Ludwig Tieck. Der Jahrmarkt. 1832.     Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer. 1853.     Auf einem großen, schön gelegenen Dorfe lebte ein Pfarrer, wohlhabend und behaglich, denn »ihn drückte nicht die Last schwerer Gelehrsamkeit, noch litt er am Podagra«, oder einer andern Krankheit. Herr Gottfried war in sich vergnügt und kümmerte sich nicht sonderlich um den Lauf der Welt. Seine Frau war noch ruhiger, und Rosine, ihr einziges Kind, erwuchs in stiller Einsamkeit, indem sie jeden Tag sich zufrieden zum Schlafe nieder legte, manchmal nur darüber verdrüßlich, daß sie ihren theuren Fritz nicht hatte sehn können. Dieser, der hoffnungsvolle Sohn des Amtmanns, mit ihr aufgewachsen, war ein rüstiger kluger Jäger, ein Freund von Romanen und wunderbaren Geschichten, treu, unerfahren in den Welthändeln, da er bis jetzt sein Dorf nicht verlassen, und keinen andern Unterricht, als den des alten Schulmeisters genossen hatte. Man kann nicht immer zufrieden seyn, auch wenn man im Schoos der Zufriedenheit selbst leben sollte. Die Befreundeten, die sich täglich sahen, schwärmten oft, wenn sie Reisebeschreibungen lasen, von Ausflügen in die ferne Welt, von Wunderbegebenheiten, die sie erleben würden und erleben möchten, und am eifrigsten war die Gemahlin des Amtmanns im Phantasiren, was alles geschehn sollte und könnte, die keine Aussicht hatte, das große, weitläufige Amtsgebäude 6 jemals zu verlassen, weil sie es in ihrem gichtkranken Zustande kaum möglich machen konnte, die Treppen hinab zu steigen, um bei schöner Sommerwärme im Garten etwas spatzieren zu gehn. So war es denn endlich schon seit zwei Jahren beschlossen worden, in des Amtmanns großer Kutsche nach der Residenz zu fahren, welche gerade funfzehn deutsche Meilen von diesem Dorfe entfernt war. Man schob aber, bald der Erndte, bald der Aussaat, oder wegen der großen christlichen Festtage diese Reise wieder auf, und Fritz meinte schon, wenn er mit seiner geliebten Rosine vertraulich allein sprechen konnte, es würde niemals aus der Sache selbst etwas werden, sondern die redseligen Eltern möchten wohl immerdar nur in Planen, Vorsätzen und Anstalten ihre Reiselust büßen. Wahrscheinlich hätte der junge Prophet auch wohl richtig geweissagt, wenn nicht seit dem Frühjahr die Gesellschaft durch einen Fremdling wäre vermehrt worden, der es verstand, die Begeistrung allgemach und durch wiederholte Angriffe auf die Unentschlossenheit, bis zur wirklichen Thatsache zu treiben. Herr Titus war der Besitzer eines kleinen, unbedeutenden Gutes, welches einige Meilen entfernt, im Wald und Gebirge lag, tief in Felsen, der schlechten Wege halb fast unzugänglich. Da es nun auch bekannt war, oder böse Zungen es verbreitet hatten, daß, wenn er Besuch erhielt, und beschädigte und zerbrochene Wagen endlich vor seinem kleinen Hause hielten, er niemals eingerichtet war, die Gäste zu empfangen, so hatten sich Freunde und Bekannte entwöhnt, ihn dort aufzusuchen. Ein ehemaliger Jäger, der zugleich den Kammerdiener, Reitknecht und Koch vorgestellt hatte, sollte selbst ausgesagt haben, daß der Herr einen alten Wartthurm, den er oft bestieg, hauptsächlich dazu benutzt 7 habe, um von dort die Gegend und die Thäler zu überschauen, und, wenn sich irgendwo eine Chaise zeige, die die Richtung nach seinem Rittersitze nehme, sich sogleich im dichtesten Walde zu verbergen. Der vielseitige Diener war dann darauf angewiesen, den Fremden zu erzählen, der Herr sei unglücklicher Weise eines wichtigen Prozesses wegen auf vier Wochen nach der Residenz verreiset, oder sei zum Besuch bei einem alten sterbenden Onkel, und habe also die Zeit seiner Rückkehr nicht bestimmen können. Mochte dies Verleumdung oder Wahrheit seyn, so unterließ es der aufmerksame und dankbare Titus niemals, diejenigen, welche ihn hatten überraschen wollen, auf seinem magern Klepper zu besuchen, um gerührt zu beklagen, wie sehr es ihm schmerzhaft sei, daß er sie jüngst verfehlt, und daß sie ihm vergönnen möchten, sich bei ihnen selbst Schadenersatz und freundliche Tröstung für seinen Unstern zu suchen. So war man es bald in der Provinz gewohnt worden, sich vom Herrn Titus besuchen zu lassen, und so wie man ihn aus der Ferne kommen sah, oder den Hufschlag seines Pferdes vernahm, wurde gleich Bett und Zimmer für ihn eingerichtet. Die Edelleute, Pächter oder Pfarrer gewannen auch offenbar dabei, sich besuchen zu lassen, statt jenem selbst beschwerlich zu fallen. Denn Herr Titus war ein lustiger Gesellschafter, ein muntrer, aufmerksamer Mann, der mit allen sprach, was sie gern hörten, bald Anekdoten, bald Klätschereien vortrug, die Chronik der ganzen Gegend kannte, in Büchern belesen war, und in der Politik der Höfe nicht unerfahren. Hätte er doch auch fast in seiner Jugend den Krieg mit gestritten, wenn nicht kürzlich sein Vater eben damals gestorben wäre und die weitläufige Erbschaft und verwickelte Verhältnisse ihn nicht im Vaterlande zurückgehalten hätten. 8 Noch immer beklagte er dieses Unglück, daß eine zu harte Pflicht seinen kräftigen Arm in jenem entscheidenden Zeitpunkt habe lähmen müssen. Er war nun schon wieder seit vier Wochen beim reichen Amtmanne eingekehrt, dessen kranke Gattin ihm wohlwollte, vorzüglich deswegen, weil sein Enthusiasmus für ihren Lieblingsschriftsteller sich fast von seinen Lippen noch lebhafter aussprach, als aus ihrem Munde. Zum Verdruß des Amtmannes, welcher fast immer dabei einschlief, wurde in vielen Stunden, vorzüglich des Abends, manches Werk von Jean Paul vorgelesen. Dieser vielberedte Mann hatte in den Pausen der Vorlesungen und auf den Spatziergängen die Trägheit des Amtmannes so bearbeitet, daß dieser endlich alle Bedenklichkeiten fahren ließ, und fest beschloß, nicht mehr aufzuschieben, sondern wirklich zum großen Jahrmarkt, der binnen acht Tagen war, mit der Gesellschaft seiner Freunde in der Residenz einzutreffen. Die Kutsche wurde hergestellt, die Pferde besser gefüttert, das gute Zaumzeug hervor genommen und gesäubert, und für den Kutscher und Bedienten neue Kleidung besorgt. Als der saumselige Pfarrer Gottfried erfuhr, daß nun endlich alles bereit sei, um den Freitag abzufahren, damit man am Sonnabend spät, oder Sonntag früh in der Hauptstadt ankomme, erschrak der stille Mann, der seit seinen Universitätsjahren das Dorf nicht verlassen hatte. Er verwunderte sich, daß es doch endlich ernst werde, so eifrig er selbst immer zu Reise gerathen hatte. Je heftiger er aber gesprochen und phantasirt hatte, um so weniger hatte er an die wirkliche Ausführung geglaubt. Am freudigsten waren die beiden jungen Leute, die von diesem unerhörten Ausflug alles für ihre Liebe und Plane hofften, denn der reiche und 9 eigensinnige Amtmann war ihrer Verbindung entgegen, und hatte seinem Sohne ernsthaft zugeredet, als dieser ihm seine Liebe erklärte. Dadurch war dieser, und Rosine noch mehr verschüchtert worden. Doch sahen sie sich täglich, und der Amtmann hinderte auch ihren Umgang nicht, oder beobachtete ihn argwöhnisch, weil es ihm unnöthig schien, die vieljährige Gewohnheit des Lebens zu unterbrechen. Er vertraute dem Pfarrer, der in seiner Einfalt keine Plane bildete und begünstigte, und der Redlichkeit und dem Gehorsam der jungen Leute. Man kam wieder im Saal des Amtmanns zusammen. Die Pfarrerin war über die nun schon so nahe Abreise so sehr alterirt worden, daß sie die ganze Nacht schlaflos zugebracht hatte. Sie klagte der kränkelnden und winselnden Amtmannin ihre Noth, die sie mit dem Gedanken zu trösten suchte, daß man sich einem großen unausweichlichen Verhängniß immer mit einer stillen Resignation unbedingt unterwerfen müsse. Aber, verehrte Frau, sagte die Pfarrerin, es ist ja nicht bloß die Reise allein, die mir den Kummer macht, sondern eben auch jene Schicksale, die uns während derselben und nachher betreffen können. Ich bin gewiß nicht abergläubisch, aber ich habe so bestimmte Ahndungen und Vorzeichen, daß wir unserm Unglück in die weite wüste Welt entgegen reisen, daß es vielleicht eine Gottlosigkeit ist, daß wir die entsetzliche unerhörte Sache so leichtsinnig unternehmen. Die Arme war auf dem benachbarten Dorfe geboren und früh mit dem Pfarrer Gottfried verheirathet worden. Ihr Vater war dort ebenfalls Prediger gewesen. Sie haben sich aber, erwiederte die Kranke, eben so wie die übrigen, auf diese Reise seit Jahren gefreut. 10 Man rennt ja oft, antwortete die Klagende, seinem Elend muthwillig und mit Lachen entgegen. Nicht also, meine Freunde, ließ sich Herr Titus vernehmen; die Welt wird hier hinter uns nicht untergehn, so wie wir ihr den Rücken gewendet haben: dort wird sich kein Lissaboner Erdbeben, kein Brand von Moskau, keine Pariser Revolution zubereiten. Liebe Freundin, wir finden dort Betten und Kaffee wie hier, Sie können dort in die Kirche gehn und eine bessere Orgel als die hiesige hören, die in den hohen Tönen nicht selten dem Dudelsack in seinen bescheidenen Beruf fällt. Auf der andern Seite ist wieder nicht zu leugnen, daß etwas mehr Geräusch in den großen Straßen seyn wird, Obstkörbe statt Apfelbäume, hundert Equipagen statt der Ackerknechte mit ihren Pflugschaaren, eine große glänzende Wachtparade und Janitscharen-Musik statt unsers Nachtwächters, und dergleichen Unheil mehr, was zu ertragen freilich viel Standhaftigkeit kostet. Sie sprechen und spotten wieder auf Ihre Art und Weise, sagte die Bangende; aber eine Mutter darf wohl sorgen; Sie sind los und ledig, wie der Vogel auf dem Dache, es ist natürlich, daß Sie diese Explosion nur von der lustigen Seite betrachten. Mamachen, rief Titus lachend, die so lange projektirte Reise ist für Sie eine wahre Pflicht geworden. Wie das? fragte die Predigerin, und zog Rosine, indem sie sie mit einem wehmüthigen Blick betrachtete, dicht an sich, als könnte sie sie im nächsten Augenblicke verlieren. Ihre Tochter, fuhr jener belehrend fort, ist erwachsen, und hat doch von der Welt noch nichts gesehn. Sie denkt sie sich anders, falsch, und wird entweder eine übertriebene Sehnsucht nach ihr empfinden, oder ebenfalls, wie Sie, einen unpassenden Haß und Abscheu gegen sie tragen. 11 Darum ist es auch gut und löblich, daß Sie selbst, wenn auch spät, die Stadt besuchen, um mit eignen Augen zu sehn, wie es dort zugeht. Unser hoffnungsreicher Fritz muß aber vor allen Dingen in die Stadt hinein, um seinen Sinn, sein Gemüth auszuweiten. Lieben Freunde insgesammt: habt Ihr es wohl schon bemerkt, wie ich es nicht bezweifle, daß, wenn man lange einen Kleiderschrank nicht öffnet, die Röcke nicht herausnimmt und trägt, sie umpackt, das Möbel lüftet, nachsieht und ordnet, leicht Motten sich hier und dort einspinnen, und selbst ganz neues, schönes Tuch zernagen und sich ganze gute Theile herausbeißen, die nachher zu Löchern werden? Seht, Kinder, so ist es auch mit dem Menschen. Er muß an das Freie, umgepackt oder getragen werden, etwas erleben, sonst setzen sich in der ungestörten Einsamkeit noch schlimmere Motten in sein Herz und seinen Verstand. Ja, das Gemüth kann so versauern, daß der Mensch wahrhaft schlecht und elend wird. Ich habe schon Familien gekannt, die mit ihren Vorurtheilen und Schwächen aller Art, weil sie beständig beisammen und ohne alle Störung lebten, in sich verschrumpften, daß man sie wohl nicht unbillig mit einem Weichselzopf vergleichen durfte. Beißen nun Motten und anderes Gewürm uralte Pelze und Schlafröcke entzwei, so ist der Schmerz nicht so groß, und der Schaden läßt sich verwinden, aber wenn es neuem, feinem Tuch, kaum erst gemachten schönen Kleidern widerfährt, so möchte man aus der Haut fahren. So ist es mit Euch, alter lieber grauer Amtmann, und mit Euch, verehrungswürdiger Seelsorger: das Abgeschabte, die Stellen, wo Euch die Motten zugesetzt haben, sieht man kaum mehr, oder wenn man sie auch bemerkt, so kleiden sie Euch selbst nicht übel, mit einem Wort, an Euch, edle Prinzipale, ist nicht so gar viel verloren, – aber wenn sich in das junge glänzende Gespinnst dort schon 12 so viel Teufelszeug einfressen sollte, so daß die beiden bald keinen Spaß und Ernst mehr vertragen könnten, daß sie lieber aus dem Kaffeesatz, als aus den Bewegungen ihres Herzens sich wahrsagten, daß sie dumme Kartenblätter legten, um zu wissen, ob sie geliebt würden, daß sie, kurz zu sagen, sich wie die Seidenraupe schon jetzt einphilisterten, und sich in lauter kleinen Sorgen und kurzen Gedanken einspönnen: das wäre um das junge Blut Schade. Seine Bücher, sagte der Pfarrer bedächtig, verderben ihn ganz, den Herrn Titus, er spricht kaum noch wie ein Mensch. Er hat aber, rief der Amtmann, beim Teufel Recht, wenn ich ihn auch nicht ganz verstanden habe! Denn, Gevatter Priester, es ist was Wahres dran, daß wir hier auf dem Lande ganz versauern, und mein Junge soll klüger werden, als ich, oder ich will das Leben nicht haben. Ei, die Zeit muß besser, das Jahrhundert heller werden, und die junge Brut muß wenigstens voran, wenn wir schon zu lahm seyn sollten. Ja wohl, fügte die vornehme Gertrud, die Frau des Amtmanns, hinzu: Reisen bildet den jungen Menschen und jedermann, das ist eine alte Wahrheit. Und ich gebe meinem Sohne meinen vollständigen Segen, ohne allen Rückhalt, mit auf den Weg, wenn ich gleich hier in meinem einsamen Schlosse allein und verlassen zurück bleiben muß. Indessen füge ich mich gern und bin unterdessen froh bei meinen Büchern, in der Erwartung, daß alle nach acht Tagen gesunder, heitrer, verständiger und gebildeter zurück kommen werden. Es ist sehr möglich, sagte der Amtmann, und zog die Augenbraunen in die Höhe, daß wir zehn Tag ausbleiben, denn man kann nicht alle Fälle und Unfälle vorher sehn. 13 Odysseus oder Ulysses, antwortete sie mit Lächeln, blieb zwanzig Jahr vom Haus, und doch wußte Penelope, seine Gattin, ihre Zeit gut anzuwenden, und soll niemals an Langeweile gelitten haben. Gewiß, sagte Titus, hat sich die Dame in diesem Fach sehr ausgezeichnet, und im Erwarten sehr resolut bewiesen, obgleich man auch eingestehen muß, daß die sechzig oder siebenzig Freier, die ihr Haus täglich anfüllten, ihr etwas mögen die Zeit vertrieben haben. Indessen sind zwanzig Jahr ein so bedeutender Zeitraum, daß man wohl wünschen möchte, etwas Näheres darüber zu erfahren, mit welchen Amüsements, Büchern, Clubbs, Andachts-Anstalten, Thee- und Kaffee-Visiten sie diese Kluft auch nur erträglich ausgefüllt hat. Krank, sagte die kranke Amtmannsfrau, scheint sie nicht gewesen zu seyn, denn an der Gicht zu leiden, ist zwar nicht angenehm, aber es füllt wenigstens die Zeit so aus, daß man, so lange der einzelne Tag auch währt, nachher nicht weiß, wo die Zeit geblieben ist. Ihr Aufenthalt war, wie es scheint, auch auf dem Lande, und daß man damals schon, wie heut zu Tage, so viel sollte verleumdet haben, ist kaum anzunehmen. Dem widersprechen die einfachen Sitten und das erhabene homerische Zeitalter. Gewiß, sagte Titus; und das Stricken, dieser liebe Lückenbüßer und Zeitvertreiber, war auch noch nicht erfunden; sie mußte sich daher auf das Weben verlegen, und soll es darin, für ihr Jahrhundert, auch ziemlich weit gebracht haben. Den Pfiff abgerechnet, daß sie bei Nacht wieder auftrennte, was sie bei Tage gearbeitet hatte. Das ist beinah unserm Journallesen zu vergleichen. Ob denn an einer wunderlichen Sache etwas Wahres seyn mag? fragte Fritz, indem er sich näher an Titus setzte. Und was, mein Sohn? nahm der Amtmann das 14 Wort; sprich, rede, Du mußt dreister und gewandter werden, und dazu hilft Dir der Aufenthalt in der Stadt wohl auch. Ich habe immer gehört, sagte Fritz sehr gespannt, daß bei solchen Messen oder Jahrmärkten auch die Weißkäufer zugelassen würden. Weißkäufer? erhob die Mutter das Wort; von dem Gewerbe habe ich noch niemals etwas vernommen; ich habe immer nur von Weißgerbern und Weißbäckern reden hören. Weißkäufer, sagte Fritz, sollen Leute seyn, die man außerhalb der Messe Spitzbuben nennt; die sich aber am Thor beim Einpassiren dem Examinirenden mit Namen nennen, und den Charakter als Weißkäufer hinzufügen; dann hat die Polizei, so lange der Jahrmarkt dauert, nichts auf sie zu sagen, sie müßten sich denn etwa im Stehlen auf der That selbst ertappen lassen. Sie geben auch dem Staat in jener Zeit ein Quantum, eine Abgabe, und keiner, selbst wenn er den Weißkäufer als Spitzbuben kennt, darf Hand an ihn legen, bis der Jahrmarkt wieder ausgeläutet ist. Diese Sache scheint mir eine der wunderbarsten Ueberbleibsel aus dem Mittel-Alter zu seyn, und dabei doch ein schöner Beweis ächter Humanität, daß jeder Stand, auch der schlimmste, auf gewisse Zeiten und Stunden geduldet und beschützt wird. Und von wem, fragte der Prediger, haben Sie diese wunderbare Nachricht erhalten? Voriges Jahr, antwortete Fritz, war der Hausirer, oder Tabuletkrämer, wohl acht Tage in unserm Dorfe. Ich besuchte und sah ihn viel in der Schenke, denn der Mann hatte weite Reisen gemacht und viel Erfahrung gesammelt. Von solchen Leuten lernt man am meisten, und oft mehr als aus Büchern. Er schwur mir, diese Sache sei wahr, und er habe selber in Frankfurt am Main einen von diesen Weißkäufern gesehn. 15 Unmöglich ist es nicht, fuhr Titus fort, denn, was die sogenannten Spitzbuben betrifft, so hat sich mit diesen schon vielerlei Unbegreifliches in verschiedenen Lebensverhältnissen zugetragen. Denn alles kommt darauf an, was wir unter diesem Namen befassen wollen. Die klugen Schelme machen oft eine gut organisirte, aber unsichtbare Zunft aus, und es hat manchmal sogar das Ansehn, als wären sie nur eine Parodie oder vielmehr Abbild der bürgerlichen Societät, in welcher, von Privilegien und Monopolen geschützt, so vieles ausgeübt, so viel Gutes unterdrückt, so viel Freiheit gehemmt wird, um reiche Taugenichtse noch reicher zu machen, schlimmer als das, was die Räuber thun, um die Sicherheit zu stören. Es ist vom Dichter kein übler Gedanke, daß ein Schwärmer sich an die Spitze einer Bande stellt, um die edle Gerechtigkeit wieder durch Gewaltthat herzustellen und Schicksal und Vorsehung im Kleinen zu spielen. Das ist vielmehr ein gottloser, sündlicher Gedanke! fiel der Pfarrer mit großem Eifer ein, wenn ich das dichterische Buch kennte, oder wenn es in meiner frommen Gemeine gelesen werden sollte, so würde ich eigene Predigten dagegen halten und ausarbeiten. Stille! stille! sagte Titus mit vornehmer Miene; ein erlauchter, frommer Mann, der sich eine Zeit lang gegen seinen König auflehnte, im Gebirge umstreifte und die reichen Gutsbesitzer brandschatzte, wird von Euch höchlich venerirt, wie er denn bei alle dem auch Ehrfurcht verdient, weil er bestimmt war, Großes auszurichten und in Frömmigkeiten Jahrhunderten vorzuleuchten. Herr von Titus, sagte der Pfarrer empfindlich, nennt diesen Rebellen mit Namen, damit ich Euren unwahren Mund hier vor allen unsern Freunden sogleich durch meine gründliche Widerlegung beschämen kann. 16 Ist es nicht, sagte Titus mit aufgeworfenem Haupte, David selbst, der so mancherlei in seinem vieldeutigen Lebenslauf erfahren hat? Gottfried wurde roth, ließ den Kopf sinken und sagte dann nach einer Pause: das ist etwas ganz Anders, mein Herr, das kann und darf man nicht mit dem gewöhnlichen Maaßstabe messen. Er hatte schwere Kränkung von seinem Könige geduldet, der ein Tyrann geworden war, der Prophet Samuel hatte den Jüngling selbst aufgerufen, sich dem Verhärteten zu widersetzen, er mußte sein Leben zu erhalten suchen, und weil ihm das Reich nach höherem Rechte gebührte, war er so wenig ein Aufrührer, daß der König selbst vielmehr in diesem Lichte erscheint. Wenn aber kein anderer Diskurs aufkommt, werde ich genöthigt seyn, mich mit meiner unschuldigen Tochter hinweg zu begeben, damit ihr frommes Herz nicht verdorben werde. Ich mag nicht sitzen, wo die Spötter sitzen. Der Amtmann, der eine stille Freude daran hatte, wenn der rechtgläubige Pastor manchmal verwirrt gemacht wurde, stellte den zürnenden alten Mann wieder zufrieden, indem er sagte, man müsse nicht alle Worte unter alten Freunden auf der Goldwaage abwiegen wollen. Nur nicht, sagte der Priester, das Heilige gelästert, sonst mag Spaß und Ernst, wie er auch sei, drauf und drein gehn. Ich erzähle nur die Thatsache, erwiederte Titus ruhig, und mag weder deuten, noch Folgerungen ziehen, am wenigsten aber in der Manier der Leichtsinnigen sprechen. Ich denke nur, wenn Sauls Geheim-Sekretär die Sache beschrieben hätte (wie er es denn vielleicht hat) und wir besäßen noch jetzo seine offizielle Relation, so würde der nachher so große König in einem noch sonderbareren Lichte 17 erscheinen. – Indessen bin ich weder Theologe noch Geschichtschreiber und die Sache mag auf sich selber beruhn. Der Carrikatur und dem Narren seiner Einbildung, dem Johann von Leyden ging es verdienter Maßen schlecht und erbärmlich. Das aber ist wahr und ausgemacht, daß es oft schade um die Genies ist, die als Spitzbuben zu Grunde gehn. So Cartouche, der sich so lange erhielt, allen Spionen zum Trotz, der so oft in der vornehmsten Gesellschaft, wenn von ihm gesprochen wurde, selber zugegen war. Dergleichen ist aber auch nur in den großen Städten möglich. Unter allen Schelmen habe ich immer mit den Wildschützen am meisten Mitleid gehabt. Da kommt der Herr, rief der Amtmann, auf ein zweites, noch gottloseres Kapitel. Habt mit denen Mitleid und macht dies Mitleid Mode, so haben wir in zehn Jahren weder Wild noch Wald mehr. Der ordinäre Spitzbube ist gegen diese Wilddiebe, die Mörder werden, wenn man ihnen das Handwerk legen will, ein frommes Kind. Erinnern Sie sich, gnädige Frau, rief Titus, indem er sich zur Kranken wendete, des herrlichen Kapitels im Siebenkäs über die Bettler? Auf diese Erscheinungen freue ich mich ebenfalls am allermeisten, und dies Gesindel zu sehn und zu beobachten, ist für mich allein schon Sporns genug, um diesen feierlichen, geräuschigen Jahrmarkt zu besuchen. Da will ich meinen Humor weiden und neue Bilder und Gleichnisse sammeln. Nicht wahr? »Der ächte Bettler ist der ächte König.« – Er ist ganz toll und wild heut, rief der Amtmann; von einer Extravaganz auf die andere! Das Bettelwesen, Freund, können Sie auch hier bei uns studiren. Dazu sind die Bibliotheken überall zugänglich und die Exemplare keine Seltenheit. 18 Aber doch fehlen jene Pracht-Exemplare, erwiederte Titus, die man durchaus nur auf den Jahrmärkten antrifft. Das ordinäre Bettelgesindel verdient so wenig Studium als Hochachtung. Sie treiben hier ihren elenden Beruf ganz ohne Genie und Enthusiasmus, ein ganz jämmerliches alltägliches Betteln, wozu sie der Hunger treibt: aber dort sieht man hochbegabte Menschen, die auch den Geizhals zwingen können, etwas zu geben, die alle etwas vom Gauner an sich haben, und die Bettel-Philosophie nach Maximen und Kunst-Anschauungen treiben. Betteln kann jeder, so simpel hin, aber so, daß jeder Vorübergehende Erbarmen haben muß, wenn er sich auch noch so sehr verhärtet, oder daß der Hochmüthigste Respekt haben muß vor dem Krüppel, oder daß derjenige, der weder auf den Prediger in der Kirche hört, noch auf Ermahnung und Beredsamkeit der Freunde, der seinen Stolz darein setzt, niemals zu etwas gegen seinen Willen bewegt zu werden, daß ein solcher sich vom Stelzfuß oder Einäugigen bereden läßt, in die Tasche zu fahren, und sein bestes Silberstück herauszunehmen, für das er eben eine Portion Caviar genießen wollte: seht, Freunde, das ist der wahre hohe Styl der Bettelei, die klassische Vollendung, die ich aufsuchen und ihr das Studium meiner begeisterten Laune widmen will. Warum es mich am meisten schmerzt, sagte die Kranke, daß ich diese schöne Reise nicht mitmachen kann, ist jener reizende Park, auf dem halben Wege zur Stadt, den ich nun auch diesmal nicht genießen und in Augenschein nehmen werde; die vielen Thränenweiden und Trauerbirken, die Eremitenhäuschen, die süßen, kleinen Wasserfälle, alle diese herrliche Kunst-Natur hätte ich wohl einmal recht in der Nähe sehen mögen, da mich die Beschreibung immer schon so sehr entzückt hat. Wie mehr könnte ich mich nachher in den 19 himmlischen Park des Hesperus oder des Titan hinein phantasiren, wo ich schon jede Staude und jede Weihmuthskiefer zu kennen glaube, die man nach meinem Gefühl auch lieber Wehmuths-Tannen nennen sollte. Sehr wahr, sagte Titus: überhaupt sollten Pflanzen und Blumen mehr ihre Titel und Namen von den menschlichen Gemüthsbewegungen und Empfindungen hernehmen. Wir haben fast nur das einzige Vergißmeinnicht, mit seiner sinnigen Bezeichnung; Rose und Lilie haben nun einmal ihren europäischen Namen, der sich nicht gut wieder umtaufen ließe. Aber nehmen wir nur die einfältige Tulpe, auf die sich auch nichts einmal reimt, wenn man vielleicht nicht nach neuester Mode Tulpe Schuld-be wußte, – geniemäßig sagen und trennen wollte. Tulpe, Tulband, Turban, weil die Blume mit dieser Kopfbedeckung Aehnlichkeit hat, könnte man sie nicht, wegen der schwarzen Dolche in ihrem Kelche Liebesrasen oder Werthergefühl nennen? Man könnte ja die große Saamen-Kapsel für ein Pistol ausgeben. Hyacinthe und Narcisse, selbst Levkoje, oder Leuko-Ion, mit den griechischen Namen, klingen leidlich; – aber Flieder! wie gemein! wenn sich auch bieder und Lieder darauf reimen. Rittersporn, Löwenmaul und ähnliche Namen sind gesucht und platt; Astern erträglich; – aber Päonen, Je länger je lieber oder Caprifolium wieder dumm; Jonkille klingt wenigstens gut, so wie Jasmin: – aber wieder Balsamine, – fast lumpig. Primeln und Himmelschlüssel wieder gut, Nelke höchst unbedeutend; die große aufplatzende sollte man gebrochenes Herz nennen, eine andere Pflanze Minnetrost, Sehnsuchtkeim, Thränenquell, Venuslächeln, wie wir schon das Venushaar besitzen. Aber wir Deutsche denken an nichts, und treiben 20 lieber Possen mit den zarten Blümchen, zum Beispiel mit jenen, die so schon aus den Wiesen heraus glänzen, und die wir, kindisch genug, Stiefmütterchen nennen. Hier übertrifft uns der Franzose einmal, der sie doch Pensées tauft. O Sie sinniger Botanist, sagte die Kranke; darüber sollten Sie einmal etwas im Zusammenhange schreiben. Es macht ein eignes großes Kapitel in meinem Buche aus. In Ihrem Buche? riefen alle zugleich, sich verwundernd. Und so hatte sich Titus selbst verrathen. Das Geheimniß, weshalb er hauptsächlich auf diese Reise so sehr gedrungen hatte, war nun ein öffentliches geworden. Er hatte nehmlich einen großen Roman in der Manier seines Lieblings geschrieben, und zu diesem dachte er in der Stadt einen Verleger aufzusuchen. Und so war, außer der Neugier und Sucht nach Veränderung, von der sie alle getrieben wurden, noch in jedem etwas Besondres, das ihn anspornte, nach der Residenz zu streben. Denn als sich die Uebrigen jetzt entfernt hatten und der Pfarrer mit dem Amtmann, seinem Gönner, allein geblieben war, fing dieser mit bedächtiger Stimme an: mein theurer Freund, ich will Ihnen jetzt auch noch ein Geheimniß anvertrauen, das ich nicht Preis geben wollte, als jener Windbeutel noch zugegen war. Sie wissen, lieber theurer Mann, wie sehr ich immer auf die Ehre und den Glanz meiner Familie gehalten habe, und wäre dieses hohe Gefühl meines Herzens nicht, so könnte ich mir gewiß keinen bessern Schwager, als Sie, treuherzigster aller Männer, so wie keine bessere Schwiegertochter, als ihr allerliebstes Rosinchen wünschen. Gehn wir über dies Kapitel hin, sagte der Geistliche, welches wir schon ehemals auf immer abgemacht haben. Meine Tochter ist überdies noch zu jung. Gut also, sprach der Amtmann weiter, indem er sein 21 Gesicht immer feierlicher einrichtete; Sie wissen es vielleicht gar nicht einmal, daß ein jüngerer Bruder von mir noch lebt, der meinem seligen Vater unendlichen Kummer verursacht hat. Ein wilder, toller Bursch war dieser Ferdinand, der durchaus nicht gehorchen und noch weniger etwas lernen wollte. Er prügelte Alles, was ihm vernünftig zuzureden wünschte, lebte immer im Stalle und mit den Knechten, zur Kirche ging er gar nicht, und dem Schulmeister wollte er das liebe unschuldige Schulhaus, das auch bald nachher von selbst eingefallen ist, über dem Kopf anstecken. Vergeblich, daß ich, der Aeltere, ihm als ein Muster vorgehalten wurde, er lachte nur über mein solides Wesen und meinte, er wollte schon ohne das durch die Welt kommen, und reicher und angesehener als wir Alle werden. Mein Vater hatte kein großes Vermögen, denn ich bin erst durch meine Frau zu dieser großen ansehnlichen Pachtung gekommen. So war denn der Bursche kaum sieben Jahr, als er mit einer Bande Zigeuner, die durch das Dorf zog, davon lief; oder ob sie ihn mit List weggeführt, oder mit Gewalt fortgeschleppt haben, das weiß kein Mensch, denn es hat niemals wieder etwas von ihm verlautet. Jener Hausirer nun, oder Tabuletkrämer, mit welchem mein Sohn damals höchst unnöthiger Weise Bekanntschaft machte, erzählte mir in einer vertrauten Abendstunde, als ich mit ihm in meiner Gartenlaube saß (denn der Mann hatte einen großen Theil der Welt gesehn, und log wohl nicht allzuviel), von einem Herrn, den er an verschiedenen Orten angetroffen haben wollte, der reich, vornehm, unternehmend und weit gewandert sei, und bei dessen Schilderung mir einfiel, ob dieser nicht mein Bruder seyn möchte. Jener Hausirer wußte mir nicht zu sagen, wo er sich aufhalte, behauptete aber, er komme sehr häufig in die Residenz, wo er der größten Achtung genieße. 22 Er soll von Adel seyn, Landgüter besitzen, seinen Namen wußte der gute Kleinkrämer aber nicht; auch ist es nicht unwahrscheinlich, daß dieser mein Bruder, wenn er es ist, sich als Edelmann einen andern Namen zugelegt hat. Hat er sein großes Vermögen nun durch eine Heirath, oder durch Kriegesdienste erworben, hat er vielleicht eine bedeutende Anstellung, ist er Fabrikherr, oder Associé eines großen Wechselhauses: sehn Sie, über alles dieses fehlen mir die Nachrichten, und meine Vermuthungen können nur vage und oberflächliche seyn. Ist es aber der Bruder, ist er reich und mächtig, so will ich es nicht verschwören, daß ich auch meinen Adel erneuen lasse, denn es ist eine alte Tradition in unserer Familie, daß der Vater meines Urgroßvaters von Adel und ein großer Kriegsheld gewesen sei. Davon haben Sie mir noch niemals etwas gesagt, erwiederte der Geistliche: obgleich wir uns schon dreißig Jahre kennen. Wer kann immer über Alles sprechen, antwortete der Amtmann, etwas verlegen; genug, der Name Lindwurm ist schon ein uralter Name, den ich mich, oft gefunden zu haben, wohl erinnere. Daß aber der unbestimmte, fremde Mann, von dem eigentlich kein Mensch etwas weiß (fuhr der Pfarrer mit bedenklichem Kopfschütteln fort), sich als Ihren Herrn Bruder ausweisen sollte, ist doch auch eine höchst sonderbare Voraussetzung, und ihn vollends so ohne Kennzeichen und Nachweisung aufsuchen wollen, ein höchst gewagtes Unternehmen. Wagen gewinnt, erwiederte der Amtmann, die Sache hat mich seither zu sehr beschäftigt, als daß ich sie wieder aufgeben könnte. Sonderbar! sonderbar! sagte der Pfarrer zu sich selber; wie man nur, wenn man auch übrigens solide denkt, der 23 Phantasterei so viel einräumen kann. – Nein, fuhr er aus seinen Gedanken auf, da habe ich doch ein festeres Projekt, eine richtigere Aussicht, weshalb ich auch wünsche, daß ich bald in der Stadt wäre, wenigstens vor dem Schlusse der nächsten Woche. Nun? Sehn Sie, fuhr der Geistliche fort, ein guter Christ soll so wenig Zeichendeuter selbst seyn, als den Deutungen andrer glauben, das weiß ich so gut, als Sie, und habe bisher auch immer in diesem Sinne gelebt. Aber, wenn Wunder zum Wunder kommt, so wankt auch der Andächtige und Ueberzeugte, und verläßt auch wohl einmal, ohne ein allzugroßer Sünder zu werden, die bis dahin stets verfolgte Bahn. Als ich letzt meine Hühner zähle, und nachher meine Tauben füttre, so geh ich dann in mein Studierstübchen, um meine Predigt auszuarbeiten. Wie dieses vollbracht, lege ich mich, nach erfüllter Pflicht mit gutem Bewußtseyn zum Schlafe nieder. So träumt mir alsbald, denken Sie nur, ich füttre dreizehn Hühner, da ich doch achtzehn besitze, aber alle zinnoberroth, ich überzähle meine Tauben, auf der Leiter stehend, und finde fünf und zwanzig , da ihre Anzahl doch sechs und dreißig beträgt, sie sind aber alle von dem schönsten Himmelblau. Dann komme ich zu meinem Bücherschrank, der gerade fünfhundert Bände enthält, die sind aber alle weg, und nur drei und dreißig Bände theologische Werke stehn da: – aber wie? – Alle goldner Schnitt und die Deckel in den prächtigsten Harlekinsfarben. Denken Sie den Unsinn! Ja wohl, sagte der Amtmann. Ich schlage mir, als ich erwache, die Dummheit denn auch aus dem Sinn: schlafe wieder ein, – derselbe Traum, die blauen Tauben, die rothen Hühner, die in 24 Hanswurst-Gewand gebundenen Theologen, und immer dieselbe Zahl. Noch hätte ich nichts auf diesen weltlichen Tand gegeben, wenn mir nicht nach zwei Tagen meine gute Frau erzählt hätte, daß sie von einem sehr ängstlichen Traum die ganze Nacht sei bedrückt worden; ich hätte sie nehmlich, um das heilige Pfingstfest zu feiern, gezwungen, zur Kirche drei und dreißig große Perücken aufzusetzen, nachher habe sie sich Mittags an fünf und zwanzig schönen großen purpurrothen Krebsen den Magen verdorben, die sie mit den Schaalen in sich hinein gespeiset, und als sie den Fall unserm Chirurgus geklagt, habe der ihr verordnet, dreizehnmal zur Ader zu lassen, wodurch sie wieder sehr abgemattet sei. – Nun, verehrtester Herr Gevatter, was sagen Sie dazu? Gar nichts, antwortete der Amtmann, als was Sie selber vorher zu sagen beliebten. Unsinn, Dummheit! Gut, sagte der Priester, mag es so seyn, auch konnte es, so wunderbar es war, dabei sein Bewenden haben: aber denselben Tag bringt mir Rosinchen drei und dreißig große, rothe Kirschen, die ersten reifen, auf einem hübschen Fruchtteller von Porzellan, auf dem dreizehn blaue Hühnerchen gemalt sind, und wie wir uns an den Tisch setzen, sind gerade fünf und zwanzig Kartoffeln in der Schüssel. – Nun? – Wie vorher, sagte der Amtmann; die Applikation bleibt immer dieselbe. Nein, beschloß der Pfarrer, wenn sich dasselbe Wunder immerdar wiederholt, so glaube ich daran, und halte es für meine Pflicht, so zu thun, denn es ist ein Wink, den ich befolgen muß. In der Stadt besetze ich eine Terne in der Lotterie. Als der Amtmann allein war, sagte er grollend vor sich hin: es besteht doch kein solider Charakter, wenn er nur 25 ein wenig in Versuchung geführt wird. Der alte Mann schlägt auch noch über und wird zum Phantasten. Das soll nun andre Menschen erbauen und unterrichten, und ist selbst dem Aberglauben und den Vorurtheilen unterworfen! Traumdeuter! Rothe Hühner und Krebse, blaue Tauben und Kartoffeln! Kindisch wird er, der Gute. Indem die Abreise näher rückte, und man in beiden Häusern Anstalten traf, ward der Pfarrer nicht wenig verwirrt, als er am Abend von der Post einen Brief erhielt, der, dem Anschein nach, weit herkam, denn die Auslösung belief sich hoch, Hand und Petschaft waren ihm ganz fremd. Der Brief war ohne alle Unterschrift und lautete folgendermaßen: Sie haben, geehrter Herr, einen jungen Mann erzogen, der Ihnen vor fünf und zwanzig Jahren als Kind von unbekannten Händen übergeben wurde. Damals war der Knabe, als Sie ihn empfingen, etwa acht Jahre alt, so daß er jetzt drei und dreißig Jahr zurück gelegt haben müßte. Sie erinnern sich, daß anfangs das für Sie bestimmte Kostgeld für seine Verpflegung sehr pünktlich aus der Stadt von einem Kaufmann einlief: nachher freilich, von der Zeit bedrängt, durch Unglücksfälle und seltsame Begebenheiten, die man Ihnen für jetzt nicht mittheilen kann, blieb es aus. Die Angehörigen des Knaben waren gezwungen, sich aus Europa zu entfernen, und erst jetzt, nach vielen Jahren, ist es den Zurückgebliebenen möglich, sich wieder nach jenem jungen Manne, der Bernhard genannt war, zu erkundigen. Es fällt ihm nehmlich eine bedeutende Erbschaft zu, die man ihm wird verabfolgen lassen, wenn Sie ein Zeugniß einsenden, 26 daß er sich gut betragen, daß er fleißig gewesen und jetzt ein ordentlicher Mann geworden ist, der irgend ein bürgerliches Geschäft betreibt. Denn es ist nicht die Meinung des Erblassers, dem Lasterhaften, wenn er ein solcher geworden wäre, Vorschub zu thun. Erfahren wir von Ihnen, was wir wünschen, so wird ein zweiter Brief Ihnen alles sagen, was dem jungen Manne nützlich ist. Ihr Brief wird uns, wenn auch etwas spät, sicher zukommen, wenn Sie ihn nach der Residenz senden, Hauptstraße Nro. 13, im Hintergebäude des Gartens, an den Gärtner Friedmann. Schreiben Sie an diesen Alten, so werden wir mit Ihnen in Verbindung bleiben. Sie können uns, wenn wir erst mit dem Bernhard richtig sind, auch berechnen, was Sie auf Ihren Zögling noch gewendet und Sie an uns zu fordern haben, für jene Jahre, für welche wir mit Ihnen im Rückstande sind. Es ist möglich, daß Bernhard gestorben ist, dann kommt für ihn unsre Sorge zu spät, indessen hoffentlich nicht für Sie, um unsre Schuld bei Ihnen, geehrter Mann, abzutragen, dem wir außerdem noch unendlich verpflichtet bleiben. – Ueber diesen seltsamen Brief, der einen längst vergessenen Vorfall betraf, konnte der Pfarrer Gottfried seiner Verwunderung kein Ende finden. Er erinnerte ihn so plötzlich an eine längst entschwundene Zeit; Vorwürfe erwachten in seiner Brust, und Gedanken wurden ihm erregt, Zweifel und Besorgnisse, die er vordem abgewiesen, über die er sich schon vor vielen Jahren beruhigt hatte. Allerdings war ihm der Knabe Bernhard vor fünf und zwanzig Jahren auf eine sonderbare Weise anvertraut worden. Auf einem Bauernwagen war das achtjährige Kind mit einem Briefe, welcher Geld und Anweisungen enthielt, angekommen. Bis zum nächsten Städtchen hatte ihn ein ältlicher Mann begleitet, 27 der ihn nun sich selbst und dem Pfarrer überließ. Der Knabe, welcher eine fremdartige Aussprache hatte, sagte, er käme weit, weit her, wußte aber den eigentlichen Ort seiner Geburt nicht zu nennen, weil er seit einigen Jahren schon immer auf Reisen gewesen war. Die Schweiz schien es nach den Beschreibungen Bernhards zu seyn, wo er sich am längsten aufgehalten hatte. Ihm war gesagt worden, er käme zu einem Oheim, der ihn erziehen und verpflegen würde. Die Leute, mit denen er bis dahin am meisten gelebt hatte, waren auch Geistliche gewesen. Das Kostgeld für seine Pflege und Erziehung war nur mäßig, indessen kam es dem Prediger, der noch nicht gar lange im Amt war, zu statten. Der Knabe zeigte sich wild, lernte nur ungern, und wurde bald, da er stark war und schnell wuchs, der Anführer der ungezogenen Jugend im Dorf. Bald war vor dem jungen Gesindel keine Familie sicher, die sie nicht beleidigten und vielfach kränkten. Der Unfug ging endlich so weit, daß der Pfarrer Gottfried gern den Buben wieder von sich gethan hätte, wußte er nur, wohin mit ihm. So waren sieben bis acht Jahr verlaufen, als das Kostgeld ausblieb. Der Pfarrer schrieb an das Handelshaus, durch welches er es bis dahin empfangen hatte; dieses konnte aber keine Nachweisung geben. War Gottfried in seiner Erziehung des Wildfangs bis jetzt nicht glücklich gewesen, so artete der Bube nun noch schlimmer aus, weil er noch mehr vernachlässiget wurde. Es ging so weit, daß man dem Pfarrer Vorwürfe machte, denn das Consistorium hatte von der heillosen Wirthschaft Kunde bekommen. Gottfried, der den jungen Bösewicht schon seit einigen Jahren auf eigene Kosten nährte und kleidete, ergrimmte, und züchtigte den hoch aufgeschossenen Burschen, wie er es verdiente. Dieser aber, seiner Kraft sich bewußt, vergaß die Ehrfurcht, die er seinem Pflegevater schuldig war, 28 so sehr, daß er sich ihm widersetzte und ohne Bedenken Schlag mit Schlag erwiederte. Mit Hülfe der Knechte, die auf das Zetergeschrei herzuliefen, wurde der junge Bösewicht endlich gebunden und geknebelt, und so in ein finstres Loch geworfen, indem Schulmeister und Schulze, auch der damalige Amtmann herbeigerufen wurden, um gemeinsam zu berathen und zu beschließen, was mit dem Hoffnungslosen anzufangen sei. Nach vielstündigem Erörtern, Zweifeln und Bedenken kam man dahin überein, ihn fürs Erste acht Tage lang bei Wasser und Brod in seinem unfreundlichen Aufenthalt fest verschlossen zu lassen, ihn dann noch einmal feierlich zu vermahnen, und, wenn Züchtigung und Bußpredigt vergeblich seyn sollte, und er wieder auf seinen alten Wandel verfiele, ihn dem Zuchthaus der Residenz zu überliefern. Als der Senat sich erhob, um dem jungen Bösewicht diese Sentenz anzukündigen, und man den Stall aufgeschlossen, war der Verbrecher verschwunden. Er hatte Mittel gefunden, seine Bande aufzulösen, hatte dann mit einer Axt, die dort lag, die Mauer, die nur schwach war, durchbrochen und war entsprungen. Man tröstete sich über den Verlust, und der Pfarrer fühlte sich leicht, von dieser Last befreit zu seyn. Er erkundigte sich nur saumselig in der Umgegend, aber konnte nichts Gewisses in Erfahrung bringen. Als das Wahrscheinlichste ergab sich, daß Bernhard sich einer Bande von Seiltänzern angeschlossen hatte, um bei ihnen neue Studien zu beginnen und die alten fortzusetzen. Jene Bande, die durch die ganze Welt zog, war bald wieder aus den dortigen Provinzen verschwunden, und seitdem sprach man nicht mehr von Bernhard, um ihn bald darauf völlig zu vergessen. Jetzt also erwachte beim Pfarrer Gottfried nach langer Zeit zuerst wieder das Andenken an Bernhard, und mit 29 diesem ein stiller Vorwurf. Der Ungezogene stammte also von rechtlichen Leuten ab, die sich, zwar nach vielen Jahren erst, doch dankbar erweisen wollten. Wenn er jetzt über die längst verflossenen Begebenheiten nachdachte, so schien es ihm, es sei wohl seine Pflicht gewesen, genauer dem Entsprungenen nachzuspüren, an den Prinzipal jener Bande zu schreiben, und die Polizei und Obrigkeit selbst in Thätigkeit zu setzen. Wollte man ihm jetzt seine Auslagen, reichlich sogar, ersetzen, so mußte er sich auch, wenn er nicht ganz unwahr berichten wollte, der Saumseligkeit anklagen, und den Verlust jenes Bernhard melden, von dem auch die letzte schwache Spur völlig verschwunden war, weil man so gar nicht gesorgt hatte, sie gleich anfangs zu verfolgen. In diesen Sorgen und Beängstigungen fiel es dem alten Geistlichen zugleich auf, wie ihn hier doch wieder jene Zahlen bedrängten, welchen er sein Glück anvertrauen wollte. Drei und dreißig Jahr mußte Bernhard jetzt alt seyn, wenn er lebte, vor fünf und zwanzig Jahren war er ihm gebracht worden, und in Nummer 13 sollte er den Gärtner aufsuchen, welcher ihm Nachricht geben sollte, was in Ansehung der Angehörigen Bernhards zu thun sei. Gedankenvoll streckte er sich zum letztenmal auf sein Lager hin, denn auf morgen war der merkwürdige Aufbruch nach der Residenz festgesetzt worden. Zärtlichen Abschied nahm man von der kranken Gattin des Amtmanns. In der Kutsche saßen der Amtmann, der Pfarrer und dessen Frau, Fritz und Rosine. Auf dem Bocke hatte sich Titus einen ziemlich bequemen Sitz eingerichtet, und der Kutscher unterhielt sich gern mit diesem. Da man für den kurzen Aufenthalt nicht zu viele Sachen mitnahm, so hatte ein Knecht noch hinten neben den Koffern einen bescheidenen Platz gefunden. Die Zehrung auf der Reise, so 30 wie in der Stadt, hatte der reiche Amtmann großmüthig über sich genommen, und Titus war deshalb um so fröhlicher gelaunt, weil er die Aussicht hatte, seinen Klepper nach der Rückkehr recht ausgefüttert und muthig wieder zu finden. Die schwere Kutsche fuhr sehr langsam, und es dauerte eine geraume Zeit, bevor man nur das Dorf im Rücken hatte. Der Amtmann rief unwillig hinaus: Christian, ich habe meine besten vier Pferde vorspannen lassen, und wir kommen doch nicht aus der Stelle! Christian hielt nun völlig an, um bequemer antworten zu können: Herr Amtmann, die Pferde sind zu dick, sie haben seit vierzehn Tagen zu viel gefressen. Wenn sie erst ein paar Meilen gemacht haben, wird es schon besser gehen; sie können sich nicht rühren und kaum recht Athem holen, so aufgebrauscht ist das liebe Vieh. Sie sind zu vollkommen, mein Herr Amtmann. Es schien, daß Christian dort Ruhepunkt machen wollte, um sein Gespräch nur in Bequemlichkeit führen zu können. Ein mäßiger Fluch seines Herrn setzte die Thiere und die Maschine wieder in langsame Bewegung. Als man eine halbe Meile zurückgelegt hatte, befanden sich Alle, auch der Kutscher, in einer neuen Welt. Alles wurde angestaunt, jede Hütte, jeder Baum, und beim kleinsten Feldwege rechts oder links fragte der vorsichtige Christian die Vorübergehenden immer wieder, ob er auch auf der rechten Straße sei. Auf diese Weise rückte das Fuhrwerk nur sacht und langsam vor, und als man endlich bei einer einsamen Schenke Halt machen und frühstücken wollte, erstaunte man, daß man erst Eine Meile von der lieben Heimath, dem Dorfe Wandelheim, entfernt sei. Es ward dem Kutscher anbefohlen, den Pferden fast gar nichts zu verabreichen, damit der 31 Hunger sie nur endlich zu einem etwas rascheren Schritt, und wo möglich Trab, anfrischen möge. Man erfuhr hier, daß man nach Schönhof, wo man zu übernachten dachte, noch sechs starke Meilen habe. Christian, als er seinen Sitz wieder einnahm, schüttelte bedenklich das Haupt, und erklärte dem benachbarten Titus, wie er große Zweifel hege, ob man auch wirklich dort anlangen, und die ungeheure Strecke mit Pferden, die dergleichen nicht gewohnt seien, zurück legen könne. Titus, der sich mehr auf den Landstraßen umgetrieben hatte, machte ihm Muth und nahm selbst die Zügel in die Hand, um ihm zu zeigen, wie man den Thieren, die eigentlich nicht ohne guten Willen waren, etwas mehr zumuthen müsse. Christian war sehr verwundert, daß die Kutsche sich wirklich schneller bewegen könne. Der ängstliche Pfarrer schrie auf, und meinte, die Pferde gingen durch; doch Christian besänftigte ihn und beschwichtigte jeden Zweifel der Eingekutschten, und da man ihn als vernünftig und höchst vorsichtig kannte, so setzte man im Wagen sorglos die angefangene Unterhaltung fort. Am glücklichsten war Rosine, die zum erstenmal in ihrem Leben so weit von der Heimath sich befand. Ihr dünkte, über diese Felder sei schon ein ganz neuer Himmel mit hellerem Lichte gespannt, die Bauart der Häuser erschien ihr fremd, die Tracht der Wandersleute seltsam. Begegnete ihnen ein Wagen, so begriff sie nicht, wie man nur nach der Gegend von Wandelheim zufahren könne; die Gesichter der Reisenden erschienen ihr auch bekümmert genug, weil sie sich mit jedem Schritte von den Wundern entfernten, denen sie entgegen ging. Sie saß dabei ihrem geliebten Fritz gegenüber, dessen helle Augen ihr immer entgegen lachten, und der eben so wißbegierig in die neue Welt hinein kuckte. Die beiden hörten nur wenig auf die Gespräche der Alten, die 32 ihnen langweilig dünkten, sie begriffen selbst nicht, wie sie sich von alltäglichen Gegenständen, oder längst verlaufenen Geschichten besprechen konnten, da neue Tauben und Schwalben über ihnen wegflogen, da Störche in den Nestern saßen, und zuweilen sogar ein Postillion in der Ferne auf seinem Hörnchen so lieblich blies. Am Mittage verweilten sie in einem großen Dorfe, das anmuthig zerstreut auf Hügeln lag. Christian brachte die dampfenden Pferde unter, sehr verwundert darüber, daß es ihm wirklich möglich geworden sei, die ganze Gesellschaft schon so weit in die Welt hinaus zu schaffen. Der Amtmann richtete sich im Saale ein, als wenn er hier lange wohnen sollte; der Pfarrer und seine Frau wandelten hin und her, um bei der Einrichtung zu helfen, die jungen Leute blieben im Freien, und gafften alles mit Entzücken an, indem sie sich selig fühlten, in ihrer lieben Nähe die erste Reise ihrer Lebens zu machen. Der Humorist Titus hatte sich zum Wirthe begeben, um sich von dem gesprächigen Mann tausend unbedeutende Geschichten erzählen zu lassen. An der Mittagstafel waren Alle vergnügt und fast ausgelassen. Man trank fleißig von dem Wein, den der Amtmann mitgenommen hatte. Titus erzählte wieder, was er unten vernommen hatte, und freute sich vorzüglich, den weitberühmten Garten in Schönhof nun morgen wirklich mit seinen Augen zu ersehn. Mehr als ein Wunder der Natur, sagte er unter anderm, hat der reiche Baron dort möglich gemacht. Wasserfälle, hohe, steilrechte, wo vorher kein Wasser anzutreffen war, Felsen, schwindelnd hoch, hat er aufgebaut, so daß man in der Schweiz zu seyn glaubt, und umgekehrt hat er wieder ungeheuer tiefe Abgründe ausgegraben, in die man kaum hinein zu blicken wagt, und über die der Wandersmann nur auf Kettenbrücken zitternd schreitet. 33 Majestätische Eichen wechseln mit finstern Tannen, herrliche Buchen mit mächtig hohen Weiden, und alle fremden, seltenen Gewächse dazwischen. Man kann nichts so Seltsames ersinnen, was er nicht ausgeführt hätte. Chinesische Häuser mit ganz schmalen bunten Treppen und vergoldeten Thürmchen, in welchen Glockenspiele hängen: alte Ritterburgen, dann wieder Ruinen, Labyrinthe, in denen man sich verirret und in unterirdische Gänge geräth; Bergwerke, krystallene Höhlen, ja selbst ein feuerspeiender Berg, groß, wie der Aetna selber, ist angebracht. Vor diesem ist eine englische Herzogin in Ohnmacht gefallen, ein alter dicker Herr hat von dem gothischen Thurm vor vier Wochen gar nicht wieder herunter gewollt, ein so entsetzlicher Schwindel hat ihn befallen, man hat ihm müssen die Augen verbinden, und nachher ist er sehr künstlich an Stricken wieder herab gelassen worden. Es soll, mit einem Wort, so viel himmlischer Genuß, so viel zu sehen seyn, daß es kaum auszuhalten ist. Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß sich dergleichen einrichten ließe. Die Kunst, sagte der Amtmann, ist in unsern Tagen gewiß zu einer außerordentlichen Höhe gelangt. Es wird unsern Nachkommen kaum noch etwas zu thun übrig bleiben. Da wir aber so bequem und langsam reisen, thut es mir doch leid, daß ich meiner Frau nicht mehr zugeredet habe, uns zu begleiten; sie ist eigentlich Kennerin von solchen Natursachen, und würde sich noch besser, als ich, darin finden können. Sie sehn, theurer Freund, sagte Titus, es reiset sich leichter in die Welt hinein, als Sie gedacht haben mögen. Was hindert Sie, übers Jahr oder noch in diesem Sommer und Herbst den guten Christian die etwas zu dicken Braunen noch einmal einspannen zu lassen, um wenigstens bis 34 Schönhof zu reisen, wo sie dann alle die Merkwürdigkeiten mit Muße in Ihrer, und vielleicht auch meiner Gesellschaft betrachten kann, die wir mit den Gegenständen alsdann schon vertraut sind, um sie ihr ausdeuten zu können. Der Amtmann schien diesen Vorschlag nicht abzuweisen, und es ward beschlossen, am heutigen Tag auf jeden Fall noch diesen Zaubergarten zu erreichen; morgen dann vom frühen Morgen bis Mittag das Elysium zu durchwandern, dann in einem kleinen Städtchen die Nacht zu bleiben, und Sonntags bei guter Zeit die Residenz zu erreichen. Christian, als er wieder eingespannt hatte, wollte nicht glauben, daß er am Abend schon in Schönhof seyn würde. Die guten Braunen, sagte er mit sorgender Miene, werden nicht wissen, was sie aus ihrem Lebenslauf machen sollen. Dergleichen ist ihnen, seit sie auf der Welt sind, noch nicht angemuthet worden. Und wirklich gab Titus auch schon den Gedanken auf, anzulangen, so schwerfällig waren sie, so keuchend zogen sie ermüdet den schweren Wagen. Titus führte wieder oft das Leitseil und trieb nach allen Kräften. Es wurde aber Nacht, bevor man das Ziel erreicht hatte. Jetzt strengte Titus die Pferde auf das Aeußerste an, und um so dreister, weil der zu mitleidige Christian neben ihm fest schlief und schnarchte. Eine Stunde vor Mitternacht konnte man vor dem großen Gasthofe in Schönhof endlich stille halten. – Die Gesellschaft verweilte nur wenige Zeit bei ihrem Abendessen. Alle waren ermüdet und schliefen lange. Die beiden jungen Leute waren zuerst am Morgen munter und sahen sich in der Landschaft um. Sie konnten es kaum erwarten, bis man sich zu den Herrlichkeiten des Gartens begäbe, und begriffen den unempfindlichen festen Schlaf der ältern Reisenden nicht. 35 Endlich wurden die übrigen munter, nachdem die Sonne schon einen großen Theil ihres Weges durchmessen hatte. Vom Wirth erfuhr man, daß der Besitzer es gern sähe, wenn man vorher bei ihm um die Erlaubniß, den Garten zu betrachten, nachsuchen ließe, weil er für den Ruhm seiner Anstalt, wie billig, wünsche, daß man das Kunstwerk in einer geziemlichen Folge genieße, damit die Wirkung um so eindringlicher sei. Auch mache er sich oft selber das Vergnügen, angesehene Fremde herum zu führen. Man erwartete den abgeschickten Kellner, und der humane Amtmann ließ indeß seinen Kutscher kommen, um diesen zu fragen, ob er auch die Naturschätze mit ihnen betrachten wolle. Christian aber schlug in seiner melankolischen Laune dieses Ansinnen mit großer Bestimmtheit ab. Er sah müde und überwacht aus, und antwortete, als man sich nach der Ursach erkundigte: Ja, mein Herr Amtmann, ich habe mich gar nicht niedergelegt, denn ich habe die ganze Nacht durch die vier Braunen trösten müssen. Wenn ich nicht bei ihnen geblieben wäre, was hätten die Armen anfangen sollen? Wen haben sie sonst noch, der sich ihrer erbarmt? Wenn der Herr von Titus doch einmal Kutscher vorstellen will, so hätten Sie mich können zu Hause lassen. Nein, das hätten sich die guten Viehe wohl niemals träumen lassen, daß es einmal so über sie hergehen sollte. Sind sie denn krank? fragte der Amtmann; fressen sie denn nicht? Je nun, antwortete Christian, sie sind in so weit noch ziemlich wohl und fassen sich mit Verstand, und thun im Fressen eher ein Uebriges, als daß sie sich etwas abgehn ließen, sie knirschen den gelben Hafer so frisch hinunter, daß man selber Appetit kriegen könnte. Aber dabei sehn sie sich untereinander so nachdenklich und wunderbar an, und schauen 36 dann nach mir wieder um, und schütteln mit den Köpfen, daß ich genug zu thun habe, sie wieder zu beruhigen. Dazu stehn sie nun da in einem fremden Stall, den sie nicht gewohnt sind. Das ängstet sie auch. Und darum muß ich auch jetzt bei ihnen bleiben, um sie etwas zu verständigen. Es ist recht gut, daß wir erst heut Nachmittag ausreisen, so kommen die armen Creaturen wohl wieder etwas zu Vernunft. Der Amtmann mußte den beschränkten Sinn seines Dieners belächeln, und ermahnte ihn nur, seinen versäumten Nachtschlaf nachzuholen, damit er Nachmittags wacker seyn könne. Der Diener kam mit der Nachricht zurück, daß, wenn die Gesellschaft sich noch eine kleine halbe Stunde gedulden wolle, der gnädige Herr sich selbst die Ehre geben würde, ihnen alle Anlagen seines Gartens zu zeigen. Der Amtmann war mit dieser Anstalt unzufrieden, weil er lieber die Sache ganz nach seiner Bequemlichkeit behandelt hätte; indessen stellte ihn Titus wieder zufrieden und versprach, wenn es nöthig wäre, die Unterhaltung mit dem Baron ganz auf sich zu nehmen. Als man eine Weile gewartet und sich gesammelt hatte, zeigte sich vom Schlosse her, das auf einer Anhöhe lag, ein Mensch, der einen Hut mit breiten Tressen trug: sein Rock glänzte ebenfalls von Gold: seine Unterkleider waren weiß, und seidne Strümpfe deckten zwei feine, zierlich schreitende Beine. So wie die majestätische Figur näher kam, wurde man immer ungewisser, ob es nicht der Baron selber sei, doch erkannte man zuletzt die freilich zu prächtige Livree und den Bedienten. Sie folgten ihm zum Schloß, in dessen Thor ein eben so prächtiger Portier prangte, der mit breitem Bandelier, schönem Degen und dem Stocke mit großem 37 silbernen Knopfe ihnen barsch entgegen trat. Hier zweifelten alle nicht, da keinem, Titus ausgenommen, jemals eine solche bunte, breitschultrige und ausgeputzte Figur vorgekommen war, daß es der gnädige Herr selber sei, der sich in sein Garten-Costüm gesetzt habe, in welchem er wohl die Fremden herum zu führen pflege. Sie verneigten sich daher tief und demüthig, der Pfarrer am meisten aus seiner Fassung gebracht, und es kostete dem Welt- und Menschenkenner Titus einige Mühe, seine Gesellschaft etwas aufzuklären und in die nöthige Haltung zu versetzen. Als alle sich von diesem Schrecke erholt hatten, begaben sie sich über den tiefen, etwas finstern Vorsaal, um jenseit durch ein großes Thor in den künstlichen Garten zu treten. Im Hintergrunde kam ihnen ein unansehnlicher Mann entgegen, in einem alten, etwas zerrissenen Ueberrock, ein schwarzes Tuch nachlässig um den Hals geschlungen. Seine unbedeutende Physiognomie und der nachlässige Anzug schienen einen Verwalter oder noch kleineren Diener des Hauses zu bezeichnen. Der Amtmann, der sich von seinem vorigen Irrthum mehr als erholen wollte, athmete hoch auf, und fragte dann mit starkem Ton: Wird Er uns, mein Guter, zum gnädigen Herren führen? Treten Sie nur vorerst gefällig in den Garten hinein, sagte der unscheinbare Mann. Sie folgten seiner Anweisung, gingen durch die hohe Thür, die der unbekannte Begleiter selbst wieder verschloß, und jetzt standen sie im Garten, der von der Sonne hell erleuchtet war. Sage Er uns doch, sing der Amtmann von neuem an, werden wir hier den Herrn Baron finden, der uns hat sagen lassen, daß er uns selber herum führen wollte? Ich gebe mir schon die Ehre, sagte der Unbekannte, ich 38 bin der Herr von Steinsberg, der Ihnen sein Compliment macht, und erfreut ist, allerseits Ihre werthe Bekanntschaft zu machen. Dieser Schreck war viel größer, als der erste. Der Amtmann fuhr entsetzt zurück und stotterte eine unvernehmliche Entschuldigung, der Pfarrer verbeugte sich fast bis zur Erde, die beiden jungen Leute waren blutroth geworden und kicherten vor Verlegenheit, und die Mutter Rosinens knixte den ganzen Baumgang hinauf, um die Unhöflichkeit wieder etwas gut zu machen. Als man die große Allee hinunter gekommen war, sagte der Baron: hier, meine Verehrten, werden Sie nun in mein Labyrinth eintreten. Es soll gleichsam den dunkeln, ungewissen Ursprung unsers Lebens bezeichnen. – Die Eingänge waren sehr niedrig und eng, alle mußten sich bücken. Drinnen war es finster, und man stieß an die engen, gemauerten Wände. In der Mitte war der Raum etwas breiter, und von hier gingen wieder kleine Straßen nach verschiedenen Gegenden. Man trat endlich, nachdem alle ziemlich lange gebückt hatten wandeln müssen, ins Freie, und der Baron fing wieder an: wir treten nun, nach jener Finsterniß, in das heitere Thal der Kindheit. – Es war ein kleines grünes Fleckchen voller Frühlingsblumen, und mit blühenden Gebüschen umkränzt. Halt! rief plötzlich der Herumführende: einer von Ihrer werthen Gesellschaft fehlt! Der Herr wird mir ganz gewiß zu früh ins Elysium gerathen; er hat den falschen Weg links genommen. Erlauben Sie, daß ich den Verirrten wieder aufsuche, und erwarten Sie mich hier. Er ging schnell in das Labyrinth zurück, und man hörte ihn rufen. Titus war es, der sich auf unerlaubten Wegen davon gemacht hatte. Artlich! schmunzelte der Pfarrer: daß es aus jenem finstern Labyrinth einen Weg giebt, der 39 sogleich ins Elysium führt, wohin so manche Kinderseele unmittelbar nach der Geburt, einige sogar früher, eilen. Wir aber wandeln auf dem gewöhnlicheren Wege durch Kindheit und Jugend. Sie mußten eine geraume Zeit auf der kleinen Stelle warten, endlich traten der Baron und Titus aus den engen Gängen wieder vor. Der gute Herr, sagte der Edelmann, war schon durch Elysium und Tartarus hingesprungen, ganz gegen allen Plan und Zusammenhang. Die Schönheiten, erwiederte Titus, sind so vielfach, und so neben einander gedrängt, daß man sich, entzückt und betäubt, zwischen allen diesen herrlichen Contrasten verirrt. Festgehalten und zugleich fortgestoßen, zaudert man und eilt und hat das irdische und ewige Leben übersprungen, ehe man nur weiß, was man thut. Das ist eben die Eigenschaft der ächten Schönheit, daß man sich ganz in sie hinein stürzt, und das persönliche Bewußtsein darüber einbüßt. Der Baron trocknete sich den Schweiß ab, und erzählte ihnen das Charakteristische von diesem Thal der Kindheit; sie kamen hierauf in die Ebene der Jugend, in welcher junge Bäume standen und keine Blumen. Etwas auswärts mußte man zum Manns-Alter steigen, wo man eine Aussicht auf Tempel und Hütten hatte, dann kam man noch höher in die reifen Jahre, welche Tannen bezeichneten; ganz oben stand man endlich im Greisesalter, wo alle Aussicht mit Sträuchen bedeckt war, rund umher abgestorbene Bäume, von denen selbst vielen die Rinde abgeschält war, unten sah man von einer Seite in einen kleinen Kirchhof hinein, der voller Gräber und schwarzer Kreuze war. Herr Baron, sagte der Pfarrer begeistert, das hätte ich mir niemals gedacht, daß ein Garten so erbaulich seyn könne. Wahrlich, das nenne ich Philosophie! Und so innig mit der 40 Kunst vermählt! Und diese Kunst wieder eins und dasselbe mit der Natur. Ich sollte meinen, das eben sei die allerhöchste Vollendung! Es freut mich, sagte der Baron, daß Sie so ganz in meine Ideen einzugehn vermögen; man hat so selten die Freude, daß ächte, tiefe Denker uns näher treten. – Er zog einen Draht und man hörte eine Glocke. Auf einem kürzeren Wege rannte jener geschmückte Bediente herbei, welchem der Führer eilig einige Worte ins Ohr sagte, worauf sich dieser wieder eben so schnell entfernte. Was Sie bisher gesehn haben, fing der Führer wieder an, war eine allgemeine Einleitung. gleichsam eine Symphonie zu dem Gedicht meines Gartens. Jetzt treten wir in die Geschichte der Menschheit. Abseits lenkte ein bequemer Steig, und man gelangte in eine kleine umbuschte Gegend, mit einem dorischen kleinen Tempel aus Holz, welcher einige Figuren enthielt, die den griechischen nachgebildet waren. Auch in den Gebüschen zeigten sich einige Statuen. So sind wir denn in Griechenland, sagte der Führer. Ein einfaches, schönes Leben, eine veredelte Natur, ein sinniger Cultus. Von hier gelangt man durch diesen sich schlängelnden Weg in das Elysium, wie jene Menschen es sich dachten. Es war ein ziemlich heitrer Raum, voll Blumenbeete, ein Schattengang daneben, hinter welchem sich gleich der Tartarus befand. Hier waren künstliche Felsen gebaut und Grotten erschaffen, vor der einen lag der dreiköpfige Cerberus, mit weit geöffnetem Rachen. Die Pfarrerin trat erschrocken einen Schritt zurück, aber der Baron führte sie selbst, wohlgefällig lächelnd, dem Höllenhunde vorüber, welcher nur aus Holz und mit kräftigen Farben übermalt war. Man sah hier ebenfalls gemalt den Ixion auf seinem 41 Rade, und in einer Grotte links Pluto und Proserpina. Die eine Grotte hatte Fenster mit farbigem Glase, und die ganze Gegend umher schien im dunkelrothen Feuer zu brennen. Dieser Platz gefiel der Gattin des Pfarrers vorzüglich; sie war kaum zu bewegen, die Grotte und ihre Täuschung wieder zu verlassen. So kam man in die chinesische Gegend, die voller Hügel, Häuserchen, kleiner Treppen und Thürme war, alles aus Latten geschnitzelt und mit grellen Lackfarben überzogen. So wie die Luft sich bewegte, ertönten eine Menge kleiner Glockenspiele. Kleine Figuren standen auf den Gallerieen, und einige Pagoden saßen nickend und wackelnd. Beim Himmel! rief der Amtmann aus, ich bin heut wie im Himmel selbst! Was braucht der Mensch noch zu reisen, oder Bücher zu lesen, oder Gemälde zu sehn, wenn er alles viel besser hier in Natura vor sich erblicken und erleben kann! Verehrter Herr Baron, Sie sind wahrhaftig mehr als ein Tausendkünstler! Ich würde Sie, antwortete der Baron, einen nach dem andern dort auf den höchsten chinesischen Thurm hinaufführen, wenn nicht neulich ein dicker, unbeholfener Mann das Geländer und die Treppe zerbrochen hätte. Er beachtete die Künstlichkeit nicht, und lehnte sich zu handfest auf die leicht geschnitzte Gallerie. Er wäre fast unglücklich geworden und herabgestürzt. Wer keinen Spaß versteht, sagte der Amtmann, der sich gern gefällig machen wollte, muß sich mit solcher künstlichen Natur nicht einlassen. Spaß nennen Sie das? fragte der Baron etwas empfindlich; ich habe es ernsthaft genug gemeint. Der Herr Amtmann, fiel Titus ein, will damit nur sagen, daß sich einer geziemlich betragen muß, und vorbereitet seyn, um Schein und Wirklichkeit, die in der ächten 42 Kunst immerdar durch einander spielen und sich gegenseitig unterstützen, gehörig zu würdigen. Für Schein, Nachahmung, pflegt der Herr immer Spaß zu sagen. Jetzt betraten sie die türkische Gegend mit einigen Moscheen und Minarets; von da gelangten sie in das christlich-gothische Zeitalter: eine Ritterburg präsentirte sich, mit Giebeln, Thürmen und bunt gemalten Fenstern: geharnischte Männer, von Holz, standen am Eingange. Gegenüber war eine Ruine. Im Ritterschloß fanden sie ein elegantes Frühstück, zu welchem sie der Wirth mit vieler Freundlichkeit einlud. Alle waren von den vielen Genüssen wie betäubt, und der Wein, so wie die kalten Hühner behagten ihnen nach der Wanderung und Anstrengung sehr. Durch das einfache und freundliche Wesen ihres Wirthes waren sie alle heiter und guten Muths geworden, und der Pfarrer hatte großes Vertrauen gewonnen, da der Baron ihn für einen tiefen Denker erklärt hatte. Unmittelbar hinter der Ruine lag ein kleiner Garten mit beschnittenen Hecken, die französische Zeit darstellend; daneben war ein Fleck, wo Taxus in Pyramiden, Obelisken, ungestalten Frauen und Männern verschnitten war, eben so die Bäume, deren Rinde man gefärbt hatte, und zwischen denen Pyramiden von Glaskügelchen standen, von welchen die Sonne blendend zurück strahlte. Der Boden bestand aus farbigem Sande. Allerliebst! rief die Pfarrerin; so artig ist es nicht einmal in meiner Putzstube. Die vollendete Unnatur, erläuterte der Baron, hat auch einen gewissen Reiz. auch wird dadurch der Sinn für Natur wieder um so mehr geläutert und geschärft. Als man den Ort verlassen hatte, von dem sich die Pfarrerin auch nur sehr ungern trennte, sagte der Führer: 43 Jetzt besuchen wir nun die Gegenden der menschlichen Leidenschaften und Gemüthsstimmungen, und zwar zuerst die Grotte der Sirenen. Es war ein Gartensaal, der rings mit Spiegeln belegt war. in Nischen waren Sirenen von Stein, übermalt, angebracht, die aus den Brüsten und dem Munde Wasser spritzten: eine Wasserorgel erklang, um ihren Gesang anzudeuten. In der Mitte war ein Felsen, der ebenfalls Wasser ausströmte, und an diesem stand ein Mann, den Ulysses bezeichnend, festgebunden. Fritz wollte die Sirenen etwas mehr in der Nähe besehn, und so wie er einen dunkleren Quaderstein betrat, erhoben sich aus den Wänden, dem Fußboden und dem Felsen tausend feine Strahlen, die ihn alle wie eine Wasserlaube umhüllten, und ihn mehr durchnäßten, als ihm erwünscht seyn mochte. Alles erstaunte, und Fritz stand in seinem Tropfbade unbeweglich. So ergeht es, rief der Baron, denen, die ihren Leidenschaften folgen, und den verführerischen Sirenen zu nahe treten. – Er drückte an einen Knopf am Felsen und die Wasserstrahlen versiegten plötzlich. Fritz ward ausgelacht und der Vater sagte zu ihm: merke Dir diese Lehre, mein Sohn, sie kann Dir für Dein ganzes Leben nützlich seyn! Geh dem Stein immer aus dem Wege, der Dich so pudelnaß machen kann; Du hast nun erfahren, was die Leidenschaften mit uns für ein Spiel treiben. Ja, sagte Fritz, wenn der Stein immer so gezeichnet wäre, wie der da, so könnte man leicht tugendhaft seyn. Und doch muß man erst auf ihn treten, um durch die Erfahrung gewitzigt zu werden, daß er den Schalk im Nacken hat. Jetzt kamen sie in einen Raum, dicht von Trauerbirken, 44 Thränenweiden und Weihmuthskiefern eingeschlossen. Dies ist das Thal der Thränen, sagte der Baron, es gränzt an den Saal der Sinnlichkeit und Leidenschaft. Von da stiegen sie aufwärts zu einer ziemlichen Höhe, und standen dann an einem künstlich gemachten Absturz. Dies, fuhr der Baron fort, ist die Höhe der Verzweiflung: nur ein schmales schwankendes Brett, das in Ketten hängt, führt über diesen schauderhaften, schwindelnden Abgrund. Ich muß Sie bitten, einzeln und Mann für Mann hinüberzugehn, weil diese Brücke nicht auf eine große Last berechnet ist. Fritz, dem es nach dem Unheil, das die Leidenschaften ihm erregt hatten, am nöthigsten that, die Gegend der Verzweiflung zu verlassen, hüpfte über die schwankende, klirrende Brücke hinüber. Dann folgte Rosine ihrem Lieblinge eilig nach, ihr folgte der Amtmann, dann Titus, der sich keck in die Mitte der Brücke hinstellte und mit begeistertem Auge dreist in den Abgrund schaute, dann ging der Pfarrer bedächtig hinüber, dessen Gattin aber zögerte, und klagte, ihr Schwindel lasse diese Passage nicht zu. Altes Närrchen! rief der Pfarrer vom jenseitigen Ufer herüber, es ist ja nicht höher als unsre Bodentreppe! Mache doch keine Umstände! Du kletterst ja auch zuweilen zum Taubenschlag hinauf, und das ist denn doch wohl schlimmer. Sie faßte sich ein Herz und betrat das schaukelnde Brett. Der Gatte streckte ihr von drüben, so weit er es vermochte, den Arm entgegen und zog die Kreischende, so wie sie nur die Mitte erreicht hatte, mit Gewalt zu sich, der Freiherr machte den Beschluß. Nun sind wir, fing er jenseits an, auf dem Gebiet der Tugend. – Hinter Gebüschen that sich ein kleiner ebner Fleck auf, rund um mit Ruhestellen besetzt. In der Mitte stand auf einem Fußgestell von Rasen die Büste des Sokrates. 45 Alle setzten sich nach den überstandnen Mühseligkeiten, um auszuruhn. Hier, fing der Pfarrer an, sollten nun unmaßgeblich philosophische und moralische Diskurse geführt werden, nachdem wir durch des Himmels Hülfe die Leidenschaften, die Thränen, und die Verzweiflung überstanden haben. Nach der Ruhe wanderte man durch die Natur, welche die Natur selbst darstellte, mit den Beschäftigungen der Menschen vereinigt. Weiß angestrichene Steine und Sand, ohne Baum und Strauch waren die Polarländer: dann stieg man zum mäßigen Himmelsstriche, den ein kleines Kornfeld bezeichnete: man kam an eine Mauer, an welcher ein Weinstock hinaufrankte: nun erhob man sich wieder zu den Bergen. Sehn Sie, rief der Baron, hier links die Fülle der Wasserfälle. Er hatte wieder eine Glocke angezogen, und reichlich genug stürzte Wasser in vielen Rinnen hinab, über eingefugte Steine und zwischen Gras und Gebüschen. Er trieb aber selbst zum Weitergehn, weil er wußte, daß nach einigen Minuten das Wasser ausbleiben würde, welches nur künstlich gesammelt war, und erst in vier und zwanzig Stunden wieder springen konnte. Als sie weiter gingen, machte er sie auf einige ausländische Stauden aufmerksam, dann folgten sie seiner Einladung, sich wieder auf eine Ruhebank niederzulassen. Nachdem sie sich umgesehn, gesprochen und sich gestärkt hatten, erhoben sie sich wieder, aber die Pfarrerin stieß zu Aller Schrecken einen lauten Schrei aus, denn unmittelbar hinter ihr stieg, wie aus einem Schacht, auf einer Leiter ein Bergmann mit einer Mulde voll Erz auf der Schulter. Der Baron freute sich, daß die gut gefärbte und geschnitzte Figur nicht vorher war bemerkt worden. – Nun zog sich der Weg abseits durch mehrere 46 Gewächshäuser, die so künstlich eingerichtet waren, daß man nicht gleich die Gläser und Oefen bemerkte. Diese, die immer heißer wurden, stellten die tropischen Länder vor, hier sah man dann die Früchte und wundersamen Stauden des Süden, Aloe, Cactus, Palmen und Ananas. Schweißbetrieft verließen alle die tropischen Länder, um sich im deutschen Klima wieder zu erholen. Man ging an einem Fichtenwalde hin, und plötzlich zog der Baron wieder eine Glocke, die weithin durch den Garten schallte. Wir bekommen ein Gewitter, sagte er dann, und wir werden etwas eilen müssen. Man wendete sich in den Wald, und erblickte in einiger Entfernung eine Hütte von Moos, mit einem Crucifix, Todtenkopf und einem einfachen Lager. Der Baron schüttelte heftig mit dem Kopfe und kehrte dann, ohne sich der Einsiedelei zu nähern, mit der Gesellschaft wieder um, welche seine Verstimmung, die er deutlich genug zeigte, nicht begriff. Als man wieder an die Tannen gelangt war, faßte er in die Zweige und zog zwei-, dreimal noch viel stärker, als vorhin, dann stand er murrend eine Weile still, und ging langsam, und wie es schien, vorsätzlich zaudernd, noch einmal nach der Gegend jener Einsiedlerhütte, die sie nur eben verlassen hatten. Als sie wieder zur Eremitenhütte hinzogen, sahen sie einen Einsiedler in brauner Kutte mit langem schwarzen Barte vor dem Crucifixe knieen. Dann las er in einem Brevier, bekreuzte sich und stand auf. Ach! rief die Pfarrerin: dies ist noch die hübscheste Puppe von allen! Sie schrie aber laut auf vor Schrecken, als der Eremit sich jetzt zu ihnen kehrte und sie mit demüthiger Andacht begrüßte. Der Baron wendete sich stumm mit einem auffordernden Blicke zu seiner Gesellschaft und kniete nieder, Fritz und Rosine folgten schnell dem Beispiel, der Amtmann und die 47 Predigerin zögernd, doch Gottfried trat mißtrauisch zurück und sah es aus der Ferne kopfschüttelnd mit an, wie der Eremit Allen die Hände segnend auf das Haupt legte, und über jeden das Zeichen des Kreuzes machte. Noch sonderbarer erschien ihm die Handlung, als bei einer rascheren Bewegung eine Tabackspfeife aus dem Gewande fiel. Als sie weiter gegangen waren, eilte der Baron noch einmal schnell zurück, und der mißtrauische Pfarrer glaubte die Worte, im zornigen Tone gesprochen, zu vernehmen: »Trunkenbold! – Immer saufen! – Die verdammte Tabackspfeife!« – Von dem, was der Eremit erwiederte, war gar nichts zu verstehen, auch kam der Baron bald mit einer verdrüßlichen Miene zu seiner Gesellschaft zurück. Ich habe es vorgezogen, sagte er, indem sie weiter gingen, einen wirklichen Einsiedler in jene Hütte hinein zu stiften, als einen nachgemachten hinein zu setzen. Dieser betet wirklich und lebt vom Getümmel der Welt entfernt in diesem Walde, bei einfacher Kost, in frommer Andacht. Auch im Winter? fragte der Prediger. – Ihm ist, erwiederte der Baron, für die strengere Jahreszeit ein Häuschen nebenbei eingerichtet worden. Doch eilen wir, bevor das Gewitter uns überrascht. – Er zog wieder eine Glocke an, und als sie um die Ecke bogen, standen sie vor einem kleinen dunkeln Hügel, der von lauter Eisenschlacken aufgehäuft zu seyn schien. Mit lautem Donner und Krachen sprang aus dem Gipfel plötzlich eine Feuer-Explosion, und streute die Funken weit umher. Die Frau des Predigers fiel auf den starken Amtmann, der hinter ihr stand, denn sie war einer Ohnmacht nahe. Der Baron, sehr zufrieden mit der Wirkung seines feuerspeienden Berges, beruhigte und tröstete die noch immer zitternde Alte. Ich habe Sie übermäßig ermüdet und 48 angestrengt, sagte er dann freundlich, eilen wir in das Haus, das Gewitter ist ganz nahe, und machen Sie mir das Vergnügen, an meinem Tische, bei heiteren Gesprächen, wieder einige Kräfte zu sammeln. Alle dankten für die übergroße Freundlichkeit des Barons und nur dem gewandteren Titus gelang es, einige wirklich verbindliche und höfliche Redensarten anzubringen. Der Baron war sehr aufgeräumt, daß sein Garten so großen Beifall fand, und sagte: das Gewitter hat es mir unmöglich gemacht, Ihnen noch einige kleinere Parthieen zu zeigen, Ihnen, zum Beispiel, den Anblick des Weltmeers, mit einigen Kriegsschiffen zu vergönnen, welches künstlich durch Perspektive, Malerei und etliche ganz feine Modelle nur möglich ist, aber doch täuschend wirkt. Othahiti und Amerika haben wir auch überspringen müssen. Sie haben die Vielseitigkeit bewundert, so wie die Menge von Gegenständen. Ich sollte wohl mein Geheimniß nicht selber verrathen, aber ich versichere Sie, es ist alles mit großer Kunst so zusammen gedrängt, daß Sie ohngefähr nur eine halbe Stunde brauchen, um den Park von außen zu umwandeln. Ueber diese Vollendung und enge Gebundenheit der Kunst konnte der beredte Titus nicht Worte genug finden, um sein Erstaunen wie seine Bewunderung gehörig auszudrücken. Sie waren nahe am Hause, und der Baron sagte: Diese letzte Explosion des feuerspeienden Berges war zugleich für den Koch das Zeichen, daß er anrichten solle. – Er führte sie in den Speisesaal, in welchem die Gerichte schon auf dem Tische standen, und entfernte sich, um sich umzukleiden. So vertraut die Gesellschaft in den Stunden des Vormittags mit dem Besitzer des Gutes geworden war, so fühlte sie sich doch jetzt wieder in Gegenwart der reichen Livreen in 49 Verlegenheit. Diese nahm noch zu, als ein vornehmer Herr, geschmückt mit Orden und einem großen Sterne, eintrat, und sich ihnen näherte. Erst nach der Anrede erkannten die Fremden ihren Freund wieder und setzten sich mit ihm zu Tische. Man war heiter und Jedermann wurde gesprächig, selbst Rosine, die vieles von ihrer kleinen Wirthschaft zu erzählen wußte. Titus machte sich dadurch beim Wirthe beliebt, daß er immer wieder in einer neuen Wendung das Lob des Gartens und eine Schmeichelei für den Gründer desselben zu finden wußte. Gestört wurde die Gesellschaft durch den Gärtner, welcher sich in einer dringenden Angelegenheit zu dieser ungewöhnlichen Stunde anmelden ließ. Er trat mit erhitztem Gesicht herein und meldete mit allen Zeichen des Schreckens, daß der Eremit, wie man überzeugt seyn müsse, weggelaufen sei. Weggelaufen! der undankbare Trunkenbold! rief der Baron. Er nahm den Brief, den der Eremit zurückgelassen hatte, aus den Händen des Gärtners, und überlas ihn mit den Geberden des Zornes. Auch noch grob ist der schlechte Mensch! sagte er dann. Wilhelm! fuhr er fort, indem er sich gegen den Bedienten wendete, der nach dem Kammerdiener der vornehmste schien; es bleibt nichts übrig, als daß Du einige Tage den Einsiedler spielen mußt, denn auf morgen hat sich Graf Kleeborn mit seiner Familie ansagen lassen, bis ich mir einen andern wirklichen Eremiten wieder angeschafft habe; es soll sogleich eine Anzeige in die öffentlichen Blätter gesetzt werden, daß diese Stelle bei mir offen ist. Wilhelm schien über diese Anmuthung nichts weniger als vergnügt zu seyn. Der Gärtner entfernte sich wieder, und der Baron war, so lange die Mahlzeit noch währte, 50 verstimmt. Doch erneute er den Wunsch, daß man ihm, auf der Rückreise, wiederum das Vergnügen des Besuches gönnen möge: diesen Wunsch legte er besonders Titus recht dringend ans Herz, der auch feierlich versprach, das Glück, das ihm die Bekanntschaft eines so großen und edeln Mannes gegönnt habe, gewiß zu benutzen und seine Besuche zu wiederholen, um dieses Elysium näher kennen zu lernen. Von Wein, Vergnügen und Ehre berauscht, empfahlen sich der Amtmann, der Pfarrer und Titus dem großmüthigen, neu erworbenen Freunde, und trafen den Kutscher Christian nachdenkend in der Schenke. Also, es soll doch immer noch weiter in die Welt hineingehn? Wir kehren nicht um? fragte er mit trübseligem Blick den Amtmann. Also, noch heut den ganzen Tag fahren, und morgen noch einen ganzen halben! Und immer gerade aus! Man kann es sich kaum denken, wie weit das von Hause seyn muß. Zögernd und murrend spannte er an. Er war vom Wachen ermüdet und schien kaum fähig, den Wagen zu regieren. Titus ermunterte ihn, so viel er es konnte, doch war nichts vermögend, Christians Laune zu erheitern. Man fuhr ab, und die Gesellschaft richtete sich zum Schlafen ein, als Christians Ausruf: Hier ist's zur See! indem er anhielt, sie erschreckte. Zur See sind wir? rief der Amtmann, indem er den Kopf zum Wagen hinaus steckte. Ja, Herr Amtmann, antwortete Christian, von hier bis zur Residenz. Er will Chaussee sagen, bedeutete Titus vom Bock herunter, eine Sache, die ihm neu ist, die er noch niemals gesehn hat. Ich auch noch nicht, erwiederte der Amtmann, ich bin 51 noch nie auf einer solchen Chaussee gefahren, von denen ich immer so viel habe reden hören. Nachdem Christian sich über den festen Weg, die Arbeiter auf demselben, die Einnehmer und Zettel eine Weile gewundert hatte, überließ er sich wieder seiner Schläfrigkeit, so daß Titus ihm wieder die Leinen aus den Händen nehmen mußte. Er rieth ihm zugleich, sich hinten zum Knecht zu setzen, welcher Weisung auch der Uebermüdete folgte. Man fuhr schneller, und als die Reisenden im Wagen sich nach einiger Zeit wieder ermunterten, und sich den Weg, die Gegend und die Dörfer und Häuser betrachteten, waren sie verwundert, daß jeder Wanderer und Reiter, jeder Wagen, der ihnen vorüber fuhr, Alt wie Jung, ihre Kutsche, und was zu dieser gehörte, mit einem auffallenden Erstaunen betrachtete. Der Amtmann sagte endlich: Haben alle diese Menschen noch niemals einen solchen Wagen gesehn? Sind die Reisenden hier so selten? Verwundert man sich, daß wir in dieser Jahreszeit zur Stadt kommen? Aber ich sehe ja so viele Equipagen und Menschen, die sich auch nach diesem berühmten Jahrmarkt begeben. Als sie mit dem Abend in dem kleinen Städtchen, in welchem sie übernachten wollten, abstiegen, löste sich das Räthsel auf, denn mit Titus stieg auch jener Garten-Eremit in seiner Kutte und mit seinem übermäßig langen Barte vom Wagen. Die Jugend des Ortes hatte sich schon um die Kutsche versammelt, alle Fenster standen offen, und die Leute riethen und fragten, ob ein türkischer Gesandter, oder ein Abgeschickter des Papstes, oder von den Wilden der Herr der Equipage sei. Ein vielbelesener junger Kaufmann erklärte die Sache endlich den Neugierigen am befriedigendsten dadurch, daß die ganze Gesellschaft innen wie außerhalb der großen schweren Kutsche nichts anders als Emissare der 52 Jesuiten seien, welche kämen, um in der Hauptstadt so wie auf dem Lande ihre Missions-Anstalten zu verbreiten. Der Amtmann begab sich verstimmt auf sein Zimmer, daß er, wie ein Wunderthäter, durch den bärtigen Deserteur solch Aufsehn erregen sollte. Indessen wußte ihn Titus wieder zu begütigen, der seine Großmuth in Anspruch nahm und versicherte, er hätte in dem Flüchtigen schon während des Fahrens einen der edelsten Männer kennen gelernt, und es sei Christenpflicht, einem armen Verfolgten sein Unglück zu erleichtern, und ihn mit dem Himmel wieder auszusöhnen. Der gutmüthige Amtmann war bald überredet und so gerührt, daß er den Anstößigen sogar an seine Abendtafel durch Titus freundlich einladen ließ. Die Pfarrerin war erst ängstlich, und der Geistliche machte sich ein Gewissen daraus, mit einem Katholiken und obenein einem Eremiten in so nahe Berührung zu kommen. Bei Tische wurden Alle die Sache bald gewohnt, selbst der aufwartende Kellner, um so mehr, da der Einsiedler sich so, wie alle übrige Menschen im Gespräch ausdrückte. Er war sehr dankbar und küßte Rosinen wie deren Mutter mit vieler Ergebenheit die Hand, wovor sich die beiden erst entsetzten, nachher aber fanden, daß der verwilderte Mensch mehr Lebensart besitze, als man ihm, seinem Barte nach, zutrauen könne. Der Amtmann ermunterte ihn, zu essen und zu trinken, da er dessen zu bedürfen schien, und da der Pfarrer der Einzige war, der sich noch zurückhaltend betrug, so gewann der Fremde auch dessen Herz endlich durch die Versicherung, er habe mit der katholischen Kirche keine Gemeinschaft. Als die Dienerschaft sich entfernt hatte und das Gespräch vertraulicher werden konnte, der Amtmann auch 53 seinem bärtigen Gaste fleißig eingeschenkt hatte, sagte dieser: Nein, mein verehrter geistlicher Herr, ich bin ein lutherisch eifrig Glaubender, wie Sie, Herr Gottfried, und eben als ein Opfer meines frommen Eifers, sitze ich in dieser Gestaltung jetzt neben Ihnen hier an diesem Tisch. Wie ist das möglich? rief Gottfried. Erfahren Sie denn, frommer Kirchenlehrer, so wie Sie, großmüthiger Herr Amtmann, daß mein Ursprung sich aus Asien herschreibt. Meine Voreltern waren jenseit des rothen Meeres, wo die Stämme mehrerer Juden sich noch gesammelt haben und ein kleines Königreich bilden, Fürsten dieser versprengten, in Europa verkannten Nation. Ich ward als Prinz auferzogen, und meine Aussichten waren die glänzendsten. Da spielte mir ein reisender Missionär das Evangelium in die Hände. Meine Seele wurde umgekehrt und dem wahren Glauben, dem Christenthume, zugewendet. Ich entfloh meinen Eltern und Wächtern, denn alle hatten schon Verdacht geschöpft, und der Schatz der Diamanten, die ich als mein Eigenthum mitgenommen hatte, eröffnete mir die Welt. Ich landete in Rom, sah aber bei näherer Erkundigung und Prüfung bald, daß hier das Christenthum nicht sei, welches mein Herz so inbrünstig suchte. Aus Furcht vor der Inquisition entfloh ich wieder, und mit mehr Furcht, als ich mich erst den Juden entzogen hatte. Ich gerieth nach Deutschland und begab mich bei einem wackern lutherischen Prediger in die Lehre. Bei ihm überzeugte ich mich, daß sein Glaube das wahre Christenthum sei, und daß alle übrigen Partheien nur in der Irre wandelten. Ich schloß mich also dieser einzig rechtgläubigen Meinung an, und glaubte jetzt, allen Gefahren und Nachstellungen entgangen zu seyn. Aber wie sehr war ich im Irrthum! 54 Nun? sagte der Pfarrer mit der größten Erwartung, indem er die Hand des Fremden ergriff. Ich hatte mir, fuhr dieser fort, merken lassen, daß ich reich sei. Durch die wundersame Verbindung der Judenschaft auf dem ganzen Erdboden war mein Aufenthalt ausgemittelt worden. Die deutschen Juden verfolgten mich mit Verleumdungen, als sei ich ein Räuber und Mörder. Die Päpstler, die mich schon in Italien als den ihrigen angesehn hatten, verbanden sich mit den Juden, um mich zu plündern und unglücklich zu machen. Ich sah mich plötzlich in weitläufige Prozesse verwickelt; mein Vermögen ward in Beschlag genommen, unter dem Vorwand, daß ich Caution leisten müsse. Die Untersuchung zog sich in die Länge und falsche Zeugen wurden erkauft, die gegen mich aussagen mußten. Unerfahren, wie ich war in dergleichen europäischen Schändlichkeiten, wurde es meinen Feinden leicht, meine Imagination zu erhitzen und mir große und unnöthige Angst beizubringen. Ich schätzte mich glücklich, als ich endlich nur aus meinem Gefängniß entfliehen konnte. Nichts war meinen Gegnern so erwünscht, als diese Unbesonnenheit, denn dadurch machte ich mich verdächtig, und das Recht schien auf ihrer Seite. Mein Vermögen war verfallen, und Juden sowohl wie Katholiken versäumten nichts, mich mit Anklagen zu verfolgen, so daß sich meine neuen Glaubensgenossen, die lutherischen Christen, auch voll Mißtrauen von mir zurück zogen. Wohin ich kam, erblickte ich Feindschaft, wonach ich meine Arme hülferufend ausstreckte, wich vor mir scheu zurück. Ich versuchte es in allen Gewerben, aber ich fand nur Widerstand. Ich bin ganz Deutschland viele Jahre mit dem trostlosen Gefühl durchirrt, keiner einzigen Religion angehören zu dürfen. War es ein Wunder, wenn ich mich endlich einer gewissen Freigeisterei ergab, die ich selbst nicht billigen 55 mag? Ich war Schulmeister, Gelehrter gewesen, ich hatte im Kleinen einen Handel getrieben, ich hatte eine Weinschenke gehabt, ein religiöses Conventikel gehalten, war Commis eines Banquiers gewesen, hatte rezensirt und ein pikantes Blatt redigirt, hatte Zeitung und Predigt, Roman und Gedicht geschrieben, und war allenthalben durch die menschliche Bosheit aus dem Felde geschlagen worden. In der höchsten Verzweiflung, als ich schon zu sterben wünschte, da ich doch zu verhungern schien, fand ich in einem öffentlichen Blatte einen Aufruf jenes Kunst-Barons, daß, wenn sich jemand fände, der als ein wirklicher Eremit in einer Clause, mit ächtem gewachsenen Barte, sich wolle anstellen lassen, dieser sich bei ihm melden solle. Diese Zeitung schien mir eine helfende Hand aus den Wolken. Ich eilte nach dieser Gegend, so viel ich nur vermochte, in Furcht, andre, Glücklichere, möchten mir zuvor kommen. Indessen hatte sich noch Niemand gemeldet und ich ward angenommen. Der Gehalt war nur geringe, die Kleider, wie Sie wohl bemerken können, kosteten dem Baron auch nicht so gar viel: ich hatte aber gehofft, daß ich besser leben würde. Mein Herr aber, ob er gleich selbst Protestant war, und auch wußte, daß ich ein Opfer des lutherischen Lehrbegriffes geworden war, zwang mich dennoch, von Wurzeln und Kräutern, Wasser, selten schwachen Wein, und noch seltner Fleischspeisen genießend, ganz wie ein ächter, strenger katholischer Eremit zu leben. Dazu hatte ich auch, wie Sie gesehn haben, ein Brevier: ich mußte, wenn Fremde kamen, nicht nur viel knieen und beten, sondern den Reisenden auch, als wenn ich gleichsam ein Heiliger wäre, meinen Segen geben. Ob wir uns gleich täglich zankten, kniete er doch jedesmal, um die Illusion nur recht groß zu machen, selbst vor mir hin, und ich mußte die Hand auch auf seinen Kopf legen. Ich hätte ihn lieber in den Haaren gerissen, als ihn gesegnet, besonders heut Morgen. – Ich sah wohl, verehrter Herr Prediger, mit welchem Grauen Sie sich von diesem katholischen Aberglauben abwendeten, und mein Herz flog Ihnen deshalb auch gleich entgegen. Ja, mein Lieber, sagte Gottfried schmunzelnd, ich durfte als ordinirter Pfarrer keine solche Blöße geben, mich von einem Eremiten segnen zu lassen. Ich hätte mich zurückgezogen, wenn ich selbst gewußt hätte, daß es nur ein nachgemachter Einsiedler sei. Der Eremit sagte, nachdem ihm die Gesellschaft mehr Vertrauen eingeflößt hatte: verehrte Freunde (verzeihen Sie, daß ich so dreist bin, Ihnen diesen Namen zu geben), ich habe mich endlich selbst aus dieser Hölle erlöst, denn so muß ich den Aufenthalt bei dem Baron nennen. Denn keine größere Qual giebt es wohl auf Erden, als eine unauslöschliche Langeweile. Mein Gehalt war so kümmerlich, daß ich wirklich fast ganz allein von der mir angewiesenen Eremitenkost leben mußte. Ein nichtswürdiges Fasten, welches, da es nur von der abergläubischen päpstlichen Kirche vorgeschrieben wird, meinem Gewissen fast eben so lästig als meinem Magen wurde. Zuweilen, wenn katholische Herrschaften bei ihm speiseten, wurde ich wohl auch an die Tafel gezogen, aber mit raffinirter Grausamkeit. Denn ich mußte alsdann, damit die Fremden, wenn sie rechtgläubig waren, sich in ihrer Verwunderung an mir erbauen sollten, nur rohe Wurzeln und Kräuter speisen. Natürlich suchte ich, wie auch heute geschah, meinem verdorbenen Magen in der Schenke durch ein Glas Wein wieder aufzuhelfen: aber dann wurde ich von meinem boshaften Zwingherrn, wenn er es erfuhr, als Säufer und Trunkenbold ausgescholten. Solch Aergerniß machte er mir auch heute, als ich seinen ersten Klingelzug nicht 57 gleich gehört hatte. Seine Natur ist eine schlechte Comödie, und seine Andacht mit dem Eremiten Gotteslästrung. Der Amtmann war verlegen, was er hierauf erwiedern sollte, weil er in dieses Schelten über einen verehrten Mann und seine bewunderte Kunstwelt weder einstimmen konnte, noch wollte. Der Pfarrer aber, dessen Gefühle nicht so zart seyn mochten, stimmte mit dem vollständigsten Beifall in die Anklagen des entlaufenen aufgebrachten Einsiedlers. Gottlos, rief er aus, ist die ganze Garten-Anstalt, weil der hochmüthige Freigeist das Christliche und Heidnische so frech durcheinander mengt und verwirrt. Schade was um die sinnreichen Allegorieen, wenn der ächte Glaube dadurch auf falsche Wege geleitet wird. Wollte er einmal einen christlichen Garten bauen, so mußten weder Eremiten mit Brevieren, noch Sirenen, noch Chinesen und dergleichen Unzucht, nebst dem Höllenhund und Pluto oder Elysium hinein kommen, sondern er mußte streng bei den Thränen der Verzweiflung und Hoffnung verbleiben, von da in die christliche Liebe und in den Glauben an die Unsterblichkeit führen. Kann denn ein Weltmann, dem so große Reichthümer zu Gebote stehn, nicht alle Gründe für die Unsterblichkeit der Seele, nicht alle vernünftigen Beweise für das Dasein Gottes in seinem Garten aufpflanzen und ausmauern? Aber ihm ist es nur um Sinnenlust und Ueberraschung zu thun, und Ihrem Fritz seinen neuen Reiserock mit seinen Wasserstrahlen zu verderben. Wo hat man noch gesehn, daß die Leidenschaften den Menschen naß wie eine Katze machen? Ihr Christenthum, sagte Titus, macht Sie sehr unbillig gegen die Kunst, theurer Freund. Glauben Sie doch, Bester, daß die Heiden in ihrem Tartarus und Elysium eine dunkle Vorahndung von unsrer Wahrheit, vom Himmel und der Hölle hatten. Wäre der Garten dazu angelegt, um 58 Heiden oder Freigeister zu bekehren, so hätte Ihr Tadel Grund, aber da Alles nur einen süßen Traum, eine schwärmerische Täuschung, eine Erinnerung an die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Zeiten und Räume andeuten soll, so ist das Kunstwerk mehr für den freien sinnigen Denker, für den fühlenden Menschen als für den orthodoxen Christen eingerichtet. Zu geschweigen, daß es schwer fallen müßte, Aussichten in die Ewigkeit, oder Beweise für das Dasein Gottes in Garten-Anstalten deutlich auszudrücken. Wie Sie wollen, sagte der Pfarrer, ich mag mit Ihnen nicht streiten, der Sie lau im Glauben sind, um dem Phantastischen, der Poesie, Allegorie, Symbolik und Hieroglyphe, oder gar jenem noch verdächtigern Humor, oder der sogenannten Ironie mit desto wärmerm Herzen anzuhängen. Aber ich schwöre Ihnen, ein wahrer Christ könnte die Augsburgische Confession so gut zu einem Garten machen, wie jener Phantast seine Weltgeschichte und Zeitalter. Sie gehn zu weit, sagte der billige Amtmann. Jedes in seiner Art. Es bleibt ja für die Zukunft einem religiösen Fürsten wohl einmal vorbehalten, Ihr Ideal zu verwirklichen. Geht doch alles stufenweise, so in der Geschichte, wie in der Kunst. Möglich (und der Gedanke ist erfreulich), daß die Menschheit so hoch steigt, daß man in Zukunft einen Verbrecher oder gottlosen Zweifler nur in das Gatterthor eines Gartens sanft einschiebt, um ihm nach zwei, drei Stunden jenseit als Gläubigen, Ueberzeugten und Tugendhaften wieder heraus zu lassen. – Sie haben aber wirklich (fuhr er fort, indem er sich wieder an den Einsiedler wendete) ein trübseliges Leben dort geführt, welches für uns durchreisende Fremde einen so reizenden Anschein hatte. Denn ich dachte mir, wie glückselig Sie dort in der grünen Umgebung, von Crucifixen und Todtenköpfen umstellt, der Andacht gewidmet 59 seyn müßten. Ich bin überzeugt, wäre meine Frau mit uns gewesen, sie hätte in Ihrer Seele Freudenthränen vergossen. Das ist eben die lehrreichste Allegorie, sagte der Pfarrer, daß nicht alles Gold ist, was glänzt, daß hinter dem Kreuze oft der Teufel steckt, daß es nichts so Unnatürliches giebt, als die so genannte Natur, daß, wo man Wolle sucht, man oft selbst geschoren nach Hause kommt, und daß es am schlimmsten ist, wenn es einem, wie dem Einsiedler geht, immerdar geschoren zu werden, ohne eigentlich Wolle zu haben, wenn man auch vielleicht Schaaf oder Hammel ist. Mann! Mann! rief erschrocken die gutmüthige Pfarrerin aus; Gottfried! Wohin geräthst Du denn? So habe ich Dich ja in meinem ganzen Leben nicht gesehn. Es ist allerdings merkwürdig, sagte Titus, wie unserm lieben Prediger dieser Kunstgenuß zugeschlagen ist, als wenn er aus den Thränenweiden und Rosen nur bittern Wermuth geschlürft hätte. Es scheint, sein Gemüth muß dergleichen berauschende Erhebungen vermeiden, sonst wird er, trotz seiner Milde, ein Ketzermacher und inquisitorischer Verfolger. Mich hat dieser Kunst-Vormittag milde und nur müde gemacht, sagte der Amtmann selbstgefällig. Und Du, mein Sohn Fritz? fragte er lächelnd diesen. Hunger kriegt man, sagte Fritz, daß man den Cerberus braten möchte; und insofern macht die Kunst auch gut und menschlich, denn Menschen, wie ich mir habe sagen lassen, die einen guten Appetit und Magen haben, sind immer auch gute Menschen. Bleiben wir das, sagte der Amtmann. eine gewisse Rührung und Spannung der Lebensgeister erfrischt auch unsre Seele, und macht sie zart und weich, dann tritt die körperliche Ermüdung ein, und es ist eine schöne Einrichtung der allweisen Vorsehung, daß wir Schwache so auf die 60 irdischen Nahrungsmittel hingewiesen werden, um in dieser Erschöpfung Zorn, Bitterkeit und Kritik aller Art auszulöschen. Sehr wahr und tiefsinnig! rief der ziemlich berauschte Eremit; denn dieser unaufhörlich kneifende Hunger machte mich ja fast zum bösen Menschen, der immerdar den Baron und seine Freunde beneidete, die sich so gut herausfüttern konnten. Und doch bedaure ich diesen Baron. Wie so? fragte der Amtmann. Weil ihn ebenfalls, fuhr der Eremit fort, die Langeweile so ungeheuer quält. Jetzt ist er nun seit einigen Jahren mit seinem Allerwelts-Garten fertig geworden. Was soll er thun, wenn er nicht wieder einreißt, und statt Chinesen, Samojeden, statt Mandarinen, Braminen einsetzt? Er kennt jeden Grashalm und jeden Frosch im Sumpf; da steht er also und gähnt und gähnt, und sieht sich oben im Thurm fast die Augen nach allen Richtungen aus, ob denn nicht von Süden oder Norden, oder Nordnord-West und Südsüd-Ost eine Caravane anlangt, oder ein Reiter, oder mindestens doch ein Fußgänger, der wohl bei ihm einkehren und seine Zaubereien bewundern möchte. Wenn er nur dürfte, so ließe er es als Gesetz auf den Landstraßen anschlagen, daß Niemand bei Lebensstrafe durchreisen dürfte, ohne seinen Garten zu betrachten. In der That! sagte Titus sehr lebhaft; nun das ist wahrlich ein sehr merkwürdiger Charakterzug! Ich, so wie jeder gebildete Mensch, der gern die Gastfreiheit übt, wird jeden angenehmen Fremden oder guten Bekannten freudig aufnehmen, aber diese Sehnsucht nach Gästen darf man doch wohl eine übertriebene, ja krankhafte nennen. Gewiß! sagte der Einsiedler, denn man muß so reich seyn, wie er, um an dieser Leidenschaft nicht zu verarmen. Wenn er nun Fremde in seinem Netze eingefangen hat, 61 drängt er sich hinzu, ihnen die Raritäten selbst zu zeigen, um sich an ihrem Maul-Aufsperren, Aha-Schreien, Zappeln, Verwundern, Kreischen, oder gar ihren Thränen der Dummheit zu ergötzen. Sacht! mein lieber Mann, unterbrach ihn der Amtmann; Ihr Zorn führt Sie zu weit. Vergebung, sagte der erhitzte Einsiedler, die neue, ungewohnte Freiheit berauscht mich gleichsam, doch kann ich es nicht über mich gewinnen, an diesem Kunst-Baron, bei dem ich so lange Hunger und Kummer, Durst und Angst habe erleiden müssen, irgend eine gute Seite aufzufinden. Er rechnet sich auch selbst, so richtig ist sein Urtheil, zu seinen Pagoden und chinesischen Fratzen. Wie das? fragte der Pfarrer begierig. Hat sich eine Gesellschaft nun wieder melden lassen, so schickt er blank, von Gold starrend, seinen Bedienten, sein Thürsteher muß sich in seinen auffallendsten Staat werfen, und seine Keule mit dem ungeheuren silbernen Knopf in die Hand nehmen. Um so lieber thut er dies, wenn er meint, die Fremden sind vielleicht etwas simpel, haben die Welt nicht viel gesehn. Dann steht er selbst ganz ruppig, arm, die Ellenbogen am Ueberrock zerrissen, mit schmutzigen, herabhängenden Strümpfen im Hintergrund, und freut sich über die Maaßen, wenn die Gimpel vor seinem Portier in Ehrfurcht erstarren, und als Pinsel noch mehr erschrecken, wenn sie im Verlumpten den gnädigen Baron nachher erkennen müssen. Herr Einsiedler! rief der Amtmann unwillig aus; Sie vergessen sich wirklich zu sehr. Zähmen Sie Ihre bittre Zunge etwas mehr, wenn wir Ihnen länger mit Wohlgefallen zuhören sollen. Der Eremit, welcher merkte, daß er seinen Wirth 62 beleidigte, mäßigte seinen Eifer, und fuhr etwas ruhiger fort: entdeckt nun der erhabene Gartenfreund, daß die Gesellschaft, welche er führt, verständige, gebildete und edle Menschen sind, so zieht er an eine der vielen Glocken, die im Garten vertheilt sind, und alle ihre Bedeutung haben, und die Fremden finden im gothischen oder chinesischen Hause ein anständiges Frühstück. Zeichnen sich die Fremden durch Gedankenreichthum, Tiefsinn und Feinheit aus, so ladet er sie auch an seine Tafel. Dann wird auch, mögen es Fürsten, oder Land-Adel, oder Pfarrer seyn, das silberne Tafel-Serviee aufgesetzt. Der Amtmann schmunzelte wohlgefällig, und der Pfarrer, plötzlich beschämt, suchte seinen vorigen bittern Tadel wieder zu vergüten, indem er mit andächtiger Miene sagte: ich Armer bin nebst meiner Familie einer so hohen Auszeichnung nicht würdig gewesen, sondern man hat mich nur, als Begleiter meines edlen Freundes, gütig aufgenommen, obgleich der ausgezeichnete Mann mich nach seiner zu weit getriebenen Güte einmal einen tiefen Denker nannte. Wir haben, sagte die Pfarrerin, heut von Zinn gespeiset, das aber sehr schön war. Glauben Sie das nicht, verehrte Frau, antwortete der Einsiedler, es war schweres, gediegenes Silber. Zinn finden Sie im ganzen Schlosse nicht. Mann! Gottfried! schrie die Pfarrerin auf; ich möchte ohnmächtig werden, wenn ich nur könnte. Ich habe von schweren, silbernen Tellern gegessen. Und alle die vielen, großen Schüsseln, die Terrinen, die Aufsätze, alles pures, reines Silber! Daß ich so was erleben muß! Mäßige Dein irdisches Erstaunen etwas, sagte Gottfried milde; ich habe es auch für Zinn gehalten: der Baron hat uns große, zu große Gnade erwiesen. Wir haben 63 gespeiset, so gut, reich und prächtig, wie es uns im Leben niemalen wieder begegnen wird. Der Amtmann sah ihn an und sagte: Herr Gevatter, wenn auch nicht von schwerem Silber, werden wir doch auch noch einmal mit einander eine Mahlzeit verzehren, die sich darf loben lassen. Der Pfarrer reichte ihm freundlich die Hand, und der Eremit sagte wieder mit einigem Grimm: ich saß indessen in meiner Hundehöhle und hungerte! – – Darum bin ich vielleicht in meinem Urtheil über den Baron nicht ganz gerecht. So artig der Mann gegen Sie war, so grob kann er seyn, wenn einmal ein Fremder sich ohne Erlaubniß in seinen Garten begiebt, und er jenen dort trifft, der nun alles bunt durch einander und, so zu sagen, gegen den Strich genossen hat. Aber seit einem Jahre hat er ein noch größeres Leiden. Drüben, eine Meile von hier, hat der Graf einen schönen Garten durch neue verständige Anlagen noch verschönert. Er hat der Natur selbst auf einfache Weise nachgeholfen, und nicht mit Künsteleien und kindischen Effekten einen Kuckkasten aufgebaut. Kenner und Verständige besuchen den Grafen und freuen sich seiner Anlagen. Dies ist der größte Verdruß für unsern Baron. Ich habe ihn schon todtenblaß werden sehn, wenn ein Reisender jenen andern Garten lobte. Ich weiß gewiß, dieser Nachbar verbittert ihm sein Leben. Ganz gut, sagte der Amtmann, er bleibt mit allen seinen Schwächen immer ein verehrungswürdiges Individuum, denn er strebt einem Unsichtbaren nach, einem Ueberirdischen, und ein solcher ist immer mehr werth, als tausende von denen, die sich nichts Höheres wissen und wünschen, als nur der Gemeinheit zu dienen. – Man stand vom Tische auf, um sich zur Ruhe zu 64 begeben. Der Amtmann gab dem Eremiten, ohne daß es Jemand bemerkte, einige Goldstücke, damit er sich Kleider verschaffen und ihn in einem Anzuge, der weniger anstößig sei, nach der Residenz begleiten könne. Der Eremit dankte mit einer demüthigen Verbeugung und entfernte sich; die Uebrigen eilten nach ihren Ruhestätten, um morgen früh, bei guter Zeit, bereit zu seyn, die Reise fortzusetzen, damit man noch zeitig am Sonntage in der Residenz eintreffen könne. Am folgenden Morgen, als Alle sich zum Einsteigen in den Wagen versammelten, war der Einsiedler nirgend zu finden. Man hörte, daß er in einem neuen Anzuge, mit verschnittenen Haaren und Bart, sich einem Courier angeschlossen habe, der schon vor Sonnen-Aufgang nach der Hauptstadt geeilt sei. Der Amtmann tröstete sich, seinen Begleiter verloren zu haben, und der Pfarrer war augenscheinlich froh, dieses verdächtigen Gefährten entledigt zu seyn. Christian war wieder, in der Nachbarschaft des Herrn Titus, der Führer der Rosse, und machte sich, so sehr dieser auch dagegen kämpfte, dadurch lächerlich, daß er auf der breiten Chaussee Jedermann befragte, ob dieses auch der rechte Weg nach der Residenz sei. So kam man denn gegen Mittag an. Im Thor wurde gefragt, man zeigte die Pässe, der Visitator ließ sich mit einer Kleinigkeit zufrieden stellen, und die Koffer brauchten nicht losgebunden, nicht aufgeschlossen zu werden. Man fuhr weiter und erschrak nur, als Christian wieder still hielt, über ein unmäßiges Gelächter einiger Vorübergehenden. Dieser weise Kutscher hatte nehmlich, um durchaus nicht irre zu fahren, wiederum gefragt, ob dieses die rechte Straße nach der Residenz sei, und ein Schalk, der Anführer einer Gesellschaft, antwortete lachend laut: kleiner lieber Mann, Er ist 65 ja schon mitten in der Stadt! Vorübergehende, die die Sache erfuhren, verstärkten das fröhliche laute Gelächter. – Man stieg am Gasthofe ab. In der Eil fragte der Amtmann den Pfarrer: welches waren doch Ihre sonderbaren Nummern, Herr Gevatter? – Der Pfarrer sah seinen vornehmen Freund verwundert an, und sagte endlich: wahrlich, ich habe sie selbst vergessen. – Vergessen? rief der Amtmann; etwas so Wichtiges? – Es waren, sagte der Pfarrer nach einer Pause, 64, 28, 33. – Bei Erkundigung im Gasthofe hörte der Pfarrer, es sei schon zu spät, noch Zahlen in der Lotterie zu besetzen; bloß bei der Haupt-Collekte sei es noch möglich. Er eilte gegen Abend dorthin. Auf der Treppe begegnete ihm der Amtmann, der ihn in der Eile nicht erkannte. Der Collekteur war verdrüßlich und sagte: sonderbar, daß die Herren so auf den letzten Augenblick warten! – Ich komme vom Lande, sagte der Pfarrer Gottfried, und bin eben erst angelangt. – Man nahm das Goldstück murrend, und gab ihm das Billet mit den Zahlen. Der Pfarrer ging nachdenkend zum Gasthof, sinnend, was sein Freund, der Amtmann, beim Lotto für Geschäfte habe ausführen wollen. – Am Morgen standen Alle mit den größten und sonderbarsten Erwartungen auf. Fritz und Rosine sahen aus den Fenstern des großen Gasthofes, und freuten sich über die gerade, weit hingestreckte Gasse, wo Haus an Haus stand, eins so hoch wie das andre, und kein Feld, kein Garten, kein Baum dazwischen. Wenn man so was, sagte Rosine, unserer Magd draußen erzählte, sie würde es nicht glauben. Alle diese Häuser und Mauern so hoch wie unser Kirchthurm, 66 und so weit, weit hinunter, wie das Auge nur sehn kann, und lauter große Fenster, und hinter allen Fenstern geputzte Leute, und Menschen unten, die immer, immer wieder vorbeigehn, und Soldaten darunter und Trommelschläger, und dann wieder Bauern mit Gemüse, und Briefträger und was nicht alles. Hier, antwortete Fritz, kann den Leuten die Zeit unmöglich lang werden, denn es fällt immer, immer etwas vor. Wenn nur ein einzigesmal die gestrige Abendtrommel mit ihrer Musik durch unser Dorf ziehn wollte, die Leute würden gewiß alle ein ganzes Jahr darüber sprechen. Das muß in solchen Städten ein glückseliges Leben seyn. Wenn wir uns draußen einmal unter der Linde heimlich sprechen wollten, so mußten wir immer fürchten, daß es der Verwalter, oder einer seiner Knechte, oder Eure Magd sehn könnte und weiter erzählen, hier in der Stadt ist aber die allergrößte Sicherheit, denn es laufen, sprechen und drängen immer so viele Menschen, daß keiner Zeit hat, auf den andern Acht zu geben. Hier ist ein solches Durcheinanderlaufen, antwortete Rosine, daß ich erst gedacht habe, es müsse Aufruhr oder Empörung seyn. Auch schreit alles so durcheinander, die Höker, die Verkäufer, die Bauern auf Wagen, die Fischhändler, und so vieles mir ganz unbekannte Volk, daß man wie betäubt wird und keinen stillen Gedanken fassen kann. Wie die Leute nur beten können. Schon die vielen Glocken machen es ihnen unmöglich. Nach dem Frühstück zog die ganze Gesellschaft aus, um sich vorläufig die Stadt etwas in Augenschein zu nehmen. Man schritt nur langsam vor, weil jeder, vorzüglich die jüngsten, bei jedem Laden, jedem Zeichen und Bilde still standen, um es aufmerksam zu betrachten. Ihre Neugier 67 war so auffallend, sie stellten so unbefangen die Unerfahrenheit der Dorfbewohner dar, daß sie wiederum für die Städter ein Gegenstand der Betrachtung und Verwunderung wurden. Als Fritz um eine Ecke bog, um einem Grenadier, dessen hohe Bärenmütze ihn erfreute, zu folgen, zog ihn der Vater am Rockschooße zurück, weil seine Absicht war, sich nach einem Platze zu wenden, zu welchem ihn hohe grüne Bäume aus der Ferne einluden. Dieser Gang führte sie wieder aus der Stadt in die Promenaden, und zugleich zu einer Reihe von großen hölzernen Gebäuden, in welchen verschiedene Schau-Ausstellungen sich der Betrachtung boten. Man las die verschiedenen lobpreisenden Zettel und Ankündigungen, und dem Amtmann schien ein großes berühmtes Kabinett von Wachsfiguren, in welchem viele bekannte todte und lebende Menschen ausgestellt waren, am anlockendsten. Man bezahlte den Eintrittspreis. Die Thür ward geöffnet, und der Amtmann, welcher als der Vornehmste voran schritt, wendete sich an einen wohlgekleideten Herren, welcher gleich rechts stand, mit der Frage: ist es erlaubt, allenthalben ganz nahe hinzu zu treten? Die Pfarrerin und Rosine, die jetzt folgten, verneigten sich vor den schimmernden geputzten Figuren demüthig, und der Amtmann nahm es fast übel, daß der freundliche Herr ihn keiner Antwort würdigte, bis er inne ward, daß dieser, mit welchem er sich unterhielt, eben auch nichts Besseres, als eine wächserne Larve sei. Da es noch früh am Tage war, fanden sie nur wenige andre Beschauer, und die beiden Familien vom Lande waren im Genuß um so heitrer und weniger befangen. Als man sich genug von den Potentaten und den Diamanten der Prinzessinnen hatte blenden lassen, so nahm man auch von 68 den Gelehrten und Bürgerlichen in dieser Kunst-Ausstellung einige Kenntniß. Plötzlich eilte der Amtmann nach einem Winkel und deutete, daß seine Begleitung ihm folgen solle. Hier stand eine Figur in altfränkischen Gallakleidern, in einem betreßten Rock, seidenen Strümpfen, mit Degen und dem Hut unter dem Arm, das breite, stark gefärbte Gesicht lächelnd und grinsend. Nun, sagte der Amtmann erfreut; kennen Sie, Pastor, diesen Mann? Nein, sagte dieser, und doch schwebt mir wie eine Erinnerung vor, als wenn ich diese Figur schon einmal sollte gesehn haben. Ei! ei! rief der Amtmann halb verdrüßlich; sehn Sie doch nur die Kleider an! Es werden jetzt fünf oder sechs Jahre seyn, daß ein umfahrender Künstler auf meinem Amte einkehrte und auch an meinem Tische aß. Er suchte mich, weil ich ihn freundlich aufgenommen hatte, zu zeichnen, er kopirte und bossirte, färbte und künstelte, und hatte auch mit Wachs zu schaffen. Er ließ mir auch keine Ruhe, bis ich ihm mein ältestes Gallakleid für einen mäßigen Preis verkaufte, wozu ich auch endlich mich bequemte, weil ich es, wie mir meine Gattin vorstellte, doch niemals wieder brauchen könne, indem die Mode zu veraltet sei. Nun hat dieser Mann, der wohl mit dem Kabinetthalter verwandt ist, meine Gestalt hier unter alle diese erlauchten und berühmten Menschen aus Dankbarkeit aufgestellt. Denn, sehn Sie nur etwas genauer hin, so werden Sie gewiß, wenn auch vielleicht nicht ganz täuschend ähnlich, meine Physiognomie erkennen. Alle erkannten jetzt den Amtmann an seinen ehemaligen Kleidern, und Fritz war hoch erfreut, seinen Papa in einer so würdigen Gesellschaft stehn zu sehn. Ja, rief Titus aus, Sie stehen hier zwischen Voltaire und Friedrich dem 69 Großen, Sie haben sich Ihrer Nachbarschaft nicht zu schämen. Einige Mädchen, in Gesellschaft von jungen Leuten, waren auch näher getreten, und der Prediger ersuchte jetzt den bewanderten Titus, die Nummer in dem Verzeichniß nachzusehn, und ihnen vorzulesen, auf welche Art ihr würdiger Freund in dem gedruckten Blatt beschrieben würde. Titus las: »Dieses geistreiche Gesicht mit dem feinen bedeutsamen Lächeln« – Der Amtmann verbeugte sich erröthend, indem er mit leiser Stimme sagte: es muß mich beschämen, daß diese freundliche Gesinnung nun so allgemein aller Welt mitgetheilt wird. Indessen ist es schmeichelhaft, seinen Mitbürgern und wohlwollenden Zeitgenossen auf diese Weise vorgeführt zu werden. Fahren Sie fort, Herr von Titus. Titus las weiter: »mit dieser Haltung, die ganz den vollendeten Weltmann verkündet, der immer nur in den vornehmsten Cirkeln gelebt hat,« – Man schmeichelt aber, warf der Amtmann ein, und übertreibt. »in dessen Physiognomie, las Titus weiter, Menschenfreundlichkeit, Wohlwollen, Großmuth und jede edle Tugend sich zu verkündigen scheint,« – Ich weiß nicht, unterbrach der Amtmann wieder, das ganze Gesicht von Röthe der Bescheidenheit übergossen, wie ich nur, nach diesen Lobpreisungen, auf den Straßen werde wandeln können. Aber Dir, mein Sohn Fritz, sei diese Begebenheit eine Aufmunterung, immerdar der Bahn der Tugend getreu zu bleiben. Du siehst, auch das verborgene Verdienst wird nicht verkannt, auch aus der stillen Einsamkeit wird es an das Licht des Tages gezogen, auch der 70 schweigenden Tugend schlägt die Stunde der Anerkennung. Gieb mir die Hand darauf, mein Sohn, daß Du in meine Fußstapfen treten willst. – Fritz schüttelte des Vaters Rechte und machte fast eine Miene, als wenn er vor Rührung weinen wollte. – Weiter! befahl hierauf der Amtmann in einem barschen Tone, indem er sich gerade aufrecht stellte, und stolz seiner Copie ins grinsende Antlitz schaute. Titus aber fiel in einen seltsamen Husten, der gar nicht endigen wollte, sein Gesicht verzog sich gewaltsam, als wenn er zu ersticken fürchtete. Fritz klopfte dem Kämpfenden in den Rücken, um ihn zu erleichtern, und als der Krampf sich beruhigt hatte, las der Erschöpfte mit matter Stimme: »Wer würde in dieser anmuthigen Bildung jenen Bösewicht, den weltbekannten Cartouche, der ehemals in Paris eine so große Rolle spielte, wieder erkennen? Der Künstler hat das Gesicht genau nach einem authentischen Gemälde gebildet, die Kleider sind ebenfalls dieselben, in welchen der Bösewicht die vornehmsten Gesellschaften zu besuchen pflegte.« – – Es ist nicht möglich, den Zorn, Schreck, das Entsetzen des Amtmanns zu beschreiben, als er diesen Artikel vorlesen hörte. Nein, schrie er mit donnernder Stimme, hier ist mehr als kriminell, mehr als Hochverrath! Himmel und Erde! Das muß einem ehrbaren Mann, einem tugendhaften Staatsbürger begegnen! Schändlicher, als im infamsten Pasquill ausgestellt zu werden! Das verdient mit dem Scheiterhaufen, mit dem Fluche der Mit- und Nachwelt bestraft zu werden! Es waren indessen noch mehr Neugierige herein getreten, und Alles drängte sich neugierig um die Gruppe, welche den deklamirenden Amtmann umgab. Die Besitzer des Kabinetts, 71 als sie dies wilde Schreien hörten, stürzten ebenfalls herein, weil sie fürchteten, es sei einer ihrer Figuren ein Unglück zugestoßen. Alles fragte, drängte, schrie, man wollte den empörten Amtmann zu Gute sprechen, aber vergeblich. Man hatte genug zu thun, den Wüthenden nur mit Gewalt von seinem Ebenbilde zurück zu halten, welches er zertrümmern wollte. Die Eigenthümer schickten nach der Wache, doch ehe diese noch anlangte, trat der Polizei-Präsident, welcher vorüber gehend den Lärmen vernommen hatte, in das Getümmel. Er ließ sich den Fall vortragen, nachdem es ihm gelungen war, den Amtmann einigermaßen zu beruhigen. Der Besitzer des Kunstwerkes erörterte dagegen: er habe schon vor zwei Jahren diese Figur, welche dem fremden Herrn so großen Anstoß erregt, von einem nicht unberühmten Wachskünstler eingekauft, welcher sie ihm unter dem Namen des berüchtigten Diebes und Spitzbuben Cartouche verhandelt habe. Er habe die Figur lieber als einen neueren Charakter gut oder böse ausstellen wollen, am liebsten als den Mörder Louvet, oder als den Demagogen Hunt, weil jede Zeit sich selbst doch immer am nächsten, und Cartouche so gut wie vergessen sei: nur Gewissenhaftigkeit und redliche Gesinnung habe ihn abgehalten, so als Wiedertäufer zu schalten, und es schmerze ihn, daß ein Kunstverwandter ihn so gröblich hintergangen habe. Er müsse nach der Versicherung glauben, daß der Anzug der Kunstfigur ehemals den Körper des Herrn Amtmanns bekleidet habe, was aber das Gesicht betreffe, so könne er, als Kenner der Malerei und der Physiognomien, die Aehnlichkeit mit dem verehrten Zürnenden nicht so auffallend finden: da also kein Mensch das Gesicht verwechseln würde, und niemand in der Stadt den Kläger mit jenem Galla-Rocke jemals habe wandeln sehn, so bitte er, daß der 72 Herr Präsident als Machthaber der Polizei dem ausgestopften Cartouche wiederum zu seiner Ehre und seinem Namen verhelfen wolle. Von neuem erwachte der Zorn des Amtmanns, der Präsident hatte viel zu thun, ihn zu besänftigen, und es war schwer, ein Auskunftsmittel, das Alle befriedigt hätte, ausfündig zu machen. Gegen den Vorschlag, daß man die Figur nunmehr als Lindwurm, in Wandelheim residirenden Amtmann, vorzeigen, und die ganze Charakteristik des Cartouche für einen Druckfehler oder Variante, die eine Verbesserung erlitten, ausgeben wolle, stritt mit gereiztem Gemüthe der Amtmann von neuem heftig, so schmeichelhaft ihm auch noch vor kurzem dieser Gedanke gewesen war. Da der Künstler wiederholt seine Unschuld beschwur, so bewegte ihn der Präsident, der die Sache nicht ernsthaft nehmen mochte, dahin, daß er dem Cartouche den Kopf abnahm, und aus seinem Vorrath ihm einen andern, der einem solchen Gesellen etwa passen mochte, aufsetzte. Der vorige Kopf aber ward dem Amtmann ausgeliefert, um mit ihm, da er wirklich seinem Gesichte nicht unähnlich war, nach Willkühr zu schalten. Die Kleider aber, da sie doch waren erkauft worden, blieben dem berüchtigten Schelme. So glaubte der Richter allen Partheien Genüge gethan zu haben, die sich auch bei diesem Ausspruche beruhigten. Der Amtmann legte die Larve in seinen Hut und begab sich nach dem Gasthofe, um dort von seinem Zorne auszuruhen und zu überlegen, was er mit seinem so seltsam errungenen Kopfe vornehmen solle. Die Familie des Pfarrers ging mit ihm, um ihm Gesellschaft zu leisten, und Fritz folgte Rosinen, von der er sich niemals trennte. Titus aber spatzierte durch die Stadt, um für seinen Humor und seine Menschenkenntniß Bilder einzusammeln, auch wohl bei 73 Gelegenheit für sein Buch einen poetischen Verleger zu entdecken. Er gerieth in den Keller eines Italiäners, wo eine muntre Gesellschaft sich an ausländischen Leckerbissen und Weinen erfrischte. An einem kleinen Tischchen saß ein großer und schöner Mann, mit einem lachenden Gesicht und klugen Augen, der unsern feinen Menschenbeobachter aber sogleich an Cartouche, aus dessen Gesellschaft er eben kam, erinnerte. Titus meinte, dieser Herr von Wandel, wie ihn die andern nannten, habe besser dort mit seiner geistreichen, schelmischen Physiognomie aushelfen können, als sein ehrwürdiger, unbescholtener alter Freund. Dieser lebhafte Sprecher erlabte sich an einer Pastete, und erzählte dazwischen; ihm gegenüber saß ein Offizier, der einen Muschelsalat verzehrte und nicht weniger gesprächig schien. Mit großen Schritten ging ein langer Mann heftig im kleinen Zimmer auf und ab, halb mit sich selber leise sprechend, und zuweilen singend. Dessen Bewegungen beobachtete eine kleine dicke Figur, die sich in einen Winkel gezwängt hatte und über den schlanken, ältern Mann lächelte. Der Jahrmarkt ist weniger besucht als sonst, rief endlich der Umwandelnde, indem er stehen blieb; die Zeiten werden immer schlechter. Es ist überhaupt ein klägliches Jahr. Ihr seid bloß verdrüßlich, sagte der kleine Dicke, weil in diesem Jahr die Menagerie nicht kommt, dafür haben wir diesmal das Kabinett der Wachsfiguren. Was gehn mich die Narrentheidungen an! sagte der Ernsthafte, und fing wieder an, heftig zu wandeln. Mein Kopf hat wohl andre Dinge zu verarbeiten. Gewiß, sagte der Offizier, indem er sich herum drehte, 74 Ihre Leidenschaft wird mit jedem Tage mächtiger. Sie vermagern auch sichtlich. Ich weiß nicht, was Sie meinen, sagte der Schlanke verdrüßlich, ich bin nicht anders, wie ich immer gewesen bin. Der ächte Mensch hat genug zu denken, ohne sich mit Fratzen einzulassen. Man muß nicht leugnen, sagte Herr von Wandel freundlich, was doch die ganze Stadt schon weiß. Es macht Ihnen übrigens ja nur Ehre, daß Ihr Herz noch so frisch ist. Stumm ging der Schlanke jetzt fort, und warf die Thür hinter sich heftig zu. Ich wette, sagte der Offizier, er wandelt nun wieder eine Stunde lang dem Bäckerladen vorüber, um mit seinen Liebes-Augen das schöne Bäckermädchen zu betrachten, oder ihr gar Rede abzugewinnen. Der Alte ist verliebter, als ein Jüngling, und schämt sich seiner Leidenschaft. Sie irren sich völlig in diesem Mann, sagte der Kleine aus seinem Winkel heraus, er liebt nichts als seine Kunst, und er scheut sich nicht, dieser die größten Opfer zu bringen. Selbst Verleumdung und falsche Urtheile sind ihm gleichgültig. Tag und Nacht beschäftigt ihn jetzt Schillers Philipp der Zweite, da Don Carlos in vier Wochen gegeben werden soll. Diesen Philipp möchte er nun recht groß, körnig, originell und tyrannisch heraus bringen. Sie wissen, daß bei den meisten Bäckerläden eine Bretzel abgemalt ist, welche zwei Löwen halten, oder entzwei reißen wollen. So oft Maler auch diesen symbolischen Gegenstand mögen dargestellt haben, so ist es doch wohl noch niemals so großartig geschehn, als drüben auf dem Schilde des Hauses, in welchem die schöne Bäckerin wohnt. Die beiden Löwen sperren den Rachen so fürchterlich auf, funkeln mit den zornigen Augen 75 so bedeutsam, und wickeln so krause und tiefsinnig zürnende Runzeln in ihre gefurchten Stirnen, daß unser Freund es nicht satt werden kann, vor diesen Bildern auf und ab zu wandeln, um von ihnen Tyrannen-Blick und Despoten-Stirn und Wange zu entnehmen. Als er im vorigen Jahr den Macbeth einstudirte, war er ebenfalls vor dem Laden des Seifensieders in der langen Straße viel anzutreffen, wo auch Löwen mit der Aufklärung, oder einem Gebunde Lichte spielen, und es ist auch nicht zu leugnen, dort sind die Löwen phantastischer entworfen, wodurch sie auch der Tyrannen-Laune eines Macbeth mehr zusagen. Sehn Sie, so wirkt und arbeitet unser Freund Zimmer, und wird nur verkannt. Wo fände auch das Große ein Anerkenntniß in unserm Säculum? Die Uebrigen lachten, als ein großer dicker Mann mit Geräusch herein trat, der seufzend über die steile Treppe schalt, welche halsbrechend zum Keller hinunter führe. Er bestellte sich sogleich einige Sorten Wein und vielerlei Speisen, musterte die Gesellschaft mit kritischen, vornehmen Blicken, und richtete sich dann mit vielem Geräusch am Tisch ein, den er gleich so schob, daß Niemand neben ihm Platz finden konnte. Sein Auge verweilte am längsten auf dem magern Titus, der bescheiden und langsam von seinem Weine trank, und sich fast ängstlich von dieser kolossalen Figur zurück zog. Unausstehliche Hitze! begann dann der große Mann: und wo, meine Herren, wo komme ich jetzt her? Von draußen, von der Vorstadt, wo ich mich als Narr hatte hinlocken lassen, denn das ist wahr: ein Narr macht viele Narren. Da hat sich, wie Sie vielleicht wissen, ein Magus etablirt, und die Zeitung ist voll von seinen Ankündigungen. Er will die Vergangenheit und Zukunft wissen, und viele 76 Geheimnisse kundbar machen. Mir hat er lauter Dummheiten gesagt, daß ich bald würde mager werden, und dafür zum Ersatz eine fette Erbschaft thun, daß meine Eltern nicht mehr lebten, was ich ohne ihn wußte, daß aber ein natürlicher Sohn von mir in der Welt eine große Rolle spielen würde. Und doch weiß ich von keinem, und habe Zeit Lebens weder natürliche noch unnatürliche Kinder gehabt. Herr von Mayern, sagte der Offizier, sich zu ihm wendend, es kann ja aber seyn, daß Sie zum Trost Ihres Alters noch einen entdecken, oder sich einen Erben Ihrer Reichthümer zeugen. Ich habe weder Reichthümer, sagte der Kaufmann, noch bedarf ich der Erben. Aus der Hand in den Mund! ist mein Wahlspruch. Aber wie war es dort, beim Magus? fragte der heitre Mann, der jetzt zu Titus gerückt war, um bequemer an dem Gespräch Theil zu nehmen. Verstehn Sie, antwortete der Starke, daß da zwei Säle sind, mit Krokodilen, Schlangen, Fischen, seltsamen Figuren und allerhand Hexen-Hausrath ausgeputzt. Man muß lange warten, ehe man für seinen Thaler den Zauberer nur zu sehn bekommt. Allerhand Dienstboten, kleine, dumme Tausendkünstler laufen einem vor den Füßen vorbei und machen sich unnütz. Endlich kommt denn die große dicke Figur herein, man muß wieder einen Thaler geben, und nun darf man den Aberwitzigen fragen, was man will. Er hört zu, schüttelt mit dem Kopf und seiner baumhohen Mütze, setzt sich nieder, rechnet, geht auf und ab, stellt sich, als wenn er nachdenkt, und, wenn die Langeweile viel Zeit weggenommen hat, kommt er endlich mit seinen dummen Sprüchen, die nicht Hand, nicht Fuß haben. Aber vornehme und gelehrte Leute laufen hin, und ich habe ohngefähr die 77 Empfindung, als wenn ich auf der Redoute, auf einem Maskenball gewesen wäre. Es gehört dergleichen zum Jahrmarkt, sagte der Offizier. Man sollte, wenn der Mann vieles Geheime weiß, den Anführer jener Räuber- und Diebesbande, die schon so verwegne Streiche ausgeführt hat, ausfündig machen, und den Sitz dieser Brüderschaft durch seine Hülfe entdecken. Das wäre das nothwendigste, sagte der heitre Mann, denn wir Gutsbesitzer auf dem Lande wissen uns vor den verwegenen Schelmen gar nicht mehr zu schützen. Sind sie in den Städten kühn, so sind sie in der Einsamkeit draußen frech und verwegen. Ob die vielen, einzelnen Banden zusammenhängen, ob das gestohlne Gut in einen gemeinsamen Schatz geliefert wird, ob sie auf eigne Hand ihre Streiche ausführen, oder ob sie einem Anführer gehorchen, alles das zu erfahren, wäre für den Menschenbeobachter ohne Zweifel sehr interessant. So oft das Wort Menschenbeobachter, oder Menschenkenner, oder Kenner der Herzen und dergleichen genannt wurde, meinte Titus jedesmal, die Rede müsse an ihn gerichtet seyn. Er erkundigte sich daher sogleich nach den nähern Umständen dieser Diebesbande, und erfuhr so viel von ihrer Dreistigkeit und schlau ausgeführten Thaten, daß er beschloß, seinem Roman einige Kapitel über diesen Gegenstand hinzu zu fügen. Den kleinen Caspar, sagte der Offizier, nennen diejenigen, die von der Sache etwas Bestimmteres wissen wollen, den Anführer. Es soll ein ganz kleines Männchen von ungewisser Herkunft seyn, denn einige machen ihn zum Juden, andre wollen ihm sein Christenthum nicht rauben lassen. Dieser Zwerg soll aus Ungarn oder Siebenbürgen herüber gekommen seyn, um in unsern Gegenden den großen Styl 78 in der Gaunerei einzuführen, die bisher auf elende, jämmerliche Art getrieben wurde. So viel ist gewiß, diesem sogenannten kleinen Caspar stellt man von allen Seiten nach, und die Polizei soll eine genaue Beschreibung seiner Person besitzen und ihm auch unermüdet nachspüren. Der heitre Mann, den die Uebrigen den Herrn von Wandel nannten, und ihm mit Auszeichnung begegneten, spottete jetzt über die einseitigen und immer kurzsichtigen Maßregeln der Justiz. Er behauptete, je komplizirter die Polizei-Anstalten würden, je heller und aufgeklärter, um so mehr würde eben dadurch den Schelmen vorgearbeitet. Wo viele Theilnehmer nöthig würden, da könnte dasjenige, was nur durch Verschweigen gelingen könne, unmöglich ein Geheimniß bleiben. Auch sei es nicht schwer, die Subalternen der Justiz selber anzuwerben, daß sie wissend oder nicht wissend den Gaunern helfen müßten. Titus kam immer näher, um von dieser, ihm so neuen Weisheit, nichts zu verlieren. Dem Herrn von Wandel schien diese Aufmerksamkeit zu gefallen, denn er wendete nach einiger Zeit seine Bemerkungen und sein Gespräch fast ganz an den wißbegierigen Titus. Der kleine Dicke im Winkel mochte hierüber seine boshaften Bemerkungen machen, denn er lächelte mit witziger Miene, indem er die Beiden beobachtete. Als Herr von Wandel den schmächtigen Titus endlich ersuchte, mit ihm zu Mittage zu speisen, konnte der Kleine ein ziemlich lautes Lachen nicht unterdrücken. Was ist Ihnen, Herr Buchweiz? fragte Wandel, überrascht. – Ich denke nur an unsern Collegen Zimmer, antwortete der kleine Schauspieler, ob er seine Löwen-Promenade schon beendigt hat, oder sich noch begeistert. Man sagt, er wird nachher Schwan, Gans, Krebs, Krokodil, Drachen und alle Zeichen der Gasthöfe durchstudiren, um 79 seinen Kunst-Darstellungen eine größere Mannigfaltigkeit zu geben. Ich traf diesen originellen Zimmer, nahm der Offizier das Wort, neulich draußen beim Baron in Schönhof, den er durch seine Begeisterung für dessen schöne Natur selbst im hohen Grade begeisterte. Wir hatten einen vergnügten Tag mit einander, obgleich Zimmer alles ernst und feierlich auffaßte. Titus erzählte jetzt, daß er auch gestern erst den Baron und dessen wundersamen Garten kennen gelernt habe, und daß er nicht leugnen könne, er selbst, wie seine Begleiter, vielleicht nur den Pfarrer abgerechnet, wären von Erstaunen und Entzücken berauscht gewesen. Die Freiheit, die Sache auf seine eigenthümliche Weise zu genießen, sagte der Offizier, muß jedem unbenommen seyn. Ich konnte es nicht unterlassen, über Vieles, was wir sahen und hörten, zu lachen. Sie wissen es vielleicht nicht, Herr von Wandel, daß zu den Seltsamkeiten dieses reichen und ziemlich gelangweilten Barons auch die gehört, sich in einer Clause einen ächten, wahren Eremiten zu halten. Was nennen Sie so? fragte Wandel. Nun, fuhr jener fort, daß es nicht eine ausgestopfte oder hölzerne Figur ist, wie ich sie wohl in andern Kunstgärten gesehen habe, die in einer Clause kniet oder steht, sondern ein wirklicher Mensch ist zu dieser Andacht und Einsamkeit für seine Clause gemiethet, und zwar für ein ziemlich beträchtliches Gehalt. Es meldete sich nehmlich vor anderthalb Jahren ein Landstreicher, der dessen Aufruf in den Zeitungen gelesen hatte, bei dem Baron. Der Herr bedang sich aus, der Vagabunde solle wirklich, um die Täuschung auf den höchsten Grad zu treiben, immer in der Kutte gehn, sich den Bart wachsen lassen und keine 80 Leinwand tragen, dabei aber auch nichts als rohe Wurzeln und Kräuter genießen. Das Letzte schien dem gemietheten Einsiedler vorzüglich hart, und da es fast die menschlichen Kräfte überstieg, mußte sich der Baron gefallen lassen, den Gehalt noch bedeutend zu steigern. Als man einig geworden war, zeigte es sich bald, daß der Eremit einer der größten Trunkenbolde war, die man nur im Lande antreffen konnte. Wie sein Herr ihm darüber Vorstellungen machte, rechtfertigte er sich damit, daß die unnatürliche Kost, die kaum das Vieh ertrage, ihm den Wein nothwendig mache, wenn er nicht ganz den Magen verderben, er selbst erkranken und in seinem poetischen Dienste sterben wolle. Der Herr von Schönhof mußte es sich also gefallen lassen, ihn aus seiner Küche mit gesunden und nahrhaften Gerichten zu versorgen. Der Säufer aber ließ doch seine Unart nicht, und der Baron mußte ihm seine Stelle immer theurer und theurer bezahlen, um nur den Eremiten, der ihm so wichtig war, nicht einzubüßen. Zuweilen ließ er ihn mit Fremden an seiner Tafel speisen, doch war es ausgemacht, daß der Eremit alles abweisen mußte, um sich am klaren Wasser und Salat zu begnügen. Diese einfache Kost kontrastirte dann sehr gegen die gierigen Blicke, die der Schlemmer auf den Wein und die Leckerbissen der Gäste warf. Neulich also, als mich der Baron umher führte, waren wir schon zweimal der Clause vorüber gegangen, man hatte eine Glocke vernommen, aber kein Einsiedler war anzutreffen. Der Herr von Schönhof war sehr verstimmt. Als wir nun niederstiegen, ich weiß nicht, nach welchem Thal des Jammers, indem über unsern Köpfen der Fels der Verzweiflung hing, hören wir plötzlich Ketten klirren, und über uns zeigt sich der Eremit, der auf eine kleine Kettenbrücke springt und laut schreit: ich komme jetzt! gleich bin ich da! Indem er uns diese Worte zurief und sich weit 81 überbeugte, verlor er das Gleichgewicht und stürzte die Höhe herab. Weil der Felsen nicht so gar hoch war, die Trunknen in der Regel auch viel Glück haben, so lag er unbeschädigt zu unsern Füßen. Er war berauscht und lachte heftig, daß wir so erschrocken waren, er sang einige Studenten-Lieder und ließ sich auf keine Weise beruhigen, oder zu einem anständigen und geistlichen Betragen bereden. Wir gingen zum Platz der Tugend, der Zufriedenheit und hörten ihn immer noch schreien und jauchzen. Er ist gestern fortgelaufen, sagte Titus, und der Baron muß sich nun eine Zeit lang ohne Einsiedler behelfen. Da könnte ich ihm, sagte der dicke Herr, meinen Bedienten empfehlen, der zu keinem weltlichen Geschäfte zu gebrauchen ist. Ich werde den unnützen Menschen gleich fragen und ihm dann einen Empfehlungsbrief mitgeben. So wäre uns Allen dreien geholfen. Der dicke Mann arbeitete sich wieder aus dem unterirdischen Gemache zur Oberwelt zurück. Der Kleine im Winkel sagte: er sollte lieber selbst die einträgliche Stelle annehmen, und überhaupt wäre es vielleicht gut, wenn sich alle große Herren dergleichen Eremiten hielten, so könnte mancher Gelehrte versorgt werden. Es giebt sonderbare Mittel und Wege, nahm der Herr von Wandel das Wort, sich durch die Welt zu helfen, oder sein Brod zu erwerben. Im Hause meiner Eltern hatten wir einen alten Diener, der ganz eigen dazu gehalten wurde, meinen Vater zu ärgern, und je empfindlicher, je mehr wurde es ihm gedankt. Denn mein Vater, der in Grillen und Launen lebte, hatte die Einbildung gefaßt, er könne nicht verdauen und gesund bleiben, wenn ihm nicht recht tüchtig die Galle erregt würde. Da der Mann aber so phlegmatisch war, und Frau und Kinder, so wie die Hausgenossen 82 liebte, so konnte ihm von allen nur dieser Domestik, der ihm zuwider war, einen heilsamen Aerger zuwege bringen. Die Sache, die anfangs bloß sonderbar erschien, nahm aber bald eine sehr gehässige Wendung. Da der Vater mich besonders liebte und vorzog, so hatte der ärgernde Diener den besten Spielraum, wenn er seinem Herrn von mir Schlechtigkeiten und Bosheiten erzählte. Im Anfang war der Aerger erreicht, die Verdauung befördert, und die Heiterkeit des Vaters zurück gekehrt, indem er mir vergeben und die Sache vergessen hatte. Doch bald nahm es die Wendung, daß er alles, was der Bediente zu seinem Wohlsein erfand und erdichtete, immer für Wahrheit hielt und, da er mich zärtlich liebte, um so schmerzlicher empfand. Kein halbes Jahr war vergangen, als er seine Liebe zu mir in den tödtlichsten Haß verwandelte. Ich erschien ihm als ein Ungeheuer der Hölle, das Unwahrscheinlichste, Tollste, schien ihm, wenn es mich nur verklagte, wahrscheinlich, ja ausgemacht. Meine Vertheidiger wurden nicht angehört, und ich selbst durfte nichts zu meiner Rechtfertigung sagen. Bald war mein Leben im väterlichen Hause mir eine Folter, und ich, ein Knabe noch, entfloh, ohne irgend zu wissen, was ich anfangen sollte, oder wo ich Rath und Hülfe finden könnte. Ich will mich nicht mit jenem jungen Lord vergleichen, den seine Eltern, nachdem er schon seit länger als einem Jahr im Hause vermißt war, als Schornsteinfeger wieder fanden: denn weder im Vermögen, noch Ansehn kann sich meine Familie der seinigen vergleichen; doch waren meine Abentheuer, die ich als Kind bestand, nicht weniger sonderbar. Ich lief nach der großen Stadt, und als ich dort hungrig und ermüdet ankam, wußte ich nicht, wo ich mein Haupt hinlegen sollte. – In der Vorstadt erbarmte sich eine alte Frau meines Klagens und Weinens und beherbergte mich, indem sie auf meine hülflose 83 Kindheit rechnete, um durch sie und die Rührung, die sie erregen möchte, ihre Auslagen wieder zu erhalten. Ich schämte mich, meinen Namen zu sagen, und ließ mich bald in das Geschäft einweihen, das mir, so erniedrigend es seyn mochte, immer doch gegen die barbarischen Mißhandlungen, die ich im väterlichen Hause erlitten hatte, als ein herrliches Leben erschien. Die alte Frau hatte nehmlich noch einen ältern Mann, welcher stockblind war. Es wurde mir aufgetragen, diesen Hülflosen durch die Stadt zu führen, und Almosen für ihn einzusammeln. Im Anfang dünkte mir diese Beschäftigung nicht unangenehm. Allenthalben bedauerte man uns und gab uns gern; man bemitleidete auch den kleinen Sohn, für den man mich hielt. Aber nach einiger Zeit änderte sich die Stimmung sehr zu meinem Nachtheil. Einige alte Frauen bemerkten, daß die Art, mit welcher ich bettelte, viel zu gleichgültig sei, daß die Worte, deren ich mich bediente, zu wenig Ausdruck hätten und einem jungen Sohn, der das Elend seines blinden Vaters doch fühlen müsse, nicht geziemten. Diesen Leichtsinn bestrafte man dadurch, daß man mir weniger gab, und manche, die noch strenger dachten und edler fühlten, entzogen mir ihr Almosen ganz. Zu Hause wurde dies übel vermerkt, und ich zog mir erst empfindliche Scheltworte zu, und nachher waren auch die Schläge nicht selten, die die alte Frau, so schwach sie auch schien, mit Nachdruck und Kraft zu geben wußte. Als meine Erscheinung in der Stadt etwas Gewöhnliches geworden war, hörte ich oft: ist es denn nicht erschrecklich, daß der Junge, der den alten Vater führt, so gut gekleidet ist, und der Vater so schlecht? Man gab immer weniger, und der Schläge, die ich in der kleinen Hütte erhielt, wurden immer mehr. Mein Gewand, das ich noch mitgebracht hatte, verschoß und zerriß, und der Alte erhielt einen neuen Anzug. Als ich 84 nun mit ihm ausging, hörte ich: seht nur, das Kind, das den Alten doch ernähren muß, verkömmt, und der alte Esel putzt sich heraus! – Um Gerechtigkeit auszuüben, gab man uns immer weniger. Nach einiger Zeit waren der Blinde und ich in gleichem elenden Zustand, was den Anzug betraf. Da mußt' ich hören: wem gehören die beiden nur an? Immer kriegen sie Geld über Geld, und wie sehn sie aus! Schand' und Spott, daß die Obrigkeit dergleichen duldet! – Von einem übermäßig Mitleidigen erhielt ich unvermuthet neue Kleidung, ich sah heiter aus, und wenn ich bettelte, rief man: der Leichtsinnige! Kann man so ohne Gefühl seyn, wie der junge Bengel! Er verdiente, ins Zuchthaus zu kommen! – Es ist nicht zu beschreiben, wie ich gemißhandelt wurde, als die Einnahme sich mit jeder Woche verminderte. Ich weiß nicht, ob es eine Wohlthat war, daß der Blinde endlich vor Alter und Schwachheit starb, aber so sehr ich der Schläge und des Hungers gewohnt war, schien mir das Leben doch unerträglich, und ehe noch mein alter Bettler begraben war, entfloh ich aus dem Hause, ungewiß, ob ich zu meinem Vater zurückkehren, oder noch länger die Abentheuer der Welt, die mir noch wenig Freundlichkeit erwiesen hatten, fortsetzen sollte. In meiner dummen Unerfahrenheit entschloß ich mich zum Letzteren, und lernte wieder neues Elend kennen. So begab ich mich denn, um in meiner Erzählung fortzufahren, zu einer alten Frau, welche mir schon oft Mitleid gezeigt und mich getröstet hatte, wenn sie sah, wie unglücklich ich mich fühlte, von allen Seiten verkannt und unwürdig behandelt zu werden. Sie war nichts weiter als eine Hökerin, die mit mancherlei Dingen einen kleinen Handel trieb. Sie nahm mich freundlich auf und ich erbot mich, ihr in allem zu dienen, was sie mir nur auftragen würde; auch verlangte ich nur geringen Lohn, denn es komme mir 85 mehr auf eine freundliche, gute Behandlung an. Wir waren also einig und ich besorgte alles für den kleinen Haushalt, ich kaufte ein, ich lief in der Stadt herum und bestellte, ich besorgte die Kundleute, wenn sie nicht zu Hause war. Die Frau, welche zuweilen heftig seyn konnte und überall kein edles Betragen hatte, war mir doch bald wie eine Mutter, denn ich hatte mein väterliches Haus nun schon völlig vergessen. Mir schien, wie man in der frühen Jugend niemals an die Zukunft denkt, es könne mir nichts Besseres begegnen, als wenn ich nur den einen Tag wie den andern so hinleben dürfte. Doch hatte ein böser Geist schon daran gedacht, uns bald zu entzweien, denn nichts bleibt in diesem irdischen Leben auf lange Zeit in gleicher Güte. Derselbe Jahrmarkt, der jetzt Stadt und Umgegend in Bewegung setzt, fiel ein, die Zeit, auf welche auch die kleinen Krämer als auf die gewinnreichste rechnen. Meiner Pflegerin war es gelungen, zu wohlfeilen Preisen von einem Durchreisenden einen Schweizerkäse zu erhandeln, und da sie andre Geschäfte hatte, setzte sie mich mit einigen Pfunden und einer kleinen Wagschaale dort in jene Ecke hin, wo auch die Fremden mit Datteln und Feigen ihr Wesen trieben. Es war der schönste, wärmste Sonnenschein. Das Gewühl des Marktes, die Fremden, vorbeiziehende Musik-Banden, Gelächter und Erzählungen der Wandelnden, schön geputzte Mädchen, alles versetzte mich in die froheste Stimmung. Ich freute mich, so in der heitern Umgebung bald mein Brod, mein Frühstück, verzehren zu können. Um den edlen Käse, dessen fette Augen glänzten, schwärmte eine große schwarze Fliege, die ich mit dem Messer zu verscheuchen suchte. In dieser Mühwaltung fügte es sich, daß ich mit der Schneide, indem ich zuschlug, einen kleinen, schmalen, fast unsichtbaren Schnitt vom Käse trennte, den ich, um ihn 86 nicht umkommen zu lassen, auf meine Zunge legte und verschluckte. Unabsichtlich gerieth es mir, indem ich wieder die böse Fliege fortscheuchte, einen etwas größeren Theil von meinem Käse scharf abzutrennen. Diesen Bissen, der mir so zufällig gegönnt wurde, genoß ich mit Behagen, und bemerkte, daß von allem, was ich bis dahin gegessen hatte, nichts von dem Wohlgeschmack gewesen sei, als dieser fette ächte Schweizerkäse. Ich nahm mein Brod aus der Tasche und wünschte, jene Fliege möge nur recht unverschämt wieder kehren, denn die Schärfe des Messers gönnte mir dann wohl im Scheuchen noch einige kleine Schnitte, die an der großen, vor mir liegenden Masse auf keine Weise vermißt werden konnten. Als wenn jene Fliege meine Gedanken errathen hätte, so kam sie meinen lüsternen Wünschen entgegen. Fleißiges Fortjagen und Schnitt auf Schnitt in fein abgetrennten Stückchen wurden mir von dem glänzenden Gebirge zu Theil, die ich lächelnd zu meinem Brode wohlgemuth verzehrte. Bald gerieth ich in eine Art von Begeisterung und Taumel, so daß es anfing, mir gleichgültig zu werden, ob die Fliege in Person mein Eigenthum umschwärmte; ich hieb immer eiliger und häufiger auf die weiße, scharf abgeschnittene Kante los, und zielte immer weniger genau, so daß die Bissen größer und wohlschmeckender ausfielen. Das Klipp-Klapp des schlagenden Messers ertönte wie eine arbeitende Mühle auf meinem kleinen Tisch. Ziemlich war mein Eifer schon in die Masse eingedrungen, als sich ein anderer Bursche zu mir gesellte, der aus der Ferne meine Thätigkeit nicht ohne Bewunderung angesehen hatte, und den Trieb der Nachahmung in sich erwachen fühlte. Ihm war, auf ähnliche Weise wie mir, ein Abschnitt eines Parmesan-Käses zum Aushöken anvertraut worden. Diesen Beitrag aus Italien legte er neben mein Schweizer-Produkt, und so, das Brod 87 in der einen und das Messer in der andern Hand, arbeiteten wir wetteifernd und unermüdet in die beiden Provinzen hinein, daß bei dieser Länder-Allianz und Versetzung beide Kreise immer kleiner und unansehnlicher wurden. Sie waren nach einiger Zeit so sehr vermindert, denn Parma erhöhte das Wohlgefallen an der Schweiz, und die fette Schweiz half wieder sehr dem trocknen Italien auf, daß es nicht mehr der Rede werth schien, das Uebriggebliebene zu konserviren oder einem Käufer anzubieten. So war bald alles verzehrt und die Fliegen schwärmten zwecklos um die leere Stätte. Jetzt verwunderte ich mich über das, was ich gethan hatte, und begriff nicht, wie es gekommen sei, daß ohne böslichen Vorsatz, ohne Naschhaftigkeit oder Hunger diese Verwüstung oder Vernichtung so bedeutender Massen sei möglich geworden. Mein Mitarbeiter hatte sich nachdenkend und stillschweigend entfernt. Indem kam meine Pflegemutter erfreut, daß sie den Tisch schon ledig sah. Sie wollte fröhlich das Geld einstreichen und meiner glücklichen Hand sogleich neuen Vorrath herbei schaffen. Ich zögerte mit der Antwort, gestand aber, daß ich kein Geld abzuliefern habe. Sie begriff den Handel nicht, aber schadenfrohe Verkäufer, die den Vertilgungs-Prozeß mit angesehen hatten, eröffneten der erstaunten Frau das Verständniß. Ueber diese Besitznahme, Ländervertheilung und Partage-Traktat, die jenen Vernichtungskrieg herbei geführt hatten, gerieth sie in den höchsten Zorn, und behandelte mich wie einen gewissenlosen Räuber und leichtsinnigen Verschwender. Als sie mir mein Verbrechen vorhielt, und immer wiederholte, wie ich auf gute Behandlung meine Wünsche gerichtet habe, und sie selber nun so schlecht behandle, gab sie mir ohne Weiteres den Abschied, indeß ich in der Nachbarschaft meinen Mitregenten und Handels-Compagnon tüchtig von seinem Vorgesetzten 88 prügeln hörte, dessen Schläge über den geräuschvollen Markt vernehmlich hinschallten. Die Dattelhändler und Orangemänner waren über diese Begebenheit sehr erfreut, und man sprach noch lange mit lautem Lachen über diese Eßverbrüderung, die sich so seltsam verbunden und ein so klägliches Ende genommen hatte. Wegen meiner Käse-Verspeisung war ich nun wieder brodlos. Aus Klugheit wollte ich einer neuen Anstellung gewiß seyn, bevor sich der Hunger einstellen könnte: ich ging daher auf ein besuchtes Kaffeehaus, wo junge und alte Herren versammelt waren, unter denen ich einen zu finden hoffte, der mich als Jockey, Bedienten, oder Küchenbuben annehmen möchte. Ich trug, als eine Stille entstanden war, meine Bitte vor, und da ich wieder damit schloß, daß ich mehr auf gute Behandlung als einen großen Gehalt sehn würde, entstand im Saale ein lautes und unendliches Gelächter; denn einige der Herren waren Zeuge meines Abschiedes gewesen, und hatten von meinem seltsamen Vergehn die Kunde vernommen. Indessen gab man mir zu essen und zu trinken, und ich mußte der aufgeräumten Gesellschaft meine Geschichte selber erzählen. Dies war die Veranlassung, daß ich nach einiger Zeit zu meinen Eltern zurück kehrte. Wenige Männer meines Standes haben wohl in ihrer Kindheit solche wunderliche Erfahrungen gemacht. Der Offizier und der kleine Schauspieler hatten abwechselnd sich und den Erzählenden mit Erstaunen angesehn,; jetzt stürmte der Wirth herein und rief: Das ist ein Spektakel! sie haben den schwarzen Caspar doch richtig gefangen! Den schwarzen? rief der Herr von Wandel; ich denke, er heißt der kleine. Einerlei! rief der erfreute Wirth, sie bringen ihn dort, sie schleppen ihn ins Gefängniß! 89 Man konnte durch die hochliegenden Fenster nur mühsam zur Gasse hinauf sehn. Jeder drängte sich herbei und sie sahen einen Haufen von schwarz gekleideten Leuten, in deren Mitte ein schwarzer Mann geführt wurde, in welchem Titus mit dem größten Erstaunen sogleich seinen alten Freund, den Prediger Gottfried erkannte. Titus stürzte sogleich hinaus und der Herr von Wandel folgte ihm. Die Schwarzen waren die Chorschüler, die von vielen Leuten umgeben und gedrängt wurden, und alles schalt auf den guten Prediger, dessen Stimme und Vertheidigung in dem Getöse nicht vernommen wurde. Es ergab sich endlich, als einige angesehene Männer hinzu getreten waren, daß Gottfried den Chorschülern gefolgt war, um sich an ihrem Gesange zu erbauen. Er ward aber verdrüßlich, daß sie weltliche Musik vortrugen, der man geistliche Worte untergelegt hatte. Noch mehr aber ward er erzürnt, als er vernahm, wie man einige alte Kirchenlieder mit freigeistigen Veränderungen sang: er trat dem Chore näher und schrie laut mitsingend den originalen rechtgläubigen Text hinein. Dies machte die jüngern Sänger irre, und der Chorführer verwies dem alten Priester sein unziemendes Betragen. Dieser ereiferte sich, und so hatte sich ein Zank entsponnen, der das Singen unterbrach. Manche Bürger gaben dem rechtgläubigen Pfarrer recht, der Chorführer vertheidigte mit vielen Zuhörern die Neuerungen als passend und nothwendig. Die Wachparade zog vorüber und stiftete mit ihrer Janischaren-Musik Friede, denn vor diesem weltlichen Getöse mußten orthodoxer Gesang wie erneuerter Text verstummen. Der Pfarrer ging nach dem Gasthofe und Titus folgte seinem neuen Beschützer, Wandel. Der Offizier sagte zu Buchweiz, dem Kleinen, indem sie die Treppe hinauf stiegen: 90 wie kann der reiche, vornehme Mann nur dergleichen Armseligkeiten von seiner Jugend erzählen? Buchweiz antwortete: er ergötzt sich wohl am Contrast, auch erschreckt er gern einfältige Zuhörer mit dem Jammer; denn Sie wissen, er wird es nicht satt, auch die Verlegenheiten zu schildern, die er auf seinen mannigfaltigen Reisen erlebt hat. Es ist auch Eitelkeit, nur von einer ungewöhnlichen Art. Jeder treibt es auf seine Weise. Im großen Saale des Gasthofes war die weit ausgebreitete Wirthstafel mit Gästen so besetzt, daß unsere bescheidenen Reisenden nur in einer Ecke ihre Plätze nehmen konnten. In ihre Nähe setzte sich der kleine Schauspieler Buchweiz, und ihnen gegenüber ein junger Mensch, der besonders in das klare reizende Gesicht der Rosine und in ihre leuchtenden Augen sich vertiefte. Dieser suchte sich durch Gespräch und zarte Aufmerksamkeiten beliebt zu machen, so daß auch Fritz, der neben Rosinen saß, böse war, weil sie nach seiner Meinung zu viel und zu aufmerksam nach den unnützen Redensarten des Fremden hinhörte. Der Amtmann so wie der Prediger waren verstimmt und nachdenkend; beide bereuten es fast, daß sie sich nach der verwirrten Residenz begeben hatten. Nach vielen Erzählungen, Scherzen und nüchternen Einfällen kam endlich, gegen den Beschluß der Mahlzeit, die Rede auf die Kunst, und der fremde Jüngling, der sich schon immer sehr lebhaft gezeigt hatte, wurde nun noch herzlicher begeistert. Wir leben in einer Zeit, fing er an, wo so viele die hohe himmlische Bestimmung dieser Tochter des Olymps bezweifeln wollen, und doch zeigen sich immer wieder und 91 unter allen Umständen, Beweise, wie nahe der Kunst die Erreichung ihrer höchsten Absicht liegt, die Veredlung nehmlich des Menschengeschlechtes. So hat sich heute Vormittag ein merkwürdiger Vorfall ereignet, der in den Annalen der Kunstgeschichte eine Epoche bezeichnet. Der Amtmann wurde aufmerksam und auch der Pfarrer hörte auf den Begeisterten hin, welcher also fortfuhr: Sie wissen, mein Fräulein, daß unsere Residenz und selbst das ganze Land schon seit lange von einem merkwürdigen Banditen, den sie nur den kleinen Caspar nennen, in mehr als einer Hinsicht belästiget wird. Man hat Preise ausgeboten, um den gefährlichen Menschen zu fangen, die klügsten Polizei- Beamten haben sich beeifert, ihn auszuforschen und seiner habhaft zu werden; man hat alle Behörden auf dem Lande in Bewegung gesetzt, um nur etwas Gewisseres von ihm zu erfahren, doch bisher immer umsonst. Es ist jetzt (was Sie besuchen sollten) ein Kabinett von Wachsfiguren in unserer Stadt, lauter ächte Kunstwerke, die von den größten Meistern gefertiget sind, etwas Ueberschwengliches in jeder Figur, wie denn die Kunst in dieser Rücksicht seit neuerdings wirklich Riesenschritte gemacht hat. O mein Fräulein! verzeihen Sie meiner Bewegung, welche vielleicht eine kältere Natur mißdeuten könnte. Heute Morgen also tritt ein Mann, ein angesehener, mit Begleitung in diesen Saal. Man bemerkt, er ist erschüttert, man sieht seine Thränen rinnen. Am längsten verweilt er vor dem Meisterstück, der sprechenden, unendlich geistigen Gestalt des berühmten Cartouche. Man sieht das Klopfen seines Herzens. Er sinkt in die Kniee in einer betenden Stellung, und als er sich wieder erhebt, sagt er mit hochverklärtem Antlitz: man rufe den Herrn Polizei-Präsidenten, ich habe ihm etwas sehr Wichtiges zu offenbaren! – Es geschieht. – Der Richter 92 kommt, ungewiß, erwartungsvoll, höchst gespannt, – und – denken Sie, schönes Fräulein, – bemerken Sie die göttliche Wirkung der Kunst – ich bin gerührt, erschüttert, ruft der Unbekannte, von diesen himmlischen Werken umgewandelt, ein neues Herz ist in meinem Innern erwachsen, – ich bin, – so ruft der große, – der kleine Caspar, den man schon seit Jahren sucht. – Er giebt sich an; denken Sie das Erstaunen des Präsidenten, der sich anfangs in diese Seelengröße gar nicht zu finden weiß. Die ganze Stadt ist erschüttert, und ich kann meine Thränen nicht zurück halten. Rosine hätte gern von Herzen gelacht, wenn sie nicht das verzerrte Antlitz des Amtmanns gefürchtet hätte, welcher jetzt, von neuem höchst erzürnt, der gefühlvollen Erzählung eine prosaische Nutzanwendung gab, indem er laut ausrief: Donnerwetter und kein Ende! Wie können Sie nur, mein guter junger Mensch, sich solche abgeschmackte Faseleien aufbinden lassen! Wie sollten denn so ganz dumme Wachs-Narretheien, solche alberne Physiognomien, die alle nach Hammeln geformt sind, die blinzend in die Sonne schauen, – wie sollten denn solche Vogelscheuchen eine überirdische Wirkung nur auf einen Dummkopf, geschweige auf einen abgefeimten Spitzbuben veranstalten können! Ich war es, mein junger Jünglings-Mann, der sich über den wächsernen Nasendreher und gewissenlosen Schelmenfabrikanten heute bei der Polizei beschwert hat, weil man meinen Gallarock und meine Silhouette zu einer nichtsnutzigen Infamie gemißbraucht hat. Und weit entfernt, daß eine solche Kunst göttlichen Ursprungs seyn sollte, verdient sie vielmehr als eine Pasquillantin in das ordinäre Halseisen gespannt zu werden und an dem Pranger zu stehn. Ja, junger Begeistrungs-Jünger, Sie sind also falsch berichtet worden, denn dieser niederträchtige Mann, der Cartouche (wie ich bei mir die 93 Hunde nenne) war ich in der Vorstellung. Sehn Sie also künftig zu, Bester, worüber Sie weinen, denn Sie können gewiß Ihre Thränen besser anwenden. Der Jüngling stotterte sehr verlegen eine Entschuldigung, und meinte nur, ein andrer seiner Freunde habe ihm erzählt, wie er den großen Verbrecher, von den sämmtlichen Chorschülern begleitet, habe nach dem Stadtgefängnisse bringen sehn. Das war ich! rief der Pfarrer höchst verdrüßlich; man kann, scheint es, nicht ein Paar Stunden in der Stadt seyn, ohne für einen Banditen zu gelten. So bin ich denn falsch berichtet worden, sagte der empfindsame Jüngling. Da ich aber ein so inniger Verehrer der Kunst bin, so glaube ich nur zu gern, was man zu ihrer Verherrlichung erzählt, und wenn es zumal sich deutlich ergiebt, wie sie durch ihre Gewalt das Gemüth eines verstockten Bösewichtes umgewandelt hat. Die Kunst, warf plötzlich Buchweiz ein, indem er sich der Rede bemächtigte, wenn ich die des Theaters ausnehme,. weil hier ihr Einfluß und ihre Heilsamkeit so einleuchtend ist, daß es Aberwitz wäre, ihn bestreiten zu wollen, die übrige Kunst, behaupte ich, hat von jeher weit mehr geschadet, als genutzt. Sie ist ein verderbliches Gift, das die Kraft der Staaten aussaugt und die Moralität der Menschen untergräbt; sie erregt Zwiespalt, Haß, Verweichlichung, und ist schlimmer anzusehn, als ein offenbarer Feind, der von außen herein bricht. Wenn Sie sich vielleicht auf die Wachsfiguren beziehn, sagte der Amtmann, so bin ich jetzt vollkommen Ihrer Meinung; diese Kunst arbeitet der Religion entgegen. Noch mehr das Ausputzen von Gärten mit heidnischem Kram, bemerkte der Pfarrer. alles führt uns ab von dem 94 Einen, welches Noth ist. Ueber dergleichen eigendünkelnde Schöpfungen verlieren wir nur gar zu leicht den Schöpfer aus den Augen: wer sich mit Phantasten einläßt, entfernt sich vom Glauben. Sehr richtig bemerkt, antwortete der Offizier, der sich an den Tisch in die Nähe der ländlichen Gesellschaft niedergelassen hatte. Wäre nicht die Kriegskunst, welche die Staaten erhält und vertheidigt, so dürfte alles, was Kunst heißt, nur wieder untergehn und in Vergessenheit gerathen, da die gereifte Menschheit diesem Kindertande endlich entwachsen ist. Wie! rief ein junger Maler mit Entsetzen aus, indem er einen leeren Platz neben dem empfindsamen Jüngling einnahm: ist das Ihr Ernst, Herr Hauptmann? Kann irgend ein Mensch wirklich die Göttlichkeit der Kunst bezweifeln? Wenn ich auch die übrigen fallen ließe, so werden Sie doch wenigstens die Malerei müssen gelten lassen. Und diese, rief Buchweiz etwas lauter, am wenigsten. Es ist nicht so gar unrecht von den Muselmännern, daß sie die Bilder, als eine Gottlosigkeit, verboten haben. Wir sind aber Christen, erwiederte der Maler, und unsre Religion hat diese Kunst immerdar beschützt, und alle christlichen Fürsten haben der Kunst gehuldigt und sie durch Akademieen geehrt und befördert. Theure Schulen sind gestiftet, um Talente zu wecken und aufzumuntern. Ja, es hat den Anschein, als wenn Staaten und Regierungen, Völker und Constitutionen, Handel und Länderverbindungen nur dahin abzweckten, die Kunst mittelbar und unmittelbar zu befördern. Dies kann alles wahr seyn, antwortete Buchweiz, und ich und meine Parthei werden dennoch Recht behalten. Der Aberglaube an die Kunst und ihre Nothwendigkeit oder ihren 95 Adel ist freilich ein sehr alter Aberglaube, denn in Indien und Aegypten finden wir ja uralte Spuren und Werke, die uns belehren, daß die Priester-Kaste durch sie schon in früher Vorzeit die kindischen Menschen gelenkt und beherrscht hatte. Seit die unruhigen Griechen auf Erden ihr Wesen trieben, ist es Mode geworden, das poetische Zeug und Alles, was mit diesem zusammenhängt, für was Nobles zu halten. Aber, glauben Sie mir nur, sehr dem Sinne der wahren Herrscher, welche in die Ferne sehn, entgegen. Und in neueren Zeiten, – wer waren denn diese Medicäer, die immer und ewig gepriesen werden? Bürgerliche Emporkömmlinge, um nichts besser, als jener konfuse Perikles, der ganz Griechenland in Verwirrung brachte und durch seine Kunstliebe zerstörte. Einige irreligiöse Päpste haben das Werk fortgesetzt, statt daß sie die Aufklärung hätten befördern sollen. Eben so Reichsstädte, wie Nürnberg, die nichts besseres zu thun hatten, und deren Kunst sich nachher in die Kinderpfeifen und Puppen und Lebkuchen zurückgezogen, und in ihnen nur noch einigermaßen fort vegetirt hat. Meine Herren, es ist nicht zu leugnen, daß es unter den menschlichen Anlagen auch einen Kunsttrieb giebt, und daß sich viele herrliche Genien dieses blinden Triebes bemächtiget haben, um treffliche und zuweilen ganz vorzügliche Werke hervor zu bringen. Aber geschadet hat die Ausbreitung dieses Kunstgeistes immerdar. Perikles und die Medicäer können es am deutlichsten beweisen. Und nun zu jener Zeit, die damals in Italien unter dem zweiten Julius angebrochen war, – welche Ueberschwemmung von trefflichen Kunstwerken! Die Kenner wissen, daß es damals in Italien kein Städtchen, keinen Flecken, kein Dorf gab, wo nicht wenigstens Ein vorzüglicher Meister wohnte. Wie eine Epidemie hatte sich das Gift ausgebreitet, denn wer nur einen Pinsel ansetzte, war ein Genie. 96 Lächerlich drum, wenn wir jetzt so oft die Meister bestimmen und über sie zanken wollen. Ganz unbekannte, nie genannte, längst vergessene haben Tafeln mit Farben überzogen, wie es nachher und jetzt nicht die Berühmtesten vermochten. Allenthalben, in Kirchen, Klöstern und Pallästen, Kaufmanns- und Bürgerhäusern, in den offenen Capellen auf den Landstraßen, auf Steinen und Hölzern am Wege fand und sah man nichts als Bilder, und gute Bilder, und diese Fülle von Mustern begeisterte wieder Knaben und Jünglinge, und alles streckte die Hände nach Palette und Bleifeder aus, um zu zeichnen, zu malen, zu skizziren, inventiren, korrigiren, porträtiren und zu phantasiren, so daß es schien, als wenn die Welt an diesem Bilderkrame untergehen solle. Die Herrscher auf den Thronen, die klüger gewordenen Päpste auf ihren Stühlen, die Gesetzgeber zwischen ihren Akten fingen auch an zu zittern, daß die Gewerbe, der Glaube, Staat und Kirchenthum leiden, wohl gar an diesem Gewirre untergehn möchten. Was half es, wenn die Regierenden die Künste nicht mehr beschützten und ihnen die Unterstützung entzogen? Bürger, Kaufmann, Bauer und Adel und Unadel mochte ohne diese Klexerei nicht mehr leben. Nicht nur innen waren die Häuser und Wände voller Bilder, auch außen waren ganze Straßen, Klöster und Kirchen beschmiert, so daß ein rechtlicher Mann und Patriot kaum einen Winkel finden konnte, um sich, wie es doch oft unerläßlich ist, zu erleichtern. In jenen Zeiten, so lesen wir in Chroniken und Berichten, war zwischen Päpsten, Florenz; Urbino, Frankreich, Ferrara, Venedig und was noch, ein beständiges Verhandeln, Beschicken, Gesandtschaftsberichten, heimliches und öffentliches Bündnißschließen. Die politischen Verhältnisse waren verwickelt; wer leugnet das? Aber ich, der ich Zugang zu manchen noch unbenutzten Archiven fand, der ich in so 97 manchem Rathhause bis zu seinen unterirdischen Tiefen drang, wie in Bremen und Hamburg, ich habe an vielen Orten Spuren, Zeugnisse, Hindeutungen, ja gewisse Nachrichten angetroffen, die mich überzeugen, daß nicht bloß über jene politischen Verhältnisse zwischen den Päpsten, Herzogen, Kaisern und Königen verhandelt wurde: nein, es galt zugleich dieser verderblichen Kunst. Sollte man ihr den Krieg erklären? Die Zeit der Kreuzzüge war vorüber, man konnte nicht, wie gegen die Albigenser, gegen diese lombardischen, venetianischen und florentinischen Schulen wüthen. Die Bilderstürmer, die in den Niederlanden in diesem Sinne, und hie und da in Deutschland zu arbeiten anfingen, waren zugleich in den Augen der Regenten Rebellen, und in denen der Päpste Ketzer. In dieser mißlichen Lage war ein weltkluger Papst, der die Menschen kannte, auf einen Gedanken gerathen, dem Könige und Kaiser und etwas später die Herzoge, so wie bald darauf auch die Republiken beitraten. Mit Gewalt gegen das Uebel kämpfen, hätte wahrscheinlich die Sache nur schlimmer gemacht. Nein, meine Freunde, man gab sich heimlich das Wort, daß man den Anschein annehmen wolle, als beschütze, als befördre man die verderbliche Sache, um sie auf diesem Weg nach und nach herunter zu bringen. So entstanden denn in allen Ländern jene gepriesenen Akademieen, und ihnen haben wir es in der That zu danken, daß dem Ueberwachsen und Ausbreiten jenes Unkrautes der Kunst ziemlich Einhalt gethan ist. Mit Recht trachtete man dahin, nach und nach das Vortreffliche zu verschreien, oder in Vergessenheit zu bringen, das Unbedeutende, Nüchterne, Manierirte zu heben. So verloren sich nach und nach die Genien, weil ihnen die löbliche neue Anstalt in allen Richtungen widerstrebte. Die Völker langweilten sich an der Kunst, die ihnen früher zum Leben unentbehrlich 98 geschienen hatte. Man sorgte mit vieler Einsicht dafür, daß die Vorsteher der Akademieen, die Lehrer bei denselben nicht etwa helle Köpfe waren, die ihre Aufgabe mit Ironie und dem Verständniß der großen Forderung lösten: sondern ehrliche, beschränkte Männer wurden befördert, die ihr armes Pinseln und Anstreichen für das Rechte hielten, und von allen Schülern dieselbe Antike, dieselbe Kritik, Symbolik, Systematik, Physiognomik, Mathematik und ihre erfundene Symmetrie der Gedanken verlangten. Als man schon weit fortgeschritten war, schickte man noch das Gespenst des Ideales in die ausgelichteten Köpfe und Gemüther, um gleichsam dadurch die Rückkehr und das Wiedererwachen eines lebendigen Triebes, oder gar der Begeistrung auf immer zu verhindern. Sehn Sie, einsichtsvolle Kunstfreunde, so sind die Akademieen und ihre Direktoren und Professoren, ihre Intendanten und Expektanten, ihre Scholaren und Mäcenen entstanden, und in diesem Sinne sind sie fortgesetzt, und haben das Lob und die Bewundrung der Staaten redlich verdient, die Ehrenzeichen und Besoldungen für ihre Vorsteher und Lehrer waren gewiß gut angewendet, – denn wo, möchte man wohl fragen, ist denn nun jene gepriesene und gefürchtete Kunst geblieben? Welche Werke hat sie seitdem aufgestellt? Wen hat sie begeistert oder verführt? Wie die übrigen Staats-Elemente, wie die andern Dikasterien, Büreaus oder Kollegien schleicht sie sanft und menschlich, still und ohne Aufruhr zu erregen, in ihrem Geschäftsgange saumselig, aber human einher – und es ist eine Erbauung, es mit anzusehen, wie Diplomaten, große Herren, aufgeklärte Geistliche und geadelte Banquiers nun zuweilen vor einem neu vom Stapel gelaufenen großen Kunstwerke stehen oder sitzen müssen, durch und durch gelangweilt, aber doch in Freude, daß die Sache so überaus gelungen und das 99 entzückende Werk so völlig schlecht ist. Sie werfen sich Blicke zu, sprechen: hm! – ha! – ja, ja! – und so weiter, die Losungssylben, mit denen sich die Klugen unter einander verstehen. Sind Uneingeweihte zugegen, oder Künstler, so muß man freilich einige Bewundrung hinzufügen, um nur das Geheimniß nicht zu verrathen. Es will freilich verlauten, der Krater dieser Revolution, der nun so verständig und human auf immer zugedeckt schien, habe sich neuerdings wieder in Lava und Flammen ergossen. Und so schiene denn, wenn das Gerücht Wahrheit enthält, daß keine menschliche Weisheit jenem Lucifer, dem Lichtbringer, Phosphorus, oder Kunstgeist, wie man ihn nennen will, auf immer hemmend entgegen treten könne. Das ist freilich das Loos aller Bemühung der Sterblichen. Gottfried wollte antworten, als Alle durch den dicken Herrn von Mayern gestört wurden, der jetzt erst kam, als die Mahlzeit fast beendiget war. Er aß schnell und erzählte wieder von dem Magus in der Vorstadt so viel, daß Gottfried sich im Stillen vornahm, sogleich von der Tafel sich dorthin zu begeben, um von diesem wunderbaren Manne, der doch vielleicht mehr als ein Marktschreier seyn könne, Nachrichten von seinem verlornen Bernhard zu bekommen. Ehe er sich aber zum Zauberer begab, suchte er jenes Haus auf, in welchem er den Gärtner finden sollte, der ihm in jenem Briefe bezeichnet war. Die Anweisung führte ihn vor ein großes Gebäude, welches beinah ein Pallast zu nennen war. Er verwunderte sich, als er auf Erkundigung erfuhr, dieses Haus sei das Eigenthum eines jüdischen Banquiers. Er ließ zaghaft die Glocke ertönen, die mächtige Thür öffnete sich durch ein Druckwerk, und der Portier wies ihn von einem Fenster herab nach dem Hofe. Hier war das kleine Häuschen, in welchem der Gärtner wohnte. Durch 100 ein eisernes hohes Gitter sah er die Bäume eines weit verbreiteten Gartens. Im Häuschen fand er ein uraltes Mütterchen, das in Sämereien und Tulpenzwiebeln kramte. Sie rief auf die Bitte des Pfarrers ihren Mann aus dem Garten. Der Greis verwunderte sich über den Besuch und konnte die Nachfrage nicht begreifen. Er erklärte, daß er von jenem Briefe und der ganzen Sache gar nichts wisse, daß er aber mit dem Herrn des Hauses sprechen wolle, denn diesem bringe er alle Briefe, die er wohl zuweilen, aber nur selten, erhielte, und dieser Mann, der mit der ganzen Welt in Verbindung stehe, würde wahrscheinlich auch um jenen Brief und um die Angehörigen dieses verlornen Bernhard wissen. Der Pfarrer versprach, am folgenden Tage wieder zu kommen, um sich bei dem Handelsherrn selbst zu erkundigen. In einem einsamen Hause der Vorstadt hatte der Magier seine Wohnung genommen. Einige Vornehme kamen mit rothen Gesichtern die Treppe herunter, um in ihre Wagen zu steigen, die in einiger Entfernung hielten. Er ist mit dem Satan im Bunde! sagte der Eine grollend zu seinem Begleiter, und ich bitte nur, sprechen Sie nie von dem, was er in Ihrer Gegenwart gesagt. Ich muß dieselbe Bitte an Sie thun, erwiederte jener; es bleibt unbegreiflich, wie er so Vieles von uns weiß, das ich längst für vergessen hielt, weil ich selbst es gern vergessen habe. Mit klopfendem Herzen stieg der Pfarrer die hohe Treppe hinauf. Sein Gewissen meldete sich und sagte ihm, daß er jetzt einen Schritt thue, der einem Priester und religiösen Manne nicht gezieme. Indessen war er schon zu weit vorgeschritten, und beschwichtigte seine Scrupel mit der Ausrede, daß er nur einer unschuldigen Neugier nachgebe. 101 Im Vorsaale mußte er einen Thaler in eine Büchse werfen, die ihm eine seltsam gekleidete Figur hinreichte. Ein Diener führte ihn in den Saal, wo er einen andern traf, welcher den zweiten Thaler von ihm forderte. Auch dieser ging in einem fremdartigen orientalischen Gewande. In armenischer Tracht trat jetzt eine hohe Figur herein, mit einer spitzigen Mütze auf dem Haupt, einem schwarzen kleinen Bart und mit pechschwarzen Augenbraunen. Gottfried begrüßte ihn als den Zauberer, der Armenier beugte sich, die Arme auf die Brust gelegt, vor ihm, umarmte ihn dann, und sagte ihm in gebrochenem, fast unverständlichem Deutsch, er sei nicht selbst der große, weltberühmte Magus, wolle ihn aber seinem Herrn und großen Meister anmelden, der drinne in seinem Zimmer über hochwichtigen Arbeiten sitze. Mit den letzten Worten verließ er ihn, indem er sich wieder tief vor ihm, auf orientalische Weise, neigte. Der Pfarrer mußte lange warten, und betrachtete die ausgestopften Krokodile und Schlangen, die seltsamen Bildnisse, sowie einige Monstra, die in großen Gläsern aufbewahrt wurden. Endlich öffnete sich die Thür, der Armenier ging vorbei und bedeutete dem Priester, daß er eintreten möge. Im Zimmer, welches sogleich wieder geschlossen wurde, saß ein kleiner greiser Mann, mit einem schwarzen Talar bekleidet. Er war in Schriften und Rechnungen vertieft, und um ihn standen Himmelsgloben, vielfache Instrumente, Bücher und sonderbare Gemälde, die Erscheinungen, Geister und Wunder darstellten; Blätter, mit Hieroglyphen bemalt, bedeckten die Wände. Der Kleine erhob sich endlich, sah mit durchdringendem grauen Auge den Prediger an, welcher sich in Verlegenheit befand, und sagte dann: werther Herr, worin kann ich Ihnen mit meinem Rathe dienen? Gottfried trug ihm seine Frage bescheiden vor, ob er 102 wohl Hoffnung nähren könne, von einem gewissen Bernhard etwas, vielleicht bald, zu erfahren. Der kleine Zauberer setzte sich nieder und fing an zu rechnen. Nach einer Weile stand er wieder auf und ließ sich bestimmter die Ursach angeben, weshalb der Pfarrer jetzt diesen Verschollenen aufsuche. Als er die Umstände erfahren hatte, sagte der Kleine mit Feierlichkeit: Herr Prediger Gottfried, Hochwürdiger Herr, der Sie aus Wandelheim in dieser und noch einer andern Absicht zur Residenz gekommen sind, es mag sich fügen, daß Ihr Wunsch in Erfüllung geht. Der Pfarrer erstarrte, daß der Unbekannte seinen Namen und Wohnort, ohne Anweisung, so bestimmt anzugeben wußte. Wie erschrak er aber, als der Wahrsager fortfuhr: Die kleine Muhme Brigitta, die vor zwanzig Jahren in Ihrem Hause zum Besuch war, ist recht früh verstorben, das liebe Kindchen. Ihr großer Hund, den man seltsamer Weise Emmrich nannte, nach dem lustigen Jäger, von dem Sie ihn zum Geschenk erhielten, spielte damals recht artig mit dem kleinen Mädchen. Dieser gutgesinnte Pudel ist nun freilich auch seit lange dahin. Ich sehe, Sie tragen noch denselben Stock in der Hand, welchen Ihnen um dieselbe Zeit ein Durchreisender verehrte, der von Jerusalem kam, und Ihnen zum Andenken für Ihre freundschaftliche Aufnahme diesen Palmenzweig schenkte. Der Mann, wie Sie wissen werden, ist nachher als General in österreichischen Diensten gestorben. Es war ein lustiger Abend, als er sich auf einem Spaziergange zu Ihnen verirrt hatte, und Sie beim anhaltenden Regenwetter mit Ihrer damals jungen Frau und dem Förster Emmrich und andern Nachbarn mit ihm einen ganzen Abend um Nüsse spielten, wobei viel gelacht und allerhand Mährchen erzählt wurden. Der Pfarrer sah ihn mit großen Augen an und sagte 103 endlich: Waren Sie denn, verehrter Herr, damals wohl auch in unserm Dorfe und meinem Hause? Nichts weniger, sagte der Zauberer, ich bin niemals in jene Gegend gekommen; aber so wie Jemand in meine Nähe tritt, und ich bin begierig, denselben näher zu kennen, so richte ich meinen Geist ihm zu, und weiß durch diesen Vorsatz Alles von ihm, was ich erfahren will. Schrecklich! sagte der Pfarrer, und trat einige Schritte zurück; und so kann Ihnen Nichts verborgen bleiben? Warum auch? erwiederte der Zauberer: der Mensch bleibt Mensch, das ist das Resultat meiner hundertjährigen Forschung. Ist es denn etwas Besonderes, daß Ihnen damals, als Sie noch ein junger Mann waren, die Nichte Ihres geistlichen Bruders in Warmstedt vielleicht etwas mehr gefiel, als es einem Priester und kürzlich getrauten Eheherrn nach den strengsten Grundsätzen der Eiferer geziemlich war? Bei meinem Wort! rief der Pfarrer entsetzt, es ist nichts zwischen mir und diesem Mägdlein vorgefallen, worüber ich mir eigentlich Vorwürfe machen dürfte. Sie hat nachher in einer glücklichen, unbescholtenen Ehe gelebt. Ich weiß, antwortete der Magus; aber das kleine goldne Herzchen, welches Sie ihr damals, halb gegen ihren Willen raubten – Ich habe es ihr, als sie getraut werden sollte, zurückgestellt, erwiederte der Priester, und meine Frau hat niemals etwas bemerkt. Zeigen Sie mir Ihre Hände! rief der Magus. Der Pfarrer bot sie ihm zitternd, und der Magus betrachtete die Linien der flachen Hand genau und lange. Dann setzte er sich wieder hin, um zu rechnen, und sagte nach einiger Zeit: Dieser Bernhard lebt noch, ich weiß es ganz gewiß, er hat 104 mannichfaltige Schicksale erfahren und ist jetzt eben auf dem Wege zur Residenz. Morgen in der dritten Stunde Nachmittag können Sie das Fest des Wiederfindens feiern, draußen im schönen Garten, in der zweiten Laube rechts. Erwarten Sie ihn dort. Mit unbeschreiblichen Gefühlen ging der Pfarrer, nachdem er Abschied genommen hatte, zur Thür wieder hinaus. Ihm begegneten Fremde, welche der Armenier ebenfalls einführte. Herr von Wandel, rief der Armenier, wünscht Besuch' Dir, und andre Cavalier. – Der Magier begrüßte sie, und Gottfried glaubte, als er wieder im Freien war, sich in einer neuen Welt zu befinden. Immer hatte er allen Aberglauben als Thorheit abgewiesen, und jetzt mußten ihm so viele Wunder begegnen. Er war tiefsinnend; die Uebrigen kehrten müde von einem Spaziergange zurück, und Alle suchten die Ruhe. Am folgenden Tage war das Gewühl des Marktes viel lebhafter. Noch mehr Fremde und Landleute schienen angekommen zu seyn. Die Familien begaben sich, Alles beobachtend, mitten in das Getümmel, und so sehr der Pfarrer mit den Prophezeiungen beschäftigt war, so verdrüßlich der Amtmann auch über die erlittene Kränkung noch seyn mochte, so rissen die verschiedenen Gegenstände, die Tracht der Fremden, die vielen kostbaren Waaren, sie doch so hin, daß sie sich selbst mehr und mehr vergaßen. Oft wurde der Zug getrennt, und fand sich nachher im Gedränge wieder eben so unvermuthet zusammen. Einen solchen Augenblick, als eine große Menschenmasse sich zwischen die Wandelnden geschoben hatte, benutzten Fritz und Rosine, wie sie es am Abend 105 verabredet, um sich unvermerkt von den Eltern mehr und mehr zu entfernen, und dann, sobald sie es vermochten, den Markt zu verlassen. Sie bogen in eine Gasse, eilten von dort in eine kleinere, und Fritz suchte die Gegend zu finden, die er aufsuchte und deren Lage er sich eingeprägt hatte. Ach! lieber Fritz! sagte Rosine, so bin ich nun auf einmal entführt, wovon ich sonst nur in Büchern gelesen habe. Es ist so wunderbar und doch so natürlich. Eben erst noch bei den Eltern, und nun schon mitten in der Entführung. Ja, mein Rosinchen, antwortete Fritz, das ist im Leben nicht anders. Laß uns nur das Haus des Superintendenten aufsuchen; es muß in jener Gasse dort seyn und ist an seinem hohen Giebel kenntlich. Wie ist Dir, Fritz? fragte Rosine, klopft Dir das Herz eben so, wie mir? Wenn man uns hier so gehen sieht, so meinen gewiß alle Menschen, die aus den Fenstern sehen, wir gehen hier so ganz gewöhnlich und natürlich spazieren, und keinem einzigen in den Häusern und auf der Straße fällt es ein, daß Du mich entführt hast. Stille! sagte Fritz, sprich nicht so laut von der gefährlichen Sache, denn sonst können sie uns ja anpacken und mit Gewalt wieder zu unsern Eltern zurück führen. – Dort, dort ist das Haus schon, wo der edle Mann wohnt, der uns glücklich machen soll. Sie gingen in das Thor ein und die große Treppe hinauf. Eine Magd führte sie auf ihr Verlangen in das Zimmer des Superintendenten, welcher verwundert war, schon so früh Besuch zu erhalten. Der geistliche Herr ging den beiden jugendlich schönen Gestalten freundlich entgegen und ersuchte sie, ihm ihr Verlangen, weshalb sie zu ihm kämen, zu eröffnen. 106 Fritz schickte sich an, seine Geschichte vorzutragen, als sie von der Aufwärterin unterbrochen wurden, die einen Herrn Zimmer anmeldete, welcher sich durchaus nicht wollte abweisen lassen, weil er, wie er sagte, höchst dringend und ohne Aufschub mit dem Herrn Superintendenten zu sprechen habe. Der Geistliche ließ den Fremden eintreten und ersuchte die jungen Leute, sich indessen zu setzen. Rosine wollte mit Fritz ein Gespräch anknüpfen, welches dieser aber abwies, denn sie war überzeugt, daß schon jemand von den Eltern abgeschickt sei, um sie eiligst zurück zu führen. Ein schlanker Mann, mit einem verdrüßlichen blassen Gesichte, trat ein. Hochwürdiger Herr, sagte der Fremde, schon seit vierzehn Nächten bin ich ohne Schlaf und am Tage ohne Ruhe, weil es mich immer drängte, zu Ihnen zu gehn, der Sie als der weiseste und frömmste unter den Häuptern der Geistlichkeit dieses Landes bekannt sind. Denn wahrlich jetzt ist eine so gefahrenvolle Zeit, daß alle Guten zusammen treten, daß alle Kräfte sich vereinigen und nach Einem Mittelpunkte hinwirken müssen, wenn nicht alles wieder zu Grunde gehen soll, was unsere Vorfahren mit so unsäglichen Aufopferungen erbaut und gegründet haben. Nehmen Sie Platz, sagte der Geistliche gespannt, und sagen Sie mir, worin ich Ihnen dienen kann, wozu Sie meine Hülfe begehren. Ich heiße Zimmer, fuhr jener fort, und bin Schauspieler beim hiesigen Theater. Lassen Sie sich diesen Titel, verehrter Herr, nicht mir und meinem Vortrage abwendig machen. Die Zeit ist vorüber, wo man von den Kanzeln gegen die Theater als sittenverderbliche und gottlose Anstalten donnerte; eben so wenig ist es mehr in der Ordnung der Dinge, daß der Künstler oder Comödiant, wie man ihn ehemals nannte, sich mit einer mißverstandenen Genialität der 107 Ruchlosigkeit widmet. Die Humanität hat sich durch alle Stände verbreitet, ächte Bildung hat alle Menschen einander näher gebracht, und das wahre Christenthum hat die Mehrzahl der Herzen durchdrungen. Gewiß, antwortete der Geistliche, sind viele Vorurtheile gesunken, und schroffe Absonderungen vernichtet. Fahren Sie fort. Mein Stand, sprach Zimmer weiter, bringt mich mit vielen Menschen in Berührung, er macht es mir zum Geschäft, sie zu beobachten; dazu kommt, daß man sich vor mir nicht so, wie vor einem Staatsbeamten verbirgt und verstellt, und so habe ich denn auch meine günstige Stellung benutzt, um manches zu erfahren, seltsame Spuren zu entdecken, die Zeichen der Zeit zu begreifen, und als Bürger und Patriot ist es meine Pflicht, die Resultate bekannt zu machen: und konnt' ich mich einem Würdigeren vertrauen, als dem Mann, dem ich jetzt nahe zu sitzen glücklich genug bin? Der Geistliche wurde immer begieriger, was sich endlich aus dieser Unterhaltung ergeben würde. Zimmer sah ihn gerührt an, reichte ihm die Hand und sprach weiter: ich versäume keine Ihrer Predigten. Gewinnt hier mein Herz, so lese ich aber auch viel Zeitungen und Journale, um historisch die Gegenwart würdigen zu können. Was nützte mir aber beides, wenn ich meine Umgebung nicht prüfte und kennte? Alles aber würde doch wohl nur ohne Inhalt seyn, wenn ich mich nicht einer religiösen Vereinigung angeschlossen hätte, einem Kreise, den man mit der Benennung des pietistischen schelten und verhöhnen will. Nicht wahr, allenthalben, in ganz Europa, zeigt sich das Bestreben, unter allen möglichen scheinbaren Vorwänden, des Bürgerthums, Unterrichts, der Schulen, der Frömmigkeit sogar, alte, verdorbene und gefährliche Institute wieder einzurichten, 108 die der Geistesfreiheit wie dem wahren Christenthum gleich gefährlich sind? Verkappte Jesuiten schleichen in allen Gestalten umher, und suchen sich der Gemüther der Schwachen in allen Ständen zu bemächtigen. Jeder muß jetzt auf die Wache ziehn, um der ächten Lehre, dem Protestantismus den Rücken frei zu halten. Und Ihnen, Verehrter, liegt es am meisten ob, zu reden, zu kämpfen, und der List und den Larven entgegen zu treten. Was ich thun kann, sagte der Geistliche, indem er den bewegten Redner mit einiger Verwirrung betrachtete und seinen Stuhl etwas zurück zog, soll gewiß gern geschehn. und was Sie mir eröffnen werden, soll auch, sei es was es sei, verschwiegen und geprüft seyn. Auf den Dächern müssen wir es im Gegentheil ausrufen! rief der Schauspieler begeistert. – Er stand auf und nahm mit Feierlichkeit ein Paket aus der Tasche, welches er auseinander wickelte. Was ist dieses, verehrtester der Männer? sagte er dann. Dies? rief der Prediger eben so erstaunt als verwirrt – dies, so viel ich unterscheiden kann, ist nichts anders, als ein geräucherter Hering, ein sogenannter Bückling. So ist es, sprach Zimmer, ein Bückling ist es, ein einziger aus der Anzahl jener Millionen, die unser schwachsinniger Magistrat alljährlich in der Stadt und im ganzen Lande verkaufen läßt. Aber in aller Welt, rief der Superintendent, was hat dieser gedörrte Fisch nur immer für einen Zusammenhang mit unserm Gespräch? Geduld, verehrter Hirt, sagte Zimmer. Schon seit zwei Jahren stand ich auf der Lauer, und bin nun endlich überzeugt, daß meine Vermuthungen Gewißheit sind. Dieser sogenannte Bückling, mein Herr, ist für eine kleine 109 Silbermünze zu haben, also ohne Zweifel dem Armen so gut, wie dem Reichen, zugänglich. Sehn Sie, mein Herr, in jedem Jahr kommt mit diesen Fischen eine Anzahl von Menschen in unsere Stadt, fremden Aussehns, mit fremdem Dialekt, in einer Tracht, der hiesigen unähnlich. Diese, und es sind ihrer viele, sitzen, aus Westphalen her, oder von holländischer Gränze, zwölf, vierzehn, sechzehn Wochen behaglich, lächelnd, mit Nachbarn und Vorübergehenden schwatzend, auf ihren Stühlen; alles sehend, beobachtend, prüfend. Und wie viel verkauft ein jeder von diesen Verdächtigen? Kann das ausgelegte Kapital so viel Zinsen tragen? Können diese Menschen so lange davon leben und noch Vortheil haben, wie sie doch müßten, wenn sie immer und immer wiederkommen sollen, und zwar in jedem Jahre mehr ihrer Art? Das alles ließ mir keine Ruhe, und ich glaube auch, jetzt meinen längst gehegten Argwohn als Ueberzeugung aussprechen zu können. Alle diese Bücklingsmänner, diese anscheinenden Krämer, alle sind verkappte Jesuiten, Jesuitenschüler, oder von diesem Orden besoldete Menschen. Sie glauben – sagte der Snperintendent – Ueberzeugt bin ich, rief jener: und sehn Sie hier, – hier, – hier, was ist das alles? Der Schauspieler kramte noch viele schmutzige Papiere aus der Tasche, breitete sie aus und wies triumphirend darauf hin. – Diese Blätter, sagte der Geistliche mit ungewissem Ton, sind Makulatur. Makulatur! rief Zimmer heftig aus; glauben Sie wirklich, daß es dergleichen giebt? Bemerken Sie – hier Blätter aus einem katholischen Katechismus; hier katholische Gesänge, hier ein Aufsatz von der Unfehlbarkeit des Papstes; hier vom Sünden-Ablaß; hier sogar ein Bogen von einer Schrift des verruchten Weislinger, in welchem auf unsern 110 großen Luther gelästert wird. Die Schriften des Mannes werden als Seltenheiten geachtet; wie kommt es, daß man jetzt Bücklinge hinein wickelt? Und – was sagen Sie – hier! ich triumphire! ist hier nicht ein französisches Blatt aus der neuen Schule, hier ein Fragment vom Restaurator Haller – hier ein gottseliges Fragment von Adam Müller – Nun? was sagen Sie? – Sehn Sie, mit jedem Bückling ein Stück Gift ausgegeben: kein Armer, der nicht zwei, drei solcher Blätter erhielte; ist der Bückling verzehrt, jede Sylbe wird gelesen, der Unglückliche hält es für gottlos, das Blatt wegzuwerfen, ohne es auch zu genießen. In den reichen Häusern sind es wenigstens Diener und Mägde, die die Sachen studiren. Etwas bleibt hängen, das Gedruckte imponirt, die Nachwirkung bleibt nicht aus. O dies Schlangengezücht, diese Jesuiten, diese Weltverderber, nichts ist ihnen zu klein, sie benutzen es, um ihre Zwecke zu erreichen. – Zimmer stand auf und sagte: Jetzt ist es an Ihnen, verehrter Seelenhirt, zu handeln! Die Data haben Sie alle in Händen, ich habe gethan, so viel ich konnte; meine Kraft ist beschränkt, und ich erwarte nun mit allen denen, welche mit mir gleiche Gesinnungen theilen, die Folgen. Da er sich der Thüre schon näherte, rief der Geistliche: Wollen Sie nicht Ihren Fisch, sammt Zubehör, wieder mit sich nehmen? Alle diese Documente müssen Ihnen bleiben, sagte Zimmer feierlich, und entfernte sich mit gemessenen Schritten. Der Superintendent begleitete ihn und kam dann murmelnd zurück, indem er sogleich heftig seine Klingel anzog. Ein Diener erschien, und der Superintendent wandte sich mit einer Miene, die Ekel ausdrückte, nach dem Tische, indem er sagte: Nehmt Alles fort, auch die fettige, beschmierte 111 Makulatur! – Und was soll mit dem Bückling? – Ich schenke Euch das Thier, wenn Ihr es haben wollt, sagte der Geistliche halb lachend. Kopfschüttelnd nahm der Diener Alles fort und ging. Ich bin, sagte der Superintendent zu den beiden jungen Leuten, wie Sie selbst gesehn und gehört haben, auf eine höchst sonderbare Art unterbrochen worden, Ihr Gesuch zu vernehmen. Worin kann ich Ihnen dienen? Verehrter Herr Superintendent, fing Fritz an, wir beide sind junge Leute, wie Sie sehen; Rosinchen ist die Tochter des Predigers auf unserm Dorfe, ich bin der Sohn des Amtmanns. Wir sind mit unsern Eltern nach der Stadt gereiset, wir lieben uns, können aber die Einwilligung nicht erhalten, weil mein Vater sich zu reich und vornehm dünkt, und der Prediger zu gewissenhaft und ängstlich ist. Da habe ich nun heut Morgen, wie es immer zu geschehn pflegt, und mir auch kein anderes Mittel übrig bleibt, meine Geliebte entführt, und so sind wir vom Markte her wohl durch sieben Straßen gewandert, ehe wir zu Ihnen kamen, und nun bitten wir Sie inständig, uns durch Ihren kirchlichen Segen zum Bunde der heiligen Ehe einzuweihen, damit wir durch sie glücklich und unsere Eltern zur Vernunft gebracht werden. Der Geistliche betrachtete den jungen Mann mit Verwunderung, der ihm dieses Anliegen so einfach vortrug, daß man ihm ansah, er zweifle gar nicht, der Superintendent werde seinen Wunsch sogleich erfüllen. Rosine, die das Stillschweigen des Erstaunens zu ihren Gunsten auslegte, faßte jetzt die Hand des alten Mannes, indem sie ihm mit ihrem rothen, schaamerglühenden Gesichte ins Auge sah, und fügte hinzu: Ja, Herr Superintendent, zu Ihnen, als dem klügsten und frommsten Manne in der ganzen Stadt, haben 112 wir das feste Vertrauen, daß Sie uns glücklich machen werden. Wir wollten gleich zum vornehmsten und besten Herrn von der Geistlichkeit lieber gehn, als zu einem andern, der uns vielleicht Schwierigkeiten machte. Der Superintendent, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, erwiederte lächelnd: Ohne Zweifel ehren Sie mich sehr, meine jungen Freunde, durch dieses Vertrauen. In welchem Gasthofe sind Sie mit Ihren Eltern abgestiegen? Im goldnen Schlüssel, antwortete Fritz. Aber, fuhr der Geistliche fort, Sie sind beiderseits noch sehr jung, und wenn Ihre Eltern gegen Ihre Verbindung Einwendungen machen, so mögen diese wohl sehr gegründet seyn; auch ist die Einwilligung der Eltern beim wichtigsten Schritte, den die Kinder im Leben thun können, so nothwendig und so heiliger Natur, daß jeder gutgeartete Mensch diese wohl nicht ohne die dringendste Noth umgeht. Diese ist ja aber da, antwortete Fritz, nachdem ich meine Rosine nun entführt habe. Sie scheinen gar nicht in Büchern gelesen zu haben, welch' ein wichtiger und fürchterlicher Schritt das ist. Nun ist ja jede Rückkehr unmöglich. Der Gasthof, erwiederte der Superintendent, ist gar nicht so fern von hier, und wenn Sie still dahin zurückkehren, wird Sie in dem Getümmel des Marktes wohl Niemand vermißt haben. Nein! rief Fritz, der Würfel ist geworfen! Das wäre schon, nun wieder nach dem Wirthshause zurück zu gehen, und dort mir nichts dir nichts wieder aus dem Fenster zu kucken. Das wäre ja beinahe eine lächerliche Geschichte. So müssen wir uns denn also wohl nach einem andern Geistlichen umsehen, der uns trauen kann. 113 Sie sind ja aber schwerlich schon mündig, Herr Lindwurm, bemerkte der alte Superintendent; und auch, wenn das selbst wäre, so wäre es wider Pflicht und Gewissen, junge, leidenschaftliche Menschen, die die Welt nicht kennen, hinter dem Rücken ihrer Eltern zu kopuliren. Und selbst, wenn ich leichtsinnig genug wäre, wie ich es gewiß nicht bin, um Ihnen zu willfahren, so würde ich mir dadurch die schwerste Verantwortung zuziehen. Was würde das Consistorium, die Regierung, der Minister dazu sagen, wenn ich durch mein Amt Ihr pflichtwidriges, vielleicht nur kindisches Treiben sanctionirte? So sprechen Sie, rief Fritz mir hochrothem Gesichte aus, so erwiedern Sie unser schönes Vertrauen? Wer ist Ihr Vorgesetzter? Was kümmert Sie die weltliche Regierung? Ich komme in der Ueberzeugung zu Ihnen, daß es noch die alte evangelische Freiheit giebt, in dem Glauben eröffne ich Ihnen mein Herz, aber ich sehe es nun auch ein, wovon ich schon oft habe munkeln hören, und was vorher der lange Herr, der den Bückling brachte, auch gesagt hat, daß die Jesuiten wieder die Herrschaft erlangen und die Protestanten in Fesseln schlagen; wie könnten Sie sonst so zaghaft seyn, ein gutes Werk zu befördern, und zwei liebende Herzen auf die Bahn des Glückes zu führen? Eine That, die den protestantischen Geistlichen, den ächten Seelenhirten am schönsten schmückt. Aber, ich sehe es, wir sollen wieder die alten Ketten tragen, alle Vorurtheile des dunkeln Mittelalters sollen wieder für uns Gesetze werden. Nehmen Sie sich in Acht, alter Herr, daß Sie nicht in diese Schlingen der Jesuiten fallen, die alle Welt zu verführen suchen, und unsere protestantischen Priester natürlich am liebsten. Sie sprechen, junger Mensch, sagte der Geistliche mit einigem Unwillen, und wissen nicht was. Das ist heut ein 114 sonderbarer Tag, an dem ich auf so verschiedenen Wegen so Vieles von den Jesuiten hören muß. Der Vater Ihrer Geliebten hätte Ihnen auch wohl bessere Begriffe von der protestantischen Freiheit beibringen können. Herrlich, wenn sie darin bestände, daß jedes entlaufene Paar sich ohne Zeugen und Legitimation vom ersten besten Prediger könnte kopuliren lassen. Doch ich sehe Sie beide lieber als Kinder an, die weder den Schritt begreifen, den sie thun, noch meine Pflichten. Ihre Erziehung ist vernachlässiget worden, und ich bin nicht dazu da, ihr weiter fort zu helfen. Gehen Sie in den Gasthof zu Ihren Angehörigen zurück, und bitten Sie sie um Vergebung, wenn man Sie schon vermißt haben sollte. Man nimmt auch wohl an, Sie sind im Gedränge von den Eltern getrennt worden. Die kleine Rosine weinte bitterlich, Fritz aber warf sich in einen erhabenen Zorn und rief: Herr! Sie sind selbst ein Jesuit, nun sehe ich es klar, die letzte Wendung hat Sie verrathen! Freilich, lieber lügen und heucheln, als seine edle Liebe baar und offen zu gestehen! Ich sehe das ganze Gewebe durch, und Sie sollen mir keinen Schleier über die Augen werfen! Jetzt begreife ich es auch, warum Sie so wenig darauf eingingen, was Ihnen der scharfsinnige Beobachter in Ansehung der bedenklichen und gefährlichen Bücklingsmänner vorgetragen hat, die skandalösen, papistischen Schriften haben Sie kaum eines Blickes gewürdigt. Vielleicht, wahrscheinlich selbst, daß Ihnen diese Umtriebe ganz recht sind. – Nein, weine nicht, mein Röschen, es giebt noch aufrichtige Herzen, es giebt noch ächte Protestanten! Komm von hier, verlassen wir dieses Babel. Es wird sich ein Geistlicher finden, der uns versteht, und der keine Ausreden sucht. Aber erzählen wollen wir dem, wie wir hier sind behandelt worden. 115 Er faßte die Hand seiner weinenden Geliebten, um sich mit ihr zu entfernen, als der Geistliche, nachdem er den jungen Mann eine kurze Zeit aufmerksam betrachtet hatte, mit ganz verändertem Tone sagte, indem er ihn auf den Sessel zurück führte. Nein, junger Herr, ich bin kein Jesuit, und davon will ich Ihnen den Beweis geben. Ich sehe, Ihre Liebe ist von der ächten Art, treu und ewig, allen Hindernissen gewachsen. Und da dem also ist, will ich es mit Freuden übernehmen, Sie nach Ihrem Wunsche zu trauen; aber Zeugen müssen dabei seyn; ich werde meine Frau und deren Schwester rufen, auch muß ich meine Agende holen und mich in die Amtskleidung werfen. Gedulden Sie sich so lange, ich bin sogleich wieder bei Ihnen. Er ging durch die Thür und Fritz sah seine Geliebte triumphirend an. Was sagst Du nun, mein Rosinchen? fragte er, schalkhaft lächelnd: siehst Du, man muß jeden Menschen nur zu behandeln wissen, so kann uns Alles gelingen. Jetzt habe ich ihn erschreckt, er sieht ein, mit wem er es zu thun hat. Jetzt bist Du nun in einer Viertelstunde meine kleine liebe Frau. Rosine sah ihn verschämt an und erwiederte: Es ist ja aber fürchterlich und entsetzlich, wenn der Mann ein Jesuit ist. Ich zittre vor ihm. Es war nicht ganz so mein Ernst, wie ich mich anstellte, belehrte sie Fritz, ich sprach mehr so, um ihn zu schrecken; halb und halb mag er wohl dahin inkliniren, und darum sattelte er, als ein kluger Mann, gleich um, da er meinen Ernst sah. Lieber Fritz, sagte Rosine, was ist denn eigentlich ein Jesuit, wovon ich jetzt so viel höre? Das ist eben schwer zu beschreiben, antwortete Fritz zögernd und mit einiger Verwirrung. Sieh, mein Kind, 116 böse Menschen sind es auf allen Fall, die unsre Kirche stürzen und uns wieder zum Aberglauben zurückbringen wollen. Sie sollen es so künstlich anfangen, daß man ihnen nur schwer auf die Spur geräth. Sie verfahren so fein, daß mancher ein Jesuit ist, und weiß es selber nicht. So geht es durch alle Stände, vom König bis zum Bettler hinab. Der Herr, der hier war, hat die Entdeckung gemacht, daß aus fernen Landen die Menschen verkappt herkommen, als wenn sie Fische verkauften. Mein Gott! mein Gott! rief Rosine verzweifelnd und rang die Hände, Du bist wohl auch einer von den bösen Menschen, und ich gerathe unter sie und weiß nicht wie. Nein, mein Kind, sagte Friedrich, und faßte die Hände der Kleinen, ich bleibe dem Glauben meiner Väter treu, und will schon dafür sorgen, daß Du nicht von der evangelischen Lehre abfällst. Aber wenn Du nun schon, ohne es zu wissen, so ein böses Ungeheuer bist, antwortete sie: was ist denn die reine Lehre? Wo steckt eigentlich der Aberglaube? Nicht wahr, auf unser Dorf, nach Wandelheim, kommt das Mittelalter wohl nicht hin? Mein Vater hat mir von allen den Sachen nichts in der Kinderlehre gesagt. Es ist erst jetzt so schlimm geworden, antwortete Fritz, und Alles weiß ich auch noch nicht; die Hauptsache ist, daß ich mich fürchte, und niemals mehr von den geräucherten Heringen essen werde, die mir schon immer verdächtig vorgekommen sind. Sie haben wirklich einen ganz papistischen Geruch. Da ist der klare, weiße, gesalzene Hering doch eine ganz andere Creatur. Lieber Fritz, sagte Rosine ängstlich, was gehen uns alle die Sachen an? Weit schlimmer ist es, daß der alte Herr gar nicht wieder kommt. 117 Er muß sich ankleiden, sagte Fritz, seine Frau ebenfalls. Wenn Du ihm nur nicht gesagt hättest, fuhr sie fort, wo unsre Eltern wohnen. Wenn der Mann so listig ist und zu der abscheulichen Sekte gehört, so ist er im Stande, ganz still zu Deinem Vater hinzugehen und uns zu verrathen. Das wäre gräßlich! rief Fritz erschrocken aus. Er ging nach der Thür; sie war verschlossen. – Wir sind verloren! schrie er aus. – Eingefangen! – Siehst Du nun, daß ich ihm nicht Unrecht that, daß er ein solcher Ketzer ist? Uns vorgelogen, daß er uns trauen wolle, daß er nur seinen Ornat hole? So freundlich sich gekrümmt und gewunden! Und nun ein solcher Judas! Und der Bösewicht soll der Vorsteher einer christlichen Gemeine seyn! Er soll das Wohl und Wehe von Tausenden besorgen! Hättest Du ihm nur nicht gesagt, wo die Eltern wohnten, klagte Rosine, wenn er uns nur erst vorher getraut hätte! Er hätte wieder eine andre Ausrede gefunden, sagte Fritz, denn er ist klug wie die Schlangen. Rosine ging händeringend und schluchzend im großen Zimmer auf und ab. Nun, rief sie, werden sie bald mit den Häschern kommen; Du bist ein Entführer, Fritz, darum schlagen sie Dich in Ketten und sperren Dich in den finstern Thurm. Entführen, nicht wahr, ist ein Kapital- und Kriminal-Verbrechen? Das geht eigentlich an den Hals? Ach! Du Unglückseliger! wohin hat Dich Deine reine, heftige Liebe zu mir, dem armen Wesen, geführt! Jetzt konnte auch Fritz seine Thränen nicht mehr zurück halten. Die armen Kinder standen sich höchst betrübt gegenüber, und hatten allen Muth und jede Hoffnung verloren. Schaffot, Kerker, Ketten, Schande, Folter, Alles ging durch ihr verwirrtes Gemüth. Gern wären sie, wenn es möglich 118 gewesen wäre, still zum Gasthofe zurück gekehrt, denn Fritz hatte alle seine Kühnheit, die eben noch so drohend sprach, eingebüßt. An der Tapete rührte in ihrer Betrübniß Rosine an einem kleinen Haken, und es zeigte sich, daß dies eine Thür war, die nach den innern Gemächern führte. Sie gingen sacht in das Nebenzimmer, welches auch eine Hauptthür hatte, die zum Glück offen war, sie schlichen die Treppe hinunter, öffneten leise das Thor und standen wieder auf der Straße. Schnell eilten sie nach dem bewegten Theile der Stadt, um nur das Haus des Superintendenten aus den Augen zu verlieren. Als sie von der Menschenmasse gedrängt und gestoßen wurden, war ihnen wieder wohl. Sie waren ungewiß, ob sie nach dem Gasthofe gehen sollten; sie kehrten aber schnell wieder um, als sie in dessen Nähe gelangt waren, denn sie sahen aus der Thür desselben den Superintendenten kommen, der noch auf der Straße mit den Kellnern sprach. Dieser Anblick scheuchte die Schuldbewußten wieder in das Gewühl des Marktes zurück. Der Prediger Gottfried war indessen wieder nach dem großen Hause, in welchem er den alten Gärtner Friedmann hatte kennen lernen, hingeeilt. Es war ihm zu wichtig, nach den neuesten Aussichten, die ihm der wunderbare Magus gegeben hatte, von den Angehörigen seines vormaligen Zöglings etwas Näheres zu erfahren. Er mußte den kleinen Greis im Garten aufsuchen, der sich weit hinter diesem und vielen andern Häusern verbreitete. Der Alte arbeitete in einer Laube und ging dem Prediger, als er ihn kommen sah, mit den Worten entgegen: Gut, daß Sie da sind, ich 119 habe Sie meinem Herrn schon gemeldet. Er ist sehr begierig, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie gingen durch den Garten, über den Hof und die große helle Treppe hinaus. Ein prächtiger Saal öffnete sich, welchen Gemälde in glänzenden Rahmen schmückten. Ein alter, feingekleideter Jude, dessen Gesichte ein kleiner greiser Bart sehr zierlich stand, erhob sich, und führte den verlegnen Gottfried zu einem seidnen Sessel. Lassen Sie sich nieder, mein geehrter Herr Prediger, sagte er freundlich, wir sprechen nachher mitsammen. Der Jude begab sich wieder zu dem Herrn, mit welchem er im Gespräch begriffen gewesen, und in welchem der Prediger zu seinem Erstaunen den Polizei-Präsidenten wieder erkannte. Ja wohl, fuhr dieser fort, hat uns die Angabe dieses angeblichen Magus in die größte Verwunderung gesetzt. Er erbietet sich, uns den viel berüchtigten kleinen Caspar zu schaffen und nachzuweisen, wodurch er in der That ein Wohlthäter dieser Gegend werden würde; denn nur gestern sind wieder zwei sehr bedeutende Diebstähle verübt worden. Der Jude erwiederte: könnte man auf irgend eine Weise diese Bande stören oder ganz aufheben, so wäre es für Stadt und Land ein Glück zu nennen. Aber wie er helfen, wie er etwas entdecken kann, ist mir unbegreiflich. Auf jeden Fall, sagte der Präsident, werde ich den seltsamen Mann zu mir kommen lassen und mich mit ihm besprechen. Auch ein Charlatan kann zuweilen nützlich seyn. Daß er mit der weit verbreiteten Bande selbst irgend verknüpft wäre, läßt sich wohl nicht annehmen, weil er sonst die Blöße nicht geben und durch seine Deklaration selbst in die Untersuchung gezogen werden könnte. Der Prediger konnte jetzt nicht länger schweigen, 120 sondern wendete sich mit den Worten zum Präsidenten: Daß dieser Mann eine gleichsam übernatürliche Kenntniß, wenigstens eine unbegreifliche, von unzähligen Dingen besitzt, davon bin ich selbst ein Zeuge gewesen; denn er hat mir so viele unbedeutende Vorfälle aus meinem früheren Leben so wahr und umständlich vorgetragen, daß mir seine Kunde Zauberei zu seyn schien. Und in wiefern? fragte der Präsident begierig; was hat er Ihnen erzählt? Kleinigkeiten, verehrter Herr, antwortete Gottfried, Dinge, die sich keinem Dritten mittheilen lassen. Es erschreckte mich nur, daß von Vorfällen meines kleinen Hauswesens, Kindereien und Thorheit plötzlich aus dem greisen Antlitze eines Magiers mir wieder lebendig wurden. Als sich der Präsident entfernt hatte, gab der Banquier die Ordre, daß Niemand ihn stören möchte, und setzte sich dann vertraulich zum Prediger nieder, der in einer seltsam bewegten Stimmung war, daß dieser reiche Mann, der Besitzer eines so prachtvollen, vornehmen Hauses so gütig und freundlich mit ihm war; dazu kam, daß, arme Wandrer und Kleinkrämer abgerechnet, dieser Mann der erste Jude war, mit dem der Pfarrer zu verhandeln hatte. Mein Gärtner, sagte der reiche Wolf, hat mir erzählt, daß Sie der Mann sind, welcher vor vielen Jahren einen gewissen Bernhard in Kost und Pflege hatte. Erzählen Sie mir von diesem, und Sie sollen dann erfahren, in welcher Verbindung ich mit seinen Angehörigen stehe. Gottfried trug Alles weitläufig vor, wie er an diesen Pflegesohn gerathen, was er mit ihm erlebt, und wie er ihn wieder verloren habe. Er zeigte die Briefe vor, die er mitgebracht, was er durch Kaufleute erhalten hatte, und was er nach dem strengen Rechte vielleicht noch fordern könnte, 121 wenn die Angehörigen ihm nicht vielleicht zürnten, daß der Wilde seiner Aufsicht entlaufen sei, und er in allen den Jahren keine Spur von ihm habe entdecken können. Sie sind ein rechtlicher Mann, sagte der alte Wolf, das sagt mir Alles, was ich von Ihnen vernommen, und was ich jetzt von Ihnen gehört habe; daß Sie nicht eifriger im Wiederfinden des Wildfangs waren, ist sehr verzeihlich, und so lasse ich denn die Maske fallen, und spreche mit Ihnen als Freund zum Freunde. Wissen Sie also, daß Sie jenen Brief, auf einem Umwege, von mir erhielten, und da Sie eine Zeit lang die Vaterstelle bei Bernhard vertreten haben, so können Sie auch wohl verlangen, seine eigentliche Geschichte zu erfahren. Vor vielen Jahren, als unsre Familie noch keine Reichthümer besaß, und ich noch in Schwaben meine Geschäfte trieb, war mein Bruder, ein ziemlich ausgelassener Mensch, mein Compagnon. Er machte mir durch seinen Leichtsinn viele Noth. Immer waren Schulden zu bezahlen, von denen ich nichts wußte, Kaufleute, die er beleidigt hatte, wieder zu versöhnen, so daß ich beschloß, mich von ihm zu trennen, um meinen Kredit nicht völlig zu vernichten. Um so mehr wurde ich in diesem Entschluß bestärkt, weil ich plötzlich von mehreren Seiten hören mußte, mein Bruder sei Christ geworden, und zwar ein sehr eifriger, so daß er mit strengen Leuten und schwärmerischen Gemüthern gemeine Sache gemacht hatte, um Proselyten, besonders unter der Judenschaft, zu werben. Das Letzte war unwahr, aber gegründet allerdings, daß er sich zum Christenthum gewendet hatte. Er hatte ein schönes christliches Mädchen kennen gelernt, in die er sich so leidenschaftlich verliebt hatte, daß er sie heimlich heirathete. Die Eltern, die den Bruder für reicher mochten gehalten haben, als er es wirklich war, gaben ihre Einwilligung, doch nur unter 122 der Bedingung, daß er zum Christenthum übertreten müsse. Der Leichtsinnige fand dabei kein Bedenken. Mein Vater und die ganze Verwandtschaft entzog ihm aber nun allen Beistand, und da er nur weniges als sein Eigenthum erworben hatte, so gerieth er bald in Noth, und bereute den Schritt, den er ohne Ueberlegung gethan hatte. Die Frau starb bald, nachdem sie mit einem Knaben, jenem Bernhard, niedergekommen war. Er war trostlos und schien zu verzweifeln. Ich nahm mich heimlich seiner an und versöhnte ihn wieder mit dem Vater. Die Annäherung wurde immer vertrauter und inniger, und mein Vater, ein eifriger Bekenner der mosaischen Lehre, vermochte über das schwache Gemüth des unbestimmten Mannes so viel, daß er ihn nach einiger Zeit zum Judenthum zurück bekehrte. Dies mußte aber geheim gehalten werden, denn sonst hätte es uns von eifrigen Christen und ihren Priestern eine gefährliche Verfolgung zuziehen können, weil eine so seltsame Begebenheit vielfachen Mißdeutungen unterliegen konnte; und viele, die die Juden bitterlich haßten, in einer Provinz, wo man unsern Reichthum mit neidischen Augen ansah, konnten eine so auffallende Thatsache benutzen, Kampf und Verfolgung gegen unsere bedrückte Gemeine zu erregen. Wie es aber auch wohl zu geschehen pflegt, daß die schwächsten Menschen die hitzigsten sind und durch gesteigerte Leidenschaft als starke, kräftige und begeisterte erscheinen können, so ereignete es sich auch mit meinem armen Bruder. Es kam ihm nehmlich nach einiger Zeit ein, er dürfe nicht als Lügner und Heuchler dastehn, er müsse sich öffentlich als Israelit und Bekenner der mosaischen Lehre zeigen. Wir konnten und durften ihm das nicht gestatten, wenn auch viele Juden seiner Meinung waren und in unsern Schulen sich heftige Streitigkeiten über diesen Punkt entspannen. Der 123 Unbesonnene ging noch weiter. Er verlangte auch seinen Knaben von den Angehörigen zurück, die ihn indessen genährt und erzogen hatten, um ihn zum Juden zu bilden. Schadenfrohe Geister hatten die Sache aufgebracht, die sich auch nur schwer verheimlichen ließ, und so entstand ein Prozeß und viel Skandal. Alles zog sich von uns, als von verdächtigen Leuten zurück, wir verloren den Prozeß und unsern Credit, und waren gezwungen, den Ort zu verlassen, um uns anderswo zu etabliren, wo das Vorurtheil nicht so heftig gegen uns kämpfte. Wir mußten den Großeltern und Verwandten des Knaben Bernhard ein mäßiges Capital aussetzen, von dem er als Christ erzogen werden, und das ihm, wenn er mündig, als Eigenthum gehören sollte. So ward das Kind nach einigen Jahren einem Geistlichen übergeben, bald aber nach der Schweiz gebracht, weil mein Bruder Anstalten machte, es seinen Pflege-Eltern heimlich rauben zu lassen. Auch in der Schweiz hielten die Verwandten der Mutter es nicht sicher genug, und der Knabe war plötzlich ohne Spur verschwunden. Damals wurde er Ihnen übergeben. Mein Bruder verließ uns, ging erst nach England, wo er sich wieder mit einer reichen Jüdin verheirathete, und von dort nach Amerika. So gingen Monden und Jahre hin. Ich hatte den Jungen, den Bernhard, ganz vergessen. Meine Bemühungen waren gesegnet, und schon vor geraumer Zeit kaufte ich mich in hiesiger Residenz an. Mit meinem Bruder und dessen Familie blieb ich in Verbindung, und wußte, daß ihm das Glück nicht so hold, wie mir, gewesen war. Seine Kinder starben alle, als sie erwachsen waren, die Frau war schon früher dahin gegangen, und so übermachte er mir sein Eigenthum, ein nicht unbedeutendes Capital, um in meinem Hause ruhig zu sterben, von allen Geschäften entfernt. 124 Umsonst erwartete ich ihn, eine Krankheit raffte ihn jenseit des Meeres hin. Nun gedachte ich jenes Bernhard, den er selbst in seinen Briefen erwähnt hatte. Umso mehr bedauerte ich diesen Hülflosen, als ich erfuhr, daß jener Kaufmann, bei welchem jenes Capital für ihn niedergelegt war, schon seit lange fallirt hatte. Die Großeltern waren längst todt, die Angehörigen verschollen, Bernhard selbst verschwunden. Da erhielten Sie jenen Brief von mir, denn es schien mir billig, daß der Arme, wenn er noch lebe, dieses Erbtheil seines Vaters, als der nächste, in Empfang nehmen müsse. – Nun – was kann aus ihm geworden seyn? Ich zittre, wenn ich von Diebesbanden, von eingefangenen Schelmen höre, denn wie möglich ist es, daß der Unglückselige, wenn er keinen festen Standpunkt in der Gesellschaft gefunden hat, aus Verzweiflung und Leichtsinn sich von Gesindel und Bösewichtern hat verführen lassen, und daß ich diesen, meinen Neffen, wohl noch einmal als Verbrecher wieder sehe. Der Pfarrer suchte zu beruhigen und sagte einiges von der Güte Gottes, welches Wolf mit Geduld und Fassung anhörte. Als aber der Priester in seinem Eifer ganz vergaß, wen er vor sich hatte, und vom Gebet, der Gnade und dem Vertrauen auf den Heiland mit vieler Genügsamkeit und in fließenden Worten sprach, sagte der Banquier gelassen: brechen wir davon ab, Herr Pfarrer, denn ich bin kein Mitglied Ihrer Gemeine. Gottfried ward roth und stotterte eine Entschuldigung, doch Wolf unterbrach ihn, indem er den Pfarrer erinnerte, daß er ihm von jenem Bernhard noch etwas Wichtiges habe mittheilen wollen. Das Beste und Nöthigste hätte ich fast vergessen, erwiederte Gottfried, wie mir jener Magus nehmlich als 125 gewiß versichert hat, daß ich noch heut Nachmittag diesen verschollenen Bernhard im schönen Garten treffen werde. – Der alte Kaufmann ward nachdenkend und sagte dann: Herr Pfarrer! Empfangen Sie vorerst mit meinem Dank die rückständige Summe, die wir Ihnen seit so langer Zeit haben schuldig bleiben müssen. Sie werden finden, ich habe nur mäßige Zinsen dem kleinen Capital berechnet, die Sie aber mit Recht erwarten können, weil Ihnen das Geldchen so lange ist entzogen worden. – Und – finden Sie den Bernhard, wie ich ihn wünsche, so führen Sie denselben noch heut zu mir, oder weisen Sie ihm mein Haus an, damit er mich besuche und wir unsre Rechnung mit einander stellen. Der Pfarrer war gerührt, erschüttert und hoch erfreut, denn plötzlich war er Eigenthümer einer so großen Summe, wie er sie noch nie auf einmal besessen hatte. Als der Jude ihm die Hand gab, und er sie dem alten Manne herzlich drückte, umarmte ihn der Greis, und Gottfried vergoß Thränen in dieser Umhalsung. Als der Pfarrer sich wieder auf der Straße befand, war er über sich selbst verwundert, daß er als Christ und Geistlicher in ein so inniges Verhältniß mit einem Juden gerathen sei. Er konnte es sich nicht ableugnen, daß er eine Ehrfurcht und zärtliche Liebe gegen den jüdischen Greis empfunden hatte. Je nun, sagte er zu sich selbst, man schreitet freilich immer mehr vorwärts, die Zeiten klären sich auf, der Jude selbst scheint mir auch von wahrhaft christlicher Gesinnung. Er wägte das Kapitel, welches er in Gold empfangen hatte, und welches ihm die Tasche niederzog; er dachte darüber nach, wie glücklich es sich für ihn getroffen, daß er den Amtmann nach der Residenz begleitet habe, und wie dieses eine Glück alle die kleinen erlittenen Unfälle und Drangsale hoch aufwiege. Er freute sich schon über die 126 erstaunten, weit geöffneten Augen der Frau, wenn er ihr die Goldstücke auf den Tisch vorzählen würde, und eilte deswegen nach dem Gasthofe. Titus, der taumelnd über die Straße ging, um seinen Mäcen, den humoristischen Herrn von Wandel aufzusuchen, lief ihm entgegen. Gottfried war so voll von seinem Glück, daß er ihm das Wesentliche aller dieser sonderbaren Begebenheiten mittheilte, ihm von Bernhard, dem alten Wolf und dessen vielseitig religiösem Bruder stammelnd und verwirrt erzählte, ihm auch nicht verschwieg, daß der Magier ihm versprochen habe, daß sich noch heut Bernhard wieder einstellen würde. Dann ging er schnell auf den Umstand über, daß derselbe Zauberer auch die Diebesbande zerstreuen und den Anführer derselben zur gefänglichen Haft liefern wolle. Titus sagte: Mein alter Freund, Sie verjüngen sich sichtlich in diesen wunderbaren Abentheuern. Sie haben also eine namhafte Summe unerwartet erhalten, welches fast so gut als wie ein Gewinn in der Lotterie anzusehen ist. Wenn es sich nun noch zutragen sollte, daß Ihr kleines Rosinchen die Gemahlin des vortrefflichen, geistreichen Fritz würde, so bliebe Ihnen in dieser Welt kaum noch etwas zu wünschen übrig. Ein Auflauf trennte sie. Gottfried eilte nach der Herberge, um aus dem verdächtigen Gedränge sein Geld in Sicherheit zu bringen, und seine Gattin durch den Anblick desselben glücklich zu machen. Er dachte unterwegs über die sonderbare Einrichtung der menschlichen Seele nach, daß er in dieser Fluth von Begebenheiten die Lotterie so völlig vergessen hatte, daß er noch nicht wußte, ob seine ahndungsreichen Zahlen etwas gewonnen, oder ob sie durchgefallen wären. Er nahm sich vor, auch heut noch Erkundigung 127 darüber einzuziehen, so bald er die Frau gesprochen, gegessen, und dann den oft erwähnten Bernhard wiedergefunden habe. Alle diese ihm so nahe liegenden Sachen beschäftigten ihn so sehr, daß er kaum darauf hinhörte, wie wieder in den Läden und auf den Straßen von einem Diebstahle erzählt wurde, der mit unerhörter Frechheit war ausgeführt worden. Man hatte ein Gewölbe, welches die feinsten und kostbarsten Brabanter Spitzen führte, fast ganz ausgeplündert. Als Titus den Herrn von Wandel im bezeichneten Hause antraf, war dieser mit einigen Briefen beschäftigt, die ihn zu interessiren schienen. Er hörte anfangs auf das Geschwätz des redseligen Titus nicht sonderlich hin und sagte dann: Wissen Sie denn, daß man nun endlich einen bedeutenden Preis auf den Kopf des sogenannten kleinen Caspar gesetzt hat? Das hätte wohl früher geschehen sollen, um den verwegnen Menschen, wenn auch nicht zu fangen, wenigstens einzuschüchtern. Auch hörte ich, daß ein angeblicher Zauberer sich anheischig gemacht hat, den Dieb zu entdecken. Die Polizei, im Bunde mit dem Magier, kann ihres Zweckes kaum verfehlen. Haben Sie auch schon von dieser Geschichte etwas gehört? Titus sagte ihm, was er in der Stadt erfahren, und was ihm außerdem sein Freund, der Pfarrer Gottfried aus Wandelheim erzählt hatte. Als der redselige Titus die sonderbare Geschichte von Bernhard vortrug, wurde Wandel sehr aufmerksam. Der Magier, sagte er endlich, ist nur ein kleines schmächtiges Männchen, und dieser vermißte Bernhard soll, wie ich einmal vor vielen Jahren gehört habe, ein großer, breitschultriger Gesell geworden seyn. Also haben Sie ihn gekannt? fragte Titus. Nichts weniger als das, sagte der Edelmann; sondern 128 ich habe vor vielen Jahren nur von ihm reden hören. – Er brach ab, um mit Titus nach dem Orte zu gehen, wo sie essen wollten. Titus wollte, so wie sie gespeiset hatten, einen Buchhändler aufsuchen, den man ihm als einen unternehmenden bezeichnet hatte, um diesem seinen humoristisch-sentimentalen Roman anzubieten. Er hatte ihn deshalb auch zu sich gesteckt, und wünschte nur, daß der Verleger Muße genug haben möge, um sich einige der glänzendsten Kapitel desselben vorlesen zu lassen. Im Gedränge, welches sich auf dem Markte mit jeder Minute zu vermehren schien, war es schwer, daß die bekümmerten Liebenden, Fritz und Rosine, nicht von einander getrennt wurden. Sie hielten sich fest, wurden aber nur um so mehr hin und her gestoßen. In dem Geschrei und Toben war es nicht möglich, einen Rath und Entschluß zu fassen, ob sie nach dem Gasthofe zurück kehren, oder im Getümmel die Eltern wieder aufsuchen sollten. Da sie kein Wort mit einander wechselten, denn das Geschrei machte es unmöglich, so fand kein Ueberlegen statt, ob sie einen andern willigern Geistlichen ausmitteln möchten, oder den klug ersonnenen Plan, sich zu verbinden, wenigstens für heute aufgeben. So hin und her geschoben, von Fuhrwagen und Equipagen in Gefahr gesetzt, von Käufern angeredet, von groben Leuten, die sich gehemmt fühlten, gescholten, verloren sie alle Besinnung, daß sie keines Gedankens fähig waren. Ein Lastträger, der auf dem Kopfe eine große Bürde trug und sich gehemmt fühlte, schrie: Platz da! das fehlt noch, daß sich die Menschenkinder hier an Armen führen! Scheert Euch in die Allee, wenn Ihr zärtlich spazieren wollt! 129 Ein heftiger Stoß des Ungestümen trennte die Liebenden, und sogleich schoß ihm eine große Fluth von Menschen nach, daß Fritz seine Rosine aus den Augen verlor. Er rief, aber vergeblich, denn sein schwacher Laut ward nicht vernommen. Er suchte ängstlich mit den Augen, aber vergeblich. Denn je mehr und länger er in die Verwirrung mit angestrengtem Blick hinein sah, um so mehr schwindelte sein Auge. In einer fast gleichgültigen Betäubung ging er weiter, um sie zu suchen, oder gelegentlich und unverhofft wieder anzutreffen. Rosine wußte nicht, wie ihr geschah, als sie sich plötzlich in der ungeheuern Menschenmenge so ganz allein und völlig verlassen sah. Ihr Gewissen raunte ihr zu, daß dies die Strafe dafür sei, daß sie sich so leichtsinnig von Fritz habe entführen lassen. Sie fürchtete sich in dieser wogenden Menschenmasse, und kam sich einsamer vor, als im finstersten Walde. Wenn sie sich nicht geschämt hätte, so würde sie sich einem lauten Weinen und Schluchzen überlassen haben. In dieser höchsten Verwirrung und Abspannung aller Lebensgeister fühlte sie plötzlich einen Pferdekopf in ihrem Nacken. Erschrocken blickte sie um, ein glänzender Wagen drohte sie zu verletzen; der Kutscher rief, der Bediente, welcher hinten aufstand, winkte, und eine geschmückte Dame, die in der offnen eleganten Chaise saß, schrie, entsetzt, laut auf. Auf ihren Wink mußte der Kutscher halten. Das arme, liebe Kind! sagte die Dame, indem sie sich erhob. Sie beugte sich über den Schlag des Wagens und sagte mit feiner Stimme: Liebe Kleine! – Sie haben doch keinen Schaden genommen? Solch' allerliebstes Wesen, und ich muß Sie so erschrecken. Steigen Sie zu mir ein, Vortrefflichste, ich führe Sie nach Haus, oder wo Sie hin begehren. 130 Wenigstens können Sie vom Wagen aus das Getümmel des Marktes mit mehr Sicherheit betrachten, und finden auch die Ihrigen, im Fall Sie sie verloren haben sollten, leichter wieder. Steigen Sie zu mir ein. – Joseph, öffne Er die Wagenthür! Der Bediente, Joseph, sprang herunter, öffnete, hob Rosinen in den Wagen, so behende, daß sie kaum wußte, wie ihr geschah, oder ob sie ihre Einwilligung gegeben habe. – Wohin? gnädige Gräfin! fragte der Bediente. – Zu Humbert, rief die Dame: der Bediente stieg wieder auf und der Kutscher suchte sich Platz zu machen. Wie Sie meiner Cousine ähnlich sehn, der Comtesse Bertha! sagte die Gräfin, indem sie der verlegenen und doch getrösteten Rosine die Hand gab. – Sie zittert noch, die allerliebste Kleine. – Sie sind gewiß nicht aus der Stadt hier, Sie sind zu hübsch. – Was das für klare Augen sind! – Wo wollten Sie hin? Rosine erzählte eilig ihr Abentheuer, wie sie im wilden Gedränge von ihren Bekannten sei abgeschnitten worden und sich verloren habe; sie sagte auch ihren Namen und wo sie her sei. Alles von Getöse, Musik, Geschrei unterbrochen, indessen der Wagen nur langsam vorrücken konnte. Die Gräfin liebkosete das reizende Mädchen und versprach ihr, sie, sobald sie es wünsche, vor ihrem Gasthofe sicher abzusetzen. Aber, sagte sie, als sie sich jetzt aus dem dichten Menschenknäuel heraus gewunden hatten und in eine Gegend geriethen, die etwas mehr gelichtet war, Sie müssen mir erlauben, Sie Mühmchen, Cousine zu nennen, denn Sie sehen meiner lieben Bertha gar zu ähnlich. Ich hoffe auch, daß wir unsre zufällig gemachte Bekanntschaft fortsetzen werden, daß Sie mich in der Stadt und auf meinem Gute besuchen. 131 Rosine bedankte sich mit ländlichen Ausdrücken für alle diese Artigkeiten, und war sehr erfreut, daß ihr Schicksal plötzlich diese angenehme Wendung genommen hatte. Sie überlegte, ob sie die Gunst und den hohen Schutz nicht vielleicht brauchen könne, den eigensinnigen Amtmann umzustimmen, und ihm durch die Ueberredung der Gräfin seine Einwilligung in ihr Glück zu entlocken. Jetzt hielt man, der elegante Diener öffnete den Wagen, die Gräfin hüpfte hinaus; kommen Sie mit, Cousinchen, sagte sie, und sehen Sie sich auch im Laden etwas um. Rosine folgte und betrat mit beklemmter Brust den eleganten, mit Spiegeln und Bronze verzierten Ort, den sie gestern im Vorübergehen bewundert und nicht geglaubt hatte, daß es möglich sei, ihn jemals selbst zu besuchen. Der glänzende Laden war voll Käufer und Betrachter, Shawls, Spitzen, Seidenzeuge, Sammt, Alles lag aufgeschlagen umher, ward geprüft und glänzte und blendete. Excellenz, Gräfin Solm! rief der Bediente, als der Herr der Handlung die Gruppe mit einem fragenden Blicke betrachtete. Die Gräfin trat näher und der Kaufmann verbeugte sich tief. Ich wollte für meine Schwägerin, sagte sie, die Gemahlin des Ministers, einige Shawls auswählen, wenn Sie noch von den feinsten und edelsten Vorrath haben. Der Kaufmann versicherte, daß er noch schönere zu höhern Preisen empfangen habe, und holte sie aus einem innern Zimmer. Sie wurden ausgebreitet und geprüft, und die Gräfin legte sechs oder sieben beiseit. Jetzt für mich! sagte die Dame; ich kann aber so kostbaren Schmuck nicht brauchen. Sie wählte ein Paar geringere, und nahm dann einige Garnituren der schönsten Spitzen. Nun, Comtesse Bertha, rief sie, wählen Sie sich, 132 Cousinchen, auch etwas zum Angedenken. Rosine wurde roth und wußte nicht, was sie thun oder antworten sollte. Da sie so lange zögerte, warf die Dame ihr endlich ein schönes Tuch zu, stellte das blühende Mädchen dann vor sich und probierte es ihr um. – Es kleidet Sie gut, Herzchen, sagte sie, indem sie sie umarmte. Bester Humbert, wendete sie sich dann zum Kaufherrn, der Minister, mein Bruder, ist Ihnen nicht unbekannt, Sie kennen sein großes Haus in der Vorstadt; dorthin geben Sie mir einen Ihrer Leute mit, denn ich weiß noch nicht, welche Tücher meine Schwägerin, die unpaß ist, auswählen wird; ich komme dann gleich zurück, und wir machen die Rechnung. Excellenz, sagte der Kaufmann etwas verlegen, Sie sehen, meine Leute sind heut alle beschäftigt, es wäre auch ganz unnöthig, indessen werde ich die Ehre haben, Ihnen jemand mitzugeben. Vetter Wilhelm! rief er, begleite die Dame nach dem Hotel des Minister Solm draußen, Sie wollen mir die Ehre erzeigen, nachher wieder zu mir zu kommen. Ein ganz junger, wie es schien noch unerfahrner Lehrling hörte diesen Auftrag mit offnem Munde an. Joseph legte das sorgfältig eingeschlagene Paket in den Wagen, half der Gräfin einsteigen, eben so der Cousine Bertha, und Wilhelm, der erst Miene machte, zum Kutscher hinaufzuklettern, mußte auf einen gnädigen bittenden Befehl den Rücksitz einnehmen. Man fuhr fort. Der Hausherr machte in der Thür des Ladens noch eine tiefe Verbeugung, sah dem Wagen nach und sendete seinem Vetter, der sich zurück bog, einen scharfen Blick nach. Der junge Vetter fühlte sich geehrt, und betrachtete mit steigender Verwunderung und Freude die 133 Cousine Bertha, welche ihm lächelnd gegenüber saß, mit ihrem schönen neuen Tuche geschmückt. Es schien dem jungen Menschen, als wenn er noch nie eine solche Schönheit, so klare Augen und so lieblichen Mund gesehn hätte. Nicht wahr, fragte die Gräfin, welche ihn beobachtete, mein Mühmchen ist ein schmuckes Wesen? So etwas blüht nicht jeden Frühling auf. Wilhelm wurde noch röther, verbeugte sich und stotterte einige Worte, die die Behauptung der Dame bestätigen sollten. Ja, mein Kind, fuhr diese fort, Sie mögen hier in der Stadt auch recht hübsche Mädchen haben, aber in unsrer Familie sind sie immer seit alten Zeiten ganz vorzüglich gerathen. Mit dieser lieben Comtesse möchten Sie wohl den ganzen Tag spazieren fahren, oder ihr gegenüber Stunden lang so sitzen? Nicht wahr? Der junge Mann war von dieser Gnade und Vertraulichkeit entzückt, doch konnte sie ihn dennoch nicht, so erfreut er war, über seine Verlegenheit hinüber helfen. Als die Gräfin diese fast kindische Unbeholfenheit bemerkte, neckte sie ihn nur um so lustiger. Rosine wurde auch betroffen, um so mehr, als endlich ihre Beschützerin laut lachend ausrief: Sitzen sie sich nicht gegenüber ganz wie ein Paar Liebesleute! – Wilhelm schmunzelte selbstgefällig, aber Rosine dachte an Fritz und wurde verdrüßlich und traurig. So fuhr man durch die Gassen und kam in die stillere Vorstadt. Nach andern Neckereien sagte die Dame: Aber gewiß hat unser junger Freund schon irgend eine Geliebte. Nicht wahr, Mühmchen, er ist zu hübsch, als daß er nicht schon längst ein artiges Mädchen bezaubert haben sollte? Ach die liebe Jugend, diese erste frühe, frische, was ist sie glücklich! Und weiß es meistentheils selbst nicht! Sie hielten vor einem großen Hause. Lieber junger 134 Freund, sagte die Dame anmuthig, Sie leisten meiner Cousine wohl einen Augenblick Gesellschaft, in zwei Minuten bin ich wieder hier, wenn ich nur den Minister, meinen Bruder, und die Schwägerin kurz gesprochen habe. – Sie stand auf, legte die Hand des jungen Burschen in Rosinens Hand, hüpfte aus dem Wagen, gab dem Bedienten das Paket und verschwand in dem Thore des Palastes. Wilhelms Hand zitterte vor Wohlbehagen in der des schönen Mädchens. Aus Höflichkeit wagte er es nicht, sie zurück zu ziehen, weil es ihm als Ungezogenheit vorkam, das wieder zu trennen, was die vornehme Gräfin so zart und freundlich vereinigt hatte. Rosine betrachtete diese Einmüthigkeit und Handhabung als einen Befehl, und wagte außerdem nicht, die Hand zurück zu ziehen, weil sie fürchtete, den jungen Menschen zu kränken, der von ihrer Schönheit so hingerissen schien. So saßen sie stumm einander gegenüber und betrachteten sich still, so daß Wilhelm endlich aus Verlegenheit das zarte Händchen der Comtesse zu drücken begann. Da fing Rosine an, nachzudenken, was sie thun solle, um an ihrem Fritz nicht eine Art von Untreue zu begehen. Sie hätten wohl noch länger so gesessen, wenn ihnen nicht eine Kutsche schnell vorüber gerasselt wäre; vom Peitschenschlage des treibenden Führers geschreckt, fuhren auch die Pferde vor der Chaise auf, zogen diese an, und rissen so die beklemmten Hände auseinander. Rosine fuhr hastig zurück, um in die Kutsche zu sehen, denn beim Vorüberrauschen hatte sie eine Dame bemerkt, die sich zurück drängte und verhüllte, und die ihr eine große Aehnlichkeit mit ihrer Beschützerin zu haben schien. Doch die Kutsche war schon aus dem Thor, und die Sache selbst so unwahrscheinlich, daß sie den Gedanken sogleich wieder aufgab. 135 Es schien aber wirklich, als wenn die Gräfin es wahr machen wollte, daß sich die jungen Leute zärtlich und liebäugelnd einige Stunden gegenüber sitzen sollten. Sie sahen nun abwechselnd ihre Gesichter und die großen Fenster des Hauses an, von diesen wieder auf den Thorweg, ob nicht endlich die heitere, muthwillige Dame, oder wenigstens Joseph, der Jäger, wieder erscheinen würde. Aber sie blieben ungestört, und so, um die Zeit zu vertreiben und die Verlegenheit etwas zu verbannen, faßte die Comtesse den Muth, nach dem Herkommen und den Verhältnissen ihres neu gewonnenen Freundes und Verehrers sich zu erkundigen. Es ergab sich, daß er in einer kleinen Stadt geboren sei, daß er zwar keine große Lust spüre, die Handlung zu erlernen, von Herrn Humbert aber, der eigentlich nur sehr, sehr weitläuftig mit ihm verwandt sei, gütig dazu ermuntert werde, in dessen Hause er sich fast wie ein Sohn betrachten könne. So wie man weiter die Familienverhältnisse erörterte, fand Rosine zu ihrem Erstaunen und ihrer Freude, daß der Jüngling ihr näher verwandt sei, als seinem Erzieher; er hieß selbst Wilhelm Gottfried, und ihr Vater hatte ihr oft von diesem Gottfried, der in jener kleinen Stadt einen Krämerladen hatte, erzählt; es waren selbst zuweilen Briefe von diesem Vetter angekommen. Unvermerkt war beim Erzählen seine Hand wieder in die ihrige gerathen, und jetzt drückte sie die seine, als eines verwandten Blutes, recht herzlich. Durch diese Aufmunterung wurde der Jüngling immer redseliger, und die Zeit dünkte den beiden Sprechenden nicht lang, am wenigsten dem jungen Menschen, der seine Neigung, die er sich wohl selber nicht gestand, so schön erwiedert sah. Der Kutscher aber war in einer ganz andern Stimmung; denn er fing erst an zu schelten, dann zu fluchen, daß man ihn so lange warten lasse. Dies störte die jungen Leute in ihren Herzensergießungen, sie wurden aufmerksam. Aus den Klagen des Kutschers ergab sich, daß ihm der Wagen gehöre, und daß er die Bezahlung desselben noch zu fordern habe. Der junge Mensch stutzte; wären Sie nicht, sagte er, verehrte Comtesse, im Wagen, so könnte ein Argwöhnischer auf sonderbare Gedanken gerathen: denn Excellenz, Ihre Frau Muhme, schien den Wagen für ihre Equipage auszugeben. Ach Gott! sagte Rosine in Angst, sie ist nicht meine Muhme und ich bin auch keine Comtesse, sondern vielmehr Ihre Muhme, Herr Vetter; denn ich bin ja die Rosine Gottfried, die Tochter des Predigers in Wandelheim, von der Sie Ihren Vater wohl auch haben sprechen hören. Darum bin ich ja auch so bekannt und freundlich mit Ihnen geworden. Die vornehme Dame macht sich einen Spaß mit uns. Spaß? rief der junge Mann ganz bestürzt; ja, zum Verzweifeln! Wie sind Sie denn an sie gerathen? Woher kennen Sie sie? Ich habe sie erst heut, vor einer Stunde, auf dem Markt kennen gelernt, sagte Rosine. Sie erzählte ihm hierauf ihr Abentheuer. Es trat ein Bedienter aus dem Hause und der Vetter rief ihn geängstigt an den Wagen. Dieser wollte von keiner Schwester seines Herrn, die der Gemahlin Shawls und Tücher zum Ansehn gebracht, etwas wissen. Das große Haus des Ministers war unten ein Durchgang zu einer andern Straße; ein Vorbeigehender erzählte, in jener Gasse habe seit lange eine Kutsche gehalten, in welche vor einiger Zeit ein Frauenzimmer, das aus dem Hause des Ministers gekommen, eilig gestiegen und schnell fortgefahren sei. Der Diener des Ministers, so deutlich die Sache auch 137 schon war, lief zum Ueberfluß noch einmal zu seinem Herrn hinauf, und bestätigte nach einiger Zeit die Gewißheit, daß dieser, so wie dessen Gemahlin, von nichts wisse. Der junge Vetter fing an zu weinen, und die neu gefundene Muhme leistete ihm Gesellschaft. Es hatten sich Leute um den Wagen gesammelt, man fragte, erzählte, indeß der Fuhrmann schalt und tobte und seine Bezahlung verlangte. Ein Polizei-Offiziant war auch herzu getreten, und hatte sich von dem Handel unterrichten lassen. Er verlangte, daß die beiden jungen Leute mit ihm nach dem Rathhause fahren sollten, damit man dort die Sache genauer untersuchen könne. So geschahe es, indem er neben dem Kutscher seinen Sitz einnahm. Als man sich im Gasthofe an der Wirthstafel wieder versammelte, waren alle besorgt und geänstigt, daß Rosine ausblieb. Jedermann hatte geglaubt, sie habe diesen oder jenen der Gesellschaft auf den Markt begleitet und sich verspätet. Fritz, der von Allen am meisten bewegt war, mochte nicht gestehen, wie viel er von ihr wisse, und daß er sie im Gedränge der Menschen verloren habe. Er hatte vernommen, daß der Superintendent am Morgen seinen Vater hatte sprechen wollen, der mit allen Uebrigen schon früh das Haus verlassen hatte. Er nahm sich vor, gleich, wenn abgespeiset sei, alle Buden und Läden des Marktes zu durchforschen. Der Vater selbst ängstigte sich weniger als die Mutter, denn sein Geist war zum Theil auf andere Gegenstände gerichtet. Die Stunde war ganz nahe, in welcher er den verlornen Bernhard wieder sehn sollte. Er war der Meinung, daß er dieses Rendezvous, welches ihm auf so wunderbare Weise 138 war gegeben worden, nicht versäumen dürfe. Er nahm daher mit dem Amtmann die Abrede, daß dieser mit seinem Sohne die verlorne oder verirrte Rosine allenthalben suchen solle, und daß man sich am Abend wiedersehen würde. Titus war Gast bei seinem vornehmen Freunde, dem Herrn von Wandel. Im Gasthofe wurde fast nur von dem kleinen Caspar, dessen Klugheit und seiner Diebesbande gesprochen. Viele waren der Meinung, daß diese Gesellen sich noch niemals so frech betragen hätten, als während dieses Marktes, es fehle nur noch, daß sie am hellen Tage und in Gegenwart der Menschen und Wächter in die Silberläden öffentlich einbrächen. Man erzählte, daß Menschen in allen nur ersinnlichen Verkleidungen sich in der Stadt umtrieben, die zu dieser Gesellschaft gehörten, daß viele Subalternen der Polizei ihnen angehören, oder von ihnen bezahlt seyn müßten, weil es sonst unbegreiflich wäre, wie sie mit dieser Sicherheit arbeiten könnten, und immer im Voraus von allen Maßregeln, die gegen sie genommen wurden, unterrichtet wären. Der dicke Herr von Mayern, welcher wieder zugegen war, behauptete, auch vornehme, reiche Frauenzimmer, Töchter aus guten Familien, befänden sich mit in diesem Bunde und wären Theilnehmer am Gewinn. Die Gesellschaft vom Lande erhob sich früh, um ihre Vorsätze auszuführen, und Fritz, der in einer tragischen Stimmung war, rannte fort, ohne nur seinen Vater noch einmal zu begrüßen. Titus hatte seinem Gönner mit Begeistrung einige Kapitel seines humoristischen Romanes vorgelesen, von welchen der Herr von Wandel hingerissen schien, denn er lobte sie übermäßig, und ermunterte den vom Lob berauschten Verfasser, das Buch ja recht bald dem Druck zu übergeben. Er hatte ihm auch einen Verleger, einen jungen Anfänger, 139 empfohlen, der Enthusiasmus für die Literatur und ihre Fortschritte deutlich merken lasse. Der Gönner war auch so freundlich, sich nach den bürgerlichen und Familien-Verhältnissen des neuen Autors zu erkundigen. Von sich wußte Titus nicht viel, destomehr aber von der Familie seines Freundes, des Amtmanns, zu erzählen; es fand sich von selbst, daß auch der Hausstand Gottfrieds beschrieben wurde, und bei diesem Anlaß erzählte er von neuem, daß der alte Pfarrer, wie ihm der Magier verheißen habe, noch heute sein längst entlaufenes Pflegekind, das jetzt freilich schon über die dreißig Jahre hinaus seyn müsse, wieder finden solle, einen Bernhard, dessen Vater und Mutter immer unbekannt gewesen wären. Bei diesen Erinnerungen wurde Herr von Wandel aufmerksam und forschte diesem Bernhard weiter nach, doch konnte ihm Titus keine nähere Auskunft über diesen Vagabonden geben. Er muß also hier in der Stadt seyn, dieser verdächtige Mensch, sagte der Baron Wandel, und wahrscheinlich hängt er mit dem unklugen Magier zusammen. Diesen muß ich auch noch besuchen, rief Titus aus, ich kann vielleicht aus ihm ein paar Kapitel in meinem Buche machen, das noch nicht geschlossen ist. Er bringt wohl auch das Wunderbare hinein, welches bis jetzt meinem Romane noch fehlt. Meinen Sie nicht auch, Herr Baron, daß ein ächter oder ein gaukelnder Wahrsager, Zigeuner, Spitzbuben und Diebe, vielleicht auch ein Mörder, aber nicht mehr, meiner Geschichte noch abgehen? Ich habe mich, durch meine Vorliebe für den Siebenkäs, zu sehr in das Bettelgesindel vertieft und verliebt, und habe hier in der Stadt doch nichts Besonderes von dieser Gattung angetroffen. Ich möchte mein Werk gern so bunt und vollständig als möglich machen, daß es Ihrer nicht, indem ich es Ihnen widme, und es durch 140 Ihren Namen der Lesewelt imponirt, ganz unwürdig sei. Wenn ich nur mit einem recht feinen Spitzbuben in nähere Bekanntschaft gerathen könnte! Heißt das, ohne meinem Rufe und meiner Moralität zu schaden. Ich habe immer die Gauner-Romane sehr geliebt, bin aber noch niemals mit einem ausgezeichneten Spitzbuben in Gesellschaft gewesen, denn das Gesindel, unter welches man zuweilen draußen auf dem Lande geräth, ist ganz ohne Bedeutung. Werden Sie aber meine Dedication auch nicht verschmähen? Der Baron dankte mit Freundlichkeit im Voraus für dieses öffentliche Zeichen der Achtung, das ihm, von einem so ausgezeichneten Talente gegeben, im ganzen Vaterlande zur größten Ehre gereichen müsse. Ein Bedienter brachte ein kleines Billet, der Baron erbrach es hastig, und Titus glaubte zu bemerken, daß er sich entfärbe. Verzeihen Sie, sagte er, ich muß nur eine Zeile antworten. Er ging in das Nebenzimmer und gab dem Diener ein Blatt, der sich schnell wieder entfernte. Jetzt, sagte der Baron, wie es schien, mit einiger Bewegung, muß ich mich auf einige Zeit von Ihnen trennen, denn mich rufen unabweisliche Geschäfte. Am Abend sehen wir uns dort im Keller wieder. – Beide verließen das Haus. Im Gasthofe war indessen ein Diener der Polizei erschienen, welcher den Pfarrer Gottfried zum Präsidenten beschied. Doch war der Prediger, so wie die Uebrigen, schon längst entfernt und ihren verschiedenen Geschäften nachgegangen. Die Mutter aber, welche im Hause geblieben war, entsetzte sich vor dieser Citation, und wußte sich nicht anders zu trösten, als daß sie sich einem stillen, gemächlichen Weinen ergab. Der Pfarrer Gottfried begab sich indessen mit klopfendem Herzen und gespannten Erwartungen nach dem schönen 141 Garten. Er setzte sich in die Laube und erwartete seinen Zögling, indem er die längst vergangenen Jahre in sein Gedächtniß zurück rief. Es schien fast, als sei seine Erwartung vergeblich, und er wurde über sich selbst verdrüßlich, daß er sich von einem angeblichen Magier habe hintergehen lassen. Als es ihm immer gewisser wurde, daß er nur geneckt sei, sah er einen großen, breitschultrigen Menschen nach der Laube schleichen. Der Fremde kam gleichgültig näher, nahm den Hut ab, und reichte dem Pfarrer die Hand, indem er sagte. So sehen wir uns nun doch einmal wieder, Herr Gottfried. Sie kennen mich also? fragte dieser. Wie sollt' ich nicht? antwortete der Fremde; denn wenn Sie auch viel älter geworden sind, so haben Sie doch noch dasselbe gutmüthige Gesicht, die freundlichen Züge, alles das Ehrwürdige, welches den ächten christlichen Geistlichen charakterisiren muß. – Er streifte den Aermel auf und zeigte ein braunes Mahl am Arme. – Sehen Sie wohl an dieser Brandstelle, als ich einmal mit Pulver fast Ihre Stube gesprengt und mich getödtet hätte, daß ich jener Bernhard bin, an welchem dazumal alle Ihre Lehren und Bemühungen nicht anschlugen? Gottfried umarmte seinen gealterten Zögling nicht ohne Rührung und sagte dann: Mein lieber Sohn, ich habe Ihnen Nachrichten mitzutheilen, die Ihnen wohl erfreulich seyn können, nur möchte ich erst Einiges von Ihnen wissen, um zu beurtheilen, ob Ihre Angehörigen, die ich endlich entdeckt habe, sich Ihrer nicht zu schämen brauchen, oder ob die Erbschaft, die Ihnen zufällt, auch verdient in Ihre Hände zu kommen. Bernhard sah den Pfarrer mit großen Augen an und sagte dann ganz ruhig: Geehrter Herr Pflegevater, wenn 142 meine Angehörigen etwas anders als einen ganz gewöhnlichen Taugenichts in mir erwarten, so befinden sie sich im allergrößten Irrthum. Mein Herr, ein unnützer Bursche, der mit einer Bande Seiltänzer davon läuft, der bald Springer, Bettler, Comödiant, Bedienter und allerhand dergleichen ist, und nur eben dicht am Straßenräuber und Galgen vorbeikommt, kann in dieser zu hohen und großen Schule und Turn-Anstalt unmöglich zu einem feinen wohlhäblichen Tugendhaften gedrechselt werden. Sehr bin ich meines bisherigen Lebenswandels überdrüßig, und habe, wenn es seyn muß, den Willen, besser zu werden. Ich danke Gott, wenn ich ein sicheres, dürftiges Auskommen finde, wenn ich dabei ein ehrliches Geschäft treiben kann; sind aber meine Verwandten von so verfeinerter Natur, daß sie nur einen Cousin suchen, der sich unter den gesichteten Rechtgläubigen gut ausnehmen würde, so ist es besser, sie kümmern sich gar nicht um mich, und lassen mich meines Weges weiter gehen. Sie haben also wohl gar nichts gelernt? fragte Gottfried. Zu viel, antwortete Bernhard, und das ist eben das Unglück, denn darum habe ich es in keiner Sache zu etwas Rechtem bringen können. Wenn ich ein kleines, nur ein kleines Kapital hätte, so ginge ich zu meiner Frau und finge einen Handel an, wie ich es schon vor sechs Jahren versuchte. Verheirathet also? fragte der Pfarrer. Ja wohl, an ein liebes Weibchen, von dem ich auch einen Sohn habe, wenn er noch lebt. Ich hatte sie auf meinen Irrfahrten im Reiche kennen gelernt, und sie gewann mich lieb. Ich war damals Tanzmeister. Ein kleines Vermögen, das sie ererbte, ward zu einer Handelseinrichtung verwendet. Aber wir hatten kein Glück. Und ich, um sie 143 nicht ganz arm zu machen, wanderte wieder aus, um ein besseres Verhältniß zu entdecken, das sich denn bis jetzt nicht hat finden wollen. Gottfried erzählte ihm von seiner Abstammung, so viel er von dem alten würdigen Banquier erfahren hatte, und Bernhard sagte am Schlusse: Sieh! sieh! darum habe ich es niemals dahin bringen können, ein recht eifriger Christ zu seyn. Es steckt doch das meiste, was wir Vorzüge oder Fehler nennen, im Blute. Ich habe auch immer zu den Juden eine gewisse Inclination gehabt, und wollte in meiner dringendsten Noth mehr wie einmal zu ihrem Glauben übertreten; indessen ist es eben so gut, daß ich meine Religion noch so rein erhalten habe, denn es hätte mir sonst wie meinem guten Vater gehen können, der viel Verdruß, wie ich höre, mit seinem Gewissen gehabt hat. Der Pfarrer erzählte ihm jetzt, daß ihm der sogenannte Magier von seinem Pflegesohne gesagt, und ihm diesen Platz des Wiederfindens bestimmt habe. Das ist keine Kunst, antwortete Bernhard, denn zwei Tage früher kam ich zu diesem Charlatan in Dienst, und spielte seinen Armenier. Wie ich Sie kommen sah, erzählte ich ihm vorher die Schnurren, die er Ihnen gleich wieder vorgetragen hat. Ihre Stimme, sagte der Pfarrer, ist mir so bekannt, als wenn ich sie schon sonst gehört hätte. Ist auch geschehen, rief Bernhard aus, denn Sie trafen mich ja, alter Herr, dort in Schönhof als Einsiedler, das fatalste Gewerbe, das ich Zeit meines ganzen Lebens getrieben habe. Ei! ei! rief Gottfried aus, so waren wir uns schon damals so nahe und ich wußte es nicht. Als sie zu dem alten Banquier Wolf sich begaben, 144 ward, nach einigen Erzählungen und Reden, die Sache bald geordnet. Bernhard nahm sich vor, zu seiner Frau zurück zu kehren, und mit Unterstützung Wolfs ein ehrliches Gewerbe anzufangen. Das Kapital, welches ihm der Banquier nach und nach auszuhändigen versprach, war ansehnlich genug, um mit diesem und irgend einem Gewerbe, oder durch den Ankauf eines Gutes anständig leben zu können. Bernhard war auf seine Art erfreut und gerührt und sagte: Nun will ich der Welt und meinen Bekannten zeigen, daß es zehnmal leichter sei, ein ehrlicher Mann, als ein Schelm oder Abentheurer zu seyn. Die wenigsten vortrefflichen Menschen wären der Aufgabe gewachsen, und doch wird das arme Gesindel unserer Art immer so unbarmherzig von Polizei und Moralisten verfolgt. Freilich ist das Gesindel eben so intolerant, wenn es einmal oben auf kommt, und hängt, köpft und plündert die Ehrlichen unbarmherzig, vertreibt sie aus dem Lande oder wirft sie in Gefängnisse. So geht der Streit der Sekten hin und her, und keiner will glauben, daß der Gegner so viel Recht habe wie er. Jetzt beurlaubte sich der Pfarrer, nachdem er diese Sache zu Aller Zufriedenheit geschlichtet hatte, um seine verlorne Tochter aufzusuchen. Er mußte aber versprechen, mit dieser und der Frau, so wie mit dem Amtmann Lindwurm und dessen Sohn am folgenden Mittage beim Banquier zu speisen. Bernhard blieb gleich bei diesem, der ihm noch Vieles eröffnen wollte, auch wohl die Absicht hatte, ihm guten Rath zu geben, und ihn zu seiner neuen Lebensbahn zu stärken. Titus wendete sich jetzt nach einer abgelegenen Gasse, um jenen unternehmenden Verleger aufzusuchen, der ihm als 145 ein Mann von Geschmack und Einsicht, und als freisinnig empfohlen worden, der gern junge Autoren aufmuntere und unterstütze. Als er den bescheidenen Laden, welcher ihm kein großes Zutrauen einflößen wollte, aufgefunden hatte, fragte er nach dem Besitzer der Handlung. Ein kleiner, magrer Mann kam ihm entgegen, der ihn gleich mit scharfen Blicken musterte. Er mochte wohl aus einer gewissen verlegenen Bescheidenheit sogleich den angehenden neuen Autor erkennen, denn statt höflich zu seyn, warf er sich gleich in die Brust und fragte kurz und barsch: Womit kann ich dienen, mein Herr? Titus, der kürzlich erst von seinem vornehmen Gönner mit Lob und Bewunderung war überschüttet worden, empfand diesen Herrscherton etwas übel und erwiederte aus ähnliche Weise: Mein Herr, ich kam, Ihnen ein Anerbieten zu thun, was Ihnen vielleicht nützlich seyn könnte; wenn Sie aber keine Zeit haben sollten, mein Gesuch anzuhören, so will ich Sie nicht belästigen, sondern eine andre Handlung aufsuchen, die meinen Vorschlägen vielleicht billiger die Hand bietet. Der Herr Zinnober erschrak fast, und glaubte jetzt, irgend einen berühmten Autor verletzt zu haben, oder einen höchst freisinnigen Mann, der ihm mit bitterer Feder in öffentlichen Blättern schaden könne; deshalb nahm er schnell eine andere Wendung, nöthigte den Fremden in ein Stübchen, und bat ihn, sich niederzusetzen, und ihm mit Gemächlichkeit seine Wünsche vorzutragen. Titus nannte ihm nun seinen Namen, und wie er, obschon als Edelmann geboren, von je Wissenschaft und Künste höher als einen zufälligen Vorzug der Geburt geschätzt habe. – Als nun Herr Zinnober über diese Eröffnung noch höflicher wurde, bekam Titus ein so großes Vertrauen zu dem kleinen Mann, daß er ihm fast zu weitläufig sein 146 literarisches Bestreben auseinandersetzte. Er erzählte ihm, wie seit vielen Jahren Jean Paul sein Lieblings-Dichter sei, den er unablässig gelesen und studirt habe. Die Bewunderung dieses herrlichen Geistes, die genaue Bekanntschaft mit seinem Humor habe in ihm eine ähnliche Stimmung erzeugt, so daß es ihm wohl gelungen sei, das menschliche Thun und Treiben aus demselben Gesichtspunkte anzusehn; seine Begeisterung sei endlich so hoch gestiegen, daß sie ihm die Feder gleichsam in die Hand gezwungen habe, um der Welt die Ergießungen seiner Laune und seines Herzens mitzutheilen. Da er nun überdies, wie ein jeder moralisch gebildete Mensch es müsse, auch die Tugend, den Edelmuth, die Religiosität und alles Billige auf jeder Seite empfehle, so scheine es ihm dringende Noth, dieses Werk eiligst dem Druck zu übergeben. Wünsche er so auf der einen Seite seinen Landsleuten und Mit- und Nachwelt nützlich zu werden, so treibe ihn auf der andern auch der Stachel aller edlen Seelen, sich nehmlich berühmt zu machen und seinen Namen zu verewigen. Zinnober hatte mit großer Geduld zugehört und sagte jetzt gerührt: Und Ihre Bedingungen? Diese, sagte Titus, zu machen, würde ich Ihnen überlassen, denn meine Absicht ist nicht sowohl darauf gerichtet, durch meine Arbeit etwas zu erwerben, als nützlich zu seyn und mich auszuzeichnen. Mit einem billigenden Lächeln lobte Zinnober diesen großmüthigen Entschluß, der eines moralischen Autors, der noch obenein Edelmann, vollkommen würdig sei, und fügte dann hinzu: Mein verehrter Herr, ich gebe Ihnen nur das unmaßgeblich zu bedenken, daß von den vielen Nachahmern jenes großen Geistes es keinem einzigen gelungen ist, nur einigermaßen Beifall zu finden. Die Kritik hat behaupten 147 wollen, es sei leicht, in dem Tone fortzufahren, den jener Genius, als Original, angestimmt habe. Nun bin ich zwar überzeugt, daß Ihre Arbeit, hochwohlgeborner Herr, eben so sehr Original als Nachahmung seyn wird, daß es Ihnen gelungen seyn wird, ganz neue Seiten dem geheimnißvollen Herzen und der tiefsinnigen Seele abzulauschen, aber, glauben Sie mir, Verehrter, und zürnen Sie mir deshalb nicht, für einen Anfänger, wie ich es noch bin, kann dieser treffliche Artikel, den Sie mir anzubieten die Gnade haben, nicht fruktifiziren. Die Welt hat jetzt ein anderes Bestreben. Alles drängt nach dem Oeffentlichen, das Staatsleben blüht, Gesinnungen, gründliche, liberale, lassen sich vernehmen, jeder will thätig seyn und seinem Jahrhundert nützen; die Freiheit der Presse, der Kampf gegen veraltete Vorurtheile und Bedrückungen, das Stürzen der Autoritäten und großer Namen, die Proklamation der ächten Freiheit, dies, sammt Memoirs, Anekdoten, Enthüllung und an den Prangerstellen von Lastern und Kabalen, so wie Aehnliches, ist jetzt an der Tagesordnung. O, herrlicher Mann, wenden Sie Ihr großes, einziges Talent doch dazu an, auf diese Weise Ihren Mitmenschen nützlich zu seyn, und sich unverwelklichen Ruhm zu erwerben. Auf welche Art meinen Sie? fragte Titus, der verwirrt war und sich doch geschmeichelt fühlte. Sehn Sie, fuhr der Buchhändler fort, im Grunde ist es auch leichter als jene Studien, die Sie so mühselig gemacht haben. Glauben Sie mir nur, es geht schon die Rede, daß unser Jean Paul sehr weichlich sei, daß er zu oft der Unnatur folge, und seine weiblichen Charaktere besonders aus Luft und Dunst gewoben sind. Er selbst wird schon vernachlässigt und wird bald nicht mehr der Lieblingsschriftsteller seyn, der er so lange gewesen ist. 148 Was wünschten Sie also von mir herauszugeben? fragte Titus weiter. Wenn Sie in unsrer Stadt bekannt sind, fuhr Zinnober fort, so wissen Sie auch, wie man klagt und schilt, lobt und tadelt. Könnten Sie mir nun so ein recht derbes, etwas grimmiges Büchlein über unsre Minister schreiben, etwas vom Hof einfließen lassen, so recht gründlichen Tadel, der wenigstens so aussieht, oder eine recht maliciöse Lobeserhebung von allen bei uns wichtigen Männern, die beim Volke nicht recht beliebt sind, so, daß jeder gleich die Bosheit mit Händen griffe, so wäre Ihr Ruhm auf immer entschieden, und Sie gälten der Welt als geistreicher Patriot. Dazu müßte nun freilich noch eine gewisse Kraft, Wärme, Begeistrung gefügt werden, was wir Gesinnung nennen, ein Aufbrausen bei jeder Gelegenheit, das Tugend verräth, so ein Zischen oder Gischen, so oft Sie auf Freiheit, Volksunterdrückung, Adelstolz und dergleichen kommen, daß es den guten Lesern so recht in Arme und Beine fährt, und sie gleich durch Ihre schöne Sprache und freimüthige Darstellung erhitzt eine Prügelei anfangen möchten. Wenn Sie mir ein solches Buch machen können, so theilen wir uns in den Gewinn. Ich bin viel zu wenig mit den politischen Verhältnissen bekannt, antwortete Titus, um ein solches Werk unternehmen zu können. Werk? sagte Zinnober, indem er die Nase rümpfte; ich sehe wirklich, daß Sie noch wenig mit der Schriftstellerei bekannt sind, denn es schreibt sich ja nichts leichter, als dergleichen. Man horcht zusammen, man spricht und läßt antworten, aus Vermuthungen über diesen und jenen Mann macht man Gewißheit, und wo Vermuthung fehlt, erfindet man geradezu; dazu kommt, daß man nicht immerdar zu lügen braucht, die Wahrheit hat das an sich, daß sie sich so 149 und so erklären und deuten läßt, die ächte Kunst aber ist, mit einem Skrupel Wahrheit einen ganzen Zentner Lüge verkäuflich und beifällig zu machen. Einen solchen politischen Schriftsteller habe ich immer gesucht; widmen Sie sich, geistreicher Mann und Herr, diesem einträglichen Fache, und wir wollen uns innig verbinden. Was nicht aus mir selbst hervorgeht, sagte Titus, dazu kann ich meine Hand nicht bieten, am wenigsten zu solchen Sachen, die mir unmoralisch vorkommen. Wo kommen Sie denn her? rief Zinnober lachend aus; wie fremd sind Sie in der Literatur. Zwei Drittheil unserer Bücher werden von uns Buchhändlern geradezu bestellt. Und das ist auch recht und billig. Wir sitzen an der Quelle der Erfahrung und sehen, was gekauft, was vernachlässiget wird. Macht was Aufsehen, Furore, reißt man sich darum, ist unser eins gleich hinterdrein, da wird fortgesetzt, ergänzt, in derselben Manier etwas geliefert. Oder wir bemerken von unserer Warte herab eine Lücke in der Literatur: gleich lassen wir sie durch ein neues Buch ausfüllen. Nun fließt der Strom der Wissenschaften einmal langsam, oder stehet gar still. Frisch wieder drauf los gearbeitet, daß er in Bewegung kommt. Wo soll der einsame Stubengelehrte, der fast immer bestochen für diese oder jene Arbeit schwärmt, und alles nur einseitig, das Ganze aber niemals sieht, woher soll er die Kenntniß schöpfen dessen, was Noth thut? Nein, mein Herr, wir sind die Verwalter der Wissenschaft und Literatur, und die Gelehrten und Schriftsteller nur unsre Handlanger, wenige abgerechnet, die sich emancipiren wollen. Aber wir werden, wie ein großes Fabrikgeschäft, gewiß binnen Kurzem die ganze Sache des Volksthums und Volkswissens ganz allein dirigiren, und dann wird man auch eine ganz andre Consequenz, als bisher, wahrnehmen. Und was nennen Sie 150 unmoralisch? Wenn man sich und sein ganzes Dasein dem Wohle des Volkes opfert, wenn wir nichts denken und wollen, als die große himmlische Freiheit befördern und ausbreiten, können wir da immer gerecht seyn? haben wir nur Zeit dazu? Und wie unbedeutend, daß diesem oder jenem Manne, der der Sache im Wege steht, oder nicht eifrig genug Hand anlegt, Unrecht geschieht? Daß er mancher Dinge bezüchtiget wird, die ihm kein Mensch beweisen kann? Warum ist er groß, berühmt und ausgezeichnet? Konnte er sich nicht mit der Mittelmäßigkeit begnügen? Denn das ist doch auch verderbliche Aristokratie, unbillig hervorragen wollen. – Am liebsten aber stiftete ich ein recht bissiges, skandalöses Journal oder Wochenblatt, da müßte über Alles scharf, witzig, kurz und anziehend gesprochen, raisonnirt, abgeurthelt und immer gelogen und gelästert werden. Was soll denn geschehen, wie soll denn die Zeit vorwärts kommen, wenn man immer ein Paar Geister saumselig und abergläubig bewundert? Herunter gerissen das Hohe, erniedrigt das Große, das mit Füßen getreten, was man gestern anbetete, den beschmutzt, der das Reine liebt, mit dem sich verbrüdert, der eben so denkt, oder dessen Zahn und Gift man fürchten muß, wie die wachsamen Kettenhunde immerdar gebellt, auch wenn keine Ursache ist, so muß das Leben immer frisch und thätig erhalten werden, und die Musen müssen sich zu Köchinnen und Wäschermädchen umwandeln, wenn die Literatur lebendig einwirken, wenn das Wissen fortschreiten, wenn die Pedanterie absterben soll. Schlagen Sie ein und helfen Sie bei dem großen Werke. Ich kann mich nicht diesen Klätschereien hingeben, sagte Titus etwas unwillig, und mein Vorbild, Jean Paul, hat nie auf diese Weise zu wirken gestrebt. Sie kommen mir fast verdächtig vor, fuhr der 151 Buchhändler in seinem Eifer fort; sollten Sie vielleicht jener jesuitischen Parthei angehören, die in allen Richtungen dem Lichte entgegenarbeitet? – Noch eins, und etwas ganz Unschuldiges. Sie müssen doch erfahren haben, wie der berühmte oder berüchtigte kleine Caspar unser ganzes Land, vorzüglich aber die Residenz, in Bewegung setzt. Man weiß wenig von dem Menschen, man erzählt allerhand von ihm. Der neuliche Diebstahl, als der Laden, der mit Brüsseler Spitzen handelte, ganz ausgeplündert wurde, hat alle Menschen wieder aufmerksam gemacht. Schreiben Sie schnell seine ganze Lebensgeschichte, als hätten Sie neue und noch ganz unbekannte Nachrichten erhalten; seine Jugend und Erziehung muß erzählt werden, alle seine Streiche, und wir können manche von Cartouche und andern berühmten Spitzbuben mit hinein nehmen. Der Gauner soll sich in vielfältigen Verkleidungen, mit allerhand Namen, in allen Gesellschaften umtreiben. Welches Feld für einen erfindsamen Kopf, wie der Ihrige ist. Fingiren Sie, Sie haben ihn dort und hier angetroffen, sind genau mit ihm bekannt gewesen, führen Sie seine Reden an, sagen Sie, er hat hier in meinem Laden mit Ihnen gesprochen; legen Sie ihm possirliche und scharfe Urtheile über unsre berühmtesten Schriftsteller in den Mund, über die Regenten, etcetera, etcetera. Aber in acht Tagen muß das Werk fertig seyn, und so wie Sie schreiben, wird Tag und Nacht auch gedruckt und korrigirt. Noch im Jahrmarkt wird es über zehn Tagen mit dem Bildnisse des allbekannten Räubers ausgegeben, es geht reißend ab, und ich theile mit Ihnen den Gewinnst. – Alles, was Sie mir da vortragen, erzählen und anbieten, sagte Titus, ist mir so fremd, daß ich nicht darauf antworten, und noch weniger auf Ihre Anmuthungen eingehen kann. In meiner Einsamkeit habe ich nur ein 152 poetisches Auge auf die Händel und Verwirrungen der Welt gerichtet und bin ganz unfähig, auch wenn Sie mich, was gewiß nicht ist, überreden könnten, irgend einen dieser Plane auszuführen. Aber betrachten Sie wenigstens mein Buch, lesen Sie nur einige Kapitel, ja selbst nur einige Seiten, und ich bin überzeugt, Sie werden so hingerissen, so frappirt durch die neuen Gegenstände, die kühnen Bilder und Vergleichungen, den Witz und Humor, die Naturschilderungen nicht einmal mit gerechnet, daß Sie es gern drucken und der Welt übergeben. Zinnober sah ihn ungläubig an, und nahm das fein eingeschlagene und versiegelte Paket langsam und mißtrauisch in seine dürren Hände, betastete es mit den langen Fingern, als wenn diese durch den Einschlag das Manuscript lesen könnten, und ging dann an den Schreibtisch, um die Siegel zu lösen. Er beseitigte das feine, einhüllende Papier, wickelte den Inhalt heraus – und starrte dann den Ueberbringer mit weit geöffneten Augen lange an. Titus wußte nicht, wie er diese sonderbare Miene auslegen sollte, und sagte ruhig: Nun lesen Sie etwas. – Herr! Herr! fuhr der Verleger auf ihn ein – Alles ist entdeckt! Sie selbst (o Finger der rachekundigen Nemesis!), Sie selbst bringen mir einige Pakete der geraubten Brüsseler kostbaren Spitzen! – Und an den Spitzen den Zettel – hören Sie: – er las: »Dem kleinen Caspar wird bedeutet, daß man ihn kennt, er hat kaum noch eine Stunde Zeit, sich zu retten.« – He! – Und darunter hier von einer andern Hand: –»Er kann nicht aus der Stadt, er thut am besten, wieder einmal, wie schon oft geschehen, die Maske des Gelehrten oder Schriftstellers vorzunehmen.« – Die Spitzen und der Zettel wurden schnell verschlossen, indem der Verleger zugleich seine Gehülfen und den 153 Hausknecht rief. Bewacht, bewacht diesen Mann! er ist der weltberüchtigte kleine Caspar! schrie er mit der lautesten Stimme. – Alle entsetzten sich. – Daniel, sagte er, indem er sich an seinen großen Ladenburschen wendete, Du hast den derbsten und klarsten Ton; stelle Dich auf die Gasse hinaus, und schreie es aus, daß es mir gelungen ist, den kleinen Caspar zu fangen; er sei hier im Hinterstübchen durch die Glasthüren zu sehen, aber jeder, der ihn sehen will, muß im Laden eins von meinen Büchern kaufen, sonst wird er nicht eingelassen. Darauf gehalten; Sie, Melchior, gehen Sie nicht davon ab. – Die Diener richteten den Befehl ihres Herrn aus, und bald hörte man Daniels Stimme, bald füllte sich die Gasse, bald drängten Menschen heran, und Melchior hatte viel zu thun, jedem ein Buch oder Büchelchen zu verabreichen und die Bezahlung einzunehmen. – Hier, sagte der Verleger, sitzt, Verehrte, der weltberühmte Gaudieb; wie charakteristisch ist sein gelbes, vermagertes Gesicht, die braunen, dunkeln Augen, die kleinen, kaum sichtbaren Augenbraunen. Sehen Sie, selbst dieser leberfarbene Rock ist bedeutsam. – Mit einem weltberühmten Namen ist er zu mir gedrungen, Titus nennt sich der Spitzbube, die Wonne des Menschengeschlechts, nach dem Kaiser, der keinen Tag ohne Wohlthat verlieren wollte. Gewiß hat er keinen Tag und keine Nacht ohne Spitzbubenstreiche vergehen lassen. – Aber nun genug, meine Herren, treten Sie nun ab, Sie haben ihn genug gesehen; Sie sehen, mein ganzer Laden ist voll, Alle haben ein Recht, ihn zu betrachten. Machen Sie Platz. – Eilig, Melchior! – Himmel, die ganze Straße ist schon gedrängt voller Menschen! – Hausknecht, bindet den Bösewicht fest an den Stuhl, ich muß im Laden helfen Geld einnehmen. – Wer nicht ein größeres Buch kauft, wird gar nicht eingelassen! – Gemach! 154 meine Freunde! Human und höflich, wer den Genuß haben will, in die Nähe des Spitzbuben zu treten! – Nicht so gedrängt und gestoßen! – Still! ich habe nur zwei Hände! – Hier, nehmen Sie, geben Sie, – machen Sie Platz, die Andern wollen auch sehn! So nahm der kluge Zinnober von dieser unerwarteten Entdeckung mit schlauer Eile seinen Vortheil, denn einige Hundert Menschen kauften bei ihm größere oder kleinere Bücher und bezahlten schnell und ohne den Preis genau zu beachten, um nur den bekannten und gefürchteten Schelm in Augenschein zu nehmen; indessen der arme Titus, an seinem Stuhle festgebunden, die Schadenfreude und den Hohn Aller ertragen mußte, die ihn mit einem schimpflichen Tode bedrohten. Das Getümmel war so groß, daß er es bald völlig aufgab, etwas zu seiner Rechtfertigung zu sagen. So resignirt und immerdar die schadenfrohen Verwünschungen hörend, schien er sich endlich, betäubt und überschrieen, selbst für den Verbrecher zu halten, für welchen ihn alle Anschauenden hielten. Man hatte die Wache rufen müssen, um den Andrang vor dem Hause zu vermindern. Das Geschrei und Gerücht, welches sich bald durch die ganze Stadt verbreitete, daß der große Dieb eingefangen in Zinnobers Buchhandlung sitze, hatte den Polizei-Inspektor bewogen, sich ebenfalls zum Verleger zu begeben, um den Inquisiten in Augenschein zu nehmen. Der Inspektor protestirte lebhaft gegen den Ankauf eines Buches, weil er nicht als Neugieriger, sondern um sein Amt zu versehen, in das Haus trete. Nach einigem Widerspruch ward ihm, als einem Offizianten, der freie Eingang gestattet, er ward sogar in das innere Gemach hinzugelassen, um den Delinquenten näher zu betrachten, zu welchem ihn der Buchhändler selbst begleitete. Indessen draußen noch der 155 Verkehr fortgesetzt wurde, der sich aber schon etwas verminderte, sagte Zinnober zum Inspektor: Sehen Sie, Herr Wahrmund, da sitzt der gottlose Bösewicht, den ich mit Gefahr des Lebens zum Besten des Staates eingefangen habe. Hier sind die Brüsseler Spitzen, die in seiner Tasche waren, hier ist der Zettel, der ihn, mehr als ein eignes Geständniß es könnte, überführt. – Er zeigte dem Inspektor die Dokumente, die er dann wieder verschloß. – Nun wissen Sie, fuhr Zinnober fort, daß die Regierung demjenigen, der den großen Verbrecher lebend einliefern würde, zwei Tausend Thaler zur Belohnung verheißen hat: auf diese mache ich jetzt Anspruch, und werde diesen Mann hier, den ich mir durch Klugheit und Geistesgegenwart erworben und eingefangen habe, der Polizei oder dem Kriminal-Gerichte nicht eher abliefern, bis diese zwei Tausend Thaler hier blank und baar auf meinem Tische liegen. Das hängt nicht von Ihnen ab, mein Herr, sagte der Inspektor; wir werden sogleich, ohne zu fragen, den armen Sünder abholen und die Untersuchung eröffnen. Ich gebe ihn nicht heraus, schrie Zinnober; vorher mein Geld! Was? erwiederte der Inspektor; sollen wir etwa die Katze im Sacke kaufen? Wenn er es nun nicht ist? Katze im Sack! sagte Zinnober eifernd; welche unpassende Ausdrücke! Ehrenrührig! Er sitzt öffentlich da; die Handschrift und die Spitzen sind bei ihm gefunden worden; mein Handel ist der ehrlichste von der Welt; ich liefere Ihnen einen lebendigen, gesunden, gut konservirten Spitzbuben, in seinen besten Jahren, frisch und munter, nicht vom Volke zerschlagen, nicht durch Verhöre und Gewissensbisse herunter gebracht, und für die gute Waare will ich mein gutes Geld. Es ist aber begreiflich, daß die Inquisition und der Staat, besonders 156 bei dem jetzigen Spaar-System, ihn lieber umsonst hätte. Aber ich werde mir kein X für ein U machen lassen. Mein Recht ist klar. Wenn es sich so findet, sagte der Offiziant, wird Ihnen Ihre Belohnung nicht entstehn; am wenigsten wird, wie Sie fast zu glauben scheinen, geleugnet werden, der Verbrecher sei er selbst, wenn es sich erst vollständig ausgewiesen hat. Ich bin aber wirklich, wimmerte Titus, eine solche Katze im Sack, die man einer löblichen Justiz für einen Hasen verkaufen will. Erbarmen Sie sich meiner, geehrter Herr, und führen Sie mich zum Präsidenten der Polizei, der mich noch gestern Morgen bei den Wachsfiguren in meiner vollständigen Unschuld, in der unbescholtensten Gesellschaft gesehen hat; er wird mich frei sprechen. Kürzer ist es, mein Guter, sagte der Offiziant, Er wird vorläufig auf das Stockhaus gebracht und dort krumm geschlossen, damit er morgen, der Ordnung gemäß, zum Verhör geführt werden kann. Die Pflicht der ächten Polizei ist es, jeden Menschen, bis auf nähere Ausweisung, für einen Schelm zu halten. Auf die bloße Einwendung, man sei tugendhaft, darf nicht gehört werden. Ich bin nicht tugendhaft, klagte Titus, aber unschuldig. Und ich glaube noch weit eher, sagte der Polizei-Mann, daß ein Mensch tugendhaft, als daß er unschuldig sei. Mir ist jetzt der Mensch, rief Zinnober. wie ein Wechsel nach Sicht; ich lasse und lasse denselben nicht aus meinen vier Pfählen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich habe niemals einen andern Nächsten anerkannt. Der Streit wäre noch heftiger geworden, wenn nicht alles durch den Eintritt eines angesehenen Mannes eine andere Wendung genommen hätte. Der Präsident, welcher von dem Auflauf gehört hatte, fuhr selbst vor, um den 157 Grund oder Ungrund des Gerüchtes zu untersuchen. So wie er eintrat, erkannte er Titus wieder, den er in Gesellschaft des Amtmanns und Predigers gesehn hatte. So sehr sich Zinnober weigerte, mußte er doch sogleich Titus vom Stuhle losbinden. Titus dankte seinem vornehmen Befreier mit gerührtem Herzen. Der Präsident ließ sich die Spitzen und die Handschrift ausliefern und sagte zum Verleger: Sein Sie für das Erste mit dem Gewinnst zufrieden, Herr Zinnober, den Sie ziemlich widerrechtlich gemacht haben, indem Sie diesen unschuldigen und achtbaren Mann wie ein wildes Thier zur Schau ausstellten und ihn für Geld sehen ließen. Herr von Titus könnte deshalb noch eine Klage gegen Sie erheben, ich vertraue aber seiner Gutmüthigkeit so viel, daß er diese Sache wird beruhen lassen. – Wie sind Sie aber an diese Spitzen gerathen, Herr von Titus? Ich begreife es selbst nicht, antwortete dieser; ich las einem angesehenen Manne, einem Herrn von Wandel, mein Manuskript vor; ich ging von ihm, mit meinem Buch in der Tasche, und wie ich es diesem geldgierigen Herrn hier zum Drucke vorlegen will, hat es sich in diese Spitzen verwandelt. Die Sache ist klar, antwortete der Präsident; wir haben, auf seltsamen Wegen freilich, die bestimmteste Anzeige erhalten, daß das Haupt der Diebesbande sich schon seit lange als ein Herr von Wandel in der Residenz umtreibe, alle Cirkel und öffentlichen Orte in dieser Maske besuche, um seiner Bande durch seine Bekanntschaften die Mittel und Wege zum Raube zu erleichtern. Er war unter dem Namen des kleinen Caspar bekannt, er soll aber eigentlich Lindwurm heißen. Dieser listige Mensch hat sich heut aus dem Staube gemacht, weil er erfuhr, daß er entdeckt worden sei; er hat Ihnen, armer Mann, das Paket mit dem Zettel in die 158 Tasche praktizirt, und noch einige Worte hinzugefügt, die Sie nur um so mehr verdächtig machen mußten. Kommen Sie, ich will Sie in meinem Wagen nach Ihrem Gasthofe zurück führen, um Sie vor den Mißhandlungen des unverständigen Pöbels zu sichern. So geschah es, so ungern auch Zinnober seine Beute fahren ließ. Er sah ihr um so trauriger mit langem Halse nach, weil sich nach der Erklärung des Präsidenten sogleich alle Käufer wieder zerstreuten. Indessen war er mit seinem unverhofften Gewinne, den er schnell überzählte, ziemlich zufrieden, und rechnete mit einiger Sicherheit darauf, daß noch mancher in den folgenden Tagen aus Neugier in seinen Laden treten, und so seine Handlung, die zu den unbekanntesten gehörte, einige Celebrität erlangen würde. Fritz hatte indessen mit der gespanntesten Unruhe den Markt hier und dort in allen seinen Richtungen durchforscht. Er ging, unter den unwahrscheinlichsten Vorwänden, in alle Läden und Gewölbe hinein, und musterte auf eine unbescheidene Weise die weibliche Genossenschaft, um nur seine geliebte Rosine zu entdecken. Wo ein Auflauf war, wo die Menschen sich um ein aufgestelltes Bild und dessen Erklärer, um einen Leierkasten, um Bergmusikanten und dergleichen versammelten, dahin drang er ungestüm, um die Theilnehmer zu beobachten und zu unterscheiden. Seine Angst wuchs, je mehr Zeit er unnütz verlor, je mehr Straßen er durchirrte. Er erregte Verwunderung und Lachen, als er in manche Bude trat, und Käufer wie Verkäufer fragte, ob sie nicht ein junges Mädchen, welches er eilig beschrieb, gesehen hätten. Man erwiederte ihm, wohl ein Tausend solcher 159 wären vorübergegangen und ständen und wandelten noch jetzt allenthalben. So verlor er Stunden, indessen der Amtmann sich ebenfalls in andern Richtungen umsonst bemühte. Als dieser bei einer Wandrung in eine andre Gasse seinen geschärften Blick wieder nach der Ferne richtete und alle Vorübergehenden anstarrte, gesellte sich ein ältlicher, hagerer Mann zu ihm, welcher leise sagte: Ich freue mich, daß es noch andre Männer giebt, die ein wachsames Auge auf die Weltgeschichte richten und festen Trittes der Bosheit nachschleichen. – Kennen Sie Rosinen? fragte der Amtmann. – Nein, antwortete Zimmer (denn dieser Schauspieler war es, der unermüdet umher wandelte), die Jesuiten meine ich, die auf diesem unglückseligen Jahrmarkt in allen Winkeln sitzen. Indem stießen sie an eine dicke Figur, die nicht ausweichen konnte, weil sie von Andern gedrängt wurde. Es war der Herr von Mayern, der sich keuchend durch das Gewühl arbeitete. In der Fischergasse! In der Fischergasse sitzt er! schrieen jetzt viele Jungen, die sich tobend und muthwillig umtrieben. In der Fischergasse! hörte man von allen Seiten und rund um das Geschrei wiederholen. – Was giebt's da? schrieen andre. – Da haben sie den kleinen Caspar eingefangen, sie lassen ihn dort für Geld sehen. – Dahin! rief ein Schwarm, der sich durchdrängen wollte. – Lindwurm! Lindwurm! tobte man von einer andern Seite. – Der Amtmann sah erschrocken um und fragte: Was soll's? was will man von mir? – Er wurde aber nicht gehört, sondern der Jubel und das Toben überschrie jeden einzelnen Laut. – Lindwurm heißt eigentlich der kleine Caspar! riefen Viele von der andern Seite herüber. – Ja, sagte ein großer Mann mit tiefer Stimme, es ist nun alles entdeckt, Lindwurm ist des Spitzbuben eigentlicher Name. – Der Amtmann blieb betroffen und erschrocken stehen. Seltsame 160 Vermuthungen, beschämende Gedanken, vereitelte Hoffnungen, alles kreuzte sich sinnverwirrend in seinem Gehirn. – Denkt an die Jesuiten! schrie Zimmer mit einer hohlen Stimme dazwischen; duldet diese boshaften Fischhändler nicht und ihre verrätherische Makulatur! – Jetzt war Fritz, dessen Herz fast hörbar schlug, nahe an ein großes Gebäude gedrängt worden. So wie er die Hand erhob, um sich mehr Raum zu machen, wurde ihm plötzlich von einem Nahestehenden so schnell, daß er den Menschen nicht unterscheiden konnte, etwas Schweres in die Hand gedrückt. Er schloß sie mechanisch und fühlte, es sei eine Uhr. – Indem hörte man, etwas entfernt, aus dem Gewühl heraus eine heisere Stimme: Meine kostbare goldne Uhr ist mir gestohlen! Meine Uhr mit den Brillanten! – Es war der dicke Herr von Mayern, der das Zetergeschrei erhob. – Die goldene Kette, mit vielen glänzenden Petschaften, hing aus Fritzens geschlossener Hand herab, und ein Nahestehender packte die erhobene und zitternde Hand und rief: Hier ist eine Uhr! – Mayern arbeitete sich mit gluthrothem Gesichte durch die Masse. Man machte ihm Platz, und er erkannte sogleich seine Uhr, der er sich wieder bemächtigte. Die Umstehenden hatten Fritz ergriffen, auf dessen Leugnen Niemand hörte. Ein Polizeidiener sagte: Gleich ans Halseisen mit dem jungen Spitzbuben, der auch zur Bande gehört. – Ja, sagte ein andrer Beamte, so ist es Gebrauch; wer auf frischer That ertappt wird, den schließt man dort an, daß er eine Stunde ausgestellt bleibt; nachher folgt die Strafe. – Die beiden Diener der Gerechtigkeit hatten Fritz gepackt, indessen ein anderer schon das Eisen öffnete, um den Verbrecher einzuschließen. Der Haufen jubelte. Jetzt war der Amtmann nahe gekommen. Was? schrie er mit Entsetzen: mein Sohn, mein unschuldiger Fritz soll so beschimpft werden? – Wer sind Sie, 161 fragte der Polizeidiener. – Amtmann Lindwurm. – Man ließ ihn nicht weiter sprechen. Lindwurm! Lindwurm! tobten Alle, der Hauptspitzbube! Laßt ihn nicht entwischen! Der kleine Caspar! – Auch der Amtmann wurde festgenommen, und der Pfarrer Gottfried, der indessen sein Geschäft beim Banquier und mit Bernhard beschlossen hatte, sah mit Entsetzen diese Scene des Tumultes und der Verwirrung. Er war viel zu schwach, dem Pöbel Einhalt zu thun, Niemand achtete seiner. Schon war es daran, daß unter schadenfrohem Jauchzen Fritz der Schande Preis gegeben, und dessen Vater gemißhandelt und verhaftet werden sollte, als ein Wagen durch die Menge langsam fuhr, in welchem der Präsident und Titus saßen. Titus erkannte seine bedrängten Freunde, und der Präsident stieg mit ihm aus, um sie zu befreien. Gehen wir in dies Haus, sagte der Präsident, nachdem er Fritz angehört und den Dienern der Polizei seine Befehle gegeben hatte. Wir sind hier an dem Lotterie-Gebäude, das uns vorerst sichern wird. Alle gingen in den Saal, in welchem sie der Vorgesetzte, ein angesehener Mann, empfing. Man beruhigte sich, und der Pfarrer, der bis dahin seines Zettels nicht gedacht hatte, sah seine besetzten Nummern groß im Saale angeschrieben. Er verständigte sich mit dem Vorgesetzten; es ergab sich, da er hoch gespielt hatte, daß sein Gewinn funfzehn Tausend Thaler betrug. Auch die arme Rosine, deren Unschuld bald erkannt wurde, ward wieder frei gemacht. Alle dankten dem Präsidenten, und begaben sich mit mannigfaltigen Gefühlen, nachdem sie so viele Erschütterungen überstanden hatten, in den Gasthof zurück. Der verstimmte und gedemüthigte Amtmann, dem nun 162 deutlich geworden war, daß sein verschollener Bruder, der kleine Caspar und Herr von Wandel ein und dieselbe Person seien, sagte zum Pfarrer: Ist das Recht, Herr Gevatter, mir falsche Nummern zu sagen? Ohne Ihre Unredlichkeit hätte ich so viel als Sie gewonnen. Wie konnte ich, theurer Mann, antwortete der Pfarrer kalt, denken, daß Sie auch setzen wollten, da Sie meinen Aberglauben so lächerlich machten? Indessen hat sich der Herr meiner erbarmt, mein Alter ist sorgenfrei, meine Tochter mit einem mäßigen Vermögen keine üble Partie. Nun ist es wohl an mir, zu bedenken, ob ich sie einem jungen Menschen geben will, der fast schon im Halseisen gestanden hat, der einen Namen führt, welcher nun bald im ganzen Lande berüchtigt seyn wird, der sich eines Onkels zu schämen hat, von dem man wünschen muß, daß er niemals wieder zum Vorschein kommen möge. Ihre Tochter, erwiederte der Amtmann, ist auch im Arrest und mit einem spitzbübischen Weibe in Verbindung gewesen. Die ebenfalls, sagte der Pfarrer, zu jener Bande gehört, die ich nicht nennen will, denn es ist am klügsten, alles zu verschweigen. Sie können nichts dafür, Herr und Freund, und ich wäre eben so unvernünftig als unchristlich, wenn ich Ihnen das Schicksal, das Sie bedrückt, zum Vorwurf machen wollte. Am Morgen versammelte man sich wieder, wie es bisher an jedem Tage geschehen war, in dem großen Zimmer des Amtmanns. Nach den überstandenen Leiden hatten die jungen Leute sehr gut geschlafen. Rosine hatte erst noch ein 163 Stündchen geweint, indem sie der Mutter alles hatte erzählen müssen, daß sie, des Diebstahls verdächtig, auf dem Rathhause gesessen hatte. Fritz war über seinen Unfall, und jene kurze Schande, die ihm nur ein Irrthum zugezogen hatte, bald getröstet, da sich Rosine wieder gefunden hatte. Er glaubte fest, daß sein Wunsch nun bald in Erfüllung gehn würde. Am freudigsten war der Pfarrer, der sich plötzlich in einen reichen Mann verwandelt sah; er hatte in der Nacht noch viel mit der ruhigen Frau, die sich mit Gelassenheit in alles fand, über sein Glück gesprochen. Dagegen war der Amtmann mürrisch und verdrüßlich und ihn hatte der Kummer wach erhalten. Seinen alten Freunden gegenüber, – die er bis jetzt gewissermaßen beherrscht hatte, fühlte er sich gedemüthigt: seit Jahren war es seine stolzeste Hoffnung, seinen abentheuernden Bruder wieder zu finden und an dessen Glücke Theil zu nehmen. Jetzt war der sonst ehrwürdige Name Lindwurm schimpflich geworden, und er wußte, daß er in allen Zeitungen würde verrufen werden. Titus war am meisten darüber bekümmert, daß bei seinen wunderbaren Begebenheiten sein kostbares Manuskript war verloren gegangen, welches derselbe Herr von Wandel eigenmächtig gegen jene Spitzen eingetauscht hatte, die natürlich dem Gerichte anheim gefallen waren, das sie dem Eigenthümer wohl wieder zustellte. Der Amtmann machte, als man wieder vereinigt war, die Bedingung für ihren künftigen Lebenslauf, daß man ihn nie bei seinem Namen, sondern nach seiner Würde nennen sollte, daß des kleinen Caspars aber und aller Umstände, die mit diesem zusammen hingen, niemals wieder erwähnt würde. Seine Freunde versprachen es ihm feierlich. Man wollte sich bis Mittag zu Hause halten, um kein 164 unnützes Geschwätz der Menschen anhören zu müssen. Es war jedem erfreulich, einen Theil des Tages im Hause des Banquier Wolf zubringen zu können. Auf morgen war die Rückreise nach Wandelheim festgesetzt, worüber sich Christian besonders freute, der in der großen Stadt gar nichts anzufangen wußte und sich völlig verlassen fühlte. Indem der Amtmann nachdenkend im Zimmer auf und nieder ging, sagte er plötzlich: Ich gehe doch auf keinen Fall mit zu diesem reichen Juden, es sind fremde Menschen da, man wird mich vorstellen, mich nennen, und wenn dies auch nicht geschehen sollte, so wird man von dem kleinen Caspar sprechen. Ja, wenn selbst alle Menschen mein Verhältniß zu ihm wüßten, ist es zu verlangen oder zu erwarten, daß der Gegenstand nicht auf das Tapet kommen solle, der Groß und Klein, die ganze Stadt in Bewegung gesetzt hat? Nein, ich speise zu Hause, hier auf meinem Zimmer. Er öffnete einen Schrank, nahm die erbeutete Wachsmaske und zertrümmerte sie, knetete dann den Klumpen in einander, indem er sagte: Jetzt wird man jenen Caspar, an den ich nicht denken mag, hie und da aufstellen; wie gut, daß ich das Gesicht, das meines vorstellen soll, aus der dummen Bude fortgenommen habe. Gegen die Zeit der Speisestunde gingen alle Uebrige im besten Anzuge nach dem Hause des reichen Wolf. Gottfried hatte genug zu thun, um seine Frau darüber zu beruhigen, daß sie am Tische eines Juden essen solle. Der Weltmann Titus führte ihr aber so mannigfaltige Gründe an, daß sie sich endlich zufrieden stellte. Als man in den großen Saal trat, erschrak Rosine nicht wenig, daß sie in Gesellschaft des jüdischen Greises schon den Superintendenten traf, den gestern am Morgen ihr Fritz so derb ausgescholten hatte. Der Geistliche machte sogleich mit dem Pfarrer 165 Bekanntschaft, den er gestern schon vergeblich im Gasthofe aufgesucht hatte. Er erzählte, wie er die Enkel des geehrten Wolf im Christenthum unterrichtet und konfirmirt habe, die mit freiem Entschluß den Glauben ihrer Väter verlassen hatten. Die Pfarrerin überlegte im Stillen, wie es doch wahr sei, woran sie auf ihrem Dorfe immer noch gezweifelt hatte, daß die Welt sich sehr verwandelt habe und vorgeschritten sei, da sie hier im Hause eines Juden sich in Gesellschaft des hochverehrten Superintendenten befinde. Fritz bewachte ängstlich die Mienen und das Gespräch dieses Geistlichen, der ihn lächelnd betrachtete, und benutzte eine Pause, in der er ihm zuflüsterte, er möge seinem Vater von der Entführung nichts sagen, denn die gewünschte Eheverbindung würde sich jetzt wohl ohne gewaltsame Schritte fügen, da die Sachen sich sehr geändert hätten. Gottfried erzählte auch gleich darauf von seinem unverhofften Lotteriegewinnste, durch welchen er ein reicher Mann geworden sei, die große Summe, die er für Bernhard erhalten habe, hinzu gerechnet. Bernhard trat jetzt auch, anständig gekleidet und in seinem Wesen auffallend verändert, zur Gesellschaft. Die Familie Wolfs erschien mit dem Polizei-Präsidenten, mit welchem Titus und der Pfarrer, so wie Fritz und Rosine ihre Bekanntschaften erneuerten. Er erzählte, daß einige Subalternen, die schon längst verdächtig gewesen, plötzlich unsichtbar geworden, weil sie mit dem Herrn von Wandel verbunden gewesen waren und in dessen Sold gestanden hatten. Man erwartete nur noch den reichen Grafen Rehbahn, um sich an den Tisch zu setzen. Wolf sowohl wie der Präsident sprachen mit Bewunderung von diesem jungen Manne, der, so viel er bei Hofe gelte, doch um kein Amt nachsuche, sondern sich ganz unabhängig erhalten wolle. Man erzählte von ihm und seinen Launen die seltsamsten Dinge. Wie er 166 mit den verschiedensten Menschen aus allen Ständen leben, und jedem eine interessante Seite abgewinnen könne. Mit Handwerkern, Schauspielern, Künstlern, Gauklern sei er vertraut, ohne sich zu erniedrigen, und genieße eben so die Achtung der Vornehmsten, sei von Damen begünstigt, und von den Armen seiner Wohlthätigkeit wegen angebetet. Die ihn nicht kannten, mußten nach dieser Beschreibung auf seine Erscheinung sehr neugierig werden. Endlich trat er ein. Ein kleiner, feiner, junger Mann, zart gebaut und fast mädchenhaft anzusehen, der ganz den Anstand eines feinen Weltmanns hatte. Er war heiter und gesprächig, und die Gesellschaft fühlte sich belebt und behaglich, so wie er nur an ihren Gesprächen und Verhandlungen Theil genommen hatte. Man setzte sich zu Tische und die ganze Gesellschaft war heiter und fröhlich. Die Fremden hatten alle ihre Leiden vergessen, und erfreuten sich der Speisen, des guten Weins und der Erzählungen. Der alte Wolf zeigte für Bernhard, den er neben sich gesetzt hatte, die Zärtlichkeit eines liebenden Oheims, und Bernhard, der seit vielen Jahren nicht von ehrbaren Leuten mit Freundlichkeit und Achtung war behandelt worden, fühlte sich glücklich, dachte an Gattin und Kind, und nahm sich fest vor, in seinem neuen Lebenslaufe ein rechtlicher Mann zu werden. Der junge Graf wurde bald sehr fröhlich und erzählte so manche sonderbare und lustige Begebenheit, die er in seinen mannichfaltigen Lebensweisen gesehn und erfahren hatte, daß aller Augen an seinen Lippen hingen. So sehr es Wolf verhinderte, daß sich die Rede nicht auf den jetzt enthüllten Lindwurm oder kleinen Caspar wendete, so wurde doch der neuesten Entdeckung einmal erwähnt, und Rehbahn, der gern scherzte, wendete sich zu einer Dame, die neben ihm saß, und 167 zum Präsidenten gegenüber, indem er ausrief: was man nun viel Aufhebens von der Sache macht, der Mann ist nichts weiter, als ein Sektirer, der nur darum verfolgt wird, weil wir andern von den Lehren einer andern Sekte befangen sind. Wie meinen Sie das? fragte der Präsident. Ich denke, erwiederte der Graf, daß von den frühesten Zeiten her, so lange uns die Geschichte etwas meldet, die Menschen immerdar von Vorurtheilen beherrscht werden, für die sie weit mehr wie für Vernunft und Weisheit eifern. Dergleichen Sekten haben den armen Menschen von jeher viel zu schaffen gemacht. Wie viel Unheil hat die uralte Kasten-Einrichtung, wie viel die Aufhebung dieses Vorurtheils und das Verfahren im entgegengesetzten Sinne hervorgebracht. Wir finden Spuren, daß es Völker gab, die die Weiber vielleicht übermäßig verehrten, und andere, die sie unbillig herabsetzten und beschränkten. Die alten, fast erloschenen Sagen von Semiramis und Sesostris deuten darauf hin. Von den verschiedenen religiösen Partheien will ich nicht einmal sprechen. Hüben war es ein Lehrsatz, der seine Bekenner selig sprach, drüben, nur wenige Meilen entfernt, verfiel der Bekenner desselben der Verdammniß, und wenn einer den andern auf seinem Territorio, den Ketzer von jenseit, erwischen konnte, so schlug er ihn todt und machte ihn zum Märtyrer. Wir bemerken zwei sehr verschiedene Sekten in der Lehre, die wir die Reinlichkeit nennen. Diese leben still neben einander, ohne sich eben zu verfolgen. Der Südländer, so wie der Slave, weiß fast gar nicht, was die Lehre zu bedeuten hat, die sich auch in der That nur schwer beschreiben läßt; denn was ist, tiefsinnig angesehn, diese Reinlichkeit? Der Holländer, der orthodoxeste Bekenner, treibt sie so weit, daß sie nicht nur lästig, sondern für den 168 Deutschen widerwärtig, und selbst zu Zeiten ekelhaft wird. In der Regel ist der Protestant sauberer, als es die meisten in katholischen Ländern sind; Sachsen und Böhmen machen einen großen Abstich, und in Italien neigt sich Florenz wieder mehr zur Reinlichkeit. In Spanien scheint, wie in Sicilien und Calabrien, wenige Orte ausgenommen, die Sache noch nicht entdeckt zu seyn, die jene Völker wohl für einen germanischen Aberglauben erklären mögen; denn in der That hat sich bei den deutschen Stämmen diese Lehre zumeist ausgebildet. So theilen sich die Menschen auch immerdar wieder in diejenigen, welche an das Eigenthum glauben, und in jene, die es bezweifeln, oder, wenn sie streng orthodox sind, es zu vernichten streben. Jede Lehre, jeden Gedanken, von denen ich innigst durchdrungen und wahrhaft überzeugt seyn soll, muß ich wahrhaft erlebt haben, sonst wird mein Bekenntniß immer nur todter Buchstabe und Nachbeterei bleiben. Es ist aber bekannt, daß es in allen Ländern Tausende giebt, die ohne alles Eigenthum umirren, und denen es unmöglich wird, den Glauben daran lebendig aufzufassen, wenn sie auch sagen hören, Palläste, Gärten, Equipagen, reichbesetzte Tafeln wären das Eigenthum von Diesem und Jenem. Diese Skeptiker schelten also auf jene Lehre als einen verderblichen Aberglauben. Die Bekenner des Eigenthums sind fast immer auf diese irrenden Ketzer nicht gut zu sprechen, und die orthodoxen derselben bestrafen sie, wie sie können, indem sie ihnen schwere Arbeiten auflegen, sie verachten und mißhandeln, und nur eben das nackte Leben der Gottlosen fristen. Manche der irrenden Ketzer suchen nun, um sich zu überzeugen und zu bekehren, Eigenthum zu erleben und zu erwerben. Krank, hülflos irren sie oft umher und sprechen die orthodoxen Eigenthümer an, sie zu überzeugen, ihnen, wo möglich, 169 den Glauben in die Hand zu geben. Die Weichherzigen, die gern Proselyten machen wollen, drücken nach Umständen einen halben Gulden, Groschen, Dreier oder Pfennig dem, der sich bekehren möchte, in die Hand, sagend: siehe, da theile ich Dir von meinem Eigenthume mit, sei auch hübsch gläubig. Der Skeptiker betrachtet die kleine Gabe, wundert sich, daß das dünne Blech eine so große Zauberkraft besitzen solle, sein System und seinen Glauben umzuwerfen, er sagt; der Himmel segne, belohne Euch dafür! das heißt: der Himmel erleuchte Euch, daß Ihr selbst Euren Irrthum aufgebt, und, wenn es wirklich Eigenthum giebt, mir doch so viel mittheilt, daß es mir in die Augen fällt, daß ich mich darauf stützen kann. So geht der Irrende in die nächste Schenke oder zum Bäckerladen, setzt das Blech, um die Zauberkraft zu prüfen, in wenige Nahrung um, verißt und vergißt die Bekehrung, und fällt in seinen Irrthum zurück. Andere giebt's, die, schon lehrbegieriger, sich selbst hinbegeben, wo das Eigenthum aufbewahrt wird. Still und unbemerkt, ohne durch ihren Glaubenstrieb Aufsehen erregen zu wollen, schleichen sie sacht, oft sogar in finstern Nächten, bei Sturm und Regen in fest verschlossene Häuser, mit Gefahr zu den Gold- und Silberhaufen, um sich zu überzeugen und ein Pfand mitzunehmen, daß die Lehre ihrer Gegner kein Irrthum sei. Sie wollen sich überzeugen, aber nicht bloß für den Augenblick, die Wahrheit soll ihnen durch das Leben leuchten, und sie wollen gern, wie natürlich, in Massen und so viel als möglich von den Documenten an sich bringen. Unglaublich ist es, wie diese Armen und ihr lobenswerther Trieb von der Sekte der Eigenthümler verfolgt werden. Gefängniß, Pranger, Schläge, was sie nur ersinnen können, lassen sie ihnen zukommen, aber nichts von ihrem sogenannten Eigenthume, durch welches sie sich doch 170 am leichtesten überzeugen könnten. Ist es zu verwundern, wenn mehr als einer über diese Bigotterie und Verfolgungssucht der Gegner empört wird, und diese Enthusiasten sich verbünden, auf allen Wegen durch List und Gewalt, durch heimlichen, wie öffentlichen Widerstand entweder das Gespenst des Eigenthums zu zerstören, oder sich den Glauben daran durch Realität, Besitz, nicht auf phantastische Weise durch jene aus den Händen gleitende, kleine, unansehnliche Amulete, anzueignen? Wenn sie nun im Walde, auf dem einsamen Felde einen ihrer ausgemachtesten Gegner antreffen, der aber viel des sogenannten Eigenthums im Wagen mit sich führt, so erhebt sich ein lebhafter Dispüt, jeder besteht auf seine Lehre, und die Unterdrückten vergessen sich auch zuweilen in ihrem Triebe, sich besser zu unterrichten, so weit, daß sie den hartgläubigen Gegner simpel todt schlagen und mit seinem Gute davon gehen. In der Regel sind die Regierungen auf der Seite der Eigenthümler, und stehen ihnen nach allen Kräften bei, so daß jene Skeptiker, oder Unbekehrte, die aber oft sich gern zum bessern Glauben wendeten, fast schlimmer als die Kaste der Paria in Indien verfolgt werden. Und doch haben wir schon Regierungen und Fürsten gekannt, die auf allen Wegen dahin strebten, ihren Unterthanen unter vielfachem Vorwand das sogenannte Eigenthum zu entreißen, und das Volk somit in jene verkannte und verfolgte Sekte zu werfen. Ihr Scherz, sagte der Präsident, hat, wie jeder, eine sehr ernste Seite. So lange die Staaten nicht viel besser für die Bildung der niedrigsten und ärmsten Klassen sorgen, sieht es fast aus, als freue man sich, um doch alles vollständig zu besitzen, Diebe, Spitzbuben und Mörder zu haben, an denen sich Criminalisten und Henker üben können. Ich meine nicht, daß man dem Bauer, dem Bauernknecht und 171 dem ganz verstoßnen Armen die Kunststücke eines Pestalozzi, oder anderer Virtuosen, wie es wohl geschieht, beibringen solle: sondern früh soll den Aermsten und Verlassenen ein edler Trieb zur Thätigkeit, eine Liebe zur Wahrheit beigebracht werden. Der Staat wird dann freilich auch hie und da etwas ausgeben müssen, um nicht mit der einen Hand wieder mehr zu nehmen, als er mit der andern giebt. In nahrungslosen Gegenden wachsen nur zu oft von diebischen, ehrlosen Eltern, die allgemein verachtet werden, denen aber kein Mensch zu helfen sucht, verwahrlosete Kinder auf, ohne Bewußtsein, daß es Wahrheit und Ehre geben könne, alles menschliche Gefühl wird in ihnen erstickt, in der Schule, die sie bezahlen sollen, lernen sie nichts; die Gemeine, das Dorf, die Provinz, das Land, ja die Menschheit steht ihnen als verachtender, hassender Feind gegenüber, und sie sollen – mehr als man von Märtyrern und Glaubenshelden fordert – in der Entbehrung aller Bedürfnisse und Genüsse ehrlich, tugendhaft und edel seyn. Wie viele der Guterzogenen würden sich denn wohl unter diesen Umständen so zeigen? – Die Armen, völlig Verwahrloseten erliegen der Versuchung, oder sie sind schon des Glaubens, alles sei ihnen gegen den allgemeinen Feind erlaubt. Nun weiß der Staat, der zu dieser Verstoßenen niemals auch nur mit einem Blicke hingesehen hat, nichts, als sie zu geißeln, zu hängen, zu köpfen und zu rädern. Und doch kann der Listige, wenn er die Umstände kennt und nutzt, und an der rechten Stelle steht, durch List und Trug unter dem Scheine der Tugend viel Schlimmeres thun, wenn er schuld ist, daß der Rechtliche verarmt, der wackere, gedrückte Bürger in seinem Wirken gestört, sich dem Leichtsinn und der Verzweiflung ergiebt, damit er nur reicher und immer reicher werde. Wir haben es auch schon erlebt, daß der Staat solche Spekulanten durch 172 Ehrenstellen belohnt. – In meinem Amte habe ich wohl die Erfahrung machen müssen, daß der gemeine Mann nicht so schlimm ist, als man ihn oft schildern will, und daß selbst der verfolgteste Bösewicht, wenn man ihn beobachtet und seine Geschichte kennt, eine menschliche Stelle im Herzen hat, von wo aus er gebessert werden kann. Ich habe aber freilich auch die Ueberzeugung gewonnen, daß die Todesstrafen menschlicher und weniger grausam sind, als die Surrogate oder Zwangsanstalten, die man an die Stelle derselben, scheinbar human, hat einführen wollen. Ein Botany-Bay ist wahrhaft menschlich; kann der Verbrecher sich nicht in den Zuchthäusern und Gefängnissen bessern, so sind wir gegen ihn und gelegentlich gegen andere weniger grausam, wenn wir ihn hinrichten. Als man diese Ansicht gebilligt hatte, gestand Bernhard ein, daß er es sei, der den Magier veranlaßt habe, der Polizei die Anzeige zu machen, daß man in der Person des Herrn von Wandel sich des kleinen Caspar bemächtigen könne. Schon vor einigen Jahren sei er auf seinen Wanderungen diesem Schelm nahe gekommen, der ihn selbst, da er von seinen tollkühnen Streichen und seiner Armuth gehört habe, für seine Bande habe anwerben wollen. Der Banquier unterbrach dieses Gespräch, weil ihm dergleichen Geständnisse seines abentheuernden Neffen ängstlich waren. Titus erzählte nicht ohne Laune, wie sonderbare Verlegenheit er bei seinem Verleger erlebt habe, und wie wunderbar ihm sein Wunsch in Erfüllung gegangen sei, in der Person des Wandel mit einem ausbündigen Schelme in ein vertrautes Verhältniß zu gerathen. – Aber wo, sagte der Präsident, ist nur dieser sonderbare Magier geblieben? Er ist verschwunden, ohne Spur: man glaubte, er würde 173 sich melden, um auf eine Belohnung Anspruch zu machen, da er doch für Geld geweissagt hat. Diese Summe, sagte der heitre Graf, die nicht unbeträchtlich ist, hat er schon ganz und vollständig der Armenanstalt überliefert, die auch darüber dem großmüthigen Manne eine Quittung ausgestellt hat. Noch unbegreiflicher, sagte der Präsident; denn, muß man fragen, wovon lebt dieser alte Charlatan? Wo kam er her? Wo ist er geblieben? Mir ist er völlig unbekannt, bemerkte Bernhard, denn ich bin ihm früher niemals begegnet; ganz zufällig lernte ich ihn kennen, denn einer seiner Diener führte mich zu ihm, und er selbst unterrichtete mich dann, welche Rolle ich zu spielen habe. So sehe ich mich denn in dieser heitern Gesellschaft veranlaßt, rief der Graf mit fröhlichem Lachen, einzugestehen, daß ich selbst dieser alte Charlatan und Zauberer war. Alle erstaunten. Es entstand neulich, fuhr der junge Mann fort, unter einigen meiner nähern Freunde ein Streit, der sich in eine Wette verwandelte, indem ich behauptete, ich könne mich irgend einmal, die Zeit war nicht bestimmt, mit ihnen in Gesellschaft befinden, ich so verkleidet und entstellt, daß keiner von ihnen mich wieder erkennen solle. Alle wußten, daß ich zu meinem Oheim reisen müsse, der mir eines seiner Güter übergeben wollte; keiner vermuthete mich also in der Stadt. Ich nahm Abschied, fuhr am Tage aus dem Thore, und benutzte die Verwirrung und den Andrang dieses Jahrmarktes, um unerkannt in meiner seltsamen Maske zurück zu kommen. Da ich mir schon seit lange diesen Spaß vorgesetzt hatte, so war ich auch beflissen gewesen, Anekdoten zu sammeln, mich in Kenntniß von vielen Kleinigkeiten zu setzen, und mir alle die Nachrichten, besonders diejenigen, 174 die meine näheren Freunde betrafen, genau einzuprägen. Durch meine Dienerschaft, durch weibliche Bekanntschaften hatte ich auch mancherlei erfahren, und so meinte ich, für meine Rolle hinreichend vorbereitet zu seyn. Es geschah, wie ich erwartet hatte. Meine Freunde waren fast die ersten, die sich, so aufgeklärt sie sich dünkten, zu dem alten Zauberer begaben. Mit Schrecken und Bestürzung verließen sie seine Wohnung, weil ich ihnen Dinge erzählt hatte, die, wie sie wähnten, nur ihnen allein bekannt waren. Durch den Herrn Bernhard erhielt ich die Kunde, daß ein Mann, der sich in der Stadt Baron Wandel nennen ließ, niemand anders als der sogenannte kleine Caspar sei. Kamen ganz fremde Menschen zu mir, die ich nicht konnte abweisen lassen, so half ich mir mit allgemeinen Aussprüchen, die jeder auslegen konnte, wie er wollte, und ich war in diesen Späßen um so dreister, weil ich ja binnen kurzem wieder verschwand, und Niemand mich beschämen konnte, wenn meine Weissagungen etwa nicht in Erfüllung gingen. Jetzt also habe ich Ihnen das entdeckt, was morgen meine beschämten Freunde erfahren werden, die mir außerdem eine ansehnliche Wette zu bezahlen haben. Man beurlaubte sich von dem alten reichen Wolf, dem Alle eine große Hochachtung bezeigten. Gottfried war bewegt, um so mehr, als er gesehn hatte, wie vertraut der Superintendent, vor welchem er eine verehrende Scheu empfand, der Präsident und der junge Graf mit dem Kaufmanne umgegangen waren. Der Landprediger war vollkommen glücklich, daß seine Reise ihn so unverhofft zum reichen Manne gemacht hatte. Seine Frau, die immer gelassen war, zeigte sich auch bei diesem Glückswechsel völlig ruhig. Man machte im Gasthofe die nöthigen Vorbereitungen, um am folgenden Morgen mit dem Frühesten abreisen zu 175 können. Der junge Vetter des Predigers, der sich so leicht von der verkappten Dame hatte hintergehen lassen, war vom Kaufmann Humbert mit einigen unfreundlichen Worten seines Dienstes entsetzt, er wußte nicht wohin, da er sich scheute, unter diesen Umständen zu seinem Vater zurück zu kehren; der Pfarrer beschloß also, ihn vorerst bei sich aufzunehmen, bis sich ein anderes Unterkommen für ihn gefunden hätte; leicht war der Amtmann dahin gestimmt worden, ihm noch ein Plätzchen in seiner geräumigen Kutsche zu bewilligen. So kam man am folgenden Abend in Schönhof an. Der Amtmann war nicht, und der Pfarrer noch weniger gelaunt, die Herrlichkeit des Gartens und die Gastfreundschaft des Barons noch einmal zu genießen. Titus aber, der vor einigen Tagen vom Gutsherrn so dringend war eingeladen worden, meinte, er dürfe sich der Freundlichkeit des angesehenen Mannes nicht entziehen, ohne für unhöflich und undankbar zu gelten. Er hoffte, daß ihn der Baron in seinem prächtigen Schlosse einige Tage oder Wochen beherbergen würde, er hatte die Aussicht, daß er öfter diesen Gartenkünstler besuchen und bei ihm wohnen könne, und darum wollte er diese günstige Gelegenheit nicht fahren lassen. In diesen Aussichten fand er auch einigen Trost für sein verlornes Manuskript, dessen Verlust er um so mehr beklagte, weil er seiner kranken Freundin, der Frau des Amtmanns, noch gar nichts von diesem poetischen Werke vorgelesen hatte. Ohne diesen Freund reisete die Gesellschaft weiter, welches die Folge hatte, daß dem jungen niedergeschlagenen Vetter ein bequemerer Sitz auf dem Bocke eingeräumt werden konnte. Ohne Gefährde und Widerspruch brachte der mehr gewitzigte Christian, der jetzt die Welt hatte kennen lernen, den Amtmann und seine Begleiter am Abend nach 176 Wandelheim und seinem Hause, das gemeinhin nur das Schloß genannt wurde. Die kranke Frau, die noch wach war und im Jean Paul las, war höchst verwundert, den Mann und die Freunde, die sie erst sechs oder sieben Tage später erwartet hatte, schon ankommen zu sehen. Sie war beruhigt und erfreut, daß nur kein Unglück diese so unvermuthet schnelle Rückkehr veranlaßt hatte. Der Pfarrer hatte schon am folgenden Tage eine geheime Unterredung mit dem Amtmann, und beide trennten sich heiter und zufrieden. Es war ausgemacht worden, daß Fritz die kleine Rosine heirathen sollte. Ein Gut, kaum eine Viertelmeile von Wandelheim, war zu kaufen, wozu der Pfarrer das im Lotto gewonnene Geld hergab, und der Amtmann die größere Hälfte aus seinem Vermögen bezahlte. Der Amtmann behielt sich vor, in den ersten Jahren selbst die Verwaltung zu führen, damit Fritz die Wirthschaft lernte; als Jäger und Forstmann hatte der junge Mann schon mit Nutzen seine Lehrjahre überstanden. Die beiden jungen Kinder, als sie diese Anordnungen erfuhren, waren sehr glücklich. Schon am Sonntage geschah in der Kirche das erste Aufgebot, bei welchem Rosine und die Mutter von Herzen weinten. So verflossen die Tage und Wochen, und der Sonntag, an welchem die Hochzeit gefeiert werden sollte, war schon ziemlich nahe. Da erschien plötzlich und unerwartet Herr von Titus, den man fast schon vergessen hatte. Er war sehr redselig und glücklich, sein Angesicht strahlte von Heiterkeit. Er entdeckte den versammelten Freunden, daß er ebenfalls verlobt sei, seine Braut am folgenden Tage erwarte, und mit dem lieben Fritz seine Hochzeit zugleich feiern wolle, wenn der Prediger ihm das Aufgebot erlasse. Gottfried 177 machte vielerlei Einwendungen, doch der begeisterte Titus wußte alle Bedenklichkeiten hinweg zu räsonniren. Auf Erkundigung, wer diese Braut sei, erklärte er: Sie ist eine schöne und reiche Dame, eine geborne Freiin Enselsberg, die Wittwe des Major Baron Fabel, der im Oestreichischen Dienst in Ungarn verstorben ist. Ich lernte sie, wunderbar genug, im Labyrinth unsers Barons, dort in Schönhof, kennen. Sie war von der entgegengesetzten Seite in den Garten eingetreten; sie dankte mir in der Finsterniß, daß jemand eintrete, der sie von dort befreien werde, wo sie den Ausgang vergeblich gesucht. Wir haben glückliche Tage dort im schönen Garten verlebt, in welchem unter den Naturwundern unsre Liebe nach und nach erwuchs und reifte. Sie verließ vor einigen Tagen Schloß und Garten, und ich besuchte sie auf einem Dorfe, wo sie bei einer Freundin wohnte. Hier verlobte ich mich mit ihr, und erwarte sie jede Stunde, weil ich ihr, im Vertrauen auf meinen edlen Freund, Wandelheim zum Ort unsrer Vermählung bestimmte. Der Amtmann und dessen Gattin waren mit allem zufrieden; die Frau fragte nur, um ihren Freund besorgt: Bringt Ihnen, geehrter Mann, die Dame auch einiges Vermögen zu? Sie ist reich, erwiederte Titus, und zum Beweise, daß sie es ist, hat sie mir vorläufig zwei Tausend Thaler baar eingehändigt, um unsre erste Einrichtung auf meinem Gute zu treffen, das ich nun wohl vergrößern und verbessern werde. Alle wünschten ihm Glück und freuten sich seines zunehmenden Wohlstandes; auch war man sehr begierig, seine künftige Gattin kennen zu lernen. Als man vom Tische aufgestanden war, ging der Pfarrer mit seiner Familie in den Garten, der hinter dem Amthause lag, und weitverbreitet wieder an die Landstraße 178 gränzte, die durch das Dorf lief. Die Frau des Amtmanns, die sich etwas besser fühlte, ließ sich beim warmen Sommerwetter nach der Laube, ihrem Lieblingssitze, führen, von wo man einen Baumgang übersah, und auf der andern Seite die Straße und einen Theil des Dorfes. Fritz und Rosine, so wie die Pfarrerin, berathschlagten die Anstalten zur Hochzeit und die Aussteuer, wobei Gottfried und die Gattin des Amtmanns die höchste Behörde vorstellten. Titus führte den Amtmann nach dem Baumgang, und sagte, als sie entfernt genug waren, daß ihn die Uebrigen nicht vernehmen konnten: Hochgeehrter Freund, noch einmal, aber zum letztenmal, sei ein Name gegen Sie erwähnt, des kleinen Caspar, oder Baron Wandel nehmlich, aber um Sie völlig zu beruhigen. Zürnen Sie mir nicht, denn mir scheint es Freundespflicht, Ihnen Folgendes mitzutheilen. Der Präsident, den wir beide kennen, und der sich uns wohlwollend erwiesen hat, war draußen in Schönhof, um den Baron zu besuchen. Jener Mann, dessen Namen ich verschweige, ist glücklich davon gekommen; er war von Vielen unterstützt, mit Vielen in Verbindung, selbst ansehnlichen Familien, so daß man über sein Entschlüpfen froh ist, weil man sonst nicht umhin konnte, viele Menschen zu kompromittiren. Durch seine Verbindungen weiß der Präsident für gewiß, daß jener Wandel mit einem ansehnlichen Kapital nach Amerika unterwegs ist; mit einem ganz neuen Namen, den er jetzt schon führt, kann er dort auch ein ganz neuer Mensch werden. Der Amtmann gab ihm die Hand und sagte: Schön! Nun aber auch kein Wort weiter, auch nicht zu den andern. Er kehrte heiter um, um sich der Gesellschaft wieder zu vereinigen, und den jungen Vetter des Predigers zu begrüßen, der jetzt erst vom Pfarrhause kam und seine Verwandten aufsuchte. Indem sie an der Landstraße standen, rief Titus, 179 der vorangeschritten war: Ich sehe einen offenen Wagen, meine Braut langt an! Haben Sie nicht den Schlüssel hier zum Gatterthore bei sich? Man hörte Pferde und einen rollenden Wagen, der Amtmann forschte nach dem Schlüssel, auf einen Ruf des begeisterten Titus hielt der Wagen dicht vor den Stäben des Gatterthores. Die Dame, eine zierliche Gestalt, stieg vom Wagen herab, alles drängte sich, sie zu sehen und zu begrüßen, ein Bedienter lief nach dem Hause, um den Thorschlüssel zu holen, Titus hatte die weiße Hand der Geliebten ergriffen, näherte sie durch das Gitter seinen Lippen, um sie mit zärtlichen Küssen zu bedecken. Indem stieß Rosine einen lebhaften Schrei aus, der junge Vetter sekundirte, beide sagten dann: Sie ist es! und die Dame, so wie sie die beiden jungen Gesichter zwischen den übrigen Figuren unterschieden hatte, riß ihre Hand so heftig zurück, daß Titus Nase gegen das Gitter schlug und nicht ohne Verletzung blieb. Bevor er noch fragen konnte: was soll das? war die Braut schon wieder in den Wagen gesprungen, und der Kutscher fuhr, ihrem Befehle folgend, im schnellsten Trabe seiner Pferde davon. Als der Bediente den Thorschlüssel brachte, und die Gesellschaft sich von ihrem Erstaunen erholt und einigermaßen verständigt hatte, war die Geliebte aus dem Bereich, und, wie man glauben mußte, auf immer verschwunden; denn Rosine, so wie der junge Vetter, erklärten jetzt, die Flüchtige sei jene Gräfin, die die kostbaren Shawls und Spitzen neulich beim Kaufmann Humbert ausgenommen habe. Titus konnte sich erst nicht fassen. Er verbat sich jeden Trost und hörte kaum die vernünftigen Reden seiner poetischen Freundin an. Er wurde erst beruhigt, als der 180 Pfarrer über seine schnell gestörte Ehe scherzte, und die Uebrigen gutmüthig über seine Verlegenheit lachten. So haben Sie wenigstens, bemerkte der Pfarrer, auch zwei Tausend Thaler in der Lotterie gewonnen; wenn Sie diese Summe nicht als Abstands- und Schmerzensgeld nehmen wollen. Gewiß nicht, sagte Titus, denn ich werde noch heut das Geld an den Kaufmann Humbert, dem es zunächst gehört, zurücksenden. Vielleicht ist doch so sein Schaden großentheils vergütet, und er nimmt den jungen Vetter wohl auch wieder zu Gnaden an. So geschah es. Der Vetter betrat wieder seine Laufbahn als Lehrling des reichen Kaufmanns, und Titus war ganz zufrieden, als er bald darauf sein verlornes Manuskript, ohne Brief und Nachricht, durch die Post erhielt.