir den Zug!« Diese Wendung der Dinge kam Eugen höchst gelegen. Er jubelte in seinem Herzen auf vor Freude, auf so unerwartete Weise das geliebte St. Ruprecht wieder zu sehen. Viel früher als gewöhnlich verließ diesmal Breuer die elterliche Wohnung. Eugen ging sofort zu Bette, konnte aber. infolge der freudigen Aufregung lange nicht einschlafen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Auch Lise hatte bittere Stunden durchgemacht. Eine ganze Flut von Gedanken wälzte sich in ihrem Kopfe herum. Daß es längst die Absicht ihrer verehrten Eltern war, sie mit Herrn Breuer zu verehelichen, das wußte sie, und mit Schaudern dachte sie daran, welch endlose Keifereien seitens der Mutter, weich endlose öde Tiraden seitens des Vaters sie nun zu Hause werde aushalten müssen. Am meisten hatte sie es empört, daß Ulrich in so roher Weise von ihren Eltern beschimpft worden war. Dann mußte sie wieder an Breuer denken, wie schmerzlich er damals die Begegnung mit Ulrich empfunden hatte – wie übergütig er gehandelt hatte. Dann fielen ihr wieder Onkel und Tante ein – was die sagen würden, wenn sie heute so unvermutet zu Besuch käme. Sie stand auf einmal auf dem Perron des Westbahnhofes, ohne eigentlich zu wissen, wie sie dahingelangt sei. Zu ihrem Schrecken erfuhr sie, daß der nächste Zug, der Anschluß nach St. Ruprecht hatte, erst um halb vier Uhr abgehe. Was sollte sie während der vier Stunden bis zum Abgang des Zuges anfangen? Ein unangenehmes Gefühl im Magen erinnerte sie daran, daß sie heute noch nichts gegessen hatte. In. jungen Jahren wirken so natürliche Gefühle, wie der Hunger eines ist, mit weit größerer Macht als später. Sie ließ sich in der Bahnhofrestauration eine Kleinigkeit geben, die sie trotz Herzeleid und Liebeskummer mit großem Appetit verzehrte. Endlos dehnten sich die Stunden. Ein junger Herr, der im Wartesaal auf und ab ging;, hatte sie schon mehrmals fixiert, so daß sie ärgerlich den Kopf zur Seite wendete. Bei einer neuerlichen Begegnung grüßte er mit einer leichten Verbeugung. Es dauerte nicht lange und er stand neben ihr und fragte, wohin sie fahre. Sie wandte ihm entrüstet den Rücken zu, aber der geschniegelte Jüngling Keß nicht locker. »Aber Fräulein, warum so böse?« rief er mit süßem Lächeln aus. »Ich will Ruhe haben!« sagte sie mit zornfunkelnden Augen. »Aber, aber, Fräulein!« seufzte der Jüngling. »Lassen S' die Dame in Ruah!« ertönte plötzlich hinter dem liebegirrenden Jüngling die rauhe Stimme eines Sicherheitswachmannes. »I schau Ihna schon a Weil' zu.« Diese kränkende Rede wirkte derart verstimmend auf den eleganten Herrn, daß er sich entrüstet abwendete und mit auffälliger Eile in der Menschenmenge, die den Perron erfüllte, verschwand. Lise warf dem bärbeißigen Wachmann einen dankbaren Blick zu. »Ja, so a Windbeut'l glaubt, alle Frau'nzimmer san nur für eahm da«, erklärte der gestrenge Hüter »des Gesetzes. Lise war zu Tode froh, als sie endlich im Coupe saß und der Zug in die stockfinstere Winternacht hinausrollte. Je näher der Zug seinem Ziele kam, desto banger ward ihr. »Was wird der Onkel sagen? Die Tante? Du lieber Gott, wie wird die Geschichte überhaupt ausgehen?« Auch nach Hause dachte sie. Wie wird die Mutter heulen vor Zorn? Welche Reden wird der Vater halten? Daß Eugen ihre Absichten nicht verraten hatte, ging klar daraus hervor, daß niemand von den Teuren im Bahnhof erschienen war. Endlich hielt der Zug in St. Ruprecht. Außer dem Bahnpersonal war keine Seele im Bahnhof. Mit raschen Schritten eilte sie hinaus auf die Straße. Der Stationsvorstand sah ihr verwundert nach. »Donnerwetter, ist das nicht Fräulein Lise ...« sagte er zu sich; »daß sie aber niemand erwartet hat?« Den ganzen Nachmittag hatte es tüchtig geschneit. Lise mußte mühselig durch den knietiefen Schnee waten. Endlich langte sie vor dem Hause des Onkels an. Eine Rouleaulatte an einem Fenster hatte sich verschoben, durch den schmalen Spalt konnte sie in das hellerleuchtete Zimmer sehen. Onkel und Tante saßen beim Tisch, beide in die Lektüre einer umfangreichen Zeitung vertieft. Lange zögerte sie, die Klingel der Haustür zu ziehen. Was für Unruhe und was für Ärger brachte sie in das stille Leben der beiden so lieben und guten Menschen hinein! Endlich ertönte die Klingel. Wütendes Hundegebell erschallte. »Zurück, Hex – Lady – pfui!« erklang die Stimme des Onkels. Dann knarrte der Schlüssel im Schlosse – in der offenen Tür stand Onkel Gustav. »Onkel ... Onkel!« rief weinend Lise aus, und schon hing sie an seinem Halse. »Lise ... Lise ... du bist's? Ja, was ist denn geschehen?« rief er erschrocken aus. »Komm nur herein ... es ist saukalt da draußen!« Jede weitere Begrüßung im Flur war unmöglich, denn Hex und Lady stimmten, als die pelzvermummte Gestalt eintrat, ein derartiges Geheul an, daß es mit seinen greulichen, langgezogenen Tönen alle Winkel des Hauses füllte. »Furcht dich nicht!« beruhigte der Onkel; »sie beißen nicht ... sie bellen nur!« Da ging die Zimmertür auf, ein heller Lichtstreif erleuchtete die dunkle Flur. Tante Pauline kam heraus. »Schau nur, wer da ist!« rief Onkel Gustav. »Lise – Lise«, rief Tante Pauline, »ja wie kommst denn du daher!« Sie zog die Weinende in das Zimmer hinein. Onkel Gustav sperrte die Haustür ab und trieb Hex und Lady in den Hof hinaus. »Da hier! Gute Hunde – brave Hunde!« rief er. Es dauerte lange, bis die guten und braven Hunde sich bewogen fühlten, ihre Behausung aufzusuchen. »Ja, um Gottes willen, was ist denn geschehen«? rief Onkel Gustav aus, als er ins Zimmer trat. »Papa hat mich hinausgeworfen«, sagte schluchzend die unglückliche Lise. »Aber Kind, was ist denn geschehen?« rief entsetzt Pauline aus. »Diesen Hundsknochen – diesen Ulrich – na wart' nur!« rief entrüstet der Onkel, der schon an die allerschrecklichsten Dinge dachte. »Nein, Ulrich – hat daran keine Schuld«, verteidigte Lise den Geliebten. Stockend, von Schluchzen unterbrochen, erzählte Lise die Geschichte. Sie vergaß auch nicht die Begegnung Breuers mit Ulrich zu erwähnen. »Aber Vater und Mutter wollen durchaus, ich soll Breuer heiraten!« schloß sie ihre tränenreiche Rede. »Schöne Geschichten das«, brummte stirnrunzelnd der Onkel, »ein recht ruhiger Lebensabend; wenn ich Weib und Kinder hätte, könnt's auch nicht geräuschvoller zugehn!« »Ja, sag' mir Lise, was willst du jetzt eigentlich bei mir?« fragte er. Da ward Tante Pauline böse. »Eine solche Frage? Was für ein Bär du auf einmal geworden bist! Sie wird einige Tage hier bleiben, bis die drinnen in der Stadt zur Räson gekommen sind!« »Na, da kann sie lange warten. Bis mein Bruder zur Räson kommt, wird sie eine alte Jungfer.« Tante Pauline half Lise beim Auskleiden. »Komm nur, du armes, verschrecktes Kind«, sagte Tante Pauline. »Du kannst schon dableiben. Wart' nur, Marie wird dir sofort ein kleines Nachtmahl bringen. Du hast sicherlich nichts gegessen.« »Wo soll sie denn gegessen haben? Eine solche Frage!« räsonierte der Onkel, und er lief in die Küche hinaus, um das Personal zu alarmieren. »Sie sollen sofort Kaffee machen!« rief Frau Pauline, die guten frischen Kaffee für ein Arkanum gegen alle schmerzhaften Gemütsbewegungen hielt. Es dauerte nicht lange, und Marie erschien mit dem wohlbesetzten Kaffeebrett. »Unser Fräulein ... o! ...« rief sie aus, »sie ist ja noch hübscher geworden!« »Ja, ja«, sagte Onkel Thorn, »schon recht ... aber jetzt iß, Lise!« Und Lise aß und trank mit dem Appetit der Jugend. Es war rührend, zu sehen, wie Tante Pauline sich um Lise bemühte. Onkel Gustav saß ihr gegenüber und sah ihr behaglich voll innerer Herzensfreude zu. »Also hat's gut getan?« fragte er mit herzlichem Lächeln, als Lise mit dem Dargebotenen tüchtig aufgeräumt hatte. Sie nickte ihm, unter Tränen lächelnd, zu. »Schau, daß sie bald schlafen geht. Der Schlaf ist das beste Mittel gegen solche außerordentliche Gemütsbewegungen, über die Sache reden wir morgen. Den grausamen Vater heute noch zu verständigen, geht nicht an, da das Telegraphenamt wegen des hohen Feiertages geschlossen ist. Ich muß jetzt hinüber zu meinem Stammtisch, heute ist hochwichtige Sitzung. Generalversammlung der von mir begründeten Weihnachtsbescherungsgesellschaft.« Lise wollte ihm die Hand küssen. Er entzog sie ihr und drückte dafür die Nichte mit vieler Kraft an sich, daß sie ächzte. Diesen Zustand der Wehrlosigkeit benützte er, um ihr einige ausgiebige Küsse auf das blühende Gesicht zu drücken. »Aber Gustav ... du erdrückst sie ja«, mahnte Frau Pauline. Aber er hörte nicht auf die Warnerin. »Schlaf nur gut, Lisel ... es ist nicht notwendig, daß du vor acht Uhr morgens munter wirst! Heizt ihr ein wenig drüben ein ... So ... und jetzt lebt wohl. Wann ich heute nach Hause komme, weiß ich nicht genau, es liegen viele wichtige Sachen vor ...« Damit ging er. Die Aufregungen dieses Tages hatten Lise müde gemacht. Sie ging früh zu Bette. Tante Pauline inspizierte noch einmal, als die Nichte schon in den Federn lag, das Schlafzimmer. Plötzlich trat sie zum Bette hin. »Lise, sag' mir, du bist doch brav geblieben? ...« fragte sie. Erst sah ihr die Nichte verwundert ins Gesicht, dann dämmerte ihr mählich der Sinn dieser Frage auf. Purpurrot im Gesicht, umschlang sie den Hals der Tante. »Tante Pauline ... wie du nur so fragen kannst? ... Ja ... ja ... hab' keine Sorge ...« sagte sie schluchzend. Sanft löste sich die Tante aus den Armen der Nichte. »Na, dann ist alles recht, Lisel, dann wird alles, alles gut werden. Und jetzt schlaf recht gut ... Gustav wird schon alles recht machen.« Dreiundzwanzigstes Kapitel Den Befehl der guten Tante hatte Lise zur Gänze befolgt. Es war schon halb neun Uhr, als sie das Zimmer der Tante betrat. Onkel Gustav begrüßte sie mit großer Herzlichkeit und entschuldigte sich bei der jungen Dame wegen seiner Morgentoilette. Er war sehr spät nach Hause gekommen. Die Bestrebungen des von ihm gegründeten Weihnachtsbescherungsvereins hatten gerade in diesem Jahre ungeheuren Erfolg gehabt, der in grandiosen Ovationen für den Obmann festlichen Ausdruck gefunden hatte. Er hatte einen schmerzlich träumerischen Zug um die Augen. »Wenn ich mich dann angekleidet haben werde«, sagte er, »gehe ich sofort auf die Post, um deinen betrübten Eltern zu melden, daß du bei mir bist«, sagte er. »Dein Herr Papa könnte es sich wohl ohnehin an den Fingern abzählen, aber ich will seinem bedrängten Verstande etwas zu Hilfe kommen!« »Wenn er aber dann herkommt und Skandal macht«, sagte Lise und ward rot vor Angst. »Das wird er nicht tun, wie er zu toben anfängt, laß ich Hex und Lady herein, und wenn er die zwei Köter sieht, vergeht ihm aller Mut«, tröstete Onkel Gustav. Lise und Pauline mußten unwillkürlich lachen. »Also ist dir schon wieder gut ...?« fragte fröhlich Pauline. »Bene – optime!« antwortete der Gutgelaunte, »ich wünschte mir nur, den tiefen Seelenschmerz meines geliebten Bruders zu sehen, und seine den Himmel anrufenden Tiraden zu hören. Auch Frau Charlotte wäre sehr interessant.« Er ging hinüber in sein Schlafzimmer. Es dauerte fast drei Viertelstunden, bis er endlich – strahlend wie die Sonne – im Sonntagsstaat wieder die Stube betrat. »Bevor ich zur Post gehe, muß ich dir im hellen Tageslichte Hex und Lady vorstellen, Lise«, sagte er, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen. »Ich kenne sie aus den Erzählungen des Papa«, sagte Lise, »er hat über die beiden Hunde nach seiner Rückkehr fürchterlich geschimpft, Eugen hat sie in Schutz genommen, und beinahe wäre wieder ein ungeheurer Skandal losgebrochen.« »Eugen ist ein braver, tüchtiger Junge, dein Vater ist ein ...« »Aber, Gustav!« mahnte die Tante. Gustav unterdrückte den naturhistorischen Terminus technicus, der ihm auf der Zunge lag. »Lise, nimm dir ein Tuch um und komm mit heraus. Es ist bitter kalt!« Vermummt mit einem dicken Tuch, folgte Lise dem Onkel nach. Auch Tante Pauline war neugierig, zu beobachten, welchen Eindruck der Anblick der Nichte auf die Köter machen werde. Ein langgezogenes, wüstes Geheul begrüßte sie. »Pfui, Hex, pfui, Lady!« befahl der Onkel. Es bedurfte langer, parlamentarischer Verhandlungen, bis Hex und Lady bereit waren, der Fremden das Pratzerl zu geben. »Sie sind schön!« sagte der Onkel. Lise war schon im Begriff, einige Zweifel über ihre Schönheit auszusprechen, aber der sonderbare schalkhafte und so wunderbar sprechende Ausdruck der gelben Katzenaugen hielt sie ab. »Schön sind sie nicht, Onkel«, sagte sie, »aber gescheit müssen sie sein!« In diesem Augenblick sprangen die Hunde in stürmischer Freude an ihr empor. Es war, als ob sie ihre Worte verstanden hätten. »Pfui, Lady ... pfui, Hex ...!« wehrte der Onkel ab. »Pfui!« schrie die Tante ... »und wie sie nur den Mantel herrichten!« Mit Mühe wurden die Hunde abgewehrt. »Nun hast du sie gewonnen«, sagte freudig Onkel Gustav, als die Gesellschaft wieder im warmen Zimmer angelangt war. »Jetzt sind sie deine Freunde geworden!« »Nun muß ich aber auf die Post, um dem betrübten Vater zu telegraphieren«, sagte er; »Marie, meinen Pelz!« Während er das Telegramm aufgab, hörte er, wie ein Zug in den Bahnhof einrollte. Er ging auf den Perron zu seinem größten Erstaunen erblickte er plötzlich den geliebten Neffen, der ihm mit den Zeichen höchster Freude zuwinkte. Die Begrüßung war eine ungemein stürmische. Breuer stand einige Schritte abseits. »Herr Doktor Thorn«, sagte er und trat vor, »ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch erinnern.« »O, Herr Breuer! Sehr erfreut, sehr schön, daß Sie auch einmal in diese Gegend kommen. Sie kommen natürlich mit mir.« »Zuerst das Allerwichtigste. Herr Doktor. Ist Elise bei Ihnen?« »Natürlich. Gestern abends ist der Fratz gekommen«, sagte Dr. Thorn. »Nun, Herr Breuer, hab' ich nicht recht gehabt?« sagte triumphierend Eugen. »Ich hab' auch gar keine Angst um sie gehabt; sie hat mir's ja gesagt, wohin sie geht. Ich hab' ihr ja meine letzten zehn Kronen für die Reise leihen müssen.« »Ich war in rechter Sorge um sie«, sagte Breuer. »Gott sei Dank, daß nun alles so gut ausgeht.« »Ja, ja, sie hat eine große Szene aufgeführt, als sie ankam. Nachdem ich aber kein Freund tragischer Theaterstücke bin, so haben wir sie bald beruhigt. Heute ist sie schon in normaler Verfassung. Ja – und was haben denn die Eltern gesagt!« »O, die haben fürchterlich geheult, und zum Schluß habe ich vom Vater eine Ohrfeige bekommen. Wenn ich nicht Lise fast mein ganzes Geld geliehen hätte, wäre ich auch davongegangen!« Die Ankunft der beiden neuen Gäste erregte direkt Sensation im Hause des Herrn Dr. Thorn. Leider war Lise momentan nicht anwesend. Sie war mit Hex und Lady in den Föhrenforst gegangen, die drolligen Hunde unterhielten sie auf die lustigste Weise. Pauline gab sofort die gemessensten Befehle, daß für die unverhofften Gäste ebenfalls zu Mittag gedeckt werde. Unterdessen gingen Thorn, Breuer und Eugen durch den Hof hinaus in den Garten. »Ich werd' sie gleich haben«, sagte Thorn, zog sein Pfeifchen aus dem Sack. Schrillend tönte der grelle Pfiff, daß den Gästen beinahe das Trommelfell auseinandergeschnitten wurde. »Der Pfiff gilt den Hunden – nicht Lise«, bemerkte Dr. Thorn lächelnd. Es dauerte nicht lange und die beiden Köter rasten daher, daß der Staub aufwirbelte. Als sie die beiden Fremden erblickten, erhoben sie sofort ein markdurchschütterndes Geheul. Während Thorn die Hunde in der Hütte versorgte, kam Lise. Sie war starr vor Erstaunen. Hochrot vor Beschämung reichte sie Breuer die Hand. »Sie haben uns schwere Sorgen gemacht«, sagte bekümmert Breuer. »Seien Sie nicht böse, Herr Breuer –« sagte sie und die Augen wurden ihr feucht. Mit Mißvergnügen betrachtete Dr. Thorn die Szene. »Pardon, meine Herrschaften«, sagte er. »Wollen Sie sich. Ihren Gemütsbewegungen nicht vielleicht drinnen in der warmen Stube hingeben? Ich finde es da hier sehr frisch Das Thermometer hat heute früh Minus elf Grad Celsius gezeigt.« Die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer. Pauline brachte einige den Magen in angenehmer Weise erquickende Kleinigkeiten. Die nachfolgende Konversation gestaltete sich durch die häufigen Einwürfe Dr. Thorns sehr schwierig. »Mutter und Vater sind ja wie die Wilden über mich hergefallen. Vater hat mich ja direkt hinausgeworfen – und da bin ich gegangen«, sagte empört Lise. »Und sie hat ganz recht gehabt«, sagte eifrig Eugen, der mit großer Beflissenheit an einem Hühnerbein nagte. »Na, ihr seid mir zwei nette Pflanzen«, bemerkte der Onkel; »vielleicht richtet ihr euch das in Zukunft so ein, daß ihr, wenn ihr mit euren Eltern unzufrieden seid, euch postwendend bei mir einquartiert. Zu einem ruhigen Lebensabend wird das recht viel beitragen!« »Onkel, du weißt nicht, wie der Papa ist, man könnte manchmal aus der Haut fahren«, bemerkte Eugen. »So«, bemerkte trocken der Onkel. »Aber eine Frage: was gedenkt meine Nichte jetzt zu tun?« »Aber das ist einfach ... sehr einfach sogar«, sagte Eugen. »Lisel fährt mit uns wieder zurück. Wenn sie mit uns ankommt, wird ihr die Mutter mit Geheul um den Hals fallen, der Vater wird die Hände falten, einen tränenreichen Blick zum Himmel werfen, daß das verlorene Kind wieder zurückgekehrt ist. Und am nächsten Abend wird die alte Penzerei wieder von neuem angehen.« Diese Darstellung wirkte auf alle Zuhörer höchst erheiternd. Onkel Gustav konnte das Lachen nicht verbeißen, er wußte nur zu gut, daß Eugens Schilderung äußerst zutreffend sei und stellte sich im Geiste die betreffende Szene ungemein lebhaft vor. Da Eugen die Erörterung der Familienangelegenheiten nichts weniger als amüsant erschien, so erbat er sich die Erlaubnis, hinaus in den Hof zu den beiden Hunden zu gehen. »Aber dein Pfeiferl mußt du mir leihen, Onkel!« Thorn nestelte den kleinen Riemen los und überreichte das gewünschte Instrument dem Neffen. »Nimm dir auch die Peitsche mit«, empfahl er. »Sind es weiche Hunde?« fragte der des Weidwerks theoretisch vollständig kundige Neffe. »Ja, es sind sehr weiche Hunde«, sagte der Onkel, und ein fröhliches Lachen spielte um seinen Mund. »Seit sie der Förster mehrere Male windelweich geprügelt hat, sind sie sehr weich geworden. Ich bitte aber, den jungen Damen gegenüber nur die Jägersprache zu gebrauchen!« »Onkel, das wird geschehen«, sagte stolz im Bewußtsein seiner Kenntnisse, Eugen. Als sich Eugen verzogen hatte, begab sich Fräulein Lise zu Tante Pauline. Dr. Thorn lud Herrn Breuer ein, seinem Museum einen Besuch abzustatten. Die großartigen prähistorischen Schätze wurden gehörig bewundert, der prachtvollen Situla das höchste Lob gespendet. Auch die mächtigen, braungelben Knochen des Höhlenbären fanden begeisterte Anerkennung. »Die Freude an diesen toten, uralten Dingen, hat mich mein ganzes Leben lang begleitet«, sagte Dr. Thorn zu dem Gast. »Eigentlich ist es gerade die Liebe zu diesen längst verdorbenen, vermorschten Dingen gewesen, die mir die Augen vom wirklichen blühenden Leben abgelenkt hat. Ich hab' kein Weib genommen – ich hätt's ja tun können. Nun ist das längst vorüber ... und es ist auch so gut geworden. Ich kann mich noch immer so recht herzlich freuen – an meinen Blumen, an meinen Hühnern und Gänsen und sogar an meinem kleinen Föhrenwald an der Straße, obwohl der gar nicht recht gedeihen will. Und wenn Hex und Lady eine infame Schurkerei begehen, quillt mein Herz vor Freude über, wenn auch Pauline, Marie und Kati vor Ärger fast vergehen könnten.« Breuer hatte dem fröhlichen Manne schweigend zugehört. »Sie haben das Talent zum Glück«, sagte er dann so halb für sich hin, »ich glaube, daß mir das fehlt. Als ich damals in die Familie Ihres Bruders hineinkam, glaubte ich törichterweise, mir werde mm ein schönes, helles Glück aufblühen. Ich hab's recht bald erkannt – daß das ein böser Irrtum war.« Er sah schweigend vor sich hin. Dr. Thorn tat der stille und gütige Mann, wie er ihn aus den Schilderungen seiner Familie kennen gelernt hatte, herzlich leid. »Vielleicht ist's ein Glück«, sagte Breuer, »daß ich so rasch meinen Irrtum eingesehen habe. Daß ihr Herz einem anderen gehört, weiß ich längst. Und es ist so seltsam – ich möchte doch heute noch alles daran setzen, um sie glücklich zu sehen – wenn auch an der Seite eines anderen. Wenn sie nur glücklich ist – dann bin ich selber froh...!« Dr. Thorn hatte schwer mit sich zu kämpfen, bevor er das Wort, ergriff. »Brav, brav, lieber Herr Kollega! Bevor wir aber Weiter sprechen – ich habe einen ernst- und tiefgefühlten Antrag einzubringen – lassen Sie mich einige Anordnungen im Nahrungsmitteldepartement treffen. Ich bin sofort wieder hier.« Breuer saß allein im Museum und sah mit wehmütigen Gedanken auf all das uralte Gerät und die morschen Knochen in den blanken Kasten. Auch die, deren Knochen dort im Kasten liegen, die einst das verwitterte Hausgerät gebrauchten, haben einst all die Schmerzen, all die Leiden und kümmerlichen Freuden gefühlt – wie du – und nun sind Jahrtausende und Jahrtausende dahin ... Eine feingeschliffene Flasche mit goldiggelbem Rebenblute gefüllt, zwei Stengelgläser in der Hand tragend, trat Dr. Thorn ein. »Erlauben Sie, verehrter Herr Breuer.« Breuer sträubte sich ein wenig. »Für den Vormittag ist das zu viel ...«, sagte er. »Entschuldigen – Verehrtester«, sagte Thorn und schenkte ein. Er hob sein Glas. »Lieber Herr Breuer«, begann er, »wir sind einst Kollegen gewesen. Aus den Briefen, die meine Nichte und mein nichtsnutziger Neffe über Sie geschrieben haben, habe ich erkennen gelernt, was für ein guter, tüchtiger, was für ein edler Mensch Sie sind. Sie sind zu mir gekommen, um die – verzeihen Sie das Wort – um die, die Sie so recht vom ganzen Herzen lieben, für einen anderen zu gewinnen. Ruhe – jetzt hab' ich das Wort! ...« rief er, als Breuer versuchte, die Rede zu unterbrechen. »Das heiß' ich stilles und großes Heldentum. Den Fratzen, die Lise, glücklich zu machen, ist unser beider Bestreben ... Damit unser Verkehr in dieser schwierigen Angelegenheit ein angenehmerer und leichterer wird, wollen wir ›Du‹ zueinander sagen. Sind Sie damit einverstanden?« Breuer stand auf und stieß mit seinem Glas an das des Doktors an. Darin küßten sich die beiden Alten. »Was soll aber jetzt geschehen?« fragte Dr. Thorn. »In solchen Affären bin ich so unerfahren wie nur möglich.« »Wenn ich mit Lise zu ihren Eltern zurückkomme, werde ich ihnen zuerst reinen Wein darüber einschenken, daß ich absolut nicht die Absicht habe, das Fräulein Thorn zu heiraten. Diese Nachricht allein wird aber Lise nicht vor Unannehmlichkeiten schützen. Wir müssen ihren Heißgeliebten vor den P. T. Eltern in das beste Licht setzen. Ich glaube diese Nachricht hier ...« – er nahm ein Zeitungsblatt aus der Tasche und reichte es Dr. Thorn hin – »wird sehr günstig auf sie einwirken.« Dr. Thorn las. »Was? Das ist doch nicht möglich! Ulrich ist bereits Assistent geworden. Na – das geht nicht mit richtigen Dingen zu!« rief Dr. Thorn erstaunt aus. »Ja, Sektionschef Arnoldi hat sich alle Mühe gegeben, ihn zu fördern. Seine Exzellenz Dr. v. Seidler hat den Herrn Ulrich Kirchmaier auf seine Vorstellungen hin, in sein Departement verlangt, und er ist mit dem hohen Range eines k.k. Assistenten dorthin übertreten.« »Lieber Herr Breuer«, sagte Dr. Thorn mit leuchtendem Gesicht, »da kommt mir eine glänzende Idee – wir gehen beide nachmittags hinüber zu seinem Herrn Papa, dem gestrengen Herrn Bürgermeister, und gratulieren ihm zur Standeserhebung seines Sohnes. Er ist für solche Ovationen ungemein empfänglich. Bist du dabei?« »Sehr gerne!« »Also abgemacht – ich werde durch Marie sofort eine Karte hinübersenden, und uns bei dem Hochmögenden für drei Uhr nachmittags zur Audienz melden.« Das Mittagmahl verlief in sehr gemütlicher Weise. Beim schwarzen Kaffe zeigte Dr. Thorn der Lise das k.k. Amtsblatt, das die Ernennung Ulrichs enthielt. Das Fräulein wurde erst totenbleich – dann wieder sehr rot im Gesicht. Dann fiel sie weinend der Tante um den Hals. Sie war so erregt, daß Pauline sie hinausführen mußte. Mit feuchten Augen sah ihr Breuer nach. »Wir haben beide eigentlich doch viel versäumt im Leben«, sagte Breuer, »meinst du nicht?« »Wie man's nimmt«, sagte ruhig Dr. Thorn. »Lise ist manchmal sehr fad«, erklärte der weise Eugen und erbat sich die Erlaubnis, nachmittags wieder mit den Hunden fortgehen zu dürfen. »Sie sind doch schon leinenfähig?« fragte er. »Ja, ja – sie sind schon leinenfähig«, beruhigte der Onkel, »sie haben nur die unangenehme Gewohnheit, manchmal die Leine so um die Beine ihres Führers zu schlingen, daß derselbe vollständig in seinen Bewegungen gehemmt ist. Der Boden ist sehr glatt heute, gib acht, daß du nicht hinfällst, wenn sie mit dir das Kunststück exekutieren.« Marie brachte vom Herrn Bürgermeister ein in den höflichsten Ausdrücken gehaltenes Schreiben mit, in dem er seine Freude darüber ausdrückte, den Herrn Dr. Thorn und den Herrn Regierungsrat bei sich sehen zu können. Seit Dr. Thorn den Orden bekommen hatte, hatten sich des Herrn Bürgermeisters Gefühle ihm gegenüber bedeutend gemildert. Der Herr Pfarrer selbst hatte ihm mitgeteilt, daß, wenn Ulrich nicht selbst den Beruf zum Priester in sich fühle, es für ihn und die allein seligmachende katholische Kirche weit besser sei, wenn der Sohn ein anderes Metier ergreife. Diese und andere Erwägungen hatten den starren Sinn des Vaters etwas erweicht, ja – einmal, am Sterbetage der Frau Bürgermeisterin, war er sogar nahe daran gewesen, dem Einzigen, der ihm noch im Leben nahestand, einen Brief zu schreiben. Aber sein Selbstgefühl als Mann, Vater und Bürgermeister hatte ihn noch rechtzeitig davon zurückgehalten. Er empfing die Herren mit gemessener Höflichkeit und bat sie, Platz zu nehmen. »Sehr erfreut, meine Herren – welch angenehmem Anlaß habe ich diesen schätzbaren Besuch zu verdanken?« fragte er. Diese Anrede hatte er sich schon seit mehreren Stunden zurechtgelegt. »O – einem sehr angenehmen Anlasse, verehrter Herr Bürgermeister«, begann der lebhafte Herr Dr. Thorn. »Wir wollen die Ersten sein, die Ihnen zu dem hervorragenden Ereignisse in Ihrer Familie gratulieren. Lieber Freund – reiche die k.k. Wiener Zeitung dem glücklichen Vater.« Breuer tat es. Der Herr Bürgermeister suchte nach seiner Brille. »Bemühen Sie sich nicht, Herr Bürgermeister«, sagte Dr. Thorn. »Herr Ulrich Kirchmaier ist außertourlich zum k.k. Assistenten ernannt worden. Er hat die erste Stufe der Beamtenhierarchie errungen, seine Zukunft ist gesichert.« Der Herr Bürgermeister war starr vor Erstaunen und drückte fast unwillkürlich die hingereichten Hände der beiden Herren. Erst allmählich erholte er sich von seinem freudigen Schrecken. »Sie wissen«, begann er feierlich, »daß ich mit meinem Sohne nicht mehr verkehre!« »Ah – papperlapapp – davon kann ja heute keine Rede mehr sein.« »Ihrem Sohne steht eine große Zukunft bevor«, mengte sich schließlich Herr Breuer in das Gespräch. »Exzellenz Dr. v. Seidler nimmt sich sehr nachhaltig um ihn an, und wie ich gehört habe, soll Ihr Sohn diese Rücksichtnahme vollauf verdienen – sein Fleiß – seine Tüchtigkeit sollen über alles Lob erhaben sein ...« Der Bürgermeister kämpfte schwer mit sich selbst. Die Nachricht tat seinem Vaterherzen wohl – Breuers Lob des Sohnes erregte sein Entzücken. Aber der alte Groll ließ ihn noch immer zu keiner rechten Freude kommen. »Ja, ja ... sehr schön ... es freut mich ... aber ... er hat sieh von mir losgesagt ...« begann der gekränkte Vater. »Oho«, fuhr der bewegliche Dr. Thorn auf, »das ist nicht wahr. Sie haben ihn aus dem Hause gestoßen! Aber lassen wir das, das sind dumme, alberne Geschichten. Würden Sie ihn jetzt, wenn er in Uniform bei Ihnen erscheint, wieder hinauswerfen?« Das war ein Argument, das mächtig auf den gekränkten Vater wirkte. Er malte sich das stolze Bild aus, wenn sein Sohn in Uniform neben ihm am Stammtische sitzen werde und sein Groll schmolz mählich vor diesem sonnigen Zukunftsbild dahin. Trotzdem runzelte er tief die Stirne. »Wenn er bittet, zu mir kommen zu dürfen«, begann er. »Gut, gut«, sagte Thorn, »werden das veranstalten. Und nun adieu, verehrter Herr Bürgermeister, ich hoffe, wir haben Ihnen eine Freude bereitet!« sagte Dr. Thorn und stand auf. »Die Herren wollen schon gehen?« fragte betreten der Herr Bürgermeister. »Gestatten Sie doch, daß ich Ihnen eine kleine Erfrischung anbiete.« »Nein, nein, geht absolut nicht, muß sofort nach Hause, wie Sie sehen, habe ich Besuch!« wehrte Dr. Thorn. »Der Herr Regierungsrat wird doch die Güte haben, einen Tropfen von mir anzunehmen«, fragte der Herr Bürgermeister. »Ja, ja, aber auch meine Nichte ist außerdem hier, und mein Neffe.« Bei Erwähnung der Nichte zog wieder schwarzes Gewölk auf dem Antlitz des Gestrengen empor. »Fräulein Lise ist auch hier?« fragte er. »Jawohl, jawohl«, erwiderte Dr. Thorn, »der Fratz ist gestern abends ganz unvermutet angekommen. Sie müssen also sehr schnell sein mit der Erfrischung, denn ich kann mich nicht so lange meinen Familienangehörigen entgehen.« Der Bürgermeister ging und brachte eine Flasche Wein nebst drei Gläsern. Thorn brachte das erste Prosit aus. »Daß Herr Ulrich Kirchmaier sehr bald k.k. Hofrat werde!« sagte er lustig. Des Vaters Herz erfüllten die seligsten Zukunftsträume. Er, der Vater eines Hofrates! Auch der Bürgermeister erhob sein Glas. »Der Mensch denkt und Gott lenkt, wir müssen uns in den Willen Gottes ergeben«, sagte er fromm. »Sehr richtig«, erwiderte Dr. Thorn. Die Unterhaltung ging noch ein Viertelstündchen weiter. Der Vater und Bürgermeister war sichtlich guter Laune. »Herr Doktor«, sagte er beim Abschied, »diese Nachricht hat mich wirklich sehr erfreut, denn schließlich ist und bleibt er mein Sohn ... es wäre mir wohl eine sehr große Freude gewesen, wenn er Priester geworden wäre«, dabei umdüsterte sich seine Miene bedenklich, »und ich weiß es nur zu gut, daß Ihre Nichte die direkte Ursache ist, nun lassen wir das ...« »Meine Nichte ...?« fragte mit allen Zeichen verleumdeter Unschuld der Onkel. »Ja, ja, Herr Doktor – seit er sie gesehen hat, war's aus mit ihm. Ich glaube ...« Er brach plötzlich ab. »Lassen wir das«, winkte Herr Breuer ab. »Wenn es Gottes Wille gewesen wäre, so wäre er sicher Priester geworden ...« Breuer hielt es für höchst vorteilhaft, in diesem Moment der tiefreligiösen Gesinnung des Bürgermeisters Rechnung zu tragen. »Sehr richtig, Herr Regierungsrat«, antwortete der Bürgermeister, »Gottes Wege sind unerforschlich.« »Und die Wege, auf denen die Herzen einander finden, sind noch sonderbarer«, meinte der etwas weniger fromme Dr. Thorn, »apropos – bald hätte ich das Allerwichtigste vergessen. Würden Sie nicht die große Güte haben, den heutigen Abend bei mir zu verbringen. Wir wollen die Ernennung Ulrichs mit einer Flasche vom Besten feiern. Denn Sie gehören jetzt zu uns-, Sie sind als Bürgermeister gewissermaßen ja auch Beamter – vom Volke frei zur Vertretung seiner Interessen gewählt, Herr Breuer ist Regierungsrat, obwohl er der Regierung schon lange keine Ratschläge mehr erteilt – na – und ich bin Rechnungsdirektor, dirigier ebenfalls nur mehr für meine eigenen Rechnungen. Sie müssen kommen – Sie müssen bei der heutigen Festfeier die Stelle des Herrn k.k. Assistenten beim Handelsministerium Ulrich Kirchmaier vertreten.« Die lustige Ansprache Dr. Thorns übte eine große Wirkung auf den Vater aus. Daß er durch seinen Sohn in eine so illustre Gesellschaft gekommen war, tat seinem nach Ehren geizenden Herzen wohl. Er versprach mit vieler Wärme bestimmtest zu erscheinen. Als Breuer und Thorn auf der Straße waren, sagte letzterer; »Ich möchte jetzt einen Freudentanz aufführen, aber die Straßen sind glatt, und ich will bei Lisens Hochzeit nicht gern mit einem krummen Bein erscheinen! Die Sache geht ausgezeichnet.« Breuer lächelte wehmütig vor sich hin. »Mir wär's recht lieb«, sagte er, »wenn die Geschichte in diesem Tempo weiterginge, wenn einmal alles vorüber ist – dann ...« »Armer, guter Freund – mach dir nichts draus«, tröstete Dr. Thorn; »ich glaube auch, es ist für dich, für Lise und wahrscheinlich auch für Ulrich das beste, wenn die Komödie so bald als möglich zu Ende ist. Schau mich an – ich wollte einen geruhigen Lebensabend liier vollführen, und sieh nun, welcher Spektakel auf einmal in mein Haus dringt: Verlobung – Hochzeit – und natürlich Kindstaufen! Ich seh' mich heute schon, einen schreienden Fratzen auf dem Arm haltend, umgeben von sämtlichen Verwandten, in der Kirche stehen. Die Figur wird gut werden!« Breuer lachte. Dr. Thorn hatte eine wundersame Art, zu trösten. Der Abend verging herrlich. Der Herr Bürgermeister war anfangs ganz Würde, wurde aber später ungemein gemütlich. Die größte Mühe kostete es, Lise zu bewegen, dem Gewaltigen vor die Augen zu treten, und Onkel Gustav mußte direkt böse werden, bis es gelang, daß sich Lise zeigte. Dem Gewaltigen wurde ganz wohl ums Herz, ihm war zumute, als ob mit all ihrem frohen Liebreiz die Jugend ins Zimmer trete. Er fand es im Verlaufe des Abends beinahe schon selbstverständlich, daß sein Ulrich um eines solchen Wesens wegen den heiligen Pfad, der ihn direkt zum Himmel führen sollte, ausgewichen war und die in fröhlicher Jugend blumenumblühte Straße des Erdenlebens beschritten hatte. Lisel war von bezaubernder Liebenswürdigkeit, der Bürgermeister war ganz Wonne. Auch Eugen tat sich hervor, er war ganz »gute Erziehung« und machte immer eine Verbeugung, wenn der Gewaltige die Gnade hatte, das Wort an ihn zu richten. Nur Breuer saß still am Tische, er konnte den Blick von dem schönen Mädchen nicht abwenden und mußte immer und immer wieder an die Geschichte vom Zauberspiegel denken. Spät nachts nahm der Gestrenge Abschied. Er erklärte, daß er äußerst zufrieden gewesen sei, sagte zu Tante Pauline »Ich küsse die Hand«, erklärte dem Regierungsrat, daß es ihm eine hohe Ehre sei, mit ihm bekannt geworden zu sein und drückte Dr. Thorn leidenschaftlich die Hand. »Herr Doktor! – Sie haben hinter meinem Rücken gehandelt – aber ich verzeihe es Ihnen; wenn mein Sohn kömmt, dann will ich bei mir ein Freudenmahl herrichten lassen!« »Wir müssen das Eisen schmieden, so lange es warm ist«, sagte Dr. Thorn zu Freund Breuer, »morgen telegraphiere ich sofort an Ulrich. Binnen drei Tagen hat er sich in Paradeuniform hier einzustellen!« »Ja – ja – ganz gut –« sagte Breuer – »aber mir wär's lieb, wenn ich nicht dabei sein müßte.« »Kinderei – Kinderei – lieber Freund – ich glaube, die zärtlichen Szenen werden trotz ihrer Schmerzlichkeit wie Karbolwatte auf dein wundes Herz wirken!« Am nächsten Tag gab Dr. Thorn ein mehr als dreißig Worte enthaltendes Telegramm an Herrn Ulrich Kirchmaier, k.k. Assistenten in Wien usw. auf. Die nächsten drei Tage verliefen bis auf einige unangenehme Momente sehr fröhlich. Lise befand sich in sehr wechselnder Stimmung, bald lachte sie übermütig zu den harmlosesten Sachen, bald umschlang sie den Hals der Tante und erklärte ihr mit weinenden Augen, daß sie sich sehr unglücklich fühle. Eugen hielt sich die meiste Zeit über beim Förster auf. Trotzdem die Försterin ihren Gemahl, der sie weit um die doppelte Kopfeslänge überragte, immer mächtig zusammenschimpfte, wenn er Eugen auf seine Pirschgänge mitnahm – sie hatte den hübschen, lebhaften Jungen warm ins Herz geschlossen – trabte Eugen mit dem alten, knorrigen Herrn tapfer stundenlang durch den verschneiten Wald. Dr. Thorn und Breuer waren stets beisammen. Obwohl sich die beiden längst kannten, erstand erst jetzt nach so langen, langen Jahren jene innige, warme Freundschaft, wie sie nur zwischen edlen, treuen Männerherzen entstehen kann. Jeder Abend vereinte die beiden am gemütlichen Stammtisch. Niemals fehlte der Herr Bürgermeister. Die anderen Herren staunten, über den Gestrengen war eine seltsame, frohsinnige Heiterkeit gekommen – besonders die Herren Dr. Thorn und Regierungsrat Breuer behandelte er mit großartiger Hochachtung. Am dritten Tage nach Absendung der Depesche an Ulrich langte von diesem ein Telegramm ein, in dem er sein Erscheinen für den nächsten Tag ankündigte. Es ging wie ein Lauffeuer durch das Dorf. Ein junger, eleganter Herr in Uniform, einige behaupteten direkt, es sei ein Offizier gewesen, sei im Bahnhof angekommen und sogleich zum Bürgermeister gegangen. Die Mißgünstigen behaupteten direkt, es sei ein Beamter aus der Kreisstadt gewesen, der ausgesendet wurde, das fraudulöse Gebaren des Bürgermeisters zu kontrollieren. Schließlich wurden die Gerüchte durch den Stationsvorstand dahin richtiggestellt, daß es der Sohn des Herrn Bürgermeisters gewesen sei, der gekommen ist, um nach langer Zeit den Vater zu besuchen. Es war ein großer, tragischer Moment, als der verstoßene Sohn im dunklen Hausflur dem Vater begegnete. »Grüß dich Gott, Vater!« sagte Ulrich. Dem Herrn Bürgermeister bebte das Vaterherz vor Freude. Aber er bezwang sich. »Komm' in das Zimmer hierauf«, sagte er erst kühl und abweisend, und stieg die Holztreppe vor ihm empor. Als die beiden im Zimmer einander gegenüberstanden, sagte Ulrich etwas zaghaft: »Bist du mir noch böse, Vater?« »Ulrich–« begann mit unsicherer Stimme der Vater–, »du hast dir einen, anderen Weg gesucht, als ich gewollt hab' – aber Gott hat deinen Weg gesegnet. Ich will vergessen – was für böse Stunden du mir bereitet hast. Sei willkommen wieder im Vaterhause!« Vater und Sohn küßten sich so stürmisch wie ein verliebtes Ehepaar, das nach wochenlangem Getrenntsein wieder zusammenkommt. Der Vater war närrisch vor Freude! Was er nur alles auftischen ließ – um den Sohn zu erfreuen. Am liebsten hätte er nach biblischem Vorbild ein Kalb schlachten lassen, um damit den heimgekehrten Sohn zu bewirten. Lange, lange, saßen die beiden beisammen. Der Sohn erzählte, und des Vaters Herz erfüllte es mit stolzer Freude, als er hörte, wie gutgesinnt ihm alle Vorgesetzten seien, und welch schöner Weg ihm in die Zukunft bereitet sei. »Es ist alles recht – alles ist recht, Ulrich, ich möcht nur, daß die Mutter da sitzen würde«, sagte der Bürgermeister, »ich glaub – die würde sich erst freuen!« Und in dem Gedanken an die längst Verstorbene und von beiden so heiß geliebte, wurden ihre Seelen aufs neue froh und weh gestimmt, und Vater und Sohn reichten sich gerührt die Hände. »Mir kommt's vor, als ob die Mutter jetzt bei uns sitze«, sagte Ulrich. Nachmittags ward Dr. Thorn ein Besuch abgestattet. »Wir müssen das tun«, sagte der Vater, »es trifft sich gut, daß Herr Breuer just zu Besuch ist. Die beiden Herren haben so viel für dich getan.« »Herr Breuer ist hier ...?« fragte erstaunt Ulrich. »Ja, es ist auch sonst noch Besuch gekommen; der Neffe und die Nichte sind ebenfalls hier.« »Lise?« fragte mit erglühendem Gesicht Ulrich. »Ja – auch ihr Bruder Eugen. Ist's dir unangenehm, so bleiben wir lieber da!« »Vater, jetzt versteh ich dich«, sagte Ulrich mit stockender Stimme, »ich hätt's nicht geglaubt, daß ein Tag so viel Glück bringen kann!« Der Herr Bürgermeister hatte viele Mühe, den wiedergefundenen Sohn abzuwehren, daß er ihn nicht mit seinen Umarmungen ersticke. Mit väterlicher Sorgfalt empfahl er ihm, sich das Gesicht ordentlich zu waschen, die vielen Freudentränen hatten es in der Farbe etwas geschädigt. Beide machten nun mit äußerster Sorgfalt Toilette. Als der Herr Bürgermeister mit dem uniformierten Sohn über die Straße schritt, erregte es Sensation. Aus allen Wirtshäusern, aus allen Kaufläden traten die Leute heraus und starrten den beiden nach. Herr Dr. Thorn hatte immer eine sehr herzliche Art, seine Gäste zu begrüßen; als aber dieser unerwartete Besuch eintrat, explodierte er fast vor Freundlichkeit. Der ungeheure Lärm, den er machte, lockte sämtliche Hausbewohner herbei, so daß der ohnehin ziemlich enge Flur vollständig abgeschlossen erschien und es fast unmöglich war, in das Speisezimmer zu gelangen. »Platz – Platz – für den zukünftigen Herrn Hofrat!« schrie mit Stentorstimme Dr. Thorn und drückte sich direkt in das erstaunte Publikum hinein. »Ach, das ise schene Mensch!« sagte Kathi, die Köchin. »Das ist ja Herr Ulrich!« rief entzückt Marie aus. »Herr Ulrich ...!« rief Tante Pauline. Es war ein wirrer Durcheinander, der noch dadurch vermehrt wurde, daß Hex und Lady, angeeifert durch den Lärm, ein unendliches Geheul erhoben. Endlich gelang es Dr. Thorn, die Tür des Speisezimmers aufzumachen und die beiden Gäste unter einer unendlichen Flut höflicher Bitten zu veranlassen, einzutreten. Voran schritt unter vielen Verbeugungen der Herr Bürgermeister. Ihm nach folgten Ulrich, Dr. Thorn, Breuer und Frau Pauline. Kaum war die Gesellschaft eingetreten, als sich die entgegengesetzte Tür des Speisezimmers auftat und Lise eintrat. Flammenröte überzog ihr Antlitz, als sie Ulrich erblickte. Die Hand auf eine Sessellehne gestützt, stand sie da und überhörte ganz den jovialen Gruß des Herrn Bürgermeisters. »Lise!« rief Ulrich, und eilte in ganz unzeremonieller Weise auf sie zu und gab ihr die Hand. »Was, solch einen Gast hättest du nicht erwartet, Lise?« sagte lustig Dr. Thorn und beschwor mit einem Riesenaufwand höflicher Worte die Herrschaften, Platz zu nehmen, wobei er es selbstverständlich so einrichtete, daß Lise an Ulrichs Seite zu sitzen kam. Aber es schien Lise die Rede verschlagen zu haben – kein Wort sprach sie – und sie war zutode froh, als sie von der Tante aufgefordert wurde, ihr bei Herbeischaffung eines kleinen Imbisses behilflich zu sein. Als sie draußen waren, fiel sie der Tante um den Hals und bedeckte ihr Gesicht mit unzähligen Küssen. Als dann die Herren beim Weine saßen und in oft ziemlich lauter Wechselrede ihren Anschauungen erstens über den Beamtenstand im allgemeinen, dann über hervorragende Mitglieder desselben im besonderen aussprachen – Breuer und Dr. Thorn hatten viele dieser Herren zu guten Bekannten – taute auch Lise auf. Ulrich erzählte, daß ihn Dr. Thorn durch ein langes Telegramm aufgefordert habe, sich sofort bei seinem Vater vorzustellen. Und auch Lise teilte mit, auf welche Weise sie diesmal zum Onkel gekommen sei, wie sie aus dem Vaterhause floh, und schließlich gaben beide der Meinung Ausdruck, daß es das Schicksal sehr sonderbar, aber äußerst glücklich gefügt hatte, daß sie auf solche Weise zusammenkommen konnten. Sodann kamen sie in solchen Eifer, daß sie es gar nicht merkten, daß die Herren ihre tiefsinnigen Betrachtungen eingestellt hatten und mit vergnügten Sinnen auf die beiden Glücklichen hinsahen. Lise wurde ganz purpurrot, auch Ulrich sah sehr betreten darein, als er endlich merkte, daß die Aufmerksamkeit der gesamten Gesellschaft auf ihn und Lise gerichtet war. Als die Herren merkten, wie verlegen das junge, hübsche Paar geworden, lachten sie in höchst unanständiger Weise auf, und es muß mit Betrübnis mitgeteilt werden, daß sich der Herr Bürgermeister in sehr hervorragender, aber ungemein herzlicher Weise an dieser Unziemlichkeit beteiligte. Selbst Breuer konnte das Lachen nicht unterdrücken, aber sein Lachen hatte einen seltsam wehmütigen Klang. Als die Herren aufbrachen, um zum gewohnten Stammtisch zu gehen, war Lise zu Tode froh. Leider mußte Ulrich mitfolgen, denn der Vater konnte es nicht erwarten, mit seinem Sohn unter den Honoratioren des Ortes zu erscheinen. Mit einem heißen Händedruck verabschiedete sich Ulrich von der Geliebten. Der Abend im Gemeindegasthaus verlief sehr gemütlich. Ulrich wurde von allen Seiten höchst lärmend begrüßt und beglückwünscht. Der Vater war ganz Stolz und Würde, und als der alte Herr Pfarrer in seiner liebenswürdigen Weise ebenfalls seine Freude über Herrn Kirchmaier junior aussprach, quoll das Herz des Vaters über, und jede Spur einstigen Zornes entschwand. Nun folgten zwei selige Tage für die Liebenden. Leider war es ihnen nicht gegönnt, sich so ganz auszusprechen, da sie auf ihren Spaziergängen meist von den beiden Herren begleitet wurden. Sehr hübsch gestaltete sich ein Abend in dem tief verschneiten Forsthaus. Die Försterin war ganz entzückt wegen des schönen Mädchens. »Die zwei sind ein Prachtpaar ...« sagte sie. Denn es schien ihr unpassend, Lise allein zu loben, und Eugen, den sie besonders ins Herz geschlossen hatte, nicht mit freundlichen Worten zu bedenken. Auch der Förster drückte in seiner derben und dabei so herzlichen Weise seine Freude über den Besuch aus. »Es ist jetzt ordentlich licht im Zimmer« sagte er, »seit das Fräulein hereingekommen ist, Alte, die Kunst solltest du auch mal probieren, wir täten eine Masse Licht ersparen!« Die Frau Försterin ward etwas böse. »Es wird eh' Licht genug, wenn du ins Zimmer kommst«, antwortete sie schlagfertig. Da diese Antwort einen kränkenden Hinweis auf des Försters mächtig entwickelte Glatze enthielt, brach ein allgemeines Gelächter los. Eugen hatte sich während dieser Tage meist im Walde herumgetrieben. Er hatte einen Sperber, ein Kaninchen und zwei Eichhörnchen geschossen. Für die Familienangelegenheiten, die rings um ihn zum Ausdruck kamen, bezeigte er nicht das geringste Interesse. Unangenehm war es ihm, daß er mit seinen Jagderzählungen so wenig Erfolg hatte. Er hätte so gern jedem der Beutetiere einen längeren Nachruf gehalten, da ihm aber niemand zuhörte, war er sehr gekränkt und nannte in seinem Herzen Ulrich und Lise Idioten, weil sie alles Interesse in Anspruch nahmen. Auch über Onkel Gustav ärgerte er sich. »Er wird alt« – sagte er zu sich – »früher war er ganz anders.« Nun aber nahte der Tag des Abschiedes. Am Abend vorher wurde großer Familienrat abgehalten, in welcher Weise man in Wien Frau Charlotte und ihrem pathetischen Gemahl entgegentreten sollte. »Das kann am besten Herr Breuer machen«, meinte Eugen; »wenn er spricht, ist sogar die Mama ruhig!« Der Vorschlag Eugens ward angenommen; man betraute Breuer mit der Vermittlung zwischen der durchgegangenen Tochter und dem Elternpaar. Mit Jubel ward die angenehme Nachricht aufgenommen, daß auch Onkel Gustav sich persönlich an der Aktion zu beteiligen die Absicht habe. Am Abend vor der Abreise wurde noch ein Familienfest im engsten Kreise abgehalten, bei dem es sich ereignete, daß sich der Herr Bürgermeister total versprach und gelegentlich einer sehr gerührten Rede Fräulein Lise mit »du« ansprach. Als er merkte, daß er sich versprochen habe, korrigierte er sich insoweit, daß er damit sagen wolle, sich längst eine Tochter von dem Aussehen Lisens gewünscht zu haben. Unendlicher Beifall ertönte und Jungfer Maria war sehr gerührt. Sie erklärte der Köchin Kathi, daß man das ganz gut für eine Verlobung halten könne. Der nächste Morgen fand die Gesellschaft im Bahnhof versammelt. Lise und Ulrich waren sehr schweigsam; Eugen stolzierte mit martialischem Gesichtsausdruck, den Gewehrsack über der Schulter, an der Jagdtasche den geschossenen Sperber, am Perron hin und her. »Es wird vielen Ärger geben«, meinte Dr. Thorn zu seinem Freunde, »wenn wir jetzt nach Wien kommen – ich höre jetzt schon die Deklamationen meines Herrn Bruders und das Gekeif der Frau Charlotte –.« »Wir werden die Sache so gründlich als möglich abmachen«, sagte mit seltsamer Ruhe Breuer, »ich bin froh, wenn das alles vorüber ist. Du bleibst doch heute abends noch in Wien – du kannst ganz gut bei mir übernachten!« Dr. Thorn sträubte sich anfangs ein wenig. »Nein, nein«, sagte Breuer, »du störst mich gar nicht – und ich glaube, es wird mir ein Bedürfnis sein, mit dir nach dieser Haupt- und Staatsaktion noch einige Worte reden zu können.« Auf dieses Argument hin nahm Dr. Thorn die Einladung seines Freundes an. In Wien angekommen, begleitete Ulrich die Gesellschaft noch bis zum Hause seines zukünftigen Schwiegervaters. Beim Haustor angekommen, nahm er tiefbewegten Herzens Abschied von der Gesellschaft. »Merken Sie sich dieses Haus genau – ich glaube, Sie werden es in den nächsten Tagen sehr oft betreten«, sagte Breuer. Ulrich verbeugte sich sehr devot; in seinem Gesicht war zu lesen, daß er dieses Haus ohnehin sehr genau kenne. Lise klopfte das Herz vor Angst, als sie mit den anderen die Stiege zum väterlichen Heim emporstieg. Ängstlich schmiegte sie sich an den Arm des Onkels an. Breuer sah es. »Haben Sie keine Angst, Fräulein«, sagte er; »es wird alles sehr glatt vorübergehen!« Die Szene, da die flüchtige Tochter das elterliche Heim betrat, gestaltete sich äußerst dramatisch. Mama fiel der heimgekehrten Tochter mit einem furchtbaren Aufschrei um den Hals, und Papa hob die ineinandergepreßten Hände dankend zum Himmel empor. In liebevoller Güte führte Charlotte ihr Kind in das Zimmer hinein. »Daß du nur da bist!« rief sie unter Wimmern und Schluchzen. »Daß sie nur da ist!« sagte mit erstickter Stimme Vater Thorn. Endlich erblickte Thorn seinen Bruder. »Ich danke dir«, sagte er mit großartiger Pose, »daß du dich um mein armes Kind angenommen hast!« »Wir haben viel gelitten ...« sagte er zu Breuer; »ich werde Ihnen das nie vergessen, daß Sie mir mein Kind zurückgebracht haben.« Eugen zeigte den erlegten Sperber, fand aber wieder nicht die richtige Würdigung und zog sich verärgert aus dem Familienkreise zurück. Der innigen Familienszene folgte ein gemütliches Beisammensitzen. Herr Thorn wollte eben die nötigen Befehle geben, daß einige Erfrischungen aufgetragen würden. »Laß das – lieber Bruder«, sagte Dr. Thorn, »erlaube, daß ich diese materielle Seite auf mich nehme. Ich kenne die Umgebung sehr genau – alle Kaufleute usw.« »Ich werde dich begleiten, Thorn«, sagte Breuer. »Ja – ja – gut, mein lieber Freund – komm mit.« Als Herr Thorn hörte, daß die beiden auf dem »Du«-Fuße stünden, riß er seine Augen sperrangelweit auf. Während der Abwesenheit der beiden Herren wurde Lise mit tausend und abertausend Fragen bestürmt. »Warum bist du eigentlich fortgegangen, mein Kind?« fragte die Mutter. Ein furchtbarer Blick traf den herzlosen Vater. »Und was sagt Herr Breuer?« fragte der mehr um das Materielle besorgte Papa. »Nichts – gar nichts – sagt er«, antwortete die Tochter. »Er weiß doch nichts davon, daß die Sache wegen des unglücklichen Briefes gekommen ist.« »O ja – das weiß er alles«, sagte die Tochter. »Er weiß es?« kreischte die Mutter. »Er weiß es!« stöhnte der Vater. »Dann ist alles verloren. Lise, du hast dein Glück mit Füßen getreten. Mein armes, armes Kind. Nie – nie hätte ich dich damals nach St. Ruprecht fahren lassen sollen!« »Wer hat es ihm gesagt?« rief die Mutter schmerzbewegt aus. »Ich«, antwortete einfach die Tochter. »So unvorsichtig warst du ...?« heulte die Mutter. »Hast du bedacht, was du getan hast?« fragte der Vater und fuhr mit dem gewohnten Pathos fort; »Das größte Unglück kann geschehen! Jetzt sage ich es dir, Breuer liebt dich – er ist ein alter Couleurstudent und auch, wenn ich nicht irre, Reserveoffizier, er wird hergehen und den jungen Laffen über den Haufen schießen!« »Das glaube ich nicht!« sagte Lise. »Ich glaub's auch nicht«, gab Eugen seinen Senf dazu. »Herr Ulrich war die letzten Tage immer mit uns beisammen, und Herr Breuer war sehr freundlich mit ihm. Wenn er sich hätte mit ihm schießen wollen, so hätte er in St. Ruprecht Platz genüg dazu gehabt!« »Was, Ulrich war bei euch?« rief entsetzt die Mama aus, »wir sind von allen Seiten betrogen worden ...!« »Das ist ja ein förmliches Komplott – Eugen, warum hast du nicht sofort geschrieben?« fragte hocherzürnt der Vater. »Was geht denn mich die Geschichte an!« sagte Eugen und zuckte dazu mit den Achseln. Es war ein Glück, daß in diesem Moment Breuer und Dr. Thorn eintraten. Ihnen nach folgte der Geschäftsdiener einer größeren Viktualienhandlung mit einem mächtigen Korbe. Trotzdem ein flüchtiger Blick auf den Inhalt desselben in des beleidigten Vaters Herzen die fröhlichsten Gefühle erweckte, fand er es für geraten, eine finstere Miene zur Schau zu tragen. Er trat auf Breuer zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Breuer, teurer, alter Freund, soeben habe ich aus dem Munde meiner Tochter erfahren, was sich in dem Unglücksort abgespielt hat. Ich schwöre Ihnen, weder ich, noch Charlotte sind schuld daran, daß dieser freche Junge ...« Weiter kam er nicht. Mit flammenden Augen war Lise aufgesprungen. »Vater!« rief sie entrüstet aus. »Mäßige dich, lieber Bruder«, empfahl Dr. Thorn. »Menge dich nicht in meine Familienangelegenheiten!« schrie der gekränkte Vater, »du hast mich um mein Rind betrogen!« Eugen, der infolge seines jugendlichen Alters kein rechtes Verständnis für die Tragik hatte, lachte hell auf. »Bengel!« schrie der Vater. Frau Charlotte, die es sich noch gar nicht zurechtzulegen vermochte, wie die sehr bedrohlich scheinende Sache ausgehen werde, rief vorsichtshalber dem entrüsteten Vater zu: »Schimpfe nicht, du bist hier in anständiger Gesellschaft!« Der sonst so liebenswürdige Dr. Thorn war nahe daran, sehr scharf zu erwidern. Das immer so freundlich und fröhlich in die Welt blickende Auge fing ganz unheimlich hinter den scharfen Gläsern zu funkeln an. Da legte sich Breuer in das Mittel. »Herr Thorn«, sagte er scharf, »in dem Moment, da Sie sich noch einmal zu einem ungehörigen Wort hinreißen lassen, entfernen wir uns, nämlich ich und Herr Dr. Thorn; ich habe durchaus nicht Lust, meinen teuren Freund, diesen guten, edlen und höchst schätzenswerten Menschen von Ihnen beleidigen zu lassen!« »Wenn du jetzt noch einmal den Mund aufmachst, so passiert etwas«, sagte mit furchtbarer Miene Frau Charlotte. »Bei Gott, es steht mir gänzlich ferne, absolut ferne, Herrn Breuer zu beleidigen«, sagte kleinlaut Vater Thorn. »Die Aufregung, in die mich die ungewisse Zukunft meines Kindes versetzt hat ...« »Aber mich hast du beleidigt«, fuhr nun Dr. Thorn auf, »ich bin ein Kindesräuber, hast du gesagt!« »Lieber Freund«, besänftigte Breuer, »laß das! Bevor wir daran gehen, uns an diesen Herrlichkeiten zu laben, wollen wir uns über die Angelegenheit aussprechen. Fräulein Lise und Eugen bitte ich, für eine Viertelstunde dieses Zimmer zu verlassen.« Lise ging wortlos hinaus. Eugen konnte es nicht unterlassen, seine Freude darüber auszudrücken, daß er bei der Streiterei nicht dabei sein müsse. »Mein lieber Freund Thorn«, begann Breuer mit sehr ernster Miene, »ich weiß es schon lange, daß Sie und vielleicht auch die Frau Gemahlin es gern gesehen hätten, daß Ihre Tochter meine Frau werde!« »Sehr richtig«, sagte mit verhaltener Würde Vater Thorn. Auch die Mama nickte höchst beifällig. »Aber das geht aus zwei Gründen nicht an. Erstens bin ich zu alt ...« »Aber Herr Breuer ...!« rief abwehrend Frau Charlotte aus. »Und zweitens weiß ich nun auch aus dem Munde Ihrer Tochter selbst, daß ihr Herz einem ganz anderen zugetan ist!« fuhr Breuer fort. »Ich werde den Kerl zu finden wissen!« schrie Thorn auf. »Ich erschlage ihn – ich – ich! ...« Vater Thorn wollte noch verschiedene andere Tötungsarten andeuten, aber in seiner entsetzlichen Wut fand er keine Worte. »Versuch' das nicht«, empfahl Dr. Thorn; »Ulrich dürfte bedeutend stärker sein als du!« »Bruder – du kennst mich nicht ...« sagte Thorn und hob drohend die Faust. »Bitte um Ruhe!« sagte gelassen Herr Breuer. Breuer führte nun folgendes aus: »Dieser junge Herr – wie Sie ja aus dem Briefe wissen, heißt Ulrich Kirchmaier und ist ein höchst tüchtiger, achtungswerter Mann, der sicherlich alles Glück im Leben verdient. Ich muß Ihnen das sagen, um Ihnen die törichte Hoffnung zu benehmen, mich einst als Schwiegersohn zu sehen. Ich bin in erster Linie gekommen, Ihnen mitzuteilen, daß Sie all die Freundlichkeit, die ich Ihrem Fräulein Tochter erwiesen habe, gänzlich falsch verstanden haben. Wenn sie das Glück haben wird, einen braven, tüchtigen Mann zu heiraten, wie es zum Beispiel Herr Ulrich Kirchmaier ist, so werde ich unentwegt fortfahren, nach Möglichkeit einige Lichtblicke in ihr Leben hineinzutragen, auch wenn sie schon längst verheiratet ist.« »Verstehst du das, Bruder?« fragte etwas zweifelnd Dr. Thorn. Charlotte und ihr Gatte waren bei dieser langen Rede des Herrn Breuer ganz in starrer Verwunderung dagesessen. Vater Thorn riß den Mund auf, als wenn er jetzt und jetzt Breuer verschlingen wollte. »Ich bin fassungslos!« sagte er. »Das sieht man dir an«, sagte fröhlich lächelnd Doktor Thorn. »Breuer, wenn du erlaubst, so will ich meinem geliebten Bruder die Sache mit einigen kurzen Worten klar machen.« Breuer nickte ihm zu. »Wir sind, mein vielgeliebter Bruder, zu dir gekommen, um für den Herrn Assistenten Ulrich Kirchmaier, den Sohn des schwerreichen Herrn Bürgermeisters Karl Kirchmaier von St. Ruprecht, die Hand deiner Tochter zu erbitten.« »Wie? Was?« fragte der überraschte Vater. »Was ... was ist das?« fragte Charlotte. In diesem höchst dramatischen Momente ging plötzlich die Tür auf. Draußen standen Lise und Eugen, woraus zur Genüge erhellt, daß die braven Kinder gelauscht hatten. Lise hatte wie zu einem inbrünstigen Gebete die Hände ineinander gekrampft und sah angstvoll auf die Gruppe. »Was ist's?« fragte der strenge Papa. »Ich hab mir's gleich gedacht«, sagte der weise Eugen. »Ihr habt gehorcht!« rief Papa Thorn mit strenger Miene. »Vater, Mutter ...!« rief unter Tränen lachend Lise und umschlang den Hals des völlig konsternierten Papas. Dr. Thorn ergriff voll abweisender Würde das Wort. »Ich bitte dich, Lise, wenn weise und erprobte Männer sprechen, so schweige. Ich und mein Freund Breuer haben das so abgekartet. Ich bin es einmal satt, mir meinen Lebensabend, den ich in Ruhe verbringen will, durch Liebesgeschichten und andere Dummheiten verärgern zu lassen. Und gegen so tolles Verliebtsein gibt es nur ein einziges Mittel ... das ist die Ehe. Sag' ja, Heber Bruder. Für Ulrich garantieren ich und mein teurer Freund in jeder Weise; in moralischer und finanzieller Beziehung.« Eine Pause trat ein. Vater und Mutter schwiegen, niedergedrückt von der Wucht dieses außerordentlichen Ereignisses. Endlich erhob sich Vater Thorn. »Ihr bringt mich ja um alle meine Vaterrechte! Ihr verlobt meine Tochter! Das ist ja unerhört!« »Vater, lieber Vater!« rief ängstlich Lise. »Beruhige dich, Bruder«, sagte fröhlich lächelnd Doktor Thorn; »deine Rechte bleiben dir alle gewahrt. Herr Ulrich wird in vollem Wichs vor euch aufmarschieren und euch in bester Form um die Hand der Tochter bitten. Er wird Charlotten, der zukünftigen Schwiegermutter, mit tiefer Bewegung die Hand küssen (die Alte strahlte bei Ausmalung dieser Szene wie eine voll aufgeblühte Päonie), du wirst eine große Rede halten und feierlich die Hand der Tochter in Ulrichs Hand legen ... dann werden Verlobungskarten ausgesendet, in denen Vater und Mutter Thorn die Verlobung ihrer Tochter und Herr Bürgermeister Kirchmaier die Verlobung seines Sohnes anzeigen werden. Was willst du noch mehr?« Charlotte war ganz entzückt und gerührt und drückte die erglühende Tochter an ihr Herz. Thorn erhob sich zu einer großen Rede, aber Charlotte verdarb ihm sofort den Effekt. »Red' keinen Unsinn ... Lise kann zutode froh sein... heut' ist es für ein Mädchen sehr schwer, zu heiraten ... verstehst du?« Dieser Einwurf verwirrte Vater Thorn derart, daß er, statt neuerlich seiner gekränkten Vaterrechte zu gedenken, in wohlgesetzter Rede Herrn Breuer dankte, daß er sich in dieser verzwickten Sache so edel benommen habe. Gustavs erwähnte er mit keinem Worte. Daß der Bruder auch in dieser Angelegenheit sein Meister geworden war, verstimmte ihn tief. Der Abend verfloß in ungetrübter Heiterkeit, wozu nicht wenig der Inhalt des von Dr. Thorn und Breuer mitgebrachten Korbes beitrug. Lise zeigte eine höchst veränderliche Stimmung. Bald weinte sie – bald lachte sie in ausgelassenster Freude. Dann nannte sie Breuer ihren lieben Onkel und küßte ihn so innig, als wenn es Ulrich gewesen wäre. Als Herr Thorn mit tiefgerührter, von Schluchzen unterbrochener Stimme begann: »Es ist ein höchst schmerzliches Gefühl, sein Kind in die Arme eines Fremden zu legen«, ward die Sitzung geschlossen, ohne daß der glückliche Vater dazu gekommen wäre, seine Gefühle näher zu beschreiben. »Das haben wir gut gemacht«, sagte Dr. Thorn zu seinem Freunde Breuer unterm Stiefelausziehen. »Wir werden demnächst darangehen, ein Lustspiel zu schreiben, wir haben, scheint es, Talent dazu.« Vierundzwanzigstes Kapitel Nun folgten für das Haus Thorn sehr erhebende, tief zu Gemüt gehende Tage. Ergreifend gestaltete sich die Zeremonie, als Ulrich nach erfolgter Verständigung der zukünftigen Schwiegereltern im Hause erschien, um um die Hand Lises anzuhalten. Vater Thorn hielt eine große Rede, die aber zur innigen Freude der Anwesenden bald durch Schluchzen unterbrochen wurde, nämlich durch das Schluchzen des Brautvaters, der bei dem neuerlichen Vortrag des Passus: »er lege sein Kind in die Arme eines Fremden«,! selbst so gerührt wurde, daß er jämmerlich zu heulen anfing. Nach einigen Tagen stellte sich Lises zukünftiger Schwiegervater ein, um die Braut zu begrüßen. Ihm wurde ein solenner Empfang bereitet. Frau Charlotte hatte eine Scheuerfrau aufgenommen, mit deren Hilfe die Wohnung in einen derart blanken und funkelnden Zustand versetzt wurde, der einfach noch nicht da gewesen war. Dieser Begrüßungsabend erhielt dadurch eine besondere Weihe, daß nun zwei da waren, die gern Reden hielten und es nicht konnten. Der Herr Bürgermeister erklärte, mit seiner zukünftigen Schwiegertochter äußerst zufrieden zu sein und der Herr Oberrechnungsrat hielt Ulrich eine Lobrede nach der anderen. Für die Liebenden folgten glückliche Tage. Abend für Abend saß nun Ulrich im trauten Thornschen Familienkreise, und wenn fünf Minuten vor zehn aus dem dunklen Vorzimmer die wohlgesetzten Abschiedsküsse des Brautpaares in das Zimmer klangen, dann sahen sich die alten Eltern mit glücklichen Blicken an, und Vater Thorn zerdrückte eine Träne in seinem Auge, eine Träne, die dem eigenen Glück der Jugend galt. Thorn konnte es sich gar nicht mehr vorstellen, daß auch er einst Frau Charlotte so heiß geküßt hatte. Freund Breuer war wieder verreist. »Es möchte mir doch weh tun, wenn ich jeden Abend die beiden beieinander sitzen sähe!« hatte er bei seinem Abschied zu Dr. Thorn gesagt. »Na, jetzt wird doch Ruhe sein mit diesen dummen Geschichten. Wenn mir die zwei wieder mit ihren Angelegenheiten kommen, werf ich sie jetzt einfach hinaus. In einen stillen Lebensabend paßt ein Liebesfrühling nicht, er bringt riesig viel Unruhe mit«, hatte Dr. Thorn erwidert. Trotz dieses ernsthaften Vorsatzes füllte sich zwei Jahre später Dr. Thorns Haus wieder mit sehr viel Unruhe, ja sogar mit Hochzeitprangen und Hochzeitjubel und festlichen Gästen, wie der alte Meister Goethe so lieblich sagt. Der Herr Bürgermeister hatte es sich ausbedungen, daß die Trauung des Paares in St. Ruprecht stattfinde. Ich will hier nicht weiter schildern, wie selig Ulrich an der Seite seiner holden Elsa, wie stolz der Herr Bürgermeister und der Brautvater zur kleinen Dorfkirche schritten. Frau Charlotte trug ein prachtvolles neues Seidenkleid, und Onkel Gustav hatte sich auf ausdrückliches Begehren des Bruders und auf die dringende Mahnung des Bürgermeisters mit seinem Orden geschmückt. Der ganze Ort war auf, und obwohl die Hochzeit an einem gewöhnlichen Werktage stattfand, erfüllte die Kirche eine nie dagewesene Menschenmenge. St. Ruprecht hatte sich einen Feiertag gemacht, alle Arbeit ruhte. Das Hochzeitsmahl fand im großen Saale des Gemeindegasthauses statt. Die Hochzeitsreden waren großartig. Die erste hielt der Pfarrer auf den Text: »Die Wege des Herrn sind unerforschlich.« Er schilderte, wie einst Ulrich einem anderen Beruf sich widmete, wie aber göttliche Fügung ihm einen neuen Weg gewiesen habe. Er schloß mit dem innigen Wunsche, der Ewige möge ihm auch auf diesem neuen Wege seinen Beistand leihen: Allgemeine Rührung folgte der Rede-, die Damen schluchzten, der Bürgermeister und der Brautvater trockneten sich die Tränen. Auch Dr. Thorn brachte ein Hoch aus. Seine Rede klang sehr humoristisch. Er wünschte sich und seinem Bruder dazu Glück, daß dieser nur eine Tochter habe. »Sie hat mir meinen ruhig behäbigen Lebensabend gründlich, gestört. Aber um der heutigen Störung willen vergeß ich ihr das und sage sogar, daß mir mein sonst so stilles Heim nun noch viel trauter und werter geworden ist, da sich darin zwei gute, treffliche Menschen zum Bunde fürs ganze Lehen gefunden haben.« Auch der Bürgermeister hielt eine Rede, in der er mitteilte, daß sein vielgeprüftes Vaterherz heute eine sehr frohe Stunde erlebe, und Vater Thorn sprach in großartigen Worten seine tiefe Befriedigung über den Verlauf der Angelegenheit aus. »Heute verzeihe ich meinem Bruder alles! ...« rief er pathetisch, wurde aber in diesem Moment von Frau Charlotte mit Macht an den Frackschößen auf den Sessel niedergezogen. Die Hochzeitsgesellschaft brachte ein brausendes Hoch auf Dr. Thorn aus, und so blieb die unangenehme Szene ziemlich unbemerkt. Um halb acht Uhr begaben sich die Neuvermählten, begleitet vom größten Teil der Gesellschaft, zum Bahnhof, um die Hochzeitsreise anzutreten. Der Abschied war sehr rührend. Vater Thorn winkte, solange der Zug in Sicht war, mit seinem Taschentuche und sagte mit weinenden Augen: »Fahr' wohl, mein Kind!« Er hatte nämlich schon ziemlich viel Wein getrunken. »An einen hab' ich heut' immer denken müssen«, sagte Gustav zu Frau Pauline, als sie endlich zu später Stunde daheim angelangt waren: »An Breuer!« »Jawohl«, sagte er, »der sitzt jetzt einsam irgendwo in weiter Welt und denkt mit tausend Gedanken daher. Es ist ein Unsinn: Wenn man im Leben glücklich sein will, muß man es verstehen, still am Leben vorbeizugehen, so wie ich es tue. Wenn mir jetzt noch jemand herkommt in meine Einsamkeit, schmeiß ich ihn hinaus! Breuer war ein Esel – aber ich weiß, was ich tu'. Ich werd' ihm schreiben, er soll hierherkommen. Er soll sich da ankaufen. Herrgott, das wird ein Leben werden – ein schönes, ruhiges – ganz so, wie es der Virgilius beschrieben hat. Und seine Seele wird wieder gesund werden.« Und es ist auch so gekommen. Herr Breuer bewohnt jetzt mit seiner alten Wirtschafterin ein sehr hübsches Haus mit einem riesigen Garten in St. Ruprecht. Die beiden Herren sind alle Tage beisammen. Einmal hat Gustav dringendst einen Nachmittag bei Breuer im Garten zu tun, und des anderen Tages ist Breuer riesig in der Besitzung des Herrn Dr. Thorn beschäftigt. Sie gehen stets zusammen auf die Jagd, und Freund Breuer hat im Forellenfischen bereits eine solche Geschicklichkeit erlangt, daß er darin sogar seinen Herrn und Meister übertrifft. Eugen besucht bereits die Hochschule für Bodenkultur und verbringt seine Ferien zumeist bei Onkel Gustav. Er ist ein hübscher, stattlicher Junge geworden, voll Begeisterung für seinen Beruf und voll Liebe zu »Onkel Breuer«, wie er ihn heißt, und zu Onkel Gustav. Jedes Jahr kommt Ulrich mit seiner Frau nach Sankt Ruprecht zu Besuch. Sie wohnen beim Herrn Bürgermeister, und die Gemeinde genießt dann den lieblichen Anblick, die Obrigkeit, einen kleinen, strampelnden Buben auf dem Arm, im Garten herumspazieren zu sehen. Dann ist gewöhnlich auch Frau Charlotte da, denn jungen Frauen ist der Rat der erfahrenen Mutter sehr notwendig. Vater Thorn erscheint auch, kommt aber selten zu Bruder Gustav. »Er ist ein Querkopf ... ich kann mich in seine Grillen nicht finden«, sagte er. Eines schönen Frühlingsabends sitzen im Hofe unter dem großen vielblütigen Kastanienbaum Onkel Gustav, Frau Pauline, Breuer, Ulrich und Frau Lise, die ihren zappelnden Kleinen mit Mühe auf dem Schoß erhält, friedlich beisammen und reden, von den vergangenen Zweiten. Der stille Schimmer der scheidenden Sonne liegt auf dem Laub des großen Nußbaumes und auf der Wand, die mit Schlingrosen überwuchert, in purpurnem Schein leuchtet. »Es ist doch ein schöner Abend geworden«, sagt Ulrich, »nachmittags hat's ganz greulich ausgesehen ... und dieser Sturm!« »Ja ... es ist still und ruhig geworden«, sagt Onkel Gustav, »... trotz Sturm und Wolken. Ein schöner – ruhiger – friedlicher Abend – nicht wahr – Freund Breuer?« Breuer lächelte still vor sich hin. »Ja ... es ist ein stiller, ruhiger Abend geworden durch dich ... ich dank dir, teurer Freund«, sagte er und drückt innig seine Hand. Ulrich und Lise sehen sich schweigend an. Durch ihre Seele geht die wehe Erinnerung, nach welchem Herzenssturm für den Teuren dieser späte Lebensfrieden gekommen ist.