Hans Theis Sagen aus der Eifel © 1966 - Hans Theis, Neuerburg Das Schwarze Bildchen Ida, ein schönes Burgfräulein von Neuerburg, wurde von manchem Ritter umworben. Sie schenkte ihre Hand und ihr Herz dem Ritter Kuno von Falkenstein. Der Ritter von Vianden, der ebenfalls das schöne Fräulein zur Frau begehrte, war darob sehr erzürnt. Als der Ritter von Falkenstein zur Hochzeit nach Neuerburg reiste, legte sich der Viandener auf der Berghöhe vor Neuerburg auf die Lauer. Es kam zu einem erbitterten Kampf. Die Übermacht des Viandeners war zu groß, und bald lagen die Begleiter des Bräutigams erschlagen am Boden. Ritter Kuno mußte fliehen, und da ihm der Weg nach Falkenstein verlegt war, ritt er, so schnell ihn das Roß zu tragen vermochte, gen Neuerburg. Schon hatte er die rettende Burg vor Augen, da brach das Pferd, völlig erschöpft, tot zusammen. Unfern aber hörte er das Rufen und Schreien der Verfolger. In seiner Not betete Ritter Kuno zur Gottesmutter um Hilfe. Sein Gebet wurde erhört. Plötzlich stand vor ihm eine lichte Gestalt und deutete wortlos auf eine alte Eiche. An deren Fuß befand sich ein dunkles Loch, welches in das Innere des hohlen Baumes führte. In diese Höhlung barg sich schnell Ritter Kuno. Schon stürmten die Verfolger heran. Sie fanden das tote Pferd, den Reiter aber suchten sie vergebens. Als die Viandener wütend abgezogen waren, verließ Ritter Kuno das Versteck, dankte Gott für seine Rettung und eilte der Burg zu. Nachdem er mit seiner jungen Frau auf Falkenstein Einzug gehalten hatte, ließ Ritter Kuno zum Dank für seine Errettung ein schön geschnitztes Muttergottesbild in der hohlen Eiche aufstellen. Dort steht es noch heute und ist von Alter und Kerzenrauch fast schwarz gefärbt. Und noch heute tragen die Menschen ihre Not und ihren Kummer zum Schwarzen Bildchen. Schon viele sind, wie einst Ritter Kuno, erhört worden. Die Hexe von Neuerburg Auf der Neuerburg hielt sich eines Tages ein Fräulein von Leuchteraberg auf. Sie war die Verlobte des Grafen von Manderscheid, des Herrn der Burg. Dieses Fräulein fand man nach einer stürmischen Winternacht tot in ihrem Bette auf. Der Medikus ward gerufen. Er behauptete, das Fräulein sei vergiftet worden, und dies könne nur eine Hexe getan haben. In der Stadt verhaftete man alsbald eine Frau namens Magdalena Pirken. Sie stand bei jung und alt in dem Geruche, eine Hexe zu sein. Zuerst leugnete sie jede Schuld. Als man sie aber auf die Folter spannte, legte sie ein Geständnis ab. Frau Pirken berichtete: »Meine begangenen Zaubertaten schweben mir nur traumhaft vor der Seele. Ich kann nicht sagen, ob ich nur im Geiste oder auch leiblich an den Zaubertaten beteiligt war. Vor etwa vier Jahren ging ich in den nahen Mühlenbusch. Es gesellte sich zu mir ein schwarzer, fremdartig gekleideter Mann. Er forderte mich auf, Gott ab- und ihm zuzuschwören. Er versprach mir dafür reiche Belohnung. Ich schwor Gott ab und versprach dem fremden Mann blinden Gehorsam. Jeden Donnerstag kam der Schwarze und führte mich auf einem ebenso dunklen Bocke zum Schornstein hinaus. Auf dem Dache des obersten Stadtpförtleins ruhten wir aus. Dann zogen wir weiter zum Hexentanzplatz im Mühlenbusch, wo wir herrlich und in Freuden lebten. Auf dem Hexentanzplatz haben wir auch beschlossen, das gräfliche Fräulein umzubringen. Auf dem Eligiusfriedhof an der Weiherstraße haben wir ein neugeborenes, noch ungetauftes Kind ausgegraben. Aus der Leiche haben wir den Gifttrank bereitet. Dann zogen wir zu nächtlicher Stunde in die Burg und brachten dem Fräulein den tödlichen Trunk bei.« Magdalena Pirken wurde vom Neuerburger Hochgericht zum Tode durch das Feuer verurteilt. Auf einer Anhöhe beim heutigen Görgenhof wurde sie verbrannt. Ein Flurname heißt dort heute noch »Am Hochgericht«. Die letzte Gunst Einst lebte in dem Dörfchen Scheuern ein Mann, der ein böses Weib hatte. Manches Jahr ertrug er ihr zänkisches Wesen und ihre schnellzüngige Art. Eines Tages jedoch riß ihm der Geduldfaden so vollständig, daß er ein Messer nahm und der Frau ein Stück der übelwollenden Zunge abschnitt. Nun kehrte der häusliche Frieden ein, und auch der Schaden schien schnell zu verheilen. Die ungewohnte häusliche Ruhe aber bedrückte unseren Mann alsbald so sehr, daß er sich nach wenigen Tagen dem Richter in Neuerburg stellte. Obgleich der Richter dem Manne einiges Verständnis entgegenbrachte, mußte er ihn doch zum Tode durch den Strang verurteilen. Denn, wer andern an Leib oder Leben schadete, war dem Henker verfallen. Der Mann hatte das Urteil erwartet und nahm es gelassen auf. Als der Tag der Hinrichtung kam, zogen hinter Richter, Henker und Übeltäter viele Schaulustige einher. Alle wunderten sich, daß der Mann auch auf seinem letzten Wege eine ruhige, fast heitere Miene zur Schau trug. In der Nähe des Görgenhofes heißt noch heute ein Flurname »Am Hochgericht«; hier stand der Galgen. Als der begleitende Priester ihm an der Richtstätte noch einmal Mut zusprach, antwortete der Mann mit einem verschmitzten Lächeln, er habe wenig Angst, denn das Fegfeuer habe er schon teilweise auf Erden bestanden. Die Ruhe verließ den Delinquenten auch nicht, als ihm der Henker auf dem Gerüst das Hanfseil um den Hals legte. Auch seine letzte Bitte rief einiges Kopfschütteln hervor. Noch einmal wolle er in aller Ruhe sein Pfeiflein rauchen, das ihm sein Eheweib so oft mißgönnt hatte. Der Richter nickte lächelnd Gewährung, und der Henker griff sogar in seine Wasche und reichte dem Verurteilten zuvorkommend eine tabakgefüllte Schweinsblase. Doch machte das Lächeln des Richters sehr schnell einer saueren Miene Platz, als er sehen mußte, wie der Mann eine Pfeife hervorzog, deren Kopf einem kleinen Butterfaß nicht viel an Größe nachstand. Und der Henker stellte zu seinem größten Mißvergnügen fest, daß sein Tabaksbeutel zusehends die einst pralle Form einbüßte. Gemächlich setzte der Verurteilte die Pfeife mit Hilfe von Stein und Zunder in Brand. Dann begann er, genüßlich blaue Wölkchen aus seiner Pfeife zu saugen. Dem Richter schoß die Zornröte ins Gesicht; auch der Henker fühlte sich in seiner Würde nicht minder schwer verletzt. Unter den Zuschauern aber stieg hie und da ein glucksendes Lachen auf, das schließlich den Richter vollständig vergrämte. Er gab dem Henker heimlich einen Wink, den dieser nur allzu gerne sah und auch sofort in die Tat umsetzte. Er versetzte dem ahnungslos schmauchenden Manne einen Tritt in die Verlängerung des Rückens, daß dieser vom Gerüst stürzte. Der Galgen knarrte unter dem Zug des Seiles, ein einziger Schrei stieg aus der Menge auf. Unmittelbar darauf aber war ein mächtiger Plumps zu hören. Der Strick war gerissen; der Verurteilte fand sich am Fuße des Gerüstes auf dem Rasen wieder. Zuerst einmal befreite sich 'der Mann von der unangenehmen Halskrause, die ihm die Luft abzuschnüren drohte. Dann glitten seine Augen suchend über den Rasen. Dort lag sie, seine geliebte Pfeife! Noch im Sitzen griff er danach und führte sie wieder zum Munde. In der erwartungsvollen Stille, die die Zuschauer ergriffen hatte, waren deutlich die energischen Züge des Mannes zu vernehmen. Die Tücken des erneuten umständlichen Feuerschlagens blieben ihm tatsächlich erspart. Bald umhüllte wieder ein blaues Wölkchen sein Gesicht, das sich sofort zu einem freundlichen Lächeln verzog. Ruhig, wenn auch noch etwas taumelnd erhob sich der Verurteilte. Für einen Augenblick nahm er die Pfeife aus dem Mund und sagte bedächtig, fast vorwurfsvoll: »Beij dem Spaaß wär mir d'Peijf bal ousgaangen!« Bleibt noch hinzuzufügen, daß das Reißen des Strickes als Gottesurteil betrachtet wurde. Der Mann konnte unbeschwert wieder nach Scheuern zurückkehren. Jener Ausspruch unter dem Galgen aber ist bis heute in der Westeifel als geflügeltes Wort erhalten geblieben. Man kann es immer wieder hören, wenn jemand einen jähen Schrecken erlitten hat. Die Marktfrau Auf dem Wochenmarkt in Neuerburg herrschte ein lebhaftes Gedränge. Zwischen den Ständen wogten die Käufermassen hin und her. Unter den Marktbesuchern befand sich auch Velten, der als arger Langfinger bekannt war. Die alte Marktfrau Käth kannte seinen Ruf und beobachtete mit Ausdauer den unerwünschten Marktbesucher. Hinter ihrem Gemüsestand folgten ihre Augen unablässig dem Velten, während die Finger emsig die Stricknadeln handhabten. Velten glaubte sich an einem Stand mit Bekleidung unbeobachtet, als er geschickt nach einer Mütze am Rande der Ausstellungsfläche griff und sie unter dem Kittel verbarg. »Velten!« dröhnte da die sonore Stimme der Marktfrau wissend und anklagend an das Ohr des Diebes. Der zuckte zusammen, schaute erschreckt um, konnte aber den Rufer nicht entdecken. Aber auch der Verkäufer an Stand war hellhörig geworden, entdeckte den Verlust und rief lauthals nach der Polizei. Da gab Velten Fersengeld und drängte sich rücksichtslos durch die Menge. Hinterher einige Leute, die bei der bestohlenen Bude gestanden hatten. Doch wäre Velten die Flucht durch das Knäuel der Menge und die winkeligen Sassen gelungen, hätte er nicht am Stand der Marktfrau vorbei laufen müssen. Käth hatte nicht nur das Herz auf dem rechten Fleck, sondern im richtigen Augenblick auch eine Schere zur Hand. Mit der schnitt sie dem Velten, der beim Vorüberdrängen ihren Stand in Gefahr brachte, unbemerkt den dünnen Strick entzwei, der in Ermangelung eines Gürtels die Hose hochhielt. Dem Velten wurde es plötzlich seltsam luftig um die Hinterfront, und ehe er sich die Sache recht erklären konnte, war die Hose schon zu einem Fallstrick auf den Füßen zusammengeschrumpft. Er stolperte und knallte recht unsanft auf das Pflaster. Während eine halb wütende, halb spottlustige Versammlung dem verdatterten Velten die Leviten las und ihn der Polizei übergab, hockte Käth wie immer hinter ihrem Stand und Strickte an einem langen Männerstrumpf. Eulenspiegel auf dem Neuerburger Markt Die Bauern von Dahnen besaßen viele Pferde und Esel. Aber niemand wollte ihnen die Tiere auf dem Markt abkaufen, denn sie waren allzu knochig und mager. Eines Tages gingen sie mit Kummer zu Till Eulenspiegel. Der Schalk versprach, ihnen zu helfen. Sie sollten nur mit ihren Kleppern und Grautieren zum nächsten Neuerburger Markt fahren. In der Frühe des Markttages zogen die Diekircher und Viandener Händler zuerst mit ihren wohlgenährten, schmucken Pferden und Eseln zum Stadttor herein. Ganz Neuerburg war auf den Beinen, um diese Prachttiere zu sehen. Endlich kamen auch die Dahnener mit ihrem Vieh angefahren. Als man die mageren Tiere erblickte, überschüttete man deren Eigentümer mit Spott und Gelächter. Die Zuschauer drängten sich um die Bauern von Dahnen und ihre Tiere. Auch die Händler aus Diekirch und Vianden kamen herbeigeeilt, um sich über die Bauern von Dahnen lustig zu machen. Währenddessen hatte sich Eulenspiegel unbemerkt in die Küche eines Hauses eingeschlichen, wo eben dicke, ungeschälte Kartoffeln im heißen Wasser dampften. Rasch warf Eulenspiegel die heißen Kartoffeln in einen Sack, den er unter dem Mantel trug, und kehrte auf den Markt zurück. Kein Mensch wachte bei den Tieren aus Diekirch und Vianden. So konnte Eulenspiegel unbemerkt heranschleichen und jedem Tier eine brühheiße Kartoffel unter den Schwanz legen. Dann mischte er sich mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt unter die Zuschauer bei dem mageren Vieh. Inzwischen war bei den anderen Tieren etwas sehr Schlimmes geschehen. Denn als die armen Tiere den Brand fühlten, zogen sie den Schwanz und damit die heiße Kartoffel noch fester an sich heran. Und da sie sich nicht anders helfen konnten, rissen sie sich von den Riemen und Stricken los und rannten wie besessen und rasend davon. Jetzt erst merkten die Leute aus Diekirch und Vianden das Unglück und liefen schimpfend hinter ihrem flüchtenden Vieh her. Allein, die von Schmerz gequälten und ganz wild gewordenen Tiere liefen schnurstracks ihrem heimatlichen Stall zu. Auf dem Markte aber blieben nur mehr die dürren Esel und Gäule der Bauern aus Dahnen. Die fremden Händler, die sehr weit hergekommen waren, mußten nun dieses magere Vieh zu einem ziemlich hohen Preis kaufen, wenn sie nicht vergebens gekommen sein wollten. Vergnügt zogen die armen Bauern aus Dahnen nach Hause und zahlten Eulenspiegel einen hohen Lohn für seine Dienste.