Ludwig Tieck. Die Reisenden. 1824.     Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer, 1852.     Es war an einem schönen Sommernachmittage, als drei junge Männer in lebhaften Gesprächen im schattigen Lindengange auf- und niederwandelten. Keiner kannte den Andern genau; noch weniger waren sie Freunde, und daher betraf ihre Unterhaltung auch nur unbedeutende Gegenstände. Doch wurde laut und sogar heftig gesprochen, weil der jüngste der Redenden es seinem Charakter und ausgezeichneten Verstande angemessen hielt, seine Gedanken und Meinungen nicht ruhig, sondern in einem gewissen zänkischen und anmaßenden Tone vorzutragen, durch welchen er vielleicht seine Gegner eher zum Schweigen zu bringen, wenn auch nicht zu überzeugen glaubte. Sie sind, wie Sie mir gesagt haben, Arzt (so rief er eben jetzt aus), und als ein solcher haben Sie sich seit Jahren gewöhnt, das ganze Menschengeschlecht aus dem Gesichtspunkte der Kränklichkeit anzusehen. Wir Gesunden aber werden uns gewiß nicht so leicht, Ihrem Metier zu Gefallen, unsre feste Ueberzeugung nehmen lassen. Mein Herr von Wolfsberg, erwiederte der Arzt, von meinem Metier, wie Sie es zu nennen belieben, kann hier gar nicht die Rede seyn. Ja wohl, sagte der dritte Sprechende, welcher der Ruhigste schien. Wie kommen wir denn überhaupt dazu, zu streiten? Wir reden ja nur über allgemeine Gegenstände, die unmöglich einen von uns persönlich aufreizen können. 168 Warum nicht, mein ruhiger Herr Justizrath? rief der Baron noch lebhafter aus; denn gewiß können wir über die Leidenschaften nur dann etwas Bedeutendes aussprechen, wenn wir sie im eignen Herzen erfahren haben, und es scheint wohl, daß Sie alle Ihre klügelnden Beobachtungen nur aus mittelmäßigen Büchern schöpften. Wenn Sie die Sache schon vorher abgemacht haben, antwortete der ruhige Mann, so thäten wir wohl besser, das ganze Gespräch zu schließen. Es wandelt sich in der anmuthigen Kühle gut, sagte der Arzt; ereifern wir uns nicht, gönnen aber dem Herrn Baron diese Motion, die ihm nach dem Mittagsmahle wohl zuträglich seyn mag, da lebhaftere Geister und Temperamente auch im Verlauf des Tages mehr Lebenskraft verbrauchen, als wir übrigen. So ist es, erwiederte der Baron mit vieler Selbstgenügsamkeit. Und ist es denn wohl anders mit der Liebe, über welche sich unser Streit anhob? Will ich es denn den sanften, stillen Gemüthern zum Vorwurf machen, wenn sie meinen und behaupten, ein einziger Gegenstand könne ihre Seele für die ganze Lebenszeit ausfüllen? Giebt es doch auch Menschen, die nur wenige Gedanken brauchen, noch weniger Bücher; die einen Monat lang sich an einer Flasche Wein vergnügen; die bei einem Schmause anderthalb Austern verzehren, und wenn sie in jedem Frühling einen Spaziergang mit der ganzen auferbauten Familie gemacht haben, die Natur dann wieder, wie eine Bude, bis zum künftigen Jahre verschließen. Lassen wir diese genügsamen Lämmerseelen in ihrer stillen Friedfertigkeit; nur stelle man sie uns nicht als Muster hin, wenn sie sich in grünen Tagen in eine verblaßte Amarillis vergaffen, und nachher mit erkaltetem Herzen in alberner Treue ihr Leben verwinseln, stolz sind auf diese 169 felsenfeste Tugend, und auf feurige Gemüther, auf Herzen, die der Fülle und des jugendlichen Wechsels bedürfen, mit moralischer Verachtung hinab blicken wollen. Nach einigen Erwiederungen ließ man dies Gespräch fallen, weil es deutlich wurde, daß der Edelmann nur sich selbst und seinen Leidenschaften das Wort reden wollte. Wohin gedenken Sie von hier zu reisen? fragte endlich der Arzt. Ich weiß es selbst noch so eigentlich nicht, antwortete der Baron; und wenn ich es auch wüßte, so würde ich es Ihnen nicht sagen. Warum das? Weil das eben, fuhr jener fort, auch zu meinen Eigenthümlichkeiten gehört, weshalb mich so viele bürgerliche Menschen mit dem Namen Genie verlästern wollen. Wenn ich so recht eigentlich zur Lust reise, so halte ich mir die ganze Welt mit ihren erfreulichen Zufällen offen; ohne Paß, ohne Briefe, ohne Bedienten oder Kutscher, ohne alle die Zugaben, die unser Leben nur belästigen, tauche ich, wie die Schwalbe in die blaue Luft, in die Schönheit der Natur hinein, und hinter mir muß jede Spur, so wie die der Welle im Strome, verschwinden. An einige Häuser ist schon im voraus geschrieben, wo ich Gelder finde, wenn ich sie brauche, doch führe ich so viel mit mir, als ich nöthig zu haben glaube. Dient es mir, so wechsele ich auch mit meinem Namen; und so wissen Sie von mir nur so viel, als ich für gut befunden habe, Ihnen mitzutheilen, und können nicht darauf wetten, daß der Name, den ich Ihnen genannt habe, mein wirklicher sei. Sie können, sagte der Justizrath, auf diese Weise aber neben manchen angenehmen Zufällen auch auf sehr widerwärtige stoßen. Jede Verwicklung wird sich doch nur lustig lösen, und 170 wer die Menschen will kennen lernen, sollte durchaus nur in meiner Manier reisen. Der Arzt konnte sich nicht entbrechen, die Frage zu thun. Was nennen sie Menschenkenntniß? Da Sie die meisten Menschen schon vor der Untersuchung für Narren halten, so lohnt es sich schwerlich der Mühe, sie noch zu beobachten. Zugegeben, rief jener, Sie thäten mir nicht so ganz Unrecht; ist denn nicht noch immer an den verschiedenen Modificationen eines und desselben Stoffes zu lernen? Ist es denn nicht auch erhebend und beruhigend, sich selbst an diesem und jenem zu messen? Das scheint mir eben die ächte Humanität, keinen zu verschmähen, und aufzumerken, welche Thorheit wir schon abgelegt haben, welche wohl noch unentwickelt in uns ruht, zu welcher wir keine Anlage spüren, warum wir uns für besser als andere halten dürfen, um so in uns hochfahrenden Stolz und kleinmüthige Bescheidenheit in das gehörige Gleichgewicht zu setzen. Dann thäten Sie aber vielleicht besser, erwiederte der Arzt mit übertriebener Höflichkeit, sich gleich an die wahre Quelle zu begeben, und sich die mühseligen Umwege zu ersparen. Und wo flösse diese? Wie die Engländer, fuhr der Arzt fort, sich in Deutschland gern in Pension geben, um unsere Sprache zu lernen, so sollte ein Kosmopolit, der sich so für das, was man Narrheit nennt, begeistern kann, geradezu vor die rechte Schmiede gehn, und sich ein Jahr lang in einem gut versehenen Narrenhause als Kostgänger verpflegen lassen. Sie sind ein Arzt! rief der Baron in der größten Erbitterung, man sagt mir, Ihre Reise sei auf diese Anstalten gerichtet, vielleicht um die zu finden, die Ihnen am meisten 171 behagt, und sich dort niederzulassen. – Er warf noch einen grimmigen Blick, dann eilte er schnell den Lindengang hinunter. Sie haben unsern edeln Unbekannten überrascht, sagte der Justizrath, wir werden seine theure Gesellschaft darüber verlieren. Er ist unerträglich, rief der Arzt aus. Sie haben es selber gehört, welche Geschichten er von sich an der Wirthstafel erzählt, wie alle Weiber ihm entgegen kommen, mit welcher Leichtigkeit er Liebschaften anknüpft und wieder löst. Gestern vertraute er mir, daß er seine Heimath plötzlich verlassen habe, weil ein unglückliches Mädchen gegründete Ansprüche an ihn mache. Die Arme wird nun vielleicht mit einem Kinde ihres Jammers nach ihm aussehn, indessen er sich mit seiner feigen Gewissenlosigkeit wie mit einer Tugend brüstet, und nach neuen Schlachtopfern seines verderbten Herzens sucht. Der Justizrath meinte, er sei vielleicht nicht ganz so schlimm, sondern möge wohl zu jener armseligsten Gattung von Prahlern gehören, die sich mit einer Verworfenheit brüsten, zu der ihnen doch der Muth ermangle. Der junge Baron war indessen zornig ins Feld gelaufen. Er mußte sich seine Verdienste in den glänzendsten Farben dicht vor das Auge rücken, um seinen Verdruß zu überwinden. Indessen stellte sich bald seine gute Laune wieder ein, besonders durch Aussicht auf ein nahes und freundliches Abenteuer, das seiner Eitelkeit schon im voraus schmeichelte. Auf dem Walle, welchen große Linden schmückten, hatte er hinter einem Gitterfenster ein schönes blondes Köpfchen, einen blendenden Hals und Nacken bemerkt; schöne Augen 172 hatten ihm nachgesehn, ein freundlicher Mund hatte ihn angelächelt, und ein dreister Gruß war ihm endlich bei seinem dritten Vorüberwandeln entgegen gekommen. Er hatte die Schöne auch in der Ferne nicht ganz aus dem Gesichte verloren; er wollte nur die zunehmende Dämmerung und die größere Einsamkeit der Gegend abwarten, um sich ihr zu nähern, Bekanntschaft zu machen, und sie, wenn die Umstände sich günstig erwiesen, zu besuchen. Er betrachtete sich selber wohlgefällig und ging mit Behaglichkeit die Scenen seines bunten Lebens durch, indem er sich vornahm, daß diese phantastische Reise ihm noch angenehmere Abenteuer zuführen solle. Wieder schaute das Lockenköpfchen durch das Gitter, lächelte, winkte und zeigte sich sehr erfreut, als es den geputzten, schlanken Spaziergänger von Neuem vorbei gaukeln sah. Der Abend nahte schon, die Sonne ging unter. Er benutzte die Einsamkeit, um zu grüßen, stehn zu bleiben, und mit fragender Geberde auf die Thür zu deuten. Sie nickte und entfernte sich schnell. Er öffnete die Thür und stieg die Treppe hinauf. Sie empfing ihn oben; nur leise, leise! flüsterte sie, indem sie ihn in ihr Zimmer führte. So viel er in der Dunkelheit unterscheiden konnte, fand er das Gemach zierlich ausgeschmückt; er bemerkte, daß seine Führerin in Atlas gekleidet war. Liebchen! sagte sie mit leiser Stimme, gedulde dich hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei dir; ich will mich nur putzen und Licht bringen. Aber rühre dich nicht, daß meine Feinde dich nicht gewahr werden! Mit diesen Worten ging sie in ein Nebenzimmer. Dem Abenteurer fing an, unheimlich zu Muthe zu werden. Da schlich man leise die Treppe herauf. Er besorgte einen Ueberfall und wußte nicht, welchen Entschluß er fassen sollte; doch trat Niemand ein, aber er wurde zu seinem Erstaunen 173 gewahr, daß man von außen die Thür verschloß. Als er jetzt von unten eine männliche Stimme zu einem andern sagen hörte: er ist drinnen; er kann uns nicht entwischen! so sträubten sich ihm die Haare vor Entsetzen. Sein Schauder wurde aber noch vermehrt, als jetzt die Schöne mit einer brennenden Wachskerze wieder in das Zimmer trat. Hals und Busen waren fast ganz entblößt und schimmerten wie Marmor; ihr Auge strahlte in seltsamem Glanze, ein Diadem von Goldpapier stand auf dem Haupte, große Glasperlen hingen auf den weißen Schultern, Stroh und Blumen rankten sich um den Leib. So schritt sie mit Lachen und wilder Geberde auf den Geängsteten zu, der seine Gedanken noch nicht ordnen konnte, als die andere Thür wieder aufgeschlossen wurde, die räthselhafte Schöne mit einem lauten Schrei das Licht fallen ließ, und zwei starke Männer den Verwirrten in der Dunkelheit faßten, ihn die Treppe mehr hinunter trugen als führten, und ihn unten schnell in einen offen stehenden Wagen warfen. Ehe er noch fragen, sprechen, sich besinnen konnte, war die Thür des Wagens zugeschlagen, und im schnellsten Trabe fuhr dieser mit ihm durch die finstre Nacht über das Feld davon. Am andern Morgen kam der Arzt in Eile und großer Bewegung zum Rathe. Was ist Ihnen? fragte dieser; es muß etwas Außerordentliches begegnet seyn. – Theuerster Walther, rief der Arzt aus, unser Beisammensein, mein Aufenthalt wird plötzlich auf die unangenehmste Weise gestört und unmöglich gemacht. Sie haben ja zuweilen einen jungen Menschen in meiner Gesellschaft gesehen, der uns oft genug lästig fiel. Dieses Original, schon einfältig, 174 stumpf und zugleich leidenschaftlich von Natur, durch eine verwahrlosete Erziehung aber völlig zum Thoren gemacht, ist mir von seinem Vater, einem reichen Grafen in Schwaben, in der Hoffnung anvertraut worden, daß eine Reise unter meiner Aufsicht ihn vielleicht bessern und von seinem verwirrten Zustande befreien könnte. Ich nahm damals diesen mißlichen Auftrag sehr ungern über mich, und würde mich gar nicht darauf eingelassen haben, hätte ich die unzähligen Verdrießlichkeiten vorher sehen können, die mit demselben verknüpft sind. Das hätte ich aber niemals vermuthet, daß dieses drückende Verhältniß mich von Ihnen trennen und meine Freiheit völlig aufheben würde. Aber wie ist dies möglich geworden? fragte der Rath. Sie sollen es gleich hören, war die Antwort. Nachdem dieser junge Mensch schon tausend Händel angezettelt, die ich wieder habe schlichten müssen, oft durch Geld, zuweilen mit guten Worten, immer aber auf Unkosten meiner Zeit und guten Laune, hat er es seit gestern Abend für gut gefunden, sich unsichtbar zu machen. Ich habe schon zu allen Bekannten geschickt, aus der Post Erkundigung eingezogen, in allen Wirthshäusern nachgefragt; aber man will nirgend von ihm wissen. Es würde mir keine große Sorge machen, wenn er nicht Mittel gefunden hätte, Schrank und Schatulle zu öffnen, und hundert Goldstücke, so wie bedeutende Wechsel mitzunehmen; dies überzeugt mich, daß er gesonnen ist, seine Bekanntschaft mit mir nicht zu erneuern, so lange diese Summen vorhalten. Ich darf den Thörichten nicht seinem Schicksal überlassen, sondern muß ihn wieder zu finden suchen; dies ändert mein Reiseproject. Ungern nur würde ich ihn in öffentlichen Blättern auffordern und kenntlich machen. Und Sie glauben nicht, fragte der Freund, daß er mit diesem Gelde in seine Heimath zurückgekehrt sei? 175 Auf keinen Fall, erwiederte der Arzt; es liegt ihm zu viel daran, frei und ungehindert in der Welt umher zu schwärmen. Seine Leidenschaft ist, allenthalben Händel anzufangen und in gemeinen Trinkstuben Zank zu erregen; er freut sich dann, einige Stunden auf der Wache zu sitzen, um nachher als Graf Birken ausgelöst zu werden. Am schlimmsten aber ist es, daß er mit Kammermädchen und Aufwärterinnen Liebeshändel anspinnt und ihnen die Ehe verspricht; und ich muß am meisten fürchten, ihn auf diese Weise verheirathet wieder zu finden. Und was denken Sie nun zu thun? Ich muß ihn aufsuchen, und wenn ich ihn in einigen Wochen nicht wieder antreffen sollte, die ganze Sache seinem Vater melden. Ein Diener trat eilig herein, gab dem Rathe einen Brief und entfernte sich wieder. Walther las und wurde nachdenkend. Verweilen Sie noch zwei Tage hier, sagte er endlich, und ich reise vielleicht mit Ihnen. Ich suche ebenfalls einen Verlornen, der mir und seinen Freunden schon seit Jahr und Tag aus dem Gesichte gekommen ist, einen jungen Mann, der Ihrem Entflohenen freilich auch nicht auf das Entfernteste gleicht. Ich glaube jetzt auf seiner Spur zu seyn, und wenn Sie unterdessen den Entsprungenen nicht wieder kommen sehen, oder keine bestimmte Nachricht über seinen Aufenthalt empfangen, so könnten wir die Reise, die wir uns vorgesetzt hatten, immer noch in Gesellschaft unternehmen. Der Arzt war derselben Meinung, und man versprach sich, am andern Tage eine nähere Abrede zu treffen. 176 Der verschlossene Wagen fuhr mit dem jungen Baron die ganze Nacht hindurch fort. Allenthalben waren schon Pferde in Bereitschaft, und da der Mond sehr hell schien, konnte man so schnell, wie bei Tage reisen. In den dicht verhängten Wagen fielen nur wenige Strahlen hinein; doch bemerkte der Entführte, daß ein Mann an seiner Seite, und ein anderer ihm gegenüber saß. Als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, wollte er seinen Gesellschaftern Rede abgewinnen; aber sie beantworteten keine seiner Fragen oder Bemerkungen. Wohin führt man mich? rief er endlich in der größten Ungeduld. Ruhe! antwortete der starke Mann, Alles wird sich aufklären. – Man verkennt mich, man verwechselt mich mit jemand anderm! – Nichts weniger. – Was hat man mit mir vor? – Morgen am Ort Ihrer Bestimmung werden Sie Alles erfahren. Als der Gefangene Miene machte, den Wagen zu öffnen, ergriffen ihn die Unbekannten gewaltig, und der eine rief drohend: keine Umstände! Finden Sie sich nicht gutwillig, so haben wir das Recht, Sie zu binden und zu knebeln; das geschieht auch bei dem ersten Versuche zu entfliehen, oder wenn Sie jemand Fremdes anreden wollten. Auch kann es Ihnen nichts nutzen; denn wir haben die gemessenste Ordre, die wir vorzeigen können, und auf welche uns in jeder Stadt Beistand geleistet werden muß. So fügte sich denn der Entführte und sann stillschweigend nach, für welche Begebenheit seines frühern Lebens ihn etwa dieses Unheil treffen möchte. So in seinen Busen und dessen Geheimnisse eingehend, fand er mehr auf der Rechnung stehen, als er in seinen heitern und zerstreuten Stunden vermuthet hatte. Je länger er in der stillen Nacht fuhr, je größer wuchs in seiner Erinnerung sein Sündenregister an, und er zitterte vor der Entwicklung seines Schicksals; 177 denn Festung, lebenslängliche Einkerkerung, ja selbst das Aergste standen vor seiner erregten Phantasie. Er wandte sich von diesen Bildern des Schreckens ab, und suchte sich wieder zu überreden, Alles, was man ihm vorwerfen könne, sei doch nur Jugendthorheit und Leichtsinn. Mit Wehmuth mußte er an die hochmüthigen Reden gedenken, die er vor Kurzem noch gegen den Arzt geführt, und alle seine Zweifel kamen wenigstens darin überein, daß jene Handlungen, mit denen er als eben so viel Tugenden und Kraftäußerungen geprahlt hatte, doch wohl Sünden, oder gelindestens Verirrungen zu nennen wären. So blätterte er in dem dunkeln Buche seines Gewissens hin und her, und nahm sich vor, wenn ihn ein günstigeres Schicksal aus dieser Bedrängniß erlösen sollte, seinen Lebenslauf mit viel mehr Anstand und etwas mehr Weisheit zu führen. Man fuhr die ganze Nacht und auch den folgenden Tag. Der Gefangene hatte sich fast schon an seinen Zustand gewöhnt, und die Furcht, daß seine Lage noch viel schlimmer werden könnte, machte, daß er die gegenwärtige mit Geduld ertrug. Hätte er sich ganz frei und ohne Schuld gewußt, so würde er in seinem Bewußtsein Waffen gefunden haben, sich dieser Gewalt zu widersetzen; aber der Zagende bettelte jetzt von jeder Stunde seines Daseins noch eine dürftige Erquickung, im Aufschub und in der Verzögerung fand er eine Art von Glück, und vergaß sogar in manchen Augenblicken, daß sich sein Schicksal doch endlich, und wohl bald, entwickeln würde. Am Abende, als es schon wieder finster ward, kam man an. Durch ein Thor, das sogleich wieder verschlossen wurde, fuhr der Wagen. Man brachte Licht. Ein Schreiben ward von einem der Begleiter hinaus gereicht. Immer neue Gäste, immer mehr Geschäfte! murrte eine dumpfe, 178 verdrießliche Stimme draußen. Man fuhr in den Hof. Indem man ausstieg, ging einer der Männer jenem nach, der erst geschmollt hatte, und sagte: Ja, werther Herr Direktor, endlich haben wir ihn Gott Lob! erwischt; fünf Tage hatten wir ihm vergeblich aufgepaßt. – War er ruhig? fragte jener. – Ja, er hat sich so leidlich vernünftig aufgeführt. Ein paar Mal wollte er närrisch thun. Je nun, wir sind ja alle Menschen! Das Letzte hörte der Entführte nur noch aus der Ferne. Er befand sich schon auf einer großen Treppe, zu welcher ihm zwei Menschen hinauf leuchteten. Ist Numero 18 aufgeschlossen? fragte der eine. Ja! scholl es von oben herab, und zugleich ward der Fremde in ein kleines, behagliches Zimmer hinein geschoben, in welchem Stühle, Tische, ein Bett und Sopha sich befanden. Lichter wurden hingestellt, und ein freundlicher Mann trug eine Abendmahlzeit auf. Herr Friedrich, sagte der eine Diener, Sie haben doch nichts vergessen? – Gewiß nicht, antwortete der kleine Mann; Alles ist schon mit dem Direktor abgemacht. Man ließ den Fremden allein. Da er hungrig war, aß er mit großem Behagen; nur vermißte er ungern den Wein, doch ließ ihn der Durst das Wasser schmackhafter finden, als er es unter andern Umständen für möglich gehalten hätte. Er öffnete das Fenster. Eisenstäbe verwahrten es; doch blickte er im Mondlicht über eine reiche und mannigfaltige Landschaft hin. Die Thür fand er verschlossen. Als man den Tisch wieder abgeräumt hatte, legte er sich nieder, und schlief auf die Anstrengung des Körpers und Geistes ruhig und lange. Nach dem Frühstück wurde die Thür mit einigen Ceremonien geöffnet, und ein starker, untersetzter Mann mit finsterer Miene und braunem Gesicht 179 trat herein, dessen grollende Stimme er sogleich für diejenige erkannte, die er schon gestern Abend gehört hatte. Der finstere Mann warf einen durchdringenden, festen Blick auf ihn, und der Baron, der sich am Morgen eine lange, wohlgesetzte Rede ausgesonnen hatte, um seine Unschuld und das Mißverständniß, das über ihm schweben müsse, aus einander zu setzen, wurde so verwirrt und beängstigt, daß er jedes Wort vergaß und nur wünschte, diesen Besuch erst wieder los zu seyn. Haben Sie gut geschlafen? fragte der verdrießliche Mann. Besser, als ich denken konnte, da ich so plötzlich – Lassen wir das! Haben Sie mit Appetit gefrühstückt? O ja – nur wünschte ich das Mißverständniß, den Irrthum schnell aufzuklären; da man mich gewiß für einen andern hält. Wir kennen Sie, junger Herr, besser, als Sie vielleicht glauben. Besser? sagte der junge Mann, und wurde roth und von Neuem verwirrt. Man hat mich um meinen Namen hier noch nicht gefragt! Ist auch gar nicht nöthig. Wir wollen keine Rollen mit einander spielen. Rollen? Wie meinen Sie das? Wie man so was meint. Sie sollen sich nicht verstellen, Sie sollen nicht hoffen, daß Sie mich hintergehen können. Wenn ich Ihnen aber so ganz bekannt bin, – so sagen Sie mir wenigstens, – wo befinde ich mich? Ich bin vielleicht zwanzig Meilen gereist, ohne zu wissen wohin. Lassen wir das noch jetzt, dergleichen muß Ihnen fürs Erste noch ganz gleichgültig seyn. Die Forderung ist mehr als sonderbar. 180 Bester junger Mann, sagte der Alte, um alle diese äußerlichen Zufälligkeiten müssen Sie sich jetzt gar nicht ängstigen. Es wird eine Zeit kommen, in der Ihnen Alles klar aufgeht. Und welch Schicksal erwartet mich? Das wird ganz von Ihrem Betragen abhängen! Sind Sie sanft und ruhig, so wird Ihnen kein Mensch etwas in den Weg legen; können Sie es über sich gewinnen, vernünftig zu seyn, wenn es Ihnen auch im Anfange etwas schwer ankommen sollte, so wird man Ihnen alle Achtung bezeigen, die Sie erwarten können, und es liegt in Ihrer Hand, wie früh oder spät Sie Ihre Freiheit wieder erhalten werden. In meiner Hand? fragte der Gefangene, indem er seine Hände betrachtete. Dummheit und kein Ende! fuhr der Alte ungeduldig heraus, ich dachte es wohl, daß der Diskurs nicht lange auf der geraden Straße bleiben würde. Figürlich gesprochen, junger Herr! Wie Sie sich benehmen, so wird man sich wieder gegen Sie benehmen; vielleicht sind Sie in Jahr und Tag wieder auf freien Füßen: das heißt, Jüngling, (damit Sie nicht wieder querfeldein fragen) wenn Ihre Beine wieder frei sind, wird hoffentlich das übrige Zubehör, sogar der Kopf wieder mitlaufen dürfen. Und was befiehlt man, fragte der Baron, das ich vorstellen soll? Wie soll mein Name heißen? Denn es scheint, daß hier ein strenges Regiment obwaltet, dem man sich fügen muß. Nur keine Quängeleien! rief der alte Mann; machen Sie nicht, daß ich härter seyn muß, als ich von Natur bin; denn das ist mein Elend, daß der Teufel mir so ein breiweiches Herz eingesetzt hat, daß ich eigentlich ein altes Weib 181 hätte werden müssen. Nun, lieber Herr Graf, wir werden uns schon noch verstehen lernen. Graf? rief der Baron; also doch wenigstens eine Standeserhöhung. – Er war nach diesem Worte plötzlich viel heitrer geworden: die Beklemmung, die ihn drückte, schien ziemlich verschwunden. Ja, Graf, nicht anders, fuhr der Alte fort; ja, mein junger Herr, man weiß hier mehr von Ihnen, als Sie begreifen können. Nur noch eine Frage, dann will ich schweigen, sagte der Baron, – Bin ich etwa hier, wegen des Verhältnisses, das vor zwei Jahren die Baronesse – Still! rief zornig der Alte: das ist es ja eben; an Liebe müssen Sie hier gar nicht denken, so wie Sie auf diese Passion gerathen, müssen gleich Anstalten getroffen werden; weder Baronesse, noch Gräfin, noch Fräulein, selbst das Wort Frauenzimmer muß nicht von Ihren Lippen gehört werden! Nun geben Sie mir die Hand, daß ich Sie noch einmal bewillkomme. Ich hoffe also, Sie werden uns keine Schande machen. Er hielt die Hand des Barons lange in der seinigen eingeschlossen, drückte sie, schob seine Finger hinauf, fast als wenn er den Puls fühlen wollte, sah dem jungen Mann noch einmal scharf in die Augen, und entfernte sich dann schnell nach dieser sonderbaren Begrüßung. Nach einiger Zeit erschien der kleine freundliche Mann, den man den Herrn Friedrich nannte. Nun, sagte dieser, es ist ja gut abgelaufen; unser melancholischer Gebieter ist ja mit Ihnen zufrieden, er meint, es würde schon werden. Aber, wo bin ich nur? fragte der Baron. Der Kleine legte mit einer sehr listigen Miene den Finger auf den Mund, kräuselte die Lippen, zog die schmalen 182 Schultern bis zu den Ohren, und sagte dann ganz leise: so lange Sie noch bloß auf Ihr Zimmer eingeschränkt sind, darf ich nichts Bestimmtes mit Ihnen sprechen; aber wenn Sie erst einmal herunter gekommen sind, dann wird Ihnen nichts mehr Geheimniß bleiben. Wer sind Sie, fragte der Baron eifrig, und wer ist der Mann, der mich heute besuchte? Nichts! nichts! rief der Kleine; sehn Sie, Verehrter, wir sind Alle ohne Ausnahme nur das, was unser gestrenger Herr uns befiehlt zu seyn. Hat er doch nun die Macht einmal; woher er sie hat, das weiß der Himmel wohl am besten, der sie ihm verlieh. Sehn Sie, er ist sehr hypochondrisch, und fast niemals vergnügt, und darum verlangt er, Alles im Hause solle auch ehrbar und fromm zugehn. Eine unbillige Forderung. Ich gelte aber doch viel bei ihm, und er meint, ich hätte Gaben. Nun haben Sie gleich beim Eintritt durch Ihr feines vornehmes Wesen mein ganzes Herz gewonnen, – Sie sehn einem großen Feldherrn so ähnlich, den ich einmal gekannt habe; aber ich bin doch zu schwach, Ihnen zu helfen. Wie so, zu schwach? Betrachten Sie nur selbst meine Schultern, wie schmal, flüsterte der kleine Mann. Ja, wenn ich mehr heben und arbeiten könnte; wenn ich mich nicht immer so schonen müßte; wenn ich mir mehr bieten dürfte, so wäre mein Schicksal wohl ein ganz anderes, als hier im Hause herum zu kriechen. Er entfernte sich, um dem Fremden das Mittagsessen zu holen, verschloß aber sorgfältig indessen die Thür. Der Rath Walther hatte den Arzt wieder aufgesucht, um über den Plan ihrer gemeinschaftlichen Reise zu sprechen. 183 Der Doctor hatte von seinem entlaufenen Zögling noch keine Nachrichten; er war jetzt neugierig, was sein Freund, dem er sich immer enger anschloß, ihm würde zu eröffnen haben. Vielleicht, fing dieser an, sehe ich schon in einigen Tagen einen Jüngling wieder, dem ich seit vielen Jahren schon, seit ich ihn als Knaben kennen lernte und aufwachsen sah, meine Freundschaft, ja mein ganzes Herz schenken mußte. Alle unsere Bücher sind voll von Schilderungen der sogenannten Liebe; genau sind alle ihre Kennzeichen beschrieben, die Steigerungen, so wie die Verirrungen dieser Leidenschaft nachgewiesen, und von der Freundschaft , die eben so wundersam, zuweilen noch seltsamer erscheinen kann, wird kaum gesprochen, oder man setzt sie voraus, und meint, sie zu schildern, sei ohne Interesse. Wenn Alle zu lieben glauben, ist es vielleicht nur Wenigen gegeben, im wahren Sinne Freund zu seyn. Ich habe mich früh und ohne Leidenschaft verheirathet, und bin glücklich in meiner Familie. Aber von frühster Jugend habe ich das Talent in mir ausgebildet, Freund seyn zu können, mich dem geliebten Gegenstande hinzugeben, seine Eigenheiten, Schwächen und Vortrefflichkeiten zu erkennen, mich zu überzeugen, wie bei den verdienstvollen Menschen die einen nicht ohne die andern seyn können, und alle Liebe ohne gegenseitiges Ertragen nicht möglich ist. Doch, um nicht zu weitläufig zu werden, sage ich nur, daß es mir gelang, viele und sehr verschiedene Freunde zu erwerben; doch hatte ich noch nie das seltsame Gefühl kennen lernen, das mich zu einem Knaben hinzog, der in unsrer Familie aufwuchs und ein entfernter Verwandter von mir war. Er hatte nichts mit andern Kindern seines Alters gemein; er nahm an ihren Spielen nicht Theil; er sonderte sich ab, und lebte, seine Lehrstunden abgerechnet, ganz einer 184 träumenden Einsamkeit hingegeben. Da der junge Mensch schon früh seine Aeltern verloren hatte, so war sein Vormund, ein liebevoller Oheim, sehr um ihn besorgt. Fragte man Raimund, so hieß der Knabe, was ihm fehle, so antwortete er immer, ihm sei in der Einsamkeit unendlich wohl; ihn störe das Geräusch der Welt, er sinne sich und seinen Empfindungen nach. Hauptsächlich schien ihn eine Wehmuth über das Elend der Welt, über ihre Armuth und Krankheit zu durchdringen, vorzüglich über die Feindschaft und den Haß, den er so oft wahrnehmen mußte. Der Vormund wünschte, ihn zum Geschäftsmann heranzubilden, oder ihm doch die Fähigkeit zu verschaffen, das große Vermögen, das er für ihn bewahrte, künftig selbst verwalten zu können. Die Bemühungen aber, den Weichgestimmten mit den Verhältnissen der Welt bekannt zu machen, schienen immer vergeblich; denn so leichte Fassungsgabe sein feiner Geist sonst verrieth; wie er in Poesie, Musik und Natur Alles begriff, und sich das Schwierigste aneignen konnte; so schien ihm doch der Sinn für gesetzliche Verhältnisse, für alles das, was Besitz und Eigenthum sichert, für juristische Verwickelungen, Berechnungen und dergleichen, gänzlich verschlossen. Begriff er doch gar nicht einmal, wie es möglich sei, daß seine Capitalien Zinsen trügen. Er hielt dies, als er selbst schon erwachsen war, für ein Ergebniß, welches nur auf Betrug begründet seyn könne. Als Jüngling war er die lieblichste Erscheinung. Wir verhärten uns gewöhnlich, und wohl mit Recht, gegen die Sentimentalität; weil dasjenige, was die Menge so nennt und schwache Gemüther interessirt, nur eine Mischung von Heuchelei und falscher Süßigkeit ist, eine egoistische Zartheit, die gerade da verletzt und roh tyrannisirt, wo sie Liebe und Weichheit zeigen sollte. Aber in Raimund offenbarte sich etwas Himmlisches verkörpert, und die naivste Wahrheit, 185 die edelste Treue und Einfalt bildeten sein Wesen. Ich konnte oft in Gedanken beklagen, daß er späterhin doch zum Manne reifen und diese Wunderblume sich in Frucht verwandeln müsse. Er blieb immer menschenscheu; am meisten aber ängstigten ihn die schwatzenden und lachenden Mädchengesellschaften. Die meisten Menschen verspotteten ihn; ich allein verstand sein liebendes Gemüth; doch zitterte ich auch für ihn, wenn ich voraus dachte, wie ihm wohl einmal ein gleich gestimmtes weibliches Wesen begegnen könne. Dies geschah, und die Folgen waren erschreckender, als ich vermuthen konnte. Die schöngebildete Tochter eines reichen Hauses, schwärmerisch und scheu, lernte ihn kennen. Als wären die beiden Wesen nur für einander geschaffen, so schnell verstanden und vereinigten sie sich. Was ihr Glück störte, war der Oheim, obgleich er seinen Neffen so innig liebte. Er schien der Ueberzeugung, daß diese Leidenschaft nur zu Beider Unglück ausschlagen könne; er verweigerte durchaus seine Einwilligung zu ihrer Verbindung, bis Raimund großjährig geworden sei. Dieser härmte sich und sann und träumte nur Unglück. Blanka weinte; ihr Gram zog ihr ein Nervenfieber zu. Nun schien auch Raimund verloren. Er irrte in den Nächten im Felde umher, er verschmähte fast alle Nahrung, er wollte nur seinem Schmerze leben und sterben. Als sie die gefährliche Krise überstanden hatte, erlaubte sich ein Bedienter den grausamen Scherz, um ihn desto freudiger zu überraschen, ihm zu sagen, Blanka sei gestorben. Der Widerruf kam zu spät; sein ganzes Leben schien aus allen Fugen gerissen. Es währte nicht lange, so war er verschwunden; jede Nachfrage, jede Nachforschung umsonst. Sein Oheim, der Freiherr Eberhard ist außer sich; nun erst zeigt er, wie sehr er seinen Neffen geliebt; er macht sich die bittersten Vorwürfe, daß er jene Verbindung 186 gehindert; er zögert noch immer, als der nächste Erbe, das Vermögen des Unglücklichen als das seinige zu betrachten; er hofft noch immer auf seine Rückkehr, und beweint ihn doch schon als einen Verlornen. Blanka war seitdem in einem fürchterlichen Zustande, ich habe sie nicht wieder gesehn; ihre Aeltern verließen die Stadt, und ein ungewisses Gerücht wollte sagen, sie habe den Verstand verloren. Denken Sie nun die Freude, die mir der Brief machen mußte, der mir eine wahrscheinliche Spur meines jungen Freundes entdeckt. Wie werde ich den Oheim überraschen, wenn ich ihm etwas Gewisses melden kann! Der Arzt war nachdenkend. Eberhard, – sagte er sinnend, – ein Mann bei Jahren, zwei ungleiche Augenbraunen, und eben so ein braunes und ein blaues Auge? Auch schwebt mir dunkel vor, als habe ich aus seinem Munde selbst die Geschichte, die Sie mir jetzt mittheilen, gehört; nur erzählte er die Umstände anders. Ihre Beschreibung paßt auf ihn, sagte der Rath; er ist von der Natur so sonderbar gezeichnet, daß man ihn nicht leicht verkennen kann. Wie seltsam, fuhr der Arzt fort; wenn es dieser seyn sollte! – er spielte in meiner Vaterstadt eine wunderliche Rolle, und bewarb sich noch ganz kürzlich um eine Schauspielerin, die nicht den besten Ruf hatte. Dann ist es dieser doch nicht, sagte der Rath; er lebt einsam, eingezogen, ja neigt eher zu einer übertriebenen Frömmigkeit hin. Man kam dahin überein, am folgenden Tage abzureisen; denn im Dorfe eines einsamen Gebirges sollte der Jüngling, von dem der Rath Nachricht erhalten hatte, im Hause eines Predigers leben. 187 Es war einige Zeit verflossen, in der sich der junge Wolfsberg an seinen Aufenthalt und seine Lage gewöhnt hatte, und da er sich immer ruhig betragen, so trat eines Tages sein Freund, der kleine Friedrich, in sein Gemach, that einen kurzen Sprung, zuckte die Schultern, verzog sein blasses Gesicht zum Grinsen und sagte. Jetzt werden Sie einer von den unsern; der Alte schickt mich, Sie möchten in den Gesellschaftssaal hinunter kommen. Sind viele Leute dort? fragte der Baron. Je nun, eine hübsche Gesellschaft; bald mehr, bald weniger; mancher reiset dann auch wieder ab, und so habe ich vorige Woche einen meiner besten Freunde auf der Welt verloren. Sie traten in den untern großen Saal, und Wolfsberg, der so lange in der Einsamkeit und im kleinen Zimmer gelebt hatte, war so vom Licht, von der Gesellschaft und dem weiten Blicke über die Ebene und das Waldgebirge hin geblendet, daß er sich nur schwer fassen konnte, und einige Zeit brauchte, um sich mit allen diesen Gegenständen, vorzüglich aber mit den Menschen in dem großen Gemache bekannt zu machen. Der Direktor ging mit großen Schritten auf und nieder, noch finstrer, als er gewöhnlich war; er schien nur seinen Gedanken nachzuhängen, und sich um die Gesellschaft nicht zu kümmern. Er bemerkte auch den Eintretenden nicht, und erwiederte nichts auf dessen Gruß. Zwei Männer spielten mit großer Anstrengung und gespannten Mienen Schach; in einer Ecke las ein Andrer in einem Buche, lächelte zuweilen, oder schüttelte den Kopf, machte auch zuweilen Geberden der Billigung, so daß er völlig mit seinem Autor beschäftigt schien. Auf einem Lehnstuhle war ein Mann eingeschlafen, der durch sein rothes Kleid auffiel; noch mehr dadurch, daß sein Kopf von einem großen dreieckigen 188 Hute bedeckt war. Starr nach dem Himmel und dessen Wolken war der Blick eines Andern gerichtet, der einen Maaßstab in der Hand hielt, dessen Zolle er dann immer wieder von Neuem überzählte. Drei seltsame Gesichter standen abseits, und stritten lebhaft. Der eine von diesen Männern war sehr beleibt; sein Kopf aufgedunsen, die Augen waren fast verschwollen, er krächzte mehr, als er sprach, und stach um so mehr gegen seinen schmalen langen Nachbar ab, dessen Gesicht so dürr und bleich erschien, daß man kaum noch Lippen darauf wahrnahm, indem die großen blauen Augen aber desto auffallender hervor leuchteten. Der dritte Redner lachte beständig mit seinem großen, aufgeworfenen Munde, und zerrte die wundersamsten Linien in seine kupfrigen Wangen hinein. Wolfsberg sah sich um, von seinem getreuen Friedrich Einiges über diese sonderbare Versammlung zu erfahren; dieser aber war verschwunden, und er mußte also selbst Bekanntschaft zu machen suchen. Er näherte sich den Schachspielern, und sah beim ersten Blick, daß beide Könige im Schach standen, ohne daß es die Streitenden trotz ihrer angestrengten Aufmerksamkeit bemerkten; aber seine Verwunderung stieg noch mehr, als man den weißen Thurm nahm, ihn schräg über das Brett zog, mit ihm einen Läufer schlug, und ihn darauf neben den König stellte. Der braune König retirirte nun behende als Springer, und ein weißer Springer nahm mit einem Satz im Zickzack drei Bauern zugleich weg. Wie, meine Herren, rief Wolfsberg aus, Sie spielen ja ganz gegen die ersten Regeln! – Was? rief der eine, tiefsinnig vom Brett aufsehend; sehn Sie einmal, durchlauchtiger Kriegsgefährte, der Neuling will uns wohl Schach spielen lehren? – Nehmen Sie es dem Grünling nicht übel, erhabener Mann, antwortete die andere Figur: er ist augenscheinlich nicht in die Geheimnisse des 189 Cosroes und die alte orientalische Spielweise eingeweiht; er weiß es ja nicht, daß Sie einer der Urindianer sind, großer Geist, und will nun seine Fibelweisheit hier scheinen lassen. Wissen Sie, junger Abendländer, Vandal, oder Gothe, vielleicht Slave, – man spielt hier nicht mit Brett und Schritt und Sprung, wie in den Westländern; unser freier Geist erkennt weder die conventionelle Würde des Königs, noch den niedern Rang der Bauern, sondern wir spielen nach Sympathie, in jenem Geist, der alle Welten nach unsichtbaren Gesetzen zusammenhält! In jeder Nacht hat mein Freund eine neue Inspiration, am folgenden Tage bin ich inspirirt; dann erräth der andre durch hochgetriebenen Instinkt, welch neues System sein Mitspieler ersonnen hat und geht in seine Mysterien ein. Das ist gar eine andre Vielseitigkeit, als das moderne Hin- und Herrutschen der Figuren. Das ist freilich eine andre Sache, sagte Wolfsberg, indem er sich zurück zog. Er näherte sich dem Lesenden, sah aber zu seinem Erstaunen, daß dieser das Buch verkehrt hielt, und rückwärts die Blätter umschlug. Wie, mein Herr, sagte er höflich, sind Sie so zerstreut, daß Sie nicht bemerken, wie man auf diese Art nicht lesen kann? Oder sind Sie der Kunst etwa gar nicht mächtig? – Der Lesende stand schnell auf, machte ihm eine sehr tiefe Verbeugung, sah ihn an, beugte sich noch tiefer, und sprach dann mit einer lispelnden Stimme und mit überhöflichem Tone: geruhen dieselben gütigst zu bemerken, mein verehrter Herr Unbekannter, daß es denenselben gefällt, sich wie ein wahrer Einfaltspinsel auszudrücken. Nicht etwa, daß ich in Ihre eben so tiefen, als ausdrücklichen Einsichten einen Zweifel setzen wollte (fern sei von mir ein solcher Frevel!), so scheint es mir doch einleuchtend (möchte ich Sie auch übrigens anbeten), daß Sie mit der crassesten Ignoranz über eine 190 Wissenschaft sich äußern, die freilich Ihrem elenden, kurzen, stümperhaften Horizonte weit entwachsen ist. Was? Weil ich etwa nicht von vorn lese, oder das Buch verkehrt halte, darum könnte ich nicht lesen? Ja, und wenn ich nun selber keinen Buchstaben wüßte, armer Hergelaufener, und ich nähme das Buch nur mit Glauben und Andacht in die Hand, könnte es nicht auch in mich übergehen? Habt Ihr denn wohl schon oft lesend gelesen, und verstehend verstanden? Ja, Druckerschwärze und die krausen Figuren sind Euch in die Augen, Geruch von Leim und Papier in die Nase gekräuselt, und dazu habt Ihr eine Physiognomie geschnitten, wie Schafe beim Gewitter, und meint alsdann, Ihr habt Weisheit in Euch geschlürft, oder seid Eurem berühmten Autor gar noch über den Kopf gewachsen! Bester Nichtdenker, verehrter Strohkopf, ich war seit Jahren Recensent, thätig und einsichtsvoll, gewöhnte mich ans Blättern und hatte immer um so mehr Urtheil, um so weniger ich las; ich brachte es zu der Höhe, daß ich kaum den Titel anzusehn brauchte, nur, wo verlegt, so hatt' ich das ganze Buch weg. Ist das etwa keine Kunst? Seit ich mich in diese Einsamkeit zurück gezogen, habe ich, weil ich ein demüthiger Charakter bin, wieder zu lesen angefangen; aber warum denn von vorn? Das Ende ist mein Anfang, und da ich mich längst geübt habe, die Schrift umgekehrt zu erkennen, so wäre es mir nun gar nicht mehr möglich, auf Eure dumme, hirnlose, völlig altfränkische Art die Sache zu treiben. Und wo ist denn der Anfang, der anfinge, Ihr Gimpel? Setzt nicht das erste Verslein im Mose schon einen andern Anfang voraus? Und wenn wir den fänden, wiese er dann nicht wieder auf ein Voriges? O Ihr Bettelmann der Gegenwart und Dürftigkeit! ein Ende giebt es; ja in Eurem Verstande; mit dem seid Ihr längst zu Ende! – Er 191 verbeugte sich hierauf wieder sehr tief und beschloß: Verzeihung, Verehrtester und Einsichtsvollster aller Trefflichen, wenn ich, so tief ich auch unter Ihnen stehe, nur durch ein geringes Scherflein habe andeuten wollen, wie sehr ich mich bestrebe, Ihre Meinung zu fassen, und gewiß nicht wagen werde, Ihnen irgend in Hauptansichten zu widersprechen, sondern nur submissest einige kleine Zweifel, welche die Bitte um Belehrung enthalten, entgegen zu schütten, und dadurch nur Veranlassung gebe, noch tiefer Ihr tiefes Ingenium und noch klarer Ihren klaren Geist, noch glänzender die Glanz-Atmosphäre Ihres Wissens, Denkens, zu entwickeln, – und enfin, excellenter Mann, ich verstumme. Heiliger Himmel! rief Wolfsberg mit Entsetzen aus, denn er erkannte nun erst, indem er noch einen hastigen Blick auf alle Gruppen warf, wo er sich befinde, – ich bin in einem Narrenhaus! Wer hat die Unverschämtheit gehabt, mich hieher zu versetzen? Bei diesem lauten Ausruf und dem Worte Narrenhaus wurden plötzlich alle Thoren aus ihren stillen Gesprächen und Speculationen aufgeschreckt. Der Beobachter ließ seinen Maaßstab fallen und rannte herbei; der Aufgedunsene, der Bleiche, so wie der Kupferfarbene liefen schreiend herzu; die Schachspieler sprangen auf; der Lesende machte ein grimmiges Gesicht, und der schlafende Rothrock erwachte, indem er zugleich eine kleine Peitsche aus dem Busen zog. Was? Wie? schrieen Alle und tobten durch einander – ein Narrenhaus? Herr! Wissen Sie, was Sie sprechen? Er wird auch nicht für die Langeweile hier seyn, sagte der große kräftige Mann im rothen Rock, und er darf mir nicht viel gute Worte geben, so lasse ich ihn hier, so wie meine Pygmäen, tanzen, bis die bösen Geister aus ihm gefahren sind. Und wo sollten Sie denn sonst seyn, lieber Mann, 192 schrie der Direktor zornig, der den verwirrten Haufen theilte und jeden zur Ruhe verwies; wenn Sie sich aber so aufführen und sich in Gesellschaft nicht zu nehmen wissen, so werden wir Sie wieder auf Ihr kleines Stübchen einquartiren müssen. Dies Wort zu nennen, was Sie gebrauchen, schickt sich in diesem Hause gar nicht, und schon aus Achtung vor mir müssen Sie es vermeiden! Und wer Sie hieher gesandt hat? Männer, denen Sie nicht verweigern werden, Gehorsam und Ehrfurcht zu bezeigen! Wolfsberg war still und nachdenkend geworden, und der Rothgekleidete rief: hab' ichs nicht gesagt? indem er zugleich die kleine Peitsche nahm und eifrig gegen alle Wände des Saales schlug, bis er außer Athem und ganz kraftlos war. Der Director wandte sich unwillig ab, und als der Ermüdete sich wieder in seinen Sessel geworfen hatte, trat Wolfsberg zu diesem und fragte: was machten Sie eben, und was hat diese Anstrengung zu bedeuten? Was? rief Herr Kranich aus (denn so nannten ihn die Uebrigen), Herr, wenn ich nicht wäre und die Augen immer offen hätte, so wären Sie und alle Uebrigen hier verloren; ja, ich möchte wohl wissen, was von der Welt sonderlich übrig bleiben würde. Sie sehn es nicht, wie diese verdammten Pygmäen, kleine böse Geister, mich allenthalben verfolgen, Gesichter schneiden, und alles Uebel auf Erden anrichten. Von diesen rührt auch Ihre Verstockung her, daß Sie nicht einsehn wollen, was an Ihnen ist; von diesen kleinen Creaturen entspringt alles Unglück, und ich muß sie unaufhörlich bewachen, um nur zu verhüten, daß sie nicht das Aergste ausüben. So war Alles wieder beruhigt, als man einen Landedelmann mit seiner Familie anmeldete, die sich das Haus betrachten wollten. Ein ältlicher Mann trat lächelnd 193 herein und sah sich selbstgenügsam um; ihm folgte eine erwachsene Tochter, blöde und einfältig, und ein ebenfalls erwachsener Sohn, der sich gleich das Ansehn gab, als wenn er hier zu Hause gehöre. Der Director fuhr sogleich barsch auf sie zu, und fragte heftig, was zu ihrem Befehle sei. Gott bewahre! stammelte der Edelmann, indem er scheu zurück trat; ist denn hier kein andrer ruhiger Mann, der uns herumführen, und die Merkwürdigkeiten zeigen kann? Der Director sammelte sich wieder und sagte in sanftem Tone, daß er selbst der Vorsteher dieser Anstalt sei, und daß er sich ihm und dem kleinen Friedrich, der sich unterdessen wieder herbei gemacht hatte, getrost anvertrauen könne. Sie gingen hierauf friedlich durch den Saal, ergötzten sich an der Aussicht und betrachteten die Gesellschaft aus der Ferne, als sich der Kupferfarbene herbei machte und um die Erlaubniß bat, etwas vorzutragen. Meine beiden trefflichen Schüler, fing er an, möchten heute einen poetischen Wettstreit halten, wie er bei den alten Griechen wohl üblich war, und es trifft sich gut, daß einige Fremde, als ganz unbefangene Zuhörer zugegen seyn können, um über die Verdienste meiner begeisterten Scholaren nach reifer Prüfung ein Urtheil zu fällen. Er winkte, und der lange Blasse, so wie der Beleibte mit dem verschwollenen Gesichte näherten sich. Die Uebrigen schlossen einen Kreis; der Lesende drängte sich am nächsten, und der Pygmäenbekämpfer sah kritisch umher, ob auch keine bösen Geister die poetische Unterhaltung stören möchten. Der Mann mit der Kupfernase wandte sich hierauf an den Edelmann, den er freundlich bei der Hand nahm und ihm die Tressen seines grünen Kleides streichelte. Englischer Mann, sagte er zärtlich, verstehen Sie wohl Galimathias zu sprechen? 194 Nein, sagte jener; was ist das für eine Sprache? Schade, fuhr jener fort; da werden Sie es nur halb genießen können, denn etwas wenigstens sollten sich wohl alle Menschen damit befassen. Es ist zu verwundern, wie wenig wir immer noch auf unsre eigentliche Ausbildung wenden. Tretet zuerst vor, mein theurer Freund und Schüler, würdiger Troubadour und Meistersänger! Der Aufgeschwollene räusperte sich, athmete rief auf und sprach dann schnell, aber mit einer krähenden Stimme: Sind wir nicht alle innigst von dem Gefühle durchdrungen, daß, wenn eine Krebsmoral erst an der tiefsten Wurzel der Menschenschicksale nagt, kein einziges Schaalthier mehr auf den Höhen der Gebirge wird gefunden werden? Gewiß, meine Theuersten, schlägt jeder mit erneuertem Mannsgefühl auf seine Brust, wenn er bedenkt, daß bei dem siderischen Einfluß, den jede Theemaschine auf die Verflechtung innerer Organe und Inspirationen unbedenklich ausströmt, die alten Germanen nimmermehr ihren Wodansdienst ohne Hülfsleistung abnormer Zustände und tief empfundener mikroskopischer Ansichten würden haben durchsetzen können. Denn hier kommt es ja nicht auf ein oberflächliches, leichtgewagtes Entdecken vulkanischer Revolutionen an; sondern die Menschheit selbst ruft das in uns auf, was schon im Anbeginn der Zeiten reif und heterodox, aber im galvanischen Mittelpunkt unendlicher Verschlossenheit, tief und geheimnißvoll gebrütet hat. War es denn nicht auch damals dieselbe große Schicksalskatastrophe und Weltumschwungsaxiomatische Wunderbegebenheit, als dasjenige, was man bis dahin nur für orkanische Centripetalkraft abgewogen hatte, sich plötzlich als das ungeheure Irionsrad schwärmerischer Antediluvianer manifestirte? So merken wir, ist unsre Seele anders nicht völlig aphoristisch gebildet, und im Mausoleum hyrkanischer 195 Waldgötter anticipirt worden, daß umgekehrte Verhältnisse sich immer wieder zu Kegelausschnitten gestalten, wenn die Galaxie der Planeten sich in ekliptische Rodomantaden verwandeln möchte. Aber festhalten müssen wir einen Gedanken, daß die Hieroglyphen immer nur wieder Apostrophen ausgebären können, wenn wir nicht mit den conglomerirten Gnostikern annehmen wollen, daß die Hypotenuse der Polarvölker immer wieder in die materiellste Abstraction der eleusinischen Pyrrichien verfallen müßte, an welchem Irrthum auch schon der berühmte Johann Ballhorn in seinem großen granitgebundenen Werke vom Phlogiston der Polypenkrater verstorben ist, da er ein Apostem der großen alchemistischen Tinktur mit den rauschenden Katarakten der Amathontischen Apodiktik, mehr als ihm billig zugegeben werden konnte, verwechselt hat. So hoffe ich denn bewiesen zu haben, daß immer und ewig das große Geheimniß der peloponnesischen Antithese klar und verständlich ist ausgesprochen worden. Gewiß! sagte der Edelmann. Sublim! rief der Leser aus. Ein Beifallsmurmeln ertönte aus der dichtgedrängten Umgebung. Nun, Görge, was meinst Du? fragte der Edelmann, indem er sich an seinen Sohn wandte, der mit starren Augen und offnem Munde zugehört hatte. Ich wollte nur, antwortete Görge, unser Herr Pastor wäre hier, der den Mann vielleicht widerlegen könnte; denn seine Reden klingen fast eben so. Nun höre man aber auch, rief der Kupferne, meinen zweiten Zögling, den edeln, sanften Musenliebling. Die lange, hagre Gestalt trat hervor und klagte in einem weinenden, schnell singenden Tone also: Ist nicht die Liebe und immer nur wieder die Liebe das hoch erhabne 196 athletische Bildwerk der ächten attischen Hybla-akademischen, süßflötenden Nachtigallen-Atmosphäre? Wer möchte sich der Thränen enthalten, wenn flutende Herzenslustren im Umschwung der zartesten Cicaden-Gesinnung nicht endlich einmal zur Vollendung einer umarmenden Schicksals-Apotheose hinstreben sollen? Denn das Bildwerk liebender Gestirne ist ja doch nur ein Abglanz häuslicher und mattherzig rührender Sarkophag-Mumien-Attribute; vorausgesetzt, das fromme kindliche Gemüth hat sich schon in eine Phaläne von träumerischen Allegorieen verwandelt, und ist die ganze sublunarische Etymologie der peripatetischen, eben so großartigen, als herzergreifenden Sylbenstechereien uralter Religionsentzündungen durchgegangen. Fragt sich einzig nur: hat ein kryptogamisches Pfeifergericht von enggetriebenen Bildwerken nicht immerdar den Blumenstaub somnambulistischer Zustände auf hydraulische Weise mit Prophetenencyklopädieen vorher verkündigt? worauf die mathematische Antwort lautet: so gewiß der Umkreis der Welt einzig in den Umfang sanfter Cirkelschwingungen gebannt ist, so gewiß hat auch jede Periode und bacchische Begeisterung im Lichtscheine der erotischen Neufundländer Sitz und Stimme gefunden. Denn, was ist es denn, was das Echo unsrer Brust ewig beweint? Nicht wahr, daß noch kein Sterblicher in das Universal-Paradoxon der Himmelskräfte hat einschlüpfen können? Aber dennoch sagen uns begeisterte Seher, daß das Berlappenmehl dazu diene, den Blitz der Götter, so wie alle diagonale hochgefeierte Perioden des Immateriellen zu erschöpfen, wenn wir nicht vergessen, daß Phidias darum der Große genannt wird, weil er zuerst die petrarkische Elegie in der neuen Ausgabe der Homilien hat mit Vignetten in einen großen Salat von Vergißmeinnicht bei den Olympischen Spielen verzehren lassen, was eben die Ursache war, daß 197 Romeo und Julia sterben mußten, so sehr sie auch vorher auf Pardon vom Könige von Abyssinien rechnen durften. Aber das ist das Große und Erschütternde eben in den edelsten Lebensverhältnissen, daß die Liebe des Herzens immer wieder auf die reine und unreine Mathematik angewendet werden soll, was doch kaum dem Platonischen John Bull möglich gewesen ist, mit Hülfe seines Freundes, des großen Eklektikers Pope, vermöge seiner Stanzen und der noch berühmtern Parlamentsreform einzuführen. Daher bleibt unserm Leben diese ewige Trauer, daß jede Sonnenblume in Oel kann verwandelt werden, wenn wir umgekehrt niemals einen Tropfen Oel in Blumen, ja kaum in Sonnen umschmelzen können; daher ist die Thräne an unsrer Wimper ein zartes Herzenssiegel, welches tropfend beurkundet, daß wir alle nur Blindschleichen und arme Würmer sind. Dies herzzerreißende Gefühl mitzutheilen, habe ich mich nicht enthalten können. Die Tochter des Edelmanns weinte und sagte: Ja wohl, ist unser Leben nur ein zerbrechliches Geschirr! Der Lehrer aber sah triumphirend umher und fragte: nun, meine Freunde, welchem würden Sie den Preis zuerkennen? Das zweite, sagte das junge Mädchen, war mehr für das Herz, das erste mehr für den Geist. So ist es, sagte Herr Kranich; der lange Herr Melchior hat die beste Rede gehalten, wir sind Alle gerührt; dazu hat er eine Stimme wie eine Nachteule oder Unke, die Thränen laufen einem über die Nase, man weiß nicht wie. Ja, meine theuern Freunde und Sie, verehrte fremde Zuhörer, sagte der beleibte Lehrer, ich bin stolz darauf, daß ich in diesen beiden Männern diese großen Talente habe wecken und zur Reife führen können. Diese sokratische Hebammenkunst ist es, in welche ich meinen Stolz setze, da ich 198 selber nichts dergleichen hervor bringen kann. Aber meine Schüler werden mich unsterblich machen. Doch soll der liebende, herzliche Melchior seines Kranzes nicht entbehren. Er heftete diesem einen Stern von Blech an die Brust, mit welchem der lange blasse Mann sich brüstend durch den Saal schritt. Der Aufgedunsene ging verdrießlich in eine Ecke und murmelte: Abgeschmackter Kerl! Er hat doch durchaus keinen Begriff vom Aechten! Ich von ihm gelernt! Ja, freilich, wenn ich solche Alfanzereien spräche, wie die aschgraue Hopfenstange! Ruhig, großer Mann, sagte der Lesende, der ihm nachgegangen war; das Erhabene wird nie verstanden, so ist es vom Anfang der Schöpfung gewesen. der größere Sophokles wurde eben so vom süßlichen Euripides verdunkelt; Terenz mußte Seiltänzern weichen; Phidias ward verkannt; Dante aus seinem Vaterlande vertrieben. Lassen Sie den Narren mit dem alten Stückchen Blech laufen; Ihr Herz sei Ihr Elysium, und morgen werde ich Ihnen eine zinnerne Schnalle bringen; heften Sie diese an Ihre erhabene Brust und verachten Sie den Gegner. Der Edelmann hatte sich indessen wieder mit dem Sokrates ins Gespräch eingelassen, und bewunderte am meisten, daß die beiden Proberedenden diese Fülle von Gedanken und gelehrten Materien so aus dem Stegereif hätten hersagen können. Begeisterung, rief der Sokratiker, ist Alles, sie haben ihr Gemüth gesammelt, und dann aus dem Mittelpunkt ihres Wesens den rauschenden Springquell der Suada hingeströmt. Ich kann niemals, äußerte der Edelmann, gegen meinen Pfarrer zu Worte kommen; wären Sie nun capabel, mir auch die Zunge zu lösen, daß ich so wie ein Advokat oder Prokurator zu reden wüßte? 199 Der Director zupfte kopfschüttelnd den Edelmann am Rocke; dieser sah sich verdrießlich um, indem der finstre Mann zu ihm sagte: lieber Mann, Sie verweilen offenbar zu lange in dieser Gesellschaft; dieser Umgang kann Ihnen unmöglich gut bekommen. Indem erhob sich ein lautes Getümmel am andern Ende des Saales. Lassen Sie mich ungeschoren; rief der junge Wolfsberg laut, ich müßte ja selbst unsinnig seyn, wenn ich dergleichen Unsinn bewundern, oder mir auseinandersetzen wollte, welche von den beiden abgeschmackten Reden die bessere sei. Die erste ist aber die bessere, rief der Lesende, und wenn Sie keine Kritik mehr respectiren wollen, so ist es mit Ihrem eigenen Verstande nur schwach bestellt. Und was nennen Sie denn Unsinn, Bester? O mein verehrter Widerwärtiger, hundert Meilen wollte ich reisen, wenn ich dergleichen doch nur einmal in Wahrheit anzutreffen wüßte. Das ist ja mein Jammer, daß ich mich schon seit länger als zehn Jahren damit abquäle, einmal den Unsinn zu finden. Aber rutschen Sie durch zehn Schauspielhäuser, und wenn Sie in jedem flüchtig auch nur ein paar Secunden verweilen, so hören Sie leider allenthalben etwas leidlich Vernünftiges; ja was noch schlimmer ist, die zehn kurzen Fragmente aus dem Trauer- und Lustspiel, aus dem Familiengemälde und der Posse, aus der Oper und dem Nachspiel, werden zusammen noch einen passabeln Satz formiren, über den sich sprechen läßt. Ein Blättchen, das Sie finden, ein Wort, das Sie aus dem Fenster hören, ein Gespräch aus einer vorüberrollenden Kutsche, Alles, Alles will leider noch etwas Verständiges aussprechen. Habe ich es nicht damals, als ich diese Liebhaberei zuerst bekam, an mich gewandt, die brillantesten Romane und Schauspiele, die verrufensten Broschüren anzukaufen und zu 200 lesen, weil ich von allen Seiten hörte, daß Unsinn darin vorkäme. Nichts da! Eine alberne dumme Vernünftigkeit fand ich allenthalben, daß die Sachen mich auch gleich anekelten, eine miserable Lust, hie und da über die Schnur zu hauen, und gleich zum alltäglichen Verstande, wie Kinder im Finstern zur Mutter zurück gelaufen. Ja, mein Herzensfreund, in allem dem Geschwätz über Liberalismus und Monarchismus, in diesen Schilderungen von Riesen, Rittern und Pferden, in den Elementargeistern und Gespenster-Katzbalgereien, in dieser frömmelnden, liebesiechen Inspirationssucht ist immer noch kein rechter Aufschwung; allenthalben die kalte Vernunft; die Philisterei der Philisterei; und so sehr ich unsern Demosthenes oder Aeschylus hier in seiner ersten Rede verehre, so möchte ich sie doch nicht so übertrieben loben, daß ich sie unsinnig zu nennen wagte, denn jeden einzelnen Satz würde ich zu beweisen unternehmen und auch zeigen können, wie innig alle unter einander zusammenhangen. Von der zweiten Rede kann gar nicht die Rede seyn, denn sie war ganz trivial. Der verschmähte Redner hatte sich indessen die Zinnschnalle aus dem Zimmer des Lesenden geholt, und stolzirte mit diesem Schmucke schon im Saale auf und ab. Der Blasse wollte ihm die Auszeichnung nicht gönnen, weil sie seinen eignen Ruf zu beeinträchtigen schien. Er ging daher auf den Usurpator zu, und suchte ihm das glänzende Zeichen zu entreißen; dieser aber wehrte sich und wurde vom Recensenten vertheidigt. Die Schachspieler nahmen dieselbe Partei, indessen der Denker mit dem Maaßstabe den sanften Melchior zu beschützen strebte. Der Edelmann und Wolfsberg standen in der Mitte, und da sich bald aus dem Gezänk ein Stoßen und Schlagen entwickelte, so zog der Pygmäen-Bekämpfer seine kleine Peitsche hervor, und schlug ohne 201 Unterschied unter beide Parteien hinein, indem er behauptete, daß er allenthalben auf Rücken und Schultern jene bösen Geister wahrnehme, welche nur aus Bosheit diesen Zank und Streit unter Menschen erregt, die bisher immer als befreundete Wesen mit einander hätten leben können. Der Director fuhr ebenfalls tobend dazwischen, und durch seine drohenden und ernstlichen Worte ward der Friede endlich wieder hergestellt, obgleich Wolfsberg und der Edelmann, beide als unschuldige Zuhörer, manchen Streich davon getragen hatten, weil es die boshaften Pygmäen-Geister nicht unter ihrer Würde gehalten hatten, diese neutralen Leiber während des Krieges besetzt zu halten. Der Edelmann verließ die Anstalt sehr verdrießlich, und sein Sohn Görge begriff nicht, wie eine so lehrreiche Unterhaltung ohne alle Veranlassung eine so kriegerische Wendung hatte nehmen können. Friedrich hatte, seiner sanftmüthigen Gemüthsart nach, den letzten Krieg nur ungern entstehn sehn. Er zog sich früh zurück und beklagte aus der Ferne seinen jungen Freund, zu dem er sich tröstend gesellte, als der Friede wieder hergestellt war. Sie gingen in den beschränkten Blumengarten. Da Sie nun, Theuerster, im Grunde ein freier Mann sind, so fing der Kleine an, so will ich Ihnen heute in der Nacht etwas mittheilen, was für uns beide von dem größten Nutzen seyn kann. Wolfsberg war überzeugt, daß es nichts Geringeres, als die Mittel, sich frei zu machen, betreffen könne. Er ging zur Gesellschaft zurück und erwartete mit bangem Gefühl die Dunkelheit. Gegen Mitternacht ward sein Zimmer eröffnet, der Kleine trat mit einer Laterne herein, und winkte seinem 202 Freunde mit stummer Geberde. Wolfsberg folgte schnell, und schweigend stiegen sie die große Treppe hinunter. Das Hausthor war verschlossen, und als Wolfsberg die Klinke ergriff, schüttelte der Kleine sehr unwillig mit dem Kopfe und zeigte heftig nach einem Winkel hin. Der junge Mann folgte seinem Führer; sie stiegen eine andre Treppe hinab, und befanden sich jetzt in einem weitläufigen Gewölbe. Nun fand der ängstliche Freund endlich seine Sprache wieder. Hier sind wir sicher, nicht behorcht zu werden, sagte er flüsternd; dies sind die Kellergewölbe des großen Hauses. – Ich dachte, Sie wollten mir den Weg zur Freiheit zeigen, sagte der Baron. – Nicht daran zu denken, bester einziger Freund; das Thor ist doppelt verschlossen, dann müßten wir noch über den Hof und die äußere große Thür aufmachen, die der fatale Portier bewacht, mein größter Feind in der Welt, der niemals Vernunft annimmt, und sich von allen Menschen für den Klügsten hält. – Was machen wir aber hier? – Wenn es uns gelingt, liegt hier mehr, als Ihre Freiheit. – Wie meinen Sie das? – Nur still, unten sollen Sie Alles erfahren! Sie stiegen noch tiefer hinab. Im fernsten Winkel setzte sich nun Friedrich nieder, stellte die Laterne neben sich, und Wolfsberg sah zu seinem Erstaunen Hacke und Spaten auf dem Boden liegen. Die Erde war dort schon aufgewühlt, und als der Baron seinen Führer fragend und erstaunt betrachtete, lächelte dieser mit dem Ausdrucke der größten Verschmitztheit, zog den Andern neben sich nieder, und nachdem er ihn feurig umarmt hatte, sagte er endlich: liebster Baron, Ihnen vor allen Menschen gönne ich das Glück, dessen Sie hier theilhaftig werden können; hieher folgt uns kein Neid und keine Beobachtung, diese Gegend der Gewölbe wird niemals besucht; hier können wir mit geringer Anstrengung und in 203 kurzer Zeit einen Schatz entdecken, der uns über alle Sorgen der Zukunft hebt, ja uns zu den angesehensten Männern der ganzen Provinz macht. Ich habe niemand da oben etwas von dieser Entdeckung sagen mögen; denn alle jene Menschen sind mehr oder minder gemeine Naturen, wozu noch kommt, daß sie alle einen Stich von Narrheit haben, der sie mir höchst widerwärtig macht. Dem Director mag ich von meinem Funde gar nichts mittheilen; er würde in seiner hochfahrenden Superklugheit thun, als wenn er mir nicht glaubte, und hernach stillschweigend für sich arbeiten lassen; denn er ist ein sehr mißgünstiger Mann und beim Lichte besehn ohne Verstand; er stellt sich viel klüger an, als er wirklich ist, und da er das Regiment im Hause hat, so darf ihm Keiner viel widersprechen. Nun, lieber, hochgeehrter Freund, hier nehmen Sie den Spaten und arbeiten Sie! Aber, sagte Wolfsberg, wie kommen Sie nur zu dem Glauben, oder der Einbildung – – Still! still! rief der Kleine im größten Eifer, nur ums Himmels willen keine Zweifel in dieser feierlichen Stunde ausgesprochen, sonst ist Alles verloren. Kennen Sie die Wünschelruthe und ihre Wirkungen? Nein, sagte Wolfsberg verwirrt und schüchtern. Haben Sie wohl Wirkungen des Magnetismus gesehen, und glauben Sie an die Wunder dieser Wissenschaft? Ich habe mich nur wenig um dergleichen Gegenstände bekümmert, antwortete jener, und kann also auch nicht einmal sagen, ob ich an die Seltsamkeiten, die man davon erzählt, glaube oder nicht. O Sie unverständiger Mann, rief der Kleine im größten Eifer aus, so muß ich ja also dem Blinden von der Farbe predigen! Indessen, was thuts? Glaube und Ueberzeugung werden Ihnen schon, wie zahme Hündchen, in die 204 Hände laufen. Sehn Sie, ich bin schon eine Anzahl von Jahren Unteraufseher in diesem Hause. Ich sage nicht etwa deßwegen Unteraufseher, weil wir jetzt hier im untern Theile des Hauses eine gewisse Aufsicht führen; sondern Sie verstehn mich schon: ich meine, ich bin so fast nach dem Director der wichtigste Mann hier, wie Sie auch wohl werden bemerkt haben; nur der verdammte Thürhüter will keinen Respect vor mir haben. Nach einer Nervenkrankheit, wie es die trivialen Aerzte nennen, fand ich mich schon vor vielen Jahren als einen verwandelten Menschen wieder. Freund, da war mir ganz so zu Muthe, als wenn einer meinem inwendigen Geiste Hosen und Weste aus-, ja noch die Haut dazu abgezogen hätte, so daß er nun niemals mehr zerstreut, oder dumm, oder langweilig war. Sie werden mich nicht ganz verstehn, thut aber auch nichts zur Sache. Es ist nämlich so: ich konnte von dem Augenblicke an überirdische Dinge begreifen und fassen, nicht mit meiner alltäglichen Vernunft; sondern in meinem inwendigsten Geiste hatte sich noch ein eignes kleines und feines Verständchen angesetzt, das dergleichen begriff, und da der Geist nun nicht mehr bekleidet war, und auch keine dumme Haut mehr über sich hatte, so konnte Ich, der Lebendige, der hier draußen steht und mit Ihnen spricht, so frischweg in jene meine unsichtbare Creatur hinein sehn und Alles capiren. Capiren Sie mich? So halb und halb, sagte Wolfsberg, Sie drücken sich etwas figürlich aus! Außerdem aber, fuhr Friedrich fort, wurde ich gewahr, daß ich in fremde Leute hinein sehn konnte. Schaut's! jetzt laufen Ihnen die Gedanken wie Ameisen durch Ihren Kopf, und einige schleppen sich dummerweise mit kleinen Steinen, Holz, albernen Zweifeln. Da rennt eben eine großmäulige Ideenassociation in der inwendigen Gegend des Ohres, und 205 schreit, daß Alles, was ich Ihnen vortrage, aberwitziges Zeug sei; und nun fliegt eine kluge Gedankentaube mit dem Oelzweig hintennach und meint, man könne es denn doch noch nicht wissen. Husch! rennen die übrigen Gedanken in den Winkel und sitzen gluckend wie die brütenden Hühner da. Ja, ja, Herr Baron, ich weiß wohl, wer Sie sind. So? fragte Wolfsberg in der größten Spannung. Ja wohl, sagte der Kleine ganz ruhig, kein Graf, wie unser mürrischer Director meint, – he he he! Sie sind auch kein Baron, Sie Vocativus, Sie! Ich dächte doch, sagte Wolfsberg verwirrt. Mir können Sie nichts weißmachen, fuhr der Wahrsagende fort, denn ich weiß ja Alles: ja, ja, alle Ihre Streiche und Kniffe könnte ich Ihnen an den Fingern hersagen; aber still! wir sind ja alle Menschen, und Sie bleiben bei allem dem immer ein großer Mann. Ein sehr großer Mann, und ein berühmter Mann sind Sie, einer von denen, die die Nachwelt noch nennen wird! Haben Sie erst, was Sie brauchen, so werden Sie auch weiser werden, und das kann ich Ihnen schaffen, und vertraue dabei Ihrer Großmuth, daß Sie nicht allzu ungleich mit mir theilen werden. Also zur Sache, rief Wolfsberg entschlossen, worauf kommt es an? Wie ich in Menschen und Seelen hinein sehn kann, fuhr der Kleine fort, so kann ich es auch zu Zeiten in leblose Gegenstände. Lange schon habe ich gesehn, daß gerade hier, etwa vier Klaftern tief, ein ungeheurer Schatz liegt, fast ganz in Golde, nur wenige Edelsteine darunter. Es sind zwei große eiserne Kasten, auf dem einen ist eine Inschrift, aber so verrostet, daß ich die Buchstaben nicht recht zusammenbringen kann. Aber im zweiten Kasten befindet sich ein geschriebenes Blatt, welches Alles erklärt. 206 Wie sind aber diese Schätze hieher gekommen? fragte Wolfsberg; und weßwegen hier verscharrt? Schwer zu sagen ist es, sagte Friedrich, denn Sie begreifen doch so viel, daß ich in die Vergangenheit, in ein Nichts, das weder Körper noch Geist hat, nicht so hinein sehn kann, wie in einen Menschen, oder in ein Kellergewölbe. Doch, Spaß apart, wollen Sie mir helfen, oder nicht? Glauben Sie mir, oder nicht? Wenn Sie nicht daran wollen, suche ich einen andern Gehülfen, oder verschweige die Sache noch Jahre lang, wie ich denn bisher ein Geheimniß daraus gemacht habe. Und was soll ich also thun, wenn ich Ihnen glaube? O Fragen und kein Ende, rief Friedrich in der größten Ungeduld, ich habe Ihnen ja schon neulich meine Schultern gezeigt, wie schwach, meine Arme, wie dünn sie sind. Ich habe es schon oft versucht; aber ich kann nicht graben, ich bekomme auch gleich den Husten, wenn ich stark arbeite. Hier, ungläubiger Thomas, ist das Grabscheit! Machen Sie sich dran und grübeln Sie nicht weiter; in acht Tagen sind wir die reichsten Männer im Lande, und dann können wir den Director und alle Narren da oben auslachen. Wolfsberg bequemte sich und arbeitete mit der größten Anstrengung einige Stunden. Als er es kaum mehr vermochte, rief Friedrich: für heute genug! Schlafen Sie nun gesund, denn man muß uns nicht vermissen. In der nächsten Nacht werde ich Sie wieder zur Arbeit abrufen. Müde und ermattet, wie am ganzen Leibe zerschlagen ging der junge Mann, der an dergleichen Anstrengungen nicht gewöhnt war, auf sein Zimmer, und legte sich nieder. 207 Der Rath Walther hatte sich indessen mit dem Arzte auf die Reise begeben. Ihr Weg führte sie durch anmuthige Gegenden, und Walther wurde nicht müde, seinen Begleiter von der Trefflichkeit des jungen Raimund zu unterhalten. Der Arzt war sehr darauf gespannt, einer so wunderbaren Erscheinung im Leben zu begegnen; nur fürchtete er, ihre feine Harmonie jetzt durch Schmerz und Wahnsinn zerrissen zu finden. Manchmal stieß ihm wohl ein Zweifel auf, ob die Schilderungen des Rathes, der in allen andern Dingen, außer dieser Verherrlichung seines jungen Freundes, ein ruhiger und kalter Mann war, nicht übertrieben poetisch seyn möchten. Sie näherten sich jetzt dem Dorfe, in welchem der junge Mensch leben sollte. In den engen Wegen des Gebirges fiel der Wagen um, und der Arzt ward am Fuße beschädigt; zwar nicht bedeutend, aber doch so, daß er einen Ruhepunkt zu erreichen wünschen mußte. Dies verdroß ihn um so mehr, da er in einer Waldschenke einen Mann gesprochen hatte, der ihm eine so seltsame Schilderung von einem jungen Wildfang gemacht hatte, welcher sich seit einiger Zeit in den dortigen Gegenden aufhalten sollte, daß er kaum daran zweifeln durfte, es sei der junge, ihm entsprungene Graf Birken. Der Rath erbot sich, den kurzen Umweg zu machen, indessen ihn der Arzt bei jenem Landprediger erwarten sollte, bei welchem man den jungen Raimund anzutreffen hoffte. Der Arzt ließ sich bei dem Pfarrer melden, den er in einer Laube seines Gartens antraf. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen leitete der Fremde die Unterredung auf den jungen Mann, welcher der Obhut des Geistlichen anvertraut sei; der Pfarrer schien aber kein großes Interesse an diesem Gespräche zu nehmen und sagte endlich: Ja, seit einem Jahre etwa hält sich ein etwas confuser Mann bei mir auf, dessen 208 ingenium und mens nicht zum Besten bestellt sind, und um den ich mich auch wenig kümmere, außer daß er uns bei Tische oft seine joci vormacht. Ich erhalte von dessen alten Domestiken eine anständige Pension, und so lasse ich ihn gewähren; denn es ist nicht meines Thuns, mich viel mit Narren einzulassen, oder sie gar curiren zu wollen. Der alte servus führt eigentlich ganz die Aufsicht über den Verwirrten, und mit wem sich dieser am meisten einläßt, ist unser gnädiger Junker, der freilich auch mit aller Macht zur dementia inclinirt. Diese beiden Thoren, wenn sie einmal bei Sonntagslaune sind, machen mir zuweilen mein kleines Haus zu enge. Wissen Sie aber nichts Näheres von den Schicksalen des jungen Mannes? fragte der Arzt. Urtheilen Sie selbst, verehrter Herr, erwiederte der Geistliche, ob eine solche Creatur, der es am Besten gebricht, wohl absonderliche Schicksale haben könne. Diese Personen sind ja recht eigentlich fruges consumere nati . Wir nennen ihn nur kurzweg immer den Werther. Werther? fragte der Arzt sehr lebhaft. Ja, mein Herr, fuhr jener fort, dieses ist ein Spitzname, der aus einem gewissen Buche entlehnt seyn soll, welches unsre junge Baronesse einmal gelesen hat. Derselbe trieb sich auch immer, wie man mir sagte, in Wald und Flur herum, statt in vernünftiger Societät ein Wort mitzusprechen, eine Pfeife zu rauchen und etwa zu hören, was es in der politischen Welt Neues giebt. Sie scheinen kein Freund der Natur zu seyn, warf der Reisende ein, und bewohnen doch selbst eine der reizendsten Gegenden unsers Vaterlandes. Natur! rief der Pfarrer aus; das Wort ist etwa seit 40 Jahren in die Mode gekommen, und so weit ich habe 209 das Verständniß davon erreichen können, meint man darunter einen etwanigen Bach oder Fluß, sammt Berg und Steingeschichten, oder die Waldsachen und dergleichen. Hat mich nie sonderlich interessirt, weil ich mich immer bestrebt habe, ein denkendes Wesen vorzustellen. Und unser Werther, wie ihn die jungen Leute heißen, oder Theophilus, wie sein eigentlicher Taufname lautet, weiß auch weder, ob Frühling oder Herbst ist, ob die Bäume blühen oder dürr sind, ob die Bergwand aus Granit oder Marmor besteht, sondern er läuft nur, wie ein Uhrwerk, so hin und her. Der Alte war mit allerhand Papieren und Briefschaften beschäftigt, die er in einem Tischkasten zu ordnen suchte, und der Arzt sagte indessen zu sich: Der Aermste! Also auch diese Empfindung ist in ihm untergegangen, die sonst dem Unglücklichen so oft einen heiligen Trost gewährt! Denn der Natur gegenüber verklärt sich jeder Schmerz, der uns unter Menschen, in den Mauern der Städte oft zu vernichten droht, und verwandelt sich in ein himmlisches Wesen, in eine Erscheinung von oben herab. Wie eine Himmelsharfe tönt die Natur Freude und Leid mit, und setzt unsre stummen Seufzer, die Worte der Klage in überirdische Musik um. In diesen Phantasieen, die wohl so schnell in ihm antönten, weil er so lange mit dem fast schwärmerischen Rathe gereiset war, wurde er wieder vom Pfarrer unterbrochen. Verzeihen Sie mir, sagte dieser, daß ich Sie so schlecht unterhalte, jeder macht so seine Studia. Dieselben haben sich wohl niemals mit der Astrologia eingelassen? Nein, antwortete der Arzt. Sehr Schade, fuhr jener fort, daß diese Wissenschaft seit neueren Zeiten so ist vernachlässiget worden. Ich habe sie immer bewährt gefunden. Und so sehe ich hier wieder das Horoskop an, welches ich meiner Tochter bei ihrer 210 Geburt stellte. Ich prognosticirte damals, daß sie sich in einen hohen Stand erheben würde, und sie ist nun auch wirklich glückliche Braut eines vornehmen Mannes. Das hat mir auch den Geist so eingenommen, daß ich fast nicht capabel bin, eine recht fortgesetzte Conversation zu führen. Doch da kommt ja unser Theophilus mit seinem alten Gesellschafter. Der junge Mann ist eine Zeit lang in einer andern Familie sehr gemißhandelt worden; man darf ihn nicht auf diesen Gegenstand bringen; denn er wird zuweilen bitterböse, wenn er sich jener Tage erinnert. Der Arzt stand auf und sah zu seinem Erstaunen einen langen, nicht mehr jungen Mann eintreten, der sich gebückt trug, und aus dessen regelmäßiger Physiognomie die höchste Beschränktheit und Einfalt hervor leuchtete, aber auch zugleich eine so heitre Jovialität, daß er von Neuem an dem Rathe und dessen übertriebener Schilderung irre ward. Der Einfältige gab dem Pfarrer die Hand, sah den Fremden mit scheuem Blick von der Seite an, ging dann auf ihn zu und fragte hastig: sind Sie ein Edelmann? Verzeihung, rief der Pfarrer dazwischen; ich habe noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, mich nach Ihrem werthen Namen zu erkundigen. Doctor Anselm, sagte der Arzt. Ich dachte, Sie wären mein Vetter, rief der Einfältige, weil Sie eine solche ästhetische superfeine Nase haben. Zugleich sprang er in die Höhe, und schlug wie ein muthwilliges Füllen mit den Beinen hinten aus. Der Arzt, der sich auf eine ganz andere Stimmung vorbereitet hatte, mußte laut lachen, indem der Pfarrer mißbilligend das Haupt schüttelte, und sehr ernste Runzeln in sein Gesicht zog. Sehn Sie nur, sagte Theophil, indem er den Arzt etwas 211 bei Seite führte, das Perlmutter-Gesicht von meinem alten Prediger; so debattirt er immer mit sich, als ob er an einem Obscuranten-Almanach arbeitete. Sie drücken sich seltsam aus, sagte der Arzt, aber vergnüglich. Er weiß nie, was er spricht, unser junger Freund, rief der Prediger; weder kennt er die Bedeutung der Worte, die er braucht, noch will er überhaupt etwas damit ausdrücken. Es ist wie Wiederhall von Felsen, oder Waldesbrausen. Mein ehrwürdiges Alter ist einmal immer das Stichblatt seines falschen Witzbestrebens. Der Herr Prediger, sagte der Simple, hat eine rechte Hosiannah-Stimme und sitzt so mächtig auf seiner Bank da, als wenn er Habakuk und alle zwölf kleine Propheten zu künftige Pfingsten confirmiren wollte. – Pankraz! rief er dem alten Diener zu, Du mußt mir wieder Taschengeld geben! Haben Sie denn schon Alles ausgegeben? fragte dieser. Dummer Teufel! rief Theophilus; freilich! Denken Sie nur selbst, mein fremder Herr Vetter, draußen vor dem Dorfe begegnen mir die Mädchen, die drüben in der Stadt allerhand auf dem Jahrmarkt eingekauft hatten, Tücher, Schürzen, Mieder, Hauben, Spielzeug für die kleinen Geschwister. Sie hatten noch eine volle halbe Meile, und ließen mich nun die Sachen herüber tragen. Wie ich sie ihnen wieder abgab, mußte ich ihnen doch wohl ein Trinkgeld geben, daß sie mir Alles so hübsch anvertraut hatten? Aber Pankraz ist faul; der trug nichts, und drum hat er auch sein Geld in der Tasche behalten. Das ist ein schöner Zug von Ihnen, sagte der Arzt; sind Sie aber immer so vergnügt? Wie's kommt, antwortete jener lachend; nur wenn die Leute dumm sind, kann ich mich sehr ärgern, wenn sie nicht 212 capiren. Sehn Sie, es ist sehr traurig, wenn man allein klug seyn soll. In Gesellschaft habe ich noch einmal so gern Verstand. Sie denken trefflich, sagte Anselm. Was sagen Sie aber vollends dazu, schwatzte jener weiter, daß, wenn ich einmal so recht superklug bin, die Leute mir beweisen wollen, ich wäre dumm? Nicht wahr, die Welt liegt im Argen; wie unser Herr Pastor Kilian letzt einmal in der Kirche sagte. Ich werde sorgen, daß Sie niemals mehr hinein gelassen werden, rief der alte Mann. Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ, sagte Theophil mit der größten Ernsthaftigkeit und ging traurig zum Prediger hin. Lassen Sie sich dienen, Herr Doctor, fuhr der Alte fort, daß es nicht angeht, weil er sich laut mit seinem Bedienten während des Gottesdienstes zankt. Was thut er aber neulich? Indem ich in der Predigt aufsehe, hat er unsern Hund in meinen Sitz gebracht, läßt den Pudel aufrecht stehn, der nun über das Chor gucken und ein Gesangbuch zwischen den Pfoten halten muß. Heißt das nicht die Gemeine stören? Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ! sagte der Angeklagte mit weinerlicher Stimme. Der Arzt, der eine ernsthafte Wendung des Gespräches fürchtete, fragte den Klagenden, was das neulich gewesen sei, wo er so allein klug und die Andern dumm gewesen wären. Ja so! sagte Theophil plötzlich laut lachend; das war eine lustige Geschichte! Die Mamsell Kilian hatte mir ganz neue Schnupftücher gekauft. Nun sollte ich den andern Tag mit dem Junker auf den Fischfang gehn, da nahm ich mir vor, den Pankraz zu erinnern, daß er mich erinnern sollte, damit ich es nicht 213 vergessen möchte. Um aber auch gewiß daran zu denken, daß ich ihn zu rechter Zeit erinnern möchte, damit er mich ja erinnern könnte, machte ich einen Knoten in mein Schnupftuch. Sie wissen ja, das ist ein altes Herkommen, wenn man etwas nicht vergessen will. Ja wohl. Nun gut; ich wache den Morgen auf, da finde ich den Knoten. Da besinne ich mich auch gleich, daß ich den Pankraz erinnern muß. Pankraz, Du sollst mich an was erinnern! Ganz recht, gnädiger Herr, Sie wollen mit dem Junker auf den Fischfang gehn. Ich geh' auf den Fischfang und denke nichts Böses. Den andern Tag aber ist der Knoten noch im Tuche. Das ängstigte mich, denn es gab nun nichts mehr zu erinnern, und wenn ich den Knoten anfaßte, wollte ich mich immer auf etwas besinnen. Den Knoten hatte ich aber so fest gezogen, daß ich ihn gar nicht wieder aufkriegen konnte. So nehm' ich im Verdruß eine Scheere, und schneide bloß den Knoten, verstehn Sie, bloß den Knoten ab, und werfe ihn aus dem Fenster. Wie nun das Tuch wieder gewaschen ist, sagt die Mamsell sammt allen Menschen im Hause, ich hätte es entzwei geschnitten; es fehlte auch wirklich ein großes Stück davon. Nun sagen Sie selbst, ob ich etwas dabei versehn habe, und wer Recht hat! Der Knoten, sagte der Arzt, war aber doch natürlich vorher ein Stück des Tuches, folglich mußte dieses nachher fehlen. Sie begreifen nicht! sagte Theophil im großen Zorn, und faßte die Hand des Arztes heftig und stark; ich schnitt ja nicht das Tuch ab, sondern nur den Knoten, den ich erst hinein gemacht hatte, der vorher nicht drin war. Wir wollen nicht streiten, sagte Anselm, Sie können wohl Recht haben; ich habe bisher dieses Experiment noch 214 nicht gemacht, und Vieles begreift man gewiß erst durch die Erfahrung. Hat man Ihnen wohl schon einmal Gesellschaft geleistet? fragte der junge Mann mit listiger Miene. O ja, sagte der Arzt, mehr als einmal; und Sie leisten mir jetzt eben auch Gesellschaft. Sie würden sich dafür bedanken, fuhr jener fort, wenn ich's in der Manier thun wollte, wie mein Gesellschafter Walz da drüben in der kleinen Stadt mir die Zeit vertrieb. Da sagten sie, ich müßte einen Gesellschafter haben. Da kam Herr Walz, der dazu bestellt war. Das gab ein Gesellschaftsleisten, daß mir des Abends alle Rippen weh thaten. Wie so? Er schlug immer um sich, und wir konnten uns gar nicht vertragen; aber ich durfte ihn niemals wieder prügeln. Ja, wie gern möcht' ich ihm auch einmal so recht Gesellschaft geleistet haben! Wenn ich verdrießlich war, schlug er; war ich nicht aufgeräumt, ließ er mir zur Ader; ein paar Mal ließ er mir auch Zähne ausziehn, – die beiden hier: weil er sagte, ich wäre zu böse, die Zähne wären schon nichts nütz und thäten mir nur jetzt oder in Zukunft einmal weh. Den andern habe ich einmal beim Essen verloren. Aber diesen Augenzahn hier? fragte der Arzt. Der fehlte mir schon, antwortete jener ganz ruhig, vor meiner Zeit. Vor Ihrer Zeit? Wie verstehn Sie das? Lieber Himmel, Sie sind recht schwer von Begriffen! Vor meiner Zeit – ach! lassen Sie mich zufrieden und haben Sie mich nicht zum Narren! sagte er ganz böse. Verzeihen Sie, fiel der Arzt ein, ich verstehe Sie jetzt schon; ich begreife nur langsam, wie Sie ganz richtig bemerkten. 215 Haben Sie die Naturwissenschaft studirt? fragte der junge Mann wieder ganz heiter. O ja, sie ist mein Hauptstudium. Nun, dann gratulire ich, sagte jener laut lachend. Sind Sie auch brav darin herumgewalzt worden? Herumgewalzt? Sie capiren schon wieder nicht! Brav abgewammst, tüchtig gedroschen! Sie verstehn nun schon, so wie es mir dabei mit meinem Gesellschafter Walz ergangen ist. Er nahm also die Sache so ernsthaft? Ja freilich. Er sagte, er müsse mir die Botanik beibringen. Es war aber eigentlich die Batonik , weil er den lieben Baton so sehr dabei brauchte. Da krochen wir herum und suchten Petersilie und Wurstkraut, Rüben und Knoblauch, und das sollte ich immer alles behalten. Ein ander Mal fing er einen Maikäfer. Seht, das ist ein Maikäfer. Ja, sagte ich, das ist ein Maikäfer. – Zu welchem Geschlecht gehört er? – Doch wohl zum Geschlecht der Maikäfer. – Sehn Sie, da brach er gleich einen Haselzweig ab, und demonstrirte mir die Sache auf meinem Rücken. Der wurde überhaupt dazumal so magnetisirt, daß er fast so hellsehend geworden wäre, daß die Sonne durch ihn hätte hindurch scheinen können. Sagen Sie mir überhaupt nur, wenn einer im Kopfe nicht zu Hause ist, warum man dann immer auf dem Rücken, oder noch tiefer anklopft. Sollte denn der Geist da allenthalben lieber als in der höhern Etage wohnen? – Nun gut; dann gingen wir in den Wald. Da unten liegt, schrie er, der berühmte Linné, oder auch Pistillen, oder dergleichen alberne Gelehrtennamen. Wenn ich's nicht behielt, von der Buche ein Zweig gebrochen, und damit wieder Privatstunde gehalten. Ich war nur froh, wenn das Botanisiren im Freien geschah, da war doch etwa nur ein Gesträuch zur Hand. 216 Sie haben also, sagte Anselm, in dieser Wissenschaft auf dem Wege nichts profitiren können? Doch, antwortete jener; aber Alles, worauf es mir auch nur abgesehen schien, mit dem Rücken; denn der kriegte durch vieles Repetiren der Studien eine so feste Memorie, daß ich noch jetzt bei jedem Stocke unterscheiden will, auf welchem Baume er gewachsen ist. Sie glauben nicht, wie anziehend die frischen Haselgerten sind! Weiden schmiegen sich mehr, sind aber weniger eindringlich. Die Eiche klingt mächtig, als Baum der deutschen Freiheit; es läßt sich aber nicht viel damit ausrichten; der Walz konnte auch immer nur die dürren Zweige abbrechen, die fast gar nichts zu sagen haben. So ist es auch mit der Tanne und Fichte nicht viel. Die Buche ist körnig; die Birke, besonders im Frühjahr, empfindlich; auch wächst das Zeug, wo kein andrer Baum fortkommt, steht also fast immer zur Hand. Von allen diesen Stauden und Gewächsen brach er seine Wünschelruthen, und alle schlugen immer auf meinen Rücken an, so daß in meinem Innern große Schätze verwahrt liegen müssen. Er schonte auch die mitleidige Trauerweide, die vornehme Weihmuthskiefer nicht; ja selbst der Tulpenbaum mußte ein paar Mal das Instrument zu meiner Weihe reichen; und so kann ich gewiß, da gar kein Tergiversiren etwas fruchtete, auf eine recht pragmatische und polyhistorische Bildung Anspruch machen. – Als ich mich genug durchstudirt, und er alle Naturreiche durchgeprügelt hatte, wurde ich hieher zu dem friedfertigen Herrn Kilian gethan; und hier ruhe ich auf meinen Lorbeern aus, die ich noch manchmal in Rippen und Seiten fühle. Es freut mich, daß Sie so fröhlich sind, sagte der Arzt; haben Sie Appetit, schlafen Sie gut? Ich danke, sagte jener; bald so, bald so; aber ich träume 217 oft schwer und fürchterlich, und tobe dann und lärme in der Nacht. So hatte ich auch diese Nacht einen ängstlichen Traum. Was war das für ein Traum? Pankraz! rief Theophil dem Diener zu: was träumte mir diese Nacht? Der Alte trat näher und sagte verdrießlich: das kann ich nicht wissen. Sehn Sie den eigensinnigen Menschen, rief Theophil aus, ich lasse ihn bloß deßwegen in meiner Stube schlafen, daß er alles wissen soll, was ich denke und träume; aber er ist so träge, daß er sich fast nie darum bekümmert. Wenn Du es nicht weißt, wer soll es denn wissen? Dazu sollst Du die Aufsicht über mich haben! Es ist aber nicht möglich, ereiferte sich Pankraz. So wollen Sie auch immer von mir wissen, was Sie denken, oder gedacht haben; wie soll ich das anfangen? Durch Liebe, einfältiger Mensch! rief jener aus. Du sollst mit mir so eins werden, daß wir unsre Seelen gemeinsam haben, dann wird es mir weniger sauer werden, über Vieles nachzusinnen; denn dann denk' ich in Dir, und Du hast bloß die Mühe davon. Dann müßte ich aber auch für uns Beide essen, sagte Pankraz mit Lächeln. Nein, erwiederte Theophil; das würd' ich gern übernehmen, und zwar in Deinem Namen mit; ich die Wurzel und der Stamm, Du die Blume und Frucht. Bei dieser Stimmung schien es dem Arzte möglich, den Kranken über den Gegenstand zu prüfen, den zu berühren er außerdem ängstlich würde vermieden haben. Er ging also näher und fragte ihn leise: haben Sie lange keine Nachrichten von Blanka erhalten? 218 Blanka? rief Theophil aus; das ist ja wohl ein weißes Windspiel, das ich vor langer Zeit hatte? Blanka? nahm der alte Diener das Wort, indem er den Arzt prüfend betrachtete: wissen Sie von der etwas? Anselm begegnete dreist dem stechenden Blicke des Alten, und meinte nun fast nichts mehr schonen zu dürfen. Er sagte daher. ich wünsche bloß etwas Näheres von Blanka und Raimund zu erfahren, deren trauriges Schicksal mich sehr interessirt hat. Pankraz schlug die Augen nieder und sagte: ich weiß nichts von ihnen; aber Theophil fiel plötzlich in eine tolle Laune, hüpfe auf einem Beine herum, schwenkte den Hut und schrie halb singend: Da hinter des Priesters Garten, da ist ein Wiesenplan, da stehn rings Weiden und Birken, ein Wasser rauscht fließend daran; da schreien Kuckuck und Staare, da schaut wohl der Hirsch aus dem Busch; es ist ein liebes Plätzchen, voll Einsamkeit und Schatten genug. Da kommen in Herbstestagen, wenn welkes Laub schon rauscht, die liebe Fräulein Blanka, der Monsieur Raimund zusamm. Sie sehn sich mit weinenden Augen, sie drücken sich zärtlich die Hand; da giebt es herzig Umarmen, da finden sie wieder Verstand! – Er schrie und sang immer lauter, so daß der alte Pfarrer aufstand und rief: um des Himmels willen, junger Herr, in welcher Spinnstube haben Sie die alte Ballade wieder aufgehascht? Das hab' ich selbst gedichtet, jetzt eben, schrie Theophil erfreut. Pankraz, behalt' es ja, wir wollen es nachher dem Junker vorsingen. Ich weiß kein Wort davon, sagte Pankraz, vom Kuckuck war was in der Ode, und daß Sie gern Verstand haben möchten. Da kommt der Junker! Ohne den Eingang zu suchen, sprang in diesem 219 Augenblick ein junger Bursche über den Zaun, mit rothem Gesicht, ohne Hut, mit Papierwickeln in den Haaren. Da sind wir wieder, schrie er ungezogen, guten Tag, Tissel, ach! Herr Pastor, wären Sie doch mit uns gewesen; da hätten Sie disputiren können! Wo wart Ihr, lieber Görge, fragte Theophil. Ach! liebster Freund, fuhr dieser jubelnd fort, unsre ganze Familie hat seitdem an den Narren dort den Narren gefressen; nur die Mama will nichts davon wissen, und ist auf uns alle, vornehmlich auf den Papa böse, daß er uns so ein schlechtes Beispiel giebt. Mein lieber Junker, sagte der Pfarrer sehr ehrbar, mit Narren würde ich niemals disputirt haben; denn sie haben keine Logik. Es waren auch nicht so eigentliche Narren, sagte Görge, sondern eine Art Künstler. Ich sage Ihnen, der Papa war ganz eingenommen, und sie hatten da oben einen Mann, der den Leuten das Reden beibringen konnte. Heisa! Heisa! Dort kommt erst der rechte Windbeutel, rief Theophil laut jubelnd; der und ich, wir sind die beiden größten Narren im Römischen Reich; das Kloster da oben, wo unser Herr Kilian disputiren soll, in allen Ehren gehalten. Reden Sie mit Verstand, sagte der Geistliche, und respectiren Sie in dem verehrten Herrn Grafen den Bräutigam meiner Tochter. Auf einem kleinen Schimmel sprengte ein junger Mensch heran, hüpfte aus dem Sattel, und eilte in die Umarmung des Pfarrers, indeß schon aus dem Hause, mit der Küchenschürze angethan, ein rothhaariges Mädchen herbei stürzte, und Vater und Geliebten zugleich umschloß. Die Gruppe fuhr aus einander, als sich jetzt der Arzt, so schnell es sein 220 verwundeter Fuß erlaubte, ihnen näherte. Ist es möglich, Graf Birken, daß wir uns hier wieder treffen? Auf Sie hatte ich heute nicht gerechnet. Der junge Mensch sah sich schnell um, stieß seinen Schwiegervater so hastig vor den Bauch, daß dieser wieder in die Laube zurück taumelte, warf mit demselben Ungestüm die kleine dicke Braut von seinem Halse, ergriff den Schimmel, und ehe die Umstehenden sich noch recht besinnen konnten, war er im gestreckten Galopp schon aus dem Dorfe hinaus. Ein Pferd! rief der Arzt. Setzt ihm nach! Was haben Sie für Ansprüche an meinen Schwiegersohn? fragte der Pfarrer, der sich wieder gesammelt hatte. Der Windbeutel reitet einmal! schrie Theophil jauchzend. Um des Himmels willen ein Pferd! rief der Arzt; kommt er uns aus den Augen, so haben wir ihn Alle für immer verloren. Verloren! schrie die Braut und rang die Hände. Sei still, mein Kind, rief der Geistliche; morgen ist die Trauung, und kein fremder Mensch, mag er sich auch Doctor nennen, hat das Recht, Dir Deinen Bräutigam zu entreißen. Der Mensch ist ein Narr! rief der Arzt heftig aus, und nun er mich hier gesehen hat, kommt er gewiß nicht wieder. Lästern Sie unsre Familie nicht! rief der Pfarrer noch heftiger, Sie fremder, unbekannter, hergelaufener Herr; und wenn mein Schwiegersohn Ihretwegen nicht wieder kommt, so gebe ich Ihnen meinen Fluch, Sie Gottloser! Theophil und Görge waren von diesem Gezänk auf das Höchste erbaut; denn sie kannten keinen größern Genuß, als den alten Pfarrer im Zorn zu sehen. Die Tochter hatte verzweiflungsvoll den Garten verlassen. Ein Wagen fuhr 221 in den Hof, und der Rath Walther, in gespannter Eile, ohne die Andern zu begrüßen, kam herbei gelaufen, und rief schon von Weitem dem Arzte zu: wo ist er? – Wieder ein neuer Windbeutel! Heute haben wir die Hülle und Fülle! jubelte Theophil. – Der Arzt ging ihm entgegen, indem er sagte: dort steht ja Ihr Liebling. – Dieser da? fragte der Rath, indem er den Einfältigen nur flüchtig betrachtete. Ach! Pankraz! rief er dann höchlich überrascht; Du hier? Sage mir, wo ist Raimund? Der Diener war verwirrt und erschrocken, und konnte erst keine Antwort finden; endlich stotterte er: Sie wissen es ja wohl, Herr Rath, daß ich, als ich damals plötzlich aus den Diensten des Herrn Raimund mußte – Recht, sagte der Arzt; der Baron Eberhard gab Dir den Abschied wegen des unglücklichen Einfalls, daß Du dem kranken Jüngling die falsche Nachricht vom Tode seiner Geliebten überbrachtest. Nun also, sagte Pankraz; seitdem habe ich von dem jungen Herrn nichts wieder gesehn und gehört. Es ist mir seitdem schlimm genug gegangen. Aber wie kommst Du hieher? Es ist mein Pankraz, rief Theophil, mein Gesellschafter; aber nicht in der Walzmanier. Wie heißen Sie? fragte der Rath. Du, Pankraz, rief Theophil, wie heiß' ich doch? Ich kriege alle Augenblicke einen andern Namen. Sie sind, sagte der Diener, der Herr Theophil von Leitmark. So, sagte der Thor, ich dachte Ebermann, Hardeber, oder sonst. Nun, mir kann's gleich gelten. Der Arzt hatte sich wieder gesammelt, nahm Abschied vom Pfarrer, bat der Störung wegen um Verzeihung, und 222 zog dann halb gewaltsam den Rath zum Wagen. Lassen Sie mich nur noch ein Wort mit Pankraz sprechen, sagte dieser. Doch Pankraz und Theophil waren eiligst verschwunden, und der Pfarrer erzählte, daß Beide oft Wochen lang in der Gegend, nahe und fern, auf ihren Pferden umher streiften, und man alsdann nur selten erführe, wo sie auf ihren thörichten Irrfahrten verweilten. Der Arzt hob seinen Freund selbst in den Wagen und sagte dann laut: Lassen Sie uns doch nun unser Ziel verfolgen, den Grafen Birken suchen, nach Raimund spähen; fahre Herr Theophil und sein Pankraz wohl, und sei unser lieber Herr Pfarrer Kilian auf immer dem Himmel befohlen; denn hieher werden wir auf keinen Fall wieder kommen! Niemals, denn wir haben noch eine weite Reise vor uns! Der Rath sah ihn verwundert an, und wollte fragen; aber das Rollen des Wagens hinderte jetzt noch das Gespräch, und sie hatten in kurzer Zeit das Dorf und die Gegend verlassen. Baron Wolfsberg hatte unterdessen fleißig arbeiten müssen. Um sich nicht zu verrathen, durfte er am Tage nicht so lange schlafen, als es ihm wohl gut und heilsam gewesen wäre. Der kleine Friedrich führte eine strenge Aufsicht über ihn und ermunterte ihn kräftig, wenn er einmal ermatten wollte. Als das Geschäft des Eingrabens schon weit gediehen war, zeigte sich die größte Schwierigkeit darin, die aufgehäufte Erde, welche bei der zunehmenden Arbeit immer hinderlicher wurde, fortzuschaffen. Doch Friedrich wußte auch dafür ein Mittel. Es gelang ihm, aus dem Garten einen Schiebkarren unbemerkt zu entfernen, und in die 223 nterirdischen Gewölbe zu befördern. Da er aber selbst für die Arbeit viel zu schwächlich war, so mußte der junge Baron auch das Geschäft übernehmen, Sand und Erde heraus zu führen, und in die weit verbreiteten Räume der Keller zu verfahren und auszustreuen. Gewöhnlich holte Friedrich den nächtlichen Arbeiter schon vor eilf Uhr ab, und ließ ihn erst gegen vier Morgens zurück kehren, so daß auch Wolfsberg durch den wenigen Schlaf, da überdies die Kost nicht die nahrhafteste war, sich nach wenigen Wochen ziemlich abgemattet fühlte. Er wurde mager, still und melancholisch, und sah dem jungen frischen Manne und dem übermüthigen Weiberliebling kaum mehr ähnlich, in dessen Gestalt er zuerst das Haus betreten hatte. Der Director schaute ihn oft prüfend an, untersuchte seinen Puls, und erkundigte sich theilnehmend, ob ihn ein besonderer Gram quäle. Wolfsberg aber, der sich schmeichelte, bald das Ziel seiner Anstrengungen erreicht zu haben, wich allen prüfenden Fragen sorgfältig aus. Zu einer Mittagsstunde ward der junge Mann dadurch überrascht, daß ihn sein getreuer Friedrich an den Tisch des Directors zum Essen einlud. Er fand dort nur eine kleine Gesellschaft, und außer dem Wirthe nur einen schmächtigen, ziemlich alten Prediger aus der benachbarten Stadt, der zuweilen in einer Capelle des großen Hauses den Verwirrten predigte und sie zu ermahnen und bekehren suchte, meist aber durch possierliche Störungen gehemmt und unterbrochen wurde. Außer Wolfsberg war nur noch Herr Kranich gewürdigt worden, an diesem kleinen vertraulichen Tische Platz zu nehmen; Friedrich war mit zur Aufwartung zugegen. Sie sehn, meine Herren, fing der Director mit einer heitern Miene an, die man nicht an ihm gewohnt war, ich behandle Sie heute als Männer, die sich selbst in der Gewalt haben. Der Herr Pastor und ich hoffen von Ihrer Unterhaltung 224 Vergnügen und Aufheiterung; denn sich in diesem großen Hause immer so einsam zu fühlen, ist wahrlich nicht erfreulich. Wohl, sagte der Pfarrer schmunzelnd; und es will mir oft vorkommen, als wenn unsre Freunde nur etwas mehr kräftigen Willen haben dürften, um so wie wir Andern zu seyn; aber ich versichre Sie, Herr Director, und Ihre eigene Beobachtung wird es Ihnen auch bestätigt haben, daß die leidige Eitelkeit, der Stolz auf irgend eine Grille, die man nicht ablegen will, sehr viel, ja bei manchen unsrer Patienten wohl das Allermeiste thut. Friedrich mußte dem Baron, so wie dem Herrn Kranich Wein einschenken, damit sich beide, vorzüglich der junge Graf, wie ihn der Director nannte, stärken möchten. Freilich haben Sie Recht, Herr Pastor, setzte dieser das Gespräch fort; denn wer von uns fühlt wohl nicht, daß er sich nur nachgeben und verweichlichen dürfte, um diese oder jene Seltsamkeit auf die wunderlichste Art auszubilden, und dadurch bei stärkern Menschen Anstoß oder Lachen zu erregen? Mein Herr Director, antwortete der Geistliche, es ist überdies im Thörichten (Verzeihung, meine Herren, daß wir so offen über diesen Gegenstand sprechen) etwas so Anlockendes, fast Liebliches, daß man zuweilen recht im ganzen Wesen den unwiderstehlichen Reiz spürt, mit beiden Beinen frisch und wohlgemuth hinein zu springen. Soll ich? Soll ich nicht? so fragt man sich selbst. Warum nicht? sagt eine curiose Stimme, aus dem fernsten und buntesten Winkel unsers Geistes; tausend! ruft es, was kannst du da erfahren, und dich genießen, ja erst recht verstehen, wenn du der Altklugheit ein Schnippchen schlägst. Aber zum Glück kommt dann wieder eine ehrbare, aschgraue Moral, die mit ernster Miene sagt. widerstehe dem Verführer und seiner Lockung, 225 laß dich nicht in die Kellergewölbe des Wahns führen, wo trotz aller Versprechungen keine Schätze liegen! Kellergewölbe? fragte Wolfsberg und wurde roth; wie kommen Sie nur auf dieses Gleichniß, das mir hier gar nicht passend scheint! Der Director sah ihn schon wieder mit dem prüfenden Blicke an, und Friedrich machte ihm gegenüber eine so seltsam bittende Miene, seine beiden Wangen zitterten und zuckten, die Lippen schmiegten und krümmten sich wie ein Wurm, und die Augen zwinkelten so bedeutend, daß Wolfsberg in das lauteste Gelächter ausbrechen mußte. Gebe der Himmel, sagte der Director, daß unsre Mahlzeit mit der Heiterkeit schließe, mit welcher sie anzufangen scheint. Gewiß, fiel der Prediger ein, ist zu wünschen, daß wir so fröhlich bleiben mögen: aber um fortzufahren, so kommt es mir noch immer nicht so ganz ausgemacht vor, ob die Mania (wir wollen dies Wort brauchen, um keinen Anstoß zu erregen) in uns Allen liegt, und nur wie bei den Lastern durch Nachgiebigkeit befördert und gereift wird, so daß der gewöhnliche Verstand nur in gewissen Graden von ihr entfernt seyn möchte: oder ob sie eine radicale Verstimmtheit, ein wahrhaft kranker Zustand, ein andres und schiefgerichtetes Verhältniß der Seele ist. Das Letzte und auch zugleich das Erste, meinte der Director, und darum sei auch die Cur leicht und schwer zugleich: leicht, weil man sich den Verirrten nur hingeben müsse, sie zu verstehn suchen, da immer noch Verständniß, oft eine Art System zum Grunde liege, sie achten, ihnen zur passenden Zeit nachgeben, ein ander Mal Strenge üben; und von dieser Seite sei wohl keiner ganz unheilbar zu nennen: schwer sei die Cur aber, weil man die Symptome oft mit dem Grunde der Krankheit verwechsle, den Verirrten 226 dann nur störe und kränker mache, – für ein schwaches Gemüth aber, wie er selbst, sei sie dadurch am schwersten, daß man, um diese Menschen zu verstehn, mit dramatischem Geiste zu tief in sie eingehe, leicht in eine Art Täuschung gerathe, und wenn man sich dann plötzlich prüfe, sich selbst beinahe auf dem nämlichen Wege finde. O mir aus der Seele gesprochen! schmunzelte der Geistliche; ach Herr Medicinalrath, was sind Sie für ein Menschenkenner! Da liegt freilich recht eigentlich der Hund begraben, daß man, wie man im Trauerspiel weint, indem man sich in die Confusion hinein denkt, selbst confus wird. Dis moi qui tu hantes etc. Ja wohl, ja wohl, ein wahres Sprichwörtchen! Ich habe schon zuweilen die Meinung fassen wollen, daß, um als Seelsorger auf die guten Leutchen zu wirken, einer gefunden werden müßte, der, wenn auch nicht ganz in die Irre, doch ein wenig jenseit der Schnur gerathen wäre, und doch noch genug kräftige Religion übrig behalten hätte, um die Seelen zu ergreifen. Denn das, bester Herr Director, ist das Schlimme, daß, wenn man nicht selbst in ihren Orden eingeweiht ist, man fast niemals die rechte Perspective trifft. Sie wissen, wie ich in meinen Predigten gesucht habe, in Ton, Geberde und Beispiel mich den armen Drehschaafen zu nähern, aber manchmal zu wenig, oft aber viel zu viel that; Sie selber machten einige Male die Bemerkung, ich hätte wie ein wahrer Narr gesprochen. Ich mußte Ihre eigne Seele freilich ganz aus dem Spiele lassen; denn ich wußte ja, wie firm und kräftig Sie in Moral, Tugend und allen Glaubenslehren sind. Sie gaben einige Male ein schlechtes Beispiel, sagte der Director; denn Sie lachten auf der Kanzel selbst aus vollem Halse. Der ernsthafteste Mann hätte es nicht unterlassen 227 können, sagte der Prediger, von Neuem laut lachend. Denken Sie, Herr Graf, wir hatten hier in unserm Hause einen jungen Mann, der ein Baukünstler gewesen war; er hatte aber eine so heftige Liebesleidenschaft zur Tochter eines Perückenmachers gefaßt, daß er darüber sein Studium verließ, und das Handwerk des Meisters ergriff; da ihm aber das Mädchen untreu wurde, mit Erlaubniß von Ihnen, so zu sagen, überschnappte. Nun bestand seine Grille darin, sich und alle Menschen, die er dazu bewegen konnte, auf die sonderbarste Weise zu frisiren. An jedem Tage hatte er eine neue wunderliche Kopfverzierung ersonnen, und ich glaube, daß ihn bei diesen mannigfaltigen Erfindungen sein ehemaliges Studium der Baukunst sehr unterstützte. Ich predige hier an einem Pfingsttage, und sehe die liebe Gemeinde unter mir. Der Verwilderte hatte sich furchtbar à la Herisson frisirt, so daß ihm die Haare wie Borsten vom Kopfe weit weg abstanden; sieben oder acht seiner Freunde standen und saßen neben ihm mit hochaufgewirbelten Papillotten, ein Anblick, der schon sonderbar genug war, weil viele Papierbündel wirklich wie aufgerichtete Krämerdüten auf den Köpfen leuchteten. Nun nahm aber er einen nach dem andern von seinen Anhängern zwischen die Knie, und frisirte ihn während meiner Predigt eben so fantastisch, wie er selbst sich trug, so daß gegen das Ende der Rede ein Theil meiner Andächtigen wie eben so viele wilde Teufel aussahen, und ich des Lachens wegen, das mich befiel, früher schließen mußte, als ich mir vorgesetzt hatte. Friedrich wollte sich ausschütten vor Lachen, und der Director erwiederte: so wie der Verstand, so hat die Narrheit des Menschen keine Gränzen. Jetzt ist ein Mann bei uns, der sich immer mit einem Maaßstabe herumtreibt und ihn unablässig betrachtet und rechnet. Dieser Mensch ist 228 ziemlich wohlhabend und besitzt in der Stadt drüben ein mittelmäßiges Haus. Es verdroß ihn aber, daß, wenn er so manche größere Häuser des Ortes betrachtete, ihm sein ererbter Wohnsitz nur winzig und unbedeutend erscheinen mußte. Mit diesem Verdrusse schleppte er sich Tag und Nacht, und wußte doch kein Mittel, dem Uebelstande abzuhelfen. Endlich, weil er vor Hochmuth weder mehr schlafen, noch essen konnte, faßte er einen seiner Thorheit würdigen Entschluß. An einem schönen Sommertage geht er aus, miethet auf dem Markte vier der stärksten Tagelöhner, und nimmt sie mit in seine Wohnung. Hier führt er sie in sein größtes Zimmer; jeder von ihnen muß sich gegen eine Wand stemmen und mit allen Kräften dagegen drücken, bis er ihnen Halt zuruft. Sie empfangen ihren Lohn, ohne zu begreifen, was sie gearbeitet haben. Am folgenden Tage wird derselbe Versuch wiederholt; sie müssen streben und drängen, daß ihnen der Schweiß herab fließt, genau auf sein Commandowort achten, und in demselben Augenblick alle zugleich zu drücken aufhören, wie sie in demselben begonnen haben. So treibt er es den ganzen Sommer; er erweitert nach und nach alle Zimmer seines Hauses, die Gänge, die Treppen, den Hof; und nachdem er so eine bedeutende Summe ausgegeben hat, ist er fest überzeugt, sein Haus sei das größeste in der ganzen Stadt. Er spaziert Stunden lang mit hoher Verehrung vor demselben auf und nieder, er zeigt erstaunten Fremden seine unermeßlichen Säle, er fängt an, sich selbst den Grafentitel beizulegen, hängt ein gemaltes Wappen über seine Hausthür, und ist auf einige Zeit unser Gast geworden, um sich wieder auf die Wahrheit besinnen zu lernen. Sehn Sie, lieber junger Herr Graf, so sonderbare Verirrungen fallen vor, daß dieser Mann sogar den sichtlichen Raum seines Hauses nicht mehr hat wahrnehmen können. 229 Sie beweisen mir heute ein so schönes Vertrauen, erwiederte Wolfsberg, daß ich es wohl wagen darf, noch einmal das Wort zu wiederholen, mit welchem ich Ihr Haus zuerst betrat, daß ich nämlich durchaus nicht der bin, für welchen Sie mich halten, und daß Sie, wenn Sie mich nur einer ruhigen Prüfung würdigen wollen, mich eben so wenig des Verstandes beraubt finden werden, als den Herrn Prediger, oder als Sie es selber sind. Der Director winkte mit dem allerfinstersten Blicke, und Friedrich, welcher jede seiner Mienen verstand, nahm schnell den Wein vor Wolfsberg weg, und stellte ihm ein großes Wasserglas hin. Es geht nicht, rief der Director, so mit Ihnen zu leben, wie ich wünsche. Da Sie jetzt so abgefallen und fast miserabel aussehen, da Ihr Blick so demüthig ist, so glaubte ich wirklich, Sie hätten in sich geschlagen, und ich dürfte Sie durch bessere Speise und Wein erquicken. Aber an Ihnen ist Hopfen und Malz verloren. Wie, Sie wollen wirklich streiten, daß Sie der Graf Birken, einer der confusesten jungen Männer sind? daß Sie schon tausend Händel angezettelt, und dafür drei oder vier Mal ansehnliche Schläge empfangen haben? daß Sie es zu guter Letzt gewagt, sich mehrmals in das Haus des Barons von Halden einzuschleichen, und das Unglück seiner sinnverwirrten Tochter durch Liebesbriefe und mündliche Betheuerungen erhöht, ja sie endlich beredet haben, sich von Ihnen entführen zu lassen? Hier ist die Klage des Barons, hier sind Ihre kläglichen Briefe, hier ist die Ordre vom Minister, Sie gefangen zu halten. Wollen Sie aber dieser Graf Birken nicht seyn, so zeigen Sie uns Pässe, oder Schriften, durch welche Sie sich ausweisen können; stellen Sie angesehene Bürgen. Aber man hat Sie dort im Hause nur zu gut erkannt, und Sie zu oft aus- und einschleichen sehn, Sie auch zuletzt im 230 Zimmer der Tochter selber ergriffen. Und nun kein Wort mehr über die Abgeschmacktheit, wenn Sie nicht bei Wasser und Brod in Ihrem Zimmer wollen eingesperrt seyn. Wolfsberg las die Papiere mit Aufmerksamkeit durch, und wagte es nicht, noch ein einziges Wort zu seiner Rechtfertigung zu erwiedern. Friedrich sah ihn tröstend an und warf heimlich höhnische Blicke auf den Director; der aufmerksame Herr Kranich aber war schnell mit der kleinen Peitsche bei der Hand, um die bösen Geister von Wolfsbergs Schultern zu verjagen. Der Director wurde noch zorniger und rief: stecken Sie die verdammte Peitsche ein! Ich glaubte, Sie würden doch wenigstens mein Vertrauen und mein Zimmer so weit ehren, das Zeichen Ihres Aberwitzes in Ihrer Klause zu lassen. Der Rothrock steckte zwar die Peitsche wieder ein, machte aber ein zorniges Gesicht, sah den Director mit großen Augen unverwandt an und sprach dann laut. Aberwitz, mein Herr? Dieses Worts sollen Sie sich jetzt und Ihre Lebenszeit hindurch schämen! Ich kam an Ihren Tisch in dem festen Vertrauen, daß Sie doch so viel Vernunft haben würden, mich nicht mit den mancherlei Gecken, von denen heut Mittag die Rede gewesen ist, in eine Classe zu werfen, und mich nicht mit dem Gezücht vergleichen zu wollen, was da unten im Saale sein Gaukelwesen treibt. Ich brauche, dem Himmel sei Dank, nicht curirt zu werden; auch will ich niemals curirt seyn; denn meine Vernunft, Herr, ist probefest, und auf die Dauer gearbeitet, und ich bin noch niemals, wie Sie von sich vorher zugestanden haben, in Gefahr gerathen, mit Närrischen närrisch zu werden. Wer wären Sie denn, wenn ich nicht das Geschmeiß der Pygmäen immer wieder aus Ihrem Hause vertriebe? Ich will diese liebe Peitsche nur kurze Zeit ruhen lassen, und Sie werden es an sich erfahren, daß Sie ein 231 ruinirter Mann sind, daß Sie überschnappen, daß Sie zum Kinderspott werden. Wie? Was? Es gäbe wohl am Ende gar keine Pygmäen? Haben sie nicht schon die alten Griechen erkannt, aber nach ihrer dummen Weise darüber gefabelt. Sogar von mir und meinem großen Einfluß auf sie hat man in uralten Zeiten dunkle Legenden und Ahndungen gehabt; aber man dichtete, daß die Pygmäen ein wirkliches Volk seien, so klein, daß die Kraniche Krieg mit ihnen führten. So erbärmlich hat man die Sache und meinen Kampf mit ihnen entstellt. Heut zu Tage nennen sie's das böse Princip. Nicht wahr, da ist mehr Verstand drin! Nein, da lobe ich mir meine süße, liebe Peitsche; und wo ich bin, muß diese auch seyn . . . Dixi. Der Geistliche sagte: nicht so übel! aber der Director fuhr auf: wenn Sie so großen Geschmack an Narren finden, ehrwürdiger Herr, so mögen Sie es haben. Er verließ das Zimmer; die Uebrigen folgten ihm nach. Was machen Sie nur? fragte der Rath den Arzt, als der sandigere Weg wieder ein Gespräch erlaubte. Wir sollten lieber hier noch verweilen, vorzüglich Ihretwegen, da Sie doch nun Ihren theuern Grafen gefunden haben; und Sie selbst ziehen mich wie mit Gewalt in den Wagen, und erklären, Sie wollten niemals wieder hieher zurück kommen. O mein bester Rath, sagte der Arzt halb lachend, für einen Rechtsgelehrten sind Sie mir doch etwas zu treuherzig und für einen Inquisitor und Nachspürer gar zu arglos. Der Birken ist entlaufen, Vater und Tochter sind mir entgegen. Vermuthen diese, ich komme wieder, so finde ich meinen Entsprungenen niemals, und es geschieht, was ich 232 verhindern will; kann ich sie aber sicher machen, daß ich nicht zurück kehre, so überrasche ich den vollständigen Familienkreis wohl in Kurzem. Mit Ihrem lieben Pankraz ist es derselbe Fall; er hat sich unsichtbar gemacht, und zeigt sich nur, wenn er uns entfernt weiß. Was hat der ehrliche alte Mensch mit dieser Sache, ja mit irgend einer zu thun? antwortete der Rath. Er hat damals genug gelitten, als seine Unvorsichtigkeit dem armen Raimund so theuer zu stehen kam; der Mensch mußte sogleich den Dienst verlassen und dem Zorn des alten Barons entfliehn. Der Arzt lachte laut auf. Wenn meine Menschenkenntniß mich nicht ganz trügt, sagte er endlich, so ist dieser gute alte Pankraz ein durchtriebener Schurke, und jener braun- und blauäugige Baron nichts Geringeres. Sie schwärmen, lieber Freund. Und Sie schlagen selbst etwas in die Farben, in denen Sie mir Ihren Raimund gezeichnet haben. Haben Sie denn nicht bemerkt, wie verlegen das Pankraziengesicht wurde, als es Sie erblickte? Schon vorher wurde er blaß, als ich ihn nach Blanka fragte. Er weiß uns Raimunds Aufenthalt gewiß zu entdecken. Können Sie sich in der Stadt durch Freunde oder Autorität eine Vollmacht verschaffen, um den Schurken, wenn Sie ihn wieder ansichtig werden, zu verhaften, ihn zu erschrecken; so erfahren wir gewiß Alles, und der Zweck Ihrer Reise ist erfüllt. Wenn Sie Recht hätten! sagte der Rath. – Er befahl dem Kutscher nach der Stadt zu fahren. Bei der Gesellschaft im Saale waren einige Veränderungen vorgegangen. Die beiden Redner hatten sich immer 233 noch nicht versöhnt, und jeder vermied den andern; die Schachspielenden schienen auch weniger einig, als sonst, und der Mann mit dem Maaßstabe war unruhiger, und lief hastig hin und wieder. Wolfsberg gesellte sich zu diesem, und fragte, was ihm fehle. Ach, mein Herr, sagte dieser heftig bewegt, Sie haben gewiß auch von meinem großen Hause gehört, welches ich durch meine Geschicklichkeit so ansehnlich gemacht hatte. Das konnte mir der Neid nie vergeben, daß ich durch Wissenschaft Besitzer eines der größten Paläste in der Stadt seyn sollte. Bald hieß es, durch die übermäßige Ausdehnung habe der Bau eine so zarte Constitution erhalten, daß er bei der nächsten Veranlassung, wenn etwa Truppen marschirten und die Trommel gerührt würde, erschreckend, wie in einem Nervenfieber zusammenstürzen müsse. Andre meinten gar, ich hätte die Stadt dadurch verengt, und die nahestehenden Häuser und Gassen litten darunter: als wenn der unendliche Raum etwas so Beschränktes wäre, daß man die Welt so leicht verderben könnte. Ich erbot mich, die ganze Stadt durch Beobachtung des Tactes auszudehnen, und sie, wenn wir Geld und Zeit genug hätten, größer als London oder Nanking zu machen. Aber die Bosheit hörte auf nichts; ich mußte mich hieher in die Einsamkeit zurück ziehn. Und was ist nun im Werke? Sollten Sie's glauben, daß die Verderbtheit der Menschen so weit gehen könne! Eine ganze Schiffsladung von Gummi elasticum läßt man mit Erlaubniß des Parlaments von England kommen. Fünfhundert Menschen zerren das Zeug aus einander; man practizirt es so, nach allen Seiten ausgedehnt, unter meinen Palast, und auf ein Zeichen von dem nahestehenden Kirchthurm (denn auch die Religion wird dazu gemißbraucht) lassen alle fünfhundert Bösewichter in einem und demselben Augenblicke die Gummifetzen los; das 234 unglückselige Zeug schnappt zusammen, und nimmt unwiderstehlich Breite und Länge meines Palastes mit sich, der durch dieses höllische Kunststück wieder zu einem gewöhnlichen Hause zusammenschrumpft. Denn das giebt die Vernunft, daß, da das elastische Unwesen sich nun in der Grundlage an das Gebäude anklemmt, keine menschliche Kraft, keine Wissenschaft, kein noch so gut observirter Tact dazu hinreicht, es aus den Gummi-Klauen zu retten und wieder aus einander zu dehnen. Wolfsberg mußte dem Klagenden Recht geben; doch wurde jetzt seine Aufmerksamkeit auf einen jungen Menschen gerichtet, der zum Saale herein schlich, und den er bisher noch niemals gesehen hatte. Methusalem kommt einmal wieder! riefen Einige, und über die blassen Wangen des kranken Jünglings lief ein leichtes Roth. Wie nennen Sie ihn? fragte der Baron. O er heißt nur so, antwortete Sokrates, der eben vorüber ging, weil das Gespenst schon so außerordentlich bei Jahren ist, daß, gegen ihn gerechnet, Methusalem selbst noch in den Kinderschuhen steckt. Die Gestalt und das Wesen des Jünglings waren so wunderbar und von Allem, was sich in diesem Hause zeigte, so verschieden, daß sich Wolfsberg wie gezwungen fühlte, sich ihm langsam und mit Blödigkeit zu nähern. Der Jüngling war schlank und mager, seine Geberde ruhig und edel, sein Gesicht schön, aber blaß und abgefallen; die Augen glänzten so überirdisch, daß man vor ihnen erschrecken konnte, wenn nicht eine süße Schwermuth ihr Feuer wieder gemildert hätte. Der junge Mensch schritt dem Baron entgegen, vielleicht, weil ihm auch dessen Gestalt und Wesen, als ein milderes, auffiel. Wolfsberg war um Worte verlegen, mit welchen er das Gespräch eröffnen könne; aber der Kranke kam ihm 235 zuvor, nahm ihn bei der Hand und sagte mit der lieblichsten Stimme: was fehlt Ihnen? Meine Vergehungen, sagte der Baron in einem fast zerknirschten Tone, haben mich hieher geführt. Aber woran leiden Sie? Ach! klagte der Jüngling, daß ich so gar übermäßig alt bin; die große Menge der Jahre drückt mich zu Boden. Wie alt schätzen Sie mich? Höchstens drei und zwanzig Jahre, sagte der Baron. Des Jünglings Gesicht ward noch wehmüthiger, und zwei große Thränen fielen aus den Augen. Sie sehn, sagte er mit seiner lieblichen Stimme, wie ich lachen muß. Nun bin ich gerade sechstausend dreihundert und vier und neunzig Jahre alt. Gestern Nachmittag hatte ich nur sechstausend und vier und neunzig: und denken Sie, in der kurzen Zeit bin ich schon wieder um die dreihundert Jahre älter geworden. Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Wolfsberg. Wissen Sie denn, was die Zeit ist? klagte jener weiter. O Lieber, mancher Achtzigjährige geht zu Grabe, und hat vielleicht nicht zwanzig Jahre, nicht zehn gelebt. Vielleicht giebt es Menschen, die von der Geburt an bis zum Greisenalter nicht zur Zeit erwachen, und erst jenseit die erste Stunde müssen kennen lernen. In der Gleichgültigkeit ist kein Strom; weder Vergangenheit, noch Zukunft, auch keine Gegenwart. Freude, Jubel und Glück sind rasende Kinder, die tobend umher springen und das zarte Stundenglas zerbrechen; hinter ihnen steht Tod und Nichtsein, – der Himmel gab uns dafür keine Sinne. Aber im Schmerz, im Schmerz! Wie durch diesen Wunderbalsam die Secunde, die das Auge kaum unterscheidet, aufschwillt und mit der Ewigkeit schwanger wird! Ja, mein junger Zeitgenosse, ich habe Tage erlebt, 236 in denen Jahrhunderte eingewickelt waren; sie lösten sie aus ihren Schleiern und legten sich mir um die Seele. Dann kam eine Stunde. eigentlich nur ein Augenblick; da sprang die ganze aufschwellende Knospe entzwei, in der mir die Zeit in duftenden Blättern aus einander blühen sollte, und ein Alles und Nichts, ein großer ewiger Tod, in dessen finsterm Herzen kindisch das süßeste Leben lächelte, brach mit Gewitternacht über mich ein. Da waren die Jahrtausende verlebt, dieselben, an denen das Menschengeschlecht, ohne sie nur zu kosten, vorüber kriecht. Schmerz, Herz, Scherz: nicht wahr, im Schmerz ist Alles, was die Andern nur einzeln aussprechen? Leben Sie wohl, und hüten Sie sich, so alt zu werden! Ich gehe wieder auf mein Zimmer, denn wenn diese großen Minuten mich besuchen wollen, müssen sie mich wach finden. Adieu, junger Mann, vielleicht bin ich schon acht oder zehntausend Jahre, wenn wir uns wiedersehn. Er wankte hinaus, und keiner von den Gegenwärtigen achtete auf ihn. Die Uebrigen umringten Wolfsberg, und Sokrates, der den Sprecher im Namen Aller zu machen schien, sagte: Junger Herr, wir Alle sind es nun endlich überdrüssig, Sie noch länger diese triviale Rolle spielen zu sehn, mit der Sie uns Allen herzliche Langeweile machen. Nicht der Unbedeutendste hier, der nicht sein Pfund wuchern ließe; und Sie wollen immer noch als leutseliger Beobachter sich herum treiben? Fordert die Menschheit nicht auch Ihre Kraft und Ihren Entschluß? Sie sollen nicht länger der Niemand seyn, mit dem Keiner von uns etwas anzufangen weiß. Meine Herren, sagte Wolfsberg in seiner sonderbaren Stimmung, die aus Schmerz und toller Laune gemischt war: da Sie mich Alle mit einem so gütigen Zuruf und schmeichelnden Zutrauen beehren, und da ich sehe, daß uns 237 hier eine so glückliche Republik umfaßt, in der uns weder Gesetze der Zeit, noch des Raumes tyrannisiren, und eine so freie Verfassung unsre Kräfte erhebt, daß auch selbst das Unmögliche möglich wird: so will ich denn auch nicht länger hinter dem Berge halten, mich Ihnen entdecken und Ihren herrlichen Bestrebungen anschließen. Wissen Sie also, daß ich das Eigne an mir habe, daß ich schon öfters gelebt habe, vielerlei Zustände erfahren, und mein dermaliges Leben nur als die hundertste Wiederholung in einer etwas veränderten Modification aufführe. Wie meinen Sie das, Trivialer? fragte der Leser. Dieselben geruhen, antwortete Wolfsberg, mit Ihrer unvergleichlichen Stupidität nicht zu capiren. Ich war mit Einem Wort, genau nach der Lehre des Pythagoras, schon in vielfachen Gestalten im Leben. Ich war König, Kaiser, Bettler, Vater, Sohn, lasterhaft, zur Tugend geneigt, glücklich und elend. O, sagte der Indianische Schachspieler, Sie fangen an interessant zu werden, Männchen; fahren Sie nur so fort, so können Sie noch was leisten. Können Sie uns nicht etwas Bestimmteres von Ihren früheren Verhältnissen mittheilen? fragte Sokrates. Gern, erwiederte der Baron mit geläufiger Zunge, ich war z. B. zugegen, als Cäsar ermordet wurde. Trefflich! rief der Leser; wer waren Sie denn dazumal? Wer anders, als der berühmte Cassius, antwortete Wolfsberg. Halt! schrie der aufgedunsene Redner, der noch immer mit der Zinnschnalle paradirte, halt! rief seine krächzende Stimme; das ist nur Windbeutelei! Denn wenn ich damals hätte leben können, so würde ich Cassius gewesen seyn: also ist es pur unmöglich, daß Du selbiger gewesen! 238 Dieser leere Wunsch und die etwanige Möglichkeit, sagte Wolfsberg spitzfindig, schließt doch wohl meine wirklich erlebte Wirklichkeit nicht aus? Leerer Wunsch? schrie der aufgebrachte Dichter, in meinem ganzen großen Leibe und noch größeren Geiste ist kein einziger Wunsch, den man als leer verlästern dürfte! Leer! Ei, den ausgelernten Lehrer! Mit diesen Worten schlug er auf den jungen Baron ein. Sokrates wollte seinen ehemaligen Schüler zurechtweisen; da dieser aber, noch ergrollt, ihn ebenfalls nicht schonte, so verließ auch diesen die sokratische Ruhe. Doch, wie es auch wohl bei Vernünftigern zu geschehen pflegt, vergaß er den Beginn des Zanks, und sein thätiger Unwille wandte sich nach wenigen Augenblicken gegen Wolfsberg. Die Schachspieler, Melchior, der Baukünstler, ja Alle im Saale schienen plötzlich von der Ueberzeugung begeistert, daß es nothwendig sei, denjenigen, der schon als Cassius und in andern Zuständen Vieles gelitten, auch in diesem Momente mit empfindlichen Leiden zu überhäufen. Am grausamsten aber wüthete die Peitsche des Pygmäen-Bezwingers, dessen Seherkraft auf Rücken und Schultern des Armen Myriaden seiner kleinen Gegner erblicken mußte, weil er, unbarmherzig gegen sich und den Geschlagenen, in die Geister mit der Anstrengung aller Kräfte hinein arbeitete. Entsetzt stürzte Friedrich, der seinen fleißigen Arbeiter und Schatzheber unterliegen sah, mit fürchterlichem Geschrei zum Director, dessen Autorität und starkes Wort den armen erschöpften Baron auch wirklich frei machte, der sich verdrießlich und zerschlagen nach seinem Zimmer begab, und den der Trost, welchen ihm Friedrich noch in der Thür zuraunte, daß die nun kommende Nacht die letzte und entscheidende sei, in diesem Augenblick nicht sonderlich erheben konnte. 239 Als Friedrich seinen nächtlichen Schatzgräber abrief, fand er ihn sehr übel gelaunt. Die Arbeit wird mir zu schwer, sagte er verdrießlich; meine Kräfte nehmen ab, und ich muß fürchten, daß diese ganze ungeheure Anstrengung vergeblich gewesen ist; denn nach so manchen Wochen, nach so vieler herausgegrabenen Erde, da wir doch schon tief genug gekommen sind, zeigte sich noch immer nichts. Es wird auch fast unmöglich, die Erde aus der Tiefe noch höher herauf zu schaffen, da ich Alles allein verrichten muß. Nur heut noch, flüsterte Friedrich; ich gebe Ihnen mein Wort, heut ist die letzte und entscheidende Nacht! Wir müssen nur Anstalt treffen, das viele Gold aufzubewahren, ohne daß man es bei uns bemerkt. Und noch Eins, verehrter Freund, in der letzten Nacht zeigt sich gewiß etwas Sonderbares oder Gespenstisches. Lassen Sie sich nicht überraschen; erschrecken Sie nicht, wenn Sie Stimmen hören, ein wunderliches Gepolter, Geschrei; wenn Lichter und Geister kommen, und uns das so sauer Errungene wieder zu entreißen streben. Denn das ist ihre Art, den Glücklichen noch zuletzt zu ängstigen, damit sie ihm seine Beute wieder entziehen. Darum hüten Sie sich heute besonders vor jedem Zweifel oder gottlosen Wort und Fluch; denn sonst versinkt unser Schatz gleich wieder so viele Klaftern tiefer, daß alsdann unsre Arbeit von Neuem und viel beschwerlicher anfangen müßte. Heut müssen wir besonders still seyn, und uns eine feierliche Manns- und Heldenstimmung geben. Sie gingen langsam hinunter. Sie flüsterten unterwegs, was sie mit den Schätzen beginnen, welche Unternehmungen sie ausführen wollten, wie die Welt vor den ungeheuren Dingen erstaunen sollte, die alsdann auftreten würden. Wolfsberg sprach davon, wie er sich sein eignes Theater in seinem großen Palaste anlegen wolle, und nur den vorzüglichsten 240 Künstlern gestatten, bei ihm aufzutreten; Friedrich dachte mehr darauf, den Director zu kränken, seinem Hause gegenüber ein anderes, noch größeres aufzuführen, und alle Menschen dort kostbar zu bewirthen, die sein Gebieter nicht leiden könne. Als sie unten waren, stellte Wolfsberg die Laterne wieder neben sich, und fing an seufzend zu graben, da ihm Arme und Rücken, ermüdet wie sie waren, fast den Dienst versagten. Friedrich stand oben auf der lockern Erde, und konnte kaum seine heisern anordnenden Worte hinab gelangen lassen, so tief hatte sich Wolfsberg schon unter die Fundamente eingegraben. Eine schauerliche Stille umgab sie; ganz dumpf und fern hörten sie jetzt die große Uhr zwölf schlagen. Wolfsberg dachte nicht ohne Grausen daran, daß sich nach seines kleinen Freundes Voraussagung nun wohl etwas zeigen könne, und suchte seine Angst durch emsigere Arbeit zu betäuben. Friedrich stand hoch über ihm und zitterte an allen Gliedern; er wagte es nicht mehr hinab zu sehn; die Erdschollen, wie sie von unten aufgeworfen wurden, erklangen ihm fürchterlich, weil er in jedem Wurf Schritt und Tritt eines Geistes zu hören glaubte. In der größeren Anstrengung warf Wolfsberg die Laterne um, die nur ein dämmerndes Licht in der ausgegrabenen Kluft schimmern ließ; Friedrich stieß einen leisen Ausruf des Entsetzens aus, und als sich jetzt ein seltsames Gepolter vernehmen ließ, ein dumpfes, brausendes Murren, von dem man nicht unterscheiden konnte, woher es komme, setzte sich Wolfsberg in höchster Angst nieder, ein Geisterheer und furchtbare Erscheinungen erwartend. Sein Haar sträubte sich, als das Getöse zunahm; und jetzt fiel plötzlich mit schwerem Fall ein Wesen um seinen Hals, schlang sich zitternd und weinend an ihn fest und schien ihn erdrücken zu wollen. Als Wolfsberg sich etwas besann, erkannte er 241 Friedrich, der von oben zu ihm herab gekugelt war, vom Schreck hinunter geworfen. Was wird aus uns werden? schluchzte dieser. Aber nur Muth, Muth, mein Leidensgefährte! Jetzt vernahm man etwas Bestimmteres, wie Reden, Schreien durch einander. Es kam näher; aber nicht aus dem Boden, sondern von dem Eingange des Kellers her; Lichtschimmer fingen an sich zu verbreiten. Aber da muß das heilige Donnerwetter drein schlagen! brüllte jetzt eine Stimme, und der Kleine ließ jetzt den Baron fahren, richtete sich auf, und sagte: Gott Lob! es ist nichts, es ist nur unser Herr Director. Mordelement! schrie dieser von oben, wie sieht das hier in den Kellergeschossen aus, da müssen wenigstens zwanzig verrückte Spitzbuben dran gearbeitet haben. Gewiß ist der Schuft, der Friedrich, wieder auf seine alten Tollheiten verfallen, und hat ein Rudel Dummköpfe zu Gehülfen genommen. An Dir aber will ich ein Exempel statuiren! Herr Director, Barmherzigkeit! winselte der Kleine von unten hinauf. Leuchtet! schrie der zornige Mann. Die Diener kamen mit den Lichtern näher, stiegen auf die Erdhügel, und man sah jetzt beim Schein die armen Sünder, bleich und aufgelöst in Angst, unten stehn. Wie? schrie der Director, der verrückte Graf ist da unten bei Dir? Herauf Ihr verdammten Kerle! Langsam und mit Mühe krochen die Verbrecher aus ihrer Grube. Wißt Ihr wohl, Patrone, eiferte der wüthende Medicinalrath, daß durch Eure sauberen Bemühungen das Fundament hier gesunken ist, daß die äußere Mauer nach Westen einen Riß bekommen hat? daß ich das Recht habe, Euch in Ketten zu schlagen und an die Wand zu schmieden? Ich erschrecke, wie ich heut Nachmittag den Sprung in der Mauer 242 wahrnehme; aber das laß ich mir doch nicht träumen, daß der dumme Schatzgräber, der doch seine ehemalige Strafe nicht sollte vergessen haben, seine Streiche von Neuem angefangen hat. Sprich, wo sind die übrigen Verschwornen? Der Graf, wie Sie ihn nennen, antwortete der zitternde Friedrich, hat Alles ganz allein gemacht. Was? rief der Director erstaunt; das Kerlchen ganz allein? Allen diesen Schutt aufgeworfen? sich wohl vier Klaftern tief eingegraben? die Erde in die Gewölbe herauf gefahren und dort abgeladen? Das ist kaum menschenmöglich! Und wie lange treibt Ihr die Teufeleien? Seit vier oder fünf Wochen, klagte Friedrich. Kein Wunder denn, sagte der Director, daß der Unkluge so verfiel und zum Jammerbilde wurde. Aber wie konnten Sie nur, Graf, ein solcher Dummkopf seyn, und sich von diesem armseligen Schaafe verführen lassen? Merkten Sie es denn gar nicht, da Sie doch manchmal Funken von Vernunft zeigen, daß er auch zu den Tollen gehört? Also ist unser Herr Friedrich auch unklug? fragte Wolfsberg. Was anders? erwiederte der Director: nur weil er anstelliger ist, als die Andern, wird er zum Aufwärter, ja Aufseher gebraucht. Nun hat sich das Ding freilich geändert. Hätten die Satans nicht uns Narren insgesammt den alten Kasten auf die Köpfe schmeißen können! Mir fiel es oft ein, sagte Wolfsberg kleinlaut, daß hier keine Schätze liegen möchten, daß Friedrich vielleicht nicht gesunde Einsichten habe; aber weil ich doch einmal die tolle Arbeit angefangen hatte, weil er mich so zu lieben, auch ganz zu kennen schien, mehr als Alle, so – – Ja, winselte Friedrich, ich mußte dem Narren gleich gut seyn, so wie ich ihn ankommen sah; denn betrachten Sie ihn 243 nur, wie er dem berühmten Herzog Marlbrough ähnlich sieht, der vor einem halben Jahre bei uns saß, und mit dem ich damals auch die große Freundschaft errichtete. Aber da er nun doch ein recht verrätherischer Narr ist, will ich Ihnen auch sagen, wer er eigentlich ist, denn Sie kennen ihn Alle nicht. Nun? sagte der Director. Er ist, fuhr Friedrich trotzig fort, der durch die ganze Welt berüchtigte Cartouche, das können Sie mir auf mein Wort glauben. Scheert Euch beide auf Eure Stuben, rief der Director, und nehmt da auf vier Wochen mit Wasser und Brod vorlieb, das ist Eure gelindeste Strafe! Die Maurer werden hier wohl eben so lange zu thun finden, ehe das Haus wieder fest steht und Alles in Ordnung ist. Sie gingen Alle hinauf, und die beiden armen Sünder mußten sich seufzend in ihre Strafe fügen, die noch härter hätte ausfallen können. Vor der Stadt lustwandelten die beiden Freunde Walther und Anselm. Sie billigen es also, sprach der Letztere, daß ich dem alten Grafen Birken Alles, was seinen wilden Sohn betrifft, geschrieben habe, und daß er nun, wenn es ihm wichtig genug dünkt, selber kommen und ihn aufsuchen mag; denn ich kann meine Zeit nicht länger mit diesen Nachforschungen verlieren. Sie wissen, daß mit jedem Posttag die vortheilhafteste Anstellung ankommen kann, die ich nicht zurück weisen darf. Ich bin in allen Dingen Ihrer Meinung, erwiederte Walther, nur darin nicht, daß Sie nicht zum Hause des Predigers Kilian zurück kehren wollen, wo, wie ich immer 244 noch glaube, wir Alle antreffen würden. Was nützt mir nun die Vollmacht, die ich bei mir trage, wenn wir den guten Pankraz niemals wieder zu Gesichte bekommen? Ein Auflauf störte die Unterredung, denn ein Rudel von Jugend war hinter der seltsamsten Erscheinung her, die ihnen zu entlaufen suchte. Eine lange Gestalt in rothem Tressenrocke, kleinem goldbesetzten Hut und großem Haarbeutel, einen feinen Degen mit Porzellan-Griff an der Seite, in aufgewickelten seidenen Strümpfen und Corduan-Schuhen mit rothen Absätzen, stolperte ihnen unbehülflich entgegen, und bat mit kläglicher Stimme um Hülfe gegen die ausgelassene Jugend. Sie halfen dem alten Manne in ihren Gasthof, vor dem sie eben standen, und als sie im Zimmer dem Geschrei und Lärmen des nachfolgenden Haufens entgangen waren, erkannten die Freunde zu ihrem Erstaunen an dem hochauffrisirten und gepuderten Kopf das Gesicht des verdächtigen Pankraz. Wie bin ich Ihnen verbunden, meine werthen Herren, sagte er, den Rath von der Seite betrachtend, daß Sie mich gerettet haben! Der Arzt, welcher fürchten mochte, daß bei der Milde seines Freundes vielleicht die Sache nicht die rechte Wendung nehmen könnte, bemächtigte sich gleich des Gespräches, indem er mit barschem Tone sagte: wir kennen Euch recht gut, alter Narr Pankraz; wie seid Ihr in diesen Habit gekommen, und was hat die Posse zu bedeuten? Ach, mein Herr, sagte der Diener, wir sind schon einige Zeit von unserm Prediger entfernt – Das wissen wir, unterbrach ihn der Arzt, und auch den saubern Grund, weil der gute Pankraz uns nicht gern dort treffen wollte. Doch das wird sich Alles finden! Nun kann ich meinen Herrn, fuhr der Diener fort, nachdem er den Arzt ein Weilchen mißtrauisch angesehn hatte, so ziemlich regieren; er folgt mir in wichtigen Sachen immer, wenn er auch murrt, und hat mehr Respect und Furcht vor mir, als vor dem Herrn Prediger selbst; aber an einem einzigen Tage im Jahr ist er durchaus nicht zu bezwingen; an seinem Geburtstage nämlich; da muß ich ihm in allen Dingen seinen Willen thun, wenn ich ihn nicht wüthig machen soll. Heut ist der Unglückstag, und da faßte er schon vorige Woche den Gedanken, ich müßte heut als Herr angeputzt seyn, und er wollte meinen Bedienten vorstellen. Ich bat und flehte; aber umsonst. Ich wollte wenigstens den Spaß auf dem Lande treiben; half nichts. Er staffirt mich also aus, und lehnt das Zeug dazu von Juden und Christen zusammen; er selber tritt in einer engen hechtblauen Livree hinter mir her, und da sich die Jungen versammeln, fängt der böse Mensch zuerst an, mich auszulachen, und schreit hinter mir drein, ich sei der ewige Jude. So bin ich durch die halbe Stadt verfolgt worden, und hoffe nun durch Sie den Habit los zu werden, und sicher nach unserm Wirthshause zu kommen. Das wird alles nicht nöthig seyn, sagte der Arzt kaltblütig, der gute Pankraz wird wohl anderswo ein Unterkommen finden. Seht, der Herr Rath Walther hat sich zu Eurem Besten vom Gerichtspräsidenten hier in der Stadt, der sein naher Verwandter ist, diese Vollmacht geben lassen, Euch zu greifen, wo Ihr Euch betreffen ließet, und den Gerichten zu überliefern; wo Euch dann das Zuchthaus wenigstens gewiß ist, wenn Euch nicht, wie ich glaube, Kette und Karren auf dem Festungsbau erwartet. Mein Himmel, sagte der Alte zitternd, indem er einen schnellen Blick in das große Blatt warf, wodurch denn – dieser Verdacht – ach! Herr Rath – ich weiß nicht – Freilich, fuhr der Arzt kalt und bestimmt fort, könnt 246 Ihr Eurem Schicksal selbst eine bessere Wendung geben, wenn Ihr in unsrer und einiger Zeugen Gegenwart ganz aufrichtig seid. Ich weiß ja nicht, winselte Pankraz, was ich gestehen soll. Die Sache ist übrigens schon klar, sagte der Arzt, und kann auch ohne Euch ausgemittelt werden; nur bewegt uns das Mitleid mit Eurem Alter dazu, Euch das harte Schicksal zu ersparen, das Euch nothwendig treffen muß. Vertraut Ihr Euch uns gutwillig an, so haben wir den alten Baron Eberhard so in der Hand, daß er künftig für Euch sorgen muß, und noch besser, als er bisher gethan hat. Wir wollen als Eure Freunde für Euch handeln, wenn Ihr aufrichtig seid, und Euch als Feinde verfolgen, wenn Ihr läugnet. Lieber Himmel, stotterte der Alte, wenn ich doch nur gleich recht viel wüßte, um Ihnen durch meine Bereitwilligkeit meinen Diensteifer und meine Liebe zu beweisen. Wir verlangen nur Weniges von Euch, sprach Anselm. Ach! das ist ja recht Schade, seufzte Pankraz; wollte der Himmel, ich hätte Ihnen recht Vieles zu erzählen! Daß Ihr sonst den jungen Raimund bedientet, fuhr der Arzt fort, daß Ihr einen Spion bei ihm abgabt, daß Ihr es nicht ehrlich mit ihm meintet, sondern Alles dem alten Herrn Baron zutrugt, wissen wir schon längst. Es ist uns auch bekannt, daß sich der alte Herr Baron über die Schwächlichkeit seines Neffen freute, weil er ihn zu beerben hoffte; daß ihm deshalb die Verbindung mit Fräulein Blanka sehr zuwider war, die er auch nur unter den einfältigsten Vorwänden zu hindern suchte; daß er darum ihre tödtliche Krankheit so gern sah, und Euch alten Spitzbuben mit der Nachricht ihres Todes zu dem zerstörten jungen Manne schickte, als ob Ihr Euch einen rührenden und dummen Spaß mit ihm machtet. Als dieser Todesschlag die Sinne des 247 Unglücklichen verwirrte, jagte der alte Unmensch Euch zum Scheine aus dem Dienst, wie es schon vorher unter Euch abgekartet war, und hat Euch seitdem eine gute Versorgung gegeben, und für die Zukunft eine noch bessere versprochen. Nicht wahr, so hat sich Alles begeben? Jetzt sagt nur noch, wo habt Ihr den armen Jüngling hingeschafft? Gesteht es lieber uns, als dort vor Gericht, wo keine Gnade mehr für Euch zu hoffen ist; auch thut Ihr so Eurem alten Beschützer den besten Dienst, der nur auf diesem Wege einem schimpflichen Prozesse entgeht. Ach! meine Herren, heulte Pankraz, meinen Sie es denn auch ehrlich mit mir? Wenn ich mich doch nur Ihrem edlen Herzen so recht gutmüthig vertrauen könnte! Wenn Sie es doch einzurichten wüßten, daß ich nichts mehr mit dem Herrn Theophil zu thun hätte, sondern das, was ich von dem Baron fordern kann, in ungestörter Ruhe genösse. Das soll geschehen, sagte der Arzt. Nur schnell! wo ist Raimund? Sehn Sie, fuhr der Diener fort, wie soll ein armer bedrängter Domestik ehrlich bleiben, wenn es die vornehmen Herrschaften bei allem ihrem Ueberflusse nicht einmal sind? Der alte Herr glaubte immer, er würde das Vermögen besser brauchen können, als sein junger Neffe, der niemals so ganz seinen Verstand hatte; darum dachte er auch, das feine Wesen sollte mit Tode abgehn, weil die Leute immer sagen, solche Kinder und junge Leute wären zu gut für diese Welt. Wie er nun doch schon confus war, so meinte der Baron, der Tod des Fräulein Blanka, die auch besser für den Himmel paßte, würde den jungen Herrn auch dahin verhelfen; darum sollte ich ihn erschrecken, daß er nur recht schnell und ohne lange Leiden hinüber führe; und das alles wußte mir der Herr Baron ganz christlich vorzuschwatzen. 248 Aber der junge Mensch hatte doch noch mehr Courage und Kraft, als wir ihm zugetraut hatten; er wurde freilich ein bissel lamentabel, und sein Verstand verfiel noch mehr, aber er blieb frisch weg am Leben. Da gab ihm der alte Herr einen andern Namen, schrieb Certificate, eine ganze lange Geschichte, die ich mir auch merken mußte; und das arme kranke Lamm ließ sich auch Alles gefallen; ob er so hieß, oder so, war ihm ganz gleich. Er wurde mir heimlich übergeben, und ich brachte ihn ganz in der Stille auf das Haus da drüben über den Fluß, wo sie ihn gut verpflegen, und er sich, seit Fräulein Blanka für ihn todt ist, um nichts mehr kümmert. Ich bezahle vierteljährig seine Pension, die ich von einem Banquier erhebe, und so ist Alles in Ordnung. Was ist das für ein Haus? fragte Walther. Das berühmte Narrenhaus da drüben, antwortete Pankraz. Entsetzlich! rief der Rath; Du wirst uns nun Deine Papiere ausliefern, Dein Geständniß noch einmal wiederholen, und es unterschreiben, und so lange, bis Alles entschieden ist, im leichten Arrest bleiben. Doch noch eins: wer ist denn dieser Theophil? Der, sagte Pankraz, ist ein natürlicher Sohn unsers alten frommen Barons. Er schämt sich seiner, weil er ein Narr ist, und hat ihn bisher bald da, bald dort untergebracht. Man hörte den Theophil draußen lärmen. Er trat als Bedienter gekleidet in das Zimmer. Ich will meinen Pankraz haben, rief er aus. Ach, jammerte der Diener, ich bin zum armen Sünder geworden, und gegenwärtig im Arrest. O das ist herrlich! jubelte Theophil; schöner konnte ich meinen Geburtstag gar nicht feiern, als dadurch, daß sie den 249 alten Kater zum armen Sünder gemacht haben! Das muß ich gleich draußen dem Herrn Kilian und Görge erzählen. Das wird ein Jubel im ganzen Lande seyn. Pankraz im Arrest! der weise Salomon, der schnurrende, altfränkische Solon mit seiner Cato-Physiognomie und dem herrlichen Haarbeutel im Nacken ein armer Sünder! – Er stürmte fort und hörte nicht auf die Einreden der beiden Freunde, oder die kläglichen Bitten seines alten Dieners. Kaum war der Stubenarrest und die sehr dürftige Kost dem armen Wolfsberg noch nöthig, um ganz sein Inneres zu erkennen, und alle seine Thorheiten und die Verderbniß seines Lebens einzusehn. In demüthiger Unterwerfung ergab er sich seinem Schicksal, und war kaum erfreut, als man ihm ankündigte, daß seine wohlverdiente Strafe ihm früher erlassen sei. Jetzt durfte er wieder den Saal betreten, und der Director, den er bis dahin so wenig wie Friedrich, seinen Verführer, gesehn hatte, ließ ihn sogar dahin einladen. Wolfsberg fand alle Thoren dort versammelt, und den Director mit dem Hut auf dem Kopfe sitzend. Dieser hielt ein Papier in den Händen, und seine Miene schien sehr verändert; doch konnte man nicht sagen, daß er heiterer, als gewöhnlich, aussah. Meine Freunde, fing er im Rednerton, aber mit einer weichen Stimme an, wir haben lange mit einander gelebt, viel mit einander ertragen; aber heut ist der Tag, an welchem wir von einander scheiden sollen. Man hat endlich meinen vielfältigen Gesuchen, mich in Ruhestand zu versetzen, nachgegeben, und der Mann, der nun als Vorsteher meine Anstalt übernehmen wird, soll noch heut Mittag eintreffen. Möge sein Verstand erleuchteter, als der meinige, und sein Sinn nicht unfreundlicher seyn! 250 Die Thür ging auf, und Görge trat mit großer Dreistigkeit herein. Was giebt's, Bursche? fuhr der Director auf ihn los. Ich kann's nicht mehr zu Hause aushalten, sagte Görge ganz unbefangen. Sehn Sie, Herr Director, seit ich neulich 'mal hier war, bin ich wie ein verwandelter Mensch; mein Verstand ist aufgeklärter, und ich kann nun meinen lieben Aeltern nicht mehr so in Allem folgen, wie ehedem. Wenn ich das nicht recht mache, und jenes versehe, 'mal so spreche oder morgen anders denke, wie es zu Hause bei mir Mode ist; so wird die Mama immer sehr böse, und droht mir, mich in das Narrenhaus hier einsperren zu lassen. Gestern nun habe ich unserm Herrn Kilian wohl zwanzig Fledermäuse in die Stube geworfen; da hat er mich verklagt, und sie hat mir wieder gedroht, mich hieher zu schicken; da bin ich nun heute früh lieber gleich von selbst herüber gelaufen, und bitte, daß Sie mich eine Weile hier behalten; so könnte ich auch bei dem rothnasigen Herrn dort noch etwas lernen und mich ausbilden. Sokrates machte sich sogleich herbei, und faßte die Hand des lehrbegierigen Jünglings. Der Director lächelte und sagte mit sonderbarer Miene: wenn Strafe selber zum Lohn wird, so ist der Mensch gewiß am glücklichsten. – Ich bin in meiner Abschiedsrede von Euch, meine Freunde, unterbrochen worden, fuhr er hierauf in verändertem Tone fort. Ich habe dies Haus nun sechszehn Jahre bewacht; viele Gäste empfangen, viele gebessert entlassen. Ihr seid die letzten; und da ich Eure Besserung durch Pflege und Aufsicht nicht lange genug habe abwarten können, so will ich sie hiermit durch ein Machtwort veranstalten, und erkläre Euch nun hiermit für frei, hergestellt und gesund. Wie? Diese Gewalt wenigstens sollte mir nicht einmal geblieben seyn? Thut 251 der Staat, der Fürst, die Universität denn etwas anders, wenn sie Doctorhüte, Titel und Würden austheilen? Da sehn wir ja täglich, wie Menschen plötzlich Verdienste und Tugenden haben und glänzen lassen, die kurz vorher nur wenig taugten, oder kaum über Vier hinaus zählen konnten. Alle Thore, meine theuern, so lange gehegten und gepflegten Freunde, sind offen; die Thürhüter haben den Befehl, Niemanden am Ausgehen zu verhindern. Diese letzte Wohlthat ist es, wozu ich noch heute meine Macht gebrauchen will. Ich kann meinem Amte nicht länger vorstehn; denn, wie mancher der Märtyrer oder Wunderthäter jener frühern Jahrhunderte die Sünden ihrer Mitbrüder, so habe ich mit Liebe und Mitleid alle Eure Gebrechen in meine Seele aufgenommen: und Viele sind dadurch geheilt, die Bösartigkeit Andrer ist dadurch gemildert worden. Aber Ihr könnt wohl selbst ermessen, dankbare Freunde, daß das keine Kleinigkeit für einen sterblichen Mann ist, in seinem engen Busen so hundert Narrheiten zu tragen und zu hegen, an deren einer schon jeder von Euch genug zu schleppen hat. Freilich war ich auch dadurch nur Monarch und Herrscher, in welchem sich alle Kräfte und Vorzüge centralisiren. Nicht wahr, Ihr guten, lieben Unterthanen und Einfaltspinsel? Geht nun zurück in die Welt, und gewöhnt Euch doch endlich als gesetzte Männer die kindische Aufrichtigkeit ab, mit der Ihr Euch vor jedem Narren Eure Narrheit habt merken lassen. Schaut um Euch! Von Allen, die hier vorbei fahren und gehen, die auf dem Flusse schiffen, die in der Stadt dort wandeln und auf ihren Zimmern sitzen, gehören, wenn man die Strenge brauchen wollte, wenigstens zwei Dritttheil hieher. Warum wollt Ihr nun so weichherzig seyn, jedem Eure Brust zu öffnen, und in die curiose Structur Eures Innern hinein schauen zu lassen? Ist es denn so etwas 252 Schweres, die gewöhnlichen Redensarten der Vernünftigen zu gebrauchen, ihre Geschäfte zu treiben, trivialen Spaß zu machen, und ihnen ihre ganze Ehrwürdigkeit abzusehn und nachzuspielen? Kinder, glaubt mir doch, es gehört weit mehr Genie dazu, ein Narr zu seyn! Daher mag es auch Mangel an Muth seyn, wodurch sich die Meisten abhalten lassen, zu uns überzugehn. Denn ein trivialer Narr ist wirklich etwas recht Triviales. Wann nun der neue Herr Director ankommt, seht, Kinder, so wird er hier das leere Nest finden. Das glaube ich, wenn der sich so recht in die Fülle, wie in eine vollständige Haushaltung hinein setzen könnte, das wäre ein Jubel für ihn; Alles eingemacht, vollgesackt, geschlachtet und gepökelt für Herbst und Winter; die ganze Ernte, die ich so mühselig seit manchem Jahre habe sammeln müssen! Nein, er mag auch säen und pflanzen, die junge Zucht auffüttern, die alten Gänse nudeln und stopfen. Zehre er von seiner eignen Arbeit! – Lebt nun wohl und reicht mir Eure Hand, ehrwürdiger Sokrates! Geht und nehmt den jungen Alcibiades, den lieben Görge, mit Euch; bildet ihn, daß er Galimathias sprechen lerne, aber mit Maaßen, damit er nicht verkannt werde, wenn er das, was auf einen Monat ausreichen sollte, in einem Tage an den Mann bringt. Fahrt wohl, Ihr beiden Redner; übt Euch dort vor dem Volke, und rührt und erbaut die Welt durch Liebe und erhabene Gesinnung! Indianer, großgesinnte Menschen mit edeln Inspirations-Gaben versehn, errichtet dort eine Akademie, um die trockne Welt geheimnißvoller zu machen und sie mit tiefer Mystik zu nähren! Begleitet diese Edeln, Ihr Lesender; und wenn Ihr unserm Jahrhundert Alles rücklings lesen und stellen könnt, so werdet Ihr Euch vielen Dank verdienen. Ja der bloße Versuch wird Euch schon glänzend belohnt werden. Ihr Baukünstler, bezieht wieder Euer Haus, 253 das Ihr als aufgeblühte Schönheit verließet, und das nun zu einem alten Mütterchen zusammen geschrumpft ist! Pygmäenfeind, geht und vertreibt die bösen Geister! Ihr, Graf Birken, macht Euch davon, und laßt nun Weiber und Mädchen in Ruhe! Herr von Linden, oder Methusalem, wie sie Euch hier nennen, verschwindet in Eil: denn Ihr macht hier nur theure Zeit, da Ihr sie so entsetzlich consumirt. Wie? wenn ich Euch nun die Zehrungskosten nebst Zinsen für die hundert tausend Jahre abfordern wollte, die Ihr hier, Eurem eignen Geständnisse nach, zugebracht habt? Meilen weit hier herum kann das Kind im Mutterleibe keine Zeit zum Wachsen finden, da Ihr Alles in Euch schlingt. – Friedrich, lebt wohl, und grabt keine Schätze mehr, sonst grabt Ihr Euch selber die Grube, in die Ihr hinein fallt! Jeder mußte ihm, indem er vorüber ging, die Hand reichen. Alle verließen das Haus; nur Friedrich erklärte, daß er niemals weichen wolle. Sieh, rief der Director, am Fenster stehend, wie sie sich verbreiten und dahin ziehen, die lieben Pilgersleute! Sie werden es doch vielleicht nicht wieder so gut finden, als hier. Mancher wird sich zurück sehnen! Ein Wagen fuhr in den Hof, und der Mann, welcher herausstieg, war sehr verwundert, alle Thore offen zu finden. Noch mehr erstaunte er aber, als er sich dem zeitherigen Director näherte, und erkannte, daß dieser plötzlich ein Kranker seiner eignen Anstalt geworden sei. Er gab sich ihm als Doctor Anselm zu erkennen, welchem die Regierung diesen Posten anvertraut habe; doch jener antwortete bloß: ja, bester Mann, Sie finden mich ganz allein hier, als Stock und Stamm, der wohl wieder Früchte tragen mag, doch aber jetzt abgelaubt ist. Für etwas, wenn auch nicht für viel, kann mein Friedrich gelten. 254 Anselm ließ sogleich einige Diener zu Pferde ausreiten, um, wo möglich, noch einige der Flüchtlinge einzuholen. Görge ging mit seinem neu erworbenen Sokrates seiner Heimath zu. Sie müssen sich nur nicht Sokrates nennen, machte er ihm begreiflich; denn das klingt so heidnisch: so können Sie gewiß in unserm Hause bleiben, und mir Unterricht geben. Der Papa suchte schon seit lange einen Lehrer: er hilft Ihnen gewiß durch, und thut, als wenn er Sie dort oben nicht gesehn hätte; meine Schwester darf nichts ausplaudern, sonst verrathe ich ihre schwärmerische Liebe zu dem Windbeutel Theophil; bloß die Mama müssen wir betrügen, und Sie müssen sich nur hübsch klug und weise stellen. Ich brauche mich nicht so zu stellen, antwortete Sokrates; das ist meine wahre Natur. In einiger Entfernung hinter diesen schlich Wolfsberg; er ging nur langsam, und sehnte sich nach einer Erquickung. In dem großen Dorfe, wo der Junker ihm mit seinem Mentor aus den Augen verschwand, ließ er sich in dem Gasthofe ein Zimmer geben, und bestellte sich Essen und Wein. Er legte sich indessen auf das Bett, um etwas zu schlafen; aber kein Schlummer befiel sein Auge, denn tausend gute Vorsätze, Lebensplane und Erinnerungen besuchten ihn jetzt, da er sich nun endlich der Freiheit zurück gegeben sah, die er sich seit so mancher Woche vergeblich gewünscht hatte. Die heitre frische Herbstluft zog durch das offne Fenster, und stärkte seine Sinne. Wie ist mir wohl! sagte er zu sich selbst: warum habe ich denn so manches Jahr diese Empfindungen verschmäht, die mich jetzt besuchen, und die doch das theuerste Leben meines Lebens sind? 255 Ein sonderbares Gezänk, das draußen vorfiel, erregte erst seine Aufmerksamkeit und zog ihn dann ans Fenster. Ein alter Mann stritt mit einem jungen, und sagte jetzt eben: nein, Sie müssen mit uns gehen, und daß ich Ihnen Ihre Baarschaft oder Ihre Wechsel jemals wieder geben sollte, darauf machen Sie sich nur keine Rechnung; denn wenn ich nicht als ein kluger Mann Ihre Capitalien in Verwahrung genommen hätte, so hätte es wohl so kommen können, wie uns der fremde Herr wahrsagte, daß mein altes Auge Sie nie wieder sah, und meine arme Tochter sich der Verzweiflung ergeben mußte. Wolfsberg sah sich hier wieder einen Spiegel vorgehalten, der ihm die Scene noch weit interessanter machte. Aber, Herr Kilian, es ist doch mein Geld, sagte der junge Mensch. Was, Kilian? schrie der Alte; Herr Schwiegervater müssen Sie zu mir sagen, so wie ich Sie auch lieber hochgeborner Herr Schwiegersohn, als Graf von Birken tituliren werde. Wie? sagte Wolfsberg zu sich selbst, dies also ist der junge verkehrte Mensch, für den ich so lange habe leiden müssen? – Seine Aufmerksamkeit hatte den höchsten Grad erreicht, und weil er dem Gespräche so eifrig zuhörte, bemerkte er nicht, daß zwei fremde Menschen durch den Baumgarten herbei kamen. Kommen Sie, ohne Umstände, rief der Pfarrer jetzt von Neuem, oder ich lasse Sie aus meiner Machtvollkommenheit als Mädchenverführer und Jungfrauenräuber arretiren. Einen solchen suchen wir eben sagte der eine Fremde, einen jungen Grafen Birken, der ein Verbrecher und Narr zugleich seyn soll. Alle Thörichten haben sich heut aus dem Narrenhause befreit, und das ganze Land ist nun im Aufruhr, sie wieder einzufangen. 256 Wolfsberg erschrak; er wollte schnell den Kopf zurück ziehn, aber man hatte ihn schon bemerkt. Er sammelte sich und rief von oben herab: Sie suchen den Grafen Birken? Der dort ist es, der mit dem alten Manne spricht. Der Graf erschrak, der Geistliche sammelte sich aber bald. Schwiegersohn oder Arrestant? fragte er den jungen Mann schnell und leise. »Ach! Schwiegersohn!« wimmerte dieser kläglich, und der Geistliche sagte mit fester Stimme: meine Herren, ich bin der Pastor dieses Orts; dieser mein Herr Schwiegersohn wohnt schon seit vierzehn Tagen in meinem Hause; aber dem Menschen da oben sieht ja der Vagabunde und der Narr obenein aus den Augen heraus. Ich gebe Ihnen mein Wort, er ist der entsprungene Graf Birken! Er nahm seinen Schwiegersohn unter den Arm und führte ihn mit starker Hand davon. Die Fremden bemächtigten sich des unglücklichen Wolfsberg, erlaubten ihm kaum, sein bestelltes Mittagsessen zu genießen, und schleppten ihn wieder in seine alte Haft zurück. Der Rath Walther war im Begriff, in schnellster Eile nach der Stadt zu fahren. Nur auf eine halbe Stunde wollte er in dem Dorfe beim Pfarrer Kilian einsprechen, und scheute deshalb den Umweg nicht, weil er doch vielleicht irgend eine Nachricht durch ihn erhalten könnte. Als er nach dem Dorfe einbeugte, sah er seitwärts neben den Bergen auf einer grünen Wiese den Fluß entlang eine Gestalt gedankenvoll wandeln, die sein entzücktes Auge bald als seinen geliebten Raimund zu erkennen glaubte. Er ließ halten und wollte über die kleine Brücke dem Wasser zueilen, als er Schalmeien, Clarinetten und Waldhörner vernahm, und einen 257 langen Zug geputzter Bauern und Bäuerinnen sich entgegen kommen sah. Alles jubelte, und in der Mitte gingen neben dem Pfarrer zwei wunderlich geschmückte Gestalten, die er für Graf Birken und die Tochter des Pfarrers erkannte, deren grüner Kranz in den brandrothen Haaren sie deutlich als Braut ankündigte. Da der Rath wußte, wie wichtig es seinem Freunde, dem Arzte, seyn mußte, daß die Trauung nicht vor sich ginge, so begab er sich, statt nach jener Wiese, in die Mitte des Brautzuges. Er wollte sprechen; aber die lärmende Musik ließ ihn nicht zu Worte kommen; besonders da der Pfarrer die Musikanten zum Blasen und das junge Volk zum Schreien ermunterte, um nur den lästigen Besuch zu übertäuben und zu verscheuchen. Des Rathes Anstrengungen wären auch für jetzt vergeblich gewesen, wenn nicht einige Reiter herbei gesprengt wären, die dem Zuge Halt geboten. Die Musik verstummte, und diesen Augenblick der Ruhe benutzte Walther, um seinen Einspruch gegen die Feierlichkeit vorzutragen und zu erklären, daß der junge Graf noch nicht mündig, außerdem auch thöricht im Haupte sei. Des Pfarrers bemeisterte sich ein erhabener Zorn. Ich weiß nicht, rief er aus, warum sich alle Welt in Bosheit gegen meinen verehrten Schwiegersohn und meine geliebte Tochter verschworen hat! Er thöricht im Haupte? Wissen Sie, unbekannter Freund, was das sagen will? Die Reiter begehrten ebenfalls angehört zu werden. Sind Ihnen sonst keine Narren begegnet, fragte der erste sehr eifrig: das ganze Narrenhaus hat sich frei gemacht, wir sind alle in den Dörfern aufgeboten, sie wieder einzufangen. Jeder Reisende ist jetzt verdächtig; man prüft alle Welt sehr scharf, und selbst der Vernünftigste muß sich in Acht nehmen, nicht aufgegriffen zu werden; denn Narren müssen sie nun doch einmal dort oben wieder haben. 258 Sind Ihnen Verdächtige vorgekommen, Herr Pastor? fragte der zweite. Ich untersage hiermit diese Hochzeit! rief der Rath im höchsten Unwillen. Der Pfarrer, welcher das Grafthum seiner kleinen Tochter von Neuem in Gefahr sah, dessen Vaterliebe Alles daran setzte, sich diesen Schwiegersohn zu sichern, und dem mit Wolfsberg schon der kühne Streich gelungen war, rief jetzt laut: hier, meine Herren, sehn Sie einen solchen Wüthigen vor sich, der sogar die heilige Ceremonie durch seine Raserei stören will! Was? rief Walther aus; ich ein Rasender? Sehn Sie nur, sagte der Pfarrer gesetzt, wie ihm die Augen wie zwei Feuerräder im Kopfe herum gehn! Er ist toll; wir erkennen ihn Alle dafür an. Ja, schrieen die Musikanten, und am lautesten der Graf: es ist der tolle Mensch, der schon seit acht Tagen hier herum läuft. Geben Sie Acht, was Sie thun, sagte der Rath etwas besänftigt; ich wollte eben nach der Stadt; ich bekleide dort jetzt die Stelle des Gerichtspräsidenten. Vor Hochmuth ist er übergeschnappt, rief der Pfarrer; allons! fort mit ihm! – Fort mit ihm, schrie der ganze Haufe. Die Reiter hatten schon ein drittes, lediges Pferd herbei geschafft; Walther ward hinauf gepackt, und ehe er noch sagen konnte, daß sein Wagen vor dem Dorfe halte, trabten seine Begleiter mit ihm fort: denn das Singen und Schreien der Menge, die betäubende Musik, und die Glocken, welche die Ceremonie einläuteten, machten für jetzt jede Erörterung unmöglich. Walther mußte gezwungen den Weg zur neuen Behausung seines Freundes antreten; der Pfarrer aber schleppte als Sieger seinen mühsam errungenen Schwiegersohn in die Kirche, mit dem Vorsatz, sich späterhin lieber 259 jeder Verantwortung zu unterziehn, als das Horoskop Lügen zu strafen! Der neue Director Anselm hatte sich indessen um seinen kranken Collegen bemüht, und es war ihm auch gelungen, den alten Mann wieder ziemlich zu beruhigen. Dieser sah seinen Zustand ein, und fühlte sich beschämt, daß er so leicht jenem Gelüste nachgegeben, welches ihm noch kürzlich der Prediger als so gefährlich geschildert hatte. Er besaß in der Nähe ein Landhaus, auf welches er sich verfügte, und Anselm sah ihn gern abreisen, weil er überzeugt war, daß die schnell erzeugte Unpäßlichkeit in einigen Tagen auf immer verschwinden müßte. Jetzt ward eine Gesellschaft von Reisenden gemeldet, die das Haus besehn wollten. Anselm ging ihnen entgegen, sie zu bewillkommen, und zugleich zu entschuldigen, daß ihre Neugier sich diesmal mit einem einzigen Vernünftigen begnügen müsse. Voran in den Saal trat ein langer alter Herr, dem die Uebrigen große Verehrung bezeigten; er führte an seinem Arm ein phantastisch geschmücktes Frauenzimmer, die dem Arzte bekannt schien, obwohl er sich ihrer nicht gleich erinnern konnte. Ein breitschultriger junger Mann folgte, und als letzte Begleiterin schlich ein blasses, krankes Mädchen nach, die Strickkorb und Tuch ihrer lachenden und übermüthigen Gebieterin demüthig trug. Wir kommen, sagte der angesehene Mann, Ihre Anstalt zu betrachten; meine junge Gemahlin hat dergleichen noch niemals gesehn, und der Bruder meiner Frau hat noch andere philosophische und künstlerische Absichten bei dieser Reise. Sind die Narren aber auch nicht fürchterlich? fragte die junge Dame; ist man nicht auch in Gefahr angesteckt zu werden? 260 Anselm erzählte ihnen die unglückliche und doch lächerliche Begebenheit, worauf der alte Herr sehr betreten und erblaßt zurück fuhr und ausrief: wie? Alle entlaufen? Schrecklich! Und auch ein gewisser Baron Linden unter den Geflüchteten? Ja wohl; leider, sagte der Arzt, indem er den Sprechenden näher ins Auge faßte. Das ist ein Jammer, rief der robuste junge Mensch aus; so bin ich denn vergebens hieher gereiset? Mir fallen jetzt bei unserm Theater die wichtigen Rollen des Macbeth und Lear zu, und für diese möchte ich so gern hier meine Studien machen; denn seit unser Großprahler, der Adlerfels, so ganz verschollen ist, und man nirgend von ihm hört (Schade um den übrigens guten Künstler!), so muß ich doch nothwendig die Lücke ausfüllen, die mit seinem Verlust bei uns entstanden ist. Du solltest ihn nicht nennen, mon frère, sagte die Dame: sieh nur, wie Fanny wieder von Erinnerung ergriffen wird. Auf den großen Mann, sagte der Bruder, hätte sich das Köpfchen ja doch niemals Rechnung machen dürfen. Friedrich, der auch zugegen war, sagte: es ist außer mir Niemand im Hause, als der berüchtigte Graf Birken; den haben sie vor Kurzem mit Gewalt wieder zurück geschleppt. Graf Birken? rief der Arzt höchst erfreut aus; o diesen führe sogleich zu mir, guter Mann. Zugleich winkte er den Baron in ein Fenster, um im Geheimen mit ihm zu sprechen: ich habe die Ehre, fing er an, den Herrn Baron Eberhard vor mir zu sehn. Jener verbeugte sich. Wenn Ihr Neffe, fuhr der Arzt fort, jetzt sich wieder fände, würden Sie gewiß seiner Verbindung mit Fräulein Blanka nichts mehr in den Weg legen. – Wenn er noch lebte, der liebe Jüngling, sagte jener süßlich, und sie den Verstand wieder gefunden hätte, – doch scheinen das unmögliche Dinge zu seyn! – 261 Doch nicht viel unmöglicher, sagte Anselm, als daß dieser nämliche Neffe lange als Baron Linden hier im Hause gelebt hat. – Ei! was Sie mir sagen! – Sie mußten es doch wohl wissen, da Sie sich gleich so angelegentlich nach dem jungen Linden erkundigten. – Ich? Ja, sehn Sie einmal, – daß ich nicht wüßte, – stotterte jener. Sie sind ein so berühmter Christ, fuhr Anselm fort, Ihre Frömmigkeit und Menschenliebe sind so exemplarisch, daß Sie ganz gewiß in alle meine Bitten und Vorschläge willigen werden, da ich es gleich gut mit Ihnen, wie mit Ihrem Neffen meine. Je, du mein Himmel, ächzte der Baron, wir sind ja alle gute Menschen. Wann ich nur erst wüßte, wodurch ich die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu seyn. Die arge Welt könnte glauben, fuhr Anselm leise im sanftmüthigsten Tone fort, Sie hätten es auf das Vermögen Ihres lieben Neffen angesehn, besonders weil ein alter Schuft sich nicht entblödet, auszusagen, ein gewisser Pankraz – O der Galgenschwengel! rief der Baron: was sagt er aus? der soll mir Alles bezahlen! Sehn Sie einmal, indem Anselm die Bogen aus einander faltete, diese weitläuftige Anklage, vor Zeugen ausgesagt und unterschrieben. Es ist entsetzlich! Was gewinnt aber ein frommes Herz, wie das Ihrige, dabei, einen solchen Menschen zu bestrafen? Nein; sammeln Sie feurige Kohlen auf sein Haupt; belohnen Sie ihn großmüthig und übermäßig, daß er in sich geht, und an Ihrem Edelmuth hinauf staunend, an Tugend glauben lernt. Sie könnten ihm wohl ein Häuschen, ein kleines Capital, eine mäßige Wiese und einige Aecker schenken, wie ihm ein sonderbarer Mann, der seit gestern Gerichtspräsident hier drüben in der Stadt ist, etwas voreilig in Ihrem Namen schon versprochen hat: ein 262 gewisser Walther, er hat auch die Ehre, mit Ihnen verwandt zu seyn, und denkt Ihnen auch die Mühe abzunehmen, künftig noch des Vermögens wegen, das Ihrem Neffen zusteht, Sorge zu tragen. Je du mein Gott, ja, – Alles herzlich gern! seufzte der Alte kaum hörbar. Wie wäre es denn nun noch zuletzt, theuerster Mann, den ich immer mehr verehren muß, wenn Sie auch Ihren armen Sohn, den Theophil, legitimirten, und ihm ein anständiges Auskommen gewährten. Würde Ihr Herz darüber nicht eine unbeschreibliche Freude empfinden? Ach ja, sagte jener, eine unbeschreibliche Freude, und da Sie es wünschen – und Sie eine gewisse Art zu bitten, – und zum Herzen zu sprechen haben, – o Himmel! die Thränen stehn mir in den Augen, daß ich eine solche Bekanntschaft gemacht habe. Ich bin im Innersten gerührt, erwiederte Anselm. Sie umarmten sich herzlich, und der Baron wischte sich die Tropfen des kalten Angstschweißes von der Stirn; lange bin ich nicht so bewegt gewesen, seufzte er, und blickte zum Himmel. Und ich, erwiederte Anselm, habe auch, so lange ich lebe, an keinem so großen Herzen gelegen. Der Baron trat zur schäkernden Gattin. Sie werden, sagte er fromm, in diesen Tagen einen Sohn von mir kennen lernen: auch ist mein Neffe wieder gefunden, und ein alter Diener Pankraz wird das kleine Gütchen Liebendorf erhalten, welches Sie dem Pachter verkaufen wollten. Das ist ja viel in einer kleinen Viertelstunde, sagte se, und maaß den Director mit großen Augen. Es geht fast zu, wie im Lustspiel, sagte dieser. Ja, sagte der Baron, der Herr Director haben mir Eröffnungen gemacht, und auf eine Art – 263 Hier kommt Graf Birken, schrie Friedrich; er wollte sich erst gar nicht dazu bequemen. Wolfsberg trat herein; der Arzt ging ihm entgegen, aber beide fuhren in demselben Augenblicke vor einander zurück. Sie, Herr von Wolfsberg, hier? unter diesem Namen? Und so verwandelt? so abgefallen? So drückte mit wiederholten Ausrufungen der Arzt sein Erstaunen aus. Die Uebrigen im Saale waren nicht ruhiger. Fanny lag in Ohnmacht, und Wolfsberg, der jetzt erst die Gruppe sah, machte sich aus den Armen des umhalsenden jungen Mannes, der einmal über das andre: mein Adlerfels! rief, los und eilte der Niedergesunkenen zu Hülfe. Er kniete zu ihr nieder, er legte ihr Köpfchen auf seinen Schooß: o meine geliebte, meine theuerste, meine einzige Franziska! rief er in den zärtlichsten Tönen; entziehe Dich mir jetzt nicht wegen meiner Missethat, entfliehe mir nicht, denn ich bin kein Herzloser mehr: ich kehre zu Dir zurück, wenn Du mich noch würdigest, mich Dein zu nennen! Ich bin ja aus meinem tiefen Elende zu mir selber erwacht; o so erwache denn auch Du zu diesem Leben wieder! Franziska schlug die ermatteten, aber schönen Augen auf. Sie konnte an ihr Glück nicht glauben, daß sie in dessen Armen lag, der sie mit so grausamem Hochmuthe von sich gestoßen hatte. Du mein? stammelte sie; gewiß? Ja, mein süßes Herz, erwiederte Wolfsberg, der sich nun als Adlerfels ausgewiesen hatte; ja ich kehre mit Dir zurück, Du wirst meine Gattin, und alle Schmerzen, allen Hohn, den Du um meinetwillen ertragen hast, will ich Dir vergüten, wenn ich es vermag. Und unser Kind, das arme Würmchen, lebt es denn noch? Die liebe Bertha, sagte die Entzückte, ist zu Hause, bei meiner Schwester. Gott! wie wird sich Alles freuen! 264 Ich gratulire, Fanny, sagte die gnädige Frau: nun gieb mir nur Strickkorb und Shawl her, daß ich es selber trage. Bruder, rief der andre Schauspieler, wie wird das Publikum sich freuen, Dich in Deinen Effekt-Rollen wieder auftreten zu sehn. So eben, rief Friedrich herein springend, haben sie noch einen ganz neuen Narren eingefangen. Das geht scharf her. Walther trat lachend ein und man verständigte sich sogleich. Anselm stellte ihn dem Baron vor und sagte ihm kurz, daß das edle Herz des frommen alten Herrn in Alles gewilligt habe, was er nur irgend als Mensch oder Rechtsgelehrter von ihm fordern könne. So laßt uns denn, rief Walther, nach dem Dorfe zurück kehren, von dem ich eben herkomme, denn wenn meine Augen nicht ganz zu Lügnern geworden sind, so haben sie dort meinen geliebten Raimund erblickt. Wirklich war es Raimund gewesen, den Walther erst erspäht hatte. Stumm und in sich gekehrt hatte der Jüngling das Haus verlassen. Er begriff nicht, was ihm geschah; er wußte auch nicht, wo er hin wollte. So ging er dem Fußsteige nach, der ihn bald in den Wald führte. Er sann seinem verschwundenen Leben nach, und ihm ward fromm und heilig zu Sinne. War es doch, als fielen verhüllende Schleier von seinem Gemüthe und Herzen herunter. Er kam an einen grünen runden Platz im Walde, wo er sich unendlich bewegt fühlte. Er sah sich um, um sich zu erkennen, und eine alte Birke, in welcher noch die Namenszüge, die er einst eingegraben, fast unkenntlich verwachsen waren, erinnerte ihn an Alles. Er war noch ein Kind gewesen, als er hier einmal von seiner theuren Mutter Abschied genommen hatte; bis hieher hatte er sie begleiten dürfen, und von dieser Stelle kehrte er mit seinem Vater wieder nach dem Schlosse zurück. Er ahndete damals nicht, daß er nach einem Jahre schon 265 beide Aeltern beweinen sollte. Das Gut wurde nachher vom Oheime vortheilhaft verkauft, und Raimund hatte seit seiner Kindheit diese Gegend nicht wieder gesehn. So wie er jetzt zu diesen Erinnerungen immer deutlicher erwachte, wie die Sehnsucht nach den Scenen seiner Kindheit, nach dem Kirchhofe, wo seine Aeltern ruhten, in ihm wuchs; so empfand er es, wie jene dumpfe Angst immer mehr verschwand, die bis dahin seinen Geist wie in einem finstern Kerker eingefangen hielt. Er verließ den Wald, da lag der kleine Fluß vor ihm, der vom Wohnsitze seiner Kindheit herströmte. Alle Wogen schienen ihn zu grüßen, jede Blume am Ufer ihm einen kindlichen Gruß zuzunicken. Da fand er schon die Mühle im engen Thal, die ihm als Knaben mit ihren rauschenden Rädern so wunderbar erschienen war. Sie ist ja jetzt nicht weniger wundervoll, sagte er zu sich, wenn ich gleich weiß, was und wozu sie da ist. Er ging vorüber, und wollüstige erleichternde Thränen strömten aus seinen Augen. Da war der Bergschacht, der ihm so entsetzlich vorgekommen war; er ging dicht hinan, und erinnerte sich der grauenvollen Sagen, die von ihm im Lande umgingen. Nun sah er schon den wohlbekannten Berg seines Geburtsortes, die rothe hohe Felswand und die von oben herabhangenden Bäume. Da schimmerte auch schon das Dach des Schlosses herüber. Es schmerzte ihn, daß er nicht in das Thor vertraut eintreten dürfe, daß fremde Menschen, die er nur wenig kannte, in den Zimmern wohnten, wo seine Wiege gestanden, wo sein Vater ihm vorgelesen, wo seine Mutter ihn in einer Krankheit auf ihrem Schooße eingesungen hatte. Auf dem Kirchhofe kniete er mit Andacht an der Gruft. Er nahm sich nun fest vor, seine Freunde wieder aufzusuchen, und nachzuforschen, wer ihm das Schicksal bereitet haben könne, das ihm erst jetzt seltsam erschien. Doch mußte er, ehe er weiter ging, die 266 einsameWiese hinter des Pfarrers Garten besuchen, den Spielplatz seiner Kindheit, wo er unter der hohen Linde so manchmal im grünen Grase halb eingeschlummert war, auf das Säuseln der Blätter, das Summen der Bienen, und das Plätschern des nahen Baches horchend, wo Alles wie süßer Geistergesang ihn anredete, und er noch lieblicher aus seinen Träumen Antwort gab. Nun stand er wieder unter dem Baume, und eine himmlische Müdigkeit ergriff ihn, wie damals; er tauchte die brennenden, thränennassen, jetzt so bleichen Wangen in das kühle grüne Gras, und die Bienen schwärmten im Baum, die Blätter schwatzten mit ihnen, das Flüßchen erzählte sich selbst eine alte Geschichte, und er entschlief wieder, wie in der Kindheit. – – Ein Wagen hielt am Dorfe. Willst Du ruhen, mein Kind? – fragte die Mutter. – Ja, aber im Freien. – Bist Du auch wohl genug? – O Sie sorgsame, treue, mütterliche Pflegerin, antwortete die Tochter, Sie sehn ja, wie es mit meiner Gesundheit mit jedem Tage besser wird. Vertrauen Sie mir nur mehr, damit ich mir auch selber wieder vertraue. Nein, Geliebteste, jene trübe Zeit wird niemals wieder kehren; aber ich fühle es, durch diesen fürchterlichen Zustand mußte sich meine Krankheit arbeiten, damit ich wieder genesen konnte. – Bist Du dessen so gewiß, meine Tochter? Dann möchte ich Gott mit Thränen für die Verzweiflung danken, durch welche er mich damals geprüft hat. Gewiß, liebe Mutter, sagte die reizende Tochter. Kenne ich doch nun mein ganzes Unglück; es ist mir kein düstres Geheimniß mehr. Wenn ich an die Ewigkeit der Liebe glaube, warum sollte ich denn jemals verzweifeln? Hier ist er geboren! O hätte ich ihn doch als Kind gekannt! Eine Welt voll Glück wäre mehr in meinem Besitz! Hier ist er auch wohl gewandelt; alle diese Gegenstände hat sein frisches Auge, wie 267 oft, begrüßt. Nur über die Wiese will ich gehn, ein Viertelstündchen am Bache ruhn, so recht an ihn denken; dann komm' ich zurück und wir reisen weiter. Aber allein müssen Sie mich lassen! – Sie umarmte die Mutter, und schritt über die kleine hölzerne Brücke. – – Raimund träumte indessen einen seltsamen Traum. Der Wahnsinn war die Wahrheit, und was die Menschen Vernunft nannten, nur ein dämmernder Schimmer. Auch kein Raum war da, und keine Zeit. So wie auf den alten Stammbäumen es abgebildet ist, sah er sich aus dem Herzen eine hohe Blume wachsen; sie wurde von seinem Herzblut getränkt, und ihr rother Glanz ward immer mehr zum goldnen Purpur. Da sang es im wiegenden Kelch, er that sich süßflötend auf, und Blanka schaukelte sich drin hin und wieder, wie in einem durchsichtigen Kahn. Da blickte er über sich, und ihr blaues Auge ging in das seine; da zitterte sein Herz und mit ihm die Blume. Warte, rief sie, jetzt stirbt mein Blumenhaus ab, ich komme draußen in der Wirklichkeit zu Dir! Sie schlüpfte auf den Rasen und stellte sich unter die Linde. – Gott im Himmel, hörte er sagen, das ist Raimund! Er schlug die Augen auf, und Blanka's blaues Auge ging in das seine. Er kannte sie gleich. Sie umschlossen sich, als wenn die Arme sich nie wieder los lassen wollten. Auf den lauten Freudenschrei eilte die Mutter herbei, und fand das unvermuthete Glück, das sie noch nicht begriff. Auch Walther und Anselm kamen. Walther war so entzückt und berauscht, als wenn er selbst der Bräutigam wäre. Im Hause des Pfarrers tobte indessen ein lautes Getümmel. Die Hochzeitgäste waren so lustig, daß es die Glücklichen endlich auch auf der Wiese hörten. Der alte Baron hatte indessen schon seinen Sohn Theophilus heraus gesucht 268 und ihm unter Umarmungen seine Vaterschaft erklärt. Ich habe nun auch einen Vater! rief Theophilus im Hause lärmend umher, und schlug laut lachend mit den Beinen aus, als der Pfarrer ihm dazu vernünftig Glück wünschen wollte. Wolfsberg machte es mit dem Pfarrer ab, daß er ihn in den nächsten Tagen mit seiner überglücklichen Franziska verbinden sollte. Der Gerichtspräsident Walther konnte in der Leidenschaft des Glücks nicht so mit dem Geistlichen sprechen, wie dieser es wohl verdient hätte; auch wurden alle Unterhandlungen durch ein laut schmetterndes Posthorn unterbrochen. Eine glänzende Equipage hielt, viele zierlich gekleidete Diener beeiferten sich, einen ansehnlichen Mann, der auf dem Rocke einen großen Stern trug, aus dem Wagen zu heben. Die Dorfleute befiel ein stilles Grauen, und als Anselm ausrief: der alte Graf Birken! so fing der Pfarrer an zu zittern. Wo ist mein ungerathener Sohn? schrie der alte Graf, als er in das mit Menschen überfüllte Zimmer trat. Die Braut heulte laut, und die anwesenden Weiber aus dem Dorfe stimmten in denselben Ton ein. Wo ist Caspar Birken? schrie der Alte noch einmal. Hier, winselte der junge Graf, der sich hinter einen großen eichenen Tisch verschanzt hatte. – Und wo ist der unverschämte Pfaff, der es gewagt hat, den dummen Laffen mit seiner Tochter zu verkuppeln? – Hier! rief der Pfarrer, der sich indessen wieder gesammelt hatte; aber keine Verkuppelung, sondern eine ächte christliche Ehe, wie unsre Kirche sie vorschreibt. – Die wird wieder geschieden! – Die wird nicht geschieden! – Sie ist nicht gültig, so gewiß da oben auf den Ebreschenbäumen keine Aprikosen wachsen. – Sie bleibt so lange gültig, bis da oben die rothe Felsenwand ein Mensch hinauf klettern kann, und von den nämlichen Ebreschenbäumen sein Veto in das Thal zu uns herunter schreit. – Und wenn ich Blut und 269 Leben, wenn ich mein Vermögen lassen muß, und wenn ich der Mörder meines eigenen Sohnes werden sollte, so gebe ich zu dem Unsinn nie meine Einwilligung. – Und wenn ich, schrie der Pfarrer entgegen, prozessiren müßte, bis ich keinen Groschen mehr hätte, und wenn ich zur Fortsetzung des Prozesses von dem Junker Görge, oder einem noch Einfältigern, das Geld betteln müßte, so lasse ich die Sache nicht ruhn. Mein Kind muß glücklich und Gemahlin des Grafen, Ihres Sohnes, bleiben. Wissen Sie, was ein Horoskop ist? – Nein. – Nun, dann können Sie auch gar nicht mit sprechen. Sehn Sie dies Papier; in der Geburtsstunde meiner Tochter habe ich alle ihre Sterne beobachtet, und schon damals mit Gewißheit prophezeiht, daß sie eine Gräfin werden müsse. Was können Sie gegen alle Sterne ausrichten? He? Der Graf sah das Papier eine Weile mit staunenden Blicken an. He! Caspar! schrie er von Neuem. Heraus aus Deinem Winkel, Du Satansbrut! Komm her, Spitzbube, ich will Dir ja meinen väterlichen Segen geben, weil es denn also doch einmal nicht anders seyn kann. Der junge Birken hüpfte herbei, er legte die Hand des Sohnes in die seiner Braut und küßte das kleine dicke Mädchen dann recht herzlich auf den Mund. Nun, Spaß bei Seite, sagte hierauf der alte Herr bedächtlich, im Grunde ist es mir ganz lieb, daß die Sache so gekommen ist, denn der Junge hätte einmal noch ärger anlaufen können; er kommt somit in eine ziemlich reputirliche Familie; der Mosje Caspar muß nun aber seine dummen Teufeleien lassen, die ihm einmal den Hals hätten kosten mögen; der Schwiegerpapa ist ein resoluter Kerl, der wird ihm wohl den Daumen aufs Auge halten. Aber nun kriegt Dein jüngerer Bruder die großen Güter, und Du, Hasenfuß, trittst in seine Rechte, wie es auch eigentlich viel vernünftiger ist. 270 Alles war zufrieden und glücklich. Walther und Raimund waren indeß mit der geliebten Blanka zum Hause des Edelmanns gewallfahrtet. Es war vorläufig davon die Rede gewesen, den Jugendwohnsitz Raimunds wieder zu kaufen; auch zeigte sich die Möglichkeit einer Verbindung zwischen der empfindsamen Baronesse und Theophilus, da dieser jetzt von seinem Vater anerkannt wurde. Alle gingen selig, in Gefühlen und Hoffnungen schwelgend, sprechend und scherzend die grüne Wiese hinunter. Kilian unterhielt sich mit Sokrates. Gnädige Frau, sagte er nachher zu Görges Mutter; der Mann kann Ihrem Sohne auf die Beine helfen; ich habe ihm auf den Zahn gefühlt, ich habe mit ihm disputirt, einen solchen Gelehrten bekommen Sie niemals wieder. Indem man noch sprach, hörte man von oben, die Felswand herunter ein lautes Veto! rufen. Alle sahen hinauf und schwindelten, denn von der steilsten Höhe hing der alte Graf Birken reitend auf einem Ebreschenbaum. Veto! rief er noch einmal; aber nun kommt schnell zu Hülfe, oder ich breche den Hals! – Widerrufen Sie erst Ihr Veto! schrie der Pfarrer hinauf. – Ich widerrufe; tönte es herab, aber ich werde doch den Hals brechen. Die Bedienten liefen, die Leute aus dem Dorfe holten Stangen, Leitern und Stricke. Plötzlich brach der Baum, und der Graf stürzte herab; er kam aber noch ziemlich glücklich auf dem Boden, zur Freude Aller, an. – Wie ist er nur auf die steile Wand gekommen? rief der Pfarrer. Ja, Schwiegervater, antwortete der junge Graf Birken, Sie sehen, mein Papa ist noch toller, als ich! Die Sonne sank und beschloß den seligsten Tag, den Walther, Blanka und Raimund noch erlebt hatten. Franziska schloß sich diesen an, und im gebesserten Herzen fühlte sich Adlerfels als den glücklichsten Menschen.