Árpád Pásztor Verkaufte Ungarmädchen (Ungarmädchen in Rußland) Roman Autorisierte Übersetzung von Armin Schwarz   Ein Beitrag zum Mädchenhandel   Verlag "Metropol" Verlags-Aktiengesellschaft Budapest, Wien, Leipzig Alle Rechte vom Verleger vorbehalten Rußland ... Ich zählte etwa einundzwanzig Jahre. Meine Abende verbrachte ich gewöhnlich im Sprechzimmer und zwischen den Kulissen des alten Volkstheaters. Das Pester Bühnenkulissenleben war zu jener Zeit schon im Niedergange, nicht mehr so wie einst, als einige Grafen aus der ungarischen Lebewelt es laut und bunt und berüchtigt machten. Frau Pálmai war schon ins Ausland gegangen, ihre Magnaten waren längst ruiniert, die Herren aus dem Nationalkasino erschienen nur mehr selten in der ersten Bankreihe des Parterres. Die schweren Börsen, die Lebemänner, die für ihre Liebeshändel das Geld mit vollen Händen verstreuten und dadurch die Sitten dieses ganzen kleinen Budapest aufwühlten, -- so daß die bürgerliche Mittelklasse sie mit blassem Neide betrachtete, während der ärmste Pöbel sie wie ein Zirkus-Spektakel anstaunte -- diese Leute waren längst verflossen. Das Primadonnentum ward immer mehr zu einem Geschäft; anstatt der Vertreter des Hochadels sah man reiche Kaufmannssöhne aus der Leopoldstadt und Journalisten zwischen den Kulissen sich herumtreiben. Die arme Aranka Hegyi hatte damals ihre jugendlich schlanke Gestalt schon eingebüßt; Klara Kücy hatte das leichte französische Vaudeville aufgegeben und geizte nach dem Ruhm der klassischen Helena. Die Stadt Budapest war wie von einem bösen Zauber heimgesucht: es häuften sich die Sorgen, das Leben ward schwieriger, der Kampf ums Dasein gewaltsamer und stürmischer. Aus dem gemütlichen Pest der reich gewordenen Handelsherren und der mit ihren Rennställen prunkenden Grandseigneurs war ein schweißtriefendes Budapest geworden! Doch mit meinen jungen Augen und meiner glücklichen Unerfahrenheit dachte ich damals nicht daran, all dies wahrzunehmen und zu beobachten; heute, da fünfzehn Jahre mich von jener Zeit trennen, stehen die damaligen Ereignisse in einem weit schärferen Lichte vor mir ... Seither habe ich gelernt, die Welt mit tiefer dringenden Augen und aus mannigfachen Gesichtspunkten zu betrachten. Jetzt erst begreife ich Dinge, die mir einstmals nur flüchtige Erscheinungen waren. Die damaligen Äußerlichkeiten erklären mir heute das Wesentliche jener Zeit; die Erinnerungen lassen mich die wirkliche Welt erkennen, in der ich lebte und die ich durcheilte, ohne sie zu beachten. Rußland! Erst jetzt verstehe ich so recht den Inhalt dieses Wortes. Erst jetzt, da ich darüber schreibe, begreife ich die Bedeutung des damals phantastisch scheinenden Ereignisses, als eines Abends die Schwestern Mondschein im Sprechzimmer ankündigten, daß der Mann aus Rußland da sei und daß sie am nächsten Morgen mit ihm die Reise nach Petersburg antreten würden. Nervöse Aufregung ergriff das ganze Theater. An jenem Abend wurde der »Zigeunerbaron« gegeben. Ich und einige meiner Freunde unter den jungen Journalisten machten den Ballettratten eifrig den Hof. Ich stand, wie gewöhnlich, vor der schmalen Gitterpforte des Zuganges der Bühne, in traulichem Gespräch mit meiner kleinen Freundin, die mir in ihrer feschen Husarenuniform noch mutwilliger und liebreizender erschien als sonst ... Ihre Beine staken in einer knappen roten Hose, dazu trug sie Lackstiefelchen, um die Schultern hing die Manta; ihren Tschako hatte sie im Ankleideraume gelassen, das üppige rotschimmernde Haar war in einem Knoten hoch aufgesteckt: so stand das anmutvolle Geschöpf vor mir. Ich konnte es mir nicht versagen, von Zeit zu Zeit, wenn uns niemand störte, sie an mich zu drücken und ihr einen langen Schmatz aufzusetzen. Aus dem Zuschauerraum tönte die liebliche Straußsche Musik heraus, und Jóska Németh, der den Zsupan gab, sang mit seinem breiten Lächeln: Das Schreiben und das Lesen Ist nie mein Fach gewesen ... Meine kleine Freundin vergaß meine Küsse zu erwidern; sie war an diesem Abend nachdenklich und zerstreut. »Was gibt es denn?« fragte ich sie. »Der Mann aus Rußland ist da,« antwortete sie. »Für mich ist die Gelegenheit da, mein Glück zu machen. Mein Freund wird mich doch nicht heiraten ... Was soll ich hier zu Hause anfangen? Ich kann doch nicht ewig Tschardasch tanzen und in den Gruppen der Mama Hans (das war die Ballettmeisterin) figurieren. Das beste wäre, mit dem Manne aus Rußland abzufahren ...« Ich wußte ihr nichts zu antworten. Denn was half das Leugnen, ich war doch nur ihre Liebe , nicht ihr Freund . Ihr Freund war derjenige, der sie »doch nicht heiraten kann«. Ein Herr aus der Provinz, der allwöchentlich auf zwei, drei Tage nach Budapest kam. Dieser Herr war das Geschäft, das ernste Leben, ich war nur die Liebe. Man weiß ja, daß jedes Theatermädel, das etwas auf sich hält, einen Freund hat, von dem sie lebt, und einen Journalisten oder Schauspieler, kurz einen Künstler, den sie liebt. Beide zusammen -- die Schauspielerin und der Liebhaber -- hassen den ernsten Freund, aber sie halten krampfhaft fest an ihm. »Und was soll dann aus mir werden?« fragte ich endlich erschrocken. Denn ich liebte meine kleine Kameradin; ich verlebte mit ihr die schöne Zeit der sorglosen, übermütigen Liebe. Unsere geheimen Zusammenkünfte in dem Stübchen, für das ich der Frau Zwillinger vierzig Kronen Monatsmiete bezahlte, unsere verstohlenen Küsse, der betrogene Freund aus der Provinz, die vielen kleinen Bosheiten des Ballettkorps, das mütterlich wohlwollende Lächeln der Primadonna, mit welchem sie zehnmal an einem Abend bei uns vorüberging; der Sonnenstrahl, der unsere glückliche Jugend vergoldete: all das hatte uns so sehr aneinander gewöhnt, daß mein Herz wahrhaftig zusammenzuckte, als Nuschi mir erklärte, sie müsse fort, denn der Mann aus Rußland sei da ... Doch sie reiste nicht; ihr Freund erhöhte ihre Monatsapanage. Aber das geschah erst einige Tage später; an jenem Abend herrschte in den Korridoren und im Sprechzimmer des Volkstheaters »russische« Stimmung. Die Schwestern Mondschein packten ihre Sachen und nahmen Abschied von ihren Kolleginnen. Sie verteilten ihre restlichen Vorräte an Gesichts- und Lippenschminke und gaben ihre Spiegel und Schubfächer ab. Mutter Hans legte ihnen ans Herz, acht zu geben und zu sparen, denn »Jugend vergeht, nur Geld besteht«. Die Schwestern Mondschein saßen auf einem Bänkchen im Sprechzimmer und zeigten das bunte, mit Silberflitter reichlich verzierte Kostüm herum, das die Theaterschneiderin, Frau Topolanszky, für sie »komponiert« hatte. Die jüngere, Serene, erzählte, daß sie zwei Lieder und einen Tschardasch einstudiert hätten. In Petersburg würden sie Geschwister Luna, in Moskau Sisters Diana heißen ... Das ganze Theaterpersonal stand rings umher. Alte Choristen, die als Zigeuner kostümiert waren, verlangten Glücksgeld von den Geschwistern Luna und den Sisters Diana, die von den Kollegen Abschied nahmen. Die Choristinnen, die ewigen Feindinnen des Ballettkorps, standen geheimnisvoll zischelnd in einer Ecke beisammen und berieten, ob man die Schwestern Mondschein nicht dem Theatersekretär verraten sollte, da sie ja mitten im Jahr das Theater verlassen wollten. Doch schließlich begnadigten sie die beiden Mondschein ... Man kann nicht wissen ... Vielleicht wollen wir selbst einmal nach Rußland ... Halten wir lieber zusammen ... Mein Liebchen ließ mich vor dem Gitterpförtchen stehen; an jenem Abend kümmerte sich niemand um die Liebhaber und Freunde der Theaterdamen. Rußland, das ferne und geheimnisvolle, das mir nur aus »Eugen Onegin« bekannt war, beherrschte die Bühne und das Sprechzimmer ... Die Theatermädel waren zerstreut und befangen ... Nach dem ersten Aufzuge rannten sie wie die Ratten die Treppe zu dem Ankleidesaal hinauf, der im zweiten Stock, am Ende eines langen Korridors, lag. Da half unser Pochen nichts, die Tür ward nicht geöffnet. Die Garderobefrauen schleppten in Zubern das Schminkwasser hinaus; nach dem zweiten Aufzuge schminkten die Mädel noch vor dem Finale sich ab, um so rasch wie möglich hinwegeilen zu können. Gelangweilt harrten wir im Sprechzimmer, ob die feschen Husaren vielleicht doch herabkommen würden. Lächelnd blickten wir uns an, als ein alter Chorist, ein typischer Gelegenheitsmacher, einem reichen jungen Kaufmann aus der Leopoldstadt, in der Hoffnung auf ein gutes Souper, die kleine Gisela Farkas vorstellte ... Endlich ertönte die Klingel des Regisseurs: das Ballettkorps ward gerufen. Die Ballettmädel eilten direkt auf die Bühne, ohne uns eines Blickes zu würdigen ... Aus dem ersten Gäßchen der Kulisse betrachteten wir die Werbeszene und den klassischen Zittertanz der genialen Aranka Hegyi, dann nach dem Werbetanz den Aufmarsch der Ballettmädel auf die Brücke, von der herab sie betrübte Blicke auf uns warfen ... Wir waren eben in dem Alter der jungen und romantischen Liebe. Dann ging der Aufzug zu Ende. Die vielen Zigeuner und Husaren strömten von der Bühne heraus, strömten die Treppe zu den Ankleideräumen hinauf. Auf der Bühne blieben nur die Solisten zurück und harrten des Beifallssturmes des Publikums, um sich bei hochgezogenem Vorhang dankend zu verneigen. Ballett und Chor waren im dritten Aufzug nicht beschäftigt. Vor der Loge des Portiers erwarteten wir die Mädchen. Auf die Straße hinaus wagten wir uns nicht, denn dort wartete der wirkliche Freund, der zahlende ... Endlich erschienen die Mädchen, eines nach dem andern. In der Loge des Portiers gab es noch ein Briefchen, einen Kuß, einen Händedruck ... Auf der Straße wartete der legitime Herr, der seiner Freundin den Arm reichte und mit ihr im Dunkel der Nacht verschwand ... Jetzt kam Nuschi; unter Hunderten hörte ich ihren leichten Schritt heraus. »Gehen Sie nun wirklich nach Rußland?« fragte ich sie, während ich meine Tränen nur mit Mühe zurückdrängen konnte. »Vielleicht ... Ich weiß es nicht ...« antwortete sie, indem sie mir die Hand drückte. Jetzt kamen mit lautem Gelächter die Schwestern Mondschein herab, hinter ihnen die Garderobefrau, Mama Weiß, mit einem großen Bündel. Draußen erwartete sie ein Fiaker. Einige Kolleginnen gaben ihnen das Geleit bis zum Wagen. Und Geschwister Luna, Sisters Diana, traten ihre Reise nach Rußland an ... So geschehen vor fünfzehn Jahren ... Seither verging so manches Jahr, so manche Liebe und die Dinge gestalteten sich ganz anders, als wie sie früher waren. Ich habe seither Petersburg und Moskau gesehen ... Die Schwestern Mondschein sind seither heimgekehrt ... Sie sind beleibte Jüdinnen geworden, ihre Söhne sind Zeitungsjungen ... Rußland! ... I. Sie wohnten in der Feuerwehrstraße, draußen in der Franzstadt. Eine Tafel unter der Toreinfahrt zeigte unter andern folgenden Zettel in einer plumpen, ungelenken Schrift: Witwe Desider Ladány, III. 18. Die Wohnung bestand aus einem Zimmer nebst Küche; Frau Ladány zahlte dafür 480 Kronen Jahresmiete. Im Hause hieß sie allgemein »die Frau Professor«. Der gleichfalls schon verstorbene ältere Bruder ihres seligen Gatten war Universitätsprofessor gewesen, darum ließ sich Frau Ladány die Verwechslung gern gefallen; ja, in gewissen Amtsstuben, wo man ohne Verantwortlichkeit reden darf, gab sie sich selbst ohne Scheu diesen Titel. Ihre bescheidene Pension von monatlich 120 Kronen zeigte aber leider, daß der Gottselige nur Mittelschullehrer gewesen und gar kein Vermögen hinterlassen habe, allerdings auch keine Schulden. Was in der Welt der Mittelschullehrer selten genug ist. Witwe Desider Ladány verstand es, das Erbe ihres verstorbenen Gatten zu erhalten und hütete sich gleichfalls davor, Schulden zu machen. Sie war einst ein frohes, rundliches Mädchen gewesen, allein die strenge, nach der Uhr geregelte Lebensweise hatte die Fülle ihres Körpers allmählich völlig aufgezehrt. Eine hagere Frau mit gelber Gesichtsfarbe war aus ihr geworden, die immer schwarz gekleidet war und einen Klemmer auf der Nase trug. Ihr Busen und ihre Hüften waren längst verschwunden; wer sie sah, dachte nicht daran, eine Frau vor sich zu haben. Ihr karg bemessenes Ruhegehalt gestattete ihr nicht, sich modern zu kleiden. Wenn sie ausging, zog sie einen einfachen, glatten, schwarzen Rock an; über dem alten, vielfach geflickten, eckigen Mieder eine enge, allmählich zu kurz gewordene Taille, deren vorn eingefallene, fast verschwundene Spitze erraten ließ, daß diese Taille einst für eine Frau angefertigt wurde. Den Hals bedeckte ein schwarzes, im Basar erstandenes Spitzentüchlein, auf dem glatt gekämmten, schon ergrauenden Haupthaar saß ungebärdig schief ein ärmliches Hütchen mit flachen Rändern. Die Nase war dünn, etwas lang, die Augen wasserblau. Vierzig Kronen monatlich waren für den Mietzins bestimmt, fünfzig Kronen mußten für Nahrung und Zerstreuung genügen. Frau Ladány ging nämlich am sechzehnten Tage eines jeden Monats in irgendein Theater, stets auf die letzte Galerie. Die restlichen dreißig Kronen wurden von den Kosten der Erziehung und Bekleidung ihrer Tochter Therese aufgezehrt. Eine Krone und siebzig Heller verblieb den beiden täglich für ihre Ernährung: das war wenig, aber noch nicht so schlimm. Zum Frühstück konnte man sich ein Täßchen Kaffee leisten, zu Mittag ein wenig Suppenfleisch mit Gemüse, am Abend einen Bissen Wurst zum Brot. Immer dasselbe, ohne Abwechslung. Therese war ein frisches anmutiges Mädchen. Sie trug stets ein sehr einfaches, schmuckloses Kleidchen von wohlfeilem Zeug; doch was immer sie anzog, saß ihr schön, ihr strahlender Frohsinn vergoldete ihr ganzes Wesen. Leicht schritt sie nach dem Rhythmus der Musik ihrer sorglosen Seele durch das Leben. Ihre Lehrer in der Bürgerschule gewannen sie lieb; sie lernte niemals, machte dennoch ihre Klassen durch, und da sie die Waise eines Professors war, behandelte man sie mit Nachsicht und Wohlwollen. Ihre Mutter hatte so sehr jeden eigenartigen Zug verloren, war so sehr »Individuum« geworden, daß man die Tochter nicht mit der Mutter vergleichen konnte; doch Therese behauptete immer, daß sie ihrem Vater, dem ehemaligen Professor der Geschichte und der ungarischen Sprache, nachgerate. In ihrem Zimmer hing die Photographie des Gottseligen in schwarzem, mit schmaler Goldleiste geziertem Rahmen; auf der bescheidenen Kommode, an die Wand gelehnt, einige aus Anlaß der Reifeprüfung aufgenommene Gruppenbilder der Schülerinnen; unter den Stößen der Weißwäsche lagen sorgfältig aufbewahrt drei Jahresberichte der Schule, mit den einleitenden Artikeln Desider Ladánys: »Petöfis wahre und Listnyais gesuchte Volkstümlichkeit«; »Das Verschwinden der Ode«, und »Kann der Pädagog zugleich ein Schöpfer sein?« Ferner zwei alte Nummern des illustrierten Wochenblattes »Versárnapi Ujság« (Sonntagszeitung) mit den vom Vater verfaßten Gedichten: »Am Traualtar« und »Meine Schülerinnen«. Das war alles, was von der Wirksamkeit Desider Ladánys übrig geblieben, aber gerade genug, damit Therese im geheimen für Literatur schwärmte und ihre ganze freie Zeit mit der Lektüre von Romanen verbrachte. Es war ihr gleich, was ihr in die Hand geriet, wenn es nur ein Roman, ein Buch war. Solange sie noch die Bürgerschule besuchte, fehlte es ihr nie an Romanen, die Schülerinnen betrieben einen lebhaften Austausch von Büchern. Für einen Zoltán Ambras ward ein Emil Zola eingetauscht, für einen Zola ein Alexander Bródy. Herczeg und Gárdonyi waren auch in der Schulbibliothek zu haben; dagegen konnten die Werke Maupassants, Ludwig Biros und Franz Molnárs nur im geheimen gelesen werden. Große Aufregung gab es in der IV/b-Klasse, als man sich ein Exemplar des konfiszierten » Ssanin « zu verschaffen wußte. Während der Unterrichtspause hielt die Schülerin Blanka Gaßner Wache vor der Tür, das Buch wurde in 35 gleiche Teile zerrissen und die einzelnen Teile in der Reihenfolge des Alphabets unter die 35 Schülerinnen der Klasse verteilt. Die, die mit ihrem Teil früher fertig war, tauschte mit einer anderen. Dies geschah ganz systemlos, aber nach zwei Tagen hatte die ganze Klasse das Buch fertig gelesen. Und vollends das Theater! Wer ein neues Stück gesehen hatte, mußte den Kolleginnen darüber Bericht erstatten. Man wußte von jeder Schauspielerin, wer ihr »Verhältnis« war; die in Vorbereitung befindlichen neuen Stücke sämtlicher Theater waren den Schülerinnen bekannt. Große Sensation gab es in der Bürgerschule der Pratergasse, als anläßlich eines Schulfestes die gefeierte Künstlerin des Nationaltheaters Therese Csillag erschien und Viktor Hugos Gedicht »Das Nest im Turme« vortrug. An jenem Abend deklamierte auch Therese Ladány ... »Meine Schülerinnen«, Gedicht von Desider Ladány. Mutter Ladány weinte, die gefeierte Künstlerin Therese Csillag streichelte der Schülerin die Wange und sagte mit einem stereotypen Lächeln, während sie an ganz andere Dinge dachte: »Wahrhaftig, das Kind hat viel Talent!« Diese Szene gehörte zu den schönsten Erinnerungen, welche Therese Ladány nach Erledigung der sechs Bürgerschulklassen mit nach Hause nahm. Diese Erinnerung lebte in ihr fort wie ein im Traum gehörter, rufender, silberheller Klang einer Glocke. Wenn sie abends das Lämpchen ausgelöscht hatte und zur Ruhe ging, wiederholte sie sich im stillen: »Fürwahr, das Kind hat viel Talent!« In ihrem siebzehnten Lebensjahr war Therese Ladány zu einem sehr schönen Mädchen herangewachsen. Nach einer Beratung mit ihrer Mutter beschloß sie, die Handhabung der Schreibmaschine zu erlernen, weil sie nicht länger dreißig Kronen von Mamas Pension in Anspruch nehmen wollte. Auch sei es schon an der Zeit, daß sie sich besser kleide und an ihre Heiratsausstattung denke. War sie erst fertige Maschinenschreiberin, würde sie ohne Schwierigkeit eine Stelle mit hundert Kronen Monatsgehalt finden. Sechzig Kronen wollte sie für ihre Toilette verwenden, und auch für Zerstreuungen würde sie mehr als bisher ausgeben dürfen. Was in solcher Weise von der Pension erübrigt wurde, sollte zur Aufbesserung der Beköstigung dienen, und nach allen diesen Ausgaben könnte die kleine Familie noch jährlich ein Sümmchen von vierhundertundachtzig Kronen ersparen. Das würde nach fünf Jahren mit den Zinsen dreitausend Kronen betragen. Das war dann schon etwas. So malten sich Mutter und Tochter die zufriedene, sorgenfreie Zukunft aus, und damit der Traum so bald wie möglich zur Wirklichkeit werde, ließ sich Therese am nächsten Tage in die Schreibmaschinenschule der Paula König in der Wesselényigasse aufnehmen. Im ersten Stock eines weitgestreckten, flachen Gebäudes mit geräumigem Hofe befand sich die Anstalt, wo männliche und weibliche Zöglinge in die Geheimnisse des Maschinenschreibens eingeweiht wurden. Auf das Anläuten öffnete eine schmutzige kleine Magd die Tür; ein herber Küchengeruch empfing den Eintretenden, -- denn in diesem Hause wurden fast täglich »Krautflackerl« gekocht. Im Vorzimmer stand ein großer Kleiderrechen, dessen grüne Tuchverkleidung von den Motten arg mitgenommen war. Die Schreibmaschinenschule des Fräuleins Paula König war keine Luxusstätte, die von solchen Mädchen besucht wurde, denen das Maschinenschreiben nur ein Vorwand ist, um über ein Bureau hinweg nach ihrer Art zur Geltung zu kommen. Diese Schule ward von schwerfälligen Judenmädchen besucht, die, von des Daseins Sorgen gedrückt, einen Erwerb zu erlangen trachteten, der ihnen ein Einkommen von achtzig bis hundert Kronen monatlich sicherte. »Ich habe nur eine Schule, nichts anderes,« pflegte Fräulein Paula König zu sagen. Sie war ein beleibtes, fleißiges Weib, trug stets ein dunkelblaues Kleid von englischem Zuschnitt, das glatt gescheitelte, in der Mitte abgeteilte Haar bildete einen strengen Rahmen um ihr Antlitz. Sie duldete in ihrer Schule keinen Flirt und keine Liebeleien. Sie erteilte nur Unterricht im Maschinenschreiben. Maschinenschreiben in dreißig Stunden! Das war ihr Motto. Wer in dreißig Stunden das Maschinenschreiben nicht erlernte, ward nicht mehr aufgenommen, denn er war entweder unfähig oder nachlässig. Die Bürgerschule lieferte zahlreiche Schülerinnen, die Schüler waren zumeist ehrgeizige Ladenschwengel, die mit Hilfe der Schreibmaschine vom Pult hinweg in die Korrespondenz gelangen wollten. Darum waren denn auch am Vormittag nur wenige Schüler zu sehen, größtenteils Kaufmannssöhne, die anderen kamen nach acht Uhr, zum Abendkursus. Am Abend hingegen gab es weniger Schülerinnen. In diese Anstalt ließ Frau Ladány ihre Tochter Therese aufnehmen. Sie tat es auf Anraten einer Nachbarin, deren zwei Töchter gleichfalls den Königschen Lehrkursus durchgemacht hatten. Unter den vielen frühreifen, übermäßig lebhaften, mit fetter Kost genährten, vollbusigen Mädchen erschien Therese als Vertreterin einer ganz anderen Klasse. Ihre Sauberkeit, ihre Leichtigkeit, ihre angeborene Anmut unterschieden sie von der ganzen Gesellschaft, und die Zöglinge des Vormittagskurses interessierten sich vom ersten Augenblick für sie mit jener lebhaften Sehnsucht, mit jener unwiderstehlichen Begierde, wie beispielsweise die Neger nach weißen Frauen Verlangen tragen. Therese bemerkte nichts von alledem. Nicht, als ob sie an junge Männer und an Liebe nicht gedacht hätte. Die Unterrichtspausen in der Bürgerschule, die intimen Zusammenkünfte mit den Freundinnen, die geheime Lektüre in den Lexikons und in den Lehrbüchern über die Anatomie des Menschen hatten auch sie über alles belehrt, was ein Mädchen wissen will. Allein die »Liebe« oder »der junge Mann« blieb für sie ein romantisches Gefühl, die Verkörperung des Auszuges aus den verschlungenen vielen Romanen. Die jungen Leute aber, die sie in der Anstalt der Paula König sah, kamen für sie nicht in Betracht. In ruhiger, unzugänglicher Reinheit saß sie in dem kleinen Zimmer, wo etwa dreißig Zöglinge hinter kleinen Tischen zusammengepfercht waren. Es gab in dem Raume acht bis zehn Schreibmaschinen; auf dem Katheder thronte Fräulein Paula König, damit beschäftigt, einen Typewriter zu zerlegen, um den Zöglingen die einzelnen Bestandteile der Maschine zu zeigen. Jeder muß erlernen, wie eine Maschine beschaffen ist. »Diese Kenntnis«, so pflegte sie zu sagen, »ist für Sie gerade so wichtig, wie für den Schutzmann die Kenntnis der ersten Hilfeleistung bei Unfällen. Sie sind die Hüter der Schreibmaschine; wenn irgendein Unfall geschieht, haben Sie die erste Hilfe zu bringen.« Dann schrieb sie auf einer großen Tafel die Schriftzeichen der einzelnen Tasten der Maschine auf; jeder Zögling mußte auswendig lernen, in welcher Reihe und an der wievielten Stelle die verschiedenen Typen und Interpunktionszeichen sitzen. »Zuerst alles im Kopfe, nachher alles auf der Maschine,« war das zweite Motto der Meisterin. »Wenn Sie -- was Gott verhüte! -- Ihr Augenlicht einbüßen, werden Sie Ihr Brot dennoch nicht verlieren.« Therese ging ernst und entschieden an die Arbeit. Sie hatte sich auch mit zwei Lüsterärmeln versehen, die sie bei der Arbeit über die Ärmel ihrer Bluse zog, um diese nicht zu beschmutzen. Sie wußte genau Bescheid mit den Bestandteilen der Schreibmaschine und hatte bald die Anordnung der Typen und Zeichen im Kopfe. Das hinderte aber nicht, daß sie die ganze Geschichte öde und langweilig fand. Sie war ein junges Mädchen, schön und heiteren Gemütes. Gern verweilte sie vor den Schaufenstern der prächtigen Geschäftsläden und oft dachte sie daran, wie die herrlichen Hüte der Putzmacherin Mademoiselle Charlotte ihr passen würden. Mit neidischer Sehnsucht betrachtete sie die Brautausstattungen, die in der Joelschen Wäschehandlung zur Schau ausgelegt waren. Wenn sie den Stefanie-Korso aufsuchte, geschah es nicht, um sich dort zu ergehen, sondern um die Menschen zu betrachten, die in prächtigen Kutschen fuhren. Sie sah, daß das Leben reich, schön, voll von Genüssen sei, und dachte mit Schrecken und Unmut daran, was ihrer harrte. Sie war seit einer Woche Schülerin der Paula Königschen Schreibmaschinenschule und konnte die ihr vorgelegten Drucksachen schon ganz geläufig kopieren, so daß die Meisterin sie vor den übrigen Zöglingen öffentlich belobte. »Sehen Sie, meine Damen und Herren! Ich bin keine Christin, aber Wahrheit bleibt Wahrheit: eine Christin ist doch etwas ganz anderes ...« Die anderen Zöglinge belobten sie gleichfalls und schmeichelten ihr, und als sie nach Hause ging, schloß sich ein junger Mann ihr an. Er hieß Paul Kemenes und hatte eine Handelsschule absolviert. Seine Eltern betrieben das Schneidergewerbe; er selbst wollte das Maschinenschreiben erlernen und dann in das Geschäft seines Vaters eintreten. Es war zu Beginn des Monats September, gegen halb fünf Uhr nachmittags. Die Sonne neigte sich zu den Ofner Bergen herab und sandte einen fahlen, rostbraunen Streifen über die ganze Rákóczistraße. In der wollüstig lauen Luft zitterte der Sommer nach, der Turm der Rochuskapelle schimmerte heiter in der klaren Luft. Bei der Nußbaumgasse holte Paul Kemenes Therese ein. »Verzeihen Sie, Fräulein, daß ich Ihnen gefolgt bin,« sagte er. »Ich sitze in Ihrer Nähe, nur um zwei Maschinen weiter und habe mich Ihnen schon vorgestellt.« »Gewiß ... ich kenne Sie ja,« antwortete Therese lachend ... »Aber ich gehe immer allein.« »Wollen Sie nicht einmal eine Ausnahme machen?« fragte Paul leise. Therese fand die Situation eigentümlich; seltsam und ergötzlich zugleich. Noch niemals hatte ein junger Mann auf der Straße sie angesprochen, obgleich ihr dies manchmal nicht unlieb gewesen wäre. Dieser Paul Kemenes war ihr ganz gleichgültig, obzwar er der vornehmste unter den Zöglingen der Königschen Schule war. Er war kein Handlungsgehilfe, auch kein armer Student. Er kleidete sich gut aus dem Laden seines Vaters und hatte sich zu dieser Begegnung vielleicht vorbereitet: ein buttergelber Handschuh bedeckte seine Linke und aus dem Seitentäschchen seines Rockes lugte der Zipfel eines Seidentüchleins hervor. Therese fand die Sache so vergnüglich, daß sie fast hell auflachte. Sie kämpfte mit sich selbst, wie sie sich entschließen solle. Sollte sie dem jungen Manne den Abschied geben und allein nach der Feuerwehrgasse heimkehren? ... Dieser junge Mann war ihr ja so ganz nebensächlich, und es war ganz gleichgültig, ob er mitging oder blieb. Aber die Sache war immer etwas sonderbar. Sie verzog ein wenig den Mund und sagte plötzlich: »Sie können mitgehen.« Sie befanden sich jetzt vor dem Volkstheater. »Ich danke,« erwiderte der junge Mann erfreut, und während sie über den Fahrdamm schritten, beschirmte er sie mit einer gewissen sorgfältigen Überlegenheit. Hinter dem Tinóely-Monument hielten einige Fiaker. Die Räder der auf elastischen Federn sich schaukelnden Wagen waren mit fester Pneumatik bereift, die Rosse nagten hart an den Gebissen, auf dem Sitze lagen zusammengefaltet die großgemusterten Fußdecken. Therese dachte, wie schön es wäre, in einem solchen Wagen Platz zu nehmen und eine Spazierfahrt auf der Stefaniestraße zu machen; und plötzlich -- sie wußte selbst nicht wie es kam -- wandte sie sich an Kemenes mit den Worten: »Lassen Sie uns eine Wagenfahrt machen!« Nun reute den jungen Mann dieses ganze Abenteuer. Sein ganzes Vermögen bestand in zehn Kronen. Das würde für die Wagenfahrt zwar ausreichen, aber es tat ihm doch leid, das Geld so auszugeben -- ohne jede Gegenleistung. Dieses unerwartete Verlangen überraschte ihn und brachte ihn auf den Gedanken, daß dieses Mädchen doch nicht so ehrbar sei, wie es sich gab. Diese Wendung der Sache war ihm angenehm, aber die Geldausgabe schien ihm bedenklich. Es gab aber keinen Rückzug mehr und er betrachtete die Spazierfahrt als einen Vorschuß auf die Zukunft. All dies hatte er in einem Augenblick überdacht und er schloß: »Gut, fahren wir!« Der Fiakerkutscher grüßte: »Küss' die Hand, gnädiger Herr, wohin fahren wir?« und ließ den Taxameter spielen. Der Apparat zeigte die Anfangstaxe: 1 Krone 60 Heller; und während Paul antwortete: »Auf die Stefaniestraße« -- las er zugleich vom Apparat ab: nach weiteren 600 Metern je 20 Heller. Von der Ringstraße bog der Wagen in die Andrássystraße ein. Therese sprach wenig, es schwindelte ihr gleichsam von der Luft, von dem Geräusch der Wagen und der elektrischen Straßenbahn und von dem Gefühl, daß zwei Rosse sie entführen, hinaus nach dem Stadtwalde. Sie dachte nicht daran, daß ihr einfaches Kleidchen und Jäckchen für die Stefaniestraße nicht passen; die Freude darüber, daß auch sie dort sein dürfe, verdrängte den elementaren weiblichen Instinkt: »Bin ich auch gut gekleidet?« In feierlicher Stimmung klopfte ihr Herz, als sie bei dem Millenniumsdenkmal in die Stefaniestraße einbogen und der Wagenlenker seinen Rossen freien Lauf ließ. Sie dachte nicht daran, daß jemand neben ihr sitze. Von den Bäumen der Allee fielen die vergilbten Blätter schon ab, auf dem seichten Wasser des Teiches schwammen gelbe, langstielige Platanenblätter, ein einsamer Kahnfahrer bahnte sich mit seiner Sandoline einen Weg durch die Blätter; auf dem Fußsteig vor der Halle der Schlittschuhläufer standen Leute, auf der anderen Seite saßen viele auf Stühlen, doch all dies waren für Therese nur Nebelbilder, gleichsam Visionen. Andere Wagen glitten an ihr vorüber und darin saßen vornehme Herren und elegant gekleidete Damen ... Erst bei diesem Anblick fuhr sie zusammen und schämte sich ob ihrer ärmlichen Erscheinung in dieser Umgebung. Aber anderseits freute sie sich, daß sie dennoch da sei und bei den Klängen der Militärmusik, die in dem Kolegowszky-Kiosk spielte, spazieren fahren dürfe. Paul Kemenes wußte nicht, was er dem Mädchen sagen solle. Ihn quälte die geheime Angst, daß sein Papa, der alte Klein, der um diese Stunde in einem schlechten Rumpelkasten seine hygienische Ausfahrt zu machen pflegte, ihn erblicken könnte. Therese erwartete aber auch gar nicht, daß man zu ihr spreche; mit offenem Munde saß sie da, um bei dem raschen Trab der Pferde die Luft besser einsaugen zu können. »Ist das nicht göttlich?« flüsterte sie. Es war ein regelrechter Budapester Wagenkorso: Die Leute, die täglich ihre Tour um den Wasserturm machen, der diese herrliche Avenue abschließt. Die Kartenspieler der Kasinos, einige in Mode befindliche Schauspieler, die eine solche Fahrt zu ihren Erfolgen zählen, Leute, die von heut auf morgen leben, die gerade nur so viel Geld haben, um den Wagen zu bezahlen und dann noch ein Fünfkronenstück für einen Einsatz im Bakkaratspiel übrig behalten; Journalisten, die am Vormittag ihrer Zeitung mit vieler Mühe den täglichen Vorschuß erpreßt haben; der Herausgeber eines berüchtigten Winkelblattes mit den von ihm ausgehaltenen Freunden, der Patron eines bekannten Freudenhauses, Orpheumsdamen und die Frauen von Börsejobbern, nur wenige Magnaten: alles zusammen das armselige und großtuerische Schaufenster von Budapest, hinter welchem nichts ist als ein leerer Laden ... Therese aber fand dies göttlich schön, neu und großartig. Sie hatte ein Gefühl, als wäre ihre Seele befreit worden. Mit funkelnden Blicken betrachtete sie den wallenden Federnschmuck auf den Hüten der Damen, und jeden vorüberfahrenden Herrn hielt sie zumindest für einen Grafen. Paul Kemenes versuchte die Dinge zu erklären und redete wirres Zeug durcheinander. Therese hörte ihm nicht zu und der junge Mann ward immer mehr zerstreut, weil die Ziffern des starren Taxameters mit unbarmherziger Pünktlichkeit heraussprangen. Um sich dennoch zu entschädigen, drückte Kemenes, vom herabsinkenden Abenddunkel begünstigt, das Mädchen an sich ... Therese tat, als bemerkte sie nichts. Ihre Stimmung hatte plötzlich umgeschlagen; sie fröstelte und fühlte einen Ekel vor dem Leben. An der Ecke der Üllöerstraße stieg sie aus dem Wagen, denn sie wollte nicht im Fiaker in der Feuerwehrgasse eintreffen. Ohne sich eigentlich von Kemenes zu verabschieden, hüpfte sie auf das Straßenpflaster und verschwand. Eine lahme Zeitungsverkäuferin, die ihre Abendblätter ausbot, bemerkte zu einer Hökerin, die vor ihrem Obststande saß: »Ha, da ist eine, die bisher zu Fuße gegangen ist! ... Therese drängte sich rasch durch die Menge der Passanten und eilte atemlos die Treppen empor. »Wo bist du so lange geblieben?« fragte die Mutter streng. »Ich hatte ein langes Konzept abzuschreiben ...« »Es ist die höchste Zeit, daß du unser Abendbrot holst. Heut ist Freitag, da gibt es frische Grieben. Nimm für dreißig Heller.« II. Am anderen Morgen regnete es. Therese hatte die Nacht sehr unruhig verbracht; sie konnte nur schwer einschlafen; es war ihr, als wäre in ihrem Dasein ein Wandel eingetreten. Sie maß dem Geheimnis, das sie in ihrem Innern barg und das sie gestern ableugnete, keine Bedeutung bei, obschon ihr Leben bis dahin so ereignislos dahingeflossen war, daß sie sich durch diese kleine Lüge bedrückt fühlte. Des Morgens war sie um halb sieben Uhr noch schläfrig, ihre Augen brannten, sie hatte das Bedürfnis zu schlafen und dennoch war sie froh, daß der helle Tag da war und sie aufstehen und die Wohnung in Ordnung bringen konnte. Ihre Schuhe waren gereinigt, denn sie durfte nicht schlafen gehen, ehe diese Arbeit getan war; ihr Bett war im Nu in Ordnung gebracht, an die Wand geschoben und mit einer roten Decke versehen. Sodann ging sie in Strümpfen und Pantoffeln in die Küche, wo das frische Wasser, das ihre Mutter vom Korridor hereingebracht, schon im Lavoir vorbereitet war. Als sie mit der Reinigung zu Ende war, blickte sie prüfend in den auf dem Fenster hängenden Spiegel. Sie betrachtete sich, trocknete mit zärtlicher Sorgfalt ihre Hüften und dachte daran, wie ein mit Spitzen besetztes Batisthemd, eine schöne, moderne Toilette sie wohl kleiden würde. Diesen Morgen liebte sie ihren Leib mehr als sonst. »Was gibt's denn, Therese?« fragte die Mutter. Wie lange willst du dich denn waschen? Es ist bald acht Uhr.« Therese gab ihr keine Antwort; sie ordnete eilig, mit geschickter Hand ihre Haare und langte nach dem Frühstück. Es gab zwei Tassen Kaffee und vier Kipfel; dieses bescheidene Frühstück führte jeden Morgen Mutter und Tochter zusammen; der ungedeckte Tisch, auf welchem sie es verzehrten, war ein Überbleibsel vergangener guter Zeiten; wohl war die Politur stellenweise schon rissig, doch die Beine hielten noch stand. »Heute ist der Zehnte des Monats,« meinte die Mutter, mit dem Kipfel im Kaffee herumrührend. »Noch zwanzig Tage, dann müssen wir uns nach einem Posten umsehen. Wirst du bis dahin das Schreiben erlernen?« »Wie denn nicht, es geht ja schon jetzt ganz gut.« »Nun, und willst du in eine Bank oder lieber zu einem Advokaten gehen?« Sie biß in das vom Kaffee triefende Gebäck. Wenn sie aß, ließ die Strenge ihrer Miene etwas nach, als würde sie etwas wie Lebensfreude empfinden. Sie war nicht mehr so steif und saß, der Ruhe pflegend, zufrieden da. Therese trank nachdenklich ihren Kaffee und sagte endlich: »Es wird sich schon etwas für mich finden ... Für sechzig bis achtzig Kronen wird irgendein Amt meine Arbeit schon erkaufen.« »Achtzig Kronen, das ist viel Geld für jemand, der mit einer Pension von hundertzwanzig Kronen ein kümmerliches Dasein fristet,« antwortete die Alte. Hiermit nahm das Morgengespräch ein Ende. Therese eilte zu Paula König. Als sie bei ihr anläutete, öffnete sich die Tür nicht sogleich, erst nach dem zweiten Klingeln kam die kleine schmutzige Magd zum Vorschein. Fräulein Ladány wollte hinein, allein die kleine Schmutzige übergab ihr einen Brief. »Den Brief schickt die gnädige Frau und sie läßt Ihnen sagen, Sie möchten ihn draußen lesen.« Therese ging hinaus und hielt ein mit der Maschine beschriebenes Kuvert in der Hand, in dem Geldmünzen klirrten. Der Briefumschlag war wie folgt adressiert: Fräulein Therese Ladány, hier. Sie öffnete das Kuvert und entnahm ihm sechs Kronen sechsundsechzig Heller und einen mit der Schreibmaschine geschriebenen Brief. Sie wollte ihren Augen kaum trauen, als sie ihn las: »P. T. Anbei habe ich die Ehre, von dem zehn Kronen betragenden Lehrgeld den nach Abzug von zehn Tagen verbleibenden Rest zurückzusenden, weil ich zu meinem größten Bedauern nicht in der Lage bin, Sie weiter als Frequentantin meiner Schreibmaschinenschule zu betrachten. Sie kennen den Hauptgrundsatz meiner Schule: Nur Maschinenschreiben, sonst gar nichts! Nun sind Sie aber, P. T., gestern abends in der Gesellschaft eines meiner männlichen Schüler auf der Stefaniestraße herumkutschierend gesehen worden, und da dies den guten Ruf des Instituts König schädigen kann, muß ich P. T. bitten, Ihre Schreibmaschinenstudien anderswo zu beenden. Ich werde wahrscheinlich noch diesen Herbst Parlament-Tippfräulein sein und meine Zukunft Ihretwegen nicht aufs Spiel setzen. Achtungsvoll Paula König.« Im ersten Augenblick wußte Therese selbst nicht, was sie anfangen sollte. Sie geriet in Wut und wollte mit der Faust auf die Tür schlagen; sie brach in ein Gelächter aus und rief laut: »Tiere, Tiere!« Sie wollte fortgehen, blieb jedoch stehen, um anzuläuten und Paula König ihre Meinung zu sagen. Sie besann sich aber eines andern und wendete sich zum Gehen. Es lohnte nicht! Sie zerriß den Brief und verstreute die kleinen Papierfetzen unterwegs auf der Treppe. Die kleine dicke Klara Guttmann kam ihr entgegen. »Nun, Fräulein Ladány, Sie gehen schon fort? Sie haben da einen herzigen Mantel ...« Sie ließ die Wesselényigasse mit der Schreibmaschinenschule der Paula König hinter sich zurück und ging langsamen Schrittes gegen die Ringstraße zu. Vor dem Schaufenster des Yost-Geschäftes stehend, sah sie da oft nette Mädchen auf der Maschine klopfen; das mußte gar nicht so langweilig sein ... vielleicht sollte sie es versuchen. Der Regen hörte auf, und sie war auf dem Ring angelangt, als sie plötzlich angesprochen wurde: »Guten Morgen, Ladány ... Lange habe ich Sie nicht gesehen.« Therese hob den Kopf und sah die Manci Darkács vor sich. Fünf Klassen hatten sie zusammen absolviert, doch in der sechsten war die Darkács plötzlich ausgeblieben. Sie war die Tochter einer Witwe, die Logenschließerin im Lustspieltheater war, und die Mädchen flüsterten bald einander zu, ein reicher Herr wolle die Manci zur Schauspielerin heranbilden lassen. Seither war sie nie mehr in der Schule zu sehen ... »Schau, schau, Sie sind es, Darkács?« Früher hatten sie einander geduzt, doch waren sie schon lange nicht beisammen und die Margarete Darkács sah so vornehm aus, daß Therese gar nicht den Mut gehabt hätte, sie zu duzen. Sie trug einen englischen Überzieher à la mode, einen kleinen schmalkrämpigen Biberhut mit einer Paradiesvogelfeder; ihre Füßchen waren mit amerikanischen Halbschuhen bekleidet. Ihre blonden Haare fielen in wohlgepflegten Locken auf ihre Stirne, ihre feine, schmal zugeschnittene Nase verlieh dem ganzen Gesicht einen sehr intelligenten Zug. Sie sah ernst aus, um so lebhafteren Eindruck machten daher ihre lachenden Augen ... Man sah ihr an, wie sehr es sie freute, einer ihrer gewesenen Mitschülerinnen begegnet zu sein. »Haben Sie was Dringendes vor, Ladány?« »Nein, nichts,« erwiderte Therese. Und sie sprach die Wahrheit. Nach dem Vorgefallenen hatte sie zwar das Bestreben, in einem anderen Schreibmaschinenkurs Unterkunft zu finden, doch sie erblickte eine Schicksalsfügung darin, daß man sie aus dem Institut König hinauskomplimentiert hatte. Als hätte das Schicksal nicht gewollt, daß sie Schreibmaschinenfräulein werde und für 60 bis 80 Kronen monatlich tippe. Mit gierigen und neidischen Blicken betrachtete sie die Margarete Darkács, die Theaterschülerin war ... Warum sollte nicht auch sie es werden können? Wiederum klang ihr das Lob im Ohr: sie ist wirklich ein sehr talentiertes Kind. »Wissen Sie was?« sprach Margarete in aufgeregter Hast, »kommen Sie mit mir in die Schule hinauf. Jetzt haben wir gerade die Kulturstunde, lauter Dummheiten, die mit der Schauspielkunst nichts zu schaffen haben, wir können da ungestört plaudern.« »Darf ich denn dort hinaufgehen? Ich bin ja keine Schülerin ...« »Na, hören Sie! Wenn ich hundertundzwanzig Kronen monatlich Schulgeld zahle, werde ich doch eine Freundin mitbringen dürfen. Sputen wir uns, der Regen geht wieder los.« Therese war glücklich, ihr Gesicht war hochgerötet vor Freude und Neugierde. Sie pries den Zufall, daß sie gerade heute Vormittag frei war und mit ihrer alten Schulkollegin zusammentraf, die nicht aufhörte zu plaudern. »Denken Sie sich, der Rudolf trägt Literatur auch in der Theaterschule vor.« Schon in der Bürgerschule hatte Rudolf die Mädchen unterrichtet. Er war ein gestrenger Lehrer, doch auch ein Schwärmer, erfüllt von den Idealen seines Berufes. Über seine sommerlichen Ferienreisen pflegte er schwärmerische Berichte zu veröffentlichen, und er fand einen sicheren Zusammenhang zwischen dem Stil und dem Charakter. In der Bürgerschule waren alle Mädchen in ihn verliebt. »Ist er auch da so streng?« »Aber nein ... da kann er uns nichts vormachen ... er kann predigen, so viel er will, niemand schert sich darum. Auch die Jászai hat keine Literaturgeschichte gelernt und doch ist sie die Jászai, auch die Fedák tanzt mit ihren Beinen und nicht mit Franz Kazinczy ...« Beide lachten laut über die schnurrige Idee, und gleich zwei ausgelassenen Kindern bogen sie in eine Seitengasse der Tabakgasse ein, wo sich die Theaterschule der Rosa Ligeti befand ... Ein gelbes, einstöckiges Haus. Im ersten Stock war neben der Tür eine Tafel mit der Aufschrift: Rosa Ligetis behördl. konzession. Theaterschule. Die Tür war angelweit geöffnet, im Vorzimmer sah man auf dem Kleiderrechen Männerhüte und Frauenhüte in buntem Durcheinander. Indessen machte alles dieses trotz der Unordnung einen ganz andern Eindruck als das Vorzimmer der Paula König. Sonderbarerweise waren steife Männerhüte kaum zu sehen, zerdrückte und breitkrämpige Artistenhüte hingen neben den kleinen Damenhüten, die allesamt modern, ja hochmodern waren. Kokette, runde Dingerchen, Farben und Formen, die wöchentlich und monatlich wechseln. Nur die Modelaune, die sorglose Leichtfertigkeit konnte dafür Geld ausgeben. Manci hängte ihren Mantel auf einen leeren Kleiderrechen und sagte zu Therese, die schüchtern, zögernd hinter ihr stand: »Rici, leg ihn ab, die Mutter mag die Hüte nicht ...« Sobald das Tor der Theaterschule hinter ihr war, duzte sie auch schon ihre gewesene Schulkollegin Therese, die sie vertraulich Rici nannte. »Wenn ich aber nicht eintreten darf!« meinte Therese zaghaft. »Dumme Gans! Hier ist alles erlaubt ...« Und schon hatte sie ihr Hut und Mantel aus der Hand genommen ... Aus dem Innern vernahm man den Gesang einer unangenehm kreischenden Stimme. »O weh! Die Zsazsa Rombauer singt ... Sie zahlt hundert Kronen Extralehrgeld und die Mutter will für das Geld um jeden Preis eine Stimme aus ihr herauspressen ... aber da kann sie sich auf den Kopf stellen. Mir scheint, nicht der Rudolf ist da, sondern die Mutter ... man hält Probe fürs Theater ... Gehen wir ... Und sie faßte ihre Freundin beim Arm und schob sie hinein. Im Zimmer mochten es ihrer Dreißig bis Vierzig sein, doch niemand kümmerte sich um die beiden. Ihr Eintritt wurde gar nicht beachtet. Im Hintergrunde des großen Raumes befand sich eine kleine Bühne, vor der ein Tisch mit einem Stuhl stand, ferner ein Klavier, von dessen Tasten das Elfenbein allmählich abgesprungen war, so daß die Tastenreihe den Eindruck einer schlecht gepflegten Zahnreihe hervorrief. Das Zimmer war angefüllt mit Stühlen, rechts saßen die jungen Leute, links die Mädel ... In der Mitte war eine meterbreite Gasse freigelassen. Die Jungen und Mädchen scharten sich jetzt um das Klavier, wo ein bärtiger Herr, der Gesangslehrer der Schule, mit einem Finger die Tasten bearbeitete; er spielte bloß die nackte Melodie. Vor ihm stand die Zsazsa Rombauer, eine hübsche Person mit einem Puppengesicht, blonden Haaren, lebhaften Augen; ihre ganze Erscheinung verriet, daß sie sich sorgsam hegte und pflegte. Ihr Kostüm mußte aus einem sehr feinen Atelier stammen; die leichte Bluse war am Halse geöffnet, damit sie freier singen konnte. Am Tische saß eine schon alternde Dame, die indes durchaus nicht den Eindruck einer Männerverächterin machte. Ihre schwarzen Haare, in die sich schon einige graue Fäden mengten, waren hochgekämmt, ihre Lippen stark gefärbt, ihre Gestalt rundlich; zwischen ihren wogenden Brüsten tanzten kleine Perlmutterknöpfe hin und her. Ihre Stimme war schrill und scharf. Es war Rosa Ligeti, die Direktrice der Anstalt. »Meine Damen,« schrie sie mit gedehnter, dünner Stimme, »beginnen wir von vorn ... Bitte, Herr Professor!« Es wurde still. Die Köpfe lehnten sich ein wenig nach vorn, und die Lippen öffneten sich wie unbewußt in Erwartung des Zeichens zum Beginne. Der Herr Professor erhob die linke Hand, sein Zeigefinger wies gleich einem kleinen Dirigentenstab auf die Zsazsa Rombauer, während seine rechte fünfmal niederfuhr, und während der Marterkasten ächzte und stöhnte, wiederholte er immer wieder: »Fis! ...Fis! ... Fis!« »Fis, Zsazsa, fis!« rief die Rosa Ligeti, die noch nie im Leben eine Taste berührt und keine Ahnung vom Unterschied zwischen der Musik und dem Gerassel eines Karrens hatte. Aber die Rücksicht auf ihr Ansehen und das Extralehrgeld veranlagte sie, beharrlich zu wiederholen: »Fis, Zsazsa, fis!« Die linke Hand des bärtigen Professors fuhr nieder und Zsazsa Rombauer quiekte: »Meine Schönheit, meine Anmut Spottet jeder Beschreibung. Bewundert doch meines Busens Klassisch-plastische Rundung.« In diesem Augenblicke stimmte die ganze Schar von Zöglingen im Chor ein: »Ich kann es länger fürwahr nicht mehr aushalten, aushalten, aushalten ...« Die Alt- und die Baßstimme wiederholte fortwährend: klassisch-plastische Rundung, während der lustige Tenor und der ausgelassene Sopran im Duett sangen: aushalten, aushalten, aushalten. Der Professor schlug mit der Rechten den Takt der Melodie, mit der Linken dirigierte er, und die Mutter hörte nicht auf, zu wiederholen: »Fis, Zsazsa, fis ...« Das war die Theaterschule der Rosa Ligeti, und der Saal, in den die beiden eintraten, war für den Lehrkurs der Fortgeschrittenen und der Fertigen bestimmt. Die Inhaberin-Direktrice stand mit einem Budapester Operettentheater in einem Vertragsverhältnis, sie lieferte dem Theater die männlichen Statisten und die showgirls. Das war die künstlerische Aufgabe des Instituts, während die realistische die war, der Rosa Ligeti, die ehedem eine Provinzschauspielerin war, ferner ihrem arbeitsscheuen Manne, der den ganzen Nachmittag im Café Abbazia Karten spielte, und ihren beiden Söhnen, die Mitglieder des Schriftstellerklubs Otthon waren, ein glänzendes Auskommen zu sichern. Die Zöglinge rekrutierten sich aus den Niederungen Budapests. Niemand kümmerte sich um die Vergangenheit der Mädchen; jene, die mehr Lehrgeld zahlten, waren die talentierten, wer noch mehr zahlte, konnte sogar in den vierteljährlich stattfindenden Prüfungskonzerten auftreten. Eine ganze Reihe von Mädchentypen drängte sich um das Klavier herum. Niemand kümmerte sich um Therese. Es kam hier ja oft vor, daß Mädchen auftauchten, die nach einigen Tagen verschwanden. Auch die Rosa Ligeti hatte sie nicht bemerkt, sie war mit den Mädchen beschäftigt, denn die neueste Operette wurde probiert, die ein Schlager der Saison zu werden versprach. Zsazsa Rombauer hatte die Partie der Primadonna, während die anderen den Chor sangen. Es wurden die schönsten Mädchen ausgesucht, von denen acht mit der Primadonna zusammen den Marsch der Milliardärmädchen und den Bettlerwalzer sangen und tanzten. Wenn in dem Theater die Proben beginnen, bleiben nur die Zöglinge des ersten Jahrganges in der Schule zurück. Sie sind es, denen die Professoren Vorträge halten, sie haben Wordsworths Gedicht »Wir sind unser sieben« zu deklamieren, sie müssen die Schicksaltragödie der Atriden studieren und diese armen Mädchen und verkommenen Jungen, die kaum lesen und schreiben können, hören Vorträge über das ungarische Heldenepos an. Heute kommt übrigens auch der Autor, der steife und leise sprechende Veszprémy, um die Schülerin auszuwählen, die den Fisch verkörpern soll. Dieser glänzende Einfall kommt im Finale des zweiten Aktes vor, wo der alte Wüstling Marquis Trarieux in Paris eine Soiree gibt, in deren Verlauf sein Sohn den Verlobungsring der Tochter des Sardinenkönigs Worchester ins Gesicht wirft, weil diese ihm sagt, er wolle sie nur zur Frau nehmen, um den schäbig gewordenen Namen Trarieux mit ihren Millionen zu vergolden. In diesem dramatischen Augenblick wird der Fisch serviert. Die glänzend livrierten Lakaien öffnen angelweit die Türen, das Orchester spielt aus Leibeskräften den Walzer »Mein Herz, mein Herz, brich nicht«, da bringen vier Lakaien auf einer goldenen Schüssel den Fisch: ein wunderschönes junges Mädchen in Trikot, mit der sich der junge Trarieux plötzlich verlobt, um der Miß Worchester zu zeigen, daß er ihr Geld nicht brauche. Wer soll der Fisch sein? Diese wichtige Frage beschäftigte die ganze Theaterleitung. Der Autor empfahl, eine schön gewachsene Theaterschülerin auszuwählen. Er meinte, es werde viel mehr auf die Sinne wirken, wenn ein unbekanntes, schönes, junges Mädchen auf der Platte gebracht werde, als eine Schauspielerin, deren Figur schon Gemeingut ist. Es mußte eine ausgewählt werden, die niemand kannte und bei deren Anblick das ganze Publikum wie ein Mann fragt: »Wer ist das?« Das Klavier spielte unermüdlich die Melodie, der Chor brüllte aus Leibeskräften, da ging die Tür auf und Veszprémy trat ein, begleitet von dem Theaterdirektor und von einem dicken Schauspieler, der überall dabei sein mußte und immer alles besser wußte als jeder andere. Es hieß von ihm, er werde nie sterben, denn der liebe Gott wolle nicht, daß er an dem Jenseits Kritik übe. »Willkommen, Dezsö! Haben Sie schon gehört? Wir haben gerade Ihre Musik probiert. Der Erfolg ist sicher.« Lächelnd hörte der Direktor die schmeichelhaften Äußerungen und zufrieden rieb er sich die Hände; der dicke Schauspieler blickte begeistert um sich, er suchte die kleine Betti Várnai, der er versprochen hat, sie für die Rolle des Fisches vorzuschlagen, wenn sie ihn erhöre. »Wir sind gekommen, um zu fischen,« sagte endlich Veszprémy. »Nun, da gibt es genug Fische zu angeln,« stieß der Kapellmeister hervor. Lautes Gelächter folgte diesen Worten. Die Mädchen wandten sich mit koketten Gebärden, in herausfordernder Haltung den Männern zu. Jede war von der Sehnsucht besessen, die Auserwählte zu sein, jede wollte nackt, nur mit einem Trikot angetan, vor dem Publikum erscheinen. Es bedurfte nur eines glücklichen Augenblicks und die Grundlage ihrer Zukunft war schon gelegt. Die drei Männer prüften forschenden Blickes den Markt, auf dem junge Mädchenleiber ausgeboten wurden. Die Augen der Schülerinnen winkten ihnen gleich elektrischen Strömen zu: Mich! ... mich! ... In diesen Blicken war Verheißung, Aufforderung, Enttäuschung zu lesen, eine im voraus betätigte, erniedrigende, tierische Dankbarkeit. »Vielleicht die kleine Várnai ...« Der dicke Schauspieler war es, der diese Worte sprach. Er war sehr bestrebt, seine Stimme gleichgültig erscheinen zu lassen, immerhin zitterte sie ein wenig, denn schon lange vorher hatte er sich dieses Mädchen ausersehen. Vor gespannter Erwartung schien das Herz der Betti Várnai stillzustehen. »Das gerade nicht!« scherzte der Direktor, den Bauch des dicken Schauspielers streichelnd. »Liebesanträge bleiben da ausgeschlossen!« Schallendes Gelächter. »Sie alter Lump!« sagte die Direktrice, ihm scherzhaft mit den Fingern drohend. »Ein klein wenig Backhuhn wäre nicht so ohne, wie?« Jeder lachte, am lautesten der Schauspieler; die Jungen kneipten die Mädchen, die vor den Gästen nicht zu schreien wagten. Die Stimmung war eine ausgelassene. Auch der Autor ließ die Blicke herumschweifen und dachte daran, sich eine neue Geliebte für die Saison auszusuchen. In jedem Theaterjahre eine andere Freundin. Die einfachste und billigste Art, seinen Dank zu betätigen, war die, einem der Mädchen eine Rolle zuzuschanzen. Nach längerem Forschen wies er auf Therese: »Vielleicht das Fräulein ... Ihre Figur ... Ich glaube ...« Das Gekicher und Geschäker hörte plötzlich auf, und aller Blicke fielen auf das fremde Mädchen. »Wer ist sie? Wer mag sie sein?« fragte man im Flüstertone. »Aber ich kenne ja das Fräulein gar nicht!« meinte die Rosa Ligeti ganz verwundert. »Wieso ist sie hierher gekommen?« »Sie ist meine Freundin ... Wir haben zusammen die Bürgerschule besucht ...« sagte eilig Margarete Darkács, die stolz darauf war, daß ihre Freundin mit einem Schlage das Interesse aller wachrief. Therese errötete, doch ihre Augen glänzten vor Freude, ihre Lippen wurden trocken, während ihr Busen von der plötzlichen Erregung stürmisch gehoben wurde. Sie wußte nicht, wie sie sich verhalten solle. Am liebsten wäre sie nicht dort gewesen. Der Direktor streichelte sanft ihre Schulter und fragte sie in einschmeichelndem Tone: »Wer sind Sie, mein Kind?« »Ich heiße Therese Ladány ...« lispelte sie in befangenem Tone. »Möchten Sie Schauspielerin werden?« frug nun der Direktor. Sie antwortete, fast ohne nachzudenken: »Ja ...« Ihre Knie zitterten vor Erregung, und sie mußte sich an einen Stuhl klammern, um aufrecht zu bleiben. Ihr Austritt aus der Maschinenschreibschule, das Zusammentreffen mit ihrer ehemaligen Freundin kam ihr wie ein Traum vor, es war ihr, als hätte sie das Klavierspiel und den Gesang hier schon seit vielen Monaten gehört; nur die Frage, ob sie Schauspielerin sein möchte, war ihr neu. »Wer sind Ihre Eltern? Können sie das Lehrgeld bezahlen?« Mechanisch erwiderte sie: »Pensionistin, Witwe ...« »Tut nichts, mein Kind, talentierte Mädchen bilde ich auch unentgeltlich aus. Und die Augen der Direktrice blickten verständnisvoll in jene des Autors ... »Nur die Zustimmung Ihrer Mutter ist dazu erforderlich ...« »Ich fürchte, meine Mutter wird sie nicht geben,« meinte Therese schüchtern. »Das können Sie getrost mir überlassen, liebes Fräulein ... Ich werde Sie nach Hause begleiten und Ihrer Mama erklären, daß es keinen Sinn hätte, ein begabtes Mädchen zu Hause hocken zu lassen.« Dieser Antrag wurde von dem dicken Schauspieler gestellt, der überall dabei sein wollte. »Ich danke,« antwortete Therese. Somit war die Frage des Fisches erledigt. Die Schülerinnen trugen die neue Sensation nach allen Windrichtungen, und am Nachmittag war der Fall im Artistenklub jedermann bekannt. Tags darauf brachten vier große Blätter kleine Plaudereien über eine neue Künstlerin namens Therese Ladány. Nur die Witwe Dezsö Ladány war etwas beunruhigt. Es berührte sie eigentümlich, als ihre Tochter mit dem dicken Schauspieler nach Hause kam, der ihr beteuerte, die Therese habe ein großes Talent und müsse unbedingt Schauspielerin werden. »Wie weit kann sie es denn als arme Maschinenschreiberin bringen? Sechzig bis achtzig Kronen Monatsgehalt und zum Schluß wird sie einen kleinen Beamten heiraten, wogegen sie als Künstlerin einer glänzenden Zukunft entgegengeht. Heute ist die Schauspielkunst nicht mehr die liederliche Laufbahn von ehedem. Klara Küry ist die Tochter eines Advokaten, Sári Fedák die eines Arztes.« Therese erklärte weinend, nie mehr eine Maschinenschreibschule betreten zu wollen. Die arme Alte wollte schließlich dem Glücke ihrer Tochter nicht im Wege stehen und gab, wenn auch mit innerem Widerstreben, ihre Einwilligung dazu, daß ihre Tochter in die Theaterschule der Rosa Ligeti eintrete. III. Das Haus in der Feuerwehrgasse erdröhnte unter wuchtigen Tritten großer, plumper Stiefel. Vom Erdgeschoß bis zum Dachboden hallte das Haus von den lauten Reden wider, jede Vorzimmer- und Küchentür ging auf, jeder Einwohner und alle Dienstmädchen eilten hinaus, als im Treppenhause der rhythmische, kommandoartige Ruf erscholl: »Ho-ruck! ... Ho-ruck! ...« »Die Ladánys bekommen ein Klavier!« Diese Neuigkeit wurde vom Hausmeister und dem Vizehausmeister verkündet. Und in der Tat, zuerst wurden die drei auf Messingräderchen ruhenden Füße hinaufgetragen, dann folgte der Klavierkörper in seinem Lattensarge. Die Lastträger fluchten und schimpften bei jeder Wendung, sie lockerten die breiten, weißblauen Gurten, damit das Klavier auf der Treppe gleich ihnen ausruhe. »Sie haben ein Zimmer und eine Küche und dabei leisten sie sich ein Klavier!« meinte die alte gallige Schneidermamsell im ersten Stock, in deren »Salon« (einem Hofzimmer) neun Mädchen zusammengepfercht arbeiteten. »Denn das Fräulein wird eine Schauspielerin!« ließ sich vom zweiten Stock die Gattin des städtischen Steueroffizials vernehmen. Es dauerte beinahe dreiviertel Stunde, bis das schwere Stück hinauf geschleppt wurde, welches auf Wunsch des bärtigen Kapellmeisters in einem großen Musikinstrumenten-Magazin auf der Rákóczy-Straße auf Ratenzahlungen gekauft wurde. Oberhalb der Tastenreihe erglänzte zu beiden Seiten einer goldenen Lyra die Firma der Klavierfabrik: Koch, Kooselt et Co., Wien. »Ohne Klavier können Sie nicht bestehen! ...« meinte der Kapellmeister in der Schule. »Das wird in Hinkunft Ihr Brotgeber sein, Ihr tägliches Brathuhn und Ihr Champagner ... Sie haben zwar Stimme, doch müssen Sie sich daheim üben, das ist das Wichtige bei Sängerinnen ... Und es ist wahrhaftig nicht teuer, sechzehn Kronen Monatsrate. Das Klavier kostet neunhundert Kronen, im zweiten Jahre zahlen Sie Raten zu zwanzig Kronen, im dritten werden Sie schon einen Kontrakt haben, dann werden Sie den Rest auch aus einer halben Monatsgage bezahlen können ...« Und Therese erklärte daheim ihrer Mutter, der pünktlichen, ehrlichen, trockenen Alten, ohne Klavier nicht leben zu können. Sie weinte und berührte anderthalb Tage keine Nahrung, bis schließlich die Mutter im Interesse der Zukunft ihres Kindes nachgab und von ihrer kargen Pension monatlich vierzehn Kronen zur Tilgung des Klaviers beiseite legte. Und doch brauchten sie jetzt das Geld mehr denn je. Der Premierenabend nahte heran, und Therese mußte ein Seidentrikot kaufen. »Dein Trikot muß fein sein, vom allerfeinsten!« quiekte die Rosa Ligeti, »denn du, mein Täubchen, wirst die Sensation des zweiten Finales sein. Andere würden mir für diese Rolle Hunderte zahlen, doch ich bin eine Gönnerin der Talente ... Aber das Trikot soll fein sein! ...« Und sie kaufte bei dem Theaterlieferanten für Therese ein Seidentrikot für hundert Kronen, wobei sie zehn Prozent Provision gewann, gerade so wie der Herr Kapellmeister für das Klavier. Die künstlerische Laufbahn der Therese nahm somit ihren Anfang. Ein Klavier und ein Rosatrikot. Für vier Kronen pro Stunde erteilte der Herr Kapellmeister Extralektionen im Hause, so daß sie in diesem Monate die vierzig Kronen für den Mietzins nicht beiseite legen konnten. Die gewohnte pedantische Ordnung im Hause hatte aufgehört, und während Therese am Vormittag bei der Probe war, brach ihre Mutter während des Plättens mehr als einmal in Tränen aus. Sie wagte es nicht, sich ihrem Kinde entgegenzustellen, denn am Ende konnte das Kind recht haben, und die Mutter durfte ihre Zukunft nicht gefährden; aber im Innern flüsterte ihr eine Stimme zu, daß etwas da nicht in Ordnung sein müsse, und daß sie eigentlich doch nicht zugeben sollte, daß die Tochter des Dezsö Ladány in Trikots auf einer Platte auf die Bühne gebracht werde. Wenn sie dies vor ihrer Tochter andeutete, erwiderte ihr Therese lachend: »Mama, du bist einfältig und rückständig. Wie oft sahen wir die Emilie Márkus in klassischen Stücken halbnackt, und sie bleibt doch eine große Künstlerin. Was im Theater geschieht, zählt draußen in der Welt überhaupt nicht. Auf der Bühne ist die Kameliendame eine Gefallene, aber ihre Darstellerin ist im Leben eine echte Dame. Etwas anderes ist es freilich, wenn eine auf dem Podium eines Rauchtheaters in Trikots erscheint; die Bühne aber ist eine Stätte der Kunst ...« Glücklich und in froher Stimmung eilte sie jeden Vormittag zu den Proben, die vorerst noch im Straßenkostüm und ohne Dekorationen, aber schon mit Orchesterbegleitung stattfanden. Die große Platte, auf der sie hereingetragen werden sollte, war noch nicht fertig, weshalb die Choristen sie auf ihren Schultern trugen ... »Sie hat Talent, da gibt es was zum Greifen! ...« meinte ein alter Statist. Der Tenorist klopfte vergnügt auf die schwellenden Formen der neuen Künstlerin. Veszprémy brachte ihr sogar Schokolade und Blumen, und der Direktor stellte sie Herrn Pollak, dem gefürchteten Kritiker, vor, der unter dem Pseudonym Michael Perjel selbst Stücke schrieb ... »Wenn Sie mich in meiner Wohnung besuchen, so werden wir auch für Sie eine kleine Rolle finden,« meinte der gestrenge Pollak. Wenn sie auf der Bühne nichts zu tun hatte, eilte sie ins Parterre, wo sie auf einem Sperrsitz der Probe beiwohnte. Oft setzte sich ein Schauspieler oder ein befreundeter Kritiker des Theaters neben sie, um sie zu umarmen und ihr ins Ohr zu flüstern. In den Zwischenakten nahm sie manchmal in dem kleinen Gasthause der Theaterschule die Zehnerjause. Sie war in Gesellschaft des Direktors, der Primadonna, des Autors, des Kapellmeisters, die für sie bezahlten, und der »Fisch« war zufrieden und fröhlich, voller Hoffnung und Erwartung. Im Theater nannte man sie den »Goldfisch«. Wie wurde sie von den Mädchen beneidet, als die Hauptprobe in Trikots in der Wohnung der Rosa stattfand. »Was heute Nachmittag bei mir zu sehen sein wird, ist etwa noch nicht Dagewesenes!« flüsterte die Ligeti zwei Kasinomitgliedern zu, die sie zur großen Schaustellung ebenfalls eingeladen hatte. Ihr Ehrgeiz ging dahin, auch die Aristokratie zufriedenzustellen; der Unterrichtsminister müsse sagen: Diese Schule der Rosa Ligeti ist wirklich ein Institut ersten Ranges! Das würde eine sichere Staatshilfe bedeuten. Sie ließ es sich nicht nehmen, die Therese eigenhändig zu schminken, und das Stubenmädchen steckte sie geschickt in das Rosatrikot, nicht ohne vorher ihren nackten Leib mit Coer de Jeannette besprengt zu haben. Die Meisterin warf, die Augenbrauen runzelnd, einen gestrengen Kennerblick auf das Fischlein, bevor es eingeführt wurde. Im Salon saß die Gesellschaft bei einem Champagnergelage, und auf Wunsch des Komponisten sang die Primadonna den großen Walzer: »Mein Blut kocht, mein Herz pocht so stürmisch«; die Gesellschaft applaudierte. Da ging die Tür auf, und es erschien das Fischlein mit aufgelösten Haaren ... Ihre feuerroten Pantoffel ließ sie im Nebenzimmer zurück. Ihr Gesicht war gerötet, eine Folge der Erregung und vielleicht auch der Scham darüber, daß sie ihren jungfräulichen Leib zum erstenmal fremden Männern zeigen sollte. Das Trikot war so viel wie nichts, als ob sie splitternackt gewesen wäre, ihre Haut schimmerte und glühte durch die Seide hindurch, an ihren Knien waren die kleinen Grübchen ganz deutlich sichtbar. Sie breitete ihre Arme kreuzweise über ihren Busen und senkte ihre Augen. »Fischlein, Fischlein!« rief die Rosa Ligeti. »Die Arme müssen Sie wegnehmen. Wer Schauspielerin sein will, darf sich nicht zieren. In der Kunst gibt es keine Jungfrau oder Nichtjungfrau, dort gibt es nur eine Kunst, sonst nichts.« »Bravo, Meisterin, bravo!« rief ein Kasinomitglied, »das ist ein wahres Wort ...« Glühende Blicke hefteten sich auf den jungen Leib, und einer faßte seine Kritik in dem Ruf zusammen: »Sapperlot!« Therese hatte einen großen Erfolg errungen. Die beiden Kasinomitglieder nahmen sie in Vormerkung und tranken auf ihr Wohl. Goldfischlein streckte sich auf dem Salondivan aus, genau in der Positur, die sie im Theater auf der großen Platte einnehmen sollte. Jeder fand irgend etwas an der Haltung ihrer Hände oder Beine auszusetzen, um sie betasten zu können, und der Komponist betrachtete sie so stolz, als ob er auch ihre Gestalt komponiert hätte. »Ein Bombenerfolg,« sagte der Dicke zehnmal hintereinander, nur die Primadonna flüsterte dem Bonvivant zu: »Ich fürchte, daß sie nicht mehr jung genug ist ...« Die Gesellschaft ging in großer Erregung auseinander, und die Herren vom Kasino erzählten am Abend wichtigtuerisch, es sei ein neuer Stern über der Stadt aufgegangen, und die gefeierte Heldin des Tages nahm im Artistenklub in der Gesellschaft des Bonvivants die Glückwünsche entgegen. Der Artistenklub befindet sich auf dem Elisabethring, im Erdgeschosse des Royal Orpheum. Rund um die mächtigen Glasscheiben sieht man Reklameplakate, die elektrisch durchleuchteten Riesenlettern der Aufschrift an der Vorderfront projizieren ihre Strahlen in das Lokal; rückwärts führt eine schmale Treppe in den Keller, zu den chambres séparées. An der Wand Abbildungen, den Tanz rosiger Amoretten darstellend, um die Tische sitzt die Bohème Budapests herum: Artisten, Theaterschülerinnen, Polizeireporter und Mädchen, die teils unter polizeilicher Aufsicht stehen, teils Kabarettkünstlerinnen sind. Dicker Rauch durchzieht die Luft, die Billardkugeln knallen, die Lumpe spielen Domino oder Karten, während die Mädchen kibitzen. Tänzelnd bringt der Kellner Józsi den »Two sistens Eleki«, den Pikkolo; in einer Ecke sitzt der Regisseur mit einem Mädchen, das morgen zum ersten Male im Mitternachtskabarett auftritt; er liest ihr die Nummer vor, die er ihr für zweihundert Kronen und für zwanzig Kronen Tagestantieme geschrieben hat. Das Mädchen heißt »die kluge Stefi«, bisher war sie Gast des Café Louvre; sie scharrte etwas Geld zusammen und beschloß, Künstlerin zu werden. Das geht so: man läßt durch den Regisseur etwas schreiben, man bezahlt ihn gut, dann kann man auftreten, die Vergangenheit ist vergessen, der goldene Schleier der Kunst verdeckt die polizeiliche Aufsicht. Als Therese eintrat, wurde sie von den Theaterzöglingen umringt, die den Vortrag des Bonvivants anhörten. Sie war von ihrem jungen Ruhm ganz berauscht. Sie hatte die Empfindung, daß sie bereits einen großen Theatererfolg errungen; war sie doch in Gesellschaft zweier Mitglieder des Nationalkasinos und hatte vom Theater schon fünfzig Kronen Vorschuß empfangen. Von dem Ersten angefangen sollte sie eine Monatsgage von hundert Kronen beziehen und nach der Premiere einen Vertrag bekommen. Wann hätte sie als Maschinenschreibfräulein hundert Kronen Monatsgage bekommen? Und das war bloß der Anfang, nach zwei bis drei Jahren würde sie schon eine Gage von fünf- bis sechstausend Kronen erhalten und ... Sie hätte mit niemandem darüber gesprochen, doch innerlich empfand sie, daß irgendein reicher, großer Herr sich in sie verlieben und sie dessen Geliebte werden würde. Lachend, die Augen voll Glanz, setzte sie sich, denn sie wußte, daß sie beneidet wurde, und das machte sie stolz und glücklich. »Ich gratuliere Ihnen, Goldfischlein,« sprach Papa Naphegyi, ihr die Hand schüttelnd. »Gott, welch schönes Geschöpf,« sagte Frau Tomcsányi kopfschüttelnd. »Hören Sie, mein Herzchen, wie können Sie denn bloß mit einer solchen Figur und Stimme in Budapest bleiben? Ich kenne ein Land, wo man die wahre Kunst zu werten weiß, wo solche Mädchen mit Gold und Juwelen überschüttet werden. Aber die Ungarin ist dumm, sie verkauft sich dem Theaterdirektor für sechzig bis hundert Kronen Monatsgage, während sie in Moskau an einem Abende so viel verdient. Alle Mädchen, die ich durch Amélie nach Rußland engagieren ließ, sind glücklich geworden.« »Ja, so ist es auch mit meiner Tusi,« unterbrach sie Papa Naphegyi. Einen Augenblick wurde es still um den Tisch. Therese dachte an Rußland, das geheimnisvolle und reiche Land, wo das Geld und die Juwelen aus dem Boden herauswachsen, von wo die Ungarmädchen in Hermelinmänteln und mit Kostbarkeiten beladen heimkehren. »Der ungarische Kavalier versteht es ja gar nicht, sich zu amüsieren,« meinte Frau Tomcsányi. »Er läßt sich etwas vom Zigeuner vorspielen, singt dazu und -- verzeiht mir, Kinder -- schneidet rülpsend die Kur.« Lautes Gelächter belohnte diese Wendung, doch die dicke Frau fuhr fort: »Und für nichts zahlt er ihr keinen Heller. Anders der Russe: wenn er sich an ihren Tisch setzt und nur ein Glas Wein mit ihr trinkt, gibt er ihr schon zehn bis zwanzig Rubel Glücksgeld. Wenn eine bleiben will, was sie ist, kann sie es in Rußland ruhig bleiben, und doch wird sie reich heimkehren. Darum sage ich euch, nur eine dumme Person kann hier bleiben. In Rußland wird so wenig verlangt: ein klein wenig Tanz und Gesang. Und der Geld-, Gold- und Diamantregen bleibt nicht aus. Ich sage euch das, ich, die Witwe eines Tafelrichters.« Papa Naphegyi frug hierauf: »Und jetzt, in letzter Zeit, haben Sie niemanden nach Rußland engagiert, meine Gnädige?« »Aber wieso denn nicht? Nächste Woche reist mein Patenkind und diese kleine Stumpfnäsige da ...« Sie wies mit der Hand auf die kleine Betti Várnai, die in ihrer Erbitterung darüber, daß nicht sie der »Fisch« geworden ist, beschloß, nach Rußland zu gehen. Stolz zog sie aus ihrem Ridikül einen zusammengefalteten, mit der Vignette der Staatspolizei versehenen Paß. »Seht ihr,« sprach Frau Tomcsányi, »Stand und Beschäftigung der Reisenden: Schauspielerin, Aktrice ... Schauspielerin, Künstlerin, keine Choristin. Das ist das gelobte Land des Reichtums, des Ruhmes. Rußland, Russie! Zweck der Reise: Engagement ...« Gierig betrachteten die Theaterzöglinge das innere Blatt, welches schon das mit Cyrillischen Lettern versehene Siegel des russischen Konsulats trug. Auch die Religion Bertis -- confession: ev.-ref. -- war da eingetragen. »Ist jemand Jude, so soll er ebenfalls sich nur als ev.-ref. eintragen lassen,« meinte Papa Naphegyi. »Wohl ist es für ein Mädchen, eine Künstlerin, einerlei, ob sie Jüdin oder Christin ist, weil der Russe in dem Weibe nicht die Religion, sondern nur die Kunst sieht, aber immerhin ist es nicht gut, Jude zu sein.« »Es ist das ein reiches und galantes Volk, mein Kind, nur muß man mit den Leuten umzugehen wissen. Merke dir, mein Herz: willst du etwas, so beginne immer nur mit: pazsalszta ... das heißt im Russischen: ›ich bitte schön‹. Die wichtigsten Worte will ich dir aufschreiben.« Es war neun Uhr abends geworden. Der Artistenklub leerte sich allmählich, die Artisten gingen ihrem Geschäfte nach. Die kluge Stefi ging nach Hause, um zu lernen. »Wo wohnen Sie denn, mein Kind?« frug Frau Tomcsányi die Therese. »In der Feuerwehrgasse.« »Wie sich das trifft ... dann können wir zusammengehen.« Und sie machten sich auf den Weg über den großen Ring. Die Geschäftsläden waren schon alle gesperrt, die Gruppen der Fußgänger lichteten sich, das Geräusch des Werktages ließ nach, die elektrischen Wagen sausten rascher über die Schienen; man sah nur hie und da einen Einspänner schwerfällig dahintrotten; manchmal raste ein Auto vorbei, in welchem ein Herr oder eine in reiches Pelzwerk gehüllte große Dame saß ... Die Kaffeehäuser alle überfüllt: die arme Großstadt lebt in diesen glänzenden, mit Kunstmarmor geschmückten Sälen. Daheim eine unfreundliche, öde Wohnung, es blinzelt dort eine mißduftende Petroleumlampe, während man sich doch im Bureau an Gas und elektrisches Licht gewöhnt hat; eine Dienstmagd kann man sich nicht leisten, das kalte Nachtmahl zwischen unfreundlichen Mauern mag man nicht, die Nachbarn gehen in ärmlichen Kleidern herum -- um wie vieles angenehmer ist es doch im Café! Elektrische Beleuchtung, dienstbereite Kellner, bequeme Stühle, für kleine Gesellschaften nette kleine Eckchen mit Plüsch- oder Samtsofas, alle Blätter Europas bei der Hand oder in der Hand, eine gutgelaunte und sorglos erscheinende Menge, gute Freunde, mit denen man eine Kartenpartie absolviert, kokette Spießbürgersfrauen, bei etwas Klugheit und Geschicklichkeit kann man auch Abenteuer erleben; geht etwas vor, so ist der Camelot zehn Minuten später mit der Extraausgabe schon da, die aus dem Theater Kommenden berichten über das neue Stück, bald da, bald dort taucht ein namhafter Politiker auf, die Schriftsteller und Journalisten kommen und gehen ... Alles, alles in den Kaffeehäusern. Und dort drüben in den Seitengassen die schweigsamen, dunklen Häuser, mit den finsteren Zimmern; dort wohnen die anderen, die nicht zählen, die nur im Rahmen der Masse für die Statistik etwa als Steuersubjekte in Betracht kommen. In einer Seitengasse, vor dem Kino, eine wimmelnde Menge. Ein sensationeller, 1200 Meter langer Film wird vorgeführt, die Blätter bringen schon seit mehreren Tagen die darauf bezüglichen Reklameannoncen: »Durch den Sumpf zu den Millionen« ... »Wollen wir hinein, Goldfischlein?« frug Frau Tomcsányi, als sie vor dem Kino ankamen. »Nein ... nein ... es ist schon spät und Mama wäre bös ...« »Ach, mein Täubchen, wie gerne möchte ich Ihre Frau Mama kennen lernen. Wenn es Ihnen recht ist, so will ich Sie jetzt nach Hause begleiten,« sprach die Tafelrichterswitwe. »Eine arme Witfrau sieht es gerne, wenn eine andere sie besucht und wenn sie sich gut ausplaudern können ...« »Aber ich fürchte, die Wohnung daheim wird schon in Unordnung sein ...« »Tut nichts ... selbstverständlich muß man sich am Abend schlafen legen und das Bett abdecken. Es ist ja spät und Mama wird es nur recht sein, daß ich Sie begleite.« Diese Antwort war auch für Therese einleuchtend; die fortwährenden Vorwürfe, die ihre Mutter ihr machte, wenn sie spät nach Hause kam, waren ihr schon lästig. Besonders nervös war sie ob der spähenden, bekümmerten Blicke der Mutter, die immerfort zu forschen schien, ob die Tochter noch unberührt sei, ob sie nicht den ehrbaren bürgerlichen Namen der Eltern mit Schande bedeckt habe ... Sonst sprach Witwe Dezsö Ladány nie über diesen Gegenstand, nur manchmal kam es in der Nacht vor, daß sie die Tochter, die noch wach war, ansprach. Sie wußte, daß da niemand ihren kummervollen Blick, ihre hervorbrechenden Tränen sah. »Wenn du einmal aufhören solltest, meine Tochter zu sein,« pflegte die Mutter zu sagen, »dann komme gar nicht mehr nach Hause. Dann brauchst du dich von mir gar nicht zu verabschieden, mir gar nichts zu melden, sondern schicke einfach jemanden um deine Habseligkeiten, die ich ohne ein Wort ausfolgen werde, und damit basta, als ob du für mich gestorben wärest. Mein früheres Kind, das gestorben ist, werde ich weiter lieben, wie eine gute Mutter lieben muß, aber um die lebende werde ich mich nicht weiter kümmern ...« Therese erwiderte darauf entweder gar nichts oder nur so viel: »Genug von diesen Dummheiten ...« Sie hatte daher nichts dagegen, daß die Frau Tomcsányi sie begleite, doch bemerkte sie: »Wir sind aber leider sehr arme Leute.« »Mit einem solchen Talent ist man nicht arm, mein Goldfischlein ... Wie hat denn die Amélie begonnen? Ihre Mutter -- aber Sie dürfen das niemandem verraten -- war Tochter eines slowakischen Bahnwächters und doch hat Amélie jetzt ein Palais im Petrowsky-Parke ... Das Talent ist ein Reichtum, nur darf man es nicht Krämern für einen Pappenstiel vermieten ...« Vor dem Tore wollte Therese die Frau Tomcsányi nochmals zurückhalten: »Aber für die gnädige Frau werden die drei Stockwerke vielleicht doch zu hoch sein?« »Für mich? In meiner Jugend war ich Soubrette bei Krecsányis Schmiere ... Dort hat sich mein Gottseliger in mich verliebt. Noch als Tafelrichterin wäre ich gerne aufgetreten, was er aber nicht zuließ, zumal der Justizminister es ihm verübelt hätte. Ich sagte ihm, der Gatte der Frau Blaha, der Baron Splényi, wäre ja auch ein Oberpolizist. Aber ein Tafelrichter ist eben doch etwas anderes.« Sie erzählte all dies schnaubend und tief Atem holend, in jedem Stockwerk mußte sie Rast halten. »Mein Täubchen, mein Goldfischlein, Sie werden in einem kleinen Palais, im ersten Stock wohnen und ein Lakai wird die Tür öffnen, wenn die Tafelrichterin Witwe Tomcsányi anläutet ... Denn ich werde Sie in Moskau oder Petersburg aufsuchen.« »Ich gehe nicht dorthin,« erwiderte Therese lachend. »Mama würde es gar nicht erlauben. Wozu auch? Es wird mir hier bei dem Theater ganz gut gehen. Die Rosa Ligeti, die Herren Autoren werden mich protegieren, mir gute Rollen verschaffen ...« »Aber, mein Kind, was fällt Ihnen ein? ... Das ist ein undankbares Volk ... Ich weiß es noch von meiner Soubrettenzeit her. Wenn die Operette durchfällt, wird es heißen, Sie seien daran schuld und dann sind alle schönen Versprechungen vergessen.« Sie waren oben angelangt. Aus einer Wohnung vernahm man den leisen Gesang einer Dienstmagd oder Amme, denn nach neun Uhr abends war das Singen nicht erlaubt. Die Wohnung der Schneiderin war noch beleuchtet; die Mädchen waren mit dem großen Reinemachen beschäftigt und tuschelten leise, lachten jedoch plötzlich laut auf. »Bitte nur einen Augenblick um Geduld, bis ich Sie der Mama anmelde, damit wir nicht ganz unerwartet kommen.« Sie klingelte. Die Tür ging auf und Witwe Deszö Ladány blickte mit stummer Neugierde auf den späten Gast, der schnaubend neben dem Gitter stand. »Guten Abend, Gnädige!« begrüßte sie die Mutter Theresens, die den Gruß mit gezwungener Vornehmheit erwiderte. »Pardon!« sagte Therese, indem sie dem Gast nochmals winkte; sie hatte die Tür nicht zugemacht, nur angelehnt, so daß ein unverständliches Geflüster, dann aber ein leises Knarren, von dem Zusammenlegen eines Feldbettes herrührend, zu vernehmen war. Dann folgte das Geklirr des Geschirrs -- das armselige Nachtmahl wurde weggestellt -- und die Tür öffnete sich neuerdings. »Bitte einzutreten,« sagte Frau Dezsö Ladány. »O, ich danke, wirklich, es ist so spät ... Ich wollte ja nur Thereschen nach Hause begleiten, denn ein so hübsches Mädchen ist am Abend Unzuträglichkeiten ausgesetzt. Und bei uns, Witwen von Staatsbeamten, ist die Anständigkeit die Hauptsache, nicht wahr?« Mit breiter Geste reichte sie der Mutter Theresens die Hand. »Frau Witwe Tomcsányi, Witwe eines Tafelrichters.« »Bitte Platz zu nehmen, gnädige Frau,« sagte Therese. »Ich habe schon gesagt, mein Täubchen, Sie sollen mich nicht ›gnädige Frau‹ nennen. Von Fremden erwarte ich das zwar, aber für dich, mein Kind, bin ich nur die Tante Tomcsányi.« Während sie sprach, entging nichts im Zimmer ihren spähenden Falkenblicken; sie betrachtete das Bett, das in aller Hast zugedeckt wurde, auf der Kredenz sah sie das fettige Papier des Krämers, mit welchem ein Teller verdeckt war, auf dem offenen Klavier den mächtigen Blumenstrauß, den heute Nachmittag ein Kasinomitglied dem Goldfischlein zusenden ließ. Auf dem Fenstergesims stand ein kleiner Spiritusapparat für das Kräuseln der Haare, daneben zwei Schachteln mit Bonbons. Mit einem einzigen Blick überschaute Frau Tomcsányi all dies, wobei sie sich mit Frau Ladány in ein Gespräch einließ. »Ich bin sonst wirklich keine Schmeichlerin, meine Gnädige, aber zu Ihrer Tochter kann ich Sie beglückwünschen ... Sie ist ein großes Talent und wird es noch weit bringen.« »Gott gebe es,« seufzte die Mutter Theresens, die an der Frau Tomcsányi Gefallen fand, besonders aus dem Grunde, weil sie sich über die Witwen von Staatsbeamten so nett äußerte. »Ein -- zwei gute Rollen und wir werden diese Wohnung, ja die ganze Franzstadt links liegen lassen, Mama,« meinte Therese in freudiger Erregung. »Gott gebe es,« flüsterte Frau Ladány abermals. »Die Hauptsache ist aber, daß alles auf geradem Wege gehe. Die Bühnenlaufbahn eines Mädchens ist ein schlüpfriger Weg, nicht wahr, meine Gnädige?« Frau Tomcsányi wartete nur auf diese oder auf eine ähnliche Frage, denn plötzlich warf sie sich gierig auf dieses Thema: »Ja, bei uns, aber auch nur bei uns ist das der Fall ... Obzwar anständige Leute auch hierzulande anständig bleiben. Freilich kommt man dann schwerer vorwärts. Im Auslande liegen die Dinge ganz anders. Dort hat man lediglich die Kunst vor Augen. Ich habe eine kleine Nichte, die in Kiew zwei Jahre Schauspielerin war. Heute ist sie zwanzig Jahre alt, und ich möchte getrost für sie die Hand ins Feuer legen. In zwei Jahren hat sie sechzigtausend Rubel ihrer Mutter nach Hause gesandt, die gleichfalls Witwe eines Professors ist. Das bedeutet hundertundfünfzigtausend Kronen, meine Gnädige ... Die Künstlerlaufbahn ist eine schöne, aber nur dort, wo sie bezahlt wird. Hundertfünfzigtausend Kronen! Welcher Schatz für arme Leute!« In dem kleinen Zimmer dachten zwei Menschen sehnsüchtig an die erlösende Zukunft voller Schätze und Künstlerehren, das Mädchen zuversichtlich und mit jugendlicher Sorglosigkeit, die Mutter in zaghaft-banger Hoffnung. Die Dritte saß breit auf einem Stuhl da und wiederholte die Worte, die sie schon so oft gesprochen, mit süßlicher, zu Herzen dringender Stimme, aber im Innern kalt und ohne Überzeugung. Sie übte eben ihr Gewerbe aus, alles war ihr nur Mittel zur Erreichung des Zweckes. »Glauben Sie denn,« sprach Frau Ladány, sich ihren Träumereien entwindend, »daß Therese im Ausland besser ihren Weg machen könnte?« »Nein, ich bleibe hier,« sagte Therese plötzlich in entschiedenem Tone. »Nun werde ich meinen Vertrag bekommen, da ist mein Klavier, mein Gesangsmeister ... Ins Ausland zu gehen habe ich auch später Zeit. »Das ist wohl richtig,« nickte Frau Tomcsányi. Aber wozu hier experimentieren und eventuell Schiffbruch leiden? Ich brauche der Amélie nach Moskau nur einen Brief zu schreiben und der Vertrag ist schon da ... Ruhmvolle Zukunft ... Aber wozu jetzt das fortspinnen, ich wollte ja nur Thereschen nach Hause begleiten und ihre Mutter kennen lernen ... Ist man doch so glücklich, eine ehrliche, herzensgute und rechtschaffen denkende Frau zur Freundin zu gewinnen ...« Sie verabschiedete sich. Dem Pförtner gab sie zwanzig Heller Sperrgeld, obwohl zehn Uhr noch kaum vorüber war. Frau Ladány öffnete neuerdings das Bett, während Therese die Wurst und das Brot herauskramte und der Mutter kaum zuhörte. »Siehst du, das ist eine brave, offenherzige Frau, der man vertrauen kann. Sie ist eben Witwe eines Staatsbeamten.« Therese löschte die Lampe aus und sie begaben sich zur Nachtruhe. Und so vergingen die Tage: am Vormittag im Theater bei den Proben, am Nachmittag in der Schule, dann eine Stunde im Artistenklub, von wo sie nach Hause ging. Goldfischlein ward in der Stadt allmählich bekannt, reiche junge Herren sprachen von ihr und Dr. Bodnár -- der als Doktor Gewürzkrämer wurde und den Schauspielern, sowie der Direktion für den Genuß, das Theater besuchen zu dürfen, die Delikatessen um 50 Proz. billiger berechnete -- sagte ihr einmal nach der Probe: »Täubchen! Kommen Sie zu mir in das Geschäft und wählen Sie sich etwas nach Herzenslust aus, ich will es Ihnen ins Haus schicken.« Und Therese ging hinein. Ihr Korb wurde mit Kaviar, Schinken, Kaffee, teurem amerikanischen Kompott und feinen Käsen angefüllt, und alles wurde durch den Ladendiener nach Hause getragen, wo die Beute ein Gegenstand neidvoller Bewunderung der ganzen Nachbarschaft war. »Ja, wenn man eine Schauspielerin zur Tochter hat! ...« meinten die galligen Neider. Goldfischlein machte die Bekanntschaft der berühmten Schneiderin Frau Lebán, einer kokett geschminkten Frau, deren negligéartige Kleidung teils an eine Kokotte, teils an eine Gelegenheitsmacherin erinnerte. »Mein Kind,« sagte ihr Frau Lebán, »bei mir bekommen Sie alles, was Sie brauchen. Zu zahlen brauchen Sie mir jetzt gar nichts, sondern Sie geben mir nur eine Schrift, wonach Sie, sobald Sie Ihren Vertrag bekommen, monatlich fünfzehn Prozent Ihrer Gage mir überlassen. Therese unterschrieb die Erklärung und erschien bald darauf in Toiletten, die in der Feuerwehrgasse allgemeine Sensation erregten. Wenn sie die Treppen emporstieg, zogen die Nachbarn die Vorhänge weg, um sie zu begaffen; der Advokat im zweiten Stock, der sie bisher gar nicht bemerkte, begrüßte sie nunmehr mit einem lauten »Küß die Hand«, der Pförtner aber blickte mit dem größten Respekt auf sie, weil der hochgewachsene junge Herr, der sie jetzt nach Hause zu begleiten pflegte, ihm nach Torsperre immer eine Krone Sperrgeld gab. Goldfischlein befürchtete nicht mehr, allein nach Hause kommen zu müssen. »Ich war im Theater ... Ich habe mit Direktors genachtmahlt ... Es war Nachtprobe ... Ich habe mit einem Direktor aus dem Auslande unterhandelt ...« antwortete sie im Anfang auf die Fragen der Mutter, aber bald unterblieben selbst diese Entschuldigungen, denn sie kam jeden Tag spät nach Hause. Frau Witwe Ladány kämpfte gegen das Verhängnis an, solange es ging. Allabendlich erwartete sie ihre Tochter vor der zur Bühne führenden kleinen Tür, wo die Requisiteure und die Beleuchtungs-Arbeiter sie halb mitleidig, halb respektvoll anblickten, während die Choristinnen und Choristen lächelnd an ihr vorbeigingen. »Wozu kommt die Frau täglich her?« sprach die bissige Irma zu ihren Freundinnen; Goldfischlein wird sie ja nicht in Form einer Einladung davon verständigen, wann sie ihre J ... J ... Jacke verliert.« In ihrem schmucklosen schwarzen Kleid und ihrem einfachen Hute, der schief auf ihrem Kopfe saß, stand die arme Frau verschämt auf der Straße da, als sich der Menschenstrom nach der Vorstellung aus dem Theater ergoß. Sie fühlte, wie ihre Tochter sich ihrethalben schäme, wenn sie gezwungen war, die Mutter dem sie nach Hause begleitenden Autor oder Komponisten vorzustellen. Dies führte oft zu Zank und Streit zwischen ihnen. »Was willst du denn? Was spielst du immer die Aufpasserin? ... Ich bin doch kein kleines Kind,« schrie sie rot vor Wut. Ich kann mich ja mit niemandem aussprechen, das schadet meiner Laufbahn. »Gut, gut, so werde ich nicht mehr hingehen, dich nicht mehr erwarten.« Und das »Ammerl« -- so wurde sie durch die Ballettmädel genannt -- legte weinend ihren alten Kopf auf die Kissen, indem sie aufseufzte: »Wenn mein armer Mann dies wüßte!« Von da an kam Therese allein nach Hause. In der Küche brannte ein Öllicht, damit sie nicht lange Zündhölzchen zu suchen brauche, und auf einem einfachen Teller waren Grieben oder Salami mit einem Stück Brot vorbereitet. Goldfischlein aber hatte schon längst ihr Abendbrot in Gesellschaft des Komponisten verzehrt, was sie aber im Anfang zu Hause nicht einzugestehen wagte, und so mußte sie die armseligen Bissen ohne Hunger essen; es kam aber auch vor, daß sie das Zeug in ein Papier wickelte und in den Lichthof warf. Schließlich ward ihr aber auch das zu dumm, und so bat sie ihre Mutter ein- für allemal, kein Nachtmahl mehr für sie bereitzustellen. Gewöhnlich nahm sie das Abendbrot mit Dezsö Veszprémy in einer kleinen Nische im Gambrinus, im sogenannten »Püppchen-Garten« dieser Restauration, ein. Püppchen heißt im Budapester Jargon jedes Mädchen, das sorglos leben kann, weil ihr Freund nur für sie lebt, ihren Mietzins, ihre Toiletten bezahlt und mit ihr im Gambrinus nachtmahlt. Püppchen ist keine große Kokotte oder prunkvolle Mätresse, sondern ein bescheidenes Mittelding zwischen diesen beiden und der Gattin. Püppchen ist eine dankbare kleine Geliebte mit nicht allzu hohen Ansprüchen, die außer ihrem Freunde höchstens noch eine Liebe hat. Die Püppchen bilden eine eigene Gesellschaftsschicht, eine weiß von der anderen, die Männer kennen sich gegenseitig stillschweigend und die Püppchen konkurrieren in bezug auf Kleider und Juwelen nicht mit anderen Frauen, sondern untereinander. Lauter sorgsam gepflegte Mädchen, die auch den Schein wahren, so daß die meisten unter ihnen sogar eine Beschäftigung oder ein Amt haben. Die eine ist Probiermamsell in einem vornehmen innerstädtischen Hutladen, die andere Maschinenschreiberin, die Dritte Trafikinhaberin, aber das größte Kontingent liefert doch das Theater und die Theaterschule. Ohne sich verabredet zu haben, frequentieren sie einen Seitensaal des Gambrinus; auf ihren Tischen stehen immer Blumenvasen; dies ist der »Püppchengarten«. Allabendlich erschien hier Therese in der Begleitung Veszprémys. Dieser war ein eigentümlicher, steifer Junge, hoch von Gestalt, schwarz, mit stark gelichteten Haaren, die er sorgsam pflegte und lang wachsen ließ, so daß Fremde seine angehende Glatze kaum bemerkten. Er sprach sehr leise, und in seiner Stimme zitterte etwas wie Unmittelbarkeit, die mit seinem wahren Wesen nichts gemein hatte. Er ging stets langsam, mit gemessenen Schritten, und wenn er sprach, blieb sein ganzer Körper unbeweglich, nur mit seiner Rechten führte er kurze, ausgezirkelte Gesten aus. Sein Großvater war noch Jude, er aber schon ein ausgemachter Gentry, Hilfssekretär im Finanzministerium ... Mittlerweile erlernte er das Notenschreiben. Vom Instrumentieren verstand er nichts, weshalb er seine Operetten durch den zweiten Kapellmeister des Theaters instrumentieren ließ. Dieser äußerlich männlich erscheinende Mensch, eine prächtige Mischung von Judentum und Gentrytum, ersann süßliche, sentimental anmutende Melodien. Kalte Gemessenheit und wütendes Aufbrausen, ritterliche Korrektheit und verschlagene Betrügerei, hochnäsige Überlegenheit und demütige Ratlosigkeit vereinigten sich in ihm zu einem sonderbaren Ganzen. Auch seine Kompositionsweise war eine eigentümliche. Fand er eine Melodie, die er zu einem Walzer oder zu einem Marsche verarbeitete, so verließ er sich nicht auf sein eigenes Urteil, sondern er suchte der Reihe nach alle ihm befreundeten Komponisten auf, um deren Ansicht einzuholen; der eine empfahl nun eine Änderung des Themas, der andere eine Abweichung im Rhythmus. Jeder gab etwas aus Eigenem hinzu; Veszprémy aber verwertete alles und so schuf er unter Mitwirkung aller Komponisten von Budapest eine Operette. Im Vorjahre hatte er einen Riesenerfolg. Sein Stück erlebte etwa zweihundert Aufführungen, und auch dieses Jahr erwartete das Theater von ihm einen erlösenden Erfolg. Darum hatte das Auftreten Goldfischleins große Bedeutung. Veszprémy hielt sich für den Entdecker Thereses, und da er für die Saison noch keine Freundin hatte, begleitete er sie jeden Tag zum Gambrinus, den Augenblick erwartend, da die reife Frucht ihm in den Schoß fallen würde. Die Welt glaubte schon lange, Goldfischlein sei die Geliebte des Komponisten, und alle Blicke wendeten sich ihnen zu, als sie in die Restauration eintraten. Bachó, der Kapellmeister der Honvédkapelle, der ungeachtet seiner Dirigententätigkeit den Komponisten bemerkt hatte, ließ es sich nicht nehmen, inmitten der kurzen Bewegungen seines Dirigentenstabes ihm mit einer weitausholenden Geste seinen Gruß zuzuwinken; Therese war stolz und hatte die Empfindung, ihren Weg nunmehr gemacht zu haben. An einem Abend erblickte sie unter den Biertrinkern die Paula König. Mit einem ironischen Lächeln blickte sie über sie hinweg. Jemand, der am Nebentische saß, sprach laut: »Der neue Star!« Therese war vornehm; eine elegante Toilette nach der anderen wanderte in die Feuerwehrgasse. Die Kleider fanden im Schrein keinen Platz mehr, und Goldfischlein warf die Frage einer größeren Wohnung auf. »Aber um Gotteswillen, wovon sollen wir das bestreiten?« frug ihre Mutter in weinerlichem Tone. Sie war noch trockener, noch trauriger geworden. Sie konnte sich über die schönen Kleider ihrer Tochter nicht freuen. Sie wagte es indes nicht, ihre Tochter zu tadeln, in der Befürchtung, sie könnte die Mutter verlassen und eine eigene Wohnung beziehen ... »Und dann wäre es aus,« dachte sie sich. Sie wußte, Therese sei jetzt noch ein unberührtes Mädchen ... Vielleicht gelang es doch, vielleicht wird aus ihr eine große Künstlerin. Der Tag der Premiere rückte immer näher. Während der Proben gab es immer Aufregungen und Zänkereien. Im zweiten Finale stürmte der Direktor auf die Bühne und warf seinen funkelnagelneuen Hut wütend zur Erde, weil die Statisten mit einiger Verspätung die mächtige Goldplatte, auf der Goldfischlein lag, auf die Bühne schleppten. »Der Teufel soll euch holen!« rief der Direktor außer sich vor Zorn. »Zurück mit der Platte!« »Zurück mit der Platte!« brüllte der Regisseur. »Zurück mit der Platte!« quiekte aus dem Hintergrunde des Zuschauerraumes die Rosa Ligeti, die bei den letzten Proben auch zugegen war. »Zurück mit der Platte!« winkte der Kapellmeister, und gleich einem entfesselten Sturm brauste der Chor und das Hilfspersonal: »Zurück mit der Platte!« Das Orchester erfuhr erst später, nachdem der Kapellmeister das Spiel einstellen ließ, was vorgegangen war. Ein Instrument nach dem anderen verstummte und nur das Geschrei war noch zu vernehmen. Und Therese lag, nur mit einem Trikot bedeckt, inmitten dieses neurasthenischen Stimmengewirrs auf der Platte. Sie fühlte sich als Königin des Lebens, als sie hin- und hergetragen und geschaukelt wurde. »Das zweite Finale wiederholen!« verfügte der Direktor. Das Ganze wurde wiederholt. Nach der Probe war Veszprémy müde, erschöpft. Er wandte sich an Therese mit den vertraulich gesprochenen Worten: »Kommen Sie, speisen Sie heute bei mir ...« »Nein ... nein, Dezsö ... auch ich bin müde. Ich muß nach Hause gehen.« Der Junge wurde sentimental: »Goldfischlein, wollen Sie denn nicht einsehen, daß ich heute Nachmittag das Bedürfnis habe, ein Wesen an meiner Seite zu haben, das ich liebe, von dem ich glaube, daß es mich liebt, daß es mit mir fühlt, wenn ich den Kopf an seine Schulter lege, das wirklich wünscht, daß ich einen Erfolg erringe ... Goldfischlein, ich flehe Sie an, kommen Sie herauf.« Und Goldfischlein ging hinauf. Die alte Wirtschafterin seufzte: »Hätte ich gewußt, daß das gnädige Fräulein mitkommt, so würde ich mehr gekocht haben. Aber das gnädige Fräulein pflegt nicht zum Mittagessen zu kommen.« Bisher war Therese stets nur »auf einen Sprung« heraufgekommen, um Veszprémy abzuholen; und wenn der Komponist noch nicht fertig war, drehte sie sich um und warf lachend die Vorzimmertür zu, indem sie rief: »Ich erwarte Sie unten, damit es Ihnen nicht einfällt, sich damit zu brüsten, daß ich Sie in Ihrer Wohnung besuche ...« Heute geschah es zum ersten Male, daß sie für längere Zeit hinaufging. »Tut nichts, Tante Pepi, meinethalben brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.« Es hatte etwas Burschikos-Anmutiges, wie sie bei Tische saßen und die Tante Pepi sich um sie zu schaffen machte. Aus einem Schrein wurde eine Flasche Rosinenwein geholt, dessen Farbe dem rotbraunen Lack alter Möbelstücke ähnelte. Veszprémy hatte zwanzig Flaschen dieses Weins bei Nicolo Dagnino bestellt, als er mit seiner damaligen Saisongeliebten in Palermo weilte. Das war die letzte Flasche. Sie schenkten den Wein ein und stießen mit den Gläsern an. Die Mehlspeise -- es war Kaiserschmarrn mit Aprikosenmarmelade -- aßen sie von einem Teller, wobei Goldfischlein auf dem Schoße des Komponisten saß, während Frau Pepi es für angezeigt hielt, nicht mehr hereinzukommen. »So! und jetzt legen wir uns nieder, ruhen wir uns aus,« sprach Veszprémy nach dem Essen. Therese blickte ihn verwundert an. »Wie meinen Sie das?« »Ich habe einen breiten Divan, Sie setzen sich darauf, ich aber lege den Kopf in Ihren Schoß, schließe die Augen und ruhe mich aus ... Ich atme bloß, aber ich denke gar nicht mehr, sondern ich überlasse mich einer wohltuenden Erschlaffung der Nerven ... Das ist doch harmlos?« Therese fand die Idee sehr spaßig. Veszprémy reichte ihr scherzhaft den Arm: »Gräfin?« »Herr Graf!« Und sie gingen Arm in Arm in das andere Zimmer. Vor dem Divan zog Therese ihren Rock, um das Kleid zu schonen, ein wenig höher und setzte sich auf ihren taubengrauen Unterrock. Veszprémy legte sich nieder und senkte den Kopf in ihren Schoß. Unter seinem Hinterkopf knisterte die Seide, er fühlte den vollen Schenkel des jungen Mädchens, auch atmete er ihr Parfüm ein, doch sprach er nichts, sondern schloß die Augen, und indem er Müdigkeit heuchelte, bat er sie: »Goldfischlein, streicheln Sie meinen Kopf ...« Therese war gerührt, sie fand die Situation allerliebst, es gefiel ihr, daß der reife Mann vor ihr zum Kind geworden; auch dachte sie daran, daß Veszprémys Name im ganzen Lande bekannt sei, und doch sitze sie jetzt in seinem Zimmer und streichle seinen Kopf. »Küssen Sie mich, Goldfischlein!« flüsterte er ihr ins Ohr. Goldfischlein neigte sich langsam über ihn; sie fühlte sich von einer frauenhaften Wärme der Empfindung erfaßt, die im liebenden Manne auch ein Kind sieht; sie heftete ihre Lippen langsam, weich an die seinen. Veszprémy ließ sich ermattet küssen und als er fühlte, daß sie nunmehr ihm gehöre, daß sie sich für ihn erwärme, wurde er mit einem Male flink und stürmisch. Er erfaßte sie mit beiden Händen an der Taille, riß sie zu sich herab und ehe sie sich dessen versah, riß er sie an seine Brust und bedeckte, wilde, leidenschaftliche Worte stammelnd, ihr Antlitz mit verzehrenden Küssen. Vor ihren Augen zerriß es wie ein Vorhang, entsetzt schrie sie auf und begann sich mit aller Kraft gegen seine Umschlingung zu wehren. »Laß mich los -- auf der Stelle!« Er lachte brutal auf. Ihre Wangen brannten, ihr Herz pochte zum Zerspringen. Wütend warf sie den Kopf hin und her, immer stürmischer verlangend, er solle sie freigeben. Nun erst zeigte sich Veszprémy in seiner ganzen Brutalität. »Bestie, wozu die Komödie -- wußtest du nicht von Anfang an, daß ... du sollst mir bezahlen ... du sollst ...« »Fort!« schrie sie und fuhr ihm mit den Fingern ins Gesicht, so daß unter ihren Nägeln das Blut hervorquoll. Er ließ sie los, worauf sie aufsprang, ihm in das Gesicht lachte und mit einem Satze im Vorzimmer war. Sie riß ihren Hut und ihren Überrock vom Rechen und eilte in das Treppenhaus. Zum Glück war niemand dort, und sie konnte ruhig Hut und Mantel anziehen. Sie sah noch, wie bei Veszprémy die Lampe aufflammte, dann holte sie tief Atem, der sich in kurze, abgerissene Seufzer auflöste, und ging auf die Straße. Vielleicht tat er ihr sogar ein wenig leid; auch dachte sie daran, daß es ein Unsinn gewesen sei, sich ihm verweigert zu haben, zumal dies früher oder später doch ihr Schicksal werden müßte, doch frug sie sich dann, warum sie es eigentlich tun sollte? Für so wenig? Das lohnt sich nicht ... Sie ging weiter ... Veszprémy aber brachte sich vor dem Spiegel in Ordnung, nahm die Zeitung zur Hand, die er auf dem Heimwege auf der Straße gekauft, warf sich auf den Divan, pfiff vor sich hin und dachte sich kalt: »Heute ist's nicht gelungen ... tut nichts ...« IV. Der Theaterportier war an diesem Abend in festlich aufgeregter Stimmung. Er ließ seinen lichtblauen Rock à la Rákóczy durch seine Frau mit besonderer Sorgfalt ausbürsten, stellte sich in Stiefeln und in seiner weichselroten Hose vor den Spiegel, strich seinen Schnurrbart mit der Pomade, daß die beiden Enden sich dräuend in die Höhe richteten, und sprach: »Schepsenes meint, das neue Stück werde durchfallen ...« Schepsenes war der älteste Dekorateur des Theaters. Woher er den Namen hatte, wußte niemand zu sagen, doch war allgemein bekannt, daß er schon nach der vierten oder fünften Probe sein Urteil über das Stück abzugeben pflegte. Wohl gab der Direktor nichts auf derlei Gewäsch, trotzdem pflegte er den Mann so en passant zu fragen: »Nun, Schepsenes, wie wird's werden?« Schepsenes aber runzelte die Augenbrauen, schnitt eine Grimasse und meinte vom Stücke Veszprémys: »Zu dünn ... schwach ... kein Erfolg ...« »Na, Schepsenes, diesmal werden Sie mit Ihrer Kritik aufsitzen,« sagte der Direktor; aber insgeheim erschauerte er, denn vor der Premiere ist man abergläubisch, feig und voller Ahnungen. Das ganze Theater war aufgeregt und gespannt. Auf der Bühne wurde Monte Carlo zusammengestellt; der Sohn des Marquis Trarieux macht nämlich die Bekanntschaft der schönen und steinreichen Gladys Worchester an der Riviera. Alles roch nach Farben; das eine Rasenfläche darstellende Linoleum wurde gerade nach rückwärts gezogen; der Dekorationsmeister formte seine beiden Handteller zu einem Trichter und rief zum Schnürboden hinauf: »Schepsenes, lassen Sie das Meer und den Park herab!« Inmitten des durch das Senken von Leinwandmauern verursachten Geräusches hörte man die Verfügung des Beleuchtungsinspektors: »In die dritte Soffitte mehr Grünes ...« Der Regisseur ließ noch einen prüfenden Blick über die Bühne gleiten, der Portier blickte auf die Uhr ... in zwei Minuten war es sieben. Was würde der Abend wohl bringen? Werden die Fauteuils im Parterre, der Logenkranz und die Massen der Galerie einen Erfolg oder einen Durchfall beschließen? Die Logenschließerinnen waren schon auf ihrem Posten, über dem schwarzen Kleide trugen sie heute eine ganz weiße Schürze, im Haare einen frisch gestärkten mächtigen Leinwandschmetterling. Am Büfett prüfte der Pächter, der alte Onkel Brenneis, die belegten Brötchen, ob die Butterschicht darauf dünn genug sei; peinlich genau wog er den Schinken, der so dünn war, wie ein Blatt Seidenpapier, bevor er ihn mit der Kaisersemmel bedeckte. Oberhalb der Kasse wurde die Tafel angebracht, die besagte, daß für heute alle Karten vergriffen seien. Die Kassiererin folgte die vorgemerkten Karten den Stammgästen aus; auf der Straße wurden Parterresitze und Galerieplätze durch Agioteure insgeheim zu doppelten Preisen feilgeboten. Zuerst kamen Galeriebesucher, das Volk der Vorstädte; von der Ringstraße her drängte eine immer dichter werdende Menschenmenge dem Theater zu. Der Zuschauerraum war glänzend erleuchtet; jetzt traf der erste Einspänner ein, ihm folgte ein Auto, dann eine Reihe von Fiakern. Farbe, Leben und Lebhaftigkeit hielten ihren Einzug in das große Vestibül; auf dem roten Teppich erblühte ein ganzer Garten weißer, grüner, bunter Gestalten. Die Leute suchten noch nicht ihre Plätze auf, sondern veranstalteten gruppenweise kleine Jours, die Herren zumeist im Smoking, nur wenige im Frack; Bekannte wurden laut begrüßt; es herrschte hier eine besonders gute Laune, die nicht frei war von einem gewissen kecken Eigendünkel. Jeder dünkte sich ein Richter, der ein Urteil zu sprechen hatte, jeder hielt sich für eine wichtige Person. In der Menge erblickte man auch die Gegenparteien, die Theaterleute ... »Na, was hört man ... du weißt ja?« Die Gefragten antworteten mit verächtlichem Wohlwollen: »Nun ja ... Erfolg ... Erfolg ... obschon das Stück mir speziell nicht gefällt.« Der befrackte Direktor eilte von einem Platz zum andern, ein erzwungenes Lächeln auf den Lippen; sein Gesicht war bleich, aber er hörte nicht auf zu beteuern: »Kolossal, ganz kolossal! ...« Gleich einem treuen Hunde suchte der Theatersekretär die Kritiker mürbe zu machen: »Nun, lieber Kende, wie waren Sie mit der Generalprobe zufrieden? Richtig, der Herr Direktor läßt Sie bitten, ihn morgen vormittag zu besuchen. Er will die ›Wäscher Liesl‹ durch Sie übersetzen lassen.« Im Parterre saß noch kaum einer auf seinem Platze, die Menge der Plastrons füllte den Zwischenkorridor und aller Augen beguckten die sich allmählich füllenden Logen. In dem großen Bienenkorbe wurde es immer lebhafter; im Orchester ein wüstes Durcheinander der Instrumente, die durch die Musiker gestimmt und ausprobiert wurden; aus der Flöte quollen kleine Pfiffe und Skalenläufe hervor, das Horn stimmte nur hie und da mit einem Akkord in das allgemeine Tongewirr ein, der tiefe Baß des Fagotts schien aus der Tiefe der Erde hervorzudringen, auf dem Timpan erklangen kaum hörbare kleine Schläge. Nun flammte auch der mittlere große Lüster auf, es war halb acht Uhr und das Publikum nunmehr versammelt, eine glänzende, lärmende Menge, die bekannten Typen der Budapester Gesellschaft: die jungen Leute aus dem Casino de Paris, vom Wagenkorso der Stefaniestraße, die Kartenspieler des Kasinos, die Männerwelt der Börse, die Frauenwelt des Donaukorsos und der Waitznergasse, alles in allem achthundert bis tausend Menschen, die bei uns die öffentliche Meinung der Premieren bilden, die aber in Wirklichkeit nichts mit dem wahren großen Publikum zu tun haben. Auf dem Balkon und auf der Galerie ein Schwarm begeisterter Ladenangestellter, verträumte, entzückte Näherinnen, die Verkäuferinnen der Hutgeschäfte, die am Sonntag Pesti Hirlap und Az Ujság kaufen, um die Sonntagsplaudereien Molnárs und Kóbors zu lesen. Und in dieser wichtigtuenden Menge bemerkte niemand eine schwarzgekleidete alte Frau, die in schmerzlich gespannter Erwartung in der ersten Balkonreihe saß. Es war Thereses Mutter. Ganz betäubt und verwirrt saß sie da inmitten der lärmenden Menge; sie hatte noch nie einer Premiere beigewohnt; ihre Gedanken weilten übrigens ganz bei der Tochter, deren Schicksal heute entschieden werden sollte. Wenn sie Erfolg hatte und engagiert wurde, so wollte sie ihr das spöttische Geflüster der Nachbarn verzeihen, ebenso auch das Klavier und die Schande, daß sie am Ersten des Monats den Mietzins schuldig geblieben war und den Hausmeister um Nachsicht hatte bitten müssen, der ihr darauf erwiderte: »Wenn Ihre Tochter im Fiaker fährt, so können Sie auch den Mietzins bezahlen.« Sie wollte der Tochter dann auch die vielen bitteren, schlaflos verbrachten Nächte verzeihen, auch die Scham, mit der sie die teuren Toiletten und Wäschestücke empfing, nur sollte die innere Demütigung und das Seelenleid nicht vergeblich gewesen sein. Sie wußte gar nicht, was das Wort »Erfolg« eigentlich zu bedeuten habe, wie der Erfolg sich äußere, doch empfand sie eine unbewußte Angst vor dem Kommenden. Therese saß in ihrem Rosatrikot, mit aufgelösten Haaren in ihrem Ankleidekabinett, zwei Kolleginnen leisteten ihr Gesellschaft. Sie zog ein kurzes Peignoir über das Trikot. Die Garderobefrau betrachtete sie mit Kenneraugen und sagte: »Nicht einmal die Ilka Pálmay hatte schönere Knöchel ...« Unausgesetzt ging es bei ihr ein und aus. Zuerst kam der Inspektor, um zu sehen, ob das ganze Personal versammelt sei. Dann kam ein kleines Mädchen mit einem riesigen Blumenkorb. Er war für die Erzsi Batist bestimmt; dann trat, sehr geräuschvoll, die Rosa Ligeti ein; sie schien gar nicht wohlgelaunt zu sein und war gar nicht höflich. Ihre Stimme war roh und befehlend: »Gib acht, daß du nicht entgleisest. Ich soll dich nicht vergeblich gratis unterrichtet haben! Steh auf, entferne den Mantel!« Therese stand vor ihr in einem dünnen Trikot, das ihre Haut durchschimmern ließ; ihre Füße steckten in goldenen Schuhen, ihre üppigen, aufgelösten Haare bedeckten ihre Schultern. »Dein Gesicht ist nicht gut geschminkt, du hast zu viel Rot genommen,« sprach sie barsch. Und während Therese sich umzuschminken bemüht war, trat der Direktor mit einem befreundeten Journalisten ein, der wie eine Leibwache ihn immer begleitete, stets nur Günstiges über ihn schrieb und frei in den Ankleideräumen sich bewegen durfte. Auch der Komponist war im Frack da, bereit, vor den Vorhang gerufen zu werden. Er hatte zwei Rosen in der Hand, die er zwei Damen überreichte, während er Therese nur kalt zunickte. Seit vorgestern hatte er sie nicht gesprochen. Diese Nichtbeachtung tat ihr weh, und doch erblickte sie darin eine gewisse Unterscheidung. Im übrigen hatte sie keine Zeit, sich hierum zu kümmern; sie wandte sich verschämt ab und zeigte den drei Männern den Rücken. »Nicht schlecht!« lachte der Direktor. »Wie immer sie sich wendet, hat sie genug zu zeigen,« meinte der Journalist geistreichelnd. »Keine Ziererei, keine Affektation! Im Theater werden dich tausend Menschen sehen!« rief die Rosa Ligeti schrill dazwischen. Sie standen da und betrachteten ihren jungen, frischen Leib, wie der Metzger das Vieh auf der Schlachtbrücke. Ein langes, schrilles Läuten, und die ganze Gesellschaft stob auseinander. Die Mädchen gingen auf die Bühne, wo sie noch das Geschimpfe der Primadonna vernahmen, die wütend darüber war, daß die Schneiderin etwas im letzten Augenblick brachte. Dann ertönte, wie aus weiter Ferne, das Spiel des Orchesters. Therese blieb in ihrem Rosatrikot allein im Ankleideraum zurück. Die Lampen im Zuschauerraum erloschen und der Vorhang ging in die Höhe. Thereses Mutter hörte die Musik, verstand die Worte, sah das Spiel und den Tanz der Schauspieler und Schauspielerinnen, und dennoch wußte sie nicht, was vorgehe. Sie war zerstreut und konnte das Auftreten ihrer Tochter kaum erwarten. Nach allen Gesangsnummern erscholl lauter Applaus; sie geriet gerade in die Reihen der bezahlten Claque; sie hörte, wie der Claque-Arrangeur seine Weisungen erteilte und von einem Blatte die Stichworte las, wo zu wiederholen und wo zu lachen ist. Dann senkte sich der Vorhang; der Lärm wurde geradezu unerträglich, und vor dem Vorhang erschien ein Herr, der ihre Tochter öfter nach Hause begleitete. Er führte die Primadonna am Arme; sein Gesicht war fahl und er verneigte sich linkisch. Die Claque arbeitete aus Leibeskräften, die Leute schrien im Chor und mit gedehnter Stimme: »Den Komponisten, den Komponisten!«, während das Parkett und die Logen stumm und kalt diese vereinzelte Demonstration über sich ergehen ließen. Unten ging der Direktor von Gruppe zu Gruppe: »Bitte, nicht nach dem ersten Akt urteilen ... der zweite ist phänomenal ... Ein neues Mädchen ... ein so schönes hat Budapest noch nicht gesehen ...« Der Sekretär hat schon zwölf Operetten den Journalisten zur Übersetzung gegeben, um sie zu gewinnen; die Gegenkomponisten gratulierten freudestrahlend dem Komponisten: »Dein bestes Werk ...« Sie waren fröhlich und voll des Lobes, denn der erste Akt war schmählich durchgefallen. Das Interessanteste aber war das Verhalten des Publikums. Schon nach einem Augenblick sprach niemand mehr vom Stück, jeder unterhielt sich über seine Privatangelegenheiten. Die große Spannung, die dem ersten Akte voranging, löste sich und als der Kapellmeister seinen Stab erhob, um das Zeichen zum Beginne des zweiten Aktes zu geben, hatte sich jeder mit müder Gleichgültigkeit gesetzt. Die Dekoration war eine andere, auch die Schauspieler waren umgekleidet; Frau Witwe Ladány wußte, daß ihre Tochter in diesem Akte auftreten werde. Ungeduldig, zerstreut, hochklopfenden Herzens starrte sie auf die Bühne, als das Orchester mit voller Kraft das zweite Finale anstimmte und die Lakaien die Saaltür weit öffneten. Sechs Diener, die auf den Schultern eine goldene Platte trugen, traten ein, und auf der Platte lag zwischen einigen Blumensträußen ein nacktes Mädchen mit aufgelösten Haaren. Die Platte wurde auf den Tisch gestellt. Das war das erste Gericht: der Fisch . Alle Ferngläser richteten sich auf die Platte, das ganze Premierenpublikum wollte den neuen Leib sehen, der auf den Markt kam, man wollte darüber urteilen ... Und Goldfischlein erhob sich, stand auf und richtete sich auf. Als wäre das kleine Trikot ihr vom Leibe gestreift worden, als sie im grellen Lichte der elektrischen Reflektoren dastand; ein Herr im Parkett rief laut aus: »Bravo!« Großes Gelächter und Applaus. Der erste aufrichtige, starke Applaus des Abends. Die Nacktheit, die Jungfräulichkeit wurde beklatscht. Hinter der Frau Witwe Ladány sprach jemand: »Eine feine Haut! Schade, daß sie singt.« Thereses Stimme kämpfte schwach und in kindischer Unsicherheit gegen das Tongewoge des Orchesters an; sie hatte die wenigen Zeilen zu singen, die sie zu Hause am Klavier so oft probierte, so daß ihre Mutter die Worte mit ihren ausgetrockneten Lippen unbewußt nachmurmelte. Dann wurde sie vom Tische gehoben und stand vor dem Souffleurkasten da. Alles Blut war der alten Frau aus dem Gesichte gewichen, als sie ihre Tochter, die Beute von tausend Augen und Gedanken, betrachtete; sie dachte an ihre eigenen Eltern; in einer Sekunde durchfuhr sie der Gedanke, was sie wohl dazu sagen würden, daß ihr Enkelkind den nackten Leib auf den Markt trägt; sie dachte an ihren Mann, den Professor, der die Kinder in der Schule in Zucht und Ehren erzog. Ihre Augen trübten sich, eine furchtbare Scham und Verzagtheit bemächtigte sich ihrer, und ohne selbst zu wissen, was sie tat, war sie schon draußen in der Garderobe; sie setzte ihren kleinen flachen Hut schief auf den Kopf und tränenden Auges schlich sie sich fort, um ihrer Wohnung zuzuwanken ... Erst gegen Mitternacht kam Therese nach Hause. Sie kam in Begleitung der Frau Tomcsányi zu Fuß und war nachdenklich und zerstreut. Sie wußte gar nicht, was im Theater vorgegangen war. Nach dem Finale sprach niemand ein Wort zu ihr, sie sah weder den Direktor, noch Veszprémy. Als sie nach dem Aktschluß auf den Applaus hin vor den Vorhang gehen wollte, wurde sie von der Primadonna nervös angeschrien: »Du wirst doch nicht so hinausgehen! ...« Und sie schob sie zurück. Weinend lief Therese in ihre Garderobe, wo die Ankleidefrau sie mit den Worten empfing: »Schade um das Stück ... Das Fräulein war so schön darin. Es lohnt sich hier nicht, schön zu sein.« Sie kleidete sich an, und Frau Tomcsányi kam ihr gerade in den Wurf. Die schnaubende, dicke Frau stand im Hofe und sprach sie entzückt an: »Ach, mein Herz, mein Täubchen, wie wunderschön waren Sie doch ... Ich war nämlich auch dabei ... Und erst Ihr Organ! Das reinste Vogelgezwitscher ... Ich gratuliere! ich gratuliere! Wollen Sie nicht mit mir nachtmahlen?« »Gleich,« erwiderte Therese, »ich will nur mal nachschauen, wo die anderen sind.« Sie hätte gerne etwas Bestimmtes gehört, was eigentlich vorgegangen war. Auf der Bühne, in den Korridoren, in den Ankleideräumen war niemand zu sehen. Der Direktor ging allein nach Hause. Veszprémy war verschwunden, die Choristinnen gingen mit ihren Freunden fort. Nur den alten Schepsenes sah sie, der ihr die Bemerkung machte: »Hätte der Direktor auf mich gehört, so würde er viel Geld erspart haben ... Ich habe ihm ja gesagt: Das Ding ist zu dünn ... Das Fräulein war der reine Zucker ...« Und auch er verschwand in der Nacht. Der Durchfall war ein eklatanter, er trieb die ganze Gesellschaft für heute auseinander. »Gehen wir!« sprach Therese zur Frau Tomcsányi. Sie hatte das Bedürfnis, sich mit jemandem auszusprechen, ehe sie nach Hause ging. Sie kehrten in einem Wirtshause der Josefgasse ein. Das Lokal war beinahe leer. Während sie ihr Nachtmahl verzehrten, frug Frau Tomcsányi leise: »Nun, mein Kind, hast du darüber nachgedacht?« »Worüber denn, Tante Tomcsányi?« frug Therese, in Gedanken versunken. »Daß du dein Talent nicht hier in Ungarn für einen Pappenstiel verkaufst ... Ich habe seither an Amélie schon geschrieben, und der Kontrakt ist auch schon eingetroffen ... Schau her, mein Kind ...« Sie entnahm ihrem Ridikül ein kleines Blättchen, eine lithographierte Drucksache, die sie auf dem Tisch ausbreitete ... Sie lasen zusammen: Kontrakt, kraft dessen ich mich verpflichte, Mitglied der ungarischen Truppe (Vengerski-Chor) des Yard-Theaters in Moskau zu werden. Hierfür empfange ich eine Monatsgage von fünfzig Rubeln nebst vollständiger Verpflegung und Wohnung ... »Siehst du, mein Kind, das ist der Anfang des Glücks ... Wohnung und Kost ... Überdies fünfzig Rubel in den ersten Monaten ... Was braucht denn ein Mädel sonst noch? ... Und dort gibt es Geld in Hülle und Fülle ... Was kann hier aus dir werden? ... Erringst du einen Erfolg, so wird ja die Primadonna dich erwürgen, sie läßt dich gar nicht vor den Vorhang ... Schau nur, was Amélie im Begleitbriefe schreibt ... Denn ich habe ihr über dich viel geschrieben.« Sie entnahm ihrem Täschchen einen Brief, bewaffnete sich mit einem Lorgnon und las den Brief so, daß auch Therese mitlesen konnte. »Liebe mütterliche Freundin! (›sie schätzt mich nämlich sehr hoch!‹) Ich will das Fräulein, über welches du mir schriebst, wenn sie talentiert und geschickt ist, sehr gerne empfangen und ihr auch einen Kontrakt senden, den sie, wenn es ihr zusagt, unterschreiben kann. Es soll mich sehr freuen, wenn sie als Schauspielerin nach Moskau kommt, und sie soll ihren Entschluß nie bereuen. Natürlich muß sie die Schwierigkeiten des Anfanges überwinden und sie darf keine übergroßen Ansprüche oder Hoffnungen haben. (›das schreibt sie nur so, damit du nicht übermütig wirst!‹) Im übrigen können auch diese in Erfüllung gehen! (›Hörst du?!‹) In mir soll sie nicht bloß ihre Direktrice, sondern eine wohlwollende Gönnerin erblicken (›welch feine, edelherzige Dame!‹), die hier in der Fremde ihr den Weg weist und ihr ein Heim bietet (›das steht auch im Kontrakt‹). Der Russe ist der erste Kavalier der Welt; er will von einem Mädchen nichts anderes als Kunst haben, etwas Gemüt und frohe Laune, und dann zahlt er mit der größten Freigebigkeit. Hauptsache ist der Eifer und die Anständigkeit, dann kann die Künstlerin ein Vermögen erwerben.« »Das übrige interessiert dich nicht, mein Kind, es sind Privatangelegenheiten ... Siehst du, welches Glück draußen in Rußland deiner harrt?« Sie blickte forschend in die Augen des Mädchens und sprach, jedes Wort betonend, weiter: »Dort hat es niemand auf deine Tugend abgesehen, will niemand dich für nichts und wieder nichts verführen, wie dieser Veszprémy ...« Therese fuhr auf: »Woher wissen Sie das?« »Ach, eine so erfahrene Frau weiß gar manches.« In Wirklichkeit wußte sie gar nichts, doch hatte sie auf dieser Laufbahn schon eine so lange Vergangenheit und so reiche Erfahrungen, daß sie gleich einem Arzte mit Leichtigkeit die Diagnose feststellen konnte. »Hat jemand getratscht?« fragte Therese. Frau Tomcsányi wollte alles sofort wissen. »Man sagte, mein Kind, du wärest seine Geliebte geworden.« »Wer das sagte, hat gelogen!« Und Therese flüsterte ihrer Freundin die Ereignisse des gestrigen Nachmittags ins Ohr. Dann schwieg sie, sie war müde, erschöpft. Die Erregungen des Abends und die der Premiere folgende öde Stille stimmten sie traurig. Lange sprach sie kein Wort, sie dachte an ihre Mutter und daran, daß es vielleicht doch besser wäre, zur Schreibmaschine zurückzukehren ... Doch dann schüttelte sie den Kopf ... Unsinn! Sie würde eine Künstlerin sein ... Und wenn die Primadonna darob von Neid bersten sollte ... ja doch eine Künstlerin ... Frau Tomcsányi zahlte, und sie gingen langsam nach Hause. Die Ringstraße war still und leer. Vor dem Haustor angelangt, fragte Frau Tomcsányi: »Was soll ich der Amélie antworten?« »Nichts ... Ich will morgen den Kontrakt im Theater unterschreiben ...« Ihre Mutter war noch wach, sie hatte bloß den Hut abgelegt und saß noch immer so da, wie sie aus dem Theater nach Hause wankte. Sie saß in ihrem schwarzen Kleide in der Küche, auf einem alten schlechten Stuhl, einem Überbleibsel der guten alten Zeiten. Nach Art trauernder Familienmitglieder saß sie nicht mit dem Gesicht gegen den Tisch, sondern sie stellte den Stuhl zur Seite des Tisches und stützte sich mit den Ellbogen auf ihre schwachen Knie ... Seit zehn Uhr dachte sie fortwährend nach, und ihr Gesichtsausdruck verlor den gewohnten Charakter abgestumpfter Gleichgültigkeit. Der Schmerz, die Bitterkeit machten sie sentimental, zugleich aber entschlossen, ihre Züge klärten sich. Ihre unterdrückten, absichtlich begrabenen Empfindungen gewannen wieder die Oberhand. »Sie haben sich noch nicht zur Ruhe begeben?« frug Therese bei ihrem Eintreten die Mutter. Fast mechanisch setzte sie fort: »Nun, wie habe ich Ihnen gefallen?« Die alte Frau erhob sich von ihrem Sitze; ihre Stimme klang hart, sie verlor den Ton der Resignation, der Therese seit langem bekannt war; der entschlossene Wille war aus dieser Stimme herauszufühlen. Mit würdevoller Miene, wie sie der Witwe eines Staatsbeamten geziemt, sprach sie die Worte: »Entweder wirst du das Theater sofort verlassen oder du gehst morgen aus meinem Hause. Ich habe dich nicht zu einer Allerweltsdirne erzogen.« Und sie ging in das dunkle Zimmer hinein ... Diese Erklärung traf Therese nicht gerade unerwartet. Sie zuckte die Achseln und legte sich nieder. Sie löschte die Lampe aus und starrte unbeweglich ins Finstere. Sie war müde, überdies aber von einer Unruhe und Unzufriedenheit geplagt; sie empfand schon, daß das, was mit ihr vorging, kein Spaß sei. Die Erlebnisse des letzten Abends zogen in verworrenen Bildern an ihrem geistigen Augen vorüber und sie hätte am liebsten weit, weit von hier, in einer neuen Welt, unter unbekannten, fremden Menschen geweilt. Frau Tomcsányi, Rußland kamen ihr in den Sinn. Wenn die Mutter sie aus dem Hause jagte, so würde sie nach Rußland gehen. Doch ward sie plötzlich von einer nervösen Furcht erfaßt ... Nein ... nein ... sie wollte doch lieber zu Hause bleiben ... Es war ja nichts geschehen ... Der Direktor sagte erst vorgestern, sie solle nach der Premiere den Kontrakt holen, der Komponist werde sich schon versöhnen lassen ... Daß sie nicht in der Wohnung der Mutter bleibt? Tut nichts ... Sie hatte sich ja ohnehin immer schämen müssen, wenn jemand sie dort besuchte ... Die Witwe des Staatsbeamten aber weinte auf dem aus der Küche in das Zimmer geschobenen kleinen Eisenbette still vor sich hin ... Therese stand am nächsten Morgen früh auf, eilig zog sie Strümpfe und Schuhe an; noch in Unterröcken stehend, schlüpfte sie in den Mantel, drückte eine Mütze auf den Kopf und lief hinunter, um sich einige Zeitungen zu holen. Was die wohl über sie schreiben? Sie sah ihren Namen mit gesperrten Lettern gedruckt. »Therese Ladány ist eines der gewöhnlichen Pflänzchen der Theaterschule. Solange sie nackt ist, singt sie schön, aber sowie sie den Mund zum Singen öffnet, ist sie sogleich in Pelze gehüllt.« Sie verstand nicht gleich, was das bedeuten soll. Im »Népszava« (Volksstimme) hieß es: »Die Ligetische Theaterschule hat wieder einmal ein nacktes Mädchen geliefert. Dieses Kulturinstitut verwechselt sich mit einer anderen öffentlichen Institution ... Das Fräulein tut uns leid -- und darum wollen wir diesmal keinen Namen nennen -- wir bedauern sie, daß sie ihr Brot auf diese Art verdienen will ...« Dann kam eine dritte Kritik: »Die Theaterschule der Rosa Ligeti warf einen neuen Schatz auf die Operettenbühne. Therese Ladány steht vor einer großen Zukunft, sie besitzt schon jetzt eine wunderbare Gestalt und prächtige Formen, das andere kommt von selbst ...« Dies schrieb der Leibgarde-Journalist des Direktors. Die Mutter sprach an diesem Morgen kein Wort zu ihr; sie räumte auf und arbeitete im Hause in gewohnter Weise, dann ging sie in die Markthalle. Mittlerweile hatte Therese sich angekleidet, damit sie um halb zwölf Uhr bei dem Direktor erscheinen könne. Vor dem Theater schien die Gasse wie ausgestorben; die Kassiererin mit den gelbgefärbten Haaren saß in ihrer Klause und las einen Roman. »Wird am Abend Publikum da sein?« frug Therese die Kassiererin. »O, wir werden ein selten schönes Haus haben!« antwortete das Fräulein, ohne aufzublicken. »Gott sei Dank,« bemerkte Therese, ohne den ironischen Beigeschmack der Antwort zu erfassen, in welcher der Akzent auf dem Worte »selten« lag. Die Leute werden eben sehr »selten« sein. Sie eilte flink in den ersten Stock und öffnete mit breiter Geste die Glastür des Sekretärs. Wie ein Kind an den Brüsten der Mutter, so hing der saure, kahlköpfige Sekretär diesen Vormittag an der Telephonmuschel. Er war bestrebt, eine Unzahl Freikarten Schneidern, Hutmachern und anderen anzuhängen, die das Theater beschäftigte und auf diese Art zu bezahlen suchte. Dann mußte er den Journalisten abwinken, denen er die Übersetzung von Operetten zugesagt hatte. Überdies mußte er alle fünfzehn Minuten dem Veszprémy antworten, der fortwährend wissen wollte, wie es um die Kasse stehe. »Schwach, sehr schwach!« lautete die stereotype Antwort. Als Therese eintrat, sprach der Sekretär gerade telephonisch mit dem Direktor. Er sagte kurz: »Schlimm ... ganz schlimm ... gar keine Logen ... Parkett kaum einige Sitze ... Jawohl ... die kleine Mizzi Lenkey wird schon ... Er legte die Muschel hin und blickte auf Therese. Er stand auf, reckte sich und begann sich mit der linken Hand unter dem Rücken zu kratzen. »Nun, was gibt's, Fräulein Künstlerin?« frug er nicht ohne Ironie. »Liebstes Sekretärchen! Ich sprach mit dem Direktor und wir vereinbarten, daß ich heute meinen Kontrakt abholen sollte ...« » So, den Kontrakt?« sagte der Sekretär gedehnt. »Ja, damit hapert's.« »Wieso denn?« fragte Therese erschrocken. Der Abwechslung halber kratzte sich jetzt der Sekretär mit der Rechten tief unter dem Rücken und antwortete mit breitem Lächeln: »Die Primadonna tritt nicht auf, wenn Fräulein Ladány auftritt ... Darum wird schon heute Abend, wie Sie ja gehört haben, Mizzi Lenkey das Fischlein darstellen. »Unmöglich ... aber warum denn?« Der Sekretär streckte seine langen Arme aus: »Die Primadonna ist eben eine Bestie und wütet, weil man Ihnen gestern applaudiert hat ...« »Aber meinen Kontrakt kann dies doch nicht berühren?« »Doch ... Wer weiß denn, wann Sie wieder eine solche Ihnen ›auf den Leib geschriebene‹ Rolle bekommen werden? Es tut mir sehr leid, Fräulein, wir können Sie nicht engagieren.« Das Telephon klingelte scharf, es war wieder der Komponist. »Warten Sie, ich will mit ihm sprechen ... sprach Therese aufgeregt; fast hätte sie die Muschel dem Sekretär aus der Hand gerissen. »Hallo ... Dezsö ... jawohl ... hier Therese! Bitte, tun Sie doch etwas ... man will mich nicht engagieren ... Sie werden sehen, ich will Ihnen dankbar sein ... was Sie nur wollen ...« Sie legte die Muschel nieder. Dezsö Veszprémy will von ihr nichts wissen, er kann nichts tun. Die Tür ging auf, der Direktor trat ein. »Herr Direktor« -- bat Therese flehentlich -- »ich bitte, wollen Sie mich doch engagieren ... Was soll ich denn ohne Engagement anfangen? ... Ich muß mich sonst töten ... Kann ich denn dafür, daß man mir applaudiert hat ... Es handelt sich ja nur um monatlich hundert Kronen ...« »Fräulein,« erwiderte der Direktor streng, in einem so trocken-geschäftlichen Tone, wie ihn Therese von ihm noch nie gehört, »laut den Kritiken sind Sie auf der Bühne in einer anstößigen Toilette erschienen, was in meinem Theater unzulässig ist. Im übrigen sind Sie ja eine Elevin der Theaterschule Ligeti und müssen als solche, falls nötig, gratis auftreten ... Ich empfehle mich ...« Weinend lief sie die Treppe hinab. Der dicke Schauspieler kam gerade herauf ... »Na, was gibt's denn, Goldfischlein?« »Denken Sie sich mal ... man will mich nicht engagieren ...« »Habe ich's nicht immer gesagt? ... Das Theater ist eine Mördergrube ... aber ein so schönes Mädchen kommt ja doch nicht in Verlegenheit.« Goldfischlein eilte zur Rosa Ligeti: »Gnädige Frau ... der Direktor wird Ihnen gewiß Gehör schenken ... Erklären Sie ihm doch, daß dies unmöglich sei ... Wir haben ein Klavier gekauft, ich ließ Toiletten anfertigen, wie soll ich das alles bezahlen? ...« »Oh, um ein schönes Mädchen ist mir nicht bang!« antwortete die Ligeti. »Sie werden das Geld schon verdienen, mein Kind,« fügte sie mit Nachdruck hinzu. Plötzlich wurde da auch ihre Stimme eine geschäftsmäßig-kalte: »Richtig ... die Begünstigung der Befreiung vom Schulgelde hat aufgehört; wenn Sie mein Institut weiter besuchen wollen, müssen Sie monatlich sechzig Kronen zahlen ... Was ist denn das für ein so schönes Mädchen ...« Und sie ließ Therese stehen. Goldfischlein aber -- von diesem Namen müssen wir uns jetzt für immer verabschieden -- stand mit wüstem Kopfe auf der Straße. All dies hatte sich in anderthalb Stunden ereignet; was sie seit langen Wochen aufzubauen bestrebt war, stürzte plötzlich krachend und polternd zusammen; aus war's mit dem Ruhm, mit den Zukunftsträumen, mit dem erhofften Reichtum, und sie stand vor einem großen Fragezeichen. In die Theaterschule würde sie nicht mehr gehen. Was konnte sie denn von diesen bösen Menschen erwarten, die, wenn ihr Interesse es erforderte, Schmeichler waren und Freundschaft heucheln, dann aber plötzlich, ohne jeden Übergang zu gleichgültigen oder gar feindselig gesinnten Fremden wurden ... Auch sonst schien ihr die Theaterschule, das Diplom zur Kunst, nicht unbedingt erforderlich zu sein. Sie absolvierte ja sechs Bürgerschulklassen, viel mehr, als die meisten Theaterelevinnen; sie war auch besser ausgebildet als die meisten anderen ... Das beste würde wohl sein, wenn sie am Nachmittag den Artistenklub aufsuchte und sich an ein Kabarett engagieren ließ. Ihrer Mutter gegenüber erwähnte sie nichts von der erlittenen Schlappe. Die schweigsame Alte hatte ihr Mittagessen schon verzehrt und warf ihrer Tochter nur einen traurigen Blick zu. Therese wich diesem fragenden Blick aus und sah verstohlen zur Seite. Alles daheim kam ihr so fremd vor. »Was willst du denn?« schien das Klavier zu fragen; die mächtigen Hutschachteln auf dem Kasten schienen höhnisch zu lachen, und der Theaterzettel über die gestrige Premiere spöttelnd zu rascheln. Zornig zerknitterte sie das Papier, um es dann in den Kehricht zu werfen. Sie wagte es nicht, die Schreine zu öffnen, weil sie die vorwurfsvollen Fragen der teuren Toiletten und Wäschestücke befürchtete. »Was wird denn werden?« diese Frage schallte ihr aus allen Winkeln der ärmlichen kleinen Wohnung entgegen. Es war ein stiller, sonniger Oktobertag; auf einen bewölkten, kalten, regnerischen Sommer folgte ein freundlicher, warmer Herbst; doch Therese fröstelte es, sie zog ihr Tuch fester um die Schultern zusammen und fühlte sich von einer unendlichen Müdigkeit und Langweile angeödet. Sie dachte daran, wie ihr ganz anders zumute wäre, wenn sie einen guten Freund oder einen Geliebten hätte, zu dem sie sich jetzt flüchten, der die öde Leere in ihrem Herzen ausfüllen könnte. Ganz mechanisch kleidete sie sich an, und ohne sich von der Mutter zu verabschieden, ging sie in die Stadt. Der Abend senkte sich herab; die elektrischen Lichter der Geschäftsläden flammten auf, und es näherte sich die Zeit, da sie in das Theater gehen sollte, um sich zu schminken. Sie blieb vor den Theaterzetteln stehen; das orangefarbige Papier kündete noch ihren Namen, wie wenn einer zwar tot ist, die Tafel mit seinem Namen aber weiter auf der Tür draußen bleibt ... Sie war vor dem Artistenklub angelangt. Drinnen qualmte der Rauch, die Parias und die Parasiten der Kunst bevölkerten in dichten Schwärmen die Tische. In einem Winkel saß der KKK beisammen, das bedeutet den »Klub kluger Knaben«, bestehend aus einigen Journalisten und katilinarischen Existenzen. Mitglieder des Klubs konnten nur solche sein, die von allem wußten, was in den Pester Unterhaltungslokalen und Kneipen geschah. Mit wahrem Feuereifer warfen sich die Mitglieder des KKK auf die Intimitäten der Kneipen, und ihre ganze Lebensenergie erschöpfte sich in diesem Kreise. Im KKK wußte man schon, daß Therese kein Engagement bekam. Die Nachricht wurde von einem Choristen des Orpheums überbracht, dessen Frau Choristin im Theater war und die Sensation vom Sekretär erfuhr. »Komm her, Thereschen!« klang es ihr entgegen. »Mach' dir nichts daraus, dies ist das Schicksal jedes Talents!« tröstete sie Johann Hollós, ein kleines Männchen mit gebogener Nase und vorfallenden Schultern, der eigentlich Samuel Vogelbraun hieß, in die Literatur jedoch unter dem Namen Johann Hollós einzog. Eine gewählte Eleganz erhöhte das Eindrucksreiche seiner äußeren Erscheinung. Er schwärmte für große, üppige Weiber, neben denen er eine komische Mißgeburt zu sein schien. Auch jetzt war er von zwei, drei üppigen, mächtig entwickelten und glutäugigen Frauenzimmern umgeben, auf die er sich, gleichsam wie auf lebende Fauteuils, stützte. Plötzlich wandte er sich an seine Freunde: »Kaufen wir Thereschen an, gründen wir auf sie eine Aktiengesellschaft. Wenn sie vom KKK gemanagert wird, muß sie bald die populärste Dame in Budapest werden ... Eine große Dame ... Ich lasse sie für die Herbstausstellung malen, ihr Bild in illustrierten Zeitschriften verbreiten, wir lassen sie im Kabarett Medgyaszay auftreten und dann rennen. Wir soutenieren sie und teilen uns dann in ihren Verdienst. Ich denke, das muß ein gutes Geschäft werden ...« »Und du kannst am Ende noch den Titel eines Rats dafür bekommen!« meinte der kluge Aurel, einer der Gründer des KKK ... »Welchen Ratstitel denn?« fragte der KKK im Chor; denn sie wußten, daß jetzt ein Wortspiel im Anzug sei. »Den Titel eines Mädchenhandelsrats ...« Doch Therese ließ sich nicht in der lustigen Gesellschaft nieder, auch die Billard oder Domino spielenden Artisten interessierten sie nicht; sie begab sich geradeswegs zum Tisch der Frau Tomcsányi. Auf der Straße, vor dem Orpheum, war der Entschluß in ihr gereift ... Wozu sollte sie auch hier bleiben, was band sie an diese Stadt? Die unendlichen Möglichkeiten einer verheißungsvollen Zukunft winkten ihr, ein verborgenes, geheimes Riesenorchester, »Rußland«, spielte ihr ins Ohr. Rußland, aus dem die Mädchen mit Geld und Kostbarkeiten beladen zurückkommen. Sie wollte eines schönen Abends gegen Mitte des ersten Aktes in einem weißen hermelinbesetzten Pelz, mit einer teuren Paradiesvogelfeder auf dem Hute, in der linksseitigen Loge Nr. 4 erscheinen, damit der ganze Zuschauerraum nur sie bewundere und die Mädel auf der Bühne neidvoll einander zuflüstern: »Schau, schau, die Therese Ladány! ...« Der Direktor und der Komponist sollten ihr in der Loge einen Besuch abstatten, während sie vor Schluß des zweiten Aktes das Theater mit gelangweilter Miene in einem Auto verließ. Nur dem braven Onkel Schepsenes wollte sie hundert Kronen hinunterschicken. »Guten Abend, mein Liebling!« sagte Frau Tomcsányi mit lächelnder Miene ... »Ich höre gerade, was jene Ruchlosen gegen Sie verbrochen haben ... Freilich, wer der Rosa Ligeti nicht zahlt, kann lange darauf warten, einen Kontrakt zu bekommen ... Wie anders die Amélie! Sie schrieb nochmals und fragt, was wir beschlossen haben. Wann willst du denn die Reise antreten? Ich habe dich über den grünen Klee gelobt, wie schön und talentvoll du seiest ... Zwei meiner Taufkinder, die Tusi und die Blanka, gehen in einigen Tagen hinaus, ein klein wenig Entschlußfähigkeit und du kannst mitfahren ... Du bekommst eine Fahrkarte, zehn Rubel für die Reise und einen Kontrakt ...« »Ja, ich bin gekommen, um den Kontrakt zu unterfertigen ...« »Natürlich, mein Täubchen ... das hättest du schon früher tun können ...« sprach Frau Tomcsányi freudig. »Aber freilich, die Mädel sind eigensinnig, verträumt, wollen alles auf einmal haben, und doch ist nur das wahr und aufrichtig, was Mama Tomcsányi sagt ... Und Mütterchen? Weiß sie schon davon? Hat sie zugestimmt?« »Mama habe ich nicht gefragt, ich tue, was ich will ...« »Das geht nicht so,« antwortete Frau Tomcsányi in tadelndem Tone. »Bei einem so wichtigen Schritte muß Mütterchen befragt werden und du mußt auch ihre Zustimmung verlangen, du kleine Undankbare!« Und scherzhaft tippte sie mit der Faust auf die Stirne Thereses. »Auch ich habe meiner Tochter die väterliche Einwilligung erteilt,« bemerkte Papa Naphegyi. »Jawohl, am besten gehen wir sogleich zu Mütterchen ...« Und Frau Tomcsányi erhob sich auch schon, um mit Therese das Lokal zu verlassen. Als sie bei dem Tische des KKK vorbeigingen, sang einer der Jungen leise ein Spottlied ... Frau Tomcsányi warf ihm einen verächtlichen Blick zu und trat auf die Straße hinaus. Sie bestiegen einen elektrischen Wagen. Unterwegs erzählte Therese, ihre Mutter wisse noch nichts davon, daß sie dem Theater und der Theaterschule schon Adieu gesagt habe ... »Tut nichts!« erwiderte Frau Tomcsányi. Ich werde die Sache schon erledigen.« Als sie die Treppe hinaufstiegen, hörten sie eine barsche Männerstimme von oben heruntertönen. Das Treppenhaus widerhallte von dem Gepolter des Hausmeisters und die Nachbarn hörten alle seine Worte: »Schon seit zwei Monaten halten Sie mich mit den fünfzig Kronen zum Narren ... Die Tochter ist eine Künstlerin, die im Fiaker fährt, Seidentoiletten trägt, und den Zins können Sie nicht zahlen ... Wenn Sie bis zum Ersten nicht zahlen, gibt's keine Wohnung mehr ...« Frau Witwe Ladány hörte bleich im Gesichte diese Drohungen, und nur dann und wann, wenn der Hausmeister Atem holte, weinte sie dazwischen: »Am Ersten zahle ich, Herr Hausmeister ...« »Ein Klavier haben Sie, aber den Zins zahlen Sie nicht! Bettlervolk!« donnerte der Hausmeister. Inzwischen war Frau Tomcsányi mit Therese oben angelangt. »Wie unterstehen Sie sich, mit meiner Base so zu sprechen?« schrie sie den Hausmeister an, der sich überrascht umwandte. Wegen lumpiger fünfzig Kronen wollen Sie sie vor diesem lauernden Bettlervolk an den Pranger stellen?« Plötzlich schlossen sich alle Türen. »Da haben Sie Ihr Geld ... Fünfzig Kronen für Zins ... Und zwei Kronen Trinkgeld für Sie ... Packen Sie sich!« »Küß die Hand!« stotterte der Hausmeister, auf den die zwei Kronen ihre Wirkung nicht verfehlten. »Nichts! Nicht der Rede wert ...« erwiderte sie auf die Dankworte der Ladány ... »An meiner Stelle würden auch Sie so gehandelt haben ... Auch ich bin Witwe eines Staatsbeamten, ich weiß, was die Pension, was das Leben bedeutet. Aber ich bin nicht deswegen hierhergekommen ... Ich habe Ihre Tochter aus dem Theater zurückgebracht.« »Ach, liebe gnädige Frau, das ist noch mehr, viel mehr, als was Sie vorhin für mich taten. Gestern abend wäre ich vor Scham beinahe versunken, als sie vor tausend Menschen so dastand. Meine Tochter!« »Es geht auch nicht an, daß ein so talentvolles Mädchen ihren Leib zur Schau stellen soll. Aus Therese wird eine Künstlerin ...« »Ich aber hätte gewünscht, daß sie in die Maschinenschreibschule zurückgehe und Postbeamtin werde,« sagte leise die Mutter. Therese schwieg. Sie wußte, daß hier ein ungleicher Kampf zwischen der Frau Tomcsányi und der Mutter ausgefochten werden müßte und daß sie bald für immer die Feuerwehrgasse verlassen würde. »Niemals, niemals!« rief Frau Tomcsányi heftig. »Therese wird eine Künstlerin; dies Geld, womit ich den Hausmeister auszahlte, war schon ihr Vorschuß; denn woher soll eine arme Pensionistin so viel Geld nehmen? Es kam von Amélie aus Moskau ... Ich kam ja gerade deshalb hierher, um dies mit Ihnen zu besprechen. Im übrigen wäre es ja auch zu spät, da Sie den Vorschuß schon angenommen haben ...« Frau Witwe Ladány wandte sich an die Tochter: »Und du ... du willst fort?« »Ja,« erwiderte Therese einfach. Der Boden brannte ihr schon unter den Füßen, alles widerte sie zu Hause an ... Fort von hier, fort ... Die Miene der Mutter verfinsterte sich, die frühere jähe Freude wurde von einer jähen Traurigkeit abgelöst. Sie sprach nichts, sondern sie dachte daran, was für eine gemeine Sache die Armut sei, daß sie wegen fünfzig Kronen gezwungen sei, ihre Tochter nach Rußland ziehen zu lassen. Was sie tröstete, war, daß Frau Tomcsány, diese hochachtbare, edeldenkende Dame, die Lenkung des Schicksals ihrer Tochter in die Hand genommen habe. »Ängstigen Sie sich nicht, gnädige Frau, mit diesem Kontrakt wird das Glück Ihres Hauses begründet!« sprach Frau Tomcsányi, als Therese und ihre Mutter die kleine lithographierte Drucksache unterschrieben. Mit tiefer Demut öffnete der Hausmeister vor Frau Tomcsányi das Tor. Diese ging schnurstracks auf die Hauptpost und telegraphierte nach Moskau nur die Worte: Freitag drei ... Die Woche verging in Eilschritten. Frau Tomcsányi erwies sich während dieser Zeit als wahrhaft uneigennützige Freundin. Sie begleitete die beiden in die Zrinyigasse, wo man sich den Reisepaß holen mußte. Das Geburts- und Zuständigkeitszeugnis Thereses, ihr Wohnungszertifikat waren bei der Hand, und Frau Witwe Dezsö Ladány hatte mit ihrer Tochter das Gesuch um Ausfolgung des Reisepasses vor dem Polizeibeamten mit zitternder Hand unterschrieben. Der gestrenge, bebrillte Polizeioffizier maß das Mädchen vom Scheitel bis zur Sohle und sagte: »Geben Sie acht auf sich! Wenn Ihnen etwas widerfährt, so melden Sie sich sofort im Konsulat.« Als Frau Tomcsányi dies hörte, sagte sie lachend: »Trottel! Eher wird ihm etwas hier widerfahren als dir in Rußland!« Von Amélie traf mittlerweile noch ein Brief ein: »An Kleidungsstücken brauchen Sie, mein Kind, nicht viel mitzubringen, noch auch schöne Toiletten zu schleppen; wozu sollten Sie sich zu Hause überflüssigerweise in Kosten stürzen. Mit Gottes gnädiger Hilfe werden Sie sich hier alles verschaffen, dessen Sie bedürfen. Bringen Sie nur Ihr goldenes Ungargemüt und Ihre Fröhlichkeit mit, das andere überlassen Sie dem Russen. Gar viele arme Ungarinnen haben hier schon ihr Glück gemacht, warum sollte dies gerade Ihnen nicht gelingen, über die ich von meiner mütterlichen Freundin, Frau Tomcsányi, so viel des Schönen gehört habe. Folgen Sie nur ihr. Sie bekommen von ihr zehn Kronen Vorschuß außer den bereits gegebenen fünfzig, ferner eine Eisenbahnfahrkarte bis Moskau. Sie besteigen den Zug in Budapest im Ostbahnhofe und fahren über Oderberg, Granitza, Warschau, Smolensk nach Moskau. Wenn Sie eintreffen, müssen Sie mit einem weißen Taschentuch winken, das wird das Erkennungszeichen sein. Außer der Fahrkarte sende ich auch ein Wagenbillett, weil Sie in Warschau in einem Mietwagen von einer Station zur anderen fahren müssen; wenn Sie die Karte vorweisen, mein Herz, sagen Sie: Druguj vagzal, das bedeutet russisch: die andere Station. Wegzehrung nehmen Sie für drei Tage mit, und wenn Sie Salami mitnehmen, so schneiden Sie die Stange in drei bis vier Stücke, sonst müssen Sie Zoll zahlen. Fragt Sie der Zollbeamte, was Sie mitführen, so sagen Sie ihm nur: Kusitz, das bedeutet: Eßware. Bettzeug müssen Sie mitbringen, das kann ich Ihnen nämlich nicht geben, übrigens fahren ja noch zwei Fräulein mit Ihnen und so werden Sie eine angenehme Reise haben. Das Coupé dürfen Sie nicht verlassen und sich mit niemand in ein Gespräch einlassen ...« »Kann man denn einen klügeren, erschöpfenderen Brief schreiben?« frug Frau Tomcsányi. Fast jeden Tag besuchte sie die Familie Ladány, und die stumme Mutter mit den verweinten Augen tröstete sie mit den Worten: »Weinen Sie doch nicht, gnädige Frau, Thereschen begründet ihr Glück, ich aber bleibe als gute Freundin hier.« Dann aber ging der tröstende Engel mit Therese zum russischen Konsul, wo sie, als alte Bekannte, jeden russisch ansprach, die Reisepässe vidimieren ließ, wofür man fünf Kronen -- von dem Vorschuß von zehn Kronen -- zahlen mußte. Zu Hause wurden die Kleider in Augenschein genommen. Die Seidenkleider und die Spitzen der Frau Leban, von welchen noch kein einziges Stück bezahlt war, hingen im Kasten. Eines Nachmittags kam eines der Fräulein mit der Botschaft, die Eigentümerin des Geschäftes wolle mit Therese sprechen. Frau Ladány war nicht zu Hause und so empfing Frau Tomcsányi das Fräulein: »Sagen Sie Ihrer Herrin, daß die Theaterdirektrice aus Veszprism hier war und die Zahlung auf sich genommen hat, weil Fräulein Therese sich durch sie als Soubrette engagieren ließ.« Sie stellten die Garderobe zusammen und da fand Frau Tomcsányi, daß der Therese ein schöner Schlafrock fehle, den sie schon auf der Eisenbahn nötig hätte. »Aber es fehlt uns das Geld dafür!« seufzte Frau Ladány. »Alle meine Bezüge des nächsten Monates habe ich schon für Koffer ausgegeben und ich weiß gar nicht, was ich am Ersten anfangen werde. Ich kann mich vor Schulden kaum rühren.« Prüfenden Auges blickte Frau Tomcsányi in der Wohnung herum. Was könnte man da zu Geld machen? Ihr Blick blieb an dem Klavier haften. »Da gibt's Geld genug. Wozu das Klavier da? Sie spielen doch nicht Klavier, gnädige Frau?« »Aber nein.« Schon am nächsten Morgen erschienen die Leute der Möblierungsunternehmung, um die imponierendste Erinnerung an die Bühnenlaufbahn Thereses zu zerlegen. Das ganze Haus stand wieder draußen vor den Türen, als das Klavier weggeführt wurde. Sie bekamen dafür achtzig Kronen von der Unternehmung. »Die Raten können Sie am Ersten weiterzahlen,« unterwies Frau Witwe Tomcsányi die Frau Witwe Ladány. Und sobald Sie die achtzig Kronen für Einlagerung nebst dem kleinen Zinsbetrag erlegen, bekommen Sie das Klavier zurück. In einem Monat wird Thereschen das Geld dafür senden. Was bedeuten denn achtzig Kronen in Rußland?« Therese bekam einen schönen neuen Schlafrock aus einem lilafarbigen rotgetupften Stoff mit einem Revers aus gelber Seide. Alle ihre Habseligkeiten waren in Kisten und Koffern verpackt, und während die Mutter ihre Hemden, Höschen, Nachthemden im Koffer unterbrachte, fielen langsam ihre Tränen auf die Wäsche. Sie war allein zu Hause, es war an einem umwölkten Herbstnachmittage voller Erinnerungen an die Vergangenheit. In der Wäsche knisterte das rosafarbige Papier, das die Witwe nach dem Plätten hineingelegt hatte, und während sie sich so im Koffer zu schaffen machte, dachte sie daran, wie viele Jahre vergangen seien, bis sie das alles zusammenbringen konnte. Während sie an der Wäsche arbeitete, dachte sie, es werde ein braver Mann kommen, vielleicht gar ein Mittelschulprofessor, der Thereschen heiraten würde, und dann würde sie sich nicht zu schämen haben, denn sie nahm eine schöne, ordentliche Wäsche mit. Und die arme Frau schrieb mit zitternder Hand auf einen Streifen Papier die Worte: »Mein Kind, gib acht auf Dich und vergiß nicht, daß Deine Ehre, der ehrliche Name Deines Vaters höher steht als alles ... Gott mit Dir! Deine Mutter.« ... Und sie legte das beschriebene Blatt in den Koffer auf die Nachthemden. Der Freitag war gekommen. Im Hause Ladány wurde gekocht und gebraten, als gälte es, Hochzeit zu machen. Backhühner in der Pfanne, eine halbe Gans im brodelnden Schmalz, Roggenbrot, Obst, zwei Flaschen Wein, Mineralwasser, Zitronen für den Fall, daß Thereschen sich den Magen verderben könnte, Kaffee in einer Literflasche: alles, woran eine fürsorgliche Mutter denken konnte. Dann kam der Abend und sie legten sich schlafen ... Und ganz so wie ehemals, da Therese noch ein kleines Kind war, legte sie sich auf den Wunsch der Mutter auch heute neben sie, und die zu einer unförmigen Matrone eingeschrumpfte, in Arbeit und in Ehren ergraute Frau umfing den Hals ihres Kindes, sie wollte ihre Nähe fühlen, als könnte sie sie in dieser Weise hier behalten. Therese schlief ein, während die Mutter sich über sie neigte und so ihre kindlich-sanft gewordenen Züge betrachtete. Früh am Morgen, schon um halb sieben Uhr, eilte sie von dannen, um eine Droschke zu holen. Der Kutscher hatte mit Hilfe des Vizehausmeisters die großen Koffer und Hutschachteln auf den Bock gestellt. Der Gewürzkrämer öffnete gerade seinen Laden und wünschte Therese eine glückliche Reise. Langsam setzte sich der ärmliche Wagen in Bewegung. Auf dem Bahnhofe wartete bereits Frau Tomcsányi mit Tusi und Blanka, kaum hatte Therese Zeit, von der Mutter Abschied zu nehmen, und der Zug trat seine Fahrt nach dem fernen Rußland an. Auf dem Perron stand in ihrem schwarzen, abgetragenen Kleide eine weinende, abgemagerte Frau; auf ihrem Kopfe saß der Hut noch schiefer als sonst. Am Fenster des Wagens erschien ein halb lächelndes, halb befangenes Gesicht. Frau Tomcsányi rief ihnen nach: »Ich lasse Amélie küssen ...« Aus der Ferne winkte noch ein weißes Taschentuch. Die Frau in schwarzem Kleide starrte mit offenem Munde nach dem Linnen, während die Tränen ihr am Lippenrande herabflossen ... Dort in der Ferne ... jenes Taschentuch ... das ist ihre Tochter ... V. Es war eine halbe Stunde nach Mitternacht, aber die Mädchen waren noch wach. Tusi saß gähnend in einer Ecke; in der verflossenen Nacht hatte sie sich gar nicht schlafen gelegt, denn ihre Freunde feierten den Abschied von ihr, und noch um fünf Uhr morgens hatte sie mit dem blonden Zuárd Nyiri Boston getanzt. Sie liebte den liebenswürdigen Jungen mit dem mädchenhaften Gesichte, aber der Herr Abgeordnete hatte eben alles Geld verpraßt und verspielt, und einen Bruch wollten die beiden doch nicht; das Vernünftigste schien ihnen daher, daß Tusi nach Rußland ging, um dort ihr Glück zu versuchen. Mittlerweile würde Zuárd eine andere, einträglichere Parteistellung suchen. Er entstammte einer altehrwürdigen Familie der Oppositionspartei, und als er in die Arbeitspartei -- so hieß damals die Regierungspartei -- eintrat, wurde er in den Regierungskreisen mit großer Freude empfangen. Er war bereits derart verschuldet, daß er manchmal fünf bis zehn Kronen von seiner Tusi ausleihen mußte. Er durfte dies um so mehr tun, als er ja Tausende für sie ausgegeben hatte und sie seine beste Kameradin war, mit der er tagtäglich auf dem Donaukorso zu sehen war. Ganz Budapest kannte sie. Tusi war ein hochgewachsenes, blondes Mädel, nicht schlank, doch von graziöser Fülle; sie hatte etwas von der aufregenden Trägheit des ruhenden Panthers oder Tigers. Sie besaß prächtige Toiletten; ihre Lippen waren etwas gefärbt, und so erschienen ihre wundervollen weißen Zähne noch glänzender. Sie war die Tochter eines Tischlers aus Szent-Endre, ihr Vater war ein blonder, knochiger Slowake, ihre Mutter eine kleine, volle, schwarze Serbin. Manche erinnerten sich noch der Zeit, da Tusi vor dem Westbahnhofe Aprikosen verkaufte; aber das war schon lange her, und jenes zwölfjährige Kind mit dem lachenden Gesichte hatte nichts mit der dreiundzwanzigjährigen Dame zu schaffen, die jetzt nach einem langen Gähnen ihre kleine Handtasche herauskramte und ihre Manikürwerkzeuge zur Hand nahm. »Der russische Finanzwachmann soll sehen, wie die Hand einer Ungardame aussieht!« Blanka, die auf dem Coupésitz nachlässig hingestreckt dalag, lachte laut auf und hob ihre Beine bis zum Fenster hinauf, um sich an ihren feinen Knöcheln, die in lilafarbenen Strümpfen steckten, zu ergötzen. Zwei ihrer Schwestern arbeiteten bereits in Rußland, diese wollte sie aufsuchen, und sie verfolgte nur einen Zweck: Geld zu machen. Sie war eine Jüdin und hieß früher Esther Blau, doch ihre Schwestern hatten den Künstlernamen Sisters Bercsényi angenommen und nun auch sie nach Rußland gerufen, um etwas neues Blut einzuführen und aus dem Duo ein Trio zu schaffen. »Mama Tomcsányi ist bei mir schön aufgesessen!« erzählte sie lachend ihren Freundinnen. »Ich habe ihr vorgemacht, daß ich nicht den Mut habe hinauszufahren. Von den beiden ›Schwestern‹ wußte sie nichts. Ich dachte mir: warum soll Madame Amélie meine Reisekosten nicht bezahlen? Sie verdient Geld genug an den Mädeln. In Smolensk steige ich aus und gehe zu den Mädeln nach Orel. Lili wird mich in der Station erwarten. Mama Tomcsányi wird im Artistenklub in Ohnmacht fallen, wenn Amélie ihr hierüber schreibt.« Mit banger Furcht hörte Therese der Blanka zu. Der Zweck, der die beiden Mädel nach Rußland führte, war ein so offenkundiger, daß Therese eine Anwandlung von feiger Verzagtheit nicht unterdrücken konnte. Am liebsten hätte sie kehrt gemacht. »Und der Kontrakt?« frug sie leise die Blanka. »Affektieren Sie doch nicht eine solche Naivität, meine Teure,« lachte Blanka. »Der Kontrakt der Madame Amélie? ... da haben Sie ihn ...« Und sie zog das kleine lithographierte Blatt aus ihrem Ridikül, um es in Stücke zu reißen und aus der flachen Hand in die Luft zu blasen. »Meine Schwestern schrieben mir, was der Kontrakt wert ist. Ein reicher Gimpel -- und dann Saus und Braus.« Der Zug hielt in Szcsakova, der letzten österreichischen Station. Der Eisenbahnbeamte mit der roten Mütze ging durch alle Waggons, hinter ihm stand der Gendarm im gelben Helm mit dem aufgepflanzten Bajonett. Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Kurz darauf ein mächtiges Gepolter und ein verhundertfachtes Echo: der Zug brauste über das Flüßchen Przemsa; dann ein allmählich leiser werdender Rhythmus, ein Pfiff, und noch bevor der Zug hielt, sprangen die Türen auf und es erschienen mächtige bärtige Gestalten in blauen Kleidern, Mützen und weißen Schürzen; ohne zu fragen, erfaßten sie das Gepäck der Mädchen und schleppten es aus dem Coupé. Männer mit dem Säbel zur Seite und mit aufgepflanztem Bajonett traten in die Coupés, murmelten unverständliche Worte und winkten mit der Hand. »Wir müssen aussteigen,« sprach Blanka. »Die Reisepässe nicht vergessen!« Es war einige Minuten nach ein Uhr, der Regen fiel in Strömen. Die Mädchen zogen den Überrock zusammen und liefen zu der mächtigen Glastür, zu deren beiden Seiten Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett standen. »Vasa passporta!« brummten sie, indem sie den Mädchen die Pässe abnahmen. Sie standen in einem mächtigen, durch Bogenlampen beleuchteten Saal. Ein schmales, durch ein Eisenband eingefaßtes, quadratförmiges Pult lief die Mauern entlang, auf welchem Koffer und Körbe standen; in den kleinen Schlössern knirschten die Schlüssel, die Zollbeamten wühlten in den Koffern herum, sie blickten auf die Mädchen und wußten sofort, wer sie seien und woher sie kämen. Sie sprachen bloß das Wort: »Passiva ...« Der Saal hatte eine einzige Tür, durch welche sie hereinkamen. Dort drängten sich die Passagiere des Zuges, etwas 50 bis 60 Menschen. Juden im Kaftan, mit Schmachtlocken, in Mützen aus schwarzer Leinwand und mit Lackschirm, Juden, die sich kaum zu rühren wagten und an der Wand auf ihrem Beutel zusammengekauert dasaßen, lachende, laute Studenten, die jetzt aus dem Auslande nach Hause kamen, eine reizende junge Frau mit einer Staffelei, langsam dahinschreitende, langbärtige, dicke Menschen, ein Amerikaner, der ein Pijama und einen überweiten Regenmantel trug, einige geschminkte Damen mit Federhüten, die mit zwei Offizieren konversierten. Die Stimmen der Diener und der Zollbeamten klangen befehlshaberisch, im übrigen herrschte zage Stille. Nur die Russen waren laut und sie lachten viel, weil sie sich daheim fühlten, während die Juden und die Fremden sich still verhielten oder höchstens flüsterten. »Ich habe Angst, am liebsten möchte ich zurückkehren!« flüsterte Therese. »Bleiben Sie ruhig, sonst werden Sie nach Sibirien geschleppt!« murmelte die unverschämte Blanka. Tusi betrachtete die Männer. Sie ging mit solcher Entschiedenheit und Zielbewußtheit dem Reichtum nach, daß sie schon an der Schwelle Rußlands nur mehr für das Geschäft Interesse hatte. Therese hatte wirklich Angst. Die Fremdartigkeit des Ortes, die unbekannte Sprache, die bewaffneten Soldaten und die vielen Bärte erfüllten sie mit großer Unruhe, und das einzige, was sie einigermaßen beruhigte, war, daß sie in einer Ecke ein Heiligenbild, darunter Kerzen und ein Seelenlicht sah. Hier wohnen ja doch Christen! Nach Erledigung der Paßformalitäten begaben sich die Mädchen in das Coupé zurück, wo ein Kellner ihnen für zehn Kopeken heißen Tee verabreichte. Die mitgebrachten Gepäckstücke wurden geöffnet, das Backhuhn, die Gansleber der Blanka, Käse und Salami kamen zum Vorschein; die Mädchen lachten und waren glücklich wie Kinder auf einem Ausfluge. Blanka stopfte sich den Mund voll, so daß man sie kaum verstehen konnte, weil sie jedes zweite Wort verschluckte und über ihre eigenen Einfälle lachte: »Hast du gehört, Tusi, in Warschau wird der Zug durch einen Arzt untersucht, und wenn er eine Jungfrau findet, die wird per Schub zurückgeführt.« Tusi verzog die Unterlippe höhnisch und meinte: »Dann kann er lange suchen.« Therese antwortete nichts, obschon sie fühlte, daß man sie verspottete. Sie zog sich in eine Ecke zurück, nachdem die Mieder abgelegt und die Zigaretten angeraucht wurden. In der anderen Ecke nickte langsam die Blanka ein, während Tusi es sich in dem frei gebliebenen Halbcoupé bequem machte. Bald schliefen alle drei Mädchen. Von Zeit zu Zeit öffneten die Kontrolleure und die Schaffner die Tür; hinter ihr vermengte sich der Zigarettenrauch mit dem Dufte von Vera Violetta und Kölner Wasser. Kaum hatten die drei ihre Morgentoilette beendet, so lief der Zug in Warschau ein. Hier mußten sie umsteigen; rings herum wurde nur russisch und polnisch gesprochen; Blanka befolgte die Weisung der Mama Tomcsányi und rief laut: »Draguj vagsal!« Die vielen bärtigen Gepäckträger, der riesenhafte Portier, alle blickten lächelnd auf die kleine Gruppe; ein Polizist winkte ihnen mit der Hand, wies ihnen den Weg, und plötzlich standen sie auf der Straße. Vor ihnen wimmelten die Wagen, und die schwarz gekleideten langbärtigen Kutscher in den Rokoko-Zylinderhüten -- sie glichen biblischen Propheten -- knallten unaufhörlich mit ihren Peitschen ... Die Mädchen standen inmitten der sich aus dem Bahnhofe ergießenden Menge unschlüssig und ratlos da. Plötzlich trat ein hochgewachsener, schwarzbärtiger Herr in blauer Uniform, einen Säbel zur Seite und Goldtressen an der Schulter, an sie heran und fragte sie in gebrochenem Deutsch nach ihrem Begehr. Blanka zeigte ihm die Karten und erwiderte: »Nach dem anderen Bahnhofe.« Der bärtige Herr schaute Therese an und frug sie in freundlichem Tone: »Vengerka? Vengerka?« Therese hörte das Wort zum ersten Male, wußte nicht, was es bedeute und blickte errötend auf den Herrn. »Tak, tak,« erwiderte statt ihrer Blanka. Tusi gähnte und wartete gelangweilt der kommenden Dinge. Der Wagenordner -- das war der Herr -- ließ den Wagen der Mädchen, auf den die Anweisung lautete, vorfahren, streichelte lächelnd das Gesicht Thereses und ließ eine Banknote in ihre Hand gleiten; und noch ehe sie sich dessen versah, winkte er schon dem Kutscher, der gleich davonfuhr. Wie viele Mädchen mochte der brave Russe aus Ungarn schon ankommen gesehen haben, wie viele gebrochen nach Ungarn zurückkehren, wenn er ohne besondere Veranlassung, nur weil ihr trauriges Gesichtchen ihm gefiel, fünf Rubel Therese in die Hand steckte! »Du wirst da großes Glück haben!« bemerkte die neidische Blanka. »Du bist kaum angekommen und verdienst schon Geld.« Tusi unterbrach sie mit leiser Stimme: »Dieses Geld haben wir alle drei bekommen.« »Freilich ... welch liebe Leute das sind!« erwiderte Therese. Es freute sie sogar, daß die Mädel das Geld auch für sich in Anspruch nahmen, denn es wollte ihr nicht einleuchten, weshalb sie allein, so ohne jeden Grund, fünf Rubel erhalten haben sollte. »Fünf Rubel, das sind zwölf Kronen fünfzig Heller ... Seht ihr, das ist der Russe!« rief die kleine Blanka ganz begeistert. »Lili hat uns das oft geschrieben. Er gibt das Geld nur so zum Spaß her. Was alles ein Ungar für fünf Gulden haben möchte!« Es war an einem Sonntag. Die Geschäftsläden waren alle gesperrt; die Juden standen oder saßen in langen schwarzen Kaftans und kleinen schwarzen Mützen vor den Geschäften. Blanka beobachtete sie ganz besonders, denn wiederholt hatte sie in den Zeitungen von Pogroms gelesen und sie war daher überrascht, zu sehen, wie gutgelaunt, zufrieden und dick ihre auf der Gasse hausenden Glaubensgenossen waren. Der Wagen fuhr mit den drei Vengerkas in raschem Trab zum anderen Bahnhofe. Die beiden prächtigen Pferde trabten über eine große Brücke, unter welcher Kasernen zu sehen waren, wo in Röcke gekleidete Kosaken aus dem Kaukasus ihre Pferde zur Untersuchung vorführten. Dann passierten sie das Hotel »Europa« und eine Kirche mit fünf goldenen Kuppeln. Da ertönte ein scharfes Brr! und an einer Straßenkreuzung blieben die Pferde infolge plötzlichen Bremsens mit zitternden Beinen stehen. Zwei mächtige Pferde zogen einen großen grünen Wagen, hinter dem ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett und zwei Berittene mit gezücktem Säbel folgten. Wer weiß, wer da in den Kerker geschleppt wird? Missetäter oder Revolutionäre ... Die Mädchen freuten sich, als der Weg wieder frei wurde und die Fahrt fortgesetzt werden konnte. Die berittenen Polizisten an den Straßenecken schienen mit ihren Pferden verwachsen zu sein. Auf den Firmentafeln überall unbekannte Schriftzeichen, und Blanka schrie in ihrer Freude beinahe auf, als sie an einer Stelle die Aufschrift las: Apollo Variété ... »Da könnten wir halten,« meinte sie, »da wachsen die kleinen Brillantohrgehänge ... in Moskau wachsen die großen Boutons ... Jawohl, kleines Jungfräulein!« und sie tätschelte das Gesicht Thereses. Sie kamen zu der anderen Station. Nach einigem Herumlaufen waren sie bei dem Moskauer Zuge und nahmen wieder alle drei in einem Coupé Platz. »Das nenne ich einen Zug!« meinte die bequeme Tusi. Das Geleise war breiter, die Wagen waren größer, die Korridore zweimal so breit als bei uns in Ungarn, und auf den samtenen Sitzen dürfen nur zwei Reisende Platz nehmen. Rasch versorgten sie ihr Reisegepäck und eilten zum Fenster. In der Mitte der mächtigen Halle stand ein langer gedeckter Tisch, neben der Mauer ein anderer voll anlockender Speisen, während in der Ecke, gleich einem Ofen, ein mannshoher Riesen-Samovar stand. Aus einem unversiegbaren Bauche ergoß sich ein unaufhörlicher Strom von Tee, und der Anblick der vielen hungrigen und durstigen Menschen weckte den Appetit der Mädchen. Drei Glockensignale, ein Pfiff, und der Zug trat langsam seinen langen, anderthalb Tage währenden Weg an. Therese sprach kaum etwas, sie glaubte das Klopfen ihres Herzens zu vernehmen, als der Zug den Warschauer Bahnhof verließ. Jede Wendung der Räder entfernte sie immer mehr von der Heimat, und die Schlagwörter, die sie hieher lockten, schienen ganz zunichte geworden. Sie brauchte nur ihre Gefährtinnen anzublicken, und im Nu ward ihr klar, was die Worte: Bühne, Erfolg, Kunst zu bedeuten hatten; instinktiv begann sie Rußland kennen zu lernen. Doch dann dachte sie daran, daß Frau Tomcsányi kein Interesse daran haben konnte, sie hieher zu senden, und wenn die anderen Mädel von ihrem Leibe durch die Männer leben wollten, mußte sie es nicht mit ihnen halten. Aber mochte was immer geschehen, sie würde nicht so nach Budapest zurückkehren, damit sie sich vor ihren Landsleuten zu schämen brauchte. Sie war froh, so viel Schlechtigkeit und Falschheit hinter sich zu haben; sie wollte der Rosa Ligeti zeigen, daß sie, ohne Lehrgeld zu zahlen, doch eine Künstlerin werden würde, und Veszprémy würde ihr noch Rollen schreiben, ohne daß sie seine Geliebte wäre. Mit wachsender Schnelligkeit raste der Zug durch das fichtenreiche, melancholische Litauen. Es war Herbst, aber die Sonne glänzte noch, und der sausende Wind schüttelte das bronzerote Laubwerk der Bäume; die Sträucher wiesen alle Abstufungen des Gelb und Rot auf. Blanka erzählte: »Er war Gehilfe in einer Spezereihandlung. Ich wurde mit ihm im Sommer bei dem Normabaum bekannt. Wir waren mit mehreren jungen Leuten aus dem Hause dort und spielten im Grase Gesellschaftsspiele. Wir haben uns sehr gut unterhalten; zum Schlusse faßten sich die jungen Leute und die Mädel bei den Händen und rollten so den Hügel hinunter. Er war sehr witzig ... Seither besuchte er uns regelmäßig, und vor zwei Wochen hielt er um meine Hand an. Ich bin aber nicht so verrückt, ihn zu heiraten. Die Mädchen unserer Familie taugen nicht für Ehefrauen, noch dazu für die Frau eines Spezereikommis ... Ich habe einen Ekel vor den armen Frauen. Habe ich nicht recht? In drei Jahren gebäre ich ihm zwei Kinder, trockne wie eine gedörrte Pflaume ein und lebe im Hause wie ein angeketteter Hund. Mit vierzig Jahren sehe ich aus wie eine Sechzigjährige.« Eine würgende Bitterkeit schnürte Therese die Brust zusammen: sie dachte an ihre Mutter. Blanka fuhr fort: »Ich war ja trotzdem nicht schlecht zu ihm. Er hat mich wirklich sehr geliebt. Und so gab ich ihm am letzten Nachmittag, bevor ich zur Eisenbahn ging, nach. Der Gute war wie im Taumel, und ich dachte mir, es sei dies ein Gott dargebrachtes Opfer, wofür Rußland die Kosten zu bezahlen haben würde.« Tusi lag den ganzen Tag herum und rauchte Zigaretten. Zuárd hatte ihr zweihundert Zigaretten mit auf den Weg gegeben. Die Zwischenstationen hatten sie nicht besonders interessiert, denn sie war mit ihrem Freunde bereits in Nizza und Paris gewesen und kannte daher das Leben und Treiben in fashionablen Städten. Nur des Geldes halber ging sie nach Rußland. Sie sprach nur wenig, von ihren Freunden und von ihrer Vergangenheit überhaupt nichts. Die kleine Jüdin Blanka war das unterhaltende Element im Coupé. Sie ermittelte aus dem Fahrplan, daß sie fast zwei Tage im Eisenbahnzuge verbringen werden, und um vier Uhr nachmittags erklärte sie: »Ich fahre nach Siófok ...« »Bist du verrückt geworden?« frugen die Mädchen lachend. Blanka sprach kein Wort, sie hob einen Koffer aus dem Netz und zog ein Negligé hervor. »Wozu soll ich mich von diesem Mieder quälen lassen? Höchstens werde ich dem Zaren nicht gefallen.« Sie warf Rock, Bluse und Mieder fort und stand in Höschen und im Hemd vor den Mädchen. Sie war ein untersetztes, rundliches Mädel, frisch und munter. Da sie stark eingeschnürt gewesen, atmete sie jetzt erleichtert auf. »Wie angenehm ...« sagte sie, sich reckend und sich an der Hüfte kratzend. Dann schlüpfte sie in ihr bequemes Negligé und sagte, in gespreizter Haltung auf- und abgehend, selbstzufrieden: »Ich bin die Frau Blau in Siófok.« Dann bat sie den Schaffner, ihr Bett herzurichten. »Die Cili schrieb mir, das Bett könne auch zwei Tage so bleiben,« fügte sie hinzu. Der Schaffner mit dem großen schwarzen Bart, in Stiefeln steckend, eine Trompete in der Hand und Messingknöpfe auf dem Rock, löste die Seitenwand des Coupés los; dies war das obere Bett für den einen der Passagiere. Blanka kroch hinauf und sah, im Bette kauernd, wie eine sitzende Statue aus ... »Nun, jetzt kann sich jeder niederlegen.« Der Zug sauste durch das weite Rußland. Weitgestreckte Wiesen, Tennen, jenseits ferner Pappeln Herrschaftsschlösser, wo dicke Grundbesitzer leben, in großen Fauteuils sitzen und die Pfeife rauchen, manchmal auf die Jagd gehen, von zwölf Uhr mittags bis fünf Uhr nachmittags speisen, während draußen der Gutsverwalter, der Leibjäger die Leibeigenen prügelt, damit der Boden goldgelbe Ähren trage. Der Sohn des arbeitsscheuen Grundbesitzers ist Offizier, sein Onkel Pope; eine Dame der Familie hat einen Grafen in Petersburg geheiratet, die andere ist Studentin in Zürich. Längs des Weges sieht man Landstreicher, auf dem Flußufer schwatzende Greise und in jeder Station Gendarmen und Soldaten. An der Oberfläche ein kettenrasselnder Polizeistaat, die zaristische Macht; das gesellschaftliche Leben aber in seiner Trägheit etwa dem Ungarn der vierziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts ähnlich. Die reichen und vergnügungssüchtigen Söhne der Schlösser besuchen zwei- bis dreimal wöchentlich die benachbarte Stadt, wo sie im Orpheum oder im Variété das Gold mit voller Hand ausstreuen, mit den Mädchen zechen und die Kellner ohrfeigen, die gerne die Prügel ertragen, weil sie zum Schlusse durch ein reichliches Trinkgeld versöhnt werden. Der brausende Zug führte die drei Vengerkas nach Moskau ... Es wurde wieder Abend, und der in den Stationen bereitgestellte Tee schmeckte gut zu den aus der Heimat mitgebrachten Nahrungsmitteln. Man sah, daß die Mädchen Fremde waren, denn der Russe reist immer mit dem Samovar und springt in den Stationen aus dem Zuge nur, um sich heißes Wasser zu holen, das in jeder Eisenbahnrestauration für einen Kopeken in unbeschränkter Menge zu haben ist ... »Hätte ich noch ein Schwesterchen zu Hause, so würde ich ihr schreiben, daß sie, wenn sie nach Rußland kommt, auch einen Samovar mitbringen soll,« meinte Blanka, auf ihrem hohen Sitze den Tee in der Tasse umrührend. Das Beisammensein, die gemeinsame Unternehmung, der monotone, betäubende Rhythmus des schnaubenden und polternden Zuges, der Zigarettenqualm und der Parfümduft machten auch Tusi mitteilsamer. Die beiden anderen Mädchen schwiegen, während die Aristokratin sprach: »Ich bin mit mir schon im klaren: er wird Wladimir heißen und Kapitän bei den in Tzarskoje Selo liegenden Leibgardisten sein. Zuárd meint, die seien die elegantesten und reichsten. »Hast du denn mit deinem Freunde besprochen, welcher Art dein Geliebter sein soll?« frug Blanka. »Natürlich ... wir sind ja aufgeklärte Menschen. Jedermann weiß, daß Rußland kein Kloster ist.« »Und wir sind keine Nonnen,« lachte die kleine Jüdin. »Halt's Maul,« fuhr Tusi fort. »Also, er wird Wladimir heißen. Ich werde ihm den Kopf verdrehen, und er wird eifersüchtig sein; er wird mir in Tsarskoje Selo, nahe zum Park des Zaren, einen kleinen Palast kaufen. Zuárd meinte, das sei sehr elegant ... Ich werde auch Spazierritte machen, mein Vater war Grundbesitzer jenseits der Donau.« »Ja, in Szent-Endre, in der Tischlerwerkstätte,« dachte sich die andächtig zuhörende Blanka. »Daheim bin ich viel geritten ... auch in Tsarskoje Selo werde ich das tun; einmal wird der Großfürst Nikolajevics mich bemerken und sich in mich verlieben. Er wird dann Wladimir in den Kaukasus versetzen lassen.« »Und du wirst dann Hoflieferantin,« schloß Blanka die Träumerei. Plötzlich fügte sie hinzu: »Laßt uns jetzt Therese hören. Wie wird sich deine Zukunft gestalten? Die meinige ist sehr einfach. Aus den ›two sisters Bercsényi‹ werden eben ›drei sisters Bercsényi‹, dann kommt ein braver Gimpel, der mir Juwelen und Boutons kauft; das Geld schicke ich dem Vater nach Hause. Nach drei Jahren kommen wir zurück, verwandeln uns aus Bercsényi wieder in Blau und eröffnen entweder ein Geschäft in ›Modes Robes‹ oder wir heiraten einen Advokaten ... Und du?« Therese antwortete: »Ich weiß noch nicht. Ich habe darüber noch nicht nachgedacht ... Ich möchte eine gute Schauspielerin sein und eine ordentliche Gage bekommen, um anständig leben zu können ...« »O weh!« seufzte Blanka. Tusi aber erwiderte leise und gleichgültig: »Es gibt nichts Unangenehmeres als eine Jungfrau. Sie ist stolz auf etwas, was nur dann einen Wert hat, wenn es nicht mehr da ist.« Therese nahm sich vor, keinen Augenblick länger in Moskau zu bleiben, als bis sie das Geld beisammen hätte, um nach Budapest zu reisen und ihre Schulden zu bezahlen. Hätte sie so sein wollen wie diese Geschöpfe da, so würde sie ja auch zu Hause Juwelen und teure Toiletten bekommen haben, Rosa Ligeti hätte ihr Extralektionen erteilt und sie wäre der Stolz der Schule gewesen. Gewiß war es nur ein Pech, daß sie gerade mit diesen Mädchen zusammengekommen war; in Moskau würde sie im Theater gewiß mit anderen Leuten Bekanntschaft schließen. Sie blickte auf die an ihrem Handgelenke befestigte kleine Uhr: es war halb elf. Daheim löschte ihre Mutter jetzt die kleine Petroleumlampe aus, aber das kleine eiserne Bett brauchte jetzt nicht zerlegt zu werden, denn es schlief jetzt niemand darin. Gewiß dachte die Mutter jetzt an die Tochter, und so trafen sie sich in Gedanken. Schade, daß der menschliche Gedanke nicht dem Telegramme gleicht, um durch die Luft fliegen zu können. Am Morgen erwachten die Mädchen gegen sieben Uhr; als erste Therese, die in ihr Negligé aus gelber Seide schlüpfte, die kleine Handtasche hervorsuchte und sich zu waschen gedachte. Der anstoßende Wagen war einer erster Klasse; in der Verbindungstür standen zwei heitere, schneidige Offiziere. Sie waren soeben eingestiegen, und eine benachbarte Station war ihr Reiseziel. Das Frühstück und die Zigarre versetzten sie in gute Stimmung. Der Schaffner machte sie aufmerksam, daß im anstoßenden Coupé ›solche‹ Mädel reisten, die unter Umständen mit sich reden ließen. Für die gute Nachricht erhielt er einen Rubel Trinkgeld. Sie erwarteten die Mädchen, da sie wußten, daß diese das Coupé verlassen müßten, um sich zu waschen. Der eine, der höhere, schlankere, sprach Therese in gebrochenem Französisch an: »Bon jour, chère Mademoiselle ... bien dormi?« Sie zog ihr Negligé zusammen, errötete und wollte rasch in den Toiletteraum schlüpfen, der aber besetzt war. Sie wendete sich daher um und ging in das Coupé zurück. »Laufen Sie nicht, kleine Vengerka,« sprach der andere. »Denkt euch,« meldete Therese, nachdem sie die Tür erschrocken geschlossen, »vor dem Toiletteraum standen Offiziere, die mich angesprochen haben ...« »Dann laßt uns rasch Toilette machen,« rief Blanka aufspringend. Auch Tusi war schon auf den Beinen. Sie kamen beinahe zugleich auf den Korridor und ließen sich mit den Offizieren in ein heiteres Gespräch ein, das halb mit Gesten, halb in gebrochenem Deutsch geführt wurde. Die Offiziere baten die Mädchen, sich zu sputen, weil sie in anderthalb Stunden aussteigen müßten. Therese mußte sich auf ihre Schlafstelle zurückziehen, weil bloß für zwei Personen Platz war. Blanka gab plötzlich ihre Bequemlichkeit auf, und ihr Busen schwoll stark an, als sie sich mit dem Mieder einschnürte. Tusi legte ganz reine, mit Spitzen besetzte Wäsche an und stand einen Augenblick in ihrer blonden Nacktheit im Coupé da. Die von der Wiese hereindringenden Strahlen der Morgensonne ließen ihr blondes Haar, ihre Schulter in Glanz erschimmern, ihre wohlgepflegte feine Haut vibrierte, und Blanka warf einen neidischen Blick auf die weißen Glieder Tusis. Die Mädchen lachten laut und ließen einen Schrei des Schreckens vernehmen, als die Offiziere die Tür öffnen wollten. Die närrische Laune steckte auch Therese an; sie verstand nicht ganz, wozu diese großen Toilettevorbereitungen dienen sollten, und es tat ihr beinahe leid, daß sie die Bürde der Anständigkeit mitzuschleppen hatte. Wozu auch? Für ein armes Mädchen ist sie nur ein übertriebener Luxus. Dies war es hauptsächlich, was sie Rußland gegenüber befangen und furchtsam machte. Sie fühlte, daß ihre Lage eine viel ungünstigere sein würde als die der anderen. Endlich waren sie mit der Toilette fertig und erschienen vor den Courmachern, die die Fersen schneidig aneinanderschlugen ... Der jüngere hieß Graf Alexei Ribanow, ein hochgewachsener, breitschultriger, doch schlanker Junge. Die Nase, entsprechend dem russischen Typus, flach und am Sattel gedrückt, das Gesicht ein wenig mit Sommerflecken bestreut, doch das blaue Auge offen, die schütteren blonden Haare nach aufwärts gekämmt. Eine kindische Heiterkeit durchströmte das ganze Wesen des jungen Riesen, als er in seinen Lackstiefeln, blauer Hose und grauer Bluse sich an die Waggonwand anlehnend, den Mädchen in gebrochenem Französisch und in noch gebrochenerem Deutsch den Hof machte. Auf das Deutsche hatte hauptsächlich die Blanka reagiert, während Tusi mehr das Französische verstand: ist doch Nizza oder Paris nicht gar so weit von Szent-Endre entfernt. In etwa einer halben Stunde trafen sich die Paare: Tusi blieb bei dem Grafen, während alle Aufmerksamkeit des andern der Blanka galt. Der andere war ein Gegensatz zum Grafen: klein, schwarz, aber schon ein wenig kahlköpfig und dick, die Nase männlich gebogen und er hieß, wider alles Erwarten, Deutsch . Er wußte kaum etwas Deutsch; gewiß waren seine Eltern aus Deutschland eingewandert. Alexei Ribanow war ein rasch entflammbarer Junge. Er verbrachte das Leben in kleinen Garnisonen, und so oft sich ihm die Gelegenheit dazu bot, eilte er in die nächste Stadt, um sich in der Gesellschaft von Mädchen bei einem Champagnergelage für die Öde des Militärdienstes zu entschädigen. Oft schon hatte er beschlossen, sich eine ständige Geliebte auszusuchen, aber im letzten Augenblicke siegte immer sein Freiheitsgefühl. Wozu sich binden? Besser das wilde Herumstreifen, die uneingeschränkte Freiheit der Wahl. »Aber wenn du ihrer überdrüssig wirst, wirfst du sie ja hinaus!« meinten seine Freunde. »Das tue ich nicht!« erwiderte der blonde Riese. »Man darf die armen Mädel nicht so demütigen.« Der Graf war eben eine lyrisch veranlagte Natur. Hatte er sich zwei bis drei Tage mit einem Mädchen amüsiert, so verliebte er sich sterblich in sie, nahm weinend Abschied von ihr, überraschte sie mit Kostbarkeiten und sprach erbittert über die Gemeinheit der Männer. Man müßte die Mädchen heiraten. Tusi gefielt ihm sofort sehr. Es war vielleicht eine Fügung des Zufalls, daß sie sich so im Eisenbahncoupé trafen, und er machte ihr schon nach fünfundzwanzig Minuten einen Antrag. »Ich weiß, daß Sie in Moskau ein Engagement haben und dort erwartet werden. Aber ist es nicht viel angenehmer, wenn Sie statt der aufregenden und ungesunden nächtlichen Schwärmereien bei mir bleiben? Ich bin sehr reich, mein Vater ist Herzog und besitzt große Bergwerke im Ural. Sie bekommen von mir tausend Rubel monatlich, Wohnung und Toiletten, ich will Sie mit allem versorgen, wenn Sie mit mir aussteigen und meine Freundin werden ...« »Aber ich kann das nicht tun. Was fange ich denn mit meinem Moskauer Kontrakt an?« »Welches Theater hat Sie engagiert?« »Die Yard, für die ungarische Gesellschaft ...« »Ich erlaube nicht, ich will nicht, daß Sie dorthin gehen!« klang es heftig und gebieterisch von Ribanovs Lippen, dessen Gesicht plötzlich von einer Blutwelle übergossen wurde, wie man dies nur bei blonden Menschen mit Sommersprossen zu sehen pflegt ... Ich kenne Madame Amélie, wenn sich diese Gelegenheitsmacherin nur zu rühren wagt, schicke ich ihr die Polizei auf den Hals ... So antworten Sie mir doch! ... Ich weiß, mein Antrag ist ein eigentümlicher ... so auf der Eisenbahn ... aber auch das Leben eilt wie die Eisenbahn dahin ...« Dieser letztere Vergleich gefiel ihm sehr und insgeheim dachte er sich, es sei schade, daß er nicht Schriftsteller geworden ist ... Ganz anders machte Deutsch den Hof. Er war nicht so idealistisch und schwärmerisch veranlagt wie sein Freund. Er bat die Blanka einfach, in sein Coupé erster Klasse hinüberzukommen, das andere würde er schon besorgen. »Sehen Sie, ich kann alles tun, nur dies eine nicht!« scherzte das in die Fremde verschlagene Kind des Pester Humors. »Vor meiner Abreise habe ich meiner Mutter versprochen, nie in ein Coupé erster Klasse mit Herren einzutreten ... Aber wissen Sie, was? ...« Ihre Stimme dämpfte sich zum Flüsterton, als sie zu ihm geneigt sprach: »Wenn Sie nach Orel kommen, können Sie mich aufsuchen ... Variété Lyra, drei Sisters Bercsényi ...« Mittlerweile hatte auch Therese sich angekleidet. Sie schob die Coupétür zur Seite; das Flüstern, Plaudern und Lachen lockte sie heraus und sie trat auf den Korridor. »Ah!« begrüßte sie Alexei, »das kleine flüchtige Reh ...« »Wie befinden Sie sich, Fräulein?« fragte Deutsch. Therese lächelte, während die beiden anderen Mädchen ihre Eifersucht zu bemänteln suchten. Ihr Instinkt sagte ihnen, daß Therese ganz anders wirken müsse als sie, da ihre Miene ihre unberührte Reinheit widerspiegelt und ihre leichte mädchenhafte Gestalt die Männer vielleicht besser interessiert. »Votre nom?« frug sie der Graf. »Teresia.« Der Graf drückte seine rechte Hand an das Fenster, schrieb mit seinem mächtigen Brillantring cyrillische Buchstaben auf die Glasscheibe und las dann: »Teresia ... Sehen Sie, Ihr Name stürmt gleich einem Schnellzuge durch ganz Rußland.« Und wiederum freute er sich im Innern über seinen schönen literarischen Einfall. Doch mußten die Herren Offiziere leider aussteigen, denn der Zug lief in die Station ein. Ein prächtiges Gespann erwartete den Grafen. »Sehen Sie, das ist mein Wagen,« sagte er zu Tusi. »Wenn Sie wollen, wird er Sie in zwei Minuten in meine Wohnung führen.« Tusi dachte einen Augenblick nach. Wohin ging sie eigentlich und zu welchem Zweck? Sie wollte doch Geld verdienen und ihr Glück machen. Vielleicht war das Glück ihr entgegengekommen. Was sollte sie eigentlich nach Moskau ziehen, sie wollte ja auch dort nur von den Männern leben, und da hatte sie wenigstens schon den ersten, der ein reicher, träumerischer Schwärmer war. Sie wollte es versuchen. Sie verzog den Mund zu einem unbestimmten Lächeln und sagte: »Meinetwegen ...« »Also rasch, Ihr Gepäck ...« In der kleinen Station hielt der Zug nur wenige Minuten. Oberleutnant Deutsch eilte zum Gepäckwagen, um den großen Koffer zu holen, während das Handgepäck Tusis durch das Coupéfenster hinausflog. »Du warst sehr klug!« rief ihr Blanka aus dem Fenster nach. »Nur diese Dumme da geht hin, um sich zu verkaufen. Schreibe uns! Orel ... Variété Lyra ... Bercsényi.« »Meine Boa, meine Boa!« schrie Tusi. Therese warf die Sealskin-Boa aus dem Fenster des schon in Bewegung gesetzten Zuges. »Ich danke dir, Jungfräulein,« winkte ihr Tusi. Und man konnte aus dem Fenster des Coupés noch sehen, wie die prächtigen Pferde auf dem sandigen Wege dahintrabten. Das Ganze ging so rasch vor sich wie auf einem Film, und der Schaffner trat lächelnd in das Coupé der Mädchen ein. Mit der Linken zupfte er an seinem Barte und stotterte: »Gospodina ... f ... f ...« Und mit seiner Rechten deutete er bei jedem »f« einen immer höher strebenden Flug an. Das Fräulein war davongeflogen. Blanka fand an der Sache Gefallen und meinte, an Therese gewendet: »Siehst du, Tusi hat das schneidig gemacht. Wir können von ihr lernen. Eine, die so anfängt, endigt mit Brillanten beladen.« In der rauchgeschwängerten Luft schwebte noch das Parfüm der Tusi; auf ihrem Ruheplatze blieben einige kleine Drahthaarnadeln zurück, zwischen den Gepäcken ein Papier mit Fettflecken. Ein halbes Huhn hatte sie als Erbe den Mädchen zurückgelassen. Der Zug fuhr über endlos scheinende Wiesen, die Gehöfte hatten ebensolche Strohdächer wie in Ungarn, die Bauern gingen in Stiefeln herum und lungerten vor den kleinen Stationen. Der Zug brauste an Kirchen vorbei, die aus Brettern gezimmert waren, die der Regen grünschwarz gefärbt hatte, stellenweise waren längs des Geleises Gestüte und Rinderherden zu sehen; die Hunde kläfften der Lokomotive nach und taten hie und da einen Sprung gegen die Maschine, blieben aber dann zurück. Der Zug fuhr polternd über mächtige Flüsse, weite Gebiete waren von Hochwasser überflutet. Der Schaffner war mittlerweile mit seiner Arbeit im Coupé fertig geworden und sagte den Mädchen: »Pazsalszta ...« Therese wäre am liebsten eingeschlafen. Sie war von der Reise und von den Erlebnissen ermüdet und konnte kaum denken. Das ewige, betäubende Gepolter der Räder wirkte auf sie wie ein Rührholz, das in einem großen Tiegel unaufhörlich gedreht wird und ihre unruhigen Gefühle und Gedanken aufrührt. Die Ereignisse der letzten Monate zogen durch ihr Gehirn, sie wußte gar nicht, ob sie träume oder in wachem Zustande den Augenblick in ihr Gedächtnis zurückrief, als die Therese Csillag sie in der Schule belobte; die Bürgerschule, Paula König, Rosa Ligeti und ihre Schülerinnen zogen an ihr vorbei; sie sah und fühlte wiederum die unglückliche Premiere, und dann stand sie im Treppenflur des Wohnhauses in der finsteren Feuerwehrgasse, wo sie um Mitternacht mit dem Türschlüssel im Schlüsselloch herumhantierte. »Jesus Maria!« rief sie plötzlich zusammenzuckend. »Was ist denn los?« fragte die erschreckte Blanka. »Ich vergaß der Mutter zu schreiben ... und ich habe doch Ansichtskarten mitgebracht ...« »Ich bin viel vorsichtiger,« meinte Blanka. »Ich habe schon in Budapest fünf Karten geschrieben. Auf der einen heißt es: ›Ich bin wohlauf. Unsere Reise sehr angenehm. Ich küsse alle. Serene.‹ Blanka ist nämlich nur mein Künstlername ... Auf der anderen heißt es: ›Unsere Reise sehr angenehm. Ich küsse alle. Ich bin wohlauf. Serene.‹ Auf der dritten: ›Ich küsse alle. Bin wohlauf. Reise sehr angenehm. Serene.‹ Von jeder großen Station sende ich eine Karte an Papa. Wenn du willst, kann ich dir eine leihen. Das heißt, es geht nicht, wegen der Adresse. Da hast du einen Bleistift, schreibe; in Orel will ich die Karte in den Kasten werfen.« Therese adressierte eine Karte, wobei der dahinbrausende Zug ihre Hand hin und her warf, so daß die Buchstaben in einem wirren Durcheinander herauskamen: Frau Witwe Dezsö Ladány, Budapest, IX, Feuerwehrgasse ... Ob wohl jemals von hier eine Korrespondenzkarte in die Feuerwehrgasse geschrieben worden war? Und was sollte sie schreiben? Daß sie müde sei, sich vor der ungewissen Zukunft fürchtete, ängstlich sei und nicht wisse, was mit ihr geschehen würde? Sollte sie über die Mädchen schreiben, die mit ihr reisten? Sie waren glücklich, weil sie leichtsinnig waren und nicht Schlagwörtern nachliefen, wie Erfolg und Kunst, sondern nur Geld erwerben wollten. Sollte sie die Mutter fragen, wie es ihr ginge und ob sie einen Zimmerherrn genommen hätte? Sie schrieb einfach: »Ich bin wohlauf. Reise angenehm. Küsse von Therese.« Sie kamen in Smolensk an, wo Blanka sich von ihr verabschiedete; sie wurde in der Station von Cili und Fanny -- in der Welt der Kunst Leonora und Viola -- mit lautem Jubel empfangen; die Freundinnen umarmten und küßten sie. »Wie geht's dem Vater? Was macht der kleine Pisti?« Es stellte sich nämlich heraus, daß Cili ein Söhnchen habe ... Pisti. Sein Vater war Leutnant bei den Don-Kosaken. Da kommt ein neues Mädchen ... »Sie geht zur Amélie!« sprach Blanka, die Therese vorstellend. »Sie soll sehr acht geben, um von der Amélie nicht ausgebeutet zu werden. Vor allem soll sie einen reichen Freund fangen und erst dann als Solistin in das Yard- oder Strelna-Theater eintreten.« Inzwischen machte sich Fanny um das Gepäck zu schaffen und erteilte russisch ihre Weisungen. Beide hatten in den Ohren große Diamanten, an den Fingern Ringe, an den Handgelenken Armbänder, auf dem Kopfe große Hüte mit Straußfedern. Sie trugen alle ihre Habe auf dem Leibe. Blanka verabschiedete sich von Therese mit einem langen Kusse, den sie ihr auf die linke Wange drückte. »Gott mit Ihnen, geben Sie acht auf sich!« Ich denke, Sie sind zu anständig,« rief ihr die Cili nach. Die drei Sisters Bercsényi fuhren davon. Blanka hatte in ihrem Koffer einen bis zu den Knien reichenden grünseidenen Rock, mit einer rot-weiß-grünen Bordüre, ein kleines rosafarbiges Leibchen und ein dunkelblaues, goldbetreßtes Samtmieder; ferner ein großes Band in den Nationalfarben, das sie unter dem Schopfe festbindet, um dann in Ballettschuhen den Saloncsárdás nach der flotten Melodie des »Ritka buza, ritka árpa, ritka rozs« zu tanzen, während das Band gleich einer ungarischen Trikolore auf der Bühne der Varieté Lyra herumflattert. Therese bedauerte, daß Blanka sie schon verließ, denn sie war eine gutgelaunte, drollige Person; während der mit ihr verbrachten zwei Tage hatte sie die kleine Jüdin liebgewonnen. Aber sie hatte nicht viel Zeit für Träumereien, denn der Zug setzte sich wieder in Bewegung, und sie fand im Coupé drei fremde Herren. Rauchende, großbärtige Männer, die ebenfalls nach Moskau fuhren und lebhaft, mit knarrender Stimme sprachen. Therese verstand kein Wort davon, und da die Leute ihre Beine mit den großen Stiefeln auf die Sitze legten und den Boden vollspuckten, ging sie lieber auf den Korridor hinaus, wo sie sich auf einen der Seitensitze niederließ und den Brief der Amélie durchlas, um genau zu wissen, was sie, in Moskau angekommen, zu tun habe. Auf jeder Station stiegen Leute ein; die Passagiere standen schon in den Korridoren; das Geleise hatte mit einem Male Abzweigungen, zwanzig andere Geleise liefen rechts und links nach allen Richtungen, Signallampen und Semaphore schossen aus dem Boden, Lokomotiven pusteten, zischten und dampften ihnen entgegen, Lastzüge von ungeheurer Länge, aus langen, zylinderförmigen und gewölbten, hausförmigen Wagen bestehend, standen auf den Schienen, darunter ein Kirchenwagen mit dem Doppelkreuz, wie er in sibirischen Stationen an Sonntagen zu halten pflegt. Abermals passierte der Zug einen Fluß; mächtige, neue Vorstadthäuser, zur rechten Hand ein kleiner Berg, auf dem musivisch belegte Türme, Kuppeln, phantastische Runen und Halbkreise im Sonnenlichte funkelten, als ob ein genialer Zuckerbäcker das Ganze gebaut hätte, Bronzezwiebeln mit grüner Patina, auf spitzen Türmen der kaiserliche Adler und auf Halbmonden, hoch darüber, riesengroße Doppelkreuze. Es war der Kreml. Dann verschwand der Zug in einem Tunnel, der in eine gedeckte Halle mündet; längs der Schienen stand ein Heer disziplinierter, in Uniformen gekleideter Diener, auf dem Perron eine Menge Leute, die auf den Zug gewartet haben; jenseits der Glaswände aber steht die heilige Stadt der Russija: Moskau. Doch alles dieses kümmerte Therese nicht. Während die Diener ihr Handgepäck hinabtrugen, trat sie, in der Rechten ein weißes Tuch schwenkend, vom Trittbrett. Sie blickte um sich und stand erwartungsvoll inmitten des sich aus dem Zuge ergießenden Menschenstromes da, als plötzlich eine hochgewachsene, stumpfnasige, rundliche Blondine sie umarmte und sprach: »Sind sie es, Fräulein? Wie heißen Sie? Nicht wahr, Therese ...« »Ja, ich bin Therese Ladány ...« »So kommt doch, kommt doch,« winkte daraufhin die Dame mit dem breitkrämpigen, von Federn umwallten Hute; und einige Sekunden später liefen gleich Hühnern, die sich um die Gluckhenne scharen, drei verschieden gekleidete Mädchen mit verschiedenen Gesichtern und Figuren auf Madame Amélie los. Das war nämlich die Dame im Pepitakostüm, die Therese umarmte. Die Mädchen blickten mit neugierigen Augen auf die neue Kollegin. »Und wo sind die Fräulein Blanka und Tusi? Sie hätten ja zusammen ankommen sollen?« »Sie stiegen unterwegs aus,« antwortete Therese befangen. »Tusi begegnete einem Offizier, der sie entführte, während Blanka irgendwo an einer Station ...« »So? Die Bestien!« ... zischte Amélie. »Ich werde das Geld von der Forderung der Tomcsányi in Abzug bringen.« Und damit war das Ganze erledigt, wie eine alltägliche Sache. »Um so mehr freue ich mich über Sie, weil ich sehe, daß Sie ein ordentliches, anständiges Mädchen sind, das eine Zukunft hat ...« Sie streichelte das Gesicht Thereses und wendete sich an die übrigen Mädchen: »Das ist Fräulein Therese ... Zu Hause werden wir ihr einen geschäftlichen Namen geben. Denn bei uns ist es Sitte, mein Kind, daß man unter einem Künstlernamen arbeitet. Sie werden sich einen Namen wählen können. Das ist die Gabi, hier die Manci, dies die Irene.« Sie stellte die Mädel der Reihe nach vor. Alle hatten ein bleiches Gesicht, die Augenlider und die Lippen waren etwas geschminkt. Trotz des sonnigen warmen Wetters trugen sie lange Überröcke und ihr Blick hatte einen müden Ausdruck. »Es freut uns sehr!« sagten sie, Therese die Hand reichend. »Ihr drei setzet euch in einen Wagen und fahret nach Hause oder wohin Ihr wollt ... Aber am Abend darf sich keine verspäten ... Die kleine Novize nehme ich mit mir.« Sie warf noch einen Blick auf das Reisegepäck, ließ alles Mögliche auf den Izvoscsik laden, nahm auf der rechten Seite des Wagens Platz und winkte Therese, einzusteigen. Der kleine Wagen setzte sich windschnell in Bewegung. Über dem Hals des Pferdes klirrten die Ringe auf dem hohen Zaumhalter, der die Form einer Halbellipse hatte, die Glöckchen klingelten. Eine Unmenge von Leuten bevölkerte die Straßen, aber Therese empfand nur das Fremdartige des Ganzen, ohne etwas zu sehen. Sie war befangen, was auch Madame Amélie nicht entging. »Na, Sie brauchen nichts zu fürchten, wenn Sie auch in der weiten Fremde sind,« tröstete sie das Mädchen. »Auch diese Mädchen und ich selbst, wir kamen einst gerade so als Fremde hierher, wie jetzt Sie, aber wir haben uns rasch an Moskau gewöhnt, denn an das Gute gewöhnt man sich leicht. Sie werden das Russische erlernen, angenehme Bekanntschaften, einige gute Freunde erwerben, wie?« Und sie streichelte die Hand Thereses ... Frau Tomcsányi hatte sie in alles eingeweiht, so daß Madame Amélie über die Verhältnisse der Neuangekommenen vollkommen unterrichtet war. »Haben Sie zu Hause einen Freund?« frug sie. »Nicht wahr, Sie haben keinen?« »Nein,« erwiderte Therese leise. »Das ist mir auch lieber, eine Künstlerin soll nur ihrer Kunst leben; Sie werden auch so Geld genug verdienen, um Ihrer Mama welches senden zu können.« Die Angst schmolz förmlich vom Herzen Thereses. Das ist ja eine liebe, brave Frau, und gewiß waren nur die Mädchen schlecht, die sie geschmäht haben. Sie mußte kein schlechtes Herz haben, hatte sie doch kaum gezürnt, als sie erfuhr, daß die Tusi und die Blanka ausgeblieben seien. Nur das eine verstand Therese nicht, warum Frau Amélie die Reisekosten vom Gelde der Frau Tomcsányi kürzen wolle. Am Ende bekam Frau Tomcsányi Geld für die Mädel? ... Dieser Gedanke fuhr eine Sekunde durch ihren Kopf, allein sie befaßte sich nicht weiter damit, denn sie waren vor dem Hause der Madame Amelie in der Malaja Dimitrowka angelangt. Der Izvoscsik war genau unterrichtet und fuhr durch das offene Tor der kleinen, vernachlässigten, einstöckigen Villa in den Hof hinein, wo sie von einem Stubenmädchen und einem Hund empfangen wurden. Der kleine weiße Hund bellte freudig und sprang munter auf Madame Amélie zu. »Kusch, Jolly!« schrie Amélie, worauf sie dem Stubenmädchen etwas russisch sagte und sich an Therese mit den Worten wandte: »Das Stubenmädchen heißt Dunyasa ... Das Essen ist fertig. Sie werden sehen, mein Kind, welch gutes ungarisches Mittagmahl Sie bekommen.« Rechts vom Tor führte eine Tür in das Vorzimmer, weiter rechts eine schmale eiserne Schneckenstiege in das Erdgeschoß und in den ersten Stock. Das Haus mochte schon vor sehr langer Zeit gebaut worden sein und Madame Amélie wohnte hier bloß, weil sie in der Nähe des »Lokals« war, wie die Artisten den Unterhaltungsort unter sich nannten. »Das Reisegepäck werden Sie erst am Nachmittag auspacken, mein Kind, das erste ist jetzt das Mittagessen. Madame Amélie führte sie in das Speisezimmer, das sehr einfach eingerichtet war, mit staubigen, roten Samtvorhängen an den Fenstern. Bei Tische saßen drei Mädchen. Irene und Gabi kannte sie bereits von der Bahn her. Manci kam nicht zum Mittagmahl, und so mußte man Therese nur der Nelly vorstellen. Therese hatte schon seit zwei Tagen keine warmen Speisen genossen und verzehrte mit Appetit die Fleischsuppe, das Rindfleisch in Kapernsauce und die Topfenmehlspeise. Während des Mittagmahls zeigte sich auch die Köchin: »Ich will das neue Fräulein sehen ... Ein nettes Kind ... Nicht wahr, Fräulein, das Essen ist in Rußland geradeso wie daheim ...« Sie lachte über diesen witzigen Einfall so herzlich, daß ihre vollen Brüste erzitterten. Therese schwieg und hörte dem Gespräch der anderen Mädchen zu, aber sie verstand nichts davon. »Denkt euch,« begann Nelly, Boris hat sich vorgestern abends im Puschkin mit Didonne amüsiert, und heute früh um drei Uhr brachte er ihr schon ein goldenes Täschchen mit zweihundert Rubeln. Die Tasche selbst ist ungefähr tausend Rubel wert.« »Ihr seid eben zu ungeschickt,« sprach Madame Amélie in rügendem Tone. »Ich habe Irene jüngst gesagt, den kleinen Millionär zu bearbeiten, ihn nicht dem russischen Chor zu überlassen. In diesen schweren Zeiten heißt es, sehr umsichtig sein!« »Wir können uns auch nicht beklagen,« unterbrach sie Irene. »Diese Woche haben fünf Mitglieder unseres Chors elegante Toiletten aus dem Maison de Luxe bekommen. Das soll uns ein anderer Chor nachmachen.« »Wenn es heißt, umsichtig sein, so bietet sich jetzt die Gelegenheit dazu,« sagte die Gabi augenzwinkernd. »Gestern Abend war Sascha wieder drinnen. Wie es scheint, hat er die Trauer schon überwunden und sucht eine neue Freundin. Wenn Thereschen ihn bearbeiten würde, könnte sie ihn einfangen ...« Die Mädel und Madame Amélie blickten auf Therese. »Ich verstehe nicht, wovon die Rede ist,« sagte Therese, indem sie ihre Verlegenheit zu verbergen suchte. »Nichts, nichts,« erwiderte Frau Amélie, indem sie die Mädchen zur Ruhe ermahnte. »Was wollt Ihr denn? Sie ist ja noch gar nicht warm bei uns geworden, sie hat noch kaum Atem schöpfen können. Sie soll doch erst auf die Bühne kommen, nicht wahr, mein Kind?« »Ja ...« erwiderte Therese, indem sie einen dankbaren Blick auf die Direktrice warf. »Denken wir lieber darüber nach,« setzte die Hausfrau fort, »welchen Namen die Kleine bekommen soll. »Wie möchten Sie wohl heißen?« Therese zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Ich habe noch nie darüber nachgedacht.« »Sind Sie noch Jungfrau?« frug plötzlich Irene. »Ja ...« erwiderte Therese errötend, indem sie die Augen zu Boden senkte. Alle Mädchen klatschten ihr Beifall und riefen: »Eljen! Dann wird ja der Chor Glück haben, dann haben Sie auch schon Ihren Namen: Virginia! Jede Jungfrau nennen wir Virginia ... Seit etwa drei Jahren haben wir keine Virginia gehabt ...« Therese Ladány wurde somit durch die Vengerkas auf den Namen Virginia getauft ... Die Mädel scherzten und plauderten noch eine Weile, und nach dem Essen nahm Amélie Virginia unter den Arm: »Kommen Sie, mein Kind, ich will Ihnen Ihr Zimmer zeigen.« »Auspacken, auspacken!« riefen die Mädel im Chor. So oft ein neues Mädel eintraf, war das Auspacken stets der Hauptspaß für die Vengerkas. Sie sammelten sich im Zimmer der neuen Kollegin, wo sie die aus den Koffern und Körben hervorgeholten Wäschestücke und Kostüme bekrittelten. Therese war es etwas unbequem zumute, als sie in ihr neues Heim eintrat. Ein ärmliches Zimmer, an der einen Wand ein abgedecktes Bett, an der anderen ein leeres Eisenbett, nur mit einer Matratze, sonst ganz ohne Bettzeug. »Das wird Ihr Bett sein ...« sagte Amélie. »Haben Sie Ihr Bettzeug mitgebracht?« »Ja ...« Das Zimmer hatte nur ein Fenster mit dunkelblauen Leinwandvorhängen. Irene, die Eigentümerin des offenen Bettes, hatte die Vorhänge gekauft, um in dem also verdunkelten Zimmer auch am Tage schlafen zu können. Im Halbdunkel konnte Therese allmählich wahrnehmen, daß in der Mitte des Zimmers ein großer Tisch stand, auf dem Haarnadeln, Schminken, Manikürwerkzeuge, ein runder Spiegel, eine Brennschere, einige Zigaretten, Zündhölzchen, ein Stück Brot und das Lichtbild des Schauspielers Emerich Szirmai, als Plinchard im zweiten Akte der Operette Lily, in wirrem Durcheinander herumlagen. Vor dem Tische stand ein Stuhl, das war alles. Vom Plafond hing an eisernen Haken, die ineinander gekoppelt waren, eine Petroleumlampe herab. »Dies ist mein Bett, mein Tisch, mein Stuhl!« sagte Irene mit Betonung. »Und wo werde ich sitzen?« frug Therese. Alle brachen in lautes Gelächter aus. »Wo man eben zu sitzen pflegt ... Auf dem Bette,« erwiderte Gabi. »Für uns ist das Bett das wichtigste Möbelstück, auf dem wir sitzen und speisen, ja sogar schlafen.« »Und ein Spind? Wo soll ich meine Kleider aufbewahren?« frug Therese. »Das Spind Irenens steht im Badezimmer,« erwiderte Amélie. »Ich werde auch für Sie eines holen lassen, auf Brokat ...« »Aber ich habe gar kein Brokatkleid,« bemerkte Therese. Neuerliches Gelächter. »Das wird sich schon geben,« beruhigte sie Amélie, die selbst darüber lächeln mußte, daß Therese nicht wußte, das Wort »Brokat« bedeute auf russisch Ratenzahlung. Das war am ersten Nachmittage die Situation Therese Ladánys in ihrem neuen Moskauer Heim, inmitten der anderen Mädchen. Sie war in eine völlig neue Welt hineingetreten; sie hatte mit der Therese von gestern, ja selbst von heute früh nichts mehr gemein, sie war als Virginia neugeboren. In ihrer neuen Umgebung kam sie sich linkisch und dumm vor und sie fürchtete, jedem im Wege zu stehen und ausgelacht zu werden. Sie selbst rührte nichts an, die Mädel öffneten ihr Gepäck und riefen bei dem Anblick der Seidenkleider der Frau Lebán: »Ach, wie fein; ach, wie herrlich! ...« Der Beifall machte auch auf Therese Eindruck, es freute sie, daß man ihre Sachen bewunderte und ihr vielleicht auch neidete; ihr blaues, vorn nach bulgarischer Art gesticktes Kostüm nahm sie schon selbst in die Hand und hielt das kleine Röckchen an den Ärmeln in der Luft. »Nun, so fein ausstaffiert sind bisher wenige Mädel hergekommen,« meinte Gabi. Sie betrachteten der Reihe nach ihre Wäsche, Schuhe und Strümpfe, und man sah ihnen an, daß sie den Nachmittag angenehm verbracht hatten. Es mochte schon gegen sechs Uhr abends sein. Dunyasa zündete die Petroleumlampe an und Amélie gab das Losungswort aus: »Na, Mädel, eilt euch, kleidet euch an!« An Therese richtete sie die Frage: »Wollen Sie heute abend zu Hause bleiben oder mit uns in das Theater kommen?« »Gehen alle weg?« frug Therese. »Alle.« Sie dachte daran, wie unangenehm es wäre, in einer fremden Stadt, in einem fremden Hause, in einem unfreundlichen, von schwerem Petroleumgeruch mißduftenden Zimmer allein zurückzubleiben; übrigens war sie auch begierig, das Theater kennen zu lernen, in dem sich ihr künftiges Leben gestalten sollte. Sie erklärte daher ohne Zögern: »Ich will lieber in das Theater gehen ...« »Das freut mich wirklich,« sagte Amélie, indem sie Thereses Schulter streichelte. »Welches Kostüm wollen Sie anziehen?« Therese meinte, sie habe ja noch keine Rolle, sie wolle nur der Vorstellung beiwohnen, und es wäre wohl das beste, sich einfach zu kleiden, wie sie es daheim zu tun pflegte. »Aber nein!« erwiderte Amélie lächelnd ... »Ich werde Ihnen ein kleines Kostüm geben, in dem Sie in den ersten Wochen singen werden, bis Sie in die Lage kommen, ein neues Kostüm anfertigen zu lassen ...« Und sie eilte hinaus. »Also ich werde singen?« fragte Virginia Irene (die anderen Mädchen gingen hinaus, um sich anzukleiden). »Wie geht denn das? Ich habe ja nie singen gelernt.« »Närrchen,« erwiderte Irene, »die erste Nummer ist die des ungarischen Chors! Wir schminken uns hier zu Hause und laufen im Kostüm hinüber ...« »Treten wir denn nicht in einem Stücke auf?« frug Therese verwundert und befangen. »Freilich nicht ... Aber frage doch nicht so viel, nimm die Farbe und schminke dich.« Therese begann auf dem Tische herumzuräumen, um für ihre Toilettegegenstände Platz zu machen, aber Irene fuhr sie streng an: »Oho, dieser Tisch ist mein Privateigentum, du geh nur schön auf das Bett ... kleide dich dort an ...« Therese war nahe daran, in Tränen auszubrechen. Sie wollte ihrer Entrüstung Luft machen und Irene fragen, was es ihr denn schade, wenn sie ihren kleinen Handspiegel auf die Ecke des Tisches stellte, aber das Gefühl der Unbilligkeit und die Bitterkeit ließen sie die Worte hinunterwürgen. Sie schlich zu ihrem Bette, auf dem ihre Kleider und Wäsche noch herumlagen; diese warf sie in den Koffer zurück, setzte sich auf die bloße Matratze, legte den Spiegel darauf und begann bei dem kümmerlichen Lichte ihr Gesicht zu schminken. Sie hat sich die Dinge anders vorgestellt! Wieder fühlte sie sich von feiger Verzagtheit erfaßt; am liebsten hätte sie alles hier im Stich gelassen und wäre, wenn auch mit erbetteltem Gelde, nach Budapest zurückgeeilt, wo sie alles kannte, wo die ganze Stadt ihr gehörte, wo sie mit den Leuten sprechen und alles beginnen konnte, während sie hier nicht einmal die Firmentafeln auf der Straße zu lesen vermochte. Sie saß im Hemd und Unterrock auf dem Bette, schminkte sich und zog gemäß der Weisung der Madame Amélie himmelblaue Seidenstrümpfe und kleine weiße Halbschuhe an, die zu dem Kostüm paßten, das sie bekommen sollte. Und tatsächlich erschien Amélie mit einem kleinen himmelblauen Seidenkleide auf dem Arme, das sie lächelnd Therese reichte. »Hier, Virginia, das wird für Sie passen.« Sie probierte das Kleid an; es stand ihr gut. Wenn es auch schon etwas abgetragen war, ließ es ihre jugendliche Gestalt dennoch vorteilhaft hervortreten. Ihr Haar war ganz mädchenhaft, beinahe kindisch aufgesteckt, und in dem leichten Kleidchen sah sie aus wie ein Backfisch, wenn er zur Firmung geht. Madame Amélie legte ein schwarzes Seidenkleid an. Auch Irene war fertig: ihre Toilette war rosafarbig, ihre Strümpfe und Halbschuhe bordeauxrot. Sie zogen die Überröcke an, denn es war schon Spätherbst; den Kopf bedeckten sie mit einem Tuche und so liefen sie über die Gasse. Unterwegs begegneten sie noch einigen Mädchen; die meisten hatten kleine Pakete in der Hand oder eine in eine Serviette gebundene Kasserolle, in der sie ihr Nachtmahl mitschleppten. Das Unterhaltungslokal oder, wie Virginia es nannte, das Theater lag gerade gegenüber der Wohnung der Madame Amélie. Über dem Eingange hingen mächtige Bogenlampen, in der Haupttür stand ein Portier von riesenhafter Gestalt in russischer Gala. Man sah livrierte Diener, überall war ein lebhaftes Treiben, und die Iswostschiks schossen flink und hurtig hin und her wie die Schlammbeißer. Vor einer kleinen Nebentür erklärte ihr Amélie: »Das ist die Uporna, der Ankleideraum; hier legen Sie den Überrock ab und schminken sich ein wenig nach, dann kämmen Sie sich. Die Mädel werden Ihnen alles zeigen.« Die kleine Tür hatte nicht einmal eine Klinke, sie mußte einfach aufgestoßen werden. Therese stand in einem großen Saale. Vom Plafond hingen an Drähten schmucklose Glühbirnen herab; in der einen Ecke stand ein Stehspiegel, vor dem -- wie nach einem Fischfang die vielen Fische im Netze -- dreißig bis vierzig Mädchen sich kreischend stritten und herumbalgten. Die nackten Schultern rieben sich aneinander. Jede wollte früher zum Spiegel kommen. Im Saale standen weitere siebzig bis achtzig Mädel herum. Ein Riesenmarkt, den die Mädchenhändler mit Ware überschwemmten. Alle stimmten in den kreischenden und kichernden Chorus ein: der in rote Fetzen gekleidete Zigeunerchor, der ungarische Chor, die Schar der malerischen Russen und der Chor der blonden, blauäugigen Kleinrussen in ihren perlengestickten Kleidern. Jede fluchte und räsonierte in ihrer Sprache; für ein wenig Platz vor dem Spiegel wurden Kämpfe auf Leben und Tod ausgefochten; vor dem Eingang bestürmte man den Garderobier, die Röcke zu übernehmen. Skaré! ... Skaré ... klang es von hundert Seiten. Minyes sduty ... Eile, eile, man erwartet mich ... Dajtye minye perviraz ... erst nehmen Sie meinen Rock ab ... Pisitye ... laufen Sie! Ein Lärm wie in einer riesigen Vogelhandlung. Und Vögel mit verschiedenartigstem Gefieder zwitscherten, hüpften überall herum. Therese wurde der Überrock und das Tuch rasch abgenommen, und Irene schleppte sie vor den Spiegel, wo sie ihr Platz machte. »Sputen Sie sich, bringen Sie sich in Ordnung, denn die erste Nummer ist der ungarische Chor.« Therese fühlte einen Schwindel. Das ganze Bild kam ihr so unerwartet, daß sie kaum fähig war, ihre Gedanken zu ordnen. Sie ward von der Massenstimmung erfaßt und tat wie die übrigen. Sie trug die Schminke auf ihrem Gesichte gleichmäßig auf und ordnete die Haare. Es war aber auch schon die höchste Zeit. Ein kleiner Knabe in weißen Strümpfen, schwarzen Lackschuhen, weißer Perücke und rotem, goldverziertem Kleide trat in den Saal. »Der Kehrichtjunge ist da! schrien die Ungarmädchen. Eilen!« »Vengerski-Chor ... Vengerski-Chor ...« Irene, Maca und Gabi nahmen Virginia in die Mitte und schoben sie durch eine kleine Seitentür auf eine Treppe, von wo sie sich nach der Bühne drängten. Von der anderen Seite näherten sich ihnen einige Männer. Auf der Bühne gab es eine Walddekoration; unter der Laubhütte ein Klavier, daneben ein kleiner, schwarzer Mann mit rasiertem Gesichte. »Was werden wir singen?« frug die eine Dame, eine Solistin, in deutscher Sprache. Der Mann am Klavier flüsterte ihr zu: »Minek a szöke ... Kerek ez a zsemlye ... Ott tul a rácson ... Schönau-Walzer ...« Die Mädchen standen alle auf; in der Mitte standen die kleinsten, an den beiden Flügeln die größten; sie bildeten einen Halbkreis; die Männer saßen vor ihnen auf der Erde. Der Kapellmeister schlug auf die Tasten und sie begannen ohne jede Stimmenverteilung, ohne eine Spur von Abgestimmtheit oder Zusammenspiel drauflos zu singen: »Minek a szöke énnekem, mikor én a barnát szeretem.« Einzelne Mädchen gaben keinen einzigen Laut von sich, sondern machten nur Mundbewegungen. Auch Therese tat so, damit man unten nicht glaube, daß sie an der Produktion nicht teilnehme. Die Einzelheiten sah sie noch nicht klar, sie starrte nur in die Flut der elektrischen Lichter, in den mächtigen, mit goldenen Säulen gezierten Saal, in dessen Mitte unter Palmen der vergoldete Gipskopf Napoleons auf die Bühne blickte: der Saal hieß der Napoleonsaal. Eine endlose Reihe von Tischen war in strammer Ordnung aufgestellt und Kellner in russischer Nationaltracht gingen auf und ab; ein befrackter Herr eilte durch den Raum. Publikum war kaum noch zu sehen. Es war gegen halb elf Uhr. An etwa zehn bis fünfzehn Tischen mochten Einzelne verstreut sitzen, während der Halbkreis der bordeauxsamtenen Logen im ersten Stocke noch ganz leer war. Vor der Bühne befand sich ein Orchester, in dem die Musikanten herumlungerten, aber das Podium des Kapellmeisters war noch leer. Und mit gelangweilter Miene und Stimme, gleichgültig, leblos klang es: »Ha kicsiny ajkad csókolom. Magam a mennybe gondolom.« Und ohne jede Pause oder Übergang folgte: »Kerek ez a zsemlye ...« »Das also ist das Theater, dies die Kunst?« dachte sich Therese, »deswegen bin ich nach Rußland gekommen? Das ist gewiß nur die Einleitung, die Vorstellung folgt später ...« Der Chorgesang war beendet und die Solistin trat in die Mitte. Sie verneigte sich, legte die rechte Hand auf die linke Brust, beschrieb dann mit der Rechten einen weiten Bogen, dann legte sie die linke Hand auf die rechte Brust und begann mit leidender Miene und verträumten Blicken zu singen: »Ott tul a rácson egy más világ van.« Unten kamen und gingen die Leute, Stühle wurden gerückt, ganze Familien ließen sich nieder; niemand beachtete den schmachtenden Gesang, nach dessen Beendigung nur ein bis zwei Kellner applaudierten. Dann stand aus der Reihe der Männer einer auf, der als neapolitanischer Barkenführer verkleidet war, und sang mit seiner gutturalen Tenorstimme zwei italienische Lieder. Der italienische Sänger gehörte programmgemäß zum ungarischen Chor. Während der Italiener sang, richteten die Mädchen ihre Toiletten und betrachteten die Gäste. Gabi kniff Therese und sagte ihr: »Siehst du, dort unten in der Mitte, das ist der Wolkow , der heute zum ersten Male wieder hier ist. Er ist ein reicher Grundbesitzer aus Tula, er hat auch Kohlenbergwerke. Er geht immer als Muschik gekleidet herum. Wir nennen ihn ›den Bauer‹. Seine Freundin war hier im ungarischen Chor ... die kleine Sophie ... aber sie ist gestorben ... das war ihr Kleid ...« Und sie zerrte an dem Kleide Thereses. Das arme Mädel erzitterte. Sie wußte gar nicht mehr, was um sie herum geschah; es war ihr, als ob kalte Hände ihren Leib streichelten und sie den schweren Duft von Totenkränzen einatmete. Sie trug das Kleid einer toten Vengerka am Leibe, die gleich ihr von Budapest hergekommen war, hier erkrankte und starb? Es war nicht schön von Madame, daß sie ihr gerade dieses Kleid gegeben hatte. Sie fröstelte. Als sie wieder Herrin ihrer selbst war, tanzte Maca schon mit einem Mann Csárdás in der Mitte der Bühne, während der ganze Chor »Huj, hajrá« schrie. Zum Schluß verbeugten sich alle im Chor, dann wandten sich alle zum Gehen und rissen Therese mit. Kaum waren sie draußen, so erschien am Dirigentenpult ein schlanker, hoher Mann mit schwarzem Bart und erhob seinen Taktstock, worauf das ganze Orchester ein Tonstück anstimmte. Therese blickte durch eine kleine Öffnung in der Kulisse in den Saal und dachte sich, welch ein schöner Mann der Dirigent sei. Doch der Strom riß sie fort, und vor der Uporna wartete Amélie auf sie. »Nun, Virginchen, wie gefällt's? Haben Sie sich schon eingelebt?« »Worein?« hätte sie fragen mögen, doch sie besann sich eines andern und antwortete bloß: »Gewiß, das Ganze ist ja so leicht ...« »Jetzt gehen die anderen Damen alle nachtmahlen, sie pflegen etwas von Hause mitzubringen. Von morgen angefangen werden Sie es auch so machen ... Heute können Sie mit mir kommen ...« Sie gingen durch eine Seitentür in einen kleinern, dunklen Saal, der nur von einigen elektrischen Lichtern beleuchtet war; da saßen die Mädel verstreut an sechs bis sieben Tischen. Sie kramten aus Tüchern, Papierstücken kalten Braten oder Schinken heraus; die meisten hatten gar keinen Teller und fielen mit der bloßen Hand über das Essen her. »Sehen Sie, das ist ein wahrhaftiges Bohême-Leben,« meinte Amélie lächelnd. »Nur nicht Umstände machen ... Das ist ja nur ein kleines Kräftesammeln, eine Vorspeise ... Das feine, teure, warme Nachtmahl, der Champagner, hängt dann von der Geschicklichkeit der Mädel ab.« Sie setzten sich an einen Tisch, wo Maca mit dem italienischen Sänger saß. Dieser Tisch war ordentlich gedeckt, ein kalter Kapaun und Rotwein mit einigen Stücken Brot standen für Amélie bereit. »Setzen Sie sich, kleine Virginia, und bedienen Sie sich ... Nur so mit der Hand ... wir geben nicht viel auf Förmlichkeiten ... Aber morgen müssen Sie schon selbst für sich sorgen ...« Therese ließ sich nicht lange bitten und ließ sich das weiße Fleisch mit dem Brot munden. Maca unterrichtete sie: »Die Hauptsache ist, mein Kind, den Chor blasen zu lassen. Die Damen dürfen nicht selbstsüchtig sein. Wenn sich ein Kavalier findet, muß man darauflos arbeiten, daß er den Chor im Kabinett blasen lasse ...« »Was heißt das?« frug Therese neugierig. »Mit Worten läßt sich das nicht erklären, du wirst es in der Praxis schon erlernen,« meinte Maca mit gelangweilter Miene; damit, was sie sagte, wollte sie nur der Direktrice zu Gefallen sein. Sie reichte das Gabelbein des Kapauns dem Italiener, damit er es zerbreche. Wer die Gabel in der Hand behält, dessen Gedanke wird in Erfüllung gehen ... Draußen spielte die Musik und man vernahm den Gesang einer Wiener Sängerin; später strömte gleich einer Herde der Zigeunerchor herein. Es mochten ihrer fünfzig gewesen sein. Es waren braune Gestalten aus dem Kaukasus mit blendend weißen Zähnen, junge Mädchen, kaum den Kinderschuhen entwachsen und Frauen, die obschon erst 25-26 Jahre zählend, schon alt waren ... Ihre roten und gelben Seidenfetzen und nach Tartarenart gewobenen Stoffe warfen bei jedem Schritte üppige Falten, die Männer stolz und gebieterisch, wie die Stiere der Herde. Mit großem Lärm fluteten sie in den Saal. Auch sie hatten ihr Abendbrot mitgebracht. Ihnen folgte ein befrackter Herr, der spähend herumging. Therese hatte ihn schon früher von der Bühne aus bemerkt. Amélie eilte ihm entgegen, führte ihn zu Theresens Tisch und stellte ihn in deutscher Sprache vor: »Der Herr Proswoditl ... Mein Kind, das ist der Herr Geschäftsführer ... Ihr Hauptbestreben muß sein, seine Zufriedenheit zu erlangen ...« »Neues Mädchen? ... Hübsch ... hübsch ...«, wiederholte der Proswoditl, indem er Thereses Wange streichelte und weiterging. Überall folgten ihm ängstliche Blicke. Ein Wort von ihm, ein Wink bloß und der Betroffene muß das Lokal verlassen. Nur einer ist ein noch größerer Herr als er, das ist Sudakow, der Direktor. Den bekam aber Therese heute abend nicht zu sehen. Bald darauf ging auch Amélie weg. Maca ging mit dem Italiener Arm in Arm ebenfalls fort, und die neue Vengerka blieb allein. Vieles kam ihr in den Sinn, was sie über Mädchenhändler und Bordellhäuser gelesen hatte, und sie frug sich entsetzt und angeekelt, ob dies auch ihr Verhängnis werden sollte? Aber nein! Aus dem Innern des Saales dröhnte der Applaus herüber, es wurde eine französische Sängerin gefeiert; das ist ja doch ein Theater, da wird die Kunst gepflegt und das Talent kommt vorwärts ... »Ausdauer! ... Mit der Zeit werde auch ich meinen Weg machen!« so sprach sie sich Mut zu. »Madame Amélie irrt sich sehr, ich setze mich nicht neben Herren, ich mag kein warmes Nachtmahl, keinen Champagner ...« Von Zeit zu Zeit kam ein Diener in russischer Nationaltracht herein, ging zu einem der Tische, rief eine Ungarin oder Zigeunerin heraus; dann kamen Herren, die Wein bestellten, und mit einem Male hielt der ganze Zigeunerchor seinen Auszug. Ein hochgewachsenes, schwarzes Mädchen trat an den Tisch Thereses: »Guten Abend, Fräulein ... ich sehe, Sie sind ein neues Mädchen ... Wenn Sie gestatten ...« Und sie setzte sich. »Es freut mich, wenn ich Gelegenheit habe, mich auszuplaudern,« meinte Therese. »Ich heiße Virginia Halas.« Plötzlich wurde sie sich instinktiv der Notwendigkeit bewußt, hier einen »Künstlernamen« zu tragen; sie begriff, daß hier alle bestrebt seien, den Namen der Eltern geheimzuhalten. Virginia erhielt diesen Namen von Amélie, zu Hause hieß sie im Theater Goldfischlein, und so wurde aus ihr Virginia Halas (Fischer). »Ich heiße Karolina,« sagte die andere. »Wir haben hier keinen Familiennamen, wozu auch?« Sie war nicht mehr jung. Oder doch? Wer konnte es sagen? Große Müdigkeit sprach aus ihren Zügen, stark eingeprägte und doch fast glatte Falten, wie sie nur durch die in langen Krisen gereiften, ruhigen, selbstbewußten Entsagungen geschaffen werden. Sie war sich über ihr Schicksal vollkommen im klaren und gehörte zu jenen Traurigen, für die das Leben keinen Reiz, keine Aufregung birgt, sondern einfach Routine bedeutet. Hier und da erleben sie zwar noch flüchtige Aufwallungen, das Blut flammt manchmal noch auf, aber auch das ist nur mehr eine physiologische Erscheinung, die mit der Fülle des Lebens nichts zu schaffen hat. Es gehört zu den Gewohnheiten solcher Menschen, gleich auf die nackte Wahrheit überzugehen. Auch Karoline sagte Therese ohne jeden Übergang: »Bleiben Sie hier im Chor, so sind Sie verloren. Geld verdienen und Ihr Glück begründen können Sie hier nur dann, wenn Sie Solistin werden. Der Chor besteht aus lauter Bettlern, die elend sind wie meine Wenigkeit. Sie sind erst heute gekommen und haben noch kein wahres Wort gehört. Das Wichtigste habe ich ihnen soeben gesagt.« Sie wendete den Kopf ab und wies mit dem Finger nach einer gewissen Richtung, als ob sie von ganz anderen Dingen sprechen würde, und fuhr fort: »Sie ahnen gar nicht, wie sehr wir jetzt beobachtet werden. Dort rechts, neben dem Eingang, sitzt eine Blondine in blauer Seidentoilette, die beste Freundin der Frau Direktor ... Die holt ihr die meisten Mädchen ... Sie läßt kein Auge von uns ... Bitte, lachen auch Sie! ...« Sie brach in schallendes Gelächter aus. Unwillkürlich lachte auch Therese, die die Lage sehr drollig fand. Die Späherblicke beruhigten sich, Karoline würde das neue Mädel nicht verderben. »Koncsil! ... Koncsil! ... schallte es laut von allen Seiten.« »Was heißt das?« frug Therese. »Es ist 1 Uhr, die Vorstellung ist zu Ende ... Die Chöre müssen nun in den Saal gehen. Ich kann nicht bei Ihnen bleiben, das wäre verdächtig. Leben Sie wohl!« »Ich danke Ihnen,« sagte Therese gerührt, denn sie fühlte, daß dieses traurige, müde Mädchen die Wahrheit gesprochen habe. Sie erhob sich ebenfalls, und der große Exodus nahm seinen Anfang. Sämtliche Chöre stürmten gleich ausgehungerten Bestien in den großen Saal, wo sie bisher nicht eintreten durften. Die Zigeuner klapperten mit ihren Tamburinen, die rotgestiefelten Kleinrussen rannten, ein mehr als 150 Mädchen zählendes Rudel warf sich in wüstem Durcheinander auf das Geschäft: auf die Männer, die sich nach weißen Tischen, elektrischen Lichtern, Mädchen, Liebkosungen, geflüsterten Reden und Handgreiflichkeiten sehnten, mit funkelnden Augen, lächelnd die Erstürmung des Saales betrachteten. »Die Mädel kommen! Die Vengerkas kommen!« Dies ist der Augenblick, für den alle russischen Unterhaltungslokale erbaut wurden. Es gibt da keine Eintrittsgebühr, oder man hat bloß eine Kleinigkeit zu zahlen; die Varieténummern sind ersten Ranges, sogenannte hochbezahlte Attraktionen, gleich einem Konzert in Ostende, wo nicht einmal ein Caruso zu teuer gefunden wird, denn dort wird alles von der Spielbank bezahlt, während in Rußland alles durch die Mädel, durch die Chöre bezahlt wird. Da sitzen die Männer, die russischen Halbbauern mit dem schweren Tritt; ihre Füße stecken in Stiefeln; sie haben ihre Edelhöfe, ihre riesigen Besitzungen verlassen und ihre Brieftaschen mit Rubelnoten gespickt, um nach Moskau zu kommen, wo sie in einem Zuge drei Tage lang trinken. Die Offiziere sitzen da, den an einem langen Riemen hängenden Säbel zwischen die Beine geklemmt. Zumeist sind es vier bis fünf arme Jungen, vor welchen die Mädel sowohl wie die Kellner sich fürchten, weil sie eine schwere Hand haben; indes findet sich gewöhnlich ein Sechster, der Erbe irgendeines geschichtlichen Namens, der für die übrigen bürgt; seiner Brieftasche entströmen die Rubelnoten und um ihn fließt der Champagner in Strömen. An einzelnen Tischen sitzen ganze Familien, Mann, Frau und erwachsene, heiratsfähige Töchter. In Rußland gilt es nicht für unanständig, Frau und Kinder in solche Unterhaltungslokale mitzunehmen, vielmehr ist das eine gewohnte Familienunterhaltung. Der Familienvater geht so weit, Mädchen zu seinem Tische einzuladen, denen er ein Glas Bier zahlt oder von der Bowle zu trinken gibt, wobei die Familie mit ihr artige Gespräche führt. Indes lebt weder das Aquarium , noch die Yard , noch die Strelna oder Mavretania von den Familien. Das ist nur so eine nationale Gewohnheit. Da gibt es Beamte und Studenten, Kaufleute und Ausländer, Diplomaten, die noch gestern im Petersburger Winterpalais zu tun hatten -- die Musik rauscht, der Kapellmeister Jurakowsky mit dem schwarzen Bart und den verträumten Augen läßt gerade einen fashionablen Tango aufspielen. Rings herum haben sich auch die Logen im ersten Stock gefüllt, und in der mittleren sitzt im Halbschlummer der befrackte Boris , ein Millionär, der beliebteste Gast des Lokals. Er ist von unermeßlichem Reichtum, in seinen Waldungen, Bergwerken kann man tagelang herumreisen. Im Vorjahre wurden 140 seiner Arbeiter wegen Meuterei nach Sibirien deportiert, wo sie unter den Augen bewaffneter Wachposten den Damm der neuen Amur-Bahn aufführen. Doch was kümmert sich der Napoleonsaal um all das? Neben dem kleinen Boris sitzt Oterita , die berühmte spanische Tänzerin. Sie ist mit Edelsteinen über und über beladen und sitzend führt sie nach dem Rhythmus des Tango einen wilden, erregenden Tanz auf. Ihre Augen funkeln noch mehr als die in ihren Ohren hängenden Riesenbrillanten oder als ihr fabelhaftes Halsband. Die unten herumlungernden Chormädel, die sich zur Schau stellen, blicken neidvoll zu ihr auf. Wie leicht erwirbt die ihr Brot im Vergleiche zu ihnen. Die kleinen Würmer aus dem Chor suchen einen Tisch. Sie gehen im Kreise herum und lächeln den Männern zu, von denen sie eine Einladung erwarten, oder sie setzen sich an einen benachbarten Tisch, von wo sie -- um ihren Ausdruck zu gebrauchen -- den Mann bearbeiten. Dieser große Markt beginnt um 1 Uhr nach Mitternacht. Therese stand fremd und verlassen in dem großen Saale da; sie wußte nicht, was sie beginnen solle. Oh, sie war viel zu klug, um sich auch nur einen Augenblick länger Illusionen zu machen. Sie sah, wohin sie geraten war, und begriff plötzlich, welche Art von Schauspielerin aus ihr geworden sei. Und das Wort Karolinens klang ihr fortwährend in den Ohren: Nur wenn du Solistin wirst, kannst du deinen Weg machen; wenn du im Chor bleibst, bist du verloren. Ja, aber bis dahin? Wie sollte sie den Anfang machen? Sie hatte kaum 20 Kopeken im Vermögen. Amélie versprach ihr für morgen zehn Rubel Vorschuß, aber was sollte sie damit in dieser fremden Welt beginnen, wo sie außer den Mitgliedern des Vengerski-Chores mit niemandem ein Wort reden konnte. Und wenn sie nach Ungarn zurückflüchten würde? Diese Frage verfolgte sie unausgesetzt; sie dachte schon daran, das Konsulat aufzusuchen, wo sie die Leute bitten wollte, sie nach Hause zu senden ... Aber das Konsulat ist ein kaltes Amt und man würde sie fragen, ob ihr ein Unrecht zugefügt worden sei. Diese Frage müßte sie verneinen. Sie ließ sich nach Moskau engagieren, war nun hier und basta. Welches Leben harrte ihrer übrigens daheim? Der traurige Blick der Mutter, das schadenfrohe Lachen der Freundinnen, die Rechnungen der Frau Lebán, die Ratenzahlungen für das Klavier! Nein, nein -- sie durfte nur reich, sehr reich heimkehren. In Gedanken versunken, bemerkte sie gar nicht, wie Amélie hinter ihr auftauchte. »Nun, mein Kind? Warum so allein und so traurig? Ist es denn nicht wunderschön hier? Hat Sie jemand beleidigt?« »Nein, Madame Amélie,« antwortete Therese mit einem erzwungenen Lächeln. »Aber alles kommt mir hier so fremd vor, und ich weiß nichts anzufangen. Ich kann nicht so, wie die anderen ...« »Sachte, mein Kindchen,« flüsterte ihr Amélie ins Ohr, »nur Geduld, und alles wird gehen. Wenn Sie die Bekanntschaft eines Herrn machen oder wenn jemand dich anspricht (hier begann sie das Mädchen zu duzen), darfst du nicht trotzig oder abweisend sein. Du mußt vielmehr bestrebt sein, dich recht beliebt bei dem Herrn zu machen, damit er dir zuliebe jeden Abend hierherkommt, dir schöne Juwelen und Geld schenkt und Kleider kauft, kurz, dein Freund sei. Führe ihn an der Nase, ohne dich ihm hinzugeben. Wer das fertig bringt, wird hier bald reich, sehr reich. Hier in der Yard kannst du jungfräulicher bleiben als in einem Kloster. Du mußt acht geben, damit man dich im Kabinett nicht einmal streichle, denn wenn der Kellner dein Feind ist und dich anzeigt, wirst du vor die Tür gesetzt. Das ist ein Ort, so anständig wie eine Kirche.« Damit ließ Frau Amélie, ein Apostel der Yard, Therese allein, die sich an einen Tisch setzte. Der Kopf brummte ihr noch von den geflüsterten Ratschlägen der Direktrice, als ihr Blick auf Wolkow fiel, auf den Gabi sie von der Bühne aus aufmerksam gemacht hatte. Es war Wolkow, der Bauer. Gewiß kam er auf sie zu, weil er das Kleid der toten Sophie an ihr erkannt hatte. Der bleiche, blonde, bärtige Mann murmelte russisch einige Worte und setzte sich neben Therese. Umsonst sagte sie ihm: »ich verstehe nicht ...« Wolkow blieb neben ihr und betrachtete gerührt das kleine, blaue Kleid. »Vengerka?« frug er wiederholt. »Da ... da ...« erwiderte sie, da sie dieses Wort als Virginia schon erlernt hatte. Wolkow begann jetzt in gebrochenem Deutsch zu sprechen: »Dieses Kleid ... Gott! ... Früher Sophie ... Haben Sie sie vielleicht gekannt?« Virginia schüttelte den Kopf. Da eilte Karoline zu ihr: »Kommen Sie, Fräulein. Wir gehen in das Kabinett.« »Warten Sie«, sagte Wolkow und ließ ein Fünfrubelstück in ihre Hand gleiten. »Wundern Sie sich nicht. Danken Sie!« sagte ihr Karoline in ermutigendem Tone, die sich dann lächelnd an den Russen wandte und das Wort sprach: »Passiva ...« Wolkow nickte. »Wir können gehen!« Und Karoline ging mit ihrer Freundin fort, wobei sie ihr Aufklärungen erteilte: »Er hat Ihnen fünf Rubel gegeben ... Nur so ... für nichts ... Als Glücksgeld ... Heben Sie es gut auf, am besten, Sie stecken es in einen Strumpf. Die Direktrice braucht nichts davon zu wissen, denn wenn es kein Kabinett gibt, ist sie fähig, Ihnen das Geld abzunehmen. Ein Kellner trat an die beiden heran: »Vengerski-Chor ... Kabinett pejtyi ...« »Wir gehen in das Kabinett Nummer fünf ... Jemand läßt den Chor blasen ...« Auf der Treppe begegneten sie anderen Mitgliedern des ungarischen Chors, die ebenfalls in das Kabinett Nummer fünf eilten. Virginia schloß rasch Bekanntschaft mit ihnen. Es mochten ihrer fünfundzwanzig sein. »Was gibt's Neues in Budapest? Wie geht's der Mama Tomcsányi? Sind noch viele Mädel daheimgeblieben?« Bevor sie in das Kabinett eintraten, flüsterte ihr Lencsi, die Freundin der Direktrice, die nicht Mitglied des Chors war und nur so aus Neugierde das Lokal besuchte, in das Ohr: »Ich gratuliere, Fräulein Virginia, der Anfang ist günstig ... Wolkow gab Ihnen ein Fünfrubelstück ...« Virginia kam gar nicht dazu, ihr zu antworten, die anderen drängten sie in das Kabinett. Es war ein größeres, doch äußerst einfaches, kaum möbliertes Zimmer. Nahe an der Wand, doch nicht unmittelbar daneben, stand ein breiter Divan, vor diesem ein Tischchen. Auf dem Tische Gläser und Flaschen; auf dem Divan saß ein blauäugiger Mann, dessen langer, blonder Schnurrbart bis unter das Kinn reichte; sein Kleid war neu, doch von der Talmi-Eleganz, die Handwerksleute am Sonntag zu entfalten pflegen. Neben ihm saß seine Frau in tabakbraunem Seidenkleid, die Haare zu einem hohen russischen Schopf gebunden; auf ihrem weißen Gesichte brannten rote, von genossenem Trunk herrührende Flecke; selbstzufrieden streckte sie ihre Füße aus, die in kleinen schwarzen Seidenstiefelchen steckten. Auf dem Kopfkissen des Diwans saß ein vierzehnjähriger Knabe im Matrosenkostüm. Ohne Zweifel Mann, Frau und Sohn, die sich in der Yard unterhalten wollen. Ihnen gegenüber Stühle für den Chor, im Hintergrunde ein großer Stehspiegel, in der Nähe der Stühle ein Klavier, vor dem Onkel Spiegel, der Kapellmeister des Vengerski-Chors, saß. Lachend und flüsternd setzten sie sich im Kreise nieder. Die Solistin winkte dem Kapellmeister und im nächsten Augenblick sang der ganze Chor den Walzer: »Über Berg und Tal« aus der Operette »Királyfogás«, einen alten Walzer, der nur mehr im Programm der russischen Vengerkas und in der Erinnerung alternder Habitués von Provinzkaffeehäusern sein Dasein fristete. Therese wunderte sich darüber, wie bewegungslos der russische Herr und seine Frau dem Gesang lauschten. Sie waren fast düster und doch sah man ihnen an, daß sie sich dabei wohlfühlten, und als das Lied »Eg a kunyhó, ropog a nád« angestimmt wurde und Maca mit ihrem Tänzer in der Mitte des Saales einen feurigen Tanz aufführte, folgten sie mit sichtlichem Wohlgefallen dem Rhythmus des Liedes und nickten mit dem Kopfe dazu. Auf das italienische Lied waren sie nicht mehr neugierig. »Danke«, sprach der Herr mit kurzem Kopfnicken. Da trat Irene an ihn heran und sprach lächelnd: »Ich bitte um ein klein wenig Glücksgeld für die Direktrice des Chors. ...« Der Russe gab ihr dreißig Rubel und der Chor entfernte sich. Draußen im Korridor wartete schon Amélie, die das Geld rasch wegnahm, in ihr großes schwarzes, ledernes Ridikül steckte und fortwährend in klagendem Tone wiederholte: »Welches Malheur, welches Malheur! Der kleine Boris ließ den ungarischen Chor suchen und ihr waret gerade bei diesem Lümmel. Er ließ daraufhin die Zigeuner kommen. Wenigstens hundert Rubel sind dahin. Woher soll ich das viele Geld für die Gagen nehmen? ...« Offenbar waren alle an diese Raunzereien schon gewöhnt, denn es kümmerte sich niemand darum. Alles eilte in den Saal zurück. Therese war müde und schläfrig. Wolkow war bereits nach Hause gegangen. »Wann können wir nach Hause gehen?« frug sie Karoline. »Um fünf Uhr.« »Und wenn ich früher gehen will?« »Es ist nicht zulässig, der Direktor gestattet es nicht.« Der Saal war schon zum größten Teile leer, nur an zehn bis fünfzehn Tischen saßen die Trinker, Offiziere und Mädel. Therese ließ sich mit einigen Kolleginnen an einem entlegenen Tische nieder und holte Malvinchen aus, die im verflossenen Winter in Budapest im Casino de Paris war, wo ein Journalist-Dichter sich in sie verliebt hatte. Seither standen sie in regem Briefwechsel miteinander und gerade heute brachte die Post wieder einen Brief von ihm. Gerührt, stammelnd las Malvinchen die rührseligen, schwärmerischen Zeilen, während die anderen auf die Ellbogen gestützt zuhörten. Es war fünf Uhr und alle strömten in die Uporna, wo die vielen Mädchen gleich kreischenden Möven über die Garderobe herfielen. »Dajtye minye suba ... Botyko! ...« klang es im Chor, denn es war schon Spätherbst und die kleinen, nur mit Halbschuhen bekleideten Füßchen mußten in Galoschen gesteckt werden. Die ersten Strahlen der Morgenröte erschienen über Moskau. Der Himmel war bewölkt, vor dem Tor der Yard stand eine Wagenburg. Wer einen Freund hatte, bestieg mit ihm den Wagen und das russische Roß fuhr mit seiner in teures Pelzwerk gehüllten Beute rasch davon. Virginia blieb allein. »Na, gehen wir nach Hause«, meine Amélie. Sie gingen über die Gasse. Jolly empfing sie herumhüpfend, mit freudigem Gebell. »Heute hatten wir einen nicht eben guten Tag,« sagte die Direktrice. »Es freut mich, daß Sie immerhin fünf Rubel verdient haben, mein Kind ... Sehen Sie, nur für einen Blick, für nichts ... Der Russe ist ein wirklicher Kavalier.« Therese war müde, abgespannt, sie empfahl sich und entkleidete sich in ihrem Zimmer rasch. Sie legte sich in das Bett und bedeckte sich. Noch im Halbschlaf hörte sie die anderen laut redend, lachend eintreten. Das Zimmer war finster, der blaue Vorhang ließ das Licht nicht eindringen ... Ihre Stubengenossin war noch nicht nach Hause gekommen ... Sie schlief ein. VI. Am anderen Tage erwachte sie eine Viertelstunde nach Mittag. Im Zimmer war es ganz finster; die blauen Vorhänge bannten das Licht des Außenlebens und durch die geschlossenen Rollbalken drang der Lärm der Stadt Moskau gleich dem Geräusch einer unbekannten, märchenhaften Gegend herein. Sie hatte keine Ahnung davon, wie spät es sei; aus dem anderen Bette drang das langgedehnte, beinahe pfeifende Atmen Irenes herüber. Ihre weit geöffneten Augen suchten die Finsternis zu durchdringen und allmählich konnte sie die Umrisse der sie umgebenden Gegenstände unterscheiden. Gedankenlos starrte sie in das Dunkel, und erst jetzt besann sie sich darauf, daß sie sich nach einer mehrtägigen Reise in Moskau befinde, wobei sie im Gefühle einer lähmenden Beklemmung sich all dessen erinnerte, was seit gestern mittag in der Yard geschehen war. Sie befand sich also auf russischem Boden, im gelobten Lande der Frau Tomcsányi, wo sie ihr Glück finden sollte. Ein sentimentaler Russe hatte ihr für nichts, für einen Blick, fünf Rubel gegeben; der Mann hatte sie dafür belohnt, daß sie das Kleid seiner verstorbenen Freundin trug. Hatte sie dieses Geld wegen ihres Talents oder wegen ihrer Schönheit bekommen? Nein. Wegen eines anderen Mädels, das vor kurzem im Napoleonsaale herumging, gerade so, wie gestern abend Therese. Es wäre passend, einige Rosen auf ihr Grab zu legen. ... Und im Gewirr der ungeordneten und dennoch zusammenhängenden Gedanken, die sich besonders im Finstern zu eigentümlichen Einfällen verknoten, begann sie zu rechnen: fünf Rubel, das macht zwölf Kronen fünfzig Heller, fünfzig Rubel aber hundertfünfundzwanzig Kronen, fünfhundert Rubel tausendzweihundertfünfzig und tausend Rubel zweitausendfünfhundert Kronen. ... Sie mußte tausend Rubel erübrigen, um Frau Lebán und das Klavier auszahlen zu können. Tilgte sie die Schuld in kleinen Raten, so mußte sie monate-, ja jahrelang hier bleiben, während sie sich doch von Amélie losmachen wollte. Sie würde Solistin werden. Sie konnte ja auch geradeso gut singen und tanzen wie die Solistinnen im Varieté. ... Welch ein schöner Mann war doch Jurakowsky, der Kapellmeister. Bisher hatte sie über die bärtigen Männer gespottet, und doch könnte sie diesen einen sogar küssen. Ja ... besonders um die Mundwinkel war er schön anzusehen. Wie voll und rot seine Lippen waren. ... Das Geld würde sie der Mutter schicken, damit sie das Klavier und die Schneiderin auszahle, das würde die arme, alte Frau beruhigen. Sofort wollte sie ihr einen langen Brief schreiben. Sie möchte das Lichtbild des Mädchens sehen, dessen Kleid sie trug. Der Bauer würde es sicherlich haben. So schwirrten ihr die Gedanken durch den Kopf, während Dunyasa draußen ein sanftes Lied aus der Wolgagegend sang und Eßgeschirr über den Korridor trug. »Mittagmahl! Mittagmahl!« ertönte plötzlich eine Stimme, und die Zimmertür ging auf. Es war nicht die Stimme der Amélie, sondern wahrscheinlich jene der Köchin. Therese erschauerte, sprang aus dem Bett, schlüpfte in ihre hochroten Pantöffelchen, die sie zuerst gelegentlich der Trikotprobe bei der Rosa Ligeti getragen, ging im Hemde zum Fenster und lüftete ein wenig den Vorhang. Greller Sonnenschein flutete in das Zimmer; Irene stieß die Decke mit den Füßen vom Bette und lag halbnackt da. Ihre Kleider lagen auf dem Tische und auf den Stühlen in der größten Unordnung herum. Thereses Schlafrock lag auf ihrem Koffer. »Na ... das Fenster ... Was springen Sie herum?« brummte Irene, indem sie, ohne die Augen zu öffnen, die Decke aufhob. »Ich will nur den Schlafrock anziehen«, erwiderte Therese. Sie eilte im Schlafrock in das Badezimmer; dieses befand sich in einer finsteren Ecke des Korridors; Seife oder ein Handtuch war darin nirgends zu sehen. Gerade wusch sich die Gabi, die in der mächtigen Holzwanne nackend dastand und gleich einem kleinen Kinde mit den Füßen im warmen Wasser herumplätscherte. Auf dem Fenstergesims stand eine Kerze, die ein kümmerliches Licht verbreitete. »Haben wir nur dieses eine Handtuch?« frug Therese. »Nicht einmal dieses eine!« kreischte Gabi im Wasser. Jedes Mädel hat Handtuch und Seife mitzubringen. Bitte, seifen Sie mir den Rücken ein.« Und sie hockte nieder, während Therese ihr mit der Seife über Schultern und Rücken fuhr. »Wenn Sie rasch zurückkommen, will ich Sie ebenfalls einseifen.« Therese ging hinaus, um Seife und Handtuch zu holen. Als sie zurückkam, saß auch schon die Manci in der Wanne. Man merkte ihr das Behagen an, mit welchem sie sich bis zu den Schultern in das warme Wasser senkte. Therese stand schüchtern und verschämt in dem von Wasser- und Bretterdunst erfüllten Zimmer da. »Sie baden nicht?« frug Gabi. »Später, ... wenn ihr hinausgeht ...« »Vielleicht schämt sich ... Virginia!« Und die beiden Mädel brachen in lautes Gelächter aus. Sie trockneten sich ab und liefen in ihren klatschenden Pantoffeln über den Korridor. »Das Jungfräulein wäscht sich ... das Jungfräulein wäscht sich!« schrien sie lachend, daß das ganze Haus es hören mußte. Therese ließ das Wasser abfließen und wartete, bis sich die ganze Wanne aufs neue füllte. Sie bemerkte gar nicht, daß Amélie in das Badezimmer trat. »Fräulein, Sie müssen mit der Kerze und mit dem Wasser haushälterisch umgehen, ... diese sind in der Gage nicht mit inbegriffen.« Und sie verschwand. Therese wusch sich, hüllte den gereinigten Leib in ihr Negligé und ging in das Speisezimmer, wo der Tisch nur für drei Personen gedeckt war. Amélie, Lencsi und Manci saßen vor den Tellern. »Was wollen Sie, Fräulein?« frug die Direktrice in geschäftsmäßigem Tone. »Ich will essen.« »Hier? Dann irren Sie sich sehr ... Gestern, am Tage Ihrer Ankunft, waren Sie mir willkommen, aber die Damen speisen gewöhnlich in ihrem Zimmer ... Dunyasa wird Sie dort bedienen.« Therese ging in das dunkle Zimmer zurück. Irene pfiff noch immer und stieß die Decke abermals mit den Füßen weg. »Na ... na ...« brummte sie; als Therese den Vorhang wegzog. »Es ist ja schon zwei Uhr.« »Na und dann? Und wenn es fünfundzwanzig Uhr wäre. ... Nicht einmal schlafen kann man ... Wozu schickt man mir ein neues Mädel auf den Hals?« Dunyasa brachte das Essen. Auf der Tasse stand ein Teller Suppe, Kohlgemüse, ein Stück Brot und Mehlspeise. »Wo bleibt das Fleisch?« frug Therese. Das russische Dienstmädchen schüttelte bloß den Kopf, ohne zu antworten, und ging hinaus. Irene setzte sich im Bette auf. »Was fehlt Ihnen sonst noch? ... Vielleicht ein gebratener Kapaun? Seien Sie froh, daß Sie das hier bekommen ...« Als sie merkte, daß Therese die Platte auf den Tisch stellen will, begann sie plötzlich zu raunzen. »Was fällt Ihnen ein. Der Tisch gehört mir, ich habe ihn gekauft. ... Essen Sie auf dem Bett, wie wir alle es zu tun pflegen.« Und sie fand es ganz natürlich, daß Dunyasa ihr Essen auf das Bett hinstellte. Sie kämmte ihre Haare mit der Hand nach rückwärts und begann zu essen. »Warum haben denn Sie Fleisch bekommen?« »Wenn Sie Solistin mit einer Gage von siebzig Rubeln sind und sich vier Jahre hier geplagt haben werden, sollen Sie auch Ihr Fleisch haben ...« Indes ließ ihre Schroffheit während des Essens nach, und sie suchte ihre Gefährtin zu trösten: »Na, ... Sie brauchen deswegen nicht den Kopf hängen zu lassen. Ich habe mich in der Strelna bis neun Uhr früh mit einem Kapitän unterhalten, der in Warschau bei den Grodno-Husaren liegt. ... Er gab mir dreißig Rubel. Ich war schläfrig. ... Ja, mein Kind, ein Mädel muß hier manches herunterschlucken, solange es grün und unpraktisch ist. Ich sage dir, verschaffe dir einen guten Freund, dann bist du eine Herrin. Willst du in das Lokal hereinkommen, so tust du es, wenn nicht, so bleibst du zu Hause, zahlst für den Tag Strafe und pfeifst auf die ganze Truppe. Nicht wahr?« Sie hatten das Essen noch nicht beendigt, als Amélie eintrat. »Nun, was gibt's?« frug sie Therese, ihr auf die Schulter klopfend. »Ist die kleine Virginia vorhin erschrocken? ... Na, wenn sonst nichts! Aber, liebes Kind, man muß ja ein klein wenig Ordnung halten.« Dann wandte sie sich an Irene: »Hast du wenigstens etwas verdient? Ich hörte dich um halb zehn Uhr vormittags nach Hause kommen. ... »Gewiß beneiden Sie mich!« erwiderte Irene spöttisch. »Der Teufel mag dich beneiden. ... Kinder, ich wollte euch bloß sagen, daß die Lencsi hier ist ... nach dem Essen werden wir eine kleine Zsuga haben ...« Dann ging sie. Was wird nach dem Essen sein?« frug Therese. »Wir werden Karten spielen ... Einundzwanzig, Sechsundsechzig. Da geht's manchmal sehr ulkig zu, wir ziehen Madame die letzte Kopeke aus der Tasche.« Therese wollte sich ankleiden. »Wozu denn, du Närrchen?« »Ich möchte ausgehen, um die Stadt ein wenig kennen zu lernen.« »Du wirst noch genug von ihr zu sehen bekommen. So im Schlafrock ist es sehr gemütlich bei der Zsuga. ... Du hast ja Zeit, Moskau später kennen zu lernen. Du wirst erst in zwölf Tagen hier eintreffen. Therese starrte sie verwundert an. »Nun, bei den Russen kommt der Tag, den wir heute daheim haben, erst nach dreizehn Tagen ... kurz, du bist noch gar nicht hier, sondern triffst erst in dreizehn Tagen hier ein.« Dunyasa trat in das Zimmer und sagte etwas, was Therese nicht verstand. »Nun also?« frug Irene ihre Freundin. »Was denn?« »Hast du nicht gehört? Schesdisatsches ... Sechsundsechzig ... Das wird heute gespielt ... Am ersten wird, wenn wir genug Geld haben, Bakkarat gespielt. Aber heute nur Sechsundsechzig ... Therese gefiel diese Einladung nicht. Sie wollte nicht hingehen. Fünf Rubel, das sind zwölf Kronen fünfzig. Die Monatsmiete für das Klavier betrug vierzehn Kronen. Wenn sie heute abend nur etwas verdiente, wird sie das Geld morgen aufgeben. Sie wollte nicht haben, daß die Mutter vergebens warte oder ihretwegen zahlen müsse ... Morgen würde sie zur Post gehen ... Das erste in Rußland verdiente Geld ... All dies fuhr ihr wie ein Blitz durch den Kopf, und sie erwiderte in entschiedenem Tone: »Ich gehe nicht, ich will lieber meine Sachen einräumen ...« »Wenn du dich langweilst, wirst du schon hereinkommen«, sprach Irene achselzuckend und lief im Hemde davon. Das Stubenmädchen stand noch im Zimmer. Sie blickte ruhig und voll Liebe auf Therese. Vielleicht tat sie ihr leid? Wer weiß! Dann sagte sie etwas ... »Was willst du?« frug Therese mit dem Blick. »Dos vidany ...« »Ich verstehe nicht ...« Und Dunyasa, die pausbackige, hochbusige Dunyasa sagte in gebrochenem Ungarisch: »Vizsontlatasra ...« (Auf Wiedersehen!) »Dos vidany ...« wiederholte Therese lachend. »Drastinye ...« nickte lachend Dunyasa und verließ das Zimmer. Diese kleine Szene stimmte Therese ganz heiter. Unwillkürlich wiederholte sie: »Dos vidany, dos vidany ...« Mit Interesse betrachtete sie ihre Sachen, sie zog den blauen Vorhang beiseite, so daß das Licht voll und ganz eindringen konnte. Sie steckte die Hände in die beiden Ärmel der Blusen und drehte diese hin und her ... Wie schön die Kleider waren. Morgen oder übermorgen würde sie sich schön ankleiden und in den Kreml gehen. In Moskau sollte das der schönste Ort sein ... Sie würde Solistin werden. Sie mußte etwas Geld verdienen. Wie mochte es heute abend werden? Würde sie im »Theater« etwas verdienen? Sie mußte lächeln, wenn sie an das Wort »Theater« dachte. Was würde man zu Hause dazu sagen? Die Theaterschule Ligeti bereitete die Mädel für dieses Theater vor! Sie räumte die Wäsche aus und bemerkte gar nicht, daß sie ein Stück Seidenpapier wegwarf, auf welches ihre Mutter etwas geschrieben hatte ... Hätte sie es bemerkt, so wäre sie nachdenklich geworden, es wäre ihr weich ums Herz geworden. Aber sie merkte es gar nicht, sie zerknitterte das Stückchen Papier und warf es weg. Aus dem Spielzimmer klang das laute Gelächter der Kartenspieler herein. Sie räumte alles wieder ein, nur das Notwendige blieb auf dem Bett. Was sollte sie jetzt machen? Etwa einen Brief nach Hause schreiben? Nein. Sie wollte noch warten. Sie konnte ja noch nichts Gutes schreiben. Draußen wurde wieder laut gelacht. Sie würde auch hineingehen, was sollte sie denn hier allein anfangen? Sie hängte ihr kleines Ridikül auf den Arm, raffte ihr Negligé vorn zusammen und ging in den Speisesaal. »Endlich! Bravo ...« rief ihr Amélie entgegen. Sie saßen um den Tisch des Speisezimmers und spielten Karten: Irene im Hemd, Gabi im Negligé, Manci im Hemd, jedoch mit einem wollenen Tartarentuch um die Schultern. Amélie trug ein dekolletiertes seidenes Hauskleid von weitem, bequemen Zuschnitt. Sie saß selbstzufrieden, mit breitem Behagen da. Lencsi trug ein elegantes Straßenkostüm und einen Federhut. Ihre blonden Haare, die sorgfältig zugerichteten Locken, ihr rosig-weißer Teint, der reiche Federschmuck ihres Hutes, der sich eng an ihre Schenkel anschmiegende Rock verrieten, daß sie mit jenem Gewerbe zu schaffen hat, das Mädchen verkauft, kauft, vermittelt ... Es kann unter Umständen ein Theater sein, aber es kann auch etwas anderes sein. Sie war noch jung genug, um auch selbst Ware sein zu können, aber auch alt genug, um ein Geschäft führen zu können ... Die Mädel fanden es ganz natürlich, daß auch Virginia erschien. »Willst du Karten haben?« frug Lencsi. »Nein, ich will bloß zuschauen, ich kann nicht ... »Ist denn das eine Kunst?« frug Manci naserümpfend. »Es gibt einen Atout, im übrigen heißt es, Farbe über Farbe ... Zehn Kopeken Einsatz ...« »Heraus mit dem Fünfrubelstück, das du gestern von Wolkow bekamst!« ermutigte sie Lencsi. »Das ist ein Glücksgeld, mit dem man spielen muß.« »Es geht nicht, ich will es nach Hause schicken.« Schallendes Gelächter der Mädchen. »Fünf Rubel nach Hause schicken! Du Närrin!« Und Irene lachte unbändig: »Du wirst doch Rußland nicht kompromittieren wollen! Die Post nimmt ja den Bettel gar nicht an!« Therese schämte sich. Vielleicht haben die Mädel recht, es lohnt sich nicht ... »Komm, ich wechsle dir!« sprach Amélie, und sie hatte ihre berühmte Ledertasche auch schon bei der Hand. Ehe Therese sich dessen versah, war das Fünfrubelstück überreicht und sie hatte die Hand voll mit dem ihr unbekannten russischen Kleingeld, das sie mißtrauisch betrachtete. Auch da ein zweiköpfiger Adler, zwischen den Krallen auf der einen Seite ein Zepter, auf der anderen einen goldenen Reichsapfel mit dem Kreuz haltend. Sie hatte nicht viel Zeit nachzudenken, sie hatte bereits ein Blatt in der Hand. Manci, die ihr Geld bereits verloren hatte, unterwies sie im Spiel. Therese verlor die Partie, und in kaum einer halben Stunde waren zwei Rubel schon verspielt. Ihr Gesicht war rot, sie dachte immerfort an die Raten, an das Klavier ... Es ist unmöglich, die ersten vierzehn Kronen muß sie unbedingt nach Hause senden ... Sie wußte gar nicht, was mit ihr vorgehe. Sie hatte nur mehr anderthalb Rubel ... Sie merkte gar nicht, daß es bereits dämmerte ... Madame Amélie stand auf: »Kinder, kleidet euch an ...« »Es ist schon zu Ende?« frug Therese erbleichend. »Was denn? Glaubst du, wegen deiner fünf Rubel werden wir bis morgen früh spielen? ... Kaufe dir ein Nachtmahl, denn heute bekommst du keines mehr von mir, nichts dauert ewig! ... Ein Lächeln und sonst was dazu, und du hast zehnmal fünf Rubel ...« »Sonst was dazu, sonst was dazu«, schrien die Mädel und gleich weißen Mäusen liefen sie auseinander, um das Abzeichen ihrer Kunst, das Kostüm, anzuziehen. Auch Therese legte das himmelblaue Kleid der toten Sophie an und ging mit den anderen ins Lokal. Die Fremdartigkeit des ersten Augenblicks schwand, die Menge kam ihr nicht mehr so ungeheuer vor wie gestern, der Nebel der Erregung zerstreute sich. Sie blickte um sich und sie sah lauter geschminkte Mädel, ob Zigeunerinnen, ob Kleinrussinnen, ob Ungarinnen. Natürlich kamen alle nur des Geldes halber her, und wer nicht verrückt war, mußte diesen Boden, sobald die Taschen gefüllt waren, verlassen. Die Worte Karolinens fielen ihr ein: entweder Solistin oder gar nichts ... Wo mag sie sein? Karoline stand auf der zur Bühne führenden Treppe, neben ihr ein dreizehnjähriges Mädchen. Therese eilte zu ihr. »Guten Abend, Karoline ... welch schönes Kind!« Karoline reichte ihr stolz und glücklich die Hand. »Meine Tochter ...« »Ihre Tochter?« ... Und Therese blickte sie verwundert an. »Jawohl. Ich habe sie noch aus Ungarn mitgebracht. Ihr Vater war ein Schauspieler, der mich verließ.« »Wie heißt du?« frug Therese. Und das Mädchen mit den bis zu den Schultern reichenden Haaren, dem bleichen Gesicht und den großen, glänzenden Augen antwortete leise: »Lolita ...« »Ein hübscher Name, aber auch das Mädel ist hübsch«, meinte Therese. Karoline erzählte stolz: »Natürlich spricht sie vortrefflich ungarisch, aber sie besucht eine russische Schule und ist eine ausgezeichnete Schülerin. Leider weiß ich am Abend nie, was ich mit ihr anfangen soll. Gestern war sie im Kino, darum haben Sie sie nicht gesehen. Bis elf Uhr pflegt sie hier zu sein. Wir wohnen in der Nachbarschaft. Dann laufe ich mit ihr nach Hause und warte, bis sie zu Bett geht. Wenn ich in den frühen Morgenstunden nach Hause komme, bleibe ich vor ihrem Bette stehen und ergötze mich an ihrem Schlummer. ... Sie soll lernen, ich will sie auf die Universität schicken.« Und die vielgeplagte, leidende Karoline richtete sich auf; sie war eine glückliche und stolze Mutter. Die Art, wie sie die Worte: »Ich will sie auf die Universität schicken« aussprach, enthielt all die Bitternis, Demütigung, Verhöhnung und Gemeinheit, in der sie ihr Leben verbringen mußte; aber sie tat es willig, sie hatte jemanden, um dessen willen sie gerne kämpfte. Wenn sie des Morgens nach Hause kam und ihr schlafendes Kind betrachtete, fühlte sie sich rein und makellos, und das Geld, das sie verdiente, brachte Segen und sie tat damit ein gutes Werk. Das Mädel sollte es besser haben als sie. Sie soll die Universität besuchen! Lolita warf ihr liebevolle Blicke zu. Ihr blaues Matrosenkleidchen schien wie auf ihren jugendlich schlanken Leib gegossen, ihre Füße waren mit schwarzen Strümpfen und hohen, fest zugeschnürten Schuhen bekleidet; inmitten dieser verschiedenen Chöre erschien sie als echtes Schulmädchen. Therese-Virginia wäre beinahe in Weinen ausgebrochen. Sie erinnerte sich der Zeit, da sie noch die Pratergasse zu besuchen pflegte. Wozu hatte sie denn Physik und Poesie gelernt? Das Geklingel und der langgedehnte Ruf: »Vengerski-Chor, Vengerski-Chor!« bohrte sich ihr beinahe ins Herz. Sie küßte Lolita und sagte: »Du bleibst hier, ich werde dich abholen ...« Alle eilten auf die Bühne. Das gestrige glänzend-öde Bild von neuem. Jurakowsky saß auf dem Dirigentensitz und schrieb Noten, ohne aufzublicken. Doch Therese fiel plötzlich aus ihrer sentimentalen Langeweile. Sie wußte selbst nicht warum, der Grieche gefiel ihr. Eigentlich dachte sie gar nicht an ihn und doch ... Ein Glück, daß er sie nicht kannte. Rings herum ertönte der Gesang des Chors, heute war das Lied: »Hullámzó Balaton« an der Reihe, Manci und ihr Tänzer hüpften schon in der Mitte herum ... Da blickte Jurakowsky auf. Wie schön und fein sein Mund war, wie schön seine Augen ... Ob er sie wohl bemerkte? Ob er von ihrer Existenz Kenntnis hatte? Dann verließen sie die Bühne. Dunyasa hatte am Nachmittage für sie Käse, Schinken, Brot geholt, das war ihr Nachtmahl, das sie, einsam an einem Tische sitzend, verzehrte. Es war erst ihr zweiter Abend, und doch erschien ihr all das so natürlich. Seitdem sie Budapest verlassen, durchlebte sie so vielerlei Fährlichkeiten, daß sie sich rasch an das neue Leben gewöhnen konnte. Karoline trat ein und setzte sich neben sie. Lolita hatte sie nach Hause geführt. »Mein Goldkind schläft schon!« sagte sie, sich neben Therese niederlassend. Laut den Gesetzen der nächtlichen Unterhaltungslokale darf vom Beginne der Vorstellung angefangen bis fünf Uhr morgens kein Mädel das Lokal verlassen. »Das ist ein Theater, ein Varieté, von wo man die Mädel nicht nur so mir nichts, dir nichts wegführen kann!« sagte Sudakow, der Direktor. Er war ein Vollblutrusse. Seine kleine, gedrungene Gestalt, der dichte, blonde Bart, die dunkelblonden Haare, die blauen Augen, die Stumpfnase waren lauter Verkünder seines Slawentums. Ein wütender, fanatischer Slawe. Den ungarischen Chor liebte er nicht, doch mußte er ihn den Herren zuliebe halten. Denn der Rubel rollte den Ungarmädchen zuliebe in das Lokal hinein, und bei den Rennen begegnete man oft den Pferdenamen Julischka, Marischka, Terka . Die Aristokraten, Besitzer ungezählter Millionen, benannten ihre Lieblingspferde nach ihren Lieblings-Vengerkas. Kurz, die Vengerkas waren populär. Für die Großmut, mit welcher er den Vengerski-Chor auf dem Repertoire hielt, zahlte ihm Madame Amélie fünfhundert Rubel pro Monat. Ein guter Abend brachte ja dieses Geld herein. Für alles, was den ungarischen Chor betraf, war Amélie verantwortlich. Anfangs ließ sie Karoline Strafe zahlen, weil sie das Lokal für eine halbe Stunde verließ, um Lolita nach Hause zu führen; sie wollte sie sogar ausschließen, aber da kam Onkel Monopol, der sie versöhnte, und so konnte Karoline bleiben. Onkel Monopol oder, wie er russisch hieß, Gyagya Monopol war ein guter Mensch. Er wohnte in Petersburg, war Generalagent der berühmten Champagner-Firma Monopol und liebte die Ungarmädel, weil sie es verstanden, die Gäste zu unterhalten und den Sektkonsum zu steigern. Der kleingewachsene, magere, ergrauende Mann ging stets in blauem Sakko herum, hielt die Hände in den Hosentaschen und ließ die Silberrubel klirren. Er war ein Wiener Jude, der aber schon seit etwa zwanzig Jahren in Rußland lebte. Er mochte zur Zeit des ersten Vengerski-Chors der Madame Sarolta nach Rußland verschlagen worden sein. Er kannte alle alten Mädel, obwohl er aus dem geschäftlichen Gesichtspunkte die jungen vorzog. Einstens sollte Karoline seine Freundin gewesen sein; so erzählte man sich wenigstens. »Nun, Virginchen, was gibt's?« frug Karoline. »Nichts«, erwiderte Therese. »Ein Tag ist vorbei. Sie haben Nachmittag bei dem Sechsundsechzigspiel mein Geld weggewonnen. Das war eine Lektion für mich und wird nicht mehr vorkommen. Ich habe deine gestrigen Worte beherzigt und will Solistin werden. Ich habe Noten mitgebracht, aber wer soll mich im Gesang unterrichten?« »Jurakowsky! Fünf Rubel pro halbe Stunde. Hast du ein gutes Gehör, so genügen drei halbe Stunden und du hast zwei Nummern einstudiert. Davon lebst du ein halbes Jahr. Das ist doch fünfzehn Rubel wert.« »Aber wenn ich die nicht habe!« »So wirst du sie haben. Wie es scheint, gefällst du dem Wolkow, der ein guter Junge ist; nimm von ihm das Glücksgeld an, geh zu Jurakowsky, und sobald du eine Solonummer hast, bist du frei und Moskau, Petersburg, ganz Rußland gehört dir ... Das Geld kannst du von Wolkow annehmen, aber du darfst ihm nichts dafür geben ...« »Ist das kein Betrug?« fragte Therese leise. »Er gibt es ja nicht, um mit mir zu plaudern ... Alle diese Mädchen hier ... leben ja davon.« »Weil sie dumm sind. Ich habe es dir ja gestern gesagt: fülle dir die Taschen und verschwinde von hier.« In diesem Augenblicke traten Sudakow und Gyagya Monopol in den Saal. Die Vengerkas scharten sich alle um Onkel Monopol. »Gyagya Monopol! Gyagya Monopol!« gackerten sie, wie die Gänse vor dem Mästen. Sudakow war eher ernst als heiter, doch Onkel Monopol ließ sein breites Lächeln blicken und die Silbermünzen in den Taschen klirren. »Dobre vecser, Mädchen!« rief er. »Guten Abend! Na, wie geht's? Gibt's gute Geschäfte?« »Fürchten Sie sich nicht, Gyagya Monopol, wir geben den Leuten zu trinken,« schrie die kleine schwarze Kornelie. »So ist's recht!« erwiderte Onkel Monopol, indem er ihren Busen ein wenig betastete; dann griff er in die Tasche und gab ihr einen Rubel. Glücksgeld! Für den Anfang nicht schlecht.« »Mir auch! mir auch!« schrien alle. Onkel Monopol teilte lachend die Rubel aus. Für jede Münze tat er einen Griff und kneipte die Mädel. Als er Karoline erblickte, begann er zu singen: »Komm Karlinchen, komm Karlinchen, komm! ...« und gab ihr zwei Rubel. »Und das Fräulein?« frug er, vor Virginia stehen bleibend. »Ein neues Fräulein,« sagte Amélie, »sie kam gestern von Budapest. Mademoiselle Virginia.« »Ah! Virginia! Ein seltener Name ... es läßt sich viel Geld damit verdienen.« Und er fügte hinzu: »Fräulein, eines merken Sie sich: Monopol hat nicht seinesgleichen.« Er überreichte ihr zwei Rubel: »Eine Virginia ist so viel wert!« Die Mädel kicherten, Madame Amélie lachte, Therese aber errötete bis an die Haarwurzeln. Sie schämte sich, plötzlich zum Mittelpunkte der Gesellschaft geworden zu sein, und stand mit den zwei Rubelstücken in der Hand linkisch da. Draußen war gerade Pause, und Jurakowsky trat in den Saal. Onkel Monopol nahm den Kapellmeister unter den Arm und blieb mit ihm vor Therese stehen. »Wie gefällt Ihnen Mademoiselle Virginia?« Jurakowsky nickte mit dem Kopfe. Sudakow blickte ungeduldig auf die Uhr, und eine Minute später saßen die Vengerkas wieder um den Tisch herum -- die hohen Herrschaften waren fort. Die Vorstellung war ja erst in etwa zwei Stunden zu Ende! Bis dahin mußten sie hier herumlungern und auf den Augenblick warten, da sie in den Napoleonsaal hineingehen konnten. In der einen Ecke drückten sich zehn bis zwölf Vengerkas um einen Tisch. Sie schwatzten im Flüstertone, und die immer lachende Manci Szöke-Kovács mit den funkelnden Augen holte aus ihrem Ridikül einen Brief hervor. Therese ging ebenfalls in die Ecke, die den Namen hatte: »Klub der Briefleser.« Um die Zeit angenehmer zu vertreiben, brachte jeden Abend eine andere einen Brief, den sie aus der Heimat empfangen hatte. Ob er jungen oder alten Datums war, danach fragte niemand, der Brief sollte nur schön, sentimental, interessant sein. Gestern war ein Brief des Budapester Poeten an der Reihe, heute war der Tag der Manci Szöke-Kovács. »Diesen Brief hat mir Tihanyi noch in Budapest geschrieben, der Tihanyi, der in ›Mascotte‹ tanzte. Ich habe ihn zum Andenken mitgebracht. Er ist nicht gerade großartig, aber doch gut,« meinte Manci und übergab den Brief Kornelie, die Vorleserin des Klubs war. Die Mädel rückten die Stühle zusammen und machten sich's um den Tisch auf einem Diwan aus rotem Peluche bequem. Eine einzelne Flamme leuchtete über ihren Köpfen. »Es kann losgehen!« sagte die Vorsitzende, die dicke und bequeme Otty. Kornelie las: »Motto: die Zeit vergeht ... Geehrte Künstlerin! Liebe Kameradin!« Die Vorsitzende: »Bestand zwischen dem Briefschreiber und der Adressatin ein Verhältnis?« Manci: »Er hätte es gerne gesehen, aber ich lehnte dies ab.« Die Vorsitzende hatte nämlich das Recht, den Brief durch Fragestellungen lebhafter zu gestalten. Die Vorsitzende: »Gut ... gehen wir weiter.« Kornelie fuhr fort: »Gestern, um ein Uhr nach Mitternacht, war ich mit meiner Kollegin, beziehungsweise Braut, im Jardin de Paris. Ich wollte mit Bella die Einzelheiten der schon erwähnten gemeinsamen Auslands-Tournée besprechen. Zu meinem aufrichtigen Bedauern haben wir Sie dort nicht angetroffen, und so konnte die Besprechung einstweilen nicht stattfinden. Bella behauptet, Sie von Ansehen zu kennen. Da die Saison vorüber ist, hat auch das Orpheum seine Pforten für den Sommer geschlossen und so können auch wir uns gottlob ein klein wenig ausruhen. Wir haben nämlich mit der Bella verabredet, nach Schmecks zu fahren. Dank unserem gemeinsamen Vertrag und der heurigen ziemlich guten Theatersaison haben wir einen ziemlichen Betrag erspart, und nun wollen wir der wohlverdienten Ruhe pflegen. Bella dürfte insgeheim den Plan gefaßt haben, in Schmecks, mit Rücksicht auf das vornehme Publikum, einen noch bessern Freund (Pali, d. i. Gimpel) einzufangen. Gestatten Sie mir, geehrte Künstlerin, noch einige meiner Impressionen Ihnen mitzuteilen. Gestern meinten Sie nämlich, ich solle mich schämen, weil ich Sie nicht erkannt habe. Diese Ihre Bemerkung verdroß mich, denn ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich Sie trotz starken Fixierens nicht erkannt habe. Heute, um fünf Uhr, als ich aufstand, zog ich aus meiner Lichtbildersammlung jenes sorgfältig in Papier gewickelte Bild heraus, das die Aufschrift »Mancika Szöke-Kovács« trug, um die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen. Lange -- nicht zehn Minuten, sondern länger als eine Stunde -- betrachtete ich das Bild und jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, habe ich das etwas zerknitterte Bild noch immer vor mir. Und was zeigte mir dieses Bild, das ich so lange betrachtete? Ich sah unter Palmen eine junge, frische Göttin von engelhafter Erscheinung im Alter von etwa 16-17 Jahren, die verkörperte Muse auf Erden, die mit ihren engelhaft unschuldigen, gleichsam tränenfeuchten Augen in die Ferne blickte, wobei ihre feinen, regelmäßigen, wunderschönen Züge ein klein wenig Trotz aufwiesen, aber ihr ganzes Wesen atmete Anmut. Sie besaß die königliche Gestalt eines jungen, reifen Mädchens, eine Gestalt, die von köstlichen Haaren, von welchen man nur mit Andacht sprechen konnte, gleichsam wie von einer Goldkrone umflossen war. Und jetzt erinnere ich mich der Mancika Szöke, der Fee mit der süßen Stimme, die im »Palaste« allgemeine Bewunderung erregte. Alle ihre Gesten, jedes ihrer Worte wird in meiner Erinnerung lebendig. Und doch bin ich ein Zyniker, der sich um niemanden kümmert, und ich schäme mich, einzugestehen, daß ich bei dem Anblicke dieses Bildes Manci Szöke wahrhaft aufrichtig und mit dem ganzen Schmerze, dessen ein Menschenherz fähig ist, bedauere.« Die Vorsitzende: »Das scheint ein sehr intelligenter und stimmungsvoller Junge zu sein.« Manci: »Allerdings, lauter Schlauheit und lauter Herz. Was soll ich's verheimlichen, einmal habe ich ihm angehört.« Kornelie las pathetisch weiter: »Aber ich glaube, diesmal ist es mir wirklich weich ums Herz. Für mich existierte Manci Szöke nicht mehr, nie mehr werde ich jenes wunderschöne, junge Mädchen mit der taufrischen Haut sehen. Glauben Sie nicht, geehrte Künstlerin und Kollegin, daß ich in die Manci Szöke verliebt war, oder daß dieser Brief nur ein leerer, affektierter, nichtssagender Schauspielermonolog ist; diese Zeilen schreibt Ihnen, geehrte Künstlerin, nicht der frivole Bohêmien, nicht der verlogene Nachtvogel; nein, bei dem Anblicke dieses Bildes erwacht mein Gewissen. Jetzt schäme ich mich nicht mehr, Künstlerin, mich Ihrer nicht erinnert zu haben, denn vor mir schwebte noch immer die Gestalt der früheren Manci Szöke. Was mir weh tut, ist nicht gerade der Umstand, daß Manci Szöke unter die Künstlerinnen gegangen ist. Im Gegenteil, ein solches Weib hat den einzigen Beruf, als Stern zu funkeln und jeden zu erobern. Wenn Sie noch ein Exemplar des Bildes besitzen, das ich jetzt vor mir habe, das Bild, auf dem Sie unter Palmen in die Ferne blicken, nehmen Sie es zur Hand und vergleichen Sie die Vergangenheit mit der Gegenwart, prüfen Sie all dies durch die Seele, wie ein Poet es tun würde, und betrachten Sie die körperlichen Veränderungen der Reihe nach. Und Sie werden mir recht geben. Sie hätten, verehrte Kollegin, diese Laufbahn anders, ganz anders beginnen sollen, und dann wären nicht allein in Budapest, sondern überall in der Welt, wo es Bühnen und Männer gibt, alle zu Ihren Sklaven geworden. Sie wählten die leichtere, beziehungsweise leichtfertigere Hälfte dieser Laufbahn. Ich möchte Ihnen nur ein Beispiel anführen, das ist meine Braut. Sie war nicht so schön und blendend wie Manci Szöke. Als sie mir erklärte, Artistin werden zu wollen, habe ich ihr alle schönen und häßlichen Seiten dieser Laufbahn vor Augen geführt und als sie trotzdem bei ihrem Vorhaben verblieb und mich bat, sie in meinen Schutz zu nehmen, machte ich den Versuch, sie als Tänzerin zur Geltung zu bringen. Ich kann stolz erklären: der Erfolg ist ein glänzender. Durch einen bekannten Ballettmeister ließ ich ihr nebst den modernen Tänzen die Bühnen- und die Orpheumtänze beibringen, ferner die ungarischen und spanischen Tänze, Tanzparodien; jetzt komponiert sie schon selbst neue Figuren zu ihren Tänzen ... Sie lernt fleißig ... Sie will eine internationale Excentrique Solistin werden ...« Die Mädel, die armen Vengerkas, deren Monatsgage 30 Rubel betrug, lauschten mit verhaltenem Atem der goldenen Wahrheit, wie jemand Solistin werden konnte. Diese Sehnsucht, dieser Traum lebte in aller Herzen ... Den Chor verlassen, Stern der Varietébühne, Solistin zu werden. Der bloße Gedanke machte ihre Augen funkeln, ihr Gesicht erglühen. Kornelie las weiter: »Wenn sie nach Hause kommt, badet sie zweimal in Eau de Cologne, in einem mit Milch vermengten lauen Wasser, sie treibt schwedische Gymnastik, damit ihr Leib schlank und muskulös sei, ihr Körper ist sorgfältig gepflegt und frisch ... Sie spricht deutsch und französisch ... jetzt nimmt sie Lektionen im Russischen und Englischen. Mich, ihren Bräutigam, liebt sie sehr. Sie trinkt nicht oder höchstens hie und da einen Schluck und lebt sehr solide. Und sie ist wirklich eine der hervorragenden und schönen Tänzerinnen, die vor einer schönen Zukunft stehen. Dies kann Ihnen jede bessere Tänzerin aus der Mascotte bezeugen. Verzeihen Sie meinen Freimut, ich habe diese Dinge der früheren Manci Szöke erzählt. Jetzt haben Sie Gelegenheit, diese Laufbahn ernst zu nehmen. Sie wohnen bei Ihrer Tante, einer Frau, wie ich noch keine bessere, liebere kennen gelernt habe; Sie brauchen bloß ihre Ratschläge zu befolgen. Ich habe von den Mädchen gehört, wie leichtsinnig Sie Ihre Gesundheit vernachlässigen; wenn Sie so fortfahren, so werden Sie, was Gott verhüten möge, nicht sehr lange unter den Sternen der Nacht funkeln. Von Ihrer Gage können Sie ja einstweilen leben, begnügen Sie sich lieber mit einem reichen Freunde und verlegen Sie sich auf das Studium der Tänze. Machen Sie sich in guter Luft Bewegung, damit Sie elastisch und schlank bleiben und -- was sehr wichtig ist -- lernen Sie fremde Sprachen, deutsch, französisch und hauptsächlich russisch. Seien Sie nachts mäßig. Trachten Sie, lieber diplomatisch ans Ziel zu kommen, und ich habe die Zuversicht, daß Sie sich so eine schöne Zukunft sichern werden ... Grollen Sie mir nicht ob dieser bescheidenen Bemerkungen, die ich nur aus dem Grunde gemacht habe, weil anderthalb Jahre Sie, verehrte Kollegin, so sehr verändert haben, daß der Unterschied ein himmelhoher ist. Ich schwöre Ihnen, daß niemandes Schicksal mich in diesem Augenblick so sehr interessiert hat wie das Ihre. Und meine Seele, von dem Banne Ihres Bildes befreit, wird wieder die eines alten Lumpen von der Bohême sein ... Bella erwacht, ich schließe meinen Brief, sie liebt es nicht, daß ich skrible ...« In diesem Augenblicke flammten die Lampen auf und es ertönte der Ruf: »Koncsil ... Spektakl koncsil! ...« Die Vorstellung war zu Ende. Die Gruppe der Vengerkas stob auseinander, all die Träumerei, die ganze Atmosphäre des fernen Budapest, die der Brief in die Yard versetzt zu haben schien, zerfloß im Nu, es galt, dem Leben, dem Gast, dem Rubel nachzujagen ... Sie drängten sich zum Spiegel, brachten die Schminke, die Toilette in Ordnung, und die Zigeuner begannen einen geräuschvollen Tarantellatanz. »Ich werde eine Solistin! Geld! Geld!« dachte sich Therese, während sie durch den großen Saal ging. Morgen ist Feiertag, und heute sind alle Lokale überfüllt. An welchem Tische soll sie Platz nehmen? Wer beansprucht weniger und gibt mehr? Schon nach vierundzwanzig Stunden hatte sie die geschäftlichen Grundsätze der Vengerkas erlernt. »Guten Abend, Fräulein!« »Please, sit down!« Sie wurde gleichzeitig von zwei Männern angesprochen. Sie blickte hinüber: es saßen Japaner an dem Tische. Hinter ihrem Rücken ging die Lencsi vorbei, die ihr rasch die Worte zuflüsterte: »Setze dich, japanische Offiziere ...« Ehe sie sich dessen versah, saß sie schon. »Nye gavori ruski«, stotterte sie, um anzudeuten, daß sie russisch nicht verstehe. »Deutsch? Deutsch?« frug der eine der Japaner. »Nye ... Vengri ...« »Hát akkor üljél ide ... mellettem ...« (Dann setze dich zu mir) erwiderte der andere. Therese war erstaunt. Unbewußt entfuhr ihr ein kleiner Aufschrei der Freude: »Ach, Sie können ungarisch?« »Ein wenig, ein wenig ... Ich war ein Jahr in Budapest, wo ich ungarisch gelernt habe und viele gute Freunde habe.« »Sie sind Offiziere? Warum tragen Sie nicht Uniform?« fragte Therese neugierig. Der Japaner, der etwas Ungarisch verstand, neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »He?« frug er, ohne mit einer Wimper zu zucken. »Offiziere? Wer hat denn das gesagt?« Therese wollte nicht von der Lencsi sprechen und erwiderte mit affektierter Einfalt: »Niemand ... Ich dachte, wer ein Japaner ist, der muß Seemann sein ...« Der kleine Japaner lachte still in sich hinein und übersetzte ihre Worte dem anderen, der nun ebenfalls lachte. »Nein, wir sind Professoren. Mein Freund kommt von Paris, ich von Budapest, aus dem Café Newyork.« Und der kleine Japaner schaute Therese mit einer eigentümlichen Liebenswürdigkeit an. Er schloß plötzlich Freundschaft mit ihr. Auch der andere lächelte, blieb jedoch gleichgültig. Er verstand kein Ungarisch und ließ seinen Freund gewähren. Er betrachtete den Trubel, die Mädchen, die Champagnerflaschen, das rollende Geld, lauschte der Musik: das zu blutigen Kämpfen, schweren Sorgen verdammte Europa. Woher wußte Lencsi, daß die beiden Offiziere sind? Sie hörte es bei dem Eingange der »Sala« von dem geschäftig hin- und hereilenden, russisch gekleideten Kellner, welcher der geschickteste Detektiv des »Gradacsalnik«, des Oberstadthauptmanns von Moskau, war. Wenn er es sagte, so waren die Japaner ohne Zweifel Offiziere. In Paris und Budapest galten sie für Professoren, für sympathische, absonderliche Fremdlinge, die überall Zutritt hatten. In Moskau aber wußte man schon, daß sie Offiziere waren. Vor zwei Tagen waren sie noch bei Nikolaj Janskevits, dem Chef des russischen Generalstabes. So werden die unsichtbaren, ganze Völker fesselnden Fäden der Weltgeschichte gesponnen. Aber was ging das alles Virginia, die Vengerka, an? Wie viele Rubel gibt der kleine Affe? das war hier die wichtigste Frage. »Willst du nicht etwas trinken?« frug der Asiate lachend. Zum ersten Male wurde diese Frage an Therese im Lokal gerichtet. Sie trank nicht gerne, aber sie wußte, ohne daß man es ihr erklärt hätte, daß man hier trinken müsse. Der schäumende, perlende Sekt, der funkelnde Wein erhält ja diesen ganzen glänzenden Saal, den Eigentümer, die Kellner, den Detektiv, Madame Amélie und die Vengerkas. Alles andere dient nur als Staffage dem Zwecke, möglichst viel Getränk vertilgen zu lassen. Ein gutes Geschäftsmädel weiß, wozu sie verpflichtet ist. Die Kellner umkreisten schon den Tisch, und kaum winkte ihnen der Japaner, so stand der silberne Eimer mit dem süßen Naß der Champagne auch schon da. Madame Amélie spazierte auffällig an Therese vorbei, blickte sie zufrieden an und schien sie anzueifern, den Japaner möglichst tief »hineinzulegen«. Und im nächsten Augenblick tuschelte man im Vengerski-Chor: »Virginia hat einen japanischen Gast ...« Wie wird sich das neue Mädchen verhalten? Versteht sie es, zu trinken, zu verlocken, auszubeuten. Ist sie eine Nebenbuhlerin oder die befangene Jungfrau, die sie zu sein scheint? Therese hatte noch gar nicht getrunken, doch ihr Gesicht glühte, als säße sie schon bei der fünften Flasche. Jetzt legte sie ja ihre Prüfung ab. Sie schämte sich bei dem Gedanken, was aus ihr geworden sei, wo sie sich befinde, doch zu gleicher Zeit stieg der Trotz in ihr empor ... Geld, Geld, Geld ... Alles auszahlen und dann mit vollen Taschen heimwärts! Sie winkte dem Kellner, einzuschenken ... In drei Gläsern perlte der Champagner auf dem Tische. Therese hob ihr Glas und stieß mit dem Japaner an ... Sie erinnerte sich eines japanischen Wortes aus der Zeit des russisch-japanischen Krieges und sie freute sich ihres Einfalls, als sie dem Gelben mit den Schlitzaugen zuflüsterte: »Banzaj!« »Eljen!« erwiderte der Gelbe. Therese leerte ihr Glas in einem Zuge, während der Japaner kaum daran nippte. Therese wollte trinken. Es überlief sie von den Haarwurzeln bis zu den Fersen. War es der Champagner oder war es der Gedanke, daß dies die erste Flasche sei, daß ihre Karriere jetzt beginne? Sie wurde plötzlich merkwürdig selbstbewußt, merkwürdig kühn. Der Champagner schmeckte ihr nicht, er war bitter, herb -- die Fachleute sagen, dies sei das Merkmal des guten Schaumweins -- und doch wollte sie trinken, trinken ... Der Kellner schenkte von neuem ein, im Eimer stand bereits eine andere Flasche ... Nunmehr glühte Therese vom Getränk ... Der Saal erschien ihr nebelhaft und in der Ferne, inmitten elektrischer, raucherfüllter Wolken glaubte sie, Jurakowsky zu sehen. Als würde sie eine Seifenblase aufsteigen lassen, sandte sie, kaum merklich, einen schmatzenden Kuß in die Ferne. Der Japaner glaubte, der Kuß gelte ihm. »Ungarinnen sind lieb, schön«, sprach er mit seiner dünnen Stimme. Das Weiße seines Auges wurde etwas gelber, die Farbe seines Gesichtes dunkler -- das ist das Erröten der Orientalen. Das ewige Schmachten des Mannes aus dem Morgenlande nach dem Mädchen des Westens erwachte in ihm, diese unüberwindliche, ewige, krankhafte Sinnlichkeit der Rassen, die schmachtende Sehnsucht nach dem Unbekannten. Therese dachte gar nicht an ihn. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, was denn dieser häßliche Affe hier suche, aber die Atmosphäre, die Stimmung des Saales riß sie mit sich fort. Nicht mit Berechnung, aber doch nicht ganz unbewußt hob sie den frischen, schönen, jungen Kopf, wobei sie den Mund kaum merklich öffnete. Ihre Augen funkelten freudig. Die dummen Männer -- denn dumm sind sie, ob sie Japaner oder Europäer sind -- glaubten, sie gehöre nun ihnen ... Der Japaner flüsterte ihr die Worte zu: »Ich weiß, du darfst bis fünf Uhr früh nicht weggehen ... ich weiß, du mußt jetzt im Vengerski-Chor singen ... Wozu soll ich deiner Herrin fünfundzwanzig Rubel geben ... da hast du ... lieber dir ... Wozu der Alten, die davon lebt, daß du schön und jung bist?« Er ließ zwei Louisdors in Theresens Hand gleiten und sprach noch leiser: »Um neun Uhr früh erwarte ich Sie im Hotel Metropole ... Zimmer Nummer 216. Kommst du ...« Therese antwortete gar nicht und sagte lachend: »Kommst ...« Die Japaner wechselten einige Worte und erhoben sich. Im nämlichen Augenblick eilte Karoline zu Therese: »Komm in das ›Puschkin‹, der Chor soll zum Blasen gebracht werden.« »Guten Abend,« sprach Therese mit einem Kopfnicken gegen die Japaner. Diese verabschiedeten sich mit einer untertänigen, beinahe knechtischen Verbeugung ... Der Freund Virginias flüsterte kaum hörbar: »Metropole ... 216 ...« Therese ging heiter, in überfroher Laune an der Seite Karolinens durch den Saal. Wie sie so jung und schön neben der alternden Karoline dahinschritt, blickten ihr viele nach ... Madame Amélie betrachtete sie und sagte dem geschäftsführenden Vater Respeditl: »Ein gutes Material, nur noch ein wenig grün.« Die Vengerkas liefen eilig von allen Seiten herbei. Sie baten um ein klein wenig Glücksgeld, verabschiedeten sich von ihren Gästen und die ganze bunt zusammengewürfelte Gesellschaft wälzte sich schwatzend über den Korridor, der sich zwischen den Kabinetten und der Logenreihe dahinzog. Die Tür des Puschkin-Saales stand offen. Therese war erstaunt: was die russische Holzschnitzerei zu schaffen vermag, war an den Wänden des Saales als Verzierung angebracht. Nirgends eine Tapete oder Mauerwerk, überall das edelste Holz, welches nur aus den Waldungen Litauens stammen kann. In diesem dunkelbraun erglänzenden Rahmen erblickt man Bilder, die Liebesgeschichte Onegins und Tatjanas. Unter jedem Bilde einige Verszeilen und unter einem kunstvollen Baldachin das Denkmal des Alexander Sergejewitsch Puschkin. Therese war einigermaßen ergriffen. Wie oft hatte sie in der Bürgerschule die Geschichte der verliebten und traurigen Tatjana gelesen. Und jetzt sieht sie in Rußland die Bilder, die ihre Mädchenphantasie daheim gesponnen hatte. Tatjana sitzt vor dem Schreibtische, sie schreibt ihren Brief an Onegin, und die vier Zeilen unter dem Bilde besagen vielleicht: Ich schreibe dir -- und dieser Schritt, Kann er noch mehr verkünden? Trifft deine Ungunst strafend mich Für alle meine Sünden? Und erst das mit den herrlichsten musivischen Arbeiten belegte Klavier! Sudakow, der fanatische, hochmütige Russe ließ diesen Saal mit einer Pracht ausstatten, die jeden hier eintretenden Fremden gefangennehmen mußte. Die Mädchen rückten die Stühle zurecht und Onkel Spiegel, der Pianist, kam an. Nur der Gast, der den Chor zum Blasen bringen sollte, war noch nicht da. Aber alsbald flüsterte alles nur einen Namen: »Julchen Rubinvejer!« Die kleine Julcsa Schwarz. Auch sie kam von Budapest nach Rußland. Sie ist ein schlankes, hochgewachsenes, schwarzes Mädel, ihre Augen lachen immerfort, ihr Gesicht ist länglich und von edlem Zuschnitt und wenn sie die Augen schließt, lagert sich eine rätselhafte Traurigkeit über ihre Mienen. Sie war bald heiter, bald sentimental, ausgelassen und träumerisch; am lautesten konnte sie lachen, aber auch am längsten wortlos dasitzen und in sich gekehrt träumen. Sie war kaum einen Monat lang im Chor. Der bucklige, bleiche, zwerghafte Knyaz Wladimir hatte sich in sie verliebt. Er war Herr unermeßlich großer Besitzungen, der häßlichste und reichste Aristokrat Rußlands. Das ganze Vermögen gehörte zwar seiner Großmutter, doch war Knyaz Wladimir ihr alleiniger Erbe. Julchen Schwarz besaß ein Palais, ein Auto, ein Gespann, in Moskau kannte sie jeder, alle Welt grüßte sie in der höflichsten Weise. Sie hatte -- im Anfang aus Liebhaberei, später aus Gewohnheit -- einen mit Rubinen besetzten Fächer und so wurde ihr der Spitzname »Julcsa Rubinvejer« beigelegt, d. h. Julchen mit dem rubinbesetzten Fächer. Unter diesem Namen kannte sie der Klub der Aristokraten, der Dvarjanski-Klub und die Kutscher der Likatschen. Die Moskauer Aussaat schoß sogar in Budapest in die Ähren. Der Vater Julchens, der alte Onkel Schwarz, verließ seine Fleckenputzerei, in der er sich für ein Monatsgehalt von fünfzig Kronen plagte; er wohnte jetzt in einer vierzimmerigen Wohnung, ließ seine drei Töchter die Schule besuchen, denn Julchen gestattete nicht, daß ihre Schwestern nach Rußland kamen. Für jede Schwester erlegte sie eine Mitgift von fünfzigtausend Kronen und die Mädchen heirateten: die eine einen Advokaten, die andere einen Journalisten, die dritte einen Gewerbeschullehrer. Mama Schwarz ging selig vom einen Schwiegersohn zum andern. Papa Schwarz aber las am Vormittag die Zeitung, am Nachmittag spielte er im Café Karten oder er war bei den Pferderennen. Julchen vergaß nicht, für ihre Familie zu sorgen, und selbst ihre Feinde schätzten das Vermögen der Familie Schwarz auf zweihunderttausend Kronen. Von Julchen Rubinvejer sprach man im Tone der Bewunderung und Schwärmerei. »Meine Tochter, die Künstlerin!« Sie war das Ideal der Vengerkas, die höchste Spitze, die schrankenlose Geltung. In Budapest erzählte man sich Legenden über sie, und wenn von Rußland die Rede war, dachte jede daran, daß auch Julchen Schwarz als armes Mädchen nach Rußland gegangen war und es doch so weit gebracht hatte. Sie sollte sogar in Zarskoje Selo vor dem Zaren erschienen sein. Diesen Abend war sie in die Yard gekommen und saß in der gegenüber der Bühne befindlichen Loge. Natürlich kam sie zu spät, nach der Nummer der Vengerkas. Die Vorstellung beachtete sie kaum; sie zog sich mit ihrem buckligen Millionär in den Hintergrund der Loge zurück, in Rußland hat jede Loge einen anstoßenden Saal. Der Kellner zog die Vorhänge zusammen und die Musik, der Gesang drang durch die schwere Peluche nur abgedämpft zu ihnen herüber. Sudakow eilte herbei, um seine Aufwartung zu machen. Vor der Logentür stand der livrierte Diener Julchens; das Heer der Kellner wimmelte zwischen den Türflügeln hin und her; der Kaviar stammte aus der Wolgagegend, der Fasan aus dem Parke des Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch, der Wein von der Hegyalja. Der befrackte, bucklige Gnom blickte auf Julchen wie auf eine Göttin. Er war befangen und sentimental. Der große Roman seines Lebens war an einem Wendepunkte angelangt. Er wollte Julchen heiraten und focht den entscheidenden Kampf mit seiner Großmama gerade jetzt aus. Nächste Woche wollte er zu ihr reisen, um sie zu überreden, zu überzeugen. Mit der ganzen kranken Leidenschaftlichkeit der Krüppel hing er an seiner Freundin, es war ihm, als ob ihre prunkvolle Schönheit auch aus ihm einen Mann machen würde, daß seine Häßlichkeit und Krüppelhaftigkeit weniger auffiele, wenn er ein solches Weib besäße. Julchen wollte einmal schon mit ihm brechen: da trank Fürst Wladimir Gift. Die ersten Ärzte Rußlands eilten an sein Krankenlager und aus Yalta traf die Großmutter ein, die, gleich den vornehmen alten Aristokratinnen Tolstois, nur französisch sprach. Sie versprach dem Mädel alles -- nur sollte sie ihrem armen, unglücklichen Enkelkinde gut sein. Zu jener Zeit trug Onkel Schwarz viele, viele tausend Kronen in die Sparkasse. Julchen Rubinvejer aber sah ein, daß sie die Millionen und den armen Krüppel nie mehr los werden könne. Aus der Vengerka wurde eine aufopferungsvolle Pflegerin. Die Welt hielt sie für ein herzloses Geschöpf, das nur zu glänzen suchte und dem armen, hilflosen Jungen den Verstand geraubt hatte; in Wirklichkeit war Julchen treu, fürsorglich und hingebungsvoll bis zur Selbstaufopferung. »Ich möchte den Vengerski-Chor hören,« sagte sie zu Wladimir. Und schon erging der Befehl, der ungarische Chor solle sofort in den schönsten Saal, in die » Puschkin sala « eilen. Jeder war schon auf seinem Platze, als Julchen Rubinvejer mit dem Fürsten in den Saal eintrat. Sie trug ein dekolletiertes, mit Spitzen besetztes gelbes Kleid, in den Haaren zwei mächtige Paradiesfedern, auf den Schultern ein lachsfarbenes schweres Entrée, in der Rechten den mit Rubinen besetzten Fächer; zu ihrer Linken stand der bleiche Gnom, in dessen Augen ein krankhaftes Feuer lohte. »Guten Abend, Mädel!« grüßte sie ihre ehemaligen Kolleginnen. »Guten Abend!« erwiderten die Mädel im Chor. Madame Amélie wollte ihr die Hand küssen, doch Julchen zog lachend die Hand weg: »Mama Amélie, vergessen Sie denn, daß auch ich Ihre Tochter war?« Therese hatte noch gar nichts über sie gehört. Sie vernahm mit Staunen die ungarischen Worte. Als ob in Moskau an diesem Abende jedermann ungarisch wüßte. Aber die blendende Erscheinung, das kurze Gespräch erklärten ihr die Lage. Das ist eine, der es gelungen ist. Eine aus dem Eldorado der Frau Tomcsányi ... Sie kehrt nicht eher heim, als bis es auch ihr gelingt. So will sie eines Abends in der Loge erscheinen; den Mädeln wird der Gesang in der Kehle stecken bleiben vor Überraschung. »Quelles chansons voules-vous?« fragte sie den Fürsten Wladimir. Er antwortete: »Lehullott a rezgö nyárfa levele.« Spiegel erhob sich, verbeugte sich und schlug den ersten Takt an. Der von Neid erfüllte Chor intonierte den Gesang. Die Männer betrachteten nicht das Mädel, sondern den Buckligen. Sie möchten seine Taschen, seine Millionen sehen. Die Mädel prüften Julchens Toilette, ihren Mantel, ihr Armband, die Ringe an ihren Fingern, das Gefunkel ihrer Ohrgehänge. Ist denn Julchen schöner als sie? Freilich sie ist jetzt wohlgepflegt und vornehm; Jahre hindurch lebte sie in Nizza und Monte Carlo, sie hatte eben Glück. Auch sie könnten so sein, oder noch schöner. »Dank, Kinder!« sagte Julchen, um dem Gesang ein Ende zu machen. Sie gab der Amélie hundert Rubel und jedem Mitgliede des Chors fünf Rubel. Sie hatte ganz neugeprägte Münzen bei sich, die sie für den Chor mitgebracht hatte. Wladimir hörte der in fremder Sprache geführten Unterhaltung lächelnd und wohlgefällig zu. »Was macht deine Tochter?« fragte sie Karoline. »Ich danke dir, Julchen, dafür, daß du ihrer gedenkst ... Sie schläft.« Karoline war in diesem Augenblicke stolz darauf, von Julchen geduzt zu werden. Diese war kurz nach ihr Mitglied des Chores geworden und am ersten Abend benützte sie Karolinens Schminke. Wie weit lag das jetzt zurück! »Ich bitte dich, kaufe hierfür etwas der Lolita!« sagte Julchen, indem sie Karoline noch zehn Rubel übergab. Dann erhob sie sich, nickte mit der Würde einer Königin und ging fort. Die große Fütterung war zu Ende und jeder freute sich: Amélie, die Mädel, Spiegel, der rasch ausrechnete, daß diese Viertelstunde dem Wladimir wenigstens dreihundert Rubel koste ... »Und doch ist es schrecklich, mit einem so häßlichen Mann leben zu müssen,« meinte Therese. Irene erwiderte schreiend: »Und wenn er noch vier Buckel hätte, könnte ich alle seine Zehenspitzen küssen, weil er so viel Geld hat.« Die Fünfrubelstücke verschwanden eiligst in den Ridiküls und in den Strümpfen. Therese war zufrieden und hoffnungsvoll. Sie summierte. Zwei Rubel hatte sie von Gyagya Monopol erhalten, zwei Goldstücke von den Japanern, fünf Rubel von Julchen. Frau Tomcsányi hatte doch recht. Da gibt's zwar kein Theater und sie wird nicht so bald eine Künstlerin werden, aber da läßt sich Geld machen. Sie wollten in das Lokal zurückströmen, da kam ihnen der Junge in der kurzen Hose entgegen und gab den Befehl aus: »Vengerski-Chor, Kabinett vier!« Amélie quiekte in zufriedenem Tone: »Der Abend gestaltet sich günstig.« Im Kabinett vier war Wolkow der Gast. Er saß allein da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt. »Ah, Herr von Wolkow ... Ich habe schon lange nicht die Ehre gehabt ...« begrüßte ihn Amélie. »Wie befinden Sie sich? Jeden Tag trage ich Blumen auf das Grab der Sophie ...« (Sie wußte nicht einmal, wo Sophie begraben war.) Der Bauer erwiderte nichts. Er zog seine Brieftasche und gab Amélie fünfundzwanzig Rubel. »Ich mag keinen Gesang,« sagte er. Er wies mit dem Zeigefinger auf Therese: »Diese da ...« »Dobre, panye Wolkow!« lachte Amélie. »Unter guten Freunden wäre der Gesang und sonstiger Firlefanz überflüssig ... Wir sehen uns heute nicht das erstemal ... Mädel, wir gehen ... nur Virginchen bleibt hier ...« Und indem sie sich an Virginia wandte und ihr Gesicht streichelte, sprach sie: »Herr Wolkow ist einer unserer besten Freunde. Du darfst ihm gegenüber nicht trotzig sein, mein Kind ...« Alle entfernten sich und Therese blickte ängstlich um sich, ob der Saal eine Tür habe, die mit einem Schlüssel versperrt werden könnte ... Nein. Es waren lauter freie Flügeltüren und es gab im Zimmer weder einen Diwan, noch sonst etwas; auch gingen die Kellner ein und aus. Es war kein Grund zur Angst vorhanden. Neugierig, ein wenig herausfordernd blickte sie auf Wolkow. Was mochte er von ihr wollen? Er trug ein russisches Hemd aus feuerschwammfarbenem, etwas grobem Gewebe, um den Leib einen Ledergürtel, und eine dunkelgraue Hose, die in Stiefeln steckte. Sein blonder Bart war wohlgepflegt, am Halse sah man den Saum des feinen Unterhemdes aus Leinwand; das Haupthaar war glatt gescheitelt, etwas lang, so, daß das Gesicht etwas von den byzantinischen Heiligenköpfen hatte. Er sprach nicht laut. Seine blauen Augen blickten tief und eindringlich. Sie waren nicht wässrig oder verträumt; entschlossene Energien blitzten darin auf. Er verzog keine Miene, als er mit Therese allein blieb. Er stützte das Kinn auf die Hände. Therese sah unter dem blonden Barte Brillantringe funkeln. Sergius Wolkow war entschlossen, heute mit Therese zu sprechen. Das kleine blaue Kleid der Sophie ließ ihn seit gestern nicht zur Ruhe kommen, und mit fatalistischem Eigensinn redete er sich ein, das ungarische Mädchen sei ihm vom Schicksal bestimmt worden. »Setzen Sie sich, mein Fräulein, ich möchte mit Ihnen sprechen.« Wortlos, staunend nahm sie neben ihm Platz. Sein tiefer, leiser Bariton brach ihre Gleichgültigkeit. Das ruhige, selbstsichere Verhalten Wolkows hatte etwas Eigentümliches. Auf dem Tische stand auf einer silbernen Platte eine mit granatrotem Weine gefüllte Flasche mit zwei Gläsern. »Wollen Sie?« frug Wolkow, indem er sie anblickte. »Nein!« erwiderte sie. »Ich möchte singen hören,« schien er sich selbst zuzuflüstern und er läutete. Dem herbeieilenden Tschelowek befahl er, die Zigeuner hereinzurufen. Er sprach kein Wort, lehnte sich im Fauteuil zurück und faßte Therese bei der Hand. In dieser Berührung lag eine innige, warme, tierische Treue. Der Zigeunerchor kam unter dem Geklirr der Kastagnetten herein. Es war eine bunte, zusammengewürfelte Gesellschaft, lumpig, dabei malerisch. Ein Teil von ihnen nahm auf dem Boden Platz, die anderen auf den Stühlen. Mit Rücksicht auf die große Zahl der Anwesenden wollte Therese ihre Hand freimachen, aber der Bauer ließ sie nicht los. Er sagte dem Chorführer etwas auf Russisch, worauf ein Mädchen und ein Mann aus dem Chor heraustraten. Vor dem Klavier saß niemand; nur ein Saiteninstrument namens Balalajka begleitete den Gesang. Das Mädchen hatte eine samtweiche Altstimme, wie der Herbstwind in den Steppen, der Mann einen Bariton. Therese hörte ihnen schläfrig zu. Der Gesang schien aus einer weiten, weiten Welt zu stammen, aus einer Welt mit großen, weiten Ebenen, tiefen Wäldern, breiten Gewässern und Schiffen, die langsam auf ihnen hingleiten; die brummende, summende, mit zusammengepreßten Lippen gesungene Begleitung bildete eine melancholische Untermalung des Hauptthemas. Es war viel Stimmung in dem Gesang. Wolkow zahlte, die Zigeuner entfernten sich. »Das war schön!« sagte Therese zu Wolkow. »Schön.« Die Züge Wolkows wurden ganz sanft, und eine dünne Schicht von Tränen schien seine Augen zu verschleiern. Therese wurde da mit einem Male gar manches klar. Ohne selbst zu wissen warum, redete sie Wolkow mit »Du« an. Hat es denn einen Sinn, daß die Menschen sich mit »Sie« anreden? Ist das nicht ein Hochmut, eine Lüge von Menschen, die ja alle sterblich sind? »Höre mal,« begann sie, »du liebst ja die Sophie noch immer.« »Jawohl,« erwiderte die dumpfe Stimme. »Und wenn du den Wunsch hast, daß ich hier bleibe, so geschieht das nur, weil ich ihr Kleid trage, weil ich dem Lande entstamme, das auch ihre Heimat war. Du willst sie durch mich, mit meiner Gegenwart feiern.« Wolkow erwiderte nichts. »Aber ich will das nicht! Ich lebe, ich lebe für mich und will nicht das Kerzenlicht neben einer Toten sein. Laß mich. Ich gehe fort.« Sie erhob sich, um wegzugehen, doch Wolkow ließ sie nicht fort. »Du bleibst hier! flüsterte er. »Warte doch. Laß uns ein wenig plaudern.« Therese setzte sich wieder. »Wie heißt du?« »Virginia.« »Das ist nicht wahr. Das ist nicht dein Name. Nur Madame Amélie hat ihn dir gegeben. Ich will deinen wahren Namen wissen, mit dem die Mutter dich daheim angesprochen hat.« »Meine Mutter?« Es fiel ihr ein, daß ein Tag vergangen war, an dem sie an die Mutter nicht gedacht hat. Sie wollte ihr morgen schreiben und ihr eine Rate für das Klavier senden. »Wie heißt du also?« »Therese.« »Therese ... Therese ... Willst du Therese Wolkow heißen?« Therese blickte ihn verdutzt an und begann ihn plötzlich per »Sie« anzusprechen. »Wollen Sie mich heiraten?« »Nein. Aber die Vengerkas haben die Gewohnheit, die Geliebte eines Mannes bei seinem Namen zu nennen. Sophie hieß unter ihnen Sophie Wolkow. Du wirst Therese Wolkow heißen.« »Aber warum wollen Sie mich denn zur Geliebten haben? Sie kennen mich ja gar nicht ...« Sergius Wolkow, der Landbauer, der immer in der Ruhaska herumging und dessen mit Eisen beschlagene Stiefel auf dem Parkett aufschlugen, warf auf das Mädchen einen von fanatischem Aberglauben verklärten Blick. »Ich fühle, daß du für mich hierher nach Moskau gekommen bist, und das Kleid ist deshalb auf deinem Leibe, weil du für mich bestimmt bist. Ich liebe dich. Meine frühere Liebe hat gar nicht aufgehört, sie ist so, wie ich sie im Herzen barg, auf dich übergegangen. Gestatte, daß ich dich zu meiner Geliebten erwähle. Er zog aus der Tasche einen kleinen Diamantring und steckte ihn an Theresens Finger. »Auf dem Kuznatski Most erwartet dich eine bequeme Wohnung mit einer Magd ... du brauchst nur einzuziehen.« »Auch du wohnst dort?« »Nein, ich wohne bei Tula, in Zasyeka, aber ich muß allwöchentlich für ein bis zwei Tage nach Moskau kommen.« »Warum heiratest du denn nicht?« »Ich bin verheiratet.« Therese fühlte sich plötzlich von einem unbeschreiblichen Ekel erfaßt. Was hier geschah, empfand sie als etwas Gemeines und Demütigendes. Sie hatte das Gefühl, jemanden betrogen zu haben. Sie riß sich los und war froh, daß von unten das Zvanok, das Läuten, heraufscholl. »Das Lokal wird gesperrt, ich muß gehen,« sagte sie hastig. Einen Augenblick dachte sie daran, ihm den Ring zurückzugeben, aber sie besann sich eines andern. Das wäre ja eine Dummheit. Ohne ein Glücksgeld zu verlangen, flog sie, gleich einem aufgescheuchten Vogel, die Treppe hinunter, nahm hastig ihren Überrock und drängte sich durch das Gewirr der Straße. Sergius Wolkow aber begab sich in das erwachende Moskau. VII. Frau Lebán war nicht danach angetan, ihr Geld fahren zu lassen. Alsbald erfuhr sie, daß Goldfischlein mit allen ihren Toiletten nach Rußland gegangen sei; sie beeilte sich daher, Frau Witwe Dezsö Ladány für die Schuld ihrer Tochter einzuklagen. Briefwechsel, Laufereien, Einschreiten eines Advokaten; schließlich einigten sie sich auf Monatsraten, welche die kleine Pension ganz verschlangen. Frau Witwe Ladány übersiedelte nach Puszta-Szent-Lörincz, wo die Miete viel billiger ist, wo niemand sie kannte, wo sie in ihrem Versteck unter Tränen die Zeit erwarten konnte, da aus ihrer Tochter eine große Künstlerin geworden sein würde. Kaum waren sechs Wochen verflossen, seit sie auf dem Bahnhofe dem aus der Halle fahrenden Zuge mit ihrem Tuch nachwinkte, und schon mußte sie die Feuerwehrgasse für immer verlassen. Ein einspänniger, von einem ausgemergelten Gaul gezogener Streifwagen, darauf einige armselige Möbelstücke, ein Strohsack, einige mit den Füßen himmelwärts gestellte Stühle, zwei wacklige Schreine und hinter dem Bock, in Fetzen gehüllt, das Bild des seligen Dezsö Ladány, unter seinen Schülern sitzend. Dieses Bild war der Stolz der ausgedorrten armen Witwe, ihr Ritterkreuz der Ehrenlegion. Im Verein mit einer anderen armen Witwe mieteten sie in der Nachbarschaft der Hauptstadt ein Zimmer nebst Küche. Sie schrieb nach dem fernen Moskau einen Brief ... — — — — — — Dunyasa brachte mit dem Mittagessen auch einen Brief für Therese. Er lautete folgendermaßen: Liebe Tochter Therese! Ich kann es Dir nicht verübeln, daß Du mir bis heute noch nicht geschrieben hast. Ich begreife, daß Du Dich in jener fremden Stadt nicht so leicht zurechtfinden kannst. Ich warte also mit Geduld. Solltest Du Dich aber Deiner Mutter doch erinnern, so schreibe nicht mehr in die Feuerwehrgasse, denn wir wohnen nicht mehr dort. Sende den Brief an meine Adresse nach Puszta-Szent-Lörincz. Betreffs des Geldes, das du der Frau Léban für Kleider schuldig bliebst, habe ich mich mit ihr geeinigt und die größere Hälfte meiner Pension wandert an jedem Ersten in ihre Hände. In 1-2 Jahren werde ich mit den Tilgungen doch fertig werden. Aber mit dem Klavierlieferanten hapert es, für den hatte ich keine Rate mehr übrig und so kamen die Leute, das Klavier abzuholen, fanden es aber nicht mehr vor. Der Pfandverleiher gab es nicht heraus und so wurde ich eingeklagt. Ich will Dich, liebes Kind, nicht drängen, aber es wäre mir eine große Erleichterung, könntest Du dem Klaviermann einige Raten senden. Demnächst kommt es zur Verhandlung in dieser Angelegenheit und ich weiß nicht, was ich beginnen soll. Gott gebe, daß mein Brief Dich gesund antrifft und Deine Künstlerträume in Erfüllung gehen. Es küßt Dich Deine Mutter Frau Deszö Ladány, Gymnasial-Professorswitwe. Irene kam an jenem Tage nicht nach Hause. Therese zog den blauen Vorhang beiseite und betrachtete wortlos, vor sich hinstarrend, die bekannte Handschrift. Als hätte eine trockene, dürre Hand Länder hindurch unsichtbar ihre Kehle zugeschnürt. Sie hätte weinen, schluchzen mögen bei dem Gedanken, daß die Mutter ihre Wohnung verlassen mußte. Sie sah im Geiste die Nachbarn, wie sie auf dem Korridor gafften, als man die armseligen Möbel fortschleppte. Gewiß sagten sie einander: »Ja, dahin kam es. Ihre Tochter ist Künstlerin in Rußland ...« Ihre Miene verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. Künstlerin! Wäre es nicht auch für sie besser gewesen, zu Hause zu bleiben, das Maschinenschreiben, die doppelte Buchführung zu erlernen ... Und Frau Léban? In den nächsten zwei Jahren wird die Mutter nicht einmal ihre Pension für sich zur Verfügung haben. ... Wie gemein, wie herzlos war es doch von ihr, daß sie der Mutter noch gar nicht geschrieben! ... Sie wollte eben den Brief nur mit Geld beschwert absenden. Und Geld konnte sie bisher nicht senden, immer kam etwas dazwischen. Nach der Nacht, in der sie die Unterredung mit Wolkow hatte, beschloß sie, das himmelblaue Kostüm nicht mehr anzuziehen. Sie wird nicht mehr in dem Kleide der toten Sophie erscheinen. Sie mußte der Madame Amélie vier Rubel dafür zahlen, daß sie das Kostüm zwei Tage getragen. Sie kaufte ein neues Kostüm, das hundertzwanzig Rubel kostete. Madame Amélie übernahm die Bürgschaft für sie, und sie mußte jetzt ihren Verdienst täglich der Frau Amélie übergeben, bis die Schuld getilgt war. Aber heute abend würde sie Amélie betrügen und ihr nicht alles eingestehen, sondern morgen früh zur Post laufen und Geld nach Budapest senden. Sofort wollte sie dem Klavierlieferanten schreiben, er möge ihre Mutter in Ruhe lassen, da sie sich verpflichte, alles zu bezahlen. Und doch wäre es so einfach, wenn sie sich Wolkow anvertraute. Doch der Bauer zeigte sich seither nicht mehr. Madame Amélie hatte sie auch ausgezankt, weil sie die besten Gäste verscheuche. Woher soll sie das Geld nehmen? Sie würde es heute nacht verstecken. ... Jetzt kleidete sie sich rasch an, um in das Café Metropole zu eilen ... Dort fand sie ordentliches Briefpapier und Tinte. Sie verließ das Haus. Es war Spieltag, im Speisezimmer ging es lustig zu. Nach dem Essen kam ein Besucher: der Matschalnik, der Bezirks-Polizeioffizier, unter dessen Aufsicht die Vengerkas der Madame Amélie gehörten. Er war ein hochgewachsener, stattlicher Mann und trug eine blaue Hose mit roten Lampas und einen grauen Offiziersrock, in dem er aussah wie ein Kavallerieoffizier. Sein Säbel war glänzend und hatte einen goldenen Korb. Er kam gerne hierher, um Karten zu spielen, wobei er sich mit schönen Mädchen unterhielt und gewann, so viel er nur wollte. Das war keine Bestechung und sehr unterhaltend. Therese war froh, ins Freie zu kommen. Sie bestieg einen elektrischen Wagen, der über den Boulevard Strasnoj fuhr, und stieg an der Ecke der Bolsaja Dimitrowska ab, von wo sie zu Fuß dem berühmten Theaterplatz zueilte. Die herrlichen und künstlerisch erbauten Theater Moskaus reihen sich unter dem Kreml aneinander: das Neue Theater, das Große Theater, das Kleine Theater, von wo aus die prächtige Regiekunst, die Dekorationen des Bakstok, die Pawlowa und Nijinsky mit ihrer choreographischen Kunst die Reise durch die Welt angetreten haben, um die europäische Bühne zum Teil umzugestalten. Solche Theater können sich nur steinreiche Mäcene, verschwenderische Millionäre gönnen. Und in Rußland schwärmen diese für das Drama, für den Tanz. Therese hatte hiervon keine Ahnung. Aus der Schule der Ligeti kam sie direkt zur Madame Amélie, aus dem Goldfischlein wurde sie zur Vengerka, die um halb zehn Uhr abends zu singen hatte: »Ritka buza, ritka árpa ...« Von den Theatern wußte sie nur soviel, daß das lebhafteste Café Moskaus, das Hotel Metropole, in ihrer Nachbarschaft liege. Es hatte etwas vom Budapester Café Newyork. Das ganze weibliche Hilfspersonal und Ballettkorps der Theater hatte sein Quartier dort aufgeschlagen, ebenso auch die zweitrangigen Sterne des großen Varieté-Lebens in Moskau. Die Mädel bevölkerten alle Tische, die Kellner sprachen fast alle deutsch, auch Ungarn fanden sich unter ihnen ... Sogar ungarische Blätter waren im Metropole zu finden. Und einen feinen Kaffee mit Schlagsahne bekam man da ... Wiener Kaffee ... Die Vengerkas, die Mädel aus Österreich und Deutschland strömten jeden Nachmittag dem Kaffee zuliebe herbei, als wären sie gar nicht in Moskau gewesen, sondern im Budapester Newyork oder an der Ecke Unter den Linden-Friedrichstraße. Die Mädchen hinwiederum lockten die Männerwelt herbei, und so bot das Café Metropole viele Annehmlichkeiten und Zerstreuungen und niemand nahm es schief auf, wenn er angesprochen wurde. Die Vengerkas pflegten mit ihren Nachmittags-Freunden das Lokal zu besuchen. Denn der nächtliche Freund und der nachmittägige sind zwei verschiedene Typen. Der nachmittägige ist ein Kollege, Kamerad, Helfershelfer, mit dem der nächtliche Freund, der geldspendende, Toiletten bezahlende, die Wohnung einrichtende, einen Wagen haltende reiche Gimpel betrogen wird. Dem nachmittägigen Freunde gehört der innige Kuß, das Blut, die Leidenschaft, dem nächtlichen die Laune, die Peinigung, das Geschäft. An einem Tische saß die Gabi mit dem ungarischen Solosänger der Strelna. In Budapest war er Bonvivant-Sänger, lebte vom Vorschuß und von Schulden, hatte eine alte Frau, hier in Moskau war er der Geliebte der Gabi. An einem anderen Tische saß die dicke Vali aus dem Chor der Zon vengerski. Ihr Nachmittagsseladon war ein Kleinrusse. In einer Ecke saß Jurakowsky, ein Grieche; Gott weiß, woher er den polnischen Namen hatte. Er machte hier Geschäfte. Er unterwies die Mädel in Solonummern und warb hier Schülerinnen. Er war nicht einmal teuer, für fünfzig Rubel gab er fünf Stunden, aber das Geld mußte nach der zweiten Stunde auf einmal bezahlt werden. Ein Kichern, leises Flüstern, Tuscheln. Viele Wanderschmetterlinge dieser Welt ruhten hier auf den grünlichen Plüschdiwans, um die Marmortische herum. Therese war schon dreimal hier in Gesellschaft anderer Vengerkas gewesen. Sie eilte an einen leeren Tisch und bat um Kaffee, Tinte und Feder. Der Brief der Mutter hatte sie ganz sentimental gestimmt. Sie hatte das Bedürfnis, etwas zu tun. Vor allem schrieb sie an den Klavierlieferanten rasch, fast ohne nachzudenken, einen Brief: Sehr geehrte Firma! Da ich über die mit dem Klavier zusammenhängenden Unannehmlichkeiten unterrichtet wurde, will ich als Tochter der Frau Witwe Ladány diese Sache in die Hand nehmen. Am Samstag und Sonntag war hier Feiertag, die Post war gesperrt und so konnte man rekommandierte Briefe oder Geld nicht aufgeben. Bitte mich postwendend über die Kosten des Pianino zu verständigen, und ich werde sie sofort decken, das Geld postwendend einsenden. Meine arme Mutter kann ja für gar nichts, bitte sie zu verschonen. Ihre Zeilen erwartend, hochachtungsvoll Therese Ladány, Mitglied des Moskauer Theaters. Meine Adresse: Russia, Moskau, Steri Basilowka, Nomero Sudakowa. Petrowsky Park 43. Sie ließ die Antwort an die Adresse Karolines senden, denn sie wollte sie nicht an die der Amélie gelangen lassen ... Wozu sollten denn die Leute der Amélie um die Klaviergeschichte wissen, was ging die das an. Während sie den Brief schrieb, wurde sie von Rührseligkeit übermannt, und bei der Stelle, wo von ihrer Mutter die Rede war, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie klebte eine Marke auf den Briefumschlag, lief hinaus und warf den Brief in den Kasten. Sie war mit sich zufrieden, sie hielt es für eine kluge Idee, daß sie sich nach den Kosten des Pianinos erkundigte. Drei Tage braucht der Brief bis Budapest, vier weitere Tage braucht die Antwort. Binnen einer Woche konnte gar manches geschehen. Bis dahin würde sie Geld haben und das lumpige Pianino bezahlen. Den Brief würde in Budapest der Geschäftsführer des Klaviermenschen öffnen. Bei dem Anblick der Schrift, der russischen Marke würde er den Inhalt mutmaßen. Die Vengerka schrieb wegen des Klaviers, das war ja eine alltägliche Geschichte. »Monatsraten zu vierzehn Kronen! Was ist denn das?« dachte sie sich. Und dennoch, der dritte Punkt des Übereinkommens lautet: »Das gemietete Pianino darf ich aus dem Lokal, in welches es durch Sie transportiert wurde, ohne Ihre Einwilligung nicht wegführen lassen; sollte ich dies dennoch tun, ermächtige ich Sie, das gemietete Piano durch Ihre Organe wegführen zu lassen, ohne mich überhaupt zu befragen. Ihren Schaden aber habe ich dann zu ersetzen.« Das Pianino wurde ohne Wissen und Zustimmung des Kaufmanns weggeführt, und es wurde Geld darauf aufgenommen. Die Firma, die das Pianino einlagerte, wollte es nicht zurückgeben. Frau Witwe Dezsö Ladány wurde vor das Gericht geladen und verhört. Der Fall war ja ganz klar. Das Gesetz schützt die vertragstreue Partei. Das ist Veruntreuung. Frau Witwe Dezsö Ladány durfte aus dem Gerichtspalaste nicht nach Hause gehen. Die andere arme Witwe im Puszta-Szent-Lörincz wartete vergeblich auf sie, sie kam nicht. Und die Menschen, die lieben Nachbarn, begannen zu tuscheln: sie hat defraudiert! ... Gott, wer hätte das gedacht! — — — — — — Therese glaubte Zeit gewonnen zu haben, und dieser Gedanke beruhigte sie. Sie würde alles schön in Ordnung bringen. Sie ging ins Café zurück und nahm Platz. Sie trug ein Kostüm der Frau Lebán: dunkelblauer Rock, weiße Spitzenbluse, auf dem Kopfe eine kokette Samtmütze; an ihren schöngeformten Füßen Lackstiefelchen mit braunem Einsatz. Ihr Gesicht war noch frisch, Jugend und Jungfräulichkeit atmend, ohne jene Spuren der durchwachten Nächte, die auf den Gesichtern der anderen wahrnehmbar waren. Jurakowsky winkte ihr lächelnd zu. Der Grieche wußte nicht sogleich, woher er sie kenne, doch war er sicher, sie schon irgendwo gesehen zu haben. Therese war ihm übrigens auch sonst aufgefallen. Als er sah, daß das Mädchen seinen Gruß sehr freundlich erwiderte, zögerte er auch nicht zu ihr hinzugehen. Er sprach sie russisch an, sie antwortete deutsch. Er setzte sich. Sein ganzes Leben hatte er unter Artisten und Vengerkas verbracht, und es gab keine Wendung oder Situation, die ihn unvorbereitet hätte treffen können. »Nun, schönes Fräulein,« begann er, »wann haben wir zuletzt miteinander gesprochen?« »Vor etwa zwei Wochen, als Gyagya Monopol hier war.« Jurakowsky lächelte. Also eine Vengerka aus der Yard. »Seit wann sind Sie in Moskau?« »Erst seit einigen Wochen.« »Wohnen Sie bei Madame Amélie?« »Ja. Aber nicht mehr lange.« »Weshalb? Nicht wahr, es ist nicht auszuhalten? Sie quält Sie? Sie verlangt, daß Sie alles Geld ihr geben ... Eine schlaue Frau, die die Mädchen ausbeutet ...« Therese atmete erleichtert auf, sie sah, sie fühlte, daß sie da ohne Zurückhaltung sprechen könne. »Wissen Sie,« rief sie außer sich vor Zorn, »sie will allerlei Fetzen mir für teures Geld anhängen. Den ganzen Tag höre ich von ihr die Frage: ›Wie lange muß ich noch die neuen Mädel füttern? Ich bin doch nicht dazu da, um Jungfrauen auszuhalten ...‹ Sie gab mir auf ›Brokat‹ einen Kasten für meine Kleider. Ich wußte nicht, was ›Brokat‹ zu bedeuten hätte. Sie lachte mich auch aus und ich habe dann erfahren, daß es sich um Ratenzahlungen handelt ... Ich mußte wöchentlich zwei Rubel dafür zahlen ... Ihre Speisen sind ungenießbar. Ich kann nicht länger bei ihr bleiben.« Jurakowsky erwiderte mit überlegener Sicherheit: »Es wäre aber auch eine Sünde, wenn ein so schönes Mädchen sich bei Madame Amélie zugrunde richtete ... Solistin, ja nur Solistin müssen Sie werden ... Gestern habe ich ein amerikanisches Lied bekommen: ›I'd rather two-step than waltz, Bill‹ ... Wenn Sie das Lied, die Aussprache erlernen, dazu einen kleinen Tanz, so wird das Aquarium in Petersburg Sie sofort engagieren. Nach drei bis vier Lektionen sind Sie eine perfekte Solistin.« Therese antwortete nicht, denn sie getraute sich nicht, ihm einzugestehen, daß sie kein Geld habe, daß sie zwar gerne lernen würde, jedoch keine Mittel dazu besitze. Erst jetzt blickte sie dem Jurakowsky voll in die Augen. Der Musiker mit dem schwarzen Barte hatte blaue Augen, ganz eigentümliche blaue Augen. Um das Schwarze des Auges ein fast dunkelblauer Kreis, als hätte sich Amethyst mit der Farbe des sommerlichen Himmels vereinigt, und der blaue Kreis war durch einen dünnen schwarzen Ring abgeschlossen. Noch nie hatte Therese solche Augen gesehen, sie war fast rot geworden, als sie in sie hineinblickte. Sein Gesicht war weiß, rosig, sorgfältig gepflegt, der Bart spitz, sorgsam geschoren, die Lippen fein zugeschnitten, und Therese lauerte schon mehr als einmal darauf, wie die weißen Zähne zwischen den Lippen hervorblitzen würden. Sie hörte wohl seine Rede, verstand sie aber nicht. Seine Nähe, sein Atem nahm sie ganz gefangen. Er fuhr fort: »Von Ihnen würde ich nach der zweiten Stunde keine Zahlung verlangen. Sie können ja am vierten Tage bezahlen ... Was ist denn das, fünfzig Rubel? Sie werden ja Tausende damit verdienen. Ich will Sie nicht drängen, Sie nicht überreden ... Sie können ja wann immer zu mir heraufkommen ... Ist es nicht schade, wenn ein so schönes Mädchen für einige Rubel die Nächte durchwacht? Sobald Sie Ihre Nummer erledigt haben, gehen Sie in Ihre feine Wohnung, wo Sie Bequemlichkeit, eine Zofe, ein gutes Bad haben. ... Welch schöne Haut müssen Sie haben ...« Therese lächelte und meinte, nur um etwas zu sagen: »Aus Ihnen spricht wohl der Geschäftsmann. Sie glauben selbst nicht an das, was Sie sagen ...« »Aber Fräulein!« schrie Jurakowsky so laut, daß das ganze Kaffeehaus hinblickte. Mit jener nur den Kindern des südlichen Balkans eigenen Überzeugungskraft drang er nun auf sie ein, indem er ihre Hand erfaßte: »Ich sage Ihnen auf mein Ehrenwort, daß ich keinen Augenblick an ein Geschäft gedacht habe. Warum wollte ich auch gerade mit Ihnen ein Geschäft machen? Gibt's denn nicht genug Mädel hier? Ich habe ja so viele Lektionen zu geben, daß mir kaum eine halbe Stunde für das Kaffeehaus übrig bleibt. Aber Sie verdienen eine Ausnahme. Ein solches Mädchen darf nicht bei Madame Amélie zugrunde gehen, das kann ich nicht zugeben ... Nächste Woche spreche ich mit Sudakow ... Kommen Sie, Fräulein, gehen wir ein wenig spazieren. Therese zahlte, was Jurakowsky nicht hinderte, und sie gingen zusammen fort. Der Abend brach schon früh herein, der russische Winter nahte. Die Straßen waren voll, man konnte sich kaum bewegen. Lautes Reden, das Geschrei der Zeitungsverkäufer, das Peitschenknallen der Iswostschik, dahinsausende Autos und Wagen, man konnte das eigene Wort kaum hören. Sie umgingen den Kreml und kamen auf das Ufer der Moskwa. Auf dem jenseitigen Ufer waren die Häuser kaum mehr zu sehen, die Abenddämmerung verschleierte sie; in der Ferne starrten die Laubkronen der Wäldchen und Wälder gen Himmel, noch weiter rasten beleuchtete Eisenbahnwagen durch die Finsternis ... — — — — — — Wolkow hatte zwei Wochen in Kurland verbracht. Nach seiner Rückkehr konnte er in Moskau nicht Halt machen, er mußte eilig nach Hause. Von Moskau nach Koslowka dauerte der Weg sieben Stunden, von dort hatte er bis zu seiner Wohnung etwa drei Werst zu Pferde zurückzulegen. Er wohnte außerhalb des Ortes in einem bequemen, geräumigen Herrschaftshause. Das Gepäck wollte er in der Frühe von der Station abholen lassen. Nach der langen Eisenbahnreise hatte er das Bedürfnis, sich etwas Bewegung zu machen, und darum hatte er seinen Reitknecht zur Station hinausbeordert. »Was gibt's Neues zu Hause?« frug er ihn. »Alles in Ordnung,« erwiderte der Reitknecht respektvoll. Die Art und Weise, wie er diese Worte sprach, wie er vor Wolkow stehen blieb, verriet sofort, daß Wolkow vor ihm in Ansehen stand. Die Bauern begrüßten ihn in der Station, und die beiden Reiter trabten in die mondhelle Nacht hinein. Die Riesenscheibe des Mondes ward am Horizont sichtbar. Ihr unterer Rand schien noch an den Feldern zu kleben, als stünde sie auf einem endlosen Sockel; in dem silberbestreuten Blau des Himmelsgewölbes funkelte der Abendstern, als wäre er an seiner Stelle durch eine unsichtbare Kraft im Monde festgehalten; die den Weg beiderseits einsäumenden großen Zitterpappeln ließen ein wimmerndes Säuseln und Rauschen vernehmen ... Von der weiten, weiten Ebene kamen die Lüfte, darin die russischen Seufzer, Lieder, Hoffnungen zitterten ... Die Reiter kamen in der mondhellen Nacht langsam vorwärts. Der Reitknecht blieb etwas zurück; er fühlte, sein Herr wolle ungestört bleiben. Wolkow ließ die Zügel fast gänzlich fahren, er überließ sich dem kleinen Pferde; dieses kannte den Weg und kannte auch seinen träumerischen Herrn. Es streckte den Kopf nach dem Boden aus, blies die herabgefallenen Blätter weg, als wollte es den Mondschein, der die ganze Gegend übergoß, in sich aufsaugen. Wolkow dachte daran, demnächst wieder nach Moskau zu fahren und mit Therese abermals zu sprechen. Er hatte niemanden, dem er seine Wirtschaft, seine Reichtümer hätte vererben können. Seine Frau litt an einer Rückenmarkskrankheit, saß den ganzen Tag im Krankenstuhl und sah von dort aus dem Treiben im Hause zu. Infolge der Krankheit war die schöne junge Frau in acht bis zehn Jahren alt geworden, ihr Haar ergraute, ihre Stimme wurde dünn und dumpf, wie die Erinnerung an vergangene Tage. Diesem lebendigen Leichnam im Lehnstuhle tat das Herz weh, zu einem solchen Schattendasein verurteilt zu sein, aber noch mehr schmerzte sie der Gedanke, ihren Gatten derart in Mitleidenschaft gezogen zu sehen. Sie hatten keinen Erben, niemanden, dem sie die Zärtlichkeit ihres Herzens, den Reichtum ihres Vermögens hätten schenken können. Oft sprachen sie darüber und über Existenzen, die keinen Inhalt und keine Zukunft haben. Bei aller Entschiedenheit hatte Wolkow einen Hang zur Sentimentalität. Er wuchs in der fanatischen Frömmigkeit der bigotten orthodoxen Kirche auf; er verbrachte einige Universitätsjahre in Deutschland, dann kehrte er heim; sein Gut lag in der Nähe der Besitzungen Tolstois und wenn er auch den Weisen von Jasnaja Poljana nicht persönlich kannte, so hatten sich die vielen über ihn vernommenen Geschichten in seinem Denken eingenistet, so daß seine Weltanschauung ein Ergebnis der verschiedenartigsten Einflüsse war. Er war Russe mit einem Hang zur Träumerei und Philosophie, aber auch zur Unrast; manchmal verließ er ohne jeden Grund Zasyeka und ging nach Moskau zu den Vengerkas. Er suchte ein Mädchen, ein aus fernem Land hierher verschlagenes, armes Kind, um es aus dem Elend, aus dem Schlamm zu heben und es reich zu machen. Er besprach mit seiner Frau, sich ein Mädchen auszusuchen und es zu seiner Geliebten zu machen. Gebar sie ihm einen Sohn, wollte er diesen adoptieren und zum Erben seines Vermögens einsetzen. Er liebte Sophie wirklich innig. Nicht mit leidenschaftlicher Liebe war er ihr zugetan, sondern mehr mit einer wohldurchdachten, ruhigen Empfindung. Doch das Schicksal war ihm nicht hold, das Mädchen starb. Er betrauerte sie aufrichtig und tief, doch seine Einbildungskraft, sein Instinkt trieb ihn in die Yard, er hatte die Idee, alles sei nur ein Traum, eine Vision gewesen, denn es sei unmöglich, daß eine, die vor drei Wochen noch gelacht, gesprochen, seine Hand erfaßt, seine Haare gestreichelt und einen neuen Mantel von ihm verlangt hatte, heute nicht mehr am Leben sei. Vielleicht war das Ganze nur eine Einbildung. Er ging hin und fand Therese dort. Er wollte das Leben, welches er mit Sophie geführt, mit Therese fortsetzen. Ihm erschien das so einfach, so natürlich. In Gedanken versunken, bemerkte er gar nicht, daß sie bereits in Jasnaja Poljana eingetroffen waren. Der Mond beleuchtete das kleine Dorf; zur Linken ein strohbedecktes, weißgetünchtes Haus, das durch Lew Nikolajewitsch zu einer Schule umgestaltet wurde. Dort wollte er Kindern und Erwachsenen die Wahrheit beibringen, doch die Regierung kam und gestattete es nicht. Zur rechten Hand eine hohe Steinmauer, dahinter ein herrschaftlicher Garten, das ehemalige Gut Tolstois, jetzt Staatseigentum. Das breite Tor stand angelweit offen, die verzierten Gittertüren waren vielleicht schon vor Jahrzehnten verschwunden, das Häuschen des Dwornik stand leer, der kleine Teich war mit Teichlinsen bedeckt, und der Pfad, der zu dem zwischen Laubwerk verborgenen, weißen Hause führte, mit Unkraut bewachsen. Was war aus Lew Nikolajewitsch Tolstoi geworden, der an einem finsteren Wintertage, im Schneegestöber, in Gesellschaft seines Sekretärs, seines Arztes, des bleichen Vegetariers Duschan Makowitzky sich auf den Weg gemacht hatte, um in weiter, weiter Ferne das gelobte Land zu finden, von dem er so viel gepredigt, das er aber nie gefunden hatte? Wolkow machte auf dem Wege vor dem offenen Tore Halt und nahm die Mütze vom Kopfe. Das Pferd hob den Kopf und horchte. Die Nacht war stumm und ließ doch tausend Töne vernehmen; auf dem Stari Zakas genannten Hügel hielten neun Eichen bei den Überresten Tolstois Wache. Der Greis mit den grünen Forscheraugen ruhte hier in seinem Muschikkleide im Sarge. Er reitet nicht mehr auf die Felder hinaus, er hält nicht mehr vor den Eichen still, um im Sattel einige Zeilen niederzuschreiben, die ihm eingefallen sind. Die Bauern der Nachbardörfer kommen nicht mehr zu ihm, damit er ihnen Recht spreche; der Weltenrichter ist zur ewigen Ruhe eingekehrt, und die Menschen blieben, was sie waren: gut, schlecht, klein, groß, verschiedenartig. Was hat es zu bedeuten, daß hier und da auch Weise, Märtyrer, Heilige erstehen? Fragend blickte Wolkow in den Garten. Die neun Eichen summten traurig ihre Antwort. Das Haus, in dem er Anna Karenina, das ewige große Epos über Krieg und Frieden schrieb, steht nun leer da. Nach allen Richtungen zerstoben sind die Kinder, die alten ergrauenden Jungen, die ihm alle Ehren erwiesen und sich vor ihm verneigten, während sie ihn hinter seinem Rücken verhöhnten und für einen zanksüchtigen Alten hielten, der von den Leuten erwartete, daß sie zu ihm wie zu einer überirdischen Erscheinung emporblickten. Und wo sind seine Töchter, wo seine Frau? Die stille Dulderin, die Deutsche mit der gestrengen Miene, die Geld benötigte, um die vielen verschwenderischen Jungen zu unterhalten? Wie war all dies Tolstoi zuwider! Weiß die Welt, die Literaturgeschichte etwas von den häuslichen Zänkereien, von der schweren, kranken Atmosphäre des Hauses in Jasnaja Poljana, aus welcher Tolstoi flüchten wollte? Gewiß nicht, doch es ist auch besser so. Es ist nicht gut, die Dinge aus unmittelbarer Nähe zu betrachten; viel beruhigender als die blendenden Sonnenstrahlen wirkt der Mond, dessen flackernder Silberschein das Strohdach, den verwahrlosten Weg, die Pfütze übergießt und das Grabmal nebst den neun Eichen mit dem Glanze der Ewigkeit überschüttet. Der nächtliche Gast beschleunigte seinen Ritt, um nicht zu spät daheim einzutreffen. Außer einem Dienstboten schlief schon jeder im Hause. Das Tor war, wie alle Türen, offen; schlechte Menschen, vor denen man Angst haben konnte, gab es für dieses Haus nicht, denn wer Hunger hatte, konnte sich sättigen. Der Morgennebel wurde durch die Sonnenstrahlen alsbald zerstreut, nur über den Baumwipfeln schwebten dunkelrote Wolken. Hunderte von Raben trieben sich auf den Feldern herum; auf den Ackerböden knarrten die Achsen, pustete die Säemaschine, auf dem Wege klingelten die Schellen einer Trojka. Anastasia Feodorowna saß in ihrem Krankenstuhle auf der Veranda des Hauses und starrte auf die weiten Felder hinaus. Die Rauchbohne, die im Sommer das Netz der Einfriedigung mit ihren schütteren, rostigen Blättern bedeckt, ließ die Himmelsbläue in noch weiterer Ferne erscheinen; im Garten glänzten die karminroten Früchte der Eberesche; die Natur schien sich noch einmal tausendfach zu zieren, bevor sie die riesige Schneedecke ins Land schickt. »Lida! Lida!« rief Anastasia Feodorowna etwas ungeduldig zurück, bringe mich hinunter in den Sonnenschein. Das barfüßige Polenmädchen mit den starken Hüften, das Tag und Nacht der kranken Herrin zu Diensten stand, rollte den Stuhl langsam, vorsichtig von der Veranda herab. An der Treppe zog sie den Stuhl etwas zurück und war bestrebt, ihn ohne Rütteln auf den weichen Boden zu bringen. Lida sang hinter dem Rücken ihrer Herrin den Walzer aus der Operette »Walzertraum«. Diese Wiener Melodie hatte sie aus Warschau mitgebracht, wo sie früher in Dienst gestanden hatte. Anastasia Feodorowna neigte den Kopf zur Seite und schloß die Augen. Sie sann nicht nach; sie erwartete nichts mehr vom Leben und überließ sich der einzigen physischen Freude, die ihr verblieb, indem sie sich von der Sonne erwärmen ließ. Ihr Gesicht war gelb wie Pergament, ihr Haar ergraut, schütter, nach rückwärts gekämmt und von einem schwarzen Spitzenhäubchen bedeckt. Ein um ihre Schultern gebreitetes tabakbraunes Tuch verdeckte ihren mageren, eingetrockneten Busen. Ein aus Ebenholz geschnitzter Spazierstock mit Elfenbeingriff und Gummiabsatz war an den Stuhl gelehnt. Sie hatte sich an den Stock in früheren glücklichen Zeiten, als sie noch herumging, gewöhnt und sie wollte ihn um sich haben; vielleicht würde sie sich doch einmal aufraffen können. Dieser Spazierstock verband sie mit der früheren Welt. Sie war noch nicht vierzig Jahre alt. Vor zehn Jahren hatte sie in Moskau eine ganze Ballnacht hindurch getanzt und am Morgen hatten sie den Heimweg auf einem Schlitten angetreten ... Es galt eine Wette mit dem Nachbar ... und sie kam eine Stunde früher nach Hause, aber gänzlich erkältet, zugrunde gerichtet. Wolkow hatte die Schuld an der Katastrophe sich selbst zugeschrieben und war mit selbstaufopfernder Fürsorge bestrebt, das Schicksal der Kranken zu lindern. Der Trubel einer heißen Ballnacht war die letzte Erinnerung der Anastasia Feodorowna an das Leben. Vertraute Schritte näherten sich, feste, sichere Schritte. Sie erkannte den Gang Wolkows. »Drasztinye!« sprach er, seine Frau begrüßend und ihre Stirn küssend. Es war das Bild einer Mutter, die mit ihrem Sohne spricht. »Kommen Sie von Moskau?« »Nein, aus Mitau, wo ich mit einem deutschen Kaufmanne unterhandelt habe.« »In Moskau waren Sie gar nicht?« »Doch, auf der Hinreise.« »Nun, und?« ... Erst jetzt öffnete sie die Augen. Der Glanz der Augen war noch nicht erloschen, das Feuer des dahinwelkenden Lebens sammelte sich in ihnen. Fragend blickte sie auf ihren Gatten: »Nun?« »Vielleicht ...« »Erzählen Sie, Sergius Wolkow.« Und er erzählte ihr, wie er das blaue Kleid der Sophie wiedersah, wie er mit Therese bekannt wurde. »Und glauben Sie, daß sie noch unschuldig ist?« »Ja ... gewiß ist sie es.« »Ist sie nicht ebenfalls Jüdin, wie die Sophie eine war?« »Nein ... ganz sicher nicht.« »Bitte, bringen Sie sie auf einen Tag hierher, ich will sie sehen, ihre Hand erfassen, sie segnen.« Die blitzenden schwarzen Augen schlossen sich von neuem. Wolkow dachte daran, wie traurig, wie gut der Mensch zu sein vermag. Der milde, lauwarme Herbsttag wob eine Aureole um das bleiche Haupt. VIII. Der Schnellzug Lemberg-Lavochne ließ sich pustend in die Täler herab. Die Waggons zweiter Klasse waren überfüllt; irgendein polnischer Gesellschaftsklub fuhr nach Budapest, um die ungarisch-polnische Freundschaft zu befestigen, und der Wind brachte stoßweise einzelne Takte des Gesanges. Dichte Rauchwolken füllten die polnischen Waggons, weshalb die Fenster ein wenig geöffnet waren. In Sátoraljaujhely, wo der Zug hielt, dröhnte es im Chor heraus: »Jeschtye Polska nye zginyula ...« Die Polen hatten gar keine Hoffnung, ihr Land von der russisch-deutsch-österreichischen Herrschaft jemals befreit zu sehen, was aber diese Fanatiker mit dem ungezügelten Temperament nicht hinderte, beharrlich daran festzuhalten: »Polen ist noch nicht verloren.« Die Mitreisenden lächelten über sie, und die Passagiere des Schlaf- und Speisewagens interessierten sich viel mehr dafür, wer die schlanke Brünette sei, die mit den Polen reiste. Sie hatte einen besonderen Schlafabteil -- denn sie hatte alle vier Betten belegt -- und wenn sie ihre Tür öffnete, strömte der süße, betäubende Duft von Kölner Wasser und von Chevalier d'Orsay auf den Korridor heraus. Bei dem Frühstück sprach sie mit niemandem und ging gleich in ihr Abteil zurück. Der Schaffner des Schlafwagens wußte nur so viel zu sagen, daß sie von Moskau nach Budapest reist. Ihr Gepäck trägt die Fürstenkrone. Die Fürstin war: Julchen Rubinvejer. Sie reiste unerwartet nach Hause, um sich für lange Zeit, vielleicht für immer von ihrer Familie zu verabschieden. Ihre Laufbahn war an einem Wendepunkte, an einem endgültigen Ruhepunkte angelangt: der Fürst Wladimir heiratete sie. Der bucklige Gnom, der verliebte Krüppel brach mit unerhörter Energie jeden Widerstand; er erklärte seiner Großmutter, nie eine andere heiraten, sein ganzes Vermögen nur für seine Freundin ausgeben zu wollen und fügte hinzu, das Mädchen sei seine einzige Freude und Glückseligkeit auf dieser Welt. Wohl war sie zur Zeit, als sie nach Rußland kam, eine arme Vengerka gewesen, aber jetzt konnte sie es mit jeder Aristokratin aufnehmen und auch unter Großfürstinnen ihren Platz behaupten. Der arme Junge verzehrte sich vor Leidenschaft, er hüstelte und drohte zu verlöschen. Was blieb der feinen, sanften, rasch sprechenden Großmama da übrig? Sollte sie Widerstand leisten, »mon cher, unique petit fils« unglücklich machen? Sie zog es vor einzuwilligen. Aber das, was Fürst Wladimir dann forderte, war eine Unmöglichkeit. Die alte Frau, deren Großvater in gerader Linie mit Nikolaj Pawlowitsch I. verwandt war, mußte sich in ein Auto setzen, um Julchen Schwarz in ihrem Heim aufzusuchen und um deren Hand für ihr Enkelkind anzuhalten, denn Wladimir befürchtete, seine Freundin werde sich weigern, seine Frau zu werden. Wer könnte die rührende, reizende Szene beschreiben, da die sechzigjährige Fürstin in der Wohnung der Julie Rubinvejer erschien. Das Mädchen empfing sie in ergriffener Stimmung, und die alte Dame zeigte sich sehr gestrenge. Das Gespräch wurde selbstverständlich in französischer Sprache geführt. »Mein Kind,« begann die Fürstin, die gar nicht wußte, ob es sich für sie gezieme, sich da zu setzen, »ich bin auf den Wunsch, ja auf Befehl des Fürsten Wladimir hierhergekommen.« »Fürstin, nie werde ich diese große Ehre vergessen.« »Mein Kind, ich wäre aus freien Stücken natürlich nicht gekommen (dies mußte sie hinzufügen, um Nikolaj Pawlowitsch I. und die Ahnen zu beruhigen, was Julchen Schwarz mit verständnisvollem Lächeln und stumm hinnahm), aber für das Glück meines Enkelkindes will ich alles tun. Er liebt Sie leidenschaftlich und blind. Wie Sie ihn dazu gebracht haben, will ich nicht untersuchen (hierbei verschlang sie das Mädchen mit den Blicken und nickte erstaunt mit dem Kopfe). Einmal sind wir uns am Krankenbette Wladimirs schon begegnet ... Sie wissen ja ... damals ... Ich bat Sie, ihm gut zu sein, ihn zu lieben ... Ich hätte nicht gedacht, daß wir uns noch einmal begegnen werden ...« »Fürstin« ... stammelte Julie, sich demütig vor der alten Frau verneigend. »Und jetzt ... und jetzt ... oh, mein Kind ... (und die alte Frau brach in aller Stille in Tränen aus), wenn es sein muß, soll es glatt, ohne Weiterungen geschehen: ich bin zu Ihnen mit der Bitte gekommen, Wladimirs Frau zu werden. Nicht wahr, Sie werden es tun?« Und sie erfaßte Julchens Hand, wobei eine Träne aus ihren Augen auf die schneeweiße Hand der Vengerka fiel. Julchen blickte sie an und meinte: »Und die Gesellschaft? Und der Klub der Adeligen? Unsereine taugt nur als Geliebte, nicht als Frau!« Die Fürstin schien sie beinahe überreden zu wollen, indem sie fortsetzte: »Aber mein Kind ... was scheren Sie sich darum: ... Überwinden Sie die Vorurteile ...« Die Art und Weise, wie sie das sagte, hatte etwas Bezauberndes, grotesk Liebliches ... Julchen küßte ihr die Hand. Erst jetzt setzte sich die Fürstin. »So ... jetzt können wir schon vertraulicher miteinander sprechen.« Julchen blickte sie an. »Ich brauche Ihnen wohl nicht näher zu erörtern, was dieser Schritt des Fürsten Wladimir bedeutet ... Mein Kind, Sie kommen mit einem der altehrwürdigsten Geschlechter Rußlands in ein Verwandtschaftsverhältnis und darum erwarte und fordere ich von Ihnen (ihre Stimme wurde da eigentümlich streng), daß Sie den Glauben aller Russen annehmen. Mit Ihrer Familie müssen Sie jede Verbindung lösen ... Sie können Ihre Leute mit Geschenken natürlich unterstützen, doch muß jede persönliche Berührung mit ihnen aufhören ...« Julchen war stumm und bleich. »Ich begreife ja,« sprach die Fürstin, Julchens Hand erfassend, »daß ein solcher Bruch nicht plötzlich stattfinden kann, und ich gestatte Ihnen, Ihre Verwandten jetzt zum letzten Male zu besuchen und sich von ihnen zu verabschieden. Dann aber werden Sie sich nur als zu uns gehörig betrachten dürfen ...« Sie erhob sich, reichte ihr die Hand zum Kusse und ging. Wladimir überraschte seine Braut mit einem Halsgeschmeide, das reiche Schätze aufwog; er war im Banne eines überströmenden Glücksgefühls, eines nervösen Taumels. Manchmal lehnte er sich ohne jede äußere Veranlassung auf einen Arm Julchens und weinte vor Freude. Er kam sich vor, wie das elendeste Geschöpf auf Erden, das vom herrlichsten Weibe geliebt wird. Und als der kleine Krüppel, die Augen so demütig zu Boden gesenkt, gekrümmt vor ihr stand, konnte die Vengerka nicht umhin, sich selbst zu bedauern. Sollte sie ihr ganzes Leben an der Seite dieses Buckligen mit den krankhaft flackernden Augen und unverhältnismäßig langen Beinen zubringen? Sie, die liederliche, unsittliche Vengerka, das Kind frommer Juden, sollte für immer hier, auf dem Boden der Feinde, der Peiniger, der Andersgläubigen bleiben? War denn das möglich? Wozu denn? Um noch mehr Geld zu haben? Hatte sie doch, wenn sie mit ihren Kleidern, ihrem Geschmeide in die Heimat zurückkehrte, genug, um bis an ihr Lebensende sorglos zu leben. Was sollte aber dann aus dieser Menschenruine werden? Julchen war empfindsam und ehrlich und eines Betruges unfähig, und sie erinnerte sich ihres der alten Fürstin gegebenen Versprechens. Gut, sie würde nach Hause fahren, um von ihrer Familie Abschied zu nehmen. Für einen Monat verließ sie Moskau und ganz Rußland. Der Fürst würde inzwischen in der Krim bleiben und sich zur Hochzeit vorbereiten. Jetzt aber begleitete er sie bis Warschau. Kisten, Koffer, Hutschachteln -- zwei Kraftwagen trugen Julchens Gepäck zur Bahn. Unterwegs fühlte sie den Blick der Leute auf sich geheftet. Sie drehten sich nach ihnen um und tuschelten. Sie verglichen ihre Schönheit mit der Jammergestalt des Buckligen. Als hätte sie gehört, wie die Leute sagten: es sei schade um sie. Was hätten die Leute vollends gesagt, wenn sie die beiden in den Augenblicken der Liebe gesehen haben würden? Wenn die Zerrlinien, der Kleider entledigt, sichtbar werden, wenn das seidene Nachtgewand die Spitze der Vogelbrust hervortreten läßt ... Der Fürst stand auf dem Perron des Wenski Wagsal und winkte mit dem Linnen; jeder suchte mit den Augen die Person, von der er sich verabschiedete, und als der Zug die Glashalle verließ, atmete Julchen erleichtert auf. Die Welt stand ihr wieder offen, sie erfreute sich wieder der Luft, der Sonne ... Ach, wie wohl wäre ihr, wenn sie nie mehr zurückkommen müßte! Wie flehentlich hatte Wladimir sie gebeten, ihn mitzunehmen. Er wollte die Frau sehen, die Julchen geboren, die Stadt kennen lernen, in der sie aufwuchs. Sie möge es doch gestatten! Aber Julchen Rubinvejer blieb unbeugsam. Ihren Angehörigen in Ungarn erschien ihr Leben in Rußland wie ein Traum, wie ein blendendes Trugbild. Die Mädchen, die manchmal in die Heimat zurückkehrten, sprechen nur von ihrem Glück, von ihrem großen Vermögen; wenn aber Wladimir neben ihr erschien, würde man sie noch mehr bedauern als ihn, weil sie sich ihm hingeben mußte, weil sie ihm und nur ihm angehörte. Nein, es war besser, wenn ihn niemand daheim sah, er sollte der in der Ferne lebende Fürst mit dem goldenen Palast und der Diamantenkrone bleiben. Der Zug setzte seine Fahrt fort; es kamen die kleinen, mit Gartenanlagen verzierten Stationen, vor denen die Herbstrosen und Dahlien noch blühten; vor den Zäunen standen mit Ledergamaschen und Pelzrock bekleidete Männer. In Miskolcz kam schon das ungarische Blatt »Az Est« in den Abteil ... Sie war in der Heimat ... Noch ein bis zwei Stunden und sie würde nach so vielen Jahren wieder im Elternhause sein. Ihre Schwäger kannte sie gar nicht, nur nach den Lichtbildern. Die Schwestern hatten schon Kinder, von denen sie nichts wußte. Sie sind anständige, ordentliche Bürgersfrauen ... dank dem Gelde, das Julchen ihnen gesandt ... Sie aber war eine Verigerka ... und wenn sie gleich Fürstin sein würde ... eine Vengerka, die ihr Glück gemacht hat. Der Abend war da; längs des Geleises wurden die kleinen Signallampen aus Milchglas immer häufiger, die roten oder grünen Augen der Semaphoren blickten in die Abteile, mitunter drangen die starken Lichtgarben einer großen Bogenlampe herein; dann kamen wiederum Äcker, schüttere Wälder und endlich, ohne jeden Übergang, eine sechs Stock hohe Riesenmauer, Mörtelverzierungen, Hunderte kleiner Lämpchen, dort auf einer Brücke ein gelber elektrischer Wagen, das Dröhnen des Zuges wurde immer stärker und schärfer, die Häuser immer dichter, das Geleise voller Lampen, der Schaffner rief: Budapest! Sie hüllte sich in ihren Mantel. Die Leute strömten auf den Korridor, sie standen dicht nebeneinander, die Türen wurden aufgerissen, Träger erschienen in weißen und blauen Leinwandkitteln, Rufe ertönten: Träger! Träger! Julchen stand am Fenster ... Unten lief ein kleiner, untersetzter Mann ihr entgegen, dort wartete eine Frau, umgeben von drei anderen ... auf dem Kopfe trugen sie ganze Federnhandlungen. Schreie, ein Herumstoßen und Drängen ... Jetzt war sie unten. Der kleine Mann warf sich in ihre Arme und drückte nach Tabak duftende, wässerige Küsse auf ihre Wangen. Es war ihr Vater ... »Julchen! Mein Julchen!« schrie die Mutter deutsch. »Endlich einmal!« Die Schwestern scharten sich um sie und bewunderten ihr Kleid, ihren Hut. Sie sagten nichts, aber instinktiv fühlten sie, wie sehr die Eleganz der Schwester von der ihrigen abstach. Sie trugen Hüte der Madame Charlotte, Mlle. Marguerite und Mlle. Caroline, »Kreationen« der Budapester Modefirmen, wehende, breite Federn, verbrämtes Pelzwerk, während Julchen einfach und fein, mit gewähltem Geschmack gekleidet war. Von dem Schuhwerk bis zum Hutschleier war alles französisch an ihr, das geschmackvollste Französisch vom reichsten Russen bezahlt. Die Herren Schwäger waren schon verschwunden. Papa Schwarz entriß der Tochter die Gepäckscheine, und die Schwäger gingen, das Gepäck zu holen. Vom Anblick der vielen Koffer und Schachteln waren sie ganz betäubt. Julchen nahm mit Papa und Mama in einem Fiaker Platz. Beide bestürmten die Tochter: »Wirklich, ich habe dich kaum erkannt ...« »Wie schaut der Kreml aus?« »Die Kinder sind glücklich ... Unberufen ... Sie haben alles dir zu verdanken!« »Du mußt einen feinen Kopf haben ...« Lächelnd hörte Julchen ihnen zu, sie sprach kaum ein Wort. Sie freute sich des Wiedersehens, obwohl ihr alles so fremd schien! ... — — — — — — Mein Gott, in der Révay-Gasse hat sich nichts geändert. Der Portier des Nachtlokals »Folies Caprice« ist zwar ein wenig gealtert, aber er sieht doch so aus wie früher. Sie hätte ihn beinahe gefragt, ob er sich ihrer erinnere. Plötzlich lebten in ihrem Gedächtnis alle auf, die sie an dieser Stätte vor acht bis neun Jahren gesehen. Sie war mit einem ihrer Schwäger, dem Journalisten, der Reporter eines Abendblattes war, in das Tanzlokal »Casino de Paris« gekommen, um zu sehen, was aus Budapest geworden sei. Ihre Schwester Röschen, die Frau des Journalisten, kam natürlich mit. Lantos , der liebenswürdige, stets heitere, aufmerksame Geschäftsführer des Kasinos hatte bereits ihre Anwesenheit in Budapest erfahren und empfing sie mit den einer Fürstin gebührenden Ehren. Er wollte ihr einen Tisch in der ersten Reihe anweisen, doch Julchen ging lieber in eine Seitenloge. Patat , der Kapellmeister, saß vor dem Marterkasten und arbeitete mit gewohntem Phlegma drauf los, der Flötist, der Violinist und der Paukenschläger begleiteten mit gelangweilter Miene, die dicke Blondine, die, auf der Bühne vor dem Souffleurkasten dastehend, mit erkünsteltem Wonnegefühl im Gesicht, einen türkischen Bauchtanz aufführte und dazu den Kehrreim sang: »Ach, wie leid' ich von den Wanzen, Mit dem Bauche möcht' ich tanzen.« Der Saal war überfüllt. Als Julchen nach Rußland ging, war sie in Budapest noch wenig bekannt; sie ging aus der Tanzschule sozusagen direkt zur Madame Amélie. Indes kannte sie einzelne Gäste von früher her. Dort saß der reiche kahlköpfige Produktenhändler Bárdos mit den nämlichen Leopoldastädter Jungen, die schon vor Jahren seine Begleiter waren. Sogar jener Schriftsteller -- wie hieß er nur? -- ja, Tardosy ... ist in ihrer Gesellschaft. Bei dem anderen Tische sitzt der kleine Doktor, der Spaßmacher. Wie der Klavier spielt, wie er die Leute unterhalten kann! Der Journalist gab ihr die nötigen Erläuterungen: Der befrackte, schweigsame Herr mit dem rötlichen Gesichte ist der reichste Teppichhändler Ungarns. Sein Geschäft ist Millionen wert. Er ist zum Sterben in das Mädchen verliebt, das neben ihm sitzt, er überhäuft sie mit Diamanten und Perlen. Er hat in der Nähe von Budapest ein kleines Schloß, und sie pflegen Autofahrten dahin zu machen. Sie war ehedem Büfettfräulein und hält sich jetzt für eine Gräfin. Sie heißt denn auch Gräfin Nelly. Mit den anderen Mädchen verkehrt sie nicht mehr, sie hat die schönste Karriere dieser Welt gemacht. Der reiche Hauer -- so heißt ihr Freund -- wird sie auch heiraten. Julchen erschauerte. Das ist sie; in Moskau heißt sie Julie Rubinvejer, in Budapest Gräfin Nelly. In Moskau heißt der Freund Fürst Wladimir, hier der reiche Hauer. Doch ist Gräfin Nelly viel besser daran als sie, denn der Wladimir der Nelly ist ein stattlicher Mann mit geraden Gliedern, mit dem sie sich zeigen kann, während ihr Wladimir ... Sie schloß die Augen; die zahlreichen winzigen elektrischen Lichter des Saales verwandelten sich hinter ihren geschlossenen Augenlidern zu glitzernden Pünktchen, dann zu rosaroten Flecken, die sich in Ringelchen fortbewegten; aus der Ferne aber starrten zwei flackernde Augen aus einem bleichen Gesichte ihr entgegen. Nein, sie durfte nicht mehr zurückkehren! Der unermüdliche Schwager fuhr fort: »Siehst du, die Herren, die jetzt eintraten, sind Schriftsteller und Zeitungsschreiber. Der kleine Mann mit dem geschorenen Schnurrbart im grauen Anzug ist der derzeit angesehenste Redakteur in Budapest. Kommt er in das Casino de Paris, so folgt ihm der ganze Schwarm da, der von ihm lebt. Zu allem gehört nur Glück.« Er begrüßte den Eintretenden mit gesuchter Höflichkeit: »Ergebenster Diener, Herr Redakteur!« Die Journalisten erkannten Julchen sofort. Einige Augenblicke fixierten sie das Mädchen scharf, dann sprachen sie das Urteil: »Sie ist alt!« Das ist das höchste Lob. Es bezieht sich nicht auf das Lebensalter, sondern auf die im Leben errungene Position, auf die Erfolge, auf das Geld, auf die äußere Erscheinung. Je älter etwas ist, desto teurer, feiner, wertvoller ist es. »Ihr Kleid ist echt russisch!« meinte ein kleiner Krummnasiger, der stets eine gelangweilte Miene zur Schau trug. »Das bringt Pest nicht fertig.« »Sie hat ein feines Steinchen in den Ohren!« bemerkte der kluge Aurel. Lantos sprang plötzlich, wie auf einen Wink, herbei, begrüßte die Gäste und sicherte ihnen den besten Tisch an der besten Stelle. Julchen blickte gelangweilt um sich. Auf der Bühne erschien Oterita, ein kleines Judenmädchen. Sie kannte sie gut, das war die Fanny Drucker. Sie hatte einen kleinen Bolero einstudiert und war jetzt spanische Tänzerin. Und die Sängerinnen? Sie trugen abgeleierte Gassenhauer vor und gingen dann unter allgemeiner Teilnahmslosigkeit ab. Lauter Primitivität, Armut, platteste Alltäglichkeit. Was war das alles im Vergleich zu dem prächtigen Glanze der Yard, zum Orchester Jurakowskys, zum großen russischen Reichtum und zum Rubelstrom? Wie ganz anders war der zechende Russe geartet, als diese paar hundert zusammengewürfelte Menschen. Kaum ein, zwei Tische, wo Leute saßen, die etwas zu bedeuten hatten, die anderen waren lauter Nullen. Schnaubende, dicke Provinzler, einige Offiziere, die einen billigen »gespritzten« Wein trinken und gähnende, blasierte, geckenhafte Judenjungen. Nun folgt die zweite Hälfte des Programms, die ausländischen Attraktionen. Endlich wirkliche Spanierinnen: die drei Aquileras . Im nämlichen Augenblick traten einige Aristokraten in den Saal. Welch geschäftiges Treiben da entsteht! Die Kellner treten beinahe einander nieder, jeder will der erste sein, der die Herrschaften bedient. Ein merkwürdiges Lokal das, wo jeder den besten Tisch bekommt. Ein wilder, sinnlicher Tanz wurde auf der Bühne ausgeführt; die flaue Stimmung war mit einem Male zerstoben, die drei Spanierinnen peitschten das Blut auf, besonders die mittlere. Sie stand in kecker, herausfordernder Haltung auf der Bühne, warf den Kopf hoch, preßte die obere Zahnreihe an die Unterlippe und warf unter dem breitkrämpigen grauen Hute glühende Blicke auf die Zuschauer. Sie stand auf einem Fleck, nur ihre Hüften bewegten sich nach dem Rhythmus der Musik, sie zucken auf und ab gleich den Muskeln der sich dahinwälzenden Schlange, den Kopf dreht sie von rechts nach links und von links nach rechts, langsam, die Aufmerksamkeit bannend. Lantos rieb sich die Hände, als wäre die Wirkung des Tanzes sein Verdienst. Nun blieb der Blick der Spanierin an dem schönen, bleichen Grafen haften, dem sie frech in die Augen schaute. »Schau nur,« flüsterte der Reporter, »der Graf ist jeden Abend da, er betet sie wahnsinnig an und gibt Hunderttausende für sie aus. Sein Vater will ihn unter Kuratel stellen. Ganz Pest spricht davon ...« Jetzt stampfte die spanische Pantherin blitzschnell mit beiden Füßen auf die Bühne, schleuderte Hut und Schultertuch weit weg, sauste gleich einem Wirbelwind dahin, streute Blumen herum, drehte und wand sich. Das »Brettl« zitterte unter ihren kleinen Füßen, unter den Röcken blitzten neckisch die vollen Beine hervor; jetzt warf sie gleich einem stolzen, feurigen Rosse das Haupt empor; in ihren Augen, in den Mienen lag ein verblüffender Trotz, ja Schmerz, ihre Augen sprühten Funken, ihre Nasenflügel erweiterten sich, und ihre Beine stampften noch einmal nach dem befeuernden Rhythmus der Musik auf den Boden ... olé! Der Graf war bleich und erschöpft. Julchen betrachtete ihn, nicht die Tänzerin. Er war ein hochgewachsener, eleganter Junge, das runde Gesicht glatt rasiert, das braune Haar in der Mitte fein säuberlich gescheitelt ... ein prächtiger Mann! Das Publikum applaudierte rasend, es wollte die Spanierinnen von neuem sehen, allein die Bühne verfinsterte sich und ein vom Reflektor geworfener grüner Schein ergoß sich über den Raum: es folgte die Nummer einer fast nackenden indischen Bauchtänzerin ... Die Grafen entfernten sich. Der hochgewachsene, schlanke Junge trug eine brennende, blutige Liebe im Herzen fort. Auch Julchen erhob sich. Der Parkett-Tanz interessierte sie nicht. Sie beneidete die spanische Tänzerin um ihren Grafen. Als sie hinausging, wurde sie von den zwischen den Tischen herumlungernden armen, in Seidenfetzen gehüllten Mädchen bewundert. Sie hatte einen weitverbreiteten Ruf, in den Ohren Brillanten, am Halse echte Perlen und hinter sich das Reich der Phantasie: das geheimnisvolle Rußland. Voll bewundernder Hochachtung reichte ihr der Garderobier ihren Fuchspelz. Unten verabschiedete sie sich von der Schwester und dem Schwager. Sie war schlechter Laune und ganz verzagt; sie wollte allein nach Hause gehen. Sie blieb nicht bei der Mutter, sondern ging noch am Morgen in das Hotel Hungaria, wo sie eine Wohnung mietete. In einem Auto fuhr sie nach dem Hotel. Zu Hause fand sie ein Telegramm vor; es wurde in Minsk aufgegeben und war gewiß von Wladimir. Sie getraute sich nicht, die Depesche zu öffnen. Enthält sie einen Gefühlserguß, so war sie ihr zuwider; aber es wäre noch ärger, wenn er die Absicht hätte, ihr nachzureisen. Wie mochte ihm zumute gewesen sein, als der Zug mit seiner teuren Last den Warschauer Bahnhof verließ? Ganz Rußland wurde in dem Augenblick öde und verlassen für ihn; sein zerstörtes, sieches Nervensystem gaukelte ihm Fieberphantasien vor, und der einzige feste Punkt, nach dem sein Leben sich richtete, verschwand vor ihm. Er lungerte in Warschau zwei Tage ziellos herum, ging in den Aristokratenklub, wo er sich unendlich langweilte; er nahm den Eisenbahnkurier zur Hand und betrachtete die schwarze Linie, welche das Geleise andeutete, die Stationen ... Welch sonderbare Namen ... Munkács ... Sátoraljaujhely ... Szolnok ... Aszód ... da krampfte sich in ihm das Herz zusammen und begann wild zu pochen ... Budapest. Sie ist eingetroffen ... Denkt sie an ihn? Seine Augen füllten sich mit Tränen, und um Ablenkung zu finden, fuhr er mit der Bahn nach Moskau zurück. Die Schaffner leisteten ihm stramm die Ehrenbezeigung; die Stationen flogen vorbei. Bei Bjelostok und Slonim trat er an das Fenster und starrte hinaus; ein wüster Lärm, eine wirbelnde Menge ... er starrte hinaus, sah aber nichts ... Es ist ja unmöglich, einen Monat lang ohne sie zu leben ... Er wollte einen Separatzug haben und ihr nachreisen ... Der Zug traf in Minsk ein, wo er ausstieg und die Depesche aufgab. Er kam in der Station Brest an, von wo er zuerst auf die Post und dann in das Grand Hotel fuhr. Er empfand einen Ekel vor der schmutzigen Stadt, vor den in den Straßen wimmelnden Juden, vor der geräuschvollen und überfüllten Gakharyewskaja mit dem Lärm und Treiben des Ghetto. Dem Portier befahl er, dafür zu sorgen, daß er ungestört bleibe, es wäre denn, daß eine Depesche für ihn einträfe. Er schloß sich in sein Zimmer ein und wartete mit einer Spannung, daß ihm die Stirnadern anschwollen. Julchen Rubinvejer hatte die Depesche gar nicht geöffnet. Wozu auch? Was immer sie auch enthalten möge, es interessiert sie nicht, ja es widert sie an. Sie stellte sich in dem elektrisch beleuchteten Zimmer vor den Stehspiegel, wie immer, wenn sie nach Hause kam. Mit traurigen Augen maß sie ihre Gestalt. Die Depesche entglitt ihren Händen und fiel zu Boden. ... Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und ein trauriges Lächeln spielte um ihre Lippen, denn sie liebte ihre schlanke, plastische Gestalt, ihre Füße mit den feinen Knöcheln ... sie war schön. »Aber für wen bin ich denn schön? warum? ...« und mit diesem Gedanken trat sie an das Fenster. Ihr kostbarer Pelz, der ein Vermögen wert war, fiel hinter ihr auf den Teppich nieder: ein Seidenfleck von den weiten Schneefeldern Alaskas. Die Nacht war grau und nebelig. Die Umrisse der beiden Donauufer verloren sich im Nebel; die Ofener Seite erschien als formlose schwarze Masse; die Lampen malten schmutzig-gelbe Strähne in die feuchte Atmosphäre. Tiefe Stille herrschte, die Stille der Nacht und der Einkehr. Die Stille der Tränen, die ungerufen, mit schmerzlicher Linderung aus den Augen tröpfeln, über das Gesicht fließen, während die Hand, die sie trocknen könnte, unbeweglich, schlaff bleibt ... wie das Gehirn, das sie lenken sollte. ... Fürstin Wladimir! Seine Geliebte, seine ausgehaltene Freundin konnte sie sein, denn das ist eine Laufbahn, eine Beschäftigung, ein Leben. Dabei konnte sie ihn nach ihrem Belieben verabscheuen. Sie bekam von ihm Geld und leistete ihm dafür Gegendienste, das war nicht demütigend und nicht zur Verzweiflung treibend. Die Geliebte hat keine Pflichten, sie hat keine Lasten zu ertragen, sie lebt für sich, sendet Geld nach Hause, hat niemandem Rechenschaft abzulegen; wenn ihr Eigentümer, ihr Herr weggeht, öffnet sie das Fenster, um die Luft der letzten, in seiner Gesellschaft zugebrachten halben Stunden gegen frische Luft umzutauschen, in der sie dann weiterleben kann ... Was sollte sie jetzt hier beginnen, was während eines ganzen Monates machen? Sich ihrer Eltern, Schwestern, des Casino de Paris freuen? Nein, das konnte sie nicht. Alles kam ihr hier so kleinlich, so ekelhaft vor. Sollte sie ihre Toiletten, ihr Geschmeide zur Schau tragen? Für wen und wozu denn? War sie denn gekommen, um von allen Abschied zu nehmen? Das lohnte sich wahrlich nicht. Als sie von zu Hause fortging, ließ man sie leichten Herzens ziehen. Gott sei Dank, da haben wir nun ein Mädel weniger zu Hause! dachte sich ihr Vater. Hätte sie ihr Leben so fristen müssen wie die anderen Vengerkas, so würde kein Hahn nach ihr krähen. Papa Schwarz würde weiter bei dem Fleckenputzer gearbeitet haben, und von ihr würde man gar nicht sprechen ... Sie war eben in Rußland verkommen! ... Vielleicht wären auch ihre Schwestern schon draußen. The four sisters Károlyi! Von dieser Sippschaft sollte sie Abschied nehmen? Das verlohnte sich nicht. Mit Geld und mit Diamanten würde sie in den Herzen der Eltern den Raum ausfüllen, wo bei anderen die Gefühle hausen. Ihre Schwestern zankten sich wegen der Pelze, Hüte und Kleider. Sie lächelte. Wie könnten sie denn auf den in die Breite gegangenen Hüften ihre Kleider tragen? Nein, sie mußte je eher je besser wieder fort von hier. Aber wohin denn? Zurück zu Wladimir? Das auch nicht. Soll sie seine Frau werden? Für ewig mit ihm eingesperrt sein, eine Sklavin seines Buckels, seiner schiefen Schultern, seiner Vogelbeine? Pfui, welcher Ekel! Das kann sie nicht. Und doch hatte sie es ihm versprochen. Sie hatte ihr Wort gegeben und auch ein Unterpfand dafür angenommen: eine Perlenreihe, die Hunderttausende wert war. Julie Rubinvejer wird niemanden betrügen, auch Wladimir nicht, aber sie wird doch nicht seine Frau werden. Sie wird dies irgendwie in vornehm-stiller Weise erledigen. Weder hier im Kreise ihrer Familie, noch bei dem Fürsten Wladimir konnte sie froh werden. Hier war alles so betrübend, dort so gemein. Sie muß irgendwie verschwinden, um mit beiden nichts mehr zu schaffen zu haben. Sie wandte sich vom Fenster ab, allein im Innern trug sie allen Nebel und die ganze Feuchtigkeit der traurigen Nacht weiter. Sie begann, ihr Reisegepäck zu ordnen, legte alle ihre Juwelen und Kostbarkeiten, ihre kleine, mit Diamanten besetzte Zigarettendose, ihr Sparkassenbuch, ihren »travellers check« in ihre kleine Handtasche, die sie schloß. Den Schlüssel verwahrte sie in einem an ihren Vater adressierten Briefumschlage. Dann läutete sie. Nach langem Warten klopfte ein schläfriger Zimmerkellner an die Tür. »Ich werde lange schlafen; diesen Brief stellen Sie morgen um zwölf Uhr mittags dem Adressaten zu.« Sie gab dem Kellner zwei Kronen. Die vorsorgliche und vorsichtige Julie Schwarz wollte vermeiden, daß das Personal irgend etwas entwende. Dann begann sie sich auszukleiden. Zu Ehren des letzten, des größten Festes ließ sie alle Lichter im Zimmer brennen: den Armleuchter oberhalb des Waschtisches, den großen Kronleuchter, den Armleuchter über dem Spiegel, das Lämpchen auf dem Schreibtische und die Lampe des Nachtkästchens. Langsam nestelte sie ihr Kleid auf; das feine, durchscheinende Gewebe ihrer Wäsche kam zum Vorschein, sie entledigte sich der Ärmel und das Kleid fiel knisternd, ihr rosafarbiges Seidenleibchen raschelnd zu Boden. Gerührt, mit liebevoller Zärtlichkeit und heimlichem Ergötzen betrachtete sie sich. Welch feine, weiche Linien! Sie trug keinen Unterrock, sondern ein Seidentrikot und darüber ein Hemdchen. Sie lächelte bei der Erinnerung, wie sie ein Dutzend solcher Hemden bei Berin in der Ulitza Gogolyo bestellt hatte. Sie öffnete auch die Achselbänder, und das Hemdchen fiel gleich einem Blumenkelch auf das Kleid. Wie die Amerikanerinnen und Engländerinnen trug sie ihr Mieder unter dem Hemde, über einem kleinen Seidentrikot. Nun stand sie ganz entblößt da. Sie löste ihre schwarzen Haare, deren Glanz jenem des Stahles ähnelte, und betrachtete ihren schönen, wohlgepflegten Leib, wobei ihre Augenlider zitterten und ihre Lippen zuckten. Wie schön sie war; die Hüften, die Schenkel waren voll, doch nicht dick, die Knöchel dünn und fein. Die Schuhe legte sie nicht ab, ihre Füße waren so viel schöner. Noch einmal prüfte sie sich von den Zehen bis zum Scheitel. Wie jugendlich voll und klein ihre Brüste sind. ... Adieu, adieu, ma chere amie!« ... flüsterte sie. »Schöner und jünger wirst du nimmer.« In heiterer Stimmung, federleicht trat sie aus ihrer Seiden- und Spitzenhülle; sodann schlüpfte sie rasch in ein mit Bändern geschmücktes, noch nicht zerknülltes Nachthemd und holte aus ihrem Necessaire ein Fläschchen hervor. Es enthielt Opium, das sie gegen Kopfweh zu benutzen pflegte. Sie stieß einen Seufzer unendlicher Erleichterung aus, setzte das Fläschchen an die Lippen, stieß die Schuhe ab und legte sich, nur mit den Strümpfen und dem Nachthemd angetan, in das Bett. Die Lampen verbreiteten ein glänzendes Licht, doch sie scherte sich nicht darum. Julchen Rubinvejer schlief ein. Die nicht geöffnete Depesche blieb für immer unbeantwortet. IX. In der Kazansko-Kathedrale zu St. Petersburg, wo Kutusow kniete, bevor er seine Heere im Jahre 1812 gegen Napoleon führte, war die Großmutter des Fürsten Wladimir vor der wundertätigen heiligen Jungfrau von Kazan in frommes Gebet versunken, als die Nachricht vom Selbstmorde Julchens eintraf. Die heilige Jungfrau hatte diesmal wirklich ein Wunder gewirkt, das nicht bloß darin bestand, daß sie Julchen Rubinvejer aus der Reihe der Lebenden abberufen hatte, sondern auch darin, daß der Fürst Wladimir sich die Sache nicht allzusehr zu Herzen genommen hatte. Nach jener glühenden, zuckenden, krankhaften, selbstquälerischen Liebe wäre auch ihm nichts anderes als der Selbstmord übrig geblieben, indes blieb der Fürst Wladimir merkwürdigerweise ruhig und kaltblütig. Solange Julchen lebte, da war, atmete, solange ihre Schönheit glänzte und die Leute betäubte, solange sie einem andern hätte angehören können , war der verkrüppelte Körper, die bucklige Seele, das Zerrbild eines Mannes ihr in blinder Leidenschaft ergeben. Er zitterte davor, daß man sie ihm entreißen, ihn verhöhnen, ihn gar nicht für einen Mann ansehen könnte. Seine Leidenschaft, sein Fieber, seine Hysterie war eigentlich nur eine Selbstverteidigung. Jetzt, da Julchen niemandem mehr angehören konnte, interessierte sie ihn nicht mehr. Die fortwährende Hetze, in die er selbst sich hineintrieb, hatte nunmehr aufgehört; die Gefangene verschwand für immer und der Wächter hatte somit nichts mehr zu tun. Er atmete auf und ging in die weite Welt hinaus; in Petersburg und Moskau war es schon kalt, er reiste daher an die Riviera. Aber die Mädchen, die Mädel, die Vengerkas! Wie es da zuging, als die ungarische Zeitung im Café Metropole eintraf! Die Leute wußten sich nicht zu erklären, was da vorging. Die dreißig, vierzig Mädel, die am Nachmittag hinkamen, ließen den Wiener Kaffee, die Gesellschaft, alles im Stich, und Irene mußte die Nachricht laut vorlesen, damit alle sie vernahmen. »Sie ist toll geworden; es ging ihr eben zu gut!« meinte Manci, als Irene die Stelle vorlas, daß ihr Geschmeide allein mehr als dreihunderttausend Kronen wert sei. »Na, Mädel, da wird's einen Zustrom von Ungarinnen geben! Jede Pester Hausmeisterstochter wird nach Rußland laufen ...« »Bald wird eine die andere nicht leben lassen!« Sie wußten sich den Selbstmord Julchens nicht zu erklären. Was kann sie denn noch mehr gewünscht haben? Reicher, glücklicher kann doch keine sein. Daß der Fürst kein Adonis war? Nun und dann? Es wäre ihr ja ein leichtes gewesen, neben ihm einen andern zu bekommen. Am Abend drehte sich das Gespräch des Chors in der Yard, nach dem Abendbrot, ausschließlich um Julchen. Jede wußte etwas über sie zu sagen. »Einmal hatte ich kein Geld ... die Lolita benötigte ein Kleid!« erzählte Karoline. »Ich suchte sie auf und nach den ersten Worten gab sie mir Geld ...« Therese lauschte stumm den vielen Erzählungen. Sie konnte sich den Fall so wenig wie die übrigen erklären. Die Arme hatte ja keine einzige Zeile hinterlassen. Amélie ging nervös auf und ab. »Sie ist toll geworden, denn sie hatte Hunderttausende und reichen Schmuck ... Dagegen müssen wir hier ein kümmerliches Dasein fristen ... Man hängt sich mir an den Hals, anstatt meine Lage zu erleichtern.« Dies galt der Therese; am Nachmittag gab es einen großen Streit zwischen den beiden. Irene kam spät nach Hause, und kaum schlief sie ein, stand Therese auf, wobei Irene aus dem Schlafe erwachte. Die beiden Mädchen gerieten in Streit und wurden beinahe handgemein. Auf das Gekreisch rannte Amélie herein und ergriff natürlich Irenens Partei. »Das Fräulein ist eine Tagediebin, ich habe gar nichts von ihr!« herrschte sie Therese an. »Schauen Sie sich nach einem andern Quartier um. Seit Monaten habe ich Sie auf dem Halse und Sie haben den Chor noch kaum sechsmal blasen lassen. Ja, essen, das können Sie, die Gage beheben auch, die Wohnung gefällt ihr, aber arbeiten ... arbeiten sollen die anderen! Dabei trägt sie noch die Nase hoch ... Die Jungfrau! ... die Jungfrau! ... Eine Verachtung von bodenloser Tiefe saß in ihren Mienen, als sie das Wort aussprach. Ruhig und gelassen antwortete Therese: »Na, auf diese Wohnung, diese Kost dürfen Sie nicht sehr stolz sein.« »Wozu essen Sie denn bei mir, warum wohnen Sie nicht lieber in der Eremitage? ... Ich blicke Ihnen in die Nieren. ... Ich sehe, daß Sie Ihr Geld dem Lumpen von einem Griechen zustecken, damit Sie zur Solistin werden und mich dann auslachen, mich, der Sie dafür danken sollten, daß Sie leben. Aber ich werde nicht zugeben, daß man mein Blut aussauge und dann mich auslache ...« Sie warf die kleine Glastür so heftig zu, daß das ganze Haus erzitterte. Und als sie sich in den Streit einmengte, war dies nur eine Fortsetzung des nachmittägigen Wortwechsels. Das Geschäft in der Yard ging seit einigen Tagen, man wußte nicht warum, nicht so gut. Sudakow war nervös und schlecht gelaunt. »Die Mädel sind schon zu alt, ganz Moskau kennt sie!« sagte er der Madame Amélie in tadelndem Tone. »Wir brauchen frisches Blut ... schöne, junge, lustige Kinder ...« Und insgeheim ließ er den Blick über die Mädchen schweifen. Er stand prüfend da, als die Mädchen nach dem Gesang aus dem Theatersaal strömten. Auch Lolita stand da in Erwartung der Mutter. Heute gingen sie nicht gleich nach Hause, denn es war von Julchen die Rede und Karoline wollte das Gespräch anhören. Sudakows Blick blieb an dem wohlgeformten, hübschen Kinde haften. »Warum ist sie nicht im Kostüm? Wen erwartet sie?« frug er. Dann richtete er an sie die Frage: »Hast du keine Lust zum Gesang und zum Tanz?« Lolita errötete. Gewiß hätte sie Lust dazu gehabt, war sie doch jeden Abend da; sie liebte diesen Lärm, die Musik, die schönen Kleider. Aber die Mutter gestattete ihr nicht, über diese Dinge auch nur zu reden. Als wohlerzogenes Kind antwortete sie leise: »Mama gestattet es nicht.« Sudakow brach in ein Gelächter aus: »Was? die Mama? Ein vierzehnjähriges Mädel hat keine Mama mehr. Es fragt sich nur, ob es dir gefällt! Du bist schön und jung ... in dir steckt Geld! man muß es bloß aus dir herauskitzeln!« Karoline kam bei diesen Worten hinzu. »Nun, Mama?« frug Sudakow, wobei er sich vor Lachen schüttelte, Mama, wann werden wir dieses nette Hühnchen für gutes Geld verkaufen? Man braucht sich nur umzusehen, feine Käufer finden sich schon.« Eine Blutwelle stieg Karoline ins Gesicht. Sie war keiner Antwort fähig, ihr war, als hätte man ihr vor den Kopf gestoßen. Zuerst kochte es in ihr, dann hatte sie Schüttelfrost, ihre Lippen wurden bläulich. Sie wußte nicht, ob sie dem Direktor das Gesicht zerkratzen oder ihn anspeien sollte. Sie atmete schwer, hatte einen Erstickungsanfall und hysterische Krämpfe. Da fiel ihr mit einem Male das richtige Wort ein und sie schleuderte die schmählichsten, gemeinsten russischen Insulten Sudakow ins Gesicht: »Ti szvolotsch! Ti szvolotsch! Du Schmutz! Du Unrat!« Sie kreischte, sie brüllte, alle Wut der Mutterliebe, die verzweifelte Abwehr der um ihr Kind besorgten Mutter machte sich da Luft. Wie, von ihrem Kinde wagte der Schuft in einem solchen Tone zu sprechen? Von ihrem Kinde, das die Schule der frommen Schwestern besuchte, für das sie sich in dieser Kneipe plagte? Sie fürchtete zwar schon seit Jahren diese Entwicklung der Dinge, doch wies sie den Gedanken stets entsetzt von sich. Plötzlich waren sie von allen Leuten umringt. Die Vengerkas, die Zigeuner, die Kleinrussen standen um sie herum und in der Mitte des Ringes der Direktor, hochrot im Gesichte, ob des plötzlichen Wutausbruches der Vengerka ganz betroffen. Er war darauf nicht gefaßt. Er wollte bloß scherzen, und diese Wahnsinnige da? ... Er konnte die Sache kaum begreifen. Er war derart verblüfft, daß er sich kaum fassen konnte; dann aber erfaßte ihn die Wut darüber, daß eine Vengerka es gewagt, ihn, ihn , den Direktor der Yard, den Herrn und Gebieter eines aus vierhundert Menschen bestehenden Personals, so zu beleidigen. Ihn , der mit Großfürsten verkehrt, der so zu Moskau gehörte, wie etwa der Kreml, beleidigt eine Hergelaufene ... eine Vengerka. Aber das war noch nicht genug. Die vor Wut fassungslose Furie spie ihm auf die Brust, auf die Diamantknöpfe und zischte dabei: »Ti palatzor ... Du Zimmerreiniger ...« Da wurde auch er von Wut erfaßt und schrie mit heiserer Stimme: »Ti stari pleaty! Von at suda! Packe dich, alte Vettel!« Er wollte ihr an den Leib, wurde jedoch vom Proswoditl und einem Polizeioffizier zurückgehalten. »Marsch, marsch!« schrie er, »du mußt augenblicklich fort mitsamt dem ganzen Vengerski-Chor. Keine darf dableiben, ich will die Bande nicht mehr sehen. Madame Amélie, Madame Lencsi, hinaus, sofort hinaus! Tschortwasni. Hol' euch alle der Teufel.« »Aber Herr Direktor, Herr Direktor«, jammerte Amélie. »Mein Gott, mein Gott, was muß ich wegen dieser Bestien leiden! ...« Und schwere Tränen rollten über ihr geschminktes Gesicht. Der Direktor hörte sie gar nicht und schrie immerfort mit heiser werdender Stimme: »Von at suda! Packt euch, packt euch!« Zu so früher Stunde hat der Vengerski-Chor das Lokal noch nie verlassen. Im Rock, Hut und in Gummischuhen standen sie vor der Yard. Jetzt begann erst das Leben und Treiben, das feinere Publikum kam erst jetzt an und begriff nicht, warum die vielen geschminkten Mädel mit den verblühten Gesichtern vor dem Lokal herumstanden. Sie eilten in die Wohnung der Amélie, nur Karoline war nicht unter ihnen. Nach dem Wutausbruch weinte sie still vor sich hin, nahm Lolita bei dem Arm und ging mit ihr nach Hause, wo es Schulbücher gab und Heiligenbilder, die das Kind von den frommen Schwestern bekommen hatte. Die anderen Mädchen sammelten sich in dem berühmten Speisezimmer der Amélie. Dunyasa und die Köchin staunten über die nächtlichen Eindringlinge. Amélie war außer sich, während die Mädel die Lage von der heiteren Seite auffaßten. »Rufen wir jemanden von der Straße herein, der soll den Chor blasen lassen!« rief Manci mit lautem Gelächter. »Meine Damen! meine Damen!« rief Amélie in weinerlichem Tone, »ich begreife wirklich nicht, daß Sie da noch Lust haben, Witze zu machen.« »Fürchten Sie nichts, Mama, es wird sich schon etwas für uns finden!« Die Männer murrten: »Die Weibsbilder haben es leicht, sie tragen ihr Brot bei sich. Aber was sollen wir Männer anfangen? Uns wird keiner aushalten!« Das war allerdings richtig, denn die meisten Mädchen hatten ihren Freund, die Zugehörigkeit zum Chor war nur ein Aushängeschild; die Kunst sollte ihren Wert erhöhen. Der plötzlich ausgebrochene Sturm schadete eigentlich nur der Madame Amélie, Lencsi und den Männern. Der italienische Sänger war gar nicht mitgekommen. Was kümmerte er sich um den Bund? Er war bereit, auch mit den Zigeunern oder Kleinrussen aufzutreten. »Was tun? Was tun?« jammerte Amélie. »Die Früchte meiner zwanzigjährigen ehrlichen Arbeit verliere ich wegen jener ... Bald hätte ich 'was gesagt ... Und wenn er die Lolita gar ein wenig gezwickt hätte! Sie sollte darauf stolz sein!« Dann wurde ihre Stimme plötzlich die einer fürsorglichen, gütigen Mutter. »Wir haben bisher zusammengehalten, wir wollen weiter beisammen bleiben ... Es ist ein altes Schauspielerwort: das Choristenleben ist ein saures Brot. Morgen, Kinder, will ich in die Strelna oder in das Zon gehen ... irgendwo werden wir schon Unterkunft finden. Geht das nicht, so wird der Matschalnik schon das Nötige veranlassen ... Ich habe ihm ja genug zukommen lassen ... er wird es uns ermöglichen, in den Klubs aufzutreten. Es gibt auch » Traktire «, die uns gerne sehen. Ihr Ton wurde zuversichtlich, ja keck. Sie stand inmitten der zahlreichen Mädel da, wie die Gluckhenne neben ihren Hühnchen. Sie hatte ja schon ganz andere Stürme erlebt. Wenn es sein mußte, würde sich der Oberstadthauptmann ihrer annehmen, aber sie hatte auch noch einflußreichere Gönner. Hatte sie doch eine zwanzigjährige »öffentliche« Vergangenheit hinter sich ... »Es wird schon gehen,« meinte sie. »Aber die eine hat Geld, die andere nicht; jetzt wird sich zeigen, wer eine gute Kollegin ist. Wir wollen so handeln wie die armen Eheleute, die das, was sie haben, zusammentun ...« Sie lachte selbstzufrieden über den feinen Witz. »Kinder, wir wollen eine Republik errichten ... Jede gibt ihr Geld her, und wir führen gemeinsamen Haushalt ... Jede bekommt dann den gleichen Anteil. Gemeinsame Not, gemeinsame Hilfe ... was meint ihr?« Sie schaute in der Versammlung der Vielgeprüften um sich und ihr Blick fiel auf Therese, von der sie eine Antwort zu erwarten schien. Therese sann einen Augenblick nach ... Es ist einerlei ... bei Amélie wird sie doch nie auf einen grünen Zweig kommen. ... Sie hat vierzehn Rubel ... morgen wollte sie die erste Rate für das Pianino absenden ... sie würde sie erst nächste Woche absenden, aber das Geld wollte sie doch nicht hergeben ... »Ich gebe gar nichts her ... Mein Kontrakt lautet für die Yard. ... Wenn wir nicht in der Yard singen, ist der Kontrakt gelöst.« Amélie erblaßte. »Wenn es dem Fräulein nicht gefällt, so packen Sie Ihre Sachen, aber sogleich ... und verlassen Sie mein Haus. Wenn der Kontrakt gelöst ist, gibt's keine Wohnung.« »Bitte,« erwiderte Therese ruhig, indem sie sich zum Gehen wendete. Amélie rief ihr etwas nach, was sie nicht mehr hörte. Sie ging in ihr Zimmer und begann zu packen. Die ungarische Köchin schlich ihr nach: »Das Fräulein war klug; die will ja nur das Geld entlocken. Ein so schönes Mädchen kann auf eigenen Füßen stehen ... Wenn es übrigens schief geht, ist ja meine Schwester da, die Frau Szappanos, die gibt Ungarmädchen Kost und Quartier ... Diese da beutet Sie nur aus, ein bodenloser Brunnen, in den Sie alles vergeblich hineinwerfen ... Therese war mit dem Packen fertig geworden und verließ das Haus. Sie lief zur Yard hinüber und winkte einen Wagen herbei. Zwei auf der Straße herumlungernde Gestalten trugen ihren Koffer hinaus und stellten ihn auf den Wagen. Das Tor schloß sich hinter ihr; aus dem Speisezimmer drang ein schmaler Lichtstreifen durch die Rollbalken, in der Toreinfahrt hörte sie noch lautes Gelächter ... Gewiß haben sie sich geeinigt. Sie stand nun draußen in der Nacht ... Der Kutscher hüllte sich fröstelnd in seinen Pelz, so daß nur der Bart, die Nase und der Zylinderhut sichtbar waren, und frug brummend: »Wohin?« Unschlüssig blickte Therese gen Himmel. Dieser war düster, trostlos-bleiern, voller Schneewolken. Vor der Yard fuhren die Wagen im Kreise herum, es schlugen die Hufeisen auf das Pflaster und man hörte das Brrr! der Kutscher, womit sie ihre zu feurigen Pferde zu bremsen suchten ... »Wohin?« wiederholte der Kutscher. Wen kennt sie denn in Moskau? Wer wird sie willkommen heißen? Einige Zeilen genügen und Wolkow eilt morgen zu ihr, um ihr die Wohnung der toten Sophie zu schenken. Sie ist dann aller Sorgen ledig und kann sich ruhig zu einer Solistin ausbilden lassen ... Da fiel ihr plötzlich ein Name ein. » Jurakowsky!« Der Kapellmeister würde sie gewiß gerne begrüßen. Sie war ja schon drei-, viermal bei ihm ... und wenn sie an Wolkow schrieb, so ... Sie nannte dem Kutscher rasch das Ziel der Fahrt. Der Dwornik und noch ein Mann schleppten ihren Koffer hinauf und stellten ihn im Vorzimmer Jurakowskys auf den Boden. Er kannte sie schon und stutzte gar nicht darüber, daß sie in der Nacht kam. Sie stand nun in der Garçonwohnung Jurakowskis da, die ganz anders beschaffen war als die meisten Garçonwohnungen. Ein einziges Riesenzimmer, das sich auf den Korridor öffnete; in einer Ecke ein eingebautes besonderes Zimmer, dessen Wände jedoch nicht bis zur Decke reichten: dies war das Schlafzimmer. Der Raum zwischen dem großen Zimmer und dem Schlafgemach war das Vorzimmer. Das Schlafzimmer hatte keine Tür, es war bloß ein grüner Vorhang da, der den Eingang verdeckte; im Innern ein breites Bett. Eine Tür führte in das Badezimmer. Im großen Zimmer ein Klavier, ein Tisch, einige Fauteuils, offene Schränke, auf dem Boden einige Paare Schuhe, auf dem Kanapee Wäsche, die die Wäscherin am Nachmittag gebracht hatte, auf dem Ofen ein breitröhriger Samowar, auf dem Tisch einige zur Hälfte voll beschriebene Notenblätter. Inmitten dieser Unordnung stand Therese im Mantel und Kostüm da. Der Dwornik drehte das Gaslicht auf und das pfeifend ausströmende Gas wirkte auf Therese in dieser Einsamkeit ganz eigentümlich; sie befand sich in der Mitte einer großen Stadt in einer fremden Wohnung ganz allein und wußte nicht, was sie nun anfangen sollte. Sie öffnete ihren Koffer, um sich umzukleiden. Sie ging in das Badezimmer, ging in der fremden Wohnung mit komischer Befangenheit herum, und es ward ihr vor ihrem eigenen Mut bange. Sie mochte über die Ereignisse nicht allzuviel nachgrübeln, sie war schon zielbewußt und entschlossen geworden. Sie kleidete sich in der Wohnung eines Fremden an ... was verschlug das? Sie würde noch Erlebnisse ganz anderer Art haben. Sie schloß ihren Koffer und ging in das Café Metropole. Unweit vom Tore traf sie einen Iswostschik. Sachte, fast unmerklich fielen die Schneeflocken, der erste Schnee des Jahres. Welch schönes Bild würde Moskau morgen in der Frühe bieten, wie weiß werden die Straßen sein, wie viele Tausend Schlitten werden da klingeln; sie sind ganz niedrig, es ist, als ob man im Schnee säße. Die prächtigen Rosse schaffen sie pfeilschnell in den Park hinaus, die Fahrt auf dem Moskauufer und auf den breiten Boulevards des Kitaj Gorod geht so glatt und angenehm von statten. Dazu braucht man aber einen guten, warmen Pelz, eine verbrämte Mütze und einen Muff, einen großen, warmen Muff, in dem die Hände Platz haben ... Ihre und die andere Hand, die den Muff bezahlt hat. Morgen wird dichter Schnee die Stadt bedecken. Im Winter braucht man eine warme, traute Wohnung und Geld ... viel Geld, dann kann sie Madame Amélie mitsamt ihrer Truppe verlachen ... Julchen Rubinvejer hatte sich vergiftet, aber sie war dumm. Noch heute wird Therese an Wolkow schreiben, aber noch früher dem Jurakowsky, er möge kommen und sie nach Hause begleiten ... Mag da kommen, was da wollte. Sie will sich nicht für Geld dem Wolkow verkaufen. Jurakowski gefällt ihr. Sie begab sich in das Café Metropole, ließ den Wagen warten und gab dem Kutscher den Brief, in dem sie Jurakowsky bat, sie abzuholen, da sie ihm etwas Wichtiges mitzuteilen hätte. Mehr schrieb sie nicht. Sie lächelte bei dem Gedanken, wie sehr er überrascht sein würde. Dann kramte sie aus ihrem Ridikül Wolkows Adresse heraus und schrieb ihm einen ganz kurzen Brief in deutscher Sprache, so gut es eben ging. Wie würde wohl der gestrenge Schnabel, der deutsche Professor der Bürgerschule in der Pratergasse, den Brief klassifiziert haben? Sie teilte dem Bauern mit, in die Wohnung Sophiens übersiedeln zu wollen, wo sie ihn übermorgen abends erwarten möchte. Im Metropole ging es hoch her; um die Tische saßen forsche Offiziere in roten Husarendolmans und schwarzen Hosen; die Zigeunerkapelle des Jancsi Fazekas spielte Walzer von Léhar und Fall. Therese ließ sich behaglich in einem Plüsch-Fauteuil nieder. Sie fühlte sich frei und unabhängig, wie ein Student, der unerwarteterweise Ferien bekommen hat. Was ist das aber auch für eine ekelhafte Beschäftigung: jede Nacht von elf Uhr bis fünf Uhr morgens Sklavin der Madame Amélie zu sein! Auf einige lumpige Rubel zu jagen, den Chor blasen zu lassen, in einem dunklen Nebenraum das Abendbrot aus einem schmierigen Stück Papier herauszukramen, während die Welt draußen so schön ist, die reich ausgestatteten Restaurants und Kaffeehäuser feenhaft beleuchtet sind; wie schön ist es, wenn man dann nach Hause geht, daheim ein blütenweißes Bett vorfindet und einen appetitlich gedeckten Tisch mit Gabeln und Messern, wobei man auf einem Stuhl bequem sitzt, nicht aber im Finstern auf einem Bette, während im anderen Bette eine Irene schnarcht. Sie genoß ihre Freiheit in vollen Zügen, und der nächtliche Lärm im Kaffeehause bereitete ihr eine kindische Freude; sie fühlte die gierigen Blicke der Offiziere, wollte jedoch heute mit niemandem »anbandeln«. Heute wollte sie bloß Jurakowski angehören. Sie kam sich mit ihrem weißen Leibe als reiche Beute vor, und plötzlich fiel ihr ein Theaterzettel ein ..., den sie in Pest in ihrer Kindheit gesehen. Das Stück hatte den Titel » Jephtas Tochter « ... Der biblische, orientalische Name brachte sie schon damals auf die Idee, daß in diesem Stücke eine Jungfrau geopfert wurde. Sie frug nicht danach und weiß auch heute nichts von dem Inhalte des Stückes. Und jetzt soll sie eine Tochter Jephtas werden; sie lag schon auf dem Opferaltar. Sie sann nach ... und wurde schamrot. Morgen würde sie keine Jungfrau mehr sein. War das eine Schande? oder ein Unglück? Wie wäre es denn gekommen, wenn sie zu Hause die Maschinenschreibschule absolviert und einen kleinen Beamten geheiratet hätte? Und wenn sie ihn noch so sehr liebte, wären sie nicht dennoch arm geblieben, hätten sie nicht Not gelitten? Im günstigsten Falle hätten sie zwei Zimmer mit Küche gehabt, für eine Dienstmagd hätte es vielleicht nicht mehr gelangt. Lohnte sich denn das? Lohnte es sich, dafür Not zu leiden, Kinder zur Welt zu bringen, sie unter Opfern und Entbehrungen zu erziehen? Ihre Mutter? Sie war die Frau eines Professors, die Witwe eines Staatsbeamten. Wer hatte sich um sie während ihrer ganzen Witwenzeit gekümmert? Die armselige Pension? zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel ... Ja ... ja ... sie wollte frei sein ... Sie wollte bei Wolkow nicht stehen bleiben, sie wollte Geld, Geld, Geld machen und mit Geschmeide, Gold und Pelzen beladen heimkehren. Die Mutter sollte dann nur im Wagen fahren und am Abend würden sie zu Hause ein warmes Nachtmahl haben und Mägde zu ihrer Bedienung. Es schnitt ihr ins Herz, als sie an die Mutter dachte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Was mochte die arme Frau jetzt tun? Jetzt hatte sie Zeit, das Briefpapier, die Tinte waren da ... Sie wollte ihr einen langen, langen Brief schreiben ... Sie tauchte die Feder ein und neigte sich über das Papier. »Guten Abend, Therese!« ... Es war die bekannte Stimme Jurakowskys. Die rührselige Stimmung war im Nu wie fortgeblasen. Sie schob Tinte und Papier beiseite. »Haben Sie gehört, was sich zugetragen hat?« »Gewiß!« erwiderte er lachend. Sudakow wäre vor Wut beinahe geborsten und der Vengerski-Chor wurde hinausgeworfen. Er wird ihn nach zwei Wochen schon zurücknehmen. Sie vertilgen ja viel Champagner, und schließlich ist ja das Geschäft die Hauptsache und nicht die Würde ... Und Sie? Was wünschen Sie von mir? Er setzte sich knapp neben sie; seine vollen, roten Lippen waren heiß, sein Atem brannte ihr auf der Wange, und seine Stimme berührte sie warm und zärtlich. »Ich? ... ich?« ... wiederholte sie nach Art solcher Leute, die nicht gleich antworten wollen und etwas reden, um Zeit zu gewinnen. »Ich ... wollen Sie etwas hören?« »Gewiß. Ist es interessant?« »Überraschend!« »Dann lassen Sie hören.« »Ich habe mich mit Amélie endgültig überworfen.« »Das ist doch nicht so überraschend.« »Und wissen Sie, wo ich jetzt wohne, wo ich heute übernachten werde?« »Bei mir!« ... erwiderte er ganz ruhig. »Sie waren gewiß schon zu Hause und haben mein Reisegepäck gesehen.« »Das keineswegs. Aber wenn Sie mich hierher bestellen und mich fragen, wo Sie heute übernachten werden, kann ich denn anders antworten? Haben Sie denn in Moskau einen besseren Freund als mich?« Er drückte ihr die Hand und sein Bart berührte beinahe ihre Brust. Seine Stimme wurde noch leiser, noch wärmer. »Dann gehen wir!« Ausnahmsweise bezahlte heute er die Zeche. Die Banditenehre erwachte in ihm, er wollte sich für das Geschenk, das Therese ihm zu geben im Begriffe stand, erkenntlich zeigen. Sonderbarerweise zeigte er sich gar nicht überrascht, er hatte eben im Lokal schon so manches erlebt; jedenfalls war ihm das junge, schöne Geschöpf willkommen. Sie gingen über den Theaterplatz; der Schnee fiel schon in dichten, großen Flocken und bildete auf dem Asphalt unregelmäßige Häuflein, wie die Watte auf dem Christbaum. Therese, deren Lippen brannten, ging Arm in Arm mit Jurakowsky, eng an ihn geschmiegt, in die schneeige Nacht hinaus. Der Schneefall, die Änderung des Wetters paßte zu ihrer Stimmung, sie fühlten, daß etwas im Anzuge sei, ein Abschied vom Alten und der Eintritt einer Wendung ... Therese war zerstreut und schweigsam, aber weder nervös, noch von Bedenken geplagt. Sie erwog ruhig, die Bürde der Jungfrauschaft nicht länger tragen zu wollen und mit dem Mann zu gehen, mit dem Manne ihrer Wahl. Sie tat es freiwillig, weil er ihr gefiel, nicht für Geld und nicht aus Habsucht. Es werde eine Erinnerung sein, kein Geschäft. Jurakowsky, der schlaue, welterfahrene Routinier, drückte sie an einer dunklen Ecke an sich und küßte sie. »Süße, Süße!« flüsterte er. Er wollte zeigen, daß er ein empfindsamer Mann sei, der sein Opfer mit Blumen und mit Musik empfängt. Dann machte er ihr lügenhafte Versprechungen: »Ich will ein kleines Zimmer für dich mieten ... Ich will dich unterrichten und eine Solonummer ersten Ranges aus dir machen.« »Nein ... nein ...« erwiderte sie lächelnd. Sie sprach wie eine, die gar manchen Sturm schon erlebt hat und jetzt nur einer Augenblickslaune frönt. »Ich bleibe nur bis übermorgen bei Ihnen, Jurakowski ... dann werde ich Therese Wolkow sein. Der Bauer bat mich, seine Freundin zu werden. Er scheint ein gutherziger, lieber Mensch zu sein ...« »Und reich ist er!« »Ja ... Die Mädchen sagen, daß er sehr reich ist ... Ich werde ein Klavier haben und Sie können mich dort besuchen, mich unterrichten ... Vielleicht will ich gar nicht Solistin werden ... Aber Sie mögen immerhin nur kommen ... aber nur unterrichten ... verstehen Sie?« Sie schmiegte sich noch mehr an den Griechen; beider Fußstapfen waren im Schnee schon zu unterscheiden; sie zogen sich schön regelmäßig nebeneinander dahin, bis sie vor einem großen Haus aufhörten ... Nur wenige waren noch auf der Straße; hinter den Fenstern der Häuser war nur hie und da Licht zu entdecken; die spät Heimkehrenden zündeten die Lampen an, um sie bald wieder auszulöschen und die Rollbalken niederzulassen; hinter den Mauern aber setzte sich das Leben fort: Müdigkeit, Eifer, Windstille und Sturm, Verrat und begeisterte Liebe, vergiftete Augenblicke und freiwerdende Freuden, beginnende Wonnen und fortgesetzte Qualen, schreckliche Stunden der Schlaflosigkeit und tiefer Schlaf ... Nacht! Eine große dunkle Decke, ein schwerer Vorhang, den der himmlische Regisseur auf die -- Welt genannte -- Bühne herabsenkt, um die Verwandlungen, das Reinigen, die Dekorationen zu besorgen, bevor der neue Akt, der Morgen, der neue Tag beginnt ... Therese schlief ein, sie fieberte, sie fühlte sich zerschlagen. Als sie die Augen öffnete, blickte sie erstaunt, erschrocken um sich. Der Schlaf hatte ihr keine Erquickung gebracht. Und der Augenblick des Erwachens, in welchem sie ihre Gedanken sammeln mußte, verursachte ihr Kopfschmerz. Jurakowski war schon auf den Beinen; er wollte zu ihr kommen, sich über sie neigen, doch Therese winkte ihm ab. Sie schämte sich, sie wollte allein sein. »Bitte, gehen Sie aus, lassen Sie mich allein!« Jurakowsky lachte. »So sind sie alle ... Einfältige Kinder ... Gut. Ich gehe fort ... Und er ging fort. Therese blieb allein; sie schloß die Tür und legte sich wieder in das Bett. Sie getraute sich nicht um sich zu blicken. Ihr Mund war bitter, auf ihrer Stirne schwollen die rasch pulsierenden Adern an. Am liebsten hätte sie geweint, doch die erlösenden, befreienden Tränen mieden ihre Augen. Die auf sie einstürmenden Gedanken schienen ihren Schädel sprengen zu wollen. Sie fühlte die stechenden, peinigenden Fragen: war das nicht eine nie gutzumachende Dummheit? Vielleicht wäre es besser gewesen, aus Anlaß der gestrigen Kündigung heimzukehren? Was bedeutet denn dieser Jurakowski für sie? Warum hatte sie sich an ihn weggeworfen? Sie war nicht mehr das, was sie gewesen ... kein Mädchen, nicht mehr makellos, nicht mehr unberührt ... Sie empfand die ungeheure Wucht dieser Worte. So folterte, so quälte sie sich. Vielleicht warf sie sich nur hin und her, vielleicht schlief sie ein. Endlich stand sie auf. Sie trat vor den Spiegel. Das Gesicht war genau so wie gestern. Vielleicht unter den Augen ... nein, es war gar nichts zu bemerken ... Sie konnte genau so wie früher unter den Menschen wandeln. Wer sie anblickte, merkte gar nichts und wußte gar nichts. Das war eine große Gnade der gütigen Natur ... Sie kleidete sich an; als sie damit fertig wurde, klopfte es an der Tür. Jurakowsky trat mit einem riesengroßen Strauß Chrysanthemum in der Hand ein. Es war ein samtweicher, krauser und doch regelmäßiger Riesenkelch, ein Chrysanthemum, wie es nur in Japan gedeiht und so, ziemlich unverändert, bis Moskau kommt. »Die Blume ist für Sie!« sprach er, sie ihr überreichend. Der Grieche wollte sich liebenswürdig zeigen. Als er erfuhr, daß sie schon morgen die Freundin Wolkows sein werde, atmete er erleichtert auf, da das Abenteuer ihm keine weiteren Sorgen bereiten würde. Er hätte sich übrigens auch sonst wenig um sie gekümmert, und nur dem äußeren Schein zuliebe bot er ihr die Wohnung und die Lektionen an ... Aber so? Es war doch nur ein Tag. Wenn das Mädel ihn schon liebte ... sollte dieser eine Tag schön und voll Wärme sein. »Kleiden Sie sich gut warm an ... Ein Schlitten erwartet uns unten ...« Zufrieden reichte sie ihm die Hand. »Sie sind ein aufmerksamer und liebenswürdiger Kavalier ... Aber was nützt mir das alles, wenn ich keinen Pelz habe ...« »Das tut nichts ... Wir gehören ja zur Bohême. Übrigens habe ich zwei Pelze, in dem einen wird sich mein Vögelchen verstecken.« Therese freute sich über die Schlittenfahrt. Jurakowski trug den Pelz auf einem Arm zum Schlitten hinunter. Therese hüllte sich ein und sie zogen die Decke über die Knie. Niemand konnte ahnen, daß sie nicht im eigenen Pelz durch das heitere, lebensfrohe Moskau fuhr. Ach, Matyuska Moskau, kleines Mütterchen Moskau, Seele und Quelle des wahren Russentums, wie schön war es an diesem Nachmittage! Petersburg ist eine erzwungene, erkünstelte Stadt, sie wurde gewaltsam nahe an das Meer geschoben; ihre großen roten Kasernen, zahlreichen bunten Kirchen, der unheimliche Palast der Admiralität, die gespensterhafte Festung Petropawlowsk, der hochmütige Winterpalast -- all dies ist nur Machwerk, durch Zaren, Beamte und Ingenieure geschaffen, erbaut und errichtet, wogegen Moskau das Produkt einer natürlichen Entwicklung ist; es erstand, wie das russische Lied, wie die Wälder längs der Wolga. Petersburg steckt voller Polizisten, Soldaten, Ämter, voller Angst und Furcht; Moskau ist heiter, frei, und -- obwohl eine ältere Stadt -- doch lebensfroher und frischer. Der in einen großen Pelz gehüllte Jamschtschik ließ lustig die Peitsche knallen; sie mußten die Arme fest ineinander schlingen, um von dem niederen, dahinfliegenden Schlitten nicht herabgeschleudert zu werden; sie begegneten anderen heiter gestimmten, glücklich scheinenden Paaren. Mit der lauten Heiterkeit von Schulkindern feierte Moskau das Fest des ersten Schnees. Die elektrischen Lichter der tausend Geschäftsläden der Twerskaja flimmerten weißer als der Schnee; sie flogen an der wimmelnden Menge vorbei; die Griechen mit ihrem roten Fes auf dem Kopfe, die schwarzen Perser mit ihren Schafwollmützen standen vor ihren Geschäftsläden und bewunderten das Wettrennen der Schlitten; gleich einer Vision glitt der mächtige Bau des Museums an ihnen vorüber, und vom Krasnaja-Platze grüßte der alte Kreml mit seinen merkwürdigen Türmen, Kuppeln, schneebedeckten Spitzen gleich einem bethlehemitischen Spiel die dahinfliegende Jugend. Die beiden Rosse sprengten gleich Zauberpferden über die Moskworietzki-Brücke und über die kleine Insel des Moskau- und Vodootvodni-Kanals, dann über die Tschugunni-Brücke in das Viertel Yakimanskaja. Wer kann so mit Pferden umgehen, Schlitten fahren, wie der Russe? Das ist gar keine Schlittenfahrt, sondern ein seliges Dahingleiten, Fliegen, als ob die Reibungen dieser Erde, die Gesetze der Schwere nicht bestünden und nicht Pferde, sondern motorische Kräfte am Werke wären. Jurakowski und Therese schienen in diesem wohltuenden Dahinhuschen in eins zu verschmelzen; die Häuser, die Straßen, die Kirchen mit den zwiebelförmigen Türmen und den steinernen Turbanen, die orientalischen, rot-blauen Dreiecke der Säulen und ihre Linien erschienen in der schwindelerregenden Schnelligkeit der Fahrt wie eine märchenhafte Schraffierung. Endlich trafen sie im Neskutesni-Park ein. Dort bremste der Kutscher mit einem das Vorwärtsstürmen übertönenden »Brrr!« den rasenden Lauf der schäumenden Hengste, und von da ging es im Schritt weiter auf den wohlgepflegten Parkwegen. Die kleinen Teiche waren schon zugefroren; hie und da sah man laute Kinder Schlittschuh laufen; als wären die Riesenbäume in Pelze und Boas gehüllt, waren sie oben mit einer hohen Schneeschichte bedeckt, während man unten noch das Karmin- und Rostrot des Herbstes beobachten konnte. Die Rosse nagten am Gebiß herum, ihre Hufeisen sanken in dem frischen, aber schon hartgefrorenen Schnee ein, und im Hintergrunde des Parkes sah man die dunkle Pracht des geschlossenen, leblosen Alexander-Palastes. »Ist das nicht eine schöne Hochzeitsreise?« fragte Jurakowsky, indem er Therese an sich drückte. »Ja, schön ...« Ohne zu wissen, warum, lehnte sie den Kopf an seine Brust. Jurakowsky neigte sich über sie und küßte sie lange und innig ... Der Kutscher tat, als hätte er nichts gemerkt ... Die Sache war ihm nicht neu und ging ihn nichts an, er hatte nur die Pferde anzutreiben. Allein die Rosse wurden aus irgendeinem Grunde scheu, machten einen großen Satz und schleuderten den Schlitten zur Seite. Therese und Jurakowsky, die einander umschlungen hielten, fielen in den weichen, weißen Schnee, in die seidenweiche, reine Masse. Lachend, in heiterer Stimmung machten sie sich auf die Beine. Sie dachten nicht an die Lügen, Kämpfe, Verstellungen des Lebens ... Sie gaben sich gedankenlos den Freuden des Augenblicks hin. Dann knallte die Peitsche, die Schatten der Nacht senkten sich herab und Therese war wieder allein in Jurakowskys Wohnung. Die beiden Nächte gingen wie ein Gewitter vorüber. Wolkow sandte seine Antwort an Therese in das Café Metropole. Er erwartete sie ... Abermals kam der Budapester Koffer auf den Bock. Therese schloß einen neuen Vertrag. Sie verabschiedete sich von Jurakowski an der Schwelle seiner Wohnung mit einem langen Kusse und lief die Treppen hinab. Lächelnd, mit zufriedener Miene schloß der Grieche seine Tür. Das waren zwei angenehme, schöne Tage. Erzählte er die Geschichte seinen Freunden, so würden sie sie ihm gar nicht glauben wollen. Er pfiff ein Lied vor sich hin und stellte sich selbstgefällig vor den Spiegel. Im Zimmer schwebte noch der Duft der Vengerka, doch die Vengerka stieg jetzt schon fremde Treppen empor. Die Wohnung der toten Sophie, die nunmehr die Thereses werden sollte, befand sich in einem Miethause des Kusnetzki-Most im zweiten Stocke. Therese klingelte, die Tür ging auf, und Wolkow empfing sie. Der Bauer trug Stiefel, einen langen, braunen russischen Rock und hielt ein Bündel Blumen in der Hand. Therese sah einmal im Kinotheater Urania in Budapest ein Passionsspiel ... Sie war damals noch in der Bürgerschule ... Wolkow ähnelte dem Christus ... Er sprach langsam und ergriffen. »Therese, ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind ... Er beugte sich nieder und küßte ihre Hand. Er führte sie in das Zimmer. Alle Lampen brannten; an den Fenstern hingen leichte Seidenvorhänge; das eine Zimmer war ein lieblicher Damensalon mit vergoldeten weißen Möbeln, einem mit gelbem Plüsch bedeckten Tischchen mit Barockfüßen; das Tischchen hatte eine Glasplatte, auf der ein Riesenstrauß aus Fliederblüten stand. Der Bauer sprach leise: »Ich weiß ... der Flieder ist eine Ungarblume.« Alles im Zimmer war neu, freundlich, warm. Das Schlafzimmer glänzte vor Sauberkeit, auf dem Bette lag eine Seidendecke mit weißen Spitzen, die Schränke waren in die Mauer eingebaut, den Boden bedeckten weiche Teppiche von diskreter Farbe. Die Köchin, zugleich Zofe, begrüßte ihre neue Herrin mit einer Verbeugung. »Nadinka stammt aus meiner Gegend,« meinte Wolkow lächelnd. Die stämmige Russin mit den gelben Haaren betrachtete ihre neue Herrin mit neugierigen Blicken. In den Haaren trug sie die mit Perlen geschmückte Kokoschnik, eine uralte Festtracht, als hätte sie andeuten wollen, daß sie sich heute festlich gekleidet hatte. Ihr roter Sarafan ließ ihre plastische Gestalt hervortreten, ihre vielfach gefältelten Röcke reichten bis zu den Stiefeln, indes war ihr Gang keineswegs schwerfällig oder plump. Wolkow sagte ihr: »Sei folgsam und aufmerksam.« Dann blieben sie allein. Daheim. Und doch war das eine eigentümliche, fremdartige Stimmung. Da ist sie in einer bequemen, schönen Wohnung, wo, sie weiß selbst nicht warum, alles, ihr gehört. Sie hat bloß die Hand danach auszustrecken. Warum? Für nichts. Weil sie ein Weib ist. Weil dieser Mann sie begehrt. Ist sie ihm denn so viel wert, lohnt sich das für ihn? Therese konnte das nicht begreifen, und die Neuartigkeit der Sache machte sie befangen. Sie dachte daran, sie habe das Ziel einer Vengerka nunmehr erreicht: sie war eine Ausgehaltene. Ein reicher Mann hält sie aus. Das ist es, was die armen Mädchen zu erreichen wünschen; selbst jene, die tugendhaft bleiben; das ist es, was die reichen Mädchen für unmoralisch halten, weil sie es nicht nötig haben. Ist denn das nicht das Einfachste? Das Leben sorgenlos zu gestalten, seine Lasten jemandem zu überlassen, dem diese Bürde eine Wonne, ein Lebensziel ist? Wolkow saß im kleinen Salon ihr gegenüber und sprach leise, verschämt zu ihr: »Für den Mietzins, für Kleider werde natürlich ich sorgen. Bitte, über Geldangelegenheiten wollen wir lieber nie reden. In meiner Bank, bei der Firma G. Wolkow Söhne -- das sind meine Verwandten auf der Petrowka -- werden Sie an jedem Ersten achthundert Rubel für Ihre Bedürfnisse beheben ... Langsam, stoßweise kamen diese Worte von seinen Lippen. Er schämte sich, hierüber sprechen zu müssen. Therese hörte ihm verwirrt zu, ihre Wangen waren hochrot, ihr Mund trocken. Das glänzende Licht, die Nähe des Geldes ... die achthundert Rubel am Ersten jedes Monats ... all dies betäubte sie. Sie dachte an die dreißig Rubel der Amélie. Und nun wurde sie mit einem Male reich, die Not, das Nachtwachen, der Schmutz der Nachtkneipe war vorbei ... Sie schwieg. Wolkow erhob sich und trat dicht vor sie hin. »Und für den Fall, daß Sie ein Kind bekommen, habe ich fünfundzwanzigtausend Rubel für das Kind beiseite gelegt. Ist es ein Mädchen, so kann es mit achtzehn Jahren, ist es ein Knabe, mit zwanzig Jahren den Betrag beheben. Bis dahin verdoppelt er sich.« Er holte mit linkischer Gebärde seine lederne Brieftasche hervor, legte ein blaues Büchlein unter den Fliederstrauß, ferner einen Umschlag, aus dem die Hundertrubelscheine nebst einer Schrift hervorlugten. Das Geld ... Das Geld war da, es lag vor Therese. Sie schwieg noch immer, sie schaute um sich. Wolkow sprach jedes Wort laut und deutlich, alles war klar, und doch kam es ihr so wirr vor. Endlich schloß sie die Augen und stieß einen tiefen, schweren Seufzer aus, der stoßweise ihre Lippen verließ. Was sagte ihr der Mann da? Wenn sie ein Kind haben wird ... fünfundzwanzigtausend Rubel ... Der Bauer legte seine große braune Hand auf ihren Kopf, als wollte er sie segnen, neigte sich über sie und küßte langsam, kaum merklich ihre Stirne. Und sie griff, ohne ihn zu sehen, nach seinem Arm, zog ihn an sich und schmiegte sich mit ihrem jungen, lieblichen Gesicht an seine Hand. Schlau und weich, wie eine Katze. Dann öffnete sie die Augen, sie blickten sich an, und alles kam ihnen so einfach, so natürlich vor. Es bedurfte nur eines Mannes, der da glaubt und eines Weibes, das glauben macht. Sie verbrachten den ganzen Abend zu Hause. Wolkow war ihr bei dem Auspacken behilflich. »Sehen Sie,« sprach Therese mit trauriger Lieblichkeit, denn sie fühlte, daß die Rührseligkeit jetzt der richtige Grundton war -- seitdem ich meine Heimat verließ, geschieht es das erste Mal, daß ich meine Wäsche in einem Schrein verwahre. Bei Amélie hatten wir nicht einmal einen Kleiderrechen. »Ich weiß, ich habe davon gehört.« »Sophie? Nicht wahr, Sophie hat es Ihnen erzählt?« »Ja, sie.« »War sie schöner als ich? Liebenswürdiger?« In der Hand hatte sie einen leichten, weißen Unterrock, ihre Bluse war am Halse aufgeknöpft, den Kopf neigte sie ein wenig zur Seite, und ihre Augen blinzelten schelmisch. Sie war schon ganz in dem Metier, sie kokettierte schon mit den bestgehüteten Erinnerungen der Vergangenheit. Doch Wolkows Miene blieb ernst. »Das Leben ist schöner als der Tod ... Und mit den Toten gibt es keinen Wettbewerb.« Über Sophie wurde nicht mehr gesprochen. Auch das Souper hatte Therese gerührt. Ohne sich selbst darüber Rechenschaft geben zu können, hatte sie die Empfindung, nicht im realen Leben, sondern auf der Bühne zu stehen. Noch nie saß sie in einer Wohnung, an einem tadellos gedeckten Tisch, wobei eine Dienerin mit einer Schüssel herumging, noch nie hatte sie die Ruhe, die Behaglichkeit der Reichen so empfunden. Das war etwas, woran sie sich noch lange nicht würde gewöhnen können. Die Vorhänge und Teppiche dämpften den Lärm der elektrischen Straßenbahn, und auf dem Kamin brodelte der Tee im Samowar. Die Holzkohle brannte glührot, ohne Flamme, der Dampf drang stoßweise aus der Truba, dem kleinen Rohr des Samowars, heraus ... Sie waren allein ... am Abend, vor der Nachtruhe. Vor zwei Tagen bei Jurakowski, heute hier. Diese beiden Tage bedeuteten eine riesengroße Entfernung. Am jenseitigen Ufer, an dem für immer verlassenen, eine Welt von Sehnsüchten, Versuchen, Selbsterniedrigungen; hier das Eintreffen am Ziel, die Beruhigung, die sichere Unterkunft. Therese dachte immerfort an die fünfundzwanzigtausend Rubel. Und als sie näher aneinander rückten, raffte sie sich zur Frage auf: »Wollen Sie? Möchten Sie ein Kind haben?« »Wie klug von Ihnen, daß Sie dies zur Sprache bringen,« sagte Wolkow in heiterem Tone. »Ich wollte den Gegenstand nicht berühren ... Ich dachte mir, das werde sich schon von selbst geben. Da Sie aber gesprochen haben, möchte ich Ihnen erzählen ...« »Lassen Sie hören ...« »So ... Blicken Sie mich an, denn ich möchte durch Ihre Augen hindurch Ihnen in die Seele hineinsprechen ... Solange ich jung war, dachte ich gar nicht daran, daß das Kind auch ein Lebensziel, ein seelisches Bedürfnis sein könne. Ich sah und hörte, wie Mütter sich mit ihren Kindern brüsten, und ich folgerte daraus nicht mehr, als daß das Kind ein liebenswertes, unterhaltendes Wesen sei ... Ich habe dann geheiratet. Ich erwähnte es ja schon. Und die Jahre fliegen dahin, meine Frau erkrankte, sie wurde zu einer Ruine; wir leben nebeneinander und lieben einander ... Die Arme mußte schon so jung so viel leiden ... aber es fehlt der Kitt, der uns verbinden soll. Wie lieb wäre es, ein Kind zu haben, das dem Leben einen Inhalt gibt ... Aber es geht nicht ... die Arme ist so krank ... es geht nicht.« Er blickte Therese an und in seinen Augen lag der Ausdruck unendlicher Angst und Sehnsucht. »Begreifen Sie nun?« »Ich verstehe Sie,« lautete die leise Antwort. »Auch Ihre Frau sehnt sich darnach ...« »Ja. ... Es möge wenigstens mein Kind sein ... Wir haben die Sache miteinander ruhig, ohne Groll, ohne jede Gereiztheit besprochen. Es würde unser beider Leben ausfüllen und inhaltreich gestalten. In jenem neuen Leben, in dem Kinde würden wir uns wieder treffen. ... »Somit lieben Sie mehr das Kind, nicht mich!« »Kann man das eine vom andern trennen? Kann ich das Kind lieben, ohne in ihm auch seine Mutter zu lieben? Erinnern Sie sich daran, daß ich Ihnen gesagt habe, Sie wären für mich nach Rußland gekommen? Ich glaube an die Güte Gottes und an die Bestimmung ... Alles, was jetzt mir gehört, soll dem Kinde zufallen; das Sparkassebuch und den Notariatsakt habe ich nur mitgebracht, damit Sie mir glauben. Es bedurfte eines Zeugnisses, weil ein Stück Papier oft mehr zu bedeuten scheint als ein ganzes Leben ... Verstehen Sie mich? Verstehen Sie?« Hinter den leise, langsam gesprochenen Worten barg sich heiße Leidenschaft und Sehnsucht, ein nach Betätigung ringender Wille, ein hartnäckiges Streben nach dem Ziele, nach der Bestimmung, an die er felsenfest glaubte. Therese erwiderte mechanisch: »Ich verstehe ...« Dies war aber nur ein hohles Wort. Der Mann kam ihr so eigentümlich, so absonderlich vor. »Lieben Sie mich denn?« frug sie ihn plötzlich. »Es scheint ja, daß Sie mich nur durch Zufall, um eines Kleides, einer Erinnerung willen zu lieben glauben. ... Prüfen Sie sich gewissenhaft und dann erst antworten Sie.« In dem Gefühle, Wolkow ganz in ihrer Gewalt zu haben, wagte sie es, ehrlich und rückhaltlos mit ihm zu sprechen. »Sie glauben vielleicht bloß, mich zu lieben, ohne daß das Gefühl in Ihrem Innersten Wurzel geschlagen hätte.« »Halten Sie ein!« unterbrach er sie in bittendem Tone. »Nein ... wir dürfen darüber nicht weiter sprechen. Das ist eine beschlossene Sache, an der nicht gerührt werden darf.« Er drückte sie an sich und küßte sie. Therese empfand weder die Liebe, noch die heiße Sehnsucht, nur das Eigentümliche der Lage wirkte auf sie. Und sie ergab sich ... Sie war nunmehr ruhig und reich. Im nächtlichen Dunkel vermochte sie sogar zu lächeln. Sie lächelte darüber, nunmehr eine »Ausgehaltene« zu sein. — — — — — — Zwei Tage später glitt eine Trojka mit lautem Geklingel die Koslowka-Straße entlang. Therese trug einen ganz neuen, prächtigen Pelz. Der »Bauer« trug sein gewohntes russisches Kleid. Er verstand es, die Pferde meisterhaft zu behandeln. Sein Gesicht war von der frischen Luft gerötet; halb umgewendet erklärte er ihr, das mittlere Pferd müsse stets scharf traben, während die beiden anderen galoppieren können. Rings herum umgab sie eine weiße Riesendecke. Die großen, weitverzweigten Pappeln schienen mit ihrer weißen Farbe im großen weißen Felde aufzugehen. Der klingelnde Schlitten fuhr durch das im Winterschlaf versunkene Jasnaja Poljana, wie durch das Reich Dornröschens: Therese überließ sich, behaglich in ihren warmen Pelz gehüllt, dem Sportvergnügen und hörte kaum die Bemerkung Wolkows: »Hier wohnte Lew Nikolajewitsch.« Sie wußte gar nicht, wer Lew Nikolajewitsch war, und interessierte sich nicht einmal dafür; wahrscheinlich ein reicher Russe. In diesem Augenblicke war Wolkow für sie nur ein Kutscher. Sie hatte sich in ihre eigenen Gedanken eingesponnen. Der Schnee, der Winter erinnerten sie an Weihnachten und an ihre Kindheit; die Kindheit gemahnte sie an die Mutter und an Budapest. Jetzt mochte es in Budapest fünf, sechs Uhr sein. Die vielen Jungen und Mädel sitzen im Artistenklub beisammen, Mama Tomcsányi macht gewiß die Bekanntschaft neuer Künstlerinnen, die Ligetische Schule annonciert in den Blättern, und das Operettentheater bereitet einen neuen Schlager vor. Ob sie wohl jemals von ihr reden, ob außer der Mutter ein Mensch an sie denkt? Ob irgendeiner eine Ahnung davon hat, daß im fernen Rußland Therese Ladány auf einem Schlitten sitzend zu einer Menschenruine, einer unglücklichen, kranken Frau fährt, die Therese Ladány, die Geliebte ihres Mannes, zu sehen wünscht. Wolkow trieb die Pferde an, drehte sich manchmal um und gab ihr Erklärungen. Hier wohnt der, dort jener, dies sein Wald, dies das Feld des Nachbarn. Aus dem Erdreich wuchsen kleine Häuser und Dörfer heraus, stellenweise brannte schon die Petroleumlampe; Leute, die nicht zählten, bereiteten sich auf den Abend vor ... Wie viele Millionen Lampen werden in der Welt allabendlich angezündet, wie viele Millionen Seelen gibt es, deren winzige Flämmchen kaum merklich flackern. Zusammengenommen würden sie eine mächtige Flamme, ein reinigendes Feuer, einen Schrecken verbreitenden Feuerherd bilden; einzeln genommen sind sie nur unbedeutende Glühwürmchen, die im Dunkeln erlöschen. Die Trojka fuhr durch das angelweit geöffnete Tor und die Mägde schälten Therese aus ihrem Pelz und den Schneeschuhen heraus. Sie legte die Mütze ab und stand in dem sauberen, geräumigen Empfangszimmer. Altmodische, bequeme Stühle, an den Wänden mächtige Armleuchter, wie man sie nur auf alten Bildern sieht, ein Heiligenbild mit einem Öllämpchen, bei dem Fenster ein Podium, auf welchem ein Lehnstuhl stand, und in diesem saß eine eingeschrumpfte Frau mit pergamentgelbem Gesichte; nur ihre Augen glichen zwei schwarzen Sternen. Die Frau zwang sich zu einem Lächeln, winkte Therese herbei und sprach im Tone einer müden, im Ablaufen begriffenen Spieluhr: »Venez ... venez plus près, mon enfant ... mon jolie enfant ...« Anastasia Feodorowna sprach nur russisch und französisch. Und sie streckte ihre mageren, blutleeren Hände mit den dünnen Fingern aus, die fast durchsichtig waren; wenn sie jemanden berührten, fühlten sie sogar die Nerven heraus ... Die Frau sprach einige Worte russisch mit Lida, die kerngesund, barfüßig hinter ihr stand und auf Geheiß ihrer Herrin den Stuhl etwas vorrücken ließ. Wolkow stand in stummer Rührung in der Mitte des Zimmers, während Anastasia Feodorowna ihre Hand weich und liebevoll auf Theresens Kopf legte und im Tone glücklicher Zufriedenheit immerfort wiederholte: »Très jolie, très jolie ...« X. »Sage dem Schneider, daß wir erst am Ersten des nächsten Monats zahlen.« »Aber die Jungen brauchen ihre Kleider und wenn wir die alten nicht bezahlen, macht der Schneider keine neuen Anzüge.« »Woher soll ich denn das Geld nehmen? ...« »Weiß ich? ... irgendwo muß es sich finden ... Sie können doch nicht in löcherigen Hosen das Gymnasium besuchen.« »Man kann sie ja flicken. Auch ich habe das Gymnasium in geflickten Kleidern besucht, und es ist doch etwas Rechtes aus mir geworden.« Dieses Gespräch fand zwischen dem Richter Safranek und seiner Frau während des Frühstücks statt. Den Rahmen dazu lieferte eine einfach bürgerlich eingerichtete vierzimmerige Wohnung auf dem vierten Stock eines Budapester Miethauses: die Kinderstube, das Schlafzimmer der Eltern, das Speisezimmer und ein Herrenzimmer mit einer Ledergarnitur, das zugleich als Salon diente, wenn Gäste kamen. Der Bücherkasten war voller rechtswissenschaftlicher Werke, die jüngste Prozeßordnung lag auf dem Schreibtische -- dieser neue Minister ließ die Gesetze über Hals und Kopf förmlich fabrizieren! -- und von der Wand blickte das Bild des berühmten Desider Szilágyi unter dem Glase mit strenger Miene auf den Beschauer hernieder. »Der ... der da war der große Minister!« pflegte Safranek zu sagen. Es war ein kalter Regentag, und der Regen war kaum auf das Pflaster gefallen, so fror er auch schon. »Die Galoschen darfst du nicht im Amte lassen!« rief ihm die Frau nach. »Gut, gut ...« In der Linken die Aktentasche, in der Rechten den Regenschirm haltend, ging der Richter Safranek auf das Amt. Da er unweit des Justizpalastes wohnte und es noch nicht halb neun Uhr war, trat er in das Café Seemann ein, das die unverheirateten Richter zu besuchen pflegten; er wollte ein wenig die Blätter durchschauen. In der Alkotmány-Gasse streiften berittene Wachleute und Gendarmen umher, und vor dem Parlament sah man einen Wald von Bajonetten. Der Ministerpräsident Stephan Tisza hatte die Obstruktion mit Bajonetten und Gendarmen niedergebrochen. Schon vor zehn Jahren hätte das geschehen sollen!« murmelte Safranek, als er, ohne Rock und Hut abzulegen, mit den plumpen Gummischuhen an den Füßen sich am Stammtische der Richter niederließ. »Wieso denn! Bald wird der Gendarm auch in den Verhandlungssaal des Richters eintreten, um den renitenten Richter, der ein der Regierung mißliebiges Urteil fällt, hinauszuschleppen!« rief erregt Kardos, ein hervorragendes Mitglied der neuen Juristengeneration. In erregtem Tone streitend traten sie den Weg in das Amt an. Vor dem Tore des Gerichtspalastes wurden sie von dem Portier ehrerbietig begrüßt. Langsam schritten die Richter die Treppe empor. In den Korridoren sah man überall herumlungernde Gestalten, die auf die Verhandlung warteten. Angehende Advokaten schossen geschäftig hin und her, auf den Bänken hockten verschiedene Zeugen, die die Vorladungen in der Hand halten, bis der Diener sie ihnen abnahm. »Gibt's was?« fragte einer der Richter Safranek. »Ach nein, lauter Hühnerdiebstähle ...« »Dann habe ich ja Zeit, die Akten drinnen durchzustöbern.« Im Verhandlungssaale harren zwei, drei armselige Gestalten, die vom Regen und Nebel, von der Kälte hineingetrieben worden sind. Der eine liest eine Zeitung, der andere neigte den Kopf zur Seite und wollte ein wenig schlummern, um die Nachtruhe zu vervollständigen; es mochte aber auch sein, daß er die ganze Nacht schlaflos verbracht hat. Die elektrischen Signalglocken ertönten in allen Korridoren und Räumen des mächtigen Gebäudes: es war neun Uhr. Eine der Stiegen mündete auf ein Gittertor; dort waren die Untersuchungs-Häftlinge interniert. Schleichende Tritte näherten sich auf der Treppe, der Schlüssel drehte sich knarrend im Schloß, die Tür ging auf und es erschien eine Frau in schwarzem Kleide, hinter ihr der Gefangenenwächter. Das Gesicht der Frau war bleich, ihr Haar glatt nach rückwärts gekämmt und auf dem Kopfe hatte sie einen schief aufgesetzten, flachen Hut, der durch eine Hutnadel schlecht und recht festgehalten wurde. Sie trug schwarze Spitzenhandschuhe, die sie noch zu Lebzeiten ihres Mannes bekam; die Finger waren schon zerfetzt, aber sie hatte die Handschuhe dennoch angelegt, denn vor Gericht mußte man anständig erscheinen. Witwe Dezsö Ladány. Neben der bleichen, hageren, verdorrten Gestalt erschien der wohlgenährte Wächter doppelt so groß. Er hatte kurzgeschorene, borstenartige blonde Haare, einen martialisch aufgezwirbelten Schnurrbart, dichte buschige Augenbrauen; indem blickten seine blauen Augen sanft drein und sein gelockerter Gürtel schlotterte ihm unter dem Bauch, daß einem um die Sicherheit seines Säbels bange wurde. Witwe Dezsö Ladány ging gerade und aufrecht über den Korridor. Im Bewußtsein ihrer Unschuld hatte sie keine Angst vor der Verhandlung. Es war doch unmöglich, daß man sie, die Witwe eines Professors, wegen eines Klaviers verurteilte, das sie nichts anging. Es war schon ein himmelschreiendes Unrecht, daß sie seit einem Monate und zwanzig Tagen hier festgehalten wurde. Durch ein Vorzimmer wurde sie in ein Zimmer geführt, das die Aufschrift trug: »Zimmer für die Angeklagten. Mit den Angeklagten darf niemand ohne Erlaubnis sprechen.« Was hatte sie denn verbrochen, daß man mit ihr nicht einmal sprechen darf? Plötzlich erschrak sie; sie dachte daran, daß in diesem Zimmer sonst vielleicht Mörder saßen, daß auch solche Leute durch jene Flügeltür in diesen Saal getreten waren, die dann zehn Jahre hindurch hinter Schloß und Riegel saßen. Es schnürte ihr die Kehle zu, sie mußte wider Willen husten. »Haben Sie sich erkältet?« fragte der Wächter teilnahmsvoll. »Nein. Es ist nur ein Anfall.« »Fürchten Sie sich gar nicht. Wenn Sie nichts getan haben, wird Ihnen auch nichts geschehen.« »Ich fürchte mich auch nicht.« Sie traten in den Saal. Die drei Gestalten in dem für das Publikum bestimmten Raume blickten auf. »Das dürfte kaum interessant werden«, sagte der eine. »Gehen wir lieber zur Schwurgerichts-Verhandlung«, meinte der andere. Die beiden entfernten sich; der Schläfrige schloß die halbgeöffneten Augen und schlief weiter. Witwe Dezsö Ladány setzte sich auf die Bank der Angeklagten, neben ihr stand der blonde Riese. Ein Diener legte mehrere Akten auf den Tisch des Staatsanwalts; dann trat der Schriftführer mit einem Zahnstocher im Munde ein ... Die Angeklagte beachtete er gar nicht ... »Stehen Sie auf!« flüsterte ihr der Wächter plötzlich zu. Die gegenüberliegende Tür ging auf und vier Herren traten ein. Der erste war Safranek, hinter ihm kamen Gutfreund und Pálos, die beiden Beisitzer, als letzter der Staatsanwalt, ein hochgewachsener, stattlicher Mann mit aufwärts gekämmten, schütteren Haaren, schwarzen Augen, die einen stechenden Blick hatten, und englisch gestutztem Schnurrbart: Béla Vértessy, ein Mann, der mit der Regierungspartei durch dick und dünn ging. Er pflegte in politischen Prozessen zu fungieren. Der Gerichtshof setzte sich, der Wächter zupfte an dem Rock der Witwe Dezsö Ladány, und auch sie setzte sich. Es trat eine wenige Minuten währende Pause ein. Es wurde in den Akten herumgeblättert, Safranek, Gutfreund und Pálos blickten der Reihe nach in die Schriftstücke. Die Angelegenheit war so unbedeutend, daß es sich nicht lohnte, in die Akten schon vorher Einsicht zu nehmen. Die Tür wurde hastig geöffnet und ein bebrillter, blatternarbiger Herr trat eilig ein: Dr. Incze, der Rechtsanwalt des Privatklägers. »Verehrter Herr Präsident, geehrter Gerichtshof, ich bitte um Entschuldigung, eine unaufschiebbare Verhandlung ...« »In Ordnung ...« murmelte Safranek. Jetzt erst blickte er die Angeklagte an. »Kommen Sie näher.« Witwe Dezsö Ladány erhob sich und ging in die Mitte des Zimmers. Ihr Herz pochte laut und ihr Blick verschleierte sich. »Machen Sie nur laut und ohne Furcht Ihre Aussage ... Verstehen Sie?« »Jawohl ...« »Ihr Name?« »Witwe Dezsö Ladány, Gattin eines gewesenen Gymnasial-Professors ...« Safranek dachte daran, wo er das Geld für die Kleider der Kinder auftreiben solle ... »Geboren?« »In 1858 zu Szolnok ...« »Religion?« »Reformiert ...« »Vermögen?« »Ich habe keins ...« »Sie sind angeklagt, das auf Ratenzahlung gekaufte Klavier von Koch und Kooselt nur zu dem Zwecke gekauft zu haben, um es ... zu vermieten und das also empfangene Geld ... zu unterschlagen.« »Das ist nicht wahr!« platzte die Angeklagte heraus. Die Richter, der Staatsanwalt blickten um sich. Die Angeklagte hatte keinen Verteidiger. »Na ... na ...« fuhr Safranek überrascht auf. »Wer ist denn Ihr Verteidiger?« Der Schriftführer fuhr dazwischen: »Dr. Eugen Krehn war ex offo zum Verteidiger bestimmt. Aber er war nicht gekommen.« Freilich, die Blätter schrieben nichts über den Fall. Es lohnte sich nicht ... Die vielen Streber! Der Präsident klingelte und wartete mit der Glocke in der Hand, bis der Diener in brauner Attila in der Tür erschien. »Gehen Sie, bitte, auf den Korridor hinaus und fangen Sie einen Advokaten. ... Inzwischen hebe ich die Verhandlung auf.« Er wandte sich an die Beisitzer: »Es bedarf doch einer Pause von fünf bis sechs Minuten, bis der Advokat den Fall kennen lernt.« Der Gerichtshof entfernte sich. Frau Witwe Dezsö Ladány setzte sich empört neben den Wächter. »Ich verwahre mich dagegen, daß der Präsident mir eine Veruntreuung zumutet. Ich bin Witwe eines Staatsbeamten.« »Gut ... gut ...« meinte der Wächter, »das ist ein Ort, wo man sich nicht beleidigt zu fühlen braucht. Hier werden noch ganz andere Beleidigungen gesprochen ... zum Schluß kommt aber die Wahrheit doch an den Tag.« Der Diener kehrte mit einem kleinen jungen Mann zurück, dessen Augen blitzten. »Bitte, sich einstweilen mit der Angeklagten zu befassen, ich werde Sie sogleich anmelden.« Der kleine Schwarze wendete sich an Frau Ladány. »Ich werde Sie verteidigen, gute Frau ... Was wird Ihnen denn eigentlich zur Last gelegt? Bitte, Herr Kollega?« frug er den Vertreter des Privatklägers. »Nichts ... eine sehr klare Angelegenheit ... Ein gemietetes Klavier ... Unterschlagung des gemieteten Objektes ...« »Na ja ... Anerkenntnis und rechtsverbindliche Mieterklärung?« »Die gewohnte ...« »Freilich ... freilich ...« Damit war die Sache auch schon erledigt. Der Verteidiger glaubte, in der Sache klar zu sehen. Frau Ladány wollte sprechen, die Sache erläutern, doch der Advokat unterbrach sie. »Nicht zu viel reden, damit verderben Sie nur die Sache. Was sich tun läßt, werde ich tun.« Damit nahm er hinter ihr Platz. »Ich bin unschuldig!« stöhnte die arme Frau. »Nun, es wird ja auch nicht so arg sein ... Nur nicht so viel reden. Es ist nicht gut, den Präsidenten zu reizen.« Neuerdings ging die Tür auf und der Gerichtshof erschien wieder. Alle erhoben sich, dann setzten sie sich. »Die Verteidigung?« fragte der Präsident. »Dr. Béla Bernát ... Aber, verehrter Herr Präsident, um dreiviertel zehn Uhr habe ich eine Verhandlung ...« »In zehn Minuten werden wir fertig sein ... Bitte, die Angeklagte.« Die schwarze, magere, bleiche Erscheinung stand wieder vor dem Tische des Präsidenten. »Sprechen Sie laut und verständlich.« »Jawohl.« »Also, wie hat sich die Sache zugetragen?« »Als mein Mann, der Gymnasialprofessor war, starb ...« »Warten Sie ... warten Sie ...« Safranek blätterte in den Akten nach ... »Ihr Mann starb vor neun Jahren, das Klavier haben Sie vor ungefähr vier Monaten gekauft. Sie müssen ja nicht bei der Geburt Noah anfangen ... So sind die Frauen ...« Und er wandte sich nach rechts und links, als würde er mit den Beisitzern sprechen. Diese schwiegen gelangweilt und hörten kaum zu ... »Man ist erfüllt von den besten Absichten und Sie kommen uns mit Dingen, die sich vor neun Jahren ereignet haben ... Es ist besser, wenn Sie nichts reden. Ich werde Sie fragen ... Verstehen Sie?« »Jawohl.« »Haben Sie das Klavier gemietet?« »Ja.« »Haben Sie diesen Vertrag unterschrieben?« Und er zeigte ihr das Blatt Papier, das ihre Unterschrift trug. Es mußte durch sie unterfertigt werden, weil Therese minderjährig war. »Jawohl.« »Wieviel mußten Sie für Miete monatlich bezahlen?« »Vierzehn Kronen.« »Haben Sie sie bezahlt?« »Ich hätte sie gezahlt, allein meine Tochter ließ sich nach Rußland anwerben und sie versprach mir, das Geld zu senden.« »Na freilich ... wir kennen ja diese russischen Engagements. ... Und wo ist das Klavier jetzt?« »Bei dem Lagerhalter ...« »Wieviel zahlen Sie ihm für Lagerzins?« Die unglückliche Frau stammelte erschrocken: »Nein ... gar nichts ... er hat mir Geld für das Klavier gegeben ...« »Nun also! ...« Safranek hob beide Hände, um sie dann auf die Schenkel fallen zu lassen. Er wandte sich von neuem an die Beisitzer. »Wünschen Sie etwas zu fragen?« Gutfreund und Pálos murmelten unverständliche Worte und schüttelten den Kopf. Um seinen guten Willen, zugleich aber auch das Hoffnungslose dieses Bagatellprozesses darzutun, sprach der Präsident zu Frau Ladány in väterlichem Tone: »Nicht wahr, Ihre Tochter wollte Schauspielerin werden?« »Ja.« »Nicht wahr, es kam ein Agent zu Ihnen, der Sie überredete, das Klavier zu kaufen, da Sie kaum etwas dafür zu zahlen hätten?« »Nein ... meine Töchter ging zum Klavierhändler, um das Instrument zu kaufen.« »Also, meine Herren, strengen wir uns nicht an ...« meinte Safranek mit einem verächtlichen Handwink. »Das ist ja eine ganz kleine Angelegenheit ... das typische Ratengeschäft. Solange es so bleibt, wird es nicht anders werden ... Ich bitte den Herrn Staatsanwalt.« Der trockene, elegant gekleidete Staatsanwalt erhob sich und sprach nach einem leisen Husten: »Euer Wohlgeboren, Herr Präsident, geehrter Gerichtshof! Der Fall ist ganz einfach und alltäglich. Leute, die in Nöten sind, bedienen sich, um zu Geld zu kommen, des folgenden Mittels: sie kaufen teurere Objekte auf Abzahlung und kaum wird der teure Gegenstand ins Haus geliefert, verkaufen sie ihn. So handelte auch die Angeklagte, diese Witwe eines Gymnasialprofessors, die, anstatt sich eines der bürgerlichen Stellung ihres verstorbenen Mannes angemessenen anständigen Lebenswandels zu befleißigen, ihre Tochter nach Rußland gesandt hat und wegen der Verpfändung des Klaviers vor dem Gericht steht. Ich weiß nichts zu ihrer Entschuldigung vorzubringen und bitte, sie gemäß § 355 des Strafgesetzbuches wegen des Verbrechens der Veruntreuung zu verurteilen.« Er trug in seine kurze Rede so viel Geringschätzung und Verachtung hinein, daß Frau Ladány in lautes Schluchzen ausbrach ... »Gnädiger Herr ... Ich bin unschuldig ... Ich habe meine kleine Pension ganz für meine Tochter ausgegeben ... man hat uns betrogen ... zugrunde gerichtet. ...« Die gelangweilten Beisitzer blickten verwirrt, mit betroffener Miene auf die Unglückliche ... »Weinen Sie nicht, weinen Sie nicht,« tröstete sie Safranek, »Sie haben ja das Ärgste schon hinter sich ... Ich bitte den Herrn Verteidiger.« Dr. Béla Bernát stand auf und hüstelte verlegen. Das Wichtigste war ihm, seine eigene Person in den Vordergrund zu rücken, zu betonen, daß er eine Angelegenheit verteidigt, von der er vor zehn Minuten noch keine Ahnung hatte. »Euer Wohlgeboren, Herr Präsident, geehrter Gerichtshof! Der von Amts wegen bestellte Verteidiger ist nicht erschienen und so wurde ich vom Korridor hereingerufen, damit ich die Verteidigung der Witwe Dezsö Ladány übernehme. Im Nu war ich mit dem ganzen Fall im klaren. Es handelt sich um einen bekannten Kniff der Ratengeschäftsleute. Die Instrumentenhandlung hat die Witwe Dezsö Ladány ›eingefädelt‹.« »Euer Wohlgeboren, Herr Präsident, geehrter Gerichtshof!« fuhr der Advokat des Privatklägers erregt dazwischen, »ich bitte die kaufmännische Ehre meines Klienten in Schutz zu nehmen ...« Safranek blickte auf den Dr. Bernát und sein Ton klang härter und strenger: »Angeklagte erklärte, es sei kein Agent bei ihr gewesen, der Herr Advokat hat daher einen ungerechtfertigten Verdacht ausgesprochen. Wegen dieses illoyalen Verhaltens muß ich Sie zur Ordnung rufen ... Fahren Sie fort ...« »Den Ordnungsruf nehme ich dankend zur Kenntnis«, fuhr Bernát fort. »Doch wir sahen die Tränen der Mutter, wir hörten ihr Schluchzen. So kann nur eine Mutter schluchzen, die ihr ganzes Leben, ihre Pension ihrem Kinde geopfert hat. Nicht einmal die vierzehn Kronen für monatliche Miete kann sie bezahlen. Möge der geehrte Gerichtshof einen Blick in dieses abgrundtiefe Elend werfen und dann sein Urteil fällen. Möge er erwägen, wie sehr die arme Frau ohnehin schon bloßgestellt und beschämt ist, und daß die Untersuchungshaft schon an und für sich eine Strafe ist, die bereits das Höchstausmaß für ein Delikt dieser Art bedeutet. Das Klavier ist ja da und wenn der Pfandbetrag bezahlt wird, steht es ja wieder dem Verkäufer zur Verfügung. Das ist keine Veruntreuung, sondern bloß eine Verirrung, die man nicht streng bestrafen kann, ist es doch ein Grundsatz der modernen Judikatur, daß sie nicht ahnden, sondern bessern will! ...« Er deklamierte laut und schwungvoll. Gutfreund gähnte, Pálos putzte die Fingernägel, Safranek las die Akten des nachfolgenden Prozesses. Die arme Angeklagte schluchzte, ihr Kinn zuckte. »Ich bitte daher, die arme Angeklagte freizusprechen.« Safranek erhob sich, der Gerichtshof folgte seinem Beispiel. Safranek neigte sich nach links und nach rechts und flüsterte den Beisitzern etwas zu. Diese nickten mit dem Kopfe. »Stehen Sie auf!« flüsterte der Wächter Frau Ladány ins Ohr. »Das Urteil wird verkündet ...« Frau Ladány erhob sich. Sie war sehr verwirrt, alles um sie herum, die Richter und die anderen schienen wie in Dunst, in Nebel getaucht, die Rede drang von weitem und abgedämpft an ihr Ohr, sie hörte Stimmen, vernahm jedoch keine Worte ... Was wollte man von ihr, warum war sie hier? Safranek aber rezitierte in einem Atem, ohne eine Spur von Ergriffenheit, ohne Mitgefühl: »Im Namen Sr. Majestät des Königs! Der kgl. Strafgerichtshof spricht die in Präventivhaft befindliche Angeklagte Wwe. Dr. Dezsö Ladány schuldig und verurteilt sie gemäß § 355 des Strafgesetzbuches wegen des Verbrechens der Veruntreuung zu zwei Monaten Gefängnis, wovon laut § 94 des Strafgesetzbuches ein Monat und zwanzig Tage durch die bisherige Untersuchungshaft abgebüßt erscheinen. Bei der Bemessung der Strafe hat das Gericht den beträchtlichen Schaden als erschwerenden Umstand, dagegen das straflose Vorleben der Angeklagten, ihr Geständnis und ihr großes Elend als Milderungsumstand in Betracht gezogen.« Frau Ladány stand stumm da, sie starrte vor sich hin und schwieg ... Ihre Knie zitterten, sie glaubte, der riesengroße Saal, das ganze Gebäude müsse über ihr einstürzen ... Dann fiel sie gleich einem kranken Tiere röchelnd, jedoch wortlos und ohne einen einzigen Klagelaut auf den Boden. Die Richter blickten sie betroffen an. In diesem Augenblicke mochten sie das Gefühl haben, daß es sich in dieser in zehn Minuten abgetanen Angelegenheit nicht bloß um Paragraphen, sondern um ein Menschenkind gehandelt habe. Der Gefängniswächter trug die ohnmächtige Frau langsam über den Korridor. Der Hut glitt von ihrem glattgescheitelten Haar und blieb an ihrem Nacken hängen. Pápai, ein Mitarbeiter des »Hiradó«, war gerade auf dem Korridor, und so kam das Urteil in die Blätter. XI. In Moskau entfaltete sich der Winter in seiner vollen Pracht. Die Vorstellungen des kaiserlichen Balletts lockten die ganze Aristokratie herbei, und im Klub der Adligen jagte ein Ball den andern. Der Fürst Wladimir kaufte für eine Schöne aus Argentina eine Perlenreihe, von der die ganze Stadt sprach; das Geld, das im Sommer -- dank der schweißtriefenden Arbeit der Bauern -- auf den Ackerfeldern, ferner in den Fabriken Polens und in den Bergwerken des Ural sich angesammelt hatte, ergoß sich klingend und klirrend über die Geschäftsläden. Es war ein sorgloses, den Freuden gewidmetes Leben; es gab weder politische Attentate, noch Pogrome, und die Leute lebten flott in den Tag hinein. Therese hatte sich in ihrem warmen Neste behaglich eingerichtet. Sie besuchte nicht mehr das Café Metropole, sondern die vornehme Zuckerbäckerei Einem auf der Petrowka. Sie vergaß gänzlich die Madame Amélie und die Lencsi und verzichtete auf den Traum, Solistin zu werden. Wozu auch? Sie würde doch ihr ruhiges und angenehmes Leben nicht gegen ein Dasein voller Aufregungen vertauschen, sondern Rubel auf Rubel legen und sobald sie genug Geld hatte, alle Schulden, die sie daheim hatte, bezahlen, dann noch einige Jahre in Moskau bleiben; nachher aber wollte sie heimreisen und sich in Budapest als unabhängige Dame niederlassen. Um die Moral, um die Meinung der Leute würde sie sich nicht kümmern. Die Welt hätte sie Hungers sterben lassen. Die Leute schimpfen über die Sittenlosigkeit, aber die sittliche Armut beachten sie nicht, oder wenn doch, so blicken sie verächtlich auf sie herab. Jetzt hatte sie monatlich achthundert Rubel, wovon sie dreihundert weglegte; sie bekam Kleider, Juwelen, sie hatte eine schöne Wohnung und es kam noch die Zahl der reichen Geschenke hinzu. Sie würde immer darauf bedacht sein, nicht geldgierig, habsüchtig zu erscheinen, doch sie würde durch Liebenswürdigkeit und Klugheit an das Ziel gelangen. Sie wollte leidenschaftlich sparen, was früher nicht der Fall war. Es bereitete ihr eine kindische Freude, die Rubelnoten in die Sparkasse zu tragen; nach Hause hatte sie nur ein einziges Mal vierzehn Rubel für das Klavier gesandt. Würde das ein Freudentag werden, wenn sie mit Geld beladen plötzlich heimkehrte und ihre Mutter von Szent-Lörincz nach Budapest zurückführte; dort würden sie leben, bis jemand kam, der sie heiratete. Nur wenn sie hieran dachte, wenn sie des Unbekannten gedachte, der sie abholen soll, hatte sie die Empfindung, nicht so zu sein wie die anderen Mädchen, daß die unschuldige Armut über ihr stehe, daß sie für Jurakowski, für Wolkow zahlen, büßen müsse. Es erfaßte sie die Rührseligkeit der Ausgehaltenen, der Vengerkas, die alle so denken. Die gesellschaftlichen Schranken und Sitten sind von solch gewaltigem Zauber, daß die außerhalb derselben Stehenden sie in Ehren halten und Sehnsucht darnach tragen. Wolkow konnte sie nicht zur Frau nehmen, übrigens würde sie ihn nicht heiraten. Wohl war er zärtlich und fein; was ihr aber an ihm nicht gefiel, war, daß er so verträumt war und so leise sprach. Er hatte keine rechte Kraft, kein Blut, als wäre er gar nicht von dieser Welt. Und sie konnte ihm nicht verzeihen, daß er sie zu seiner Frau hinausgeführt und sie ihr gezeigt hatte. Er erläuterte ihr vergeblich, wie tiefmenschlich und rührend schön das sei, sie begriff es nicht. »Weißt du, Margarete,« erzählte sie ihrer Freundin, »ich wurde schamrot und habe mich vor der armen, kranken, alten Frau so geschämt.« Margarete war die offizielle Geliebte eines Freundes Wolkows, des Nikolaj Kurz. Dieser kurländische Deutsche mit den farblosen Augen und dem sommerfleckigen Gesichte hatte in Moskau eine Fabrik für Bade- und Wasserleitungs-Einrichtungen. Er war kein junger Mann mehr, viel älter als Wolkow, nahe an die Sechzig. Er hob Margarete aus dem Vengerski-Chor der Strelna heraus und liebte sie mit der ganzen Wärme seines dicken, asthmatischen Wesens. Margarete, eine kleine, dicke Blondine, fühlte sich schon ganz als Russin und war schon seit langen Jahren nicht zu Hause gewesen. Ihr Vater war Kellner in einem Café der Budapester Ringstraße; später ging er nach Amerika und man hörte nichts mehr von ihm. Und doch wäre er stolz auf seine Tochter gewesen, aus der eine Dame der Gesellschaft geworden war. Sie hatte eine schöne Wohnung und lebte ruhig und zufrieden wie Therese, mit der sie durch Vermittlung ihres Freundes Bekanntschaft schloß. Die ausgehaltenen Vengerkas hatten so ihren eigenen Kreis. Sie verkehrten nicht weiter mit den Mitgliedern des Chors, sie standen schon höher, vergaßen ihre Vergangenheit und verkehrten nur untereinander. Sie soupierten mit ihren Freunden im Restaurant der »Eremitage«, kamen am Nachmittag bei Cadet oder Einem zusammen, erschienen bei den Pferderennen in ihren eigenen Wagen. Jede hatte ihren Schlitten, und wenigstens einmal wöchentlich besuchten sie einander. Für heute nachmittag hatte sich Margarete bei Therese Wolkow angesagt. Zufällig war auch Wolkow in Moskau und Nadinka bereitete sich für den Nachmittag vor. Die Ungarmädchen bekamen eine ungarische Jause, Schokolade, belegte Brötchen und Süßigkeiten. Waren sie beisammen, so war der Samowar verpönt; sie spielten Budapest und spielten nach der Jause mit ihren Freunden Makao. Sie trieben allerlei Narrheiten, die Männer unterhielten sich dabei und verloren ihr Geld in bester Laune. Um vier Uhr klingelte es im Vorzimmer und Margarete trat mit Nikolaj Kurz ein. Margarete strahlte vor Freude und in den Mienen des Nikolaj Kurz lag eine besondere Feierlichkeit. Therese trug ein japanisches Seidenkimono, Wolkow einen Muschik-Anzug, Margarete eine Straßentoilette nach der letzten Mode, Nikolaj Kurz ein schwarzes Jakett und eine gestreifte Hose. Trotzdem er schon zehn Vorväter hatte, die in Rußland lebten, blieb er doch ein echter Deutscher. Seine Weste spannte sich auf seinem Bauche, als wäre sie über ein Bierfaß gezogen; seine dicke Goldkette funkelte etwa einen Viertelmeter vor seinem dicken Doppelkinn; seine grauen Haare waren rückwärts kurzgeschoren, die Stirne war bis zum Hinterkopf von schwachem Schweiß bedeckt. Er sprach rasch und schnaubend, war die verkörperte Güte, bat fortwährend um Entschuldigung. Sein Gesicht ähnelte dem eines dicken Buldogg, um die Schläfen herum war er voller Sommerflecke. Er war ein großer, gutmütiger, dicker Hund. Er küßte Therese die Hand, klopfte Wolkow auf die Schulter und setzte sich. »Eine große Neuigkeit!« sprach plötzlich Margarete die Therese ungarisch an. »Nye ... nye vengerski«, unterbrach sie Nikolaj Kurz plötzlich. »Fürchtest du etwa, verkauft zu werden?« meinte Wolkow lachend. »Ich bin schon verkauft! ... das heißt, sie hat mich verkauft!« seufzte der Alte schmerzlich. »Was soll das heißen?« »Ich wage kaum, es zu erzählen ... ich schäme mich so ...« »Gewiß hat er etwas sehr Liebes und Gutes getan!« meinte Therese, ihn am Kinn zupfend. »So einen goldigen Kerl gibt's in ganz Rußland nicht! ... Was?« sagte Margarete, ihn in der Mitte der Stirn küssend. »Da bin ich wirklich neugierig,« sprach Wolkow. »Ihr werdet mich auslachen ... Aber der Mensch ist schwach und diese kleine Teufelin so schlimm ...« sprach er und klopfte Margarete auf die vollen Schenkel. »So wie ihr uns da seht, machen wir eine Abschiedsvisite.« »Reist ihr fort? Fährst du vielleicht nach Hause, Margarete?« »Nein ... es ist viel schlimmer ... viel schlimmer ...« »Viel besser ... viel besser!« sprach Margarete, sich dankbar an ihren dicken Hund schmiegend. Jetzt sprach Wolkow: »Nikolaj, du bist sehr weich und zur Rührseligkeit neigend ... Wahrscheinlich willst du sie heiraten ...« »Das nicht ..., aber ich verheirate sie.« Es wurde still im Zimmer. Therese begriff nicht, was geschehen war. Wolkow wurde plötzlich ernst und nachdenklich, Margarete lehnte den Kopf zärtlich an die breite Schulter Nikolajs ... Aus dem benachbarten Zimmer hörte man das Ticken der Pendeluhr deutlich herein. Therese brach das Schweigen: »Als ich die Theaterschule besuchte, nannten wir solch wirkungsvolle Stellen »dramatische Wendungen«. Ich gratuliere dir, Margarete. Also du sollst heiraten. Ist er ein Ungar?« »I, wo denn?« antwortete Margarete kopfschüttelnd. »Also Russe.« »Ja ...« »Reich?« »Nein ...« sagte Margarete, den Kopf abermals schüttelnd und einen Kuß auf Nikolajs Glatze drückend. »Mein Hündchen gibt die Mitgift, dreißigtausend Rubel.« »Bravo, Hündchen, das war hübsch von Ihnen«, meinte Therese begeistert. »Der Kavalier bleibt immer Kavalier.« Wolkow zündete eine Zigarette an, was bei ihm stets ein Zeichen von Nervosität und Grübelei war. Er rauchte selten; nur dann, wenn ihm etwas nicht in den Kram paßte. Er sprach kein Wort und blies große Rauchwolken vor sich hin. Endlich sprach er in dem gewohnten leisen, entschiedenen Tone: »Aber Nikolaj, wenn du sie liebst, wie kannst du sie an einen andern verheiraten? Und wenn sie dich geliebt hat, woher kommt denn der andere?« »Er kommt halt ... Er kommt nur so auf einmal ...« erwiderte Nikolaj sehr rasch. »Er kam plötzlich zum Vorschein und ich liebe sie so sehr, daß ich nicht anders handeln kann. Damit du nicht an einen Ritterroman denkst, will ich dir den Hergang erzählen ... Wie heißt er nur? Ein schnurriger Name ... Wie? Margarete?« »Nedelko Zoroastrow.« »Also ... Nedelko Zoroastrow. Den Namen werde ich nie erlernen. ... Es ist nicht hübsch, Finanzfragen zu behandeln, aber mir war es schon seit Monaten aufgefallen, daß Margarete mit ihrem Monatsgelde nicht auskam ... Was, Margarete? Ich war nie argwöhnisch oder eifersüchtig, aber ich will doch immer wissen, was mit dem Gelde geschieht ... Meine Vorfahren waren Deutsche ... Das Geld verrät eben alles, das Geld sagte mir auch da, daß es beginnt, nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Woher das kam, mußte ein so erfahrener Geschäftsmann wie ich bald herausfinden.« Er sprach rasch, schnaubte geräuschvoll, streckte seine kurzen Beine von sich, so daß sein Bauch förmlich nach vorwärts sprang; wie das bei dicken Leuten schon ist, schien die ganze Gestalt mehr schief zu liegen, als zu sitzen ... »Und als Margarete am Zwanzigsten des Monats wieder einmal kein Geld hatte, nahm ich sie ins Gebet. Was geht denn da vor? Ich will alles wissen, ich mag nicht hinters Licht geführt werden. Sieht man klar, so ist man nicht mehr dumm. Und nach etwa zehn Kreuzfragen kroch der ... wie heißt er nur?« »Nedelko Zoroastrow ...« »Ja ... der Nedelko Zoroastrow kroch heraus. Hörer der Medizin. Sie wurden in einem Spital miteinander bekannt, wo eine Ungarin lag ... Er ist ein trefflicher Student und absolviert jetzt den letzten Jahrgang. Sein Vater ist ein armer Schmied irgendwo in Kirensk, in Sibirien. Ich ließ den Jungen kommen ... er ist ein verträumter Tolstoianer mit langen Haaren. Er will nicht in der Stadt bleiben, er sagt, der Arzt soll dort leben, wo viele arme Leute wohnen, und wo es wenige Ärzte gibt. Er will nach Kirensk zurück. Und diese da? Sie hat sich in ihn verliebt. Sie kaufte ihm Bücher, Stiefel, zahlte die Prüfungsgelder, kaufte Instrumente, damit der Zoroastrow Präparate machen konnte ... Würde man ihr derlei zumuten? Unerhört! Ich war ganz gerührt davon.« Er erhitzte sich während der Erzählung. Man sah ihm sein Alter sonst nicht an, aber jetzt, als seine Stimme vor Rührung weicher wurde, verriet sich sein Alter. Hündchen war ein lieber, alter, weichherziger Mann. Er blickte um sich, als wollte er die Liebe sammeln, die Margarete für ihre Güte und Zärtlichkeit gebührte. Sie streichelte sein feistes Gesicht. »Mein Gott, ich kann doch nicht so selbstsüchtig sein, dem Glücke der jungen Leute im Wege zu stehen? Zoro ... oder wie er heißt, hat sich in sie verliebt, das ist selbstverständlich. Er ist ja jünger als ich, und so will Margarete ihm folgen. Aber, lieber Freund, sicher ist, daß bisher nichts zwischen ihnen geschehen ist. Was, Margarete?« Er sprach diese Worte mit so viel ehrlicher Überzeugung aus, daß Therese sich nicht meistern konnte und in ein helles Gelächter ausbrach. »Was lachst du? Glaubst du es vielleicht nicht? fragte Margarete mit erheuchelter Entrüstung, Therese in den Arm zwickend. »Ich lache, weil Hündchen so allerliebst erzählen kann ... Weiter, weiter, Sie Zuckerlmensch.« »Weiter geht's nimmer. Ich kann ja die Bade- und Wasserleitungseinrichtungen doch nicht ins Grab mitnehmen. Liebt sie ihn, so mag sie ihn heiraten. Sie bekommt von mir eine Mitgift von dreißigtausend Rubeln; dort in Sibirien ist das viel Geld. Dich, Margarete, bitte ich, in Sibirien das Wundermittel zu kaufen, das aus dem Geweih des Renntiers bereitet wird ... Es gibt dem Menschen die Jugend wieder, ich werde die Weiber von neuem lieben können! ...« »Hündchen, du bist lieber und jünger als alle Jungen zusammengenommen und ich bin ein undankbares Schweinchen, aber du verzeihst mir, nicht wahr?« Sie umarmte ihren dicken Freund, Therese streichelte ihn von der anderen Seite her, so daß die kugelrunde Güte vor Rührung beinahe Tränen vergossen hätte. Er empfand die metaphysische Freude, ein gutes Werk getan zu haben. »Die Hochzeit findet nächste Woche statt; ich habe die Ehre, euch einzuladen!« Mit diesen Worten Margaretens schloß der Nachmittagsbesuch. Therese rief ihr nach: »Morgen mittag besuche ich dich ... du mußt mir alles erzählen.« Sie ging in das Zimmer zurück. Wolkow stand am Fenster und betrachtete die Glasscheibe, als wollte er hinter ihr seine eigenen Gedanken suchen. Therese trat hinter ihn und klopfte ihm zärtlich auf die Schulter: »Ho! ... erwache! ... was ist's denn?« Der Mann wendete sich um und blickte innig, doch schmerzlich Therese in die Augen. Dann legte er die Hand um ihren Leib und führte sie zu einem Fauteuil, setzte sich und zog sie in den Schoß. »Die Geschichte Nikolajs ist hübsch, nicht wahr?« »Sehr lieb,« erwiderte sie heiter. »Und glaubst du nicht, daß zwischen ihr und Zoroastrow doch etwas gewesen sein muß?« »Ich glaube nicht ... möglich ... aber warum?« »Weil es eines schönen Tages jedem so ergehen kann ...« und leise fügte er hinzu: »auch mir ...« »Willst du dich mit mir zanken, dann sprich nur so. Sollte einer kommen, der mir besser gefällt, so werde ich mich nicht schämen, es dir zu sagen.« »Also kann einer kommen?« Er drückte ihr die Hand in derselben Weise wie damals in der Yard. All sein Leiden, seine ganze Kraft war in diesem Händedruck enthalten. Seine Stimme wurde verschleiert, dumpf und ein Nebel senkte sich ihm auf die Augen. »Also es kann, es kann einer kommen?« »Wie dumm bist du doch!« »Nein. Das ist es, was ich fürchte. Wir Männer gehen ahnungslos in der Welt herum, irgendwo, in einem entlegenen Winkel der Welt gibt es ein Weib, das wir lieben, für das wir leben und kämpfen ... Aber ewig haben wir das Gefühl, daß einer kommen kann. Dieser Gedanke träufelt sich tiefer als irgendein Gift in die Seele ... Therese!« Er ließ den Satz unvollendet und blickte nachdenklich, traurig vor sich hin. Noch nie hatte Therese ihn so gesehen, noch nie hatte er so angsterfüllt und eifersüchtig gesprochen. Die Erzählung Nikolajs hatte ihn verwirrt und seinen Argwohn wachgerufen. Das Mädchen empfand beinahe Mitleid für ihn, als der mächtige, starke Mann so von Zweifeln geplagt dasaß und den unsichtbaren Faden suchte, der da ist und doch nicht da ist. Wolkow wandte ihr ganz langsam den Kopf zu und fragte sie zum ersten Male im Leben: »Liebst du mich?« Therese war betroffen. Sie konnte nicht gut heucheln. Da sie Wolkow nicht liebte, konnte sie ihm nicht Empfindungen vorgaukeln. Sie war ihm gut, sie war ehrlich und folgsam, sie erfüllte ihr Versprechen, war seine Freundin. Aber sie konnte es nicht über sich bringen, ihm zu sagen, daß sie ihn nicht liebe. Hier konnte nur eines helfen. »Was soll ich auf diese Frage antworten? Ich könnte doch nur mit Worten erwidern. ... Und doch ist etwas da, was viel mehr bedeutet ... Schon seit Tagen bereite ich mich darauf vor, aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen soll. Ich glaube, ich werde ein Kind bekommen.« Sie sprach einfach und ruhig. Doch Wolkows Gesicht erstrahlte in der Röte der plötzlichen Freude, er sprang auf und drückte Therese glücklich an sich, er hob sie empor. »He! ... He! ... Haha!« schrie er ohne Zusammenhang und er lachte glücklich. »Ist es wahr? Ist es auch wahr?« frug er zehnmal nacheinander aufgeregt. »Therese! ... Therese!« Tränen brachen aus seinen Augen, seinen tiefen, ehrlichen Männeraugen hervor; sie sah, daß die Empfindung aus seinem Innersten hervorquoll. »Ach, welche teure Worte! ...« sprach er ganz selig, indem er Therese lange und innig küßte. »Sag' es noch einmal, ich will es hören, nochmals hören.« Und Therese wiederholte: »Schon seit zwei Wochen weiß ich, daß ich ein Kind haben werde ...« »Und erst jetzt, erst jetzt sagst du es mir! Zwei glückliche, wunderschöne Wochen haben wir da verloren! Aber nichts ... es tut nichts ... Der Augenblick, den ich soeben durchlebte, übergoß mich mit den Freuden vergangener und kommender Zeiten ... Zeige dich, zeig' dich doch! ...« Er stellte Therese in die Mitte des Zimmers, nahm sie in die Arme, maß sie mit einem zärtlichen Blicke vom Scheitel bis zur Sohle und meinte lächelnd: »Es ist noch nichts zu merken ...« »Du Närrchen!« rief sie lachend. Die schwärmerische, hingebungsvolle Seligkeit Wolkows gefiel ihr sehr. »Morgen reise ich nach Hause ... zu meiner Frau ...« sprach er. »Ich will es ihr erzählen, sie wird gewiß auch glücklich sein. Später, wenn die Zeit kommt, wirst du ebenfalls zu uns kommen und die letzten Monate dort verbringen. Es wird ein Mädchen sein. Ich will ein Mädchen haben, sie soll sein wie ihre Mutter. ...« Und er umarmte sie von neuem, als wollte er ihr seine eigene Kraft, das eigene Leben geben. »Wein, ich will Wein trinken«, rief er schließlich laut und heiter, »und Wiegenlieder will ich hören. Heute abend gehen wir in die Yard, um den Zigeunerchor zu hören.« Der Gedanke gefiel auch ihr. Seitdem Sudakow den ungarischen Chor hinauswarf, war sie noch nicht dort gewesen. Einmal war sie im Café Metropole, wo sie erfuhr, daß keine Versöhnung stattgefunden hat und Amélie den halben Chor in den Morgenstunden in den »Traktiren« singen ließ, wo die Lumpen Moskaus nach den Vorstellungen der Yard und der Strelna zu zechen pflegen. Die andere Hälfte des Vengerski-Chors gab in großen Speisesälen und Klubs Konzerte. Aber sie wußte nichts davon, was in den letzten Wochen mit dem Vengerski-Chor geschehen ist. Am Abend beschlossen sie, in der Yard zu nachtmahlen. In Pelze gehüllt -- Wolkow gab jetzt besonders acht auf sie! -- glitten sie auf dem klingelnden Schlitten über die Petrowka; im Tore der Yard hob sie der mächtige Portier im Riesenpelz ehrerbietig aus dem Schlitten, aber sie hatte noch Zeit genug, auf die andere Seite hinüberzublicken, wo die unansehnliche Heimstätte der Vengerkas zwischen den anderen Häusern verborgen dastand. Wie oft war sie über die kotige Gasse gelaufen, wie viele arme Vengerkas waren schon auf dem kurzen Wege hin- und hergetrippelt! Sie setzten sich in der ersten Reihe, in der Nähe des Orchesters. Die Musikanten stimmten noch ihre Instrumente, Jurakowsky war noch nicht im Saale. Zu Ehren des großen Tages bestellte Wolkow gleich Sekt. In den Logen saß noch kaum einer. Der Proswoditl machte die Runde und verneigte sich vor Wolkow, der früher häufig hier Gast war, seit einiger Zeit aber ausblieb. Der Geschäftsführer glaubte, er sei vielleicht aus dem Grunde ausgeblieben, weil der ungarische Chor hinausgeworfen wurde. Er trat zu ihrem Tische. »Guten Abend, Herr Wolkow. Der Herr Direktor hat sich vor drei Tagen mit dem Vengerski-Chor versöhnt. Sie singen ja schon wieder, und es sind neue Mädchen von Budapest gekommen.« Der Vorhang ging in die Höhe und die Truppe der Madame Amélie strömte auf die Bühne, eine schäbige, müde Herde. So gelangweilt, mit einem so erzwungenen Lächeln stand auch sie auf der Bühne? Sie suchte mit den Augen Karoline und fand sie auch. Also sie kam zurück? Aber was geschah mit Lolita? Alle sind ja da, dort die Manci, dort die Irene. Sie tragen neue Kostüme, die sie vielleicht in ihrer Freude über die Versöhnung angeschafft haben. Die Armen! jetzt beginnen sie zu singen. Das Lied: »Nádfedeles kis házikóm leégett az éjjel!« ertönt, dann folgt gleich »An der schönen blauen Donau«, dann der Tanz Mancis und eines neuengagierten jungen Mannes. Vielleicht haben sie Therese bemerkt, denn sie stoßen sich mit den Ellbogen und Karoline scheint ihr lächelnd zugewinkt zu haben. Aber Therese vermag nicht mehr die Vorstellung zu verfolgen, ihr Herz pocht stürmisch, rasch setzt sie das Glas an die Lippen, um ihren Schrecken, ihre Verlegenheit zu bemänteln. Jurakowsky war eingetreten und nahm auf dem Stuhle des Kapellmeisters Platz. Er warf das rechte Bein nachlässig über das linke, wandte sich halb um und musterte das Publikum. Wie schön er auch heute abend war! Schade, daß sie ihn seither nicht gesehen! Dann würde sich der Arme da neben ihr umsonst freuen, dann wäre vielleicht Jurakowsky Vater des Kindes? ... Der Grieche ließ den Blick über das Publikum schweifen ... jetzt war er bei ihnen angelangt ... Therese erbleichte, ihre Lippen erzittern kaum merklich; doch Jurakowsky verzog keine Miene, er blieb regungslos wie eine Statue, er winkte nicht, er zwinkerte nicht einmal. Als alter Theatermann wußte er, daß es sich nicht schickt, daß es gar nicht rätlich ist, ein Mädchen zu grüßen, das mit ihrem Freund erschienen ist. Es wäre töricht, seine Aufmerksamkeit, seine Eifersucht wachzurufen. Die Banditenehre läßt dies nicht zu. Der ungarische Chor entfernte sich endlich, der Kapellmeister begann zu dirigieren. Therese beruhigte sich. Es fiel ihr ein, daß die Mädchen jetzt unten im Halbdunkel ihr Abendbrot verzehren. Sie wäre gerne hingegangen, um mit den Mädchen zu sprechen, aber sie wollte Amélie nicht der Ehre würdigen, sich mit ihr einzulassen. »Willst du hier speisen oder oben im Kabinett?« frug sie Wolkow. »Wie? es wäre ganz nett! Ich möchte mit der Karoline sprechen, lassen wir den ungarischen Chor mal blasen ... Endlich bin ich ein tüchtiges Geschäftsmädel geworden. Es ist erst zehn Uhr und ich lasse schon den Chor blasen.« Sie lachte über den guten Einfall. Sie gingen in das Kabinett Nr. 5, wo sie am Tage ihrer Ankunft gewesen waren. Sie sah im Geiste die schweigsame, ernste Russenfamilie, die sich Lieder vorsingen ließ. Beide nahmen Platz, bestellten das Abendbrot und erwarteten den ungarischen Chor. Therese beschloß, sie nicht »blasen zu lassen«, sie wollte sich mit keiner einlassen, bloß eine Unterredung mit Karoline haben, die ihr ja alles erzählen würde. Der Kellner des Kabinetts ließ den ungarischen Chor in das Kabinett 5 bestellen. »Wer zum Teufel will den Chor schon zu so früher Stunde haben?« meinte Amélie. »Gewiß ein gemütlicher Herr!« Die Mädchen verzehrten ihr Abendbrot in aller Hast, der Inhalt des fettigen Papiers verschwand im Nu; »Eilet! eilet!« schrie Lencsi; alle drängten sich auf der Treppe, um rascher hinaufzukommen; einzelne hatten noch Knochen in der Hand; endlich waren sie vor der Tür, wo sie, wie eine das Peitschenknallen des Viehhirten erwartende Herde, stehen blieben. Amélie ließ den Blick prüfend über die Truppe schweifen; sie selbst ging nicht hinein, sie wollte bloß sehen, ob alles in Ordnung wäre. »Marsch!« sagte sie, worauf die Tür aufging und die Mädchen hineinströmten. ... Therese saß, wie einst Julchen Rubinvejer, in der Mitte des Kabinetts vor dem gedeckten Tisch. Sie war bleich und erregt; vor den armen Mädchen wollte sie nicht prunken, indes hätte sie Frau Amélie doch gerne geärgert. Als die Mädchen Therese erblickten, setzten sie sich, den Regeln des Kabinetts entgegen, nicht nebeneinander nieder, sondern scharten sich lebhaft um sie. »Virginia! Virginia! ... Wie geht es dir? ... Welche Überraschung ... Wo wohnst du? Wir dachten, du wärest schon nach Hause gereist!« klang es in buntem Durcheinander. Therese hätte die vielen Vengerkas mit all ihrer Bosheit und Herzensgüte am liebsten auf einmal umarmt. In diesen Mädchen schien sie sich selbst zu bedauern, ihre unverwirklicht gebliebenen Träume, die hoffnungslose Jagd nach der Kunst, auf die sie gleich allen diesen Mädchen ausgegangen war. Selbst die letzte Choristin hat sich einmal eingebildet, die Auserwählte zu sein. Und nun ist sie eine Schlacke des geschmolzenen Edelmetalles der Kunst geworden. Mit zufriedener Miene sah und hörte Wolkow dem Treiben zu. Erst wenn die Mädel das wüßten, was er weiß! »Kinder, ihr braucht nicht zu singen, ich wollte euch ja bloß sehen ... Der Alte wird euch hundert Rubel geben, davon gehören fünfunddreißig »der gnädigen Frau Direktrice« -- sie sprach diese Worte höhnisch buchstabierend aus -- und fünfundsechzig könnt ihr unter euch aufteilen. Karoline bitte ich, das Abendbrot mit uns zusammen zu nehmen ...« »Besten Dank, gute Nacht, Servus, auf Wiedersehen!« riefen sie durcheinander, worauf sie das Kabinett verließen, um das Geld zu verteilen und die Reste des Nachtmahls zu verzehren. »Wer war drinnen? Wieviel habt ihr bekommen?« fragte die »wachthabende« Lencsi. Als sie die große Neuigkeit erfuhr, lief sie zur Madame Amélie hinunter, die sofort nach Hause eilte. Sie wollte etwas herüberholen. »Ich will der Kleinen eine Überraschung bereiten! ...« Inzwischen saß Karoline an dem Tische Theresens und erzählte: »Weißt du, mein Herz, der Russe ist ein ganz eigentümlicher Mensch; so auch der Sudakow. Er selbst hatte die Empfindung, schonungslos gewesen zu sein und daß die Mutterschaft ... etwas anderes sei ... und nicht verletzt werden dürfe.« Therese blickte auf Wolkow, als ob er ungarisch verstünde. »Gut, aber wie ging die Versöhnung vor sich?« »Nun, einfach so, daß eben die Ungarin am besten trinken kann. Der Sektkonsum war auf die Hälfte zurückgegangen. Gyagya Monopol kam von Petersburg plötzlich hierher und erkundigte sich bei Sudakow, was denn vorgehe. Dann kam er zu mir. Ich erzählte ihm alles, und er gab mir recht. Weißt du, was dann geschehen ist? Er schimpfte Sudakow zusammen, der mich dann besuchte, alles verzieh und Lolita in einem Erziehungsinstitut unterbrachte. Eine volle Jahresgebühr hat er für sie entrichtet. ... So ist der Russe. Er ist zwar gemein, doch man kann ihm darob nicht grollen. Das andere kam von selbst, wie hielten in der Yard unsern Einzug, und ich bat ihn vor der ganzen Bande um Verzeihung. Jetzt wird weiter geblasen. Aber du? Was ist mit dir?« »Das siehst du ja!« »Es ist auch besser so, mein Herz, als ein unstetes Zigeunerleben zu führen. Ich war schon besorgt um dich, denn es wurde schon etwas in Verbindung mit dem griechischen Gaukler über dich getratscht.« »Um Gotteswillen, gibt acht ...« »Aber wir sprechen ja ungarisch. Was weiß denn der da, was »griechischer Gaukler« bedeutet.« Sie lachten laut und Therese hob ihr Glas in die Höhe, um mit Wolkow anzustoßen. »Prosit! Du bist ein guter Mensch!« Der Wein, die Stimmung in der Yard hatte Wolkow merkwürdigerweise zum Schweigen gebracht. Er schwieg, doch fühlte er sich sichtlich wohl. Er ließ den Zigeunerchor kommen und das Wiegenlied singen, das der Kosak seinem Söhnlein vorsummt, bevor er gegen den Türken ins Feld zieht. Er faßte Therese sanft bei der Hand und gab sich ganz der Melodie hin. Und als das Lied zu Ende, war sein Blick umflort, er lehnte den Kopf langsam auf die Schulter Theresens und küßte ihren Nacken. Er war glücklich, er fühlte sich Vater. Sie beschenkten die Zigeuner, Karoline und trafen Anstalten, den Heimweg anzutreten. Auf dem Korridor trafen sie Madame Amélie. »Guten Abend, mein Täubchen!« rief sie Virginia entgegen, als sie jene erblickte. »Schau, schau, welch feine, prächtige Dame aus ihr geworden ist. Sie haben recht behalten, mein Schatz! Es wäre ein Unsinn gewesen, für dreißig Rubel den Chor zu blasen, wenn Sie leben können wie eine Prinzessin. ... Ja, richtig! Ich habe da etwas bei mir. Ich glaube, es wird Sie interessieren ... Hier, mein Kind. Aber nun muß ich forteilen, ich habe sehr viel zu tun.« Sie drückte Therese einen kleinen Zeitungsausschnitt in die Hand und eilte davon. Am anderen Ende des Korridors lauerte Lencsi auf, um ihr berichten zu können. Therese stand im Pelz, die Gummischuhe an den Füßen, wie eine Reklamepuppe im Schaufenster eines vornehmen Kürschnergeschäftes, reisefertig da; sie blieb stehen und las die Nachricht in der Rubrik »Gerichtshalle«: Die Defraudantin fiel bei der Schlußverhandlung in Ohnmacht. Eine Frau, die einmal bessere Tage gesehen hat, Frau Dr. Dezsö Ladány, stand gestern vor dem Gerichtshofe. Sie war angeklagt, ein gegen Ratenzahlungen gekauftes Klavier verpfändet und somit zum Schaden des rechtmäßigen Besitzers, des Instrumentenhändlers, veruntreut zu haben. Da die Witwe des Gymnasialprofessors die ihr zur Last gelegte Schuld nicht geleugnet hat, wurde sie zu einer zweimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Bei der Verkündung des Urteils ereignete sich eine peinliche Szene. Die Verurteilte fiel lautlos zusammen, so daß man im ersten Augenblick glaubte, sie sei gestorben. Später erholte sie sich und schleppte sich, großes Aufsehen erregend, am Arme des Gefängniswächters über den Korridor des Gerichtsgebäudes. Therese wollte im ersten Augenblick ihren Augen nicht trauen. Unter einem funkelnden Leuchter blieb sie nochmals stehen; sie zitterte am ganzen Leibe, übersprang mehrere Zeilen, begann von neuem zu lesen, war bleich, starr, sie empfand eine schmerzhafte Kälte. Sie fühlte den Kopf wie zwischen Eisenklammern eingezwängt und starrte in Wolkows Gesicht, als ob er ein Fremder wäre. Der Bauer erschrak. »Fehlt dir etwas?« frug er. Therese verzog die Miene zu einem erzwungenen Lächeln. »Nichts ... Eine Nachricht aus dem Theater, dessen Mitglied ich gewesen ... Ein Todesfall ... eine liebe Freundin ist gestorben ...« Und als sie das Wort »gestorben« aussprach, füllten sich ihre Augen mit Tränen, ihr Kinn fiel herab und ihre Tränen flossen in gerader Linie über ihr Gesicht. Lencsi hatte die Szene von ihrem Versteck aus mit Schadenfreude beobachtet, und sie gefiel ihr besser als die schönste Theatervorstellung. Die Dame, die vornehme Dame im Pelz, die neue Prinzessin stand schluchzend im Korridor der Yard, während unten das Orchester schmetterte, das Jurakowski mit erobernden Gesten leitete. Sie wußte gar nicht, wie sie nach Hause gekommen war und was Wolkow ihr bei dem Abschied gesagt hatte. Sie vergaß, die Vorzimmertür zu schließen und die aus ihrer Nachtruhe aufgescheuchte Nadinka mußte sie schließen, weil ein kalter Luftzug durch die Wohnung ging, wo Therese sich in ihrer Abendtoilette und im Pelz auf den Diwan warf und wie ein kleines Kind, sich in Krämpfen windend und schluchzend das Wort wiederholte: »Ma-ma! ... Ma-ma!« Das Blättchen Papier war in ihrer Hand schon zu einem Fetzen zerknüllt; laut und keuchend, dem Ersticken nahe las sie immer wieder die Unglücksbotschaft; plötzlich sprang sie auf, zerrte mit der Rechten an ihren Haaren, während sie mit der Linken in raschem Nacheinander kleine Schläge führte und halb wahnsinnig, mit stieren Augen, die Worte stammelte: »Ich bin schuld daran ... ich bin schuld daran ...« Nadinka hörte ihr Wehklagen, hörte die Worte: »Ma-ma! ... Ma-ma! ...«, sie sah in ihrer Hand den kleinen Zeitungsausschnitt und dachte, die Mutter ihrer Herrin wäre gestorben. Sie ging hinein und war bestrebt, Therese liebevoll zu trösten, indem sie ihr russische Worte ins Ohr flüsterte, aber Therese wollte jetzt fremde Töne nicht hören und hieß sie, sie allein zu lassen. »Ich habe meine Mutter einsperren lassen ... ich habe meine Mutter einsperren lassen ...« flüsterte sie mit bläulichen, zitternden Lippen. Sie stellte sich, ohne zu wissen, warum, vor den Spiegel, als wollte sie die Selbstquälerei dadurch verschärfen, daß sie ihren Schmerz nicht nur fühlt, sondern auch sieht. Sie entledigte sich mechanisch ihrer Kleider und legte sich nieder. Nadinka hatte die Gewohnheit, die Rollbalken des Schlafzimmers stets herabzulassen, so daß es im Zimmer ganz finster war. Therese zündete keine Lampe an und schlich in das Bett. Es war für sie eine Nacht der Mörder und Missetäter; der Schlaf mied ihre Augen, sie fieberte, in ihrem überhitzten Gehirn trieb ein Traumgesicht das andere, sie sah ihre Mutter in ihrer ärmlichen, schwarzen Kleidung vor dem Gericht stehend, sie erinnerte sich ihres flachen Hutes, der ganz schief auf ihrem Kopfe saß und herabzugleiten drohte; dann glaubte sie plötzlich die Stimme der Mutter zu hören, als würde sie ihr aus der Ferne, aus dem dunklen Gefängnis zurufen: »Zur Hilfe!« Und die unglückliche, zerschlagene, zu Tode gepeinigte Vengerka brach in Schluchzen aus, das Weinen schüttelte ihren ganzen Leib, so, wie noch nie seit ihrer Kindheit. Gleich einem Wasserfall entquoll ein Strom des Schmerzes und der Bitterkeit ihrem Innern; das Meer von Strebertum, Hochmut, Trotz, Schmerz, Schmutz, durch das sie waten mußte, durchbrach alle Dämme; sie fühlte sich wie ein hilfloses, schwaches Kind und wurde von der unwiderstehlichen Sehnsucht erfaßt, nach Hause zu eilen, nur nach Hause. Ja! sie blieb keinen Augenblick länger in Moskau. Sie ließ die bequeme Wohnung, Wolkow, alles im Stich ... Sie erschrak da. Das Kind fiel ihr ein. Es war unmöglich, ihre Schande nach Ungarn mitzunehmen. Die Mutter hatte genug an der einen Schande, die andere mußte aus der Welt geschafft werden, noch bevor sie das Licht der Welt erblickte. Sie wollte die Dienerin, die Sklavin ihrer Mutter sein, die Füße dieser Märtyrerin küssen, die den Leidensweg in das Gefängnis gehen mußten. Gleich am Morgen würde sie in die Bank gehen, ihre zweitausend Rubel holen und dann zu einer Akuscherka eilen ... Von den Mädchen wußte sie, wo sie wohnte ... Sie würde sich vom Kinde befreien lassen ... Das war in zwei bis drei Tagen geschehen und dann eilte sie nach Hause. Ja, das mußte sie tun ... Sie stieß die Decke von sich, setzte sich im Bette auf, zündete die Lampen an, trieb Nadinka an und begann zu packen. Sie ließ den Koffer in das Zimmer schaffen und leerte die Schränke ... Sie wollte eilig alles vorbereiten, um reisefertig dazustehen, sobald die Sache erledigt sein wird. Fort, fort von hier! Nadinka wußte sich nicht zu erklären, was da vorginge ... Gewiß war ihre Mutter gestorben. Zärtlich, im Tone einer Mutter sprach sie auf die Herrin ein, sie streichelte und küßte ihre Hand. Therese aber trieb sie barsch an: »Sklare! ... Sklare! ...« »Rasch, rasch!« Das Wort hatte sie noch in der Yard erlernt, als sie ihren Rock und ihre Schneeschuhe rasch vom Garderobier verlangen mußte. Nun waren ihre Kleidungs- und Wäschestücke wieder beisammen. Die Bank wurde um neun Uhr geöffnet ... bis dahin wartete sie. Es war erst fünf Uhr des Morgens, aber sie war schon angekleidet. Sie setzte sich in einen Stuhl, wo sie vor Müdigkeit und Aufregung einschlief. Um acht Uhr wurde sie durch schrilles Klingeln aus dem Schlafe gestört. Sie sprang auf die Beine. Es war ein Brief Wolkows. Oh, der wackere, der kluge Wolkow! »Liebes, gutes Mütterchen,« schrieb er ihr, »ich hielt es gestern abend nicht für schicklich, diese Sache vorzubringen. Es ist aber auch so schwer, derlei mündlich zu erledigen. Ich weiß sehr wohl, daß eine Frau ... kleine, einzige Mama ... in solcher Lage gar manches anzuschaffen hat. Ich sende also tausend Rubel, die Du in Gesundheit verausgaben kannst. Jetzt reise ich nach Hause, will die Nachricht meiner Frau selbst überbringen und dann zu Dir zurückfliegen ...« Therese hatte nicht einmal die Zeit, Wolkow zu bedauern. Wenigstens mußte sie nicht warten, bis die Bank geöffnet wird. Ihre Handtasche war mit einigen Wäschestücken und Toilettegegenständen schon vorbereitet. Sie lief hinunter, ließ einen Schlitten halten und gab dem Kutscher die Adresse der Akuscherka an. Wenige Minuten später läutete sie bei ihr an. Das ganze Haus schlief noch. Eine schläfrige Magd hatte sie im Vorzimmer empfangen und einige Minuten hernach erschien in einem hastig angezogenen Negligé eine behäbig watschelnde Frau. »Guten Tag, guten Tag, Fräuleinchen! Gewiß ist etwas nicht in Ordnung! Wenn Sie schon so zeitig hier sind, müssen Sie es eilig haben. Bitte hineinzuspazieren.« Aus dem finsteren Vorzimmer traten sie in ein größeres Zimmer, das mit einem großen, dicken, in Deutschland erzeugten Teppich belegt war; einige Plüsch-Fauteuils, schwere Vorhänge, mehrere Ölgemälde, über der Tür das obligate Heiligenbild und ein Öllämpchen. »Sie wissen ja, weshalb ich komme ...« sprach Therese. »Gewiß, liebes Fräulein. Aber bei mir ist jetzt alles voll. Alle meine Zimmer sind besetzt, überdies erwarte ich für heute oder für morgen die polizeiliche Visite ... Wenn das Fräuleinchen nur zehn Minuten auf mich warten will, so wollen wir zu einem ausgezeichneten Damsky Doktor geben, der alles in Ordnung bringen wird ...« »Ist er geschickt?« »Aber, Fräuleinchen?« erwiderte die dicke Hebamme ganz beleidigt. »Wenn ich ihn empfehle, können Sie ganz beruhigt sein. Der versteht sein Fach. Man muß ihm zweihundert Rubel zahlen.« Sie hielt plötzlich inne und blickte Therese mit gespannter Erwartung ins Gesicht. »Gut«, erwiderte diese mit müder Miene. »Aber nur für die Operation allein. Außerdem bekommt er hundert Rubel dafür, daß Sie zwei Tage dort liegen, Kost und Pflege bekommen ... ich bin die erste Pflegerin. Mir gebühren bloß dreißig Rubel ...« Therese hörte die Ziffern, das Schwatzen der Alten, aber von alledem interessierte sie nur das eine, daß sie zum Damsky Doktor gehen muß. »Gehen wir ... beeilen Sie sich ...« »Gleich, gleich, Fräuleinchen.« Die Akuscherka verschwand und Therese wartete mit gesenktem Kopfe, in trübe Gedanken versunken. Ihr war, als ob ein trockener, ausgepreßter Schwamm an der Stelle ihres Gehirns wäre, jeder einzelne Gedanke schnitt ihr tief ins Herz, und eine unsichtbare Macht zwang sie, fortwährend an die Mutter zu denken, die im Gefängnis saß, vielleicht allein, vielleicht in der Gesellschaft von Straßendirnen. Sie brach beinahe in krampfhaftes Schluchzen aus, als ihr Frau Tomcsányi einfiel. Der Blitz hätte sie treffen sollen, als jene sie zum ersten Male nach Hause begleitete! »Wir können gehen!« sprach die Akuscherka. Therese fuhr erschrocken zusammen. Sie bestiegen einen Wagen -- keinen Schlitten -- und unterwegs hörte die glattzüngige, plumpe Fleischmasse im Pelze nicht auf, zu schwatzen. Nach einigen Minuten hielten sie vor einem kleinen gelben Hause. Es war ein einstöckiger Bau; neben dem Haustor war eine Tafel befestigt mit der Aufschrift: Leon Steiner Damsky Doktor Das Tor war geschlossen. Auf ihr Klingeln wurde es geöffnet und sie stiegen die Treppe hinan und wurden durch eine Zofe, die russische Nationaltracht trug, in das Empfangszimmer geleitet. Kurz darauf standen sie vor einem spitzbärtigen Herrn, der einen langen weißen Rock und einen goldumränderten Kneifer trug. Er begrüßte die Akuscherka und wendete sich dann an Therese, die er im natürlichsten Tone der Welt fragte: »Seit wieviel Monaten fühlt sich das Fräulein Mutter?« »Seit drei Wochen ...« »Nun, dann ist ja das Ganze eine Kleinigkeit. Madame hat Ihnen offenbar schon gesagt: zweihundert Rubel. Bitte im voraus zu zahlen. Nicht etwa, als ob ich kein Vertrauen hätte, aber ...« »Bitte«, sprach Therese leichenblaß und zum Äußersten entschlossen. Sie legte das Geld auf den Tisch. »So. Jetzt bitte ich Sie, in Ihr Zimmer zu gehen und sich dort umzukleiden ... Dann wird Madame Sie in das Ordinationszimmer begleiten.« Sie gingen über einen schmalen Seitenkorridor in eine kleine Stube, in der es nur ein Bett, ein Spind und einen eingebauten Waschapparat gab. Madame kleidete Therese aus und ließ sie ein Negligé anlegen. Irgendwo in der Nachbarschaft sang ein junges Mädchen Skalen und bearbeitete dabei das Klavier. Der Ordinationssaal war ein gewöhnliches Zimmer mit einer großen stuhlartigen Lagerstätte in der Mitte. Der Damsky Doktor hatte sie schon erwartet. XII. Wolkow traf in der Alexander-Station ein. Diese lag seinem Hause am nächsten. In der Hand hielt er einen großen Nelkenstrauß und zwei kleine Flaschen mit Aprikosenkompott. Das war das Geschenk der Anastasia Feodorowna für Therese. Sie schärfte ihrem Manne ein, das Geschenk der Therese persönlich zu überbringen. »Die Nelke würde dem Kinde Schönheit verleihen, Therese sollte die Blume häufig betrachten und ihren Duft einatmen; die Aprikosen bringen die Güte; sie soll sie mit gutem Appetit verzehren.« Während der zwei Tage, die er zu Hause verbracht hatte, wurde nur vom Kinde gesprochen: wie es beschaffen sein würde, wenn es ein Knabe sei, und wie, wenn ein Mädchen käme. Beiden wäre ein Mädchen lieber, denn Knaben sind unstet und trotzig, während die Mädchen sanft und lieblich sind und gerne daheim bleiben. Anastasia Feodorowna träumte und phantasierte, als ob sie selbst ein Kind im Schoße hätte. Sie weinte, was schon seit Jahren nicht mehr geschehen war. Tränen der Güte und Liebe flossen aus ihren Augen. Bei dem Abschiede küßte Wolkow die pergamentene Stirn seiner armen Frau mit noch größerer Innigkeit als sonst, und er empfand die überirdische Güte, von der das Herz der armen Frau erfüllt war. Wortlos, mit weisem Verzicht und stummer Ergebenheit in die Fügung des Schicksals erwartete sie die neue Freude, das keimende Leben, mit dem sie nichts zu schaffen hatte. Das Kind, ein Kind der fremden Vengerka war die merkwürdige Brücke; die der Traum und die Hoffnung, die Sehnsucht über die Kluft der Herzen gespannt hatte. Wolkow läutete, und weil die Tür nicht sofort geöffnet wurde, läutete er nochmals ungeduldig-nervös. Nadinka kam heraus. »Wo ist deine Herrin?« »Sie ist nicht zu Hause.« »Wann ging sie fort?« »Schon vor zwei Tagen, in den frühen Morgenstunden ...« »Was? Vor zwei Tagen? In den Morgenstunden?« Erschrocken, mit bleichem Gesichte wiederholte er Nadinkas Worte ... Ohne seinen Rock abzulegen, eilte er in das Zimmer, wo er den gepackten Koffer und die Hutschachteln sah. »Was ist denn das?« »Ich weiß nicht ..., sie hat vorgestern früh alles so hier gelassen.« »Erzähle mir alles, was du weißt.« Mit lebhaften Gesten und schmerzlichen Seufzern begann Nadinka ihre Erzählung: Bozse moje! Bozse moje!« und sie sagte alles, was sie wußte. Daß die Herrin geweint und gewehklagt, immerfort ihre Mama angerufen habe und am Morgen eilig fortgegangen. Gewiß war ihre Mama gestorben und Bozse moje!! ... die arme Herrin hatte vielleicht ihrem Leben ein Ende bereitet. Wolkow sah klar, daß nur der Zeitungsausschnitt, den Amélie der Therese übergab, das Unheil angerichtet haben konnte. Er fuhr sofort zur Madame Amélie. Die ganze Gesellschaft saß im Speisezimmer und spielte Sechsundsechzig. Sie zankten gerade über einen Einsatz -- die Mädel knieten im Hemde auf den Stühlen --, als Wolkow eintrat. Er wartete nicht, bis er angemeldet war; er schob Dunyasa beiseite und stand in seiner Kleidung eines russischen Bauern plötzlich in dem überhitzten Zimmer vor der lärmenden, überraschten Gesellschaft da. »Nein, so etwas!« schrie Manci, die im Hemde, mit aufgelösten Haaren bei dem Tische saß und in ihren klappernden Pantoffeln rasch davonschlich. »Schau ... schau ... Herr Wolkow? Was geht denn vor?« frug Amélie, die selten überrascht war. »Ich suche Therese ...« »Therese? Die wohnt nicht mehr hier,« erwiderte Amélie. »Wenn ein Mädchen mich und den Chor verläßt, so kann Gott allein für ihre ferneren Wege verantwortlich sein ... Ist sie flüchtig?« frug sie mit unverschämter Neugierde. »Jüngst war ich mit ihr in der Yard.« »Ich weiß, Herr Wolkow. Wir danken Ihnen im Namen des Chors.« »Sie haben ihr einen Zeitungsausschnitt gegeben. Was stand darin?« »Nichts ... rein nichts ...« und Madame lachte mit boshafter Schadenfreude. »Die Mama des kleinen Fräuleins wurde eingesperrt, weil sie gewiß auch so eine feine Frucht war wie ihre Tochter. Das ist alles, Herr Wolkow, nicht der Rede wert.« Wolkow stieg das Blut zu Kopfe. Er frug sie mit heiserer Stimme: »Mußten Sie ihr denn die verfluchte Zeitung zeigen?« »Es ist doch nur in Ordnung, wenn das Mädel weiß, was mit ihrer Mutter geschehen ist ...« »Sie alte Kupplerin, Gott soll Sie strafen! ...« schrie er in seiner Erbitterung. Madame Amélie erschrak nicht so leicht. Hätte ein anderer ihr das gesagt, so würde sie ihm die Karten an den Kopf geworfen und so unflätig geschimpft haben, daß die Nachbarschaft zusammengelaufen wäre. Allein Wolkow war ein alter, geschätzter, freigebiger Besucher des Lokals. Er durfte nicht beleidigt werden, namentlich jetzt nicht, da die Truppe erst vor einer Woche in das Lokal zurückgekehrt war. Da hieß es, klein beigeben. Um der kleinlichen Situation eine würdige Wendung zu geben, setzte Madame Améle die Miene der stillen Dulderin auf, der ein schweres Unrecht zugefügt wurde. Sie rief schluchzend aus: »So spricht man mit einer anständigen Frau wegen einer solchen nichtswürdigen Dirne! Es lohnt sich wahrlich nicht, sich so zu plagen, sich mit der Erziehung der Mädel abzugeben.« Wolkow hörte ihre Worte nicht mehr. Er ging fort. Kaum schloß sich die Tür hinter ihm, als Amélie schon im ruhigsten Tone der Welt frug: »Nun, Kinderchen, wer teilt jetzt aus?« Wolkow eilte zum Polizeichef des Bezirkes, der sein alter Freund war. Sie hatten die Mittelschule zusammen besucht und Wolkow half ihm oft aus seinen Geldverlegenheiten. »Ich habe nur noch einige Angelegenheiten zu erledigen; in einer Stunde bin ich bei dir, um das Dienstmädchen zu verhören,« sprach er. Und Wolkow saß wieder in seiner im Kusnetzky-Most befindlichen kleinen Wohnung. Er saß im Überrock vor dem offenen Fenster, weil er in seinem nervös-erhitzten Zustande das geschlossene Fenster nicht dulden konnte. Auf dem Tische standen der Nelkenstrauß und die beiden Flaschen Kompott. Regungslos, stumm wartete er; die Lippen hatte er aneinandergepreßt, auf seiner Stirne waren die Adern angeschwollen, die Kehle war trocken. Er klingelte und fragte die eintretende Nadinka: »Haben wir einen Apfel im Hause?« »Ja.« Sie stellte einen Teller, ein Messer und einen Apfel vor ihm hin ... Er rührte ihn gar nicht an. Er dachte nicht mehr daran, er mochte ihn nicht mehr. Die Gedanken jagten einander in seinem Kopfe, aber sie nahmen keine bestimmte Form an. Am meisten peinigte ihn der Gedanke, daß Therese jemanden habe, von dem sie sich verabschieden wollte, bevor sie ging ... Sie wollte offenbar gehen, wozu hätte sie sonst ihre Sachen eingepackt? Sie wollte fort, fort mit dem Kinde ... »Nadinka; ... Nadinka!« ... schrie er plötzlich. Die bleiche, erschrockene Magd lief herbei. »Wo ist der Schlüssel des Spindes?« »Sie nahm ihn mit.« »So? ... Du kannst gehen.« Er trat zum Spinde, dessen Tür er mit einem Ruck aufriß ... Unter einigen zurückgebliebenen Wäschestücken fand er den Notariatsakt und die beiden Einlagebüchel. Das eine über das ersparte Geld der Therese, das andere ... gehörte dem Kinde ... Wolkow blickte auf dieses Buch und wurde für einen Augenblick von einem krampfhaften Schluchzen geschüttelt; dann wurde sein Gesicht von neuem ruhig, seine Züge wurden wieder hart. Den Akt und das Büchel steckte er in die Tasche. Merkwürdigerweise dachte er gar nicht daran, daß Theresen ein Unfall zugestoßen sein könnte. Sein eigener Schmerz beschäftigte ihn mehr als Therese ... Er zitterte für das Kind, für seine Hoffnungen. Er hatte die Empfindung, daß es da nicht mit rechten Dingen zugehen müsse. Darum gärte es in ihm wie in einem überhitzten Kessel. In dieser großen Stille stand er mit gesenktem Kopfe, von trüben Gedanken gequält, in der Mitte des Zimmers. Es wurde geläutet. Gewiß ist das der Polizeihauptmann, dachte er sich. Doch nein. Es waren kleine, weibliche Schritte, die Schritte Thereses ... nur waren sie müde, schleppend ... Wolkow stand noch immer regungslos da. Die Tür öffnete sich, und Therese erschien auf der Schwelle. Ihr Gesicht war bleich, blutleer, ihre Augen erweitert und hatten einen schmerzlichen Ausdruck, ihr Kinn war länger geworden ... In drei Tagen hatte sie gealtert ... »Wolkow!« ... klang es von ihren Lippen wie ein leiser Seufzer. »Wo warst du seit drei Tagen?« Die Frage, mit leiser Stimme gestellt, schnürt ihr die Kehle zusammen ... Die bleiche Gestalt mit den bläulichen Lippen stand stumm da. Endlich antwortete sie ganz leise: »Ich muß wegreisen ... Ich muß meine Mutter sehen ... Ich muß sie vor der Tür des Gefängnisses erwarten, wenn sie es verläßt ... Eine wahnwitzige, starre Ruhe hatte sie erfaßt. Wozu die Sachen beschönigen? Es war ja ohnehin einerlei. »Und das Kind? ... Was soll mit dem Kind werden?« ... frug er fieberhaft keuchend. Therese antwortete mit halb geschlossenen Augen und gesenktem Kopfe: »Es ist nicht mehr ... Darum war ich drei Tage lang fort ...« Aus ihren müden, roten Augen rollten zwei schwere Tropfen über ihr Gesicht ... »Wolkow ... ich bitte Sie ... und auch Ihre Frau ... um Verzeihung ...« Der Bauer klammerte sich an die Lehne des kleinen vergoldeten Strohsessels. Alles Blut strömte nach seinem Gesichte. Das dünne, gedrechselte Holz krachte unter seinen Fingern. »Was ist geschehen? ... Mein Kind ist nicht mehr?« »Nein ... es ist nicht mehr,« erwiderte sie kaum hörbar. »Du Mist! Du Letzte! Du Auswurf der Menschheit!« ... schrie Wolkow mit röchelnder Stimme. »Wie hast du es über dich gebracht, das zu tun?« Bei jedem Worte stieg seine heisere Stimme höher und höher, mit jedem Worte nahm seine Wut zu ... Er hob den kleinen Sessel und warf ihn mit solcher Wucht zu Boden, daß er in mehrere Stücke zerbrach ... »Du ... du ... du ... du weißt gar nicht, was du getan hast? Du Mörderin! ...« Mit erhobener Faust näherte er sich ihr. Starr vor Schrecken flüchtete Therese hinter den Tisch, doch Wolkow holte sie ein, faßte mit der Linken ihren Arm, mit der Rechten griff er nach den auf dem Tische stehenden Nelken, die er ihr in das Gesicht schleuderte, dann erfaßte er in schäumender Wut das auf dem Tische liegende Dessertmesser und stach nach ihr ... Therese wendete sich plötzlich ab und stieß einen schrecklichen Schrei aus ... das Messer traf ihren Arm ... »Ich töte dich, töte dich!« ... brüllte er; seine Augen blickten starr, sein Mund blieb offen und der Speichel spritzte ihm aus dem Munde. »Zu Hilfe! ... Hilfe!« ... schrie Therese mit entsetzter, gedehnter Stimme. Draußen werden die Türen zugeschlagen, eilige, dröhnende Schritte. Nadinka stand mit verglasten Augen an der Schwelle, die Nachbarn stürmten in das Zimmer und rissen Wolkow von Therese los ... »Um Gottes willen, was ist geschehen?« »Aber Herr Wolkow« ... »Man muß um die Polizei schicken« ... »Nichts ... er hat ihr nur in den Arm gestochen.« Die Wohnung füllte sich mit Fremden; Wolkow war noch immer außer Fassung, während die wunde Stelle am Arme Theresens mit einem nassen Umschlage verbunden wurde. »Schaut euch mal das Aas an,« schrie Wolkow, mit dem Fuße nach Therese stoßend, »ich habe sie aus dem Dreck gezogen, ich habe sie in das Leben zurückgeführt ...« Der Polizeihauptmann traf ein und bahnte sich durch den Menschenring einen Weg. »Was ist denn geschehen, Wolkow?« »Sie ist schon da, sie kam zurück ... Ich will sie nicht sehen, werft sie hinaus, versetzt ihr einen Fußtritt ... Schmutzige Vengerka ... Sie hat mein Kind getötet!« ... stöhnte er mit schmerzlichem Schluchzen. »Wer hier nichts zu suchen hat, der gehe hinaus!« ... befahl der Polizeihauptmann. Die Nachbarn verließen jammernd das Zimmer, von der Straße kamen zwei Polizisten herauf, die die Tür schlossen. Therese saß leichenblaß auf ihrem Koffer, mit dem Gesichte gegen die Wand, den Kopf zu Boden gesenkt. »Verhaftet sie!« befahl der Polizeihauptmann. Wolkow trat dazwischen: »Nein ... Lasset sie!« ... Seine Stimme war wieder leise und ruhig geworden. »Tut ihr nichts zuleide ... Aber sie muß fort aus Rußland ... Sofort!« ... »Begleitet sie also zum Bahnhofe ... Mit dem ersten Zuge soll sie nach Smolensk« ... — — — — — — Im Jahre 1912 fuhr ich im Auftrage meines Blattes an die russische Grenze. Europa war vom Gespenste des zweiten Balkankrieges bedroht, in Bukarest waren große diplomatische Unterhandlungen im Zuge und nebst Serbien mobilisierte auch Rußland an der österreichischen Grenze. In Lemberg und Krakau wurden die Spione zu Hunderten verhaftet. Die Spannung war eine entsetzliche. Ich stand in Stschakowa, in einem Grenzdorfe der nach Warschau führenden Linie, am Ufer der langsam dahinfließenden Przemsa. Am jenseitigen Ufer begann Rußland. Es war ein milder Winter; vom anderen Ufer winkten die traurigen weißen Pappeln herüber; in der Ferne erschien hie und da die Gestalt eines Grenzwächters mit dem aufgepflanzten Bajonett, und ich sah die Umrisse des zwiebelförmigen Kirchturmes von Granitza; darüber hinaus nur wandernde Wolken und der Nebel der melancholischen Tiefebene Polens. Und in der Ferne das geheimnisvolle, rätselhafte Rußland mit seinen hundertsechzig Millionen Menschen, seinen riesigen Heeresmassen, unbekannten Gärungen und Vorbereitungen. Auf den beiden Ufern war kaum jemand zu sehen, aber die gewitterschwüle Atmosphäre verriet, daß die Heere für den entsetzlichen Kampf auf Leben und Tod bereitgestellt waren. In Gedanken versunken ging ich langsam zur Bahnstation Stschakowa zurück. Im Wartesaale zweiter Klasse fiel mir ein bleiches Mädchen mit eingefallenen Augen auf ... Irgendwo muß ich sie schon gesehen haben ... »Ist das nicht Goldfischlein?« ... Sie trat einmal in irgendeiner Operette auf. Sie trug einen kostbaren Pelz, neben ihr stand eine Hutschachtel und eine Handtasche. Ich sprach sie an. Ja, sie war es. Wir fuhren zusammen bis Budapest. Unterwegs erzählte sie mir ihre Geschichte. Ihr Reisekoffer ist irgendwo zurückgeblieben. Sie konnte in keiner russischen Station aussteigen, weil von Moskau ein telegraphischer Befehl bis Granitza erging, sie nirgends russischen Boden betreten zu lassen. In jeder Station stieg ein Polizist zu ihr in das Coupé ein. Außer einigen hundert Rubeln und dem Geschmeide in der Handtasche verblieb ihr nichts. Ihre sonstige Habe ist in einer russischen Station oder vielleicht schon in Moskau zurückgeblieben. Wir fuhren noch stundenlang beisammen ... Sie setzte ihre Erzählung fort. Der Zug schleppte sich langsam bergauf und fuhr dann talwärts. In einer Station erblickten wir unter dem Coupéfenster die grünblaue Hahnenfeder des ersten ungarischen Gendarmen. Die Vengerka war in der Heimat eingetroffen.