Sven Elvestad Der rätselhafte Feind Detektiv-Roman Der Dreißig-Pfennig-Roman   Aufwärts-Verlag Berlin Erstes Kapitel. Ein merkwürdiger Tag »Liebst du sie wirklich?« fragte Asbjörn Krag und schaute seinen Freund forschend von der Seite an. Rittmeister Ivar Rye fuhr heftig auf. »Du kennst mich doch!« rief er. »Ich bin kein Freund großer Worte, am wenigsten, wo es sich um meine eigenen Gefühle handelt. Während meiner Reisen in Asien und Afrika habe ich gelernt, Taten zu schätzen und die großen, leeren Worte zu verachten. Du weißt also, daß ich wirklich aus meines Herzens innerster Ueberzeugung rede, wenn ich sage, ich liebe sie.« Rye trat ans Fenster und schaute hinaus. Die Bäume der Allee draußen prangten im ersten frischen Grün des Maien. »Jetzt bin ich fünfunddreißig Jahre alt«, sagte er. »Ich bin weit in der Welt herumgekommen und glaube, daß ich jetzt endlich das Glück meines Lebens gefunden habe. Wenn mir dies entrissen wird, so bin ich – das fühle ich bestimmt – für immer unglücklich. Dann bleibt mir nichts, als wieder die Welt zu durchstreifen.« Ivar Rye setzte sich wieder Asbjörn Krag gegenüber und fuhr mit demselben tiefen Ernst fort: »Nun möchte ich die Sache mit dir besprechen, weil ich weiß, daß du ein Mann von scharfem Verstand bist, und weil ich dich als meinen Freund schätze. Ich habe in der letzten Zeit unaufhörlich über die Sache nachgedacht, und ich bin zu der Ansicht gekommen, daß sich irgend etwas Geheimnisvolles zwischen sie und mich gestellt haben muß. Willst du mir helfen?« »Du gehst ja gewaltig ins Zeug«, erwiderte Asbjörn Krag. »In allem, was ich bis jetzt gehört habe, kann ich vorerst nichts erblicken, als eine Liebesgeschichte. Du liebst also das Mädchen. Und sie liebt dich auch?« »Ja, sie liebt mich.« »Sehr schön. Hat sie dir das gesagt?« »Ja, das hat sie mir gestanden«, fuhr er heftig dazwischen. »Gut. Wie lange kennst du sie?« »Seit einem halben Jahr. Letzten Herbst lernte ich sie kennen, als ich nach meines Vaters Tod das Gut übernommen hatte. Nachher trafen wir öfters zusammen. Du weißt, daß ich ein eifriger Reiter bin, und sie ist eine begeisterte Reiterin, und so hatten wir gleich ein gemeinsames Thema für unsere Gespräche. So verging einige Zeit. Aber ich versichere dir, daß ich mir vom ersten Augenblick an bewußt war, in ihr die Liebe meines Lebens gefunden zu haben.« »Was sagte der Alte dazu? Er mußte euch doch gelegentlich beisammen sehen.« »Du meinst den Oberst?« »Ja, ihren Vater.« »Er war zu Anfang und noch lange Zeit nachher ganz einverstanden. Er lud mich in sein Haus, und soweit ich erkennen konnte, sah er mit freundlichen Blicken mit an, wie sich Dagny und ich einander immer mehr näherten. Er scherzte auch gelegentlich und meinte, wir gäben einmal ein schönes Paar.« »Warum hast du dann nicht um sie angehalten?« »Das habe ich getan!« »Und da hat er also dann ›nein‹ gesagt?« »Durchaus nicht. Aber er unterbrach mich ganz freundlich und sagte, davon könnten wir später einmal reden. Wir beide, Dagny und ich, sahen die Sache als abgemacht an, und es wurden auch unserem beinahe täglichen Beisammensein keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt. Wir hätten am liebsten sofort geheiratet, aber da der alte Herr auf die üblichen Formen hielt, wollten wir uns fügen und waren bereit, uns eine entsprechende Verlobungszeit gefallen zu lassen. Aber da kam plötzlich die Veränderung in seinem Betragen mir gegenüber. Wie genau ich mich dieses Tages erinnere! Es war am Abend vor nun gerade vierzehn Tagen. Die Sonne war am Untergehen, und es fing an, kühl zu werden. Ich ließ ›Eva‹, mein neues Reitpferd, satteln, denn ich wollte zum Oberst hinüberreiten, um heute noch einmal ein paar Worte mit meiner Braut zu wechseln. Ich hatte sie schon am Vormittag einige Augenblicke gesprochen, und wir sollten uns eigentlich erst am nächsten Morgen bei unserem gewöhnlichen Ausritt wiedersehen. Aber es war mir wie eine Ahnung. Ich trieb ›Eva‹ an, so sehr ich konnte, und schweißbedeckt langte sie vor der Haustür des Obersten an. Als ich mich eben aus dem Sattel schwang, trat der Verwalter des Obersten zu mir. Der Mann heißt Hansen. An seiner verlegenen Art sah ich gleich, daß etwas los sein mußte. ›Wünschen der Herr Rittmeister den Herrn. Oberst zu sprechen?‹ fragte er. ›Ja‹, antwortete ich aus alter Gewohnheit. Natürlich wollte ich mit ihr sprechen und nicht mit dem Oberst. ›Komme ich vielleicht ungelegen?‹ fragte ich und erwartete die gewohnte Antwort: ›Durchaus nicht.‹ Denn ich kam sonst niemals ungelegen, ob der Oberst auf seinem Zimmer arbeitete, ob er aus dem Felde war oder eine von seinen kleinen vergnügten Gesellschaften hatte. Aber ich erhielt eine unerwartete Antwort. ›Der Herr Oberst empfängt heute nicht.‹ ›So – na – warum denn nicht?‹ ›Ich soll den Herrn Rittmeister grüßen und sagen, daß er nicht wohl sei. Er hat den Herrn Rittmeister durchs Fenster herreiten sehen.‹ ›Na, na‹, dachte ich. ›Das ist wieder so eine von des Alten kleinen Launen. Da ist nichts zu machen.‹ Ich fragte daher den Mann: ›Wollen Sie mich dann bei dem gnädigen Fräulein melden?‹ ›Das gnäd'ge Fräulein kann heute auch nicht empfangen.‹ Ich war so verblüfft über diese Antwort, daß ich die Zügel fallen ließ. Mein erster Gedanke war, daß sich meine Braut in dem naßkalten Frühlingswetter erkältet haben könnte. ›Liegt sie zu Bett?‹ fragte ich. »Nein.« ›Dann möchte ich sie dennoch sprechen. Wollten Sie ›Eva‹ so lange halten, Hansen?‹ Aber Hansen, der ganz unglücklich und verlegen vor mir stand, machte keinerlei Anstalten, meinem Wunsch nachzukommen. Im Gegenteil, er machte Miene, mir in den Weg zu treten. Ich begriff nicht, was das sein sollte. Meine Gedanken jagten sich. Sollte ich irgend etwas gesagt oder getan haben, das Mißfallen erregt hatte? Aber ich konnte nirgends einen Grund zu einem derartigen Mißverständnis entdecken. Zu einem war ich jedoch sehr rasch entschlossen: ich wollte nicht heimgehen, ehe ich ergründet hatte, wo das Mißverständnis steckte. Deshalb sagte ich zu Hansen: ›Gehen Sie sofort zum Herrn Oberst und sagen Sie ihm von mir, daß ich den Hof nicht verlasse, ehe ich mit ihm gesprochen habe.‹ Hansen murmelte etwas davon, daß er nur dessen Befehlen gehorche, ging aber doch ins Haus. Rasch kam er wieder zurück und meldete, daß der Oberst mich empfangen wolle. Sofort ging ich ins Arbeitszimmer des Obersten, und dort wurde mir ein Anblick, der mich aufs tiefste erschreckte. Vor wenigen Stunden erst hatte ich den Oberst gesehen. Da war er vergnügt und guten Mutes und auf seinem runden, gemütlichen Gesicht war kein Wölkchen zu sehen. Jetzt stand ein gebrochener Mann vor mir. Seine Haare waren in Unordnung; er sah sehr blaß aus, und man hätte meinen können, er habe geweint. Der Kummer war deutlich in seinen Augen zu lesen. Noch niemals habe ich in so kurzer Zeit eine so schreckliche Veränderung im Aussehen eines Menschen wahrgenommen. Ja, lieber Krag, wie soll ich dir jetzt nur den Inhalt unserer Unterredung mitteilen! Das stürzte über mich herein, und ich erinnere mich nur an eine entsetzliche Verwirrung, von der wir beide, der Oberst und ich, ergriffen waren. Als ich bei ihm eintrat, kam er auf mich zu und streckte mir beide Hände entgegen. ›Sie zittern ja am ganzen Leibe,‹ sagte ich erschrocken. ›Ist Dagny etwas geschehen? Wenn sie sehr krank ist, so lassen Sie mich lieber gleich die ganze Wahrheit wissen.‹ ›Nein,‹ stammelte er. ›Dagny ist nicht krank.‹ ›Warum kann ich sie dann nicht sprechen?‹ ›Weil Sie nicht können. Heute ist es unmöglich.‹ Ich fragte, ob ich irgendein Unrecht getan hätte. Da ergriff er meine beiden Hände und sagte: ›Keineswegs. Sie sind uns beiden sehr teuer. Aber jetzt müssen Sie gehen.‹ Ich wollte nur ungern den Gutshof verlassen und war sehr niedergeschlagen. Aber schließlich flehte mich der Oberst mit zitternder Stimme und verhaltenen Tränen an, zu gehen. ›Jetzt ist es sieben Uhr,‹ sagte er. ›Heute abend um zehn Uhr sollen Sie Nachricht von mir bekommen. Sie werden sehen, es kommt alles wieder in Ordnung.‹ Nun blieb mir nichts anderes mehr übrig als zu gehen. Aber ich verließ den Hof mit dem drückenden Gefühl, daß irgend etwas Unerwartetes und Entsetzliches geschehen sein müsse. Ich schwang mich auf ›Eva‹ und ritt die Landstraße entlang, an den Fenstern des Herrenhauses vorüber. Als ich an Dagnys Fenster kam, entdeckte ich ein helles Kleid dahinter, und die Vorhänge bewegten sich. Ich hielt mein Pferd an. Da verschwand das Kleid, und ich mußte weiterreiten. Es hatte angefangen zu dämmern. Das war alles, was an jenem merkwürdigen Tage geschehen ist. Aber noch merkwürdiger war, was später geschah.« Zweites Kapitel. Ein Unglückstelegramm Rittmeister Ivar Rye schwieg und versank in trübe Gedanken. Krag weckte ihn nicht aus seiner Grübelei, sondern studierte einstweilen des Freundes Gesichtsausdruck. Merkwürdig, wie plötzlich der Freund dem Aussehen nach mindestens um zehn Jahre älter geworden war. »Abends um zehn Uhr erhielt ich endlich Bescheid«, erzählte Rye weiter. »Es kam ein Bote von dem Obersten und brachte mir zwei Briefe; einen von ihm selbst und einen von dessen Tochter. Beide Briefe strömten über von Sorge und Kummer. Der Oberst schrieb, daß er heute die schwerste Stunde seines Lebens durchgemacht habe. Ich weiß den Brief beinahe wörtlich auswendig. Er schrieb, er habe mich während unseres Zusammenseins schätzen gelernt, und wenn sich die Sache in der Zukunft so ordnen würde, daß wir wieder zusammenkommen könnten, so wäre ihm das eine große Freude. Vorläufig sei es ihm aber unmöglich, mich zu sprechen, und aus der Heirat mit seiner Tochter könne jetzt nichts werden. Er habe mir nicht das mindeste vorzuwerfen, schrieb er weiter. Verhältnisse, über die weder er noch ich Herr seien, machten den Bruch notwendig. Er wisse, daß er an einen Ehrenmann schreibe, der die Gründe für sein Schweigen achten werde. Aber eine Heirat sei und bleibe unmöglich. Er habe sich mit seiner Tochter beraten, und sie habe sich bereit erklärt, auf ihr Glück zu verzichten. Dagnys Brief war in großer Aufregung geschrieben, die stark auf mich einwirkte. Ich konnte die heftige Gemütsbewegung, in der sich das arme Mädchen während des Schreibens befunden hatte, förmlich mitfühlen. Alles müsse zu Ende sein, schrieb sie. Es sei am besten, wenn wir uns nie mehr sähen. Aber sie grüße mich tausendmal. Sie werde bis zu ihrem letzten Atemzug meiner gedenken. Du verstehst wohl, lieber Freund, daß mir in jener Nacht kein Schlaf in die Augen kam. Die ganze Sache war mir unbegreiflich. Woher dieser plötzliche und unbegründete Bruch? Ich erschöpfte mein Gehirn mit unzähligen Fragen, allein ich fand keine Lösung. Später nahm ich meine Ausritte wieder auf, und vor drei Tagen traf ich mit Dagny zusammen. Sie hatte ein schwarzes Kleid an und sah sehr blaß aus. Ihr Pferd war schweißbedeckt, wie nach einem langen und heftigen Ritt. In einem Hohlweg trafen wir zusammen und mußten aneinander vorbei. Ich grüßte. Sie nickte, und ihre Wangen überzogen sich mit einer dunklen Röte. Nun konnte ich mich nicht mehr halten, sondern fiel ihrem Pferd in die Zügel. ›Dagny, du bist mir eine Erklärung schuldig,‹ sagte ich. ›Ich reise fort von hier, aber ich kann nicht gehen, ehe ich erfahren habe, was uns getrennt hat.‹ Sie war ganz verwirrt vor Angst und Verlegenheit und fragte: ›Du willst fortgehen?‹ ›Ja. Wundert dich das?‹ ›Weit fort?‹ ›Sehr weit fort, Dagny. Willst du mir nicht eine Antwort auf meine Frage geben?‹ ›Nein, denn das kann ich nicht. Du darfst mich nicht fragen.‹ ›Ist etwas geschehen?‹ ›Ja, es ist etwas geschehen; etwas, das nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann.‹ ›Auch nicht mit einem klaren Verstand, gutem Willen und zwei starken Fäusten?‹ Sie gab keine Antwort; sie lächelte nur. Ein sehr nervöses Lächeln. Ihre Lippen bebten. ›Liebst du mich nicht mehr, Dagny?‹ ›Laß meine Zügel los, dann will ich dir die Antwort geben.‹ Ich ließ die Zügel fahren. Sie beugte sich zu mir herüber und sagte mit bebender Stimme: ›Ich habe dich von jeher geliebt, und ich liebe dich noch und werde dich immer lieben.‹ Dann spornte sie ihr Pferd und jagte davon. Ich rief ihren Namen nach. Sie drehte sich im Sattel um, winkte mir zu und rief: ›Wir dürfen uns nie mehr sehen!‹ Seither habe ich sie auch nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch auf dem Hofe ist. Und damit, lieber Krag, hast du erfahren, was geschehen ist. Ich bitte dich um deine Hilfe. Das tue ich, weil ich gewiß weiß, daß dies nicht nur eine gewöhnliche Liebesgeschichte ist.« Rye stand auf und trat ans Fenster. In seiner Stimme war ein merkwürdiges Beben, als er sagte: »Du begreifst wohl, daß ich nicht aus noch ein weiß. Aber vielleicht kommt es daher, weil ich vor Unglücksgefühl fieberkrank bin und blind vor Liebe. Aber ich kann wirklich nicht ergründen, was geschehen ist. Es liegt auf mir wie eine trübe Ahnung, daß hinter diesen Begebenheiten ein Geheimnis steckt. Ein Geheimnis, dessen Lösung ich nicht finden kann, aber vielleicht vermagst du es. Und wenn ich an das vergrämte Gesicht des alten Obersten denke, als ich zuletzt mit ihm sprach, da schlägt mir heftig das Herz. Was müssen das für Ereignisse gewesen sein, die so unauslöschliche Spuren in das Antlitz eines Menschen graben konnten!« Ivar Rye hatte zu Ende gesprochen. »Wo ist mein Ueberzieher?« sagte er. »Ich muß nun gehen!« »Ohne meine Antwort abzuwarten?« fragte Asbjörn Krag. »Du weißt ja, wo ich wohne«, antwortete der Freund. »Du kannst kommen, wann du willst. Ich lasse ein Zimmer für dich bereit halten. Aber du mußt innerhalb acht Tagen kommen.« »Warum so geschwind?« »Nach acht Tagen reise ich ab.« Im nächsten Augenblick stand Rye im Ueberzieher da. »Ich möchte nur zwei Fragen an dich richten«, sagte Krag. »Bitte!« »Wer, glaubst du, ist wohl die Ursache von allem dem, der Vater oder die Tochter?« »Ich meine, das sei aus meiner Erzählung deutlich hervorgegangen«, erwiderte Rye. »Es ist meine feste Ueberzeugung, daß es der Vater, der alte Oberst ist, der sich mir und seiner Tochter in den Weg stellt. Aber er tut das notgedrungen und mit blutendem Herzen.« »Hältst du den Alten für einen Ehrenmann?« »Ich mag ihn sehr gern leiden, und ich halte ihn unbedingt für einen Ehrenmann«, antwortete Rye. »Schön. Nun noch eine Frage. Weiß die Nachbarschaft etwas von dieser Geschichte?« »Ja, da bringst du mich auf etwas, das mich veranlaßt, meine Abreise zu beschleunigen. Es war ja nicht zu vermeiden, daß die Nachbarschaft etwas von unserer Verlobung erfuhr. Ich weiß auch keinen Grund, warum sie nichts davon hätten erfahren dürfen, die Hochzeit war ja auch schon bestimmt. Nun haben sie natürlich auch den Bruch erfahren, und es hat viel Klatsch gegeben. Das ist unangenehm, aber es läßt sich nichts dagegen machen.« Als nun Rye gehen wollte, hielt ihn Krag mit noch einer Frage auf. »Du hast mir von dem Obersten und Dagny erzählt. Kann nicht auch noch eine dritte Person im Spiele sein?« »Was meinst du damit?« »Gibt es nicht noch einen Dritten? Ich meine außer dir?« Rye drückte die Hand des Freundes. »Nein!« sagte er. »Es gibt keinen Dritten. Dafür stehe ich.« Nun verabschiedeten sich die beiden Freunde voneinander. Rye ging zum Bahnhof, um abzureisen. Asbjörn Krag blieb noch lange sitzen, tief in Gedanken versunken. Das war jedenfalls eine wunderliche Sache, ohne Aehnlichkeit mit andern Geschichten, mit denen er als Detektiv sonst schon zu tun gehabt hatte. Er legte sich die Frage vor, ob er sich überhaupt in diese Sache mischen solle oder nicht. Was konnte er tun? Hier war ja nicht die geringste Ungesetzlichkeit begangen worden, und so hatte er keine Veranlassung, sich an den alten Obersten und seine Familie zu wenden. Aber jedenfalls konnte er seinem alten Freunde Ivar Rye einen Besuch machen und ein paar Tage bei ihm bleiben. Er konnte ja sagen, er wolle sich einige Tage der Ruhe gönnen. Am Tage darauf erhielt er eine Postkarte mit folgendem Wortlaut: »Lieber Freund! Dein Zimmer steht bereit. Dein Ivar.« Allein er zögerte noch immer. Da ereignete sich etwas, das ihn veranlaßte, einen raschen Entschluß zu fassen. Am Tage, nachdem er die Postkarte erhalten hatte, zeigte ihm der Leiter der Osloer Kriminalpolizei ein Telegramm. Es lautete: »Oberst Anders Holger ist in der Nähe seines Hofes lebensgefährlich verletzt aufgefunden worden. Unglücksfall oder Ueberfall. Umstände sehr verdächtig. Gerichtliche Untersuchung im Gang.« Oberst Anders Holger, das war ja der alte Oberst, Dagnys Vater. Eine Stunde darauf war Asbjörn Krag unterwegs. Drittes Kapitel. Der Verdacht Während der Eisenbahnfahrt befand sich Asbjörn Krag in einer Unruhe, wie er sie selten verspürt hatte. Ein ums andere Mal überdachte er das Telegramm mit der Nachricht von dem rätselhaften Unglücksfall. Der alte Oberst war also halbtot in der Nähe seines Hofes aufgefunden worden. Unter verdächtigen Umständen. Es kam Krag sonderbar vor, daß ihm sein Freund Rye davon keine Mitteilung gemacht hatte. Verdächtige Umstände! Diese Worte klangen sehr bedenklich. Es mußte ihnen etwas sehr Ernstes zugrunde liegen, sonst hätte das Telegramm kaum so gelautet. Diese Depesche war von einem Berichterstatter ans Telegraphenbüro gerichtet worden. Wahrscheinlich hatten also die Zeitungen Oslos bereits das Publikum in Bewegung gesetzt, und das war dem Detektiv kein angenehmer Gedanke. Es war ihm immer am liebsten, wenn er seine Arbeit in der Stille tun konnte. Er ging durch alle Wagen des Zuges, entdeckte aber zu seiner Freude keinen Journalisten. Nun hatte er also jedenfalls einen halben Tag Vorsprung. Einer der Reisenden fing ein Gespräch mit ihm an. Es war ein älterer Herr mit einem gutmütigen Gesicht, ein Versicherungsagent. Während des Gesprächs erwähnte Asbjörn Krag auch den Unglücksfall, der den alten Oberst getroffen hatte, und das interessierte den Versicherungsagenten sehr lebhaft. Es zeigte sich, daß er den Oberst seit mehreren Jahren kannte. »Ich hielt viel von dem alten Herrn«, sagte der Agent. »Er war ein Soldat von altem Schrot und Korn, hartköpfig, aber im Grunde herzensgut. Seine Gastfreiheit war großartig.« »Da ist er wohl sehr reich?« fragte Krag. »Er hatte etwas von seinem Vater geerbt, aber er selbst hat sein Vermögen vervielfacht, denn er hatte einen ausgeprägten Geschäftssinn. An mehreren Fabriken war er beteiligt, trocknete Moore aus und ließ Land urbar machen. Ich glaube, daß sein Vermögen jetzt nach unsern Verhältnissen wohl groß genannt werden darf.« Der gesprächige Versicherungsagent erzählte noch allerlei von dem alten Oberst, und Asbjörn Krag lauschte begierig. Die kleinste Kleinigkeit war ihm wichtig, wenn er mit einer derartigen Untersuchung beschäftigt war; alles, was er erfahren konnte, stapelte er in seinem Gehirn auf. Da lag alles gewissermaßen in Schubfächern geordnet, und er konnte nach Bedarf das betreffende Fach aufziehen und durchsuchen. Im Laufe des Nachmittags langte der Zug an der kleinen Station an. Krag hatte seinem Freunde Rye keine Ankunft nicht angezeigt und wurde deshalb auch nicht am Bahnhof abgeholt. Es war eine milde und warme Witterung, und Asbjörn Krag freute sich behaglich auf die Wagenfahrt, die er bis zu Ivar Ryes Gutshof zurückzulegen hatte. Er trat in den Kaufladen, um sich einen Wagen zu bestellen. »So. Sie wollen also zu Herrn Rittmeister Rye«, sagte der Kaufmann ruhig und sah ihn aufmerksam an. Asbjörn bemerkte den Blick und wunderte sich darüber. »Meinen Sie, er sei nicht zu Hause?« fragte er. Der Kaufmann lachte. »Doch, ich glaube schon. Ich glaube nicht, daß er jetzt so bald auf Reisen gehen wird. Jedenfalls nicht weit fort.« Als Asbjörn Krag diese ernst gesprochenen und verdächtig klingenden Worte hörte, fühlte er wieder eine sonderbare Unruhe in seinem ganzen Körper. »Sie sprechen von einem meiner besten Freunde«, sagte er zu dem Kaufmann. »Ach so!« beeilte sich dieser zu sagen. »Na ja, der Herr Rittmeister ist gewiß ein bedeutender Mann. Und große Reisen hat er gemacht. Ist er nicht rund um die ganze Erde gekommen?« »Doch, das ist er. Er ist in vielen Ländern gewesen.« »Ja. in der Fremde draußen nimmt man's nicht so genau«, sagte der Kaufmann und ging dann hin, um den Kutscher zu rufen. Asbjörn Krag merkte wohl die Vorsicht, die aus diesen Worten sprach. Also hatte sich das Gerede der Leute bereits dieser Sache bemächtigt. Krag merkte, daß man Ivar Rye nicht wohlwollte. Als Kutscher erhielt Asbjörn einen alten graubärtigen Bauern. Während des ersten Teils der Fahrt zeigte sich der Bauer still und verschlossen, aber durch Krags Freundlichkeit und die Gabe eines Priemchens Tabak taute er auf. Endlich fragte er zögernd: »Sind Sie aus der Nachbarstadt?« »Behüte, ich bin aus Oslo.« »Und Sie wollen zu Herrn Rittmeister Ivar Rye?« »Gewiß.« »Kennen Sie ihn denn?« »Nein«, behauptete Krag, einer plötzlichen Eingebung folgend. Es entstand eine lange Pause. Dann begann der Bauer wieder zu fragen: »Dann sind Sie vielleicht einer – so einer von denen – die aus der Stadt erwartet werden?« »Nein, das bin ich nicht«, erwiderte Asbjörn Krag. »Aber ich bin wegen des Unglücksfalls, der Oberst Holger betroffen hat. hergekommen.« Der Bauer nickte. »Na das konnte ich mir ja denken«, sagte er. »Lebt er noch?« »Ja, er lebt noch, und vielleicht kommt er auch durch, aber er ist noch nicht zu sich gekommen.« Nun wurde der Bauer geheimnisvoll und murmelte halblaut vor sich hin: »Vielleicht ist es für jemand recht gut, daß er noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen ist und eine Anklage erheben kann.« »Kennen Sie Herrn Rittmeister Rye?« fragte Krag. »Jawohl ich kenne ihn schon und ich habe auch seinen Vater gekannt. Mit dem ließ sich noch ein Wort reden. Aber der Herr Rittmeister läßt niemand zu nahe kommen.« Asbjörn Krag sah wohl ein, daß ein Mann wie Ivar Rye mit seinem Starrkopf, seinem abweisenden und verschlossenen Wesen unter dem Volke wenig beliebt sein konnte. Kurz darauf fragte der Bauer: »Was haben Sie denn für einen Beruf?« Krag wußte nicht recht, was er sagen sollte. »Ich bin Journalist«, sagte er dann. Das verstand der Bauer nicht. »Einer, der für die Zeitung schreibt«, erklärte der Detektiv. Da ging dem Bauer ein Licht auf. »Also Kolporteur. Ach so«, sagte er. Asbjörn Krag ließ sich diese Bezeichnung gefallen. Kurze Zeit darauf deutete der Bauer auf einige Baumgruppen und sagte: »Sehen Sie dort den Glockenturm?« »Jawohl.« »Das ist der Turm auf dem Gute des Herrn Obersten.« »Dann muß das ein großer Hof sein.« »Ja, es ist das größte Gut hier in der Gegend.« »Möchten Sie gerne die Stelle sehen?« setzte der Bauer nach einer Weile hinzu. »Welche Stelle?« »Die Stelle, wo es geschehen ist. Wo man ihn gefunden hat.« »Nein, ich danke. Jetzt noch nicht. Wer hat ihn denn gefunden?« »Der Ingenieur.« Wieder deutete der Bauer mit dem Finger. »Dort auf dem Ziegelwerk. Er kam des Nachmittags über die Wiese und sah ihn am Waldrand unter den Bäumen liegen. Er machte Anzeige beim Gericht. Dann wurde der Oberst nach Hause gebracht. Und nun sind wir da.« Der Wagen hielt vor einem alten Herrenhaus inmitten eines mit hoher Hecke umgebenen Obstgartens, Krag entlohnte den Kutscher und entließ ihn. Als er in den Garten trat, war nirgends ein Mensch zu sehen, aber ein Hund fing an, mit der Kette zu rasseln und gewaltig zu bellen. Da kam ein Mann in Hemdärmeln heraus. »Ich möchte Herrn Rittmeister Rye sprechen«, sagte Krag. »Ist er zu Hause?« Der Mann betrachtete ihn schweigend eine Weile. Dann sagte er: »Ja, er ist zu Hause. Aber ich weiß nicht, ob er jemand empfangen kann.« Allein in diesem Augenblick wurde an eines der Fenster geklopft. Asbjörn Krag sah auf und erblickte seines Freundes Gesicht hinter den Scheiben. Ivar Rye sah aus, als ob er viele Nächte nicht mehr geschlafen hätte. Asbjörn Krag trat in seines Freundes Arbeitszimmer, dessen Wände mit hübsch eingebundenen Büchern fast bedeckt waren. Am Fenster stand ein großer Schreibtisch. Hier hatte Rye gesessen und hatte seinen Freund ankommen sehen. Die beiden begrüßten einander, als ob sie erst vor einer Stunde beisammen gewesen wären. »Na, es freut mich, daß du da bist«, sagte Rye. »Eben habe ich mir überlegt, ob ich dir nicht telegraphieren solle.« »Ich komme wegen des Unglücksfalles«, sagte Krag. Ein Schatten glitt über des Freundes Gesicht. »Hast du schon mit jemand darüber gesprochen?« fragte er. »Ich habe mit zwei Leuten aus der Gegend gesprochen.« »So bist du wohl schon vollständig im Bilde über die Sache?« »Ja, mir ahnt, daß es dir augenblicklich nicht besonders gut geht.« »Nicht schlechter als sonst«, gab Ivar Rye zur Antwort. »Es ist nur der einzige Unterschied, daß ich jetzt bei den Leuten im Verdacht stehe, ein Mörder zu sein.« Viertes Kapitel. Im Namen des Gesetzes Asbjörn Krag legte Hut und Mantel ab und nahm seinem Freund gegenüber Platz. »Ist er tot?« fragte er. »Nein, er lebt noch, aber er ist nicht bei Bewußtsein.« »Ist noch Hoffnung vorhanden?« »Das weiß man nicht. Es wurde nach den allerbesten Aerzten geschickt.« »Er ist also draußen auf freiem Felde gefunden worden?« »Ja, nur etwa zehn Minuten von seinem eigenen Hofe. Der Oberst hatte in den letzten vierzehn Tagen seinen Hof nicht verlassen, aber gestern ging er aus einem bestimmten Grunde aus. Er war dazu aufgefordert worden.« »Wer hatte ihn aufgefordert?« »Das hatte ich getan«, antwortete Rye gelassen. Der Detektiv schwieg einen Augenblick, dann fragte er: »Du bist wohl in den letzten Tagen ganz verzweifelt gewesen?« »Das kannst du dir denken. Ich war sehr niedergedrückt.« »Die ganze Sache kommt dir jetzt wohl vollständig hoffnungslos vor?« »Vollständig! Und ich habe mich zur Abreise bereit gemacht. Ich will das Gut verkaufen und für immer von hier fortgehen.« Forschend sah ihn der Detektiv an, und als er des Freundes fieberglänzende Blicke bemerkte, lief ein leichter Schauer über seinen Körper. Er ging hin und legte dem Freunde die Hand aus die Schulter. »Du hast weite Reisen gemacht«, sagte er. Du hast Menschen und Rassen kennen gelernt, die anders sind, als die, mit denen wir täglich verkehren. Du hast Leidenschaften aufflammen sehen, du stehst vielleicht unter dem Einfluß einer andern Denkungsart, einer andern Moral. Ich kenne dich nicht so genau, daß ich ohne weiteres für dich einstehen könnte. Oder richtiger gesagt: Ich kenne dich! Nichts wäre mir lieber, als wenn ich dir helfen könnte. Aber in einem bestimmten Fall bliebe mir nichts anderes übrig als zu gehen und dich deinem Schicksal zu überlassen. Nun will ich dich fragen – und du verstehst, welche Bedeutung ich in diese Frage lege –: soll ich bleiben oder soll ich gehen?« Ivar Rye stand auf und drückte seinem Freunde kräftig die Hand. »Du sollst bleiben«, sagte er. »Ich stehe ganz allein, und du mußt mir helfen. Ich verstehe gut, was du gedacht hast. Aber ich brauche dir wohl nicht mehr zu sagen, als daß ich nicht die geringste Schuld an diesem Verbrechen trage. Glaubst du mir? Wenn du mir nicht glaubst, dann reise lieber sofort ab.« In seiner Stimme lag auch nicht die Spur einer Bitte, eher klang sie nach Ergebung und Hoffnungslosigkeit. Asbjörn Krag verstand die Bedeutung dieses Händedrucks; er wußte, daß er einem guten und charaktervollen Mann gegenüberstand und glaubte ihm. »Ich bleibe«, sagte der Detektiv. »Du glaubst also an mich?« »Ja.« »Und du wirst auch ferner an mich glauben, geschehe was da wolle?« »Ja.« »Aber meine Sache steht sehr schlecht.« »Um so interessanter wird die Aufgabe für mich sein.« »Aber ich muß etwas vor dir verborgen halten.« Asbjörn Krag stutzte. »Steht es mit dieser Sache in Beziehung?« »Vielleicht.« »Aber jedes Verschweigen verschlechtert deine Sache noch mehr.« »Da ist nichts zu machen. Ich kann nicht reden.« »Selbst wenn es dein Schweigen unmöglich macht, den wahren Schuldigen zu entlarven?« »Das wird kaum der Fall sein. Wenigstens nicht, so weit ich die Lage beurteilen kann.« »Nun, so müssen wir eben sehen, uns trotz deines Schweigens über diesen einen Punkt zu behelfen. Willst du mir jetzt den ganzen Hergang berichten? Ich bin sehr gespannt zu erfahren, was eigentlich hier vorgegangen ist.« Und Ivar Rye berichtete: »Wie du weißt, bin ich hier in der Gegend nicht sehr beliebt. Auch mein Vater erfreute sich keiner besonders hervorragenden Beliebtheit, aber die Leute in der Gegend kamen doch gut mit ihm aus, denn in verschiedenen Beziehungen deckten sich seine und ihre Interessen. Mein Vater war nämlich ein sehr eifriger Landwirt. Ich aber – ich habe dafür gar kein Interesse. Und ich kann wirklich nicht mit den Leuten hier verkehren. Sie mögen ja meinetwegen alle miteinander sehr biedere Menschen sein, aber ich kann nun einmal nicht mit ihnen umgehen. Und du weißt vielleicht auch, daß das Andachthalten und das Predigen von Laien hier sehr im Schwange ist. Ich bin bei verschiedenen Gelegenheiten gegen dieses hysterische Getue aufgetreten auf eine Weise, daß ich damit Aergernis erregt habe. Kurz gesagt, ich gelte hier bei der Masse des Volkes für gottlos. Ueberdies fühlen sich die Leute von meinem abweisenden und verschlossenen Wesen abgestoßen. Sie meinen, ich sei hochmütig, und doch gibt es nichts, was meiner Natur ferner läge als Hochmut, in dem Sinn, wie die Leute dies Wort verstehen. Ich habe mir also im Lauf der Zeiten eine Unbeliebtheit erworben, die mich, offen gestanden, vollkommen kalt ließ und die nur dazu diente, mich noch abweisender zu machen als, strenge genommen, notwendig gewesen wäre. Wenn die Sache zum Schwur kommt, so gibt es nichts, was mir die Leute nicht zutrauen würden. Das versteckte Mißvergnügen, der bisher verborgene Haß, all das kommt jetzt zum Ausbruch. Das habe ich in den letzten vierzehn Tagen empfunden, ich habe es in den schiefen und lauernden Blicken gelesen, die mir zugeworfen worden sind. Lieber Freund, ich kann nichts dafür, aber ich bin wirklich so verhärtet, daß all diese Gehässigkeit spurlos an mir abgeglitten ist. Ich hatte anderes zu denken, und ich bin ein selbständiger Mensch und mein eigener Herr. Warum sollte ich mich um das Gerede der Leute kümmern? Nun verstehst du also, daß ich hier in der Gegend nicht sehr geliebt werde. Im Gegenteil, ich habe hier keinen einzigen Freund. Einen habe ich gehabt, aber der ist vielleicht in diesem Augenblick schon tot. Ich meine den Oberst. Und der Oberst stand die ganze Zeit über hoch in der Gunst des Volkes. Er und seine Tochter wurden vergöttert. Und das mit Recht, denn eine liebenswürdigere Familie kann man sich gar nicht denken. Es erregte darum Unwillen und sogar Entrüstung rund herum auf den Gütern, als das Gerücht aufkam, ich würde mich mit der Tochter des Obersts verloben. Man hielt es für höchst unpassend, daß ein so gottloser Mensch wie ich in eine so prächtige Familie kommen sollte, und es wurde gesagt, ich hätte mit Geschick und Tücke dem Oberst Sand in die Augen gestreut. Ja, man scheute sich sogar nicht einmal, zu behaupten, die Verlobung sei von meiner Seite nur Berechnung und Geldspekulation. Ich sollte mein Erbteil aus Reisen vergeudet haben und nahe am Konkurs stehen. Lieber Freund, dir will ich sagen was diese Menschen nicht wissen: Ich habe allerdings auf meinen Reisen mehr Geld gebraucht, als mein Erbteil betragen hat, aber ich habe mir durch glückliche Spekulationen ein neues und viel beträchtlicheres Vermögen erworben, als mein Erbe gewesen war. Ich verberge dir nichts. Ich erzähle alles, wie es ist, denn ich will, daß du den richtigen Eindruck bekommen sollst von allen Umständen, die dazu beigetragen haben, daß ich jetzt so nahe am Abgrund stehe. Ich will dir auch nicht verbergen, daß mich der alte Oberst zu Anfang mit verdächtigen Blicken betrachtet hat; aber er änderte verhältnismäßig rasch seine Ansicht von mir, und er gab sich auch Mühe, seine Bekannten zu einer milderen Beurteilung meiner Person zu veranlassen. Das glückte ihm aber nicht. Die Leute sagten, ich hätte ihn nur durch falsches und heuchlerisches Auftreten betört. Aber der Oberst, der sich auf sein eigenes Urteil verließ, kümmerte sich nicht um das Gerede der Leute. Zu jener Zeit war ich der glücklichste Mensch unter der Sonne. Dann aber kam plötzlich die schreckliche Veränderung. Ich habe dir erzählt, was an jenem traurigen Tage passiert ist, der mir unvergeßlich vor der Seele steht. Ich habe seither viel gegrübelt und nachgedacht, aber es war mir nicht möglich, eine Lösung des Rätsels zu finden. Warum mußten wir uns so plötzlich trennen? Warum sollte mit einem Male alles zwischen uns aus sein? Aber den Leuten in der Umgegend war die Sache vollständig klar. Endlich seien dem alten Oberst die Augen aufgegangen, sagten sie zueinander. Endlich sehe er ein, was ich für ein schlechter und gottloser Mensch sei. Daß ich in jenen Tagen nur noch finsterer und verschlossener wurde, deuteten sie, daß ich Rache brüte, und Dagnys verweinte Augen bestätigten ihnen nur wieder einmal, daß die Liebe blind mache. Nach allgemeiner Auffassung stand die Sache so, daß der alte Oberst seiner Tochter entschieden untersagt habe, mich wiederzusehen, daß er mir das Haus verboten habe, und daß er selbst sich zu Hause halte, weil er mich nicht treffen wolle. Und nun wurde der Oberst mehr tot als lebendig aufgefunden. Er lag am Waldrand unter den Zweigen einiger Bäume und hatte eine große klaffende Wunde am Hinterkopfe. Lieber Freund, nach allgemeiner Ansicht bin ich sein Mörder, und ich muß gestehen, ich habe den Schein gegen mich. Ich ...« Hier wurde Asbjörn Krags Freund durch eine laute Stimme, die sich im Vorzimmer hören ließ, unterbrochen. Jemand wollte herein, und ein anderer Jemand suchte ihn daran zu hindern. Ein schmerzliches Lächeln glitt über Ivar Ryes Gesicht. »Das ist das Gericht!« sagte er. Und nun hörte Asbjörn Krag draußen im Vorzimmer eine polternde Stimme sagen: »Es hilft nichts, mir den Zutritt zu wehren, Andresen. Ich komme im Namen des Gesetzes.« Fünftes Kapitel. Das Verhör Als der Amtsvorsteher eintrat und einen Fremden bei Ivar Rye antraf, verwunderte er sich einigermaßen. Er blieb an der Türe stehen und wußte nicht recht, wie er die Sache angreifen sollte. Rye erhob sich und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, näher zu treten. »Was wünschen Sie?« fragte er. »Ich komme in einer sehr unangenehmen Sache, Herr Rittmeister. Es ist wegen der Geschichte mit dem alten Oberst Holger.« »Sie meinen wegen dem Unglücksfall?« Der Amtsvorsteher gab keine Antwort. Er blickte von einem der Herren zum andern. »Und was ist da Ihre Absicht?« fragte Krag. »Bitte, legen Sie sich gar keinen Zwang auf«, sagte Rye. »Der stellvertretende Amtsrichter ist drüben auf dem Hof wegen der Sache mit dem Herrn Oberst und möchte Sie sprechen«, sagte der Amtsvorsteher. »Und Sie sind gekommen, um mich zu ihm zu führen?« »Ja«, sagte der Amtsvorsteher, augenscheinlich erleichtert durch die nette Form, die die Sache damit bekommen hatte. »Ist es aber nicht eigentlich Ihre Absicht, den Herrn Rittmeister zu verhaften?« fragte Krag. Verlegen drehte der Amtsvorsteher seine Dienstmütze in der Hand herum. »Jedenfalls muß er mitkommen«, sagte er. »Ich muß den erhaltenen Befehlen gehorchen.« Der Rittmeister ging hin und holte seinen Mantel. Asbjörn Krag hatte noch keine Zeit gehabt, seinen Ueberzieher abzulegen. »Du mußt schon entschuldigen«, sagte der Rittmeister. »Die Umstände erlauben mir nicht, dir ein Frühstück anzubieten. Das müssen wir aufschieben, bis wir zurück sind.« »Das eilt gar nicht. Wir wollen zuerst einmal mit dem Herrn stellvertretenden Amtsrichter ins reine kommen«, erwiderte Krag. Die beiden Herren machten sich nun mit dem Amtsvorsteher auf den Weg. An der Straße standen eine Menge Neugieriger, und der Detektiv bemerkte, daß sie den Rittmeister nicht mit freundlichen Blicken betrachteten. Rye schritt rasch zu und hatte seinen Rockkragen bis an die Ohren aufgeschlagen. Krag mußte seine Kaltblütigkeit bewundern. Obgleich ihn die Gemütsbewegungen der letzten Zeit sehr angegriffen hatten, war doch seinem äußeren Menschen nichts davon anzumerken. Er war vielleicht bleicher als gewöhnlich, und seine Augen funkelten mehr als sonst. Das war aber auch alles. Der Amtsvorsteher führte die Herren auf einen großen Gutshof, das Anwesen des Obersten Holger. Als der Rittmeister über den Hof schritt, grüßte ein Mann ehrerbietig und ernsthaft. »Guten Tag, Hansen«, sagte der Rittmeister. »Das ist also der Verwalter«, dachte Krag. Als sie in den Saal traten, war dort bereits das ganze Gericht versammelt. An einem mit grünem Tuch bedeckten Tische saß der Vorsitzende, der junge stellvertretende Amtsrichter, ein Mann von nicht dreißig Jahren. Er sah nicht unintelligent, aber etwas aufgeblasen aus, und seine zur Schau getragene übergroße Würde stimmte nicht recht zu seinem jugendlichen Aussehen. Rechts von ihm saßen zwei Bauern aus der Gegend als Beisitzer. Auf ihren bärtigen Gesichtern lag ein tiefer Ernst, und sie schauten mit strengen Blicken geradeaus. Zur Linken des Vorsitzenden saß ein junger Schreiber mit einem großen Protokoll vor sich. Der Rittmeister und Asbjörn Krag grüßten, und der Vorsitzende machte eine schwache Verbeugung. Er war sich der Würde seines Amtes bewußt. Die Ellbogen hatte er auf den Tisch gestützt und preßte die Fingerspitzen gegen einander. »Sie wünschen meine Aussage zu hören?« fragte der Rittmeister. »Setzen Sie sich!« erwiderte der Vorsitzende. Der Rittmeister setzte sich aus einen bereitgestellten Stuhl, und Asbjörn Krag nahm neben ihm Platz. Der junge Rechtsbeflissene kannte den Detektiv augenscheinlich nicht. Nachdem die notwendigen Formalitäten erledigt waren, sagte der Vorsitzende: »Dies ist eine Voruntersuchung. Das Gericht wünscht nicht, daß Unbeteiligte anwesend seien.« Strafend schaute er dabei Asbjörn Krag an. Dieser erhob sich. »Herr Gerichtsvorsitzender!« sagte er. »Herr Rittmeister Rye befindet sich in einer Lage, die ihm das Recht gibt, einen Anwalt zu haben. In seinem Namen bitte ich um die Erlaubnis, als solcher diesem Verhör beiwohnen zu dürfen.« Er überreichte dem Vorsitzenden seinen Ausweis. Dieser sah den Detektiv verblüfft an, erklärte sich mit der Bitte einverstanden und wies ihm mit höflicher Handbewegung einen Platz an. Nach diesen Vorbereitungen wurde der Rittmeister aufgerufen. »Es ist Ihnen wohl bekannt, warum Sie zu diesem Verhör geladen sind«, begann der Vorsitzende. »Oberst Holger ist schwer verletzt unter einer kleinen Baumgruppe am Waldsaum gefunden worden, und alle Umstände drängen zu der Annahme, daß er einem Mordversuch ausgesetzt gewesen sei. Wir haben Grund zu vermuten, daß Ihnen Näheres über dieses traurige Ereignis bekannt ist.« »Ist der Herr Oberst tot?« fragte der Rittmeister. »Nein, noch nicht. Aber sein Zustand wird für hoffnungslos angesehen. Er ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen.« »Soll auch das junge Fräulein als Zeugin vernommen werden?« »Ich hätte das gerne getan«, erklärte der Vorsitzende. »Aber das Fräulein liegt zu Bett. Sie hat einen Nervenschock, und der Arzt hat ihr verboten, Zeugnis abzulegen. Um zur Sache zu kommen: Oberst Holger verließ sein Haus gestern nachmittag gegen drei Uhr. Man sagt mir, daß auch Sie ungefähr um dieselbe Stunde von Ihrem Hofe weggeritten seien. Stimmt das?« »Ja.« »Wohin sind Sie geritten?« »Ich ritt gegen den Hof des Obersten hinüber.« »Der Oberst ist auf der Holtewiese gefunden worden. Von seinem Hause bis zu dem Platz, wo er gefunden wurde, beträgt der Weg ungefähr eine Viertelstunde. Wo befanden Sie sich in der Zeit zwischen ein Viertel nach drei und halb vier?« Der Rittmeister überlegte. »In nächster Nähe beim Hause des Obersten«, sagte er dann. »Also ein ziemliches Stück Weges entfernt von dem Orte, wo er gefunden wurde.« »Ja, ein ziemliches Stück entfernt.« Der Vorsitzende reichte dem Rittmeister ein Stück Papier. »Ich bin wenig bekannt in der Gegend«, sagte er. »Können Sie mir vielleicht mit einer kleinen Skizze angeben, wo ungefähr Sie sich ein Viertel nach drei Uhr befunden haben?« Der Rittmeister nahm das Papier und zeichnete einige Striche. Asbjörn Krag trat an den Tisch und warf einen Blick auf die Zeichnung. »Wohin wollten Sie eigentlich?« fragte der Vorsitzende. »Ich pflege immer um diese Zeit, ehe ich zu Mittag esse, einen Ausritt zu machen. Das gehört zu meinen täglichen Gewohnheiten.« »Haben Sie unterwegs den Herrn Oberst getroffen?« »Nein.« »Haben Sie ihn überhaupt in der letzten Zeit gesehen?« »Ich habe ihn seit vielen Tagen nicht mehr gesehen.« Nun wurde eine kleine Pause in dem Verhör gemacht, dann fragte der Vorsitzende weiter: »Um wieviel Uhr sind Sie nach Hause gekommen?« »Um vier Uhr.« »Ach so, um vier Uhr«, murmelte der Vorsitzende und griff wieder zu der Skizze. »Um Viertel nach drei waren Sie also in der Nähe vom Hause des Obersten«, sagte er. »Wo waren Sie – sagen wir einmal – um halb vier?« »Das kann ich Ihnen nicht so genau sagen. Ich war während der ganzen Zeit in der Nähe vom Hause des Obersten. Das hat doch aber für die Sache keine große Bedeutung.« Jetzt sah der Herr Vorsitzende sehr streng aus. »Das ist meine Sache, zu entscheiden, was von Bedeutung ist und was nicht«, sagte er. »Welchen Weg sind Sie zurückgeritten?« »Denselben, den ich hergekommen war.« »Und Sie sind nicht über die Holtewiese geritten?« »Nein.« »Sind Sie dessen ganz sicher? Das ist nämlich ein sehr wichtiger Punkt.« »Ich bin keinesfalls über die Holtewiese geritten«, erwiderte der Rittmeister etwas gereizt über die wiederholte Frage. »Ich war überhaupt nicht dort in der Nähe.« Nun entstand wieder eine Pause im Verhör, und Asbjörn Krag sah es dem jungen Vorsitzenden an, daß er einen Angriff vorbereitete. »Haben Sie gestern oder vorgestern einen Brief an den Herrn Oberst geschrieben?« »Ja.« Jetzt trat Asbjörn Krag näher, um besser zu hören. »Sie haben ihm in einer wichtigen Angelegenheit geschrieben?« »Ja.« »Und haben ihn um eine Zusammenkunft um halb vier Uhr gebeten?« »Ja.« »War es nicht Ihre Absicht, zu dieser Zusammenkunft zu kommen?« »Vielleicht, vielleicht auch nicht.« »Das ist eine sonderbare Antwort.« »Ich kann Ihnen auf diese Frage keine andere geben.« »Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß derartige Antworten einen schlechten Eindruck auf das Gericht machen müssen und Ihre Sache nur verschlechtern können«, mahnte der Vorsitzende. »Denken Sie daran, daß Sie vor den Schranken des Gesetzes stehen. Ein Zeuge darf nichts verschweigen.« »Dennoch wünsche ich auf diese Frage die Antwort zu verweigern.« »Diese Weigerung verschlechtert Ihre Sache außerordentlich. Ich fürchte, daß Sie das in eine etwas schiefe Stellung dem Gericht gegenüber setzen könnte.« »Was meinen Sie damit, Herr Vorsitzender?« »Bisher sind Sie als Zeuge vernommen worden. Das Gericht wird nun zu erwägen haben, ob Sie von jetzt an nicht als der Tat verdächtig zu behandeln sind.« Der Rittmeister gab keine Antwort. Er stand mit dem Rücken gegen Asbjörn Krag, so daß dieser sein Gesicht nicht sehen konnte. »Erinnern Sie sich genau an den Wortlaut des Briefes, den Sie an den Herrn Oberst geschrieben haben?« fragte der Vorsitzende weiter. »Nein. Aber ich setze voraus, daß sich der Brief in Händen des Gerichts befindet.« Der Vorsitzende nickte und holte ein Papier hervor. »Sie vermuten richtig«, sagte er. »Dieses wirklich recht merkwürdige und höchst kompromittierende Schriftstück ist in unserem Besitz. Hier ist es.« Damit reichte er dem Rittmeister einen Brief. Dieser warf einen raschen Blick darauf. »Diesen Brief habe ich nicht geschrieben«, erklärte er fest. Sechstes Kapitel. Die Wiese wird untersucht Sehr verblüfft schaute der Vorsitzende des Gerichts den Rittmeister an. »Ich verstehe Ihre Erklärung nicht«, sagte er, »vor einem Augenblick haben Sie doch erklärt –« »Ich habe gesagt, daß ich einen Brief an Herrn Oberst Holger geschrieben habe«, sagte der Rittmeister. »Zeigen Sie mir diesen Brief, und ich werde mich dazu bekennen. Diesen Brief hier habe ich jedoch nicht geschrieben.« »Aber dies ist der einzige Brief, der bei dem Oberst über diese Angelegenheit zu finden ist«, sagte der Vorsitzende. »Haben Sie vielleicht eine Probe Ihrer Handschrift bei sich?« Der Rittmeister reichte dem jungen Vorsitzenden einige Papiere, und dieser räumte sofort bereitwillig ein, daß die beiden Handschriften nicht die geringste Aehnlichkeit hätten. Hier mischte sich Asbjörn Krag in die Verhandlung ein. »Wenn Sie mir eine Bemerkung gestatten wollen, Herr Vorsitzender«, sagte er, »dann möchte ich die Anregung aussprechen, daß der Brief zur Verlesung gelangt.« Der Vorsitzende nickte nach kurzem Besinnen und las dann den Brief vor. Er lautete: »Herr Oberst! Der Mann, an den Sie beständig denken, fordert Sie auf, heute um halb vier Uhr auf den Weg, der über die Holtewiese führt, zu kommen. Dort können wir ungestört verhandeln, und ich erwarte, daß ein Übereinkommen erzielt wird. Aus bekannten Gründen wünsche ich jetzt nicht, Ihr Haus zu betreten.« »Der Brief trägt keine Unterschrift«, erklärte der Vorsitzende. »Wenn der Herr Rittmeister den Brief nicht geschrieben hat, so wird mir, aufrichtig gestanden, die Sache rätselhaft.« »Was wird Ihnen rätselhaft?« fragte Asbjörn Krag. »Der Mord!« erwiderte der Vorsitzende unwillkürlich. Der Mord! Unter den Anwesenden entstand eine Bewegung. Der Detektiv blickte seinen Freund an. In des Rittmeisters Gesicht waren Sorge und Kummer deutlich zu lesen. Er sagte kein Wort. Der Vorsitzende hatte das deutliche Gefühl, zuviel gesagt zu haben, und suchte sich hastig herauszureden. »Wie die Sache jetzt liegt, steht es wenigstens so aus, als ob ein Mordversuch vorliege«, sagte er. »Verzeihen Sie, Herr Vorsitzender, wenn ich hierzu eine Bemerkung mache«, warf der Detektiv ein. »Bitte?« fragte der Vorsitzende. »Man kann die Sache auch anders ansehen, und das tue ich«, erklärte Krag. »Wenn dieser Brief wirklich von dem Herrn Rittmeister geschrieben wäre, so könnte er allerdings vielleicht so gedeutet werden, als ob der Rittmeister den Oberst habe in eine Falle locken wollen. Ich sage vielleicht! Die Unwahrscheinlichkeit liegt jedoch zu sehr auf der Hand. Man mag meinen Freund, den Herrn Rittmeister, betrachten, mit was für Augen man will, man muß doch wenigstens das einräumen, daß er kein Esel ist.« Der Rittmeister warf Krag einen mißbilligenden Blick zu. Krag sprach jedoch eindringlich und ernsthaft weiter. »Wenn der Rittmeister den Herrn Oberst wirklich hätte aus dem Hause locken wollen, um ihn umzubringen, so müßte er tatsächlich ein ganzer Esel gewesen sein, ihm einen derartigen Brief zu schreiben. Er hätte ja doch mit ziemlicher Sicherheit annehmen müssen, dieser Brief werde in die Hände des Gerichts fallen.« Der Vorsitzende wurde augenscheinlich unsicher. »So plump benimmt sich der dümmste Verbrecher nicht«, fuhr Krag fort. »Aber es ist ja ziemlich wertlos, diese Frage zu verhandeln, da es erwiesen ist, daß der Rittmeister diesen Brief, durch den der Herr Oberst aus dem Hause gelockt wurde, gar nicht geschrieben hat.« Verdrießlich rückte der Vorsitzende seinen Stuhl. »Mit diesem Brief paßt aber doch alles ausgezeichnet ineinander«, sagte er. »Es ist kaum möglich, daß ihn jemand anders geschrieben hat.« Asbjörn Krag runzelte die Stirn. »Meinen Sie?« sagte er. »Aber der Herr Rittmeister hat nun einmal den Brief nicht geschrieben. Sie haben ja Herrn Ryes Handschrift gesehen; sie hat mit dieser nicht die geringste Aehnlichkeit. Dazu kommt noch, daß der Rittmeister zugegeben hat, einen vielleicht ganz ähnlichen Brief an den Oberst geschrieben zu haben, aber nicht diesen hier. Weiter: Was ist das für ein Ton in diesem Brief! Er hat ja geradezu etwas Befehlendes, was sich der Herr Rittmeister dem Herrn Oberst gegenüber gewiß nicht herausgenommen hätte.« Der junge Gerichtsvorsitzende dachte in wachsender Verwirrung über die Ausführungen des Detektivs nach. Krag schwieg nun eine Minute. Als der andere zu keinem Ergebnis gelangte, nahm der Detektiv ihn beiseite und sagte leise, so daß es die anderen nicht hören konnten: »Wenn Sie mir als älterem und vielleicht erfahrenerem Kriminalbeamten erlauben wollen, Ihnen einen Rat zu geben, so möchte ich Ihnen ans Herz legen, zuerst das zu untersuchen, was vor allen Dingen untersucht werden muß und dann erst die Zeugen zu verhören. Haben Sie den Herrn Oberst gesehen?« »Ja. flüchtig. Die Aerzte sind jetzt eben bei ihm.« »Sind Sie auch auf der Holtewiese gewesen, an der Stelle, wo er gefunden worden ist?« »Selbstverständlich bin ich dort gewesen«, antwortete der Vorsitzende. »Dann haben Sie dort wohl eine Menge Beobachtungen gemacht?« »Was meinen Sie?« »Haben Sie nicht irgend etwas gefunden, das Ihnen einen Fingerzeig geben könnte, wie die Sache zugegangen ist?« »Es ist nicht die geringste Spur zu entdecken.« »Aber dort ist doch Lehmboden, nicht wahr? Ist der Platz abgesperrt?« »Nein.« »Dann habe ich jetzt Wichtigeres zu tun, als bei diesem Verhör anwesend zu sein«, erklärte Krag eifrig. »Ich gehe hinunter auf die Holtewiese.« Der Vorsitzende schaute den Detektiv einen Augenblick gespannt an. Dann legte er seine Papiere zusammen und sagte: »Ich komme mit Ihnen. Wir können das Verhör später fortsetzen. Und von nun ab bitte ich Sie, die Untersuchung selbst zu leiten!« »Jetzt kommt die Sache in Schwung«, sagte Krag befriedigt. »Ich muß Ihnen einräumen, daß Sie mit dem Briefe wahrscheinlich auf der richtigen Spur sind. Aber der Rittmeister hat ihn nicht geschrieben«, setzte er lächelnd hinzu. Beide Beisitzer, der Schreiber und auch der Rittmeister waren einigermaßen erstaunt über die unerwartete Wendung, die das Verhör so plötzlich genommen hatte. Alle fühlten sich von Asbjörn Krags Eifer mitgerissen. Der Detektiv hatte der Sache sein Gepräge aufgedrückt, und es war Zug hineingekommen. Man stand nicht länger nur um einen grünen Tisch herum und schwatzte. Sobald der stellvertretende Amtsrichter seine angenommene Würde hatte fahren lassen, zeigte er einen natürlichen Eifer, der einen sehr angenehmen Eindruck machte. Er ging mit Asbjörn Krag voran, und der Rittmeister und der Protokollführer kamen in einem kleinen Abstand nach. »Der Rittmeister hat den Schein gegen sich«, sagte der Stellvertretende zu Asbjörn Krag. »So wie mir die Liebesgeschichte berichtet worden ist, stand es mir sofort klar vor Augen, daß allein bei ihm die Lösung des Rätsels zu finden sei. Ein anderer als Ivar Rye konnte es gar nicht gewesen sein.« »Und doch muß ein Vierter im Spiele sein«, erwiderte Krag. »Ein Vierter?« fragte der Stellvertretende überrascht. »Bei dem Drama waren bis jetzt nur drei Personen beteiligt«, erklärte der Detektiv. »Der Oberst, der Rittmeister und dann Dagny, die Tochter des Obersten. Und nun kommt also der Vierte, den wir bis jetzt noch nicht kennen. Sie haben die Sache seither nur von einer Seite betrachtet. Das hat zur Folge gehabt, daß Sie sofort auf Widersprüche gestoßen sind. Ich glaube, man darf die Untersuchung solch einer Sache niemals mit vorgefaßten Meinungen beginnen, wenn ich auch zugeben muß, daß es oft schwierig ist, sie sich gänzlich vom Leibe zu halten. Wir sind noch nicht einmal über die eine Frage ganz im reinen: Ist der Oberst einem Mordanfall ausgesetzt gewesen, oder liegt ein Unglücksfall vor?« »Ein Unglücksfall ist unbedingt ausgeschlossen«, erklärte der stellvertretende Amtsrichter mit Ueberzeugung. »Der Oberst ist im weichen Grase aufgefunden worden. Nicht einmal ein Stein war in der Nähe, über den er gefallen sein könnte.« Asbjörn Krag gab keine Antwort. Bald waren sie auf der Wiese angelangt. Der Weg, der darüber führte, war ziemlich weich, und der Graswuchs war nicht sehr üppig wegen des schlechten Bodens, der hier beinahe nur aus Lehm bestand. Am Ende der Wiese, wo der Wald anfing, standen einige Bäume mit krummen, niedrigen Stämmen. Dorthin führte der stellvertretende Amtsrichter Asbjörn Krag und sagte: »Hier ist er gefunden worden. Er lag halb auf dem Gesicht.« »Und hatte eine Wunde im Hinterkopf?« fragte Krag. »Ja«, antwortete der Stellvertretende. »Soweit ich urteilen konnte, ist er auf den Hinterkopf geschlagen worden und sofort zu Boden gestürzt. Uebrigens mag Gott wissen, was er hier verloren hatte. Er war ja da ganz weit vom Wege ab.« »Wir können einstweilen einmal annehmen, daß der Unbekannte hier auf ihn gewartet habe«, meinte Krag. Krag fing nun an, den Erdboden zu untersuchen. Anscheinend war es eine ganz flüchtige Untersuchung, und es sah auch nicht aus, als ob er irgend etwas entdeckt hätte. Nun erschienen auch der Rittmeister und der Protokollführer auf der Stelle. Plötzlich fragte Asbjörn Krag: »War der Oberst zu Pferd?« »Nein«, erwiderte der Stellvertretende. »Er war zu Fuß.« Der Detektiv schwieg eine Weile. Dann fragte er wieder, und seine Frage kam dem andern recht merkwürdig vor: »Wird hier in der Gegend viel geritten?« Der Stellvertretende blickte den Rittmeister an und dieser antwortete: »Im Umkreis von zwei Meilen haben nur drei Menschen ein Reitpferd: der Oberst selbst, seine Tochter und ich. Wenigstens weiß ich von keinem andern.« »Höchst sonderbar«, murmelte Asbjörn Krag vor sich hin. »Falls hier wirklich ein Mordversuch vorliegt, so war der Mörder zu Pferd«, setzte er sehr ernst hinzu. Siebentes Kapitel. Dagny »Sind Sie wirklich vollständig sicher, daß der Oberst zu Fuß hergekommen ist?« fragte Asbjörn Krag noch einmal. »Das ist erwiesen«, erwiderte der stellvertretende Amtsrichter. »Sein Reitpferd stand im Stall, als er heimgebracht wurde.« Asbjörn Krag überlegte. Dann fing er an, das Gelände noch einmal zu untersuchen. Der Feldweg war sehr lehmig und zeigte deutliche Spuren von Schuhen und von Pferdehufen, aber da es ein sehr begangener Weg war, konnte aus diesen Spuren nicht viel entnommen werden. Krag untersuchte auch das Gatter und mit großer Sorgfalt den Ort, wo der bewußtlos« Oberst aufgefunden worden war. Für einen oberflächlichen Beschauer hätte es scheinen können, als ob es unmöglich sei, in diesem Grase und auf der hartgetrampelten Erde etwas zu entdecken; aber das Interesse, mit dem der Detektiv zu Werke ging, deutete darauf hin, daß er dennoch mehr sah als andere. Während er so beschäftigt war, traten verschiedene Neugierige herzu. Es waren Leute aus der Gegend, einige Bauern, die sich diesem seltenen Falle zu Ehren einen Ruhetag gönnten und in ihren Sonntagskleidern daherkamen, zwei Gehilfen aus dem Kaufladen des Dorfes, einige junge Mädchen, der Kaufmann in eigener Person und ein Bekannter von ihm, ein Mann von auswärts, der aussah wie ein Schullehrer. Das Gerücht von der Ankunft eines Detektivs aus Oslo hatte sich verbreitet und alle diese Neugierigen hergerufen. Asbjörn Krag erhob sich vom Boden und trat zu dem Rittmeister, der gelassen dastand und zuschaute. »Es geschieht selten mehr, daß ich eine derartige Untersuchung vornehme«, sagte Asbjörn Krag lächelnd. »Es ist ein überwundener Standpunkt, wie ein Indianer auf der Erde zu kriechen und Spuren zu suchen. Aber es gibt immer noch Fälle, wo man aus die primitiven Formen der Untersuchung zurückkommt.« »Hast du etwas gefunden?« fragte der Rittmeister leise. »Nichts Besonderes. Aber ich habe mir etwas notiert.« »Notiert?« »Ja, in meinem Gehirn. So viel kann ich dir sagen, daß ich etwas gesehen habe, was sowohl dem Herrn stellvertretenden Amtsrichter wie dem Amtsvorsteher entgangen ist.« »Wie lange soll diese Untersuchung noch dauern?« fragte der Rittmeister etwas ungeduldig. Augenscheinlich fühlte er sich von den vielen Augen, die ihn anstarrten – und das nicht mit durchaus liebevollen Blicken – peinlich berührt. »Wir sind bald fertig«, antwortete Krag. »Aber deine Anwesenheit ist dabei gar nicht notwendig.« »Sehr schön«, erwiderte der Rittmeister sichtlich erleichtert. »Dann gehe ich lieber nach Hause. Mir ist nicht wohl unter diesen Menschen. Ich wollte, ich wäre hundert Meilen von hier.« »Geh nur. In einer Stunde komme ich auch.« »Hast du mir dann vielleicht gute Nachrichten zu bringen?« »Wir wollen es hoffen«, sagte der Detektiv ernst. »Aber ehe du gehst, mußt du mir etwas versprechen.« »Und was ist das?« »Du willst doch wohl heute nicht mehr ausreiten?« »Nein«, antwortete der Rittmeister etwas erstaunt. »Warum fragt du?« »Dann ist es wohl auch nicht mehr notwendig, daß du heute noch in den Stall gehst?« »Um diese Zeit pflege ich sonst nach meinen Pferden zu sehen.« »Schön, aber das kannst du doch auch den Stallknecht besorgen lassen. Du sollst mir versprechen, den Stall nicht zu betreten.« Der Rittmeister sperrte erstaunt die Augen auf. »Aber warum denn in aller Welt nicht?« »Das ist meine Sache, und du darfst vorerst nicht danach fragen. Du gibst mir also dein Wort?« »Selbstverständlich. Aber das ist mir ein Rätsel.« »Geh jetzt nur!« Der Rittmeister verschwand hinter den Bäumen, und der Amtsvorsteher schaute ihm lange nach, wie man einer Beute nachsieht, die einem aus den Händen gleiten will. Die Zurückgebliebenen sammelten sich nun um den Detektiv, und die Fragen schwirrten ihm nur so um den Kopf. Besonders eifrig war der Schullehrer. Aber Asbjörn Krag gab nur einsilbige Antworten. Er zog den Amtsrichter beiseite und sagte zu ihm: »Seien Sie ganz unbesorgt. Die Sache sieht zwar im Augenblick sehr rätselhaft aus, viel rätselhafter, als Sie nur ahnen, aber das Rätsel wird sicherlich gelöst werden. Geben Sie mir den Brief, den der Oberst erhalten hat, ehe er ausging. Ich brauche ihn für meine Nachforschungen.« Der stellvertretende Amtsrichter gab das verlangte wichtige Papier nur sehr zögernd aus der Hand, und Asbjörn Krag steckte es gelassen in seine Brieftasche. »Das gehört aber doch zu den Akten!« sagte der Amtsrichter etwas ängstlich. Krag beruhigte ihn. »Ich kann mir jeden Augenblick auf telegraphischem Wege die ganze Untersuchung übertragen lassen«, sagte er. »Das ist nur eine Formsache, und Sie können ganz ruhig sein. Aber was machen denn die Menschen dort?« Der stellvertretende Amtsrichter drehte sich um. Verschiedene der Neugierigen, die beiden Gehilfen und der Lehrer, waren eifrig damit beschäftigt, den Boden genau so zu untersuchen, wie es Asbjörn Krag gemacht hatte. Diesem fiel es auf, daß besonders der Lehrer außerordentlich großes Interesse verriet. »Finden Sie etwas?« fragte der Detektiv lächelnd, während er auf die Gruppe zuging. Die beiden Gehilfen schüttelten den Kopf, der Lehrer schwieg. »Das ist eine Erscheinung, die sich immer wiederholt«, erklärte der stellvertretende Amtsrichter sachverständig. »Sobald bei einem Falle irgend etwas rätselhaft ist, traut sich jeder beliebige Mensch die größten Detektivgaben zu. und es ist oft höchst merkwürdig, zu welchen Schlußfolgerungen solche Menschen kommen.« Der Lehrer, der des Amtsrichters spöttische Worte gehört hatte, entfernte sich schweigend. Asbjörn Krag sah ihm lange nach, und plötzlich war es, als gleite ein Schatten über des Detektivs sonst so kühles und ausdrucksloses Gesicht, und in seinen tiefen, klaren Augen glimmte ein Funke auf, der von Verwunderung zeugte. »Wie heißt dieser Mensch?« fragte er und deutete mit dem Kopf nach dem Schullehrer, der eben in der Richtung aus das Dorf zu hinter den Bäumen verschwand. »Er heißt Bomann«, erwiderte der Amtsrichter. »Seit ungefähr acht Tagen wohnt er im Dorfe beim Kaufmann.« »Wer ist denn der Kaufmann?« fragte Krag. Der Amtsrichter deutete auf einen der Anwesenden, und Asbjörn Krag schaute sich den Mann lange an, als ob er sich sein Aussehen genau einprägen wolle. Dann schlug der Detektiv den jungen stellvertretenden Amtsrichter freundlich auf die Achsel und sagte: »Wollen wir gehen? Wir wollen wieder ins Haus des Obersten zurückkehren. Meinen Sie, es wäre möglich, daß ich das junge Mädchen sprechen könnte?« »Sie ist sehr angegriffen. Ich fürchte, sie hat einen Nervenschock bekommen. Aber wir können es ja versuchen. Was möchten Sie sie denn fragen?« »Wir wollen einmal sehen«, antwortete der Detektiv. »Vielleicht ist alles Fragen doch vergebens.« »Meinen Sie? Sie ist aber ein sehr verständiges Mädchen.« »Gerade deshalb«, entgegnete der Detektiv mit Nachdruck. »Vielleicht ist sie für uns beide zu klug.« Der stellvertretende Amtsrichter verwunderte sich sehr über diese Antwort. Er sah den Detektiv an, um vielleicht aus dessen Mienenspiel lesen zu können, was er meinte. Aber nun wurde der Detektiv mit einem Male ganz vergnügt. Er machte eine Handbewegung und sagte: »Was ist dies hier für eine herrliche Gegend! Hier möchte ich leben!« Der Amtsrichter konnte mit dem besten Willen die Gegend nicht besonders schön finden, und sie war es auch nicht. Aber Krag fehlte der Sinn für Natur vollständig, und wenn er in diesem Tone von der Natur sprach, dann lag stets die Absicht dahinter, unangenehmen Fragen oder Erklärungen auszuweichen. Der Detektiv wurde plötzlich gesprächig, und als die beiden Herren auf dem Hofe des Obersten anlangten, war er mitten in einer interessanten Geschichte aus seinem ereignisreichen Leben, einer Geschichte, die der junge Amtsrichter mit Begierde einsog. Plötzlich aber rief er: »Da ist sie!« Asbjörn Krag drehte sich um. Ein junges Mädchen kam langsam über den Hof dahergewandelt. Sie schritt mitten im Scheine der untergehenden Sonne. Asbjörn Krag konnte ihr Gesicht deutlich sehen und war betroffen von ihrer eigentümlichen Schönheit. Sie trug ein Kleid von ländlichem Schnitt, aber so, wie sie sich bewegte, war es nicht schwer zu erkennen, daß sie eine Dame war, die auch schon anderswo gelebt hatte, als auf einem weitabgelegenen Gutshofe. Das Mädchen kam auf die beiden Herrn zu. Krag konnte sehen, daß sie sehr blaß war. Sie mußte erst vor kurzer Zeit geweint haben. Dagny streckte ihm die Hand entgegen und versuchte zu lächeln. »Ich habe gehört, daß Sie hier sind, und möchte Sie gerne begrüßen«, sagte sie. »Ich bitte Sie, ins Haus zu kommen.« »Danke. Ich hatte eben die Absicht, Sie aufzusuchen, gnädiges Fräulein. Sie können mir vielleicht einen Dienst erweisen, vielleicht sogar einen sehr großen Dienst.« Dagny wurde ängstlich und erwiderte zurückhaltend: »Ich?« »Ja, gerade Sie, mein gnädiges Fräulein. Der Herr Amtsrichter hier sagte mir zwar, Sie dürften nicht behelligt werden, aber ich hatte mich entschlossen, darauf keine Rücksicht zu nehmen.« Dagny lächelte wieder. »Ich hätte Sie nicht für so zudringlich gehalten«, sagte sie. »Das bin ich auch gar nicht, gnädiges Fräulein«, erwiderte Asbjörn Krag. »Aber hier, wo es sich um so wichtige Dinge handelt, wußte ich ja, daß Sie sich dem, was Sie tun können, nicht entziehen würden.« »Ich stehe Ihnen gerne zu Diensten. Was kann ich tun?« »Zuerst möchte ich mich erkundigen, wie es Ihrem Herrn Vater geht.« »Der Arzt ist soeben bei ihm gewesen. Er ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen, und der Arzt meint, das könne vielleicht noch Wochen dauern. Aber er hofft doch, ihn am Leben zu erhalten.« »Weiter möchte ich Sie um eine Unterredung unter vier Augen bitten«, sagte Krag. Als er diese Bitte aussprach, sah er sie ernsthaft an. Ihre Blicke wichen den seinigen scheu aus. Da erkannte Krag, daß sie etwas wußte, und er sah an dem nervösen Zittern ihrer Hände, daß sie in großer seelischer Erregung war. Achtes Kapitel. Eine Spur Der stellvertretende Amtsrichter hatte alles scharf beobachtet. Er trat nun zu Krag heran, erklärte ihm mit wenigen Worten, daß er das Verhör auf morgen vertage, und verabschiedete sich. Dagny, die dem Detektiv nicht geantwortet hatte, schritt langsam ins Haus. Krag folgte ihr schweigend. Vor einer verschlossenen Tür blieb Dagny stehen. Sie deutete auf die Türe und sagte: »Wollen Sie ihn sehen?« Asbjörn Krag schüttelte den Kopf. »Vorläufig nicht. Es ist am besten, wenn der Kranke in Ruhe gelassen wird. Meine Unterredung mit Ihnen ist wichtiger, gnädiges Fräulein.« Gleich darauf saßen die beiden einander gegenüber in der großen Wohnstube. Mit Absicht setzte sich Dagny in die Ecke des Sofas, wo das Licht ihr Gesicht nicht treffen konnte. Sie wußte, daß ihr Gesichtsausdruck leicht ihre Gefühle verriet, und das wollte sie vermeiden. Asbjörn Krag war sehr ernst geworden, aber er sprach gelassen, beinahe väterlich zu der jungen Dame. »Sie kennen mich vermutlich dem Namen nach«, sagte er. »Vielleicht hat auch Rittmeister Ivar Rye gelegentlich von mir gesprochen.« Dagny Holger nickte. »Ja, er hat mir von Ihnen erzählt. Sie sind ja sein bester Freund.« »Gut. Und nun möchte ich Sie fragen, ob auch Sie Vertrauen in mich setzen wollen.« »Selbstverständlich!« rief sie. »Selbstverständlich vertraue ich Ihnen.« Asbjörn Krag zuckte die Achseln. »So war es nicht gemeint«, murmelte er. »Nun ja, ich will mich Ihnen nicht aufdrängen. Ich sage Ihnen nur so viel, ich arbeite in dieser Sache nicht nur für Recht und Wahrheit, sondern auch für meinen unglücklichen Freund.« »Das begreife ich.« »Er befindet sich in einer sehr schlimmen Lage. Fräulein Holger, wissen Sie, daß er jetzt vermutlich verhaftet wäre, wenn ich nicht eingegriffen hätte?« »Weshalb verhaftet?« fragte Dagny mit beinahe versagender Stimme. »Es ist Ihnen doch sicherlich klar, daß Ihr Herr Vater einem Mordversuch ausgesetzt gewesen ist?« »Das ist ja entsetzlich!« »Und Ivar Rye ist der Tat verdächtig.« Dagny rang lange nach Fassung. »Und ich kann Ihnen sagen, daß seine Sache schlecht steht, schlechter noch, als es im ersten Augenblick schien«, fuhr der Detektiv fort. »Sind Sie überzeugt, daß er unschuldig ist, Fräulein Holger?« »Wie können Sie das überhaupt noch fragen!« rief sie beinahe entrüstet. »Wir wollen die Sache einmal mit ganz kaltem Blute betrachten. Es darf als erwiesen betrachtet werden, daß Ihr Vater um vier Uhr etwa überfallen worden ist. Gerade um diese Zeit war Ivar Rye von zu Hause abwesend. Kann er sein Alibi nicht beweisen, so ist er verloren, denn er hat zugestanden, daß er Ihrem Vater, in der Absicht, ihn aus dem Hause zu locken, einen Brief geschrieben hat. Ist Ihnen das bekannt? Wissen Sie etwas von diesem Briefe?« »Ich habe davon gehört.« »War es dieser Brief?« fragte Krag und überreichte ihr den Brief, der von dem Amtsrichter dem Gericht vorgelegt worden war. Sie warf einen Blick auf den Brief und fuhr heftig zusammen. Asbjörn Krag betrachtete sie aufmerksam. Ein Ausdruck der Befriedigung glitt über sein Gesicht. »Das ist nicht des Rittmeisters Handschrift«, sagte Dagny. »Kennen Sie diese Handschrift?« »Nein!« Das »Nein« klang hart und bestimmt. Dagny zog sich noch tiefer in die Dunkelheit ihrer Sofaecke zurück. Es entstand eine kleine Pause. Asbjörn Krag knipste mit den Fingern. Dann stand er plötzlich auf. »Gut«, sagt er. »Sie haben also kein Vertrauen zu mir.« »Doch!« rief das junge Mädchen beinahe weinend. »Aber ich kenne doch diese Handschrift nicht!« »Liebes Fräulein Holger, das glaube ich Ihnen nicht. Dieser Brief ist von einem Dritten geschrieben, und diesen Dritten müssen wir zu fassen kriegen, sonst wird es schlimm. Sonst schwebt der Rittmeister in der allergrößten Gefahr.« »Sie glauben also, daß ich lüge?« »Ja, Fräulein Holger, das glaube ich«, gab Asbjörn Krag ganz gelassen zur Antwort. Nun stand Dagny Holger ebenfalls auf. »Ehe ich gehe, möchte ich Sie auf eines aufmerksam machen«, sagte Krag. »Der Fall kann sehr rasch eintreten, daß Rittmeister Ryes Rettung einzig und allein davon abhängt, ob Sie reden oder nicht. Ivar selber spricht nicht, davon können Sie vollständig überzeugt sein. Erlauben Sie mir eine Frage: Wann haben Sie Ivar Rye zum letztenmal gesehen?« »Gestern gegen vier Uhr.« »War er zu Pferde?« »Nein, er war nicht zu Pferde und ich auch nicht. Wir redeten zusammen an der Wegkreuzung, nördlich von unserem Hofe.« »Trafen Sie zufällig zusammen?« »Nein, wir hatten abgemacht, uns da zu treffen.« »Und Ihr Herr Vater war mit einem solchen Zusammentreffen nicht einverstanden?« »Nein.« »Hatte er Ihnen verboten, auszugehen?« »Ja.« »Der Rittmeister schrieb also den Brief an Ihren Vater, um Gelegenheit zu haben, mit Ihnen zusammenzutreffen?« »Nicht diesen Brief da«, antwortete Dagny und deutete auf das geheimnisvolle Schriftstück des Dritten. »Einen andern.« Asbjörn Krag nickte. »Es ist eine merkwürdige Übereinstimmung, daß diese beiden Briefe dieselbe Stunde für eine Zusammenkunft bestimmen«, sagte er. »Nun gehe ich gleich, gnädiges Fräulein, aber ehe ich gehe, möchte ich noch eines sagen: Falls der Rittmeister der Täter sein sollte ...« Der Detektiv bemerkte, daß Dagny unwillkürlich zusammenfuhr. » ... Ich sage falls«, fuhr er fort. »Ich persönlich bin überzeugt, daß er es nicht ist. Aber angenommen, er wäre es, so müßte er unmittelbar von der Zusammenkunft mit Ihnen hingeritten sein und den Oberst zu Boden geschlagen haben. Worüber hat er mit Ihnen gesprochen?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das ist auch unwesentlich für die Sache.« »Haben Sie verabredet, später wieder zusammenzutreffen?« »Nein«, sagte Dagny leise. »Das haben wir nicht verabredet.« »So haben Sie also Abschied von einander genommen?« »Ja.« »Dann kann ich mir denken, daß mein Freund sehr niedergeschlagen gewesen sein muß, als er von Ihnen ging, niedergeschlagen fast bis zur Verzweiflung. Und in solch einem Zustand kann selbst der beste und kaltblütigste Mensch ...« »Sprechen Sie nicht weiter!« rief Dagny entsetzt. »Aber ich weiß nichts und ich kann nichts sagen.« »Gut, so gehe ich jetzt, aber in zwei Stunden komme ich wieder. Entweder haben Sie sich bis dorthin entschlossen zu reden oder auch ...« »Ich verstehe durchaus nicht, was Sie meinen. Oder ...« »Oder werde ich dann reden«, sagte der Detektiv und verließ das Zimmer. Fünf Minuten später sah der Rittmeister den Detektiv gelassen vom Hofe des Obersten her aus sein Haus zuspazieren. Er kam über die Felder. Der Rittmeister hatte erwartet, der Detektiv werde sofort zu ihm herauskommen, aber Krag schritt statt dessen auf den Stall zu. Der Verwalter machte ihm die Stalltüre auf; Krag trat in den Stall und blieb eine Viertelstunde drinnen. Als er wieder herauskam, fiel es dem Rittmeister auf, wie außerordentlich ernst er aussah. »Hast du etwas zu essen?« fragte der Detektiv, als er zu Rye ins Zimmer trat. »Ich bin allmählich entsetzlich hungrig.« »Der Tisch ist gedeckt.« Asbjörn Krag ging zuerst und wusch sich die Hände, denen es deutlich anzusehen war, daß er damit in der Erde gewühlt hatte. Der Rittmeister fragte, ob es etwas Neues gebe. »Eine Menge Neues«, antwortete der Detektiv. »Steht meine Sache besser?« »Sie steht viel schlechter, lieber Freund. Wenn ich nicht so fest und unerschütterlich an dich glaubte, so wäre ich jetzt davon überzeugt, daß du der Verbrecher bist.« »Was hast du entdeckt?« »Beantworte mir zuerst eine Frage! Nicht wahr, um vier Uhr warst du zu Pferde?« »Ja.« »Und du hast ›Eva‹ geritten?« »Ja.« »Und du bleibst dabei, daß du den ganzen Tag nicht in der Nähe des Ortes gewesen, bist, wo der Oberst gefunden wurde?« »Ja, dabei bleibe ich.« »Lieber Freund, hast du bemerkt, daß eines von ›Eva‹ Hufeisen zerbrochen ist?« »Nein.« »Das Hufeisen des linken Vorderbeines ist zerbrochen.« »Das wußte ich nicht. Aber was hat denn das mit der Sache zu tun?« »Ich war soeben drunten im Stall«, fuhr Krag fort. »Das habe ich gesehen. Was wolltest hu dort?« »Ich wollte mir ›Eva‹ Hufeisen ansehen, und da fand ich den Schaden.« »Ich verstehe immer noch nicht ...« »Dann will ich dir den Zusammenhang erklären. Als der Oberst gefunden wurde, lag er unter einigen Bäumen am Rande der Wiese. Es scheint wenig wahrscheinlich, daß er dorthin gelockt worden ist: man könnte eher denken, er sei dorthin gejagt worden. Die Spuren deuten darauf hin, daß der Oberst gelaufen ist, als gelte es sein Leben. Er ist von einem Mann zu Pferde dorthin gejagt worden. Und nun kommt das interessante: Die Spuren zeigen deutlich, daß das Hufeisen des linken Vorderbeines des Pferdes zerbrochen war, gerade wie das deiner ›Eva‹.« Erschrocken fuhr der Rittmeister zusammen. »Du siehst also, daß deine Sache sehr schlecht steht«, fuhr Krag gelassen fort. Neuntes Kapitel. Ein Zusammentreffen Der Rittmeister ging mit nervösen Schritten im Zimmer hin und her. »Laß mich einmal überlegen«, sagte er. »Ich habe ein Gefühl, als ob sich finsteres Gewölk um mich sammelte. Ich wiederhole noch einmal, daß ich Oberst Holger an jenem Tage mit keinem Blicke gesehen habe, aber so wie sich die Beweise gegen mich anhäufen, fange ich an, an mir selber, an meinem Verstande zu zweifeln.« Der Detektiv zog eine Skizze von der Lage der beiden Gutshöfe hervor und sagte: »Gibst du mir zu, daß du etwa um halb vier Uhr eine Zusammenkunft mit Dagny, der Tochter des Obersten, an dem Kreuzweg in der Nähe ihres Hauses gehabt hast?« »Ja.« Asbjörn Krag notierte sich die Zeit auf ein Stück Papier. »In solchen Sachen, wo die Entscheidung von ein paar Minuten hin oder her abhängen kann, ist es gut, alles in Ordnung zu haben«, murmelte er. Dann fuhr er fort: »Es scheint festzustehen, daß der Oberst zwischen dreieinhalb und vier Uhr überfallen worden ist. Mit andern Worten, wenn jemand auftritt und behauptet, du seiest von dem Zusammentreffen mit Dagny direkt aufs Feld geritten und habest den Oberst zu Boden geschlagen, so ist die Möglichkeit nicht zu leugnen. Wir können nicht beweisen, daß das nicht geschehen ist.« »Aber der andere kann auch nicht beweisen, daß es geschehen sei«, sagte der Rittmeister. »Doch!« sagte er. »Was meinst du?« »Wenn ich jetzt dieser andere wäre, so könnte ich es so gut wie beweisen. Jedenfalls sind eine Menge Anzeichen aufgetaucht, die es sehr wahrscheinlich machen.« »Du mußt dich näher erklären.« »Gut. Ich komme noch einmal aus den Stall und dein Pferd zurück. Sein Hufeisen des linken Vorderbeines ist also entzweigebrochen.« »Das hast du schon einmal gesagt.« »Der Boden um den Tatort her zeigt deutlich, daß der arme Oberst von einem Reiter verfolgt worden ist. Du hast selbst gesagt, daß es hier in der Gegend nicht viele Menschen gibt, die reiten.« »Soviel ich weiß, nur der Oberst und ich. Und dann Dagny.« »Das ist schon sehr verdächtig. Und nun kommt das allerverdächtigste: der Mann, der den Oberst verfolgt hat, ritt ein Pferd mit einem zerbrochenen Hufeisen.« Der Rittmeister verbarg das Gesicht in den Händen. »Wenn du das alles sagst, so muß es ja richtig sein«, sagte er. »Aber ich kann es einfach nicht verstehen. Das ist mir ein vollkommenes Rätsel. Ich bin sofort nach meiner Unterredung mit Dagny nach Hause geritten.« »Und wenn wir diese Umstände mit den übrigen zusammenbringen, mit deinem ganzen Auftreten hier, der plötzlich gelösten Verlobung mit Dagny, deinem Brief an den Oberst und so weiter, so ist tatsächlich die Beweiskette geschlossen. Lieber Freund, wenn der Oberst in diesem Augenblick tot sein sollte, so bist du der Mörder.« Aschfahl im Gesicht sprang der Rittmeister auf und stürzte auf Krag zu. Gelassen schob ihn dieser zurück. »Ich meine juristisch«, sagte er. »Juristisch bist du der Mörder, moralisch nicht. Ich bin nämlich überzeugt, daß du es nicht getan hast, daß du vollständig unschuldig bist und daß eine Kette von rätselhaften und sonderbaren Ereignissen dich in so schweren Verdacht bringt. Das wird ein schwieriger Fall, und ich kann nicht dafür stehen, daß du nicht beim nächsten Verhör verhaftet wirst.« »Ich kann nur nicht begreifen, wer der Täter sein könnte«, rief der Rittmeister. »Der Oberst hat ja nur Freunde hier in der Gegend. Und eine solche Untat bedingt doch eine Todfeindschaft.« »Ueberleg dir einmal die Sache, vielleicht kommst du dann auf eine Spur«, erwiderte Krag. »Denk einmal an die Veränderung, die plötzlich mit dem Oberst vorgegangen ist. Erst hatte er nicht das mindeste gegen dich und hätte dir gern seine Tochter zur Frau gegeben. Dann kam plötzlich der Umschwung, ohne daß du dir eigentlich den Grund erklären konntest. Der Oberst, der vorher lebhaft, mitteilsam, gesellschaftlich und liebenswürdig gewesen war, schlug mit einem Male gerade ins Gegenteil um. Er wurde finster und verschlossen. beinahe feindselig. Das alles deutet darauf hin, daß ihn ein großes Unglück getroffen hat. Zugleich wurde dir bekanntgegeben, daß von einer Heirat zwischen dir und der Tochter des Obersten keine Rede mehr sein könne, und die Verlobung ging stracks in die Brüche. Es sei nichts geschehen, behauptest du, und dasselbe sagt die Tochter und hat auch der Oberst gesagt. Es ist also nicht irgendein Ereignis daran schuld. Dann muß es ein Mensch sein, der diese Veränderung bewirkt hat, derselbe Mensch, der den Brief schrieb, den der stellvertretende Amtsrichter als von dir herrührend betrachtete, derselbe Mensch, der den Oberst zu Boden geschlagen hat.« »Aber wer kann das sein!« brach der Rittmeister los. »Dahinter müssen wir jetzt zu kommen suchen. Vorerst aber wollen wir die Sache ruhen lassen. Ich ahne ein vortreffliches Abendessen.« Die Tür wurde zurückgeschlagen und des Rittmeisters alte Haushälterin bat die Herren ins Speisezimmer. Sie hatte sich dem Besuch zu Ehren besonders angestrengt, und Asbjörn Krag ließ sich das Essen schmecken. Während der Mahlzeit sprach er nicht mehr von der Sache, sondern suchte seinen Freund durch allerlei andere Gesprächsstoffe zu unterhalten und abzulenken. Der Rittmeister saß meistens schweigend da. Als sich die beiden Freunde vom Tisch erhoben, erklärte Asbjörn Krag, er wolle in der herrlichen milden Abendluft noch einen Spaziergang machen, und der Rittmeister begleitete ihn bis vor die Haustür. Auf dem Hof grüßte der Verwalter des Rittmeisters und deutete auf den Wald, an dessen Saum sich mehrere Pferde tummelten. »Sehen Sie, dort weidet ›Eva‹«, sagte er. »Jetzt hat sie ein neues Hufeisen. Aber woher zum Henker haben Sie gewußt, daß eines ihrer Hufeisen zerbrochen war?« »Ich weiß viel mehr, als manche ahnen« antwortete der Detektiv, nickte dem Mann zu und ging seines Weges. Er ging langsam und summte ein Liedchen vor sich hin, so lange der Verwalter und der Rittmeister, der auf dem Hof zurückgeblieben war, ihn sehen konnten. Sobald ihn aber die Bäume vor ihren Blicken verbargen, fing er an zu laufen. Er wollte noch einmal auf die Holtewiese, dorthin, wo der alte Mann überfallen worden war. Es fing sachte an zu dämmern, und der Tau begann zu fallen. Die Umrisse der Dinge verschwammen, die Bäume sahen nur noch wie graue Schatten aus. Plötzlich blieb Krag auf dem Wege stehen, der sich wie ein Band über die Wiese schlängelte. Er war nicht allein an diesem unheimlichen Ort. Dort unter den schiefen, niederen Bäumen, gerade an der Stelle, wo der Oberst bewußtlos gefunden worden war, sah er einen Schatten sich bewegen. Es war eine menschliche Gestalt, die eines Mannes, und es sah aus, als ob dieser Mann nicht gesehen zu werden wünschte, denn er schlich sich vorsichtig unter den Bäumen hin. Er mußte also Asbjörn Krag ebenfalls bemerkt haben. Rasch schritt der Detektiv auf ihn zu. Nun hatte der Mann dort droben die Wahl, entweder schnell den Hügel hinunterzulaufen und damit zu verraten, daß er mit geheimen Absichten hier sei, oder Asbjörn Krag offen entgegenzugehen. Der Mann tat das letztere, er ging dem Detektiv entgegen. Und nun, da er aus der Dunkelheit, die unter den Bäumen herrschte, hervorgekommen war, erkannte ihn Krag sofort. Es war der Herr mittleren Alters, der aussah wie ein Lehrer und der ihm bereits bei seiner ersten Anwesenheit auf der Holtewiese aufgefallen war. Der Mann grüßte und Krag dankte. »Wir treffen an einem seltsamen Ort zusammen«, stammelte der Mann einigermaßen verlegen. »Und zu einer etwas seltsamen Tageszeit«, fügte Krag hinzu. »Vielleicht sogar zum selben Zweck?« »Wer sind Sie?« fragte Krag. Der Mann lüpfte noch einmal leicht den Hut. »Rechtsanwalt Bomann«, sagte er. »Aus Oslo?« »Nein, aus der nächsten Stadt.« »Ach so! Und Sie halten sich wegen dieser Sache hier auf? Vielleicht führt Sie die Hoffnung her, Rittmeister Ryes Verteidiger werden zu können?« »Daran habe ich nicht gedacht«, antwortete der Advokat abwehrend. »Mein Hiersein hat einen anderen Zweck, und ich wünsche gar nicht, Rittmeister Ryes Verteidiger zu werden.« »Warum denn nicht?« »Weil ich keine Lust verspüre, eine so schlechte Sache wie die seinige zu verteidigen.« Asbjörn Krag lächelte. »Oho, so hängt das zusammen? Sie gehören also zu den vielen, die den Rittmeister schon im voraus verurteilen? Meinen Sie nicht, seine Sache stehe an sich schon schlimm genug, ohne daß auch Sie sich noch in seine Angelegenheiten mischen?« »Ich habe von jeher einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt«, erklärte der Rechtsanwalt »Und ich habe das Gefühl daß wir hier weit von der Gerechtigkeit entfernt sind, besonders, seitdem der berühmte Detektiv aufgetaucht ist.« Asbjörn Krag blieb dieser Grobheit gegenüber vollkommen gelassen. »Ich begreife Sie vollständig« sagte er »Sie halten den Rittmeister für den Schuldigen. Und soweit kann ich Ihnen recht geben, es liegen allerlei Umstände vor die dafür sprechen. Aber es stecken hinter diesem Drama noch mehr und größere Geheimnisse als wir bis jetzt wissen.« Der Rechtsanwalt blinzelte den Detektiv spöttisch an. »Und dann ist hier auch viel, das man sieht, und nicht sehen will«, sagte er. »Was meinen Sie damit?« »Ich habe den Boden auf der Wiese auch untersucht. »So – ei was!« »Und ich habe Hufspuren gefunden.« »Von des Rittmeisters Pferd?« »Ja.« »Er hat aber doch das Recht, hier in der Gegend zu reiten, wo er will.« Der Rechtsanwalt deutete auf die Baumgruppe, wo der Oberst gefunden worden war. »Aber die Huftritte führen dorthin« sagte er. »Man sieht in dem lehmigen Boden die Spuren ganz deutlich.« »Woher wollen Sie aber so sicher wissen, daß diese Spuren von dem Pferde des Rittmeisters herrühren?« »Das habe ich auf dieselbe Weise festgestellt wie Sie selbst«, antwortete der Rechtsanwalt und blinzelte den Detektiv wieder spöttisch an. »Sie müssen vorsichtiger zu Werke gehen, wenn Sie die Indizien verbergen wollen, die gegen Ihren Freund, den Herrn Rittmeister, sprechen. Eine halbe Stunde, nachdem Sie im Stall gewesen waren und die Hufe der Stute untersucht hatten, wußte ich davon, und nun war ja alles klar.« »Mit andern Worten, der Rittmeister ist von allen Seiten mit böswilligen Spionen umgeben«, rief Krag nicht wenig gereizt. »Ja, er soll sich nur in acht nehmen. Das Netz um ihn zieht sich zu. Morgen früh hat er vermutlich seine Rolle ausgespielt, wenn ich als Zeuge auftrete.« Asbjörn Krag ergriff den Mann an seinem Kragenaufschlag. »Ich will Ihnen einmal etwas sagen!« brach er los. »Es ist mir gleichgültig, was Sie morgen vor Gericht in dieser Angelegenheit vorbringen werden. Aber ich bin nun einmal fest davon überzeugt, daß der Rittmeister unschuldig ist. Und außerdem glaubte ich, daß hier von verschiedenen Personen Ränke geschmiedet werden. Dieses Ränkespiel aufzudecken, wird meine erste Aufgabe sein. Und bei der Gelegenheit werde ich auch klarstellen, welche Rolle Sie in diesem Drama spielen. Gute Nacht, mein Herr. Setzen Sie nur Ihre Untersuchungen weiter fort.« Der Detektiv ließ den Rechtsanwalt stehen und entfernte sich eilig. Nicht lange darauf setzte auch dieser seinen Weg fort und nahm die Richtung dem Hof des Rittmeisters zu. Zehntes Kapitel. Der Schrei Asbjörn Krag ging durch die Felder und näherte sich dem großen Besitztum des Kaufmanns. Die Fenster des Hauses waren erleuchtet und schimmerten durch die zunehmende Dunkelheit. An einer Biegung des Weges blieb er plötzlich verwundert stehen. Eine Dame kam ihm entgegen. Es war Dagny. Krag grüßte, und Dagny Holger nickte ihm zu. Dagny wollte erst schweigend an ihm vorbeigehen, aber dann war es, als bedächte sie sich. Sie tat Asbjörn Krag herzlich leid, denn sie sah verstört und totenblaß aus. »Wie sonderbar, daß wir uns hier treffen« sagte er. »Das war von mir auch nicht beabsichtigt« erwiderte sie. »Ich nahm an, Sie seien bei ihm – bei dem Herrn Rittmeister.« »Ich komme eben von ihm her. Darf ich mir die Frage erlauben, wo Sie herkommen, gnädiges Fräulein?« »Ich bin ein wenig spazierengegangen.« Asbjörn Krag betrachtete das Mädchen forschend. »Haben Sie wirklich Lust, jetzt zu dieser Zeit spazierenzugehen, wo Sie doch leicht einer peinlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt sein könnten?« »Nein, ich habe keine große Lust dazu.« »Dann sind Sie also an einen bestimmten Ort gewesen?« »Ja.« »Haben Sie einen Feind oder einen Freund ausgesucht?« Dagny Holger schwieg längere Zeit Es war deutlich zu merken, daß sie nach Fassung rang. Endlich stieß sie die Worte hervor: »Ich hoffte ich würde keinem Menschen begegnen. Nun ich aber doch mit Ihnen zusammengetroffen bin, habe ich eine Bitte an Sie.« »Nur heraus damit, liebes Fräulein Holger.« »Versprechen Sie mir, dem Rittmeister nicht zu erzählen, daß Sie mich hier getroffen haben.« »Das verspreche ich Ihnen. Haben Sie sonst noch eine Bitte?« »Nein« antwortete sie und machte Anstalten weiterzugehen. »Dann möchte ich Ihnen etwas sagen. Sollten Sie sich in den nächsten Tagen einer großen Gefahr ausgesetzt sehen, lassen Sie mich rufen.« Dagny nickte nur und gab mit Worten keine Antwort. Aber als sie eine kleine Strecke gegangen war, wandte sie sich, um zu sehen, ob der Detektiv ihr folge. – Krag war stehengeblieben und starrte dem jungen Mädchen nach, bis es hinter einer Wegkrümmung verschwunden war. Dann schüttelte er den Kopf und ging in der entgegengesetzten Richtung weiter. Er fühlte sich sehr erregt von der unerwarteten Begegnung, und er hatte das bestimmte Gefühl, daß dieses Drama noch nicht zu Ende gespielt sei, daß sich im Gegenteil jede Stunde etwas Neues ereignen könnte. Zu welchem Zweck war die junge Dame zu dieser Tageszeit unterwegs? Was hatte diese Geheimnistuerei zu bedeuten, mit der sie sich umgab? Der Detektiv fing an zu vermuten, daß er sich noch weit vom Kern der Sache befinde. Wenn er ihr weiter nachspürte, würde er vielleicht auf noch größere Rätsel stoßen. Und wenn er sich die verweinten Augen der jungen Dame vorstellte, dann überkam ihn eine Ahnung, daß etwas neues Schreckliches ihrer warte oder vielleicht schon eingetroffen sei. Unter solchen Gedanken war Asbjörn Krag beim Hause des Kaufmanns angelangt. Er trat ein und verlangte den Kaufmann zu sprechen. Dieser erschien auch sofort. Krag merkte ihm gleich eine gewisse Zurückhaltung an. Der Mann sprach ausweichend, in langsamen Sätzen, und suchte die Sache möglichst zu umgehen. Dem Detektiv wurde schnell klar, daß die Leute der Gegend mißtrauisch gegen ihn geworden waren, weil sie meinten, er habe die Partei des Schuldigen ergriffen, der in ihren Augen niemand anders sein konnte als der Rittmeister. Es wurde ihm unheimlich zumute, wenn er an den unendlichen Schaden dachte, den solch eine vorgefaßte Volksmeinung in einem bedeutenden, schwierigen Fall anrichten kann. Gewiß würde er aus Gesprächen mit den Nachbarn seines Freundes, wie er jetzt eines anzuknüpfen versucht hatte, nicht viel herauszubringen vermögen. Aber der Zufall, der Asbjörn Krag schon mehrfach in wunderbarer Weise zu Hilfe gekommen war, tat dies auch jetzt. Er unterhielt sich mit dem Kaufmann in dessen Stube. Auf dem Tisch befanden sich Schreibsachen, Feder und Tintenfaß sowie mehrere Papiere, darunter auch ein angefangener Brief. Dieser Brief fiel Asbjörn Krag in die Augen, und als er die Handschrift sah, war er so verblüfft, daß er seine Bewegung kaum zu verbergen vermochte. Diesen Brief mußte er haben! Und er mußte ihn womöglich so in seinen Besitz bringen, daß der Kaufmann nichts davon merkte. Nun hörte Krag anscheinend auf, den Kaufmann über den vorliegenden Fall und die darin verwickelten Personen auszufragen und betrachtete sich statt dessen die Photographien an den Wänden mit großer Aufmerksamkeit. Und siehe da, es währte nicht lange, da befand sich der Brief in der Tasche des Detektivs. Der Kaufmann hatte nichts gemerkt. Nun ging Krag nach Hause. Es war inzwischen neun Uhr geworden und bereits recht dunkel. Dennoch zog der Detektiv den Brief aus der Tasche und las, was da geschrieben stand. Es war ein ganz gewöhnlicher, noch unvollendeter Geschäftsbrief, der sich um den Verkauf eines Waldes drehte. Aus dem Inhalt ging deutlich hervor, wer den Brief geschrieben haben mußte. Außer diesem letzten Punkt bot der Inhalt für Asbjörn Krag nicht das mindeste Interesse. Die Handschrift war es allein, die sein Interesse gefangen hielt, und er zitterte vor Freude über seine Entdeckung. Das war der erste Lichtstrahl in diesem geheimnisvollen Dunkel. Als nun Krag langsam über die Felder ging, hörte er plötzlich aus der Richtung, wo des Rittmeisters Haus stand, einen Schrei des Entsetzens. Asbjörn Krag blieb erstarrt stehen und lauschte in die Dunkelheit hinein. Dieser Schrei war ihm durch Mark und Bein gegangen; er kam ihm vor wie der Hilfeschrei eines Menschen in höchster Not. Anscheinend war der Schrei von der andern Seite des Gehölzes hergekommen, wo das offene Feld war, das an den Hof des Rittmeisters grenzte. Asbjörn Krag blieb längere Zeit stehen und lauschte, ob sich der Schrei wiederholen werde. Er wartete mehrere Minuten, da aber alles still blieb, ging er entschlossen weiter und beeilte seine Schritte. Er hatte ein unbehagliches Gefühl, daß in der Nähe von des Rittmeisters Haus etwas vorgefallen sein müsse. Krag erwartete halb und halb, das ganze Haus in Aufregung zu finden; als er aber hinkam, war alles ruhig, und die Fenster leuchteten friedlich in die Nacht hinein. Elftes Kapitel. Der Rechtsanwalt Auf dem Hof traf Asbjörn Krag den Verwalter und ging sofort auf ihn zu. »Ist etwas vorgefallen, Herr Verwalter?« fragte er. »Vorgefallen?« versetzte der Verwalter, der sich die Frage nicht zu deuten vermochte, und schaute den Detektiv erstaunt an. »Als ich dort auf dem Weg war, hörte ich einen Schrei«, erklärte Krag. »Er schien von dieser Seite zu kommen.« »Einen Schrei? Hier hat niemand geschrien, das weiß ich.« Der Verwalter betrachtete den Detektiv mit mißtrauischen Blicken. Er war ein breitschultriger, gesetzter Landmann, dem es augenscheinlich merkwürdig vorkam, was sich hier für Dinge ereigneten, seitdem ein Mann von der Polizei in dieser sonst so friedlichen Gegend angelangt war. Asbjörn Krag deutete auf den Rand des Gehölzes, das einige hundert Meter vom Hause des Rittmeisters entfernt war. »Dorther kam der Schrei«, sagte er. »Er hörte sich an, als ob er vom Rande des Gehölzes herkäme.« Nun fing der Verwalter an zu lachen. »Dann waren es die Pferde!« rief er. »Die schreien zuweilen so, wenn es dunkel wird.« Bei diesen Worten deutete er auf die Wiese hinaus, auf der sich mehrere dunkle Schatten hin und her bewegten. Das waren die Pferde auf der Weide. »Es wird wohl die wilde ›Eva‹ gewesen sein, die so geschrien hat«, meinte der Verwalter. Die Pferde! Asbjörn Krag schwieg nachdenklich. Sein Gehirn arbeitete angestrengt. »Ist des Herrn Rittmeisters Reitpferd sehr wild?« erkundigte er sich. »Die ›Eva‹ hat ihre Zeiten«, erwiderte der Verwalter. »Es kommt zuweilen so über sie. Ich kenne mich mit diesem Pferde nicht aus.« Asbjörn Krag brach die Unterhaltung kurz ab. »Dann ist es also wohl eines der Pferde gewesen«, sagte er, nickte dem Verwalter zu und ging seines Weges. Als er einige Schritte gemacht hatte, drehte er sich um und fragte: »Ist der Herr Rittmeister zu Bett gegangen?« »Das glaube ich nicht. Er ist erst vor kurzer Zeit von einem Spaziergang nach Hause gekommen.« »Wohin ist er denn gegangen?« »Das weiß ich nicht.« Die Pferde! ... Krag überlegte. Sollte das möglich sein? Sollte er den Notschrei eines Menschen und den Schrei eines wilden Pferdes nicht zu unterscheiden vermögen? Als Krag ins Zimmer kam, saß sein Freund am Kamin und wärmte sich; eine lange Pfeife hing ihm schlaff im Munde. Er schlummerte, wachte aber sofort auf, als die Schritte des Detektivs erklangen. Krag trat mit Absicht hart auf, um ihn zu wecken. Der Rittmeister fuhr auf und starrte den Eintretenden mit schlaftrunkenen, wirren Augen an. Wie um sich zu entschuldigen, sagte er: »Ich habe in den letzten Tagen kein Auge zugetan.« Asbjörn Krag setzte sich an seine Seite, und seine Stimme hatte einen weichen Klang, als er sagt: »Armer Freund!« Der Rittmeister preßte die Lippen zusammen. »Ich habe mich nie gern bemitleiden lassen, und ich möchte auch nicht von dir bemitleidet werden«, sagte er. Krag schwieg eine Weile, dann fing er an: »Für morgen ist wieder eine Verhandlung angesetzt. Ich halte es für wahrscheinlich, daß das Gericht den Entschluß faßt, eine Verhaftung vorzunehmen. – Das scheint dich nicht stark anzufechten?« »Geschehe, was da wolle, ich werde die Fassung nicht verlieren«, erwiderte der Rittmeister mit stoischer Ruhe. Asbjörn Krag fuhr fort: »Ich komme immer wieder auf eine Frage zurück, die ich schon mehrere Male gestellt habe: Kannst du mir nicht sagen, ob dir hier in der Gegend irgend jemand feindlich gesinnt ist?« Der Rittmeister schüttelte den Kopf. »Ich stelle mir vor, daß die meisten hier in der Gegend mir nicht wohlwollen. Aber irgendeinen besonderen Feind könnte ich nicht nennen. Ich kenne ja gar niemand näher.« »Und wenn ich dir einen Namen nennte?« »Nenne ihn nur einmal.« »Rechtsanwalt Bomann!« »Rechtsanwalt Bomann?« Wieder schüttelte der Rittmeister den Kopf. Dieser Name schien ihn nicht besonders zu interessieren. »Meinst du den, der seit einiger Zeit beim Kaufmann wohnt und aussieht wie ein Schullehrer?« »Ja.« »Er ist gewiß nur hier, um Wälder zu kaufen. Ich glaube, er ist der Agent einer Gesellschaft in Oslo. Weiter weiß ich überhaupt nichts von dem Manne. Aber heute bei der Untersuchung habe ich wahrgenommen, daß er ein auffallendes Interesse an den Tag gelegt hat. Er wittert wie ein Hund im Grase. Aber, lieber Freund, ich habe aufgehört, mich über die Neugier und Bosheit Unbeteiligter zu wundern.« »Weißt du, ob er in irgendeiner Verbindung mit dem alten Oberst steht?« »Es kommt mir vor, als ob der Oberst den Namen des Mannes einmal erwähnt hätte. Ich glaube, bei jener Gelegenheit erfuhr ich zuerst, daß er sich überhaupt in der Gegend aufhält. Der alte Holger hat wahrscheinlich in früherer Zeit einmal mit ihm zu tun gehabt, und ich meine, er habe den Namen mit einer Grimasse der Verachtung genannt.« Asbjörn Krag überlas noch einmal den unvollendeten Brief, den er auf dem Tisch des Kaufmanns gefunden hatte. Dann reichte er das Schriftstück dem Rittmeister. »Kennst du diese Handschrift?« fragte er. Der Rittmeister warf einen Blick auf das Papier. »Nein!« sagte er. »Das ist die Handschrift dieses Rechtsanwalts Bomann«, erklärte Krag. Der Rittmeister las nun den angefangenen Brief mit großem Interesse. Als er fertig war, sagte er erstaunt: »Aber in diesem Briefe steht ja gar nichts von Wichtigkeit!« Krag nickte. »Es handelt sich um einen Waldkauf«, sagte er. »Aber der Brief hat jedenfalls Bedeutung für deine Sache.« »Das begreife ich nicht. Davon steht doch kein Wort drin.« »Dennoch hat der Brief seine Bedeutung, sage ich dir. Er ist von der Person geschrieben, die dir feindlich gesinnt ist.« »Wirklich?« »Von dem, der im Grase gewittert hat wie ein Hund, wie du sagst.« »Und was weiter?« »Er weiß auch die Geschichte mit den Pferdehufen. Morgen will er zur Verhandlung kommen.« »Laß ihn nur kommen.« »Er will dort das Resultat seiner Nachforschungen vorlegen. Diese stimmen mit den meinigen überein. Sie scheinen zu beweisen, daß du auf deinem Pferd drunten auf der Wiese gewesen bist zu der Zeit, wo der alte Oberst überfallen wurde.« Der Rittmeister antwortete nur mit einem Achselzucken. »Dann gibt es wohl eine Verhaftung, wie du gesagt hast«, meinte er dann. »Ganz gewiß.« »Nun gut, ich werde mich also auf eine Verhaftung vorbereiten.« »Du?« »Ja, und ich hoffe, daß du dennoch nicht von mir abfallen wirst. Du glaubst doch immer noch an meine Unschuld?« Asbjörn Krag stand auf. Ein eigentümliches Lächeln spielte um seine Lippen. »Mein lieber Freund, du sollst ja gar nicht verhaftet werden«, sagte er. Rittmeister Rye sprang erregt auf. Die beiden Männer sahen einander eine lange Weile in die Augen, ohne ein Wort zu reden. Der eine war ruhig, und um seine Lippen spielte ein Lächeln. Asbjörn Krag fühlte sich wieder klar und sicher. Der andere, der Rittmeister, stand blaß und erregt da. »Was meinst du denn?« stammelte er, »wer soll verhaftet werden, wenn nicht ich!« »Der Schuldige!« antwortete Asbjörn Krag mit Nachdruck. Zwölftes Kapitel. Kommt er? Schlag zehn Uhr am anderen Morgen sollte das Zeugenverhör im Hause des Amtsvorstehers beginnen. Schon von neun Uhr an sammelten sich die Leute vor dem Hause des Amtsvorstehers. Einige waren als Zeugen geladen, die andern kamen aus Neugierde. Meist schweigend standen die Leute herum; es war, als ob das Unheimliche dieses Falles einen Dämpfer aus die Schwatzsucht gelegt hätte. Aber aus den wenigen Worten, die geflüstert wurden, und aus den finsteren Blicken, die nach der Seite gerichtet waren, von der der Rittmeister erwartet wurde, ging deutlich hervor, gegen wen sich in diesem Falle die Antipathie der Leute richtete. Aus der Hauptstadt waren einige Journalisten angekommen; diese gingen herum und plauderten mit den umherstehenden Bauern. Sie erfuhren zwar nicht viel, denn Bauern sind in solchen Dingen in der Regel sehr wortkarg: aber so viel brachten sie doch heraus, daß sie mit beinahe unbedingter Sicherheit schreiben konnten: »Man vermutet, daß das Zeugenverhör von heute vormittag von abschließender Bedeutung sein werde. Der Fall ist äußerst interessant, und eine Liebesgeschichte zieht sich wie ein roter Faden durch diese rätselhaften und verwickelten Ereignisse. Vorläufig sammeln sich alle Indizien der Täterschaft in unheimlichster Weise um Rittmeister Rye. Seine Sache steht um so schlimmer, als er offenbar zum Schweigen und Verdrehen von Tatsachen seine Zuflucht genommen hat. So verweigert er jede Auskunft darüber, zu welchem Zweck er an dem Unglückstage zwischen drei und vier Uhr einen Ausritt unternommen hat. Auch leugnet er bestimmt, an dem genannten Tag übers Feld geritten zu sein, obgleich die Spuren von Huftritten bestimmt darauf hindeuten. Der Mann, der diesem wichtigen Umstand mit den Pferdespuren ans Tageslicht gebracht hat, ist der im Dorfe wohlbekannte Rechtsanwalt Bomann aus der nächsten Stadt. Er hat großen Spürsinn bewiesen und hat in dieser Sache mit anerkennenswertem Eifer gearbeitet. Die Verhandlung wird von dem jungen stellvertretenden Amtsrichter geleitet, da der Amtsrichter selbst zur Zeit krank ist. Die Leute erwähnen es hier als einen bemerkenswerten Umstand, daß der Amtsrichter in den letzten Jahren stets krank gewesen ist, sobald es sich um einen bedeutenderen Fall gehandelt hat. Man kann natürlich nicht erwarten, daß der Stellvertretende, der erst fünfundzwanzig Jahr alt ist, Erfahrung genug für die tadellose Führung einer solchen Verhandlung habe. Jedenfalls aber müßte eingegriffen werden, wenn es sich als richtig herausstellen sollte, was die Leute behaupten, daß er sich nämlich bei der Verhandlung gestern sein Verfahren teilweise von einem Detektiv habe vorschreiben lassen, der aus Oslo hergekommen sein soll. Dies ist um so merkwürdiger, als der genannte Detektiv – sein Name war nicht zu erfahren, und er hat sich auch bis jetzt nicht blicken lassen – der beste Freund des verdächtigen Rittmeisters ist und bei ihm wohnt. Im ganzen betrachtet wäre es angebracht, wenn der Staatsanwalt, dem ja doch höchstwahrscheinlich diese Sache in die Hände fällt, den wichtigen Verhandlungen beiwohnte.« Dies wurde vor der Verhandlung geschrieben und sofort nach Oslo telegraphiert, damit man dort doch einmal »für den Anfang« etwas zu berichten habe. Als die Berichterstatter von der kleinen Telegraphenstation zurückkehrten, merkten sie an der Haltung der Leute, daß etwas los sein mußte. Alle standen regungslos und schauten nach der Straße, die zum Hause des Rittmeisters führte. »Er kommt!« wurde geflüstert. »Wer kommt?« »Der Rittmeister!« Drei Herren kamen in lebhafter Unterhaltung die Straße dahergeschritten. »Der in der Mitte ist der Rittmeister!« sagte jemand. »Und die beiden anderen?« »Der eine ist der Detektiv und der andere der stellvertretende Amtsrichter.« Die Journalisten steckten die Köpfe zusammen. Das war doch sonderbar, daß der Vertreter von Gesetz und Recht, der Verdächtige und ein unberufener Dritter sich so offen vor aller Welt miteinander unterhielten! Als die drei vor dem Hause angekommen waren, fragte der Stellvertretende nach dem Rechtsanwalt Bomann. Der Stellvertretende hielt ein Schriftstück in der Hand. Der Kaufmann trat vor und sagte, Rechtsanwalt Bomann sei noch nicht erschienen, er erwarte ihn aber jeden Augenblick. »Ich wollte ihn als ersten Zeugen vernehmen«, sagte der stellvertretende Amtsrichter. »Er ist der wichtigste Zeuge. Gestern hat er an mich geschrieben.« Und er las halblaut vor sich hin: »– habe Ihnen in dieser Sache wichtige Aufklärungen zu geben. – Na ja, der Mann kommt wohl noch, wenn er es versprochen hat«, fügte er hinzu. Dann sah er nach der Uhr. »Es ist ja noch eine Viertelstunde Zeit, bis die Verhandlung beginnt.« Asbjörn Krag, der bis jetzt schweigend neben dem Rittmeister gestanden hatte, trat vor. Er hatte das Gesicht des Kaufmanns aufmerksam betrachtet, und da war ihm ein Ausdruck von merkwürdiger Unruhe aufgefallen. »Guten Tag!« sagte er zu ihm. »Erkennen Sie mich wieder?« Jawohl, der Kaufmann erkannte ihn wieder. »Wissen Sie, wo sich der Rechtsanwalt Bomann aufhält?« »Nein.« »Ich dachte, Sie und er wollten zusammen herkommen?« Der Kaufmann schaute hinaus in die blaue Luft. »Nein, das wollten wir nicht«, sagte er. Nun wurde der Detektiv mit einem Male von einem Gedanken ergriffen. »Wann haben Sie den Herrn Rechtsanwalt zum letztenmal gesprochen?« »Das ist noch nicht lange her.« »Wie lange ist es her?« Asbjörn Krags Frage war in einem Tone gehalten, der Antwort forderte. »Seit gestern abend habe ich ihn nicht mehr gesehen«, gab der Kaufmann zögernd zur Antwort. Nun wurde auch der Amtsrichter aufmerksam und trat zu den beiden. »Rechtsanwalt Bomann wohnt bei Ihnen?« fragte er. »Ja. Das tut er immer, wenn er hier in der Gegend ist.« »Aber dann ist es doch merkwürdig, daß Sie ihn seit gestern abend nicht mehr gesehen haben.« »Er hat viel zu laufen seiner Waldkäufe und anderer Geschäfte wegen. Vielleicht hat er bei jemand, mit dem er wegen eines Waldkaufes in Verhandlung steht, übernachtet.« »Sprach er davon, als er wegging?« »Nein, das tat er eigentlich nicht.« »Wann ging er denn von Ihrem Hause fort?« »Gestern abend um halb acht Uhr.« Asbjörn Krag überlegte. Um acht Uhr hatte er selbst den Rechtsanwalt getroffen, und da deutete nichts darauf hin, daß dieser im Sinn habe, das Dorf zu verlassen. Und außerdem hatte er doch auch den Brief an den stellvertretenden Amtsrichter geschrieben und diesem mitgeteilt, daß er pünktlich am andern Morgen erscheinen und seine wichtigen Aussagen machen werde, das heißt, die Indizien vorlegen, die es ihm gelungen sei, gegen den Rittmeister zusammenzutragen. »Haben Sie ihn gestern abend zurückerwartet?« fragte Krag weiter. »Ja, das habe ich allerdings getan. Er hatte im Laufe des Tages davon gesprochen, daß er noch Briefe zu erledigen habe, und die hat er jedenfalls noch nicht abgeschickt.« Krag wechselte mit dem Amtsrichter einen Blick. »Wir fragen nur, weil ihm ja vielleicht etwas zugestoßen sein könnte«, sagte dieser. Aber nun wurde der Kaufmann plötzlich lebendig. »Ach, das glaube ich nicht, Bomann hatte einen Revolver bei sich!« rief er und warf Krag einen stechenden Blick zu. Asbjörn Krag zuckte die Achseln und lächelte. Dann wurde er die beiden Journalisten aus der Stadt gewahr und grüßte verbindlich. »Auch hier?« sagte er. »Sie sind zeitig zur Stelle, meine Herrn.« Hier muß die Bemerkung eingeschoben werden, daß Asbjörn Krags Person nur sehr wenigen bekannt war. Wenn er sich öffentlich sehen lassen mußte, trat er am liebsten in irgendeiner Verkleidung auf, darum war es sehr begreiflich, daß ihn die beiden Journalisten nicht persönlich kannten. Aber jetzt wollten sie wissen, wer der Mann sei, und stellten sich darum vor. Sie waren Mitarbeiter an zwei großen Zeitungen der Hauptstadt. »Sie kennen wahrscheinlich meinen Namen«, sagte der Detektiv. »Ich bin nicht von der Polizei hergesandt, sondern arbeite ganz privatim und habe mich hier in erster Linie aus Interesse an dem Fall an sich eingemischt, besonders aber auch aus Interesse für meinen alten Freund, Rittmeister Rye. Ich heiße Asbjörn Krag. Wohin, meine Herrn?« Dieser Ausruf des Detektivs war sehr berechtigt, denn kaum hatte er seinen Namen genannt, als die beiden Herrn Kehrt machten und mit flatternden Rockschößen aufs Telegraphenbüro rannten. Nun war die Sachlage mit einem Male vollständig verändert. Die abgesandten Telegramme mußten mit der Nachricht vervollständigt werden, daß Asbjörn Krag, der berühmte geheimnisvolle Detektiv, der so selten zu sehen war, die Fäden in der Hand halte. Krag lachte. Es war ihm klar, um was es sich hier handelte, aber für diesmal hatte er nicht mehr die Absicht, sich zu verstecken. Der stellvertretende Amtsrichter sah nach seiner Uhr. Es war beinahe zehn Uhr. Jedermann spähte die Straße entlang, ob sich denn der Hauptzeuge nicht doch noch im letzten Augenblick einfinden werde. Dreizehntes Kapitel. Noch ein Verhör Aber es wurde zehn Uhr, und der Rechtsanwalt erschien nicht. Dagegen kamen die Journalisten zurückgestürmt und wollten durchaus Asbjörn Krag über den Fall interviewen. In wenigen Worten tat er ihnen seine Ansicht kund. »Es ist ein sehr geheimnisvoller Fall«, sagte er. »Bis jetzt haben weder die Verhöre noch die Nachforschungen, die von verschiedenen Seiten angestellt worden sind, Licht in die Sache gebracht. Das einzige, was man weiß, ist, daß der alte Oberst Holger einen Feind hat, der ihm nach dem Leben trachtet. Der Schlag, der ihn getroffen hat, ist so gewaltsam geführt, daß der Täter unbedingt im Sinn gehabt haben muß, ihn tödlich zu treffen. Vorläufig sagen die Aerzte, der Oberst sei außer Lebensgefahr, aber es werden vermutlich noch mehrere Tage gehen, bis er zum Bewußtsein kommt. In dieser Zeit könnte der Täter längst entschlüpft sein, so muß man also sehen, sich, so gut es geht, ohne die Aussagen des Obersten zu behelfen. Die Indizien, die bis jetzt dem Gericht vorliegen, sind meiner Meinung nach nicht so überzeugend, daß sie eine Verhaftung rechtfertigen würden«, fuhr Asbjörn Krag fort, während die Journalisten eifrig Notizen machten. »Die Leute waren bisher geneigt, anzunehmen, der Herr, den Sie dort sehen, sei durch das Verhör und die Untersuchung stark belastet. Da sein Name doch schon in den Zeitungen genannt worden ist, trage ich kein Bedenken, ihn zu nennen. Es ist Rittmeister Rye. Gewiß, meine Herren, wir haben Indizien, die darauf hinzudeuten scheinen, daß der Rittmeister der Täter sein könnte. Mit einigem gutem Willen kann man diese Indizien sogar für völlig überzeugend erklären, und ich kann Ihnen versichern, daß aus dem einen oder dem andern Grunde fast alle Menschen hier in der Gegend diesen guten Willen haben. Es sind aber wichtige Umstände vorhanden, die diese Indizien teils einander widersprechend erscheinen lassen, und teils sie, was den Rittmeister betrifft, vollständig außer Betracht setzen. Ich räume ein, daß wir Jugendfreunde sind, allein ich spreche hier nicht als sein Freund, sondern als Polizeimann. Sollte es sich ergeben, daß der Rittmeister der Schuldige ist – nun, dann läßt sich eben nichts machen. Aber nichts sollte mir lieber sein, als wenn es mir gelänge, seine Unschuld zu beweisen. Ich glaube fest daran, daß er unschuldig ist. Ich werde mich indessen nicht darauf beschränken, seine Unschuld zu beweisen, ich will auch den Schuldigen finden. Eher werde ich nicht ruhen noch rasten.« »Haben Sie irgendeine Vermutung, wer der Schuldige sein könnte?« fragte einer der Journalisten gespannt. Krag antwortete sofort: »Davon habe ich nicht die mindeste Ahnung.« Zugleich aber lächelte er so sonderbar und geheimnisvoll, als ob er dennoch mehr wisse, als er sagen wolle, und die Bleistifte der Berichterstatter glitten immer zögernder und unsicherer übers Papier. »Damit Sie aber einen einigermaßen richtigen Eindruck von der Sache gewinnen, möchte ich Ihnen folgendes erzählen«, fuhr Krag fort: »An jenem Tage war es keineswegs des Obersten Absicht gewesen, auszugehen. Da erhielt er einen Brief, und in diesem Briefe wurde er dringend aufgefordert, sich zu einer bestimmten Stunde an einem bestimmten Orte einzufinden.« »Diesen Brief hat natürlich der Täter geschrieben!« riefen die Journalisten eifrig. Asbjörn machte ein sehr geheimnisvolles Gesicht. »Einen solchen Brief hat der Rittmeister an den Oberst gerichtet«, sagte er. »Aber das ist ja ein entsetzliches Indizium!« »Wir werden sehen. Um diesen Brief wird sich heute vormittag das Verhör hauptsächlich drehen. Wie ich annehme, steht Ihrer Anwesenheit dabei nichts im Wege, meine Herrn.« In den meisten Fällen empfindet Asbjörn Krag jede Art von Öffentlichkeit höchst unangenehm, während die Verhandlungen und Untersuchungen noch im Gange sind. Diesmal jedoch wich er von seiner Regel ab. Warum? Hatte er in seinem Kampfe eine bestimmte öffentliche Meinung nötig? Meinte er, daß der harten und herzlosen Verdächtigung des Rittmeisters hier in der Gegend am besten durch eine Stimmung, die von außen kam, das Gegengewicht gehalten werden könne? Eines ist sicher und gewiß: Wenn Asbjörn Krag für volle Öffentlichkeit eintrat, dann hatte er eine bestimmte Absicht dabei, dann war sie ihm von Wichtigkeit. Es wurde noch zehn Minuten gewartet, und die Uhr war ein Viertel nach zehn, als die Verhandlung eröffnet wurde. Der Kaufmann wurde immer unruhiger. Er hatte seinen Jungen in sein Haus geschickt, der sich nach dem verschwundenen Rechtsanwalt erkundigen sollte. Atemlos kam der Junge zurück und sagte, der Rechtsanwalt sei nicht zu Hause gewesen und sei auch von niemand gesehen worden. Auch der Vorsitzende, der junge stellvertretende Amtsrichter, wurde bei dieser Nachricht ausfallend unruhig. Er flüsterte Krag etwas zu. »Ja, beeilen Sie sich nur so sehr als möglich. Es könnte sein, daß wir nachher keine Zeit mehr zu verlieren hätten«, sagte dieser. Und die Verhandlung begann. »Das Gericht wünscht vor allen Dingen darüber ins reine zu kommen, wer den Brief geschrieben hat, durch den Oberst Holger an jenem Unglückstage aus dem Hause gerufen worden ist«, sagte der Vorsitzende. Er griff in die Dokumentenmappe und holte ein Papier heraus. »Hier ist der Brief«, sagte er. Nachdem er das Schreiben vorgelegen hatte, fuhr er fort: »Ich und andere waren der Ansicht, daß dieser Brief von Herrn Rittmeister Rye geschrieben sein müsse, da Umstände in dem Briefe angedeutet sind, die mit bestehenden und wohlbekannten Verhältnissen übereinzustimmen scheinen. Bei der ersten Verhandlung fragte ich den Rittmeister, ob er einen derartigen Brief geschrieben habe, und er gab das auch sofort zu. Als ich ihn fragte, in welcher Absicht er den Brief geschrieben habe, antwortete er, er sei durchaus nicht in der Lage, mir darüber Aufklärung zu geben, er sei gebunden. Ich hielt das für eine Ausflucht, die meinen Verdacht nur bestärken könne. Ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam, daß der Herr Rittmeister bis dahin den Brief, den ich hier in der Hand halte, nicht gesehen hatte. Als aber der Brief verlesen wurde, erklärte er sofort, diesen Brief hier nicht geschrieben zu haben, wohl aber einen ähnlichen Inhalts. Die Handschrift ist auch nicht die seinige. Ich dachte dabei sofort, der Rittmeister könnte doch unmöglich leugnen, diesen hier vorliegenden Brief geschrieben zu haben, wenn er es wirklich getan hätte, während er zugleich zugibt, einen ähnlich lautenden Brief geschrieben zu haben. Diesen Brief des Herrn Rittmeisters können wir nicht finden. Ich frage Sie nun, Herr Rittmeister, ob Sie in allem Ihre Aussagen von der ersten Verhandlung aufrechterhalten?« Der Rittmeister erhob sich. »Ja«, sagte er fest. »Sie geben also zu, einen Brief an den Oberst geschrieben zu haben mit der Aufforderung, um halb vier Uhr an einen bestimmten Ort zu kommen?« »Ja.« »Was hatten Sie dabei für einen Zweck?« »Darüber wünsche ich keine Erklärung abzugeben.« »War es Ihre Absicht, mit dem Herrn Oberst zusammenzutreffen?« »Nein, ich hatte nichts mit ihm zu reden.« »Dann hatten Sie vielleicht die Absicht, in seinem Hause – hm – einen Besuch zu machen und wollten dazu freie Bahn haben?« »Nein, das war auch nicht meine Absicht.« »Aber Sie hatten doch eine bestimmte Absicht dabei?« »Ja.« »Wollten Sie den Obersten in irgendeiner Weise schaden?« »Durchaus nicht. Ich hatte dazu keine Ursache, im Gegenteil, denn ich bin dem alten Herrn sehr zugetan.« »Trotz allem, was sich in der letzten Zeit zwischen Ihnen ereignet hat?« »Ich kann nur wiederholen, daß er mir sehr teuer ist. Ich habe ihn genau so gern wie vorher. Vielleicht noch mehr, denn er scheint von einem großen Unglück getroffen zu sein.« »Sie wollen sich also nicht näher über den Brief und die Absicht, die Sie damit gehabt haben, äußern?« »Nein.« »Damit setzen Sie mich in die größte Verlegenheit«, erklärte der junge Amtsrichter etwas ärgerlich. »Ich möchte doch gerne so rasch als möglich der Sache auf den Grund kommen, und eine offene Aussage von Ihnen könnte mich vielleicht auf eine Spur leiten.« »Das glaube ich nicht. Was ich verschweige, hat nicht die mindeste Bedeutung für die Sache.« »Aber es hat Bedeutung für Sie selbst, Herr Rittmeister. Sie kommen durch Ihr Schweigen unwillkürlich in eine schiefe Stellung.« »Ich nehme die Folgen meines Schweigens und meines ganzen Auftretens auf mich.« Der Vorsitzende ließ die Aussagen dieses Zeugen zu Protokoll nehmen. »Ich werde Sie später noch eingehender vernehmen«, sagte er. »Vorerst müssen wir über den Ursprung dieses Briefes ins reine zu kommen suchen. Es sieht also aus, als ob ein anderer diesen Brief geschrieben und Interesse daran gehabt hätte, den Herrn Oberst zu der gegebenen Stunde aus seinem Hause zu entfernen. Das ist ja ein ganz merkwürdiges Zusammentreffen, daß diese zwei Briefe zu gleicher Zeit ankommen, denselben Inhalt haben und dieselbe Stunde bestimmen. Nun, wir werden ja sehen. Herr Asbjörn Krag wünscht, über diesen Punkt als Zeuge vernommen zu werden.« Krag trat vor und der Vorsitzende reichte ihm den Brief. »Dieser Brief ist in mehr als einer Hinsicht interessant«, erklärte Krag. »Ich kann Wort für Wort nachweisen, daß er mit verstellter Handschrift geschrieben ist. Der Schreiber war nämlich dieser Kunst nicht ganz mächtig. Diese Handschrift zeigt so viele charakteristische Einzelheiten, daß selbst ein Laie die Aehnlichkeit erkennen müßte, wenn ein Brief daneben gelegt würde, der mit der gewöhnlichen Handschrift des Absenders geschrieben ist. Es ist mir gelungen, in den Besitz eines solchen Schriftstücks zu kommen, und dadurch habe ich auch herausgebracht, wer diesen Brief an Oberst Holger gerichtet hat. Ich kenne seinen Namen. Es ist nicht der Herr Rittmeister Rye.« Im Saale herrschte große Spannung. Der Vorsitzende verschlang jedes Wort des Detektivs. Der Detektiv zog ein zusammengefaltetes Stück Papier aus der Tasche. Dieses Papier legte er neben den geheimnisvollen Brief und fragte den Vorsitzenden: »Kann man bestreiten, daß diese beiden Briefe von ein und derselben Hand geschrieben sind?« Der stellvertretende Amtsrichter studierte beide Schriftstücke eingehend. Seinem Gesicht war anzusehen, daß er höchst erstaunt war. »Jetzt wird die Sache plötzlich klar!« murmelte er vor sich hin. »Der Brief an den Oberst zeigt allerdings deutlich, daß er mit verstellter Handschrift geschrieben ist. Es ist gar kein Zweifel, daß diese beiden Briefe von derselben Hand geschrieben sind. Woher haben Sie diesen Brief, Herr Krag?« »Ich habe ihn gefunden«, antwortete der Detektiv. Der Vorsitzende sah ihn an und stutzte. Krag, der diesen Blick aufgefangen hatte, bemerkte: »Ich bitte Sie, sich zu erinnern, daß es hier nicht bloß gilt, einer merkwürdigen und geheimnisvollen Sache auf den Grund zu kommen, sondern auch eines Menschen Leben und Ehre zu retten. Meines Freundes Ehre.« »Ich kann das Beweismaterial noch vermehren«, sagte der Vorsitzende und legte ein drittes Schriftstück auf den Tisch. »Dies ist ein Brief des Rechtsanwalts Bomann, in dem er mir mitteilt, daß er als Zeuge erscheinen werde und wichtige Aussagen zu machen habe.« Der Augenschein zeigte ganz deutlich, daß alle drei Briefe, der, durch den der Oberst aus dem Hause gelockt worden war, der Brief ans Gericht und der, den Asbjörn Karg vorgelegt hatte, von derselben Hand, also von Rechtsanwalt Bomann geschrieben sein mußten. Der Vorsitzende saß eine Weile stumm da und dachte nach. Diese plötzliche Aenderung der Sachlage verblüffte ihn augenscheinlich nicht wenig. »Der Fall ist in ein neues Stadium getreten«, sagte er. »Wir haben jetzt nicht mehr einen Verdächtigen, wir haben zwei. Rittmeister Rye steht nicht mehr allein als solcher da.« »Dann möchte ich die Herren darauf aufmerksam machen, daß der eine Verdächtige, der Herr Rittmeister, zu der Verhandlung erschienen ist, während der andere ausbleibt, trotzdem er sein Erscheinen ausdrücklich angekündigt hatte«, sagte Krag. »Das sieht beinahe aus, als ob der Herr Rechtsanwalt eine Ahnung gehabt hätte, daß eine kleine Veränderung in der Sachlage bevorstand und durchgebrannt wäre.« »Das ist kaum denkbar, woher sollte er eine solche Ahnung gehabt haben?« meinte der Vorsitzende. »Ich selbst hatte ja keine Ahnung davon. Ich wußte allerdings, daß Sie eine Ueberraschung bereit hatten, aber wer hätte gedacht, daß sich die Sache in dieser Weise aufklären würde.« Nachdenklich blätterte der junge Richter in seinen Papieren. »Ja«, erklärte er sodann, »es wird wohl wenig Sinn haben, mit der Verhandlung fortzufahren, bevor wir den Rechtsanwalt gesunden haben. Es wird also das Klügste sein, uns erst dieses Mannes zu versichern!« »Darf ich mir hierzu eine Bemerkung erlauben?« fragte Krag. »Ich möchte dadurch Ihre Ansicht noch besonders unterstützen.« »Bitte, reden Sie offen! Wir sind ja erst in der Voruntersuchung und müssen nach allem greifen, was zur Aufklärung dienen kann. Was haben Sie mir mitzuteilen?« »Wenn ich mich an Ihre Stelle versetzte, würde ich etwa folgendermaßen schließen«, sagte Krag. »Es ist ja die überwiegendste Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß der Mann, der den Brief an Oberst Holger geschrieben hat, der Täter ist. Nun liegen zwei solcher Briefe vor, oder richtiger gesagt, es ist die Rede von zwei solchen Briefen. Der eine liegt hier auf dem Tisch des Hauses, der andere ist verschwunden. Diesen verschwundenen Brief hatte Rittmeister Rye geschrieben, den vorliegenden Rechtsanwalt Bomann. Wer von den beiden Männern ist der Täter? Wenn Sie von dem Gerede der Leute absehen, von all dem böswilligen Geschwätz, das hier in der Gegend über den Rittmeister im Schwange ist, müssen Sie einräumen, daß er ein Mann von Ehre ist oder wenigstens den Eindruck eines solchen macht.« Der Vorsitzende nickte. »Der Rittmeister hat ohne Zögern Dinge zugegeben, die geeignet sind, ihn in ein recht schlechtes Licht zu setzen, und hat anderes verschwiegen, was er ebenfalls zugibt, und dieses Verschweigen macht seine Sache noch schlimmer. Mit anderen Worten, er hat auf sich selbst nicht die mindeste Rücksicht genommen, er hat offen geredet, wo er das wollte, und er hat geschwiegen, wo er schweigen wollte – aus Gründen, die er nicht auseinanderzusetzen wünscht. Es gehört kein besonders großer psychologischer Sinn dazu, um einzusehen, daß gerade dieses Auftreten seine Aussagen glaubhaft macht. Ich denke, Herr Vorsitzender, Sie sind hierüber mit mir einig.« »Ich habe allerdings auch den Eindruck, daß die Zeugenaussagen des Herrn Rittmeisters das Gepräge der Wahrheit tragen«, erwiderte der stellvertretende Amtsrichter. »Ich sehe bloß nicht ein, warum er über wichtige Punkte schweigt. Weiter, Herr Detektiv.« »Nun wollen wir uns einmal den anderen Verdächtigen näher betrachten«, fuhr Krag fort. »Mir und Ihnen ist der Mann sofort aufgefallen. Er hat ein ausgeprägtes Interesse für den Fall bewiesen. Sie erinnern sich, wie er auf dem Platze herumlief und förmlich auf dem Boden witterte, wie ein Hund. Augenscheinlich wollte er den Verdacht so stark als irgend möglich auf den Rittmeister lenken. Warum? Ist es wahrscheinlich, daß sich irgend ein völlig Unbeteiligter so auf Leben und Tod auf eine Sache stürzt, nur um einen ihm ganz unbekannten Menschen unglücklich zu machen und um seine Ehre zu bringen? Nun will ich Ihnen sagen, daß ich gestern abend noch einmal mit diesem Manne zusammengetroffen bin. Vermutlich war es einige Minuten, möglicherweise eine halbe Stunde, nachdem er diesen Brief an Sie abgeschickt hatte. Ich hatte mir vorher schon vorgenommen, ihm ein wenig auf die Finger zu sehen, und es ist möglich, daß ich einige Aeußerungen getan habe, die seinen Verdacht erregten. Jedenfalls liegt heute ein verdächtiger Umstand vor. Obwohl er mitgeteilt hatte, daß er bei der heutigen Verhandlung erscheinen und wichtige Aufschlüsse geben werde, ist er nicht gekommen. Er ist im Gegenteil spurlos verschwunden und hat keine Absage geschickt. Ich will es Ihnen überlassen, welchen Schluß Sie daraus ziehen wollen. Wer ist mehr verdächtig, der Rittmeister, der von Anfang an, ohne jede Rücksicht auf sich selbst, die Karten offen auf den Tisch gelegt hat, oder dieser Mann, der vom Schauplatz verschwunden ist?« »Der Schluß ist in meinen Augen nicht schwierig«, meinte der Vorsitzende. »Der Mann, der am schlechtesten dasteht, ist der Rechtsanwalt.« »Darum müssen wir auch versuchen, ihn in die Hände zu bekommen, und das mit allen Mitteln, die Ihnen zu Gebote stehen.« Fragend blickte der Vorsitzende den Detektiv an. Dieser nickte, und der Vorsitzende ließ den Amtsvorsteher rufen. Die beiden flüsterten miteinander, und dann verließ der Amtsvorsteher eiligst das Zimmer. In der Verhandlung, die einen so sonderbaren und völlig unerwarteten Verlauf genommen hatte, wurde eine Viertelstunde Pause gemacht. Dem Amtsvorsteher war aufgetragen worden, um jeden Preis den Rechtsanwalt aufzufinden, und ihn, im Notfall mit Gewalt, vor die Schranken zu bringen. Asbjörn Krag trat zu dem Rittmeister, der am Ofen lehnte und nicht merken ließ, wie nahe ihn die Sache anging, obgleich er eine der Hauptpersonen, wenn nicht die Hauptperson in dem Drama war, das sich hier abspielte. »Nun ist der Angriff abgeschlagen«, sagte der Detektiv zu ihm. »Du wirst nicht verhaftet!« »Das ist mir einerlei.« »Das sehe ich. Aber mir nicht.« »Warum denn?« »Weil ich das Gefühl habe, daß es mir die Führung der Sache sehr erschweren würde, wenn du eingesperrt wärest. Ich habe mehr Aussicht, Licht in die Geschichte zu bringen, wenn du frei herumläufst.« »Ich verstehe immer noch nicht –« »Aber ich. Es sind Mächte gegen dich in Bewegung gesetzt, gefährliche Mächte.« In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und der Amtsvorsteher stürzte bleich und verstört herein. »Das sieht ja – das sieht ja schön aus!« stammelte er. Vierzehntes Kapitel. Im Zimmer des Rechtsanwalts Der Amtsvorsteher wurde von allen Anwesenden umringt; Asbjörn Krag eilte auf ihn zu. »Hören Sie, wir haben mit Ihnen zu reden«, sagte er. Er winkte dem Vorsitzenden, und die drei Herren gingen zusammen hinaus. Die Journalisten wollten mitkommen, aber auf ein Wort Krags blieben sie zurück. Als der Detektiv mit dem stellvertretenden Amtsrichter und dem Amtsvorsteher vor der Tür war, fragte er diesen: »Wo sind Sie gewesen?« »Ich war beim Kaufmann.« »Haben Sie den Rechtsanwalt angetroffen?« »Nein.« »Sie müssen aber doch etwas erlebt haben. Sie sehen ja ganz verstört aus.« »So etwas habe ich noch nie gesehen!« »Sie hatten Befehl, in das Zimmer des Rechtsanwalts einzudringen, nicht wahr?« »Ja.« »War die Türe geschlossen?« »Nein, sie war eingedrückt.« »Gut. So wollen wir machen, daß wir hinkommen. Meinen Sie nicht auch, Herr Amtsrichter?« Dieser nickte und ging ins Zimmer, um die Sitzung zu vertagen. Dann machten sich die drei auf den Weg. Asbjörn Krag ging eilends voran. Er ging so schnell, daß der Amtsvorsteher, der ein älterer und etwas beleibter Mann war, ihm kaum folgen konnte. Der stellvertretende Amtsrichter war sehr gespannt. Als sie am Hause des Kaufmanns angelangt waren, wurden sie von der Kaufmannsfrau in den zweiten Stock gewiesen, in dem der Rechtsanwalt sein Zimmer hatte. Die Frau kam selbst mit hinauf. Sie sah bekümmert aus und war wortkarg. Augenscheinlich hatte das, was geschehen war, einen starken Eindruck aus sie gemacht. Asbjörn Krag ging ihr voran und entdeckte gleich die aufgesprengte Tür, durch die er sofort ins Zimmer des Rechtsanwalts eintrat. Und nun verstand er auch mit einem Male, warum der arme Amtsvorsteher so erschrocken ausgesehen hatte. Das Zimmer zeigte deutliche Spuren, daß hier allerlei Gewalttätigkeiten verübt worden waren. Die Schublade der Kommode und des großen Schreibtischs, der in der Mitte des Zimmers stand, waren herausgezogen, und eine Menge Papiere lagen über den Teppich verstreut. Einige Stühle waren umgeworfen. »Hier sieht es aus, als ob ein Kampf stattgefunden hätte«, sagte der Stellvertretende, indem er auf das Durcheinander deutete. Der Detektiv ging im Zimmer umher und spürte überall nach. Er bückte sich, nahm eifrig verschiedene Papiere vom Boden auf und las sie durch. Es waren lauter Schriftstücke, die für den vorliegenden Fall nicht das mindeste Interesse boten, Kaufkontrakte, Abschriften von Geschäftsbriefen, alte Rechnungen und derartiges. Krag untersuchte auch den Bodenteppich, und diese Untersuchung nahm mehrere Minuten in Anspruch. Sie schloß damit, daß er plötzlich aufstand. Ein scharfer Beobachter hätte bemerken können, daß er etwas vom Boden aufhob, aber das war sowohl dem Amtsvorsteher wie dem stellvertretenden Amtsrichter entgangen. Als Asbjörn Krag mit seiner Untersuchung zu Ende war, sah er sehr ernsthaft aus. »Der Rechtsanwalt muß gefunden werden, so viel steht fest«, sagte er. Dann fragte er, ob er nicht die Frau des Kaufmanns sprechen könne, und die kleine und unansehnliche, etwas schüchterne Frau kam sofort herein. »Sie sehen, was hier vorgegangen ist«, fing Krag an. »Ich weiß von gar nichts«, behauptete die Frau. »Haben Sie keinen Lärm gehört?« »Gestern abend kam es mir einmal vor, als ob ich einige starke Stöße gegen den Fußboden hörte, aber ich kümmerte mich nicht darum. Ich meinte, der Herr Rechtsanwalt sei droben in seinem Zimmer.« Krag deutete auf die Stühle. »Sie werden gehört haben, wie diese Stühle umgefallen sind«, sagte er. Nun mischte sich der Amtsrichter in die Unterhaltung. »Vielleicht ist auf den Rechtsanwalt ein Ueberfall verübt worden«, meinte er. »Das glaube ich nicht«, sagte Krag. »In diesem Fall hätte er sehr leicht Hilfe herbeirufen können. Nein, das ist ein Einbruch, nichts anderes.« »Der Herr Rechtsanwalt hat stets größere Summen in seiner Brieftasche bei sich gehabt«, warf die Frau ein. »Dem Dieb war es nicht um Geld zu tun, der suchte etwas ganz anderes. Er suchte nach einem Papier. Um wie viel Uhr haben Sie den Rechtsanwalt zum letztenmal gesehen?« »Gestern abend um halb acht Uhr.« »Befand er sich da in seinem Zimmer?« »Nein, er saß unten in unserer Stube und schrieb einen Brief.« Krag dachte an den unvollendeten Brief, der sich in seiner Tasche befand. An diesem Brief mußte er da geschrieben haben. Aber warum hatte er sein Schreiben so rasch abgebrochen? »Hat er den Brief zu Ende geschrieben?« »Das weiß ich nicht. Wir haben uns nie um seine Sachen gekümmert.« Er sah nach der Uhr und ging dann rasch zur Stube hinaus. »Sagte er, wohin er gehen wolle?« »Ja, er wolle hinaufgehen in sein Zimmer, sagte er. Etwa eine halbe Stunde nachher hörte ich die Stöße gegen den Fußboden, aber da ich meinte, der Herr sei droben, dachte ich gar nicht weiter darüber nach.« »Und seither haben Sie ihn nicht mehr gesehen?« »Nein, weder ich noch mein Mann. Mein Mann ist sehr unruhig. Es gehen ja jetzt so viele unheimliche Dinge hier in der Gegend vor.« »Ist jemand hier gewesen und hat nach ihm gefragt?« Die Frau gab keine Antwort. Unsicher sah sie zu dem Detektiv auf. Krag fixierte sie scharf. »Hier ist nichts mehr zu tun«, sagte er. »Können Sie mir ein Fahrrad verschaffen?« Es stellte sich heraus, daß der Amtsvorsteher im Besitze eines Rades war. Krag fuhr darauf eilends davon, und die beiden andern starrten ihm erstaunt nach. Der Detektiv fuhr zum Hause des Obersten; dort schickte er dem Fräulein seine Karte. Dagny ließ fragen, ob er sie durchaus sprechen müsse, sie sei durch die Pflege ihres Vaters vollständig in Anspruch genommen. Der Detektiv antwortete kurz und bündig, er müsse sie unbedingt sprechen. Dagny kam. Die junge Dame war jetzt ganz in Schwarz gekleidet, was ihre bleiche Schönheit besonders hervorhob. Asbjörn Krag stand auf und ging ihr entgegen. »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Ihnen unter den gegebenen Umständen lästig fallen muß«, sagte er. »Es ist aber durchaus notwendig, daß Sie mir einige Fragen beantworten. Haben Sie seither irgend etwas über die Sache gehört?« »Nicht das mindeste.« »Wissen Sie, daß der Rechtsanwalt Bomann verschwunden ist?« Die junge Dame fuhr erschrocken zusammen. »Verschwunden? Das ist ja sonderbar«, sagte sie. »Ich höre, daß Sie ihn kennen und wissen, wovon ich rede«, erwiderte er. »Seinetwegen bin ich hierher gekommen.« Dagny Holger war dunkelrot geworden. Sie ging auf die Tür zu. »Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen diese Falle gestellt habe«, sagte Krag. »Aber ich habe mir nun einmal vorgenommen, dieser Sache auf den Grund zu kommen. Es ist nicht klug von Ihnen, wenn Sie gehen, Fräulein Holger.« »Sie sollten sich hüten, Fallen zu stellen«, sagte sie. Aber sie blieb stehen. Asbjörn Krag saß gelassen da und wippte mit dem einen Bein, das er über das andere geschlagen hatte. »Erinnern Sie sich, Fräulein Holger, daß ich Ihnen gestern abend etwas nach acht Uhr begegnet bin?« »Ja, ich erinnere mich daran.« »Ich fragte Sie, wozu Sie noch so spät unterwegs seien, und Sie wollten mir keine Antwort geben, aber ich sah wohl ein, daß Sie sich nur aus einem sehr triftigen Grunde vom Krankenlager Ihres Vaters entfernt haben konnten.« »Was geht denn das Sie an?« »Liebes Fräulein Holger, wenn Sie die Sache so auffassen, dann bedauere ich, jetzt gewisse Rücksichten auf die Seite setzen zu müssen. Wollen Sie mir eine Frage, eine ganz bestimmte Frage gestatten?« Dagny Holger gab keine Antwort. »Ich erlaube mir, Sie zu fragen: Haben Sie das Schriftstück gefunden?« Die junge Dame wurde totenbleich und sank auf den nächsten Stuhl. Asbjörn Krag lief zu ihr hin. Sie war einer Ohnmacht nahe. »Soll ich die Dienerschaft rufen?« fragte er. »Nein, nein!« flüsterte sie. Vorsichtig ergriff er ihre Hand. »Warum wollen Sie auch alles vor mir verbergen?« fragte er. »Bezweifeln Sie, daß ich Ihr Freund bin?« Plötzlich stand sie auf. »Jetzt müssen Sie gehen«, sagte sie. »Nein, ich gehe nicht, ehe ich eine Antwort auf meine Frage erhalten habe. Haben Sie das Schriftstück gefunden?« »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.« Asbjörn Krag zog einen kleinen Gegenstand aus der Tasche. Es war das kleine Ding, das er aus dem Fußboden im Zimmer des Rechtsanwalts gefunden hatte. Er legte das Ding auf den Tisch. »Bitte!« sagte er. »Dies gehört Ihnen.« Dagny Holger stieß einen lauten Ruf der Ueberraschung aus. Fünfzehntes Kapitel. Die Begegnung Verwirrt starrte Dagny Holger den kleinen Gegenstand an, den Asbjörn auf den Tisch gelegt hatte. »Wo haben Sie das gefunden?« fragte sie. »In Bomanns Zimmer, drunten beim Kaufmann. Versuchen Sie nicht zu leugnen, Fräulein Holger, daß dies Ihnen gehört.« Es war ein schmaler goldener Ring mit einer weißen Perle, den Asbjörn Krag auf dem Fußboden im Zimmer des Rechtsanwalts gefunden und unbemerkt hatte einstecken können, während die anderen Anwesenden mit dem Betrachten des argen Durcheinanders im Zimmer beschäftigt waren. Die junge Dame gab keine Antwort, aber die krampfartigen Zuckungen ihres Gesichts verrieten ihre heftige Gemütsbewegung. Sie stützte den Kopf in die Hand. Asbjörn Krag stand eine lange Weile schweigend da und betrachtete sie. Seine Stimme klang außergewöhnlich mild, als er endlich fragte: »Liebes Fräulein Holger, ist es Ihnen lieber, wenn ich gehe?« Sie gab zuerst immer noch keine Antwort, aber nach einer Weile sagte sie doch: »Ich wollte ... ich wollte, Sie wären niemals hierher gekommen!« Diese Worte berührten Asbjörn Krag peinlich. Er ging ein paarmal hin und her und blieb dann vor dem jungen Mädchen stehen. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und blickte Dagny Holger ernsthaft an. »Wenn ich nicht gekommen wäre, sähe es hier jetzt ganz anders aus«, sagte er. »Jawohl!« brach sie los, offenbar kämpfte sie schwer mit den aufsteigenden Tränen. »Liebes Fräulein Holger, ich begreife wohl, daß Sie sich unglücklich fühlen und ich habe herzliche Teilnahme für Ihr Unglück«, sagte der Detektiv. »Aber Sie dürfen darum doch nicht gar zu ungerecht sein.« »Was soll ich tun? Ich stehe ganz allein.« »Ja, weil Sie halsstarrig sind. Ohne Vertrauen kommen Sie nicht weiter. Ich will nichts als Ihr Wohl, Ihres und das meines Freundes Ivar Rye. Nun will ich Ihnen einmal erzählen, wie sich die Dinge zugetragen hätten, wenn ich, wie Sie wünschen, nicht hierher gekommen wäre. Wäre es wirklich Ihrem Wunsche entsprechend, wenn der Rittmeister jetzt unter dem Verdacht, den Mordversuch an Ihrem Herrn Vater begangen zu haben, hinter Schloß und Riegel säße?« »Ach, es gibt keinen Menschen, der das zu behaupten wagt. Er ist doch unschuldig!« »Das weiß ich ebensogut wie Sie. Aber das Gericht fragt nicht nach Glauben und Gefühlen. Das trifft unbarmherzig, wo es meint, daß es treffen müsse. Es waren viele Indizien vorhanden, die für die Schuld des Rittmeisters sprachen. Hoffentlich halten Sie mich nicht für eingebildet, liebes Fräulein Holger, aber ich muß wiederholen, wenn ich nicht gekommen wäre und die Sinnlosigkeit dieser Indizien ins rechte Licht gesetzt hätte, so wäre der Rittmeister verhaftet worden, und wir hätten einen noch größeren Skandal als er es jetzt schon ist. Sie kostet es vielleicht nur ein Wort, Licht in das Dunkel zu bringen. Sie allein können es, da Ihr Herr Vater immer noch bewußtlos ist und uns keine Aufklärung geben kann!« Dagny Holger schaute den Detektiv an. Sie sah vergrämt aus, und ihre Augen standen voller Tränen. »Ich kann nichts mitteilen«, sagte sie. »Oder was ich zu sagen habe, steht mit dieser Sache in keinerlei Beziehung.« »Gewiß steht es damit in Beziehung.« »Es ist grausam von Ihnen, an meiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Es ist die reine Wahrheit, daß ich keine Spur von einer Ahnung habe, wer meinen Vater zu ermorden versucht haben könnte.« »Es ist leicht möglich, daß Sie das nicht wissen. Aber worin besteht das Geheimnis, das über dem tragischen Vorspiel zu dieser Begebenheit, dem Bruch Ihrer Verlobung mit Rittmeister Rye liegt?« Dagny Holger stand auf. »Dieses Geheimnis geht nur mich und den Kranken an«, sagte sie bestimmt. »Das betrifft den Rittmeister gar nicht. Ich bitte Sie dringend, machen Sie dieser peinlichen Szene ein Ende.« Asbjörn Krag änderte sein Benehmen vollständig. Er wurde mit einem Male die Liebenswürdigkeit selbst. »Ich habe Ihnen gesagt, daß Rechtsanwalt Bomann verschwunden, spurlos verschwunden ist«, sagte er. »Seit gestern abend hat ihn kein Mensch mehr erblickt. Und denken Sie daran: ich war der letzte, der ihn gesehen hat. Da war er in feindseliger Stimmung und schwur, er habe Beweise in Händen, durch die der Rittmeister schon zu Fall kommen werde.« Der Detektiv sah wohl, daß diese Mitteilung Eindruck auf Dagny Holger machte. Aber er tat, als ob er nichts merke. »Sie haben wohl auch keine Ahnung, wo der Rechtsanwalt sein kann?« fragte er. »Nein.« Nun überkam Dagny Holger eine gewisse Unsicherheit. »Wann – wann haben Sie zuletzt mit Herrn Bomann gesprochen?« stammelte sie mit niedergeschlagenen Augen. »Gestern abend.« »Um wieviel Uhr?« »Unmittelbar ehe ich mit Ihnen zusammen traf.« »Dann war es also gegen acht Uhr?« murmelte sie nachdenklich. »Sehr richtig. Es waren sieben Minuten vor acht Uhr. Ich stelle immer die Zeit fest, wenn ich arbeite. Der Rechtsanwalt kam von der Holtewiese her, wo er vermutlich seine Nachforschungen, um Beweise gegen den Herrn Rittmeister zu sammeln, fortgesetzt hatte.« »Und jetzt ist er verschwunden?« »Ja, seit jener Zeit ist er spurlos verschwunden.« »Rittmeister Rye ist wohl – ist wohl um jene Zeit zu Hause gewesen, nicht?« »Wann? Gestern abend um acht Uhr?« Asbjörn Krag fühlte eine innere Erregung. Er hatte die Empfindung, vor einem Wendepunkte zu stehen. »Ja.« »Um acht Uhr?« murmelte Krag vor sich hin, so daß Dagny den Eindruck bekam, er denke und rechne nach. »Nein, um diese Zeit machte er einen Spaziergang. Das hat mir der Verwalter erzählt, als ich heimkam.« »Aber als Sie heimkamen, trafen Sie den Rittmeister an?« »Ja«, antwortete Krag und sie scharf anblickend fuhr er fort: »Der Rittmeister war durchaus wie sonst. Ich konnte nichts Ungewöhnliches an ihm entdecken.« Es lief ein Schauer über Dagnys Körper. »Das kann mir doch gleichgültig sein«, sagte sie. Nun entstand eine Pause. Dagny Holger hatte brennende Lust, die Unterhaltung abzubrechen, aber es war, als wage sie es nicht recht. Asbjörn Krag nahm den Faden von vorhin wieder auf. »Sie wollen mir also nicht mitteilen, was Ihr Grund war, dem Rechtsanwalt einen Besuch abzustatten?« »Ich habe nichts zu sagen.« Asbjörn Krag lächelte und nahm ruhig ihr gegenüber Platz. »Dann erlauben Sie wohl, daß ich statt Ihrer das Wort ergreife«, sagte er beinahe spöttisch. »Sie können mich ja unterbrechen, wenn Sie mich zu berichtigen wünschen.« »Gestern abend um sieben Uhr«, fing er an, »schrieb der Rechtsanwalt einen Brief wegen eines Waldkaufs, also in einer Sache, die mit diesem merkwürdigen Drama nicht das mindeste zu tun hat. Er war mitten in dem Worte »verkäuflicher Wald«, ich habe den Brief in Händen, gnädiges Fräulein, als ihm plötzlich etwas einfiel. Ich darf wenigstens annehmen, daß es keine Begebenheit von außen war, die ihn veranlagte, plötzlich aufzustehen und seinen angefangenen Brief liegen zu lassen. Er entdeckte nämlich, daß es inzwischen halb acht Uhr geworden war, oder vielleicht, daß noch einige Minuten dazu fehlten. War nicht halb acht Uhr die Stunde, zu der Sie verabredet hatten, mit ihm zusammenzutreffen?« Krag bemerkte, daß Dagny Holger eine unwillige Bewegung machte und hob abwehrend die Hand. »Unterbrechen Sie mich nicht!« sagte er. »Es ist möglich, daß ich mich bei einigen minder wichtigen Punkten irre, aber in der Hauptsache habe ich jedenfalls vollkommen recht. Ich weiß das ganz gewiß. Nun also, ich setze voraus, daß Sie etwas sehr Wichtiges mit dem Rechtsanwalt zu besprechen hatten und daß Sie sich überwunden hatten, ihm eine Zusammenkunft zu gewähren, ihm, dem geschworenen Feinde des Rittmeisters. Darf ich sagen, seinem Todfeinde? Gut, so sage ich das. Während er seinen Brief schrieb, entdeckte er also, daß die schicksalsschwangere Stunde nahe. Dabei kam er auf den sehr vernünftigen Gedanken, es sei doch nicht ganz das richtige, mit Ihnen vor oder im Hause des Kaufmanns zusammenzutreffen, wo jeder beliebige Neugierige Zeuge der Zusammenkunft werden könnte, die doch unter den vorliegenden Umständen ziemlich auffallend war. Er entschloß sich also, Ihnen entgegenzugehen, so daß Ihr Zusammentreffen mit ihm wenigstens einigermaßen den Eindruck des Zufälligen machen könne. Aber da er nur noch wenig Zeit hat, läßt er seinen angefangenen Brief liegen. Seiner Wirtin, der Frau des Kaufmanns gegenüber behauptet er, er gehe auf sein Zimmer, geht aber statt dessen Ihnen entgegen. Aber nun kommt der unglückliche – ich will sagen der glückliche Zufall, daß Sie, gnädiges Fräulein, einen Umweg gemacht hatten, um niemand zu begegnen. Sie kamen durch das Gehölz. Das konnte er nicht ahnen, und die Folge ist, daß Sie einander verfehlen. Während er unterwegs ist und nach Ihnen ausschaut, sind Sie bereits am Hause des Kaufmanns angelangt. Hier möchte ich eine Frage einschieben. Ich habe mir sagen lassen, die Frau des Kaufmanns sei Ihr Kindermädchen gewesen. Ist das richtig?« Dagny Holger nickte. »Gut. Und wie bekannt, haben Kindermädchen oft eine rührende Anhänglichkeit an ihre Pflegebefohlenen, auch wenn diese längst erwachsen sind. Ich kann mir also gut denken, daß geschehen mußte, was geschah. Unterbrechen Sie mich nicht, liebes Fräulein Holger, ich möchte jetzt, wo ich am Schluß meiner Erklärungen angelangt bin, ungestört weiterreden.« Sechzehntes Kapitel. Der zweite Mord Ohne sich um des Mädchens steigende Angst und Ungeduld zu kümmern, fuhr der Detektiv fort, indem er den Ring einsteckte: »Als ich vorhin, nachdem ich diesen kleinen Ring im Zimmer des Rechtsanwalts gefunden hatte, die Kaufmannsfrau fragte, ob gestern abend jemand den Rechtsanwalt habe sprechen wollen, nachdem er um halb acht Uhr anscheinend auf sein Zimmer gegangen, tatsächlich aber ausgegangen war, zögerte sie mit der Antwort. Da merkte ich, daß sie jemand decken wollte. Und wer hätte das anders sein können, als das Kind, das sie früher gewartet hatte, wer anders hätte diesen Ring droben verloren haben können, als das elegante Fräulein Dagny Holger? Ich ging nicht näher darauf ein, ich unterließ es, die Frau zu bedrängen, sie brauchte also ihren Schützling nicht zu verraten. Sie sehen, Fräulein Holger, daß ich in der Tat sehr diskret bin. Jetzt war es mir leicht, klar darüber zu werden, was geschehen war. Sie und der Rechtsanwalt hatten einander also verfehlt, und als Sie, von jedermann ungesehen, am Hause angelangt sind, treffen Sie da die Frau des Kaufmanns und überreden sie zu dem Versprechen, nichts zu verraten, was ich ganz verständlich finde. Dann fragen Sie nach dem Rechtsanwalt, und sie antwortet – denn sie weiß es ja nicht anders, – er sei auf seinem Zimmer. Sie gehen allein hinauf, denn bei der Unterredung, die Sie jetzt mit ihm haben werden, wünschen Sie keine Zeugen. Sie klopfen an, keine Antwort. Sie klopfen stärker, immer noch keine Antwort. Liebes Fräulein Holger, was regte sich da in Ihrem Hirn, das in den letzten Tagen von Leid und Kummer und Sorgen erfüllt gewesen war? Sie begriffen, daß der Mann nicht zu Hause war, und Sie dachten: Wenn ich jetzt nur einen Augenblick in sein Zimmer gelangen, nur einen einzigen kleinen Augenblick, seine Schubladen durchsuchen könnte! Und da bemerkten Sie, daß die Türe, die Sie von der Stätte Ihrer Hoffnung schied, eine von den altmodischen Türen mit einem schlechten Schloß war. Sie brauchten nur ein wenig stark zu drücken, um das Schloß zu sprengen. Und in diesem Augenblick fühlten Sie sich am Rande der Verzweiflung. Sie drückten, und die Türe sprang auf. Nun fingen Sie an, die Schubladen zu durchsuchen und warfen seine Papiere herum. Sie glaubten, Sie hätten nur wenig Zeit, und für Sie galt es, ein einziges kleines Ding zu finden. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß es ein Papier war, ein Dokument, was Sie suchten. Bleiben Sie ganz ruhig, Fräulein Holger, Sie wagten nicht, noch länger im Zimmer zu bleiben, und liefen davon, erfüllt von Schreck und Verzweiflung.« Dagny Holger hatte sich erhoben. Sie war entsetzlich blaß und zitterte am ganzen Körper. »Haben Sie das Dokument gefunden?« fragte Krag scharf. Schwankend schritt Dagny Holger der Türe zu. »Nein!« flüsterte sie vor sich hin. »Ich habe das Papier nicht gefunden und ich bin noch ebenso unglücklich wie vorher.« Nun stand sie schon an der Türe, aber Asbjörn Krags Stimme rief sie noch einmal zurück. »So werde ich das Schriftstück für Sie finden, Fräulein Holger, verlassen Sie sich darauf«, sagte er. Aber nun war es, als ob sie plötzlich zum Bewußtsein erwache. Sie hob den Kopf. »Von welchem Schriftstück reden Sie?« fragte Dagny Holger. »Jetzt kann ich nicht mehr bleiben. Ich habe andere Pflichten.« Damit verließ sie das Zimmer. Asbjörn Krag blieb allein zurück. Er war wirklich bewegt und begriff, daß es ein entsetzliches Geheimnis sein mußte, das dieses arme Mädchen zwang, so unverbrüchlich zu schweigen. Dann ging auch er. Als er ins Freie kam, läutete auf den Höfen ringsum die Mittagsglocke. Krag dachte über seine Stellung in dieser Sache nach und kam zu dem Schluß, daß er noch niemals so viele Schwierigkeiten gehabt habe wie hier. Es lagen hier ungewöhnliche Umstände vor; selbst die Personen, die ihm hätten helfen sollen, banden ihm die Hände, weil sie ihre Karten nicht offen auf den Tisch legen wollten. Sie behaupteten, was sie verschweigen müßten, habe nichts mit der Sache zu tun, aber er selbst war überzeugt, daß gerade das Gegenteil der Fall war. Wenn nur der Rechtsanwalt aufzutreiben gewesen wäre! Plötzlich wurde Krag auf einen Menschen aufmerksam, der ihm in höchster Eile entgegengelaufen kam. Er sah gleich, daß es der stellvertretende Amtsrichter war. Als der Amtsrichter näher kam, bemerkte der Detektiv, daß der junge Mann blaß und verstört aussah. Da mußte etwas geschehen sein. »Endlich finde ich Sie!« rief der Stellvertretende atemlos. »Ich habe Sie überall gesucht.« »So? Was ist denn geschehen? Sie sehen ja aus, als ob Sie ein Erdbeben oder sonst was Entsetzliches erlebt hätten.« »Es ist auch etwas Fürchterliches geschehen!« rief der Amtsrichter. »Wir haben den Rechtsanwalt Bomann gefunden.« »Das ist ja schön. So haben wir doch endlich Hoffnung, der Sache auf den Grund zukommen.« »Rechtsanwalt Bomann ist tot!« sagte der Amtsrichter. Asbjörn Krag blickte ihn scharf an. »Von eigener Hand?« fragte er. Das war Krags erster Gedanke, und er wartete gespannt auf die Antwort. Der Stellvertretende war so bestürzt, daß er kaum reden konnte. »Nein«, stammelte er endlich. »Also eines natürlichen Todes gestorben?« »Nein.« Der Detektiv faßte ihn hart am Arm. »Was wollen Sie damit sagen. Herr Amtsrichter? Ist er –« »Rechtsanwalt Bomann ist ermordet worden. Wir haben seine Leiche gefunden.« Der Detektiv fuhr heftig zusammen; er wurde sonst nicht leicht durch etwas verblüfft, aber diese unheimliche Kunde überraschte ihn doch. Nun erinnerte er sich auch mit einem Male an Dagny Holgers sonderbare und ängstliche Fragen, und ein drückendes Gefühl, daß die Sache, wenn sie vor das Schwurgericht kam, noch entsetzlicher sein könnte, als er seither angenommen hatte, überkam ihn. »Führen Sie mich hin!« rief er und machte sich hastig auf den Weg. Der Stellvertretende erklärte in unzusammenhängenden Sätzen, was geschehen war. Der Verwalter des Rittmeisters hatte die Leiche gefunden und hatte sofort den Amtsvorsteher benachrichtigt, der sich eben in der Gesellschaft des stellvertretenden Amtsrichters befand. Sie waren zusammen hingeeilt. Die Nachricht von dem unheimlichen Fund hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet, und von allen Seiten kamen die Menschen herbeigelaufen. Man hatte den Rechtsanwalt am Rande des Gehölzes in der Nähe vom Hofe des Rittmeisters gefunden. Offenbar war es seine Absicht gewesen, über die Felder zum Hause des Rittmeisters zu gehen, und da war er überfallen worden. »Ist er erschossen worden?« fragte Krag. »Nein, der Mörder hat ihm einen gewaltigen Schlag mit irgendeinem stumpfen Instrument beigebracht. Er muß auf der Stelle tot gewesen sein, die Verletzung ist fürchterlich.« »Ist irgendeine Spur zu finden?« »Nein, nicht die mindeste. Das Ganze ist vollkommen rätselhaft. Es scheint, als ob der Rechtsanwalt genau auf dieselbe Weise zu Boden geschlagen worden sein müsse, wie der alte Oberst Holger.« Krag fuhr zusammen. »Und um welche Zeit?« fragte er. »Gestern abend muß er ermordet worden sein.« Der Detektiv erinnerte sich nun an den unheimlichen Schrei, den er auf dem Heimweg nach seiner Unterredung mit dem Kaufmann gehört hatte. Das mußte ein Hilferuf des Rechtsanwalts gewesen sein; es hatte wie der Schrei eines Menschen in Todesnot geklungen. Endlich langten der Detektiv und der stellvertretende Amtsrichter am Tatort an. Eine Menge Menschen standen umher. Krag fühlte sich davon höchst unangenehm berührt, denn er wußte, daß nun alle Spuren zusammengetrampelt waren. Der alte Amtsvorsteher, der ganz außer sich war vor Entsetzen, hatte die Leute nicht vom Tatort fernzuhalten vermocht. Einige beugten sich über den Toten, andere liefen herum und traten das Gras nieder, einige weinten auch vor Schrecken und Aufregung. Sobald man den Detektiv kommen sah, wichen die Menschen scheu zur Seite. Der Detektiv stutzte unwillkürlich, als er den Toten erblickte. »Ist die Leiche angerührt worden?« fragte er. »Nein«, erwiderte der Verwalter, der ebenfalls anwesend war. »So, wie er daliegt, habe ich ihn gefunden.« Der Tote lag unter einem Baume, halb auf dem Gesicht, genau so, wie der alte Oberst aufgefunden worden war. Er hatte eine fürchterliche Verletzung an der linken Seite des Hinterkopfes. Die gleiche Verletzung hatte auch der Oberst gehabt. Krag blickte eine Weile über das freie Feld hin. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Auch der Oberst war unter einem Baum am Rande des Waldes gefunden worden. Der Rechtsanwalt war unzweifelhaft auf dem Weg über das Feld gewesen, gleichwie der Oberst über die Holtewiese hatte gehen wollen. Da war der geheimnisvolle Feind erschienen, und beide hatten sich in den Wald zu flüchten versucht. Aber keiner von beiden war bis dahin gelangt. Asbjörn Krag sah ein, daß seine ganze sinnreich aufgebaute Hypothese im Begriff war, zusammenzustürzen. Er hatte während der letzten vierundzwanzig Stunden sicher geglaubt, daß es der Rechtsanwalt gewesen sein müsse, der den Schlag gegen den alten Obersten geführt hatte. Aber dieser neue Ueberfall warf seine Annahme vollständig über den Haufen. Die Leute, die bisher schweigend den Detektiv betrachtet hatten, fingen nun an, die Köpfe zusammenzustecken. Krag blickte auf. Dort sah man eine Gestalt langsam übers Feld daherkommen. Es war Rittmeister Ivar Rye. Siebzehntes Kapitel. Wer ist der Mörder? Die Leute wichen scheu zurück, als der Rittmeister näher kam. Das Flüstern hörte vollständig auf. Der Rittmeister, der sah, daß etwas geschehen sein mußte, beflügelte seine Schritte. Er war im Jagdanzug und hatte sein grünes Hütchen tief ins Gesicht gezogen. Die Hände hatte er in den Taschen seiner Joppe vergraben. Ein Hund lief hinter ihm her. Das Erscheinen des Rittmeisters machte unwillkürlich auf alle einen unheimlichen Eindruck und vermehrte das Entsetzen über den toten Mann. »Was ist da los?« fragte der Rittmeister. Asbjörn Krag gab keine Antwort, er deutete nur auf die Leiche. Der Rittmeister blickte nach dem Baume und schauderte. »Großer Gott!« flüsterte er. »Das ist ja entsetzlich!« Er beugte sich über die Leiche, erkannte den Toten und warf Krag einen raschen Blick zu. »Er?« Krag nickte und nahm den Freund beiseite. »Wie ist das zugegangen?« fragte Rye. »Das weiß niemand.« »Ist er ermordet worden?« »Sieh selbst!« sagte der Detektiv. »So, wie er da unter dem Baume liegt, ist er gefunden worden. Meinst du, er sei ins Gras gefallen und habe sich dabei so verletzt?« »Nein. Aber das ist ja fürchterlich. Und wann ist das geschehen?« »Wann das geschehen ist? Das will ich dir sagen. Das ist gestern abend geschehen.« Bei diesen Worten betrachtete Krag seinen Freund forschend und kummervoll. »Um welche Zeit?« fragte der Rittmeister. Krag rechnete nach. »Rechtsanwalt Bomann ist gestern abend um halb acht Uhr von zu Hause weggegangen. Das Ereignis muß sich gegen neun Uhr begeben haben.« »Das Ereignis?« fragte der Rittmeister. »Du betonst dieses Wort so besonders.« »Ja, das tue ich mit Absicht.« Der Detektiv deutete auf das Gehölz, dessen Zweigs sich im leichten Frühlingswind regten und bewegten, und führte seinen Freund einige Schritte darauf zu. »Dort, jenseits dieser dunklen Bäume stand ich gestern abend um neun Uhr, und da hörte ich einen Schrei, der mir durch Mark und Bein ging«, sagte er leise. »Du weißt, daß ich nicht furchtsam bin, aber in diesem Schrei lag eine solche Angst und ein solches Entsetzen, daß ich zusammenfuhr. Dann horchte ich, ob sich der Schrei wiederholen werde, aber ich hörte nichts mehr.« Der Detektiv deutete auf die schweigenden Menschen, die um den Toten herstanden. »Von hier kam der Schrei«, sagte er. »Der Rechtsanwalt hat ihn in der höchsten Todesnot ausgestoßen.« Der Rittmeister fuhr zusammen. »Um neun Uhr?« murmelte er. »Du bist um halb zehn Uhr nach Hause gekommen. Warum hast du mir nichts von dem Schrei erzählt?« »Weil ich ihn mit dieser Sache nicht in Verbindung gebracht hatte.« Plötzlich faßte der Detektiv seinen Freund hart am Arme. »Hast du den Schrei gehört?« »Nein.« »Aber du warst doch um jene Zeit im Freien?« »So?« »Ja, du bist spazieren gegangen. Das hat mir dein eigener Verwalter erzählt. Und du hast also nichts gehört?« »Nein, ich habe nichts gehört«, antwortete der Rittmeister. »Welchen Weg hast du gemacht?« Der Rittmeister runzelte die Stirne. »Das klingt ja wie ein Verhör«, sagte er. »Lieber Freund, das ist vielleicht auch ein Verhör«, erwiderte Krag sehr freundlich. »Jetzt will ich dir erklären, wie sonderbar dieser Fall liegt. Du hattest Grund, zwei Männer zu fürchten. Sie beide bist du nun los, den einen für Monate, den andern für immer. Der eine war der alte Oberst Holger. Er wurde überfallen zu einer Zeit, wo du nachweislich in der Nähe warst. Der andere war der Rechtsanwalt Bomann hier, der einen schweren Eid geschworen hatte, dich zur Verurteilung zu bringen. Er ist gestern abend zwischen acht und neun Uhr ermordet worden. Und genau um diese Zeit hast du dich auf einem Spaziergang befunden. Der Ueberfall auf Bomann ist auf dieselbe Weise ausgeführt worden wie der auf den alten Obersten Holger. Du mußt zugeben, daß das sonderbar und unheimlich ist. Meinst du, es sei nicht angebracht, daß ich einige Fragen an dich richte?« »Ich will dir die Antwort nicht verweigern. Ich ging gestern abend in südlicher Richtung, vielleicht ist das der Grund, daß ich den Schrei nicht gehört habe.« Plötzlich sah der Rittmeister seinen Freund scharf an. »Hast du mich im Verdacht?« fragte er. »Nein.« »Du glaubst immer noch fest an meine Unschuld?« »Ja, jetzt mehr als je.« »Warum jetzt mehr als je? Ich meine doch, daß dieser letzte Mord –« »Lieber Freund, ich will aufrichtig gegen dich sein«, sagte Krag. »Wenn du mich vor ein paar Stunden gefragt hättest, ob ich wisse, wer den Ueberfall auf den alten Obersten gemacht habe, so hätte ich ohne Zögern ›Ja!‹ gesagt. Ich bin froh, daß du mich nicht gefragt hast.« »Du hast gemeint, der dort habe es getan?« »Ja, ich war fest davon überzeugt. Und ich hatte von dieser Voraussetzung aus eine Hypothese aufgestellt, die in allen Gliedern vollständig stimmte. Ich meinte, es fehlten mir nur noch einige psychologische Züge. Und nun ist plötzlich alles zusammengestürzt. Der Tote dort wird gefunden. Das beweist doch, daß der Advokat genau denselben Feind hat wie der Oberst. Dieser gemeinsame Feind kannst entweder du sein, lieber Ivar, oder auch –« »Oder?« fragte der Rittmeister gespannt. »Oder auch ein anderer, ein geheimnisvolles Wesen, von dem ich nicht weiß, wer es ist, das aber die Gegend hier unsicher macht. In diesen beiden Verbrechen sind einzelne Züge von Sinnlosigkeit und Zufall, daneben sehen sie aber auch wieder planmäßig aus. Das Sinnlose könnte andeuten, daß ein Verrückter im Spiele ist, der vor keiner Tat zurückschreckt. Lieber Freund, ich fürchte, daß wir noch auf mehr Rätsel stoßen werden. Es können noch große Dinge geschehen. Aber nun müssen wir zurück und den Toten näher betrachten.« Als die Freunde zu der Leiche zurückkehrten, bemerkten sie, daß der Menschenschwarm während ihrer Unterredung größer geworden war. Alle starrten mit Neugier und schlecht verhehltem Unwillen den Rittmeister an, der wie gewöhnlich anscheinend kühl und gelassen dastand. Es war nicht notwendig, besonders aufzupassen, daß niemand die Leiche, berührte, denn die Leute hielten sich in respektvoller Entfernung. Asbjörn Krag knöpfte des Toten Gummimantel über seiner Brust zusammen, und der stellvertretende Amtsrichter befahl, daß der Tote in dessen Zimmer gebracht werden solle, damit die vorläufige Leichenschau beginnen könne. Rasch wurde aus Zweigen eine Art Bahre verfertigt, der Tote daraufgelegt und fortgetragen. Langsam gingen die Menschen hinterher. Es war ein seltsamer Leichenzug. Asbjörn Krag blieb noch eine Weile am Tatort zurück, um vielleicht irgendeine Spur zu finden. Er untersuchte den Erdboden sehr genau, lange, beinahe unnötig lange, kam es dem Rittmeister vor, der daneben stand und zusah. Als Krag fertig war, stand er auf und fragte: »Kannst du dich erinnern, wie der alte Holger gekleidet war, als er gefunden wurde?« »Nicht genau. Aber ich weiß bestimmt, daß er einen Regenmantel anhatte.« »Ja, nicht wahr? Einen gelbbraunen Gummimantel?« »Sehr richtig. Ich habe ihn oft in diesem Mantel gesehen.« »Einen ganz ähnlichen Mantel wie der von Rechtsanwalt Bomann?« Der Rittmeister stutzte. »Du hast recht. Der Rechtsanwalt hat auch einen gelblichen Gummimantel an. Es ist nicht genau derselbe wie der des Obersten. Bomanns Mantel ist neuer und gelber.« »Das spielt keine Rolle.« »Sollten wirklich die Gummimäntel bei der Sache von Bedeutung sein?« fragte der Rittmeister. Der Detektiv hob den Kopf, als ob er etwas wittere, und blickte wie geistesabwesend ins Leere. »Was denkst du?« fragte der Rittmeister. »Ich denke – ich denke –« antwortete Krag immer noch wie aus weiter Ferne. »Ach ja, ich denke an die Gummimäntel.« Aber plötzlich tat er einen Ausruf, der bewies, daß er doch nicht ausschließlich nur an die Gummimäntel gedacht hatte. »Ei verflucht, das Dokument!« rief er aus. Achtzehntes Kapitel. Die Briefe in dem blauen Umschlag Krag hatte sich plötzlich an das geheimnisvolle und wichtige Dokument erinnert, das von dem jungen Fräulein Holger so eifrig gesucht worden war. Er begriff, daß sich um dieses Schriftstück die ganze Sache drehte. Könnte er darauf die Hand legen, so hätte er das Rätsel gelöst. Dieses Dokument mußte von allergrößter Wichtigkeit sein und entweder den Oberst oder dessen Tochter oder auch den Rittmeister betreffen. Krag wußte von früheren Fällen her, wie außerordentlich gefährlich solche Schriftstücke werden konnten, wie sie in den Händen gewissenloser Leute nicht nur das Glück einzelner, sondern sogar das ganzer Familien vernichten konnten. Sollte wirklich ein solches Dokument vorhanden sein, das von Anfang an dieses Trauerspiel in Gang gebracht hatte? War, was hier vor sich ging, ein Kampf um dieses Dokument, ein Kampf, der bereits ein Menschenleben, ja, beinahe zwei gekostet hatte? Er glaubte nicht, daß Fräulein Holger das Dokument bei ihrer Durchsuchung von der Stube des Rechtsanwalts gefunden hatte. Ihm selbst waren dort auch nur gleichgültige Geschäftspapiere in die Hand gekommen. Solch wichtige Dokumente vertraut man auch nicht gerne Schreibtischschubladen oder andern noch weniger sicheren Verschlüssen an, die trägt man lieber bei sich. Und wenn der Rechtsanwalt im Besitz eines solchen Dokumentes gewesen war, so hatte er es wahrscheinlich in seiner Brieftasche aufbewahrt, und es befand sich noch dort, wenn nicht – Wenn nicht der Mensch, der ihn zu Boden geschlagen, das Papier gestohlen hatte. Wenn der Täter irgendeine Absicht mit seiner Tat verfolgte, so konnte es einzig und allein die sein, sich in den Besitz dieses gefürchteten Dokuments zu setzen. In was für Hände war das Papier gefallen? Vielleicht in die Hände eines Feindes, der schlimmer war als der erste. So überlegte Asbjörn Krag, während er an der Seite des Rittmeisters über das Feld hinschritt. Der Rittmeister merkte, daß Krag von seinen Gedanken erfüllt war, und wollte ihn nicht stören. Endlich waren sie am Hause des Kaufmanns angelangt. Die Leiche war schon hineingeschafft worden. Vor dem Hause stand eine Menge Menschen, meist Bauern aus der Umgegend. Es wurden nur leise Worte gewechselt, und die vielen bleichen Gesichter, das Geflüster und die versteckten Andeutungen machten zusammen einen unheimlichen Eindruck. Der Detektiv sagte zu Rittmeister Rye: »Du kannst hier nichts nützen. Ich habe das Gefühl, daß du hier nur ein Stein des Anstoßes wärest. Geh lieber nach Hause und warte dort auf mich. Ich komme bald.« »Wie du willst«, sagte der Rittmeister. »Wenn du meinst, daß ich dir doch nichts nützen könne.« »Vorläufig nicht das geringste.« Der Rittmeister zog den Hut und schlug den andern Weg ein. Sein Fortgehen war von dem Menschenschwarm bemerkt worden. Alle Unterhaltung stockte für den Augenblick. Asbjörn Krag drängte sich ins Haus. Verschiedene der Neugierigen drängten ihm nach, aber Krag wies sie zurück und schloß die Türe hinter sich ab. Drinnen wimmelten Treppe und Gänge von Menschen, und darunter waren auch die Journalisten. Sofort flogen sie auf Krag zu. »Ich kann Ihnen nichts anderes sagen, meine Herren, als daß hier etwas völlig Unerwartetes geschehen ist«, sagte er. »Durch diese neuen Ereignisse ist die Sache noch rätselhafter geworden als vorher.« »Aber Sie halten dies doch auch für einen Mord?« »Der Mann ist totgeschlagen worden, so viel ist klar.« »Und dieser Mord steht in Verbindung mit dem Mordversuch an Oberst Holger?« »Zweifellos. Beide Ereignisse gleichen einander aufs Haar.« »Meinen Sie, ein geheimnisvoller und gefährlicher Mensch streife hier in der Gegend umher und mache sie unsicher?« »Ehe ich den Erschlagenen nicht noch einmal in Augenschein genommen habe, meine ich gar nichts. Ich hoffe, die Herren werden uns die nötige Zeit zur Untersuchung gönnen.« Und die Herren eilten zur Telegraphenstation und schickten neue, aufsehenerregende Telegramme in die Hauptstadt, während Asbjörn Krag in das Zimmer eilte, wo der Tote lag. Dort fand er den alten Amtsvorsteher, dessen Gehilfen und den stellvertretenden Amtsrichter. Der letztere war bleich und beinahe fassungslos. »Gut, daß Sie endlich kommen!« rief er. »Diese Sache wächst mir über den Kopf und bringt mich noch ins Grab.« Er deutete auf den Toten und fragte, indem er Krag bedeutungsvoll zublinzelte: »War er es nicht, von dem wir –« »Doch, er war es, von dem wir glaubten –« erwiderte Krag. »Allein jetzt ist er selbst von der gleichen Hand gefallen, die auch den schweren Schlag gegen Oberst Holger geführt hat.« Der Detektiv deckte das Gesicht des Toten auf. Nun bemerkte er, was er draußen nicht wahrgenommen hatte, daß das Antlitz des Rechtsanwalts noch im Tode das Gepräge der ausgestandenen fürchterlichen Todesangst trug. Wenn er daran dachte, wie der Mann gleich einem Tiere übers Feld gejagt worden sein mußte bis an den Waldrand, wenn er sich an den herzzerreißenden Todesschrei erinnerte, den er gehört hatte, und wenn er diese Züge betrachtete, die Schreck und Entsetzen verrieten, so schauderte er beim Gedanken, wer wohl dieser geheimnisvolle Feind sein könne. Krag untersuchte die Verletzung eingehend, und es war ihm sofort anzusehen, daß sie sein größtes Interesse weckte. Ein Zug des Erstaunens huschte dabei über des Detektivs Gesicht. Dann deckte er das Gesicht des Toten wieder zu und knöpfte ihm den Regenmantel und den Rock auf. Des Mannes goldene Uhr mit der goldenen Kette war an ihrem Platz, ebenso die Brieftasche. Krag machte die Brieftasche auf, und die anderen schauten ihm neugierig über die Schulter. Es waren mehrere hundert Kronen vorhanden. Krag legte die Scheine aus den Tisch und sagte, zum Gehilfen des Amtsvorstehers gewendet: »Schreiben Sie auf, wieviel es ist.« Weiter fand er eine Menge Geschäftspapiere. Auch diese legte er auf den Tisch, damit sie notiert werden konnten, aber er las sie vorher sorgfältig durch. Endlich fand er in einem geheimen kleinen Fach was er suchte. Es war ein blauer Umschlag mit einigen alten Briefen darin. Eine Ahnung sagte ihm gleich, daß hier der Schlüssel zu dem Geheimnis liege. Der erste Brief, den er las, trug das Datum Oslo, den 20. März. Er las die erste Seite, sah dann nach der Unterschrift, und mit einem Male stand es klar vor ihm, was das für ein entsetzlicher Brief war. Nun mischte Krag die Briefe und verschiedene andere Schriftstücke so untereinander, daß er, ohne es merken zu lassen, die Briefe im blauen Umschlag in seine Tasche gleiten lassen konnte. Die anderen waren so eifrig damit beschäftigt, die gefundenen Sachen aufzuschreiben, daß sein Tun ihrer Aufmerksamkeit vollständig entging. Krag wußte, daß er hier eine Ungesetzlichkeit beging, die er selbst unter gewöhnlichen Umständen für höchst unzulässig gehalten hätte. Aber er hatte den Brief gesehen, und nichts auf der Welt hätte ihn abgehalten, dieses Schriftstücke an sich zu nehmen. Inzwischen war es drei Uhr geworden, und der stellvertretende Amtsrichter war mit der geschäftsmäßigen Erledigung seiner Pflichten fertig. Asbjörn Krag verließ das Zimmer und versprach, bald wiederzukommen oder wenigstens von sich hören zu lassen. Draußen standen immer noch die Menschen herum. Nun hatten sie beinahe den ganzen Tag ihre Arbeit versäumt, so sehr hatte dieses Begebnis sie alle ergriffen und gefesselt. Asbjörn Krag ging rasch an ihnen vorbei und alle betrachteten ihn aufmerksam. Da hörte er eine Bemerkung: »Sieht der gräßlich aus!« Sollte er wirklich so angegriffen aussehen? Vermochte er nicht mehr, seine innere Bewegung zu verbergen, er, der doch sonst ein wahrhaft steinernes Gesicht gehabt hatte? Er machte sich auf den Weg zum Hause seines Freundes. Als er hinkam, saß sein Freund da und schrieb. »Was schreibst du?« fragte Krag. Der Rittmeister zeigte ihm, mit was er beschäftigt war. Es war ein großer Stoß Papiere, die den gemeinsamen Titel trugen: Reiseerinnerungen. Erstaunt sah der Detektiv seinen Freund an. »Bringst du es wirklich fertig, dich jetzt damit zu beschäftigen?« fragte er. Der Rittmeister lächelte wehmütig. »Was soll ich anderes tun?« fragte er. »Mein Hirn erträgt es nicht mehr, an all die anderen entsetzlichen Dinge zu denken. Ich muß einige Stunden Ruhe haben, muß mich mit irgend etwas beschäftigen. Mir graut vor der Nacht!« Asbjörn Krag nickte. Er kannte diesen Zustand. »Wie ist es übrigens mit dir?« fragte der Rittmeister. »Du siehst auch nicht besonders vergnügt aus.« »Ich brauche dreierlei«, antwortete Asbjörn Krag. »Sprich nur, was willst du haben?« »Ich brauche ein Zimmer für mich allein, eine Handvoll Zigaretten und eine Tasse recht starken Kaffees.« »Du hast eine Ruhestunde nötig. Das kann ich gut begreifen.« »Ich werde nicht ruhen«, erwiderte der Detektiv. »Ich will nachdenken.« Plötzlich schlug seine Stimmung um, er ging auf den Rittmeister zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte laut und deutlich: »Lieber Freund, alles ist gerettet, ich habe die Papiere!« Der Rittmeister erhob sich langsam. »Ich verstehe nicht ... welche Papiere?« »Die Briefe, die Briefe in dem blauen Umschlag!« »Briefe? Ich verstehe immer noch nicht.« Des Detektivs Gesicht sah gekränkt und ärgerlich zugleich aus. »Gut«, sagte er. »So reden wir nicht mehr davon. Verschaff mir den Kaffee, die Zigaretten und das Zimmer.« Der Rittmeister klingelte. Neunzehntes Kapitel. Das geheimnisvolle Wesen Einige Minuten später hatte es sich der Detektiv in einem von des Rittmeisters kleinen Zimmern bequem gemacht. Krag hatte zwar seit dem frühen Morgen nichts mehr gegessen, aber er empfand kein Bedürfnis nach Nahrung und ließ sich auch nichts geben. Des Rittmeisters Diener kam lautlos auf Filzschuhen herein und bediente ihn mit Kaffee. Wenn Asbjörn Krag erst einmal anfing, Kaffee zu trinken, um einen klaren Kopf zum Denken zu bekommen, mußte er eine Tasse Kaffee nach der andern haben. Um nicht durch das Auf- und Zumachen der Tür gestört zu werden, hatte er dem Diener die Erlaubnis gegeben, im Zimmer zu bleiben: dieser ging nunmehr lautlos zwischen Krag und dem kupfernen Kessel hin und her, in dem der Kaffee warmgehalten wurde. Asbjörn Krag lag auf einem Diwan, und neben sich hatte er eine Tasse dampfenden Kaffees und eine Schale mit Zigaretten. Im Zimmer herrschte Halbdunkel. Nun fing er an, gewaltige Rauchwolken von sich zu blasen. Er mußte sich selbst gestehen, daß dies der sonderbarste Fall war, mit dem er jemals zu tun gehabt hatte, und zugleich war es einer von den unheimlichsten. Vorläufig hatte er ein Menschenleben gekostet und ein zweites schwer geschädigt, und Krag war nicht sicher, ob es dabei bleiben würde. Es schien ihm, als ob noch immer Unheimliches in der Luft liege. Nun hatte er die Briefe sorgfältig gelesen. In dem blauen Umschlag hatte er sie gefunden, die beide im März vor vielen Jahren mit wenigen Tagen Zwischenraum geschrieben waren. Oberst Holger hatte sie an einen andern Offizier gerichtet, und sie handelten beide von des Obersten Tochter Dagny. Sie entschleierten ein entsetzliches Geheimnis. Wie diese Briefe in den Besitz des Rechtsanwalts gekommen sein konnten, ahnte Krag nicht, aber wahrscheinlich hatte er sie auf irgendeine ungesetzliche Art und Weise in die Finger bekommen. Asbjörn Krag war es sehr begreiflich, daß das Auftauchen dieser Briefe Dagnys Verlobung mit dem Rittmeister über den Haufen werfen konnte. Nun verstand er des jungen Mädchens Handlungsweise, ihre Geheimniskrämerei, ihr Entsetzen, und jetzt tat es ihm leid, daß er ihr gegenüber vielleicht zu aufdringlich, zu sehr Polizeimann gewesen war. Sie kämpfte nicht allein für sich, sie kämpfte auch für ihres Vaters Ehre. – Nun begriff er auch, wie sie zu dem verzweifelten Schritt gekommen war, die Briefe stehlen zu wollen, als sie entdeckte, daß der Rechtsanwalt nicht zu Hause war. Aber sie fand sie nicht, denn der Rechtsanwalt trug sie in seiner Brieftasche bei sich. Nun verstand Krag auch, warum sie die Sache vor ihm, dem Detektiv, geheimhalten mußte, der doch gekommen war, um ihr zu helfen. Den wahren Zusammenhang konnte sie keinem lebenden Menschen offenbaren. Nicht einmal ihrem Verlobten hatte sie das Geheimnis mitteilen wollen. Er wußte nichts von der Existenz dieser Briefe, das hatte Krag aus dem verwunderten Ausruf entnehmen können, den der Rittmeister ausgestoßen hatte, als Krag sagte: Ich habe die Briefe in dem blauen Umschlag! Er wußte nichts davon. Asbjörn Krag war nun nicht mehr im Zweifel über den Grund, aus dem die Verlobung aufgehoben worden war. Dabei hatte der Rechtsanwalt die Hände im Spiel gehabt, das war deutlich zu merken, da er die Briefe im Besitz hatte und den beinahe drohenden Brief an den Oberst geschrieben hatte, an dem Tage, an dem dieser überfallen worden war. Wer konnte Oberst Holger überfallen haben? Rechtsanwalt Bomann konnte es nicht gewesen sein, das widersprach aller Wahrscheinlichkeit; der Rittmeister war es auch nicht gewesen. Noch weniger war begreiflich, wer Bomanns Mörder sein könnte. Der Rechtsanwalt war allerdings ein Schuft, ein gewissenloser Kerl gewesen, aber wer sollte den tödlichen Streich gegen ihn geführt haben? Und in welcher Verbindung standen die beiden Ueberfälle, Dagnys Verlobung und die Briefe in dem blauen Umschlag. Das waren die Fragen, über die Krag nachdenken wollte. Mehrere Stunden blieb er liegen, und als er sich endlich erhob, war das Zimmer mit wahren Wolken von Tabaksrauch gefüllt, und er selbst war blaß und erregt. Als Krag zu dem Rittmeister ins Zimmer trat, saß dieser immer noch da und schrieb an seinen Reiseerinnerungen. Geistesabwesend nickte er Krag zu. »Wir haben längst gegessen«, sagte er. »Aber ich wollte dich nicht stören.« »Ich brauche vorerst nichts zu essen«, erwiderte der Detektiv. »Nur eine Tasse Schokolade möchte ich gerne haben.« Krag schritt einigemale im Zimmer auf und ab. »Hast du die Sache überdacht?« fragte der Rittmeister. »Ja.« »Hast du herausgefunden, wer der Mörder ist?« »Ich glaube ja.« »War es ein und derselbe, der den Oberst und den Advokaten niederschlug?« »Ein und derselbe.« »Hält er sich noch immer hier in der Gegend auf?« »Wenn der, den ich meine, der richtige ist, dann hält er sich noch immer hier in der Gegend auf.« »Wo?« »In unserer allernächsten Nähe.« »Und er ist noch immer ebenso gefährlich?« »Er ist immer noch ebenso gefährlich. Lieber Freund, hast du einen Revolver?« Der Rittmeister zog eine der Schubladen seines Schreibtisches heraus. Drinnen blitzte ein Browning. »Das ist gut«, meinte Krag. »Aber du tätest am besten, ihn bei dir zu tragen. Dann hat man ihn stets in der Nähe.« Der Rittmeister lächelte überlegen. »Was sollte mir denn in dieser friedlichen Gegend geschehen? Ich habe mich in Indien nicht gefürchtet, und ich fürchte mich hier auch nicht.« »Stecke den Revolver ein, das verlange ich«, sagte Krag. »Und wenn du die Gefahr kommen siehst, dann schieße, schieße sofort!« »Man kann also die Gefahr sehen, ehe sie über einen kommt?« fragte der Rittmeister, während er den Revolver in die Tasche steckte. »Das glaube ich bestimmt. Beide, der alte Oberst wie der Rechtsanwalt sind ja wie wilde Tiere dem Wald zugejagt worden, ehe ihnen das geheimnisvolle Wesen den Schlag versetzte. Findest du es nicht sonderbar, daß beide dem Walde zu geflohen sind, statt dem freien Feld oder den Häusern? Wenn jemand einem Mörder zu entrinnen trachtet, ist es nicht gerade das gewöhnliche, daß er in den tiefen, finsteren Wald läuft. Das ist mir gleich als ein sehr merkwürdiger Umstand aufgefallen, aber ich habe zuerst kein besonderes Gewicht darauf gelegt. Ich dachte, es könnte Zufall sein. Jetzt sehe ich, daß es keineswegs ein Zufall war. Im Gegenteil, gerade dieser Umstand macht mir die ganze Sache erklärlich, psychologisch erklärlich.« »Was hast du zu tun im Sinn?« fragte der Rittmeister. Asbjörn Krag lächelte auf sonderbare Weise. »Heute bin ich es, der spazieren gehen will«, sagte er. Er ging ans Fenster und blickte hinaus. Es fing bereits an zu dämmern, aber die Luft war vollkommen klar. Man konnte die Lichter in den Fenstern des Dorfes blinken sehen. »Klares Wetter«, murmelte Krag, »ganz klares Wetter. Dennoch, lieber Freund, mußt du mir deinen gelben Gummimantel borgen. Ich habe draußen im Flur einen hängen sehen.« »Was, zum Henker, willst du bei diesem Prachtwetter mit einem Regenmantel?« »Gib ihn nur her. Die andern beiden sind auch im Regenmantel überfallen worden. Ich wünsche ebenfalls in einem gelben Gummimantel zu sterben.« Als er den Regenmantel erhalten hatte, sagte er: »Vielen Dank! Jetzt gehe ich.« »Allein?« »Ganz allein. Das geheimnisvolle Wesen greift nur einzelne Menschen an«, erwiderte Krag, indem er der Türe zuschritt. Zwanzigstes Kapitel. Das zerschmetterte Fenster Der Rittmeister hielt seinen Freund noch einmal auf. »Wohin willst du?« fragte er mit gerunzelten Brauen. »Ich habe kein bestimmtes Ziel für meinen Spaziergang.« »Zum Kaufmann?« »Durchaus nicht.« »Zum Amtsrichter oder zum Amtsvorsteher?« »Auch nicht.« Krag blieb mit einem nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht an der Türe stehen. Er deutete mit der Hand nach Osten. »Wenn ich irgendwo hingehe, dann gehe ich in dieser Richtung«, sagte er. Der Rittmeister fühlte sich von einer merkwürdigen Bewegung ergriffen. Er verstand, was sein Freund meinte. »Zu ihr?« fragte er. »Das ist noch nicht sicher. Soll ich vielleicht Grüße von dir bestellen?« »Nein!« erwiderte der Rittmeister hart. »Ich habe ihr nichts zu sagen, ehe sie selbst gesprochen hat. Aber du kannst ihr erzählen, daß du mich gesehen hast und daß ich noch am Leben bin.« Ein bitteres Lächeln legte sich um seinen Mund. Asbjörn Krag nickte. »Gut, wenn ich sie treffen sollte, werde ich ihr mitteilen, daß du noch am Leben bist«, sagte er. »In zwei Stunden bin ich wieder da.« Krag sah nach der Uhr. »Jetzt ist es neun Uhr. Bis elf Uhr bin ich wieder zurück.« »Soll ich auf dich warten?« »Ja.« »Und wenn du bis elf Uhr nicht da bist?« Asbjörn Krag überlegte. »Wenn ich bis elf Uhr nicht da bin, so warte bis zwölf Uhr«, sagte er. »Und wenn du auch bis zwölf Uhr nicht zurück bist?« Der Detektiv wurde plötzlich sehr ernst. Er ging auf seinen Freund zu und ergriff dessen Hand. »Wenn ich bis Mitternacht nicht da bin, so bedeutet das Gefahr«, antwortete er nachdrücklich. »Dann mußt du sofort deine Leute aufbieten. Du mußt dem Amtsrichter Botschaft senden und die Bauern zusammentrommeln.« »Wozu sollen alle diese Menschen zusammengerufen werden?« »Um nach mir zu streifen. Dann bin ich mit dem geheimnisvollen Wesen zusammengestoßen, das den Rechtsanwalt umgebracht hat und um ein Haar auch den alten Oberst Holger umgebracht hätte. Dann muß die ganze Gegend abgesucht werden. Geht über die Felder und Wiesen und bildet im Walde Ketten und ruht nicht eher, als bis ihr mich, tot oder lebendig, gefunden habt.« Der Rittmeister erschrak sichtlich über diese ernsten Worte. »Und du willst dennoch allein gehen?« fragte er. »Wenn ich mitginge, dann wären doch noch zwei kräftige Arme und ein sicherer Revolver mehr dabei.« »Einer allein kann vielleicht etwas zu sehen bekommen, zwei werden jedenfalls nichts erkunden«, erklärte Krag. »Und ich habe mich nun einmal entschlossen, allein zu gehen. Ich freue mich der Gefahr, und ich habe keine Lust, sie mit jemand zu teilen. Darin bin ich selbstsüchtig. Aber vergiß nicht, wenn ich bis zwölf Uhr nicht zurück bin, dann komme ich vielleicht gar nie mehr.« Mit diesen Worten entfernte er sich. Der Rittmeister mochte nicht noch einen Versuch machen, ihm seine Gesellschaft aufzudrängen; er kannte seinen Freund zu gut, als daß er nicht gewußt hätte, wie nutzlos das gewesen wäre. Er lauschte auf seine Schritte, die allmählich draußen verklangen. Der Rittmeister war sichtlich nervös geworden. Das Unheimliche bei dieser Geschichte hatte sich schwer auf ihn gelegt und hatte ihn verwirrt. Gefährliche und nervenerregende Erlebnisse waren ihm nicht fremd, aber etwas so Unheimlichem hatte er noch nie gegenübergestanden. Daß wirklich eine Gefahr vorhanden war, konnte er aus Krags Auftreten mit Sicherheit entnehmen. Der zur Untätigkeit verurteilte Rittmeister fühlte sich unsicher und nervös. Wenn er sich nicht durch Asbjörn Krags Anordnungen gebunden gefühlt hätte, wäre er ihm am liebsten nachgelaufen. Um sich die Zeit zu vertreiben, ging er in das kleine Kabinett, in dem Krag nachgedacht hatte. Noch immer zogen dichte Rauchwolken an den Wänden hin; allein der Rittmeister fühlte sich in der schweren Luft ruhiger und legte sich aufs Sofa. Der Diener brachte ihm Whisky und Zigaretten, und die Rauchwolken verdichteten sich. Eine halbe Stunde verging. Plötzlich fuhr der Rittmeister auf. Er meinte, vor dem Hause ein Geräusch zu hören; es klang wie Tasten und Atmen und vorsichtige Schritte im weichen Grase. Das schwache Geräusch bewegte sich ums Haus und hörte unter den Fenstern seines Arbeitszimmers auf. »Sollte am Ende Asbjörn Krag schon zurück sein?« dachte der Rittmeister, aber im nächsten Augenblick mußte er diesen Gedanken wieder fallen lassen. Sein Freund brauchte sich doch nicht wie ein Dieb an den Wänden entlang zu schleichen, wenn er ins Haus wollte. Oder sollte es am Ende der Unbekannte sein, der böse Geist der Umgegend? Unter gewöhnlichen Umständen hätte der Rittmeister dieses Geräusch gar nicht beachtet. Möglicherweise war ja nur einer von den Leuten, vielleicht der Verwalter draußen und tastete sich durch die Dunkelheit. Aber das Gefühl des Unheimlichen hatte ihn nun einmal in den Klauen. Der Rittmeister war jedoch ein mutiger Mann, und halb im Aerger darüber, daß er wirklich erschrocken war, stand er auf, um nach der Ursache des Geräusches zu forschen. Er tat ein paar Schritte auf die Tür zu, da stockte sein Fuß. Lautes Klirren von zerbrechendem Glase drang an sein Ohr. Eines von den Fenstern seines Arbeitszimmers wurde in Stücke geschlagen. Klirrend fielen die Scherben auf den Fußboden. Der Rittmeister griff in die Tasche nach seinem Revolver und stürzte in sein Arbeitszimmer. Er hatte erwartet, einen Menschen drinnen zu finden, allein das Zimmer war leer. Ueber seinen ganzen Schreibtisch lagen die Splitter von den zerbrochenen Scheiben zerstreut. Der eine Fensterflügel war zertrümmert. Ein mehr als gewaltiger Schlag mußte gegen das Fenster geführt worden sein. Draußen vor dem Fenster ließ sich ein schwaches Geräusch vernehmen. Es klang beinahe, wie mehrfache flüchtige Fußtritte in der Ferne. Der Rittmeister lief ans Fenster und schoß auf gut Glück seinen Revolver ins Dunkel hinein ab. Dann zog er sich ins Innere des Zimmers zurück und wartete, was geschehen werde. Aber in den ersten Minuten geschah nichts; dann vernahm er Schritte ums Haus her. Das waren seine Dienstleute, die, von dem Lärm aufgeschreckt, jetzt von allen Seiten zusammenliefen. Der Rittmeister klingelte. Sein Diener kam und hatte vor Schreck ganz aus den Höhlen gequollene Augen. »Rufe den Verwalter!« befahl der Rittmeister. Blaß vor Erregung trat der Verwalter ein. »Was ist Schlimmes geschehen?« fragte er und warf dann einen erschreckten Blick auf den Revolver in des Rittmeisters Hand, und einen zweiten auf das zerschmetterte Fenster. »Hier ist nichts Schlimmes geschehen«, antwortete der Rittmeister. »Rufen Sie die Leute zusammen.« Einundzwanzigstes Kapitel. Um Mitternacht Des Rittmeisters Stimme klang laut und befehlend. Er stand wieder Gefahren und Schwierigkeiten gegenüber und erinnerte sich an allerlei Lagen, in denen er sich auf seinen Jagdzügen in Indien befunden hatte, wo jeder Augenblick kostbar war, weil der nächste oder der übernächste den Tod bringen konnte. Auch dem Gutsverwalter war es klar, daß es sich um Ernstes handeln mußte, wenn er sich den blinkenden Revolver in seines Herrn Hand und die über den Schreibtisch verstreuten Glassplitter von dem zerschmetterten Fenster betrachtete. »Jemand hat hier einzudringen versucht«, sagte der Rittmeister. »Die Umgebung muß abgesucht werden. Rufen Sie die Leute.« Der Verwalter lief hinaus. Im nächsten Augenblick hörte man ihn mit lauter Stimme die Leute zusammenrufen. Der Rittmeister zog hastig seine Jagdjoppe an. Als er durch den Flur ging, bemerkte er, daß Asbjörn Krag seine Blendlaterne dagelassen hatte, und nahm sie an sich. Als er auf den Hof hinauskam, sah er rötliche Lichtpünktchen sich hin und her bewegen. Das waren die Dienstleute, die mit ihren Laternen kamen. Die Nacht war ungewöhnlich dunkel. Unter den Leuten herrschte großer Schrecken; durch die Mordgeschichten hatte sich ein Gefühl des Unheimlichen aller bemächtigt, und als sie jetzt den Schuß hörten und die Kunde von dem eingeschlagenen Fenster vernahmen, meinten sie nichts anderes, als daß ein neuer Mord geschehen sei. Dazu kam, daß des Rittmeisters eigene Leute ihn im Verdacht hatten. Er war ja wegen seines verschlossenen Wesens wenig beliebt. In der Finsternis draußen wurden allerlei Fragen laut: »Wer hat denn geschossen?« »Der Rittmeister.« »Auf wen hat er geschossen?« »Das wissen wir nicht. Er hat durchs Fenster geschossen.« Sowohl der Verwalter wie die Leute waren der Meinung, das Fenster sei durch den Schuß zerschmettert worden. Als sich der Rittmeister mit der hellen Blendlaterne auf der Treppe zeigte, scharten sich die Leute schweigend um ihn. Er gab Befehl, daß sie sich über die Felder zerstreuen sollten, um möglicherweise den Täter zu finden, und die Leute gehorchten, wenn auch zögernd. Sie gingen immer zwei und zwei zusammen, und alle hatten irgendeine Waffe bei sich, eine alte Flinte, eine Heugabel, eine Axt oder dergleichen. Der Rittmeister selbst mit seinem Verwalter gingen zuerst unter das zerschmetterte Fenster. Der Rittmeister beleuchtete die Erde, um Fußspuren zu finden, aber er konnte keine entdecken, obgleich die Erde feucht von Tau war. Das kam ihm sonderbar vor. Er meinte doch ganz deutlich sich entfernende Fußtritte gehört zu haben. Er überlegte einen Augenblick, ob nicht das Fenster durch eine Revolver- oder Gewehrkugel zerschmettert worden sein könne, aber auch diese Annahme paßte nicht zu seinen Wahrnehmungen. Er hatte doch auch keinen Schuß gehört. Nun untersuchte er das Fenster selbst genauer. Es war eines von jenen großen Fenstern, die durch dünne Stäbe in kleine Scheiben geteilt sind. Auch einige dieser Stäbe waren zersplittert. Das Fenster konnte also nicht nur mit der Hand eingedrückt worden sein; es war mit einer Axt, einer stumpfen Keule oder etwas Aehnlichem eingeschlagen worden. Aber warum waren keine menschlichen Fußspuren zu finden? Der Täter konnte doch nicht durch die Luft davongeflogen sein! Es war unerklärlich. Der Rittmeister gab es auf, weiter darüber nachzudenken, denn er fühlte sich vollständig hilflos in diesem Wirrwarr von Rätseln. Er selbst fürchtete sich vor keiner Gefahr, auch nicht vor einer Lebensgefahr, aber er mußte sie sehen, mußte wissen, worin sie bestand, womit er sich ihrer erwehren könnte. Dies hier jedoch war vollständig rätselhaft. Da trieb sich ein Mensch in der Gegend herum, ein gefährlicher und grausamer Mensch, der keine Spur zurückließ und der bereits einen Mord auf dem Gewissen hatte. Ob wohl dieser Mensch das Fenster eingeschlagen hatte? Suchte er ihn, den Rittmeister, oder suchte er seinen Freund, Asbjörn Krag? Der Rittmeister ging in sein Zimmer zurück und wartete die Rückkehr der Leute ab. Bald kehrten alle in den Hof zurück, zögernd und schweigend, wie Leute, die sich fürchten. Sie brachten zugleich auch die Pferde von der Weide mit herein. Draußen hatten sie nichts gesehen; das Feld war vollkommen menschenleer, und im Dorf war alles finster. Die Leute schliefen dort schon längst. Als der Verwalter fragte, ob er nicht die Glassplitter, die auf Schreibtisch und Fußboden zerstreut lagen, fortschaffen lassen sollte, lehnte der Rittmeister ab. »Lassen Sie alles liegen, wie es liegt, wir wollen erst Herrn Krags Rückkehr abwarten«, sagte er. Wie wenn nichts geschehen wäre, nahm der Rittmeister wieder an seinem Schreibtisch Platz und fuhr in seiner Arbeit fort. Von Zeit zu Zeit sah er nach der Uhr. Asbjörn Krag kam immer noch nicht, und der Stundenzeiger der Uhr entfernte sich mehr und mehr von der Zahl elf. Es war beinahe Mitternacht geworden. Endlich, ein Viertel vor zwölf Uhr, stand der Rittmeister auf und schellte. Der Verwalter erschien. Er war immer noch vollständig angekleidet, als ob er vorausgesehen hätte, es werde sich in dieser Nacht noch mehr ereignen und wollte darauf vorbereitet sein. »Sind die Leute zu Bett gegangen?« fragte der Rittmeister. »Noch nicht«, antwortete der Verwalter und sah seinen Herrn fragend an. »Gut, dann sagen Sie ihnen, daß sie sich bereit halten sollen. Vielleicht habe ich sie um Mitternacht nötig.« »Um zwölf Uhr?« fragte der Verwalter schaudernd. »Ja, genau um zwölf Uhr.« Der Verwalter ging und kam gleich wieder zurück mit der Nachricht, den Leuten sei Bescheid gesagt und sie hielten sich fertig. »Aber was gibt es denn?« fragte er. »Herr Krag ist ausgegangen.« »Das habe ich gehört.« »Er ist allein ausgegangen in der Absicht, die Gefahr aufzusuchen.« »Welche Gefahr?« Der Rittmeister zuckte die Achseln, als ob er sagen wolle, was weiß ich? »Er meinte, er werde um elf Uhr zurück sein«, sagte er. Der Verwalter sah auf die Uhr. »Jetzt ist es schon fast eine Stunde darüber«, teilte er mit. »Sollte ihm etwas geschehen sein?« »Er hat mich selbst gebeten, bis zwölf Uhr zu warten. Falls er nicht zurück ist, wenn es zwölf geschlagen hat, so gehen wir alle und suchen ihn, denn dann muß ihm etwas zugestoßen sein.« Mehr wurde nicht gesprochen. Der Rittmeister ging unruhig im Zimmer auf und ab. Hier und da schaute er nach der Uhr. Auch der Verwalter wurde sichtlich unruhig. »Wäre es nicht besser, wenn wir sofort ...« fing er an. »Nein!« erwiderte der Rittmeister. »Wir halten uns genau an seine Anordnungen.« »Jetzt fehlen nur noch zwei Minuten, Herr Rittmeister.« Der Rittmeister stellte sich vor die große Schlaguhr und horchte auf ihr Ticken. Unendlich langsam glitten die Sekunden, eine nach der andern, dahin. Endlich schlug es zwölf Uhr. »Rufen Sie die Leute!« befahl der Rittmeister, indem er nach Mütze und Mantel griff. Eben wollte der Verwalter aus dem Zimmer eilen, da erklangen Schritte auf dem Flur. Beide Männer blieben stehen und starrten gespannt nach der Tür. »Das ist er!« sagte der Rittmeister. »Ich kenne seinen Gang.« Mit raschem Griff wurde die Tür geöffnet und Asbjörn Krag trat ins Zimmer. Er sah sehr bleich aus. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der Geheimnisvolle Es wurde ganz still im Zimmer, als Asbjörn Krag eintrat. Er schaut sich forschend um, und als er den mit einem Revolver bewaffneten Verwalter erblickte, lächelte er unwillkürlich. Er deutete auf die Schießwaffe und fragte: »Ist etwas vorgefallen?« »Nein, nichts als dies«, erwiderte der Rittmeister. »Ah, ich sehe, das Fenster ist eingeschlagen. Aber was soll das heißen, daß du und deine Leute bis an die Zähne bewaffnet seid?« »Wenn du auf die Uhr siehst, so wirst du bemerken, daß es ein paar Minuten über zwölf ist. Wir waren eben im Begriff, deinen ausdrücklichen Befehlen nachzukommen. Das ist das Ganze.« »Ja, natürlich«, sagte er. »Deshalb habe ich ja auch dafür gesorgt, daß ich genau zur rechten Zeit hier war. Ich wollte nicht noch einen Jagdzug durchs Gelände haben.« »Noch einen Jagdzug?« fragte der Rittmeister in mißbilligendem Tone. »Ja, vor einer Stunde ungefähr zog eine johlende Schar aus dem Hofe und zerstreute sich über Wiesen und Felder. Diese Menschen haben mir meinen ganzen Plan verdorben.« Der Rittmeister deutete abermals auf das zerschmetterte Fenster. »Hier hat jemand eindringen wollen«, sagte er. »Auf diese Weise?« »Ja, wie du siehst, hat er das Fenster eingeschlagen. Sogar einige von den Rähmchen sind zerschmettert.« »Wenn jemand herein wollte, warum in aller Welt ist er dann nicht durch die Türe gegangen?« fragte Krag. Der Detektiv sprach ruhig und mit halb ironischem Lächeln, aber etwas in seiner Art deutete an, daß er nicht ganz bei der Sache sei und daß seine Gedanken mit andern Dingen beschäftigt waren. »Ich nehme an, daß er durchs Fenster eindringen wollte, um die Aufmerksamkeit meiner Leute nicht zu wecken und den im Zimmer überrumpeln zu können«, sagte der Rittmeister. »Wer war im Zimmer?« »Niemand. Ich war nebenan.« »Allein?« »Ganz allein.« »Und um recht unbemerkt eintreten zu können, machte der Betreffende einen solchen Lärm, daß das ganze Haus aufwachen mußte?« Der Rittmeister zuckte die Achseln. »Wir haben nur deine Befehle befolgt«, sagte er dann noch einmal. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Asbjörn Krag stand auf, ging auf seinen Freund zu und drückte ihm die Hand. »Mißversteh mich nicht«, sagte er. »Ich bin dir dankbar, weil ich mich auf dich verlassen kann. Das wußte ich vorher schon. Aber ich denke an ganz andere Dinge. Diese Sache hat wirtlich gar zu viele Seiten. Ich war draußen auf dem Felde, als deine Leute darüber hinzogen.« »Warum hast du dich nicht zu erkennen gegeben?« »Lieber Freund, denke doch einmal nach. Da sehe ich ein paar Leute mit baumelnden Laternen übers Feld laufen. Du weißt doch, daß ich draußen war, um auf das geheimnisvolle Wesen zu passen, das hier das Dasein unsicher macht. Was sollte ich denken, als ich diesen sonderbaren Aufzug wahrnahm? Ich legte mich ruhig nieder und ließ den Aufzug vorbeibrausen. Einen Augenblick dachte ich, vielleicht stehst du jetzt vor der Lösung des Rätsels. Die Leute kamen dicht an mir vorbei, und ich sah, daß sie mit Heugabeln bewaffnet waren, und aus ihren Reden konnte ich entnehmen, daß sie jemand suchten. Ich sah, daß es die Dienstleute deines Hofes waren. Kurze Zeit darauf schlichen sich noch ein paar vorbei. Ich meinte fest und sicher, du hättest nicht Geduld genug gehabt zu warten, und die Leute seien ausgeschickt, mich zu suchen. »Was!« dachte ich. »Sollte mein Freund, der Tigerjäger Ivar Rye, nicht einmal mehr so viel Kaltblütigkeit haben?« Ich blieb ruhig liegen, bis die Leute wieder heimgegangen waren. Und dann wartete ich noch eine Weile, denn ich wollte dich dadurch strafen, daß ich erst genau zur angegebenen Zeit zurückkam. Nun sehe ich indessen, daß ich mich geirrt habe. Die Jagd hat einen andern Zweck gehabt. Kannst du mir vergeben?« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Krag an das zertrümmerte Fenster, um es genauer zu untersuchen. Er berührte die Glassplitter unendlich sorgsam, beinahe zärtlich, als ob er bange wäre, eines von den kleinen Dingern aus ihrer Lage zu bringen. Dann nahm er einige von den losen Fensterrähmchen in die Hand und betrachtete sie aufmerksam. »Ein gewaltiger Schlag!« murmelte er. »Ja, es sieht aus, als ob das Fenster mit einer Keule eingeschlagen worden wäre.« Asbjörn Krag nickte. »Keule, ja. Oder irgend etwas Aehnliches.« Plötzlich fiel ihm etwas auf. »Komme doch einmal mit der Lampe«, bat er. Der Verwalter brachte ihm die Lampe. Asbjörn Krag untersuchte das Fenster mit seiner Lupe und murmelte vor sich hin: »Natürlich, das hatte ich ja wissen können!« Er nahm vorsichtig ein paar von den Glassplittern auf und wickelte sie in ein Stück Papier. Dieses Päckchen legte er in seine Brieftasche. »Was hast du gefunden?« fragte der Rittmeister. »Etwas, was ich sofort hätte wissen können, daß ich es hier finden würde.« Er führte den Rittmeister ans Fenster hin und deutete mit dem Finger an eine Stelle. »Siehst du da die kleinen dunkelroten Pünktchen?« Der Rittmeister fuhr zusammen. »Das ist Blut«, sagte Asbjörn Krag gelassen. »Dann hat er also das Fenster mit der Hand eingeschlagen!« rief der Rittmeister. Asbjörn Krag lächelte. »Meinst du wirklich, dabei wäre nicht mehr Blut geflossen? Versuch es doch einmal, und schlage das andere Fenster ein, so daß die Rähmchen geknickt werden, und sieh dir dann einmal deine Hand an.« Der Rittmeister schüttelte den Kopf. »Das begreife ich nicht«, sagte er. Wieder lächelte der Detektiv. »Wir wollen aber dennoch einmal den Gedanken festhalten, daß das Fenster mit einer geballten Hand eingeschlagen sein könnte«, sagte er. »Aber wer ist der Täter?« »Darüber bin ich vollständig im reinen.« »Wer, im Himmels Namen?« Asbjörn Krag machte eine Handbewegung übers Feld hin. Der Rittmeister schauderte, und die Dienstleute, die sich allmählich ins Zimmer gedrängt hatten, drückten sich unwillkürlich eng aneinander. »Das geheimnisvolle Wesen von da draußen«, antwortete Krag. »Der Mörder?« fragte der Rittmeister. »Ja.« »Aber was wollte er? Wollte er ins Zimmer eindringen?« »Nein.« »Nicht? Was in aller Welt wollte er dann?« »Wer weiß?« sagte Asbjörn Krag lächelnd. »Wer will wissen, was sich im Gehirn solch eines Wesens regt?« Er wandte sich an den Verwalter. »Sie haben nichts Auffallendes in der Nähe des Hauses im Laufe des Abends bemerkt?« »Nein, nichts außer dem da.« »Und auch niemand von Ihren Leuten hat draußen irgend etwas wahrgenommen?« »Nein, sie haben ja nicht einmal Sie bemerkt, Herr Detektiv.« »Es ist gut. Lassen Sie mich jetzt mit dem Herrn Rittmeister allein.« »Können wir zu Bett gehen?« Asbjörn Krag schüttelte energisch den Kopf. »Keineswegs. Nicht nur Sie, auch die Leute müssen aufbleiben.« »Müssen wir vielleicht eine neue Nachforschung vornehmen?« »Ja, haltet nur die Laternen bereit.« »Müssen wir wieder hinaus aufs Feld?« »Nein.« »Dann geht's vielleicht noch weiter fort?« »Nein, wir wollen unsere Nachforschungen innerhalb des Hofes anstellen.« »Meinen Sie denn, das geheimnisvolle Wesen sei hier auf dem Hofe zu finden?« fragte der Verwalter, und Entsetzen malte sich auf seinem Gesicht. »Ja«, antwortete Krag. »Aber gehen Sie jetzt.« Langsam entfernten sich die Leute. Mit großer Vorsicht machten sie die Tür auf. Es war, als ob sie sich vor etwas fürchteten, das draußen sein könnte. Als Krag und der Rittmeister endlich allein waren, sagte der Detektiv: »So, lieber Freund, wir wollen jetzt schnell zur Sache kommen. Ich habe mit Dagny Holger gesprochen!« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Eine Wendung Der Rittmeister fuhr zusammen. »Du hast sie heute abend gesprochen?« fragte er. »Ja, vor zwei Stunden.« Der Rittmeister blickte seinen Freund forschend an. »Hat sie dir etwas mitgeteilt?« »Ja, sie hat mir mitgeteilt, was sie wußte, zufällig wußte ich aber mehr als sie. Ich ging zu ihr mit der festen Absicht, sie nun endlich zum Sprechen zu bewegen. Ich hatte sie schon früher darum gebeten, aber sie war mir immer ausgewichen. Armes Mädchen! Sie hat eine entsetzliche Zeit zu durchleben.« Der Rittmeister ging aufgeregt im Zimmer hin und her. »Und mir hat sie nichts gesagt!« murmelte er. »Nein, und das einzig und allein aus Rücksicht auf dich, den sie geliebt hat und noch liebt. Die Ereignisse haben sie zur Verzweiflung gebracht, und sie hat sehr schweren Herzens mit dir gebrochen. Wenn sie sich von dem alten Obersten hätte raten lassen, so wäre die Verlobung nicht aufgehoben worden, aber das Mädchen selbst wollte es so.« »Sie selbst?« rief der Rittmeister und sperrte die Augen weit auf. »Ja, sie selbst, und zwar aus Rücksicht auf deine Ehre.« Der Rittmeister setzte sich seinem Freunde gegenüber. Es war deutlich zu sehen, wie schwer er mit seiner Bewegung zu kämpfen hatte. »Die Sache wird immer rätselhafter«, sagte er. »Aber nun weißt du also alles, und nun werde auch ich alles erfahren. Die Tür ist verschlossen. Du kommst nicht eher hinaus, bis du mir alles erzählt hast.« Asbjörn Krag lächelte und deutete auf das zerbrochene Fenster. »Du bist grausam und spannst mich auf die Folter.« »Durchaus nicht. Gib mir eine Zigarre.« Der Rittmeister holte eine Kiste Zigarren. Krag wählte eine aus und zündete sie an. Der Rittmeister krümmte sich förmlich unter des Freundes sicherer Gelassenheit. »Weißt du jetzt, wer der Mörder ist?« »Ja.« »Und er ist immer noch auf freiem Fuße?« »Ja, das kann man wohl sagen.« Der Rittmeister schaute seinen Freund an. »Das kann man wohl sagen? Ich verstehe dich nicht.« Aber Asbjörn Krag ließ sich nicht aus seiner unerschütterlichen Ruhe bringen. Er nickte bloß und wiederholte: »Gewiß, man kann wohl sagen, daß der Kerl auf freiem Fuße sei.« »Und noch immer ebenso gefährlich?« »Durchaus ebenso gefährlich.« »Aber warum in aller Welt bietest du dann nicht alle vorhandenen Männer auf, um ihn zu fangen?« »Das ist in diesem Augenblick nicht notwendig«, erwiderte Krag. »Aber wenn ich es angebracht finde, den Kerl zu überführen, kostet es mich nur einige Schritte und ein einziges Wort, ihn zu fangen.« »Er ist also hier in der Nähe?« »In unserer nächsten Nähe.« Erschreckt schaute der Rittmeister den Detektiv an. »Du hast doch nicht einen von meinen Leuten im Verdacht?« fragte er. »Du sollst alles erfahren, wenn ich einmal so weit bin. Vorerst müssen wir ein wenig von Rechtsanwalt Bomann reden. Du bist doch auch überzeugt, daß er ein Schuft gewesen ist?« »Ja, das habe ich begriffen.« »Er hat den Lohn für seine Taten erhalten. Er ist es gewesen, der Dagny so bedroht hat, daß sie ihre Verlobung mit dir löste.« »Großer Gott! Wenn ich das gewußt hätte!« rief der Rittmeister und ballte die Hände. »Sie hat ihn also gekannt?« »Sie hatte ihn niemals gesehen, ehe er hier in der Gegend auftauchte.« »Aber wie ging es dann zu, daß ...« Asbjörn streifte die Asche von seiner Zigarre. »Lieber Freund«, sagte er, »du weißt, daß es gewisse lichtscheue Wesen gibt, welche mit Mitteln arbeiten, die ehrliche Menschen nicht benützen können, ohne sich aufs gemeinste besudelt zu fühlen. Er war im Besitz einiger Dokumente, und auf Grund dieser Dokumente zwang er Dagny Holger gegen ihres Vaters Willen und gegen ihre eigene starke Neigung zu handeln. Sie war in seiner Macht.« Der Rittmeister wurde blaß wie der Tod. »Ein wahres Glück, daß der Mann tot ist«, sagte er. Asbjörn Krag sah seinem Freund forschend ins Gesicht und fuhr dann ebenso gelassen wie vorher fort: »Am selben Abend, wo der Rechtsanwalt starb, befand sich Dagny Holger in seiner Stube. Nein, sei ganz ruhig, lieber Freund, sie war allein dort. Sie hatte einen Zeitpunkt getroffen, wo er ausgegangen war, und bahnte sich dann den Weg in seine Stube. Ich wähle mit Absicht den Ausdruck sie bahnte sich den Weg! Du kannst daraus entnehmen, zu welchem Grad von Verzweiflung das junge Mädchen gebracht war. Es war ihre Absicht, die gefährlichen Dokumente zu stehlen, die der Rechtsanwalt in seinem Besitz hatte. Aber sie konnte sie nicht finden und mußte sich unverrichteter Sache davon schleichen.« »Hat sie dir das alles erzählt?« »Nein«, erwiderte Krag. »Aber ich fand in Bomanns Zimmer einen Ring, der ihr während des Suchens vom Finger geglitten war. Den nahm ich heimlich an mich und zeigte ihn ihr später. Es war ihr Ring. Vielleicht kennst du ihn auch.« Der Detektiv legte einen schmalen Ring mit einer Perle auf den Tisch. Der Rittmeister griff danach und ein schmerzlicher Zug glitt über sein Gesicht. »Vor einem Vierteljahr an einem herrlichen Wintermorgen habe ich ihr diesen Ring geschenkt«, flüsterte er vor sich hin. »Aber die Dokumente!« fuhr er dann aus. »Was ist aus den Dokumenten geworden?« »Die waren, wie gesagt, nicht in der Wohnung zu finden. Wenn ein Schuft im Besitz von solch wichtigen Papieren ist, dann trägt er sie womöglich immer bei sich. Als seine Leiche gefunden wurde, fand ich auch die Papiere.« »Zeige sie mir!« flehte der Rittmeister erregt. »Nein«, erwiderte der Detektiv. »Die Papiere gehören Dagny. Sie hat sie von mir ausgehändigt bekommen, und ich nehme an, daß sie sie sofort verbrannt hat.« »Und durch diese Papiere ist also das Geheimnis enthüllt worden?« »Zum Teil wenigstens«, antwortete Krag. »Durch diese Papiere habe ich ergründet, warum es Dagny für unmöglich hielt, sich mit dir zu verheiraten. Ich kann dir aber nur so viel sagen, daß sie um keinen Preis den andern, den Schurken geheiratet hätte.« »War davon wirklich die Rede?« »Ich vermute, daß der Rechtsanwalt darüber mit dem alten Holger reden wollte, als er ihm den beinahe drohenden Brief schrieb und ihn zu einer Zusammenkunft aufforderte. Ich nehme jedoch an, daß der Rechtsanwalt gar nicht dazu kam, mit dem alten Holger zu reden. Wahrscheinlich war er zur gegebenen Zeit zur Stelle, aber schon vorher hatte den alten Obersten der gefährliche Schlag getroffen.« »Er war also schon vorher von dem Mörder überfallen worden?« »Ja, von demselben, der später den Schurken selbst erschlagen hat. Das Schicksal wollte, daß dieser den Lohn für seine Taten ernten sollte.« »Und der Mörder?« fragte der Rittmeister. »In welchem Zusammenhang steht er mit Dagny und der ganzen Geschichte?« Asbjörn Krag sperrte in geheucheltem Erstaunen die Augen weit auf. »In gar keinem«, sagte er. »Dadurch gerade wurde die Sache so sonderbar und war schwierig zu ergründen. Hier handelt es sich nicht um eine einzige Sache, sondern um zwei. Die sind ganz verschieden und haben nichts miteinander zu tun, haben sich aber in sonderbarer Weise ineinander verwickelt. Bisher hatte ich mich selbst gefragt: Wer hat den alten Obersten überfallen, und welche Absicht hatte er dabei? Ich habe versucht, diese Frage auf Grund der vorliegenden Umstände zu beantworten, kam aber zu keinem befriedigenden Resultat. Die andern, die sich dieselbe Frage vorgelegt hatten, kamen zu dem Schluß, du seiest der einzige, der ein Interesse an des alten Mannes Tod haben könne. Ich, der die ganze Zeit über von der Voraussetzung ausgegangen war, daß du dir nichts vorzuwerfen hättest, begegnete diesem Verdacht mit den Enthüllungen über den Brief des Rechtsanwalts und sein ganzes drohendes Auftreten. Auf diese Weise lenkte ich den Verdacht in eine andere Bahn. Aber dann wurde der Rechtsanwalt ermordet, und damit warst du wirklich rettungslos verloren. Wer sonst als du sollte irgendein Interesse daran gehabt haben, ihn aus dem Weg zu räumen? So kam ich auf den Gedanken, die beiden Fälle einmal vollständig auseinander zu halten. Wenn man annimmt, daß die beiden Morde nichts mit der Verlobung und mit den Drohungen des Rechtsanwalts zu tun haben, dann wird das Ganze viel durchsichtiger und erklärlicher.« »Die beiden Morde!« stieß der Rittmeister hervor. »So ist Dagnys Vater seiner Verletzung erlegen?« »Dagnys Vater?« fragte der Detektiv. »Der, den du meinst, ist am Leben und befindet sich, wie ich erfuhr, auf dem Wege der Besserung.« »Der, den du meinst?« wiederholte Rye. »Was soll das heißen?« »Er ist gar nicht ihr Vater«, antwortete Krag. Vierundzwanzigstes Kapitel. Das letzte Glied der Kette Asbjörn Krags überraschende Erklärung, die er ruhig und gelassen vortrug, schien den Rittmeister vollständig zu lähmen. »Nicht ihr Vater!« stammelte er und sank in seinen Lehnstuhl zurück. »Dagny ist nicht Oberst Holgers Tochter?« »Nein«, antwortete der Detektiv. »Sie ist nicht seine Tochter.« »Das kann ich nicht begreifen!« rief der Rittmeister und stützte den Kopf in die Hand. »Jetzt stürzt alles um mich zusammen. Treibst du auch keinen Scherz mit mir?« »Wie kannst du so etwas denken?« rief der Detektiv. »Ich habe mich nur entschlossen, daß du heute nacht noch alles erfahren sollst. Du selbst kannst wählen, ob wir uns zuerst auf die Jagd nach dem Mörder machen sollen. Das ist das eine Drama. Oder ob du zuerst die Wahrheit über Fräulein Dagny Holger erfahren willst. Das ist das andere Drama. Und diese beiden Dramen stehen sonderbarerweise tatsächlich in keinerlei Zusammenhang. Und doch haben der Zufall, die Zeit und die Menschen diese zwei Angelegenheiten untereinander gebracht und ein großes Rätsel daraus gemacht. Und jetzt ist das Rätsel gelöst.« »Erzähle mir zuerst von Dagny!« bat der Rittmeister. Er war sehr blaß geworden, und seine zitternden Lippen verrieten die tiefe Bewegung, in der er sich befand. Die Spannung der letzten Stunden hatte seine gewohnte Ruhe vollständig erschüttert. »Wie ich dir bereits gesagt habe, ist Oberst Holger nicht Dagnys Vater«, fing Asbjörn Krag an. »Hat sie das die ganze Zeit über gewußt?« »Nein, sie hat bis vor wenigen Wochen geglaubt, Holger sei ihr Vater. Sie hatte auch gar keinen Grund, etwas anderes anzunehmen. Wie du weißt, ist Holger Witwer: seine Frau ist vor achtzehn Jahren gestorben. Dagny ist jetzt zwanzig Jahre alt, und so war es selbstverständlich, daß sie sich an ihre Mutter nicht mehr erinnern konnte. Holger nahm das Kind zu sich, als es wenig über ein halbes Jahr alt war. Damals lebte er in Deutschland. Die Jahre vergingen, und der vorzügliche Pflegevater bewahrte das Geheimnis: wahrscheinlich dachte er, er könne es mit ins Grab nehmen. Aber da tauchte eines schönen Tages der Schuft, der Rechtsanwalt Bomann, auf mit einem Bündel Briefe. An jenem Tage begann das Trauerspiel. Lieber Freund, ich sehe, du möchtest etwas fragen.« »Ich verstehe nur nicht, warum diese Tatsache so ängstlich verborgen werden mußte. Warum sollte der Oberst sie nicht als seine Pflegetochter anerkennen?« »Unter gewöhnlichen Umständen hätte er das wohl auch von Anfang an getan. Aber es liegen hier besondere Umstände vor, die den Hintergrund für die Tragödie bilden.« »Warum hat er sie überhaupt zu sich genommen?« »Weil sie die Tochter seines besten Spielkameraden und Jugendfreundes war.« »Schön. Aber dies erklärt doch weiter gar nichts.« »Dieser Mann lebt noch«, sagte Krag gewichtig. Der Rittmeister stand auf und ging gedankenvoll auf und ab. Er fing an, den Zusammenhang der Dinge zu ahnen. »Dieser Mann lebt also noch?« sagte er. »Wie heißt er?« »Das bin ich nicht verpflichtet, dir zu sagen, um so mehr, als er nach den neuesten Nachrichten kaum mehr lange leben wird.« »Wo lebt er?« »In Deutschland.« Der Rittmeister ging zu dem Detektiv hin, sah ihm fest ins Gesicht und sagte: »Ich bin stark genug, alles zu hören.« »Ich sehe, du hast erraten, um was es sich handelt.« »Dagnys Vater hat also sein Kind seither nicht mehr gesehen?« »Nein, seit achtzehn Jahren nicht. Er selbst wollte es so.« »Und ihre Mutter?« »Sie ist gestorben.« Nun entstand eine Pause, eine unheimliche Pause. Die beiden Männer schauten einander ins Gesicht. »Bei demselben Anlaß?« fragte der Rittmeister. »Ja.« »Hat er sie umgebracht?« »Ja.« »Großer Gott! Weshalb?« Asbjörn Krag zuckte die Achseln. »Wer weiß?« sagte er. »Es war ein fürchterliches Drama. Der Mann, Dagnys Vater, wurde zum Tode verurteilt, nachher aber zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt. Jetzt liegt er auf dem Totenbette. Aber ehe er lebendig ins Grab ging, trat sein Jugendfreund Holger auf und erleichterte die Last seines Kummers dadurch, daß er das Kind zu sich nahm. Er gelobte seinem Freunde, es als seine eigene Tochter zu erziehen und keinem Menschen von dem entsetzlichen Drama zu erzählen, das sich abgespielt hatte. Der unglückliche Vater dachte wohl, wenn Holger seine Tochter gerichtlich adoptierte, so werde sie doch, wenn sie erwachsen sei, zu wissen verlangen, wer ihre Eltern waren, und dann könne sie nicht hinters Licht geführt werden. Damit kein solch schwarzer Schatten auf die Jugend des unglücklichen jungen Mädchens falle, hat er verlangt, daß es so gemacht werde, wie es gemacht worden ist, und Holger gab sein Wort, das Geheimnis zu bewahren. Aber nun taucht plötzlich dieser Schuft mit seinen Dokumenten auf. Er war der Sohn eines Sachwalters, mit dem der unglückliche Mann geschäftlich zu tun hatte. Dadurch ist es Bomann gelungen, seine Finger in die Geschichte zu stecken. Er war der Typus eines gewissenlosen Spekulanten und Jobbers. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß er seinerzeit wegen einer skandalösen Wechselgeschichte nach Amerika flüchten mußte. Nach dem Tode seines Vaters kam er wieder zurück. Aber dort, im Lande der großen Möglichkeiten, hat er wahrscheinlich gelernt, welcher Nutzen sich aus solch einer Sammlung von Dokumenten ziehen läßt, die das Wohl und Wehe einer ganzen Familie betreffen. »Daß ein solcher Schuft nicht hinter Schloß und Riegel gesetzt werden kann wie jeder andere Betrüger!« »Dazu ist es jetzt jedenfalls zu spät«, meinte der Detektiv. »Im Leben trat er sehr geschmeidig auf. Er band sich die Maske der Gewissenhaftigkeit und Gesetzlichkeit vor und fing seine Verhandlungen mit dem Obersten damit an, zu behaupten, nachdem er einmal in den Besitz dieser Papiere gelangt sei, verlange es die Pflicht und seine eigene Sicherheit, sie dem Gericht vorzulegen. So war die Kugel ins Rollen gebracht, der Mann wurde immer dreister in seinem Auftreten, und ich habe ihn stark im Verdacht, daß er die Heirat mit Dagny anstrebte, um sich dadurch die verlorene gesellschaftliche Stellung wiederzugewinnen. Oberst Holger hat einen Fehler gemacht Er hätte sich selbstverständlich sofort an dich wenden müssen. Aber er mißdeutete dein schweigsames und strenges Wesen und meinte, den Geboten seines Gewinns zu gehorchen, wenn er der Tochter alles erzählte. Das tat er eines Vormittags, und nun weißt du die Ursache ihres plötzlich veränderten Wesens. Das Resultat ihrer Ueberlegungen war, daß vorläufig einmal die Verlobung mit dir rückgängig gemacht werden müsse, jedenfalls bis sich die Sache auf die eine oder andere Weise geklärt habe. Nun glaube ich bestimmt, daß es eigentlich gar nicht so schwer gewesen wäre, die Angelegenheit zu ordnen. Aber da kamen die beiden Ueberfälle. Lieber Freund, kannst du ihr vergeben, daß sie dich einen Augenblick – nur einen einzigen Augenblick – wegen des Ueberfalles auf Bomann im Verdacht gehabt hat?« »Ich vergebe ihr alles!« erwiderte der Rittmeister. »Sie muß entsetzlich gelitten haben.« »Ja. sie hat sehr viel gelitten«, sagte Krag. »Aber sie ist jetzt gefaßter, nachdem ich zuletzt mit ihr gesprochen und ihr auseinandergesetzt habe, daß die beiden Ueberfälle nichts mit der anderen Angelegenheit zu tun haben.« »Ja, die beiden Ueberfälle!« bemerkte der Rittmeister. »Die werden nach dem, was du mir gesagt hast, immer rätselhafter. Nun sehe ich überhaupt keine Lösung mehr.« Asbjörn Krag schaute auf die Uhr. »Nachdem ich dich mit diesen Auseinandersetzungen so lange aufgehalten habe, erlaubst du wohl, daß ich noch einige Minuten warte, ehe ich dir den Mörder zeige«, sagte er. »Warum nicht gleich? Bist du so sicher, daß er nicht flüchtet?« »Er flüchtet nicht«, erwiderte Krag. »Worauf wartest du denn noch?« »Ich warte auf einen Expreßboten vom Bahnhof. Wie du weißt, kommt um halb zwei Uhr ein Schnellzug hier durch. Er hält zwar für gewöhnlich hier nicht, ich habe aber verlangt, daß er diesmal halten soll.« »Wer kommt mit dem Zug?« »Ein Beamter von der Detektivabteilung in Oslo.« »Was will er?« fragte der Rittmeister. »Dir bei der Verhaftung des Mörders beistehen?« »Durchaus nicht«, antwortete Krag. »Er soll mir nur ein Dokument überbringen. Und dieses Dokument ist das letzte Glied in der Kette.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Jetzt kommt er Der Rittmeister war von Asbjörn Krags Auseinandersetzungen ganz wirr im Kopf; aber so viel sah er doch ein, daß seine Sache nicht mehr so völlig hoffnungslos war. Wieder sah der Detektiv auf die Uhr. »Der Zug ist vor fünfundzwanzig Minuten eingefahren«, sagte er. »Wir können den Mann jetzt jeden Augenblick erwarten.« Er trat an das zerschmetterte Fenster und horchte. Aus der Ferne klang Räderrollen. »Wenn ich mich nicht irre, so kommt er eben.« Der Rittmeister war jetzt ebenfalls sehr gespannt und stellte sich neben seinen Freund ans Fenster. »Fürchtest du nichts, wenn du hier so im hellen Lichte stehst?« fragte er. »Was meinst du?« entgegnete der Detektiv. »Wir sind doch beide von draußen ganz deutlich sichtbar.« »Das ist richtig«, erwiderte Krag. »Wenn dort draußen jetzt ein Todfeind von uns stünde, so wären wir für ihn ein prächtiges Ziel« Der Rittmeister schauderte. »Entweder bist du verwegen dreist, oder du hältst alle Fäden in der Hand«, sagte er. »Du hast doch soeben gesagt, daß sich dieser geheimnisvolle Mörder ums Haus herumtreibe.« »Das habe ich nicht gesagt.« »Aber, du wartest doch nur auf den Beamten, um ihn zu verhaften.« »Das habe ich auch nicht gesagt«, widersprach Krag. »Ich habe nur gesagt, wenn der Beamte hier sei, dann wolle ich dir den Mörder zeigen.« »Und er ist in unserer Nähe.« »Ja, er ist in unserer Nähe.« Der Rittmeister starrte in die Finsternis hinaus und schauderte abermals. Das Räderrollen kam immer näher. »Der hat es eilig«, bemerkte der Rittmeister. »Ich kann hören, wie er das Pferd antreibt.« Gleich darauf konnten sie aus der Straße unter den Rädern des Wagens die Funken aufstieben sehen, und im nächsten Augenblick schwenkte der Wagen in den Hof. Eine mit einem Mantel bekleidete Gestalt stieg aus. Asbjörn Krag und der Rittmeister gingen hinaus und nahmen den Beamten in Empfang. Das Pferd war schweißbedeckt. Asbjörn Krag drückte dem jungen Manne die Hand, schaute auf die Uhr und sagte: »Das ist ausgezeichnet! Sie kommen fünf Minuten eher, als ich berechnet hatte.« Krag stellte den Angekommenen als Polizeibeamten Bränne von der Detektivabteilung in Oslo vor und forderte ihn dann auf, ins Haus zu kommen. Gespannt blickte der Rittmeister auf eine Dokumentenmappe, die der Mann unter dem Arme trug. »Alles in Ordnung?« fragte Krag. »Ich glaube, ja«, erwiderte der Beamte. »Jedenfalls war Ihre Vermutung richtig. Der Direktor ...« Der Detektiv wehrte mit der Hand ab. »Noch nicht!« sagte er. »Lassen Sie mich erst die Papiere sehen.« Der Beamte überreichte ihm die Dokumentenmappe. Krag nahm ein Schriftstück heraus. Der Rittmeister warf zufällig einen Blick darauf. »Das kommt mir so bekannt vor«, sagte er halblaut. »Ich erinnere mich nur nicht genau ...« Asbjörn Krag steckte das Dokument wieder in die Mappe und nickte befriedigt. »Alles in Ordnung!« sagte er. »Jetzt wollen wir hinausgehen und uns den Mörder betrachten.« Der Rittmeister griff wieder nach seinem Revolver; allein zu seinem Erstaunen bemerkte er, daß der Detektiv gerade das Gegenteil tat: er legte seinen Revolver auf den Tisch. »Den brauche ich nicht«, sagte er. »Einem Mörder gegenüber brauchst du keinen Revolver?« »Nein.« »Aber der ermordete Rechtsanwalt und der halbtot geschlagene Oberst lassen doch darauf schließen, daß er gefährlich ist.« »Du irrst dich«, erwiderte Krag. »Dies ist für gewöhnlich der friedlichste und ungefährlichste Mörder, mit dem ich je zu tun gehabt habe. Bitte, rufe deine Leute.« Der Rittmeister rief nach dem Verwalter, der sofort gelaufen kam. Der Mann war immer noch sehr blaß. Hinter ihm tauchten mehrere der Leute auf. »Wohin sollen wir gehen?« fragte der Rittmeister. »Vorerst einmal durchs Haus«, erwiderte Krag. »Geh du voran, lieber Freund.« »Durch alle Zimmer?« »Ja, durch alle Zimmer.« Der Rittmeister ging voran, Asbjörn Krag, der Beamte und der Verwalter folgten nach. Krag betrachtete neugierig die Einrichtung, untersuchte hier und da ein Fenster und sah von Zeit zu Zeit nach der Uhr. Man bekam den Eindruck, daß er eine bestimmte Zeit abwarte, und daß diese Wanderung nur in Szene gesetzt sei, um die Zeit zu vertreiben. Gespannt sahen ihn die anderen an. Zuerst ging's durch alle Zimmer des Erdgeschosses und dann durch die des ersten Stocks, in dem sich auch die Gastzimmer befanden. Der Rittmeister ergriff die Gelegenheit, zu bemerken, daß für den Beamten ein Zimmer in Ordnung gebracht werden solle. »Das ist nicht nötig«, sagte Krag. »Jetzt ist es drei Uhr und in zwei und einer halben Stunde kommt der Schnellzug nach Oslo hier durch. Ich denke, wir werden so fertig, daß Brünne und ich mit diesem Zuge abreisen können.« »Mit dem Mörder?« Aber da lächelte Krag nur. »Nein«, sagte er. »Der Mörder soll hierbleiben!« »Wie? Was meinst du denn? Ich habe keine feste Zelle auf meinem Hof, in die man einen solchen Kerl sicher einsperren könnte.« »Ach was, er hat vielleicht gar keine so große Lust, durchzugehen, wie du meinst«, erwiderte Krag. »Und wenn du ihn nicht in deinen Zimmern haben willst, dann kannst du ihn ja anderswo unterbringen.« »Wo? Vielleicht in der Heuscheune?« »Ja, oder im Stall. Wir wollen uns diese Lokalitäten einmal anschauen.« Sie hatten nun das Hauptgebäude von oben bis unten durchschritten, und Asbjörn Krag hatte dabei seine Beobachtungen gemacht. Die Spannung der andern stieg von Minute zu Minute, aber Krag schien immer gelassener zu werden. Nun gingen sie über den Hof. Beim Brunnen blieb Asbjörn einen Augenblick stehen und starrte in das schwarze Wasser hinein. »Wo ist die Heuscheune?« fragte er. Der Verwalter zeigte den Weg und machte die Tür auf. Der Detektiv schaute hinein. Er stand unter der offenen Tür, ohne sich um irgendeine Deckung zu kümmern; der Verwalter jedoch und auch der Rittmeister hielten sich vorsichtig etwas zurück. Es war ja möglich, daß der Mörder drinnen war, und im Schein der mitgebrachten Laternen bot ein Mensch unter der offenen Tür ein deutlich zu erkennendes Ziel. Krag betrat die Scheune nicht. Er warf nur einen Blick hinein und forderte dann den Verwalter auf, die Tür wieder zu schließen. »Nun kommen wir an den Viehstall!« sagte er und rieb sich vergnügt die Hände. Die Herren gingen nun also durch den Viehstall, und Krag zeigte ein auffallendes Interesse und wollte alles genau besehen. Die Kühe rasselten unruhig mit ihren Ketten. Sie waren nicht gewöhnt, mitten in der Nacht gestört zu werden. Nachdem der Viehstall besichtigt war, verlangte Krag auch noch die Pferdeställe zu sehen. Des Rittmeisters vorzügliche Pferde weckten Krags größtes Interesse, und er betrachtete sie einzeln ganz genau. Endlich war diese sonderbare Untersuchung beendigt, und als die Herren wieder draußen aus dem Hofe standen, rief der Rittmeister: »Aber wo bleibt denn der Mörder?« »Jetzt kommt er«, erwiderte Krag. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Bei Tagesgrauen »Hast du den Mörder gefunden?« fragte der Rittmeister. Er war erstaunt und ungeduldig wegen Asbjörn Krags sonderbarem Auftreten. »Ja, ich habe den Mörder gefunden«, antwortete Krag. »Ich habe ihn gesehen.« »Vielleicht auch mit ihm gesprochen?« fragte der Verwalter lächelnd. »Nein, gesprochen habe ich nicht mit ihm.« »Wo ist er denn?« Asbjörn Krag machte eine großartige Handbewegung, die alle Gebäude auf dem Hofe umfaßte, sagte aber nichts. Das konnte ebensogut bedeuten, der Mörder sei im Wohnhaus oder im Stall. Der Rittmeister wandte sich halb verzweifelt an den jungen Beamten aus Oslo und fragte: »Können Sie das begreifen?« Der junge Beamte hatte sich seither aus Bescheidenheit im Hintergrunde gehalten und kein Wort gesprochen. Er nickte. »Wenn hier ein Mensch totgeschlagen worden ist, dann weiß ich, wer es getan hat«, sagte er. »Wirklich?« fragte der Verwalter. »Aber Sie haben von den Vorgängen hier doch nicht halb so viel gesehen als wir, und uns ist die ganze Sache ein Rätsel.« Der Beamte deutete auf die Dokumentenmappe, die er immer noch unter dem Arme trug. »Aber ich habe diese Schriftstücke gelesen«, sagte er. Der Rittmeister schüttelte bloß den Kopf. Er verstand gar nichts mehr. Asbjörn Krag ging eine Weile auf und ab. Dann sah er nach dem östlichen Himmel, von wo ein schwacher goldener Schimmer über die Baumwipfel drang. Der Tag begann zu grauen. »Löscht die Laternen aus!« befahl er. »Es ist hell genug.« Die Laternen wurden ausgelöscht, und in der Dämmerung sahen die Menschen aus wie graue Schatten. »Es ist noch ein wenig zu früh«, sagte der Detektiv. »Wir müssen warten, bis es heller geworden ist. Lieber Freund, meinst du nicht, es könnte gegen Morgen Regenwetter geben?« wandte er sich an den Rittmeister. Der Rittmeister sah seinen Freund verwundert an. »Das glaube ich nicht«, sagte er. »Aber die Felder sind schon ganz naß, und die Luft ist feucht.« »Das ist der Tau.« Asbjörn Krag lächelte. »Ich glaube dennoch, daß Regen kommt«, sagte er. »Und ich kann es nicht ertragen, naß zu werden, lieber Freund. Ich bin vorher schon erkältet genug.« »Du kannst ja ins Haus gehen, dort ist es warm.« »Was du denkst, ich will den Mörder doch auch sehen!« »Kommt er vielleicht hier des Weges daher?« »Ja, er kommt bald. Aber du mußt mir noch einmal deinen Gummimantel leihen. Ich will mich nicht auch noch einer Erkältung aussetzen.« Der Rittmeister machte seinem Verwalter ein Zeichen, und dieser ging ins Haus und holte den Regenmantel. Asbjörn Krag zog ihn gelassen an. Es war nirgends ein Zeichen, daß Regenwetter im Anzug sei, aber der Detektiv schnupperte trotzdem in der Luft wie ein Jagdhund und sagte vor sich hin: »Ich weiß gewiß, daß Regenwetter kommt, ich weiß es ganz gewiß!« Der Rittmeister fing nun an zu begreifen, daß Asbjörn Krag einen bestimmten Zweck dabei hatte, sich diesen Regenmantel anzuziehen. Der junge Beamte hatte, da er sich auf einige Augenblicke entfernte, dem Vorgang nicht beigewohnt. Als er zurückkam, machte ihm Asbjörn Krag ein Zeichen und fragte: »Ist das so ähnlich?« »Nach der Beschreibung vollkommen«, antwortete dieser. »Ich begreife nur nicht, wo Sie ihn so rasch hernehmen.« Krag deutete auf den Rittmeister und sagte: »Es ist sein Mantel.« Der Rittmeister nickte. Es war ihm klar, daß die beiden Polizeibeamten zusammen eine Komödie aufführten, aber daneben hatte er das Gefühl, daß das große Rätsel vor seiner Lösung stehe, und er tat keine Frage, um keine Zeit zu verlieren. Und nun rückte Krag mit einem Vorschlag heraus, der seinen Freund, den Rittmeister, und dessen Leute aufs höchste verblüffte. Es waren jetzt auf dem Hofe acht bis zehn Mann versammelt, Krag, der Rittmeister, der Verwalter, der Polizeibeamte und einige von des Rittmeisters Dienstleuten. Diese standen neben dem großen Haupteingang. Der Rittmeister stand fröstelnd auf der untersten Stufe der Freitreppe und hatte seinen Rock zugeknöpft. Asbjörn Krag stand mitten unter den Dienstleuten, die immer noch die ausgelöschten Laternen in den Händen hielten. Etwas weiter zurück stand der Verwalter neben dem Polizeibeamten. Asbjörn Krag hatte sich an den Rittmeister gewandt, und sein erstaunlicher Vorschlag lautete: »Lieber Freund, ich habe Lust, einen Ritt zu unternehmen.« Der Rittmeister zog die Augenbrauen in die Höhe und sah den Detektiv verwundert an. Einer von den Dienstleuten, ein ganz junger Knecht, brach in ein schallendes Gelächter aus, das erst aufhörte, als der Verwalter den Sünder hart am Arme faßte. »Es ist kein Spaß«; sagte Krag. »Ich habe wirklich Lust, auszureiten.« »Soll ich das so verstehen, daß du gern ein Pferd haben möchtest?« fragte der Rittmeister. »Ja.« »Es dauert vielleicht noch eine Weile, bis du uns den Mörder zeigen kannst, und da möchtest du dir inzwischen die Zeit durch einen Ritt vertreiben. Verhält es sich so?« Krag schüttelte ungeduldig mit dem Kopf. »Ich könnte ja auch bange sein, der Mörder laufe mir davon, und könnte ein Mittel bei der Hand haben wollen, ihn zu verfolgen«, sagte er. »Schön, du sollst ein Pferd bekommen. Aber du hast ein komisches Reitkostüm an, einen Gummimantel. Möchtest du nicht etwas Geeigneteres?« »Durchaus nicht, der Regenmantel ist mir gut genug. Aber du hast vielleicht eine Reitpeitsche?« »Die sollst du haben. Willst du auch Sporen?« »Brauche ich nicht. Die Reitpeitsche genügt mir. Laß das Pferd vorführen.« Der Rittmeister nickte dem Stallburschen zu, der sofort lief und eine Reitpeitsche holte. Der Detektiv ließ sie durch die Luft sausen. »Die ist ganz recht«, lobte er. »Kann ich ein mutiges Pferd bekommen?« »Den Braunen!« sagte der Rittmeister zu seinem Verwalter. »Bringen Sie den Braunen, der Herr Detektiv möchte ein Pferd haben.« Asbjörn Krag hielt den Verwalter auf. »Meinst du den großen dicken Braunen, der im dritten Abteil stand?« fragte er den Rittmeister. »Ja. den meine ich.« »Habe ich denn nicht ausdrücklich um ein mutiges Pferd gebeten?« »Das Pferd ist gut genug«, meinte der Verwalter unwillig. Aber Krag schaute seinen Freund fragend an. »Kannst du gut reiten?« erkundigte sich der Rittmeister. Krag nickte. »Ich meine, ob du zum Beispiel mein neues Reitpferd ›Eva‹ meistern könntest? Bis jetzt konnte nur ich es reiten.« »Heraus mit der ›Eva‹!« rief Krag erfreut. »Die ist gerade das richtige Pferd für mich.« Der Rittmeister sah den Verwalter an. »Dürfen wir es wagen?« Aber der Verwalter zuckte nur die Achseln als wollte er sagen: »Das ist Ihre Sache.« »Dann soll er sie haben. Holen Sie die ›Eva‹, Herr Verwalter.« Der Verwalter ging auf die Ställe zu, und die andern Dienstleute gingen hinter ihm her. Krag, der Rittmeister und der Beamte aus Oslo blieben allein zurück. Asbjörn Krag schlug ungeduldig mit der Peitsche gegen seinen Gummimantel. Die Sonne war inzwischen über den Horizont heraufgestiegen, das nächtliche Dunkel war dem hellen Morgenlicht gewichen. Auf dem Bache lag der Nebel, wie der Staub über einer Landstraße. Die Luft war kalt, und der Morgenwind drang eisig durch die Kleider. Aber der Himmel war wolkenlos. Augenscheinlich sollte der Rittmeister recht behalten; der Tag blieb sicher klar und ohne Regen. Der Rittmeister wußte nicht recht, was er sagen sollte. Seiner Meinung nach hatte Krag sich sehr wunderlich betragen: aber er verließ sich auf seines Freundes Klugheit. Er dachte, der Mörder halte sich irgendwo versteckt, und Asbjörn Krag habe auf irgendwelche unerklärliche Weise das Versteck aufgespürt. Vermutlich würde der Mörder mit Tagesanbruch sein Versteck verlassen. Und nun brach eben der Tag an. Krag erwartete wohl jeden Augenblick, der Mörder werde zum Vorschein kommen und wollte zur Sicherheit ein Pferd bereit haben, damit ihm der Schuft nicht entfliehen könne. So etwa müsse die Sache zusammenhängen, dachte der Rittmeister. »Du mußt aber gut reiten können, um mit ›Eva‹ fertig zu werden«, sagte er. »So lange sie auf der Weide ist, ist sie das friedfertigste Tier von der Welt, sobald sie aber einen Menschen auf ihrem Rücken fühlt, gehört etwas dazu, sie zu halten. Weißt du, wieviel ich für sie bezahlt habe?« Asbjörn Krag kam nicht dazu, Antwort zu geben, denn nun mischte sich der junge Beamte von Oslo zum erstenmal in die Unterhaltung. »Sechstausendfünfhundert Kronen«, sagte er. Der Rittmeister sperrte erstaunt die Augen auf. »Das stimmt, aber woher wissen Sie das? Ich habe es Ihnen doch nicht erzählt?« »Nein«, erwiderte der Beamte. »Aber ich weiß es doch.« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Der rätselhafte Feind Vom Stall her erscholl Wiehern und Hufgestampf, und der Verwalter und seine Leute kamen und brachten ›Eva‹ daher. Das Pferd ließ sich gutwillig führen, aber ein unruhiges Zucken in seinen Gliedern verriet, daß es nervös war. Der Rittmeister rief es an, und es spitzte die Ohren, als es seines Herrn Stimme vernahm. »Legt den Sattel auf!« rief der Rittmeister. Der Stallknecht kam mit dem Sattel gelaufen und wollte ihn eben aufschnallen, als ihn Asbjörn Krag aufhielt mit dem Zuruf: »Nein, lassen Sie das!« »Willst du auf ungesatteltem Pferde reiten?« fragte der Rittmeister verblüfft. Der Detektiv gab keine Antwort, sondern sagte nur zu dem Stallknecht: »Tun Sie, wie ich es gesagt habe.« Der Knecht legte den Sattel auf die Erde. Plötzlich hob das Pferd den Kopf und starrte erschreckt Asbjörn Krag an, der etwa zwanzig Schritte von ihm entfernt stand. »Lassen Sie das Pferd los!« rief der Detektiv. Seine Stimme klang so befehlend, daß der Verwalter unwillkürlich das Pferd fahren ließ, das sofort stieg, und dann mit den Vorderhufen den Boden schlug. Da rief der Detektiv dem Beamten aus Oslo zu: »Beginnen Sie mit der Vorstellung!« Der Beamte warf die Dokumentenmappe weg, lief rasch zu dem Pferde hin, gab ihm einen Schlag mit der flachen Hand auf den Schenkel und rief: »En avant, Eva, en avant!« Im selben Augenblick stürzte das Pferd auf Asbjörn Krag los, stellte sich auf die Hinterbeine und würde den Detektiv niedergeschlagen haben, wenn ihm dieser nicht entschlossen einen Hieb auf die Nüstern gegeben hätte. Der Schlag war so stark, daß das Pferd unwillkürlich mit einem schmerzvollen Stöhnen zurückwich. Zitternd und mit bebenden Nüstern blieb es stehen und starrte Krag an. »En avant, Eva!« rief der Polizeibeamte wieder, und mit Schnauben stürzte das Pferd von neuem auf den Detektiv los. Aber wieder wurde es durch einen Peitschenschlag zurückgetrieben. Und nun waren die Rollen getauscht. Jetzt war es nicht mehr das Pferd, das angriff, jetzt war es Asbjörn Krag, der mit erhobener Peitsche das Tier dem Stalle zutrieb. Hier wurde es von dem Verwalter und den Stallknechten eingefangen, die sich höchst erstaunt vor der Stalltüre aufgestellt hatten. Der Rittmeister sprang herzu und faßte Asbjörn Krag am Arme. »Was in aller Welt hat das zu bedeuten!« rief er. »Das hat zu bedeuten: ›Hier steht der Mörder!‹« sprach Krag und zeigte mit einer vorstellenden Handbewegung auf ›Eva‹. »Der Mörder!« rief alles äußerst erstaunt im Chor. »Ja«, sagte Krag, »niemand anders als ›Eva‹ ist der Mörder. Ich bedauere lebhaft, daß ich ihn nicht verhaften kann, aber es fehlen uns die Strafbestimmungen gegen Pferde.« Gelassen zog Krag den Gummimantel wieder aus. »Ich glaube jetzt auch nicht mehr, daß wir Regen bekommen werden«, sagte er und deutete lächelnd an den wolkenlosen Himmel hinauf. »Du kannst deinen Regenmantel wieder haben, lieber Freund. Führen Sie das Pferd in den Stall, Herr Verwalter, die Ruhe wird ›Eva‹ gut tun auf den Schrecken.« Asbjörn Krag faßte den Rittmeister unter dem Arm und ging mit ihm in seines Freundes Arbeitszimmer. Der Polizeibeamte aus Oslo kam nach; er hatte seine Dokumentenmappe wieder vom Boden ausgehoben. Als die Herren Platz genommen hatten, sagte Asbjörn Krag zu seinem Freunde: »Du bist vielleicht ein wenig erstaunt?« »Erstaunt?« erwiderte dieser. »Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll.« Asbjörn Krag deutete auf das entzweigeschlagene Fenster. »Ich habe sofort gesehen, daß das Fenster von einem Pferde eingeschlagen sein müsse. Das Blut an den Splittern zeigte, daß ein Tier das getan hatte. Wenn ein kräftiger Mann mit der Faust den Schlag geführt hätte, so wäre bedeutend mehr Blut geflossen.« »Du willst mir doch nicht erzählen, ›Eva‹ habe ...« fing der Rittmeister an. Asbjörn Krag nickte. »Doch, ›Eva‹ ist es gewesen, die den alten Oberst Holger so schwer verletzt hat, und es ist ›Eva‹ gewesen, die den Rechtsanwalt totgeschlagen hat. Ich bedauere, lieber Freund, daß du so viel für das Pferd bezahlt hast, denn du wirst genötigt sein, es totzuschießen. Aber du wirst vermutlich den Verlust mit Fassung tragen, da sich jetzt alles für dich zum Besten wendet.« Ein beinahe unbemerkbares Beben von des Rittmeisters Lippen verriet dessen tiefe Bewegung. Mit seinen Gedanken war er aus einem Gut in der Nähe, wo ein junges Mädchen war, das sich unendlich unglücklich fühlte. »Geben Sie die Papiere her«, sagte Krag zu dem Beamten. Dieser reichte ihm die Dokumentenmappe, und Asbjörn Krag öffnete sie. »Was hat dich eigentlich auf den Gedanken gebracht, daß das Pferd der Mörder sein könnte?« fragte der Rittmeister. »Es war ein Zufall, oder richtiger gesagt, eine Reihe von zusammentreffenden Zufällen. Erstens war es ja merkwürdig, daß der Oberst und der Rechtsanwalt auf die ganz gleiche Weise verletzt worden waren. Beide wurden gejagt und eingeholt, und beide hatten einen ganz ähnlichen gelbbraunen Gummimantel wie der deine. In der Einsamkeit deines Zimmers dachte ich näher über den Zusammenhang nach, und da erinnerte ich mich, daß gerade zu der Zeit, wo du die geheime Unterredung mit Dagny hattest, der alte Oberst überfallen wurde. Du hattest dein Pferd grasen lassen, denn du wußtest ja nicht anders, als daß es auf der Weide ein friedliches Tier sei, und es muß beim Grasen bis in die Nähe jenes Orts gekommen sein, wo Holger überfallen worden ist. Ich erinnerte mich an die Verwundung des Obersten. So etwa trifft ein Pferd, wenn es mit den Vorderbeinen schlägt. Und während wir um den totgeschlagenen Rechtsanwalt herumstanden, bemerkte ich, daß dein Pferd in der Nähe weidete, und der Verwalter erzählte mir, daß diese Stelle die Pferdeweide sei. Damals hatte ich schon beinahe keine Zweifel mehr, aber um sicher zu sein, telegraphierte ich nach Oslo.« Der junge Beamte, der mit Teilnahme Asbjörn Krags Auseinandersetzung gefolgt war, nickte verständnisvoll. »Und ich machte mich gleich auf und suchte zu ergründen, wo der Herr Rittmeister das Pferd gekauft hatte«, sagte er. »Darum wußte ich auch vor einer Weile so genau, daß Sie sechstausendfünfhundert Kronen dafür bezahlt hatten.« Asbjörn Krag reichte dem Rittmeister ein Papier, das er aus der Dokumentenmappe nahm. »Dies ist der Kaufkontrakt«, sagte der Detektiv. »Kennst du ihn?« Der Rittmeister betrachtete das Schriftstück. »Jawohl«, sagte er. »Da steht ja auch meine Unterschrift.« »Und aus diesen anderen Papieren können wir ersehen, wem das Pferd vorher gehört hat«, fuhr Krag fort. »›Eva‹ ist Zirkuspferd gewesen. Das erfuhr ich gestern abend durch ein Telegramm, und nun hatte ich keinen Zweifel mehr. Und wenn ich noch einen Zweifel gehabt hätte, so wäre er gleich zerstreut worden, als ich das eingeschlagene Fenster zu sehen bekam. Das konnte nur ein Pferd und kein Mensch getan haben.« »Zirkuspferd!« rief der Rittmeister sehr erschrocken. »Davon hatte ich keine Ahnung. Derartige Tiere haben immer ihre besonderen Tücken.« »Ja, dressierte Tiere sind immer gefährlich, weil sie nie wissen, wann sie ihre Kunststücke machen sollen und wann nicht. Aus diesen Papieren ist weiter zu ersehen, daß ›Eva‹ in der Manege bei einer komischen Pantomime mitgewirkt hat, genannt ›Der Mann mit dem Regenmantel‹. Dabei hatte sie unter anderem die Aufgabe, auf die Hinterbeine zu steigen und eine mit einem Gummimantel bekleidete ausgestopfte Figur, die einen Einbrecher vorstellte, niederzuschlagen. Sie spielte überhaupt in dieser Pantomime das kluge Pferd. Leider hat sie dann später ihre Klugheit verkehrt angewendet, aber damit hatte sich das Schicksal verschworen, und das Schicksal rächt. Ich habe dir früher schon die Tragödie deiner Verlobung erklärt. Jetzt steht nichts mehr im Wege, daß du und Dagny das glücklichste Paar des Landes werden. Und nun hast du auch die Erklärung der zweiten Tragödie, die damit Hand in Hand ging, ja, damit verkettet war – die der beiden Ueberfälle. Möchtest du sonst noch etwas wissen?« Der Rittmeister starrte seinen Freund an. Nur allmählich konnte er das alles fassen. »Aber wird es nicht schwierig sein, zu beweisen, daß das Pferd der Schuldige ist?« »Das meinte ich bis gestern abend auch«, sagte der Detektiv. »Darum ging ich ins Haus des Obersten hinüber. Und nun wird es nicht mehr schwierig sein zu beweisen, daß das Pferd der Täter ist.« »Wie geht das zu?« »Der alte Oberst ist zu sich gekommen.« Erregt faßte der Rittmeister seines Freundes Hand. »Ist das wirklich wahr?« fragte er sehr bewegt. »Ja«, erwiderte Krag. »Schon gestern abend war er einen Augenblick bei Bewußtsein, und da sprach sein Mund einige Worte, die den andern sinnlos vorkamen, die ich aber gut verstand.« »Was sagte er?« »Er sagte: ›Grüßt den Rittmeister von mir und sagt ihm, er solle das Pferd totschießen!‹ Aber ich habe dir auch noch einen anderen Gruß zu bestellen.« »Von wem?« »Von Dagny. Sie hatte dir etwas zu sagen, aber sie möchte es dir am liebsten selbst mitteilen.« Der Rittmeister stand lange Zeit gedankenvoll mitten im Zimmer. »Das Schicksal rächt!« sagte er vor sich hin. »Es hat schon ein Leben genommen.« »Wir können wohl sagen zwei!« fiel Krag ein. »Wessen Leben noch, außer dem des Rechtsanwalts?« »Das des Pferdes!« sagte der Detektiv und packte gelassen die Papiere wieder zusammen.   Ende