Sir John Retcliffe Sebastopol - Erster Band Inhalt Einleitung. Erstes Buch: Seine und Bosporus.     Erstes Kapitel: Der Prolog.     Zweites Kapitel: Das erste Blut     Drittes Kapitel: Die Doppelgänger. Zweites Buch.     Erstes Kapitel: Die Blutbrüder.     Drittes Kapitel: Die Wölfin von Skadar. Drittes Buch.     Erstes Kapitel: Lorette und Grisette     Zweites Kapitel: Die Massacres auf Chios.     Drittes Kapitel: Die Flotten.     Viertes Kapitel: Guckkastenbilder     Fünftes Kapitel: Am Bosporus Viertes Buch: Die Reveille der Völker.     Erstes Kapitel: Ein Getreuer     Zweites Kapitel: Oltenitza     Drittes Kapitel: Im Pontus     Viertes Kapitel: Das Blut Schamyls.     Fünftes Kapitel: Der Aufruhr Sechstes Buch: An der Donau.     Erstes Kapitel: Die Führer.     Der Wudkoklak. Siebentes Buch.     I. Das Ende vom Anfang     II. Der Aufstand im Epirus Einleitung. Sebastopol! Welche Fülle von Erinnerungen knüpft sich an diesen Namen! War es doch ein furchtbares Ringen um den Besitz dieser Krim-Festung, deren Fall nach fast einjähriger Belagerung den Orient-Krieg entschied, den die Türkei, unterstützt von Frankreich und England, in den Jahren 1853 – 56 gegen Rußland führte, um dessen Seemacht im Schwarzen Meere zu zerstören. Aber noch ein weiteres Ziel wurde durch diesen endlichen Sieg über die von Totleben, dem russischen Ingenieur-General aus dem Baltenlande, mit beispielloser Zähigkeit und einer in der Kriegsgeschichte einzig dastehenden Virtuosität verteidigte Feste erreicht: das russische Uebergewicht in Europa wurde vernichtet! An Stelle Rußlands wurde Frankreich die maßgebende Macht in Europa: der zweite Kaiser aus dem Geschlechte der Bonaparte zwang der Welt seinen Willen auf, den tragischen Untergang seines titanenhaften Ahnen an dem Nachkommen des schlimmsten seiner Widersacher bitter rächend. Was wir heute in Rußland reifen sehen, ist die Saat von Sebastopol. Mit dem Hinscheiden des selbstherrlichsten unter den neueren Zaren, des ersten Nikolaus, hat der gewaltige Zersetzungsprozeß begonnen, den weder sein Sohn noch sein Enkel haben aufhalten können, und dem sein Urenkel, der zweite Nikolaus, zu erliegen droht. Der deutsche Diplomat Goedsche, der sich unter dem Pseudonym Retcliffe birgt, hat es mit phänomenalem Geschick verstanden, die schrecklichen Episoden dieses blutigsten aller Kriege Was uns Retcliffe in seinem Roman hier erzählt, scheint hin und wieder allzu kraß aufgetragen. Da mag es wohl gut sein, ein Zitat aus dem Werke Dr. Friedr. Förster, Geschichte der deutschen Befreiungskriege, herzusetzen, das sicher aus völlig unbeeinflußter Quelle stammt, und das Förster bei der Schilderung der Schlacht bei Dresden vergleichsweis anzieht: »So grauenhaft sah es 1813 auf dem Schlachtfelde von Dresden aus! Beinah ein halbes Jahrhundert später treffen jene beiden Nationen, Franzosen und Russen, oder vielmehr die von ihren Gewalthabern uniformierten und regimentierten Menschenmassakrierer wiederum auf den Schlachtfeldern vor Sebastopol hart aneinander: aber noch grauenhafter lauten die Berichte von dem, wie dort gegenwärtig gefochten wird. »Der Krieg,« sagt ein Pariser Journal, »ist ein Zeichen der Zivilisation« ... wohl! aber nicht, wenn er so kannibalisch wie dort geführt wird. Ueber das Schlachtfeld am Malakoffturme, aus welchem in der Nacht vom 22. zum 23. Mai die Russen einen Ausfall auf die Belagerer machten, berichtet ein Augenzeuge: Nicht gefochten, nein, gemetzelt, gemordet, geschlachtet wurde hier. Das schmale Terrain war im buchstäblichen Sinne des Worts mit Leichen gepflastert, auf welche sich am nächsten Morgen bereits Tausende von Raben zum Festschmause niedergelassen hatten. Das Erdreich war von dem geronnenen Blute an mehreren Stellen wie mit einer braunroten, zähen Gallerte überzogen. In diesem ekelhaften Gemenge von Blut und Schlamm lagen sie da friedlich beieinander, die heldenmütigen Kämpfer Rußlands und Frankreichs – regungslos. Nur wenige von ihnen hatten das Glück gehabt, durch eine Kugel auf der Stelle den Tod zu finden: die Mehrzahl war langsamer, mit dem Bajonett niedergestochen, verschieden: doch fehlte es auch nicht an solchen, die auf eine noch grauenhaftere Weise den Tod gefunden hatten. Einer nicht geringen Anzahl von Leichen war entweder der Schädel eingeschlagen oder das Gesicht durch Kolbenschläge und Steinwürfe zertrümmert worden; andere lagen mit aufgeschlitzten Leibern da, aus denen die Eingeweide herausquollen. Hin und wieder sah man einen Russen und einen Franzosen auf- oder nebeneinander liegen, die mit dem linken Arme ein jeder des andern Körper, mit der rechten Faust aber des andern Gurgel gepackt hielten. Die Mehrzahl der Leichen war außerdem noch durch gekratzte oder gebißne Wunden arg verstümmelt; vielen waren die Hände ausgerenkt, andern die Finger gebrochen oder die Ohren vom Kopfe gerissen ... Dicht neben einem Zuaven saß eine große schwarze Katze, die nur mit Mühe von dem Leichnam fortzubringen war. Sie hatte den Tod ihres Herrn an dem Mörder desselben blutig gerächt, denn nah dabei lag die Leiche eines Russen, der außer mehreren Bajonettstichen vielfache Spuren von Katzenbissen zeigte und dessen Augen wie von Tigerkrallen zerkratzt waren. Unter einem Leichenhaufen zog man zwei Schwerverwundete hervor, denen mit Steinschlägen oder Steinwürfen der Schädel eingeschlagen war; sie beschworen uns, ihren Leiden durch eine Kugel ein Ende zu machen.« in den Rahmen eines Romans zu fassen, der als ein wichtiges und wertvolles Memoirenwerk seit seinem Erscheinen gegolten hat und für alle Zeit gelten wird. Lange Jahre hat man sich im Zweifel über die Person seines Verfassers befunden, dem ein überreiches Quellenwerk zu Gebote gestanden haben muß, da er sonst unmöglich in solch erschöpfender Weise, wie es hier geschieht, alle militärischen und diplomatischen Ereignisse dieser Jahre hätte schildern können. Aber erst vor kurzer Zeit ist der Schleier gelüftet worden, den er über seine Persönlichkeit zu decken gewußt hat. Die wichtigeren Daten über sein Leben sind in der seinem Romane »Nena Sahib«, der gleichzeitig mit »Sebastopol« in dieser Ausgabe veröffentlicht wird, vorgesetzten Einleitung beigebracht worden. Der Roman »Sebastopol« glänzt noch durch eine Reihe anderer Vorzüge. Er gibt uns nicht bloß ein großartiges Panorama aller Schlachten dieses als »Krimkrieg« bekannten Orientkrieges, sondern macht uns auch mit den ruhmreichen Heerführern der vier um den Sieg ringenden Nationen bekannt, wie beispielsweise mit den französischen Marschällen Saint-Arnaud und Canrobert, den englischen Generalen Lord Raglan und Somerset, dem türkischen Oberfeldherrn Omer Pascha mit seinem aus allerhand Renegaten bestehenden glänzenden Stabe, und den ihnen gegenüberstehenden Russen Fürst Menschikoff, General Schilder, General Totleben, etc., etc. Wir finden in dem Roman »Sebastopol« einen erstaunlichen Reichtum von ethnographischen Schilderungen: wir lernen die russischen Steppenvölker kennen, Italiener, Alttürken und Neutürken, Dalmatiner, die Söhne der schwarzen Berge, die gegen die Türkei im Aufstande befindlichen Neugriechen, usw.; wir lernen sie kennen in ihren intimsten Sitten und Bräuchen, in den wildesten ihrer Leidenschaften, in den maßlosesten ihrer Triebe; indessen darf man bei der Beurteilung nicht außer acht lassen, daß die Volker, in deren Schoße Haß und Liebe rasend ringen, noch Naturvölker sind, die von »Europens übertünchter Höflichkeit« noch nicht verdorben wurden. In diesem Sinne haben sich seit den beinahe fünfzig Jahren, die nunmehr seit dem Erscheinen der Retcliffe-Romane verstrichen sind, sämtliche Rezensenten ausgesprochen, und zu ihnen haben Kossak, Julian Schmidt, Adolf Glasbrenner, Frenzel, Schmidt-Cabanis etc. gehört – ebenso die angeseheneren Zeitungen Berlins, vor allem seinerzeit die der diplomatischen Welt nahestehende Spenersche Zeitung. Ein besonders wildes Kolorit haben die Kriegslager-Szenen, und manche von ihnen lassen sich ohne Bedenken an die Seite von »Wallensteins Lager« stellen. Eine Kapitalfigur, wie wir sie nur spärlich anderswo in der Literatur zu finden vermögen, ist z. B. die Marketenderin Nini, die in Paris ein Verhältnis zu einem russischen Grafen unterhält, dann aber mit dem Kaisergarde-Regiment in den Krimkrieg zieht und für den unter tragischen Umständen in Blödigkeit verfallenen Liebhaber auf das liebevollste weiter sorgt, ihn nie von ihrer Seite läßt, sondern überallhin mit in ihrem Zelte nimmt. Dieser russische Graf Iwan, der zufolge dieser tragischen Vorgänge außer stande gesetzt wird, eine wichtige Botschaft, die er für seinen Zaren übernommen, auszuführen, und der sich in seinem Zustande der Blödigkeit unentwegt an die Abgangszeit des Bahnzugs erinnert, jedem der ihn zu einer Unterhaltung bringen will, mit nichts anderm antwortend, als mit: »Elf Uhr, der Zug geht ab,« ist eine weitere Kapitalfigur dieses Romans. Nicht minder die Zwillingsschwester desselben Grafen Iwan, die, um die Ehre ihres väterlichen Namens nicht durch des Bruders Ausbleiben zerstören zu lassen, an seiner Stelle als Mann die wichtige Botschaft ausführt und den ganzen Krimfeldzug statt seiner in seinem Regiment mitmacht bis zur Erstürmung des Malakoffs, unter dessen Trümmern endlich der Schleier von dem Geheimnisse gelüftet wird. Setzen wir diesen wenigen Proben von dem beispiellosen Reichtum des Romans »Sebastopol« an ergreifenden Szenen noch den Hinweis auf die in Albanien und Montenegro spielenden Ereignisse hinzu, auf die weitere, wenn auch minder sympathische Kapitalfigur der »Wölfin von Skadar,« Fatinitza, auf ihren Helden-Liebhaber, den Neugriechen Nikolas Grivas, der durch sie, ebenfalls vor den Mauern Sebastopols, im Kriegshafen von Sebastopol sein schreckliches Ende findet, – erwähnen wir noch, daß außer den bereits genannten Schlachtenführern eine Unzahl anderer berühmten Männer und Frauen aus all den Völkern, die in jenem weltgeschichtlichen Drama als Akteure wirkten, uns mit erstaunlicher Plastik gezeichnet werden, daß wir von Retcliffe unter die Klephten, die wilden Räuber der griechischen Berge, in den Harem des Sultans der Türkei, in die Diplomatenzimmer von Paris und Petersburg, von Rom und Wien, von London und Konstantinopel geführt werden, erwähnen wir noch der meisterhaften Porträts, die uns von den um ihr persönliches Ansehen in diesem Kriege ringenden beiden Herrschern Napoleon II. und Nikolaus I. in verschiedenen Kapiteln gezeichnet werden, so dürften wir genug gesagt haben, um den Lesern und Leserinnen, die zu diesem hervorragenden Werke der neueren belletristischen Literatur greifen, einen Vorgeschmack von dem überreichen Inhalte zu geben, den ihnen dasselbe bietet. Bekanntlich gilt Retcliffes Roman »Nena Sahib« gemeinhin als sein interessantestes Werk. In gewisser Hinsicht mag das auch zutreffen, wenn dabei der Boden richtig taxiert wird, auf welchem dieses »Ungeheuer von Roman« sich abspielt. Lassen wir aber diesen Boden beiseite, so verdient ganz ohne Frage der Roman »Sebastopol« vor ihm den Preis; in »Nena Sahib« hat man auf jeder Seite die Empfindung, daß sein Verfasser auf Nervenkitzel ausgeht, daß er nur des Nervenkitzels halber die Feder führt, in »Sebastopol« dagegen überwiegt ein so bedeutender Vorrat an weltgeschichtlichem Material, daß wir jenes im »Nena Sahib« übermäßig hervortretende Moment des Nervenkitzels, trotzdem es auch hier nicht etwa fehlt, weniger scharf empfinden. Zudem dürfen wir weiter nicht vergessen, daß uns in Europa der Krimkrieg sehr nahe gelegen, daß speziell Preußen sich durch die taktvolle Neutralität, die sein König damals einhielt, ein Anrecht auf die russische Neutralität in dem Kriege 1870/71 erworben hat, durch welchen die Machtstellung Frankreichs, die es seinem Siege im Krimfeldzuge verdankte, wieder gebrochen – durch welchen das Prestige des zweiten napoleonischen Kaisers, und des Napoleonismus überhaupt, für alle Zeit vernichtet wurde ... ich meine, für jeden deutsch empfindenden Menschen müßte schon dieser Umstand Veranlassung sein, einem Werke wie »Sebastopol« die größere Sympathie zuzuwenden. A.R. Erstes Buch. Seine und Bosporus. Erstes Kapitel. Der Prolog. Ein heftiger Regenschauer, wie der März sie in Paris häufig mit sich führt, hatte mit der späten Stunde des Abends – die Uhren zeigten bereits über zehn – die bewegliche Masse der Spaziergänger und Flaneurs von den Straßen und Boulevards vertrieben, als an einem Nebenausgang der Galerie Heinrichs IV. in den Tuilerien ein eleganter, aber durch keinerlei Zeichen oder Livree auffallender Wagen wartend hielt. Endlich gegen halb Elf öffnete sich die Tür, und zwei in Mäntel gehüllte Personen, beide in Zivilkleidung, kamen heraus und bestiegen den Wagen, der auf einige dem Kutscher zugeflüsterte Worte sofort über die Pont Royal, durch die Rue du Bac und de Grenelle nach der Esplanade der Invaliden seinen Weg nahm. Ein Losungswort am Tor öffnete ihm den Eingang und der Wagen rollte durch den Cour Royal nach dem berühmten Dom, an dessen Seiteneingang er still hielt. Ein Mann in Generalsuniform schien hier den Wagen erwartet zuhaben, öffnete selbst den Schlag und begrüßte höflich die Aussteigenden, von denen der Eine den Mantel dicht um sich geschlagen hielt. »Sie haben mein Billet bekommen, General?« sagte der Begleiter; »ist unser Mann an Ort und Stelle?« – »Er wartet seit einer halben Stunde.« – »Ah, dann haben Sie wohl die Güte, uns einzulassen. Die Eingänge sind doch geschlossen, und niemand mehr in der Kirche?« – »Es ist alles geschehen, Herr Graf, wie Sie gewünscht,« antwortete der General. »Ich werde die Ehre haben, Sie hier zu erwarten.« Die beiden Fremden traten in die Kirche und schlossen die Tür hinter sich; der alte Offizier aber lehnte sinnend unter einem Vorsprung der Mauer, um vor dem Regen geschützt zu bleiben; das Schiff der Kirche war dunkel, nur vor dem Hochaltar und in der Kapelle zu Häupten des Katafalks Napoleons I. leuchtete der Schimmer der ewigen Lampen. Ehe die Männer den Gang betraten, hielt der Verhüllte den Andern einen Augenblick am Arm zurück ... »Sie kennen Ihre Instruktionen, Graf,« sagte er, »wenn etwas Weiteres nötig, werde ich Ihnen ein Zeichen geben.« – Ihre Schritte hallten im Echo wider an den mächtigen Gewölben, als sie sich der Kapelle näherten. Von den zu beiden Seiten des Grufteinganges aufwärts führenden Stufen des Mausoleums erhob sich ein Mann. Dem gegenseitigen stummen Gruß folgte eine kurze Pause, in der die beiden Parteien im Halblicht des Lampenschimmers sich zu mustern schienen. Von den beiden Eingetretenen hielt sich der größere jetzt mehr im Schatten und in den Falten seines Mantels verborgen, ohne auch im Gotteshause den Hut abzunehmen; der andere trat näher ans Licht; seine Gestalt war mittelgroß und ziemlich schlank, und sein Kopf trug charakteristische Züge, geeignet, die Erinnerung jedes Franzosen wachzurufen. Ein ergrauender Schnurr- und Knebelbart bedeckte den unteren Teil seines Gesichts, aus dem ein paar scharfe, unruhige Augen unter starken, buschigen Brauen den Dritten forschend vom Kopf bis zu den Füßen maßen. Dieser erwiderte ruhig, mit einem etwas matten, starren Auge den Blick. Es war ein Mann in hohem Lebensalter, offenbar den Siebenzig nahe, aber von ungebeugter, fester Körperhaltung. Haupthaar und Bart waren weiß, das Gesicht, außer von zwei tiefen Narben, auch von Runzeln des Alters durchfurcht; eine der Narben lief von dem linken Backenknochen aus bis auf den Schädel, auf dessen hoher, kahler Platte sie endete. Der Greis hatte den Reitermantel auf den Stufen des Mausoleums fallen lassen und stand vor den beiden in einer offenbar alten, unscheinbar gewordenen Offiziersuniform der Poniatowski'schen Lanciers. »Sie sind der Herr,« begann derjenige, welcher den General am Eingang angeredet hatte, auch hier das Gespräch, »welcher Seiner Majestät dem Kaiser vor drei Tagen dies Memoire eingereicht hat?« Er zeigte ihm hierbei ein ziemlich starkes Heft und fuhr, als der Angeredete sich zustimmend verneigte, fort: »Sie werden aus dem Besitz dieser Papiere ersehen, daß ich von allem in Kenntnis gesetzt bin und Vollmacht habe, mit Ihnen zu verhandeln. Der Kaiser ist begierig, den Verfasser dieser Winke kennen zu lernen, und da es heute das erste Mal ist, daß Sie eine persönliche Annäherung selbst gewünscht haben, obgleich, wie ich gestehe, an einem seltsamen Ort und zu seltsamer Zeit, so hat mich Seine Majestät beauftragt, Ihre Eröffnungen entgegenzunehmen und Sie nötigenfalls, wenn Sie darauf bestehen, zu ihm zu führen.« – »Das ist unnötig, Herr Graf,« bemerkte der andere, »ich weiß vollkommen die Person zu schätzen, mit der ich hier zusammentreffe.« Der Graf errötete leicht und warf einen Moment lang den Blick auf seinen Begleiter, der an der zweiten Seitenwand des Mausoleums lehnte. »Sie kennen mich, mein Herr,« sagte er rasch ... Der Alte verneigte sich ehrerbietig. »Es rollt Blut in Ihren Adern, Exzellenz, das ein alter Offizier des Kaisers nie verkennen wird. Überdies sind wir gewissermaßen Landsleute, ich bin Pole von Geburt.« – »Sie gehören zu der Konförderation Czartoryski?« sagte jener rasch. – Der Pole schüttelte spöttisch das Haupt. »Herr Graf,« sagte er, »ich bin nicht siebenundsechzig Jahre geworden, ohne gelernt zu haben, daß Polen nicht auf dem Parkettboden der Pariser Salons neu werde erstehen können. Der Fürst ist mir nur dem Namen nach bekannt. Doch lassen wir das, – es führt uns nur von unserem Gegenstand ab. Ich bitte, rekapitulieren wir für einen Augenblick den Stand der Angelegenheiten.« Der Graf verneigte sich zustimmend, und der alte Offizier fuhr fort: »Im Mai 1850 ging das Kabinett der Tuilerien auf den von mir anonym vorgelegten Plan einer Initiative in der orientalischen Angelegenheit ein und ließ durch General Aupik von der Pforte den Besitz der heiligen Orte fordern. Gerade ein Jahr später griff Herr von Lavalette die Frage wieder auf und brachte im Herbst die Pforte zu einem Zugeständnis. Dies hatte, wie wir vorausgesagt, die Reklamationen des Petersburger Hofes zur Folge, der auf den Vorrechten der griechischen Kirche bestand. Der Diwan, von den russischen Forderungen ins Gedränge gebracht, ließ mit einer genugtuenden Erklärung warten, und Marquis von Lavalette brach zu Ende des Jahres seine diplomatischen Beziehungen ab. Auch das Jahr 1852 verging mit den angeregten Verhandlungen, die immer verwickelter wurden. Die Pforte, zwischen den beiden bedrohenden Mächten in die Enge getrieben, suchte nach beiden Seiten einen begütigenden Ausweg Wie das damalige Memoire der Regierung voraussagte, spannte bei der Erklärung des französischen Gesandten, zufrieden gestellt zu sein, der russische seine Forderungen höher und verlangte jenen Ferman zugunsten der Griechen, dessen Auslegung und Proklamation neue Verwickelungen hervorrufen mußte. Herr von Lavalette drohte im November bei einem Bruch der Frankreich gegebenen Zusage die Flotte herbeizurufen. England, um weder Frankreich noch Rußland die Oberhand zu gewähren, erklärte beider Ansprüche für zu weit getrieben. Das war der Augenblick, um den Zusammenstoß der beiden mächtigen Feinde der Napoleoniden, Rußlands und Englands, vorzubereiten.« »Ah, Sie meinen die Erklärung unseres Gesandten unterm zehnten Dezember, daß Frankreich keinen Anspruch auf ein Protektorat über die römisch-katholischen Untertanen der Pforte mache, und die Erbötigkeit unseres Gesandten in Petersburg, sich mit dem russischen Kabinett über die streitigen Punkte in der Frage der heiligen Stätte zu verständigen?« – »Ganz recht, Herr Graf. Seine Majestät der Kaiser hatte die Gnade, damals mein letztes Memoire zu empfangen und dessen Versicherung zu vertrauen, daß Kaiser Nikolaus auf dem unbedingten Protektorat über die griechischen Christen in der Türkei, das ist, bei einem Verhältnis von neun zu vier Millionen, über die Türkei selbst, bestehen und seine Forderung durch eine unüberlegte Waffen-Demonstration unterstützen würde.« – »England, mein Herr,« unterbrach die sonore Stimme des Verhüllten zum ersten Male mit dem Tone der Ungeduld die Unterhaltung, »begann seinen Rückzug. Die Depeschen Lord John Russels an den Gesandten in Paris und an den Oberst Rose konstatieren, daß das Kabinett von St.-James die Schuld der ersten Drohung immer auf Frankreich schiebt, die beiderseitige Haltung mißbilligt und sich jeder Einmischung fern halten will.« – »Diese Haltung,« entgegnete mit einer Verbeugung der alte Offizier, »war von dem schwankenden Charakter Lord Johns vorauszusehen. Aber sie wurde paralysiert durch die Erklärungen, zu denen sich Kaiser Nikolaus unvorsichtigerweise hinreißen ließ, und die Ihnen ohne Zweifel bekannt sind, Herr Graf?« – »Ich weiß nicht, was Sie meinen.« – »Dann haben Sie die Güte, diese Aktenstücke zu lesen. Es sind die genauen Abschriften der geheimen Berichte, die Sir Seymour, der englische Gesandte in Petersburg, über vier Privat-Unterredungen eingesendet, die er am 9. und 14. Januar, sowie am 20. und 21. Februar mit dem Kaiser Nikolaus hatte; desgleichen des einen Memorandums vom letzten Datum, das der Kaiser jenem Gesandten zustellen ließ.« Der alte Offizier zündete eine der auf dem nahen Altäre stehenden geweihten Kerzen an und überreichte ein Heft Papiere, das der andere hastig ergriff und mit großer Aufmerksamkeit durchflog, während auch der Verhüllte näher hinzutrat und über die Schulter des Grafen mitlas. – »In der Tat, mein Herr,« sagte der letztere nach einer Pause von etwa zehn Minuten, »ich kannte zwar im allgemeinen den Inhalt der Unterredung vom 9., doch diese wichtigen Details sind mir neu. Es scheint, Lord John spielt eine doppelte Karte, indem er uns die Kenntnis so bedeutsamer Entschließungen vorenthielt.« »Der Zar, mein Herr,« entgegnete der Greis, »ist ein kluger Politiker und hat sehr recht daran getan, sein Geschwader gleich Frankreich und England ins Mittelmeer zu kommandieren. Sie werden sich erinnern, daß mein Memoire auf eine solche Gelegenheit spekulierte.« – »Ich gebe zu,« sagte der Graf, »daß die russischen Forderungen allerdings den Charakter von Demonstrationen gewinnen können, die den Kaiser und das Kabinett von St.-James zwingen würden, für den Fall einer Krise ihren Gesandten besondere Instruktionen zu geben.« Der Pole lächelte. »Euer Exzellenz trauen mir noch immer nicht. Vorgestern, am 22., hat Seine Majestät, ihrem Gesandten in Konstantinopel bereits diese Instruktionen zugesandt. Soll ich Ihnen die vier Fälle der Instruktion noch bezeichnen? – Gestern ist die Note an Sie nach London abgegangen, worin die Regierung die Hoffnung an das englische Kabinett ausspricht, daß in Konstantinopel beide Gouvernements gegebenenfalls gleiche Haltung beobachten werden. Die Depesche wird Ihren Weg gekreuzt haben, Herr Graf, da Sie, durch den Telegraphen berufen, gestern Abend Dover verlassen, haben.« Der Graf trat erstaunt einen Schritt zurück, der Verhüllte aber ungestüm auf den Fremden zu, indem er durch die heftige Bewegung den verbergenden Mantel, zum Teil fallen ließ. »Wer sind Sie, mein Herr? Sie sehen, ich habe ein Recht zu fragen, und ich will wissen, auf welche Weise die Geheimnisse des Staates in Ihre Hände kommen?« – Der alte Mann verbeugte sich ehrerbietig. »In Frankreich,« sagte er, »hat stets das Wort eines Edelmannes gegolten, und ich bin im Vertrauen auf dasselbe hierher gekommen. Das Recht, nicht gekannt zu sein oder zu scheinen, sei ein beiderseitiges.« Der andere Mann hüllte sich wieder in den Mantel. »Nach Ihrem Belieben, mein Herr, doch ich glaube, Sie sind mir noch immer das Resultat schuldig.« – Der Pole zog nochmals Papiere hervor und überreichte sie dem wieder herangetretenen Grafen. »Hier finden Euer Exzellenz das, was jede englische Zögerung aufheben wird. Es ist die geheime Instruktion des Fürsten Menschikoff und weist ihn an, auf unbedingte Anerkennung des Protektorats Rußlands über die griechische Kirche und somit auf Unterwerfung der Pforte unter die russische Oberhoheit zu dringen und einen Vertrag mit ihr abzuschließen, der 400 000 Mann und die Flotte von Sebastopol zu ihrem Schutz gegen die Westmächte stellt.« – Der Mann im Mantel riß ihm die Papiere aus der Hand und durchflog sie eilig. »Das ist genug, mehr als genug!« sagte er hastig. »Lesen Sie, Graf.« – Der Pole überreichte ihm ein zweites Papier. »Hier ist das Verzeichnis der sämtlichen Streitkräfte, die Rußland in diesem Augenblick disponibel hat. Die Positionen der Truppen und die Dauer der Etappen sind genau verzeichnet, ebenso die Streitkräfte und Vorräte an den Ufern des Schwarzen Meeres.« – »Gut, sehr gut! Aber was raten Sie nun, mein Herr?« – »Der Kaiser, von dem unterrichtet, was ich soeben hier vorzutragen die Ehre hatte, wird seine Vorbereitungen treffen. Während Frankreich ohne Mühe 100 000 Mann zum Schutz der Türkei an das andere Ende des Mittelmeeres setzen kann, wird eine solche Anstrengung England in seinen besten Lebensquellen erschüttern. Es wird die Truppen aus Indien und den Kolonien heranziehen müssen, und indeß seine unzureichende Armee im Kampf gegen Rußland sich aufreibt, wird Frankreich kräftiger und mächtiger denn je als der wahre Hort Europas und der Zivilisation dastehen. Dann – ja dann, wenn England und Rußland sich gegenseitig geschwächt haben, wird es Zeit sein, die Maske abzuwerfen und die Asche des großen Toten, der hier ruht, zu rächen an seinen beiden stolzen Feinden.« – »Aber Österreich – Deutschland?« – – »Österreich? – o, es wird zuerst den Fuß des Siegers auf seinem Nacken fühlen, von zwei Seiten zugleich, an der Donau und am Po bedroht. Und Deutschland? – Ei! will der Kaiser den Rheinbund erneuern? Er wird im Nu zu seinen Füßen liegen. Und Preußen? o, so hochmütig und abgeschlossen es in sich selbst ist, so wird es zaudern und zaudern, bis ihm der Kampf bleibt um die eigene Existenz, und in diesem Kampf wird es sich selbst verbluten. An dem wiedererstandenen Polen und Ungarn und an dem neugeborenen Italien wird das kaiserliche Frankreich drei Stützen haben, die ihm die Welt unterjochen helfen.« Der Mann im Mantel hatte, die Rechte fest auf die Stirn gepreßt, die entflammenden Worte des alten Offiziers angehört, während die Linke sich auf den Vorsprung der Gruft stützte. Der Mantel war von seinen Schultern gesunken, so stand er eine Weile stumm und still, dann wandte er sich mit einem stolzen Ausdruck zu dem Polen ... »Was immer auch Ihr Zweck sein mag, und ich glaube ihn in jenem schönen Traum von der Wiederherstellung Ihres Vaterlandes zu erkennen, – Sie haben gesiegt, und ich werde um jenes großen Toten Willen Ihre Prophezeiung erfüllen, wenn Gott mir so lange das Leben läßt ... Leben Sie Wohl, mein Herr, und nehmen Sie meinen Dank. Es ist hoffentlich nicht das letzte Mal, daß wir uns sprechen, und ich bitte Sie, mir recht bald wieder Nachricht zu geben.« Er grüßte den Fremden höflich, aber vornehm, während der Graf ihm den Mantel wieder umhing, und wandte sich nach dem Ausgang der Kirche. – »Sie gehen mit uns?« fragte sein Begleiter den Offizier und verweilte einen Augenblick bei diesem. – »Verzeihen Exzellenz, ich habe hier noch ein Gebet zu verrichten. In London das weitere! Ich bitte Sie, jedem Boten zu vertrauen, der Ihnen zu seiner Beglaubigung dies Zeichen übergeben wird.« Er zeigte dem Grafen ein eigentümlich geformtes kleines Kreuz von schwarzem Holz, mit Silberstiften geziert. Der Graf neigte bejahend den Kopf, grüßte und eilte dem Vorausgegangenen nach, um mit dem erhaltenen Schlüssel die Kirchtür zu öffnen. Draußen fanden sie den General auf seiner übernommenen Wache. Mit gezogenem Hut begleitete der Veteran die geheimnisvollen Gäste bis an den harrenden Wagen und schloß selbst den Schlag. Der Mann im Mantel wandte sich, als der Wagen das Tor verlassen, zu seinem Begleiter. »Hat Maurepas auch die gehörigen Instruktionen? und sind Sie sicher, daß uns dieser Mensch nicht entgeht, wenn er das Hotel verläßt? Ich muß wissen, woran ich mit diesem geheimnisvollen Treiben bin: eine solche Macht im Staate ist zu gefährlich, um sie unbeachtet zu dulden.« – »Es ist alles nach Ihrem Befehl geschehen, Sire,« entgegnete der Graf; »die zuverlässigsten Agenten werden dem Manne folgen. Morgen früh, Sire, haben Sie den gewünschten Rapport.« Auf den Arm des nach dem Dom, um die Tür zu schließen, zurückkehrenden Generals aber legte sich im Schatten der hohen Mauern des Hofes eine Hand und hielt ihn zurück. »Kennt General Beaupré diesen Ring?« fragte er freundlich. »Ein Kadett der großen Armee gab ihn schwer verwundet in Leipzig dem Soldaten, der ihn aus dem brennenden Hause der Vorstadt und über die Brücke der Pleiße trug, wenige Minuten vorher, ehe sie gesprengt wurde.« – »Das war ich,« sagte erregt der General; »wie kommen Sie zu diesem Ring, Herr, Sie sind doch nicht –« »Der polnische Lancier, der Sie zufällig rettete? allerdings, wenn auch diese Züge Ihnen kaum noch kenntlich sein werden. Unter braven Soldaten, General, bleibt immer Kameradschaft und Sie werden mir gewiß eine kleine Gefälligkeit nicht verweigern, um zu verhindern, daß Ihr Lebensretter in eine Schlinge der geheimen Polizei fällt.« Eine Viertelstunde darauf entfernte sich durch eine Seitentür nach dem Latour-Maubourg unbeachtet ein Mann in dem Rock eines Aufwärters und schlug die Richtung nach dem Marsfelde ein. In einem der belebtesten Stadtteile von Paris bereitete sich in derselben Nacht ein geheimnisvoller Vorgang. Eine mittelgroße, gewölbte Halle von eirunder Form, anscheinend unter der Erde, denn es fehlten alle Fensteröffnungen, war von einer Lampe und mehreren auf einer rotbehangenen und quer durch die schmale Breite laufenden Tafel stehenden silbernen Armleuchtern erhellt. Hinter der Tafel, um welche sieben Sessel sich reihten, verdeckte ein roter Vorhang das Ende des Gewölbes. Sechs der Sessel nahmen Personen, in weite rote Ärmelmäntel gehüllt, ein, deren Kapuchons hauben- und larvenartig den Kopf bis zum Munde verdeckten. Der siebente Stuhl war leer. Auf dem Tische selbst lagen mehrere Papiere, mit deren Verlesung und Eintragung in ein Buch zwei der Mitglieder beschäftigt waren. »Die Berichte aus Amerika, England und Ungarn sind notiert,« sagte der eine; »das Mitglied für Italien hat das Wort.« Der Vierte in der Reihe an der Tafel erhob sich: »General Pepe berichtet aus Turin. Der Mann bleibt auch im hohen Alter Phantast, sein Name aber wirbt uns zahlreiche Kräfte. Man hat in Turin und Genua eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen; auch an anderen Orten Italiens, namentlich in Parma, tritt man mit auffallender Strenge gegen die Verbindungen auf. Ich schlage vor, ein Exempel zu statuieren an Ferdinand Karl von Bourbon, Herzog von Parma, unserem erbitterten Feinde. Unsere Presse hat die Nachricht verbreitet, daß Mazzini auf der »Retribution« sich nach Malta eingeschifft habe. Damit ist vorläufig die Aufmerksamkeit abgelenkte Der Aufstand in Palermo ist zwar fehlgeschlagen, wie der in Mailand und Comorn, doch meldet Baron von Bentivoglio, daß die Organisation zur Verbreitung der Mazzinischen Proklamation vollständig geordnet sei und großen Erfolg zeige. Die Sammlungen haben im Monat Februar ein Resultat von achtunddreißig Tausend vierhundert Livres ergeben, die ich hiermit in Wechseln abliefere.« Der Redner übergab mehrere Papiere und nahm wieder Platz. Während seiner letzten Worte hatte sich eine Seitentür an der Tafel geöffnet; ein Mann gleich den Anwesenden in einen roten Mantel gehüllt, hatte den leeren siebenten Sessel am Ende der Reihe eingenommen. »Sektion Deutschland und Schweiz,« sagte der Sekretär ... Der dritte Verhüllte nahm das Wort. »Die Berichte aus Wien lauten wenig befriedigend. Das Attentat vom 18. Februar hat die zaghaften Gemüter geschreckt und die Polizei doppelt aufmerksam gemacht. Libényi hat für sein Attentat gegen den Habsburger mit heroischer Ruhe den Opfertod erduldet. Weniger treu seinem Eide starb in Pesth der Verräter Andrassy, der die mit Omer-Pascha angeknüpften Verhandlungen über Kossuths Einrücken in Kroatien verraten hat, und die augenblickliche Stellung des Wiener Kabinetts gegen die Pforte ist hiervon die Folge. Die Finanzverlegenheit wächst; man sucht nach neuen Hilfsmitteln. – In Berlin tritt die Spaltung der Konservativen immer mehr hervor. Die Polizei hat eine Verbindung aufgehoben, deren Mitglieder von den Wissenden des Bundes bei der Flucht Kinkels benutzt wurden; sie können aber unsere höheren Interessen in keiner Weise kompromittieren. Die Sammlungen haben äußerst geringe Resultate gebracht, – man gibt dort nur öffentlich. – Die Tessiner Regierung scheint den österreichischen Anmaßungen weichen zu wollen; ich lasse durch die Presse mit der Revolution drohen. – Die Sammlung der Schweiz ergibt zwölfhundertzwanzig Franken. Das Gesamtresultat der Sammlung aus Deutschland ist noch nicht eingegangen.« Er übergab die Papiere. Der Zuletztgekommene erhob sich nach ihm, ohne die Aufforderung abzuwarten. Wer der geheimnisvollen Zusammenkunft im Dom der Invaliden beigewohnt hätte, würde leicht in dem Sprecher den alten polnischen Offizier wiedererkannt haben, der nun über den Gang derselben berichtete ... »Der Kaiser,« schloß er, »ist offenbar ein scharfsichtiger, gewandter Politiker, aber wir haben ihn besiegt, indem wir uns an das verborgenste Geheimnis dieses verschlossenen Herzens gewandt haben. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht vorher schon die Pläne dieses Kopfes von der Vernichtung Englands und der Weltherrschaft der Napoleoniden geträumt hätten. Aber ich warne vor diesem Kopfe; er ist schlau und tatkräftig genug zu einem Versuch, die Bande, die ihn geheimnisvoll umschlingen, mit eigener Hand zu zerreißen.« Der einmalige scharfe Anschlag einer Silberglocke ließ sich hören, und augenblicklich schwieg die Unterhaltung. Der Vorhang im Hintergrunde öffnete sich ein wenig, und ein Mann, ganz gleich wie die an der Tafel verhüllt, nur daß die rote Maske selbst den unteren Teil des Gesichts verbarg, trat hervor. Die Sieben erhoben sich sämtlich ... » Die höchste Gewalt ist zufrieden, meine Herren, mit dem Resultat der Berichte,« sprach der Unbekannte mit einer milden, etwas zischenden Stimme, »namentlich erkennen wir die große Geschicklichkeit an, mit welcher der Vertreter der Sektion VII heute seinen Auftrag für die französische Regierung gelöst hat. Das Geschick Frankreichs ist damit in unseren Händen. Nun zu den Deputationen! Steht die Wahl der Personen fest?« – Der Sekretär überreichte das diesbezügliche Schriftstück ... »So? Warschau und Petersburg übernimmt der Sektionsvorstand selbst? – Sehr gut!« Der Verhüllte, den der Leser als den Offizier aus dem Invalidendom erkannt hat, erhob sich. »Ich habe diesen Auftrag als Lohn für die geringen Dienste erbeten,« sagte er, »die ich dem Bunde der Unsichtbaren geleistet. Ich glaubte, hierzu sei ein Mitglied des siebenten Grades notwendig, um im Augenblick der Entscheidung den Befehl in die Hand nehmen zu können.« – »Richtig, aber wir werden Sie kaum hier entbehren können. Auch sind Sie in Warschau sehr bekannt und stehen auf der Proskriptionsliste.« – Der alte Soldat nahm ein Papier aus dem Portefeuille und überreichte es: »Die Begnadigung des Kaisers und die Erlaubnis zur Rückkehr! Ich empfing sie heute aus den Händen Herrn von Kisseleffs.« – »Viel, sehr viel; indessen«. .. eine behandschuhte Hand, die sich aus den Falten des Vorhanges hervorstreckte, reichte dem Sprechenden einen Streifen Papier, den dieser las und sofort am Licht einer Kerze verbrannte ... »die Majorität der höchsten Gewalt ist mit Ihrer Sendung einverstanden. Sie haben also die Vollmacht zur Reise und werden als Mitglied des Rates bis zur Summe von fünfzigtausend Rubel disponieren können. Doch treten Sie von diesem Augenblick an bis zur Beendigung Ihrer Mission aus dem Rate selbst und unter die Gehorchenden zurück.« Der Pole verneigte sich. »So nehmen Sie die nötigen Papiere in Empfang, und die Sonne der Freiheit leuchte Ihnen nach Osten.« Der Verhüllte reichte dem Scheidenden die Hand, und der Pole verließ den Saal durch die erste Tür, während der andere seinen Sitz einnahm. »Smyrna und Konstantinopel?« fuhr derselbe nach einem weiteren Blick in das Papier fort. »Nach diesen Notizen hält der Rat es für gut, den dahin beorderten Genossen von hier zu entfernen, damit er, gehörig überwacht, dem Bunde bessere Dienste leiste, als hier. Welchen Grad zählt der Gehorchende?« – »Den vierten.« – »Das ist genügend, wir haben sichere Leute an Ort und Stelle. Lassen Sie ihn eintreten.« Der Sekretär drückte auf eine Feder, die zweite Tür gegenüber dem Tisch öffnete sich, und ein Mann, anscheinend anfangs der dreißig, von offenen, männlichen Gesichtszügen und festem, ruhigem Auge, einfach aber gut gekleidet, nahte mit einer Verbeugung dem Tisch ... »Sie wollen als Arzt nach der Levante gehen?« – »So ist es.« – »Seit wann sind Sie Mitglied des Bundes?« – »Seit fünf Jahren.« – »Gut. Sie werden die Briefe erhalten, die Sie auf Gefahr Ihres Lebens sicher zu überbringen haben. Die weiteren Instruktionen werden Sie an Ort und Stelle finden. Die Mittel der Reise sind hier.« Er reichte ihm zwei Goldrollen. »Wann reisen Sie?« – »Morgen früh.« – »Wir werden in Konstantinopel von Ihrer Kunst den geeigneten Gebrauch machen. Bedenken Sie: Willenloser Gehorsam! Leben Sie wohl.« Der Angeredete nahm mehrere Papiere in Empfang und entfernte sich durch dieselbe Tür, durch die er eingetreten war. »Die Person für Berlin und Deutschland!« Ein neuer Druck der Feder öffnete die dritte Tür: eine elegant in schwarze Seide und Spitzen gekleidete Dame trat graziös ein. Ein kühner, interessanter Kopf blickte aus den umhüllenden Falten des kokett um das dunkle Haar geschlungenen, von einer prächtigen Brillantnadel gehaltenen Spitzenschleiers. Der ganze Typus des zwar nicht mehr in der ersten Jugendfrische prangenden, aber überaus interessanten und anregenden Gesichts ließen die Südländerin nicht verkennen. Die sieben Männer verbeugten sich artig vor der schönen Erscheinung ... »Sie gehen nach Berlin, Madame, dort neue Triumphe zu feiern?« – »Sennor sind sehr galant,« entgegnete die Dame ... »Sie wissen, daß ich ganz zu Ihren Befehlen stehe.« – »Wir wünschen vor der Hand nichts, Madame, als daß Sie diese Empfehlungsbriefe in den verschiedenen Hauptstädten, die Sie berühren werden, abgeben, und die Personen, an die sie gerichtet sind, durch die bekannte Gewalt Ihrer Reize an sich fesseln. Wir sind, wie Sie wissen, mächtig und verlangen namentlich Schweigen. Denken Sie immer daran, daß selbst die Wände in unserem Solde stehen. Ist das für Madame Bestimmte besorgt?« Der Sekretär überreichte dem Verhüllten ein Sammetetui; er schlug es auf und ein prachtvoller Brillantschmuck glänzte in dem Strahl der Kerzen. Die Augen der Dame funkelten bei dem Anblick in unbezähmbarer Begierde ... »Nehmen Sie,« sagte galant der Redner; »seien Sie gewiß, daß es dabei nicht bleiben wird. Au revoir , Madame, vielleicht früher als Sie denken.« Er erhob sich, während die Dame eine ziemliche Anzahl Briefe in Empfang nahm, und führte sie bis an die Tür zurück, die sich hinter ihr schloß. »Ich sehe, die nächsten für London bestimmten Personen gehören den untern Klassen an?« »Man hat um Persönlichkeiten geschrieben, die weniger als Führer und Wissende, an denen es in London nicht fehlt, denn als geeignet erscheinen, kameradschaftlich unter den Arbeitern und dem Volk selbst zu wirken.« Ein Zeichen befahl den Eintritt; aus der vierten Tür erschienen zwei Männer, sehr verschieden im Äußeren. Der jüngere mochte etwa 23 Jahre zählen, ein echtes Kind des Pariser Pflasters, dem, wenn auch von der Konskription durch eine glückliche Losung befreit, doch das soldatische Blut des Franzosen aus Haltung und Bewegung leuchtete. Ein freies, männliches Gesicht, von schönem Bart umschattet, ein etwas wild und hitzig blickendes Auge, die kräftige und doch gelenke Gestalt mit den ausgearbeiteten Händen, bekleidet mit der reinlichen Bluse, machte den jungen Mann zum Ideal eines lebensfrischen Repräsentanten der arbeitenden Klasse. Ganz im Gegensatz zu ihm stand sein Begleiter, anscheinend fünf bis sechs Jahre älter, nicht groß und dennoch von gebückter Haltung, das straff anliegende schwarze Haar fast bis zu den buschigen Brauen herabgehend, unter denen tiefliegende, unheimliche Augen funkelten; in dem gelblichen Italienergesicht um den kleingekniffenen Mund lagen Züge unbeugsamer Entschlossenheit. »Sie gehen nach London und Manchester,« redete der Verhüllte die beiden an, »und werden dort der großen und heiligen Sache der freien Arbeiterverbrüderung wichtige Dienste leisten. Ich brauche Sie nicht an das Joch der Tyrannei zu erinnern, denn Sie fühlten es selbst an jedem Tage, an welchem Ihre Mühen und Ihr Fleiß die Geldkisten Ihres Fabrikherrn füllten. Nur die erhobene Fahne der sozialen Republik kann in ihrem Schatten jedem freien Mann seine Geltung verschaffen.« Die schwülstigen, wohlberechneten Worte verfehlten ihren Eindruck nicht, der junge Mann hob begeistert die Hand in die Höhe wie zum Schwur, der Italiener ballte die Faust, zwischen den zusammengebissenen Zähnen zischte die Drohung: »Tod den Tyrannen!« Die Beiden wendeten sich nach der Empfangnahme der für sie bestimmten Papiere zur Tür, an der der jüngere einen Augenblick zauderte, dann kehrte er rasch um und trat entschlossen nochmals zu dem Tisch. »Morbleu, meine unbekannten Herren! Es drückt mir da etwas das Herz, und das möchte ich gern los sein, ehe ich die befohlene Reise zu den Beefsteaks antrete. Meine Schwester steht nämlich ohne allen Notpfennig in der Welt. Ich kann sie wahrhaftig nicht so zurücklassen ohne Schutz und Hilfe. Die Verlockung ist oft groß genug.« – »Sie werden vor Ihrer Abreise einen Vorschuß von zweihundert Franken erhalten,« sagte der Rote; »Ihre Schwester wird im Auge behalten werden, gehen Sie unbesorgt.« Der junge Arbeiter verneigte sich dankend, warf noch einen neugierigen Blick rings umher und folgte seinem Gefährten. »Ich glaube, der Vorstand der Sektion England,« sagte der Verhüllte, »scheint da keine besondere Wahl getroffen zu haben. Der Mann gehört auf die Barrikade, nicht in die Werkstätten.« – »Er ist ein trefflicher, für seinen Stand schwungvoller Redner,« wandte der Getadelte ein, »und französische Arbeiter, die der englischen Sprache mächtig sind, finden wir wenig. Überdies ist sein Begleiter der Mann, der seine Fähigkeiten auf den bestimmten Punkt fesseln wird.« – »Sie mögen recht haben, der Zweite ist eine Physiognomie, aus der sich vieles machen läßt und der, was er erfaßt, nie aus den Augen verlieren wird. Ich kann den Namen nicht deutlich lesen, der Mann heißt?« – »Pianori. Er focht in Rom, brachte uns die letzten Depeschen von Turin und hält sich seitdem heimlich hier auf.« – »Lassen Sie den letzten für heute erscheinen.« Die fünfte Tür öffnete sich und ein elegant, ja überladen gekleideter Mann in mittleren Jahren, mit einem stattlichen Embonpoint, trat unter Verbeugungen ein. Der Schnitt des Gesichts verriet die orientalische Abstammung vielleicht aus dem zweiten Grade, die schmal zulaufende hohe Stirn den geübten Rechner und Zahlenmann, die rastlos sich bewegenden Finger und die kurz und scharf umherblickenden Augen zeigten den Geschäftsmann und Spekulanten. Ohne die Anrede abzuwarten, begann der Eingetretene: »Im Begriff, nach Wien abzureisen, erhielt ich die Ladung des Rates und beeilte mich, dem Befehle nachzukommen. Darf ich wissen, welche Angelegenheiten meine Dienste erheischen?« Der Verhüllte nahm ein kleines Buch in rotem Saffian, das der Sekretär ihm reichte, und durchblätterte es einige Augenblicke schweigend, dann fragte er: »Haben Sie zufällig unser Konto zur Hand, Herr Baron?« – »Gewiß, ich steckte es zu mir. Der letzte Abschluß vom vorigen Monat ist, wie ich ersehe, 75000 Franken zu meinen Gunsten. Man hatte in dem Monat stark gezogen.« – »Ganz recht, mein Herr, indes die anvertrauten Fonds ergeben eine Summe von achtmalhundertdreiundsechzigtausend Frank, – soviel ich weiß, in baren Fonds und Bankaktien?« Der Geldmann warf einen hastigen Blick auf den Redner. »So ist es, ich machte auch nur die Bemerkung in Beziehung auf das laufende Konto.« – »Ich vermutete das. Doch, mein Herr, der Bund braucht in diesem Augenblick bedeutende Mittel, und ich wollte Sie ersuchen, die Werte bis auf achtmalhunderttausend Franks auf morgen mittag 12 Uhr für uns disponibel zu halten. Wir brauchen gerade österreichische Papiere und werden sie auf die gewohnte Weise in Empfang nehmen lassen.« Der Bankier erbleichte, faßte sich aber rasch. »Die Fonds werden zu Ihrer Disposition sein.« – Ein scharfer durchbohrender Blick sprühte aus der verhüllenden Maske. »Ist das auch gewiß, Herr Baron? werden wir die Fonds vorfinden?« Das Gesicht des Gefragten überzog sich mit fahler Blässe, dennoch schwankte er nicht unter dem Schlage, sondern entgegnete mit fester Stirn: »Ich werde die Ehre haben, Ihnen meine Kasse zu öffnen, das Geld befindet sich darin.« – Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als der Vorhang hinter der Tafel auseinanderrauschte und in einer dunkel behangenen, weiten Nische zwei Männer sichtbar wurden, die dasselbe verhüllende Kostüm trugen, wie ihr Gefährte. Der eine war eine große, breitschultrige Gestalt, der andere klein, offenbar schwächlich und verwachsen. Alle Mitglieder der Tafel standen auf, – der Geldmann vor ihr trat unwillkürlich einen Schritt zurück und beugte das Haupt ... »Einen Augenblick,« sagte die ernste, dröhnende Stimme des größeren der neuen Zeugen, »ich möchte Sie fragen, Gehorchender, ob dieser Auszug über den gegenwärtigen Bestand Ihrer Kasse richtig ist? Danach ist der Bestand an Aktien der österreichischen Bank nur 2000 Gulden, bar vielleicht 40000 Frank, die in diesem Moment wahrscheinlich in Wechseln in Ihrer Tasche ober in Ihrem Koffer sind; aber von den Ihnen anvertrauten baren Fonds befindet sich in Ihrer Kassette keine Spur.« – Der Baron war vernichtet. »Ich hatte Forderungen zu decken,« – stammelte er endlich, »das Geld ist nicht verloren – ich habe Spekulationen – gönnen Sie mir nur Zeit.« Der Große lachte verächtlich. »Armer Narr! wenn wir das nicht wüßten, lebten Sie bereits nicht mehr, um hier von Ihrem Verhalten Rechenschaft zu geben. Merken Sie sich die Lektion, der nächste Bruch des Vertrauens wird mit Ihrem Herzblut gesühnt! ... Sie werden nach Wien reisen und das Eskomptegeschäft in Ordnung bringen. Je mehr Aktien Sie erwerben, desto besser. Es ist nötig, daß wir die Majorität der Stimmen besitzen. – Doch haben wir noch ein anderes und besseres Geschäft für Sie. Dies Memoire werden Sie, nachdem Sie es sich zu eigen machen, in einer Audienz an Herrn von Bach in Wien persönlich übergeben und ihm Vortrag darüber halten. Es betrifft den Vorschlag zum Ankauf der österreichischen Staatsbahnen für Rechnung einer zu bildenden Gesellschaft. In diesem Portefeuille finden Sie 2 Millionen Gulden in Wechseln auf Sina und Eskeles; fünfzigtausend davon werden Sie nötigenfalls für die Beamten verwenden, von deren Empfehlung das Geschäft abhängt, den Rest stellen Sie dem Premier sofort zur Disposition als Anzahlung auf den Kauf. Die weiteren Auseinandersetzungen und Bedingungen finden Sie in den Papieren.« Der adelige Bankier ergriff erfreut das Portefeuille, prüfte aber als Geschäftsmann sorgfältig die darin enthaltenen Anweisungen. Dann steckte er alles zu sich, versicherte hoch und teuer, daß man volles Vertrauen in ihn setzen könne, und verließ, etwas weniger sicher, aber leichteren Herzens als er gekommen, das Gemach. »Jetzt, meine Brüder,« nahm der zuerst Eingetretene der drei das Wort, »ist unser Geschäft für heute beendet. Sie werden die nötigen Anstalten treffen, daß unsere Missionare genügend überwacht und geleitet werden. Seien Sie tätig in sämtlichen Sektionen! Sie wissen, wie wichtig die Gegenwart ist. Wenn ganz Europa erst in Krieg verwickelt worden, kommt die Zeit unserer Ernte. Wann die höchste Gewalt im einzelnen oder insgesamt Ihren Sitzungen wieder beiwohnen kann, ist leider unbestimmt; darum leben Sie wohl bis dahin.« Der Verwachsene winkte mit der Hand, einen Augenblick zu warten. Ein leiser, schrillender Ton ließ sich hören, und aus dem Druckapparat eines elektrischen Telegraphen, der unter einer entsprechenden Scheibe an der Wand der Nische angebracht war, schob sich langsam ein Streifen Papier, mit Punktierzeichen versehen. Er nahm denselben, las die Chiffreschrift und sagte lachend mit offenbar italienischem Akzent: »Graf Walewski hat sich an den Tuilerien beurlaubt und ist zu Mademoiselle Rachel gefahren. Dem Polizeiminister meldet man soeben, daß die Spione am Invalidenhotel keine Spur entdecken konnten. Mit dem Abendzug ist ein Kurier von Petersburg für Herren von Kisseleff eingetroffen, Fürst Oczakoff. Da haben Sie die Neuigkeiten. Buona notte! « Die Lichter erloschen, im Dunkel öffneten und schlossen sich mehrere Türen – dann Todesschweigen. Zweites Kapitel Das erste Blut Der »Egytto« hatte während der Nacht auf Chios angelegt und eine Menge neuer Passagiere an Bord genommen. Erst als das Tagesgrauen über die fernen Berge Anatoliens herauf dämmerte, erhoben sich die Reisenden vom Verdeck, wo sie ihr improvisiertes Lager gefunden, oder kamen langsam aus den Kajüten und Kabinen zum Vorschein. Der erste rosige Strahl der Sonne tauchte am Horizonte empor und zitterte über die Fläche des Golfs. Glänzend stieg die Königin unsrer irdischen Welt über die in den fernen Nebeln noch unsichtbare Königin der Städte Anatoliens empor. Neben dem ernsten, etwa vier- bis fünfunddreißigjährigen Mann in einfacher, aber moderner europäischer Kleidung mit dem grauen, breiträndrigen Filzhut, der schon seit einer Stunde an dem Bollwerk des Vorderschiffes lehnte, um das herrliche Schauspiel mit allen seinen hier so wunderbaren Farbenwechseln nicht zu verlieren, breitete ein Türke seinen Teppich aus und kniete mit dem Antlitz gen Mekka nieder, sein Gebet zu verrichten. Was an Moslems auf dem Verdeck war, folgte dem Beispiel; der große Haufe der Griechen und Franken kümmerte sich aber wenig um die Andacht der Ungläubigen und unterbrach keinen Augenblick seine Unterhaltung, ja viele der ersteren spuckten verächtlich und mit grimmigen Seitenblicken nach dem Erbfeind ihres Glaubens ins Wasser. Eine Hand legte sich an die Achsel jenes Mannes, der die ihm fremde Andacht beobachtete; als er sich umwandte, blickte er in ein Gesicht, das ihm wohl bekannt schien, doch ließ die fremdartige Kleidung, der das Haupt bedeckende griechische Fez ihn im ersten Moment den anderen nicht gleich erkennen. »Erinnert sich Doktor Welland wirklich nicht mehr des Kommilitonen,« fragte der Grieche, »mit dem er vor Jahren die Kollegien unter Dieffenbach gehört? oder haben die acht Jahre, die seitdem vergangen, Gregor Caraiskakis so ganz aus dem Gedächtnisse der Freunde seiner schönen Jugendtage verdrängt?« – Welland warf sich in die geöffnete Arme. »Die Schulbank des Knaben, die Aula des Jünglings schlingt ein Band gemeinschaftlicher Erinnerungen, das wahrlich auch im Männerleben sich nicht vergißt. Verzeihen Sie mir, Caraiskakis, daß ich 500 Meilen von dem Orte, wo wir zusammen gelebt, und in der veränderten Tracht Sie nicht wiedererkannte. Glauben Sie mir, ich habe, während der Dampfer mich an den Küsten Ihrer klassischen Heimat vorübertrug, gar oft Ihrer gedacht, und nur die Kürze unseres Aufenthaltes in Athen verhinderte mich, nach dem lieben Kommilitonen alter Zeit zu forschen. – Aber,« fuhr er fort und sah aufmerksam in das Antlitz des Universitätsfreundes, – »warum die Wahrheit verhehlen? gewiß, Sie haben sich auch sehr verändert, Gregor, und diese Falten, diese Blässe stimmen wenig mit Ihren Jahren und dem frischen, kecken Lebensmut, den der Sohn des Helden vom Piräus sonst in jeder Bewegung, in jedem Wort zeigte.« – »Sie haben recht,« entgegnete der junge Mann, »ich fühle es selbst. Aber zuerst, wie kommen Sie hierher nach der Levante, in die sich brauenden drohenden Gewitter? ich habe Sie doch in Berlin vor dem Examen und in Aussicht einer baldigen Praxis oder Anstellung im Staatsdienst zurückgelassen!« »Der Mentor, der sich Ihnen gegenüber so oft als älter und erfahrener aufgespielt hat, wußte sich selbst nicht zu leiten. Etwa zwei Jahre, nachdem Sie, lieber Freund, nach München, und von dort, wie ich hörte, nach Griechenland zurückgekehrt waren, brach bei uns jene merkwürdige, mir selbst kaum erklärliche Revolte aus, die man die Märztage nennt. Sie kennen sie aus den Zeitungen. Ich war töricht genug, mich daran zu beteiligen, nachdem ich mir bereits seit einigen Monaten eine kleine Praxis gegründet hatte. Zu der Zeit ging alles drunter und drüber, auch meine Existenz. Meine Familie trennte sich im Zorn von mir; so packte ich mein Bündel und zog nach Frankfurt, wo das deutsche Reichsparlament tagte und tobte. Dort blieb ich bis zum Frühjahr 49, und ein eigentümlicher Zufall, den ich Ihnen wohl später erzähle, führte mich nach der Pfalz und Baden, als der Prahler Mieroslawski dort seine Lorbeeren zu pflücken dachte. Mir war die Sache zuwider, denn ich hatte viel gesehen und erlebt in der Zeit; aber es stand doch mancher eherne Mann mit aufrichtiger Gesinnung, mancher Jüngling mit glühender Phantasie und ehrlichem Herzen unter den Freischaren, und wenn ich auch nicht an ihrer Seite gegen meine Landsleute focht, so widmete ich ihnen doch meine Kunst und wirkte als Arzt unter den Verwundeten und Sterbenden. Der Fall von Rastatt trieb mich nach Straßburg, und von da nach Paris. Ich hätte vielleicht wiederkehren können in meine Heimat, da ich nicht kompromittiert genug war, um sie mir für immer versperrt zu sehen; aber ich war mit meiner Familie ganz zerfallen und erhielt nur heimlich hin und wieder einen Brief von den Schwestern. Sodann fesselten mich Freundesbande an Paris. Schon wollte ich nach Algerien gehen, als ein Auftrag von Freunden mir einen andern Weg wies. Ich erhielt eine Empfehlung nach Konstantinopel an Herrn de Latour, den französischen Gesandten. Vorläufig werde ich also kurze Zeit in Smyrna bleiben.« – »Da ist unser Ziel dasselbe,« sagte freudig der Grieche, dem die etwas zurückhaltende und vorsichtige Erzählung vollkommen genügte. »Auch ich gehe nach Smyrna. Selbst in anderer Beziehung ähnelt sich unser Schicksal, auch die Familie Caraiskakis ist ausgewiesen von hellenischem Boden, aus jener Heimat, die ihr Vater mit seinem Blut erkauft hat!« – »Sie verwiesen aus Athen?« fragte erstaunt der Deutsche. »Aber König Otto hat Sie und Ihre Brüder ja selbst erziehen lassen als eine Dankespflicht für den Heldentod Ihres Vaters.« – »Wir haben auch über den König nicht zu klagen, er ist gut und will das beste. Aber Sie kennen die Parteiungen nicht, die das arme Griechenland zerbeißen und es immer am Emporblühen hindern werden. Nur wenn es galt, das Kreuz gegen unsern alten Erbfeind zu erheben, waren Griechen jedes Stammes einig, und selbst da noch trieben Neid und Ehrgeiz ihr zerstörendes Spiel. Zudem erliegt das arme, gedrückte Hellas unter der Last des europäischen Protektorats. Blicken Sie hin nach Ionien, der proklamierten freien Republik! Der britische Schutz hat es in Fesseln geschlagen, ärger als die indischen. Der Gouverneur von Korfu ist mehr Herr in unserem Griechenland als König Otto, und seinem peremptorischen Verlangen verdanke ich die Verweisung vom Festlande, die mich seit zwei Jahren auf den Inseln des Archipels umhertreibt.« – »Wenn ich mich recht erinnere,« fragte Welland, »so stammen Sie ja wohl ohnehin von den Inseln?« – »Von dem unglücklichen Chios, das, trotz seines Märtyrertums im Befreiungskriege, der englische Machtspruch unter den Fesseln des Halbmondes ließ. Meine Mutter flüchtete mit uns aus den Mörderhänden des Kapudan-Pascha aufs Festland, wo mein Vater bereits für das Kreuz kämpfte. Überall, wo ich weilte, fand ich mein Volk unterdrückt und geschlachtet. Glauben Sie mir, Welland, was ich gesehen und erlebt, würde Ihnen das Herz in der Brust umkehren. Nur in Konstantinopel und in den Küstenstädten, wo die europäischen Konsuln residieren und ihre Anwesenheit die Paschas im Zaume hält, haben die griechischen Christen geduldete Rechte; im Innern des Landes herrscht der Jahrhunderte alte Druck noch in seiner vollen Willkür und Barbarei.« »Aber Ihre Geschwister? Sie erzählten mir so oft von ihnen.« – »Mein älterer Bruder steht im griechischen Heere an der Grenze, mein jüngster ist in diesem Augenblick in Cettinje und hält die Schluchten der Tschernagora mit dem tapferen Bergvolk gegen Omer-Paschas Redifs. Beide sind ihrer Väter würdig und ich nenne sie mit Stolz meine Brüder. Wenn ich sie sehe, werde ich ihnen den Segen ihrer greisen Mutter bringen, denn ich komme von ihrem Sterbebett auf Chios, wo ich sie gestern unter den Platanen begrub, die auf den Trümmern meines väterlichen Hauses wachsen. Möge die blutgetränkte Erde der Heimat ihr leicht sein!« – Welland reichte dem trauernden Freunde die Hand. »Und Ihre Schwester?« Des Griechen feuchte Augen flammten auf. Über sein bleiches Gesicht flog die Zornesröte heftiger Erregung, und er streckte die Arme aus gegen die Stadt, die aus dem Duft von Licht und Wasser emporschwamm, überragt von dem Pagus, an dessen Seiten über die Kuppeln und Minaretts der Türkenstadt sich die Zypressenwälder der Friedhöfe hinaufziehen. »Ich bin unterwegs, sie zu schützen, oder – zu richten!« sagte er mit tiefer Stimme und wandte sich ab. Die drängende Menge umgab sie und verhinderte jedes weitere Gespräch. Ismir, – wie es die Türken nennen, – Smyrna im Munde der Geschichte, das Kind Alexanders des Großen – zehnmal verwüstet von der Hand mächtiger Feinde und zehnmal wieder emporgestiegen aus seinen Trümmern, – Smyrna, eine der sieben heiligen Kirchen Kleinasiens, dehnte sich vor den Blicken der Reisenden an seinem prächtigen, drei Meilen breiten Golf aus. Wie fast alle Uferstädte Griechenlands und Kleinasiens an der Höhe der Berge terrassenmäßig emporsteigend, bietet es einen prächtigen Anblick. Rechts am türkischen Kastell vorüber mit seinen schläfrigen Schildwachen und unbehilflichen Geschützen fliegt der Dampfer gegen die Stadt, die, von Bergen umgeben, nur rechts am Ufer hin sich nach der Karawanenstraße öffnet. Im Vordergrunde die neue Kaserne, ihre Höfe in das Meer tauchend; darüber die Türkenstadt mit ihren zahlreichen Minaretts und Kuppeln, den kleinen, zum Terrassenbau so prächtig geeigneten Häusern, dem Grün der Büsche und der Bäume, den mäandrischen Windungen der Straßen; höher am Berge Pagus das armenische Quartier, links die Franken- und Griechenstadt mit den Flaggen der Konsulate, den Kaffeehäusern und Magazinen auf der Marina, – zur Seite einschneidend die Wässer des Golfes zwischen den Bergen, eine Bucht tief hinein, deren Ufer von den zierlichen Landhäusern des Dorfes Burnabat besetzt sind. Im Hafen, und das ist der ganze Golf, ankern Hunderte von Schiffen aller Nationen. Dampfer kommen und gehen, von Beirut und Alexandrien, von Malta und Athen, aus dem Bosporus her ... das Meer ist belebt von den flatternden Wimpeln und Segeln und dem Schlage der Dampfmaschinen. Auf den Höhen des Golfes lag eine österreichische Brigg vor Anker, der »Hussar«, und von der Gaffel wehte lustig im Morgenwinde der schwarze Doppeladler im gelben Felde. Bollwerk und Wandtaue waren besetzt von dem Schiffsvolk, das zur Begrüßung des Lloyddampfers die Hüte schwenkte, auf dem Hauptdeck standen die Offiziere um eine gedrungene, markige Gestalt, den Kommandanten Major Schwarz. Kaum daß der »Egytto« in einiger Entfernung näher der Stadt Anker geworfen, so hörte man auch auf der Brigg den schrillen Ruf der Bootsmannspfeife ertönen, und mit der den Kriegsschiffen eigenen Schnelligkeit hob sich ein Boot vom Schiffsrand und wurde bemannt, um zum Dampfer zu rudern. Noch ehe dasselbe jedoch anlangte, umschwärmten zahlreiche Uferbarken das Dampfschiff. Welland saß auf dem Rande des Bugspriets, und seine Blicke schauten mit Neugier auf das malerische Getümmel. In seiner Hand wehte zufällig oder absichtlich ein Taschentuch von hellgrüner Seide. Nach wenigen Augenblicke bemerkte Caraiskakis, der wieder neben dem Freunde stand, daß in einem der um das Schiff kreuzenden Boote zwei Männer scharf auf den Deutschen blickten, und der eine von ihnen nach wenigen eifrig gewechselten Worten ein ebensolches Tuch aus der Tasche zog und wehen ließ. In diesem Augenblick wandte sich Welland zufällig um und machte dieselbe Wahrnehmung wie sein Freund. Der eine war ein Grieche, der andere ein Passagier, der schon von Triest aus die Fahrt mitgemacht und mit auffallender Freundlichkeit sich an ihn zu drängen versucht hatte. Des Mannes Wesen gefiel ihm aber nicht. Auch hatte ihn der Kapitän durch ein zufällig hingeworfenes Wort gewarnt. Infolgedessen hatte er sein Benehmen auf den äußerlichen Verkehr beschränkt und war namentlich den Fragen ausgewichen, die der Fremde, seiner Aussprache nach ein Wiener, obschon er sich für einen Ungar ausgab, nach Zweck und Ziel seiner Reise geschickt einzuflechten verstand. Eine leichte Röte überflog Wellands Gesicht, als er sich beobachtet sah, doch wurde seine Aufmerksamkeit alsbald durch einen Streit abgezogen, der sich unten zwischen den Booten erhoben hatte. In dem des Kriegsschiffs saß ein junger schlanker Schiffsoffizier in der österreichischen Midshipmans-Uniform und gebot heftig den beiden Ruderern des andern Bootes, an der Treppe Raum zu geben. Der eine von ihnen lachte jedoch höhnisch zu dem herrischen Befehl und hieß in italienischer Sprache, die in den Küstenländern des Orients, selbst bis an die Ufer der Donau hinauf überall gesprochen und verstanden wird, seine Fährleute ihren Platz behaupten. Der junge Offizier, an Gehorsam gewöhnt und über den Widerstand der Bootsleute ergrimmt, ergriff eine neben ihm liegende Speiche, um sie halb gegen die feigen griechischen Ruderer, halb gegen den trotzigen Passagier zum Schlage zu erheben. Wie ein Blitz flammte das Auge des Bedrohten auf den Österreicher, und seine Hand fuhr nach der Brusttasche, aber der zweite, besonnenere, derselbe, welcher das Tuch gezeigt, riß ihn zurück und gab den Ruderern ein Zeichen zum Weichen ... »Bist du rasend, Fumagalli?« herrschte er dem Gefährten zu, »dein Tollkopf wird uns noch verderben.« – Der Offizier bestieg mit dem ziemlich hörbaren Ausdruck »Gesindel« die Schiffstreppe, ohne sich weiter um die Zurückgewiesenen zu kümmern, und hörte nicht das » Cospetto , Bursche, wir treffen uns wieder!« das der Italiener hinter ihm herfluchte. Kähne überfluteten jetzt von allen Seiten die kleine Zwischenszene und bald war das Verdeck förmlich im Sturm genommen von all den Bootsführern, Verkäufern und Agenten, die das Schiff umringt hatten. Während der junge Offizier von dem Schiffsschreiber ein Paket mit Briefen in Empfang nahm und von dem Wiener angesprochen wurde, hatten die beiden Männer mit den scharfgeschnittenen südlichen Physiognomien, die in dem Kahne mit Welland die Zeichen gewechselt, sich diesem genaht und verkehrten an einer weniger beengten Stelle des oberen Verdecks lebhaft mit ihm. Bald schienen die Drei sich verständigt zu haben; denn die Fremden winkten ihre Kahnführer an Bord und diese brachten das wenige Gepäck der Deutschen in ihr Boot. »Ich habe bereits Leute getroffen, Gregor,« sagte Welland zu dem gleichfalls beschäftigten Jugendfreund und reichte ihm mit gewisser Verlegenheit die Hand, »an die ich empfohlen bin und mit denen ich Geschäfte habe. Sagen Sie mir, Freund, wo wir uns heute abend in dem mir fremden Smyrna treffen können; wir haben uns noch so vieles zu sagen und können dann besser unsere weiteren Pläne besprechen.« – Caraiskakis drückte ihm eifrig die Hand. »Hüten Sie sich vor fremden Flüchtlingen,« sagte er ihm eilig und leise. »Es sollen in Smyrna deren jetzt mehr als fünfhundert sich befinden, und das niedere Gesindel ist zahllos und macht die Stadt und die Gegend unsicher. Mein Weg führt mich nach dem armenischen Quartier, und wenn ich kann, suche ich Sie heut abend bei Sonnenuntergang auf der Terrasse des englischen Kaffeehauses am Hafen auf, das Ihnen jedes Kind zeigt.« Damit trennten sich die Freunde, und bald fuhr die Barke der Italiener mit Welland über die im Sonnenschein leuchtende und blitzende Wasserfläche zur Stadt. Ihren Weg kreuzte das Boot der Korvette, in dem der Wiener saß und dem Reisegefährten vertraulich zunickte. Am Kai des österreichischen Generalkonsulats sahen sie es landen. Smyrna, das wie viele andere orientalische Städte, aus der Ferne einen so prächtigen Eindruck macht, bietet im Innern dem Fremden den ganzen Typus des türkischen Schmutzes, der grenzenlosen Fahrlässigkeit und Unordnung. Nur das Frankenquartier mit seinen vielen Konsulaten und den großen europäischen Handelsmagazinen, deren Durchgänge von der Frankenstraße her sich am Meeresstrande öffnen, und ein Teil der armenischen Stadt sind nach europäischen Begriffen einigermaßen erträglich. Die Straßen aber auch dieser Stadtteile sind krumm, eng und ungepflastert, doch im Vergleich zu den Gäßchen und Winkeln der Türkenstadt Promenaden. Keines der Häuser hat mehr als ein Stockwerk außer dem Erdgeschoß, und die meisten sind nach orientalischer Art, also eng und unbequem mit flachen Dachterrassen und mauerumgebenen Höfen gebaut. Welland hatte aus verschiedenen Gründen die Einladung seiner neuen Bekannten nicht angenommen und seine Wohnung bei Madame Giraud aufgeschlagen, der behaglichen, freundlichen Französin, die eine weitbekannte Pension – wie man die Kosthäuser im Orient nennt – in der Frankenstadt hält. Er hatte eben seine Sachen geordnet, als seine beiden neuen Bekannten erschienen und einen dritten ihm vorstellten, den Ungarn Costa. Es war ein Mann von einigen dreißig Jahren, nicht groß, doch schlank gebaut, dabei von breiten Hüften und festen Muskeln ... »Sie haben, wie ich von meinen Freunden höre, Briefe für mich von Paris,« sagte der Ungar verbindlich, »ich warte schmerzlich auf Nachrichten. Wollen Sie mir die Briefe aushändigen?« – »Sie werden selbst wissen, daß einige Bedingungen vorher zu erfüllen sind,« bemerkte Welland und nahm ein sorgfältig verwahrtes Briefpaket aus seiner Brieftasche. Costa beugte sich zu ihm und flüsterte: »Die Flamme ist die Mutter des Lichts. Die Mariannen beten die Flamme an!« – Sie waren zur Seite getreten. »Das sind die Worte des dritten Grades,« sagte Welland, »ich brauche die Losung des vierten.« – Costa flüsterte noch leiser als zuvor: »Flamme und Eisen machen Asche und Leichen. Asche und Blut düngen den Boden der Freiheit. Die Josefiten sind die Blätter des Baumes. – Sind Sie befriedigt?« Welland übergab ihm die Briefe. Der Ungar betrachtete ihn einige Augenblicke scharf, dann zog er ein kleines schwarzes Kreuz von Ebenholz aus der Tasche, das, von eigentümlicher Form, dem des Ordens vom heiligen Grabe glich, und in das fünf breite silberne Stifte eingeschlagen waren. »Sie sehen,« sagte er leise, »daß Sie mir zu gehorchen haben, denn ich setze voraus, daß Ihre Mission mit dem vierten Grade endigt!« – Welland verbeugte sich. »Ich stehe zu Ihrer Disposition, Signor Costa.« – Der Ungar winkte die andern wieder herbei und schickte sich an, den Briefumschlag zu lösen. Zuvor untersuchte er ihn sorgfältig von allen Seiten und betrachtete namentlich aufmerksam das Siegel, das ein wie oben beschriebenes Kreuz auf guillochiertem Grunde zeigte. Seine scharfen Augen schienen einen Umstand zu entdecken, der seine Besorgnis erregte. »Auf Ihren Eid als Bundesbruder,« fragte er; »ist das Paket nie aus Ihren Händen gekommen, Signor?« – »Ich trug die Briefe stets in meinem Portefeuille, und dies in der inneren Brusttasche meines Rockes. Des Nachts verschloß ich sie in meine Kassette und stellte diese in die Kabine, in der ich schlief.« – Costa schüttelte den Kopf. »Das war viel zu viel Vorsicht, oder zu wenig,« sagte er, »man hätte uns einen mit der österreichischen Polizei vertrauten Mann schicken sollen. Der Brief ist geöffnet worden.« Er sagte dies mit solcher Bestimmtheit, daß alle erschrocken und neugierig näher traten, um selbst zu prüfen. Welland behauptete, es sei nicht möglich; doch der Ungar nahm eine Schere, schnitt rings um das Siegel das Kuvert durch, hob das erstere dann in die Höhe und zeigte an seiner Doppellage, daß das Papier mit einer feinen, erwärmten Klinge unter dem Rande aufgetrennt gewesen und später auf gleiche Weise wieder befestigt worden war. Dann sah er rasch die Papiere durch. »Zum Glück,« sagte er, »sind die wichtigeren Stellen in Zeichen geschrieben, deren Lösung wohl dem Dechiffrierbureau in Wien arges Kopfzerbrechen machen dürfte, selbst wenn es gelungen wäre, Abschrift zu nehmen. Haben Sie auf niemand Verdacht, Signor Wellando? Wer waren Ihre Mitreisenden?« Welland fiel der Wiener ein. »Nur einer derselben könnte es gewesen sein, die anderen waren unbedeutende Menschen. Der Mann versuchte sich auffallend an mich zu drängen, doch wies ich ihn zurück.« – »Wo schlief er?« – »Jetzt fällt mir auf, daß, obschon er auf dem ersten Platz reiste, er mehrmals sein Nachtlager auf den breiten Bänken unserer zweiten Kajütte aufschlug, unter dem Vorwande, daß ihm in den engen Kabinetten die Hitze unerträglich sei.« – » Bassa manelka! Verlassen Sie sich darauf, er ist der Spion. Wo ist er geblieben?« – »Er fuhr in einem Boot des österreichischen Kriegsschiffes, das an unsern Bord kam, ans Land.« – »Ich sah es am Kai des österreichischen Konsulats landen,« flocht einer der Italiener ein. »Ich beobachtete es genau, denn ich hatte ein kleines Rencontre mit dem Laffen, der es kommandierte.« – »Sie werden uns sicher noch Unannehmlichkeiten mit Ihrer Hitze bereiten, Fumagalli,« sagte Costa streng. »Wir sind zwar augenblicklich die Herren in Smyrna, und die Autorität des Paschas ist Null. Aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein, um die Aufmerksamkeit nicht auf Smyrna zu lenken. – Signor Wellando, Sie werden in ein paar Tagen mit mir nach Konstantinopel gehen müssen, unsere Gegner sind tätig, und wir dürfen ihnen keinen Vorsprung lassen. Sie, Fumagalli, berufen mit Bassitsch die Ungarn und Italiener auf morgen abend nach dem Tempel des Jupiter, denn für heute bleibt uns keine Zeit. Eine Stunde vor Sonnenuntergang! Und nun, Signor, ruhen Sie sich aus und schauen Sie sich diese sogenannte Königin Anatoliens an. Sie werden finden, daß sie einer Reinigung stark bedarf.« Costa schied, die Italiener folgten ihm, nachdem sie dem Deutschen versprochen, ihn am Abend zu einem Gange abzuholen. Am Tisch, der bei Madame Giraud vortrefflich ist und die Genüsse des Orients und Okzidents vereinigt, waren Gäste aller Zungen. Man sprach und erzählte von den Verwickelungen in Konstantinopel, von den beginnenden Aushebungen in Syrien und Ägypten und der großen Unsicherheit der Gegend, ja der Stadt selbst, die damals eine merkwürdige Zeit durchlebte. Weit über ein halbes Tausend Flüchtlinge aus Ungarn, Italien und Frankreich hatten sich an dieser Stätte unzivilisierter Freiheit und Nachlässigkeit gesammelt. Dazu kam die abnorme Masse Gesindels, die von dem griechischen Festland, den Inseln, dem ionischen Staat und namentlich von Malta und Ägypten her sich zusammenfindet. Räuber und Mörder streiften rings um die Stadt und plünderten Karawanen und Reisende. Ja, es war allgemein bekannt, daß Jan Katarchi, der berüchtigtste und kühnste unter diesen Bandenführern, fast täglich frank und offen in den Straßen Smyrnas verkehrte und jeder Grieche ihm zum Spion und Freund ward, da er kühn erklärt hatte, nur gegen die Feinde des Kreuzes, gegen die Moslems, seinen Säbel erhoben zu haben. Obschon eine Menge Freiwillige ihm zuströmten, vermied er doch, die Zahl seiner Bande zu vermehren, mit der er ganz Smyrna bald derart in Schrecken setzte, daß kein Mensch mehr wagte, die nächste Umgebung der Stadt allein zu überschreiten. Es war am Abend bei Sonnenuntergang, als Welland auf der Terrasse des englischen Kaffeehauses den Freund seiner Jugend traf. Finsterer Schmerz, ruhelose Gedanken lagerten auf den Mienen des Griechen. Er drückte schweigend dem Deutschen die Hand, und beide setzten sich unter das Zeltdach an das äußere Ende der niedrigen Barriere, die in die plätschernden Wellen des Golfes taucht ... »Sie haben nicht alles so gefunden, wie Sie gewünscht, lieber Freund,« sagte Welland vertraulich, »Sie empfinden Schmerz und Kummer, wollen oder können Sie mir dessen Ursache mitteilen?« Gregor Caraiskakis sah einige Augenblicke vor sich hin, dann strich er mit der Hand über die Stirn und entgegnete: »Sie sollen erfahren, was mich hierher nach Smyrna trieb. Sie wissen bereits aus meinen Erzählungen von der Heimat, daß meine Schwester und mein jüngerer Bruder aus einer zweiten Ehe stammen, die meine Mutter sechs Jahre nach dem Tode meines Vaters mit einem früheren Waffengefährten desselben schloß. Es war ein braver und gerechter Mann, der an uns beiden Älteren, die wir im Pädagogium zu Athen auf Kosten des Staates erzogen wurden, wie ein aufrichtiger Freund handelte und bei seinem Tode sein Erbe gleichmäßig unter uns vier teilte. Meine Schwester Diona, jetzt ein Mädchen von 18 Jahren, kam, als man mich aus Athen verbannte und meine Mutter nach Chios zog, von dort aus zu armenischen Verwandten ihres Vaters nach Smyrna. Wir Brüder liebten das Mädchen innig, das, als ich es das letzte Mal sah, bereits zur schönen Jungfrau erblüht war, wie sie nur dieser milde Himmel erschafft. Eine Botschaft der erkrankten Mutter rief mich an ihr Sterbebett, und hier vermißte ich mit Staunen die Schwester, sie war von Smyrna nicht zurückgekehrt. Ihre Briefe, denn sie hatte eine gute Erziehung genossen, brauchten offenbar leere Vorwände zur Verlängerung ihres Aufenthaltes und verbargen sichtlich vieles vor den Augen der Mutter. Ich konnte diese nicht verlassen, so kurz auch die Entfernung war – in wenigen Tagen ging es zu Ende. An ihrem Todestage erhielt ich zugleich einen Brief von Diona, in welchem sie, verworren und schmerzlich aufgeregt, von uns allen einen leidenschaftlichen Abschied nahm. Mir ahnte böses, und als das Grab unter den Platanen sich über meiner und ihrer Mutter geschlossen, eilte ich nach Kastron und traf am andern Abend ihr Schiff.« »Und hier?« – »Hier fand ich Diona verloren! – Freund, Sie wissen nicht, was unter diesem warmen Himmel, der das Blut heiß durch die jugendlichen Adern treibt und zur Nachsicht mahnen sollte, ein Fehltritt des unbewachten Mädchens für Folgen nach sich zieht! Die Reinheit unserer Töchter und Schwestern ist ein Ehrenpunkt, der heilig gehalten wird; das gefallene Mädchen ist verstoßen und verflucht von ihrer Familie, wenn sie nicht die Pistole oder der Dolch des Blutfreundes in rascher Tat straft. – Ja, Fremdling auf dem Boden meiner Väter, die Schwester des Gregor Caraiskakis ist die Maitresse eines Engländers geworden!« – Er schlug die Hände vor das Gesicht und barg das Haupt auf der Balustrade. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, noch ehe Welland ihm zu antworten vermochte. »Caraiskakis?« fragte eine tiefe Stimme in italienischer Sprache, wahrend die frühere Unterhaltung deutsch geführt worden; »wer spricht hier von Gregor Caraiskakis?« – Die Freunde blickten erstaunt um. Ein Mann mittlerer Größe, von gedrungenem, kräftigem Bau, in fränkischer Kleidung, die ihm offenbar ungewohnt und unbequem war, stand hinter ihnen und mußte während der Erzählung an einem Tische in ihrer Nähe Platz genommen haben. Ein kräftiges, orientalisches Gesicht, von der Sonne tief gebräunt, wurde von einem ergrauenden Bart umschattet; der Mann mochte ungefähr fünfzig Jahre zählen. Ein Zug kecker Entschlossenheit und eiserner Willenskraft preßte seinen Mund zusammen; dunkle, rastlose Augen glühten mit vom Alter ungeschwächtem Feuer unter den dicken Brauen. Seine markige Hand spielte mit der den Orientalen eigentümlichen Rastlosigkeit an der Stelle des Gürtels, gleich als sei sie gewohnt, dort den Pistolenknauf oder den Handjar zu finden. Welland hatte sich zuerst gefaßt ... »Was wünschen Sie von uns, mein Herr?« fragte er. – »Verzeihen Sie, Signor,« sagte der Fremde, »dieser Herr nannte, wenn ich recht gehört, soeben einen Namen, den ich lange nicht vernommen habe, der mir aber lieb und wert ist. Ist ein Gregor Caraiskakis noch unter den Lebenden, und kennen Sie das Kind?« – »Was Kind,« sagte der Deutsche lächelnd, »freilich nicht. Aber den Mann kenne ich, der aus dem Kinde geworden, und Sie auch. Dort sitzt er. Mein Freund ist Gregor Caraiskakis.« Der Fremde stürzte auf den jungen Griechen zu und faßte seine beiden Hände; sein Gesicht war lebhaft erregt. »Sie sind Gregor Caraiskakis?« fragte er hastig, »der Sohn von Michael Caraiskakis und Anastasia Maliolis, in Chios geboren?« – »Derselbe!« entgegnete erstaunt der Grieche. – »Wo hatte ich auch mein Gedächtnis!« sagte der Mann, »das ist ja sein Gesicht, das sind ja ihre Augen! – Herr,« fuhr er fort, »halten Sie mich nicht für närrisch oder aufdringlich, daß ich mich freue wie ein Knabe, einen Ihres Geschlechtes wiederzusehen. Wenn Sie wüßten, wie sehr dieses Herz noch an ihm hängt, wie nahe ich ihm gestanden – sprechen Sie, Signor, haben Sie keine Erinnerung mehr für – ? Doch nein,« fuhr er fort, sich umsehend auf der Terrasse, die sich mit Spaziergängern zu füllen begann und auf der sich eben Costa mit mehreren Begleitern den Freunden nahte, »jetzt nicht, hier nicht! diese Menge ist nicht für mich. Leben Sie wohl, Signor, Sie werden von mir hören!« Damit wandte er sich ohne Gruß und ging langsam, wie absichtslos sein Gesicht mit dem Tuche verbergend, durch die Reihen der Gäste, die hier ihren Sorbet oder ihre Limonade schlürften. Unter den zahllosen Barken, die am Ufer lagen, wurde sogleich eine von zwei Ruderern frei gemacht, als hätte sie auf ihn gewartet. Der Fremde stieß einen riesigen Mann in gemeiner griechischer Tracht zur Seite, der, am Ufer lungernd, ihm den Weg versperrte, und stieg in den Nachen, der sofort sich in Bewegung setzte und davonfuhr, während der Zurückgedrängte mit einigen Männern in seiner Nähe sprach, eifrig nach dem bereits entfernten Kahne deutend. Caraiskakis schien den Menschen zu kennen, denn während Costa den Deutschen ansprach und ihm mehrere Begleiter vorstellte, ging er zu dem Griechen ... »Andrea,« sagte er, »kanntet Ihr den Mann, der eben in jenem Boote davonfuhr?« – »Eccellenza werden das selbst am besten wissen,« entgegnete mit übertriebener Höflichkeit und ausweichend der Angeredete, der Wirt eines griechischen Speisehauses, worin Caraiskakis einstweilen wegen seiner Nähe am armenischen Quartier Aufenthalt genommen; »ich bin ein armer Mann und lebe und lasse leben. Eccellenza haben ja selbst mit ihm geredet, und in Smyrna sind Messerstiche eine billige Ware. Doch Eccellenza wollen mir eine Gegenfrage erlauben! Wer ist der Herr mit dem dunklen kurzen Rock und dem breiten Strohhut, der eben mit Ihrem Freunde spricht, mit dem sich Eccellenza so lange unterhalten haben?« – »Ihr scheint ja genau hier aufzupassen, Andrea,« sagte verwundert Caraiskakis. »Wenn ich recht gehört im Fortgehen, nannte ihn mein Freund Signor Costa. Kennt Ihr, der halb Smyrna kennt, denn diesen Herrn nicht?« – »Bitte um Verzeihung, Eccellenza,« entgegnete unterwürfig der Wirt, »aber ich war meiner Sache nicht ganz gewiß, obschon ich den Signor oft gesehen habe. Doch kann ich Ihnen gute Nachricht in Ihrer Angelegenheit zu heute abend bringen, einer meiner Freunde ist der Sache auf der Spur.« – »Desto besser, Ihr wißt, es wird Euer Schaden nicht sein. In einer Stunde hin ich bei Euch.« Damit kehrte der Grieche zu seinem Freunde zurück; an Andrea, dem Speisewirt, aber streiften in der rasch auf den Sonnenuntergang folgenden Dämmerung zwei Gestalten vorüber, deren eine Wellands scharfes Auge, wenn er sie beobachtet hätte, leicht für seinen Wiener Reisegefährten erkannt hätte. Der zweite, eine robuste Figur mit einem österreichischen Orden im Knopfloch, winkte ihm nach einem der Durchgänge und fragte: »Habt Ihr das Wild gefunden?« – »Ja, Eccellenza!« – »So sorgt dafür, – tot oder lebendig. Ihr kennt den Preis.« – »Ihr werdet zufrieden sein, Signor Cancellario, wenn nicht heute Abend, so doch sicher bis morgen um diese Zeit, und sollte ich ihn aus seinem Bette holen.« – »Auch den andern vergeßt nicht,« fügte der Wiener hinzu, »es geht in einem hin und er wird uns notwendig sein. Doch bleibt der erste die Hauptsache. Lebendig womöglich! ich lege hundert Piaster zu.« – »Verlaßt euch auf mich, Eccellenza.« Beide betraten das Kaffeehaus. Caraiskakis war unterdes zu Welland gekommen, der sich lebhaft mit dem Kreis um ihn her unterhielt. »Ich muß Sie verlassen, lieber Freund,« sagte er, als sich dieser sogleich losmachte, »ich habe Ihnen zwar noch viel zu erzählen und Ihren Rat, vielleicht auch Ihren Beistand zu erbitten, doch sind mir eben Nachrichten versprochen, die ich nicht versäumen darf. Wenn es Ihnen genehm, hole ich Sie morgen zu einem Gang nach dem Bazar ab. – Noch eins. Eben erkundigte sich ein Mann, der auch Ihnen vorhin am Ufer auffiel, bei mir nach Ihnen und Ihren Freunden. Er ist mein Wirt gegenwärtig, ein berüchtigter Mensch in Smyrna, und ein so verworfenes Subjekt, wie irgend eines die Erde trägt. Aber ich brauche ihn augenblicklich und habe deshalb sein Haus vorgezogen. Doch wollte ich Sie aufmerksam machen, der Schurke fragt nie ohne Absicht.« Welland zuckte die Achseln. »Ich bin noch so ganz unbekannt, und deshalb wohl ungefährdet. Ich verlasse mich darauf. Sie kommen morgen, gebe Gott, mit erleichtertem Herzen.« Er drückte dem Freunde die Hand und kehrte zu dem Kreise zurück; Caraiskakis aber wandte sich nach dem griechischen Quartier. Es war bereits gegen Mittag, die Stunde der Siesta nahte, als Caraiskakis den Freund abholte und mit ihm zum Bazar hinaufstieg, in dessen weiten Kreuzgängen sich alle Schätze des Morgenlandes und Abendlandes vereinigen. Welland kaufte einige Gegenstände in den verschiedenen, streng gesonderten Abteilungen des Bazars, unter anderem einen vollständig orientalischen Anzug und von einem Turkomanen einen trefflichen Handjar, und sandte die Sachen durch die Kaufleute in sein Quartier. Schon während des Handels war es dem Deutschen aufgefallen, daß ein Knabe in zerlumpter türkischer Kleidung sie unablässig verfolgte und aufmerksam beobachtete. Als sie nun durch die leeren Gänge zurückkehrten, trat ihnen der Bursche an einer Biegung nochmals entgegen. Welland glaubte, es sei ihm um einen Bakschisch zu tun und reichte ihm ein paar Paras, doch der Knabe schüttelte den Kopf und zeigte ihm ein Stück schmutziges Papier, auf dem in griechischer, doch kaum leserlicher Schrift der Name »Caraiskakis« geschrieben stand ... »Aha! wohl von Ihrem geheimnisvollen Freund?« meinte der Doktor und wies den Boten an seinen Gefährten. Gregor, den ganzen Morgen über zerstreut und noch düsterer als am Tage vorher, fragte ihn kurz nach seinem Begehr. – »Ich soll Euch bitten, Effendi,« sagte der Junge, »Ihr möchtet heute mit Eurem Freunde die Marina (den Kai) meiden und um den Sonnenuntergang an der Karawanenbrücke sein, dort würde jemand Eurer warten.« – »Torheit,« entgegnete der Grieche, »meine Zeit ist gemessen und ich kann unbekannten Botschaften keine Folge leisten. Nach der Marina gehen wir eben.« – »Sie sollten die Botschaft doch nicht so leicht von sich weisen,« sagte Welland, »vielleicht betrifft sie einen Gegenstand, der Ihnen gerade von Wichtigkeit ist.« – »Das ist nur einer, – und von dem kann jener Mann nichts wissen. Ich bitte Sie, hören Sie mich weiter, denn ich muß meine Geschichte von gestern vollenden und Ihre Ansicht hören, um so mehr, als Sie morgen schon, wie Sie mir sagten, Smyrna und mich wieder verlassen wollen.« Er legte seinen Arm in den des Freundes, und beide gingen an das Ufer, wo sie, vom Seewind gekühlt, auf der kurzen Strecke umherwandelten. Später begegnete ihnen der Ungar Costa, nickte aber nur, da er sie im eifrigen Gespräch sah, dem Deutschen zu und setzte sich in einem entfernteren Kaffeehaus am Ufer nieder, eine Zeitung zu lesen und seinen Kaffee zu schlürfen ... »Ich habe Ihnen bereits gesagt,« erzählte der Grieche, »wie meine Schwester Diona hierher gekommen ist, und welches Unglück uns betroffen hat. Als ich gestern zu meinen armenischen Verwandten kam, bei denen sie sich aufgehalten, fand ich sie dort nicht mehr vor. Die Familie war bestürzt über meine Ankunft und wollte offenbar nicht mit der Sprache heraus. Erst durch lange Bitten und Drohungen erfuhr ich endlich, daß meine Schwester vor etwa drei Monaten die Bekanntschaft eines Engländers gemacht, der sich hier aufhielt, und daß sich das Verhältnis heimlich weiter gesponnen, bis die Familie dahinter gekommen und Diona strenger bewacht gehalten habe. Vor einer Woche etwa sei sie plötzlich verschwunden und mit ihr zugleich der Brite, und es sei alle Anstrengung vergebens gewesen, ihre Spur aufzufinden. Nach einem heftigen Auftritt mit der Familie, – denn manches in ihrer Erzählung erschien mir verdächtig – verließ ich das Haus. Ich kannte Smyrna von früher und wußte, daß hier für Geld alles zu erlangen ist. Nach kurzem Besinnen nahm ich meine Wohnung bei jenem Speisewirt Andrea, einem berüchtigten Schurken, der aber die Fäden der meisten Verbrechen hier in der Hand hat – bei Gott,« unterbrach er sich, »da geht der Bursche eben wieder, bis an die Zähne bewaffnet, mit einigen seines Gelichters umher! – Ich nahm also bei ihm meine Wohnung und schickte sein Weib auf Kundschaft aus. Bald wußte ich alles! Meine Verwandten hatten, durch das verschleuderte Gold des Briten geblendet, die Bekanntschaft des Mädchens mit diesem begünstigt, ja er kam täglich in ihr Haus, und der Jungfrau Ruf war vernichtet, wahrscheinlich eher, als sie es wirklich verdient hatte. Erst als sie von meiner Ankunft aus Chios Nachricht erhielten, fanden sie es für gut, meine Rache fürchtend, dem Umgang ein Ende zu machen und Diona einzusperren. Es war zu spät; in einer Nacht waren beide, das Mädchen und ihr Liebhaber, entflohen, und meine Kundschafterin beteuerte mir, daß die Kuppler selbst keine Ahnung hätten, wohin. Verschiedene kleine Umstände, namentlich, daß man den Verführer noch vor drei Tagen hier gesehen haben will, ließen mich argwöhnen, daß das Paar noch in der Nähe sich aufhielt, und ich bot nun alles mögliche auf, seine Spur zu verfolgen. Der Schurke Andrea war mir förderlich; gestern abend führte er mir den Mann zu, der das Paar über den Golf nach Burnabat in einer Barke geführt hatte. Hier bewohnten sie, oder bewohnen sie noch ein wohlverwahrtes Landhaus, das dem englischen Vizekonsul gehört, einem Mann von schlimmem Ruf, dem für Geld alles feil ist und der für blanke Dublonen schon die ärgsten Schurken vom Galgen gerettet hat.« –»Und haben Sie seit gestern abend bereits Schritte getan?« – »Heute morgen führte mich derselbe Fährmann hinüber nach der Villeggiatura. Ich forderte Einlaß am Hause, aber ein englischer Diener weigerte ihn unter dem Vorwand, daß es gänzlich unbewohnt sei. Ich war allein und konnte den Zutritt nicht erzwingen. Zur Stadt zurückgekehrt, eilte ich zu dem englischen Konsul und drang bis zu dem Generalkonsul vor. Er war wie gewöhnlich gleich einem Vieh betrunken, sein Stellvertreter aber, jener Eigentümer des Hauses, der alle Geschäfte und alle Macht in Händen hat, wies mich barsch zurück, wollte von nichts wissen und drohte, mich verhaften zu lassen.« »Was gedenken Sie zu tun?« fragte teilnehmend der Doktor. – »Was ich tun will?« antwortete zähneknirschend der Grieche. »Sehen Sie hin auf jenes Boot, das eben dem Strande naht, mit Männern besetzt, wie hier Hunderte umherlaufen, die nicht fragen nach Recht und Gesetz, wenn es eine kühne Tat gilt, – mit einem Halbdutzend solcher Burschen will ich morgen bei Nacht landen an der verschlossenen Tür, die die Schande meines Hauses birgt, und dann, bei dem Geist meiner Väter, Gericht halten über die beiden!« – »Um Gotteswillen, Gregor, tun Sie keinen unsinnigen Schritt, der alles verdirbt und Sie in die größte Gefahr stürzen muß,« suchte Welland ihn zu beruhigen – »gehen Sie zu dem griechischen Konsul, er hat die Pflicht, einzuschreiten. Wenden Sie sich selbst an den türkischen Gouverneur, er muß Ihr Recht schützen.« »Recht in der Türkei?!« hohnlachte Caraiskakis. »Wissen Sie nicht, daß ich verbannt bin von den Machthabern in Athen? Meinen Sie, daß der feige, entnervte Moslem, der nicht den offenen Meuchelmord aus den Straßen seiner Stadt verbannen kann, Mädchenraub bestrafen wird an einem seiner hundert Herren? an einem aus jenem Volke, das die wahre Pest des Orients durch seinen Übermut und Druck ist? – an einem Engländer? – Aber, heiliger Gott! Was geht dort vor? der blutige Schurke Andrea mordet Ihren Freund!« Ein wildes Geschrei ertönte von der etwas entfernten Stelle des Kai, an der sie den Ungarn verlassen hatten, – Menschen drängten eilig hinzu, der Ruf nach Hilfe übertönte aus vielen Kehlen den Lärm. Eine schreckliche Szene hatte sich dort entsponnen ... der Ungar saß ruhig und ahnungslos auf dem Kai, auf dem zu dieser Zeit nur wenig Menschen der Hitze wegen verkehrten, als der Kneipwirt Andrea mit drei bewaffneten Gefährten seines Gelichters sich ihm näherte. Zugleich kam ein Boot mit vier berüchtigten Gesellen derselben Bande herangefahren, und ein anderes, mit zwei Ruderern bemannt, hielt sich in der Nähe zur Aufnahme des Griechen. Andrea, den breiten Bund mit Pistolen und Dolchen gespickt, schlug von hinten dem Lesenden auf die Schultern und fragte: »Seid Ihr Signor Costa?« – Überrascht von der Frechheit, sprang der Ungar empor und maß den Wirt mit den Augen. Ehe er aber noch eine Erklärung fordern konnte, stürzten sich alle Vier auf den Erstaunten und suchten ihn zu Boden zu werfen. Ein wildes Ringen entstand. Der Ungar rief: »Verrat!« und so groß war seine Körperkraft, daß er sich aus den Händen der Angreifer losmachte, zwei derselben packte und rasch entschlossen sich mit ihnen über die Balken des Bollwerks ins Meer stürzte. In diesem Augenblicke war es, als Welland und Caraiskakis herbeieilten, zugleich von mehreren Seiten andere Personen. Aber auch das Boot der Banditen hatte sich genähert, und von seinem Bord versuchten die Schiffer, dem Ungarn, der sich im Wasser von seinen Angreifern befreit hatte und zum Strande zurückschwamm, eine Schlinge überzuwerfen. Zweimal gelangte Costa an das Bollwerk und klammerte sich daran fest, um sich emporzuhelfen, zweimal zerschnitt ihm der Handjar Andreas die Finger und Arme, daß er blutend zurückfiel, während dessen Genossen mit Messern und Pistolen die andrängenden Menschen zurückhielten. Verzweifelt rang Welland mit einem der Banditen, einem kräftigen Mohren, aber immer wieder wurde er zurückgestoßen und sein Alarmruf erschallte vergeblich. Währenddem war es den Mördern im Kahne gelungen, dem Unglücklichen die Schleife um den Hals zu werfen, und blutend, halb erdrosselt, halb ertrunken, schleiften sie ihn an dem Strick durch die Wellen fort. Andrea pfiff dem zweiten Boote und sprang dann auf Welland zu, diesen hineinzuzerren, doch Gregor warf sich schützend vor den Freund, und eine kleine Hand, die Hand des Knaben, der vorher die Freunde angesprochen, schlug zugleich die Pistole zur Seite, die der Anführer der Mörderrotte bereits ergriffen hatte. »Bei der Gebenedeiten des Himmels,« rief der Knabe, »Andrea, Ihr seid ein toter Mann, wenn Ihr einem der Herren ein Haar krümmt. Sie stehen unter seinem Schutz!« Er sprach dem Banditen den Namen ins Ohr. Andrea fuhr zurück. »Diavolo,« fluchte er, »da hätte ich mir eine schöne Geschichte auf den Hals geladen! Geht zum Henker, Signor!« Damit stieß er Welland von sich und sprang in die Barke, die alsbald das Weite suchte und dem ersten Kahne nachfuhr. Einige Pistolenschüsse knallten hinter ihm drein von herbeieilenden Gefährten des Gefangenen, aber er war schon zu fern. Man hatte gesehen, wie der Ungar endlich in das große Boot gezogen worden, wie beide zu der Brigg ruderten und der Gefangene an Deck gebracht wurde; die Aufregung war entsetzlich. Wie ein Mordio ging der Ruf von der Gefangennahme Costas durch die Straßen, und von allen Seiten drängte man nach dem Kai. Um Gregor und Welland, der mit aufregenden Worten den Hergang schilderte, drängte sich die Menge. Bassitsch, der Ungar, sammelte die nächsten Bekannten um sich und wechselte fliegende Worte mit ihnen, die das Ärgste befürchten ließen; doch Welland drängte sich vor und bat, alle augenblicklichen Schritte zu unterlassen und die Beratung abzuwarten, die für die Stunde vor Sonnenuntergang auf dem Pagus angesetzt war. Er selbst erbot sich, als am wenigsten bekannt, nach der Brigg zu fahren und zu versuchen, bis zu Costa zu dringen. Und während noch die Massen auf dem Kai auf und ab wogten, fuhr er, auf sein Bitten von dem Freunde und einem in Smyrna ansässigen deutschen Kaufmann begleitet, hinaus in den Golf, um sich der Brigg zu nähern. Seine Bemühung war jedoch vergeblich. Der Anruf der Schildwache befahl ihnen, sobald man sich auf Kabellänge genähert, beizulegen, und als Welland sein Verlangen kund gab, den Gefangenen zu besuchen, erschien der Kommandant der Brigg, Major Schwarz, ein alter, fester Haudegen, auf dem Kastell und drohte ihnen, bei der geringsten weiteren Annäherung, Feuer auf den Kahn geben zu lassen. Doch war er menschenfreundlich genug, auf ihre Frage mitzuteilen, daß Costa zwar erschöpft und leicht verletzt, doch sonst ungefährdet an Bord gebracht worden und dort in strenger Haft sei. Als das Boot zum Kai zurückkam, war die Sonne bereits im Abwärtssteigen und die Stunde der Versammlung in den mächtigen Trümmern des genuesischen Forts auf dem Berggipfel nahe. »Sie müssen mich auch dahin begleiten, Gregor,« bat Welland den Griechen, »denn das Ungewitter, das, wie ich glaube, sich dort oben zusammenbrauen wird, könnte leicht auch Ihnen behilflich sein zu Ihrem Zweck. Jedenfalls stehe ich Ihnen dann ganz zu Diensten.« So folgte Caraiskakis dem Freunde und diente ihm, da er hier bekannter war, zum Führer. Über die türkischen und armenischen Begräbnisplätze, die sich an den Seiten des Berges emporstrecken, von Zypressen und Platanen beschattet, schritten die Freunde eilig hinauf, den riesigen Trümmern des Schlosses entgegen, dessen Mauern einen beträchtlichen Raum umfassen und in deren Mittelpunkte sich die Reste einer alten Kirche, nach den Volksüberlieferungen der alten Kirche Smyrnas befinden. Desgleichen viele Zisternen, Gewölbe und Gänge, die einen ganzen unterirdischen Bau unter den Trümmern bilden sollen. Eine weite, herrliche Aussicht bietet sich von diesen Ruinen über Stadt und Meer, über die vom Hermus durchzogenen Ebenen im Osten und die Flächen im Süden, die der Meles mit seiner Wasserleitung befeuchtet. Etwas weiter zur Seite, unfern der in die Felsen gegrabenen Steine, wo der heilige Polykarp den Märtyrertod erlitt, stehen noch einige Trümmer des Jupitertempels, und hier hatten die Flüchtlinge aller Nationen sich zur Beratung versammelt. Man hatte mit der Eröffnung derselben auf Welland gewartet. Er wurde genötigt, von einem der riesigen Postamente herab nochmals die Erzählung der grausamen Art und Weise zu wiederholen, wie Costa verhaftet worden war. Welland sah sogleich, daß die Exaltation der Menge durch die Einwirkungen einzelner aufs höchste gesteigert worden, und daß eine besonnene Vermittlung dringend not tat. Er knüpfte daher sofort an seine Erzählung den Vorschlag, daß die in der Angelegenheit zu tuenden Schritte einem Komitee übertragen werden möchten, das vom österreichischen Konsul die Freigabe Costas verlangen und durch Deputationen die Mitwirkung aller anderen Konsuln, namentlich der französischen und englischen, in Anspruch nehmen solle. Doch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein der geweckten Leidenschaften, Fumagalli, mit all dem lodernden Feuer seiner Landsleute, nahm den Platz des bedächtigen Deutschen ein und reizte mit flammenden Worten die Menge zu Taten der Rache. »Wie es Costa ergangen,« rief er, »wird es uns auch gehen; einen nach dem anderen werden die feilen Schergen der Tyrannei hinwegholen, um uns in Ketten in ihre tiefen Kerker auf dem Spielberg und Kufstein zu werfen, wo so viele edle Söhne der Freiheit lebendig vermodern. Zeigen müssen wir ihnen, daß wir Mann zu Mann stehen, Blut müssen wir haben zur Sühne, mit roten Flammenzeichen wollen wir unser Gericht halten! Brüder, Freunde, edle Männer der Magyaren! Söhne des freien Italiens! – Laßt uns hinunterziehen und die steinerne Zwingburg unseres Feindes, des österreichischen Konsuls, mit bewaffneter Faust stürmen; denn nicht eher wird man uns den Verratenen ausliefern. Aber haben wir ihn erst zurück, dann wehe den Elenden!« Mit wildem Jubel erwiderte die Menge die Rede. Vergebens suchte in dem Tumult Welland zur Ruhe und Überlegung zu mahnen; verzweifelnd wollte er sich abwenden und den Platz verlassen, als er im Gedränge einen Zettel in die Hand gedrückt fühlte. Rasch wandte er sich um, doch unbekannte, nur mit der aufregenden Versammlung beschäftigte Gesichter zeigten sich rings umher. Er flüchtete aus dem Gewühl und las den Zettel. Ein Kreuz, ähnlich dem, das Costa ihm gezeigt, war in flüchtigen Zügen mit Bleistift auf das Papier gezeichnet. Darunter standen die Worte: »Keine Gewalt! Die Zeit ist noch nicht gekommen. Gehen Sie morgen zum amerikanischen Konsul und verlangen Sie seinen Schutz für Costa als amerikanischen Bürger. Die Hilfe wird zur rechten Zeit bereit sein. Gehorsam!« – Welland trafen die Zeilen wie ein Blitzstrahl, freudig, daß sich eine Aussicht zeigte, den Gefangenen zu retten, verblüfft, daß auch hier in so weiter Ferne eine unsichtbare geheimnisvolle Macht seine Handlungen zu leiten, alles zu überwachen schien. Er drängte sich mit Gewalt zu Fumagalli durch und zog ihn beiseite. »Wenn Sie nicht absichtlich alles verderben und Costas Blut über sich und uns alle bringen wollen, so stehen Sie von diesen wahnwitzigen Handlungen ab!« sagte er zu ihm. »Sie wissen, daß Costa dem Bunde angehört; im Namen dieses Bundes und als Vorgesetzter befehle ich Ihnen den morgenden Tag abzuwarten.« – – Mit Widerstreben versprach der Italiener, die Menge zu beruhigen. Welland erfuhr von ihm, daß in der Wohnung Costas sich nur wenige, unbedeutende Papiere vorgefunden hätten, die bereits in Sicherheit gebracht worden seien. Ein Paß sei nicht darunter gewesen. Während Fumagalli aufs neue zu dem Kreis der Flüchtigen sprach, suchte Welland den Freund auf. Er fand ihn unter den Trümmern des Schlosses am Rand einer Cisterne. Die Sonne verschwand eben am Horizont, und in der beginnenden Dämmerung, die, wie es im Süden der Fall, rasch zunahm, hörten sie die wilden Revolutionsgesänge der abziehenden Haufen. Sie waren die einzigen, die noch zurückblieben, und Welland mahnte trotz des erhabenen Eindrucks, den die Stille des Abends und der einbrechenden Nacht verbreitete, zum Aufbruch, da ihm die Erzählungen von der Unsicherheit der Umgebung einfielen. Aber es schien bereits zu spät. Als sie den Ausgang suchten, streckte sich ihnen plötzlich ein Gewehrlauf entgegen, und eine barsche Stimme rief sie in griechischer Sprache an. Sie sprangen zurück und griffen nach den verborgenen Terzerolen, die beide trugen, doch ein leichtes Lachen ließ sie sich umwenden, und sie erblickten hinter sich, aber in griechischer Tracht und auf eine lange Flinte gestützt, den Unbekannten, welcher sich gestern auf der Marina bei Caraiskakis Namen so ergriffen gezeigt hatte ... »Ich danke Ihnen, Signori,« sagte der Fremde mit leichtem Spott, »daß Sie meiner Einladung dennoch Folge geleistet. Freilich etwas spät – doch in diesem Lande kommt alles Gute spät, oft zu spät, meist gar nicht. Wollen Sie mir folgen? Sie sehen, jeder Widerstand ist unnütz, und bei Sankt Procopio, meinem Schutzheiligen, ich wollte mir eher die Augen ausreißen lassen von diesen türkischen Hunden, ehe ich zugebe, daß Ihnen etwas Übles widerfährt.« Welland und der Grieche sahen sich um, und von neun bis zehn dunklen Gestalten umgeben, deren Waffen im Sternenlicht funkelten, – Widerstand wäre töricht gewesen – nach wenigen deutsch gewechselten Worten erklärten sich beide bereit, dem Fremden zu folgen. Dieser – offenbar der Anführer der gefährlichen Schar – erteilte derselben einige kurze Befehle und ging dann voran, von den beiden Freunden gefolgt, denen sorgsam zwei der Banditen jede unebene und gefährliche Stelle zeigten. Der Weg führte sie mitten in die Ruinen der alten Akropolis, und nach kurzem Gang sahen sie aus einem der verfallenen Bogen den Schein eines Feuers leuchten. Sie traten durch die Pforte in einen kleinen, von Mauern umgebenen Raum, in dessen Mitte ein Feuer brannte, von dem Knaben angeschürt, der ein Hammelviertel am Spieße briet. In der Nähe lagen auf riesigen Marmorquadern ein Schlauch voll des schwarzen, aromatischen Brussaweins und andere zur Mahlzeit gehörige Gegenstände. Der Fremde schritt zuerst auf den Stein zu, nahm einen Maiskuchen, bestreute ihn mit Salz und brach ihn in drei Teile, von denen er einem jeden der Freunde gab. »Nehmt und eßt,« sprach er, »der Gast ist dem Wirte heilig.« Gregor und Welland aßen einige Bissen, und beide, die schöne Sitte des Morgenlandes kennend, fühlten sich beruhigt. »Jetzt, Mauro,« sagte freundlich der Unbekannte zu dem Knaben, »entferne dich und halte Wache, daß uns niemand stört; ich habe mit diesen Männern zu reden.« Das Kind gehorchte, und auf einen Wink des Mannes setzten sich die Freunde auf die, umherliegenden Trümmer. »Sei mir willkommen, Sohn des Michael Caraiskakis, meines unvergeßlichen Herrn!« sagte nach einer Weile tiefen Sinnens der Grieche. »Sage, ist einem deines Geschlechts der Name und das Antlitz Johannes des Ipsarioten denn so ganz fremd geworden, daß er ihn nicht mehr wiedererkennt?« – »Janos!« rief Gregor und sprang empor – »Janos, der Mutter und Kind in der Mordnacht aus den Flammen trug? Janos, unser Retter und Freund! Heilige des Himmels, wo hatte ich meine Augen!« Er umschlang den Hals des Mannes, in dessen Augen Freudentränen glänzten, der aber freundlich ihn von sich drängte. – »Janos! Jawohl!« sagte er, »und damit Ihr alles wißt – Janos Katarchi, Jan, der Kameltreiber, Jan, der Räuber und Mörder, vor dessen Namen jene ungläubige Brut dort unten zittert. Jan Katarchi steht vor dir und heißt Gregor, den Knaben, den er einst auf den Knien trug, willkommen, wenn dieser ihn noch kennen will.« Gregor warf sich noch einmal an die Brust des treuen Dieners seiner Familie. »Sage Jan, der Palikare, Jan, der Rächer, wie dich jedes wahre griechische Herz dort unten nennt. Was geht mich dein Name an, dein Tun, oder daß du vogelfrei im Kampf mit den Unterdrückern unseres Volkes bist, und daß an deinen Händen Blut klebt! Ist es auch nicht das Blut, daß du vor einunddreißig Jahren zu unserer Verteidigung vergossen? bist du nicht auch der Waffendiener meines Vaters, der mit ihm das Schiff des blutigen Wüterichs gegen die Wolken sprengte, als diese ihre Blitze vergessen hatten gegen die tausendfachen Greuel! Es ist wahrlich eine Segnung der Heiligen in meinem Kummer, daß ich in diesem Augenblick einen Mann finde, der der Freund meiner Kindheit war, wie ich den Freund meiner Jünglingsjahre wiedergefunden!« Er reichte beiden die Hand, die der Bandit trotz der Abwehr Gregors leidenschaftlich küßte. Dann zog der Mann des Bluts und der Verbrechen den Wiedergefundenen zu sich nieder ans Feuer und begann mit einer Hast und Unermüdlichkeit der Zunge, die dem Griechen, namentlich der unteren Klassen, eigen ist, ihm hundert Fragen über das Schicksal der Familie vorzulegen, während der Deutsche ein stummer, aber aufmerksamer Zuhörer der unerwarteten Szene blieb. »Aber sage mir, Janos,« unterbrach endlich Caraiskakis den Strom der Fragen, – »wie kommst du hierher? Wir glaubten dich tot nach der letzten Nachricht, die wir von dir erhalten, und betrauerten dein Andenken.« – »Du weißt, Herr,« erzählte der Räuber, »daß ich an der Seite deines tapferen Vaters am Piräus fiel, als wir fünf Jahre nach dem Blutbad von Chios unter Richard Church den Entsatz der Akropolis versuchten. Mein Leib deckte den teuren Leichnam und zeigt noch die Spuren der drei tiefen Wunden, die ich erhielt. Als ich erwachte, lag ich nackt und bloß auf dem Schlachtfeld. Ein fränkischer Arzt erbarmte sich meiner, – schon damals im heiligen Kampf des Kreuzes gegen den Halbmond hatten sich ja Christen unseren Feinden verkauft! – und verband meine Wunden. Wider das eigene Hoffen genas ich, und mit hundert anderen Unglücklichen schickte mich Ibrahim Pascha als Siegesbeute seinem Vater nach Ägypten. Dort litt ich fünf Jahre, was ein Sklave leiden kann, bis ich im Krieg des Vizekönigs gegen den Sultan mit nach Syrien geschleppt wurde. In dem Gewühl des Sieges von Konieh gegen Reschid Pascha gelang es mir, zu entkommen, – ich bettelte und schlug mich durch, bis ich die blauen Ufer unseres schönen Meeres mit seinen Inselsternen wiedersah, und kam nach Chios. Zehn lange Jahre hatten nicht gereicht, die Spuren jener schrecklichen Verwüstung zu verwischen. Inglesi tragen die Schuld daran, wie ich mir sagen ließ, daß die schöne Insel in den Händen der Moslems geblieben – jenes Volk von Kaufleuten, das jetzt wieder auf der Seite unserer Unterdrücker steht, jetzt, wo der große Zar im Norden das ganze Griechenland frei machen will! Deshalb hasse ich die Nation und speie auf die Gräber ihrer Väter, denn nichts sind sie besser, als die Moslems selber.« »Hier hören Sie eine Stimme des Volks,« winkte Caraiskakis dem Freunde. »Wie aus dem Munde dieses Verbannten und Geächteten, so tönt es überall, wo Hellenen wohnen.« »Auf Chios,« fuhr der Räuber fort, »war meines Bleibens nicht. Vergeblich forschte ich nach der Familie meines Herrn. Der neue Name deiner Mutter verbarg mir die Spur. So ging ich aufs Festland zurück und gewann mein Brot in Smyrna als Kameeltreiber. Ich hatte Weib und Kind, – eine Tochter von sechzehn Sommern, ein schönes und gutes Kind. Ich wohnte damals mit meiner Familie in Tschardak am Tschernek-Su, nährte mich redlich und friedlich und zahlte regelmäßig mein Kopfgeld. Ein junger Mann unseres Glaubens sah mein Kind und begehrte es zur Ehe. Der Tag der Hochzeit war bestimmt, da reitet der Gouverneur an unserem Hause vorbei und sieht Nausikaa, die ihm Milch reichen muß. Am andern Tage läßt er mein Weib rufen, – ich war gerade mit den Karawanen nach Smyrna, – und fragte sie, ob sie ihm die Tochter verkaufen wolle. Mein Weib erschrickt und bittet ihn, abzustehen, da das Mädchen verlobt sei und man bloß meine Rückkehr abwarte, um sie in das Haus ihres Gatten zu führen. Der Moslem aber streicht sich den Bart, spricht, er brauche ein schönes Weib als Geschenk für seinen Gönner, den Mehemed Pascha in Stambul, und wenn sie das Kaufgeld nicht nehmen wolle, werde er das Mädchen umsonst holen. Darauf schickt er nach Vaso, meinem Eidam, steckt ihn trotz seines Glaubens unters Militär und sendet ihn noch am selben Tage mit einer Schar fort. Am Abend aber holen seine Khawassen das Mädchen, und als mein Weib flehend folgt bis an die Schwelle seines Hauses, mißhandeln sie die Ärmste mit Stockschlägen, daß sie krank von den Nachbarn nach Hause getragen wird. Als ich fünf Tage später von Smyrna heimkehrte, fand ich mein Weib am Tode, mein Kind geraubt und den Gouverneur verreist. Ich raufte das Haar und begrub mein Weib. Dann tat ich einen Eid bei der heiligen Jungfrau, zündete mein Haus an, die Stätte meines Glücks, und ging davon.« »Aber warum klagtet Ihr nicht, unglücklicher Mann?« sagte der Deutsche, »warum wandtet Ihr Euch nicht an die europäischen Konsuln oder selbst nach Konstantinopel?« – »An die Konsuln?« hohnlachte der Räuber. »War ich ein ionischer Dieb oder ein maltesischer Mörder, daß ich auf ihren Schutz Anspruch gehabt hätte? Ich war ja nur ein Ipsariote, einer der Millionen Christen, die diesen Henkern überlassen blieben mit Leib und Seele! – Gerechtigkeit in Smyrna oder Stambul gegen den Stadtgouverneur? meinen Herrn? – Nein, Signor! ich tat besseres, das einzige, was dem Manne bleibt. Ich lauerte am Wege in den Felsen neun Tage lang, bis der Türke von seiner Fahrt zurückkehrte, und als er mir nahe war, schoß ich ihm die Kugel inmitten seiner Khawassen durch das gierige Herz. – Seitdem, Gregor Caraiskakis, seitdem bin ich ein Räuber! ... Was liegt an meiner Tochter? Sie wird, wie hundert andere, an das träge Leben im Harem eines unserer Herren im üppigen Stambul sich gewöhnt haben! Die Heiligen wissen, ob und wo sie atmet – für den Vater ist sie tot. Ich nahm den Sohn der Schwester meines Weibes mit, Ihr habt den Knaben gesehen, und bald waren einige Gefährten um mich versammelt, mit denen ich mein Rachewerk begann.« »Du schmähst auf den Türken, Mann, auf den Erbfeind deines Glaubens,« sagte Gregor mit finsterem Ausdruck: »Gehe hin zu deinen christlichen Brüdern, den prahlenden Beschützern unserer Freiheit und unserer Religion, den Männern, die von den Rechten des Volks in ihren Parlamenten reden und das Glück der Völker im Munde führen! Dir ist die Tochter genommen, mir die Schwester. Ist die Odaliske der Türken, nach seinen Sitten und nach seinem Glauben sein Weib, nicht besser als die Metze des reichen Briten?« – Janos sprang empor; seine Faust preßte Gregors Arm. »Was sprichst du da?« – Gregor wiederholte, was er am Mittag dem Freunde erzählt hatte. Der Bandit jauchzte hell auf: »Ei! Steht es so? – Du würdest das Vöglein ausgeflogen finden, mein Sohn, wenn Jan der Kameltreiber nicht zufällig dafür gesorgt hätte. Unten im Golf liegt eine Felucke vor Anker, die der Inglesi gemietet hat, um mit seinem Täubchen morgen in der Frühe auf und davon zu fahren. Ich habe gute Spione in Burnabat und hatte dem Franken ohnedies heute Nacht einen Besuch zugedacht, um ihn etwas leichter zu machen. Jetzt wird die Sache ernster. Wenn wir ihm nicht heute deine Schwester abnehmen, ist sie verloren für dich. Die Felucke fährt nach Tenedos, wo in der Troja-Bai die Flotten ankern. – He, Mauro!« Er pfiff gellend, der Knabe sprang wie ein Pfeil herbei; Jan befahl ihm, die Gefährten zu rufen bis an die äußerste Wache gegen die Stadt. »Wir dürfen erst nach Mitternacht aufbrechen und wollen unterdes unsere Mahlzeit halten. Ehe der Morgen graut, Gregor Caraiskakis, sollst, du deine Schwester hier sehen.« – »Das ist mein eigen Geschäft,« erklärte Gregor, »ich nehme dankbar deine Hilfe an, aber ich werde dich begleiten. Und du, Freund,« er reichte Welland die Hand, »wirst uns gewiß nicht verlassen?« – »Gewiß nicht in einer gerechten Sache,« entgegnete dieser; »aber eines beding' ich mir aus, um Ihrer eigenen Ehre willen, Gregor; kein unnützes Blut, keinen Mord! Sie versprechen mir das Leben des Briten – – hören Sie erst Ihre Schwester, dann entscheiden Sie und fordern Rechenschaft, wenn es notwendig ist.« Gregor gab das geforderte Versprechen, nach einigen Einwänden auch der Räuber. Wahrend die wilden Gestalten seiner Gefährten von verschiedenen Seiten herbeikamen und alle um das Feuer zur Mahlzeit lagerten, besprach man das Unternehmen, und Mauro brachte Waffen aus den in weiten unterirdischen Gewölben und Gängen der Ruinen befindlichen Verstecken der Bande für die beiden Freunde. Die dunkle Nacht lag über dem prächtigen Golf, und Ruhe und Stille über der großen Stadt, als in der Nähe der Mühlen am diesseitigen Strande zwei Barken abschoben, in denen sich acht wohlbewaffnete Männer und ein Knabe befanden, und ihre Richtung nach Burnabat nahmen. Es waren der Räuber Jan Katarchi und seine Gefährten, Gregor Caraiskakis und Doktor Welland. Auf der Mitte des Wassers sahen sie die Felucke ankern, die am Morgen Sir Maubridge und die schöne Griechin nach Tenedos tragen sollte. Jan gab ein leises Zeichen, in aller Stille vorbeizufahren, die Ruderer hoben die Riemen, um sich nicht durch die phosphorleuchtenden Striche einer etwaigen Wache zu verraten, und die Boote trieben in einiger Entfernung am Schiffe vorüber, bis sie weit genug waren, um durch den Ruderschlag nicht mehr gehört zu werden; dann griff man wieder eifrig zur Arbeit, und nach einer Viertelstunde war man an der Gartenmauer des Landhauses, das Gregor im Dunkel als dasjenige erkannte, an dem er am Morgen vorher nach der Schwester geforscht. Am Tor angekommen, hob der Räuber den Jungen, der seine Lust an der ihm gewährten Rolle durch fast affenartige Behendigkeit und Geschicklichkeit ausdrückte, auf seine Schultern und ließ ihn einen der am Strick befestigten Haken über die Mauer werfen und daran emporklimmen. Oben auf derselben veränderte Mauro bloß die Lage des Hakens und ließ sich an dem Seil in den Hof hinab, um von Innen das Tor zu öffnen. Jan hatte seinen beiden Begleitern Fackeln gegeben, um sie zum Anzünden bereit zu halten. Gregor faßte den Schaft der Pistole in seinem Gürtel und spannte den Hahn. »Capitano,« flüsterte der Knabe durch die Spalte, »die Tür ist verschlossen, ich kann sie nicht öffnen und höre das Schnarchen der Khawassen.« – »Pesta!« fluchte der Skiote, »das ändert unser Spiel und wird blutige Arbeit geben. Sieh, daß du ins Haus gelangst durch eine der Jalousien. Du hast zwei Minuten Zeit; beim heiligen Procopio, sei flink, mein Junge!« Wenige Minuten darauf setzte er das Brecheisen zwischen die Fugen des Tores und warf sich mit seiner riesigen Kraft darauf. Zugleich flammten die Pechfackeln der beiden Räuber empor. Ein türkischer Anruf ertönte von Innen ... »Bismillah! Wer ist dort? Was wollt ihr?« »Jan Katarchi!« heulte der Ruf des Räubers durch die Luft, und alle Vier warfen sich mit aller Manneskraft gegen das brechende Tor. Zwei Schüsse krachten ihnen entgegen, von denen der eine den Mann neben Katarchi in die Schulter traf, daß er zu Boden taumelte ... »Nach der Barke!« herrschte ihm der Führer zu, und die Fackel dem Verwundeten entreißend, schleuderte er sie mit gewaltigem Schwunge hinauf auf das platte Dach des Hauses und war mit einem kühnen Satze über die Trümmer des Tores mitten im Hof. Im nächsten Augenblick parierte sein großes Pistol den scharfen Handjarhieb des Khawassen, und er drückte die Waffe nach dem Türken ab. Aber eingebogen von dem kräftigen Hieb, sprang das Rohr bei dem Schuß, und die eisernen Splitter stoben umher. »Diona! Diona!« schrie Caraiskakis, und ohne des zweiten, mutig den Zugang des Hofes verteidigenden Khawassen zu achten, sprang er wie ein Panther über den Hof und versuchte die Tür des Hauses einzustoßen. Eine Kugel, die im nächsten Augenblicke durch seinen hohen Fez fuhr, belehrte ihn, daß die Bewohner bereits wach und zur Verteidigung bereit seien. Emporblickend, gewahrte er ein männlich schönes, nur etwas starres Gesicht, das, von hochblondem, lockigem Haar umgeben, sich mit furchtlosem Ausdruck aus dem Fenster des ersten Stockwerks gerade über der Tür herausbog, um die Wirkung des Schusses und die weiteren Vorgänge im Hofe zu erspähen. Ein weißer, voller Arm schlang sich um den Hals des Engländers und zog ihn mit Gewalt in das Haus zurück. Im Hofe schlug sich Katarchi mit den beiden Khawassen, sein Untergebener war Caraiskakis zu Hilfe geeilt und suchte mit diesem die Tür einzudrängen. Ein Ruf des Bandenführers, der die Augen überall hatte, mahnte Gregor, zur Seite zu blicken. Aus einem Nebenfenster des Erdgeschosses, nahe der bestürmten Tür, lehnte sich ein vierschrötiger Engländer in Seemannstracht bequem heraus und suchte für seine Flinte im Anschlag den Kopf des Griechen zu fassen. Die Gefahr war dringend und fast unabwendbar. Aber im Augenblick, wo der Finger des Briten den Drücker berührte, schwankte das Gewehr, und der Schuß fuhr zur Seite vorbei, der Engländer aber verlor das Gleichgewicht und, an den Beinen in die Höhe gehoben, stürzte er schwerfällig aus dem Fenster auf das Marmorpflaster des Hofes. Mauro, der gewandte Schelm, war durch eines der Fenster ins Haus geklettert und zum glücklichen Augenblick erschienen. Im nächsten hatte er die Tür entriegelt, und Caraiskakis, sein Gefährte und der Räuberhauptmann, der sich des einen Khawassen durch einen schweren Hieb in die Schulter entledigt hatte, stürzten in das Haus. Zugleich eilte aus dem Querstock Sir Maubridge, von zwei anderen Dienern und dem Hausaufseher gefolgt, die Stiege herab, denn oben auf dem flachen Dache leckten und schlugen bereits die Flammen empor, die Jans geschleuderte Fackel an dem trocknen Holzwerk entzündet ... In dem linken Arm des Briten, halb getragen von ihm, hing ein griechisches Weib in wallenden Nachtgewändern, das bleiche Gesicht umflattert von den fessellosen, wallenden Locken. »Diona!« wiederholte Gregor, und das bleiche Frauenbild zuckte zusammen bei den bekannten Tönen und streckte die Hand nach ihm aus, – aber wie von unwiderstehlicher Macht hingerissen, klammerte sie sich von neuem an den Geliebten; zweimal hob Gregor das Pistol und visierte nach dem Verführer, zweimal ließ er es sinken, denn des Mädchens Brust deckte opfernd den Geliebten ... So tobte der Kampf von Zimmer zu Zimmer, bis der hintere Ausgang des Hauses erreicht war und unter der Hand der Diener aufflog. »Hundert Pfund, wenn ihr fünf Minuten die Tür haltet!« bot der Brite und warf sich mit seiner schönen Beute ins Freie, während die drei Engländer wie grimmige Bulldoggen sich vor den Ausgang stellten und den Gegnern das Weiße im Auge boten. Aber draußen tönte bereits der Ruf des Triumphes; Welland trug das ohnmächtige Mädchen auf seinen Armen zum Ufer, indes seine beiden Gefährten den zu Boden geworfenen Baronet mit Stricken schnürten. Hoch auf schlug die Flamme aus dem Landhause in den blauen Nachthimmel und beleuchtete die blutige Szene. In der nächsten Minute stießen sie vom Ufer ab und flogen in das bergende Dunkel, während hinter ihnen drein noch ein Schuß der entflohenen Khawassen knallte ... Welland hatte das noch immer von Ohnmacht befangene Mädchen dem Freunde auf den Schoß gelegt und arbeitete rüstig mit zwei Rudern. In der Spitze des Kahns stand Jan, um die Bewegungen zu lenken, damit sie nicht zu nahe der Felucke kommen möchten, auf der in der Tat alles wach geworden war von dem wiederholten Schießen und dem Brande, der mächtige Rauchwolken in die Luft emporqualmte. Im Hauch der frischen Seeluft kam Diona wieder zur Besinnung. Zuerst fuhr sie empor und blickte wild um sich, wie den schützenden Freund suchend, – dann, indem sie den Bruder erkannte, warf sie sich in seinen Schoß und weinte heftig. In der Nähe des Ufers trennten sich die Kähne, und während der Banditenhäuptling das Geschwisterpaar weiter hinauf nach seinen Verstecken führte, landete der Knabe den Arzt in der Nähe der Frankenstadt und geleitete ihn dann in die noch einsamen Straßen bis zum Eingange seines Hauses. In Smyrna selbst war der Abend und ein Teil der Nacht zwar unruhig und stürmisch, aber doch ohne Gewalttat der Flüchtlinge vergangen. Der Tiger hatte noch nicht Blut geleckt. Eine Deputation an den österreichischen Konsul war abgewiesen worden. Die Flüchtlinge und der zahllose Janhagel von Smyrna, der sich ihnen angeschlossen, tobten durch die Frankenstadt, drohten das österreichische Konsulat zu stürmen, warfen einige Fenster ein, ließen es aber bei den Drohungen. Noch bis tief in die Nacht wogte die Bevölkerung auf und ab durch die Straßen ... Am nächsten Morgen – Welland hatte bis in den Vormittag hinein geschlafen – begab er sich sofort zum amerikanischen Konsul und reklamierte, der erhaltenen Weisung gemäß, Costa als amerikanischen Schutzangehörigen auf Grund eines Passes, den der Ungar von den Vereinigten Staaten erhalten habe. Zu seiner Verwunderung fand der Arzt den Konsul sofort bereit, auf das Verlangen einzugehen. Es schien, als ob er bereits darauf vorbereitet gewesen, und er teilte ihm mit, daß am Morgen eine amerikanische Korvette von Konstantinopel angekommen sei und im Hafen Anker geworfen habe: ein glücklicher Zufall, der ihrer Forderung den nötigen Nachdruck geben würde. Eine Stunde darauf trat, durch einen Boten herbeigerufen, der Kapitän der Korvette, in Begleitung eines seiner Offiziere, bei dem Konsul ein und begab sich mit diesem zu seinem österreichischen Kollegen, Herrn von Wexbecker, um die Reklamation einzulegen. Der österreichische General-Konsul empfing sie zuvorkommend und erklärte sich bereit, die Amerikaner an Bord des »Hussar« zu begleiten. Welland erwartete in aufgeregter Spannung im Konsulatsgebäude ihre Rückkehr. Der amerikanische Konsul brachte jedoch schlechte Nachrichten. Costa hatte trotzig sich als Ungarn erklärt und zwar eingeräumt, daß er sich einige Zeit in Amerika aufgehalten und von dort nach Smyrna gekommen sei, aber über seine Schutzangehörigkeit oder einen Paß keine Angaben machen könne, die zu weiterem Einschreiten berechtigt hätten. Unter diesen Umständen hatten die Amerikaner von der Reklamation Abstand nehmen und den Ungarn seinem Schicksal überlassen müssen. Welland war sehr bestürzt über die Nachricht, der amerikanische Konsul versicherte jedoch, daß noch nichts verloren sei, da sein österreichischer Kollege sich bereit erklärt hätte, vor der Abführung Costas nach Triest die weiteren Entscheidungen der beiden Gesandtschaften in Konstantinopel abwarten zu wollen, an die sofort die nötigen Berichte gesendet werden sollten. Der amerikanische Kapitän war bereits angewiesen, sich jeder früheren Wegführung des Gefangenen mit Gewalt zu widersetzen. Für das weitere, meinte mit schlauem Lächeln der Amerikaner, werde man schon in Konstantinopel sorgen. Beruhigt schied Welland von ihm und wandte sich wieder zu Marina, um den Freunden Costas diese tröstliche Nachricht mitzuteilen, denn rasch hatte sich die Kunde von der verweigerten Auslieferung in der Stadt verbreitet. Eine Zeitung zur Hand nehmend, setzte er sich am Eingang des englischen Cafés nieder. Es war der Abend des 23. Juni. Das Belvedere des Kaffeehauses begann sich nach und nach mit Fremden und Einheimischen zu füllen. Bald darauf traten Arm in Arm zwei junge Offiziere von der österreichischen Brigg, Schiffsleutnant von Auerhammer und der Marine-Aspirant Baron von Hackelberg, auf den offenen Raum, ließen sich an dem zweiten Tisch von Welland nieder und forderten Eis und Limonade. In dem zweiten erkannte Welland den Offizier, der am Morgen seiner Ankunft zum Egytto gekommen und das Boot der Italiener zurückgewiesen hatte. Welland hatte nicht ohne Besorgnis die kecke Haltung der beiden hübschen jungen Männer bemerkt, und dies um so mehr, als kurz nach ihrem Erscheinen sein Wiener Reisegefährte sich für einige Augenblicke einfand, heimlich mit den beiden Offizieren sprach und einzelne auf ihn fallende Blicke zeigten, daß von ihm die Rede sei. Um dem widrigen Einblick zu entgehen, wollte er sich eben entfernen, als mit lautem Lärm und offenbar stark erregt, eine neue Gesellschaft am Tische neben Welland, gegenüber dem der Offiziere, Platz nahm: Fumagalli, Bassitsch, dessen Hand fortwährend in der Brusttasche spielte, Lepicq, ein französischer Fechtmeister, zwei andere lombardische Flüchtlinge, Budoli und Cugini, und der Pole Sczukowski. Aller Blicke hafteten sogleich auf den beiden Österreichern, und Fumagalli schlug ein wildes Lachen auf, indem er Bassitsch auf die Schultern schlug und offen auf den Baron wies ... »Per bacco amico, da haben wir unser Vöglein von vorgestern! Jetzt kann ich Revanche nehmen!« Die Offiziere hatten Besonnenheit genug, die offenbare Beleidigung nicht zu bemerken, und unterhielten sich leise, während die Angekommenen ringsum die Stühle besetzten, sodaß kein Ausgang blieb. Welland trat rasch zu dem in der Nähe befindlichen Wirt des Cafés, Signor Paulo, und flüsterte ihm einige Worte zu ... » Bassa manelka !« fluchte Bassitsch. »Grog hierher! Rasch!« Der Arzt aber nahte sich der Gesellschaft und suchte durch ein geschicktes Manöver die Mitte zwischen den beiden Tischen zu decken ... »Zum Teufel, Doktor,« schnob der ersichtlich schon angetrunkene Ungar, »gehen Sie mir da aus dem Wege! Sie genieren mich im Anblick der verfluchten Röcke, die wir an der Theiß und Donau manch' liebes Mal geklopft haben. Eljen Kossuth! Der Teufel hole die deutschen Tyrannenknechte!« – Der Wirt, der das Verlangte gebracht, war am Tische der beiden Marineoffiziere vorübergegangen, und sich dort ein Geschäft machend, flüsterte er ihnen zu: »Meine Herren, ich rate Ihnen dringend, sich zu entfernen, es ist hier nicht geheuer für Sie, und ich stehe für nichts.« Eine kurze Beratung zwischen den jungen Leuten folgte, dann standen beide rasch auf und versuchten fortzugehen. Welland hatte in diesem Augenblick ihnen den Rücken zugekehrt und war bemüht, Bassitsch, der ihm der gefährlichste schien, zu beschäftigen. Er gewahrte deshalb nicht, wie das schwarze Auge des Italieners Fumagalli jeder Bewegung des Aspiranten folgte, gleich dem Blick der Schlange, mit dem sie die ängstlichen Windungen ihres Opfers belauert. Fumagalli hielt den Fuß weit vorgestreckt, so daß er damit den Ausgang zwischen den Stühlen versperrte. Der Baron von Hackelberg war voran; obschon er die offenbare Herausforderung des Lombarden erkannte, hatte er Geistesgegenwart genug, seine Ruhe zu bewahren, faßte mit der linken Hand an die Mütze und sagte höflich: »Signor, erlauben Sie, daß wir passieren!« – »Zur Hölle!« gellte die Stimme des Lombarden, der wie ein Raubtier hervorsprang und sich auf sein Opfer warf. Einen hellen, schlanken Blitz sahen die Umsitzenden zucken. Der Baron taumelte, wie von dem Stoß außer Haltung gebracht, zurück an das Geländer, dann faßte er es mit beiden Händen, stieß einen einzigen kreischenden Schrei aus und schwang sich hinüber ins Wasser, das ihn spurlos verschlang .... Zugleich waren die umsitzenden Flüchtlinge, wie als hätten sie auf das Mordsignal gewartet, aufgesprungen und stürzten sich mit ihren schweren Stöcken und Dolchen auf den Leutnant von Auerhammer, ehe dieser noch imstande war, sein Seitengewehr zu ziehen. Mehrere Hiebe über den Kopf warfen ihn zu Boden, drei Dolchstöße verwundeten ihn, zum Glück nur leicht. Wie ein Rasender rang Bassitsch mit dem deutschen Arzt, der, im Innersten empört, um Hilfe gegen die Mörder rief. »Zum Teufel mit Euch!« tobte Bassitsch; »Ihr seid auch ein deutscher Verräter, der unsere Feinde schützt!« – »Seid Ihr toll, Signor Dottore?« knirschte Fumagalli und riß den Arzt zurück. »Wer ein Freund der Freiheit ist, steht zu uns, nicht zu jenen!« – Welland stieß ihn von sich .... »Meuchelmörder! Wenn das Euer Kampf für die Freiheit ist, so wünschte ich, Euch nie gesehen zu haben. Fliehet, da es noch Zeit ist!« Eine immer größere Menge drängte herbei; die blutige Tat hatte das bessere Gefühl des Publikums wachgerufen, und Drohungen gegen die Mörder ließen sich hören. Vor der Überzahl zogen sich diese zurück und, die blutigen Waffen schwingend, jubelnd über die gräßliche Tat, zerstreuten sie sich auf der Marina, während Welland und zwei Smyrnaer Kaufleute den Verwundeten rasch in eine Barke trugen und hinaus ins Meer rudern ließen, um ihn vor einem neuen Angriff zu retten. Hier auf der See verband der Arzt die Wunden des Offiziers und brachte ihn aus der Ohnmacht zum Leben zurück. Unterdes hatten auch die Nachforschungen nach der Leiche Hackelbergs begonnen und dauerten spät bis in die Nacht, erst am andern Mittag gelang es, sie zu finden. Sie lag genau auf demselben Fleck auf dem Meeresgrunde, an welchem er sich im Todeskampfe ins Wasser geworfen, mit den Händen fest an die Steine des Grundes geklammert. Der zweite Stich des Mörders hatte das Herz durchschnitten. Am dritten Tage wurde sie beerdigt. Als Welland, ans Ufer zurückgekehrt, nach der nahen Behausung eilte, fand er dort bereits den Knaben Mauro seiner harren, und eilig trat er mit ihm den Weg zu dem Freunde nach dem Versteck des Räubers an, unter banger Besorgnis, auch dort, wohin er ging, Schlimmes zu finden. Drittes Kapitel. Die Doppelgänger. In den glänzenden Salons der Fürstin Lieven, dieses weiblichen Talleyrands der letzten Jahre, in der Straße Saint Florentin 2, bewegte sich die glänzende Versammlung in der bekannten zwanglosen Weise der höchsten Kreise von Paris. Es war der Abend allgemeinen Empfangs, und was die Weltstadt an Notabilitäten der Administration und Diplomatie, der Kunst, der Wissenschaft und der Börse, sowie von Fremden bot, begegnete sich auf diesem Parkett mit den Löwen und Löwinnen der Mode. Die Salons der Fürstin hatten in dieser Zeit ihre wichtigste politische Bedeutung; denn alle Parteien fühlten sich hier gewissermaßen auf neutralem Felde, und bei der immer ernster sich gestaltenden Spannung zwischen den Höfen von Frankreich, England und Rußland bot sich hier eine Gelegenheit zu Besprechungen und Verhandlungen, die weniger für den offiziellen diplomatischen Verkehr geeignet, doch oft tief einschneidend und von weithin tragender Wichtigkeit waren. In einem mit grünem Damast ausgeschlagenen, nur durch die erhobene Portiere von diesem getrennten Nebenkabinett des großen Salons, in dem getanzt wurde, saßen auf einer üppigen Causeuse zwei Männer. Der eine von ihnen, einige Jahre alter als der andere und etwa sechs- bis achtundzwanzig Jahre zählend, trug die prächtig-phantastische Uniform eines Kapitäns der Garde-Zuaven, jenes Elitekorps aus den gewandtesten und verwegensten Kriegern Algeriens. Sein Gesicht war das männlichschöne, mutige eines echten französischen Soldaten, mit Zügen, die jene Aristokratie der Geburt zeigen, welche Namen und Wappen nur bestätigen, nicht verleihen können. Auf der breiten Brust mit der silbergestickten blauen Jacke prangte das Ritterkreuz der Ehrenlegion... Neben ihm, mit dem Lorgnon in dem Auge, saß einer jener hocharistokratischen Flaneurs, denen ihr vornehmer Name und ihre elegante Toilette, trotz ihrer ruinierten Verhältnisse, überall Eintritt verschafft, ja die, mit einer scharfen und witzigen Zunge begabt, als Chronik des Tages überall willkommen oder gefürchtet find. Alfred de Sazé, einer der Modekönige des Tages, gehörte zu den Leuten, die nur wie Lichtblicke auftauchten aus dem tötenden Firnis einer modernen Erziehung. Am andern Ende der Causeuse, auf einen Sessel gestützt, lehnte ein noch sehr junger Mann in russischer Uniform, dessen eigentümlicher, wunderschön geformter Kopf sofort auffiel, während sein Auge unruhig und zerstreut umherschweifte. Braunes Haar in wirren Locken umgab sein Gesicht, das, in kühnem Oval hervorspringend, eine überaus schöne, leichte Beugung der Nase zeigte, während dunkle, hochgezogene Brauen das glänzende Auge einrahmten. Die eigentümlichste Schönheit dieses Gesichts bildeten jedoch Mund und Kinn: der Mund, von einer halbaufgeworfenen Oberlippe bedeckt, die in ihrer Mitte das glänzende Weiß der Zähne durchschimmern ließ; das Kinn, von kräftiger, runder Kontur und von jenem seltenen und stets einen energischen, unbeugsamen Charakter verratenden Schnitt, welcher nicht im scharfen Winkel gegen den Hals zurücktritt, sondern bei dem die Linie des Halses am Vorderkinn selbst ihren Anfang zu nehmen scheint und gleichsam gewölbt nach der Brust zu sich herabsenkt. Das Gesicht, von jenem durchsichtig roten Teint gefärbt, den man Blutteint zu nennen pflegt, war zu auffallend, um je vergessen zu werden, und hatte bei dem Mangel jeden Bartes zugleich ein Aussehen, das den Beschauer an stolze Frauenschönheit erinnerte. »Sie sind aber auch der aufmerksamste Zuhörer, den man sich denken kann, Fürst,« sagte lachend Löwe Sazé zu dem eben beschriebenen jungen Mann. »Seit einer halben Stunde bin ich bemüht, Ihnen die Silhouetten der werten Gäste Ihrer noch wertern Frau Tante zu geben; aber Sie sind und bleiben zerstreut und scheinen selbst den Vikomte angesteckt zu haben. Er betrachtet Sie mit Blicken, als wären Sie die Fürstin, Ihre schöne Schwester, der er bekanntlich stark den Hof macht und die sich eben, wie ich sehe, vom Oberst Wassilkowitsch zum Kontre führen läßt.« – Er unterbrach sich lachend und sah die beiden Nachbarn neckend an ... »Ah, meine Herren, hab' ich endlich den rechten Punkt getroffen? – Sie sind ja beide ganz rot und erregt. Wäre es wahr, Fürst, daß Sie eifersüchtig sind auf Ihre Schwester wie ein Türke? und Sie, Méricourt, kann dies starre, lauernde Gesicht, das ich, valga me Dios! wahrhaftig auch nicht liebe, einen berühmten Krieger, wie Sie, so leicht in Harnisch bringen?« Der Kapitän legte ihm die Hand auf den Arm ... – »Keine Scherze, Sazé,« sagte er ernst, »der Gegenstand ist zu hoch dazu.« – » Bon! So wende ich mich zu einem geeignetern Bilde. Sehen Sie, Fürst, dort jene lange, hagere Gestalt mit der hohen, fabelhaft weißen Kravatte? Daß es einer unserer neuen Herzensalliierten ist, ein Exemplar, das uns Azincourt und Waterloo, Malplaquet und St. Helena vergessen machen soll, brauche ich nicht erst zu sagen. Man wittert den reisenden Briten auf hundert Schritt. Der Mann – Lord Sherkliffe, Parlamentsmitglied und Besitzer einiger soliden Grafschaften – macht jetzt Aufsehen in unserer guten Stadt Paris, und wenn er das glattrasierte Kinn in die Loge der italienischen Oper steckt, wenden alle Damen die Gläser nach ihm. Wissen Sie, warum? Er ist ein Othello ganz neuer Art. Lord Sherkliffe ist einer der ersten Gemäldekenner unserer Zeit und beschäftigte vor etwa fünf Jahren einen jungen Maler in Rom, einen Italiener. Der gute Lord besaß neben seinen Millionen eine blonde Lady, der aber der römische Künstler besser gefiel, als der langweilige Bildernarr, ihr Gemahl. Erst nach mehreren Monaten überzeugte sich dieser, daß er auch hier den Narren gespielt, empfahl sich höflich seinem Protegé, dem Maler, und reiste mit der verliebten Dame nach Hause, wo er sie manierlich ihren Eltern ablieferte, nachdem er ihnen die in Rom gemachte Entdeckung mitgeteilt. Dann ging er auf Reisen und besuchte Deutschland, Rußland, Italien, sammelte überall zu enormen Preisen Gemälde und kaufte, nach Rom zurückgekehrt, seinem alten Freunde die neuesten Werke seines Pinsels ab. Kaum aber hatte er sie, so verlangte er Genugtuung für seine Hahnreischaft und forderte den Erstaunten auf Pistolen. Mit dem ersten Schuß lähmte der Engländer dem Künstler den linken Arm. Nach einem halben Jahre kam er wieder und bestand auf einem zweiten Duell. Der Künstler mußte sich fügen und die Kugel des beleidigten Eheherrn traf sein rechtes Handgelenk, so daß die Hand amputiert werden mußte. Als die Kur glücklich vorüber war, erschien der Lord am Krankenlager seines Feindes und sagte ihm gelassen: »Jetzt habe ich meine Rache befriedigt. Sie sind als Künstler zu einem lebendigen Tode verdammt.« – »Sie irren sich,« entgegnete der Unglückliche, »meine Werke werden Ihre Bosheit überleben. Den Ruhm meiner Madonna in Paris, meine Auferstehung in der Galerie von Petersburg und zahlreicher anderer Werke vermögen Sie nicht zu vernichten. Ich kann nicht mehr malen, aber meine Bilder werden meinen Namen lebendig erhalten.« – Der Lord zeigte ihm ein Papier. »Ist diese Liste Ihrer Bilder vollständig?« – Mit Staunen bejahte der Künstler. – »So bin ich im Besitz aller Ihrer Werke, selbst die Skizzen habe ich nicht vergessen. Es hat mir viel Mühe gemacht und viel Geld gekostet, aber ich habe meinen Zweck erreicht. Wollen Sie mich nach Hause begleiten, um sich zu überzeugen? Mein Wagen wartet.« – Der Unglückliche begriff und bat um Gnade. – »Sie haben meinen ehelichen Frieden gestört, ich vernichte den Ihren,« sagte Sherkliffe eisig. »Sie sollen das Gefühl mit sich herumschleppen, daß keine Spur Ihres Namens und Ihres Talentes auf der Welt zurückbleibt.« – Nach einer Stunde brachte ein Diener dem Verstümmelten eine große Urne voll Asche; sie enthielt alles, was von seinen Werken auf der Welt übrig war.« »Das ist teuflisch!« rief der Kapitän. – »Ein Mann, der zu hassen und zu lieben versteht!« versetzte der junge Russe. »Doch da ist die Quadrille zu Ende, lassen Sie uns näher treten.« – Die drei jungen Männer erhoben sich und traten an den Eingangsbogen zum Salon, durch den eben eine Dame am Arm ihres Tänzers hereinrauschte, Fürstin Iwanowna Oczakoff, die Zwillingsschwester des russischen Herrn, der sich bislang mit de Sazé unterhalten hatte, und die dem Bruder ähnlich sah wie ein Ei dem andern. Nicht nur Wuchs und Gesicht, selbst Stimme und Mienenspiel waren an den beiden schönen Erscheinungen völlig gleich, ja man versicherte, diese Ähnlichkeit dehne sich auf die kleinsten Details des Lebens, bis auf die Handschrift aus. Nur ein zarter Alt-Akkord unterschied die Stimme, und langes, üppiges Lockenhaar, auf dem ein goldgestickter smyrniotischer Fez schwebte, den Kopf der jungen Fürstin von dem ihres Bruders. In den Augen der Dame lag der ganz tat- und lebenskräftige und dennoch hingebende Charakter ihres Bruders. Eine köstliche Robe von grünem Moirée hob die volle Gestalt der nordischen Schönheit, die seit vier Monaten die junge Aristokratie von Paris zu ihren Füßen sah. »Warum nicht beim Tanz, Iwan?« fragte sie zärtlich. »Sie machen sich eines Vergehens schuldig, meine Herren, indem Sie meinen Bruder von einem Vergnügen abhalten, das er sonst leidenschaftlich liebte. Aber freilich, seit einiger Zeit scheint er für alles Vergnügen ganz verloren, ich weiß wirklich nicht, ob die hohe Politik oder welcher Dämon sonst ihn mir ganz verwandelt hat.« – »Apoll und Diana müssen doch durch etwas unterschieden sein, gnädigste Fürstin,« sagte Sazé galant; »aber Sie haben recht, auch mir ist heute seine Zerstreutheit aufgefallen. Wenn man die Königin der Schönheit als Schwester besitzt, so hat man nicht das Recht, sich selbst und seinen Launen anzugehören.« – – »Marquis, Sie sind und bleiben der unnütze Schwätzer. Aber meine schwesterliche Liebe scheint Sie alle in einer interessanten Unterhaltung gestört zu haben, denn auch der Herr Kapitän spielt den Ernsten und ist noch nicht einmal so galant, mich an das Versprechen zu erinnern, das ich ihm gegeben.« Der Offizier blickte sie an, ein rascher, verstohlener Wink des Auges bedeutete ihn und er entgegnete mit einer Verbeugung: » Ma princesse tun mir unrecht, Sie wissen, daß Sie keinen aufmerksameren Sklaven als mich haben.« – Iwanowna, den Arm in den ihres Bruders geschlungen, der mit ihrem Begleiter sprach, lächelte schelmisch ... »Ich will es für diesmal glauben, obschon der tapfere Zuavenführer und Löwentöter sich den Rang von einem nordischen Barbaren, wie Ihr in Frankreich uns zu nennen beliebt, hat ablaufen lassen. Aber ich übe Großmut und habe den nächsten Tanz für Sie aufbewahrt, wenn nicht Iwan etwa sein Vorrecht geltend machen will.« – »Ich tanze heute nicht, Iwanuschka,« sagte der Bruder zärtlich, »du mußt mich dispensieren.«– »Da sehen Sie, tut der leidige jüngste Attaché wirklich, als hätte er das Gleichgewicht Europa's auf seinen zwanzigjährigen Schultern zu tragen? – Doch à propos , meine Herren, kann mir einer von Ihnen Auskunft geben, wer der würdige Palikare ist, der heute im Salon meiner werten Tante Aufsehen macht?« – »Wenn Sie als Belohnung Ihrem untertänigsten Verehrer die Quadrille nach meinem Freunde Méricourt versprechen wollen, Fürstin,« meinte Sazé, »so verrate ich Ihnen das diplomatische Geheimnis seiner Vergangenheit.« – »Geschwind, geschwind! Sie sehen ja, ich sterbe vor Neugier.« »Bemerken Sie wohl, gnädigste Fürstin,« plauderte der junge Mann, »daß Kommandant Kalergis den Fez sorgfältig über das linke Ohr gezogen und deshalb trotz seiner französischen Sympathieen das griechische Kostüm trägt? Seine jetzigen Alliierten, die Türken, schnitten ihm das Ohr ab, als er den Toten spielte nach der Schlacht am Piräus, und das übriggebliebene kostet ihm bare zwölftausend Piaster Lösegeld. Aber er hat die Summe reichlich wieder eingebracht in verschiedenen Münzsorten. Denn schon 1843, als Herr Kalergis von der Emeute des 15. Septembers nach Hause zurückkehrte, hatte sich die russische Gesinnung, mit der er das Haus Ihres Gesandten Katakasi verließ, in eine englische verwandelt. Er hatte wohl begriffen, daß er seine Rolle schlecht gespielt; der Zweck der Emeute gegen König Otto war verfehlt; die Rubel waren eingesteckt, es handelte sich jetzt darum, sich für englische Pfunde zu verkaufen. Großbritannien machte ihn zum Militär-Oberkommandanten von Athen, aber der 4. August jagte ihn schmachvoll davon. Als der Lord-Oberkommissar ihm später den kleinen Vorschuß von zehntausend Talern nicht bewilligen wollte, um Colettis Regierung zu stürzen, warf er sich Frankreich in die Arme. Man sagt, daß der Kaiser große Pläne mit ihm vor habe. Gegenwärtig hat er seinen Sohn hierher gebracht, den der Kaiser auf seine Kosten erziehen läßt.« »Ein echter Grieche, feil jedem Gebot!« sagte Méricourt. – »Entschuldigen Sie, Kapitän,« bemerkte Wassilkowitsch: »Herr Kalergis ist ein Landsmann unserer schönen Freundin. Er ist Russe von Geburt, aus Taganrog, wo seine Mutter noch lebt. Erst im Jahre 1821, beim Ausbruch der Erhebung, kam er nach Griechenland.« – »Also politischer Marodeur; jedenfalls verspricht der Charakter noch viel für die Zukunft.« – »Und der Herr im Fez mit dem großen Stern des Christusordens auf der Brust, mit dem Herr Kalergis eben spricht, wer ist das?« »O, Sie irren, mein Lieber,« sagte Sazé; »das ist nicht der Christusorden, sondern ein unbekanntes Gestirn aus dem Firmament von Tausend und Einer Nacht. Haben Sie denn noch nichts von Leo, dem Prinzen von Armenien, dem von Rußland schnöde beraubten Thronerben des halben Vorder-Asiens, gehört? – Da sehen Sie die mysteriöse Person in natura vor sich. Der Prinz von Korikos défenseur de l'Eglise d'Orient , wie er sich in den Journalen nennen läßt, hat kürzlich in London eine skandalöse Affäre gehabt, und die Rücksichtslosigkeit der Queens-Bench hat ihn bewogen, London mit seiner Abreise zu strafen. Ich weiß wirklich nicht, – wenn es nicht Herr Kalergis sein sollte, – wer die Unverschämtheit gehabt haben kann, diesen Herrn hier im Salon Ihrer Fürstin Tante vorzustellen, nachdem er so offenkundig etwas starke Proklamationen gegen Ihren Zaren und Ihre Regierung durch alle Welt verbreitet hat.« Die ersten Streiche des Orchesters erklangen und machten dem Gespräch ein Ende; Méricourt bot der Fürstin den Arm, sie in den Salon zu führen, Sazé eilte fort, noch eine Tänzerin in dem Kreise der Damen zu finden; Fürst Iwan und Oberst Wassillowitsch blieben zurück: der letztere eine jener hageren Gestalten, die durch ihre Magerkeit groß erscheinen; einige vierzig Jahre alt, aber wie ein Fünfziger aussehend; spärlicher, nur durch die Kunst der Toilette gefärbter Haarwuchs über der hochkahlen Stirn, ein graues, oft ins grünliche spielendes Auge und ein aufgeworfener Mund über massivem, glänzendem Gebiß machten den Eindruck lauernder Ruhe bei einem brutal-sinnlichen Charakter. Die beiden Russen standen am Eingang des Salons und schauten der Quadrille zu, beide dasselbe Paar, wiewohl mit sehr verschiedenen Blicken und Gefühlen, verfolgend. Während Iwan träumerisch an der graziösen Schönheit der Schwester sich weidete, hing das Auge des Obersten verzehrend an der üppig-schönen Gestalt und wurde zum kalten Giftstrahl, wenn es sich auf ihren Tänzer wandte und die lebhafte Unterhaltung beobachtete, die beide pflogen. Endlich kehrte er sich zu seinem Gefährten und sagte mit jener Höflichkeit, unter welcher oft der Hohn schlecht verborgen ist: »Auf mein Wort, Fürst, ein herrliches Paar! Es wird den Kaiser, unsern Herrn, freuen, daß die Fürstin Oczakoff dazu beiträgt, die Bande wieder fester zu knüpfen, deren Zerreißen uns in diesem Augenblick eben nicht ganz angenehm wäre.« – »Wie meinen Sie das, mein Herr?« fragte, sich rasch nach ihm wendend, der junge Mann. – »Ei, mein Lieber, ich meine, was die ganze Welt spricht, daß unser französischer Freund auf dem besten Wege ist, Ihren Landsleuten in der Gunst Ihrer schönen Schwester den Rang abzugewinnen. Der Vikomte soll ein Liebling des Kaisers sein.« – »Die Hand meiner Schwester ist kein Gegenstand der Politik,« sagte kurz und rauh der Fürst. »Die Fürstin Iwanowna Oczatoff wird nie ihre Hand einem Franzosen schenken.« – Wassilkowitsch lachte ... »Da scheint sie nicht den Geschmack Ihres Bruders zu teilen. Herr von Méricourt erzählt wenigstens viel von der Vergötterung, die Fürst Iwan einer interessanten Grisette des Marais zuteil werden läßt.« Eine dunkle Röte überflog das Gesicht des jungen Mannes, als er so plötzlich und unerwartet sein innerstes, sorgfältig bewahrtes Geheimnis dem Spott Fremder preisgegeben sah. »Das ist erl – –« Der Fürst legte sich, als er den eisigen Blick seines Gegners traf, Mäßigung auf... »Das ist nicht möglich! Der Vikomte ist ein Ehrenmann!« – »Das kann er immerhin sein und doch den künftigen Schwager gern vor einer Mesalliance bewahren oder wenigstens der schönen Schwester sich dienstbar zeigen wollen, die, wie man sagt, eine gewisse Herrschaft über den Zwillingsbruder ausübt, blos weil sie die Erstgeborene ist. Doch ohne Scherz, Fürst, lassen Sie uns offen reden, ich bin Ihr Landsmann, und uns verbinden gleiche Interessen gegen diese Fremden. Sie werden auf Ihren Wegen belauert.« Der junge Mann faßte krampfhaft seinen Arm. »Beweise, Graf, Beweise!« – »Ei, die sollen Sie haben! Sie erinnern sich, Fürst, der letzten Soiree, die Herr von Kisseleff am Dienstag dem Fürsten Woronzoff und Herrn von Persigny gab. Ich war zufällig und ungesehen Zeuge des Auftrages, den Ihre schöne Schwester Herrn von M6ricourt erteilte, Sie zu beobachten, und zu erforschen, woher seit kurzem Ihre seltsame Gemütsstimmung komme und was Ihre häufigen heimlichen Abwesenheiten zu bedeuten haben, deren Zweck Sie so sorgfältig zu verbergen suchen. Sie können denken, Fürst Iwan, daß ein so galanter Verehrer, wie dieser Franzose, mit Vergnügen alles versprach und Wort gehalten hat.« – »Pest!« – »Erinnern Sie sich vorgestern nicht eines Ganges durch die Rue Montmartre bis zur Ecke der Straße Saint-Joseph?« – »Sie haben Recht, ich begegnete dem Vicomte und vermochte mich kaum von seiner verwünschten Höflichkeit loszumachen.« – »Nun wohl, Fürst, Herr von Méricourt kennt die elegante Einrichtung des zweiten Stockes im Hause Nr. 10 der Rue Joseph sehr wohl und weiß, wer der vornehme Fremde ist, der die hübsche, nur – wie der Vicomte sagt, – allzu leichtfertige Bewohnerin unterhält und Tag und Nacht bei ihr ist. Ich hörte ihn vorhin gegen Sazé darüber spötteln, ehe Sie erschienen ... Sehen Sie doch, wie eifrig der Franzose sich mit Ihrer schönen Schwester unterhält. Ich wette tausend Kronen, daß er eben seinen Bericht abstattet.« Der junge Mann errötete und erbleichte abwechselnd; der schöne, üppig geformte Mund zuckte ... »Der Spion soll mir büßen!« – »Wissen Sie, was man sogar behauptet, Fürst? Sie sollen mit Ihrer kleinen Grisette verkleidet den bal mabille frequentieren und dort ein flotter Tänzer sein.« – Diesmal war der Schlag zu arg; ein dunkler Purpur überzog das schöne Gesicht des jungen Mannes, und der Zorn wich der Scham; er schlug die Augen zu Boden. – »Ei was,« lachte der Oberst, »wäre es wirklich wahr, daß Jugend austoben müsse? Aber kommen Sie, Iwan, die Quadrille geht zu Ende. Wir würden mit unserer Migräne nur die Konversation stören.« Er nahm ihn am Arm und führte ihn durch einen Seitenausgang in die Nebenzimmer. An einem Büffet nahmen sie Champagner und traten dann auf des Grafen Vorschlag zum Spieltisch im benachbarten Salon ... Die schöne Fürstin hatte keine Ahnung von dem Gift, das eben in des geliebten Bruders Ohr ausgegossen wurde. Dennoch bezog sich auch ihre Unterhaltung während der wechselnden Touren des Tanzes auf denselben Gegenstand. Das Verhältnis zwischen der Fürstin und dem tapferen Kapitän war ein ganz anderes als es die giftigen Worte des Russen angedeutet. Der Vicomte gehörte allerdings zu den eifrigsten Anbetern der nordischen Schönheit und wurde durch ihre Achtung und ihr Vertrauen ausgezeichnet vor der zahlreichen Schar der Bewerber. Darauf hatte sich jedoch die Gunst der Fürstin bis jetzt beschränkt; doch verstanden sich beide, wie sich kräftige und hohe Seelen immer verstehen. »Haben Sie Gelegenheit gehabt, meine Bitte zu erfüllen, Herr von Méricourt?« fragte die Fürstin. »Sie verzeihen meiner Besorgnis, aber sie ist in den letzten Tagen nur noch vermehrt worden. Sie selbst haben gesehen, wie verändert der Fürst sich zeigt, und nur mit großer Mühe konnte ich ihn bestimmen, mich heute zu begleiten.« – »Vergeben Sie, Fürstin,« erwiderte der Offizier, »wenn ich leider noch wenig Fortschritte in Ihrem Auftrage gemacht habe. Daß es an meinem Eifer nicht gelegen, werden Sie ohne meine Versicherung wissen. Aber der Fürst, Ihr Bruder, sonst so offen und zugänglich, ist nicht blos für seine liebenswürdige Schwester, sondern auch für seine aufrichtigen Freunde jetzt ein verschlossenes Buch.« – »Hegen Sie denn gar keine Vermutung, Vicomte, was diese häufige Abwesenheit, diese stets allein unternommenen Gänge zu bedeuten haben? Selbst dem treuen Wassili, der ihn von Jugend auf nie verlassen, hat er streng verboten, ihm zu folgen und ihm befohlen, mir sein Ausbleiben so viel als möglich zu verschweigen.« Der Kapitän lächelte... »Ich glaube, Fürstin Iwanowna hat allzu große Besorgnisse. Paris ist der Ort für so mancherlei Zerstreuungen, und es wäre leicht möglich, daß irgend eine Liaison das lebenswarme, empfängliche Herz des Fürsten gefesselt hätte.« – »Aber warum dann dies geheimnisvolle Treiben, das ihn so aufreibt? Ich bin natürlich nicht seine Gouvernante und maße mir nicht an, in das Tun Ihrer Männerwelt zu dringen. Doch Wenn er der Schwester gegenüber auch schweigt, warum gegen seine Freunde? Ich habe mir sagen lassen, daß in solchen Herzensangelegenheiten die Herren nur allzu offenherzig gegeneinander sind.« – »Das mag bei jenen Torheiten der Fall sein, Fürstin, welche die Modewelt galante Verbindungen nennt, aber nie bei einer ernsten und wahren Neigung des Herzens. Es sollte mir leid tun, wenn eine solche sich schon seines jungen Gemütes bemächtigt hätte, denn bei seinem energischen und feurigen Charakter würde er sich ihr mit ganzer Seele hingeben.« Ein rascher, fragender Blick ihres schönen Auges traf jenes des Kapitäns, das mit Innigkeit auf dem schönen Mädchen haftete. Eine leichte Röte überflog Wangen und Stirn – – die Wogen des Tanzes unterbrachen das Gespräch. Als der Vicomte sie zur Gruppe zurückführte, die sich um die Dame des Hauses gebildet, und de Sazé nahte, die Fürstin an ihr Versprechen zu mahnen, neigte sie sich vertraulich zu ihm und bat: »Versuchen Sie noch einmal heute Ihr Heil bei Iwan und sorgen Sie wenigstens für seine Zerstreuung. Die Gesellschaft, in der wir ihn vorhin verlassen, – und ich sehe beide nicht mehr an dem vorigen Platz, – ist keine, die ich für ihn liebe. Gehen Sie, Vicomte, und denken Sie, daß ein Ritter der Ruhe seiner Dame alle Dienste leisten muß.« – Ein anmutiger Wink des Fächers verabschiedete ihn; er ging, den Fürsten aufzusuchen, während Iwanowna sich dem Damenkreise anschloß. – – Der nächste Kontre war vorüber; am Arm de Sazés durchging die Fürstin den zum blühenden Garten umgewandelten Korridor, der die vorderen Salons mit dem hinteren Flügel verband. Plötzlich stockte der zierliche Fuß; kaum vermochte sie, die Hand erhebend, ihrem Kavalier, der sie mit Galanterien überhäufte, zuzuflüstern: »Marquis, sehen Sie, – um Gottes willen, was ist vorgefallen?« Auf sie beide zu, durch den Eingang, der zum Spielzimmer führte, kam der Zuaven-Kapitän. Sein männlich schönes Antlitz war dunkel gerötet, das Auge blitzte, doch zeigte die ganze Gestalt eine ernste, ruhige Fassung. Wenige Schritte hinter ihm, aus einer Gruppe von Herren, welche sich um die Tür versammelten, folgte Fürst Iwan am Arme des Obersten, der ihn fest zurückhielt. Das Gesicht des jungen Russen zeigte jene Wachsbleiche, die leidenschaftliche Charaktere im Augenblicke der höchsten Erregung zu befallen pflegt. Sazé begriff im Augenblick, daß etwas Wichtiges vorgefallen, und führte die Fürstin zu einem der Sitze, die unter Rosen- und Kamelienbüschen versteckt zu Lauben gestaltet waren. Der Kapitän trat auf ihn zu, und während er mit einer Verbeugung die Dame begrüßte und sein Auge sichtlich das ihre vermied, das fragend und ängstlich auf ihm ruhte, sagte er mit fester Beherrschung der Stimme: »Gestatten Sie, Durchlaucht, daß ich Ihnen für einen Augenblick Ihren Kavalier entführe, ich habe ihm nur eine kurze Bitte vorzutragen, und er ist sogleich wieder zu Ihren Befehlen.« Der Fürst war herangekommen und trat zu seiner Schwester ... »Genieren Sie sich nicht, Herr von Sazé,« sagte er hochmütig, »ich werde Sie bei meiner Schwester ersetzen.« Er bot ihr den Arm, die junge Fürstin jedoch beachtete die Geberde nicht, sondern wandte sich zu den beiden Franzosen ... »Da der Zweck unseres Ganges erfüllt ist und ich meinen Bruder gefunden habe,« sprach sie verbindlich zu de Sazé, »so wären Sie allerdings Ihrer Ritterschaft ledig, Herr Marquis. Ich habe dagegen noch die Verpflichtung, Ihrem Freunde zu danken, der zuerst meinen Auftrag übernommen hat, und bitte ihn, mich zu der Fürstin, meiner Tante, zurückzuführen. Sie müssen mit seinem Vertrauen sich schon bis dahin gedulden.« Damit legte sie die feine Hand auf den Arm des Vikomte und ging mit ihm voran. Sazé folgte und begriff rasch die Aufgabe, die ihm geworden, indem er das Paar von den beiden nachfolgenden Herren trennte ... »Was ist geschehen, Vikomte? ich muß alles wissen, ich bin zu jeder Stunde für Sie morgen zu sprechen!« flüsterte sie erregt, als sie durch den Eingang des Salons schritten und das Gedränge sie für ein paar Augenblicke von den Nachfolgenden schied. – »Méricourt aber neigte sich wie dankend zu ihr nieder und entgegnete mit tiefbewegter Stimme: »Leben Sie wohl, Fürstin, mein Traum ist vorüber.« Einen Moment lang preßte er ihren Arm an seine Brust, dann zog er sich mit einer Verbeugung zurück und grüßte im Vorübergehen höflich und gemessen die beiden Russen. Kaum eine Viertelstunde später ertönte am Portal der Ruf nach der Equipage der Fürstin Oczakoff. Fürst Iwan war schon vorher aus der Soiree verschwunden und allein nach Hause zurückgekehrt, um den Fragen der Schwester auszuweichen. Es war zu einer für die Pariser Aristokratie noch frühen Stunde des nächsten Morgens, als in dem von dem Fürsten bewohnten Hôtel der Allée des Veuves vor der jungen, im weißen Morgenkleide auf der Bergère ihres eleganten Toilettezimmers ruhenden Fürstin der Wiener ihres Bruders, der Leibeigene Wassili, stand, herbeigerufen von seiner Schwester Annuschka, dem russischen Kammermädchen der Fürstin. Beide Geschwister, der Bruder um fünf, die Schwester um drei Jahre älter als das Zwillingspaar, das mit ihnen die Milch derselben Mutter getrunken, ein in Rußland noch überhaupt heilig gehaltenes Band, hatten demselben von Jugend auf gedient und dadurch eine entsprechende Erziehung genossen. Mit der aufopferndsten Treue hingen die beiden an den fürstlichen Geschwistern ... Wassili, der Leibeigene, war ein hochgewachsener kräftiger Mann, wie sie das Innere von Rußland so häufig hervorbringt. In seinem markigen, festen Gesicht spiegelte sich Zuverlässigkeit und entschlossene Hingebung. Hinter der Fürstin, ihm gegenüber, stand seine Schwester, hübsch und blauäugig, die langen blonden Zöpfe um den Kopf gewickelt, indem sie ihn mit lebhaften Geberden zur Rede antrieb, die er nur unwillig zu stehen schien. »Also dein Herr ist die ganze Nacht nicht zu Bett gewesen?« – »Nein, Mütterchen.« – »Und was hat er getan während der ganzen Zeit?« – »Ich weiß es nicht, Mütterchen.« – »Glaube ihm nicht, dem schlechten Menschen, Durchlaucht,« mengte sich Annuschka in das Gespräch. »Es wäre ein schlechter Diener, und das ist Wassili nicht, wenn er sähe, daß sein Herr unruhig, und seine Augen hätten ihn nicht auf jedem Schritt verfolgt. Er will nicht sprechen, Durchlaucht, er hat mich schon früher gescholten, wenn ich ihn in deinem Auftrage fragte, und meint, das hieße seinen Herrn verraten.« Wassili schoß einen ärgerlichen Blick auf seine Schwester, schwieg aber verstockt. Die Fürstin richtete sich auf ... »Höre, Wassili,« sagte sie ernst, »ich würde nicht in meines Bruders Geheimnisse zu dringen suchen, wenn es nicht sein eigenes Wohl gälte. Es ist wichtiges vorgefallen. Du mußt mir Rede stehen und darfst bei allen Heiligen nicht das geringste verheimlichen. Was hat Iwan bis heute früh getan?« Wassili kratzte sich verlegen in den dichten Haaren ... »Er schrieb, Mütterchen,« sagte er endlich. – »Und dann?« – »Dann ist er unruhig umhergegangen und ...« Er zögerte. – »Wirst du reden, Wassili!« fuhr ihn die Schwester an; »siehst du nicht, daß du die Herrin bekümmerst?« – »Ja, Annuschka,« sagte ausweichend der Russe, »ich kann doch bei meinem Schutzheiligen nicht dafür, daß der Fürst seine Pistolen aus dem Schrank genommen und lange beguckt hat.« Die Fürstin winkte mit der Hand ... »Genug, genug! – ist der Fürst jetzt allein?« – »Er war es, Mütterchen – aber – –« »Was?« – »Ich sollte sagen, er schlafe noch, wenn du nach ihm fragst, und dann, er sei ausgegangen.« – »Hat er dir sonst einen Befehl gegeben?« – »Ja, Mütterchen. Der Herr erwartet Besuch, und ich soll ihn sogleich in das Zimmer führen, wo die vielen Bücher stehen.« Die Fürstin erhob sich ... »Geh' auf deinen Posten, Wassili, und achte auf alles, was geschieht und wer aus- und eingeht bei meinem Bruder. Ich lade die Schuld auf dein Haupt, wenn das geringste vorgeht, das ich nicht sofort erfahre.« Sie warf einen leichten Mantel um ihre Schultern, während Wassili, von der Schwester zur Tür gewinkt, mit dem demütigen, aber in seiner Einfachheit schönen Gruße der niederen Russen verschwand. Dann verließ sie durch eine andere Tür das Zimmer und nahm ihren Weg zu den Gemächern ihres Bruders, die, durch den gemeinschaftlichen Salon und die Nebenzimmer von den ihren getrennt, nach dem Garten hinaus lagen. Im Begriff, durch das eben von Wassili bezeichnete Zimmer zu gehen, hörte sie fremde Stimmen und sprang rasch hinter die Portiere eines angrenzenden Kabinetts, deren Schnüre sie löste. Die Falten bewegten sich noch, als Wassili mit einem Herrn eintrat. Die Fürstin erkannte durch die Öffnung des Vorhanges den Marquis de Sazé, ein Umstand, der sie in ihren Befürchtungen bestärkte. Der Fürst nötigte seinen Gast, Platz zu nehmen. Er sah überwacht und blaß aus, beherrschte aber vollkommen seine Mienen ... »Sie werden erraten, Durchlaucht,« eröffnete der Marquis die Unterhaltung, sobald der Diener sich entfernt hatte, »in welcher unangenehmen Angelegenheit ich Ihnen so zeitig meinen Besuch aufdränge. Diese Zeilen des Herrn Kapitän de Méricourt erteilen mir unbeschränkte Vollmacht.« Der Fürst lehnte mit einer Handbewegung höflich die Durchsicht ab und verbeugte sich zustimmend. »Ich muß Ihnen gestehen, Fürst,« fuhr de Sazé fort, »ich begreife eigentlich das Vorgefallene nicht, und mein Freund, der Vikomte, ebensowenig. Wollen Sie sich herablassen, uns einige Erläuterungen zu geben, so wird sich das Mißverständnis gewiß aufklären, und Sie werden als Mann von Ehre nicht anstehen, meinem Freunde in Gegenwart eines der Zeugen der Beleidigung Ihre Entschuldigung zu machen.« – »Ich bedaure, Herr von Sazé,« sagte der Fürst. – Doch der andere unterbrach ihn: »Einen Augenblick noch, Durchlaucht, ehe Sie Ihre unwiderrufliche Meinung aussprechen. Sie wissen, daß es nicht Sitte der Franzosen ist, in einem Ehrenstreit die Hand zu bieten, und namentlich eine solche Beleidigung, wie sie dem Kapitän widerfahren, anders als durch Blut zu sühnen. Ich bitte, würdigen Sie also das wackere Benehmen Ihres Gegners, der in Berücksichtigung der bisherigen Verhältnisse mit jeder billigen Erklärung zufrieden sein will.« Der Fürst entgegnete steif und frostig: »Obschon noch sehr jung, mein Herr, bin ich doch vollständig mit den Gesetzen eines Edelmannes vertraut und möchte dem Herrn Vikomte nicht zumuten, mit einer Erklärung zufrieden zu sein, die ich ohnehin nicht zu machen gesonnen bin. Darf ich Sie um Ihre weiteren Aufträge bemühen?« – »Ich habe die Ehre, Ihnen die Forderung des Kapitäns de Méricourt zu überbringen.« – »Ich bin zum ersten Male in Paris und mit Ihren Gewohnheiten daher noch einigermaßen unbekannt. So viel ich weiß, pflegt man dergleichen Angelegenheiten rasch abzumachen?« – »Gewöhnlich, ehe die nächste Sonne untergeht; sollten Sie jedoch Zeit wünschen ...« Der junge Mann richtete sich steif empor. »Ich bitte, Herr Marquis!« – »Also heute, eine Stunde vor Sonnenuntergang ... Ihre Waffen?« – »Natürlich Pistolen, ich verstehe mich nur wenig auf Ihre Degen.« – »Ich werde die Ehre haben, mit Ihrem Sekundanten das Weitere zu ordnen.« – »Sehr freundlich, Herr Marquis. Graf Wassolkowitsch hat, in Erwartung eines solchen Besuches, meine Vertretung bereits übernommen.« – »So bleibt mir nur noch, mich Ihnen zu empfehlen, Durchlaucht. Leben Sie wohl; ich bedauere, diesmal sagen zu müssen: au revoir! « Der Fürst zwang sich zum Lachen. »Unter Freunden, Marquis, sollte man sich dergleichen Bedauern eigentlich übelnehmen. Wollen Sie nicht eine Zigarre? – Sie wissen, ich führe echte Manilla.« – Der Marquis nahm die gebotene Zigarre und steckte sie an; Fürst Iwan folgte dem Beispiele und geleitete ihn nach einigen gleichgültig geplauderten Worten bis ins Vorzimmer. Als Wassili ihm wenige Augenblicke nachher in sein Kabinett folgen wollte, fand er in der Mitte des Zimmers die Fürstin, bleich, die Hand auf das klopfende Herz gedrückt, mit dem Finger drohend ... »Bei deinem Leben, Wassili, keinen Laut, daß du mich hier gesehen.« Dann verschwand sie. Kapitän Méricourt bewohnte den Garten-Pavillon hinter dem Hofe seines Schwagers in der Rue Avenue de Bourdonnaye, wenn er sich in Paris aufhielt. Kaum eine Stunde nach dem obigen Renkontre hielt ein Fiaker in der Seitenstraße vor dem Zugang des Gartens, und zwei tief verschleierte Frauen stiegen aus. Die eine von ihnen läutete auf das Zeichen der anderen die Glocke und nach kurzem Harren öffnete Mulei, der junge arabische Diener des Kapitäns, die Pforte ... »Kapitän Méricourt zu sprechen?« fragte die zweite der Verschleierten, anscheinend die Gebieterin. – »Der Bey befindet sich in seinem Zimmer, Herrin. Wen befiehlst du, daß ich ihm melden soll.« – »Sage deinem Herrn,« erwiderte die Verschleierte, »daß eine Dame ihn in dringender Angelegenheit zu sprechen wünsche, die keinen Aufschub gestatte. Ich würde ihm nur wenige Minuten rauben.« Der Maure verbeugte sich nochmals mit über die Brust gekreuzten Händen und bat die Frauen, ihm in das Vorzimmer zu folgen. Dann verschwand er hinter dem schweren persischen Teppich, kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurück und nötigte die Fremden in den Salon. Beide traten ein, und bald trat der Kapitän aus dem Nebengemach, in ein weites orientalisches Gewand aus weißer Wolle gehüllt, das, von einem mit Gold durchwirkten tunesischen Shawl um die Hüften gehalten, über die faltigen Beinkleider fiel, wahrend ein Burnus von gleichfalls weißer Farbe um seine Schultern hing. »Entschuldigen Sie, meine Damen,« sagte er höflich, indem er sie einlud, Platz zu nehmen, »daß ich Sie noch in Morgen-Toilette empfange; ich wollte Sie jedoch nicht warten lassen und stehe deshalb zu Befehl.« Die eine der beiden Frauen hob den dichten schwarzen Schleier, der ihr Gesicht verhüllte .. »Die Fürstin! – Mein Gott – Sie hier?« Iwanowna wandte sich zu ihrer Begleiterin ... »Verlaß uns auf einige Augenblicke, Annuschka! ich stehe unter dem Schutz der Ehre des Herrn Vikomte.« Die Milchschwester der Fürstin verschwand in das Vorgemach ... Méricourt ergriff die Hand der Dame und führte sie zum Diwan ... »So viel Glück und Schmerz in einem Moment, Fürstin, es ist zu viel, selbst für eine Männerbrust.« Das Antlitz des jungen Mädchens war bleich, aber eine aufopfernde feste Entschlossenheit lag in jeder Miene, selbst ihre Stimme zitterte nicht ... »Sie wissen, Vikomte, warum ich komme.« Der Franzose beugte sich mit schmerzlichem Lächeln auf ihre Hand, die er gefaßt hielt ... »Sie werden sich noch heute mit Iwan, meinem Bruder, schlagen?« – Eine leichte Neigung des gesenkten Hauptes gab ihr die Antwort. ... »Méricourt, Sie werden es nicht tun, – um meinetwillen.« – »Es ist unmöglich, Fürstin, mein Leben steht zu Ihren Diensten, nicht meine Ehre als Edelmann. Ihr Bruder verweigert jede Erklärung.« – »Ich weiß es, ich war ungesehen Zeuge seiner Unterredung mit Herrn de Sazé. Sagen Sie mir – wie kam es dahin?« – »Bei Meiner Ehre, Fürstin,« sagte der Offizier, aufatmend und seinen Blick auf das Mädchen richtend, »ich bin schuldlos, ich weiß es selbst nicht, und daß mir noch auf Erden das Glück zu teil geworden, Ihnen mündlich das sagen zu dürfen, was Sie morgen durch den kalten Buchstaben meiner Abschiedsworte an Sie erfahren hätten: das erfüllt den geheimsten Wunsch meines Herzens. Ein böser Dämon muß Ihren Bruder regiert haben. Seine Worte, seine Beleidigungen sind mir unerklärlich. Ich fand ihn mit dem Obersten beim Spieltisch und gesellte mich zu ihm. Der Fürst war offenbar sehr aufgeregt, und als ich ihn fragte, ob ich ihn am Morgen zu einem Spazierritt abholen dürfe, wie wir früher verabredet, entgegnete er heftig: er werde allein reiten, er brauche weder einen Vormund, noch – – « »Sprechen Sie!« – » – noch einen Spion!« – »Mein Gott!« – »Ich war im ersten Augenblick so bestürzt, daß mir die Fassung fehlte. Ihr Bild, Iwanowna, stand vor mir. – »Sie reden irre, Fürst«, sagte ich und faßte seinen Arm, »Sie haben mich wahrscheinlich nicht verstanden. Kommen Sie, lassen Sie uns plaudern.« – Ihr Bruder riß sich los. »Ich habe Sie sehr wohl verstanden, mein Herr«, sagte er barsch, »und wenn Sie meine Worte nicht verstehen wollen, so werden Sie vielleicht das verstehen!« – Fürstin, er –« »Zu Ende, zu Ende!« – »Er hob die Hand gegen mich, «einen Moment zwar nur, aber – er hob die Hand!« Der Kapitän war bleich geworden bei der Erzählung ... »Der Unglückliche!« Diesmal war es die Dame, die das Haupt vor dem Manne in unsäglichem Schmerz beugte ... »Ich wiederhole Ihnen, Fürstin,« sagte der Kapitän endlich, »ich weiß noch immer nicht, was dieses Benehmen Ihres Bruders hervorgerufen hat; nur ein Mißverständnis oder eine Verleumdung kann die Veranlassung sein, doch leider ist die Sache nicht mehr zu ändern. Sie kennen selbst das Weitere.« – »Das ist Wassilkowitschs Werk!« rief die Fürstin; »jetzt ist mir alles klar, und mein Widerwille vor diesem Manne hat mich nicht betrogen! Ich weiß, Vikomte, daß nach den Gesetzen der Ehre unter Militärs eine solche Beleidigung nur durch den Tod des Beleidigers gesühnt werden kann, und dennoch haben Sie dem Unglücklichen die Hand zur Sühne geboten und nur seine Entschuldigung verlangt. Sie, der tapfere Offizier, der Spiegel stolzen Rufs für alle Soldaten.« »Ich bin es nicht mehr, Fürstin,« unterbrach sie Méricourt. »Heute morgen habe ich Herrn von Saint-Arnaud meine Entlassung eingereicht.« – »Wie, Sie haben – –« »Es war nötig, Fürstin, der Offizier konnte jene Sühne unmöglich bieten. – Es war Ihr Bruder, Iwanowna!« – »Und dennoch alles vergeblich, – ich kenne seinen eisernen Sinn von Kindheit auf, er würde sich eher zerreißen lassen, als durch eine Entschuldigung, selbst das erkannte Unrecht gut machen.« Sie hatte sich erhoben und ging leidenschaftlich im Salon umher. Der Vikomte schwieg und folgte ihr mit trauerndem Blick. Plötzlich blieb die Fürstin vor ihm stehen, ihre großen Augen voll und klar auf ihn gerichtet ... »Das Duell darf nicht vor sich gehen, es darf nicht! – Er ist mein einziger Bruder, der letzte aus dem Hause der Oczakoff, einer der neun Familien, die von Ruriks Stamme sind, edler selbst als die Romanoffs. Ich darf ihn nicht sterben lassen! – Eugen,« es war das erstemal, daß sie ihn bei diesem Namen nannte, und es durchzuckte den jungen Mann wie ein elektrischer Strahl, – »Eugen, werden Sie zum Engel des Erbarmens an uns! Fliehen Sie das Duell – weigern Sie dem Toren, ihn zu strafen. Kommen Sie, fliehen Sie mit mir! – Eugen, ich liebe Sie, und jeder Atemzug meines Lebens soll Ihrem Glück gewidmet sein!« Der junge Offizier sank vor ihr nieder, er preßte stöhnend im bittern Kampf ihre zarten Hände auf sein brennendes Gesicht ... »Sie verlassen Ihr Frankreich,« fuhr Iwanowna fort, »Sie ziehen mit mir in das herrliche Land, wo mildere, süßere Lüfte wehen, als hier wo der Oleander blüht, und die Orange sich in den blauen Fluten des Meeres spiegelt. Nach Taurien folgen Sie mir – nicht bloß der Kaiser hat dort seine erhabene Phantasie, das Paradies Orianda, – an den Felsenvorsprüngen der Yailaalpen prangen noch viele Stätten ebenso herrlich, ebenso schön ... O! mein Freund, werfen Sie es von sich, das Vorurteil dieser sogenannten Zivilisation, die von Ihnen verlangt, das Blut ihres Bruders zu vergießen, des einzigen Wesens, das gleich Ihnen mir teuer ist – –« Der Vikomte hatte sich aufgerichtet, auf der ehernen Stirn stand der eherne Männerentschluß ... »Seien Sie ruhig, Iwanowna, diese Hand wird nicht gerötet sein von dem Blut Ihres Bruders!« – »Sie gehen mit mir, Sie opfern mir alles, alles, Eugen?« – »Ich gebe Ihnen alles, was ich habe, Iwanowna; nur eins bewahren Sie mir: den unbefleckten Namen der Méricourt, den Namen meines Vaters. Es gibt noch ein anderes Mittel, – bei meiner Liebe zu Ihnen, Ihr Bruder wird unverletzt von dannen gehen!« Die Fürstin stürzte auf ihn zu ... »Was sinnen Sie? – Das ist Mord an Ihnen selbst! Meinen Sie denn, daß der törichte Knabe Ihren Edelmut würdigen wird? Sein Leben wäre Ihr Tod – geht das Duell vor sich, so oder so – sind wir auf ewig getrennt.« Der Kapitän wandte sich ab ... »Es ist kein anderer Weg. Sie haben einen Namen zu verteidigen, Iwanowna, auch der meiner Väter ist mir heilig und darf nicht entehrt werden, selbst um den himmlischen Preis nicht, den Sie mir gezeigt haben.« Sie warf sich schluchzend auf den Diwan; er setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand in die seine ... »Warum trauern, Iwanowna?« sagte er freundlich, »nachdem Sie mich so unaussprechlich glücklich gemacht? Warum trauern, daß uns ein persönliches Mißgeschick trennt, wo uns das Geschick der Völker in jedem Augenblick unwiderruflich zu trennen drohte? – Denken Sie, wie unendlich leichter es mir sein wird, jetzt der Kugel des erbitterten Bruders die Brust zu bieten, als wenn das eherne Geschick der Schlachten uns gegenüber gestellt und die kalte Berechnung der Politik Ihres Kaisers und seiner Nesselrodes und Kisseleffs den Freund dem Freunde, den Bruder dem Bruder den Stahl ins Herz stoßen hieße!« Die Worte, die Namen schienen die Fürstin berührt zu haben, – einen Augenblick schwieg sie wie nachdenklich, dann raffte sie sich rasch empor; sie schien ihre volle, eine kurze Zeit von der doppelten Aufregung gestörte Energie wieder zu gewinnen. »Wann soll das unglückliche Duell vor sich gehen?« – »Soviel ich weiß, gegen Abend – um sechs Uhr.« – »Eugen, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?« sie hob die Hände gegen ihn. – »Jede, die sich mit meiner Ehre verträgt.« – »Sie ist auch die meine und wird unverletzt aus allem hervorgehen.« – Sie drängte ihn freundlich zum Seitentisch, auf dem das Schreib-Necessaire stand. »Schreiben Sie an Herrn de Sazé! nur einige Zeilen, daß das Duell erst morgen früh um dieselbe Stunde stattfinden könne, – nehmen Sie irgend einen Vorwand – die Ordnung Ihrer Angelegenheiten –« »Aber ich darf nicht – ich kann nicht – Sie sinnen eine List ...« – »Bei dem Grabe meiner Mutter! ich sinne nichts gegen Ihre Ehre! Ist das Leben zweier Menschen nicht einen kurzen Aufschub von zwölf Stunden wert? – Galt Ihnen das Geständnis meiner Liebe so wenig?« Er reichte ihr die Hand. – »Es ist unnötig, daß ich schreibe, – der Marquis hat versprochen, in einer halben Stunde hier zu sein, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Ihr Wille erfüllt werden soll. Das Arrangement wird sich leicht treffen oder ändern lassen, ohne aufzufallen. – Fürstin, ich ahne Ihren Grund – Sie wollen Ihren Bruder bewegen – möge Gott seinem Engel zu dem Werke des Friedens helfen! Ich würde glücklich sein, die Lösung von Ihrer Hand annehmen zu können.« Sie sah ihm trübe lächelnd in die heiterer gewordenen Augen ... »Meinen Dank, mein Freund, meinen innigen, ewigen Dank! – und jetzt – mein Lebewohl!« Sie wandte sich rasch nach der Tür, er eilte ihr nach, aber sie selbst kehrte sich an dieser noch einmal zu ihm. Ihre Hände faßten die seinen – ihre Augen hafteten auf den seinen minutenlang, innig und zärtlich, und doch wie unter dem Flor einer tiefen Traurigkeit. Er zog sie näher, – unwillkürlich – im stummen Glück – ruhten ihre Lippen einen Moment auf den seinen voll und heiß – dann rauschte die Portiere hinter ihr zusammen – sie war verschwunden! Der Vikomte trat ins Seitenzimmer, die teure Gestalt noch einmal zu sehen; eben eilte sie mit Annuschka, von dem Araber begleitet, durch die Pforte – im nächsten Augenblicke rollte der Wagen davon. Als der Fiaker in die Rue de Grenelle gebogen war, befahl Annuschka dem Kutscher: »Nach der Faubourg de St. Honoré 33, Hotel des russischen Gesandten.« Fürst Iwan, – durch ein Billett des Grafen Wassilkowitsch von der veränderten Bestimmung des Rendezvous in Kenntnis gesetzt, – hatte eben seinen gewöhnlichen Besuch im Palais und Bureau der Gesandtschaft gemacht und wollte sich entfernen, als Herr von Kisseleff, der damalige Vertreter Rußlands in Paris, ihn in sein Kabinett rufen ließ. Etwas beunruhigt, folgte er dem Boten, sah sich aber in seiner Besorgnis getäuscht, da der Gesandte ihn aufs freundlichste empfing und mit keiner Silbe eine Kenntnis des vorgefallenen Zwistes an den Tag legte, sondern ihn einlud, mit ihm en deux zu speisen. Im ganzen war es dem jungen Manne nicht unlieb, einen Vorwand zu finden, der ihm erlaubte, nicht in sein Hotel zurückzukehren und so den Fragen der Schwester auszuweichen. Die Arbeit zerstreute ihn. Aber Stunde auf Stunde verrann; der Gesandte, der von Zeit zu Zeit das Kabinett verließ und ihn bei der Arbeit einschloß, häufte immer neue Schriftstücke vor ihm. So nahte die Zeit, zu der er versprochen hatte, an einer anderen Stelle zu sein. Abgespannt und ärgerlich warf er endlich die Papiere zur Seite und nahm seinen Hut, um sich zu entfernen. Da trat Herr von Kisseleff wieder ein, um die letzten Unterschriften zu vollziehen ... »Ich muß Sie noch einen Augenblick bemühen, Fürst,« sagte er artig; »die Sekretäre haben bereits das Hotel verlassen; ich muß Sie bitten, diese Papiere zu kuvertieren.« Der Fürst gehorchte. Der Gesandte legte noch eine eigenhändige Depesche dazu, und das Briefpaket wurde fertig gemacht. Herr von Kisseleff schellte ... »Ist der Wagen bereit?« fragte er den eintretenden Jäger. – »Zu Befehl, Exzellenz.« Der Diener trat ab. – »Jetzt, Fürst, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß diese Depeschen, wie Sie sich selbst überzeugt haben, von der höchsten Wichtigkeit sind. Den Telegraphen können wir in dieser Angelegenheit nicht benutzen, die Gründe liegen auf der Hand. Sie werden daher auf Ihr Ehrenwort dieses Paket nicht von Ihrer Seite lassen, bis Sie es dem Herrn Staatskanzler selbst übergeben haben.« – »Wie? ich – –?« – »Allerdings, Sie selbst. Ich bin gewillt, Sie damit als Kurier nach Petersburg zu schicken, da ich augenblicklich niemand weiter zur Disposition habe, dem ich so wichtige Interessen anvertrauen könnte. Sie werden mit dem Zug um elf Uhr nach Brüssel abreisen.« – »Aber, Exzellenz – das ist unmöglich! Ich bin nicht im geringsten vorbereitet.« – »Das ist unnötig, – es ist alles getan; die Fürstin, Ihre Schwester, hat für alles gesorgt und wird Sie begleiten.« Er öffnete die Seitentür, Iwanowna trat ein im Reisekleide. Dem jungen Mann schwirrte und dunkelte es vor den Augen. Das Blut schoß in Strömen ihm zu Kopf, er fühlte, daß er überlistet worden ... »Ich werde Paris nicht verlassen, mein Herr! Ich habe morgen früh einen Ehrenhandel und will nicht das Spielwerk einer Intrige sein, die ich durchschaue.« – Iwanowna eilte auf den Bruder zu und hing sich an seinen Hals ... »Iwan, bedenke was du tust!« – Der Gesandte trat dicht an ihn heran ... »Fürst Oczakoff, ich befehle Ihnen im Namen des Kaisers, ohne Widerrede zu gehorchen. Sie werden auf der Stelle abreisen. Denken Sie an Sibirien!« Der junge Mann knirschte. Er wand sich in den umschlingenden Armen der Schwester. Herr von Kisseleff legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in freundlichem Tone: »Es ist unbedingt nötig, daß Sie reisen, Fürst, um Ihrer selbst willen. Ich weiß alles; Sie haben eine bittere Übereilung begangen und wollen dieselbe durch ein Verbrechen wieder gut machen. Der Kaiser würde Ihnen nie verzeihen, wenn in diesem kritischen Augenblick, wo alles auf dem Spiele steht, Ihre törichte Heftigkeit einen Eklat mit dem französischen Kabinett herbeiführte. Ihre Ehre und Ihr Name müssen gewahrt werden, und deshalb zwinge ich Sie im Namen des Kaisers, abzureisen. Ihr Sekundant hat bereits Stubenarrest; ich selbst werde Ihre Entschuldigung und Rechtfertigung bei Ihrem ehrenwerten Gegner übernehmen.« Der Fürst beugte das Haupt. Er sah, daß ihm jeder Ausweg abgeschnitten war und er sich fügen müsse ... »Ich werde reisen, hätte aber von Euer Exzellenz mehr Rücksicht erwartet.« – »Sie sind ein törichter junger Mensch,« sagte der Gesandte achselzuckend. »Danken Sie der Aufopferung Ihrer schönen Schwester, die Sie mit so vieler Rücksicht behandelt, daß Sie aus jener Ihrer unwürdigen Stellung hier mit Ehren gezogen werden.« Er hob warnend den Finger. »Übrigens könnten Sie leider bald Gelegenheit erhalten, Ihre Rauflust vielleicht selbst an Ihrem heutigen Gegner, den ich achte und schätze, auf einem würdigeren Felde zu kühlen.« – »Haben Euer Exzellenz noch etwas zu befehlen, oder bin ich entlassen?« – »Nichts weiter. Ich habe Ihr Ehrenwort, daß Sie diese Depeschen richtig und ohne Zeitverlust in Petersburg abliefern werden?« – »Mein Ehrenwort!« – »Fürstin! Sie sind mir Zeuge und Bürge für Ihren Herrn Bruder. Ich wollte Sie erst selbst zum Bahnhof begleiten, verlasse mich aber ganz auf Sie.« – »Die Ehre meines Bruders ist die meine. Leben Sie wohl, mein Herr, und genehmigen Sie nochmals meinen innigen Dank.« – »Auf glückliche Reise also, Fürst, und ohne Groll. Ich muß Sie verlassen, denn ich habe Berichte zu empfangen. Es ist etwas wichtiges vorgegangen; man hat heute abend ein Attentat auf den Kaiser Napoleon entdeckt, und es sollen viele Verhaftungen in der komischen Oper vorgekommen sein. – Leben Sie wohl!« Er reichte beiden die Hand, die Fürst Iwan schweigend und zögernd annahm, und geleitete sie bis zum Vorsaal. Diener des Fürsten standen hier bereit, im Hofe des Palais harrte eine Chaise ... »Wir finden unseren Reisewagen bereits auf dem Bahnhofe, Iwan,« sagte die Fürstin freundlich; »Wassili und Annuschka werden uns allein begleiten, die anderen folgen.« – Der Fürst verharrte noch immer in mürrischem Schweigen, während der Wagen durch die Straßen rollte. Plötzlich, als er auf den Place de la Madeleine bog, faßte er die Hand seiner Schwester ... »Iwanowna,« sagte er zärtlich, »ich habe mich in den Willen des Gesandten und in deinen Wunsch gefügt, und ich schwöre dir, willig abzureisen, ohne einen Versuch in Betreff des Ehrenhandels zu machen, den dein Scharfsinn und deine Liebe entdeckt und verhindert hat. Aber ich habe eine Bitte an dich, von deren Erfüllung mein Leben abhängt.« – »So habe Vertrauen zu mir; du weißt, wie das meine nur in dem deinen besteht.« – Der Fürst zeigte seine Uhr ... »Es ist zehn Uhr,« sagte er; »um elf geht der Zug. Wir haben noch eine volle Stunde Frist. Gib sie mir – ich kann nicht scheiden von Paris, ohne eine andere Verpflichtung gelöst, ohne jemand, wenn auch nur einen einzigen Augenblick, gesprochen zu haben, der mich zu dieser Stunde bereits erwartet.« – »Iwan, du hintergehst mich!« – »Bei dem Grabe unsrer Mutter – nein! Aber ich schwöre dir ebenso, daß keine Macht der Welt mich lebendig aus Paris bringt, wenn du mir diese Bitte verweigerst. Schwester – ich will – ich muß sie noch einmal sehen!« Wie Fürstin schaute ihn an – ihr Herz gedachte der eigenen Liebe, die sie vielleicht auf Nimmerwiedersehen verlassen ... »Wann wirst du am Bahnhof sein?« – »Eine Viertelstunde vor der Abfahrt. Bei der Unbeflecktheit unseres Namens! ich vertraue dir diese Papiere an, du kennst ihre Wichtigkeit und was sie mich kosten. Und jetzt – jede Minute ist verloren. – Dank, Iwanowna, tausendfachen Dank, du rettest mich vor Verzweiflung.« Er rief den Kutscher, der Wagen hielt, Iwan öffnete den Schlag ... Die Fürstin hielt ihn zurück ... »Noch einen Augenblick! Iwan, du gehst nur zu einer Dame?« – »Bei meiner Seligkeit! Meine Ehre ist dir und dem Gesandten verpfändet.« – Er verschwand im Gedränge an der Kreuzung der Straßen. Auf dem Nordbahnhof wogte das Leben und Treiben der Reisenden, der Kommissionäre, Beamten und Packträger. Die große Uhr am Hauptgebäude hatte drei Viertel auf elf geschlagen. Die Fürstin saß im Coupé mit Annuschka, Wassili stand am Schlage, alle drei schauten aufmerksam nach den Eingängen, mit jedem anrollenden Wagen den Fürsten erwartend. Die Glocke läutete zum ersten Male. Es war zehn Minuten vor elf ... Das schöne Gesicht der Fürstin begann sich zu verfinstern, in der kleinen Falte zwischen den Brauen, im Strahl des Auges lag der Unwille, gepaart mit der ängstlichen Besorgnis. Wassili und Annuschka bemühten sich, diese durch allerlei Vermutungen zu zerstreuen ... Wagen auf Wagen rollte heran – keiner brachte den Fürsten. Die Minuten schienen mit Windeseile zu entfliehen. Es litt die Fürstin nicht länger im Waggon, – sie trat auf den Perron; die Uhr in ihrer Hand zitterte vor der inneren Aufregung. Drei Minuten vor elf! ... Eine eisige Entschlossenheit, jener Zug unendlicher Willenskraft, die um den herrlichen Mund lag, verbreitete sich über das ganze Gesicht. Sie winkte Wassili heran und legte die Hand auf seine Schulter. »Höre wohl an, was ich dir sage. Es handelt sich um Tod und Leben, – um die Ehre der Oczakoffs; ich kann nicht glauben, daß Fürst Iwan sein Wort gebrochen – ich kenne ihn, sein Wort ist ihm heiliger als das Leben. Kommt er nicht, so muß ein unvorhergesehener Zufall, ein Unglück geschehen sein. Der Zug geht ab, ich mit ihm. Das Wort und die Ehre der Oczakoffs müssen rein bleiben im Vaterlande!« Ihr Busen hob sich keuchend, sie rang mit der Erregung – Wassili, der leibeigne Milchbruder, horchte schweigend den Worten ... »Hier ist meine Börse, Wassili, fürs erste genug. Du bleibst hier und weichst nicht aus Paris, bis du Iwan ermittelt und gefunden. Ich kenne dich, Wassili, und weiß, daß sein Leben das deine ist. Sage ihm, er solle rasch und heimlich folgen, ich hätte unterdes seine Ehre gewahrt. Kein Wort im Hotel, Wassili, von dem Verschwinden des Fürsten – bei deinem Leben! bei dem Leben deiner Schwester: Iwan ist abgereist mit mir!« Die Glocke erklang zum dritten Male – kein Iwan zu sehen! – sie sprang in den Waggon; mit gekreuzten Armen stand der Diener vor der Tür, die der Kondukteur eben schloß ... »Lebe wohl! Treu und verschwiegen!« Dahin brauste der Zug! – – Zweites Buch. Erstes Kapitel. Die Blutbrüder. Unterhalb Ragusa, wo Richard Löwenherz auf der Rückkehr aus Palästina landete, um österreichische Treue zu erfahren, – wo Dalmatien im prachtvollen Golf von Cattaro endet, hat der Kaiserstaat im Wiener Kongreß eine schmale Küstenstrecke bis zur Bucht von Antivari sich vorzubehalten verstanden, die ein tapferes, in der neueren Geschichte vielgenanntes kleines Heldenvolk – die Montenegriner oder Czernagorzen, von der natürlichen Grenze seiner Berge, dem Adriatischen Meere, trennt. Czernagora, – das Land der schwarzen Berge, – Montenegro in der Sprache der Italiener und der Diplomatie, bildet mit der Berda das kleine, kaum 80–90 Quadratmeilen große Berg- und Felsengebiet, das zwischen der Herzegowina im Norden, Bosnien im Osten, Albanien und dem Paschalik von Scutari im Süden, hundert Angriffen der Türkei siegreich widerstanden hat und schon seit dem Jahre 1703 als gänzlich von der Pforte losgerissener unabhängiger Freistaat zu betrachten ist. Die Bevölkerung, Uskoken – die Geächteten, – wie sie sich mit Stolz nannten und noch nennen, stammt von den flüchtigen Serben, die dem Blutbade von Kossowo und auf dem Amselfelde entrannen, wodurch Sultan Amurath I. am 6. Juni 1389 das große serbische Reich vernichtete. Seitdem sind die schwarzen Berge der Zufluchtsort aller kühnen Flüchtlinge aus Bosnien, Serbien, Albanien, und nicht bloß der gemißhandelte Raja, dessen rächende Hand den tyrannischen Unterdrücker erschlug, auch der abenteuernde Moslem selbst, der für seinen Kopf oder seine Freiheit fürchtet, flüchtet hierher und findet Schutz und Aufnahme. So ergänzt sich diese kühne Bevölkerung, fortwährend dezimiert durch ihre inneren und äußeren Kämpfe, durch ihre Blutrache und ihre Privatfehden, immer wieder durch neuen Zuwachs aus den kühnsten und kräftigsten Elementen des Slawentums. Wo der prächtige, felsenumgürtete See von Skadar (Scutari) sich hinabzieht gegen das gleichnamige Bollwerk des türkischen Albaniens, noch jenseits der von den Montenegrinern in Besitz genommenen Inseln Sankt Nikolaus, Stavenau und Morakowitsch, liegt ein Felseneiland, gleichsam als Vorposten gegen die türkische Feste, häufig von einzelnen Streiftrupps der unruhigen Bergbewohner besucht, teils um hier auf den Okos (Warme Quellen) die schmackhafte Ukljeva zu fangen, teils um von hier aus ihre ewigen Gegner, die Türken, zu beobachten. Ein köstlicher Juliabend lag auf den blitzenden Wellen des schönen Sees, die der scharfe Wind aus den Schluchten des Sutorman von Süden her in leichte Bewegung setzte. Unter einer schroff am See emporsteigenden Klippe, geschützt durch einen mächtigen Felsblock vor dem Luftzug und den Späherblicken, lagerte eine bunte Gruppe, aus fünf Personen bestehend, um ein kleines Feuer, an dem ein Holzspieß mit den schmackhaften Weißfischen des Sees briet, während die zu der Gruppe gehörende Frau das Castradina, das Lieblingsgericht der Czernagorzen aus geräucherten Fleisch, auf serbische Art bereitete. Hoch oben auf dem Felsen, nach der gewöhnlichen Sitte seines Volkes auf Wachtposten, lag eine sechste Gestalt, in den zottigen braunen Mantel des Hochlands gehüllt, Auge und Flinte gegen die Seite von Skadar gekehrt und auf der weiten Fläche des Sees jedes kreuzende Boot, ja selbst die dahinstreifende, die Wellen berührende Möwe bespähend. Das Haupt der Gruppe am Felsen war ein Greis von wahrhaft furchtbarem Aussehen. Das weißwollene Hemd, Hals und Brust offen lassend und in der Mitte von einem Gürtel zusammengehalten, in dem ein langes Pistol hing und der säbelgleiche Handjar mit schwer von Silber beschlagenem, wohl einen Fuß langem Griffe steckte, umschloß einen Körper von wahrhaft riesigen Formen. Um die Schultern von kolossaler Breite hing die Struka, der braune zottige, bis über die Hüften reichende Mantel der Czernagora. Das Bein war zur Hälfte von einem kurzen türkischen Beinkleide bedeckt, während an den Füßen die Opanka befestigt war, jene leichte elastische Sandale, die sich vorzüglich eignet, die Berge hinan zu klimmen und von Fels zu Fels wie der Gemsenjäger zu springen. Das Charakteristische an der Figur des Alten zeigte der mächtige Kopf, der auf diesem Riesenleibe saß. Der Scheitel war halb kahl bis auf die Mitte des Schädels, nicht durch den Mangel an Haaren, sondern nach der Sitte des Volkes rasiert, denn rechts und links und von der hinteren Hälfte fiel mähnenartig ein starkes graues Haar in langen Strähnen und Flechten auf den Stiernacken herunter und vereinigte sich um Mund und Kinn mit einem gleichen rauhen Bart, den der Alte von Zeit zu Zeit wohlgefällig strich. Stirn und Gesicht bildeten dazu ein förmliches Gewebe von Runzeln, Falten und Narben, aus dem über der langen, schnabelartig gebogenen Nase ein dunkles, rastloses Auge mit einem Glanz und einem unsteten Ausdruck funkelte, der häufig etwas Wahnwitziges an sich trug. Das andere Auge war erblindet, von einem Schlag ausgelaufen, und die leere Höhlung erhöhte das Unheimliche des Gesichts, das durch einen breiten Mund mit glänzenden, wolfsartigen Zähnen gleichfalls nicht gewann. Dies Haupt war von der beim Volke eingebürgerten Kopfbedeckung beschattet, dem tücherumwundenen Fez, der dadurch die Form eines Turbans gewinnt. Die furchtbarste Beigabe des Gesichts aber war ein im Rauch, gleich den Köpfen der Neuseeländer, getrocknetes Menschenhaupt, das in seiner ganzen Scheußlichkeit an einer starken, durch den Schädel gezogenen Schnur gleich einem Amulet oder einem Zierat um den Hals und auf der Brust des Alten hing. Hinter dem Greise am Felsen lehnte seine lange, am Schaft reich mit Silber beschlagene Flinte von altertümlicher Form. Der übrige Teil der Gesellschaft bestand aus einem neben ihm sitzenden jungen Mann von 20 bis 21 Jahren, von edler klassischer Gesichtsbildung, in einfacher griechischer Tracht, einem türkischen Arnauten im malerischen, nur bei dem Individuum stark mitgenommenen, ja zerlumpten roten Kostüm des Volksstammes der Gueguen, und in einem jungen Burschen von etwa 14 bis 15 Jahren, der gleichfalls die Kleidung der Czernagorzen trug und dessen Züge eine unverkennbare Ähnlichkeit mit denen des Alten hatten. Dasselbe, nur gemildert zu den Formen wirklichen Reizes, war bei der jungen Frau der Fall, die sich mit der Zubereitung des Mahles beschäftigte. Über den lang herabfallenden, mit Bändern durchflochtenen Zöpfen lag zierlich das weiße italienische Kopftuch mit dem herunterhängenden Schleier, dem Zeichen der verheirateten Frau. Ein eng und faltenreich um den Hals schließendes Hemd, mit weiten, bunt gestickten Ärmeln, die Schürze von roter Wolle, darüber das Oberkleid ohne Ärmel von weißem Tuch, mit blauen Schnüren geziert, vorn offen, Brust und Schürze mit dem am Gürtel hängenden Einschlagmesser frei lassend, Socken und Sandalen an den Füßen, bildeten ihren charakteristischen, nicht unzierlichen Anzug. »So sagst du also, Beg,« setzte der Arnaut das Gespräch fort, »daß der Christensultan in Moskwa das schwarze Hochland frei machen wird von den Gläubigen?« – »Du redest, wie es ein Moslem versteht, Khan Hassan Lekitsch,« entgegnete der Greis. »Die Kinder der Czernitza sind nie die Sklaven des weißen Zaren in Stambul gewesen, seit Iwos, meines Ahnherrn, Zeiten, der unter Obods Trümmern am Busen der schwarzäugigen Wilas schläft, die über ihn wachen und ihn dereinst aufwecken werden, sobald es Gottes Wille ist, seinen geliebten Czernagorzen Cattaro und das blaue Meer wiederzugeben. Dann wird der unsterbliche Held wiederum an die Spitze seines Volkes treten und die Schwabi vertreiben, gleichwie er die Bekenner des Halbmondes von unseren Bergen vertrieben hat.« – »Aber, Beg, du weißt, daß ich selbst zu den Gläubigen gehöre.« – »Was kümmert das Iwo, den Einäugigen?« sagte der Greis in heiliger Einfalt. »Bist du nicht unser Gastfreund und hast von unserm Brote gegessen? Was kümmert mich dein Glaube, Khan, wenn du Treue hältst dem Volke der Czernagora?« – »Du sprichst es, Beg, und es muß wahr sein. Aber sage mir, wie ist es mit dem Volke der Moskowiten?« – »Höre mich, Khan Hassan, und merke auf meine Worte, denn solche hat mir der Pope Petrowitsch gesagt. In Stambul, das deinem weißen Zaren gehört, steht eine mächtige Kirche, von den Heiligen des Himmels gebaut, und darin viele heilige Dinge, die gehörte den Christen, unsern Brüdern. Aber der weiße Zar hat sie ihnen geraubt und läßt jene den Haradsch zahlen und viele schwere Steuern. Er schlägt die Männer und hält sie mit dem Antlitz ins Feuer, bis sie ihm sagen, wo sie ihr Geld verborgen halten, und den Weibern und Mädchen schneidet er das Gewand über dem Knie ab und gibt sie seinen Kriegern zur Beute, also daß er jeden Stamm der Rajahbrüder vertilgen will von dem Erdboden. Darob ergrimmte der schwarze Zar, unser Vater in Moskau, und er hat seine Krieger marschieren lassen in das Land unsrer Väter an den großen Strom, an dem der Heiduck wohnt und der Serbe und der Bulgare, daß der Serdar, unser Feind, eilig unsere Berge hat meiden müssen und gegen den neuen Feind ziehen. Der schwarze Zar aber, welcher uns so befreit hat, er verkündet uns, daß er unsere Rechte mit denen unserer Glaubensbrüder zugleich verteidigen und den Sultan aus Stambul wieder verjagen wird weit übers Meer ins Land, woher seine Väter gekommen sind.« »Aber der Bladika hat Frieden gemacht mit dem Sultan,« entgegnete hartnäckig der Türke, »und ich habe gehört, daß er ein Verbot an alle Plemen erließ, die Waffen zu erheben.« – »Du redest Torheit, Khan! Kann denn die Welle der Marotscha rückwärts fließen? Kann denn die schwarze Kalogeri Die frühere Benennung des Bladika, von der schwarzen geistlichen Kleidung, die er den griechischen Mönchen (Kalogerie) ähnlich trug. seinen Kindern verbieten, nicht für den Zaren in Moskau zu kämpfen, nachdem er selbst die Weihe von seiner Hand empfangen hat? Wisse, Khan, ich habe selbst in Cetinje auf dem Markt den Wojwoden gesehen, den der schwarze Zar an seine Tapferen in Czernagora geschickt hat, um sie zum Kampfe zu laden. Sie nennen ihn den Oberst Berger, und dieses Kreuz hab' ich von seiner eigenen Hand erhalten.« Er zeigte ihm eine der russischen Denkmünzen, wie deren viele an die tapferen Krieger des Hochlandes verteilt werden und die er am Halse neben dem Schädel trug ... »Meinst du,« fuhr der Greis fort, und sein eines Auge leuchtete wild, »daß Beg Iwo Martinowitsch in seiner Jugend umsonst Troitza gestürmt und den Helden Campaniole mit seiner Kugel erlegt habe, oder daß er gegen den grausamen Dschelaleddin vor dreiunddreißig Wintern gefochten und die Taktikis des Mehemed bei den Kulas von Martinitsch getötet habe, um in seinen alten Tagen von Gott, dem großen Würger, auf seinem Lager gefunden zu werden? Sieh dieses Haupt auf meiner Brust! es gehörte einst dem Pascha des verfluchten Podgoritza, Namik-Halil, und seit einundzwanzig Jahren trag ich den Todfeind an meinem Halse, der mein erstes Weib und meine Kinder ins Feuer des Kulas meines Stammes warf. Meinst du, daß ein Uskoke, der also haßt, je den Säbel ruhen lassen wird gegen den Türken? Hab' ich nicht mitgefochten wieder bei Martinitsch, als uns in diesem Jahre der Würger von Bosnien, Omer-Pascha, mit Krieg überzog? War ich nicht dabei, als wir in der Mordnacht von Plamenzi den Moslem aus seinem Lager schlugen, und hat mein Schwiegersohn, Gabriel der Zagartschane , nicht gefochten und gelitten mit dem tapferen Wojwoden von Grahowa, dessen Seele die Heiligen gnädig sein mögen, und schmachtet jetzt dort hinter den Wällen des blutigen Skadar?« – Er schaute grimmig umher, wie als suche er nach einem, der den Widerspruch wage. Die Frau, von seinen letzten Worten erregt, brach in leidenschaftliche Klage aus ... »Warum sahen meine Augen den Tag, wo Gabriel, mein tapferer Gatte, in die Hände des Salem-Pascha fiel, nachdem Gott ihn aus der Hand des grausamen Derwisch hat entkommen lassen? Wohl sehe ich neben mir den Blutsbruder meines teuren Herrn, der an seiner Seite gestritten und mit ihm gefangen gelegen, aber Nikolas Grivas, der Mainote, sitzt ruhig hier im sicheren Schatten der Felsen, indes Gabriel Zagartschani im Turme von Skadar modert, aus dem uns Hassan, der Moslem, allein die erste Kunde gebracht.« Der junge Mann in griechischer Tracht, der bisher stumm und melancholisch brütend neben dem alten Beg gelegen hatte, fuhr empor bei dem bittern Spott, und eine dunkle Röte überzog sein schönes, offenes Gesicht ... »Was redest du, Weib?« sagte er heftig. »Habe ich nicht mein Blut vergossen, wie dein Gatte, mein Freund, am Tage des Kampfes? Hab' ich nicht Hunger und Kälte getragen mit ihm und, als wir ins Türkenlager brachen, gefochten an einer Seite?« – »Das hast du, Nikolas Grivas, – aber ich sehe dich nicht liegen auf dem Schlachtfelde, wundenbedeckt, zur Verteidigung deines Bruders! ich sehe dich nicht, gefesselt gleich ihm, in dem moderatmenden Kerker von Skadar! Ich frage dich nun, wo ist der Bruder, mit dem du den Blutbund beschworen? und siehe, du kannst mir nicht antworten: Frau, da ist er, oder ich bringe dir mindestens das Haupt dessen, der ihn erschlagen hat!« Grivas rückte unruhig hin und her ... »Du tust mir Unrecht, Stephana, und weißt sehr wohl, daß ich mein Blut willig opfern würde für den Freund. Mein Bruder Andreas Caraiskakis hat wahrlich keinen Feigling in euer Land geschickt, daß er euch beistehen solle mit seinen geringen Kenntnissen und seiner jungen Hand im Kampfe gegen den Sultan. Kann ich dafür, daß das Gewühl des Überfalls mich in dem Dunkel der Nacht vom Freunde trennte, und daß ich fern war, als er im Eifer der Verfolgung verwundet und von den treulosen Albanesen nach Scutari gebracht wurde? Bin ich nicht mit Lebensgefahr sofort in die Höhle des Löwen gegangen, als Hassan Khan uns die erste Nachricht von dem Leben unseres Freundes gebracht hatte, um zu suchen, wie ich ihn retten könne, und bin ich nicht bereit, in einer Stunde aufs neue das Werk zu wagen?« Die Frau legte freundlich die Hand auf seine Schulter. ... »Zürne nicht, Nikolas Grivas, über den Schmerz eines Weibes! Ich weiß, du bist ein Junak, ein Tapferer; die Helden meines Volkes rühmen den Knaben der Juganen , der zu uns kam, mit uns für den Krieg zu streiten. Aber du hast nicht das Auge der Adler von Czernagora, das auch im Dunkeln den Blutbruder bewacht. Auch ist es trübe und matt, seit du von Skadar zurückgekehrt bist zu uns, als läge ein mächtiges Leiden auf deinem Herzen. Dennoch vertraust du uns nicht und mischest deinen Kummer nicht mit dem meinen.« Der Grieche stützte finster das Haupt in die Hand und schwieg. Des Weibes Blicke ruhten aufmerksam auf ihm, aber sie wagte nicht, weiter zu fragen, als Hassan, der Arnaut, der mit unendlicher Seelenruhe alle Schmähungen auf seine Glaubensgenossen mit angehört hatte, den Rauch seiner Pfeife von sich blies und die Vermutung aussprach: »Ich meine, der Giaur hat in die blauen Augen der Huri von Scutari geschaut, und sein Herz ist getroffen worden, gleich dem Reh der Wälder. Bei Allah, die Weiber in meiner Heimat sind schön, und viele von ihnen haben den bösen Blick, der niemals den wieder verläßt, den er einmal getroffen hat. Nimmer hätte ich das Land gemieden, wenn mich nicht der Zorn übermannt hätte, daß ich den Aga Mehemet zu Tode schlug.« In Grivas' Wangen stieg verräterisch das Blut während der gemächlichen Rede des Arnauten, indem er aller Blicke auf sich gerichtet fühlte ... »Ei wohl, Khan,« sagte Stephana, »du magst recht haben, und wenn der junge Junak wirklich einer Taube begegnet ist, die sein Herz gerührt hat, ei so mag er das Recht der Otnitza üben.« Der Alte schaute sie finster von der Seite an ... »Die Otnitza hat schon Unheil genug gebracht, denn sie führte den Sohn des Geschlechts, mit dem wir in Blutrache leben, in unsere Gemeinde. Bei den Gebeinen des heiligen Märtyrers Basilius in Ostrog , ich weiß nicht einmal, ob ich recht daran tue, zuzugeben, daß dieser junge Mensch, mein Gastfreund, in den Rachen des Wolfes geht, bloß um einen Mann zu retten, dessen Blut der Familie Martinowitsch eigentlich verfallen ist und längst hätte von uns vergossen werden müssen.« – »Vater!« rief die Frau entsetzt, »was redest du da? Du sprichst von deinem Eidam, dem Gatten deines Kindes!« Der Greis starrte vor sich hin, die fixe Idee seines Familienhasses schien ihm wieder aufzusteigen und seinen Geist zu verdüstern ... »Was, Kind!« murmelte er vor sich hin. »Die Blutrache hat seit hundert Jahren zwischen dem Geschlecht der Zagartschani und der Martinowitsch Zahn um Zahn genommen, so will es das alte Gesetz, der Vater deines Mannes hat unsern Vetter zuletzt erschlagen, ohne daß sein Blut bis jetzt gerochen ist.« – »Aber es ist das Blutgeld gezahlt und der Streit ist ausgeglichen, als mich Gabriel heimlich davongeführt und Ihr auf des Popen Bitte dann Eure Einwilligung zur Heirat gabt und Gabriel zum Schwiegersohn nahmt.« – »Blut ist Blut,« sagte der Alte, »und der Schatten des Vaters hat mich manch' liebe Nacht gemahnt, wenn die Wilas draußen auf der Wiese tanzten und der Vampyr umherging mit den blutigen Augen vor der Hahnenkräh. Iwo ist alt und hat einen Eid getan, nur das Blut des Moslems noch zu vergießen, aber er hat einen Knaben, in dessen Adern das schwarze Blut der Familie rollt, und er wird die Pflicht seines Stammes nicht vergessen.« Der junge Mann, sein Sohn, der bisher geschwiegen und nur auf jedes Wort aus dem Munde des Alten gelauscht, richtete sich funkelnden Auges vom Boden empor ... »Befiehl, Vater Iwo, und Bogdan wird gehorchen, gälte es auch das Blut seines nächsten Freundes.« Er zog wie beteuernd den Yatagan an seinem Gürtel halb aus der Scheide, doch die Schwester, wild erregt von der herzlosen Blutgier, die zur Sühnung einer alten Familienfehde selbst das Leben des eigenen Verwandten bedrohen konnte, sprang wie ein Blitz auf die Flinte des Alten zu und schwang die schwere Waffe gleich einem Rohr um das Haupt. »Seid Ihr Wölfe aus dem Epirus,« zürnte sie, »oder die grausamen Tiger des toten Wüterichs von Janina des Ali Tebelen, daß Ihr das eigene Blut schlachten wollt, statt es zu retten aus Türkenhand? – Bei allen Heiligen im Himmel! wer mir an den Gatten will, der hat es zuvor mit mir zu tun, und er wird sehen, ob die Tochter der freien Berge die Waffe zu führen versteht!« Grivas war aufgesprungen ... »Gebt Euch zufrieden, Stephana, Vater und Bruder haben es so schlimm nicht gemeint, und es ist nur der alte böse Geist, der zuweilen über den tapferen Sinn des Begs kommt. Du weißt, daß keiner eiliger war, als er zur Streife, da uns die Kunde kam von deinem Gatten.« Der Alte strich sich wohlgefällig lachend den Bart ... »So gefällst du mir, Kind, ich erkenne mein Blut in dir wieder und weiß, daß das Weib seinem Manne anhangen muß. Aber spute dich jetzt, wenn die Sonne sinkt hinter die Berge, und wenn die Dämmerung naht, muß der Grieche im Kahn sein, um zeitig in Skadar zu landen.« Die Frau stellte die hölzerne Schüssel vor sich hin, und alle setzten sich um das Mahl und stillten ihren Appetit. Dann löste der junge Martinowitsch die Schildwache auf dem Felsen ab, um dem Gefährten, einem Vetter der Familie, gleichfalls sein Teil zukommen zu lassen. Währenddessen berieten die beiden Männer den gefährlichen Zug des jungen Griechen zur Befreiung seines Freundes, mit dem er vor dem Heldenkampf von Grahowo die uralte Sitte der Blutbrüderschaft eingegangen war: ein Band, das zwei Männer zu jeder Aufopferung und Hingebung verpflichtet. In Grahowo hatte der Wojwode Jakob Wujatitsch sich, nachdem sein Haus gestürmt worden, mit vierzig Getreuen noch lange in einer Felsengrotte gehalten und sich, als dieselbe unterminiert worden, auf die Zusage ehrlicher Kriegsgefangenschaft den Türken ergeben. Unter diesen vierzig Getreuen hatten sich auch Nikolas Grivas und sein Blutbruder Gabriel, der Schwiegersohn des berühmten Beg Martinowitsch – befunden. Aber die Moslems, treulos und grausam; wie in allen diesen Kriegen gegen die Montenegriner, hielten das gegebene Wort schlecht und unterwarfen die Gefangenen den furchtbarsten Leiden. An Pfähle gebunden, der Kleider größtenteils beraubt und, bei dem Mangel an Lebensmitteln im Lager, selbst oft der notdürftigsten Nahrung entbehrend, mußten sie die kalten Wintertage und Nächte zubringen. Der Brand trat bei vielen zu den Wunden und endete ihre Leiden. Der Wojwode selbst starb im März an den Folgen der erlittenen Behandlung. In einer Nacht war es jedoch vier der Gefangenen, darunter den beiden Freunden, während eines furchtbaren Unwetters gelungen zu entfliehen, und sie kamen durch das österreichische Gebiet glücklich zu den Ihren, wo ihnen jedoch nur kurze Erholung gegönnt war; denn der Kampf wütete auf allen Seiten, und sie nahmen alsbald wieder teil daran und rächten die Leiden ihrer Gefangenschaft bei dem siegreichen nächtlichen Überfall bei der Brücke Uzicki Most und bei Frutack, wo die Türken über 500 Gefangene, 400 Tote und eine große Beute mit der Kriegskasse verloren. Im Gedränge des Kampfes waren jedoch die Freunde voneinander gekommen, und Gabriel der Zagartschane, von seinem heimischen Stamm in der Katunska Nahia also zubenannt, fiel auf der eifrigen Verfolgung der Feinde, am Bein schwer verwundet, in ihre Hände und wurde von dem Heere auf dem Rückzug nach Skadar mitgeschleppt, während seine Waffengefährten glaubten, daß er im Kampfe geblieben. Grivas, dessen Suchen nach der Leiche des Freundes vergeblich gewesen, brachte die traurige Kunde seiner Frau, die während des Zuges nach Grahowo zu ihrer Familie in der Nahia Rietscha zurückgekehrt war. Nur der Ruf der bewiesenen Tapferkeit und Aufopferung schützte den jungen Griechen hier vor Schmach, da er ohne sichtbare Beweise vom Tode des Blutbruders und der für ihn geübten Rache heimgekehrt war. Dennoch sah er sich überall von mißachtenden Blicken angeschaut und kehrte bald zurück nach Cetinje, wo er im Stabe des Fürsten mit seinen auf der Militärschule zu Athen erworbenen Kenntnissen schon früher Hilfe geleistet. Plötzlich, gegen Ende des Monats Juni, rief ihn eine Botschaft der Witwe des Freundes zurück nach dem im unwirtbarsten Gebirge gelegenen Turm des alten Martinowitsch. Zu seinem freudigen Staunen vernahm er hier die Nachricht, daß ein aus Skadar wegen eines begangenen Totschlages geflüchteter Arnaut, der Familie, um sich bei ihr die Gastfreundschaft zu sichern, die Kunde gebracht hatte, daß Gabriel am Leben und unter den Gefangenen in Skadar sei. Die Familie hatte alsbald die heilige Pflicht geübt, dem Blutbruder, als dem Nächstverpflichteten, Kunde zu senden, und Grivas war sogleich bereit, das Werk der Befreiung zu wagen. Eine Streife aus den engeren Mitgliedern der Familie wurde hinab zum See von Skadar beschlossen, und man lagerte bereits seit acht Tagen auf einer der von den Montenegrinern den Türken entrissenen Inseln des prächtigen Gewässers. Von hier aus hatte der junge Grivas bereits einmal sich nach Skadar gewagt, um das Terrain zu rekognoszieren, denn offenbar konnte hier zur Befreiung des Gefangenen nur List, nicht Gewalt helfen. In der Tat war es ihm auch durch die Andeutungen, die der Arnaut und Beg ihm gegeben, gelungen, sich über das Gefängnis des Freundes zu orientieren, und glücklich kehrte er wieder zu den Genossen zurück, um mit ihrer Hilfe die Befreiung selbst zu versuchen. Nachdem das Mahl eingenommen, waren die Vorbereitungen zur Abfahrt des verwegenen Abenteurers, der auch diesmal die Fahrt allein unternehmen sollte, bald getroffen. Unter dem hemdartigen Rock, der »Fustanelle«, trug er einen langen, mit Knoten und Haken versehenen Strick um den Leib, eine Feile und ein scharfes Messer in die Gamaschen der Füße eingeknüpft, im Gürtel die gewöhnlichen Waffen der Albanesen. Während der einäugige Greis mit dem Moslem hinunterging zum Ufer, den schmalen Kahn vom Seegelboot zu lösen, in dem die Gesellschaft gekommen war, trat Stephana zu dem jungen Mann ... »Der heilige Johannes schütze und segne deine Fahrt und dein Unternehmen, Nikolas Grivas,« sagte sie feierlich. »Gern möchte ich an deiner Seite stehen, und wahrlich, ich wollte dir kein schlechter Beistand sein im Augenblicke der Gefahr, aber ich fühle, meine Gegenwart könnte alles verderben. Doch hilft List und Mut oft nicht allein, wirksamer als Kugel und Stahl ist das gelbe Metall. Hier, Freund meines Gatten, nimm, was mein davon ist. Ohne den Teuren nützt mir der Schmuck nichts; gewinne ich ihn wieder, so ist er mein bester Schmuck. Nimm!« Sie drang ihm eine jener Schnüre von zusammengereihten kleinen Goldmünzen auf, welche die slavischen Frauen so häufig zum Schmuck des Hauptes benutzen und in die Haare flechten. Grivas fühlte die Wichtigkeit der Gabe für seinen Zweck und nahm sie dankend. »Noch eines, frage ich dich,« fuhr Stephana fort und legte freundlich die Hand auf seine Schulter. »Vertraue mir, der Frau, was dich sichtlich drückt, seit du von Skadar zurückgekehrt bist. Hast du etwas Schlimmes von Gabriel, meinem Gatten, erfahren, oder ist die Vermutung des Khan wahr und hat die Liebe dein Herz getroffen?« Der junge Mann bedeckte die Augen mit der Hand. »Liebe, Stephana? ich weiß es nicht, aber wenn es die Liebe ist, so muß sie etwas schreckliches sein. O, daß ich dir diese Augen beschreiben könnte, die ich nur ein einzig Mal geschaut und die sich nun für ewig glühend in mein Gehirn gebohrt haben, daß ich nicht mehr fühlen und denken kann. Kennst du die grauenvolle Sage deiner Heimat vom Vampyr, Frau, der im Mondlicht bleich umherstreift und sich an die Herzen der Lebenden saugt, jeden Blutstropfen unersättlich verschlingend? So saugt allnächtlich dieses Bild mit den glühenden Augen an meinem Herzen. Stephana – ich liebe – einen Vampyr!« Die junge Frau schlug das Kreuz. »Um der Heiligen willen. Mann, fasse dich – du redest ruchlosen Wahnwitz!« – »Wahnwitzig möcht' ich werden, und der Wahnwitz hätte mich gen Skadar getrieben, auch wenn die Pflicht gegen den Freund mich nicht dahin geführt!« Der Ruf des Alten ertönte vom Ufer herauf – der Nachen war bereit, die Sonne im Untergehen. »Bete für mich – bete für meine arme Seele! Nur der Himmel kann retten, die dem Unterirdischen verfallen sind!« Wenige Worte noch mit den Gefährten, und die kräftigen Ruderschläge entfernten ihn vom Ufer. Es war Mitternacht, im Silberglanz des Mondes, als Nikolas Grivas eine halbe Stunde entfernt von den Wällen von Scutari, östlich vom Hafen der Festung, unter wildem Felsgestein und Gebüsch nach angestrengtem Rudern landete und den Nachen, so gut es die Gelegenheit bot, dort verbarg. Dann ging er eine Strecke landein, suchte sich einen vor den verratenden Mondstrahlen geschützten Platz, und legte sich nieder zum Schlaf. Mit Sonnenaufgang war er munter, nahte sich vorsichtig der Stadt und schlenderte dann mit den zahlreichen Gruppen der albanesischen Landleute und Arbeiter sorglos durch das geöffnete Tor. In einem der türkischen Kaffeehäuser in der Nähe der Befestigungen des Hafens, in denen, wie er von Hassan wußte, Andreas gefangen saß, nahm er sein Morgenbrot und verweilte, bis ein regeres Leben die Straßen belebte. In dem Han des Maltesers Girolamo, nahe am Bazar gelegen, wo die Müßiggänger der Festung, die Fremden und die Offiziere der Besatzung zu verkehren pflegten, gegenüber dem Aufgang zur Zitadelle, in deren Ringmauern sich die Gebäude des Paschalik befanden, nahm Nikolas Platz; aber statt mit einem oder dem andern ein Gespräch anzuknüpfen, schaute er unverwandt nach dem Tore, an dem die Wachen müßig lehnten. Zwei Stunden mochte er gesessen haben, als zwei Frauen in türkischer Kleidung die Festung verließen, die Gestalt in den verhüllenden Feredschi verborgen, während das Haupt unter dem Yaschmak verschwand. An der grünen Farbe des Mantels war leicht zu erkennen, daß die eine die Herrin, die andere Sklavin war. Die Gestalt der ersteren erschien, trotz der verhüllenden Kleidung, groß und stolz und hatte nicht den durch die doppelten Pantoffeln gewöhnlich hervorgebrachten schleppenden und unsichern Gang, trug statt ihrer unter den weiten, türkischen Beinkleidern rote, mit Gold gestickte Stiefel, und jede ihrer Bewegungen zeigte eine bei den Orientalen ungewohnte Rastlosigkeit und Energie. Die beiden Frauen gingen allein, aber deshalb nicht unbegleitet. Ein seltsamer und schauerlicher Gefährte bewachte jeden ihrer Schritte, – ein gezähmter Wolf, der, gleich einem Hunde, die rote, lechzende Zunge aus dem Rachen hängend, neben ihnen her trottete. – Die Erscheinung war zu auffallend, um unbemerkt vorüber zu gehen. Der Grieche konnte bald wahrnehmen, wie die Besucher des Kaffeehauses sich von ihr unterhielten, und hörte mehrmals den Namen Fatinitza aussprechen. Er hatte sich vom Sitz erhoben, als er die beiden Frauen bemerkt, und stand dicht an der Straße, die sie vorüberführte. Schon von weitem hatte ihn in dieser Stellung der Blick der Türkin getroffen, der mit einem seltsamen Ausdruck auf ihm haften blieb, starr und ruhig, doch lag eine wahrhaft unheimliche Glut im Hintergrunde dieses schwarzen Auges, das sich förmlich an ihm festzusaugen schien, aber nicht ohne einen Ausdruck wilder Freude, denn man sah durch die Öffnung des Schleiers den sichtbaren schmalen Teil des bleichen Gesichts lebhaft erröten, und ihre Hand ließ unwillkürlich den Zipfel des Mantels fahren, der zurückfallend eine der Tracht der Mirditen ähnliche Kleidung zeigte, in deren Gürtel ein leichter Handjar und eine zierliche Pistole von französischer Arbeit steckten. Der Mantel verhüllte sie im Augenblick wieder, und nur ein leises Neigen des Kopfes, als sie dicht an ihm vorüberging, zeigte dem nach orientalischer Sitte stumm und ehrerbietig grüßenden jungen Manne, daß er wiedererkannt sei. Starr und lange schaute er nach, als die beiden Frauen im Zugang des Bazars verschwanden, ohne daß er zu folgen wagte. »Bei Allah!« sagte eine Stimme hinter ihm, »du bist ein kühner Christ, daß du dich unterfängst, der Wölfin von Skadar so keck in die Augen zu schauen. Nur wenige der Moslems wagen, die Tochter Selims zu begrüßen.« – Als Grivas sich umschaute, sah er einen greisen türkischen Kaufmann in ärmlicher Kleidung vor sich, der ihm jedoch bekannt schien, denn er begrüßte ihn alsbald und lud ihn ein, neben ihm Platz zu nehmen. – »Kennst du die Frau, Ali Martinowitsch,« redete er ihn an, »so sage mir, wer sie ist.« – Der Alte schüttelte den Kopf ... – »Laß dich warnen, Jupane,« entgegnete er, »daß du nicht in die Klauen dieser Wölfin fällst. Es ist Fatinitza, die einzige Tochter des Selim-Pascha, der in Skadar gebietet, von einer Mirditin ihm geboren und der Apfel seines Auges. Aber ihr leibhafter Vater ist der Scheitan , denn sie liebt das Blut, gleich der Wölfin, die sie selbst in den Schluchten des Sutorman aus dem Nest geholt und gezähmt hat. Schon viele der jungen Männer, schön und kühn wie du, haben ihr Ende gefunden durch diese Frau, und niemand weiß, wo ihre Gebeine bleichen. Es sollte mir leid tun um dich, der mir das Zeichen des Begs, meines Blutsfreundes, gebracht hat.« In der Tat gehörte der Moslem zu dem Stamm der alten Czernagorzen. Als Stanischa, der Sohn Iwos des Schwarzen, nach der abenteuerlichen Vermählung mit der Tochter des Dogen von Venedig und seiner Rache an dem schönen Wojwoden Djuro zu den Moslems floh und zum Islam übertrat, waren ihm viele Tapfere seiner Heimat gefolgt. Obschon seitdem eine bittere Feindschaft zwischen den Nachkommen der Abtrünnigen und den christlichen Czernagorzen herrschte, hätte doch keiner aus der Familie Buschatli – diesen Namen führen die Nachkommen Stanischas in Skadar, wo dieser von den Moslems als Pascha eingesetzt worden – einen der alten Blutsfreunde des Hochgebirgs an einen Türken verraten. So besaß der Beg in dem alten Kaufmann einen Stammverwandten, und häufig schon hatten beide in den gegenseitigen Kriegen sich Dienste erwiesen. An ihn hatte der Alte schon bei der ersten Fahrt nach Skadar den jungen Griechen gewiesen, und der Kaufmann hatte ihm versprochen, auf Grund der Mitteilungen Hassans weitere Nachforschungen und Vorbereitungen zu treffen. Nikolas Grivas gedachte der ihm obliegenden Pflichten und ermannte sich aus seinem Brüten ... – »Fürchte nichts,« sagte er zu dem Alten, »dieses Auge macht nur einen betäubenden Eindruck auf mich, gerade wie das erstemal, als ich es, umherstreifend in der Vorstadt der Gärten, im Schatten der Kastanienbäume auf mich gerichtet sah und ihm unwillkürlich folgen mußte, bis die Tore Kastells mir den Weg versperrten. Ich bin ein Mann hier, den Blutbruder zu retten. Hast du erforscht, was ich dir aufgetragen und wie eine Botschaft zu dem Freund gelangen kann?« – Der alte Mann bejahte, forderte aber den Griechen auf, ihm nach seinem Hause zu folgen, da hier ihr Gespräch leicht belauscht werden könne. Nikolas schien sich zwar nur ungern von dem Platze zu trennen und die Rückkehr der Frauen aus dem Bazar abwarten zu wollen; Ali aber, der den scharfen Blick der Türkin scheute und nicht im Gespräch mit dem von ihr bemerkten Fremdling betroffen sein mochte, drang auf ihre Entfernung, und so folgte ihm der junge Mann durch die engen Straßen bis zu einem kleinen Häuschen, wo die Familie des Alten wohnte. Hier teilte derselbe ihm mit, daß ihre ersten Nachrichten richtig und der gefangene Czernagorze in einem Kerker des alten Turmes eingeschlossen sei, der als vorspringendes Werk der Zitadelle seine dicken Mauern in die Wasser des Sees tauchte. Gabriel war von seinen Wunden zwar gänzlich wiederhergestellt, wurde aber streng bewacht und litt Entbehrungen aller Art. Das hatte Ali von einem Fron erfahren, den er als der Bestechung offenbar zugänglich schilderte. Seine eigene Armut hatte ihm jedoch nicht gestattet, diese zu versuchen, und er stellte nun Grivas das weitere anheim. Mit Dank erkannte jetzt dieser den Wert der Gabe Stephanas, und indem er sie dem ehrlichen Gastfreund einhändigte, bat er ihn, sein Heil alsbald damit bei dem Fron zu versuchen. Der Alte verließ ihn, indem er ihm aufs dringlichste anbefahl, nicht aus dem Hause zu gehen und durch sein Umherstreifen keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. – Nach zwei Stunden kam er wieder. Er hatte den Mann gefunden, der bereit war, für die Schnur Goldmünzen dem Gefangenen zur Flucht zu helfen. Doch gab es nur eine Weise, diese auszuführen, da die Ausgänge der Zitadelle selbst stets von Wachen besetzt und gefährlich zu passieren waren. Der Kerker des Czernagorzen lag im dritten Stockwerke des Turmes, das Fenster war deshalb nur leicht vergittert und der Mann hatte es übernommen, dem Gefangenen Feile und Strick zu bringen, um sich mit deren Hilfe durch die nach dem See zu schauende Fensteröffnung zu retten. Nikolas sollte mit einem Kahn sich um die zwölfte Stunde der Nacht in der Nähe des Turmes halten und den Flüchtling aufnehmen. Die ganze Nacht blieb ihnen dann, sich in Sicherheit zu bringen. Der Alte trug Strick und Feile, die Grivas bei sich trug, gleich diesem um die Hüften und im Leder der Gamaschen versteckt, zu dem Helfer, der die Hälfte der versprochenen Belohnung im voraus empfangen hatte und den Rest erhalten sollte, wenn die Flucht geglückt war. – Es war gegen Abend, als Nikolas Grivas von dem Gastfreund Abschied nahm, um die Stadt vor dem Schluß der Tore zu verlassen. Mit den besten Segenswünschen entließ ihn der Moslem, der jedoch nicht wagte, in seiner Begleitung sich weiter sehen zu lassen. Der Grieche wandte sich zum Tor; aber unwillkürlich zog es ihn noch einmal in die Nähe der Unheimlichen, die so eigentümlichen Einfluß auf ihn zu üben begann. Er ging nach Girolamos Kahn und setzte sich wiederum dort nieder, nach den Mauern starrend, die die seltsame Erscheinung bargen, die man »die Wölfin von Skadar« nannte. Plötzlich entstand ein Lärmen in seiner Nähe. Ein Tschokadar war in Streit mit einem Albanesen geraten; im nächsten Augenblick blitzten, wie das bei solchen Szenen gewöhnlich ist, die Handjars, und ehe Nikolas den Platz verlassen konnte, sah er sich mitten in den Knäuel gerissen und in den Streit verwickelt. Tschandis sprangen herbei, und nach kurzem Gezänk ward er ergriffen und mit zwei anderen der Gäste zum Tore der Zitadelle geschleppt, wo ihnen die Hände gefesselt wurden. In Begleitung ihres Anklägers, des Tschokadars, wurden sie alsbald vor den Pascha geführt. – Durch den Hof, der die Zennah von den öffentlichen Gebäuden trennte, gelangten die Gefangenen über mehrere Stufen in die Halle, wo Selim-Bey, der Pascha von Albanien, saß. Die Halle selbst bot ein seltsames Gemisch orientalisch-üppiger Ausstattung mit dem rohen Mangel des Kriegerlebens, da der Bey ein tapferer Soldat war und sich bereits in seiner Jugend in dem Kriege gegen die Kurden ausgezeichnet hatte. Die seidenen Kissen des Diwans wechselten als Sitze mit gegerbten Wolf- und Bärenhäuten oder den einfachen Korbgeflechten ab. Zwischen den zahlreichen Dienern und Müßiggängern aller Art strichen Soldaten umher, oder saßen rauhe Krieger der umwohnenden arnautischen Stämme, mit denen der Pascha einen regen Verkehr unterhielt. Es war die Stunde des Abendgebets, und der Muezzin hatte vom Minarett herab den Ezan eben ertönen lassen. Alle Moslems verrichteten andächtig ihr Gebet, während die Christen gleichgültig zusahen und kaum ihr Gespräch unterbrachen. – In diesem Augenblicke öffnete sich im Hintergrunde der Halle neben dem Sitze des Beys eine Tür, und die verhüllte Gestalt einer Frau, von dem zahmen Wolfe begleitet, trat ein und setzte sich auf ein Kissen hinter dem Pascha. Nikolas erkannte sofort Fatinitza. Obschon es im Orient etwas Ungewöhnliches ist, daß sich Frauen in die Beratungen und Gesellschaft der Männer drangen, schien die Gegenwart des jungen Mädchens hier doch nicht aufzufallen. In der Tat war man gewöhnt, sie bei jeder Gelegenheit – selbst unter den Mühseligkeiten der Feldzüge und im wüsten Treiben des Lagers – an der Seite ihres Vaters zu sehen; ihr unbezwinglicher Eigenwille, der dämonische Charakter, der ihr innewohnte und aus dem dunklen Auge hervorbrach, regierten das Haus ihres Vaters und hatten längst jeden Zwang abgestreift. – Zu den Füßen Fatinitzas legte sich der Wolf und leckte mit seiner glühenden Zunge ihre Hand. Eine seltsame bedrückende Stimmung schien sich mit ihrer Anwesenheit über die ganze Versammlung verbreitet zu haben ... – Der Pascha rief die Wachen zurück, die die drei Verhafteten wieder fortführen wollten, und wendete sich zu dem Griechen. »Du hast es eilig, junger Mann, meine Gerechtigkeit anzurufen,« sagte er ernst. »Wer bist du?« Der Grieche wollte mit seinem Namen antworten, als er den Finger des Mädchens erhoben und auf die Stelle gelegt sah, wo der Schleier ihre Lippen bedeckte. – Er verstand das Zeichen und sagte daher, ohne seinen Namen zu nennen, daß er ein griechischer Untertan und auf einer Reise gen Ragusa nach Scutari gekommen und hier verhaftet worden sei, ohne zu wissen, warum. – »Wo ist der Kläger?« fragte der Pascha, »und wessen sind diese drei Männer beschuldigt?« – Der Tschokadar trat vor und verbeugte sich vor seinem Herrn ... »Hoheit,« sagte er unterwürfig, »dein Knecht war in dem Kaffeehause des italienischen Wirts vor den Toren deines Hauses, als ich plötzlich eine Hand in der Tasche meiner Jacke fühlte und, danach fassend, gewahrte, daß mir ein Beutel mit fünfzig Piastern entwendet worden. Dieser albanesische Dieb stand dicht bei mir, und kein anderer konnte es getan haben. Ich ergriff den Mann und sagte, ich wolle die Gräber seiner Väter verunreinigen, wenn er mir mein Geld nicht zurückgeben würde, er aber zog seinen Handjar und bedrohte mich.« – » Bak alum! « bemerkte der Bey, sich den Bart streichend. »Habt Ihr das Geld bei dem Manne gefunden?« – » Allah bila versin !« rief der Ankläger, verächtlich den Zipfel seiner Jacke schüttelnd. »Das sind Leute, Hoheit, welche die ganze Welt in dem Winkel ihres Auges tragen! Er ist kein Esel, Hoheit, wenn auch sein Vater und seine Mutter solche waren. Ich habe deutlich gesehen, wie er den Beutel seinen beiden Helfershelfern dort zugesteckt hat.« – » Haif , haif! Was sagt ihr dazu?« – Der erste der Angeschuldigten, ein Albanese aus dem Küstenlande, spuckte verächtlich aus ... – »Er ist der Sohn einer Hündin und lügt wie ein Hund! Ich habe diese Männer nie gesehen, und die Hand soll verdorren, die ich nach dem Eigentum eines Rechtgläubigen ausstrecke.« – Der Zweite war ein Grieche aus der Stadt selbst. Er berief sich auf seine Bekanntschaft mit vielen der Anwesenden und meinte, der Tschokadar müsse sich in der Person geirrt haben, als er ihn beschuldigte. Er bot Bürgschaft an und bat, daß man ihn untersuchen möge. Der Pascha wandte sein Auge auf Grivas ... »Und du? Was für Kot wirst du uns zu essen geben?« – »Der Mann hat sich versehen, oder er ist ein Narr,« antwortete der Grieche kühn. »Ich verlange, Hoheit, daß du ihn bestrafst für seine Frechheit, unschuldige Leute anzuklagen.« – » Allah bilir! « du redest hohe Worte; aber ein Pascha ist kein Esel, der sich von jedem hergelaufenen Dschiaur betrügen läßt. Untersucht seine Kleidung und seht zu, ob ihr den Beutel bei ihm findet.« Die Khawassen fielen über den jungen Mann her, der im Gefühl seiner Unschuld sich willig der Untersuchung darbot. Zu seinem großen Staunen und Schreck jedoch brachte der Tschokadar selbst, der bei dem Durchsuchen sehr diensteifrig half, den Beutel alsbald aus den Falten seines Gürtels zum Vorschein und hielt den Fund mit lautem Geschrei in die Höhe, während die Türken ringsum in den Lieblingsruf: Allah kerihm ausbrachen. – »Was sprichst du nun, Sohn einer ungläubigen Hündin?« zürnte der Pascha. »Bringt ihn hinaus in den Hof und gebt ihm fünfzig Stockstreiche zur Strafe für seine Frechheit!« Der Grieche war anfangs sprachlos gewesen über den so unerwarteten Beweis, der sich gegen ihn gefunden. Dann, als er das rasche und schmachvolle Urteil vernahm, kehrte seine Besonnenheit zurück, und er verteidigte sich mit aller Lebhaftigkeit seiner Nation gegen den Verdacht, indem er anführte, es müsse ihm im Gedränge des Streites der ihm unbekannte Dieb den Beutel heimlich eingesteckt haben, wenn nicht der Ankläger selbst etwa aus Bosheit dies bei der Durchsuchung getan habe. Ein eigentümlich spöttischer Strahl in dem Auge Fatinitzas, den er während seiner letzten Worte auffing, bestärkte seinen letztern Verdacht. – Als daher der Pascha, ohne auf seine Widerrede viel zu achten, nochmals das Zeichen zu seiner Fortführung gab, wehrte er die Khawassen mit Gewalt zurück, sprang auf den Pascha und rief: »So wahr du ein Krieger bist, Selim-Bey, halte ein und untersuche die Wahrheit, oder laß mich lieber töten, als diese Schmach erdulden. Ich bin ...« Wiederum, mit Blitzesschnelle, sah er das Türkenmädchen das frühere Zeichen wiederholen. Zugleich neigte sie sich zu dem Ohre ihres Vaters und flüsterte ihm einige Worte zu. Der alte Selim neigte zustimmend das Haupt. » Awet der !« sprach er, »aber ihr Rat ist gut. Kannst du einen Bürgen stellen in dieser Stadt, der dich kennt, Christ?« – Grivas dachte an den alten Hauptmann, aber zugleich fiel ihm ein, daß er durch dessen Nennung leicht ein weiteres Nachforschen und eine Entdeckung herbeiführen könnte, die den alten Mann in Ungelegenheit und Gefahr bringen mußte. Er verneinte. – Der Türkin schien dies unerwartet zu kommen. Wieder wandte sie sich zu dem Pascha und flüsterte ihm ins Ohr. Der Bey nickte ... »Es kann etwas wahres unter dem Unrat sein, den du sprichst, Grieche,« sagte er dann. »Wir wollen die Sache morgen weiter untersuchen. Bis dahin, da du keinen Bürgen stellen kannst, mußt du im Gefängnis bleiben. Geht! – Diesen beiden unreinen Tieren aber,« er deutete auf die zwei anderen Gefangenen, »gebt eine Tracht Schläge, weil sie uns nach dem Gebet belästigt haben, und werft sie vor das Tor. Fort!« – Eine entschiedene Handbewegung ließ die Wachen sich schnell der Gefangenen bemächtigen, und vergeblich war alles Protestieren des Griechen; er wurde mit den anderen hinausgezerrt. Nur als er am Eingang noch einmal den Blick zurückwandte, sah er Fatinitza zum dritten Male wie beruhigend das Zeichen machen. Während die Wachen ihn über den Hof führten, kam der Tschokadar, sein Ankläger, ihnen nach und änderte mit einem überbrachten Befehl ihre Richtung. Ihr Weg wandte sich nun in die Gebäude längs des Sees, und durch einen gewölbten Gang wurde der Gefangene in eine ziemlich geräumige Zelle gebracht, deren stark vergittertes Fenster auf die Gewässer sah. Durch dasselbe erblickte Grivas auch rechts zur Seite den in die Fluten vorspringenden Turm, auf dessen Höhe das Gefängnis des Freundes war, zu dessen Rettung er hierher gekommen. Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich seiner Seele, als er bedachte, wie sein Unstern, oder diesmal vielmehr die eigene Schuld ihn nötigte, den Blutbruder aufs neue ohne Hilfe in der Todesgefahr zu lassen und nichts für seine Rettung tun zu können. Vergeblich krampfte er die eisernen Stäbe der Fensteröffnung, – das feste Metall aus den riesig dicken Mauern zu reißen, hätte es der Kraft eines Giganten bedurft; selbst wenn er die Feile noch besessen, die er dem Freunde gesandt, hätte die Arbeit einer Nacht nicht hingereicht, die dicken Stäbe zu durchbrechen. Verzweifelnd warf er sich auf das Holzgestell, das an einer Wand zum Lager diente und brütete über seinem Schmerz, während draußen die Nacht immer tiefer und dunkler über See und Berge sank. So mochte er stundenlang gelegen haben, als er aus seinem Schmerz durch einen Lichtstrahl geweckt ward, der an der gegenüberliegenden Wand seines Kerkers sich brach. Erstaunt richtete er sich empor und bemerkte, daß der Strahl aus einer kleinen, etwa handbreiten Öffnung in der Wand über seinem Lager kam. Zugleich fühlte er seine Sinne befangen durch einen warmen wohlriechenden Duft, der durch jene Öffnung zu quellen schien und seinen Kerker erfüllte. Er stieg auf die Holzwand, sein Auge reichte gerade an die fensterartige, mit einem feinen Drahtgitter verschlossene Öffnung, und seine Blicke umfaßten trunken und verzehrend das ungeahnte Schauspiel, das sich ihnen bot ... Der Raum, den sie überflogen, bildete ein mit Marmorfließen ausgelegtes Badezimmer. In der Mitte des Fußbodens war ein kleines Bassin mit warmen, wohlriechenden Wässern gefüllt, dem die Aphrodite dieses Ortes eben entstiegen zu sein schien. In einer Nische auf einem Marmorbett, von seinen linnenen Tüchern halb verhüllt, in dieser Verhüllung tausend Reize verratend und erweckend, lag die Herrin der Gemächer, Fatinitza, die Wölfin von Skadar, bedient von fast ganz entkleideten schwarzen Mädchen, die ihre Glieder salbten und rieben und auf Haupt und Busen den Strahl des warmen weichen Wassers sich ergießen ließen, während andere das üppige, rabenschwarze Haar kämmten und trockneten, oder mit weichem wollenen Gewebe Brust und Arme frottierten. Das Haupt zurückgebeugt, den Mund über den glänzend weißen Zähnen halb geschlossen, die dunklen dämonischen Augen nur in jener schmalen Spalte geöffnet, aus der Verlangen und Sehnsucht zu lauschen pflegt, lag das Mädchen in den Händen ihrer Frauen. Zum zweiten Male sah der Jüngling unverhüllt ihr Antlitz, das einen so gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Das Oval desselben war in jenem vorspringenden Bogen gewölbt, welcher dem Antlitz etwas Adler- oder Geierartiges zu geben pflegt. Dennoch war jeder ihrer Züge einzeln zart und rein. Unter der fast schnabelförmig gebogenen Nase mit den weitaufgeschlagenen Nüstern, den Zeichen ungezähmter Leidenschaft, öffnete sich ein überaus zierlich und willenskräftig geschwungener Mund. Tief gesenkte starke Brauen, wie bei dem Wolf und Fuchs, senkten sich von den Schläfen zur Nasenwurzel, und so seltsam und unheimlich der Ausdruck dieses Kopfes an sich war, so lag doch ein eigentümlich fesselnder Zauber in ihm, eine medusengleich erstarrende und zugleich entflammende Gewalt. Üppig schlanke Glieder von jener matten, bräunlich weißen Porzellanfarbe, die manchen Brünetten, namentlich den Maurinnen, eigen ist, trugen diesen Kopf, und die hundert Wendungen und Bewegungen, welche die Sklavinnen im üppigen Spiel diesem wollustatmenden Körper gaben, enthüllten mit jedem Augenblick neue Reize vor den gefesselten Augen des Jünglings. Seine Schläfen glühten, seine Pulse klopften in wildem Schlage, und gährend in der unsäglichen, ungestillten Brausekraft der frischen Jugend tobte das Blut durch seine schwellenden Adern. Der Odem in seiner Brust schien zu stocken, das eigene Leben still zu stehen und sich in den Augen allein konzentriert zu haben. So stand und starrte er lange, er merkte es kaum, daß das lockende Bild sich änderte und verschwand, das Dunkel wieder die Geburtsstätte so verzehrenden Reizes verhüllte; nur die hohe, unbeschreiblich herrliche Gestalt, der halb aufgeschlagene Blick, der, als die Herrin unter dem den Ausgang verhüllenden Teppich verschwand, verlangend, fragend, verheißend die Stelle streifte, an der sein trunkenes Auge ruhte, blieb in seinem Gedächtnis. Erst als an der Pforte seines Kerkers ein Schlüssel rasselte, als der helle Strahl einer Blendlaterne durch die geöffnete Tür fiel, erwachte er aus diesen Träumen und sah ein Mohrenmädchen vor sich stehen, das ehrerbietig grüßte und ihm zu folgen winkte ... »Wohin?« ... Die Schwarze schüttelte das Haupt und legte die Finger auf ihre Lippen – Nikolas erbebte bei dem Zeichen ... »Nicht von der Stelle gehe ich, bis ich weiß, wohin du mich führst!« Das Mädchen bemühte sich, zu sprechen, – ein stammelnder, unheimlicher Laut zeigte ihm, daß sie stumm sei. Aber ihre Gebärden sprachen lebendig, wie sie auf das Herz deutete, weit, wie empfangend die Arme öffnete und dann die Hände flehend und bittend ihm entgegenfaltete ... Ihm dunkelte und glühte es ahnend vor den Augen und Sinnen, das Blut wollte seine Kehle ersticken – halb bewußtlos winkte er »Voran!« und mit leisen, kaum hörbaren Tritten schlich das Paar durch die Gänge der Feste. Ein Schnauben und Sträuben erhob sich, wo sie stehen blieben, im Schein der Lampe sah der Grieche den Wolf quer vor der Tür gelagert, ihn mit seinen roten Feueraugen unheimlich anstarrend. Die Sklavin zog ihn beiseite und öffnete die Tür ... »Da hinein!« winkte ihr Finger. Der junge Mann betrat halb taumelnd das Gemach – hinter ihm schloß sich die Pforte. Um ihn her war halbe Dämmerung. Er sah sich in einem orientalisch ausgestatteten Gemach von halb ovaler Rundung, dessen hohe, halb geöffnete Jalousien hinaus nach dem See zu gehen schienen, denn er hörte die Wellen rauschen. An den Wänden hingen Waffen im bunten Gemisch, zur Jagd, wie zum Kriege. Durch den halb erhobenen Teppich eines breiten Bogens in der Seitenwand strömte das matte Licht, welches das Vorgemach erhellte. Er stand still, faßte mit beiden Händen nach dem klopfenden Herzen – wagte kaum zu atmen – und deutlich durch die geheimnisvolle, duftschwangere Stille klang ihm das Plätschern der Wellen ... »Komm!« – Mit einem Sprunge, wie der entfesselte Tiger nach seiner Beute, war er auf den leisen Ruf am Zugange des Gemaches und schlug den Teppich zurück ... Da lag es vor ihm, weiß und üppig in seinen roten Draperien, über die das Milchglas einer Ampel an silbernen Ketten ein weiches milderndes Licht goß, während das wohlriechende Öl ihrer Flamme das Gemach mit wollüstigen Düften durchzog. Auf einem Tische in Rosenholz zur Seite glänzten und blitzten in silbernen und goldenen Schalen cyprischer Wein, duftende Leckereien von Chios, herrliche Früchte des Orients ... »Komm!« ... Vor ihm, vor seinen Augen auf einem breiten Diwan von weichen Wolfsfellen überdeckt, lag eine Gestalt, in die langen Falten eines großen Feredschi von der weißen zarten Wolle der Tibetziege gehüllt, das Haupt auf den sich aus der Decke hervorstehlenden Arm gestützt, die unwiderstehlichen Augen auf ihn gerichtet ... Er stürzte zu ihren Füßen ... »Sieh mich an, Licht meiner Augen, o du meine Seele!« bat in tiefen Gutturaltönen die Stimme der Türkin. Der Jüngling begrub sein Gesicht in die weichen Falten des Mantels, seine Lippen glühten auf den Wellenlinien dieser Formen. Durch sein weiches lockiges Haar spielte die Hand des Türkenmädchens, kosend, verführend. Ihre Augen bohrten sich in die seinen, als sie sein Haupt zurückbog, – sein Gehirn schien zu brennen unter diesen verzehrenden, aussaugenden Strahlen ... »Böser Christ, warum hast du Fatinitza so lange harren lassen? Hat das Heben ihres Schleiers dir nicht damals schon verkündet, als sie dir zuerst begegnete im Haine der Gärten, daß sie dein war vom ersten Augenblick? – Mußte ich dich erst fesseln und führen lassen vor das Antlitz des Bey, meines Vaters, und dich werfen in den Kerker, um dich in süße Liebesarme zu holen? Uriel, der Engel der Finsternis, schwebte über der Wölfin von Skadar, so lange ihr Junges fern blieb von der lieben Brust.« Ein Strom von Feuer brannte in ihrem Kuß auf seinen Lippen, er breitete die Arme aus nach dem süßen, dämonischen Weibe – – Da klang es in dem Nebengemach hell und scharf, – eine französische Uhr, ein Geschenk ihres Vaters, schlug die Stunde vor Mitternacht, und wie ein eisiger Strahl fuhr die Mahnung durch die Seele des Jünglings ... »Habe Erbarmen mit mir! Bei dem Kreuz des Herrn, laß mich heute frei!« – »Was kümmert mich dein trügerisch Zeichen!« lockte wiederum die sonore, schmeichelnde Stimme; »was kümmert uns dein Gott! Hat nicht der Engel der Nacht eben die süße Stunde des geheimnisvollen Lebens der Geister verkündet, wo sich sonst die Getrennten zusammenfinden? Warum denn stößt du mich von dir, o Christ? warum willst du nicht trinken Lippe auf Lippe, Liebe in Liebe, was Fatinitza dir bietet?« Er hatte das Antlitz verhüllt, vor seinem Geiste stand noch einmal das bleiche Bild des Blutbruders, hangend zwischen Himmel und Erde in seiner Todesnot, oder kämpfend mit den dunklen Wässern des Sees ... »Weib, ich liebe dich, ich vergehe in dir! Aber, bei der Barmherzigkeit deines eigenen Himmels, laß mich fort in dieser Stunde und mein Leben soll dir gehören. Ich muß, ich muß!« – »Komm!« – Er warf sich vor ihr nieder auf die Knie... »Hilf du mir selbst aus diesem Zauber, der mich umstrickt! Löse du selbst mich aus diesen Banden, die meine Sinne hier gefesselt halten! Gib mir das Mittel, hinaus zu gelangen aus diesen Mauern und dann – Er ruft – er ruft!« Wie ein lang gezogener, schneidender Ton schien aus weiter Ferne ein pfeifender Laut hereinzudringen durch die Öffnung der Jalousien... Die Augen schließend, riß er sich los aus den umstrickenden Armen, und empor, dem Ausgange zustürzend, der hinausführte auf den schmalen Gitterbalkon, hängend über den Tiefen des Sees. Mit einem Sprunge, wie die Löwin, der man ihr Junges raubt, war die Miriditin empor und warf sich ihm entgegen quer vor den Ausgang, die Hände zu ihm emporgestreckt, das glühende Auge wild auf das seine gebannt. Weit hin war die verhüllende Decke geschleudert – wie sie dem Bade entstiegen – in allem Geheimnis des himmlischen Leibes stand sie vor ihm... Seine Sinne dunkelten – das Gedächtnis – jede Erinnerung der Männerbrust schwand – nur seine Augen lebten noch – Und der starre, dämonische Strahl der ihren schien sich aufzulösen in weiche, schmelzende Akkorde, der drohende Tigerblick wurde zum sanften, schmachtenden, lockenden Frauenauge, und wiederum zischte es sehnsüchtig, betäubend durch die roten Lippen: »Komm! komm!« Da beugte er sich nieder und hob die reizende Gestalt des Weibes empor wie leichten Flaum und drückte sie an die keuchende Brust und trug sie auf seinen Armen zurück zum weichen, üppigen Lager... Ihre Hände umschlangen ihn, fest, unauflöslich, wie für Leben und Ewigkeit, und zogen ihn nieder. – – Über den Wellen des Skadarsees strich klagend der Windeshauch aus den Schluchten des Sutorman – am Turme von Skadar zwischen Himmel und Wässern stieg an den Knoten des schwankenden Seiles ein bleicher Mann herab und lauschte durch die Nacht nach dem Hilfe verkündenden Zeichen des Freundes! Drittes Kapitel. Die Wölfin von Skadar. Das leichte Geräusch brechenden Holzes störte die Stille der Nacht – aber nicht die schweren Atemzüge der Schlummernden ... Dann wieder alles lauschende Stille ... Sein Haupt ruhte an ihrer schwellenden Brust. Der halb geöffnete Mund des schlafenden Weibes mit den spitzen weißen Zähnen schien noch Triumph zu atmen über den errungenen Sieg. Zwischen den Brauen in der scharf geschnittenen Falte lag die ganze Leidenschaft ihrer Seele. – – Ein Schatten glitt unter dem Teppich hervor – wiederum eine lange Pause – dann legte sich eine kalte Hand auf die glühende Stirn des Griechen ... Eine unwillige Bewegung der Störung – die Lippen murmelten den Namen »Fatinitza«, dann schlief er weiter ... Eine zweite Berührung erweckte ihn. Träumerisch schlug er die Augen empor in jener schwelgenden Ermattung des Genusses ... Vor ihm stand Gabriel der Zagartschane! Er wollte emporfahren. Die dunkle Glut der Scham, des gebrochenen Männereides überflutete sein Gesicht – doch ernst und schweigend winkte der Czernagorze ihm Vorsicht, auf die lockende Genossin seines Lagers deutend. Dann trat er zurück in das Vorgemach, leise, unhörbar, wie er gekommen, und winkte dem Freunde zu folgen ... Es gelang Nikolas, sich langsam aus den umschlingenden Armen der Türkin zu winden und vom Lager hinabzugleiten auf den Boden, ohne daß seine Bewegungen sie erweckten. Einige Augenblicke darauf huschte er in das Nebengemach, wo der Flüchtling stand und aus dem Arsenal an der Wand sich, vorsichtig prüfend, bewaffnete. Ein Blick zeigte dem Griechen, wie der kühne Czernagorze hier herein gelangt. Die Jalousie des schmalen Altans war geöffnet, die verdeckenden, leichten Gitterstäbe waren an einer Stelle gebrochen. »Zum zweiten Male ist der Ruf des Blutbruders in der Stunde der Gefahr vergeblich nach dem Genossen erklungen,« sprach er, zu Grivas sich wendend; »zum zweiten Male fehlte Nikolas Grivas, als Andreas der Zagartschane seiner Hilfe bedurfte. Wird er auch zum dritten Male seine Stimme nicht hören? wird er seinen Kampf teilen um Leben und Freiheit, oder will er ruhen in den Armen der Liebe, und den Freunds allein sein Heil versuchen lassen?« Der Jüngling beugte sich beschämt ... »Verdamme mich nicht, Gabriel, meine Seele war umnachtet, mein Wille gelähmt. Ich teile mit dir Tod und Leben!« – »Wohl! ich danke dir für die rettende Feile und das Seil, die du mir gesendet. Aber es war um ein Stockwerk zu kurz, und vergeblich schaute ich mich um nach der versprochenen Hilfe. Da lenkten die freundlichen Wilas mein Auge auf diesen Altan, und indem ich mich am Seil hin und her schwang gleich dem Vogel in der Luft, wie ich oft als Knabe getan, wenn ich die Felsennester der Möwen ihrer Brut beraubt, gelang es mir, die Stäbe zu erreichen und Fuß zu fassen. Das übrige weißt du. Hast du deinen Kahn in der Nähe?« – »Ich war gefangen, wie du, heute abend durch meine Unvorsichtigkeit. Nur die undurchdringlichen Mauern des Kerkers konnten mich fern von dir halten. Der rettende Kahn liegt mindestens eine halbe Stunde weit außerhalb der Stadt unter den Felsen.« – »Dann gibt es nur einen Weg für uns. Wir müssen schwimmend aus dem Bereich der Festung zu entkommen suchen. Bist du bereit?« – »Ich bin's!« – »Diese schweren Waffen nützen uns nichts,« flüsterte der vorsichtige Krieger, »laß von uns legen, was uns hindert. Suche wie ich einen leichten Yatagan und birg ihn in deinem Gürtel.« Indem der Grieche nach der bezeichneten Waffe faßte, stieß er an eine zweite, und diese fiel klirrend zu Boden. Erschrocken blickten beide empor – der Teppich vor dem Zugang des Schlafgemaches wurde zur Seite gerissen; drinnen, wie der Tiger zum Angriff bereit, kauerte das nackte Weib, die glutsprühenden Augen auf die Freunde gerichtet ... »Verräter!« ... Der einzige Laut zischte durch ihre Lippen; mit einem Sprunge warf sie sich nach der Tür, aber der Czernagorze stürzte ihr zuvor und umfaßte mit aller Kraft ihren Leib. Ein wildes Ringen begann zwischen den beiden, eine übermenschliche Stärke und Geschmeidigkeit schien die Muskeln und Glieder dieser Frau zu stählen. Gleich einem Proteus wand sie sich in dem starken Männerarm und rang Brust gegen Brust. Aber kein Laut, kein Ruf der Hilfe entschlüpfte ihren Lippen, nur der keuchende Atem, der zischende Ton der Wut begleitete diesen Kampf. An der Tür jedoch scharrte und kratzte es wütend und immer wütender. Das grimmige Raubtier witterte die Gefahr, den Kampf seiner Gebieterin, und versuchte, ihr zum Beistand zu eilen ... »Mach ein Ende! komm zu Hilfe! Ich vermag diesen Teufel in Weibergestalt nicht länger zu bändigen.« Zweimal hatte Nikolas Grivas den Stahl für den Blutbruder erhoben gegen das dämonische Weib, das eben noch an seinem Herzen gelegen, – zweimal traf ihn mitten in der Furie des Ringens ein kalter, verächtlicher Strahl ihres Auges – und Hand und Waffe sanken machtlos nieder. Da, wie ein Ausweg des Himmels, fiel sein Auge auf einen zur Seite am Boden liegenden persischen Shawl, und im Nu hatte er ihn aufgerafft und schlang ihn um Kopf und Schultern des Mädchens. Gabriel hob sie zugleich empor, im nächsten Augenblick hatte er sie auf das eben verlassene Lager geworfen, und keuchend umschlangen beide die wild sträubenden Glieder mit Tüchern und Decken, wie die Hand sie erreichen konnte, und zogen die Knoten um sie fest. Auch jetzt entfloh kein Schrei ihrem Munde, nur das Atmen der Wut vernahmen sie durch das dicke Gewebe des den Kopf verhüllenden Shawls. Aber draußen am Eingange des Gemaches tobte und wütete es fort, mit gewaltiger Kraft sprang der Wolf an der Tür empor und stieß ein klagendes Geheul aus, daß es weit durch die Räume des alten Gemäuers scholl. Gabriel riß den Freund mit sich fort, der zitternd auf das Werk seiner Hände schaute, die gebundene verhüllte Gestalt, die jetzt ruhig und bewegungslos, gleich als erkenne sie das Nutzlose jedes weitern Sträubens, auf den Kissen lag ... »Sie stirbt! sie stirbt!« ... »Doch der Czernagorze drängte ihn zum Altan ... »Was kümmert uns ein Weiberleben! Hinunter! Hörst du nicht, daß von dieser Bestie Geheul schon die halbe Feste in Alarm ist? Mir nach, Blutbruder, und die Heiligen seien uns gnädig!« ... An die Pforte donnerten Waffen und Hände, – unter den wuchtigen Schlägen sprangen die Riegel – mit weitgestrecktem Sprunge warf sich der Czernagorze vom durchbrochnen Altan hinab in die dunkle Flut, im nächsten Augenblicke folgte ihm der Grieche. Als beide emportauchten, glänzte heller Lichtschein von der Öffnung des Balkons über die Fläche des Wassers – im Umwenden glaubte der Jüngling Gestalten darauf zu sehen, darunter einen weißen, fliegenden Mantel; einen Moment nachher blitzte ein Schuß, die Kugel flog über ihnen hin ins Wasser ... »Nieder!« rief der Czernagorze ihm zu, »halte dich rechts!« Und die Schwimmer sanken aufs neue fast auf den Grund und strichen weit aus ... Als sie Luft zu schöpfen nochmals emportauchten, waren sie außer dem Bereich der augenblicklichen Gefahr, aber weit entfernt davon, gerettet zu sein. Die Richtung, die sie zu nehmen gezwungen worden, führte sie hinaus in den See. In den verlassenen Festungswerken wurde es lebendig, Lichter bewegten sich an den Öffnungen hin und her, ehe sie noch zehn Minuten weiter getrieben waren, auch am Strande, und ein Kanonenschuß donnerte über die Fläche des Wassers, Alarm rufend und die Schildwachen zur Aufmerksamkeit mahnend. Mit allen Kräften griffen die beiden rüstigen Schwimmer aus, denn sie wußten, daß jede Minute Verlust war, und daß es um Tod und Leben gälte, so rasch als möglich über den Rayon der Festungsmauern hinaus zu gelangen, ehe sie auf dem Wasser verfolgt werden konnten, und den verborgenen Kahn zu erreichen. Aber die Kleider, deren sie sich nicht hatten entledigen können, zogen immer schwerer und schwerer und hinderten ihre Anstrengungen, und die Kräfte des Czernagorzen waren durch die Entbehrungen der Haft geschwächt. Rüstiger schwamm der junge Grieche, an der See geboren und Herr des Elements, und ermunterte den Freund zu neuen Anstrengungen. Doch weit rechts noch lag das rettende Ufer, und kaum noch war Zuflucht dort zu hoffen, denn in kurzen Zwischenpausen dröhnten die Alarmschüsse fort ... Gabriel war ermattet ... »Rette dich selbst, Blutbruder, und grüße Stephana und die schwarzen Berge!« Er sank; aber der Grieche war hinter ihm drein und hob ihn empor ... »Bei der gebenedeiten Mutter Gottes von Ostrog,« flehte er, »verliere den Mut nicht, Hilfe ist nahe – ich höre Stimmen!« Und gleichsam als Antwort auf den Scheidegruß des tapferen Czernagorzen hallte sein Name durch die Nacht über die Wellen, und hinterdrein klang der Schlachtruf der Familie Martinowitsch, ihr heilig Erbteil seit der Mordnacht der Weihnachten von 1793: Sve Oslobod! – »Hier Czernagorze!« tönte der Gegenruf des Griechen, wie er sich aus dem Wasser hob. Triumph! Rettung! Durch die Nacht strich ein weißes Segel daher – ein jubelnder Schrei klang vom dunklen Bord, – Arme streckten sich nach ihnen aus – das waren Freunde. Am Steuer stand der alte Beg. Hassan und der Vetter arbeiteten wie rasend an den Rudern – Stephanas, Bogdans Arme streckten sich den Schwimmenden entgegen ... »Mut!« – In der nächsten Minute hob Nikolas den erschöpften Freund über den Rand des Bootes in die Arme seines Weibes und warf sich selbst ihm nach ... »Wendet! Fort!« – Erschöpft lagen die beiden auf dem Boden des rettenden Fahrzeuges, das unter dem kräftigen Druck des Alten sich von der Festung ab- und den Bergen zuwandte ... Stephanas Angst und Ungeduld hatte die Hilfe gebracht, indem sie den alten Beg bewog, mit dem Boote während der Nacht sich den Festungswerken zu nähern, statt an der bestimmten Bucht des östlichen Ufers auf den Kahn von Retter und Flüchtling zu warten. Als der erste Alarmschuß über den See donnerte, wußte die Familie, daß die Flucht vollzogen, und der kühne Eifer trieb sie vorwärts, die eigene Gefahr verachtend. So war die Hilfe im glücklichen Augenblick erschienen ... Die Czernagorzenfrau bedeckte den Gatten mit ihren Küssen. Über dem Wiedergewonnenen hinweg reichte sie dem Griechen die Hand und konnte nicht enden in lobpreisenden Dankesworten für seine Tat. Auch der alte Beg und die andern bezeugten ihm Dank und Achtung für die bewiesene Aufopferung und Treue, und mehr als einmal drohte das Gefühl bitterer Scham ihn zu überwältigen. Das war um so lastender der Fall, als der alte Glawre den Hergang der Flucht zu wissen verlangte und Gabriel, der sich an der Brust des treuen Weibes erholt hatte, eilig das Wort ergriff, den Freund aus der Verlegenheit zu ziehen, und der Familie kurz erzählte, wie Nikolas ihm Feile und Strick gesandt hatte, wie er verhindert worden sei, mit dem Kahne zu seinem Beistande zu erscheinen, und nun mit ihm zusammen schwimmend die Flucht versucht habe, daß diese aber durch einen Zufall zu früh entdeckt worden sei und ihre Verfolgung nach sich gezogen habe. Die Beratung, wie dieser am besten zu entgehen, nahm jetzt aller Aufmerksamkeit in Anspruch. Der alte Beg war der Ansicht, daß sie jeder Gefahr glücklich entgangen seien, da der Pascha von Skadar schwerlich um die Flucht eines einzelnen Gefangenen willen viel Aufhebens machen würde. Gabriel und Nikolas jedoch schauten einander bedenklich an und waren der Meinung, man dürfe keine Anstrengung versäumen, um so rasch als möglich die czernagorzischen Ufer zu gewinnen. Ohne den Namen der Wölfin von Skadar auszusprechen, wußte der Grieche doch seine Besorgnis auch Stephana mitzuteilen, und sie gewann um so mehr Begründung, als die Gesellschaft bald darauf von der Höhe des Turmes, dessen Kerkern jene so glücklich entronnen waren, ein mächtiges Feuerzeichen emporlodern sah: ein Signal, das sonst gewöhnlich nur bei den Kriegsüberfällen üblich war, um den verschiedenen Posten entlang der Seeufer die Anwesenheit des Feindes zu melden. In Zeit von einer halben Stunde flammten links nach Antivari hin und rechts gegen das Hochgebirge bereits mehrere ähnliche Feuer an den beiden Ufern und verkündeten die Aufmerksamkeit in den verschiedenen Kastells. Man beschloß, die rechte Seite des Sees zu halten und die Ufer der Rietschka zu gewinnen, der heimischen Nahia des Alten, wo sein Ruf im Augenblick die Männer der zunächst wohnenden Plemen im Fall der Bedrohung herbeiführen konnte. Nun wurde mit erneuten Kräften an den Rudern gearbeitet. Der alte Beg erklärte, das Steuer nicht verlassen zu wollen, – seine eisernen Muskeln widerstanden jeder Anstrengung. Grivas, der Grieche, Hassan Lektisch der Arnaut, und der Vetter, Jowan genannt, erhielten die erste Ruderwache zuerteilt. Es mochte 2 Uhr nach Mitternacht sein, und über die Bergspitzen begann der erste Strahl der Dämmerung zu brechen, während noch die tiefen Schatten der Nacht über dem See lagen. Der einäugige Beg summte leise in jener unangenehmen monotonen Sangesweise der griechischen und orientalischen Stämme den Sang vor sich hin, der den Zug des Czernojewitsch Owo zum Dogen des großen Venedigs und die Hochzeit des falschen Stanischa, des schönen Wojwoden von Dulcigno, Obronowo Djuro, mit der Tochter der Inselstadt meldet. Grivas dagegen träumte von der schrecklichen Szene, der er entronnen. Vor seinen geschlossenen Augen stand mit dem flammenden, verächtlichen, rachesprühenden Blick die Wölfin von Skadar. Dagegen kehrte in seine Erinnerung das schwelgende Bild ihres Reizes zurück, und er beugte, im Innern vernichtet und von widerstreitenden Gefühlen ergriffen, das schöne Haupt. Die zweistündige Wache mochte zu Ende sein, – die Sonne war bereits aufgegangen, und ihre Strahlen brachen durch die Schluchten der im Osten sich erstreckenden Bergkämme, als Hassan den Hellenen aus seinem Hinbrüten weckte und ihm einen Wink gab, sich umzuschauen ... »Schau' hin, mein griechischer Bruder, nach der Seite, wo die Sonne sich ins Meer senkt, und sage mir, was du über den leichten Nebeln siehst, die dort noch das Ufer verhüllen. Der junge Falke der Maina hat scharfe Augen!« – Grivas schaute angestrengt nach der Stelle ... »Das ist sicherlich dunkler Rauch, der sich über die Nebel bewegt. Sollten wir so nah' einer der Inseln sein und dort Beistand finden?« – »Mein Bruder täuscht sich. Siehst du nicht, daß der Rauch sich bewegt?« – »Was habt ihr? Nach was späht ihr aus?« unterbrach sie der Beg. – » Birschik jok! wir werden nur verfolgt,« entgegnete gleichmütig der Arnaut. »Der Bey hat jenes höllische Schiff uns nachgesandt, das der Teufel erfunden und das allein läuft, ohne Segel und Ruder.« – »Du meinst ein Dampfschiff?« – » Ne apalum? Der Bey hat von den Franken seit dem Kriege ein Schiff bauen lassen, und er hat Leute, die es führen.« In der Tat war in dem letzten Kriege die Notwendigkeit rascher Verkehrsmittel immer dringender an den Tag getreten, und die türkische Regierung hatte auf die Vorstellungen Omer Paschas eines der kleinen eisernen Lustdampfboote, die zwischen dem Bosporus und Konstantinopel fahren, nach Dulcigno gesandt, wo es von französischen Maschinisten auseinander genommen und die Bajana aufwärts bis Scutari transportiert, dort aber wieder zusammengesetzt worden war. Den Czernagorzen war zwar die Beschaffenheit und Schnelle der Dampfschiffe nicht mehr unbekannt, da sie von der Höhe ihrer Berge fast täglich dieselben die schöne Adria durchziehen sehen können, doch war eben der türkische Dampfer auf dem nördlichen Teil des Sees noch zu wenig benutzt worden, um ihnen weitere Besorgnis einzuflößen, und der Grieche hatte bei der aufgeregten Stimmung seines Gemüts wenig oder gar nicht auf die Anwesenheit des Schiffes zwischen den Festungswerken von Scutari geachtet. Jetzt wurde ihm jedoch die Gefahr, die sie bedrohte, im Augenblick klar und er setzte sie dem alten Krieger deutlich und rasch auseinander. Während Gabriel und Stephana, die Arm in Arm im Vorderteil des Bootes schliefen, und der junge Martinowitsch geweckt wurden, verzogen sich die letzten Nebel und man erblickte deutlich den Dampfer in Entfernung von kaum noch einer Meile in südwestlicher Richtung hinter den Flüchtigen, doch offenbar seinen Kurs am westlichen Ufer entlang haltend, mit voller Kraft fahrend. Die Richtung, die er hielt, zeigte die Absicht, die Flüchtigen, wenn sie sich nach der Czernitza Nahia gewandt haben sollten, vorher zu erreichen, oder im entgegengesetzten Falle sie von diesem näher belegenen Ufer Montenegros abzuschneiden und nach der anderen Seite, dem türkischen Gebiet, zu drängen. Offenbar konnte man in dieser Entfernung noch nicht das kleine Boot bemerkt haben, und es galt, dies womöglich zu verhindern. Eine kurze Beratung folgte, ob man das leicht verratende Segel einziehen und sich nur auf die Kraft der Ruder verlassen, oder den noch immer günstigen Morgenwind benutzen sollte. Beides war gefährlich, denn kaum die Hälfte des Weges war zurückgelegt. Der Beg entschied für die weitere Benutzung des Segels, da ohnehin die erste der zu Montenegro gehörenden Inseln, Stavena, bereits vor ihnen lag und Man hoffen durfte, an ihrer Wetterseite der Beobachtung des Feindes zu entgehen. Alle halfen an den Rudern, und bald schoß das Boot unter den Felsenufern der Insel dahin. Der Beg wandte das Steuer noch mehr nach Osten, und so gelang es ihnen, anscheinend unbemerkt, nach weiteren zwei Stunden, während der Morgenwind erstorben war und man das Segel eingezogen hatte, die zweite der Inseln, Sankt Nikolaus, jetzt noch ungefährdet, zu erreichen. Das Dampfschiff war unterdessen weit heraufgekommen und hatte den Fahrstrich des Bootes bereits überholt, hielt sich aber immer noch am jenseitigen Ufer. Hier, unfern der nördlichen Spitze der Insel, in einer kleinen, ziemlich geschützten Felsbucht, beschloß der Beg, Halt zu machen und den Tag zu verbringen; denn da sich über die Insel hinaus die See bedeutend verengt, wäre es nicht möglich gewesen, der Aufmerksamkeit der Verfolger ferner zu entgehen, während, wenn diese, wie zu erwarten stand, ihren Weg fortsetzten, die Flüchtlinge ganz ungestört hier sich verborgen halten und das schützende Dunkel der Nacht abwarten konnten. Das Boot lag gesichert in der Felsenbucht, in seinem Innern ruhten die Männer von der Anstrengung des Morgens und der sich steigernden Hitze des Tages, und mehrere Stunden vergingen, ohne daß sie belästigt wurden. ... Bogdan, zuerst als Späher auf eine der Felsspitzen geschickt, hatte berichtet, daß das Dampfboot hinter der letzten der Felseninseln, Morakowitsch, verschwunden sei. Das hohe Ufer hinderte ihn zu bemerken, daß der Dampfer, nachdem er einer Barke begegnet war, von der er die Kunde erhielt, daß kein Boot auf dieser Seite des Sees entkommen sein konnte, an der letzten Insel hielt und Bewaffnete aussetzte, um dieselbe nach den Flüchtigen zu durchspähen. Gabriel hatte jetzt die Wache und war ans Ufer gestiegen; die Gesellschaft saß nach ihrem einfachen Mahl, aus der trockenen Castradina und Maiskuchen bestehend, noch immer im Kahn, um jeden Augenblick bereit zu sein. Nur der alte Beg hatte seltsamerweise den Anteil an der Speise von sich gewiesen, er saß still in sich gekehrt, mit starrem Blick, gleich als habe er ein zweites Gesicht, und summte wieder leise die Sänge seines Stammes vor sich hin, deren so manche die Taten seiner eigenen Jugend feierten ... Plötzlich fuhren alle empor bei dem nahen Knalle eines Schusses. Wenige Augenblicke darauf stürzte in kühnen Sprüngen von Fels zu Fels Gabriel bleich und blutend zur Bucht, noch ehe seine Stimme sie erreichen konnte, zur Flucht winkend ... Im Nu war alles in Bewegung, das Boot abgestoßen und dem Eingang zugetrieben. Hier, wo die Ufer zusammentraten, sprang Gabriel in das Fahrzeug ... »Fort, fort! Um aller Märtyrer willen, die Ungläubigen sind uns auf der Spur. Sie sind zurückgekehrt und durchsuchen die Insel; ein Trupp hat mich entdeckt, als ich nach dem Schiffe spähte.« – Mit erneuter Kraft warfen sich alle auf die Ruder, auch Gabriel, dem die Kugel nur leicht die linke Hüfte gestreift hatte. Das Boot flog in die freien Gewässer, aber ein wildes Jauchzen, der Knall vieler Gewehre verkündete ihnen, daß auch sie bereits entdeckt worden. Während der rasenden Arbeit sich umschauend, erblickte Grivas auf der Höhe der Felsen die Verfolger, drohend die Gewehre durch die Luft schwingend, deren Kugeln die Flüchtlinge nicht mehr erreichen konnten; unter den Gestalten der Männer den wehenden Feredschi einer Frau. Ihr ausgestreckter Arm deutete nach der Küste, ihre Befehle jagten die Arnauten nach allen Seiten ... Fatinitza, die Wölfin von Skadar, Fatinitza, die Rächerin, war auf ihrer Spur! Die Lage der Verfolgten war noch immer keine so verzweifelte, als sie im ersten Augenblicke geschienen hatte. Durch den Zeitverlust, den ihre Gegner notwendig beim Wiedereinschiffen auf den Dampfer und durch das Herumbringen desselben um die Ausbuchtungen der Insel erleiden mußten, war ihnen ein bedeutender Vorsprung gesichert. Überdies ist dieser Teil des Sees wegen der vielen aus dem Grunde sich erhebenden Felsen und Klippen schwieriger für größere Schiffe zu befahren. So gelang es den Verfolgten denn wirklich, die Ostseite der dritten Insel zu erreichen, während die Türken, denen die Schwierigkeiten des Fahrwassers gleichsam bekannt waren, an der Westseite des langgestreckten Eilands hineinfuhren, um an dessen Spitze im freien Wasser den Czernagorzen den Weg zu verlegen ... Über die Felsen der Insel hin konnten die Verfolgten die Rauchsäule des Schiffes bereits in gleicher Linie mit ihrem Boote streichen sehen, als der alte Glawre das Steuer wandte und quer über den Seearm nach einem Vorgebirge des östlichen Ufers abhielt. Auf seinen Wink strengten alle ihre Kräfte an den Rudern aufs neue an, und das Boot flog über die Wellen. Die Entfernung der Insel vom Ufer betrug hier eine starke halbe Meile. Während das Dampfboot etwa in gleicher Entfernung um die Nordspitze der Insel bog und die weitere Flucht nach der noch anderthalb Meilen entfernten Mündung des Czernajowitsch – dem sichernden Ufer der Rietschka Nahia – versperrte, war das Boot der Czernagorzen bereits auf Büchsenschußweite am Ufer und näherte sich einer Einbuchtung. Plötzlich kräuselten aus dem Gestein des Ufers leichte Rauchwolken empor, und Schüsse blitzten ihnen entgegen. Zwischen den Felsen zeigten sich die weißen Pferde der Albanesen, Posten erschienen auf den Vorsprüngen ... »Das Segel auf!« befahl der Beg, dessen eines Auge in dieser von Minute zu Minute sich mehrenden Gefahr wieder kühn und fest umherblitzte ... »Gelingt es uns, das Vorgebirge zu umfahren, ehe jenes dem Teufel verschriebene Schiff herankommt, so gewinnen wir das Ufer. Diese Kinder des schwarzen Hundes sollen die freien Söhne der Berge nicht fangen, denn um auf jene Seite des Vorsprungs zu gelangen, brauchen sie Zeit.« Die Moslems auf dem Dampfschiffe begriffen zwar das Manöver der Flüchtlinge, doch war es ihnen nicht möglich, vor diesen das Gebirge zu erreichen, und nach einer rasenden Anstrengung von etwa zehn Minuten schoß das Boot gesichert zwischen den Klippen der nördlichen Seite hin, um eine bequeme Landungsstelle zu suchen, während ohne Resultat mehrere Kanonenschüsse vom Bord des Dampfers nach ihnen abgefeuert wurden. Als das Boot das Ufer berührte, das noch von keiner Wache des Feindes besetzt war, sprangen alle eilig heraus, das Fahrzeug seinem Schicksale überlassend, und eilten nun, ihre Waffen mit sich nehmend, in die Schluchten der Zenta ... Jowan dem diese Gegend von früheren Fischerfahrten bekannt war, machte hier den Führer. Sie waren ungefähr eine Viertelstunde diesseits der kleinen Feste Zabljak gelandet, die in den Kriegen zwischen Montenegro und den Türken von Alters her eine so bedeutende Rolle gespielt und auch zu Anfang des letzten Krieges von den Czernagorzen wieder genommen und beim Abzug am 25. Dezember zerstört worden war. Von der nächsten Höhe, die sie gewonnen, erkannten sie, daß das Dampfschiff jetzt seinen Lauf hierher genommen und sie beinahe erreicht hatte. Es galt, sich tiefer in das Gebirge zu werfen, um auf dem Umwege das von Zabljak noch eine starke Meile entfernte Gebiet von Montenegro nach Überschreitung der Ziewna zu gewinnen. Es war bereits hoch am Nachmittag, als sie hier die Fortsetzung ihrer Flucht begannen und in die Berge östlich von Zabljak drangen, soviel als möglich die Richtung nach Norden beibehaltend, um sich ihrem Ziel zu nähern. Aber ihre Vorsicht und ihr Mut waren vergeblich, denn die Furie, die auf ihren Fersen war, verstand zu wohl ihren Vorteil, um ihnen Zeit und Raum zum Durchbruch zu gönnen, und fand in einer vor wenigen Tagen von Podgoritza her in die kleine Feste eingerückten Reiterabteilung neue Hilfe. Der Offizier ihres Vaters, der mit einem Haufen wilder Albanesen sie auf dem Dampfer begleitet hatte, war ihrem Willen blindlings gehorsam, und ehe eine Viertelstunde nach der Landung vergangen war, flogen ihre Boten bereits nach den Reiterposten, welche durch die schnellen Sendboten des Paschas von Skadar her entlang der ganzen Küste des Sees noch während der Nacht und des Morgens zum Fange der Flüchtigen aufgeboten worden waren. Zugleich brach ein starker Haufe aus der Festung auf, um das Ufer der Ziewna und Moratscha zu besetzen und so den Flüchtigen den Weg abzuschneiden ... Die Folgen zeigten sich bald. Als der kleine Trupp der Czernagorzen gegen Abend, von dem Beg geführt, aus den Bergen brach, um den ersten Fluß zu überschreiten, wurden sie vom Ufer her mit Flintenschüssen empfangen, und selbst die tollkühne Tapferkeit des greisen Führers mußte die Übermacht der Gegner anerkennen und ihr weichen ... Unter einer alten Steineiche sammelten sich die sieben und hielten Beratung, während immer drohender das Netz der Verfolger sich um sie zusammenzog. »Die Stunde ist gekommen,« sprach feierlich, der alte Glawre, »da wir Bog, dem großen Würger, gehorchen müssen. Wir wollen kämpfen und sterben, wie unsere Väter getan. Das Haus Iwos wird untergehen in diesen Bergen.« – »Du redest wahr und recht, Vater,« sagte Gabriel, »aber bedenke, ob es nicht möglich ist, uns hier auf irgend einem festen Punkt zu halten, bis uns Hilfe käme von unseren Stammverwandten. Der erste Flintenschuß eines Moslems weckt hundertmal das Echo an den schwarzen Felsen von Czernagora.« – Der Alte schwieg, brütend. – »Weiter hinauf im Gebirg,« sprach Jowan, »steht die Kula, die früher einem Gliede der Gradjani gehörte, das ins Niederland gezogen war. Wenn wir sie erreichen, können wir einem Angriff widerstehen. Nur den Boten gilt es, zu unseren Brüdern zu finden.« – Der Greis blickte ihn finster an ... »Willst du den Glawren der Martinowitsch lehren, was er auf diesem Felde zu tun habe, das sein Fuß hundert Male im Kampfe durchmessen, ehe du deinen Namen lallen konntest? Was geschehen soll, ist beschlossen. Höret!« Alle drängten sich um ihn. Der Einäugige nahm den schrecklichen Mumienkopf von seinem Halse und betrachtete ihn ... »Namik Halil, mein Todfeind, ich sende dich jetzt, um das Blut derjenigen zu retten, die du im Leben gehaßt und verfolgt hast, denn unversöhnlich ist die Rache der Martinowitsch. – Gabriel, mein Sohn durch den Leib meiner Tochter, nimm Abschied von deinem Weibe, denn sie und das Kind« – er deutete auf Bogdan – »werden den Gang wagen, um die Krieger der Rietschka zu wecken mit der Botschaft ihres alten Führers.« – »Vater!« baten Stephana und der Jüngling erschrocken. – »Still! Die Kinder der schwarzen Berge wissen zu gehorchen, wenn der Glawre ihres Hauses spricht. Ihr beide werdet euch hier unter dem Felsen verbergen, bis der Schatten der Nacht hereinbricht. Dann werden die Feinde fern sein auf unserer Spur, und ihr könnt ungehindert davonschleichen. Du, Bogdan, eilst zu den Kulas der Lubotini und Kozieri und rufst sie zu den Waffen; du, Stephana, bringst dies Haupt zu den Wohnungen unserer Brüder, den Gradjanen an den Ufern des Czernojewitsch, und sagst ihnen, Iwo Martinowitsch sende es zum Zeichen, daß er des Knalls ihrer Flinten benötigt sei in der Stunde der Gefahr. Die Frauen wandeln frei durch diese Berge, selbst der Moslem ehrt ihr Recht, und die Gefahr ist gering für dich. Sagt den Männern der schwarzen Berge, in der verlassenen Kula des Popowitsch Gradjani würden sie uns finden. Wenn ihr euch eilt, kann die Hilfe zur Stelle sein, ehe die Sonne ihren Strahl über die Berge der Zenta auf die grünen Wellen des Sees wirft. Ich habe gesprochen! Die Wilas mögen euch und uns gnädig sein!« Stephana warf sich an die Brust des eben erst wieder gewonnenen Gatten und schien sich kaum von ihm losreißen zu können. Aber die drängende Gefahr gewährte hier keine Zeit, und die Czernagorzenfrau wußte den Wert derselben zu schätzen. Noch im Arm ihres Mannes reichte sie dem Griechen die Hand und bat ihn, den Geliebten nicht zu verlassen. Dann verschwand sie rasch mit dem Bruder in eine ginsterbedeckte Felsenspalte, während die Männer dem Beg nacheilten. Schweigend setzten diese einige Zeit ihren Weg fort, absichtlich an einer geeigneten Stelle sich einem im Tale unten bemerkten Posten und Verfolger zeigend, was von diesem mit einigen nutzlosen Schüssen beantwortet wurde. Nach einer weiteren halben Stunde gelangten sie auf eine, sich in leichter Abdachung nach Süden senkende Bergebene, zum Teil mit Gebüsch und wilden Kastanienbäumen besetzt, auf der, an eine schützende hohe Felswand gelehnt, die halbzerstörte Kula stand, die sie zu ihrem Zufluchtsort erwählt hatten: ein viereckiges, turmhohes Gemäuer von Kalksteinen, in der Hauptmauer noch wohl erhalten. Kein Feind war zu sehen, und rasch nahmen sie von der Ruine Besitz, häuften Schutt und Balken vor den Zugang und machten die schmalen Fensteröffnungen in den dicken Mauern für die Verteidigung frei. Während sie nach rasch vollendeter Arbeit sich um den Häuptling am Boden lagerten und nochmals ihre Waffen untersuchten, hielt Jowan an einer der Schießscharten scharfen Auges Wache über die Umgebung. Die Sonne begann bereits hinter den jenseitigen Bergspitzen zu verschwinden, als der Czernagorze das Zeichen gab, daß die Feinde nahten. Im Augenblick waren alle fünf auf ihrem Posten, alle mit den langen Flinten des Hochlands bewaffnet, Gabriel mit derjenigen Bogdans. Ein ziemlich starker Trupp berittener Arnauten sprengte die Bergebene herauf und machte etwa zwei Büchsenschüsse von dem Gemäuer halt. Offenbar glaubten die Türken, daß sie auf der Spur ihrer Gegner seien, denn sie prüften sorgfältig die ganze Fläche, jedes Gesträuch, jedes Felsenversteck durchspähend, und bald nahte ein kleiner Haufe den Ruinen der Kula, mißtrauisch die Verrammelung des Zugangs betrachtend, die Waffen zum augenblicklichen Gebrauch in Händen ... Der greise Beg ließ sie bis auf etwa sechzig Schritt herankommen, dann stieß er mit seiner donnernden Stimme den gefürchteten Schlachtruf seiner Familie aus und gab Feuer. Gabriel, Grivas, Jowan und auch der Arnaut Hassan folgten feinem Beispiele, und drei Reiter stürzten von den Pferden, während die anderen erschrocken kehrt machten und davon sprengten, der eine gleichfalls verwundet im Sattel schwankend. In wenigen Augenblicken waren unter dem tobenden Allahruf die Türken außerhalb Schußweite unter den Kastanienbäumen versammelt, die Pferde wurden gekoppelt und angebunden, wahrend zwei der Reiter mit der Kunde davonjagten, daß die Flüchtigen gefunden seien. Der Führer der Schar verteilte seine Leute über die Fläche, von allen Seiten das Gebäude im weiten Halbkreise umgebend ... Während die kurze Dämmerung, die im Süden Tag und Nacht scheidet, hereinbrach, begann das Gefecht, und die Schüsse der Plänkler knatterten munter gegen die Öffnungen des Gemäuers, aus dem hin und wieder ein Schuß aus den langen Flinten der Czernagorzen antwortete, wenn einer oder der andere der Moslems unvorsichtig sich zu weit vorwagte. Plötzlich übertönte ein wilder Jubelschrei der zurückgebliebenen Türken das einzelne Knallen der Flinten. An der Spitze eines zweiten Trupps heran jagte eine Frau, im weiten, weiß durch die Nachtluft flatternden Mantel, den Schleier um das Haupt, im Gürtel Pistolen und Handjar – vor dem weißen Araber her in mächtigen Sprüngen mit gesträubtem Haar der Wolf, ihr Begleiter. Um das Pferd der kühnen Reiterin sammelte sich die Schar, Befehle flogen von ihren Lippen nach rechts und links, in drei Haufen teilte sich der wohl an fünfzig Mann starke Trupp, und langsam, lautlos rückten sie jetzt von drei Seiten gegen den Turm. »Bei Allah!« sagte Hassan zu den Kampfgefährten, »wir werden einen schweren Stand haben. Kennt Ihr den Teufel in Weibergestalt, der sie zum Angriff führt? es ist Fatinitza, die Wölfin von Skadar, von der das Volk erzählt, daß sie das Blut ihrer Feinde trinkt. Es ist unser Schicksal, hier zu sterben.« ... Der alte Beg grinste in teuflischem Hohnlachen ... »Ist es die Wölfin von Skadar, so will ich sie fällen, wie das Tier, dessen Namen sie führt.« – Die Flinte lag an seiner Wange, der Finger berührte den Drücker, doch vergebens schnappte der Hahn auf die Pfanne, das Gewehr versagte, – zum ersten Male seit langen Jahren. Der Greis setzte es erstaunt und abergläubisch zu Boden ... »Bei Bog, dem großen Würger! Sie ist gefeit.« – »Ich sagte es Euch vorher, Beg Iwo! Sie hat den bösen Blick, und keine Menschenhand kann sie verletzen ... Aber zur Wehr, Männer; die Krieger des Halbmondes sind über Euch, und Allah will es, daß ich gegen die eigenen Brüder fechten soll.« Der Moslem erfüllte wacker die Pflicht des Gastfreundes. Seine Flinte war die erste, welche knallte und einen seiner früheren Kameraden zu Boden streckte. Der Einäugige, Nikolas, Gabriel und Jowan empfingen die auf ein Zeichen der schönen Megäre gegen den Bau Heranstürzenden mit einer Salve. Jede Kugel fand ihren Mann. Aber über die Leiber der Fallenden sprangen mit wildem Geschrei die Albanesen vorwärts, und das Handgemenge begann an jeder Öffnung der Mauer. Pistolenschüsse, die Hiebe der Yatagans und der Säbel klangen hin und her; an den engen Öffnungen der Fenster mit leichter Mühe von Jowan und dem Lektisch-Khan zurückgeschlagen, drängte sich der Hauptangriff zur weitklaffenden Öffnung der ehemaligen Tür. Über die Balken, Steine und Brandtrümmer versuchten die blutigen Arnauten in das Innere zu dringen, in ihrer Mitte, allen voran, keine Gefahr scheuend, Fatinitza, während das Geheul des Wolfes grimmig durch das Toben des Gemenges scholl. »Sve Oslobod!« klang der Kampfruf des Alten, dessen gewichtige Hiebe, wo sie niederfielen, Tod und Verderben brachten, da – als seine Faust mit der schweren Waffe wieder erhoben, warf sich das Mädchen ihm entgegen, ihr dämonisches Auge traf das seine und ihr Handjarhieb seine Stirn, daß er blutig zurücktaumelte ... »Maschallah! Der Sieg ist unser!« – Aber eine Hand erfaßte ihren Arm, als sie hineinspringen wollte in den verteidigten Raum – eine zweite umschlang ihren Leib, Auge blitzte in Auge, der funkelnde Blick des Weibes und das finstere Auge des Mannes, mit dem sie ihr Lager geteilt, – und weit hin mit gewaltigem Stoß schleuderte er über die Trümmer hinweg die Geliebte, daß ihr Körper den Boden maß und heulend der Wolf sich auf die Gefallene stürzte. Die rasche Tat des Griechen entschied den Sieg; die Arnauten ließen bestürzt ab von dem Sturm und eilten zu der Gebieterin, die sie forttrugen; die Schüsse der Czernagorzen, die Luft und Zeit gewannen, jagten die letzten davon ... Eine Pause schien auf den blutigen Kampf zu folgen. Alle Verteidiger des Turmes, mit Ausnahme des Moslems, waren verwundet und verbanden jetzt die leichten Verletzungen, so gut es gehen wollte, sich der auf den Charakter und die Sitte ihrer Gegner gegründeten Hoffnung hingebend, daß das Mißlingen des ersten Anlaufs ihnen für lange Zeit Ruhe schaffen würde, in der die Hilfe erscheinen konnte. Auch drüben unter dem über Schußweite entfernten Haufen der Verfolger war es still, man sah nur, wie sie Holz an verschiedenen Stellen zusammenschleppten, um Feuer ringsum anzuzünden, damit bei dem frühen Untergang des Mondes im Schatten der Nacht ihre Beute nicht entwischen, oder im blutigen Überfall ihnen unbemerkt nahen könne. Der alte Beg, die treue Flinte zwischen den Beinen, saß auf einem Stein; das Mondlicht, durch eine der Öffnungen hereinbrechend überstrahlte das narbenbedeckte wilde Antlitz. Der Hieb Fatinitzas war durch den dicken Bund des Turbans gebrochen worden und hatte nur schräg seine Stirn getroffen, von der unter der umgelegten Binde dicke Blutstropfen hervorquollen. Sein eines Auge, von dem überstandenen Kampfe entflammt, blitzte feurig umher. »Bei den Gebeinen der heiligen Märtyrer von Ostrog, wir haben diese Hunde zurückgejagt, wie unsere Väter am Berge Perjnick Czarew Laz (des Kaisers Abhang), wo 1712 ein Heer von 80000 Mann unter Achmed-Pascha von den Kriegern der schwarzen Berge fast gänzlich vernichtet wurde. den stolzen Seraskier jagten, drei Sonnen lang. Die Wilas würden uns sicher zum Ziel verhelfen, wenn der böse Geist nicht das Weib unter sie geführt hätte mit dem schlimmen Blick. Mir ahnet Böses, Khan Hassan Lekitsch!« – »Ich spucke auf diese Weiber!« sagte der Moslem verächtlich. »Möge das Grab ihrer Mütter besudelt werden, sie haben einem Manne noch nie gutes gebracht. Es ist unser Schicksal, Beg.« – »Du irrst, Khan,« meinte der Glawre, »nur die Frauen mit dem bösen Blick bringen Unheil, die guten haben uns die Wilas zum Segen gegeben, und wir ehren die Mütter unserer Kinder ... Reiche mir das Horn, Zagartschane, das meine ist leer, und die Waffen müssen bereit sein.« – »Was meinst du, Vater?« – »Das Horn, das große Horn Mit dem Pulver, das Bogdan dir gegeben, der es trug,« sagte der Alte ungeduldig. – »Um Gott! Bogdan hat mir nichts gegeben; ich habe das Horn nicht!« Der Greis sprang empor. – »Das Horn! Das Horn!« rief er wild. »Unser Leben hängt von dem Pulver ab!« Alle suchten ängstlich umher und befragten sich gegenseitig ... das Stierhorn mit dem Pulvervorrat des Alten fehlte ... Bogdan, der es getragen, hatte in der Eile des Auseinandergehens vergessen, es mit der Flinte an Gabriel zu geben. Die Männer, die noch vor wenigen Minuten dem wilden Feinde kühn in das Weiße des Auges geschaut, sahen sich erbleichend an – es ist etwas Furchtbares selbst für den Tapfersten, in der Stunde der Gefahr sich der Waffe beraubt zu sehen ... »Wieviel Pulver haben wir noch?« – Man sah nach – zwei der Flinten, die Gabriels und Jowans, waren noch geladen, auch ein Pistol enthielt noch den Schuß – die Pulverflaschen des Griechen und des Moslems waren leer. Der Beg stützte finster das Haupt in die Hand ... »Mein eigen Blut ist mein Verderben. Der greise Adler der schwarzen Berge hat die Krallen verloren. Er ist ein Kind in der Hand seiner Feinde!« Und wie antwortend hoch über ihnen klang ein Rabenschrei durch die Luft, und das Echo der Wälder trug ihn nieder ... Der Beg und Gabriel richteten sich empor, ihre Augen schienen das Dunkel durchbohren zu wollen, die Nerven ihres Gehörs gespannt, wie sie, dem Wilde gleich, das den Jäger wittert, durch die Nacht lauschten ... Und wieder – aber leiser und näher klang der Schrei des Raben. Gabriel warf sich an die Brust des Freundes, der alte Primore schwang jubelnd die Flinte um das Haupt ... »Stephana! das ist Stephana – das treue Weib! Sie haben unsere Not erraten; sie bringt uns das Pulver!« Da krachte in der Nähe ein Schuß – wildes Geschrei auf beiden Seiten – über die Berghalde flog eine weiße Gestalt in rasendem Lauf nach den Schatten des Turmes zu – an dem Eingänge harrten die Freunde und rissen mit blutenden Fingern Balken und Steine zur Seite ... »Stephana!« – »Gabriel!« – Aber aus den Schatten rings umher, gleich Gespenstern, tauchten die dunklen Gestalten der Albanesen auf allen Seiten empor, zwischen ihr und den rettenden Mauern, – ein wilder, verzweifelter Schrei; und in den rohen Armen der Männer wand sich die treue Czernagorzenfrau ... »Hinaus! Rettet mein Weib!« – Über die eigene Verschanzung empor kletterten die Verfolgten. Ihnen entgegen donnerte eine Salve der Türken – weit aus breitete der wackere Hassan Lekitsch die Arme und drehte sich rund um sich selbst, ehe er zu Boden stürzte ... »Kismet! – Lebt wohl, – Ihr Brüder – die Huris des Paradieses winken mir!« So starb er. Der Beg riß Gabriel und den Griechen zurück ... »Ein Weib für fünf Männer – und ob es der eigene Samen ist, das Hochland bedarf seiner Krieger!« Er warf sich vor die Öffnung, die anderen zurückwehrend. Gabriel verhüllte das Gesicht, vor Schmerz wild aufstöhnend ... Stephana, das treue Weib, das den Freunden das zurückgelassene Pulver bringen wollte und das Dunkel des untergehenden Mondes abgelauert hatte, wurde auf den Armen der Moslems zurückgeschleppt zu den Füßen der Wölfin von Skadar. In ihrem Gewände fand man das Pulverhorn, das sie in die Hände der Feinde geliefert ... »Wer bist du, Weib?« – »Stephana Zagartschana, des Mannes Frau, den Ihr schmählich gefesselt hieltet in Skadar.« – »So bist du das Weib des Flüchtigen, der meinem Vater entronnen?« – »Du sagst es, blutige Bula . Der Mund einer Czernagorzenfrau redet nimmer Lüge.« – »Und dein Mann befindet sich in jenem Turm mit dem Schändlichen, dessen Verrat ihn befreit hat?« – »Geh' hin und frage selbst.« – »Spiele nicht mit der Wölfin von Skadar, Weib, denn wisse, dein Blut wird büßen für das, was jene getan. Keiner darf atmen, der sagen mag, er hätte Fatinitzas Schmach gesehen. Was wolltest du bei den Verlorenen?« – »Die Tochter des Iwo Martinowitsch, des großen Beg der Rietschka, fürchtet den Tod nicht. Sie gehört zum Gatten und Vater in der Stunde der Gefahr.« Ein wilder Jubelruf brach im Kreise der Arnauten aus, als sie hörten, daß der berühmte Krieger des Hochlandes in ihrer Gewalt sei. Trotz der furchtbaren Lage, in der sie sich befand, schwellte Stolz die Brust der edlen Czernagorzenfrau, als sie diese Anerkennung für den Ruf ihres Vaters vernahm. Einer der Albanesen zeigte das Pulverhorn, das man bei der Gefangenen gefunden ... »Bei dem Propheten, Herrin! ich glaube, daß diese Tochter eines Hundes den Männern Pulver bringen sollte, woran es den unreinen Tieren von jeher gefehlt hat. Allah allein weiß es.« – »Geht und schaut in die Mündung der Flinten meiner Tapferen, sie werden euch Antwort geben,« entgegnete die Czernagorzin kühn. »Aber eilt euch, denn die Söhne der schwarzen Berge nahen, um ihren großen Beg zu suchen, und hörten seinen Ruf nach den Kriegern.« Die finstere Falte zwischen den Brauen des Türkenmädchens zog sich dunkler und drohender ... »Dann ist es Zeit, daß dein Schicksal erfüllet werde. Bindet das Weib!« – Mehrere Arnauten warfen sich auf die Unglückliche und schnürten ihr die Arme zusammen ... »Mein Pferd!« – Der Schimmel stampfte unter dem Druck von Fatinitzas Schenkeln. Am Sattel sprang lechzend der Wolf in die Höhe ... »Zu den Waffen, Tapfere von Skadar! Nehmt die Brände, daß sie leuchten zu dem Fest, das wir den schwarzen Hunden bereiten wollen, auf daß man erzählen möge von Fatinitzas Rache, so lange die schwarzen Berge stehen. Bringt das Weib!« Fatinitza voran, nahte sich der Zug der Kula, aus der vier Männer ihm bleich und finster entgegenstarrten. Etwa sechzig bis siebenzig Schritte von dem Turm entfernt stand ein junger, weitästiger Kastanienbaum. Vor ihm befahl die Türkin die mitgebrachten Brände zusammenzuwerfen, daß die Flammen hoch aufloderten und einen weiten Lichtschein umherwarfen, in denen den Männern im Turme keine Einzelheit der furchtbaren Szene entgehen konnte ... »Schnürt sie an den Baum, das Antlitz den Rebellen zu!« – Der Befehl ward vollzogen ... »Reißt ihr die Kleider ab, – geschändet soll sie vor euch stehen! – Wie ich vor jenen!« setzte die zuckende Lippe leise hinzu. »Barmherzigkeit, du bist ein Weib!« Es war die einzige Bitte, die dem Munde der unglücklichen Frau sich entwand ... Barmherzigkeit? – Bei dem Löwen der Wüste, bei dem Tiger der Dschungeln suche Barmherzigkeit, nicht bei den Männern Albaniens! Gleich Bestien warfen sie sich auf die Czernagorzin und rissen und schnitten die Gewänder herunter, daß der keusche Leib unverhüllt vor den rohen, höhnenden Blicken der Männer stand. Die Wölfin von Skadar führte das Pferd bis dicht zu der entehrten, unglücklichen Frau und schaute mit finsterem Blick auf sie nieder. Dann streckte sie drohend die Hand nach der Kula ... Da blitzte und krachte ein Schuß aus dem dunklen Gemäuer. In der Kula standen die Männer starren Auges, den Blick unverwandt auf den herankommenden Zug gerichtet, die Faust um die treue Flinte geklammert, als wollten die Finger sich in das Eisen krampfen. Nur das tiefe Stöhnen des unglücklichen Gatten unterbrach die unheimliche Stille ... »Das Pulver! Das Pulver!« murmelte der Greis vor sich hin ... Man sah Stephana an den Baum schnüren; die Flamme zu ihren Füßen ließ deutlich jeden ihrer Züge erkennen, fast den Strahl ihres Auges, wie er Hilfe suchte bei den nahen Freunden. Jetzt warfen sich die Arnauten auf ihr Opfer ... »Sie morden sie – hinaus, ihr zu Hilfe!« raste der Zagartschane; doch nochmals riß die Hand des Greises ihn zurück ... »Noch nicht – sie schänden nur das Blut der Martinowitsch.« Seine Stimme war hohl, fast klanglos. Gabriel taumelte ... »Verdammnis über den Teufel in Weibergestalt! Fahre zur Hölle!« Seine Flinte lag an der Wange, der Schuß knallte, doch noch schneller als sein Finger war die Hand des Griechen, der den Lauf in die Höhe schlug ... »Halt ein, du tötest sie!« – Die Kugel schrillte hoch durch die Luft ... War es Stephana, war es Fatinitza, die Nikolas Grivas mit den Worten und der Tat meinte, – nur Gott weiß es! »Fluch dir, und ihr Blut über dich! Zerrissen sei das Band des unsern!« ... Gabriel warf die Flinte zu Boden und wandte sich mit einer Gebärde der Verachtung von dem bisherigen Freunde ... Nur ein Schuß noch blieb in der Hand der Verfolgten. Der alte Beg streckte die Hand nach der Flinte aus, die Jowan hielt: »Gib!« Die Arnauten waren auseinandergestoben bei dem Schuß der waffenlos Geglaubten. Nur Fatinitza hielt stand mit eherner Ruhe ... »Seit wann haben die Tapferen von Skadar Furcht vor dem Blei der schwarzen Hunde? ... Hierher, Abdallah!« – Der Mohr, den sie gerufen, nahte dem Pferde. Er fletschte in teuflischer Bosheit die tierischen Zähne, indem er langsam das Messer aus seinem Gürtel zog und zu der Gefesselten trat, deren Auge zum Himmel erhoben war ... »Dschidelim! Eile Dich! ...« Ein wilder Schmerzensschrei rang sich trotz der heldenmütigen Entschlossenheit von den Lippen der Ärmsten – – »Vater! – Sie martern mein Weib zu Tode!« Der Alte schauerte. Sein Auge starrte wie in einer Vision, die seinen Geist zu umnachten begann ... »Die Engel im Himmel werden dem Blute Iwos beistehen in seinem Märtyrertum.« – »Es ist ein Weib ... laß mich hinaus, Vater!« – »Zurück, Knabe, und vernimm das Totenlied der Martinowitsch!« Und mit lauter, eintöniger Stimme begann der Greis das Heldenlied: Sve Oslobod. – »Giftige Nattern säugte der Busen des Czernagorzenweibes, so möge er weiter die Bestien der Wildnis nähren! Drauf, Scheitan!« Der schwarze Henker warf das blutrauchende Fleisch der abgeschnittenen Brust dem blutlechzenden Wolfe hin und senkte mit teuflischem Vergnügen das Messer zum zweiten Male in den Leib der Märtyrerin ... »Vater! Gabriel! Um der ewigen Barmherzigkeit willen den Tod!« Und wieder krachte ein Schuß – der letzte der Czernagorzen – aber diesmal taumelte der schwarze Mörder zu Boden, und das Haupt der Gemarterten sank auf die Schulter nieder – im Tode brechend dankte ihr Auge hinüber nach der Kula: Dieselbe Kugel hatte Henker und Opfer durchbohrt! – Auf das Bollwerk des Turmzuganges sprang die riesige Gestalt des einäugigen Greises, wahnwitzig schwang seine Hand die noch rauchende Flinte um das Haupt ... »Hierher! Blutige Mörder von Skadar! Hierher! Feige Söhne des falschen Propheten! Die Männer der schwarzen Berge rufen nach euch!« Und Fatinitza warf ihr Roß gegen die Kula ... »Zum Kampf! Allah il Allah! Zum Kampf!« Von allen Seiten klang das furchtbare Angriffsgeschrei, und die Schar stürmte gegen die kleine Heldenzahl. Schüsse knallten, Waffen blitzten. Stöhnen der Wut und des Schmerzes, über die Steine und Balken klommen die Albanesen; hinein ins dichteste Gewühl stürzte sich der Zagartschane – wie sein Schatten hinter ihm drein Nikolas Grivas, während am Eingang des Turmes der grimmige Beg und Jowan Martinowitsch den Helden- und Todeskampf kämpften und, von unzähligen Wunden durchbohrt, sterbend noch mit dem Blick voll unauslöschlichen Hasses den siegenden Feind bedrohten. Zweimal hatte Grivas sich vor den zürnenden Freund geworfen und den Todesstreich von ihm abgewehrt, jedesmal wandte sich der Zagartschane nach einer anderen Seite, beide die Mörderin zu erreichen strebend. Mit wildem Jubel schwangen die Albanesen schon in ihrem Rücken das abgeschnittene Haupt des Beg auf einer Flintenspitze, unwillkürlich wich das trotzige Weib vor den wütenden Rächern zurück, den Zügel des Rosses anziehend; an Grivas' Hals warf sich die Wölfin, aber ein Handjarstoß zerschnitt ihr den blutigen Rachen und die Kehle, – da durchbohrte aus nächster Nähe ein Schuß die Brust Gabriels, daß ein dunkler Blutstrom mit dem Atemzug aus seinem Munde quoll ... Über dem Stürzenden schwang Nikolas den blitzenden Stahl: »Diesmal, Blutbruder, löse ich den Eid!« und sein Hieb spaltete den Schädel eines Arnauten, der sich auf den sterbenden Freund warf ... »Lebendig, lebendig fangt ihn!« kreischte die Stimme Fatinitzas, und ihre Gebärde jagte die Zaudernden dem Kämpfer entgegen. Da krachten neue Schüsse in geringer Entfernung. Durch die Nebel des Morgengrauens brachen von der Bergseite her dunkle Gestalten, – die Czernagorzen, die Junaks der Rietschka Nahia, – eine kräftige, militärische Figur im grauen russischen Capot in ihrer Mitte erteilte Befehle – Oberst Berger, den Bogdan in der nächsten Gemeinde mit mehreren Begleitern umherstreifend gefunden ... »Vater Iwo! Gabriel! die Kinder der schwarzen Berge kommen!« tönte ermutigend die Stimme des Jünglings durch das Kampfgewühl und das wüste Geschrei der von allen Seiten flüchtenden Albanesen ... Zu spät! Ein schwerer Kolbenschlag traf von hinten des Griechen Haupt und warf ihn, aus zehn Wunden blutend, zu Boden über den toten Freund ... Das Blut der beiden Blutbrüder vermischte sich – der heilige Eid war gesühnt – sein brechendes Auge traf die Mörderin ... »Das Kreuz! Das Kreuz! – Gabriel – Vater – Stephana, wo seid ihr?« Die Wölfin von Skadar sprang vom Roß. Mit übermenschlicher Kraft hob sie den blutenden Körper quer auf den Sattelknopf des Pferdes und schwang sich wieder hinauf. Im Druck der spitzen Steigbügel hob sich der Renner mit der doppelten Last zum Sprunge, und seine Hufe warfen die Flüchtenden zur Seite. Weit aus griff der Schimmel. Von den Schüssen der Czernagorzen umdonnert, den blutigen Körper des seiner Liebe Verfallenen auf Sattel und Arm, sprengte das Türkenmädchen durch den Pulverdampf. In den wallenden Nebeln des Morgenlichts verschwand der flatternde Mantel ... Hinter ihr aber hielt der Tod seine reiche, rächende Ernte! Drittes Buch. Erstes Kapitel Lorette und Grisette In einer jener Straßen, die die Rue Montmartre mit der Rue Montorgueil und Poissonnière verbinden, in der Rue St. Josef Nr. 10, enthielt der zweite Stock eine kleine, aus einem Vorzimmer, Salon und Schlafgemach mit einer Mädchenkammer bestehende Wohnung, die mit einer gewissen überladenen Eleganz und jenem Luxus eingerichtet war, welcher mehr als alles andere beweist, daß der Besitzer oder die Besitzerin nicht in der Gewohnheit des Reichtums geboren sind. Allerlei Möbel in allerlei Stilarten, vielfarbige Teppiche, Spiegel, Kunstgegenstände und Nippessachen ohne Auswahl füllten den Salon, wo in diesem Augenblicke zwei Frauen sich befanden, beide jung, beide schön, beide Kinder des Pariser Lebens, Tagfalter der Jugend, wie sie dahinflattern von Lust zu Lust, von Blüte zu Blüte, bis der schöne Farbenstaub der Flügel verschwunden ist und sie untergehen in den Wogen jenes Lebens voll Sorglosigkeit, Leichtsinn und Vergnügen, das zum Ersatz täglich tausend neue Schmetterlinge gleich ihnen entpuppt. Im damastbekleideten, üppig weichen Fauteuil ruhte eine Frau von hoher, junonischer Gestalt, etwa zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahre zählend, blond, von jener Farbe, die man cendré nennt, der Teint dementsprechend fein und leicht gerötet. In dieser Mattigkeit der Farbe und der Augen lag dennoch eine gewisse Genußsucht, eine Unbezähmbarkeit des Verlangens, die sich auch in der Bildung des Kopfes an den Organen der Selbstliebe und der Eitelkeit ausprägte. Damit ganz eigentümlich verbunden schien die Empfindung für das Seltsame, Wunderbare und das im Bau des Kinns ausgesprochene Vermögen einer raschen Entschlossenheit. Ein schweres Faltenkleid von rosa Moirée, mit schwarzen Spitzen garniert, und ein weicher, im Sitzen zusammengedrückter halber Dominomantel von weißer Wolle umhüllten die schöne Gestalt, deren behandschuhte Finger mit einer halben Samtmaske und einem Fächer spielten. Zu ihren Füßen, auf einem gestickten Taburett, hockte in halb possierlicher und doch allerliebst graziöser Stellung ein junges Mädchen von höchstens achtzehn Jahren im eleganten, aber nachlässig getragenen Kostüm der Dèbardeurs, während ein dunkler Herren-Domino auf dem Sofa zur Seite lag. Die Kleine, gleichfalls noch ohne Maske, qualmte aus den frischen, überaus keck und heiter aufgeworfenen Lippen eine spanische Zigarette, deren Rauch ihre große Gefährtin von Zeit zu Zeit widerwillig mit den Federn des Fächers zurückwehte. Es war ein lustiges, keckes Leben in dem zierlichen Gesichtchen, Laune und Eigenwille in den braunen Augen, dabei das Organ des Mitgefühls und der Anhänglichkeit in der Rundung des Hinterkopfes stark ausgeprägt. »Dein Kavalier bleibt lange, Nini!« sagte nachlässig die Große. »Es wird 11 Uhr, bevor wir nach dem Jardin Mabille kommen!« – »N'importe! Was machen wir uns daraus! Wir bleiben desto länger. Weißt du, Celeste, du bist recht töricht, daß du immer die Vornehme spielst und so zeitig fortgehst. Man muß das Vergnügen bis auf den Grund studieren.« Die Lorette warf ihrer Freundin durch die matt geöffneten Augenlider einen halb verächtlichen Blick zu, gleich als wollte sie sagen: Törichtes Kind, was weißt du! – Der auf ganz andere Neigungen schließen lassende Mund aber sprach: »Das verstehst du nicht, das ist nicht Sitte in der besseren Gesellschaft, und ich ärgere mich jedesmal über dein ungeniertes Wesen, wenn wir zusammen an öffentlichen Orten erscheinen.« – »Bah! Warum gehst du da mit uns? Weißt du, Celeste, ich habe schon gedacht, du hättest dich seit den acht Tagen, daß du mich wieder besuchst, nur darum zu mir gefunden, um mir Jean zu entführen.« Wiederum traf ein ähnlicher Blick die Kleine ... »Meinst du denn, wenn mir's Ernst wäre, ich würde es nicht zustande bringen?« – »O, Jean ist treu, er liebt mich wirklich; es ist nicht eine so von euren kleinen Liaisons, die ihr so gern die vornehmen Damen spielen wollt und es doch nicht seid.« – »Beruhige dich, Mignonne! sei überzeugt, dazu liebe ich dich zu sehr aus der Zeit, da wir beide noch Kinder waren. Ich freute mich aufrichtig, als ich dich wiederfand, auch bin ich nicht undankbar – und du weißt« ... – »Ah bah! schweige von der Kleinigkeit; Jean gibt mir ja genug, warum sollte man einer Freundin nicht helfen? Weißt du, Celeste, es ist eigentlich recht schade, daß du schlecht geworden bist; Mein Bruder François liebte dich so sehr und du hättest eine brave Frau werden können.« Das feine Gesicht der Lorette schien eine Wachsbleiche anzunehmen bei der Erinnerung, dann flog mit einem leisen Seufzer eine helle Röte über Stirn und Wangen und die Hand drückte krampfhaft den Fächer ... »Erinnere mich nicht daran, er war meine einzige Liebe. Aber was können wir armen Frauen tun – die Armut ist so drückend und die Arbeit so schwer. Als ich Herrn de Sazé kennen lernte ...« – »Ah, das ist dein erster Verführer, nicht wahr? Mein Bruder hat ihm auch schwere Rache gelobt. Du hast wohl seit den fünf Jahren gar viele gehabt, Celeste?« – »Du bist eine Närrin!« – »Es muß komisch sein,« meinte Nini ganz naiv, »so viele Männer zu lieben, einen nach dem andern oder alle auf einmal. Ich könnte es wahrhaftig nicht; mir macht der eine schon genug Kopfzerbrechens.« – »Hat er dir denn noch immer seinen wahren Namen nicht gesagt?« – »Er heißt Jean und ist, glaub' ich, aus Polen. Mon Dieu , was weiß ich, wo das abscheuliche Land liegt! Ich habe immer gedacht, daß er so ein falscher Prinz oder so ein verkappter Kalifornier sei, weil er sich gar so wenig aus dem Golde macht. Er liebt seine kleine Nini, was will ich mehr?« – »Du verdientest, daß man ihn dir entführte, so einfältig bist du. Seit drei Monaten hast du diesen Krösus nun in deinen Fesseln und noch nicht einmal eine Equipage oder eine Kammerfrau.« Nini lachte wie toll, daß sie fast vom Taburett fiel und die Zigarette verlor ... »Ich eine Kammerfrau! Bist du nicht gescheit? Was sollte ich mit einer Kammerfrau tun? Das gehört für Damen wie du.« – Celeste zuckte mitleidig die Achseln ... »O, glaube nur,« meinte Nini, »Jean kauft mir alles, was ich will. Ich habe auch schon an so ein kleines Pferdchen gedacht, und einen hübschen, zierlichen Tilbury mit einem Knirps von Jockey oder Mohrenbalg hinten drauf, aber Jean meint, dann würde ich den ganzen Tag auf der Straße umherkutschieren und nicht mehr für ihn zu Hause sein.« »Wie aber ist's, Nini –« sie sprach das Folgende mit einer Überwindung aus – »wenn François, dein Bruder, zurückkehrt? Was wirst du ihm sagen über das begonnene Leben?« Dem leicht erregten Mädchen traten ein paar Tränen in die hellen Augen ... »Das ist freilich böse, aber – warum hat er mich verlassen! Ich bin François von Herzen gut, aber man kann doch nicht ewig in seinem Dachstübchen verkümmern! – Und hungern kann man doch erst gar nicht, wenn man auch noch so wenig ißt. Tu weißt ja, Celeste, wie glücklich und bescheiden wir waren, als unsere Eltern nebeneinander wohnten im Faubourg Antoine und wir alle Sonntag zusammen spazieren gingen, du und François und ich, das närrische Kind. Auch noch aus der englischen Fabrik kam François immer nach Hause, bloß um dich zu sehen, bis vor fünf Jahren – du erinnerst dich –« »Ich weiß, ich weiß!« – »Als François im März nach England ging, gab er mir hundertfünfzig Franken, und damit und mit meiner Näherei hätte ich gewiß gelangt, obschon ich mich recht stattlich herausgeputzt hatte, wenn ich nicht so einfältig gewesen wäre, das schöne Geld in fünf blanken Louis, die ich noch hatte, immer mit mir umherzutragen. Ich hatte dir's ja erzählt, wie man mir's gestohlen hat am ersten schönen Sonntag im April, als das Gedränge des Abends auf den Boulevards so groß war, und wie mich Jean da weinend fand und mich ansprach und tröstete. Eh bien, seitdem kennen wir uns, ich habe, wie die Vögel, mein altes Nest verlassen und Jean hat mich hierher gebracht, und als ich dich vor acht Tagen im Jardin des Plantes traf, da ich gerade die närrischen Bären fütterte und du dich der kleinen Nini erinnertest, ei, da war ich ganz glücklich, denn mit dir, Celeste, kann ich doch von so vielem plaudern, was ich selbst Jean nicht sagen mag, obgleich er nicht müde wird, mich anzuhören, und immer sagt, ich wäre seine Plaudertasche.« Die ältere Freundin wiegte schmerzlich sinnend den Kopf ... »Ich glaube dir, er liebt dich von Herzen – doch wie hatte Treue und Neigung bei Männern Bestand? Nur der Genuß ist das einzig sichere, und den gilt es, festzuhalten. Du wirst noch manche schlimme Erfahrung machen, Kind! Was soll aus dir werden? Dein Starost oder Graf, was er nun sein mag, kann dich doch nicht ewig lieben?« – »Rede nicht so; was kümmert uns die Zukunft? die ist noch weit! – Jean hat mir gesagt, er solle eine Prinzessin heiraten, aber er wolle nicht und werde mich lieben, so lange er lebe. Wer will ihn auch zwingen? Bah! Da kennst du ihn schlecht. Wenn es uns in Paris nicht mehr gefällt, so gehen wir auf Reisen, er hat es mir versprochen, und weißt du, Celeste, ich nehme dich mit. Aber wo bleibt der schlechte Mensch? weiß Gott, es ist ja gleich halb elf, und schon vor einer Stunde sollten wir auf dem Wege sein.« Die Tür wurde aufgerissen; bleich und hastig, vom raschen Lauf aufgeregt, stürzte ein junger Mann ins Zimmer, – Iwan, der Fürst. Mit einem Sprunge war das Mädchen an seinem Halse ... »Böser Jean, du sollst nicht einen einzigen Kuß erhalten. So lange uns warten zu lassen und den ganzen lieben Tag nicht ein einziges Lebenszeichen von sich zu geben! Ich habe mich wahrhaftig geängstigt um dich, böser Mensch, und wollte es nur vor Celeste nicht zeigen. Gleich geh' und küss' ihr die Hand für dein unartiges Ausbleiben!« Der Fürst schob sie liebevoll zurück, nachdem er sie auf die Stirn geküßt, dann warf er sich erschöpft auf das nächste Sofa. Celeste war aufgestanden und sah überrascht sein aufgeregtes Wesen; auch Nini, die sich auf seinen Schoß gesetzt hatte und ihm die Haare aus dem Gesicht strich, bemerkte jetzt seine Zerstreutheit ... »Was fehlt dir, Freund, du bist so seltsam? Willst du den Domino nicht nehmen? Es ist hohe Zeit.« – »Du wirst allein gehen müssen, Nini, ich kann dich nicht begleiten.« – » Fi donc , was sind das für Dummheiten? Willst du mich foppen?« Der junge Mann drückte sie an sich. »Gewiß nicht! Aber ich kann dich nur nicht begleiten. Nini! Wir müssen uns auch trennen, – ich fürchte, auf lange Zeit, – ich verreise.« Das Mädchen wurde totenblaß und fuhr mit den Händen nach dem Herzen ... »Jean, ich bitte dich, mach mir nicht unnütze Angst!« Sie faltete flehend die Hände ... »Nini! Liebes Mädchen, liebst du mich wirklich so innig, daß mein Scheiden dir solchen Schmerz machen würde?« Ihr zierlicher Kopf lag an seiner Brust, sie schaute ihn schluchzend an ... »Jean! – Verlaß mich nicht!« Sie preßte den Mund an sein Ohr und flüsterte errötend, zitternd, ein süßes Wort ihm zu. – Liebe, Glück, Verzweiflung wogten in der Brust des jungen Mannes, wie er die Geliebte umschlungen hielt. Die Außenwelt um sie her war verschwunden – sie bemerkten nicht einmal, daß sie allein waren, denn Celeste war, – die unerwartete Szene ehrend – hinter die seidenen Vorhänge des Fensters getreten. Da weckte die prächtige Bronzeuhr auf dem Kamin die Liebenden. Sie schlug halb ... Der Fürst raffte sich empor und mit Gewalt aus den Armen des jungen Mädchens ... »Höre mich, Nini! Ein unerwartetes, dringendes Geschäft zwingt mich, – vielleicht zum Glück für uns beide, – auf der Stelle abzureisen, so daß selbst Dispositionen, die ich für einen anderen drohenderen Fall bereits getroffen hatte, unnütz werden. Bei Gott dem Allmächtigen! ich werde dich nie und nimmer verlassen um meines Glückes willen. Aber ich weiß nicht, ob ich für lange Zeit oder je werde nach Frankreich zurückkehren können.« – Nini schluchzte an seiner Brust ... »Beruhige dich, Kind,« fuhr er fort, »liebst du mich wie ich dich, so wird uns nichts trennen ... Hier nimm meine Brieftasche; es sind etwa zehntausend Franken in Bankscheinen drin – ich habe augenblicklich nicht mehr bei mir, doch wird es vorläufig reichen. Aber ich muß fort – die Zeit drängt und jeder Augenblick« – sein Blick flog nach dem Zifferblatt der Uhr – »ist kostbar. Von der ersten Station wirst du weiteres hören. Willst du mir dann folgen in meine Heimat?« – »Kannst du fragen?« Er umarmte das weinende trostlose Mädchen. Da legte Celeste die Hand auf seinen Arm ... »Ich zweifle durchaus nicht an Ihren Worten und an Ihrer Redlichkeit, mein Herr,« sagte sie; »aber bedenken Sie, daß dieses Kind weiter keine Garantie hat, als Ihr Wort. Sie kennt nicht einmal Ihren Namen.« – »Höre sie nicht, Jean; was kümmert mich, wer du bist, wenn du mich nicht mehr lieben würdest? Ich vertraue dir aus vollem Herzen!« – »Dank, tausend Dank, und Sie, Madame, glauben Sie, daß nur der Wunsch, mir ungetrübt mein Glück zu erhalten, mich den Schleier des Geheimnisses über unser Verhältnis werfen ließ. Mein Name ...« Die Uhr schlug drei Viertel ... »Um Gottes willen, laß mich fort! Meine Ehre ist verpfändet, die Ehre meines Hauses! Leb' wohl! Leb' wohl!« Er drückte stürmisch heiß einen Kuß auf die Lippen des Mädchens und eilte ins Vorzimmer. Nini stürzte ihm nach und umschlang ihn noch einmal ... »Jean, verlaß mich nicht! Nimm mich mit!« – »Celeste, Barmherzigkeit! Helfen Sie mir, ich muß fort, ich muß!« Er legte sie in ihre Arme und stürzte nach der Tür – sie wurde von außen geöffnet, – eine kräftige Männergestalt mit Bluse und braunem Kalabreserhut trat hastig ein. Ein Blick auf die Gruppe genügte; der Fremde stieß den Fürsten unsanft zurück und schloß die Tür hinter sich von innen ab ... »Ich sehe, ich bin hier recht. Einen Augenblick, mein Herr; wir haben miteinander zu reden!« Zwei leichte Schreie des Staunens und des Schreckens mischten sich miteinander: »François!« – »Ah, Sie hier, Celeste? Sehr gut! In solcher Gesellschaft brauche ich freilich nicht länger zu zweifeln, was aus meiner Schwester geworden ist.« Celeste gab keine Antwort. Der Fürst trat auf den Fremden zu ... »Sie sind Herr François Bourdon, der Bruder dieses jungen Mädchens, das vor Schreck und Schmerz dort halb ohnmächtig liegt? Ich bedaure aufrichtig, daß der Augenblick so ungünstig zu einer Erklärung ist, aber Ihre Schwester und Madame Celeste werden Ihnen das Nötige sagen. Ich bitte, lassen Sie mich vorüber.« – Der Arbeiter – jener junge, stattliche Mann, dem wir im zweiten Kapitel in der Versammlung der Unsichtbaren als Bote nach London begegnet sind – lachte höhnisch auf: »Haben Sie's so sehr eilig diesmal, mein Herr?« – »Ich muß – ich muß! ...« – »Ich auch, denn auf meinen Fersen, Herr, ist die kaiserliche Polizei, auf den Ihren nur der Bruder eines verführten Mädchens, und dennoch nehme ich mir Zeit, die Ehre meiner Schwester zu rächen.« – »Zurück!« Mit kräftiger Faust warf er den jungen Mann, der sich mit Gewalt an ihm vorüberdrängen wollte, zurück bis in die Mitte des Zimmers ... »Was unterstehen Sie sich, Herr!« – »Unterstehen? Meinen die vornehmen Herren noch immer, nach den Lektionen von 1793 und 1830, daß das Blut des Arbeiters weniger rot durch seine Adern pulse, als das ihre? daß seine Ehre das Spielwerk ihrer Lüste sei?« Nini warf sich zu Füßen des Zürnenden und umschlang ihn ... »Bruder, du tust unrecht.« – »Du hast wohlgetan, Täubchen, daß du mir aus dem Wege gegangen bist – erst heute Abend auf dem Opernplatz vor dem verunglückten Spaß erfuhr ich durch einen Zettel von Leuten, die alles wissen, deine neue Residenz! Ein ehrlicher Arbeiter kann nur eine ehrliche Schwester brauchen – ich habe an der da« – er wies nach Celeste, die bleich und aufgeregt zur Seite stand – »genug der Erfahrungen gemacht. Fort, Metze! mit dir hab ich nicht zu reden, nur mit jenem.« – In dem Fürsten kochte die ausbrechende Wut, Angst, Verzweiflung – seine Ehre war vernichtet – ein heiliges Wort gebrochen ... »Um der Barmherzigkeit willen, Platz ...« Die Uhr auf dem Kamin hob aus, und der erste Schlag der Stunde klang hell und herzlos aus dem Salon, und fuhr dem Fürsten wie glühendes Eisen durch das Gehirn. – Alles verloren – Ehre – Ruf – Glück. – Wie ein Tiger sprang er auf den Mann los, dessen Dazwischenkunft ihm alles geraubt. – Ein dröhnender Faustschlag, von der muskelstarken Hand des Arbeiters an seine Stirn geschmettert, streckte den vornehmen Herrn, den Gebieter über tausend Seelen, zu Boden – und kein Glied mehr rührte sich an ihm ... – »Allmächtiger Gott, du hast ihn erschlagen!« – »Retten Sie sich, fliehen Sie, François!« Der Arbeiter stand starr und blaß, auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß, und er betrachtete wie verwirrt seine Hand ... – »Fliehen Sie, François, ich beschwöre Sie bei Ihrer einstigen Liebe zu mir!« – »Es ist vergebens; die Polizei ist hinter mir: ein Komplott gegen den Kaiser – man hat viele meiner Kameraden verhaftet und verfolgt die Entkommenen.« – Celeste sprang ans Fenster ... – »Leute vor der Tür – Soldaten!« – »Er lebt! Er lebt!« tönte dazwischen der jubelnde Ruf des Mädchens. »Celeste – François – helft mir!« Nini, die nach der traurigen Katastrophe sich nur mit dem Geliebten beschäftigt hatte, versuchte, ihn emporzurichten; François sprang herbei, ihr zu helfen, und setzte ihn auf einen Stuhl ... – Der Fürst erholte sich, atmete tief und schwer, und seine Augen waren starr, ohne Ausdruck vor sich hin gerichtet ... – »11 Uhr! – Der Bahnzug geht fort!« – Eintönig wiederholte der Mund mehrere Male die Worte ... Celeste hatte die Tür zum Treppenflur geöffnet und lauschte, jetzt sprang sie eilig zurück ... »Man kommt – ich glaube, man untersucht die Zimmer des ersten Stockes. – Um Gottes willen, ist kein Ausweg?« – Ihre Blicke flogen suchend umher, während sie die Tür verriegelte. Ihre Entschlossenheit schien ihr jetzt einen rettenden Gedanken einzugeben ... »Rasch, François, Ihren Hut, die Bluse herunter!« – Fast willenlos gehorchte ihr der junge Mann ... »Mein Herr, haben Sie wenigstens den Edelmut, den Bruder Ihrer Geliebten zu retten. Sie selbst werden sich leicht befreien. Ihren Rock, Ihren Rock!« Sie zerrte den Fürsten empor, – er blieb ruhig, bewegungslos stehen, – seine Augen starrten bewußtlos umher. – »11 Uhr! – Bahnzug geht ab!« lallte er wieder ... »Nini, um Gottes willen, hilf, Du rettest den Bruder und sicherst Dir den Geliebten. Geschwind, Mädchen, geschwind!« Der Fürst ließ sich widerstandslos den Rock ausziehen, den sie François zuwarf, und sich mit der Bluse bekleiden ... »Rasch, rasch in den Salon, den Domino um, die Maske in die Hand, ich höre sie auf der Treppe!« Sie riß dem Fürsten das Halstuch ab. Nini hatte begriffen – sie ahnte das Schreckliche noch nicht, und in der Hoffnung, den Geliebten sich zu sichern, flog sie mit weiblichem Instinkt dem Bruder zur Hand. Im Nu war die einfache Verkleidung geschehen, der Domino auf seinen Schultern, der Hut auf seinem Kopfe. Celeste drückte den Kalabreser auf den Kopf des Fürsten ... »Gott sei Dank! – Nun, mein Herr, gilt es, sich kurze Zeit zu verstellen!« »Im Namen des Kaisers, öffnen Sie!« dröhnte es von draußen ... und Gewehrkolben donnerten gegen die Tür ... Die Lorette riß die Tür auf ... »Hierher! Hierher! Kommen Sie uns zu Hilfe, meine Herren! ein fremder Mann ist mit Gewalt hier eingedrungen – der Mensch will uns morden oder bestehlen.« Der Polizeikommissar trat ein, hinter ihm Polizeidiener, Wache. In der Mitte des Zimmers stand der Fürst, noch immer regungslos, gleich als wisse und fühle er nicht, was um ihn her vorging. Im Zugang des Salons stand Nini in ihrem Maskenkostüm, dahinter im Schatten François, beide blaß, stumm – der entschlossenen Freundin alles überlassend. Der Kommissar wandte sich zu einem seiner Begleiter ... »Ist es dieser?« er wies auf den Fürsten. – » Certainement ! Ich kenne ihn an der grünen Bluse und dem Hut. Lassen Sie ihn verhaften.«– »Mein Herr, Sie sind mein Arrestant, folgen Sie ohne Widerstand.« »11 Uhr – der Bahnzug geht ab!« lallte der Fürst. – »Was sollen die Albernheiten? – Für Bicêtre können Sie Ihre Manöver später machen. Mich täuschen Sie nicht. Marsch!« Ein leiser Schauer schien durch die Glieder des Fürsten zu laufen, als er von zwei Polizisten an den Armen gepackt und fortgeführt wurde. Er folgte willenlos, sein starres Auge wandte sich nicht einmal zur Seite, unter der Tür hörten die Zurückbleibenden nochmals seine Stimme: »11 Uhr – der Zug geht ab!« – Als die Lorette erschöpft, aufgeregt zurückkehrte, lag Nini ohnmächtig im Arm ihres Bruders. Zweites Kapitel Die Massacres auf Chios. Der Mond warf seinen klaren, durchsichtigen Schein auf Berg und Meer, mit seinem silberbleichen Licht die Ruinen des genuesischen Forts auf der Höhe des Pagus von Smyrna erhellend, das seinen kalten, herzlosen Strahl auf das Märtyrertum Stephanas in den Bergen der Zenta warf. Wo die Ruinen sich nach dem Meere zu öffnen, das mit seinem ewig schwellenden Busen unruhig zu träumen schien, lag die Bande des Räubers gelagert, der Smyrna beherrschte: auf einer Marmorquader Gregor Caraiskakis; an seine Knie gelehnt, trauernd, aber vertrauend zu ihm emporblickend, Diona, in deren reichem, nur von einer Spange zusammengehaltenem Rabenhaar die Hand des Bruders spielte. Vor ihnen der Kamelführer und Welland, der treue Freund. Nur wenige Schritte davon schürte Maro ein kleines tönernes Kohlenbecken, aus dem er von Zeit zu Zeit seinem Oheim oder dem Doktor eine glimmende Kohle reichte, mit der sie ihre lange Pfeife in Brand erhielten. Etwas weiter, rings um die Gruppe, aber doch im Bereiche des Gespräches, lagerten die Genossen des Räubers. Welland hatte bei seiner Ankunft besseres gefunden, als er nach den Vorgängen der Nacht und den Mitteilungen des Freundes hoffen durfte. Eine schwere Beichte des Mädchens hatte stattgefunden, aus der sie jedoch weniger schuldig, als es geschienen, hervorgegangen war. Sie hielt sich für Sir Maubridges Gattin, und nur als solche war sie ihm gefolgt, nachdem in der Nacht vor der Flucht der britische Vizekonsul eine Art Zeremonie vorgenommen, die ihr Liebhaber für bindend erklärte, und die das Mädchen in ihrer Unbekanntschaft mit den europäischen Gebräuchen, und von Leidenschaft geblendet, gleichfalls dafür ansah. Der Bruder aber beschloß mit dem Freunde, Sir Maubridge selbst zur Rede zu stellen. Der Zeremonie hatte außer dem Schreiber des Konsuls nur ein alter Matrose, derselbe, den Mauro in der Villa so rechtzeitig aus dem Fenster stürzte, beigewohnt. Die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter warf einen trüben Schleier über die Hoffnungen der jungen Frau, durch den Bruder zu ihrem Rechte zu gelangen, und träumend und stumm, aber vertrauend auf ihn, saß sie und horchte auf das Gespräch der Männer, an den geliebten Verführer denkend, von dem Mauro die Kunde gebracht hatte, daß er am Nachmittag mit der Felucke abgesegelt sei. Der Konsul hatte sich noch am Vormittag zu dem Pascha begeben, um energische Reklamationen wegen des Überfalles und des Niederbrennens seines Landhauses zu erheben, und Jan Katarchi wußte durch seine Spione, daß Ali Pascha sofort Befehl erteilt hatte, Streifzüge gegen die Räuber zu unternehmen. Doch Jan spottete ihrer, und in der Tat war, mit Ausnahme der Khawassen der Konsulate, die Schar, die damals die Polizeimannschaft von Smyrna bildete, nicht viel besser als die Räuberbande selbst. Die Gruppe an den Ruinen des Forts im Mondlicht gewann durch das schöne Bild der jungen Griechin einen besonderen Reiz. Sie trug über dem langen, seidenen Gewand von gelber Farbe die reich mit Gold gestickte, offene Ärmelweste, die einen so schönen Schmuck und Teil des griechischen Kostüms bildet, während das gewöhnlich von einem jener herrlichen smyrniotischen Fez oder der längeren griechischen Troddelmütze bedeckte Haupthaar frei um das schöne Gesicht wallte. Die Männer waren in einem ernsten Gespräch begriffen. Welland hatte die Vorgänge des Tages in Smyrna mitgeteilt, und die Rede hatte sich auf die politischen Verhältnisse und Ereignisse überhaupt gerichtet, die den Orient und Occident zu erschüttern drohten. Konstantinopel war in diesem Augenblick noch der Zentralpunkt der diplomatischen Agitationen, und von hier aus spannen sich die Fäden der Intrige und Gegenintrige, deren Auslaufen und Entscheidung nur wenige noch berechnen konnten. Caraiskakis, infolge seines abenteuernden Lebens nur unvollständig über den Stand der Angelegenheit unterrichtet, hatte den Freund um einen kurzen Umriß gebeten, und dieser gab ihm denselben: Man hatte in Wien frohlockt, daß der Zar die Forderungen Österreichs in der montenegrinischen Frage so kräftig unterstützte, sah aber jetzt, daß das Petersburger Kabinett damit einen viel wichtigeren Schlag in Konstantinopel vorbereitet hatte. Rußland, das seit Katharina II. mit mehr oder weniger kurzen Unterbrechungen überwiegenden Einfluß in Konstantinopel ausgeübt hatte, bemerkte seit einiger Zeit mit Unruhe, daß an der Hohen Pforte französische und englische Sympathien – offenbar infolge des erweiterten Verkehrs und der Erziehung junger Orientalen, in Paris und London – sich geltend machten. Auch materiell hatten England und Frankreich durch die Vermehrung von Konsulaten, neue Handelsverbindungen usw., in der Türkei einen festeren Fuß gefaßt. Die Flüchtlingsfrage nach dem ungarischen Kriege war durch Englands Einfluß gegen Rußland entschieden worden. Die türkischen Verhältnisse selbst waren kaum länger haltbar ohne eine durchgreifende Änderung, das fühlten und sahen mehr noch als die europäischen Höfe die einsichtsvollen Orientalen selbst, und an solchen fehlte es keineswegs, denn der Einfluß, den alle Staaten Europas nach und nach sich in der Türkei erworben, teils durch die Traktate, teils durch ihre Machtstellung und Handlungen eigener Machtvollkommenheit, war derart, daß die Souveränität der Pforte einzig durch die Rivalität der abendländischen Staaten bewahrt wurde. Nichtsdestoweniger hatte man sich in Petersburg dem Glauben hingegeben, daß die russische Machtstellung im europäischen Staatenverband und sein bisheriger dominierender Einfluß auf Mitteleuropa hinreichen würden, ernste Konflikte zu vermeiden. Dazu kam der blinde Glaube an die Unmöglichkeit einer politischen Allianz Englands mit Frankreich. Kaiser Nikolaus, einer der ehernsten Charaktere der Weltgeschichte, rechnete Völker und Länder zu sehr als Zahlen von seinem erhabenen Standpunkt aus und trug den tieferen Erscheinungen und Charakteren der Gegenwart zu wenig Rechnung. Fürst Menschikoff, der russische Marineminister, war am 28. Februar in Konstantinopel eingetroffen und hatte einen feierlichen Einzug unter dem Jubel der griechischen Bevölkerung gehalten. Unter den niederen Klassen hatte sich das Gerücht verbreitet, der Fürst werde mit den Griechen von Konstantinopel das nächste Osterfest in der Sophienkirche – dem ehemaligen Palladium des griechischen Christentums – feiern. Sein starrer Charakter war zur Führung intrigenvoller diplomatischer Verhandlungen, in denen die orientalischen Staatsmänner die feinsten Diplomaten des Westens überragen, wenig geeignet. So hatte er sich geweigert, dem Minister des Auswärtigen, Fuad Effendi, der Etikette gemäß, seinen Besuch zu machen, mit der Erklärung, daß Rußland gerade besondere Beschwerdegründe gegen diesen ihm persönlich feindlichen Minister habe, der auch die Verhandlungen wegen der Auslieferung der ungarischen und polnischen Flüchtlinge geleitet hatte. Die Pforte zeigte aber seinem energischen Auftreten gegenüber sofort ihre Nachgiebigkeit durch die Enthebung Fuad Effendis von seinem Portefeuille. Getäuscht durch dieses Resultat ging der Fürst weiter. Der vorgeschobene Beschwerdepunkt, der Krieg gegen Montenegro, war bereits durch die österreichische Intervention beseitigt – es blieb also nur die Frage wegen der heiligen Stätten, hauptsächlich über den Besitz der Schlüssel zum heiligen Grabe, welchen sowohl die Lateiner wie die Griechen in Anspruch nahmen. Dies war der Wendepunkt, an dem aufs neue das Spiel der politischen Intrige begann. Die Hauptforderung Rußlands ging darauf hinaus, daß die Pforte in einem besonderen Protokoll der griechischen Kirche in der ganzen Ausdehnung ihres Gebiets alle von Alters her besessenen Rechte, Privilegien und Immunitäten unverändert auf der Grundlage des bestehenden Status quo gewährleisten solle, und daß die griechische Kirche berechtigt sei, alle den begünstigten christlichen Nationen eingeräumten Vorrechte auch für sich in Anspruch zu nehmen. Durch die Gewährleistung dieser Forderung hätte der Zar das Recht erhalten, als Protektor der orientalischen Kirche, also der griechischen Untertanen des Sultans, sich bei allen entstehenden Streitigkeiten derselben mit der türkischen Regierung zum Schiedsrichter auszuwerfen. Es bedeutete mithin gewissermaßen eine vollständige Abhängigkeit von Rußland, obschon auf der anderen Seite nicht zu leugnen stand, daß die griechische Kirche und Bevölkerung in der Türkei dringend einer Befreiung und eines energischen Schutzes ihrer Rechte bedurften. Unterm 10. Mai lehnte der Diwan dieses Verlangen als Eingriff in die Souveränitätsrechte des Sultans ab, bewilligte hingegen die geringeren angeschlossenen Forderungen. Zugleich trat durch den Einfluß des seit dem 5. April in Konstantinopel wieder eingetroffenen britischen Gesandten, Lord Stratford de Redcliffe, eine Veränderung des türkischen Ministeriums im britischen Sinne ein; Reschid-Pascha trat an die Spitze des Auswärtigen. Fürst Menschikoff antwortete am 11. Mai auf die türkische Note und kündigte, als die neuen Verhandlungen kein Resultat herbeiführten, am 18. an, daß er seine offiziellen Verbindungen mit der Pforte abbrechen müsse, weil man ihn nur mit leeren Ausflüchten hinhalte, und zog sich hierauf an Bord des bei Bujukdere ankernden Dampfschiffes zurück, das ihn nach Odessa bringen sollte, setzte aber die privaten Unterhandlungen noch fort; da die Pforte aber hartnäckig alle Modalitäten des Ultimatums zurückwies, verließ er am 21. Mai mit dem russischen Gesandtschaftspersonal Konstantinopel, nur die Handelskanzlei dort zurücklassend. Nun sandte der russische Minister des Auswärtigen, Reichskanzler Graf Nesselrode, nochmals eine Note an Reschid-Pascha, in welcher er die Annahme der früher gestellten Bedingungen binnen acht Tagen forderte, widrigenfalls Rußland die Donau-Fürstentümer besetzen würde, erklärte jedoch dabei, daß diese Besetzung eben nur als Pfandnahme und nicht als Kriegserklärung zu betrachten sei. Frankreich und England, die nach der Einleitung des Konflikts zwischen Petersburg und der Pforte sich der äußeren Einmischung fern gehalten hatten, riefen jetzt ihre Flotten in die Nähe von Konstantinopel, und am 15. Juni gingen beide in der Besikabai, am Eingang der Dardanellen, zu Anker. Dies war die Übersicht, die Welland dem Freunde mitteilte ... »Mir scheint, Freund,« sagte er zum Schluß, »der redliche Wille einer Versöhnung und Ausgleichung ist auf keiner Seite sonderlich groß und von Zwischeninteressen, die in dem Streit spielen, scheinen so viele vorhanden, daß an eine friedliche Lösung kaum zu denken ist. Es ist offenbar, daß wir auf einem unterwühlten Boden stehen, und niemand kann sagen, nach welcher Seite die Wagschale sich senken, wo das gezogene Schwert rasten wird. Alle Verhältnisse scheinen sich umgekehrt zu haben. Freunde stehen sich feindlich einander gegenüber, alte Feinde haben den Groll im Busen verschlossen und machen gemeinsame Sache. Ich fürchte, Freund, auch unser Schicksal wird uns in das volle Wogengebraus hinauswerfen.« »Ja, Sie haben recht, baß alle Verhältnisse verkehrt und aus den Fugen gerückt sind in diesem Streit!« entgegnete mit Bitterkeit der Grieche. »Steht nicht das allerchristlichste Frankreich, das streng protestantische England neben dem ewigen Erbfeind des Kreuzes, um drei Millionen Türken das Recht wahren zu helfen, zehn Millionen Christen zu unterdrücken, zu tyrannisieren, sie aller historischen und menschlichen Rechte zu berauben?« – »Ich glaube schwerlich, Freund, daß Sie es besser haben würden unter der Knute Rußlands, als Ihre Väter es unter der Peitsche der Moslems hatten. Sie wünschen die Wiedergewinnung und Erhebung Ihrer Nationalität, Wohl! Aber Rußland, Ihr Beschützer, ist doch gewiß gerade der Staat, der eine fremde Nationalität am wenigsten achten würde. Blicken Sie doch hin nach Polen!« – »Meinen Sie,« unterbrach ihn der Grieche, »daß mein Volk auch nur den Gedanken in sich trüge, ein Teil des russischen Reiches zu werden? Keinem Hellenen kommt die Idee! Frei wollen wir sein auf unserer eigenen Erde, die getränkt ist mit tausend großen Erinnerungen der Vorzeit, Herren unseres eigenen Landes, das zur Wüste geworden, dessen Kirchen zerstört, dessen Kinder geschändet und geschlachtet sind von einer Handvoll Ungläubiger.« Sein Auge flammte, seine Hand war erhoben, als er von der Unterdrückung seines Vaterlandes sprach. Auch Diona, die Tochter Griechenlands, schaute, auf den Knien liegend, mit getöteten Wangen und feurigen Augen empor zu dem Bruder. Der Räuber hatte sich aufgerichtet aus seiner trägen Stellung ... »Höre mich, Franke,« sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Ich bin nicht gelehrt wie du und wie mein Sohn hier aus edlem Geschlecht; ich bin ein geringer Mann aus dem Lande meiner Väter, ein Dieb und Mörder, der nichts von dem versteht, was die Könige des Frankenlandes sprechen und wollen. Aber sie sind Staub in den Augen des großen Zaren, der stets unser Freund war, wie sie Staub sind in den unsern. Wem sollen wir trauen? auf wen sollen wir hoffen? wenn nicht auf ihn, dessen Glaube der unsere ist, der der ewige Feind unserer Tyrannen gewesen und sie bekämpft hat? Sollen wir vertrauen auf den Bruder, der sich uns bewährt und uns geschützt hat, oder auf den Fremdling, der unserer höhnt und spottet, die Früchte unseres Fleißes an sich reißt und mit unseren Unterdrückern gemeinschaftliche Sache macht?« – »Da hören Sie die Stimme des Volkes,« sagte Gregor; »wie dieser, denken und sprechen Tausende, ja Millionen ... Es kann nimmer die Rede sein von Versöhnung zwischen dem Opfer und seinem Henker! Oder soll ein Volk, das solche Leiden getragen, wie das meine, je den Unterdrücker ehren und lieben lernen? Kann es je ein Vergessen geben zwischen einem Hellenen und einem Bekenner des Propheten? Wollen Sie eine Geschichte hören, die Sie lehren mag, die Gefühle und Erinnerungen meines Volkes besser zu beurteilen, wohlan, hier ist der Mann, der sie Ihnen geben wird: Janos!« »Euer Vater, meine Kinder,« begann der Räuber, »war ein wohlhabender Mann auf der Insel Chios und trieb Handel mit Mastix nach Konstantinopel. Chios war damals ein blühendes Land, ein Garten Gottes, reich gesegnet mit Fruchtbarkeit und Schönheit. Was unser Himmel bietet, fand man auf der Insel, der Hafen von Kastron war gefüllt mit Schiffen aller Nationen, und hundertzwanzigtausend tätige, wenn mit der türkischen Herrschaft und ihrer Willkür auch nicht zufriedene, so doch ruhige und fleißige Menschen bewohnten die Insel. Das kam, weil von Konstantinopel selbst uns Schutz und Schirm gegen die Tyrannei wurde, unter der unsere Brüder auf den Zykladen und dem Festlande seufzten, denn Chios gehörte Fatme Sultana, der Schwester des Großherrn, als Eigentum, und sie bezog jährlich nicht weniger denn zwölfhundert Beutel von unserer Insel, die den Mastix erzeugt, wie kein anderer Ort in der Levante. Wie bald sollten wir jene beneiden lernen! Ich war in Ipsara geboren, aber schon als Knabe in das Haus deines Vaters gekommen und hatte ihn auf vielen Reisen nach Athen, selbst nach Triest und Konstantinopel begleitet. Der Name deines Vaters war geachtet und er zählte zu den Patrioten, die über dem Gewinn des Handels und dem Klange des Goldes nicht vergaßen, daß der Besitz ihrer Habe, ja ihrer Familie und ihres Lebens nur Schein und von der Willkür des Muselmannes abhängig war, daß unser heiliger Gottesdienst nur gegen schwere Geschenke an die Machthaber geduldet wurde und jedes Rechts entbehrte, daß die Ehre unserer Frauen und Töchter das Spiel der Lüste unserer Herren blieb und der Moslem verächtlich vor dem eingeborenen Sohne des Landes ausspie und ihn Giaur nannte, wenn er demütig an ihm vorüberging. Wir waren elender, als das von Gott verfluchte Volk der Erde ist! Es bestand damals – und man hat mir erzählt, daß er seit mehr als hundert Jahren unter meinem Volke bestanden – ein geheimnisvoller Bund, »Hoffnung« benannt, der über das Festland und alle Inseln, ja weit hinein nach Asien und über Byzanz hinaus ging und alle Besseren, Tugendhaften und Tapferen unseres Volkes in seinen Reihen zählte. Wo die tausend Felseninseln wie Sterne auf dem blauen Meere schwimmen, da gibt es kleine Eilande, unzugängliche Berge, auf die sich freie Männer geflüchtet haben und wohin noch nie der Fuß eines Moslems ungestraft gekommen ist. Hier ist die Wiege der griechischen Freiheit, und von diesen Felsenbuchten, in deren Schutz die Häupter des Bundes sich alle vier Jahre zu versammeln pflegen, ging der ewige Krieg aus, den, von den Franken verlassen, unser Volk wenigstens im einzelnen seit Jahrhunderten gegen die Ungläubigen geführt hat. Dein Vater, Gregor, gehörte seit zehn Jahren dem Bunde an, und als die Stunde gekommen war, wo auf dem Festlande die Fahne des Kreuzes gegen den unerträglichen blutigen Druck erhoben werden sollte, eilte er dahin. Vom Norden, vom großen Zar aus Moskau her, kam auch damals der Ruf unserer Freiheit. Fürst Ipsilanti zog in das Land an dem großen Strome, der uns von unseren russischen Brüdern scheidet, aber die heilige Schar fiel bei Dragachan unter der türkischen Übermacht, und der Großherr in Konstantinopel schwor bei seinem Barte, alles zu vertilgen, was Grieche hieß im Lande. Auch zu uns kam die Kunde, wie man in Konstantinopel, in Smyrna und Salonichi alle Kirchen zerstört, wie man unser Volk beraubt und gemartert, unseren ehrwürdigen Erzbischof, den heiligen Gregorius, vor der Hauptpforte seiner Kirche am heiligen Ostertage aufgeknüpft hatte. Da entbrannte in den Herzen unseres Volkes die heilige Flamme und überall schlug das Feuerzeichen der Freiheit empor! Von Achaja aus tönte der erste Ruf, und als der Erzbischof von Patras in den ersten Apriltagen das Kreuz aufrichtete, da klang es wider in Ätolien, in Attika, Akarnanien, Livadien; auf Spezzia, Ipsara und Hydra, auf Samos wie im Epirus und in Thessalien, wo die tapferen Sulioten und Agraphen sich mit dem Löwen von Janina verbanden, der längst schon am türkischen Joche gezerrt. Der alte Held Kolokotroni zog mit seinen Klephten daher, der edle Nikitas, Petros Mauromichalis, der Bey der Marine! Aber Chios wagte es nicht, laut in den Jubelruf einzustimmen, denn Veli Pascha, der Gouverneur, hatte zehn der angesehensten Chioten nach Konstantinopel als Geiseln geschickt und nahm jetzt aus jedem Dorfe zwei Ortsvorstände und warf sie in die Kerker von Kastron, um sich gegen einen Aufstand zu sichern. Dein Vater, Gregor, war, zeitig gewarnt, auf den Ruf Maurokordatos, seines Freundes, der auch aus Chios stammte, nach Attika geeilt. Mich, ich war damals achtzehn Jahre alt, ließ er bei seiner Familie zurück, denn deine Mutter trug dich noch an der Brust und selbst dein Bruder Andreas zählte erst vier Jahre. In dem Hause deiner Familie, an der Bucht von Volisso, glaubte er sie vor allen Stürmen geschützt und ich mußte ihm auf das Kreuz schwören, sie nie zu verlassen.« Gregor reichte dem alten Diener seiner Familie die Hand ... »Vater Michael,« sagte er weich, »und die Mutter, die jetzt beide im Himmel sind, bezeugen dort oben, wie treu du Wort gehalten.« Janos küßte die Hand und fuhr in seiner Erzählung fort: »Die guten Tage für Chios waren vorüber. Veli Pascha und seine Agas machten sich die Erbitterung des Diwans gegen das griechische Volk zu nutze und begannen Unterdrückungen und Erpressungen, die bald allen Grausamkeiten die Wage hielten, welche unsere Brüder auf dem Festlande je erduldet hatten. Dennoch widerstanden die Bewohner von Chios dem Ruf, der täglich von Samos und Ipsara her erging, zu den Waffen zu greifen und sich dem allgemeinen Kampfe anzuschließen, denn in den Kerkern von Kastron lagen ihre Väter und Brüder, hundertundzwanzig an der Zahl, darunter die sieben Bischöfe unserer Insel, und jede Familie zitterte bei dem Gedanken an das Schicksal, das die teuren Häupter in der Gewalt unserer Tyrannen beim geringsten Zeichen des Widerstandes bedrohte. Da landeten Fürst Logotheti und General Burnia am 25. März mit zweitausend Samnioten auf Chios und pflanzten des folgenden Jahres das Kreuz der Freiheit auf der Insel auf, griffen Kastron an und erschlugen hundertundfünfzig Türken im Gefecht. Veli Pascha mit den Seinen flüchtete in das Kastell und wurde hier belagert. Das Verderben aber war nahe. Bald erscholl die Nachricht von der Annäherung des grausamen Kapudan Pascha mit der türkischen Flotte. Allgemeiner Schrecken verbreitete sich, und wer da konnte, flüchtete sich. Am 12. April schiffte sich Kapudan mit 15 000 Mann von Tschesme nach der Insel über, die von Ipsara und Hydra kappten die Anker und flohen, zwölftausend Bewohner der Insel mit ihnen. Sieben Schiffe fielen in die Hände der Türken und wurden mit den Unglücklichen versenkt, – ihr Los war glücklich gegen das der Zurückgebliebenen. Allgemeines Entsetzen hielt diese in Untätigkeit, während – hätten sie sich mit den Samnioten verbunden – sie mit sicherm Erfolg der Macht der Türken Trotz geboten hätten. Doch man verließ sich auf das Versprechen des österreichischen und französischen Konsuls, die mit dem Kapudan Pascha unterhandelt und die Zusage allgemeiner Amnestie überbracht hatten, wenn man alle Waffen ausliefere. Dies geschah; nur wenige hielten sich mit Logotheti und Burnia in den Batterien von Turloti, und dort entbrannte ein heißer Kampf am 12. und 13. April. Alle Gegenwehr war vergeblich, die Schanzen wurden erstürmt, die Führer retteten sich durch die Flucht, während der Überrest der tapferen Schar sich in das Kloster Yamon warf und Schritt um Schritt, Blut um Blut jeden Fußbreit gegen die anstürmenden Scharen verteidigte. Sie wußten ihr Schicksal, und während die Kirche von Turloti in Flammen aufging, während die Türken bereits die Gräber aufrissen und die Leichen verstümmelten, fiel einer der Helden nach dem anderen, kämpfend in den Trümmern des Klosters – keiner entkam – mein einziger Bruder war unter den Toten.« Der Erzähler schlug ein Kreuz zum Gedächtnis des Gefallenen, andächtig folgten die übrigen Griechen, dann fuhr er fort: »Am 14. war auf der ganzen Insel kein Widerstand mehr, und nun begann eine Zeit voll Mord und Entsetzen, wie wohl noch keine gewesen ist unter den Völkern der Erde. Scharen von asiatischen Mördern und Räubern, unzählig wie Heuschreckenwolken, strömten von Tschesme und Smyrna her über die unglückliche Insel, die der Wüterich jedem Schrecken preisgegeben. Sechs volle Tage dauerte das Morden. Greuel, wie sie die Hölle nicht erfindet, wurden hier ausgeübt; nicht das Kind an der Brust, nicht der wankende Greis verschont. Schon am anderen Tage gingen vier Maulesel mit Köpfen und Ohren beladen nach Smyrna ab. Entmannte Männer, Frauen und Jungfrauen, denen die Unholde die Brüste abgeschnitten, sah ich überall. Am 19. waren bereits von 65 Dörfern, die die Insel zählte, 49 fast spurlos von der Erde vertilgt, darunter 20 Mastixdörfer. Vergebens bemühte sich der französische Konsul Digeon, ein früherer Offizier, wenigstens einige zu retten. Hinter seinem Rücken begannen die aufgestellten Schutzwachen aufs neue das Werk der Zerstörung.« Diona faßte die Hand des Mannes ... »Und du, Janos, wo bliebst du? und was geschah mit unsrer Mutter?« »Als das Morden begann,« erzählte er weiter, »und wir in unserer entfernten Wohnstätte die erste Kunde davon erhielten, suchte ich eilig ein Schiff, aber alle hatten, wie ich bereits erzählt, von Kastron aus die Flucht ergriffen. In den Felsenschluchten des Berges Hyas war mir ein Versteck bekannt. Dorthin – unter die Trümmer eines alten Götzentempels unserer Väter, der weit hinaus schaut aufs Meer – führte ich Mutter und Kinder und verbarg sie vor den Augen unserer Henker. Acht lange schreckliche Tage brachten wir da zu, während deren einige wenige glückliche Flüchtlinge sich zu uns gesellten. Dann litt es mich nicht länger in den Bergen; ich trat zu eurer Mutter und bat sie, mich nach Kastron gehen zu lassen, um dort nach Hilfe auszusehen. Nur schwer gab sie die Erlaubnis, aber unsere Not war groß und ich mußte fort ... Ich ging durch das Gebirge und nahte mich Kastron. In einem Hause, das allein an einem Bergabhange stand, fand ich zwei der Henker, – sie schliefen, berauscht von dem ihnen verbotenen Chioswein, neben den entstellten Leichen zweier Mädchen, die sie geschändet. Ich erschlug beide im Schlaf – es war das erste Blut, das ich vergoß, und wahrlich, nicht solches, das ich je bereut habe! – In der Kleidung und mit den Waffen eines der Erschlagenen ging ich weiter und kam nach Kastron. Es war am Morgen des 23. April. Kaum noch ein Haus stand außer denen der Konsuln. Was noch lebte, trieb man jetzt in Haufen zusammen und zu den Schiffen, um als Sklaven nach dem Festlande geschafft zu werden. »Aber Veli Pascha hatte sich noch ein besonderes Fest vorbehalten; es galt den hundertundzwanzig Geiseln, die in seinen Kerkern schmachteten – darunter sechsundachtzig Ortsvorstände und sieben Bischöfe, die anderen angesehene Kaufleute des Landes. Fünfunddreißig von ihnen, darunter zwei Brüder Maurokordatos mit ihren jungen Söhnen, Knaben noch, wurden nach dem Schiffe des Kapudan Pascha geschleppt, die übrigen hing man am Morgen an den Mauern von Kastron auf, und als es den Henkern zu langsam ging, stürzte man sie herab und zerschmetterte ihre Glieder mit Keulenschlägen. Ich schlich in der öden Stadt unter Trümmern und Leichen umher – als ich Zeuge ward einer Tat, die mir noch das Blut im Herzen erstarrt. Unter einem Haufen von Unglücklichen, die gleich dem Vieh von einem der Mastixdörfer herbeigetrieben wurden, erkannte ich die Frau und die Tochter eines Mannes, in dessen Hause ich oft gesessen hatte. Aphanasia, das Mädchen, war schön, sie zählte sechzehn Sommer und blühte wie die Rose ihrer Gärten. Ich trug schon lange die Liebe zu ihr im Herzen, aber ihr Vater war reich und ich ein armer Diener – so schwieg ich. Jetzt fand ich sie wieder, arm und elend, des notdürftigsten beraubt, das ihre junge Schönheit deckte. Ich kam dazu, wie der Araber, dessen Beute sie war, sie eben an einen Türken verhandelte, der 300 Piaster dafür geboten. Ein unglücklicher Augenblick feigen Zögerns, um mich selbst nicht zu verraten – er war ihr Verderben. Mit Geld war ich reichlich versehen, denn eure Mutter hatte mir eine Summe zur Gewinnung eines Schiffes gegeben, und der Gürtel der erschlagenen Mörder enthielt eine große Zahl goldener Zechinen, die Frucht ihres Raubes. Ich trat hinzu, indem ich Aphanasia ein Zeichen gab, mich nicht zu kennen, und bot dem Ägypter 3000 Piaster statt jener dreihundert. Die Augen des Schurken funkelten vor Freude über den Gewinn, aber der Türke erklärte, daß sein Handel bereits abgeschlossen gewesen, ehe ich mein Gebot getan, und wollte das Mädchen davonführen. Da warf ihm, ergrimmt über den entzogenen Gewinn, der Mohr die Kaufsumme vor die Füße, und ehe ich es hindern konnte, riß er das Pistol von seinem Gürtel und schoß das Mädchen durch die Brust. Ihr sterbender Blick fiel auf mich, der ich erstarrt stand vor der schändlichen Tat, dann flog mein Handjar aus der Scheide und schlug den Mörder zu Boden. Aber mein Schmerzensruf, meine Flüche hatten mich verraten. »Ein Gjaur! Tötet den Christenhund!« scholl es um mich her, kaum vermochte meine Wut mir Bahn zu brechen durch die sich mehrenden Verfolger. Aber ich rettete mich in eine Gasse, durch die der Zug seinen Weg nahm, der die fünfunddreißig Kaufleute aus den Gefängnissen des Kastells zum Schiff des Kapudan Pascha schleppte. Ein Aga befahl mir, mit Hand anzulegen an die Gefangenen; ich mußte gehorchen, um mich nicht zu verraten, und so kam ich auf das Schiff selbst, um Zeuge jener Taten zu sein, deren Gedächtnis noch mein Blut in den Adern gerinnen macht ... Im Mitteldeck war ein Raum abgeschlagen, an dessen Enden ein Diwan stand, auf dem der Kapudan, von seinen Offizieren umgeben, ruhte. Ein großes Kohlenbecken in der Mitte glühte die Eisen und Zangen, ringsum an den Holzwänden hingen Werkzeuge, wie sie nur die Hölle ausgedacht, Stachelpeitschen, eiserne Keulen, Schraubenringe, die die Gelenke zu Brei quetschten, – ich vermag nicht alles zu nennen, noch aufzuzählen. Einer nach dem andern der Gefangenen wurde hineingeführt, und der Geruch verbrannten Fleisches, das Geheul und Röcheln der Gemarterten, drang furchtbar zu uns heraus, daß selbst mancher der an Mord und Blut gewöhnten Wächter zu erbleichen schien. Endlich, als zum viertenmal das Todesröcheln verstummte, wies der Aga auf mich und zwei Genossen und hieß uns, die beiden Gefangenen, die wir an Stricken geführt, hineinbringen. Es war ein Maurokordatos – ein Greis von siebenzig Jahren – mit seinem Enkel, einem Knaben. Ich hatte ihn oft früher gesehen bei meinem Herrn. Als wir den Verschlag betraten – Herr, ich war selbst mehr tot als lebendig, und hätte in dem Augenblick gern mein Leben gegeben, um die Greuel nicht zu sehen, – stürzten die beiden Henker – es waren, höre es, Franke, ein Malteser und ein nubischer Sklave, Diener des Kapudan – eben die verstümmelten Reste des letzten Opfers durch die Stückpforte ins Meer. Zitternd nahten die beiden dem Furchtbaren und warfen sich nieder vor ihm auf die Knie, um Erbarmen flehend. Es war herzzerreißend, sinnverwirrend, die Bitten des Greises um Gnade für das Kind zu hören. Der Kapudan – ruhig auf seinem Lager ausgestreckt, das Nargileh zwischen den Lippen, fragte den Greis, ob er hunderttausend Piaster als Lösegeld sofort herschaffen könne? – Ich wußte, die Familie hatte das Zehnfache in ihrem Vermögen gehabt, – aber woher jetzt, nach dem Raub und der Plünderung ihrer Habe, während sie aus dem Kerker kamen, der sie länger als ein Jahr umschlossen, – die große Summe schaffen? Die Augen des Greises irrten wie wahnsinnig umher, – überall nur Blutdurst, Grausamkeit – nirgends Hilfe. Ich sehe ihn noch, wie er auf den Wink des Paschas zu Boden geworfen und ihm Maß auf Maß des bittern Seewassers durch einen Trichter in den Mund gefüllt wurde, indes man ihm die Nase zuhielt, bis der Leib aufschwoll zu entsetzlichem Umfang. Dann warfen sich die Henker auf ihn und preßten und traten den Greis... Als ich auf dem Deck den sonnig blauen Himmel wieder sah, der sich so herrlich über Meer und Land wölbte, da war das Gelöbnis heiliger, blutiger Rache mein erster Gedanke, mein heiliger Schwur, und ich habe ihn gehalten; – denn diese meine rechte Hand war es, die den Tiger mit seiner Brut zwei Monden darauf gen Himmel sprengte!« Der Räuber schwieg wie erschöpft von den furchtbaren Erinnerungen seiner Jugend; Welland hatte sein Haupt verhüllt bei der Beschreibung dieser Greuel; aus seinen und Monas Augen flossen Tränen. Nur Gregor blickte finster und flammend umher und auf die Türkenstadt zu seinen Füßen ... »Mein Vater rächte das Ungeheure mit dir! Michael Caraiskakis war bei der großen Sühne, die die Heldenschar des Kanaris dem blutgetränkten Chios brachte.« – »Wohl, Knabe, aber meine Hand war es, die die rächende Flamme zündete. – Höre darum weiter! Auf einem der Boote, die fortwährend zwischen der aus vierzig Segeln bestehenden Flotte und dem Lande kreuzten, entkam ich glücklich wieder zur Stadt. Die »Siegesfahne«, das Schiff Kapudan Paschas, zählte elfhundert Mann Besatzung, zahllose andere Banden verkehrten fortwährend dort. Wer sollte mich in dem Gewühl entdecken, da ich gut türkisch sprach? So blieb ich bei den Moslems, bis der Abend kam, – dann trennte ich mich von ihnen und schlich nach dem Ort, wo am Morgen Aphanasia ermordet worden. Ich fand sie wirklich unter anderen Leichen, und auf meinen Schultern trug ich den teuren Körper fort und begrub ihn unter einem Feigenbaum. Dann eilte ich zurück ins Gebirge, und am zweiten Morgen war ich wieder bei deiner Mutter und schloß euch Knaben mit Dankestränen in meine Arme, daß die Heiligen mir gestattet, euch zu retten ... Noch zehn Tage blieben wir in unserem Versteck, uns kümmerlich von Früchten und der Milch der in die Berge verlaufenen Ziegen nährend, denn wir wagten kein Feuer anzuzünden, aus Furcht, uns zu verraten. Am Morgen des elften Tages endlich sahen wir ein Schiff in der Nähe kreuzen, dessen Flagge nicht den Halbmond mit den Sternen trug. Von den erhabenen Trümmern des Tempels aus gaben wir ein Zeichen, indem wir unsere Kleider an Stangen banden und zum erstenmal Feuer anmachten, um durch den Rauch ihre Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Es glückte – wir sahen bald ein Boot abstoßen und ich eilte hinab zum Ufer, die Nahenden zu prüfen, ob Rettung von ihnen zu hoffen sei. Heilige des Himmels, der erste, der den Boden betrat, war dein Vater, Gregor! – Wie soll ich euch die Freude des Wiedersehens erzählen, als Michael Caraiskakis die Seinen unverletzt ans Herz drückte? Ich schlich davon unter die Trümmer und weinte. Die meinem Herzen gleich teuer gewesen, war im Himmel! Das Schiff war die österreichische Brigg »Vinetia«. Auf die erste Nachricht von der Ankunft der Türken auf Chios hatte sich Caraiskakis aufgemacht zur Rettung der Seinen. Auf Samos schon hörte er die Kunde von der Verwüstung der Insel und gab die Familie verloren. Dennoch wollte er wenigstens die Insel betreten. Es gelang ihm, auf dem österreichischen Schiffe die Erlaubnis zur überfahrt zu erwirken. In Volisso war er ans Land gestiegen und hatte hier alles verwüstet, aber nirgends Spuren der Seinen gefunden. Viele Flüchtlinge, die sich gleich uns in den Felsenklüften verborgen, hatten bereits glücklich das Schiff erreicht, das seit mehreren Tagen um die Insel kreuzte, und als wir sein Deck betraten, fanden wir neue Szenen der Klage und des Jammers, aber auch die zum Himmel geballte Faust, den Schwur blutiger, ewiger Rache an den Mördern. Nach Ipsara ging unser Lauf, wo sich die entkommenen Patrioten der Inseln, wo sich die Rächer des Frevels versammelten. Dort hörten wir täglich neue Kunde von dem, was auf Chios geschehen und noch geschah, und jede Botschaft schürte das Feuer in unseren Herzen. Der Kapudan Pascha hatte endlich unterm 13. Mai, um die Insel nicht ganz zu entvölkern, durch einen Ferman verboten, noch weitere Sklaven auszuführen. Das Verbot aber rief nur neue Schreckenstaten hervor. Die Moslems, die die Christenkinder nicht verkaufen konnten, stürzten sie ins Meer. Fünftausend Kinder im zarten Alter wurden an den Bäumen aufgehängt und von den Felsen und Häusern herabgestürzt. In Tschesme band man sie zu fünfzig bis sechzig mit Stricken zusammen und stürzte sie ins Meer. Selbst die geldgierigen Smyrnioten fühlten Erbarmen mit dem Elend und kauften so viel sie vermochten. Tausende und Abertausende der Bewohner waren in die Sklaverei geschleppt, zweihundert der angesehensten Geschlechter der Insel ausgerottet worden. Von einer wohlhabenden Bevölkerung von 120000 Seelen blieben etwa neunhundert auf Chios zurück. – Bald drang auch die Kunde zu uns, daß am 20. des Maimonds in Konstantinopel jene zehn Geiseln, enthauptet worden, die Veli Pascha schon vor Jahresfrist dorthin gesandt. Da endlich schlug die Lohe der Rache für das Ungeheure, verderbenbringend den Frevlern, in die Höhe. Ein Schrei des Entsetzens und der Wut erscholl, so weit die griechische Zunge reicht. Der Kapudan Pascha, der die Verantwortung in Konstantinopel fürchten mochte, daß er das Eigentum der Sultana so gänzlich zerstört, sandte auf einem englischen Schiffe Botschaft nach Samos und ließ den Aufgestandenen Vergebung und Sicherheit anbieten, wenn sie die Waffen niederlegen und unter das türkische Joch zurückkehren wollten. Hörst du es, Franke? Inglesi waren es, die diese Botschaft der Schmach überbrachten und die tapferen Samnioten überreden wollten. Mit Hohn und Grimm wurden sie zurückgewiesen. Von Hydras, Pharos und Spezzia hinauf zu Ipsara und Skyros, der Brautkammer des großen Achill, scholl ein Ruf empor zu den Wolken: Freiheit oder Tod! ... Und der Tag der heiligen Rache kam ... Kanaris, der Held, führte sein blutiges Morgenrot herauf. Mit einer Fregatte und fünf anderen Fahrzeugen erschien er am 10. Juni vor Ipsara und warf Anker. Ein ernster Rat wurde gehalten unter den Führern des Geschwaders und den Geflüchteten. Dein Vater, Gregor, war einer der ersten im Rat und saß neben ihm, der die Schiffe der Moslems wie Spreu durch die Meere fegte. Die große Tat ward beschlossen! Noch am Abend desselben Tages rief mich dein Vater und befahl mir, ihm zu folgen. Er führte mich in ein Haus, wo ich viele Männer versammelt fand, mir bekannte und unbekannte, es waren die Brüder jenes Hoffnungs-Bundes in der Hetärie, dessen Eid lautet ...« Gregor unterbrach ihn. »Das sind Dinge, Janos, die nicht für das Ohr des Franken taugen, auch wenn er unser Bruder ist. Vollende deine Erzählung.« Der Räuber schaute erschrocken seinen jüngeren Landsmann an, eine kaum merkliche rasche Bewegung, ein flüchtiges Kreuzen über die Stelle des Herzens belehrte ihn, – er erwiderte das Zeichen und fuhr fort: »Genug! Die Söhne der Hoffnung waren tapfere, die geschworen, vor keiner Gefahr zu weichen, wo es galt, die Freiheit des griechischen Volkes zu erkämpfen oder zu rächen. An diesem Abend schlug dein Vater mich, den armen Diener, zur Aufnahme in den Bund vor, indem er erzählte, was ich auf Chios erlebt, und ich leistete den Eid, den ich treu gehalten. Dann teilte er mir mit, daß am dritten Tage ein Versuch gegen die Flotte des Kapudan unternommen werden sollte, die im Hafen von Tschesme ankerte, und daß Freiwillige aufgefordert würden, dem Tode ins Auge zu schauen. Obschon kaum ein Entrinnen bei dem Wagnis zu hoffen stand, hatten sich am anderen Morgen doch bereits zweihundert Männer gemeldet; das Los wählte achtundvierzig aus. Michael Caraiskakis und Janos der Ipsariote waren unter ihnen; dem ersteren übertrug Kanaris die Leitung der Expedition, ich begleitete ihn. Von diesem Augenblick an durfte keine Seele mehr bei Todesstrafe die Insel verlassen. Während die Achtundvierzig durch Beichte und Gebet sich vorbereiteten und ihre Waffen instand setzten, arbeitete Tag und Nacht die Bevölkerung des Hafens an der Herstellung der Brander. Am dritten Tage waren sie fertig; drei Schiffe, von der Spitze des Mastes bis zum Kiel mit Pech und Teer getränkt, leichtes Werg um Spieren und Taue gewunden, der ganze Schiffsraum eine wandelnde Hölle von Schwefel, Pulver und Feuerstoffen, die nur des belebenden Funkens harrte. Die österreichische Brigg war bei uns geblieben; ihr wackerer Kapitän, empört von den entsetzlichen Greueln, die er teils mitangesehen, teils vernommen hatte, versprach uns, die Mannschaft aufzunehmen, wenn sie sich retten könnte. Es war am Abend, als alles zum Auslaufen bereit war und der fromme Bischof der Insel mit seinen Diakonen am Gestade erschien, uns den heiligen Leib des Herrn zu reichen und seinen Segen zu spenden. Die Menge umdrängte uns, als wir zum Schiff gingen. An der Rechten deines Vaters ging der Seeheld Kanaris, ihm die letzten Anweisungen gebend, an seiner Linken eure Mutter, dich, Gregor, auf dem Arm, Andreas an der Hand. Es war ein Heldenweib, und keine Träne, kein Laut der Klage machte das Herz des Gatten schwer. Noch eine Umarmung, Kanaris reichte jedem die Hand, und die Boote führten uns zu den Schiffen, deren Segel bald lustig der Wind blähte. Durch die Nacht, durch die Wogen rauschte das Verderben gen Tschesme ... Zwei Tage lagen wir vor Thimania; der dritte war der 19. Juni, der Vorabend des Bairamfestes, das die Türken mit Gelage und Jubel zu feiern pflegen. So war es auch diesmal. Als der Abend auf See und Land sank, kappten wir die Anker und liefen auf Tschesme zu. Schon in weiter Ferne konnten wir den Jubel hören, der von den Schiffen durch die Nacht drang, die Feuer schauen, die am Ufer brannten ... Das Schiff, auf dem dein Vater selbst das Steuer führte, war mit zwanzig Mann besetzt, die übrige Mannschaft auf die beiden anderen verteilt. Die strengsten Befehle waren gegeben. Jeder stand auf seinem Posten. Alles wartete, bis auf den türkischen Schiffen alles verstummte ... Um zwei Uhr nach Mitternacht gab eine Rakete von unserm Schiff das Zeichen zum Angriff. In wenig Minuten flatterten alle Segel im Winde, und die drei Schiffe fuhren gerade in die Flotte hinein. Zugleich wurde das am weitesten links in Brand gesteckt und die feurige Lohe, an dem Tauwerk emporleckend, flammte hoch auf gegen den Nachthimmel ... Es war ein furchtbar schönes Schauspiel, als wir das brennende, flammende Schiff auf die dunklen Massen vor uns einstürmen sahen. Während ringsum sich der Lärm der Gefahr erhob, Trommel wirbelten, der Ruf der Führer die trunkene wüste Mannschaft weckte und wildes Geschrei von Bord zu Bord scholl, fuhr das Boot an uns vorüber, das die Mannschaft des entzündeten Branders trug. Jetzt gab Caraiskakis das Signal für das zweite Schiff. In wenig Augenblicken flammte seine Feuersbrunst empor, und der Brander trieb mitten zwischen zwei Linienschiffen, die in kurzer Zeit von seinen Flammen erfaßt waren. Das Geheul, das Geschrei war furchtbar und überdröhnte den Donner der von allen Seiten gelösten Schüsse. Die Schiffe hieben die Ankertaue durch und suchten das Meer zu gewinnen, eines das andere mit vollen Lagen begrüßend, wenn man sich gefährdend zu nahe kam. Vier Linienschiffe standen in vollen Flammen, ebenso mehrere kleine Fahrzeuge. Eine der brennenden türkischen Galeeren wurde von der »Siegesfahne«, dem Admiralsschiffe, in den Grund gebohrt, als das brennende Fahrzeug dem Admiralschiffe zu nahe kam. Das aber war die Beute, die wir uns ausgesucht. Wie der Dieb in der Nacht waren wir im Dunkel herangekommen, dicht an der linken Batterie des Schiffes, ehe man uns bemerkte und anrief. Caraiskakis stand am Steuer, ich seines Winkes gewärtig mit der brennenden Lunte an der Hauptluke, die Mannschaft mit Haken und Seilen im Tauwerk. So fuhren wir auf, und im Nu waren die Enterhaken in dem Strickwerk des Feindes, die Taue geknüpft und eine Kette geworfen und am Bugspriet befestigt, daß wir unauflöslich an dem großen Koloß hingen. Zugleich flammte der Haufen Maisstroh empor, den ich in den Luken und unter den Wänden des Schiffes aufgetürmt hatte. Wie ein Blitzstrahl leckte die Flamme empor und lief an den Tauen und Segeln in die Höhe, daß bald alles ein Feuerbogen war. Die Verwirrung, das Geschrei auf dem Schiff des Kapudan waren furchtbar. Er selbst war ein tapferer Mann, wenn auch ein Teufel in seiner Grausamkeit. Ich sah ihn auf der Puppe seines Schiffes stehen, wie er unerschrocken Befehle erteilte und die Rasenden, in Furcht Verzweifelnden antrieb, die beiden Schiffe zu lösen. Caraiskakis und die Mannschaft waren bereits im Boot und riefen mir zu durch den Höllenlärm, ihnen zu folgen, ich vermochte es nicht; mein Auge, mein Herz schien gebannt an das furchtbare Schauspiel, das sich rings um mich entwickelte. Zweimal hob ich das Pistol und zweimal traf meine Kugel die Offiziere, die sich an unsern Bord gewagt, um einen Versuch zum Absteuern der Schiffe zu machen. Dann sprang ich zur hinteren Luke, von der ein Zünder gelegt war bis hinunter zur Pulverkammer. Ich schien mir selbst mehr einer der höllischen Dämonen, denn ein Mensch. Auf dem Schiffe der Moslems wuchs die Verzweiflung, mit jeder Minute. Viele sprangen in das Meer, um sich zu retten; andere, darunter der Kapudan selbst mit eigener Hand, suchten die Boote aufs Wasser zu bringen; jede Disziplin, jeder Gehorsam waren geschwunden, – was da auf dem Schiff atmete, und es sollen ihrer mit den Fremden zum Fest zweitausend zweihundert und sechsundachtzig Seelen gewesen sein, dachte nur an die eigene Rettung. Da schien der Augenblick gekommen und meine Hand hielt, ohne zu zucken, den Feuerbrand an die Leitung, die zum Pulver führte; dann sprang ich auf der andern Seite des Schiffes über Bord und versank ins Meer. Noch ehe ich wieder emporkam, hörte ich ein dumpfes Dröhnen über meinem Haupte, und als ich auftauchte aus den Wellen, da stob und regnete es um mich her Flammen und Balken, Trümmer und brennende Segelstücke und zerbrochene Spieren. Wie durch ein Wunder entkam ich der Gefahr, und um mich blickend, sah ich das Admiralsschiff, jetzt ein großer, unrettbarer Flammenberg. Ich wußte die Richtung unseres Bootes und schwamm drauf zu, aber es kümmerte mich wirklich wenig, ob ich es erreichte oder nicht, so stolz war ich in dem Gefühl der vollbrachten Rache. Doch die Hand der Heiligen war über wir – bald stieß ich auf die Freunde, die mit Angst meiner harrten und, schon mich verloren gebend, davon fahren wollten; nur Caraiskakis, mein Herr, war dem Drängen nicht gewichen. Erschöpft warf ich mich auf den Boden nieder und sah nach dem in immer furchtbarerer Herrlichkeit sich entfaltenden Schauspiel zurück, während wir eilig entflohen. Aber niemand dachte an unsere Verfolgung, und wir waren bereits am Ausgange des Hafens und näherten uns der Brigg, die uns erwartete, als ein Krachen die Luft zerriß, ärger denn zehn Donner. Das Meer schien sich in Flammenwogen gen Himmel zu wälzen – das Admiralsschiff des Kapudan mit all seinen geraubten Schätzen, mit den Hunderten blutgetränkter Mörder, war in die Luft geflogen! Der Kapudan schien das Schiff erst verlassen zu haben, als es sich unrettbar verloren zeigte. Ein brennender Balken hatte das Boot getroffen und zertrümmert, das ihn zum Ufer führte; seine Leute brachten ihn schwimmend dahin und legten ihn unter einem Felsen nieder – eine lebendige Leiche, denn seine Glieder waren halb verkohlt! Dort starb er, ohne von der Stelle gebracht werden zu können, am zweiten Tage unter den furchtbarsten Schmerzen. Von der ganzen Besatzung seines Schiffes retteten kaum zweihundert das Leben.« Eine tiefe Stille war ringsumher, als der Kameltreiber seine furchtbare Erzählung schloß. Der Räuber, der Bandit war vergessen – nur der Held, der Palikare stand vor ihnen, dessen Hand Chios gerächt hatte. Welland erhob sich und drückte schweigend dem Freund und Räuber die Hand – dann schied er, von Mauro und einem der Männer zurückbegleitet. Doktor Welland hatte mehrfache Gründe, die Entwicklung der Costa-Angelegenheit abzuwarten und wollte unter allen Umständen seinen Weg nach Konstantinopel nicht fortsetzen, ohne nochmals den Versuch gemacht zu haben, den ungarischen Revolutionär zu sprechen. Da Gregor bei dem, was er beschlossen, der Hilfe des Freundes bedurfte, verschob er gleichfalls die Verfolgung des Briten bis zur gemeinschaftlichen Abreise, die nach dem Rate des mit allen Smyrnaer Verhältnissen so wohlvertrauten Räubers, mit einem der vielfach kreuzenden griechischen Handelsschiffe geschehen sollte. Die Vorgänge in Smyrna hatten unterdessen ihren weiteren Verlauf genommen. Die mehrfachen Klagen der Konsuln und Gesandten bei dem Diwan über die Untätigkeit und Unfähigkeit des gegenwärtigen Gouverneurs von Smyrna, Ali Pascha, hatten in Konstantinopel endlich Früchte getragen, und die Nachricht seiner Absetzung traf in Smyrna ein; sein Nachfolger Ismael Pascha, der den Ruf eines energischen, zuverlässigen und wortgetreuen Mannes genoß, folgte ihm auf dem Fuße. Die Namen der Mörder des jungen Hackelberg waren bereits am anderen Morgen in ganz Smyrna bekannt; mehrere Tage gingen sie frei und triumphierend Mit ihren Genossen durch die Straßen, und als endlich der österreichische Generalkonsul sich so weit vor persönlicher Gefahr gesichert hatte, um die Pflichten seines Amtes erfüllen zu können, und von Ali Pascha die Verhaftung der Mörder verlangte, war Fumagalli verschwunden, Bassitsch aber verstand es geschickt, sich unter Anrufung amerikanischen Schutzes allen Verfolgungen zu entziehen, und hatte sich ebenfalls in Sicherheit gebracht, als die türkische Polizei endlich Schritte tat, ihn zu verhaften. Die österreichische Brigg »Hussar« war unterdessen durch die Ankunft einer Galeotte verstärkt worden, die sofort Befehl erhielt, sich neben die Brigg zu legen. Die drei Schiffe ankerten gegenüber dem preußischen und österreichischen Konsulat in der Entfernung von ungefähr 800 bis 1000 Schritt vom Lande. Am Morgen des 2. Juli – es war ein Sonnabend – bemerkte man plötzlich besondere Vorbereitungen auf den Schiffen, und vom amerikanischen Konsulat aus verbreitete sich die Nachricht, daß es zwischen ihnen zum Kampf kommen werde. Eine große Menschenmenge versammelte sich sofort am Ufer, und hundert Gerüchte kreuzten sich. Welland erfuhr folgendes: Infolge einer am Abend von Konstantinopel zugleich mit der offiziellen Bestätigung der Absetzung Ali Paschas eingetroffenen Order der amerikanischen Gesandtschaft hatte Kapitän Igraham dem Kommandanten des »Hussar« mittels einer Note angezeigt, daß er die sofortige Auslieferung des amerikanischen Bürgers Costa verlangen oder ihn mit Gewalt holen solle. Die Antwort des Majors Schwarz war die eines echten Soldaten: Sein amerikanischer Kamerad möge das Holen versuchen, das Nichtabgeben sei seine Sache, es sei denn, daß ihm hierüber Orders seiner Vorgesetzten zugingen ... Infolge dieser Antwort sah man alsbald die Schiffe sich zum Kampfe fertig machen. Die Korvette zählte ein Dritteil Kanonen und Mannschaft mehr, als die beiden österreichischen Schiffe, die Übermacht war also auf ihrer Seite, und Major Schwarz traf demgemäß seine Anstalten. Er legte sich möglichst nahe dem Feind und setzte seine Mannschaft in Bereitschaft, sofort bei dem ersten Kanonenschuß zu entern. Zugleich ließ er den Gefangenen aus seiner Haft holen und erklärte ihm mit männlichem Bedauern, daß er genötigt sei, sein Schicksal an das des Schiffes zu knüpfen. Costa wurde auf dem Mitteldeck an den Mast gebunden und eine doppelte Wache an seine Seite gestellt, die den strengen Befehl erhielt, sobald ein Amerikaner den Bord des österreichischen Schiffes betreten werde, dem Ungar eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Am Lande wurden unterdessen die Verhandlungen eifrig betrieben. Der amerikanische Konsul hatte seinem österreichischen Kollegen ein Ultimatum überbracht, das die Entscheidung auf vier Uhr nachmittags aussetzte. Diese Frist benutzte der preußische Konsul, um zu dem türkischen Gouverneur zu eilen und hier einen energischen Protest gegen die in einem neutralen Hafen unerhörte, gegen alles Völkerrecht verstoßende Handlung der Amerikaner einzulegen, die die nahe belegenen Teile der Stadt und die Konsulate mit Gefahr bedrohte. Ali Pascha tat, als höre er erst jetzt von dem ganzen Vorgang, und schlug vor, bei dem amerikanischen Konsul zu protestieren und ihn für alle Folgen verantwortlich zu machen. Erst als ihm entschieden erklärt wurde, daß es seine Pflicht sei, im eigenen Hafen dergleichen nicht zu dulden, sondern bewaffnet zu intervenieren, erklärte er sich bereit, denjenigen Teil zu schützen, der sich unter die Kanonen des Kastells legen würde. Mehrere der Konsuln traten jetzt zusammen, und der österreichische, Herr von Wexbecker, gab, um unnützem Blutvergießen vorzubeugen, seine Einwilligung dazu, daß bis zur Erledigung des Kompetenzkonfliktes durch die beiderseitigen Regierungen Costa dem französischen General-Konsulat übergeben werde, das sich zu seiner Verwahrung innerhalb des französischen Lazaretts bereit erklärte. Um drei Uhr nachmittags wurde diese Konvention unterzeichnet und um vier Uhr Costa ausgeschifft und nach dem französischen, von hohen Mauern umgebenen Lazarett gebracht. Eine ungeheure Menschenmenge am Ufer begrüßte sein Erscheinen mit lautem Jubel. Am selben Abend fand man in einer Straße die Leiche des Schankwirts Andrea, von vielen Dolchstichen durchbohrt. Nach zwei Tagen war die Haft Costas bereits sehr milde, und Welland erzielte durch Vermittelung des amerikanischen Konsuls die Erlaubnis zu einer längeren Unterredung mit dem Ungar, infolge deren er den Freunden auf dem Pagus mitteilte, daß er zur Abreise bereit sei. Am 6. Juli führte sie eine griechische Barkasse nach Tenedos Und Dardanelli. Drittes Kapitel. Die Flotten. Troja! – Welche Erinnerungen, welche Jahrtausende alte Historie knüpfen sich an diesen Namen! Wo ist der gebildete Mensch Europas, aus dessen Jugendstudien nicht jene sagenumgürtete Welt herüberklingt, der götterbevölkerte Olymp, die Peliden: Agamemnon, des Atreus Sohn, der lanzenschwingende, zornige Held; – Ajax der Telamonier; Nestor, ein drittes Geschlecht der Menschen mit seiner Weisheit beherrschend; – Diomedes, den Kampf mit den Göttern nicht scheuend; – Odysseus mit seinen wunderbaren Fahrten, und endlich der schnellfüßige Achill, unwiderstehlich in der Schlacht und furchtlos im Rat, unbändig in seinem Zorn, mit dem er Patroklos, den geliebten Jüngling, rettet, und zärtlich in der Liebe zur schönen Sklavin Briseïs und der göttlichen Mutter der Nereide. Und dort am meerumgürteten Strande das hohe Ilion selbst, – der mächtige Gipfel des Ida, auf dem Paris die schöne Griechin gewann und Aeneas das Geschlecht der Dardaner beherrschte. Priamos, Hekuba, Kassandra die Unheilverkündende, und der Liebling Apollos, der männerwürgende furchtbare Hektor, wie er in banger Ahnung von Andromache scheidet zum Kampf mit dem Peliden! Doch nicht allein die Erinnerungen des gebildeten Europäers sind es, die diese jetzt öde Stätte bevölkern: Dem ganzen Volke der Hellenen sind die Gesänge seines großen Dichters wohlbekannt, und der niedrigste Grieche der Insel, der Matrose, der auf der Tartane das Meer durchstreift, naht mit Ehrfurcht jener Stelle und fühlt sich in seinem Elend stolz auf die Namen der großen Vorfahren! ... Die Bucht von Troja – in der Zeitgeschichte bekannt unter dem Namen der Besika-Bai – liegt nordöstlich gegenüber der Insel Tenedos, sich in weitem Bogen in das kleinasiatische Ufer hineinziehend. Die Meerenge zwischen ihr und dem asiatischen Ufer ist an den schmalsten Stellen etwa eine halbe deutsche Meile breit. Ihre Nordostseite wird von einem breiten Landvorsprung gebildet, dessen nördliches Ufer den Eingang der Dardanellen beherrscht. Von der hier gelegenen kleinen, mit starken Festungswerken versehenen Stadt Dardanelli erreicht das Auge noch die Bai. Alexandria Troas, von den Türken Eski Stambul genannt, liegt südlich an der großen Bucht und bietet noch, zum Teil mit einem Eichwald bedeckt, eine interessante, reiche Trümmerwelt. Hunderte von Säulen sind in allen Dichtungen zerstreut um den alten Hafen, eine Reihe davon steht unter Wasser, und schäumend bricht sich die Brandung an ihnen. Ungefähr zweitausend Schritt vom Meere ab erheben sich noch die großartigen Trümmer und schönen Bogen eines Gebäudes, das die Schiffer den Palast des Priamus zu nennen pflegen. Das alte Troja ist nordöstlich von der Bucht landeinwärts gelegen, im Tal des Skamander. Nur wenige Erdwälle und künstliche Hügel geben dem Altertumsforscher hier einen Halt. Das Ufer ist am Meeresstrande flach und sanft aufsteigend. Dann folgen waldige Anhöhen, die, zu einem Amphitheater von Bergen emporsteigend, darunter der schneebedeckte Gipfel des Ida, das Tal des alten Skamander umkreisen. Wiederum lag, von Westen gekommen, eine Kriegsflotte auf den blauen Wellen der Troja-Bai, – nicht jene zwölfhundert Schiffe, die einst von den ionischen und ägäischen Küsten die griechischen Helden hierher geführt, sondern die riesigen hölzernen Rosse Alt-Englands, der Stolz des stolzen Großbritanniens, die kühn emporstrebende Seemacht Frankreichs, die alte Rivalin, zu überflügeln drohend. Kinder eines anderen Jahrtausends, einer neuen Zeit im Schaffen und Denken! Am 23. Juni erschien die englische Flotte auf die Order des britischen Gesandten in Konstantinopel, Lord Stratford de Redcliffe, unter Vizeadmiral Dundas, am Eingang der Dardanellen und warf in der Besika-Bai Anker: zwei Dreidecker, vier Zweidecker, eine Segelfregatte und vier Dampffregatten, nebst einigen kleinen Schiffen. Bald darauf erschien auch die französische Flotte unter Vizeadmiral La Susse und legte sich im Halbkreis neben die englische: acht Linienschiffe, darunter die prachtvollen, das englische Schiff »Sanspareil« weit überragenden Schraubendampfer »Napoleon« und »Charlemagne«, mit fünf Dampffregatten. Das Verhältnis zwischen beiden Flotten war damals durchaus kein sehr freundschaftliches und versprach wenig für die vielgepriesene entente cordiale. La Susse war ein bitterer Gegner der Engländer und nur deshalb später auf dem Ankerplatz erschienen, um die englischen Schiffe bei ihrer Ankunft nicht begrüßen zu müssen. Die Schiffe lagen in drei großen Gruppen am Ufer der Bai entlang vor ihren Ankern. Einige Fregatten und kleinere Schiffe kreuzten durch die Bucht, um unter der leichten Brise ein Segelmanöver zu machen. Der Leser begleite uns an Bord der englischen Fregatte »Niger« ... Die Mannschaft der Wache war in voller Tätigkeit beim Manövrieren, denn der erste Leutnant verstand sie in Atem zu halten und hatte Augen für jeden Fehler. Während er auf dem Gangweg auf und ab schritt, Takelwerk und Segel im Auge, lehnte Kapitän Warburne, ein alter Offizier, der seine Midshipmanzeit noch im napoleonischen Kriege gedient und langsam durch eigenes Verdienst ohne Empfehlung und Protektion seinen mühsamen Weg gemacht hatte, an der Galerie des Hinterdecks in der Nähe des Steuers mit einem Herrn in feiner Zivilkleidung. Mit dem Ärger eines alten Seemanns schaute er auf die Neuerungen und Verbesserungen, die die Zeit gebracht und die alle seine Gewohnheiten über den Haufen zu werfen drohten. Vor allem waren ihm die Vorzüge des Dampfes ein Gegenstand ewigen Grolls, und die Sicherheit eines Segelschiffes ein Lieblingsthema von ihm. Sein Geist hatte sich sozusagen auf die ganze Mannschaft verbreitet, und kaum konnte es ein eigensinnigeres, gröberes Schiffsvolk in der ganzen Flotte geben, sobald es mit den Mannschaften der Dampfschiffe zusammenkam. »Sehen Sie die französischen Halunken an,« sagte der Kapitän ärgerlich; »reiten Sie nicht auf ihren Ankern, als hätten sie Alt-England schon in der Tasche? Ich begreife das Ministerium nicht, wie man uns hierher schicken kann, um mit diesen Crapauds unnütz in der Sonne zu braten.« – »Sie sind ärgerlich, Warburne, aber Sie tun Unrecht, die französische Flotte zu tadeln. Ich habe mich bei den Bootsfahrten überzeugt, daß sie sich in einem Zustande befindet, wie ich ihn unsern eigenen Schiffen wohl wünschte.« – »Ha, pfeifen Sie auch aus dem Loche, Maubridge?« meinte grämlich der alte Seemann. »Der Teufel hole die Froschfresser mitsamt ihren Kohlenschiffen. Alle Ehre und Reputation auf dem Meere geht zugrunde, seit der verdammte Dampf auf blauem Wasser regiert, wie er sich auf dem Lande mausig macht. Gott verdamm' meine Augen! ich glaubte, ich hätte etwas besseres an Ihnen erzogen, als einen Bewunderer der schwarzen Rauchfänge.« Maubridge – der Mann in Zivil war der Baronet, dessen Bekanntschaft wir im Landhause zu Burnabat beim Angriff der Räuber gemacht haben – lachte ... »Sie sind und bleiben der Alte, Warburne,« sagte er, »und werden sich nie in die Forderungen der Gegenwart schicken, obgleich Sie deren Nutzen einleuchtend vor Augen sehen. Passen Sie auf! es dauert nicht lange mehr, so wird Ihre alte Fregatte abgetakelt und kommt als Wachtschiff nach Plymouth oder Spithead. Wir sind viel zu weit hinter den Franzosen zurückgeblieben in der langen Friedenszeit, und sie haben uns in Zahl und Einrichtung der Dampfschiffe überflügelt, gerade wie die Amerikaner.« – »Ja, ja, ich seh's, die alten Eichenbalken, die so lange die britische Flagge durch alle Meere zum Siege getragen und gefürchtet gemacht haben, werden auf Halbsold gesetzt. Alles soll Eisen sein, alles mit übermäßiger Geschwindigkeit gehen, – nur die Beförderung eines ehrlichen Mannes geht den Schneckengang. Es ist keine Dankbarkeit mehr in der Welt, und das rächt sich.« – »Ei, Warburne, Sie tun wieder Unrecht. Sehen Sie nicht in mir das Gegenteil? – Hab' ich nicht gleichfalls meinen jüngeren Bruder in Ihre Obhut gegeben, um einen tüchtigen Seemann zu bilden, und bin ich nicht schon seit drei Wochen Ihr Gast und langweile mich mit Ihnen hier, bloß um Ihnen meine alte Anhänglichkeit zu zeigen, nachdem ich in Smyrna schon so viele Zeit verloren habe?« Der Kapitän schielte ihn von der Seite an ... »Hm! Der alte Adams – den ich wegen der Einkäufe in Smyrna zurückließ – erzählt ganz kuriose Dinge von der Weise, wie Sie Ihre Zeit verloren haben, und daß Sie wohl taten, die Sicherheit eines britischen Kriegsschiffes zu suchen. Hören Sie, Maubridge, ich habe Sie noch immer lieb, weil Sie ein braver Bursche waren, der im Sturme seinen Mann stand; darum warne ich Sie, hüten Sie sich vor den Weiberröcken, sie sind ebenso falsch wie die Franzosen und haben noch keinem Manne Gutes gebracht.« – »Sie sind ein alter Hageprunk, Warburne, und Adams ist ein Schwätzer, der sich von einem Knaben hors de combat setzen ließ. Aber sehen Sie, wie jener französische Dampfer auf uns zu kommt! es sieht ganz so aus, als ob der Bursche uns mit seiner Beweglichkeit verhöhnen wollte.« Warburne schaute nach der Flotte zurück ... Eine der kleineren französischen Dampffregatten hatte ihren Ankerplatz verlassen und strich gleich einem Schwan stattlich hinter ihrem Spiegel durch die Wellen ... »Master Hunter!« – Der erste Leutnant kam nach hinten, mit der Hand am Hute. – »Sir!« – »Lassen Sie gefälligst das Schiff umlegen und nach Tenedos hinüber halten. Wir wollen den französischen Maulaffen da nicht den Spaß machen, uns in ein Wettfahren mit ihm einzulassen.« – »Wohl, Sir!« – Der Leutnant gab Befehl an den Offizier der Wache, und das Schiff nahm seinen veränderten Kurs im rechten Winkel von seinem bisherigen Lauf und schob nach der Insel zu. Am Vorderkastell standen in mehreren Gruppen die Matrosen, die zu den abgelösten Wachen gehörten, und schauten über die Brüstungen hinauf auf die manövrierenden Schiffe oder hinauf zu den Segeln, die sich im frischen Landwind blähten. Sie waren fast durchgängig von jener Bullenbeißerfigur, die den Seeleuten Alt-Englands eigen ist. Die Hände in den Hosentaschen, ging die vierschrötige Gestalt des Deckmeisters Adams von einem Gangweg zum anderen, mit forschendem Blick ringsum die Ordnung prüfend ... »Herunter von dem Hühnerkasten, Sir, wenn's beliebt! Master Hunter sieht eben hierher. Warte, Hundesohn! kannst du deine schmutzigen Pfoten nicht wo anders hin tragen?« Ein Hieb mit einem Tauende aus dem Vorrate der weiten Tasche nach einem unglücklichen Schiffsjungen, der mit einem Eimer vorbeihuschte, begleitete die Worte. Die erste Anrede war jedoch an drei junge Männer gerichtet, die, auf einem der Vorderdeck-Hühnerkasten hockend, über die Hängemattenwandung hinausschauten ... »Sei nicht so bärbeißig, Alter! wir werden deinem Kasten kein Loch in den Rumpf stoßen. Schau', Gosset, wie sie daherkommt! Ist es nicht eine Schande, daß wir in diesem alten, wurmstichigen Segelboot umherkrebsen müssen, wie ein Hummer am Lande?« – »Es ist unverantwortlich von der Krone Großbritanniens, daß eine Tischgesellschaft so gescheiter und stattlicher Midshipmans, wie die ganze Flotte sie nicht zählt, noch immer dazu verdonnert ist, Rallen spleißen, Stagen reffen, Top- und Vortopsegel ansetzen zu lassen, den ganzen Tag einem ersten Leutnant zu Diensten zu sein, je nachdem's ihm einfällt, unter doppelt oder einfach gerefften Linnen zu segeln, kurz auf einem Segelschiff zu dienen. Hol' der Teufel all' die Arbeit!« Der Deckmeister rollte grimmig das Prüntjen aus einer Backe in die andere und spritzte seinen Groll mit der eklen Flüssigkeit durch die nächste Stückpforte ... »Mit Verlaub, Sir, wollen Sie jetzt von meinem Kasten herunter, oder nicht? Aus Ihnen wird im Leben kein ordentlicher Seemann werden, Master Gosset, sonst würden Sie nicht solches Wischiwaschi über ein Schiff zu Markte bringen, das hundert solche Leute aufwiegt, wie Sie und Master Frank.« Die Midshipmen räumten lachend den Kasten. Es waren drei junge Burschen von 14 bis 17 Jahren, von denen der eine große Ähnlichkeit in den Zügen mit Sir Maubridge auf dem Hinterkastell aufwies. Der zweite, Gosset, war ein ziemlich schmächtiger Knabe von affenartiger Beweglichkeit, während der dritte und älteste eine kräftige Figur mit einem ziemlich gemeinen, stupiden Gesicht zeigte ... »Segel und Dampf ist die schwache Seite von Meister Adams, gerade wie beim Kapitän selbst,« höhnte Gosset. »Ich wette, nur unser erster Leutnant ist meiner Ansicht und verwünscht diesen alten Segelkasten, weil er ihn schon zweimal bei der Beförderung im Stich gelassen hat. Ich quittiere den Dienst, wenn man den »Niger« nicht bald abtakelt.« – »Vorläufig werden Sie hinunter gehen und das Verdeck räumen, Sie junger Halunke,« sagte eine strenge Stimme hinter ihm. Es war der erste Leutnant, der unbemerkt nach vorn gekommen. Die Midshipmen tauchten eilig durch die Luke, denn Master Hunter verstand keinen Spaß. Auch die Matrosen rings umher drückten sich aus dem Wege oder nahmen irgend eine Beschäftigung vor. Der dritte Leutnant, welcher die Wache hatte, rapportierte vier Glocken. Der erste Leutnant ging nach hinten und tat das nämliche, und der Kapitän befahl, zum Essen zu pfeifen. Der Befehl lief auf gleiche Weise zum Hochbootsmann und der Ruf: »Alle Mann zum Essen!« erscholl durch die Luken. »Wer ißt heute noch beim Kapitän?« fragte der Zahlmeister den Eilenden – »Der zweite Leutnant, Sir, und Master Duncombe, der Doktor. Auch der junge Maubridge.« – »Schön! Bringen Sie dem Kapitän meinen Empfehl, und ich würde erscheinen.« – An Bord eines Schiffes weigert man sich selten, die Einladung eines Kapitäns anzunehmen. Auf dem Hinterdeck trat der erste Leutnant zu seinem Vorgesetzten ... »Der Dampfer hat sich gleichfalls gewendet, Sir, und scheint uns absichtlich folgen zu wollen. Es ist die »Veloce«, Sir.« – »Lassen Sie die Mannschaft ihr Essen nehmen, aber die Mittelwache in Tätigkeit bleiben. Ändern Sie gefälligst von Zeit zu Zeit den Kurs und vermeiden Sie einen Segelstrich mit dem Franzosen. Es ist offenbar, daß der Narr uns seine Schnelligkeit zeigen will.« Der erste Leutnant tippte an den Hut und ging, um das Kommando an den zweiten Leutnant zu übergeben, der die Mittelwache hatte. Kapitän Warburne spazierte mit seinem Gast auf dem Deck weiter umher. Die »Veloce« schoß unterdessen näher heran, stattlich und leicht, wie ein Schwan durch die Wellen streift; eine jener schönen zierlichen Bauten, die selbst das Auge eines britischen Seemannes entzücken mögen. Dicht unter dem Spiegel des »Niger« wendete der Dampfer und schoß an seinem Backbord vorüber, so daß alle auf den Decks befindlichen Gruppen gegenseitig vollständig gesehen werden konnten. Auf dem Hinter- und Vorderdeck der »Veloce« waren Sonnenzelte ausgespannt, unter deren Schutz Offiziere und Mannschaft in zahlreichen Gruppen versammelt waren. Der Kapitän, ein Mann von einigen dreißig Jahren, unterhielt ein Gespräch mit zwei Fremden, von denen der eine die griechische Kleidung trug ... »Als wir uns in Paris trafen, Doktor,« sagte er lachend und blies den Rauch der Zigarette in die Luft, »hätten wir beide schwerlich geglaubt, daß unser nächstes Wiedersehen am Grabe des Achilles stattfinden werde.« – »Der Kaiser hat uns seitdem tüchtig umhergejagt, und man scheint mir auch hier Adjutantendienste bei der Flotte aufbürden zu wollen. Wäre eine Vakanz auf meinem Schiffe und hätten wir hier nicht einen so lieben alten Freund, der vortrefflich mit unserem inneren und äußeren Menschen umzugehen weiß« – er reichte freundlich dem unfern mit mehreren Offizieren sich unterhaltenden Schiffsarzt die Hand – »so ließe ich Sie wahrhaftig nicht wieder fort, am wenigsten zu dem schlimmen Geschäft, das Sie vorhaben.« – »Der Mensch kommt und geht, Kapitän, Sie wissen das am besten,« sagte Welland, denn er und wiedertreffen. – »Freilich möchte es schön sein, diese Caraiskakis waren es, die wir an Bord der »Veloce« herrlichen Gewässer auf dem Schiffe eines Freundes zu durchstreifen, wenn auch die Freundschaft oder Ihre Güte sich nur aus der Bekanntschaft im Café Carozza herschreibt, das wir beide besuchten, während Sie im Marineministerium antichambrierten.« – »Merci! Ich wünschte, ich könnte meine Freundschaft Ihnen nur energischer beweisen, als durch diese Kreuz- und Querfahrt hinter einem alten englischen Segelschiffe her. Doch wissen Sie bereits, Doktor, die Orders der Admiralität sind sehr streng und wir müssen alles vermeiden, was irgend Veranlassung geben könnte, die entente cordiale auch im kleinen zu stören.« – »Ich würde unter keinen Umständen weiter Ihren Beistand annehmen, Kapitän Fontain. Sie haben schon mehr als genug getan, indem Sie uns Ihren allgemeinen Schutz gewähren. Ich kann mir nicht denken, daß wir gezwungen werden sollten, uns wirklich um Schutz an die französische Ehrenhaftigkeit zu wenden, worauf ich als Bürger Frankreichs dann nicht ohne Anspruch bin.« – »Auf meine Ehre, Sie sollen ihn finden, und sollt' es mein Patent kosten!« – »Doch da sind wir unterm Spiegel der Fregatte,« fuhr der Kapitän fort; »Monsieur Charleron, haben Sie die Güte, steuerbord wenden zu lassen und an der Fregatte zu stoppen.« Der zweite Leutnant eilte die Treppe über der Maschine hinauf ... »A droit! – Halt!« – Die Fregatte schob langsam am Steuerbord des »Niger« entlang ... Der französische Kapitän stand mit dem Sprachrohr in der Hand auf den Hängemattengittern... »Bon jour, Herr Kamerad! Ist's Ihnen gefällig, beizulegen? Ich habe Besuch für Sie an Bord.« – Kapitän Warburne salutierte eben nicht besonders freundlich den Gruß ... »Zu Diensten, Herr Kapitän! Braßt die Segel! Steuer umlegen!« Die Fregatte hielt in ihrem Lauf, während vom französischen Dampfer bereits ein Boot herunter gelassen wurde ... »Monsieur Bertaudin, Sie werden diese Herren begleiten und mit meinem Boot auf Ihre weiteren Befehle warten. Adieu, Doktor! Ich hoffe, Sie zum Diner wieder an Bord zu sehen.« – Welland und Caraiskakis, von dem Aspiranten geleitet, bestiegen das Boot, während sich der Dampfer durch einige Raddrehungen weiter von dem Engländer zurücklegte. Nach einigen Ruderschlägen waren sie seitlängs der englischen Fregatte und stiegen die Schiffswand empor ... »Sir, ich habe die Ehre, Sie zu begrüßen. Darf ich um Auskunft bitten, ob Baronet Maubridge sich an Bord Ihrer Fregatte befindet?« – »Zu Befehl!« – »Sie würden uns sehr verbinden, Sir, wollten Sie die Güte haben, ihm diese Karte zu schicken und ihm sagen zu lassen, daß wir um eine Unterredung bäten.« Master Hunter lud die Fremden ein, näher zu treten, und schickte den nächsten Midshipman mit dem Auftrage an den Kapitän ... »Der Besuch gilt Ihnen, Maubridge,« sagte dieser. »Wollen Sie sich meiner Kajüte bedienen, so lassen Sie die Herren dahin führen.« – Der Baronet hatte die Karte des Doktors gesehen ... »Ich kenne den Herrn nicht, – wenn Sie erlauben, empfange ich den Besuch hier.« – »Wie Sie wollen. Führen Sie die Herren hierher.« Einige Augenblicke darauf betraten Weiland und der Grieche das Hinterdeck. Der Kapitän lud sie ein, auf den umherstehenden Schiffsstühlen Platz zu nehmen, und trat an das Bollwerk zurück ... »Darf ich Sie bitten, mein Herr, mir zu sagen, was mir die Ehre verschafft ...?« – »Wir kommen, Sie um einige Auskunft in Angelegenheiten Ihrer Gemahlin, Lady Maubridge, zu bitten,« sagte Welland, laut genug, um von dem Kapitän und den Leuten am Steuer gehört zu werden. – »Meiner Gemahlin, Sir? – Sie irren wohl!« Die Stirn des Baronets färbte sich dunkelrot. – »O nein, Sir; ich meine Lady Diona Maubridge, geborene Grivas!« Der Baronet suchte gewaltsam seiner Verwirrung Herr zu werden ... »Ich wiederhole Ihnen, daß Sie sich irren; doch bitte ich, mir zu sagen, welches Recht Sie zu der Frage veranlaßt.« – »Sogleich Sir. Mein Auftrag besteht darin, Sie im Namen der Lady Maubridge um die Aushändigung des Ehekontraktes oder einer vidimierten Abschrift zu bitten.« – Der Engländer schwieg einige Augenblicke ... »Ich muß Ihnen wiederholen, daß Sie sich in betreff einer Lady Maubridge täuschen; ich bin nicht verheiratet.« Der Grieche machte eine heftige Bewegung, doch Welland legte die Hand auf seinen Arm ... »Sie haben mir versprochen, mir die Angelegenheit zu überlassen.« – Er wandte sich wieder zu dem Baronet ... »Wir waren einigermaßen auf diese Antwort gefaßt. Doch erlauben Sie mir eine andere Frage. Sie kannten unzweifelhaft eine junge Dame im Hause des Kaufmanns Andriarchos in Smyrna, Diona Grivas.« – »Jawohl, mein Herr.« – »Was ist aus ihr geworden?« – »Diese Frage ist wirklich seltsam, doch muß ich gestehen, daß Sie mich verbinden würden, wenn Sie mir über ihr Schicksal und ihren Aufenthalt Auskunft geben könnten.« – »Die Dame wurde in der Nacht des 23. Juni aus dem Landhause des englischen Vize-Konsuls in Burnabat und aus Ihrem Schutz entführt, Sir Maubridge.« »Sie sind sehr gut unterrichtet, mein Herr. Um es kurz zu machen, sind Sie etwa der Sendbote des Banditen, der in meine Wohnung einbrach, und kommen Sie, um irgend ein Lösegeld für das junge Mädchen zu fordern?« – »Für Lady Maubridge, Sir. Diesmal irren Sie; wir waren es selbst, welche die Dame entführten.« – »Wie, Sir?« – Jawohl. Die Dame befindet sich gegenwärtig unter unserem Schutz, und in ihrer Vertretung kommen wir hierher, um Sie über das Schicksal derselben zu beruhigen und die weiteren Verhandlungen mit Ihnen zu führen.« – »Ich bin nicht gewohnt, mit den Genossen von Dieben und Mördern zu verhandeln. Danken Sie Gott, daß ich Sie nicht auf der Stelle wegen eines Angriffs auf britisches Eigentum und des Mordes britischer Untertanen verhaften lasse. Sie stehen auf diesem Schiff auf britischem Boden.« – »Und unter dem Schutz eines guten Freundes da drüben.« Der Doktor wies kalt nach dem französischen Dampfer ... »Was das Recht auf die Dame anbetrifft, so hat Sir Maubridge das Beispiel der Entführung gegeben, und mein Freund, Herr Georg Caraiskakis, der Stiefbruder der Dame, konnte damals noch nicht wissen, daß Sie dieselbe bereits zu Ihrer rechtmäßigen Gattin gemacht hatten.« Der Baronet hatte jetzt seine volle Ruhe wieder gewonnen. Um seinen Mund zeigte sich ein kalter hochmütiger Zug, der von Zeit zu Zeit sein sonst so schönes Gesicht entstellte. – »Ah! Also eine der gewöhnlichen Familienpressereien, von denen ich in Smyrna so manches gehört! Nun wohl, meine Herren, ich gestehe, daß ich einen törichten Streich gemacht habe. Ihr Himmel ist heiß, aber dergleichen läßt sich hier leicht in Ordnung bringen.« – »Sir!« – »Nun ja, Sie werden doch nicht glauben, daß Sie von einer wirklichen Lady Maubridge sprechen? Ich bin zu jedem Ersatze bereit.« – »Sie leugnen, daß Sie das junge Mädchen unter dem Versprechen der Ehe entführt haben? daß eine Trauung oder eine diese ersetzende Zeremonie stattgefunden hat und Diona Grivas Ihre rechtmäßige Gattin ist?« – »Was vorgefallen, Sir, darüber werde ich Ihnen keine Rechenschaft geben. Das aber mögen Sie und dieser Herr, der wahrscheinlich kein Englisch versteht und daher die Rolle des schweigenden Bruders spielt, wissen, daß ich den Anspruch auf den Namen meiner Gattin zurückweise.« – »Sie weigern also bestimmt die Anerkennung?« – »Ich werde mich nicht so lächerlich machen, darauf weiter einzugehen; haben Sie Beweise, so reichen Sie Ihre Klage bei dem britischen Gesandten ein. Und nun, meine Herren ...« – »Einen Augenblick noch,« sagte der Grieche, indem er auf ihn zutrat. »Sie irrten, wenn Sie glaubten, ich verstände Ihre Sprache nicht. Hoffentlich werden Sie ebenso gut die Sprache eines Mannes von Ehre verstehen, der Ihnen sagt, daß Baronet Maubridge wie ein ehrloser Schurke gegen ein schutzloses Mädchen gehandelt hat!« – »Sir!« – »Die Willkür und das Unrecht, die Ihre Nation dem griechischen Volke antut, müssen wir leider tragen, aber Gott sei Dank, noch ist der einzelne imstande, das angetane Unrecht zu rächen. Ich werde Sie zwingen, meiner Schwester den Namen zu geben, der ihr gebührt.« – »Bah!« – »Bestimmen Sie Zeit und Waffen!« – »Ich schlage mich mit einem griechischen Banditen nur bei einem Angriff und Überfall, Sie wissen das.« – »Wohl, so nehmen Sie dies als Angriff ...« er hob die Hand zum Schlage, doch Maubridge kam ihm zuvor und faßte den Arm ... »Halt da – keine Beleidigung, für die ich Sie totschießen müßte; es sollte mir leid tun. Dieser Herr wird wahrscheinlich Ihr Sekundant sein.« – »Ich bin es.« – »Wohl. Der meine wird Sie noch heute aufsuchen. Wo findet er Sie?« – »Ich werde ihn in Tenedos im griechischen Kaffeehause von der nächsten Stunde ab erwarten.« – »Schön! Auf Wiedersehen.« Er wandte sich kalt und hochmütig um und trat zu dem Kapitän, der ein stummer Zeuge der ganzen Unterredung gewesen war, indes die beiden Freunde ihr Boot anriefen und sich entfernten ... »Sie sehen, Warburne, es ist Aussicht da, daß Sie auch Ihren zweiten Midshipman zugunsten einer erledigten Baronetschaft verlieren. Lassen Sie uns zu Tische gehen.« – »Sie werden doch nicht toll genug sein, sich mit dem griechischen Landstreicher zu schlagen?« – »Es wird nichts anderes übrig bleiben, da er sich unter den Schutz unserer guten Freunde, der Franzosen, begeben zu haben scheint, und ich diese doch unmöglich sagen lassen kann, auf Ihrem Schiff wären ein paar Pistolenschüsse verweigert worden. Sie werden mir einen Ihrer Offiziere leihen, Warburne, denn ich muß nun schon die Sache zu Ende bringen.« – »Gott verdamm', ich hab' es Ihnen gleich gesagt, es kommt nichts Gescheites heraus, wo ein Weiberrock im Spiel ist. Unter uns gesagt, mein Junge, scheinen Sie in der Geschichte auch nicht besonders viel Recht zu haben.« – »Nicht das geringste,« sagte der Baronet ruhig, »es ist auch sehr leicht möglich, daß ich ganz anders gehandelt hätte, wenn die Narren mir nicht hätten Zwang antun wollen. Die Kleine ist verteufelt hübsch und versteht ihre Sache vortrefflich ... ich hätte ganz sicher Aufsehen mit ihr in London gemacht. – Doch sprechen wir nicht mehr davon. – Die Burschen müssen ihre Lektion haben.« Der Stewart des Kapitäns meldete zum zweiten Male, daß angerichtet sei. Wo der Skamandar aus dem weiten Bergtal tritt, in dessen Hintergrund der große Hügel liegt, den man das Grab des Achilles nennt, und sich durch die Ebene des Ufers zum Meere schlängelt, während der Hitze des Sommers auch kaum so groß, daß er einen Kahn zu tragen vermag, liegen im Myrtengebüsch einige jener Säulentrümmer, die am südlichen Ende der Bucht sich noch so massenhaft zeigen. Hierher, um nicht so weit von Dardanelli zu sein, hatte der Arzt das Rendezvous für den nächsten Morgen bestimmt ... Als die Freunde in der besprochenen frühen Stunde dort mit ihrer Barke eintrafen, fanden sie bereits den Baronet mit dem zweiten Leutnant des »Niger« vor, der ihm zum Sekundanten diente. Der alte Matrose Adams hatte sie mit einem Genossen hierher gerudert und betrachtete mit Neugier die Kommenden, da Maubridge ihm mitgeteilt, daß sie unter ihren Angreifern in Burnabat gewesen seien. Der Baronet, teilnamslos für die weiteren Verhandlungen, belustigte sich mit Pistolenschießen, wobei der Deckmeister die Aufgabe hatte, die Waffen zu laden. In seinem Charakter lag eine seltsame Mischung von Eigenschaften, wie sie in der britischen Nationalität häufig vorkommen. An und für sich edelherzig und warmfühlend, war er mit jener Vorliebe für das Seltsame, Ungewöhnliche ziemlich reichlich begabt, die seine Landsleute so häufig zu jenen exzentrischen Streichen führt, die ihnen den Ruf abgeschmackter Sonderlinge durch die ganze Welt verschafft haben. Damit verband sich jedoch ein unbändiger Starrsinn, ein Eigenwille, der jede fremde Einwirkung von außen, selbst bei der Erkenntnis des besseren, beharrlich zurückwies, und eine Schrullenhaftigkeit, die, durch Hindernisse wachgerufen, kein Mittel scheute, ihren Zweck durchzusetzen. Zu dem allen gesellte sich jene gewisse Kälte und scheinbare Gleichgültigkeit, die den Briten der höheren Stände durch die Erziehung eingeimpft zu werden pflegt. Welland trat zu dem Baronet ... »Sir,« sagte er ernst, »erlauben Sie mir noch einmal, Sie daran zu erinnern, daß Ihre Handlungsweise die Ehre einer Familie betrifft, deren Name und Abkunft sich sicher mit der jedes englischen Pairs messen können. Aber sie trifft und bricht auch ein Herz, das in wahrer, uneigennütziger Liebe an Ihnen zu hängen scheint, und das Sie nicht das Opfer einer Handlung werden lassen dürfen, von der wir nicht wissen, ob sie Täuschung, ob sie Wahrheit war. Diona, Ihre Gattin nach göttlichem Recht, hat mir diese Zeilen an Sie gegeben und das Versprechen abgenommen, dieselben in Ihre Hand zu legen. Ich hätte es bereits gestern getan, wenn die Umstände es erlaubt hätten.« – Der Baronet nahm das Blatt, erbrach und las es. Es schien nur wenige Zeilen zu enthalten, die indes einen großen Eindruck auf ihn machten. Seine hohe schöne Stirn färbte sich wieder, wie bei der ersten Begegnung auf dem Schiff, mit fliegender Röte, und er wandte sich hastig zu dem Deutschen: »Wo ist Diona? kann ich sie sehen?« – »Sie werden es erfahren, Sir, sobald Sie meinem Freunde jenes Papier ausgeliefert haben, das im Konsulat von Smyrna unterzeichnet wurde, oder uns die Erklärung abgeben, daß Sie die Rechte Ihrer Gattin anerkennen wollen.« Der Baronet biß sich in die Lippen ... »Sie täuschen sich in mir und haben selbst Ihr Spiel verdorben. Diona hätte mich besser kennen sollen. Wir wollen die Sache beendigen, wegen der wir uns hierher bemüht haben. Erlauben Sie nur, daß ich das Pistol entlade. Adams, auf!« – Der Deckmeister warf eine Zitrone in die Höhe, und während sie in der Luft schwebte, hob der Baronet blitzschnell das Pistol und schoß. Die Frucht stob auseinander – Welland blickte unwillig auf das prahlerische Spiel, und doch zog sich sein Herz krampfhaft zusammen bei dem Gedanken, daß das Leben des Freundes, der im vollen Recht die Ehre seiner Familie verteidigte, der sicheren Kugel des herzlosen Mannes verfallen sei. Er wandte sich zu dem Offizier, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen ... Dies war bald geschehen, man wählte ein paar Schiffspistolen und maß die Entfernung, und zwar fünfzehn Schritt. Jeder sollte das Recht haben, nach Belieben zu schießen. Als Welland den Freund auf seine Stelle geleitete, drückte dieser ihm herzlich die Hand ... »Sollte der Himmel gegen mich sein und mir ein Unglück passieren, so werden Sie Diona nicht verlassen und sofort an meine Brüder nach Athen schreiben. Die Adressen kennen Sie, und nun mit Gott!« – Maubridge fixierte ruhig den Griechen; es war, als wäre er seines Sieges gewiß. Der Leutnant gab das Zeichen. Einige Schritte ging Caraiskakis vor, dann schoß er ... Schiffspistolen sind eine unzuverlässige Waffe. Die wohlgezielte Kugel streifte den linken Ärmel des Baronets, und einige Blutstropfen, quollen aus dem Rock. – »Schade um den Schuß!« sagte der Brite spöttisch. »Jetzt ist die Reihe an mir. Doch zuvor hören Sie einige Worte.« Gregor stand finster vor sich blickend da, er antwortete nicht ... »Wollen Sie mir den Aufenthalt Ihrer Schwester nennen und mich das weitere mit ihr allein verhandeln lassen?« – »Nein!« – »Überlegen Sie wohl! ich lasse mir nicht trotzen und schulde Ihnen die Revanche für Burnabat.« – »Schießen Sie, Sir! Wenn ich zehn Leben hätte, würde ich sie an Ihre Verfolgung setzen und nicht von Ihrer Spur weichen.« – »Dann müssen wir freilich dazu tun, Sie daran zu hindern.« Das Pistol hob sich rasch. Ein Blitz zuckte ... ein Knall, und Caraiskakis drehte sich um sich selbst, ehe er fiel. »Sie haben ihn ermordet!« – »Keineswegs, ich müßte denn so schlecht schießen, wie mein Gegner. Richten Sie ihn auf, die Kugel sitzt in der linken Hüfte und wird Ihren Freund wohl zwei Monate von meinem Weg abhalten. Das genügt.« Welland beschäftigte sich mit dem Verwundeten und fand es, wie der Baron in seiner kalten Ruhe gesagt. Er öffnete dem Freunde die Kleider und legte einen vorläufigen Verband an ... Gregor kam dabei wieder zu sich und schaute ihm fragend ins Gesicht ... »Beruhigen Sie sich, ich stehe Ihnen für die Kur mit aller meiner Kunst.« Maubridge trat heran ... »Es tut mir leid um Sie, aber Sie zwangen mich. Wollen Sie jetzt – wo Sie selbst der Hilfe bedürfen, meine Bitte erfüllen und mir den Aufenthalt Ihrer Schwester nennen?« Caraiskakis machte eine heftige abwehrende Bewegung ... »Sir, stören Sie meinen Freund nicht, der Verband kann leicht aufbrechen, und der neue Blutverlust würde ihm schaden.« – »Kann ich sonst etwas für Sie tun? Mein Boot steht zu Ihrer Disposition.« – Eine abwehrende Bewegung. – »So leben Sie wohl und warnen Sie Ihren Freund, sich nicht in meinen Weg zu drängen. Kommen Sie, Malcolm.« Er verbeugte sich höflich und ging nach seinem Boot, in dem beide den Fluß eine Strecke weit hinabfuhren. Adams, der alte Matrose, ruderte sie mit seinem Gefährten stillschweigend fort. In Gedanken, den Kopf in die Hand gestützt, saß Maubridge im Boote. Endlich schaute er auf ... »Nun, Alter, du hast nicht einmal ein Wort für mich, daß ich so gut davongekommen? Ist das deine alte Anhänglichkeit? « – Der Seemann schüttelte den Kopf ... »Ich habe Sie gekannt und Sie jedes Tau, jede Spiere am Bord gelehrt, als Sie ein Bürschchen, lange nicht so groß wie Ihr Bruder, waren. Aber schon damals waren Sie ein störrisches Blut. Was haben Sie nun davon, den Bruder niederzuschießen, nachdem Sie die Schwester unglücklich gemacht? Sie wissen selbst, daß er in seinem vollen Rechte war.« – Der Baronet zog die Stirn zusammen und legte seine Hand auf die Schulter des Matrosen ... »Du bist ein Tor und kennst mich ebenso wenig, wie alle anderen. Aber einen Dienst mußt du mir dennoch erzeigen. Rudere hinter jenen Felsenvorsprung und laßt uns dort aussteigen. Wir werden den Weg über das Land zu Fuß machen.« Das Boot schoß in das Versteck. Als eine Viertelstunde darauf das Kaik vorüberfuhr, das den Verwundeten und seinen besorgten Freund trug, folgte das Boot des Kriegsschiffes ihm unbemerkt in einiger Entfernung die Küste entlang bis nach Dardanelli. Hier hatten die drei im Hause eines griechischen Kaufmanns ein Unterkommen gefunden, der mit der Familie Grivas verwandt war. Diona warf sich wehklagend auf den Bruder und benetzte ihn mit ihren Tränen. Nur schwer vermochte sie Welland durch die Versicherung zu beruhigen, daß keinerlei Gefahr vorhanden sei. Beide teilten sich nun in die Pflege des Bruders, doch war es Welland auffallend, daß die Griechin von Tag zu Tag schwermütiger wurde und, in sich versunken, den Zustand des Kranken wenig beachtete. Zwei Wochen waren vergangen, als ihm plötzlich ein Fremder, der mit einem Dampfschiff von Konstantinopel gekommen, ein Schreiben brachte. Es enthielt nur wenige Worte, aber mit dem geheimnisvollen Zeichen, dessen Untertan er war. Der Brief befahl ihm, mit dem ersten abgehenden Dampfschiffe in Konstantinopel einzutreffen, und machte ihm Vorwürfe wegen seiner Versäumnis. Welland empfand selbst, daß das längere Verweilen in Dardanelli zwecklos sei, und nachdem er sich mit dem Freunde besprochen und für diesen den Schutz des französischen Konsuls und des Kapitäns der »Veloce« gewonnen hatte, schied er von den Geschwistern ... Drei Tage darauf war Diona spurlos verschwunden. Caraiskakis, noch an das Lager gefesselt, bot vergeblich alles mögliche auf, sie zu entdecken. Selbst das Einschreiten der französischen Offiziere hatte keinen Erfolg, denn Kapitän Warburne wies nach, daß sein Gast bereits lange vor des Doktors Abreise sein Schiff verlassen hatte ... Die Ungeduld, der bittere Ärger verschlimmerten aufs neue den Zustand Gregors und banden ihn ans Krankenlager, so daß er nicht einmal dem Freunde Nachricht zu geben vermochte. Viertes Kapitel Guckkastenbilder I. Berlin Die Madrilena rauschte; sie warf das süße, entzückende Bein dem Publikum entgegen, das in Logen und Parkett, auf Galerie und Proszenium in einen gelinden Wahnsinn geriet, sich im »Bravo« heiser schrie und sich die Hände wund klatschte. Blumen flogen ihr rechts und links aus den Theaterlogen zu. Die Kammerfrau hing ihr den weichen, warmen Hermelin um die Schultern ... »Die Blumen! Die Blumen!« sagte die Madrilena hastig; »rechts das Bukett!« Dann floh sie in ihre Garderobe ... Bald darauf erschien die Duenna mit den Blumen. Die Sennora fiel darüber her und riß die zierlichen Buketts auseinander, daß die Blüten umherflogen ... »Wieder Täuschung!« sagte sie, ärgerlich mit dem Fuße stampfend; »ich sah ihn doch in der Proszeniumsloge und bemerkte ausdrücklich, wie er mir das Bukett warf. O, diese Männer!« – »Es war unvorsichtig von dir, Kind, daß du die zweihundert Taler beim Juwelier darauf zahltest. Ich warnte dich gleich.« – »Bah! Das verstehst du nicht. Diese Männer in ihrem kalten, eisigen Lande sind bloße Zahlen, sie rechnen in der Liebe; es ist nicht wie bei uns, wo der Caballero sein letztes opfert für das Vergnügen seiner Geliebten. Fünfhundert Taler wären ihm gewiß zu viel gewesen, so zahlte ich dem Juwelier zweihundert im voraus.« – »Es ist aber nun bereits zwei Tage, daß er den Schmuck gekauft hat.« – »Und seitdem ließ er sich nicht sehen. – Höre, ich muß sehen, wer die Dame ist, die mit ihm in der Loge war. Sie hatte den Schirm vorgezogen, so daß ich sie nicht genau erkennen konnte. Geh' auf die Bühne und frage, Sennor Asher kennt ja alle Welt. Ich werde mich allein entkleiden.« Die Dienerin, von der Ungeduldigen fortgetrieben, verschwand. Ehe der neue Akt begann, kehrte sie zurück; das schlaue Gesicht verriet eigentümliche Verlegenheit ... »Nun, bringst du Nachricht?« – »Es ist seine Frau, Sennora!« – » Diantre! – Dann konnte er nicht. Was hast du noch? Ich sehe dir's an. Sprich!« – »War der Schmuck nicht von Smaragden? Ohrgehänge in Glockenform und eine Brosche in Perlen?« – »Ja, ja; was soll's? Du sahst ihn ja!« – »Dann, mein Kind, trägt die Dame selbst den Schmuck.« Die Tänzerin fuhr empor, als hätte sie eine Natter gestochen. Sie warf den langen Mantel über das noch nicht befestigte Kleid und sprang aus der Garderobe. Der Inspizient hatte bereits das Zeichen zur Räumung der Bühne gegeben. – »Monsieur Asher!« – Der Regisseur mit seiner bekannten Kulanz gegen die Damenwelt flog herbei ... »Einen Augenblick, ich bitten Sie.« – Sie war schon vorn am Vorhang und schaute eine Minute lang durch das Guckloch nach der Proszeniumsloge rechts. ... »Es seind gut. Lassen Sie vorfahren, ich will nach Hause.« Hinter ihr rauschte der Vorhang in die Höhe, und eine der leichten, jovialen Fadaisen, durch welche die Friedrich-Wilhelmstädtische Bühne seit der Reaktion ihren glänzenden Ruf gemacht hat, begann. – »Sennora haben heute wieder ausgezeichnete Triumphe gefeiert; es war ein kostbarer Abend.« – » Vous vous trompez, Monsieur! Non précieux, mais dispendieux. – Bon soir !« Sie irren. – Nicht kostbar, sondern teuer. Guten Abend! Der Wagen rollte davon. Im Hotel Unter den Linden sprangen die wohlgeschulten Kellner mit den Armleuchtern voran die Treppe hinauf zu den drei eleganten Piecen, welche die Sennora bewohnte ... »Befehlen die gnädige Frau zu soupieren?« – »Nein! Tee!« – »Ein Herr wartet schon seit längerer Zeit auf die gnädige Frau und bittet um die Erlaubnis, noch seine Aufwartung machen zu dürfen.« – »Ich empfange niemand, wenn ich getanzt habe. Morgen.« – »Dann soll ich die Ehre haben, der gnädigen Frau dieses Billet zu übergeben.« In ihrem Boudoir warf die Tänzerin erschöpft Mantel und Capuchon von sich und setzte sich auf das Sofa. – »Willst du den Brief nicht wenigstens öffnen?« – »Gib! Eine gewöhnliche Karte; diese Herren glauben, es bedürfe nur ihres Namens, der so steif und unbeholfen klingt, daß man ihn nicht aussprechen kann.« – Sie hatte das Kuvert dabei erbrochen, – es lag allerdings nur eine einfache Karte darin, aber ein Blick darauf hatte sie schnell aufmerksam gemacht, und sie zog den silbernen Leuchter herbei, um genauer darauf zu sehen ... » Vraiment! Da hätte ich bald eine Dummheit begangen. Geschwind, Ines, schelle!« – Der Kellner erschien. – »Ist der Herr noch unten?« – »Jawohl, gnädige Frau.« – »Ich ließe bitten, in den Salon zu treten. Bestellen Sie ein Souper zu drei Personen und servieren Sie dann zwei Kuverts ...« Die Sennora warf sich mit Hilfe der Kammerfrau schnell in eine dunkle spanische Robe, ordnete einige Augenblicke das noch mit Blumen geschmückte Haar und warf die Spitzenmantille kokett um den schönen Nacken; dann trat sie in den anstoßenden Salon ... Der Herr erwartete sie bereits dort: eine nicht große, feste Gestalt, tief in den Dreißigern, von militärischer Haltung und etwas insolentem, brüskem Wesen, das großes Selbstvertrauen verriet; ein starker, wohlgepflegter blonder Bart füllte und umgab den untern Teil des Gesichts; in den grauen Augen blitzte eine gewisse kalte Energie und Selbstsucht. Der Herr trug elegante Zivilkleidung, im Knopfloch das schleswig-holsteinische Kreuz. »Herr Major von ............?« – »Ich habe die Ehre, mich als dieser vorzustellen, Madame. Entschuldigen Sie meinen späten Besuch; doch war ich bereits zweimal gestern hier, ohne das Vergnügen zu haben, die Sennora antreffen zu können. Sie haben einen großen Kreis von Verehrern, wenn auch in einer anderen Sphäre, als diejenigen rechneten und hofften, – von denen Sie wissen.« – Die Spanierin errötete leicht und beugte zustimmend den Kopf ... »Aber es ist nicht meine Schuld; man ist hier so prüde, und ich glaubte wenigstens das Feld behaupten zu müssen, Herr Major.« – »Sie haben auch vollkommen recht gehandelt, Madame. Man hatte nur ein falsches Kalkül gemacht, man kennt und würdigt Berlin zu wenig. Die norddeutsche Aristokratie, die preußische Armee sind anderer Natur, als man gehofft hat, ich widersprach sogleich, aber man wollte den Versuch doch machen.« – »Ich verstehe Sie nicht, mein Herr, – es fehlt doch nicht an Offizieren und vornehmen Herren unter meinen Verehrern.« – »Ich weiß, ich weiß! Aber das ist nichts, junge Elegants, die der Mode huldigen und das Extravagante lieben, aber nie Ihnen Einfluß auf ihre blinden Gesinnungen gestatten werden. Für solche persönliche Verführungen ist die nordische Welt eben zu exklusiv, zu kaltblütig, sitzt zuviel in Traditionen fest, um einer Tänzerin zu Füßen zu liegen. Die Verhältnisse selbst haben Sie, Madame, auf den Boden geführt, wo allein Sie in Berlin glänzen und herrschen können, zu unserer blasierten Finanzwelt, der Eitelkeit der Börse und dem Enthusiasmus des pflastertretenden Rentiers.« – »Sennor, ich begreife nicht ...« – »Seien Sie nicht böse, ich will Ihnen keineswegs Ihre Triumphe schmälern. Sie sind das Entzücken aller wichtigen Leute, die in Berlin den Ton angeben, bis hin und wieder einmal ein ernster Wellenschlag der Zeit ihre Meinung auf die gehörige Nullität reduziert. Ein bischen Kokettieren gehört nun einmal zum Liberalismus und zur Opposition, so lange es keine Opfer und keine Gefahr gilt. Sind Sie nicht auch das Entzücken der Kritik, so weit es eine solche in Berlin gibt?« Die Spanierin zuckte verächtlich mit dem Munde ... »Ich habe mir allerdings anderes von Berlin vorgestellt. Buketts! Buketts! Denken Sie, daß neulich ein – vornehmer Herr sich zum Souper einlud und für sein Kuvert einen Fünfzigtalerschein zurückließ!« Sie gedachte der Niederlage, die sie noch am Abend erlitten ... »Ich kenne die Berliner Renommagen, man verschwendet hier nur mit Worten. Wenn ich Ihnen raten darf, Madame, gehen Sie nach Wien, nach Prag, nach Pest, da ist ein glücklicherer Boden, als die norddeutschen Residenzen. Freilich haben sich seit Achtundvierzig dort auch die Verhältnisse geändert, aber es ist noch immer reiche Empfänglichkeit da von oben herab. So tapfer die Armee ist, so ist sie doch aus zu vielen Ingredienzien zusammengesetzt, um in den Personen nicht zugänglich zu sein. Es gibt unabhängig von ihr einen lebenslustigen Adel, und – Ihr Ruf ist jetzt begründet und Ihnen vorangegangen.« – Die Tänzerin wiegte schlau das Haupt ... »Ich habe bereits meinem Agenten Auftrag gegeben, für mich in Wien und Pest abzuschließen. In acht Tagen trete ich auf.« – »Ah, schön! Ich sehe, wir verstehen uns. Ich werde dafür sorgen, daß Sie in Wien Empfehlungen, vorfinden, die Ihnen mehr nützen, als die hiesigen. A propos ! Sie zählen doch noch hier zu Ihren Verehrern den jungen Baron H... und Herrn von M...?« – »Die Herren machen mir ihren Besuch und sind alle Abend im Theater, – aber sie sind so jung ...« – »Es handelt sich nur um eine Gefälligkeit. Auch interessieren sie mich weniger als ihre Väter und Verwandten, die, wie Sie vielleicht wissen, besondere Stellungen bei Hofe haben. Ich besitze da zwei Schützlinge, die unverschuldet außer Brot gekommen sind und neue Konditionen in vornehmen Häusern suchen. In den Familien der gedachten Herren sollen nun zwei Dienerstellen vakant sein; Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie meine Schützlinge wie zufällig Ihren Verehrern, jedem einen, empfehlen wollten.« Der Major hatte seinen Wunsch mit möglichster Leichtigkeit hingeworfen, der schlauen Tänzerin jedoch entging es nicht, daß gerade das die Pointe seines Besuches war, und um sich für die früheren kleinen Zweifel in die Macht ihrer Reize zu rächen, schaute sie ihm fest ins Gesicht und fragte: »Ist dies ein Auftrag der unbekannten Beschützer, denen ich zu gehorchen habe, Sennor?« – Der Major biß sich auf die Lippen ... »Sie haben aus dem Zeichen auf meiner Karte gesehen, daß ich nicht aus Galanterie Ihnen meinen Besuch mache, Madame; weiter wird mir dies in Ihren Augen Vollmacht geben« – er nahm aus seiner Brieftasche ein feines schwarzes Kreuz von jener Form, die wir bereits mehrfach erwähnt haben, mit fünf Silberstiften geziert – »und ich bitte Sie daher, das, was ich Ihnen vorhin in bezug auf Wien und Pest sagte, als aus gleicher Quelle kommend anzusehen. In betreff der beiden Diener werden Sie die Empfehlung so wie zufällig bei den bezeichneten Herren anbringen. Morgen früh werden sich beide Diener bei Ihnen vorstellen, mit guten Attesten versehen, so daß, sie ihrer Empfehlung Ehre machen werden. Und nun, Madame, erlauben Sie mir, mich Ihnen zu empfehlen.« – »Wie Sennor, Sie wollen schon fort? Ich hoffte, Sie würden mir die Ehre erzeigen, mit mir zu soupieren?« – »Ich weiß das Glück zu schätzen, Madame, aber meine Geschäfte nehmen mich noch in Anspruch. Ich hoffe, Sie wiederzusehen, wenn nicht hier, so später an einem andern Ort Ihrer Triumphe. Leben Sie wohl, Sennora.« Er empfahl sich, und während die schöne Spanierin sich nachsinnend in die Ecke ihres Sofas kauerte, schritt er rasch die Linden entlang, unter denen noch reges, fröhliches Leben herrschte, nach dem Brandenburger Tore zu. – Nachdem er seinen Weg durch verschiedene Straßen und Hintergassen genommen und vielleicht dreifach gemacht hatte, wie als wolle er jeder Beobachtung entgehen, blieb er vor einer niederen Gartenmauer stehen, zog einen Schlüssel hervor und öffnete die schlecht verwahrte Hintertür. Dann schritt er durch die hohen Laubgänge und Parkanlagen bis in die Nahe des Vorderhauses, eines mächtigen, stolzen Gebäudes von aristokratischem Typus, das sich vor ihm in die Nachtluft erhob. Aus dem großen Fenster des ersten Stockwerks im Seitenflügel, dem einzigen, das nach dem Garten heraussah, schimmerte durch die Gardinen ein ruhiges Licht. Nach aufmerksamem Umherlauschen und Schauen pfiff der Major leise aber scharf einige Takte, und sogleich erschien der Schatten einer weiblichen Gestalt an dem offenen Fenster, die Vorhänge wurden fortgezogen und eine Dame lehnte sich heraus ... »Bist du es, Ferdinand? Ist alles sicher?« – »Wenn du oben unbehindert bist, so komm.« Einige Augenblicke darauf verschwand das Licht, aus dem Fenster rollte, die dunkle Efeubekleidung der Mauer entlang, eine kurze Strickleiter von schwarzer Seide herunter, und die Dame schwang sich kühn und mit der Sicherheit der Gewohnheit über die Fensterbrüstung und stieg auf den schwanken Schlingen herunter, wo sie der Erwartende in seinen Armen auffing und mit einem Kuß begrüßte ... »Ich glaubte schon, du würdest nicht kommen, Ferdinand,« sagte die junge Dame, eine hohe, schlanke Figur im dunklen Capuchon und in ein weites kostbares Shawltuch gehüllt; »es war so spät, und ich hatte mich längst freigemacht.« – »Es ist elf Uhr vorbei, Marie, und ich habe dir schon oft gesagt, daß die frühe Stunde uns leicht verderblich werden kann. Überdies hatte ich dringende Abhaltung. Doch nun komm.« Er verbarg vorsichtig das Ende der Strickleiter in den Efeuranken und führte dann die Dame, die sich zärtlich an ihn schmiegte, weiter hinein in die dunklen Bosketts des Gartens bis zu einer Bank unter hohen Ulmen und Kastanien, wo er sie niedersetzen ließ. »Wie? werden wir heute nicht zu unserm kleinen Engel gehen? du versprachst es mir doch das letzte Mal, Ferdinand?« – »Du sollst ihn sehen, gewiß, Marie, aber ich wiederhole dir, es ist noch zu früh, die Straßen sind noch zu belebt. Überdies habe ich einiges mit dir zu sprechen. Höre mich ruhig an, ich bitte dich, Marie.« – Sie setzte sich dicht an ihn, Hand in Hand, den andern Arm um ihn geschlungen, und blickte ihm zärtlich in das harte, stolze Auge. – »Du weißt, Marie, und wir haben es hundertmal besprochen, daß unter den jetzigen Verhältnissen keine Aussicht und Hoffnung für uns ist. Das Glück hat uns besonders wohlgewollt, daß wir vor dem Auge deines Vaters und deines Bruders deine Schwangerschaft zu verbergen vermochten, ihre häufige Abwesenheit und dein Aufenthalt auf dem Land halfen uns dazu. Du verlangtest, daß das Kind in deine Nähe komme, und es ist geschehen. Aber was soll weiter werden? Du weißt, daß ich nicht einmal Zutritt in deiner stolzen Familie habe, meiner offen ausgesprochenen Ansichten und meines Bruchs mit dem Herzog wegen.« – »Hast du nicht meine Liebe, Ferdinand? Warum auch bist du, der doch selbst von Adel, ein solcher Gegner aller seiner Rechte und Interessen, ein Verteidiger des Pöbels und seiner Zügellosigkeit? Mein Gott! wie kannst du mit solchen Leuten umgehen, die auf zehn Schritt nach dem Handwerk riechen, zu dem sie geboren sind?« Der Major schien widrig berührt ... »Laß uns nicht mehr streiten, Marie, über Dinge, über die wir uns doch nie einigen werden. Es ist leider eine traurige Wahrheit, daß die Lektion von Achtundvierzig und Neunundvierzig in Berlin nur dazu genutzt hat, den Adel vorsichtiger im Äußeren, aber desto exklusiver und hochmütiger unter sich zu machen und im Bürgerstande die Zahl der Heuchler zu vermehren. Männern, wie mir, kann man freilich die beiden Jahre nicht vergessen, und ich will sie auch nicht vergessen haben, denn sie sind das Feld meiner und unser aller Zukunft. Aber diese untergeordnete Lage, die Untätigkeit ertrage ich nicht länger. Den Mann ohne Dienst und Ruf würden die deinen mit Hohn zurückweisen; den General, dem Mann von Macht und Bedeutung, wird die stolzeste Familie dieses Preußens, das vielleicht an der Schwelle seiner bittersten Demütigung steht, Frau und Kind nicht zu verweigern wagen.« – »Was sinnst du, Ferdinand, was beabsichtigst du?« – »Laß das; frage mich nicht; ehe ein halbes Jahr vergeht, wirst du wissen was ich meine. Diesen Winter noch bleibe ich in Berlin, das Frühjahr schon führt mich zu einem meiner Kraft entsprechenden Wirkungskreis. Ich wollte dich nur auf die Trennung vorbereiten, die möglicherweise über Nacht kommen kann. Doch es ist Zeit jetzt, daß wir aufbrechen, die Straßen sind ruhig, komm.« Er hüllte sie sorgsam in das weite Tuch und führte sie durch das Pförtchen aus dem Garten. Durch die einsamen Wege an den Stadtmauern entlang und den Tiergarten gelangten sie in die neuen Stadtteile jenseits der Spree nach dem Neuen und Oranienburger Tor hin. Hier in einer der Querstraßen blieben sie vor einem ansehnlichen Hause stehen, und der Major klopfte an ein Fenster des Kellergeschosses, in dem alles dunkel und still war. Aber er klopfte lange vergeblich. Nur ein heiserer Kinderhusten und ein stilles Weinen drang von Zeit zu Zeit hervor, die Dame jedesmal mit Schauer erfüllend ... »Mut, Marie, du mußt einige Augenblicke hier verweilen, das Weib ist offenbar nicht zu Hause, aber ich weiß, wo sie zu finden ist. Stelle dich hier in den Schatten des Türvorsprungs, gleich bin ich wieder bei dir.« – »Kann ich dich nicht besser begleiten?« – »Nein,« sagte er hart, »das ist nichts für dich.« Er wollte der Armen einen ihr Mutterherz mit den bängsten Besorgnissen erfüllenden Anblick ersparen, verließ sie darum rasch und ging um die Ecke und rasch eine Querstraße entlang, bis ihm aus dem Souterrain eines kleinen Hauses ein wüstes Lärmen, untermischt mit den Tönen einer Ziehharmonika und einer kratzenden Geige, entgegenklang, die eine beliebte Polka in überraschem Takt abspielten. Es war eine jener Kneipen, wie es in den Vorstädten, ja selbst in den inneren Stadtteilen Berlins unter den zahllosen Kellerbutiken noch viele gibt, und die von der Hefe des Volkes für ihre Festlichkeiten und Orgien benutzt werden ... In der Nähe fand der Major den Nachtwächter auf einer Türschwelle sitzen und nach der Musik hinhorchen ... »Da geht's lustig her, Herr; das Volk wird einen bis zum Morgen in Atem halten!« – »Wollt Ihr ein Trinkgeld verdienen. Mann? – »Warum nicht, Herr? der Magistrat bezahlt ohnehin knapp.« – »So seht nach, ob in jener Kneipe sich eine Frau Müllendorfer befindet aus der ....straße, und bittet sie, einen Augenblick herauszukommen; ich weiß, sie geht häufig hierher.« – »Ach, die Engelmacherin? Versteht sich, ist die drinnen. Die ist Stammgast.« – »Wie nennt Ihr sie?« – »Engelmacherin, Herr. Ins Gesicht mag ich sie freilich nicht so heißen, denn das Weibsstück hat eine gottvergessene Zunge, aber das ganze Viertel kennt sie unter dem Namen, und der Himmel weiß es, ich glaube, sie verdient ihn. Die Charité da drüben liefert im Vergleich nicht so viel Leichen zum Gottesacker als die Müllendorfer; aber die Kinderhecke bei ihr wird nicht leer.« Der Major schauderte und winkte stillschweigend den Wächter hinunter. Dieser ging, und als bald darauf der Tanz aufhörte, öffnete sich die Kellertür, und ein großes, robustes Frauenzimmer im Alter von etwa vierzig Jahren keuchte die Stufen herauf, mit einigen lästerlichen Redensarten, wer sie um diese Zeit wohl in ihrem Vergnügen störe ... Sie trug ein grünes Merinokleid, darüber, kreuzweis gebunden, einen alten, gelbseidenen Shawl; schief auf dem Kopfe saß eine Tüllhaube mit hochrotem, fliegenden Bande, doch hing das Haar unordentlich darunter her, überhaupt hatte der ganze Anzug ein wüstes, zerzaustes Ansehen ... »Schwerenot, wat is denn det für eene Jeschichte, det man nich 'n mal in de Nacht sein bißken Vergnügen haben kann,« sagte das Weib in niederem Dialekt, sich von der Stirn den Schweiß trocknend, »schreien die verfl... Beesters schon wieder, daß die Nachbarschaft rebellersch wird! – Na wart't, ick will sie ...« Die ernste Stimme des Majors unterbrach ihr widriges Keifen ... »Ich wollte Sie auf einen Augenblick sprechen, Frau Müllendorfer. Es ist eine Dame bei mir, die Ihr Pflegekind zu sehen wünscht, und wir haben nur spät am Abend Zeit, darum ließ ich Sie von dem Ort herausrufen, wo Sie mir selbst sagten, daß ich Sie in solchen Fällen finden würde.« Das Weib erkannte den Redner schnell und änderte im Nu ihr Benehmen zu einer kriechenden Freundlichkeit, die um so widriger war, als sie dazwischen nicht ganz den Rausch zu verbergen vermochte, der sie bereits halb erfaßt hatte ... »Ach, der gnädige Herr,« sagte sie mit einem tiefen Knix. »Bitte recht sehr, ick stehe jleich zu Diensten. Glauben Sie ja nich, daß ick den Engel darum vernachlässigt hätte; i Gott bewahre, der liegt gut injepackt in seiner Wiege, ganz aparte von den andern. Unsereins muß doch auch mal een Vergnügen haben, wenn man so kümmerlich sich durch die Welt schlägt.« So schwatzend, lief sie mit manchem Fehltritt neben dem Herrn her bis zu ihrer Wohnung, wo der Major die zitternde Geliebte aus ihrem Versteck holte und an seinen Arm nahm. »Vorsicht, Marie, ich bitte dich, und halte dein Gesicht verhüllt. Du trägst doch den Schleier unter dem Capuchon?« – Sie preßte, vor Aufregung zitternd, bejahend seinen Arm ... »Gleich, gnädige Frau, gleich sollen Sie das allerliebste Krabbelchen sehen. Kommen Sie nur mich nach; ich will gleich Licht machen.« ... Die Frau hatte die Haustür aufgeschlossen und zog das Paar in den dunklen Flur, von wo ein zweiter Eingang zu ihrer Kellerwohnung hinunterging, deren vorderer Raum zum Grünkram- und Gemüseladen diente. Im Hintergrund standen einige zerbrochene Möbel und ein großer Waschkorb, aus dem das Husten und Wimmern herkam. Die Dame wollte unwillkürlich dahin, doch das Weib trat ihr mit der angezündeten Öllampe in den Weg ... »O, nich dahin, gnädiges Madamken, det is nur een armes Balg, die Mutter is een Dienstmächen, das sich gleich wieder vermieten mußte. Es hat een bißken die Masern, und wenn des kleene Jeschöpf druf jeht, na, lieber Gott, so is et keen so großes Unjlücke. Ick kriege bloß anderthalb Dhaler für den Wurm alle Monate, und da is freilich nich viel zu machen.« – »Mein Kind! Mein Kind!« – »Seien Sie ganz ruhig, Gnädige, darum hab' ick eben des Wurm hier abgesperrt, deß er mir die anderen nicht ansticht. Kommen Sie hier herein – stoßen Se sich nich!« Sie öffnete eine Seitentür, die zu einer niedrigen, aber ziemlich geräumigen Kellerstube führte, ganz im Geschmack dieser Klasse aufgeputzt. An der gegenüberliegenden Wand stand ein großes, breites Himmelbett, in dem ein etwa elfjähriges Mädchen schlafend lag, die Tochter der Frau. Rechts zwischen den Fenstern die Kommode mit den Gläsern und Kaffeetassen auf der aus bunten Zeugkarreaux genähten Decke, an der Hinterwand der Kleiderschrank und ein großer, bequemer und weichgepolsterter Sorgenstuhl vor dem Tisch. In der Ecke hinter der Tür endlich war eine Art von Pritsche oder kurzem, breitem Bett, mit alten Decken, einigen schlechten Bettstücken und dergleichen gefüllt, und hier lagen nicht weniger als fünf Kinder von dem zartesten Alter von kaum einigen Wochen an bis zu etwa drei bis vier Jahren; dürftige kleine Gesichtchen, denen Elend und Mangel an Pflege aus den hohlen Augen und den mageren, nackten Gliederchen sah, als der Schein des Lichtes, das ihre Versorgerin jetzt angezündet auf den Tisch gestellt hatte, durch die Schatten des niedrigen, dumpfen, ungesunden Raumes auf sie fiel. Neben dem Himmelbett an der Wand stand eine Wiege von Kiefernholz, rotbraun gebeizt, deren Betten von etwas reinlicherem Ansehen waren. Ein Rohrgeflecht, mit alter Leinwand überzogen, überspannte das Kopfende ... Auf diese, vom mütterlichen Instinkt getrieben, stürzte die junge Dame zu und warf sich vor ihr auf die Knie. Ein junges, etwa fünf Monate altes Kind mit einem Engelgesichtchen lag schlafend darin. Der Major war ihr gefolgt, auch das Weib mit der Lampe, deren Schein sie mit der Hand verhüllte, während sie ihn in gemeiner Neugier immer so zu wenden suchte, daß er das Gesicht der durch Kapuze und Schleier Verhüllten treffen sollte. Die Dame hob behutsam das schlafende Kind aus dem Bett und preßte es an ihre Brust ... »Sehen Sie nur, Gnädige, was der Kleine für Bäckschen hat, rot wie Äpfelchen. Ja, ja, die Kinder haben's bei der Müllendorfern gut. Schöne Nahrung und Reinlichkeit. Ick sage Ihnen, es jeht nichts über die Reinlichkeit.« – Sie hätschelte mit widerlicher Freundlichkeit das Kind, obschon die Mutter, die sich damit auf einen Stuhl gesetzt, sich ekelnd vor dem Branntweinodem abwandte, den das Weib ausströmte ... Davon erwachte das Kind, schlug die Augen auf und fing an zu schreien. Nach wenigen Minuten antworteten im Chor die anderen, die unter den Lumpen des allgemeinen Bettes zusammengepackt lagen. »Werdet ihr still sein, ihr Bälger! Wart'! det is der Schreihals, die Mine – das Ding is drei Jahr und wie'n Einjähriges. Na wart', laß mich hineinkommen. – Entschuldigen Sie, Gnädige, es sind nur gewöhnlicher Leute Kinder und eene Majistrats-Waisenkrabbe. Ick will sie aber gleich zur Ruhe bringen.« Damit nahm sie vom Tisch eine große Saugflasche, die mit Milch gefüllt schien, und hielt sie den jüngsten Kindern vor, die begierig daran sogen und sogleich wieder in tiefen Schlaf verfielen ... Weder der Major, noch die mit ihrem Kinde zärtlich beschäftigte Dame bemerkten die Stöße und Knüffe, welche die beiden größeren der erwachten Kinder von dem Weibe erhielten und wie sie sich heimlich wieder in Schlaf weinten. Die junge Mutter ging mit dem beruhigten Kleinen durch die Stube auf und nieder und legte es dann zurück in sein Bettchen. Zufällig fiel ihr Auge auf die Milchflasche, und ehe es noch die Frau hindern konnte, nahm sie dieselbe in die Hand, zog den Pfropfen heraus und goß einige Tropfen auf die Hand. Ein widerwärtiger Dunst quoll ihr aus der geöffneten Flasche entgegen, wie von saurer, verdorbener Milch, mit scharfem Alkohol geschwängert ... »Um Gott, Frau! was haben Sie da? Was ist das für Milch? Ferdinand, ich bitte dich!« – Der Major nahm ihr die Flasche aus der Hand und probierte einige Tropfen ... »Da ist ja Branntwein! drunter, Frau!« – »Nu freilich, een Tröpfchen; was schad'ts denn? Die Kinder schlafen denn desto besser. Es ist bloß für die Nachtruh'.« – »Aber, Frau, Sie werden doch einem kaum entwöhnten Säugling nicht das schändliche Getränk geben?« – »I Jott bewahre, Jnädige, des is nur da für die gemeinen Kinder, die sonst gar nicht stille zu kriegen sind. Das Engelchen schläft ganz von selber und kriegt die allerfrischeste Milch, wie sie mir der Charlottenburger Milchmann früh bringt. Der Kleine könnt's bei Ihnen selber nicht so gut haben, wie bei mir.« Die Verlegenheit des Weibes, das rote Gesicht des Kindes hätten freilich bei einer erfahrenen Mutter böse Zweifel gegen die Ableugnung erweckt. Die junge Dame warf sich schluchzend in die Arme des Mannes ... »Führe mich fort, Ferdinand; diese Luft, dies alles erstickt mich. O, wie bin ich so grenzenlos unglücklich!« Der Major gab der Frau Geld und befahl ihr auf das strengste an, dem Kinde nur die reinste Nahrung zu reichen, und sagte, daß er alle Woche einen Arzt hierher senden werde, um sich von dem Zustande desselben zu überzeugen. Das Weib beteuerte und versprach alles mögliche, und geleitete so das Paar durch den Hausflur zurück auf die Straße. Dann – allein – schlug sie verächtlich ein Schnippchen hinter ihnen drein, steckte dem Kinde in der Wiege wie zum Trotz die entsetzliche Flasche in den Mund, und als sie den nächtlichen Besuch weit genug entfernt glaubte, löschte sie rasch die Lampe und eilte aufs neue zu ihrem Gelage, ohne das kranke, wimmernde Kind im Vorkeller auch nur eines Gedankens zu würdigen. – Leise weinend, schritt indes die junge Mutter neben dem Major her, der vergeblich sie zu beruhigen und zu trösten suchte ... »Du hast es selbst gewollt, Marie; das Kind war auf dem Lande gut aufgehoben bei der armen Frau, aber du bestandest darauf, es in deiner Nähe zu haben, um es wenigstens hin und wieder sehen zu können. Ich habe mich nach verschiedenen Haltefrauen erkundigt, aber man rühmte mir diese immer noch als eine der zuverlässigeren. Bei vielen anderen waren wir auch weniger vor Entdeckung sicher. Überdies bürgt uns der eigene Vorteil dieser Person dafür, daß sie dem Kinde die möglichste Sorgfalt widmet. Du hörtest selbst, daß es ihr »bestes« ist. An anderen Orten ist es vielleicht noch schlimmer aufgehoben.« Aller Trost nutzte nichts; er mußte ihr versprechen, sobald als möglich für das Kind einen anderen, besseren Ort zu ermitteln, es wieder auf das Land zurückzubringen, indem sie lieber darauf verzichten wollte, es zu sehen. Der Major versprach alles, nur um die Erregte zu beruhigen. So brachte er sie wieder zurück zu dem Garten, und nach weiteren Verabredungen für die nächste Zukunft, wozu Gelegenheit ihnen durch die obwaltenden Verhältnisse nur sehr selten gegönnt war, bis zu dem Hause ... »Und nun leb' wohl, Marie, sei stark und mutig, wir werden sicher noch alle Hindernisse besiegen; vertraue auf meine Kraft, nur mach dich los von den Vorurteilen, die dich noch mit hundert Banden gefesselt halten. – Zum Henker,« unterbrach er sich, in dem er mit der Hand im Efeugeländer umhersuchte, »wo steckt denn die Leiter?« – »Sie wird nicht nötig sein,« sagte eine tiefe Stimme hinter ihnen; »ich werde die Komtesse, meine Tochter, auf einem passenderen Wege nach ihrem Zimmer geleiten.« Das Paar fuhr wie vom Blitzstrahl getroffen auseinander ... Zwischen ihnen stand ruhig und gemessen ein großer, stattlicher Mann mit breiter Brust und grauen Haaren. Das Sternenlicht der Sommernacht ließ freilich die Züge nicht erkennen, aber jedes der beiden wußte, wen es vor sich hatte ... Der Major faßte sich alsbald, während die junge Dame halb ohnmächtig an der Wand lehnte ... »Herr Graf,« sagte er, »es ist eine peinliche Situation, in der ich Ihnen in diesem Augenblick gegenüberstehen muß. Erlauben Sie, daß ich Ihnen morgen früh eine Rechtfertigung gebe, wie sie unter Männern von Ehre nötig ist.« – »Bemühen Sie sich nicht, mein Herr – der Zufall und Schlaflosigkeit haben mich hinter die nächtlichen Promenaden dieser jungen Dame gebracht, und ich werde sie künftig zu verhindern wissen, ebenso wie alle unpassenden Liebschaften. Weiter weiß ich nichts und will nichts wissen. Gute Nacht, mein Herr.« »Herr Graf, ich bitte Sie – hören Sie mich an.« – »Mein Herr, zwingen Sie mich nicht, die Bedienten durch meinen Ruf zu wecken. Mit Leuten Ihrer Art und Ihrer Gesinnung hat ein Edelmann von unbeflecktem Namen nichts zu tun. Ich sollte meinen, zum galanten Verführer wären Sie doch schon zu alt ... Also die Spekulation! Dieser Garten aber und dieses leichtsinnige Mädchen sind noch mein Eigentum, und, Gott sei Dank! gelten hier noch nicht die Gesetze der Herren Kommunisten und Weltverbesserer ... Entfernen Sie sich, ich befehle es, und lassen Sie sich nicht wieder in dieser Umgebung blicken.« – Er faßte die Komtesse hart am Arm und führte sie fort nach dem Hofraum. – Der Major schlug sich wild vor die Stirn und drohte mit der Faust nach dem Hause. Dann ging er rasch in die Büsche des Gartens. Zur selben Zeit ungefähr, als der Fremde, den wir unter dem Titel »Major« nach der Bezeichnung auf seiner Visitenkarte eingeführt haben, die spanische Tänzerin verließ, fand eine andere, für das Schicksal Europas und den Gang unserer Darstellung bedeutsame Unterredung statt ... In dem großen Empfangszimmer eines Hotels der sogenannten Diplomatenstraße von Berlin saß an dem Tisch ein Mann von einigen fünfzig Jahren und ziemlich kleiner, wenig auffallender Statur in leicht gebeugter Haltung, in einem geschriebenen Memoire mit dem Bleistift einzelne Stellen bezeichnend. In dem ziemlich faltenreichen, fast viereckigen Gesicht lag eine gewisse Lethargie, dabei ein Ausdruck von Gutmütigkeit, doch zuweilen flog es über die Züge, als säße ein jovialer Spott darin, wie der Schalk im Nacken. Die hohe, volle Stirn verkündete den ruhigen Denker und Beobachter. Das Merkwürdigste an dem Kopfe waren die Augen eben in ihrer Verborgenheit. Unter matt, fast schläfrig gehobenen Lidern, mit häufigem Zwinkern, gleich als könnten sie das Licht nicht vertragen, oder wären angegriffen von dem Staub der Aktenstube, verschwanden sie fast ganz hinter der Brille, als wollten sie unter dem Schutz der Gläser nur beobachten und wieder beobachten. Es lag über der ganzen Persönlichkeit eine unendliche Ruhe, ein Zusehen, ein Abwarten, eine Zähigkeit, die einen vollendeten, in sich abgeschlossenen Charakter bildeten ... In der Tat entsprach das bedeutende öffentliche Leben und in Preußens Geschichte so wichtige Wirken des Mannes ganz seiner Persönlichkeit. Es war der Fabius cunctator der modernen Politik und Diplomatie, jener Staatsmann, dessen merkwürdigen, zähen Eigenschaften und unverwüstlicher Ruhe unterm Schutze seines erhabenen Monarchen Preußen seit fünf Jahren die glückliche Leitung seines Staatsschiffes durch eine Unzahl von Klippen und Brandungen und die schwierigsten inneren und äußeren Situationen verdankte. Nicht mit jener eisernen Konsequenz erhabener Charaktere, aber mit einer Zähigkeit und Ausdauer, die zuletzt immer ihren Weg macht, wenn sie auch im Augenblick biegsam und nachgebend erscheint, verfolgte seine Politik ihr Ziel. Von allen Parteien angefeindet, von oben und unten angegriffen, zahllose Anfeindungen und wenn nicht Niederlagen, so doch Triumphe seiner Gegner erleidend, ist er der erste, welcher sie anerkennt und seinen Rückzug nimmt, und dennoch hat er am Schluß noch immer seine Zwecke erreicht, seine Feinde und Freunde aus dem Felde gedrängt und seine – wir wollen nicht sagen »Macht«, aber seine Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit befestigt. Der im Vorzimmer Wache haltende alte Kanzleidiener öffnete jetzt die Tür und meldete leise einen Besuch. Der hohe Beamte verließ seinen Sessel, drehte vorsichtig die Lampe auf dem Tisch um, so daß ihr Licht jetzt nach dem Sofa fiel, und ging dem Eintretenden bis an die Tür entgegen, die er sorgfältig hinter ihm schloß ... »Nehmen Sie Platz, Herr Baron! Ich habe Ihr Billett heute mittag erhalten und Sie erwartet. Wir werden ungestört sein.« Der Eingetretene war eine hohe, schlanke Gestalt mit blassem, feinen Gesicht und auffallend breitgewölbter Stirn, in der Mitte der dreißiger Jahre. Er sprach das Deutsch langsam, fein und ruhig, nur wenn die Unterhaltung lebhafter wurde oder es ihm auf eine subtile Wendung anzukommen schien, bediente er sich im Gespräch der französischen Sprache ... »Eure Exzellenz sind sehr freundlich,« sagte er, indem er auf die Einladung des Wirtes auf dem Sofa Platz nahm. »Erlauben Sie, daß ich nochmals erwähne – um jeden Zweifel über den Charakter unserer Unterredung zu beseitigen – daß ich dieselbe nur als eine private und persönliche erbeten habe, um Ihre Ansichten und Ihren Rat zu hören, bevor ich morgen die Ehre haben werde, Ihnen offiziell die neueste, von meinem Kabinett eingetroffene Note zu überreichen.« – »Unsere Unterredung soll also bloß eine rein private, bedeutungslose sein, von der ich Sr. Majestät dem Könige keinen Bericht zu erstatten brauche?« Der andere zögerte ... »Das nicht ganz, – Sie mißverstehen mich, Exzellenz. Ich wünsche Ihnen auch – nicht offiziell – aber unter der Hand – einige Mitteilungen und Vorschläge zu machen, deren weitere amtliche Kundgebung natürlich von Ihrem Entgegenkommen abhängen würde.« – Ein leises, diplomatisches Lächeln glitt über das Gesicht des Kleinen ... »Da Sie unserer Unterredung weder einen offiziellen, noch rein unterhaltenden Charakter zugestehen wollen, Herr Baron, so müssen wir sie vielleicht eine »offiziöse« nennen. Das ist ja wohl der Ausdruck, den die Neue Preußische Zeitung, Ihre Freundin, dafür erfunden hat.« Der Baron verbeugte sich zustimmend ... »Gestatten mir Eure Exzellenz zunächst einen kurzen Rückblick auf die letzten diplomatischen Verhandlungen, der uns um so rascher auf den zu nehmenden Standpunkt führen wird, als Eure Exzellenz gewiß bereits wissen oder vermutet haben, daß die Note, die ich morgen die Ehre haben werde Ihnen zu überreichen, die Antwort des Herrn Reichskanzlers auf die alle Chancen der friedlichen Ausgleichung aufs neue bedrohenden Amendationen des Diwans zu der vereinbarten und unsrerseits angenommenen Note der Wiener Konferenz enthält.« »Ich bin mit dieser Art der Verhandlung ganz einverstanden, Herr Baron, und bitte Sie, bis auf den beklagenswerten und auch von Seiner Majestät dem Könige tief bedauerten Schritt des Einmarsches Ihrer Armee in die Donau-Fürstentümer am 3. Juli zurückzugehen. Sie kennen bereits meine Ansicht, daß dieser Schritt, zu dem sich Ihre Regierung hat hinreißen lassen, mir keineswegs durch die bestehenden Verträge gerechtfertigt scheint, und daß ich in ihm das Hindernis aller gütlichen Ausgleichung und die notwendige Ursache kriegerischer Entwickelungen sehe.« – »Aber, mein Gott, was wollen Sie, das geschehen soll? Eine Macht wie Rußland konnte sich doch von einem so untergeordneten, lebensunfähigen Staat wie die Türkei in ihren gerechten Forderungen nicht Trotz bieten und die gemachte Androhung unausgeführt lassen! Und nun, da die Besetzung geschehen, wird der Kaiser, mein Herr, doch unmöglich seiner politischen Ehre so viel vergeben, um seine Truppen den Rückzug antreten zu lassen, ohne daß die Gewähr seiner Forderungen gesichert ist? Die geringe Zahl der Truppen, welche den Pruth überschritten haben, bürgt Europa dafür, daß es sich nur um eine Pfandnahme, nicht um ein militärisches Vorgehen gegen die Türkei handelt.« – »Sie vergessen, Herr Baron, daß die politische Ehre eine Sache ist, die sehr vielfacher Deutung unterliegt. Vielleicht erinnern Sie sich, daß Preußen, von dem Sie jetzt die Unmöglichkeit einer solchen Anschauung verlangen, vor nicht langer Zeit in der Lage war, auf den dringenden Rat einer befreundeten Macht – ich will es nicht anders nennen – in eigenen, innere deutsche Interessen betreffenden Streitigkeiten zweimal einen militärischen Rückzug aus seinen avancierten Stellungen nehmen zu müssen. Ich meine Schleswig-Holstein und Kassel, und wenn ich nicht sehr irre, wurde uns hier aus der nämlichen Stelle klar gemacht, daß die politische Ehre, durch ein solches Rückgehen keineswegs eine Einbuße erleiden könne.« Der Baron errötete stark, antwortete jedoch nicht auf den Fechterstreich, den er erlitten, sondern nahm sofort die Darstellung der diplomatischen Verhandlungen auf ... »Die Pfandnahme der Donau-Fürstentümer hatte in Konstantinopel einen Aufstand der Kriegspartei und die kurze Änderung des Ministeriums Reschid zur Folge: ein Beweis, wie wenig die alttürkische – im stillen immer herrschende – Partei zu einer billigen Nachgiebigkeit geneigt ist. Die Vermittelung der Gesandten bei Seiner Hoheit dem Sultan hat zwar die sofortige Wiedereinsetzung des Großveziers und Reschid Pascha's zur Folge gehabt, indes glaube ich, daß es den Vertretern von Frankreich und England mehr darum zu tun gewesen ist, den gesicherten Einfluß sich zu bewahren, als den Krieg zu verhindern. Dahin zielt auch die Note der französischen Regierung vom 15., welche uns das Recht der Besetzung streitig macht, und der Pforte daraus dasjenige vindiziert, den beiden Mächten die Passage der Dardanellen zu gestatten.« – »Das ist richtig, Herr Baron; es ist nur zu bedauern, daß während der Verhandlungen Rußland die Pforte aufs neue durch Maßregeln reizte, die man höchstens in einem feindlichen eroberten Lande anwendet. Ich meine den Befehl Ihres Oberkommandierenden in den Fürstentümern an die Hospodare, die Verbindung mit Konstantinopel und ihrem rechtmäßigen Souverän abzubrechen und den Tribut zurückzubehalten.« – »Ich glaube, daß dies Zwischenfälle sind, die auf die allgemeine politische Rechtslage keinen Einfluß haben. – Am 11. August traf die Nachricht in Konstantinopel ein, daß Rußland die Wiener Note angenommen habe. Hier, Exzellenz, – ich rede nicht von Preußen – scheint mir die Aufrichtigkeit der vermittelnden Mächte ihr Ende zu haben.« – »Ich verstehe Sie nicht, Herr Baron. Nach dem Bericht unseres Gesandten in Konstantinopel hat Lord Stratford am 13. eine Konferenz mit Reschid Pascha gehabt, in welcher er dringend von diesem verlangte, den Vorschlag der vier Mächte sich zu eigen zu machen, obschon derselbe erklärte, es seien mehrere bedenkliche Punkte darin, die sich der Annahme entgegenstellen würden. Am 14. wurde der Vorschlag vor den türkischen Ministerrat gebracht und verworfen, selbst wenn er amendiert würde. Der Vorschlag wurde nach vieler Mühe angenommen.« – »Aber diese Amendationen geben dem ganzen Wiener Entwurf eine neue Fassung.« – »Daß ich nicht wüßte, Herr Baron. Die Bedenken der Pforte gründen sich auf drei Punkte. Zunächst soll der Passus über die tätige Sorgfalt des Kaisers von Rußland für die griechischen Christen in der Türkei zu der Auslegung Raum geben, als ob die Sultane nur infolge dieser tätigen Sorgfalt der griechischen Kirche Rechte und Freiheiten gegeben hätten, und damit Rußland einen Vorwand zur weiteren Einmischung bieten. Danach glaubt die Pforte, daß der Passus über den Vertrag von Kutschuk-Kainardji die Fragen in betreff der religiösen Privilegien in einer Weise hineinmenge, die durch jenen Vertrag gar nicht erfordert werde und die Souveränität der Pforte bedrohe. – Endlich verlangt die Pforte, daß in dem Passus über die Gleichstellung der griechischen Kirche mit den anderen Riten ausdrücklich ausgesprochen werde: daß dies insoweit gemeint sei, als ihre Untertanen zu diesen anderen Riten gehören. Mir scheint, Herr Baron, daß namentlich die beiden letzten Verlangen ganz gerechtfertigt sind.« – »Aber das ändert die ganze Lage und Deutung unserer Forderung. Wir wollen nicht die Gleichstellung der griechischen Christen mit dem Zustande anderer christlichen Sekten, die Untertanen des Sultans sind – was längst gesichert ist –, sondern mit den christlichen Kulten unter fremdem Schutze mit den christlichen Untertanen fremder Mächte in der Türkei.« – »Zu viel auf einmal zu verlangen, Herr Baron, möchte zunächst eine gefährliche Sache sein. Mir scheint, daß eine solche Auslegung die griechisch-christlichen Untertanen des Sultans zunächst unter ein Protektorat Seiner Majestät des Kaisers von Rußland bringen würde, das sie in facto aufhören läßt, Untertanen der Pforte zu sein.« Der andere schwieg; er fühlte, daß er sich eine voreilige Blöße gegeben hatte ... »Überdies,« fuhr sein Gegner fort, »sind die Verhältnisse der christlichen Konfessionen leider auch in anderen – in christlichen – Staaten noch immer nicht so geregelt und befreit, daß man ganz berechtigt erscheint, einem nichtchristlichen Souverän aus den obwaltenden Verhältnissen einen Vorwurf zu machen. Ich beklage gewiß tief die Leiden der Christen in der Türkei, aber ich weiß nicht, ob sie ärger sind, als z.B. die Verfolgungen der Katholiken und Protestanten, welche man noch in der neuesten Zeit christlichen Staaten zum Vorwurf gemacht hat, ohne daß eine Rechtfertigung erfolgt ist.« – Der Diplomat biß sich auf die Lippen. »Eure Exzellenz scheinen gegen die Redlichkeit unserer Absichten eingenommen,« sagte er nach kurzer Pause. »Was ich vorhin von den Rechten der griechisch-christlichen Untertanen der Pforte äußerte, ist natürlich nur das wünschenswerte Ziel einer Emanzipation der orientalischen Christenheit überhaupt, welche zu erreichen doch wohl die Schlußaufgabe aller zivilisierten Staaten ist.« – »Sie irren, Herr Baron, wenn Sie mir das geringste Vorurteil in dieser Beziehung zuschreiben. Ich habe allerdings unterm 28. vorigen Monats unseren Gesandten in Petersburg dahin instruiert, auf alle Weise bei Ihrem Kabinet die türkischen Vorschläge zu befürworten, aber nur weil ich darin durchaus keine Beeinträchtigung Rußlands sehen kann.« – »Ich muß Eure Exzellenz darauf aufmerksam machen, daß diese neuen Hindernisse weniger von der Pforte ausgegangen, als von den beiden Vertretern Frankreichs und Englands im Stillen angeregt und in den Weg geworfen worden sind. Wir sind auf das beste unterrichtet und wissen, daß Master Alison, der erste Sekretär der englischen Gesandtschaft, während dieser ganzen Verhandlungen in dem Hotel der Pforte sein Bureau aufgeschlagen hatte und dem Diwan die Antworten und Ausflüchte ausarbeitete.« – »Das weiß ich nicht,« sagte der Minister trocken, »meine geheime Polizei erstreckt sich nicht bis Konstantinopel.« – »Der Beweis dafür ist die doppelseitige Stellung, die England und Frankreich sofort angenommen haben. Letzteres drang bereits darauf, daß, wenn unsere Armee nicht bis zum 1. Oktober über den Pruth zurückgezogen sei, – unter den schwebenden Verhandlungen eine Sache der Unmöglichkeit! – die Flotten die Dardanellen passieren sollten, während öffentlich beide Kabinette ihren Gesandten in Konstantinopel schreiben, daß sie die Erwiderung der Pforte nur mit größter Mißbilligung hätten aufnehmen können und alles aufzubieten sei, daß die einfache Annahme der Note erfolge. Auf der anderen Seite verlangt man in Petersburg die Annahme der Abänderungen. Dies ist kein redliches Verfahren und kann nur neue Verwicklungen herbeiführen.« »So weit ich übersehe, Herr Baron, sind wir jetzt auf dem Punkt angelangt, in dem sich die Verhandlungen befinden und auf dem ich Ihre neueren Eröffnungen erwarten darf.« – »So ist es. Ich mag Eurer Exzellenz nicht verhehlen, daß der Kaiser, mein Herr, keineswegs gewillt ist, auch nur einen Schritt über die Position hinauszugehen, die er durch wahrhaft erhabene Nachgiebigkeit in der Annahme der Wiener Note eingenommen. Jede weitere Konzession wäre eine Schwäche. Rußland muß es mit seiner Würde für unvereinbar halten, nachdem es ohne Veränderung und Zusätze den Vorschlag der Mächte akzeptiert, nunmehr den Forderungen der Pforte sich fügen zu sollen. Das Kabinett von St. Petersburg verharrt übrigens bei seiner früheren Zusage, daß, wenn ein türkischer Gesandter die unveränderte Note überbringt, die Donau-Fürstentümer alsbald geräumt werden sollen.« – »Ich fürchtete das.« – »Die Interpretation meiner Regierung ist, wie ich wiederhole, folgende: Die Wiener Note ist nicht Rußlands Werk, sondern das Werk der vier Mächte England, Frankreich, Preußen und Österreich. An ihnen ist es nicht allein, in Konstantinopel ihrem Werke, das sie mit der Unabhängigkeit und Souveränität der Pforte vereinbar gefunden, Achtung, oder besser gesagt, Gehorsam zu verschaffen, sondern auch Sache jeder einzelnen Macht ist es, die Mitkontrahenten zur Erfüllung dieses Vertrages anzuhalten und sich im Weigerungsfalle auf die Seite Rußlands zu stellen.« – Ich muß gestehen, Herr Baron, daß bis hierhin Ihre Regierung in vollem Recht ist, daß infolge der Antwort Sr. Majestät des Kaisers mein königlicher Gebieter mir ganz bestimmte Erklärungen in Konstantinopel, Paris und London geben wird.« – »So dürfen wir nötigenfalls auf ein Defensivbündnis mit Preußen und Österreich rechnen und die weiteren Einleitungen dazu treffen?« – »Einen Augenblick, Herr Baron. Ist die kaiserliche Ablehnung der türkischen Amendationen alles, was Sie mir morgen zu übergeben haben?« – Der Diplomat stutzte ... »Zu dienen, Exzellenz, wie meinen Sie das?« – Der Minister legte schwer und ernst seine Hand auf das Memoire, worin er vorher gelesen, und das noch umgekehrt vor ihm auf dem Tische lag ... »Es ist mir da von unbekannter Hand ein Schriftstück zugegangen, das die Abschrift einer zweiten Depesche vom 7. September an Herrn von Meyendorf enthalten soll, in welcher Graf Nesselrode diesem eine genaue Kritik der Amendationen der Pforte und die Auslegung des russischen Kabinetts zu jedem streitigen Passus gibt. Ich weiß nicht, Herr Baron, ob das Aktenstück echt und ob es Ihnen bekannt ist?« Er reichte ihm das Memoire ... Das blasse Gesicht des Russen wurde womöglich noch durchsichtiger; er sprang, wie von einem elektrischen Funken getroffen, empor. – »Ein Verräter unter meinen Sekretären?« – Der Minister lud ihn mit einer vornehmen Handbewegung ein, sich wieder niederzulassen ... »Ich achte zu sehr die Rechte der fremden Gesandtschaften, mein Herr, um mich auf eine unpassende Weise in ihre Geheimnisse zu drängen. Diese Papiere sind mir vor zwei Stunden anonym zugegangen, und ich stelle sie Ihnen zur Disposition, um zu beurteilen, ob sie von einem Ihrer Untergebenen herrühren können, was ich jedoch bezweifle, da in letzterer Zeit mir mehrfach Winke und Mitteilungen von derselben Handschrift von ganz anderen Orten aus zugekommen sind ... Ich kann,« fuhr er nach kurzer Pause fort, während welcher sein Besuch die äußere Ruhe wieder gewonnen hatte und in dem Manuskript blätterte, »von diesem, jedes offiziellen Charakters entbehrenden Schriftstück natürlich auch keine amtliche Notiz nehmen und es auch nicht Sr. Majestät dem König vorlegen, um auf die Allerhöchsten Entschließungen einzuwirken. Privatim aber gestehe ich Ihnen, Herr Baron, daß ich es allerdings für echt und sein Bekanntwerden ganz für geeignet halte, die bereits zweifelhafte Haltung der Kabinette von London und Paris in eine offene Lossagung von den Wiener Beschlüssen zu verwandeln, wenigstens – ich will offen mit Ihnen übereinstimmen – die Gelegenheit dazu zu geben.« – »Und Preußen?« – »Wir sind der österreichischen Zustimmung sicher auch nach der Überreichung dieser zweiten Note.« Wieder überflog ein leichter Zug von Spott das Gesicht des Kleineren ... »Dann gratuliere ich Ihnen. – Preußen, Herr Baron, wird, so lange ich die Ehre habe, an der Spitze seiner Verwaltung zu stehen, und so lange Seine Majestät der König mich würdigt, meinen Rat entgegenzunehmen, – sich und Deutschland von einer tatsächlichen Beteiligung an der orientalischen Verwickelung von dem – ich glaube kaum noch zu vermeidenden – Kriege frei halten und nur eine zuratende, vermittelnde und abwartende Stellung einnehmen. Es ist mein festes Bestreben, uns durch kein temporäres Bündnis in dieser Frage nach irgend einer Seite hin zu verpflichten.« – »Da wir auf diesen Punkt der Offenheit gekommen sind, Exzellenz, so erlauben Sie, daß ich unverhohlen meine Meinung über die Zukunft sage. Es liegt in den ganzen Ereignissen ein gewisser geheimnisvoller Faden, dessen Ursprung und Lauf ich nicht durchschauen kann, der aber offenbar konsequent alle Vermittelungen und Ausgleichungen hindert und beide Teile immer weiter treibt. Daß die Absichten von England und Frankreich ganz wo anders hinzielen, als auf einen Schutz der Türkei gegen etwaige Übergriffe unsererseits, ist wohl ganz Europa klar. Ich bin überzeugt, daß über kurz oder lang die beiden neuen Beschützer der Türkei um der öffentlichen Meinung willen von ihr ganz andere Konzessionen für die christlichen Untertanen und die Zivilisation werden erzwingen müssen, als Rußland jetzt verlangt. Der Zusammenstoß, der sich jetzt vorbereitet, ist ein Kampf des Westens gegen den Osten, wie er bereits mit einigen Variationen unter dem ersten Napoleon sich ereignet hat, und um so mehr dürfte es die Aufgabe der alten heiligen Allianz sein, fest auf der alten Basis zusammenzuhalten. Dies ist der Wunsch und die Erwartung meines kaiserlichen Herrn.« Der Minister schwieg nachdenklich einige Augenblicke, dann sagte er ernst und würdig: »Die Zukunft der Reiche und der Ausgang der Kämpfe, die sich vorbereiten, liegt in der Hand Gottes. Jeder Staat hat seine erhabene Aufgabe, und der König, mein Herr, erkennt die Seine aus vollem, christlichen Herzen und wohlgeprüftem Sinn. Die heilige Allianz ist eine mit dem Heldenblut der Völker besiegelte und erworbene Erbschaft, die durch Preußen nicht leichtsinnig gebrochen werden soll. Die persönliche Liebe des Königs, die Sympathien eines großen Teils der besten Männer Preußens gehören ihrem erhabenen Monarchen. Aber das Wohl und die Blüte Preußens, seine eigentümliche, selbst territoriale Stellung im europäischen Staatenbund, an der zum Teil Rußland mit die Verschuldung trägt, müssen den Gedanken jeder Beteiligung an einem Krieg uns fern sein lassen, der – gerade heraus gesagt – nur um fremde, uns nicht direkt berührende Interessen geführt wird. Seine Majestät der Kaiser hat Unrecht gehabt in dem Hervorruf, er wird das Recht auf seiner Seite haben in der Fortführung. Preußen und Deutschland werden ihm den besten Dienst erweisen durch eine unbedingte Neutralität.« »Rußland würde bedeutende Vorteile für ein Offensiv-Bündnis gewähren. Die vollständige Öffnung seiner Grenzen ...« – »Das ist ein Recht, das Deutschland ohnehin aus dem Wiener Vertrage her beanspruchen könnte, wenn sich auch vom russischen Standpunkt die Vorteile der uns schädigenden Absperrung nicht verkennen lassen. Wenn für Preußen die Öffnung der Ostgrenzen einen Krieg aufgewogen hätte, würde es denselben früher begonnen haben.« – »Wir dürfen also wenigstens auf eine bewaffnete Neutralität im Falle eines Krieges rechnen? Bedenken Eure Exzellenz, daß die westlichen Grenzen nicht gesichert sein würden. Der Kaiser Napoleon ist Ihr heimlicher Gegner so gut wie der unsere, und das Rheinland ist eine sehr zugängliche Position.« – »Wir werden uns die Rheinprovinz zu schützen wissen, Herr Baron, gegen etwaige Gelüste danach. Es ist vollkommen Zeit, daß Deutschland sich von jedem äußeren Einfluß, jeder äußeren Bedrohung emanzipiert und endlich seine Grenzen festhält gegen alle fremden Dispositionen darüber. Das ist der ernste deutliche Wille Seiner Majestät des Königs und Seines erhabenen Verbündeten, des Kaisers Franz Joseph.« – »Eure Exzellenz werden doch nicht an die törichten Behauptungen der französischen Zeitungen glauben?« – »Ich glaube in der Politik an wenig, Herr Baron, am wenigsten an die Zeitungen. Ich weiß, daß das Kabinett von St. Petersburg unmöglich den Tuilerien für die Zustimmung zu den russisch-türkischen Arrangements das linke Rheinufer zugesagt haben kann; wie es England Cypern und Ägypten versprochen haben soll, – denn Kaiser Nikolaus ist ein Ehrenmann, und die Sache wäre nicht nur moralisch schlecht, sondern auch politisch töricht. Ich wiederhole Ihnen, dergleichen Geschwätz kümmert mich nicht.« Der Diplomat kniff leicht die schmalen Lippen ... »Also eine bewaffnete Neutralität, wie Österreich sie bereits so gut wie zugesagt hat? Es könnte leicht geschehen, ja es ist wahrscheinlich, daß man die Revolution zu Hilfe ruft. In London wird bekanntlich bereits ganz offen von den Flüchtlingskomitees gegen uns propagandiert. Polen und Ungarn sind noch immer offene Herde, darum wäre es gut, im Vereine mit Österreich ...« – »Österreich, Herr Baron, ist nicht Deutschland. Österreich hat seine slawischen Staaten und Italien zu wahren. Es würde ein großer Mißgriff sein, uns durch eine Demonstration in Verwickelungen zu bringen und in Kosten zu stürzen. Was die Revolution betrifft, so seien Sie unbesorgt; wir haben Lehrgeld gegeben, und Preußen wird sie auch an seinen polnischen Grenzen nicht dulden. Im übrigen: Neutralität, Herr Baron, Neutralität, begnügen Sie sich damit.« Der Diplomat erhob sich ... »In jeder Beziehung, Exzellenz, auch in der Presse?« – »Auch in der Presse, so viel in der Macht der Regierung steht. Sie wissen, der König ist für eine anständige, freie Diskussion in den gesetzlichen Grenzen.« – »Ich fragte und bat nur darum,« sagte der Diplomat mit seinem Lächeln, indem er ein Papier aus der Brusttasche zog, »weil auch mir da eine Art von Zirkular zugekommen, das an verschiedene Zeitungsredaktionen die Freude ausspricht, nun endlich von dem Druck russischer Suprematie erlöst zu sein, und sie auffordert, ohne weitere Rücksicht der Stimme der öffentlichen Meinung Raum zu geben.« Diesmal war es der Minister, welcher sich auf die Lippen biß ... – »Das ist offenbar eine Dummheit, die höchstens von irgend einer mißverstehenden und taktlosen Voreiligkeit herrührt. Ich werde der Sache nachfragen. Im übrigen wissen Sie, Herr Baron, daß bei uns die Presse selbständig ist und wir mit Absicht ein anerkanntes Regierungsorgan vermeiden. Sie werden daher auch Ihre Vertretung in der Presse selbst suchen müssen.« – »Wir überlassen das Ihrem Gefühl für das Recht. Leben Sie wohl, Exzellenz, und nehmen Sie meinen Dank für die freundliche Aufnahme, die Sie mir diesen Abend gewährt haben. Wenn auch nicht mit Erfüllung meiner Wünsche, so doch über vieles beruhigt, verlasse ich Sie.« – »Auf offizielles Wiedersehen morgen, Herr Baron,« sagte lächelnd der höfliche Wirt, »und einen freundlichen Rat noch: Lassen Sie nie die Worte meines verstorbenen Kollegen, des Fürsten Schwarzenberg, aus dem Gedächtnis. Sie werden wissen, welche ich meine. Ich empfehle mich.« Die Tür des Vorzimmers, bis zu welcher er seinen Besuch begleitet, schloß sich. II. Petersburg In einem mittelgroßen, halb gewölbten Zimmer des kaiserlichen Winterpalastes, jenes erhabenen Prachtbaues, den der Befehl eines unumschränkten Gebieters in Jahresfrist aus der Asche neu hervorzauberte, brannte hinter einem hohen Schirm eine kleine Lampe, das Gemach notdürftig erhellend. Die Ausstattung desselben war ziemlich einfach. Von den beiden großen Fenstern, die nach der Newa hinausgingen, hingen schwere, grünwollene Vorhänge, ebenso vor beiden Türen. Zwei große Arbeitstische standen mitten im Zimmer. Der eine war mit Papieren und Mappen bedeckt, ein Seitenrepositorium enthielt eben dergleichen; der andere Tisch zeigte auf seiner breiten Platte ein kunstvoll gearbeitetes Schreibgerät von oxydiertem Silber, Petschafte, Briefbeschwerer von seltsamem Material und ungewöhnlichen Formen: einzelnes offenbar von großem historischen oder Kunstwert, dazwischen ein Lesepult mit einer einfachen Perlenstickerei und eine kleine Standuhr. Ein Thermometer und ein Doppelkalender nach alter und neuer Rechnung hingen an dem vorspringenden Pfeiler neben einigen Papptafeln mit Listen und Notizen. Zwei offene Bücherschränke rechts und links zeigten eine Auswahl von Werken in französischer, englischer, deutscher, russischer und italienischer Sprache. – Neben dem zweiten Tisch stand ein langes, niederes, eisernes Rollbett von höchst einfacher Konstruktion. Die Unterlage bildete eine Matratze von Maroquin mit Seegras gestopft, ein ebensolches Kissen den Kopfpfühl. An den Wänden hingen einige schöne, große Gemälde geistlichen Inhalts, darunter eine Madonna von Murillo, und Porträts; auch zwei kleine Bleistiftzeichnungen in einfachen Rähmchen. Neben dem schriftenbedeckten Arbeitstisch befand sich an der Wand eine große Karte des russischen Reiches, gegenüber die von Europa. Eine große Ordnung und Regelmäßigkeit herrschte in der ganzen Einrichtung des Gemaches und verlieh ihr einen gewissen militärischen Charakter ... Auf dem Rollbett, nur von einer wollenen Decke und einem Militärmantel verhüllt, lag ein Schlafender von fast riesiger Körperform. – Die breite, kolossale Brust hob und senkte sich ruhig, das Antlitz war nach aufwärts gekehrt, ein Arm unter den Kopf gelegt. Eine hohe, glänzende, eherne Stirn, in der Mitte zwischen den Augenbrauen über der langen, geraden Nase in einer ernsten, halb drohenden Falte zusammengezogen. Das Gesicht lang und in vollem Oval, das Kinn stark und von großer Willenskraft, fest gerundet, der regelmäßige Mund von einem militärischen Schnurrbart überschattet und ernst geschlossen. Die ganze Figur des Schlafenden schien wie aus Granit gehauen, so fest und straff war alles daran. Es lag etwas Soldatisches, Starres, Titanenhaftes in ihr ... Der Zeiger der kleinen Uhr auf dem Tische wies auf fünf Uhr und zugleich ließ sich das scharfe, kurze Rasseln eines Weckers hören. Bei dem ersten Tone desselben öffnete der Schlafende maschinenmäßig die Augen, die dem Körper, dem ehernen Antlitz entsprachen. Sie waren ruhig, fest, klar, groß und von jener Eigentümlichkeit, daß, ohne einen bestimmten Ausdruck zu haben, ihr Blick doch durchdringend, durchbohrend, niederdrückend war, wie z.B. das Auge Friedrichs des Großen von Preußen. Die Augen waren echt kaiserlich. Es war auch der Kaiser, der eben erwachte. Europa hat diesem erhabenen Charakter, diesem ehernen Bilde unter den lebenden Herrschern, an dessen Sterblichkeit zu glauben man sich entwöhnt hatte, viele und schwere Vorwürfe an der Schwelle seines Jenseits gemacht; es ist viel Haß, viel Blut und viel Leid auf diesen Hünen gewälzt worden. – Wer viel gehaßt und viel verleumdet wird, der wird auch viel geliebt und Kaiser Nikolaus ist geliebt worden, geliebt, wie man das Erhabene liebt! Er war eine einsame, mächtige Natur auf seinem Piedestal, und dieses Piedestal war der Thron des größten Reiches der zivilisierten Erde. – – Der Kaiser warf rasch Decke und Mantel von sich und bekleidete sich ohne Hilfe mit den Kleidern, die auf einem Stuhle vor seinem Bette lagen. Dann zündete er an der Lampe die Kerzen der silbernen Armleuchter an, deren je zwei auf jedem Tische standen. – Der Selbstherrscher des mächtigen Reiches tat das alles allein; er bewahrte bis in das kleinste herab, so viel es sich mit seinem erhabenen Range vertrug, die militärischen Gewohnheiten. Dann trat er einige Augenblicke an das Fenster und schaute die weite Perspektive hinab. Die frühe Morgenstunde des Spät-Septembers hüllte unter der nordischen Breite noch alles in Dunkel, das an tausend Stellen durch die Gasflammen unterbrochen wurde, die sich in dem Wasser des breiten Stromes spiegelten. Der Kaiser setzte sich hierauf an den ersten Arbeitstisch und begann einen Stoß Papiere durchzusehen. Die mächtige Natur bewahrte eine immense Arbeitskraft, die durch die strengste Regelung der Beschäftigung und der Zeit vermehrt wurde. Für gewöhnlich stand der Monarch um halb sieben Uhr auf, nahm schon während seiner kurzen Toilette verschiedene Meldungen und Rapporte an, machte dann einen Gang durch das ganze Palais bis zur Wiege seiner Enkel und blieb bis um acht Uhr in seinem Kabinett. Von acht bis neun Uhr machte er stets, und wo er sich auch befand, Sommer und Winter, einen Spaziergang in freier Luft. Um neun Uhr empfing er regelmäßig den Kriegsminister, Fürst Dolgorucki, auf den er großes Vertrauen setzte. Der Fürst ist derselbe, welcher bei der bekannten, durch fast komische Mißverständnisse und Vorspiegelungen weniger Rädelsführer hervorgerufenen Militär-Emeute gleich nach der Thronbesteigung (am 24. Dezember 1825) als Kapitän die treue Wache im Hofe des Winterpalastes kommandierte, welcher der Kaiser den siebenjährigen Thronfolger anvertraute, ehe er kühn und allein den Rebellen entgegentrat. – Um zehn Uhr pflegte sich der Kaiser für kurze Zeit zur Kaiserin und seiner Familie zu begeben; nie ließ er aber auch dort einen angemeldeten Minister oder eine befohlene Person warten. Wenn gegen zwei Uhr alle Geschäfte im Palais beendet waren, fuhr er in einer einspännigen Droschke oder im Schlitten aus und besuchte dabei drei bis vier Anstalten der verschiedensten Art. Um vier Uhr speiste er im kleinen Familienkreise, zu dem nur wenige Auserwählte zugezogen wurden. Der Kaiser aß stark, trank aber sehr mäßig. Selbst die Abendstunden waren meist den Staatsgeschäften gewidmet; wenn er im Salon der Kaiserin oder der Großfürstinnen erschien, sprach er wenig und nahm selten an der allgemeinen Unterhaltung teil. In sein Kabinett zurückgekehrt, arbeitete er wieder und begab sich selten zur Ruhe, wenn noch irgend ein Bericht zu erledigen war. Oft stand er des Nachts auf, verließ allein das Winterpalais und stattete irgend einem Institut, namentlich den Kadettenhäusern, einen Besuch ab. Sein erster Blick galt dann stets dem Thermometer, das die vorgeschriebenen vierzehn Grade zeigen mußte, und seine Untersuchungen erstreckten sich bis ins Detail. Der Kaiser hielt sich nach seinen eigenen Worten stets »im Dienst«, und nur in Peterhof gestattete er sich auch in der Kleidung einige Abweichungen von der sonst streng ordonnanzmäßigen Uniform und Haltung. Auch im strengsten Winter trug der Monarch nur den einfachen Offiziermantel, nie einen Pelz. Mit dem Beginne der orientalischen Verwickelungen vermehrte sich die Tätigkeit des Kaisers, und er gönnte sich noch weniger Erholung wie früher. Er stand fast zwei Stunden früher als sonst des Morgens auf, um zu arbeiten, und empfing von sechs Uhr ab die Vorträge der Minister und Adjutanten, um später für die militärischen Geschäfte, die Besichtigungen usw. frei zu sein. Eine auffallende Aufregung und Rastlosigkeit hatte sich seines ganzen Wesens bemächtigt, und man sah, wie tief ihn der Gegenstand und das Scheitern vieler Erwartungen und gehegten Ansichten berührte. Nachdem der Monarch den Stoß von Papieren, welche vor ihm lagen, durchgesehen und die Unterschriften vollzogen hatte, sah er auf die Uhr, die halb sechs zeigte, und nach einer der Notiztafeln über dem Schreibtisch ... »Mittwoch – das ist Nesselrodes Tag, da habe ich noch Zeit, er kommt erst um sieben Uhr.« – Damit erhob er sich, holte aus dem Ankleidekabinett, zu dem eine Tapetentür führte, Mantel und Helm und verließ leise das Zimmer. Das Vorgemach war erhellt, zwei Pagen saßen darin und schliefen in den Lehnstühlen. Am Tisch wachte der diensthabende Kammerherr und las; er erhob sich rasch, als er die Tür gehen hörte ... – »Ei sieh, Menger,« sagte der Kaiser, »bist du wach? Geh hinein und ordne das Kabinett; um Sieben bin ich zurück.« – Er schritt hindurch nach dem äußeren Vorzimmer, in welchem während der Nacht ein Offizier der Schloßwache seinen Aufenthalt hatte, um außergewöhnliche Meldungen entgegen zu nehmen. Es war an dem Morgen ein Leutnant von der Preobraczenskischen Garde, diesem Lieblingskorps des Kaisers, das ihn einst gegen die Empörer verteidigt hatte. Der noch sehr junge Mann war auf dem Stuhl vor dem Tisch, an dem er die abendlichen Wachtrapporte eingetragen, die der Kaiser sich alle Morgen vorlegen ließ, eingeschlafen; sein Kopf ruhte auf dem aufgestützten Arm. Es mußte erst spät geschehen sein, denn eine Depesche, die auf dem Tische lag, zeigte den Präsentationsvermerk einer späten Stunde. Vor ihm lag ein halbvollendeter Brief, über dem ihn offenbar die Müdigkeit überrascht hatte, – die Feder war seiner Hand entfallen. Der Kaiser, dessen Schritt der dicke Teppich des Fußbodens unhörbar machte, nahte leise dem Tische ... »Sie haben gestern Morgen scharf exerziert,« sagte er wie entschuldigend und bog sich über den Schlafenden, die Depesche zu nehmen. Sein Blick fiel auf den Brief und auf seinen Namen. Er nahm vorsichtig das Blatt in die Hand und las. Der Brief war an die Mutter des jungen Mannes gerichtet, die in dem Gouvernement Nischnei-Nowgorod wohnte und die Witwe eines früheren Offiziers war. Der Sohn, in dem Kadettenhause erzogen, schrieb ihr, wie er hoffe, daß der Krieg ihm Gelegenheit zur Auszeichnung geben werde, mit der er dem geliebten Kaiser für die Wohltaten danken könne, die er ihm durch seine Erziehung erzeigt habe. Er beklagte kindlich, daß er sie, die er seit zehn Jahren nicht wiedergesehen habe, nicht zuvor noch einmal umarmen dürfe, aber selbst wenn er – was sehr unwahrscheinlich, – Urlaub erhalten könne, sei es unmöglich, da die Entfernung so weit und er ohne Vermögen nur durch die strengste Sparsamkeit die kostspielige Stellung bei der Garde bewahren könne, in die ihn der Zufall und die guten Zeugnisse im Kadettenhause gebracht ... Das Adlerauge des Monarchen hatte in wenigen Augenblicken den Brief überflogen und ruhte wie nachdenklich auf dem Schläfer. Dann nahm er vorsichtig die Feder, schrieb einige Worte unter den Brief und legte denselben wieder an seine vorige Stelle. Mit leichten Schritten, ohne daß der Schläfer erwachte, verließ er das Gemach. Draußen auf dem Korridor standen zwei Grenadiere des Regiments gleich Statuen auf ihrem Posten. Der Kaiser nickte ihnen zu und schritt die breite Treppe hinab, die in den Vorhof führt. Einen Augenblick blieb er sinnend an der großen, mit drei Kreuzen geschmückten Steinplatte stehen, die die Stelle bezeichnet, auf der er an jenem blutigen Dezember den Grenadieren den Naslednik übergab. Dann hüllte er sich in den Mantel und verließ den Bereich des Palastes. Es war noch zu früh, als daß die Isworstschiks, deren sich der Kaiser bei seinen Besuchen häufig bediente, bereits auf den Halteplätzen sein konnten, und der Monarch ging daher rasch zu Fuß weiter, die Alexander-Newskoi-Perspektive hinauf. Es war sechs Uhr, als er das Korps – wie die Kadettenhäuser und Militär-Erziehungs-Anstalten genannt werden – erreichte, dessen Besuch er beabsichtigt hatte: die Zeit, um welche die jungen Soldaten regelmäßig Winter und Sommer aufstehen müssen. Die Wache schlug eben die Reveille, als der Kaiser das Tor passierte und sofort nach einem der großen Speisesäle sich begab. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von der Ankunft des Kaisers durch alle Gänge des weitläufigen Gebäudes, und ehe die fünf Minuten, die er bei solchen Gelegenheiten, wie bei Audienzen, der Verspätung einräumte, vergangen waren, wirbelten im Hofraum die Trommeln zum Antreten, und der Gouverneur der Anstalt, Oberstleutnant Moradowitsch, begrüßte den Monarchen in dem Saale. »Die Offiziere, welche vor drei Tagen das Examen bestanden haben, sollen heute das Korps verlassen und in die Garnisonen abgehen?« – »Zu Befehl, Sire.« – »Gut. Ich will sie vorher sehen. Später habe ich keine Zeit. Komm.« – Er ging voran nach dem Hof. Der Gouverneur und die den Unterricht erteilenden Offiziere, welche sich vor dem Saale aufgestellt hatten, folgten ihm. Auf dem Hofe standen kompagnieweise in ihren Hausuniformen die jungen Leute, die ihre Erziehung in der kaiserlichen Anstalt genossen, um von dieser aus in die Armee zu treten. Da der Kaiser auf eine möglichst gründliche Ausbildung für den Dienst und hohe Klassen hielt, in denen das Avancement bis zum Leutnant erfolgen konnte, auch den allzu frühen Eintritt in den aktiven Dienst nicht liebte, so war das Alter der Kadetten sehr verschieden. Die Offiziere traten an ihre Abteilungen, der Kaiser ging musternd an den Fronten vorüber. Das Tageslicht war bereits vollständig eingetreten. »Laß die neuen Offiziere und Fähnriche vortreten.« – »Der Gouverneur erteilte den Befehl; einundzwanzig Jünglinge traten aus den Reihen und stellten sich vor dem Monarchen auf. Zwei derselben, die an der Spitze standen, waren die ältesten und schienen bereits das zwanzigste Jahr erreicht oder überschritten zu haben. – »Die Zeugnisse!« – Der Oberleutnant präsentierte sie, und der Kaiser nahm sie ihm einzeln ab, wie er nach der Reihe die jungen Leute musterte. Gleich bei dem ersten blieb er stehen und betrachtete ihn mit durchdringendem Blick, den der Jüngling fest und unverrückt aushielt ... Es war ein junger Mann von hoher schlanker Figur, mit blassem, klassisch geschnittenem Gesicht von energischem Ausdruck, das Auge dunkel und feurig, sonst in seinem Wesen einfach und anspruchslos. »Wir kennen uns. Du bist Djemala-Din, der Sohn des Imam Schamyl?« Djemala-Din, der älteste Sohn Schamyls, war von ihm im Jahre 1839 bei dem Sturme auf Achulgo, wo er selbst nur wie durch ein Wunder entkam, als ein kaum 7jähriger Knabe dem russischen Gouvernement als Geißel gestellt und seitdem auf kaiserliche Kosten in dem Kadettenkorps erzogen worden. – »Ja, Sire!« – »Dein Vater hat mir in diesem Sommer viel zu schaffen gemacht. Ich wünschte, er wäre so gut russisch wie du. Ich habe dich lange warten lassen mit einer Offiziersstelle, doch wollte ich, daß du tüchtig ausgebildet würdest, damit es hafte, was du gelernt hast. Es freut mich, daß deine Zeugnisse sämtlich gut lauten. Du hast dir, wie ich sehe, selbst das Ulanenkorps gewählt und gehst nach Polen?« – »Mit Ihrer Erlaubnis, Sire!« – »Schön. Du wirst immer an mir einen Freund finden, und ich habe für deine Ausrüstung bereits gesorgt. In Warschau melde dich sogleich beim Fürsten-Statthalter, er wird dir das nötige mitteilen. Nimm die beiden Pferde, die du dort findest, als Geschenk von mir und halte dich brav. Ich habe die Augen auf dich gerichtet.« – Er reichte ihm die Hand, und als der junge Mann sich tief gerührt darüber beugte, küßte er ihn auf die Stirn. – »Sire! Wie die Zukunft auch sein möge, ich werde nie Ihrer Güte vergessen.« – Er trat zurück in die Reihen seiner Gefährten. Der forschende Blick des Kaisers traf seinen Nachbar, und er sah aufmerksam das Zeugnis durch, das der Gouverneur ihm reichte. Der junge Mann war eine mittelgroße, gedrungene Gestalt mit intelligentem Gesicht, aber einem starken Zug von Trotz und Eigenwillen um den Mund ... »Ocholskoi? Ein guter Name, aber viel schlimmes Blut in dem Geschlecht. Du bist zwei Jahre länger in dem Korps geblieben, junger Mensch, als deine Fähigkeiten nötig machten. Warum?« – »Man hat mir die Erlaubnis zum Examen verweigert, Euer Majestät.« – »Ich sehe es. Du bist zehnmal in einem Jahre wegen Ungehorsams und Widerspenstigkeit bestraft. Wie ist's mit ihm, Maradowitsch?« – »Er ist einer der besten Zöglinge des Korps, Majestät,« sagte der Gouverneur entschuldigend, »aber schwer zu bändigen.« – »Ich werde es übernehmen,« entgegnete der Zar; »Gehorsam, unbedingter Gehorsam ist das erste, was ein Soldat lernen muß. Ohne blindes Gehorchen kein Befehl. Ich habe gehört, du machst Verse, freie Verse, die du drucken läßt. Das ist keine Beschäftigung für einen Soldaten. Denke an Lermontoff. Derselbe wurde wegen seines Gedichtes auf Puschkins Tod: »An Rußlands Schutzgeist« als Soldat nach dem Kaukasus geschickt. Ist bereits über ihn verfügt?« – »Er wird bei den Felddragonern eintreten.« – »Halt da. Lassen Sie die Bestimmung ändern. Er soll zu Bodisko gehen nach Bomars und, und wenn er dort zwei Jahre sich tadelfrei geführt und Gehorsam gelernt hat, mag er in das bestimmte Korps eintreten.« Eine fahle Blässe überzog das Gesicht des jungen Mannes. Die Alandsinseln gelten in der russischen Armee für eine Strafkolonie, gefürchteter, als die Verbannung nach dem Kaukasus. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück in die Reihe. – »Halt!« – Der Verbannte stand wie eine Mauer ... Der Kaiser küßte auch ihn auf die Stirn ... »So, nun tritt zurück und lerne gehorchen!« Er kontrollierte ebenso sorgfältig die Zeugnisse der übrigen Neunzehn, lobte und tadelte. Als er dann an der Kolonne der Kadetten vorüberging, trat plötzlich einer derselben, fast noch ein Knabe, mit schönem blondgelocktem Haar und offenem, Zutrauen erregenden Gesicht vor und beugte ein Knie. Der Kaiser blieb freundlich stehen und sagte zu dem jungen Mann: »Steh' auf, Kind, was willst du von mir?« – »Euer Majestät danken für das Glück, daß ich meinen Großvater umarmen durfte, und ...« – »Wie heißest du, mein Sohn? Wer ist dein Großvater?« – »Graf Lubomirski, Eure Majestät. Euer Majestät haben den alten Mann begnadigt, und er befindet sich hier.« Der Zar runzelte leicht die Stirn; er liebte es nicht, an Verurteilungen oder Begnadigungen erinnert zu werden. – »Es ist brav von dir, daß du die deinen liebst. – Aber du wolltest noch etwas?« – »Ich wollte Euer Majestät um die Gnade bitten, daß ich den Feldzug gegen die Türken mitmachen darf. Ich möchte Euer Majestät so gern meine Dankbarkeit und meine Treue bezeigen.« – Der Kaiser lächelte, so weit in dies eherne Gesicht Lächeln treten konnte, und klopfte den Knaben auf den Kopf ... »Wie steht's mit ihm, Moradowitsch?« – »Er ist ein fleißiger, talentvoller Schüler Sire, aber erst sechzehn Jahre.« – »Nun, so warte noch ein Jahr, die Sache ist noch lange nicht zu Ende für dich und für mich. Dann sollst du als Junker eintreten. – Adieu, Kinder, gehabt euch wohl, es wird Zeit für mich.« Die Trommeln rasselten, der Kaiser salutierte und verließ den Hof. Am Ausgange lehnte er mit einer strengen Handbewegung jede weitere Begleitung ab und schritt allein auf die Straße hinaus eine kurze Strecke, bis ihm ein Isworstschik mit dem leeren Gespann entgegenkam. Er winkte ihm, umzukehren, und warf sich in das offene Gefährt ... » Na Domo !« (Nach Hause!) sagte er zerstreut. Die Droschke flog davon und hielt in der Nähe des Winterpalastes. Befremdet stieg der Kaiser, der es ungern sah, wenn man ihn auf seinen frühen Ausgängen erkannte, aus und fragte den Kutscher: »Kennst du mich denn?« – Ein schlaues: »Nein, Väterchen!« war die Antwort. – »Aber ich habe meinen Geldbeutel vergessen!« – »Tut nichts, Väterchen, du bezahlst mich ein andermal!« – »Nein,« sagte der Kaiser, »ich mache keine Schulden. Warte hier.« Er verschwand in dem Hofe des Palastes, und der Kutscher, der den Kaiser sehr wohl erkannt hatte, hielt geduldig sein Pferd an. Eine kurze Weile darauf brachte ihm ein Offizier aus dem Palaste drei Imperials. Das Gesicht des Kutschers, als er mit dem reichen Fahrgeld davongaloppierte, konnte nicht froher und glücklicher sein, als das des Offiziers, der ihm das Geld gebracht hatte. Es war derselbe, welcher im Vorzimmer des Kaisers über dem Briefe eingeschlafen war. Als er erschrocken durch die zufallende Tür aufwachte, fand er unter demselben die Worte: Historisch. »Vorzeiger hat zwei Monate Urlaub und aus der Kaiserlichen Schatullen-Kasse 500 Silberrubel zu erheben. Nikolaus.« Als der Zar zurückkehrte, warf sich der junge Offizier ihm zu Füßen. Der hohe Herr aber sandte ihn mit jenem Geschenk zu dem Isworstschik. – Es war fünf Minuten vor sieben Uhr, als der Kaiser sein Kabinett wieder betrat und Helm und Mantel ablegte. Der Kammerdiener brachte ihm das bereit gehaltene Frühstück. Während er dasselbe genoß, schlug die Uhr sieben, und zugleich wurde der Reichskanzler gemeldet, ein Greis von 75 Jahren, denn der Graf ist 1780 – als Kosmopolit auf einem englischen Schiff auf der Reede von Lissabon – geboren, während sein Vater, aus der rheinisch-bergischen Familie der Grafen von Nesselrode-Ehreshofen stammend, dort russischer Gesandter war. Bei dem Wiener Kongreß machte sich der Graf zuerst in der politischen Welt bemerklich und galt auch für einen der schönsten Männer jener zahlreichen und glänzenden Versammlung ... Noch zeigten sich die Spuren der ehemaligen Schönheit in dem ruhigen, feinen Gesicht mit der hohen Greisenstirn. Selbst die hohe Gestalt war nur wenig gebeugt. Der Kaiser bewies stets große Achtung und Rücksicht für den alten Staatsmann und legte sehr bedeutendes Gewicht auf seine Meinung. Er kam ihm auch, diesmal beim Eintritt einige Schritte entgegen und lud ihn ein, sich an dem zweiten Tisch niederzulassen, auf dessen Platte der Minister das mitgebrachte ziemlich umfangreiche Portefeuille öffnete ... »Ich bitte, Graf, gib mir zuerst die auswärtigen Tagesberichte; welche Neuigkeiten? Ich bin seit einiger Zeit begieriger darauf, als sonst der Fall war.« – »Baron von Brunnow, Sire, hat auf meine Anweisung durch den Telegraphen am 15ten Lord Clarendon offiziell angefragt, welchen Weg die englische Regierung nun einschlagen werde, nachdem ihr bekannt geworden, daß Eure Majestät die Vorschläge der Pforte abgelehnt haben. Am 16ten sind dem englischen und dem französischen Kabinett durch unsere Gesandten unsere beiden Depeschen vom 7ten mitgeteilt worden.« – »Und die Antwort?« – »Es liegt erst die des Herrn von Kisseleff vor, die gestern abend eingetroffen. Der Gesandte hat von Brüssel aus in der geheimen Chiffre telegraphiert, also das Resultat nur im geheimen erfahren. Hier ist die Depesche.« – »Lesen Sie, Graf.« – »Herr von Kisseleff meldet: Am 17ten Depesche nach Wien, daß Frankreich nicht weiter zur Annahme der Note rate, da unsere Kritik vom 7ten anderen Sinn als die Westmächte unterlege.« – »Ein leerer Vorwand, nach dem man gesucht hat.« – »Der Gesandte meldet weiter: Vorschlag des Herrn Drouin nach London, wegen der Unruhen die Flotten nach Konstantinopel zu berufen.« – »Wieder ein willkommener Vorwand! Und wie lauten die Nachrichten aus London?« – »Sire, es fehlen noch die Depeschen.« – »Sie könnten längst hier sein, wenn man eine Antwort gegeben hätte. Lord Clarendon wird sich besinnen, auf die neuen Wühlereien des Herrn Drouin de L'huys einzugehen.« Der greise Staatsmann zuckte leicht die Achseln. – »Was denken Sie davon, Herr Graf?« – »Sire, Euer Majestät Vorliebe für England behindert Ihren sonst so klaren politischen Blick. Wenn auch im Augenblick der Einfluß unseres Gegners Lord Palmerston beseitigt ist, bleibt England doch unverändert der geheime und bittere Gegner Rußlands und wird die Lockung nie vorbeigehen lassen, unsere Suprematie im Orient zu brechen.« Der Kaiser schritt einige Male ungeduldig im Zimmer auf und ab ... »Dieses England! Dieses England! – Ich meinte es so aufrichtig mit ihm. Der Osten und das Meer gehörten uns beiden ohne Eroberung, wenn es ehrlich gehandelt hätte.« – »Sire, ich habe Ihnen immer gesagt, Rußlands natürlicher Verbündeter ist Amerika. Ein Reich, das noch eine Zukunft hat, muß sich nie mit einer Macht alliieren, die bereits auf dem Gipfel steht und nach den Gesetzen der Geschichte und der Natur nur die absteigende Linie vor sich hat.« – »Das hieße aber, sich mit der Revolution, mit der Demokratie verbinden, die ich hasse und bekämpfe.« – »Sire, der Konstitutionalismus von England ist die permanente gefährliche Revolution, nicht Amerika, das nur damit kokettiert. Nach Euer Majestät Prinzip gäbe es dann kein loyaleres Bündnis als Frankreich.« Der Kaiser schwieg einige Augenblicke ... »Was schreibt man aus Konstantinopel?« – »Staatsrat Pisani berichtet über die revolutionäre Bewegung der Kriegspartei am 10ten. 29. August alten Stils. Um die doppelten Bezeichnungen zu vermeiden, geben wir, auch wo die Szene in Rußland spielt, nur die Daten des neuen Kalenders, der mit dem älteren um 12 Tage divergiert. – Was er mitteilt, ist von Wichtigkeit und bestätigt meine Ansichten.« – »Geben Sie mir einen Auszug!« – »Schon seit Beginn des Monats machten sich in Konstantinopel die Bewegungen der Kriegspartei auffallend bemerkbar. Die zweimalige Verwerfung der Wiener Note in dem Diwan vom 14. und 15. August war offenbar ihr Werk. Eure Majestät wissen, daß der Schwager des Sultans, Mehemed Ali, an der Spitze dieser Partei steht und unser gefährlichster Gegner ist. Mehemed Ruschid Pascha , Mahmud Pascha und Hamik Pascha sind seine Anhänger. Wenn auch bei Mehemed nicht, der offenbar von ehrgeizigen Spekulationen getrieben wird, so doch bei mehreren anderen Persönlichkeiten, hätte meiner Ansicht nach Fürst Mentschikoff die zwei Millionen Silberrubel, die er für dergleichen Zwecke mitnahm, weit nützlicher für die Interessen Eurer Majestät verwenden können, als daß er sie unberührt nach Odessa wieder zurückgebracht hat. Der tiefe Verfall der Türkei bedingt, daß in Konstantinopel alles für Geld feil ist.« – »Er ist ein Eisenkopf,« sagte der Kaiser, »und haßt die Türken.« »Ein wichtiger Teil der kriegslustigen Partei waren von Anfang an die Ulemas und Softas. Der Koran – in arabischer Sprache geschrieben, aus welcher er nicht übersetzt werden darf – ist nicht allein das religiöse, sondern auch das bürgerliche Gesetzbuch. Die Ulemas sind die Ausleger des Korans und bilden daher gleichsam eine Klasse religiöser Rechtsverständiger; Softas heißen die Schüler und Studierenden. Das Haupt der Ulemas ist der Scheik ül Islam (gleichsam Justizminister). Unter ihm steht an der Spitze der Ulemas jeder Provinz ein Karaskier, der aber in Konstantinopel residiert. Diese bilden einen Rat, an den sich der Sultan in wichtigen Dingen mit der Frage wendet, was der Koran entscheidet. Die Erklärung des Rates heißt Fetva. – Der Rat hatte sich für den Krieg entschieden. – Es ist dies natürlich, da sie eigentlich den Ultramontanismus des Islam vertreten und für die eigene Existenz kämpfen. Euer Majestät wissen aus den früheren Berichten, daß Sultan Abdul Medschid aller Energie bar und ein Spielwerk in der Hand seiner Umgebungen ist. Um so mehr ist die geringe Diplomatie des Fürsten Mentschikoff zu beklagen. Reschid Pascha hat zwar die westmächtlichen Sympathien, ist aber klug genug, einzusehen, daß der Türkei das unbeschränkte Bündnis mit Frankreich und England mehr Opfer kosten wird, als alle Forderungen des bisherigen diesseitigen Einflusses.« – »Der unheilbar kranke Mann. Meine selige Großmutter hat es schon gesagt.« – »Bereits seit Anfang des Monats hat man an verschiedenen Orten Konstantinopels Anschläge gefunden, durch welche der Sultan aufgefordert wurde, die Fahne des Propheten gegen die Christen zu erheben, oder abzudanken. Die Softas oder Ulemas hielten geheime Versammlungen und am 10ten überreichte eine Deputation von ihnen, von einer großen Versammlung auf dem Atmeidan gesandt, dem Konseil eine Adresse an den Sultan, in welcher durch Sprüche aus dem Koran die Notwendigkeit des Krieges dargetan wurde. Eine zweite Adresse forderte ihn auf, bis zum Beginn des Beiram, also dem 15ten, seine Entscheidung abzugeben oder dem Throne zu entsagen!« »Ha! Advokaten, Pfaffen auch dort!« – »Wir wissen ganz bestimmt, Sire, daß diese Bewegung im Stillen von Ruschid und zwar im Auftrage Mehemed Alis geleitet wurde. Sowohl Lord Redcliffe, als Herr de Latour wußten darum, denn, nachdem sie auf Grund der bald und mit einem Dutzend Köpfen der Softas gedämpften Emeute erklärt hatten, daß sie zum Schutze der Christen am Beiram einige Kriegsschiffe nach Konstantinopel rufen würden, trafen ohne den Ferman, den der Sultan für die Flotten beharrlich verweigert, bereits am Morgen des 15ten von den Geschwadern in der Besika-Bai zwei englische und zwei französische Dampffregatten ein. – Dies wäre ganz unmöglich gewesen, wenn dieselben nicht bereits vorher Anweisung gehabt hätten. Die englisch-französische Absicht liegt daher klar am Tage.« – »Und der Beiram?« – »Die Prozession ist ruhig vorübergegangen.« Der Kaiser blieb am Tische des Grafen stehen und stützte die Hand darauf ... »So mögen sie es denn haben,« sagte er nach einer Pause; »man zwingt mich zum Kriege. Ist er einmal eröffnet, so ist sein Ende schwer zu übersehen, und eine innere Stimme sagt es mir, – ich werde dies Ende nicht erleben. Aber mein Rußland wird, und wenn halb Europa dagegen in die Schranken treten sollte, – es wird – es muß siegen! Ich habe es dafür stark gemacht.« Er ging noch einmal gedankenvoll durch das Zimmer. »Ich habe diesen Krieg nicht mutwillig oder eigensinnig hervorgerufen, bei Gott nicht! Aber ich und dieses Reich haben unsere Mission zu erfüllen. Diese Mission ist das Erbe meiner Väter, ein politisches und ein religiöses Rußland ist der Damm gegen die Revolutionen, gegen die umstürzenden, zerstörenden Ideen von Westen her; darum, um ihnen Trotz bieten zu können, mußte es stark und mächtig sein, und ich habe getan, was an mir war, selbst auf Kosten des eigenen Herzens, vielleicht des Rechts, es kräftig in seinem Innern, gefürchtet nach außen zu machen. Das schwarze Meer ist eine Lebensnotwendigkeit für Rußland, und um seiner Existenz und Zukunft willen kann und wird es nie dulden, daß am Bosporus ein anderer Einfluß dominiert. Seine religiöse Mission, sein Erbe ist der Schutz unseres heiligen Glaubens im Süden und Osten. Elf Millionen Christen sehen aus ihrer Not, aus der täglichen Bedrängnis vertrauend auf mich. –« »Erinnern Sie sich, Sire, daß diese Absicht schon einmal an der Rivalität von Frankreich und England scheiterte.« – »Sie haben recht, – ich war zu nachgiebig, man soll mich nicht mehr so finden, wenn man mich denn mit Gewalt herausfordern will.« – »Wie denken Eure Majestät über den Plan, den Vize-Admiral Nachimow vorgelegt hat?« – »Nein, Nesselrode, nein! ich weiß, daß er den Erfolg mit einem Schlage sichern, den Sieg in unsere Hände geben und einen vielleicht langen und schweren Krieg vermeiden würde. Die russische Flotte von Sebastopol unerwartet in den Bosporus werfen, die Schlösser als Pfand besetzen und Konstantinopel mit einer Armee im Schach halten – der Plan ist militärisch vortrefflich, aber – es geht nicht!« – »Sire – im Falle eines Krieges sichern Sie dadurch Ihre Flotte und die Herrschaft des Meeres.« – »Nein – nein! – Sebastopol wird meine Flotte schützen, man kann mich höchstens an den Küsten verwunden. Ich aber opferte damit meine ganze Vergangenheit, die bewiesen hat, daß ich kein Eroberer bin. Habe ich nicht im Frieden von Adrianopel, als die Türkei in meiner Hand war, alle Eroberungen zurückgegeben? Habe ich nicht die Beleidigung, die Persien wir angetan, mit dem Erlaß der Kriegsentschädigung vergolten? Haben meine Schiffe und meine Armee nicht den Sultan zweimal vor seinen rebellischen Vasallen gerettet? Wer, frage ich, hinderte mich im Jahre 1848, als alle Welt die Hände voll zu tun hatte, zu nehmen, was ich wollte? – Statt dessen brach ich die Revolution in Ungarn und rettete Österreich.« Der Reichskanzler beugte sich, ohne ein Wort zu entgegnen, auf seine Papiere nieder. – »Ich weiß, was Sie sagen wollen, Nesselrode; man hat mich vielfach gewarnt. Fürst Schwarzenberg soll mit bezug auf Rußland noch kurz vor seinem Tode gesagt haben: Europa würde binnen wenig Zeit über die Undankbarkeit Österreichs staunen, aber ich glaube daran nicht. Von Fritz, meinem Schwager, weiß ich, daß er es ehrlich meint mit Rußland, wenn ich auch nur passiven Beistand von dort erwarte. Die heilige Allianz, die Sie selbst mit sich schließen halfen, ist ein Erbe unserer Vorgänger, das uns heilig ist. Ich traue auf den Kaiser Franz Joseph, er ist ein junger Mann, der die Traditionen Österreichs nicht zu schanden machen wird. Vertrauen erweckt Vertrauen! Hier biete ich es!« Der Kaiser nahm einen versiegelten Brief von seinem Tisch, der dort umgekehrt gelegen, und reichte ihn dem Kanzler ... »Ich schrieb ihn diese Nacht. Schicken Sie ihn sogleich mit einem Kurier nach Olmütz ab, wo auch mein Schwager Wilhelm bereits eingetroffen sein wird. Es ist die Anzeige meines Besuches im Olmützer Lager. – Sie werden mich begleiten; wir reisen morgen nach Warschau ab.« Der Graf legte den Brief in sein Portefeuille. »Und nun, Batuschka,« (Väterchen) sagte der Kaiser freundlich und legte ihm die Hand auf die Schulter, »wie denkst du über den Erfolg? Werden England und Frankreich im Falle eines Krieges wirklich auf den Kampfplatz gegen mich treten, wenn man meine Westgrenzen durch Deutschland gesichert sieht?« »Sire, ich habe bereits Euer Majestät wiederholt meine Überzeugung ausgesprochen und durch Gründe belegt, daß die Verwickelung von Frankreich veranlaßt ist und nicht so weit getrieben sein würde, wenn man nicht von vornherein die Absicht eines Krieges zwischen Eurer Majestät und England gehabt hätte. Ich bin noch immer der Ansicht, daß unsere Zeit noch nicht gekommen war, unsere Einrichtungen und Transportmittel sind noch nicht vorgeschritten genug, – mit einem Wort, Sire, wir sind nicht vorbereitet.« – »Dolgorucki steht für die Armee, ich kenne sie selbst genau und weiß, was Kronstadt und Sebastopol leisten können; Kleinmichel hat Zeit und Mittel gehabt, die Straßen im Süden genügend instand zu setzen, so daß der militärischen Kommunikation kein Hindernis im Wege steht, wenn wir auch noch keine Eisenbahn haben.« – »Die geringe Anzahl unserer Truppen in den Fürstentümern beunruhigt mich, Sire. Ist der Krieg unvermeidlich, so muß man ihn mit voller Energie beginnen.« – »Aber ich habe dir gezeigt, man macht mir die Pfandnahme ohnehin schon zum Vorwurf, selbst mein Schwager in Berlin. Eine Operations-Armee würde unsern Gegnern nur Waffen in die Hände gegeben haben. Übrigens ist Gortschakoff stark genug, dem Renegaten Omer die Spitze zu bieten.« – »Die französische Armee ist in vorzüglichem Stand und disponibel. Die verschiedenen Lager sind nicht ohne weitergreifende Absichten gebildet. Wenn auch die englische Landmacht nicht ins Gewicht fällt, so kann das Bündnis doch binnen kurzer Frist eine sehr bedeutende Macht an den Bosporus werfen, die entente cordiale wird sich ergänzen und hat die Mittel in Händen.« – »Sie ist unerhört, diese unnatürliche Verbindung gegen alle Tradition und Politik! Und es scheint ernst damit zu werden.« – »Sire, ich glaube, ganz Europa hat sich in Napoleon III. verrechnet. Es ist offenbar, daß England hierbei sein Werkzeug ist. Er hat eine Erbschaft angetreten, dessen erster Artikel der Haß gegen England und Rußland sind, an denen sein Oheim unterging. Er hat vor diesem die Erfahrung und Ruhe voraus. Ein einziges Wort, das ihm zur Zeit des Staatsstreiches entschlüpft ist, enthüllt seine Pläne und seinen Charakter.« »Was meinen Sie?« – »Die Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden muß.« – »Wissen Sie, Nesselrode,« sagte der Kaiser vertraulich, daß ich anfange, gewisse Vorschläge an Frankreich zu bereuen?« – »Die von Eurer Majestät großem Ahnen überkommene Politik und das Interesse Rußlands geboten den Versuch und gehen über jede andere Rücksicht.« – »Sie überzeugen mich, und dennoch kann ich noch immer nicht glauben, daß man zu einem Angriff gegen mich schreiten wird.« – »Ich wiederhole Eurer Majestät, der Angreifende hat den Vorteil. Es ist ein Krieg und eine Rache der Revolution gegen uns.« – »Europa, die Throne sollten das bedenken.« – »Leider ist auch in dieser Beziehung zu wenig vorbereitend geschehen. Eure Majestät sind nun einmal eingenommen gegen die Macht und die Bedeutung der Presse.« – »Bah, ich verachte sie, es ist hohle Lüge und Deklamation durch und durch. Nichts zuverlässiges. Auf Ihren Wunsch habe ich ja zwanzigtausend Imperials für die Zwecke bewilligt, was wollen Sie noch mehr?« – »Sire, ich glaube, es war zu spät. Die Presse läßt sich in unserer Zeit wohl beeinflussen, aber nicht mehr kaufen. Wir haben manches versäumt. Ich kann mich von dem Glauben nicht losmachen, daß Eure Majestät der altrussischen Partei zu schnell nachgegeben haben.« »Wohl, so sei diese Reise der letzte Versuch, den Frieden zu sichern. Ich werde den Angriff abwarten, und sie mögen zerschellen an Rußlands Kraft. Sind weitere Depeschen und Nachrichten eingegangen?« »Der ausführliche Bericht des Staatsrats Fonton über seine Reise durch Serbien liegt vor. Die Bevölkerung ist begeistert für Eure Majestät und das Auftreten Rußlands.« – »Das gibt Österreich einige Beschäftigung und sichert uns vor Überflügelung.« – »Oberst Berger befindet sich wieder in Cetinje. Sein Einfluß ist durch die Bemühungen des Wiener Kabinetts sehr beschränkt. Der Vladika hat neuerdings strenge Verfügungen gegen die Razzias in das türkische Gebiet erlassen müssen. Im Volk selbst aber herrscht die Erbitterung fort und zeigt sich bei jeder Gelegenheit, namentlich seit einer der gefeiertsten Häuptlinge, der Beg Marinowitsch, von den Türken ermordet worden ist.« – »Wenn der russische Adler ruft, werden meine wackeren Montenegriner nicht müßig sein. – Es war ein großer Fehler am Wiener Kongreß, Montenegro zu isolieren und Korfu aufzugeben.« – »Baron von Meyendorf meldet aus Wien, daß man dort die bestimmten Beweise habe, daß die Führer der revolutionären Propaganda, namentlich Kossuth und Mazzini, mit der Kriegspartei des Diwan in genauem Rapport stehen.« – »Das müßte man von Konstantinopel aus wissen. Wir sind dort bei weitem nicht mehr so gut bedient wie früher.« – »In Madrid ist das Ministerium Lersundi gefallen. Der Sieg der revolutionären Partei bereitet sich vor.« – »Der Fluch des begangenen Unrechts. Es fehlt diesen Bourbonen an persönlichem Mut, ihr Alles in die Schranken zu werfen, sonst hätten längst die Dinge im Westen einen anderen Gang genommen.« – »Der Kriegsminister wird Eurer Majestät die Berichte des Fürsten Gortschakoff vorlegen, sowie den Rapport über den Zustand der Festen am kaukasischen Ufer.« – »Es ist bereits beschlossen, ich gebe sie auf.« »Fürst Mentschikoff sendet Berichte aus Konstantinopel. Der Rest der türkischen Truppen ist am 10. nach Varna abgegangen. Die türkisch-ägyptische Flotte liegt noch immer unverändert vor Beykos. Der spanische General Prim ist nach Schumla abgereist, nachdem er in Konstantinopel spärliche Beachtung gefunden hat.« – »Der Don Quixote!« – »Am Libanon unter den Drusen sind neue Unruhen ausgebrochen, – ich habe unsere Agenten in Syrien instruieren lassen. An verschiedenen Stellen Rumeliens, z. B. in Saloniki, haben neue schändliche Mißhandlungen der christlichen Untertanen ganz ungescheut stattgefunden. Aus Bulgarien ist eine Deputation in Konstantinopel angekommen, welche über die Scheußlichkeiten der Baschi-Bozuks gegen die Bevölkerung Beschwerde führen soll.« Der Kaiser lachte verächtlich ... »Gerechtigkeit und Schutz bei dem Moslem! – Täglich solche Erfahrungen, und das christliche Europa will mir nicht gestatten, Christen gegen ihre eingeborenen Henker zu schützen! – Haben Sie aus Athen Nachrichten?« – »Eine unbedeutende Veränderung im Ministerium. Das Ministerium der Justiz, das der Minister des Auswärtigen Pajkos bisher verwaltet, ist an den Professor Gilitza übergegangen. Der englische Gesandte tritt in animoser Weise gegen die Sympathien auf, die sich offen unter der Bevölkerung Athens und des Landes für uns zeigen.« – »Nichts Näheres? – Sie wissen, Graf, seine Macht ist Null, aber ich rechne viel auf die Sympatien Griechenlands vor den Augen Europas.« – »Alle Vorbereitungen sind getroffen, im Augenblick einer Kriegserklärung wird Major Caraiskakis sofort an der Grenze die Fahne des Kreuzes aufpflanzen und den Aufstand nach Epirus und Tessalien werfen. In Albanien von Montenegro aus wird sein Stiefbruder Grivas dasselbe tun. Es gärt überall im Lande.« Die Uhr schlug acht. Mit dem letzten Schlage trat der diensttuende Adjutant in das Kabinett ... »Sind wir zu Ende, Herr Reichskanzler?« – »Ja, Sire!« – »Ah, guten Morgen, Mansuroff. Sie werden mich begleiten. Wer hat heute außer den Befohlenen um Audienz nachgesucht?« – »Fürst Iwan Oczakoff bittet um die Gnade, sich vor seiner Abreise beurlauben zu dürfen.« – »Ist er nicht dem Stabe des Fürsten Mentschikoff beibeordert worden?« – »Zu Befehl, Sire, doch hat er zuvor Urlaub, seine auf der Kurierfahrt von Paris in Berlin erkrankte Schwester auf ihre Güter in der Krim zu bringen. Die Ärzte haben ihr den Aufenthalt im Süden verordnet.« – »Wer weiter?« – »Graf Lubomirski, den Eure Majestät vom Exil begnadigt haben, will Allerhöchst ihnen seinen Dank zu Füßen legen.« – »Lubomirski? – Er hat einen braven Enkel, doch liebe ich die Begegnung mit dem alten Rebellen nicht; es ist genug, daß ich verzeihe. Es war ja wohl auf Ihre Empfehlung, Nesselrode?« – »Er ist ein alter Mann und hat uns in Paris mancherlei Dienste geleistet.« – »Genug; sagen Sie den Herren, ich nähme die Meldung für empfangen an, aber meine Zeit wäre heute allzu beschränkt. Herr Reichskanzler, für morgen früh 6 Uhr! Der Großfürst Nikolaus wird uns begleiten, von Warschau aus der Fürst Statthalter.« – »Sire, ich werde die Ehre haben, Eure Majestät auf der ersten Station zu erwarten. Ich beurlaube mich!« – »Adieu! Adieu! – Geben Sie mir den Helm, Mansuroff, kommen Sie!« – Der Kaiser verließ das Kabinett. III. Wien. Im Hofraum eines jener alten aristokratischen Palais, deren die Altstadt Wien in ihren krummen, mittelalterlichen Straßen noch viele bewahrt hat und welche die hohen Familien, wie zu ihrem Geschlecht gehörig, sorgsam hegen, hielt ein reichgallonierter Stalldiener zwei prächtige ungarische Pferde in schwerem Silbergeschirr mit rotseidenem Behang und Zügeln, vor einen zierlichen Tilbury gespannt, dessen leichter graziöser Bau mindestens das englische Muster verriet. Ein Jockey, in Grün und Silber gekleidet, stand daneben, während nicht weit davon ein Reitknecht zu Pferde mit einem schönen, halbblütigen Reitpferde wartete. Die Vordertreppe des Mittelbaues kamen soeben ein Herr und eine Dame herunter; die letztere, eine elegante Schönheit, etwa 24 Jahre, von feinen, zierlichen Formen. Das länglich schmale, blasse Gesicht mit der feingebogenen Nase und den hochgeschwungenen, aber scharf gezeichneten, schwarzen Brauen über den feurigen Augen kündete den sarmatischen Ursprung. Ein tief nach den üppigen Haarflechten des Hinterkopfes zurückfallender kleiner Damenhut, ein weiter, reicher Kaschmirshawl um das hoch am Hals hinaufgehende, dolmanartig geschnittene und verzierte Kleid bildeten eine zierliche Tracht und hoben den seinen, kaum die Mittelgröße erreichenden Wuchs. Eine große Lebendigkeit und Rastlosigkeit tat sich in allen Bewegungen der Dame kund. Ihr Begleiter trug die Interims-Uniform eines russischen Kapitäns mit dem Kastett. Er war ein großer, schlank gewachsener Mann von nahe an dreißig Jahren und ernster, denkender Gesichtsbildung. Seine Brust schmückte die Miniatüre dreier Orden, eines russischen, eines österreichischen und eines preußischen. »Da Ihr Onkel mich für die Spazierfahrt im Prater zu Ihrem Kavalier ernannt hat, schöne Gräfin,« sagte der Offizier, indem er die Dame auf den Sitz des Wagens hob und Zügel und Peitsche aus der Hand des Stallknechts nahm, »so erlauben Sie, daß ich Jockeydienste verrichte.« – »Nichts da, Kapitän; lassen Sie Ihr Pferd meinetwegen folgen und setzen Sie sich zu mir. Aber von der Brücke ab verwalte ich selbst mein Amt und lasse mir durch Sie das gewohnte Vergnügen nicht schmälern. Sehen Sie, wie Ali und Miß Baba in die Zügel beißen, weil Sie die gewohnte Hand vermissen.« – »Die Pferde sind in der Tat heute sehr unruhig,« sagte der Kapitän, indem er sich auf den Sitz schwang und der Jockey hinten auf sprang; »es wird eine Männerhand erfordern, sie zu bändigen.« Er nahm ihre Zügel zusammen, und ein leichter Schmiß der Peitsche trieb sie vorwärts und aus dem Torweg ... »Nehmen Sie sich in acht,« sagte die Dame; »ich bin gestern und vorgestern nicht gefahren, und meine Pferde sind heißblütig, wie die Söhne ihres Landes.« Der Wagen bog in eine der Gassen, die nach dem Stephansplatze führen. Hoch und kühn streckte sich dieser schönste und berühmteste Dom Deutschlands in die blaue Luft. Nach dem Rotenturmtor ging die Fahrt, während deren in den Straßen die Unterhaltung stockte, da die unbändigen Rosse alle Aufmerksamkeit des Führers in Anspruch nahmen; dann über die schöne Donaubrücke durch die Jägerzeile nach dem Praterstern. Als sie am Neubau des Renzschen Zirkus vorüber ins Freie gekommen, legte die Gräfin die Hand auf den Arm ihres Kavaliers ... »Halt da, Herr Kapitän, hier endet Ihr Amt. Ist es Ihnen wirklich Ernst, meinen Jockey zu spielen, so nehmen Sie seinen Platz ein und lassen Sie meinen Ivan Ihr Pferd besteigen, der kleine Bursche reitet vortrefflich. Ich muß Raum haben für meine Zügelkünste.« Der Kapitän hielt an und schaute ihr einen Augenblick in die dunklen Augen, auf deren zauberhaftem Grund ihm hinter dem leichten Ton des Scherzes eine ernstere, verhaltene Stimmung zu begegnen schien. Dann übergab er galant Zügel und Peitsche, schwang sich auf den Hintersitz und schickte den Jockey zu seinem nachfolgenden Reitknecht. Die Peitsche pfiff durch die Luft, die mutigen Rosse schlugen aus, und im Galopp bog das leichte Fuhrwerk in die große Prater-Allee. Obschon in diesem Augenblick der Hof, alle höheren Militärs und ein großer Teil des vornehmen Adels und der Diplomatie sich im Lager von Olmütz befanden, wo eben der Besuch des Kaiser Nikolaus stattgefunden, – war doch, aus den Bädern zurückgekehrt, vornehme und reiche Welt genug in Wien, um die tägliche Praterfahrt glänzend zu machen. Es war der erste Oktober, ein prachtvoller Herbsttag, und Equipagen aller Art, besetzt von Damen in jener elegant harmonischen Toilette, durch welche die Schönen Wiens berühmt sind, kreuzten sich in der breiten vierten Allee, die dem Korso der vornehmen Welt vorbehalten scheint. Dazwischen Reitergruppen oder einzelne Reiter auf schönen Pferden, durch die sich Wien gleichfalls auszeichnet. Während der Tilbury der Magyarin in raschem Trab oder im Galopp des Gespanns dahinflog und die geschickte Hand der Führerin nach rechts und links ausbog oder im wilden Lauf die Vorfahrenden, überholte, erwiderte sie zahlreiche Grüße, die ihr von allen Seiten wurden, und mancher den Kapitän um die schöne Nachbarschaft beineidende Blick folgte dem Gefährt. Unter den Begegnenden befand sich ein großer, schöner Mann von militärischem Aussehen, in eleganter Zivilkleidung, der den feurigen Rappen, den er ritt, kräftig im Zügel hielt. Das Gesicht trug die fest geschnittenen, italienischen Formen mit dem wachsartigen Teint; um Mund und Nasenflügel lag ein eigentümlich scharfer Zug. Er verbeugte sich tief vor der Gräfin, die sehr freundlich, aber mit einiger Verwirrung den Gruß erwiderte und zugleich die Pferde zu noch rascherem Laufe anfeuerte. Der Kapitän lehnte über die Wand des Vordersitzes ... »Sie treiben die Pferde zu stark, Gräfin, es ist Gefahr, daß sie durchgehen.« – Sie lächelte spöttisch ... »Wie kann der tapfere Besieger des Ungarvolkes von Gefahr sprechen? – Doch Sie haben Recht, Ali und Baba haben ihre Schuldigkeit getan und uns aus diesem Gaffen und Begegnen geführt. Jetzt mögen Sie Ruhe haben.« Damit bog sie in eine Seitenallee, die fast leer war, ließ das schöne Gespann nachlässig in leichtem Trabe vorangehen und setzte sich bequem in die Ecke des Sitzes zurück ... »Darf man fragen, warum Kapitän Meyendorf nicht, wie halb Wien, mit seinem Onkel, dem Ambassadeur, in dem glänzenden Lager von Olmütz sich befindet?« Der Kapitän errötete leicht ... »Außer Ihrem demütigen Diener scheinen doch auch andere Militärs und Verehrer der Schönheit in den Ringmauern Wiens zurückgeblieben, so daß mein Verweilen wohl nicht auffallen kann, Graf Pisani zum Beispiel, von der sardinischen Gesandtschaft, dem wir eben begegneten ...« Die Dame lächelte ... »Sie sind eifersüchtig, Kapitän?« – »Nein – aber ich fürchte!« – »Für mich?« – »Ja.« – »Und was könnte wohl Ihre Besorgnis für die Gräfin Laszlo, die Nichte eines Esterhazy, rechtfertigen?« Der Offizier beugte sich noch weiter vor, gleich als sollten selbst die Bäume umher seine leisen Worte nicht hören ... »Gräfin Helene besucht häufig die Gesellschaften der Frau von Czezani, die auch Oberst Pisani frequentiert!« – »Was mehr, mein Herr?« – »Die Wiener Polizei ist berühmt, doch, Gräfin, entgeht auch ihr so mancherlei. Warum soll ich nicht aussprechen, was doch stadtbekannt ist, – daß man in unserem Gesandschaftshotel besser unterrichtet ist, als selbst Herr von Bach? – Ich kenne die Berichte über jene Zirkel.« – »Ich hätte nie geglaubt, daß Kapitän von Meyendorf sich mit politischer Spionerie beschäftigen könnte.« Der Offizier schwieg tief verletzt und lehnte sich zurück. Sie sah, daß sie sich zu weit hatte hinreißen lassen und legte mit bezaubernder Freundlichkeit die Hand auf seinen Arm ... »Ich habe unrecht, – aber bedenken Sie selbst, welche tiefe Erbitterung diese fortwährende geheime Polizei unter meiner Nation erregen muß. Frau von Czezani ist meine Jugendfreundin.« – »Ich weiß es, und deshalb warne ich so dringend. Ich weiß, daß unter der Maske von Soiréen der eleganten Welt sich dort offen und geheim zusammenfindet, was die Hauptstadt an unruhigen, revolutionären Geistern in ihren höheren Schichten birgt. Von hier aus datierte das geheimnisvolle Komplott im Juni mit dem Vergiftungsversuch und den Verhaftungen in Schönbrunn, dessen Zusammenhang die Pforte vergeblich zu erforschen suchte. Und mit Schmerz muß ich es sagen, daß Gräfin Helene, die Zierde Wiens und ihres Vaterlandes, diesem dunklen Treiben nicht fremd ist, es wenigstens kennt und billigt.« Die schöne Witwe war während dieser Enthüllung bleich geworden, ihre feingeschnittenen Lippen kniffen sich fest aufeinander ... »Es ist wahr, – was soll ich leugnen?« sagte sie endlich stolz; »ich weiß von jener Abscheulichkeit nichts, aber ich werde gern eine Märtyrerin sein für mein Vaterland, wie so viele bessere Frauen gewesen sind unter der Staubrute des Prangers, wie in dem Moder österreichischer Kerker. Glauben Sie wirklich, daß das Blut der Bathyani, das in meinen Adern fließt, vergessen kann, daß mein Verwandter den Galgen zierte, daß es vergessen kann Ungarns Rechte und Freiheiten?« – »Aber Ihr Oheim, Ihre Vettern sind auch Ungarn und doch gute Österreicher, wie tausend andere.« – »Sie sind Diener und Anhänger des Kaiserhauses. Ich aber habe die Milch meines Landes getrunken und bin in ihm groß geworden. Doch sind das Anschauungen des Gefühls und der Entscheidung jedes einzelnen. Um vieles nicht möchte ich Kummer auf das weiße Haar meines Onkels bringen und danke Ihnen deshalb für Ihre Warnung. Ich werde in drei Tagen auf meine Güter am Maros gehen. Will Kapitän Meyendorf einen Teil der Jagdzeit auf meinem Schloß Bisztra zubringen, das er kennt, so findet er dort – wenn auch nicht durchgängig angenehme – Gesellschaft und wird willkommen sein.« Der Kapitän schwieg einige Augenblicke ... »Ich verlasse Wien wahrscheinlich noch früher wie Sie, Gräfin.« – »Wie das?« – »Man erwartet jeden Augenblick von Konstantinopel eine entscheidende Nachricht. Der Kaiser ist gestern, wie Sie wissen, nach Warschau zurückgereist und wird sie dort in Empfang nehmen. Ist die Pforte wahnwitzig genug, die Kriegserklärung zu beschließen, so werde ich wahrscheinlich als Kurier zum Fürsten Gortschakoff gehen müssend. Ohnehin ruft mich dann meine militärische Pflicht in die Reihen der Donau-Armee.« – »Wissen Sie, Kapitän, daß ich Ihnen dort näher sein werde, als Sie glauben?« – »Wie meinen Sie das. Gräfin?« – »Von der Familie meiner Mutter habe ich zwei Güter am Schyl in der Nähe von Krajowa geerbt. Sie sehen daraus, daß ich schon als gute Untertanin des Sultans, meines Oberherrn, Ihre Gegnerin sein muß. Ich denke also, noch in diesem Herbst, spätestens im Frühjahre, meine Wallachen zu besuchen.« – »Das dürfte doch leicht zu gefährlich sein. Sollte es wirklich geschehen, so würde es mir hoffentlich leicht werden, ein Kommando in jener Gegend zu erhalten, um zu Ihrem Schutze bereit zu sein.« – »Sie sind zu galant, Kapitän,« lächelte die Gräfin mit leichter Koketterie; »ich kann kaum annehmen, daß meine kleine Person wirklich einen Anspruch auf Ihr Interesse hat.« Der Offizier beugte sich über den Sitz weit vor. – »Sollte Gräfin Helene in der Tat nicht wissen, welches Bild in diesem Herzen lebt, seit ich Sie damals auf Schloß Bisztra am Lager Ihres kranken Gemahls zuerst erblickte?« Die Gräfin schwieg – Zügel und Peitsche ruhten achtlos in ihrer Hand. »Es ist eine eigentümliche Gelegenheit, es auszusprechen,« fuhr der Kapitän in bewegtem Tone fort, »aber Sie wissen, dem Soldaten gehört der Augenblick. Seit jener Zeit, seit ich Sie sah, Helene, liebe ich Sie innig und fest, solange dies Herz schlagen wird. Als Mann von Ehre darf ich jetzt keine Frage an Sie richten, da ich im Dienst und bei den drohenden Verhältnissen nicht Herr meiner selbst bin; ich möchte es nicht – weil ich in Kampf und Tod wenigstens die Hoffnung mit mir tragen will, in diesem stolzen Herzen ein Gedächtnis zu finden. – Aber sagen, sagen mußte ich es Ihnen, ehe ich scheide und jetzt, Gräfin von Laszlo, wissen Sie, warum ich in Wien blieb.« Eine lange Pause folgte dem inhaltsschweren Geständnis; auf Stirn und Wangen der schönen Magyarin zeigte die Röte ihre innere Erregung. Ein Kampf schien in ihrer Seele vorzugehen ... »Ich muß und will Ihnen dennoch eine Antwort geben, Herr Kapitän. – Wissen auch Sie, warum ich aus den Reihen der Equipagen in die einsame Allee einbog?« – Er schaute sie fragend an. Ihr dunkles Auge war zu Boden geschlagen, – sie achtete es nicht, wie leicht die Zügel ihrer Hand entglitten. »Ich glaubte, – ich wußte, daß Sie mir das sagen würden, was ich eben gehört.« – »Helene!« – »Halt, mein Freund! – Sie wissen, daß ich jung einen greisen Gatten erhielt, den ich kaum zwei Jahre lang als meinen Vater ehrte.« – »Ich habe ihn gesehen. Sie pflegten den Greis wie einen Geliebten.« – »Familienverhältnisse ließen mich seine Gemahlin werden, – er sah den Ausgang der Erhebung unseres Landes voraus, den sichern Ruin unserer Familie vor Augen und wollte mich, die er als Kind geliebt, retten und mir eine Zukunft bereiten. Ich wurde die Erbin aller seiner Güter.« – »Gräfin!« – »Still! Was kümmert es uns, ob diese reich oder gering sind, und ob diese Hand ihres Goldes wegen vielbegehrt ist? – Krankheit fesselte meinen Gemahl an sein Schloß während des ganzen Krieges, obschon er an dem Aufstand keinen Teil nahm und jeden Verkehr mit den Führern soviel als möglich vermied. Aber mein Herz flog mit unseren Fahnen, meine Seele war in den Schlachten, die mein Volk kämpfte, meine Tränen flossen mit seinem Blut und meine Pulse jubelten mit seinen Siegen!« – »Und ich, Ihr Feind!« – »Da kommen Sie, mit den Armeen des Zaren, die die Ungarn aufs neue in Fesseln schlugen. Sie, die fremde Nation, brachten die Ketten, die den erwachten Riesen zu Boden warfen. Welche Gefühle, meinen Sie, müßte die Tochter Ungarns für den fremden Unterdrücker haben?« Er schwieg. »Doch Sie sind Soldat, Sie der einzelne. Willenlose. Als solcher waren Sie edel und gut, – ich danke Ihnen viel, vielleicht Ehre und Leben, als Sie die Marodeurs unserer eigenen Armee, – den Auswurf der Zerstreuten, Geschlagenen, bei der Plünderung unseres Schlosses überraschten und zurückschlugen. Sie schützten uns gegen alle weiteren Gefahren.« »Auch das war Soldatenpflicht.« – »Es waren zwei Bilder, die in meiner Erinnerung blieben, derselbe Gegenstand und doch so verschieden, der Feind und der Freund.« Sie atmete schwer, ihre Stimme zitterte ... »Die drohenden politischen Stürme werden, auch ohne unser Zutun, in vielen Ländern Veränderungen hervorbringen, – wie ich hoffe, auch in meinem Vaterlande.« – »Täuschen Sie sich nicht mit solchen Erwartungen und, ich beschwöre Sie und will für diese Bitte jede Hoffnung opfern, – denken Sie an das Schicksal der Gräfin Tekely. Bricht der Krieg aus, so wird Österreich sicher mobil machen und seine slawischen Provinzen besetzen und niederhalten; denn es weiß sehr wohl, daß ihm hier die nächste Gefahr droht. Geben Sie einen Traum auf, der nur zum Verderben führt.« Die Hände ruhten gefaltet in ihrem Schoß, – so jagten die Pferde, die Zügel am Boden schleifend, – sie merkte nicht – er merkte nicht auf die Gefahr. – »So leben Sie wohl – meine Gebete geleiten Sie in den Sturm der Schlacht!« – »Helene!« – Sie reichte ihm stumm die Hand, die er an seine Lippen preßte. – – – – – Aus einem Seitenweg brachen im Galopp drei Reiter, Graf Pisani unter ihnen. Die Pferde vor dem Tilbury der Gräfin scheuten zurück, die haltende Hand fehlte, im rasenden Lauf brausten sie dahin ... »Um Gott – die Zügel!« Die Gräfin saß bleich, ratlos in der Ecke ihres Sitzes. Tief von dem seinen beugte sich der Offizier und versuchte vergeblich die Zügel zu haschen, die unter den Rädern dahinschleiften und, sich in die Füße der Pferde schlingend, diese nur noch scheuer machten. Der leichte Wagen flog von einer Seite zur anderen – jeder Augenblick drohte ihn zu zerschellen. Gräfin Helene hielt sich mit Mühe fest auf dem Sitz. Die plötzliche Todesgefahr hatte die Schwäche des Weibes in ihre volle Macht eingesetzt ... »Allmächtiger Gott – wer hilft?« – »Halten Sie fest, Gräfin, – ich versuche alles!« Während des rasenden Laufes, doch mit besonnener Vorsicht, schwang sich der Offizier, nachdem er seinen Degen von sich geworfen, von seinem Platz an die Seite des Wagens nach dem Auftritt zum vorderen Sitz, darauf Fuß fassend. Der Auftritt war kaum anderthalb Fuß hoch vom Boden, und so, mit der Hand sich am Wagen selbst festhaltend, versuchte er die Leine zu haschen. Die ersten Versuche mißglückten, dann gelang es ihm, die Zügel zu erfassen, aber verwickelt in das Geschirr wie sie waren, und durch das Anspringen der Pferde erhielt er von ihnen einen so gewaltigen Ruck, daß er die Balance und den leichten Halt verlor und schwer zu Boden stürzte. Ein lauter Aufschrei der Gräfin gellte in seine Ohren, – einen dunklen Schatten sah er vorüberfliegen, während er, die Zügel nicht loslassend, mehrere Schritte fortgeschleift wurde; dann ein plötzlicher Ruck, daß der Wagen erzitterte, und die wilden Renner standen wie eine Mauer. Als der Offizier sich aus der augenblicklichen Betäubung emporraffte, hielt Graf Pisani auf seinem schäumenden Renner vor dem Gespann, und dessen Kinnketten in seiner kräftigen Faust. Dann den herbeispringenden Gesellschaften die weitere Bändigung der Pferde überlassend, sprang er aus dem Sattel und eilte, die halb ohnmächtige Dame von ihrem Sitz zu heben, worauf er sie halb schwebend zu einem nahen Ruhesitz unter den Bäumen der Allee trug ... »Gerettet, und durch mich!« sagte der Italiener mit Bedeutung. »Ein glücklicher Tag, der mir zugleich die Hoffnung gibt, Sie nochmals zu sehen, Gräfin. Es sind vor einer Stunde höchst wichtige Nachrichten eingegangen – alle Vertrauten versammeln sich bei der Czezani.« – Sie vermochte, erregt, alle Pulse fliegend, ihm nicht zu antworten, kaum zu stammeln: »Mein Begleiter – der Kapitän – –« – »Ah, sorgen Sie nicht«, lachte spöttisch der Graf. »Ein bischen Schmutz – das ist ja ihr Element. Ein Russe macht sich nichts daraus und kommt immer wieder auf seine Füße.« Er beschäftigte sich eifrig um sie, die mit Gewalt die Aufregung überwand und sich schnell erholte ... »Wir rechnen sicher auf Ihr Erscheinen, Gräfin, – es ist dringend, ich muß Sie sprechen.« – »Ich werde kommen. – Doch wo ist Herr von Meyendorf?« Sie wandte umherblickend das schöne Haupt, – ihr Auge traf auf den Kapitän, der, beschmutzt vom Staub des Weges, den Uniformrock an mehreren Stellen zerrissen, kaum zwei Schritte von ihnen stand und beide mit finsteren Blicken maß. Sie stand auf und reichte ihm die Hand ... »Sie haben sich um meinetwillen gefährdet, – Sie konnten sich töten!« Indem bemerkte sie dunkle Blutstropfen, die seine linke Manschette färbten und an der Hand herunterrollten ... »O Gott, Sie bluten – Sie sind schwer verletzt?« – »Nur unbedeutend, – das scharfe Eisen ritzte mir den Arm. – Diesmal«, fügte er mit kaltem Lächeln hinzu, »blute ich wenigstens für Ungarn.« »Es ist unser Handwerk,« sagte Pisani, »und der Herr Kapitän achtet dessen um so weniger, als vielleicht russisches Blut bald in Strömen vergossen werden wird.« – »Vielleicht ist es auch möglich, die Farbe des sardinischen zu erproben!« – »Ich hoffe,« entgegnete der Oberst stolz, »daß Seine Majestät, der König Viktor Emanuel, uns diese Probe durch seinen Beitritt zu den Westmächten gewähren wird.« Die Gräfin unterbrach die bitteren Worte, die wie Pistolenkugeln hinüber und herüber flogen ... »Die Pferde sind beruhigt, Dank Ihrer mutigen Dazwischenkunft, Herr Oberst. – Ich glaube, ich kann ungefährdet meinen Sitz wieder einnehmen.« – »Darf ich mir erlauben, meine Dienste anzubieten, da der Herr Kapitän wahrscheinlich vorziehen wird, die Rückkehr seines Dieners mit neuen Kleidern aus der Stadt zu erwarten?« – »So wollen wir das gemeinschaftlich tun; ich bitte, Kapitän, senden Sie rasch.« – »Es ist bereits geschehen,« sagte der Offizier, der seinem eben herbeigekommenen Reitknecht den Befehl gegeben und den Zügel seines Reitpferdes in die Hand genommen hatte. »Indes bitte ich bringend, gnädigste Gräfin, sich meinetwegen nicht aufzuhalten. Ich werde im nächsten Café die Rückkehr meines Dieners erwarten, und bedaure nur, daß der Unfall mich hindert, die mir vom Fürsten, Ihrem Oheim übertragene und von mir vernachlässigte Pflicht besser zu Ende zu führen. Der Herr Oberst wird sicher aufmerksamere Sorge tragen.« Sie sah ihm erstaunt in das Auge, das kalt und gemessen dem ihren begegnete. Dann ging sie stolz nach dem Wagen, an dem die beiden Begleiter des Obersten noch hielten. Die Pferde hatten sich vollständig beruhigt, der Jockey stand an seinem Platz ... »Darf ich die Ehre haben, den Rosselenker zu machen?« – »Nein,« sagte sie kurz abgestoßen, »ich will selbst fahren; man würde sonst glauben, ich hätte mich gefürchtet.« – »So erlauben Sie mindestens, daß wir Sie zu Pferde begleiten. Unmöglich können wir Sie allein lassen.« Sie nickte stumm und ließ sich auf den Sitz heben, wo sie die Zügel aus des Jockeys Hand empfing. Während die Kavaliere sich auf die Pferde schwangen, wandte sie sich noch einmal zu ihrem früheren Begleiter, der mit kalter Höflichkeit an der Seite des Wagens stand ... »Werde ich Sie noch sehen vor Ihrer Abreise?« – Ein eisiger Blick begegnete ihrem fast zärtlich fragenden Auge ... »Die Gräfin von Laszlo hat der Freunde so viele, die sie sehen und sprechen muß, daß ich ihre kostbare Zeit nicht beschränken darf.« Der Wagen flog dahin – er sah die Träne nicht, die sie im stolzen Zorn zwischen den dunklen Wimpern zerdrückte. Aber am Boden sah er es weiß schimmern, das hob er auf und preßte es an das heiße Gesicht und barg es auf dem tief verletzten Herzen. – – – – – – – In der Nähe des Palais beurlaubten sich die Reiter von der schönen Gräfin, und Oberst Pisani kehrte nach seiner Wohnung zurück. Als er dort ankam, fand er am Haustor lehnend und auf ihn harrend einen Mann von wildem, kühnem Aussehen. Der Fremde mochte an zehn Jahre mehr als der Oberst zählen, der eben das vierzigste angetreten, doch zeigten nur wenig ergrauende Haare am Scheitel und in dem kräftigen Bart, der den unteren Teil des Gesichts bedeckte, das beginnende Alter. Er war eine sehnige, mittelgroße Gestalt; kräftige Beine verrieten den Bergbewohner. »Ah, Signor, das nenn' ich pünktlich,« sagte der Sarde laut zu dem Fremden, indem er sich vom Pferde schwang. »Kommen Sie mit hinauf zu mir, damit wir unseren Handel abschließen.« Damit klopfte er das treffliche Roß kosend auf den Nacken. »Du hast mir heute einen großen Dienst erwiesen, Diavolo, der mich meinem Ziele um vieles näher bringt, und sollst doppelte Ration haben zum Dank.« Er übergab es dem Stallknecht und befahl ihm besondere Sorgfalt für das schöne Tier. Dann lud er den Fremden nochmals ein, ihm zu folgen, und führte ihn hinauf in sein Zimmer. Dort warf er sich aufs Sofa, winkte seinem Begleiter, sich niederzulassen, und änderte sofort den Charakter der Anrede. »Nun, Santa Lucia,« sagte der Oberst, indem er ein Cigaretto nahm, »ich habe, was Ihr braucht, ermittelt, und es wird gut sein, wenn Ihr Euch bereit haltet, morgen mit dem Frühzuge nach Pest abzureisen.« – »Warum, Signor Conte? – es gefällt mir recht gut hier, ich bin erst drei Tage in Wien und habe die Fahrt noch in den Knochen.« – »Vorerst, mein Bester,« entgegnete der Graf, behaglich die Dampfwolke verfolgend, die er vor sich blies, »taugt die Wiener Luft nicht besonders für Leute Eures Schlages, die unter Garibaldi gefochten. Wien ist ein heißes Pflaster, und man liebt uns Italiener nicht gar zu sehr hier.« – »Ich bin Franzose, Signor!« – »Ah, ich vergaß. Das liebe Korsika ist ein französisches Departement und liefert Frankreich seine Kaiser und seine Banditen. Aber abgesehen davon möchte die Rückreise Euch sonst Schwierigkeiten machen; das nächste Dampfschiff, welches die Donau hinabfährt, dürfte wahrscheinlich das letzte sein.« – »Wieso?« – »Das werde ich Euch besser fünf Minuten vor der Abfahrt sagen. Genug, Eure Rückkehr nach Konstantinopel hat Eile, denn es wird dort jetzt reichliche Beschäftigung geben. Hier ist zunächst die Auskunft, die das Komitee in Konstantinopel verlangt und wegen deren Ermittelung es Euch hierher sandte, da Ihr Euer lebelang nicht hier gewesen, also kein Wiedererkennen zu fürchten hattet.« – »Darf ich fragen, Signor Conte, ob sich der Verdacht bestätigt hat?« – »Das kann ich Euch so bestimmt nicht sagen, das müßt Ihr selbst an Ort und Stelle durch Vergleichung des Signalements ermitteln. Daß der capitano tedesco Robert Blum in dem bezeichneten Hause sich versteckt hielt und durch einen Bewohner desselben angezeigt wurde, steht fest. Der Mann ist später von Wien fortgezogen, weil er Verfolgungen fürchtete, und es ist richtig, daß er nach dem Orient gegangen sein soll. Der Name stimmt freilich nicht, aber das ist kein Hindernis. Das möglichst genaue, hierbei befindliche Signalement wird entscheiden, ob die erhobene Anklage des Komitees begründet ist.« – »Gibt sie ein besonderes Kennzeichen an?« – »Eine starke Narbe an der linken Schläfe.« – » Per bacco ! Es ist unser Mann!« – »So sind wir fertig. Seid Ihr mit einem Anzug versehen, um euch in eine Gesellschaft einführen zu können?« – »Der Teufel hole die verwünschten Kleider, in denen man sich überall enge fühlt. Was ich auf dem Leibe trage, ist alles, was ich habe.« – »So ist hier Geld, Ihr werdet in jedem Kleidermagazin das nötige finden. Binnen einer Stunde müßt Ihr elegant equipiert bei mir sein, um mich an einen Ort zu begleiten, wo ich Euch als den Marchese Luccaboni vorstellen werde.« Der Korse steckte das Geld ruhig in die Tasche, zündete sich ein neues Cigaretto an und empfahl sich. Ungefähr anderthalb Stunden nach der vorerzählten Szene rollte ein elegantes Coupee auf der Straße nach Kietzing, diesem von Villen und schönen Anlagen gebildeten, beliebten Sommeraufenthalt der Wiener. Obschon die Jahreszeit weit vorgeschritten, wohnten doch viele vornehme Familien noch hier, und die schöne Herbstwitterung erlaubte selbst noch einen großen Teil der Abende im Freien zuzubringen. Der Zirkel, welcher sich an zwei Abenden in der Woche in dem eleganten Landhause versammelte, das Frau von Czezani, eine geborene Ungarin, in Hietzing bewohnte, bildete eine interessante Gesellschaft aus den verschiedensten Kreisen der lebenslustigen Residenz, und man fand hier – so weit die Bäder- und Sommerreisen sie nicht entführt – Mitglieder der Aristokratie und Diplomatie, Koryphäen der Geschäftswelt, Fremde, Offiziere und Künstler. Ganz natürlich erschien es dabei, daß namentlich Ungarn das Haus ihrer Landsmännin besuchten. Die Gesellschaft war an diesem Abend bereits ziemlich zahlreich anwesend und hatte sich im Garten um eine fremde Schönheit gruppiert, deren Ruf ihr vorangegangen und die vor einigen Tagen in Wien eingetroffen und durch einen Empfehlungsbrief bei Frau von Czezani eingeführte war. Es war die spanische Tänzerin, der wir bereits in Paris und Berlin begegnet sind. Während ein Kreis von Verehrern um die Spanierin eine lebhafte Konversation unterhielt, promenierten einzelne Gruppen im Garten und Salon. Graf Pisani suchte die Dame des Hauses auf, der er laut seinen Begleiter als den Marchese Luccaboni präsentierte, worauf er es diesem überließ, sich so gut wie möglich zu unterhalten, oder durchzuhelfen, und sich in der Gesellschaft verlor. Er selbst ging durch den Salon nach dem hinteren Garten, in dem verschiedene Paare promenierten. Sein scharfer Blick fand bald Personen heraus, die er suchte, und er folgte zweien, die im eifrigen, halbleisen Gespräch vertieft waren. Die eine war ein kleiner, magerer Abbé mit fuchsartigem Gesicht und scharfen, stechenden Augen, Italiener wie der Graf; die andere war der Bankier, dessen Mission nach Wien im Rate der »Unsichtbaren« der Leser beigewohnt hat. Als der Graf zu ihnen trat, geschah es an einer Stelle des Gartens, an der sie durch die freie Umgebung vor jedem Lauscherohre gesichert waren ... »Ich erwartete kaum, Sie schon hier zu finden, Baron,« sagte der Graf, »und glaubte Sie noch mit der Flut der Geschäfte überhäuft, die diese wichtige Nachricht mit sich bringen mußte. Wie haben Sie Ihre Dispositionen getroffen?« – »Der Herr Abbé war so gütig, mir zu helfen, überdies waren alle Vorbereitungen getroffen. Um 7 Uhr ist mein erster Kommis mit der Eisenbahn abgegangen und gibt in Brünn die Depeschen nach Berlin, Paris und London zur telegraphischen Beförderung auf. Man wird sie an allen drei Orten morgen mindestens zwei bis drei Stunden vor Eröffnung der Börsen haben, und die Geschäfte können vollständig vor deren Beginn abgemacht sein. Ein Milliönchen, Herr Graf, ein Milliönchen mindestens muß uns selbst der Schlag eintragen, abgesehen von den Vorteilen für die Verbindung.« Er rieb sich vergnügt die Hände ... »Aber warum gingen Sie nicht lieber selbst bis Brünn? Es wäre weit sicherer gewesen.« – »Der Baron,« meinte der Abbé, »muß notwendig in Wien bleiben; seine Abreise hätte Verdacht erregen können, und er allein konnte die Spekulation hier ausführen.« – »Glauben Sie hier noch zu reüssieren? Wie hoch rechnen Sie genau den Vorsprung unserer Nachricht?« »Die Depesche ist darüber natürlich sehr unklar, indem sie ihren wahren Inhalt unter einer gleichgültigen Mitteilung verbergen mußte. Aber sie kann nicht vor morgen mittag hier eintreffen, wenigstens nicht bekannt werden. In jedem Falle haben wir an den drei anderen Börsen die Avance, wahrscheinlich auch hier, denn man wird sie nicht eher veröffentlichen, als bis Bescheid von Olmütz eingetroffen.« – »So müssen wir den Erfolg abwarten. Ich werde Sie jetzt verlassen, um durch unser Zusammenbleiben keinen Verdacht zu erregen. Sobald die Gesellschaft sich etwas gelichtet und Sie die Zurückgebliebenen beschäftigt sehen, treffen wir uns wie gewöhnlich im Pavillon.« Während er zurückkehrte in den Gesellschaftskreis, wandelte das Paar noch einige Male in den Gängen auf und ab ... »Wir wurden unterbrochen durch Pisani,« sagte der Abbé; »der Gewinn, die Habsucht regiert und füllt die Seele dieses Mannes. Auf die Befriedigung dieser Leidenschaften zielen alle seine Pläne. Nebenbei ist er ehrgeizig, schlau und namentlich kühn, – man muß dies anerkennen. – Der Plan also, den Sie mir entwarfen, hat bereits die Zustimmungen in Paris erhalten?« – »Er ist in der vollen Ausführung begriffen. Bedenken Sie wohl! der Kredit und das bare Vermögen Europas sind offenbar gegenwärtig in den Händen des Hauses Rothschild. Abgesehen davon, daß die Mitglieder desselben dem orthodoxen Judentum angehören, also dadurch schon Feinde aller revolutionären Prinzipien sind, bringt es die eigentümliche Stellung, die sie in Europa einnehmen und welche die einer souveränen erblichen Macht ist, mit sich, daß sie nur in der Aufrechterhaltung des monarchischen Systems ihre Sicherung und ihren Vorteil sehen.« – »So ist es. Die Rothschilds werden dies Prinzip stets mit ihren kolossalen Mitteln unterstützen. Es gilt nun, eine Macht ihnen gegenüberzustellen, welche die ihre brechen kann. Das ist: das Kapital aller gegen das Kapital des einzelnen.« – »Aber der direkte Zweck für uns, die Erfolge für die Revolution?« »Sie liegen auf der Hand, Abbé, und ich begreife nicht, wie ein Mann von Ihrem Scharfsinn sie nicht sofort übersieht. Zunächst der bedeutende Gewinn, den die Verbindung aus allen diesen Geschäften ziehen muß. Geld ist Macht. Das Pfand- und Eigentumsrecht über die Institute und Nerven des öffentlichen Verkehrs ist von nicht zu übersehendem Einfluß. Das wichtigste aber von allem, was das Schicksal Europas in die Hände der »höchsten Gewalt« legt, das ist –« – »Nun?« – »Das ist der Staatsbankerott, der allgemeine Bankerott der Nationen, der jeden Augenblick in der Macht der Unternehmer liegt. Denken Sie die kolossalen sozialen Folgen, welcher ein solcher unter den jetzigen Verhältnissen haben muß, selbst wenn er nur nach einer oder der anderen Seite hin ausgeführt wird!« – – – – – – – – – – An dem Treppenaufgang der Villa traf Graf Pisani die Wirtin des Hauses, etwas erregt mit dem Kammerdiener und der Zofe scheltend ... »So geht es im häuslichen Leben, Graf, immer Ärger und Verdruß.« – »Und was erzürnt Sie, schöne Frau?« – »Mein zweiter Diener ist schon vor mehr als zwei Stunden nach der Stadt geschickt, um allerlei zu holen, und der Mensch läßt uns im Stich und kommt nicht wieder. Ich habe ihm heute Morgen den Dienst gekündigt, weil er mir ohnehin nicht gefällt, und nun trotzt er wahrscheinlich, weil ich auf seine dringenden Bitten und Vorstellungen nicht nachgab.« – »Ei, gnädige Frau, das sind kleine Unannehmlichkeiten, wie sie jeder Haushalt mit sich führt. Darf ich das Vergnügen haben, Sie zu begleiten?« Die Gesellschaft hat sich mit dem Abend zum Teil wieder entfernt, zum Teil in den Salon und die Spielzimmer zurückgezogen. Der Graf sah sich mit Frau von Czezani allein ... »Ist die Gräfin gekommen?« – »Vor einer Viertelstunde. Ich glaube, sie befindet sich bereits im Pavillon und erwartet Sie.« – »Ich darf doch sicher auf den versprochenen Beistand rechnen, schöne Frau? Die Ereignisse drängen sich jetzt, und ich habe heute Mittag einige Bemerkungen gemacht, die mir Besorgnis einflößen würden, wenn der Zufall mir nicht glücklich zu Hilfe gekommen wäre.« – »Verlassen Sie sich ganz auf mich. Ich folge ihr nach Schloß Bisztra, und wenn Sie uns dort besuchen, werden Sie sie für Ihre Ansichten möglichst vorbereitet finden. – Doch sagen Sie um des Himmels willen, Graf, wer ist dieser Pseudo-Marchese, den Sie uns heute zugeführt? Denn daß Titel und Namen falsch sind, sieht man auf zehn Schritt, und ich fürchte wirklich, mich stark zu kompromittieren, so unheimlich scheint ihm in unserer Gesellschaft und so unheimlich wird mir in der seinen.« – Pisani lachte ... »Es ist ein gezähmter Wolf und nicht zu fürchten. Sie sehen in dem lieben Marchese ein vollkommenes Exemplar eines Korsen vor sich, der einige kleine Unannehmlichkeiten gehabt hat. Santa Lucia schwor, seinen unschuldig von den Geschworenen auf die Galeere geschickten Bruder an den achtzehn falschen Zeugen zu rächen, die seine Verurteilung herbeiführten. Er hat Wort gehalten; später schloß er sich der Truppe Garibaldis an, wo ich ihn kennen lernte, und er lebt jetzt in Konstantinopel.« – »Aber, mein Gott, – ich habe mein ganzes Silberzeug offen stehen – er wird doch nicht –« »Keine Besorgnis, schöne Wirtin. Unser Freund ist Bandit aus Liebhaberei, aber kein Spitzbube. Sie könnten Säcke Geld offen stehen haben, und er würde sie nicht anrühren. Doch ich eile zu unserer kleinen Gräfin, der die Zeit lang werden dürfte. Beschäftigen Sie möglichst alle Uneingeweihten.« Er verließ die Dame und begab sich nach kurzem Verweilen in der Gesellschaft durch das Gewächshaus nach dem daran stoßenden Pavillon, der ein achteckiges Gemach bildete, in dem für allen Schein ein Spieltisch arrangiert war, während eine Ampel nur im Halblicht das Gemach erhellte und die Läden fest geschlossen waren. Er fand die Gräfin Helene Laszlo dort im eifrigen Gespräch mit dem Bankier und seinem Begleiter und einem alten Herrn, dessen faltenreiches Gesicht den scharfen sarmatischen Schnitt, Haar und Bart aber die Schneefarbe des Alters trug ... »Ich sehe,« sagte der Oberst zu der jungen Witwe, »unsere Freunde sind mir bereits zuvorgekommen und haben Sie von der wichtigen, uns heute Nachmittag zugekommenen Nachricht unterrichtet. Am 26. ist in Konstantinopel die Kriegserklärung beschlossen worden, sie wird natürlich sofort erfolgen, und die Feindseligkeiten an der Donau werden alsdann beginnen. Damit ist auch für uns die Zeit eines energischen Handelns gekommen. Erringt der Sirdar, was bei der Schwäche der Russen kaum zu bezweifeln ist, an der Donau Vorteile, so kann jeder Aufstandsversuch in Ungarn sich auf ihn lehnen, er wird ihm den Rücken decken.« – »Aber die Wunden meines Landes sind noch tief und schwer; so sehr ich es wünsche, glaube ich kaum, daß es schon wieder die Kraft haben wird, dem Feinde entgegen zu treten.« – »Ein Volk verliert nie die Kraft, für seine Freiheit zu kämpfen, und ob Ströme seines Blutes vergossen werden. Wie aus der Kadmus-Saat, wachsen aus dieser geharnischte Männer. Ich meine auch keineswegs, daß die Erhebung sogleich erfolgen soll. Es ist vorerst nur nötig, daß das Volk, und namentlich im Süden, auf die Bedeutung des orientalischen Krieges, auf diese Gelegenheit, seine Freiheit zu erringen, aufmerksam gemacht, und daß die Verbindung mit den Ungarn in Omers Armee hergestellt wird.« – »Ich habe bereits mit der Gräfin das Nötige verabredet,« unterbrach der alte Magyare. »An einem der geeigneten Orte auf einem der Güter wird eine Druckerei errichtet werden. Der Herr Abbé übernimmt es, für ein zuverlässiges Personal zu sorgen.« – »Sehr gut, Doktor, wir verlassen uns ganz darin auf Ihre alte Erfahrung. Was den zweiten Punkt anbetrifft, so wird man besondere Vorsicht wegen des verstärkten Grenzkordons anwenden müssen. Es handelt sich vor allem um ausführliche Besprechungen.« – »Ich werde von Bisztra aus meine Güter in der kleinen Walachei bei Krajowa besuchen. Hier kann die Verständigung leicht erfolgen.« – »Das ist der beste Plan. Wenn die Frau Gräfin ihre Einladung nicht zurücknimmt, oder mich nicht dringende Geschäfte abhalten, werde ich schon Ende dieses Monats die Ehre haben, ihr meinen Besuch zu machen.« – »Mein Retter von heute kann nur willkommen sein.« – »Wissen Sie schon, Herr Graf, die Nachricht, die uns hier eben Doktor Todd aus dem Ministerium des Auswärtigen von Olmütz bringt?« fragte der Bankier. – »Nun?« – »Kaiser Franz Joseph, statt morgen, wie bestimmt war, hierher zurückkehren, reist nach Warschau; eine Zusammenkunft zwischen ihm, dem Kaiser Nikolaus und dem Könige von Preußen soll dort stattfinden.« – »Das ist neu und gefährlich!« – »Ich hoffe nicht,« sagte der Abbé. »Es gilt nur eilig, unsere Freunde in Konstantinopel zu benachrichtigen, daß alles mögliche aufgeboten werden muß, eine Verzögerung im Beginn der Feindseligkeiten zu verhindern. Ist der Krieg erst im Gange, so sind alle Vermittelungen unnütz.« Während des Gespräches war Frau von Czezani auf einige Augenblicke eingetreten ... »Zum Glück habe ich die Notwendigkeit sicherer Botschaft vorausgesehen, ich habe den Boten sogar mit hierhergebracht.« – »Ich wollte meine Freundin bitten,« sagte die Dame des Hauses, »mit mir nach dem Salon zurückzukehren, man hat bereits nach ihr gefragt, und Vorsicht ist nötig.« – »Ich habe ihnen allen eine wichtige Mitteilung zu machen, die ich in der Aufregung des Gespräches beinahe vergessen,« rief die junge Gräfin. »Wissen Sie, daß unsere Zusammenkünfte verraten sind, daß man weiß, was unsere Gesellschaften verbergen sollen, – daß ich selbst auf das bestimmteste gewarnt worden bin?« Alle traten unruhig näher; mehrere Gesichter, namentlich das der Wirtin, wurden bleich ... »Unmöglich! Woher wissen Sie das?« – Die Wangen der Gräfin färbte eine dunkle Röte ... »Das woher ist mein Geheimnis. Ich kann Sie jedoch heilig versichern, daß dem so ist.« – »Aber so geben Sie uns doch einen Fingerzeig, damit wir dem Verräter auf die Spur kommen können,« sagte der Abbé. Der Oberst zog die schwarzen Brauen zusammen. Der scharfe Zug um seinen Mund zeigte eine entschlossene Härte und Grausamkeit ... »Der Tod muß notwendig seinen Mund verschließen.« – Ein leises kurzes Ächzen scholl durch das Gemach – alle sahen sich erschrocken und fragend an – dann schüttelte jeder verneinend den Kopf ... Die Augen liefen umher, gleich als könnten sie entdecken, woher der Laut gekommen – man lauschte nach den Fenstern – – Da plötzlich wies der Abbé stumm mit dem Finger nach dem Kamin. Eine hölzerne Vorsatztür verdeckte das Innere. Das scharfe Auge des Priesters hatte eine kaum merkliche Bewegung des Holzes erfaßt. Wie ein Tiger sprang der Oberst auf den Ort los und riß mit einem Griff die Tür heraus – im Innern des Kamins hockte zusammengekrümmt ein Mensch mit bleichem, erschrockenem Gesicht in Bedientenlivree ... Die Hand des Grafen riß ihn heraus, mitten ins Zimmer. Dort fiel die Jammergestalt auf die Knie und streckte flehend die gefalteten Hände empor – die Zunge schien ihm vor Schreck und Angst den Dienst zu versagen ... »Johann – mein Diener.« Der Oberst erinnerte sich dessen, was er vorhin zufällig vom Ausbleiben des Menschen gehört ... »Wie kommst du hierher?« – »Ach, gnädige Frau, verzeihen Sie mir,« jammerte der Elende. »Bei allen Heiligen im Himmel! ich kam zufällig herein und versteckte mich, wie ich die Herren kommen hörte.« Jeder fühlte, daß der Mensch log, – daß er der Spion war, welcher sie verriet. Die beiden Damen zitterten und waren leichenblaß ... »Das lügst du, Bursche!« sagte der Oberst mit kalter Ruhe. »Zunächst wollen wir dir einmal etwas näher auf den Zahn fühlen und deine Geständnisse hören, zuerst uns aber deiner versichern. Baron, reichen Sie mir den Shawl dort her!« – »Gnädige Frau, Sie werden mich doch nicht ermorden lassen! Ich will ja alles gestehen! Zu Hil...« Die feste Hand des alten Ungars preßte sich auf den Mund des Elenden, daß der Ruf in seiner Kehle erstickte. Zugleich schnürte der Oberst ihm mit Hilfe des Abbé den Shawl um Arme und Leib. Dann zog er aus der Brusttasche ein feines glänzendes Stilet, dessen Klinge er vor den starren Augen des Unglücklichen auf dem Nagel des Daumens probierte ... Gräfin Helene stürzte auf ihn zu und fiel ihm in den Arm ... »Allmächtiger Gott! Sie werden den Menschen doch nicht morden wollen?« – »Wenn es nötig ist, schöne Gräfin, warum nicht? Jeder ist sich selbst der Nächste. Aber beruhigen Sie sich, dies Instrument soll ihn nur ein wenig schrecken und die Wahrheit ans Licht bringen. Das ist jedoch keine Szene für Damennerven, und ich bitte Sie, sich zu entfernen.« – »Nicht eher, als bis Sie mir Ihr Wort geben, kein Blut zu vergießen!« – »Auf mein Ehrenwort, es soll kein Blut vergossen werden! Baron Ripère, ich sehe, Sie zittern wie diese Damen; reichen Sie der Frau Gräfin den Arm und führen Sie dieselbe zur Gesellschaft. – Ich bitte, nehmen Sie sich zusammen; unser aller Freiheit und Leben steht auf dem Spiel.« Der Bankier beeilte sich, dem halben Befehl Folge zu leisten; er war selbst so bleich, wie der ertappte Spion. Als der Graf Frau von Czezani zur Tür geleitete, flüsterte er ihr zu: »Schicken Sie mir sogleich Santa Lucia hierher und bringen Sie ihn selbst bis an die Tür.« – Nach einer kurzen Zeit kehrte die Dame zurück mit dem Pseudo-Marchese, den der Oberst in das Zimmer schob, dessen Tür er wieder schloß ... »Merken Sie auf und fassen Sie sich,« sagte er zu der Zitternden. »Wie ich vorhin hörte, weiß keiner Ihrer andern Leute, daß der Diener bereits zurückgekehrt ist?« – »Niemand hat ihn gesehen; Sie schalten noch vorhin auf seine Saumseligkeit. « – »Wo schläft der Mensch?« – »Mit dem Kutscher zusammen über den Ställen.« – »Wenn ich nicht in der Lokalität irre, so führt am Eingang des Gewächshauses eine dunkle Treppe nach dem oberen Stock. Läuft diese bis zum Boden, und sind die Türen offen?« – »Ich glaube, ja.« – »Dann gehen Sie zur Gesellschaft und suchen Sie den Diener und das Mädchen in den Zimmern zu beschäftigen. Hüten Sie die Gräfin; bedenken Sie, Freundin, es geht um Tod und Leben.« Sie versprach alles und eilte davon. – – – Auf dem Sofa im Pavillonzimmer lag, ausgestreckt und festgebunden, ein Tuch in den Mund gedrückt, der Diener. – Er hatte gebeichtet, – man wußte, was man wissen wollte, daß bis jetzt nur unbestimmtes verraten worden und daß die Entdeckung von heute Abend sie gerettet hatte. Am Kamin standen die drei Männer, – auf der andern Seite des Zimmers lehnte die kräftige Gestalt des Banditen in der Fensternische. Die drei wechselten nur wenige Worte, – alle empfanden die schreckliche, aber unabweisbare Notwendigkeit. Der Oberst trat zu dem Korsen; auch ihre Unterhaltung war kurz ... »Kein Blut und kein Zeichen von Gewalt?« sagte der Bandit. »Ei, ich weiß ein vortreffliches Mittel: ich habe es bei dem Schuft von altem Advokaten versucht, der meinem Bruder auf die Galeeren half. Am andern Morgen glaubte ganz Ajaccio, der Schlag habe ihn gerührt, bis ich's selbst erzählte. Verschaffen Sie mir nur ein Kissen, Signor Conte.« – Der Oberst schaute umher – auf der Lehne des Sophas lag ein weiches gesticktes Daunenkissen ... »Genügt dieses?« – »Ich denke, ja. Nehmen Sie seine Füße in acht.« Der Unglückliche mit weit geöffneten Augen sah die Mörder auf sich zukommen. Vergeblich waren seine Anstrengungen, zu schreien und aus den Tüchern, mit denen er gebunden, sich emporzuwinden. Der Bandit stand jetzt vor ihm und legte ihm das ziemlich große Kissen auf das Gesicht. »Ich sehe, Signor, Sie sind ein Geistlicher,« sagte er zu dem Abbé, »ich bitte Sie, sprechen Sie ein Gebet für den Sünder.« Dann schlug er selbst in der furchtbaren Blasphemie seiner Erziehung und seiner Natur das Kreuz und setzte sich mit der ganzen Wucht seines schweren Körpers auf das Kissen. Pisani und der Abbé traten, im Gespräch begriffen, aus dem Garten in den Salon. Der letztere war ein wenig bleich, der Oberst ruhig, wie immer; der tiefe Zug von grausamer Energie um Nase und Mund war in die gewöhnliche Falte verschwunden. An einem der Spieltische stand der Bankier und pointierte zerstreut, die Gräfin saß an dem Klavier, ohne zu spielen, und schien kaum die Worte zu hören, die zwei Herren der Gesellschaft an sie verschwendeten. Ihre Augen richteten sich furchtsam auf die Eintretenden, auch der Baron warf einen hastigen Blick voll Angst auf sie. – »Es wird kühl im Garten,« sagte unbefangen der Oberst, »und wir sind wahrlich nicht so vertieft in den schönen Abend, wie der Herr Marchese und Ihr gelehrter Landsmann, gnädige Frau, um nicht die Behaglichkeit des Salons vorzuziehen. – Wie steht's, Baron? ist das Glück, wie immer, auf Ihrer Seite?« Er trat zu den Spieltischen. – »Diesmal droht es mich zu verlassen,« entgegnete der Bankier, »die Chancen sind gegen mich.« – »Ei was, man muß den Mut nicht verlieren. Männer wie wir lassen sich nicht sogleich einschüchtern von einer Ungunst der launischen Fortuna. Ihr Spiel steht am Ende gar nicht so schlecht.« – »Wollen Sie für mich eintreten?« – »Ich pointiere nicht, ich überlasse nie mein Glück dem Zufall.« – »Und sind Sie denn Ihres Erfolges immer gewiß?« – »Ich habe ihn gesichert.« Der Bankier atmete tief auf, die Worte wälzten eine Bergeslast von seiner Brust. Gräfin Helene wurde noch bleicher als vorher. »Ich will nach Hause, mir ist nicht ganz wohl – der Schreck von heute Mittag hat mich doch mehr angegriffen, als ich dachte.« Der Aufbruch veranlaßte weitere Folge. Der Oberst nahm die Gelegenheit wahr, sich dabei Frau von Czezani zu nähern, deren Augen ihn schon lange befragt hatten. »Gute Nacht, gnädige Frau, und – wenn Sie morgen zufällig etwas vom Boden ihres Hauses holen lassen, so versäumen Sie die sofortige Anzeige bei der Polizei nicht. Ich glaube, der törichte Bursche hat sich in Verzweiflung über seine Dienstentlassung aufgehängt.« Fünftes Kapitel. Am Bosporus Wo jenes prachtvolle, seit Jahrtausenden berühmte Meeresbecken, das Marmarameer – die Propontis der Alten – im Nordosten wieder die Ufer zweier Weltteile zusammentreten läßt, liegen einige liebliche Eilande, die Prinzen-Inseln; – näher und näher drängt sich darüber hinaus Asien an Europa, und ein Golf bildet sich, aus den zwischen hohen Bergwänden jene weltberühmte Straße, der Bosporus, über sechs deutsche Meilen lang, sich in nordwestlicher Richtung nach dem Schwarzen Meere in zahlreichen Windungen streckt. Im Süden öffnet sich der weite Blick auf das offene Marmarameer, gegen Westen hin zieht sich die prächtige, zwischen zwei Vorgebirge des europäischen, Ufers eingezwängte Meeresbucht, das goldene Horn. Auf dem Ufervorsprung zwischen diesem und der Buchtung des Marmarameeres liegt die Sieben-Hügel-Stadt des Ostens Byzanz – Konstantinopel – Stambul! Gegenüber, auf der nördlichen Seite des Goldenen Hornes, dessen Ufer sich hier schroffer und steiler emporheben und als die westliche Felswand des Bosporus zum Schwarzen Meere fortlaufen, liegen die neueren, zum Teil von den Genuesern und Venetianern gegründeten Stadtteile: um die äußere Spitze Tophana, daran stoßend am inneren Ufer des Hornes, Galata, über beiden terassenförmig auf der Berghöhe Pera, die Frankenstadt; auf der Höhe des Berges die Vorstädte Cassim-Pascha und St. Demetri. Am leicht aufsteigenden Berghange, der sich in sieben Hügel gruppiert, hebt sich die riesige Stadt, ein Meer von achtzigtausend Häusern – Byzanz – Konstantinopel – Stambul – mit jenen tausendjährigen Erinnerungen des alten Thraciens, des mächtigen Römerreiches – der Kreuzzüge – des jahrhundertelangen Kampfes der Komnenen und Paläologen gegen die asiatischen Horden, des Kreuzes gegen den Halbmond, des Christenreiches gegen die Moslems; für dessen Hilferuf das kirchenprahlerische Europa kein Ohr hatte; mit jenen Erinnerungen an Ströme von Blut, an jene Siege des Halbmondes, der von hier aus Europa bedrängte und seine Roßschweife bis vor die Tore Wiens trug. Und links – über die Kiosks und Bleidächer von seltener Form, die zwischen Platanen und dunklen Zypressen von der Landseite des Horns das Auge fesseln, das Serail – eine Stadt in der Stadt – und darüber Hinweg ein Dom, riesig und mächtig, ein Meisterwerk von Menschenhänden, wie die Erde kein zweites hat! – des großen Justinian heiliger Gedanke an Gott, – die Sophien-Kirche – jetzt die Aja Sophia, eine türkische Moschee, über deren Gigantenkuppel von 180 Fuß Höhe und 115 Fuß Spannung hoch in die Luft ein riesiger Halbmond sich streckt: als Wahrzeichen, daß Europa ja nicht vergessen möge, daß es hier den Christenglauben von dem Moslem mit Füßen treten ließ! Aus dem Meer von Häusern, alle klein, alle eintönig in ihrer rotbraunen Farbe, tauchen Paläste und die bleiglänzenden Kuppeln der beiden Bazars und zahlloser Moscheen empor, schießen die schlanken, säulengleichen Minaretts in die Höhe, mit den schmalen Rundgängen und den grünen hohen Spitzen, wie tausend Fingerzeige nach oben. Dazwischen wechselt das Grün der Platanen, das dunklere der Zypressen von den Gärten und weiten Kirchhöfen auf der Höhe der Berge; der riesige Palast der Hohen Pforte streckt seine lange Front aus dem einzigen freien Platz zwischen den Häuserreihen, und der Turm des Seraskiers, der Feuerturm, von dessen Höhe Tag und Nacht Wächter die weite Stadt überschauen, um alsbald den Ausbruch der gefährdenden Flamme melden zu können, hebt sich wie eine Warte des romantischen Mittelalters in die Luft. Und drüben auf der andern Seite des Goldenen Horns – Chrysokeras, wie die Griechen wegen seiner vorteilhaften Lage und wegen seines Reichtums an Fischen, diesen schönsten aller Meeresarme nannten – da wo die Mauer von Galata Pera abschneidet, hebt sich eine wirkliche Warte aus jener Zeit, der alte Genueser-Turm, mächtig und frei von dem Berge ab, zu gleichem Zweck dienend, wie der jüngere Gefährte am Seraskiat. Von der Spitze beider weht die rote Fahne mit dem weißen Halbmond und den weißen Sternen. – Zwischen dem europäischen und asiatischen Ufer, doch näher an Scutari, erhebt sich eine kleine Felseninsel aus dem Meere, wie Kaub am Rhein, der Turm des Leander mit seinem Wasserschloß. Scutari erscheint, selbst aus der Ferne gesehen, – das Meer ist hier eine halbe deutsche Meile breit, – weit freundlicher und lichter als die europäische Stadt. Auf der Höhe des Berges Burgulu, an dessen Senkung sich die Stadt ausbreitet, dehnen sich die meilenlangen, großen Friedhöfe aus, die größten des Orients! Darüber hinaus in der Ferne hebt der Olymp seine Schneegipfel am Horizont. Drei große schöne Schiffbrücken führen über das Goldene Horn, diesen prächtigsten und größten Hafen der alten Welt. Hunderte und Aberhunderte großer Schiffe jeder Art wiegen sich auf den blauen Wellen dieses Hafens und am Eingange desselben riesige Linienschiffe, Fregatten, Kriegsdampfer, dazwischen die Unzahl Handelsfahrzeuge jeder Form, aus allen Gegenden und Zonen der Erde. Tausende von Kaïks, diese Schwalben des Bosporus, leichte, schlanke, schmale, auf beiden Seiten spitze Boote, so eng und leicht gebaut, daß sie gewöhnlich außer dem Fanarioten oder Moslem, der das Ruder führt, nur eine Person tragen, kreuzen und schießen in allen Richtungen umher und mit wunderbarer Schnelligkeit, gleich leuchtenden bunten Pfeilen, über die Flut. Über die Brücken und durch die Gassen zunächst dem Horn und den Bazars – Besestan in Konstantinopel genannt – wogt fortwährend ein Gedränge von Menschen, wie kaum die belebtesten Straßen von London es bieten, unvergleichlich in seinem bunten, immer wechselnden Anblick. Die Völker des Morgen- und Abendlandes begegnen sich hier in ihrem nationalen Kostüm; neben dem Perser an dem steifen blauen Kaftan und der hohen spitzen Mütze von schwarzem Lammfell, der englische und der französische Matrose; neben dem Derwisch in seinem zerlumpten, wollenen Mantel mit der, einem umgestülpten Eimer gleichenden Kopfbedeckung von grauem Filz, der fränkische Kaufmann oder Handwerker aus Pera; zur Seite des in seine braune Decke gehüllten Drusen oder Kopten die hohe Figur des Tscherkessen, der Arnaut mit dem Arsenal von Waffen in seinem Gürtel, der Baschi-Bozuk aus den Wüsten Syriens oder von den arabischen Horden, der geschäftige Grieche, der Turkomane, der verachtete Jude: – alle Abstufungen von Farbe in den Gesichtern, alle Pracht bunter Gewänder, reicher Gold- und Silberstickerei auf den Gestalten; – das ist das Bild dieses bunten Lebens, Treibens und Drängens. Dennoch bewegt sich die ungeheure, ewig ab- und zuströmende Masse, wenn auch nicht stiller, doch weit sicherer und geordneter als bei uns. Kein Wagen, keine Equipage sprengt den Strom der Fußgänger auseinander, nur selten fährt langsam eine von einem oder zwei voreinander gespannten Pferden – in den Umgebungen der Stadt auch von Ochsen – gezogene Araba daher: ein im Rokokostil des Abendlandes gebauter Wagen mit rot angestrichenem und reich vergoldetem Kasten von fast dreieckiger Form, die Spitze nach unten, der in Riemen zwischen hohen Rädern hängt oder fest aufsitzt, und in dem die Frauen der reichen und vornehmen Türken mit Sklavinnen durch die Straßen fahren, um ihrer Neugier zu frönen und die Läden zu beschauen. Ein Eunuch oder Sklave führt das Pferd und wahrt die in den abscheulichen Yaschmak verhüllten Frauen vor jeder Berührung mit den Männern. Sobald man aber das Ufer betritt, schwindet alle Herrlichkeit des schönen Bildes, und die Faulheit, Unordnung, und der Schmutz des Orients bieten sich in ihrer vollen Widrigkeit dem Blicke des Europäers. Wo das Schiff oder Boot ans Ufer legt, da tritt der Fuß in Schlamm oder Schmutz; jedes Gäßchen, jedes Haus läuft unmittelbar an den Meeresstrand aus, und nicht hundert Schritt kann man auf demselben entlang gehen; die Straßen sind, wie überall im Orient, eng und krumm und meistens Gäßchen, in denen oft kaum ein Fußgänger dem andern ausweichen kann. Selbst in Pera und Galata herrscht diese Bauart, und die große Perastraße ist nur sechs Schritt breit. In der Mitte läuft die Gosse – wo eine solche existiert. Die Stadtteile an der nördlichen Bergwand, also Galata, Tophana, Pera usw., laufen so steil in die Höhe, daß der Weg ein bloßes Steigen und Klimmen ist. Die Häuser sind hier meist von Stein gebaut, mit europäischen Einrichtungen, die indeß wenig dem Klima entsprechen; die Hotels der Gesandtschaften sind große, prachtvolle Gebäude, ohne jedoch den Stadtteil zu zieren, da sie in hohe Mauern eingeschlossen oder durch enge, finstere Stiegen und Gäßchen abgesondert sind. Erreicht man über die erste Schiffbrücke das Ufer von Stambul, so tritt man alsbald ins volle türkische Leben. Über niedrige Häuser, deren Wände vom Boden bis zum Dach mit Hühnerkörben gefüllt sind, ragen die Kuppeln und Minaretts der Moschee der Sultanin Valide empor, und man vertieft sich in die zahllosen Gassen und Gäßchen, die zum großen Bazar, zum alten Serail, zum Palast der Pforte, zum Hippodrom, zur Suleimania, der schönsten Moschee Konstantinopels, und der Zahl reicher Prachtbauten der anderen Moscheen führen. Das große Serail – Serai Burnu – das in der Abgrenzung der umgebenden Mauern einen Flächeninhalt wie etwa die innere Stadt Wien einnimmt, war der eigentliche Palast und Wohnsitz der ottomanischen Herrscher und der Schauplatz aller jener Revolutionen und Bluttaten, die so häufig die Thronfolge änderten. Dennoch sind der gegenwärtige Sultan und seine Söhne die direkten Abkömmlinge Ottomans, des Gründers der Monarchie, und gehören demnach zu den ältesten Herrschergeschlechtern des Erdballs. Der Vater Abdul Medschids, der politische Reformator Mahmud II., der die Janitscharen opferte und das Tansimat gab, verlegte die Residenz aus dem Serail, das noch von dem Blute seines am 28. Juli 1808 ermordeten Bruders und Sultans rauchte, nach den Bosporus-Palästen, um mit den Erinnerungen zu brechen, die sich für sein Geschlecht an jene Mauern knüpfen. Er erbaute das Palais von Tschiragan am Ufer des Bosporus, nahe der Stadt, worin noch der gegenwärtige Sultan residiert, bis das neue, von ihm erbaute Palais vollendet ist. Zahlreiche Kiosks und Schlösser auf beiden Seiten des Bosporus und seinen zauberischen Höhen dienen außerdem zum wechselnden Aufenthalt des Sultans. Das ganze europäische Ufer des Bosporus bis Bujukdere hin ist bedeckt von Palästen und Landhäusern, die teils den türkischen Großen, teils den Gesandten und reichen Kaufleuten Konstantinopels gehören, wo dieselben zur Zeit des Frühjahrs, Sommers und Herbstes wohnen. Während die Vorderfront der Häuser und Villen die Wellen des Bosporus bespülen, strecken sich auf der Rückseite prächtige Gartenterrassen an der steilen Bergwand in die Höhe. Über das Verhältnis der Frauen des Orients bleibt uns noch einiges im allgemeinen zu sagen. Die Lage derselben wird in Europa vielfach falsch aufgefaßt, und die vage Meinung der Menge glaubt jeden Moslem im Besitz eines kleineren oder größeren Harems und hält die Frauen des Orients für gänzlich willenlose, untergeordnete, dem Herrn des Hauses knechtisch gehorchende Wesen. Das ist keineswegs der Fall. Die meisten Staats- und Privatintrigen entspinnen sich im Harem und werden dort geleitet. Der Moslem, bis zum Sultan hinauf, steht so gut unterm Pantoffel wie der Abendländer, und die Macht der Freiheit der Frauen ist – wenn auch außer dem Hause ziemlich beschränkt – in dessen Innerem sehr groß. Die Dragomans und die Harems der Würdenträger sind die politischen »Faiseurs« des Orients. Es ist dem Mohammedaner erlaubt, vier Frauen zu heiraten, die sämtlich als seine rechtmäßigen Gattinnen gelten; die Zahl der Frauen des Sultans kann sich auf sieben belaufen, doch ist es selten, daß dieser wirklich auch nur mit einer die gesetzliche Zeremonie der Heirat vollzieht. Jeder Türke hat dagegen das Recht, so viele Sklavinnen zu halten, als er will und seine Verhältnisse erlauben. Dieselben sind dann die Dienerinnen seiner rechtmäßigen Frauen, wenn er solche hat, oder seine Odalisken, und während ihre Reize ihm gehören, – wozu jedoch ihre freie Einwilligung gehört – haben sie keinerlei Rechte der Gattinnen. Die Geburt eines Kindes, gleichviel ob Knabe oder Mädchen, von ihrem Herrn macht die Sklavin und das Kind jedoch frei; und um dem durch die Fruchtbarkeit drohenden Verlust der Sklavinnen zu entgehen, existieren jene empörenden Geheimnisse des Harems, welche die Frucht im Mutterleibe ersticken oder das Weib zu seiner erhabenen natürlichen Bestimmung unfähig machen. Der Gebrauch dieser schändlichen Mittel ist allgemein, teils gezwungen, teils freiwillig. Denn selbst die angetrauten Frauen scheuen sich dessen nicht, und in den Harems der Reichen wird er häufig als Mittel betrachtet, den Vorzug über die Nebenbuhlerinnen zu gewinnen: und gerade hierin liegt der eigentliche Grund für die Erschlaffung des osmanischen Geschlechts. Da dem Muselman die Liebe nur ein sinnlicher Begriff ist, sucht die Frau oder Odaliske jedes Mittel auf, alle die Sinnlichkeit des Mannes fesselnden Reize so lange wie möglich zu bewahren, und benutzt eben dazu jene Mittel, sobald sie ihm ein Kind geboren hat. Daher kommt es, daß, während im christlichen Europa die Kinderzahl in den Familien durchschnittlich bedeutend, namentlich bei den unteren Ständen ist, in der Türkei bei den Familien der mittleren und unteren Stände selten mehr als ein oder zwei Kinder gefunden werden. Selbst der Sultan besitzt nur zwölf Kinder. Verschiedene Anordnungen des Korans beschränken die Gewalt über die Sklavinnen und Sklaven, deren Verhältnis übrigens in der Türkei mehr das von Hausdienern ist, die zur Familie gehören. Überhaupt ist der Türke in seinem gewöhnlichen Leben, wenn nicht besondere Leidenschaften ihn erregen, milde und gerecht. Es kommt häufig vor, daß die Sklaven nach einer längeren oder kürzeren treuen Dienstzeit freigelassen oder von dem Herrn ausgestattet, ja mit einer Tochter der Familie verheiratet werden. Viele der ersten türkischen Würdenträger selbst der Neuzeit waren und sind solche freigelassene Sklaven. z.b. Chosrew Pascha. Selbst Mehemed Ali-Paschah, der Schwager des Sultans Abdul Medschid, war ein cirkassischer Sklave. Die durch den Umgang mit Sklavinnen erzeugten Kinder werden als legitim betrachtet. Die Scheidung von einer Frau ist sehr leicht, obschon selten. Die Herrschaft der rechtmäßigen Frau im Innern des Hauses ist ebenso groß, wie im kultivierten Europa, und sie duldet ebensowenig eine Nebenbuhlerin in ihrer Nähe. Daher ist denn auch das Recht zur Heirat von vier Frauen im allgemeinen sehr problematischer Natur und wird nur von denen ausgeübt, die reich genug sind, ein großes Harem oder jeder der Frauen eine besondere Wohnung zu halten. Der Neid und die Eifersucht in den Harems sind überaus heftig und arten häufig in Tätlichkeiten, ja in geheime und offene Verbrechen aus. Die Abgeschiedenheit der Frauen außer dem Hause ist noch immer sehr groß. Während im Haremlik ihr Anzug und ihre Sitte übertrieben frei sind, obschon sie auch da nur vor dem Mann, den Kindern, den Eunuchen und Frauenbesuchen unverschleiert erscheinen, ist jeder Verkehr mit andern Männern auf das strengste verpönt. Seit der Regierung des vorigen Sultans haben sie zwar größtenteils die Freiheit des Ausgehens und Ausfahrens, und man sieht in den Straßen und Läden Konstantinopels Frauen in Menge, doch immer streng verhüllt und verschleiert, und kein Muselman übertritt die Sitte und schaut ihnen, wie es bei uns geschieht, in das Gesicht. Selbst der Mann würde es für unschicklich halten, wenn er seiner Frau, die ihm begegnet, durch ein Zeichen merken ließe, daß er sie erkannt habe. Die Verhältnisse im Harem des Großherrn sind natürlich in vielen Beziehungen verschieden. Im Sommer 1853 bestand er aus etwa 700 Odalisken, den schönsten Sklavinnen aus verschiedenen Ländern, welche die im Frühjahr desselben Jahres verstorbene Sultana Valide zum größten Teil selbst gewählt hatte. Alles, was an Schönheit und Reiz der weiblichen Formen, auf die der Asiate so viel gibt, sich in den verschiedenen Abstufungen der Farben findet, ist hier versammelt: die prächtige Büste der üppigen Georgierin mit den großen, mandelförmigen Augen und den feingeschnittenen Brauen, die schlanke, ebenmäßige Figur der cirkassischen Schönheit, wie der volle Wuchs und der feine, zarte Teint der Frauen von den griechischen Inseln, bis zur Ebenholzfarbe und der großen, apollinischen Gestalt der schwarzen Sklavin aus jenen Stämmen des Sennar und Darfur, die sich durch ihren ebenmäßigen Körperbau auszeichnen; die feine, zierliche Gestalt der echten Araberin mit ihrer blaßbraunen durchsichtigen Haut und den Rehaugen, und selbst die Europäerin, namentlich aus den südlichen Staaten, Italien, Spanien, Sizilien usw.; denn obschon die Geheimnisse des Harems ziemlich unzugänglich sind, verlautet doch gar vieles daraus, und es ist bekannt, daß der Harem des Sultans viele Europäerinnen enthält. Die Frauen, die der Sultan aus der Zahl der Odalisken zur Teilung seines Lagers wählt, heißen Kadinen, und die erste derselben, die dem Padischah einen männlichen Erben schenkt, gilt als die Favorit-Sultana und ihr Einfluß ist sehr bedeutend. Sobald ihr Sohn zur Regierung kommt, führt sie den Titel Sultanin Valide. – Der Sultan entläßt und wechselt übrigens, mit Ausnahme der Mütter seiner Kinder, seine Kadinen nach Belieben, und häufig werden sie und die Odalisken mit Würdenträgern des Reiches vermählt oder ihnen geschenkt. Das salische Gesetz hat in der Türkei volle Geltung, denn die Thronfolge erbt nie auf die Töchter fort und nur in der männlichen Lage weiter. Ein furchtbarer Gebrauch in der regierenden Familie vom Stamme Osmans und ein Regierungsprinzip ist es, daß weder die Brüder noch die Söhne des Sultans überhaupt Nachkommenschaft, ihre Schwestern aber nur weibliche haben dürfen. Die Söhne derselben werden sofort nach der Geburt erdrosselt. Die Kadinen eines verstorbenen Sultans dürfen nicht wieder heiraten und werden nach dem Eski-Serail – dem alten Serail, in der Mitte von Stambul belegen, – gebracht; der Harem des Sultans wird bei weitem strenger überwacht, als der Harem eines Privatmanns. Die große Zahl der jugendlich kräftigen Frauen bleibt fortwährend in den Gemächern eingeschlossen, und ihre einzige Erholung in frischer Luft ist, wenn – was höchstens drei- bis viermal im Jahre geschieht – der Sultan die Erlaubnis gibt, daß sie die von hohen Mauern umgebenen kaiserlichen Gärten von Dolmabaghdsche betreten dürfen, die dann der Schauplatz der Ausgelassenheit und eines unbeschränkten tobenden Genusses der kurzen Freiheit sind. Außerdem besuchen zuweilen unter strenger und zahlreicher Überwachung der Eunuchen die Kadinen und Odalisken in kleinerer Zahl die süßen Gewässer von Asien und Europa, die bekannten Lieblingsorte der Frauen von Stambul. Wenn man das erste der sieben Vorgebirge, die auf jedem Ufer mit entsprechenden Buchten den Lauf des Bosporus bilden, auf der europäischen Seite – Tophana – das alte Metopon, hinter sich hat, fährt der Kaïk in die schöne Bucht von Dolmabaghdsche ein, an dem Ufer entlang, an dem früher ein Altar des Ajax und der Tempel des Ptolomäus Philadelphus stand, dem die Lateiner göttliche Ehre erwiesen. Am Ufer liegt die Moschee Auni-Effendi, und weiter hinauf am Ufer, gegenüber der Stelle, wo er seine Flotten zu sammeln pflegte, um den Schrecken an die Küsten des Mittelländischen Meeres zu tragen, steht das einfach malerische Denkmal Hairaddin Barbarossas, des berühmtesten türkischen Seehelden. Am Ufer streckt hier der Palast Tschiragan seine lange Front von Stein- und Holzbau mit Arabesken und Stuckaturen hin. An den höheren Mittelbau schließen sich zwei Flügel, die wiederum von vorspringenden Seitengebäuden flankiert werden. Ein schmaler Kai von schönen Marmorquadern, in den das Wassertor für die Kaïks des Großherrn einmündet, scheidet das Palais von dem Spiegel des Bosporus, auf den nach beiden Seiten hin die Fenster und Erker des Gebäudes eine prächtige Aussicht haben. Wer nördliche Seitenflügel enthält das Haremlik des Padischah; vergoldete Fenstergitter scheiden es von der Außenwelt und schützen es gegen zudringliche Blicke, während sie den neugierigen Augen der Frauen volle Freiheit lassen, umherzuschweifen. Es befanden sich ungefähr zwanzig Frauen in dem Oberteil desselben, während eine gleiche Anzahl von Dienerinnen den unteren in verschiedenen Beschäftigungen einnahm. Zwei Schwarze von unförmig dicker Figur, unglückliche Geschöpfe, die für die Gebräuche des Despotismus schon als Kinder ihrer Mannheit beraubt worden, in weiten orientalischen Kleidern von schreiend roter Farbe, standen an den beiden Eingangstüren, teils als Wache, teils um Ordnung zu halten unter den oft höchst aufrührerischen Odalisken. In der linken Ecke des Kiosk – welchen Namen die größeren Zimmer in den türkischen Häusern führen – dem Ehrenplatz gegenüber, schien sich die Hauptgruppe von drei versammelt zu haben, welche das Oberteil einnahmen: Auf den Kissen des Diwans saßen zwei Frauen in überaus reicher Kleidung, während eine dritte auf der Decke vor ihnen kauerte, alle drei im eifrigen, obschon leise geführten Gespräch. Zwei junge Mohrinnen, Mädchen von etwa 12 bis 13 Jahren, bedienten sie, indem sie von Zeit zu Zeit mit einer silbernen Zange eine frische Kohle auf den duftenden Tabak von Schiras legten, der im vergoldeten Kopf des Nargileh brannte. Häufig nahm die eine oder die andere einen Löffel von dem süßen Eingemachten, das, aus Rosenblättern, Mastix, Limonen und Weichsel bestehend, in vergoldeten Schalen auf einem gleichen Präsentierbrett von den Sklavinnen herumgereicht wurde, und dessen häufiger Genuß, jedesmal mit einem Schluck Wasser, nächst dem Naschen des Zuckerwerks und dem Kaffee zu den Liebhabereien der türkischen Frauen gehört. Die eine der Damen auf dem Diwan war eine hohe, und trotz des weichlichen Lebens ebenmäßige Figur, zwar über die Frauenjugend hinaus und anscheinend bereits im Anfang der dreißiger Jahre, aber keineswegs schon verblüht, was so häufig bei den orientalischen Frauen in einem Alter der Fall ist, das bei uns Nordländern erst vollkommen die Frauenschönheit zu entwickeln pflegt. Ihre Gesichtszüge zeigten den reinen, klassischen Typus der kaukasischen Rasse, belebt durch ein feuriges Auge, aus welchem Stolz und Herrschsucht sprachen. Das dunkle Haupthaar war in zahllose Flechten gelegt, die, mit Goldmünzen und Perlen durchwunden, zu beiden Seiten des Gesichts und im Nacken herunterhingen, während ein gelbseidenes Tuch um den Scheitel geschlungen und dort mit großen Brillantnadeln festgehalten ward. Eine dicke, dreimal umgelegte Perlenschnur umgab den vollen, ebenmäßigen Hals und fiel auf den Busen herab, der von einer aus Goldstoff bestehenden Weste fast gänzlich entblößt gelassen wurde. Weite Beinkleider von Purpurseide aus Brussa, aus denen die nackten, auf den Zehen mit goldenen Ringen geschmückten Füße hervorsahen, indes die gelben, kaum die Spitze bedeckenden Pantoffeln vom Diwan geglitten waren, bildeten die untere Bekleidung. Auch die Arme waren fast bis an die Schulter entblößt, von der ein der Weste entsprechender offener Ärmel von Goldstoff niederhing. Schwere Ohrgehänge von jenen großen Türkisen, die allein in den Minen von Nischnapur in Indien gefunden werden, und eine Unzahl goldener Armbänder um beide Handknöchel vollendeten den Putz. Ebenso reich, obschon weniger frei, waren die beiden anderen Damen, namentlich die zweite, gleichfalls auf dem Diwan sitzende gekleidet. Ihr reiches Geschmeide überstrahlte sogar an Glanz und Wert bei weitem den Schmuck der ersteren. Diamanten und Smaragden waren sowohl an ihrem turbanartigen Kopfputz, als an der Stickerei ihres dunkelroten Mieders verschwendet, über welches ein mit schwarzem Pelz verbrämtes, kaftanartiges Oberkleid von gelber Seide fiel. Sie war eine türkische Schönheit von etwa 27 Jahren, deren männliche Züge stark an den verstorbenen Sultan Mahmud I., namentlich in den buschigen Augenbrauen und der vollen, kräftigen Bildung des Mundes und Kinnes erinnerten. Die dritte auf dem Teppich kauernde dagegen mochte bereits an Vierzig zählen, und in ihrem Gesicht sprach sich ein hoher Grad von Verschlagenheit, List und Fähigkeit zur Intrige aus. Etwas entfernt von der Gruppe, nach der Seitentür zu, die an der Balustrade des Oberteils zu den inneren Gemächern führte, befand sich eine zahlreichere Gesellschaft von jungen und schönen Frauen, im Genre der ersterwähnten Dame ähnlich üppig und womöglich noch freier gekleidet, obschon nur zwei unter ihnen durch besonderen Schmuck sich auszeichneten und dadurch dem kundigen Auge bewiesen, daß sie unter der Schar der Odalisken zu Kadinen des Padischah sich durch die Macht ihrer Reize emporgeschwungen hatten. Ihnen gegenüber, auf der Ecke des zum Ehrensitze fortlaufenden Diwans, lehnte eine dritte, doch nur aus zwei Personen bestehend, beide der Typus einer auffallenden und doch sehr verschiedenartigen Schönheit, Herrin und Dienerin. Die erste war ein junges Mädchen von kaum siebzehn Jahren, nicht nach gewöhnlicher türkischer Sitte auf dem Diwan mit untergeschlagenen Füßen hockend, sondern halb liegend in die weichen Polster gelehnt. Ein zartes, blasses Gesicht von überaus schöner Form, von den im Orient so ungewöhnlichen aschblonden Haaren umgeben, die in einem reichen Lockenwald auf Hals und Brust fielen, erhielt durch die bei dieser Farbe ebenso seltene Zierde schwarzer Augen, in denen eine gewisse melancholische Schwärmerei lag, einen wunderbaren Reiz. Die Züge dieses Gesichts waren edel, verständig und harmonisch, die Figur unter Mittelgröße, zart und schlank, und obschon die Schöne, die den Kopf in die rechte Hand gestützt, sinnend und teilnahmslos vor sich hinschaute, in orientalische Gewänder gekleidet war, hatte alles an ihr doch den Typus einer Züchtigkeit und Scham, der offenkundig der Kleidung der anderen Frauen fehlte. Vor ihr kniete, mit ihren Locken spielend und ihr von Zeit zu Zeit allerlei Erfrischungen anbietend, eine junge Mohrin von wahrhaft junonischem Wuchs und einem Ebenmaß der Körperformen, der einem Bildhauer hätte zum Modell dienen können. Sie war in ein weißes Gewand gekleidet, das die dunkle Bronzefarbe noch mehr hervorhob, während breite, goldene Reifen den nackten Hals, die Arme und Knöchel zierten. Eine fast antike Kopfbildung bewies, daß sie zu einem der Stämme Abessiniens gehörte, die sich durch ihre Körperschönheit vor allen Mohren so sehr auszeichnen, daß sie kaum zu den Negergeschlechtern gezählt werden dürfen. »Mashallah,« sagte die zweite Dame der Gruppe in der oberen Ecke des Gemachs aufgeregt zu ihrer Gefährtin, »ist der Padischah, mein Bruder, ein Esel oder bist du nicht die Sultana seines Harems und die Mutter des Thronerben, daß du nicht die Macht haben solltest, einen Mann zu dem zu bewegen, was uns das beste dünkt?« – »Ich küsse deine Augen, Sultana Adils,« entgegnete die Cirkassierin, »Allah und die Zuflucht der Welt haben es gewollt, daß ich die erste Frau seines Herzens bin, aber dein Bruder ist veränderlich und die Sonne seiner Gunst ist auf ein Geschöpf gefallen, von dem ich glaube, baß sie unsere Feindin ist.« Die Augen der drei Frauen wandten sich bei dieser Erwähnung einen Moment lang auf die blonde Odaliske am Ende des Diwans, die in ihrem Träumen nicht bemerkte, daß von ihr die Rede war. » Haif! Haif! Eine verkehrte Stunde hat sie hierher und vor den Großherrn gebracht. Wir werden es Ali Pascha gedenken, der sie ihm zum Geschenk gemacht Hat. Sie ist offenbar eine Moskow. Aber ich müßte die Sultana nicht kennen, wenn ich glauben sollte, sie werde ohne ihre Erlaubnis eine Kadine werden und ihm ein Kind gebären.« – »Wallah! Haltet ihr mich für eine turkomanische Kuh? Ich habe Augen in meinem Kopfe, und sie sind offen.« – Ein rascher Blick verständigte beide. – »Es ist gut. Doch laßt uns von dem Geschäft reden, um das Mehemed Ali-Pascha, mein Mann, mich hierher gesandt.« – »Allah behüte Euch, Ihr redet Wahrheit, Sultana,« mengte sich die ältere Frau in die Unterhaltung, »und Mehemed-Pascha ist der wahre Hort der Gläubigen. Hier ist das Schreiben meines Herrn, des Sirdar, eines so guten Moslem, wie nur je einer das Antlitz des Padischah geschaut hat, obgleich sein Vater und seine Mutter als Ungläubige verdammt sind. Omer meldet darin, daß er am zwanzigsten Tage des Moharrem den Krieg gegen die Ungläubigen beginnen wolle. Wir zählen heute den gesegneten Tag des siebzehnten, und es gilt vor allem zu verhindern, daß der Sirdar keinen Gegenbefehl vom Schatten Gottes erhalte.« »Du weißt, was geschehen ist heute morgen im Rat, Sultana?« – »Mashallah, was werde ich nicht? Für was habe ich Augen und eine Zunge im Munde? Ist der Kapu Agassi Das Oberhaupt der weißen Verschnittenen und der major domo des Palastes. ein Mann, der auf die Stimme der Sultanin nicht zu hören wagt?« – »Die Inglis und Franken sind Leute, welche die ganze Welt in dem Winkel ihres Auges tragen und eine gespaltene Zunge haben. Sie haben den Padischah gebeten, daß er ihre großen Schiffe unter seine Obhut nehme, und das Kaïk mit dem Rauch ist heute nach Darnelli gefahren, um sie zu holen. Sie sind Giaurs, aber sie sind mächtig.« – »Jock! Was sind sie? Nichts! Der Padischah ist alles.« – »Das ist es nicht, was uns den Stein der Sorge aufs Herz legt,« fuhr beharrlich die Gattin Mehemeds, des Hauptes der alttürkischen Partei, fort: »sondern man hat auf das Verlangen der Christen im Diwan heute beraten und beschlossen, daß dein Mann, o Khanum, noch zögern solle, den rebellischen Vasallen in Moskau die Schärfe des Schwertes fühlen zu lassen.« – »Fluch über die Feiglinge,« sagte eifrig die Khanum; »die das geraten, sind Söhne eines Hundes, ihre Väter sind Hunde und ihre Mütter sind Hündinnen. Sie verunreinigen mit ihrem Atem den Ruhm des Großherrn.« – »Allah allein weiß, ob es zum Kriege kommt und unsere Männer Geld verdienen. Sultana Fatima, du mußt es verhindern!« Die Cirkassierin wiegte schlau den Kopf ... »Der Padischah ist unser aller Herr. Wie kann ich tun, was du sagst, ich bin nichts als ein Weib.« – »Allah erbarme sich! Wo wäre unsere große Sultana, wenn sie nicht für jede Gefahr ein Mittel hätte. Ich weiß, was ich weiß.« – »Wir aber sind Staub unter deinen Füßen,« liebedienerte die Khanum, »denn wir wissen nichts.« – »Da seht!«– Der Finger wies wiederum auf die blonde Sklavin, die in dem Augenblick, halb aufgerichtet, aufmerksam auf die Mohrin schaute ... »Was gibt es?« – »Wenn wir ihn fern von dieser halten können, wird die Botschaft nicht abgesandt werden, die der Sirdar nach den Balkangewässern senden will ... Wir brauchen nur zwei Tage Zeit. Hafis sagt: Der Wille eines Mannes ist Wachs in der Hand eines Weibes, das sein Lager teilt.« Die Frau des Sirdars nickte verständlich ... »Wird der Herrscher der Gläubigen die Nacht in diesem Harem zubringen?« – »Ich glaube es. Es ist unsere Reihe, und er hat mir seinen Besuch verkünden lassen.« – »Die Macht deiner Reize ist groß, o Sultana, sie blühen wie die Rosen von Schiras. Aber warum hast du denn diese Schlange hier behalten?« – »Du redest Torheit. Das böse Auge der Buhlerin hat den Padischah bezaubert, und wenn er sie nicht hier wüßte, würde er zu den anderen Kadinen gegangen sein, oder zu ihr allein. Glaubst du, daß diese da mir schaden werden?« sie wies verächtlich nach den anderen Frauen hinüber; »bah, sie sind der Hauch meines Odems!« Die schlaue Cirkassierin hatte wohlberechnet die beiden jüngsten und schönsten der Kadinen in ihre Umgebung gezogen und in die Abteilung des Harems, die sie bewohnte. Ebenso hatte sie zu vermitteln gewußt, daß die junge blonde Odaliske, die erst seit kurzem den Harem des Großherrn zierte, von diesem aber die auffallendsten Beweise großer Zuneigung erhielt, in ihrem Haremlik blieb. »So wird die Sultana selbst das Lager der Zuflucht der Welt besteigen und seinen Willen einschläfern auf den Kissen ihres Busens?« – »Nicht ich, auch jene nicht, obschon ich ihnen vertrauen kann. Der Padischah soll eine Überraschung erhalten, die seinen Geist während der nächsten Tage in den siebenten Himmel des Propheten versetzt. Hört!« – Sie klatschte zweimal stark in die Hände und augenblicklich näherte sich ihr aus dem untern Teil des Raumes eine so widerwärtig scheußliche Figur, wie sie eben nur in dem Harem des Moslems geduldet werden kann, die eine ganz besondere Vorliebe für Verwachsene und Zwerge zeigen. Auf einem kleinen, breiten Körper mit Säbelbeinen hockte ein unförmlicher, kürbisartiger Kopf mit einem Munde, der förmlich das Gesicht in zwei Hälften schnitt. Aus den Augen leuchteten Bosheit und List, und die rote Kleidung bewies, daß er zu den Eunuchen des Harems gehörte, und die Peitsche an seinem Gürtel, daß er einer der Aufseher über die Sklavinnen war. Der Zwerg verbeugte sich tief vor der Sultana und blieb, die Hände über die Brust gekreuzt, in gebückter Stellung vor ihr stehen ... »Hast du Nachricht für mich, Sohn eines Zwerges und einer Hündin?« fragte die Sultanin. »Ist Neues vorgefallen?« – »Ich küsse den Staub deiner Sohlen; bosch – es ist nichts.« – »So können wir auf den Sir Kiatib und seine Versicherung rechnen, daß der Ferman noch nicht abgesandt ist?« – »Bei meinen Augen, Herrin! er lag zur Unterschrift des Padischah bereit, aber der heilige Scheik ül Islam hat das Versprechen des Schatten Gottes, daß die Sache nochmals beraten werden solle. Der heilige Mann und der Saderel Azan haben sich böse Worte gesagt.« – »Er ist unser Feind,« warf die Schwägerin der Sultana ein; »möge seine Leber schwarz werden!« – »Ist alles geschehen, wie ich befohlen? Sind die Almen bereit und das Spiel? Haben die Weiber die Sklavin vorbereitet und sie gesalbt?« – »Möge das Licht deiner Augen auf deinen Sklaven fallen. Das Mädchen hat soeben das letzte Bad erhalten, und ihre Schönheit strahlt, wie der Abendstern neben der Sonne der Sultana.« – »Es ist gut. Laßt uns das Ende erwarten. Allah möge uns beistehen.« Der durchdringende, helle Klang zweier in einiger Entfernung zusammengeschlagenen Becken unterbrach das Gespräch ... »Der Padischah!« – – – – – – Während am Ende des obern Teils des Raumes die Weiber-Intrige im Interesse der alttürkischen Partei sich schürzte, um den Ausbruch des Krieges herbeizuführen, war unfern der Gruppe eine andere geheimnisvolle Szene vor sich gegangen. Eine jüdische Juwelenhändlerin war in das Haremlik getreten und verschacherte den Odalisken ihren wertlosen Plunder. Die blonde Odaliske hatte sich mit ihr anfangs gar nicht befaßt; als sie aber sah, daß die Jüdin, als ihr Auge das der Odaliske traf, ein rasches Zeichen machte und den Zeigefinger der linken Hand an die Lippen legte, wandte sie der Jüdin ihre volle Aufmerksamkeit zu, erhob sich langsam und trat gleichfalls neugierig zu der Gruppe ihrer Gefährtinnen. Die gewandte Jüdin ergriff sofort den Moment... »Aï, Herrin,« sagte sie, indem ihr Blick die Odaliske bedeutete aufzupassen; »der Gott Abrahams segne Eure Schönheit! Wollt Ihr nicht dieses Halsband versuchen? Es sind reine Amethysten aus dem kalten Lande der Moskowiten, unserer Feinde, wo der Schnee das ganze Jahr lang auf der Erde liegt. Nehmt, meine Schöne, und prüft es an dem Elfenbein Eures Halses.« – Sie drängte der Odaliske das Halsband auf, und diese fühlte zugleich, daß aus dem weiten Ärmel der Jüdin ein anderer Gegenstand mit in ihre Hand glitt. Besonnen trat sie vor einen der großen Spiegel, die, meist Geschenke europäischer Fürsten, in prachtvollen Rahmen an der Wand des Kiosks ohne alle Regelmäßigkeit aufgehängt, eine Lebensnotwendigkeit für die eitlen und putzsüchtigen Haremsbewohnerinnen sind, und legte das Halsband wie prüfend um, indem sie geschickt dabei den zusammengerollten Streifen Pergament, den sie zugleich erhalten, in das süße Versteck aller Frauen, den Busen, gleiten ließ. – Dann gab sie ablehnend den Schmuck wieder zurück und wandte sich nach ihrem Platz, Noch ehe sie diesen erreicht, erscholl das Zeichen, das den Besuch des Großherrn verkündete. Wie mit einem Zauberschlage änderte sich das Bild. Die Jüdin raffte ihre Sachen eilfertig zusammen, warf der Odaliske noch einen raschen, bedeutsamen Blick zu und wurde von den Verschnittenen aus dem Gemach getrieben. Auch die erste Haupt-Khanum Omer Paschas schlug ihren Yaschmak um das Haupt und barg sich nach einigen rasch mit der Favoritin gewechselten Worten unter den Dienerinnen im Unterhause des Gemaches. – Während die beiden Kabinen zu der Sultana traten, stellten sich die Odalisken in zwei Reihen entlang des Diwans auf, die Hände über die Brust gekreuzt und die Augen zu Boden gesenkt, ebenso die Dienerinnen und Eunuchen im Unterteil. In der Bewegung, die dieser Anordnung voranging, gelang es Mariam, der blonden Odaliske, den Zettel in der hohlen Hand zu lesen. Derselbe enthielt die Worte: »An die Khanum Mariam. – Die Verschiebung des Angriffs um zehn Tage ist heute zwar im Diwan auf den scheinbaren Rat des englischen Gesandten beschlossen, heimlich aber drängt man den Sultan, die Absendung des Befehls zu verzögern. Erlange um jeden Preis seine Unterschrift und die Absendung des Fermans, noch womöglich in dieser Nacht, denn morgen wachen die Feinde. Im Namen des Gottes, den du im Herzen verehrst. Die Sache ist wichtig.« Sie bog den Pergamentstreif zusammen und verbarg ihn in dem Gewände, denn der Zug des Sultans nahte, wie das Zusammenschlagen der silbernen Becken verkündete. Einen Augenblick hielt er vor dem großen Eingang des Gemaches, während die mit entblößten Säbeln Wache haltenden Eunuchen den Vorhang zu beiden Seiten emporhielten ... Zunächst traten vier Itschoklans – schon in ihrer Jugend verstümmelte Kinder – ein und schritten bis zu dem Aufgang des Oberteils vor. Ihnen folgte eine gleiche Anzahl schwarzer Eunuchen, die Becken schlagend, und darauf der Tschannador-Aga, den großen Pfauwedel tragend, womit die Pagen dem Großherrn Kühlung zufächeln. Hinter ihnen kamen die beiden Schwertträger des Sultans und dann dieser selbst, auf den Arm des Kislar-Aga gestützt. Der Kapu-Aga Der zweite unter den schwarzen Verschnittenen; Kislar-Aga, das Haupt derselben, einer der einflußreichsten Posten. oder das Oberhaupt der weißen Verschnittenen schloß den Zug, an der Spitze von vier mit blanken Säbeln bewaffneten cirkassischen Sklaven. Der Großherr – Abdul-Medschid-Khan – zur Zeit unserer Erzählung im einunddreißigsten Jahre stehend geboren 23. April 1823, war eine große Gestalt mit vollem, fleischigem, aber blassem Gesicht, das zwar unverkennbar einen Zug von Gutmütigkeit trug, aber – offenbar von dem frühen Genuß der Haremsfreuden, zu denen ihn seine ehrgeizige Mutter verleitete – den Ausdruck des Schlaffen, Teilnahmlosen hatte. Er trug halbeuropäische Kleidung: weiße Pantalons, darüber einen zugeknöpften, indigoblauen Rock mit steifem Kragen und dem roten Feß, statt der gewöhnlichen, schwarzen, lackierten Stiefeln jedoch gelbe Pantoffeln. Die einzige Auszeichnung, die ihn schmückte, war ein mit großen Diamanten besetztes Brustschild, da wo der Rockkragen sich schloß. Als er über die Schwelle des innern Gemaches trat, fiel die Reihe der Dienerinnen und Eunuchen knieend zu Boden, mit der Stirn fast die Erde berührend; auch die Odalisken beugten sich tief und verharrten, alle das »Salem aleikum« murmelnd, in dieser Stellung, bis der Sultan, der nie den Gruß eines Untertanen erwidern darf, durch ihre Reihen hin zu dem Ehrensitz in der Ecke geschritten war, auf dem er Platz nahm. Ein rascher kurzer Seitenblick, als er an Mariam vorüberging, der nicht bloß von dieser, sondern auch von den beiden Sultaninnen sehr wohl bemerkt worden war, bewies, daß er, trotz seiner äußern Gleichgültigkeit, auf seine Umgebung achtete. Von Ali-Pascha, dem Gouverneur von Brussa, hatte er sie zum Geschenk erhalten und ihr alsbald eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Dieser Vorzug hatte natürlich unter den Frauen des Harem bedeutende Aufregung und Eifersucht hervorgerufen und ihre Intriguen und die Herrschsucht der Mutter des Thronfolgers erschwerten den Umgang des Sultans mit seiner neuen Geliebten auf alle mögliche Weise. Man sah in ihr nicht nur die gefährliche Nebenbuhlerin um die persönliche Gunst des Sultans, sondern auch um den politischen Einfluß, und es ging das Gerücht im Harem, daß sie eine heimliche Christin und von der russischen Partei in den Harem gebracht sei. Sie war eine Mingrelierin von Geburt, mit ihrer Mutter – einer Russin – als Kind in die Hände kurdischer Räuber gefallen und später unter den Schutz Ali-Paschas gekommen, der sie dem Harem seines Gebieters bei passender Gelegenheit zum Geschenk machte. Näheres wußte und erfuhr man nicht von ihr, doch war es bald offenbar, daß sie, dankbar für die Gunst des Großherrn, diesem mit ganzem Herzen anhing und ihn hingebungsvoll liebte. Ein Schlag der Silberbecken, die während des Ganges durch das Gemach geschwiegen hatten, verkündete, daß der Großherr Platz genommen, und auf dieses Zeichen erhoben alle das Haupt, und es bildete sich eine Gruppe um den Padischah. Die Favorit-Sultana und die Schwester des Großherrn nahmen auf Kissen am Boden an seiner Seite Platz und neben ihnen die beiden anderen Kabinen, während die Odalisken jenseits der Fenster an den Wänden entlang auf dem Diwan sich reihten. Die Sonne war am Horizont verschwunden und damit die Zeit gekommen, wo die meisten Bekenner des Propheten die einzige oder wenigstens die Hauptmahlzeit des Tages zu sich nehmen. In den Gängen des Palastes erscholl zugleich der Ezan, der Ruf des Imam zum Gebet, und sofort kniete der Sultan, mit dem Gesicht nach Mekka, auf dem Teppich nieder, während alle Anwesenden sich zu Boden warfen, und verrichtete das Abendgebet. Dann wurde dem Sultan der Kaffee gebracht, und während sich die Sultana Adilé verabschiedete und, rückwärts schreitend, von ihrer Schwägerin bis an die Tür der Frauengemächer geleitet, ihren kurzen Heimweg im Kaïk nach dem Harem Mehemed-Ali-Paschas antrat, wurde das Gemach mit einer Unzahl von Wachskerzen erhellt, worauf die Baltagiehs, die Köche des Harems, eintraten und auf einem vor dem Großherrn aufgestellten Tische die zahlreichen Gerichte ordneten. – Während der Mahlzeit, die schweigend vollbracht wurde, verrichtete am Eingang des Oberteils die Erzählerin ihr Amt, indem sie im halben eintönigen Gesang eines jener phantastischen Märchen erzählte, deren Anhören in den Kaffeehäusern, auf den Straßen und in den Harems einer der größten Genüsse der Moslems ist. Die Sultana goß dem Großherrn aus einer goldenen Kanne Wasser über die Hände, und einer der Pagen hielt knieend das Becken von gleichem Metall, worin der Padischah die vom Koran vorgeschriebenen Abwaschungen vollführte. Alsdann wurde mit gleichen Zeremonien wie vor der Mahlzeit dem Gebieter der Kaffee und eine neue Pfeife gebracht. – Der »Herr der Welt« erlaubte jetzt durch seinen Wink den begünstigten Frauen, gleichfalls ihre Nargileh zu nehmen, da die Unterhaltungen des Abends beginnen sollten. – Die Dienerinnen nahten sich ihren Gebieterinnen, und Nursädih, die schwarze Sklavin Mariams, tat dasselbe. Die Gelegenheit benutzte die Odaliske zu einem raschen Gespräch mit ihr. »Ist dein Bruder Jussuf, der Kurier, im Palast?« – »Du sagst es, Herrin.« – »Wohl. Höre meine Worte! Laß ihn sich bereit halten zu einer Reise nach dem Lager des Sirdar! Er soll das schnellste Pferd nehmen, das ihm zu Gebote steht, und nicht rasten unterwegs.« – »Du kennst seine Schnelligkeit, o Khanum. Der Pfeil vom Bogen verfolgt seinen Weg nicht gerader als er.« – »Der Padischah, mein Gebieter, wird mich zu seiner Kadine wählen an diesem gesegneten Abend, sein Auge sagte es mir. Nun merke auf! Zu welcher Stunde der Nacht es auch geschehe, daß ich dich rufe, so sei zur Hand und laß deinen Bruder den Fuß im Bügel halten.« – »Auf mein Haupt komme es.« – – Die Favorit-Sultana klatschte in die Hände, und eine Musik von Zithern und Triangeln erschallte aus dem Unterteil des Gemaches. Mit ihren ersten Takten traten die Almen, Mädchen im Alter von zehn bis vierzehn Jahren, die vor dem Padischah ihre Tänze aufführen sollten, herein. Die Sultana hatte für diesen Abend die jungen Mädchen – Kinder sollten wir sagen – gewählt, die von zartem Alter an im Harem für dessen Zwecke ausgebildet und erzogen werden. – Das Kostüm dieser jungen Geschöpfe war so lüstern und schamlos, wie es eben nur für die Zwecke sinnlicher Aufregung dienen kann. Der obere Teil des Leibes von den Hüften an aufwärts war gänzlich unbekleidet, Arme und Hals waren mit Goldspangen und Perlenschnüren umgeben, und nur die über der Brust gekreuzten Hände verbargen den emporschwellenden jugendlichen Busen. – Der Tanz dauerte wohl eine halbe Stunde, unterdes die Sultana die Blicke häufig auf das Antlitz des Großherrn beobachtend gerichtet hielt. Doch vergebens suchte sie den gewünschten Ausdruck – die Augen des Padischah blieben schlaff auf das gewohnte Schauspiel geheftet; es vermochte nicht, seine Nerven zu erregen, und als jetzt, nach einem Zeichen der Sultana, den Tanz zu enden, die Älteste der Almen näher trat und knieend dem Padischah eine silberne Schale vorhielt, warf er mit derselben Gleichgültigkeit einige Geldmünzen hinein. Mit Wut und Erbitterung nahm die Favoritin wahr, daß dabei der Blick des Sultans immer wieder nach der Stelle sich wandte, wo Mariam auf dem Diwan saß. – Auf ein zweites Zeichen der Sultana ließen jetzt die Eunuchen von der Decke des Unterraums einen straffgezogenen Leinwandvorhang fallen, die Lichter im oberen Teil diesseits des Vorhanges wurden ausgelöscht und die Musik, verstärkt durch mehrere Tambourins und Handtrommeln, eröffnete eine neue Melodie. Es folgte nunmehr in Form eines Schattenspiels eines jener scheußlichen Schauspiele, halb Pantomime, halb Dialog, die in Stambul die Stelle unserer Harlekinaden und Hanswurst-Theater ersetzen. Die Hauptfigur derselben, Karagoïs genannt, ist eine Art komischer Don Juan oder frivoler Hanswurst, der in verschiedene Liebesabenteuer gerät, wobei namentlich Griechen und Griechinnen fungieren. Der Dialog wimmelt, wozu die türkische Sprache leicht Gelegenheit gibt, von den infamsten Zweideutigkeiten, die Aktionen und Szenen sind aber der Art, daß die »Sittlichkeit« der europäischen Bordelle davor erröten würde. Namentlich erpicht sind die Frauen auf diese Schauspiele, und es gibt für dieselben auch besondere öffentliche Theater, in denen sie in Gitterlogen sitzen ... Es hatte wohl eine Stunde gedauert, als der Padischah selbst das Zeichen zur Beendigung des Schauspiels gab. Schauspieler und Vorhang verschwanden, die Kerzen wurden aufs neue angezündet und Kaffee und Zuckerwerk gebracht. Diesmal sah die Sultana ihr Arrangement von einem Erfolg begleitet. Die Stirn des Großherrn zeigte eine leichte Röte, seine Augen hatten sich belebt, und als der Glanz der Lichter das Gemach wieder durchstrahlte, irrten sie über den Reizen seiner Odalisken umher und blieben dann auf Mariam, der Mingrelierin, mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit und Feuer haften, dessen Bedeutung nicht zu verkennen war und den das Mädchen mit gleicher Sehnsucht erwiderte. Der Padischah machte eine Bewegung nach dem Kislar-Aga, zu dessen Vorrechten es gehört, der begünstigten Kadine oder Odaliske die ihr zugedachte Auszeichnung zu verkünden, als die Sultana dem Befehl zuvorkam und sich vor dem Großherrn auf die Knie warf ... »Möge das Licht der Welt,« sagte sie schmeichelnd, »seiner Sklavin noch einige Augenblicke seiner kostbaren Zeit gewähren und seine Augen auf ein Geschenk werfen, das sie für ihn bereit hält.« – »Was ist es, o Khanum? Du weißt, daß ich der Mutter meines Sohnes ihr Recht nicht verweigere,« sagte der Sultan, sich setzend. Die Sultana verneigte sich. Als sie sich erhob, streifte ihr Blick mit dem Vorgefühl des Triumphes über die getäuschte Nebenbuhlerin hin, die mit einiger Beunruhigung auf den unerwarteten Zwischenvorgang sah. Dann klatschte sie zweimal in die Hände, und alsbald öffnete sich der Vorhang der Seitentür nochmals, und von zwei schwarzen Sklavinnen geführt, trat eine ganz in einen weiten Schleier und braunen Feredschi gehüllte weibliche Gestalt ein, die langsam – während ihre Begleiterinnen zurückblieben – die Stufe herauf und bis in die Mitte des Oberteils vorschritt, wo sie sich vor dem Sultan zur Erde verneigte und dann, in ihre Gewänder gehüllt, gleich einer Statue stehen blieb ... Erstaunt schaute der Großherr auf die ungewohnte Erscheinung und dann fragend auf die schlaue Sultana. Diese zögerte – wie um die Neugier zu reizen – einen Augenblick, dann gab sie das zweite Zeichen ... Im Nu flogen die Gewänder und der Schleier zur Seite, und ein reizendes Bild stand vor den Augen des »Herrn der Welt«: es war eine Tänzerin, halb europäisch, halb orientalisch gekleidet, in raffinierter Berechnung auf die Erregung der Sinne, – ein griechisches Mädchen von wunderbarer Schönheit, – Nausikaa, die geraubte Tochter des Räubers und Mörders Janos, des Kameltreibers, die Tochter des blutigen Feindes der Moslems, dessen kühne Tat einst die Greuel von Chios gerächt hatte! Der Leser wird sich erinnern, daß der Musselim von Tschardak das sechzehnjährige Mädchen kurz vor ihrer Hochzeit aus dem Hause ihres abwesenden Vaters mit Gewalt geraubt hatte, um sie seinem Gönner, Mehemed Ali, in Stambul zum Geschenk zu machen, und daß dieser Raub es war, welcher Janos aufs neue zum Krieg gegen die Moslems trieb und ihn zum Schrecken Smyrnas machte. Mehemed, dessen Haus die Schwester des Sultans streng beherrschte, hatte diese reizende Sklavin durch seine Frau der Sultana für den Harem seines Schwagers übergeben lassen, zu dem Zwecke, sich in der Sklavin eine Anhängerin und beim Verblühen der eigenen Reize ein Mittel zu schaffen, auf die Sinne des Sultans zu wirken und seine Neigung in der Gewalt ihrer eigenen Interessen zu behalten. Mit der Raffinerie der Wollust war die junge Tänzerin gekleidet, umhüllend und entblößend – lockend und verheißend! Um das dunkelbraune, fessellos über den Nacken fallende Haar, worin lange Schnüre von kleinen Goldmünzen eingeflochten glänzten, war ein duftender Kranz von Damaszener Rosen geschlungen. Große blaue Augen unter dunklen Brauen und der üppig aufgeworfene Mund predigten Lüsternheit und Sinnenrausch. Die antik schöne Nase und das Oval des Gesichts mit seinem reizenden weiß und roten Teint bildeten ein äußerst liebliches Bild des Kopfes, der auf schlankem Hals und üppig geformter Büste saß, die von einem weit bis zur Herzgrube ausgeschnittenen Mieder von drap d'argent entgegen der legèren orientalischen Sitte zur schlanken Taille eingeschnürt war. Um die breiten, beweglichen Hüften bauschte ein schwarzer, spanischer Seidenrock, kaum bis zum Knie reichend, während aus der Hülle der zahlreichen weiten Unterkleider von weißem Spitzengrund die klassische Form des völlig nackten Beines sich hervorstahl, dessen zierlicher Fuß allein mit fleischfarbenen Seidenschuhen bekleidet war. Ebenso von der Achsel ab, wo sie eine kurze, schwarze Seidendraperie einschloß, entblößt waren die Arme, an den Handgelenken mit breiten, goldenen Bracelets geziert. Ein Strauß frischer Blumen, Rosen und Kamelien schmückte und schloß den Ausschnitt des Busens. Die rechte Hand mit der Castagnette über das reizende Haupt erhoben, die linke stolz auf die breite Hüfte gestemmt, stand die Tänzerin in malerischer Stellung einige Augenblicke vor den erstaunten Augen des Großherrn. Dann erklangen die rauschenden Töne eines spanischen Tanzes, von Flöte und Violinen vorgetragen, die draußen im Vorzimmer postiert waren, durch die Vorhänge der Türen herein dringend, und im kecken Sprunge flog die Alme auf den Padischah zu, den einen Fuß aus der neidischen Hülle üppig graziös den von den unerwarteten Reizen entflammten Augen entgegenwerfend ... Der Padischah war bei dem Ende des Tanzes emporgesprungen; seine sonst so teilnahmlosen Augen flammten mit verzehrendem Blick auf die schöne Erscheinung. Selbst die verachteten Halbmänner an seiner Seite schienen neu ermannte Wesen voll Verlangen und Erregung. – Mit raschem Schritt – vom strahlenden Blicke der Sultana verfolgt – trat er auf die Knieende zu und hob das seidene Schnupftuch, um selbst mit eigener Hand das Amt des Kislar-Aga zu vollziehen und ihr Haupt damit zu bedecken, zum Zeichen, daß die Wahl auf sie gefallen, an diesem Abend sein Lager zu teilen ... Da scholl ein schmerzlich gellender Schrei, wie aus zerrissenem Herzen, grell durch das Gemach und fesselte seine Hand. Auf dem Diwan lag marmorbleich die schöne Gestalt Mariams in Ohnmacht. Während die Frauen sich um die Mingrelierin drängten, stand der Sultan einige Augenblicke stumm und unentschlossen, – sein Blick hatte die Geliebte erkannt, – dann legte er die Hand wie sinnend an die Stirn, die Röte verließ das Antlitz, die leidenschaftliche Glut der sinnlichen Erregung das Auge, und er wandte sich, ohne weiter einen Blick auf sie zu wagen, von der verführerischen neuen Bereicherung seines Harems und trat zu der um Mariam beschäftigten Gruppe, die ihm scheu Platz machte. Es war, als fühle die bleiche Odaliske seine Nähe; denn alsbald öffneten sich ihre Augen, und ihr Blick wandte sich zärtlich und flehend auf den des Sultans, während sie ihm wie Schutz suchend die Arme entgegenstreckte. Der Großherr beugte sich zu ihr, flüsterte ihr einige Worte zu und legte der Errötenden das Tuch auf das bleiche Gesicht. Auf ein Zeichen des Tschannador schlugen sogleich die Silberbecken wieder zusammen, und der Kapu-Agassi umgab mit seinen Verschnittenen alsbald die Glückliche, der sofort ein grüner Feredschi über Gestalt und Kopf geworfen wurde, während der Großherr, in Begleitung des Kislar-Aga und der Pagen, sich nach der Tür wandte, die an der Seitenwand des Oberteils in die Schlafgemächer des Harems führt. Aber hier warf sich ihm die Favoritin, von den beiden anderen Kadinen assistiert, in den Weg, wutblitzenden Auges, die Adern der Stirn vor Zorn geschwollen. »Haif! Schande! Will der Padischah ein Mann sein und tut seinen Frauen die Schmach an, daß er auf das Geschrei einer Kuh von Kreuzträgerin hört? Mashallah! Er ist ein Lügner in seinen eigenen Bart, und ein Weib in seinem Hause nicht besser als dies Tier von einem Halbmann!« wobei sie verächtlich mit der Fläche der rechten Hand sich auf den linken Ellenbogen schlug, das Zeichen der tiefsten Geringschätzung. »Haif! Haif!« schrieen dazu die anderen Weiber, sich um ihre Verfechterin drängend und den Eunuchen die gespreizten Finger in das Gesicht streckend. Der arme Sultan schien dergleichen Pantoffelauftritte gewöhnt, denn ohne ein Wort zu entgegnen, suchte er stillschweigend durch ein Manöver die verbarrikadierte Tür zu gewinnen, während der Kislar-Aga und sein Tschannador sich zwischen die wütende Frau und ihren Herrn warfen. Aber diese Pflichterfüllung sollte ihnen schlecht bekommen, denn die Sultana war eine böse Gegnerin und die Schärfe ihrer Nägel so gut wie die ihrer Zunge, im ganzen Serail bekannt und gefürchtet. »Bah!« schrie die Erbitterte, als der Aga, dessen Gesicht die blutigen Male der bösen Finger zeigte, unwillkürlich nach dem Handjar im Gürtel griff und die Augen grimmig rollte; »was soll das heißen, du ägyptisches Vieh? Meinst du, ich fürchte mich vor einem Manne, der kein Mann ist? Wallah! Der schlechteste Knecht ist besser als du, und ich will dem Grabe deines Vaters antun, was ihm gebührt. Ist dies der Bluttrinker oder ist er deinesgleichen? Für was bin ich seine Bujuk-Khanum, wenn er meine Sklavin verschmäht? Sieh mich an! bin ich ein Nichts? Der Padischah ist eine blinde Kuh, und seine Agas sind Esel!« Die Eunuchen drängten jetzt mit Gewalt die Tobenden zurück, während es dem Sultan gelang, durch die Tür zu entwischen. Mariam war unterdessen von den weißen Eunuchen der Eifersucht der Odalisken entzogen und hinausgeführt worden, um den alten Frauen übergeben zu werden, denen es obliegt, die Schönen für das Lager des Sultans zu bereiten, und die Beamten zogen sich nun eilig zurück, im Stillen über die Schwäche ihres Gebieters grollend. Zur wutkeuchenden Sultana aber, die eben das griechische Mädchen, das ihr nahte, erbittert mit dem Fuße von sich stieß, eilte die Khanum des Sirdars tröstend und beratend herbei. – »Was nun, o Sultana?« – »Fluch über die Christin! Mögen ihre Augen verdorren und meine Torheit mir Unglück bringen, daß ich sie so lange geschont. Unser Plan ist Rauch. – Die hunderttausend Piaster,« setzte sie flüsternd zur Freundin hinzu, »die mir der Gesandte von Frangistan hat versprechen lassen, sind Wind. Ne apalum! Was kann ich tun?« – Die intrigante Gattin des Sirdar sann nach ... »Mashallah!« sagte eine der Kadinen, »ich habe da einen Talisman bei der Moskowitin gefunden, als sie in Schwachheit lag und wir ihr helfen wollten. Was weiß ich? Vielleicht ist es der Zauber, den sie gegen den Padischah anwendet.« – Sie brachte den Pergamentstreif zum Vorschein, den sie im Busen der Unglücklichen gefunden. Die Khanum nahm ihn schnell und überflog die Schrift, da sie die einzige von den Frauen war, die lesen konnte ... »Allah kerim! Gott ist groß!« rief sie. »Wir haben das Verderben der Moskow in dieser unserer Hand. Ich eile zu Fuad-Effendi, er ist ein schlauer Mann und wird uns raten!« Die lebhaft erregte Neugier der Odalisken mußte sich jedoch mit diesen Worten begnügen, denn nach einem kurzen, heimlichen Gespräch mit der Sultana, das diese hoch zu erfreuen schien, verließ die Vertraute hastig den Harem. – – – Kaum zehn Minuten darauf strich ihr Kaïk, von zwei Ruderern getrieben, eilig über die Fluten des Bosporus und nahm seinen Weg stromaufwärts nach Kura-Tschesme, wo das Landhaus des Sirdars liegt. Anstatt aber dort anzuhalten, befahl sie plötzlich den Ruderern, quer über den Bosporus die für die kleineren Kaïks nicht ganz ungefährliche Fahrt zu machen und nach Kandili am asiatischen Ufer sich zu wenden. Hier hielt das Boot am Wassertor einer einfachen, mehr im europäischen Geschmack erbauten Villa, und die Khanum schickte einen der Ruderer in das Haus mit einer Botschaft für dessen Herrn ... Schon nach wenigen Augenblicken erschien derselbe, ein Mann von etwa 30-35 Jahren, großer körperlicher Schönheit und höchst eleganten französischen Manieren. Es war Fuad-Effendi, der junge Staatsmann, in dessen Händen die Leitung der politischen Geschäfte ruhte, und der jetzt zu der Khanum ans Ufer trat, worauf diese das Boot verließ und beide sich abseits eine kurze Zeit besprachen. Dann führte der Effendi die Dame höflich wieder zu ihrem Sitze im Boot zurück. »Sei versichert,« sprach er zum Abschied, »ein Geschäft, das Fuad übernimmt, wird er auch zu Ende führen. Der Ferman soll, beim Propheten! deinen Gatten, den Sirdar, nicht am Übergang über die Donau hindern! Morgen erhältst du Botschaft.« Während der Kaïk der Dame seinen Weg nach dem europäischen Ufer zurücknahm, gab der frühere Minister der Dienerschaft seine Befehle, und ehe zehn Minuten vergingen, fuhr er in einem vierrudrigen Boot mit der Schnelligkeit eines Dampfers durch das Dunkel der Nacht auf Stambul zu. – – – In einer Laube des an der Verlängerung der Parastraße auf dem Wege zum großen Campo, zwischen Häusern und Mauern versteckten und ziemlich europäisch eingerichteten Konzertgartens, der von den Europäern Peras und Galatas gern besucht wird, saßen, dem Vortrag der Ouvertüre der Lucia lauschend, drei Männer, in deren einem wir Doktor Welland wiederfinden. Der zweite war eine große, aristokratische Gestalt von den Manieren eines Weltmannes, etwas Aventürier und gaskognierend, aber interessant und überaus gewandt, der seinerzeit in zwei Weltteilen und in den verschiedensten Verhältnissen vielbekannte Baron Oelsner von Montmarquet. Ein ganzes Kollier von Orden an seinem Frack unterstützte den etwas zweifelhaften Titel. Der Dritte schien ein Italiener, obschon er in der Unterhaltung geläufig deutsch sprach, ein herausforderndes, etwas unverschämtes Gesicht, seit vier bis fünf Jahren in Pera als Bankier und Geschäftsmann ansässig und überall zu finden. Eine breite Narbe an der linken Schläfe zeichnete das Antlitz aus. Mit beiden Personen war der Doktor durch Briefe, die er an sie überbracht, bekannt geworden und in häufigem Verkehr, da sein Leben in Konstantinopel bisher ziemlich langweilig und beschäftigungslos gewesen war: eine Muße, die er zum Studium der zahlreichen historischen Merkwürdigkeiten, der türkischen Sprache und der türkischen Sitten benutzte. Er hatte sich zum Eintritt als Arzt bei der Armee in Bulgarien im Seraskiat gemeldet, doch durch allerlei Verzögerungen seine Anstellung bis jetzt hingehalten gesehen. Das Treiben des Barons war für den Deutschen ziemlich rätselhaft; mit allen Parteien in Konstantinopel schien er auf gleichem Fuße zu verkehren und von allen Vorgängen und Intriguen die genaueste Kenntnis zu haben. Die bedeutenden Geldmittel, über die er offenbar disponierte, vermehrten seinen Einfluß, und selbst Welland hatte sich ihm nicht ganz zu entziehen vermocht, denn, nachdem er den Baron von einem jener leichten Übel durch seinen ärztlichen Rat befreit hatte, die häufig im Orient sich einstellen und nur durch Vernachlässigung gefährlich werden, hatte der Genesende ihn mit seinen Aufträgen überhäuft und war sichtbar bemüht, ihn an sich zu fesseln. Paduani, der dritte, gehörte als Lombarde zur liberalen Partei und zeigte seine Gesinnung mit einer gewissen Ostentation, die namentlich gegen Österreich Partei nahm. Dabei verkehrte er viel mit den Führern der Flüchtlinge und Emigrierten, die jetzt von jeder Nation Konstantinopel zu überfüllen und einen ähnlichen Übermut an den Tag zu legen begannen, wie dies im Frühjahr und Sommer der Fall gewesen war. Offenbar trug dazu der Bruch des russischen und das Sinken des österreichischen Einflusses bei, während der französische und englische Schutz jetzt allgewaltig waren. Dennoch hatte Welland bald die Beobachtung gemacht, daß man dem Italiener nicht recht zu trauen schien. Da er jedoch mit den Personalverhältnissen in Konstantinopel sehr vertraut war, hielt sich der Deutsche, der erhaltenen Instruktion gemäß, in Verbindung mit ihm. Das Gespräch drehte sich, wie jetzt überall der Fall, im Kreise der großen Tagesfragen. Die Kriegserklärung war am 26. September im großen Rat der Pforte, aus 172 Mitgliedern bestehend, beschlossen worden. Kaiser Nikolaus hatte mit dem österreichischen Kaiser vom 26. bis 28. eine Zusammenkunft im Lager von Olmütz gehabt, aus der unter Ägide des österreichischen Premiers ein neues Notenprojekt hervorgegangen war, das das Wiener Kabinett in Paris, London und Wien wohl befürwortete, doch erwies sich die Zeit den Ausgleichungsvorschlägen keineswegs mehr günstig, und die Forderungen und Gegenforderungen verwickelten sich immer mehr. Während die drei Monarchen der heiligen Allianz am 3. Oktober noch eine Zusammenkunft in Warschau hielten, erließ der Sultan, von allen Seiten gedrängt, am 4. Oktober ein Manifest an sein Land mit der Kriegserklärung gegen Rußland, und Omer-Pascha richtete auf den Befehl der Regierung unterm 6. die Aufforderung an den Fürsten Gortschakoff, den Oberbefehlshaber der russischen Besatzungstruppen, die Fürstentümer bis zum fünfzehnten Tage zu räumen, widrigenfalls die Feindseligkeiten eröffnet werden würden. Der Fürst erwiderte in sehr gemäßigter Weise, daß er keine Vollmacht habe, Krieg zu führen, Frieden zu schließen oder die Donaufürstentümer zu räumen. Während noch immer Friedensvorschläge sich von Konstantinopel, Wien, Paris und London her kreuzten, machte Kaiser Nikolaus noch einen persönlichen Versuch, die deutschen Kabinette für seine Interessen zu gewinnen, und traf zu diesem Ende am 3. Oktober in Sanssouci ein, seinen erlauchten Gast und Schwager, den König von Preußen, dorthin zurückbegleitend. Es war das letztemal, daß der mächtige Kaiser die fremde liebliche Stätte sah, von der er einst die Mutter seiner Kinder geholt hatte. Schon in der Nacht zum 10. trat er wieder die Rückreise nach Petersburg an. Unter dem vielen, was das preußische Volk König Friedrich Wilhelm IV. schuldet, sind gewiß jene Tage in Sanssouci nicht das Kleinste. Dem Freunde, dem Schwager, den historischen Erinnerungen und dem eigenen Herzen gegenüber blieb der König fest bei seinem Entschluß, sein Volk fern zu halten von dem sich bereitenden Kampfe, dessen Veranlassung er für keine gerechte hielt, so lange nicht die unumgängliche Notwendigkeit ihm das Schwert in die Hand drängen würde. Bereits am 17. hatten die Türken eine Insel auf der Donau zwischen Kalafat und Widdin besetzt, doch war noch keine Feindseligkeit erfolgt. Omer Pascha rechnete den 24. als den Ablauf der dem Fürsten Gortschakoff gesetzten Frist. Am 29. beriefen die Gesandten Stratford und de Latour die Flotten nach Konstantinopel. In diesem letzten Augenblick machte der österreichische Gesandte, Baron von Bruck, noch einen Versuch und drang auf Aufschub der Feindseligkeiten. Für Rußland wäre derselbe von großer Wichtigkeit gewesen, da bei der verhältnismäßig geringen Zahl des Besatzungsheeres in den Fürstentümern wichtige strategische Operationen und Vorbereitungen noch im Rückstand waren. Während Welland mit Paduani über die am Tage vorher bei dem englischen Gesandten stattgefundene Konferenz der Vertreter der vier Großmächte sich unterhielt, hörte Baron Oelsner, offenbar zerstreut und mit wichtigen anderen Gedanken beschäftigt, der Unterhaltung zu und blickte häufig nach dem Eingange des Gartens. Auch Paduani schien verstimmt und nachdenklich und lenkte mehrmals das Gespräch auf Vorbedeutungen und Ahnungen ... »Es ist heute ein Tag unangenehmer Erinnerungen für mich,« sagte er endlich, »und ich habe mich seit dem frühen Morgen mit einer seltsamen Unruhe getragen. Glauben Sie an Ahnungen, Doktor?« – »Im allgemeinen nicht, – in einzelnen Fällen: ja! Der Dänenprinz hat recht, wenn er sagt: Es ist vieles zwischen Himmel und Erde, was wir nicht begreifen können! – Überdies leben wir ja im Lande der Vorbestimmung und dürfen also an einer Ahnung derselben nicht zweifeln.« – »Ohne Winkelzüge – sagt Ihnen Ihre Erfahrung ja oder nein?« – Der Arzt sann einige Augenblicke nach. »Zwei Erinnerungen aus meinem Leben sind es, welche mir jene unerklärlichen und doch unleugbaren Fäden nahe gebracht haben, durch welche der Mensch mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen scheint. Ich erzähle sie Ihnen ein andermal.« – »Nein, jetzt, ich bitte Sie. Sie möchten sonst keine Zeit mehr dazu haben!« – Welland schaute den Italiener bei den seltsamen Worten aufmerksam an; das Gesicht desselben hatte eine aschbleiche Farbe angenommen, er befand sich offenbar in der größten Aufregung, der er mit aller Mühe Herr zu werden suchte. Der Arzt schüttelte den Kopf, doch folgte er seinem Wunsche ... – »Ich war,« erzählte er, »ein junger Mensch von 16 Jahren und in Breslau auf der Schule. Meine Eltern hatten mich bei einem Gelehrten in Pension gegeben, der in einem früheren Kloster an der Oder wohnte. Die älteste Tochter der Familie, Amalie, war eine Blondine mit herrlichen Locken, so schön, wie ich sie nie wieder im Leben gesehen, ein Madonnengesicht, die Stirn von breiten Goldflechten gleich einem Diadem eingefaßt, das erste und einzige Weib, in das ich wahrhaft verliebt gewesen bin, trotzdem das Mädchen mehrere Jahre älter war als ich und den Gram einer unglücklichen Liebe im Herzen trug. Ein junger, interessanter Maler war von ihr durch die Eltern getrennt worden und bald darauf in rätselhafter Weise verschwunden – man glaubte an einen Selbstmord, – später erwies sich, daß er im Duell gefallen und von den Sekundanten in die Oder geworfen worden war. Ein einziges Andenken war dem Mädchen aus dieser Zeit geblieben: ihr eigenes, von dem Geliebten entworfenes, aber nicht ausgeführtes Porträt, von dem auffallenderweise nur der Kranz der goldenen Haare vollendet war, während das Gesicht noch in der Skizzierung der ersten Anlage verschwamm. – Ich war etwa ein Jahr im Hause gewesen, als Amalie plötzlich an einer nervösen Krankheit starb – ich fand sie bei meiner Rückkehr von den Ferien als Leiche im Sarg und war untröstlich. Am Abend vor dem Begräbnis, als ich sie noch einmal besuchte, schnitt ich ihr, um dieselbe zum Andenken zu bewahren, eine der breiten Flechten ihres schönen Haares ab. Es war Mitternacht, als ich ruhelos bei einem Buch in meinem Zimmer, einer ehemaligen Klosterzelle, saß; hinter mir hing das vorhin beschriebene Bild an der Wand. Zufällig blickte ich vom Buch auf und in den großen Spiegel mir gegenüber. Da sah ich das Porträt sich darin spiegeln, aber – schrecklich! in veränderter Form: das klar ausgeprägte, blasse Leichengesicht, wie ich es eben verlassen, dagegen mit kahlem, aller Haare beraubtem Scheitel! Ich hatte die Kraft, mich langsam umzuwenden nach dem Bild an der Wand, und – dasselbe Totengesicht ohne den Lockenschmuck starrte mich an. Mein Haar sträubte sich; ich glaubte, eine Mahnung der Toten zu sehen, daß ich einen frevelhaften Raub an ihr begangen; denn selbst ihrem Geliebten hatte sie stets die Gabe ihrer Haare verweigert, auf die sie auffallend hielt. Ohne das Auge von der schrecklichen Erscheinung abwenden zu können, taumelte ich rückwärts zur Tür meines Zimmers und öffnete sie; – drüben über dem Gang hörte ich das Mädchen noch hantieren und rief dasselbe. Sie kam mit Licht, – ich bat sie, noch einmal mit mir zur Leiche zu gehen und – legte still die Flechte wieder in den Sarg, wohin sie gehörte. – Sie sehen,« sagte der Doktor nach einer kleinen Pause, »wohin die aufgereizte Phantasie führen kann.« Der Baron war während der Erzählung aufgestanden und nach dem Eingang des Gartens zu gegangen, wo er mit einem eben Eingetretenen eifrig sprach, der die Kleidung eines jüdischen Handelsmannes trug. Paduani hatte aufmerksam zugehört, doch schien ihn die Erzählung nicht zu befriedigen. »Und die andere Geschichte, Doktor, die andere?« – »Der zweite Fall, ich muß es gestehen, ist mir selbst unerklärlicher Natur, und beweist mir, allen Zweifeln gegenüber, die Gabe des zweiten Gesichts bei gewissen Personen. Während meiner Studienzeit besuchte ich von Berlin aus Verwandte in Stendal. Eines Abends waren wir in Gesellschaft und man erwähnte einer Dame, die erwartet wurde und die ich noch nie gesehen, da sie sich fast von allem Umgang zurückgezogen hatte und nur einer nicht auszuschlagenden Einladung diesmal gefolgt war. Es schien mit ihrer Person ein gewisses Geheimnis verknüpft, obschon niemand recht mit der Sprache heraus wollte, die meisten aber die Sache verspotteten. Endlich erschien die Dame, eine Frau, bereits im mittleren Alter, wahrscheinlich noch heute lebend, von blassem, feinem Aussehen, ohne alles Auffallende, und die Gesellschaft nahm ihren gewöhnlichen Gang. Plötzlich, mein Auge war gerade auf sie gerichtet, sah ich die Dame unruhig und ängstlich werden. Sie versuchte offenbar, dies Gefühl mit Gewalt zu unterdrücken, doch schien es ihr nicht möglich, denn sie entfernte sich bald darauf in ein Nebenzimmer und ließ von hier aus um Hut und Mantel bitten. Ich war gerade in dem Zimmer anwesend, als Wirt und Wirtin in die Dame, eine Verwandte von ihnen, drangen, zu bleiben, oder ihnen wenigstens den Grund ihres raschen Weggehens zu sagen. Lange weigerte sie sich, endlich sagte sie zitternd und höchst aufgeregt: »Sie kennen das unglückliche Geschenk, mit dem mich leider die Vorsehung ausgezeichnet und das mir schon so vielen Kummer und so viele Unannehmlichkeiten bereitet hat, daß ich mich lieber aus allen Kreisen zurückgezogen habe. Während ich vorhin unter den Fröhlichen saß, überfiel mich wieder diese schreckliche Gabe des doppelten Gesichts, und ich sah ein Mitglied der Gesellschaft als Leiche vor mir auf dem Tisch liegen!« – Der Wirt des Hauses, etwas ungläubiger Natur und auch erst seit kurzem im Ort, suchte ihr die Grille auszureden und lachte dazu, als die Dame ihm auf sein Drängen endlich einen Herrn, einen lebenskräftigen, kerngesunden Hagestolzen von einigen vierzig Jahren, als denjenigen bezeichnete, den sie als Leiche gesehen. Die Dame aber war nicht zu bewegen, wieder zur Gesellschaft zurückzukehren, und ich bat daher um Erlaubnis, sie nach Hause führen zu dürfen. Unterwegs suchte ich sie mit gleichgültigen Gesprächen zu zerstreuen, doch sie blieb still und traurig und nahm an der Haustür unter Tränen von mir Abschied.« – »Sie werden leider erfahren, mein Herr,« sagte sie, »daß ich mich nie täusche. Die traurige Erfahrung hat es mich schon zu oft gelehrt.« – »Als ich in die Gesellschaft zurückkehrte, fand ich, daß der Wirt nicht still geschwiegen, sondern von der Prophezeiung gesprochen hatte, und daß man sich allgemein bemühte, darüber zu lachen. Vor allem war das bezeichnete Opfer der ungläubigste und heiterste. Man spielte ein Pfänderspiel, und wirklich war bald in der allgemeinen Lust der unangenehme Auftritt vergessen. Da – nach ungefähr zwei Stunden, während ich eben wieder im Nebenzimmer plauderte, hörte ich plötzlich einen lauten Hilferuf, Gekreisch und Geschrei. Alles stürzte herbei, – der Herr, den die Seherin bezeichnet, hatte frisch und gesund noch einen Augenblick vorher auf seinem Stuhl gesessen und sich nach der Gewohnheit vieler dabei auf den Rückbeinen desselben hin und her gewiegt, als er plötzlich das Gleichgewicht verlor und mit dem Stuhl hinten überschlug. Man legte eben in der ersten Angst den Körper auf den nämlichen Tisch, den die Dame bezeichnet: – er hatte im Zimmer den Hals gebrochen und war eine Leiche, ehe man ihn aufhob.« »Ei, Doktor, was erzählen Sie da für Schauergeschichten,« sagte lachend Baron Oelsner, der wieder hinzugetreten war; »ich glaube wahrhaftig, Herr Paduani läßt seine italienische Phantasie davon in Schrecken setzen. Doch kommen Sie einen Augenblick, Freund, ich möchte Sie um eine kleine medizinische Auskunft bitten.« – Er nahm den Arm des Doktors und führte ihn, offenbar sehr aufgeräumt durch die empfangene Nachricht, in einem Spaziergang durch den Garten. – »Sie haben bereits von der infamen Sitte in diesem Lande gehört,« sagte er nach einem kurzen Bedenken, »den Lebenskeim im Mutterschoß zu töten. Dies geschieht nicht bloß durch fremde Bosheit. Ist es möglich, in einem solchen Falle den Folgen des Verbrechens zu begegnen, sie aufzuheben und das Opfer wieder zur erhabenen Bestimmung des Weibes zu befähigen?« – »Die Angaben sind sehr allgemein,« sagte ernst der Arzt; »zunächst müßte man wissen, welche höllischen Mittel hier angewendet sind. Es würde nötig sein, die Kranke zu sehen.« – »Das geht nicht,« antwortete der Baron barsch; »auch ist hier von keiner Kranken die Rede. Ich frage Sie bloß, ob es in dieser Beziehung Gegengifte gibt? Im Ort, müssen Sie wissen, ist man Meister in der Giftmischerei, und unsere Haremsdamen könnten den Borgias etwas zu raten aufgeben.« – »Die Natur ist unerschöpflich, Herr Baron,« sagte Welland, etwas verletzt von dem ungewohnten Ton, »und sie reproduziert ewig in ihren geheimnisvollen Werkstätten, deren wunderbarste der menschliche Körper ist. Die Erfahrung lehrt, daß selbst jene Unglücklichen, die in den Höhlen des Lasters sich feilbieten und bei denen jeder Keim der Mutterkraft längst erstickt scheint, bei geordnetem Leben mit der Zeit dieselbe wiedergewinnen. Ich glaube, daß die Zeit allein heilen kann, – ein Gegengift aber ist nicht möglich, wenn man das Gift selbst nicht kennt. Ich würde mich nicht entschließen, ein solches zu geben, wenn ich nicht mindestens vorher die Person gesehen.« – »Das ist nicht möglich, ich wiederhole es.« Die Stirn des Barons faltete sich mißmutig. »Man muß sie aufgeben und auf andere Mittel denken,« murmelte er und reichte dem Arzte die Hand. »Leben Sie wohl, Doktor; ich habe eine Nachricht bekommen, die mir noch einige Geschäfte auflegt. Ich hoffe, wir sehen uns morgen. Bringen Sie den Italiener nach Hause, der Mann hat heute ein seltsames Wesen an sich.« – Damit schied er. Als Welland zu der einsamen Laube zurückkehrte, fand er den Bankier, mit starren Blicken vor sich hin in die Luft stierend, zuweilen mit der Hand wieder die Augen bedeckend, als wolle er einer äußeren Erscheinung entfliehen ... »Sie hatten recht, Doktor, mit ihrer ersten Geschichte,« sagte er fröstelnd; »alle diese Bilder sind nur ein Spiel der aufgeregten Phantasie. – Und doch sehe ich ihn in diesem Augenblicke so deutlich vor mir stehen, – schauen Sie,« er wies in die leere Luft, »mit dem ausgelaufenen Auge, wo die Kugel in den Schädel gedrungen ist, und von zwei blutigen Wunden in der Brust, gerade wie sie ihn aus dem Glacis ins Schauspielhaus gebracht haben!« – Er bedeckte schaudernd wieder die Augen mit der Hand. – »Wen sehen Sie denn dort?« fragte forschend der Arzt. – »Wen? – wen anders, als den Kapitano Blum, den deutschen Revolutionsmann, von dem sie törichterweise sagen, daß ich ihn im Gefängnis verraten hätte. Die Narren! Als ob ich damals in Wien gewesen wäre. Ich heiße doch Paduani und nicht ...« – Er ermannte sich ... – »Ich rede irre, Doktor; ich glaube, ich bekomme ein Fieber, und werde Sie morgen um Ihren Rat bitten müssen.« – »Wollen Sie nicht lieber nach Hause gehen? Ich werde Sie begleiten.« – »Nein, Signor, lassen Sie uns in frischer Luft bleiben! ich fühle, mir wird schon besser; es war ein böser Anfall, dem ich manchmal unterworfen bin, und ich menge da tolles Zeug zusammen; achten Sie nicht darauf!« In der Tat schien er sich zum Erstaunen des Arztes auch wieder ganz zu erholen, erwähnte mit keiner Silbe mehr den wüsten Gedanken und nahm das frühere Gespräch über die politischen Ereignisse wieder auf. Nur schien er den Heimweg so lange wie möglich zu verzögern, und Mitternacht war bereits nahe und der Garten längst menschenleer, als sie auf Wellands Erklärung, daß er nun die Ruhe suchen wolle, sich auf den Weg machten. Beide trugen die in Konstantinopel nach Eintritt der Dunkelheit vorgeschriebene kleine Papierlaterne, da eine öffentliche Beleuchtung nicht existiert, und scheuchten auf ihrem, bis in die Nähe des englischen Gesandtschaftshotels zusammenführenden Wege häufig jene eigentümlichen Straßenbewohner, die zahllosen Hunde, auf, die auf allen Straßen Konstantinopels bei Tage und bei Nacht ihr Lager halten und die Sanitäts- und Reinigungspolizei der türkischen Hauptstadt bilden. Paduani war jetzt ganz verändert und spottete selbst über seine frühere Erregung ... »Wissen Sie,« sagte er lachend zu Welland, während sie an dem Kreuzwege standen, der sie trennte, »was vorhin mir den tollen Spuk durch den Kopf jagte? Eine dumme Prophezeiung! Als ich heute morgen eines Geschäfts wegen in St. Demetri war, begegnete mir auf dem Campo eine alte bulgarische Zigeunerin und bettelte mich an. Ich hatte zufällig keine kleine Münze bei mir und wies sie etwas barsch ab. Da hob sie drohend ihre Krücke und schrie mir nach, Azraël, der Engel des Todes, wie die Moslems sagen, halte bereits seine Fittige über mir, und ehe der Tag um sei, werde ich niemand mehr eine Gabe reichen. Der Tag ist vorbei und – auf Wiedersehen morgen!« Er reichte ihm die Hand und bog trällernd in die Seitenstraße, in der sich sein Haus befand. Welland, der in einer Pension an der Perastraße seine Wohnung aufgeschlagen hatte, setzte seinen Weg ruhig fort, doch war er noch keine zweihundert Schritt gegangen, als er plötzlich einen entfernten Hilferuf zu hören glaubte. Er hielt inne, – ein zweiter Ruf erscholl und ließ ihm über die Richtung keinen Zweifel; er kam aus der Gegend, in der Paduanis Wohnung lag. Eilig – im Laufe die lästige Laterne von sich werfend – flog er zurück und rief nach der nicht entfernt einquartierten türkischen Scharwache. Am Eingang der Gasse, die zu Paduanis Wohnung führte und die er im Fluge erreicht hatte, kamen ihm im vollen Rennen zwei dunkle Gestalten entgegen. Er rief ihnen sein Halt zu, doch achtlos sprang der erste an ihm vorüber, dem zweiten warf er sich in den Weg und hielt ihn mit beiden Armen fest. – » Diavolo !« fluchte eine wilde Stimme, und eine riesige Kraft warf ihn zu Boden. Dennoch hielt er fest und klammerte sich, laut nach Hilfe rufend, an den Fremden. Die Klinge eines Dolches blitzte im Mondlicht hoch geschwungen über ihm, und ehe er selbst zu einer Waffe greifen konnte, glaubte er sie niederfahren zu sehen auf seine unbeschützte Brust – da warf sich ein dunkler Körper zwischen ihn und die morddrohende Faust, eine Hand faßte dieselbe und rang mit ihr um die Waffe, während eine jugendliche Stimme neben ihm den Hilferuf schreiend wiederholte. Der Mörder, eine kräftige Gestalt, riß den Arm los, stieß den unbekannten Helfer zur Seite und sprang an der Gruppe der herbeikommenden Scharwache vorüber, deren schwere, eisenbeschlagene Stöcke auf dem Steinpflaster rasselten. Ein Pistolenschuß knallte hinter ihm drein, aber die Kugel schlug neben ihm in die Häuserwand, und er setzte unbehindert seine Flucht fort, alsbald in den Quergäßchen, die nach Tophana hinunter führen, verschwindend. Unterdeß richtete der fremde Retter den Deutschen empor, – die Laternen der herbeieilenden Wache erhellten die Szene ... »Gregor!« – »Welland?!« – Vor ihm stand Caraiskakis mit dem Knaben Mauro, die so seltsam der Zufall zu seinen Rettern gemacht hatte. Ein nahes Stöhnen und Wimmern verhinderte jedoch alle Fragen und Erörterungen, alle eilten die Straße hinauf und vor Paduanis Tür – den Schlüssel zum Öffnen in der Hand – auf der eigenen Schwelle im Todeskampfe sich windend, fanden sie den blutigen Körper des Italieners, von fünf Dolchstichen durchbohrt. Der Mord Paduanis ist historisch, wie – wir wiederholen es – fast alle Szenen dieses Romans wenigstens ihre historische Basis haben. – – Es war spät in der Nacht, als Welland mit den wiedergefundenen Freunden das Haus des Ermordeten verließ, nachdem alle Bemühungen zu dessen Rettung sich als vergeblich gezeigt hatten. Wenn man von der Perastraße am russischen Gesandtschaftshotel vorüber den Weg nach Tophana zur Moschee Kilidsch-Ali-Pascha und zur Kanonengießerei treppenartig hinuntersteigt, findet man rechts nach den belebten Teilen von Galata hin eine Menge wirrer, einsamer Quergäßchen, darunter den berüchtigtsten Schlupfwinkel aller Räuber und Mörder von ganz Konstantinopel, das Maltesergäßchen, das Hauptquartier des Auswurfs aller Nationen, der hier ungestört und sicher sein Wesen treibt; denn nach Dunkelwerden wagt sich kein ehrlicher Mensch mehr in diese Umgebung, und die türkische Polizei hält höchstens einmal, wenn der Gesandte einer großen Macht wegen vorgefallener Räubereien oder Mordtaten an Untertanen derselben Lärm erhebt, eine Razzia, die gewöhnlich zu nichts führt, als daß ein paar Wichte um einen Kopf kürzer gemacht werden. In einen leichten Mantel gehüllt, schritt eine mittelgroße, schlanke Männergestalt in den Eingang dieser verrufenen Gasse; etwa dreißig Schritte hinter ihr folgten zwei Kaikschiks, kräftige Gestalten, die Faust am Kolben der Pistolen, den Handjar im Gürtel. Der kecke Fremde war noch keine drei Häuser weit in der Gasse vorgeschritten, als rechts und links zwei Männer auf ihn lossprangen und ihn an den Armen faßten. Blanke Messer blitzten im Sternenlicht, rauhbärtige, wilde Gesichter starrten ihn grimmig an ... »Dein Geld her, Bursche, oder wir machen dich kalt!« – »Es ist ein Türke,« sagte prüfend der zweite. »Soll ich ihn zwischen die Rippen stoßen, – Der Fremde wickelte ohne ein Zeichen von Furcht unbefangen die Hand aus den Falten des Mantels ... »Mashallah – nicht so laut, Freunde, meine Begleiter da hinten möchten euch hören und unrecht verstehen. Die Teufelskerle schneiden einen Kopf ab, ehe ihr Guten Abend sagen könnt. Auch liebe ich es, daß man mir drei Schritt vom Leibe bleibt, die Kleinigkeit da ist nicht angenehm in zu großer Nähe.« Unter dem Mantel hervor blitzte ein sechsläufiger Revolver; zugleich nahten die Schritte der beiden türkischen Diener, und das Waffenarsenal in ihren Gürteln klang verdächtig zusammen. Verdutzt und mit einer Art von Respekt fuhren die beiden Räuber zurück in das Dunkel der Häuserschatten ... »Ah, bon , so lieb' ich's,« sagte der kleine Moslem; »das ist eine respektvolle Entfernung. Aber lauft nicht fort, Kerls, ich habe mit euch zu reden, und ihr sollt euer Goldstück diesmal ehrlicher verdienen, als gewöhnlich. Wo ist die Pension des Griechen Palurgos?« – »Wir wissen nicht, wer Ihr seid,« sagte nach einer Pause die rohe Stimme eines der Banditen, »und ob man Euch, ohne Verrat zu begehen, antworten darf. Gebt erst ein Losungszeichen.« – » Bestia ! – wenn ich einer deiner Kollegen wäre, würde ich nicht so lange mit dir die Zeit vertrödeln! Kennt ihr einen Signor Tomaso, den Magyaren?« – »Gewiß!« – »Wohl! Den muß ich sprechen, ich habe Geschäfte für ihn, und wenn ich ihn recht kenne, wird er's euch schwerlich danken, daß ihr mich hier unnütz aufhaltet. Bismillah! Tummelt euch, oder ich suche den Weg allein.« Die beiden Griechen krauten sich verlegen in den Haaren – das moralische Übergewicht des Fremden hatte sie besiegt. – »Nun wohl, Effendi, auf Eure Gefahr!« Sie gingen vor ihm her eine kurze Strecke, dann bogen sie in einen der kaum zwei Ellen breiten Durchgänge und blieben an einer Mauer stehen ... »Aber Ihr müßt allein kommen, Eure Sklaven dürfen nicht mit.« – »Wohl. Sie bleiben hier, doch einer von euch bei ihnen, teils um sie vor unnützem Angriff zu bewahren, teils als Bürgschaft für mich. Euer Lohn wird doppelt werden, wenn ich unbelästigt zurückkehre.« Die Banditen besprachen sich einige Augenblicke, dann willigte der eine in den Vorschlag, und der Osmanli sagte seinen beiden stummen Begleitern einige Worte auf Arabisch, worauf er seinem Führer andeutete, voran zu gehen. Der Bandit klopfte viermal in eigentümlicher Weise mit dem Griff seines Dolches an die verschlossene Tür, worauf diese sich öffnete und beide in den Hof traten. Im matten Schein einer Laterne bemerkte der Fremde; daß ein griechischer Knabe die Pforte geöffnet hatte und hinter ihnen sorgsam wieder schloß; er hatte jedoch keine Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn sein Führer schritt voran nach dem Hause, aus dem ein wüster Lärm ihm entgegenscholl, und öffnete die Tür, die sofort in ein großes Gemach führte. Die Szene, die sich hier den Blicken des kühnen Orientalen bot, war eine Orgie der schrecklichsten Art. Rings umher auf schmutzigen breiten Diwans lag und saß eine Gesellschaft, die würdig gewesen wäre, die Hölle auszustaffieren: Schwarze und Weiße, Renegaten, Malteser, Griechen, Italiener, in dem buntesten reichen oder zerlumpten Kostüm, – Alle bewaffnet, teils spielend mit schmutzigen Karten, das blanke Messer gleich neben sich an den Boden geheftet, oder das Mora haltend, – teils schräg dahingestreckt, Kaffee oder Branntwein und andere hitzige Getränke schlürfend, plaudernd, schwörend, Zoten reißend mit zwei jüdischen Mädchen, dem Auswurf der eklen Höhle. Dazwischen fuhr der griechische Wirt umher, mit Hilfe eines größeren Knaben die lärmenden Wünsche seiner Kunden befriedigend. Die einzelnen Gruppen zu mustern blieb dem Effendi keine Zeit, denn die meisten Insassen des Gemachs fuhren empor, als sie einen in europäischer Weise gut gekleideten Türken eintreten sahen, der ihnen allen fremd war; einige Worte des Führers beruhigten sie jedoch und sie setzten achtlos die unterbrochene Beschäftigung fort. »Signor Tommaso, ist er zu sprechen?« – Der Kaffeewirt wies diensteifrig auf eine Stiege, die nach dem oberen Gemach führte ... »Wollen Eccellenza belieben, hier hinauf zu spazieren? Der General ist in seinem Zimmer.« Der Moslem stieg die Treppe hinauf, öffnete am Ende derselben eine Tür und trat in das Gemach. Zwei Personen saßen darin, in Wolken von Tabaksdampf eingehüllt, ein etwa fünfzigjähriger Mann von mittelhohem Wuchs und militärischer Haltung, häufig den ergrauenden, langen Schnurrbart von ungarischer Form streichend. Den magyarischen Typus zeigte auch das Gesicht, die gebogene, schmale Nase, die breiten Stirnknochen und das scharfe, blitzende Auge, in dem etwas Finsteres, Herrisches lag. Der zweite war ein jüngerer Mann in eleganter französischer Kleidung, mit Papieren und Briefschaften eifrig beschäftigt. – » Mon Dieu – der Minister!« – »Ah Sie, Herr Dechambeau,« sagte Fuad – denn dieser war der Eintretende – mit leichtem Spott zu dem aufspringenden jungen Manne, »lassen Sie sich nicht stören in Ihrer Erholung von den anstrengenden Arbeiten der Redaktion. Sie haben ja gestern einen vorzüglichen Artikel im Spectateur geliefert. Ich kam bloß, um meinen Freund, den General, zu besuchen, der auch so stark beschäftigt scheint, daß er für seine alten Bekannten keine Zeit mehr übrig hat. Wenigstens ist er seit länger als einem Monat nicht bei mir gewesen, und ich kann doch nicht glauben, daß meine gegenwärtige Entfernung aus dem Diwan die Ursache sein sollte.« Der Militär hatte sich erhoben und dem Ankommenden die Hand gereicht. »Das wissen Sie besser, Hoheit . Sie haben mich damals in der Walachei vom Strick gerettet, der mir sicher bei den Österreichern geworden wäre, und dergleichen vergißt man ohne Not nicht, wenn man auch Revolutionär von Profession ist. Ich hätte jedoch sicher morgen oder übermorgen Ihnen meinen Besuch gemacht, da ich, aufrichtig gestanden, Ihres Einflusses für einige Anstellungen von Schützlingen in der Donau-Armee bedarf.« – »Er steht Ihnen zu Diensten, General,« sagte der frühere Minister höflich. »Sie wissen, wir müssen nur die Form wahren, da wir in der Flüchtlingsfrage gegen den Wiener Hof Verpflichtungen eingegangen ist und uns trotz der englischen und französischen Zusicherungen Österreich nicht auf den Hals laden mögen. Übrigens komme ich auch nicht ohne Absicht in diese abscheuliche Mördergrube, wohin Sie sich einmal, inkognito einquartiert haben. Ich –« sagte er mit einem leichten Zögern, »bedarf Ihrer Hilfe zu einem geheimen und schleunigen Dienst.« – »Genieren Sie sich nicht, Hoheit, – Herr Dechambeau ist mit meinen Angelegenheiten vollkommen vertraut.« – »Also zur Sache,« sagte der Moslem, der sich auf dem Diwan niedergelassen. »Sie haben wahrscheinlich gehört, daß gestern von der Pforte der Aufschub der Feindseligkeiten beschlossen worden ist. Der Befehl dazu wird spätestens morgen früh nach Schumla und Rustschuk abgehen.« Der General sah ihn aufmerksam und fragend an ... »Der Tatar mit dem Ferman darf nicht ankommen, mindestens nicht vor dem 25sten. Der Sirdar hat seine Instruktionen, und die Eröffnung der Feindseligkeiten darf unter keinen Umständen verhindert werden.« – »Ich verstehe, aber wie soll ich das hindern?« – »Sie haben geeignete Leute genug zur Disposition. Ein paar müssen den Tataren aufhalten und ihm Ferman und Paß mit Gewalt abnehmen. Inshallah, was kommt es auf ein Tier an, wo so viel auf dem Spiele steht! Hier ist Gold, fünfzig Ghazis für den Mann, ebensoviel erhält er, wenn er den Ferman bringt.« – »Aber wird die Sache nicht viel Aufsehen machen?« »Die Ordre soll auch keineswegs unterschlagen werden, schon um der Einmischung der Gesandten willen nicht, sie soll nur zu spät kommen. Am zweiten Morgen sendet man dann einen andern vertrauten Boten mit Ferman und Paß an Stelle des Beseitigten ab. Haben Sie die passenden Männer zur Stelle?« Der General sann nach. – »Ich wüßte im Augenblick kaum, wem ich als zuverlässig diesen Auftrag geben könnte!« – Der Journalist, der bisher schweigend zugehört, wandte sich zu ihm. – »Santa Lucia«, sagte er, »er weicht nie von seiner Aufgabe.« – »Ja, aber Sie wissen, – –« Ein Lärmen im unteren Gemach unterbrach ihn. Die Treppe hinauf stürmte ein schwerer Männertritt, und ehe weiter ein Wort gesprochen, stand der ebengenannte in der Tür. Er schien erhitzt, atemlos von einem raschen Lauf, seine Kleidung war in Unordnung und Hände und Gesicht mit Blut bespritzt. – »Was ist geschehen?« – Der Bandit trat langsam bis zu dem Tisch vor und stieß mit gewaltiger Kraft den Dolch, den er in der Faust hielt, dicht vor dem General in die Platte, daß die breite Klinge fast zwei Zoll tief in das Holz fuhr. – »Der Schuft wird den 9. November An diesem Tag wurde an Robert Blum das Urteil des Kriegsgerichts in der Brigittenau vollstreckt. nicht mehr sehen! Ich wollte zwar warten bis zum Jahrestage seines Verrats, aber die Gelegenheit war heute günstig. Doch muß ich mit Hassan, dem Arnauten, für einige Tage fort, General, man hat uns dabei überrascht und die türkischen Hunde waren hart auf meinen Fersen.« – »Ein Verräter verdient den Tod,« sagte der General ernst, »und dieser war ein doppelter, der sein Spiel lange genug mit uns getrieben. Es trifft sich glücklich, daß ich Euch sogleich entfernen kann. Der Gefährte dieses Mannes kann, wenn es Euch genehm, Effendi, sogar den Kurierritt nach Schumla machen. Er diente früher als Tatar bei der englischen Gesandtschaft und mußte gewisser Vorgänge wegen verschwinden.« Der Minister, der mit Interesse den Banditen betrachtet hatte, nickte zustimmend, und nachdem Hassan in das obere Gemach gerufen war, wurde der Auftrag den beiden kurz auseinandergesetzt. Der Kaïk des Effendi mit den vier Ruderern sollte sie sofort an die Spitze des Schlosses der sieben Türme bringen, bis in die Bucht von Kütschük-Tschekmedgeh, an deren Ufer die Straße nach Adrianopel vorüberläuft. Am Nachmittag, zu einer bestimmten Stunde, sollte der Effendi oder ein Vertrauter mit dem nötigen Gelde an dem Ufer des Lykus vor dem Tore von Adrianopel auf den Boten harren, der Nachricht über den Erfolg des Unternehmens und womöglich den Ferman zurückbringen würde. Die Verhandlungen waren rasch geschlossen und, nachdem die Banditen das Aufgeld in Empfang genommen, verließen sie mit dem Minister zugleich die Spelunke und eilten zu dem harrenden Kaïk, der seinen Herrn in der Nähe des Serails in Stambul ans Land setzte, um sein Haus in der Stadt zu erreichen, um dann, von acht kräftigen Armen getrieben, seinen Weg entlang der Seeseite weiter zu nehmen. Es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als der Teppichvorhang vor der Tür des innern Schlafgemaches des Großherrn ein geringes zurückgeschlagen wurde und das schöne Haupt der Odaliske Mariam in der Öffnung erschien. Ihr Auge schaute forschend umher, von den beiden Verschnittenen, die, den entblößten Handjar in der Faust, auf der Schwelle des Gemaches schliefen, nach dem Diwan gegenüber, auf dem es Nursädih ruhend erblickte. Ein leiser Ruf erweckte dieselbe und brachte sie vorsichtig herbei. Die Herrin reichte ihr ein in einen seidenen Beutel gehülltes Papier und eine Börse mit Gold. »Jussuf, dein Bruder, möge sofort den Fuß in den Bügel setzen und nicht ruhen, bis er dies in die Hände des Sirdars gelegt hat. Der Bujurulteh ist unnötig, seine Erlangung würde nur die Abreise verzögern und gefährlich machen; in dem Beutel ist Gold genug, um überall Pferde zu kaufen. Geh', und der Gott, zu dem wir alle beten, begleite dich und ihn!« Der Vorhang fiel zurück. Da, wo unfern der ersten tiefen Buchtung des Marmarameeres in das südliche Ufer der rumelischen Landspitze, auf welcher Konstantinopel liegt, – etwa zwei Stunden von den Toren der Stadt, die Straße nach Adrianopel sich in zwei Richtungen, in die über Silistria und Burgaz, und in jene über Tschataldscha und Wisa, teilt, – windet sich der Weg zwischen einem Felsufer hin, dessen Ausgang ein Gebüsch von Feigen und wilden Myrthen umgiebt. Hier hatten sich seit etwa einer Stunde die beiden Banditen in Hinterhalt gelegt, ihr Opfer erst im Laufe des Vormittags erwartend, als plötzlich der nahende Galopp eines Pferdes sie aufmerksam machte. – » Diavolo !« sagte der Korse, »ob das am Ende gar schon unser Vogel ist? Leg' dich quer in den Weg, Hassan, so muß er einen Augenblick halten, und wir können uns wenigstens der Sache versichern. – »Jawasch!« antwortete der Arnaut, indem er die Waffen in seinem Gürtel zur Hand rückte. »Ich bin nicht umsonst Tatar gewesen und kenne einen Kameraden.« Damit legte er sich mitten auf die Straße, während sein Gefährte sich im Schatten des Gebüsches verbarg ... Einige Augenblicke darauf kam der Hufschlag näher, und der Reiter ritt in den Hohlweg ein. Hassan fing an jämmerlich zu stöhnen. Im nächsten Moment sprengte der Reiter heran; es war Jussuf, der Bote Mariams und des Padischah ... »Gib Raum da, daß ich vorüber kann.« – »Aman! Aman! Allah sendet Euch mir zum Beistand, Effendi! Steigt ab und helft mir, ich bin ein armer Mann, der vom Pferde gefallen ist und das Bein gebrochen hat.« – »Inshallah, ich habe keine Zeit. Des Bluttrinkers Zorn sitzt hinter mir, wenn ich nicht eile. Mach dich zur Seite!« – »So seid Ihr ein Bote des Padischah?« – »Ich bin sein Tatar! Fort, oder auf dein Haupt komme es!« Der Mohr gab dem Pferde die Sporen, und es setzte zum Sprunge an. Im Nu war der Bandit auf den Beinen und griff ihm in die Zügel, zugleich knallte aus dem Gebüsch ein Pistolenschuß, und Jussuf wankte im Sattel. Er stürzte schwerfällig zu Boden; während Hassan das Pferd bändigte, warf sich der Korse über den Blutenden und begann ihn zu durchsuchen. Um den Hals gebunden, fand er den seidenen Beutel mit dem wichtigen Dokument, im Gürtel des Tartaren die schwere Geldbörse. Der Verwundete versuchte vergebens, das anvertraute Dokument zu verteidigen, während seine großen Augen in Schmerz und Verzweiflung auf den Mörder rollten. – »Laßt mir den Beutel, es ist ein Brief des Großherrn, der euch nichts nützt!« stöhnte er. Santa Lucia lachte. – »Das kannst du nicht wissen, mein junger Rabe! Eben um den Brief war mir's zu tun. Und nun zum Teufel, wo ist dein Bujurulteh?« Der Mohr deutete verneinend an, daß er keinen besitze, dann aber wurde er von dem Blutverlust ohnmächtig. Die Kugel hatte ihn in die linke Seite getroffen. – »Wir haben, was wir brauchen,« sagte der Korse zu seinem Gefährten, »und mehr als das. Was tun wir mit dem Burschen da?« – »Schneid' ihm die Kehle durch und laß ihn liegen.« – »Nein, das geht nicht, man würde ihn finden, und daß könnte unsere Sache stören. Hilf ihn mir aufs Pferd heben, der schwarze Halunke hat vollkommen genug, und wir wollen ihn in die Schlucht am Meer werfen, an der wir vorbeikommen. Dort liegt er ungestört, bis ihn sein und dein Prophet erwecken mag.« Beide legten Hand an, und, über den Sattel geworfen, führten sie den leblosen Körper eine Strecke ins Land mit sich fort. Erst am Rande der Schlucht, als Santa Lucia ihn in seine nervigen Arme faßte, schien dem Unglücklichen noch einmal das Bewußtsein wiederzukehren, und seine Augen blitzten finster und drohend den Mörder an, während die Hand sich auf die Wunde preßte. Ein kräftiger Schwung – und hinunter flog der Körper über die Klippen und beide hörten seinen Fall ins Wasser. Santa Lucia schwang das verhängnisvolle Papier hoch in der Hand. – »Hundert Ghazis gewonnen, Kamerad, außer diesem Beutel und dem Pferd! Bei allen Teufeln! das war keine schlechte Morgenarbeit. Fort nach Stambul!« Am 23. Oktober wurde gegen russische Kriegsfahrzeuge, welche die Donau hinauffuhren, von der türkischen Festung Isakschah unterhalb der Pruthmündung das erste Feuer eröffnet. Die Russen erzwangen mit starkem Verlust die Passage. Am 25. ging auf Befehl des Sirdars ein türkisches Korps bei Widdin über die Donau und setzte sich in Kalafat fest. Zu spät traf der Ferman des Padischah am 27. im Hauptquartier ein; der Krieg hatte begonnen! Viertes Buch. Die Reveille der Völker. Erstes Kapitel. Ein Getreuer Um vier Uhr morgens, am Donnerstag den 13. Oktober, donnerte eine kräftige Faust an das Tor des Konak Ismaël-Paschas, des neuen Gouverneurs von Smyrna, und der Klopfende verlangte den Einlaß. Schlaftrunken und scheltend über den Lärm erhoben sich die wachthabenden Khawassen und öffneten die Pforte, durch welche drei in Mäntel gehüllte Männer in den Hofraum schritten, der eine das Gesicht in die Falten tief verborgen, alle bis an die Zähne bewaffnet ... »Weckt zur Stelle den Gouverneur,« sagte einer der Fremden; »Jani Katarchi will ihn sprechen.« – Die Khawassen und Tschokadars lachten ... »Du Jani? Mashallah, seht diesen Sohn eines Schweins! Meinst du, du könntest einem Moslem in den Bart lachen? Du bist ein Esel!« Da warf der Verhüllte den Mantel von sich und mit donnernder Stimme rief er: »Ich bin Janos! – Geht!« ... Zugleich legten alle drei ihre Waffen auf das Pflaster des Hofes und standen ernst und unbeweglich da. In die Diener des Paschas aber kam Leben, als sie diesen Mann sahen, und in kurzer Zeit erschien der Kiaia Bey, bald darauf der Gouverneur selbst. Bis dahin hatte Janos auf keine der an ihn gerichteten Fragen geantwortet. Erst als Ismaël-Pascha, ein Moslem von strenger, Achtung gebietender Haltung, erschien, faßte er die Hand eines seiner Begleiter und ging mit diesem auf den Pascha zu ... »Du hast diesem Manne versprochen, den jungen Griechen, der von Dardanelli aus auf Verlangen des Inglis Konsul in deine Haft gebracht worden, freizugeben und unbelästigt ziehen zu lassen, wenn Janos, der Kameltreiber, in deine Hand gegeben würde. Wohl! Ich bin Janos und stelle mich selbst. An dir ist es, dein Wort zu halten.« – Der Pascha strich sich den dunklen Bart, indem er aufmerksam den so eifrig Verfolgten anschaute. Dann sagte er ruhig: »Khosch dscheldin! – Ihr seid willkommen!« wandte sich nach der Tür des Selamlik und schritt voran, gefolgt von Janos und seinen Gefährten. In der großen Halle des Konak, die zugleich zu den Gerichtssitzungen dient, nahm der Pascha Platz auf dem Diwan und lud die Fremden ein, ein gleiches zu tun. Auf seinen Befehl erschien alsbald der Diwan-Effendi und setzte eine Schrift auf des Inhalts: »Nachdem Janos, genannt Katarchi, Räuber und Wegelagerer im Gebiet des Paschaliks von Smyrna, Seiner Hoheit dem Gouverneur Ismaël-Pascha seinen Leib zur freien Verfügung angeboten, wenn der in Haft Seiner Hoheit wegen Teilnahme an räuberischem Überfall und Brandstiftung befindliche Gregor Caraiskakis jeder Strafe frei und ledig entlassen werde, hat Seine Hoheit der Pascha diesen Vorschlag angenommen und ist darüber dieser Vertrag geschrieben und unterzeichnet worden.« Der Räuber nickte, als diese Schrift verlesen wurde, dann nahm er die von dem Schreiber ihm angebotene Feder und malte in rohen Zügen zwei sich kreuzende Messer darunter als sein Zeichen, worauf er eine Abschrift verlangte, die der Gouverneur gleichfalls unterschrieb ... Von diesem Augenblick an war Janos nach türkischer Sitte für drei Tage ein Gast in dem Konak des Pascha. Man brachte ihm alsbald Tschibuk und Kaffee, und der Gouverneur unterhielt sich lange mit ihm über seine Taten und die Mittel und Wege, wie er bisher allen Nachforschungen entgangen war. Der Räuber erzählte offenherzig und mit einem gewissen Stolz seine Handlungen, hütete sich jedoch sorgfältig, Namen zu nennen, durch welche seine Anhänger in der Stadt kompromittiert werden konnten. Er bat den Pascha, den Gefangenen Caraiskakis bis zur Beendigung seines eigenen Prozesses in Ungewißheit über das Geschehene und in Haft zu lassen, und im Fall während des Tages ein Knabe sich zeigen und nach ihm verlangen sollte, auch auf diesen die Gastfreundschaft auszudehnen. Wie ein Lauffeuer durcheilte am Morgen die Kunde von der Tat des berühmten Räubers die Stadt. Das Volk sammelte sich vor dem Tore des Konaks, und die vornehmsten und reichsten Griechen Smyrnas besuchten in Menge ungescheut ihren Helden in seinem Asyle, jammerten über seinen Entschluß und hielten lange Unterredungen mit ihm. Janos bewegte sich unterm Schutze der türkischen Sitte unbehindert in dem Umkreis des Konaks, und jeder seiner Wünsche wurde gleich einem Befehl erfüllt. Mehrmals ließ ihn der Pascha zu sich kommen, um ihn den neugierig zum Besuch eingetroffenen fremden Konsuln zu zeigen, und alle unterhielten sich voll Teilnahme mit ihm. Im Laufe des Tages hatte sich auch der Knabe Mauro eingefunden und bediente fortan seinen Herrn und Oheim. Es ist ein eigentümlicher Zug im orientalischen Leben, daß trotz des wütenden Nationalhasses zwischen Türken und Griechen beide heilig auf ein unter gewissen Bedingungen gegebenes Wort bauen. Ismaël-Pascha mußte die freiwillige Überlieferung des berüchtigten Bandenführers um so willkommener sein, als er sonst wenig Aussicht hatte, seiner habhaft zu werden, obschon er weit energischer als sein Vorgänger war. Ein drohendes Ungewitter in der politischen Färbung zog sich zudem seit einiger Zeit von seiten dieser Banden zusammen. In Smyrna, Sardes und Ephesus organisierten sie offen den Aufstand und suchten die Unzufriedenen an sich zu ziehen und die griechische Bevölkerung zur Erhebung der Waffen aufzureizen. Janos galt als der verwegenste, gefährlichste Führer. Da, zu Anfang Oktober, wurde plötzlich auf einem Dampfer der in Dardanelli an seiner Wunde krank gelegene Caraiskakis in Fesseln an den Gouverneur von Smyrna abgeliefert, indem den eben Genesenen mitten in seinen Nachforschungen nach der entflohenen Schwester und deren Verführer der dortige englische Konsul durch die türkischen Behörden hatte verhaften lassen; der Vize-Konsul von Smyrna – offenbar auf Veranlassung des Baronets, um ihn an der Verfolgung desselben zu hindern – hatte ihn der Teilnahme an dem räuberischen Überfall und dem Niederbrennen seines Landhauses angeklagt. Der Banditen-Häuptling schien seine Spione selbst im Konak des Paschas zu haben, denn alsbald hatte er erfahren, daß der Sohn seines alten Herrn in dem türkischen Gefängnis lag und wahrscheinlich verurteilt und ins Bagno nach Rhodus gebracht werden würde. Zwei Tage vor dem seltenen Ereignis, das jetzt alle Zungen von Smyrna in Bewegung setzte, war daher ein Fremder im Konak des Paschas erschienen und hatte diesem das Anerbieten der Selbstauslieferung des Räubers gemacht. Am zweiten Tage, als Janos, nochmals zum Gouverneur gerufen worden, machte dieser ihm den Vorschlag, als Renegat in seinen Dienst zu treten und das Amt eines Khawaß Baschi zu übernehmen: ein Posten, der – wie man in Frankreich und selbst in deutschen Ländern die Spitzbuben, Revolutionäre und sonstige anrüchige Personen schon oft mit Erfolg zu Polizeibeamten gemacht hat – in der Türkei sehr häufig das Ende einer Räuberlaufbahn ist. Aber Janos verweigerte trotz aller Vorstellungen des ihm sonst drohenden Schicksals standhaft die Annahme des Vorschlages. So verging auch der dritte Tag unter den Vorbereitungen, die der Pascha zu dem Gericht über den Räuber treffen ließ. Am Nachmittag hielt Janos noch eine längere Unterredung mit mehreren angesehenen Griechen aus Smyrna und schien an diese seine Verfügungen getroffen zu haben. Als die Sonne im Westen in den prachtvollen Golf von Bursa verschwand und ihre letzten roten Strahlen den Pagus färbten, traten die Khawassen des Paschas zu Janos und seinen zwei Gefährten, die sein Schicksal teilen wollten, und legten ihnen schwere Fesseln an. Die drei Sonnen der Gastfreundschaft waren vorüber, die nächste sollte über dem Gericht aufgehen. Zugleich öffnete sich das Gefängnis des Konaks, die noch von dem schweren Krankenlager erschlaffte Gestalt Gregors wurde herausgeholt, und der Kiaia-Bey verkündete ihm seine Freilassung mit dem Bemerken, daß er Smyrna spätestens am morgenden Tage zu verlassen habe. Das Wiedersehen des Hellenen mit dem gefesselten Freunde seiner Kindheit war ergreifend. Er ahnte nichts von dem heldenmütigen Opfer des Räubers und glaubte ihn auf einem seiner Streifzüge von den Leuten des Gouverneurs gefangen, aber mit keinem Laut verriet der Bandit sein Geheimnis. Gregor warf sich – unbekümmert um das blutige Handwerk des Mannes – wie ein Freund in seine Arme und beklagte, des eigenen vergessend, sein Schicksal. Auf den ausdrücklichen Wunsch des Räubers hatte Ismael-Pascha gestattet, daß der Freigelassene bis zur herannahenden Katastrophe in seiner Gesellschaft bleiben durfte, und beide verbrachten die Nacht mit dem Knaben Mauro allein in der Zelle des Gefangenen... Hier erst hörte Janos mit stummem Grimm die neue Entführung des Mädchens, das Duell des Griechen mit Sir Maubridge und die Quelle seiner Verhaftung. Aus seinem Munde dagegen erfuhr Caraiskakis, daß bereits am andern Morgen, noch ehe er selbst Smyrna verlassen werde, das Schicksal des Klephthen entschieden sein würde. Janos täuschte sich keinen Moment über dasselbe, und alle seine Worte hatten das ernste Gepräge des letzten Vermächtnisses an einen Freund vor dem schweren Gange zur Ewigkeit. Seine Rede, der der Mann und der Knabe aufmerksam während der Nacht lauschten, atmete in jedem Laute den tiefen Haß des griechischen Volkes gegen seine Unterdrücker und Tyrannen. Erst gegen Morgen legte sich der Palikare zum Schlaf – es sollte der letzte sein, von dem er auf dieser Erde wieder erwachte. Der Khawaß-Baschi, dessen Nachfolger zu werden er verschmäht – weckte ihn und führte ihn, begleitet von seinen beiden Genossen und Mauro, in die große Halle des Konaks, die für die öffentlichen Gerichtssitzungen diente. Hier waren bereits der Gouverneur mit seinen beiden Schreibern, der Kiaia-Bey, der Kadi-Askar Smyrnas und eine Anzahl Mullahs und Muftis versammelt, desgleichen mehrere europäische Konsuln und ein zahlreiches Publikum, meist Griechen. Ismaël-Pascha präsidierte selbst der Gerichtsverhandlung, und es wurden zahlreiche Zeugen vernommen, die sich teils selbst in der Gewalt der Wegelagerer befunden, teils Freunde oder Verwandte mit schweren Summen ausgelöst hatten. Auch mehrere Mordtaten wurden dem Gefangenen nachgewiesen, und der englische Vize-Konsul beharrte gleichfalls auf seiner Klage wegen Einbruchs und Mordes. Das Antlitz des Räubers blieb kalt und teilnahmlos bei all den Anklagen und sich häufenden Beweisen. Er versuchte mit keinem Wort seine Taten zu beschönigen, sondern beschränkte seine Verteidigung einzig auf die Erklärung, daß er nur gegen die Feinde seines Glaubens und seines Volkes also gehandelt habe. Desgleichen weigerte er sich auch jetzt, die Namen seiner Zuträger und Freunde in Smyrna zu nennen, und suchte möglichst alle Schuld von seinen beiden Gefährten ab- und auf sich zu nehmen. Unter diesen Umständen konnte der Ausgang des Prozesses keinen Augenblick zweifelhaft sein, und die Verhandlung wurde nach einer Dauer von kaum zwei Stunden geschlossen. Der Rat der Mollahs fällte das Urteil, daß Jani – genannt Katarchi – als überwiesener Mörder und Wegelagerer die Strafe von fünf Yataganhieben zu erleiden habe. Seine beiden Gefährten wurden zu lebenslänglicher schwerer Galeerenstrafe verurteilt, und nachdem der Gouverneur das Urteil bestätigt hatte, verkündete es ein Ausrufer von der Schwelle des Gerichtssaales und in den Gassen der Stadt ... In der Türkei folgt die Vollstreckung des Urteils dem Ausspruch gewöhnlich auf dem Fuße, und von den Tschauschis und Khawassen umgeben, wurde der Verurteilte alsbald nach seiner Zelle zurückgebracht, um sich in der kurzen Frist, die ihm noch gegönnt war, zum Tode vorzubereiten. Hier verkündete sein Auge dem harrenden Freunde, den man wegen der Anwesenheit seines eigenen Anklägers nicht zum Gericht zugelassene hatte, das Bevorstehende. Obschon ein eifriger Feind des Glaubens des Propheten, hatte der Wegelagerer doch längst jene Gleichgültigkeit gegen das Leben angenommen, die den Orientalen im allgemeinen eigen ist, und er unterwarf sich dem Tode als dem unvermeidlichen »Kismet« mit einer Ruhe und Würde, die das Erhabene seiner Aufopferung noch erhöhte. Er selbst beruhigte den Tieferschütterten und sprach ihm Mut ein, indem er ihm zugleich das Versprechen abnahm, für den Knaben Mauro zu sorgen und ihn zu seinem Rächer zu erziehen. Der Knabe selbst, der, ohne eine Miene zu ändern, dem Gericht des Paschas zugehört hatte, hielt stumm die Hand seines Oheims. Nur die keuchende Brust und das wild, ja mörderisch flammende Auge, wenn es sich durch die offene Tür auf die Khawassen richtete, zeigte den Sturm leidenschaftlicher Gefühle in seinem Innern. So war die Mittagsstunde herangekommen, die bestimmte Zeit, und ein kurzer Trommelwirbel der aufgestellten Soldatenabteilung verkündete den Beginn der furchtbaren Handlung ... Beim ersten Schlag der Trommel richtete sich der Räuber, der mit Gregor zum Gebet niedergekniet war, in die Höhe und schlug das griechische Zeichen des Kreuzes. Dann trat er auf den Mann zu, den er einst als Kind aus den Händen der Moslems gerettet und jetzt wieder von Schmach und Kerker mit dem eigenen Leben lösen wollte ... »Gregor Caraiskakis,« sagte er ernst, »der dreieinige Gott mit seinen Heiligen und den seligen Geistern derer, die für das Kreuz gestorben, schaut auf uns herab in dieser Stunde. Auch dein Vater ist unter ihnen, und ich hebe meine Hand auf zu ihm und hoffe, daß er Fürbitte einlegen wird für meine Sünden, denn treu und fest bis zum Tode habe ich meinen Schwur gehalten, sein Blut zu retten und zu schützen. – Ich bin alt – mein Weg ging abwärts, der deine hinauf – der morsche Eichbaum sinkt vor den drohenden Stürmen, der kräftige junge Stamm wird ihnen trotzen. Lebe wohl, Gregor Caraiskakis, und vergiß des gerechten Hasses nimmer, so wahr dir und mir der Gott unserer Väter barmherzig sein möge!« Die Gewehre der Wache rasselten auf dem Pflaster; die Khawassen traten in den Eingang der Zelle, als sich Gregor mit männlichen Tränen an die Brust des Verurteilten warf. Auch über dessen braune Wangen rollte das Auge zwei große Tropfen als letzten Scheidegruß an das Leben, dann riß er sich kräftig los ... »Sollen wir Weiber sein vor diesen Moslems in der Stunde des Todes nach einem Leben voll Kampf und Rache? Fluch und Haß ihnen bis zum letzten Hauch! Und du, Knabe, der du die Geschichte meiner Jugend mit erregtem Herzen angehört, gib mir den Ruf mit hinüber, dessen Erinnerung so oft mir die Brust gehoben: Gott und die Heiligen – Chios und Tschesme!« Der Knabe drückte ihm krampfhaft die Hand, – keine Träne stand in dem dunkel glühenden Antlitz des Kindes; – als Gregors Blicke auf dieses fielen, schämte auch er sich des Schmerzes, und starr und finster nahm er die andere Hand des Räubers, der in ihrer Mitte ruhig und stolzen Blickes hinaus schritt in den Hof. Wo der Türke den Henker macht, sind der Vorbereitungen wenige nötig – das furchtbar feierliche Gepränge, das bei uns die Akte der menschlichen Gerechtigkeit umgibt, ist dort gänzlich unbekannt. Am Fenster des Selamlik stand der Pascha, umgeben von seinen Offizieren und ruhig seinen Tschibuk rauchend. Wachen der Redifs hatten das Tor und die Ausgänge besetzt. In der Mitte des Hofes bildeten die Khawassen und Tschauschi einen weiten Kreis, in dessen Innerem die beiden zur lebenslänglichen Galeerenstrafe verurteilten Gefährten des kühnen Räubers standen. Neben ihnen, in kurze, braune Mäntel gehüllt, die beiden Khawassen, die das Amt des Nachrichters versehen sollten ... Hierher wurde Janos geführt – noch ein Händedruck, und der Mann und der Knabe mußten am Eingang des Kreises zurückbleiben ... Mit festem Schritte betrat der Klephte die Mitte, während die letzten Genossen seines wilden Lebens sich trotz der Fesseln an ihren Gliedern auf ihn stürzten und seine Hände und Kleider mit Küssen bedeckten. Die Tschauschi rissen sie von ihm, und auf einen Wink des Khawas-Baschi kniete der Räuber, das Zeichen des Kreuzes schlagend, auf den Boden nieder, indes einer der Tschauschi seine gefesselten Hände schnell auf dem Rücken zusammenband ... Ein letzter Blick – ein letzter Gruß – streifte Gregor, den Knaben, die treuen Genossen, die ihrem Führer zum Kerker gefolgt waren, und das schöne Licht der Sonne! »Gott und die Heiligen!« ... Die helle Stimme des Knaben rief es schneidend in den stillen Kreis – die beiden Khawassen neben dem Knienden warfen die kurdischen Mäntel ab, – in ihren Händen blinkten die schweren Yatagans mit dem bleigrauen Glanze der echten Klingen ... Ein letztes Zeichen des Baschi, die Trommel wirbelte, und der eine der Khawassen führte den ersten Streich ... Das Urteil der fünf Yataganhiebe ist nur eine Formel, – die Henker der Türkei sind ihres fünften Hiebes sicher. Viermal hob sich der Yatagan und fiel auf den Nacken des Klephthen, kaum die Haut blutig ritzend, dann sprang der Khawaß zurück und der zweite im selben Moment herbei ... »Rache für Chios! – Flammen von Tschesme!« ... Der schrille Ruf der Knabenstimme übergellte laut den Trommelwirbel und das Zischen des Hiebes – – weit von dem Nacken rollte das Haupt auf den Boden hin. Krampfhaft öffnete und schloß sich der Hals, Ströme von Blut ausspritzend, – dann fiel der Leib des Gerichteten schwer vorn über zur Erde. Durch den Kreis der Khawassen, der sich rasch löste, brach der Knabe Mauro und warf sich mit wildem Geschrei auf den blutenden, noch lebenswarmen Leichnam seines Beschützers und Verwandten. Der kühne Trotz war gebrochen, die leidenschaftliche griechische Natur machte sich geltend in ihrer vollen Heftigkeit, und Schrei auf Schrei durchgellte die Luft, vermischt mit wilden Klagen und Verwünschungen gegen die Moslems ... Neben ihm und der Leiche kniete Gregor Caraiskakis im stillen Gebet ... Ohne sich um die Tränen und Verwünschungen zu kümmern, nahmen die blutigen Diener der türkischen Justiz das Haupt des Gerichteten und befestigten es an einer eisernen Spitze über dem Tor. Zugleich wurden dessen Pforten geöffnet, und das Volk strömte unbehindert in den Hof und zur Richtstätte. Der Pascha hatte sehr richtig gerechnet, die Vollstreckung des Urteils hob jede Gefahr auf und brach die Aufregung des Pöbels. Wohl erging sich derselbe in Geschrei und bitteren Verwünschungen, indes auf solche achtet der Türke nicht: in der Türkei herrscht unbedingte Redefreiheit, und wo der Haß und der Schmerz Worte findet, wird er selten zur Tat ... In dem Gebet an der Leiche des Getreuen störte Caraiskakis eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, und eine Stimme sagte ihm leise: »Im Namen und Auftrag Jani des Palikaren soll ich Euch mit mir führen von dieser Stätte, die Euch Gefahr droht. Ich habe gelobt, für Eure Sicherheit zu sorgen.« Als Gregor emporsah, erblickte er einen alten Mann in dem fliegenden schwarzen Gewande der Armenier vor sich. Fast willenlos gehorchte er der Aufforderung und erhob sich. Er sah, wie ein anderer Mann den Knaben Mauro an die Hand nahm, und folgte dem Unbekannten, nachdem ihm dieser versichert hatte, daß für die passende Beerdigung der Leiche bereits gesorgt worden ... Sein Führer geleitete ihn durch die Gassen der Türkenstadt nach dem fränkischen Quartier und hier in eines der Häuser, deren Hof bis ans Ufer des Meeres stößt. Hier wurde ihm eine kurze Erholung gegönnt, und da er jede Erfrischung von sich wies, bestiegen die vier alsbald das Boot, das sie zu dem auf der Höhe des Hafens ankernden Lloyd-Dampfschiff führte, das binnen zwei Stunden seine Fahrt nach Konstantinopel fortsetzen sollte .... Der Greis in armenischer Kleidung hatte für Paß und Passagierbillet gesorgt – alles schien bereits vorbereitet. Auf dem Verdeck nahm der Alte die Hand des Griechen und führte ihn an eine einsame Stelle des Bollwerks, von der sie hinüberschauen konnten nach der ausgedehnten Stadt. »Ich bin Ihr Landsmann und Glaubensgenosse, Herr,« sagte er, »und habe dies Gewand nur angelegt, um weniger beachtet zu werden. Mein Auftrag ist erfüllt, und ich habe Ihnen jetzt nur noch wenige Worte zu sagen und einiges zu übergeben. Wenn auf Ihrer fernern Laufbahn Ihr Gedanke oder Ihr Blick nach jener Stadt zurückkehrt, dann erinnern Sie sich, daß dort ein Grab ist, das für Sie geöffnet worden. Janos, der Kameltreiber, ist für Sie gestorben, und diese Schrift, mit seinem Lebensblut bespritzt und nach seinem Befehl von der Brust seiner Leiche genommen, wird Ihnen Kunde davon geben. Janos war von uns zu hohen Dingen bestimmt, er hat uns auf Sie verwiesen, als jünger und geeigneter für den großen Kampf, der sich bereitet. Wir wissen, daß Sie mit Ihren Brüdern dem Hoffnungsbunde angehören und nie im Kriege gegen unsere Unterdrücker nachlassen werden. Was Janos besaß – kein Tropfen griechischen Blutes, kein Para griechischen Geldes klebt daran, – hat er bei uns niedergelegt und zu einem Vermächtnis für Sie bestimmt, auf daß Sie es im Kampfe für unsere heilige Sache und zur Verfolgung Ihres Feindes verwenden mögen. Die Griechen der Hetärie von Smyrna haben das Fehlende hinzugetan, und ich überliefere Ihnen hier hunderttausend Piaster in drei Wechseln auf Konstantinopel, Varna und Odessa. Möge der heilige Demetrius Sie schützen und segnen, Sie und diesen Knaben.« Er reichte dem von der unerwarteten Kunde zu Boden Gedrückten die Hand, wehrte die stürmischen Fragen des Griechen zurück, ihn auf den Knaben verweisend, und bestieg die Barke, die ihn nach Smyrna zurücktrug. Das war es, was Gregor Caraiskakis dem Freunde am Morgen nach der blutigen Tat an Paduani erzählte, indem er ihm zugleich das heilige Dokument seiner Befreiung zeigte. Eine finstere, entschlossene Ruhe, ein noch strengerer Ernst, als er schon früher stets gezeigt, schien sich über das ganze Wesen des Griechen gelagert zu haben, ganz gegen die Gewohnheiten seiner Nation. Gleich stumm und verschlossen zeigte sich auch der Knabe, alles beobachtend, was er hörte und sah, und fast nie von der Seite seines neuen Schützers weichend. Er schien bereits alle Gefühle und Neigungen des Knabenalters von sich geworfen zu haben. Beide waren am Tage vorher mit dem Dampfboot von Smyrna angekommen und hatten in einer der hinteren Straßen von Pera Quartier gefunden. Gregor hatte gehofft, in den Kaffeehäusern am Campo eine Kunde von dem Doktor zu erhalten, da er, schon verhaftet, dessen letzte Nachricht in Dardanelli nicht mehr empfangen hatte. Auch ihn fesselte der schöne Abend im träumerischen Sinnen bis zur Mitternachtsstunde, und so war er zufällig auf dem Heimweg der Retter des Freundes geworden. Mit Recht glaubte er in Konstantinopel zunächst am sichersten die Spur des Briten Maubridge und seiner Schwester erforschen zu können, und wollte deshalb hier einige Zeit verweilen. Für Welland, der eine immer innigere Zuneigung zu dem Griechen empfand, war dies eine sehr willkommene Nachricht, und er versprach, ihn nach Kräften in seinem Forschen zu unterstützen. In der Tat gelang es ihm auch, und zwar durch Baron Oelsner, welcher zufällig den Griechen bei ihm getroffen, schon in den nächsten Tagen zu erfahren, daß Sir Maubridge sich längere Zeit in Konstantinopel aufgehalten hatte und dann nach Varna gegangen war, um das türkische Lager zu besuchen. Aber nicht feststellen ließ sich, ob er diesen Weg allein oder in Begleitung einer Dame gemacht habe, und von Diona schien jede Spur verschwunden. Dagegen bemerkte Welland mit Erstaunen, daß sich alsbald ein sehr vertrautes Verhältnis zwischen Baron Ölsner und seinem Freunde entsponnen hatte. So waren mehrere Tage vergangen, als an einem Morgen ein Brief in Wellands Wohnung abgegeben wurde, der ihn, mit dem geheimnisvollen Zeichen versehen, dem er zu gehorchen sich verpflichtet hatte, aufforderte, zu einer späten Stunde des Nachmittags an der Fontaine Mahmuds I. sich einzufinden. Es ist dies ein Bauwerk, das Welland seiner eigentümlichen Schönheit und Arabesken-Architektur wegen schon oft bewundert hatte, ein viereckiges, hohes Gebäude mit plattem, aber hervorragendem und von einem Geländer umgebenen Dach, dessen weiße Marmorwände von eingehauenen Devisen und Sprüchen aus dem Koran bedeckt sind. Der Bau erhebt sich mitten auf dem Markt von Tophana und spendet nach allen Seiten hin den umlagernden Menschen und Tieren köstliche, erfrischende Labung ... Der Deutsche hatte erst kurze Zeit hier gewartet, als er die hohe, soldatische Gestalt des Mannes auf sich zukommen sah, den wir als Bewohner der Herberge im Maltesergäßchen mit der Benennung »General« gefunden haben. Beide schienen bereits Bekannte und grüßten sich als solche, der Arzt mit einiger Befangenheit ... »Das ist schön, daß Sie pünktlich sind, Doktor,« sagte der General, »nachdem ich Sie so lange ohne Nachricht gelassen. Indessen die Zeit ist da, wo Ihre Tätigkeit in vollen Anspruch genommen werden soll. Sie werden wissen, daß ein Kurier bereits die Nachricht von dem Beginn des Angriffs an der Donau gebracht hat.« – »Ich habe davon gehört.« – »Ihr Gesuch um Anstellung beim Seraskiat ist unterstützt, und ich hoffe, Sie werden eine Stelle unmittelbar im Gefolge des Muschirs erhalten. Vorerst aber sollen Sie uns hier einige Dienste leisten. Haben Sie Ihr Besteck bei sich?« – Der Arzt bejahte. – »So haben Sie die Güte, mich zu begleiten.« Der General führte ihn nach dem Ufer und mietete dort einen vierruderigen Kaïk, der sie schnell über den Bosporus nach der asiatischen Seite trug, an dieselbe Wasserseite in Kandili, an der in der Nacht des 21. die Favoritin Omers zu der geheimnisvollen Unterredung gelandet war ... Die Diener führten beide in ein Zimmer des Erdgeschosses und brachten Kaffee und Pfeifen; bald darauf verließ der General das Gemach und der Doktor blieb allein. Nach kurzer Zeit kam ein Diener, der Welland zu folgen bat und ihn in ein mit europäischem Luxus eingerichtetes Zimmer des oberen Stockwerks führte. Hier fand er den General wieder in Gesellschaft des Hausherrn, der ihn höflich zum Sitzen einlud. Auf seinen Wink entfernte sich der Wiener, und die drei waren allein. »Doktor,« begann nach einer kurzen Pause der General, »ich habe Sie hierher gebracht, weil der Herr hier, einer unserer Freunde, mich ersucht hat, ihm einen zuverlässigen europäischen Arzt zuzuführen, dem er bei einem traurigen Geschäft vertrauen kann. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, daß Ihr Eid Ihnen unbedingten Gehorsam auferlegt, und Sie wissen bereits, daß ich einer von denen bin, die ihn zu fordern haben. Die Sache, um die es sich handelt, ist ernster Natur, und es werden starke Nerven erfordert, davor nicht kindisch zurückzubeben.« – »Was ist meine Aufgabe dabei?« – »Das werden Sie später erfahren. Vor allen Dingen handelt es sich um Ihr Schweigen und Ihre Bereitwilligkeit. Sie wissen, daß wir die Mittel in Händen haben, beides zu erzwingen.« Welland richtete sich mit männlicher Festigkeit auf, der Hausherr selbst aber kam dem Ausbruch eines Streites zuvor und faßte beruhigend die Hand des Offiziers ... »Überlassen Sie mir die Sache,« sagte er vermittelnd; »ich glaube, ich kann die Angelegenheit diesem Herrn, da wir seiner einmal bedürfen, von einem Gesichtspunkt darlegen, der sein Gewissen beruhigen wird.« – Der Doktor verbeugte sich erwartend. – »Sie dürfen,« fuhr der Effendi fort, »die Dinge und Vorgänge, denen Sie beiwohnen sollen, natürlich nicht von dem Standpunkt der europäischen Einrichtungen und Zivilisation beurteilen. Sie befinden sich hier in der Türkei, wo Leben und Blut eines Menschen wertlose Dinge sind. Die Sache, um die es sich hier handelt, ist, einen überwiesenen Verbrecher, der nach türkischen Gesetzen unbedingt den Tod verdient, in einer höchst wichtigen, für das Wohl und Wehe des ganzen Staates wesentlichen Angelegenheit zum Geständnis der Helfershelfer und der Mittel seines Verrats zu zwingen. Bis hierher, werden Sie zugeben, sind wir, auch nach europäischen Begriffen, vollkommen in unserm Recht.« – Der Arzt verneigte sich zustimmend ... »Im Abendlande,« fuhr der Moslem fort, »verliert man viel unnütze Zeit mit geistigen Daumschrauben, – bei uns wendet man ein anderes Mittel an: die wirklichen. Es existiert bei uns noch die Tortur, von der ich mir habe sagen lassen, daß sie früher bei allen christlichen Völkern Europas in Gebrauch war und selbst jetzt noch von der aufgeklärtesten Nation, den Engländern, häufig in ihren Besitzungen in Indien angewendet wird. Bei Völkern, die sich auf einer Stufe der Kultur befinden, wie das meinige, sind grausame, blutige Strafen und Mittel nicht zu vermeiden.« Welland schwieg – er konnte dem gewandten Unterhändler nach allem, was er bereits in diesem Lande erfahren hatte, nicht unrecht geben ... »Der Dienst, den wir von Ihnen verlangen,« fuhr derselbe fort, »besteht nun darin, einer solchen notwendig gewordenen Tortur im Nebenzimmer beizuwohnen und sie wissenschaftlich in der Art zu überwachen, daß Sie nach dem Puls der verurteilten Person das Stadium angeben, in dem wirklich Lebensgefahr eintritt. Ich bemerke Ihnen, daß, wenn die Person bekennt, sofort innegehalten und ihr selbst alle weitere Strafe geschenkt werden soll.« Welland war bleich geworden bei dem schrecklichen, mit solcher gleichgültigen Ruhe gemachten Vorschlag. Dennoch fühlte er, daß er als Arzt und in der eigentümlichen Stellung, in der er sich befand, sich der schaurigen Pflicht schwerlich entziehen könne; denn den grausamen Sitten des Landes mußte der Widerwille des menschlichen Gefühls sich beugen ... »Der Verbrecher ist wirklich zum Tode verurteilt?« – »Ich gebe Ihnen mein Wort und schwöre es Ihnen auf den Koran, die Person muß des begangenen Verbrechens halber sterben, das Geständnis ist ihre einzige Rettung. Ich wünsche sie zu retten; aber – sie muß bekennen, es muß sein, und wenn jedes Glied ihr stückweise vom Leibe geschnitten werden sollte!« Der Fanatismus des Orientalen durchbrach bei dieser Drohung den falschen Firnis der Pariser Tünche, das Auge des vornehmen Mannes flammte wie das eines Tigers. »Unsere eingeborenen Ärzte sind Esel und zu nichts zu gebrauchen, darum wenden wir uns an Sie, den hier und, wie ich höre, mit der türkischen Sprache unbekannten, denn dies ist, bei der Wichtigkeit des Staatsgeheimnisses, eine der Bedingungen. Selbst wenn die Person halsstarrig ist und von der Tortur stark mitgenommen werden sollte, kann Ihre Kunst dazu dienen, ihre Wiederherstellung zu sichern. Jetzt ersuche ich Sie, zu erklären, ob wir auf Ihre Begleitung rechnen dürfen? Bedenken Sie, die Folterung geht vor sich in jedem Fall, auch ohne Sie! Ihre Weigerung raubt der Person die Aussicht auf Rettung.« Der Arzt fühlte, wie der Blick des Generals drohend und finster auf ihm lag; er empfand ganz das furchtbare seiner Lage und der Wahl. Nach kurzem Kampfe sagte er endlich: »Ich bin bereit!« – »Ihr ewiges Schweigen ist sicher – was Sie auch erblicken, welche Geheimnisse Sie zufällig auch erfahren mögen?« – »Sie haben mein Wort!« – »Wohl, so ist unsere Verhandlung geschlossen. Das Dunkel des Abends beginnt sich auf den Bosporus zu senken, in einer halben Stunde können wir abfahren.« Er klatschte in die Hände. »Cave Smarla!« Die Diener traten sofort ein, und Welland schauderte bei der Ruhe, mit der seine beiden Gesellschafter trotz der Gedanken an die bevorstehende furchtbare Szene den unvermeidlichen Kaffee und Tschibuk nahmen ... Die Sterne blinkten am Himmel, und Ufer und Stadt waren bereits in das einfallende Dunkel gehüllt, als der Exminister erklärte, daß es Zeit sei und alle drei am Wassertor der Villa den harrenden Kaïk bestiegen, der mit der Strömung rasch nach dem Goldenen Horn führte. Hier bogen die Ruderer auf einen Befehl des Herrn nach der Serailspitze, umfuhren dieselbe und landeten auf der Seeseite an einer Pforte, die aus der rings das Serail umgebenden Mauer zum Wasser führt. Eine Wache stand an der Tür und öffnete dieselbe auf ein Losungswort des Ministers zum Eintritt ... Der General hielt seinen türkischen Freund hier zurück ... »Ich glaube, Hoheit,« sagte er mit einem gewissen Schauder, der Welland nicht entging, »es wird nicht nötig sein, daß ich das Serail mit betrete. Mein Geschäft ist hier beendet, Doktor Welland wird seine Pflicht tun und – gerade heraus, ich bin Soldat, aber weder Arzt noch – Moslem. Das Resultat erfahre ich morgen aus Ihrem Munde.« – Der türkische Staatsmann lächelte ... »Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, General,« sagte er, »ich habe den Doktor, und das ist vorläufig genug. Mein Kaïk steht Ihnen zur Disposition. Auf Wiedersehen morgen.« Er faßte Wellands Hand und zog ihn durch die Pforte. Durch den rings die Gebäude umgebenden, mit hohen Zypressen und Platanen besetzten, sonst aber öden und wüsten Garten führte der Minister den Arzt nach dem gegenüberliegenden Eingang. Sie schienen erwartet zu werden, denn zwei Kapidschi traten alsbald zu ihnen und gingen vor ihnen her bis zu einer zweiten, in die Gebäude sich öffnenden Tür, an der wieder zwei Schwarze die Wache hielten. Hier übernahm ein harrender Eunuch, in bunte, schreiende Farben gekleidet, ihre Führung und geleitete sie durch einen kleinen Hof und verschiedene gewundene Gänge, in deren Richtung Welland ganz irre wurde, zu einem hell erleuchteten Diwan-Hane, worin an den Wänden mehrere schwarze Sklaven standen, der Sprache und Mannheit beraubte Geschöpfe, willenlose Werkzeuge der Willkür ihrer Gebieter. Hier mußte Welland auf einen Wink seines Begleiters sich niederlassen, während dieser durch einen Vorhang in das anstoßende Gemach verschwand. Alles war Schweigen um ihn her, – ein unheimliches Schweigen schon während des ganzen Ganges durch das weitläufige Gebäude. Das dauerte auch hier lange Zeit, bis er endlich eine leise, flehende Stimme in einiger Entfernung zu vernehmen glaubte – schaudernd, denn er fühlte, seine Aufgabe begönne jetzt ... Er lauschte, – doch nur einzelne Laute drangen zu ihm herüber; dazwischen klang es zuweilen wie eine scharfe, kräftige Frauenstimme; zuweilen auch glaubte er die seines Begleiters in einzelnen Worten zu vernehmen. Dann war wieder alles still, – die menschlichen Bildsäulen um ihn her rührten sich nicht ... Plötzlich wurde der Vorhang gehoben, und der Minister trat heraus, sein schönes Gesicht war bleich, das Auge funkelte zornig, und der Mund war wie in festem Entschlusse zusammengekniffen. Ohne Laut winkte er dem Arzt, ihm zu folgen. Welland begann ein zweites großes Gemach, – fensterlos, nur von einer Lampe düster erhellt – aber leer – kein Bewohner zu sehen. Im Hintergrunde öffneten sich, durch schwere Vorhänge geschlossen, zwei Türen ... Zu der Tür rechts führte ihn der Effendi und hob den Vorhang. Das Gemach war dunkel, nur aus Spaltenöffnungen der einen Seitenwand schienen einzelne helle Lichtstrahlen hervorzubrechen. Als sein Auge sich an das Dunkel gewöhnt hatte, sah er, daß sie durch die Öffnungen eines Vorhanges kamen, der in dicken, schweren Falten einen Eingang zum Nebengemach schloß ... Nach dieser Seite geleitete ihn der Moslem und deutete ihm an, sich auf dem Diwan niederzulassen. Dann hob er ein Tuch von einem Gegenstande, der unter den Falten des doppelten Vorhanges hervor auf den Diwan gestreckt war, und bedeutete ihn, denselben zu fassen. Der Arzt legte die Finger darauf – es war eine warme Menschenhand, – die Weiche der Haut, die zarte, volle Form zeigte ihm eine Frauenhand, die in der seinen zuckte, offenbar jenseits des Vorhanges durch eine Einzwängung des Armes in dieser Lage festgehalten ... »Lassen Sie mich fort, Herr! das ist ein Weib, um keinen Preis der Welt mag ich Teilnehmer der Handlung sein, die sich hier vorbereitet.« Der Minister drückte ihn zurück auf den Sitz ... »Schweigen Sie, und tun Sie Ihre Pflicht,« sagte er mit verhaltener dumpfer Stimme, »oder Sie sind selbst das Opfer. Die Personen hinter jenem Vorhang sind nicht gewohnt, mit sich spielen zu lassen. Weib oder Mann, das Verbrechen ist dasselbe, ebenso die Strafe. Hier ist die Klingel, mit der Sie ein Zeichen zu geben haben, wenn die äußerste Gefahr eintritt, – doch nur dann! – Sie wissen, was allein hier Rettung bringen kann.« – Ehe Welland sich fassen, ehe er antworten konnte, war sein Führer verschwunden; er hörte das Gemach von außen durch einen Riegel verschließen. Wieder trat einige Augenblicke tiefe Stille ein, dann erklang durch die Falten des Vorhangs ein tiefer, stöhnender Seufzer ... Welland hatte die Hand der Unglücklichen erfaßt, sie war weich und sanft und mußte einem noch jungen, vielleicht sehr schönen Wesen angehören. Er drückte sie leise, zum Zeichen, daß eine teilnehmende Seele in ihrer Nähe sei. Der Seufzer schien ein Echo zu wecken; ihm war, als vernehme er ihn widerhallen in dem dunklen Gemach, in dem er selbst sich befand, dicht neben sich. Aber er hatte keine Zeit, darauf zu achten! Ein leichter Kohlenrauch schien durch die Spalten des Vorhanges zu dringen, und gleich darauf zuckte die Hand scharf in der seinen – – – Die Marter hatte begonnen! Ein brandiger Geruch wie von verkohltem Fleisch zog durch die Luft, rascher und krampfhafter wurde das Zucken der Hand ... Er hörte im Nebengemach das Flüstern mehrerer Stimmen, dann eine lautere Frage, ein Stöhnen zur Antwort – er entnahm daraus, daß der Unglücklichen ein Knebel den Mund verschloß ... Sie mußte durch ein Zeichen verweigert haben, Antwort zu geben, denn der Brandgeruch dauerte fort und verstärkte sich ... Kalter Schweiß perlte über die Stirn des Arztes, – zehnmal wohl griff die Hand des Arztes nach der Schelle, um das Halt gebietende Zeichen erschallen zu lassen, aber die Vernunft sagte ihm, daß es der Dulderin nur einen kurzen, unnützen Verzug bringen werde... Er ließ die Hand los und begrub das Gesicht in die seinen. Da störte ihn ein heiseres tückisches Lachen, und ein tiefes, jammerndes Wimmern folgte – dem wiederum jenes seltsame Echo neben ihm zu antworten schien. Er faßte rasch nach der Hand, sie war krampfhaft geschlossen – er fühlte, daß die Leidende in heroischem Trotz gegen die Martern kämpfte. Sein Finger suchte den Puls – er schlug rasch und wogend, aber noch immer kräftig ... Ein wildes Kreischen der Wut schien eine verneinende Gebärde der Leidenden zu erwidern, dann kam der herrische Befehl einer Weiberstimme. Er vernahm die seines Führers dazwischen sprechen, aber der Befehl wurde gleich heftig wiederholt. Plötzlich fühlte er die Hand und den Arm, so weit er vor ihm lag, krampfhaft erbeben und ringen, wie als wollten sie sich gewaltsam befreien – minutenlang dauerte diese schreckliche Bewegung – eine grauenhafte, entsetzliche Tat schien auf Armeslänge von ihm vor sich zu gehen, und rasch faßte seine Hand die Klingel, um auf jede Gefahr hin der Marter ein Ende zu machen ... Da streckten sich der Arm und die Hand – das wilde Ringen hörte auf, mehrere Personen schienen um die Gemarterte beschäftigt, die Frauenstimme sprudelte Verwünschungen aus, wie er nach einzelnen ihm bereits verständlichen Worten zu schließen vermochte. Darunter hörte er wiederholt die Benennung: Moskow. Eine zweite Frauenstimme mischte sich drein und zugleich die des Effendi, dann schwieg der Lärm und eine schwache, selbst in ihren gebrochenen Tönen noch süße Stimme sagte einige Worte ... Wiederum fragte der Effendi dazwischen ... Die Stimme sagte noch einiges – dann stockte sie und verstummte endlich ganz ... Die Frage wurde dringend wiederholt, auch die Weiberstimmen mengten sich hinein. Welland glaubte dazwischen, dicht neben seinem lauschenden Ohr ein lateinisches Gebet, – das Ave murmeln zu hören. Er spannte alle Nerven an, um zu hören, sich zu überzeugen – Totenstille! Zwei Worte, schneidend, befehlend, unterbrachen sie. Diesmal schien der Henker es verschmäht zu haben, der Leidenden den Knebel erst wieder einzuzwängen. Ein Nerven und Mark erschütternder Ton wie von zermalmenden Knochen – zugleich ein herzzerreißender, wilder Schrei, ein zweiter – Welland ließ wie wahnsinnig die Klingel ertönen, aber die gellende Stimme eines Befehls fuhr dazwischen, und Schrei auf Schrei erscholl fort in ersterbendem Jammer ... Mit beiden Händen hatte der deutsche Arzt die Vorhänge gefaßt und riß sie gewaltsam auseinander: das schreckliche Schauspiel bot sich jetzt seinen zornfunkelnden Blicken dar ... Auf einem Ruhebett, dicht an seiner Seite, lang ausgestreckt und befestigt, lag die nackte, kaum über den Hüften mit einem Tuch bedeckte Gestalt einer jungen, selbst in der Entstellung des Schmerzenskampfes noch reizenden Frau. Aschblonde, wild umherfallende Haare umgaben das blasse Gesicht, aus dem die schwarzen, halbgebrochenen Augen auf ihn emporstarrten ... Wer sie gesehen, die junge reizende Odaliske, als sie vor wenig Abenden noch an der Brust des Großherrn ruhte, Liebe spendend und empfangend – Mariam, die Beneidete des Harems, die Gebieterin des Gebieters in drei Weltteilen – wer hätte ahnen mögen das schreckliche Schicksal, das ihr der finster schleichende Haß bereitete! Die Anklage wegen des gefundenen Briefes hatte ihr Ziel nicht verfehlt, der Großherr hatte die Geliebte aus seiner Nähe verbannt. Aber ahnte er wohl, während er im selben Augenblick vielleicht in den Armen Nausikaas, der verlockenden Tochter des Rächers von Chios, schwelgte, ahnte er wohl, wie verstümmelt der süße Leib, der sein Lager geteilt, in den Zuckungen grausamer Schmerzen sich wand? Nimmermehr! – Ein Blick genügte dem Arzt, die furchtbare Marter zu ermessen, die das zarte Weib mit Heldenmut getragen hatte. Von den halbverkohlten Fußsohlen stieg noch der widrige Geruch empor, die Mitte der Brust zeigte ein tiefes Brandmal, in dem noch die dunkle Asche der verglühten Kohlen lag. Die zwei schwarzen Henker – Stumme mit teuflisch grinsenden Mienen, die dem Winke ihres Meisters gehorchten, der in der Mitte des Gemachs an einem Tandur die Eisenzange glühte, von schrecklichen Instrumenten umgeben, – an der Seite der Unglücklichen stehend, waren eben mit jener einfach höllischen Maschinerie beschäftigt: dem Knebel, der zwischen Holzstücken die Gelenke der Glieder zermalmt. Auf dem Diwan gegenüber, Furien, der Hölle entstiegen, saßen, in ihre Yaschmaks verhüllt, zwei reich gekleidete türkische Frauen, in den Augen grausamen, teuflischen Triumph; in kurzer Entfernung von ihnen mit finsterem, bleichem Gesicht, wie einer furchtbaren Notwendigkeit gehorchend, der türkische Würdenträger, die Feder in der Hand, das Papier vor sich auf dem Schoß, um die Geständnisse der Unglücklichen aufzuzeichnen. Mit einem Sprung war der deutsche Arzt über das Schmerzenslager der Gemarterten hinweg und schleuderte die schwarzen Henkersknechte zur Seite. Sein flammender Blick scheuchte den Tschannador zurück, der nach dem Handjar im Gürtel griff ... »Mörder, blutdürstige Mörder, die ihr seid! – Seht ihr nicht, daß diese Frau stirbt in den wahnsinnigen Martern, die ihr derselben bereitet?« – »Nieder mit dem Gjaur! Schlagt ihn zu Boden!« schrie die eine der drei Frauen den drei Verschnittenen zu, doch der Effendi warf sich zwischen sie und vor den Arzt. – »Haltet ein, Sultana! Dieser Ungläubige wird das Weib vom Tode retten, und du weißt, daß dies notwendig ist. Ihr Tod könnte uns doppeltes Verderben bereiten.« Sein Befehl wies die Henker aus dem Gemach; nach einigem Widerreden fügten sich auch die Frauen, ihnen zu folgen, während Welland bereits mit der Unglücklichen, Bewußtlosen beschäftigt war und sie zum Leben zurückzurufen suchte. Zum Glück hatte er eine jener kleinen tragbaren Apotheken bei sich, welche die Ärzte auf Reisen mit sich zu führen pflegen; ein flüchtiges Salz regte die Lebensgeister der Gemarterten wieder auf, und er versuchte alsbald einen Verband auf ihre Wunden zu legen. Seine Erfahrung belehrte ihn jedoch bald, daß das Leben des armen Wesens in höchster Gefahr schwebte und ihre Kraft immer mehr ermattete. Um ihr wenigstens Ruhe zu sichern, bedeutete er energisch den Effendi, welcher besorgt an dem Lager stand, die Kranke müsse wenigstens einige Stunden Ruhe haben und er selbst werde bei der aufs äußerste Gefährdeten wachen. Nach einigem Zögern fügte sich der Staatsbeamte mit der Erklärung, er wolle im Vorzimmer bleiben. Der Vorhang der Tür fiel hinter ihm, Welland befand sich mit dem Opfer grausamer Verfolgung jetzt allein. Er betrachtete wehmütig, schmerzlich das schöne blasse Gesicht mit den in Lethargie geschlossenen Augen, auf das der Todesengel bereits seine grauen Schatten zu verbreiten begann. Die Wunden und Verletzungen, die das Mädchen empfangen, waren allerdings nicht absolut tödlich, aber ihr ganzer innerer Organismus schien so verletzt, so zerrissen, daß er den Leiden schwerlich zu widerstehen vermochte... Er hatte sie mit einem Teppich bedeckt und saß in schmerzlichem Nachdenken an ihrer Seite, ihren Puls in seiner Hand. Da erklang wieder der stöhnende, geheimnisvolle Seufzer, den er schon früher gehört und für das Echo des Schmerzensrufes der Dulderin gehalten hatte. Diesmal überzeugte er sich, daß er sich geirrt, daß der jammernde Laut von einem andern Wesen kommen mußte. Sie schien ihn gleichfalls gehört zu haben, ihre Augen erschlossen sich, irrten starr umher, fielen dann mit Verständnis und dem Ausdruck des Dankes auf den Arzt, und einige Momente nachher schienen sie ihm zu winken und auf den zerrissenen Vorhang zu deuten. Er sah, wie die Leidende sich anstrengte, zu sprechen, und beugte den Kopf an ihre blassen Lippen. Er hörte endlich, wie diese in französischer Sprache flüsterten: »Rettung! Dort!« War denn noch ein unglückliches Wesen in seiner Nähe, das seiner Hilfe bedurfte? Er zog rasch sein Taschenfeuerzeug hervor, zündete das Endchen Wachslicht an und stieg über das Lager hinweg in das Gemach, worin er soeben die furchtbare Szene miterlebt hatte. Unfern von seinem Sitz, an den Polstern des Diwans, regte und bewegte sich ein dichter Knäuel, er hob den bedeckenden Teppich hinweg, ein schwarzes Weib lag dort am Boden, zusammengeschnürt gleich einem leblosen Bündel, den Knebel im Munde ... Ihre großen Augen starrten ihn an mit unbeschreiblichem Ausdruck ... Mit einigen raschen Schnitten seiner Lanzette hatte er die Bande gelöst, und die Mohrin sprang elastisch mit der Schnellkraft der Jugend empor und stürzte sich dann, wie eine Tigerin auf ihr gefährdetes Junge, auf die bleiche Gestalt der Gepeinigten. Kaum vermochte Welland, rasch hinzuspringend, sie davon abzuhalten, sich auf die Leidende zu werfen und zugleich das Jammergeschrei zu ersticken, das auf ihren Lippen schwebte und das unfehlbar die Würger herbeigerufen hätte. Mit Zeichen machte er ihr die Gefahr, die sie bedrohte, so gut als möglich begreiflich. Sie verstand, – sie hatte das Leiden der Gebieterin ja wenigstens mit dem Sinn des Gehörs mitempfunden, – einem Ballen gleich zur Seite geworfen, um, wenn das Schicksal der Herrin entschieden war, wahrscheinlich als unnütze, gefährliche Last in den Fluten des Bosporus begraben zu werden ... Es war eine herzzerreißende Szene für den Arzt, als sich die Schwarze mit all dem leidenschaftlichen Wahnsinn des Volkes heißer Zonen, bald am Schmerzenslager der Herrin das Haar raufte, bald sich vor ihm niederwarf, die Hände zu ihm emporgestreckt, wie um Rettung flehend für die Sterbende ... Und das alles ohne Laut, – stumm, still, – aller Schmerz, alle Angst und Pein in die leidenschaftlichen Geberden zusammengepreßt! – Die Augen der Gemarterten suchten wieder den Arzt und riefen ihn herbei ... »Bei dem Kreuz des Erlösers, an das ich glaube wie du, Fremdling, beschwöre ich dich, rette das Mädchen hier! der Mund einer Sterbenden muß durch sie eine Botschaft senden, die mit meinem Leben erkauft ist.« – Welland starrte sie an, – wie sollte er helfen, befreien, hier, in den Mauern des Serails, unter den Augen von hundert Wächtern? – er blickte ratlos umher ... »Dort – dort – das Fenster nach dem Meer!« – ihr Auge deutete nach dem Seitengemach; – zum dritten Male betrat es der Arzt und schaute prüfend und vorsichtig umher. An der entgegengesetzten Wand befand sich der Kiosk, Fenster ringsum, mit dichten Jalousien geschlossen. Es gelang ihm eine zu öffnen, durch das vergoldete Holzgitter schaute er hinaus, dicht unter ihm lag das Meer, der Pavillon reichte bis nahe an die Mauer, die das Serail und seine Gärten auch von der Seeseite einschließt. Er strengte all' seine Kräfte mit aller Vorsicht an, und es gelang ihm, einen Teil des Gitters ohne merkliches Geräusch mit seinem Dolchmesser herauszubrechen. Als er den Kopf aus der Öffnung steckte, bemerkte er zu seiner Freude, daß eine Flucht wenigstens in die öden Gärten möglich war, denn wilde Weinreben schlangen sich um die Bogen und Pfeiler, die den abgelegenen Pavillon trugen, fast bis über die Fenster hinauf ... Als er zurückkehrte an das Schmerzenslager Mariams, sah er die Mohrin neben der Herrin knien, das Ohr auf ihre bleichen Lippen geneigt, die leise, dringende Worte zu ihr zu sprechen schienen. Aber die Schwarze schüttelte heftig den Kopf, gleich als verweigere sie, um was die Herrin sie flehte. Da rötete sich deren blasses Gesicht, das ersterbende Auge schien in Drohung zu funkeln, zwischen den Brauen faltete sich die Stirn und die keuchende Brust sandte harte, heftige Worte, dem Arzt unverständlich, wie die ganze Unterredung, über die zuckenden Lippen ... Die Sklavin beugte das Haupt, große Tränen rollten aus ihren Augen, und sie faltete im stummen Gehorsam die Hände über die Brust. Als nun Welland herantrat und leise verkündete, daß der Weg zum Versuch der Flucht geöffnet sei, stürzte die Schwarze nochmals am Lager ihrer Herrin nieder und bedeckte ihren Leib und ihr Antlitz mit Küssen. Dann – die Hände noch einmal flehend gegen den Arzt ausstreckend und auf die Kranke deutend, verschwand sie in dem dunklen Gemach. Welland sah sie einer Schlange gleich durch die Öffnung des Fensters schlüpfen und verschwinden. Atemlos horchte er auf jedes Geräusch, – nur der Schlag seines Herzens ängstigte ihn, – die Flucht schien gelungen! Als er, um den Verdacht so lange wie möglich aufzuhalten, den Teppich des Vorhanges wieder möglichst geschlossen und zurück sah auf die Kranke, schien eine tiefe, verklärende Freude sich über ihr Gesicht ergossen zu haben. Ihr Mund flehte leise zu ihm auf: Beten! Der Mann, der seit kurzem Gefahr und Tod in krassen Zügen um sich gesehen, der der blutigen Bestimmung des Krieges entgegenging, sank an dem Lager des gemißhandelten, sterbenden Mädchens – das er zum ersten Male im Leben sah – in die Knie, und leise murmelnd strömten über seine Lippen die Gebete der Kindheit. – Er sah, wie über ihr Antlitz die Schatten des Todes bleicher und bleicher zogen, – er sah das ersterbende Auge sich umfloren mit den ewigen Geheimnissen des Jenseits. Mit einer letzten Anstrengung hob sie die unverletzte Hand gegen ihn empor, streifte einen Ring von ihrem Finger und preßte ihn krampfhaft in die seinen – eine Gabe der Erinnerung! Er fühlte den Puls des Lebens schwächer und schwächer sich verlieren – immer weiter zum Herzen hin – und faltete seine Hände über den ihren. Dann hob sich die Brust noch einmal hoch, über die Lippen quoll im Todesseufzer der Name Abdul, des Großherrn Name, der im Arm einer andern Odaliske ruhte, und das schwarze Auge verging glasig und kalt in der Erstarrung des Todes ... Mariam hatte geendet! Lange noch betete der fremde Arzt an ihrem Lager; dann bedeckte er das Gesicht der Toten mit dem Teppich und schritt ruhig und entschlossen, um das eigene Schicksal unbekümmert, nach der Tür. Auf sein Klopfen öffnete der Wache haltende Eunuch, und vom Diwan taumelte ihm sein vornehmer Führer entgegen ... – »Was bringen Sie uns für Nachricht?« – »Sehen Sie selbst Ihr Werk, mein Herr. Die Dulderin da drinnen hat ein Höherer, den Sie Allah, den wir Gott nennen, jeder weitern Qual entzogen. Das Mädchen ist tot.« Der Minister trat bleich und erschrocken zurück ... »Inshallah! Es war Gottes Wille! Kommen Sie.« – Er wandte sich mit leichtem Schauder von der Tür ab und winkte dem Arzt, ihm zu folgen. Mit der Ruhe des guten Gewissens, aber Verderben und verräterische Opferung in jedem Augenblick erwartend, folgte ihm Welland stumm durch das Vorgemach, von wo auf den Wink des Effendi zwei Schwarze ihnen voranschritten, und sie durch mehrere Gänge und über Terrassen und Höfe geleiteten, bis der Deutsche sich in dem großen ersten Hof des Serail wiederfand, in den von der Stadtseite der Pavillon oder die »Pforte« führt, von der das Reich den Namen hat, Tag und Nacht von fünfzig Kapidschi bewacht ... Hier blieb der Effendi stehen und reichte dem Arzt einen schweren Beutel. – »Nehmen Sie,« sagte er, »und schweigen Sie wie das Grab, das jene bedecken wird. Die Kapidschi werden Sie bis zur Brücke geleiten, – Allah behüte Sie.« – Der Arzt wies mit einer ernsten Gebärde das Geschenk zurück, um keinen Preis hätte er das Blutgeld angerührt. Dann eilte er rasch durch das Tor, die Begleitung der Kapidschi von sich weisend, und in die noch belebten Straßen. Seine Gedanken waren unwillkürlich auf die Flucht der Mohrin gerichtet, und ob sie gelungen sei ... Als er seine Wohnung erreichte, war es nahe an Mitternacht. Nach einer Nacht voll wilder Träume erwachte Welland ziemlich spät, und die schrecklichen Erinnerungen, die seine Seele belasteten, mit Gewalt von sich schüttelnd, machte er sich eben bereit, auszugehen und seinen Freund aufzusuchen, als Baron Ölsner bei ihm eintrat. Derselbe schien etwas echauffiert, suchte aber einen scherzenden Ton anzustimmen ... »Was lange währt, wird gut, Doktor,« sagte er lustig; »ich bringe gute Nachrichten, eben komme ich aus dem Seraskiat und habe diese Depesche für Sie mitgenommen.« Er warf dieselbe auf den Tisch. »Raten Sie, wohin Ihre Bestimmung lautet?« – Welland griff hastig danach ... »Man ließ mich hoffen nach dem Hauptquartier?« – »Falsch geraten. Sie sind zum Oberarzt in Silistria bestimmt, und ich freue mich, daß – ich darf es sagen – meine Bemühungen für die Realisation Ihrer Wünsche nicht ohne Einfluß gewesen sind.« Der Doktor hatte währenddessen die Depesche geöffnet und fand darin die erwähnte Ernennung mit der Ordre, sich alsbald nach seinem Bestimmungsorte zu begeben, und den Reisepaß für die Stationen der Reise ... – »Sind Sie aber auch bereit, noch heute und zwar so bald als möglich aufzubrechen?« – Welland schaute ihn groß an ... »Davon ist nichts in der Ordre erwähnt. Sie lautet bloß auf schleunigst.« – »Man sagte mir mündlich im Seraskiat, daß man erwarte, Sie noch heute abreisen zu sehen.« – »Aber das ist doch nicht möglich, ich muß doch einige Vorbereitungen treffen; ich werde sogleich selbst nach dem Seraskiat gehen, um Urlaub auf zwei Tage zu erhalten.« Der Baron schien befangen und dann rasch einen Entschluß zu fassen. Nachdem ein Blick nach der Tür ihn überzeugt hatte, daß sie unbelauscht waren, trat er vertraulich auf den Deutschen zu. – »Sollten Sie nicht vielleicht selbst wünschen,« sagte er mit Nachdruck, »sobald wie möglich Konstantinopel den Rücken zu wenden, um Erinnerungen und Nachforschungen zu entgehen? Zufällige Ereignisse, wenn sie auch der Schatten der Nacht birgt, können selbst den tapfersten, ehrenwertesten Mann zur Vorsicht mahnen.« – Welland blickte ihn erstaunt an – wie konnte er wissen – – »Mein Rat ist,« fuhr der Baron fort, »Sie sind binnen zwei Stunden unterwegs, und Sie wissen, ich meine es gut mit Ihnen. Ich erfuhr bereits heute Morgen die Notwendigkeit Ihrer raschen Abreise, – das wie? erlassen Sie mir – ich habe alle Vorbereitungen getroffen. Die Pferde bis zur ersten Station sind bestellt. Ich kann Ihnen auch die angenehme Nachricht mitteilen, daß Ihr Freund Caraiskakis bereit ist, Sie zur Stelle zu begleiten.« Welland war befangen von dem Unerwarteten, dessen willenloses Spiel er schien. Er sann vergeblich auf Aufklärung, auf einen Entschluß ... »Wenn Sie Geld brauchen, so steht Ihnen meine Börse mit jeder Summe zu Diensten,« sagte Oelsner von Montmarquet. »Doch scheint mir ein solches Anerbieten fast unbescheiden bei einem Mann, der solche Kostbarkeiten besitzt und sie achtlos umherliegen läßt.« – Er wies auf den Ring, den Welland von der sterbenden Odaliske empfangen, und den er bei der Rückkehr auf den Tisch geworfen, ohne ihn zu beachten. Der Baron nahm ihn auf und ließ das Feuer des großen Solitärs in der Sonne blitzen ... – »Der Stein ist unter Brüdern mindestens seine zweitausend Imperials wert, jeder Jude im Basar würde sie auf der Stelle zahlen. Ich habe lange keinen schönern Diamanten gesehen, und selbst die antike Fassung hat bedeutenden Wert. Wollen Sie den Ring verkaufen?« – Der Deutsche verneinte befangen ... »Wohl! so rate ich Ihnen wenigstens, ihn sorgfältiger aufzubewahren und weniger zu zeigen. Der Padischah dürfte nicht viele solcher Ringe in seinem Schatze haben! – Doch nun auf etwas anderes zu kommen: Sie haben noch keinen Diener und werden doch eines solchen bedürfen. Wollen Sie mir erlauben, dafür zu sorgen?« – »Sie würden Ihre Freundlichkeit damit noch erhöhen. Ich bin außerstande, irgend etwas zu bestellen, und weiß kaum, wie ich meine Sache in der kurzen Frist ordnen soll.« – »Wohl, ich übernehme die Besorgung und werde einen passenden jungen Schwarzen, der etwas italienisch versteht und geläufig türkisch spricht, Ihnen zuführen. Aber es kann erst am Tor von Edrene geschehen. Jetzt, Doktor, packen Sie Ihren Mantelsack und arrangieren Sie sich mit Ihrer Wirtin. In zwei Stunden wird Ihr Freund mit den Pferden und dem Führer bereit sein. Ich selbst erwarte Sie, wie gesagt, am Tor. Nochmals, lieber Freund, den Rat und die Warnung: es ist am besten für Sie, wenn niemand, mit dem Sie etwa in Verbindung gestanden, vorerst erfährt, wo er Sie zu suchen hat.« Er nahm seinen Hut und entfernte sich eilig. Welland, von all den Eindrücken betäubt, mußte seine ganze Willenskraft zusammennehmen, um sich mit der Ordnung des Gepäcks zu beschäftigen. Zwei Stunden nachher trat Caraiskakis, zur Reise gerüstet, in sein Zimmer, um ihn abzuholen. Auf die Anweisung des Barons hatte er die Pferde mit Mauro nach Stambul über die Brücke vorausgeschickt und nur einen Lastträger mitgebracht, das Gepäck des Freundes bis dahin zu schaffen, um so durch die Abreise kein Aufsehen zu machen. Ehe eine halbe Stunde vergangen, fanden sie auf dem Platz vor der Moschee Walide Mauro mit den Pferden. Bald war der Weg durch die Stadt, am alten Serail, der Suleimania und der Moschee Mahmuds vorüber, zurückgelegt und Edrene Kapussi erreicht, hier am Begräbnisplatz kam ihnen der Baron mit einem jungen, schlanken Mohren wohlberitten und bewaffnet und mit einem Felleisen versehen, entgegen, in dem sich nach der Mitteilung des Barons noch verschiedene notwendige Artikel für seine Freunde befanden. Er empfahl dem Arzt, den schwarzen Knaben, den er ihm als Diener überlassen, freundlich und nachsichtig zu behandeln, da er von gutem Gemüt sei und ihm sicher mit Tätigkeit und Treue lohnen würde; sodann, wenn sich Gelegenheit durch einen sichern Boten fände, ihm Nachricht von seiner Ankunft und seinem Wohlergehen zu geben, bis das Schicksal sie wieder zusammenführen werde ... So schieden sie. Während die kleine Gesellschaft, die jetzt aus fünf Reitern mit einem Packpferd bestehend, auf der Straße nach Crevatis und Silviria dahin galoppierte, hatte der Arzt Gelegenheit, seinen neuen jungen Diener mehrfach zu beobachten. Derselbe hatte ihn mit einem tiefen, demütigen Gruß am Tor empfangen, und Welland bemerkte, wie seine großen, dunklen Augen oft, wenn er sich unbemerkt glaubte, mit lebhaftem Ausdruck auf ihm hafteten. Es war ein schlanker, junger Bursche von ausgebildeten, etwas weichen Formen und einem für einen Schwarzen auffallend wohlgebildeten Gesicht, dessen Züge ihm sogar etwas Bekanntes hatten, ohne daß er sich jedoch zu erinnern wußte, wie und wo er ihn gesehen hätte. Er rief ihn an seine Seite und redete ihn italienisch an, was der Knabe ziemlich gut zu verstehen schien, wenn er sich auch erst dürftig in der Sprache selbst auszudrücken vermochte. Auffallend war es Welland, daß der Schwarze so wenig das heitere, sorglose Wesen seines Volkes zeigte, vielmehr eine Art Schwermut und Kummer; doch bemerkte er zugleich aus allen Antworten des Knaben, daß er aufgeweckten und scharfen Verstandes war und sich auch hierin vor seiner Nation vorteilhaft auszeichnete, die gewöhnlich die größte geistige Stumpfheit zeigte ... Auch bei Caraiskakis blieb Welland ungewiß, ob dieser durch den Baron etwas von seinen schauerlichen Abenteuern der vergangenen Nacht wisse. Der Grieche deutete mit keiner Silbe darauf hin und erwähnte nur, daß ihm die Benachrichtigung des Barons, Welland werde sofort nach dem Kriegsschauplatz aufbrechen, sehr willkommen gewesen sei. Sie waren bereits über die Bai von Kütschük-Tschekmedsche gesetzt und nicht weit von Kumburgas, als sie unfern von einigen Fischerhütten am Meer halten mußten, um die Fähre abzuwarten, die sie über die zweite Buchtung führen sollte. Da sie noch am andern Ufer war, machte Welland den Vorschlag, nach den Hütten zu reiten und dort Wasser für sich und die Pferde einzunehmen. Einige türkische Frauen und Kinder traten heraus. Eine derselben brachte einen Krug mit Wasser. Dabei betrachtete sie aufmerksam den Deutschen, der sich durch seine fränkische Kleidung vor den übrigen auszeichnete. Dabei sprach sie eifrig auf Welland ein, der endlich seinen Freund zu Hilfe rief. Dieser verdolmetschte ihm das Anliegen der Frau: in ihrem Hause liege ein Kranker, der von Räubern überfallen, verwundet und dann ins Wasser geworfen worden sei, wo ihn durch Zufall ihr zum Fischen dahin gekommener Mann gefunden und gerettet habe ... Welland war sogleich bereit, und indem er Nursah befahl, ein bezeichnetes Kistchen aus dem Gepäck ihm nachzubringen, folgte er den Frauen in das Haus. Hier, auf einem dürftigen Lager, hatte die Menschenfreundlichkeit der armen Moslem Jussuf, den Kurier der unglücklichen Mariam, gebettet; denn dieser war es, den vor acht Tagen die Fischer, in der Küstenbucht ihre Hamen aufstellend, auf den Steinen am Ufer der tiefen Schlucht gefunden hatten. Die Kugel des korsischen Mörders hatte den Schwarzen in die Seite getroffen, hatte aber glücklicherweise kein edleres Gefäß verletzt; bei dem Sturz ins Wasser hatte der Arme aber den Arm gebrochen. Die Kühle der Wellen hatte die betäubte Lebenskraft wieder angeregt und auch die Blutung gestillt. So gelang es ihm, das Ufer zu erreichen, und hier, halb im kühlen Wasser hängend, liegen zu bleiben, bis gegen Abend der Zufall die Fischer herbeiführte ... Doktor Welland war eben bemüht, mit der Sonde die Kugel zu suchen, als hinter ihm ein geller Schrei erklang und der Knabe Nursah, das Gerät des Herrn zu Boden werfend, auf den Verwundeten zustürzte und ihn stürmisch umschlang ... Und nun erfuhr Welland, nachdem die beiden Schwarzen zärtliche Worte getauscht und sich im Erzählen überboten hatten, daß sie Geschwister seien, durch den Zufall kürzlich getrennt, sowie das Schicksal, das Jussuf, den Tataren, betroffen hatte. Der Knabe Nursah hatte bereits in dem Arzt ein so lebhaftes Interesse erregt, daß er sich mit doppeltem Eifer des Kranken annahm. Während er den gebrochenen Arm, so gut als es die Umstände erlaubten, schiente und verband, die Kugel aus der Seite glücklich herauszog und einen Verband auf die eiternde Wunde legte, war Nursah mit tausend Hilfsleistungen tätig. Unterdes verhandelte Caraiskakis mit den Fährleuten, und Welland machte, so unangenehm es ihm war, dem Knaben den Vorschlag, zur Pflege seines Bruders hier zu bleiben und ihm dann nachzukommen; aber Nursah – nach kurzem Besinnen und einigem Wortaustausch mit dem Bruder, weigerte sich entschieden, zurückzubleiben. Der Führer der Fähre drängte zur Abreise. So schied denn Welland von dem Kranken, nachdem er dessen Wirtin einige Anweisungen für seine Pflege gegeben und eine kleine Geldsumme zurückgelassen hatte, zu der auch Caraiskakis eine reichliche Gabe fügte. Drei Stunden nachher waren sie in Silistria, dem ersten Haltepunkt auf der großen Straße nach Adrianopel und Schumla. Zweites Kapitel. Oltenitza I. Des Donners Grollen. Ein glänzender Ball beim preußischen General-Konsul in den Donau-Fürstentümern hatte am 31. Oktober, demselben Tage, an welchem Kaiser Nikolaus das Kriegsmanifest an sein Volk erließ, eine Anzahl Offiziere des russischen Heeres und die Elite der vornehmen Welt von Bukarest versammelt. Herr von Meusebach, einer der wenigen Glücklichen, die sich für mutiges und konservatives Auftreten in den Sturmjahren von achtundvierzig und neunundvierzig eines offiziellen Dankes zu erfreuen hatten, wenn auch hors de Berlin durch eine Mission ins Land der Wilden oder Halbwilden, hat seine gemütliche oder furchtlose Ruhe, mit der er einst der erbitterten Linken das Mene Tekel: »Die Versammlung riecht nach Leichen!« von der Tribüne entgegen warf, auch unter den Bojaren bewahrt und vertritt dort die Flagge seines Königs, wie schon mehrere Gelegenheiten bekundet haben, würdig, und nicht ohne Glanz. Junggesell, mit Vermögen und von lebenslustigem Charakter, hat er sich vielfach den orientalischen Sitten bequemt und bildet einen Zentralpunkt für den geselligen Verkehr der Fremden und Einheimischen in Bukarest. Inzwischen hatten etwa 77 000 Mann der russischen Armee den Pruth überschritten, nämlich das vierte Korps, eine Division und die Reiterei des fünften, und das war natürlich eine zu geringe Macht, um damit einen Krieg gegen die Türken zu führen. Eine Division des fünften rückte später nach Odessa nach, und erst als die Ereignisse zeigten, daß die Türken den Kampf aufnehmen würden, erhielt das dritte russische Armeekorps, geführt vom General von Osten-Sacken, Befehl, die Armee zu verstärken, und rückte in Eilmärschen nach der Moldau, die sein Vortrab am 14. November betrat. Fürst Gortschakoff hatte sein Hauptquartier teils in Bukarest, teils in Budeschti, einem kleinen Flecken zwischen Bukarest, Giurgewo und Oltenitza, etwa fünf Meilen von dem ersteren, drei von dem letzten Orte entfernt, genommen. Der linke Flügel dieser Aufstellung in der Wallachei stand unter dem Kommando des Generals Anrep, auf Kalarasch gestützt, den Türken bei Silistria gegenüber, während General Lüders die Moldaugrenze bei Galacz besetzt hatte. General Dannenberg hielt die Mittellinie an der Donau und Giurgewo, Rustschuk gegenüber, und General von Fischbach den rechten Flügel an der Aluta bis Krajowa gegen Kalafat, nachdem man törichterweise den Türken gestattet hatte, sich hier festzusetzen. Fürst Gortschakoff behielt, wie erwähnt, die Reserve des Mitteltreffens bei sich, und die russischen Truppen waren durch das strategische Talent des Generalstabs-Chefs Generals von Kotzebue so geschickt aufgestellt, daß es von dem durch die Natur so überwiegend begünstigten bulgarischen Ufer doch nicht möglich war, ihre Verteilung und Bewegungen zu erspähen, während andererseits vierundzwanzig Stunden genügten, um 30 000 Mann russischer Truppen auf einem der Hauptpunkte zu konzentrieren. Auf türkischer Seite befand sich das Hauptquartier und der Zentralpunkt der Operationen gegen die Donau in Schumla, doch war in diesem Augenblick Omer-Pascha bereits an der Donau im Zentrum der Stellung eingetroffen. Den rechten Flügel stützte er auf Hirsowa und Silistria, von Izzet-Pascha kommandiert, den linken, bereits über die Donau vorgeschobenen, auf Widdin und Kalafat. Hier kommandierte Sami-Pascha. Der Sirdar befehligte auf dieser ausgedehnten Stellung ungefähr 100–120 000 Mann, teils Nischam (Linie), teils Redifs (Landwehr) und Baschi-Bozuks (Irreguläre). Eine Masse europäischer Flüchtlinge aller Länder befand sich nicht bloß in seiner nächsten Umgebung, sondern auch als Offiziere und selbst als Gemeine in dem ganzen Heere, zum großen Teil Renegaten, da durch die Bemühungen des Muschirs bei dem Übertritt der ungarischen Armee im Jahre 1849 Offiziere und Soldaten in Masse dem Religionswechsel des greisen Generals Bem gefolgt waren. Wie bereits erwähnt, hatten die Feindseligkeiten, und zwar von türkischer Seite, bei Isaktscha, einer kleinen türkischen Festung in der Dobrudscha, begonnen. Fürst Gortschakoff hatte den Befehl erteilt, daß ein Teil der in den Mündungen ankernden russischen Donau-Flotille den Fluß herauf bis Galacz fahren solle, um für etwaige Operationen bei der Hand zu sein. Das Geschwader, aus den Kriegsdampfern »Pruth« und »Ordinarez«, jeder vier Kanonenboote im Schlepptau, bestehend, näherte sich um 8-1/2 Uhr morgens am 23. Oktober Isaktscha. Sofort eröffneten die Türken ihr Feuer aus 27 Geschützen, worauf sich eine lebhafte Kanonade von beiden Seiten entspann, die fast anderthalb Stunden währte. Zwei der Kanonenboote wurden durch das türkische Feuer so beschädigt, daß sie nur bis Reni gebracht werden konnten, die anderen Schiffe jedoch trafen am Abend in Galacz ein. Ein großer Teil der Stadt Isaktscha war durch die russischen Bomben in Flammen gesteckt; unter den dreizehn Toten des kleinen Geschwaders befand sich auch sein tapferer Kommandant Werpakhowsky. Sechsundvierzig Mann wurden verwundet. Am 25. Oktober hatten die Türken unter Sami-Pascha, dem Gouverneur von Widdin, den ersten Übergang über die Donau unternommen. Die zwischen Widdin und Kalafat belegene Insel wurde von einem Korps von 2000 Mann besetzt und befestigt, ohne daß die Russen, deren schwache Vorposten in Kalafat standen, dies im geringsten zu hindern suchten. Selbst als am Nachmittag des 27. von der Insel aus die Türken unter dem Befehl von Ismaël-Pascha das linke Ufer unterhalb Kalafat betraten, sahen die russischen Offiziere von dem auf der Höhe belegenen Kaffeehause dem feindlichen Übergang gemütlich zu, bis es zu spät war, die verlorenen Vorteile wieder zu gewinnen. Die russische Garnison räumte Kalafat, und nach Mitternacht rückte die Avantgarde der Türken dort ein. Sofort warfen sie jenes über eine halbe deutsche Meile lange Bollwerk auf, an welchem der Lorbeer des Fürsten von Warschau noch diesseits des Grabes seine ersten Blätter verlieren sollte. Die ziemlich abgesonderte, strategisch außerdem ganz unnütze Position war von dem Muschir klugerweise eingenommen worden, um jenem großen Plan der Russen auf die Verbindung mit Serbien und die Erhebung des serbischen Volkes gegen die Türkei zuvorzukommen. Am 1. November waren von den Türken in Kalafat gleichfalls mehrere Versuche gegen das linke Donauufer unternommen worden; von Rustschuk aus etwas stromabwärts bei Tersenschik Giurgewo, Rustschuk gegenüber, unter General Ssoimonoff; von Tuturkai aus, das in der letzten Zeit stark befestigt worden, endlich von Oltenitza aus, von wo aus sie auf die nächstliegende Insel übersetzten. Dann faßten sie am 2. auf dem linken Ufer unterhalb Oltenitza Stellung, und am Morgen des 3. standen bereits etwa 5000 Mann auf der Insel. In Oltenitza befehligte der Kommandeur der 2. Infanterie-Division des 4. Armee-Korps, Generalleutnant Pawloff, der aber nur über eine geringe Truppenzahl verfügte. Dies war die gegenseitige Stellung am Abend des 3. November. – Fürst Gortschakoff mit seinem Adjutanten hatte selbst den Ball des Generalkonsuls mit seinem Besuche beehrt, und eine große Anzahl Offiziere des Dannenbergschen (4.) Korps befand sich aus den umliegenden Stationen auf Urlaub anwesend. Unter den Gruppen zog diejenige die Aufmerksamkeit auf sich, die sich um die Schönheit des Tages gebildet hatte. Es war die Gattin eines erst seit wenigen Wochen aus Paris zurückgekehrten Bojaren aus der reichen und angesehenen Familie der Bibesko, und obschon es sehr gewöhnlich ist, daß die galanten Damen von Paris, wenn sie dort ihre Rolle ausgespielt haben oder durch irgend einen Umstand sich veranlaßt sehen, Paris zu meiden, sich von ihren slavischen Anbetern zu der wilden Heimat entführen lassen, oder auf eigene Hand nach Bukarest, Galacz und Jassy kommen, um dort einen goldenen Fisch zu angeln und mit ihrer Hand zu beglücken, – so war Madame Bibesko doch recht geeignet, unter allen ihren Nebenbuhlerinnen den Sieg davon zu tragen. Eine hohe, schlanke Gestalt, das Haar cendré , den Teint fein und leicht gerötet: ein Bild, das dem Leser nur flüchtig am Abend des 5. Juli in der Straße St.-Josef in Paris von uns vorgeführt worden ist. Der spöttisch verzogene Mund warf rechts und links seine Wortblitze, während das schmachtende Auge durch die brillantenbesetzte Lorgnette achtlos über den Kreis hinaus kokettierte, der sich rasch um sie gebildet hatte. Plötzlich erbleichte das schöne Gesicht und dann schoß eine dunkle Röte auf Hals und Antlitz. Frau von Bibesko wandte sich rasch zu einem der Offiziere und begann ein gleichgültiges Gespräch, während dessen sie ihre Aufregung zu unterdrücken suchte. Alsdann wieder das Lorgnon vornehmend, ließ sie die Blicke nochmals wie zufällig durch den Saal schweifen und endlich an einer entfernten Gruppe älterer Offiziere haften. – »Können Sie mir sagen, Herr von Szamarin,« wandte sie sich an einen ihrer Verehrer, einen Ulanen-Major vom Regiment Olwiopol, »wer der junge Offizier ist? so viel ich von ihren Uniformen verstehe, von der Garde, der eben mit dem Oberbefehlshaber spricht? Mich dünkt, ich müßte dies interessante Gesicht bereits gesehen haben.« – »Ich kann Ihnen dienen, gnädige Frau,« erwiderte der Offizier galant; »Fürst Iwan Oczakoff; und Sie können ihn recht gut schon gesehen haben, da er einige Zeit der Gesandtschaft in Paris beigegeben war. Er ist gestern mit Depeschen von Odessa eingetroffen ... Attachiert dem Fürsten Mentschikoff ... Befehlen Sie, daß ich Ihnen den Fürsten vorstelle?« – »Sie werden mich verbinden, Herr Major.« – »Aber nur unter der Bedingung, schöne Frau, daß wir dabei nicht zu kurz kommen.« Der Major verließ die Gruppe und näherte sich dem Fürsten, der jetzt, von dem General en chef entlassen, mit mehreren jungen Offizieren plauderte. Die Blicke der Dame folgten ihm nicht ohne Unruhe, – nur zerstreut setzte sie ihre Unterhaltung mit ihrer Umgebung fort ... »Sie haben eine Eroberung gemacht, Fürst,« sagte scherzend Herr von Szamarin zu diesem, »ohne daß Sie es wissen. Madame Bibesko, die Königin des Balles, wünscht, daß ich Sie ihr vorstelle.« – »Ich habe nicht die Ehre, die Dame zu kennen.« – »Eben deshalb will ich Sie vorstellen. Kommen Sie, Fürst. Die schöne Celeste Bibesko ist eine Pariserin und wird Sie dort wahrscheinlich gesehen haben, wenigstens glaubt sie es!« – Halb gezwungen folgte Fürst Iwan dem Kameraden, der ihn zu der schönen Bojarenfrau führte. – »Hier, Madame, erlaube ich mir, Ihnen unsern gefährlichen Nebenbuhler um Ihre Gunst vorzustellen. Fürst Iwan Oczakoff, der aus dem Lande stammt, wo einst Achill verborgen wurde; hoffentlich hat er für die Pfeile aus Ihren schönen Augen nicht einmal die verwundbare Stelle, die sein berühmter Landsmann besaß.« – »Man muß nach Rußland kommen,« sagte die Dame lächelnd, »um die pariser Komplimente noch übertroffen zu sehen. Ich höre, Sie waren noch in diesem Sommer in Paris, mein Prinz?« – Ihr Auge lag scharf und bedeutungsvoll auf ihm. – »So ist es, Madame.« – »Und wann verließen Sie es?« – »Am Abend des 5. Juli.« – »So bald schon? Ich glaubte, Sie noch später dort gesehen zu haben. Es scheint, daß der 5. Juli ein wichtiger Tag für viele Personen gewesen ist, auch mir war er ein solcher.« Der Fürst wurde aufmerksamer ... »Meine Abreise kam plötzlich, deshalb habe ich das Datum genau behalten, Madame.« – »Ich zweifle nicht daran, mein Prinz. Ungewöhnliche Ereignisse haften fest in der Erinnerung, wie es scheint, selbst fester als Gefühle.« Ihr Blick flog rasch umher – die umgebenden Herren hatten sich rücksichtsvoll einige Schritte zurückgezogen und plauderten, – sie sah sich unbeachtet und benutzte den Augenblick. »Ich hätte kaum geglaubt, Sie glücklich und so bald nach jenem furchtbaren Abend wiederzusehen.« – »Madame – –« ... »Jetzt wird es mir freilich klar, auf welche Weise es Ihnen gelang, sich zu befreien. Die arme Nini!« Der Fürst war sehr bleich, in seinem Innern kämpfte sichtlich eine große Aufregung ... »Madame – ich verstehe kaum – –« »Ei, mein Gott, warum sich der kleinen Aventüre schämen, mein Prinz! Ich bin, wenn Sie es wünschen, die Diskretion selbst, nehme aber natürlich auch die Ihrige in Anspruch. Wenn Sie Lust haben, weiter mit mir zu plaudern, so sage ich Ihnen den zweiten Kontretanz zu. Im Augenblick bin ich engagiert und ich sehe eben meinen Tänzer nahen. Au revoir, mon prince! « Am Arm ihres Chapeau rauschte sie in die sich bildenden Reihen, während das Orchester den wilden Masurka begann. Der Fürst starrte ihr nach – seine Augen blieben in ernstem Nachdenken auf die unerwartete Erscheinung gerichtet. Dann legte er die Hand sinnend an die schöne Stirn und suchte eines der Nebenzimmer auf, wo er ungestört seinen Gedanken nachging. Erst die Takte, welche zum Antreten der Quadrille riefen, weckten ihn. Er schien seinen Entschluß gefaßt zu haben und eilte in den Saal zu seiner Tänzerin, die ihn bereits mit Ungeduld erwartete. Während die Touren wechselten, spann sich das Gespräch lebhaft weiter. »Darf ich fragen, ob Sie Nini wieder gesehen haben?« – »Nein, Madame.« – »Ich dachte es mir, sagte die Frau mit sichtlicher Erleichterung. »Sie haben demnach gleich nach dem entsetzlichen Auftritt Paris verlassen?« – »So ist es.« – »Es konnte Ihnen natürlich nicht schwer werden, Ihre Identität zu beweisen. Doch war es edel und schön von Ihnen, mein Prinz, sich für Ihren Gegner zu opfern.« – Der Tanz unterbrach die Unterhaltung. – »Und Nini?« fragte der Fürst, von der Tour zurückkehrend. – » Mon Dieu ! die Kleine begleitete ihren Bruder und war am andern Morgen spurlos verschwunden. Wir hatten uns alsbald getrennt, um jede Spur zu verwischen, und ich wagte es erst einige Zeit nachher, unter der Hand mich zu erkundigen. Aber seltsam, auch die Polizei hatte Nachfrage angestellt, obschon der Mensch kompromittiert sein mußte.« – Sie schien die Sache mit einiger Verlegenheit zu umgehen ... »Sie sind mir die Erzählung Ihres Abenteuers schuldig, mein Prinz.« Der Tanz hatte geendet, der Fürst führte die Dame nach ihrem Platz. »Ich fühle ganz die Pflicht, die ich habe, und sie zu lösen ist für mich wichtiger als es für Sie von Interesse sein kann, nur scheint hier kaum der Ort dazu. Würde Frau von Bibesco mir wohl erlauben, ihr morgen meine Aufwartung zu machen?« – »Fürst Oczakoff wird mir stets willkommen und ich werde von zwölf Uhr an für ihn allein zu Hause sein. – Doch sehen Sie, Fürst, – es muß sich etwas Ungewöhnliches ereignet haben. Ihre Herren Kameraden treten zusammen und ich sah eben Fürst Gortschakoff mit mehreren Generalen durch jene Tür sich entfernen. Bitte, gehen Sie und erkundigen Sie sich, wir Frauen sind neugierig.« Auch der Fürst bemerkte, daß eine besondere Aufregung im Saale stattfand und die Offiziere in Gruppen zusammentraten. Er beurlaubte sich mit einer Verbeugung und eilte zu der Menge, die sich namentlich um die Tür zu einem der Nebengemächer versammelt hatte, aus dem jetzt Baron von Meusebach seinen Gästen entgegentrat ... »Seine Durchlaucht,« sagte der General-Konsul mit lauter Stimme, »bitten die werte Gesellschaft mit mir, sich durchaus nicht zu beunruhigen oder stören zu lassen. Es sind einige Depeschen eingegangen, die den Fürsten für kurze Zeit in Anspruch nehmen, aber keineswegs irgend eine Besorgnis rechtfertigen. Meine Herren, ich bitte Sie, in dem Tanz fortzufahren.« – Das Orchester begann auf seinen Wink aufs neue, doch nur wenige Paare bildeten die Kolonne. Man flüsterte in Gruppen oder verkehrte mit den Adjutanten, die hastig aus den Gemächern, wohin sich der Fürst zurückgezogen hatte, ab und zu gingen und hier und da einem der Offiziere einen Befehl zu bringen schienen. Man bemerkte, wie alsbald die Angeredeten aus dem Saale verschwanden, und von der Pforte des Hauses her klang der Galopp der Davonsprengenden herauf. Fürst Iwan wandte sich an einen ihm bekannten Artillerie-Offizier und fragte ihn nach dem Vorgefallenen. ... »Der Teufel ist los!« sagte der Kapitän. »Pawloff hat uns bei Oltenitza die Türken über den Hals kommen lassen und ist bereits heute Mittag von ihnen zurückgedrängt worden. Kommen Sie, Fürst, wir hören die sichersten Nachrichten von dem Boten selbst.« Er nahm ihn unter den Arm und führte ihn durch die Menge zum zweiten Salon, wo am Büffet eine Anzahl Militärs um einen staub- und schmutzbefleckten Kosaken-Offizier versammelt war, der, am Tische sitzend, große Gläser starken Arrakpunsches hinunterstürzte. Die Unterhaltung wurde hier russisch geführt und das andere Publikum hatte sich daher zurückgezogen. »Nun, Herr Kamerad,« sagte Kapitän Besutoff zu dem Kosaken, »kann man von Ihnen erfahren, welche Nachricht Sie gebracht haben, oder ist die Sache Geheimnis?!« – »Warum halten hinter dem Berg mit der Sach', die doch sein püblic morgen früh!« radebrechte der Kosak. »Wir haben bekommen Schläg', starke Schläg'; die Herren Muselman, meine Kolleg', waren gekommen zu viel und haben gedrängt uns zurück. Wir werden morgen haben starke Affär'.« Er hob das neugefüllte Glas und betrachtete den Inhalt schmunzelnd durch das Licht. »Dieser Punsch sein ser kut. Auf kuten Erfolg, meine Herren Kamerad'!« Der Bursche leerte das große Glas auf einen Zug. Indes die Offiziere sich bemühten, die Details aus ihm herauszuholen, trat einer der Adjutanten des Oberbefehlshabers zu der Gruppe ... »Seine Durchlaucht hat den Ball verlassen, meine Herren, und sich in sein Quartier begeben. Sie werden wohltun, sich fertig zu machen und möglichst schnell im Hotel einzufinden, um einige Befehle in Empfang zu nehmen. Wir brechen noch diese Nacht auf nach Budeschti. Sie, Herr Leutnant,« wandte er sich zu Iwan, »wünscht der Fürst gleichfalls zu sprechen.« Ein allgemeiner Aufbruch der Gesellschaft erfolgte. Als Fürst Oczakoff in den Ballsaal zurückeilte, um die schöne Bojarin noch zu sprechen, fand er, daß sie bereits mit ihrem Gatten das Fest verlassen hatte, das jetzt rasch ein Ende nahm. Die Offiziere eilten teils nach ihren Quartieren, teils nach den Kasernen oder direkt nach dem Hotel des Oberbefehlshabers. Fürst Iwan traf hier bereits die Vorgemächer voll Ordonnanzen und Offizieren aller Waffengattungen. In dem Saal des Hauses, wohin er mit mehreren anderen beschieden wurde, fand er den Fürsten mit der Generalität und den Mitgliedern des Generalstabs um die Karten versammelt, und zwei Stunden darauf wirbelten die Trommeln durch die Straßen, und eine Infanterie-Kolonne setzte sich bei Sturm und Regen in Bewegung. Beim ersten Dämmern des Tages folgte ihr der Oberbefehlshaber mit seinem Stabe nach Budeschti. – Oltenitza, wo der erste größere Kampf dieses Krieges ausgefochten werden sollte, ist ein kleiner Ort an dem Flüßchen Argisch, kurz vor dessen Einfluß in die Donau, die hier etwa 630 Schritt breit ist und in deren Mitte, doch näher dem linken Ufer und Oltenitza gegenüber, wie wir bereits erwähnt haben, eine ziemlich große, stark bewaldete Insel liegt. Der Argisch bildet an seinem Ausfluß sich bis ans Donauufer erstreckende Sümpfe, welche die Position beengen und schützen. Hier hatte wegen der geringeren Breite der Donau auch bei dem Feldzuge von 1828 die russische Armee mit 40 000 Mann am 23. Juni ihren Übergang nach dem bulgarischen Ufer bewerkstelligt. Wir haben bereits angeführt, daß die Türken am 2. im Schutz des Nebels ein kleines Korps von der Insel aus auf das linke Ufer geworfen und sich dort in jenen russischen Schanzen festgesetzt hatten. Mustapha-Pascha und der spanische Abenteurer General Prim von Reuß, ein ehemaliger preußischer Leutnant, der durch die Weiberwirtschaft in Spanien sich zu solchem Range emporgeschwungen hatte und mit der Spekulation nach der Türkei gekommen war, mindestens ein Oberkommando zu erhalten, – leiteten die Unternehmung. Im Laufe des 3. – es war ein Donnerstag – hatte sich die Zahl der übergesetzten Truppen bedeutend vermehrt und drängte die russische Vorpostenlinie auf Oltenitza und die in Kanonenschußweite hinter dem Ort belegene befestigte Reservestellung zurück. Am Nachmittag entspann sich ein Gefecht, bei dem die Russen – größtenteils nur Kosaken – sehr im Nachteil waren und Oltenitza räumen mußten, während die Türken ihre Stellung überaus befestigten und auf der Donauinsel Batterien auswarfen. Diese mißlichen Umstände waren es, die General Pawloff dem Höchstkommandierenden am Nachmittag des 3. nach dem etwa acht Stunden von Oltenitza entfernten Hauptquartier gemeldet hatte. Am Freitagmorgen – der Freitag ist der Sonntag der Moslems – standen bereits 14-15000 Türken verschanzt auf dem linken Donauufer in überaus vorteilhafter Position. Dieselbe lehnte sich rechts an die Donau, links an den Argisch. Ihr rechter Flügel war überdies durch mehrere terrassenförmige Batterien von zusammen 40 Geschützen am rechten Donauufer und auf dem alten Schloß von Tuturkai, ihr linker Flügel durch die beiden bestreichenden Batterien auf der Donauinsel gedeckt. Während des ganzen Morgens und Vormittags feuerte die Artillerie gegen einander, doch in solcher Entfernung, daß wenig Erfolg auf beiden Seiten sich zeigte. Gegen Mittag endlich klärte sich das Wetter auf und zugleich rückten von Mitréni-Fundéni und Szanzowa her die konsignierten Truppen des Generals von Dannenberg in die ihnen bezeichneten Stellungen. Dieselben waren, alles in allem, 8000 Mann stark, da die Regimenter sehr unvollständig waren. General von Dannenberg hatte sich mit dem Stabe unfern von Oltenitza aufgestellt. Die Kosaken plänkelten auf beiden Seiten, obschon die Stellung des Feindes jeden Flankenangriff hinderte. Da die Stellung der Türken nirgends umgangen werden konnte, beschloß der General den Frontangriff. Schon während der Aufstellung der Truppen hatte die türkische Artillerie ihr Feuer aus allen Geschützen und selbst aus einigen auf dem rechten Ufer aufgestellten Mörsern begonnen. Um ein Uhr gab der russische Befehlshaber das Zeichen zum Angriff und sandte die beiden Batterien Nr. 3 und 5 bis auf etwa 13-1400 Schritt Entfernung von den feindlichen Schanzwerken vor, wo sie abprotzten und das Feuer gegen die türkischen Verschanzungen eröffneten. Während einer Stunde spielte die Artillerie, auf beiden Seiten trefflich bedient, wobei es jedoch der russischen gelang, bis auf Kartätschenschußweite vorzugehen. Der erste Aufstoß war fürchterlich – der Tod hielt seine reiche Ernte. Die Kolonne wankte, doch der Zuruf der Offiziere hielt sie zusammen und trieb sie vorwärts. Eine zweite volle Lage begrüßte sie, kaum dreißig Schritt von den Verschanzungen, eine der Kugeln riß den tapferen Veteran zu Boden, der sie führte. Diesmal widerstand die russische Tapferkeit nicht, die Bataillone wichen und stürzten in wilder Flucht zurück; zugleich warf sich die gedeckt aufgestellte Kavallerie auf die Weichenden und trieb sie in wilder Flucht vor sich her. Die russische Artillerie vermochte nicht einmal, zum Schutz der Ihren zu feuern, so dicht geballt in einander waren Freund und Feind ... »Nun, Fürst, verdienen Sie sich das Hauptmannspatent. Hinunter zu Kosljaninoff, er soll angreifen und den Leuten Luft schaffen.« Iwan verbeugte sich vor dem Kommandierenden und gab seinem Pferde die Sporen; in wenigen Augenblicken war er bei den Ulanen und hatte die Ordre überbracht ... »Abgeschwenkt, erste, dritte und fünfte Eskadron rechts, die zweite und vierte links, die sechste in Reserve. Galopp! Marsch!« Die Kommandos erklangen, die Trompeten bliesen, und im Galopp sausten die braven Ulanen über das schlimme Terrain, während durch die Mitte bereits die Spitzen der Fliehenden anlangten. Die türkische Kavallerie, aus Husaren und syrischen Baschi-Bozuks bestehend, erhielt von zwei Seiten den Stoß und konnte nur schwer widerstehen. Dieselben Ursachen, welche die russische Artillerie behindert hatten, dienten auch jetzt den Gegnern zum Nachteil. Ein wildes Einzelgefecht entspann sich. Im dichtesten Gewühl, dicht neben Graf Szamarin, befand sich der junge Fürst. Sein Gesicht war bleich, doch die Augenbrauen finster zusammengezogen, wie von einem festen Entschluß. Seine Rechte hielt den Degen, doch nur zur Verteidigung, – diese Klinge war noch rein von Blut! In solcher Nähe war der Kampf mit den wilden Söhnen der syrischen Steppen furchterregend. Die braunen Gesichter mit den blitzenden Augen, die wilden, ungewohnten Gestalten in der seltsamen, oft zerlumpten Tracht, konnten selbst die Kaltblütigkeit eines alten Soldaten verwirren. Dem Fürsten blitzte und wogte es vor den Augen, bis er einen scharfen Schmerz an seinem linken Arm hingleiten fühlte: ein Lanzenstich, für seine Brust bestimmt, hatte ihn leicht verwundet. Im Augenblick darauf hieb Szamarin den Turkomanen vom Pferde ... »Vorwärts, Kamerad, nicht geschont die ...« Der schwere Schlag eines Yatagans traf durch den Kalpak hindurch seine Stirn, zugleich durchbohrte eine Pistolenkugel seine Brust – der Tapfere breitete die Arme weit aus – in der Faust noch den Säbel hoch geschwungen – dann stürzte er unter die Hufe der Pferde, die nun den zuckenden Leichnam zertraten. Diesmal war es der jungfräuliche Stahl, der den Tod des Kameraden rächte und sich tief in die Seite des Schützen eingrub. Ein wilder Schreckensruf erfolgte, als der Türke, offenbar ein Offizier höhern Ranges, fiel, und zugleich brach von der Seite her die Reserve der sechsten Eskadron in den Feind. Die regulären Reiter wandten sich zur Flucht, im Augenblick war diese allgemein; im Carriere nach dem Ufer, bis ins Wasser der Donau hinein, jagte die türkische Kavallerie, verfolgt von den Ulanen, bis das Flankenfeuer von den Batterien der Insel diesen Einhalt gebot und sie zurücktrieb. Bleich, schwankend auf seinem Roß, den blutigen Stahl noch an der Hand hängend, kam Fürst Iwan in den Reihen der schwer gelichteten Eskadrons zurück. Ein alter bärtiger Unteroffizier führte am Zügel den prächtig geschirrten Araber, dessen Sattel sein Stoß eben geräumt hatte ... »Sie sind ein Glückskind, Fürst,« sagte der Kornett an seiner Seite; »ich glaube, es war der Führer dieser Horden, den Sie getroffen haben. Vielleicht findet sich in diesen goldverbrämten Satteltaschen ein Ausweis; schade, daß wir nicht Zeit hatten, den Kerl selbst zu durchsuchen.« – In der Tat fand man in diesem Reservoir der türkischen Soldaten neben dem Tabaksbeutel die Ordres des Tages, welche erwiesen, daß der Getötete Hassan-Pascha, der Führer der Kavallerie des Korps, war. Der Oberbefehlshaber selbst kam der zurückkehrenden Kavallerie entgegen und hörte die dem Kommandierenden erstatteten Rapporte an, während die Kolonnen sich wieder sammelten und formierten. Hierbei wurden auch die in dem Sattelzeug des gefallenen türkischen Führers gefundenen Ordres und Papiere übergeben, und von einem der Offiziere, der türkisch verstand, schnell übersetzt. Sie schienen von Wichtigkeit, denn während die Artillerie von neuem ihr Spiel begann, zog sich der General en chef mit dem Kommandierenden des Korps und einigen der älteren Stabsoffiziere zu einem Kriegsrat zurück. Derselbe war in wenig Minuten beendet, und indes General Dannenberg aufs neue seine Befehle für den Angriff erteilte, winkte der Oberkommandierende den jungen Fürsten zu sich ... »Ich gratuliere, Herr Kapitän,« sagte er freundlich; »Sie haben sich in Ihrer ersten Affäre ausgezeichnet, wie ich sehe, selbst auf Kosten einer Wunde, und uns zugleich einen wichtigen Dienst geleistet. Ich breche nach Giurgewo auf, wo, wie ich aus den gefundenen Papieren ersehe, unsere Positionen zugleich bedroht sind. Sie bleiben bei General Dannenberg zurück. Ich hoffe, Herr Kapitän, wir sehen uns bald wieder.« Er galoppierte davon, und Fürst Iwan schloß sich, nicht ohne geheimen Stolz und dennoch trüb gestimmt und ernst, dem Stabe des Kommandierenden an. Der Tag neigte sich stark. Es war bereits 4 Uhr. General Dannenberg hatte die Order erhalten, die Türken womöglich aus ihrer Position zu verdrängen, jedenfalls aber die eigene Stellung zu halten. Die Trommeln gaben das Zeichen zum Antreten, und wiederum gingen die Batterien vor und eröffneten das Feuer. Diesmal hatten alle acht Bataillone das Kommando zum Sturm, während die Hälfte der Ulanen mit den Kosaken nachrücken und die türkische Kavallerie in Schach halten sollte. Generalmajor Ochterlony, ein Ire von Geburt, der Kommandeur der Brigade, übernahm selbst das Kommando. – Der Sturmmarsch wirbelte in kurzen Schlägen; die beiden Kolonnen setzten sich in Geschwindmarsch; beide gelangten zu gleicher Zeit, ohne daß die feindliche Artillerie feuerte, an das Ziel, die erste an die Pallisaden, die zweite an die mit Wasser gefüllten Gräben vor den Schanzen. In diesem Augenblick begann auf ein von den letzteren aus gegebenes Signal ein mörderisches Feuer aus den maskierten Batterien der Schanzen und von Tuturkai herüber. Zugleich eröffneten die auf der Schanze wie im Gebäude postierten Scharfschützen – nach dem mehrfach hörbaren italienischen Kommando meist Piemontesen – ein tödliches Feuer auf die Anstürmenden. An den Palisaden wogte der Kampf in wildester Heftigkeit auf und nieder, die Leichen türmten sich in Haufen, der Tod hielt seine gräßliche Ernte unter den Russen. Die finsteren, verbissenen Männer sanken ohne Klage, noch im Sterben den Feind bedrohend. Vergebens war der Ansturm; die Pallisaden zwar fielen unter dem Andrängen der Tapferen, die sie mit den Händen aus dem Boden rissen und die stürzenden mit ihren Leichen deckten. Drüben an den Schanzen tobte der Kampf nicht minder heftig. Von den Nachfolgenden getrieben, warfen sich die Vorderreihen in die wassergefüllten Gräben, deren Flut ihnen bis an den Hals ging. Das Gewehr hoch in der Hand, drangen sie vor; an dem Wall klommen sie empor, zehn, zwanzig, hundert stürzten herab in das nasse Grab, aber hier krallte sich einer fest an der Böschung, dort ein zweiter, ein dritter, hundert standen auf dem Wall: »Hurra! die erste Schanze ist erstürmt!« Die fliehenden Türken warfen sich auf ihre Kavallerie, Verwirrung, Toben überall, die Reiter setzten in den Strom, um die Insel zu erreichen, selbst die Infanteristen stürzten sich in die Wellen nach den Booten und Schiffen. ... »Viktoria!« – Aber der Ruf war zu früh. Von der zweiten flankierenden Schanze donnerten die Kartätschenladungen in die Sieger und rissen breite Lücken. Von Tuturkai herüber schmetterten die Paßkugeln Tod und Verderben in die Reihen. Ein mörderisches Feuer erhob sich von den Booten. Ein weiterer Angriff auf die von der Insel und Tuturkai her gedeckten übermächtigen Massen wäre Wahnwitz gewesen. General Dannenberg gab das Zeichen zum Rückzug. Die Ambulanzen nahmen unter dem Schutze von Kavallerie-Pikets dicht vor der türkischen Stellung unbehindert ihre Verwundeten auf. Zwölfhundert Tote und Verwundete deckten von russischer Seite das Feld – fast sämtliche Majors, beide Obersten waren verwundet, achtzehn Offiziere unter den Leichen. Der Verlust auf gegnerischer Seite war, zufolge der gesicherten Positionen, geringer. – Der Sieg war unentschieden; das Dunkel des Abends lagerte sich über den blutgedrängten Fluren; die Türken kampierten am Donauufer und in der größten Schanze, die sie behauptet hatten, die Russen zogen sich auf Oltenitza zurück. Hier – das Städtchen war verschont geblieben von dem Kampf, – in der Stube eines kleinen Häuschens fertigte General Dannenberg zunächst die Depeschen, mit denen Boten nach allen Seiten abgingen. Kapitän Fürst Oczakoff erhielt Ordre, zunächst nach Kalarasch zu General Anrep, sowie für den General Lüders oder den Kommandierenden von Galacz, General Englhard, die Depeschen zu überbringen, welche eiligst alle disponiblen Truppen requirierten. Die Nacht lag mit ihren feuchten Nebeln über Flur und Strom, als der neue Kapitän mit seinem Diener und zwei Ordonnanz-Kosaken durch die Straßen des Orts schritt, um sich eine Strecke unterhalb Oltenitzas im Schutz des Dunkels in einem Fischerboot zur Fahrt nach Kalarasch einzuschiffen. II. Die Schlacht Von allen Seiten rückten am 6., 7. und 8. die disponiblen russischen Korps nach Oltenitza heran. Es galt, den Kriegsplan des türkischen Feldherrn in seiner ersten Entwicklung zu brechen. Der Muschir war selbst im Lager von Tuturkai eingetroffen, zugleich mit ihm von Konstantinopel der berühmte Insurgentengeneral Klapka, und unter dessen Leitung wurden die Anstalten getroffen, die Stellung in Oltenitza aufs neue zu befestigen. Am 8. standen 25 000 Mann Türken in den neu befestigten Schanzen in der nämlichen Aufstellung, die bei dem Kampf am 4. so tapfer verteidigt worden war. General Klapka, der ausgezeichnetste Artillerist der ungarischen Armee, kommandierte die Artillerie und hatte zur Herstellung der Verbindung der Ufer über die Mündung der Argisch Brücken schlagen lassen. Unterdes konzentrierten sich die russischen Streitkräfte bei Budeschti, und am Morgen des 9. waren in den nächsten Umgebungen von Oltenitza 35 000 Mann versammelt unterm Kommando des Oberbefehlshabers. Zwei berühmte Artilleriegenerale standen also hier einander gegenüber. Auch bei Giurgewo hatten die Russen ihre Stellung befestigt und unweit davon in der Richtung nach Bukarest ein verschanztes Lager von 7-8000 Mann bei Foreschti gebildet, um die Türken bei einem Übergange zu verhindern, von hier aus der russischen Stellung in die Flanke zu fallen. Am 8. setzten die Türken von Rustschuk auf die zwischen den beiden Städten liegenden Donauinseln über und befestigten die größere derselben, die Mokomeninsel. Die Position war gefahrdrohend, und Generalleutnant Szoimonoff, der Kommandierende der 10. Infanteriedivision, dem die Verteidigung dieses Teiles anvertraut blieb, beschloß, die Gegner von der Insel zu vertreiben, ohne erst die von Bukarest nach Giurgewo dirigierte, wegen der schlechten Beschaffenheit der Wege aber noch nicht angelangte Brücken-Equipage abzuwarten. – In der Nacht zum 9. ließ daher der General 24 Stück schweres Geschütz, dessen Räder mit Stroh umwickelt waren, um jedes Geräusch zu vermeiden, an das Donauufer führen und am andern Morgen, sobald der den Strom bedeckende Nebel gefallen, das Feuer gegen die Position der Türken auf der Mokomen-Insel eröffnen. Nach drittehalb Stunden waren die Türken, die hier wegen der Breite des Flusses vom eigenen Ufer aus nicht genügend unterstützt werden konnten, genötigt, die Position zu räumen. Dagegen behielten sie ihre Stellung auf einer nahe belegenen und durch die Terrainformation besser gedeckten Insel. Zur selben Zeit befahl Fürst Gortschakoff den Angriff auf die Verschanzungen der Türken in und bei Oltenitza. Die Oberbefehlshaber der beiden Heere kommandierten hier gegeneinander. Am 9. und 10. bestand der Kampf größtenteils in Artilleriegefecht, doch wurde am letztgenannten Tage Oltenitza von den Russen mit dem Bajonett genommen und wieder verloren. Am Abend des 10. hatte der Muschir noch unverändert seine Stellung inne. Das Wetter war so schlecht, daß die Artillerie oft nicht feuern konnte. Fürst Gortschakoff beschloß für den nächsten Tag einen gemeinsamen Angriff auf allen Punkten der türkischen Position, und während der Nacht wurden die Vorbereitungen in umfassender Weise betrieben. Am Morgen begann mit dem Schwinden der Nebel die Kanonade aus mehr als achtzig Geschützen, denen die nicht viel geringere türkische Artillerie antwortete. Um 11 Uhr vormittags begann der Sturm. Dreimal wurde Oltenitza von den Kolonnen der Russen genommen, erst zum drittenmal vermochten sie es zu behaupten, doch war der Sieg nutzlos, denn alsbald beschoß die türkische Artillerie von den Schanzen den verlorenen Halt mit glühenden Kugeln, und die Flamme jagte die Sieger wieder aus den erstürmten Gassen. Am blutigsten tobte jedoch die Schlacht an den Schanzen selbst. Kolonne auf Kolonne führten die Generale zum Sturm, aber das furchtbare Kreuzfeuer von vier Punkten warf sie immer aufs neue zurück, und ihre Toten deckten haufenweise den Boden. Die Türken hatten Massen von Schanzkörben von Tuturkai herübergeschafft und mit diesem Material ihre Stellung befestigt. Die Brücke über den Argisch ermöglichte es der türkischen Kavallerie, mit Erfolg an den Einzelgefechten auf beiden Seiten teilzunehmen. Erst nachmittags um 4 Uhr befahl der Fürst den Rückzug; die erschöpften Truppen biwakierten um das brennende Oltenitza, neue Kraft zu sammeln für die Blutarbeit des nächsten Tages. Der Generalstab hatte sich nach dem Dorfe Mitréni-Fundéni zurückgezogen und hielt dort Kriegsrat. Am nächsten Morgen wurde der Ankunft des Generals Anrep mit seinem Korps von Kalarasch entgegengesehen, dann sollte der Kampf erneuert werden. Vor dem Quartiere des Oberbefehlshabers herrschte reges Leben, Offiziere aller Grade, Wachen, Ordonnanzen, kommende und gehende Boten bildeten ein buntes Gewühl, durch das sich eben ein junger Mann in reicher, aber jetzt schmutzbedeckter ungarischer Tracht drängte, eifrig nach Kapitän Meyendorf forschend und fragend. Endlich gelang es ihm, durch das Geschenk eines blanken Dukatens eine Ordonnanz zu bewegen, den Kapitän, der als Adjutant im Stabe stand, aufzusuchen. Bald darauf erschien derselbe und schaute sich nach dem Suchenden um. – »Ah, sieh da, Herr Aleko Pelin,« sagte er freundlich, als er ihn in dem jungen Mann gefunden, »was führt Sie hierher, aus der glänzenden Gesellschaft von Bukarest in unsere Reihen, wo der Tod seine Ernte hält? Dieser Ort ist wahrlich kein Aufenthalt für einen der ersten Stutzer der walachischen Hauptstadt, der nicht an Gefahr, Anstrengung und Entbehrung gewöhnt ist, wie sie hier allein zu holen sind.« – Der junge Mann lächelte einen Moment höhnisch bei dem Spott über seine Weichlichkeit, dann aber faßte er hastig den Arm des Offiziers und zog ihn beiseite ... »Entschuldigen Sie, Herr Kapitän,« sagte er erregt, »daß ich die flüchtige Bekanntschaft im Hause meines Vaters, des Groß-Kaminars, benutze, um in einer dringenden Angelegenheit mich an Ihre Hilfe zu wenden. Ich bin, wie viele andere, von Neugier und Teilnahme getrieben hierher gekommen und fand zufällig hier einen jungen Menschen, den ich kenne, in großer Gefahr, wegen irgend eines Mißverständnisses von Ihren aufgereizten Soldaten getötet zu werden. Es ist –« er zögerte, »zwar nur ein Zigeuner, aber ich gestehe, ich nehme großes Interesse an ihm und wußte in meiner Not nicht, an wen ich mich wenden sollte.« Der Kapitän blickte ziemlich ernst. – »Sie sollten sich hüten vor solchen Bekanntschaften, Herr Pelin. Sie wissen sehr wohl, daß der Groß-Kaminar wenig mit Ihrem Treiben zufrieden ist und daß solcher Umgang nicht zu der Stellung paßt, die Sie sonst in Bukarest einnehmen. Doch sollen Sie sich nicht umsonst an mich gewendet haben. Wo ist der Mann?« – »Er wird in der nächsten Wache festgehalten.« – »Ich hoffe, daß er unschuldig ist und ich etwas für ihn tun kann. Kommen Sie.« – Er ging mit dem jungen Bojaren die Gasse entlang, bis sie an das Haus kamen, wohin die Korpswache sich einquartiert hatte. In dem Stübchen fand der Kapitän ein seltsames Paar. Ein junger Mensch von siebzehn bis achtzehn Jahren, in der zerlumpten Tracht eines Zigeuners, die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt, horchte mit bleichem Gesicht, auf dem bereits alle Spuren der Liederlichkeit sich zeigten und jetzt deutlich die Todesfurcht ausgeprägt lag, in einem Winkel zusammengekauert, zagend auf die Trostsprüche eines Mädchens, das, vielleicht zwei bis drei Jahre älter als der junge Verbrecher, auf der Erde neben ihm saß, ohne sich um die Reden und Spöttereien der Soldaten zu kümmern. Als sie sich bei dem Eintritt Alekos und des Kapitäns erhob, zeigte sich diesen eine jener seltsamen Schönheiten, wie sie die in der Walachei noch sehr zahlreiche Zigeunerrasse in all' ihrem Schmutz und aller Versunkenheit oft hervorbringt: eine junonisch schöne Gestalt, die selbst das gürtellose walachische Hemd mit der breiten, rot- und gelbgestreiften Schürze nicht zu verbergen vermochte, die Züge des dunkelbraunen Gesichts regelmäßig, fein, schwärmerisch; über den Feuer und Mut blitzenden schwarzen Augen die schön gewölbten Augenbrauen, an der Nasenwurzel einander entgegenlaufend; das üppig wuchernde schwarze Haar von einem roten Tuch bundartig zusammengehalten: – dies war das Wesen, das ihnen mit einer gewissen kühnen Haltung entgegen trat und eifrig den Bojarensohn befragte. Der Kapitän glaubte nicht mit Unrecht in dem Mädchen die Ursache des Interesses zu sehen, das der junge Mann an dem Vagabonden nahm, und erkundigte sich bei dem Unteroffizier der Wache, was derselbe verbrochen habe. Zu seinem Bedauern vernahm er jedoch, daß die Sache ernster war, als er gehofft. Der Bursche hatte sich mit andern seines Gelichters im Hauptquartier eingefunden und war am Abend von einer Patrouille und mehreren Gefährten dabei betroffen worden, wie sie einen russischen Soldaten, der sich verwundet zum Dorfe schleppte, geplündert und tödlich verletzt hatten. Der Unglückliche lebte noch und bezeichnete seine Mörder, von denen es nur gelungen war, den Zigeuner zu erwischen. Der Oberst des Regiments hatte kurz entschieden, ihn am andern Morgen vor dem Aufbruch zur Warnung für seine Genossen aufzuhängen. Als der junge Bojar sich daher wieder an den Kapitän wandte, zuckte dieser bedauernd die Achseln und erklärte, daß er gegen das ausgesprochene Urteil eines kommandierenden Offiziers nicht Einspruch erheben könne. Das Mädchen – die Schwester des Verurteilten – schien an der Miene der Sprechenden den abschlägigen Bescheid erraten zu haben, denn sie warf sich heftig dem Kapitän in den Weg, der bereits die Hütte verlassen wollte ... »Weile, blanker Krieger,« bat sie flehend, »und höre, was dir Sarscha zu sagen hat. Mungo ist ihr Bruder und Mungo darf nicht sterben, denn er ist Zinkas, meiner Mutter, Sohn und ihre Liebe und das Messer in ihrem Herzen. Wer sollte meinen Vater Tunso rächen, wenn es nicht sein Anblick bei ihr täte? Gib ihn frei, blanker Krieger, und die Kinder des Egypterlandes werden dich segnen und können dir dienen, mehr als du denken magst!« – »Machen Sie der Szene ein Ende, Herr Pelin,« sagte der Kapitän, der die walachische Sprache des Mädchens nur sehr unvollkommen verstand, unwillig zu seinem Führer: »Sie werden besser tun, sich mit mir zu entfernen.« – »Halten Sie ein, Herr Kapitän,« erwiderte der junge Mensch, dem Sarscha einige Worte gesagt hatte, während ihr Bruder jammernd zu den Füßen des Offiziers kroch. »Sie ahnen nicht, welchen Dienst Sie von sich stoßen. Das Leben dieses Burschen kann Ihrer Armee den Sieg verschaffen, die sich sonst nutzlos vor den Batterien der Türken opfern wird. Seine Mutter allein vermag es, wenn sie will, Ihre Kolonnen durch die Sümpfe des Argisch und den Feinden in den Rücken zu führen.« Herr von Meyendorf horchte auf. »Was sagen Sie da? Ist das Ihr Ernst?« – »Ich schwöre es Ihnen! Die Zigeunerin Zinka ist die einzige, welche aus früherer Zeit die geheimen Schlupfwege der Sümpfe kennt, und sie wird das Leben ihres Sohnes gern mit diesem Preis erkaufen.« Der Kapitän wußte, welchen unendlichen Wert das Anerbieten haben mußte, wenn es sich bewahrheitete. Es konnte das Schicksal des Kampfes sofort entscheiden, denn gelang es dem Feldherrn, Truppen zwischen das Donauufer und die türkische Position zu werfen, so war diese mit gänzlicher Abschneidung bedroht, und der Feind mußte sich eiligst zurückziehen und war verloren. Er überlegte einige Augenblicke, dann sagte er: »Wo befindet sich die Frau, von der Sie sprechen?« – »Sie wohnt in den Sümpfen selbst, einsam und allein mit ihrer Familie, denn ihr Stamm hat sie verstoßen und jeder Walache geht ihr mit einem Fluch aus dem Wege.« – »Wohlan, ich will Ihnen glauben und mich von Ihnen oder diesem Mädchen zu dem Weibe führen lassen, um sie selbst zu befragen. Ist das, was Sie sagen, wahr, so bürge ich Ihnen dafür, daß der Verbrecher dort frei und ungestraft ausgehen soll. Beabsichtigt man jedoch, einen Verrat an mir zu üben, so werden meine Kameraden mich rächen. Jedenfalls bleibt der Mensch als Geisel hier gefangen.« Er erteilte dem Unteroffizier der Wache seine Befehle, schrieb einige Worte mit Bleistift an einen Kameraden, um seine Abwesenheit zu rechtfertigen, und winkte dann, daß er bereit sei, sich auf den Weg zu machen. Sogleich hüllte sich die junge Zigeunerin in ihr Regentuch und verließ das Haus. Der Kapitän und Aleko folgten ihr, nachdem dieser noch den jungen Vagabunden beruhigt hatte. Das Mädchen wandte sich, ohne die Anreden und Spöttereien zu beachten, die ihr von den zahlreichen Soldaten-Gruppen zuteil wurden, zwischen denen hindurch ihr Weg sie führte, den Sümpfen zu, die etwa 1000 Schritt zur Seite ihren Anfang nahmen. Stumm und ernst schritt sie vor ihnen her, ohne sich anscheinend viel um die Nachkommenden zu kümmern, auf einem Wege, der schlangengleich sich durch den Morast und das hohe Schilf und Röhricht wand. Eine halbe Stunde mochten sie in diesem Röhricht fortgeschritten sein, als sie bei einer plötzlichen Wendung ein Licht vor sich sahen: es kam aus einer jener walachischen Pfahlhütten, wie sie in den Sümpfen die menschlichen Wohnungen bilden. Als die Gesellschaft sich ihr näherte, deutete ihnen die junge Zigeunerin durch Zeichen an, zu verweilen, stieg dann rasch auf der Leiter empor, die statt Treppe zum Aufgang diente, und verschwand im Innern. Die Hütte stand auf acht Pfählen, war ziemlich groß und ihr Fußboden etwa 3 Ellen hoch vom Sumpfboden entfernt, so daß man nicht in ihr Inneres blicken konnte. Sie bestand aus Balken und Flechtwerk von Rohr, das mit Lehm und Mörtel zu einer ziemlich festen Masse verbunden war. Die Fensteröffnungen waren durch Bretter verschlossen bis auf eine, aus welcher der Lichtschein des Feuers in die dunkle neblige Nacht strahlte. »Sie erwähnten vorhin, Herr Pelin, daß die Mutter des jungen Mädchens von ihrem Stamme verstoßen sei und von den Walachen allgemein gehaßt werde. Hat sie sich eines besonderen Vergehens schuldig gemacht?« – Der Jüngling trat näher zu ihm heran. – »Haben Sie nie von Zinka, der Zigeunerin und ihrem Geliebten, Tunso, gehört?« – »Die Namen sind mir unbekannt. Wer ist oder war Tunso?« – »Jeder Knabe in Bukarest, ja in der ganzen Walachei, würde Ihnen Auskunft geben können, wer Tunso war, obschon fast zwanzig Jahre seit seinem Heldentod vergangen sind. Tunso war der gefürchtetste und berühmteste General-Einnehmer der indirekten Steuern der Walachei.« – »Was wollen Sie damit sagen?« – »Tunso war – was die Leute sagen – eigentlich ein Räuber, der Schrecken der Türkei, der Vornehmen und Reichen, aber der Held, der Abgott der Armen. Die Unterdrücker des Volkes zitterten vor ihm, die Lieder des Volkes singen seinen Ruhm!« – »Ich begreife nicht, wie Sie, der Bojarensohn, für einen Spitzbuben und Mörder schwärmen können?« – »Tunso hat nie einen Meuchelmord begangen, es war nichts Niedriges an ihm und er konnte, wenn er wollte, den nobelsten Kavalier spielen. Die kleinste Erzählung seiner Taten und Abenteuer wird Sie über seinen Charakter belehren. Ich will Ihnen nur ein Beispiel anführen, das Ihre eigene Nation betrifft. In der Zeit seiner größten Macht, als er am gefürchtetsten war, hatte er in Erfahrung gebracht, daß der damalige provisorische Gouverneur der Donau-Fürstentümer, General Kisseleff, sich in der Umgebung von Piteschi aufhielt, um Bäder zu nehmen. Sofort beschloß Tunso, ihm seinen Besuch zu machen. Der General pflegte des Morgens in dem großen Park, der an sein Haus stieß, spazieren zu gehen. Tunso postierte seine Bande hinter der Umfassungsmauer des Parks, schwang sich in denselben und stellte sich dem General mit dem artigsten Kompliment vor. Herr von Kisseleff aber kehrte dem Räuber den Rücken, eilte ins Haus und gab Befehl, strenge Nachforschungen zu halten und Tunso, ohne ihm ein Leides zu tun, lebendig zu ihm zu führen. Aber die Jagd blieb erfolglos, und Tunso lachte den General aus.« Der Kapitän lächelte. Er begriff, welchen Einfluß ein solcher Charakter und ein solches Leben in einem halbwilden Lande auf einen jungen, erregbaren Mann haben mußte ... »Tunso,« fuhr dieser fort – »war oft als Kavalier gekleidet in den ersten Gesellschaften von Bukarest, ja, er hat sogar einen Ball des Fürsten Paul besucht und händigte dort einer schönen Griechin ein kostbares Medaillon wieder ein, das seine Leute am Tage vorher ihr bei der Fahrt durch den Wald von Panthelemon geraubt hatten. Eine Karte, die er ihr zugleich zurückließ, benachrichtigte sie, daß es Tunso selbst war, mit dem sie getanzt hatte. Auch hier entkam er glücklich dem Grimme des Fürsten. Die Witwen und Waisen, die Unterdrückten und Verstoßenen hatten immer an ihm einen Freund und Beschützer. Darum hingen alle an ihm und überall fand er eine Zufluchtsstätte vor den Spähern.« »Und war der glorreiche Räuber,« fragte der Offizier scharf, »auch ein Bojarensohn, wie Sie, der seinen Ruhm so zu beneiden scheint?« – Der Jüngling errötete ... »Er war armer Leute Kind, sein wahrer Name war Juwanitza. Er hütete die Herde, bis die wunderbar schöne Stimme des Knaben den Ortspfarrer veranlaßte, ihn zum Metropolitan nach Bukarest zu führen. Gegen seinen Willen wurde er an das Chorpult der Ober-Bisserika gestellt und blieb dort bis zu seinem achtunddreißigsten Jahre das Entzücken der Stadt. Erst als die Liebe zu der Zigeunerin Zinka seine Seele erfaßte, warf er das Joch von sich und wurde das, was er war.« – »Das Mädchen, das uns geleitet, und dem Sie, Herr Pelin, etwas zu tief in die schönen Augen geguckt zu haben scheinen, und der Bursche, der zum Tode verurteilt ist, sind seine Kinder?« – »Sarscha ist Tunsos Tochter und, wie die Leute sagen, die ihn gekannt, sein Ebenbild. Aber ihr Bruder – doch sehen Sie,« unterbrach er sich, »das Mädchen winkt uns, einzutreten. Folgen Sie mir.« Er klomm die Leiter empor, von dem Kapitän gefolgt, und beide traten in den Vorraum der Hütte, die in zwei Teile geschieden war. Ein dürftiges Lager von trockenem Schilfgras, Angeln und Fischgerät, Schlingen für das Wild und dergleichen bewiesen, daß hier der junge Bursche sich aufhielt, wenn er zu Hause war, was freilich selten genug vorkommen mochte ... »Du kommst zur bösen Stunde zu uns, blanker Fremdling,« sagte das Mädchen, indem sie des Kapitäns Hand faßte, um ihn in die zweite Abteilung zu führen. »Der glänzende Aldobaran hat nicht geleuchtet auf die Geburt meines Bruders. Im Verrat war er empfangen, und sein Leben ist Schande. Aber das Mutterherz bleibt ein unergründliches Rätsel, dunkler als die Linien deiner Hand, und der Schatten meines Vaters würde ohne das Kind des Verrats in ihrem Sinn erbleichen. Tretet ein und dann vollbringt euer Geschäft, ehe die Stunde naht, da über die Ältermutter meines Stammes der Geist kommt, der den Schleier der Zukunft hebt.« Sie zog die Decke zurück, die den Eingang verhüllte, und die drei traten in den inneren Teil der ärmlichen Hütte. Am Feuer auf einem niederen Schemel, die Hände wie im Schmerz verschränkt, saß eine Frau, deren hohe Gestalt und noch immer schönes Gesicht Leid und Not offenbar mehr gebeugt und gealtert hatte als die Zahl der Jahre. Ihre großen, schwarzen Augen starrten wie abwesend in die Glut und schwere Tropfen fielen aus ihnen auf die im Schmerz verschränkten Hände. In einem Winkel des Raumes lag auf der dürftigen Ruhestätte der Familie eine zweite Gestalt, eine alte, vom Fieber der Sümpfe gichtisch zusammengezogene Greisin, in wunderlich bunte Lumpen gehüllt, das lange weiße Haar wirr um das verwelkte Antlitz hängend, aus dem die erloschenen Augen gläsern und teilnahmlos auf die Fremden starrten. Das Mädchen trat zu der Frau am Herde ... »Mutter Zinka, hier ist der blanke Soldat, der mit dir sprechen will.« – Die Frau fuhr empor und betrachtete einige Augenblicke den Offizier, dann sank sie vor ihm auf die Knie und hob flehend die Hände zu ihm auf. – »Töten Sie ihn nicht, o töten Sie den Knaben nicht,« bat sie in den gebrochenen Tönen des tiefsten Herzeleids. – »Euer Sohn hat geraubt und einen wehrlosen, verwundeten Soldaten meines Volkes gemordet, Frau, der auch eine jammernde Mutter hat, wie Ihr seid.« Der Offizier sagte es finster und streng; dann aber fuhr er milder fort: »Es gibt jedoch vielleicht Gnade für den Verbrecher ... Gibt es Wege durch diese Sümpfe, auf denen man an das Ufer der Donau im Rücken der großen Schanzen gelangen kann?« – »Es laufen der Pfade viele, aber sie alle führen in die Irre und keiner zum Ziel. Einen nur gibt es, aber nur wenige, die da leben, wissen von ihm, und er ist ein Geheimnis, das diese mit heiligen Eiden gelobt haben, nimmer zu verraten.« – »Und gehört Ihr zu diesen wenigen?« – »Ich kenne ihn!« – »Wohl. Ist der Weg derart, daß nicht blos Menschen, sondern auch Pferde und Gefährt ihn passieren können?« – »Ich habe ihn zwanzigmal gemacht mit Reitern und schwerbeladener Kerutza . Mein einsamer Fuß betritt ihn oft.« – »So hört. Könnt Ihr uns diesen Weg zeigen und eine Kolonne unserer Soldaten mit Geschütz noch in dieser Nacht an das Ufer der Donau in den Rücken der türkischen Stellung führen, so soll Euer Sohn nicht allein frei und ledig sein, sondern Ihr selbst sollt noch eine Belohnung von zehn Goldstücken erhalten.« – »Gold? – blankes Gold?« – Ihre Züge belebten sich. »Ich habe lange kein Gold gesehen. Zeige es mir, Fremdling, daß ich sehe, du täuschest die Zinka nicht.« Der Kapitän sah, wie das Mädchen sich mit zornigem Blick von ihrer Erzeugerin abwandte. Ihn selbst widerte diese Gier, die sogar den tiefsten Schmerz überwand, an, doch galt es hier höheres; er zog seine Börse und nahm eine Handvoll Goldstücke heraus, die er der Frau zeigte. – »Dies wird Euer Lohn sein, wenn Ihr uns den Weg verratet.« – Das Weib schauderte ... »Verraten! Ihr sprecht das richtige Wort aus. Einmal schon hab' ich ihn verraten um blankes Gold! Verderben über mich, daß ich es tat!« Sie begrub das Gesicht schluchzend in ihre Hände. – »Denkt an Euren Sohn, Weib, Ihr rettet Euer Kind dadurch vom Galgen.« – Sie fuhr empor ... »Du hast recht, Fremdling. Ich will dir den Weg zeigen. Aber zuvor muß ich sicher sein des Lebens meines Kindes.« – »Der Ober-General der Armee selbst wird es Euch zusichern. Ich führe Euch zu ihm.« – Die Frau nickte. Dann holte sie aus dem Winkel eine große Decke, die noch mit einzelnen Resten goldener Tressen besetzt war, und schlug sie um Kopf und Schultern. So trat sie zu der Greisin auf dem Lager im Winkel und rüttelte sie auf aus ihrer Lethargie ... »Ich verlaß dich, Mutter, für diese Nacht, denn mein eigen Blut ruft mich.« – Die Alte richtete sich auf ihrem Stroh empor ... »Es sind Männer hier aus anderm Geschlecht, als das unsre. Hüte dich, Tochter; die Blanken bringen den Kindern des wandernden Vaters Unheil, und du hast es erfahren.« – »Der Blanke bringt uns Gold, Mutter, und Aleko Pelin, den Bojarensohn, der uns beschützt, kennst du.« – »Aleko Pelin?« fragte die Alte und starrte auf den jungen Mann. »Laß ihn zu mir treten, ehe du gehst, und den blanken Mann, der Gold brachte in unsere Hütte, mit ihm. Der Geist unseres Stammes liegt auf mir, und ich muß die Worte der Zukunft reden.« Ihr Auge belebte sich mit phantastischem Glanz, ihre Lippen murmelten vor sich hin, während der Kapitän und sein Begleiter auf den Wink Zinkas näher herantraten ... »Reiche mir deine linke Hand, Sohn des Reichen! Die Stunde ist gekommen, wo ich den Schleier heben darf von deiner Zukunft. Auch du, blanker Fremdling, gib die Hand, die von deinem Herzen kommt, aber versilbere sie, auf daß meine alten Augen sich öffnen mögen und die Zunge lehren das Schicksal der Zukunft.« Der Kapitän erinnerte sich der Gewohnheit der Zigeuner, daß ein Geschenk ihrer Prophezeihung vorhergehen muß. Er legte eines der Goldstücke auf die Fläche seiner Hand. Die Greisin faßte hastig danach ... »Gold,« flüsterte sie, »Gold, blanker Junge? Möge das Leben dir so golden sein, wie du freigebig bist. Aber die Linien deiner Hand lehren mich, daß du das wahre Gold nicht aus dem dunklen Schoß zu holen verstehst, wo es dir gewachsen ist. Daß die, welcher dein Herz gehört, dich allzu sehr liebt, und das wird dein Ende und ihr Unglück sein! Nur das Ende aller Gefahr ist deine Gefahr. Hüte dich vor dem Achten!« Sie ließ die Hand des über den seltsamen Spruch Betroffenen los und faßte die des jungen Bojaren ... »Der Edelmann gehört nicht zur Tochter der Verachteten, der Herr soll nicht sein Blut mit der Sklavin mischen. Wahre dich vor dem Salz, Okna. Aleko Pekin wurde im Jahre 1856 vom Diwan zu Bukarest als überwiesen, seit drei Jahren das Räuberhandwerk getrieben zu haben, zu zweijähriger Kettenarbeit in den Salzgruben (Okna) verurteilt. Bojarensohn! es gab nur einen. Tunso, und der ist tot, aber der Verräter gibt es viele!« Der junge Mann errötete tief, indem er ihr ein Silberstück in den Schoß warf ... »Die Alte ist längst schon wahnwitzig,« sagte er; »lassen Sie uns aufbrechen.« – Sie verließen die Hütte, aus welcher der eintönige Gesang des Weibes durch die Nacht ihnen nachscholl. Die Zigeunerin Zinka und ihre Tochter schritten voran auf dem Wege, den sie gekommen waren. Der Kapitän folgte mit dem jungen Walachen ... »Sie sind mir noch den Schluß der Erzählung schuldig,« sagte der Offizier. »Wenn ich auch vieles erraten konnte, möchte ich doch gern näheres wissen. Wie endigte die Laufbahn des Räubers, den Sie so sehr bewundern?« – »Durch Verrat. Die Frau, die vor uns durch das Moor schreitet, war diejenige, die Tunso liebte mit aller Kraft seiner Seele. Auch sie liebte ihn, aber der Teufel blendete sie und fand ihre schwache Stelle in ihrer Gier nach Gold. Als Tunso aller Nachstellungen spottete und seine Verfolger mit blutigen Köpfen davonschickte, berückte der Polizeihauptmann die Seele Zinkas, und auf das Versprechen von zehntausend Dukaten verriet sie den Geliebten ihres Herzens, den Vater ihres Kindes. Aber er vergab ihr vorm Tode.« – »Und der Sohn Zinkas?« – »Der Aga, um die zehntausend Dukaten zu sparen, ließ sie in seinen Harem bringen. Als er kurz darauf nach Konstantinopel zurückkehrte, verstieß er das Opfer seiner Willkür; der Gefangene ist ihr und sein Sohn. Aber seit sie der Moslem nicht mehr schützt, ist sie von ihrem Stamm verstoßen und lebt seit Jahren hier in der Wildnis.« – »Und Sarscha?« – »Sie ist Tunsos echte Tochter, stolz, mutig, entschlossen. Doch das Gesetz ihres Volkes, das von den Kindern unbedingte Hingebung in den Willen der Eltern fordert, ist ihr heilig dabei. Aber nur der Tapfere, Kühne, Freie wird die Liebe dieser Zigeunerin gewinnen.« Sie waren an die ersten Vorposten gekommen und das Gespräch verstummte, da die Gesellschaft jetzt zusammen ging. Kapitän Meyendorf führte sie direkt zum Quartier des Oberbefehlshabers, das im Hause des Gutsherrn aufgeschlagen war, und Zinka wurde alsbald in das Zimmer des Oberkommandierenden gerufen. Nicht lange mehr, so eilten die Ordonnanzen durch den Ort, und kaum eine Stunde nachher marschierte das Ochotzkische Jäger-Regiment unter Oberst Bibikoff mit zwei Sotnien Kosaken und der leichten Batterie Nummer 6 in der Richtung nach den Sümpfen ab. An der Spitze des Zuges, neben dem Pferde des Adjutanten Kapitän Meyendorf, schritt, in ihre Decke gehüllt, die hohe Gestalt der Zigeunerin Zinka ... Als am Morgen die feuchten Novembernebel sich verzogen, erblickte der türkische Oberbefehlshaber seine ganze Stellung im Rücken bedroht. Die Batterie, die die Russen in schnell aufgeworfenen Werken am Donauufer wie durch Zauber errichtet hatten, bestrich nicht allein die türkische Position an den alten Schanzen, sondern auch die Brücke über den Argisch. Seine Verbindung mit der Insel und dem jenseitigen Ufer war auf das höchste gefährdet, wenn die Russen, worauf die fortwährend zuziehenden Verstärkungen an Mannschaften und Geschützen deuteten, von dieser Seite aus einen Angriff zugleich mit einem Frontalsturm unternahmen; zumal die fortwährenden Regengüsse den Strom angeschwellt hatten, so daß die Unterhaltung der Verbindung ohnehin mit jedem Tage schwieriger wurde. Unter diesen Umständen riet Klapka selbst zum Rückzuge, und der Muschir mußte sich der Notwendigkeit fügen. Fünf Tage darauf hatte die türkische Armee auch Tuturkai geräumt und sich teils auf Schumla zurück, teils stromaufwärts nach Widdin hin gezogen. – Am 15. machten die Türken zwar einen neuen Versuch, bei der Festung Nikopolis über die Donau zu gehen und sich Turnuls zu bemächtigen, wurden aber vom Oberstleutnant Schaposchnikoff vom Kosaken-Regiment Nummer 37 über die Donau zurückgeschlagen. Somit war das Ufer der großen Walachei wieder vollständig im Besitz der Russen und der Plan des Muschirs, ihre Linie zu durchbrechen, vereitelt. Nur bei Kalafat noch standen die Türken diesseits der Donau und verschanzten die von Natur aus feste Stellung. Drittes Kapitel. Im Pontus Durch die Wogen des Schwarzen Meeres brauste der »Wladimir«, im langen Strom den dunklen Dampf des Schornsteins hinter sich dreinziehend. Das Meer ging ziemlich unruhig, in jenen, ihm eigentümlichen, von Schiffern und Reisenden gefürchteten kurzen Stoßwellen, denn am Tage vorher hatte der Novembersturm über die Fläche gefegt. Das Schiff – eine Dampffregatte vom russischen Geschwader des Schwarzen Meeres – kam von der türkischen Küste und hatte vor Varna gekreuzt. Der General-Adjutant, Vize-Admiral Korniloff, hatte selbst die türkische Küste zwischen der Sulina und Burgas rekognosziert und wandte sich nun, da keine feindlichen Schiffe sich blicken ließen, gegen die anatolische Küste, an der die Escadre des Vize-Admirals Nachimoff kreuzte. Auf dem Hinterdeck standen und saßen um den Kommandierenden, Kapitän-Leutnant Butakow, die meisten Offiziere des Schiffes, Fürst Barjatinski, der Zweitkommandierende, und die Leutnants Dobrowalski und Jljinski nebst zwei Schiffsfähnrichen, während die nicht im Dienst befindliche Mannschaft an den Bollwerken in allen Stellungen lungerte, oder mit leichten Arbeiten beschäftigt war. Die Wetterseite des großen und Vorderdecks maß mit langen Schritten der wachthabende Leutnant Popandopulo, zuweilen am Burgspriet einen der Hühnerkästen ersteigend und hinausschauend auf die weite Wasserwüste, die im dunkelbezogenen Himmel bleifarben wogte, während sie süß und blau erglänzte im lieblichen Sonnenstrahl. »Nun, Schelesnow,« fragte der erste Leutnant einen jungen Offizier, der eben die Treppe des Pavillons heraufstieg, »was meint Seine Exzellenz, sollen wir wenden?« – Der Offizier erwiderte die Frage nicht, sondern wandte sich salutierend an den Kommandierenden. – »Seine Exzellenz lassen bitten, nach dem Fahrzeug abzuhalten, dessen Rauch sich am Horizont zeigt; es wäre von höchster Wichtigkeit, Nachrichten aus dem Bosporus zu erhalten.« – Der Kapitän erwiderte den Gruß und wandte sich an den Fürsten ... »Wollen Sie die nötigen Befehle geben, Herr Leutnant?« Damit kehrten alle unbekümmert zu ihren Zigarren und der begonnenen Plauderei zurück ... »Steuerbord umlegen! – Halten Sie auf das Fahrzeug ab, das in Sicht ist.« – Die Befehle gingen durch das Schiff und der Lauf desselben wandte sich nach dem Süden ... »Wache dort oben! welche Richtung steuert der Dampfer in Sicht?« – »West-Nord-West, Euer Wohlgeboren, er kommt auf uns zu.« – »Es muß ein Türke sein,« sagte der Kapitän bedächtig; »die Eskadre des Admirals kann unmöglich in dieser Gegend sein. Hinauf in den Mastkorb und wohl ausgelugt!« Der Fähnrich, dem er den Befehl erteilt, eilte, das Fernrohr um den Hals, an der Leiter des großen Mastes empor. – »Der Dampfer gibt ein Signal,« lautete nach kurzer Zeit die Meldung. – »Flagge auf! Geben Sie das Privat-Signal, Popandopulo!« Die weiß-blaue Flagge flatterte lustig im Winde, darunter das Fähnchen, das die Signalfarben zeigte ... »Er zieht die Flagge auf, es ist einer der Unseren.« Die Offiziere und Mannschaften wandten sich verdrießlich ab – für einen Seemann auf blauer Flut ist der Anblick der feindlichen Farben willkommener, als der eines Freundes ... »Können Sie die Nummer des Signals noch nicht erkennen? Sehen Sie scharf zu, Bitschesko, Sie haben sonst ja gute Augen.« – »Sogleich, Kapitän. Hol' mich der Teufel! Das Schiff schwankt wie ein wandernder Kirchturm. Halt, ich hab' ihn! – Nr. 86.« – »Es ist die Bessarabia«, ich weiß die Namen auswendig,« sagte der Kapitän. »Melden Sie es Seiner Exzellenz, Herr Adjutant.« Schelesnow ging hinunter. – Die Schiffe näherten sich jetzt rasch, in Zeit von einer halben Stunde konnten die Signale deutlich spielen. Der Dampfer schlug jetzt die Richtung nach Südost ein und telegraphierte das Signal: »Anschließen«. – »Der Bursche hat offenbar etwas im Schilde,« sagte der Kapitän. »Er hält auf Kap Kerempe ab und das ist zum Glück bis auf zwei Strich im Winde unsere eigene Richtung. In einer Viertelstunde werden wir näheres wissen.« Während die beiden Schiffe in der angegebenen Richtung ihren Lauf fortsetzten, kamen sie einander immer näher und waren bereits in Rufweite, als der Lugmann aus dem Mastkorbe meldete: »Zwei Dampfer in Sicht!« – »Welchen Kurs ?« – »Der eine Ost zu Süd, der andere weiter nach Norden.« Der Admiral war jetzt auf das Verdeck gekommen. Der kleine weiße Wimpel im Flaggentau des Fockmastes zeigte seine Anwesenheit auf dem Schiff, und der kleinere Dampfer setzte bereits sein Boot aus, um den kommandierenden Offizier an Bord der Fregatte zu schaffen. – »Ah, Sie sind es, Kapitän Glasemann,« sagte der Admiral, sich über das Bollwerk lehnend; »kommen Sie geschwind herauf und bringen Sie mir Neuigkeiten! Diese Herren verlangen sehnlichst danach.« – Einige Augenblick nachher war der Kapitän-Leutnant der »Bessarabia« auf dem Deck und begrüßte ehrerbietig seinen Vorgesetzten. – »Was haben Sie, Kapitän? woher kommen Sie? wo befindet sich die Eskadre?« – »Admiral Nachimoff, Exzellenz, ist auf der Rückkehr nach Sebastopol begriffen. Ich hatte Befehl zu kreuzen und erfuhr durch Schiffer, daß ein egyptisches Kriegsdampfboot den Weg nach der abchasischen Küste genommen hat, und war im Begriff, ihm zu folgen, als ich Euer Exzellenz fand.« – »Ist eines der Schiffe, die in Sicht sind, der Egypter?« – »Ich hoffe es.« – »Haben Sie irgend einen Verdacht, wer der zweite Bursche ist, der nach Norden steht?« – »Ich wüßte nicht, wenn es nicht etwa das Passagierboot des Lloyd sein sollte, oder ein Franzose, obschon ich sichere Nachricht habe, daß die englisch-französische Flotte noch vollständig im Bosporus ankert und keines ihrer Schiffe Rumili-Kawak , überschritten hat.« – »So weit kommen die Österreicher nicht. Aber du kannst recht haben, Söhnchen, es mag eines der Transportboote sein, doch ein türkisches. In jedem Falle wollen wir uns die Burschen näher besehen. Lassen Sie die Maschinen ihre Schuldigkeit tun, Kapitän Butakow! Sie, Kapitän Glasemann, werden die Höhe gewinnen und dem Fremden den Rückzug abschneiden.« Da wechselten die beiden fremden Dampfer Signale, wendeten plötzlich und schlugen die Richtung nach dem hohen Meere ein. Dieser schwankende Lauf war jedenfalls verdächtig und konnte nur durch das Erblicken des Geschwaders veranlaßt sein. Namentlich war das Dampfschiff vor dem Wladimir sichtlich bemüht, eine Begegnung zu vermeiden, und änderte jetzt mehrfach seinen Kurs. Um 9-1/4 Uhr wurde auf der Fregatte das Privat-Signal aufgehißt und eine Kanone gelöst, es erfolgte jedoch keine Antwort; darauf wurde die russische Flagge aufgezogen und der Befehl erteilt: »Fertig zum Gefecht!« Alsbald löste sich die aufregende Neugier, die bisher Offiziere und Mannschaften auf dem Deck und an den Bollwerken gehalten hatte, in rasche Tätigkeit; die Kanonen wurden losgemacht, die Pulverkästen geöffnet, die Sandsäcke um die Maschinen gehäuft. Die Mannschaft stand bei ihren Geschützen, auf den Kugelkästen saßen die Pulverjungen, der Wundarzt mit seinen Gehilfen im Unterraum, die Deckmeister machten mit dem Zimmermann die Runde, die Marinesoldaten standen auf den Gangwegen, und die Offiziere, die Befehle erwartend, mit gezogenem Degen auf ihren Posten. Eine Viertelstunde später richtete das verfolgte Dampfschiff seinen Lauf gerade gegen den »Wladimir« und zeigte die türkische Flagge, den weißen Halbmond mit dem Stern im roten Felde. Bald darauf änderte es nochmals seinen Lauf; die Schiffe waren jedoch einander bereits so nahe, daß bei der starken Maschine der russischen Fregatte an ein Entkommen nicht zu denken war. Da Admiral Korniloff sah, daß das feindliche Schiff schwächer war, als der »Wladimir«, befahl er nach der Seeseite, ihm eine Kugel vor dem Bugspriet vorbeizusenden, als Aufforderung, sich zu ergeben. Der Türke antwortete mit einer vollen Seitenladung, die jedoch der noch vorhandenen Entfernung wegen ganz unschädlich blieb. Der »Wladimir« aber fiel alsbald ab und in das Kielwasser des türkischen Schiffes, das er mit seinen Bug-Kanonen der Länge nach bestrich. Hierdurch wurde der Gegner genötigt, fortwährend beizulegen, um eine Salve geben zu können und dann wieder eine neue Richtung zu steuern. Die »Bessarabia« verfolgte unterdes das zweite Dampfschiff, das durch Anwesenheit der »Eskadre« unter dem Winde verhindert war, seine Richtung nach dem Osten zu nehmen, und die hohe See zu halten strebte. – Der Kampf hatte auf diese Weise bereits drei Stunden gedauert, und obschon es dem »Wladimir« leicht gewesen wäre, ihn fortzusetzen und den Rumpf des Gegners zu durchlöchern, beschloß der Admiral doch, dem Spiel ein Ende zu machen und auf Kartätschenschußweite heran zu gehen. Die Fregatte wandte, schoß mit der vollen Kraft der Maschine an der Seite des Feindes auf und gab ihm eine volle Kugellage. Der Erfolg in dieser Nähe war furchtbar, und die Maschine des Feindes hörte sofort auf zu arbeiten. Dennoch setzte er sich noch zur Wehr und gab eine neue Salve. Eine Granate zerschmetterte die Brust des Leutnants Schelesnow. Der »Wladimir« umfuhr den türkischen Dampfer. Zwei weitere Lagen, die eine mit Kartätschen, durchlöcherten den Rumpf und säuberten die Verdecke. Jetzt senkte der Moslem seine Flagge; der erste Seesieg in diesem Kriege war erfochten! Das genommene Schiff war der egyptische Dampfer »Pervas Bachri« von 220 Pferdekraft und mit 10 Kanonen bewaffnet. Von seiner Mannschaft waren der Kapitän, 2 Offiziere und 19 Matrosen getötet, 18 verwundet und 134 Mann wurden gefangen genommen. Das Schiff, das während des Kampfes die »Bessarabia« jagte, war der »Djerib«, ein türkisches Passagier-Dampfboot, das von Varna kam und nach Sinope bestimmt war, Passagiere, Kupfer und Pulver an Bord hatte und eine wertvolle Beute war. Schiffsvolk und Reisende hatten sich auf dem Verdeck zusammengedrängt und beobachteten eifrig das in der Ferne sich entspinnende Gefecht. Auf dem Deck, in der Nähe des Steuers saß der Kapitän, ein dicker, behäbiger Türke mit grauem Bart, auf der Bank, den Schibuck im Munde, den einer der Schiffsjungen sorgfältig in Brand hielt. Einer der Passagiere erregte besondere Aufmerksamkeit: ein hoher, schlanker Mann von schönem, etwas hartem Gesicht und hochblonden Haaren, der reiche orientalische Kleidung trug; doch hätte ein aufmerksamer Beobachter leicht gemerkt, daß sie ihm ungewohnt saß. Auch sprach er nur mit zwei Männern, die offenbar seine Diener waren, einem Griechen und einem Manne, dem die orientalische Tracht noch ungefügiger stand, als ihm. Er ging mit sichtlicher Unruhe auf dem Verdeck auf und ab, häufig nach der Treppe der großen Kajüte blickend, aus der von Zeit zu Zeit eine ältere Frau heraufstieg und ihm eine kurze Botschaft zu bringen schien. Der Passagier war kein andrer als Sir Maubridge, der sich mit Diona, einer Griechin zu ihrer Aufwartung, und zwei Dienern in Varna eingeschifft hatte, um sich nach der anatolischen Küste zu begeben und dort die Niederkunft seiner Geliebten abzuwarten, für die er eine zärtlichere Liebe empfand, als er den Drohungen des Bruders gegenüber zugestanden. Um wenig Aufmerksamkeit zu erregen, hatten alle orientalische Kleidung angelegt. Sir Maubridge war von lebhafter Besorgnis bewegt, weil Diona, schon von der Seefahrt angegriffen, im Schreck über die plötzlich hereinbrechende Gefahr erkrankt war. Unmutig trat er bereits zum zehnten Male zum Kapitän, um ihn zu fragen, ob Aussicht vorhanden, dem russischen Kreuzer zu entgehen. Der bequeme Moslem aber schüttelte nur mit seinem ewigen »Bismallah« bedächtig den Kopf. Ungeduldig rief der Baronet endlich seinen griechischen Diener herbei, um mit dessen dolmetschender Hilfe das begonnene Gespräch fortzusetzen. »Frage dieses Faultier von einem Menschen,« befahl er ärgerlich, »ob es möglich sei, die Schnelligkeit unserer Fahrt zu verstärken? Mich dünkt, die Entfernung hätte sich schon bedeutend verringert!« Der Grieche wiederholte die Frage auf Türkisch. Der Kapitän aber blies den blauen Rauch in die Luft ... – »Was kann ich tun? – Ein Schiff ist ein Schiff, und diese Russen haben den Teufel im Leibe.« Er blieb ruhig sitzen; der Engländer ballte entrüstet die Faust ... »Sie werden uns nach Sebastopol schleppen!« – »Inshallah! wie Gott will. Es ist unser Kismet.« – »Frage das türkische Vieh, ob er sich denn nicht zu verteidigen gedenkt? Wir haben vier Kanonen an Bord und Hände in Menge! – »Der Sohn eines Lords ist toll,« meinte der Kapitän auf die etwas höflicher übersetzte Frage. »Ich habe den Vätern und den Müttern des Moskow das nötige erwiesen; wir sind keine Kriegsleute.« Die Bessarabia war unterdes immer näher gekommen und ein scharfer Schuß an dem Bug des Djerid vorbei, mahnte die Türken, beizulegen. Indessen zeigte sich auch hier die Zähigkeit und Sorglosigkeit des Nationalcharakters; denn statt dem eisernen Winke Folge zu leisten, setzte das Schiff nach wie vor seinen Weg fort. Eine Hand berührte jetzt den Arm des Baronets. Es war das griechische Weib, Monas Dienerin ... »Herr,« sagte sie, »der Schrecken hat über Eure Dame das Wehe der schweren Stunde gebracht. Sie windet sich in den Schmerzen, die dem Weibe süß sind.« – Maubridge fuhr auf. – »Verstehe ich Euch recht? sie steht der Niederkunft entgegen, einer zu frühen Geburt?« – Die Frau bejahte. – »Ich will zu ihr.« – »Halt, Herr! Ihr würdet das Harem verletzen, und die Moslems sind streng darin.« »Was kümmern mich die Narren,« sagte der Brite aufgeregt. »Ich will zu meinem Weibe!« und mit zwei Sätzen, während ein zweiter Schuß des russischen Dampfers donnerte und die Kugel durch die Takelage des Djerid schlug, sprang der Baronet die Treppe zum Pavillon hinab und wollte die Tür desselben aufreißen, als eine kräftige Faust ihn zurückstieß. »Bosch! Was willst du?« – »Atsch! öffne! ich muß hinein!« – »Das ist das Haremlik meines Herrn, kein Mann darf es betreten!« ... Die drohende Gebärde, mit welcher der schwarze Sklave sich vor die Tür warf, zeigte besser als die ihm unverständliche Sprache das Verbot. Zugleich suchte flehend die ihm nachgeeilte Griechin, sich zwischen ihn und die Tür zu drängen. Auf den türkischen Schiffen ist eine der Kajüten ausschließlich für die Frauen bestimmt und wird gleich dem Haremlik geachtet. Kein Mann darf eintreten. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch das Schiff: ein Mann verletzt den Schutz des Haremliks. Die Moslems drängten sich heran; denn der drohende Frevel gegen die geheiligte Stätte bewegte sie mehr, als die Gefahr von außen, die ja in Allahs Hand stand ... »Wer ist der Hund, daß wir ihm das Seine tun? Seid Ihr ein Kind des Teufels, daß Ihr es wagt, uns in den Bart zu speien?« ... Wilde Drohungen umtobten den Briten, Waffen erhoben sich gegen ihn, und vergeblich suchte sein englischer Diener, sich zu ihm Platz zu machen ... Auch der Kapitän war herbeigekommen ... »Tut ihm nichts zuleide, er ist der Sohn eines Lords ... Was wissen diese Inglis von Gott und dem Propheten?« – »Ein Dschaur in der Kleidung der Moslems? was will das ungläubige Schwein unter uns? Er ist an allem Unglück schuld, er hat uns die Moskows über den Hals gebracht. Tötet den Franken!« Der Baronet, der noch immer vergeblich um den Eintritt rang, schwebte in der größten Gefahr, ein Opfer des unvorsichtig erregten Fanatismus zu werden. Da donnerte und krachte es über und neben ihnen, und eine schwere Kugel prasselte, die Splitter umherstäubend, durch das Holzwerk und fuhr durch die Frauenkajüte. In Todesfurcht stürzten die Frauen hinaus ... Alles floh in blindem Schrecken, sich in den unteren Räumen des Schiffes zu verbergen, und im Augenblick sah sich Maubridge allein mit seinem Diener auf dem behaupteten Kampfplatze. Er drang schnell in die Kajüte, die mit Staub und Trümmern gefüllt war. In der hintern offenen Kabine auf dem Schmerzenslager allein lag Diona. Er stürzte an ihre Seite und verschwendete tausend Zärtlichkeiten an sie. Dazwischen donnerte draußen über die Wogen her Schuß auf Schuß, und die Kugeln fuhren durch Takelwerk und Rumpf. Die Mannschaft hatte den Kopf verloren und vermochte nicht einmal die feurigen Grüße zu beantworten oder die Flagge zu streichen, bis endlich einer der Maschinisten, ein Italiener, aus dem Rumpfe sprang und das Flaggentau durchschnitt. Der rote Wimpel mit dem Halbmond flatterte ins Meer, und ein Jubelruf erhob sich am Bord des russischen Schiffes, das bereits seitlängs lag und seine Haken an den feindlichen Bord warf. Wenige Augenblicke darauf sprangen die russischen Offiziere, den Degen in der Faust, über die Bollwerke und im Nu war das Verdeck des Djerid mit Mannschaften überflutet ... Aber Widerstand war nirgends zu finden, die Weiber jammerten und schrien, die Moslems krochen geduldig hervor und begaben sich in das unvermeidliche Kismet, während der Kapitän von dem ersten Leutnant der Bessarabia genötigt wurde, die Papiere über Ladung und Passagiere vorzulegen. In Angst und Besorgnis saß der englische Baronet am Eingang der Kabine, in der Diona, die arme Getäuschte, von der griechischen Dienerin unterstützt, mit den Schmerzen rang, die das werdende Leben begleiten. Seine ganze kalte, harte Natur schien sich umgewandelt zu haben in zärtliche Sorge um das junge Wesen, dessen Wimmern und Schmerzensruf wie glühender Stahl sein Herz durchbohrte. Da legte eine Hand sich auf seine Schulter, und eine Stimme befahl ihm barsch, aufzustehen. Als er emporfuhr und die Angreifer zurückstoßen wollte, fielen diese, zwei russische Matrosen, über ihn her und schnürten ihm die Arme zusammen. Ein Offizier mit dem türkischen Kapitän trat eben in die Kajüte. Auf den ersten sprang Maubridge zu und verlangte mit ungestümen Worten, sofort freigelassen zu werden, und Schutz für sich und seine Leute. Der Offizier sah ihn groß an ... »Ich bin ein Brite. Unser Gesandter in Konstantinopel wird Rechenschaft fordern für jede Beleidigung, die mir widerfährt.« – Der Offizier lächelte malitiös ... »Ein Engländer in türkischer Kleidung? Wahrscheinlich ein türkischer Spion, um unsere Häfen zu inspizieren. Ihre Papiere, mein Herr!« – Der Baronet erbleichte vor stolzer Wut ... »Ihre Leute haben mich gebunden. Lassen Sie mein Portefeuille aus der Tasche nehmen, meine Papiere befinden sich darin. Ich hoffe, Sie werden die Banknoten dabei schonen!« Der Russe befahl kalt, ihn zu durchsuchen, öffnete am Tisch die Brieftasche, während Maubridge zähneknirschend daneben stand ... »Einen Paß für den Baronet Maubridge und seinen Diener. Das wäre richtig. Sieh' da, Briefe an Churschid-Pascha und Selim-Pascha, also ins feindliche Lager. Und hier ein solcher an Schamyl. – Das ist kein übler Fang« – »Herr, Sie haben kein Recht, sich an meinen Briefen zu vergreifen.« – »Einem Engländer trauen wir alles zu, und mit einem Spion machen wir nicht viel Umstände. Bringt den Mann zu den anderen Gefangenen.« Ein Schmerzensruf erscholl aus der Kabine, deren Tür halb geschlossen war. – Der Baronet überwand seine Wut und seinen Stolz ... »Sie werden menschlich sein, mein Herr, und in diesem Augenblick mich nicht von der Frau da drinnen trennen, die jeden Moment ihre Niederkunft erwartet.« – »Wer ist das Weib?« – »Eine Griechin. Sie gehört zu meiner Begleitung.« – »Davon steht nichts in dem Paß. Pflegen die Herren Briten vielleicht auch schon ihre Harems mit sich zu führen?« – »Sie ist« – er zögerte einen Augenblick – »ich bitte die Dame als meine Gattin zu achten!« – »Dummkopf, wer's glaubt! – Fort mit dem Burschen! die Weiber werden hier besser am Platze sein, wie er. Sie können in diese Kajüte gesperrt werden.« – Die Russen faßten den Baronet und zerrten ihn fort. Da – an der Tür klang ihm zum letzten Male der schneidende Wehruf des Mädchens ins Herz – dann ein anderer Laut, – er war Vater! Es war am dritten Morgen nachher, als ein einfacher Trauerzug aus dem Quarantänegebäude der russischen Pontus-Festung Sebastopol sich nach dem nahen, am Ende des Quarantänehafens befindlichen Kirchhof bewegte. Ein russischer Geistlicher ging dem Sarge voran, der nach griechischer Sitte offen und niedrig getragen wurde. Nur wenige Personen hatten sich dem Zuge angeschlossen, einige Diener aus dem Hospital der Quarantäne, eine griechische Frau und ein Mann in orientalischer Kleidung zwischen zwei russischen Marinesoldaten: Edward Maubridge, der Baronet; im offenen Sarge, den Rosmarin in den dunklen Locken und auf der Brust, lag Diona Grivas, die Schwester der Caraiskakis. In der Nacht nach der Geburt war sie gestorben – sie hatte das allzu frühe Leben des Kindes mit dem ihren erkauft. Ihr Verführer war fern von ihrem Sterbebett, an dem nur der Pope der Fregatte Wladimir und die in Varna geworbene Dienerin mit den gefangenen türkischen Weibern stand. Dennoch war sein Name im Tode auf ihren Lippen, Vergebung in ihrem Herzen. Sie ließ sich das Kind, einen Knaben, bringen, segnete ihn und übergab ihn dem Geistlichen ihres Glaubens mit dem Geschmeide, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Erst am andern Morgen erfuhr der Baronet ihren Tod. Die Nachricht erschütterte den trotzigen Mann im Innersten; er ließ dem Kommandierenden des Schiffes die dringende Bitte stellen, zu der Leiche geführt zu werden, und als ihr gewillfahrt worden, verließ er dieselbe nicht mehr, bis das Schiff in der Nacht auf der Reede von Sebastopol Anker warf. Am nächsten Morgen lieferten die russischen Dampfer ihre Beute im Quarantänehafen ab und die Gefangenen wurden in ein zu ihrer Aufnahme bestimmtes Gebäude, die Leiche aber nach dem Hospital gebracht, von wo aus das Begräbnis am nächsten Tage erfolgte. Durch sein Gold erlangte der Baronet die Erlaubnis, die Tote zu ihrer letzten Ruhestätte zu begleiten. Am fünften Tage nach der Ankunft der Gefangenen war ihre Quarantäne zu Ende und sie wurden in die Stadt gebracht. Hier ward der Baronet, trotz seiner Protestationen, von der griechischen Dienerin und dem Kinde getrennt und erhielt seinen Aufenthalt im Fort Sankt Nikolas angewiesen, wo er in strenger Absonderung mit seinem englischen Diener gehalten wurde. Nur der Grieche durfte ab und zu gehen und sorgte für ihre Bedürfnisse. Durch ihn erfuhr Maubridge, daß die Wärterin mit dem Kinde in der Familie des Geistlichen vom »Wladimir«, die in Sebastopol wohnte, Aufnahme gefunden hatte. Von dem Fenster seines hochgelegenen Gemaches aus übersah der Baronet die schöne Felsenbucht von Sebastopol den riesigen Befestigungen der Nordseite, dem Fort Konstantin, dem Katharinen-Fort, der Sukaia-Batterie und der großen Zitadelle, während rechts der Blick am Eingang des Militärhafens vorbei, dessen andere Seite, Fort Nikolas gegenüber, das Fort Sankt Paul beschützte, bis ans Ende der Bucht zu den Höhen von Inkerman schweifte, wo die beiden Leuchttürme des Nachts dem Schiffer ihr leitendes Feuer zeigten. Links am Artilleriehafen hin, zwischen dem Fort Nikolas und der großen Batterie, reichte seine Aussicht bis zum Fort Alexander und den beiden Quarantäne-Forts, die auf der Südseite, Fort Konstantin gegenüber, den Eingang der Bucht decken. Dies ganze prächtige und großartige Schauspiel lag unter den Augen des Gefangenen, doch betrachtete er es mit Gleichgültigkeit. Mit dem Tode Dionas war eine auffallende Veränderung in seinem Wesen und Charakter vorgegangen; er fühlte, daß er das Mädchen mit der ganzen Kraft seiner Seele geliebt und dennoch unehrenhaft an ihr gehandelt hatte. Das machte seinen hochmütigen Sinn noch erbitterter, heftiger, abgeschlossener. All sein Gefühl, sein Denken und seine Entschlüsse konzentrierten sich jetzt auf das Kind, das er das seine nannte. Täglich mußte der griechische Diener zum Hause des Popen wandern, um ihm Nachricht von dem Knaben zu bringen, und eine bedeutende Summe sandte er für die Pflege desselben. So verstrichen mehr als zwei Wochen. All seine Beschwerden, Aufforderungen und Drohungen, ihn in Freiheit zu setzen, waren von den russischen Behörden unbeachtet geblieben, er erhielt nicht einmal eine Antwort, und die Offiziere des Forts vermieden ihn, wenn er die Erlaubnis hatte, auf den Wällen spazieren zu gehen ... Es war am Nachmittage des 26. November, als er am Fenster seiner Zelle saß und mit finsterm Brüten gedankenlos dem Fluge der Möven zuschaute, die über die Bucht strichen, mit ihrem ängstlichen Geschrei eine Erneuerung des Sturmes verkündend, der bereits mit kurzen Unterbrechungen seit zwei Tagen getobt hatte. Da wurde seine Aufmerksamkeit durch ein kleines Dampfschiff erweckt, das von der Höhe der See, ohne, wie die gewöhnliche Vorschrift erheischte, vor den Eingangs-Forts beizulegen, mit aufgehißten Signalen in die Bucht schoß und am Fort Nikolas beilegte. Sogleich wurde ein Boot herabgelassen, und mehrere Personen fuhren zum Ufer. Es war dem Baronet, als sei ihm eine derselben nicht unbekannt, doch war die Entfernung zu groß, um genaueres zu erkennen ... Die Dämmerung begann unterdes einzutreten und mit dem Abend sich der Wind aufs neue zu erheben. Regen und Hagel peitschten gegen das Fenster der Zelle, an welchem der Gefangene noch immer saß, in den beginnenden Kampf der Elemente hinausstarrend. Plötzlich donnerten rasch nacheinander drei Signalschüsse von der vorderen Bastion des Forts, und Maubridge konnte bemerken, daß Signale mit bunten Laternen aufgezogen wurden, die bald darauf von den Schiffen in der Bucht und auf der Reede am Eingang erwidert wurden. Ein lebendiger, rascher Verkehr schien sich trotz der unruhigen See zwischen der Flotte und dem Ufer zu erheben, Boote, schwer mit Mannschaft beladen, gingen und kamen, und die ankernden Dampfer begannen zu heizen. Eine wichtige Nachricht mußte eingetroffen sein, das zeigte auch die Bewegung im Fort selbst und die Unruhe auf den nächstliegenden Straßen ... Es mochte gegen 9 Uhr abends sein, als Tritte sich seiner Tür näherten und ein Offizier, in Begleitung zweier Marinesoldaten mit aufgepflanztem Bajonett, eintrat, während vier russische Matrosen an dem Zugang stehen blieben ... »Ich habe Order, mein Herr,« sagte der Offizier, »Sie sofort zum Kommandanten zu geleiten. Zugleich ersuche ich Sie, Ihren Leuten Anweisung zum Packen Ihrer Effekten und zur Überweisung derselben an diese Männer zu geben, die sie befördern werden.« – »So bin ich meiner Haft entlassen und kann abreisen?« – »Ich befinde mich außerstande, Ihnen Antwort zu geben,« erklärte der Offizier; »ich erfülle die Befehle meiner Vorgesetzten und bitte Sie, mir zu folgen.« Der Baronet war zu stolz, um weiter zu fragen, und nach einigen Befehlen an seine Diener alsbald bereit. Der Russe riet ihm höflich, seinen Regenmantel zu nehmen, da draußen das Wetter immer heftiger tobte, und führte ihn dann in Begleitung der Wachen durch die Gänge und Höfe des Forts. Zum Erstaunen des Briten schlug der Offizier den Weg zum Tor ein, gab dort die Parole und verließ mit ihm die Zitadelle. Auf den Straßen war, trotz der üblen Witterung, reges Leben und Treiben, Licht an allen Fenstern, Matrosen und Marinesoldaten kamen und gingen in Trupps aus und nach den Magazinen, Offiziere eilten in ihre graue Schiffsmäntel gehüllt dahin, und vor dem großen Eingang des Admiralitätsgebäudes, der Wohnung des Oberbefehlshabers Admiral Berg und zur Zeit des Fürsten Mentschikoff, brannten große Pechfackeln. Der Baronet wurde in ein Vorzimmer des ersten Stockes geführt, und nach wenigen Minuten winkte ihm der begleitende Offizier, in den anstoßenden Saal einzutreten. Derselbe war von Offizieren und Marinebeamten gefüllt. An einer großen Tafel, auf der große Seekarten ausgebreitet lagen, waren mehrere höhere Flottenoffiziere eifrig beschäftigt und in einer Debatte begriffen.... Der Wind war unterdes immer heftiger geworden, fegte in einzelnen langen Stößen durch die Bergschluchten und ließ die hohen Fenster des Saales erklirren. »Es wird kaum möglich sein, Nowossilsky, daß Sie die Anker lichten können und die hohe See erreichen in diesem Wetter,« sagte ein alter Offizier in der Admiralsuniform, der an der Mitte des Tisches saß. »Warten Sie bis morgen.« – »Wir würden höchstens das Tageslicht zum Gewinn haben, Exzellenz, und dafür eine kostbare Zeit verlieren,« entgegnete ein Mann von kühnem, seemännischem Aussehen, der Kommandant der vierten Flottendivision, Konter-Admiral Nowossilsky. »Sie kennen unsere Stürme und wissen, daß sie ihre Zeit haben müssen. Die englisch-französische Flotte könnte leicht Nachricht erhalten haben und aus dem sichern Bosporus herauskommen. Nachimoff hätte dann das Nachsehn.« – »Nun, wie Sie wollen. Kapitän Tschigiri, haben Sie die Order bereit?« Der Offizier du jour reichte das Papier und Admiral Berg unterzeichnete es. »Ich werde mich durch die Bessarabia hinausbugsieren lassen,« fuhr der Konter-Admiral fort. »Wann erwarten Sie Korniloff zurück?« – »Morgen. Sie werden die Bessarabia kommandieren, ihm entgegen zu fahren.« – »Nun, hoffentlich läßt er uns anderen auch etwas übrig ... hat er doch bereits drei Dampfer den Türken genommen während wir kaum das Bugspriet aus dem Nest gesteckt haben. Doch wie steht es mit dem Passagier, Exzellenz, den Sie mir mitgeben wollten? Die Zeit drängt.« – »Haben Sie den Engländer hier, Rogula?« Der zweite Hafen-Kommandant, an den die Frage gerichtet war, sah nach der Gruppe an der Tür ... »Der Gefangene soll vortreten.« – Maubridge trat mit finsterm Blicke bis zu dem Tisch und stützte die Hand darauf. »Wer von den Herren,« fragte er, ohne die Anrede abzuwarten, »ist Fürst Mentschikoff? Ich wünsche ihn zu sprechen.« – Der greise Offizier winkte ... »Der Fürst ist abwesend. Ich bin Admiral Berg, der Oberkommandant der Festung, und Sie werden sich mit mir begnügen müssen.« – »Dann lege ich Protest bei Ihnen ein im Namen der britischen Nation, wegen der unwürdigen Behandlung und rechtswidrigen Haft, die mir hier geworden ist. Ich werde mich bei unserm Gesandten in Petersburg beschweren.« – Der Admiral schien die Phrase nicht zu beachten ... »Sie heißen?« – »Edward Maubridge, Baronet.« – »Nach dem Bericht des Kapitän Juschkin sind Sie am 6. auf dem türkischen Dampfboot Djerid gefangen genommen worden auf dem Wege nach Sinope. Man hat bei Ihnen Briefe an die türkischen Befehlshaber in Anatolien und selbst an Schamyl gefunden, die beweisen, daß Sie mit den Feinden Rußlands in Verbindung stehen.« – »Ich bin Engländer und habe niemand Rechenschaft zu geben, wohin ich gehe und mit wem ich in Verbindung stehe. England ist bei Ihrem Kriege eine neutrale Macht.« – Der Admiral lächelte ... »Wie man's nehmen will! Ich habe jedoch nicht Zeit, mich mit Ihnen in eine politische Kontroverse einzulassen. Ich will Sie, trotz jener Verbindungen, als Reisenden gelten lassen, und wir werden Sie an den Ort schaffen, wohin Sie gehen wollten. Sie haben sich demnach nur über eine Haft zu beklagen, die durch die Umstände geboten war. Unser Geschwader geht in einer Stunde nach Sinope ab und wird Sie dort mit Ihren Dienern ans Land setzen. Treten Sie ab.« – »Einen Augenblick mein Herr – ich will alles vergessen, aber ich kann diese Stadt nicht verlassen ohne mein Kind! Lassen Sie mein Kind holen mit seiner Wärterin.« – »Ihr Kind? – Meinetwegen. Doch sehe ich nichts von einem Kinde in Ihrem Paß erwähnt. Was ist damit, Kapitän Juschkin?« ... Der Kapitän der Bessarabia trat vor ... »Ein griechisches Weib, Exzellenz, ist nach dem Gefecht eines Knaben genesen, ben Pope Alexowitsch in seine Pflege nahm, da die Frau starb.« – »Welches Recht haben Sie an dem Kinde?« – »Es ist das meine, die Verstorbene war Lady Diona Maubridge.« »Lügner!« gellte es durch den Saal von den Lippen eines bleichen Mannes, der im Haufen der Umstehenden bis jetzt mit atemloser Spannung dem Verhör und der Verhandlung beigewohnt hatte, das Auge voll Haß keinen Moment von dem Briten abwendend. »Lügner! Beweise dein Anrecht an Diona Grivas, die du gemordet, dein Recht, das du selbst mit Füßen getreten und verleugnet hast!« – Der Baronet stand bleich, – ihm gegenüber der Bruder und Rächer des toten Mädchens, Gregor Caraiskakis ... »Euer Exzellenz,« sagte der Grieche, und Schmerz und Zorn erstickten fast seine Stimme, als er sich zu dem Admiral wandte: »Wenn der Dienst, den ich Ihnen geleistet, wenn Eifer und Treue für die Sache Rußlands eine Anerkennung verdienen, so gewähren Sie mir Gerechtigkeit gegen diesen Mann. Zweimal entführte er meine Schwester durch heuchlerische Künste und entehrte sie, indem er durch ein höllisches Spiel mit der Arglosen sie glauben machte, sie sei seine angetraute Gattin. Als ich ihr Recht von ihm forderte, leugnete er es, und Diona Grivas, die Schwester des Caraiskakis, wurde durch seinen Trug zu seiner Maitresse erniedrigt. In diesem Augenblick erfahre ich, der Bruder, aus seinem Munde, dessen Spur ich bis Varna verfolgte, den Tod der Unglücklichen und ich segne ihn, denn er deckt ihre und unsere Schande. Aber das Kind, das Kind aus dem Blute meiner Schwester, soll der falsche Engländer nimmer besitzen und sollte ich es ihm mit dem Leben entreißen!« Die verächtlichen drohenden Blicke der Offiziere ringsum hafteten auf dem Briten, der bleich und trotzig im Kreise umherschaute ... »Das Kind ist mein, ich nehme das Recht des Vaters und Engländers in Anspruch!« – »Herr Caraiskakis,« sagte der Admiral ernst, indem er sich erhob, »wir sind Ihnen verpflichtet durch den Dienst, den Sie uns erwiesen haben, indem Sie keine Gefahr scheuten, um Admiral Nachimoff und dann uns Nachricht zu bringen von dem verräterischen Unternehmen des türkischen Geschwaders. Wir möchten Ihnen gern Gerechtigkeit gewähren an diesem Manne, doch – das Recht des Vaters ist ein heiliges, und als solcher kam er in unsre Gewalt.« – »Einen Augenblick, Exzellenz,« unterbrach der Vizeadmiral Rogula den Greis. »Wenn ich Kapitän-Leutnant Juschkin recht verstanden habe, erfolgte die Entbindung erst nach der Wegnahme des Schiffes?« – »So ist es,« bestätigte der Kapitän. – »Dann, mein Herr,« sagte mit Würde der Admiral, »ist das Kind unter russischer Flagge geboren und genießt russischen Schutz, bis Ihre Ansprüche bewiesen sind, was durch den Tod der Mutter unmöglich werden dürfte.« Der Baronet stampfte mit dem Fuße auf. »Ich will mein Kind!« Ein Sturmstoß erschütterte das Gebäude, daß es in seinen Grundvesten zu erbeben schien ... »Hören Sie die Stimme des Allmächtigen, Herr,« sprach streng der Greis, »der mit seinem Sturmwind über jene Wogen fährt, denen bald Ihr Leben anvertraut sein wird, und bereuen Sie Ihre Handlungsweise. – Fort mit ihm, und Sie, Nowossilsky, zu Schiff, zu Schiff, damit Sie die hohe See erreichen, ehe der Sturm nach Süden umsetzt!« – Er reichte dem Konter-Admiral die Hand, und die Schiffsoffiziere verließen eilig den Saal und die Admiralität. Knirschend fügte sich der stolze Brite in die Befehle, da einige deutliche Winke ihn belehrten, daß er sonst mit Gewalt an Bord geschleppt werden würde. – Als er am Quai stand und auf das Boot harrte, legte sich eine Hand auf seine Schulter, und sich umwendend schaute er wieder in das vor Haß glühende Auge des Griechen. – »Ich hoffe,« sagte dieser mit zischendem Tone, »wir werden uns wieder begegnen, wo Sie nicht unterm Schutz der Gefangenschaft stehen. Holen Sie Ihr Kind, Mylord, wenn Sie den Mut dazu haben!« – »Ich werde es holen! Goddam!« Er sprang ins Boot und die dunklen Wellen trennten die Gegner. Die russische Pontusflotte hatte bisher ungehindert auf dem Schwarzen Meere und bis dicht an die rumelischen und anatolischen Küsten gekreuzt und bereits mehrere türkische Dampfschiffe, darunter noch während der von Omer-Pascha dem russischen Oberbefehlshaber in den Fürstentümern gestellten Frist den »Medari Tidjaret«, genommen. Die türkisch-ägyptische Flotte ankerte währenddessen noch im Bosporus in der Bucht von Beykos. Das französisch-englische Geschwader war am 8. und 9. vor Konstantinopel eingetroffen. Die mächtigen Schiffe lagen jetzt vom Eingang des Goldenen Horns bis Bujukdere hinauf an dem europäischen Ufer des Bosporus, und ihre Mannschaften füllten die Straßen von Konstantinopel, wobei das anständige und freundliche Benehmen der französischen Matrosen einen grellen Gegensatz gegen das brutale und rohe Treiben der englischen Seeleute bildete. Am 28. Oktober hatte Selim-Pascha, der Oberbefehlshaber der türkischen Truppen in Anatolien, das Fort Nikojalowst, den ersten russischen Posten an der südlichsten Spitze der Küste von Kaukasien zwischen Batum und Redutkale, überfallen und nach siebenstündigem, hartem Kampfe genommen. Der Kommandant der Truppen in Grusien, Oberst Karganow, versuchte zwar, den Posten wieder zu nehmen, wurde jedoch zurückgedrängt. Der Verlust auf beiden Seiten war erheblich. Die türkische Armee überschritt hierauf auch an anderen Punkten die russische Grenze und nahm einige kleine Posten weg, bis Fürst Bariatinsky, der Chef des Generalstabes der zweiten aktiven Armee, dem Feinde in einer vorteilhaften Stellung bei Alexandropol am 14. November eine Niederlage beibrachte und zirka 1000 Türken zu Gefangenen machte. Bald darauf, am 26., erfocht Fürst Andronikoff einen zweiten glänzenden Sieg über das türkische Korps, das Achalzik eingenommen hatte und die Festung belagerte. Die Türken verloren hier an 5000 Mann, 12 Kanonen, 7 Fahnen, die ganze Bagage und große Munitionsvorräte. Es ist eine bekannte Sache, daß die tscherkessischen Stämme in ihrem Kampfe gegen Rußland seit Jahren im stillen von England unterstützt wurden. Bei Beginn der orientalischen Verwicklungen war daher eines der ersten Mittel, das die sogenannte neutrale Intervention ins Auge faßte, die Aufreizung Schamyls zu einem Angriff gegen die russischen Forts an der abchasischen Küste und die ganze Stellung am Kaukasus. Im Diwan wurde eine Expedition an die abchasische Küste beschlossen, um den Bergvölkern Geld, Waffen und Truppen zuzuführen, und alsbald ins Werk gesetzt. Mit dem Kommando des Geschwaders war, auf die Einwirkung des Kapudan-Pascha, dieses zweiten Führers der Kriegspartei, der 61jährige Osman-Pascha betraut, der sich wenigstens durch einen 41jährigen Seedienst, indem er schon 21 Jahre im Dienste Mehemed Alis gestanden, empfahl. Mit wenigen Ausnahmen hat die Türkei nie gute Seeoffiziere besessen, auch sind die Türken keine tüchtigen Seeleute, und die türkische Flotte war bis zum Beginn des Krieges zum großen Teil mit griechischen Matrosen bemannt, die, bei der allgemeinen fanatischen Stimmung unter der griechischen Bevölkerung, jetzt ihren Dienst verließen. Noch trauriger war es auf der ägyptischen Flotte bestellt. Das Geschwader, mit dem Osman-Pascha in der ersten Hälfte des November Befehl erhielt, unter Segel zu gehen, bestand aus 7 Fregatten von 74, 60, 52, 56, 50, 38 und 42 Kanonen, 2 Korvetten; 1 Sloop und 2 Transportschiffen, und hatte über 5000 Mann Landtruppen, unter Kommando Mustapha-Paschas, zur Ausschiffung an der tscherkessischen Küste an Bord, sowie 20 Millionen Piaster in englischem Golde, nebst bedeutenden Vorräten von Waffen und Munition. Mehrere englische Offiziere und Ingenieure, sowie eine Anzahl politischer Flüchtlinge, befanden sich auf den Schiffen ... Dies war die wichtige Nachricht der russischen Agenten in Konstantinopel, die Caraiskakis von Varna aus, indem er ein auf der Höhe der Bucht kreuzendes Schiff erreichte, dem Geschwader des Vizeadmirals Nachimoff und von diesem mit der »Bessarabia« nach Sebastopol überbracht hatte. Am 24. erblickte Vizeadmiral Nachimoff, in der Aufsuchung des türkischen Geschwaders begriffen, dasselbe im Hafen von Sinope, wohin sich Osman-Pascha, der am 16. von Trapezunt abgesegelt war, zurückgezogen hatte, teils um Schutz vor den Stürmen zu suchen, teils um abzuwarten, daß die an der abchasischen Küste kreuzenden russischen Schiffe sich zurückzögen. Auf der Rhede von Sinope glaubten sich die Türken vollkommen sicher vor jedem Angriff ... Am folgenden Tage verhinderte ein heftiger Sturm aus Westen den Admiral, sich Sinope zu nähern, und er sandte sofort die »Bessarabia« nach Sebastopol mit der Nachricht ab, indem er mit den Linienschiffen »Kaiserin Maria« von 120, »Tschesme« und »Rosstisslaw« von 84 Kanonen und den Fregatten »Kagul« und »Kulewtschi« die Reede blockierte, In der Nacht zum 28. traf der Konter-Admiral Nowossilski mit seiner Abteilung bei dem blockierenden Geschwader ein, das nunmehr aus sechs Linienschiffen und zwei Fregatten bestand. Am 28. traf Nachimoff seine Dispositionen, um beim ersten günstigen Winde den Feind anzugreifen. Endlich am Morgen des 30., Mittwoch, trat ein leichter, günstiger Ost-Nord-Ost ein. Um 10 Uhr morgens gab der Admiral das Zeichen, sich zum Kampfe fertig zu machen. Am Tage vorher war Sir Maubridge mit seinen beiden Dienern durch ein Boot in der Nähe der Stadt ans Land gesetzt worden. Admiral Nachimoff hatte mit seinen Offizieren auf der Schanze »Maria« seinen Platz genommen und beobachtete mit dem Fernrohr die Schlacht. Lustig arbeiteten die Kanonen auf den Decks; dichter Pulverdampf hüllte die Schiffe in fast undurchdringlichen Nebel, daß kaum die Mannschaften der Geschütze nebeneinander sich sehen konnten. Nur der ermunternde Zuruf der Offiziere, das Ächzen der Verwundeten unterbrach die stille Arbeit an den Kanonen. Eine Stunde hatte das Feuer in voller Heftigkeit gedauert, als es auf türkischer Seite zu ermatten begann. Die Boote der Schiffe, die noch See halten konnten, bedeckten, mit Flüchtenden gefüllt, den Raum nach dem Ufer. Hunderte warfen sich ins Wasser, um schwimmend ihre Rettung zu versuchen. Um 2 Uhr hörte das Feuer von den türkischen Fahrzeugen fast ganz auf; drei Fregatten, darunter die des türkischen Admirals, standen in Flammen, und von den zwei durch die Kugeln durchbohrten und gesunkenen Transportschiffen waren nur die Masten sichtbar. Eine der Korvetten war gleichfalls in Grund gebohrt, die andere Korvette und die Sloop kampfunfähig. Um 2 1/2 Uhr gab Admiral Nachimoff das Signal, das Feuer einzustellen. Zugleich wurde Leutnant Birjuleff mit der Parlamentärflagge nach der Stadt gesandt, um den türkischen Behörden anzuzeigen, daß, wenn noch ein Schuß von den Batterien oder vom Ufer aus fallen sollte, der Admiral von Grund aus die Stadt zerstören oder abbrennen werde. Der Offizier verweilte fast eine Stunde unbehindert am Ufer, ohne eine obrigkeitliche Person auffinden zu können. Ein panischer Schrecken hatte sich der Moslems bemächtigt und die türkische Bevölkerung sich sämtlich in die nächsten Dörfer geflüchtet. – Während die Schlacht im Hafen von Sinope wütete, hatte sich auf der See jenseits der einbuchtenden Landzunge eine andere Kampfszene ereignet. Am 29., sobald der General-Adjutant, Vizeadmiral Korniloff, den die »Bessarabia« aufgesucht hatte, mit einem Dampfergeschwader, bestehend aus den Dampfschiffen »Odessa«, »Krim« und »Cherfones«, in Sebastopol eingetroffen und die Schiffe zum Auslaufen wieder bereit waren, ging er zur Eskadre Nachimoffs ab. Am 30., bald nach 12 Uhr, bemerkte man auf dem Dampfer, der sich bereits der anatolischen Küste genähert hatte, über die Landzunge von Sinope hinweg, daß die Schlacht begonnen, und die Dampfschiffe beschleunigten alsbald ihren Lauf so sehr als möglich, um die Reede zu erreichen. Als sie am Vorgebirge von Sinope vorübergingen, wurde ihnen die türkische Dampf-Fregatte »Taïf«, von 20 Kanonen, sichtbar, die, auf dem linken Flügel der türkischen Stellung postiert, weniger gelitten und bereits vor Beginn des Kampfes geheizt hatte und jetzt bemüht war, durch die Flucht der allgemeinen Vernichtung zu entgehen. Der Vizeadmiral Korniloff befahl alsbald, seine Flagge aufzuziehen und dem türkischen Dampfschiffe, das nach der hohen See steuerte, den Kurs abzuschneiden. Der »Taïf«, obschon er fast dreimal stärker war, als die »Odessa«, änderte jedoch, sobald er das russische Manöver gewahr wurde, seine frühere Richtung und lief längs dem Ufer hin. Als das Dampfschiff »Odessa« sich bis auf Kanonenschußweite genähert, eröffnete es das Feuer aus dem langen Neunpfünder auf seinem Vorderteil ... »Bei Gott,« sagte der Admiral, »die Schurken werden den Kampf nicht annehmen, sondern verlassen sich auf die stärkere Maschine. Wir müssen zu dem letzten Mittel greifen, sie zum Fechten zu zwingen. Lassen Sie die Enterhaken bereit machen, Kapitän Stanißlaw, und die nötige Mannschaft an die Schanzverkleidungen treten.« In wenigen Augenblicken waren die Vorbereitungen getroffen, und die Schiffe näherten sich rasch einander, denn der Kapitän des »Taïf« sah ein, daß er dem russischen Dampfer nicht ausweichen könne, ohne auf die Klippen des Ufers zu geraten. Die Mannschaften beider Schiffe standen auf den Decks, die Türken mit Rudern und Stangen bewaffnet, um das feindliche Schiff abzuhalten. Auf den Radkästen und an den Seiten der »Odessa« waren die Enterer postiert, Kapitän Stanißlaw auf der Brücke über der Maschine, um die Kommandos für die Bewegung zu geben. – »Was tun Sie hier, mein Herr?« sagte einer der Offiziere zu einem Manne in einem der grauen russischen Militär-Kapots und darunter in Zivilkleidung, der, das Glas am Auge, einen Säbel in der Faust, am Bugspriet des Dampfers auf einer gefährdeten Stelle sich hielt. »Sie gehören nicht zur Equipage und setzen sich hier unnütz der Gefahr aus.« – Der Angeredete verwandte kein Auge von dem heranbrausenden Gegner ... »Bitte, lassen Sie mich hier,« sagte er dringend, »ich habe von dem Admiral die Erlaubnis erhalten, den Kampf mitzufechten, und bin begierig, Ihnen zu zeigen, daß mein Volk die Gefahren seiner Beschützer zu teilen wünscht.« Es war keine Zeit zu langem Streit, denn die Schiffe waren etwa nur noch 20 bis 30 Faden weit auseinander, und Gregor Caraiskakis, – denn er war es, der an der Brustwehr stand und, nachdem er noch in Sebastopol verschiedene Verfügungen über das Kind seiner Schwester getroffen hatte, auf seine ausdrückliche Bitte auf dem Schiff des Vizeadmirals aufgenommen worden war, um seinem Gegner nach Sinope zu folgen, – behielt seinen Platz. Während der »Taïf« in grader Linie seinen Lauf fortsetzte, schoß die »Odessa« in einem spitzen Winkel gegen ihn heran. In der Entfernung von etwa einer halben Seemeile eilten die beiden andern Dampfschiffe herbei. Es war die Absicht des Admirals, das Bugspriet des kleinen Dampfers womöglich in den Radkasten der türkischen Fregatte aufzurennen, die Enterhaken zu werfen und die Türken so im Kampf festzuhalten, bis die beiden andern Dampfer herankommen konnten. Die Enterhaken wurden zwar geworfen, fanden hier aber wenig Halt, und ein kurzer Kampf entspann sich auf den Decks, während der Dampfer von dem Anstoß sich langsam herumschwenkte und seitlängs der Fregatte legte. Einige der russischen Matrosen versuchten an der höheren Brüstung des türkischen Schiffes emporzuklettern, wurden aber zurückgeworfen oder ins Wasser gestürzt. Unter denen, die vergeblich sich damit bemühten, befand sich auch Caraiskakis. Er hatte mit der Linken sich an eine der herabhängenden Bootsketten festgeklammert und war im Begriff, sich über den feindlichen Bord zu schwingen, als ein donnerndes Krachen verkündete, daß die »Odessa« die vier kleinen Kanonen gelöst, die ihre Breitseite bildeten. Die Schwere der Geschütze war zu gering, um selbst in dieser Nähe eine gefährliche Wirkung auf die Fregatte auszuüben, der Rückstoß der Salve bewirkte jedoch, daß die Schiffe von einander prallten und einige Ketten der geworfenen Enterhaken sprangen, während andere von dem türkischen Schiffsvolk gelöst wurden. Zugleich schoß die Fregatte mit aller Kraft der Maschinen vorwärts und war im nächsten Augenblick schon mehrere Schritte an der »Odessa« vorbei. Ein wilder Ruf des Schreckens ertönte von den Lippen derer, die noch an dem türkischen Schiff hingen, und vergeblich jetzt wieder an den eigenen Bord zu gelangen suchten. Einige ließen sofort los und vertrauten sich den Wellen an, andere wurden von den Türken heruntergestoßen. Caraiskakis, der zu spät die Schanze des russischen Schiffes unter seinen Füßen weichen fühlte, wurde, ehe er noch einen Entschluß fassen konnte, hart von einem Türken bedroht, gegen den er sich, so gut er es in dieser Lage vermochte, mit dem Säbel verteidigte. Schon wollte er den schwankenden Halt aufgeben und sich gleichfalls ins Meer stürzen, als er sich von hinten am Kragen ergriffen und von einer kräftigen Faust emporgehoben und über Bord geschwungen fühlte. Im nächsten Augenblick, als er sich emporraffte, starrte er seinem Besieger ins Antlitz, der ruhig die Moslems von seinem Gefangenen zurückwehrte – es war Sir Maubridge. Die »Odessa« verlor mehrere Minuten mit dem Auflesen ihrer Leute und dem Wenden. Als sie die Verfolgung des »Taïf« wieder aufnahm, war dieser bereits eine ziemliche Strecke entfernt, und obschon die Maschine aufs höchste angespannt wurde, zeigte es sich doch bald, daß der Lauf der Fregatte zu überlegen war, um ein Einholen möglich zu machen. Sobald diese daher außer Schußweite gekommen, befahl der Admiral, die Jagd einzustellen, und die drei Dampfer wandten sich eilig nach der Richtung von Sinope, um dort ihren Teil am Kampfe zu nehmen. Aber sie kamen hier zu spät. Auf der Reede von Sinope war die Schlacht beendet. Die eintreffenden Dampfer »Krim« und »Chersones« erhielten sofort die Order, die russischen Schiffe aus der Schußweite der noch kampffähigen Uferbatterien zu bugsieren für den Fall, daß es dem Feinde einfallen sollte, in der Nacht sein Feuer zu erneuern. Die »Odessa« aber wurde beordert, die türkische Fregatte »Damiette«, welche am wenigsten von den Kugeln gelitten hatte, in Besitz zu nehmen und vom Ufer fortzuführen. Dies geschah ohne Widerstand. Man fand auf der Fregatte kaum noch 100 Mann der Besatzung und etwa 50 Verwundete. Der Kommandeur und die Offiziere hatten das Schiff schon im Anfange der Schlacht verlassen, indem sie sich mit sämtlichen Ruderbooten in schimpflicher Flucht ans Ufer retteten. Am 1. Dezember bei Tagesanbruch waren von den 12 Fahrzeugen, aus denen die türkische Eskadre bestanden hatte, auf der Reede nur noch die Fregatte »Damiette« im Schlepptau der »Odessa«, die »Sloop« und die zweite Korvette ganz zerschossen auf dem Strande am Südufer der Bucht zu erblicken. Am Abend des 1. Dezember fand sich auf der Reede von Sinope kein türkisches Fahrzeug mehr auf dem Wasser. Viertes Kapitel. Das Blut Schamyls. Es war ein trüber Dezemberabend, das Sternengewölbe durch düstere Schneewolken verhüllt, die der Wind am hin und wieder mit mattem Glanz durchbrechenden Mond vorüberpeitschte – als durch eine lange, straßenähnliche Lichtung am Saume eines der ungeheuren Urwälder, welche noch große Flächen der Ukraine und Volhyniens bedeckten und die Sümpfe von Rokitno und Mozyr genannt werden, ein auf polnische Art bespannter dreispänniger Schlitten über die Schneedecke flog. Zwei Personen, ein alter Mann von straffer, militärischer Haltung mit noch jugendlich feurigem Blick trotz des weißen Haares, das unter der dicken Pelzmütze hervorquoll, saß mit einem jungen Mädchen von liebreizendem Antlitz, soweit aus den Kragen, Tüchern und Hüllen, mit denen sie sich gegen die Kälte geschützt hatte, dieses zu schauen war. Auf dem Vordersitz des Schlittens, neben dem Postillon, saß ein Wiener, ein Mann von mittleren Jahren und kühnem, verständigem Aussehen, in der polnischen Tracht, die weiße barankenbesetzte Mütze über die Ohren gezogen. »Das Wetter will mir wenig gefallen, Herr Graf,« sagte, sich umwendend, der Diener; »ehe eine Viertelstunde vergeht, werden wir volles Schneetreiben sehen, und dieser Wald scheint kein Ende zu nehmen.« – »Hast du den Postillon gefragt, wie weit wir noch bis zum Schloß des Fürsten haben?« – »Volle drei Stunden. Wir werden vor elf Uhr in keinem Fall ankommen, wenn – wir überhaupt ankommen.« – »Wie meinst du das, Bogislaw?« ... Der Diener schwieg einige Augenblicke, dann sagte er auf Deutsch: »Die Schneefälle sind gefährlich in diesen Wäldern, Herr Graf, auch könnten wir auf Wölfe stoßen. Die ganze vorige Woche war harter Frost, und das bringt die Bestien von den Karpathen herauf und aus den Sümpfen her.« Graf Lubomirski, – der Reisende im Schlitten war der alte Offizier, dem wir in der ersten Szene unseres Buches und dessen Namen wir zuletzt in Petersburg begegnet sind, – beugte sich besorgt vorwärtsb ... »Ich habe selbst schon bedauert,« sagte er in der gleichen Sprache, von der er wußte, daß sie der jungen Dame an seiner Seite nicht geläufig war, »nicht in Owrucz geblieben zu sein. Doch hatte ich dem Fürsten zu heute meine Ankunft angezeigt, um morgen mit ihm das heilige Christfest zu begehen. Es bleibt uns nichts übrig, als so rasch wie möglich vorwärts zu kommen. Frage den Postillon, ob es denn keinen Halteplatz gibt bis zum Schloß des Fürsten.« Nach einer kurzen Unterredung berichtete Bogislaw, daß zwar ein Gehöft, ein Krug für die Holzfäller, eine Meile weiter seitab im Walde liege, doch sei es besser nach der Meinung des Postillons, den geraden Weg zu verfolgen. – »Was fürchten Sie, Oheim?« fragte die junge Dame. »Sollten wir uns vielleicht verirrt haben?« – »Nein, mein Kind,« beruhigte der Graf. »Es ist kein Grund zur Besorgnis vorhanden, der Weg führt geradeaus durch die Lichtung und ist kaum zu verfehlen.« Ein furchtbarer Windstoß, die riesigen Bäume entwurzelnd, schien das Signal zu sein zum Beginn des Unwetters, denn alsbald entluden sich die Wolken in einem dichten Schneegestöber, und binnen wenigen Minuten waren die Reisenden und ihr Fuhrwerk in einen dichten weißen Mantel eingehüllt. Die Flocken fielen so gedrängt, daß man rechts und links die dunkle Baumwand nicht sehen konnte, daß man den Lauf der Pferde ihrem Instinkt überlassen mußte. Ungefähr eine halbe Stunde, von einzelnen heftigen Windstößen unterbrochen, dauerte das tolle Wetter, dann begann es nachzulassen und sich aufzuklären – es verzog sich rasch, wie es gekommen war. Nach kurzer Zeit erklärte jedoch der Postillon, er sei nicht sicher, ob sie auch noch auf dem rechten Wege wären, da das Schneegestöber jede Spur verweht hatte. Vor ihnen breitete sich zwar im Schein des wieder klar und hell vom Himmel strahlenden Mondes noch immer eine Lichtung aus, doch war es fraglich, ob es die rechte sei. Dein Zweifel und der Beratung wurde ein kurzes Ende gemacht – ein entfernter, klagender, heulender Ton ließ sich hören; die ermüdeten Pferde spitzten die Ohren und setzten sich ohne Antrieb von Zügel und Peitsche sofort wieder in Galopp. »Haben Sie gehört, Oheim?« fragte die Dame. »Wir sind den Wohnungen nahe, das war das Heulen eines Hundes.« – Der Graf antwortete nicht, aber er nahm unter der Decke des Schlittens zwei dort gesicherte Jagdgewehre hervor und reichte das eine dem Diener ... »Ehe zehn Minuten vergehen, werden wir die Bestien auf dem Halse haben,« sagte dieser, diesmal auf Polnisch. – »Um Gott, Oheim, was gibt es?« – »Nichts von Bedeutung, Wanda; einige Wölfe, die vielleicht auf unsere Spur kommen. Wir werden sie mit blutigen Köpfen zurückschicken.« Die Dame war eine Polin, und obschon in Warschau erzogen, kannte sie doch durch Erzählungen hinreichend die Gefahren der Wälder ihres Vaterlandes. – »Wir sind verloren, Onkel, wenn sie uns in dieser Wildnis erreichen!« Gleich, als solle ihre Furcht bestätigt werden, erscholl dicht zur Seite des Schlittens, der am Waldrande dahinflog, ein durchdringendes Geheul, und ein dunkler Körper schoß plötzlich aus dem Schatten der Bäume über die helle Fläche des Schnees und sprang dem linken Handpferde an die Kehle. Im nächsten Augenblick erfolgte ein Knall, und der Wolf stürzte tot zurück. Der Graf wandte sich um, und im Abstände von einigen hundert Schritten, sah er nun eine dunkle, bewegliche Masse sich auf der Schneefläche hinter ihnen herwälzen. Feurige hüpfende Punkte glühten gleich Johanniskäfern aus dem dunklen Knäuel ... »Lade schnell das Gewehr, Bogislaw, indes ich sie in Respekt halte,« befahl der Graf. »Ich habe so manchesmal in längst vergangenen Zeiten meine Flinte auf die Bestien im Vialowitzer Walde abgefeuert.« – Gräfin Wanda barg ihr Gesicht in dem Pelzkapuchon, um die Gefahr nicht zu sehen. Wenige Augenblicke darauf knallte neben ihrem Ohr die Büchse des Oheims, und ein Schmerzensgeheul aus dem Rudel, das sich auf etwa hundert Schritt schon dem Schlitten genähert hatte, verkündete ihr, daß ein Verfolger weniger war ... »Sie werden einige Minuten anhalten, um ihren Gefährten zu verzehren,« sagte der Diener. Aber nach kurzer Zeit jagten die Wölfe kaum fünfzig Ellen hinterdrein. Noch zweimal schoß der Graf mit gleichem Erfolg das Gewehr ab, das der Jäger ihm reichte, aber der Fall der getroffenen Wölfe vermochte jetzt nur noch auf Augenblicke die Verfolger aufzuhalten. Während die Männer die Blicke auf sie gewandt hielten, schrie plötzlich die Gräfin laut auf: »Jesus Maria, ich sehe Licht!« und wie ein elektrischer Schlag durchfuhr der Rettungsstrahl die Gefährdeten. »Es ist das Schloß oder ein Gehöft, in einer Viertelstunde sind wir dort. Hölle und Teufel, was ist das?« – Der Diener Bogislaw, der es rief, beugte sich vorwärts. – »Die Bestie hat das Pferd dennoch verletzt – es stürzt – herunter, Postillon! rasch, rasch! schneide die Stränge los, ehe sie uns einholen, es gilt Tod und Leben!« Er hatte den Zitternden fast mit Gewalt hinabgestoßen und ihm das Messer in die Hand gedrückt, während er selbst bemüht war, die Zugstränge des Handpferdes zu lösen, das, an einer Halsarterie verletzt, nur, von der Furcht getrieben, so lange ausgehalten hatte und jetzt zusammengestürzt war, wild um sich schlagend ... »Den Vordersten, Herr Graf, den Vordersten!« Wieder knallte die Büchse, und der Leitwolf stürzte zusammen, aber an ihm vorbei jagte die Meute, denn sie wußte, daß in wenigen Minuten ihr die Beute entgangen sein würde. Rechts und links vom Schlitten vorüber sprangen zwei große Wölfe und einer derselben am Vordersitz empor. Laut auf klang der Schrei des gefährdeten Mädchens, während der Greis mit dem Büchsenlauf die Bestie vom Rücken des Schlittens zurückzuhalten suchte. In diesem Augenblick war es den beiden gelungen, die Stränge abzuschneiden und im selben Moment, als sie sich von der hemmenden Last befreit fühlten, sprangen die beiden Pferde vorwärts und rissen dabei den noch am Vorderzeug beschäftigten Postillon zu Boden. Bogislaw hatte kaum Zeit, sich auf die Deichsel zu schwingen und festzuklammern, als der Schlitten zwei schwere Rucke erhielt, wie über hindernde Körper schnellend, daß die Insitzenden fast hinausgeschleudert wurden. Dann aber sauste er wieder über die Fläche. Ein wilder Angst- und Schmerzensruf, dann wieder das wütende Geheul der Bestien ... Die beiden Pferde jagten wie toll dem Lichtschein entgegen. Es dauerte eine Weile, ehe es dem wackeren Diener gelang, mit den Zügeln, die er zum Glück um die linke Hand geschlungen, ihrer wieder Herr zu werden. Jetzt erst erholte sich die junge Dame von dem Entsetzen der grausigen Szene, um zu bemerken, daß eine der Person auf dem Schlitten fehlte ... »Um Gottes willen, Oheim, Bogislaw – der Postillon?« – Die beiden Männer antworteten nicht. Bogislaw peitschte wütend auf die Pferde. Das bebende Mädchen brach in einen Tränenstrom aus; das Geheul der Wölfe gab ihr die Ahnung, welchem entsetzlichen Opfer sie die einstweilige Rettung verdankten. Aber diese sollte vollständig werden; denn von jenem Lichtschein aus, den sie in der Ferne gesehen, und der aus einem Gehöft mitten im Walde kam, bewegten sich mehrere Feuer über die dunkle Fläche. Kienfackeln, von Menschen getragen, und lautes Geschrei und Rufen verkündete die Helfer in der Not. Einige Augenblicke darauf waren sie in der Mitte einer Gruppe von Männern wilden Aussehens, Bewohner des düstern Waldes, die, mit brennenden Kiensplittern, Stangen und Äxten bewaffnet, herbeieilten; wenige Worte genügten, das schreckliche Ereignis zu melden. Es war offenbar nutzlos, Menschenleben zu gefährden in einem Versuch, ob der arme Postillon noch zu retten sei; und doch wandte sich der Graf, als er mit Hilfe des Dieners die zitternde Dame in den großen Raum getragen, der Flur und Küche des ärmlichen Gebäudes bildete, auf ihre Bitte an die mit stumpfer Neugier umherstehenden Leute, warf ihnen eine Handvoll Silber zu und forderte sie auf, sich mit Fackeln und Waffen aufzumachen, um wenigstens die Reste des Verunglückten zu suchen. Als sie das Silber sahen, das der Graf mit so unvorsichtiger Freigebigkeit ausstreute, waren die Männer alsbald zu dem Gange bereit und machten sich, drei an der Zahl, mit frischen Kienspänen und Äxten auf den Weg. Nur der Wirt des Hauses, eine grobe, vierschrötige Gestalt Mit all' dem finstern, tückischen Ansehen der niedrigsten Slavenrasse blieb im Hause bei den unerwarteten Gästen, die erst jetzt dazu kamen, sich in dem Räume, der ihnen zu einer Zufluchtsstätte diente, umzusehen. Die Hütte, ein mit Sumpfbinsen gedecktes einstöckiges Gebäude von Lehm und Holz, bot das traurigste Bild von Dürftigkeit, Unordnung und Schmutz. Sie war ausnehmend lang, der größte Teil für Pferde, Rinder- und Schweineherden eingerichtet, die die Hirten der Gegend zur Sicherung gegen Kälte und Raubtiere hier einzutreiben pflegten. Für sie und die Holzschläger, die die riesigen Buchen und Eichen des Waldes fällten – ein wüstes, wildes Geschlecht von Leibeigenen – war ein Teil des Hauses zum Krug eingerichtet. Ein halbverfallener Bretterzaun umgab das Hauptgebäude und ein paar ähnliche dienten für die Aufbewahrung der Futtervorräte. In dem großen Kamin brannten riesige Kloben von Holz, Licht und Wärme verbreitend, was um so nötiger war, als der traurige Zustand der Wände durch zahllose klaffende Spalten dem Luftzug freien Eintritt sicherte. In einem großen Kessel auf dem Feuer kochte das Abendbrot: Speck und Grütze; und zwei Frauenzimmer, Mutter und Tochter, waren dabei beschäftigt und bequemten sich erst auf eine handgreifliche Ermahnung des Vaters, einen finster und trotzig blickenden Mannes von robusten Formen, zum Dienst der Dame. Er trug den schmutzigen Schafpelz des niedrigen Polen und die fettglänzende Mütze bis über die Ohren gezogen. Bei aller Wildheit und Rohheit seines Wesens war ihm kriechende Höflichkeit eigen und er belauerte jede Bewegung, die sein vornehmer Gast machte. Bogislaw hatte aus dem Schlitten die Decken und Mäntel herbeigeschafft und nach dem durch einen starken Holzverschlag von der Küche getrennten Raume gebracht, der das Ende des Hauses bildete und von den Weibern schnell von altem Gerät und Holz gesäubert worden war. An ein Weiterkommen in dieser Nacht war nicht zu denken, da die Pferde durch den rasenden Lauf zum Tode erschöpft waren. Zudem waren sie, nach der Versicherung des Wirtes, von der rechten Straße ab und auf einen Nebenweg geraten, von dem aus im Dunkel der Nacht unter zwei Stunden das Schloß des Fürsten Lubienski nicht zu erreichen sei. Es blieb demnach nichts weiter übrig, als den Tag hier, so gut es gehen wollte, zu erwarten. Nach etwa einer Stunde kehrten die ausgeschickten Männer, zwei Söhne des Wirts und ein fremder Holzschläger, zurück mit der Nachricht, daß von dem unglücklichen Postillon nur traurige Knochen- und Kleiderreste zu finden gewesen seien, so vollständig hätten die Wölfe das gräßliche Werk getan ... »Aber die Büchse? ich verlor im letzten Kampfe das Gewehr; es muß sich doch auf dem Platze gefunden haben?« fragte Bogislaw. Die Männer schauten einander verlegen an, verneinten aber insgesamt die Frage. Einer meinte, die Wölfe würden die Büchse vielleicht unter den Schnee gestampft haben, oder sie sei später vom Schlitten gefallen und man werde sie morgen bei Tageslicht leichter finden. Dieser Meinung trat auch der Graf bei, obschon sein Diener bedenklich den Kopf schüttelte. Die Männer setzten sich in einen Winkel der Küche zusammen, um ihr Abendbrot zu verzehren, zu dem der Graf eine Flasche Rum aus seinem Vorrat gefügt hatte; sie schienen von der Gegenwart der vornehmen Gäste bedrückt zu sein, denn sie sprachen wenig und nur im Flüsterton unter einander. Dagegen bemerkte Bogislaw mißtrauisch, daß hin und wieder einer oder der andere auf einen Wink des Wirtes das Haus verließ und draußen eine Unterredung mit ihm zu pflegen schien. So war eine zweite Stunde vergangen, und die Reisenden machten sich bereit, ihr aus Pelzen und Mänteln zurechtgemachtes Nachtlager einzunehmen, als plötzlich am Eingang des Gehöfts ein Ruf erscholl und Pferde hörbar wurden. Mit finsterm Gesicht fuhr der Wirt empor und zur Tür: »Der Teufel mag dich holen, ich kann keine Leute mehr beherbergen, sie müssen weiter!« Aber schon waren auch der Graf und sein Diener an die Tür getreten. In die Mäntel gehüllt, hielten zu Pferde zwei Militärs, ein Ulanenoffizier mit seiner Ordonnanz. Der erstere, ein noch junger Mann von hoher, schlanker Figur mit edlem, stolzem Gesicht, sprang sogleich vom Pferd, indem er den Zügel einem der Männer zuwarf und mühsam in polnischer Sprache befahl, seinen Begleiter aus seinem Sattel zu heben, der bei einem Sturz den Fuß gebrochen habe. Vergeblich erklärte mürrisch der Wirt, er könne keine Herberge mehr geben, man möge weiterreiten; der Offizier, mit dem Umgang an das Volk gewöhnt, kümmerte sich wenig darum und drohte mit dem Kantschu, der statt der Reitgerte an seiner Faust hing. Auf die Einladung des Grafen nahm der Offizier am Feuer Platz, und es entspann sich alsbald in französischer Sprache eine Unterhaltung, aus der sich ergab, daß der Neuangekommene, zur Garnison des Städtchens Olewsk gehörend, gleichfalls auf dem Wege zu dem Schloß des Fürsten Lubienski begriffen war, um auf die Einladung des reichen Grundbesitzers mit einigen bereits vorausgegangenen Kameraden die Festtage dort zuzubringen. Der Dienst hatte ihn verhindert, eher als am späten Nachmittag aufzubrechen, das Schneewetter hatte ihn gleichfalls im Walde betroffen, und ein Sturz über eine Baumwurzel seinen Burschen so Unglücklich vom Pferde geworfen, daß derselbe den Fuß gebrochen hatte. Mit Verwunderung hörte nun der Graf, daß der Krug gar nicht weit ab von der Straße zum Schloß des Fürsten gelegen sei, und daß sie morgen in Zeit von einer starken Stunde an ihr Ziel gelangen könnten. Die Wirtsleute des Kruges hatten ihn also absichtlich getäuscht. Obschon der fremde Offizier seinen Namen nicht genannt hatte, zeigte ihn doch das ganze Gespräch als Mann von Bildung und Erziehung und eine zufällige Bemerkung ergab, daß er erst seit etwa drei Monaten hier in Garnison stand. Ein Zug von Ernst, ja Schwermut, der über das ganze Wesen des jungen Mannes ausgegossen war, erhöhte das Interesse, das seine männliche Schönheit erregte. Nur die Begeisterung, mit der er des Kaisers erwähnte, machte die Polen mißtrauisch und zurückhaltend. Nach einer längeren Unterhaltung mußte man endlich an die Ruhe für die Nacht denken, da die junge Dame offenbar sehr erschöpft war. Der Wirt schlug vor, daß der junge Offizier den Verschlag zur Linken der Küche einnehmen sollte; da dieser jedoch von Schmutz aller Art strotzte, erklärte derselbe, lieber in seinen Mantel gehüllt, die Nacht am Herdfeuer zubringen zu wollen, wobei ihm der Jäger Bogislaw Gesellschaft leisten sollte. Diese Anordnung schien dem Eigentümer des Hauses wenig zu behagen, und er gab sich mehrfache Mühe, den Fremden die Kammer oder den mit Stroh und Heu gefüllten Boden anzupreisen, der über den größten Teil des Gebäudes lief. Als er endlich sah, daß sie auf ihrem, Willen bestanden, fügte er sich mürrisch und trieb die Weiber in die Kammer, während er, wie er sagte, mit seinen Söhnen und dem fremden Holzhauer die Nacht am Pferdestall zubringen wollte. Es war etwas in dem Wesen der Familie, was dem aufmerksamen Diener nicht gefiel und sein Mißtrauen erregte; dennoch lag kein Grund vor, dasselbe zu äußern. In wenig Minuten lag der jungte Offizier in festem Schlaf, Bogislaw aber blieb, seine Pfeife rauchend, auf dem Lager wach. Ein eigentümliches Geräusch hatte seinen Verdacht aufs neue erregt; ihm war, als hätte er einen Reiter vorsichtig den Hofraum verlassen und draußen davonjagen hören. Bald darauf öffnete sich leise die Tür der Kammer, und die Wirtin des Hauses streckte vorsichtig den Kopf heraus, um nach den Schläfern zu lauschen, fuhr aber erschreckt zurück, als sie die glänzenden Augen Bogislaws auf sich gerichtet sah ... Noch immer hatte sich nichts ereignet, was den Verdacht des Jägers hätte rechtfertigen können, und dennoch wurde derselbe von Minute zu Minute stärker. Endlich beschloß der Jäger, sich auf jeden Fall Überzeugung zu verschaffen. Den weiten Pelz zusammenballend, so daß es aussah, als ruhe ein Körper darunter, wand sich der Jäger geschickt bis zu einer Leiter, die an der linken Seitenwand zum offenen Eingang des Bodenraumes führte. Mit katzengleicher Vorsicht stieg er sie hinan und war gleich darauf im Dunkel des Raumes verschwunden. Zur selben Zeit saßen in dem entgegengesetzten Flügel des Gebäudes am Ende des Stalles, der an fünfzig kräftige ukrainer Pferde, außer denen der Fremden, enthielt, der Wirt mit einem seiner Söhne, während der andere fehlte, und dem Holzfäller um eine dürftige Lampe in eifrigem Gespräch. »Ich sage dir, Stenko,« sprach der Bauer, »deine Vorsicht wird alles verderben. Warum den Segen, den uns die heilige Mutter von Czenstochau in unserer Armut geschickt, erst mit den anderen teilen? Der andere zählt nicht, und mit den Dreien wären wir allein fertig geworden. « – »Du redest, wie du's verstehst, Sohn eines Hundes!« entgegnete der Wirt. »Der Teufel könnte sein Spiel haben und einer entkommen, und dann wären wir alle verloren. Überdies sind die bewaffnet und würden sich scharf wehren. Die Freunde, die Jarkow herbeiholt, werden mit Hilfe der Heiligen hier sein, ehe der Tag graut, und dann liegen die Edelleute gerad' im tiefsten Schlaf ... Auch brauchen wir die andern, um den Schlitten und die Pferde hinweg zu führen, damit wir alle zu Hause getroffen werden und kein Verdacht auf uns fallt.« – »Es war gut, Vater,« meinte der junge Bursche, »daß wir die Büchse beiseite gebracht haben. Die Narren glauben sie dort unterm Schnee, während sie hier wohl aufgehoben ist.« Er brachte das Gewehr zum Vorschein, das er unter der Streu verborgen hatte, und besah es von allen Seiten ... »Verflucht, daß wir's nicht brauchen können,« grollte der Alte. »Es ist eines von den neuen Dingern, wie sie die Jäger des Herrn haben, ohne Schloß und Stein, aber unsereins versteht damit nicht umzugehen. Schande, daß uns der Herr die Flinten weggenommen, und uns blos die Äxte und Messer zu unserer Verteidigung gelassen hat.« – »Eine Axt ist ein schönes Ding,« meinte der andere, »wo sie hinschlägt, trifft sie sicher.« – »Ob Boris mit den Jungen kommen wird?« – »Warum sollt' er nicht? Ein solcher Fang findet sich selten, und er läßt einen Freund nicht im Stich, wenn er auf seine Faust und sein Messer rechnet. Reich' mir die Wotkaflasche, Michael.« Der Branntwein machte die Runde ... »Nun legt euch aufs Ohr und schlaft,« sagte der Wirt; »vor dem zweiten Hahnenkräh können die Burschen unmöglich hier sein, und ich wüßte nicht, weswegen wir den Schlaf verlieren sollten. Wir haben morgen in der Frühe viel zu tun, um alle Spuren zu tilgen und das Gut fortzuschaffen. Jarkow wird uns schon wecken, wenn er kommt.« Er warf sich auf die Streu, und die beiden anderen folgten alsbald seinem Beispiel. – Das Feuer des Herdes war im Verlöschen, der Raum fast dunkel, als eine Hand leise die Schulter des jungen Offiziers schüttelte und dieser, an rasches Erwachen gewöhnt, auffuhr und im selben Augenblick nach dem unter dem Mantel neben ihm ruhenden Säbel griff. Doch die Hand legte sich rasch auf seinen Mund und eine Stimme flüsterte an seinem Ohr: »Still, es gilt unser Leben!« Der Offizier erkannte im Halbdunkel den Jäger Bogislaw, der sich lang an seine Seite kauerte. »Bleiben Sie still auf Ihrem Lager und hören Sie zu, denn jede Bewegung könnte uns verraten; ich traue den Weibern da drinnen nicht.« Der Offizier tat, wie der Jäger verlangte, und horchte aufmerksam ... »Wir sind einer Bande jener mörderischen Schurken in die Hände gefallen,« sagte Bogislaw, »die bei dem Aufstande von 49 an der galizischen Grenze raubten und plünderten. Der Wirt hat seinen Sohn nach Genossen ausgeschickt. Wieviel ihrer kommen werden, weiß ich nicht. Ich habe sie belauscht und erfahren, daß wir Zeit zu unseren Vorbereitungen haben. Sie gedenken uns erst im Morgenschlaf zu überraschen.« – »Es soll den Schuften nicht gelingen,« sagte der junge Mann. »Sie werden sich blutige Köpfe holen. Aber was hindert uns, ihnen zuvorzukommen? Wir sind drei gegen drei und gut bewaffnet. Sie vermögen nicht, uns aufzuhalten.« – »Sie vergessen den Wald und die Wölfe. Ohne Führer werden wir uns schwerlich bei Nacht zurechtfinden und den Mördern vielleicht gar in die Hände laufen. Auch hindern uns die Gräfin und der arme Bursche dort an der Flucht, der jetzt im Wundfieber stöhnt, und den wir doch nicht ihren Messern überlassen können.« – »Aber was ist zu tun?« – »Ich weiß nicht, ob die Weiber schlafen; ich sehe, Sie haben Ihre Sattelpistolen bei sich.« – »Sie sind geladen, und auch die meines Burschen. Aber wir haben keine Patronen bei uns.« – »Tut nichts. Drin beim Grafen liegen Pulverhorn und Kugelbeutel, und die Jagdflinte des Herrn. Meine Büchse haben die Schurken gestohlen, aber sie nützt ihnen nicht, und da sie weiter kein Schießgewehr haben, sind wir im Vorteil. Ich denke, wir lassen den Grafen und die junge Gräfin noch ein paar Stunden ruhen und halten abwechselnd Wache. Bis dahin können wir überlegen, was wir am besten tun. Nehmen Sie die erste Wache, Herr, und wecken Sie mich in zwei Stunden, oder wenn Sie das geringste verdächtige Geräusch hören. Vielleicht kommt mir im Schlaf ein guter Gedanke.« Er schlich zurück zu seinem Lager, nachdem er noch vorsichtig die Leiter abgehoben, die zum Boden führte, und sie leise quer vor die Kammertür zur Linken geschoben hatte; der Offizier, der zu seinem bedächtigen und mutigen Gefährten volles Vertrauen gefaßt, beschloß, sich ganz seiner Einsicht zu fügen. Die Pistolen im Bereich der Hand, stützte er den Kopf auf den Arm und versank in tiefes Nachsinnen ... Wohin führten seine Gedanken? Wohin wanderte seine Phantasie? ... Bilder seiner Kindheit erhoben sich umher, der mächtige Felsenhorst, auf dem der Adler nistet, wilde abenteuerliche Gestalten im blitzenden Silberpanzer, – Waffen, – brausende Bergströme, – das Getobe des wilden Kampfes, – Ströme von Blut, – und der Knabe emporgehoben von den Armen eines hohen, blassen Mannes mit langem, dunklen Bart und blitzendem Auge! – Dann Nacht um ihn her, gerötet vom Flammenschein brennender Häuser, wildes Geheul der Stürmenden, blitzende Bajonette, donnernde Salven, – Dampf, Rauch, Blut, Feuer, – Tod und Gefahr ringsum! – Und wiederum aus der frühesten Kindheit liebliche, seltsame Bilder: Frauen in dichte Schleier gehüllt, die Brust von dem weichen Leder des Berghirsches eng umschlossen, blitzende Steine und Geschmeide um Haar und Hals; – am dunkeln Felsenhang die Ziege kletternd, – und von den hohen Bergwällen der Blick des spielenden Knaben hinabtauchend auf Fels und Tal und weit darüber hin die silberglänzende Fläche des weiten Meeres! – Dann kamen die Erinnerungen seiner spätern Jahre, die Erziehung im Korps zu Petersburg, das Bild der Jugendfreunde und Kameraden, die jetzt weit zerstreut waren über das unermeßliche Reich – die leuchtende Gestalt des kaiserlichen Herrn, den er so oft geschaut, dem er Treue geschworen, er, der – – Und nun vielleicht hier unrühmlich, ohne Namen, ohne Taten zu enden unter dem Beile eines Mörders? vergessen zu werden unter dem Leichenhügel des Schnees, zerrissen von den gierigen Bestien des Waldes, die seine Leiche aus der heimlichen Gruft gescharrt! Dazwischen tauchte ein lichtes, schönes Bild auf, seit wenigen Stunden erst gekannt, und dennoch verlockend, reizend vor seinen Augen stehend, – Wanda, – die junge Gräfin, für dieser sein Blut vergießen, die er zu retten versuchen; oder mit der er sterben sollte. – – Eine wilde, energische Kraft, wie edles Blut vom Herzen strömend, schoß durch seine Adern; er fühlte, daß das dunkle, schwärmerische Auge des Mädchens ihn zu jeder Tat und Anstrengung begeistern könne. – Die Stunden vergingen; es war Zeit, den Jäger zu wecken. Im Augenblick war der Pole munter und bat ihn, nun seinerseits unbesorgt eine Stunde der Ruhe zu pflegen. Aber der Geist des jungen Mannes war zu aufgeregt, als daß er Schlaf zu finden vermocht hätte. Er überließ zwar seinem Begleiter, ohne sich einzumischen, alle Vorbereitungen, doch schaute er ihnen wach und aufmerksam von seinem Lager aus zu. Bogislaw horchte erst aufmerksam an dem zur Kammer führenden Eingang; dann untersuchte er sorgfältig die Haustür, die zum Glück ziemlich fest, aber ohne Verschluß war; nur ein ziemlich starker Querbaum in Haspen konnte davor gelegt werden. Die Türen beider Kammern öffneten sich nach der Küche, sie konnten also verrammelt werden ... Es blieb noch der Eingang von der Bodenluke her. Bogislaw hing, kurz entschlossen, den großen, hölzernen Riegelbaum vor die Tür und begann vor der Kammer der Frauen von den in der Küche aufgetürmten großen Holzstücken einen förmlichen Wall zu bauen, der bald halbe Mannshöhe erreicht hatte und die Bretter der Tür festhielt. Darauf schob er ein neues Scheit in das Feuer und fachte dieses wieder an ... »Es wird ebenso gut sein,« sagte er leise nach allen diesen Vorbereitungen, »wenn wir die Herrschaft schlafen lassen, bis die Gefahr erscheint. Der Graf ist ein alter Soldat und wird auf dem Platze sein.« Die Uhr des Offiziers zeigte die vierte Stunde, als draußen ein leises Geräusch sich hören ließ und Bogislaw seinem Gefährten winkte ... »Sie kommen; machen wir uns bereit, und möge die heilige Jungfrau uns schützen! Halten Sie die Bodenluke im Auge, ich werde die Tür nehmen. Nieder mit jedem, der hereinzudringen wagt!« – Jeder von ihnen hatte ein Paar Sattelpistolen genommen; der Offizier faßte an der Wand, gegenüber der Bodenluke, Posten, der Jäger an der Tür, an deren beiden Seiten: zwei kleine Fensterchen, wie sie in polnischen Hütten üblich sind, sich befanden, eben groß genug, um Licht und Luft hereinzulassen, aber zu eng zum Einsteigen. Beide waren von außen mit Läden verschlossen, die kleinen Fensterscheiben zerbrochen und mit Papier ausgeflickt ... »Wenn ich nur wüßte,« flüsterte der Diener, »wie viele ihrer find! Es ist zu dunkel draußen, um sie zu zählen, und ich darf es nicht wagen, sie nochmals wie vorhin zu belauern.« – Das Geräusch hatte sich verstärkt, man konnte deutlich hören, daß mehrere Personen, jedoch vorsichtig, in das Gehöft eintraten und an dem Hause entlang schlichen. Der unter den Sohlen ihrer Stiefel knisternde Schnee verriet sie ... Dann war alles wieder still. – – Die kühnen Wächter harrten. Ihre Mäntel lagen auf den verlassenen Lagerstätten, so daß sie in dem matten Lichte in einiger Entfernung leicht ein fremdes Auge täuschen konnten. Sie selbst standen in dem dunklen Schatten verborgen, so daß sie nicht leicht bemerkt werden konnten ... Wiederum knisterte der Schnee; leise Schritte mehrerer Männer schlichen heran und hielten an der Tür des Hauses still. Zugleich ließ sich ein leichtes Geräusch auf dem Boden vernehmen. Wenige Augenblicke darauf erschien den scharfen Augen des jungen Mannes ein Gesicht in dem dunklen Raume, eine Gestalt wurde erkennbar – der Wirt des Hauses, und der Offizier konnte sehen, daß seine Hand mit einem kurzen, schweren Beil bewaffnet war. Die andere tastete nach der Leiter umher ... Sie suchte vergeblich. Der Kopf des Mannes bog sich vor aus der Luke, um zu schauen, ob sie nicht an Ort und Stelle sei. Das Blut des jungen Manen, fieberte, seine Hand spannte sich um den Kolben der Pistole. Aber er fühlte, daß Ruhe und Vorsicht hier mehr galt Mut und Tapferkeit ... »Przekleçie!! Die Hundssöhne haben richtig die Leiter weggenommen,« flüsterte oben eine Stimme. »Bleib du hier, die Weiber sollen uns öffnen. Ich sehe, die beiden liegen am Feuer.« Wiederum war eine lange Pause. Dann hörte der Jäger an das Fenster her Kammer klopfen und eines der Weiber aufstehen und herankommen. Es folgte ein kurzes Flüstern, darauf machte die Frau den Versuch, ihre Tür zu öffnen, und als sie dies zu ihrer Verwunderung nicht konnte und die Verrammelung bemerkte, teilte sie dies eilig, den Männern draußen mit. Ein wilder Fluch – dann eine kurze Beratung. Gleich darauf erschien der Wirt aufs neue oben an der Bodenluke, schaute sich um und schickte sich an, herabzuklettern. Der Augenblick des Handelns war gekommen ... »Zurück da! Bleibe dort oben, oder ich schicke dir eine Kugel durch den Kopf!« – »Mögen die Teufel deine Mutter quälen! Bin ich Herr in meinem Hause oder nicht? – Setzt die Leiter an. Ich muß hinunter!« – »Bleib, wo du bist, Schurke,« sagte ruhig der Jäger, »wir wissen, was du willst und welche Gesellschaft du bei dir hast. So wahr ich an Gott und die Heiligen glaube, jeder, der diesen Raum vor hellem Tageslicht betritt, ist ein Kind des Todes! Also troll dich und laß uns in Frieden.« – »Ist's so gemeint, Hundssohn? – Her mit der Leiter, Michael! Wir wollen doch sehen, ob sie, die wir von den Wölfen gerettet, uns aus dem eigenen Hause zu jagen wagen.« Eine zweite Gestalt wurde sichtbar und schob eine Leiter durch die Luke. Der Krugwirt half ... »Jetzt hinunter, Michael! Ich will sie von deinen Pferden zerreißen lassen, wenn sie es wagen, dir ein Haar zu krümmen. Hinunter, Junge, sag' ich!« – Der junge Mann setzte den Fuß auf die erste Stufe der Leiter, ein dritter zeigte sich hinter ihnen ... Ruhig und kaltblütig hob der Offizier, der bis jetzt im Schatten gestanden und sich bei seiner geringen Kenntnis des Polnischen nicht in die Verhandlung gemischt hatte, die Pistole; im nächsten Moment fiel der Schuß, der junge Bauer öffnete die Arme, stieß einen Schrei aus und stürzte schwer von der Höhe der Leiter herab auf die Tenne des Küchenflurs. Gleichzeitig mit dem Schuß war mit einem raschen Sprung der Jäger von der Tür her unter der Luke und riß mit kräftigend Griff die Leiter aus den Händen, die sie oben festhielten und sich im Schreck über die rasche Tat öffneten ... »Verfluchte, ihr habt mein Kind erschossen!« Die kurze, schwere Axt, von der Hand des Vaters geschleudert, flog durch die Luft, schlug aber unschädlich an die Kammertür zur Rechten, die eben rasch von innen geöffnet wurde. Wer Graf, mit den Pistolen in der Hand, erschien in ihrem Rahmen; hinter ihm, bleich, verstört und aus dem tiefen Schlaf geweckt, die Gräfin Wanda ... Zugleich erscholl Weibergekreisch in der Kammer, wildes Lärmen der Männer draußen, die ihr Werk verraten sahen und mit den Äxten gegen Tür und Läden schlugen ... Stenko, der Wirt, war im Begriff, in seiner Wut hinabzuspringen, als sich bedächtig der Arm des jungen Offiziers mit der zweiten Pistole hob und nach ihm zielte ... »Zurück!« Der dritte, der mit dem Krugwirt auf dem Boden war, rief, ihn von der Luke zurückreißend: »Hinunter zu den anderen!« Sie verschwanden. – »Was bedeutet das alles, Bogislaw?« fragte der Graf. »Werden wir angegriffen?« – »Mein Verdacht hat sich bestätigt,« sagte der Jäger rasch und kurz. »Wir sind in diesem Hause in der Falle, und der Wirt hat seine Mordgenossen herbeigerufen. Wahren Sie uns den Rücken dort nach dem Boden zu, Herr Graf! Hierher, Herr Leutnant!« Die kräftigen Axtschläge draußen zerschmetterten die Läden der Fenster und donnerten gegen die zum Glück starke Tür. Stenko hatte den Genossen die Gewißheit gebracht, daß sie entdeckt waren, und ihre Wut versuchte einen allgemeinen heftigen Angriff ... Der junge Offizier war an das Fenster zur Rechten gesprungen. Durch die zerbrochenen Scheiben langte eben ein Arm nach dem Riegel, um ihn aus den Haspen zu heben ... »Sparen Sie den Schuß. Den Säbel, den Säbel!« Der Offizier hatte bereits die Pistole fallen lassen und die eindringende Faust gefaßt. Aber die Kraft derselben, die ihn zugleich packte, war stärker als die seine, sie zog seinen linken Arm aus dem Fenster fast bis an die Schulter hinaus und zwei, drei Hände faßten draußen an den Arm. Er war in einer völlig wehrlosen Lage ... Im Augenblick entriß, eine Hand der seinen den blanken Säbel, und die Klinge fuhr dicht an seinem Kopf vorbei durch das Fenster auf die Gegner. Der Stoß, den der alte Graf geführt hatte, mußte getroffen haben, denn ein wilder Aufschrei erscholl, der Arm des Offiziers wurde losgelassen, und schnell zog er ihn zurück. Zugleich knallte aus dem andern Fenster ein zweiter Pistolenschuß, und die Vorsicht und Ruhe des Jägers war Bürge, daß er ihn nicht ohne sicheres Ziel abgefeuert hatte. Die wilden Verwünschungen, das Schmerzensgestöhn draußen bewiesen, daß der Angriff blutig empfangen worden, – die Tobenden zogen sich eiligst zurück aus dem Bereich der Schußwaffen. Jetzt erst gewann der Diener Bogislaw Zeit, seinen Herrn näher von den Vorgängen zu unterrichten. Dann sprang er nach der Kammer, um aus dem Gepäck seines Herrn die Pulverflasche zu holen und neu zu laden ... Ich kann sie nirgends finden, die Weiber müssen sie gestohlen haben, als sie in der Kammer hantierten. Doch haben wir noch Ihre Flinte und Pistolen, Herr Graf. Wer nimmt den Posten in der Kammer ein, um zu verhindern, daß die Schurken hier durch das Fenster brechen?« Es war hier die wenigst gefährdete Stelle; aller Augen wandten sich auf die Gräfin, die in stillem Gebet neben dem Bauernsohn kniete, den der Jäger von her Leiter geschossen hatte. Ihr Gebet galt einem Toten. Die Kugel hatte quer durch die obere Brust geschlagen ... Der Oheim hob das Mädchen empor und führte sie nach der Kammer. Es war keine Zeit zu Erörterungen. Er konnte sie nur kurz bedeuten, auf das geschlossene Fenster zu achten und, wenn es erbrochen würde, um Hilfe zu rufen. Dann trug Bogislaw mit dem Offizier den aus seinem Fieberschlaf erwachten Soldaten an die Wand gegenüber der Bodenluke und bedeutete ihn, diese fest im Auge zu behalten. Die Räuber hatten sich zurückgezogen und waren nicht mehr zu sehen. Die Nacht lag noch finster um das Haus, nur durch die weiße Fläche des Schnees gemildert. Auf ihr, nahe dem zweiten Fenster, erkannte man eine dunkle Gestalt, regungslos ausgestreckt: die Verteidigung hatte bereits ein zweites Menschenleben gekostet. – So verging eine längere Zeit; wenige Worte wurden gewechselt. Es schien fast, als ob die Banditen das Grauen des Morgens abwarten wollten, um ihre Gegner besser zu sehen. Da vernahm das scharfe Ohr des Jägers ein Geräusch, als wenn vorsichtig an einer Wand gearbeitet würde – dann donnerten wieder Axtschläge an die Eingangspforte und zugleich gegen die Kammertür; in wenigen Augenblicken flog sie in Stücke. Die Tür zersplitterte, öffnete sich aber nicht, denn vor ihr bis zur Mannshöhe lagen jetzt eine Masse schwerer Gegenstände aufgehäuft, die aller Anstrengung des Fortdrängens spotteten ... Durch die Zwischenräume der Verschanzung streckte mit der ganzen Kaltblütigkeit eines alten Soldaten der Graf sein Jagdgewehr und zielte auf die beiden dunklen Gestalten, die hier den Eingang zu erzwingen suchten, aber der Hahn fuhr nieder auf das Pistol, ohne daß ein Schuß erfolgte. Er warf die Flinte zu Boden und drückte eine der Pistolen durch die Öffnung ab, – der Erfolg war derselbe. Dem Stoß eines durch die Öffnung funkelnden langen Messers entging er durch eine rasche Seitenbewegung. Ein Schrei der Dame verkündete auch auf ihrem Posten Gefahr – der Offizier war mit einem Sprunge an ihrer Seite und sah die Gestalt eines Mannes, bemüht, durch die enge Fensteröffnung einzubrechen. Einige Stöße des Säbels trieben ihn zurück, – fast gleichzeitig knallte ein Schuß des Jägers durch ein Fenster und wiederum brach einer der Banditen zusammen und schleppte sich stöhnend zur Seite. Zum zweiten Male wichen die Räuber, doch diesmal nur aus dem Bereich der Fenster, und eine kurze heftige Beratung wurde gepflogen ... »Wir müssen zu Ende kommen,« sagte der Krugwirt unter greulichen Verwünschungen, »der Tag graut, und es darf keiner leben von ihnen, sonst sind wir verloren. Mein Michael erschossen, Stephanowitsch tot, Boris verwundet, wir müssen Rache haben, und sollte es unser letztes Blut kosten. Drauf, Kameraden!« Er wollte aufs neue an die Tür, doch Boris, der Verwundete, riß ihn zurück. – »Hinauf auf den Boden! Die Garben hinunter und dann über sie her! Ich und Sarko halten die Tür.« Die Mörder begriffen, sie eilten nach dem Aufgang, der in den Ställen zum Boden führte ... »Es sind ihrer noch immer sechs mit dem Kerl, den ich gezeichnet habe,« sagte ärgerlich der Jäger. »Der Bursche wandte sich gerade um und bekam die Kugel nur ins Fleisch. – Doch, Herr, jetzt glaub' ich, wird es ernst und gilt es, fürs Leben zu fechten.« Graf Lubomirski hatte das Gewehr und die Pistole untersucht. Eine aus den Läufen tropfende Feuchtigkeit belehrte ihn, daß die Weiber die Gelegenheit benutzt haben mußten, bei der Herrichtung des Nachtlagers in der Kammer Wasser in die Läufe zu gießen. Er bewaffnete sich mit dem Säbel des armen Ulanen, der machtlos dem Kampfe zusehen mußte ... »Das Tageslicht dämmert herauf,« sagte der Offizier; »wenn wir uns noch eine Stunde zu halten vermögen, kann ein Zufall uns Rettung bringen. Sie werden es nicht wagen, den vollen Tag abzuwarten –« Der Ruf des Soldaten unterbrach ihn – er zeigte nach der Bodenluke. Sie war gefüllt mit einem großen Bunde von Schilf und Schobenstreu, von denen der Boden voll lag; während das Bund von unsichtbarer Hand hinabgestoßen wurde, drängten sich von der Seite bereits ein zweites und drittes schützend vor die Öffnung. Rasch fuhr die Pistole des Offiziers in die Höhe, der Schuß krachte, man hörte die Kugel klatschen, aber wildes Hohngelächter belehrte sie, daß die Kugel nicht durch den dicken elastischen Schirm der Garbe zu dringen vermocht habe. Wiederum, rasch hintereinander, fielen zwei Bunde herunter. Die Gefahr war dringend; alle begriffen den Plan der Räuber ... noch einige Bunde, und die Räuber konnten sich unbesorgt herabstürzen und sie im Handgemenge angreifen. Da durchfuhr ein glücklicher Gedanke des Jägers Seele. Im Nu war er zum Herde gesprungen, sein Fuß stieß die noch glühende Asche auseinander und seine Hand suchte einen halbverkohlten Brand, und noch ehe die nächste Garbe den Boden erreichte, flog sie in die geöffnete Luke, Flammen knisterten in der Luke auf; ehe eine halbe Minute verging, schlug schon die volle Lohe empor, – das Feuer hatte die Schoben und das Gestreu, das die Banditen gerade um die Luke gehäuft, erfaßt, und vergeblich waren ihre Anstrengungen, die Flamme zu ersticken; kaum daß sie Zeit hatten, sich eilig über den Boden zurückzuflüchten bis zu dem Ausgang, der in die Ställe führte, denn schon erfüllte Qualm und Dampf ben langen Raum. Während die Mörder noch flohen, war Bogislaw, die anderen zu Hilfe rufend, schon beschäftigt, die herunter geworfenen Streugarben fortzuräumen, damit die aus der Luke sprühenden Funken diese nicht entzünden möchten. Der frische Morgenwind hatte unterdeß das Feuer immer weiter verbreitet, und nach kaum einer Viertelstunde stand das ganze Dach des langen Gebäudes, trotz der Nässe, in offenen Flammen. Die Verwirrung und der Lärm war groß, denn die Pferde und das Vieh, die in den Ställen untergebracht waren, rissen sich bei dem herabfallenden Feuerregen los und stürzten durch die von den Räubern offen gelassenen Türen ins Freie, vor dem lodernden Brande scheuend, und flohen in den Wald. Die Wut und Verzweiflung der betrogenen Mörder, die sich jetzt verloren halten mußten, da der Brand Aufmerksamkeit wecken mußte und ihnen zugleich die Beute entriß, war groß. Bei dem immer mehr sich verbreitenden Morgenlicht konnten die Belagerten sehen, wie sie ratlos umhertobten zwischen den stampfenden Pferden, nur herüber drohend zu den Verwegenen, die ihrer Überzahl so glücklich getrotzt hatten. Aber auch deren Lage wurde jetzt immer gefährdeter und verzweifelter, denn auch der Dachstuhl über der Küche geriet jetzt in Flammen, so daß der Aufenthalt dort ohne Lebensgefahr nicht lange mehr möglich war. Unter diesen Umständen gab es nur einen Entschluß, den: mit gewaffneter Hand sich Bahn durch die Gegner zu brechen. Gerade dem Hause gegenüber, nahe am Eingang des Gehöfts, lag ein halb offenes Schuppengebäude, worin auch der Schlitten der Reisenden untergebracht war. Konnte man dieses gewinnen, so war die weitere Verteidigung möglich. Ein paar Worte genügten zur Verständigung. Der Offizier und das junge Mädchen erklärten, daß sie den verwundeten Ulanen nicht zur Beute lassen wollten. Er wurde aufgerichtet und die junge zarte Gräfin schlang selbst seinen einen Arm um ihren Nacken und stützte ihn so, daß er auf dem gesunden Fuß mit Hilfe eines Stockes sich langsam fortbewegen konnte. Zur Linken des Paars trat der alte Graf, mit dem Säbel des Soldaten bewaffnet, zur Rechten der Dame der Offizier, – sein ernster, entschlossener Blick sagte, daß nur der Tod die Bahn zu ihr öffnen werde. Der Jäger Bogislaw stand an der Tür, die Hand am schirmenden Holzriegel, die Büchse des Grafen zur Seite, das Messer, das die Kehle des Wolfes durchschnitten, im Gürtel. Ein donnerndes Krachen beschleunigte ihren Entschluß, – hinter ihnen brach bereits ein Teil des Daches zusammen, und die Trümmer begruben die Leiche des jungen Räubers ... Wilder Jubel der Männer und Weiber erscholl draußen, sie glaubten die Reisenden verloren ... Bogislaw riß den Riegel hinweg, die Tür flog auf, über die Schwelle sprangen der alte und der junge Soldat, von gleicher Energie beseelt, – hinter ihnen drein schwankte das Mädchen mit dem Kranken und der Jäger mit hochgeschwungener Büchse deckte ihnen den Rücken ... Das offene Gebäude, das sie zu ihrer Zuflucht ersehen, war kaum vierzig Schritt von dem brennenden Hause entfernt, – dennoch aber war der kurze Weg ein wilder Kampf um das Leben. Einen Augenblick lang blieben die Räuber bestürzt über den kühnen Streich, dann, auf Stenkos, des Wirtes, gellenden Ruf, stürzten sie von allen Seiten herbei und machten einen wütenden Angriff auf die kleine Schar. Der Wirt selbst sprang auf den Offizier los und führte einen furchtbaren Schlag mit der Axt nach ihm, der den Säbel, mit dem dieser parierte, mitten durchbrach, während ein anderer sich zwischen den Offizier und seine Schutzbefohlene stürzte und diese von ihrem Begleiter riß, der vergebens einen Schlag mit dem Stock nach ihm führte und zu Boden geworfen wurde. Der Mann, den seine Genossen Boris genannt hatten und der an der linken Schulter verwundet war, hatte bereits mit einem Gefährten den Grafen angegriffen und Bogislaw, der Jäger, wehrte sich tapfer mit dem Kolben gegen die beiden letzten Feinde. Von allen dreien verteidigte sich der Graf mit dem besten Glück, denn ein scharfer Hieb seiner alten, einst kampfgewohnten Faust hatte im, ersten Augenblick schon den rechten Arm seines zweiten Bedrängers gelähmt, und seine scharfen Hiebe und Stöße hielten den riesigen Räuber Boris in Entfernung ... »Zum Teufel,« rief der Graf, »das Gesicht kenn' ich! Will ein Pole seinen Obersten morden, unter dem er bei Grochow und Ostrolenka gekämpft hat?« – »Möge der Teufel dich holen!« fluchte der Bandit, einen kräftigen Streich führend. »Ich habe dich längst erkannt, aber Verderben über euch Edelleute, die ihr uns zu unserm Unglück verlockt habt! Nieder mit dir, alter Rebell!« Er unterlief den Greis und umschlang ihn, beide rangen wütend gegeneinander, der eine geschwächt durch die Zahl seiner Jahre, der andere durch die Wunde ... Weiterhin schlug sich noch immer Bogislaw mit den beiden Männern ... Der Offizier, als seine Waffe zersplitterte, hatte sie von sich geworfen und sich auf seinen Angreifer gestürzt und ihn umfaßt. Auch dieser ließ das Beil fallen und rang mit ihm. Ein Todesschrei hielt die fliehende Gräfin auf – sie sah, wie das Beil des jungen Räubers, welcher sie von dem Soldaten gerissen, den Kopf des Gefallenen spaltete, und sank, die Augen vor dem grauenhaften Anblick mit den Händen verhüllend, in die Knie. Im nächsten Augenblick war der blutige Mensch an ihrer Seite und schwang die noch triefende Axt ... Ein Blick zur Seite hatte dem jungen Offizier die Gefahr gezeigt, in der die Dame schwebte. Mit einer wilden Anspannung jeder Muskelfaser schleuderte er den starken Wirt von sich und war mit einem Sprunge bei der Gräfin. Seine Linke fing den Stiel der Mordaxt auf und hielt sie fest im gewaltigen Griff, indes die Rechte die im Kampf aufgerissene Uniform faßte und mit Gewalt einen Gegenstand losriß, der darunter um den Hals geschlungen zu sein schien. Im nächsten Augenblick flog eine kleine stählerne Scheide auf den Schnee und eine kaum handlange, blaugraue Klinge tauchte sich im kräftigen Stoß in das Herzblut des Räubers, daß dieser lang den Boden maß. Wie ein Sturmwind hatte der junge Mann die Gräfin erfaßt und sie zu dem Schuppen geschleift, dessen Eingang er jetzt mit seiner kurzen unzureichenden Waffe wehrte. Es war der zweite Sohn des Wirts gewesen, den das Dolchmesser des Offiziers zu Tode getroffen; – heulend, wie der grimmige Wolf seiner Wälder, stürzte der Vater auf ihn zu, rücksichtslos gegen das eigene Leben. Im nächsten Moment hatte er den jungen Mann gefaßt und zu Boden geworfen. Er kniete auf seiner Brust, das lange Messer schwingend... »Main! Djemala-Din! Retten Sie Herrn Djemala-Din!« Eine fremde Stimme in jüdischem Dialekt dicht neben den Kämpfenden rief die Worte ... Das Messer des Wirtes fuhr nieder – – – – eine rasche Bewegung des jungen Offiziers wendete den Stoß, die spitze Klinge durchbohrte nur den linken Unterarm – im nächsten Augenblick spritzte Blut und Gehirn über den Liegenden, und mit zerschmettertem Schädel stürzte der Pole über sein Opfer. Ein Fußstoß warf die blutige Leiche beiseite, und eine kräftige Hand half dem so unerwartet Geretteten empor. Neben ihm standen zwei fremde Männer in weitem jüdischen Talar, unter dem eine seltsame fremde Tracht hervorschimmerte, beide hielten lange, mit Silber und Elfenbein ausgelegte Pistolen in den Händen, von denen die eine noch von dem eben getanen Schuß dampfte. Starke gebogene Nasen unter dunkel blitzenden Augen, schwarze, sorgfältig gepflegte Bärte zierten beide Gesichter von fremdartigem, aber majestätischem Schnitt – einige Schritte hinter ihnen stand ein dritter Mann, gleichfalls in jüdischer Tracht, deren Berechtigung jedoch sein Gesicht sowohl als die Angst und Furcht, die sich auf ihm ausprägten, deutlich verkündeten. Die Augen der Männer waren mit dem Ausdruck der Frage, aber auch der Begeisterung auf den jungen Mann gerichtet ... »Bist du wirklich Djemala-Din, des großen Imam Sohn?« – Die Frage ward in einer Sprache an ihn gerichtet, die das Ohr des jungen Mannes seit 16 Jahren nur selten und ausnahmsweise vernommen; dennoch schlugen diese Klänge, in denen er die ersten Laute gestammelt hatte, wohltuend und verständlich an sein Ohr und er antwortete in derselben Sprache: »Schamyl ist mein Vater! – aber seht! – helft!« – er eilte trotz der Wunde dem treuen Jäger zu, der hart bedrängt war, – im Nu standen die seltsamen Fremden an seiner Seite und stürzten auf die noch kämpfenden Räuber, die bei der unerwarteten Verstärkung zu entrinnen suchten. Aber nur dem kühnen Boris gelang die Flucht, indem er sich auf eines der Pferde warf und, in dem Glutregen des einfallenden Daches davonjagend, das Tor und den Wald gewann; die andern drei, von denen zwei verwundet waren, wurden nach kurzem Widerstand überwältigt, zu Boden geworfen und gebunden. Die beiden Weiber schienen sich schon während des wilden Kampfes geflüchtet zu haben. – Auch der Graf und der Jäger bluteten aus leichten Wunden und atmeten dankend auf über die unverhoffte Rettung. Während der Graf mit des Offiziers und des Juden Hilfe das von dem Schrecken tief erschütterte Mädchen aus der Nähe des brennenden Gehöfts geleiteten, war Bogislaw mit den Fremden beschäftigt, die wildgewordenen Tiere abzuwehren und wenigstens den Schlitten der Reisenden aus dem Brande zu retten. Auch das gelang nur mit Mühe, alles andere war unter den Trümmern des Hauses begraben. Da bereits auch die dürftigen Nebengebäude von den Flammen ergriffen wurden, mußte man die gefangenen Räuber an die nächsten Bäume binden. Die Gräfin war in den Schlitten gehoben worden. Erst jetzt bemerkte sie, daß ihr Retter verwundet war. Während sie ihr Tuch fest um die Wunde im Arme schlang und die Blutung zu stillen suchte, kamen auch der Jäger und die Fremden herbei. Die letzteren stürzten sich sogleich auf den Offizier, küßten den verwundeten Arm und übernahmen das Geschäft des Verbindens der Wunde. Dann kamen auch der Graf und der Jäger an die Reihe. Unterdessen fand eine kurze Beratung statt; der Offizier hatte ein paar Worte mit den Fremden in ihrer unbekannten Sprache gewechselt und führte darauf den Grafen beiseite... »Mein Herr,« sagte er, »der glückliche Zufall unserer Rettung ist mir selbst noch unklar, aber ich richte die Bitte an Sie, wenn Sie das Schloß des Fürsten erreichen, der beiden Männer nicht zu erwähnen, die unsere Rettung bewirkt haben und die hier mit mir zusammenbleiben werden.« – »Sie müssen mit uns fahren,« entgegnete bestimmt der Graf; »denn Sie bedürfen von allen zuerst besserer Hilfe; mein Jäger und unsere fremden Retter können hier zurückbleiben, bis wir Beistand senden, der vielleicht schon auf dem Wege ist, da man sicher den Brand bemerkt hat.« – »Es geht nicht, Herr! ich habe mit den beiden Männern zu sprechen.« – »So sind sie Ihnen bekannt? Ich hörte Sie in fremder Sprache mit ihnen reden und einen Namen, der mir nicht unbekannt ist. Sie sind ...« – »Ich bin Djemala-Din, des Imam Schamyl ältester Sohn und russischer Offizier.« – »Dann kennen wir Sie schon lange, nicht bloß durch Ihr unglückliches Schicksal, das Sie in die Hände Ihrer Feinde geliefert, sondern auch durch die Freundlichkeit und den Schutz, den Sie meinem Enkel, dem einzigen Kinde meiner einzigen Tochter, erwiesen haben. Der Knabe – Michael von Lasaroff ist sein Name – war mit Ihnen in dem Korps und hat uns oft von Ihnen geschrieben.« – »Ich kenne den Knaben und liebe ihn,« sagte der Offizier, die freudig gebotene Hand des Grafen mit sich sichtlichem Zögern erfassend; »aber Sie irren, Mein Herr, wenn Sie sagen, daß ein unglückliches Schicksal mich in die Hände von Feinden geführt habe. Der Zar ist mir ein Vater gewesen, dem ich mehr verdanke, als meinem leiblichen Vater in den Schluchten des Elbrus, und nie wird meine Treue und Dankbarkeit für ihn enden.« Er sprach dies mit einer Festigkeit und Energie, die offenbar den bestimmten Entschluß eines kräftigen Herzens zeigen und jede weitere Berührung dieses Gegenstandes zurückweisen sollte ... »Mißverstehen Sie mich nicht, Herr Graf,« fuhr er fort, »wenn ich Sie dennoch bitte, von meiner Zusammenkunft mit jenen Männern, von der Sie der Zufall zum Zeugen gemacht, zu schweigen. Ich spreche zu einem Mann von Ehre, und sage Ihnen daher unverhohlen, daß es Leute meines Volkes sind, die mein Vater mit einer Botschaft an mich gesandt zu haben scheint. Das weitere weiß ich selbst noch nicht. Aber es könnte mir und jenen nur von Gefahr sein, wenn unsere Zusammenkunft argwöhnischen Spähern bekannt würde.« – Der Graf reichte ihm nochmals die Hand ... »Nehmen Sie mein Wort, Herr Leutnant, für unser aller Vorsicht. Bogislaw, mein Diener, ist ein treuer Mann und wird Sie nicht genieren, wenn ich ihn hier zu Ihrem Beistande zurücklasse. Nach der Versicherung des Juden, der Ihre Freunde hergeführt, können wir in einer Stunde im Schlosse meines Freundes sein und Ihnen alle Hilfe senden. Dort sprechen wir mehr von Ihnen.« Als der Offizier sich dem Schlitten näherte, streckte ihm die Gräfin die zierliche Hand entgegen und ihr Auge ruhte mit Innigkeit auf ihm ... »Ich höre von meinem Oheim, mein Herr,« sagte sie, »daß Sie selbst noch andere Ansprüche auf unsere Dankbarkeit haben, als das Blut, das Sie in dieser Nacht für mich vergossen. Kommen Sie ja recht bald uns nach, Herr Djemala-Din, damit ich Ihnen besser als hier sagen kann, wie tief wir Ihnen verpflichtet sind.« – Der junge Offizier beugte sich errötend über die Hand und küßte sie. Es war eine seltsame Gruppe, die sich jetzt um die dampfenden Trümmer des Hauses versammelt hatte. Auf einem halbverkohlten Mantel saß, in den zurückgelassenen Pelz des Juden gehüllt, der junge Offizier, bleich von dem Blutverlust und der Aufregung seines Innern; vor ihm auf dem Boden kauerten die kräftigen Gestalten der beiden Tschetschenzen, die Boten des mächtigen Häuptlings, seines Vaters; in einiger Entfernung hatte sich der Jäger Bogislaw eine warme Stelle gesucht, und bewachte mit finsterem Blick die drei gebundenen Polen. Dicht daneben lagen die Körper der drei im letzten Kampf Erschlagenen. Über dem allen wölbte sich der jetzt ungetrübte blaue Winterhimmel ..., »Du hast uns gesagt, o Herr,« begann der älteste der Tschetschenzen, »daß du Djemala-Din, der älteste Sohn und Erbe des heiligen Mannes bist, der das Volk der Mirditen beherrscht und zum Kampf führt gegen die Feinde seiner Freiheit. Kannst du uns ein Zeichen geben, an dem wir erkennen mögen, daß der, welcher das Gewand unserer Feinde trägt, wirklich vom Blute Schamyls stammt?« Der junge Mann zog ruhig den kleinen Dolch hervor, mit dem er das Herz des Räubers durchbohrt, und zeigte ihn den beiden. Auf der blaugrauen Klinge war ein Spruch des Korans eingegraben. – »Das ist das einzige, was mein Vater mir gab, ehe er sich von der Felsenwand Achulgos in den Strom warf, der ihn aus der Gewalt seiner Feinde trug.« – »Wir sehen die Chiffre des Imam,« sagte der vorige Redner, den Dolch an Brust und Stirn pressend, »und glauben dir, o Jüngling. Nimm den Gruß Muhrad Ben Hassans und Alis des Osseten.« Sie neigten beide knieend das Haupt vor dem jungen Mann und führten seine linke Hand an Stirn und Brust. Nach dieser Zeremonie zog der ältere der Boten aus dem Futter seines Rockes ein mit seidenem Band umwickeltes Schreiben, küßte dasselbe und legte es, in die Hand des jungen Mannes ... »Der Imam,« fuhr er fort, »hat zu zweien seiner Tapferen gesprochen, daß es Zeit sei für den Erstgeborenen seines Samens, an der Seite seiner Brüder zu stehen in dem großen Kampfe, der sich bereitete, und daß sie dich vor sein Angesicht bringen sollen ... Deine Diener sind zur großen Stadt Odessa gekommen, wo dem Imam ein treuer Mann lebt, der über die Hoffnung der Tschetschenzen stets ein offenes Auge gehalten. Von ihm erhielten wir Kunde, daß der Zar der Moskows dich in dieses Land der Wälder geschickt habe. Der Prophet hat es gnädig gewollt, daß der Flammenschein dieses Hauses uns auf dem Wege, dich darinnen zu suchen, zu der Stätte gerufen hat, wo du in Not warst. Wir segnen ihn, daß er uns erlaubte, Djemala-Din aus der Hand der Mörder zu erretten.« Der Offizier reichte beiden die Hand ... »Ich danke euch, meine Edlen, und werde dieser Stunde nimmer vergessen, komme was da wolle!« Er nahm das Schreiben seines Vaters, löste das Band und entfaltete es. Dasselbe war in russischer und türkischer Sprache abgefaßt; während er las, bedeckte eine düstere Falte die männlich-freie Stirn ... »Mein Vater schreibt mir,« sagte er endlich finster, »daß ich seinen Boten folgen solle, sobald ich dieses Schreiben erblickt, bei Tag und Nacht. Mein Vater vergaß, daß sein Wort verpfändet ist dem großen Zaren dieses Reiches.« – »Der Imam hat nichts vergessen,« entgegnete der Mirdite, »aber der Geist hat ihm verkündet, daß die Zeit um sei, da sein Sohn als Geißel dienen mußte dem fremden Herrn, und daß er das Recht habe, ihn an seine Seite zu rufen.« – »Dann möge mein Vater seinen Erstgeborenen zurückfordern von dem Zaren.« – »Es ist nicht die Zeit und Gelegenheit dazu. Große Dinge bereiten sich im Osten, und die Herrschaft des Moskowiten an den Küsten unseres gesegneten Meeres ist ihrem Ende nahe. Dein Vater befiehlt, und es ist an Djemala-Din, zu gehorchen.« – »Wenn der Fürst der Mirditen auch sein Wort gelöst glaubt,« sagte der junge Mann ernst, »so möge er doch bedenken, daß Djemala-Din dem Zaren das seine als Krieger verpfändet hat, und daß er es nur als gelöst erachten kann, wenn der Zar selbst ihn seines Schwures entläßt. Djemala-Din wird dem Willen des Vaters dann freudig gehorchen; aber er kann nicht, wie ein Dieb in der Nacht, sich aus diesem Reiche stehlen, oder wie ein feiger Verräter seinen Posten verlassen.« Ali sprang vom Boden empor: »Beim Barte Schamyls!« rief er wild, »du wirst uns folgen zur Stelle, wie uns der Imam befohlen. Hier ist Gold, hier ist ein Kleid für dich, auf dein Haupt komme die Gefahr, wenn du dich weigerst!« Der russische Offizier hatte sich gleichfalls erhoben und riß das blutige Tuch des Verbandes von seinem Arm ... »Beim Blute Schamyls, das aus diesen Adern rinnt, und das ein höherer Schwur ist, denn der deine! Ich werde nicht gehen, bis der Zar, dem mein Schwur verpfändet ist, mich selber freigegeben. Sage meinem Vater, sein Sohn sei bereit, alle Bande zu zerreißen, die sechzehn lange Jahre hier geknüpft, und in sein Haus zurückzukehren, aber nimmer wolle er seine Ehre opfern als flüchtiger Verräter!« Der Tschetschenze hatte zornsprühend die Hand an den Handjar im Gürtel gelegt, gleich als wolle er seine Drohung mit der Waffe durchsetzen, doch sein Gefährte Muhrad Ben Hassan legte die Hand auf seinen Arm ... »Halte ein, Ali, mein Bruder,« sagte er, »denn der Prophet verbietet Zorn und Streit unter den Kindern eines Volkes. Du aber, Jüngling, sage uns, welcher Eid dich bindet?« – »Ich schwor dem Kaiser der Moskowiten Treue und Gehorsam als Soldat.« – »So tust du recht, dich zu weigern, denn der Koran sagt, daß ein freier Eid ein heilig Ding sein müsse dem Gläubigen, auch gegen den Feind. Der Imam wußte nicht, daß du schon der Fahne des schwarzen Zaren geschworen. Er wird traurig sein, daß sein Auge den Sohn nicht sieht, aber er wird ein Mittel finden, ihn aus der Knechtschaft zu lösen. Lebe wohl, Sohn unseres Fürstenstammes! – denn mein Ohr vernimmt das Nahen fremder Männer und Rosse, und man soll uns nicht in deiner Nähe finden. Möge der Prophet dich schützen, bis wir uns wiedersehen in den Schluchten des Elbrus!« Er legte die Hand an Haupt und Brust im morgenländischen Gruß und barg das blutige Tuch in seinem Gewande. Dann verließ er mit Ali den jungen Mann und setzte sich entfernt neben den Jäger. Ehe eine Viertelstunde verging, nahten Menschen und Gefährte von der Seite her, wohin der Schlitten des Juden den Grafen und seine schöne Nichte geführt hatte. Sie waren auf dem Wege bereits Leuten vom Schlosse begegnet, die der Fürst auf den Schein des Brandes ausgeschickt hatte. Der Graf sandte mit ihnen den Schlitten des Juden zurück und hatte in einem solchen vom Schlosse die Fahrt dahin fortgesetzt. Djemala-Din verweilte so lange auf der Brandstätte, bis die verkleideten Tschetschenzen mit dem Juden ihren Rückweg angetreten hatten und seinen Blicken entschwunden waren. Nicht sein Herz begleitete sie zur fernen Heimat – es flog den nächsten Stunden entgegen, nach einer andern Seite hin. Das heilige Weihnachtsfest war vorüber – die Gäste hatten das Schloß des Fürsten verlassen, nur Graf Ludomirski mit seiner Nichte war nebst Leutnant Djemala Din bei dem alten Freunde, dem gastfreien Schloßherrn zurückgeblieben, da seine Wunde durch die Kälte des Wintermorgens und den scharfen Ritt verschlimmert worden und ein heftiges Wundfieber eingetreten war. Das altertümliche Schloß des Fürsten, noch zur Zeit Augusts des Starken erbaut, lag mitten im Walde, entfernt fast von der Zivilisation und dem Verkehr der Welt; nur einmal verließ es alljährlich der Eigentümer, um in Warschau oder Moskau einige Wochen zuzubringen. Er beobachtete streng diese Besuche, um sich dort den Gewalthabern zu zeigen und so jeden Verdacht gegen sich zu entfernen, da er, als einer der Führer des Aufstandes von 1831, nur durch die Gnade des Kaisers Amnestie und. die Erlaubnis erhalten hatte, auf seinen Gütern in Volhynien zu leben. Die kleine Gesellschaft war in der altertümlichen, ziemlich großen Speisehalle im Parterre des Schlosses versammelt. Die dunkle, eichene Täfelung der Wände, die Stukkatur an der Decke, die Waffen und Jagdtrophäen an den vier Wänden und die beiden großen, stubenartigen Kamine an den Enden der Halle gaben ihr ein ehrwürdiges Ansehen. Eine große, eichene Tafel in der Mitte der Halle lief fast die Hälfte derselben entlang. In den beiden Kaminen flammten mächtige Eichenkloben, eine behagliche Wärme durch den weiten Raum verbreitend. Zunächst dem Eingange saßen der Graf und sein Wirt, letzterer ein hoher Fünfziger mit weißem Haar und klugem, aufgewecktem Gesicht. Sie saßen beim Schach ... »Sie haben mir selbst zugestanden, lieber Graf,« sagte der Fürst, »daß in dem Augenblick der Gefahr, als Sie mit dem Schurken Boris kämpften, nach dem ich vergeblich habe fahnden lassen, die Verwünschung des Soldaten gegen Sie, seinen alten Führer von Grochow und Ostrolenka her Sie überrascht, ja fast gelähmt hat. Doch ich wiederhole es Ihnen, dies war nicht die Stimme eines einzelnen Mannes, es ist leider die Stimme des Volkes! Ich habe vielfach Gelegenheit gehabt, sie zu prüfen, und hauptsächlich durch die Resultate, die ich da fand, bin ich zu andern Ansichten in der Politik bekehrt worden. Die Revolution von 1831 hat dem Volk wie dem Adel nur verderbliche Folgen gebracht. Der gemeine Mann, dem die einfache, aber scharfe Auffassung selbst auf seiner niedrigen Kulturstufe nicht abzustreifen ist, meint, er habe sein Blut nur für den Ehrgeiz des Adels vergossen, und an diesem liege die Schuld, daß Polen unterlegen sei; er selbst habe auch im besten Fall nichts zu hoffen gehabt und sei jetzt schlimmer daran denn zuvor. Das wahre Element zur Fanatisierung der Massen war eben nicht das Nationalgefühl, die russische Tyrannei, die kein Jota härter war, als sie's früher hatten, sondern die Religion, die Kirche.« – »Und ist der katholische Glaube weniger gefährdet in der Gegenwart? Droht die orthodoxe Kirche weniger mächtig wie vor zwanzig Jahren? Sind nicht vielmehr gerade ihre Übergriffe und Forderungen ein Fundament dieses Krieges, welcher bestimmt ist, Europa eine andere Gestalt zu geben?« ... Lubienski lächelte bedächtig ... »Ich weiß wirklich nicht, Graf, ob ich annehmen soll, daß ein Mann wie Sie, der tief in das Räderwerk des politischen Getriebes und der sozialen Entwicklung geschaut zu haben scheint, dafür blind gewesen sein sollte, daß seit zwanzig Jahren sich ein wesentliches Element der Volkserregung geändert hat, der Glauben an das Heilige. Unsere Revolutionäre seit 1789 haben ihr eifrigstes Bemühen darauf gerichtet gehalten, die religiöse Gläubigkeit und Ehrfurcht im Volke mit Füßen zu treten und zu vernichten. Der Liberalismus hat geglaubt, zu seinem Halt zunächst die Geister von den Fesseln der Religion befreien, seine sogenannte Aufklärung in die Herzen der Jugend pflanzen zu müssen. Die heranwachsende Generation lohnt dies Bestreben. Mit der Religiosität des Volkes schwindet unbedingt auch das Nationalgefühl. In Spanien, wo man die Kirche ihrer Güter und Würden beraubt hat, wird kein Heldenkampf mehr stattfinden wie 1809, als die Priester, das Kreuz in der Hand, dem Volke vorangingen. Was macht die Unzahl der Rebellionen in Frankreich, die nichts geschaffen haben, als augenblickliche Gewalt? Woran scheiterten die Bewegungen von 48 in Polen, Ungarn, Deutschland, Italien? – Doch nur daran, daß es an einer erhebenden Idee fehlte, welche die Masse belebte.« »Sie haben nicht ganz unrecht, Fürst,« entgegnete nachdenklich der Graf, »aber wie wollen Sie diese Theorie auf ein Volk wie das unsere anwenden, dessen Masse die geistige Selbständigkeit fehlt?« – »Um so mehr, lieber Graf. Glauben Sie wirklich, daß die Herabwürdigung der Kirche in Rom, die Vertreibung des Papstes, die österreichische und französische Okkupation des Kirchenstaates so spurlos an der Masse des Volkes, an dem Priestertum und selbst an den Gebildeteren vorübergegangen? – Ich nicht! – Die Heiligkeit, das Ansehen unserer Kirche hat gerade durch die liberalen Revolutionen in den durch und durch katholischen Ländern überall verloren. Sie werden schwerlich mehr die Geistlichkeit an der Spitze einer polnischen oder französischen Revolution sehen!« – »Die religiöse Apathie kann aber immer nur ein einzelner Grund sein.« – »Sie haben recht, aber ein wichtiger. Der Liberalismus hat das Volk selbst denken gelehrt. Das Denken führt den Zweifel herbei und ist der Tod jedes Enthusiasmus, dessen Mutter allein das Gefühl ist. Man will jetzt einen Nutzen sehen, teils individuell, teils im ganzen. Man traut den Leuten nicht recht, die sich an die Spitze stellen. Unsere Polen, gerade heraus gesagt, trauen dem polnischen Adel nicht mehr, sie haben keine Lust mehr, um unsers Ehrgeizes, unserer Interessen willen das zu opfern, was sie sicher haben.« – »Pfui, Fürst, so gäbe es keinen Nationalstolz, kein Volksgefühl mehr!« – »Die Revolutionäre in Paris arbeiten ja gerade darauf hin, dies auszurotten in der allgemeinen Gleichmacherei. Ich gehe aber keineswegs so weit, das zu behaupten. Aber seien wir aufrichtig, Freund! Sie sagen mir: in diesem Krieg, der sich bereitet, und der nach Ihren Intentionen ein europäischer werden soll, – ist die günstige Gelegenheit gekommen, die Selbständigkeit unserer Nation wieder zu erlangen. Ungarn und Italien sollen sich gleichfalls erheben, Frankreich und England werden uns unterstützen. Kaiser Napoleon hat eine alte Scharte auszuwetzen und außerdem durch einen solchen Krieg Gelegenheit, seine sehr schwankende Position als Eindringling unter den Fürsten Europas zu einer befestigten und mächtigen zu machen, sowie sich Heer und Land durch gloire und Interesse zu sichern. Er hat denselben Ehrgeiz, wie sein Oheim, nur ist er schlauer und versteht seine Zeit. An eine Unterstützung Polens und Ungarns um ihrer selbst willen denkt keine der beiden Mächte. Man wird uns wieder als Soldaten brauchen, als Legionäre, ja als Rebellen, aber man bekümmert sich um unser Geschick gerade so wenig, wie das Recht des Sultans in Wahrheit die Ursache des Krieges ist.« – »Ich finde, Sie in all' Ihren Gefühlen und Ansichten anders geworden, sagte der Graf finster, »und wage kaum fortzufahren. Sie, einer der kühnsten und bewährtesten Führer der polnischen Armee, der hundertmal sein Leben im Freiheitskampfe wagte, – Sie geben Polen, unser Polen auf?« Der Graf sah ihn groß an ... »Wer sagt Ihnen das, Kamerad? Was gibt Ihnen das Recht zu zweifeln, daß ein Lubienski sein Vaterland weniger liebe als Sie? Mein Weg, mein Hoffen und Wünschen sind nur andere geworden, wie die Ihren. Nicht in Rußlands Fall, sondern in Rußlands Sieg sehe ich die Hoffnung unsers Volkes. Wer ein echter Pole ist, soll nicht mit den Franzosen, den Engländern und Deutschen gegen den Zaren fechten, sondern mit ihm: – So allein gelingt zuletzt die Gründung eines großen sarmatischen Reiches, eines Walles und Sieges gegen das Germanentum, das uns gefährlicher und verhaßter ist, als das stammverwandte Rußland.« Der Graf ihm gegenüber atmete tief auf bei dieser Erklärung, es war, als sei ihm eine Bergeslast vom Herzen gefallen ... »Das ist also Ihre Meinung, Fürst?« sagte er nachdenklich und reichte dem alten Freunde die Hand. »Mir war in der Tat ganz Angst um Ihr polnisches Herz geworden! Zwar, Aufrichtigkeit gegen Aufrichtigkeit, ist unser Ziel und Zweck nicht derselbe; denn ich arbeite und wirke für die Befreiung aller Völker vom Joche der Bevorrechteten, und die Erhebung unseres Vaterlandes ist mir nur ein Glied in dieser Kette. Sie aber wollen seine Erhebung als einziges Ziel und durch die Benutzung der Macht, die es unterdrückt. Ich müßte kein Sohn Polens sein, wenn ich nicht auf Ihrem Wege ihm den Sieg wünschte. – Schach Ihrem König!« – er tat einen raschen Zug in dem vernachlässigten Spiel. – Der Fürst lachte ... »Ich nehme dafür Ihren Springer und stelle die Ordnung wieder her. Halten Sie sich an das Reelle, auch im Plänemachen, lieber Graf, prüfen Sie das Erreichbare und die Mittel dazu. Ich sehe in einer selbständigen neuen Schilderhebung Polens kein Glück, würde mich unter keinen Umständen ihr anschließen und ihr sogar entgegentreten. Die Ansichten meiner jüngeren Jahre haben zwanzig Jahre vollständig umgewandelt. Uns fehlen alle Aussichten auf Erfolg, ja selbst die Männer; denn dem Prahler Mieroslawski werden Sie doch wohl keine Rolle zugedacht haben. Unsere alten Freunde aber sind tot und geächtet; zerstreut über die ganze Erde hat uns die Revolution – ich will mein Haupt wenigstens im Vaterlande zur Ruhe legen, habe mich mit der Gewalt versöhnt, und wiederhole Ihnen, nur in ihr blüht die Hoffnung unsers Vaterlandes.« – »Und Ihr Sohn?« – »Er ist Offizier in des Kaisers Garde mit meiner Bewilligung und denkt wie ich.« Der alte Propagandist erhob sich finster, doch sein Wirt zog ihn freundlich auf den Sessel zurück ... »Ich habe absichtlich vermieden, mit Ihren Plänen näher bekannt zu werden. Sind wir auch verschiedener Ansichten geworden, so ändert das doch nichts an der Freundschaft der alten Schlachtgefährten. Bedenken Sie, daß Ihr einziges Kind sich gleichfalls einem Russen verband, ihr Enkel russische Erziehung genossen hat. Machen Sie den Frieden, den Sie scheinbar mit der Regierung geschlossen, zu einem wirklichen und wenden Sie die großen Mittel und Quellen, die Ihnen zu Gebote zu stehen scheinen, dazu an, mit Rußlands Hilfe in diesem Kriege ein neues Slavenreich erstehen zu lassen, das von der Donau bis zur Ostsee reicht.« Der Graf hatte das Haupt sinnend in die Hand gestützt ... – »Der Gedanke ist uns nicht neu und, wie ich hier die Verhältnisse finde, über die unsere Agenten uns vielfach getäuscht, – Adel und Volk gegen eine Revolution! wohl einer ernsten Überlegung wert. – Vielleicht, Fürst, daß unsere Wege dennoch zusammentreffen! Lassen Sie uns weiterspielen.« – – – Am andern Ende der Halle, so entfernt, um nicht zu stören und nicht gestört zu werden, wurde eine Propaganda in verführerischerer Form betrieben, als unter den beiden alten Herren. Gräfin Wanda saß dort, mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt, am Ruhebett, auf dem der junge Offizier, Schamyls Sohn, noch bleich und angegriffen, den Arm in der Binde, lehnte, aus einem Buch der Dame vorlesend. Gräfin Wanda hatte sich von der überstandenen Angst und Gefahr rasch erholt. Ein Eindruck jedoch schien stärkere Wurzel in ihrem Gemüt, ja selbst in ihrem Herzen gefaßt zu haben: die Teilnahme für ihren Retter vor dem Beil des Mörders, und das romaneske, seltsame Schicksal des jungen Mannes diente nur dazu, den Wert der ritterlichen Tat noch zu erhöhen. Sie war der volle Typus der eigentümlichen polnischen Frauenschönheit. Von kaum die Mittelgröße erreichender Gestalt, war ihr Gliederbau voll und zierlich gerundet. Das Gesicht zwischen den schwarzen Locken zeigte ein längliches Oval en face wie im Profil, und jene volle Bildung von Nase und Mund, jene matte, seidenartige Farbe, die den polnischen Damen so eigentümlich ist. Die sarmatischen braunen und beweglichen Augen, deren Farbe mit der Seelenregung ein lichteres und tieferes Dunkel anzunehmen scheint, beleben dies Gesicht. Eine kleine Hand und ein zierlicher Fuß sind Nationalschönheiten der Polinnen. »Sie sind ermüdet, Herr Leutnant,« sagte die Gräfin, – »brechen Sie ab und fahren Sie morgen in der Lektüre fort. Lassen Sie uns plaudern und erzählen Sie mir von Ihrer Heimat – »Was können die Erinnerungen eines Knaben von einem wilden, traurigen, öden Lande, die ihm ohnehin nur dunkel vorschweben, Gräfin Zerbona interessieren?« – »Liegt nicht in dem Charakter und Kampf unserer beiden Völker eine gewisse Ähnlichkeit? Haben sie nicht einen gemeinsamen Feind, gegen den sie für ihre Freiheit kämpfen?« Das aufsteigende dunkle Blut färbte die Stirn des jungen Offiziers; die Gräfin bemerkte zu spät, daß sie ihn verletzt, und legte ihre Hand freundlich auf die seine. – »Wir beide, Herr Djemala-Din,« sagte sie, »dürfen uns nicht mißverstehen. Sie haben nicht selbst Ihren Weg gewählt, und wenn Sie auch gewiß gleiche Liebe zu dem Lande, das Sie geboren, hegen, wie ich zu dem meinen, muß es Ihnen doch ferner stehen, da sich nur wenige Erinnerungen daran knüpfen, da Sie sein Leiden und Kämpfen nicht selbst geschaut. Mein Volk ist gebeugt, besiegt, ach – bei aller Begeisterung im Herzen fühle ich es tief! – unwiederbringlich gebrochen – das Ihre unbezwungen, frei, im Heldenkampf begriffen um die teuersten Güter, und siegreich unter der tapferen Hand Ihres Vaters! Sie brauchen nicht seine Freiheit zu wünschen oder zu beweinen, denn es hat sie nie verloren!« – Der junge Mann lächelte trübe. »Wissen Sie auch, Gräfin, was die Freiheit in einem Lande, wie das meine, bedeuten? Wissen Sie auch, was Freiheit im Orient ist?« Sie sah ihn groß an. – »Frei ist das Volk, das nicht das schimpfliche Joch eines anderen trägt, das nur dem selbst gewählten Führer gehorcht. Frei ist das Volk, wo jeder sein Recht hat, wo das Recht eines jeden geehrt und nicht von Fremden mit Füßen getreten wird; wo Sprache Gewohnheit und Glaube Eigentum des Volkes sind; wo die Einrichtungen seiner Väter ihm ungekränkt geblieben; wo der Bewohner nicht der Sklave des Unterdrückers ist, sondern wo er sein Blut und seinen Schweiß für den eigenen Herd vergießt!« – »Wissen Sie auch, Gräfin, daß wir dennoch einen fremden Oberherrn haben – den Sultan in Konstantinopel?« – »Der ist fern – nur ein Schatten!« – »Aber er nennt sich unsern Herrn, – und auch der Zar wohnt weit! Ich habe wenig Erinnerungen an meine Heimat, und doch könnte ich Sie mit diesem wenigen widerlegen. Der Fanatismus schwingt in meiner Heimat seine Geißel blutiger als irgendwo; und halten Sie das Volk für frei, das seine eigenen Töchter und Söhne an seine sogenannten Oberherren in Stambul als Sklaven verkauft? Glauben Sie wirklich, türkische Despotie sei leichter als russische Herrschaft?« – »Spricht das der Fürstensohn eines freien Volkes?« – »Allerdings, Gräfin – sein Vater gab ihn fort, und sechzehn lange Jahre hat er keine Heimat gehabt, als das Haus des Kaisers, kein Eigentum als das Kleid des Zaren.« – »Und wenn Schamyl, Ihr Vater, Sie wieder forderte, wenn er Sie riefe zum Kampfe an seine Seite?« – Der junge Mann sah sie finster an ... »Er tat es – jene Männer, die uns beide gerettet, waren seine Boten!« – »Und darf ich wissen, was Schamyls Sohn dem Ruf eines freien Volkes erwidert hat?« – »Der Offizier antwortete, was seine Pflicht war, – der Fürstensohn, was seine Ehre gebot. Herz und Seele würden ja dennoch zurückbleiben.« »Dann ist mir eine große Freude versagt,« lächelte Wanda, »ich träumte mir's so schön, Sie auf jenen Felsenhöhen mir gegenüber zu wissen, wie der Adler horstend und herabstoßend auf silberumpanzertem Roß. Wie stolz wäre ich gewesen, Ihren Namen täglich zu hören als den gefürchtetsten Helden des Gebirges.« – »Sie, Gräfin – wie meinen Sie das?« – »Ei nun, daß ich vergeblich harren werde, daß Djemala-Din, der kühne Führer der Mirditen, in einer wolkenumdüsterten Nacht hervorbricht über den Kuban nach unserm armen Schloß und Wanda davonführt aus der Gewalt der schmutzigen Kosaken.« – »Sie spotten meiner, Gräfin!« – »Ich scherze nicht und glaubte, mein Oheim hätte Sie davon unterrichtet. Eine so gute Polin wie ich bin, besitze ich doch noch eine ältere Stiefschwester, die Gattin des Obersten, Fürsten Tschestsawadse, im russischen Grenzgebiet am Kuban, wo er kommandiert. Ich bin auf dem Wege dahin, da meine bisherigen Verhältnisse sich geändert; mein Oheim begleitet mich bis Odessa, von wo mein Schwager mich abholen läßt. Begreifen Sie nun, daß ich hoffte, von Ihnen dort zu hören?« Der junge Tschetschenze war bleich wie der Tod geworden, seine gesunde Hand zuckte krampfhaft nach dem Herzen – sein großes dunkles Auge rollte wie irr über das Mädchen, während er sich auf dem Sofa emporgerichtet hatte ... »Sie nach dem Kaukasus – und ich hier? – Großer Gott, ich glaubte, Sie kehrten nach Warschau zurück!« – »Was ist Ihnen, mein Freund? – Fassen Sie sich – man wird auf uns achten.« Er blickte wild um sich ... »Was kümmert mich Ihr Oheim – was der Fürst! Ich Tor, der ich war, – fort, ihnen nach, daß sie meinem Vater sagen: sein Sohn ist bereit! – Und meine Ehre – mein Eid – –« »Sie sind außer sich! was kümmert Sie ein elternloses Mädchen, das in ihrer fernen Heimat, die Sie nicht mehr lieben, eine Zufluchtsstätte finden soll?« – »Ich, Djamala-Din, mein Vaterland nicht lieben, wo Sie sind, – ich Sie nicht wiedersehen – Sie, Wanda?« Er preßte krampfhaft die Hände ineinander und gegen die Brust, daß der Verband des Armes sich löste und ein purpurner Strom herausschoß »– beim Blute Schamyls weigerte ich meinem Vater den Gehorsam! Wanda, am Elbrus sehen wir uns wieder!« und ohnmächtig sank er zurück auf das Ruhebette. – – Fünftes Kapitel Der Aufruhr Während der Schlachtendonner bereits an der Donau und an den Küsten Kleinasiens tobte, trieb die europäische Diplomatie noch immer ihr listiges Spiel, gleich als gelte es, nicht nur die Völker, sondern sich selbst zu täuschen. Jeder Einsichtsvolle in ganz Europa fühlte und wußte, daß der Krieg zwischen den Westmächten und Rußland unvermeidlich sei, daß er das Ziel aller Einmischung und aller Intriguen, der Zweck aller Vorbereitungen war, und dennoch flogen täglich die Kuriere nach allen Richtungen, dennoch wurde Projekt auf Projekt, Vorschlag auf Vorschlag gehäuft für Ausgleichung und Frieden, und die Höfe von Berlin und Wien schwelgten in Vermittelungen. Zwei Männer allein in Europa wußten, was sie wollten: der Kaiser Louis Napoleon in Paris und Lord Palmerston in London; denn auch dem Giganten des Nordens, dem Zaren Nikolaus, begannen die Ereignisse über das hochgetragene Haupt zu wachsen: sein Glück, sein Stolz und seine Diplomatie hatten ihn getäuscht. Nur sein Vertrauen auf sich selbst und sein Volk und sein ungebeugter Mut wankten nicht ... In der Entwicklung des Kriegsschauplatzes hatte sich Grunde nur wenig geändert: die Türken standen, 123 000 Mann stark, ohne die bei Schumla aufgestellten Reserven, auf der breit ausgedehnten Donaulinie, die russische Donau-Armee war auch nicht viel schwächer, dagegen Herr der Situation und zur Offensive bereit. Also handelte es sich noch immer bloß um das Vorspiel; denn um über den Balkan bis Konstantinopel vorzudringen, wenn ihr das Meer versperrt wurde, daran konnte die russische Armee nicht denken, und daran dachte sie auch nicht, denn sie wußte von 1828 her, wie teuer solcher Anmarsch bezahlt werden müßte ... Am 18. Oktober hatte es im Diwan eine stürmische Sitzung gegeben, bei der man über die am 28. September gewonnenen Resultate nicht hinausgelangte: trotzdem die Kriegspartei, mit Mehemed Ali, dem ältesten Schwager des Sultans, alles aufbot, die Gemüter in Feuer und Flammen zu setzen. Anders im Serail, wo die Sultana und Nausikaa, des Sultans neue Odaliske, vergeblich auf das Erscheinen des Großherrn warteten. Da nahm gegen Zehn Uhr abends vom Goldenen Horn her ein großes Kaïk seinen Weg nach Tschiragan und legte eine ziemliche Strecke weit über den Palast hinaus an. Drei in kurdische Mäntel gehüllte Personen stiegen aus und schienen von einem Offizier der schwarzen Eunuchen des Sultans am Ufer erwartet zu werden, denn ein solcher verbeugte sich alsbald tief vor ihnen und schritt dann vor ihnen her nach den Höhen zu, die sich hinter dem Palais erheben und die Gärten desselben bilden, den einzelnen Wachen ein Losungswort zuflüsternd, das sie ungehindert passieren ließ. Auf der Höhe des Berggipfels steht, auf einer der schönsten Stellen von Gottes Erde, ein in italienischem Stil gebautes, ziemlich großes, elegantes Haus, das die Wohnung zweier Deutschen, des Obergartendirektors des Sultans und seines Substituten, beides geborene Bayern, bildet. In dem Augenblicke, wo wir die vier Männer hierher begleiteten, lag freilich nicht der Glanz des hellen Sonnenscheins, des Frühlings oder Herbstes über der herrlichen Aussicht, aber darum war sie nicht minder schön im bleichen Lichtstrahl des Mondes, mit dem Blick auf den schmalen Wasserspiegel, der, nach Stambul hin sich öffnend – wo er aus dem Schatten der Bergwände trat – gleich einem Silberbande glänzte. Doch war es nur einer von der Gesellschaft, der diesem herrlichen Anblick einige Augenblicke widmete, der bereits mehrfach erwähnte deutsch-französische Baron, der sich auf der Höhe des Plateaus umwandte und, seine Gefährten weiter gehen lassend, die Augen über dies Eden der Nacht schweifen ließ. Dann folgte er ihnen rasch. Das Haus mit seinen Umgebungen war still und öde. Am Zugang hatte ihnen der Obergärtner selbst das Tor geöffnet, wieder geschlossen und war dort zurückgeblieben. Der Eunuch führte sie quer über den Platz zu dem Pförtchen, das sich in die Gärten des Großherrn öffnete, und klopfte in eigentümlicher Weise an dasselbe. Sogleich wurde es geöffnet; sie traten ein und fanden sich dem Tschannador Aga gegenüber, der sie mit einer schweigenden Verbeugung empfing und vor ihnen herschritt durch die seltsam gewundenen Gänge, mehrere Terrassen hinab. Wo der Wind den Reif und Schnee von den Gängen und Rabatten hinweggefegt, sah man zahlreiche Grotten, Kiosks, Tempel, chinesische Dächer und Pavillons in den barocksten Formen mit reicher Vergoldung und Malerei ziemlich ordnungs- und geschmackslos angebracht. Nach einem der letztern von größerem Umfange wendete die Gesellschaft die Schritte. Zwei Tschannadors hielten die Wache am Eingang, durch welchen jetzt die Fremden das Innere betraten: ähnliche dunkle Gestalten bewegten sich um das Gebäude. Sie befanden sich hier in einem erleuchteten, von Kohlenpfannen erwärmten Vorgemache, wo sie die Mäntel ablegten und sich der Stiefel entledigten, um nach türkischer Sitte die Füße mit weichen Pantoffeln zu bekleiden. Die beiden Begleiter des Barons zeigten sich jetzt als zwei Moslems, der eine ein Greis mit langem, grauem Bart, listigen Augen und kühn hervorspringender Nase, der andere als ein stattlicher Mann von einigen dreißig Jahren mit geistreichen und lebendigen Zügen. Nach kurzer Zögerung für die Toilette der Eintretenden verschwand der Aga durch den Vorhang der gegenüberliegenden Tür, erschien dann aufs neue und gab den Harrenden den Wink, sich zu nähern. Er selbst blieb im Vorgemach zurück. Was Gemach, in das sie traten, füllte, mit Ausnahme des kleinen Vorzimmers, die ganze Rundung des Pavillons. Rings um die Wände liefen Divans und gegenüber der Tür ruhte auf denselben die schlaffe Gestalt des Sultans, zu seinen Füßen ein stummer Mohrenknabe auf dem Boden knieend, der das Nargileh des Großherrn in Brand erhielt und mit seinen großen braunen Augen auf jeden Wink des Gebieters lauschte. Die Hände auf die Brust gekreuzt, nahten sich die beiden Türken dem Herrscher, warfen sich in einiger Entfernung vor ihm nieder und verharrten in dieser Stellung mit zu Boden gehefteten Augen. Der Baron machte eine tiefe Verneigung und blieb in gebeugter Haltung am Eingang, stehen, bis der Großherr das erste Wort gesprochen ... »Seid willkommen, mein Bruder Halil! Ich hoffe, Eure Laune und Eure Gesundheit sind gut und Ihr werdet es dem Großherrn, Eurem Schwager, nicht nachtragen, daß er Euch noch nicht öffentlich empfangen konnte, wie es einem gebührt, der mit einer Tochter aus dem Hause Omers das Lager teilt.« Halil-Pascha, der jüngere Schwager des Sultans, durch die Intriguen des Seraskiers aus Konstantinopel verbannt und von jeder Beteiligung an Staatsgeschäften entfernt, war erst vor zwei Tagen auf eine Botschaft Chosrews, denn dieser war sein Begleiter, nach Stambul heimlich zurückgekehrt. Er war als Russenfreund bekannt, früher längere Zeit in St. Petersburg Gesandter gewesen und hatte dort viele Auszeichnungen genossen. Er gehörte mit Chosrew zu den entschiedensten Gegnern des Krieges, und dessen Beförderer hatten ihn daher auf alle Weise vom Sultan ferngehalten; dem schlauen alten Großwessir war es aber dennoch gelungen, ihm diese heimliche Audienz zu verschaffen. »Möge dein Schatten lang sein, o Zuflucht der Welt, und die Sonne deiner Gunst neu auf den getreuesten deiner Diener fallen,« antwortete ehrerbietig der Pascha, indem er, ohne die Hände des Padischah zu berühren, den Zipfel seines Rockes an Stirn und Brust führte. »Meine Gesundheit ist gut und wird noch besser sein, wenn sie sich im Strahl deiner Nähe sonnen kann. Du bist der Herr, du befiehlst und unser Wille ist nichts!« – »Ne apalum, was kann ich tun?« fragte der Sultan. »Ich bin von Verrätern umgeben, die mich in diesen Krieg stürzen. Ich habe so vieles anhören müssen, daß mein Kopf wirr ist. Wie befindet sich die Fatimé Sultana, meine Schwester?« – »Die Küsten Asiens erscheinen ihr schwarz, seit sie die Zenanah des Großherrn nicht mehr betreten darf.« – »Desto öfter hab' ich den Teufel von Adilé dort,« murrte der Sultan; »ich bin nicht Herr mehr in meinen Gemächern, und diese Weiber lachen in meinen Bart. Sei willkommen, Wessir, du bist einer der Getreuen Meiner Mutter und kennst mein Herz. Nehmt Platz an meiner Seite, ich gestatte es Euch. Wer ist der Franke?« – »Schatten Gottes,« sagte der alte Wessir, indem er mit seinem Begleiter Kissen vom Diwan nahm, sie unfern des Sultans auf den Boden legte und darauf niederhockte, »erinnere dich, daß du mir erlaubt hast, ihn vor dein Antlitz zu bringen. Er ist ein treuer Mann und ein Vornehmer in den Ländern der Franken. Er sehnte sich, deinen Schatten zu küssen, und ich wollte, wir hätten vor acht Monden sein Anerbieten angenommen, das er vom Zar der Russen brachte.« – Der Sultan rieb sich verlegen die Stirn ... »Was meinst du, Vater?« – »Erinnere sich deine Majestät,« sagte Halil, »daß es die Flotte von jener Festung Sebastopol war und hunderttausend Mann guter Truppen, die uns der Zar zur Hilfe senden wollte, um die Dardanellen zu sperren.« – »Ich bin wie ein Ball zwischen zwei Händen,« sagte der Sultan finster. »Ist der Padischah nichts, daß er das Erbe seiner Familie nicht mehr verteidigen kann? Diese Franken machen uns zu Weibern, und sie haben gezittert vor dem Hauch meiner Väter!« Die beiden Paschas schwiegen verlegen, – sie wußten, wie recht der arme Sultan hatte ... »Lasset den Franken näher treten.« Auf einen Wink des Chosrews näherte sich der Baron mit ehrfurchtsvollen Verbeugungen. Der gewandte Abenteurer und Unterhändler war ein Mann von stattlicher Persönlichkeit und äußerst gewandtem Benehmen, was ihm überall einen guten Empfang sicherte ... »Möge Eure Majestät geruhen, meine Huldigung und meinen Dank anzunehmen für die Erlaubnis, das Antlitz des Großherrn zu sehen. Möge Eure Majestät auch nachträglich meinen Dank empfangen für die Gnade, daß Sie aus der Hand eines Franken durch die Vermittelung meines Freundes Ali-Pascha ein demütiges Geschenk nicht verschmähten.« – Der Sultan sah den in ehrerbietiger Haltung vor ihm Stehenden überrascht an ... »Sie sind willkommen, Herr,« sagte er freundlich, »aber ich verstehe Sie nicht ganz.« – »Eure Majestät wollen verzeihen, wenn ich sage, daß ich es war, welcher die Ehre hatte, eine Sklavin durch den Pascha von Brussa Eurer Majestät als Dienerin vor etwa Jahresfrist zu übersenden.« – Das Auge des Sultans funkelte ... »Wen meinen Sie, Herr? ihr Name?« – »Mariam, eine Mingrelierin.« Der Schlag war geradezu geführt; die Hand des Sultans zuckte unwillkürlich nach dem Herzen, dann ließ er sie sinken und erwiderte traurig: »Ich danke Ihnen, mein Herr, für das Geschenk – die arme Mariam liegt noch immer schwer darnieder an einer ansteckenden Krankheit.« – »Mariam ist tot,« sagte ernst der Baron. – Der Großherr beugte sein Haupt ... »Inshallah! Wie Gott will! So ist sie also dennoch gestorben an den schwarzen Blattern? Es tut meinem Herzen leid, diese Kunde von Ihnen zu bekommen, wo Sie dieselbe auch her wissen mögen.« – Er wandte das Gesicht nach Mekka und begann ein leises Gebet zu murmeln ... »Verzeihen Eure Majestät, daß ich Ihre Andacht unterbreche, aber Mariam, die Mingrelierin, ist nicht an den Blattern gestorben, denn sie hat die Krankheit nie gehabt.« – Der Sultan sah ihn groß und fragend an ... »Mariam,« fuhr ruhig und langsam der Baron fort, »ist in der Nacht zum 10. November im Serail zu Stambul grausam durch die Folter ermordet worden. Ihr letztes Wort war der Name Eurer Majestät.« Der Beherrscher der Moslems fuhr mit einem Sprunge gleich dem verwundeten Löwen in die Höhe. Er vergaß alle Etikette des türkischen Hofes so weit, daß er, – der nur von den höchsten und vertrautesten Dienern des Harems angerührt werden darf, – mit beiden Händen den Arm des Fremden erfaßte... »Dschaur! bei dem Propheten, du lügst!« – Der Wessir und Halil waren ruhig sitzen geblieben, – beide waren auf die Szene vorbereitet ... »Möge die Zuflucht der Welt ihrem Sklaven das Wort gestatten,« sagte der Schwager des Großherrn; »der Dschaur ist ein vornehmer Mann in seinem Lande, und sein Mund redet keinen Kot, sondern die Wahrheit!« Der unglückliche, betrogene Großherr sank auf die Kissen zurück und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen ... »Wer? wer?« stammelte er kaum hörbar. – »Die Bujuk-Sultana und meine Schwägerin, Adilé-Sultana,« sagte Halil-Pascha, »haben der Tat beigewohnt. Sie ließen die Odaliske martern, um für ihre Freunde, die Inglis und Franzosen, Geheimnisse des Großherrn zu erpressen. Unser guter Freund Fuad-Effendi, den der Ministerrat vor acht Tagen als Bevollmächtigten zum Sirdar, seinem Genossen, an die Donau geschickt hat, leitete die Marter. Ich habe gesprochen – auf mein Haupt komme es!« Abdul Medschid schaute wild – mit funkelnden Augen umher, und sie fielen auf den greisen Chosrew ... »Du bist der Todfeind Fuads und der Sultana,« sagte er Hastig zu Halil, »ich kann dir nicht glauben! Rede du, Chosrew, der Lehrer und Schützer meiner Jugend!« – »Halil und der Dschaur reden die Wahrheit. Das Weib deines Herzens ist gemordet worden, aber sie hat standhaft geschwiegen und sich der Zuneigung des Großherrn würdig gezeigt.« – Der Sultan erhob sich; seine Augen flammten, das bleiche Gesicht rötete sich dunkel ... »Beim Barte Mahmuds, meines großen Vaters, ich will nicht umsonst der Bluttrinker heißen. Sie soll gerächt werden an meinem eigenen Blut! Hinaus, Knabe, und rufe den Aga!« Der greise Wessir war aufgesprungen und hatte sich dem wütenden Herrn in den Weg geworfen ... »Halt ein, Padischah! Um des Propheten willen bedenke, was du tust, und höre den Rat deiner Freunde!«– Der Großherr faßte die Hände der beiden ... »Ich weiß es, Ihr seid dem Sohne Mahmuds treu, und ich darf auf Euch zählen. Sie sollen sterben, sterben alle drei, die diese Tat an meinem Herzen vollbracht haben, das sie liebte. Einmal hab' ich es bezwungen, als die Hand meines Vaters grausam auf mir lag; jetzt bin ich der Herr, und wehe dem Schuldigen!« Er war außer sich, und selbst der intrigenvolle, nur seinen Interessen folgende Abenteurer sah mit aufrichtigem Bedauern auf den jungen Monarchen, der, der Herr von Millionen, der Herrscher in drei Weltteilen, mit all' seiner Macht nicht vermocht hatte, ein schwaches Weib zu schützen, das er liebte. Der Aga war in das Gemach getreten und stand harrend am Eingangs während der Greis und Halil-Pascha den Sultan zum Diwan zurückführten und auf die Kissen nötigten. Auf den Wink Halils war Théifur-Aga, das Haupt der schwarzen Eunuchen, näher gekommen. Die Verbündeten wußten, daß er ein bitterer Feind und Neider des Kislar-Aga war und zu ihrer Partei gehörte ... »Höre mich an, o Schatten Gottes,« sagte der greise Staatsmann. »Wir alle fühlen, daß deiner Macht und deiner Seele ein Wehe geschehen, aber was getan ist, ist getan und läßt sich nicht ändern. Unsere Feinde sind mächtig, und wir müssen mit ihnen kämpfen mit der Klugheit der Schlange, denn diese Franken haben die Oberhand.« – »Aber der Padischah ist der Herr,« warf Halil giftig ein. »Soll er sich in den Bart lachen lassen von seinen Knechten?« – »Hört mich wohl an,« sagte bedächtig der Greis, »und laßt mein Wort nicht in den Wind fallen. Die Partei des Seraskiers im Ministerrat ist stark, und wir müssen sie schwächen, ehe wir den Streich auf das Haupt aller unserer Feinde fallen lassen. Der Scheik ül Islam hat sich für den Krieg, erklärt, und die Hälfte der Diener des Palastes hängen Mehemed Ali an. Leicht würde er das Volk zu den Waffen rufen können. Aber das Volk ist jetzt auch erbittert auf Mahmud, den Kapudan-Pascha, seinen Schützling, und sagt, daß die Vernichtung unserer Flotte seine Schuld sei. Ihn kann der Großherr ohne Gefahr entfernen.« – »Er falle!« sagte der Sultan. »Wer soll an seine Stelle kommen?« – »Möge die Sonne deiner Gnade Riza-Pascha bescheinen.« – »So sei es. Fertigt den Ferman aus, daß ich unterzeichne.« Der schlaue Chosrew zog ein Papier aus seinem Busen, das bereits die Entlassung des Großadmirals enthielt, und in das nur noch der Name seines Nachfolgers eingezeichnet zu werden brauchte. Er nahm das Schreibzeug von seinem Gürtel, und der Sultan unterzeichnete hastig seinen Namenszug. – »Es ist nicht möglich, die Sultana Valide zu strafen oder eine Tochter aus Mahmuds Blut um einer mingrelischen Sklavin willen. Es würde einen Aufstand im Palast erregen. Der Kislar-Aga ist ihr geheimer Freund, aber wenn Théifur-Aga an seine Stelle kommt, wird er die Weiber im Zaume halten und kann die Sultana nach dem Burno-Serai führen und deiner Schwester den Eintritt in den Harem weigern. Er wird das Paradies des Großherrn von unnützen Geschöpfen säubern.« – Das breite Gesicht des Mohren glänzte vor freudiger Erwartung, denn der Posten des Kislar-Aga steht dem Range nach zunächst am Großwessir und ist durch seine Stellung einer der einflußreichsten. – Der Sultan bedachte sich einige Augenblicke, dann zog er rasch den Siegelring vom Finger und reichte ihn dem Eunuchen ... »Du bist der Kislar-Aga und mögest treuer als dein Vorgänger meine Befehle erfüllen.« Der Schwarze warf sich auf den Boden und berührte dreimal mit der Stirn die Erde. Dann erhob er sich freudestrahlend und blickte auf Chosrew. »Wenn es dem Padischah gefällt,« sagte dieser, »so möge die Veränderung im Palast bis morgen früh verborgen bleiben und erst zur Stunde der Diwansitzung laut werden, damit wir unsere Feinde auch auf allen Seiten überraschen. Die Artillerie, welche die Brennibors gebildet haben, ist treu und möge die Wachen beziehen. Sie liebt weder den Seraskier, noch Mehemed Rudschid, den Kommandeur der Garden.« – Der, Sultan schüttelte das Haupt, – in der Türkei das Zeichen der Bejahung. – »Es ist notwendig, daß wir im Ministerrat mindestens eine gleiche Stimmenzahl auf unserer Seite haben,« fuhr der Greis fort. »Wenn der Schatten Gottes die Verbannung aufheben und den Gatten seiner Schwester wieder in den Rat berufen will als Beistand, so würde unsere Stärke wachsen.« Er reichte dem Sultan einen zweiten, gleichfalls bereitgehaltenen Ferman, und Abdul-Medschid unterzeichnete; Halil küßte den Zipfel seines Rockes. Der Großherr blickte sie jetzt alle der Reihe nach finster an ... »Mashallah,« sagte er mit gezwungener Energie, »ich habe jetzt allen euren Willen getan, nun will ich den meinen und Rache für Mariam haben. Die Sklaven sollen sterben, welche die Hände an ihren Leib gelegt haben, und das Weib, das man mir für sie gegeben, beleidige nicht länger meine Augen.« Der alte Chosrew machte das Zeichen der Zustimmung ... »Es kann ohne Gefahr geschehen und sie mögen sterben. Wofür ist Théifur-Aga da? Er möge seine Ohren auftun und kein Esel sein. Ist es dem Großherrn jetzt genehm, zu hören, was dieser Franke von unsern Freunden, den Russen, zu sagen hat?« Der Sultan, von der vorhergegangenen Aufregung erschöpft, war auf dem Diwan wieder in seine frühere apathische Haltung gesunken; die Röte des Schmerzes und Zorns hatte der gewöhnlichen krankhaften Blässe Platz gemacht, und er bejahte stumm, indem er dem Knaben winkte, ihm das Rohr des Nargilehs wieder zu reichen, und dem Baron, auf dem Diwan Platz zu nehmen. ... »Eure Majestät,« sagte dieser, »sind in einer schlimmen Lage, indem Sie sich von Ihrem natürlichen Freund und Verbündeten, dem Zaren, abgewandt haben. Ihre Armee ist an der Donau zurückgedrängt und in Asien besiegt; in Serbien, Montenegro und Griechenland drängt das Volk zur Ergreifung der Waffen gegen das Reich Eurer Majestät. Persien rüstet zum Kriege. Die Flotte ist zur Hälfte vernichtet, die Finanzen des Staates sind so erschöpft, daß ohne eine schwer zu realisierende Anleihe die nötigsten Bedürfnisse nicht zu bestreiten sind und das Heer zum Teil seit vierzehn Monaten keinen Sold erhalten hat. Die griechische Bevölkerung in Anatolien, Rumelien und auf den Inseln ist zum offenen Aufruhr geneigt, selbst die türkische Einwohnerschaft ist schwierig, man hat den Fanatismus aufgeregt und erhöht auf diese Weise die gegenseitige Feindschaft.« – »Inshallah,« sagte der Großherr, »was können wir tun? Wir sind nicht schuld an dem Unheil.« – »Eure Majestät mögen dem Zaren, Ihrem wahren Freunde, vertrauen. Der Diwan und der Ministerrat mögen sich morgen bereit erklären, auf die Friedensverhandlungen einzugehen, welche die vier Mächte vorgeschlagen haben, und man wird den Engländern und Franzosen damit den Vorwand nehmen, sich weiter einzumischen. Was haben Sie bis jetzt getan, als ihre Flotten hierher gesandt, die Konstantinopel bedrohen, ohne nur eine Kanone zum Schutz der Türkei gelöst zu haben? Ich bitte Eure Majestät, zu bedenken, daß, welches auch der Erfolg des Krieges sei, die Kosten das Land vollends ruinieren und wahrscheinlich einiger Provinzen berauben werden; denn Österreich wird auch seinen Anteil verlangen, und England ist schon längst auf Kandia, Cypern und Unter-Egypten lüstern.« Er machte eine Pause, – der Sultan – der Beherrscher eines Gebiets von mehr als 30000 Quadratmeilen – hatte ihm finster zugehört, denn er kannte die Wahrheit dessen, was der Unterhändler ihm aufzählte; aber mit der, den Orientalen in diplomatischen Verhandlungen eigentümlichen Schlauheit und Zähigkeit sagte er: »Die Inglis und Franzosen haben von mir noch nichts gefordert und erklären, mein gutes Recht unterstützen zu wollen. Mein Bruder, der Zar, aber hat gegen alle Verträge zwei meiner Provinzen genommen und mich gezwungen, den Krieg zu erklären. Es ist nicht das erstemal, daß ein russisches Heer mein Reich bedroht.« Der Baron war zu gewandt, um den schlagenden Streich nicht zu parieren ... »Euer Majestät wollen sich erinnern,« sagte er, »daß der Zar sich durch die Minister der Pforte beleidigt glaubt und die Donau-Fürstentümer nur als Pfand für die Erfüllung alter Verträge in Besitz genommen hat. Er wird sich nicht weigern, sie bei einem neuen und festen Bündnis sogleich herauszugeben. Eure Majestät wollen ferner sich erinnern, daß Kaiser Nikolaus sich nie als Eroberer gezeigt und im Frieden von Adrianopel sofort alle Eroberungen herausgegeben, ja die stipulierten Kriegskosten erlassen hat;« – er warf bei diesen Worten einen scharfen Blick auf Chosrew, dessen großes Vermögen von jener Zeit datierte: – »daß der Kaiser ferner in dem Kriege gegen Mehemed Ali und Ibrahim-Pascha sich als uneigennütziger Verbündeter zeigte, gegen dasselbe Ägypten, dessen Horden Eure Majestät jetzt gegen Rußland senden.« – Es entstand eine längere Pause. Chosrew, dessen schwache und empfindliche Seite die Erinnerung an Ibrahim-Pascha war, der ihn wiederholt besiegt hatte, brachte geschickt das Gespräch in eine andere Phase ... »Allah bilir! es ist ein Unglück, daß die Franken ihre Schiffe vor unsere Stadt gelegt haben, sonst könnte alles gut gemacht werden. Was befiehlt der Padischah?« – Der Großherr blickte ärgerlich auf den alten Intriganten ... »Ich erwarte Rat von meinen Wessieren.« – »Wenn es dem Vater aller Herrscher gefällt,« meinte Halil, »so habe ich zahlreiche Freunde im Diwan, und einige Beutel werden das übrige tun, daß man morgen für die Friedensverhandlungen stimmt.« – »Vielleicht hat unser fränkischer Freund einen weiteren Vorschlag,« meinte der greise Großwessir, mit einem listigen Augenzwinkern nach dem Baron. – »Ich glaube Euer Majestät die nötigen Vorschläge machen zu können, sobald Allerhöchstdieselben ernstlich zu einem Schutz- und Trutzbündnis mit Rußland entschlossen sind. Der Kaiser stellt noch immer seine Flotte und eine Armee von hunderttausend Mann zum Schutz der Dardanellen zur Verfügung. Durch die Anknüpfung von Friedensverhandlungen würden die Westmächte jedenfalls verhindert werden, Landtruppen nach dem Orient zu senden. Eine Scheindiversion russischer Schiffe auf die anatolische Küste könnte Gelegenheit geben, die verbündeten Flotten ins Schwarze Meer zu locken, wo sie sich bei der jetzigen Jahreszeit unmöglich zusammenhalten können. Rußland ist bereit, sofort nach dem Abschluß des geheimen Traktats die Fürstentümer zu räumen, und wird seine Truppen an der Donaumündung und in Odessa, von wo sie leicht nach Varna oder Burgas gebracht werden können, zusammenziehen. Wenn nach der Bereitschaftserklärung der Friedensverhandlungen die Flotten nicht sofort aus dem Bosporus und den Dardanellen entfernt werden, wird Rußland die Forderung stellen, eine Anzahl von Kriegsschiffen gleichfalls hier stationieren zu dürfen. Entweder sind dann die Flotten der Westmächte in dem Schwarzen Meere abgesperrt und in unserer Hand ein Unterpfand, oder die russische Flotte in Verbindung mit der türkischen und ägyptischen und den Kastells der Ufer wird vollkommen genügen, jene im Zaume zu halten oder zu vertreiben. Euer Majestät Truppen und drei russische Armeekorps, die der Zar zur Disposition stellt, werden hinreichen, die Küsten von Rumelien zu sichern.« Der kühne gewaltige Plan, – der so leicht beim Beginn des Kampfes auszuführen gewesen wäre und dem Schicksal Europas eine andere Gestalt gegeben hätte, wenn Kaiser Nikolaus mehr auf die rasche Tat als auf seinen politischen Einfluß vertraut hätte, – erschreckte den bleichen Großherrn, und seine Augen schweiften verlegen und ängstlich auf Chosrew und seinen Schwager. Der letztere legte bestimmend die Hand auf das Herz, wahrend der greise Diplomat den flehenden Blick seines Herrn und Schülers nicht zu bemerken schien und anscheinend kein Auge von dem Unterhändler verwandte. »Wunderbar!« sagte endlich der Sultan. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, und bin wie ein Mann zwischen zwei Schwertern. Wenn ich dir auch Gehör geben wollte o Franke, – wie würden wir uns ausreden können vor der Macht der Ungläubigen, ehe die Hilfe des Zaren in der Nähe ist, um uns vor ihrem Zorn zu sichern?« Chosrew erhob ruhig das Haupt; der alte, in tausend Schlangenlisten bewanderte Diplomat hatte das Mittel längst vorbedacht. – »Wir werden einen Aufruhr in der Stadt erregen,« sagte er gelassen. »Der Naja-Pöbel von Stambul wird eine Revolution machen, und wir werden sagen können, daß uns die Christen gezwungen haben zu dem Bündnis mit Rußland.« – Der Sultan überlegte ... »Es ist unser Kismet,« sagte er endlich. »Wird alles bereit sein und werde ich sicher bleiben, oder muß ich mich auf eines meiner Schlösser in Anatolien begeben?« – »Euer Majestät werden ganz sicher sein unterm Schutz der Artillerie. Auf mein Haupt komme es! Morgen mittag ist der Frieden gesichert, und am nächsten Tage wird der Padischah den Fuß auf den Nacken seiner Feinde setzen.« – »Ich willige ein,« sagte der Großherr und gab ermüdet und abgespannt das Zeichen der Entlassung. Die drei Verbündeten verabschiedeten sich unter den gebotenen Zeremonien und wurden vom neuen Kislar-Aga wieder bis an die Pforte der Gartenmauer zurückbegleitet. Während Halil und der Baron bereits den Garten verlassen, verweilte der greife Chosrew noch einige Augenblicke bei dem neuen, durch seine Intriguen eingesetzten Würdenträger ... »Höre, Freund Théifur-Aga,« sagte er mit einschmeichelnder Freundlichkeit, »du wirst die griechische Sklavin morgen aus dem Harem entfernen?« – »Der Padischah hat befohlen. Sie mag das Wasser des Bosporus trinken.« – »Ein Weib ist gewiß ein großes Übel,« meinte der Pascha; »aber warum sie töten, wenn sie noch jung ist? Der Padischah hat es nicht ausdrücklich bestimmt, und ich will dir einen Ausweg sagen ... Das Mädchen soll schön sein, – gib sie mir, deinem Diener, für seinen Harem – sie wird verschwinden für immer.« Der Eunuch schielte ihn von der Seite an. Er wußte sehr gut, daß es um den Harem des geizigen alten Intriganten sehr jämmerlich bestellt war, und daß er das Mädchen nur aus Habsucht verlangte, um sie mit möglichstem Vorteil zu verkaufen; aber er wagte nicht, nach dem Dienst, den jener ihm soeben geleistet, die Bitte abzuschlagen, und antwortete daher: »Sehr wohl; du redest Weisheit. Das Boot mit dem Weibe wird morgen abend um die fünfte Stunde mit den Stummen des Harems, gegenüber der Moschee von Auni-Effendi, deines Boten harren. Er möge dreimal den Namen Allahs nennen, und man wird sie ihm übergeben. Behalte mich in deiner Gunst, o Pascha.« Die Beratung am Montag, dem 19., die in der Hohen Pforte gehalten wurde, nahm einen überaus stürmischen Verlauf, denn der Schlag, der der Kriegspartei durch die Absetzung des Großadmirals Mahmud-Pascha und die Ernennung Halils – der früher bereits zweimal Marine- und Kriegsminister gewesen war, zum Minister ohne Portefeuille mit Stimme im Konseil, versetzt wurde, kam unerwartet. Die alttürkische Partei des Seraskiers und des Scheich ül Islam war damit in ihrem Einflusse hart bedroht. Durch die Bemühungen der Freunde des Großwessiers, Chosrews und Halils, zeigte sich im Harem eine Majorität für die Friedensunterhandlungen. Nur mit Mühe vermochten Mehemed-Ali und seine Freunde es durchzusetzen, daß der Endbeschluß bis zum nächsten Tage verschoben blieb ... Es lag eine schwüle Stille über der großen Stadt, und jedermann fühlte das Nahen einer schweren Krise. Die Beratung des Diwans hatte volle fünf Stunden gedauert und erst am Nachmittag geendet. Eine Audienz, die der Seraskier bei dem Sultan, seinem Schwager, verlangte, wurde unter dem Vorwand eines Unwohlseins abgelehnt. Die Ernennung des neuen Kislar-Aga war erst am Nachmittag bekannt geworden und hatte den ganzen Harem in Bestürzung gesetzt. Auf die eilige Botschaft der Sultana war die Schwester des Sultans nach Tschiragan gekommen, aber der Großherr weigerte sich, den Harem zu betreten, und sie mußte, vor Zorn und Furcht bebend, den Palast wieder verlassen und hatte noch den Ärger, den Großwessir Mustapha und Halil ihren Schwager in Tschiragan empfangen zu sehen. Wie der politische Himmel, so begann sich auch der wirkliche zu trüben, und schwere Wolkenmassen lagerten am Abend über dem ganzen Horizont ... Gregor Caraiskakis, der einzige Gefangene, der bis jetzt auf dem Meere in die Hände der Türken gefallen, hatte auf der eiligen Überfahrt der Dampffregatte Taïf alle Schmach und alle Leiden zu dulden gehabt, welche die Erbitterung der Moslems über ihre Niederlage auf ihn häufte. Bei der Ankunft im Bosporus hatte der türkische Befehlshaber seine Hiobspost sogleich an den Großadmiral überbracht; aber der Schrecken darüber war so groß, daß man eines einzelnen Gefangenen, zumal es nur ein Grieche war, wenig achtete; der Kapitän erhielt einfach die Weisung, ihn vorläufig auf seinem Schiffe in Verwahrsam zu halten. So lag nun Caraiskakis beinahe drei Wochen, nur dem Hasse der türkischen Schiffsmannschaft noch im Gedächtnis, in dem untern Deck der Fregatte, die am Schloß von Asien ankerte. Die Leiden seiner Gefangenschaft verdoppelten die wiederholten Besuche des Briten, dessen Bemühungen, ihn als seinen persönlichen Gefangenen zu behandeln und in die Haft der englischen Gesandtschaft zu bringen, zwar an der Hartnäckigkeit der Türken gescheitert waren, der aber fast einen um den andern Tag erschien, um ihn mit dem Antrage, ja mit Bitten zu bestürmen, ihm das Kind herauszugeben, für das er eine eigensinnige Liebe gefaßt zu haben schien. Aber vergebens – der Sohn des Helden vom Piräus antwortete auf das Anerbieten des britischen Schutzes nur mit verächtlichem Schweigen. Im Stillen aber war er auch nicht untätig gewesen. Unter den Seesoldaten, die den Schiffsdienst verrichten und in seinem Deck häufig Geschäfte hatten, war ihm ein junger Mann aufgefallen, der ihn öfter mit Teilnahme betrachtete. Eine Anrede bei günstiger Gelegenheit, als sie allein waren, überzeugte ihn, daß er einen von den Türken zum Schiffsdienst gepreßten Griechen vor sich habe, und er bewog ihn leicht, einen mit Bleistift geschriebenen Zettel bei seinem nächsten Urlaub ans Land zu bestellen. Der Brief war an den Baron Ölsner von Montmarquett gerichtet und enthielt die Nachricht von seiner Gefangenschaft. – – Am Nachmittag des 19. war der Baronet wiederum auf dem Taïf erschienen und hatte den Gefangenen bestürmt, ihm eine schriftliche Vollmacht zur Aushändigung des Kindes auszustellen, da er jetzt nach England zurückzukehren beabsichtige. Er versprach, das Kind zu adoptieren, die Heirat mit Diona anzuerkennen und den Knaben zum Erben seines Namens und seines Vermögens machen. Caraiskakis schaute ihn finster an ... »Wenn Sie mir die Schätze der vereinigten Königreiche böten,« sagte er mit Hohn, »und den Sohn Dionas – die Sie feig verleugnet haben – zum ersten Edelmann des mächtigen Englands machen könnten, so würden Sie den Knaben, so lange es von mir abhängt, doch nicht erhalten seine Spur will ich Ihren Augen verwischen, und nie soll er den Namen seines Vaters hören, sondern ein Grieche werden mit jeder Faser seines Lebens, der nur Haß atmet gegen das falsche Land seines Vaters!« Der ganze Trotz und Hochmut des Briten schwoll empor bei dieser Antwort ... »So habe was du willst und beklage dich nicht über dein Geschick. Der Kapudan hat bereits darüber bestimmt, und mit dem nächsten Schiffe gehst du auf die Galeeren nach Kreta. Ich aber schwöre dir, Wahnsinniger, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis ich mein Kind gewonnen, und Edward Maubridge wird dies Land nicht verlassen, bevor er seinen Zweck erreicht hat, so wahr er ein Brite ist!« Caraiskakis lächelte verächtlich, und so schieden sie. Die Vorgänge des Tages hatten anders auch über das Geschick des Griechen entschieden. Am Abend gegen die zehnte Stunde schoß von Tophana her ein Boot an die Seite der Fregatte Taïf, und ein Mann in der Kleidung eines türkischen Offiziers antwortete auf den Anruf der Wache: »Befehl des Großadmirals« und stieg an der Schiffswand empor. Auf Deck fragte er nach dem Kapitän und händigte ihm eine versiegelte Depesche ein: die Ordre des neuen Kapudan Riza-Pascha, den bei Sinope gefangenen Griechen dem Überbringer zu überliefern. Baron Ölsner hatte die erste Gelegenheit benutzt, den Verbündeten zu retten. Caraiskakis wurde sofort aus dem Gefängnis geholt. Von seinen Fesseln befreit, stieg Gregor in das Boot, der Offizier setzte sich neben ihn, und die schwarze Wand der Fregatte war bald im Dunkel verschwunden. Während das Boot im Schatten der asiatischen Ufer hinlief, trat der Offizier zu Gregor und sagte auf griechisch: »Ich bin ein Bote des Signor Ölsner und habe Ihnen mitzuteilen, daß Sie frei sind. Die Ordre zu Ihrer Überführung nach der Stadt war eine der ersten, die der neue Großadmiral unterzeichnete. Ich begrüße in Ihnen, meinen Landsmann, denn diese Kleidung ist natürlich bloß angenommen, um den türkischen Kapitän zu täuschen. »Der Baron hat in dieser Nacht wichtige und viele Geschäfte, und er hat mir daher aufgetragen, Sie in ein sicheres Versteck im Fanariotenquartier zu bringen.« Caraiskakis dankte dem Landsmann, der sich Geurgios nannte, und hörte von diesem die wichtigen Neuigkeiten des Tages. Sie befanden sich jetzt dem Sommerpalaste von Beschiktasch gegenüber und wandten sich quer über den Meeresstrom nach dem Grabmal Hayraddins und der Moschee von Auni-Effendi, um auf der europäischen Seite des Bosporus die Fahrt nach dem Goldenen Horn fortzusetzen, als aus dem Schatten des Ufers von Tschiragaw ein großer, schwarzer Kaïk, von sechs weißgekleideten Ruderern getrieben, hervorschoß. Geurgios gebot sofort den Seinen, zu halten, um den fremden Kahn vorbeifahren zu lassen, und flüsterte dem Griechen zu: »Die Eunuchen des Harems – bei Ihrem Leben, keinen Laut, Freund! was Sie auch sehen mögen.« Zu seiner Verwunderung jedoch kam der Kahn, statt weiter hinaus in den Bosporus zu fahren, gerade auf sie zu und hielt in kurzer Entfernung von ihrem Bord. Im Hinterteil des «fremden Kaïks stand ein bewaffneter Eunuch ... »Eure Losung?« fragte der Schwarze. Der Grieche zauderte einen Augenblick; dann, in der Meinung, der Frager wolle wissen, ob er einen Ungläubigen vor sich habe, antwortete er rasch mit den Worten des türkischen Gebets: »Allah la illaha illallah.« Sogleich gab der Schwarze ein Zeichen, und das dunkle Fahrzeug schoß an die Seite ihres Kahns. Schon glaubten die Griechen sich verloren, denn die berüchtigten Haremswächter machten wenig Umstände mit den zufälligen Zeugen ihres geheimnisvollen Treibens, und die Hand des Geurgios faßte nach den Terzerolen in seiner Brusttasche, – aber zu ihrer Verwunderung begrüßte sie der Offizier der Eunuchen mit einem kurzen »Khosch dschelidin! – Nehmt!« – zwei der bewaffneten Ruderer hoben vom Boden des Kaïks einen großen, ungestalteten Gegenstand, gleich einem Sack, und warfen ihn achtlos in den Nachen der Griechen, daß dieser von dem Stoß schwankte und umzuschlagen drohte; im nächsten Augenblick schoß das Haremsboot vorwärts an ihnen vorüber, wandte und kehrte zu dem Ufer zurück ... Die beiden Griechen und auch die Ruderer, die mit den Geheimnissen Stambuls sehr vertraut schienen, atmeten frei auf, als sie auf so schnelle Weise der Gefahr wieder entgangen waren, und die Ruder senkten sich mit doppelter Eile in die dunklen Wogen, daß der leichte Kahn gleich einem Pfeil dahin flog und bald in die ruhigeren Gewässer des Horns einbog. Noch hatte keiner der Männer die seltsame Last, die Ihnen so unverhofft geworden war, zu untersuchen sich Zeit genommen, und nur die konvulsivischen Bewegungen der Hülle und ein leises, unterdrücktes Ächzen und Stöhnen bewies ihnen, daß ein lebendes Wesen darin verborgen war. Erst als sie die zweite Brücke passiert hatten und am Ufer des Fanariotenquartiers hinfuhren, deutete Geurgios auf den Sack und fragte: »Was machen wir damit? werfen wir die Last in das Horn? Hier sind wir sicher vor Spähern.« – Aber Gregor faßte abwehrend seinen Arm ... »Um der Heiligen willen, laßt uns nicht unmenschlicher handeln, als diese Moslems. Es scheint ein Weib in dem Sack zu sein, und wir wollen die Unglückliche retten.« – »Bah, irgend eine alte Hexe, die im Harem gekeift und sich unnütz gemacht hat! Aber wie Ihr wollt – bei Sankt Demeter, Ihr mögt das Geschenk der schwarzen Burschen dafür zu eigen nehmen und Euch mit der Last beladen.« Unweit der Kirche von St. Basil, zwischen dem Balat-Kapussi und dem Haivan-Seraï Kapussi Tor der Menagerie, – von dem benachbarten Amphitheater so genannt, wo die Kämpfe der wilden Tiere stattzufinden pflegten. landete das Boot unter einem überhängenden Kaïkschuppen, und Geurgios geleitete den Befreiten durch den Ausgang, der am Ende desselben hinauf in ein ziemlich großes griechisches Haus führte, wohin die beiden Ruderer auf seinen Befehl das geheimnisvolle Bündel trugen. Man schien sie erwartet zu haben, denn auf der Veranda waren, trotz des stürmischen, kalten Wetters, mehrere Männer versammelt, und in dem oberen, wohlerleuchteten Gemach, wohin man Caraiskakis führte, brannten wärmende Kohlenpfannen, und ein Tisch war mit dem lieblichen Brussawein und dem feurigen schwarzen Rebensaft vom Olymp nebst Speisen und Erfrischungen besetzt. Hierhin, in einen Winkel des Gemaches, legten die Bootsleute auch ihre Last, über die Geurgios gegen die Augen der Neugierigen seinen Mantel gebreitet hatte. Als sie allein waren, machte er mit Gregors Hilfe sich daran, den Sack mit einem Dolch aufzuschneiden ... Ein junges, bildschönes Mädchen, in reiche türkische Tracht gehüllt und mit einem kostbaren Shawl zu einem Klumpen zusammengeschnürt, lag vor ihnen. Während Geurgios die Knoten des Shawls löste, befreite sie Gregor von dem Knebel, der ihr den Mund verschloß, und rieb ihr, nachdem man sie auf ein Ruhebett gestreckt, Stirn und Schläfe mit Wein. Endlich schlug sie die Augen auf, tiefe Seufzer hoben ihren Busen, und ihr Blick fuhr wirr und ängstlich umher über die fremden Männer und die unbekannte Umgebung. Dann schrie sie laut auf und warf sich auf die Knie ... »Mordet mich nicht,« rief sie; »weshalb habe ich meinen Glauben abgeschworen und alles hingegeben, was meiner Jugend teuer war, wenn ich so jung schon geopfert werden soll? Was hab' ich getan – bin ich nicht die gehorsame Tänzerin des Padischah, die Gefährtin seiner Freuden? Hab' ich nicht treu der Sultana gedient, meiner Herrin? O, habt Erbarmen, laßt mich leben – es ist so süß und schön, zu leben im Glanz der Herrlichkeit, die ich nie gekannt.« Die schöne Nausikaa – denn sie war es, die durch den Sultan als Sühne für die geopferte Mariam aus dem Harem verbannt und, von dem Kislar-Aga für seine Gönner Chosrew bestimmt, durch einen Irrtum seiner Untergebenen in die Hände der Griechen gekommen war – sah in ihrer reichen Odaliskentracht und in der Blässe und Todesfurcht, die ihre Wangen bedeckte, kaum weniger verlockend aus, wie damals, als wir ihr als Tänzerin vor dem Sultan begegneten. Erst als Gregor ihr wiederholt beteuert hatte, daß sie nichts mehr zu fürchten habe, daß aber Verborgenheit und Geheimnis das Werk der Rettung vollenden und sichern müsse, gewann sie Glauben daran, umfaßte seine Knie und beschwor ihn, sie nicht zu verlassen, indem sie versprach, jedem seiner Winke Folge zu leisten. Eine kurze Beratung zwischen Caraiskakis und seinem Wirt führte den Beschluß herbei, die Odaliske noch ferner vor den Augen der Hausbewohner verborgen zu halten, bis es gelungen sei, ihr weniger auffällige Kleidung zu verschaffen, um sie an einen besser verborgenen Ort zu bringen. Caraiskakis, auf den das Mädchen einen wunderbaren Eindruck gemacht hatte, nahm sich vor, den Baron von Ölsner für seinen Schützling zu interessieren, versprach dem Mädchen, als er jetzt seinem Worte folgen mußte, so bald wie möglich wiederzukommen, und schloß sie sorgfältig ein. Geurgios, ein Mann von einigen vierzig Jahren, führte den neuen Bekannten in den unteren Raum des Hauses, wo mehrere Griechen versammelt waren und geschäftig ab- und zugingen. Er schien ihr Haupt zu sein, denn es wurden ihm alsbald verschiedene Berichte erstattet und Botschaften mitgeteilt. Er machte Caraiskakis mit den Anwesenden bekannt, und dieser fand bald, daß die Männer, von denen er einzelne schon früher beim Baron Ölsner flüchtig gesehen, ebenso energisch für den allgemeinen griechischen Traum, die Wiederherstellung des byzantinischen Reichs schwärmten, wie die Griechen auf den Inseln und dem anatolischen Festlande. Zugleich bemerkte er auch, daß sie sämtlich nur untergeordnete Werkzeuge höherer Leitung und für die Erregung der Massen tätig waren. Nur Geurgios wußte offenbar mehr als sie, nahm einzelne beiseite und sandte sie mit Aufträgen fort, sodaß bald nur noch drei oder vier Männer zurückgeblieben waren. Ihnen befahl er, aufs neue einen Kaïk zur Fahrt bereit zu machen, und wandte sich dann an Gregor: ... »Ich habe Sie mit diesen Männern näher bekannt gemacht, was der Signor Baron früher versäumt zu haben scheint, damit, wenn sich irgend eine Gefahr ereignet, Sie Hilfe und Beistand haben. Die Leute, die Sie hier gesehen, haben die meisten Anhänger in der Fanarioten-Stadt und sind in diesem Augenblick bereits bemüht, das Volk zu der Demonstration für den morgenden Tag vorzubereiten. Signor Ölsner hat mich wissen lassen, daß ich ihn in Tophana treffen solle, und ich gehe sogleich dahin. Sie werden besser tun, hier zu bleiben; am besten wird es sein, Sie ziehen sich in Ihr Zimmer zurück, das Sie freilich noch einige Stunden mit unserer unwillkommenen Gesellschaft werden teilen müssen, da ich dieselbe der Schwatzhaftigkeit der Weiber nicht anvertrauen mag. Gegen Morgen bin ich zurück.« Damit verließ ihn der Fanariot, und bald darauf kehrten zwei der Männer zurück und schlugen ihr Lager auf dem Boden des Zimmers auf. Caraiskakis beschloß, sich nach dem seinen zu begeben teils um seinen seltsamen Besuch zu beruhigen, teils um selbst einen Ort der Ruhe und Erholung zu suchen. Er fand die Odaliske wach und ganz verändert. Der Schreck und die Furcht waren von ihrem Antlitz verschwunden, und mit dem Gefühl der Sicherheit hatten sich auch Leichtsinn und Gefallsucht wieder eingestellt, denn das Leben des Harems hatte bereits unwiederbringlich die Seele des einst so einfachen und armen Mädchens umstrickt. Der Grieche setzte sich neben sie und begann ein Gespräch mit ihr. Ihre Naivität, die kein Gefühl der Zurückhaltung und Scham kannte, ohne doch niedrig und gemein zu sein überraschte ihn ... Nausikaa zählte jetzt achtzehn Jahre: ein Alter, in welchem bei den Frauen des Orients die üppigste Blüte der Reize eingetreten ist; ihre Augen und Lippen strahlten Koketterie und Genuß, ihr Busen atmete üppige Sinnlichkeit. Aus dem armen griechischen Mädchen hatten zwei Jahre türkischer Erziehung die vollkommenste Odaliske gemacht, die sich bemühte, jede Erinnerung ihrer Vergangenheit zu unterdrücken ... Vergeblich fragte sie daher Caraiskakis, durch die ersten flehenden Worte des Mädchens, die sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht an die Männer gerichtet, aufmerksam gemacht, nach ihren Eltern; – die Eitelkeit veranlaßte sie, sich für eine Georgierin auszugeben, und da sie sich von Anfang an nur der türkischen Sprache bedient und mit nichts verraten hatte, daß sie das griechische Gespräch der Männer wohl verstanden, war es ihr leicht, ihren neuen Beschützer zu täuschen, indem sie ihm andeutete, daß sie zwar als Christin geboren, jedoch schon vor vielen Jahren als Sklavin nach Stambul gekommen sei und den Islam habe annehmen müssen. Für die Fragen, die der Grieche getan, richtete die Odaliske hundert andere an ihn. Sie hatte genug von dem Leben des Harems gesehen, um zu wissen, daß sie keine Aussicht habe, je wieder das Serail zu betreten, und die Todesfurcht, die sie ausgestanden, ließ auch solchen Wunsch gar nicht aufkommen. Dagegen ging all ihr Sehnen und Denken bereits auf die Mittel, sich auf andere Weise ein Leben voll jener Genüsse, die sie kennen gelernt, mit möglichster Freiheit verbunden, zu verschaffen, und als Caraiskakis ihr die Versicherung gab, daß er sie von Konstantinopel wegführen und für sie sorgen werde, schloß sie scharfsinnig, daß es ihm auch an den Mitteln dazu nicht fehlen könne, und setzte alle Künste der üppigen Koketterie in Bewegung, sein Herz zu erobern und seine Sinne zu bestricken ... Dem Manne, der wochenlang nichts als die gröbste ekle Kost genossen und nur das finstre Antlitz fanatischer Moslems gesehen, – deuchte es wie ein Traum, jetzt hier im wohlgewärmten, mit Teppichen belegten Zimmer zu sitzen und in die glänzenden Augen der schönen Odaliske zu schauen, – so schön, wie er noch nimmer ein Weib gesehen; von ihrer weichen Hand berührt zu werden und den feurigen Wein aus demselben Becher zu schlürfen, den noch eben ihre purpurnen Lippen berührt hatten ... Wo blieb der Gedanke an das Unglück des Vaterlandes, der allein bis jetzt sein Herz erfüllt? – Wo die Erinnerung an Kampf und Sieg vor dem verzehrenden Hauch der Leidenschaft, die sein Inneres so plötzlich, so gewaltig erfaßte? Er erhob sich, – er wollte das Gemach verlassen, um bei den beiden Fanarioten sein Lager zu suchen, – aber er bedachte, daß dies ihre Aufmerksamkeit und ihren Verdacht erregen müsse. Die Odaliske flog nach der Tür und schob den Riegel vor; sie flehte ihn an, sie in dieser Nacht der Gefahr und Angst nicht zu verlassen, und Gregor Caraiskakis, der starre, tugendhafte Patriot, lauschte ihren Worten und blieb. Mit koketter Geschäftigkeit bereitete ihm das Mädchen an einem Ende des Diwans das Lager und führte ihn dahin. Dann häufte sie für das ihre die Kissen und Polster auf der entgegengesetzten Seite. Die beiden Kerzen auf dem Tische löschte ihr Hauch – bald hörte der Grieche nur noch die schweren wogenden Atemzüge seiner Gefährtin. So verging eine Zeit, – trotz der körperlichen Erschlaffung vermochte auch er nicht die Ruhe zu finden. Da faßte eine weiche sammetne Hand die fieberglühende seine, ein üppig runder Arm umschlang ihn, und der süße Atem eines heißen Mundes flüsterte dicht an dem seinen: »Warum verschmäht mein Herr und Retter seine Sklavin? Soll das Herz allein ihm gehören und nicht der Leib? Möge mein Gebieter seine Dienerin nicht verachten!« Und der Todfeind der Moslems ruhte wonnetrunken am Busen der verbannten Odaliske des Großherrn, am Busen der holden Nausikaa, der Tochter Janos Katarchi! ... Auch der zweite der tapferen, der edlen Brüder, die den Heldenkampf begonnen, war der Versuchung erlegen, der eine im Harem zu Skadar, der andere im Favoritenhause zu Stambul! ... Das Seraskiat, von dem Turme überragt, auf dessen Höhe die Feuerwache von Konstantinopel hält, liegt in der Nähe der Suleimania und des alten Serails; unfern davon, tiefer in die Stadt hinein, der Platz, auf dem die alte Janitscharen-Kaserne stand, deren Hof einst die Stätte des blutigen Gemetzels ihrer Vernichtung war. In einem streng nach türkischer Sitte eingerichteten Gemache des Seraskiats waren an diesem Abend die Mitglieder der Kriegspartei im Ministerrat um Mehemed Ali versammelt: Arif-Hikmet-Bei, der Scheik ül Islam des Reichs, Mahmud-Pascha, der bereits abgesetzte Großadmiral, Mehemed-Ruschdi, Hayreddin-Pascha und Safeli-Pascha, der neue Finanzminister. Auf einem Ehrenplatz des Diwans, mitten zwischen den Moslems, saß ein Mann in europäischer Kleidung von mittleren Jahren, dessen langgestrecktes schmales Gesicht, rötlich blondes Haar und wasserblaues, kaltes und beobachtendes Auge den Briten verriet. Es war Master Alison, der orientalische Sekretär der britischen Gesandtschaft in Konstantinopel, durch seine Gewandtheit und Kenntnis der orientalischen Verhältnisse eine der einflußreichsten Personen Konstantinopels. Die Beratung war ziemlich stürmisch und die Stimmung noch erbitterter, als Master Alison, durch seine Dragomans, jene unübertrefflichen britischen Spione und Agenten bei der Pforte, aufs genaueste unterrichtet, die Mitteilung gab, daß der Großherr bereits die Fermans unterzeichnet habe, die auch Ruschdi-Pascha sofort vom Kommando der Garden und Hayreddin vom Amt des Polizeiministers enthoben. Die Seraskier sah sehr wohl ein, daß der nächste Schlag gegen ihn selbst gerichtet sein und daß sein Todfeind Halil damit nicht säumen werde. Von ihm, oder vielmehr durch ihn von der Sultanin Adilé, war daher auch der erste Gedanke des bewaffneten Widerstandes und einer gewaltsamen Demonstration angeregt worden, bei deren Beratung sich Master Alison jedoch jeder Einmischung enthielt. Nur als der wilde Mehemed, von seiner Erbitterung hingerissen, von dem geistlichen Vorstande des Reichs verlangte, daß der Großsultan Abdul-Medschid ab- und Abdul-Aziz, sein Bruder, an seine Stelle gesetzt werden müsse, erklärte der Brite energisch, daß die verbündeten Mächte, denen der schwankende leitbare Charakter des regierenden Padischahs sehr passend war, die Ausführung eines solchen Planes nicht dulden und die Flotten sofort einschreiten würden. Ebenso sprach er sich gegen eine Militär-Revolution aus, die Ruschdi-Pascha vorschlug. Es blieb also nur noch das vom Fanatismus regierte Volk, dessen Demonstration aber um so bedeutender sein mußte. Der Scheik ül Islam erhielt also den Auftrag, seine »Armee« – die Ulemas und Softas, die schon am 10. September von der Kriegspartei zu jener Demonstration benutzt worden, die die ersten Schiffe der Flotte in den Bosporus rief, – wieder in Bewegung zu setzen. Während man noch über die Art und die Zeit des Aufruhrs stritt, erschien einer der vertrauten Tschokadars des Seraskiers, um zu melden, daß ein Grieche dringend Hayreddin-Pascha zu sprechen wünsche. Der Polizeiminister verließ das Gemach, da ein mit verschiedenen Merkmalen bezeichnetes Goldstück, das der Grieche der Botschaft hinzugefügt, ihm zeigte, daß der Fremde einer seiner hauptstädtischen Spione sei ... Hätte Gregor Caraiskakis den Mann gesehen, der jetzt mit dem Polizeiminister sprach, so würde er sicher, trotz der kurzen Berührung, eine jener Personen erkannt haben, die er nach seiner Ankunft im Fanariotenhause getroffen hatte. Der Polizeiminister hatte seine zuverlässigsten Spione unter der griechischen Bevölkerung und war von den Vorgängen und Bewegungen unter derselben stets aufs beste unterrichtet; denn so heldenmütig und todesmutig ein Teil der Griechen die Sache ihres Vaterlandes verfocht, so knechtisch und gesinnungslos zeigte sich ein nicht geringer anderer Teil dieses im allgemeinen doch eben stark degenerierten Volkes. Die Kunde, die er soeben empfing, überraschte ihn jedoch, da sie ganz unerwartet kam und die Verschworenen der Friedenspartei rasch und vorsichtig zu Werke gegangen waren ... »Mashallah,« sagte er, sich ben Bart streichend, »ich habe wichtige Nachrichten für das Ohr meiner Freunde; die Teufel von Anhängern der Moskows sind nicht müßig und wollen uns zuvorkommen. Die Griechen im Fanarioten-Quartier und in Demetri werden auf morgen zusammenberufen und sollen sich auf dem Okmeidan versammeln. Ihre Zahl ist groß, und wir wissen nicht, was sie vorhaben.« Die Nachricht war von Wichtigkeit. Dem Scharfsinn des Briten und der bedächtigen Schlauheit der Orientalen konnte es nicht verborgen bleiben, daß die Bewegung der griechischen Bevölkerung bestimmt war, die Maßregeln der Friedenspartei zu unterstützen, und daß eine offene Demonstration zugunsten Rußlands in der Hauptstadt bei den schlimmen Nachrichten, die täglich aus den rumelischen Provinzen über die Stimmung der Bevölkerung eingingen, die Geneigtheit des Großherrn zum Friedensschluß verstärken mußte ... »Ich sehe keine Gefahr,« sagte der englische Sekretär, sich zum erstenmal in die Beratung einmischend, »wenn rasch gehandelt wird. Was auch der Diwan morgen beschließen möge, die Sitzung des Ministerkonseils wird allein die Entscheidung geben. Man möge dieselbe nicht im Palast von Tschiragan oder in der Pforte halten, sondern im Seraskiat. Ich kenne Seine Hoheit den Seraskier zu gut, um nicht zu wissen, daß hier die Entscheidung nach seinen Wünschen ausfallen wird.« – Der funkelnde Blick des Kriegsministers gab ihm die Versicherung ... »Unserm Freunde Hayreddin-Pascha wird es leicht sein, die Griechen einzuschüchtern und ihre Aufmerksamkeit nach einer andern Richtung zu leiten. Er wird nicht ohne Freunde sein unter der griechischen Bevölkerung.« – Hayreddin machte das Zeichen der Zustimmung ... »Wenn man die griechische Bewegung auf das Ufer jenseits des Goldenen Horns beschränkt, werden die Moslems die Herren in Stambul bleiben. Es liegen vier unserer Kriegsschiffe vor der Stadt; die Gesandten werden noch einige andere von Beykos kommen lassen. Das Geschwader wird stark genug sein, um nötigenfalls die Auflehnung nach jeder Richtung hin in Schranken zu halten.« Die türkischen Minister schauten einander an; sie begriffen sehr wohl, was der Brite mit dem Ausdruck »nach jeder Richtung« meinte. – »Allah sende ihnen Unglück!« meinte der Polizeiminister; »ich habe Nachricht erhalten, wo meine Leute zwei von ihnen finden können; wir werden nicht säumen, solange der Kopf auf unsern Schultern sitzt. Auf meine Gefahr komme es!« Der Engländer entfernte sich hierauf. Eine Stunde später schieden auch die andern Mitglieder, und Hayreddin-Pascha kehrte in seine Behausung unfern der Hohen Pforte zurück. Dort erteilte er einige Befehle. Dann verließ er, in einen weiten kurdischen Mantel gehüllt und nur von einem neben seinem Pferde hergehenden Diener begleitet, aufs neue das Haus. Sein Weg führte zur Moschee der Sultana Walide, der nächsten an der Brücke von Galata. Hinter derselben, nach dem großen Bazar zu, findet sich ein freier, mit Platanen besetzter Platz, an dessen Zugang der türkische Minister vom Pferde stieg, das er der Obhut seines Dieners anvertraute. Als vorsichtiger Mann überzeugte er sich, daß der Griff zweier Pistolen unter dem Mantel zur Hand war; die Kapuze über den Kopf ziehend, betrat er den Platz und schritt auf die Terrasse der Moschee zu. Auf den oberen Stufen des Rundganges, im Schatten der hohen Mauern, fand er zwei Personen, die auf ihn warteten: den Khawaß-Aga, den er mit einem Auftrage aus dem Seraskiat abgesandt, und einen fremden Mann, den der Leser als Kahvedschi aus dem Malthesergäßchen in Galata wiedererkannt haben würde, in dessen Hause Fuad-Effendi vor etwa zwei Monaten den ungarischen General aufgesucht hatte. Der Pascha flüsterte seinem Untergebenen einen Befehl zu, worauf dieser, die Hand am Säbel, in einige Entfernung zurücktrat, so daß er das Gespräch nicht hören konnte. Dann ließ sich der Pascha auf der Balustrade des Aufgangs nieder und winkte dem Mann, heranzutreten ... »Du bist Demetrio, der Kahvedschi aus der Malthesergasse?« fragte er. – »Wie Euer Exzellenz befehlen.« – »Vor drei Tagen sind in deinem Hause zwei Matrosen von den Schiffen der Ungläubigen ermordet worden?« – »Bei der Seele meines Vaters!« schwor der Grieche, »Ihr seid falsch berichtet, Effendi. Ich weiß von keiner solchen Tat.« – »Willst du mir in den Bart speien, ungläubiger Hund?« zürnte der Pascha; »ich kenne dich und dein Haus; es ist das berüchtigtste von ganz Stambul, und meiner Nachsicht hast du es zu danken, daß die Mordgrube geduldet wird. Aber tue deine Augen auf, Mann, und höre, was ich dir zu sagen habe. Die Inglis sind eine Nation, die nicht mit sich spielen lassen, und bei der ersten neuen Klage werde ich dir den Kopf vor die Füße legen.« – »Ihr seid der Herr, was kann ich tun?« winselte der Grieche. »Es gibt viele schlimme Häuser diesseits des Horns, und es fehlt nicht an Räubern und Mördern in Konstantinopel. Wie soll ich verhindern, daß ein Franke beraubt oder erschlagen wird?« – »Bosch! was geht's mich an? In deinem Hause sind die Matrosen ermordet worden, ich habe den Beweis und schicke dich vor den Kadi, wenn du nicht tust, was ich dir befehle.« Der Grieche spitzte die Ohren ... »Ich küsse den Staub Eurer Exzellenz. Ich bin der Sklave Ihres Wortes.« – »Wieviel Männer zählst du in diesem Augenblicke zu deiner Bande?« – »Euer Exzellenz sind im Irrtum ...« – »Schurke, antworte!« – »Wenn Euer Exzellenz es nicht anders wollen,« sagte entschlossen der Mann, »es sind sechsundzwanzig,« – »Und wieviel vermagst du bis morgen abend zusammenzubringen?« – »Mindestens zweihundert.« – »Das genügt, – Es wird morgen eine Versammlung von Griechen auf dem Okmeidan stattfinden.« – »Ich habe davon gehört.« – »Wohl! laß deine Freunde sich nicht in die Sache mischen und ihre Hand fern davon halten. Ich habe andere Arbeit für dich und deine Freunde.« – »Exzellenz, wir werden gehorchen.« – »Du weißt in der Manariotenstadt Bescheid.« – »Ich bin dort geboren.« – »Du wirst Sorge tragen, daß morgen abend um die zweite Stunde eine Feuersbrunst in dem Quartier entsteht ... Kennst du das Haus des Fanarioten Geurgios?« – »Ja, Effendi.« – »Gut. Wenn der Lärm am größten ist, wirst du mit einigen Gefährten in das Haus dringen. In dem oberen Gemach nach der Wasserseite sollen sich zwei Personen verborgen halten. Es wird gut sein für dich, wenn ich nicht mehr von ihnen höre.« – »Es soll geschehen, wie Ihr befohlen, Effendi.« – »Inshallah, ich habe nichts dawider, wenn ihr auch einige Häuser dieser Schurken von Fanarioten plündert, aber es muß ein Ende haben. Du verstehst mich!« – Der Kaffeewirt lacht ... »Lassen Eure Exzellenz uns machen. Gibt es nichts für uns zu tun in den Quartieren jenseit des Horns?« – »Unter den Schweinen seid ihr Griechen die klügsten. Ich erlaube euch, in Demetri und Kassim-Pascha ein paar Häuser zu plündern; aber, bei meinem Bart, ich lasse deine Eingeweide den Hunden vorwerfen, wenn ihr mehr tut als das und einen Brand in den Frankenstädten macht. Die Dschaurs dürfen nicht beleidigt werden.« – Der Kahvedschi verbeugte sich ... »Es ist ein böses Stück Arbeit,« sagte er, »was Ihr mir auftragt. Wer bezahlt uns dafür?« – »Sohn eines Hundes, was erfrechst du dich?« schnaubte der Pascha. »Ist es nicht genug, daß ich dein Leben schone, da ich in jedem Augenblick deinen Kopf zwischen deine Beine stellen lassen kann?« – »Exzellenz mögen ein mächtiger Mann sein,« sagte der Grieche demütig, »aber meine Gefährten sind nur mit Gold zu leiten.« – »Du wirst hundert Ghazis erhalten übermorgen auf dieser Stelle und zu dieser Stunde, wenn du deinen Auftrag gut erfüllt hast. So wahr ich ein Muselmann bin. Geh'!« – Der Grieche, zugleich Bandit und Räuber, unbedingt dem Worte des Moslems vertrauend, entfernte sich. Um 11 Uhr vormittags am nächsten Tage begann Die Diwansitzung im Palast der Hohen Pforte, in der beide Parteien zum letzten Kampf gerüstet schienen. Bereits am Morgen war dem Seraskier die Absetzung Mehemed Ruschdis vom Kommando der Garden und der Befehl zugegangen, seinen Nachfolger einzuführen: Mehemed Ali verzögerte jedoch unter dem Vorwande überhäufter Geschäfte die Ausführung der Order. Für Hayreddin-Pascha war unglücklicherweise der abwesende Arif-Pascha zum Nachfolger ernannt, so daß er bis zum Eintreffen desselben sein Amt behalten mußte. Bereits bei Beginn des Diwans begannen die Griechen des Fanarioten-Quartiers und der Vorstädte St. Demetri Ejub, nach den ausgegebenen Orders, auf dem Okmeidan, dem Pfeilplatz, auf der Frankenseite des Horns, in Gruppen sich zu versammeln. Es war jetzt unter ihnen kein Geheimnis mehr, daß nach dem Siege im Rat ein großer Zug zum Palast des Sultans stattfinden sollte, um von ihm die Ausführung des Diwanbeschlusses und den Frieden mit Rußland zu verlangen. Die Masse der Bittsteller soll dieser Demonstration ein drohendes Gewicht geben. Im Diwan wurde die Beratung stürmisch. Da Redschid-Pascha die bestimmtesten Weisungen erhalten hatte, konnte er nicht anders, als sich der Partei des Großwessirs und Chosrews anschließen und für den Frieden reden, und da das Gold und die Versprechungen Halils ihre Wirkung taten, ergab sich für die Einleitung der Friedensverhandlungen auf Grund der Note der vier Großmächte eine bedeutende Majorität. Nur die Ulemas mit dem Scheik ül Islam an ihrer Spitze und die persönlichen Freunde und Vertrauten des Kriegsministers stimmten dagegen und verließen sofort mit all ihren Anhängern den Diwan, um sich nach der Aja-Sophia zu begeben. Dies war nachmittags fünf Uhr. Eine Menge Volks hatte sich um den Palast der Hohen Pforte versammelt, und wie ein Lauffeuer drang die Kunde durch die weite Stadt. Die ausgestellten Boten brachten die Nachricht nach dem Okmeidan als das Signal zur Demonstration. Ihr Gang war offenbar vorher genau bestimmt. Die Menge, die sich aus den griechischen Quartieren hier versammelt hatte, belief sich auf mehr als zwanzigtausend Menschen und behauptete den Platz und seine Umgebungen trotz des stürmischen Wetters, das bereits den ganzen Tag über getobt hatte. Unter dem Grollen des Donners und dem Leuchten der Blitze, – eine in Konstantinopel in dieser Jahreszeit sehr ungewöhnliche Erscheinung – begann der Zug sich zu ordnen, der noch an demselben Abend seinen Weg nach Tschiragan nehmen und eine Bittschrift an den Sultan übergeben sollte. Da erst verbreitete sich die Nachricht von der Gegendemonstration, die die türkische Bevölkerung auf der andern Seite des Horns in Stambul vorbereitete und erregte schon durch ihre Unbestimmtheit großen Schrecken unter den Griechen. Der Scheik ül Islam mit dem Kriegsminister und seinen Anhängern hatten sich, wie bereits erwähnt, in die Aja-Sophia begeben. In gleicher Zeit versammelten sich die Softas, die Studenten der türkischen Theologie und Rechtswissenschaft, deren Zahl in Konstantinopel über dreitausend beträgt, in der Moschee des Sultans Achmed am Hippodrom. Einen dritten, noch gefährlicheren Herd der Bewegung bildete die Mahmudje, wie die Moschee Sultan Mahmuds II., des Eroberers von Konstantinopel, heißt. Sie steht in der Nähe des Fanarioten-Quartiers, auf der Stelle, wo einst die Kirche der heiligen Apostel, einer der schönsten Tempel des christlichen Byzanz, prangte. In ihren Totengrüften ruhten von Konstantin an die Gebeine der meisten morgenländischen Kaiser in kostbaren Sarkophagen, bis die Lateiner unter Balduin und Dandolo sie der heiligen Stätte entrissen. Diese Moschee mit ihren Säulengängen und Vorhöfen ist die Hochschule der Softas und hat für diese in ihren Anbauten über 360 Zellen. Von hier aus war die Masse zwar zur Moschee des Sultans Achmed gezogen, dagegen eine Anzahl vertrauter Schüler zurückgeblieben, um die sich versammelnde Bevölkerung der inneren Stadtteile zu bearbeiten und mit der erregten Masse die griechischen Quartiere zu bedrohen. Die drei Sammelpunkte des Aufruhrs standen durch Boten fortwährend in Verbindung. Die Masse in der Mahmudje und auf dem Atmeidan oder Hippodrom schwoll fortwährend. Dieser Platz des Kaisers Severus, einst die Schaubühne der Rennen und Spiele, durch berühmte Kunstwerke geschmückt, ist jetzt eine elende Stätte von kaum noch 250 Schritten Länge und 150 Breite, während er im Altertum wohl viermal so groß war. Aber welche Taten und Geschicke hat dieser Platz gesehen! welche Ströme von Blut hat er getrunken! Alle Revolutionen des alten und neuen Byzanz sind von ihm ausgegangen. Und auch heute öffneten sich seine Pforten, und von den Treppen und Terrassen hielten die Softas feurige Reden. Überall unter der Menge tauchte zugleich der Turban der Janitscharen auf, das grüne Band, ihr gefürchtetes Wahrzeichen, flatterte, vom Sturm gepeitscht, über den Köpfen der Menge. Der Ruf nach Krieg mit den Dschaurs, nach Entfaltung der Fahne von Mekka, nach Absetzung des Sultans, scholl aus hundert Kehlen, und die Menge heulte es nach, und der Name Abdul-Aziz, als des neuen Padischahs, klang schon, trotz der Beteuerungen der Minister gegen Master Alison, tausendfach in die drohende Gewitternacht. – Vor Tophana lagen zwei Schiffe der vereinigten Flotten, die »Queen« von 120 Kanonen und der Zweidecker »London«, ihre gähnenden Breitseiten gegen die Stadt gerichtet. In den Docks von Thersana lag, außer einer preußischen Korvette, die durch einen unglücklichen Zusammenstoß im Bosporus beschädigt worden, die englische Fregatte »Tiger« zur Reparatur. Sie war bei der Einfahrt ins Marmormeer auf einen verborgenen Fels gestoßen und hatte ein starkes Leck erhalten. Eine Menge Offiziere und Matrosen des bei Beykos und Bujukdere ankernden Geschwaders befanden sich außerdem auf Urlaub in Konstantinopel. Am Vormittage hatte die Fregatte »Tiger« zwei Boote nach dem Ufer der Fanariotenstadt gesandt, um aus einem der dort befindlichen griechischen Magazine Schiffsvorräte in Empfang zu nehmen. Während Deckmeister Adams mit den Matrosen die Gegenstände abnahm und verlud, trieben sich die beiden, den Booten beigegebenen Midshipmen, Frank Maubridge und Gosset, in der Umgebung der Magazine umher oder streiften neugierig durch die Gassen. Frank, ein hochaufgeschossener Bursche, der, obschon erst 17 Jahre, doch bereits durch das Seeleben ein männliches Aussehen hatte, zog in der Nähe des Wassers umher durch die engen Straßen und kleinen bis ans Horn laufenden Höfe. Es war Mittagszeit und der Stadtteil bereits öde und verlassen, denn alle, die nicht Geschäfte zurückhielten, zogen sich nach dem Okmeidan, und die Kaïks kreuzten mit Zuströmenden fortwährend über die Meeresfläche. Ein griechisches Haus, größer als die anderen und nahe dem Wasser, war dem jungen Manne schon am Morgen aufgefallen, Tür und Jalousien waren verschlossen; aber als er aufmerksam umherspähte, um womöglich etwas von den interessanten Geheimnissen der Frauengemächer zu erlauschen, öffnete sich wirklich eine der Jalousien, und ein junges Weib in reicher Tracht von wunderbarer und verführerischer Schönheit schaute heraus, – Nausikaa, die Odaliske. Während sie am Morgen noch im träumenden Schlummer auf den Kissen ruhte, hatte Gregor Caraiskakis betäubt, unzufrieden mit sich selbst und dennoch von Glück und Liebe berauscht, das Gemach verlassen und seinen Wirt aufgesucht, der zwar in der Nacht zurückgekehrt war, aber von den Anstrengungen des Abends noch stark ermüdet war und schlief. Als derselbe endlich erwachte, gab er Gregor Nachricht vom Baron, der ihn eiligst zu sprechen wünschte. Der Wirt warf Gregor einen weiten Armeniermantel über und führte ihn in dieser Verkleidung zu dem geheimen Agenten, der sich über das Wiedersehen aufrichtig freute. Er war bereits durch Geurgios über die Ereignisse bei der Flucht des Griechen von der türkischen Fregatte unterrichtet, und seine Kombination hatte ihm gezeigt, daß die Fremde die durch den Zorn des Sultans aus dem Harem entfernte Odaliske sein müsse, wenn er auch das Rätsel nicht lösen konnte, wie die Stummen des Kislar-Aga dazu gekommen waren, die offenbar dem Tode Geweihte dem fremden Boote zu übergeben. Es war jedoch keine Zeit, sich jetzt mit der Lösung dieser Frage zu beschäftigen, und da es ihm wichtig schien, das Mädchen selbst zu sprechen, um von ihr vielleicht über die Anschläge der Sultana weitere Auskunft zu erhalten, wurde beschlossen, daß sie vorläufig noch in dem Hause des Fanarioten verborgen bleiben, und daß erst später über ihr weiteres Schicksal entschieden werden solle. Während also Caraiskakis bei dem Baron blieb, kehrte Geurgios nach dem Fanar zurück und machte seiner schönen Gefangenen die Mitteilung, daß sie um ihrer aller Sicherheit willen an ihrem jetzigen Zufluchtsorte verborgen bleiben müsse. Er versorgte sie mit allen Bedürfnissen reichlich und schloß sie dann aufs neue ein. Dem leichtsinnigen, eitlen Mädchen, das die Todesangst des vorigen Abends längst verwunden, war die Gefangenschaft und Einsamkeit wenig willkommen, und je länger sie dauerte, um so drückender wurde sie ihr. Geurgios hatte ihr beim Fortgehen noch gesagt, daß ihr neuer Beschützer vor dem späten Abend nicht zurückkehren werde, und die Langeweile und das Bedürfnis der Zerstreuung trieb sie daher an die Jalousien, die nach dem Horn und nach einer einsamen, von Mauern gebildeten Gasse zeigten. Hier hatte sie schon am Vormittag die umherstreifenden englischen Midshipmen bemerkt, und als sie am Mittag aufs neue Frank gewahrte, konnte sie die Eitelkeit und Lust der Intrigue nicht unterdrücken und zeigte sich ihm an den geöffneten Jalousien ... Entzückt von so viel Reizen, blieb der junge Mann stehen ... »Schöne Dame,« sagte er galant und mit allem Aufwand orientalischer Poesie, dessen er fähig war, »der Strahl der Sonne ist nichts im Vergleich mit deinen glänzenden Augen; deine Lippen sind wie aufgeblühte Rosen und ich bringe dir meine Huldigung.« – Das Mädchen lachte, obschon sie von der unsinnigen Begrüßung nichts verstanden hatte, machte ihm durch Zeichen deutlich, daß sie von seinem Englisch nichts begriffe, und fragte in der lingua franca, ob er diese oder Griechisch verstehe. Wenn auch weniger geschickt und manierlich als in seiner Muttersprache, wiederholte nun der wackere Frank sein Kompliment in dem Mischmasch von Sprache, das im Orient diesen Namen führt. »Wer bist du?« fragte die Odaliske. – »Der Teufel soll den »Tiger« holen, das alte Rattennest!« sagte Frank wohlgefällig, »wenn ich nicht einer seiner Offiziere bin. Jedenfalls aber, schöne Dame, bin ich britischer Gentleman.« – »Bist du reich?« lautete die weitere Frage. – Der Midshipman fand sich durch den Zweifel gekränkt, und um den britischen Ruf zu wahren, griff er in die Tasche und konnte, da die Güte seines Bruders ihn noch am Tage vorher reichlich versehen, eine stattliche Handvoll Sovereigns und Kronenstücke der Schönen produzieren. – »Wenn du ein Franke bist und reich und ein Offizier,« sagte mit einem überaus zärtlichen Blick die Kokette, »so möchte ich wohl mit dir entfliehen. Du würdest mich beschützen, nicht wahr?« – »Potz Haifisch,« murmelte der junge Mann, »das geht ja rasch hierzulande. Wer bist du denn eigentlich, schöne Dame?« fragte er. – »Ich heiße Nausikaa und bin Odaliske des Großherrn,« erzählte die leichtsinnige Schöne. »Aber ich bin hier Gefangene, und wer weiß, welches Leid mir noch geschieht. Wenn du mich retten willst, so werde ich dein Glück machen. Du gefällst mir, und ich habe immer gehört, daß die Inglis alles in diesem Lande tun dürfen, was die Türken nicht wagen.« Eine Odaliske des Großherrn! – Der Gedanke verwirrte vollends das ohnehin von abenteuerlichen Bildern und Unfug strotzende Gehirn des Mids, und er beschloß auf alle Gefahr hin, den Ritter bei der Schönen zu spielen ... – »Wenn du mich lieben kannst, reizende Sultana,« sagte er emphatisch, »so soll ich gekielholt werden, wenn ich nicht Blut und Leben für deine Befreiung dransetze. Sage mir nur, wie es zu machen ist, denn der Teufel soll mich holen, wenn ich es weiß.« – Nausikaa, die an der Bekanntschaft großen Gefallen fand, und ihrer Reize gewiß, über ihre Zukunft wenig Besorgnis hegte, war mit den Vorschlägen gleich bei der Hand ... »Kannst du des Abends, im Dunkel um die dritte Stunde, wieder unter meinem Fenster sein, schöner Offizier?« Der Midshipman schnitt ein Gesicht; er wußte nur zu gut, daß es auf rechtem Wege nicht möglich war, aber die Benennung »schöner Offizier« war zu unwiderstehlich, und da ein Mid selten um eine Lüge oder um eine Prahlerei verlegen ist, bejahte er dreist die Frage und verständigte sich dann mit der Schönen über den Unterschied der Schiffsglocken und der griechischen Zeitrechnung. – »Ich werde an diesem Fenster ein Tuch aushängen, wenn ich allein bin. Dann gib mir ein Zeichen, indem du dreimal in die Hände klatschest, und ich werde die Jalousien öffnen. Hast du ein Mittel, mir herauszuhelfen?« – »Zum Henker,« sagte Frank, »wofür gäbe es denn Strickleitern in der Welt?« – »Gut. Geh jetzt, damit wir nicht Verdacht erregen. Lebe wohl, schöner Franke, ich zähle auf dich!« – »Gott verdamm' meine Augen!« schwor der würdige Midshipmen auf englisch, indem er die Hand beteuernd aufs Herz legte – »heute abend bin ich zur Stelle und entführe Euch, schöne Miß!« »Den Teufel werdet Ihr tun!« sagte eine grobe Stimme neben ihm. »Mids Schwüre sind keinen Penny wert, und Ihr tätet besser, Master Frank, Ihr machtet Euch zu den Booten, um die Rechnung abzuschließen, statt hier dem ungläubigen Weibsvolk nachspüren.« Mit einem leichten Schrei flog die schöne Odaliske vom Fenster und schlug die Jalousien zu, Master Frank aber wandte sich ärgerlich zu dem alten Adams, der in aller Seelenruhe eines britischen Matrosen vor ihm stand und mit dem einen Auge ihn, mit dem anderen das Fenster anschaute, in welchem das schöne Mädchen verschwunden war. »Die Haifische sollen meinen Leichnam bekommen,« sagte der würdige Deckmeister, »wenn ich nicht geglaubt habe, Ihr würdet meiner Erziehung mehr Ehre machen, als der Baronet, Euer Bruder, aber ich seh', aus Eurem Geschlecht ist einer so toll wie der andere. Der Unterrock ist eine böse Flagge, Master Frank, und vollends in diesem Lande, wie ich mir habe sagen lassen.« – »Laß mich zufrieden mit deinen Predigten, altes Seeungetüm,« erwiderte ärgerlich der Midshipman, indem er bemüht war, den unwillkommenen Aufpasser von dem Platze fort zu manövrieren. »Was zum Henker, bringt dich in mein Kielwasser?« – »Es tut mir leid,« meinte der Ältere, indem er seinen Zögling durch die Gassen und Gäßchen, auf die er ein scharfes Auge gerichtet hielt, zu dem Magazin zurückgeleitete, »daß Ihr diesmal mein vorgesetzter Offizier seid. Als solchem hab' ich Euch zu rapportieren, daß die Ladung vollständig ist, und daß Meister Gosset nur auf Euch wartet, um dem Kaufmann zu quittieren und abzustoßen. Der junge Halunke wollte Euch selbst aufsuchen, aber dann hätten wir wahrscheinlich das Nachschauen nach zweien gehabt.« Frank antwortete nicht auf die höflichen Redensarten des Deckmeisters, um die er sich herzlich wenig kümmerte, und brütete über andere Dinge. So kamen sie zum Magazin, wo Gosset den Kameraden mit einigen solennen Verwünschungen über sein langes Ausbleiben empfing, wegen dessen sie wahrscheinlich des warmen Mittagessens an Bord verlustig gehen würden. Nachdem die Rechnungen des Kaufmanns unterschrieben waren, begab sich die Gesellschaft in die Boote, und zum Ärger des argwöhnischen alten Matrosen wußte Frank es einzurichten, daß er mit seinem Kameraden im zweiten Boote saß. Der Verdacht des würdigen Deckmeisters steigerte sich noch, als er sah, wie die beiden jungen Herren eifrig die Köpfe zusammensteckten. Er witterte Unheil, wie eine Möwe den Sturm, sah sich aber außer stande, es zu verhindern. Das nächste und wichtigste für die beiden Mids, die sogleich eines Sinnes waren, mußte natürlich sein, wie sie von dem Schiffe fortkommen sollten; und Frank übernahm es, sich damit zu befassen, während Gosset versprach, ein paar Schiffspistolen und Munition beiseite zu schmuggeln. Beide wußten recht gut, daß die scharfen Augen des alten Deckmeisters auf sie gerichtet waren und daß sie vor allen Dingen ihn täuschen mußten, damit er ihnen nicht einen Querstrich durch die Rechnung mache. Sie ließen deshalb näher zum andern Boot hinanlegen und begannen eine gleichgültige Unterhaltung, bis sie an den Docks des Arsenals landeten, an deren äußerm Eingang die Fregatte bereits ausgebessert lag. Während der erste Leutnant die Rechnungen abnahm und der Deckmeister die Ladung an Bord brachte, gelang es Frank, der auf der Lauer lag, an den Kapitän zu kommen, der als alter Seewolf es verschmäht hatte, auf dem Lande sein Quartier zu nehmen. Der Midshipman brachte bescheiden sein Gesuch vor um Urlaub für sich und Gosset für den Abend und die Nacht unter dem Vorwande, daß sein Bruder, der Baronet, sie in das Hotel d'Angleterre zu sich eingeladen habe; und da der Kapitän zufällig wußte, daß Frank einige Zeilen von seinem Bruder erhalten hatte, gab er dem ersten Leutnant Anweisung, sie zu beurlauben. Die beiden Mids ließen sich von einem Kaïschki nach Galata hinüber fahren und schlugen dort in einem Kaffeehause ihr Quartier auf. Sie bemerkten wohl, daß eine große Bewegung und Unruhe unter der Bevölkerung herrschte, kümmerten sich aber herzlich wenig darum, sondern berieten, wie sie die Affäre, die sie vorhatten, am besten in die Wege leiteten. Da Master Frank von den Affären seines Bruders, des Baronets, in Smyrna hatte munkeln hören, meinte er, sich am besten danach zu richten, wie es dieser gemacht hatte; und so meinte er, es sei das notwendigste, zuerst eine abgelegene Wohnung in irgend einem fernen Quartier zu suchen, wohin man die Schöne abends bringen könne, um dann dort zusammen mit ihr den weiteren Fluchtplan zu beraten. Inzwischen machten es sich die abenteuerlustigen Midshipmen in einem oberen Gemach des Kaffeehauses bequem. Dort müssen wir sie einige Augenblicke verlassen, um uns wieder nach den politischen Ereignissen des Tages umzusehen. Als Caraiskakis in der Wohnung des Barons beschäftigt war, erschien ein türkischer Soldat, der diesen sprechen wollte, und zwar derselbe, dem Gregor hauptsächlich seine Befreiung durch den Baron zu danken hatte. Der junge Grieche war sehr erfreut, den früheren Gefangenen hier wiederzufinden, zumal er sich, einen Mannschaftsurlaub benutzend, bei dem Baron nach ihm erkundigen wollte. Er erzählte Caraiskakis, daß am Vormittag der Engländer wieder an Bord gekommen und sehr erstaunt gewesen sei, ihn nicht mehr dort zu finden. Dabei kam es nun heraus, daß er auf einen Gegendienst von seiten Gregors hoffte: er beabsichtigte nämlich zu desertieren, da ihm der Dienst, zu welchem er gepreßt worden, täglich unerträglicher wurde. Mit Erstaunen über die seltsame Fügung des Schicksals entnahm nun Caraiskakis aus der Erzählung des armen Soldaten, daß er kein anderer war als Vaso, der erwählte Eidam seines treuen Freundes und Schützers Janos, der Bräutigam Nausikaas, der durch den Musselim von Tschardak unter die Redifs gesteckt und später zum Schiffssoldaten gepreßt worden war. Weinend umfaßte der junge Mann seine Knie, als er hörte, daß der Mann, dem er in seiner Gefangenschaft freundliches Wohlwollen bewiesen, ein Freund seines Schwiegervaters sei und sein Unglück bereits kannte. Gregor, dessen Teilnahme durch diese Entdeckung natürlich verdoppelt wurde, versprach dem Soldaten, ihm auf alle Weise zu seiner Flucht behilflich zu sein. Da er es für das beste hielt, ihm nichts von dem Geschehenen zu verschweigen, enthüllte er dem Unglücklichen nach und nach auf seine stürmischen Fragen das ganze Unheil, das die Familie seit der Zeit ihrer gewaltsamen Trennung betroffen hatte. Die Augen des jungen Anatoliens funkelten vor Schmerz und Rachedurst, als er vernahm, daß seine Braut mit Gewalt hingereisten und ihr Geschick unbekannt war, daß Janos ihre und seine Schmach blutig an dem Musselim gerächt und eben so blutig geendet hatte, und ein gewisser Stolz kam ihm bei seinem Leide zur Hilfe in dem Gedanken, daß der berühmte Räuber, von dem er so viel gehört, ohne zu wissen, daß er ihm so nahe stand, der Mann war, der ihn zum Eidam gewählt hatte ... Caraiskakis suchte den jungen Landsmann zu beruhigen und versprach ihm, bei ihm bleiben und ihn in einigen Tagen auf dem Wege nach Norden begleiten zu wollen. Als der Baron zurückkehrte, wurden rasch einige andere Kleider für den Burschen herbeigeschafft, und da bereits Nachricht eingegangen war, daß die Griechen sich auf dem Okmeidan versammelten, begaben sich alle drei dorthin ... Davon, daß die schöne Odaliske, in deren Armen er die Nacht geruht hatte, die geraubte Braut seines neuen Schützlings, die Tochter Janis war, von der jede Spur verloren gegangen schien, davon hatte Gregor Caraiskakis keine Ahnung ... Nehmen wir die Erzählung bei dem Zuge vom Okmeidan wieder auf. Es war jetzt abends um die achte Stunde, und die Nacht zu dieser Jahreszeit bereits eingetreten. Die Blitze zuckten am Horizont, und der ferne Donner grollte über die Marmara, der heftige, sturmartige Wind aber jagte die Wellen ins Horn und peitschte die Fahnen des langen Zuges, welcher vom Pfeilplatz aus sich durch Cassim-Pascha und hinter den großen Begräbnisplätzen fort nach der Straße wenden sollte, die am Ufer von Tschiragan hinunterführt. Die Natur selbst schien sich gegen die Demonstration der Griechen verschworen zu haben, und von verschiedenen Seiten war bereits der Vorschlag gemacht worden, den Zug auf den andern Morgen zu verschieben. Indessen sollten alle Bemühungen nach dieser Richtung hin fruchtlos sein. Aber als die Spitze der Kolonne bis zur Höhe von Cassini-Pascha in der Nähe der Artillerie-Kaserne, von wo ein freier Blick durch die Berghänge sich nach dem gegenüberliegenden Stambul öffnet, emporgestiegen war, brach auf einmal ein wilder Schrei des Schreckens aus hundert Kehlen und verbreitete sich durch die lang dahin gedehnte Volksmasse. Vom Feuerturm des Seraskiats erglänzte nämlich das rote, eine Feuersbrunst verkündende Licht, und deutlich konnte man von der Höhe des Berges schauen, wie in dem Griechen-Quartier, in der Nähe der Karagumruk-Moschee, deren schlanke Minarets deutlich im Flammenschein sichtbar waren, eine Feuerlohe in die Höhe stieg. Alsbald loderte eine zweite Feuersbrunst am Tore von Edrene in den finstern Nachthimmel empor, und das eilig heraufziehende Gewitter tobte mit langen Blitzstrahlen dazwischen. Die Verwirrung, der Schrecken war unbeschreiblich. An und für sich sind die Orientalen gegen die großartigen Kraftäußerungen der Natur, wie sehr sie auch daran gewöhnt sein sollten, höchst empfindlich. Der Glaube aber, daß ihre ewigen Feinde, die Moslems, die Gelegenheit der Abwesenheit so vieler Männer benutzen und, vom Fanatismus entflammt, mit Feuer und Handjar in ihre Quartiere einbrechen würden, verdoppelte diese Schrecknisse für die Griechen. Im Nu war der ganze Zug aufgelöst, die Fahnen und Laternen wurden fortgeworfen, und die ganze, noch immer mehrere Tausende betragende Menschenmasse stürzte sich in die engen Gassen, die hinunter zum Horn oder in die diesseitigen Griechen-Quartiere führen, schreiend, zeternd – in unbeschreiblicher Verwirrung, Kinder und Frauen zu Boden tretend – ein alles vor sich niederwerfender Sturm. – Auch auf dem Horn war die Verwirrung schrecklich. Boote rannten aufeinander und wurden umgeschlagen, Menschen stürzten ins Wasser und plätscherten umher, einen Gegenstand zu erfassen, an dem sie sich retten konnten, – Geschrei, Verwünschungen, Zorn und Schrecken überall ... Die Führer der Friedenspartei hatten bei der plötzlichen Auflösung des Zuges den Kopf verloren. Nur wenige, darunter Caraiskakis und Geurgios, fanden sich zusammen und eilten zu dem geheimen Leiter des Ganzen, der sich natürlich von der offenen Teilnahme an dem Zuge ferngehalten hatte. Der kühne und umsichtige Geist des Barons hatte im Augenblick auch schon nach Mitteln gesucht, die so unerwartete Niederlage der versuchten Demonstration wenigstens noch in irgend einer Weise für seine Zwecke auszubeuten, und meinte sie darin finden zu sollen, daß er die Griechen zu einem offenen Widerstand mit den Waffen in der Hand ermunterte. Die Nachricht von einem Kampfe zwischen der christlichen und türkischen Bevölkerung der Hauptstadt mußte im ganzen Lande widerhallen und konnte zu allgemeinem Aufruhr führen: eine Sache, die von den russischen Agenten mit allen Mitteln angebahnt wurde. Dem Baron mit seinen Begleitern gelang es, am Ufer von Galata die Barke eines Kauffahrers zu finden. Sie warfen sich selbst mit an die Ruder, und das Boot flog durch die dunkeln schäumenden Wellen nach der Fanariotenstadt. Als sie durch die zweite Brücke fuhren, kamen sie in das Gewühl der noch immer zum andern Ufern strömenden Menge. Mit Gewalt brachen sie sich Bahn durch die Kaïks, und das Boot, von Geurgios' Hand gelenkt, schoß in den Bootsschuppen seines Hauses. Geschrei, Angstgekreisch der Frauen, das Mordio der wilden Banden von Mördern und Mordbrennern, die durch die Straßen tobten, durchheulte die Luft. Gregors Herz schlug hoch erregt, indem er an die Gefahr der Odaliske dachte. Während die Freunde, überzeugt, daß das Haus noch nicht gefährdet sei, sich in die nächsten Gassen warfen und die vorübereilenden Fanarioten zu sammeln suchten, um den Flammen Einhalt zu tun und den Moslems mit den Waffen in der Hand entgegenzutreten, übernahm es Caraiskakis, das Haus zu schützen. Wahrend er im Dunkel vergeblich den Auf- und Eingang suchte, waren der Baron und Geurgios bereits verschwunden. Plötzlich erschreckte ihn das Hilfegeschrei von Frauen und der Ruf von Männern, die gegen die äußere Pforte tobten. Das Haus ward angegriffen, und wenige Augenblicke darauf sah er alles ringsumher im neuen Feuerschein eines nahen Gebäudes erhellt. Endlich hatte er den Eingang zum Hause gefunden, stieß die schwache Tür nieder und stürmte in das Innere; Vaso, der bei ihm zurückgeblieben war, hinter ihm her. Inzwischen hatte Master Frank mit seinem Busenfreunde Gosset verschiedene Tassen Kaffee und Liköre vertilgt und durch einige Pfeifen des duftenden Tabaks von Latakiah den Zustand ihres Gehirns wahrlich nicht klarer gemacht. Immerhin war Frank noch soweit Herr seiner Sinne, und als echter Seemann das Wetter zu prüfen, ehe er sich auf seine ehrenwerte Unternehmung einließ. – »Wir werden eine verteufelt schlechte Fahrt haben,« meinte er, »und unsere Sultanin wird mit einigem Spritzwasser eingeweicht werden. Der Wind stürmt, und überall stehen Gewitter. Man weiß in diesem verteufelten Lande nie, wie man dran ist. Auf, Gosset, du Faulpelz! Wir müssen an Bord unserer Jolle.« – Mit einigen Püffen wurde der Jüngere mobil gemacht. Beide eilten nun ans Ufer, wo sie an der bestimmten Stelle die bestellte Barke in Empfang nahmen. Die beiden Jünglinge, die es für besser hielten, bei solchem Unternehmen keinen Bootsführer ins Vertrauen zu ziehen, arbeiteten sich bald in den freien Strom; die Arbeit und das Spritzwasser ernüchterten sie schnell, so daß sie in bester Beschaffenheit am Ufer der Fanariotenstadt ankamen. Dagegen ward es ihnen nicht leicht, eine passende Landungsstelle und das Haus, worin die Odaliske eingeschlossen war, aufzufinden, und es verging eine geraume Zeit, bis sie die Straße wieder erreichten. Endlich glaubten sie auf der richtigen Spur zu sein, denn an einer der Jalousien peitschte wirklich der Wind ein angeknotetes Tuch. Rasch gab Frank das Zeichen, und die Odaliske, die in der Langweiligkeit des Tages vor Ungeduld und übler Laune bald vergangen war, öffnete die Jalousien und zeigte sich an dem dunklen Fenster. In der Ferne vernahm man bereits den beginnenden Tumult. »Schöne Sultanina, Perle aller orientalischen Frauen,« sagte der Mid in möglichst hochtrabendem Tone, »dein Ritter und Befreier ist mit seinem getreuen Schildknappen zur Stelle. Eine Strickleiter haben wir zwar nicht auftreiben können, aber tritt gütigst ein paar Augenblicke von diesem Fenster zurück, und ich werde sogleich ein Knotenseil hineinwerfen, das du oben festmachst und an dem ich dich in meinen Armen herabtragen werde.« Gosset riß den Mund weit auf, als er diese zierlichen Reden seines Kameraden vernahm, und erhielt jetzt Weisung, den Strick hervorzulangen und dann auf der Straße auf Posten zu bleiben. Mit geschicktem Wurf schleuderte Frank das Ende des Taues, an dem ein Haken befestigt war, in das Fenster, und Nausikaa klammerte es fest, worauf der tapfere Mid mit der Behendigkeit eines Affen an dem Strick emporstieg und sich über die Brüstung ins Zimmer schwang ... »Der Teufel soll unsere besten Stengen holen und der Kapitän alle Tage sämtliche Mids mit echtem Portwein regalieren,« schwor er, »wenn ich Euch in dieser Kajüte sehen kann, so dunkel ist es darin ... Warum steckt Ihr keine Lampe oder kein Licht an, schöne Sultanin, damit ich wenigstens Eure Schönheit bewundern mag?« – Eine weiche Hand erfaßte die seine und drückte sie, worauf der Mid seinem Anspruch auf Männlichkeit nicht anders genügen zu können glaubte, als dadurch, daß er die Odaliske umfaßte und ihr einen herzhaften Kuß auf die Lippen drückte. Diese aber hatte jetzt andere Gedanken als leere Liebeständeleien, und wünschte vor allem, ihrem bisherigen Aufenthalte den Rücken zu kehren. »Hast du nichts vernommen, schöner Franke? – es scheint Tumult in der Stadt, das Feuerzeichen des Seraskiats leuchtet, ich fürchtete schon, du würdest nicht kommen.« – »Bah,« sagte der Midshipman, »was kümmert mich der Brand von ganz Stambul? ein Engländer hält sein Wort. Aber nun laßt uns keine Zeit versäumen, schöne Sultanin, nehmt Eure Sachen und vergeßt die Diamanten nicht, damit wir uns davonmachen können.« – Während die Odaliske, was des Mitnehmens wert und transportabel war, in ein Bündel zusammenband und Frank das Tau im Innern besser befestigte, hörte man plötzlich Lärm in der Straße, und im nächsten Augenblick erschien der Kopf, dann die schmächtige Gestalt des Midshipmans Gosset über der Fensterbrüstung und gleich darauf im Zimmer. – »Pest,« sagte der hoffnungsvolle Jüngling, sich den Angstschweiß von der Stirn wischend, »da draußen scheint der Boden für uns zu heiß zu werden, und ich wollte, alle Odalisken und Sultaninnen des Großherrn lägen auf dem Grunde des Bosporus und wir säßen bei Tee und Schiffszwieback in der Kajüte des »Tiger«. Es ist ein Mordslärm in der Stadt, Frank, Feuerschein ringsum, und eine Menge Leute rennen durch die Gassen, so daß mir nichts anders übrig blieb, als dir zu folgen.« Frank bog sich vorsichtig zum Fenster hinaus und fand die Besorgnis seines Kameraden mehr als bestätigt. Das Licht der nahen Feuersbrunst erhellte die Umgebung des Hauses derart, daß an ein unbemerktes Entwischen aus dem Fenster vorläufig nicht zu denken war; Frank war im Gegenteil froh, daß er das Seil noch unbemerkt ins Fenster ziehen konnte. Auch im Hause wurde es jetzt laut; Personen rannten umher; die Tür wurde zu öffnen versucht, aber durch den Riegel, den die Odaliske vorgeschoben hatte, festgehalten. Den zweiten Ausgang nach Flur und Treppe hatte Geurgios von außen verschlossen. Nausikaa war in Angst und Furcht und ratlos, und auch den beiden Midshipmen war nicht sonderlich wohl zu Mute; sahen sie sich doch, wie man zu sagen pflegt, in einer Mausefalle und konnten von Glück sagen, wenn sie mit nichts Schlimmerem als einer tüchtigen Tracht Schläge davonkamen. Nach kurzer Beratung kamen sie zu dem Resultat, daß es das beste für sie sei, an dem Orte, wo sie sich einmal befanden, die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten; während die Odaliske weinte und klagte, setzten sie ihre Waffen für alle Fälle in Bereitschaft und rekognoszierten durch Fenster und Schlüsselloch. Es war bereits dunkel, als Baronet Edward Maubridge, um Neues über die Bewegungen in Konstantinopel zu hören, sich nach Tershana rudern ließ. Er gelangte eben an Bord des »Tiger«, als der Kapitän mit den anwesenden Offizieren auf dem Hinterdeck der Fregatte stand, um die auf dem andern Ufer in der Fanariotenstadt ausgebrochene erste Feuersbrunst zu beobachten, und wurde aufs freundlichste von allen bewillkommnet. – »Die Gesellschaft der jungen Bursche,« meinte der Kapitän, »scheint Ihnen nicht lange zugesagt zu haben. Sie haben sie aber hoffentlich untergebracht, damit sie nicht am Ende gar ihre Nase in den Krawall stecken und zu Schaden kommen.« »Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Kapitän,« erwiderte der Baronet. »Wo ist Frank?« – »Nun, zum Teufel, wo soll er sein, als bei Ihnen! Er und Gosset, der junge Schlingel! Sie haben ihn doch eingeladen.« Der Baronet sah ihn groß an ... »Ich verstehe kein Wort davon. Ich komme doch, um Sie und Frank zu besuchen, denn im Gesandtschaftshotel steht alles auf dem Kopf; kein Mensch hat Zeit zu einem vernünftigen Wort.« – »So soll das Wetter doch gleich in meinen besten Mast schlagen, wenn die jungen Halunken mich nicht gründlich belogen haben. Ihr Bruder, Sir, wies mir eine schriftliche Einladung von Ihnen vor und erbat sich deshalb für diese Nacht Urlaub.« – »Ich habe ja gar nicht daran gedacht. Aber wo mögen die vertrackten Bursche in diesem Gewühl hin sein? Es wird ihnen ein Unglück zustoßen!« – Der erste Leutnant erzählte jetzt, was er von Adams gehört, und der Deckmeister wurde eilig herbeigerufen. Was er aussagte, erweckte die ernstlichste Besorgnis beim Kapitän und beim Baronet. – »Wenn die Unbesonnenen sich in irgend einen tollen Streich eingelassen haben, wo Frauen ins Spiel kommen, dann sind sie verloren,« sagte der letztere; »kannst du den Ort wiederfinden, wo du den jungen Narren heute getroffen?« – »Hm,« meinte der Alte, »ich müßte kein Seemannsauge für eine Landmarke haben, wenn ich's nicht könnte! Diese Häuser hier sind zwar einander verteufelt ähnlich, aber ich witterte gleich Unheil und hab' mir den Kasten gemerkt.« »Wollen Sie mir ein Boot geben, Kapitän, und ein paar zuverlässige Leute?« fragte kurz entschlossen der Baronet. – »Die sollen Sie haben, Edward, eine ganze Bootsmannschaft und ihren Offizier dazu. Den zweiten Kutter ins Wasser und die Leute bewaffnet hinein! Der Teufel scheint dort drüben los, denn ein Feuer nach dem andern geht in die Höhe. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich die Burschen so leichtsinnig fortgelassen habe, da doch schon Tumult in der Stadt war. Fort, Jungens, sputet euch!« Der erste Leutnant trieb die Mannschaft an; ehe fünf Minuten vergangen, war der Kutter bereit, und die Matrosen sprangen hinein, mit Enterbeilen und Kurzsäbeln bewaffnet; der zweite Leutnant saß bereits im Boote. Maubridge, der eilig die Pistolen des Kapitäns geholt hatte, und der Deckmeister folgten... »Abgestoßen!« – Die sechs Ruder tauchten in die Wellen, und das Boot schoß in das Dunkel des goldenen Horns. – – Die Tür des Hauses, worin Geurgios wohnte, wich unter den Schlägen der Brecheisen in den Händen der Banditen Geronimos, und zu ihr herein stürzten die wilden Gestalten in das Innere. Ihr Mordio gellte durch das Haus hinter den flüchtenden, zeternden Weibern drein. – »Hinauf! ins Oberstock hinauf!« herrschte Hassan seinen Genossen zu. »Ihr wißt, was der Khawedschi uns aufgetragen. Zeit zum Plündern gibt's dann.« – Der Arnaut mit vier Gefährten sprang die enge Treppe hinauf; Schemel, Stühle, Tische, alles, was sich werfen ließ, flog ihnen entgegen und trieb sie zurück. – »Der Teufel soll euch aufs Leder fahren!« fluchte der wüste Mörder; »hinauf, ihr Memmen!« Und sein Pistolenschuß knallte die Treppe hinan, die bereits halb gefüllt war mit einer Barrikade von Möbeln und Kissen jeder Art. – »Gib's ihnen brav, Frank!« schrie der kleine Gosset, »immer die Vordersten! hörst du? und scharf aufs Korn genommen!« – Die Kugel des kecken Midshipman traf einen der Banditen in die Schulter, so daß er blutend und fluchend zurücktaumelte. Während die beiden Engländer noch unentschlossen auf den Lärm am Eingang des Hauses gelauscht hatten und Nausikaa in Todesangst in einem Winkel des Gemaches auf den Knieen lag, bald christliche, bald türkische Gebete jammernd, flogen rasche Tritte von außen zur Tür, ein Schlüssel wurde ins Schloß gesteckt, und ehe an Widerstand noch zu denken war, die Tür aufgerissen, und Gregor Caraiskakis, gefolgt von Vaso, stürzte herein. Erstaunt und starr blieb er stehen, während die Odaliske sich Hilfe suchend in seinen Arm warf, denn der Schein der nahen Feuersbrunst erhellte jetzt genügend das Gemach und zeigte ihm die beiden jugendlichen Offiziere, mit den Pistolen in der Hand. – »Was soll das heißen? Wie kommen die Fremden hierher?« – Aber der Sturm draußen an der Haustür verschlang des Mädchens Antwort und die verlegene Ausrede der Engländer. – »Wenn Sie Männer von Herz und Ehre sind,« rief der Grieche, »so helfen Sie mir dies Haus und die Frauen darin gegen das Mörderische Gesindel zu verteidigen, das den Eingang stürmt. Ich sehe, Sie sind bewaffnet. Lassen Sie uns die Treppe zum obern Stock halten!« Ein Säbel, den er in einem der Gemächer gefunden, war seine einzige Waffe. Frank reichte ihm sogleich eine der Pistolen. Die schwere Gefahr hatte aller peinlichen Situation ein Ende gemacht, und die Aufsicht auf den Kampf im Nu alle Torheit und allen Leichtsinn verscheucht. – »Vorwärts, Sir, ich helfe Ihnen. Gosset, lade die Pistolen und schütze unsere schöne Sultanin!« und eilig schleppte er die Möbel, die er ergreifen konnte, zur nahen Treppe, denn eben brach unten die Tür des Hauses unter den Händen der Banditen ... Aber die Odaliske hatte bereits einen andern Freund und Schützer gefunden. Aus weit aufgerissenen Augen hatte Vaso, der türkische Soldat, die ehemalige Braut einige Momente angestarrt, dann sprang er auf sie zu und riß sie gewaltsam in seine Arme... »Nausikaa, Tochter Janis, bist du es wirklich, meine Braut, mein Weib? Du hier in Byzanz?« Mit einem fast mit Entsetzen gemischten Erstaunen hatte Caraiskakis die Worte des Soldaten gehört, und ein Blick auf die Verwirrung des schönen Mädchens überzeugte ihn, daß Vaso die Wahrheit redete. Die Odaliske, die sein Herz und seine Sinne so zauberschnell umstrickt hatte, in deren Armen er die Nacht verschwelgt, – die Tochter Janis, dessen Haupt für ihn gefallen? Und mit dem Schimpf des Mädchens hatte er das blutige Opfer vergolten?! Seine Gedanken wirbelten, da rief ihn der Schuß des Banditen und die Stimme des Midshipman zu Bewußtsein und Pflicht zurück, und im nächsten Augenblick schleuderte er zusammen mit den Engländern die schweren Geräte nach den Angreifern ... »Hurrah für Alt-England!« schrie der kleine Mid, während er am Fenster das abgeschossene Pistol lud. »Drauf, Frank, und pfeffere sie tüchtig, ich muß auch einen Schuß auf sie tun!« Und sein Ruf fand ein Echo, denn aus der Gasse herauf donnerte es aus zehn Kehlen über den Lärm der Feuersbrunst und das Geschrei der Griechen: »Hurrah für Alt-England!« und die Matrosen des »Tiger«, von Adams und dem Baronet geführt, stürzten herbei und jubelten hoch auf, als sie die Stimme des Jünglings hörten. – »Hurra, Frank! brav gehalten! Es kommt Ersatz; unsere Tiger sind da, Adams und dein Bruder Baronett Hierher, Männer! greift sie von vorn an und bringt die Halunken zwischen zwei Feuer!« Aber es tat auch Not, daß Hilfe kam, denn wie Teufel, der Hölle entsprungen, stürmten die Banditen die Treppe, während ihre zahlreichen Kameraden sich bereits mit dem Volk auf dem Platze vor der Tür herumschlugen. – »Das Seil! das Seil!« rief der wackere Frank seinem jungen Kameraden zu. »Denk an das Seil, Gosset, und rette das Mädchen!« – Der kleine Mid hörte den Ruf seines Gefährten, und mit Vasos Hilfe schleppte er die halb ohnmächtige Nausikaa zum Fenster, schlang den Strick um sie und ließ sie hinabgleiten, wo die Arme des Baronets sie auffingen. Kaum war das Tau am Boden, so hatte es auch der alte Deckmeister erfaßt und schwang sich mit der Gewandtheit eines Seemannes, der im Sturm die Tauwand erklimmt, hinauf in das Gemach. Andere folgten ihm ... »Hurrah, Master Frank! Die Tiger sind da!« Aber es war die höchste Zeit! Hassan voran, stürmten die Banditen des Khawedschi wie rasend die Treppe, über die Möbel und Gegenstände kletternd, mit denen Frank und Caraiskakis sie gefüllt hatten. Einen zweiten schoß der Grieche nieder, doch den beiden andern Kugeln wichen die Banditen aus, und zum Laden war keine Zeit mehr. Über die Barrikaden aus Tischen und Stühlen hinweg wurden sie handgemein, doch auch die schwache Schußwehr riß die starke Faust der Stürmenden bald zur Seite, und ihre Handjars und Dolche klirrten gegen die Säbel und den Kurzdegen der Verteidiger. Gregor sprang zur Tür des Gemaches zurück und rief seinem tapfern jungen Gefährten, zu folgen; aber der Midshipman, von einem leichten Dolchstoß in die Seite getroffen, strauchelte und fiel, und im Augenblick war Hassan, der Arnaut, neben ihm und erhob den blinkenden Yatagan zum Todesstoß ... Frank war verloren! – Aber Caraiskakis hatte den Fall des jungen Mannes gesehen – im Nu sprang er mitten unter die Angreifer, und sein Säbel fing, zersplitternd am Gefäß, den schweren Yataganhieb auf. Dann den Griff dem Banditen ins Antlitz schmetternd, faßte er mit der linken den Jüngling und suchte ihm fortzuschleppen. – »Brav gemacht, Mann! Heran, Jungens!« schrie eine Stimme hinter ihm, und der kräftige Schwung eines Enterbeils deckte den Griechen gegen die erhobenen Waffen seiner Bedränger. »Drauf auf die Schufte und gebt's ihnen!« Der alte Deckmeister sprang in die Gruppe und half dem Midshipman empor, während die Banditen, erschrocken über diese unvermutete Hilfe, Hals über Kopf Reißaus nahmen. »Da habt Ihr die Bescherung, toller Bursche,« sagte Adams ärgerlich. »Kein Unterrock in der ganzen Welt ist wert, daß ein wackerer Seemann sich dafür ein Loch in den Leib rennen läßt, durch das der Wind pfeift. Wie geht's Euch, Master Frank? redet! ich hoffe, es ist nicht schlimm, und der brave Mann hier ist nicht zu spät gekommen!« – »Ich glaube nicht,« murrte der Midshipman, »aber Zeit war's. Ich bin in die Hüfte gestochen, und der erste Leutnant wird's vorerst bleiben lassen müssen, mich in den Mastkorb zu schicken. Aber wo führt dich der Henker zu so glücklicher Zeit her, alter Seewolf?« – »Dazu gibt's nachher Zeit, jetzt laßt uns machen, daß wir zu unseren Burschen kommen!« entgegnete der alte Matrose, indem er den jungen Mann emporhob und mit Gregors Hilfe die Treppe hinabtrug. »Goddam!« rief er plötzlich, als unten der Feuerschein hell auf das Gesicht des Griechen fiel und er dieses erblickte. »Ich sollte meinen, wir kennen uns; seid Ihr nicht der Mann von Smyrna?« – Caraiskakis schaute ihn finster an bei der Erinnerung ... »Ich weiß nichts von Euch.« – »Glaub's wohl,« meinte der alte Matrose, »aber ich kenne Euch desto besser, und es freut mich um Master Franks willen, daß ich Euch damals mit dem Schießprügel nicht durch den Kopf geschossen, als Ihr Sir Edward Eure Schwester abjagtet und uns klopftet. Wir waren auf schlechtem Wege und fochten für keine gute Sache, aber es ist brav von Euch, Freund, daß Ihr des Baronets Bruder so wacker beigestanden habt.« – Der Grieche ließ den Jüngling fallen ... »Dies der Bruder des Lord Maubridge?« fragte er wild. – »Nun ja, Mann, was tut's zur Sache? Ein braver Mann hilft dem andern gegen das Gesindel. Hierher, Hodges! Dick! helft mir den jungen Mann zum Boote tragen.« Der Grieche faßte des Matrosen Arm, während die Gerufenen herbeisprangen und den Midshipman aus dem Getümmel schleppten. – »Wo ist das Mädchen, das Weib, das wir im Hause verteidigten?« – »Ei, zum Henker, wo wird die verteufelte Landnixe sein? In die Arme Sir Edwards fiel sie, gerade aus dem Fenster herab. Schaut, da läuft sie in der Mitte unserer Leute, und die Haifische sollen mich fressen, wenn der Baronet nicht schon seitlängs von ihr liegt.« – »Nausikaa – Mädchen – Tochter Janis!« schrie Caraiskakis und warf sich in die Menschenwoge, die sich um die Matrosen geschlossen hatte. »Zu mir, Freunde! das Mädchen ist die unsere!« Aber wer kümmerte sich in der eigenen Bedrängnis und Not um das Weib, dessen türkische Tracht ohnehin genügt hätte, jeden Griechen Gefahr und Verderben in ihrer Berührung sehen zu lassen. Gosset hatte mit einigen verwirrten Worten dem Baronet berichtet, daß es eine vornehme türkische Dame wäre, die hier gefangen gehalten worden und die Frank habe befreien wollen. Die Odaliske, von der augenblicklichen Gefahr befreit, begriff schnell ihre Lage und die günstigste Gelegenheit für ihre Wünsche. – »O, Effendi, rettet mich aus dieser Not! Ich bin eine Gefangene und ein armes Weib, verloren ohne Euch,« schmeichelte sie in fränkischer Sprache zum Baronet, dessen Arm sie unterstützte. Sie waren bereits nahe am Boot, in dem zwei der Matrosen zurückgeblieben waren, als Caraiskakis endlich die Engländer erreichte und das Auge des Baronets mit Erstaunen und Erbitterung plötzlich seinen Todfeind vor sich sah. »Das Weib,« herrschte der Grieche ihm zu. »Sie haben kein Recht auf sie, das Weib ist das meine!« – Der Baronet stieß ihn hohnlachend zurück. – »Nun, so nehme ich es, wie Sie mein Kind geraubt haben. Nur für dies Lösegeld sollen Sie diese Frau haben! Ins Boot mit ihr!« – Gosset zog die willige Odaliske fort, mit einem Sprunge war der Grieche an dem Baronet und faßte ihn an der Kehle. – »Mädchendieb!« – »Der Teufel hole das Gewürm, nieder mit dem Schuft!« schrie der mit Adams herbeikommende zweite Leutnant, und der Hieb seines Kreuzdegens sauste schwer auf den Schädel des Griechen nieder. Wie ein gefällter Baum stürzte Caraiskakis bewußtlos zu Boden. – »Fort mit Ihnen, Maubridge, wir haben, was wir wollen, und nichts mehr hier zu tun.« Der Deckmeister hatte sich auf den Niedergestreckten herabgebeugt. – »Ist er tot, der Unglückliche?« fragte nicht ohne Teilnahme der Baronet. – »Ich denke! Schade um den Mann; es war nicht viel besser als ein Mord,« murmelte der alte Matrose, »und das alles um eines verdammten Weiberrocks willen.« – Der besonnene Leutnant zog sie fort zum Boot; denn ein Haufe Fanarioten mit Geurgios an der Spitze stürmte herbei ... Das englische Boot stieß hinaus in das Horn – jammernd am Ufer rannte Vaso umher, den die Matrosen zurückgetrieben, als er der Wiedergefundenen folgen wollte. Es war am dritten Morgen nach den Szenen des Aufruhrs, als Gregor Caraiskakis aus einem tiefen Schlafe auf ärmlichem Lager in einem griechischen Hause der Vorstadt Ejub erwachte. Sein Kopf war mit Binden umwickelt; an seinem Lager saß in trübem Sinnen Vaso, der entflohene Schiffssoldat. Der Hieb des Leutnants hatte ihn absichtlich nur flach getroffen und durch seine Wucht betäubt zu Boden geworfen. Als er wieder zu sich kam, fand er sich an dem Orte seines jetzigen Aufenthalts, wohin ihn Geurgios hatte bringen lassen. Doch hatte ihm der Fanariot Verborgenheit anbefohlen, denn in Konstantinopel war über Nacht eine neue Wendung der Dinge gekommen. Während nämlich im Fanar die Feuersbrunst – wie es hieß, vom Blitzstrahl entzündet – in die Wolken flammte und an 200 Gebäude verzehrte, hatte sich der Strom der fanatischen Moslems, an der Spitze die Softas und Ulemas, nach dem Platz der Hohen Pforte gewendet und umgab nun, drohend und tobend, beim Schein der Fackeln, und dem Unwetter trotzend, den Palast und begehrte die Auslieferung Reschid-Paschas. Aber Reschid hatte sich bei dem ersten Anzeichen des Sturmes nach Tschiragan geflüchtet, wohin ihm der Großwessir folgte. Vergeblich erwarteten die hohen Würdenträger hier die Demonstration der Griechen; statt deren brachte jeder Augenblick den Triumph ihrer Gegner und neue Aufregung unter der türkischen Bevölkerung Stambuls. Da erließ der Großwessir den strengen Befehl, daß alle Moscheen, die Hauptversammlungsorte des Aufstandes, geschlossen werden sollten. Dem Befehl wurde entsprochen, aber die Masse versammelte sich jetzt auf den öffentlichen Plätzen und nahm eine noch drohendere Haltung an. Jetzt erhielten die Garden den Befehl, einzuschreiten und mit Gewalt den Aufruhr zu unterdrücken. An verschiedenen Stellen begannen die Softas bereits ganz offen die Thronerhebung Abdul-Aziz' zu proklamieren. Die griechische Bevölkerung wagte sich nicht mehr zu rühren, sondern zitterte seit den Vorgängen des letzten Abends für Leben und Habe. Am andern Morgen befand sich die Regierung buchstäblich nur noch im Seraskiat und in den Händen Mehemed Alis. Bei dem schwachen und ängstlichen Charakter des Sultans fühlte die Friedenspartei, daß in dem gegenwärtigen Augenblicke nichts zu machen und Nachgiebigkeit nötig sei, um nicht allen Einfluß zu verlieren. Chosrew-Pascha selbst riet dazu, und als daher am Vormittag Adilé, die Schwester des Großherrn, nach Tschiragan kam, fanden ihre Worte beim Sultan ein williges Gehör. Am Mittag hatten Lord Redcliffe und General d'Hilliers eine längere Audienz bei dem Sultan, in welcher sie ihm zeigten, daß nur ein unbedingtes Eingehen auf die Intentionen Frankreichs und Englands die Türkei und seinen Thron zu sichern vermöchte. Eine Stunde darauf erschien der Seraskier im Palast, seiner Sache so sicher, daß er ohne alle Begleitung kam, und als er nach einer längeren Unterredung sich entfernte, geschah es mit dem Schritt eines Triumphators. Er vergaß, daß in dem Herzen eines Orientalen das Gefühl einer Beleidigung nie stirbt und unter der trügerischen Blumendecke der Freundschaft und Versöhnung die Schlange des Hasses ruhig lauert, bis sie ihren Giftzahn in das Opfer schlagen kann. – Der Padischah war gedemütigt, – der Padischah wartete seiner Zeit. Noch an demselben Tage hatte Reschid-Pascha vom Bord der »Queen« aus, an den er sich geflüchtet, seine Entlassung eingereicht, aber der Sultan hatte dieselbe, auf den Rat des englischen Gesandten, nicht angenommen. Dagegen durfte der Seraskier unbehindert eine scharfe Verfolgung aller Russenfreunde beginnen, und eine Menge Führer der Griechenpartei wurde eingekerkert ... – Das waren die Nachrichten, die am Abend vorher Geurgios, der sich gleichfalls von seinem Hause entfernt hielt, dem Griechen gebracht hatte. – Auf seine Fragen nach Vaso hörte Caraiskakis, daß der Freund heute noch nicht in Ejub gewesen; und als Vaso endlich kam, erkannte Gregor leicht, daß die Neuigkeiten, die er brachte, noch schlimmer als die früheren waren ... »Es freut mich, Sie so weit wieder hergestellt zu sehen,« sagte der Fanariot, »denn es wird gut sein, wenn wir noch diese Nacht Konstantinopel für einige Zeit verlassen. Der Baron ist auf Betrieb der englischen Gesandtschaft von der türkischen Polizei als russischer Agent verhaftet und hat mir selbst diesen Wink gegeben. Mehemed Ali, um seinen Frieden mit dem Padischah zu machen, hat an 400 Softas aufgreifen lassen, um sie als Rebellen auf die Galeeren nach Kreta zu schicken.« – »Aber der Baron – sollen wir ihn feig im Stich lassen?« fragte der Grieche. – »Signor Oelsnero,« lachte der Fanariot, »hat der Mittel zu seiner Sicherheit mehr in Händen als wir und wird sich schon zu befreien wissen. Wir werden ihm am Balkan bessere Dienste leisten als hier.« – »Und das Mädchen – Nausikaa – die Odaliske?« – »Bei Sankt Demeter! was kümmert sie uns? Wollen wir eines Weibes wegen den Kopf in die Schlinge stecken? Für sie ist der Boden von Konstantinopel ohnehin doppelt gefährlich, wenn Ihr Name entdeckt würde. Ich traue meinen eigenen Leuten nicht mehr.« – »Wie meinen Sie dies?« – »Lesen Sie! Ihr Bruder Anastasio hat die Fahne des Kreuzes in Thessalien erhoben, und die Griechen strömen von allen Seiten ihm zu. Mögen die Heiligen ihnen besseres Gelingen geben, als uns hier!« Der Fanariot warf ihm eine Nummer der »Elpis« und eine Proklamation in griechischer Sprache zu, wie in diesem Augenblick tausende als Flugblätter durch Griechenland und das südliche Rumelien, selbst nach Konstantinopel hin verbreitet wurden. Gregor sprang empor; alle Schwäche, alle Gedanken an seine eigenen Verhältnisse waren verschwunden, als er den berühmten Aufruf seines kühnen und tapfern Bruders vom 22. November »an die geknechteten Griechen von Thessalien, Mazedonien, Thracien und Epirus, Kleinasien, Candia und allen Inseln des Archipelagus« in der Hand hielt, der alle Brüder und Landsleute zu den Waffen gegen die Moslems rief, die Russen als Freunde und Glaubensbrüder pries, die Franken und Engländer als die schlimmsten Feinde an den Pranger stellte und dem geliebten Vaterlande mit Gottes Hilfe baldige Freiheit verhieß. »O, daß ich bei ihm sein könnte, daß wir Schulter an Schulter unser Blut für die Befreiung des Vaterlandes einsetzen dürften!« – »Seine Kampfstätte ist am Pindos – die Ihrige am Balkan. Dorthin ruft Sie das Vaterland!« – »Treffen Sie Ihre Anstalten,« sagte mit stolzer Fassung der Skiote, »sein Ruf wird mich immer bereit finden!« und im Schatten der nächsten Nacht verließ zum zweiten Male mit Geurgios und Vaso Gregor Caraiskakis die Hauptstadt des türkischen Reiches auf dem Wege zur Donau. Anmerk. d. Korr.: Fünftes Buch im Druckwerk nicht vorhanden. Sechstes Buch. An der Donau. Erstes Kapitel. Die Führer. Es war in den ersten Tagen des Januar 1854, und die Wintersonne schien prächtig und heiter auf das prächtige Schauspiel, das sich an beiden Ufern der Donau bei Widoin, dem Vimiacium der Römer, entwickelt hatte. Unterhalb der Stadt, die mit ihren 25 Minarets, von alten Festungswerken umgeben, sich dicht am Fluß dahinstreckt und auf der weiten bulgarischen Ebene – nur rechts durch die Wradamnitza-Gebirge begrenzt, und links in weiter Ferne durch die dunklen Massen des Balkan – einen freundlichen Ruhepunkt bildet für den Blick, führte eine Schiffbrücke zu der hochgelegenen Smurda-Insel, die jetzt von Batterien starrte. Darüber hinaus, über den etwa 300 Schritt breiten, von einer leichten, aber nicht tragfähigen Eisdecke bedeckten linken Arm des mächtigen Stromes, verlängerte sich die Brücke bis zum hoch emporsteigenden Ufer von Kalafat, das gegenwärtig die stärkste Stellung der türkischen Armee bildete und den Russen den Weg nach Serbien sperrte. Die Türken hatten den günstig gelegenen Ort mit einer Verschanzung von zirka 6000 Schritt Länge umgeben, die an beiden Enden in einem Fort auslief. Ihre Vorposten dehnten sich im Halbkreis um die Verschanzungen auf die Entfernung von zwei bis drei Wegstunden aus und begegneten hier denen der Russen in täglichen kleinen Scharmützeln. Es war am Vormittag große Truppenrevue sowohl in Kalafat als in Widdin gewesen, und die verschiedenen Korps rückten eben wieder in ihre Quartiere. Der Muschir Omer-Pascha selbst mit seinem ganzen Generalstabe war seit drei Tagen in Widdin, aber eben im Begriff, wieder abzureisen. Die Masse des Gefolges und die zahlreiche Begleitung erhöhte das bewegte bunte Treiben. Eine Menge Pferde, prächtig gesattelt, wurden im Konak und vor dem Tore umhergeführt, Arabas mit ihrem weißen Ochsengespann standen zur Seite, und die Vorhänge, die sänftenartig das Oberteil umgaben, zeigten, daß sie zur Aufnahme von Frauen bestimmt waren, während die Arabadschis mit den Gepäckwagen bereits vorausfuhren. In der Tat führte der Muschir während des ganzen Feldzuges an der Donau seine jüngste Gattin, eine Deutsche aus Siebenbürgen, und deren Schwester stets mit sich, indes die Bujuk-Hanum, die erste Frau, die noch der verstorbene Sultan ihm gegeben, und deren Hand und Einfluß er hauptsächlich seine glänzende Laufbahn und seinen Reichtum verdankte, im Serail und in den Harems von Konstantinopel seine Interessen wahrte. Michael Lattas – so lautet der ursprüngliche christliche Name des Muschirs – ist zu Anfang dieses Jahrhunderts in Illyrien geboren. Er trat in seiner Jugend in den österreichischen Militärdienst und hatte das Glück, in eine der militärischen Erziehungsanstalten zu kommen, der allein er seine Ausbildung verdankt. Als Feldwebel war er in Zengg in das Bureau des Majors Knecicz kommandiert, der für ihn väterlich sorgte. Hier verwirrte er jedoch die Kassenverhältnisse seines Wohltäters auf die unverantwortlichste Weise, machte bei einem dem Major nahestehenden Kaufmann in Zara auf seinen Namen Schulden und entfloh mit dem erschwindelten Gelde nach Banjaluka und Sarajevo, wo er nach vielfachem Elend Hauslehrer bei dem Pascha wurde. Tort trat er zum Islam über und kam später mit dem Pascha nach Konstantinopel, wo er auf dessen Empfehlung als Zeichner in einer türkischen Militärschule angestellt wurde und für den jungen gutherzigen Prinzen Abdul-Medjid geometrische Wandtafeln anfertigte. Später wurde er dessen Schreiblehrer und machte, von ihm mit Wohltaten überhäuft, die glänzende und rasche Carriere, die ihn an die Spitze der Armee von Rumelien brachte. Den ersten Ruf gewann sich Omer-Bey 1842 in Syrien als Befehlshaber im Libanon und wurde trotz seiner grausamen, aber notwendigen Strenge eine solche volkstümliche Persönlichkeit, daß die Drusen und Maroniten sich ihn sogar von der Pforte als Häuptling erbaten. Nunmehr zum Pascha ernannt, wurde Omer nach Albanien und später nach Kurdistan geschickt, um die ausgekrochenen Aufstände zu unterdrücken. Er tat es mit eiserner und blutiger Strenge, und galt von dieser Zeit an am Hofe von Stambul als einer der zuverlässigsten und geschicktesten Diener. Als im Jahre 1848 die Revolution in Bukarest ausbrach, Fürst Bibesko floh und Soliman-Pascha die Bewegung nicht zu unterdrücken vermochte, wurde im September der Groß-Referendar Fuad Effendi als Zivil-Kommissarius und Omer-Pascha als Befehlshaber des Heeres entsandt, das mit den Russen gemeinschaftlich die Fürstentümer besetzte. Damals hatte er zum ersten Male Gelegenheit, die russischen Truppen in der Nahe zu beobachten. Nur von seinem Ehrgeiz gespornt, bot er, ganz gegen die geheime Politik seiner Regierung, den Russen, als General Lüders in Transsylvanien einrückte, um die ungarische Revolution zu bekämpfen, seine Hilfe an, und nur die eifrigen Bemühungen Fuads vermochten ihm das törichte dieses Schrittes endlich klar zu machen. Sofort sprang er zum andern Extrem über, und während er seine erste Gattin nach Konstantinopel sandte, um allen Folgen seiner unüberlegten Politik vorzubeugen, begann er ganz offen, seine Feindseligkeit gegen die Österreicher und selbst gegen die Russen an den Tag zu legen und gewährte den ungarischen Flüchtlingen die vollste Aufnahme und den ehrenvollsten Schutz. Ungarn, Deutsche und Polen strömten in Bukarest zusammen und schworen daselbst in dem von Omer bewohnten Palast öffentlich ihren Glauben an. Eine Menge Generale und höhere Offiziere aus den bekanntesten Adelsfamilien Ungarns und Polens hatten den Turban genommen. Omer selbst gab ihre Zahl auf 72 an – dazu 6000 Soldaten. Aus den gewandtesten Offizieren bildete sich Omer eine Umgebung, auf die er sicher zählen konnte, und die bald die Aufmerksamkeit Rußlands und Österreichs erregte und, wie zu Anfang des Romans berichtet, im Frühjahr 1853 Veranlassung zum Aufwerfen der Flüchtlingsfrage gegen den Diwan wurde. Die spätere Laufbahn Omers ist bekannt. Zum Muschir von Rumelien, und im April 1850 zum Militär-Gouverneur von Bosnien und der Herzegowina ernannt, unterdrückte er mit der furchtbarsten Strenge und einer Grausamkeit, die mit den älteren Zeiten der türkischen Herrschaft wetteifert, die völkischen Bestrebungen der muselmanischen Bosniaken und Bulgaren. Iskender-Bey – der Pole Jlinski – war dabei einer seiner tätigsten und glücklichsten Helfer. Zu Anfang des Jahres 1852 erfolgte die Entwaffnung der bosnischen Christen, bei der die grausamsten Scheußlichkeiten verübt wurden. Nach Konstantinopel zurückberufen, wurde der Muschir zwar für einige Zeit infolge der gegen ihn erhobenen Anklagen außer Tätigkeit gesetzt, doch schon das Frühjahr 1853 führte ihn wieder mit vermehrter Macht auf den Schauplatz und gegen die Montenegriner. Daß schon seit seinem ersten Zusammentreffen mit den Russen an der Donau im Jahre 1849 der Muschir auf einen großen Krieg mit diesem Erbfeinde seines neuen Vaterlandes rechnete, steht außer Frage, denn von dieser Zeit ab stand er im Diwan fortwährend auf der Seite der Kriegspartei und war, trotz seiner sonstigen sehr liberalen Anschauungen und Gewohnheiten, auf das engste mit der alttürkischen Fraktion verbunden. Im Tschardak der Lokanda Alexos, des Slowaken, standen zwei Männer, beide in türkischer Uniform, der eine mit den Tressenabzeichen des Offiziers, der andere in dem einfachen blauen Rock mit dem Feß, ein Hekim-Baschi der Armee, Doktor Welland, den die Order seiner Vorgesetzten von Schumla aus nach Widdin geführt hatte, um in den schrecklichen Lazaretten, in denen während des Winters an 10000 Typhuskranke von den türkischen Truppen starben, Hilfe zu leisten. Der Offizier war ein Jüs-Baschi , vom dritten Bataillon des vierten rumelischen Ordu , ein Pole von Geburt, Mackiewicz, der schon mit Bem übergetreten war und in der türkischen Armee Dienste genommen. Welland hatte ihn durch seine aufmerksame Behandlung von einem der schrecklichen Wechselfieber befreit, die tausende entnervten, und der Pole, der seinen Dienst noch nicht wieder angetreten, beobachtete mit dem Arzt das eigentümliche militärische Schauspiel. »Wissen Sie, Doktor,« sagte der Offizier, »daß der Muschir gestern den Ober-Ekmekschi und zwei seiner Gehilfen hat erschießen lassen? Die Kanaillen verdienten eine zehnfach härtere Strafe als die ehrliche Kugel, denn ihnen und den schurkischen Lieferanten ist es zuzuschreiben, daß ein Fünftel des Heeres in den Lazaretten liegt, aus denen nur für diejenigen ein Weg ins Leben zurückführt, welche unter so freundliche und geschickte Hände geraten, wie die Ihren.« – »Ich habe davon gehört, und so sehr ich die Sache als Mensch beklage, fühle ich doch die Notwendigkeit eiserner Strenge und hoffe von der kurzen Anwesenheit des Muschirs vielfache Reformen und den besten Erfolg. Ich zweifle keinen Augenblick, daß die Armee bis auf die Baschi-Bozuks herab sich tapfer schlagen wird, aber die Unglücklichen verkommen an der grenzenlosen Unordnung und Nichtswürdigkeit, die in allen Teilen ihrer Verpflegung herrscht. Die Verproviantierung ist die allerelendeste, die man sich denken kann; Brot und Mehl sind nicht zu genießen; und während des ganzen Dezembers hat wohl kein Mann ein warmes und trockenes Quartier gehabt. Das Lazarettwesen ist in einem scheußlichen Zustande, von Medikamenten ist fast keine Spur vorhanden, und das ärztliche Personal – daß Gott erbarm! ich habe selbst einen Unterarzt und einen Apotheker, die in ihrer Heimat, wie sie mir beide gestanden haben, sich als Schneider und Schuster ernährt haben.« – Der Pole lachte. – »Sie werden noch ganz andere Dinge erleben, Doktor. Diese Wirtschaft bei den Ärzten kommt davon, weil in den Augen der Türken jeder Franke von Natur aus ein Doktor ist. Und dennoch, trotz der Wahrheit Ihrer Schilderungen, trotz der Tatsache, daß diese Menschen seit mehreren Monaten keinen Sold empfangen haben, ist ihre Aufopferung wahrhaft heroisch und erhaben. Es ist ihr Kismet, für den Koran zu sterben. Was kümmert es sie, ob es durch Kugel oder Krankheit geschieht!« Der Arzt hatte die Erfahrung selbst an hundert Sterbelagern gemacht; – es ist erhaben und empörend, mit welcher Gleichgültigkeit der Orientale das schwere Geschäft des Sterbens betrachtet ... »Doch lassen Sie uns den Weg zur Festung hinauf gehen,« unterbrach Makiewicz ihre Betrachtungen. »Der Kriegsrat scheint beendigt und der Zug des Muschirs sich in Bewegung zu setzen. Sobald er über die Schanzen der Irregulären hinaus ist, wird es hier voll genug werden.« Es schlossen sich ihnen noch andere Offiziere an, und mit ihnen zusammen verließen sie den Tschardak, den Weg durch die traurigen Gassen der Stadt nehmend, die bei schlechter Witterung einer großen Kloake gleichen und von mephitischen Dünsten erfüllt sind, nach der Festung hinauf, die durch einen Graben von der Stadt abgesondert ist und in der das Serail des Gouverneurs liegt. Hier auf einer Erhöhung postierte sich die Gesellschaft und sah den Zug herankommen. Eine Abteilung der türkischen Husaren eröffnete ihn, dann folgte der Muschir mit seiner zahlreichen Begleitung zu Pferde, der sich die Führer der Armee von Kalafat und Widdin anschlossen. »Sie würden mich verbinden, Kamerad,« sagte einer der jungen Offiziere, ein Sardinier, der erst am Tage vorher von Konstantinopel eingetroffen war, »wenn Sie mich etwas mit den Persönlichkeiten bekannt machen wollten.« – »Sehr gern, Kamerad. Da an der Spitze reitet Omer-Pascha, der Muschir, den Sie bereits bei der Parade kennen lernten. Ihm zur Seite, der Alte auf dem schönen Araber, ist Sami-Pascha, der Gouverneur dieses schmutzigen Nestes. Pferde und Pagen sind sein Luxus, und Geld genug, ihn sich zu leisten, hat er zusammengescharrt. Er ist ein Grieche von Morea und als Kind nach Stambul gekommen, wo ihn Mehemed Ali, der Vizekönig, als Pagen nahm. Als der schlaue Fuchs merkte, daß es mit seinem Gebieter zu Ende ging, brachte er seinen Reichtum in Sicherheit und ging nach London und nach Paris, wo er lange den Stutzer gespielt hat. Nach einigen Jahren nach Stambul zurückgekehrt, gewann er sich durch seinen Verrat an Mehemed das Paschalik von Trapezunt und später von Larissa. Vor vier Jahren wurde er endlich hier in Widdin der Nachfolger Husseins, des Janitscharentöters, und schikaniert seitdem die Österreicher, hält auf seine alten Tage einen Harem, von dem man Wunderdinge erzählt, und ist der schlaueste alte Hund, den ich noch gekannt habe!« – »Sie schildern in scharfen Zügen,« lachte der junge Leutnant. »Aber der General oder Pascha an der Rechten des Muschirs?« – »Achmet-Pascha, Ihr künftiger Oberbefehlshaber, denn der Sirdar hat seinen Generalstabschef, Allah sei's geklagt, nun einmal dazu gemacht, obschon wir unter ihm nichts als Feiertage haben. Er machte seine Studien auf der Ingenieurschule zu Wien und ist ein ganz einsichtsvoller Türke, versteht aber vom Feldlager nichts. Ich denke immer, der Muschir hat ihn deswegen an seine Seite gestellt ... Und gleich hinter ihm der stolze Reiter auf dem Rappen ist der Ferk Mustapha-Pascha, neben ihm reiten die Liva Osman-Pascha und Mehemed-Pascha.« – »Und Graf Ilinski – wollte sagen Iskender-Bey, der berühmte Anführer der Irregulären?« – »Da kommt er eben hinterdrein gejagt, als säße der Teufel hinter ihm, oder als gelte es, eine Bank von zwanzigtausend Piastern zu sprengen. Er reitet wie ein Kosak und ist am Ende auch einer, nach seiner tatarischen Physiognomie und seinen boshaften Augen zu urteilen. Aber ich möchte wissen, wie wir mit diesem Gesindel, das sich aus Spitzbuben, Meuchelmördern und Fanatikern zusammensetzt, fertig werden sollten, wenn wir ihn nicht hätten mit seinen beiden Adjutanten Hidaet-Aga und Jakub-Aga.« – »Sind sie geborene Türken?« fragte der Sardinier. – »Lassen Sie beide die Beleidigung nicht hören, sonst müssen Sie vor die Klinge. Es sind Landsleute von mir, wenn ich auch nur einen kenne. Konstantin von Jakubowski, aus dem Großherzogtum, focht bei Grochowa und Ostrolenka, und lebte dann mit Mickiewicz in Paris. In Lemberg 1846 gefangen und amnestiert, ging er nach Italien und half Rom verteidigen. Von den Franzosen vertrieben, hatte er gerade noch Zeit, zu Bem zu stoßen, als der alte Held nach der Walachei zog und vor Halim-Pascha die Waffen streckte. Seitdem steht er im türkischen Dienst und macht mit Omer die Feldzüge in Bosnien und Montenegro mit.« – »Wer ist Hidaet-Aga?« fragte der Doktor weiter. – »O, den kenne ich nicht; ich weiß nur, daß er aus einer polnischen Familie stammt und soviel von seinem Vermögen aus dem Schiffbruch der Revolution gerettet hat, daß er sich im Rosengarten Adrianopel einen hübschen Landstrich kaufen konnte, wo er in Ruhe lebte. Nur die Freundschaft für Iskender-Bey hat ihn wieder unter unsere Fahnen gezogen. Er dient ohne Sold als Freiwilliger, um, wie er sagt, an den Russen eine alte Scharte auszuwetzen.« – »Und der Reiter in der roten Uniform mit dem geschlitzten blauen Dolman, der Bärenmütze und dem Halbmond daran?« ?– »Hei, das ist Major Wersbitzki, der Kommandant der türkischen Kosaken, des tollen Korps, das unsere Rechtgläubigen so sehr verabscheuen. Er reitet neben Depuis, dem Franzosen, und dem Juden Osman-Aga, dem Adjutanten des Muschirs, einem reichen Bankierssohn aus Temesvar, der gestern die Depesche aus Schumla brachte und den Weg von hundert Stunden in zwei Tagen zurückgelegt hat. Freilich jagte er zwei Pferde zu Tode und das dritte hat er die Nacht verspielt.« – »Aber wer ist der Offizier dort in der fremden Uniform, der neben Lord Wolseley und Kapitän Bathurst reitet und mit Herbert Wilson spricht?« – »Ich kenne ihn nicht,« sagte der Pole. – »Da kann ich Auskunft geben, denn es ist mein Landsmann, Oberst Graf Pisani. Ich focht unter Karl Albert bei Novara, und seiner Empfehlung verdanke ich die Anstellung in Ihrer Armee.« – »Es scheint, der Muschir läßt ihn eben zu sich rufen, er reitet vorwärts. He, Hussein-Aga,« rief er einen jungen Genie-Offizier an, der eben in ihrer Nähe vorüberritt. »Wie steht's mit dem Kriegsrat? ist der Angriff gegen Krajowa endlich beschlossen?« – »Salem, Jüs-Baschi Mackiewicza,« gab der junge Muselmann zur Antwort; »ich glaube, wir werden selbst von den Moskows aus den Schanzen gejagt. Sie rücken vor und befestigen sich drei Stunden von unseren Vorposten.« Diese Nachricht erweckte allgemeine Sensation, die nur auf kurze Zeit unterbrochen wurde, als die Arabas , von schwarzen Sklaven begleitet, mit den Frauen des Sirdars in einiger Entfernung dem Zuge folgten. – Als er vorüber war, kehrte die kleine Gesellschaft nach dem Tschardak des Gasthauses zurück, wo sich gewöhnlich die europäischen und selbst viele türkische Offiziere zu versammeln pflegten, obschon Alexo, der Wirt, in dringendem Verdacht als Spion des österreichischen Konsuls und der Russen selbst stand. Eine bunte Versammlung hatte bereits das Haus und den Vorplatz eingenommen, und alle Augenblicke strömten neue Ankömmlinge herbei. Ehe Welland, der in der Lokanda selbst sein Quartier genommen, noch sein Zimmer betreten, sprengten an die zwanzig Reiter, von der Begleitung des Muschirs zurückkehrend, herbei und warfen sich vor der Veranda von ihren Pferden, Iskender-Bey an ihrer Spitze. – »Der Teufel soll mich holen und der Prophet dazu,« schwor der wilde Reiteranführer, »wenn mir nicht die Kehle trocken ist wie ein ausgedörrter Schwamm. He, Alexo, Bursche! Wein her, Karten und Würfel! Wir müssen nach der Anstrengung im Diwan und den Begrüßungs- und Abschiedsreden eine bessere Erfrischung haben als den Kaffee, den der schäbige Filz Sami uns vorgesetzt hat.« – Die Renegaten im Heere scherten sich herzlich wenig um das Verbot des Korans gegen den Wein, und der edle Ungarwein, Bordeaux und Rum flossen in Strömen, wenn sie nur zu haben waren. Mit der edlen Ungeniertheit des Orients und des Lagerlebens war alsbald – da alle anderen Räume des Hauses gefüllt waren – das große Gemach, das Welland im oberen Stock bewohnte, von der wilden Gesellschaft in Beschlag genommen, und während der Wirt hin und her eilte, die Gäste mit Getränken zu bedienen, klapperten auf dem Tisch bereits die Würfel und flogen nach rechts und links die Karten im Hazard. »Nun, Doktor,« sagte Jakub-Aga, der die Bank hielt, »wollen Sie denn nicht einmal Ihr Glück versuchen? Zum Teufel mit der Kopfhängerei! Sie werden Arme und Beine genug abzusäbeln haben, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden vergehen.« – »Ich hörte bereits davon, Major,« versetzte der Arzt. »Hat man nähere Nachrichten?« – Die Russen kriechen endlich aus ihren Mauselöchern,« lachte der Bey. »Ihre Tirailleurs stehen bereits bei Czetate, und ich glaube, sie haben Lust sich festzusetzen.« – »Werden wir angreifen?« – »Versteht sich! Morgen rücken wir aus – aber der heutige Tag gehört noch uns. Nur Wersbitzki muß diese Nacht schon fort, um zu rekognoszieren; das hat der Narr davon, daß er den Koran verachtet.« – »Vorsichtig!« mahnte Hidaet-Aga; »der slavonische Spitzbube macht sich fortwährend hier zu schaffen und lauscht auf jede Silbe. – »Torheit!« höhnte der Bey; »Alexo weiß die Sache besser als wir. – Drei Dukaten auf die Dame!« Ein Reiter sprengte unten vor das Haus und stürmte die Treppe herauf ... »Osman-Aga? Welcher Dämon führt Sie zurück?« – »Mashallah, Inshallah, Bismallah und alle Allahs daneben, denn ich bin ein gläubiger Moslem und kein Jude mehr,« lachte der Wildfang. »Der Muschir ist ein prächtiger Mann, er hat mich wieder zurückgeschickt, um ihm nach dem Angriff weitere Kunde nachzubringen! Hussah! Wein her! Wer hält die Bank? Ich muß meine Uhr und meine Ringe von dieser Nacht zurückgewinnen.« – »Ich gebe Revanche,« sagte der Bey und nahm die Karten. »Ah, sieh da, Graf Pisani! Willkommen, Herr Kamerad, bei unserer Unterhaltung. Ich [Druckfehler, gesamte Zeile aus anderer Quelle restauriert] fürchtete schon, Sie liebten weder Spiel noch Wein und belagerten nur das Haremlik des würdigen Sami.« – »Ich überführe Sie von Ihrem Irrtum, Graf,« entgegnete der Oberst, der eben eingetreten war, und warf eine Börse mit Gold auf den Tisch. »Fünf Dublonen auf den Buben hier!« – »Wahrhaftig, der Bursche hat gewonnen. Was, ein Paroli? Ich sehe, Sie verstehen die Sache.« Das Spiel nahm seinen Fortgang. In allen Ecken des Zimmers lärmte eine Gruppe. Französisch, Türkisch, Italienisch, Polnisch, Ungarisch und alle slavonischen Sprachen flossen in der Unterhaltung bunt durcheinander. Welland hatte sich längst darein ergeben, für den Abend und die Nacht auf die Ruhe verzichten zu müssen; er unterhielt sich auf der Galerie vor den Fenstern mit Kapitän Maxwell und Master Godkin, den beiden Berichterstattern der Daily news und des Morning Chronicle , ehe er seinen Abendbesuch im Lazarett machte. ... Alexo, der Wirt, hatte neuen Bordeaux aufgetischt. Dabei war ein bedeutsamer Blick des Sardiniers dem seinigen begegnet. Ein Gegenblick des Wirtes deutete nach der Tür ... »Geben Sie mir jetzt die Bank,« erklärte Pisani und legte seine Uhr neben sich. »Ich bin Ihnen Revanche schuldig und werde sie dreißig Minuten halten, aber keinen Augenblick länger, denn ich habe noch einige Geschäfte. Heran, meine Herren!« – Die Offiziere spielten eifrig weiter, denn der Sardinier war im Glück und hatte bereits einen Haufen von Gold und türkischen Papiergelds vor sich gehäuft. Osman-Aga, der Jude, sah mit leidenschaftlichen Blicken und vom Wein erhitzten Gesicht dem Spiele zu. Er hatte schon alles bis auf das goldgestickte Sattelzeug seines Pferdes, selbst seinen mit den schweren Goldschnüren pikeschenartig gezierten Rock der türkischen Husaren, deren Korps er angehörte, verloren. – »Wollen Sie einen Wechsel auf hundert Dukaten von mir annehmen, Herr Graf?« fragte er endlich hastig. »Mein Vater ist Bankier in Temesvar und wird ihn einlösen, wie meine Kameraden mir bezeugen können.« – Der Sardinier verneigte sich höflich. – »Ich zweifle keinen Augenblick daran, mein Herr, aber ich mache nie dergleichen Geschäfte.« – »Alexo! Schurke, hierher! Zum Henker, wo steckt der Spitzbube?« – Der Slavonier schoß herbei. – »Befehlen die Herren frisches Getränk?« – »Unsinn, Kot! Du sollst mir einen Wechsel diskontieren; ich weiß, du hast Geld, wenn du nur willst.« Der Slovake wand und krümmte sich wie ein Wurm. Er wußte sehr gut, daß der Adjutant ihm sicher war, aber er hatte ihm bereits, wenn auch zu den höchsten wucherischen Zinsen, am Tage vorher ein Darlehn gemacht. – »O, Aga,« sagte er, »ich bin ein armer Mann und habe bereits zwei Wechsel von Euch in den Händen. Wo soll ich all das Geld hernehmen?« – »Schäbiger Lump!« fluchte der Wüstling. »Wir alle wissen, du kannst halb Widdin auskaufen, so viel hast du schon an uns verdient. Ich gebe dir mein Wort, du sollst dein Geld wiedererhalten, noch ehe ich das Nest verlasse. Ich werde morgen zu den Juden gehen und Geld schaffen.« – »Könnt Ihr mir nicht lieber ein Unterpfand geben, Aga? Ich bin ein armer Mann und muß mich sicherstellen. Seine Hoheit gönnt mir ohnehin kaum das Leben.« – »Bah ich habe nichts, meine Ringe sind fort, meine Uhr auch. Willst du mein Patent?« – »Was tue ich mit Eurem Patent? das laßt Ihr im Stich; jedermann weiß, daß Ihr der Offizier Seiner Exzellenz des Muschir seid.« – »Nun, Schuft von einem Slavonier,« rief der Leichtsinnige, in seiner Brieftasche kramend, »hier ist was Besseres, das ich höchstens auf einige Tage entbehren kann. Die Generalorder des Muschirs zum Durchlaß auf allen Posten und zur Lieferung von Pferden. Ohne dies Papier kann ich nicht von der Stelle; ist dir das sicher genug?« Graf Pisani hatte, während die übrigen, unbekümmert um die gewohnte Verhandlung, fortpointierten, mit halbem Ohr auf das Gespräch gelauscht. Sein rascher, bedeutsamer Blick traf gedankenschnell den Slavonier und winkte ihm, zuzuschlagen. – »Bei den heiligen Märtyrern, an die Ihr nicht glaubt, Aga,« schwor der Wirt ich muß Euch anvertrautes Gold geben und tue es bloß auf Euer ehrliches Gesicht. Laßt das Papier da, Aga, und Ihr braucht Euch nicht zu eilen; ich verwahre es sicher; Ihr werdet mich hoffentlich bei den Zinsen nicht vergessen!« – Der junge Tollkopf folgte dem schlauen Händler aus dem Gemach. Wenige Minuten nachher erschien er wieder am Spieltisch, die Taschen voll Gold, und von den Genossen jubelnd begrüßt. Die Dukaten rollten. Mit beiden Händen auf den Tisch gestemmt, folgten Iskender-Bey und Osman-Aga den Chancen des Spiels. Die Augen funkelten – wilde Ausrufe und Verwünschungen – das triumphierende Lachen des Gewinns klang von ihren Lippen – nur der Sardinier spielte wie ein Gentleman ... Osman-Aga verlor – der kühne Führer der Baschi-Bozuks triumphierte im Gewinn. – »Fünfzig Dukaten!« – Der junge Verschwender schob den ganzen Rest auf das Coeur-Aß.– »Schwarz! Auf den Buben, Kamerad!« rief der Bey. – Die Karten fielen rechts und links: Rot hatte verloren, schwarz gewonnen. Mit einem grimmigen Fluch hob der Adjutant die nächste Flasche an den Mund und trank sie bis zum Boden leer; Iskender-Bey aber zog das Gold zu seinem Gewinn. – »Wein, Alexo, Champagner! Noch eine Taille, Kamerad?« – Aber der Graf hatte sich bereits erhoben und hielt ihm die Uhr vor. – »Die Zeit ist um, Herr Graf, ich zediere dem nächsten. – Viel Vergnügen, meine Herren, mich rufen noch Geschäfte; vielleicht find' ich Sie später noch hier und gebe dann weitere Revanche.« – Er steckte den Goldhaufen, der vor ihm lag, in die Tasche und griff nach dem Kaskett. Aber ein jammerndes Geschrei voll Schmerz und Angst fesselte seinen Fuß, und er blieb ein unwillkürlicher Zuschauer der nachfolgenden Szene ... Die Tür des Gemaches wurde aufgerissen, ein bulgarisches Weib und ein Mädchen erschienen auf der Schwelle, weinend und zagend, als sie die vielen Männer sahen. Aber Doktor Welland, der sie führte, zog sie, ihnen Mut einsprechend, herein und gerade auf Iskender-Bey zu. Nursah, der schwarze Sklave des Doktors, hatte das Mädchen an der Hand, dessen Gewand zerrissen war, dessen langes blondes Haar, häufig eine große Schönheit der bulgarischen Frauen, ihr wirr herab bis fast auf die Knie niederhing. – »Was Teufel, Doktor, bringen Sie uns da für Gäste? Haben Sie eine Otmitza gehalten und Braut und Schwiegermutter zugleich erobert? Herbei mit dem Popen!« – Die ganze Gesellschaft brach in ein tobendes Gelächter aus, Welland aber faßte eifrig des Beys Arm ... »Helfen Sie den Ärmsten, die Schutz bei Ihnen suchen,« bat er, »sie sind geflüchtet aus ihrem Hause, wo Ihre Baschi-Bozuks Mord und Totschlag üben. Mein Neger fand die Weiber jammernd vor der Tür der Lokanda und führte sie zu mir.« – »Bah! was wird es sein? – eine Lappalie – das Volk hier ist an Prügel gewöhnt! Warum gehen Sie den wilden Teufeln nicht aus dem Wege? Ich kann mich nicht mit der Beschwerde jedes Bauern oder jeder Dirne befassen.« Die Baba war vor dem Bey niedergefallen und umfaßte seine Kniee. – »Was gibt's, Weib?« herrschte er ihr auf türkisch zu. – »O Hoheit! sie morden meinen Mann – sie haben meinen Neffen erschlagen und ermorden sich untereinander!« – Die Stirn des türkischen Guerillaführers verfinsterte sich ... »Wer bist du, Frau? wo ist dein Haus?« – »An der Straße, Hoheit, die nach Belgradzik führt, dem Adlernest der Haiducken. Die Zelte deiner Krieger liegen keine tausend Gänge davon, und mein Mann hält dort ein Gasthaus.« – »Aufs Pferd, Jakub-Aga,« befahl der Bey, »und sieh' zu, was es gibt. Meine Kopfabschneider sollen dem Volke wenigstens nicht ans Leben kommen, sie werden morgen bessere Gelegenheit finden, ihre Tollheit zu kühlen. Jage die Hunde in ihre Zelte, und du, Weib, störe mich nicht länger.« Er wandte sich wieder zu dem Spiel, während Jakub-Aga den Säbel umschnallte und das Gemach verließ, indem er sich von dem Weibe noch weiter den Schauplatz des Exzesses beschreiben ließ. Mehrere der jüngeren Offiziere umgaben die hübsche junge Bulgarin, die zitternd und weinend sich an den deutschen Arzt drängte, der sie hereingeführt. Im Galopp flog ein Reiter vor das Haus, warf sich aus dem Sattel, und man hörte ihn laut nach dem Bey fragen. Es war bereits dunkel geworden, der Retraiteschuß der Festung jedoch, der die Tür schloß, noch nicht gefallen. Der Führer der Irregulären beugte sich aus dem Fenster ... »Was gibt's? wer fragt nach mir?« – »Der Jüs-Baschi der Kosaken, Mahmud-Aga, läßt melden, daß eine große Anzahl der Irregulären mit seinen Leuten handgemein geworden ist in einer bulgarischen Schankwirtschaft an der Straße nach Nissa. Der Major ist bereits in Kalafat, Verstärkung zu holen.« – »Zu Pferde, meine Herren,« rief der Bey, »wir müssen die Schufte auseinandertreiben, sonst hauen sie sich gegenseitig in Stücke!« Er sprang die Stiege hinab und rief unter dem Tschardak nach seinem Roß. Mehrere der Offiziere folgten ihm – andere blieben ruhig sitzen, dergleichen Auftritte ereigneten sich zu häufig, um ihre Ruhe noch zu stören. Der Bey jagte, mit seinen Unteroffizieren voran, auf und davon. »Hierher, Exzellenz!« flüsterte der slavonische Wirt, indem er die Hand des sardinischen Obersten berührte. »Folgen Sie mir!« – Der Sarde folgte dem Wirt durch den Flur und einen kurzen Gang in ein anstoßendes Hintergebäude und zu einem kleinen, leeren Zimmer. – »Verzeihen Exzellenz,« bat der Slovake, »daß ich Sie hierher führe, aber nirgends im ganzen Hause ist ein Plätzchen, wo man sich ungestört besprechen kann.« – Der Oberst warf das Geld, das er gewonnen, auf den Tisch. – »Hier ist etwas für den Brief der Gräfin, den du mir gestern sandtest, und die hundert Dukaten, die du für den Ferman des tollen Agas ausgelegt. Der Überschuß ist dein. Gib mir das Papier.« – »Aber wenn der Aga es einlösen will?« – »Bah! – er denkt nicht daran; ich werde dafür sorgen, daß er Beschäftigung genug hat. In drei Tagen kannst du es außerdem zurück erhalten. Wie steht's mit meinem Auftrag?« – »Die Befehle von Exzellenz sind erfüllt; aber wie ich die Verhältnisse kenne, wird mein Plan der einzig ausführbare sein. Ich habe sichere Kunde, daß eine Anzahl Dorobandschen die Gelegenheit zum Desertieren erlauert. Apollony ist bereit, auf das russische Gebiet zu gehen und die Leute zu führen; es wird ihnen dafür ein leichtes sein, die Gräfin in ihrem Schloß an der Deszneizia aufzuheben und über die Donau zu bringen.« Der Graf schwieg, einige Augenblicke nachsinnend ... »Ist der Mann treu?« – »Wie Stahl und Gold, Exzellenz, ich verschwöre mein Leben für ihn. Er führt die meisten Überläufer.« – »Du weißt,« sagte der Oberst, »daß, wenn die Entführung gelingt, du 200 Dukaten erhältst und der Walache ebensoviel. Betrügst du mich, – denn ich weiß sehr wohl, daß du den Russen ebenso gut dienst, wie mir, – so werde ich dafür sorgen, daß Sami-Pascha dich eines schönen Morgens an deiner eigenen Haustür aufhängen läßt. Führe den Mann zu mir!« Der Wirt verschwand und kehrte bald nachher mit einem jungen Manne zurück, der, obschon in türkischer Offiziersuniform, doch nur als Volontär in der Armee diente und – ein geborener Walache – durch seine Bestrebungen, seine Landsleute aufzuwiegeln und auf die türkische Seite herüberzuziehen, sich ausgezeichnet hatte. – »Alexo hat Ihnen von dem Unternehmen bereits gesprochen,« sagte der Graf. »Die eingetretenen Umstände erleichtern die Sache. Das Gut und Schloß der Gräfin Laszlo an der Straße Radovan liegt zwar zwei Meilen innerhalb der russischen Linien, doch wird die Gegend morgen von Truppen entblößt sein. Kennen Sie Schloß Badowitza?« – »Sehr gut, Aga!« – »Desto besser? also hören Sie! Die russischen Truppen haben eine Expedition gegen einen Ihnen gewiß bekannten Punkt, Czetate, etwa drei Meilen oberhalb Kalafat, unternommen und werden sich dort festsetzen. Ich bin durch einen Brief gestern genau unterrichtet worden, daß auch die Detachements, die in der Nähe von Tschoroy und der Deszneizia stehen, dahin kommandiert sind, das Gut der Gräfin Laszlo also ohne namhafte Verteidigung in diesem Augenblicke ist. Alexo, der Wirt, sagt mir, daß Sie der Dorobandschen, die in jener Gegend stehen, sicher sind. Wir werden morgen die Russen bei Czetate angreifen. Sie müssen die Zeit benutzen, um die Gräfin ohne Aufsehen aufzuheben und nach der Donau zu bringen. Die Dame, gegen die ich jede Beleidigung auf das strengste untersage, wird im Widdiner Konak Sami-Paschas abgeliefert. Ist dies geschehen, so wird Alexo Ihnen sofort die versprochenen 200 Dukaten auszahlen. Getrauen Sie sich das Unternehmen auszuführen?« Der Walache lächelte. – »Ich besitze genügend russische Papiere – für Geld ist da drüben, alles zu haben – auch kenne ich die Gegend genau.« – »So kann ich Ihnen die Mittel geben, zu jeder Zeit und wie Sie es für gut finden, bei den türkischen Posten, während der nächsten drei Tage aus- und einzupassieren, ja überall sich die nötige Hilfe zu sichern. Hier ist eine Order des Muschirs; der Zufall hat mich in ihren Besitz gebracht.« – Apollony untersuchte das Papier ... »Betrachten Sie die Sache als abgemacht, Herr! Spätestens übermorgen abend ist die Dame im Haremlik des Gouverneurs, oder ich habe meinen Kopf verspielt. Doch muß ich etwas Geld im voraus haben.« – »Alexo wird Ihnen fünfzig Dukaten geben. Noch eins! – die Gräfin muß die Leute entweder für ein türkisches Streifkorps oder für Überläufer halten. Es kommt nur darauf an, daß ihrer Person nichts widerfährt, und Gewalt wird sogar besser sein. Etwas Schrecken und Angst werden ihr nicht schaden; mit ihrer Umgebung machen Sie keine Umstände, betrachten Sie sie als Feinde. Unter keiner Bedingung darf aber die Dame ahnen, daß ihre Entführung von hier aus eingeleitet ist, keine Silbe von meiner Person; verstehen Sie wohl?« – »Ihre Befehle sollen erfüllt werden! Auf übermorgen also.« – Der Oberst nickte ... »Gutes Glück! Alexo, gib ihm das Geld.« Die Völker. Die Mehana des Bulgaren Gawra befand sich ungefähr zehn Minuten vor dem südlichen Tor Widdins an der Straße nach Nissa und Ternowo, der heiligen Stadt des Landes. Das bulgarische Dorf, zu dem sie gehörte, lag weiter ab von der Straße. Jenseits derselben hinaus ins Feld nach der Donau zu, erstreckte sich das fliegende Lager der Baschi-Bozuks, die hier die Reserve für die Garnison von Kalafat bildeten. Die Schenke war nicht nach bulgarischer Art gebaut, die ein rundes, bis auf etwa zwei Fuß vom Boden abstehendes Schobendach zeigt, während das Haus selbst tief in die Erde gegraben ist und man auf Stufen dazu heruntersteigt, sondern nach städtischem Muster eingerichtet, einstöckig und mit einer großen gemeinschaftlichen Hoda versehen, die, zugleich Küche, Wohn- und Gaststube, bis auf zwei kleine Kammern den ganzen untern Raum der Umfassungsmauern einnahm; dagegen verrieten die vielen weißen, von der Sonne gebleichten und auf Pfähle gesteckten Ochsen- und Pferdeschädel rings um den Hof die bulgarische Wohnstätte. Ein großer grüner Busch über der Haustür zeigte die Eigenschaft der Schenke an; mehrere nach bulgarischer Weise eingerichtete Ställe, denn jede Art der Haustiere hat hier ihre besondere Unterkunft, umgaben das Hauptgebäude. Gawra, der Wirt und Pferdehändler, galt unter seinen Landsleuten für einen habsüchtigen, aber wohlhabenden Mann, wenn auch die ganze Wirtschaft ein verkommenes Aussehen zeigte. – Am Nachmittage jenes Tages, der uns in der Lokanda des Slowaken Alexo zu Widdin gefunden, ging es auch hier lebendig her. Gawra hatte die Nähe der türkischen Lager benutzt, um einen Handel und Ausschank von Getränken anzulegen, und verschacherte dabei auch mit Glück und Gewinn manches Roß, teils aus dem eigenen Stalle, teils von der Beute, die die Irregulären und türkischen Husaren von den Streifzügen über Kalafat hinaus mit zurückbrachten, die hier ihren Stammverkehr hatten. Indessen waren heute auch zahlreicher als sonst die Baschi-Bozuks in der Schenke versammelt, nicht bloß die größere Hälfte des unteren Hauses füllend, sondern fortwährend ab- und zuströmend. Die bunten, wüsten Gruppen, die auf dem Boden umherkauerten oder gleich Statuen an der getünchten Wand lehnten, boten einen seltsamen, phantastischen Anblick. Neben dem Albanesen von Janina mit der heute zu Ehren der Besichtigung wieder einmal rein gewaschenen Fustanelle, dem langbezipfelten Feß und der goldbetreßten Jacke, saß der schmutzige Bosniake, der Arnaut mit den grünen, zerlumpten, engen Hosen, die er irgend einem Christen gestohlen, der offenen roten Ärmelweste und dem um den Kopf geschlungenen Tuch, unter dem die dunklen, unruhigen Augen umherblitzten, – oder gar der Syrier mit dem bronzefarbenen Gesicht, dem weiten, einst weißen, jetzt zu schmutzigen Fetzen gewordenen Gewande. Daneben das ebenholzfarbene Gesicht des Mohren aus Derr oder Kordofan; das gelbe Antlitz des Ägypters – des armen Fellachen –, der, von Hütte und Familie gerissen, hier den ihm gleichgültigen Streit des Großherrn ausfechten sollte; desgleichen der Araber aus den Wüsten von Jemen, der Bewohner der Öden um Damaskus, der Druse vom Libanon, die Vertreter aller wilden Stämme Albaniens neben dem breitbackigen Turkomanen mit den kleingeschlitzten, scharfen Augen. Ein beispielloses Gewirr von Trachten in Farbe und Schnitt, keine der andern gleich, der feine Seidenschal um schmutzige Lumpen gewunden, Fez und Turban, Tuch und kurdische Mütze; Kaftan und Ziegenhaarmantel, das entblößte Bein und die rote albanesische Gamasche; Goldstickerei neben der wollenen, kaum die Blöße verhüllenden Decke, der blinkende Sporn an dem einen schleppenden Pantoffel, die gelbledernen Strümpfe der Türken oder das unbehilfliche Schuhwerk, das die Regierung geliefert. Dazu ein Arsenal von scharfen Waffen jeder Art, das den Sammler und selbst den Altertumsforscher in Entzücken versetzt hätte: der Säbel in jeder Form und Biegung, in Samt und Lederscheide, im Metall klirrend, oft ohne alle Hülle – der kostbare, bleigraue Damascener Stahl in der einfachsten Scheide, Handjars jeder Größe und Form, vom handbreiten syrischen Yatagan bis zur schweren, gewichtigen Waffe des Turkomanen, kurdische Messer, die mehr gerade Klinge der Stämme des Peloponnes, der gewundene eiserne Dolch, vielleicht noch aus den Zeiten der Kreuzzüge von Vater auf Sohn vererbt – eherne und hölzerne, fußlange Griffe, mit silbernen Buckeln und Stiften beschlagen, – an vielen Perlmutter und Elfenbein, Juwelen und edle Steine verschwendet. Dazwischen das plumpe Seitengewehr, das der Nizam trägt, der unvermeidliche Tabaksbeutel überall, die Feuerzange in ihrer messingenen Kapsel im Gürtel – der Schibuk in aller Munde, eine Wolke von Tabaksqualm und Knoblauchsgeruch über allen Köpfen; – zwischen den stillen, ernsten Gruppen mit dem Kaffeebecher oder dem irdenen Krug voll scharfem Slibowitza, der wie Wasser durch diese abgehärteten Kehlen floß, einige zerlumpte, schmutzige Derwische mit der topfartigen Filzmütze und dem braunen oder grauen Mantel – das war der Anblick, den die größere Hälfte des ziemlich weiten Raumes bot. Weit tobender und lauter war die Gesellschaft im andern Teile. Hier saßen und standen um ein paar Tische an zwanzig türkische Kosaken in ihrer kleidsamen Uniform: dem blauen, mit scharlachroten Aufschlägen und ebensolchem Futter in den langen aufgeschlitzten Hängeärmeln versehenen Dolchen, dem Pelztschako mit dem großen Halbmond von Messingblech und den weiten blauen Pantalons mit breiten roten Galons. Die Gruppen um die Tische waren mit Trinken und Würfeln beschäftigt. In der Mitte des Gemaches vor dem großen Kamin lag die Kula mit einer ihrer Töchter der Kaffeesiederei ob, während Wirt Gawra mit einem Neffen, fast noch einem Jungen, die Gäste bediente. An dem Tische in der Nähe des Kamins saß die Hauptgruppe der Spieler um einen Fremden, der, so sehr er ihnen auch in dem verwegenen und kühnen Aussehen glich, doch keiner der Ihren war und nicht die Uniform trug. Der Leser kennt ihn bereits – Santa Lucia, den korsischen Banditen, der nach seinem letzten Verbrechen in Stambul im Heerlager an der Donau Sicherheit gefunden hatte und hier den Diener des sardinischen Obersten spielte. – »Mashallah!« murrte Ali, der Arnaut, zu seinem Nachbar, einem zerlumpten Asiaten, indem er mit dem Mundstück seines Schibuks nach den Spielern deutete, »sich diese Söhne der ungläubigen Hunde, wie das blanke Gold durch ihre unreinen Hände rollt. Ein weiser Mann hat mir gesagt, daß man durch dieses Spiel aus einem Beschlick im Handumdrehen zwanzig goldene Ghazis erwerben kann.« – Die Augen des Asiaten funkelten lüstern. – »Inshallah! – was für Narren sind diese Christen! Es ist nur ein Gott, und Mohammed ist sein Prophet. Ich möchte ihnen ihr Geld abnehmen. Aber mein Beutel ist leer.« Abdallah, der Syrier, nestelte an einem solchen von Ziegenhaar ... »Ich fand bei dem Moskow, den wir bei dem Überfall erschlugen, außer dem Golde auf seinen Schultern zehn Stücke in seiner Tasche. Wenn ich wüßte, daß Allah mein Tun segnen würde, möchte ich einen Beschlick in diesem Spiel wagen.« – »Hussa, Schurke von Wirt! Rum her, Branntwein!« – »Hundsfott! Wo steckt der Bursche, daß er Caballeros warten läßt? ... Lümmel! Branntwein her!« – »Caballeros, euer Spiel! – Acht auf der Tafel.« – » Pesta ! Ich werfe mehr! Zehn!« – »Hundsmutter die deinige! Das Geld ist verloren.« Der Pole griff sich wild in die Haare und starrte mit funkelnden Augen auf sein verlorenes Geld, das der Spanier ruhig zu dem seinen zog. – »Allah sende ihm Unglück! Hast du es mit deinen eigenen Augen gesehen?« – »Was lachst du mir in meinen Bart, Beg? Auf mein Haupt komme es! Bin ich ein Mann, oder eine turkomanische Kuh? Sind das Augen, oder sind sie es nicht? Ich habe gesehen, wie er über der Tür seines Hofes die drei Kreuze gemacht hat, die das Zeichen des Christen sind uns die unsere Brüder aufs Krankenlager werfen, bis die Reihe an uns kommt.« – »Wir wollen den Derwisch Ibrahim herbeirufen; er wird uns sagen, ob dieser aussätzige Bulgar dafür an seine eigene Tür genagelt werden soll!« – »Bringt Pfeifen und Kaffee herbei!« – »Gawra! Wo ist Maritza, deine Tochter? Warum bedient sie deine Gäste nicht? Gib mir die Guzla vom Nagel.« – »Die Marutza fürchtet sich vor der vielen Gesellschaft, Aga; sie wirtschaftet in den Ställen mit dem Vieh.« – »Schaff' sie herbei, Schurke! Meinst du, wir seien gekommen, um deine Fratze anzuschauen?!« – »Die Moma! die Moma!« heulte der Chor. Der Bulgare war bereits demütig verschwunden. Die Moslems schauten finster auf die Lärmer; um Hadschi-Achmet und den Derwisch hatte sich eine Gruppe gebildet und horchte eifrig den Worten ... »Dieses Schwein von einem Bulgaren tut, als ob wir nicht in der Welt wären. Ich will die Gräber seiner Väter besudeln!« – Der Redner schüttelte verächtlich den Zipfel seiner Jacke ... »Corpo di Bacco! Ruhe da oben! Ich will mein Lied singen!« – Tomasini, der Venetianer, begann, auf der Guzla klimpernd, Orsinos Trinklied aus der Lucretia. Seine Stimme war schön, und bald sammelten sich Zuhörer und klatschten ihm ihren Beifall. Selbst die wilden Kinder der Wüste horchten den übermütigen frischen Klängen. An dem Tisch des Korsen stand der Baschi-Bozuk. Sein Auge haftete gierig auf dem Golde, das vor Santa Lucia lag. – »Hei, Kamerad, willst du auch einmal dein Glück versuchen? Heraus, alter Beduine; mit den Piastern und den blanken Dukaten und Dublonen, die du zusammengestohlen hast.« Er reichte ihm den Becher ... Der Araber verstand seine Sprache nicht, aber er legte langsam und zögernd einen Imperial auf den Tisch. Seine langen Finger kämpften noch ängstlich danach, als der Korse das Goldstück nahm und prüfte. – »Diavolo! Russisches Gold? Hast du viel dergleichen, Patron?« – Er warf einen Napoleonsdor daneben und schob dem gierigen Moslem die Würfel zu. Einige Männer sammelten sich um die Gruppe. Draußen am halb zusammengebrochnen Hofzaun hinter dem Hause, durch den vorspringenden Stall vor den Blicken verborgen, lehnte Marutza, die älteste Tochter des Hauswirts. Um das reine ovale Gesicht mit den großen blauen Augen wallte das Goldhaar fast bis zur Erde hinab, die jungfräulich üppige Gestalt wie mit einem Mantel umgebend. Auf dem Scheitel fehlte zwar die Ringelblume oder die Rose, mit der die Bulgarin sich schmückt, denn die Jahreszeit bot nicht die sinnige Zierde; aber der Mann vor ihr schaute auch nicht nach fremden Blumen aus, wo die Rosen auf den Wangen der Geliebten ihm glühten und aus ihren treuen, melancholischen Augen alle Blüten der Zärtlichkeit ihm entgegenstrahlten ... Es war ein kräftiger Jüngling von trotzig kühnem Aussehen; der glänzend gewichste Schnurrbart hing lang über die Mundwinkel nieder; auf dem Haupte, das bis auf den langen, in zwei Flechten geteilten Haarbüschel auf dem Scheitel kahl geschoren war, saß der flavonische Hut. Von dicker Wolle war seine ganze Kleidung, die kurze Kutte, der Gürtel, die Beinkleider, die Bänder, womit seine Füße dicht umwickelt waren. Über dem allen war er in einen weiten, filzartigen weißen Mantel gehüllt, der die Waffen in seinem Gürtel verbarg, bis auf die treue Flinte, die im Bereich der Hand lehnte. »Ich sage dir, Marutza,« sprach finster der Fremde, »ich dulde es nicht länger, daß dein Vater dich den Blicken der Männer preisgibt, von denen seine Habsucht ihren Vorteil zieht, statt dich, wie es einer Bulgarin ziemt, an der Spindel oder dem Webstuhl in der Kammer zu halten. Mit Maria, deiner Schwester, mag er tun, was ihm beliebt, aber du bist meine Braut, wenn du auch den Schleier oder die Haube nicht trägst, und, bei den vierzig Märtyrern! ich hole dich in der Otmitza, wenn dein Vater der Sache kein Ende macht.« – »Du tätest besser, Miloje,« entgegnete die Stimme des Alten, der seine Tochter zu suchen gekommen war, hinter ihnen, »Du brächtest deinen und meinen Hals nicht in Gefahr, indem du hier umherstreichst, während die Khawassen des Paschas und alle Leute in Widdin wissen, daß ein Preis auf deinem Kopfe steht.« – »Bah!« sagte der junge Mann verächtlich, indem er die Finger seiner Rechten vor sich spreizte, »ich fürchte die Schurken nicht. Ich bin ein freier Heiduck, und Sami-Pascha weiß, was er von meinen Brüdern zu erwarten hat, wenn er mir ein Haar krümmt. Mein Vater war ihr Schrecken und bei der Panagia , ich werde diese Türken nicht für die Tschorbadschias erkennen, so lange ein Atem in dieser Brust ist.« – »Aber was willst du hier, wo tausend Augen auf uns gerichtet sind?« – »Mein Weib, Marutza, meine Braut, wie du meinem Vater gelobt hast. Ich bin von den Bergen herunter gekommen, weil ich gehört habe, daß du, des schnöden Geldes wegen, deine Töchter gleich Mägden die Krieger des Großherrn bedienen läßt.« – »Du bist ein Tor, Michael Miloje! Wem anders fällt einst mein Hab und Gut zu, als dir und dem Mann meiner Tochter Maria! Die Weiber müssen verdienen, so lange sie im Hause sind. Du kannst Marutza doch nicht mit auf deine kalten Berge nehmen, und im Paschalik darfst du dich nicht niederlassen, ehe nicht der Bann von deinem Haupte genommen ist. Was können wir tun? wir sind die Knechte!« – »Ha, bei dem Blute meines Vaters, der im Turm von Kamenitza für die Freiheit der Seinen starb,« rief der Heiduck, »sind wir nicht Memmen, daß wir diese Fesseln tragen? Sind unsere Freunde, die Moskowiten, nicht jenseits des Stromes bereit, uns zu Hilfe zu eilen, sobald nur der Kampfesruf von unseren Bergen erschallt? Schämt Euch, Gawra! in der Jugend habt Ihr mit dem Popen, Eurem Ohm, bei Jarkoï gefochten und vor Nissa gestanden mit meinem Vater; und nun vergeßt Ihr so ganz, was Euer Herz damals entflammte?« – »Törichter Junge,« sagte der vorsichtige Bulgar, sich scheu umblickend. »Ist es nicht schon deshalb, weil ich Gawra heiße, daß ich die Rache der Osmanli fürchten und ihren Verdacht einschläfern muß? Was weißt du, wie meine Seele denkt! Doch fort mit dir jetzt, – das Mädchen muß in die Hoda und ihrer Mutter helfen, und dich schütze der Gott unserer Väter, bis du so viel erworben hast, daß du die Braut heimführen kannst.« Das Mädchen riß sich los und flog über den Hof zur Tscharda. Der junge Heiduck aber faßte des Alten Arm, der ihn gleichfalls verlassen wollte ... »Ist es nur das, Vater Gawra, das gelbe Metall, dessen ich bedarf, um die Braut zu erhalten? Schau her, dessen habe ich genug, mehr als ich brauche, mein Haus zu bauen, und ein stattlich Gut frei zu kaufen.« – Er zog, aus dem breiten, wollenen Gürtel einen ledernen Beutel und zeigte ihn dem Pferdehändler, – der Beutel wog schwer von Gold. – »Bei dem Blute der heiligen Märtyrer!« fuhr der Alte zurück, »wo hast du das Geld her, Michael?« – »Ei, laßt Euch's nicht kümmern,« lachte dieser. »Es ist ehrlich erworbenes Geld, das der schwarze Zar seinen tapfern Kindern, den Heiducken, gesandt hat. Aber ich kann nicht von hier, Vater Gawra, und ich will auch nicht. Ich muß jemand erwarten, der mich innerhalb drei Tagen in Eurer Schenke treffen soll. Ich habe so gut ein Recht, hier zu weilen, wie jeder dieser Soldaten des Padischah.« Der Bulgar bedachte sich einen Augenblick, – sein Geiz und der Anblick des vielen Goldes, das der Heiduck bei sich führte, siegten über seine Vorsicht ... »Sei es denn,« sagte er, »aber bringe mich nicht ins Unglück für meine Güte. Die Soldaten kennen dich nicht, und die Khawassen meiden meine Schwelle, weil sie Schläge von ihnen fürchten. Sei vorsichtig, Michael, und mische dich nicht in fremde Händel! Du kennst die Gelegenheit und weißt, daß die Stiege neben dem Herd zu den Bodenkammern führt. Dorthin ziehe dich zurück, ehe sie auf dich und deine Gegenwart merken; ich werde die Weiber zu dir senden. Gib mir die Flinte, daß ich sie verberge.« – »Ich kann die Waffe nicht von mir lassen.« – »Narr! Hier würde sie auch wenig sicher sein, diese Moslems sind Diebe, die überall umherspähen.« Er holte aus dem Stalle eine Schütte Stroh und steckte das Gewehr hinein. Dann nahm er es unter den Arm und schritt dem Hause zu, dem jungen Häuptling winkend, ihm in einiger Entfernung zu folgen. Drinnen nahm der Lärm immer mehr überhand, je mehr der feurige Branntwein, das Spiel und der Streit die Köpfe erhitzten. Tomasi hatte die Guzla fortgelegt und Marutza, die bei ihm vorbeischlüpfte, am wallenden Gewand ergriffen, während Rodriguez, der Spanier, ihre Hand gefaßt hielt und fünf, sechs andere um das geängstigte Mädchen sich sammelten, ihr den Ausweg versperrend ... »Schöne Marutza,« flüsterte der Italiener, »her zu mir, trink aus meinem Glase! Pesta, du bist so allerliebst, daß Tomasa dich besitzen muß, und wenn es sein Leben gälte!« – »Demonio«, schrie der Rival, »der Mann will die Schönheit allein haben! – An mein Herz, schöne Senjora, Rodriguez ist gleichfalls bis über die Augen vernarrt in dich!« – »Putao!« zischte ein dritter Nachbar und riß das Mädchen an sich. »Halb Part, Kamerad!« – Wie ein Spielball flog sie, laut aufkreischend, durch die Hände der wüsten Gesellen. Abdallah, der Syrier, hatte nach wechselndem Verlust und Gewinn bereits sieben seiner blanken Goldstücke in den Händen des überlegenen Christen gelassen. Die Adern seiner Stirn schwollen, krampfhaft zuckten seine Finger nach dem verlorenen Golde ... »Nimm dich in acht, Kamerad,« sagte mit spöttischem Lächeln der Korse, und seine Rechte spielte am Griff des Dolches, während die Linke lustig den Würfelbecher schüttelte. »Du vergreifst dich an fremdem Eigentum! Seid Ihr solche Lumpen, daß Ihr nicht ein paar Goldstücke für Euer Vergnügen wagen könnt? – Etwas Ordentliches, Freund Muselmann, setze deinen Rest! hier ist das Gold, was ich gegen halte!« – Der Moslem zauderte, – seine Genossen waren stumm, nur die blitzenden Augen zeigten den gierigen Anteil. Dann langsam und zögernd schob Abdallah den Rest seiner erbeuteten Imperials auf den Tisch, und der Korse warf klingend und hochmütig drei dagegen. – »En avant, mes braves! Bringen wir einen Toast auf die schöne Marutza!« – »Allah bila versin! Der Bulgare muß sterben für den Hohn, den er uns angetan!« Die Worte kreuzten sich mit dem gellenden Hilferuf des Mädchens; Vater und Mutter eilten herbei. – »Cenrinegato!« donnerte es zwischen das wilde Gelächter, und eine kräftige Faust stieß den geilen Venetianer zurück, daß er den Boden maß, und riß das Mädchen aus den Armen der Trunkenen. – Abdallah hatte seinen Wurf getan, – mit Hohngelächter wurde die niedere Zahl begrüßt. Santa Lucia schüttelte mit triumphierendem Lächeln den Becher und ließ die Würfel rollen. – »Siebzehn, nichts für ungut, Kamerad, die Imperials gehören mir!« Er zog die Goldstücke zu dem Geldhaufen vor sich. – »Marzocco! Picaro! Filho de puta! Was will der Prostak?« tönten in zehn Sprachen die Flüche durcheinander, und Tommasini sprang vom Boden empor, den Säbel aus der Scheide reißend, daß die Klinge blank durch den Qualm und das Dunkel funkelte, das, nur von dürftigem Lampenschein gebrochen, bereits die weite Hoda füllte. – Santa Lucia schaute hinüber nach dem beginnenden Streit. Diesen Augenblick der Unachtsamkeit benutzte der Syrier, sein Gold wieder zu erhaschen, und seine Hände faßten gierig danach; drei, vier andere nahmen die Bewegung für einen Aufruf zum Raub und fielen über den Geldhaufen des Korsen her. – »Canaglia!« Einen Augenblick funkelte das Stilett des Banditen in der erhobenen Faust, dann fuhr es nieder und nagelte die Hand des unglücklichen Asiaten fest auf den Tisch. – Ein wilder Schrei des Schmerzes und der Wut ... gleich einer Schlange wand sich der Mann an dem gefesselten Arm. – »Wallah! Auf die Dschaurs, Ihr Gläubigen!« – Säbel und Handjars blitzten – mitten, hinein in den Lärm knallte ein Schuß. – – Der Heiduck hatte den Mantel von sich geworfen, – seine Linke suchte das Mädchen fortzudrängen und zu schützen, während die Rechte ein langes Pistol aus dem Gürtel riß. – »Zurück da, die Moma ist eine ehrliche Jungfrau und meine Braut!« – In dem wüsten Lärm verklang der Ruf oder wurde mit Hohngelächter beantwortet; seiner Tracht nach hielten ihn die Christen für einen Irregulären, daher der wütende Schrei: »Er hat Pistolen! Nieder mit dem Schuft, Kameraden!« – Der Irrtum war aber zugleich die Rettung des Heiducken. Während Monsieur Louis, der lustige Pariser, und einige Vernünftigere sich zwischen ihn und den Italiener warfen und einen tollen Streit verhindern wollten, faßte der Portugiese mit frecher Faust die Schulter und das Gewand des Mädchens; ein Ruck, und das wollene Kleid riß in Stücke und enthüllte die weiße Brust der Jungfrau. Der trunkene Lüstling tat jedoch jauchzend nur einen Blick auf die enthüllten Reize – der nächste schon zeigte ihm die weite Mündung des Pistols dicht vor den Augen, und mit zerschmettertem Schädel stürzte er auf seine Gefährten zurück ... Der Schuß gab das Signal zum allgemeinen Kampf, die Baschi-Bozuks warfen sich von allen Seiten auf die gehaßten Christen, und der lange verhaltene Groll brach in ungezügelte Heftigkeit aus. Säbel, Handjars, Dolche und Messer blitzten und färbten sich rot im Blute der Gegner. Mit den Schlägen des schweren Pistolenkolbens hatte sich der Heiduck, die Braut im Arm, Bahn gebrochen durch das Getümmel; keine der Parteien wußte recht, woran sie mit ihm war, und so kam er glücklich bis zu der Treppenleiter, die neben dem Herd zum Dachgeschoß des Hauses führte, worin sich außer den Vorratsräumen zwei Kammern für die Töchter und die Mägde des Hauses befanden. Der scharfe Blick des Knees hatte gesehen, wohin der Wirt sein Gewehr verborgen, und indem er das Mädchen die Leiter hinausschob, hatte er auch bereits die treue Waffe gefaßt und hielt mit ihr daneben Wache. »Bassa manelka! Sollen wir uns von den türkischen Lumpen erschlagen lassen? Hierher, Kameraden!« – Die breite, kräftige Gestalt des ungarischen Unteroffiziers hatte sich auf einen der Tische geschwungen, und nun regnete es Hiebe von seiner breiten Klinge auf die Köpfe und Schultern der Gegner... Gawra, der Wirt, an die Schlägereien des Gesindels gewöhnt, hatte anfangs die Sache wenig gefährlich genommen und war nun herbeigeeilt, sein Kind aus den Händen der Trunkenen zu befreien. Als aber, noch ehe er das Mädchen erreicht, der Schuß fiel und überall die Waffen blitzten, erkannte er die drohende Gefahr und drängte die Baba und ihre jüngere Tochter zur Tür ... »Geschwind zur Stadt und hole Hilfe! Die Teufel stecken uns sonst das Haus überm Kopf in Brand.« – Die Weiber entflohen, während sie noch sahen, wie eine Anzahl der Baschi-Bozuks sich auf den Wirt selbst warf und der Knabe Jowan zu Boden geschlagen wurde ... »Hinaus mit den verräterischen Hunden! Schlagt sie tot, die asiatischen Spitzbuben!« schrie der Führer der christlichen Freischar, und in geordneter Phalanx drangen sie auf die wilde Horde ein; ihre wuchtigen Hiebe trieben sie durch Fenster und Tür, heulend vor Wut, aus zwanzig Wunden blutend im Handgemenge. Doch nur eine kurze Zeit war der Sieg auf der Seite der Christen. Im Tschardak faßten die Moslems, von den Ihrigen, die sich draußen umhertrieben, unterstützt, festen Fuß und begannen aufs neue den Eingang zu stürmen. Die Kosaken begannen sich zu verschanzen, denn bei ihrer geringen Zahl und der größeren Entfernung der Stadt erkannten sie die Gefahr und daß es galt, sich zu halten, bis Entsatz kam. Mehrere von ihnen waren gleichfalls verwundet; außer der Leiche des Portugiesen lag ein junger Pole, zum Tode getroffen, am Boden, der Handjar Husseins des Albanesen hatte ihm den Schädel gespalten. An den Heiducken dachte keiner mehr, man hatte ihn für einen der Baschi-Bozuks gehalten und glaubte, daß er mit den anderen entwichen; er hatte aber die Gelegenheit benutzt und während des Kampfes sich mit Marutza in das Bodengeschoß geflüchtet. Seine starke Faust zog die Leiter ihnen nach. Die wilden Gesellen, trotzend der Gefahr, ließen es nach der Sicherung des Eingangs ihr erstes Geschäft sein die Vorräte der Mehana zu plündern und alles Getränk herbeizuschaffen. Ein wüstes Bacchanal begann. Durch die Fenster hinaus die Branntweinkrüge schwingend höhnten sie ihre Gegner ... Eine kurze Pause des Kampfes war eingetreten – wohl an zweihundert der Irregulären waren jetzt versammelt in der Nähe, und auf den braunen, dunklen Gesichtern flammte die Leidenschaft in allen Schattierungen. Offiziere sprengten neuerdings herbei und versuchten die Leute zurückzutreiben. Mahmud-Aga, der Kapitän der Kosaken, darunter; aber vergeblich drohte er, seine Eskadron ausrücken zu lassen. Wildes Hohn- und Rachegeschrei war die Antwort. Kienfackeln – die Ställe des Roßhändlers boten des Vorrats genug – flammten ringsum. Baschi-Bozuks hatten den unglücklichen Wirt nach der hintern Seite des Hofes geschleppt zu dem dort befindlichen Ausgange und zeigten ihm hier sein Verbrechen: – drei rote, mit Tierblut gemalte Christenkreuze auf dem Querbalken des Tores! Die fanatischen Moslems sahen darin eine Verhöhnung, des Halbmondes, und Ibrahim, der Derwisch, hetzte die Erbitterten. »Kreuzigt ihn! kreuzigt ihn!« Er wurde mit ausgespannten Gliedern festgebunden, und nun begannen sie mit ihm ein teuflisches Spiel: Ben-Bahui, der Damaszener, hatte es angegeben – seinen Yatagan zwischen den Fingern wiegend, schleuderte er ihn nach dem Unglücklichen, daß die Spitze in Fußweite von seinem Leibe ins Holz fuhr. – Gellendes Hohngelächter verschlang den Hilferuf des Gefährdeten ... Ein zweiter der Bande – ein großer Schwarzer mit dem stumpfen Bullenbeißergesicht der Stämme der Nilquellen – trat vor, den Wurf zu versuchen; die taumelnde Haltung bewies, daß er seine geringen Fähigkeiten im Slibowitza ersäuft hatte. Andere strömten hin und her zwischen den beiden Haufen, den Hohn ihrer Gegner in der Mehana mit der Ladung zu dem blutigen Spiel beantwortend. – »Mashallah! schlagt die Dschaurs tot!« – Die wütende Bande begann jetzt den Sturm gegen die Türen und die Fenster des Hauses. Der Mohr hob grinsend das schwere Messer zum Wurf – plötzlich warf er auch den andern Arm wild in die Höhe drehte sich um sich selbst und stürzte zu Boden. Der Knall, der kräuselnde Rauch aus der Dachöffnung der Schenke zeigte, woher der Flintenschuß gefallen. – »Die Hunde haben Feuerwaffen! Wallah! Steckt ihnen das Haus in Brand!« – Die schwache Tür der Mehana brach vor den Schlägen der Stürmenden, über die Trümmer her wurden, die Freiwilligen und die Bozuks aufs neue handgemein. Da hob es sich wie eine dunkle Masse jenseits des fast fünf Fuß hohen Zaunes, und durch die Luft, mitten in die Gruppe der Asiaten hinein, flog ein braunes, schäumendes Roß, das jetzt zitternd von der gewaltigen Anstrengung stand und schnaufte. Und auf dem Roß ein Mann, die breite Brust von dem silberbeschnürten schwarzen Dolman umspannt, Todesdrohung im feuersprühenden Blick, das häßliche, aber energische Gesicht vor Aufregung glühend: – Graf Jlinski, Iskender Bey, der Oberst der Irregulären ... »Preklecie! In eure Zelte, ihr Hunde! Fort!« Seine Rechte spannte den Hahn des Sattelpistols – sie alle hörten deutlich das Knacken, – eine solche Stille war um den Grafen her, als sie ihn erkannt – nach allen Seiten hin verloren sich viele der Meuterer eiligst ins Dunkel. – »Wer hat das Aas hier erschossen? Ihr kennt das Verbot, Feuerwaffen bei euch zu führen! Antwort!« – »Du bist der Herr, o Bey!« sagte endlich, sich zu Boden werfend und seinen Steigbügel küssend, der Damaszener; »der Schuß kam von den Christen her aus der Schenke. Es ist unser Kismet, deinem Willen zu gehorchen; wir haben keine Flinten.« – »Was tut Ihr mit dem Mann da?« – »Er hat Kot auf unsern Glauben gehäuft. Es ist ein bulgarischer Mistträger – wir wollen ihn strafen.« – »O, Aga,« rief der Unglückliche, »sie warfen mit ihren Yatagans nach mir!« Der Bey schaute nach dem Tor ... »Ungeschickte Hunde! Nennt ihr das einen Wurf? Eine Elle vom Ziel!« Er ritt zum Tor und zog den Handjar, der noch neben dem Leibe des zitternden Bulgaren steckte, aus dem Holz. »Halt still – Schurke!« Auf fünfzehn Schritt ritt er zurück und hob sich im Sattel. Einen Augenblick wog er die schwere Klinge auf der flachen Hand, mit dem Mittelfinger den Knopf des Griffs berührend; dann warf er die Waffe, die zischend die Luft durchschnitt und kaum in Zollweite über dem Kopfe des Wirtes tief ins Holz fuhr ... Ein donnernder Beifallsruf der Kinder der Wüste erschütterte die Luft. Auf diese Weise hielt Iskender-Bey diese ungezähmten Seelen unter seiner wuchtigen Faust; er sprach zu ihnen: »Ich schieße besser als du, ich werfe den Djerid besser als du, ich reite besser als du;« und er schoß besser, warf besser, ritt besser und war allen voraus im Kampf. Der Tiger der Wüste beugte sich vor dem polnischen Wolfe und ward sein Knecht ... »Bindet den Mann los!« – Es geschah. – »Und nun fort mit euch Schurken und zu euren Zelten, denn in fünf Minuten lasse ich Alarm blasen und spieße jeden, der nicht in seiner Reihe steht. Zum Dank für den Lärm hier sollt ihr noch diese Nacht marschieren ... Du,« er wandte sich zu dem Damaszener, »und zwei dieser Hundssöhne, ihr bleibt bei dem Mann hier, bis ich nach euch sende.« Er wandte das Pferd und ritt nach dem Hause, ohne die Bande auch nur eines Blickes zu würdigen. Gleich begossenen Hunden schlichen sie eilig nach allen Seiten, davon ... Am Tschardak der Mehana hatte unterdes eine eigentümliche Szene gespielt und dem blutigen Gemetzel ein Ende gemacht. Während der Kampf tobte und das Blut floß, jagten mit verhängtem Zügel die Adjutanten des Beys, Jakub-Aga und Hidaët-Aga, in den Hof, ohne alle Rücksicht auf die Niedergetretenen, mitten in den dichtesten Haufen. Im nächsten Augenblick schon regnete es rechts und links, vorn und hinten Hiebe mit den Kantschus auf die Köpfe und Schultern der Stürmenden. Erschrocken über den unerwarteten Gruß, stob die Bande, die nicht den Säbel der Christen, wohl aber die ungezählten Prügel fürchtete, beiseite. Ehe fünf Minuten vergangen, war der Platz unter dem höhnenden Gelächter der eben noch in blutiger Verteidigung begriffenen Belagerten von dem Gesindel gereinigt. Zugleich hörte man im Lager die langen gewundenen Hörner der Irregulären, in schweren klagenden Tönen die Signale zum Sammeln blasen, und von Widdin her schmetterten Trompeten, und der Rest der Eskadron der türkischen Kosaken unter Führung eines Mulassim trabte heran. Iskender-Bey kam ruhig aus dem hintern Teil des Hofes, wo er in so tollkühner und glücklicher Weise im rechten Augenblick erschienen war, zum Tschardak geritten, auf den jetzt die Belagerten – fast die Hälfte mehr oder weniger verwundet – sich herausgedrängt hatten. Ein Baschi-Bozuk lag erschlagen mit weitklaffender Wunde in der Veranda; die Verwundeten hatten ihre Kameraden jedoch mit fortgeschleppt. – »Major Jakub?« – Der Aga salutierte. – »Wieviel Tote?« – »Von den Freiwilligen einer drin erschossen, ein anderer schwer verwundet. Zwei Leichen von den Unsern liegen in der Schenke, eine hier.« – »Die Sache ist also gut genug abgelaufen. Jüs-Baschi Mahmud!« – Der Hauptmann der Kosaken, der sich vergeblich bemüht hatte, die Kämpfenden auseinander zu bringen, trat vor. ... »Ich bin der Höchstkommandierende hier, wenn auch Ihre Leute nicht zu den Meinen gehören. Lassen Sie die Halunken dort, die den Handel angezettelt, hervortreten.« – Es geschah. – »Wer von euch hat die beiden Schüsse getan? – Antwort!« – Einige Augenblicke schwiegen alle; dann entgegnete der Korporal: »Von uns hat keiner nach dem Tagesbefehl Schießgewehr bei sich geführt. Der Erschossene drin ist einer der Unsern.« – »Wer also schoß?« – »Ein Baschi-Bozuk natürlich, Oberst.« – »Narr! Warum sollte der seinen eigenen Kameraden erschießen? – Ruft den Wirt der Mehana aus dem Hofe herbei und seine Wächter.« Die Leute wurden gebracht. Der Bey wandte sich zu dem Damaszener ... »Woher kam der Schuß, der den Mohren niederstreckte?« – »Aus dem Hause, Bey! Ich sah selbst den Rauch aus dem Dache steigen.« – »Durchsucht das Haus!« – »Exzellenz, habe Gnade mit deinem Knecht,« jammerte der Wirt. »Ich weiß nicht, woher der Schuß gekommen; die Angst des Todes war über mir.« Die Soldaten, die das Haus durchsucht hatten, kamen, Marutza mit sich führend, zurück; der eine trug die Flinte des Heiducken. – »Wer ist das Mädchen?« – »Meine Tochter, Exzellenz; sie flüchtete auf den Boden, als der Streit im Hause begann.« – »Habt ihr niemand weiter gefunden?« – »Niemand, als dies Weib und die Flinte unter dem Stroh verborgen. In der Hoda liegt ein junger Bursche, der Aufwärter des Handja, aber er ist verwundet.« – »Jowan, mein Neffe!« – »Still. Mädchen, du mußt es wissen, rede die Wahrheit! Wer schoß die Flinte ab auf den Mohren?« – Der Bulgar zitterte. ... »Ich, o Aga, tat es. Mein Vater war in Gefahr!« – Der Bey schaute ihr scharf in die schwarzen Augen, die mutig standhielten. Das ritterliche Blut des Polen trug den Sieg davon. ... »So tatest du brav, Mädchen, wie ich wünsche, daß meine Tochter an mir tun möge. Doch kann ich deinen Vater nicht vor der Strafe schützen, weil er gegen den ausdrücklichen Befehl der Regierung Waffen in seinem Hause gehegt hat. Mulassim Hassan, Ihr bleibt in dem Lager und werdet morgen den Mann und das Mädchen zu Sami-Pascha führen. Die Toten hier sind meine Sache, versteht mich wohl! Nur das Gewehr geht den Pascha und seine Kawassen an. Gute Nacht, Mädchen!« Sie neigte sich demütig und küßte den Riemen seines Steigbügels. »Jüs-Baschi Mahmud, führt eure Leute fort. Nach der Schlacht hören die Burschen da das Weitere. Und nun, meine Herren, zu unserem Korps und sorgt dafür, daß keiner der Lebendigen unter dem Vorwande einer Wunde in seiner Reihe fehle. Bei dem Gott Mohammeds und der Christen! ich will den Kerl lebendig schinden, der es wagt! Vorwärts Jakub Aga!« und dem scharrenden Roß die Sporen in Flanken pressend, flog der wilde Graf im Galopp davon – hinter ihm drein seine Adjutanten. In langen, verhallenden Tönen bliesen die Hörner zum Aufbruch nach Czetate. Im Gefecht! – Czetate. Der Oberbefehlshaber der russischen Armee hatte beschlossen, die Operationen gegen den linken Flügel der türkischen zu beginnen und diese aus der kleinen Walachei zu verdrängen. Zu dem Ende galt es, Kalafat zu zernieren, und der Generalleutnant Graf Anrep-Elmpt, der beim Einrücken in die Fürstentümer die Avantgarde kommandiert hatte und jetzt in Krajowa befehligte, erhielt die entsprechenden Ordres. Kalafat liegt in einer kurzen Biegung der Donau nach Nordosten, ehe sie sich zur serbischen und ungarischen Grenze wendet. Auf der Basis der Donau bildeten die Russen die zwei Seiten eines Dreiecks, indem zwei miteinander in Verbindung bleibende Kolonnen von Krajowa aus vorrückten. Das Korps des Generals Dannenberg bewegte sich von Karakal über den Schyl in den Rayon Radowan und lehnte seinen äußersten linken Flügel an die Mündung des Flusses, über die Desneizia hinaus; die fünfte leichte Division des Generalleutnants von Fischbach dagegen besetzte in einem forcierten Marsch die Straße, die von Kalafat längs des Donauufers gegen Orsowa und das eiserne Tor führt. Radowan bildete somit den Winkel der kombinierten Position. Diese Bewegungen waren in den letzten Tagen des Dezembers ausgeführt worden und hatten natürlich die Aufmerksamkeit der Türken erregt: Vor der Rückkehr des Muschirs nach Nikopolis war infolge der neuerdings durch die Spione über die Vorwärtsbewegung des Feindes eingegangenen Nachrichten beschlossen worden, die drohende Festsetzung der Russen nördlich von Kalafat bei Czetate um jeden Preis zu verhindern. Diese Nachrichten waren es, welche Oberst Pisani durch die geheime Korrespondenz der Gräfin Laszlo erhalten hatte, die trotz der Kriegsgefahr, und während viele walachische Bojaren im Gegensatz nach Ungarn und Siebenbürgen flüchteten, zu Anfang Dezember von ihren nahegelegenen ungarischen Besitzungen auf einem ihr gehörenden Gute in der Nähe von Radovan und Krajowa in dem von russischen Truppen besetzten Gebiet erschienen war. – Am Freitag, den 6. Januar – am Tage nach der im letzten Artikel erzählten Szene – 4 Uhr morgens, verließen die Türken, 13 Infanterie-Bataillone, 6 Kompagnien Jäger, ein Regiment türkischer Kosaken und zwei starke Abteilungen der berittenen Irregulären mit 28 Geschützen, im ganzen etwa 18\ 000 Mann stark, die Verschanzungen von Kalafat und rückten gegen Czetate vor. Ismael-Pascha, der Tscherkesse, kommandierte die Vorhut und das Haupttreffen, unter ihm der Divisionsgeneral Mustapha-Pascha und der Brigadegeneral Osman-Pascha. Achmet-Pascha, der Kommandeur von Kalafat, befehligte die Reserven. Das Dorf Czetate liegt auf einem Hügel, der auf mehrere Meilen hin die umliegende Fläche überragt und auf beiden Seiten von Schluchten eingefaßt ist. Die östliche ist von ziemlicher Tiefe, zerklüftet und steil und verliert sich in einen kleinen See, unter welchem sich eine Fläche bis zur Donau erstreckt; die andere, weniger fruchtbar, windet sich gegen die Spitze des Hügels hinter dem Flecken, indem sie eine Art Hohlweg bildet, den man jedoch ohne Schwierigkeit von einem Ende zu dem anderen passieren kann. Die Straße von Kalafat schneidet mitten hindurch in nordwestlicher Richtung, nachdem sie zwischen den Schluchten aufgestiegen ist. Auf der Höhe über dem Flecken, rechts von der Straße, hatten die Russen eine starke Verschanzung aufgeworfen, die für den Fall eines Rückzuges als Zufluchtsort dienen konnte. – Es war bereits spät am Abend, als eine Ordonnanz einen Offizier weckte, der in einer ärmlichen Hütte des letztgenannten Dorfes auf seinem Mantel schlief, und zu dem General beschied. Kapitän von Meyendorf, dieser war der Offizier, war in wenig Minuten bei dem Kommandierenden. Einige Offiziere standen in dem Gemache versammelt. Kosaken hielten am Eingang einen walachischen Bauer, dem die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt waren, am Strick. Der General selbst war offenbar in großer Aufregung und sah wiederholt Briefe durch, die auf dem Tisch lagen ... »Gut, daß Sie kommen, Herr Adjutant; es gibt für uns alle zu tun. Wir werden eher Gelegenheit haben, als wir es hofften, die Befehle des Fürsten auszuführen und mit den Türken anzubinden. Meine Kosaken haben in der Nähe der Deszneizia diesen Nachmittag bei einer Streifpartie einen Spion aufgegriffen, den mir Hetman Poduroff soeben zuschickt. Seine Papiere sind von Wichtigkeit und zeigen, daß unsere Stellung bei Czetate vielleicht morgen schon angegriffen wird.« – »Desto besser, Exzellenz.« – »Das mag sein, aber nicht besonders erfreulich ist es, daß der Verrat nicht müde wird, in unserm eigenen Feldlager sein Nest zu bauen. Wenn ich mich recht erinnere, kennen Sie die ungarische Gräfin Laszlo, die sich seit Monatsfrist – wie sie angab, um ihr Eigentum in den Kriegsdrangsalen möglichst zu schützen – auf Schloß Badowitza zwischen Radowan und Krajowa aufhält. Ich erinnere mich wenigstens, Sie in Unterhaltung mit ihr gesehen zu haben, als die schöne Dame uns in voriger Woche in Krajowa besuchte.« Der Kapitän verbeugte sich, um die Röte zu verbergen, die sein Gesicht überflog ... »Ich habe die Ehre, die Frau Gräfin von Wien aus zu kennen, und besuchte sie noch vor einigen Tagen mit mehreren Offizieren.« »Werden Sie es glauben, Kapitän, daß gerade diese Dame den Spion bei uns gespielt und die Mittelperson abgegeben hat, durch welche der schlaue Fuad fortwährend mit unseren Bojaren verkehrt und uns so manche Verlegenheit bereitet?« – Der Offizier erblaßte, doch suchte er sich rasch zu fassen ... »Unmöglich, Exzellenz,« stotterte er. – »Die Beweise halte ich in der Hand, Herr Kapitän. Hier dieses Paket mit gedruckten Proklamationen an die Bojaren und das Volk trägt die Unterschriften Omers und Fuad-Effendis; dieses Kuvert, das man bei dem Boten fand, enthält Briefe an verschiedene Bojaren, und ein Blatt, offenbar an die Gräfin gerichtet, in welchem man – der Schreiber ist nicht genannt – für die letzten Nachrichten dankt, die sie nach Widdin über unsere kombinierten Bewegungen gegen Kalafat und die neuen Züge unserer Truppen gemacht hat. Der Brief schließt mit der Benachrichtigung, daß der Muschir zwar heute morgen Widdin verlassen, aber den Befehl geben werde, unsere Linien bei erster Gelegenheit zu durchbrechen, und bittet die Gräfin um weitere Kunde über die Dispositionen. Offenbar hat der Verkehr meiner Offiziere in ihrem Hause, den ihre täglichen Einladungen so sehr beförderten, ihr all diese Nachrichten verschafft.« – »Und darf ich fragen, was Eure Exzellenz beschlossen haben?« – »Ich muß natürlich meine Korpsführer benachrichtigen lassen, auf der Hut zu sein. Sie, Herr Kapitän, beauftrage ich, da Ihnen die Person der Gräfin hinlänglich bekannt ist, morgen bei Tagesanbruch sich mit einem Zug Husaren nach Schloß Badowitza auf den Weg zu machen, die Gräfin zu verhaften und nach Krajowa abzuführen, auch ihre Papiere mit Beschlag zu belegen.« – »Exzellenz erlauben mir die Bemerkung, die Gräfin ist österreichische Untertanin.« – »Hier ist sie Walachin, Herr Kapitän, und die Österreicher selbst haben uns belehrt, wie man mit diesen ungarischen Damen umspringt. Ich will sie peitschen lassen, wie die Österreicher, und mit Kosaken über die Grenze bringen, daß das Beispiel allen Weibern künftig die Einmischung in die Politik verleiden soll!« – »Exzellenz, es ist eine Dame! – ich war im Hause ihres Oheims täglicher Gast!« – »Eine Spionin ist sie, Herr,« fuhr der General auf, »und als solche verdient sie behandelt zu werden. Warum blieb sie nicht in Wien, statt hierher zu kommen und die Verräterin zu spielen? – Aber ich sehe, wie die Sache steht, Sie liegen ebensogut in den Netzen der schönen Rebellin, wie diese Herren hier, die schon allerlei Ausflüchte versucht haben. Ich muß schon einen weniger galanten Offizier schicken. Skolimoff – rufen Sie mir den Kapitän der sechsten Sotnie her – ich weiß nicht, wie der Kerl heißt, aber tauglich dazu ist er.« – »Chotumofski, Exzellenz!« – » Bon! Rasch, damit die Sache zu Ende kommt. Sie, Rittmeister Kowaleff, nehmen den Boten mit sich und lassen ihn an dem ersten besten Baum außerhalb des Dorfes aufknüpfen, mit einem dieser Plakate auf der Brust. Es mag den Kanaillen zur Warnung dienen. Ihnen aber, Herr Kapitän, da Sie die Galanterie dem Dienst vorziehen, muß ich eine andere Beschäftigung geben. Sie werden sogleich zu Oberst Baumgarten aufbrechen und ihm die Nachrichten mitteilen, die Sie eben gehört haben, damit er auf seiner Hut sei. Ich werde morgen ihm Verstärkung senden und wahrscheinlich selbst seine Stellung besichtigen.« – Der Kapitän verbeugte sich. Näher zu dem General tretend, fragte er leise: »Haben Exzellenz keine Botschaft von Alexo, dem Wirt in Widdin?« – »Nein, und deshalb eben hab' ich mich anders besonnen und sende Sie nach Czetate, für den Fall, daß eine solche eintreffen sollte, da Sie der Chiffern kundig sind. Ich weiß nicht, ob man dem Menschen weiter trauen kann, nachdem er uns über diesen Verrat im unklaren gelassen, aber vielleicht fehlte ihm selbst die Kenntnis davon. Der Bursche, den ich eben kondemniert habe, kennt den Wirt nicht, ist von dem Gut der Gräfin und hatte nach seinem Geständnis nur den Auftrag, am Donauufer vorige Nacht eines Boten von drüben zu harren. Wir werden in den nächsten Tagen von Ihrem Zigeuner Gebrauch machen müssen. Und nun Adieu, Kapitän! grüßen Sie den Obersten.« Er wandte sich zu einem andern Offizier, und Kapitän Meyendorf verließ die Hütte. Draußen begegnete ihm schon der befohlene Kosaken-Offizier, ein alter, graubärtiger Hauptmann mit rohem, finsterm Gesicht. Den Kapitän schauderte. Eilig, in seinen Mantel gehüllt, setzte er den Weg zu seinem Quartiere fort. In der walachischen Hütte, die er mit mehreren anderen Offizieren teilte, befahl er der Ordonnanz, sofort seine beiden Pferde zu satteln. – »Steh' auf, Mungo, du sollst mich begleiten.« Der junge Zigeuner, dem im Lager von Budeschti am Vorabend der Schlacht von Oltenitza der Offizier das Leben gerettet, sprang sofort empor und schüttelte das Heu, auf dem er gelegen, aus den Haaren. Er hatte seit jener Zeit sich den Russen angeschlossen und, das gefährliche Gewerbe des Leichendiebes und Marodeurs aufgebend, das nicht minder verzweifelte eines Spions angenommen. Die Pferde standen bereit, der Kapitän schwang sich auf, auf das andere Pferd Mungo. Als sie über die Vorposten hinaus waren, ließ der Kapitän sein Roß langsamer gehen, in düsteres Nachsinnen verloren. Endlich schien sein Entschluß gefaßt, er hielt den Zügel an und rief Mungo herbei ... »Ich habe gesehen, daß du ein guter und verwegener Reiter bist. In welcher Zeit glaubst du, daß ich mit meinem Halbblut die Deszneizia jenseits Radowan erreichen könnte?« – »Wenn du das Pferd anstrengst, Kapitän, in fünf Stunden.« – Der Offizier ließ seine Uhr repetieren ... »Es ist Mitternacht! Also gegen sechs Uhr. Die Kosaken werden kaum vor dieser Zeit aufbrechen und vor Mittag das Schloß nicht erreichen – sie hat demnach, auch wenn ein Hindernis den Boten verspäten sollte, Zeit genug zur Abreise. Steig' ab, Mungo, und wechsle mit mir das Pferd.« Der Zigeuner gehorchte stillschweigend. »Du kannst mir jetzt das wenige, was ich für die Rettung deines Lebens in Budeschti tat, wett machen mit einem Dienst, wenn es dir wirklich ernst mit deinem Dank ist, wie du mir so oft versichert hast!« – »Befiehl, Herr! Mungo wird dir's beweisen, und wenn es sein Leben kostet.« »Kennst du das Dorf und das Schloß Badowitza?« – »Nein; aber ich habe davon gehört in Krajowa. Es wohnt eine vornehme Dame dort, die der Kapitän neulich besucht hat.« – »Wohl, höre mich genau an, denn von deiner Botschaft und deren Eile hängt Wichtiges ab. Die Dame ist die Gräfin Laszlo, die Herrin des Schlosses. Du reitest, so rasch du kannst, nach dem Schloß der Gräfin und suchst unter irgend einem Vorwande, ohne daß es ihrer Umgebung und dem Posten, der vielleicht noch im Dorfe liegt, auffällt, geheimes Gehör bei ihr zu erlangen. Dann sagst du ihr, der Warner aus dem Prater von Wien lasse sie bitten, noch in derselben Stunde abzureisen und möglichst rasch die ungarische Grenze zu erreichen. Um Mittag würde es zu spät sein. Hast du die Worte gemerkt?« – Der Zigeuner wiederholte sie. ... »Aber, Herr, die Dame wird fragen, wer ihr die Worte sendet.« Der Offizier hatte bereits seine Brieftafel in der Hand und reichte ihm ein zusammengeschlagenes, vor dem Ausritt im Quartier geschriebenes Papier. »Der Vorweis wird, wenn die Gräfin einen Beweis fordert, genügen. Zugleich wird es dir bei den Militärpiketts, die dich anhalten könnten, als Ausweis dienen. Es enthält einfach die Worte: ›Mein Diener Mungo reitet in meinen Geschäften nach Krajowa.‹ – Und nun, Bursche, gib mir einen Beweis deiner Schlauheit und Treue und schone das Pferd nicht.« Er reichte ihm das Papier und wandte das seine, doch schon nach wenigen Schritten kehrte er nochmals um und rief den Zigeuner zurück ... »Es ist möglich, daß es morgen ein heißes Treffen gibt und du mich bei der Rückkehr nicht mehr finden könntest. Nimm diese Börse und meinen Dank für deine Dienste, und – wenn du die Gräfin sprichst, sage ihr, sie möge meiner freundlich gedenken!« Er wandte kurz das Pferd und sprengte davon, während der Zigeuner den Renner nach der entgegengesetzten Richtung spornte. Der Morgen war klar, der Himmel wolkenlos, nicht ein Windhauch bewegte die Luft, und als die Sonne aufging, bildete das friedliche Tal der Donau, noch stellenweise mit Schnee bedeckt, und der große Strom, der langsam seine gelben Wässer dahinwälzte, ein Bild des Friedens und der Ruhe, das die blutigen Szenen nicht ahnen ließ, die so rasch folgen sollten. Bald nach 7 Uhr nahte die türkische Avantgarde dem Weiler am Fuße des Hügels, auf dem Czetate stand ... Ismaël-Pascha mit Iskender-Bey und dem Ferik Mustapha befanden sich an der Spitze der Kolonne. Weder in dem Weiler noch auf der Höhe von Czetate zeigte sich in dem ersten Licht des Tages eine Spur der Russen. Die Kolonne machte Halt, der Pascha rekognoszierte ein paar Augenblicke das Terrain, dann wandte er sich zu seinen Begleitern ... »Halte deine Bataillone bereit, Mustapha! Nefwik-Bey soll mit seinen Jägern vorrücken und sich über das Feld verbreiten. Ich werde ihm selbst meine Befehle geben. Mashallah! ich glaube, die Moskows sind davongelaufen, ehe wir gekommen sind.« – »Du irrst, Pascha,« sagte Iskander-Bey; »mein Fernrohr zeigt mir, daß das Dorf besetzt ist und Artillerie dort steht. Wenn du mir gestattest, will ich meine Irregulären an dem Wasser entlang ihnen in den Rücken führen.« – »Allah sende ihnen Verderben! Es geschehe, wie du sagst, Freund Bey, auf dein Haupt komme es! ... Wallah! da ist der Neffe des Muschirs. Höre, Bey, du sollst die Ehre des ersten Angriffs haben. Rücke langsam vor und nimm jene Häuser!« Nefwik und Iskender-Bey eilten nach verschiedenen Seiten davon. Während der letztere, gedeckt durch das Terrain auf der rechten Seite von Czetate, mit seinen beiden Regimentern Irregulärer und sechs Kanonen den kleinen See im Galopp umging, eröffnete sich bereits in der Front der Kampf. Die fünf Kompagnien Jäger unter Befehl Nefwik-Beys breiteten sich rechts und links aus und begannen langsam den Hügel gegen den Weiler hinan zu steigen. Ihnen folgte Mustapha-Pascha mit vier Bataillonen Nizam, von Hadschi-Mustapha, dem kommandierenden Offizier der Artillerie, unterstützt. Die türkischen Geschütze – die vorzüglichste Waffe der ganzen Armee – schossen ungleich besser als die russischen, und Paßkugeln schlugen fest und sicher in die Gebäude des Weilers. Zweimal setzten die Zager unter dem Ruf: »Allah! Allah!« an, zweimal wurden sie von den Chargen der Russen geworfen. Wütend spornte Ismaël-Pascha sein schwarzes Pferd gegen den Nizam und trieb ihn gegen die Gebäude, während die türkischen Kanonen der Avantgarde folgten. Oberst Baumgarten verteidigte die bedrängte Position mit großer Kühnheit gegen den überlegenen Angriff. Ein Bataillon des Regiments Tobolsk war mit Husaren nach Czetate zurückgesandt, die Übermacht des Feindes daher erdrückend. Der Nizam griff den Weiler mit dem Bajonett an und an vielen Punkten focht bereits Mann gegen Mann. Aber noch immer hielten die Russen tapfer stand ... Den Hügel von Czetate herab jagte ein Adjutant ... »Major Topoltschane meldet, daß die Kavallerie des Feindes die Position am See umgangen hat und mit einer reitenden Batterie das Dorf im Rücken angreift. Das zweite Bataillon und die Husaren sind bereits im Feuer.« Die Kunde war entscheidend: die Wegnahme des Dorfes, ehe man sich nach der Redoute auf der linken (rechte russische) Flanke zurückziehen konnte. hätte das Detachement des Weilers gänzlich abgeschnitten. Der Kommandierende sah die Notwendigkeit des Rückzuges. Major Kokomeïtseff erhielt den Befehl, mit dem ersten Bataillon und den Kosaken denselben zu decken und langsam zu folgen. Der Weiler stand bereits in hellen Flammen, als die drei Geschütze den Hügel hinauf jagten und dort auf der Höhe ihre Gefährten ablösten. An der Spitze des dritten Bataillons durcheilte der Oberst das Dorf und warf sich auf der hinteren Abdachung den Baschi-Bozuks Iskender-Beys entgegen, von der Schwadron Husaren flankiert, während die Soldaten des ersten und zweiten Bataillons sich in den Häusern zu verschanzen begannen. Die Irregulären, die bereits einige Vorteile errungen, verloren dieselben und wichen, obschon die Agas wütend auf die eigenen Leute losschlugen. Der günstige Augenblick war verloren, die Russen hatten das Dorf mit ihrer ganzen Macht besetzt und eröffneten ein furchtbares Musketenfeuer auf die von zwei Seiten vorrückenden Kolonnen. Achmet-Pascha sandte zwei Bataillone der Reserve zur Unterstützung vor; mit einer doppelt überlegenen Macht wurde das Dorf angegriffen, während die türkische Kavallerie Order erhielt, sich in der Schlucht auf der Linken, durch welche quer der Weg von Czetate nach Norden führt, festzusetzen und so den Rückzug zur Redoute abzuschneiden. Das Gefecht auf den Hügelseiten war überaus blutig; die türkischen Jäger litten furchtbar, und die erste Kompagnie derselben wurde buchstäblich vernichtet. Unter dem wütenden Allahgeschrei stürmte der Nizam das Dorf. Schritt um Schritt mußte durch Blut erkauft werden. Die Russen machten jede Mauer, jede Hütte zu einer Festung. Dennoch drangen die Türken siegreich vor. An der kleinen Kirche des Ortes hielt Oberst Baumgarten mit seinen Offizieren, darunter der Regiments-Adjutant Zagreba, dem das Blut am rechten Bein von einem Schuß im Schenkel herabfloß, ohne daß der Tapfere der Verwundung achtete. Auch Major Kolomeïtseff blutete bereits aus zwei Wunden. Zur Seite des Obersten befand sich Kapitän Meyendorf, der seine Dienste als Adjutant angeboten ... »Die Position ist unmöglich länger haltbar, Oberst.« – »Ich sehe es, und Major Topoltschane hat es mir gleichfalls melden lassen. Es ist Zeit, daß wir unsern Rückzug sichern. Reiten Sie zu Sagoskin und sagen Sie ihm, daß er sich fertig hält mit den Geschützen. In zehn Minuten müssen wir auf dem Wege sein, und wenn Sie mich das Tuch schwenken sehen, soll Rittmeister Szamarin mit seinen Husaren im Galopp die Schlucht forcieren. Sie bleiben bei ihm.« Der Kapitän salutierte, während der Oberst bereits dem Regiments-Adjutanten weitere Befehle gab, und ritt zu der Batterie, die an der andern Seite der Kirche über die Häuser hinweg, in denen man sich Mann gegen Mann schlug, ein unregelmäßiges Feuer gegen die unterstützenden Kolonnen des Feindes unterhielt ... »Achtung! Kartätschen in die Geschütze! – Die Pferde vor!« – Die Befehle waren in drei Minuten gegeben ... Die Trommeln schlugen zum Avancieren. Das zweite und erste Bataillon machten eine Charge mit dem Bajonett auf den Feind. – Der Oberst schwenkte das Tuch, – die Trompeten bliesen zur Attacke, und gleich einer Windsbraut galoppierte der Rest der Schwadron Husaren vom Regiment Fürst von Warschau die Straße entlang und stürzte sich in die Schlucht zur Linken. Hinter ihnen drein jagte die Batterie. Zugleich warf sich das dritte Bataillon Tobolsk über die Seiten der Schlucht, während das erste und zweite den Anprall des Nizam, durch dessen Öffnung jetzt die türkischen Kosaken zur Verfolgung heran sprengten, zurückhielten und den Rückzug deckten. Das Mordio, der Allahruf und das Hurra der braven Infanterie zwischen dem Donner der Geschütze und dem Knattern der Flinten war sinnbetäubend, das Gemetzel in der Schlacht selbst und auf dem leicht ansteigenden Abhang zur Redoute wahrhaft furchtbar; das Blut rann, wie Augenzeugen berichten, in kleinen Bächen auf der gefrorenen Erde herunter. Mit scharfen Hieben trieb der Bey seine Arnauten ins Gefecht, um möglichst den Zug der Russen über die Straße zu durchbrechen. Zweimal gelang es ihm, zweimal wurde er aufs neue zurückgedrängt. Als er zum drittenmal über die Straße brach, schloß sich die Kolonne hinter ihm und etwa dreißig Gefährten. Bereits war das zweite Bataillon auf dem Rückzug, während das erste sich noch heldenmütig jenseits der Schlucht am Rande des brennenden Dorfes schlug und die russische Artillerie auf der halben Höhe der Redoute Stellung genommen und ihr Feuer eröffnet hatte. Iskender-Bey, der tapfere Arnautenführer, schien verloren, – ringsum die starrenden Bajonette, während die langen Piken der Kosaken und die Säbel der Husaren seinen kleinen Haufen bedrängten. Ein Hieb hatte bereits seinen linken Arm gelähmt, doch der verwundete Löwe schien seine Kraft zu verdoppeln und war überall. Die starrende Mauer der Bajonette, gegen die er sein Pferd spornte, widerstand seiner Tollkühnheit, um ihn fielen, die ihn begleitet, sein On-Baschi Hussein, Abdallah, der Syrier, kaum zehn noch hielten stand ... Da führte der Graf, seine verzweifelte Lage erkennend, gleich wie Roland im Tal von Ronceval das Horn, die silberne Pfeife, die er zum Kommandogebrauch an gleicher Kette auf der Brust trug, an die Lippen, und drei gellende, schneidende Töne schrillten durch die Luft, über alles Kampfgetöse weithin vernehmbar. Kapitän Meyendorf hatte sich mit den Husaren auf den Trupp geworfen, der den Bey schützte, und sein Degen kreuzte sich mit dem Säbel des Führers ... »Ergeben Sie sich, Graf, Sie sind gefangen.« – »Einem Russen? Niemals!« Sein Hieb sauste zur Seite, doch glücklich parierte der Adjutant, daß nur leicht die Spitze des Säbels seine Wange ritzte. Von der andern Seite umdrängten die Husaren den kühnen Polen, und kräftige Hände erfaßten ihn ... »Nehmt ihn gefangen – Schonung dem Tapferen!« Da brauste und tobte es heran, gleich einer Sturmesbraut. »Allah! Hurra!« und rechts und links flogen die Russen zur Seite, Roß und Mann übereinanderstürzend, Lanzen brachen sich Bahn, Handjars und Säbel blitzten: »Hussah, Bey! Jakub Aga ist hier!« und die tolle Arnautenbande mit dem Aga an ihrer Spitze hieb rasend den Führer aus der Gefahr. Die Redoute war glücklich erreicht, die Geschütze derselben und die Feldbatterien donnerten gegen den Feind und hinüber gegen Czetate – sechshundert russische Krieger deckten den Kampfplatz, über achthundert waren verwundet. Ismaël-Pascha sammelte die Bataillone, um sie zum Sturm gegen die Redoute zu führen, als ein Adjutant Achmets herbeijagte und das Anrücken der russischen Truppen von Motsetseï meldete .. Es war bereits Mittag. In dunklen Kolonnen, kaum noch eine halbe Meile entfernt, kamen sie heran gegen die rechte Flanke des Feindes. Die Reserven Achmet-Paschas, aus fünf Bataillonen bestehend, befanden sich am Fuß des Hügels. Er ließ Front gegen den anrückenden Feind machen. An der Seite des Hügels, unter der Schlucht auf der Rechten, war eine Schafhürde, doch stand der Graben, der sie umzog, halb voll Wasser. Immerhin gewährte sie eine günstige Position zur Verteidigung. Die türkische Infanterie unter Osman-Pascha entwickelte sich rechts von ihr, durch eine Batterie von 4 Zwölfpfündern, die linke durch 6 Feldstücke gedeckt; die Kavallerie aus dem genommenen Czetate wurde zurückgerufen und auf der Linken aufgestellt, das Regiment türkischer Kosaken vor den Irregulären. Der Anmarsch der russischen Truppen bot einen imposanten Anblick. Nichts konnte die Festigkeit ihres Marsches übertreffen, jede Linie schritt wie ein Mann. Als sie näher herankamen, ritten vier Offiziere vor, um den Grund zu rekognoszieren, und zogen sich dann wieder zurück. Gleich darauf änderten die russischen Reservebataillone ihren Marsch und rückten mit zwei Geschützen gegen die Schlucht vor, machten aber Halt, als sie sie ungangbar fanden. Zugleich eröffnete die russische Artillerie ihr Feuer, schoß aber zu hoch, so daß ihre Kugeln anfangs wenig oder gar keinen Schaden anrichteten, bis es ihnen gelang, die Distanz zu finden. Die türkische Artillerie dagegen, von Hadschi-Mustapha kommandiert, räumte furchtbar auf unter den anrückenden Kolonnen und riß weite Lücken in die lebendigen Mauern. Aber mit der stoischen Haltung der russischen Infanterie schlossen sich im Augenblick wieder die Reihen und bewegten sich mit der gleichen Ruhe vorwärts. Zweimal setzten die Russen an, und zweimal siegte die menschliche Natur über den Gehorsam des Kriegers. Unter dem Allahruf der jetzt mutig vorgehenden türkischen Linien wurden sie zurückgedrängt; einige Augenblicke waren die russischen Geschütze ohne Deckung und fast in der Gewalt der Moslems, als General-Major Schigmond, selbst verwundet, die Jäger zum drittenmal gegen den Feind führte und die Husaren und Kosaken sich in seine Flanken warfen. Jetzt wurden die Türken nach der Straße zurückgeworfen. Zugleich erhielt Achmet-Pascha die Nachricht, daß der General Leutnant Graf Anrep mit den starken Reserven von Boleschti auf Modlavit anrücke und ihn im Rücken bedrohe. Nach einem achtstündigen Kampfe gab der Pascha Befehl zum Rückzuge. So tapfer sich die Türken geschlagen, so traurig zeigten sich jetzt die schlechten Anstalten ihres Heerwesens. Über tausend Mann waren gefallen, und der größte Teil der Verwundeten, über 500 Mann, mußte hilflos auf dem Schlachtfelde zurückgelassen werden. Die Russen zählten eine gleiche Anzahl von Toten und fast das Doppelte an Verwundeten, so daß nach der Schlacht an 3000 Tote und Verwundete auf dem Platze lagen. Es war am andern Vormittag, als den unter der zerstörten Mauer einer Hütte von Czetate im todesähnlichen Schlaf liegenden Kapitän Meyendorf eine schüttelnde Hand weckte. Vor dem Auffahrenden stand Mungo, der Zigeuner, bleich, erschöpft, kaum sich aufrecht erhaltend. – »Dein Auftrag? sprich, hast du ihn glücklich ausgeführt?« – Der junge Bursche schüttelte den Kopf ... »Ich kam zu spät. Die Streifwachen hielten mich auf, erst um acht Uhr morgens erreichte ich das Dorf. – Die Dame war fort – das Schloß in Flammen!« – »Es ist unmöglich, die Kosaken konnten vor Mittag nicht eintreffen!« – »Nicht die Kosaken, Herr, die verräterischen Dorobandschen und ein türkisches Streifkorps überfielen das Dorf, plünderten und führten die Dame gewaltsam mit sich fort. So erzählten mir die Bauern und Diener.« – »Und du bist ihrer Spur nicht gefolgt?« – »Doch, Herr. Die Marodeurs, über 200 Mann stark, schlugen sich durch die schwachen russischen Posten und erreichten die Donau unweit Kalafat. Ich kehrte zurück, um dich zu benachrichtigen. Drei Stunden von hier stürzte mein Pferd tot von der Anstrengung, – ich machte den Rest des Weges zu Fuß.« Der Offizier atmete hoch auf. – »Gott sei Dank, was kümmert mich das Pferd!« – Im nächsten Augenblick versank er in tiefes Nachsinnen. »Die Gefahr ist noch nicht vorüber,« murmelte er, »sie darf nicht hierher zurückkehren und muß gewarnt werden, und ich – muß wissen, ob sie in Sicherheit ist!« – Er wandte sich laut zu dem Zigeuner: »Wann soll der Knees der Heiducken mit dir in Widdin zusammentreffen?« – »Heute oder morgen, Herr!« – »Nimm deinen Mantel, armer Junge, und suche einige Stunden zu schlafen, dann folge mir nach Boleschti; du wirst der Beutepferde genug und billig finden. Aber höre, versieh dich womöglich, ehe du dich zur Ruhe legst, mit zwei türkischen Anzügen von den Gefallenen, wir werden sie brauchen. Auf Wiedersehen.« Der Wudkoklak. In den Tälern der Donau lebt eine grauenvolle Sage und pflanzt sich fort auf Vater und Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht. Wenn der Vollmond seinen bleichen Schein über Fels und Wald gießt, dann erhebt sich der Wudkoklak – der Vampyr der Griechen-Slaven und Moldau-Walachen – aus seinem Grabe, in dem er mit offenen Augen und starrem Blick schläft. Seine Klauen und Haare wachsen im Todesschlaf, – warmes Blut rinnt durch die erstorbenen Adern; denn in den unheimlichen Nächten des Vollmonds frischt er es auf, indem er durch das Land streift, den Lebenden die Rückenader öffnet und ihr rotes Blut saugt. Schaurig ist der Glaube des Volkes! Steht ein Toter in dem Verdacht, auf diese Weise sein Grab zu verlassen, so wird er feierlich ausgegraben. Hat die Verwesung ihr Werk getan, so begnügt sich der Pope, ihn mit Weihwasser zu besprengen; ist er aber rot und blutig, so treibt man ihm den Teufel aus und stößt ihm, bei seiner Wiederbeerdigung einen im Feuer gehärteten Eisenpfahl in die Brust, damit er sich nicht wieder erheben könne. Die hungrigsten Raben fliehen den Leichnam des Verfluchten schon von weitem, ohne zu wagen, ihn auch nur mit der Schnabelspitze zu berühren! Aber einen andern Wudkoklak gibt es, vor dem nicht der Segen des Priesters, nicht der blutige Pfahl durch die Brust zu schützen vermag: lebendig wandelt er unter den Lebenden und sucht seine Opfer. Oft wird er vom unwiderstehlichen Drang nach Schlachtengemetzel ergriffen und verläßt bei Tag und Nacht seine Wohnung und schweift umher, Menschen und Tiere, die ihm begegnen,« mit Bissen zerfleischend. Auf das Blut junger Mädchen und Frauen ist er besonders lüstern, – in ihr Herz schleicht er sich ein durch tausend listige Ränke, und wenn er in der Braut- oder Liebesnacht sie in die Arme preßt, schwindet ihr Bewußtsein und das Blut weicht langsam aus ihren Adern, das Antlitz wird bleich und täglich bleicher, die Quellen des Lebens vertrocknen, statt frisch zu erschwellen in befruchtender Kraft; denn allmählich teilt der Vampir ihr Lager und saugt der Schlummernden das Mark aus dem Gebein, das frische rote Blut aus der zitternden Brust, und das junge Leben welkt und welkt, und ehe der Mond zwanzigmal seinen Kreislauf vollendet, deckt die Erde den frischen Leib und das gebrochene Herz, und der Wudkoklak darf nach neuen Opfern suchen ... Zuweilen auch paart er sich mit der Wjeschtitza, dem weiblichen Gnomen, dem Gespenst mit Feuerflügeln, das nachts sich auf die Brust des schlafenden Kriegers niedersenkt, ihn in seine Arme preßt und ihm seine Wut einflößt. Alsdann raubt wohl die Wjeschtitza, in Gestalt einer Hyäne, kleine Kinder und schleppt sie fort in den Wald, da die Liebe des Wudkoklak kein Leben zu zeugen vermag. Das sind dann die klagenden Stimmen, die in Fels und Wald nach den Eltern rufen, das sind die wankenden, bleichen Lichter, die den Wanderer in den Moder der Sümpfe begraben! ... In einem Gemach des Selamliks von Sami-Pascha zu Widdin lag auf weichen Polstern die schöne Gräfin Helene Laszlo am zweiten Morgen nach der Schlacht von Czetate. Ihre geistige und körperliche Kraft war erschüttert von dem unerwarteten Schrecknis, das über sie gekommen. Jene unerklärliche geheimnisvolle Laune des Frauenherzens, das sich selbst vermeidet, Rechenschaft zu geben, hatte sie vermocht, den Vorspiegelungen und Aufreizungen des Grafen Pisani Gehör zu geben, der ihr mit der schlauen, ganz den Interessen der revolutionären Propaganda ergebenen Freundin auf ihre Güter nach Ungarn gefolgt war und hier verstanden hatte, den exaltierten Geist der jungen Frau zu Entschlüssen und Handlungen zu erregen, deren sie sich – hätte nicht ein kaum bewußter Wunsch im Grunde ihrer Seele sie unterstützt – sich enthalten hätte. So wagte sich denn die Gräfin auf ihre Güter am Schyl und der Deszneizia, mitten in die Gefahren eines okkupierten Landes und auf einen Schauplatz, der jeden Augenblick selbst die Stätte der Schlacht und des Todes werden konnte, indes der sardinische Oberst sich ins türkische Heerlager begab. Die Gräfin, in steter geheimer Verbindung mit diesem Manne, der ihre politischen Exaltation zu fesseln verstand, öffnete in Krajowa und auf ihrem Gute ihr Haus der Gesellschaft der russischen Offiziere und hatte die unwürdige Rolle der Spionin übernommen und seit Wochen durchgeführt, indem sie zugleich mit den zurückgebliebenen Bojaren des Fürstentums eine enge Verbindung unterhielt, unter denen Fuad-Effendi durch seine Intriguen und Versprechungen eine starke Partei für die Pforte warb. Nur hatte der schlaue Graf ohne das Herz der jungen Frau gerechnet, dessen Geheimnis allein sie zur Übernahme jener Rolle bewogen. Nach langem, schwerem Kampf mit dem in Wien so tief verletzten weiblichen Stolz waren dem Kapitän die kurzen Zeilen geworden: »Gräfin Helene Laszlo hat die Ehre, Baron von Meyendorf ihre Anwesenheit auf Schloß Badowitza anzuzeigen und wird, wenn der Dienst ihn in diese Gegend führt, den Besuch eines Freundes mit Vergnügen empfangen.« – So kalt diese Mitteilung in ihrer konventionellen Form auch war, so genügte sie doch, wie wir gesehen haben, den Kapitän nach Krajowa zu führen. Zweimal seither war er der schönen Frau begegnet, in Krajowa selbst und bei einem Besuche auf ihrem Gute, doch beide Male hatten der zahlreiche Hof, der die Gräfin umlagerte, und der kalte Ernst, der in dem Benehmen des Kapitäns lag, jede Verständigung, ja jede vertrauliche Annäherung verhindert. So fern standen sich die Herzen, die einander gehörten und die geschaffen waren, sich zu beglücken, als die Schlacht von Czetate und die Intrige des Sardiniers sie aufs neue trennte. Die Gräfin war bei der gewaltsamen Entführung von Schloß Badowitza durch die Dorobandschen , die mit einer Plünderung und einem kurzen Kampfe gegen den schwachen russischen Posten verbunden war, zwar von jeder Beleidigung verschont geblieben, aber es war ihr keiner der Schrecken, keine Gefahr ihrer Lage erspart worden. Trotz aller Bitten und Versprechungen auf eine Kerutza geworfen, von zweien der wilden Söhne des Landes bewacht, führte die wilde Jagd der Flucht sie nach den Ufern der Donau, und vergeblich ersehnte jetzt die ungarische Patriotin Hilfe und Rettung durch die Hand der russischen Unterdrücker, denn die Zahl der zum Feinde flüchtenden Dorobandschen war so bedeutend, daß sie die schwachen begegnenden Piketts leicht in die Flucht schlug. So gelang es – während einige Meilen davon die blutige Schlacht tobte – Apollony, dem Agenten des Sarden, im Rücken der russischen Stellung seine Beute glücklich bis ans Ufer der Donau und zu den türkischen Posten zu bringen. In einem Boote wurde hier die Gräfin über den Strom geführt und in die Festung gebracht, aber so erschöpft, daß sie willenlos alles mit sich geschehen lassen mußte. In einem abgelegenen Gemache des Selamlik ließ Sami-Pascha seine schöne Gefangene einstweilen einschließen, indem er wegen der Pläne des Obersten seine Gründe hatte, sie in das Haremlik selbst nicht aufzunehmen. Mit Schrecken gewahrte Gräfin Helene, daß alle Hoffnungen auf sofortige Befreiung sie täuschten, als sie sich in die Hände der Türken geliefert sah. Sie blieb eine Gefangene, zwischen den öden Mauern eines türkischen Zimmers eingeschlossen, von schwarzen Sklaven bedient; und erst am Nachmittag erhielt sie eine weiße Dienerin, Marutza, die Tochter des Schenkwirts Gawra, die der Pascha, als am Tage vorher Vater und Tochter nach dem Befehl Iskender-Bey's von den Khawassen vor sein Gericht geführt worden, zum Dienst im Haremlik bestimmt hatte, während ihr Vater mit einer harten Geldbuße und dem Verbot der Schenkwirtschaft belegt wurde. Das Mädchen verstand ein wenig Italienisch, und so konnte die Gräfin sich wenigstens verständlich machen und erfuhr, daß sie in den Händen des Paschas von Widdin sei. Durch Marutza, die frei aus und ein ging, ließ die geängstigte Frau alsbald eine Unterredung mit dem Pascha verlangen, aber der Erfolg derselben hatte nur dazu gedient, ihre Angst und ihre Verlegenheit zu erhöhen. Der alte Moslem fand sich in der Tat gegen Abend bei ihr ein, von einem seiner Eunuchen begleitet, und nahm seinen Sitz mit aller Bequemlichkeit eines türkischen Haremsherrn auf dem Diwan des Gemaches, indem er mit lüsternen Augen die selbst noch in dem Zustande der Abspannung fesselnden Reize der schönen Ungarin betrachtete. Zu ihrem Schrecken erfuhr diese jetzt, daß sie nicht bloß eine Gefangene, sondern von den Dorobandschen als Beute an Sami-Pascha verhandelt worden, und daß dieser sie als eine Frau seines Harem betrachtete. Vergeblich berief sie sich auf ihren Stand, auf ihre Bemühungen für die türkischen Interessen, auf Graf Pisani, dessen Herbeiholung sie verlangte; der alte Moslem erwiderte ihr, daß er sie ehrlich gekauft und bezahlt habe, daß er ihren Stand nicht kenne und dieser ihm auch gleichgültig sei, und daß er von keinem Anrecht auf türkischen Schutz wisse, und wich mit großer Schlauheit den Fragen und dem Verlangen nach dem Sardinier aus. Das einzige, was der Verzweifelten beifiel, war der Ausweg, einen europäischen Arzt zu verlangen. – Doktor Welland hatte den Morgen nach der Schlacht bis zum späten Nachmittag im Lazarett zugebracht. Zum Tode erschöpft, langte er in der Locanda Alexos an, wo Nursah, der schwarze Diener, der jeden seiner Wünsche ihm an den Augen abzulauschen schien, ihn mit bereit gehaltenen Erfrischungen erwartete. Nur einem hatte seltsamerweise der Sklave sich immer bisher zu entziehen gewußt: seinen Herrn in die türkischen Bäder zu begleiten und ihn dort zu bedienen. Der Doktor war noch mit seinem Mahle beschäftigt, das von mehreren der türkischen Offiziere geteilt wurde, und lauschte den Einzelheiten der blutigen Schlacht, als ihm von Alexo, dem Wirt, gemeldet wurde, daß ein höherer Offizier ihn zu sprechen wünsche ... Es war Graf Pisani, der ihn im selben Zimmer erwartete, wo er mit Apollony, dem walachischen Agenten, die für das Schicksal der Gräfin Laszlo so unheilvolle Unterredung gepflogen. Welland kannte den Grafen seit den wenigen Tagen seines Aufenthaltes in Widdin nur vom Ansehen. Der innere Instinkt seiner ehrlichen Seele warnte ihn vor dem glänzenden Tiger, und er erwartete stillschweigend die Anrede. – »Verzeihen Sie, Signor Dottore, daß ich Sie nach den vielen Anstrengungen noch in Anspruch nehme. Im Selamlik des Gouverneurs befindet sich eine kranke Dame, die Ihrer Hilfe bedarf. Sie ist durch Schreck und Furcht in große Nervenaufregung versetzt, und es wird nötig sein, ihr ärztlichen Beistand zu leisten. Darf ich Sie um diesen bitten? Sobald es Ihnen genehm, wird mein Diener Sie dahin geleiten.« – Der Arzt verbeugte sich ... »Ich werde in einer halben Stunde bereit sein.« – »Ich habe bei dem Besuch eine Bitte an Sie, Doktor,« bemerkte der Graf. »Man wird Sie nach mir fragen und wahrscheinlich mit einer Botschaft an mich beauftragen. Ich bitte Sie nun, der Dame gegenüber zu tun, als sei ich Ihnen gänzlich unbekannt. Es versteht sich von selbst, daß ich Ihre ärztliche Mühewaltung honorieren werde.« – Die ruhigen, ernsten Augen des deutschen Mannes hatten sich finster gefaltet... »Ich biete gern meine Hilfe, Herr Graf,« sagte er gemessen, »wo sie verlangt wird. Zu Intrigen und Lügen bin ich unfähig.« – Der Oberst lächelte verächtlich ... »Wir mißverstehen uns, Signor Dottore. Ihre Person und Ihre Vergangenheit sind mir nicht unbekannt und ich habe das Recht, Sie zu dem kleinen Dienst aufzufordern, den ich von Ihnen verlange. Sehen Sie dies!« Die Hand, die er in die Brusttasche seiner Uniform gesteckt, zeigte dem Arzt einen kleinen Gegenstand. – Der Doktor fuhr unwillkürlich zurück ... »Immer dies unselige Zeichen!« sagte er schmerzlich und unwillig. »Wohin ich mich auch wende, überall verfolgt es mich. Doch, was Sie auch denken mögen, Herr Graf, ich bin es müde, meine Ehre und mein Gewissen unter einem Zwange zu beugen, den mir eine Torheit der Jugend auferlegt hat.« – »Sie verweigern den Gehorsam?« – »Ich weigere mich, eine Lüge zu sagen. Alles, was mir Ehre und Pflicht gestatten, bin ich bereit, zu tun.« Der Graf, der offenbar noch andere Aufträge beabsichtigt hatte, bedachte sich einige Augenblicke ... »Ihre Weigerung, die Sie natürlich zu vertreten haben, kann in meinen Ansichten nur wenig ändern. Es bleibt dabei, daß Sie sich zu der Kranken begeben, die eine in die türkische Gefangenschaft geratene Dame von jenseits der Donau ist. Ich will Ihnen nicht weiter wehren, ihr zu sagen, daß Graf Pisani Ihnen bekannt und hier am Orte ist, aber ich habe das Recht, Sie zu ersuchen, daß Sie jedes nähere Eingehen auf meine Verhältnisse und etwaige Aufträge ablehnen.« – Der Arzt verbeugte sich schweigend. – »Die Dame,« fuhr der Graf fort, »mag ihre Wünsche mir auf andere Weise zugehen lassen; ich habe selbst nichts dawider, daß Sie ihr meine Adresse geben. In einer halben Stunde wird mein Diener Sie auf dem Tschardak der Lokanda erwarten. Adieu, Signor Dottore.« – – – Der Morgen sog die frischen Nebeldüfte von der wallenden, wogenden Fläche des Stromes. Zu den Füßen der Gräfin Helene kniete Marutza, die walachische Dienerin. – »Deine Befehle sind erfüllt, o Exzellenza, meine süße Herrin,« berichtete das Mädchen in schlechtem Italienisch, »aber mein Herz ist schwer geworden bei Bestellung der Botschaft und meine Wange bleich. – Hast du von dem Wudkoklak gehört, o schöne Herrin?« flüsterte sie scheu. – »Ich verstehe dich nicht, Kind. Wird Graf Pisani mir Hilfe leisten in dieser eigentümlichen Not? wird er kommen? Sprich – gib mir Antwort.« – »Er wird nicht säumen, Herrin,« sagte ängstlich das Mädchen; »wann hätte der Wudkoklak je gezögert, wenn es galt, auf seine Leute zu stürzen? Weißt du auch, wem ich dein Blatt gebracht?« – »Dem Obersten Pisani, jetzt in türkischen Diensten, einem alten Freunde von mir. Er allein kann mich retten.« – »Was kümmert mich sein Name in der Welt! Er ist ein Wudkoklak – ich sah es an dem Faltenmantel auf seiner Stirn, an seiner Leichenfarbe und dem höhnischen Zug um seinen Mund!« – »Ich verstehe dich nicht, wer ist dein Wudkoklak?« Das Mädchen blickte sie scheu an: »Das ist der Vampir, der als Mensch unter den Lebendigen wandelt und die junge Braut sucht, die er zum ewigen Verderben umstricken und deren Blut er aus den blauen Adern trinken muß.« – Die Gräfin schauderte ... »Du bist ein törichtes Kind und hängst an dem Aberglauben deines Volkes.« – – – Der Oberst saß an ihrer Seite; seine Stirn war bewölkt, während ihr angstvoller Blick an seinem Antlitz hing. – »Um Gottes willen, Sie können mich doch nicht in der Gewalt dieser Menschen lassen? Nehmen Sie die Hilfe der österreichischen Behörden in Anspruch!« – Der Sarde lächelte verächtlich... »Bei dem langsamen Wege der diplomatischen Verhandlungen würden Sie längst verloren sein. Die Sache ist schwieriger, als Sie denken, teure Freundin. Die Stellung der europäischen Offiziere unter diesen halbasiatischen Horden ist eine ganz andere, als wir gedacht haben; unser Einfluß ist infolge des Mißtrauens gegen alle Christen äußerst gering. Dazu ist Sami-Pascha unbeschränkter Gebieter in Widdin und von der Armee ganz unabhängig. Der alte Schuft ist ein eingefleischter Türke und hat nach den Sitten der Moslems ein unbestrittenes Anrecht auf Ihre Person. Er hat Sie als Kriegsgefangene gekauft, wahrscheinlich in der Hoffnung eines reichen Lösegeldes.« – »Aber so bieten Sie ihm das Zehn-, das Zwanzigfache dieser Summe!« – »Das ist längst geschehen, doch der alte Lüstling weigert sich, die – ich muß es aussprechen, so hart das Wort klingt – Christensklavin zu verkaufen.« – Die Gräfin rang verzweifelt die Hände... »In welche Schmach, in welches Entsetzen habe ich mich verstrickt! Ihr Rat, Oberst, führte mich nach Krajowa und zu der schimpflichen Stellung, die mein Unglück geworden. An Ihnen ist es, mich zu retten.« – »Und ich will es,« sagte ernst der Mann an ihrer Seite. »Aber hören Sie mich, Helene, hören Sie meine Beteuerung! Nicht die Selbstsucht eines Mannes, dessen Ergebenheit und Huldigung wohl Anspruch auf Ihre Gerechtigkeit hat, die bittere Notwendigkeit allein zwingt mich, Ihnen das einzige Mittel zur raschen Befreiung vorzulegen. Ich muß irgend ein persönliches Recht haben, Ihre sofortige Auslieferung von dem Pascha zu fordern. Ich muß ein Recht haben, sei es auch nur scheinbar, auf das gestützt ich nötigenfalls die Offiziere und Führer des Heeres zu meinem Beistand gegen die Willkür Samis aufrufen kann! O, mißverstehen Sie mich nicht, Helene! Ihre Rettung allein legt mir das Wort in den Mund.« Die Gräfin war noch bleicher geworden, als die Angst sie gemacht; all ihr Blut schien zum Herzen zurückgetreten, an das sie die kleine Hand preßte, – der erste giftige Odemzug des Wudkoklak erstarrte sie ... »Wie meinen Sie dies, Graf?« – »Hören Sie mich an, Helene! Sie wissen, daß ich Sie liebe, auch ohne daß ich wie ein törichter Knabe zu Ihren Füßen gelegen. Ich bin ein Mann und Soldat und werbe wie ein solcher um das Weib meines Herzens. Daß der Besitz Ihrer Hand das Ziel meiner höchsten Wünsche ist, fühlten Sie längst, wenn ich auch vermieden habe, diese Wünsche Ihnen geradezu auszusprechen, denn ich weiß, daß Sie nichts für mich empfinden und nur den Freund, den Mann von gleicher politischer Gesinnung, den Verteidiger Ihres tapferen und unglücklichen Volkes in mir sehen, der gegen die Fesseln der Tyrannei und für den erhabenen Gedanken der Freiheit kämpft, für den Sie in diesem Augenblick unwürdig leiden. Ich bin zu stolz, um von Ihrer Verlegenheit einen Nutzen zu ziehen für das Erreichen meiner Wünsche, – aber es ist notwendig zu Ihrer Befreiung, daß Sie eine kurze Zeit für meine erklärte Braut gelten. Dies allein gibt mir ein Anrecht auf Ihre Person, und kein Offizier wird sich weigern, Sie, wenn es sein muß, mit Gewalt dem Pascha abzuzwingen.« Ihre zarten Hände bedeckten das Gesicht, – sie schluchzte, – nur das Weib war von der kühnen stolzen Patriotin geblieben. »Ich weiß,« fuhr der Graf mit schmerzlichem Tone fort, »wie schwer auch nur dieser Gedanke auf Ihnen lastet, und daß das Bild eines Glücklicheren denn ich – das Bild eines Despotensöldners in dem Herzen wohnt, das noch für die Befreiung seiner Nation schlägt. Aber hören Sie wohl, Gräfin, ich gebe Ihnen hiermit das Ehrenwort eines Edelmannes und eines Offiziers, daß die Erklärung, die Sie zu meiner Braut macht, nie gegen Sie benutzt werden soll, es sei denn,« – er hielt einige Augenblicke inne – »Sie wünschen und verlangen selbst deren Erfüllung.« Die Gräfin sah das spöttische Lächeln des Triumphes nicht, das sein männlich schönes Gesicht verzog. Seine schwarzen Augen ruhten mit jener magnetischen Gewalt der Schlange auf ihr, die das Opfer in ihre Kreise bannt. Ein unerklärliches Gefühl drückender Angst lastete trotz des Versprechens schwer auf ihrem Herzen; dennoch empfand sie, daß sie den Vorschlag annehmen müsse, daß er der einzige Ausweg sei aus der schrecklichen Lage ... »Ich tue Ihnen weh, mein Freund,« sagte sie abgewandt und reichte ihm die Hand, »und dennoch – ich kann jetzt nicht über Ihre Bewerbung entscheiden, ich muß Ihr Wort als Unterpfand meiner freien Entschließung annehmen.« – »Sie willigen ein?« – »Wenn ich vor mir selbst frei bleibe – ja!« Der Graf küßte ihre Hand. Dann entfernte er sich für eine kurze Zeit, während die junge Frau, mit den bangen Ahnungen ihres Herzens kämpfend, das Antlitz in den Kissen des Diwans verbarg. Pisani kehrte mit Schreibgerät zurück und legte ein Blatt Papier vor die Gräfin. – »Es ist nötig, gnädige Frau, daß Sie einige Worte zur Bestätigung meines Rechts niederschreiben. Mit ihnen in der Hand werde ich sofort die nötigen Schritte tun.« – Ihre Hand zitterte, als sie die Feder ergriff ... «Was muß ich schreiben?« – »Erlauben Sie mir, Ihnen die kurzen Worte zu diktieren. Sie sind zu aufgeregt, um selbst das Zuviel und Zuwenig zu vermeiden.« Er sagte sie ihr in französischer Sprache, und ihre Finger schrieben sie langsam nieder, während aus den schönen Augen ein Tropfen auf das Papier fiel. Die Worte lauteten: »Helene, Gräfin von Laszlo überträgt dem Obersten Grafen Antonio Pisani, als ihrem Verlobten, den Schutz und das Recht an ihrer Person und an ihrem Eigentum.« »Die letztere Bestimmung ist nötig,« sagte der Oberst nachlässig, »um der Habsucht Sami-Paschas Schranken zu setzen.« – Die Gräfin hatte der Worte kaum geachtet. Sie unterzeichnete und reichte dem Sarden das Blatt. Als er es berührte, zuckte es wie ein elektrischer Strahl kalt und schneidend durch ihre Nerven... »Ich habe Ihr Wort?« – »Wie weh tun Sie mir, Helene, mit diesem Rückhalt! Morgen spätestens werden Sie frei sein!« Er beugte das Knie vor ihr und küßte zärtlich ihre Hand, die sie ihm schaudernd überließ. Dann erhob er sich und verließ sie. Fest trat sein Fuß auf, trotzig hob sich der Kopf, und die dunklen Augen funkelten in der Gewißheit des Sieges, als er die Tür der Gemächer und den Eunuch-Khawaß, der an ihr Wache hielt, hinter sich gelassen. Er bemerkte kaum die Dienerin, die aufgeregt, scheu an ihm vorüberschlüpfte und zu der Herrin eilte... Das Mädchen war in seltsamer Aufregung, seine schönen blauen Augen glänzten diesmal freudig, als es in die Wohnung des türkischen Despoten zurückkehrte, dessen Machtspruch sie den Ihren entrissen. Die Gräfin, zu deren Dienst man sie bestellt, hatte die abergläubische Warnerin am Mittag auf einige Stunden fortgeschickt, als sie Graf Pisani erwartete, und Marutza kehrte jetzt von dem Hause ihres Vaters zurück, wohin sie, diese Zeit benutzend, geeilt war ... Die junge Bulgarin warf sich am Ruhebett der Dame nieder, für die, obschon kaum vierundzwanzig Stunden verflossen waren, seit sie sich in ihrer Nähe befand, doch bereits ihr ganzes Herz mit jener zähen Ergebenheit schlug, die eine eigentümliche Tugend dieses Volkes ist ... »Weine nicht, schöne Herrin,« flüsterte sie schmeichelnd, »der Unheimliche ist fort, und ich bringe frische Hoffnung. Du sollst frei werden, noch ehe die Sonne wieder die Minaretts von Widdin bescheint.« – Die Gräfin preßte die Hand der jungen Trösterin ... »Ich weiß es, aber du weißt nicht, welches Opfer es mich kostet. Er hat versprochen und hält sein Wort.« – »Er! – Wen meinst du, Herrin?« – »Nun, Graf Pisani, der mich eben verließ.« – »Den Sohn der Hölle? – Unglückliche Herrin – er dich retten? Er ist der Wudkoklak und alles, was er tut, wird dich nur in den Abgrund ziehen. O, sieh her! – kennst du dieses Tuch?« Sie reichte der Gräfin ein feines Kantentuch, das diese forschend und ängstlich prüfte. Es trug ihren Namenszug mit dem Wappen darüber in eleganter Stickerei... »Mädchen, um der Heiligen willen – woher hast du dieses Tuch? Es ist das meine und dennoch brachte ich es nicht hierher?« – »Erinnerst du dich an die große Sultansstadt an der Donau, von der die Schiffe mit dem Rauch hier vorbeifahren?« – »Wien?« – »Ja, so heißt sie. Es ist ein großer Garten darin. Doch habe ich den Namen in der Eile vergessen.« – »Der Prater?« – »Es mag sein. Ich soll dich fragen, ob du des Tages gedenkst, an welchem in diesem Garten deine Pferde mit dem Wagen durchgingen und des Mannes, der damals mit dir war und von dir schied?« – »Marutza!« – die Hand der Gräfin preßte krampfhaft den Arm der jungen Bulgarin. »Mädchen – weiter – weiter!« – »Er nahm dies Tuch damals mit sich und trug es in den Schlachten seines Volkes. Er ist kein Moslem, obschon er die Kleidung der Mörder trägt.« – »Er ist hier?« – »Vor einer Stunde gab mir der Fremde das Tuch. Er ist ein Freund Michael Miljoes, meines Bräutigams. Er sagt, er müsse dich sprechen um jeden Preis, und wenn dir hier Gefahr drohe, werde er nicht weichen, bis er dich gerettet.« Die Gräfin rang die Hände ... »Der Wahnsinnige, in welche Gefahr hat er sich gestürzt! Und ich – in demselben Augenblick meine Ehre, mein Leben in die Hand eines andern gegeben, in die Hand seines Feindes!« – »Ich warnte dich vor dem Wudkoklak!« ... Ihre Blicke fielen auf das Schreibzeug, das der Oberst zurückgelassen, und sie stürzte wie auf einen rettenden Ausweg darauf zu. – »Kannst du zu ihm gelangen?« – »Ich soll ihn in der Locanda Alexos des Wirtes erwarten, wenn der Abend kommt; in einer Stunde ist die Zeit da.« – Die Gräfin schrieb eilig einige Zeilen auf eines der Blätter, die zurückgeblieben waren. – »Aber wird dein häufiges Gehen und Kommen nicht Verdacht erregen?« – Marutza lachte schlau ... »Ich habe dem Schwarzen, der dieses Haus bewacht, eine Flasche vom Feuertrank meines Vaters mitgebracht und ihm das Goldstück gegeben, das ich von dem Fremden erhielt. Das eine verschließt seinen Mund, das andre trübt seine Augen! Marutza kann frei aus- und eingehen, nur du, Herrin, bist die Gefangene!« – Die Gräfin hatte geendet. Sie faltete das Blatt zusammen und gab es an die Bulgarin, die es in den Busen steckte, ihr Kleid küßte und eilig verschwand... Welche Gebete, welche Gedanken Helenens begleiteten sie! Am Vormittag desselben Tages hatten zwei Männer in der phantastischen und willkürlichen Tracht der Baschi-Bozuks – beide in der letzten Schlacht verwundet, denn sie trugen Binden um Kopf und Arme – durch das nördliche Tor, das nach Negotin und dem Timok führt, dem serbischen Grenzflusse, die Stadt betreten. Bei dem fortwährenden Umhertreiben zahlloser Nachzügler und dem Leben und Drängen, das überall herrschte, konnte ihre Erscheinung niemand auffallen, obschon ein schärferer Beobachter leicht bemerkt hätte, daß dem einen wenigstens das unnachahmliche Phlegma des Orientalen fehlte und sein Schritt oft hastig den straffen militärischen Gang zeigte, während sein Auge scheu und aufmerksam umherschweifte. Ohne viele Worte zu wechseln, schritten beide durch die Stadt und auf dem Wege nach Tornowo hin, bis sie zum Kruge des Bulgaren Gawra kamen. Der grüne Zweig war jetzt entfernt, und der Wirt saß mißmutig auf der Schwelle seines Hofes unter den Pferde- und Ochsenschädeln und rauchte den Schibuk... »Viel Glück!« grüßte der jüngere der beiden Bozuks in seiner eigenen Sprache den Wirt. Dieser schaute erstaunt auf, denn er war solcher Höflichkeiten von einem Moslem eben nicht gewöhnt... »Das füge Gott!« lautete seine Antwort. »Bist du denn ein Bulgar, junger Mann?« – »Wir beide sind Fremde. Aber ich sehe den Zweig nicht auf deinem Tor, o Handja! Wir wollen einkehren bei dir und saure Milch und Schnaps bei dir kosten.« – »Wo kommst du her, Freund?« sagte mürrisch der Wirt, »daß du nicht weißt, wie drinnen im Hause ein Soldat sitzt, den ich bezahlen muß, und den Seine Hoheit der Pascha zur Aufsicht in mein Haus gelegt hat, daß ich keine Herberge mehr halte? Geht eurer Wege, Freunde! ich bin nichts, als ein Pferdehändler und in der Ungunst des Herrn.« Die beiden rührten sich jedoch nicht von der Stelle... »Bist du Gawra, der Wirt, so wirst du mir sagen können, wo Michael, dein Neffe, zu finden ist?« – Der Alte schaute erschrocken auf... »Was kümmert mich der Landstreicher? Ich bin ein treuer Untertan des Sultans, unsers Herrn.« – Der Bozuk schlug rasch mit dem Daumen das griechische Zeichen des Kreuzes, und sein listiger Blick verständigte den Bulgaren ... »Rede bloß keine Torheit, Handja, du hast es mit Freunden zu tun und brauchst dich nicht zu verstellen. Der Knees wollte mich bei dir erwarten, und ich habe mit ihm nötig zu sprechen.« Die Gefühle des Wirts in betreff seines künftigen Eidams schienen sich in den letzten achtundvierzig Stunden sehr geändert zu haben. Der Heiduck hatte ihm die Strafe, die der Pascha ihm auferlegt, reichlich ersetzt, und Gawra wußte, daß er ihm sein Leben zu danken hatte. Überdies hielt er, durch die letzten Ereignisse gewarnt, jetzt selbst für notwendig, daß der junge Mann bei erster günstiger Gelegenheit das schöne Mädchen in die sichern Berge mit sich führe. Der Heiduck befand sich daher, trotz der drohenden Nähe seiner Feinde, in diesem Augenblick nicht weit von den Sprechenden. Gawra selbst hatte ihm die Rolle gegeben, die er spielte... »Siehst du den Knecht dort, der am Brunnen die Pferde deiner Brüder, der Soldaten, tränkt, die sie in meine Ställe gestellt haben? Rede mit ihm, vielleicht kann er dir Antwort geben.« – Sein Daumen zeigte nach einem jungen Manne im wollenen Kittel des armen Bulgaren, ohne alles Auffallende in seiner Erscheinung, als seine kräftige Gestalt, der mit zwei andern Knechten im Hofe mit einer Anzahl türkischer Pferde beschäftigt war. Die Baschi-Bozuks schlenderten in den Hof, wo bereits mehrere ihres Gelichters umherlungerten und der Arbeit der Bulgaren träge zuschauten; sie traten wie von ungefähr zu dem Schimmel, den eben der junge Mann striegelte, und den Gawra, der Wirt, ihnen gezeigt hatte. – »Wallah! Ein kräftiges Pferd – ich möchte es unter den Beinen haben auf einem Ritt gegen die Moskows. Ich grüße dich, Knees Michael Miloje.« Die letzten Worte wurden flüsternd zu dem bulgarischen Knecht gesprochen... »Bei den vierzig Märtyrern!« entgegnete der Bulgare, indem er sich, die Füße des Pferdes zu reiben, niederbeugte, »du hast lange auf dich warten lassen, und ich wäre bereits zu dem Hochgebirge zurückgekehrt, wenn mich nicht eine Otmitza hier gefesselt hielte. Sprich! was bringst du für Hoffnungen für die Kinder der Berge vom schwarzen Zar, unserm Vater?« Mungo, – denn er und der Kapitän, der erst nach vielen Vorstellungen vom General-Leutnant Anrep die Zustimmung zu dem gefährlichen Wagestück der Selbstprüfung der Verhältnisse in Widdin erhalten, steckten in den Trachten der Baschi-Bozuks, – machte sich mit dem Pferde zu tun... »Schau den Mann an, der mich begleitet, o Knees, er ist einer der vornehmen Agas der Russen und herübergekommen, mit dir und deinen Brüdern zu verhandeln. Er hat außerdem ein persönliches Geschäft und möchte wissen, ob und wie eine Name von jenseits des Stromes durch Überläufer gestern oder vorgestern ins Lager gebracht worden ist? Wann und wo kann er dich sprechen?« – Der Bulgare kraute sich am Kopf... »Ich weiß nichts von deiner Dame, als daß meine Moma – Fluch dem Pascha! – seit zwei Tagen eine fremde Christin im Harem ober Selamlik des Gouverneurs bedienen muß. Bei den Gebeinen der Helligen! da kommt sie selbst über die Ebene von der Stadt her. Nimm dies Pferd und führe es mit deinem Gefährten nach dem hintersten Stall im Hofe. Dort ist ein Verschlag, in den ihr euch begeben mögt, – ich werde in kurzem bei euch sein.« Mungo tat, wie er gesagt, und gab dem Kapitän einen Wink, zu folgen, indes Michael dem Mädchen entgegenging. Eine Stunde darauf saßen die beiden kühnen Späher, der Heiduck und die Moma, in einer der Hütten, die dem Krugwirte für seine Haustiere und Vorräte gedient hatte, jetzt aber längst von den Türken geleert waren, und besprachen sich eifrig, indem Mungo, so weit es nötig, den Dolmetscher machte. Dem Kapitän blieb kein Zweifel mehr, daß die Dame im Selamlik des Paschas die Gräfin Laszlo war, und mit Schmerz hörte er von Marutza, die eben jenes Schreiben an den sardinischen Obersten besorgt, in wessen Händen die Geliebte sich befand. Die Anwesenheit Pisanis im türkischen Feldlager machte ihm klar, wie die Gräfin zu jenen Verrätereien bewogen worden, wenn sie auf der anderen Seite ihm auch wiederum die Entführung und die jetzige Gefangenschaft der Dame als Rätsel erscheinen ließ. Dennoch lebte das undeutliche Gefühl einer großen, über der geliebten Frau schwebenden Gefahr in seinem Herzen, und er beschloß, eine Unterredung mit ihr zu suchen und sie, wenn das ihrem Wunsche entspräche, zu befreien... Freilich waren die Mittel dazu sehr gering und beschränkten sich auf die Hilfe seines Begleiters, des Heiducken und etwa Alexos, des Wirtes, dessen Zuverlässigkeit erst noch geprüft werden sollte. Der junge Knees indes erklärte das Wagestück ausführbar, und daß er zugleich die ihm verlobte Braut mit entführen und beide Frauen über die serbische Grenze bringen wolle; er war in Widdin geboren und kannte daher jeden Teil der Festung, in der das Konak des Paschas liegt, auf das genaueste. Marutza gab ihm die Nachrichten, in welchem Teil der Gebäude das Gemach der Gräfin lag, und es wurde beschlossen, daß sie beim Anbruche des Abends die Verbündeten nochmals aufsuchen sollte, um die weiteren Pläne zu hören. Während Miloje mit seinem Schwiegervater Gawra das Nötige verabredete, diesem das Versprechen abnahm, mit vier Pferden am Tore von Ternowo zu ihrem Dienst bereit zu sein, dann türkische Kleider anlegte und sich unter ihrer Hülle frei und keck in die Festung selbst wagte, wandten der Offizier und sein Gefährte sich zu der Lokanda Alexos, des Wirtes, deren Umgebung stets von Offizieren und Soldaten aller Art umlagert war. Hier gelang es der Schlauheit Mungos leicht, sich durch ein Zeichen mit dem Wirte zu verständigen. Durch die hintere Pforte seines Gehöfts wurden die beiden Abenteurer eingelassen und in dasselbe Gemach quartiert, worin die Entführung der Gräfin beschlossen worden ... Der Slowake, treulos gegen alle Parteien und nur auf seinen Geldgewinn bedacht, hielt es für wichtig und notwendig, seine russischen Verbindungen wenigstens nicht durch einen unnützen Verrat preiszugeben, und es gelang ihm leicht, in betreff der Spionage der Gräfin sich zu rechtfertigen, indem er jede Kenntnis davon leugnete. Da er die Belohnung des Obersten bereits in der Tasche hatte, war er zu jeder neuen Intrige gegen goldene Vergütung gern bereit und schaffte willig alles an, was man von ihm verlangte. Während der Kapitän hierauf allein in dem Versteck zurückblieb und Mungo in der Nähe umherstrich, um Kundschaft und den Heiducken aufzusuchen, hörte der Offizier es in der von Alexo angegebenen Weise an die Tür pochen und öffnete. Zu seinem Erstaunen stand ein schwarzer Knabe vor ihm, der eilig in das Gemach schlüpfte und wieder die Tür verschloß. Die Brust des Knaben hob sich ängstlich und hastig ... »Signor,« sagte er auf italienisch, »ich habe alles gehört, denn meine Schlafkammer ist über diesem Gemach und nur durch eine dünne Bretterdecke von ihm geschieden. Du bist ein Russe?« – »Was willst du damit, Bursche?« fragte der Offizier und faßte rasch entschlossen den Arm des Mohren, um sich seiner zu bemächtigen. – »Laß mich, du siehst, ich bin dir nicht feind, sonst wäre ich nicht hier. Ich komme, dich zu warnen. Der Wirt, dem du dich anvertraut, ist ein Verräter an der Sache deines Glaubens und deines Volkes; mißtraue ihm!« – »Wer bist du, Knabe?« – »Ich bin der Diener eines fränkischen Arztes, Signor, und deiner Nation ergeben. Lies hier den Beweis.« Er holte aus einem seidenen Beutelchen, das an einer Schnur unter den Kleidern auf seiner Brust hing, ein Papier. »Kennst du Signor Ölsnero in Konstantinopel?« – Der Kapitän las ... »Ich weiß, daß er einer der Unsrigen ist und sehe, daß ich dir trauen darf. Aber was soll ich tun?« – »Der Wirt ist habsüchtig. Biete ihm gelbes Gold, mehr als deine Feinde, und er wird dir helfen. Ich wollte dich nur warnen, ihm nicht viel zu trauen. Lebe wohl, Signor; Nursah wird über dir wachen.« Der Knabe entschlüpfte. – In tiefem Nachdenken erwartete der Kapitän die Gefährten, die der Wirt mit Marutza ihm, nachdem die Dunkelheit bereits eingetreten, zuführte. Das Mädchen übergab ihm das von der Gräfin geschriebene Blatt. Beim spärlichen Schein einer Lampe las der Kapitän die folgenden, von einem geängsteten Frauenherzen diktierten Worte: »Ich weiß, daß Sie hier sind, und die Gefahr, in die Sie sich um meinetwillen gestürzt, erhöht die Schmerzen, die mein Herz zerreißen. Bei den Worten der Liebe, die Sie mir einst im Prater von Wien gesprochen, beschwöre ich Sie, verlassen Sie sogleich Widdin und das türkische Gebiet, Sie wissen nicht, welchem Feinde Sie hier begegnen könnten. Sorgen Sie nicht für mich, – ich werde morgen frei sein, – der Himmel wird mich schützen und ich sehe Sie in Krajowa wieder. Fliehen Sie, bei Ihrer und meiner Liebe, fliehen Sie! Helene.« Die letzten Worte des Blattes ließen ihn alles andere vergessen, und er preßte es stürmisch, an seine Lippen ... »Um keinen Preis darf sie zurückkehren! Ich muß sie selbst sehen, sprechen, und weiche nicht eher von diesem Boden. – Höre, Wirt – auf ein Wort mit dir!« Er zog ihn in eine Ecke. »Ich weiß, du bist ein Schurke, und tust, was du tust, um Gold, nicht um der Sache willen! Doch höre mich! Bist du mindestens in dieser Sache mir treu und ergeben, so sollst du einen Lohn erhalten, wie ihn dir schwerlich ein Verrat einbringen würde. Hier ist ein gültiger Wechsel auf Sina in Pest, den du den österreichischen Konsul prüfen lassen magst. Er lautet auf fünfhundert Dukaten, und sie sollen dir ausgezahlt werden, wenn du mich in meinem Unternehmen unterstützest und wir ungefährdet aus Widdin kommen. Jetzt sprich, ob wir uns auf dich verlassen können?« – Der Slowake prüfte sorgfältig den Wechsel ... »Exzellenz können sich auf Alexo verlassen; ich schwöre Ihnen bei der Seele meines Vaters, daß ich alles tun werde, was möglich ist.« – »Gut, wir sind einig. Nun zu Euch. Ich will und muß die Dame sprechen, die im Konak des Gouverneurs gefangen gehalten wird, denn es droht ihr eine neue Gefahr. Habt Ihr irgend ein Mittel, dies im Laufe des Abends möglich zu machen?« – »Der Weg über den Festungswall bis zum Hause des Paschas wird in einer Stunde frei sein,« sagte der Heiduck. »Ich kenne einen alten Winkel, durch den man ungehindert aus und ein gelangen kann.« – »Aber die Wachen?« – »Es steht eine einzige in der Nähe jenes Teils des Selamlik, die uns hindern könnte; ich nehme sie auf mich.« – »Das würde für die Flucht genügen, wenn diese nötig wird. Aber wie gelange ich zu der Gräfin selbst?« – »Wenn wir die Gewänder einer türkischen Frau hätten,« sagte Marutza, »so wüßte ich Rat.« – »Ich kann sie mit leichter Mühe anschaffen,« meinte der Wirt. – »Wohl, so tue es. Ich muß jetzt zum Selamlik zurückkehren, ehe die Tore geschlossen werden. Ich werde die Kleider in einem Paket mit mir nehmen. Der Signor Offizier folgt mir in kurzer Entfernung, es kann keinen Verdacht erregen, wenn ein Baschi-Bozuk in die äußern Höfe eintritt, es treiben sich der Männer dort fortwährend umher, bis die Tore geschlossen werden. Nur der Zutritt in das Selamlik selbst ist gefährlicher, da dort Wachen stehen, und was geschieht, muß vor der vierten Stunde geschehen, denn nach dieser Zeit kann niemand das Selamlik verlassen, oder in den Höfen verkehren, ohne von den Wachen angehalten zu werden. Ich werde vor dem Capitano hergehen bis zu einem dunklen Winkel, wo er sich ruhig lagern mag. Wenn ich sehe, daß der Schwarze, unser Wächter, trunken oder unaufmerksam ist, werde ich unter einem Vorwand zurückkehren und ihn holen. In den Yaschmak und den Mantel einer türkischen Frau gehüllt, kann er mir ohne Besorgnis folgen, die trüben Augen Alis, unsers Wächters, werden ihn nicht erkennen.« Der Plan wurde gut befunden, und während Alexo ging, die Gewänder herbeizuschaffen, machte sich der Offizier fertig zu dem gefährlichen Wege. Mungo erhielt den Auftrag, den Wirt mit den Pferden für alle Fälle bereit sein zu lassen, und der kühne Heiduck übernahm es, den Kapitän auf dem Schlupfwege wieder aus der Festung zu schaffen und nötigenfalls die Flucht der Frauen in derselben Weise zu bewerkstelligen. Marutza trieb zur Eile und schritt eilig voraus durch die bereits dunklen Gassen. In einer Entfernung von etwa zwanzig Schritten folgte ihr der Kapitän, in den zerlumpten kurdischen Mantel der Bozuks gehüllt. Viele Menschen bewegten sich in den Gassen, und so waren sie bereits bis zu dem Damm gekommen, der auf das Tor der Festung zuläuft, als zwei in Mäntel gehüllte Männer, die ihnen entgegenkamen, auf das Mädchen im Vorbeigehen aufmerksam zu werden schienen. Der eine, ein Offizier, blieb stehen und sah Marutza nach, und so kam es, daß er durch eine rasche Bewegung mit dem falschen Baschi-Bozuk zusammenstieß und diesem für einige Augenblicke der Mantelzipfel vom Gesicht fiel. Einen Moment lang starrten beide Männer sich an, der Kapitän erkannte sogleich den Grafen Pisani in seinem Gegner, dieser jedoch schien durch das matte Sternenlicht, das allein den Platz erhellte, getäuscht zu sein, und wenn ihm in dieser Nähe auch das Gesicht bekannt vorkam, doch im Augenblick nicht zu wissen, wohin er es tun solle. Der Russe hatte Geistesgegenwart genug, sich nicht zu verraten, und, den Mantel rasch wieder um sich ziehend, sprach er den gewöhnlichen türkischen Gruß und ging weiter. Der Sardinier blieb nochmals einige Augenblicke stehen und schaute den beiden nach ... »War es mir doch, als müßte ich den türkischen Lümmel kennen,« sagte er zu seinem Begleiter, dem Banditen und jetzigen Diener Santa Lucia. »Sieh, ich glaube gar, er folgt dem Mädchen in den Konak und – Demonio! – sie machte ihm ein Zeichen!« Er lachte laut auf. »Die bulgarische Dirne hat sich einen verteufelt zerlumpten Galan ausgesucht!« Er wollte eben weiter gehen, als er auf der Erde etwas Weißes blinken sah, gerade an der Stelle, wo er mit dem Fremden zusammengestoßen war. Es hatte eine Briefform und, dadurch aufmerksam gemacht, hob er das Blatt auf und behielt es in der Hand, indem beide ihren Weg fortsetzten ... Wie es so häufig geht, daß ein zufällig aufgestoßenes Gesicht uns verfolgt und sich in unsere Gedanken nistet, als könnten wir es nicht los werden, – so auch hier. Der Oberst hatte noch keine zehn Schritte getan, so beschäftigte er sich schon wieder mit dem Bilde des Baschi-Bozuks, und selbst ungeduldig darüber und um auf etwas anderes zu kommen, näherte er sich einem Hause, aus dessen engem Fenster ein Lichtstrahl fiel, und besah das Papier, das er in der Hand hielt. Es war ein zusammengefalteter Brief ohne Aufschrift; der erste Blick jedoch, den er auf seinen Inhalt warf, schien wie ein Blitzstrahl in seinem Geiste zu zünden. – »Corpo di bacco! wo hatte ich meine Augen? bin ich blind? – er ist es, er muß es sein! diese Worte beweisen es, wenn ich meinen Augen nicht trauen wollte! – Der Tor wagt sich in die Höhle des Tigers? er soll es bereuen! – Sie stehen in Verbindung, und in diesem Augenblick schon ist vielleicht alle meine Mühe umsonst, und der glücklich angelegte Plan ist vergebens!« Seine Augen funkelten in Wut und Ärger, dann machte die Leidenschaft jedoch der gewohnten kalten Überlegung Platz, und im nächsten Moment schon zuckte ein Blitz teuflischen Triumphes nach der Festung zurück ... »Bin ich ein Tor geworden,« flüsterte er für sich, »daß ich nicht gleich begriffen, welche Macht damit in meine Hand gegeben ist? – Jetzt, Gräfin Helene, bist du mein, und dein Stolz soll gebrochen zu meinen Füßen liegen! – Lucia!« Der Bandit, der mit Erstaunen auf das aufgeregte Benehmen seines Gebieters geblickt, sprang herbei ..., »Was gibt es, Signor Conte?« – »Geschwind zurück nach dem Tore des Konaks und lege dich in irgend einen Winkel in Hinterhalt. Du hast den Baschi-Bozuk gesehen, der eben der bulgarischen Dirne folgte? Habe Falkenaugen, daß er nicht wieder aus dem Konak entwischt, ehe ich bei dir bin! Der Mann trägt den linken Arm in einer Binde, als wäre er verwundet, und einen hellen Turban. Kommt er, so wirf ihn zu Boden und ruf' die Wache zu Hilfe!« Er eilte davon, nach der Lokanda Alexos zu, wo er die Offiziere wußte, den verhängnisvollen Brief in seiner Hand, den Brief, den Gräfin Helene an den Kapitän geschrieben, den dieser durch einen unglücklichen Zufall bei dem Zusammenstoß mit seinem Feinde aus dem Wams verloren hatte ... Santa Lucia, der Korse, lief zum Eingänge des Konaks, vor den er sich gleich einem Cerberus lagerte, mit scharfem Blick jeden Ein- und Auspassierenden musternd. – – Es war gegen acht Uhr abends – drei Uhr etwa nach der türkischen Sonnenrechnung! – als aus einem alten Zisternenwinkel des innern Festungshofes eine lange Gestalt in einem grünen Frauenmantel, den Yaschmak dicht über den Kopf gezogen, hinter der schönen Bulgarin herschlich, die Wasser am Brunnen des Hofes geholt hatte. Aus dem um das Haus laufenden Tschardak führte eine Treppe zu dem Teile, den die Gräfin als Gefangene bewohnte, und in einer Art Vorgemach, aus dem ein Gang in das Innere des Hauses lief, kauerte der alte Mohr, dem die Bewachung der Dame anvertraut war, neben dem Kohlenbecken, an dem er abwechselnd Hände und Füße wärmte. An seiner Seite stand die längst geleerte hölzerne Flasche, die ihm Marutza am Mittag mitgebracht, und er war eben beschäftigt, sich seinen Kaffee zu bereiten. Es würde für einen kräftigen Mann ein leichtes gewesen sein, den Alten zu überwältigen, aber der geringste Hilferuf desselben, jedes ungewöhnliche Geräusch hätte zwanzig seiner Gefährten herbeigeführt, von denen die Höfe und die meisten Teile des weitläufigen Baues belebt waren. – »Mashallah, Mädchen,« sagte der alte Khawaß, »du bist zwar eine Christin und die Tochter einer Hündin, aber unter den Schweinen sind die Bulgaren noch die besten, und es ist freundlich von dir, daß du mir deine Flasche da gebracht hast. Ich wollte, es wäre nur mehr darinnen gewesen; hoffentlich wirst du sie mir aufs neue füllen.« – »Morgen, Ali, wenn ich zur Schenke gehe, ich versprecht es dir. Doch nun halte uns nicht auf. Dies ist die Märchenerzählerin aus der Stadt, die uns den Abend erheitern soll, du weißt, die Khanum bedarf es, denn sie weinte den ganzen Tag. Die Massaldschi wurde so lange im Harem unsers Gebieters aufgehalten, und ich fand sie erst an unsrer Tür.« Der Khawaß betrachtete einen Moment die fremde Gestalt mit schläfrigen und von dem scharfen Rakih verdunkelten Augen, dann wandte er sich wieder zu seiner Beschäftigung ... »Geht hinein, ihr Weiber, aber bedenkt, daß die Tore der Festung schon in einer Stunde geschlossen werden. Wallah! Auf euer Haupt komme die Versäumnis.« – Die beiden verschwanden in dem Eingange des ersten Gemaches ... Die Gräfin lehnte auf dem Diwan, den Kopf in die Hand gestützt. Von Marutza hatte sie erfahren, daß der Brief glücklich besorgt worden, aber nach dem Wunsche des Kapitäns, noch nichts von dem Wagestück, daß dieser unternommen, um sie zu sehen ... Als die Tür sich öffnete, glaubte die Dame daher nur ihre Dienerin eintreten zu hören, und sagte, ohne den Kopf zu wenden: »Setze dich zu mir, Marutza, und erzähle mir jedes Wort, das er gesagt. Mein Herz ist schwer von Angst, und ich wollte die Welt darum geben, wenn ich den Unvorsichtigen erst glücklich aus Widdin wüßte!« – »Nicht ohne Sie, Helene,« sagte eine männliche Stimme neben ihr. Erschrocken fuhr sie empor und sah die fremde Gestalt an ihrer Seite; Feredschi und Jaschmak fielen zwar zu Boden, aber bestürzt fuhr die Gräfin trotz der bekannten Laute zurück, als sie einen Baschi-Bozuk in seiner wilden seltsamen Tracht vor sich auf das Knie geworfen sah, der sich ihrer Hand bemächtigte. Ein zweiter Blick zeigte ihr jedoch die Züge des russischen Kapitäns und der Angstschrei erstickte in ihrer Kehle. – »Um aller Heiligen willen, Sie hier? o, fliehen Sie, Sie bringen uns beide ins Verderben!« – »Ich bin hier, Sie dem Verderben zu entreißen. O, hätten Sie meiner Warnung Gehör gegeben in Wien und sich von jenem Tun freigehalten, das außer der Sphäre des Weibes bleiben soll! Ich mußte Sie sprechen, Gräfin Helene, um Ihnen zu sagen, daß die wahren Zwecke Ihres Verweilens auf Ihrem Gute bekannt sind, daß einer Ihrer Boten aus dem türkischen Lager aufgefangen worden ist. Der kommandierende General hat in derselben Nacht den Befehl gegeben, Sie zu verhaften, an deren Morgen Sie von den Dorobandschen entführt wurden. Mein Bote, der Sie warnen sollte vor der drohenden Gefahr, traf leider zu spät ein.« – Die Gräfin sah ihm voll in das Gesicht ... »Und Kapitän Meyendorf hat wirklich das gewagt für eine Frau, die ihn so schwer verletzte, für die Feindin seines kaiserlichen Idols?« – Er preßte ihre Hände in den seinen ... »Was wog jener Schmerz, den Sie mir bereiteten, jener Sieg meines Nebenbuhlers gegen Rettung, was galt die Republikanerin gegen das Weib meines Herzens? – Als ich nach der blutigen Schlacht das Unglück vernahm, das Sie betroffen, zog es mich wie mit tausend Banden Ihnen nach, und ich mußte wissen, welche Gefahr Sie hier bedrohte.« – »Aber bedenken Sie auch, daß man Sie erkennen und gefangen nehmen kann?« Der Baron schaute sie ruhig und fest an ... »Werde ich hier ergriffen,« sagte er ernst, »und bei Gott! es war vor kaum einer halben Stunde nahe daran, so werde ich ohne weiteres als Spion erschossen, und nicht allein mein Leben, auch meine Ehre ist vernichtet.« – »Für mich! für mich!« jammerte die junge Frau; »o, fliehen Sie, ich beschwöre Sie bei unserer Liebe!« – Sein Auge glänzte entzückt, als er stürmisch ihre Hände an sein Herz drückte. – »Dies Wort allein, Helene, bezahlt tausendfach alle Gefahren. Wie habe ich von diesem Augenblick geträumt unter dem Donnern der Schlachten und auf dem ruhelosen Lager, und ich sollte ihn kürzen in jämmerlicher Furcht für meine Sicherheit? O, Helene! wiederholen Sie mir das Wort, daß unsre Liebe Sie besorgt macht, daß Ihr Herz, Ihr reiches, schönes Herz wirklich das meine ist! Darf ich's wagen, darf ich's glauben?« – Sie strich ihm lächelnd die braunen Haare aus der Stirn ... »Zweifelten Sie wirklich noch daran nach unsrer Fahrt im Prater zu Wien? O, wie weh Sie mir damals taten durch Ihr hartes unverdientes Scheiden!« – »Aber Pisani ... ich hörte zufällig, wie Sie ihm versprachen zu kommen ...« – »Zur Baronin Czezani. Was ist mir der Oberst anders als ein Mann, mit dem mich politische Meinung verband? Ich habe in diesen Tagen, den schwersten meines Lebens, einsehen gelernt, wie töricht ich gehandelt, wie recht Sie haben, und in welch schmähliche Stellung mich dieser politische Wahnsinn gelockt hat. Ich werfe ihn von mir, das schnöde, unwürdige Männerwerk, und will einzig und allein dem Frauenherzen seine Rechte gönnen. Morgen bin ich frei – zum letzten Male will ich mich des Beistandes dieses Mannes bedienen – ich eile nach Wien, und verlasse das Haus meines Oheims nicht mehr, bis dieser unglückselige Krieg beendet ist, und ...« »O, vollenden Sie!« Er drückte sie an das entzückte Herz. Tausend Schwüre der Liebe quollen über seine Lippen, welche die ihren suchten und fanden. – Da schnitt der scharfe Knall von Pistolen dazwischen, wildes Geschrei, Waffenklingen, Tumult in den Höfen, das Lärmen und Rufen vieler Menschen: »Haltet den Dschaur! Nieder mit dem Spion!« – Ein Flintenschuß fiel dicht unter dem Fenster, der grelle Aufschrei eines Getroffenen folgte. Dann schien eine wilde Hetze durch die Höfe zu beginnen – – – Aus dem ersten Gemach stürzte Marutza herein ... »Heilige Mutter Gottes! sie sind hinter Miloje drein – alles ist verraten, die Höfe sind voll Soldaten!« – Die Unvorsichtige hatte aus dem Fenster mit dem Heiducken gesprochen, der verkleidet im Hofe umherschlich, und das verabredete Zeichen gegeben ... Man hörte, wie der Strom der Verfolger sich hinter Miloje entfernte, den man wahrscheinlich für das edlere Wild hielt. Im Augenblick hatte die Ungarin alle Energie ihrer Seele wiedergefunden. Schnell hüllte sie selbst den Geliebten in Mantel und Schleier ... »Rasch, rasch, Marutza, ehe es zu spät ist. In Wien sehen wir uns wieder!« – Ein Druck der Hand, und die Frauen drängten ihn aus dem Gemach; Marutza folgte ihm ... Ali, der Khawaß, hatte sich bei dem Lärmen erhoben und stand an dem Ausgang der Treppe. – »Mashallah! was wollt Ihr Weiber hier? Geht zurück. Das ist keine Sache für euch!« Schritte eilten den Gang daher, der aus dem Innern der Gebäude führte. Es galt einen raschen Entschluß. Mit kräftiger Hand hatte in Gedankenschnelle der Kapitän den alten Mohren gefaßt und schleuderte ihn zurück in den Winkel. Dann sprang er die kurze Treppe zum Tschardak hinunter und aus diesem in den Hof, von Marutza gefolgt. Schleier und Mantel blieben in der Hand des Mohren, der ernüchtert den ihm gespielten Betrug erkannte und hinter ihnen drein brüllte. Das Rufen vieler Stimmen belehrte sie, daß im nächsten Augenblick die Verfolger auf ihren Fersen sein würden, und die Überlegung eines Moments bewies ihnen, daß eine Flucht durch das bewachte Tor in diesem Augenblick unmöglich sei ... Kaum wissend, was sie tat, zog die junge Bulgarin den Offizier, dessen Rechte ein gespanntes Revolverpistol hielt, mit sich fort. Der Hof war im Augenblick menschenleer, weil alles auf den Heiducken Jagd machte. So gelang es ihnen, unbemerkt in den Schatten der Wälle und zu dem halbverfallenen Brunnen zu kommen, in dessen Winkeln Marutza vorhin den Kapitän verborgen hatte. Beider Brust hob sich keuchend – sie konnten deutlich die neuen Verfolger sehen, die – Ali an der Spitze – jetzt aus dem Tschardak drangen und mit Verwünschungen nach den Flüchtigen suchten ... »Wir müssen in wenigen Augenblicken entdeckt sein,« flüsterte der Offizier, und seine Hand umspannte fester den Griff des Pistols. – »Still – keinen Laut!« sagte leise eine dritte Stimme in bulgarischer Sprache dicht an ihren Ohren. Marutza kannte sie sogleich und hielt den Arm des Kapitäns nieder, der sich eben gegen den unerwartet nahen Gegner wandte und auf ihn schießen wollte. – »Ruhig, Herr, es ist Miloje, unser Freund. Um der vierzig Märtyrer willen, wo kommst du her, Michael?« – Der kühne Heiduck lachte still vor sich hin ... »Die Knechte des falschen Propheten meinten mich zu fangen. Pah! als ob ich nicht jeden Stein hier besser kennte denn sie. Bückt euch und folgt mir, wir haben keine Zeit zu verlieren.« Er kroch ihnen voran durch die Öffnung eines Kanals, der den Abzug der Zisterne leitete. Einige Schritte weit mußten sie sich auf Händen und Füßen fortbewegen, dann wurde das Gewölbe höher, sie vermochten aufrecht zu stehen, und der Heiduck ließ sie durch ein gehobenes eisernes Gitter passieren, das er hinter ihnen wieder senkte ... »Jetzt mögen sie kommen, sie werden die Vögel ausgeflogen finden! Die Öffnung geht durch den Wall dicht am Haupttor. Vorsichtig, Herr, wir haben den Graben zu durchschreiten.« – Sie kamen glücklich hinüber, und während im Konak der Aufruhr der Verfolgung und Nachforschung tobte, führte der Heiduck sie glücklich an den Wachen vorbei durch die Lücken der Mauern und Wälle aus der Festung ... Alle atmeten leichter, als das Wagestück gelungen, während dessen nur wenige Worte gewechselt worden, da der Russe ohnehin sich mit dem Heiducken nicht verständigen konnte. Er wandte sich daher auch an das Mädchen und bat sie, den Geliebten zu fragen, wohin er sie zu führen gedächte ... »Bei der heiligen Gottesmutter! wohin sonst, als fort aus diesem Nest in die freien Berge?« erwiderte der Sohn derselben. »Gawra oder der Zigeuner warten mit den Pferden und die Verfolger werden uns bald auf den Fersen sein, wenn sie sich müde im Konak gesucht. Ich habe meine Flinte wieder, die mir dein Vater für schweres Geld von diesen türkischen Hunden gelöst hat, und meine Moma – was brauch ich mehr!« – »Ich muß wenigstens vorher Alexo, den Wirt, sprechen,« sagte entschlossen der Offizier. »Er wird Mittel und Wege finden, über das Schicksal der Dame das Weitere zu erfahren und mit mir in Verbindung zu bleiben. Schickt mir Mungo zur Hinterpforte der Lokanda! Er wird mich in einer halben Stunde zu euch geleiten, und ich bin dann bereit, euch zu folgen.« Vergebens waren die Einreden des Mädchens – der Kapitän bestand auf seinem Sinn, und da die Gassen durch den Lärm in der Festung sehr belebt geworden und man sich nicht aufhalten durfte, trennte man sich eilig, und der Offizier folgte der Richtung, die Marutza ihm gewiesen, auf die Dunkelheit und seine Verkleidung vertrauend. So bemerkte er es nicht, wie aus dem Schatten der Gebäude ein Mann, der die Flüchtlinge schon bei ihrem Erscheinen beobachtet, ihm folgte, St. Lucia, der Bandit. Glücklich gelangte er an die hintere Pforte der Lokanda, deren Tschardak und Zimmer mit Menschen besetzt war, und da ihm jetzt die Gelegenheit bekannt, bis zu dem kleinen Gemach, das ihm vorher als Versteck gedient hatte, indem er hoffte, von hier aus leicht dem Wirt ein Zeichen seiner Anwesenheit geben zu können. Kaum jedoch war er eingetreten, als ein lautes höhnisches Gelächter, das Schließen der Tür und das Vorschieben eines Riegels ihn belehrte, daß er verraten und in die Hände seiner Feinde gefallen sei. Graf Pisani, nachdem er die Anwesenheit des russischen Offiziers in der Festung entdeckt und leicht den Zweck derselben erraten hatte, eilte, die Gelegenheit zu benutzen, sich von dem gefährlichen Nebenbuhler zu befreien, ohne als der Urheber zu erscheinen. Eine Mitteilung an Iskender-Bey genügte, sofort die Verfolger in Bewegung zu setzen, und der Garde ließ alle Anstalten derart treffen, daß der russische Offizier bei seinem Verlassen des Selamliks ergriffen werden mußte. Der Oberst wollte absichtlich vermeiden, selbst handelnd einzutreten, und sein scharfer Verstand hatte ihm bereits die Art und Weise gezeigt, wie er diese Gelegenheit zur Erreichung seines Hauptzweckes ausbeuten könne ... Verdrießlich und mit Vorwürfen von Sami-Pascha überhäuft, den der Tumult aus der Ruhe seines Haremliks gestört, waren die Offiziere nach langem Suchen zur Lokanda des Slowaken zurückgekehrt, fanden aber hier einen Gefangenen vor, denn die türkischen Wachen, aus ihrer Schläfrigkeit erweckt, hatten Mungo, den Spion, ergriffen, als er um die Lokanda schlich und seinen Herrn zu treffen suchte; und Hidaeët-Aga war bereits in einem scharfen Verhör mit ihm begriffen. Der Bursche schwieg jedoch trotzig, und Iskender-Bey befahl ihn zu binden und in einem Winkel des Tschardaks scharf zu bewachen, bis man am andern Morgen Mittel finden werde, ihm die Zunge zu lösen. Die Gesellschaft kehrte hierauf zu Trunk und Spiel zurück; Graf Pisani jedoch beschloß, seine Nachforschungen bei Alexo, dem Wirte, fortzusetzen, dem er in dieser Angelegenheit stark mißtraute. Er gab ihm daher einen Wink, mit ihm zu gehen, und der Slowake, vor der Entdeckung seiner Doppelzüngigkeit besorgt, folgte ihm nach dem abgesonderten Gemach, das schon mehrfach zu ihrem geheimen Verkehr benutzt worden. Zu ihrem Erstaunen fanden sie jedoch an der Kammertür Santa Lucia Wache halten, der es nicht gewagt, diese Stelle zu verlassen und den etwaigen Helfershelfern seines Gefangenen Gelegenheit zur Flucht zu bieten. Der Bandit fluchte greulich, daß man ihn hier so lange allein gelassen, und erzählte dann lachend seinem Herrn, auf welche Weise er den Vogel erwischt hatte. Pisani wandte sich mit einem finstern Blick zu dem jetzt ernstlich vor Entdeckung zitternden Wirte ... »Verräterischer Hund,« sagte er, »du hast offenbar um die Anwesenheit dieses Spions gewußt, sonst wäre er nicht hierher geflüchtet. Du wolltest am Ende gar wagen, meine Pläne zu durchkreuzen, und solltest morgen hängen, wenn das Glück dir nicht wohlgewollt und uns dennoch die Beute in die Hand geliefert hätte. Aber nimm dich in acht, Alexo! ich kenne dich, und bei dem geringsten weiteren Beweis, daß du treulos bist, hängst du!« – Der Wirt beteuerte mit hundert Eiden, daß er von nichts wisse, daß der Gefangene leicht ein russischer Spion sein könne, da der Graf ja wisse, daß er mit solchen verkehren müsse, um Nachrichten aus dem russischen Lager zu erhalten, daß er aber nicht das geringste gegen die Absichten seines hohen Gönners unternommen habe; der Oberst jedoch, dies Geschwätz zur Genüge würdigend, befahl ihm, zu leuchten, und Lucia, die Tür zu öffnen, indem er sich die grausame Lust nicht versagen wollte, sich durch den eigenen Anblick zu überzeugen, daß der Gefangene sein verhaßter Nebenbuhler sei. Der Kapitän, durch den Aufenthalt bei Tageszeit in dem kleinen Zimmer belehrt, daß dieses nur den einen Ausgang habe und das starke Eisengitter des engen Fensters jeden Fluchtversuch unmöglich mache, hatte sich mit entschlossener Ruhe auf den Diwan gesetzt, der an der einen Wand als Lagerstätte hinlief, und erwartete, die Arme über der Brust geschränkt, in finsteren Gedanken das Kommende. Im Augenblick, da er gerade das höchstersehnte Glück genossen, das Geständnis des Weibes, das er seit vier Jahren liebte, empfangen, daß ihr Besitz ihm in Aussicht stand, – gab das Schicksal ihn als Gefangenen in die Hände seiner Feinde mit der Aussicht auf einen schimpflichen Tod; denn er konnte nichts anderes erwarten, als daß die Türken ihn als Spion behandeln würden ... Der Oberst trat mit dem Wirte, welcher die Lampe trug, in das Gemach, während Santa Lucia an der Tür blieb. Ein Blick überzeugte den Sarden, daß der Gefangene der verhaßte Feind sei, dennoch gab er kein Zeichen, daß er ihn erkannt habe. – »So? das ist der Spion, den du gefangen?« – »Jawohl, Signor Conte!« – »Bene! er kann morgen mit seinem Kameraden in Gesellschaft hängen. Bist du Soldat, Bursche? oder treibst du dein Handwerk bloß aus Liebhaberei?« ... Der Kapitän, der bei der Erwähnung der Gefangennahme eines seiner Gefährten – er wußte nicht, ob Mungos oder Michael – zusammengefahren, blickte ihn trotzig und verächtlich an. – »Ich will zunächst wissen,« fuhr der Oberst fort, »wie du in dieses Haus kamst, und in welcher Verbindung du mit dem alten Schurken hier stehst? Daß eine solche existiert, liegt aus deiner Kenntnis dieses Zimmers auf der Hand. Rede, Bursche, oder ich will dir die Zunge lösen lassen.« Der Graf hatte Italienisch gesprochen. Ein flehender Blick des Slowaken traf den Baron, als dieser das Auge voll und ruhig auf das boshaft funkelnde des Sardiniers richtete ... »Die Wahl der Sprache, Herr Graf,« sagte er stolz, »zeigt mir, daß Sie mich kennen. Ein weiteres Verbergen wäre unwürdig Ihrer und meiner. Haben Sie die Güte, diese Leute zu entfernen, ich habe Ihnen einige Worte zu sagen.« – Graf Pisano konnte trotz seiner großen Selbstbeherrschung eine kleine Verlegenheit nicht verbergen, der ruhige Stolz des Gegners hatte seine Bosheit geschlagen. – »In diesem Augenblick glaube ich Sie erst zu erkennen und bitte um Entschuldigung für meine Worte. Hinaus mit euch, und sorge dafür, Lucia, baß dieser alte Schurke nicht horcht.« Die beiden untergeordneten Personen entfernten sich aus dem Gemach und ließen den Grafen und den Kapitän allein. Die Gegner standen einander jetzt Auge in Auge gegenüber. – »Herr von Meyendorf, Kapitän der russischen Armee? wenn mich mein Gedächtnis und die flüchtige Bekanntschaft in Wien trotz dieser Kleidung nicht trügt?« Er wies spöttisch auf das Kostüm. – Der Russe verbeugte sich schweigend. – »Ich bedauere als Offizier aufrichtig, daß Sie sich zu dieser Rolle hergegeben haben, um so mehr als es außer meiner Macht ist, Sie den Ihnen bekannten Folgen derselben zu entziehen. Ich stehe in türkischen Diensten, und der Muschir hat die strengsten Befehle in betreff der Entdeckung von Spionagen gegeben.« – Die bleiche Lippe des Russen zuckte bei dem beleidigenden Wort. – »Ich habe noch mit keiner Silbe verlangt, Herr Oberst, daß Sie zu meinen Gunsten Ihrer Pflicht untreu werden sollen, und würde das Geschenk der Freiheit aus Ihrer Hand auch schwerlich annehmen. Ohne mein Tun Ihnen gegenüber rechtfertigen zu wollen, sage ich Ihnen nur, daß der Grund, der mich hierher gebracht, die Entführung einer uns beiden bekannten Dame aus den russischen Linien durch Überläufer war, – der Gräfin Laszlo.« »Meiner Braut,« sagte nachlässig der Graf. »Ich weiß davon, denn ich selbst habe die Entführung veranlaßt.« – »Wie, Sie selbst wären der Urheber jenes Bubenstücks? Sie wagen es, die Dame Ihre Braut zu nennen?« – Das Blut quoll dem Offizier zu Kopf und Herzen, seine Augen blitzten. – »Mäßigen Sie sich, mein Herr,« sagte stolz der Oberst, »und bedenken Sie, daß Sie hier als Spion gefangen sind und ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben habe. Um meiner selbst willen, und da ich glaube, daß auch Sie zu den Bewerbern um der Gräfin Herz gehörten, werde ich meine Worte beweisen. Sie erinnern sich vielleicht der Handschrift der Gräfin Laszlo?« Der Kapitän wurde rot; er zuckte unwillkürlich mit der Hand nach der Tasche, in der er den Brief der Geliebten noch verborgen wähnte. – »Ich hoffe, Herr Graf!« – Pisani hatte ruhig aus seiner Brieftasche das Versprechen der Betrogenen genommen und hielt es dem Kapitän hin ... »Lesen Sie!« Vor seinen Augen schwammen die verhängnisvollen Worte ineinander, alles Blut schien in sein Herz zusammen zu strömen ... »Wiederum getäuscht von ihr! Fahre hin, Glauben Und Glück!« Er murmelte es zwischen den Lippen und warf sich auf den Diwan zurück. – »Sie sehen, Herr Kapitän,« sagte mit leichtem Hohn der Graf, »daß ich ein Recht hatte, die Dante aus einer Umgebung holen zu lassen, die meinen Absichten nicht genehm war. ... Die etwas rauhe Art ist Schuld der Verhältnisse. Ich begreife übrigens wirklich nicht, Herr Baron, mit welchem Recht Sie sich heute abend in die Nähe meiner Braut gedrängt haben, wie ich nach den mir zugegangenen Berichten glauben muß.« – »Ich kam hierher,« entgegnete hastig der Kapitän, »um die Gräfin vor jedem Wiederbetreten des russischen Gebiets zu warnen; man hatte am Tage vor ihrer Entführung die Zwecke ihres Aufenthalts entdeckt und ihren Boten aus Widdin aufgefangen. Der Befehl zu ihrer Verhaftung ist gegeben.« – »Ich weiß es,« sagte, die Nachricht schnell benutzend, der Graf, »und deshalb eben ließ ich sie am Morgen der drohenden Gefahr entführen. Ihre Absicht war edel, Herr Kapitän, hoffentlich wird sie die Folgen Ihrer Gefangenschaft mildern, wenn – Sie mir Ihr Ehrenwort geben können, daß dies der einzige Zweck Ihres gefährlichen Wagstücks war.« Der schlaue Sarde konnte sehr wohl berechnen, daß dies nicht wahrscheinlich war und der russische Offizier schwerlich für Privatangelegenheiten die Erlaubnis seiner Vorgesetzten zu dem kecken Unternehmen erhalten hatte. – Der Kapitän schwieg ... »Dann bedaure ich aufrichtig, daß ich Sie nicht retten und dem Kriegsgericht entziehen kann. Verheimlichung ist nicht möglich, da Ihre Gefangennahme bereits mehreren Offizieren bekannt ist und der Bursche, dem sie geglückt, nicht schweigen wird. Kann ich Ihnen sonst mit irgend etwas dienen, Herr Baron?« – Der Offizier verneinte durch ein Zeichen. – »Ich bitte, verlassen Sie mich.« – Der Gefangene erwiderte finster die Verbeugung des Obersten. Um sich gegen alle Zufälle zu sichern, und da er den widerspenstigen, selbstwilligen Charakter Lucias genugsam kannte, ließ er durch den Wirt noch Apollony herbeiholen und vertraute beiden die Bewachung der Tür während der Nacht an. Beruhigt über die Erfolge, die der Zufall so glücklich begünstigt, kehrte der Graf nach der Festung zurück, wo er sein Quartier bei Sami-Pascha genommen. – Im engen Zimmer des Gefangenen brannte mit ihrem matten Schein die Lampe; Speise und Wein, die Alexo in Begleitung Lucias gebracht, standen unberührt auf dem Tisch, und der unglückliche Bewohner der Zelle saß noch immer in derselben Stellung auf dem Diwan, die Arme über der Brust gekreuzt, die Augen starr vor sich hin geheftet. Der Schlag, der ihn nach dem beseligenden Geständnis durch jenes Dokument getroffen, wirkte vernichtend und raubte ihm die ruhige Überlegung, die sonst gar leicht ihm die vielfachen Widersprüche in dem Benehmen des Grafen gezeigt und ihn zu einer genaueren Prüfung der Umstände und zu wohlbegründeten Zweifeln geführt haben würde. Eine – zwei Stunden vergingen, – der flackernde Schein der Lampe zeigte ihr Verlöschen an, – was kümmerte es ihn, ob es Nacht um ihn her ward, – lag doch eine tiefere, drückendere Finsternis auf seiner Seele, die Nacht der begrabenen Hoffnungen! ... Da weckte ein Geräusch, das er in seiner Betäubung schon lange vernommen zu haben sich erinnerte, ihn aus dem starren Sinnen. Es klang wie das Schneiden oder Sägen eines Messers an Holz, um eine Öffnung zu machen oder zu vergrößern. Er horchte jetzt aufmerksam und machte eine Bewegung. Sogleich hörte das Geräusch auf, und statt dessen fragte eine flüsternde Stimme über ihm: »Bist du wach, Signor? – Antworte leise.« – »Wer ist es? was will man von mir ?« – »Nursah, der schwarze Knabe,« flüsterte wieder die Stimme. »Tritt hierher Signor, rechts an die Wand, ich habe dir viel zu sagen.« Der Kapitän folgte dem Wunsche. Im letzten aufflackernden Schein der Lampe sah er, daß der junge Mohr eine Ritze der Decke mit seinem Messer handbreit erweitert hatte. Die Lampe war erloschen – tiefe Dunkelheit umgab ihn ... »Was willst du, Knabe? Mein Schicksal ist besiegelt.« – »Verzweifle nicht, Signor; noch hoffe ich, dich auf irgend eine Weise zu retten. Kannst du mir angeben, was ich dazu tun kann, und ob du Freunde in der Nähe hast?« – »Meine Freunde,« sagte der Kapitän schwermütig, »sind fern und können mir nicht helfen. Ich danke für deinen guten Willen, aber das Leben hat für mich keinen Wert mehr, und ich wünsche den Stunden Flügel, damit sie mir sein Ende bringen.« – »Ich weiß, du liebst,« sagte die Stimme mit weichem, mitfühlendem Klange. »Du liebst die fremde Dame, die von jenseits der Donau entführt wurde und im Selamlik des Paschas gefangen gehalten wird. Gib die Hoffnung nicht auf, nur mit dem Leben darf sie verlöschen.« – »Armer Knabe mit der schwarzen Haut und dem warmen Herzen, meine Hoffnung ist erloschen!« – »Traue dem Manne nicht, der vorhin dich besucht; er ist dein Feind, wie er der Feind jener Dame ist, denn ich weiß, daß gerade sein Diener dich gefangen nahm und noch in diesem Augenblick in Gemeinschaft mit dem Manne bewacht, der die Dame stahl. Auch dies geschah in seinem Auftrage.« – »Ich weiß es; Graf Pisani selbst sagte es mir und gab mir den Beweis seiner Rechte dazu.« – »Er ist falsch, wie die Hölle der weißen Männer. Ich hörte ihre Unterredung, aber ich hörte auch, wie der Raub vor vier Tagen in diesem Zimmer hier verabredet wurde. Der Conte hat kein Recht auf die Dame; er befahl seinem Werkzeuge ausdrücklich, durch nichts zu verraten, daß er die Hand im Spiel habe, und ich weiß von Dottore, meinem Gebieter, daß er auch später noch sorgfältig bemüht war, sich vor ihr zu verbergen und sie in den Glauben zu wiegen, daß sie die Gefangene des Paschas sei.« – »Bei allen Heiligen, Knabe, rede die Wahrheit! Ich sah selbst von ihrer Hand geschrieben die Erklärung, die sie zu seiner Braut macht.« – »Dann hat der Bösewicht sie ihr abgezwungen, vielleicht unter dem Vorwande, dieses Papiers zu ihrer Befreiung zu bedürfen.« Der Kapitän erinnerte sich, daß das Blatt kein Datum getragen; er erinnerte sich der ihm damals unverständlichen Worte und Besorgnisse der Gräfin, und so vieles ging im Augenblicke durch seine Seele, das ihm klar und deutlich bewies, wie der Sarde ihn getäuscht, und daß er es sein mußte, welcher seine Verhaftung veranlaßt hatte. – »Knabe – ich glaube, du hast recht, und ich bin ein Tor, daß ich mich täuschen ließ. Zur Hölle mit dem Schurken! Warum habe ich ihm nicht eine Kugel durch den Kopf geschossen, als er mir hier gegenüberstand? dann wäre sie wenigstens gerettet gewesen! Und gefangen, widerstandslos in seiner Hand und einem schimpflichen Tode verfallen! Es ist entsetzlich!« – »Hoffe, Signor, und bete zu deinem Gott, der bald auch der meine sein wird, denn täglich lehrt mein gütiger Gebieter mich ihn kennen. Auf den Knien will ich ihn anflehen, daß er mir helfen soll, dich zu erretten. Wie? weiß ich noch nicht, denn ich bin machtlos, aber Allah oder Gott wird mir helfen, dich und deine Liebe zu retten.« – »Knabe, dein Glauben beschämt mich!« – »Hast du etwas bei dir, was dir morgen schaden kann, so vertraue es mir an.« Der Kapitän holte aus dem Leibbund eine dort verborgene Brieftafel ... »Ich gebe sie dir, obschon du mir unbekannt. Es sind wichtige Papiere darin, die vieler Leben gefährden könnten, wenn sie in unrechte Hände fielen. Noch wollte ich sie nicht vernichten. Bewahre sie wohl auf.« – Es gelang ihm, indem Nursah eine Schnur durch die Öffnung ließ, sie daran zu binden ... »Bei dem Grabe meiner Eltern an den Quellen des Nils schwöre ich, sie treu zu bewahren.« – »Hier ist meine Waffe und noch ein Brief, so schwer es mir wird, mich jetzt von ihm zu trennen – aber es muß sein, denn wenn die Schurken Hand an mich legen, würde er eine teure Person kompromittieren. – Hölle und Teufel!« fuhr er fast laut auf, indem er vergeblich nach dem Blatt der Gräfin in der Tasche seines Mantels suchte, »er ist fort – ich muß ihn verloren haben! Fahrlässiger Tor, der ich bin!« – »Ruhe – Mäßige dich!« bat der Knabe. »Noch sind viele Männer im Hause wach, denn eben erst ist Mitternacht vorüber, und ich muß fort jetzt, meinen Herrn zu sprechen. Du wirst das Verlorene wohl beim Tageslicht wiederfinden. Lebe wohl, und vertraue auf den Gott deiner Liebe.« Der Kapitän hörte einen leisen Schritt über seinem Haupt, dann war alles still und er wieder allein. Er trank jetzt den Wein und nahm, so gut es ging im Dunkeln, einige Speise, denn er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Dann warf er sich auf den Diwan, gegen die kalte Nachtluft in den rauhen Mantel gehüllt und entschlossen, wachend den Morgen zu erwarten, um keinen Ruf des schwarzen Schutzengels zu versäumen, an dem allein jetzt sein Hoffen hing. Das erste Tagesgrauen dämmerte durch die Gitter des Fensters, als die Stimme des Knaben ihn weckte ... »Wache auf, Signor, es gilt dein Leben.« Der Kapitän war mit jener, dem echten Soldaten eigenen Beherrschung der Sinne im Augenblick munter. Dennoch galt sein erster Blick rundum im engen Gemach dem verlorenen Brief der Geliebten. Dann erst eilte er leise zu der Stelle, an der der Mohrenknabe ihn erwartete. – »Der Schlaf überwältigte mich,« sagte er entschuldigend; »sprich rasch, bringst du Gutes oder Schlimmes?« – Eine andere Stimme als die des Knaben antwortete ihm, die tiefe, ruhige Stimme eines Mannes, die er noch nie gehört ... »Verzeihen Sie, mein Herr,« sprach dieselbe, »aber es ist nötig, daß ich sogleich für Nursah das Wort nehme, denn die Zeit drängt, und wir dürfen die Augenblicke, die uns vielleicht zu Ihrem Beistand noch gegönnt sind, nicht versäumen.« – »Ich kenne Sie nicht, mein Herr!« – »Es ist auch nicht nötig,« entgegnete der andere, »ich bin ein ehrlicher Mann wie Sie und bereit, einem solchen gegen die Intrige und die Bosheit beizustehen. Nursah, mein Diener, hat mich von allem in Kenntnis gesetzt, und daß Sie nur in Angelegenheiten einer Dame sich törichterweise in das türkische Lager gewagt haben. Dennoch fürchte ich, daß Ihnen der Tod gewiß ist, denn die Befehle des Muschirs sind streng, und ich glaube, daß Graf Pisani, dessen Gefangener Sie jetzt sind, Sie sicher den Türken ausliefern und so sich von einem Nebenbuhler auf die leichteste Art befreien wird. Er muß seine besonderen Zwecke haben, daß er dies nicht sogleich getan, aber ich hörte, wie er gestern Iskender-Bey sagte, er spare ihm für heute morgen eine besondere Überraschung auf.« – »Ich kenne mein Schicksal und werde ihm als Soldat begegnen. Nehmen Sie meinen Dank, mein Herr, für Ihre freundliche Teilnahme, wenn sie mir auch nicht helfen kann.« Der Arzt, – Nursahs Gebieter, – schwieg einige Augenblicke, dann fragte er leise: »Haben Sie Mut?« – »Sie sprechen zu einem Soldaten, mein Herr.« – »Mißverstehen Sie mich nicht! Ich meine nicht den Mut der Schlacht. Der einzige Weg, Sie zu retten, ist: Sie müssen in die Hölle eines türkischen Typhus-Lazaretts. ... Haben Sie hierzu den Mut? Der Vorschlag ist schrecklich und gefährlich, ich weiß es; aber es ist der einzige, den ich Ihnen machen kann, und Gott hält seine Hand über jedem, im Krachen der Geschütze, wie im Pesthauch des Krankenhauses.« – »Aber wie wird man glauben, daß ich krank bin?« – »Das werden Sie sogleich erfahren, wenn Sie Ihren Entschluß gefaßt.« – »Und glauben Sie, wenn ich mich der Gefahr unterwerfe, mich retten zu können?« – »So weit es in menschlicher Voraussicht steht, ja.« Der Gedanke an Helenen überwand den so natürlichen Schauer. – »Ich bin entschlossen. Sagen Sie mir, was ich zu tun habe.« – Eine Schnur senkte sich durch die Öffnung, ein Fläschchen und ein Päckchen hingen daran ... »In dieser Leinwand ist Wolle und dunkelrote Schminke. Sie werden sich damit das Gesicht an einzelnen Stellen betupfen, namentlich Stirn und Schläfe, auch die Gelenke der Hände. Dann trinken Sie den Inhalt des Fläschchens, und fürchten Sie nicht die Folgen, wenn auch besondere abnorme Symptome eintreten werden.« – »Doktor, – ehe ich Ihren Willen erfülle, versprechen Sie mir eins bei Ihrer Ehre als Mann.« – »Bei meiner Ehre!« – »Geschehe mit mir auch, was da wolle, Sie werden die Gräfin Laszlo von meiner Rettung oder meinem Tode in Kenntnis setzen.« – »So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Stunde, wie Ihnen in dieser schweren – es wird geschehen.« – »Dank. Jetzt, Herr, liegt mein Schicksal in Ihren Händen.« Er nahm die Wolle und Farbe und erfüllte das Geheiß des Arztes. Dann ergriff er das Fläschchen, und während ihm aufgeregt das Herz schlug, betrachtete er den Inhalt durch das Licht. – »O, vertraue ihm, Signor,« flüsterte die Stimme des schwarzen Knaben, »er ist der beste der Menschen!« – Der Kapitän setzte das Flacon an die Lippen und trank es aus. Ein leichter Schauer rieselte durch seine Adern – einige Augenblicke wallte es wie Nebel vor seinen Augen, und seine Sinne verwirrten sich. – »Mir wird so eigentümlich!« – »Es ist die Wirkung der Medizin,« sagte der Arzt, der sorgfältig die Gegenstände wieder in die Höhe zog. »Vertrauen, Herr, ist das einzige, was Sie retten kann. Übergeben Sie sich den Wirkungen des Laudanums unbesorgt. Ich werde über Sie wachen.« Der Offizier, von plötzlicher, hinreißender Mattigkeit befangen, war auf den Diwan getaumelt, seine Glieder streckten, seine Augenlider schlossen sich. – »Leben Sie wohl!« – Nur unklar noch hörte er den Scheidegruß, seine Sinne versagten den Dienst. Es war noch früh am Morgen, als Oberst Pisani bei der im Selamlik gefangenen Gräfin eintrat. Der Eunuch hatte sie nach dem Lärmen eingeschlossen und ihr auf keine ihrer Fragen Antwort gegeben, die ohnehin nicht verstanden wurden. In tausend Ängsten und unter schweren Tränen hatte sie die Nacht hingebracht, – Marutza war nicht zurückgekehrt, – das Schießen und der wilde Lärm der Verfolgung hatten sie erschreckt; sie mußte glauben, daß beide in die Hände der Türken gefallen, vielleicht ermordet seien. Es war daher eine Erleichterung für ihr Herz, als sie die Tritte vor ihrer Tür hörte und den Grafen eintreten sah. Bleich und abgespannt, mit fragenden Blicken trat sie ihm entgegen; der Graf aber mit ernster, schmerzlicher Miene faßte ihre Hand und führte sie schweigend zu dem Diwan zurück. – »O, sprechen Sie, mein Freund, was ist geschehen?« – Der Oberst lächelte bitter ... »Sie nennen mich Ihren Freund, und im Augenblick, wo Gräfin Helene mir die Ehre erzeigt, sich meinem Schutz anzuvertrauen, hält sie einen zweiten für notwendig und knüpft eine Intrige an mit meinem Gegner, dem Rivalen, der bestimmt scheint, mir überall in den Weg zu treten?« – »Der Unglückliche – Sie wissen alles?« – »Ich weiß es, Gräfin, ich habe den Verkleideten erkannt, es ist der russische Kapitän, mein Feind von Wien her.« – »Allmächtiger Gott – so ist er in den Händen der Türken?« – »Der russische Spion ist gestern abend gefangen worden.« »Aber da Sie ihn kennen, so wissen Sie doch, daß er allein meinetwegen in diese Gefahr sich gestürzt hat, daß Besorgnis um meine Person ihn hierher getrieben, daß er mich warnen wollte vor der Gefahr, die mir in Krajowa droht durch die Entdeckung meines Tuns, zu dem ich mich durch Sie verleiten ließ.« – »Ich weiß von nichts,« sagte stolz der Oberst, »ich weiß nach meiner Soldatenpflicht nur, daß ein Mann, der verkleidet im feindlichen Lager ergriffen worden ist, in der ganzen Welt als Spion behandelt werden wird. Die Gründe, die ihn zu dem kühnen Unternehmen bewogen, werden niemand kümmern. Wenn Gräfin Helene es für gut findet, ein Opfer, das sie ihrer politischen Überzeugung gebracht, ihrem treuesten Freunde jetzt als Schuld beizumessen, so habe ich nichts dagegen zu sagen. Ich kam, um Ihnen anzuzeigen, daß Sie frei seien, um Ihre Befehle in Empfang zu nehmen für Ihr Bleiben oder Gehen und Ihnen dies traurige Blatt zurückzugeben, mit dessen Hilfe es mir allein gelang, Ihre Befreiung aus dieser unwürdigen Lage so rasch zu bewirken.« – Er legte das verhängnisvolle Papier auf den Tisch und trat mit einer Verbeugung nach der Tür zurück. Die Dame stürzte ihm nach und erfaßte leidenschaftlich seinen Arm. – »Bleiben Sie, – ich muß alles wissen. Was ist aus Marutza, meiner Dienerin, geworden?« – »Die Dirne muß mit den Helfershelfern des Gefangenen entwichen sein, den offenbar noch andere Zwecke hierher führten, als die Besorgnisse eines Liebhabers. Das Verschwinden des Mädchens beweist, wie gute Freunde und Verbindungen der Russe hier hatte. Sie selbst, Gräfin, haben ihn ins Verderben geführt, indem Sie ihn in diese Mauern beriefen.« Ein stolzer Blick antwortete der bittern Rede. Im nächsten Moment jedoch schon siegte die Angst des Weibes. – »Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, was wird sein Schicksal sein?« – »Der Gefangene,« sagte der Oberst langsam, und sein Auge betrachtete lauernd sein Opfer, »wird heute noch vor ein Kriegsgericht gestellt und – eine Stunde darauf erschossen werden.« – Sie rang verzweifelnd die Hände ... »Ich habe seinen Tod veranlaßt! Allmächtiger Gott! gib mir das Mittel seiner Rettung! Graf, ich beschwöre Sie, bei allem was Ihnen heilig, bei Ihrer Liebe zu mir, helfen Sie, retten Sie!« – Sie sank auf die Knie und streckte die Hände flehend zu ihm empor. Er hob sie auf und führte sie zu dem Diwan zurück, auf dem er sie niederließ ... »Was verlangen Sie von mir? es ist unmöglich!« – »Nein, es ist nicht unmöglich, wenn Sie wollen,« flehte die verzweifelte Frau. »Ich weiß, welche mächtigen Verbindungen Sie besitzen; ich habe oft genug die Beweise davon gesehen. O, retten Sie mir den Frieden meiner Seele! retten Sie ihn !« – »Um ihn einst glücklich in Ihren Armen zu sehen,« sagte bitter der Graf, – »nein, Helene! dieses Opfer wäre zu schwer. Er selbst hat sich in dies Verderben gestürzt, ohne daß ich das geringste dazu getan; ich lasse nur das Schicksal seinen Weg gehen, und es befreit mich von meinem gefährlichen Gegner. Ihn selbst zu retten, wäre eine Torheit.« »Graf, das ist unedelmütig gedacht!« – »Ich verachte einen unnützen Edelmut, wo es sich um Ihren Besitz handelt. Ich mache mich nicht besser als ich bin vor Ihnen, Gräfin, aber den Feind ohne Zweck zu retten, ist ein Frevel gegen sich selbst.« – Ihre Hand hatte unwillkürlich das Papier ergriffen, das der Graf vorhin neben sie niedergelegt, und ihre Finger entfalteten es bewußtlos, während ihr starrer Blick darauf haftete, und plötzlich zuckte sie zusammen ... »Bei Ihrer Ehre und Seligkeit, Graf, so ist er verloren?« – »Er ist verloren – nur außergewöhnliche Mittel vermöchten ihn zu retten.« – »Und wenn ich Sie dazu bewegen wollte, – glauben Sie dann, ihn retten zu können?« – »Ich hoffe es.« Sie war blaß, aber ruhig und gefaßt während der folgenden Worte; nur ihre Hand zitterte leicht, als sie ihm das verhängnisvolle Papier reichte ... »Nehmen Sie, ich bin bereit, den Inhalt zu erfüllen, unter der Bedingung, daß Sie den Unglücklichen retten.« – Sie sah nicht den Blitz wilder Freude, der über das Antlitz des Sardiniers flog, ihre Augen waren starr auf das Papier geheftet ... Dennoch nahm er es nicht – mit der Berechnung eines Schauspielers seine Rolle verfolgend, wich er zurück und sagte leise: »Gräfin Helene würde es später bereuen, und ich mag sie nicht an die Erfüllung ihres Wortes erinnern.« Ihre stolzen Augen blitzten ihn unwillig an ... »Was ich gesagt, werde ich halten. In dem Augenblick, wo Sie mir die Nachricht seiner Rettung bringen, bin ich bereit, Ihre Gattin zu werden. – Ist Ihnen dies genug?« Er beugte sich auf ihre Hand und küßte sie zärtlich ... »Ehe der Abend da ist, hoffe ich, den Priester zu Ihnen führen zu dürfen, der diesen Tag zum glücklichsten meines Lebens macht. – Ich werde fortan das Nötige anordnen, damit Sie wieder weibliche Bedienung erhalten, obschon ich es für das beste glaube, daß Sie vorerst hier noch verweilen, statt Sie etwa in das Haus des österreichischen General-Konsuls zu führen. Ihr Aufenthalt hier ist nur wenigen bekannt geworden, und Sie werden auf diese Weise aller lästigen Neugier der österreichischen Behörden entgehen. Die Gräfin Pisani wird niemand mit einer Frage belästigen.« – »Ich überlasse Ihnen alle Bestimmungen, nur – eilen Sie!« Ihre Stimme klang gebrochen. – »Leben Sie wohl, Helene – meine Braut!« Er drückte ihre kalte Hand ans Herz und verließ das Gemach, in dessen Mitte sie gleich einer Statue der Resignation stand, die Augen ausdrucksvoll hinter ihm drein starrend. Dann zuckte ihre Hand nach dem Herzen, und mit einem leisen Schrei sank sie zu Boden. – Der Wudkoklak hatte den scharfen Zahn in sein Opfer geschlagen. – In der Lokanda Alexos waren bereits zeitig viele Offiziere versammelt, um dem Verhör und Kriegsgericht über den Gefangenen beizuwohnen. Da er in Widdin ergriffen worden, gehörte die Sache zur Entscheidung des Gouverneurs Sami-Pascha. Auf den Betrieb Pisanis jedoch, der die Sache möglichst aus der Nähe der Gräfin zu entfernen wünschte, hatte der Pascha, statt selbst die Untersuchung zu führen, einige Offiziere abgeordnet, um dem Kriegsgericht beizuwohnen, und Iskender-Bey um dessen Abhaltung ersuchen lassen ... Als Pisani die Lokanda betrat, lag zwischen seinen dunklen Brauen eine tiefe Falte, die unheimliche Gedanken verriet. Es fiel ihm nicht ein, den verhaßten Nebenbuhler entwischen zu lassen, aber es galt List und Schlauheit, der Gräfin den Beweis zu bringen, daß er sein Wort gehalten, und der Gedanke, daß ihm dazu eine Verwechselung der Person beider Gefangenen helfen könnte, während die Gräfin nur an den russischen Offizier dachte, lag sehr nahe. Bei der rauhen, wilden Geradheit des ehemaligen Grafen Ilinski fühlte er übrigens, daß er vorsichtig zu Werke gehen müßte, um nicht des doppelten Erfolges verlustig zu gehen. Das Kriegsgericht war bereits vorüber, und Mungo, der bei seinem Leugnen geblieben war, kauerte zwischen seinen Wächtern im Tschardak, zum zweitenmal unter dem traurigen Todesurteil sich beugend, nur mit dem Unterschiede, daß ihm diesmal die Kugel statt des Strickes zuerkannt worden. Dafür sollte die Exekution schon in einer Stunde vollstreckt werden, und keinen helfenden Freund vermochten seine sehnsüchtigen Blicke zu entdecken. – Der sardinische Graf nahm den Polen, der den linken Arm noch immer in der Binde trug, beiseite. »Ich habe Sie gestern bereits auf einen bessern Fang vorbereitet, Bey,« sagte er ihm, »als Ihre Wachen an dem elenden Kerl dort getan haben. Der russische Offizier, auf dessen Fährte ich Sie gestern brachte, und der sich als Spion in die Festung geschlichen, ist durch einen glücklichen Zufall selbst in meine Hände gekommen, und mein Diener bewacht ihn. Ehe ich jedoch denselben Ihnen überliefere, möchte ich Sie um einen andern Dienst bitten.« – »Sprechen Sie, Freund,« sagte der Bey, dessen Auge bei Erwähnung des gefangenen Russen funkelten. – »Der Bursche, den Sie eben verurteilt haben, behauptet, wie ich höre, ein walachischer Zigeuner und nur auf das bulgarische Ufer gekommen zu sein, um hier Beschäftigung und Unterhalt zu suchen. Der Kerl mag immerhin ein russischer Spion sein, aber er ist jedenfalls sehr untergeordneter Natur und schwerlich den Strick oder das Pulver wert, das an ihn verschwendet wird. Ich habe wichtige Gründe, daß er am Leben bleibt, und bitte Sie, begnadigen Sie ihn und lassen Sie ihn laufen.« – »Zum Henker! Was haben Sie mit dem Lump? Sie wissen, daß nur der Oberbefehlshaber oder der kommandierende General dies jetzt noch tun kann.« – »Ich werde bei Sami-Pascha das Nötige besorgen. Geben Sie nur den Befehl, die Exekution zu verschieben.« – »Das ist leicht, mir liegt an dem Halunken nichts.« Er rief Jakub-Aga und erteilte ihm den Befehl. – »Und nun zu Ihrem Russen!« »In Beziehung mit diesem habe ich Ihnen gleichfalls einiges zu sagen. Die Offiziere sind noch versammelt, und das Kriegsgericht wird daher keine Weitläufigkeiten weiter veranlassen und kann im Augenblick stattfinden. Ich wünschte jedoch, mein Zeugnis davon ausschließen zu dürfen. Das meines Dieners wird genügen, und bitte Sie, die ganze Sache möglichst der Öffentlichkeit zu entziehen, da Gründe vorliegen, die das zu frühe Bekanntwerden der Gefangennahme des Russen und seines Schicksals sehr nachteilig machen.« – Der Bey schielte ihn von der Seite an; er kannte sehr wohl die geheimen propagandistischen Verbindungen des Sarden, wenn er auch selbst nicht zu den Eingeweihten gehörte, da seiner rauhen Soldatennatur das Intrigieren im Dunkeln zuwider war ... »Meinetwegen. Ich sehe nichts, was Ihren Wünschen entgegenstände. Aber wo ist der Spion?« – »In der Lokanda selbst, – ich lasse ihn in einer der hinteren Kammern bewachen.« – »Vorwärts denn, ich will ihn sehen, und dann wollen wir ein kurzes Ende machen. Meine Agas, haltet Euch bereit zu einer zweiten Auflage unserer Justiz!« Er winkte Hidaët und ein paar Offizieren und folgte mit ihnen dem Sardinier, der sie mit Alexo, dem Wirt, zu dem Anbau des Hauses führte, in dessen Gemach der unglückliche Offizier eingeschlossen war. – Santa Lucia und Apollony hielten noch immer hier Wache. – »Diavolo!« fluchte der Bandit, »es ist Not, daß Sie uns ablösen, Signor Conte, die Zeit wird uns verflucht lang. Der Bursche spürt, was ihn erwartet, und hat in den letzten Stunden gestöhnt, als fühlte er bereits den Strick um den Hals. Jetzt erst ist er ruhig geworden.« – Der Gesellschaft der Offiziere hatte sich wie zufällig Doktor Welland angeschlossen. Als der Graf den Bericht seines Dieners hörte, empfand er eine jähe Freude, indem der Gedanke in ihm aufblitzte, Kapitän Meyendorf könnte selbst seinem Leben ein Ende gemacht haben, um der Verurteilung als Spion zu entgehen. – »Öffne die Tür!« gebot er. Santa Lucia schob die Riegel fort und stieß die Tür auf; der Bey, Pisani und einige Offiziere mit den beiden Wächtern traten ein. – Ein unerwarteter, schrecklicher Anblick bot sich ihren Augen. – Auf dem Diwan lang ausgestreckt lag der Gefangene, die Hände krampfhaft geballt, die Augen starr, weit aus den Höhlen hervorgetreten, von blauen Rändern umgeben, sonst das Gesicht totenbleich mit einzelnen roten Flecken auf der Stirn und Wangen. Leichte krampfhafte Zuckungen erschütterten zuweilen die ganze Gestalt. – » Przeklecie !« rief der Bey; »hier kommen wir zu spät, der Bursche hat die Pest oder den Typhus!« – Er blieb schaudernd an der Tür stehen. Durch die erschrockene Gruppe drängte sich der Arzt und trat zu dem Kranken, dessen Puls er alsbald ergriff. – »So hat der Tod seine Beute und erspart Ihnen eine Mühe,« sagte der Sardinier hämisch, indem er die traurige Gestalt seines Opfers aus der Ferne betrachtete. »Lassen Sie den Leichnam verscharren, ehe er durch Ansteckung noch Unheil schafft.« – »Nein,« sagte fest der Bey und trat trotz des Schauders in seiner Brust einen Schritt näher, »ich bin zwar jetzt ein Moslem, aber niemand soll sagen, daß Ilinski die Christenpflicht gegen einen wackern Feind vernachlässige. Ich erkenne ihn wieder trotz der Verkleidung und Entstellung an der Wunde auf der Wange, die meine eigene Säbelklinge ihm schlug; es ist der tapfere Offizier, der im Gemetzel des Hohlwegs von Czetate mir standhielt und vielleicht mein Leben rettete. Doktor, wie steht's mit dem Mann?« »Ich fürchte, das Faulfieber ist bei ihm ausgebrochen.« – »Dennoch soll er nicht sterben wie ein Hund, ohne daß ein Versuch zu seiner Rettung gemacht worden, obschon es das beste für ihn wäre, statt des Schimpfes, als Spion zu enden. Sorgen Sie nach Kräften für ihn.« – »Tun Sie das, Doktor, – ich werde sogleich Befehl geben, daß Träger bereit seien.« – Der tapfere Bey blickte noch einmal mitleidig und schaudernd auf den Kranken und verließ das Gemach; alle folgten ihm eilig, bis auf den Arzt, der – die Hand des Gefährten in der seinen, – einen dankbaren Blick zum Himmel warf. Stunden waren vergangen, wiederum war der Abend gekommen. In seinen Mantel gehüllt, schritt Doktor Welland durch die schmutzigen Gassen der Stadt hinauf zur Festung. Ein Billet Oberst Pisanis hatte ihn dringend ersucht, um diese Stunde sich einzufinden – die Ursache war ihm noch unbekannt. Nur kurze Zeit war er während des Tages in seiner Wohnung, in der Lokanda, gewesen, um Nursah einige Aufträge zu geben; die übrige hatte er in dem Lazarett zugebracht ... Pisani war anfangs in Zweifel gewesen, ob er die plötzliche Erkrankung seines Nebenbuhlers für einen glücklichen Zufall halten sollte, der ihm eine schlimmere Tat ersparte; die Meinung des Arztes jedoch, daß der russische Offizier in der höchsten Gefahr schwebe und die Kenntnis vom Zustande der türkischen Heilanstalten ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß der Tod ihn von dem Gegner befreien werde, und so richtete er sein Augenmerk allein auf die Täuschung der Gräfin. Mit der von Sami Pascha leicht erlangten Order, den der einfachen Spionage verdächtigen Gefangenen freizulassen, in der Hand, betrat er das Gemach derselben. Am Morgen hatten sie die zu ihrem Dienst befohlenen türkischen Frauen am Boden gefunden und mit Essenzen wieder zum Bewußtsein gebracht. Stillschweigend legte er den Freilassungsbefehl vor ihr nieder, und während ihr Auge den Inhalt überflog und ein leiser Schimmer von Rot wieder die blasse Wange färbte, verriet nichts in seinem Gesicht die Gefühle stolzen Frohlockens und bittern Grolls, die in seiner Brust tobten ... »Sie haben Ihr Wort gelöst – vollenden Sie Ihr Werk und geben Sie dem Unglücklichen die Freiheit wieder! Er möge fern sein, ehe ich .... mein Wort halte. Ich bin bereit dazu – nur gönnen Sie mir Zeit bis zum Abend und – lassen Sie uns dann sogleich diesen Ort verlassen.«, Er versprach kurz, ihre Wünsche zu erfüllen, und schlug ihr vor, sich nach der Trauung sofort nach Belgrad und dann auf ihre Güter am Maros zu begeben, um dort die Verhältnisse zu ordnen, da er eines Urlaubs weiter nicht bedürfe. Sie willigte in alles und fügte nur die Bitte hinzu, den deutschen Arzt mitzubringen, dessen offenes, redliches Gesicht ihr Vertrauen eingeflößt zu haben schien. Der Oberst versprach, daß er einer der Zeugen sein solle. Dann entfernte er sich und überbrachte den Freilassungsbefehl Sami-Paschas – der ja auf keinen bestimmten Namen lautete – dem Bey, der – kurz gebunden in seinen Beschlüssen, – dem Zigeuner eine genügende Tracht Schläge mit den Steigbügelriemen aufzählen und ihn dann durch zwei Soldaten aus der Stadt transportieren ließ mit dem Bedeuten, daß, wenn er sich je wieder darin blicken lasse, ihm Kugel oder Strick gewiß sei ... Nursah – der schwarze Knabe – folgte von fern dem kleinen Zuge. – – Der Wind vom Flusse her strich eisig durch die winkligen Straßen und über die Wälle und Mauern her, als Welland das Konak des Paschas betrat. Der große Hof war durch Fackeln erhellt, eine Anzahl von Soldaten und Dienern des Gouverneurs auf den Beinen, und der Arzt merkte nicht ohne eine heimliche Freude eine bespannte Araba, möglichst bequem mit einem Deckschirm eingerichtet und in ihrer Nähe eine Eskorte von zehn türkischen Kosaken unter einem Korporal haltend, denn er hoffte nicht mit Unrecht, daß das Fuhrwerk die ungarische Dame aus Widdin führen solle. Noch aber ahnte er nicht, in wessen Begleitung! ... Es war dem Golde und den Bemühungen des Obersten gelungen, einen bosnischen Franziskaner-Geistlichen, der sich in Widdin aufhielt, aufzutreiben und durch reichliches Geschenk zum Vollzuge der Trauung zu bestimmen. Er kannte den Wert des Augenblicks und der günstigen Gelegenheit zu gut, um sich durch irgend eine Schwierigkeit zu einem Aufschub bewegen zu lassen ... Der Doktor wurde auf die Frage nach dem Grafen in das Gebäude zur Seite gewiesen, vor dessen Tschardak die Araba hielt. Als ihn Santa Lucia, der hier Wache zu halten schien, erblickte, eilte er ins Haus, und der Oberst kam ihm alsbald entgegen und führte ihn in ein Seitengemach ... »Welche Nachricht, Doktor, bringen Sie von dem Kranken?« – »Er ist in diesem Augenblick vielleicht schon verschieden.« – »Sie haben mir gestern zwar eine Bitte ziemlich rauh abgeschlagen; ich hoffe aber, daß Sie mir eine andere aus Rücksicht auf die Nerven einer Dame erfüllen werden. Wenn die Gräfin sich nach dem Gefangenen erkundigt, so verschweigen Sie ihr, in welcher Lage er sich befindet, und sagen ihr vielmehr, daß er gerettet sei.« – »Ich werde Ihren Wunsch erfüllen.« – »Haben Sie irgend ein flüchtiges Salz, eine Essenz zur Stärkung der Lebensgeister bei sich? Die Gräfin ist nicht wohl und bedarf Ihres Beistandes.« Der Arzt bejahte. »Wohl, so bitte ich Sie, mir zu folgen. Doch erinnern Sie sich, daß Sie wenigstens im Schweigen mir Gehorsam schuldig sind.« Er führte ihn in ein größeres Gemach, wo bereits mehrere Personen versammelt waren: Iskender-Bey mit seinen beiden Adjutanten und Major Wersbitzki, der Kommandant der türkischen Kosaken mit einem seiner Offiziere. Alle grüßten ihn freundlich, und der Bey erkundigte sich sogleich nach dem russischen Kapitän ... Der Doktor wiederholte die Worte, die er dem Grafen gesagt ... Es blieben ihnen nur wenige Augenblicke der Unterhaltung; dann führte der Oberst, der sich durch eine zweite Tür entfernt hatte, an seiner Hand die Gräfin Helene in das Gemach. Hinter ihnen drein kam der Franziskaner. – Erst jetzt bemerkte der Doktor, daß in einer Ecke des Zimmers ein weißbehangener Tisch mit Lichtern und einem Kruzifix aufgestellt war. Die schreckliche Ahnung der Wahrheit überkam ihn ... Mit fester, klarer Stimme nannte der Oberst den Namen der Dame, und stellte ihr die anwesenden Männer vor, die sie, die türkischen Manieren abstreifend, mit aller Courtoisie ihrer Nationalität begrüßten. Helene Laszlo war bleich und ruhig; nur der aufmerksamste Beobachter hätte beobachten können, daß in dem unruhigen Heben ihres Busens, in dem Zucken der blassen Lippen der Schmerz kämpfte. Ein feiner türkischer Schleier, von dem Scheitel ausgehend und die zierliche Gestalt fast bis zu den Füßen in leichter Wolke umfließend, war das einzige, was sie schmückte. Plötzlich schien sie einen Entschluß zu fassen – und den Gegenstand der Konversation abbrechend, wandte sie sich an den Bey und sagte rasch: »Sie haben heute morgen ein trauriges Geschäft gehabt, Herr, eine Verurteilung – ich höre, der Gefangene ist jedoch begnadigt?« Ihre Stimme zitterte bei der Frage. – »Begnadigt und frei, – ein höherer Wille machte, daß er seiner Strafe entging.« – »Auf Ihr Ehrenwort also – er ist frei?« – »Gewiß – wahrscheinlich schon längst über die Donau. Aber was interessiert Sie der russische Spion, Gräfin –« Der Oberst unterbrach ihn, besorgt, daß ein Wort zu viel gesagt werden könne ... »Die Gräfin hörte davon und ersuchte mich aus Mitleid um meine Verwendung. – Doch es ist Zeit. Wollen Sie Ihren Zeugen wählen, Helene?« Die Renegaten traten unwillkürlich einen Schritt zurück, die Heiligkeit des verlassenen Glaubens überkam sie, – nur der Major der Kosaken mit seinem Adjutanten und der Arzt waren Christen unter der Gesellschaft ... Zu dem letzteren trat die Gräfin und bot ihm die Hand. Er stand etwas entfernt von der Gruppe der Offiziere und hatte die schöne Frau mit großer Aufregung betrachtet, offenbar ungewiß, was er beginnen sollte. – »Wollen Sie mir Ihren Beistand leihen, mein Herr, auf diesem – schweren Gange?« – »Um Gottes willen, Gräfin, haben Sie meinen Brief durch meinen schwarzen Diener nicht erhalten?« – »Ich habe nichts erhalten, mein Herr! – oder täuscht man mich,« ihre Augen belebten sich – »ist er nicht gerettet? ist er gemordet?« – »Er ist gerettet, Gräfin, auf das Wort eines ehrlichen Mannes, aber ...« »Das ist genug,« unterbrach sie ihn bitter, – »weder Sie noch ich ändern mein Schicksal, das ich freiwillig gewählt. So kommen Sie denn!« Sie reichte fest und entschlossen dem mißtrauisch herantretenden Obersten den Arm. Im Vorübergehen traf sein dämonisches Auge finster und drohend den Arzt, der schon den Fuß erhoben, die Lippe geöffnet hatte, um sie nochmals zu warnen. Er fühlte, daß er hier kein Recht mehr habe, daß jedes Wort ihn selbst und den Mann, der sich ihm anvertraut, verderben konnte. Ein bitterer, teilnehmender Schmerz wühlte in seinem redlichen Herzen, während er die Stimme des Mönchs die Gebete der katholischen Kirche murmeln hörte. – Der Wudkoklak hatte sein Opfer! – In einem scheunenartigen Gebäude, einem nach der Donau zu offenen Quadrat in der Nähe von Negotin, das früher als Pferdestall gedient, war das Lazarett für die Truppen von Widdin und Kalafat aufgeschlagen. Erst dem energischen Einschreiten des deutschen Arztes war es gelungen, diese Räume einigermaßen zu sichten und in zwei Abteilungen zu sondern. Die eine war jetzt für die Verwundeten – die andere größere für die Kranken bestimmt. Ein Binsendach deckte den wohl hundert Schritt langen Raum, von nackten Balken getragen, die sich auf die leeren Wände stützten ... Es war kalt – schauerlich kalt in der Januarnacht in diesem öden Raum! Rechts und links in zwei langen Reihen befanden sich lange Strohlager, mit Decken und Mänteln überdeckt – hin und wieder einzelne Kissen. Aber das Stroh war faul – modrig – stinkend, es wurde in Wochen kaum erneuert, und durch Decke und Wände pfiff der Wind, brachen Regen und Schnee herein. Die Feuchtigkeit rieselte in der Mitte zusammen und bildete modrige Tümpel. Draußen unter dem Sterndache des Winterhimmels lag eine frische, durchsichtig dunkle Luft über der Erde – im Innern dieser Höhle des Jammers aber lagerte eine dumpfe, schwüle Atmosphäre, der giftgeschwängerte Dunst des Todes und der Ansteckung, ein gelbgrauer Nebel, den die zahlreichen Lampen, die im Innern brannten, nur matt zu erhellen vermochten. Auf diesem Stroh, in langer Reihe nebeneinander, lagen dicht zusammengedrängt an vier- bis fünfhundert Menschen in jedem Stadium der körperlichen Auflösung. Der Schmerz in jedem Ton – vom leisen Wimmern bis zum gellenden Aufschrei des Unerträglichen – das Leiden von der Apathie bis zur gotteslästerlichen Verzweiflung – das Sterben vom stillen Hinschwinden aller Kräfte bis zum wütenden Kampf der Muskeln und Nerven gegen den alles verschlingenden Tod – alles war vereint in dieser feuchten, pestschwangeren Atmosphäre. Zumeist in ihren Kleidern – Lumpen, die vom Leibe faulten, von Ungeziefer wimmelten, – lagen die Kranken; glücklich, wer eine Decke gewann, in die er sich hüllen konnte gegen den Frost. Vom Leibe des Sterbenden riß sie die Hand des Nebenmannes; dem tapfern Kameraden, der vielleicht vor wenigen Tagen in der blutigen Schlacht den drohenden Hieb aufgefangen, gönnte der Gerettete jetzt nicht die letzte Bequemlichkeit des Sterbens!! Der Typhus ist eine schreckliche, die Säfte des Lebens zersetzende Krankheit, aber auf die Seele wirkt er gleich dem Traume der Fata Morgana, und das Delirium führt die Phantasie in die unermeßlichen Räume. Visionen, Wahrsagungen, erotische Bilder, somnambule Kräfte und Erscheinungen wechseln bunt in der Glut des Fiebers oder der Abspannung der Nerven ... Was sollten unter diesen fünfhundert Kranken höchstens zwei wissenschaftlich gebildete Ärzte, von denen noch dazu der eine als Oberarzt die Station der Verwundeten zu beaufsichtigen hatte? Die Anstrengungen, die Doktor Welland gemacht hatte, um einige Ordnung in dies Chaos von Leiden und Schmutz zu bringen, waren riesenhaft, aber sie erlahmten an der gänzlichen Unfähigkeit seiner europäischen Gehilfen und der Gleichgültigkeit der türkischen. Die Unterärzte und Apotheker bestanden im glücklichsten Falle aus verlaufenen Barbiergesellen, aber auch das war nur Ausnahme, und größtenteils rekrutierten sich dieselben aus den verschiedensten Ständen, ohne all und jede Kenntnis, bloß weil sie die Eigenschaft eines Franken besaßen und der Türke glaubt, jeder Franke sei ein geborener Arzt. Die dunklen Gestalten der sogenannten Wärter – meist Mohren – huschten durch das Lazarett. Ihre Ohren waren taub gegen das Flehen der einzelnen um einen Trunk Wasser, um irgend eine Erleichterung seines hilflosen Zustandes. Von Strecke zu Strecke stand eine Bütte mit trübem Donauwasser; die Moslems krochen still dahin und tranken; wer nicht mehr die Kraft hatte, verdurstete. Aber die dunklen Wärter waren nicht ohne Beschäftigung. Der Tag hatte aufgeräumt unter den Kranken, und die Leichen mußten entfernt werden, um den neuen Ankömmlingen am andern Morgen Platz zu machen. Umstände wurden mit den Toten nicht gemacht. Ein eiserner Haken in den Bund oder das Gewand – wenn nicht ins Fleisch – geschlagen, ein Strick daran oder um die Füße gebunden, so wurden sie durch den langen Gang der Mitte bis zum Ende des Gebäudes geschleift, wo ein großer Verschlag zur Aufnahme der Leichen bestimmt war, bis am andern Morgen die Totengräber der Armee auf ihren Karren sie holten und in die weiten Gruben auf dem offenen Felde warfen, die zu diesem Ende von den bulgarischen Bauern gegraben werden mußten. Um sie her irrte nachts der Schakal, den Schnee, Kälte und Witterung aus den Gebirgen herab in die Ebene führte, und sein klagendes Geheul war das einzige Totenlied der Begrabenen! Zwei Männer, ein älterer Moslem und ein blutjunger, kaum achtzehnjähriger Franke, schritten im Gespräch durch die Aristokratie dieses Jammers, die Abteilung der Feldbetten. Beide waren in lange, talarartige Wachstuchmäntel gehüllt und trugen einen Schwamm mit Essig getränkt in der Hand. Aber ein besseres, beliebteres Hilfsmittel, die Rum- oder Rakihflasche, lugte aus ihren Taschen, und der schwankende Gang, das gerötete Antlitz des Jüngeren, wie der starre Blick des andern verkündeten, wie häufigen Gebrauch sie bereits davon gemacht ... Bei dem vorletzten Bett in der Reihe nach dem allgemeinen Lager hin blieben sie stehen, – es war durch die Vorsorge des Oberarztes in einem etwas bessern Zustande als seine Nachbarn. Neue reine Linnen waren über eine frische Strohunterlage gebreitet, eine zottige siebenbürgener Decke schützte den Kranken gegen die Kälte ... Dieser Kranke war der russische Kapitän, Baron von Meyendorf. Bald nach seinem Transport in das Lazarett war der Offizier von dem Arzt durch die Anwendung narkotischer Mittel aus dem krankhaften Zustande erweckt worden. Als er zur Besinnung kam, betäubt und angegriffen, war der deutsche Arzt an seinem Lager mit den beiden Männern, seinen Gehilfen, die eben jetzt wieder dem Bette sich nahten. Ein rasches Zeichen der Verständigung hatte dem Offizier Schweigen empfohlen, und er hörte mit an, wie der Doktor seinen Begleitern die Krankheit des Kapitäns als eine der furchtbaren Faulfieber beschrieb, die namentlich in den russischen Lazaretten zu wüten pflegten ... Hier lag nun der Offizier den ganzen Tag, von dem Arzte, so viel es seine Tätigkeit erlaubte, unterstützt, der unter der Form von Medizin ihm häufig starken Wein zur Erfrischung brachte. Alles Elend der Welt schien sich um ihn konzentriert zu haben, und wie der Aufenthalt unter Wahnsinnigen selbst den gesündesten Geist an sich selbst irre macht, so weckten die wilden Fieberphantasien der Kranken und Sterbenden um ihn her zuletzt seine eigene zu wirren, ausschweifenden Bildern, denen er sich mit Aufbietung aller Seelenkräfte kaum zu entreißen vermochte ... Noch schrecklicher gespensterhafter wurde diese Umgebung, als der Abend nahte. Der Doktor hatte ihm angekündigt, daß er ihn verlassen müsse, um alles zu seiner Flucht vorzubereiten, und daß er zu einer bestimmten Stunde ein neues, ihn nach und nach betäubendes Mittel erhalten solle, das ihn in jenen Zustand versetzen würde, der zur Ausführung seines Planes von nöten war ... Jetzt war die Stunde gekommen, und die Gehilfen des Doktors, die während seiner Abwesenheit die Aufsicht und Wache hatten, nahten in ihrem an und für sich schon schauerlichen Aufzuge, gegen den die Ärzte im Vorgemach des Lazaretts ihre Oberkleidung vertauschten, seinem Lager. »Es sind heute nur achtundvierzig gestorben, Brüderchen,« sagte der junge Gehilfe mit schwerer Zunge, indem er sich auf den Moslem stützte. »Schade, daß das halbe Hundert nicht voll ist. Aber ich rechne darauf, ehe der Doktor kommt. Schau den da an ... was nutzt ihm die Medizin, die wir ihm noch geben sollen? morgen früh tanzt er doch mit deinen Huris im Paradiese.« – »Was für Kot sprichst du da, Freund,« erwiderte der Türke. »Die Gläubigen sind nicht da, um zu tanzen, das überlassen sie den tollen Christen und den Almeen. Die Gläubigen sitzen auf weichen Kissen, lassen sich von zehntausend der schönsten Huris bedienen und schlürfen den goldenen Wein von Cypern.« – »Das muß höllenmäßig schön sein! Als ich noch Schneider und Bartkratzer in Livorno war, hätte ich mir's im Leben nicht träumen lassen.« – »Unsere berühmtesten Wessire waren in ihrer Jugend Barbiere,« entgegnete andächtig der Türke. »Mashallah! was willst du noch mehr? Ich habe gesprochen.« – »Und, diavolo! ich durste verzweifelt in dieser abscheulichen Luft. Freund Ali, gib mir deine Flasche her, die meine ist leer. Du hast sie mir ausgetrunken.« – »Das ist eine Lüge! Du hast's getan!« – »Du bist ein Esel, Freund, besinne dich!« Ein wilder, verzweifelnder Schrei furchtbaren Schmerzes gellte zwischen den eklen Zank, – ein junger Soldat vom Korps der türkischen Kosaken, der zwei Betten von dem Kapitän entfernt lag, hatte ihn ausgestoßen ... »Wasser! Bei der Barmherzigkeit Gottes! Wasser!« – Der ehemalige Barbierbursche stieß trunken seinen Gefährten an. – »Ich kenne das. Erst haben sie Durst, dann kommt das Delirium, und dann holt sie der Teufel. Es ist was Trübseliges, solchen Durst zu haben. Nummer neunundvierzig!« Der Jammerruf des Soldaten wiederholte sich und verstummte dann in ein stöhnendes, wimmerndes Gurgeln. – »Es ist Zeit, daß wir dem Burschen da die Medizin geben, sonst schilt uns Signor Wellando und sieht uns auf die Finger wegen des verbotenen Rums!« – »Ich spucke auf seinen Bart.« – »Den Teufel tue ich! er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich's gefallen lassen würde. Gib mir die schwarze Medizin da her, Ali! Ich möchte nur wissen, weshalb unser Kollege so viel Umstände mit dem Lumpenkerl hier macht.« – »Du irrst dich, Effendi! er soll die weiße haben.« – »Schuft von einem Scharfrichter! willst du ihn mit Gewalt umbringen? Die weiße ist Gift.« – »Ne apalum! was kann ich tun? Die schwarze enthält das Gift.« – »Wirst du schweigen, Schafskopf! Ich sage dir, die weiße ist's.« – »Gott ist groß. Wenn es sein Kerim ist, daß es ihm nicht schaden soll, wird sie ihm nicht schaden.« Der Barbier goß schwankend die dunkle Flüssigkeit in ein Gläschen, als einer der Mohren ihn anstieß, der eben mit seinem Gehilfen eine Leiche an ihm vorüberschleppte. – »Lumpenhund! Du hast mich die ganze Medizin verschütten lassen!« Er schlug ihn mit der Flasche ins Gesicht, daß der Schwarze heulend den Toten fallen ließ und die Leiche im Gange liegen blieb. – »So gib die weiße Medizin jetzt, o Hekim-Baschi.« – »Es wird sich gleich bleiben,« sagte der Trunkene. »Sterben muß er doch.« – Damit nötigte er dem Kapitän die Medizin ein. Zum Glück hatte dieser die Instruktion des Arztes mit angehört und wußte, daß es die richtige war. Die Trunkenbolde zogen weiter; die Leiche blieb liegen, dicht neben dem Lager des Offiziers, und die großen verglasten Augen schienen ihn in dem Halbdunkel gespensterhaft anzustarren ... Erst überkam ihn nach der Medizin ein eigentümliches Gefühl des Wohlbehagens, – eine gewisse Ruhe und Apathie legte sich auf seine erregten Nerven. Nach und nach ging dies Gefühl in leichte, jedoch nicht unangenehme Kälte über. Ihm war wie einem im Schnee Erfrierenden, dessen Glieder langsam und unmerklich absterben. Sein Gehör vernahm selbst die flüsternden Laute der Leidenden in großer Entfernung. Der verzweifelnde Ruf nach Wasser gellte wie Sturmesbrausen in sein Ohr ...– »Es ist nur ein Gott und Mohammed ist sein Prophet!« Abdallah, der Damascener, hatte den Ruf getan; wie eine Gotteslästerung klang er hinein in das Toben und Reden des Deliriums, in das die sinkende Abendstunde viele versetzt hatte ... Die von dem korsischen Banditen verwundete Hand hatte den Asiaten in das andere Lazarett geführt und dort ihn der Typhus befallen ... »Gold, heiliger Prophet, – rotes, blinkendes Gold! Ich sehe das Paradies offen mit seinen sieben Himmeln, – die Stufen hinauf sind von Gold, von reinem, klarem Gold ...« – »Fluche mir nicht, Mütterchen,« wimmerte der junge Mann zur Linken; »o, ich weiß wohl, Mutter, daß ich dir das Herz gebrochen, und die Tränen der Schwestern und die strengen Augen klagten mich an, als du so weiß im schwarzen Sarge lagst, – o fluche mir nicht, Mutter! Eine Mutter kann dem Erstgeborenen nicht fluchen, den sie unter dem Herzen trug.« – Auf seinem Lager von moderndem Stroh hatte sich ein Mann emporgerichtet; der lange Haarbusch des Albanesen fiel über sein todbleiches Gesicht, aus dem nur die schwarzen Augen mit unheimlicher Lüsternheit funkelten ... »Heiliger Prophet! Du erfüllst meine Sehnsucht. Ich sehe sie vor mir mit all ihrer Herrlichkeit, Fatinitza, die Wölfin von Skadar, der ich nur einmal ins Antlitz geschaut, wofür meine Füße die Bastonade litten, bis sie zu Brei wurden. Heiliger Prophet! Ich sehe Fatinitza, die Huri, und siebentausend Huris um sie her. Wie ihre brennenden Augen Wollust strahlen und das Gehirn in meinem Haupte versengen! Ihre Lippen sind wie die Rosen von Eden, ihr Busen wie der Marmor von Skyos. Ihr Atem ist Duft und ihre Hüften sind wie Kissen, – heiliger Prophet! laß mich ruhen in ihrem Arm!« – »Ich sehe das Gold und die blitzenden Steine ... wo ich hinsehe, ist Gold, rotes Gold, und der flüssige Strom kommt auf mich zu ... o, daß ich tausend, tausend Hände hätte – – – – – – – Eine singende Stimme wie aus weiter Ferne schlug an sein Ohr, – er konnte den Kranken nicht schauen, aber er fühlte das Unheimliche dieser Stimme, die klang wie ein Grabgesang. Der Unbekannte mit dem Traumgesicht sang sein Totenlied bald in italienischer, bald in slavonischer Sprache – unheimlich – furchtbar klangen die Worte – »Der Geier schwebt über dem Lamm – der Wudkoklak wetzt seine weißen Zähne, um sie in das Blut des lebendigen Weibes zu schlagen. Ich schaue dich, Frau, wie dein weißer Körper sich windet in den Krallenarmen des bösen Vampirs. Aber seine teuflischen Augen haben dich berauscht und deine Kraft vernichtet!« – – – – Der Offizier rang mit den grausamsten Phantasien, die auf ihn einstürmten und seine Sinne verwirrten; aber immer kälter und fester legten sich die Bande der Erstarrung über seinen Körper und das Leben schien nur noch in seinem Herzen und seinem Gehirn konzentriert. »Die Kerle machen einen Höllenlärm. Haltet eure Mäuler, Kanaillen, oder es geht euch schlimm!« tobte der trunkene Barbier. – »Es sind Tolle; sie wissen nicht, was sie reden,« sagte der andere ... und sie untersuchten die Kranken, indem sie sie mit Hilfe eines Stockes aufstörten. – »Leuchte hierher, Mustapha, du schwarzer Hund!« sagte der Barbier zu dem begleitenden Mohren. »Da – der ist für euch – und hier der On-Baschi auch, der so viel gejammert hat. Der Kerl gebärdete sich wie eine junge Dirne, die mit einem Alten die Brautnacht feiern soll.« – »Mein Bruder, schaue den Mann, den der Hekim-Baschi uns empfohlen; ich glaube, auch seine Zeit ist gekommen.« – » Per bacco – wahrhaftig; da hätten wir einen über die fünfzig! He, Freund, lebst du oder bist du tot?« Er stieß den Kapitän mit dem Stock an. Der Körper rührte sich nicht; das Auge blickte starr wie das einer Leiche ... Und dennoch wohnte Leben und Bewußtsein in dem toten Körper, dessen Glieder wie durch Starrkrampf oder vollständige Lethargie gefesselt waren ... »Schleppt das Aas weg, – fort mit ihm in die Totenkammer ... weshalb haben wir uns abgemüht mit dem Burschen?« – »Allah wollte seinen Tod. Gib mir die Flasche, mein Bruder.« Die Neger, die bereits die beiden andern Leichen fortgeschafft hatten, rissen den Körper vom Lager und zerrten ihn durch die Reihe der Kranken nach dem Verschlag am Ende des Ganges – der Vorratskammer der Leichen. Dort ließen sie ihn auf dem kalten Boden liegen ... Dunkle Nacht ringsum, – die Augen, die er nicht zu schließen vermochte, schauten nur schwarze Finsternis; auf der Brust, die der Atem nicht mehr hob, lastete dennoch wie ein schwerer Alp der ekle Dunst der Verwesung ... So lag er stundenlang – über sein Antlitz und seine Hände huschte die feuchte Kälte der Ratte – um die dünnen Wände des Verschlages heulte draußen der Schakal, vom Leichengeruch getrieben, und aus dem Lazarett tönte und wimmerte der Schmerz ... Dann flimmerte ein matter Lampenschein durch das Gemach, – zwei Neger schlichen herein und begannen die Leichen zu durchsuchen. Es ist eine bekannte Sitte, daß der arme türkische Soldat seinen geringen Sold und seine Beute in jeder Weise zusammenspart und hungert und durstet, um seinen kleinen Schatz zu vermehren, den er stets am Leibe verborgen trägt. Deshalb durchsuchten – obschon es streng verboten war, nochmals die Wärter des Lazaretts die Leichen und die eklen Lagerstätten. – Der Schein ihrer Leuchte fiel auch auf das Antlitz des Kapitäns, und ihre gierigen Hände plünderten seine Taschen. Da er aber seine Habe dem Knaben Nursah anvertraut hatte, fanden die Leichenräuber nichts als einen kleinen Ring am Goldfinger seiner linken Hand; der Widerstand, den er unwillkürlich zu leisten suchte, als sie den Reif mit Gewalt abzogen, sprengte endlich die Erstarrung seines Körpers, und während sie mit der gewonnenen Beute sich entfernten, fühlte er wieder Leben und Bewegungsfähigkeit in seine Glieder treten. Es war wieder dunkel um ihn her, als er sich mühsam auf den Ellenbogen aufrichtete und seine geistigen Kräfte zu sammeln suchte, auf denen es wie ein dumpfer Nebel gelegen, durch den hindurch er alle Vorgänge um sich bemerkte. Er fühlte, wie das furchtbar Schauerliche seiner Lage, die entsetzliche Umgebung desto mehr auf ihn wirkte, je mehr er zu vollem klarem Bewußtsein zu gelangen suchte, und daß, wenn er noch lange in dieser Situation bliebe, Wahnsinn und Tod sein Los sein mußte. Mit Gewalt kämpfte er gegen die wüsten Bilder, die wieder seinen Geist zu verwirren drohten, gegen die schaurige Kälte, die durch die Glieder herauf an sein Herz griff. Da wiederum öffnete sich die Tür des Lazaretts, und nochmals fiel der düstere Schein einer Lampe auf die Stätte des Todes. Der Offizier hatte noch Kraft genug, sich wieder auf den Boden zurück und in die Lage eines Toten zu werfen, aber diesmal war es nicht mehr nötig – der Eintretende war Doktor Welland ... Ein tiefer, schwerer Seufzer löste sich von der Brust des Offiziers, als er den Retter erkannte ... »Um Gottes willen, Kapitän, wie fühlen Sie sich? – Die betrunkenen Schurken, meine Gehilfen, haben Sie, meinen strengen Befehlen entgegen, an diesen Ort des Entsetzens eher bringen lassen, als es nötig war. Ich wurde verhindert, früher wieder hier zu sein. Mut! Mut! und raffen Sie Ihre Kräfte zusammen.« – Er hatte die Lampe auf den Boden gestellt und hielt ihm ein Flacon mit scharfen ätherischen Salzen unter die Nase, die eine heftige Erschütterung der Nerven hervorriefen. Dann übergoß er ihn mit einer Flut von Eau de Cologne und wusch ihm Stirn und Schläfe damit ... »Können Sie sich erheben, Kapitän?« – »Ich hoffe es – eine Stunde länger in diesem scheußlichen Aufenthalt wäre mein Tod gewesen.« Er richtete sich mit Hilfe des Arztes empor, doch mußte er sich schwer auf diesen stützen, seine Beine versagten ihm fast den Dienst, schwer wie Blei lag es in seinen Gliedern und auf seinem Gehirn ... »Das ist die Wirkung des Laudanums, die frische Luft wird Ihnen gut tun. Kommen Sie, Herr!« – Er schleppte ihn nach einer gegenüberliegenden, ins Freie führenden Tür. Dort hob er den Holzriegel, der sie von innen verschloß, löschte die Lampe und öffnete dann die Pforte; die frische, scharfe Winterluft von der Donau her drang ihnen entgegen. Der Arzt zog den Befreiten um die Ecke des Gebäudes, wo Nursah, in eine wollene Decke gehüllt, kauerte. – Verweilen Sie hier und lassen Sie unbehindert die Nachtluft durch Ihre Kleidung streichen. Riechen Sie von Minute zu Minute an dieser belebenden Essenz. Ich muß die Spuren Ihrer Flucht vertilgen und dieses Lazarettkostüm ablegen. Dann hole ich Sie hier ab.« Damit verschwand er in der Tür des Leichenhauses und verschloß dieselbe wieder von innen. Der Russe lehnte erschöpft an der Wand des Gebäudes, während der Knabe Nursah seine Hand erfaßte und ihm Mut zusprach. Nach einer Viertelstunde, während die rauhe Nachtluft den Kapitän durchkältet, dagegen auch die Betäubung seines Geistes einigermaßen erleichtert hatte, kehrte der Arzt, in seinen Mantel gehüllt, um die äußere Seite des langen Gebäudes zurück ... »Nun fort, denn ein unglücklicher Zufall könnte hier unsere ganze Mühe vereiteln. Zuvor noch einen tüchtigen Schluck aus dieser Flasche, Kapitän! und dann hüllen Sie sich in die Decke Nursahs und stützen Sie sich auf mich! Voran, Nursah, du weißt den Weg.« – Damit faßte er den Kapitän unter den Arm und führte ihn mit sich fort, während der schwarze Knabe etwa zweihundert Schritt vor ihnen herging, querfeldein von der Donau und der Straße nach Negotin ab. Sie waren an mehreren Posten vorbeigekommen, denen der Arzt die Parole zurief. Dem Offizier einer entgegenkommenden Patrouille sagte er ruhig, daß ein Baschi-Bozak ihn zu dem Arnauten-Aga gerufen, der im Lager der Irregulären erkrankt sei, und da die Tätigkeit des französischen Hakim-Baschi in ganz Widdin bekannt war, ließ die Patrouille die kleine Gruppe ungehindert passieren, die jetzt im Schatten eines Hohlweges sich von der Stadt abwandte. Nach einem halbstündigen Gange, während dessen der russische Offizier stumm alle Kräfte angestrengt hatte, um seinen Rettern zu folgen, erreichten sie eine Gruppe von Bäumen, in deren Schatten dunkle Gestalten sich bewegten. Nursah pfiff leise, und das Signal wurde sofort erwidert. Näher hinzutretend, fanden sie hier zwei Männer mit drei Pferden, Mungo, den Zigeuner, und einen bulgarischen Knecht des Schenkwirtes Gawra. Der Zigeuner gebärdete sich wie unsinnig, als er seinen Herrn wiedersah, er umarmte seine Füße und küßte seine Hände, und Kapitän Meyendorf, der jetzt seine volle Besinnung wieder erlangt hatte und dem nur ein dumpfer Kopfschmerz und eine große Schwäche der Glieder zurückgeblieben war, mußte sich mit Gewalt von ihm losmachen, denn der Arzt drängte zur Eile ... »Hier,« sagte er, »ist Ihre Brieftasche und die Börse zurück, die Sie mir in der Lokanda Alexos anvertrauten. Aus der letzteren habe ich Wiener Banknoten im Betrage von fünfhundert Gulden genommen, denn ich mußte dem Schenkwirt den Wert für die Pferde sicher stellen, und ich selbst bin nicht so reich, um das aus eigenen Mitteln tun zu können. Im übrigen finden sie alles unversehrt; der Knecht Gawras kennt alle Schlupfwege und wird Sie durch die türkischen Linien über den Timok auf serbisches Gebiet bringen, wo Sie gerettet sind. In drei Stunden scharfen Rittes, also mit Tagesanbruch können Sie dort sein. Ich rate Ihnen, im ersten serbischen Dorf, das sie erreichen, ein langes türkisches Bad zu nehmen und Ihre Kleidung mit jeder beliebigen, die dort zu haben ist, vollständig zu wechseln. Leben Sie wohl, Herr!« Der Kapitän erfaßte seinen Arm und führte ihn einige Schritte abwärts von der Gruppe, die sich zum Abtritt fertig machte. – »Wie soll ich Ihnen danken für das, was Sie für einen Fremden getan, der Sie wenigstens um die Gunst Ihres Namens bittet, um stets sich an seinen Retter erinnern zu können.« – Der Arzt nannte ihn freundlich ... »Und nun noch eines, Doktor Welland,« sagte der Offizier erregt, indem er die Hand des Deutschen in der seinen drückte. »Sie versprachen mir, die Gräfin Laszlo von meinem Schicksal in Kenntnis zu setzen und sie in der widrigen Lage, in der sie sich eben befindet, nicht zu verlassen ...« – »Die Gräfin,« sagte der Arzt – und seine Stimme vibrierte in schmerzlicher Erinnerung, »die Gräfin weiß, daß Sie gerettet sind.« – »Und sie selbst?« – »Die Gräfin hat bereits Widdin verlassen und wird früher die serbische Grenze in anderer Richtung passieren, als Sie – aber –« »Sprechen Sie, Doktor, ich beschwöre Sie!« Der Arzt reichte ihm ein versiegeltes Blatt, – »Ich habe Ihnen hier alles Weitere aufgeschrieben, was Ihnen zu wissen nötig ist. Ich verlange jedoch Ihr Ehrenwort, daß Sie das Blatt vor zwölf Stunden nicht öffnen und sich bis dahin allen meinen Anordnungen fügen.« – »Sie sind mein Retter und ich gebe es, doch warum ...« – »So sitzen Sie jetzt auf und machen Sie sich auf den Weg. Leben Sie wohl, Herr, und ehren Sie die Hand des Allmächtigen in Ihrer Rettung und fügen Sie sich seinen Wegen.« Der Kapitän saß auf dem Pferde ... »Wenn nur Helene Laszlo gerettet ist! ich bin ein Mann und habe die Kraft, zu tragen und zu kämpfen.« – Nursahs Hand reichte ihm die Revolver-Pistole ... »Behalte sie, Knabe, es ist das einzige Andenken, das ich dir geben kann.« – Er fühlte schwere, warme Tropfen auf seiner Hand. – »Du weinst, Knabe?« – Nursah schluchzte, und der Offizier schaute wild auf Herrn und Diener. »Was ist geschehen, Doktor? – Sie verschweigen mir ein Unheil ...« – Doch der Arzt hatte Mungo, dem Zigeuner, gewinkt und dieser des Kapitäns Pferd bereits am Zügel. – »Leben Sie wohl, Herr, und nun vorwärts.« – Hinweggerissen von seinen beiden Begleitern, jagte der Gerettete davon, und die Hufschläge verklangen bald in der Ferne ... Der Arzt faßte seines jungen Dieners Hand. – »Komm, Nursah – er ist gerettet, und wir wollen uns einer guten Tat erfreuen, die der dort oben uns vergelten wird.« Der Knabe weinte. – »Das Leben ist gerettet, Herr – aber er wird es verachten um den Preis, den es gekostet hat! O daß ich nicht zu ihr zu bringen vermochte, als es noch Zeit war für sie und ihn!« Siebentes Buch. I. Das Ende vom Anfang Drei Monate waren seit dem blutigen Kampfe bei Ezetate vergangen, und andere Kämpfe sollten jetzt auf dem Schauplatz erscheinen. Es war am Abend des 27. März, und unsere Geschichte führt uns nach einer kurzen Übersicht über den Gang der Ereignisse an die Ausgangsstätte unseres Buches, zurück nach Paris ... Am 4. Januar war die vereinigte englisch-französische Flotte, 34 Segel stark, ins Schwarze Meer eingelaufen. Indem der englische und französische Gesandte dies zur Kenntnis Redschid-Paschas brachten, stellten sie das Verlangen, daß ohne vorgängiges Benehmen mit den Gesandten und Admiralen die türkische Flotte nicht die Offensive ergreife ... Verlangen und Zusage waren bloßes Blendwerk der öffentlichen Meinung, denn die türkische Flotte war nach den Verlusten von Sinope in keiner Weise zu einer Offensive geeignet. Der Wendepunkt des Krieges lag vielmehr bereits in den unterm 27. den Befehlshabern der Flotten gegebenen Instruktionen, deren Inhalt am 12. Januar in Petersburg der englische und französische Gesandte dem Grafen Nesselrode mitteilten. Die englische Instruktion für den Gesandten besagte, daß die Flotten auch den Türken nicht gestatten würden, einen Angriff zur See zu machen, – die französische Instruktion enthielt jedoch von dieser Garantie für Rußland kein Wort. Die Admirale Dundas und Hamelin hatten beim Auslaufen die Fregatte »Retribution« mit Depeschen an den Fürsten Mentschikoff nach Sebastopol vorausgeschickt, die dem Fürsten-Gouverneur erklären sollten, daß sie Flotten nur zum Schutz des türkischen Gebiets sich im Schwarzen Meer befänden, daß dagegen die russische Flotte ihre Häfen, nicht verlassen dürfe. Die wahre Absicht der Sendung war aber offenbar eine Rekognoszierung von Sebastopol, in dessen Hafen die Fregatte trotz zwei blinder Schüsse der Batterien einzudringen suchte. Während in Wien die Konferenz sich abmühte, Projekt auf Projekt zu häufen, ohne daß es irgend einem Teil, mit Ausnahme Preußens, wirklich ernst damit war, wurden Erklärungen der Höfe von Paris, London und Petersburg gewechselt. Die russischen Gesandten in Paris und London forderten eine solche für die Instruktion der Admirale. Die ihrige lautete, daß Rußland ein Auftreten der Flotten nicht als feindseligen Akt betrachten würde, das die Gegenseitigkeit gewähre, daß Türken ebensowenig wie Russen angreifen dürften, und daß, wenn den Türken der Verkehr zur See zwischen ihren Küsten gestattet wäre, dies auch für die Russen stattfinden müßte. England und Frankreich jedoch antworteten unterm 31. Januar und 1. Februar ablehnend, daß sie die Instruktionen, »wie sie seien«, aufrecht erhielten, worauf Baron Brunnow und Herr von Kisseleff den beiden Kabinetten anzeigten, daß sie sich infolge der verweigerten Reziprozität genötigt sähen, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen und London und Paris mit den Gesandtschaftsmitgliedern zu verlassen. Dies geschah am 4. Februar. Der englische und französische Gesandte erhielten sofort den gleichen Befehl. Der erstere wurde – noch ehe dieser eintraf – von Graf Nesselrode unterm 13. aufgefordert, seine Pässe zu nehmen; der französische Gesandte verlangte selbst die seinen. Damit war der diplomatische Bruch entschieden, und die Bitterkeit, die im Tone des von Kaiser Napoleon an den russischen Zar unterm 29. Januar gerichteten, durch die Zeitungen veröffentlichten Briefes herrschte, sowie die Antwort des Zaren vom 9. Februar zeigten die gereizte Stimmung und was von gegenseitigen Konzessionen zu erwarten war. In Wien war am 29. Januar Graf Orloff, der Freund und greise Vertraute des Zaren, eingetroffen, um mit Baron von Budberg den Versuch zu machen, Österreich und Preußen zu einem unbedingten Neutralitätsbündnis mit Rußland zu bewegen. Während Österreich mit eingehenden Versprechungen hinhielt, lehnte Preußen offen ein solches Bündnis als eine wenn auch unausgesprochene Hilfe für Rußland ab, die mit seinen durch die Protokolle übernommenen Verpflichtungen im Widerspruch stände. Die Mission des gewandten Staatsmannes scheiterte hiermit und der Graf verließ am 8. Februar Wien, worauf Österreich sich beeilte, in Serbien und dem Banat ein Beobachtungskorps von 25 000 Mann aufzustellen, unter dem Vorwande der serbischen Erregung und der in den Grenzdistrikten jetzt offen ausgebrochenen Schilderhebung der Griechen. Unterm 9. Februar erließ Kaiser Nikolaus ein Manifest an sein Volk, worin er erklärte, daß die von England und Frankreich ihren Flotten im Schwarzen Meere gegebenen Befehle eine unter gebildeten Staaten unerhörte Handlungsweise konstatierten, die ihn zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit jenen Staaten genötigt hätten, die sich zu den Feinden des Christentums stellten gegen Rußland, das für die orthodoxe Kirche streite. Rußland werde gegen alle Angriffe feststehen – wie 1812. Die Westmächte antworteten unterm 27. Februar mit einem Ultimatum nach Petersburg, das die Räumung der Fürstentümer bis zum 30. April forderte; die Weigerung solle als Kriegserklärung betrachtet werden, und Lord John Russell hielt seine bekannte Philippika im Unterhaus gegen die unredliche und eroberungssüchtige Politik Rußlands. Zugleich forderte die österreichische Regierung, der an einer Verbreitung und einem glücklichen Erfolge des griechisch-christlichen Aufstandes sehr wenig gelegen war, die Westmächte auf, demselben zu Wasser und zu Lande entgegen zu treten, und diese bedrohten die griechische Regierung mit einer Blockade und jener Okkupation, die später wirklich ausgeführt, eine Schmach des christlichen zivilisierten Europas werden sollte. Der Zar dagegen erklärte, daß er dem griechischen Aufstande seinen Beistand und seine Teilnahme nicht versagen könne, und sollten die Kämpfe einen ähnlichen Charakter wie die Freiheitskämpfe von 1826 annehmen, so werde er unter keiner Bedingung mitwirken, diese Bevölkerung wieder unter das türkische Joch zurückzubringen. Zu Ende Februar hatten bereits die Absendungen französischer und englischer Truppen nach dem Orient begonnen. Der Oberbefehl über das französische Heer und über die gesamte Armee der Alliierten wurde an den ehemaligen Kriegsminister, den Marschall Saint Arnaud, übertragen, das englische Korps befehligte Fitzroy Somerset, Lord Raglan. Am 11. war die englische Ostseeflotte von Spithead ausgelaufen. Die Kämpfe an der Donau hatten unterdes mit wechselndem Glück ihren Fortgang genommen, während dagegen die Russen in Asien mehrere bedeutende Siege gewannen. General Schilder hatte am 26. Januar den General Fischbach in Krajowa ersetzt und die oberste Leitung der Operationen gegen Kalafat übernommen, die sich indes bis Mitte März auf eine Zernierung und unbedeutende Gefechte beschränkten. Vom 13. bis 19. vertrieben die Russen wieder die Türken aus Giurgewo; ihr Versuch, nach Rustschuk überzugehen, wurde dagegen zurückgeschlagen, und die Türken gewannen selbst die zwischen Sistowo und Rustschuk gelegene Donauinsel, gingen am 4. März bei Kalarasch auf das linke Ufer des Flusses und zerstörten zum Teil die gegen Silistria dort errichteten russischen Batterien. Ebenso versuchte Fürst Gortschakoff vergeblich und mit großem Verlust noch einmal bei Oltenitza die zwischen den beiden Ufern liegende Insel den Feinden zu entreißen. Die Russen waren in diesem Augenblick auf allen Punkten der Donau im Nachteil, und ihr Führer offenbar mit einem neuen Operationsplan beschäftigt. Ein ziemlich großes Arbeitskabinett, – schwere dunkle Vorhänge vor den Fenstern, durch die man auf die glänzende Beleuchtung der Ströme von Gas schaute, die allabendlich den herrlichen Kai der Tuilerien mit Tageslicht erhellten; – das prächtige Bild einer Frau mit aschblonden Haaren und dunklen spanischen Augen aus dem berühmten Pinsel Désandrés; – einige Karten an den mit dunklem Seidenstoff und darein gewirkten goldenen Bienen beschlagenen Wänden; in einer Ecke die Uniform und Waffenstücke der »Hundert-Garden«; – Bücher und Broschüren auf allen Tischen, und Schränke mit einer ausgesuchten Handbibliothek an den Seitenwänden, in die drei Türen mündeten; auf dem großen Tisch in der Mitte das überaus schön von Stahl und Messing gearbeitete Modell eines Geschützes nach neuem, noch unbekanntem System: – das ist der Ort, wohin wir den Leser am Abend des 26. März führen. An dem Tisch der Mitte saß ein Mann von etwa 46 Jahren, mit hoher Stirn und vorspringenden, energischen und kräftigen Zügen, denen wir schon einmal zu Anfang unseres Buches begegnet sind. Der aus hundert Abbildungen bekannte Schnitt des Bartes, der feste stolze Ausdruck des Gesichtes, aus dem das ursprünglich ziemlich matte Auge unter buschigen dunklen Brauen häufig scharf und durchdringend aufflammte, konnten unmöglich die hohe Persönlichkeit verkennen lassen. Seine rechte Hand ruhte auf der Lehne des Fauteuils, während seine Linke ab und zu eine Zigarre zum Munde führte. Er schien aufmerksam auf den abwechselnden Vortrag zweier Herren zu hören, die an der andern Seite des Tisches ihm gegenüber standen und von Zeit zu Zeit ihm ein Papier hinüberreichten, das der Sitzende alsdann flüchtig durchsah. Der eine der beiden trug die glänzende Uniform eines Marschalls von Frankreich, sein breites Gesicht sah aufgedunsen und ungesund aus; der Kopf des andern, in Zivil mit dem Großkreuz der Ehrenlegion und zahlreichen ausländischen Orden am Kordon seines schwarzen Fracks, war geistreich und anmaßend. »Kolonel de Méricourt hat die Berichte über die Einschiffung der Truppen bis zum 22. von Marseille gebracht. In Oran und Algier stehen die designierten Zuavenregimenter bereit und werden heute an der afrikanischen Küste, in Gallipoli vor Mitte des nächsten Monats sein. Wann, Sire, werde ich abreisen?« – »Es eilt nicht, Marschall, jedenfalls vor den Engländern. Einstweilen genügt Canrobert. Haben Sie Nachrichten von der Donau, Drouin?« – »Sehr wichtige, Majestät; ich wollte nur dem Herrn Marschall-Oberbefehlshaber den Vortritt lassen.« – »Geschwind, geschwind! Depeschen über Wien? Sie wissen, daß ich Sie auf der Stelle erhalten will.« – »Beide sind seltsamerweise wieder zusammen eingetroffen, also offenbar in Österreich verspätet worden. Ich habe unserm Gesandten darüber bereits geschrieben, aber er behauptet, daß es außer seiner Macht stehe.« – »Der Inhalt?« – »Ein russisches Korps ist unterhalb Hirsowa über die Donau gegangen und hat die türkischen Schanzen erobert. Am 23. sollte die Belagerung von Hirsowa beginnen. Fürst Gortschakoff sucht offenbar den Übergang bei Matschin-Braila zu erzwingen; ebenso General Lüders bei Galacz und General Uschakoff von Ismael aus nach Tultscha.« – »Ah, da haben wir den vollständigen Operationsplan, den Gortschakoff in der langen Ruhe vorbereitet hat.« Er beugte sich über eine vor ihm liegende Karte. »Matschin, Isaktscha, Tultscha und Hirsowa – und damit ist Babadagh und die obere Dobrudscha in russischen Händen. Es handelt sich offenbar um eine Operation ihres linken Flügels gegen Verna, als den Schlüssel zu Rumelien. Aber es wird seine Schwierigkeiten haben ohne die Unterstützung der Flotte.« – »Es ist unmöglich, Sire, ohne den Besitz von Silistria.« – »Richtig, Marschall – der Muschir kann sonst über ihre Flanke herfallen. Doch werden wir sicher in den nächsten Tagen von einem Übergang oberhalb Silistria hören, das man alsdann von drei Seiten einschließen kann.« Er verweilte einige Augenblicke über der Karte. »Jedenfalls ist der Augenblick zum Einschreiten gekommen. Wir müssen uns die Macht verschaffen, die Ereignisse nach unserm Willen zu lenken. Die Türken dürfen geschlagen, aber nicht besiegt werden, und die Balkanlinie muß unberührt bleiben, sonst haben die Österreicher Veranlassung und Gelegenheit, sich einzudrängen.« – »Silistria wird sich nicht halten können, Sire.« – »Das ist gleichgültig; wenn es nur so lange geschieht, bis unsere Truppen in Varna stehen. Wir müssen einige zuverlässige Offiziere in Silistria haben. Sie werden die nötigen Befehle geben, Marschall.« – »Majestät erlauben mir die Bemerkung,« sagte der Minister des Auswärtigen, »daß bei alledem doch wohl erst der offizielle Schritt der Erklärung vorangehen muß.« – »Erinnern Sie sich, Herr, wie mein Oheim, der Kaiser, gegen Österreich verfahren ist; wir können ja aber vor Europa vollständig die Formen wahren, denn wir haben volle Zeit. Der Beschluß wird morgen im Konseil gefaßt, um am Abend im Senat und der Legislative vorgelegt zu werden. Ich wünsche, daß wir den Engländern damit nicht zuvorkommen.« – »Die griechische Regierung hat auf das Ultimatum eine ausweichende Erwiderung gegeben.« – »Das wird uns Gelegenheit geben zu einer Etappe im Piräus. Das Weitere mögen die Briten von Korfu aus tun. Auf Wiedersehen, meine Herren!« Der Zurückbleibende ging einige Minuten in dem Kabinett auf und ab, die Hände auf dem Rücken gefaltet. Dann trat er zu einem Bilde Napoleons des Ersten, das zwischen der zweiten und dritten Tür hing. Die großen, durchdringenden Augen des berühmten Herrschers und Kriegers, des Siegers in so vielen Schlachten und drei Weltteilen, blickte starr und ehern auf ihn nieder ... »Seit 1815 zum ersten Male,« sagte der Bewohner des Zimmers langsam vor sich hin. »Die Zeit naht ihrer Erfüllung, und die Demütigung von Moskau, wie die Verzögerung meiner Anerkennung werden ihre Sühne finden. Ehe zwei Jahre vergehen, wird der Thron der Napoleoniden wieder der gefürchtetste sein. Das genügt, denn die Geschichte hat uns das Unerreichbare gelehrt. – »Vetter Nikolaus,« ein leiser Hohn spielte um seinen Mund – »nicht Rußland oder Frankreich – ihre Interessen liegen zusammen! – sondern ich oder du!« Er trat rasch zu der zweiten Tür, hob den Vorhang und öffnete sie. In einiger Entfernung in dem Korridor, auf den sie führte, stand ein Kammerdiener in Escarpins. – »Ist Persigny da?« – »Zu Eurer Majestät Befehl. Der Herr Minister wartet seit einer halben Stunde. – »Sie hätten mir das gewöhnliche Zeichen geben sollen; lassen Sie den Grafen eintreten!« Der Minister des Innern, – jener Günstling und Anhänger des neuen Gestirns der Napoleoniden schon bei seinem ersten verunglückten Ausflug, der Gesandte von 1848 in Berlin, – trat in das Kabinett. Das feine, elegante, etwas spitze Gesicht und die zierliche Figur paßten zu seiner Haltung. Dennoch schien die diplomatische Ruhe des Staatsmannes etwas aus dem gewöhnlichen Gleis. – »Was hast du, Persigny?« – »Sire – der Telegraph meldet, daß der Herzog von Parma heute nachmittag beim Ausritt aus seinem Palast ermordet worden ist.« – »Ein Bourbon!« Der Ausdruck war fast unwillkürlich den Lippen entschlüpft. – »Sire, es ist ein politischer Meuchelmord, offenbar ein Werk der politischen Propaganda. Der Mörder ist entkommen und unbekannt.« Er blickte ihn fragend an. Der Minister verstand seine Gedanken. – »Der Dolch, der sich an den legitimistischen Bourbonen gewagt, kann sich auch an den absoluten Napoleoniden wagen.« – »Du hast recht, Persigny, und der Sache muß ein Ende gemacht werden. Schwert und Zepter meines großen Oheims sollen regieren über Europa, nicht der Dolch alberner Republikaner. Sorge dafür, daß morgen im Moniteur die Tat mit den schwärzesten Farben gebrandmarkt wird. Ich bin entschlossen. Noch heute soll der erste Streich fallen.« – »Meine Vorbereitungen sind getroffen.« – »Wohl – so breche ich vollständig mit der Revolution und der Vergangenheit. Sie oder ich, nur einer darf herrschen. Ich habe dieses Netz geheimer Intrigen, das man seit zwei Jahren um mich gesponnen, von Anfang an durchschaut. Die Propaganda glaubte ein williges Werkzeug an mir zu finden, dessen Gängelband in ihren Händen blieb, aber sie hat sich getäuscht und wird ihren Herrn erkennen. Mein Oheim hat bloß die französische Revolution von 1793 zu Boden geworfen – ich werde der Revolution von ganz Europa den Maulkorb anlegen.« – »Wir haben mancherlei Vorteile von diesem Gespenst der Staaten gezogen, Sire.« – »Gewiß, Graf, aber die Stunde des Bruches mußte kommen. Der Thron Napoleons kann nicht von der Geneigtheit demokratischer Fanatiker abhängen. Ich habe sehr wohl begriffen, warum man mich in dieser orientalischen Krisis so schlau unterstützt, oder vielmehr, warum man von allen Seiten den Krieg herangedrängt hat. Hätte er nicht meinen eigenen Zwecken und Wünschen entsprochen, alle ihre Künste und Aventüren sollten wenig genützt haben. Jetzt werfe ich die Maske ab und will die Bewegung in meiner Hand konzentrieren.« – »Majestät wissen, daß ein großer Teil des Heeres, namentlich in Algerien, republikanische Gesinnungen hegt, und daß viele unserer besten und beliebtesten Führer diese bei der Wahl offen bekundeten. General Pelissier ...« »Pelissier wird tun, was ich ihm befehle. Eben indem ich der Armee Schlachtfelder, Ruhm und Rache biete, wird sie imperialistisch sein mit jedem Blutstropfen. Die französische Armee gehört dem Namen Napoleon. Du bist kein Soldat, Persigny, und begreifst das nicht. Frankreich unter mir wird die Sieger des Hauses Napoleon demütigen und den einzigen Mann in Europa, dessen Stolz und Energie ich achte, bedauern lassen, daß er Ludwig Napoleon beleidigt und sich ihm in den Weg gestellt hat!« Es war das erstemal, daß dieser verschlossene Charakter selbst gegen seinen Vertrauten so offen sich aussprach, und der Graf fühlte die Gefahr des Terrains. – »Der Kaiser von Rußland, Sire,« sagte er, »dürfte es jetzt schon vielfach bereut haben, daß er Ihnen die Anerkennung anfangs verweigerte. Die geheimen Anerbietungen in betreff der türkischen Frage sind Beweise dafür.« – »Sie vergessen, Graf, wann sie gemacht wurden, und das ist eben der Umstand; das war die neue Beleidigung Napoleons! Ich weiß, der Zar haßt mich und nennt mich einen Aventurier. Das kann ich selbst tun – aber kein anderer! Erst als die britischen Füchse ihn abgewiesen, kam Nesselrode uns mit seinen Plänen. Sagen Sie, Graf, wie nimmt man in Deutschland die Enthüllungen auf, die der Moniteur und das Journal de l'Empire über die neue Auflage des Vertrags von Tilsit gemacht haben?« – »Sire, die Zeit zu Äußerungen ist noch zu kurz – die Artikel erschienen erst vor drei Tagen.« – »Ich denke, man wird sich endlich jenseits des Rheines überzeugen, was man von der russischen Freundschaft zu erwarten hat. Dieses Preußen ist blind und störrisch, wie sein Adel. Ich will keine Eroberungen, aber solange diese sogenannte heilige Allianz besteht, bleibt sie eine Bedrohung der napoleonischen Herrschaft. Der Tag, an dem ich hier in Paris in meinen Tuilerien ein neues Bündnis an ihre Stelle setze, wird der erste meiner wahren Herrschaft sein.« – »Der Tag wird kommen, Sire.« – »Ich weiß es, Graf – über die Schlachtfelder am Schwarzen Meere dämmert es bereits. Lassen Sie Moustier in Berlin genau auf die öffentliche Stimmung merken und verkehren Sie über die Presse direkt mit ihm. – Haben Sie die Nachweisungen, die ich Ihnen gab, mit den Ermittelungen Pietris genau verglichen?« – »Es ist heute mittag mit den beiden Präfekten und Herrn Collet-Mygret ausführlich konferiert worden. Wir glauben des Platzes sicher zu sein, und unsere Agenten bewachen ihn. Der Schlag kann, wie gesagt, jeden Augenblick fallen.« Der Gebieter sah nach der Uhr über dem Kamin ... »In einer Stunde also – ich müßte mich sehr irren, wenn nach der Nachricht aus Parma nicht heute noch eine Sitzung stattfinden sollte. Sind die Befehle nach den Departements erteilt? – Lassen Sie besonders Lyon im Auge halten.« – »Sämtliche uns bereits bekannten Verbindungen, Sire, die Marianne, die Militante, der junge Berg und die Joseffiten sind möglichst genau überwacht, – es fehlt uns nichts, als ihr Zusammenhang.« – »Wir werden ihn heute finden. Sobald die Verhaftungen erfolgt sind, lassen Sie mir durch Haußmann oder Pietri Bericht erstatten.« – Der Minister verbeugte sich. Die »Yella« hatte in der großen Oper getanzt, die schöne russische Sylphide, die später den Mut bewies, dem französischen Kaiser gegenüber ihre Teilnahme an dem Siegesfest über ihr Vaterland zu verweigern. Das leichtherzige Volk der Künstler beunruhigte sich nicht über den drohenden Kriegssturm, sie blieben in Paris und Petersburg, denn sie wußten, daß Paris und Petersburg, die Üppigkeit und das Raffinement bald wieder einander bedürfen würden, daß Rußland seine Grenzen gegen die Bedürfnisse der Völker, aber nicht für die Schwelgerei der Reichen auf die Dauer verschließen könne ... Aus dem Foyer traten zwei Männer Arm in Arm und gingen plaudernd durch das Gedränge der Billethändler, Ausrufer und Zeitungsverkäufer nach dem Boulevard des Italiens zu. Der eine trug die Kolonel-Uniform der Zuaven, der andere Zivil ... »Kaufen Sie, Messieurs, les Gardes de la Porte , mit schönen Illustrationen einen Sou das Stück!« – Der junge Mann im Zivil lachte ... »Kaufen Sie, Vikomte, um mit unserer Literatur au fait zu sein. Das nichtswürdigste und lächerlichste Pamphlet auf den Kaiser Nikolaus. Ich wette, der Bursche, wenn Sie ihn fragen, hat auch die Revision der Karte von Europa, obschon die Polizei sie angeblich konfisziert hat.« – »Ich sehe, Sazé, Sie stehen bereits wieder vollkommen in der Tagesgeschichte, obschon Sie erst seit drei Tagen aus Poitou zurückgekehrt sind.« – »Ei, mein Lieber,« plauderte der fröhliche Lebemann, »wozu hat man die Zeitungen, die Korrespondenz und seine Freunde? Sie können denken, daß ich ein eifriger Korrespondent geworden bin und der Post viel eingebracht habe, um den abscheulich langen Herbst und Winter tot zu machen, den ich im Schloß meiner alten Tante zubringen mußte. Verwandtschaftsrücksichten, mein Bester, hat leider jeder Mensch! Zum Glück war es meine letzte, und ich kann nun tun, was mir beliebt, in die Diplomatie oder ins Militär treten, kurz, ein Mann des Staates werden, was die legitimistischen Grillen der Verstorbenen, von der meine besten Aussichten abhingen, mir bisher verschlossen.« Méricourt – denn der wackere und hochherzige Geliebte der schönen Fürstin Oczakoff, die wir so lange aus den Augen verloren haben, war der Begleiter des Marquis – lächelte ernst. – »Die Verbannung von Paris hat Sie wenig verändert, obschon ich glaubte, daß Pariser Luft Ihnen so notwendig zum Leben wäre, wie dem Fisch das Wasser.« – »Da haben Sie Unrecht, Vikomte, ich bin nicht ein einziges Mal während der ganzen Zeit in Paris gewesen, sondern habe alle Landkränzchen und Bälle der Provinz mitgemacht, wie ein geborener Krautjunker. Sie sehen ja aus meinen Plänen, daß ich in die Fremde gehen will. Im Vertrauen allerdings, weil nach meinem Arrangement von dem Erbe meiner Tante, das wegen der leidigen Legate viel geringer ist, als ich und meine Gläubiger erwarteten, mir nicht viel übrig bleibt.« – »Werden Sie Soldat, Gazé! Sie dienten ja bereits in Ihrer frühen Jugend.« – »Gewiß, mein Lieber; ein paar Jahre, ich weiß nicht mehr – man muß doch seine Pflichten gegen das liebe Vaterland erfüllen. Auch hat ein Bekannter im Bureau des Kriegsministers mir bereits ein Patent als Leutnant und zur Dienstleistung beim Stabe des Prinzen, der die 3. Division kommandieren soll, zugeschickt; – ich habe aber Lust, es doch zurückzugeben und die diplomatische Karriere vorzuziehen.« – »Im Augenblick, wo der Krieg vor der Tür ist?« sagte der Vikomte vorwurfsvoll. – »Ah, bah, – ich glaube, Sie zweifeln nicht an meinem Mut, nur ist das Leben im Felde so – so unfashionable und ich verspreche mir mehr Spaß von den diplomatischen Operationen in der Zeit. Mit den türkischen Harems möchte ich schon Bekanntschaft machen, wenn wir nur nicht mit den schmutzigen Russen zu tun hätten. Man wird die Handschuhe alle Augenblick wechseln müssen im Gefecht! A propos , Vikomte, haben Sie nichts von unserm kleinen durchgegangenen Duellanten gehört, der den Kamm so gewaltig blähte und dann spurlos verschwunden war?« – »Sie meinen den Fürsten Iwan?« entgegnete der Kolonel ernst. »Sie wissen, Marquis, daß kein Flecken auf seiner Ehre haftet und daß Herr von Kisseleff, der russische Gesandte, uns am Morgen offiziell unterrichtete, daß er den Fürsten davon abgehalten und zur Abreise als Kurier nach Petersburg gezwungen habe.« – »Ja, ich weiß, und ich begriff damals nicht, warum Sie das heimliche Anerbieten jenes russischen Obersten, für den jungen Fürsten einzutreten, ablehnten und sich mit Entschuldigungen des Gesandten begnügten. Sie schießen so wundervoll, Vikomte, und hatten die beste Gelegenheit, sich von dem widrigen Tatarengesicht Ihres Rivalen zu befreien, denn verliebt in die Fürstin waren Sie doch.« – Der Kolonel schwieg ... »haben Sie nichts wieder von der Dame und ihrem Bruder gehört?« beharrte de Sazé. – »Fürst Iwan ist, wie ich aus den Zeitungen ersehen, in den Stab des Fürsten Menschikoff gesandt worden. Er hat sich in der blutigen Schlacht von Oltenitza bereits hervorgetan. Die Fürstin ist – wie ich von einem Attaché der Gesandtschaft hörte – gefährlich in Berlin erkrankt und dann auf ihre Güter in der Krim zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit gebracht worden. Ein seltsames Ereignis erinnerte mich daran, als ich vor einigen Tagen bei meiner Rückkehr von Algier in Marseille der Einschiffung der ersten Division beiwohnte.« – »Bitte, erzählen Sie, Vikomte! – Aber was, zum Teufel! verfolgt uns denn eigentlich für ein fremdes Subjekt? Ich habe das konfiszierte Gesicht schon beim Austritt aus dem Theater bemerkt, wie es mich aus der Menge der Flaneurs mit den Augen eines Wolfes anstarrte.« Der Kolonel sah sich um. In der Entfernung von etwa dreißig bis vierzig Schritt schlich mit auffallender Beharrlichkeit ein Mann hinter ihnen drein von finsterm, verdächtigem Aussehn. Seine Kleidung war die eines Kommissionärs, das Gesicht eingefallen, hohl, so weit es die Entfernung und die Gasflammen zu erkennen erlaubten, – und von einem dichten Bart zur Hälfte bedeckt. – »Vielleicht irgend ein Vagabund oder Bettler,« sagte der Vikomte, »Paris wimmelt davon. Aber die Zeit ist noch zu früh, kaum elf Uhr und der Boulevard zu belebt für solche Nachtvögel.« – »Also Ihre Geschichte, Kolonel!« – »Ich habe mich von der Garde dem 3. Zuaven-Regiment attachieren lassen, und erwähnte bereits, daß ich bei der ersten Einschiffung zugegen war und folgen werde, sobald meine Funktionen hier beendet sind. Bei der Einschiffung geriet ich plötzlich mit einer jungen hübschen Marketenderin zusammen, die meine Hilfe in Anspruch nahm, weil, wie sie mir sagte, ihr Bruder auch jetzt bei den Zuaven stände. Das wäre nun kein besonderes Abenteuer. Was mich aber dabei reizte, Marquis, war das Aussehen ihres Begleiters, der in irgend einer zusammengesetzten Trödler-Uniform steckte und nur als Diener für das Gepäck der Kleinen zu dienen schien, ohne daß er ihr im geringsten sonst an die Hand ging, während sie sich mit auffallender Sorgfalt jeden Augenblick nach ihm umsah. Der Bursche war jung, aber hager und bleich, dabei so hübsch, ja schön, wie Fürst Iwan Oczakoff, mit dem er eine so auffallende Ähnlichkeit hatte, daß gerade dies meine Blicke gefesselt hielt. Wären die starren toten Augen nicht gewesen, so hätte man die Ähnlichkeit für beängstigend halten können.« – »Der Zufall treibt oft sein merkwürdiges Spiel.« – »Das schien auch hier der Fall zu sein. Der arme Junge war blödsinnig oder wahnwitzig, ich weiß nicht was. Seine einzige Antwort, als ich ihm befahl, das Gepäck aufzunehmen und die Soldaten ihn hin und her stießen, war der immer wiederholte Refrain: »Elf Uhr – der Zug geht ab!« und ein Lachen, das mir sogleich seinen Zustand verriet, auch wenn die kleine Marketenderin nicht hinzugesprungen wäre und mir gesagt hätte, ihr armer Vetter sei geistesschwach und sie sorge für ihn. Ich gab der Kleinen meine Karte, notierte mir ihren Namen, Nini Bourdon, und empfahl ihr, mich später in Gallipoli aufzusuchen, wenn ich ihr gefällig sein könne.« Die Freunde setzten plaudernd ihren Weg fort; das Wetter war schön, und der Marquis begleitete den Freund eine Strecke auf dem Wege nach seiner Wohnung, die, wie wir aus dem ersten Teil unsers Buches wissen, jenseits der Seine lag. Sie waren über den Platz de la Concorde und bis zum Cours la Reine am Quai gekommen, auf welchem später die Nebengebäude des Industrie-Palastes erbaut wurden. Der Kolonel trat in einen der Läden, um sich eine notwendige Kleinigkeit zu kaufen; während der Marquis langsam auf den breiten Quadern am Fluß hinschlenderte ... Der Ort war jetzt verhältnismäßig einsam, wenn man dies in Paris so nennen kann, wo es zu keiner Stunde der Nacht an Flaneurs auf den Boulevards und Kais fehlt. Mericourt verweilte einige Augenblicke länger in dem Magazin, und als er sich nach dem Freunde umsah, konnte er ihn im ersten Augenblick nicht bemerken, bis, weiter gehend, der Schall von Stimmen ihn aufmerksam machte ... Im Licht der Gasflammen bemerkte er den Marquis und dicht vor ihm, mit wilden Gesten zu ihm sprechend, den Fremden, der ihnen von der Oper her über die Boulevards gefolgt war. Der Kolonel beeilte seine Schritte, denn die Sprache des Fremden klang rauh und drohend, obschon er die Worte noch nicht verstehen konnte ... Er mochte noch etwa dreißig Schritte von der Gruppe entfernt sein und bemerkte, daß außer ihm noch andere Vorübergehende aufmerksam geworden, als er sah, daß der Unbekannte sich auf seinen Freund stürzte und ihn mit wilder Erbitterung an die Brust faßte und schüttelte. Zugleich hörte er die Worte: »Sie sind sein Mörder, Herr! Ihr Blut für das seine!« Im Nu war der Kolonel an der Seite des Freundes, aber er kam zu spät, um eine unglückliche Tat zu hindern. Alfred de Sazé war von schlanker Gestalt, verbarg aber unter dem schmächtigen Äußern eine starke Muskelkraft. Im ersten Augenblick wankte er unter dem Angriff des Rasenden, dann aber hatte er ihn rasch an den Hüften gefaßt und schleuderte ihn mit Gewalt von sich. Der Unglückliche taumelte zurück, schlug an das Gitter, das den Kai nach der Seine hin abschließt, und, von der gewaltigen Schwingung des Wurfs die Balance verlierend, rückwärts über die obere Stange des Gitters und, ehe die umherfassende Hand einen Halt zu ergreifen vermochte, in die Tiefe. Ein lauter Schrei ertönte von mehreren Lippen, denn verschiedene Personen, durch den raschen, heftigen Wortwechsel herbeigelockt, hatten die Tat mit angesehen. Alles stürzte nach den Gittern ... »Um Gottes willen, de Sazé, was gab es? Was ist geschehen?« – Der Marquis stand bleich, zitternd, atemlos; Gilet und Krawatte hatte ihm der Fremde zerrissen. – »Ich weiß nicht – ich verstehe es selbst nicht – retten Sie den Menschen, es ist ein Wahnsinniger!« – Er sprang an den Rand des Stromes, an die Unglücksstelle, an der bereits das Publikum mit dem Rufe: »Ein Mord! Haltet den Mörder!« sich drängte. – »Er ist auf den Kahn gestürzt!« rief eine Stimme. So war es in der Tat, aber, wie es sich erwies, zum Unglück des Mannes; denn er war auf das Bugspriet eines der unter dem Kai liegenden größeren Seineboote geschlagen, jedoch so unglücklich, daß er mit dem Hinterkopf auf die Schaufel eines Ankers traf. Als die von dem Tumult herbeigerufenen Schiffer ihn aufhoben und über die schwankende Bohlenbrücke auf den Kai trugen, zuckten die Glieder bereits im Todeskampf, die Augen rollten wild, ein Strom von Blut ergoß sich aus dem Munde, und wenige Augenblicke darauf war der Unbekannte eine Leiche ... Im hellen Licht der Gaslaternen lag sie auf den Quadern des Kais, umdrängt von der Menge. Der Kolonel untersuchte den Puls des Unglücklichen und bat einige Umstehenden, ärztliche Hilfe zu holen – der Marquis starrte regungslos, verwirrt auf das bleiche Totenantlitz. Endlich erhob sich der erstere ... »Jede Hilfe ist vergebens, der Mann ist tot. Es ist ein Unglück, Sazé, aber Sie sind außer Schuld.« – Ein Polizei-Agent drängte sich heran ... »Man bezeichnet Sie mir als den, welcher diesen Mann im Streit in die Seine gestürzt hat. Ich verhafte Sie, und Sie werden mir folgen.« Der Kolonel entfernte ruhig die Hand des Agenten von dem Arm seines Freundes. – »Halten Sie, bitte, an sich, mein Herr. Sie sehen, daß ich Stabs-Offizier bin, und dieser Herr ist gleichfalls Offizier, wenn er auch momentan nicht Uniform trägt. Er wurde von dem Manne angefallen und tätlich beleidigt, hatte also das Recht, ihn zu töten. Sie werden im Publikum leicht die Zeugen finden, einstweilen sind hier unsere Karten: Kolonel Vikomte de Mericourt und Leutnant Marquis de Sazé. – Wollen Sie mir morgen weitere Nachricht geben über den Verunglückten, so werden Sie mich verpflichten; einstweilen haben wir hier nichts mehr zu schaffen. Kommen Sie, Sazé.« Er zog den Arm des Freundes durch den seinen und ihn aus dem Gedränge, den nächsten Nachtwagen anrufend, der sie schnell von dem unglücklichen Platze hinwegführte ... »Der Mensch wollte Sie offenbar berauben, doch kann ich die Worte nicht damit zusammenreimen, die ich hörte!« Der Marquis hatte seine Fassung immer noch nicht wiedergewonnen und war auf das heftigste angegriffen von dem unglücklichen Ausgang. – »Ich glaube nicht,« sagte er hastig. »Hören Sie den Hergang. Sie hatten mich eben verlassen,« erzählte er, »und ich näherte mich dem Trottoir am Strom, als ich hinter mir rasche Schritte hörte. Ich glaubte zuerst, Sie wären es, und drehte mich um, erblickte aber zu meinem Staunen den Mann, der uns von der Oper aus lange verfolgt hatte, und der jetzt rasch auf mich zustürzte mit den Worten: »Endlich habe ich dich gefunden – wo ist mein Herr, mein Bruder?« – »Was wollen Sie von mir? ich kenne Sie nicht!« – Dies war in der Tat wahr, und dennoch schwebt mir dies Gesicht dunkel vor, als hätte ich es bereits gesehen, ohne daß ich weiß, in welcher Verbindung. Seine Augen rollten wie im Wahnwitz. »Du warst es, du warst bei ihm an jenem Unglückstage; ich weiche nicht von deinen Fersen, bis du mir Rechenschaft gegeben über meinen Gebieter.« – Ich glaubte, der Mensch sei verrückt, und wollte weiter gehen, da sprang er wie ein wildes Tier mir an die Kehle, das andere wissen Sie und – ich bin der Mörder des Wehrlosen.« Das überraschende Unglück schien den leichtsinnigen Dandy bis ins Innerste seiner Seele erschüttert zu haben. – »Ich kann dies Gesicht nicht los werden,« wiederholte er schaudernd, »und dennoch weiß ich nicht, wo es mir zufällig schon begegnet ist.« – »Sie werden sich vielleicht später besser erinnern, und die Untersuchung der Polizei über den Unglücklichen wird uns dabei unterstützen. Die Entscheidung Ihrer Wahl hat eine höhere Hand übernommen, denn es kann jetzt natürlich keine Rede von einer Rückgabe des Patents sein; als Offizier kann man Sie nicht mit einer langwierigen bürgerlichen Untersuchung behelligen. Beruhigen Sie sich daher, denn Sie tragen an dem Geschehenen keine Schuld. Hier sind wir an Ihrer Wohnung, und wenn Sie erlauben, begleite ich Sie hinauf, um unsere notwendigen Schritte für morgen noch zu besprechen.« – Der Marquis ließ sich willenlos geleiten; Méricourt blieb bis zum Morgen bei ihm. – In der Morgue, der letzten Stätte des Elends, der Verzweiflung und des Verbrechens von Paris, lag kalt und starr die Leiche Wassilis, des treuen Diener des fürstlichen Geschwisterpaares. Die Polizei hatte bei ihm nur einen Brief in russischer Sprache gefunden, der die rätselhaften Worte enthielt: »Den letzten Bericht erhalten; fahre fort, zu suchen und zu forschen, und melde auch das Geringste eilig nach Sebastopol auf dem bekannten Wege über Berlin. Ein Wechsel liegt bei; spare kein Geld!« – Der Wechsel vom Bankhause Stieglitz in Petersburg auf das legitimistische Bankhaus Leroy Chabrol in Paris und auf 2000 Franken lautend, lag bei – das Bankhaus hatte zwei Tage vorher seinen Bankerott gemacht, der alle Kredite der Hauptstadt erschütterte. Die Polizei ließ, nachdem alle weiteren Nachforschungen sich vergeblich erwiesen, den Leichnam des »zufällig entdeckten russischen Spions« begraben, und Herr Moustier, der Gesandte Frankreichs in Preußen, erhielt den Wink, daß die Fäden einer feindlichen Spionage von Berlin aus geleitet würden und man demnach kein Bedenken tragen dürfe, sich in ähnlicher Weise zu revanchieren. Der Leser folge uns wieder in jene geheimnisvollen Räume, die den Versammlungsort des »Bundes der Unsichtbaren« bildeten ... Ein Jahr und ein Tag waren vergangen, seit die Szene darin eröffnet worden; wiederum saßen um die rotbehangene, von Ampeln erleuchtete Tafel die geheimnisvollen sechs in ihren roten Capuchons – keine Zeit schien zwischen jetzt und damals zu liegen, und dennoch waren unterdes die europäischen Geschicke aus ihren Angeln gehoben, Ströme von Blut waren bereits geflossen und die Kriegsfurie drohte über ganz Europa ... Der schwere rote Vorhang vor dem hintern Teil des Gemaches war geschlossen. Die Mitglieder des Rates verkehrten bereits einige Zeit mit leiser Stimme und ordneten verschiedene Papiere, als der feine, scharfe Anschlag einer Glocke sich hören ließ und gleich darauf aus den Falten des Vorhanges die kleine, verwachsene Figur schlüpfte, die wir bereits als eines der Mitglieder der »höchsten Gewalt« kennen gelernt haben. Die sechs erhoben sich; der Verwachsene dankte mit einer kurzen Verneigung und trat zu dem siebenten leeren Stuhl ... »Der Vorstand der Sektion VII ist noch immer nicht zurückgekehrt,« sagte die scharfe, schrille Stimme mit italienischem Akzent unter der Maske hervor; »ich werde seinen Platz einnehmen, meine Brüder, und den Vorsitz der Verhandlung führen. Setzen Sie sich und lassen Sie uns rasch die Tagesgeschäfte erledigen. Wer vertritt in Stelle des Abwesenden den Bericht für Petersburg und Warschau?« – Das nächstsitzende Mitglied des Rates erhob sich. – »Der Graf Lubomirski berichtet aus Volhynien, wo er sich gegenwärtig aufhält. Die Aussichten in Polen für eine Schilderhebung der Revolution sind in diesem Augenblick ungünstig. Österreich und Preußen sind vollkommen gerüstet und würden sie sofort bekämpfen. Selbst unter den polnischen Patrioten ziehen sich viele zurück. Die Garden sollen in Polen einrücken, um das Korps des Generals Osten-Sacken zu ersetzen. Der Graf legt den kühnen Plan vor, Rußland die Hilfe der Propaganda gegen die Türkei und die Westmächte anzubieten, unter der Bedingung der späteren Herstellung einer großen slavisch-magyarischen Republik zwischen Weichsel, Moldau und Donau. Die Ausführung würde den Russen hunderttausend tapfere und kriegsgewohnte Soldaten zuführen und auf der Stelle den Weg nach Konstantinopel öffnen ... Der Plan wird zirkulieren und Sie werden sämtlich Ihre Meinung beifügen. Ich bin der Ansicht, daß bei den Gefahren, die ich später erörtern werde, der Versuch gemacht werden muß. Ich werde dem Grafen selbst antworten ... Es handelt sich jetzt bereits darum, meine Herren, wer unser gefährlichster Feind ist, der Zar, den Eigensinn und persönliche Kränkung verblenden, oder Louis Napoleon, den maßloser Ehrgeiz leitet ... Berichten Sie rasch aus Berlin und Wien.« Der Vorstand der Sektion »Deutschland und Schweiz« erhob sich. – »Man hat die spanische Tänzerin genau beobachtet. In Berlin ist ihre Mission, was unsere Hauptzwecke anbetrifft, gänzlich mißlungen. Selbst der jüngere Adel und Offizierstand zeigt eine Hartnäckigkeit und ein starres Festhalten an den alten Ideen und Gewohnheiten, das einer gänzlichen Abschließung gleicht. Es tritt dies neuerdings in festem Zusammenhalten gegen die Eingriffe der Zivilbehörden hervor. Wir werden einst einen harten Stand haben mit der preußischen Armee, doch hilft auf der andern Seite die immer mehr wieder hervortretende Absonderung des Adels vom Bürger. Die katholische Fraktion in den Kammern bereitet stets neue Zerwürfnisse, und ihre Oppositionsgelüste verleiten sie selbst zur Verteidigung kommunistischer und liberaler Fragen. Das arbeitet uns in die Hände. Man protegiert jetzt das Rheinland auf alle Weise, zum Verdruß der älteren Provinzen.« »Und Wien?« – »Abbé Cavelli sendet nur den Finanzbericht. Unsere Operationen haben den besten Fortgang. Der Graf hat sich mit ihm in Verbindung gesetzt und jenen Plan mitgeteilt, infolgedessen der Abbé bis auf den Eingang weiterer Befehle die politischen Agitationen eingestellt hat. Oberst Pisani befindet sich mit seiner Gattin augenblicklich wieder in Wien.« – »Italien werde ich selbst übernehmen,« sagte der Vorsitzende, »da meine Nachrichten neuer sind, als der Bericht Mazzinis von Parma. Ferdinand Carl von Bourbon, genannt Herzog von Parma, ist heute nachmittag unter dem Dolch der Unseren gefallen.« – Alle erhoben sich. – »So mögen alle Feinde der Freiheit sterben!« – »Und der Tapfere?« fragte eine Stimme. – »Die Anstalten scheinen vortrefflich, er ist glücklich entkommen. – Ich weiß die Sache vorläufig nur durch die Regierungs-Depesche. Doch zu Wichtigerem. Sie sind hier zusammenberufen, um über die höchsten Interessen des Bundes zu entscheiden. Sehen Sie!« Er riß den Vorhang hinter sich auf, – der Raum war leer ... »Ich habe die Verantwortlichkeit allein übernommen, wie Sie sich überzeugen, denn meine beiden Kollegen in der höchsten Gewalt sind augenblicklich von Paris abwesend. Der Bund hat in den letzten Tagen einen schweren Verlust erlitten. Sie wissen, daß wir bereits im vorigen Jahre dem Baron Ripéra, der unsere Geldangelegenheiten verwaltete, zu mißtrauen Veranlassung hatten. Es ist ihm gelungen, bei einem wichtigen Plan, der die ganze Zukunft der Verbindung enthielt, dem Crédit mobilier , einen seiner Verwandten unterzuschieben und, wie ich fürchte, die Sache uns geradezu aus den Händen zu spielen. Heute morgen hat er, den Fall des legitimistischen Hauses Leroy Chabrol benutzend, seine Zahlungseinstellung erklärt und ist seitdem unsichtbar geworden. Die Kasse des Bundes verliert mindestens eine Million, die Verluste lassen sich noch nicht übersehen.« »Tod dem Verräter!« klangen die sechs Stimmen. – »Ich stimme dem bei, – doch dieser Verräter ist schlau. Er war gewarnt durch unsere Nachsicht und wird seine Maßregel genommen haben. Unsere Agenten verfolgen ihn bereits. Doch, Brüder, das ist noch immer nicht die größte Gefahr, die dem Bunde droht. Louis Napoleon, der sich Kaiser der Franzosen nennt und es allein durch unsern Willen geworden ist, droht die leitenden Bande zu zerreißen, mit denen der Bund ihn bisher seinen Zwecken untertan gemacht hat. Er ist ein Tyrann, schlimmer noch, als die auf dem Throne geborenen, und der Todfeind der Revolution, die ihn auf den Thron gehoben, weil er fürchtet, daß sie ihn wieder herabstürzen könne. Er ist schlau und kühn und hat unsere Pläne und unsere Hilfe benutzt, um den orientalischen Krieg zu einer neuen, festen Stütze seiner Herrschaft zu bilden. Unter dem Vorwand, für die Rechte und die Freiheit der Völker zu kriegen, schlägt er die Freiheit in Fesseln. Er hat die Maske, die er schlau uns gegenüber getragen, abgeworfen und verfolgt unsere Brüder. Die strengsten Befehle sind an seine Schergen gegeben. Delescluze und 45 Angeklagte des jungen Berges wurden noch im Laufe dieses Monats durch seine Richter in den Kerker geworfen, und die Proklamation Manins in der »Presse« dient ihm als Vorwand der Verfolgungen.« – »Er sterbe!« hallte es durch das Gewölbe. – »Er scheint dem Bund auf der Spur und beabsichtigt seine Vernichtung in Frankreich. Es gilt Kampf auf Tod und Leben, und ich habe den Rat versammelt, weil wir in Gefahr sind, jeden Augenblick durch einen unvorhergesehenen Schlag getroffen zu werden. Unseres Bleibens ist unter diesen Umständen in Paris nicht länger. Und unser nächster Versammlungsort wird London sein. – »Er sterbe!« hallte es wiederum. – »Seine Zeit ist gekommen. Ein Kampf auf Leben und Tod mit dem Tyrannen! Er oder wir! Die Herrschaft des französischen Adlers über Europa, oder der Sieg der kommunistischen Revolution. Sammelt die Stimmen, Brüder!« Zwei Urnen machten eilig die Runde. Als die zweite geleert wurde, zeigten sich vier schwarze und zwei weiße Kugeln ... Der Verlarvte warf drei schwarze dazu ... »Im Namen der höchsten Gewalt: sieben gegen zwei – die dreifache Majorität ist erreicht und dem Artikel zehn unsers beschworenen Statuts Genüge geschehen. Er ist verurteilt!« – »Wer soll das Urteil vollziehen?« – »Die Sektion drei ist an der Reihe.« Er nahm ein kleines Notizbuch und blätterte darin. »Bereiten Sie jenen Gehorchenden zu der Tat vor, den Sie im vorigen Jahre nach England sandten. Sein Gesicht fiel mir schon damals auf, und er scheint mir die geeignete Person. Ein Römer, glaube ich?« – »Pianori! – »Ich glaube. Sondieren Sie ihn sofort.« – »Und die gegebene Zeit?« – »Die gewöhnliche: ein Jahr, ein Monat und ein Tag, wie bei Franz von Parma. Lassen Sie uns ...« Jener leise, schrille Ton ließ sich hören, welcher die Tätigkeit des elektrischen Telegraphen verkündete, welcher von unbekannten Orten her zu dem geheimsten Schlupfwinkel der kommunistischen Propaganda führte ... Der Verwachsene stand hastig auf und eilte zu der Scheibe, unter der sich der schmale Streifen Papier hervordrängte, dem die Nadel der Maschine ihre ominösen Zeichen gestochen hatte. Sein Blick überflog rasch die Zeichen, während an der ersten der vier, der Nische gegenüberliegenden Türen ein leichter Hammerschlag erklang ... » Demonio ! wir sind verraten! Hinauf der Chef der Sektion eins! Das Zeichen benachrichtigt uns von Gefahr!« – Der erste Verhüllte stürzte aus der Tür, an der der Hammerschlag das Signal gegeben ... » Manigoldo !« fluchte der Verwachsene, »er soll uns büßen! Der Draht meldet mit dem verhängnisvollen Wort der höchsten Not: »Polizei beordert. Versammlungsort entdeckt. Eiligste Flucht.« Die Verschworenen rannten durcheinander, an der zweiten, dritten und vierten Tür klangen kurz nacheinander die Signalschläge ... Der Verhüllte sprang auf einen Sessel – seine schwächliche, verwachsene Gestalt schien im Augenblick zu wachsen; seine Stimme schwoll, als sie die Worte donnerte: »Ruhe! Gehorsam!« – Alle wandten das Auge auf ihn ... »Sektion Zwei und Drei, die Kästen mit den Korrespondenzen! Das Mitglied Vier reißt jenen Knopf aus der Wand und sprengt den Draht des Telegraphen. Das Mitglied für Ungarn nehme die Kassette mit sich.« Der Verschworene, der sich auf den ersten Hammerschlag entfernt hatte, stürzte herein: »Das Magazin ist umgeben von Gendarmen, alle Ausgänge sind besetzt!« – »Meine Herren, auf Wiedersehen, heut in vier Wochen in London!« sagte ruhig die scharfe Stimme des Verwachsenen ... Der kräftige Griff seiner Faust riß die roten Behänge von der Hinterwand des Gewölbes, eine schwarze rohe Mauer kam zum Vorschein, und er zog mit beiden Händen an einem massiven Ring, der aus den Quadern hervorging. Der mächtige Stein drehte sich um eine eiserne Angel und zeigte eine schmale gähnende Öffnung, gerade breit genug, um einen Mann hindurchzulassen ... »Fort mit Ihnen! der Chef der ersten Sektion kennt den Weg – nehmen Sie die Lampe mit, so weit es geht – das Boot wartet wie am Abende jeder Versammlung – benutzen Sie die nächste passende Stelle des Ufers und senden Sie es an den Ausgang der Leitung zurück – in zehn Minuten bin ich am Gitter! Fort! fort!« Sie drängten durch die Öffnung – nur eine Lampe blieb zurück und erhellte den öden, geheimnisvollen Raum. Der Kleine sprang an die Türen und öffnete sie; dann drehte er rasch den Knopf einer Röhre auf, und alsbald plätscherte ein Wasserstrahl auf den Boden der Gewölbe ... »Wasser und Feuer in unserm Dienst,« murmelte er, »wir spotten ihrer Macht.« – Seine Rechte faßte nach einer ziemlich starken Röhre, die in Manneshöhe hinlief, während er die Lampe ergriff und nach dem geöffneten geheimen Ausgange sich wandte ... »Es ist Zeit, ich kann den Schall vieler Tritte hören.« Sein Hauch verlöschte die Lampe, während seine Hand den Kahn aufzog. Sogleich verbreitete sich der scharfe widrige Geruch ausströmenden Gases durch das jetzt dunkle Gewölbe. Im nächsten Augenblick hörte man die große Quader in ihre Fugen zurückklappen. – Der Präfekt selbst leitete die Arbeiten. Gendarmen mit Fackeln standen auf dem großen gepflasterten Hofe umher, der von Lagerhäusern umgeben und mit Hölzern und Warenballen bedeckt war. Mehrere Arbeiter waren beschäftigt, eine gewichtige, mit Eisen beschlagene Kellertür zu erbrechen. – »Nehmen Sie Fackeln, Herr Kommissar, und durchsuchen Sie die Souterrains.« – Die Tür war geöffnet, mehrere Polizeiagenten, Fackeln voran, drangen in das Gewölbe, in dem große Stückfässer Wein lagerten. Einige Minuten nachher hörte man die Brecheisen gegen eine zweite Tür im Innern schlagen – dann erfolgte eine Explosion unter den Füßen der Obenstehenden, die an einzelnen Stellen das Pflaster des Hofes spaltete – Die Fackeln verloschen mit einem grellen Aufflammen, und ein widriger Dunst drang aus der Erde und füllte die Luft ... Während man die Fackeln aufs neue anzündete und zu dem halbzerstörten Eingange des Kellers eilte, hörte man in der Tiefe das Rauschen von Wasser. – Am andern Tage enthielt der Moniteur die Nachricht, daß in den Lagerkellern des Magazins der Rue ..., in der Nähe der Seine, das aus den beschädigten Leitungsrohren ausgeströmte Gas eine bedeutende Explosion verursacht und dabei die Wasserleitung des Viertels gesprengt habe. Zwei Personen seien bei der Explosion verunglückt, mehrere beschädigt. Ein anderer Artikel des Moniteurs benachrichtigte das Publikum von Paris, daß die Regierung neuen revolutionären Umtrieben der geheimen Gesellschaften auf der Spur sei ... Der Minister des Kaiserlichen Hauses, Fould, überbrachte am Abend dem Senat und der gesetzgebenden Versammlung die Botschaft über die Kriegserklärung gegen Rußland. II. Der Aufstand im Epirus Während noch der Winter mit seinen Stürmen tobte, Gipfel und Schluchten des Pindus und Balkan mit tiefem Schnee bedeckt waren, die Gebirgsbäche mit brausenden Wässern überflutet, die Täler in Ebenen und Seen verwandelt, loderte die Flamme des Christenaufstandes in Epirus, Albanien und Thessalien bereits in voller Glut empor. In diesem Lande, der Heimat glühender Geister und tapferer Krieger, hatte die Perfidie des Diwans nach Vernichtung der freien albanesischen Begs seit Beginn dieses Jahrhunderts alles mögliche getan, durch gegenseitige Bekämpfung der griechischen, lateinischen und türkischen Stämme die Energie eines Volkes zu vernichten, das seit Jahrhunderten in blutigen Kämpfen immer wieder dem Joch von Konstantinopel getrotzt hatte. Epirus – Albanien – zerfällt in vier Gebiete. Das nördliche oder rote Albanien bewohnen die Ghegen, deren christliche – lateinische – Stämme die Mirditen sind. Südlich von den Rot-Albanesen im Gebiet der Partheni (Ur-Albanesen) wohnen die Tosken, deren muselmännische Stämme die berüchtigten Arnauten bilden und in Ali von Janina ihr Musterbild fanden. Der dritte Stamm, die Ljapis oder Japiden, durch seine körperliche und geistige Häßlichkeit unvorteilhaft von dem andern Volk unterschieden, bewohnt die akrokeraunischen Felsen längs der Adria und lebt von Raub auf Land und See. Sein Name ist ein Schimpf unter den anderen Albanesen. Der vierte Stamm, die Schamiden, hat das Reich Plutos inne, die acherontische Landschaft Aidonien, zwischen Arta, Suli, Janina und dem Pindus. In den heiligen Eichenwäldern von Dodona scheint ein ewiger Frühling zu grünen. Die Fröste Rumeliens, die Heuschreckenschwärme Mazedoniens, der Brand, der in Morea das Getreide verwüstet, das Gewürm, das die griechischen Weinberge zerstört, sind in Schamurien und den sonnigen Landschaften von Epirus, die der Meerbusen von Prevesa begrenzt, unbekannt. Die Sonnenglut wird durch frische, sanfte Lüfte gemildert, die vom Meer, von den Schneegipfeln des Pindus und den tausendjährigen Wäldern, mit Wohlgerüchen geschwängert, im die Täler niederwehen. Die unterirdischen Feuer, die das Land zuweilen erschüttern, machen dasselbe nicht ungesund; die unzähligen Bergseen strömen keine schädlichen Dünste aus, und der furchtbare Acheron selbst, der sich zwischen vulkanischen Tälern und erloschenen Kratern dahinwälzt, der Mauropotamos, bringt nicht mehr den Tod. Denn neben dem Orkus, dem Reiche der Schatten, und dem Chaos, von dem finsteren Erebus und Cocytus durchströmt, neben den acherontischen Sümpfen, deren phosphorische Dünste den feuerflutenden Phlegeton der Alten bildeten, neben dem Abgrund von Zalongas, bei den Ruinen von Cassiopeia, in den sich die Heldenfrauen Sulis vor den verfolgenden Türken stürzten, liegen die elysäischen Gefilde am Fuße des Pindus, duftend von Myrten, Quendel, Salbei und Thymian, vom hohen Lorbeer und Rosmarin, von Melisse und Orange, dem Zitronenwald und der Narzisse, aus der die griechische Jungfrau ihre Kränze windet; und mit Mairosen geschmückt, zieht die epirotische Bäuerin in das duftende Gehölz, um noch immer die Hochzeit der Flora und des Frühlings mit Tänzen zu feiern! Hierhin, in die elysäischen Gefilde, verlegen wir den Schauplatz unserer Geschichte. Die türkische Provinz Epirus wird von ungefähr 312 000 Christen und 65 000 Moslems bewohnt. Der Druck aber, welchen die ersteren wiederum in der letzten Zeit von der Willkür des Paschas von Janina, der Begs und Agas und von ihren Werkzeugen, den türkisch-albanesischen Truppen auszustehen gehabt, war furchtbar und drängte zum Ausbruch der lange verhaltenen Rache. Die Grausamkeit, mit der die furchtbare Zins- und Steuerlast, die auf dem Lande lag, eingezogen wurde, war unbeschreiblich, täglich wurden Männer und Knaben gemordet und verstümmelt, Frauen und Mädchen geschändet. Da griffen im Flecken Radobitzi die verzweifelten Bewohner zuerst zu den Waffen und vertrieben die Arnauten und türkischen Aufseher. Die hervorragendsten Männer des Ortes erließen am 27. Januar eine Proklamation, die zum Kampfe für Volksrecht, Freiheit und Glauben aufforderte und noch am selben Tage von 400 streitbaren Männern unterzeichnet wurde. Wie ein Blitzstrahl lief die Nachricht von den begonnenen Kämpfen durch das ganze, von der offen und im stillen arbeitenden Hetärie längst vorbereitete Griechenland. Die Mittel zur Unterhaltung des Aufruhrs lieferten die Vereine, die sich nicht allein in Athen, sondern in allen griechischen Städten bildeten. Die Epiroten, Thessalier, Mazedonier, Kretenser, Samnioten hielten Sammlungen, die Griechen in London zeichneten an einem Tage 25 000 Pfund Sterling, die Kaufleute in Syra 20 000 Pfund, eine einzige Provinz des Peloponnes 40 000 Drachmen. Der Eid der christlichen Krieger lautete: »Ich beschwöre auf das Evangelium und die Dreieinigkeit und auf den Namen Jesus Christus: daß ich die Waffen, die ich in die Hände nehme, nicht eher niederlegen will, ehe nicht die Tyrannen aus meinem Vaterlande vertrieben sind, so daß dasselbe gänzlich befreit ist; ich schwöre auch bei dem allwissenden Gott, daß ich die griechische Fahne mit meinem Blute verteidigen will.« Dieser in allen Gegenden Griechenlands aufflammenden Begeisterung gegenüber erklärten am 23. Februar die Gesandten Frankreichs und Englands dem König Otto, wie ihre Regierungen für nötig hielten, daß Griechenland strenge Neutralität beobachte, und boten ihm die Hilfe der Truppen gegen die Ungehorsamen an. Der König, von seiner hochherzigen Gemahlin getrieben, entgegnete, daß er stets die Neutralität beobachtet habe und beobachten werde, daß er aber die Sympathien seines Volkes teile und die einzelnen nicht hindern könne, ihren Glaubensbrüdern zu Hilfe zu eilen. Eine ähnliche Antwort gab in Konstantinopel der griechische Gesandte, General Metaxa, auf die Anfrage der türkischen Minister. Die Abreise des türkischen Gesandten Nesset-Bei aus Athen, die spätere Besetzung des Piräus und der Akropolis und das schmachvolle Regiment des Ministers Kalergis waren die westmächtlichen Konsequenzen jener Antwort, und während der englische und französische Gesandte in Athen noch zur Neutralität rieten, segelten drei englische Schiffe bereits in den Golf von Prevesa und boten den türkischen Kommandanten der Forts ihre Hilfe gegen die Christen an. Unterdes schlugen sich die Freischaren mit abwechselndem Glück. Die Türken wurden bei Demorio, Domoti und an dem berühmten Engpaß der fünf Brunnen (Pente pegadia), dem Zugang von Arta nach Janina, bei Salaora und Zuros geschlagen, auf Peristera zurückgeworfen, und Zervas befestigte jenen Paß, während dessen tapferer Verteidiger Zambra Ziko sich nach Paramythia und gegen Janina wandte. Arta fiel in die Hände der Griechen, aber sie mußten die Stadt, von den Kanonen des Kastells bedroht, wieder räumen und sich auf ihre Zernierung beschränken. In Thessalien schlugen sich Zacas und Hadji Petro gegen Abbas-Pascha und den Dervent-Aga Phrassari. Dagegen siegten die Türken bei Sankt Dimitri, verbrannten zehn griechische Dörfer und machten glückliche Ausfälle aus der Zitadelle von Arta. Grivas, mit seiner Schar geschlagen, mußte mit 40 seiner Anhänger in ein Kloster flüchten und verteidigte dasselbe heldenmütig gegen die Albanesen. Zweitausend Mann ägyptischer Truppen landeten in Prevesa, und eine größere Zahl war in Anzug. Zugleich erhielten die Paschas der umliegenden Provinzen den Befehl zum Anmarsch. Zu Anfang März war auch General Tzavellas, ein geborener Suliote, zu den Aufständischen übergegangen und hatte bei Lauros 1500 Türken geschlagen. Viele Führer ordneten sich ihm unter und übertrugen ihm den Oberbefehl des Aufstandes, der sich bereits über die ganze Pinduskette bis Metzowo erstreckte. Grivas dagegen, aus dem Kloster befreit, wandte sich gegen Janina, nahm 500 Arnauten im Dorfe Kufowo gefangen, und lagerte vor Janina. Es war am Nachmittag eines sonnigen Apriltages. Der leichte Wind, der von den grünen bis zu den schneeigen Gipfeln des Pindus aufsteigenden Bergen wehte, kräuselte leicht die Fluten des Sees Labchistas, dessen Lagunen unter den Felsen des Tomoros verschwinden. Auf der Hochebene am See dehnten sich die weiten Ringmauern von Janina aus, jetzt nur noch die Trümmer der unter Ali so mächtigen Festung umschließend, die jedoch noch immer stark genug sich zeigte, die aufständischen Griechen abzuhalten. Auf dem Felsenplateau des Klosters der beiden »geldlosen Heiligen«, Cosmas und Damianus, an dem der Bergstrom Dobra-Woda (frisches Wasser) auf den Höhen des eisigen Berges Matzikeli entspringend, vorüberrauscht, lagerte eine Schar von Griechen und Albanesen unter den Platanen, die das Kloster umgeben, kräftige Gestalten, christliche Schipetaren vom Stamme des Tosken, Hirten des Pindus und Männer aus den griechischen Grenzprovinzen und der Morea, wie von den steilen Höhen des Taygetos. In einigem Abstande, am Rande der Schlucht, gingen zwei Offiziere, beide in der reichen Tracht der Palikaren, im eifrigen Gespräch auf und nieder. Der eine war ein Mann von 36 bis 37 Jahren, der andere um 10 Jahre älter, von wilder, finsterer Miene, Grausamkeit und Zorn in dem blitzenden Auge: Theodor Grivas, General der Aufständischen und Führer der Truppen vor Janina, ein Stiefsohn seines Begleiters, des kühnen und edlen Anastasius Caraiskakis, dessen Züge unverkennbare Ähnlichkeit mit seinem Bruder zeigten, den wir zuletzt auf der Flucht aus Konstantinopel verlassen haben. An ihrer Seite ging ein Knabe in griechischer Kleidung, Mauro, der Pflegesohn des unglücklichen Räubers auf dem Pagus von Smyrna. »Bei der Agia-Glykis, der sanften Heiligen,« sagte Caraiskakis, »wir werden meinem Bruder Gregor nur Trauriges zu berichten haben, wie er uns böse und trübe Kunde gesandt. Für den Tod Dionas den Tod deines Bruders Nikolas. Der Name Grivas lebt in dir allein noch fort.« – »So möge er mit mir sterben, ehe je wieder diese meine Heimat das türkische Joch trägt. Aber auch der deine, Anastasius Caraiskakis, ruht nur auf vier Augen. Du und dein Bruder Gregor, ihr habt kein Weib genommen,« – »Unser Leben, Theodoros, gehört dem Vaterlande und dem Kampf für die Freiheit.« – »Das nicht minder, und Weiberliebe ist ein erschlaffendes Ding für den Mann. Ich wollte, du hättest dich immer fern davon gehalten, statt dein Herz an jenes Mädchen von Messolonghi zu hängen, das die Seeräuber dir entführten. Was wirst du meinem Neffen Gregor antworten?« – »Die Wahrheit – es steht nicht gut mit uns; ich wollte, es wäre anders. Deine Feindschaft mit Tzavellas, Oheim Theodoros, ist es, was unsere Sache schlecht macht und die Herzen der Unseren spaltet.« – »Bei dem Kakodämon dieser Berge!« fuhr der wilde Klephtenführer auf, »soll ich mich dem Sulioten untertänig zeigen, der erst von Athen gekommen, als bessere Männer, denn er, bereits die blaue Fahne erhoben und die Osmanli bis zu den Toren Artas gejagt hatten? War ich nicht der erste, der zum Epirus eilte, und hat mich nicht der freie Wille der Klephten zu ihrem Führer gewählt?« – »Das ist freilich der Fall, und niemand leugnet deine Verdienste. General Tzavellas aber ist in den europäischen Kriegsschulen gebildet, ein Führer des königlichen Heeres, und sein Name steht in großem Ansehen durch ganz Griechenland.« – »Mag er! die Namen Grivas und Caraiskakis sind besser als der seine, denn Heldenblut hat sie geweiht. Ich bin ein Sohn des Pindus und nicht so gelehrt wie er, aber meinen Mut und meine Vaterlandsliebe stelle ich nicht unter die seinen. Laß uns nicht streiten, Neffe! Theodoros Grivas und seine Freischar wird noch immer Raum zum freien Kampf gegen die Türken finden, auch wenn die Männer von Suli mir und meinen Leuten die Tore verschließen.« Ein Anruf der Wache unter ihnen im Hohlweg, das albanesische » kum phis? « und der Gegenruf » Wla! « unterbrach ihr Gespräch. Gleich darauf wurde von einem der eingeborenen Krieger ein Jüngling auf das Plateau und vor den Führer gebracht, um den sich alsbald der ganze Haufe mit jener Ungezwungenheit sammelte, die den freien Krieger der Berge von den geschulten Soldaten der europäischen Armee unterscheidet. Er war ein Jüngling von etwa 16 Jahren, hoch und schlank gewachsen, mit einem Adlergesicht. Über dem Gunjatz trug er die Struka, an den Füßen die Opanka, und von dem bis zum Wirbel rasierten Schädel fielen die Flechten schwarzen Haares, die das Vorrecht eines Kriegers bilden, auf seinen Nacken, obschon noch kein Bart Lippe und Kinn beschattete. Die Hand des Jünglings führte eine lange, reich mit Silber beschlagene Flinte, und an seinem Hals hing neben einem großen Pulverhorn an einer seidenen Schnur ein getrocknetes Menschenhaupt. Seine Miene war ernst, ja finster, sein Wesen gemessen und schweigsam. – »Wer von Euch,« sagte der Fremde, indem er in die Mitte der Krieger trat, »ist der Beg Grivas, der Führer der tapferen Männer von Schamidien?« – »Ich, Fremder, sage uns deinen Namen!« – »Bogdan, Sohn Iwos des Einäugigen, Begs der Martinowitsch.« – »So bist du der Sohn des Helden, dessen Brot mein Bruder bei seinem Tode gebrochen? Du bringst uns Kunde von dem Ende meines Bruders?« – »Nikolas Grivas fiel an der Kula des Popowitsch Gradjani, an der Seite meines Vaters und Gabriels des Zagartschanen, seines Blutbruders, den er gerettet hatte aus dem Turme von Skadar. Der Knabe Bogdan ist jetzt der Glaware der Martinowitsch, die Moslems nahmen das Haupt Iwos des Tapfern mit von dannen, auch der griechische Gastfreund ruht nicht in geweihter Erde.« – »So hat man den Leichnam meines Bruders nicht gefunden? ich hörte noch, daß ihr die Türken geschlagen.« – »Die blutige Wölfin von Skadar trug den Körper davon auf dem Sattelknopf ihres Rosses. Was nutzen die Kugeln der Söhne der schwarzen Berge gegen ihr gefeites Leben? Ich allein habe schuld an dem Verderben der Meinen, denn ich trug das Pulver, das sie retten konnte, mit mir davon und zur Sühne seitdem das Unglückshorn und das Wahrzeichen meines Vaters, bis daß ich sein eigenes Haupt von den Toren Skadars gelöst habe.« – »Und was bringt dich hierher, Czernagorze?« fragte Grivas. – »Eine Botschaft und meine Rache. Die Botschaft soll ich zu den Häuptlingen der freien Griechen bringen, von Danilo, dem Bladika der schwarzen Berge; Rache aber suche ich im Kampfe gegen die Mörder von Skadar, die dem Pascha von Janina zu Hilfe gezogen.« Der junge Czernagorze wickelte aus einem seidenen Tuche das Schreiben des Fürsten Danilo, worin dieser den griechischen Führern seine Proklamation vom 16. März sandte, die das Volk von Montenegro zu den Waffen gegen die Türken rief, und einen Einfall im nördlichen oder roten Albanien, dem Lande der Mirditen, verhieß. – »So ist die Nachricht wahr, das Selim Bey von Skadar mit tausend Arnauten dem Pascha von Janina zu Hilfe gekommen?« – »Ihr müßt sie von dieser Stelle in die Tore der Stadt haben einrücken sehen.« – »Sei uns willkommen, Bogdan, und mögen deine Taten deine Jugend vergessen machen.« – Grivas reichte ihm die Hand und führte ihn zu der Platane, unter welcher sich die Schar gelagert hatte ... Nimm teil an unserm Mahl und erfrische dein Herz an unserm Wein.« – Caraiskakis setzte sich an seine Seite und reichte ihm die große hölzerne Kalebasse. Sein Herz drängte ihn, Näheres von dem Schicksal des geliebten Bruders zu erfahren, den er selbst im Auftrage des Hoffnungsbundes nach Czernagora gesandt. Als Bodgan Hunger und Durst gestillt hatte, wandte Grivas sich mit neuen Fragen an ihn und wollte zunächst wissen, ob wirklich der Körper des jungen Mannes von dem Schlachtfelde entführt worden sei ... Bodgan erzählte ihm, was er selbst und seine Krieger geschaut ... »Sie ist eine Zauberin,« sagte er mit allem Aberglauben seines Volkes, »und die Bewohner von Skadar sagen, auch ein Vampir. Zum mindesten hat sie den bösen Blick, und niemand kann sie anschaun, ohne ein Leid davon zu tragen.« – »Aber warum soll sie den Körper meines Bruders entführt haben, wenn er wirklich tot war?« – »Die Wilas mögen es wissen! Schlimme Gerüchte erzählen sich die Weiber von Skadar seitdem von einem weiblichen Brokoklak, den sie bei sich hat. Der böse Geist, der sie so lange als Wolf begleitet hatte und dessen Leib wir auf der Schlachtstätte fanden, ist seitdem in den Körper einer Sklavin gefahren, von der sie sich Tag und Nacht nicht trennt. Bei den sieben Heiligen von Ostrog! ich weiß, was ich rede, Beg, meine Augen haben das Gespenst geschaut, als ich ihrem Zuge folgte, zehn Tage lang bis zum See von Janina. Es wurde in einer Sänfte von zwei Maultieren getragen.« Die Erzählung des abergläubischen Czernagorzen klang so seltsam, daß Caraiskakis nicht wußte, was er daraus machen sollte. Auffallend war es ihm, daß der Körper seines Bruders von der Kampfstätte durch die Arnauten bei ihrer wilden Flucht mit fortgeschleppt sein sollte, ohne daß sie einen gewissen Zweck damit verbanden, und er schloß daraus, daß sein Stiefbruder nur verwundet und als Gefangener davongeführt sei. Für das Weitere, ob er am Leben oder nicht, ob er später der türkischen Rache zum Opfer gefallen oder noch in den Gefängnissen von Skadar schmachte, bot freilich die Erzählung des jungen Glawaren keinerlei Anhalt, und dennoch überkam es ihn wie eine geheimnisvolle Ahnung, als ob sie mit dem Schicksal seines Bruders im Zusammenhang stände. Er suchte Grivas auf und teilte ihm seine Hoffnungen und Zweifel mit. So unbestimmt sie auch waren, zeigte sich der General der Aufständischen doch alsbald damit einverstanden, daß sie die Gelegenheit der Anwesenheit der Männer von Skadar benutzen wollten, um auf irgend eine Weise von ihnen zu erforschen, was über das Schicksal des jungen Griechen etwa bekannt geworden war. »Die Verstärkung Abdi-Paschas,« sagte Grivas, »läßt mich vermuten, daß er bald einen Ausfall aus Janina machen wird, und es wird gut sein, wenn wir die Capitanos davon in Kenntnis setzen und, da die Türken uns überlegen sind, uns der Pässe nach Metzowo versichern, wo wir den Weg nach Thracien und Mazedonien, nach Larissa und Salonichi in unsrer Hand haben.« – »Und mein Bruder – dein Neffe?« – »Wir werden sicher im nächsten Gebiet einige Hunde von Ghegen gefangen nehmen, und ich lasse sie lebendig verbrennen, wenn sie nicht sagen, was sie wissen.« – »Wäre es nicht besser, einen Spion an unsere Freunde in Janina zu schicken und diesen die Nachforschung anzuvertrauen?« – »Ich habe mein Auge auf den Knaben gerichtet, den uns Gregor von Varna geschickt hat. Er rühmt uns seine Schlauheit, und die Art und Weise, wie er sich durch ganz Rumelien zu uns durchgeschlagen, ist Beweis genug dafür. Ihn will ich zu meinem Boten machen; der Knabe spricht fertig Türkisch und ist klug und besonnen genug, daß er uns wichtige Dienste leisten kann.« Mauro zeigte sich sogleich willig und nachdem er von einem der eingeborenen Albanesen eine Be- [Zeile fehlt, Druckfehler] Abendsonne in der Entfernung von etwa anderthalb Meilen vor ihnen lag, machte er sich auf den Weg. Caraiskakis geleitete ihn eine Strecke und kehrte dann zu seinen Leuten zurück. Der General mit etwa zwanzig Griechen war zum Abmarsch bereit; Caraiskakis übergab seinem Leutnant den Posten und begleitete ihn. Es war bereits am Spätabend, als sie in dem Dorfe Dervendzista nach einem scharfen Marsch anlangten. Hier quartierten sich die Führer bei dem Ortsvorstand ein, freilich gegen seinen Willen, doch mußte er der Notwendigkeit sich fügen. In ihre Mäntel von Ziegenhaaren gehüllt, lagen sie bald, nachdem eine Wache ausgestellt worden, in tiefem Schlaf. Am andern Mittag traf der Bote von Metzovo ein, der Papa oder Priester des Orts, der einen Brief an Grivas überbrachte, wahrend sie ihr Ragout von gekochtem Fleisch mit trocknen Erbsen verzehrten ... »Die Primaten, meldet mir der Agent,« sagte der General, »wollen uns die Tore öffnen. Metzovo ist ein reicher Ort; während wir hier Not leiden, können wir dort unseren Leuten Sold und alles Nötige verschaffen. Zuvor aber will ich Janina anzünden, daß sein Brand uns auf dem Wege leuchten soll.« – »Es wäre unnütze Grausamkeit,« wandte Caraiskakis ein; »du weißt, wie viele Griechen dort wohnen und Handel treiben.« – »Was kümmert's mich,« tobte der wilde Grivas. »Bei der Panagia, dann hätten die Schufte uns längst die Tore öffnen sollen, ehe diese Hunde von Ghegen in die Festung gezogen sind, vor denen wir jetzt weichen müssen. Der Agent des Zaren, unsers Vaters, wünscht eine Zusammenkunft mit mir in dieser Nacht und schlägt mir die Palanka am Fuße des Mitzikeli auf dem Wege nach Gozista vor, eine Stunde von hier. Der Papa, den ich befragt, nennt sie ein festes Gebäude.« – »Das Antlitz des Mannes gefällt mir nicht, so wenig wie das unseres Wirts. Gott zeichnet in die Mienen der Menschen ihre Seele.« – »Der Pliak ist ein Japide, wie er selbst mir erzählte, und hat sich aus den akrokeraunischen Felsen flüchten müssen, wegen einer Stammesfehde. Es sind Christen, weiter brauchen wir nichts.« – »Wieviele der Gefährten nimmst du mit, Oheim?« – »Sieben Mainoten; es sind ihrer genug zur Aufstellung der Wachen. Laß uns aufbrechen, Anastasius, und mögest du bald Kunde erhalten von dem anatolischen Knaben aus Janina.« Während die Klephten sich zum Abmarsch anschickten, kam der Hausherr herbei, auf einer silbernen Platte die altertümliche Trinkschale mit dem rotblauen Wein der Höhen des Tzumerkagebirges, um seinen Gästen den Abschiedstrunk zu bringen. Wer wilde Grivas jedoch schlug ihm mit einem Schlage seiner Faust Becher und Platte aus der Hand ... »Räudiger Hund von einem Lapen,« fuhr er ihn an, »glaubst du, einem freien Griechen die Ehre und Sitte deines Hauses verweigern zu dürfen? Schaffe dein Weib zur Stelle, daß sie uns, wie der Gebrauch es heischt, den Abschiedstrunk auf der Schwelle des Hauses kredenze.« – Die Hand des Primaten, eines wildaussehenden Mannes mit niederer Stirn und von jener abschreckenden Häßlichkeit, die seinen Stamm charakterisiert, fuhr nach dem Pistolenknauf in seinem Leibbund, ein Blick auf die Männer umher aber lehrte ihn Vorsicht. – »Mein Weib ist krank, Herr, mein Gebieter möge sie entschuldigen.« – »Du lügst, Primat. Es liegt uns wenig daran, ihre Häßlichkeit zu schauen, die der deinen gleichen mag, aber ein Japide soll uns nicht Hohn sprechen. Laß dein Weib den Becher bringen, oder deine Fußsohlen sollen es entgelten.« Der Hausherr schlich mit finsterm Blick davon. Einige Augenblicke nachher trat aus dem Innern des Hauses, von einer Dienerin begleitet, die Frau, zum Staunen der Krieger, welche die Häßlichkeit einer Lapin zu sehen erwartet, eine Schönheit von antiker griechischer Form, auf deren edlem Antlitz nur die Blässe geistigen Leidens die schöne Sammetfärbung und den Glanz der dunklen Augen milderte. Mit der edlen griechischen Verneigung, der Bewegung der Rechten an Brust und Stirn, ergriff sie die silberne Kanne, die das Mädchen auf gleicher Platte ihr nachtrug, und war eben im Begriff, die Pflichten der Wirtin zu erfüllen, als ihr großes Auge auf Caraiskakis fiel, der bei ihrem Eintritt, zufällig mit einem der Krieger sprechend, ihr den Rücken gewandt hatte und sie jetzt gleich einer Bildsäule anstarrte ... Der Krug entfiel ihrer zitternden Hand, und der rote Strom des Weines ergoß sich über die Steinplatten des Bodens. »Anastasius!« das einzige Wort entquoll ihrem hochatmenden Busen, dann sank sie bewußtlos in die Arme des herbeispringenden Griechen. – »Aphanasia!« schrie der Offizier wild auf und preßte die Ohnmächtige an seine Brust. »Geliebte meines Herzens, du das Weib dieses Mannes!« Der Primat stürzte sich zwischen sie, und seine boshaften Augen funkelten in eifersüchtiger Wut, als er sie mit Gewalt zu trennen suchte. – »Zurück, Beg, es ist mein Weib, mein Eigentum! Achtet Ihr so die Sitte des Landes, das Ihr befreien wollt? Laßt sie los, sag' ich, oder, beim Gott meiner Väter! ich stoß' Euch dies Eisen durch die Rippen!« – Eine starke Faust jedoch erfaßte den Wütenden und schleuderte ihn den umstehenden Kriegern zu. – »Haltet ihn fest und schlagt ihn zu Boden, wenn er sich rührt,« befahl Grivas. »Was ist's mit dem Weibe, Neffe! woher kennst du sie?« – »Das Mädchen von Messolonghi, Aphanasia Dulanyi, die vor 10 Jahren die Piraten entführten!« Er suchte mit Hilfe der Dienerin die Frau ins Leben zurückzurufen.– »Die Tochter meines Waffengefährten am Aspropotamos? So ist dieser Hund von Japide der Pirat, der sie raubte? Bindet ihn, Kameraden; der Schurke hat eine griechische Jungfrau gestohlen, um sein schmutziges Blut mit ihr zu mischen. Es soll strenges Gericht gehalten werden über ihn, und wehe ihm, wenn er schuldig ist!« Die Mainoten, die sich auf den Primaten warfen, schnürten dem Tobenden die Arme zusammen, Männer und Weiber aus dem Stamme des Wirtes sammelten sich um die Szene. Grivas aber scherte sich nicht um sie. Seinem Neffen war es gelungen, die Frau zum Bewußtsein zu bringen; er trug sie in das Gemach zur Seite des Flurs und legte sie auf die Bank von Rohrgeflecht nieder. Mit der glühenden Leidenschaft des Südens kniete er vor ihr und küßte ihre Arme und ihre Stirn, mit hundert süßen Worten die schöne Zeit ihrer Liebe an den blauen Gewässern des Golfes von Patras zurückrufend. Sie erzählte ihm ihr Geschick. Der Primat selbst, früher einer der berüchtigtsten jener Seeräuber der akrokeraunischen Felsenschluchten an den Abhängen des Chimära-Gebirges, zwischen Cap Linguetta und Delbino, – die mit ihren schnellen Tartanen an den griechischen Küsten umherschweiften bis hinüber nach Calabrien, Ufer und Meer unsicher machend – hatte sie bei einem Spaziergange am Meeresstrande mit zwei anderen Mädchen gefangen genommen und in die wilden Berge Ljapuriens geschleppt, wo er sie durch Mißhandlungen zwang, ihn zu heiraten. Später durch seine Seeräubereien reich geworden, hatte er seine Heimat verlassen und, durch ein Geschenk den Schutz des Paschas von Janina erkaufend, sich in Schamurien niedergelassen, wo jener Schutz ihm zu Amt und Ansehen verhalf. Aphanasia, die bei dem Raube eine sechzehnjährige Jungfrau gewesen, hatte dem aufgezwungenen Gatten zwei Kinder geboren, von denen nur das jüngste, ein Mädchen von drei Jahren, noch lebte und der einzige Trost der Frau war, die noch immer argwöhnisch von dem ehemaligen Piraten bewacht wurde. General Grivas sprach ein kurzes Urteil, obschon dergleichen Gewalttaten, wie der Seeraub von Frauen, an den Küsten Griechenlands eben nichts Seltenes sind: der Japide sollte erschossen werden; aber Aphanasia warf sich zu seinen Füßen und bat um das Leben des Vaters ihres Kindes. Auch Caraiskakis erklärte sich auf das bestimmteste gegen die blutige Tat. – »Ihr wißt nicht, was Ihr bittet,« sagte der wilde Führer, »denn ich wollte Euch von Eurem Tyrannen mit gutem Blei befreien. Capitano Dulanyi mag selbst über Euch bestimmen, denn Eurem Vater muß ich Euch zuführen, das fordert meine Ehre, obschon er es mit Tzavellas hält und bei Arta steht. Mein Neffe wird Euch nach dem Kloster der armen Heiligen bringen, bis ich Euch weiter geleiten kann. Für Euer Eigentum aber wollen wir selbst sorgen, es ist gerecht, das der Gatte seine Frau ausstatte.« Der General duldete keinen Widerspruch weiter, und um eine blutige Tat zu verhindern, mußte sich Caraiskakis darein finden, daß die Klephten die Wohnung des Primaten plünderten und die wertvollsten Gegenstände, nachdem die eigenen Taschen bedacht waren, auf einen Esel luden, als das Eigentum der Frau, die der Machtspruch des Führers geschieden. Dann wurde sie selbst mit ihrem Kinde auf eines der kleinen griechischen Pferde gesetzt, und Caraiskakis führte es am Zügel, von dem Rest der Truppe umgeben, zurück nach dem Posten am Kloster, während der General mit den sieben Mainoten sich nach dem Gebirge wandte. Zu dem wutknirschenden Japiden, der noch immer gebunden in der Veranda seines Hauses lag, schlich der Papa... »Es ist dir schlimm gegangen, Freund Petros. Die Vorsicht, mit der du dein schönes Weib geborgen, ängstlich wie dein Geld, hat dir wenig genützt, und der griechische Capitano wird diese Nacht an ihrem Busen ruhen.« – »Hältst du mich für einen Esel, Papa, daß ich mein Geld offen hinlege? Sie haben mir viel gestohlen, aber es bleibt mir genug, um ihr Verderben zu erkaufen. Ich gehe zu Abdi-Pascha nach Janina, und meine Zechinen sollen eine Schar von Burschen zu meiner Rache sammeln, die gleich den schlimmsten Paganias ihrer Spur folgen sollen.« Er streckte ihm die gefesselten Arme entgegen zur Befreiung. – »Wenn Ihr mir zwanzig Zechinen gebt, Petros,« sagte der schurkische Priester, indem er langsam die Stricke zu lösen begann, »so will ich Euch ein Geheimnis vertrauen, das Euch volle Rache an Euren Feinden sichert und Euch wieder zu Eurem Weibe und Eurer Habe verhilft.« – »Du sollst sie haben.« – »Schwört bei der Panagia!« – »Bei der Panagia und bei allen Heiligen, die du willst.« – »Wohl; ich weiß, daß Ihr in Gunst steht bei dem Pascha, aber die Nachricht, die Ihr ihm bringen könnt, wird diese Gunst noch erhöhen. Ihr wißt, daß ich für den Griechen in Metzovo war, ich mußte den Weg machen, denn der Diakon des Klosters hatte mir den Auftrag gesandt und ich wurde bezahlt dafür. Aber ich habe unterwegs den Brief gelesen, den mir der verkleidete russische Offizier in Metzovo gab, und ich weiß, was ich weiß. Ihr gebt mir die zwanzig Zechinen, Petros, und teilt den Lohn mit mir, den Euch der Pascha dafür gibt, daß Ihr die Feinde in seine Hände liefert?« – »Du sollst es haben, Papa, ich schwöre es dir mit sieben Eiden!« – »So wollen wir uns beide eilig auf den Weg machen nach Janina, denn jeder Augenblick ist kostbar!« Durch den Hain duftiger Zitronen und roter Granaten, der den südlichen Abhang von Janina bedeckt, schlenderte der Knabe Mauro hinter einigen Seidenarbeitern her, deren kunstvolle Webereien noch heute eine Haupterwerbsquelle der seit Alis Tode auf die Hälfte ihrer Einwohnerzahl heruntergekommenen, einst so blühenden Stadt bilden. Sie kamen von den Plantagen der Maulbeerbäume, die mit Zitronen und Oliven den südlichen Gürtel der Stadt außerhalb der Ringmauern bilden. Ein großer Molosserhund, eine jener kolossalen epirotischen Doggen, in deren Begleitung unbesorgt die mirditischen Jungfrauen durch die ödeste Wildnis schreiten, sprang an der Straße daher und warf den Knaben zu Boden. Aber Mauro klammerte sich an den vergoldeten Sammetreif, der den Hals des Hundes zierte, und ließ sich furchtlos von ihm fortziehen. Das gefährliche Spiel weckte die Aufmerksamkeit der Reiter, die der Dogge folgten. Die hervorragendste Gestalt war eine türkische Frau zu Pferde, gleich den Männern in den weiten seidenen Beinkleidern im Sattel sitzend, die goldglänzende Toka – den Flügelharnisch der Ghegen, aus leichten Goldschuppen gebildet – um Brust und Schultern, auf dem Haupte der Turban mit hoher Reiherfeder, von dem ein leichter, halb durchsichtiger Schleier statt der unförmlichen Yaschmaks über Kopf und Gesicht niederhing, der die Trägerin am freien Umherschauen nicht behinderte, während er genügte, sie als Bekennerin des Propheten zu zeigen. Auf der Hand der Dame saß in seiner Kappe der Falke, während ihre Linke das weiße mutige Roß an den aus rotem Sammet und Goldtressen gebildeten Zügel bändigte. Ihr zur Rechten, dem Ehrenplatz der Mohammedaner, ritt eine zweite Frauengestalt, die erste noch an Größe überragend, quer auf einem Maultiere, nach europäischer Sitte. Sie war jedoch vom Scheitel bis zur Sohle in einen weiten Feredschi und Yaschmak von grüner Farbe, der heiligen Farbe der Moslems gehüllt, aus dem allein die Augen hervorblickten. Die dritte Person der Reitergruppe bildete ein junger, in weite weiße, nur von einem roten Shawl zusammengehaltene Gewänder gekleideter arabischer Scheik. Das bronzefarbene Gesicht mit den großen, dunklen Augen und der schön geformten Adlernase über den schmalen Lippen schaute kühn und trotzig aus der weißen kapuzenartigen Umhüllung hervor. Seine Hand führte die lange, schlanke Lanze der Araber, während die mit Silber und Perlmutter eingelegte Luntenflinte über seinen Rücken hing. Etwa hundert Schritte hinter der eben beschriebenen Gruppe folgte bunt durcheinander ein Haufe arabischer und albanesischer Krieger, als die Schutzwehr der Reiter, die an den sumpfigen Lagunen, in die der See Labchistas verschwindet, den Reiher gejagt hatten. Die grüne Reiterin berührte leicht den Arm der glänzenden Dame an ihrer Seite, und ihre verhüllte Hand deutete nach dem gefährdeten Knaben, mit dem der große Molosserhund, wie der Löwe mit seiner hilflosen Beute, sich balgte. – »Ruhe, Scheitan!« – Die große Dogge, die den erschlagenen Wolf bei Fatinitza, der Tochter des Paschas von Skadar, ersetzt hatte, folgte gehorsam dem Ruf ihrer Stimme und sprang an der Seite ihres Pferdes empor, ihre Füße und die entgegengestreckte Hand liebkosend. Der Knabe Mauro aber lief, als habe ihn das gewalttätige Spiel des Hundes gar nicht erschreckt, neben den Reitern neugierig her, obschon von dem Fall auf den Boden das Blut von der Stirn rann. – »Wende das Licht deiner Augen auf dies Kind, dunkle Rose des Sees,« sagte der Emir in der blumenreichen Sprache seiner Heimat. »Der Prophet sagt: Wenn dein Sklave oder dein Roß oder dein Hund den Unschuldigen verletzt hat, bist du schuldig den Schaden zu vergüten.« –»Inshallah! kann ich mich um jeden Bettler kümmern? Warum geht der schiitische Bube nicht meinem Tiere aus dem Wege?« – »Es ist Gerechtigkeit in der Wüste,« sagte der Araber, »laß sie mich nicht vermissen an der stolzen Blume der Felsen. Dein Hund hat diesem Knaben ein Leides getan.« Wiederum legte sich die Hand der Verhüllten auf den Arm der wilden Schönen und die Bewegung schien eine merkwürdige Macht über sie zu üben, denn sogleich bezwang sie ihre Heftigkeit. – »Du redest weise, Araber, und ich habe unrecht,« sagte sie mit möglichster Milde ihrer Stimme. »Bist du ein Knabe aus Janina, Kind?« – »Mein Vater war ein Tapferer aus Rumili und ist im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen,« berichtete Mauro, nebenher trabend. »Ich habe keine Angehörigen und bin eine Waise, die vom Tau der Barmherzigkeit lebt, den Allah mir sendet.« – »Ich habe gesehen, daß du mutig bist, Knabe,« sagte die Tochter des Paschas, »und du sollst mein Page sein, bis du ein Mann wirst. Geh mit den Reitern dort und sage ihnen, Fatinitza habe es befohlen.« Während der Knabe zurückblieb, galoppierten die drei weiter durch das Tor der Ringmauer und ins Innere der Stadt. Janina, vom Sebastokrator Michael Lukas gegründet, im zwölften Jahrhundert bereits durch die Normannen von Neapel aus zerstört, dann von den serbischen Königen wieder aufgebaut und durch französische Ingenieure unter Ali-Pascha zur starken Festung gemacht, zeigt seit seinem Fall innerhalb der weitläufigen Ringmauern nur wüste Stätten und verödete Straßen. Eine Kaserne des Nizam steht an der Stelle des einst über der Stadt thronenden Schlosses Litharitza, von dem nur ein kolossaler fünfstöckiger Turm noch übrig ist. Der Platz des Castro, das mit seinen Trümmern und seinen unbrauchbaren Geschützen den ganzen in den See vorspringenden Hügel einnimmt und über welchen die Gesellschaft jetzt zu dem schmalen Damme ritt, der die Insel Kulm mit dem berühmten Serail und dem Mausoleum des Löwen von Janina einnimmt, und auf dem Ali die zahllosen Opfer seiner Grausamkeit hängen, spießen, schinden und lebendig verbrennen ließ, bot jetzt ein buntes Lager der mirditischen und arabischen Hilfstruppen in tausend bunten Bildern und Gruppen. Über den Raum hinweg folgte der Knabe Mauro den Reitern bis in den äußeren Hof des Serails, wo Abdi-Pascha gleichfalls seine Residenz aufgeschlagen hatte. Hier blieb er bei den Arnauten zurück, denen er die Rosse füttern und die Waffen putzen half, und der schlaue Knabe verstand es bald, das Gespräch auf ihre Heimat und ihre Taten gegen die Männer der schwarzen Berge zu bringen. Während so der junge Spion geschickt seine Zwecke verfolgte, betraten Fatinitza und ihre Begleiter das Turbeh, jenen schauervollen Ort, an dem Ali dem Verrat des Franzosen erlag, und den Abdi-Pascha seinem Kollegen Selim zur Wohnung angewiesen. Der junge arabische Scheikh, der seit der Ankunft der Mirditin am vorigen Morgen, von dem freien und seltsamen Wesen Fatinitzas angezogen, auf allen Tritten, wo sie sich außerhalb des Haremliks nach ihrer gewöhnlichen, allem Zwang Hohn sprechenden, Sitte zeigte, ihr gefolgt war, benutzte die Gelegenheit, als die grüne Khanum – wie sie die Begleiter der Wölfin nannten – vom Pferde stieg, um sich dieser zu nahen. – »Weise Frau,« sagte er eilig zu ihr, »auch in das gesegnete Arabien kommen die Zauberinnen von Oman, die die Zukunft verkünden und mit dem Reich der geheimnisvollen Geister verkehren, und Abdallah ben Zarugah hat sie stets geehrt und geschützt. Der Sohn der Hedjas ist reich an dem Gold seiner Heimat und den Perlen des Meeres von Persien. Bei der heiligen Kaaba von Mekka! Du sollst den zehnten Teil seiner Schätze haben, wenn du die Purpurrose des Gebirges mit deinen Worten bewegst oder ihm einen Liebestrank bereitest, daß sie ihr Ohr seinen Wünschen öffnet.« – Die Verhüllte neigte das Haupt und folgte der Herrin, die bereits nach ihr rief, während Abdallah seine Schritte zurück zu seinen Kriegern wandte, die auf dem Platz des Castro ihr Lager aufgeschlagen. Im innersten Gemach des Haremliks warf Fatinitza den Schleier von sich und nahte der grünen Verhüllten. – »Lege Yaschmak und Feredschi von dir, o Licht meiner Augen; du weißt, Aejischa, der einzigen, die unser Geheimnis kennt, ist der Mund auf ewig geschlossen.« Sie wies auf die schwarze Sklavin, die auf eine Matte im Gemach kühlenden Sherbet, Wein, die Früchte der Jahreszeit und jenes süße Backwerk und Eingemachte zum Mahl stellte, in dessen Bereitung die Bewohner Janinas berühmt sind. Die Verhüllte ließ Schleier und Mantel zu Boden fallen und warf sich mit gekreuzten Armen und allen Zeichen finsterer Ungeduld auf den Diwan. Es war eine sonderbare Gestalt, die sich nach der Entledigung der weiten Hüllen zeigte, halb Mann, halb Frau, in deren Gewändern. Ein bleiches, schönes Männergesicht mit sorgfältig rasiertem Bart unter dem frauenmäßig geringelten Haar, quer über die Stirn eine breite, tiefe Narbe, den Körper in ein seidenes Oberkleid, wie es die türkischen Weiber tragen, gehüllt, ebensolche weite Beinkleider und gelblederne Strümpfe an den Füßen, das dunkle Auge flammend vor Unwillen über die Verkleidung, so lehnte er finster auf dem Kissen: Nikolas Grivas, der schöne Grieche, der Erschlagene von der Kula des Popowitsch Gradjani an den Ufern der Moratscha! Gleich einem schüchternen, bittenden Kinde hatte sich das wilde Mädchen auf ein Kissen zu seinen Füßen geworfen: »Will mein Herr nicht Speise und Trank genießen?« Der Grieche schwieg finster. – »Stern meines Lebens!« bat das Mädchen; »was hat Fatinitza getan, daß du ihr zürnst? Tue ich nicht, was der Odem deines Mundes will? Bin ich nicht ein verändertes Weib, das sein eigener Erzeuger kaum wieder erkennt? Hab ich nicht das wilde Blut, das durch meine Adern tobt, gebändigt, und die Schmach, die du mir angetan im Turme von Skadar, vergolten mit deiner Rettung?« – »Fluch über sie,« rief wild der junge Mann, »hättest du mich sterben lassen an der Seite meiner Gefährten, die deine Grausamkeit erschlug, blutige Wölfin von Skadar, es wäre mir besser, als daß ich lebend in der unwürdigen Mummerei eines Weibes der Sklave eines solchen bin und mich verbergen muß gleich einem Aussätzigen.« Die Türkin sah ihn finster an... »Undankbarer Christ,« sagte sie, »ist das der Lohn für das Herz Fatinitzas, der du hundertmal Gehorsam und Treue gelobtest, als du aus zehn Wunden blutend im Kiosk am See ruhtest, wohin sie dich mit eigener Gefahr gebracht, und Azraël, der Engel des Todes, an seiner Seite stand? Deine Wunden habe ich verbunden und mit heilendem Balsam bestrichen, und bin täglich zu deinem Lager auf flüchtigem Roß geeilt, oder auf dem Kahn mit schwellendem Segel, trotzdem du Fatinitza verraten hattest in der Stunde der Liebe und schmachvoll das Heiligtum ihres Leibes den Augen der hündischen Czernagorzen preisgegeben, daß ich sie alle rächend erschlagen mußte! Als ich den Genesenden dann zu mir führte im süßen Geheimnis, das der Tod der Sklaven erkaufte, die dich so lange bedient, – als du wohntest in meinen Gemächern und allnächtlich mein Arm dich umschlang und dich preßte an dies heiße, wilde Herz, hast du mir nicht geschworen, daß du die Freuden der sieben Himmel des Paradieses verschmähen würdest an meiner Brust? Undankbarer Christ! deine Liebe ist flüchtig wie die Wolke, die über den See zieht, und die Rose, deren Blätter der Wind zerstreut.« – »Ich liebe dich, Fatinitza, bei dem Kreuz meiner Väter!« sagte in milderm Ton der Gefangene. »Aber ich bin ein Mann und diese Mummerei ist unerträglich.« – »Du weißt, o Licht meiner Seele,« flehte das Mädchen, »daß es das einzige Mittel war, dich in meine Nähe zu bringen. Die weise Frau, die ich in das Haremlik meines Vaters führte, ist sicher vor jedem Argwohn, und ihr stilles Leben fordert den Argwohn nicht heraus. Die Diener und Krieger des Paschas scheuen deine Nähe, denn sie schreiben dir Macht über die Geister zu und fürchten dich, wie sie mich gefürchtet haben. Selbst ich jedoch vermöchte dich nicht zu schützen vor dem Zorn Selims, meines Vaters, und der Blutrache seiner Arnauten, wenn sie ahnten, daß du einer der verräterischen Czernagorzen bist.« – »Aber dies Spiel muß ein Ende haben, ein Zufall kann alles entdecken. Und warum, Fatinitza, hast du mich hierher geführt in die Mauern von Janina? Ich habe die Fahne meines Volkes wehen sehen auf den Bergen jenseits der Stadt, und kaum weiß ich noch, daß dein Volk im Kriege mit dem meinigen. Warum enthältst du mir jede Kunde vor?« Das wilde Mädchen saß schmeichelnd auf seinem Schoß, den Arm um ihn geschlungen, mit der anderen einen Wecker des feurigen griechischen Weins an seine Lippen führend. – »Habe ich nicht geschworen, dich nie zu verlassen, und ist nicht deine Sicherheit allein in meiner Nähe? Was kümmert uns der Kampf zwischen deinem und meinem Volk? – sieh, Fatinitza, die Wölfin, ist eine Taube geworden auf dein Geheiß und zieht nicht mehr in die Schlacht, wenn auch noch die Toka ihre Brust bedeckt. O, liebtest du mich heiß und glühend, wie Fatinitza dich liebt, Du hättest längst den verhaßten Glauben der Christen mit der Lehre des wahren Propheten vertauscht und wärest nach meines Vaters Tode Herr von Skadar und Fatinitza deine Khanum.« Sie zog ihn nieder zu sich auf die reichen Kissen und Teppiche und umstrickte ihn mit ihren Armen. Aber unter den glühenden Küssen des Türkenmädchens war sein Herz doch bei den Fahnen seiner Glaubensbrüder auf den Höhen von Janina, von denen so lange ihm nur dunkle Kunde geworden. – – – Die Liebenden weckte am späten Nachmittag der Eintritt der stummen Sklavin Aejischa, die, den Teppich des Einganges hebend, durch Zeichen der Herrin verkündete, daß der Pascha, ihr Vater, im Haremlik erschienen sei und sie zu sprechen verlange. In Eile wurde der junge Grieche wieder in Mantel und Schleier gehüllt und nahm seinen Sitz im Winkel des Diwans, während Fatinitza die Spuren des schwelgerischen Mahles schnell verbarg. Selim-Bey, der Pascha von Skadar, nahm nach der Begrüßung her Frauen in der Ecke des Diwans Platz, und auf den Wink Fatinitzas brachten ihm die eintretenden Sklavinnen den Tschibuk und frischen Kaffee. – »Ich komme, Tochter meiner Liebe,« sagte der greise Pascha, »um dir zwei Dinge zu sagen. Möge dein Ohr und dein Herz geöffnet sein, sie zu vernehmen.« – »Ich höre.« – Grivas erhob sich, um Vater und Tochter allein zu lassen; der Bey winkte ihm zu bleiben: »Der Rat einer weisen Frau ist niemals vom Übel. Möge deine Weisheit Einfluß haben auf das Herz deiner Freundin. Ich bitte dich, bleib.« – So aufgefordert, mußte der Grieche gehorchen und nahm stillschweigend seinen Platz wieder ein. – »Du bist die einzige, die mir geblieben von vielen Kindern,« sagte der Bey, »und meine Liebe hat mich verführt, deinem Willen keine Schranken zu setzen. Inshallah – es war gottlos und ich bin ein gestrafter Vater dafür, der seinen Nacken beugen muß unter den Pantoffel seiner Tochter.« – »Du redest unklug, Vater,« entgegnete das Mädchen unwillig, »Fatinitza liebt dich!« – »Ich weiß es,« sagte der Alte, sich den Bart streichend, »was wäre ich sonst! Aber die Weiber können nicht immer im Haremlik des Vaters bleiben. Sie sind bestimmt zur Freude des Mannes. Du hast der Bewerber so viele ausgeschlagen, o Kind, daß meine Haare grau geworden vor Alter und Sorge.« – »Was kann ich tun?« antwortete die trotzige Tochter, »Fatinitza mag nicht die Hündin eines Mannes sein, den sie nicht liebt. Sie ist das Kind der freien Berge.« – »Ban Bak, – er ist ein schöner Mann!« – »Wer – von welchem Manne redest du, daß er es wagt, seine Augen zu mir zu erheben?« – »Mashallah! es ist Zeit, daß du einen Mann wählst, denn du läufst seit Jahren umher wie eine wilde Ghegin, den Geboten des Korans zum Trotz. Der Emir Abdallah ben Zarujah ist ein Fürst im Lande Hedjas, er hat dich in sein Herz geschlossen und begehrt dich zum Weibe.« Die gehorsame Tochter spreizte verächtlich alle zehn Finger aus. – »Kommst du nur hierher, Bey, um deinem Kinde ins Gesicht zu lachen? Bosch, er ist nichts, ein wilder Araber, ein verachteter Sohn Ismaels!« – »Du hast so viel bessere Heiraten verweigert,« sagte unwillig der Alte, »daß du froh sein magst, wenn ein Tapferer dich begehrt. Der junge Mann gefällt mir, wenn er auch ein Araber ist. Ich höre, er ist reich in seinem Lande und hat Schlösser im Lande Yemen. Du weißt, ich bin alt, und das Leben in diesen rauhen Bergen gefällt mir nicht mehr. Ich will meine Fahrt nach Mekka machen, zur heiligen Kaaba, bevor ich sterbe, und werde dich begleiten, wenn der Sultan, unser Herr, diese Ungläubigen in den Staub getreten und den Krieg beendet hat.« – »Hai! Hai! ich will dies Land nicht verlassen.« – »Der Emir ist tapfer – ich habe Freunde in Stambul und bin reich,« schmeichelte der Bey; »wenn du ihm nicht folgen willst, und es sei fern von mir, dich zu zwingen, so wird es mir mit Allahs Hilfe leicht sein, ihn zu meinem Nachfolger im Paschalik von Skadar oder Janina machen zu lassen.« – »Wallah – was sind das für Träume? Bin ich eine Kuh, die man verhandelt auf den ersten Blick? oder denkt der Bey, ich sei eine öffentliche Tänzerin, weil ich mein Gesicht nicht unter dickem Schleier zeige?« »Die Weiber sind toll! es ist Unsinn, was du sprichst, – ich will meinen Willen haben, oder ich sperre dich ein.« Die wilde Schöne lachte hell auf bei der Drohung, deren Wert sie vollkommen durch die Gewohnheit kannte ... »War meine Mutter eine Miriditin oder nicht? stamme ich vom Blute des großen Beg von Ak-Serai – oder bin ich eine verachtete Japidin, daß du so mit mir sprichst? Geh – du hast graue Haare und redest Torheit. Fatinitza wird sich eher von den schwarzen Felsen in die Wellen des Meeres stürzen oder zu dem Volk ihrer Mutter zurückgehen und eine Kreuzträgerin werden, ehe sie einen Mann heiratet, den sie nicht selbst gewählt hat.« – Der gläubige Moslem strich sich zornig den Bart, aber er wagte, so tapfer und streng er im Felde oder unter seinen Arnauten auch war, nichts zu erwidern und ließ diesen Punkt des Gesprächs fallen ... »Wir werden diese Nacht gegen die Feinde ziehen,« sagte der Pascha, »und sie schlagen. Abdi wendet sich gegen Rapsista und das Kloster, wo der Grieche Caraiskakis steht. Mir und dem Emir hat der Prophet einen wichtigen Fang in die Hand gegeben. Ein griechischer Imam und der Primat eines Dorfes haben uns Kunde gebracht, wo der Aga der Griechen mit wenigen seiner Gefährten die Nacht zubringen wird. Die Feinde des Islams sind unter unseren Sohlen.« – »Wie heißt der Aga der Christen?« – »Ich habe es vergessen; aber er ist der blutige Feind der Moslems – Fluch über die Gräber seiner Väter! ich werde sein Haupt nach Stambul senden, wie ich mit dem Kopfe des einäugigen Begs der Czernagorzen getan, und die Roßschweife sind mir sicher. Wirst du mich begleiten, Tochter des Propheten, um die Niederlage der Feinde unseres Glaubens zu schauen?« – Eine heftige Bewegung der Verhüllten auf dem Diwan machte Fatinitza erbeben ... »Die heilige Frau, die die Stimme der Engel Allahs hört,« sagte sie eilig, »hat mich begehrt, daß die Weiber dem Kampfe der Männer fern bleiben sollen. Ich werde für euern Sieg beten.« – »Gesegnet sei der Rat dieses Weibes!« rief erfreut der Pascha; »sie redet weise wie Lokman, obschon sie nie zu Männern spricht. Die Frau gehört in das Haus und der Mann in die Schlacht; dein wilder Sinn, o Kind, nach dem Treiben der Männer hat mir oft bittern Gram gemacht. Nimm diesen Ring zum Dank für deine Lehre, Frau, und mögen die Perlen deiner Worte noch lange fallen in das Ohr dieses Kindes.« Der alte Krieger warf der Fremden ein Juwel zu, das sie achtlos zur Erde fallen ließ, küßte das Mädchen auf die Stirn und verließ das Gemach. Kaum war der Vorhang hinter ihm gefallen und sein Schritt verhallt, so riß der Grieche den Schleier vom Haupt und sprang auf die Geliebte zu ... »Laß uns dabei sein, Fatinitza, ich kann hier nicht still verweilen, indes die Söhne meines Landes geopfert werden.« – »Unmöglich! Was kümmern mich die Kinder deines Landes? – sie sind Christen, Fluch über sie! Du allein sollst leben für Fatinitza.« – »Höre mich, Weib: unter jenen Kriegern sind meine Blutsverwandten, vielleicht gelingt es uns, sie zu retten und – bei der Göttin der Liebe, der meine Vorfahren Altäre bauten – ich will dir ewig dafür danken.« – »Die Verwandten deines Blutes? Betrügt Fatinitza nicht den eigenen Vater um deinetwillen? setzt sie sich nicht täglich hundertmal dem Tode aus bei der Entdeckung, daß ein Christ, ein Feind, ihr Haremlik entweiht hat und ihr Lager teilt?« – »Ich weiß es, ich fühle es und dennoch beschwöre ich dich! Die Ungewißheit würde mich töten, ich verlange nichts, als die deinen zu begleiten; vielleicht findet sich eine Gelegenheit, wo deine Hilfe, deine Fürsprache meinen Freunden nützen kann.« Die seinem Volke – selbst den edleren Charakteren – eigentümliche Verstecktheit und Hinterlist ließ ihn fast unbewußt die Worte wagen, – sein Herz sann bereits auf mehr. Das Türkenmädchen schaute ihn fest und prüfend an ... »Ich will dein Verlangen erfüllen,« sagte sie endlich, »aber bei der lodernden Glut, die für dich durch meine Adern strömt, täusche mich nicht zum zweiten Male, denn Fatinitzas Liebe würde zum blutigen Hasse werden. Ich will mit dir gehen zur Kampfstätte, doch nur unter der Bedingung, daß wir beide dem Kampfe fern bleiben. Möge die Schlacht walten und ihre Opfer nehmen, Allah entscheide! Fallen die Freunde deines Blutes lebendig in die Hände der Meinen, wird Fatinitza sie schützen. Ich gehe zu meinem Vater!« Sie hüllte sich in den leichten Schleier und verließ das Gemach. Kaum hatte sie sich entfernt, so ergriff der Grieche den seinen, und sein Haupt darin verbergend, folgte er ihr. Die Angst, die unbestimmte Hoffnung, irgend etwas für die gefährdeten Kämpfer des Kreuzes tun zu können, litt ihn nicht in dem engen Gemach und trieb ihn hinaus auf die Terrasse, von der im Strahl der sinkenden Sonne der Blick über die Stadt und die umliegenden Höhen schweifte. An der Mauer des mit Blumen geschmückten Vorsprungs lehnte der neue Page der Paschatochter, der Knabe, den ihr Hund am Vormittag zu Boden geworfen und der mit diesem jetzt kameradschaftlich spielte. Der Befehl Fatinitzas hatte ihn bereits mit einem neuen Gewande versehen. Der Grieche trat, ohne darauf zu achten, daß der Knabe ihn aufmerksam betrachtete, hastig zu der Balustrade und schaute hinüber zu den Bergen, auf denen die Schar seiner Freunde lagerte ... »Möge die Panagia sie retten, ich vermag es nicht!« sagte er unwillkürlich in griechischer Sprache vor sich hin ... Im Augenblick darauf trafen Laute in derselben Sprache sein Ohr. Es war ein leiser Gesang, den der Knabe, ohne jetzt aufzublicken, vor sich hin summte; dennoch war jedes Wort verständlich, und Grivas hörte mit Staunen seinen eigenen Namen darin. Es war eine wilde Erzählung seines Kampfes in Montenegro, soweit Bogdan sie hatte geben können ... »Wer bist du, Knabe?« fragte der junge Mann hastig, »bist du von griechischen Eltern oder aus den Bergen Czernagoras?« – Der Knabe schaute ihn schlau an ... »Man fragt keinen, ohne selbst Antwort zu geben, sagt das Sprichwort. Gefällt dir mein Lied?« – »Sprich, wer lehrte es dich?« – »Ich hörte die Erzählung von Bogdan, einem Knaben der Hochlande, der bereits ein Krieger ist. Man nennt dich die weise Frau, – kannst du mir bessere Kunde geben von dem Tode dessen, von dem ich sang? ich höre gern Geschichten.« – »Knabe,« sagte hastig und tiefbewegt der Grieche, »du verstellst dich und bist ein anderer, als du scheinen willst. Bei den Gräbern deiner Väter, bei dem Kreuz, wenn du ein Christ bist, – rede die Wahrheit. Was suchst du im Lager der Türken?« Mauro blickte hastig um sich, – sie waren allein auf der Terrasse ... »Nikolas Grivas, den Bruder des Gregor Caraiskakis und den Neffen des tapfern Generals der Krieger des Kreuzes suche ich.« Leidenschaftliche Erregung erstickte das Wort in der Brust des Griechen. »Knabe, rasch! ich selbst bin Nikolas Grivas!« – »Dann hat meine Ahnung mich nicht getäuscht,« sagte der Bursche, »die die Heiligen mir zugeflüstert bei den seltsamen Erzählungen der Arnauten von der mirditischen Zauberin, die seit der Tötung ihres Wolfes die unzertrennliche Gefährtin der Herrin von Skadar geworden. Sie meinen, der böse Dämon habe nur seine Gestalt gewechselt.« – »Rasch, rasch! Was kümmert mich das Geschwätz der Toren? Sage mir schnell deine Botschaft!« – »Bogdan, der Czernagorze, ist gestern ins Lager gekommen und hat von deinem seltsamen Verschwinden erzählt. Das weckte die Hoffnung deines Bruders, Herr, daß du in Skadar gefangen gehalten würdest, und ich ward auf Kundschaft ausgesandt.« – »Ist Gregor – dessen Name du nanntest, im Lager der Griechen?« – »Mein Herr ist in Varna – ich bin ein smyrniotischer Knabe und als Bote von ihm zu den Hellenen gesandt. Auf jenem Berge dort, in dem Kloster der armen Heiligen, weilt Anastasius Caraiskakis, dein zweiter Bruder, der mir den Auftrag gab.« – »Ich weiß es; hast du von meinem Oheim Grivas gehört?« – »Er zog gestern mit wenigen Leuten nach Dervendzista. Dein Bruder begleitete ihn und sollte heut zurückkehren.« – »Allmächtiger Gott, dann ist Grivas, die Hoffnung des Kreuzes, der Mann, den der verräterische Papa in die Hände der Türken liefern will? Wieviel Krieger stehen bei meinem Bruder?« – »Dreihundert. Die Hauptmacht des Generals lagert an der Arta gegen Fuad-Pascha, der mit 9000 Mann in Prevesa steht. General Tzavellas liegt in Suli, aber es ist Feindschaft zwischen ihm und deinem Oheim!« – »Fluch über diese Uneinigkeit! Sie wird alles verderben. Jetzt begreife ich den Plan der Türken, sie wollen sich zwischen die Abteilungen drängen und sie einzeln vernichten. Wer befiehlt im Lager an der Arta an Stelle meines Oheims?« – »Oberst Stratos.« – »Mein Bruder muß benachrichtigt, Grivas muß gerettet werden. Ein Engel hat es mir eingegeben, auf meiner Teilnahme am Zuge zu bestehen. Knabe, ist es dir möglich, die Stadt zu verlassen?« – »Ich hoffe es.« – »Es gilt die Rettung deiner Glaubensbrüder. Sucht das Kloster zu erreichen und sage meinem Bruder, im Dunkel der Nacht rücken Abdi-Pascha und der Pascha von Skadar aus, der erste auf Rapsista zu, der andere, ihnen den Weg ins Gebirge zu sperren und Grivas zu vernichten, der sich unvorsichtig vorgewagt hat. Wenn es eine Möglichkeit ist, soll er den General retten und Stratos benachrichtigen von der Gefahr. Lebe wohl, Knabe, und die Panagia schütze dich!« Er hüllte sich in den Yaschmak und eilte über die Terrasse zurück, auf der Ajischa, die Mohrin, ihn bereits zu suchen erschien. – – Die Paschas warteten das Dunkel ab, um mit ihren Truppen die Festung zu verlassen. Sie bestanden aus 2500 Mann Nizam und Arnauten, 150 arabischen Reitern und 4 Kanonen. Ein Bote war bereits am Nachmittag nach der Küste abgegangen, um Fuad-Effendi von dem beabsichtigten Ausfall in Kenntnis zu setzen und sein Vordringen zwischen die Stellung der beiden griechischen Generale anzuraten. Abdi-Pascha mit dem Nizam und zwei Geschützen wandte sich gegen die Arta und die Stellung des Hauptkorps; Selim-Bei mit den Reitern und zwei Kanonen in das Tal zwischen dem Kloster und dem Fuß des Mitzikeli, so den Posten bei dem erstern zwischen zwei Feuer bringend und den verwegenen Führer der Griechen gänzlich von den Seinen abschneidend. Dem Unwillen ihres Vaters trotzend und unter dem Vorwand, daß sie sich nicht von ihm trennen wolle, begleitete die Amazone von Skadar den Zug, an ihrer Seite die Verhüllte, vor der die von Aberglauben erfüllten Krieger scheu zur Seite wichen. Der verräterische Primat machte den Führer und ritt an der Spitze der Abteilung, von Abdallah, dem arabischen Emir, bewacht. So gelangte der aus etwa 600 Kriegern bestehende Zug im Schatten der Nacht bis auf die Entfernung von etwa 2000 Schritt in die Nähe seines Ziels und machte hier, von einer Schlucht gedeckt, Halt. Nach dem Rate des Verräters sollte der Überfall in der Morgendämmerung erfolgen. Wo die Quellen der Arta zwischen dem Tzumeria-Gebirge, dem Mitzelki und den Höhen des Pindus entspringen, in einer der an Romantik und Lieblichkeit reichsten Gegenden der Welt erhebt sich auf einem kühn vorspringenden, von drei Seiten fast unzugänglichen Felsen die Palanka oder die Kula von Protopapas. Hier erwartete Grivas mit seinen sieben Mainoten den russischen Agenten von Metzowo. Der Ort war noch unter Ali-Pascha eine kleine Feste mit geringer Besatzung, seitdem aber gänzlich verlassen und nur von den Kobbans, den Hirten des Gebirges, benutzt. Ein eingesunkener Wall umgab im engen Kreis einen starken viereckigen Turm, von massiven Quadern zwei Stockwerke hoch aufgeführt, dessen Mauern und Zinnen Zeit und Verödung nur wenig zu schaden vermocht hatten. Durch ganz Evirus und an der Küste entlang, selbst in den akrokeraunischen Gebirgen finden sich noch, zum Teil öde und verlassen, zum Teil als abgeschlossene Posten der Khawassen dienend, viele solcher festen Türme, gleich den Trümmern der alten Feudalburgen in Mitteleuropa. Nicht mit Unrecht führen die Bewohner von Bassa-Maina, dem alten Gebiet von Sparta, den Namen »Wölfe des Taygetos.« Rauh und hart wie das Felsgestein des Taygetos, scheint ihr Sinn allen milderen Freuden des Lebens unzugänglich; dem Schoß ihres Landes entrinnt keine Quelle, und seine Kinder überragen an Wildheit, aber auch Kühnheit und Tapferkeit alle Stämme der Erde. Raub und Mord ist ihr Gewerbe, der Haß und die Blutrache erben unter Geschlechtern grimmiger, unversöhnlicher als selbst auf den schwarzen Bergen Czernagoras und den Bergen Korsikas, und wenn ein Mann eines natürlichen Todes stirbt, so beklagen sie ihn, weil er nicht erschlagen wurde und daher keiner Rache bedarf. ... Räuber zur See und zu Land, unbezwungen und ungebändigt, in wildem Kampf untereinander, seit sie nicht täglich mehr mit ihren Feinden, den Türken, kämpfen können, war noch in den vierziger Zähren, und ist es zum Teil noch, jedes Haus der Maina eine Feste und jeder Zugang durch eine Schießscharte beherrscht. Das ganze Gebiet ist ein Land von Türmen, die meist auf felsigen Anhöhen stehen, so daß sie den benachbarten Distrikt überblicken können. Nur die Weiber gehen zur Arbeit aus, die Greise und Knaben bleiben zu Hause auf der Wache, und es gibt Fälle, daß Männer in zwanzig Jahren nicht die Schwelle ihres Turmes überschritten haben, um nicht der Blutrache zu verfallen. Die bayerischen Truppen, die im Jahre 1834 auf Befehl der Regierung in Athen diese Festen zerstören sollten, wurden von den Mainoten zurückgeschlagen von den wilden Klephten, und ihre Türme blieben unzerstört; und Grivas, der mit den Mainoten 1827 die Akropolis von Korinth erstürmt, konnte sicher bauen auf die Treue und den Mut dieser Krieger. In ihre Abbas gehüllt, lagen die Tapferen um das verglimmende Feuer im Innern der Kula; denn die Nächte des Orients sind oft kalt und schneidend, während am Mittag heiß der Sonnenstrahl brennt. Commoduro und Demetrios hatten die Wache auf dem Turm und dem Wall, bis die Sonne sich erhoben über die schneeigen Gipfel des Pindus und Dodonas heilige Eichenhaine ... Aus den Schluchten und Tälern ballten in formlosen Massen die Morgennebel empor, gleich als ahnten und fürchteten sie den nahenden Strahl der Sonne. Auf den Wolken über dem See von Janina malten sich die purpurnen und violetten Strahlen des noch hinter den Bergen verborgenen Tagesgestirns. Da dröhnte es von Westen her in langsam aufeinander folgenden Schlägen – ferne Kanonenschüsse... Die Hand der Wache legte sich auf die Schulter des Führers – im Augenblick war der General empor und gleich darauf auf der Plattform des Turmes, und um ihn sammelten sich die Mainoten. – Es war die höchste Zeit – ein seltsames, abenteuerliches Schauspiel entwickelte sich phantastisch aus den ballenden Nebeln am Fuße der Höhe, auf der der Turm steht: – gleich Gespenstern, die der Hahnenruf des Morgens von ihren nächtlichen Wegen auf und davon jagt, stürmten durch die Schatten des Tales drei Reiter – voran auf windschnellem arabischem Roß eine Frauengestalt in fliegenden, grünen Gewändern – hinter ihr drein ein alter Moslem, den Säbel in der Faust, offenbar bemüht, der Fliehenden den Weg abzugewinnen und zuerst am Eingang des schmalen Felsengesteins anzukommen, der den Weg zum Plateau der Palanka bildete; – den beiden in der Entfernung von 60 bis 100 Schritt folgend, eine zweite türkische Frau in prächtigen Gewändern, den goldglänzenden Panzer des Tosken um Brust und Schultern, den hohen Reiherbusch über dem Turban. Und hinter ihnen drein in der Ferne, aus dem Nebel und Dunkel, hoben sich im Morgengrauen Lanzenspitzen, blitzten Bajonette und wogte es heran in dunklen Massen. – »Juden Waffen, Kameraden, die Moslems sind vor der Palanka!« und an den Eingang des Walls stürzten Grivas und seine Mainis. Der Halt, den die Türken gemacht, war, wie gesagt, kaum eine Viertelstunde Weges von der kleinen Feste entfernt, und der Bey sandte von hier aus seine Späher, die bald mit der Nachricht zurückkehrten, daß die Griechen zwar Wachen ausgestellt hätten, sonst aber keine Ahnung von der Gefahr und Nähe des Feindes zu haben schienen ... Es wurde beschlossen, daß die Kula durch Tirailleurs überrascht werden sollte, die sich im Schatten der Klüftungen auf das Plateau schleichen und plötzlich auf das Zeichen eines Schusses eindringen sollten, während die Hauptmacht ihnen langsam folgte. Der Emir Abdallah mit seinen Arabern erbot sich, den Versuch zu machen. Er stieg von seiner Stute, deren Zügel er um den Schaft seiner in den Boden befestigten Lanze schlang, und seinem Beispiel folgten sofort all seine Leute. Dann untersuchte der Emir sein langes Luntengewehr, erteilte den Arabern einige Befehle und verschwand mit ihnen nach verschiedenen Seiten in den Nebel, in denen ihre weißen und grauen Gewänder verschwammen. Der Bey mit Fatinitza und dem verkleideten Griechen waren jetzt die einzigen Reiter, die in der Nähe hielten, und er hieß sie ihnen folgen, um von einem näher liegenden Hügel den Erfolg des Überfalls zu beobachten. Im Gespräch mit ihrem Vater bemerkte das Türkenmädchen anfangs nicht, daß ihre Begleiterin zu folgen zögerte und einige Augenblicke zurückblieb, bis der Vorsprung des Felshügels sie verdeckte. Plötzlich verkündete ein Schrei der Überraschung ein ungewöhnliches Ereignis. – – In der Brust des jungen Griechen hatte ein wilder Sturm getobt – Qual und Angst um die Blutsfreunde, und Liebe und Dankbarkeit zu dem wilden Türkenmädchen. Dennoch war er von Anfang an entschlossen gewesen, jede günstige Gelegenheit zu ergreifen, um den Oheim und seine Gefährten zu retten. Er wußte aus den Unterredungen des Emirs mit Fatinitza, daß das Roß desselben eine Stute aus jenem berühmten Geschlecht der Nedjhi war, einer durch ganz Arabien wegen ihrer Schnelligkeit und Muskelkraft berühmten Rasse; und als daher der Emir den Sattel verlassen und die Pferde fast unbewacht zurückgelassen wurden, war sein Entschluß rasch gefaßt. Er drängte, zurückbleibend, sein Maultier an die Seite der Stute und den Augenblick entschlossen ergreifend, wechselte er den Steigbügel und sprang in den Sattel des arabischen Pferdes, zugleich die Lanze aus dem Boden reißend und die scharfen, statt der Sporen dienenden Spitzen der Bügel in seine Flanken pressend. Wie ein Pfeil schoß die Stute vorwärts, und im nächsten Augenblick an Fatinitza, dem Pascha und den ihnen zum Hügel gefolgten Kriegern vorüber. Im ersten Moment fesselten Überraschung und Verwirrung jede Lippe, da außer Fatinitza keiner die Bedeutung der seltsamen Handlung sich zu enträtseln vermochte, bis der Ruf derselben: »Verräterischer Christ! Allah verderbe dich!« und ihr wütendes Anspornen des Rosses hinter dem Fliehenden drein plötzlich neues Staunen weckte. Dann ein wilder Wutschrei von aller Lippen, und dann folgte der ganze Haufe der wilden Jagd durch den Talgrund, auf dessen anderer Seite das Felsenplateau der Palanka sich erhob. Da der Pascha und seine Tochter die einzigen Berittenen in der Gruppe gewesen, unternahmen diese auch allein mit einiger Aussicht die verzweifelte Verfolgung. Das Pferd des Paschas war ein Tier von edlem Berberblut, das nur wenig dem schnellen Roß des Flüchtlings nachstand, und der greise Moslem, sobald er sein erstes Erstaunen überwunden, sprengte wütend hinter dem Griechen drein, denn der Ruf seines einzigen Kindes hatte ihm im Augenblick gezeigt, wie grausam er betrogen worden. Die ganze Hoffnung des jungen Mannes lag darin, daß er zuerst den Felskamm erreichte, der den einzigen Weg zum Plateau der Palanka bildete, und die Augen auf die Feste geheftet, jagte er durch das Tal. Doch hatte er, um der Gruppe am Hügel zu entgehen, schon beim Fortstürmen die gerade Richtung verlassen müssen und wurde auch auf dem weiten Ritt, wenn auch nur Augenblicke lang, aufgehalten. Zweimal trat ihm aus dem Nebel die weiße Gestalt eines arabischen Kriegers entgegen und versuchte sich ihm in den Weg zu werfen. Aber die Lanze des Emirs warf den einen, der Sprung des Pferdes den andern zu Boden, und keiner wagte es, auf das wohlbekannte Roß seines Häuptlings zu feuern ... So gelang es dem Griechen, fast gleichzeitig mit dem Bey, den Aufgang des Felsenkammes zu erreichen, und ein Sprung des prächtigen Pferdes brachte ihn voran auf denselben. Er hatte den Schleier von seinem Haupte gerissen und schwang ihn durch die Luft. – »Zum Kampf, Oheim Grivas, zum Kampf! die Moslems sind euch nahe!« – »Verfluchter Christ! Schänder meines Harems! stirb!« – Eine rasende Anstrengung seines Pferdes hatte auf einer breiten Stelle den greisen Bey an die Seite des Griechen gebracht, und er lehnte sich zurück auf den Sattel, den Hieb von hinten zu führen, denn er befand sich zu seinem Unglück auf der rechten Seite des Flüchtlings. Ein Blick zeigte diesem die Gefahr, und daß nur das Verderben des einen den andern zu retten vermöge. Der Trieb der Selbsterhaltung war rascher als alle Überlegung, und mit aller Kraft seiner Hand und seiner Schenkel sein Pferd parierend, drängte er es nach dem Gegner, indem er den rechten Arm nach ihm ausstreckte, den Hieb aufzufangen. Ein wilder Schrei drang an seine Ohren – die Stimme der Geliebten: »Schone meinen Vater!« – aber im selben Augenblicke schon stieß sein Knie an den hohen Sattel des Gegners, seine Hand faßte den erhobenen Arm – ein Stoß – und über die Seite der Felsenkante stürzten Roß und Reiter! ... Im nächsten Moment flog das Araberpferd weiter und dem offenen Ausgang des Walles zu, auf dem jetzt, die Flinten schußgerecht in der Hand, die sieben Mainoten lagen. hinter ihm drein gellte in seinen Ohren der schneidende Zeterruf des Türkenmädchens, das Klagegeschrei der herbeieilenden Arnauten ... und vor ihm am Eingang des Wallet lag eine breite Kluft, über die eine einzige Bohle führte, welche die Mainoten liegen gelassen und in der unerwartet andrängenden Gefahr noch keine Zeit gehabt, hinwegzuräumen. Aber sie war zu schmal, selbst im Schritt ein Pferd zu tragen; noch einmal preßte er die spitzen Bügel dem seinen in die Flanken, und mit langem Sprunge gewann es den jenseitigen Rand und stand zitternd und schaumbedeckt zwischen den wilden Gestalten der Griechen. Nikolas Grivas sprang herab, sprachlos – Entsetzen auf dem bleichen Antlitz – deutete er hin nach dem gefährlichen Wege, den er soeben zurückgelegt hatte. – – Dort jagte die Wölfin von Skadar heran, – der Schleier fliegend im Zuge der Luft, glutrot das Antlitz, rachesprühend das dunkle Auge – in der erhobenen Hand die Pistole. – Kaum sah sie den Abhang, der sie von dem Verräter trennte, noch weniger ihn achtend in der wilden Leidenschaft, die jede ihrer Fibern spannte, – der Schuß knallte, indem das Pferd sich zum Sprunge erhob, aber seine Kraft war diesem nicht gewachsen und die Hand der Reiterin hatte es nicht unterstützt, es erreichte kaum den jenseitigen Rand und brach zusammen über die Planke, die über die wenn auch nicht tiefe, doch gefährliche Felsspalte führte. Einen Augenblick hingen Pferd und Reiterin über dem Abgrund, und dieser Augenblick genügte dem älteren Grivas, um vorzuspringen. Seine kräftige Faust erfaßte das Türkenmädchen und riß es empor, und ein Fußtritt schleuderte die schwankende Brücke und das Roß auf ihr in die Tiefe. Die Flinten der Mainoten krachten zu beiden Seiten und das »Allah Akhbar!« erschütterte die Luft. Abdallah an der Spitze, versuchten die wilden Asiaten, das Plateau, an den Felsen und Steinen emporkletternd, zu stürmen, – aber die Kugeln der sechs wachsamen Spartaner warfen die kleine Zahl, die emporzuklimmen vermochte, tot oder verwundet von dem Felsrand zurück; kein Schuß fehlte bei dem leichten Ziel, und der Ruf des kühnen griechischen Führers belebte den Widerstand. Die Sonnenstrahlen brachen glänzend über die Berge, und die Palanka vergoldend, zeigten sie sicher den Schützen ihr Ziel. Nach ihrer gewöhnlichen Kampfweise ließen die Asiaten nach dem ersten Sturm vom Angriff ab, sobald sie sich überzeugt, daß die Überraschung mißlungen und der Gegner zum Empfang bereit war, und unter wildem Geschrei zogen sie sich aus der Schußweite der Kugeln zurück. Von der Höhe des Walls sah der General noch, wie sie den Körper ihres greisen Führers aus der Schlucht, wohinein ihn und das Roß der Arm seines Neffen gestürzt, davon trugen, doch vermochte sein Falkenblick nicht zu erkennen, ob der Verunglückte noch am Leben sei ... Der General wußte, daß er vorerst Ruhe und Zeit haben werde, die Anstalten zur weitern Verteidigung zu treffen, und jetzt wandte sein Blick sich wieder auf seinen Neffen und dessen schöne Gefangene. Nur sechs Mainoten-Flinten hatten dem Angriffsgeschrei der Araber geantwortet; der siebente, – Andunah Vati, lag, die Hand auf die rechte Seite gepreßt, an der Mauer der Kula, und durch seine Finger quoll in dicken Tropfen das rote Blut, während sein Auge finster und drohend auf das Türkenmädchen geheftet blieb. Die Kugel ihrer Pistole hatte bei dem Sprunge das Ziel ihrer Rache, den meineidigen Geliebten, gefehlt und den Mainoten niedergeworfen ... In einiger Entfernung von ihm, auf einer der Quadern, saß Fatinitza; der Turban war ihr vom Haupte gefallen, und das dunkle, glühende Auge starrte finster und gleichgültig durch die Öffnung des Walles auf die ferne Schar der Ihren. Sie schien den treulosen Freund nicht zu bemerken, der, nur wenige Schritte von ihr entfernt, an dem Roß des Arabers lehnte. Ein einziges Mal während des kurzen Kampfes hatte er gewagt, ihr näher zu treten, aber ein wilder, stolzer Blick des Mädchens scheuchte ihn zurück, und stumm, mit niedergeschlagenen Augen, blieb er in seiner Stellung. So traf die stumme, lautlose Gruppe der General, der mit mehreren seiner Gefährten jetzt in das Innere der Umwallung sprang, während andere derselben die Wache auf dem Wall behielten ... »Andunah ist verwundet, seht nach ihm,« befahl der Führer, »und jetzt, Neffe, nachdem die erste Blutarbeit getan, willkommen, trotz deines seltsamen Aufzugs. Wer ist dies Weib?« – »Fatinitza, die Tochter des Paschas von Skadar, meine Lebensretterin. Laß sie zum Dank dafür, daß es mir gelang, euch noch im letzten Augenblick auf die Nähe der Feinde aufmerksam zu machen, unbeleidigt zu den Ihren zurückkehren.« – »Sie ist die Mörderin meines Vetters Andunah,« rief wild Comoduro. »Ihre Kugel traf ihn – sie muß sterben!« Er hob die Pistole gegen die Unglückliche. Der General jedoch stellte sich vor sie. – »Zurück, Mann! Andunah Bati wurde im ehrlichen Kampf erschossen, und die Türkin ist meine Gefangene. Wer es wagt, die Waffen gegen sie zu erheben, hat es mit mir zu tun. Du aber, Neffe, irrst, wenn du glaubst, ihre Freiheit in Anspruch nehmen zu können, weil dein Ruf uns gerettet. Der Donner jener Kanonen über das Gebirge her, den du hörst und der uns die Schlacht unserer Brüder verkündet, hatte uns bereits in die Waffen gerufen. Dieses Mädchen, dessen Namen und blutigen Ruf wir alle kennen, hat die Jungfrau vielleicht zu unserer Rettung in unsere Hand gegeben. Bindet ihre Hände und nehmt ihr ab, was sie an Waffen noch bei sich trägt.« – »Oheim!« flehte der junge Grieche. – Der General schüttelte finster das Haupt. – »Sie ist die Gefangene meiner Hand, und es muß sein! Deine Rettung ist vergolten durch die ihrige von jenem Sturz.« Zwei der Mainoten fesselten mit ihren Riemen die Arme der Türkin und nahmen ihr den Dolch, der in ihrem Gürtel steckte. Ohne Widerstand ließ es das Mädchen geschehen, nur ein stolzer, verächtlicher Blick fiel auf den jungen Grivas, der sein Gesicht in den Händen verbarg ... »Bringt sie in den hintern Raum der Kula und fesselt ihr dort noch die Füße, damit sie keinen Versuch zur Flucht machen kann,« befahl der Führer. »Euer Leben bürgt mir für das ihre. Legt Andunah gleichfalls dahin und leistet ihm Hilfe, so gut es sich tun läßt. – Wie hoch schätzest du die Zahl unserer Feinde, Neffe?« – Nikolas gab die Auskunft, so weit er vermochte. – »Du magst die Stelle Andunahs einnehmen,« sagte der General, »und dich mit seinen Waffen versehen; wir werden harten Kampf zu bestehen haben.« Steine und Trümmer wurden nun vor dem Zugang des Walles gehäuft. Zwei Mainoten bestiegen das flache Dach der Kula und lagen an den Schießscharten. Die vier anderen mit dem General und dem Flüchtling, der sich der Frauengewänder entledigt hatte, behaupteten den Wall und durchspähten die Umgegend. Im zweiten Raum, nach dem schroffen Felsabhang zu, lagen auf Zweigen und Blättern, wie sich die Hirten des Gebirges ihr Zager bereitet hatten, einander gegenüber Fatinitza und der verwundete Krieger, dessen Waffen und Munition der junge Grivas an sich genommen. Die Sonne war nunmehr über den Gipfeln des Pindus und ihre Strahlen hatten die Nebel vertrieben und zeigten den Bedrängten klar und deutlich die Gefahr, von der sie umgeben waren. Um Eingang des Felsengrates außer Flintenschußweite lagerte die Hauptschar der Türken, und eine Gruppe von Feigenbäumen schien ihren Mittelpunkt und das Lager ihres toten oder verwundeten Führers zu bilden, denn man konnte vom Turme aus bemerken, daß Shawls und Decken dort ausgebreitet waren. Kleine Abteilungen schlossen bereits im Grunde das Plateau auf allen Seiten ein, und die Mannschaft der beiden Feldgeschütze bemühte sich eben, dieselben am Zugang des Felsendammes zum Wall, in der Entfernung von sieben bis achthundert Schritt von diesem aufzustellen, da es zum Glück für die Griechen nicht möglich befunden worden, sie auf dem Felsdamm selbst durch die Bespannung weiter vorwärts zu bringen ... Zu ihrem Staunen sahen die Mainoten jedoch statt des Beginnens des Sturmes einen einzelnen Reiter, den Zweig eines Olivenbaumes in der Rechten – das Zeichen des Friedens oder Waffenstillstandes – heran nahen. Es war der Emir, der kühn und unbesorgt bis zur Felsspalte vorritt, die den schmalen Weg zum Felsplateau der Palanka trennte, und dort den Zweig als Zeichen über dem Kopfe schwang, daß er eine friedliche Unterredung wünsche. Der General mit Nikolas, indem er den übrigen gebot, im Anschlag zu bleiben, erschien sofort auf dem Wall ... »Hunde und Söhne von Hunden,« begann der Emir die friedliche Anrede, »ihr seht, daß Allah euch in die Hand der Gläubigen gegeben hat, die zahlreich sind wie der Sand am Meere, und daß kein Entrinnen für euch ist. Bist du Grivas, der Anführer der aufständischen Griechen?« – »Nimm dich in acht, Freund Araber, mit deinen Worten,« entgegnete der General in türkischer Sprache: »Meine Mainoten und ich selbst sind nicht gewillt, geduldig die Schmähungen eines Götzendieners zu ertragen. Wer bist du und was willst du?« – »Ich bin Abdallah ben Zarugah, das Haupt meines Stammes und der Freund des Paschas von Skadar, Selim Bey, eines Tapfern, dem die Hand eines Verräters Unglück gebracht hat. Ich rede in seinem Namen und führe seine Krieger gegen euch zum Kampf.« – »Sage mir, Emir Abdallah, bei deinem Haupte beschwöre ich dich,« unterbrach Nikolas Grivas das Gespräch, »ist der Pascha bei dem Sturz umgekommen oder glücklich der Gefahr entgangen?« – »Ich erkenne dich an deiner Stimme, Pferdedieb,« entgegnete der Araber, »und Fluch über dich, denn du hast Verrat geübt an dem, dessen Brot du gegessen. Allah hat seine Hand über dem Pascha gehalten, er ist schwer verwundet und sein Schenkel gebrochen, aber er lebt, Euch zum Verderben.« Ein unwillkürliches »Den Heiligen sei Dank!« entfloh den Lippen des jungen Mannes. Dann verließ er hastig den Wall und eilte in das Gefängnis Fatinitzas, um ihr die Nachricht zu verkünden. Sie nahm sie schweigend auf; kein Laut, kein Blick des Auges verkündete ihre Gefühle ... »Weshalb kommst du, Emir? – Ich bin Grivas, der General der freien Griechen.« – »Deine Krieger,« sagte der Araber, »werden in diesem Augenblick von dem Pascha von Janina vernichtet, du hörst den Donner der großen Büchsen. Schau auf die Zahl meiner Tapferen, und du siehst, daß ein Entrinnen unmöglich ist. Es ist keine Schmach für den Kühnen, der Macht zu weichen. Gib dich gefangen mit deinen Leuten, und das Urteil des Paschas wird milde sein.« – »Bin ich ein Kind oder ein Weib, daß du so mit mir redest? Wir haben Kugeln in unseren Flinten und Blut in unseren Adern.« – »Du bist ein Tapferer, ich weiß es, und Abdallah, der mit den Rotjacken vor Aden gefochten, ehrt die Tapferen, auch wenn sie seine Feinde sind. Gib mir mein Pferd Eidunih und Fatinitza, die Tochter des Paschas, nebst dem Verräter heraus, der sie beide entführt hat, und liefert eure Waffen ab, so will der Pascha dir und den deinen den Abzug erlauben, wenn Ihr bei dem Koran der Christen schwören wollt, nie wieder gegen das Licht der Welt zu kriegen.« – »Der Mann, den du einen Dieb nennst,« sagte der General, »ist mein Neffe und ein Krieger des Kreuzes, dessen Blut nicht für die türkischen Henker bestimmt ist, das Weib und das Pferd kannst du erhalten, aber nicht unsere Waffen, die wir brauchen wollen, so lange ein Moslem auf griechischer Erde steht. Was bürgt uns für die Erfüllung des freien Abzugs? wir kennen die Treue der Türken.« – »Mein Wort,« entgegnete der junge Araber stolz, »der Eid Abdallahs ben Zarugah. Die Sterne würden eher in ihrem Lauf zurückgehen, als daß ein Hauch des Eides bei seinem Barte nicht gehalten würde.« Der griechische General lächelte verächtlich ... »Du magst redlich genug sein für einen Araber, aber die Türken, deine Brüder, sind Schurken. Wir verlassen uns auf die Jungfrau und unsere Flinten, wenn du keine besseren Bedingungen gibst. Zieht euch zurück nach Janina, laßt die Berge frei, und ich will dir Pferd und Weib unbeschädigt zurückgeben. Willst du nicht, so mach, daß du fortkommst.« – »Hund! Sohn einer Hündin, willst du Abdallah in den Bart lachen?« rief der Emir wild, indem er sein Roß wandte und den schützenden Zweig hinwegwarf. »Dein Blut komme über dich! Allah Akhbar – zum Kampf!« Eine Kugel pfiff dicht an seinem Haupte vorbei, aber die Bewegung des Pferdes rettete ihn, und er jagte unverletzt davon; die Griechen sparten ihr Blei für den Kampf auf Tod und Leben, der, wie sie wußten, jetzt erfolgen mußte ... Kaum war der Emir zu der Gruppe unter den Feigenbäumen zurückgekehrt, so wurde auch das Zeichen zum Beginn des Angriffes gegeben, und die beiden leichten Feldgeschütze eröffneten ihr Feuer gegen die Palanka. Die Geschütze waren jedoch zu schwach, um auf diese Entfernung von energischer Wirkung zu sein, und sie beunruhigten und gefährdeten kaum die Personen der Verteidiger. Die Kugeln übten gleichfalls nur geringe Zerstörung an den dicken Marmorquadern des Turmes. Die Palanka konnte allein durch Sturm genommen werden, der nun auch nicht lange auf sich warten ließ. Die Mainis sahen den jungen, kühnen Führer gleich einem Pfeil von einem Posten zum andern jagen, die das etwa 50 bis 60 Fuß über das Tal emporragende Plateau umgaben. Sie bestanden größtenteils aus seinen berittenen Arabern, die jetzt bis auf Schußweite ihrer langen Luntenflinten heranrückten und ein scharfes Feuer auf alle Öffnungen des Turmes begannen, während eine Abteilung des Nizam an den Seiten des Felsendammes und auf diesem selbst vorrückte. Sobald sie auf etwa 200 Schritt herangekommen, gab der General das Zeichen zur Eröffnung des Feuers, und Schuß auf Schuß aus den sicheren Flinten der Mainoten schlug in die Reihe der Stürmenden. Zwölf Tote oder schwer Verwundete deckten den Weg, ehe sie bis an die Spalte herankamen, der jetzt die verbindende Brücke fehlte. Die Untenstehenden versuchten zugleich, an der hier etwa vierfache Manneshöhe haltenden Felswand heraufzuklimmen, während ihre Gefährten vom Damm aus ein heftiges Feuer auf die kleine Schar der Verteidiger unterhielten. Aber Grivas hatte drei seiner besten Schützen eilig nach dem zweiten Stockwerk der Kula gesandt, und ihre Kugeln schlugen todbringend in das Gedränge der Türken auf dem Wege, die sich, das Nutzlose ihres Beginnens erkennend, zurückzogen. Über zwanzig Tote lagen bereits auf dem Kampfplatz, zahlreiche Verwundete schleppten sich zurück aus dem Gefecht. – Emir Abdallah kommandierte Artilleristen und Nizams an die Kanonen, und man versuchte, eine derselben durch Menschenhände auf dem Felsendamm vorwärts zu bringen. Mit vieler Mühe gelang es, bis auf 300 Schritt heranzukommen. Unterdes hatten die um den Emir versammelten Araber sich nach allen Seiten hin zerstreut. Der Führer der Mainoten hatte alle diese Anstalten der Feinde eifrig und nicht ohne Besorgnis beobachtet. Der ferne Geschützdonner benachrichtigte ihn, daß in der Ferne gleichfalls hart gegen seine Truppen gekämpft wurde, die des Führers durch seine eigene Unvorsichtigkeit beraubt waren. Mit einem Fernrohr, das er bei sich hatte, verfolgte er die Araber, die sich in die Berge zwischen die Bäume und Büsche verloren, – er konnte sehen, wie sie mit ihren Yatagans leichte Zweige und Äste abhieben und zu starken Bündeln zusammen banden. Im selben Augenblick stand die Absicht der Gegner vor seinen Augen – sie machten Faschinen, um die Schlucht, die sie vom Plateau trennte, zu füllen. Seine Augen flogen umher, um ein Gegenmittel zu suchen, und fanden es. Zwischen Wall und Turm lag ein großer Vorrat von trockenen Reisern, Röhricht und Binsen aus den Sümpfen, von Hirten hier für Notfälle aufgehäuft ... Dasselbe Mittel, das ihr Verderben bereitete, sollte die Gegner schlagen. Der kühne Palikare traf ohne Säumen seine Vorkehrungen ... Da trat zu ihm Mainot Comoduro und meldete, der Engel des Todes sei an das Lager seines Verwandten getreten, und diesen verlange es nach dem Sterbesegen. Die rauhen Krieger der Maina, deren Religion noch immer ein phantastisches Gemisch von altem Aberglauben und den Lehren der griechischen Kirche ist, wahrend sie seit Jahrhunderten bereits mutig für das Kreuz in den Tod gehen, – hängen fanatisch an ihren Priestern. Wenn der Tod sie fern von denselben ereilt, ist es der Capitano, der das Recht hat, Priester zu ersetzen. Diesen letzten Wunsch eines sterbenden Kriegers zögerte der wilde Palikarenführer nicht, zu erfüllen, so lange die Waffenruhe es erlaubte. Ein Halblicht, durch zwei enge, hochangebrachte Schießscharten hereinfallend, beleuchtete das ziemlich große Gemach, an dessen einer Wand halb aufgerichtet der Sterbende ruhte, während auf der andern Seite, auf dem Lager von Binsen und Laub, das gefesselte Türkenmädchen lag, mit dem Gesicht nach dem Krieger gekehrt, dem ihre Kugel den Tod gebracht. Ein Zug hohnlächelnden Frohlockens blitzte aus ihren dämonischen Äugen und um den festgeschlossenen Mund ... Der General betrat allein das Gemach und setzte sich auf einen Stein an die Seite des Verwundeten. Es war ein Kakawuniot, der wildeste und grausamste aller Mainotenstämme und ein Mann, der längst über das mittlere Lebensalter hinaus und mit Grivas schon in mehreren Schlachten des ersten Befreiungskrieges gefochten hatte. Die Natur von Eisen, die an vierzig Jahre lang den blutigsten Kämpfen getrotzt, unterlag jetzt der Kugel eines Mädchens ... Grivas reichte dem Getreuen die Hand. »Lebt wohl, Capitano,« sagte er; »mögen die Heiligen Euch beschützen und die Unterirdischen Euch helfen! Ich gehe zu dem Acheron, und die Panagia möge mir gnädig sein! Habt Ihr Zeit, so laßt ein Grab für mich bereiten, damit die Moslems, wenn der Teufel ihnen den Sieg gibt, nicht meinen grauen Kopf nehmen. Gebt mir den Segen, Capitano, denn mein Atem ist kurz, und ich habe noch von den Kindern der hohen Maina zu scheiden.« – Der General sprach ein kurzes Gebet und machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Dann fragte er, ob er das Türkenmädchen entfernen solle, damit ihr Anblick seine letzten Augenblicke nicht störe. Der Klephte aber machte das Zeichen der Verneinung, und noch einmal ihm die Hand reichend, schied Grivas von dem Krieger ... Draußen befahl er dem Neffen, am Eingang des Walles Wache zu halten; er selbst übernahm den Posten auf der Höhe des Turmes, die sechs Mainoten ihrem sterbenden Genossen sendend ... Die wilden Gestalten der Krieger knieten um den Gefährten, den Comoduro, sein leiblicher Vetter, unterstützte. Der sterbende Klephte sprach in leisen Worten zu ihnen: von dem Kampf, in den sie gehen, würden, und von der Tapferkeit, die er von ihnen erwartete; von den Seinen in der Heimat und von Blutfehden, die er seiner Familie zurückließ. Er gab ihnen Grüße an die Heimat und seine letzten Bestimmungen mit. Zuletzt sprach er von seinem Tode und von der Pflicht der Rache, die er ihnen hinterlasse. »Ich sterbe von der Hand eines Weibes, Fluch über ihr Geschlecht! Der Tod durch Weiberhand ist kein Tod im Kampf, und das Gesetz unserer Väter verlangt, daß er gerächt werde.« – »Der General ist kein Sohn der Maina,« sagte Konstantin, »er kennt nicht das Gesetz der Blutrache. Das Weib wird sterben von meiner Hand!« – Der Verwundete winkte abwehrend mit der seinen ... »Der Capitano hat befohlen, ihr Leben zu schonen; sie ist seine Gefangene – und wir sind freie Krieger, die ihm Gehorsam geschworen. Das Weib darf nicht sterben; es würde der Tod eines Tapferen sein!« – »Der deine muß dennoch gesühnt werden, Andunah Vati, oder dein Schatten wird die Unterirdischen verlassen und Fluch bringen über die Schwelle unserer Häuser.« – »Er soll es!« – Der Sterbende warf einen Blick wilden Hasses auf das Mädchen, das bisher gleichgültig dem schaurigen Auftritt beigewohnt. Er flüsterte, das Auge auf sie gerichtet, ein Wort. Die Klephten nickten stumm ... »Alle – alle! Fluch und Schmach über sie!« Sie neigten alle das Haupt. – »Ich danke euch, Brüder. – Das Auge wird dunkel – lebt wohl, Mainis, und vergeßt euren Schwur nicht! – Heilige Jungfrau, bitte für mich und vernichte die Moslems – –« Die sechs begannen einen Gesang zu murmeln – eintönig, mit jener plärrenden, unangenehmen Weise der Griechen, die sich einzig in zwei Tönen bewegt – den Sterbegesang eines Kriegers – halb Psalm, halb Hymnus ... Die Augen des Sterbenden ruhten mit glühendem Haß auf dem Türkenmädchen, starrer und immer starrer. Dann begannen seine Glieder sich zu strecken – ein unheimliches Gurgeln quoll die Kehle herauf, und ein Zucken erschütterte die Glieder ... Der Wolf des Taygetos hatte geendet! Die Wölfin von Skadar schauderte zusammen. Eine furchtbare, unbestimmte Ahnung überkam die wilde Amazone der Berge. Starr, wie das des Todes, haftete ihr Auge auf der Gruppe um denselben ... Fort und fort murmelten die Mainis den Sterbegesang ... Dann erhoben sie sich alle zusammen und schlugen das griechische Kreuz, während Konstantin Comoduro der Leiche die Lider über die großen, starren Augen drückte und sie lang auf das Blätterlager ausstreckte. Der Blutsfreund des Toten leitete die Leichenzeremonien – dazu gehörte die Rache! Er winkte nach der Gefangenen, die noch immer mit aufmerksamen Blicken jede seiner Bewegungen beobachtete, den Tod erwartend. Sie tat trotzig und furchtlos. Ihr Auge zeigte nur Verachtung und Haß ... Er nahm aus der Tasche seiner Jacke zwei Würfel und alle sechs kauerten sich im Kreise neben den Toten. Sie würfelten – Comoduro begann! Sollte das Spielerglück entscheiden, wer ihr den Todesstoß gab? Comoduro warf sechs! Hassan Stavro – acht! Georg Zanet – elf! Panagotti Zanetachi – vier! Georg Mauromichalis – fünf! Demetri-Bey – zwölf! Das Los fiel auf Demetri-Bey! Aber seltsam – was sollte das bedeuten? – er begann seine Waffen von sich zu legen, die der Klephte nie von seiner Seite läßt, außer – Die fünf zogen ihre Yatagans und nahten sich der Tür. Ein höhnisch frecher, faunenreicher, gehässiger Blick fiel auf das türkische Mädchen und den von den Würfeln Erwählten. Der Mainot Demetri-Bey, ein Mann von wildem Aussehen und riesigen Körperformen, von etwa dreißig Jahren und in der Fülle seiner Kraft, begann ein seidenes Tuch knebelartig zusammenzudrehen. Dann nickte er den Gefährten zu. Sie verließen schweigend die Halle – hinter ihnen fiel die Tür zu. Sie gingen, draußen am Wall mit ihren Yatagans ein Grab zu schaufeln. Der Maini – der Tote – und die Türkin waren allein! Die Blicke der beiden Lebenden begegneten sich ... die des Mainoten bohrten sich frech auf das blasse, aber dämonisch schöne Antlitz des Weibes und die Wellenformen ihrer gefesselten Gestalt – die Blicke des Weibes sprachen Haß, Verachtung, aber zugleich Entsetzen – die Augen des Toten sagten nichts – sie waren geschlossen für dieses Leben und geöffnet für das furchtbare Jenseits, wohin er seinen sündigen Haß mit hinüber genommen. Die Türkin sah den Mainoten auf sich zukommen, seine Linke hielt den Knebel! Schritt um Schritt – jetzt war er an ihrer Seite! Ihre Hände rangen sich wund, die ledernen Bande zu sprengen. Noch kam kein Laut von ihren Lippen. Dann – – – – Schluß des ersten Bandes.