Sven Elvestad Die geheimnisvollen Zimmer   Originaltitel: Gjennem de tre Værelser 1907 Berechtigte Übersetzung aus dem Norwegischen. [1919]   EDEN-VERLAG / BERLIN W 62 [ca. 1933] * Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de * I Die Erzählung des Arztes. An einem Winterabend vor etwa drei Jahren saß Asbjörn Krag in seinem Arbeitszimmer am Kamin und blätterte in einem dicken Dokumentenstoß, den er soeben von einem seiner Klienten erhalten hatte. Die Lampe warf ein scharfes Licht auf die Akten. Es waren die verschiedensten Papiere, ein paar vergilbte Briefe, etliche Rechnungen, viele Telegramme. Plötzlich horchte der Detektiv auf: die Korridorglocke hatte geläutet. Krag legte die Akten beiseite. Er vernahm von draußen eine Männerstimme. Sicher ein Klient. Rasch stand er auf. Dann drehte er an einem Knopf, und unmittelbar darauf leuchtete die Deckenbeleuchtung auf. – Ein Lichtstrahl ergoß sich besonders hell zur Tür hin. In demselben Augenblick klopfte es, auf sein »Herein« wurde die Tür von außen geöffnet, und ein Herr trat ein. Es war ein Mann mittleren Alters, ein wenig korpulent, mit kupferrotem Gesicht und einer goldenen Brille. Geblendet von dem grellen Licht, blieb er unschlüssig auf der Schwelle stehen. Asbjörn Krag stand außerhalb des Lichtkreises, so daß der Fremde ihn zunächst nicht sah. Nun trat er lächelnd hervor, faßte die Hand des Eintretenden und drückte sie warm. »Schließe die Tür, alter Freund, du bringst ja den ganzen Winter mit dir herein.« Rasch schloß der andere die Tür. »Ich sah dich nicht gleich, lieber Krag«, sagte er. »Du benutzt aber auch einen verfluchten Scheinwerfer.« Krag lachte wieder. »Ich pflege die Gesichter meiner Klienten gern – selbst ungesehen – zu studieren, wenn sie sich das erste Mal an mich wenden«, sagte er. »Seitdem ich eines Winterabends vor fünf Jahren von einem Manne mit falschem Bart überrascht wurde, ohne es sofort zu bemerken, habe ich für eine Vorrichtung Sorge getragen, die mir meine Gäste stets zunächst in vollem Licht vorführt. Aber nun nimm Platz, damit wir gemütlich miteinander plaudern können. Es ist nett von dir, daß du mich mal in meiner Einsamkeit aufsuchst. Wir haben uns lange nicht gesehen.« Damit drückte er den Fremden in einen Sessel und setzte sich ihm gegenüber. Das Aktenbündel, mit dem er sich soeben beschäftigt hatte, warf er gleichgültig auf einen Nebentisch. »Langweiliger Kram«, murmelte er, »abscheulich sind diese ewigen Geschäftsschwindeleien, mit denen ich mich in dieser öden Zeit leider immer wieder befassen muß. Nun lassen wir sie mal eine Weile ruhen. Darf ich dir eine Zigarre anbieten? Die beste Havanna, die hier in der Stadt aufzutreiben ist.« Der Gast zündete sich eine Zigarre an. »Du erkanntest mich also sofort?« fragte er. »Das hatte ich gar nicht erwartet.« »Ich sollte meinen alten Studienkamerad Karl Rasch nicht erkennen?« meinte Krag. »Wir haben uns allerdings etliche Jahre nicht gesehen, aber wie du weißt, sind meine Polizistenaugen immer in Übung. Und du bist Arzt geworden?« »Ja. Ich habe mich als Arzt in Smaalenene niedergelassen.« Doktor Rasch warf einen Blick auf das Aktenbündel und fragte unsicher, aber interessiert: »Nimmt dich diese Sache hier sehr in Anspruch? Störe ich dich auch nicht?« »Eine langweilige Geschichte. Kümmere dich nicht darum. Ich habe reichlich Zeit für dich.« »Kannst du sie vielleicht ein paar Tage liegen lassen?« Asbjörn Krag wurde aufmerksam. Er stand auf. »Du brauchst also meine Hilfe?« »Ja«, antwortete der Arzt. »Aufrichtig gestanden komme ich, um deine Hilfe zu erbitten. Es gilt weniger mich selbst als einen meiner Patienten, einen alten Herrn, der im Begriff steht, sich zu verheiraten.« »Eine traurige Krankheit«, murmelte Krag in spöttischem Ton. »Die Sache ist ernst«, wandte der Arzt ein. »Sie hat mir bereits viele schlaflose Nächte bereitet, aber so sehr ich mir auch den Kopf darüber zerbrach, gelang es mir nicht, eine Lösung dafür zu finden.« »Was sagt die Polizei dazu?« »Die Polizei darf nicht hineingemischt werden.« »Aha!« Krags Interesse war erwacht. »Selbstverständlich übernehme ich die Sache mit Vergnügen«, sagte er. »Aber nun erzähle mir rasch alles, was du weißt, von Anfang bis zu Ende. Ich liebe keine Andeutungen.« Der Arzt sah auf seine Uhr. »Du mußt mit mir kommen«, sagte er. »In einer Stunde zwanzig Minuten geht der südwärts fahrende Zug ab. Wir haben also noch Zeit, um uns auszusprechen.« Der Detektiv fragte: »Für wie lange soll ich mich vorbereiten?« »Das weiß ich noch nicht genau, für drei, vier Tage, denke ich.« Asbjörn Krag schellte nach seinem Diener und gab ihm die folgenden Anweisungen: »Handtasche Nummer zwei. Zum Zuge zehn Uhr fünfundvierzig, Ostbahnhof.« Als der Diener gehen wollte, hielt Krag ihn zurück. Ein Gedanke fuhr ihm durch den Sinn. Zu dem Arzt gewandt, fragte er: »Gefährlich?« Der Arzt schien unsicher und antwortete nicht. »Gut«, sagte Krag. »Packen Sie den kleinen schwarzen Kasten mit ein, Jens.« Der Diener verließ das Zimmer. Darauf setzte sich Krag in einen Sessel dicht an den Kamin. »Nun bin ich ganz Ohr«, sagte er. Der Arzt begann: »Du kennst doch das Gut Kvamberg? Du nickst. Nun ja, wer kennt es nicht, es ist ja einer der größten und bekanntesten Herrensitze des Landes. Während der letzten fünfzehn Jahre hat es dreimal den Besitzer gewechselt. Vor etwa fünf Jahren kam ein reicher Schwedisch-Amerikaner aus Kanada in unsere Gegend. Der Besitzer von Kvamberg war gerade gestorben – durch einen Unglücksfall, er war aus einem Turmfenster gestürzt. Seine Verwandten verkauften das Gut an jenen Schwedisch-Amerikaner namens Aakerholm. Dieser nahm kleine Umhauten auf dem Gutshof vor und richtete das Zimmer nach seinem etwas merkwürdigen Geschmack ein. Anfangs lebte er auf großem Fuße, gab viele Festlichkeiten und hatte zahlreiche Freunde. Der originelle alte Herr, der norwegisch, schwedisch und englisch so drollig radebrechte und in so vielen Dingen lebhaft an einen pensionierten alten General erinnerte, war sehr beliebt, und man versammelte sich gern in seinem gastfreien Hause. Aber allmählich bekam er die ganze Gesellschaft satt und zog sich immer mehr von ihr zurück. Seit zwei Jahren gab er nun kein einziges Fest mehr auf Kvamberg. Nur ein paar gute Freunde erhielt er sich, schloß sich desto enger an sie an, pflegte abends mit ihnen Karten zu spielen, im Klub der nahen Stadt mit ihnen zu trinken und ihnen amüsante Geschichten zu erzählen. Geschichten erzählen, das kann er nämlich, der Alte – er hat ja aber auch in den Prärien und den Goldgrubengebieten ein wildes Leben geführt, ein Leben, das seinesgleichen sucht an Abenteuerlichkeit und Unwahrscheinlichkeit. Als sein Arzt ging ich häufig bei ihm ein und aus. Er fürchtet nichts in der Welt und hat dem Tode hundertmal ins Auge geschaut. Doch ist er zuweilen, wie so viele mutige Männer, ein wenig hypochondrisch, und so wurde ich oft und zu allen Tages- und Nachtzeiten zu ihm gerufen. Häufig kam es vor, daß ich über Nacht auf dem Gutshof blieb und dann in einem Zimmer schlief, das so weit wie möglich von dem Schlafzimmer des alten Herrn selbst entfernt lag. Anfangs achtete ich gar nicht darauf, dann aber erfuhr ich durch die Dienstboten, daß Aakerholm stets allein schlafe und den strengen Befehl erteilt habe, daß niemals jemand die Zimmer neben seinem Schlafzimmer betreten dürfe. Das fand ich natürlich sehr merkwürdig. Erst war ich geneigt, es für eine seiner Absonderlichkeiten zu halten.« »Um sein Schlafzimmer zu erreichen, muß man durch zwei andere Zimmer und durch drei Türen gehen. Am Tage darf man sich in diesen beiden Zimmern aufhalten. Sobald aber die Uhr zwölf schlägt und Aakerholm sich zu Bett gelegt hat, darf niemand sie betreten. Er verschließt sie sorgsam, und nur er besitzt die Schlüssel dazu.« Asbjörn Krag unterbrach ihn: »Du sagtest ›die Zimmer‹, es sind also mehrere Zimmer, die nicht betreten werden dürfen?« fragte er. »In welchem Stock liegen die Zimmer?« »Im ersten Stock. Um zu verhindern, daß jemand durch die Fenster zu ihm eindringt, hat er ein Stacheldrahtnetz anbringen lassen, das diese Möglichkeit völlig ausschließt.« »Und es gibt keinen anderen Zugang zu seinem Schlafzimmer, als durch diese beiden Zimmer und drei Türen?« »Nein, mit seinem Schlafzimmer schließt der Seitenflügel ab.« »Vielleicht verbirgt er seine Kostbarkeiten in diesem Zimmer. Ist er sehr reich?« »Ja, er ist sehr reich. Doch hat er sein ganzes Geld in den norwegisch und schwedischen Banken liegen.« Krag saß am Kamin und rauchte seine Zigarre. Er sah nachdenklich aus. »Nun aber beginnt eigentlich erst das Merkwürdige an der Geschichte«, fuhr der Arzt fort. »Und dieses Merkwürdige beginnt sicher mit Aakerholms Heiratsplänen«, warf Asbjörn Krag ein. »Ganz recht. Ich möchte vorläufig nichts über die Dame sagen. Du wirst sie ja selbst sehen, wenn du hinkommst. Sie ist aus einer Familie mittleren Standes, nicht mehr ganz jung, doch eine immer noch sehr schöne Witwe. Man nennt sie die ›Modedame‹ wegen der kostbaren modischen Toiletten, die sie zu tragen pflegt. Zu Lebzeiten ihres seligen Mannes, des Holzwarenhändlers Hjelm, machte sie mit ihm gemeinsam viele Auslandsreisen. Und sie führte nach kleinstädtischen Begriffen im allgemeinen ein sehr luxuriöses Leben. Nach Hjelms Tod erwies sich jedoch bei Auflösung des Geschäfts, daß für die Witwe nicht viel übrig geblieben war. In Anbetracht ihrer extravaganten Gewohnheiten ging es ihr daher seitdem sehr traurig, und es ist natürlich nicht zu verwundern, daß sie gern in dem ruhigen Hafen des Wohlstandes landen möchte, den der alte Aakerholm ihr zu bieten vermag.« Asbjörn Krag nickte. »Also eine Vernunftheirat.« »Allerdings. Aakerholm ist ja auch vernünftig genug, um zu begreifen, daß von ihrer Seite die Liebe absolut nicht mitspielt. Vor etwa drei Wochen erzählte er mir, daß die Hochzeit bereits bestimmt sei und in zwei Monaten, also um Weihnachten, stattfinden solle. Wenige Tage darauf wurde ich am späten Nachmittag durch einen Eilboten nach Kvamberg gerufen. Der alte Gutsherr war plötzlich krank geworden, und dieses Mal war er tatsächlich krank.« Der Arzt zündete sich eine neue Zigarre an und fuhr fort: »Ich versichere dir, mein lieber Krag, daß ich noch nie in meiner ganzen Tätigkeit einen Menschen sich so jäh und entsetzlich verändern sah. Der flotte alte Herr mit dem ruhigen, kühnen Blick und dem kraftvollen Auftreten war ein zitternder, schwacher Greis geworden. Als ich kam, lag er in einem seiner Salons auf dem Sofa. Haar und Bart waren plötzlich fast weiß geworden, unsicher und furchtsam blickten seine Augen, und sein Gesicht schien ausgemergelt vor Angst. Ich untersuchte ihn sofort, seine Herztätigkeit bewies, daß er sich in einer starken nervösen Erregung befand. Er mußte unbedingt etwas erlebt haben, was ihn in eine so ungeheure Aufregung versetzt hatte, daß sein Leben dadurch gefährdet war. Ich gab ihm eine beruhigende Medizin, und nach Verlauf einer Stunde hatte er sich ein wenig erholt. Ich fragte ihn nun, was geschehen sei, aber er antwortete eifrig und abwehrend: ›Nichts.‹ Ich ordnete an, daß er sich sofort zu Bett legen solle. Langsam und schwankend stolperte er durch die beiden Zimmer und drei Türen nach seinem Schlafzimmer. Ich wollte ihm ausnahmsweise dahin folgen, aber schon auf der Schwelle zu dem ersten Zimmer wandte er sich um und verschlang mich förmlich mit den Blicken. Rasch zog ich mich zurück, um ihn nicht zu reizen. So vergingen einige Tage, und der alte Herr wurde allmählich ruhiger. Aber etwas Nachdenkliches und Grübelndes war über ihn gekommen. Er war still und scheu geworden. Ich besuchte ihn oft, und er freute sich, wenn ich lange bei ihm blieb.« »Gestatte mir eine Frage«, warf der Detektiv ein. »Hatte er nun seine Heiratspläne aufgegeben?« »Nein, er beschäftigte sich im Gegenteil immer eifriger mit dem Gedanken, daß die Hochzeit möglichst bald stattfinden solle.« »Schön. Weiter.« »Aber als ich eines Nachmittags – es ist wohl jetzt acht Tage her – bei ihm saß und mit ihm plauderte, ereignete sich etwas ganz Merkwürdiges. Ich saß in einem Sessel, einen guten Likör vor mir, Aakerholm ging im Zimmer auf und ab und schmauchte sein Pfeifchen. Plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit durch etwas gefesselt; er blieb jäh stehen und starrte stumm, unbeweglich und entsetzt in den mächtigen Spiegel des Zimmers. Ehe ich es noch verhindern konnte, hatte er eine große Obstschale ergriffen und sie in die Spiegelscheibe geschleudert; die ganze grüne Tiefe lag in Scherben und Stücken. Ich stand erschrocken auf und rief: ›Aber um Gottes willen, was tun Sie da‹!« Er hielt mich an, legte seine zitternden Hände auf meine Schultern und antwortete: »Nichts, nichts … Lassen Sie mich in Frieden, gehen Sie, Doktor, ich will allein sein!« Und ich ging. Krag nickte nachdenklich. »Hattest du in den Spiegel hineingesehen?« fragte er den Arzt. »Nein«, antwortete dieser. »Ich saß nicht so, daß ich hineinsehen konnte. Es war ein großer altmodischer Spiegel von bedeutendem Wert.« »Glaubst du, daß die Scherben aufbewahrt wurden?« »Das glaube ich. Sie werden wohl irgendwo liegen.« »Nun, und hast du den alten Herrn nach dieser Szene wieder gesprochen?« »Ja, wiederholt. Aber er wich mir stets aus, wenn ich das Gespräch auf die Angelegenheit mit dem Spiegel lenken wollte. Gestern wurde ich jedoch wieder nach Kvamberg gerufen, wieder durch einen Eilboten, und ich fand Aakerholm womöglich in einem noch schlimmeren Zustand als das vorige Mal. Zu Tode erschrocken und fast geistesabwesend war er von einem Spaziergang im Gutspark zurückgekommen. Während ich ihn untersuchte, hörte ich ihn wiederholt flüstern: ›Ist es der Teufel selbst oder ein Mensch?‹ Bei meinem heutigen Besuch nun lag der alte Herr nicht mehr zu Bett, und es ging ihm im allgemeinen etwas besser. Aber er war noch immer sehr niedergedrückt. Ich fragte ihn, was ihm auf dem Spaziergang passiert sei, erhielt aber wieder die gewohnte abweisende Antwort: ›Nichts, nichts …!‹ Da beschloß ich zu dir zu fahren, Asbjörn Krag, und dich um dein Eingreifen zu bitten. War es eine Dummheit von mir?« Krag sah auf seine Uhr und stand auf. »Nein«, sagte er, »es war recht von dir, und ich bin dir dankbar dafür, daß du kamst.« »Doch Aakerholm weiß nichts davon.« »Das kann ich mir denken.« »Ich sagte, daß ich einen mir befreundeten Spezialisten für Nervenkrankheiten zuziehen wolle; als solcher kannst du dich ja ausgeben.« »Ja, darüber sprechen wir noch. Aber nun müssen wir fort. Der Zug geht in einigen Minuten.« Der Arzt fragte unsicher: »Glaubst du, daß eine ernste Gefahr vorliegt? Ein Verbrechen vielleicht …?« »Ohne Zweifel.« Krag öffnete die Tür und rief dem Diener zu: »Sie haben doch vor allem den schwarzen kleinen Kasten eingepackt?« An den Arzt gewandt, fuhr er fort: »Eins hast du mir zu sagen vergessen: Lebt der alte Herr ganz allein? Hat er gar keine Angehörigen?« »Doch. Sein Pflegesohn wohnt bei ihm.« »So, so, er hat also einen Pflegesohn! Dachte ich mir's doch, daß er nicht allein sei. Von diesem Pflegesohn möchte ich gern Näheres hören. Doch gehen wir nun. Unterwegs kannst du mir von ihm erzählen.« Im nächsten Augenblick fuhren die beiden Herren durch die Straßen Kristianias nach dem Ostbahnhof hinunter. Es war ein kalter Winterabend mit heftigem Schneetreiben. II Der Mann im Dunkeln. Asbjörn Krag und der Arzt hatten in dem südwärts fahrenden Schnellzuge ein Abteil für sich bekommen. Sie machten es sich in dem dämmerigen Raum bequem und zündeten sich eine Zigarre an. Die Fenstervorhänge wurden zusammengezogen, die Schiebetüren geschlossen. »Es freut mich«, sagte der Arzt, »daß du gleich mit mir kommst. Das ist wirklich sehr gütig von dir. Deine Zeit ist doch gewiß außerordentlich in Anspruch genommen?« »Allerdings«, antwortete Krag. »Aber wenn ich von einer Sache höre, die mich in besonders hohem Grade interessiert, so lasse ich alles andere, was mich gerade beschäftigt, ohne weiteres liegen. Und diese Angelegenheit interessiert mich sehr. Also Aakerholm hat einen Pflegesohn …« »Ja. Ein junger Mann von jetzt etwa dreißig Jahren.« »Weißt du etwas von ihm?« »Nicht viel. Er ist Schiffsmakler in der benachbarten Stadt. Aber ich glaube nicht, daß er besonders begabt ist, in keiner Beziehung.« »Nationalität?« »Schwedisch-Amerikaner, wie sein Pflegevater. Er wurde von diesem im Alter von siebzehn Jahren adoptiert.« »Weißt du weshalb?« »Sicher aus keinem anderen Grunde, als dem, daß er der Sohn eines seiner alten Freunde war, der in Amerika starb. Aakerholm ist nämlich trotz seiner äußeren Schroffheit ein herzensguter Mensch.« »Was sagt der Pflegesohn zu diesen merkwürdigen Ereignissen?« »Er begreift sie nicht, wie er behauptet.« »Es ist selbstverständlich«, fuhr Krag fort, »daß der alte Aakerholm etwas unerhört Erschütterndes erlebt haben muß.« »Ja, er ist jedenfalls in wenigen Wochen ein gebrechlicher alter Mann geworden«, murmelte der Arzt. »Auch ich fürchte, daß eine Gefahr vorliegt. Vielleicht steht sein Leben jeden Augenblick auf dem Spiel.« »Der Gedanke liegt nahe«, sagte der Detektiv, »daß irgend jemand ein Interesse an dem Tode des alten Herrn hat. Wer kann das sein? Der Pflegesohn?« Der Arzt sah Krag an. »Darüber habe ich auch bereits nachgedacht«, sagte er dann, »schlug es mir aber wieder aus dem Sinn. Ich weiß nicht, was Aakerholm erlebt hat, aber was es auch sein mag, so geschah es jedenfalls auf Kvamberg oder in der unmittelbaren Nähe des Gutshofs. Und beide Male war der Pflegesohn nicht anwesend. Das erste Mal unterrichtete ich ihn selbst telephonisch von dem Vorkommnis. Er befand sich in seinem Kontor in der Stadt, und als er nach Hause kam, war er offenbar sehr überrascht. Das sah ich ihm an.« »Unter allen Umständen müssen wir ihn im Auge behalten«, meinte Krag. »Ist hier ein Verbrechen in Vorbereitung, was zu glauben ich stark geneigt bin, so ist der Pflegesohn der einzige, der von Aakerholms Tod einen wirklichen Vorteil haben kann. Er ist es doch jedenfalls, der den alten Herrn beerben soll. Und da kommen ihm natürlich die Heiratspläne seines Pflegevaters sehr ungelegen.« »Aber Aakerholm hat ihm erklärt, daß seine ökonomische Zukunft trotz der Heirat gesichert sei. Der alte Herr ist ja so reich.« Als Asbjörn Krag und der Arzt in der kleinen Provinzstadt ausstiegen, wurden sie von Aakerholms Schlitten erwartet. Sie hüllten sich sorgsam in die Wolfsfelldecke ein, und dann ging es in fliegender Eile auf den glatten Kufen über die weißen Wege durch die mondhelle Winternacht. Die Kälte biß ihnen schneidend ins Gesicht. Nach einer halbstündigen Fahrt sahen sie das Gutshaus. Es lag in einem herrlichen Park. Krag stellte sich vor, daß es im Sommer völlig begraben sein mußte hinter einer Mauer von Baumkronen. Der Schlitten bog ab und schwenkte in die große Allee ein. In demselben Augenblick erhob sich der Arzt mit einem erstaunten Ausruf und bat den Kutscher, zu halten. »Sehen Sie doch«, sagte er und wies in den Park hinein. Tief drinnen flammten ein paar Fackeln auf. und in dem roten Licht tauchten Schatten von menschlichen Gestalten empor und verschwanden wieder. Der Arzt beugte sich zu dem Kutscher vor und fragte: »Was bedeutet das?« »Der Patron läßt den Gartenpavillon niederreißen«, antwortete er. Der Detektiv sah den Kutscher an und bemerkte, daß er lächelte. Er verstand dieses Lächeln. »Gehen wir hin«, sagte er zu dem Arzt. Sie stiegen beide aus und stapften, so rasch sie konnten, durch den tiefen Schnee dem Lichtschein nach. Plötzlich blieben sie wie auf ein gegebenes Zeichen stehen. Im Dunkeln unter den Bäumen des Parks verborgen, beobachteten sie ein merkwürdiges Schauspiel. Fünf bis sechs Mann waren damit beschäftigt, im Licht mehrerer rings im Kreise in den Schnee gesteckter Teerfackeln den alten Pavillon niederzureißen. Das Dach und einige Wände waren bereits abgetragen. Unter aufmunternden Kufen brachen die Männer das morsche Holz ab und stapelten dann die Bretter auf. Ein weißbärtiger Herr im Pelz ging aufgeregt hin und her und überwachte die. Arbeit. Er erteilte allerlei Befehle und trieb die Leute an, wie man eine Koppel Hunde hetzt. Die Männer lachten bei der Arbeit; sie schienen Vergnügen an dem ungewohnten Spiel zu finden. Ihr Lachen erinnerte Asbjörn Krag an das des Kutschers. Sie halten ihn sicher alle für verrückt, dachte er. Der Arzt zeigte auf den alten Herrn im Pelz und flüsterte: »Der dort – das ist Aakerholm.« »Ich dachte mir's«, antwortete Krag. Der alte Herr drängte sich zwischen die Leute und rief: »Brecht den Boden auf – rasch, rasch, den Boden …« In diesem Augenblick entdeckte Krag noch eine männliche Gestalt, die er bisher nicht bemerkt hatte. Der Detektiv zog sich rasch hinter einen Baum zurück, damit er ihn unbemerkt beobachten konnte. Er sagte sich sofort, daß es der Pflegesohn sein müsse. Er trug einen Jagdanzug und hohe Lederstiefel. Ruhig stand er da und betrachtete den Hergang, wie man irgendeiner gleichgültigen Sache zuschaut. Er sog an einer Zigarre, und sein Gesicht trug das Gepräge vollkommener Interesselosigkeit. All das bemerkte Krag von seinem Versteck aus. Plötzlich geschah jedoch etwas, was ihn zusammenzucken ließ. Der Pflegesohn entdeckte den Arzt, dessen ganze Aufmerksamkeit so vollkommen auf den alten Aakerholm gerichtet war, daß er für nichts anderes Augen hatte. Asbjörn Krag sah, daß sich das Gesicht des jungen Mannes jäh veränderte, daß er dem Arzt prüfende, gehässige Blicke zuwarf. Das erste Anzeichen … Krag verließ sein Versteck. Nun kam der Pflegesohn auf den Arzt zu, er hatte seine Zigarre fortgeworfen und streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. »Willkommen«, sagte er, »wie ich höre, sind Sie in der Stadt gewesen, lieber Doktor. Dieser Herr ist also wohl der Spezialist, nehme ich an?« »Doktor Krag, Herr Bengt Aakerholm«, stellte der Arzt vor. »Was, um des Himmels willen, geht denn hier vor?« fragte er dann. »Es ist auf Vater geschossen worden«, antwortete der Pflegesohn. »Auf ihn geschossen worden!?« »Ja, wenigstens behauptet er es.« Nun trat der alte Herr selbst heran. »Es war ein Glückszufall, daß es ihm nicht gelungen ist«, rief er verstört. »Ich sah ihn ganz deutlich, er kam aus dem Pavillon, und als ich ihn fassen wollte, schoß er mit einem Revolver auf mich.« »Warum wollten Sie ihn denn fassen?« fragte Krag, den Doktor Rasch dem alten Herrn als seinen Freund und Kollegen vorgestellt hatte. Aakerholm warf Krag einen kurzen Blick zu und antwortete: »Ich sah sofort, daß er es auf mein Leben abgesehen hatte. Ich war schon öfter im Leben Mördern ausgesetzt, mein lieber Herr.« Krag nickte. »So, so. Aber er traf doch nicht.« »Als er geschossen hatte, lief er in den Pavillon zurück.« »Und Sie?« »Ich eilte ins Haus, um Hilfe herbeizuholen. Der erste, auf den ich stieß, war mein Sohn. Er stürzte sofort in den Pavillon hinunter.« »So. Aber da war wohl der Vogel bereits aus dem Nest geflogen?« fragte Krag. »Nein«, antwortete Aakerholm scharf, »denn im Schnee fand ich keine Spur, die aus dem Pavillon führte.« »Aber im Pavillon befindet sich ja kein Mörder, Vater«, wandte Bengt ein. »Ich glaube, du wirst dich geirrt haben.« »Ich habe mich nicht geirrt«, sagte der alte Herr. Er wandte sich um und ging plötzlich grübelnd zu dem Hause hinauf. Der Arzt begleitete ihn. So kam es, daß der Detektiv und Bengt nebeneinander gingen. »Was halten Sie von der Sache?« fragte Krag. Bengt antwortete ausweichend: »Armer Vater!« »Sie glauben, daß alles Einbildung sei?« »Ja. Halten Sie das nicht auch für wahrscheinlich?« »Nein, absolut nicht. Ich glaube vielmehr, daß hier merkwürdige Dinge vorgehen.« Bengt blieb erstaunt stehen. »Sie haben ja recht schnell Ihren Standpunkt gefaßt.« »Ich bin über die ganze Sache bereits unterrichtet.« »Aber ich werde doch wohl meinen Pflegevater besser kennen als Sie, der Sie ihn kaum gesehen haben. Und ich bin fest davon überzeugt, daß alles nur Einbildung ist. Ebenso wie das erste Mal, da er auch behauptete, es habe jemand ihn angreifen wollen.« »War der alte Herr heute abend sehr erregt, als er in das Haus zurückgeeilt kam und berichtete, man habe auf ihn geschossen?« »Furchtbar erregt.« »Aber dann finde ich Ihr Verhalten seltsam. Sie hätten doch wohl Ihren alter Vater vor allem beruhigen müssen, anstatt Hals über Kopf in den Pavillon hinunterzulaufen.« Bengt sah ihn überrascht an. »Ich weiß selbst, was ich zu tun habe«, sagte er kalt. »Das glaube ich schon, Sie kamen natürlich als erster nach dem Pavillon?« »Ja. Aber ich fand keine Menschenseele darin.« »Und Sie bemerkten auch sofort, daß sich im Schnee keine Fußspur fand?« »Ja.« »Sie waren es wohl auch, der die Aufmerksamkeit des alten Herrn auf diese Tatsache lenkte?« »Allerdings.« Da blieb Krag stehen und legte die Hand bedeutungsvoll auf des anderen Schulter. Indem er die Worte stark betonte, sagte er dennoch vertraulich: »Gestehen Sie es doch lieber gleich, junger Herr, es fanden sich Spuren, die aus dem Pavillon führten.« Bengt zog sich verblüfft einen Schritt zurück und zischte einen Fluch. »Was für Spuren meinen Sie?« Ganz ruhig antwortete Krag: »Ihre, mein Herr, ja, Ihre Spuren.« »Was, zum Teufel? Meine Spuren?« Krag antwortete nicht gleich. Er richtete einen langen, prüfenden Blick auf Bengt. Es war ganz offensichtlich, daß dieser eine heftige innere Erregung unterdrückte. Da begann Krag ganz plötzlich herzlich und befreiend zu lachen. »Natürlich«, sagte er, »mußten Ihre Fußspuren aus dem Pavillon führen. Sie waren ja zuvor drinnen gewesen. Wie hätten Sie sonst versichern können, daß sich keine Menschenseele im Pavillon befunden habe?« Nun lachte auch Bengt, wenn auch noch ein wenig gezwungen. Und die beiden Herren betraten lachend das Haus, als kämen sie von einem lustigen Abenteuer. Als sie alle vier einige Minuten später in dem Wohnzimmer des alten Herrn Aakerholm versammelt waren, stellte der Detektiv im Laufe der Unterhaltung fest, was er bereits während der ganzen Zeit im Gefühl gehabt hatte: daß Bengt, der Pflegesohn, einen recht unsympathischen Eindruck machte. Beim Sprechen wandte er in gezwungener, gemachter Art viele unnötige Fremdworte an. Er war von kräftigem Körperbau und trug den Kopf voller Locken. Der alte Herr dagegen gefiel Krag außerordentlich, und er hegte sofort ein warmes Mitgefühl für ihn. Er sah vergrämt und verstört aus, war aber barsch und verschlossen. »Lieber Vater«, sagte Bengt, »ich glaube, es ist am besten, wenn wir uns jetzt ruhig zu Bett begeben. Ich tue es jedenfalls. Und du weißt ja, ich bin dein einziger wahrer Freund, der dir stets nur Gutes rät.« Er tat, als sei er vollkommen ruhig. Aber das stimmte so wenig mit seiner tatsächlichen Gemütsverfassung überein, daß er im nächsten Augenblick beim Verlassen des Zimmers die Wände erzittern machte, indem er die Tür mit einem heftigen Knall ins Schloß warf. Bald darauf sagte auch der alte Herr gute Nacht. Als er gegangen war, bemerkte der Arzt: »Nun begibt er sich in seine drei Zimmer, in die niemand ihm folgen darf. Was hältst du von der Sache?« Der Detektiv antwortete: »Ich glaube, er ist gerichtet. Du brachtest mich an einen merkwürdigen Ort und zu merkwürdigen Leuten.« Ein Diener führte die beiden Herren nach den Fremdenzimmern im zweiten Stock. Der Arzt warf sich sofort erschöpft und müde aufs Bett. Asbjörn Krag aber war frischer und elastischer als je. »Du bist doch wohl hier auf dem Gut vollkommen zu Hause?« fragte er. »Kann man von hier aus die Zimmer des alten Herrn sehen?« Der Arzt erhob sich und trat an das Fenster. »Sieh da«, sagte er und wies hinaus. »Siehst du die Fenster, die den Flügel des ersten Stocks dort abschließen? Das sind seine drei Zimmer.« Das letzte Fenster war erleuchtet. Plötzlich erlosch das Licht. »Nun geht Aakerholm zu Bett«, meinte Krag. Darauf wandte er sich an den Arzt. »Du mußt unbedingt noch etwas erledigen, ehe du dich zur Ruhe begibst«, sagte er. »Mit Vergnügen, sofern ich es kann.« »Du mußt den Hund heraufholen.« Krag zeigte auf den Hof hinunter, wo ein kohlschwarzer Schatten im Dunkeln hin und her lief. »Warum?« »Es ist durchaus notwendig.« Der Arzt ging. Einige Minuten später vernahm Krag vom Hof unten leises Murren. Dann war alles still. Nach einem kleinen Weilchen kam Doktor Rasch mit dem munter daherspringenden Hunde zurück. Dieser hatte den Arzt als Freund des Hauses erkannt. Krag wartete noch eine halbe Stunde. Nun lagen all die vielen Fenster des Hauses in tiefem Dunkel. Der Detektiv stockte sich einen Revolver ein und schlich hinaus in die Nacht. Er ging die Treppen hinunter, hob eine Tür aus den Angeln, rasch und gewandt wie ein Einbrecher, und befand sich im Freien. In vollen Zügen sog er die kalte Luft ein. Kein Wind regte sich. Die Kälte schnitt ihm in die Ohren. Und sie umklammerte das alte Haus, daß es hier und da in den Fugen krachte. Asbjörn Krag segnete die Dunkelheit. Er schlich vorsichtig an der Mauer entlang, bis er unter den drei Zimmern stand. Der Detektiv bemerkte, daß die Räume darunter als Vorratskammern dienten und vollgepropft waren mit Kisten und Paketen. Über den Zimmern des alten Herrn lagen unbewohnte Räume. Eine systematisch herbeigeführte Einsamkeit, dachte Krag. Er stand ein paar Minuten und lauschte. Aber kein Laut erreichte sein Ohr. Längs der einen Ecke des Flügels lief ein eisernes Rohr vom Dach herab. Krag versuchte es zu erklettern, doch es gelang ihm nicht, er glitt wieder herunter. Da faßte er es nochmals, und mit übermenschlicher Anstrengung erreichte er schließlich die Höhe des oberen Fensterrahmens vom ersten Stock. Da vernahm er plötzlich einen entfernten Ruf oder vielmehr einen dumpfen Schrei. Es klang, als käme er aus weiter Ferne oder aus einem Abgrund. Er klammerte sich fest an das Rohr und lauschte. Und nun wiederholte sich der Schrei. Ein Gedanke fuhr ihm durch den Sinn, der sein Herz lauter klopfen machte. Der Schrei kam aus Aakerholms Zimmer, er klang, als dränge er durch gefütterte Wände. Krag lauschte mit angehaltenem Atem, und wieder vernahm er den Ruf, aber nun klang er noch entfernter: »Da hast du's … du Teufel!« Rasch glitt er hinunter, Hautfetzen von seinen Fingern blieben an dem Rohr oben haften. Er schlich den gleichen Weg zurück, auf dem er gekommen war, aber nun weit rascher. Er kam zu der Tür, die er aus den Angeln gehoben hatte, und setzte sie so leise wie möglich wieder an ihren Platz. Als er sich in sein Zimmer begeben wollte, hörte er plötzlich, daß sich jemand auf der Treppe befand. Ein Mensch, der vielleicht in der Türöffnung seine Silhouette auf dem weißen Schnee gesehen hatte! III Die Schützen. Asbjörn Krag trat einen Schritt zurück, so daß sein Rücken von der Wand gedeckt war. So stand er vollkommen unbeweglich. Kohlschwarze Finsternis umgab ihn. Er sah nichts als einen bläulichen Schneestreifen durch die Türöffnung schimmern. Aber er fühlte, daß ein Mensch in der Nähe war. Zwei Minuten vergingen, ohne daß etwas geschah. Da hörte der Detektiv plötzlich ein unterdrücktes Hohnlachen ganz dicht an seinem Ohr. Er zuckte zusammen. »Was tun Sie denn so spät nachts draußen, Herr Doktor?« vernahm er darauf die spöttische Stimme des Pflegesohnes aus dem Dunkel. Aber sobald Krag wußte, wer der Unbekannte war, hatte er auch all seine Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart zurückgewonnen. »Diese Frage werden Sie sich wohl von selbst beantworten können«, sagte er. Bengt ging an dem Detektiv vorüber zu der offenen Tür. Krag bemerkte, daß er noch immer seinen Jagdanzug trug. Er war also noch gar nicht im Bett gewesen. Über seiner Schulter hing eine Tasche an einem Lederriemen. Unter dem Arm hielt er ein Gewehr. »So spät auf die Jagd?« fragte Krag. Aber Bengt antwortete nicht. Er stand an der Tür und betrachtete ihn voller Hohn. »Sie sind mir noch die Antwort auf meine Frage schuldig«, sagte er. »Was tun Sie so spät draußen, Herr Doktor? Es ist doch wohl nicht der Pavillon, der Sie gelockt hat?« Asbjörn Krag ergriff diesen Anhaltspunkt mit Freude. »Allerdings ist es der Pavillon«, antwortete er. »Ich glaube nämlich wirklich noch immer, daß es ein lebendiges Geschöpf war, das auf Ihren Vater schießen wollte. Und als ich zu Bett gehen wollte, fiel mir ein, daß vielleicht doch noch irgendwo in den Grundmauern des Pavillons ein heimliches Versteck vorhanden sein könnte. Die wurden ja von den Arbeitern nicht aufgerissen.« »Aber war es denn durchaus nötig, diese Tür aus den Angeln zu heben, um dorthin zu gelangen?« »Ich hatte keine Schlüssel. Im übrigen ist es für mich eine Kleinigkeit, eine verschlossene Tür auf diese Weise zu öffnen.« »Sie benehmen sich wie ein Einbrecher, Herr Doktor.« »Oder wie ein Detektiv«, antwortete Krag und lachte laut. Bengt biß die Lippen fest zusammen, begann an dem Gewehr zu fingern und wiegte es bedeutsam auf dem Arm. »Wenn man einen Mann in einer dunklen Nacht auf diese Manier die Türen erbrechen sieht«, sagte er, »so muß man unbedingt annehmen, er sei ein Verbrecher. Es fehlte nicht viel, und ich hätte von meiner Waffe Gebrauch gemacht.« »Ich habe schon öfter vor einem Flintenlauf gestanden.« »Nun ja, ich sage es Ihnen nur, damit Sie für die Zukunft vorsichtiger sind.« Da lachte Krag wieder. »Das nächste Mal, meinen Sie, würde ich Ihrer Kugel nicht entgehen?« »Sie sollten auf einen guten Rat hören, meine ich. Wollen Sie nun wohl auch die Güte haben, den Hund wieder frei zu lassen? Gute Nacht.« Bengt warf die Büchse über die Schulter und schritt dem Walde zu. Der festgefrorene Schnee knirschte unter seinen Füßen. Krag kehrte in sein Zimmer zurück. Der Arzt erwartete ihn voller Spannung. »Ich hörte Stimmen. Mit wem sprachst du?« »Mit Bengt.« »Ging er aus?« Krag nickte. »Wohin?« Der Detektiv zeigte nach dem Walde, der wie ein aufgeregtes schwarzes Meer zum Hof herüberwogte. »Hast du etwas entdeckt?« »Ja.« »Etwas Wichtiges?« »Ja.« »Tat ich recht, dich mit hierher zu nehmen?« »Ich bin dir sehr dankbar dafür.« »So sind es also nicht nur Halluzinationen bei dem alten Herrn?« »Absolut nicht.« Krag war vollkommen ruhig. Niemand hätte es ihm anmerken können, daß er soeben eine starke Spannung durchlebt hatte. Er stand mit dem Rücken am Kamin und wärmte sich die Hände. »Man plant hier ein scheußliches Verbrechen«, sagte er. »Und Gott weiß, ob wir seine Ausführung noch verhindern können.« Bei diesen Worten erhob sich der Arzt und starrte den Detektiv mit entsetzten Augen an. »Wer ist denn der Verbrecher?« »Das weiß ich noch nicht, werde es aber wohl im Laufe des morgigen Tages in Erfahrung bringen. Im übrigen können wir augenblicklich nichts anderes tun, alter Feldscher, als es mit Ruhe zu tragen. Laß den Hund hinaus und kuriere mir meine Hände ein wenig.« Lächelnd reichte ihm der Detektiv die Hände hin. Mehrere Finger bluteten. Als der Arzt am nächsten Morgen gegen neun Uhr erwachte, kam Asbjörn Krag schon von einem Spaziergang zurück. Der Detektiv scherzte und lachte und war bei strahlender Laune. »Welch herrliches Winterwetter«, rief er aus, »und welch großartige Landschaft.« Der Arzt sprang rasch aus dem Bett. »Du bist ja heute bei so guter Stimmung«, sagte er. »Ist alles in Ordnung?« »Alles in bester Ordnung. Der alte Herr hat sich von den Geschehnissen des gestrigen Tages erholt und befindet sich in vortrefflicher Verfassung. Aber wie hat ihn die Sache gestern gepackt! Willst du im übrigen wissen, warum ich bei so guter Stimmung bin? Nun, aus dem einfachen Grunde, daß ich das Geheimnis mit den drei Zimmern entdeckt habe.« »Nicht möglich! Wann gelang dir das denn?« »Heute nacht. Als du bereits schliefst.« »Ist denn heute nacht noch etwas vorgefallen?« »Nein. Aber ich saß dort in dem großen Sessel und dachte über die Sache nach. Ich rauchte und dachte und dachte und rauchte. Und plötzlich stand die ganze Geschichte klar vor meinem inneren Blick.« »Du quälst mich, Krag. Worin besteht denn das Geheimnis?« »Das kann ich dir noch nicht erklären, du mußt dich schon noch ein wenig länger quälen lassen. Damit mußt du dich nun mal abfinden.« »Und das Verbrechen?« »Ist geplant. Doch es hat nichts mehr mit den drei Zimmern zu tun. Dieses Rätsel hätten wir gelöst, sind aber dafür in ein anderes verwickelt. Doch gehen wir nun hinunter zum Frühstück.« Der Detektiv und der Arzt frühstückten gemeinsam mit dem alten Gutsherrn und dessen Pflegesohn. Asbjörn Krag schien besonders zum Scherzen aufgelegt, und Aakerholm war offenbar belustigt durch seine vielen plötzlichen Einfälle. Auch Bengt schien sich mit ihm aussöhnen zu wollen. Der Tag verging, ohne daß etwas Besonderes geschah. Gleich nach Tisch kam ein Bote, fragte nach Asbjörn Krag und übergab ihm eine Kiste. Der Detektiv sagte, sie enthalte seine Bücher. »Meine Studien nehmen mich so vollkommen gefangen«, erklärte er, »daß ich auch auf Reisen meine Bücher stets mit mir haben muß.« Er ließ die Kiste sofort nach seinem Zimmer hinaufbringen. Der Arzt beobachtete diese Komödie voller Staunen. Er wußte, daß Asbjörn Krag sich sehr ungern mit anderer Lektüre beschäftigte, als der für gerichtliche Verfahren durchaus notwendigen. Er ahnte sofort, daß dahinter ein Geheimnis steckte, und sobald der Detektiv auf sein Zimmer gegangen war, folgte er ihm. Als er eintrat, hatte Krag die Kiste bereits geöffnet. »Verschließe die Tür hinter dir!« rief er dem Arzt zu. »Was, Tim des Himmels willen, hast du nur vor?« fragte dieser neugierig interessiert. »Ich ordne meine Bücher«, antwortete Krag. Der Arzt trat näher. Die Kiste enthielt nichts als Glasscherben. Aber Krag nahm eine Scherbe nach der anderen heraus und ging so vorsichtig und behutsam damit um, als handle es sich um die kostbarsten Schätze. »Siehst du nicht, was es ist?« fragte er und ächzte vor Eifer. Er nahm einen neuen Scherben aus der Kiste und untersuchte ihn aufs genaueste. »Es sind die Scherben des von dem alten Herrn zertrümmerten Spiegels.« »Woher, zum Donnerwetter, hast du die?« »Zu meinen Nachforschungen heute früh gehörte natürlich als wichtigste Frage die, ob noch alle Spiegelscherben vorhanden wären. Und wirklich, sie waren noch da. Der Stallknecht hatte sie aufgehoben. So gelang es mir, einen umherziehenden Handelsmann zu veranlassen, sie ihm abzukaufen und mir dann in dieser Kiste herzuschicken. In derlei kleinen Anordnungen bin ich Meister, lieber Doktor. Ich konnte ja den Knecht nicht bitten, mir die Scherben zu überlassen, ohne dadurch Aufsehen und Verdacht zu erregen. Daher schickte ich ihm also den Händler auf den Hals.« Der Detektiv betrachtete die Scherben genau. »Ja, es sind sicher alle«, sagte er. »Ich werde den Spiegel wohl wieder zusammensetzen können.« Er sah sie sich immer wieder an und schüttelte den Kopf. »Ein merkwürdiger Spiegel«, murmelte er. »Ein merkwürdiger Spiegel.« Als im Wohnzimmer unten die Lampen angezündet waren, der Kaffee und die Zigarren auf dem Tisch standen, taute der alte Herr allmählich wieder auf. Asbjörn Krag ließ ihn mit dem Doktor allein plaudern. Er selbst hatte inzwischen mit Bengt ein interessantes Gespräch unter vier Augen. Krag fragte den Pflegesohn, wer die Dame sei, die sein Vater heiraten wolle. Bengt gab ihm eine Beschreibung, die sich in der Hauptsache mit der des Arztes deckte. »Sie ist also verhältnismäßig noch jung und schön?« »Ja.« Der Detektiv betrachtete Bengt durchdringend, stellte aber seine Fragen in halb scherzendem Ton. »Wäre es nicht eigentlich richtiger, wenn Sie sie zur Frau nehmen würden?« Bengt wollte die Unterhaltung abbrechen, indem er sich schroff erhob. Doch Krag hielt ihn zurück. »Mir scheint nämlich, aufrichtig gestanden«, fuhr er fort, »daß Ihr Pflegevater zu alt ist, um sich noch zu verheiraten.« »Das finde ich auch«, antwortete Bengt. »Nun, so sollten Sie seinen Heiratsplänen doch entgegenwirken. Und das haben Sie wohl auch bereits getan?« Bengt zauderte ein wenig. Dann antwortete er: »Ich habe meinem alten Herrn natürlich meine Meinung darüber gesagt. Aber«, fuhr er in seiner drolligen, von Fremdworten gespickten Redeweise fort, »es war von meiner Seite nur eine gentlemanlike, feinfühlige Opposition.« Das Wort »Gentleman« wandte er besonders häufig und in verschiedenstem Zusammenhang an. Krag fuhr unverdrossen fort: »Vom rein ökonomischen Standpunkt aus wäre es wohl ein Vorteil für Sie, wenn diese Ehe nicht zustande käme. Das Erbe …« Aber da erhob sich Bengt im Ernst und entfernte sich mit einer Miene, die zu sagen schien: Gott, was für ein brutaler Kerl! In diesem Augenblick lachte der Arzt laut auf über eine von Aakerholms Geschichten. Der alte Herr war wieder einmal auf den Prärien angelangt und tummelte sich dort unter Indianern, Büffelherden und wilden Pferden. »Ich lüge nicht«, beteuerte er eifrig, »ich zielte auf sein linkes Auge und traf ihn direkt in die Pupille. Und zwar auf eine Entfernung von zweihundert Fuß.« Asbjörn Krag näherte sich der Gruppe und fragte freundlich: »Verzeihung, geschah das mit einem Revolver?« Aber da warf der alte Herr sich laut lachend in seinen Stuhl zurück. »Nein, hören Sie sich den an, hören Sie sich doch nur den Grünspecht an, mit einer Büchse natürlich, Sie Narr.« Aakerholm hatte eine eigene, freie Ausdrucksweise, wenn er in Stimmung war, was aber Asbjörn Krag nicht im geringsten zu verletzen schien, denn er antwortete mit absichtlich schlecht verhehlter Geringschätzung: »Ach so!« Der alte Herr wurde immer munterer. »Hören Sie sich den Spatz an«, höhnte er, »wie er piepst! Haben Sie denn je in Ihrem Leben schon mal Pulver gerochen, mein bester Herr?« »Schießen ist meine einzige Liebhaberei«, antwortete Krag, »und ich bin wirklich ein guter Revolverschütze.« »Das möchte ich sehen.« »Ich stehe gern zur Verfügung. Wenn die Herren einen Augenblick warten wollen …«, bat er und verließ das Zimmer. Gleich darauf kam er zurück, den kleinen schwarzen Kasten in der Hand. Er öffnete ihn und nahm zwei Revolver heraus, zwei achtunggebietende kleine Dinger mit goldenen Beschlägen. Die Stimmung des alten Herrn gegen ihn wurde milder, als er die Waffen sah. Er betrachtete sie genau und interessiert und hielt sie vorsichtig in der Hand. Es war, als fürchte er, daß sie entzweigehen könnten. Welche feine Arbeit das war! »Lassen Sie uns mal einen Schuß sehen«, rief er aus und reichte Krag einen von den beiden Revolvern. Den anderen behielt er selbst. Krag befestigte ein Stückchen Papier an das solide, dicke Eichenbrett des oberen Türrahmens der Verandatür. Darauf ging er tief in das der Tür gegenüberliegende angrenzende Zimmer hinein, zielte einen Augenblick und schoß. Die Kugel traf die Mitte des Papierblättchens. Es war ein prächtiger Schuß. Der alte Herr erhob sich und war nahe daran, Krag vor Bewunderung zu umarmen. »Ich bitte um Entschuldigung«, rief er aus, »verzeihen Sie mir. Das war ein vortrefflicher Schuß. Aber nun will ich's mal versuchen.« Aakerholms Wangen hatten ihre frühere frische Farbe wiedergewonnen und seine Augen leuchteten. Er schnupperte an dem Pulverdampf, wie ein Tier, das Beute wittert. Er nahm den gleichen Abstand wie zuvor Krag und schoß. Auch seine Kugel traf die Mitte des Papierstückchens. »Ich ziehe den Hut vor Ihnen«, sagte Krag und verbeugte sich. Aakerholm erwiderte die Verbeugung, und die beiden Herren unterhielten sich nun eine Weile mit gegenseitigen Komplimenten. »Eine Spielkarte her!« rief Aakerholm plötzlich. »Rasch eine Spielkarte her.« Er bekam sie und befestigte sie an dem Türrahmen. Es war Pik drei. Er schoß und traf die Karte am Rande. Darauf gab Krag drei Schüsse rasch hintereinander ab. Der Arzt nahm die Karte herunter und es erwies sich, daß Krag alle drei Augen herausgeschossen hatte. Erschrocken und verblüfft betrachtete Bengt den Detektiv. Aakerholm aber warf die kleine Waffe verächtlich zu Boden. »Moderner Kram!« rief er aus. »Fort damit. Nein, meine Herren, nun sollen Sie mich mal mit meiner eigenen, meiner alten Pistole schießen sehen.« Ein eigentümlich wehmütiger Ton lag in seinen Worten. Es war, als spräche er von einem geliebten verstorbenen Kinde. Der Arzt betrachtete Krag mit Aufmerksamkeit. Er begriff sofort, daß der Detektiv diese ganze Szene mit Vorbedacht herbeigeführt hatte. Was beabsichtigte er damit? Asbjörn Krags Gesicht verriet eine starke Spannung, und der Arzt hatte das ganz bestimmte Gefühl, daß nun etwas geschehen werde. IV In der Winternacht draußen gestorben. Alle warteten gespannt auf die Rückkehr des alten Herrn. Bengt stand verwirrt und betrachtete die Pik drei, deren Augen Asbjörn Krag mit seinen Revolverkugeln durchlöchert hatte. Diese Schießfertigkeit erschien ihm fabelhaft. Krag hatte, von den anderen unbemerkt, seinen Stuhl in die Nähe von Aakerholms Platz geschoben. Endlich kam dieser zurück, eifrig und leise schimpfend. »Sehen Sie her, meine Herren«, rief er schon in der Tür, »das nenne ich eine Schießwaffe.« Und er zeigte ihnen eine doppelläufige Pistole von altem System. Im Scherz zielte er auf alle drei Herren nacheinander. Asbjörn Krag, der ihm zunächst saß, hielt er die schwarze Pistolenmündung fast direkt unter die Nase. »Sie ist geladen«, schrie der alte Herr und lachte, »hüten Sie sich. Wenn Sie nicht stille sitzen, rasiere ich Ihnen mit der Kugel die Augenbrauen herunter. Denn das hier ist anderes Handwerkzeug als Ihre Uhrgehänge, lieber Doktor.« Damit stieß er einen von Krags Revolvern, der zu Boden gefallen war, verächtlich beiseite. Dann ging er an die Tür, um eine neue Karte daran zu befestigen. Und zwar Coeur-As. Er schoß wiederum von dem Nebenzimmer aus und traf mitten in das As. Das Zimmer war nun völlig angefüllt von Pulverdampf. Aber dem alten Herrn schien der herbe Geruch zu behagen. Erhobenen Hauptes trat er zu Asbjörn Krag heran, um sich dessen Anerkennung für seinen großartigen Schuß zu holen. Krag jedoch saß völlig unberührt und ruhig in seinem Sessel. Er bat Aakerholm, ihm die Waffe zu zeigen. Dieser reichte sie ihm. Nachdenklich wog der Detektiv sie in der Hand, las scheinbar ohne Interesse die Inschrift auf dem Griff, sagte dann aber plötzlich, indem er Aakerholm ansah: »Nun, und das ist also die Pistole?« Diese Worte wirkten, als hätte er dem alten Herrn einen Dolchstoß verletzt. Mit weit offenen, entsetzten Augen starrte er den Detektiv an und rief aus: »Was … was … was wollen Sie damit sagen?« Krag antwortete gleichgültig: »Was ich damit sagen will? Nichts Besonderes. Das ist also Ihre Pistole, meine ich. Sie schießt gut.« Der alte Herr schwieg. Etwa eine halbe Minute lang sah er Krag prüfend und durchdringend an. Und als er sich schließlich wieder in seinen großen Stuhl setzte, hatte das verheerte alte Gesicht einen merkwürdigen, erstaunten Ausdruck. Fenster und Türen wurden nun durch hereinkommende Diener geöffnet und der Rauch mit großen Wedeln förmlich hinausgefegt. Die Mägde und Knechte des Gutshofes waren bei den Schüssen entsetzt herbeigeeilt. Asbjörn Krag sah es ihren Mienen an, daß sie alle überzeugt gewesen waren, es sei ein Unglück geschehen. Bengt aber winkte ihnen, daß sie hinausgehen sollten. Doch in den Korridoren gab es ein Flüstern und Wispern über die sieben Schüsse und den verrückten Patron. Jetzt waren sie sich alle darüber einig, daß ihr Herr vollkommen verrückt sei. »Der Doktor und Herr Bengt waren furchtbar verängstigt«, sagte der Koch, der als erster das Zimmer erreicht hatte. »Aber habt ihr den fremden Herrn gesehen? Das muß ein drolliger Bruder sein. Er saß ganz ruhig und rauchte seine Zigarre, obgleich die Kugeln um ihn herum sausten.« »Und als wir herbeigelaufen kamen, lachte er uns aus«, sagte ein anderer. »Wer mag nur geschossen haben?« »Sicher der Alte.« »Oder vielleicht Herr Bengt?« So gingen die Fragen und Antworten bis tief in die Nacht hinein in der Küche und den Gesindestuben hin und her. Und sie stimmten alle darin überein, daß es nun auf dem Gutshof geradezu lebensgefährlich sei. Mittlerweile war das Gespräch zwischen den vier Herren wieder in Gang gekommen. Da es noch immer nach Pulver roch, machte Asbjörn Krag den Vorschlag, daß man in ein anderes Zimmer gehen sollte. Bengt aber widersprach dieser Absicht lebhaft. Krag bemerkte es zu seinem großen Erstaunen. »Warum denn das Zimmer wechseln?« fragte Bengt. »Ist es hier nicht sehr behaglich? Überdies liebt Vater ja den Pulvergeruch. Er ist nicht so verfeinert wie wir Stadtkinder.« Krag lächelte leise über diese letzte Bemerkung. Aakerholm aber stimmte Bengt zu. »Bleiben wir, wo wir sind«, sagte er. »Ich finde, wir sitzen hier gut.« Und dabei blieb es. Krag saß fast begraben in seinem Sessel. Er rauchte unablässig und sponn sich in einen dichten Zigarrendampf ein, der wie eine Wolke zur Decke emporstieg. Doktor Rasch betrachtete ihn aufmerksam. Der Detektiv hielt die Augen halb geschlossen, als könne er seine Müdigkeit nicht beherrschen und sei im Begriff, einzuschlafen. Der Arzt aber begriff, daß Krag gerade jetzt alles, was um ihn her vorging, besonders scharf beobachtete und in sich aufnahm. Beugt plauderte von diesem und jenem und suchte das Gespräch im Fluß zu erhalten. Er redete mit dem alten Herrn und dem Arzt von Schiffs- und Frachtangelegenheiten, er beklagte sich lebhaft über die schlechten Kohlenschiffe nach England. Asbjörn Krag warf ab und zu ein Wort ein und bewies dadurch, daß er auch in diesem Erwerbszweig Bescheid wußte. Doktor Rasch langweilte sich bei dem ihm fernliegenden Thema. Während seiner Promenade durch das Zimmer blieb Bengt plötzlich vor dem Detektiv stehen. »Sie scheinen müde zu sein«, sagte er. »Wäre es nicht am gescheitesten, wenn Sie in Ihr Zimmer gingen und sich ausruhten?« »Nein, danke«, erwiderte Krag matt, »es ist nur eine vorübergehende Mattigkeit.« »Die kommt daher«, warf Bengt ein, »daß Sie die Nächte nicht zum Schlafen benutzen.« »Möglich.« Während dieses scheinbar so gleichgültigen Wortwechsels befand sich der Arzt in einer fast unerträglichen Spannung. Er begriff, daß seines Freundes Müdigkeit Komödie war. Aber warum spielte er diese Komödie? Was hatte er im Sinne? Und was bedeutete die Szene mit den Pistolen? sann er weiter. Warum war der alte Aakerholm so erstaunt und erschrocken gewesen, als Krag jene eigentlich doch so nichtssagende Bemerkung über seine Waffe gemacht hatte? Warum wollte Bengt nicht dieses verräucherte Zimmer verlassen? Doktor Rasch grübelte und sann, doch je mehr er überlegte, desto geheimnisvoller erschien ihm die ganze Sache. Aber nun sollte er keine Zeit haben, weiter nachzusinnen, denn plötzlich geschah etwas völlig Unfaßliches. Asbjörn Krag, der wohl zehn Minuten ununterbrochen geschwiegen hatte, fragte unvermittelt: »Hören Sie, Herr Aakerholm, sind Sie dessen wirklich ganz gewiß, daß gestern abend ein Mann im Pavillon stand und auf Sie zielte?« Der Arzt sah, wie unerwartet die Frage für den alten Herrn kam, und wie sehr es ihn erregte, sie beantworten zu müssen. »Ganz sicher«, sagte er. Krag tat ein paar Züge aus seiner zwölften Zigarre, dann fragte er wieder: »Wie war er gekleidet?« Der alte Herr zuckte zusammen. Er schwieg eine lange Weile, endlich aber antwortete er verwirrt: »Darauf besinne ich mich nicht mehr, das kann ich Ihnen nicht sagen. Im übrigen ist es mir unangenehm, an diese Sache zu denken, und es ist wohl auch nicht durchaus notwendig, darüber zu sprechen.« »Nein«, sagte Krag gleichgültig wie zuvor, »außerdem weiß ich nun auch genug.« Aakerholm wandte sich zu seinem Schreibtisch um. Da stieß er plötzlich einen Schreckensruf aus und begrub das Gesicht in die Hände, um es aber im nächsten Augenblick ebenso rasch wieder zu erheben. Er wollte offenbar seine Aufregung verbergen. Der Arzt war im Begriff, zu ihm zu eilen, ein Blick des Detektivs hielt ihn jedoch zurück. Bengt war soeben in das Nebenzimmer gegangen. Der alte Herr nahm ein Papier vom Schreibtisch und zerknüllte es krampfhaft in der Hand. Dann blätterte er mit fieberhafter Hast in einem Buch. Der Arzt konnte sein Gesicht nicht sehen, aus den Zuckungen seines Rückens aber erkannte er, daß er sich in höchster Erregung befand. Asbjörn Krag übersah von seinem Platz aus den Schreibtisch, und hinter den halb geschlossenen Lidern verfolgte er mit den Blicken jede Bewegung des alten Herrn. Dieser schlug suchend die Seiten um, rasch und nervös. Schließlich schien er das Gesuchte gefunden zu haben, denn er las murmelnd einen einzigen Satz. Darauf schloß er hastig das Buch, warf es heftig auf den Schreibtisch zurück und erhob sich. Totenbleich und stolpernd verließ er das Zimmer. Der Arzt folgte ihm, sah aber noch im Hinausgehen, daß Krag das Buch mit der Geschicklichkeit eines Taschendiebes einsteckte. Doktor Rasch nahm Aakerholms Arm. Auf der Türschwelle begegneten sie Bengt in Pelz und Hut. Der. ganze merkwürdige Auftritt hatte kaum zwei Minuten gedauert. Als der Arzt nach einer Weile zurückkam, standen Asbjörn Krag und Bengt in ruhigem Gespräch. Lächelnd sagte der Detektiv zu seinem Freunde: »Nun, folgtest du ihm durch die drei Zimmer?« »Nein«, antwortete der Arzt, »er warf mir ohne weiteres die Tür vor der Nase zu.« Krag lachte laut. Dann wandte er sich an Bengt: »Ihr Vater war müde geworden«, sagte er. »Haben Sie übrigens die Absicht, auszugehen, da Sie im Pelz sind?« »Ich will in den Klub«, antwortete Bengt. Krag streckte die Arme und gähnte, als sei er sehr müde. »Ich wünschte, ich könnte Sie begleiten, um mich ein wenig zu erfrischen«, sagte er. »Bitte sehr, nichts hindert Sie daran. Doch da höre ich bereits Schlittengeläut vor dem Hause. Und Sie, Doktor Rasch?« »Nein«, fiel der Detektiv schnell ein, »der Doktor bleibt heute abend lieber hier.« »Ja, ich bleibe allerdings lieber hier«, sagte der Arzt ein wenig verlegen. Als der Detektiv einige Minuten später mit Bengt zum Schlitten hinausging, begriff Doktor Rasch, daß Krag nun das Spiel durchschaut habe, und eine wohltuende Ruhe überkam ihn. Im Klub der kleinen Stadt war eine gemischte Gesellschaft versammelt. Krag und Bengt kamen so spät, daß man hier und da bereits deutlich die Folgen des Alkoholgenusses bemerkte. Als Bengt sich zeigte, wurde er mit Jubel empfangen, und der eitle junge Mann nahm diese Begrüßung lächelnd entgegen. Krag saß nach wenigen Minuten mitten bei den Honoratioren des Städtchens. Da war ein dicker Bürgermeister, der unerhört viel trank. Er hatte blaue Flecken hinter den Ohren, und sein kugelrundes, aufgedunsenes Gesicht leuchtete feuerrot – der gute Mann war unbedingt für Schlaganfälle prädisponiert. Ferner der Polizeidirektor, ein stiller, schlaffer, schwerfälliger Trinker. Er saß ruhig auf seinem Stuhl, führte in kurzen Zwischenpausen das Glas an den Mund und sagte zu allem, was man ihn fragte: »Ohne Zweifel! Ohne Zweifel!« Dann ein vorwärtsstrebender Advokat. Er gestikulierte wild und hielt eine Menge Reden. Neben ihm saß der Vorsitzende. Krag begriff, daß er in eine politische Gesellschaft geraten war; er hörte den Vorsitzenden flüstern: »Wir werden unterminieren …« Es schien ein Oppositionsklub, eine fortschrittliche Vereinigung zu sein. Ab und zu näherte sich Bengt dem Kreise, stieß mit den Herren an, lächelte geschmeichelt und ging wieder. »Ein vortrefflicher junger Mann«, sagte einer von der Gesellschaft, »und ein gewitzter, tüchtiger Kerl.« »Ohne Zweifel!« kam es von dem Polizeidirektor. Auch der Apoplektische pustete seine Zustimmung heraus. Doch gleich darauf sagte der Vorsitzende: »Mit seinem Pflegevater lebt er sicher nicht in gutem Einvernehmen. Er ist nicht einverstanden damit, daß der Alte ›die Modedame‹ heiratet. Und darüber darf man sich ja auch nicht wundern.« »Ohne Zweifel!« sagte der Polizeidirektor und trank. Plötzlich steckten sie über den Tisch die Köpfe zusammen. Krag hörte, daß sie von der »Modedame« sprachen, und er schnappte eine Bemerkung des Advokaten auf: »Ob nicht vielleicht Bengt selbst …« In diesem Augenblick trat Bengt wieder an den Tisch, und da erhob der Advokat sich rasch und hielt ihm eine Rede: »Die junge Hoffnung der Stadt, die Stütze der Partei, unser lieber Freund Bengt, er lebe hoch!« Bengt dankte ihm und sagte: »Wir Gentlemen …« Den Rest hörte Krag nicht, denn er verließ die Gesellschaft und trat an einen anderen Tisch. Überall wurde getrunken und politisiert; man befand sich inmitten der Wahlen, es galt zusammenzuhalten. In einem Nebenzimmer belustigten sich die Jüngeren. Es waren besonders junge Großkaufleute, Offiziere und neugebackene höhere Beamte. Man spielte Klavier. Plötzlich brach in dem Zimmer der Jugend ein unaufhaltsames Gelächter los, und ein paar Herren kamen hereingestürzt, um zu erzählen, was vorgefallen sei. Der alte Kapitän Evensen, betrunken wie gewöhnlich, war, angelockt durch die Klänge des Klaviers, in das Nebenzimmer gegangen und hatte, im Takt mit der Musik sich wiegend, aus der Flasche getrunken. Dabei war ihm die Flasche aus der Hand geglitten und ins Klavier gefallen. Zwei Saiten waren dadurch gesprungen und lagen nun so tief unten, daß sie sich nicht fassen ließen. Minutenlanger allgemeiner Jubel über diesen Zwischenfall erfüllte den Klub. Aber nun ergriff der Advokat das Wort und hielt eine Rede auf das Vaterland. Man stehe vor den Wahlen, es gelte die höchsten Interessen des Landes! Gerührt von der schönen Rede, kam man überein, die Volkshymne zu singen. Der Pianist begann zu spielen, aber ganz merkwürdige Töne kamen aus dem Klavier. Denn Evensens Bier sickerte zwischen den Tasten, daß sie zusammenklebten und die Töne sich nicht getrennt voneinander spielen ließen. Inzwischen bildeten der Polizeidirektor, der Advokat, der Bürgermeister und der Vorsitzende einen brüllenden unisonen Chor. Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und herein stürzte ein junger Großkaufmann und gebot Stille. Er war kreidebleich, in höchster Erregung und atemlos. Aller Blicke waren auf ihn gerichtet. Krag erkannte sofort, daß er eine ernste Nachricht brachte, und eine fürchterliche Ahnung machte ihn erzittern. »Meine Herren«, rief der Fremde, als Ruhe eingetreten war, »unsere Stadt und unsere Gesellschaft hat einen schweren Verlust erlitten. Ich habe soeben ein Telephongespräch mit Kvamberg. Herr Aakerholm ist vor wenigen Minuten gestorben. Man fand seine Leiche im Park.« Das tiefe Schweigen, das auf diese Mitteilung folgte, wurde unterbrochen durch ein zu Boden fallendes, zerschmetterndes Glas. Es war Bengts Glas gewesen. Krag sah ihn an. Totenbleich stand er an den Türpfosten gelehnt. V Der Tote. Als Krag und Bengt nach einer fliegenden Schlittenfahrt auf Kvamberg ankamen, fanden sie das Haus hell erleuchtet wie zu einem Fest. Die beiden Männer hatten während der rasenden Fahrt nicht viel Worte miteinander gewechselt. Aber eine Bemerkung hatte Bengt gemacht, die Krag sich ins Gedächtnis einprägte. Er hatte gesagt: »Man fand die Leiche im Park? Das ist merkwürdig.« Der Schlitten fuhr zur Freitreppe hinauf. Bleich und barhäuptig trat der Arzt aus der Tür. Er war so erregt, daß er kaum sprechen konnte. Aber Krag fragte auch nichts. Ein Diener kam herbei, um den Herren beim Aussteigen zu helfen. In der Nähe standen ein paar Frauen, die Hände vor dem Gesicht, und schluchzten. Der dicke rote Koch trat herzu und wies sie fort. »Wo ist die Leiche?« fragte Bengt, indem er sich den Weg durch die Reihe der versammelten Dienstboten bahnte. »Im Wohnzimmer«, antwortete einer von ihnen. Bengt ging voran. Unmittelbar hinter ihm folgten Krag und der Arzt. Krag fing eine Bemerkung von einem der Mädchen auf: »Ach, der Patron hat sich ja selbst …« Erstaunt und fragend sah Krag seinen Freund an. »Er hat sich erschossen«, flüsterte dieser, »mitten ins Herz geschossen.« Der Detektiv beschleunigte seine Schritte und erreichte das Wohnzimmer von Bengt. Die Leiche lag auf einem Sofa, mit einem weißen Laken zugedeckt. Bengt wollte herbeieilen und das Bettuch fortziehen, aber Krag hielt ihn zurück. »Werden Sie es ertragen, die Leiche zu sehen?« fragte er ihn. Bengt maß ihn mit einem verächtlichen Blick und antwortete: »Finden Sie den Zeitpunkt für Scherze geeignet?« »Scherz oder Ernst, es ist jedenfalls Sache des Arztes, in dieser Angelegenheit Bestimmungen zu treffen. Der Tote hat sich erschossen.« »Sich erschossen?« rief Bengt aus. »Nicht möglich! Ich dachte, er sei vom Schlage getroffen worden.« »Das dachte ich auch«, sagte Asbjörn Krag leise und enthüllte die Leiche. Nun trat auch Doktor Rasch zu ihnen. Der Detektiv lüftete das Bettuch nur so weit, daß des Toten Antlitz bedeckt blieb. Aakerholm trug seinen Alltagsanzug und einen Winterüberzieher. Er lag auf dem Rücken. In der linken Hand hielt er krampfhaft umschlossen die Pistole, mit der er noch vor wenigen Stunden so meisterhaft geschossen hatte. An der Kleidung des Toten sah man das Merkmal der tödlichen Kugel. »Direkt ins Herz«, flüsterte der Arzt. »Er wußte, wo er zu schießen hatte, der alte Herr.« Bengt stand, minutenlang stumm. Dann sagte er plötzlich, indem er sich über den Toten beugte: »Armer alter Vater. Auf diese Weise solltest du also deine Ruhe suchen.« Von der offenen Tür aus, die sich mit der Dienerschaft angefüllt hatte, vernahm man lautes Schluchzen. In diesem Augenblick zog Asbjörn Krag das Tuch von dem Gesicht des Toten. Bengt fuhr zurück und preßte die Hände vor die Augen, als wolle er sich vor einem fürchterlichen Anblick schützen. Aber das Antlitz des alten Aakerholm bot auch einen Anblick dar, der den stärksten Mann erzittern machen konnte. Es war erstarrt in dem erschütterndsten Ausdruck des Schreckens; die Augen waren aus den Höhlen getreten, der Mund verzerrt. Was hatte der Unglückliche unmittelbar vor seinem Tode gesehen?« »Ziehen Sie das Tuch darüber«, bat Bengt, »das ist ja entsetzlich!« Krag ließ sofort wieder das Tuch über die verzerrten Züge fallen. »Ich verbiete jedem, die Leiche zu berühren«, befahl er strenge. »Sie muß in unveränderter Stellung hier liegenbleiben, bis ich eine andere Anweisung gebe.« Bengt schien anfangs erstaunt und verstimmt über seinen befehlenden Ton. Doch er faßte sich rasch und sagte zu den Leuten: »Richtet euch nach des Herrn Doktors Befehlen.« Zu Krag gewandt, fuhr er fort: »Ich bevollmächtige Sie, alles zu tun, was in dieser Sache erforderlich ist.« Krag nickte gleichgültig. »Ich bitte Sie, mir einen leichten Schlitten mit einem raschen Pferde zur Verfügung zu stellen«, sagte er. »Ich muß ein paar Telegramme absenden.« Er wies auf die Tür. »Schicken Sie die Neugierigen fort, sie haben hier nichts zu schaffen. Und dann lassen Sie den oder die hereinkommen, die die Leiche fanden.« »Ich sah die Leiche zuerst«, sagte der Koch und trat ernst und schwer ins Zimmer. »Und ich hörte die Schüsse«, rief ein Knecht und folgte ihm. »Schüsse?« fragten Bengt und Krag zugleich. »Waren es denn mehrere?« »Ja«, erwiderte der Arzt, der sich nun allmählich wieder zu sammeln begann, »man hat zwei Schüsse gehört.« »Gut«, erklärte Krag. »Schließen Sie die Tür.« Die Mägde und Knechte entfernten sich, und die Tür wurde geschlossen. Asbjörn Krag befragte zunächst den Knecht. »Sie hörten also die zwei Schüsse?« wandte er sich an ihn. »Ja.« »Wo befanden Sie sich in dem Augenblick, da sie fielen?« »Ich hatte eben die Pferde versorgt und die Stalltür geschlossen.« »Wie spät war es?« »Die Turmuhr schlug gerade elf. Ich blieb stehen und zählte die Schläge.« »Waren Sie allein?« »Ja.« »Sind Sie auch ganz sicher, daß kein Mensch in der Nähe war?« »Ganz sicher nicht. Aber es ist ja heller Mondschein, wäre also jemand draußen gewesen, so hätte ich ihn doch wohl gesehen.« »Und Sie hörten deutlich zwei Schüsse?« »Ja, erst hörte ich nur einen Schuß.« »Konnten Sie gleich die Richtung bestimmen, aus der er kam?« »Ich erkannte sofort, daß im Park geschossen wurde.« »Was taten Sie da?« »Ich bekam es erst mit der Angst, aber dann lief ich über den Hof und rief Andresen, den Koch. Gleich nachdem ich ihn gerufen hatte, hörte ich den zweiten Schuß.« »Wieviel Zeit lag zwischen den beiden Schüssen?« »Nur ein paar Sekunden. Ich glaube, kaum eine halbe Minute.« »Merkten Sie einen Unterschied zwischen den beiden Schüssen? Ich meine, war der eine Schuß stärker als der andere?« Der Knecht überlegte einen Augenblick. »Das kann ich nicht so bestimmt sagen«, antwortete er dann. »Aber wo Sie mich nun danach fragen, scheint es mir, als wenn der erste Schuß stärker war als der zweite. Dieser klang vielleicht, als wäre er weiter entfernt.« Nun mischte sich der Arzt in das Gespräch. »Aber was können denn nur diese beiden Schüsse zu bedeuten haben?« fragte er. »An der Leiche ist ja nur das Merkmal eines Schusses wahrzunehmen.« Bengt, der während der ganzen Zeit am Fenster gestanden und den Mond betrachtet hatte, wandte sich nun bei der Bemerkung des Arztes plötzlich um. »Es ist eine bekannte Tatsache, die Sie, lieber Doktor, doch auch wissen dürften, daß Selbstmörder häufig eine Art Probeschuß in die Luft abfeuern, als wollten sie dadurch Mut sammeln zu ihrer Tat.« »Ja, dafür gibt es allerdings mehrfache Beispiele«, murmelte Krag. »Und außerdem könne man sich ja vorstellen, daß mein armer Vater sich erst durch die Schläfe schießen wollte, daß der Schuß ihm aber mißlungen sei.« »Wie Sie wissen, pflegte er sein Ziel nicht zu verfehlen«, meinte Krag. »In einem solchen Augenblick könnte die Hand doch wohl zittern und unsicher werden, sollte ich meinen. Unter allen Umständen«, Bengt nahm die Pistole, die auf dem Tische lag, »hat er beide Läufe abgeschossen, denn sie sind leer.« »Das sah ich bereits«, sagte Krag, »und gerade das macht das Rätsel noch geheimnisvoller.« Krag wandte sich wieder an den Knecht. »Was taten Sie dann?« fragte er ihn. »Als ich Andresen gerufen hatte, kam er herbeigelaufen. Ich erzählte ihm von den Schüssen, und wir gingen nun zusammen in den Park. Aber Andresen erzählte es erst noch den anderen Knechten und Mägden.« »Fanden Sie die Leiche sofort?« fragte Krag nun den Koch. »Nein«, antwortete dieser, »nicht sofort. Wir suchten zehn Minuten. Schließlich sah ich etwas Schwarzes unter einem Baum, wenige Schritte vom Wege, und ich ging dorthin. Es war der Patron. Ich schüttelte ihn, aber er war tot. Er hat sich wohl das Leben genommen, dachte ich gleich, als ich die Pistole in seiner Hand sah. Ich rief den Stallknecht und ein paar andere zu Hilfe, und wir trugen die Leiche hier herauf. Das ist alles, was ich weiß.« Asbjörn Krag überlegte eine Weile, dann fragte er: »Hat keiner von Ihnen Herrn Aakerholm gesehen, nachdem wir zur Stadt gefahren waren?« »Ich ging sofort in mein Zimmer«, sagte der Arzt, »und sah ihn also nicht mehr. Ich glaubte, der alte Herr habe sich zu Bett gelegt.« »Marianne hat ihn gesehen«, erklärte der Koch. »Wer ist Marianne?« fragte Krag. »Das Hausmädchen.« »Holen Sie sie herein.« Im nächsten Augenblick trat Marianne ein. Es war ein rothaariges Mädchen von etwa dreißig Jahren. Sie hatte Tränen in den Augen. »Wie ich höre, sind Sie es, die Herrn Aakerholm zuletzt gesehen hat«, begann Krag. »Ich sah ihn, als er aus dem Hause ging«, antwortete sie. »Ich war im Wohnzimmer, um alles in Ordnung zu stellen. Während ich damit zu tun hatte, kam er herein.« »Sagte er etwas?« »Er fragte, ob die Herren wirklich nach dem Klub gefahren sind. Darauf antwortete ich ihm, daß ich nicht weiß, wohin sie gefahren sind, aber ich sah sie eben mit dem Schwarzen fortfahren.« »Nun – weiter.« »Dann begann er zu suchen.« »Zu suchen?« »Ja, nach einem Buch.« Asbjörn Krag und der Arzt wechselten einen raschen Blick. »Fand er das Buch?« fragte der Detektiv. »Nein, und darüber war er sehr böse. Er zankte: ›Es lag ja noch vor einem Weilchen hier. Ist denn alles hier im Hause verhext?‹ sagte er. Er suchte über eine Viertelstunde, aber er fand das Buch nicht. Dagegen …« Da trat Bengt plötzlich auf sie zu. »Was sagen Sie?« schrie er. »Er fand das Buch nicht?« Aber dann beruhigte er sich schnell wieder und fügte hinzu: »Nun, das ist ja auch ganz gleichgültig. Ich dachte an etwas ganz anderes.« Asbjörn Krag sah Bengt scharf an, und dieser wandte sich vor seinen Blicken ab. Marianne fuhr fort: »Dagegen fand er … uh …« Sie begann wieder zu weinen und zitterte am ganzen Körper. »Was fand er?« Das Mädchen zeigte auf die Pistole und stammelte voll Entsetzen und Abscheu: »Die … die da.« »Die Pistole also.« »Ja. ›Liegt sie noch immer hier?‹ sagte er und steckte sie in die Tasche. Darauf ging er.« »In den Park hinunter?« Marianne begann unsicher zu werden. »Nein … er ging den anderen Weg, durch die kleine Allee.« »Fanden Sie es nicht merkwürdig, daß er so spät ausging?« »Nein, das fand ich gar nicht merkwürdig.« »Warum nicht?« Es verging fast eine Minute, ehe Marianne antwortete. Dann sagte sie leise und verlegen: »Weil er durch die kleine Allee ging.« Da mischte Bengt sich wieder in das Gespräch. »Ich sehe die Notwendigkeit dieses eingehenden Verhörs nicht ein«, sagte er, »das wirkt beunruhigend und aufregend auf die Dienerschaft und auch auf mich.« Asbjörn Krag nahm keine Notiz von ihm, sondern stellte unbeirrt seine weiteren Fragen. »Wohin führt denn die kleine Allee?« »Sie führt zu … zu Hjelms.« »Aha, nun verstehe ich – zu Aakerholms Braut also.« »Ja«, antwortete Marianne. »Frau Hjelm wohnt mit ihrer Mutter ganz in der Nähe.« »Schorn. Ich danke Ihnen, weiter brauche ich nichts zu wissen.« Marianne, der Koch und der Knecht verließen das Zimmer. In der Tür warfen sie noch einen scheuen Blick auf das Sofa, auf dem Aakerholms Leiche unter dem weißen Bettuch lag. Als sie verschwunden waren, trat Krag an den Toten heran. »Mit Ihrer Erlaubnis«, sagte er zu Bengt, »werde ich mir Herrn Aakerholms Schlüssel ans seiner Tasche nehmen.« »Was wollen Sie damit?« »Wir brauchen sie alle.« »Wozu?« »Nun, wir werden jetzt die drei Zimmer besichtigen.« »Finden Sie das sehr pietätvoll gegen den Verstorbenen?« wandte Bengt ein. »Wir müssen es tun.« »Nun, so tun Sie es meinetwegen«, gab der junge Mann nach. Krag nahm die Schlüssel. Der Arzt bewunderte im stillen die unerhörte Ruhe und Sicherheit seines Freundes. Nun war er auf seinem Gebiet, nun war er bei der Arbeit. Er berechnete und handelte ohne Schwierigkeit. Zwar war er ein wenig bleich, doch keine Miene in seinem steinernen Antlitz verriet Unruhe oder Unsicherheit. Seine Augen aber funkelten und sprühten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Sehen Sie«, flüsterte Bengt und wies durch das Fenster hinaus. Die anderen beiden traten zu ihm. Alle standen plötzlich sprachlos und unbeweglich. Denn aus dem Flügel dort kam Licht aus Aakerholms Zimmer. »Es ist, als wäre er noch da«, sagte der Arzt. »Gehen wir«, unterbrach ihn Krag. Und er ging voran durch die vielen Zimmer und Korridore des alten Gutshauses. Die anderen folgten ihm auf den Fersen. Schließlich blieben sie vor Aakerholms Privatzimmern stehen, und Krag versuchte die Schlüssel. Niemand sprach. Es war so still rings um sie, daß der Arzt sein Herz klopfen hörte. Doch plötzlich sagte Krag, indem er Bengt scharf ansah: »Ich glaube, wir beide, Herr Bengt, ahnen, was wir hier in diesen Zimmern finden werden.« Der Schlüssel paßte, Krag hatte den richtigen gefaßt. VI Die drei Zimmer. Die Herren betraten das erste Zimmer. Es wies keinerlei Merkwürdigkeiten auf, doch war es nach dem sehr originellen Geschmack des Bewohners eingerichtet. An den Wanden hingen eine Menge Waffen verschiedenster Art, besonders Gewehre und Pistolen. Das zweite Zimmer war in dem gleichen Stil möbliert. »Hier ist doch nichts zu verbergen«, sagte der Arzt. »In diesen Zimmern sind auch schon andere Menschen gewesen«, meinte Bengt. »Mein Pflegevater hatte lange einen taubstummen Diener, der nachts in dem ersten Zimmer schlief.« Asbjörn Krag war gerade im Begriff, die letzte Tür zu öffnen, hielt aber jäh inne und horchte auf Bengts Worte. »Was sagen Sie? Einen taubstummen Diener? Das ist doch seltsam.« »Ja. Er kannte ihn von Amerika her. Der Taubstumme hatte wohl Indianerblut in den Adern und war seinem Herrn sehr treu. Nun ist er schon eine Weile tot.« Krag öffnete die Tür zu dem innersten Zimmer. Es war ein großer, reich dekorierter Raum. In einer Ecke hinter einem japanischen Schirm stand Aakerholms Bett, das er stets selbst zurecht machte. An der Wand hingen Photographien und Gemälde. Im übrigen waren die Wände völlig mit Teppichen behangen, und der Fußboden war mit einem großen, dicken, weichen Perser belegt. Die drei Herren standen eine Weile und betrachteten mit interessierten Blicken die Möbel, die Bilder und die Fenster. Der Arzt brach als erster das Schweigen. »Hier findet sich ja absolut nichts Merkwürdiges«, sagte er. »Nein, das habe ich auch gar nicht erwartet«, warf Bengt rasch ein. »Ich dachte mir stets, daß all die Geheimtuerei mit den drei Zimmern tatsächlich nur eine Marotte des alten Herrn war. Was sollte er denn auch zu verbergen haben, der gute alte Schelm?« Der Arzt sah Krag fragend an. »Sollten wir nicht aber doch das Zimmer genauer untersuchen?« fragte er. »Das ist ganz unnötig«, antwortete Krag. »Ja, das meine ich auch«, stimmte Bengt zu. »Es wäre wohl das Gescheiteste, die Lampen zu löschen und zu Bett zu gehen. Wir bedürfen wirklich der Ruhe nach diesem schrecklichen Abend.« Ohne seinen Bemerkungen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, trat Asbjörn Krag an die Wand und betastete und drückte die sie bedeckenden Teppiche und Tapeten. Dann murmelte er: »Und als käme ihm erst jetzt Bengts Wunsch zum Bewußtsein, die Lampen zu löschen und zu gehen, sagte er: »Nein, wir werden nicht zu Bett gehen. Oh, ich versichere Ihnen, meine Herren, das ist ein sehr geheimnisvolles Zimmer. Wie war er klug, der alte Mann.« »Aber worin besteht denn das Geheimnis?« fragten Bengt und der Arzt zugleich. »Das werden Sie später schon erfahren. Doch zunächst mußt du, lieber Doktor, mir bei einer kleinen Probe behilflich sein.« »Bei einer Probe?« »Frage nicht, tue nur, was ich sage. Also wiederhole mir doch, bitte, mal die folgenden Worte: »Da hast du's … du Teufel!« »Da hast du's … du Teufel!« wiederholte der Arzt erstaunt. Bengt aber stand stumm. Er war plötzlich totenbleich geworden bei den Worten des Detektivs und bohrte ihm einen drohenden Blick in die Augen. Krag tat, als merke er es nicht. »Lauter«, fuhr er, an den Arzt gewandt, fort, »viel lauter. Du mußt es hinausschreien. Stelle dir vor, daß ein Mann im Begriff ist, einen anderen zu töten. Als er in wilder Wut gerade dabei ist, ihm eine Kugel durch den Schädel zu jagen, schreit er: ›Da hast du's … du Teufel!‹ » Der Arzt wiederholte den Ruf nun lauter und Krag erklärte sich befriedigt. »Warte nun hier zwei Minuten«, sagte er, »nach genau zwei Minuten stößt du den Schrei aus.« Damit verließ der Detektiv das Zimmer. Dem Arzt blieb sein Tun ein völlig unerklärliches Rätsel, aber er wollte unter allen Umständen den Anordnungen seines Freundes folgen. Er konnte innerlich nicht leugnen, daß ein Gefühl des Unbehagens ihn überkam, als Krag gegangen war, und er sich mit Bengt allein in diesem geheimnisvollen Zimmer befand, das seine Phantasie in schrankenlose Bewegung setzte. Asbjörn Krag war durch all die Zimmer und Korridore zurückgegangen, auch durch das Wohnzimmer, in dem er im matten Schein des Mondlichts den Toten unter dem weißen Bettuch liegen sah. Schließlich kam er auf den Hof hinaus und nahm den gleichen Weg, wie in der vorigen Nacht, als er den alten Herrn ausspionieren wollte und den schaurigen Ruf vernommen hatte. Er blieb unter den Fenstern der drei Zimmer stehen und lauschte. Nun waren die zwei Minuten vergangen. Er lauschte intensiv. Endlich! Da kam der Ruf! Der Detektiv hörte ihn ganz deutlich, aber wie aus unendlicher Ferne, als trüge ihn eine Luftwelle aus einer anderen Welt herbei. Rasch ging er zurück. In Aakerholms Zimmer erwarteten ihn Bengt und der Arzt. »Ist diese geheimnisvolle lächerliche Geschichte nun erledigt?« fragte der erstere. »Ja, danke, meine Untersuchung der Zimmer hier ist beendet. Aber jetzt gehen wir in den Park hinunter.« »In den Park? Was sollen wir da?« »Die Stelle untersuchen, an der der Koch die Leiche fand.« »Ist das notwendig?« »Absolut. Für uns Ärzte ist es durchaus erforderlich, in einem so zweifelhaften Falle wie diesem hier, alles in Erfahrung zu bringen, was sich irgendwie erforschen läßt, um zur Klarheit zu gelangen.« Krag verschloß die Türen. Er verließ die drei Zimmer als letzter. »Rufen Sie den Koch und ein paar andere Männer herbei«, bestimmte er. »Wir müssen Licht mitnehmen.« Asbjörn Krag war fest entschlossen, alles nach seinem Gutbefinden zu leiten. Er nahm von Bengt keine Notiz und überhörte seine Bemerkungen völlig. Ohne weiteres steckte er die Schlüssel des Toten in seine eigene Tasche, obwohl Bengt ja das nächste Anrecht auf sie hatte. Der Arzt beobachtete erfreut, wie das Interesse des Detektivs sich mit jeder Minute erhöhte. Der Begriff Müdigkeit schien ihm fremd zu sein. Offenbar verfolgte er eine Spur. Aber wohin diese führte, das ahnte Doktor Rasch nicht. Inzwischen waren der Koch, der Stallknecht und noch ein paar Leute gerufen worden. Sie kamen alle mit Fackeln in der Hand. Krag verschwand einen Augenblick in seinem Zimmer und kehrte dann mit seiner Polizeilaterne zurück. Das war ein richtiges kleines Wunder von einer elektrischen Blendlaterne, ihr Licht war weiß und stark wie das hellste Tageslicht. Bengts Staunen wuchs, als er Krag im Besitz einer solchen Laterne sah. »Revolver und Blendlaterne«, sagte er höhnisch, »nun fehlt nur noch die Polizeimarke, und die Ausrüstung ist vollständig.« Vor der Tür stand der Schlitten mit zwei prustenden Pferden. Der Kutscher ging unablässig daneben auf und ab, bemüht, sich zu erwärmen. Asbjörn Krag trat zu ihm, gab ihm eine Anweisung und überreichte ihm ein Blatt Papier. »Zum Telegraphenamt, so rasch wie möglich. Wecken Sie den Assistenten, er soll diese Eiltelegramme sofort befördern. Und warten Sie auf die Antworten.« Gleich darauf glitt der Schlitten der Stadt zu. Krag, der Arzt und Bengt gingen nun in Begleitung der Fackelträger nach dem Park. Es war bitter kalt, der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Das Licht der schwankenden Fackeln warf gespenstische Streifen zwischen die Baumstämme. »Hier war es«, erklang plötzlich die tiefe Baßstimme des Kochs. Sie blieben alle stehen, und Andresen beleuchtete mit seiner Fackel einen der nächsten Bäume. Von dem Baum bis zum Wege war etwa eine Entfernung von vier bis fünf Metern. Krag bat die anderen, auf dem Wege zu bleiben. Er selbst leuchtete den Boden von dort bis zum Baum ab und entdeckte deutliche Spuren im Schnee, die bewiesen, daß hier kürzlich ein männlicher Körper gelegen haben mußte. Krag las in den Merkmalen, wie man in einem Buch liest. »Er lag mit dem Gesicht im Schnee«, sagte er. »Ganz richtig«, erklärte der Koch. »Die rechte Hand mit dem Revolver hielt er unten an sich gedrückt; er war darauf gefallen. Die linke Hand dagegen hatte er über den Kopf geworfen; ich sehe im Schnee klar die Abdrücke aller fünf Finger.« »Ganz richtig.« »Hier ist auch ein Blutfleck. Aber viel Blut kann er nicht vergossen haben, er muß sofort gestorben sein. Wie spät war es, als Sie ihn fanden?« »Ungefähr zehn Minuten nach elf.« »Also bei klarstem Mondschein …« Plötzlich fuhr Krag zusammen. Er hatte eine neue Spur im Schnee entdeckt. »Trug Aakerholm nicht Hirschlederstiefel?« »Ja.« »So sehe ich dort seine Fußtritte. Sie beginnen am Wege. Er ist vom Wege abgewichen, wie man vor einem heraneilenden Auto ausweicht, plötzlich und eilig. Und dann – ah, jetzt sehe ich es: er ist die sieben bis acht Schritte bis zum Baum rückwärts gegangen.« Bengt hatte Krags Untersuchungen mit wachsendem Interesse beobachtet. Nun sagte er: »Es ist absolut nicht merkwürdig, daß mein armer Vater vom Wege bis zum Baum rückwärts ging. Er fürchtete natürlich, daß ihm jemand folgen und ihn daran hindern könnte, die Tat auszuführen.« »Ich sagte ja auch gar nicht, daß es merkwürdig sei«, erwiderte Krag. »Für mich ist es das wichtigste, die Tatsache festzustellen.« Wie ein Spürhund schnüffelte er noch eine Viertelstunde im Schnee umher. Dann löschte er seine Laterne und erklärte, daß er fertig sei. Die Gesellschaft begab sich zurück in das Haus. Krag ließ sich von dem Koch zeigen, wo die kleine Allee lief. »Sie führt also direkt zu dem Hause von Aakerholms Braut?« fragte er. »Ja, sie führt zu Frau Hjelms Villa«, antwortete Bengt. »Hm«, machte Krag. »Um halb elf sah man den alten Herrn in der Allee; zehn Minuten nach elf fand man seine Leiche im Park, das heißt also in der entgegengesetzten Richtung. Kann man im Zeitraum von vierzig Minuten von hier zu Frau Hjelms Villa und wieder zurück an die Stelle im Park gelangen, an der man den Toten fand? Der Koch überlegte. »Das ist vielleicht möglich«, sagte er. »Aber so genau kann ich es nicht sagen. Jedenfalls müßte man dann sehr rasch gehen.« »Nun, das werden wir morgen untersuchen. Jetzt ist es bereits halb vier, und der Mond ist gerade im Begriff, sich hinter einer Wolke zu verstecken. In wenigen Minuten wird die Dunkelheit uns am Weiterarbeiten hindern, die Fackeln genügen nicht. So ist es also am besten, daß wir uns jetzt zur Ruhe begeben.« Krag nahm des Doktors Arm, grüßte Bengt kurz aber freundlich und eilte die Treppen hinauf. Es war still und warm in den Fremdenzimmern, ein munteres Feuer prasselte im Kamin. Bald hatten die beiden Herren ihre Zigarren in Brand gesteckt und sich's gemütlich gemacht. Krag war anfangs schweigsam und nachdenklich. Doktor Rasch schien vollkommen überwältigt von den Erlebnissen der letzten Stunden. Er saß eine Weile mit den Händen vor dem Gesicht. Dann murmelte er: »Ich ahnte es, ich ahnte es. Der prächtige alte Mann. Und welch ein furchtbarer Tod!« fügte er schaudernd hinzu. Plötzlich wandte er sich an Krag, der bereits in seine Lieblingsstellung gesunken war: zur Hälfte im Sessel begraben, die Beine nach dem Kamin hin ausgestreckt, die Zigarre im Munde, von dichten Rauchwolken eingehüllt. »Du behauptetest«, sagte er, »daß du das Geheimnis der drei Zimmer kenntest, aber es gab ja gar kein Geheimnis in ihnen.« Krag lachte laut auf. »Wie blind ihr Menschen doch seid«, sagte er. »Gewiß ist ein Geheimnis mit den drei Zimmern verknüpft. Das vermutete ich sofort, als du mir in Kristiania von den seltsamen Anordnungen des alten Herrn erzähltest. Gestern gingen mir dann plötzlich die Augen auf, und ich wurde meiner Sache noch sicherer, als ich von dem taubstummen Diener hörte. Nun aber habe ich unwiderlegliche Beweise für die Richtigkeit meiner Annahme an der Hand.« »Aber von dem taubstummen Diener weißt du ja gar nichts«, wandte der Arzt ein. »Gewiß weiß ich etwas von ihm«, behauptete Krag, »ich weiß, daß er taubstumm war … das genügt mir.« Eine kurze Pause entstand, während der neue dicke Rauchwolken aus Krags Sessel emporstiegen. Darauf fragte der Arzt unsicher und in fast flüsterndem Ton: »Glaubst du, daß mit Aakerholms Selbstmord etwas Geheimnisvolles verknüpft ist?« Krag wurde ernst. »Selbstmord?« fragte er. »Es war kein Selbstmord. Aakerholm wurde ermordet.« »Ermordet?« »Ja. Ins Herz geschossen. Niedergeschossen, wie man einen räudigen Hund erschießt.« Der Arzt sprang entsetzt auf. »Und das sagst du so ruhig!« rief er aus. »Aber wer, um des Himmels willen, ist denn der Mörder?« »Das weiß ich nicht, ich ahne es noch nicht. Der einzige, der es mir hätte sagen können, der alte Herr selbst nämlich, wollte es nicht, als ich ihn gestern danach fragte.« »Was meinst du damit?« »Ich meine den Mann, den Aakerholm im Pavillon gesehen hatte. Das ist der Mörder.« »Und warum, glaubst du, wollte Aakerholm ihn dir nicht beschreiben?« »Tja, das ist wieder ein Geheimnis, das mit den drei Zimmern zusammenhängt.« Der Arzt ging wie gehetzt im Zimmer auf und ab. »Ermordet!« murmelte er. »Was für eine entsetzliche Vorstellung.« Plötzlich blieb er stehen und sagte: »Aber die zwei Schüsse, Krag, es fielen ja nur zwei Schüsse, und beide Läufe von Aakerholms Pistole waren abgefeuert.« »Eben diese beiden Schüsse beweisen, daß hier ein Mord vorliegt«, sagte der Detektiv. »Das verstehe ich nicht.« »Nun, das ist doch aber ganz einfach: Der erste Schuß wurde von Aakerholm abgegeben. Der zweite – und tödliche – von dem Mörder. Du darfst nicht vergessen, daß Aakerholm uns abends, kurz zuvor, seine Schießgeschicklichkeit bewies, indem er das As aus der Karte schoß. Also befand sich nur noch ein Schuß in seiner Pistole.« Der Arzt blieb stehen. »Ganz recht«, sagte er. »Nun fange ich an zu begreifen.« »Und außerdem«, sagte Krag, »zeigen Spuren im Walde, daß Aakerholm den Mörder auf dem Wege vor sich auftauchen gesehen haben muß. Er fuhr zurück in den Schnee, vielleicht hat er in demselben Augenblick geschossen, aber sein Ziel verfehlt, was ich trotz seiner sonstigen Sicherheit, durchaus nicht unwahrscheinlich finde, da er aufs höchste erschrocken war. Erinnere dich doch des schaurigen Ausdrucks im Gesicht des Toten.« Der Arzt nickte. »Nun wohl. Nachdem er geschossen hatte, war er ein paar Schritte rückwärts gegangen, bis zu dem Baum. Da hat ihn dann die tödliche Kugel getroffen.« Der Arzt saß eine lange Weile still und sann. »Ich verstehe nicht«, sagte er schließlich, »warum Aakerholm so spät abends in den Park hinausging.« »Das verstehe ich auch nicht«, antwortete Krag und zündete sich die dritte Zigarre an. »Aber das wird uns wohl die ›Modedame‹ sagen können. Vergiß nicht, Doktor, daß wir eine der Hauptpersonen dieses Dramas noch gar nicht gesprochen haben, nämlich die schöne Witwe Hjelm.« VII Bei der Witwe Hjelm. Die beiden Herren saßen plaudernd etwa noch eine Stunde auf. Der Detektiv wollte sich nicht zu Bett legen, ehe er Nachricht vom Telegraphenamt erhalten hatte. Endlich vernahm er aus weiter Ferne das Schlittengeläut durch die Nacht schallen. Nach einem kleinen Weilchen schwenkte der Kutscher auf den Hof, und Krag rief ihn zu sich herauf. Er brachte zwei Telegramme, eins aus Kristiania, ein anderes aus Amerika. Krag las das letztere sehr genau, und der Arzt erkannte an seinem Gesichtsausdruck, daß der Inhalt nichts Unangenehmes besagte. Nun war Doktor Rasch aber so müde, daß er Mühe hatte, die schweren Augenlider offen zu halten. Die gewaltsame Anspannung des vergangenen Tages hatte ihn zu sehr angegriffen. Er stand auf und verließ seinen Freund mit einem herzlichen gute Nacht. Asbjörn Krag aber war nach wie vor körperlich und geistig gleich frisch und elastisch. Als er allein war, nahm er die Kiste mit den Spiegelscherben aus dem Schrank, wo er sie verschlossen gehalten hatte. Vorsichtig breitete er nun die einzelnen Stücke auf dem Fußboden aus, mit der Rückseite nach oben, und versuchte sie zusammenzufügen. Anfangs wollte es ihm nicht gelingen; aber er probierte es beharrlich immer wieder, bis es endlich zu einem glücklichen Resultat führte und er etwa den halben Spiegel wiederhergestellt hatte. Je weiter das Ergebnis fortschritt, desto befriedigter schien der Detektiv, und je mehr Stücke er aneinandergepaßt hatte, desto rascher ging ihm die Arbeit von der Hand. Schließlich hatte er festgestellt, was er wollte: In einer Ecke des Spiegels war das Quecksilber mit einem Messer von dem Glase abgekratzt. Und zwar mußte das erst vor kurzem geschehen sein. »Nun wüßte ich gern«, murmelte Krag, indem er vorsichtig die Stücke auf einen Haufen legte, »was man den armen alten Mann in diesem Viereck lesen ließ. Ich hege den Verdacht, daß es eine entsetzliche Anklage gewesen sein muß.« Nachdem er die Kiste wieder an ihren Platz gestellt hatte, zog er das heimlich vom Schreibtisch genommene kleine Buch aus der Tasche. Während er Aakerholms nervöses Blättern und Suchen in dem Büchlein beobachtet, hatte er zwar die Seiten nicht zählen können. Doch er vermutete nach ungefährer Berechnung, daß der alte Herr die betreffende Stelle schließlich auf den Seiten 200 bis 250 gefunden haben müsse. So begann er von Seite 200 an zu lesen. Er las sorgfältig Wort für Wort. Es war ein englisches Buch, offenbar eine sehr unterhaltende Lektüre leichterer Art. Aber Krag achtete nicht auf den Zusammenhang und hatte nicht das geringste Interesse für den Inhalt, denn er war vollkommen damit beschäftigt, in dem, was er las, einen versteckten Sinn zu finden. Aber er mußte lange lesen, ehe ihm das gelingen sollte. Keinem Wort, keinem Satz begegnete er, den er auch nur mit der geringsten Wahrscheinlichkeit mit diesem traurigen Drama hier in Verbindung hätte bringen können. Endlich sollte sein Forschen aber mit Erfolg gekrönt werden. Ganz unten auf Seite 248 fand er eine Zeile, die ihn stutzig machte. Es war ein Ausruf einer der Gestalten des Buches. Und Krag schien es, als ständen diese wenigen Worte ganz für sich allein und schrien laut, so deutlich standen sie in engstem Zusammenhang mit den Geschehnissen, die er nun hier mit erlebte. Asbjörn Krag barg das Buch in seiner Reisetasche. Er wollte nun noch eine oder zwei Stunden ruhen. Aber ehe er sich zu Bett legte, öffnete er das Fenster, um ein wenig frische Luft zu atmen. Die Nacht war nach wie vor klar und kalt. Die Landschaft war in Mondlicht gebadet, fleckenlos weiß leuchtete der Schnee, in bläulichem Dunkel lagen die Häuser und Wälder, in tiefem Kohlschwarz die Schatten. Wie ein schwarzer Gürtel umschloß der alte Park das stille, tote Gutshaus. Nur Bengts Fenster waren noch erhellt. Sonst war alles Licht in dem großen Gebäude gelöscht, kein Laut, kein Anzeichen verriet, daß es von Menschen bewohnt war. Der Detektiv schloß das Fenster und zog den Vorhang vor. Dann untersuchte er, ob die Tür verschlossen sei, nahm den kleinen schwarzen Kasten hervor und legte einen der goldbeschlagenen Revolver auf den Nachttisch. In dem Augenblick, da er sich zu Bett legte, waren alle Gedanken und Grübeleien aus seinem Kopf wie fortgeweht. Er schlief sofort ein. Am nächsten Morgen um zehn Uhr war Asbjörn Krag bei der schönen Witwe Hjelm. Sie hatte bereits von dem Todesfall erfahren und war, wie sie Krag sagte, sehr schmerzlich davon berührt. Als Arzt des Verstorbenen während seiner letzten Tage, behauptete Krag die Pflicht zu haben, möglichst alles ans Licht zu ziehen, was eine Erklärung geben könnte für die Ursachen, die Aakerholm zu seiner verzweifelten Tat veranlaßt hätten. »Sie ist mir ebenso unerklärlich, wie Ihnen«, antwortete die Witwe. Krag fragte sie, ob ihr an Aakerholms Benehmen während der letzten Zeit nichts aufgefallen sei. »In den letzten vierzehn Tagen war er allerdings ein wenig absonderlich«, antwortete sie. »Ich weiß zwar nicht, was ihm fehlte, aber mit Selbstmordgedanken trug er sich sicher nicht, soweit ich es beurteilen kann.« »Wann sollte Ihre Hochzeit sein?« Krag bemerkte sofort, daß seine Frage ihr peinlich war und sie nur ungern auf dieses Thema einging, aber nach einem kurzen Nachdenken antwortete sie dennoch: »Sie sollte in vier Wochen stattfinden. Aakerholm wollte den Termin möglichst beschleunigen.« »Warum das?« »Ich weiß es wirklich nicht. Aber besonders in den letzten Tagen sprach er häufig davon, die Hochzeit auf einen noch früheren Zeitpunkt verlegen zu wollen. Er behauptete, es sei von großer Bedeutung.« »Kennen Sie Aakerholms Pflegesohn?« »Bengt? Ja, natürlich kenne ich ihn.« »Wie stellte er sich zu dem Verhältnis zwischen Aakerholm und Ihnen?« »Es behagte ihm nicht. Er arbeitete ihm aus aller Kraft entgegen.« »Wäre es nicht denkbar, daß sein Verhalten schuld war an Aakerholms Verstimmung während der letzten Wochen?« Frau Hjelm antwortete ausweichend: »Aakerholm war nicht immer verstimmt; er hatte manche vergnügte Stunde.« »Sie haben mir meine Frage nicht beantwortet.« Sie wurde ein wenig unruhig. Nach kurzem Besinnen sagte sie: »Aakerholm sprach häufig mit Bitterkeit von seinem Pflegesohn. Ich glaube tatsächlich, daß der Gedanke an seinen beharrlichen Widerstand ihn veranlaßte, die Hochzeit möglichst zu beschleunigen.« »Aakerholm fürchtete also seinen Pflegesohn?« »Nein, absolut nicht. Doch ich hatte den Eindruck, als fürchtete er etwas anderes.« »Etwas anderes?« »In der letzten Zeit sprach er oft von einer Begebenheit in seinem Leben, die vielleicht sein Alter verdunkeln könnte.« »Erwähnte er je, was das war?« »Nein, aber es muß etwas sehr Ernstes gewesen sein.« »Baten Sie ihn nicht, es Ihnen zu erzählen?« »Ja.« »Und was antwortete er dann?« »Daß ich sein volles Vertrauen genießen solle.« »Das heißt, er wolle Ihnen alles erzählen?« »Ja.« »Aber wann?« Die junge Witwe ging nervös im Zimmer auf und ab. »Ja, das eben ist so merkwürdig«, sagte sie. »Inwiefern?« »Ich erwartete Aakerholm gestern abend.« »Um elf Uhr«, ergänzte Krag. »Ja. Woher wissen Sie das?« »Und da wollte er Ihnen das Geheimnis seines Lebens erzählen?« »Ja, das hatte er mir versprochen. Doch er kam nicht.« »Nun, ich kann Ihnen berichten, Frau Hjelm, daß es seine Absicht war, zu kommen.« »Wirklich? Aber er ist ja um elf Uhr gestorben.« »Ja, zehn Minuten nach elf. Doch um halb elf verließ er das Haus, um Sie zu besuchen. Man sah ihn in der kleinen Allee.« »Ach, dann wollte er ganz bestimmt zu mir.« »Und als er das Haus verließ, dachte er sicher absolut nicht daran, sich das Leben zu nehmen. Folglich sieht es aus, als sei ihm in der Zeit zwischen halb elf und elf etwas zugestoßen, etwas völlig Unvorhergesehenes. Und das muß in der kleinen Allee geschehen sein.« »Die pflegt sonst niemand zu benutzen. Aber da Sie alles zu wissen scheinen, können Sie mir vielleicht auch sagen, wo Bengt zu dieser Zeit war?« »Er war mit mir zusammen im Klub. Wir wurden beide durch die Nachricht von Aakerholms unerwartetem Tod nach Kvamberg zurückgerufen.« »Das ist ja alles sehr merkwürdig, es ist für mich ganz unfaßlich.« »Halten Sie es für wahrscheinlich, daß Aakerholm auf dem Wege zu Ihnen, plötzlich von Selbstmordgedanken gepackt, kehrt gemacht haben, in den Park gegangen sein und sich erschossen haben könnte?« »Nein, das halte ich für ganz unmöglich. Es muß ihm etwas zugestoßen sein.« »Was, glauben Sie, kann das sein?« »Ich glaube, daß er jemandem begegnet ist.« »In der Allee?« »Ja.« Die Witwe dachte nach. Es fiel Krag auf, daß sie immer unruhiger wurde. »Wer könnte das denn sein?« fragte er. Er sah sie scharf an. Sie fuhr zusammen, und ihr Gesicht nahm einen halb erschrockenen und halb flehenden Ausdruck an. »Wollen Sie mir nicht zunächst die näheren Umstände angeben?« fragte sie. »Ja, das will ich tun, sobald Sie mir gesagt haben, wer die Person war, der Aakerholm gestern abend auf dem Wege zu Ihnen begegnete.« »Wie kann ich das wissen?« »Sie wissen es, denn der Mann, dem er in der Allee begegnete, die sonst von niemandem benutzt zu werden pflegt, dieser Mann kam von Ihnen .« »Das ist nicht wahr. Hier war niemand!« »Sagen Sie mir die Wahrheit«, sagte Krag nun sehr ernst. »Liebten Sie Aakerholm?« »Ich war ihm sehr zugetan. Er war ein feiner alter Herr.« Es entging Krag nicht, daß sie während er mit ihr sprach, wiederholt unruhig zur Tür blickte, als erwarte sie jemanden. Er fuhr fort: »Aber Aakerholm hatte Feinde, die ihn schließlich in den Tod trieben.« »Ich beginne es zu verstehen«, erwiderte sie. »Wollen Sie mir behilflich sein, seine Feinde zu entlarven?« Sie trat rasch auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Das will ich«, sagte sie herzlich. Krag erkannte, daß sie es auch ernstlich so meinte. Aber plötzlich sank sie zusammen. Krag vernahm draußen auf der Treppe ein Geräusch. Es kam jemand. Frau Hjelm wollte zur Tür eilen, Krag aber ergriff rasch ihre Hand und hielt sie fest. Sie wollte schreien, doch in demselben Augenblick öffnete sich die Tür, und ein Herr trat ein. Es war Bengt. Nicht ihn hatte Krag hier zu sehen erwartet, und aus Frau Hjelms erstauntem Ausruf erkannte er, daß auch sie einen anderen als Bengt erwartet hatte. Dieser brach das Schweigen. »Sie hier?« fragte er. »Sie sind doch ein merkwürdiger Mensch.« Krag hatte sofort wieder seine ganze Geistesgegenwart zurückgewonnen. »Sie werden mir doch wohl gestatten«, sagte er, »daß ich einer alten Bekannten meinen Abschiedsbesuch mache. Ich war ein guter Freund von Frau Hjelms verstorbenem Manne.« Er sah die Witwe an, und diese antwortete rasch, wenn auch ein wenig verwirrt: »Ja, ich freute mich außerordentlich, Sie einmal wiederzusehen.« »Ihren Abschiedsbesuch? Sie wollen also heute abreisen?« fragte Bengt. »Ich reise in zwei Stunden.« »Und Ihre Untersuchungen haben Sie befriedigt?« »Jawohl. Ich fand, was ich suchte.« Krags Stimme hatte einen Klang, der Bengt die Augenbrauen zusammenziehen machte. VIII Wie Aakerholm erschossen wurde. Als Asbjörn Krag durch die kleine Allee zurückging, wirbelten ihm die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Während seines Gespräches mit Frau Hjelm hatte sein Argwohn sich außerordentlich verstärkt; aber ganz unerwartet waren außerdem noch etliche neue Dinge an den Tag gekommen. Was hatte Bengt bei der »Modedame« zu suchen? Offenbar war sie ebenso erstaunt gewesen über seinen plötzlichen Eintritt wie er selbst. Während Krag in tiefes Sinnen versunken seines Weges ging, hörte er plötzlich jemanden hinter sich her laufen. Er wandte sich rasch um und gewahrte einen jungen Mann, der sich ihm in höchster Eile näherte. Krag blieb stehen. »Wollen Sie mich sprechen?« fragte er, als der andere ihm nahe genug war, um ihn zu hören. »Ja, ich habe eine Botschaft für Sie.« »Von wem?« »Von Frau Hjelm. Ich bin ihr Knecht.« Der Mann sah sich vorsichtig um, als fürchte er, daß jemand sie belauschen könne. »Ich bringe einen Brief«, flüsterte er. »Ich soll Sie bitten, ihn zu lesen und dann nur ja oder nein zu sagen.« Krag nahm schnell das weiße Kuvert, das in der Hand des Mannes leuchtete. Er riß es auf und nahm einen kleinen Briefbogen heraus. In größter Eile hatte eine zierliche Damenhand darauf geschrieben: ›Ich muß Sie unbedingt sprechen, ehe Sie abreisen.‹ Eine Unterschrift fand sich nicht darunter. »Nun?« fragte der Mann gespannt. »Sie kennen vielleicht auch den Inhalt des Briefes?« fragte Krag. »Nein, den kenne ich nicht.« »Sagten Sie, Frau Hjelm habe ihn geschrieben?« »Ja, sie schrieb ihn in der Halle, wo ich darauf warten mußte.« »War sie allein?« »Ja, aber der junge Aakerholm befand sich im Zimmer nebenan.« »Gut. Sie können Frau Hjelm von mir grüßen, und ich werde heute abend tun, was sie wünscht.« Der Mann zog die Mütze und wollte in die Villa zurückeilen, aber Krag hielt ihn fest. »Hören Sie«, sagte er, »wo wohnt der Herr, der gestern abend bei Frau Hjelm zu Besuch war und ihr Haus einige Minuten vor elf verließ?« »Das weiß ich nicht.« Krag mußte darüber lächeln, daß seine kleine List so leicht gelungen war. »Nun«, sagte er, »es ist ja schließlich auch ganz gleichgültig. Grüßen Sie Frau Hjelm.« Damit setzte er seinen Weg fort. Als er in Kvamberg ankam, traf er den Arzt auf dem Hof. Er sah sehr erregt aus. »Ich muß dich sofort sprechen«, sagte er. Die beiden Herren gingen in ihre Zimmer hinauf. Doktor Rasch schloß die Tür und nahm eine Haltung an, die andeutete, daß er eine wichtige Mitteilung zu machen hatte. »Während deiner Abwesenheit hat sich hier etwas ereignet«, sagte er, »etwas ganz Unerwartetes.« »Hat man vielleicht den Mann aus dem Pavillon gesehen?« fragte Krag in vollkommen gleichgültigem Ton. »Nein.« »Was hat sich denn sonst ereignet?« »Die Polizei ist hier.« »Wirklich?« »Ein Vorgesetzter mit zwei Schutzleuten. Sie fordern eine gerichtliche Untersuchung betreffs Aakerholms Tod.« »Schön«, sagte Krag und setzte sich ruhig an seinen gewohnten Platz am Kamin. »Du bist also nicht im geringsten überrascht?« fragte der Arzt erstaunt. »Nein«, antwortete der Detektiv, »nur unerwartete Dinge überraschen mich, lieber Doktor, und das hier kann ich wirklich nicht unerwartet nennen. Ich habe es nämlich selbst veranlaßt.« »Du?!« »Ja. Ich mußte bei der jetzigen Sachlage die Polizei zuziehen, damit eine Berührung der Leiche verhindert werde. Eine solche ist nun natürlich verboten worden?« »Ja, ich hörte den Koch davon reden.« »So ist es in Ordnung.« »Was beabsichtigst du selbst zu tun?« fragte Doktor Rasch ungeduldig. »Ich reise ab.« »Was sagst du!?« »Ich reise heute vormittag ab. Meine Tasche ist bereits gepackt.« »Wann kommst du wieder?« »Heute nacht. Aber das darf niemand wissen.« »Oh, ich verstehe. Du willst Bengts Argwohn einlullen. Während er dich weit fort wähnt, bist du in Wirklichkeit in seiner unmittelbaren Nähe und beobachtest ihn.« »Stimmt. Ich komme heute abend um elf Uhr hierher zurück. Du mußt dafür sorgen, daß ich ungesehen hereinkomme. Das Fenster deines Zimmers geht ja nach dem Park hinaus. Es muß um elf Uhr dunkel sein, aber du mußt wach bleiben und beobachten, was sich ereignet. Habe auch ein Seil bei der Hand. Alles andere überlasse mir.« »Ich will alles nach deinen Angaben erledigen«, erwiderte der Arzt. »Aber nun bin ich sehr neugierig, zu erfahren, welches Resultat dein Gespräch mit Frau Hjelm hatte.« »Es ergab nichts Besonderes.« »Hat sie etwas mit dem Drama zu schaffen?« »Das werden wir sehen. Jedenfalls ist es mir gelungen, festzustellen, wie der Mord vor sich ging.« Der Arzt nahm Krag gegenüber Platz. Er sah den Detektiv forschend an und sagte: »Ich ertrage es nicht länger, daß du mich so außerhalb der Sache hältst. Erzähle also. Wie hat sich der Mord zugetragen?« Krag lachte. »Ich will dir gern Bericht darüber erteilen«, sagte er. »Die Sache liegt ganz klar und einfach. Unmittelbar nach Bengts und meiner Abfahrt nach der Stadt verließ der alte Herr das Haus, um seine zukünftige Frau zu besuchen. Sie hatten verabredet, daß er um elf Uhr bei ihr sein wolle. Aakerholm hatte ihr versprochen, ihr dann das dunkelste Geheimnis seines Lebens erzählen zu wollen.« »Das dunkelste Geheimnis seines Lebens?« fragte der Arzt. »Ja, jenes Geheimnis, das ohne Zweifel untrennbar mit den drei Zimmern in Verbindung steht. Als er weggehen wollte, fand er ganz zufällig seine alte Pistole auf dem Tisch des Wohnzimmers, wo er sie nach seinem Meisterschuß gestern abend hatte liegen lassen. Er steckte sie ein, ohne auch nur im geringsten daran zu denken, daß er sie vielleicht nötig brauchen könnte oder überhaupt irgendwelche Verwendung dafür haben würde. Er ging also fort und nahm den Weg durch die kleine Allee. Alles das weißt du, nicht wahr?« Der Arzt nickte. »Obwohl wir eine mondhelle Nacht hatten, lag die Allee im Dunkel. Gestützt auf die mittlerweile gesammelten Aufklärungen, kann ich dir nun alles weitere schildern, was sich dann zugetragen hat. Ich nehme an, daß Aakerholm bereits zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Er war etwa bis zu jener Stelle gekommen, von der aus man Frau Hjelms Villa sehen kann. Da macht der Weg einen Bogen um einen aufragenden kleinen Hügel. Plötzlich blieb er stehen, weil er sah, daß sich die Verandatür öffnete und ein Herr heraustrat.« »Aus Frau Hjelms Villa?« »Ja. Natürlich war Aakerholm sehr erstaunt und fragte sich, wer dieser Herr wohl sein könnte. Das wollte er feststellen und verbarg sich daher rasch hinter dem Hügel, um nicht gesehen zu werden. Nun folgten die Geschehnisse Schlag auf Schlag, und im Verlauf von wenigen Minuten spielte sich das ganze traurige Drama ab. Der Fremde ging an Aakerholm vorüber, aber dieser erkannte ihn in der Dunkelheit nicht. Er wartete also, bis er ein wenig weiter gegangen war und folgte ihm dann. Der andere ging durch die ganze kleine Allee, und nun nahm Aakerholm natürlich an, daß er abschwenken und in die große Allee einbiegen werde. Aber was geschah? Er lenkte seine Schritte statt dessen nach links und bog in Aakerholms Park ein. Den breiten Parkweg nahm er, der an dem niedergerissenen Pavillon vorüberführt und auf der anderen Seite in den Wald mündet. Aakerholm sagte sich also, daß er, um zu erfahren, wer der Fremde sei, vor ihm dort anlangen müsse. Er nahm natürlich einen Querweg, um auf diese Weise dem anderen direkt begegnen zu können. Das alles ist doch klar wie der Tag, nicht wahr?« »Vollkommen«, sagte der Arzt. »Weiter.« »So sah Aakerholm endlich des Fremden Gesicht, und als er erkannte, wer es war, zog er sofort seine Pistole und schoß auf ihn. Aber ein so furchtbares Entsetzen hatte den alten Herrn gepackt, daß er sein Ziel nicht traf oder den anderen doch nur höchstens verwundete.« Der Arzt unterbrach ihn: »Nein, nun kann ich dir nicht folgen«, sagte er, »ich sehe nicht ein, daß es notwendig war, auf den anderen zu schießen.« »Doch, doch, als er sah, wer der Fremde war, wie ich bereits sagte.« »Nun, wer, um des Himmels willen, war es denn?« »Selbstverständlich kein anderer als der Mann aus dem Pavillon.« »Aha, nun verstehe ich.« Krag fuhr fort: »Nachdem er geschossen hatte, ging Aakerholm schwankend, wehr- und schutzlos einige Schritte zurück, und da schoß der andere ihn kaltblütig nieder.« Der Arzt erhob sich tief bewegt. »Ja, so muß es sich wohl zugetragen haben«, sagte er. »Nun ist mir alles klar. Aber nun gilt es auch, den Unbekannten zu fassen, den geheimnisvollen Mörder, der ja in unserer Nähe weilen muß.« »Ganz recht«, antwortete Krag. »Wir müssen seiner habhaft werden. Vielleicht verrät er sich heute nacht, da er mich fern von hier wähnt.« »Ja, aber wie willst du es einrichten, unbemerkt wieder zurückzukommen?« »Ich steige an einer benachbarten Zwischenstation aus und nehme mir dann ein rasches Gespann. Ich habe Frau Hjelm versprochen, sie heute abend zu besuchen, und sie wird mir sicher manche wertvolle Aufklärung geben können. Und dann werden wir sehen, ob es uns nicht gelingen wird, in den nächsten vierundzwanzig Stunden den mystischen Fremden zu fassen, der sicher das Geheimnis mit den drei Zimmern kannte, daraufhin Aakerholm mit so namenlosem Schrecken erfüllte und schließlich dem alten Ehrenmanne eine Kugel ins Herz jagte.« Asbjörn Krag hatte kaum zu Ende gesprochen, als es an die Tür klopfte. Bengt trat ein. Krag bemerkte, daß er sehr erregt war. Er hatte rote Flecken auf den Wangen und sah den Detektiv mit haßerfüllten Blicken an. »Sie wollen also abreisen?« fragte er. »Ja.« »Jetzt gleich?« »In einer Stunde geht ein Zug vom Kvamberger Bahnhof ab. Den dachte ich zu benutzen.« »Ich möchte Ihnen einen guten Rat geben«, sagte Bengt. »Sie sollten mit dem Schnellzug fahren, der binnen kurzem von der Stadt aus abgeht. Der ist angenehmer, und außerdem hält er auf keiner Zwischenstation.« Krag erkannte sofort, daß der andere Mißtrauen gegen ihn hegte und nicht an seine endgültige Abreise glaubte. Nahm er den Schnellzug, so hatte Bengt doch immerhin Gewißheit dafür, daß er sich etliche Meilen von Kvamberg entfernen mußte. »Sehr gut«, sagte er. »Ich danke Ihnen für Ihren guten Rat. Natürlich ist mir der Schnellzug lieber.« »Schön. Aber ehe Sie abreisen, muß ich eine Klage gegen Sie vorbringen.« »Ich stehe zu Ihrer Verfügung.« »Sie haben sich in einer unerhörten Weise in meine Angelegenheiten eingemischt.« »Wirklich?« »Ja. Sie sind es natürlich, der Veranlassung dazu gab, daß die Polizei sich für die Selbstmordangelegenheit meines Vaters interessiert. Finden Sie nicht, daß diese Angelegenheit an sich schon traurig genug ist, und daß es nicht nötig gewesen wäre, die Familie auch noch dem öffentlichen Skandal preiszugeben?« »Die Familie?« »Als Pflegesohn habe ich doch wohl das Recht, diese Bezeichnung anzuwenden. Außerdem haben Sie einen meiner Freunde beleidigt.« »Wen, wenn ich fragen darf?« »Den Polizeidirektor.« »Aha, den dicken, überfütterten Herrn, den ich im Klub traf.« »Sie hörten wohl nicht, daß ich ihn meinen Freund nannte. Sie haben auf eine mir unverständliche Art bewirkt, daß nicht er, sondern ein grüner, junger Beamter die Sache in die Hand nahm. Ich weiß nicht, wie es Ihnen gelungen ist, das zu arrangieren, aber es soll ein Telegramm vom Polizeipräsidium aus Kristiania gekommen sein.« Der Arzt, der mit wachsendem Staunen diesem Gespräch gelauscht hatte, sagte sich sofort, daß er nun eine Erklärung für Krags nächtliches Telegraphieren habe. Der Detektiv antwortete: »Glauben Sie wirklich, daß ich das alles angeordnet habe?« »Ja.« »Dann wäre es ja sehr töricht von Ihnen, mit mir darüber zu sprechen.« Er sah auf die Uhr. »Ich muß mich beeilen«, sagte er, »wenn ich den Schnellzug noch erreichen will. Sie waren wohl auch so freundlich, mir einen Schlitten zu bestellen?« »Er wartet vor dem Hause auf Sie.« Die drei Herren gingen hinunter. Vor dem Haupteingang stand der junge Polizeibeamte, von dem Bengt eben so höhnisch gesprochen hatte. Es war ein beweglicher junger Mann mit offenem Gesicht und scharfen Augen. Als er Asbjörn Krag gewahrte, war er sehr erstaunt und grüßte verbindlich. Das bemerkte Bengt und zuckte zusammen. Aber Krag trat auf den Beamten zu und drückte ihm die Hand, indem er ihn scharf und bedeutungsvoll ansah. »Ach, Sie hier«, sagte er, »es freut mich, Sie wiederzusehen. Soweit ich mich erinnere, behandelte ich Sie einst an einer Halskrankheit. Wie geht es Ihnen jetzt?« Der Beamte, der sofort Herr der Situation war, antwortete rasch: »Danke, ausgezeichnet, Herr Doktor, ich bin wieder vollkommen gesund.« »Ja«, erwiderte Krag, indem er den Worten eine ganz besondere Betonung gab, »diese Art Erkrankung geht rasch vorüber, wenn man nur vorsichtig ist .« »Das bin ich, Herr Doktor.« Während Krag den Schlitten bestieg, wandte der junge Mann sich ab, und ein wunderliches Lächeln glitt über seine Züge. IX Frau Hjelm lüftet den Schleier. Als Asbjörn Krag sich bequem im Schlitten zurechtsetzte, fragte Bengt ihn mit einem sauersüßen Lächeln: »Es ist in unserem Hause Sitte, daß wir unsere Gäste weiter als nur bis vor die Tür begleiten. Sie gestatten wohl, daß ich mitfahre?« »Natürlich«, antwortete Krag, »es wird mir großes Vergnügen sein, eine so angenehme Gesellschaft zu haben.« Bengt bestieg den Schlitten, Krag grüßte die Zurückbleibenden nochmals, und das Gefährt glitt durch das Hoftor und den großen Weg hinunter, von zwei dampfenden Paradepferden gezogen. Während der Fahrt zur Stadt saß Bengt wortkarg und verschlossen neben Krag. Dieser dagegen war sehr gesprächig. Er ließ sich lang und breit darüber aus, wie gut es sei, daß die Polizei eingegriffen habe. Auf diese Weise vermeide man alles Gerede, das sich sonst sicher an den merkwürdigen Fall geknüpft hätte, denn es wäre doch nicht zu leugnen, daß der alte Herr unter sehr geheimnisvollen Umständen gestorben sei. Und wäre eine Sache erst dem Klatsch ausgeliefert, so würde allerlei hinzugedichtet. Daher sei es ein wahres Glück und so weiter. Bengt warf nur ab und zu ein vereinzeltes Wort ein. Aber da begann Krag von Bengt selbst zu sprechen. Er sei doch ein junger, vorwärtsstrebender Mann, und zudem reich. Würde er sich nun nicht nach einer Frau umsehen? Und er wies auf Frau Hjelm hin. Er habe heute früh seine Blicke beobachtet. Unleugbar hätte ihr Ausdruck die Gefühle eines Verliebten verraten. Es sei doch eine gute Partie, jetzt, wo der alte Herr tot sei … Bengt wandte sich verächtlich von ihm ab und murmelte: »Gott, was für ein roher Kerl!« Krag aber amüsierte sich herzlich über die Komödie. Noch einmal war es ihm gelungen, den jungen Menschen zu täuschen. Der Schlitten hielt an der Bahn der kleinen Nachbarstadt. »Sollten Sie einmal nach Kristiania kommen«, sagte Krag, »so wird es mir ein außer ordentliches Vergnügen sein, Sie bei mir begrüßen zu dürfen. Ich werde mich dann bemühen, Ihnen die interessanten Tage, die ich in Ihrem Hause zubringen durfte, zu vergelten.« »Die interessanten Tage?!« rief Bengt aus und sah Krag erstaunt an. »Für mich waren die letzten Tage nichts weniger als interessant, aber um so schauriger waren sie.« »Nun, nun«, sagte Krag und versuchte Bengt auf die Schulter zu klopfen – eine freundschaftliche Annäherung, die jener demonstrativ zurückwies – »wenn ich interessant sage, so meine ich damit natürlich nur, daß es für mich, vom ärztlichen Standpunkt aus ein interessanter Fall war, die Krankheit und Todesart des alten Herrn studieren zu können.« Bengt wandte sich unwillig von ihm ab. »Und nun«, scherzte Krag, »muß ich mein kostbares Leben der Gewalt des Schnellzuges überlassen. Er geht in einer Minute ab.« Bengt sah aus, als wünschte er von ganzem Herzen eine Zugentgleisung mit tödlichem Ausgang für Krag. Aber er sagte: »Ich werde dem Stationsvorsteher die Sicherung Ihres Zuges ganz besonders ans Herz legen.« Krag begriff sofort, daß Bengt damit andeuten wolle, er werde es verhindern, daß eine eventuelle Absicht von Seiten Krags, den Zug auf einer Zwischenstation halten zu lassen, zur Ausführung käme. Aber er tat, als fasse er Bengts Bemerkung als einen gelungenen Scherz auf und lachte laut, drückte ihm dann warm die Hand und bat ihn, den Doktor und alle anderen auf dem Gutshof nochmals zu grüßen. Als der Zug sich in Bewegung setzte, trat Krag an das Fenster seines Abteils und nickte und winkte Bengt eifrig zu, der ihm aber rasch den Rücken wandte. Asbjörn Krag stand während der ganzen Zeit am Fenster und betrachtete die an seinen Augen vorübergleitende Landschaft. Der heitere Ausdruck war nun aus seinem Gesicht verschwunden. Ernst heftete er den Blick auf das Kvamberger Gutshaus, dessen weiße Fassade am Horizont aufleuchtete. Plötzlich tanzte die kleine Station Kvamberg an ihm vorüber. Zehn Minuten später passierte der Zug eine andere Station. Bis zur nächsten war noch eine Viertelstunde. Krag sah auf die Uhr. Er überlegte keinen Augenblick, was er zu tun habe. Als weitere fünf Minuten vergangen waren und der Zug durch eine Ebene sauste, streckte er plötzlich die Hand aus und zog mit einem heftigen Ruck an der Notbremse. Sofort begann der Zug die Fahrt zu verlangsamen. Groß war in Krags Abteil die Bestürzung über seine Handlungsweise. Die Fahrgäste aus den anderen Abteilen kamen herübergestürzt, jeder wollte wissen, was geschehen sei. Hatte sich ein Unglücksfall ereignet? War jemand erkrankt? Krag antwortete ruhig, daß gar nichts geschehen sei. Er wolle nur aussteigen. Nun hielt der Zug, und Krag begann unter der beifälligen Heiterkeit der Mitreisenden seine Sachen zusammenzufassen, die Handtasche, den Pelz, Stock und Schirm. Ein englischer Tourist, der den Hergang scheinbar ernst und unberührt, unter absolutem Schweigen und mit halbgeschlossenen Augen blinzelnd beobachtet hatte, erhob sich, drückte Krag die Hand, murmelte »all right« und setzte sich wieder. Aber da kamen ein paar erschrockene Schaffner herbeigeeilt. »Wer hat die Notbremse gezogen?« fragten sie durcheinander. »Ich«, antwortete Krag und suchte sich an ihnen vorüberzudrängen. »Warum?« schrien sie. »Weil ich hier aussteigen will.« Die Fahrgäste lachten. Die Schaffner suchten Krag festzuhalten. »Das ist ein grobes Vergehen gegen die Verordnungen«, sagte der eine. »Eine hohe Geldstrafe steht darauf.« »Ist mir ganz gleichgültig«, sagte Krag, indem er seine Kristianer Adresse aufgab. »Ich muß hier aussteigen.« Die Mitreisenden lachten noch lauter. Aber nun wurden die Schaffner ernstlich böse. »Sie kommen nicht hinaus«, schrien sie. »Wenn der Zug in Kristiania hält, werden Sie festgenommen.« Anstatt zu antworten, ließ Krag rasch das Fenster herab, warf seine Sachen hinunter in den Schnee, erst den Pelz, dann die Handtasche und schließlich Stock und Schirm. Nun maß er seine Widersacher vom Scheitel bis zur Zehe, ballte die Fäuste und lachte unaufhaltsam. Man konnte förmlich sehen, wie sich seine starken Muskeln in den Ärmeln spannten. »All right!« murmelte der Engländer wieder beifällig und sog weiter an seiner Pfeife. Die Schaffner aber wichen unwillkürlich vor Krag zur Seite, dieser huschte rasch an ihnen vorüber, und mit einem Satz war er draußen bei seinen Sachen. Gleich darauf hatte er einen Zaun übersprungen und befand sich auf der Landstraße. Höhnisch rief er dem erstaunten Zugpersonal zu: »Machen Sie, daß Sie weiterkommen, ein Schnellzug hat Eile.« Und sie wußten wirklich nichts anderes zu tun, als den Zug wieder in Gang zu setzen. Als er abging, waren alle Fenster besetzt mit lachenden Gesichtern und winkenden Taschentüchern. Die Schaffner aber schworen ihm eine Rache, die ihm teuer zu stehen kommen solle. »So muß man es machen«, murmelte Krag vor sich hin, »wenn man nicht als der auftreten will, der man ist, als Detektiv.« Er ging nun nach dem nächsten größeren Bauernhof und mietete sich einen bequemen Schlitten und ein flinkes Pferd. Krag war bei strahlender Laune. Er stand ja nun am Beginn des letzten und ernstesten Teiles seiner Arbeit. Nach etwa vierstündiger Fahrt war er wieder auf Kvamberger Gebiet angelangt. In der Nähe von Frau Hjelms Villa ließ er den Schlitten halten, bezahlte ihn und legte dem Kutscher ans Herz, daß er so rasch wie irgend möglich zurückfahren, unterwegs nicht halten und mit niemandem reden solle. Das versprach er auch, sehr erfreut über das reichliche Trinkgeld, das er erhalten hatte, und machte sofort kehrt. Ehe Krag die Villa betrat, versicherte er sich darüber, ob Frau Hjelm auch allein sei. Als er eintrat und sie begrüßte, fiel es ihm auf, daß sie noch nervöser war als am Morgen, und er bemerkte, daß sie geweint hatte. »Ich muß mich bei Ihnen wegen meines Benehmens heute morgen entschuldigen«, sagte sie. »Aber Ihre Fragen und Mitteilungen kamen mir so ganz unvorbereitet. Es war unüberlegt von mir, Ihnen etwas verbergen zu wollen, und ich bereute es, sobald Sie gegangen waren. Daher erlaubte ich mir, Ihnen den Boten nachzuschicken.« »Ich dachte es mir«, sagte Krag. »Wollen Sie mir sagen, in welcher Angelegenheit Bengt Sie aufsuchte?« »Ich versichere Ihnen, daß er völlig unerwartet kam.« »Das sah ich.« »Er wollte mir nur einen Besuch machen, um mir den Tod seines Vaters mitzuteilen.« »So sprechen wir von etwas anderem. Wer war der Herr, der gestern abend um elf Uhr aus Ihrer Villa kam und dann Herrn Aakerholm in der kleinen Allee begegnete?« Frau Hjelm mußte eine lebhafte innere Erregung unterdrücken, ehe sie zu antworten vermochte. »Sie dürfen mir volles Vertrauen schenken«, versicherte Krag. »Davon bin ich überzeugt«, erwiderte sie, »und ich habe ja auch für meine Person nichts zu verheimlichen. Wie Sie vielleicht bereits erfahren haben«, fuhr sie fort, »war ich während meiner ersten Ehe und auch nach meines Mannes Tod viel im Ausland. Reisen war meine größte Freude, und ich lebte vielleicht vergnügter und freier in der Fremde, als mein Ruf hier zu Hause es ertrug. Ich habe in Ostende gespielt, und ich habe in Monte Carlo gespielt.« »Und verloren?« »Ich gewann häufig, verlor aber noch häufiger. Nun wissen Sie, wenn Sie Menschenkenner sind, wohl auch, daß Leute, besonders Frauen, die von der Spielwut gepackt sind, nicht mehr sehr empfindlich sind in der Wahl ihrer Verbindungen, wenn diese sie nur ans Roulette führen. So geschah es, daß ich mich einst in Monte Carlo in einer schwierigen Lage befand, aus der mir ein Mann heraushalf, dem ich es nachher teuer bezahlen mußte. Bald war ich mir darüber klar, von welcher Gattung er war – ein berufsmäßiger Spieler und Betrüger, ein Abenteurer, dem beständig die Polizei auf den Fersen war. Als ich diese Entdeckung gemacht hatte, verließ ich sofort die Stadt und das Land, in dem er sich aufhielt. Aber er folgte mir, und es gelang mir nur mit knapper Not, ihm zu entkommen. Erst als ich mich für die Dauer wieder hier zu Hause niederließ, fühlte ich mich sicher. Doch da – denken Sie sich meinen Schrecken – tauchte er eines Tages plötzlich auch hier auf. Er stellte mir nach und verlangte, daß ich Aakerholm die Ehe verweigern sollte. Aber da beschloß ich, diesen Verfolgungen ein für allemal ein Ende zu machen und wies ihn energisch ab. Gestern abend besuchte er mich trotzdem wieder. Dieser Besuch endete mit einer heftigen Szene, er verließ mich in rasender Wut und gelobte, Rache an mir zu nehmen. Als er ging, war es elf Uhr, und er war es, der Aakerholm begegnete. Es ist ein furchtbarer Schmerz für mich, wenn ich mir vorstelle, es könne womöglich der unglückselige Zufall sein, daß Aakerholm diesen Mann aus meiner Villa kommen sah, was ihn veranlaßt hat …« Sie vermochte nicht weiterzusprechen, die Bewegung schnürte ihr die Kehle zu. Krag fragte: »Wie heißt er?« »Ich kenne ihn unter dem Namen Jim Charter.« »Amerikaner?« »Ja.« »Wie erfuhr er, daß Sie nach Norwegen gegangen waren?« »Er wußte es gar nicht. Als ich ihm hier begegnete, sagte er mir, daß sein Erstaunen, mich hier zu treffen, ebenso groß sei, wie das meine, ihn hier zu sehen.« Da steigerte sich Krags Interesse und Eifer noch mehr. »Das konnte ich mir denken«, murmelte er. »Wie sieht dieser Jim Charter aus?« fragte er dann. »Er ist groß, muskulös, hat rotes Kopf- und Barthaar und graue, stechende Augen. Er ist etwa vierzig Jahre alt.« »Sprach er niemals von seinem Äußeren?« fragte Krag. »Zum Beispiel von seinem roten Haar?« Frau Hjelm sah ihn erstaunt an. »Ja«, antwortete sie, »jetzt, da Sie mich darauf hinweisen, erinnere ich mich ganz bestimmt, daß er einmal die Bemerkung machte, sein Äußeres sei viel Geld wert.« Der Detektiv sprang auf. »Ausgezeichnet«, rief er aus, »da hätten wir also das letzte Glied der Kette.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Ich denke an die drei Zimmer.« »An die drei Zimmer?« Krag trat näher auf Frau Hjelm zu, die ihn mit reuigen, fragenden Blicken ansah. »Glauben Sie wirklich, daß Aakerholm Selbstmord beging?« fragte er. »Ja, wie sollte ich es nicht glauben …?« »Nein, Frau Hjelm, er wurde erschossen, ermordet.« »Großer Gott! Ermordet? Und von wem?« »Von Jim Charter.« »Das begreife ich nicht.« »Sie werden es bald genug begreifen.« Frau Hjelm barg das Gesicht in die Hände und sank weinend in ihren Stuhl zurück. Krag sah sie mitleidig an und murmelte: »Arme, unglückliche Frau! Aber du sollst gerächt werden, ehe der Tag graut.« – – +++ Gegen elf Uhr abends saß Doktor Rasch in seinem Zimmer und wartete auf Krag. Alle Menschen waren bereits zur Ruhe gegangen, im Hause herrschte absolute Stille. Der Arzt öffnete das nach dem Park hinausgehende Fenster und löschte die Lampe, um sich in der Dunkelheit draußen besser orientieren zu können. Eine merkwürdige Stimmung überkam ihn, während er am Fenster saß und in den finsteren Park hinausschaute, in dem sich vor kaum vierundzwanzig Stunden das fürchterliche Drama abgespielt hatte. Er vermeinte Gestalten zu sehen, die sich zwischen den Bäumen bewegten; aber es waren nur die Schatten der vom Winde erfaßten Zweige. +++ Nun war der Zeitpunkt da, für den sie Krags Rückkehr verabredet hatten. Und richtig, da kam eine menschliche Gestalt über den Hof herangeschlichen. Sie blieb vor seinem Fenster stehen, und der Arzt vernahm ein Pfeifen. Er beantwortete es, indem er ein Seil hinunterließ, dessen Ende an dem Fensterpfosten befestigt war. Der Arzt hörte, daß jemand an dem Seil emporkletterte. Einen Augenblick später sprang ein Mann durch das Fenster ins Zimmer herein. Doktor Rasch zündete die Lampe an. Aber da schien ihm das Blut in den Adern gerinnen zu wollen: Es war nicht Asbjörn Krag, der durch das Fenster gekommen war. Der Arzt dachte an Aakerholms Mörder und den geheimnisvollen Mann im Pavillon, und seine Pulse flogen vor Grauen. Vor ihm stand, ernst und drohend, ein großer, muskulöser Mann mit rotem Bart. X Der Rotbart. Der rotbärtige Mann stand wohl eine Minute lang ganz still und starrte Doktor Rasch an. Und dieser wich entsetzt zur Tür zurück. »Stillgestanden«, befahl der andere in einem merkwürdigen Ton. Es klang, als kämen die Worte aus weiter Ferne. Und nun sah der Arzt, daß ein Revolver in seiner Hand blitzte. Zu Tode erschrocken, blieb er unbeweglich stehen. Was wollte dieser Fremde von ihm? Wollte er ihn töten? War er vielleicht auf der Jagd nach Asbjörn Krag? Er nahm all seinen Mut zusammen und fragte ihn so streng, wie er es im Augenblick vermochte: »Wie können Sie es wagen, sich auf diese Weise in mein Zimmer einzudrängen?« Der andere antwortete nicht, er spielte nur gleichgültig mit seinem Revolver. Seine Augen blinzelten merkwürdig. »Es ist Polizei im Hause«, fuhr Doktor Rasch fort, »wenn Sie sich nicht sofort entfernen, rufe ich sie herbei.« Der Fremde lachte. Plötzlich hob er den Revolver und zielte auf des Arztes Stirn, indem er mit seiner merkwürdigen Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien, sagte: »Wenden Sie sich augenblicklich mit dem Gesicht nach dem Kamin oder Sie sind des Todes!« Doktor Rasch wollte sich besinnen. »Augenblicklich!« rief der Fremde wieder. Es blieb ihm nichts anderes zu tun übrig, er drehte sich nach dem Kamin um, vor Grauen am ganzen Körper zitternd, denn er fühlte, daß die kleine Revolvermündung beständig auf seinen Nacken gerichtet war. So stand er etwa eine Minute. Da vernahm er hinter sich ein Lachen, das er zu erkennen meinte. Rasch wandte er den Kopf. Im Sessel vor dem Kamin saß lachend Asbjörn Krag. Auf dem Tisch lag eine rote Perücke und ein roter Bart. Es dauerte eine ganze Weile, ehe der Arzt die Sprache wiedergewonnen hatte. Inzwischen ließ Krag seiner Heiterkeit über des anderen Verwirrung freien Lauf. »Du hast mich fast zu Tode erschreckt«, sagte der Arzt schließlich. »Das war aber denn doch ein etwas grober Scherz.« »Du wußtest ja, daß ich um Punkt elf Uhr kommen würde. Du wußtest auch, daß ich heimlich und maskiert kommen würde. Es war durchaus kein Scherz.« »Gott sei gelobt, daß du es warst. Ich glaubte schon, es sei der andere.« »Welcher andere?« »Nun, der Mörder, der Mann aus dem Pavillon.« »Diese Vermutung war gar nicht so dumm von dir. Wenn ich diesen Bart und diese Perücke trage, sehe ich ihm tatsächlich sehr ähnlich.« »Hast du ihn denn gesehen?« »Nein. Aber Frau Hjelm hat ihn mir beschrieben. Sie kennt ihn.« »Oho! Sie ist womöglich mit an dem Morde beteiligt?« »Nein, absolut nicht. Sie steht vollkommen außerhalb der Sache. Aber den Mörder kennt sie trotzdem.« »Hält er sich noch immer hier in der Gegend auf?« »Ja. Und nach allem zu urteilen, befindet er sich ganz in unserer Nähe. Ist während meiner Abwesenheit etwas Verdächtiges vorgefallen?« »Nein, gar nichts. Bengt hat sich fast die ganze Zeit über in seinen Zimmern aufgehalten.« »Und der junge Polizeibeamte?« »Ja, das ist ein drolliger Bursche. Er hat mich immer wieder umkreist und mich in eine Unterhaltung zu ziehen versucht. Es sieht fast aus, als glaube er, ich hätte ihm etwas zu erzählen.« Krag nickte. »Nun, du erzähltest ihm aber nichts?« »Nein. Dagegen berichtete er mir gelegentlich, Bengt habe an alle in der Nähe gelegenen Bahnstationen telephoniert.« »Was antwortetest du?« »Nichts von Bedeutung. Ich verstand ja gar nicht, was er damit sagen wollte.« Krag nickte wieder und murmelte halb vor sich hin: »Ja, er ist ein wachsamer, heller Bursche.« Der Detektiv legte plötzlich die Finger an die Lippen, und sie lauschten beide mit angespannter Aufmerksamkeit. Auf dem Korridor draußen ließen sich schleichende Schritte vernehmen. Der Arzt machte eine Bewegung nach dem Revolver hin, Krag aber schob ihn beiseite. »Das ist er!« sagte er. Gleich darauf pochte es eine bestimmte Anzahl von Malen an die Tür, und Krag rief: »Herein!« Es war der junge Polizeibeamte. Er trug Zivil und hatte eine Blendlaterne in der Hand. »Sehr schön«, sagte der Detektiv. »Lösch die Lampe, Doktor, damit man von draußen nicht die vielen Schatten sieht.« Der Arzt tat es. Und nun war das Zimmer völlig dunkel, bis auf den breiten weißen Streifen, der sich von der Blendlaterne aus über den Boden zog. »Ich erhielt Ihr Briefchen«, sagte der junge Mann. »Und ich hoffe, daß ich pünktlich bin.« »Durchaus.« »Ist die Zeit zum Handeln da?« »Noch nicht.« Die drei Herren saßen eine Weile schweigend beisammen. Dann sagte der Beamte: »Ich war sehr erstaunt, Sie hier zu treffen, und sagte mir in demselben Augenblick, daß etwas faul sein müsse im Staate Dänemark. Damit hatte ich dann auch gleich die Erklärung für die geheimnisvolle Order des Polizeipräsidenten aus Kristiania.« »Ja. Mit dem alten versoffenen Polizeidirektor hier wollte ich nicht zusammenarbeiten«, sagte Krag, »er mußte ausgeschaltet werden, und das konnte nur durch eine Anordnung der höchsten Instanz geschehen, da ja nun mal die Ortspolizei für diese Angelegenheit zuständig ist.« »Wie stehen die Dinge eigentlich? Der alte Herr ist wohl ermordet worden?« »Ja, ins Herz geschossen.« »Das dachte ich mir. Von seinem Pflegesohn?« »Nein, der ist aber Mitschuldiger.« »So soll er uns nicht entkommen. Er hält sich dort in seinen Zimmern auf. Die ganze Zeit über war er mit Papieren und Schreibereien beschäftigt.« Der Beamte trat an das nach dem Hof gehende Fenster, von dem aus man die drei Zimmer von Bengts Wohnung sehen konnte. Asbjörn Krag und der Arzt folgten ihm. »Löschen Sie die Blendlaterne«, befahl der Detektiv. Im nächsten Augenblick herrschte tiefes Dunkel im Zimmer. Krag schob die Vorhänge beiseite. Nur zwei von Bengts Zimmern waren erleuchtet. Ein sich bewegender Schatten zeichnete sich an der Gardine ab. »Das ist Bengt«, sagte der Arzt. »Ja, er muß es sein«, meinte Krag. An den Schattenbildern erkannten sie, daß Bengt an einem Tisch saß. Plötzlich machte der Schatten eine Bewegung mit der Hand, als ob sie gestikuliere. »Er spricht mit jemandem«, sagten der Detektiv und der Polizeibeamte wie aus einem Munde. Die drei Herren blickten in größter Spannung nach dem erleuchteten Fenster. Sie waren sich bald völlig klar darüber, daß Bengt nicht allein war; sicher sprach er mit jemandem, der an der anderen Seite des Tisches saß. Nun erhob er sich plötzlich, und da trat auch der Schatten des anderen auf der Gardine hervor. Krag sah, daß er ein großer, bärtiger Mann war, im Jagdrock, eine Tasche an einem Lederriemen über der Schulter, eine Pelzmütze auf dem Kopf. »Wer kann das nur sein?« fragte der Polizeibeamte. »Das will ich Ihnen sagen«, antwortete der Detektiv und drückte heftig des anderen Arm, » es ist der Mörder , der Mann, der Aakerholm erschossen hat.« »Wollen wir ihn dann nicht sofort festnehmen? Ich habe zwei Schutzleute in der Gesindestube, die auf einen Wink von mir bereit sind, herbeizustürzen.« »Noch nicht.« Man vernahm einen knipsenden Laut, und die beiden Herren begriffen, daß Krag in der Dunkelheit seinen Revolver versuchte. Die Schatten der Gestalten drüben standen nun dicht beisammen. »Sie verabschieden sich voneinander«, flüsterte der Arzt. Der Mann im Jagdrock wandte sich um und verließ das Zimmer. Bengt folgte ihm und hielt eine Lampe in der rechten Hand. Die drei Lauscher beobachteten, wie sich die Fenster im Korridor je nach dem Weitergehen der beiden nacheinander erhellten. Schließlich wurde die Tür geöffnet, und eine dunkle Männergestalt schlich auf den Hof hinaus. Bengt kehrte mit der Lampe in sein Zimmer zurück. »Bewachen Sie ihn«, flüsterte Asbjörn Krag. »Machen Sie kein Geräusch. Sie stehen mir dafür, daß er das Haus nicht verläßt.« »Sie dürfen mir vertrauen. Er soll …« Aber Krag war bereits aus dem Zimmer. Rasch ging er auf den Zehenspitzen die Treppen hinunter und durch die Korridore. In dem Augenblick, da er aus dem Hause trat, sah er den Mann im Jagdrock im Dunkel des Parks verschwinden. Der Detektiv warf einen Blick zu Bengts Fenstern hinauf. Ja, der Schatten saß wieder still am Tisch. Krag schlich längs der Hausmauer, lautlos wie eine Katze. Er segnete das Tauwetter, das nun auf die Kälte gefolgt war. Der Schnee knirschte nicht mehr unter den Schritten. Als Krag den Park erreicht hatte, gewahrte er wieder die dunkle Gestalt. Er folgte ihr langsam und so geräuschlos wie möglich. Der andere nahm den Weg an der Stelle vorüber, an der Aakerholm ermordet worden war. Da blieb er stehen und sah sich um. Aber nur, um sofort wieder weiterzugehen. Asbjörn Krag mußte in seinem stillen Sinn die unerschrockene Kaltblütigkeit dieses Menschen bewundern. Gleichgültig ging der Fremde an dem niedergerissenen Pavillon vorüber, bog nach links ab und schlug einen der engsten Parkwege ein. Krag war nun ganz dicht hinter ihm. Plötzlich blieb der andere vor einem baufälligen, alten Lusthaus stehen und spähte ringsum. Es gelang dem Detektiv, sich im letzten Augenblick hinter einem Baum zu verbergen. Der Mann öffnete eine Tür, die in ihren verrosteten Angeln heiser knirschte und trat in das Haus. Krag wartete etwa fünf Minuten; aber der andere kam nicht wieder heraus. Da murmelte der Detektiv vor sich hin: »Aha, Jim Charter, nun ist der Augenblick bald da, wo wir miteinander reden werden.« Er verließ seinen Ausguck und eilte auf demselben Weg zurück, auf dem er gekommen war. Aber er kehrte nicht wieder in das Haus ein, sondern ging quer über den Hof und bog dann in die kleine Allee ab. Er begegnete unterwegs keiner Menschenseele. Aus einem der Fenster von Frau Hjelms Villa kam Licht. Krag ging auf den Haupteingang zu und klopfte. Frau Hjelm öffnete selbst. »Er war noch nicht hier«, flüsterte sie. »Ich weiß es«, antwortete Krag. »Aber er folgt mir sicher auf den Fersen. Beeilen Sie sich, schließen Sie die Tür.« Als Krag eingetreten war und Frau Hjelms Gesicht gesehen hatte, sagte er: »Sie müssen sich bemühen, ruhiger zu scheinen, er ist sicher sehr mißtrauisch.« »Ich will mich so sehr wie irgend möglich beherrschen«, sagte sie. »Aber bedenken Sie doch, welche peinliche, entsetzliche Szene meiner wartet. Übrigens habe ich hier ein sehr gutes Versteck für Sie ausgefunden.« Sie wies auf eine der Türen. Da konnte Krag, hinter einer schweren Portiere verborgen, alles beobachten, was im Zimmer vorging, ohne selbst gesehen zu werden. »Haben Sie auch eine Waffe bei sich?« fragte Frau Hjelm nervös. Krag zeigte ihr seinen Revolver. »Aber er ist sicher ein guter Schütze.« Krag lachte. »Er wird keine Gelegenheit finden, seine Geschicklichkeit zu beweisen«, sagte er. Sie hatten kaum fünf Minuten gewartet, als sie auf der Treppe Schritte vernahmen. Der Detektiv eilte in sein Versteck. Er hielt den Revolver in der Hand. Frau Hjelm öffnete die Tür. Durch ein kleines Loch in der Portiere erkannte Krag den Mann im Jagdrock. Er hatte ein rotbäckiges, brutales Gesicht. »Bist du es, Jimmi?« hörte er Frau Hjelm sagen. »Ich erwartete dich nicht so zeitig. Du schriebst, daß du um zwölf Uhr kommen würdest.« Der Rotbart murmelte ein paar unverständliche Worte und schleuderte die Jagdtasche auf den Tisch. »Ich komme, um mir endlich eine entscheidende Antwort von dir zu holen«, sagte er. »Gehst du mit mir oder nicht?« »Aber wann willst du denn abreisen?« »Sobald wie möglich. Meine Arbeit hier ist vollbracht.« »Deine Arbeit?« »Ja, meine Arbeit. Das ist übrigens eine Angelegenheit, die dich absolut nichts angeht. Nun, wie lautet also deine Antwort?« »Und wenn ich nun nein sage?« »Das tust du nicht. Du wagst es nicht.« »Wenn ich es aber dennoch täte?« »Sei doch nicht so dumm. Du weißt, daß ich dann einen Skandal herbeiführen würde. Ich wecke das ganze Haus und erzähle jedem, der es hören will, wie wir zueinander standen. Du erinnerst dich doch wohl noch eines schönen Julitages in Monte Carlo?« »Ich will aber doch nicht.« Der Rotbart packte sie hart um das Handgelenk, so daß sie einen leisen Schrei ausstieß. In diesem Augenblick trat Asbjörn Krag hervor. Mit einem Fluch ließ Jim ihren Arm los. »Verdammter Spion!« schrie er und suchte in seinen Taschen. »Hallo!« rief Krag in scherzhaftem Ton und trat dicht auf ihn zu. »Wie Sie sehen, habe ich das kleine Ding rascher bei der Hand als Sie. Ich kann Ihnen versichern, daß alle Läufe geladen sind.« »Was, zum Donnerwetter, soll das bedeuten?« »Es soll bedeuten, daß Sie sich vollkommen ruhig zu verhalten haben, sonst schieße ich.« »Sie schießen?« »Ja. Ebenso ruhig und kaltblütig, wie Sie den armen Aakerholm erschossen haben. Mörder!« Der Rotbart sank in einen Stuhl, sein Gesicht überzog sich mit einer fahlen Blässe. »Was wollen Sie von mir?« fragte er. »Das werden Sie bald erfahren. Seien Sie so freundlich und verschließen Sie die Tür, Frau Hjelm. Ich möchte nicht gestört werden, während ich mit dem Manne hier abrechne.« XI Ein gutgezielter Schlag. Jim war sich nun darüber klar geworden, daß es dem anderen bitter ernst war, und er hielt sich daher still. Seine Blicke irrten allerdings unruhig im Zimmer umher, als suche er einen Ausweg, auf dem er entkommen könnte. In seinen Augen leuchtete ein unheimlicher Rachedurst. Er gleicht einer gespannten Stahlfeder, dachte Krag, lasse ich ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen, so stürzt er sich auf mich. Und daher hielt der Detektiv während des folgenden Gespräches die Pistole unverwandt auf des Verbrechers Stirn gerichtet. »Das sollen sie mir bezahlen«, zischte Jim. »Ich werde mich an die Polizei wenden.« »Wollen Sie mir den Dienst erweisen, ein Papier aus meiner Rocktasche zu nehmen, Frau Hjelm?« bat Krag. »Das in dem braunen Kuvert.« Frau Hjelm, die vor Angst und Grausen am ganzen Körper zitterte, zog das gewünschte Papier aus seiner Tasche. »Übergeben Sie es Herrn Charter«, sagte Krag. Jim nahm das Kuvert neugierig aus ihrer Hand und öffnete es. »Satan!« schrie er. »Sie sind also gar nicht Arzt?« »Nein, wie Sie aus dem Papier erkennen, bin ich Polizist, Detektiv. Wollen Sie sich also an die Polizei wenden, so dürfen Sie mir Ihr Vertrauen schenken. Wie Sie sehen, mache ich es Ihnen sehr bequem.« Jim Charter lachte höhnisch und warf Kuvert und Papier auf den Tisch. »Was wollen Sie denn von mir? Erklären Sie sich kurz und lassen Sie uns nicht die Zeit verschwenden.« »Ich will, daß Sie gestehen sollen.« »Was soll ich gestehen?« »Den Mord an dem alten Aakerholm.« Jim lachte roh auf. »Ich glaube, meiner Seel', Sie sind verrückt«, sagte er. »Der alte Idiot hat sich ja selbst erschossen.« »Nein, Sie haben Aakerholm erschossen.« »Ich? Nun, lassen Sie uns einmal die Möglichkeit erwägen, daß ich ihn erschossen hätte. Dann könnte ich aber bei Gott beweisen, daß es in der Notwehr geschah. Er schoß zuerst auf mich.« »Warum?« »Das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen.« »Wissen Sie, Jim Charter, daß Aakerholm sich vor Ihnen fürchtete?« »Ja, das weiß ich.« »Wissen Sie auch, warum er sich vor Ihnen fürchtete?« »Ja, auch das weiß ich. Aber für all das kann Ihnen mein Bruder die beste Erklärung geben.« Jim sah den Detektiv mit triumphierenden Mienen an, als wolle er sagen: So ist es mir also doch endlich gelungen, dich stutzig zu machen. Krag aber antwortete ganz ruhig. »Ja so, Bengt ist also Ihr Bruder.« »Allerdings. Aber – begreifen Sie denn nicht, wie töricht Sie zu Werk gehen. Wie soll es Ihnen gelingen, den Beweis beizubringen, daß ich Aakerholms Mörder sei? In der ganzen Welt gibt es keinen Gerichtshof, der es wagen würde, mich zu verurteilen.« »In dem, was Sie soeben gestanden haben, liegt ja bereits ein halber Beweis gegen Sie vor.« Jim lachte laut auf. »Hahaha! Das nennen Sie einen halben Beweis? Ich habe mich ja nur auf Ihre Kosten ein wenig lustig gemacht.« »Wir haben einen Zeugen für unser Gespräch.« »Frau Hjelm meinen Sie? Die wird schweigen wie das Grab.« Jim warf ihr einen scharfen Blick zu und fuhr fort: »Sie wird es wohl nicht wagen, gegen mich auszusagen.« Frau Hjelm antwortete nicht. Schweigend saß sie da und sah die beiden Männer an. Ihre Augen waren rot vom Weinen, ihre Gesichtszüge verzerrt vor Angst. »Aber ich habe noch andere Beweise gegen Sie«, sagte Krag. »Warten Sie nur, bis Sie vor den Schranken stehen, dann werden Sie sehen, was alles ans Licht kommt.« »Vor den Schranken? Wie töricht! Wer sollte mich dorthin führen?« »Ich.« »Sie machen sich ja geradezu lächerlich. Wollen Sie allein mich verhaften?« »Ja, ich allein.« »Aber verstehen Sie denn nicht, daß das einzige, was mich daran hindert, meiner Wege zu gehen, das kleine Ding ist, das Sie dort in der Hand haben? Sie beabsichtigen vielleicht, mir mit einer Hand Fesseln anzulegen, während Sie in der anderen den Revolver halten? Glauben Sie wirklich, daß Ihnen das gelingen würde? Sobald Sie mir zu nahe kommen, schlage ich Ihnen ins Gesicht. Ich bin zehnmal so stark wie Sie.« »Wissen Sie auch«, erwiderte Krag, »daß nur drei Minuten von hier, im Kvamberger Gutshause, sich ein Polizeibeamter befindet nebst zwei kräftigen Schutzleuten und außerdem mein Freund Doktor Rasch? Wenn ich nun Frau Hjelm bitte, hinauszugehen, meinen zweiten Revolver aus meiner Rocktasche zu nehmen und damit einen Schuß in die Luft abzugeben, so kommen meine Freunde sofort herbeigeeilt. Und dann wären Sie also unser Gefangener.« Jim runzelte die Brauen. »Nun, tuen Sie es«, sagte er. »Wir wollen sehen, ob es glückt. Sie sind übrigens schlauer, als ich es erwartet hatte.« »Aber diese Arbeitsweise«, fuhr Krag unbeirrt fort, »würde zu großes Aufsehen erregen. Ich könnte zum Beispiel riskieren, daß mein guter Freund Bengt, Ihr edler Bruder, dadurch Argwohn schöpfen würde. Daher ist es meine Absicht, Ihre Festnahme auf eine andere, einfachere Art vorzunehmen.« Er näherte sich Jim, immer mit erhobenem Revolver. Jim ballte die Hände. Es waren zwei gewaltige behaarte Fäuste. »Ja, ich sehe sehr wohl, daß Sie Kraft haben«, sagte Krag mit unverändertem Gleichmut. Er sprach in leichtem Unterhaltungston, der von den rohen Ausbrüchen des anderen auffällig abstach. »Sie sind vielleicht auch Boxer?« fragte er. »Ob ich Boxer bin?« fragte Jim zurück. »Ich habe die kräftigsten schwarzen Boxer in Amerika zu Boden geschlagen. Hüten Sie sich.« Krag war nun ganz dicht bei ihm und sah, wie die groben Knöchel seiner Fäuste weiß wurden und zitterten. Ein Hieb von ihnen konnte einen Ochsen zur Strecke bringen. Krag aber blieb völlig ruhig. Er hielt den Revolver in der linken Hand. »Ach, wirklich?« sagte er. »Selbst Neger haben Sie überwunden? Ja, ich glaube fast, ich würde ein paar tausend Dollar auf Sie wagen.« Er maß ihn sachkundig von oben bis unten, wie ein sportinteressierter Lord sich die Boxer vor einem Wettkampf anzusehen pflegt. »Unerhörte Kräfte«, sagte er. Der andere wurde ein wenig verwirrt angesichts dieser merkwürdigen Erwägungen. Und das gerade war Krags Absicht. Er fuhr fort: »Unerhörte Kräfte, eine breite, starke Brust, viel Ausdauer, aber soweit ich es beurteilen kann, fehlt es Ihnen an Geschmeidigkeit und Schnelligkeit. Dazu kommt, daß Sie die allerneuesten, sich auf die Anatomie stützenden Boxergriffe nicht studiert haben. Was sagen Sie zum Beispiel zu diesem –« Schnell wie ein Pfeil hatte Krag die rechte Faust unter des anderen Unterkiefer gestoßen – eine der empfindlichsten Stellen des menschlichen Körpers. Jims Gesicht wurde aschfahl, das Blut sickerte zwischen seinen Lippen hervor, und er sank der Länge nach zu Boden. Im Fallen zog er einen kleinen Tisch mit hinab. Krag achtete nicht auf Frau Hjelms hysterisches Geschrei. Er nahm ein Paar Handfesseln aus der Tasche, die innerhalb zweier Sekunden des anderen Gelenke umschlossen. Darauf benetzte er sein Taschentuch mit dem Inhalt einer kleinen Flasche, die er aus der Westentasche zog. Es war Chloroform. Er hielt das Taschentuch eine kleine Weile vor Jims Nase. »Nun ist er für mindestens eine Stunde unschädlich«, sagte er. Frau Hjelm sah ihn mit entsetzten Augen an. »Ist er auch nicht tot?« fragte sie. »Nein«, antwortete Krag lächelnd. »Er schläft nur. Er hatte heute einen unglücklichen Tag, der rote Jim Charter.« »O Gott, was werden die Leute sagen!« »Seien Sie beruhigt, Frau Hjelm«, sagte Krag – er stand bereits in Hut und Mantel. »Niemand soll erfahren, was hier vorgegangen ist. In einer Stunde werden wir den Burschen abholen, und Sie brauchen sich keine Sorge um ihn zu machen. Er befindet sich nun in der Welt der Phantasie …« Krag ging. Als er sich dem Gutshause näherte, bemerkte er, daß Bengts Zimmer noch immer hell war. Der Polizeibeamte und Doktor Rasch erwarteten ihn mit Ungeduld. Der letztere fragte, ob er den geheimnisvollen Fremden erreicht habe. »Ja«, antwortete der Detektiv. »Ich habe ihn erreicht. Er liegt betäubt und gefesselt in der Villa der ›Modedame‹. Es ist nun bewiesen, daß er der Mörder des alten Aakerholm ist. Er heißt Jim Charter und ist Bengts Bruder.« Darauf berichtete Krag in aller Kürze den Vorgang bei Frau Hjelm und erteilte seine Anordnungen für das, was nun geschehen sollte. Er und der Polizeibeamte wollten Bengt verhaften, der, wie es schien, noch wach war und bei der Arbeit saß. Inzwischen sollte der Arzt mit den beiden Schutzleuten in den Park hinuntergehen und sorgfältig das alte Lusthaus durchsuchen, in dem Krag Jim Charter hatte verschwinden sehen. Es verhielt sich so, wie Krag es angenommen hatte: Bengt saß in seinem Zimmer und schrieb. Als der Polizeibeamte und Krag eintraten, wollte er gegen den letzteren als den vermeintlichen »Doktor Krag« auffahren. Der Beamte aber hielt ihn zurück, und Krag stellte sich nun als der vor, der er in Wirklichkeit war; als Detektiv Asbjörn Krag aus Kristiania. Bengt fragte, was sie wünschten, und als ihn der Beamte wegen Beteiligung an dem durch seinen Bruder an Aakerholm verübten Morde festnahm, war er so verblüfft, daß er es ruhig geschehen ließ. Ohne Widerstand ließ er sich die Handfesseln anlegen. Krag und sein Gehilfe warteten nun noch einige Minuten auf die Rückkehr des Arztes und der Schutzleute. »Sieh her, was wir fanden!« rief Doktor Rasch schon in der Tür. Sie brachten ein ganzes Paket Kleidungsstücke mit; Krag untersuchte eins nach dem anderen. Es waren merkwürdige Sachen: alte Lederhosen, Goldgräbergürtel, buntfarbige Schärpen, Ledertaschen, schwere hohe Stiefel und so weiter. »Ganz, wie ich es mir dachte«, murmelte Krag. »Hätte ich gewußt, daß er dort sein Arsenal hat, so wäre das Drama früher gelöst und das Leben des alten Aakerholm vielleicht erhalten worden.« Ehe Bengt abgeführt wurde, hatte Krag eine zwei Minuten lange Unterredung unter vier Augen mit ihm. Danach sagte der Detektiv zu seinem Gehilfen: »Alles bereit. Fuhren Sie Herrn Aakerholm ab, und fahren Sie mit ihm bei Frau Hjelm vorüber. Holen Sie den dort gefesselt liegenden Boxer aus dem Hause. Es ist eine leichte Arbeit, denn er wird nicht erwachen, ehe er in seiner Zelle ist.« Kaum eine Viertelstunde später verließ Bengt in seinem eigenen geschlossenen Wagen in Gesellschaft des Polizeibeamten und der beiden Schutzleute den Gutshof. Zweiter Teil des elften Kapitels. »Der Gang der Ereignisse hat dir also nicht die Augen geöffnet für das mit den drei Zimmern verknüpfte ›Geheimnis‹? Nun, das ist ja schließlich auch ganz erklärlich. Denn der Laie hat eine so unwiderstehliche Gewohnheit, stets etwas Unergründliches und Geheimnisvolles in den alltäglichsten Erscheinungen zu sehen. Es stimmt, daß das sogenannte Geheimnis mit den drei Zimmern die Ursache zu diesem Drama war. Aber das Geheimnis an und für sich ist tatsächlich recht alltäglich. Es ist eine Bagatelle, die so beunruhigend geheimnisvoll wurde, weil es unsere Art ist, an Kleinigkeiten vorbeizugehen. Und gerade in dieser Beziehung, mein lieber Doktor, muß der kluge und kaltblütige Detektiv auf seiner Hut sein – unangefochten von Trugbildern und äußeren Umständen. Als ich von der merkwürdigen Eigentümlichkeit des alten Aakerholm hörte, daß er sich zur Nacht in das innerste der drei isolierten Zimmer einschloß und jedem Unbefugten den Eintritt dort verwehrte, war ich mir sofort darüber klar, weshalb er das tat.« »Und weshalb tat er es?« »Warte einen Augenblick, mein lieber Doktor. Willst du das ganze verstehen, so muß ich dir die Sache in einem gewissen Zusammenhang darstellen. Ich tue es auch, damit dein Scharfsinn Gelegenheit finde, sich zu betätigen und mir vielleicht bei meinem Bericht in manchen Fällen zuvorzukommen. Nun also weiter, mein Freund. Ist es nicht merkwürdig, daß der alte Aakerholm, der seinem Pflegesohn mit Antipathie, ja, sagen wir sogar, mit Widerwillen gegenüberstand, ihn dennoch im Hause behielt?« »Daran habe ich allerdings noch nicht gedacht.« »Das hättest du aber tun sollen. Aakerholm adoptierte Bengt, als er siebzehn Jahre alt war. Es liegt kein Grund vor zu der Annahme, daß er ihm damals sympathischer gewesen wäre als später. Aber warum hat er ihn denn adoptiert? Bengt ist elternlos, doch mit Aakerholm absolut nicht verwandt, also mußte dieser irgendeinen anderen besonderen Grund gehabt haben. Ich sagte mir sofort, daß diese Adoption sicher weder eine Tat der Barmherzigkeit war noch eine übertriebene Äußerung von Pflichtgefühl. Ich hatte also nur eine Erklärung dafür: Aakerholm war reich und wollte, indem er diesen jungen Menschen adoptierte, irgend etwas sühnen, zum Beispiel vielleicht ein gegen Bengts Vater begangenes Unrecht.« »Ja«, meinte der Arzt, »wenn du es so erklärst, halte auch ich diesen Sachverhalt für sehr wahrscheinlich.« »Es war meine erste Vermutung«, sagte Krag, »und bald sollte ich mannigfache Beweise für die Richtigkeit dieser meiner Annahme erhalten. Heute abend endlich verdichteten sie sich zur vollkommenen Gewißheit. Wenn ich auch Bengt als Mörder bezeichne, und das kann ich, ohne ihm unrecht zu tun, denn er war ja Jim Charters Mithelfer, so haben wir es in dieser traurigen Angelegenheit mit nicht weniger als drei Mördern zu tun.« »Was sagst du? Mit drei Mördern?« »Ja: Bengt, Jim Charter und der alte Aakerholm. Das ist nämlich das Geheimnis in dem Leben dieses Ehrenmannes. Er hat, als er in Kalifornien Gold grub, in einem Streit Bengts und Jims Vater erschossen. Und dieses Verbrechen wollte er sühnen, indem er dessen Sohn Bengt adoptierte. Weder Bengt noch Jim hatten in all diesen Jahren eine Ahnung von der Tat des Alten, bis Bengt plötzlich vor etwa einem Vierteljahr durch einen Zufall die ganze Wahrheit erfuhr. Und damit war der alte Herr verloren, denn er verfiel dadurch der Grausamkeit zweier Verbrecher von der verschlagensten Art, die mir je während meiner ganzen Tätigkeit begegnet ist. Als Bengt das Geheimnis erfuhr, schrieb er an seinen Bruder, der sich wohl zur Zeit wie gewöhnlich in irgendeiner Spielhölle aufhielt. Und nun klügelten sie einen Plan aus, um den alten Herrn zu Tode zu peinigen und sich dann in den Besitz seiner Reichtümer zu setzen. Aber sie mußten sich beeilen, denn die Heirat mit Frau Hjelm stand ja vor der Tür. Und sie ersannen ein teuflisches Verfahren. Aakerholm selbst hatte keine Ahnung davon, daß sie sein Geheimnis kannten. Als er eines Tages im Park spazieren ging, sah er plötzlich zu seinem Entsetzen seinen alten Gefährten Charter leibhaftig vor sich, den er doch vor vielen Jahren in Kalifornien erschossen hatte. Du erinnerst dich wohl, wie er damals totenbleich, von Grauen gepackt, bis ins Innerste aufgewühlt, krank und elend nach Hause kam und murmelte: »Ist es der Teufel selbst oder ein Mensch?« Der Arzt nickte. »Ich erinnere mich«, sagte er. »Weiter.« »Jim Charter sah seinem Vater zum Verwechseln ähnlich«, fuhr der Detektiv fort. »Die gleiche muskulöse Kraft, der gleiche rote Bart und Haarwuchs. ›Mein Äußeres ist viel Geld wert‹, sagte er einst zu Frau Hjelm. Es ist ja vollkommen klar, was er damit meinte. Um die Täuschung voll zu machen, hat er sich als Goldgräber verkleidet.« »Dazu also das Arsenal im Lusthause«, sagte der Arzt. »Ganz recht, Der alte Herr wurde nun von einem Schrecken in den anderen gehetzt. Auf der Rückseite des großen Spiegels im Wohnzimmer kratzten sie ein Viereck aus, und darin gewahrte Aakerholm eines Abends eine drohende Inschrift. Ich vermute, daß da etwas stand wie ›Mörder‹ oder dergleichen. In seinem Schrecken und Grauen zerschmetterte er den Spiegel. An dem Abend unserer Ankunft hatte er den Goldgräber wieder gesehen, eine Pistole in der Hand, scheinbar auf ihn zielend. In Wahrheit schoß er in die Luft und verbarg sich dann rasch in dem Pavillon, aus dem ihm Bengt dann heraushalf, indem er ihn über den Schnee trug. Als wir abends gemütlich beisammen saßen, erhielt Aakerholm einen geheimen Wink, die und die Seite in dem auf dem Schreibtisch liegenden Buch zu lesen. Er blätterte darin, bis er auf Seite 248 die folgenden Worte fand: »Da hast du's … du Teufel!« Als Bengt und ich eine halbe Stunde später zum Klub fuhren, ging er aus, um Frau Hjelm zu besuchen. Da sollte er wieder jenen unheimlichen Menschen sehen, dieses Mal in der Allee. Und was weiter geschah, das weißt du.« »Ja«, sagte der Arzt, »das alles ist ja völlig klar, aber ich weiß noch immer nicht, was das Geheimnis mit den drei Zimmern bedeutet.« Der Detektiv lachte. »Ich glaubte, du ahntest es jetzt«, sagte er. »Nun wohl, so will ich dir wieder auf den Weg helfen. Du kannst dir wohl denken, daß auch Bengt, als er noch nichts Böses ahnte, darüber nachgedacht hat, warum der alte Herr sich so merkwürdig benahm und sich ängstlich in seine Zimmer verschloß, sobald er sich zu Bett legte. Endlich fand er ein Mittel, der Ursache hierfür nachzugehen. In aller Stille erbrach er den Fußboden – es war ein Doppelboden – in dem leeren Zimmer über Aakerholms Schlafzimmer und legte das Ohr daran, so daß er durch einen Spalt in den Brettern alles sehen und hören konnte, was unter ihm vorging. Und so geschah es, daß er das ganze Geheimnis entdeckte. Du schweigst, Doktor? Du kannst es dir noch immer nicht erklären? So muß ich dir wohl alles sagen. Der redliche Aakerholm hat seine Missetat nie verwinden können, sein ganzes Denken kreiste beständig um das in Kalifornien begangene Verbrechen, was nicht zum mindesten die Folge davon war, daß er tagtäglich den Sohn des Ermordeten vor sich sah. Schließlich hatte sich dieses Ereignis vollkommen in seine Phantasie eingefressen, es trieb ihn in die Einsamkeit, beherrschte ihn bei Tag und Nacht, ließ ihn nicht einmal ruhig schlafen. Besonders ein Moment konnte er nicht vergessen: als er dem alten Charter die Kugel durch den Kopf gejagt, hatte er ihm zugerufen: ›Da hast du's … du Teufel!‹ Wir Kriminalisten kennen viele Fälle, in denen Verbrecher sich auf die gleiche Weise verraten haben wie Aakerholm. Mein lieber Doktor, von der ersten Stunde an wußte ich, worin das Geheimnis der drei Zimmer bestand: der alte Aakerholm sprach aus dem Schlaf.« Der Arzt sprang auf und starrte seinen Freund mit offenem Munde an. »Was war ich für ein Idiot!« rief er aus und setzte sich verdrossen wieder in seinen Sessel. Der Detektiv lachte herzlich. »Aber all right, nun sind alle Rätsel gelöst, und ich habe hier ein paar spannende, interessante Tage erlebt«, meinte Doktor Rasch. »Es ist die Geschichte eines alten Ehrenmannes«, sagte Krag, »der ein in jugendlicher Hitze begangenes Verbrechen nicht in Frieden sühnen durfte, sondern von der Hand der Rache getroffen wurde, plötzlich und unerwartet, wie die Rache stets zu kommen pflegt.« »Aber es ist auch die Geschichte eines tüchtigen, findigen Detektivs«, rief der Arzt strahlend aus, »des hervorragendsten Polizeibeamten Norwegens!« »Ach nein«, erwiderte Krag so ernst, wie der Arzt ihn noch nie gesehen hatte, »es ist nur die Geschichte eines kleinen Menschen, der nicht einmal das Leben eines Mitmenschen zu retten vermochte.« Zwei Tage später waren Jim und Bengt aus dem Gefängnis des dicken Polizeidirektors entflohen. Ehe ein zweites Jahr vergangen, war Jim in einen grausigen Eisenbahnüberfall in Amerika verwickelt. Er wurde festgenommen, abgeurteilt und endete im elektrischen Stuhl. Von Bengt hat Krag nie wieder etwas gehört noch gesehen. Aber er hat das ganz bestimmte Gefühl, daß er ihm noch einmal im Leben begegnen wird, vielleicht auf einem dunklen Treppenaufgang oder auf einem einsamen Wege.