Johannes Richard zur Megede Das Blinkfeuer von Brüsterort »Bitte, die Billette nach Königsberg!« In dem engen Korridor des Schlafwagens standen die Reisefiebernden bei ihren Kofferburgen. Die Kabinen weit geöffnet – der ekle Matratzengeruch, die wüste Unordnung nach einer Reisenacht. Hier und da hockten noch mißmutig Russen auf den Polstern, die ewige Zigarette mit dem Riesenmundstück in der schlaffen Mundecke; es waren breite, graue slawische oder matte, feiste orientalische Gesichter – die Charakterköpfe der östlichen Eilzüge. Der Trinkgeldschaffner turnte rasch und freundlich durch alle Hindernisse. Am letzten Fenster lehnte ein Herr lässig, elegant. Es war ein Junimorgen. Seit dem grauenden Tag hatte er hier gestanden und die dämmernde Ebene an sich vorüberfliegen sehen – in den Roßgärten die weidenden Pferde oder die zum Wiederkäuen niedergetanen Rinder, die grauen Dörfer, die duftenden Ährenfelder und hüben und drüben den dunkeln Wald. Es war die Heimat, die er Jahre nicht gesehen. Er schaute und schaute, aber das Auge blieb verschleiert und kalt. Als der Schaffner zu ihm kam, sagte er nur über die Schulter weg: »Besorgen Sie mir in Königsberg einen Kofferträger!« Der Mann blinzelte nach dem Kupee, wo elegante Gepäckstücke achtlos umherlagen, und sagte höflich: »Jawohl, Herr Baron!« »Stimmt nicht ganz«, antwortete der Fremde kühl und wandte sich wieder nach draußen. Zwischen Kiefernwald lugte das Frische Haff hervor, die bleifarbene Flut lustig gekräuselt, am Ufer ein wiegender Kahn, in dunstiger Ferne die gelben Dünenberge der Nehrung. Der Zug raste weiter. Dann tauchten aus weiter Ebene die Vorläufer einer großen Stadt auf: rote Fabrikschornsteine, trübselige Häusermassen, die häßliche Mietkaserne neben dem niedrigen, langgestreckten Landhaus. Am Horizont zwischen spärlichen Kirchen das düster mächtige Bollwerk des Ordensschlosses. Der Fremde schaute wie gebannt ... Das Schloß, die Ebene, der Kindertraum ... Sollte mit der Erinnerung wieder die Jugend sprossen? Seine Nasenflügel bebten. Es war, als ob er sehnsüchtig suchte – und nicht fand. Er atmete auf, lang und schwer ... Jetzt ein grasbedecktes Fort mit exerzierenden Soldaten, der finstere Festungswall. Die Zugräder knarrten unter der Bremse. Der Mann schaute flüchtig auf seinen Anzug. Er war ganz englisch gekleidet. Eine schlanke Figur, ein hartes Gesicht, aber weiche, dunkle Augen. In Königsberg ließ er sein Gepäck auf der Bahn. Er schlenderte durch die Straßen, an den Speichern vorbei über die Brücken. An der letzten mußte er warten. Sie war aufgezogen. Ein Segelschiff glitt durch, und der trübe, gelbe Fluß murmelte. Die Brücke fiel. »Dühling!« rief da ein Kavallerieoffizier von dem andern Trottoir herüber. Der Fremde zuckte nur mit dem Ohr und sah nach der entgegengesetzten Seite. Auch der Offizier merkte, daß er sich geirrt. Der Bekannte, den er meinte, konnte unmöglich schon graues Haar haben. Der Fremde ging rascher. Er war ein wenig rot geworden. Nach dem Morgenbade frühstückte er in einem Hotel, aber allein, er liebte das. Bei der Suppe zog er einen Brief hervor, einen alten Brief von einer viel korrespondierenden Damenhand. Er las ihn, las ihn wieder. Ein Wort küßte er, er tat's flüchtig, verstohlen. Es war ja auch so töricht und paßte eigentlich gar nicht zu dem Mann. Dann sah er träumend durchs Fenster. Dicht vor ihm hob sich das alte Ordensschloß, aber er sah es kaum. Als der Kellner mit dem Fisch kam, winkte er nur nervös, er hatte keinen Appetit mehr. Er begann im Zimmer auf und ab zu wandeln, schnell, lautlos. Da war sie wieder, die Leere, die schreckliche Leere, die kein Wein, kein Weib mehr dauernd zu bannen vermochten! Sie kam an jedem Tage einmal über ihn; wie ein schleichend Fieber heut, wie ein Deliriumsfall morgen, aber sie kam. Seit Jahren scheuchte sie ihn von Ort zu Ort. Nicht Nerven! Das Leiden saß tiefer. Diese Leere hatte eine Frau in seinem Herzen zurückgelassen. Und im Gehen sprach er nach der Art Einsamer zu sich selbst: »Du bist doch ein Mann, Georg! Was nicht zu ändern ist, vergißt man... Du kannst nichts dafür, sie kann nichts dafür... Es war eben Verhängnis.« Und wieder stand er auf dem Punkte, weit wegzufliegen, – die ewige, feige Flucht! Aber war es die Heimat, die ihn heimlich mit weichen Armen umfing, war es die Vernunft, die dem törichten Flüchtling doch einmal Halt gebot? Er sagte nur kurz und hart: »Also meinetwegen! Ich bleibe den Sommer hier... Das Dümmste ist ja immer das Beste.« Er klingelte dem Kellner. »Geht die neue Bahn schon nach dem Samland?« »Nein, erst nächsten Monat.« »Na, dann telegraphieren Sie nach R. ans beste Hotel. Ich will ein gutes Zimmer, aber Seeseite. Kostenpunkt gleichgültig... Und um drei Uhr einen Wagen, anständige Pferde, nicht eure Droschkenschinder, die den Schloßberg kaum 'raufkommen.« Der Kellner lächelte. »Übrigens das Zimmer auf den Namen: Dühling.« Am Nachmittage fuhr ein Jagdwagen mit zwei Füchsen durch das gotische Festungstor. Es war ein schöner Tag, am hellen Himmel die warme Sonne, von der See her der fächelnde Wind. Die Pferde trabten scharf. Mählich versank die Stadt. Die Ebene dehnte sich, so lachend, so jugendfrisch! Das reifende Korn wogte weich, die Wiesen dufteten süß. Von den Bäumen an der Landstraße piepsten die Sperlinge frech. Georg von Dühling schaute hinaus. Es war ihm wohler ums Herz, freier. Die Heimat! Für Augenblicke bannte ihr Zauber doch... Zwar gerade hier hatte seine Wiege nicht gestanden: er kannte das Samland kaum, diese dürftige Bodenwelle zwischen Haff und Haff, wo die hohen Dünen stumm und weiß landeinwärts wandern, wo der feine Seesand mit dem Wind die Felder überrieselt. Er war aus der Niederungsnähe. Die dunkle Scholle glänzt da fettiger, schwerer, die Wiesen sprossen da saftiger. Aber es war doch dieselbe uferlose Ebene, derselbe lastende Himmel, auf den Weiden trotteten träge dieselben schwarzbunten Kühe, hoben dieselben feinen Fohlenköpfe sich wiehernd. Und die Luft so rein, das Licht so groß! Der Reisende bedauerte den jähen Entschluß nicht, er wunderte sich vielmehr, daß er so spät erst der Heimat gedacht. Aber er wußte auch, daß solche Eindrücke nicht dauern, daß dieselbe Leere sich wieder auf die lachende Ebene senken würde. Und weil er das genau wußte, genoß er hastig wie ein Kind. Die weiße Chaussee zog sich endlos hügelauf, hügelab zwischen Feld und Wald, zwischen Heide und Sumpf. Spärliche Dörfer, auf der Straße wenig Fuhrwerke, nur magere Bauernklepper, die trotzig mit dem Kopfe schüttelten, wenn die Füchse sie überholten oder die schweren Strandjournalieren, wie Planwagen gedeckt und mit dem Hausrat von Badegästen beladen. Es war kein reiches Bild, aber es war doch eine einfache Poesie darin, und Georg von Dühling sah fast feindlich auf den frischgeschütteten Damm der Strandbahn, den sie kreuzten, auf einen zierlichen Bahnhof und das neue, häßliche Stadtwirtshaus, das sich an die alte, gemütliche Straße drängte. Das waren alles Eindringlinge... Nur einmal hielten die Füchse Rast. Es war ein behäbiges, altes Dorf und ein behäbiger alter Krug. Vorn die hölzernen Krippen und zwei gemächlich kauende Frachtpferde, im Bauerngarten die Geißblattlaube, der wackelige Tisch, die gackernden Hühner. Und über allem ein so altväterlicher, wohltuender Hauch: selbst der Postillion, der eben vorfuhr, blies sein Horn gefühlvoll wie in alten Zeiten. Georg von Dühling saß in der fliegenbesäten Gaststube und trank Warmbier, obgleich es gar nicht kühl war. Aber das Warmbier gehörte nun einmal zu dem Krug, und er fand es natürlich. Das Dorf hatte in einer fruchtbaren Mulde gelegen. Jetzt ging's sanft bergauf. Oben wehte es schärfer, kühler, das Seesalz tränkte die Luft. Die Küste! Im hellen Licht blasse, dürftige Weiden, kümmernder Wald, das Blaugrün der Lupine und ärmliches, frühreifes Sommerkorn. Der Sand baute hier seine Dünenburgen, und die Ackerkrume erstickte langsam unter den weißen, rieselnden Atomen, die jeder Wind landeinwärts trug. Es war ein mühseliger Kampf, ein sterbend Leben, immer zaghafter, elender, bis zu den Küstenhängen selbst, wo das struppige Strandgras rauscht, der Wacholder wuchert und wie Inseln im Sandmeere Birkengestrüpp und krüppelige Kiefern über den weißen Dünenwellen sich heben. Dahinter blinkte das Meer, die Sonne lag darauf und malte weiße, gleißende Lichter. Der Kutscher knallte mit der Peitsche, die von langer Fahrt müden Tiere legten sich noch einmal zum vollen Trabe aus, sie witterten den Stall. Ein kleiner Badeort, mehr Küstendorf, Fischerkaten und Bauernhäuser gemischt. Der Strand hier war schwierig, das Meer arm, und die Äcker nährten nur kümmerlich den Mann. Das alte Hotel stand im Garten, die Kurkapelle spielte, und um den Birnbaum drehte sich die Jugend im Tanz. Doch der Baum war alt und verdorrt, und nur die Tradition hielt ihn noch heilig. Liebespaare mußten unter ihm getanzt haben, das gab Glück in der Ehe. Georg von Dühling, der nur ein halbes Herz für Lämmerhüpfen sich bewahrt hatte, sah flüchtig hin und fragte gleich nach seinem Zimmer. Der alte Wirt grüßte mürrisch, und im Gastzimmer lagen noch unordentlich die Servietten vom Mittag umher. Verwundert sah Dühling das muffige Gemach nach dem Hof 'raus, in das man ihn wies. Das Stubenmädchen begriff nur schwer, daß man auch am Tage Waschwasser brauchen könne. Und höflich nach einem besseren Zimmer befragt, antwortete der Wirt recht großspurig: »Die Herrschaften, die bei mir logieren, sind immer mit ihren Zimmern zufrieden gewesen.« Aber Dühling maß den Dreisten von Kopf bis zu Fuß. »Habe ich Sie danach gefragt?« sagte er scharf. »Ich danke für Ihr ganzes Hotel! Und wenn Ihre Herrschaften mit so einem schmutzigen Loch zufrieden sind, dann sind's wohl auch die Herrschaften danach.« Der Wirt war ein starker, brutaler Kerl und der Gast nur schlank und mager, aber er hatte in Wort und Miene eine Art, die auch schon weit Stärkere eingeschüchtert hatte. Erst ärgerte Dühling sich über den Zwischenfall, dann schlug er mit dem dünnen Spazierstock einen Lufthieb: »Ach was! Vielleicht liegt in dieser Lächerlichkeit wieder mal mein Schicksal... Ich gehe einfach nach K., da ist's noch einsamer, und sicher ärgert mich da kein bekanntes Gesicht...« Dem Namen nach kannte er die kleinen Seebäder an der Samlandküste längst. Ein Mann wies ihm auch bereitwillig den Weg: über Land eine knappe Stunde, am Ufer zwei gute, weil der Sand so tief sei. Und auf der Düne wohne man am besten. »Also auf nach der Düne!« Den englischen Reisesack schickte er voran. Er selbst ging zum Strand. Die See schwappte träge. Barfüßige Kinder bauten sich Sandfestungen, im Kreise sitzende Mütter klatschten; der Strickstrumpf, die Häkelei, der unermüdliche Mund – das Kleinstadtidyll am Meeresstrand. Auch Georg von Dühling wühlte sich in den Sand und ließ die feinen Körner durch seine Finger rinnen. Zur Rechten und zur Linken die hohe Küste, freundlich, weiß und grün. Der Dünenwall schwang sich in anmutigem Bogen, mit sanften Buchten, rissigen Schluchten, stumpfen Kaps bis hinüber zum schlanken Leuchtturm von Brüsterort, der auf dunkler Landzunge wie auf einer Riesenmole in die Ostsee hinausragte. Es tat dem Auge so wohl und dem Herzen auch. Georg von Dühling blieb lange liegen. Ein funkelnder Strahlenmantel, breitete sich das Licht der untergehenden Sonne über die spielenden Wasser, das Gestirn selbst gelb, dunstig, schläfrig blinzelnd im halben Traum. Die Mütter hatten die Köpfe emporgereckt, ein paar rote Strandhüte leuchteten phantastisch, und dicht neben ihm sagte ein dicker Bürger im breitesten Dialekt: »So was Schönes gibt's nur an unserm samländischen Strand!« Der Reisende lächelte. Ihm, dem Vielgewanderten, schien der Ausruf etwas kühn, aber es lag doch eine so müde Schönheit über dem träumerisch flüsternden Meer, daß er schönere Sonnenuntergänge vergaß. Schnell sank das Licht. Die weichen Dämmerungsschatten zuckten grau und gespenstisch, die Seebrise flackerte matt. Darauf begannen die Dünengräser geheimnisvoller zu rascheln, und das Ufergebüsch auf der Höhe sang. Der Wind war umgesprungen und wehte vom Land. Es war hohe Zeit. Am äußersten Strand, da, wo die kleinen Wellen weiß zischend hinaufleckten, ging er. Dort war der Boden am festesten, weiter versank wieder der Fuß wie im losen Schnee. Dühling klopften die Pulse, und das Herz schlug schneller ob der ungewohnten Anstrengung, dennoch tat sie ihm wohl. Mählich erstarb der lichte Schimmer am Horizont, die Dünenberge starrten düsterer, gespenstischer leuchtete der Sand. Hier unten kein Mensch, kein Laut, kein Luftzug sonst, nur die graue, nebelige See mit ihrem verschleiert flüsternden Wellenschlag, ihren tückisch aufblinkenden Reflexen. Am Himmel unsicher flimmernde Sterne, und das Blinkfeuer von Brüsterort wie ein großes, rotzuckendes Raubtierauge. Zuweilen blieb der Wanderer stehen, zu horchen; es war so stumm, so köstlich einsam. Da – er war mehr als eine Stunde gegangen – plötzlich ein Schatten, eine Gestalt. Eine Frau im weißen Bademantel. Sie mußte im Augenblick aus dem Ufergebüsch getreten sein. Sie ging einen wiegenden, leichten Schritt. Wo die schwarzen Pfähle, die feuchten Taue des Bades sich über dem Wasserspiegel zeichneten, hielt sie. Der Wellengischt netzte ihren Fuß. Sie schaute auf die See, sie fürchtete keinen Lauscher; zu dieser Stunde war der Strand immer einsam, tot. Sie ließ langsam den Mantel von der Schulter gleiten. Keine zwanzig Schritte von ihr der Mann, der den Atem anhielt ... Eine Nixe? Fast schien's. Ein schlanker Körper, leuchtende Glieder, über dem feinen Nacken, hell schimmernd, das Haar im dicken Knoten. Das Gesicht war abgewandt, es schaute nach dem Leuchtfeuer von Brüsterort, das in diesem Augenblick heller flammte. Eine Welle schwappte gierig. Und plötzlich – knirschte ein verräterisches Sandkorn, durchzuckte mit dem kühlen Naß sie ein Grauen? – die Gestalt wandte sich jäh. Zwei große Augen starrten den Lauscher an, heiß zuerst, dann wie langsam erkaltend, zuletzt glanzlos, tot. Sie stand bewegungslos, die Scham mochte ihre schönen Glieder lähmend durchrieseln. Es war nur ein Moment. Dann warf sie den Kopf verächtlich zurück und schritt in die Wellen mit demselben gemessenen, leicht wiegenden Schritt, bis die Flut sie deckte, nur der weiße Nacken leuchtete noch und das helle Haar. Mit langen Stößen schwamm sie hinaus ins Meer. Georg von Dühling zauderte noch, auch ihm rann das Blut heißer. Er war jedoch nicht mehr Knabe genug, um das seltsame Abenteuer voll zu genießen, und feiges Lauschen hatte er nie geliebt. Darum watete er wie beschämt durch den tiefen Sand, querüber nach dem nächsten Dünenberge. Er war steil, und mühsam klomm der Fuß auf der kümmerlichen Grasnarbe. Auf halber Höhe hielt er fast atemlos. Unwillkürlich wandte er sich um. Die nächtliche Schwimmerin war nur noch ein heller Punkt, der in der grauen See trieb. »Schöner Körper und schöne Augen«, sagte er vor sich hin. »Ob ich sie wohl wiedererkennen würde? Vom Gesicht habe ich keine Idee, ich sah nur die Augen. Eigentümliche Augen, wie sie so langsam erloschen ... Solche Augen müßte man eigentlich immer wiedererkennen ...« Und während er weiter kletterte, fühlte er seine Sinne ganz erwachen, seine feinen Sinne – dieser untrügliche Instinkt für die Frau, dieser Durst nach ihr, dieses Suchen ... Er war nicht von der Menge. Einst war das sein Stolz, der längst gebrochene ... Einmal hatte eine Frau in sein Leben gewaltig gegriffen, die Wunde blutete noch. Sollte es noch eine Frau geben, diese Wunde zu schließen? Er schüttelte den Kopf. Den törichten Glauben an Wunder hatte er längst nicht mehr. Oben auf der Höhe wehte es frisch. Auf einem Schmugglerpfad zwischen Wacholder und feuchtem Heidekraut schritt er rasch dahin. Weiterhin loser Sand, Gestrüpp, zuletzt ein elender Wald ohne Weg. Er verirrte sich fast. Doch bald blinkten freundliche Lichter, Tanzmusik tönte verschwommen, er stand vor einem einsamen Haus mitten im Grünen. Das Dünenhotel. Ein Zimmer bekam er auch noch, das letzte. Fast durch ein Wunder, wie der Kellner versicherte, weil das Haus stets überfüllt war und nur heute plötzlich einer hatte abreisen müssen. Georg von Dühling blieb in dem dunklen Garten und aß ein bescheidenes Abendbrot. Drinnen drehten sich die Paare, und unsichere Schatten wogten am beschlagenen Fenster. Es fiel feucht. Die Seenebel zogen tief, der bittere Duft junger Birken würzte die Nachtluft. Und der einsame Mann saß brütend. Er dachte an eine ferne, ferne Frau. Die Nixe war vergessen. Am Morgen erwachte er früh. Ein lichtgebadeter Tag. Es war ein einfaches Mansardenzimmer, doch gemütlich und hell, auf dem Tische stand ein Feldblumenstrauß. Der Blick ging auf Wald. Im Morgenwind spielten die Birkenblätter, und die jungen Triebe der Kiefern leuchteten im zarten Graugrün. Dahinter das Meer silberglänzend, klar. Georg von Dühling öffnete das Fenster. Im Garten unten klirrten Kaffeetassen. Junge Stimmen, Lachen. Der schmale Weg nach dem Strand ging am Hause vorüber. Helle Kleider grüßten herauf, frische Mädchengesichter. Seine Toilette dauerte immer lange. Als er hinunterkam, war das Haus fast leer. Diese Frühaufsteher aus der Provinz nahmen den Tag voll und vergnügten sich bereits in der See oder im Wald. An der schwarzen Tafel im Korridor inspizierte er die Namen, gleichgültige Namen, kein einziger Bekannter darunter. Gott sei Dank! Auch »Georg von Dühling, Offizier«, schimmerte bereits in weißer Kreide. Er lächelte. Der Kellnerinstinkt hatte doch richtig geraten. Das a.D. malte er selbst ungeschickt dazu. Eine freundliche, ältere Dame überraschte ihn dabei, die Frau des Hauses. Sie erkundigte sich liebenswürdig, wie er die erste Nacht an der See geschlafen habe, und belehrte ihn, daß die Dünenvilla nicht etwa ein Hotel, sondern ein Pensionat sei, daß man fünf Mahlzeiten nehme, und daß sie in ihrer Jugend einen Herrn von Dühling auf Berten sehr wohl gekannt habe. Der Gast kniff nur die Lippe und sagte: »So?« um dann etwas höflicher hinzuzufügen: »Fünf Mahlzeiten? Da kann ich nicht mit, gnädige Frau. Außer dem Kaffee zwei sind mir reichlich genug.« Die Dame zuckte die Achseln: »Ja, die Herrschaften verlangen's nun einmal, namentlich das zweite Frühstück. Und Sie sollten mal sehen, wie heißhungrig die Jugend nach dem Bade darüber herstürzt. Aber es freut mich auch, ich freue mich überhaupt, wenn es den Gästen schmeckt, denn die Küche dirigiere ich. Und die Seeluft macht Appetit! Sie werden das noch an sich selbst erfahren. Und es sollte mich freuen, wenn Sie nach einigen Wochen etwas wohler aussehen als jetzt!« Sie sagte das in einer feinen, hausmütterlichen Art, die wohl tat. »Ich hoffe auch, gnädige Frau«, antwortete er freundlich. Der Kellner Karl hatte sich dazugesellt; listig blinzelnd, die Hand in der Hosentasche spielte mit den Biermarken. Und als die Frau ging, erklärte er vertraulich: »Aber Sie können alles kriegen bei uns, Herr Rittmeister, wie in einem Hotel, nur billiger. Wir haben nämlich meistens Damen hier, und die sind auf die Dittchens, herrjeh! Wenn nicht noch die Passanten wären, könnte unsereiner gar nicht bestehen!« Im Garten wartete bereits der Kaffee, ein guter Kaffee, der überreichlich dem Messinghahn einer altmodischen Maschine entströmte. Die Schenkin war ein hübsches, junges Ding aus dem Dorf, mit etwas törichten Augen, – sie hatte noch niemals eine Eisenbahn gesehen. Nach all den Modebädern, den luxuriösen Winterkurorten mal etwas ganz anderes, etwas Ursprüngliches, ein Küstenort mit reiner Luft und einfachen Menschen. Die Villa, ein riesiges Schweizerhaus, turmgekrönt, mit großen Balkons und langer Glasveranda, ragte gar luftig und frei auf der Düne. Der gelbe Sand ringsum glänzte festlich in der Sonne, das zarte Birkengestrüpp ließ darauf seine zitternden Schatten spielen, und kleine Tannen zwischen duftendem Heidekraut kämpften zäh gegen die rieselnde Körnerflut, die sie immer wieder in weißen, heimtückischen Wellen begraben wollte. Auch Staketlauben hoben sich aus Sand und Busch, ein schrecklich steifes Sommerhaus darunter mit farbigem Fenster und einem philiströsen Blumenbeet. Aber hinter der Villa, wo am Holzgalgen der Spielring auf dem Haken klirrte, hatten die Jungen ein tiefes Grab geschaufelt und waren bald ernsthafte Totengräber, bald trotzige Ritter im Verlies. Wenn nicht vor dem Haus um das wehmütige Rosenrundell die vielen Gartentische gestanden hätten mit den bunten, flatternden Decken und den Bieruntersetzern, und wenn nicht das weiße Schild am Eingang den Passanten allerlei Erfrischungen verheißen hätte, würde man vielmehr eine vornehme Privatvilla vermutet haben. Und jetzt noch starrten mißtrauische Fremde auf die Inschrift und sahen die bunten Illuminationslämpchen verwundert an ihrem Draht schwanken, ehe sie mutig eintraten oder schüchtern weitergingen. Allmählich stellten sich die ersten Frühstückshungrigen ein. Junges Volk. Die Mädchen mit frischen Farben, das Haar aufgelöst, noch feucht vom Bad, und hoffnungsvolle Jünglinge mit schlaksigem Gang und etwas ausgewachsenen Hosen. Sie lachten und sprachen laut, und die Mädchen schlenkerten die weißen Baderollen. Ab und zu äugte ein hübsches Kind nach dem Fremden. Denn ein Fremder war hier immer Ereignis. Dann stieß sie wohl die Nachbarin an, sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten und kicherten verschmitzt. An den Tischen bildeten sich Gruppen. Die Buttermilchkanne wanderte die Reihe herum, aus dem braunen Fell löste sich einladend das mattgelbe Fleisch der geräucherten Flunder, weiche Eier wurden beklopft, und mit kleinstädtischem Mißtrauen prüften die Hausfrauen, ob sie auch frisch seien. Die Mädchen aßen hastig, die sorglosen Mütter dazwischen mit Bedacht, ein paar alte Jungfern langsam oder zerstreut, von melancholischen Phantasien getragen. Aber die Gymnasiasten saßen stolz für sich, das Männerbier perlte, und der Kneifer wurde kühner gesetzt, wenn sie mit Siegerblick nach den kleinen Mädchen hinüberschauten. Jungens tobten bereits mit der Klappstulle durch den Garten, das Kriegsgeheul gellte, und am Holzgalgen schwang sich der Ring. Es war wahrlich keine blasierte Gesellschaft, und Georg von Dühling fühlte sich unter diesen Provinzlern ein wenig fremd, und wiederum schienen ihm die Stimmen und die Gesichter vertraut. Auf dem Strandwege draußen flutete ein bescheidener Menschenstrom. Alle schauten nach der Villa, neugierig, vielleicht neidisch die einen, etwas verächtlich überlegen die andern. Seit vorigem Jahr bestand ein heimlicher Zwist: ob die lustige, elegante Dünenvilla auf der Höhe vorzuziehen sei oder die alten Gasthäuser im Dorf. Die Jugend plädierte leidenschaftlich für die Düne, weil der Strand so nahe und der Blick freier, aber die alten Familien erklärten im maßgebenden Ostpreußisch, daß der Teich und der Zauberwald unten im Dorf weit schöner seien, und daß eine dreißigjährige Badegasttreue Beweis genug dafür wäre. Doch Gefühle sind wandelbar und Menschen wankelmütig. Die Villa galt heute bereits als der aufgehende bessere Stern. Eine feste Fronde bildeten nur noch unfehlbare Gymnasialprofessoren und die Wirte. Der Kellner Karl kam geschäftig: »Herr Rittmeister, soll ich Ihnen nicht auch ein bißchen Frühstück rausbringen? Ganz frische Flundern«, und er zwinkerte freundlich. Dühling dankte lächelnd. Diese Provinzart wurde ihm nachgerade spaßig. »Aber lieber Freund, bitte, nicht Rittmeister, ich liebe keine Chargen ...« »Na, nehmen Sie's nur nicht übel, Herr Baron ... die Herrschaften wollen's hier gerade so. Da heißt's immer: Frau Doktorn und Frau Rätin ...« Dühling stand auf. »Sie sind unverbesserlich, teurer Karl ... Der Ort ist doch nicht weit?« »Nein, rechts und dann um die Ecke und dann links, und dann können Sie nicht fehlen.« Der Gast nickte, der Kellner dienerte. In der Gartentür blieb Dühling noch einen Augenblick unschlüssig stehen. Auf einmal murmelte er verdrießlich: »Auch der noch, – ich danke!« und bog rasch nach links. Doch nach wenigen Schritten war er schon eingeholt, eine Herrenhand schlug ihm auf die Schulter. Es war der Offizier von gestern, diesmal in Reitzivil. »Tag, Dühling! Wollen mich heut wohl wieder schneiden?« Der Angeredete blieb stehen. »Ach so, Sie sind's«, antwortete er etwas gedehnt. »Tag ... Wieder schneiden? Wieso?« »Na, gestern in Königsberg an der grünen Brücke. Sie waren aber immer so, Dühling.« Und ohne die Antwort abzuwarten, nahm er ihn unter den Arm: »Kommen Sie nach der Bank da! Da müssen Sie beichten, und hübsche Bälger flanieren da immer.« Dühling ging geduldig mit. Es war ein lauschiger, grüner Platz am Strandweg. Der Neue erwies sich als ein etwas derber, blonder Beau mit dickem Habyschnurrbart und Kommißteint. Er hieß Freiherr von Westrem. Die beiden hatten dieselbe Kriegsschule besucht, kurze Zeit im selben Regiment gestanden, irgendeine Sympathie verband sie nicht. »Nett, daß man sich mal wiedersieht«, sagte Dühling endlich. »Sie sehen famos aus, Westrem, ungefähr zehn Jahre jünger als ich.« »Nur äußerlich!« erwiderte der andre, »Übrigens, der weiße Schnurrbart steht Ihnen nicht mal schlecht ... allerdings mit achtunddreißig Jahren ein bißchen reichlich früh. Zeigen Sie mal die Hand! Natürlich Schnee, Aristokrat, genre distingué wie immer.« Und er schlug dem Kameraden kräftig aufs Bein. »Meinen Sie?« »Das waren Sie mal wieder ganz, Dühling! – Meinen Sie? – Ich kenne niemand, der die zwei Worte so arrogant sagen kann ... Aber Scherz beiseite, wie ich Sie gestern in Königsberg sah, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß man so schnell weiß werden kann.« »Ich sehe aus wie mein eigner Vater, nicht wahr? Schadet nichts, ich bin auch nicht mehr eitel!« »Aber blasiert sind Sie, Dühling, und das tüchtig!« »Ach, Westrem, Sie reden nur nach, was mir schon seit meiner Fähnrichszeit nachgeredet wird.« »Wir wollen uns nicht zanken«, meinte der andre gutmütig. »Die Zeit ist edel ... Sagen Sie mal, Dühling, warum haben Sie eigentlich Ihren Abschied so plötzlich genommen?« »Es paßte mir nicht mehr.« »Na, na, Dühling, das allein?« Der andre aber fuhr ruhig fort: »Ich habe ja mein Gut, und wenn es auch klein ist –« Westrem lachte hell auf. »Das glaubt Ihnen ja kein Mensch! Sie und sich in Litauen auf dem Lande begraben!« »Und wenn ich es doch täte ...« Der andre blinzelte schlau. »Wissen Sie, wer nach Ihnen Adjutant bei derselben Kavalleriebrigade gewesen ist?« Georg von Dühling sah den Sprecher groß an: »Sie. Ich lese doch die Rangliste.« Der andre blinzelte noch pfiffiger. »Und die reizende Kommandeuse?« »Und was hat die Dame mit meinem Abschied zu tun?« fragte Dühling eisig. Da setzte sich der andre ganz dicht heran und stieß ihn leicht in die Seite. »Schauspielern Sie doch nicht, Dühling! Die Spatzen pfiffen's ja von jedem Kirschbaum ... Und dann ist Ihnen die Sache über geworden, und merkwürdig wie Sie immer waren, pfiffen Sie sofort auf den ganzen königlichen Dienst, der Ihnen doch nichts getan hatte ... Aber eine Sünde, eine ganz große Sünde war die Frau schon wert ... Famoses Weib!« Georg von Dühlings blasses Gesicht färbte sich leichenhaft. Er war aufgestanden, und die dunkeln Augen blitzten hart wie Stahl. »Lieber Westrem, wenn böse Zungen sich in der Gemeinheit üben, haben Sie wenigstens die Güte, nicht den Kolporteur zu spielen! Ich kann Ihnen nur sagen: die Frau, die Sie allein meinen können, ist eine vornehme Frau, für manchen Geschmack wohl unverständlich vornehm. Und gerade Sie, der Sie die Frau so gut kennen, sollten sich ...« Er sprach den Satz nicht zu Ende und wandte sich mit einem verächtlichen Achselzucken zum Gehen. Doch der andre eilte ihm sofort nach, er war dunkelrot geworden, und die Stimme zitterte etwas. »Um Gottes willen, Dühling! Doch nur ein dummer Schnack ... Und daß Sie es so tragisch, so scharf auffassen konnten! Ich hab's nicht böse gemeint. Ich habe nun einmal die etwas robuste Art ... Ich nehme natürlich alles zurück ... Geben Sie mir Ihre Hand, Dühling!« Dühling tat's zögernd und mit abgewandtem Gesicht. Es war ein peinlicher Moment. Und rasches Vergeben und Vergessen lag nicht in des Mannes Natur. So oder so würde die Sache noch mal ein Nachspiel haben. Sie schritten den Strandweg auf und ab. Dühling sprach kein Wort, und Westrem schlug mit der Reitpeitsche nach überhängenden Birkenzweigen. Vor der Villa trennten sie sich. »Ich muß noch einen wichtigen Brief schreiben.« »Aber, bitte sehr, Dühling, bitte sehr! Hätte Sie noch gerne meiner Frau vorgestellt, erwartet mich um zehn drüben im Wald. Schade! Na, wenn Sie länger bleiben sollten, sehen werden Sie sie schon mal. Wir essen oft hier, aber wir wohnen in einer Villa ziemlich weit ab, das heißt, ich komme alle acht Tage mal von Königsberg rausgeritten und markiere den eifersüchtigen Ehemann.« Er lachte etwas gezwungen. »Sie sind heute wirklich nicht in Stimmung, Dühling ...« »Das bin ich allerdings nicht.« Und sie schieden mit einem höflichen Händedruck. Die Pensionsgäste sahen dem Fremden nach, als er zwischen den Tischen dahinschritt. In der Glasveranda begann er der Form halber eine Ansichtspostkarte zu schreiben. Er haßte Briefschreiben; Wichtiges regelte immer der Telegraph. Die Sonne brannte heiß auf den geschlossenen Raum. Doch Dühling blieb stumpf sitzen. Da war wieder der Anfall, die Leere, diesmal mit Wehmut gemischt. Hinter ihm im Eßzimmer klapperten Teller. Da fuhr er nervös zusammen. Die Frau des Hauses kam. Er stand auf. »Haben Sie sich bei uns umgesehen, Herr von Dühling?« »Nein, gnädige Frau«, und er wies auf die unvollendete Karte. Die Dame lächelte. »Ja, mit dem Schreiben wird das hier nie viel, die Herrschaften klagen alle ... Aber Sie haben ja noch so viel Zeit!« Viel Zeit und wenig Möglichkeit sie totzuschlagen, das war die Signatur aller dieser Bäder. Essen, spazierengehen, schlafen, wer diese Nervenprobe bestand, war gerettet. Und Georg von Dühling machte sich vernünftig klar, daß er es wenigstens versuchen mußte. Er nahm seinen Morgenspaziergang wieder auf. Zuerst in den Zauberwald. Ein stolzer Name! Die Villa lag mitten drin und überragte ihn, wie ein Schloß seine Parkhecken. Gestern in der Nacht hatte Dühling sich in dem dunklen Buschwerk fast verirrt, heute hatte solche Möglichkeit weniger Schrecken. Der Wald war nur ein Sandmeer mit Hängen und Schluchten, das gelb zwischen dem wuchernden Heidekraut vorleuchtete, die braunen Fichten umrieselte und die weißen Birken. In den Baumspitzen spielte der frische Seewind, aber unten war's schwül. Eine träumerische Schwüle. Der Sand brannte, geschäftig krochen die Ameisen hin und her. Es duftete nach Harz und Laub. Der Erikageruch zog mit. Und wo der kümmerliche Wald sich lichtete, blaute das Meer, grüßte der Salzhauch. Dühling wandelte verschwiegene Buschpfade, watete im Heidekraut, bestieg geheimnisvolle Waldhügel. Überall derselbe dürstende Sand, derselbe starke Duft, dasselbe arme Grün. Die Bienen summten, Insekten zirpten. Es war die einförmige Poesie der Heide um Mittag. Man schaut und träumt und schlummert ein. Die Kurgäste kannten wohl diesen Heidezauber und liebten ihn. Zwischen den Kiefern schwankten Hängematten, deren Insassen schlaftrunken in Büchern blätterten. Ins Heidekraut hingestreckte Mädchen starrten mit großen Augen zum Himmel. Auf schattigem Hügel hatte sich eine ganze Familie niedergetan mit Kinderwagen und Frühstückspapieren und einem schwitzenden, hemdärmeligen Vater ... Nirgends ein lautes Wort, nur schläfriges Flüstern, heimliches Gekicher. Die duftende Schwüle sog jeden Ton auf. Und ganz fern verschwamm der Wellen Schlafmusik. Es war Dühling einen Augenblick, als wenn der große Pan stumm über die Düne schritte und alles Leben fühlte den Zauberstab. Dühling hatte, nach ziellosem Wandern müde geworden, sich auf eine Bank gesetzt. Eine alte Dame vertrieb ihn. Erst hustete sie zornig und dann pflanzte sie sich stumm neben den Eindringling. Es war wohl die sonderbare Vorstellung der Kleinstädterin, daß Plätze, die sie sich auserkoren, ihr auch endgültig gehörten. Der Eindringling war aber nicht bösartig und trollte sich bald. Dabei geriet er in eine tiefe, lose Sandwelle. Dahinter ein Hügel mit alten Kiefern. Als er ihn erstiegen hatte, schauten die roten Dächer des Dorfes durch das Grün. Der kleine Ort lag im engen Tal, von Wald gesäumt. Der langgestreckte Spiegel eines Sees blitzte. Ein friedlich Bild. Unten klapperte eine Mühle, floß träge das Fließ. Nichts verriet die nahe See ... Vielleicht hatten die alten Gäste doch recht mit ihrer Vorliebe für das bescheidene Idyll. Am See standen uralte Linden, Bänke darum. Rechts zog sich die sandige Landstraße hin. An ihr entlang das Dorf, sanft die Dünenhöhe emporsteigend, geborgen in Busch und Grün. Auf dem jenseitigen Ufer hoher, dunkler Kiefernwald, die Stämme leuchteten gelb in der Sonne. Dühling blieb bei den Linden. Man konnte da die ganze Länge des Sees sehen, und wie seine frische Flut bis ins Feld hinaus blinkte. Seerosen schwammen, die Sonne blinzelte ins helle Naß. Es roch nach Wasser und Kühle. Mädchen in Sommerkleidern ruderten lachend und ungeschickt einen großen Kahn. »Die Heimat ist doch schön!« sagte der Vielgereiste ehrlich. Und der See blinkte freundlich, und der Wind fächelte Dank ... Auf der Landstraße ging ein Paar Arm in Arm. Dühling schielte hinüber. Es waren Westrems; der Mann sprach angelegentlich auf seine Frau ein. Vor den Linden bogen sie ab. Dühling sah ihnen nicht nach. Er saß mit gekniffener Lippe. Und dann fiel ihm ein, daß er einmal ein Bild von dieser Frau gesehen, – es war lange her, und ein überglücklicher Bräutigam zeigte es damals im Kasino herum. An dem Bilde hatte ihn etwas sehr gefesselt. Er hatte keine Ahnung mehr was, nur das Lachen der Kameraden hörte er noch und den Ausruf: »Natürlich, der unfehlbare Frauenkenner!« Und er dachte weiter, daß dieser Westrem wohl gerade jetzt die Begegnung von vorhin haarklein erzählte und daß man ein teures Andenken wieder mit Füßen trat. Ja, die Wunde blutete noch immer, aber er starb nicht daran. Der Kahn mit den Mädchen stieß hier ans Land. Und während sie vorübergingen, sagte eine laut: »Hast du eben gesehen? Das war der schöne Rittmeister von Westrem. Er kommt immer von Königsberg rübergeritten, und sie soll ihn gar nicht so sehr mögen ... Das kann ich mir aber nicht vorstellen!« Und Dühling murmelte bitter: »Ihr seid jetzt ungefähr zehn Jahre verheiratet, und da kommt man sich ganz nahe, oder man scheidet sich ganz ... Ich möchte dir etwas wünschen zum Dank für heute, alter Freund ... Aber die Frau wird wohl genau so sein wie der schöne Mann.« Wochen vergingen. Georg von Dühling war geblieben. Die gelinde Neugier für den Neuling hatte sich gelegt. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten erwies er sich als etwas ironischer, gleichmäßiger Tischnachbar. Den Pensionsausflügen blieb er fern, den obligaten Sonnenuntergängen auch. Die kleine, unsichtbare Mauer, sie umgab ihn überall, und man respektierte sie stets. Ihm selbst bekam der Strand über Erwarten gut. Er badete, er aß, er schlief. Mehr verlangte er vorläufig vom Schicksal nicht. Und nach langen Irrfahrten in der großen Welt tat ihm vielleicht diese kleine wohl, wie dem Feinschmecker zuzeiten das Schwarzbrot. Er war immer ein scharfer Beobachter gewesen, ein Mensch von düsterem Humor. Diese Anlage kürzte ihm auch hier die Stunden. Von der allgemeinen Vorstellung hatte man ihn dispensiert. Seine Tischecke genügte ihm vollkommen. Er saß zwischen zwei Damen – die eine jung, hübsch, liebenswürdig, mit jener überschäumenden Lebensfreude, der der Himmel immer blaut, die Sonne immer lacht. Er beneidete sie, und wiederum tat sie ihm leid. Die Schatten senken sich schwer auf jedes Leben, doch nur wie leichter Nebel wallen sie um ein jugendfrisches Haupt. Die andre mochte er nicht. Sie hatte blanke Augen und war an den Schläfen ergraut und gab sich Künstlerinnenairs, weil ihr Bruder Architekt war. Dann kam noch eine Künstlerin, dann noch eine, dann noch eine, aber er vermochte nie recht zu unterscheiden, ob die mit dem Hardenbergprofil spielte oder die mit dem Wogebusen sang. Eines Tages entführte sie die Strandjournaliere. »Zu einer sehr bedeutenden Zukunft«, – wie der alte Stadtrat geheimnisvoll jedem Pensionsgast zuflüsterte. Er war sonst ein kleiner, äußerst beweglicher Herr, Schöngeist und Schwätzer zugleich. Seine gutmütige, dicke Frau stukste ihn immer freundschaftlich zurecht, denn sie lebte in bebender Angst, daß ein bösartiger Schriftsteller am Mitteltisch – er zeigte sich in Wahrheit als harmlos und schrieb für Familienblätter – ihren Gatten einmal abmalen könnte oder ihren Neffen, den jungen Arzt, den die unkontrollierbare Mär von vielen geküßten und nicht geheirateten Mädchen magisch umfloß. Dann sah Dühling noch auf eine kluge alte Frau mit viel Geld und feinem Witz. Sie hatte zur Zerstreuung ihre Nichte mit, eine abgeblühte Blondine mit ewig feuchten Augen, die Mondscheingedichte schon zu Mittag deklamierte und der Reihe nach allen Heiratskandidaten der Pension gefährlich geworden war – dem frauenfeindlichen Gymnasialdirektor durch Virgilstellen, dem Archivar durch das Wessobrunner Gebet. Nur den Schriftsteller verachtete sie – und dies mit Recht. Jetzt richteten sich ihre feuchten Augen liebevoll auf einen reisenden Künstler. Und das Fremdenbuch gab poetische Aufschlüsse über ihre einsame, suchende Seele. Doch sie dichtete glücklos. Er hatte zwar einen starken Adamsapfel und einen blonden Malerbart, und er liebte ganz sicher die Frauen, aber ganz sicher die Ehe nicht ... Das waren Dühlings erste Tischeindrücke und seine Art des Sehens. Noch von jeder Reise hatte er ein kleines Album mit solchen Charakterköpfen mitgebracht – er tat's ganz unwillkürlich, und die harten, scharfen Linien, die er zog, verwischten sich auch in der Erinnerung nicht. Es war viel vorteilhafter, hinter seinem Rücken zu sitzen. Wenn er mit halbzugekniffenen Augen langsam über den langen, weißen Schnurrbart strich, hatte er immer eine Silhouette genommen. Die letzte, die er vom ersten Mittag mitnahm, war ein Kalkulatorspaar aus einem kleinen Nest. Sie war früher sicher sehr hübsch gewesen, ein Kokottengesicht mit feingeschnittener Nase, jetzt kalkte sie unbarmherzig, und ihre kostbare Matinee schleifte wie bei einer Theaterprinzessin über den Strandweg. Sie konnte sich nicht entschließen, alt zu werden. Alle sahen das, nur der Gatte nicht, der kleine Subalternbeamte mit der goldenen Brille im sinnigen Gesicht, der spießbürgerlich und doch stolz neben dieser gewesenen Beauté daherzackelte. Viele sahen dem ungleichen Paare nach. Das Parfüm der Halbwelt wallte, und alte Sünder schnupperten mißtrauisch. Seine junge, hübsche Nachbarin hatte Dühling gleich am ersten Tage nach dem schönen Westrem gefragt: »Kennen Sie auch die Frau? Sie ißt heute im Garten draußen. Ich weiß nicht warum. Wahrscheinlich, weil ihr Mann da ist. Aber sie saßen sonst auch hier – sie gerade auf Ihrem Platz. Oh, sie ist so schick und spielt so wundervoll Tennis!« fuhr die hübsche Sportliebhaberin enthusiastisch fort. »Wenn sie aber immer draußen essen würde, so wäre das eine persönliche Beleidigung für mich. Wir sind alle so nett zu ihr gewesen ... Können Sie sie nicht sehen, Herr von Dühling? Da, gerade vor dem Glashaus, sitzen die beiden.« Und Dühling klemmte gehorsam das Monokel ein, eine schlechte Gewohnheit noch von der Fähnrichszeit her. »Ja, ich sehe, ich sehe«, antwortete er zerstreut und ließ das Glas sofort wieder fallen. Das schöne Korporalsgesicht seines ehemaligen Kameraden war ihm sehr gleichgültig, und von der Frau sah er nichts als den elastischen Rücken im tailor made und purpurrotes Haar in dickem Knoten. »Soll ich Sie nachher vorstellen?« fragte das hübsche Mädchen eifrig. »Ich schwärme nämlich etwas für sie, und mit der Pension lebe ich darum im ewigen Streit: Ich kann nun einmal sogenannte schöne Männer nicht leiden – und finde die Frau viel hübscher und distinguierter als ihn.« Dühling verbeugte sich halb und schwieg. Er wünschte gerade, diese Frau nicht kennenzulernen. Es ward ihm leicht. Die Frau aß nur selten noch in der Dünenvilla, und dann immer im Garten, immer allein. Nur einmal sah er dann das purpurrote Haar von einer Bank am Strandweg leuchten. Und als er näher kam, stand sie auf, beinahe als ob auch sie ihn miede. Als Frau war sie Dühling völlig gleichgültig, nur ihre Kenntnis seiner Angelegenheiten war ihm unangenehm. Doch auch der krankhafte Reiz stumpfte sich ab, weil unter dem Seehauch sich seine Nerven wirklich zu straffen begannen. Er lebte jetzt ganz wie die andern, schlief auf seiner Hängematte im Zauberwald, träumte am Strand. Es war ein langsames Gesunden – doch er wollte nicht recht dran glauben. Jedenfalls gedachte er lange hierzubleiben, bis tief in den Herbst hinein, um dann vielleicht auf sein Gut in Litauen zu gehen. Und manchmal malte sich ihm ein freundliches Bild von kleinen Freuden und kleinen Leiden und einem langen Leben zwischen Hunden, Pferden und Nachbarn. Ja, er sah sich wirklich als Greis – und war ganz glücklich dabei. Aber der fliegende Stich zuckte dann gleich hinterher: Ein langes Leben in dieser Leere? Um Gottes willen!... Er reiste immer mit Pistolen, weil er hoffte, daß der Ekel doch einmal den tierischen Daseinstrieb überwinden würde. So schwankten die Stimmungen. Indes spann die Parze ihren Faden weiter. Eine Regenwoche kam. Sie setzte heimtückisch nach einem wunderschönen Nachmittage mit Sturm, jagenden Wolken und einer wahren Sündflut ein. Das Wetter zuckte, der Donner grollte. Georg von Dühling hatte sich unter eine der großen Teichlinden geflüchtet und sah in seinem Regenmantel beinahe mit Behagen, wie die dicken Strahlen aufs Wasser klatschten, wie die Seerosen erfrischt aufatmeten und wie das Gewitter seine scharfen Lichtreflexe durch die dunkle Flut riß. In wenigen Minuten rieselten kleine Bäche über den Sand, unselige Ausflügler mit formlosen Strohhüten und triefenden Piquékleidern stürzten hochaufgeschürzt vorüber, und Dühling machte dankbare Studien über Provinzunterröcke und Backfischsüße. Zuweilen kehrte eine Ratlose bei ihm ein, schüttelte sich, stürzte weiter. Gegen diesen Strom half kein Blätterdach. Endlich rüstete er sich auch – seine englische Strandmütze troff wie ein Badeschwamm. Er zügelte seine Triebe und spazierte langsam nach einem kleinen Laden an der Landstraße. Badebijouterien füllten das Schaufenster: der helle Bernsteinschmuck, das goldgeränderte Trinkglas, die gemalte Muschel. Kleine Mädchen gafften hier zu allen Tageszeiten sehnsüchtig. Drinnen eine atemraubende Schwüle. Seine junge Freundin aus der Pension trat ihm sofort lachend entgegen: »Sie sehen aber schön aus!« Und dann scheuchte sie lustig mit der Hand die Regentropfen, die Dühlings Mütze beim Abnehmen sprühte. »Sehen Sie, ich war viel schlauer! Ich traf Frau von Westrem unten am Teich und sagte: ›Kommen Sie gleich, gnädige Frau, es geht sofort los‹, und kaum waren wir hier drin, da rauschte der Wolkenbruch auch nur so. Nicht wahr, gnädige Frau?« Aber Frau von Westrem stand über den Kasten mit Ansichtspostkarten gebeugt, sie suchte eifrig und nickte deshalb nur, ohne sich umzusehen. Dühling ärgerte das, und auch sein Versteckenspielen kam ihm kindisch vor. »Darf ich bitten, mich vorzustellen, Gnädigste?« sagte er etwas scharf. »Gnädige Frau, Herr von Dühling wünscht...« Frau von Westrem sah jetzt auf. Sie zeigte ein mattes, regelmäßiges Gesicht mit schmalen Lippen und eigentümlich blassen Augen. Dann richtete sie sich in die Höhe – sie war groß, schmale Schultern, schlanke Hüften, in den langen, vornehmen Bewegungen Rasse und Jugend. Sie reichte Dühling zum Gruße die Hand. Eine hübsche, nervige Hand. Doch die Finger bogen sich nur zu ganz flüchtigem Drucke. »Sie sind schon lange hier, gnädigste Frau?« »Ja, ich werde auch sehr bald wieder reisen. Mein Mann steht in Ostpreußen, und wir hoffen jetzt auf ein längeres Kommando in Berlin.« »Ich weiß wohl, gnädige Frau«, sagte Dühling etwas verwundert. »Hat Ihr Herr Gemahl niemals früher meinen Namen genannt oder Ihnen neuerdings von mir erzählt?« Die Dame beugte sich wieder auf die Ansichtskarten. »Kann sein – kann sein auch nicht ...« Und es war, als wenn eine rosige Welle über die reine Stirn flutete. »Ich hätte mich schon längst vorstellen lassen müssen – ich wollte es auch, aber man sah Sie eben nie«, fuhr der höfliche Lügner fort. Da blickte sie ihn plötzlich voll an. »Das glaube ich Ihnen nicht, Herr von Dühling«, sagte sie rasch. »Aber gnädige Frau!« »Und ich habe doch wohl recht.« Dühling schwieg. Wozu einen unnützen Dialog weiterspinnen? Frauen überredet man, aber man überzeugt sie nie – auch nicht von einer Lüge. Und etwas ganz andres reizte ihn in dem Moment. Wie sie ihn eben ansah, da ward ihm das Bild aus ihrer Brautzeit lebendig. Sie glich ihm noch immer frappant. Und jetzt wußte er, was ihn einst an dem Bilde so gefesselt: Es waren die Augen, diese blassen, schön geschnittenen Augen, die eine Welt verschleierten – oder nichts. Eben hatte da ein Funke geglüht – und das erinnerte ihn ... das erinnerte ihn ... Er zerbrach sich aber vergebens den Kopf. Der Wolkenbruch rauschte so rasch vorüber, wie er gekommen war. Auf der Landstraße rannen Bäche, aber die Sonne lachte schon wieder, und es duftete nach jungfräulichem Grün. Sie gingen. Frau von Westrem hätte sie bis zur Höhe begleiten können – denn da erst bog ihr Weg nach der einsamen Villa ab. Doch sie verabschiedete sich sogleich. Dühlings junge Freundin war darüber etwas pikiert, und nach Frauenart ließ sie das den Mann entgelten. »Warum sagten Sie das eigentlich mit der Vorstellung? Damals ließen Sie mich doch direkt abfallen«, meinte sie vorwurfsvoll, während sie die Holztreppe zum Zauberwald hinaufstiegen. Er zuckte die Achseln. »Gott, façon de parler ! Bei solchen Vorstellungen kommt doch nie 'ne vernünftige Unterhaltung 'raus.« Aber auch er konnte sich keine Rechenschaft geben, warum er so planlos gelogen. Die Regenwoche war schrecklich. Die Pensionsgäste stießen sich in der Villa herum. Sie starrten melancholisch auf die appetitlichen Flundern, sie hockten frierend in der Glasveranda und sahen verzweifelt, wie der kalte Regen unaufhörlich rann, wie die Gartentische trübselig glänzten und die Birkenbüsche sich frostig schüttelten. Man floh zu den ältesten Zeitungen, den abgegriffensten Büchern, der Dauerskat tagte. Zuweilen rührte eine Hand verlegen die Pianinotasten, und sofort fuhr sich ein alter, musikalischer Griesgram mit beiden Händen wütend nach den Ohren. Den Teufel mit Beelzebub vertreiben – das fehlte noch! Die Dame des Hauses tröstete liebevoll: »Das Barometer steigt, sehen Sie!« Und sie klopfte an der schmachvoll gesunkenen Wettersäule. Doch nur ein höhnisches Gelächter antwortete. Sie klopften ja alle täglich, stündlich, das feige, verräterische Metall duckte sich nur noch tiefer. Schon am frühen Morgen klapperte der Groglöffel, es duftete süßlich nach Arrak und seefeuchten Zigarren. Der Kellner Karl hatte bequeme Tage, aber auch er blickte trübselig darein, die spärlichen Passanten draußen auf dem Strandweg zogen gekränkt unter ihren Touristenschirmen nach den alten Dorfwirtshäusern hinunter. Bei Tisch wurde höflich geschwiegen oder verbissen geknurrt, höchstens ein gellendes Auflachen des Galgenhumors. Das Essen schmeckte einfach miserabel. »Wieder die verdammten kleinen Steinbutten mit der labbrigen Soße ... und der Kalbsbraten! ... Ich bitte Sie, dagegen bei uns in Königsberg! Aber das erkläre ich hiermit feierlich: das letztemal samländischer Strand. Man friert oder verregnet. Es ist die alte Geschichte. Das soll nun der Urlaub sein, auf den man sich schon das ganze Jahr gefreut hat!« Und wenn jemand kleinlaut Einspruch zu erheben wagte, ward er sofort mit bösen Blicken zugedeckt, oder man zuckte verächtlich die Achseln. Einmal blinzelte die Sonne blaß und hohläugig durchs grämliche Grau. »Oh, sehen Sie doch, Herr von Dühling, die Sonne! Und es wird schön ... es wird schön!« triumphierte die hübsche Enthusiastin neben ihm. Sie erntete nur ein galliges Schweigen oder ungläubiges Lachen. Freilich, die Jugend nahm den Regen nicht so tragisch. Sie tat sich mit dem Schriftsteller in der Glasveranda zusammen und machte gottlose Witze, auch die Pension wurde etwas durchgehechelt. Georg von Dühling hielt sich abseits, entweder auf seinem Zimmer, oder er saß beobachtend. Auch ihm drückten Regen und Langeweile auf die Stimmung. Aber er fühlte auch zugleich, was er lange nicht gefühlt, daß man im Leben doch irgendein festes Ziel haben müsse, sei es auch das törichteste ... vielleicht ein Frauenkopf, der die Wünsche, die Phantasie leitet, und wo man hoffnungsvoll vorwärts schaut nach dem lachenden, nicht träumend zurück nach dem weinenden Glück. Diese einzige Wahrheit des Lebens ging ihm wieder auf, aber er glaubte doch daran nicht und schaute nur noch sehnsüchtiger zurück nach einer fernen, fernen Gestalt. Das hübsche, junge Mädchen setzte sich oft zu ihm und sprach lustig auf ihn ein und sah durch den Regen immer die Sonne. Auf Augenblicke erwärmte ihn diese Jugend, dieses Hoffen. Er blickte auch wohl nachdenklich umher, wie es unbefriedigte Junggesellen immer tun; es waren viele hübsche, frische Dinger darunter, und ein warmes Frauenauge lachte vielleicht verstohlen auch ihm. Doch vergebens. Auch nicht ein Schimmer von Neigung leuchtete in ihm auf. Am letzten Tage der Regenprüfung nahm ihn der Stadtrat geheimnisvoll in die Ecke: »Eine Frage, Herr Rittmeister. Haben Sie nicht mit dem Baron Westrem zusammen bei der Garde gestanden?« Dühling antwortete zurückhaltend: »Bei der Gardekavallerie nicht, nicht einmal beim Gardetrain ... Ich war zuletzt Leibulan.« Aber der kleine Herr fuhr aufgeregt fort: »Das ist auch nur unwesentlich. Die Sache ist nämlich die: ich bin sehr liberal, und das ist mein Stolz, was Sie auch dagegen sagen mögen; aber für die Geschichte der wirklich vornehmen Geschlechter habe ich mich immer lebhaft interessiert. Und gerade bei diesem Regenwetter komme ich auf meine alte Passion zurück. Wollen Sie vielleicht mal die Güte haben, Herr Rittmeister« – er zog eine Visitenkarte vor: Esther Freifrau von Westrem, geborene Freiin Lyssar  –, »die kam mir neulich in die Hände. Lyssar, Lyssar – nie gehört! Was denken Sie über diesen Adel? Im letzten Gothaischen steht er nicht drin, das sage ich Ihnen gleich.« »Es klingt aber sehr anständig. Und waschechte Freiherren können sie trotzdem sein.« Der bewegliche Herr trat von einem Bein aufs andre und schüttelte heftig den Kopf: »Nein, Herr Rittmeister! Das ist gerade der Krebsschaden bei uns; alle diese Pseudo-Barone, denen man gesetzlich nicht beikommen kann. Knöpft dem Mann das Heroldsamt den Titel ab, die Frau führt ihn dann um so ungenierter weiter ... Wirklich alte Familien, Hut ab, selbstverständlich! Da ist Tradition, da ist was dahinter.« »Oder manchmal auch nicht.« Dühling begann sich zu langweilen. Doch der alte Herr packte ihn am Rockknopf und wurde jetzt ganz geheimnisvoll: »Nein, Herr Rittmeister, Sie dürfen nicht ausweichen! Glauben Sie, daß an dieser Freifrau von Lyssar etwas dran ist? Mir gefällt sie, unter uns gesagt, gar nicht, und wenn ich Ihnen von Königsberg Geschichten erzählen wollte ... Sie sind ein Menschenkenner, Herr Rittmeister, und es würde mich sehr interessieren.« Dühling lachte. »Sie hat rote Haare und spielt Tennis, mehr weiß ich auch nicht, übrigens« – er zeigte nach dem Garten –, »da kommen die beiden gerade. Wenn Sie wünschen, frage ich direkt.« Der Kleine hob die Hand wie zur Beschwörung: »Herr Rittmeister, es war im tiefsten Vertrauen ... wenn Sie das täuschen könnten!« »Keine Angst, Herr Rat, keine Angst, ich bin wirklich kein Schwätzer!« Die Tür der Glasveranda öffnete sich, und der Kleine stob aufgeregt von dannen. Westrems legten ihre Regenmäntel ab. Der Mann sagte etwas laut zur Dame des Hauses: »Immer gemütlich bei Ihnen«, und dann zum Kellner: »Also erst 'n anständiges Gabelfrühstück und dazu 'ne anständige Pulle Sekt ... Was will der Mensch noch mehr!« Darauf trat er in die Tür zum Eßsaal, wo Dühling abgewandt am Fenster Figuren zeichnete. Und mit der Taschenbürste über den tadellosen, dicken Scheitel streichend: »Ein Käfer immer netter als der andre. Das muß man der Dünenvilla lassen!« Die Bewunderung war hörbar genug. Zwei junge Halmaspielerinnen aus Verzweiflung duckten sich angenehm beschämt. Dühling drehte sich unwillkürlich halb nach dem Sprecher um. »Ah, sieh da. Dühling! Immer noch hier? Heute sind Sie feierlich eingeladen: Déjeuner à la fourchette . Mein Kommando grade 'raus: sechs Monate zum königlichen Marstall. Erwarte nur noch Telegramm wegen des Antritts ... Sollen mal sehen bei dem großen Generalschub zu Königs Geburtstag: Westrem, Abschied in Gnaden behufs Übertritt zum Königlichen Hofdienst. Später Oberstallmeister. Exzellenz und so weiter. Wenn's glückt, soll's da höllisch rasch gehen. Passen Sie mal auf, Dühling, ich fahre Sie noch mal viere lang durch die Siegesallee. Man muß nur Glück haben, Dühling, Glück!« Dühling dämpfte die Begeisterung etwas. »Das müßten Sie dann wirklich haben, lieber Westrem. Denn als junger Leutnant hatten Sie eine berüchtigt harte Hand, und jeder neue Gaul ging Ihnen erst in der Bahn durch.« »Neid, alter Freund, nischt als Neid! Nu kommen Sie aber!« In der Glasveranda wurde ein kleiner Seitentisch gedeckt. Dühlings Freundin war auch eingeladen. Sie war überglücklich und sagte wohl ein dutzendmal: »Jetzt, wo Sie endlich gekommen sind, gnädige Frau, muß es wirklich gutes Wetter werden ...« Der schöne Westrem galt immer ein wenig als Zauberer, bei jungen Mädchen nicht nur, sondern auch bei Kellnern. Das Frühstück erschien darum sehr bald, der erste Gang, die Schnitzel dufteten besonders aufregend. Im Eßzimmer schnüffelten hungrig und neidisch sehr viele Nörgler. Die Passanten bekämen stets das Beste. Das war für den ganzen Sommer ein nie versiegender Unterhaltungsstoff. Indessen perlte der Sekt in die Gläser. Der Kellner Karl mit der Serviette blinzelte äußerst pfiffig. Herr von Westrem, der Publikum liebte, erhob sich halb: »Meine Herrschaften, es ist grade kein Kaiserwetter heute, aber ein großer Tag ist es deswegen doch. Wir feiern nämlich heute unsern zehnjährigen Hochzeitstag. Und ich wünschte, daß allen Eheleuten die Liebe genau so grünen und blühen möge wie uns in den zehn Jahren. Meine liebe Esther, dein Wohl!« Die Gefeierte lächelte, die Augen des hübschen Mädchens leuchteten, und die Gläser klangen. »Nanu? Etwas deutlicher, Esther!« rief Westrem. »Das ist doch mein alter Freund Dühling, von dem ich dir so viel erzählt habe!« »Ja, ja ... ich erinnere mich auch.« »Das sagst du aber ganz merkwürdig, Schatz! Wenn man dir von einem Menschen ganze Bände erzählt hat ...« Frau von Westrem zuckte etwas nervös: »Ja, ja! Es wäre doch unhöflich gegen Herrn von Dühling, wenn ich jetzt noch nein sagte. Er selbst hat mich neulich beinahe dasselbe gefragt ... Und jetzt erinnere ich mich dunkel ... Nicht wahr, Herr von Dühling, Sie nehmen es mir nicht übel? Mein Mann erzählt so viel, und auch sonst hört man so viel, und man vergißt es, namentlich, wenn man den Betreffenden nie gesehen hat ...« Dühling verbeugte sich stumm. Der Gatte schüttete resigniert einen vollen Kelch hinter den blonden Habyschnurrbart. Die gute Laune aber verlor er dauernd nie. »Ja, sehen Sie, alter Freund ... Wenn Sie etwa noch beabsichtigen, in den heiligen Stand der Ehe zu treten, dann merken Sie sich, bitte, daß mit dem siebenjährigen Krieg die Sache keineswegs zu Ende ist. Im Gegenteil! Heute vor drei Jahren machte mir meine angebetete Esther die wirklich allererste Szene. Bis dahin war alles eitel Sonnenschein gewesen, und da empörte sie auf einmal eine Bagatelle, ein Nichts. Nervenattacke Numéro I ... Gehört selbstverständlich zur Ehe! Wirst du noch nicht feindlich, Esther?« fragte er gut gelaunt. »O nein.« Sie hatte auf einmal eine steife englische Art, die die Gäste nicht recht zu deuten vermochten. Der Gatte fuhr scherzend mit dem Sündenregister fort: »Und dann hast du angefangen, die Kommandeusen zu schneiden, und dann hast du dir das Tanzen abgewöhnt, und jetzt badest du neuerdings auch nicht mehr See ... Natürlich Ulk, meine Herrschaften! Die Liebe hat jedenfalls nicht gelitten ... Aber nicht wahr«, wandte er sich scherzend zum Freunde, »als Adjutantenfrau alle Kommandeusen zu schneiden, ausgerechnet alle, das ist ein bißchen ville auf einmal?« Frau von Westrem war leicht rot geworden. »Ich weiß nur von einer«, sagte sie leise, die Augen auf dem Teller. Der schöne Westrem lehnte sich etwas breitspurig im Stuhl zurück. »Nu, das ist doch wahrhaftig grade genug, wenn diese eine, genau ausgerechnet, die Frau ...« Er stockte mitten im Wort. Die Frau sah ihn jäh an, und in den blassen Augen blitzte ein heißer, böser Funke: unterstehe dich, Namen zu nennen! Der Mann schwieg auch sofort gehorsam. Dühling aber schaute gespannt auf die Frau, er verstand sie nicht. Es war ein harmloser Zwischenfall. Und die Sektlaune scheuchte das leichte Mißbehagen schnell hinweg. Die Unterhaltung ging weiter, nur das Thema wechselte. Diesmal Familie. Danach waren die Lyssar aus dem Reichsland, und sehr reich mußten sie auch sein. Doch Frau von Westrem blieb immer steif und zurückhaltend. Sie sprach in die Luft, und das schien wohl Gewöhnung zu sein. Erst bei den Pferden wurde sie lebendig, ja amüsant. Dühling hatte jetzt das Gefühl, als sei irgendeine Laune verflogen. Später ging der Gast weg, um zu Pferd und im Reitanzug wieder vors Haus zu kommen. Inzwischen flackerte ein leichtes Gespräch zwischen den Damen über die besten Königsberger Tennisspieler. Dann gingen noch alle eine lange Strecke Weges mit, den schönen Westrem abreiten zu sehen. Als er weit hinter dem Dorf auf einem aufgeweichten Landwege wieder aufsaß, sagte er, sich wohlgefällig in den Bügeln dehnend: »Gott sei Dank, daß unsereiner nicht Infanterist geworden ist! Die halbe Stunde jetzt war mir beinahe schon zu viel ... Also nochmals: Gott befohlen, Schatz! Und in spätestens acht Tagen haben wir, denke ich, das Telegramm. Und dann ein froheres Gesicht, wenn's irgend sein kann, Frau von Westrem.« Er beugte sich noch einmal tief aus dem Sattel, und sie küßte ihn ganz leicht. Doch sah sie ihm lange nach. Er saß so stramm zu Pferde. Und die harte Hand hat er doch noch! dachte Dühling. Wiederum begann es zu tröpfeln. »Gehen Sie rasch nach Hause, liebes Fräulein Melitta, und nehmen Sie meinen Schirm, es wäre sonst jammerschade um Ihr neues Sommerkleid.« Frau von Westrem sagte das freundlich, aber bestimmt. »Bis zu meiner Wohnung bringt mich wohl Herr von Dühling.« So klommen die beiden allein den ausgewaschenen Dünenweg hinan. Sie sah immer zu Boden. Und er murmelte feindlich: »Werdet euch nie verlieren, ihr zwei beide, weil ihr euch nie gefunden habt! Und jetzt markiert sie auch noch die trauernde Strohwitwe.« Sie standen auf der freien Düne. Das Meer lag im grauen Dunst, über dem Küstenwald wogten die Nebelschwaden. Da sagte sie, ohne aufzusehen, plötzlich: »Ich habe neulich und auch eben gelogen. Mein Mann erzählte mir viel von Ihnen, und ich weiß jedes Wort. Wundern Sie sich meinetwegen darüber, aber wähnen Sie nicht etwa, daß ich mich interessant machen möchte. Ich könnte Sie aufklären, dann würden Sie mich gewiß für schlecht halten oder kindisch. Ich bin beides nicht ... Adieu!« Sie reichte ihm wieder flüchtig die Hand. Seit diesem Tage interessierte ihn die Frau. Aber nur das Geheimnis lockte. Die volle, heiße Sonne sengte die Düne. Auf dem lechzenden, leuchtenden Sand flimmerte der Hitzdunst, das Birkenlaub welkte, über das Heidekraut taumelten schwer zahllose Falter. Das Meer lag stumm, bleiern in der Mittagsglut. Die gelbe Küstenlinie zog sich endlos, auch der dunkle Wald oben schien zu schlummern. Wüstenstimmung. Doch die Dünenvilla hob sich darum nur noch schmucker und heller aus dem Heidegrün – wie eine Fata Morgana – mit ihrem schlanken Turm, ihren schattigen Balkons. Es war Ferienzeit. In dem Pensionsgarten summte der Bienenschwarm der Passanten, – die Lüsterjacke, der Entoutcas, das tröstende Bierglas. Die Pensionäre zogen sich hochmütig in ihre Lauben zurück, sie fühlten sich auch wohl etwas zurückgesetzt. Denn ganze Innungen drängten sich zuweilen um die buntgedeckten Tische, mit unergründlichen Eßkobern und ins Korsett gezwängten Müttern, mit schwitzenden Männern und dem denkwürdigsten Ostpreußisch. Harmlose Leute, vom Vereinswahnsinn gefaßt, wie alle guten Deutschen zuzeiten. Dühling, der Hochmut nach unten nicht kannte, sah gern zu. Er versuchte zu rubrizieren. Einmal entdeckte er die unverfälschtesten Bäckerbeine, das andere Mal herrschte der Gastwirtsbauch oder die blaue Kommisfaust. Seine junge hübsche Nachbarin hatte Dühling verlassen, etwas treulos, gerade in den Tagen, wo er gern Aufschlüsse über Frau von Westrems Ehe gehabt hätte. Die interessante Frau selbst kam nicht mehr. Und sie in ihrer abgelegenen Villa aufzusuchen, was er als alter Kamerad des Mannes wohl gekonnt hätte – nein! War es nur Zartgefühl für ihn, so wollte er gern ihre Zurückhaltung ehren; war's irgend etwas andres – er hatte sich niemals dreist in Geheimnisse gedrängt. Und doch sah er seit jenem Tage oft ihr Bild, das leuchtend rote Haar, die vornehmen Bewegungen und im blassen Auge den aufzuckenden Funken. Das Bild kam und ging, ohne daß er es rief. Er hörte auch ihre Stimme, eine schöne, tiefe Stimme, die vor der Konsequenz nicht bebt. Die Pension stand gerade im Zeichen der Aufregungen. Erst wäre der Schriftsteller beinahe in Ungnade gefallen. Er hatte auf Befragen unvorsichtig geäußert: »Wie ich hierher gekommen? Na, 'ne Kateridee! Aber sie bekommt mir vorzüglich!« Die ostpreußischen Mütter verfemten ihn darauf sofort, fanden ihn blasiert, kritisierten seine Romane, die der Nachsicht bedurft hätten, lieblos und führten beim Nachmittagskaffee bald Natalie von Eschstruth, bald Goethe gegen den Wehrlosen siegreich ins Feld. »Gute« Leihbibliotheksbücher lagen auffallend in der Glasveranda umher. Die Jugend wollte den Gefährdeten in liebenswürdigem Enthusiasmus für die Kunst schützen, aber sofort regneten die Beschuldigungen: Natürlich interessiert sie sich – und er war wirklich nicht zum Interessieren; oder verdorbener Geschmack – denn in seinen Schriften siegte die Tugend nur ausnahmsweise. Auch des mangelnden Heimatgefühls wurde der Unglückliche beschuldigt, denn er hatte Insterburg einmal abgelegen genannt. Schon Dühlings hübsche Freundin hatte viel leiden müssen, weil sie mit dem Schriftsteller oft und gern sprach. Heute ruhte der Streit. Der ganze Badeort war festlich gestimmt, die Dünenvilla vor allem. Seit dem frühen Morgen schwärmte die Pension den Berg hinab durchs Dorf und den sandigen Fichtenhügel jenseits des Teiches wieder in die Höhe. Dort lag, vom Wald verdeckt, der neue Bahnhof. Der echte Sommerbahnhof, klein und luftig, freundlich weiß die Mauern, das Holzwerk grün, mit allegorischen Drachenköpfen. Im tiefen, heißen Sand stand das Gebäude, schattenlos, und weit schweifte der Blick in das Samland hinein. Es war Eröffnungstag. Von Kuhren her dampfte der erste Zug heran. Die Kinder auf dem dichtgedrängten Bahnsteig jubelten, die Erwachsenen schrien Hurra und schwenkten die Hüte. Die Lokomotive bimmelte unaufhörlich. Die kleinen, eleganten Wagen rollten leicht, Birkenlaub grüßte aus den Abteilfenstern, Tannenreiser umkränzten festlich den schwarzen Leib der Maschine. Die Schaffner riefen lustig schon von weitem: »Wer mitfahren will, einsteigen, es kostet nichts!« Das war eine Fröhlichkeit, eine Lust! Georg von Dühling stand mitten in der schwatzenden, schwitzenden Menge. Der Schriftsteller neben ihm. Solche Feste gehören zum Kurprogramm kleiner Badeorte. »Hat so 'ne Klingelbahn eigentlich sehr viel Sinn für das Nest, speziell für Leute wie uns?« fragte Dühling. Der Schriftsteller zuckte die Achseln: »Daß man nicht wieder hingeht! Die sogenannten Kollegen werden auch bald auftauchen, – ich danke!« »Na, die Leute hier wollen leben, und wenn ich Gastwirt wäre oder Terrains hätte ...« »Gewiß! Im übrigen sind das doch alles merkwürdige Leute hier! Sie bilden sich faktisch ein, jeder von ihnen müßte mich ganz besonders interessieren.« Er lächelte selbstgefällig. »In Wirklichkeit interessieren mich nur zwei Menschen.« »Und die sind?« »Frau von Westrem und Sie.« »Nanu!« »Aber ich bitte Sie! Sehr einfach: Sie gehören beide nicht hierher und werden doch am längsten hierbleiben!« »Kaum, Verehrtester!« Der Schriftsteller sah gelassen auf den Zug: »Oder gerade!« »Ich trage mich mit Abfahrtsgedanken«, sagte der Rittmeister. »So? Na, dann wird wohl meine Behauptung erst recht stimmen ... Kommen Sie übrigens mit der Westrem oft zusammen?« »Nein!« »Schade! Ich möchte Sie beide gern zusammenbringen, wenigstens im Roman!« »Bitte sehr!« »Leider fehlt mir zurzeit noch das Beste. Ich muß nämlich erst heraushaben, ob die Frau an der Ehe krankt oder an der Liebe.« »Vielleicht an keinem von beiden.« Der Schriftsteller pfiff durch die Zähne und meinte leichthin: »Vielleicht sagt sie es Ihnen mal.« »Mir?« »Jawohl, gerade Ihnen, Herr von Dühling! Ich habe nämlich die Überzeugung: wenn zwei Leute durchaus in eine Wüste gehen, die nicht in die Wüste passen, so haben sie immer irgend etwas Gemeinsames ... Schicksal, Charakter, was weiß ich! Und nur diese beiden werden sich wirklich verstehen, so sehr sie sich auch scheinbar fliehen.« Dühling lachte auf. »Lachen Sie nicht zu früh, Herr von Dühling!« sagte der Schriftsteller ernst. Mit der ihm eignen halben Ironie fuhr er dann fort: »Also, wenn Ihnen mal die interessante Frau Andeutungen machen sollte, vergessen Sie mich, bitte, nicht! Seziert wird sie doch, und es sollte mir leid tun, wenn ich ihr falsche Motive unterlegte ... Sie selbst sollen dabei auch nicht schlecht fortkommen. Ich brauche nämlich zur Abwechslung einen Helden mit einem weißen Schnurrbart ... Warum färben Sie ihn eigentlich nicht? Sie sind doch noch jung genug ... Sehen Sie, das interessanteste an Ihnen ist mir der weiße Schnurrbart! Färbten Sie ihn, so wären Sie ganz sicher nicht hier, vielleicht in Ostende oder Harzburg oder irgendwo.« Dühling schwieg betroffen. Sie waren auf und ab gegangen im Sand und hatten mit halbem Auge zugesehen, wie der Zug in einer tief ausgeschnittenen Waldschlucht verschwand. Der letzte Zuruf, das letzte Bimmeln ... Jetzt wurde der Bahnhof rasch leer, nur noch die welken Girlanden am Stationshaus und der Kellner mit halbgeleerten, klappernden Seideln. Den beiden Nachzüglern brannte die Sonne nun auch zu heiß. Sie gingen zurück nach dem Dorf. Im Wald sagte der Schriftsteller noch: »Zitieren Sie mich, bitte, in der Pension nicht wegen der Wüste! Die Leute nehmen gleich alles persönlich. Das Nest ist wirklich zu schön, um sich täglich an kleinlichen Mißverständnissen zu ärgern.« Zwischen den Kiefern blinkte der Teich. Am Hange waren Bänke zerstreut mit gefühlvollen Inschriften: »Abschiedsblick«, »Klein-Thüringen« und so weiter. Die Sonne sengte hier erbarmungslos. Wurzeln krochen über den Weg, und die Sohlen brannten im tiefen Sand. Aus einem Seitenpfade kam eine Dame im Reitkleid, das Pferd am Zügel. Das Tier trat unsicher, der Steigbügel klirrte. Es war Frau von Westrem. Der Schriftsteller lächelte, und Dühling wollte darum schnell vorübergehen. Doch gerade am Teichrand trafen sie sich. »Darf ich Ihnen den Gaul nicht abnehmen, gnädige Frau?« fragte Dühling höflich. Die Dame grüßte über den Sattel weg leicht: »Danke wirklich! Drüben, an der Landstraße steht schon mein Groom.« »Schnittiger Gaul!« sagte Dühling, wieder auf der andern Seite schreitend, und klopfte dem Fuchs das weiche, zuckende Fell mit dem starken Geäder am Hals. »Das ist er sicher!« antwortete sie. »Aber er hat sich vorhin was getan, wahrscheinlich Fessel verknackst. Und da führ' ich ihn schon lieber.« Die schmale Bohle über das Mühlenfließ kam. Der Fuchs schnob furchtsam. »Ach was, hab dich nicht, Roy!« Die Reitgerte zuckte, und das Pferd stolperte auf dumpf klappernden Hufen hinüber. Bei den Linden kam eilfertig der Diener. Frau von Westrem warf ihm die Zügel zu. Dann strich sie dem Pferde noch einmal prüfend die linke Vorderhand entlang. Am Fesselgelenk zögerte der Reithandschuh. »'n bißchen aufgerieben die Sehne ... Es ist sicher nichts Schlimmes ... Aber gleich kühlen, Friedrich! Ich komme nachher noch selbst in den Stall.« Erst jetzt trat sie zu den Herren hinüber und bot ihnen die Hand. »Ja, das hat man vom Pferdeschonen«, meinte sie etwas ärgerlich. »Ich wollte den Wallach nicht abhetzen bei der Hitze, und zum Dank dafür tritt er in einen Maulwurfshaufen mit seinem bummeligen Schritt ... Schäme dich, Roy!« Darauf wandte sie sich zum Diener: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, Friedrich!« Der Groom griff erst gut geschult nach seiner Tressenmütze. Darauf kramte er in der Brusttasche: »Ich habe noch ein Telegramm für Frau Baronin.« »Telegramm für mich?« Sie verfärbte sich leicht. Mit ihren hübschen, energischen Händen faltete sie rasch das Papier auseinander. Beim Lesen zitterte die Rechte mit der Reitgerte etwas, und die Mundwinkel zuckten. Sie warf das Papier gleich achtlos ins Wasser. »Es ist nichts Besonderes«, erklärte sie. Neugierige standen von fern. Auch ein Damenpferd war hier Ereignis. »Sie kommen von der Bahn, meine Herren? Welch historische Begebenheit! Werden wir es bald zu lesen bekommen, Herr Doktor?« Und sie wandte sich lächelnd zum Schriftsteller. Der lächelte boshaft wieder: »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Verspätet haben wir uns aber zufällig aus einem andern Grunde. Nicht wahr, Herr von Dühling?« Herr von Dühling blickte zerstreut. »Jedenfalls ein angenehmer Zufall, gnädige Frau, der mir den Vorzug gab ... Wir treffen uns ja immer nur aus Zufall.« Der Schriftsteller kniff die Augen zusammen. »Zufall? Gibt's überhaupt einen Zufall? Denken Sie, bitte, an unsre Unterhaltung vorhin!« Darauf empfahl er sich rasch. Er müsse seinen guten Ruf wiederherstellen und den alten Damen noch beim Frühstück versichern, daß heute ein neues Weltbad eröffnet sei. Frau von Westrem sah dem Eiligen nach: »Gibt's überhaupt einen Zufall? Was soll das eigentlich ... Denkt der vielleicht, ich schwärme für Rendezvous unter den Teichlinden?« »Kaum. Er dichtet mal wieder, gnädige Frau!« erklärte Dühling geringschätzig. Sie gingen eine Weile schweigend unter den Linden auf und ab. »Sie reisen, gnädige Frau?« sagte er plötzlich. Sie blieb stehen und schlug mit der Reitgerte in die Luft. »Allerdings. Das war nicht übermäßig schwer zu raten. Morgen mit dem Nordexpreß soll's losgehen, und ich muß noch packen.« »Sie freuen sich auf Berlin?« »Nein!« »Warum reisen Sie dann?« »Ich überlege ja auch noch.« Sie war zu einer Linde getreten, die Reitgerte wippte in langen, scharfen Hieben gegen den uralten, rissigen Stamm. »Früher habe ich Berlin mal leidenschaftlich geliebt«, sagte sie langsam. »Das ist aber lange her. Ich durfte beim Ordensfest vor der Kaiserin meinen Schleppenknicks machen, und meine Toilette fiel überall auf. Das berauschte mich natürlich ... Sie können denken, wie jung und töricht ich damals noch war. Jetzt bin ich viel lieber in der Einsamkeit. Ich habe weder Nerven noch bin ich sonst leidend, aber ...« Sie schwieg. Ein Hieb sauste schärfer. »Ich werde doch reisen«, sagte sie leise und bestimmt. Dühling räusperte sich diskret. Er wußte nichts zu sagen. Die Reitgerte hing jetzt schlaff an dem schlanken, hübschen Arm ... Es war so heiß. Die junge Frau suchte mit zitternden Nasenflügeln nach dem frischen Wasserhauch. Es war wohl der Abschied von dem reizenden Platz. Dann sagte sie auf einmal lustig: »Den letzten Tag hier will ich wenigstens voll genießen! Ich laufe noch einmal so weit, wie ich komme, und esse in irgendeinem Dorfwirtshause ... Dann kommt Berlin. Gott bewahre mich! Ich sehe den Zug schon einfahren im Morgengrauen und den Dunst, und die Fabrikschlote und die mürrische Spree ... Verstehen Sie den Ekel?« Er lachte hart auf! »Ob! Seit Jahren ist dieser Ekel mein steter Begleiter.« Sie sah nachdenklich auf den Boden. »Wollen Sie mitgehen jetzt?« fragte sie zögernd. »Aber selbstverständlich, gnädige Frau! Es ist mir eine besondere Auszeichnung, Sie gerade auf dem letzten Spaziergang beschützen zu dürfen.« »Ist das wahr?« »Würde ich sonst, gnädige Frau?!« Sie schüttelte unwillig den Kopf, »überlassen Sie die höfliche Phrase doch andern! Sie steht Ihnen nicht, sie steht Ihnen gar nicht.« Er fühlte die Wahrheit und sagte einfach: »Ich bin so viel allein, gnädige Frau.« »Das bin ich auch, eigentlich immer ... Also kommen Sie!« Er schlug ihr noch ein bequemeres Kostüm vor. Er werde sie hier erwarten. Sie lachte nur. »Warum? Umziehen! Sie wissen doch, daß das bei einer sogenannten Dame Ewigkeiten beansprucht. Und an diesem letzten Tage will ich nicht eine Sekunde freiwillig opfern ... In dem Kleide geht sich's ganz gut, und wenn die Leute an meinen Reitstiefeln und an einem Reithut Anstoß nehmen, immerzu! Wenn's mir nur paßt ... Ich bin von Jugend auf für allen Sport trainiert, und Ermüdung kenne ich eigentlich kaum ... Heute geht's landeinwärts. Ist's Ihnen recht? Ich führe.« Sie gingen über den Hang zurück in den Wald. Sie stieg so sicher, so elastisch. Und er hinter ihr fühlte stärker den Reiz dieser hohen, biegsamen Gestalt. Der schmale, gelbe Stiefel, das elegante Kleid, die fast herausfordernde Sicherheit – es war der Anstand einer Schulreiterin, nur distinguierter, rassiger. Und der griechische Knoten leuchtete verführerisch unter dem grau verschleierten Hut ... Ob sie sich auch so sicher und elegant im Tanze wiegte, auf dem bunten Jahrmarkt der Eitelkeit? Ein herber Zauber umfloß sie, das Parfüm der großen Welt und unbesieglicher Jugend zugleich. Erst jetzt begriff er ganz, wie jung sie noch war und wie frisch. Oben in der brütenden Hitze der Kiefern schritten sie langsamer. »Sie müssen sich sehr früh verheiratet haben, gnädige Frau ...« sagte er. »Siebzehn«, antwortete sie gleichgültig. »Es ist wohl das Richtige.« »Kaum.« »Ja gewiß, wie man's nimmt.« »Nein, nicht wie man's nimmt, Herr von Dühling!« Und sie schritt wieder schneller. »Wer sich verheiratet, muß wissen, wen und warum, und das weiß keiner mit siebzehn Jahren, auch beim besten Willen nicht. Wer sein Glück dabei wirklich findet, der greift eben mit einem sehr leichtsinnigen Griff in den Glückstopf: das eine große Los.« Er sah sie mißtrauisch an. »Aber jeder liegt freilich, wie er sich bettet, und wer ein Schicksal nicht anständig zu tragen vermag, der ist es auch nicht wert ... Mich betrifft das natürlich nicht. Ich habe, was ich wollte. Aber man sieht so viele andre, und wie mancher glückseligen kleinen Närrin möchte ich zurufen: ›Warte doch noch, bis dir die törichten Augen aufgegangen sind!‹ Sehen Sie mal, das einzige, was mir an Ihrem Schriftsteller gefällt, ist: daß seine Menschen reife Menschen sind, wenn sie lieben ... Und daß sie regelmäßig an dieser Liebe zugrunde gehen? Ich weiß nicht, ob das Notwendigkeit ist ... aber es scheint doch.« Georg von Dühling fühlte den wehen Stich wie immer bei solchen Unterhaltungen. Sein eigen Schicksal! Kannte ihn die Frau so genau, oder war es die Pose einer sogenannten Unverstandenen? Mit seichter Sentimentalität kokettieren sie ja alle, diese verwöhnten Kinder eines leeren Scheins. Sie war sicher eine davon und sicher ganz glücklich. »Es ist die Kinderlosigkeit, gnädige Frau«, meinte er endlich, der Unterhaltung müde. Sie schlug mit der Reitpeitsche nach einem dürren Kiefernast. »Daß das kommen würde, wußte ich! Aber ich bin nun einmal keine unglückliche Frau, es ist auch nur das Geschlecht, was ich bedaure ... Kinder möcht' ich ganz gewiß nicht haben! An wem von uns beiden es liegt, ist gleichgültig, und mit siebenundzwanzig Jahren braucht' ich die Hoffnung noch nicht aufzugeben. Aber ich will nun einmal kein Kind. Bei dem Gedanken daran faßt mich sogar eine unsinnige und Ihnen sicher unverständliche Angst. Wer auch nur ein wenig über sich nachgedacht hat, der hütet sich meist, sein Geschlecht fortzusetzen, sich selbst vielleicht zur Freude, dem andern aber sicher zum Leide.« Sie waren an das Bahngeleise gekommen. Durch Wald und Sand krochen die silbrig blinkenden Schienen, über einen tiefen Graben führte ein schwankes, schmales Brett. Sie schritt leicht und sicher hinüber, der Sporn klirrte. Als er ihr achtlos nachtrat, kippte das Brett, und er mußte sich durch einen kühnen Sprung auf den Kiesdamm retten. »Verbotene Wege!« lachte sie. »Zuweilen liebe ich die ... Vielleicht ist es auch ein Omen ... Sie müssen übrigens ein viel besserer Turner sein als mein Mann, denn er wäre ganz sicher hineingefallen ... Hier kochten die Bahnarbeiter früher, daher kenne ich den Schleichweg. Kommen Sie rasch, sonst werden wir auch noch gepfändet!« Drüben senkte sich der Wald zu einer Heidewildnis mit kleinen Gebüschgruppen und vereinzelten Kiefern. Weiße Sandpfade schlängelten sich hindurch. »Haben Sie Angst vor Kreuzottern?« fragte sie. »Es soll hier ein spezielles Schlangenheim sein. Ich sah freilich noch nie eine, es raschelte höchstens mal verdächtig ... Das geniert mich aber nicht.« Dühling zuckte nur die Achseln. »Ich bin noch immer ein Mann, gnädige Frau.« Es war so hübsch hier trotz der Sonne. Die Büsche im hellen Grün, die Heide grauviolett, wie ein dicker Teppich mit winzigen Knospen ohne Zahl und rastlosem Insektengezirp. Frau von Westrem war eine gute Führerin. Über Sand, Täler und Hügel ging's pfadlos, einmal schwankte auch mooriger Grund, bis sie zuletzt über dürres, braunes Ödland eine sanfte, trostlos kahle Kuppe gewannen. »Der Heinrichsberg«, sagte sie; »in den Bergen wär's kaum ein Hügel.« Feldsteine lagen geschichtet, der Blick schweifte weit. Die Küstenlinie wand sich sanft, vom ragenden Leuchtturmkap von Brüsterort, an den spärlichen Fischerdörfern entlang bis zur dämmerigen Höhe von Kranz. Die hohen Dünen der Kurischen Nehrung gleißten verschleiert. Das Meer leuchtete grau, ein ruheloses Glitzern. Die weiße Brandung säumte in schmalem Gischtstreifen den Sand. Im Rücken das Samland. Grün-golden die reifende, sommerliche Flur. Das Rot der Dörfer strahlte greller, Fenster blitzten, und im weißen, flimmernden Hitzdunst starre, dunkle Wälder, wie ein verwunschenes Eiland der Galtgarben: Ostpreußens höchster Buchenhügel. Frau von Westrem stand an den Steinstoß gelehnt, das Haupt auf der Hand. Die Reitpeitsche wippte. Die schlanken, elastischen Glieder zeichneten sich deutlicher. Schauend sprach sie: »Das ist Ihre Heimat. Sind Sie nicht stolz?« Er lächelte etwas überlegen. »Wenn ich diese Heimat so sehr liebte, würde ich schon lange auf meinem Gut in Litauen sein ... Nein, was mich hier hält, das ist nur die Einsamkeit, die Ebene, das Weite.« »Aber schön ist es doch!« Sie beschrieb mit der Hand einen weiten Kreis bis zum Horizont, wo das Meer in Dunst versank. »Mich macht die Ebene immer frei, andere drückt sie ... Die Welt ist hier ohne Ende«, meinte sie träumerisch. »Sie ist nur rund, gnädige Frau.« »Und muß sich immer drehen ... und das ist vielleicht das beste an ihr ... Denken Sie, wenn die Sonne immer wie jetzt im Zenit stände ...« »So würde eben alles Leben langsam versiegen.« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Nein, dann würde alles verbrennen. Und das Ende wünschte ich mir.« »Sagen Sie doch: Sonne, stehe still!« spöttelte er. »Möchten Sie das auch?« »Nein«, sagte er ernst. »Dazu müßte ich erst eine Sonne haben.« Sie schwieg. Die Mundwinkel sanken ihr schlaff ... »Wer hat sie überhaupt?« sprach sie leise. Sie hatten sich in den spärlichen Schatten des Steinhaufens gesetzt, um Kriegsrat zu halten. Sie wollten noch hinüber in die großen Heidegründe, wo es so gefährlich war nach der Ansicht der Kurgäste. Man dürfe die Tour nicht unternehmen, ohne vorher sein Testament zu machen, denn leicht versänke der Unkundige auf Nimmerwiedersehen im Moor, und gebissen würde man auch, denn die Kreuzottern hüteten eifersüchtig ihr Heiligtum. Sie lachten beide über die Mär und witzelten, und die Kurgäste kamen schlecht weg. Frau von Westrem erzählte, daß sie oft diese gefährliche Wildnis durchritten habe, ohne den Schatten einer wirklichen Gefahr. Verirren könne man sich freilich leicht. Und während sie das Kreuz und Quer der Wege mit der Reitgerte beschrieb, lockerte sich unter der engen Reitstulpe eine dünne Goldkette, und ein kleines, altertümliches Medaillon schimmerte. Sie fühlte es auf den Handschuh gleiten und wollte es rasch zurückschieben. Er schaute interessiert auf den merkwürdigen Schmuck: »Ein Amulett?« »Ja, wenn Sie wollen«, antwortete sie, ohne hinzusehen, und versteckte es unter dem Ärmel. Sie war ein wenig rot geworden. »Aber zeigen Sie doch!« bat er. Sie zögerte. Endlich streckte sie ihm den Arm hin: »Meinetwegen ... Es ist festgeschmiedet.« Er drückte neugierig an der Feder und war wohl enttäuscht. Hinter Glas ein einziges welkes Blütenblatt. »Nun haben Sie Ihren Willen!« Sie wollte den Arm zurückziehen. »Nein, gnädige Frau, noch einen Augenblick! Es könnte eine Heckenrose sein.« Sie nickte. »Und es bedeutet sehr viel oder sehr wenig«, fuhr er nachdenklich fort. »Sehr viel?« »Sehr viel!« »Also auch Phantastin?« »Das ist doch schließlich jeder einmal ... Dies Rosenblatt ist schon Jahre alt, und es bedeutet in irgendeinem Leben den Wendepunkt. Bis zu der Stunde, wo er dieses Blatt pflückte, ist jemand scharf rechts gegangen, und dann ging er scharf links.« »Sie selbst, gnädige Frau ...« »Ich weiß nicht«, antwortete sie tonlos. Er schaute noch immer nachdenklich. »Darf ich das Glas öffnen?« »Wenn es durchaus sein muß. Ich öffne es nie. Es ist gewiß eine Torheit, aber der Anblick tut mir zu weh.« »Erlauben Sie es mir dennoch! Ich bin ein großer Rosenfreund, und in jedem Leben gibt's eine Erinnerung und ein welkes Rosenblatt.« Er öffnete das Glas und sog den fade süßlichen Duft ein, der geblieben. Dann knipste er es sorgsam und schweigend zu. Der schlanke Frauenarm glitt zurück. Dühling war sehr ernst geworden. Er dachte an ein Rosenblatt daheim in seinem Koffer, in einer kunstvoll verschlossenen Kassette zwischen einem halben Dutzend dünner Briefe. Den letzten dieser Korrespondenz trug er immer bei sich. Seit jenem Tage in Königsberg hatte er das eine Wort darin nicht mehr geküßt. Und jetzt überkam ihn, den Genesenden, die Erinnerung weher als je. Sein Rosenblatt war sicher ein ganz anderes und an einem ganz andern Strauche erblüht, und die Dame neben ihm war sicherlich nichts mehr als eine elegante Sportdame mit weltschmerzlichen Anwandlungen. Doch die Erinnerung, die das fremde Amulett geweckt, war unerbittlich. Er mußte die Zähne aufeinander beißen, um nicht aufzustehen und brüsk zu sagen: »Gnädige Frau, ich möchte allein sein!« Und Bild auf Bild zog schrecklich langsam vorüber ... Wie er zum ersten Male vor seinem witzelnden Brigadekommandeur stand, und wie die junge, reizende Frau ins Zimmer trat mit ihrem müden Charme ... Wie sie ihn bei ihrem eignen Hausball kindlich fragte: »Haben Sie je geliebt?« und wie er nichts anderes tun konnte, als sie ansehen. Und wie sie dann langsam begriff, und wie die Flamme auch zu ihr hinüberschlug. Die Bilder zogen weiter, die heiteren und die grauen ... Und wie er zum letztenmal die schlanke Kinderhand küßte, es war in großer Gesellschaft. Sie hatte es so gewünscht. Die Gäste wandten kein Auge von den beiden Sündern. Und wie er, seiner Sinne kaum noch mächtig, auf die geliebte Hand gebeugt, murmelte: »Wir sehen uns nie wieder.« Und wie sie tröstend lächelte: »Mein Freund, wir sehen uns ganz sicher wieder.« Sie hatte das Ende so gewollt, sie hatte auch gewußt, daß es endgültig zu Ende war und zu Ende sein mußte. Es war der vornehme Instinkt. Sie wollte rein bleiben, und sie blieb es. Niemand wußte das besser als er ... Am andern Tage reiste sie, und er stand vor seinem Kommandeur, der gar nicht begreifen konnte, daß sein junger, vielversprechender Adjutant plötzlich dienstmüde geworden war. »Aber liebster, bester Dühling, überlegen Sie sich's doch noch! Sie haben den Stabsoffizier in der Tasche, und was Deuwel ficht Sie an, jetzt auf einmal den Krautjunker spielen zu wollen! Meine Frau wird des Todes verwundert sein, wenn sie von ihren Eltern zurückkommt und Sie nicht mehr vorfindet.« Aber der Adjutant hatte ihm nur mit einer tiefen Verbeugung gesagt: »Herr General, ich muß. Das Gut ist Majorat, und ich kann nicht länger warten ...« Und dann die Briefe von ihr: der müde Charme der Weltdame, das rührende Ungeschick eines Kindes, seltsam gemischt. Seit dem letzten war ein volles Jahr vergangen, aber der Satz darin: »Da ich es durchaus schreiben soll, ich habe noch ganz dieselben Gefühle wie einst«, dieser Satz war ihm noch immer wie das Abendrot eines schönen Tages ... Und während er, den Blick tauschend, ins Weite träumte, sah er nicht, daß zwei blasse Frauenaugen forschend auf ihm ruhten. Auf einmal streifte ihr Reithandschuh leicht seinen Arm. Er sah sie verwundert an. »Herr von Dühling, warum müssen Sie denn nur von der Vergangenheit leben?« »Was soll das heißen, gnädige Frau?« fragte er nervös. »Daß ich alles weiß, Herr von Dühling, alles. Und daß ich Ihnen das einmal sagen mußte ... Es ist heute unser letzter Tag –« sie hielt inne, – »ich kenne Sie länger und besser, als Sie ahnen. Ich kenne Ihr Schicksal, und ich kenne auch die Frau. Ich weiß, was im Augenblick an Ihnen vorübergegangen ist, jedes Wort, jedes Bild. Und wie ich Sie so sah, und weil ich so vieles weiß, kommt es mir lächerlich vor, noch weiter Verstecken zu spielen ... Wenn Sie wissen wollen, woher mein Rosenblatt stammt, – ich pflückte es vor drei Jahren in Straßburg. Es war beim Statthalter, bei einem großen Sommerfest. Ich stamme aus der Gegend und war mal vier Wochen allein bei meinen Eltern. Ich sah Sie zum erstenmal. Sie kannten mich nicht, aber von Ihnen hatte ich schon viel gehört. Sie trugen die Uniform der Leibulanen und tanzten mit der Frau Ihres Generals. Und nach dem Tanze küßten Sie der Frau die Hand. Es war so ungewöhnlich ... Und ich stand nur einen Schritt von Ihnen und sah, wie Ihre Lippen sich auf den hellila Handschuh preßten. Und dann blickten Sie die Frau an; es war nur ein Blick, und ich werde den Blick gewiß nie vergessen. Und ringsumher wisperten die Leute, und ich haßte die Leute ... Dann verbeugten Sie sich stumm und gingen in den Garten. Ich folgte Ihnen, es war nicht häßliche Neugier. Und Sie pflückten zwei weiße Knospen von einer Rosenhecke und sahen sie lange an. Und ich stand dicht bei Ihnen, mein Ellbogen streifte Sie fast, und ich pflückte mir eine Knospe von demselben Strauch. Sie sahen mich aber gar nicht. Nachher brachten Sie eine Knospe der Frau und ließen die andre verstohlen in Ihre Brustrabatte gleiten. Und die Frau, die dies gar wohl sah, lächelte weh. Ich habe sie nie wiedergesehen ... Später hörte ich, daß das Ihre letzte Zeit in Straßburg gewesen war. Auch die Frau reiste ab. Und ich dachte immer, daß Sie beide nie wiederkommen würden. Aber die Frau kam wieder. Sie nicht.« Er blickte sie an wie eine Erscheinung. Dann lächelte er häßlich. »Und das erzählten Sie alles Ihrem Gatten?« Sie schüttelte den Kopf: »So was erzählt man nicht.« Er fühlte, daß sie wahr sprach. »Und warum sagen Sie mir das alles erst an unserem letzten Tage?« »Ja, warum an Ihrem letzten Tage?« wiederholte sie. Er lächelte wieder das häßliche Lächeln. »Ich spiele nie Komödie. Was Sie sagen, ist ... Und natürlich brechen Sie wie alle den Stab über eine Frau, die Sie doch nicht kennen.« »Dann würde ich Ihnen das alles sicher nicht erzählt haben«, antwortete sie ruhig. Er sah sie lange an. Ihre Augen blieben blaß, ihr Gesicht ruhig. Aber das eine fühlte er deutlich, daß sie ehrlich war und daß sie ihn verstand. »Sie war eine Heilige«, sagte er langsam. »Glauben Sie's mir oder glauben Sie's nicht, das ist allein mein Verhängnis.« Frau von Westrem war aufgestanden und nahm die Reitgerte von dem Stein. »Heilige? Ja, ja«, sagte sie etwas gedehnt, »soweit das eine solche Frau gerade sein kann, die seltsamerweise eine verbotene Neigung im Herzen trägt ... Sie tut mir wohl auch leid.« »Wieso: wohl auch leid?« »Da werden Sie mich vielleicht nicht verstehen können.« Die Hand mit der Reitgerte ballte sich langsam zur Faust. »Nicht die Heilige tut mir leid, sondern die Frau, die der Sünde nicht fähig war«, sagte sie kurz und hart. Er sah sie an. Auch ihre Augen hatten jetzt etwas unerbittlich Kühles. Georg von Dühling stand langsam auf und klopfte sich den Staub vom Ärmel. In der kurzen Pause fanden beide ihre gesellschaftliche Sicherheit wieder. »Ich bin Ihnen zu vielem Dank für Ihr Zartgefühl verpflichtet«, sagte er. Sie gab ihm die Hand. Er wollte sie höflich küssen. Sie ließ es nicht zu. »Sie haben's ja auch sonst nicht getan, Herr von Dühling, und gegenseitige Geständnisse heben sich auf ... Nun aber leben Sie wohl! Ich will nämlich allein zurück ... Was mir der letzte Tag hier in dem Nest geben konnte, das hat er mir gegeben: ich habe die Heide noch einmal in der Mittagsglut gesehen und Ihnen gesagt, was ich sagen mußte ... Man soll sich eben bescheiden im Leben, und vielleicht finden auch Sie noch einmal das wirkliche Glück ... Ich werde meinen Mann von Ihnen bestens grüßen.« Sie wandte sich rasch. Er blieb gehorsam zurück. Sie ging eben immer ihre eignen Wege, und der Zauber der Persönlichkeit umfloß sie auch jetzt. Er sah ihr nach, wie sie so sicher und schnell über die brennende Heide schritt. Das rote Haar leuchtete, und der graue Schleier flatterte matt. Das reiche Haar, gelöst, mußte ihre schlanken, weißen Glieder umwallen wie ein Mantel. Der Gedanke schoß ihm durch den Kopf, und dabei fiel ihm der nächtliche Strand ein und die badende Nixe. Hatte die nicht am Ende auch rotes Haar? Aber die Augen hatten anders, hatten so heiß geflammt ... Jetzt verschwand sie im hellen Gebüsch. Noch einmal der leuchtende, griechische Knoten – und Georg von Dühling stand wieder allein auf der sengenden, trostlosen Heide. Jetzt, wo sie fort war, die alles wußte, fühlte er erst, wie einsam sie ihn zurückließ. Die einzige Frau, die ihn verstand ... Und die ließ er gehen? Eine gewisse Sehnsucht faßte ihn ... Wenn er sie noch einmal spräche und ihr wenigstens freundlich sagte: »Gnädige Frau, ich danke Ihnen von Herzen.« Und er überlegte rasch, daß er sie doch noch einholen könne, wenn er den tief sandigen Fahrweg am Berg unten verfolge. »Es ist Torheit, aber wohl tut's ihr vielleicht doch.« Er schritt schnell. Als er beim Bahnhof die Schienen passierte, sah er einen dunklen Schatten an dem alten Übergang vorübergleiten. Im Kiefernwald am Teich trafen sie sich. Jetzt ging sie langsam, fast schwer. Als er sie anrief, schrak sie zusammen. Ihm fiel auf, wie furchtbar blaß sie war. Wohl die Glut, und dann wurde ihr auch der Abschied schwer von dieser wonnigen Einsamkeit, merkwürdig schwer, wie sie selbst zugab. Dühling war herzlich liebenswürdig zu ihr. Er versuchte sie sogar mit lustigen Phantasien über Berlin zu erheitern. Darauf konnte sie nur lächeln: »Ach, Berlin! Sie wissen ja selbst ...« »Aber, gnädige Frau, müssen Sie denn eigentlich hin? Wenn Ihrer Gesundheit der Strand hier so viel besser bekommt, dann warten Sie doch bis zum Herbst, wo in Babel die Saison beginnt.« »Ich muß nicht gerade«, antwortete sie achselzuckend. »Ja, dann bleiben Sie doch, gnädige Frau!« bat er. »Ich kenne Sie eigentlich erst seit heute, aber ich bin Ihrem Zartgefühl so sehr verpflichtet, daß ich Sie sicher vermissen werde ...« Da wurde sie unschlüssig. Die Reitgerte spielte. »Also Sie meinen, ich soll bleiben, Herr von Dühling?« fragte sie plötzlich. Er bejahte auf das liebenswürdigste. »Vielleicht haben Sie auch recht«, sagte sie langsam. »Glauben Sie an Bestimmung?« »Nein, nur an den absurdesten Zufall.« »Ich bin im Begriff, das auch zu tun ... Passen Sie auf: ich nehme den dünnen Kiefernzweig hier mit beiden Händen an den äußersten Enden und zerbreche ihn. Fällt auf Ihre Seite das längere Ende, dann bleibe ich, fällt's auf meine, reise ich.« Sie schloß im Scherz die Augen. Der Zweig knickte. »Bleiben, gnädige Frau!« rief Dühling und hielt das längere Ende. »Und Sie dürfen mich auch nicht mehr so schneiden wie sonst.« »Das kann ich Ihnen nicht versprechen.« Sie trennten sich fröhlich. Aber als sie die heiße Düne allein hinaufging, wurde ihr der Fuß wieder schwer, und sie sagte langsam: »Es ist doch wohl Bestimmung ... Entweder geht es jetzt rasch zum Leben oder rasch zum Tode, und etwas anderes wollte ich ja auch nie.« Der nächste Tag war ein Sonntag – ein stiller, schöner Tag. Das Birkenlaub im Zauberwald raunte kaum. Georg von Dühling war früh ausgegangen. Er fürchtete die hellen Haufen der Ausflügler, dies Parfüm von Schweiß und Zigarren und frisch gestärkten Mädchenkleidern. Der schmale Strandweg wimmelte dann in einem endlosen Festzug. Und vom Mittag an verseuchte dieses Jahrmarktstreiben rettungslos den Wald, hüben im Birkengestrüpp so gut wie drüben unter den hohen Kiefern des Hexenwaldes. Erst war ihm diese Festfreude amüsant, jetzt wurde sie ihm lästig. Und am Strand lagerte es dann bunt und phantastisch wie Karawanen in der Wüste. Dühling hatte sich auf der Düne herumgetrieben. Im Heidekraut schimmerten die Tautropfen, und der Wacholder duftete kräftig. Dabei war er in die Talsenke des Dorfes geraten, aber weit abseits, wo das Mühlenfließ zwischen tiefgrünen, schattigen Laubbüschen gar lustig auf hellem Grund zum nahen Meere eilte. Schwedische Holzvillen lagen da im Sand auf halber Höhe. Ein bunter Wimpel schlug lasch an eine Fahnenstange. Dort wohnte sie. Sonst hätte er ihr Sommerhaus wohl gemieden, heute dachte er an einen Besuch. Es war noch viel zu früh. Er ging an dem Garten vorbei, wo junge Tannen mit dem Sande kämpften. Es sah alles neu aus, auch das blaue Glas in den Fenstern des Eßsaales oben. In einem Stranddorf hub das Sonntagsgeläute an, und die schweren Töne hallten lang und feierlich durch die frische Morgenluft. Aus der Villentür trat eine Gestalt. Es war Frau von Westrem, wieder ganz schwarz, aber sie trug einen weißen Sommerhut mit einem Veilchenstrauß. »Guten Morgen, gnädige Frau!« rief er lustig. »Ich wollte Sie schon überfallen.« »Das glaube ich Ihnen nicht«, rief sie lachend zurück. Als sie näher kam, sah er sie prüfend an. Er hatte Geschmack, und elegante Frauen waren ihm immer eine Augenweide. »Steht Ihnen wieder famos, gnädige Frau!« »Das freut mich. Eigentlich müßte ich Ihnen ja erwidern: ›Wie ich aussehe, ist mir furchtbar gleichgültig!‹ Aber ich bin weder schief noch schiele ich, und eitel ist jede Frau. Ich bin's noch mit Maßen. Doch das Herzbrechen war auch mal mein Pläsier.« »Aber Sie haben schlecht geschlafen?« Und wieder fiel ihm auf, wie furchtbar blaß das schmale, regelmäßige Gesicht war, und wie tiefe Schatten unter den Lidern lagen. »Ja, ich habe allerdings schlecht geschlafen ... Es macht wohl die See.« Er zeigte auf ein kleines Buch, das sie in der Hand trug. »Ich will zur Kirche, Herr von Dühling.« »Darf ich Sie ein Stück begleiten, gnädige Frau?« »Gern. Aber es ist weit.« Sie gingen auf einem schwanken Steg über den Fluß. Dann kam ein Gehöft mit einem tobenden Kettenhund. Hier führte die Landstraße zwischen reifenden Feldern und kümmernden Viehweiden hin. Frau von Westrem pflückte eine Kornblume und nestelte sie am Tailor made fest ... »Sie gehen nie zur Kirche?« »Nein.« »Bigott bin ich auch nicht. Und lange Zeit bin ich nur pro forma zur Kirche gegangen. Später habe ich es wieder ernstlich angefangen. Und das war eine vernünftige Erwägung. Gibt's keinen Gott, was sehr wohl sein kann, dann schadet mein Kirchengehen niemand etwas. Gibt's einen, dann will er auch Gebete hören ...« Er sagte darauf nur: »Das Buch da ist gewiß ein Familienstück.« Bunte Steine, zu plumpen Arabesken gereiht, glitzerten. Es sah aus wie ein Meßbuch. Sie reichte es ihm hin. »Oh, es ist sehr alt! Meine verstorbene Mutter hat es zeitlebens gebraucht und meine Großmutter – und ich weiß nicht, wie viele Lyssars vorher ... Als Kind habe ich fast alle Sprüche darin auswendig gekonnt, nachher habe ich sie alle vergessen.« Er schlug das Buch auf und meinte befremdet: »Sie sind Katholikin?« »Allerdings.« »Und gehen in eine protestantische Kirche?« »Das Dogma ist mir gleichgültig. Ich gehe darum auch nie zu unsrer Beichte. Und das, was Ihre Pfarrer predigen, höre ich kaum. Ich bete für mich ...« »Wissen Sie, daß Sie mir ein vollkommenes Rätsel sind, gnädige Frau?« Sie lachte. »Das bin ich beinahe allen ... Das kann ich Ihnen übrigens sagen: um Sünden abzubüßen, gehe ich nie zur Messe. Die kleinen täglichen – was kommt's auf die an? Große habe ich noch nicht getan ... Nein, nein«, fuhr sie mit unverständlicher Leidenschaft fort, »ich flehe um Erhörung. Es ist ein einziger Wunsch, vielleicht ein ganz sündiger, aber niemand kann heißer und inbrünstiger flehen ... Und wenn Gott mich erhörte ...« Ihre Gestalt hob sich, und dem Manne erschien sie jetzt von königlichem Wuchs ... »Dann will ich leben, ewig leben!« Sie gingen schweigend noch eine Weile. Er hätte ihr gern ins Auge geschaut, den Wunsch gelesen, aber wie sie ins Leere gesprochen, so schaute sie auch ins Leere. Nur ihre schmalen Lippen zitterten den Worten nach. Weit vor dem Dorf verabschiedete sie ihn. Ihr wäre es peinlich, wenn zweie zur Kirche gingen, von denen einer vor der Tür umkehrt ... Zum Mittag käme sie vielleicht in die Pension. Er möge ihr ein Kuvert und einen Platz im Garten bestellen.« Beim Zurückgehen wandte er sich ein paarmal nach ihr um, und es wunderte ihn, daß sie das nicht auch tat, wie Frauen doch so gern tun. Kirchgänger zogen vorüber. Die Männer im altfränkischen Rock, der grobe Hemdkragen zwängte den braunen, rissigen Hals, – und Weiber mit bunten Kopftüchern und schweren, knarrenden Kleidern, auch ein gebeugtes, nickendes, krächzendes Mütterchen, die gichtverkrümmte Hexenhand am Stock. Sie sagten alle ihr hergebrachtes: »Goon Tag auch, gnädiger Herr.« Ein stumpfer Glaube trieb sie. Kleine Bettler und kleine Büßer sie alle. Dühling ging wieder das Mühlenfließ entlang zum Strand. Der kleine Bach wollte so gern versiegen im unendlichen Meer. Doch die weiße Brandungswelle scheuchte ihn immer wieder zurück, und die hellen Wasser mußten verstohlen sickern, bis sie die heilige Mutter wieder aufnahm. Er setzte sich in den Sand und hörte die Brandung monoton aufschlagen und das Fließ flüstern. Er dachte an die Frau in der Kirche. Es war doch etwas Großes und Fremdes in solch heißem, sündigem Gebet ... Sie war also auch eine Einsame, und den Einsamen zog es mächtig. Er hatte den Glauben längst abgeschworen, und es war vielleicht die schwerste Stunde in seinem Leben, als er sich von Gott schied. Er hatte wohl nicht anders gekonnt. Doch die betende Frau ward ihm darum nicht kleiner. Zu Mittag aßen beide im Pensionsgarten an einem schwer erkämpften Tisch. Sie unterhielten sich wie zwei Leute von Welt. Die Passanten schauten argwöhnisch hinüber. Es war eben das ganz andre Genre, und die beiden mußten selbst darüber lächeln. Einmal trank der Schriftsteller aus der Glasveranda Herrn von Dühling zu: »Vergessen Sie mich nicht!« lag dabei in seinem boshaften Lächeln. »Was will er?« fragte Frau von Westrem. »Er hat mir neulich gesagt, daß zwischen Ihnen, gnädige Frau, und mir irgendein gemeinsames Etwas existieren müßte. Für ihn sind wir übrigens die einzigen interessanten Menschen hier.« Sie faltete die Braue. »Journalistengeschwätz!« Und sie war nach dem kleinen Intermezzo wieder so englisch steif, daß sich Dühling ärgerte. Später drängte die Pension aus ihrem schwülen Eßsaal – die hübschen, hellgekleideten Mädchen, die tugendhaften Mütter, die spärlichen Herren, zuletzt der alte, kurzsichtige Justizrat mit seinem schmunzelnden Blick nach dem Wetter, der witzige Gymnasialdirektor mit der Platte, das »interessante« Brautpaar. Am Verandapfosten lehnte der Kellner Karl, blinzelnd, triefend, bereit, sich in etwas unsaubere Atome aufzulösen. Vom Strandweg her flatterte jetzt ein bunter Mädchenschwarm in den Garten. Ein hübscher weißer Vogel löste sich sofort aus dem Flug und kam auf den Tisch zu. Es war Dühlings liebenswürdige Nachbarin von früher, die mit dem Badezuge aus Königsberg gekommen war. »Gnädige Frau, Sie noch hier? Das ist ja reizend! Ich hörte, Ihr Herr Gemahl wäre schon in Berlin und Sie natürlich auch, und ich beneidete Sie furchtbar um die große Stadt und die Bälle ... So ist's freilich besser! ... Aber Sie wissen natürlich, warum ich hier bin und sogar über acht Tage bleiben werde? Sie machen das Maskenfest am Freitag doch auch mit?« Dühling erinnerte sich jetzt dunkel des Projekts und der großen Aufregung dieserhalb bei der tanzenden Jugend. Frau von Westrem schüttelte den Kopf: »Keine Idee! Soll es denn hier in der Villa sein?« »Aber natürlich!« jauchzte die Neunzehnjährige. »Und Sie müssen ganz gewiß mitmachen, gnädige Frau!« Frau von Westrem lächelte. »Ich werde Ihnen den Gefallen nicht tun können, liebe Melitta!« »Aber, gnädige Frau!« Und sie sah zögernd bald auf Dühling, bald auf die junge Frau. »Herr von Dühling wird für mich betteln, und dann werden Sie es schon tun«, entschied sie endlich. »Gern, gnädiges Fräulein«, bestätigte der freundlich ... »Sie müssen mitmachen, gnädige Frau! Und wenn Sie um ein Kostüm verlegen sind, so schlage ich vor: Nixe. Ganz weißes, mattes Seidengewand, das Haar offen, der Arm nackt und auf der Achsel eine einzige Seerosenknospe.« Die Enthusiastin klatschte in die Hände. »Entzückend! Ihre Toilette kommt ins Strandjournal, ich lese es schon!« Frau von Westrem sagte darauf nur leichthin: »Lieben Sie weiß so sehr, Herr von Dühling?« »Bei Ihnen, ja. Ich habe das Gefühl, daß es Ihnen sehr gut stehen muß, besser noch als schwarz.« Die hübsche Frau schien nachzudenken. »Also, gnädige Frau!« bat sie leise die Enthusiastin. Doch Frau von Westrem lehnte mit liebenswürdiger Bestimmtheit ab. »Maskenfeste – nein. Außerdem ist mein Mann nicht da ... Aber ich komme wohl zum Zusehen.« Das junge Mädchen wandte sich etwas gekränkt zur Freundinnenschar, die paarweise durch den Garten flanierte. »Sie werden sich's noch überlegen!« rief sie zurück. Frau von Westrem sah ihr nach. »Ein liebenswürdiges, frisches Geschöpf, das man um diese wirkliche Jugend beneiden sollte. Und was wird schließlich ihr Los sein? Sie ist arm wie eine Kirchenmaus, und wenn sie überhaupt heiratet, wird sie irgendeinen gleichgültigen jungen Menschen heiraten oder einen alten, der kurz vor Torschluß noch unterkriechen will.« »Und wenn sie reich wäre?« Frau von Westrem zuckte die Achseln. »Dann kann sie wenigstens aussuchen. Eine Garantie fürs Glück ist's freilich nicht. Aber wenn sie einmal los will, kann sie's doch! Reichtum macht frei und sicher ... Und man muß das Leben praktisch auffassen.« »Scheint so«, meinte er kühl. Seit einigen Jahren hatte er ein warmes Gefühl für Unglück und Armut. Sie lächelte matt. »Auf deutsch heißt das: kaltherzige Person. Ich wollte, ich wär's! Doch leider trifft mich Ihr Vorwurf gar nicht.« Er wechselte das Thema. »Sie kommen also wirklich nicht?« »Nein.« »Am Ende verstehe ich's auch. Ohne Mann macht Ihnen das eben keinen Spaß.« Sie wehrte ab. »Ich bitte Sie, wenn man zehn volle Jahre verheiratet ist! ... Ich komme Ihnen wohl sehr alt und vernünftig vor?« fragte sie plötzlich. Er sah ihr in die blassen Augen, die ihm nicht auswichen. »Ja und nein ... Ich habe aber das sichere Gefühl, daß Sie trotz allem unendlich jung und leidenschaftlich empfinden können ... Sie wollen eben nur nicht.« Sie ließ die Augen wandern. »Ich möchte schon«, sagte sie träumerisch. »Ja, dann gehen Sie doch zu dieser fête champêtre! Es ist ein törichtes Vergnügen – aber jung sein, heißt eben töricht sein.« »Gehen Sie?« fragte sie kurz. »Als Harlekin – ich? Um Gottes willen!« Sie faltete die Serviette zusammen mit ihren sicheren, ruhigen Bewegungen. Als sie das Tuch in den Serviettenring schieben wollte, zitterte ihre Hand ein wenig, und das glatte Leinen rutschte ab. Sie sagte dabei unmotiviert scharf: »Wenn ich in dieser Woche zu dieser Kindermaskerade als Nixe gehen wollte – ich müßte mich der Frivolität, der Sünde schämen. Kostümfeste hier? – Da muß ich wirklich danken ...« Sie war im Sprechen langsam aufgestanden. »Wollen wir noch etwas an den Strand gehen, oder ziehen Sie Ihren Mittagsschlaf vor?« »Ich gehe selbstverständlich mit.« Sie ging voran durch die Gartentür, und er, hinter ihr, sah die schöne, junge Gestalt und das leuchtende Haar und dachte wieder an die Frau in der Kirche mit dem einzigen heißen, rätselhaften Wunsch. Auf den Bänken des Strandweges saßen die Passanten und sahen den beiden nach, und die Sommergäste in der kleinen Holzvilla nebenan taten desgleichen. Frau von Westrem wandle sich hochmütig um. »Morgen werden sie über uns klatschen.« »Geniert Sie das, gnädige Frau?« »Ich wüßte nicht, was mir gleichgültiger wäre.« Den Nachmittag gruben sich die beiden im Seesande ein. Es war noch das einzige. Die Sonntagsausflügler liefen zwar wie Ameisen über den Strand, aber das Meer lag im köstlichen Sonntagsfrieden. Es war ein Feiertag trotz der Menschen. Sie sprachen wenig. Sie hatten ihre besonderen Gedanken – er heftete den Blick auf den Sand, während ihre Augen schweiften. Als das Blinkfeuer von Brüsterort aufzuckte – es war noch Frühabend, und die Leute drängten sich, die Sonne sinken zu sehen –, richtete sich Frau von Westrem halb auf und starrte unverwandt. »Interessiert Sie das Leuchtfeuer so?« fragte er. »Mehr als der Sonnenuntergang. Ich erlebte mit dem Licht da mal etwas sehr Merkwürdiges.« »Und?« »Das sage ich nicht. Sie würden mich auch nicht verstehen.« Weiche Sommerschatten spielten freundlich auf den Wassern, da gingen sie. Auf dem Strandweg fiel es ihm ein, daß er sich, unhöflich genug, noch gar nicht nach seinem alten Kameraden erkundigt habe. »Haben Sie geschrieben wegen des Hierbleibens?« fragte er. »Nein, telegraphiert.« »Er wird sich schön gewundert haben.« »Vielleicht – vielleicht auch nicht. Plötzliche Entschlüsse meinerseits ist er gewöhnt.« »Allerdings, dann...« »Nein, nicht allerdings dann, Herr von Dühling! Ich habe eine häßliche, absprechende Art, aber ich möchte auch in kein allzu schlechtes Licht bei Ihnen kommen. Ich habe meinen Mann aus Liebe geheiratet, nur aus Liebe, und er liebt mich auch gewiß.« »Warum sagen Sie mir das eigentlich, gnädige Frau?« Sie schwieg. Dühling, mit seinem seinen Instinkt für die ungewöhnliche Frau, begann zu begreifen. Sie log, und sie log auch nicht, und darin lag des Rätsels Lösung. Seitdem sahen sie sich oft. Ihm ging es eigentümlich mit ihrem Zusammensein. Immer beim Wiedersehen der wehe Stich, der düstere Schatten der Vergangenheit, der wesenlos vorüberschwebte, und wenn sie ging, das Bedauern, das dunkle Gefühl: ein guter Freund verläßt mich. Ob sie, die rätselvolle und doch so geschlossene Natur auch etwas fühlte dabei? Er wußte es nicht, es war ihm auch gleich. Zuerst hatte er diese Wissende gefürchtet; der Gedanke: jetzt rührt sie an die Wunde, quälte ihn. Aber sie tat es nie. Als hätte sie die andre Frau vergessen ... Und dann fing er zuerst von der andern Frau zu sprechen an; er suchte Heilung durch die schmerzende Sonde. Aber bald hatte er die vage Empfindung, daß er das eigentlich nicht mehr dürfe und daß der Tag dem Tag gehöre. Es war gewiß nicht Liebe, auch nicht der Keim – es war der Zauber einer freien und starken Persönlichkeit, der diese Frau umfloß, und dem auch ein Mann gern sich beugt. Die Maskerade verspätete sich etwas. Ein kleiner Zwist. Und diesmal war der Schriftsteller wirklich das Karnickel. Die Villenbesitzer sollten in corpore eingeladen werden, die Freunde der Pension. Darauf antwortete der Störenfried kategorisch: »Wenn sie sich maskieren, mit Vergnügen; wenn sie hier bloß rumsitzen und sich mokieren – auf keinen Fall. Dann lassen Sie mich wenigstens aus dem Spiel! Wenn ich mich zum Vergnügen andrer hier als Clown geriere, will ich es wenigstens nicht vor wildfremden Lästermäulern tun!« Die Dame der Pension schmollte ein wenig. Doch sie war eine kluge und liebenswürdige Frau und tat es lächelnd. So kam es, daß, wie überall im Leben, die eine energische Stimme durchdrang: die Dünenvilla hatte zu ihrem Fest nur Zaungäste. Aufregend waren die Präliminarien jedenfalls genug. In sämtlichen Gartenlauben wurden von hübschen Händen Tannengirlanden geflochten. Das leise Lachen vertraulich schwatzender Mädchen drang aus jedem Gebüsch. Die Gymnasiasten schleppten ganze Körbe voll Zweige aus dem Walde herbei. Selbst der Schriftsteller sah interessiert den Frauen zu und ließ sich sogar einigen »Neuen« vorstellen, was er sonst gern vergaß. Und im Garten erwog ein Schuljunge mit hübschen Augen und rührend großen Füßen sein Kostüm. Sollte er einen Ritter vorstellen mit Pappanzer und geschlossenem Visier oder einen römischen Senator in der toga praetexta oder irgendein fabelhaftes Tier mit grünlicher Larve und der Pelzboa seiner Mutter, die sehr gut als Ringelschwanz dem Hosenboden angegliedert werden konnte? Das wilde Tier war ihm am sympathischsten wegen des sinngemäßen Geheules, zu dem die Rolle verpflichtete. Alles ging nach Wunsch. Ein ruhiger, schöner Abend mit geschlossener Gartenpforte und neugierigen Dorfbengels am Staket. Das zarte Birkenlaub hob sich im Seehauch zitternd gegen den hellen Sommerhimmel ab. Die Fichtenzweige starrten düster daneben. Die bunten Illuminationslämpchen glimmten wie große Glühwürmer an ihrem phantastischen Draht. Der Kellner Karl sah befriedigt auf sein Werk und zwinkerte dann ermutigend dem Mond zu, der wie ein lichtes Wölkchen über den Dünen hing. In den Korridoren gellte der Lärm – das Jubelgeschrei der Kinder, das helle Kreischen der Dienstmädchen, wenn eine verfrühte Maske über die Treppe stolperte. Allmählich begann sich der Eßsaal zu füllen. Die Tannengirlanden schwankten festlich von der Decke, die große Hängelampe blakte feierlich. Sogar ein fürwitziger Wacholderzweig lohte knisternd auf, von der schmeichelnden Flamme eines Wandlichtes erhascht. Es war alles, wie es sein mußte. Kein steifes Winterfest mit säbelbeinigen Troubadours und schmachtenden Fischerinnen, sondern ein harmlos fröhliches Gewühl bescheidener Kostüme: das große Baby mit der Milchflasche, eine süße Kornblume mit weichen Augen, ein Briefträger, ein Stallmeister, ein Chinese mit einem Kaftan aus zartgeblümtem Bettkattun und, greulich vor allem, ein schrecklich wüster Rowdy mit Schnapsflasche und Reisebündel und schmutzig verbundener Wegelagererfaust. Die jungen Damen flohen den Unhold aufschreiend, namentlich ein Gigerl mit dem Miniaturzylinder wandte sich in gut gespieltem Abscheu von ihm ab. Aber der Rowdy zog voll unverwüstlicher Frechheit zwischen den Gruppen umher, grüßte und winkte vertraulich und zeigte einer sehr scharfzüngigen Dame von mäßiger Distinktion hohnlächelnd die Kümmelflasche. Maskenfreiheit! Er mißbrauchte sie schamlos. Dann war noch ein älterer Schuster, der unermüdlich auf eine Doppelsohle klopfte und gemütlich rief: »Nichts zu versohlen, meine Herrschaften, nichts zu versohlen?« Der Schriftsteller als Clown, häßlich und nie verlegen wie immer. Beschützend im Kreise die Mütter mit irgendeinem Maskenzeichen. Herr von Dühling trug nur den Gesellschaftsanzug, und seine hübsche Freundin im Babykostüm schnitt ihn auffallend. Aber das Fest interessierte ihn doch. Es war die Frische, die Jugend – er hätte sie so gern wieder besessen. Der Clown trat zu ihm: »Kommt sie?« »Wer?« »Frau von Westrem.« »Keine Ahnung.« Der Clown trollte sich ungläubig von dannen. Das Fest dauerte schon eine Stunde, und eine unerträgliche Festhitze drückte auf den dichtgefüllten Raum. Dühling hatte sich in eine Ecke zurückgezogen, eine Sektflasche unter dem Stuhl. Er ärgerte sich ein wenig über Frau von Westrem. Sie wußte, daß er längst da war, daß er unter allen nur sie suchte. Warum blieb sie den ganzen Tag fern? Warum hatte sie den Abend vorher gesagt: »Wenn ich kommen kann, komme ich – aber ich weiß noch nicht!« Eine Frau, die nichts zu tun hat, welche Marotte! Aber sie fehlte ihm heute, sie fehlte ihm wirklich. Er fühlte sich so allein. Die kleine Mauer, die ihn sonst fast unmerklich von der Pension schied, türmte sich heute deutlich und riesengroß auf. Er gehörte nicht zu denen da, und sie gehörte nicht zu denen da – aber eben deshalb gehörte sie an seine Seite. Er ging später hinaus in den Garten, wo Spaziergänger am Strandweg gafften und Masken in der kühlen, hellen Sommernacht promenierten – seine Freundin, das Baby, mit einem Gnom Arm in Arm. Ein ungefährlicher Scherz, aber Dühling war diese Vertraulichkeit unangenehm. Die Sterne flimmerten, der Mond zog seine schmale Sichel schärfer. Von drinnen klang Musik. Die Dame der Pension spielte einen Walzer, und sie spielte sehr gut. Das hübsche Baby wippte träumerisch im Takt. Der Schriftsteller kam jetzt auch heraus. Er tanzte nie, das sollte wohl interessant sein. Dühling ging darum in den Festsaal zurück und sah zu, wie die Masken wirbelten und jauchzten. Er stand an der Tür zur Veranda und sah und sah auch nicht. Da sagte plötzlich eine leise Stimme neben ihm: »Guten Abend ... Ich komme spät?« Es war Frau von Westrem. »Aber Sie kommen!« antwortete er erfreut, und sie reichten sich leicht die Hand. Er sah sie verwundert und geschmeichelt an. Sie trug weiße, matte Seide, aber das Kleid hochgeschlossen und das Haar in leuchtendem Knoten wie sonst. Auf der Schulter lag eine Seerosenknospe. »Sie sehen entzückend aus, gnädige Frau!« sagte er, sich zu ihr beugend. »So?« Und sie blickte flüchtig auf die Tanzenden. Hierauf schritt sie rasch zur Dame vom Hause hinüber und flüsterte ihr eine Liebenswürdigkeit ins Ohr, so daß sie, dankbar lächelnd, einen Takt verfehlte. Dann sah er sie noch zwischen den Masken. Sie war schick und eleganter als je, mit dem matten Weiß und dem Purpurhaar. Als sie zurückkam, sagte er noch einmal: »Entzückend! Heute sind Sie wirklich die Nixe.« »Ach, lassen Sie doch, Herr von Dühling!« »Tanzen Sie, gnädige Frau?« »Nein.« »Aber wenn ich bitte?« »Bitten Sie lieber nicht.« »Aber wenn ich sehr, sehr bitte?« »Ja, wenn Sie durchaus wollen ... Aber nur einmal 'rum. Ich tanzte seit Jahren nicht und tue es auch heut nicht gern.« Sie tanzten. Die Masken wichen dem Paare aus. Es war nur ein kleiner Kreis unter der Hängelampe. Dühling, der früher Vortänzer gewesen war, tanzte leicht und gut, und die schlanke Taille, die sein Arm umfaßt hielt, bog sich in sicherer Anmut. Nur ihre Hand zitterte, und für Sekunden war es, als vibriere der ganze Körper. Sie waren einmal herum. »Genug«, sagte sie. Dühling führte sie zurück in die Glasveranda. »Einmal und nie wieder!« stieß sie fast atemlos hervor. »Aber, gnädige Frau, Sie tanzen so gut, es wäre ja auch gar nicht anders möglich.« Und er beugte sich ritterlich auf ihre Hand. Doch ehe sein Mund ihren weißen Handschuh berührt, zog sie die Hand hastig zurück. »Ich will das Handküssen nicht, Herr von Dühling!« sagte sie heftig. »Das wußte ich nicht, gnädige Frau.« Doch sie fuhr schnell fort: »Ich habe Ihnen neulich gesagt, daß ich nur mit Überwindung zu diesem Feste gekommen bin. Ich hasse Tanzen! Da wissen Sie's.« Während sie noch standen, kamen Herren, die Löwen der Pension: der junge Arzt, der Clown und ein neuer Doktor juris, klein und widerwärtig wie ein Gnom. Sie wollten alle einen Tanz. Frau von Westrem hatte sich sofort wiedergefunden. Sie dankte allen mit ihrer liebenswürdigen Entschiedenheit, und das Gesellschaftslächeln lag dabei wie eingepreßt um ihre schmalen Lippen. »Meine Herren, ich finde Ihr Fest reizend, aber beim Tanzen schwindelt mir wirklich. Ich kann's nicht mehr.« Sie sprachen alle höflich dagegen, nur Dühling schwieg markant. Jetzt kam der Rowdy auf die Gruppe zugewankt. »Um Gottes willen, schützen Sie mich vor dem da!« rief sie; »seine Maske ist gewiß gut gemeint, aber das ist nun einmal nicht mein Genre.« Indes die Herren, zu einer Kette geschlossen, den Unhold liebenswürdig abdrängten, verschwand die Frau in Weiß. Mit einem Male war sie fort, und niemand wußte, wohin sie gegangen. Dühling gab sich darum auch keine törichte Mühe. Sie wollte allein sein. Er verstand das gewiß. Sie war ja auch anders als andere. »Aber reizend sah sie doch aus«, sagte er resigniert. Er wand sich zu seiner Flasche Sekt durch und fand diesmal in der Ecke einen steirischen Holzknecht, so echt mit seinem bunten Ledergurt und seiner derben Faust, daß er nur schwer begriff, wie der Mann in seinem Zivilverhältnis außerdem noch Assessor sein konnte und der Gatte einer jungen, eleganten Frau. Das Baby kam jetzt eilig herbei. »Wo haben Sie Frau von Westrem?« »Sie ist weg. Ich weiß aber nicht, wohin.« »Sie sah wieder so distinguiert aus, und man kann ihr nicht böse sein«, bedauerte das junge Mädchen. Der steirische Holzknecht pflichtete bei, seine junge Frau zog die Lippe. »Die Damen mögen alle Frau von Westrem nicht«, flüsterte das Baby. In dem Augenblick steckte der kleine Stadtrat seinen Kopf geheimnisvoll dazwischen. Er trug eine Kotillonmütze und über dem Bratenrock einen märchenhaften Großkordon von rosa Seidenpapier. »Mein gnädiges Fräulein, die Westrem ist kalt und kapriziös«, raunte der Verschwörer. »Nein, sie ist es ganz gewiß nicht!« schmollte das Baby. »Ich leide es nicht, wenn man meinen Freunden etwas Häßliches nachsagt.« Dagegen der Großkordon: »Sie sind jung, gnädiges Fräulein, Sie begeistern sich leicht.... Einen Augenblick, bitte, Herr von Dühling!« Er nahm dessen widerstrebenden Arm, und als er das Opfer glücklich in der Veranda hatte, fügte er vertraulich hinzu: »Nicht wahr, ich habe recht, Herr Rittmeister, sie ist kalt und kapriziös? Sie sind täglich mit der Dame zusammen, Sie sind ein gewiegter Frauenkenner.« Dühling zuckte die Achseln. »Wir wohnen nämlich in Königsberg den Herrschaften gegenüber, und ich kann sie immer beobachten. Ich sage Ihnen, bei der Frau ist Reiten und Tennisspielen Lebenszweck ... Und der Mann? – Ich sehe sie zuweilen auf ihrem Balkon, und wenn er sie liebenswürdig anfaßt, gleich die bekannte Bewegung in der Hüfte, die sagen soll: Laß mich! ... Und noch dazu so ein schöner Mann! Eine Siegfriedsgestalt, und jovial. Immer grüßt er einen zuerst auf der Straße und fragt: ›Na, Hoheit, wie geht's?‹ Dabei weiß er, daß ich liberal, ultraliberal bin, ausgenommen natürlich meine kleine Schwäche mit der Heraldik. Die Westrems sind tadellose Freiherren! ... Und einen solchen Mann peinigt die Frau direkt mit ihrer Eiskälte und ihren gewissen Launen. Tanzen, natürlich zu gewöhnlich, kein Herz für Vereinstätigkeit, öffentliche Interessen ... Unter uns, Herr Rittmeister, ich habe mich höllisch gewundert, daß sie mit Ihnen einmal 'rumtanzte.« »Hat sie denn ein Verhältnis?« fragte Dühling brüsk. »St! St!« Der Großkordon tanzte vor Entsetzen, beruhigte sich aber schnell, da niemand in der Nähe war. »Wenn sie wenigstens so etwas Ähnliches hätte! Aber sie hat ja keine Spur von Sinnlichkeit oder Herz. Das ist alles längst aufgegangen in Spielen und Reiten, eleganten Kostümen und bizarren Launen ...« Der Stadtrat zirpte durch die Lippen und schnellte eine Hand in die Luft. »Der Mann, wenn er könnte, würde davonfliegen wie ein Vogel!« »Ja, warum tut er's denn nicht?« »Weil sie reich ist, fabelhaft reich!« »Na, das ist gerade kein Gefühlsgrund, Herr Stadtrat.« »Gott, Herr Rittmeister, wir sind alle Menschen, und es wird überall mit Wasser gekocht, überall!« »Ja, leider«, meinte Dühling etwas von oben herab. »Ich fürchte, sogar in Stadtverordnetenversammlungen.« Der Großkordon lächelte pfiffig. »Wir verstehen uns, Herr Rittmeister, wir verstehen uns ...« Und er ging eilig, seine Weisheit weiterzutragen. Dühling war durch die Unterhaltung nicht klüger geworden. Er hätte die Frau wohl verteidigen können, er tat's aus Instinkt nicht. Esther von Westrem war entweder viel besser oder viel schlechter als ihr Ruf. In der Veranda begann ein kaltes Büfett zu tagen mit süßen Torten und pikanten Salaten. Der Bowlenlöffel blinkte, und Ananasdüfte zogen verführerisch. Eine gemütliche Völkerwanderung wallte zwischen Tanzsaal und Büfett. Ballmüde Herren, glühende Mädchengesichter. Es war ein so vielfältiges Bild. Wie das hübsche Baby atemlos den kühlen Trank schlürfte, wie der kurzsichtige Schuster sich über den lockenden Heringssalat beugte, wie der Baurat schmunzelte, das Porterglas in der Hand: »Im September des Jahres 1846, ich glaube, es war am dritten, nachmittags, als ich mit meiner seligen Frau zum erstenmal von Pillau hier herüberkam«, – er hatte ein wunderbares Gedächtnis für alte Zeiten und gab stets genaueste Daten. Wie der Holzknecht in bayrisch Bier schlemmte, wie seine Odaliske, blaß und dunkeläugig, mit ihren weißen Zähnen in ein Butterbrot biß, statt Haschisch zu essen, was sie doch in allen Romanen tun ... Die jungen Mädchen schlenderten paarweise herein, tranken rasch und wiegten sich gleich wieder im Tanze, während die Mütter über den tückischen Luftzug von der Veranda her wachten, um heiße Mädchenschultern schützende Tücher legten, beriefen, ermutigten und doch ihrer Kinder niemals sicherer waren, als bei diesem reizenden, harmlosen Kinderfest. An Dühling drängte sich eine hübsche Maske vorüber. »Du amüsierst dich wohl königlich?« fragte er scherzend. Und das junge Ding rief übermütig zurück: »Möchtest wohl mit mir tanzen?« »Warum nicht?« Da lachte sie. »Das glaube ich wohl. Aber ich nicht mit dir. Weißt du, du hast mir einen viel zu weißen Schnurrbart!« Es war Maskenfreiheit, Mädchenspott, und der Pfeil traf doch. Das weiße Haar hatte ihn nie bekümmert. Mit siebenunddreißig Jahren macht es den Mann doch noch nicht alt, nur interessant. Aber inmitten dieser Jugend, dieser Lust war er in der Tat alt. Das wurmte ihn. Sollten die drei Jahre denn so mörderisch gewesen sein? Im Kasinoscherz hieß er »der häßliche Dühling mit dem unbegreiflichen Glück«, und die Kameraden fragten stets: »Ja, wie machen Sie es denn eigentlich? Eine schwört immer auf Sie ...« Damals schmeichelte ihm das. Und das Rezept war ja so einfach. Er war keck, er war skrupellos, und sein Herz engagierte sich nie. Mit dem Kopf verführt man, nicht mit dem Herzen ... Also auch das war nun endgültig vorüber? Gewiß, sein Frauenglück damals war leicht, seicht, das Innen blieb völlig unberührt, kein Hautritz, kaum eine leichte Schramme, wenn ihn eine klug vor der Zeit verließ, oder das angenehme Nervenrieseln, wenn wieder eine ins Garn ging. Das gehört gewissermaßen zum gewandten Adjutanten, zum tadellosen Offizier, es hatte ihm nie Bedenken gemacht. Drei Jahre lang hatte er jetzt die Kunst nicht mehr geübt, und ein frecher Backfisch mußte ihm sagen, daß er sie auch nicht mehr üben könne ... Vielleicht war es ein starkes Zeichen der Genesung, daß er den kleinen Stachel wieder spürte. Aber das Fest war heute für ihn erledigt. Er stahl sich nach dem Korridor, seinen Mantel zu holen. Die Nacht war ja so schön. Nach all den Maskengerüchen, dem Menschendunst strömte ihm die Luft jetzt köstlich rein entgegen. Es mußte gegen Mitternacht sein. Auf dem Strandweg die Zaungäste waren längst abgezogen. Dühling ging langsam auf und ab. Der Sand knirschte. In der Ferne murrte das Meer. Er hatte ernste Gedanken ... Was kam nun? Wenn auch die kleinen Freuden uns verlassen, weil das große Glück uns mied ... Zieht das Glück nur die Freuden an, wie der Magnet das Eisen? ... Und die Glücklosen ... Wieder kamen die Bilder, die Frau war bei ihm, die er so unsinnig geliebt. Und er dachte, daß er doch ein Tor gewesen, ein Verschwender. Alles auf eine Karte, die noch dazu fehlschlug! ... Jetzt kam unerbittlich das Nichts. Doch er rang gegen dieses Nichts, es sollte, es durfte nicht kommen! Jede Asche birgt einen Funken, den man zur Flamme anfachen kann, wenn man nur Holz herzuträgt, sie zu nähren. Als er wieder an der Villa vorüberkam, klang der Galopp aufdringlicher, der Lärm wüster, die Gestalten wogten wilder hinter den beschlagenen Fenstern. Er bog ab nach dem Zauberwald. Er wollte tief hinein, in jene Zauberstille, wo die Föhren düsterer starren, die Sandwellen schemenhafter leuchten, wo zwischen Wacholderbusch und Heidekraut das freie Feld lugt, im Tau, verschleiert, goldig und grün, mit seinen schweren Korndüften und dem süßweichen Geruch der Lupine, dahinter das Meer, grau blinkend, geheimnisvoll, von den toten Dünenbergen gesäumt. Er dachte jetzt an eine andre Frau. Die Frau mit dem roten Haar. Und wie entzückend sie aussah in der matten Seide, die grünweiße Knospe auf der feinen Schulter. Er sah sie deutlich, die Rätselvolle. Er begriff nicht, daß er sie nicht verteidigt. Sie war auch sicher glücklos wie er, arm, trotz ihrer Jugend, ihres Reichtums, ihrer kühlen Sicherheit! Vielleicht gehörten sie beide doch zusammen? ... Eine Glücklose! Und jetzt verstand er auch, warum sie so plötzlich gegangen. Sie, die sein Schicksal kannte und begriff, hatte sich im innersten Herzen empört, daß er ihr, der Fremden, auch die Hand küssen konnte nach einem Tanz ... Es war so richtig gefühlt ... Und er sehnte sich wirklich nach ihr, nach den blassen Augen, der schönen Stimme. Was sie auch quälte, sie war doch gesund und stark wie diese klare, kühle Nacht. Bei dem pfadlosen Schlendern verirrte er sich fast wie das erstemal. Er erkannte aber noch zur rechten Zeit den dunkeln Kiefernhügel wieder, wo man ins Tal hinunterschaut. Es war nicht weit, und eine Bank mußte auch da sein. Dühling war etwas müde geworden und wollte doch nicht zurück zum Mummenschanz. Die Bank lag versteckt am Abhang. Als er näherkam, sah er eine Gestalt dasitzen. Eine Mondschein-Sentimentale natürlich! Die Sorte posiert ja immer. Er irrte sich. Es war Frau von Westrem, und sie bog sich zurück ins Gebüsch, um nicht bemerkt zu werden. Sie trug einen breiten, römischen Seidenschal um die Schultern, das Gesicht beschattete der umgebogene Strandhut. Sie sah nicht auf. Als Dühling grüßte, nickte sie nur leicht. Er trat heran. »Warum sind die Totengräber im ›Hamlet‹ so lustig?« »Und warum stimmt jede Maskerade ernst?« gab sie ruhig zurück. Er setzte sich zu ihr. »Schon lange hier?« »Ich glaube wohl.« Er fixierte sie von der Seite. »Ich suchte Sie, gnädige Frau.« »Das glaube ich nicht.« »Aber ich suchte Sie doch! Ich wollte Sie etwas fragen. Sagen Sie: bin ich alt?« »Sie fragen merkwürdig!« »Mir sagte nämlich eben ein hübsches Ding: ›Geh, du bist mir viel zu alt mit deinem weißen Schnurrbart!‹« »Es war ein Kind.« »Kinder und Narren sprechen die Wahrheit!« »Und sie ist Ihnen nicht gleichgültig?« »Ich muß Ihnen darauf ehrlich sagen: Nein, gnädige Frau. Alte Menschen sollen anders empfinden als ich. Und da ich das noch nicht kann, möchte ich auch nicht gern alt scheinen.« »So färben Sie den weißen Schnurrbart. Mit siebenunddreißig Jahren, wer sollte es Ihnen verdenken?« »Würden Sie graues Haar färben, gnädige Frau?« »Ich weiß nicht. Ich bin eine Frau, und die Frauen leben alle in gewissem Sinne von Äußerlichkeiten.« »Und wir?« Sie sah ihn flüchtig an. »Herr von Dühling, wenn Ihnen an meiner Ansicht liegt, mögen sich alle andern Männer auf der Welt den Bart färben, – Sie dürfen es nicht! Mir gehört der weiße Schnurrbart zu Ihnen. Und wenn ich Sie morgen mit einem schwarzen sähe, würde ich sagen: ich habe mich in Ihnen getäuscht.« Er verbeugte sich ein wenig. »Ich danke, gnädige Frau. Sie haben recht. Ich bin in der Tat alt, und es könnte auch gar nicht anders sein«, sagte er ganz leise. Sie sah ihn lange an. Und wieder blitzte tief innen der rätselhafte Funke. »Sie sind nicht alt, Herr von Dühling. Sie sollen es nicht sein! Aber wenn einer Narben heimbrachte aus schwerer Schlacht, so soll er sie nicht verstecken, weil er unverwundbar erscheinen möchte. Die Narben stehen Ihnen, mögen andere auch lächeln!« Sie schwiegen. Silbern blinkte der Teich. Das Wehr rauschte. »Und wissen Sie, was von Ihnen die Leute sagen, gnädige Frau?« hub er wieder an. »Schlimmes! Das ist doch selbstverständlich. Denn ich habe nie etwas Schlimmes getan.« Darauf erzählte er seine Unterhaltung mit dem Stadtrat. »Aber ich habe Sie nicht etwa verteidigt. Ich weiß nicht recht, warum. Ich könnte sagen: ich kenne Sie besser als andere hier, aber dennoch kenne ich Sie nicht.« »Kalt und kapriziös!« wiederholte sie kopfschüttelnd. »Was wollen die Menschen eigentlich? Ich bekümmere mich nicht um sie, und sie bekümmern sich desto angelegentlicher um mich. Nur weil ich reite und Tennis spiele? Du lieber Gott! Als wenn das bißchen Sport den ganzen Inhalt meines Lebens ausmachen könnte! Es ist so dumm! Aber ich danke Ihnen, Herr von Dühling, daß Sie mich nicht in Schutz genommen haben. Mögen die Leute denken, was sie Lust haben. Die Sorte könnte ich auch gar nicht aufklären, es wäre verlorene Liebesmühe. Ich bin ich, und niemand kennt mich.« »Mir ist manchmal, als trügen auch Sie schwer, gnädige Frau.« »Vielleicht – sogar gewiß. Aber ich trage allein. Und Mitleid vom Pöbel – ich danke! Ich will auch von Ihnen kein Mitleid, Herr von Dühling. Ich mag das billige Mitleid überhaupt nicht, weil es etwas Schwächliches, Erbärmliches ist, weil man sich mit ihm preisgibt, zum Bettler macht. Und Lyssars betteln nicht! Sie können zugrunde gehen, sie tun es sogar ganz sicher, aber sie gehen hoffentlich anständig und schweigend zugrunde ... Ich kenne auch das echte Mitleid für andere nicht, höchstens das hochmütige für das Gesindel, das aus dem Fünfgroschenbasar stammt und nicht mal fünf Groschen wert ist ... Ich habe auch kein Mitleid für Sie, Herr von Dühling, für Sie am wenigsten, wenn's auch anders scheinen mag.« »Gnädige Frau, ich habe das auch nie gewünscht.« »Ich weiß es!« »Aber lassen wir die Bitterkeit! Sie verstehen mich, und ich verstehe Sie. Und die Herde ist doch nur dazu da, daß man sich von ihr unterscheidet.« Sie atmete tief. »Wie ich Ihnen das Wort danke!« Dann zauderte sie. »Übrigens eine Beichte ist der andern wert«, sagte sie entschlossen. »Ich kenne Ihr Schicksal, und Sie haben nicht Verstecken zu spielen gesucht. Hier haben Sie das meine! Sie mißbrauchen's sicher nicht ... Ich habe Ihnen neulich gesagt: ich hätte meinen Mann aus Liebe geheiratet. Das ist die heilige Wahrheit. Doch der Nachsatz dazu heißt: Siebzehnjährige glauben die Liebe unfehlbar zu kennen, und sie kennen sie unfehlbar nicht ... Daß ich das echte Gefühl später doch noch fand, das ist mein Verhängnis und auch mein Glück.« Sie tippte aufs Herz. »Das Wie und das Wen ruht wohlgeborgen hier. Sieben Jahre bin ich so glücklich gewesen, wie eine eitle und bewunderte Frau es nur sein kann. Ich habe alle Torheiten mitgemacht und an allem Vergnügen gefunden, bis zu dem einen Tag ... Ich kann nur sagen, daß ich das Gefühl fand, etwa wie ein ahnungsloser Wilder das erste, einzige, pure Stück Gold. Ich nahm es auf und sah es lange an ... Und das Gefühl überkam mich heiß und wunderbar, wie eine Offenbarung, und dabei fröstelte ich doch ... Dann habe ich getan, was eine tadellos anständige Frau, die ich immer war, tun muß. Ich bin zu meinem Mann gegangen mit dem Stück Gold in der Hand und hab's ihm gezeigt und gesagt: ›Kennst du das?‹ Und er hat gelächelt und mich geküßt, wie eine Törin geküßt. Und ich habe wieder gefragt, dringend gefragt: ›Kennst du das?‹ Und da hat er mich verwundert angesehen: ›Sei doch nicht so sonderbar, Kind!‹ Ich aber habe es ihm immer und immer wieder hingehalten und gefleht: ›Nimm es und gib mir dein Stück Gold dafür, das du doch haben mußt!‹ Da wurde er endlich böse. Er begriff nämlich gar nicht, was Gold ist ... Dann haben wir uns innerlich von einander geschieden, langsam, qualvoll. Das Stück Gold habe ich wohl noch, aber doch nicht mehr für ihn. Jetzt könnte er mich darum anflehen, und ich könnte es ihm doch nicht mehr geben, beim besten Willen nicht!« Sie hatte ernst, fast feierlich die letzten Worte gesprochen. Die Sterne flammten hell, und der junge Mond hob seine goldene Sichel in die Sommernacht. »Ich wußte das«, sagte Dühling endlich: »Aber versprechen Sie mir eins, gnädige Frau: bleiben Sie so lange hier, wie Sie können! Für Sie ist es ja absolut gefahrlos, wohl auch für mich. Das letztere weiß man freilich nie ... Les coeurs blessés , Sie wissen ja ... Aber Kranke unterhalten sich gern über ihre Krankheit ...« Er schaute vor sich hin und sagte dann nachdenklich: »Ich war nämlich mal anders, ganz anders, gnädige Frau ... Ich fand auch das Stück Gold und gab's weg, aber ich bin jetzt unsicher, ob ich auch Gold zurückbekam.« Frau von Westrem war aufgestanden und sah nach der Uhr. »Ich bin eine Törin. Wer ist's schließlich nicht? Ich hätte schweigen sollen.« »Und es war doch viel besser, daß Sie sprachen, gnädige Frau. Jetzt weiß jeder, was den andern drückt!« »Wissen Sie's?« fragte sie fast höhnend. Sie blickte hinüber nach dem Strand, wo der weiße, klare Horizont hinter dem Wald sank. »Wollen wir noch einmal an die See gehen? Ich fühle wieder meine alte Krankheit: das Blinkfeuer von Brüsterort.« Der Flut folgt die Ebbe unerbittlich. Auf die große Aufregung senkte sich wie Meltau der kleine Klatsch des ganzen Badeortes. Diesmal hieß die Parole: Westrem – Dühling. Man hatte die beiden wohl in der Nacht zusammen gesehen, vielleicht ein Wort erlauscht. Natürlich mußte es ein Rendezvous sein, eine abgekartete Sache. Und Edeldenkende überlegten schon einen anonymen Warnungsbrief an den betrogenen Ehegatten. Die Tugend wittert ja überall das Laster. Nur der Schnurrbart war noch ein Hindernis, der weiße Schnurrbart! Es war doch kaum denkbar ... aber man kennt ja die perversen Neigungen großer Damen. So ging ein böses, feiges Wispern durch den Zauberwald. Die beiden Sünder ahnten nichts. Sie hatten sich fast eine Woche nicht gesehen. Sie war erkältet, hütete das Bett. Er erkundigte sich täglich nach ihrem Befinden, auch Blumen schickte er einmal. Sie dankte und blieb unsichtbar. Er verstand das so gut. Sie schämte sich, und niemals sind junge Frauen reizender als in der Scham. Und jetzt fehlte ihm die Frau immer. Nun, da er sie zu kennen glaubte, kam sie ihm vor wie ein Stück von ihm selbst. Und wenn sie, gesund geworden, heimlich ging? Sie beschäftigte ihn mehr, als er sich selber gegenüber wahrhaben mochte. Wenn eine Frau noch so jung ist, so leidenschaftlich und so schnöde verkannt ... Eine verkannte schöne Frau! Es umfließt sie ein starker, geheimnisvoller Duft. Sagen zu können: ich kenne dich allein! Es ist wie bei den geschiedenen Frauen. Sie heiraten fast stets wieder. Der andre fand eben den Schlüssel zu diesem Herzen nicht, und den Schlüssel finden zu können, der einzige vielleicht, der ihn überhaupt finden kann, welcher Reiz! Nach dem Schlüssel suchte Georg von Dühling freilich nicht. Er hatte den seinen ja in einem andern Herzen stecken lassen, und der rechte Schlüssel schließt immer zwei Herzen, doch nur die zwei. Als er eines Nachmittags am Strande lag, nicht weit von neuangekommenen Kurgästen aus dem Dorf, – er erkannte sie nicht, aber der Ostwind trug ihm beinahe jedes laute Wort zu, und er wollte darum schon weggehen, – hörte er folgende Unterhaltung: »Nun hat ja die Dünenvilla glücklich auch ihren Roman!« »Königsberger?« »Na, so beinahe ... Es soll die rothaarige Baronin sein, die Frau von dem schönen Rittmeister.« »Und er? Ja, das soll so ein alter Krauter aus Berlin sein, der es aber doch verflucht gut verstehen muß.« Sie lachten und erzählten sich, leiser plaudernd, wohl die intimeren Details. Dühling stand auf. Der Hauptsprecher war ein grauer, alter Philister mit einer Brille und einem Bauch. Um diesen Schwätzer zu züchtigen, hätte er schon zum Stock greifen müssen, und das widerstrebte ihm. Bei groben Skandalen um eine Dame wird auch der reinsten das Kleid beschmutzt. Mit seinesgleichen schießt man sich, aber das Prügeln macht immer gemein. Er ging also, ohne sich noch einmal umzusehen. Der Klatsch war so sinnlos, und doch ärgerte er ihn. »Das beste, vernünftigste wäre wohl, ich reiste ab. Aber wohin? Jedenfalls will ich ihr alles erzählen, und sie soll entscheiden.« Er kam in die Pension, und die erste, die er sah, war Frau von Westrem. Sie saß in einer Laube und trank Kaffee. Er ging sofort zu ihr. »Wie geht's, gnädige Frau? Ich habe mich um Sie gesorgt. Ich fürchtete, Sie zu verlieren, ja, ich fürchtete das ganz gewiß.« Er reichte ihr herzlich die Hand, was sie mit dem eignen flüchtigen Druck erwiderte. Ihre Hand war trocken und heiß wie bei Fieber. Sie antwortete auch nicht gleich. Sie sah ihn nur, rot geworden, etwas geniert an, als wenn sie sagen wollte: »Nicht wahr, du hast doch vergessen? Deshalb war ich nämlich krank.« Er begriff. Aber die Klatschgeschichte erzählte er ihr doch. »Ich kann nicht anders, gnädige Frau.« »Gewiß, gewiß«, antwortete sie zerstreut, dann schwieg sie nachdenklich. »Die Leute haben recht ... Ich sollte nicht mehr zu meinem Mann zurückgehen. Das beschäftigt mich auch jetzt jede Minute wachend und schlafend ... Und solches überlegen macht so matt.« »Ehrlich gesagt, gnädige Frau, darin verstehe ich Sie auch nicht ganz. Es ist doch kein Losreißen für Sie. Und was man früh tun kann, soll man nicht spät tun!« Sie lächelte bitter. »Sie reden auch, wie Sie's verstehen, Herr von Dühling! Mit dem Gedanken an die Trennung gehe ich natürlich seit Jahren um. Das heimliche Lügen, das im Bleiben liegt, liebe ich ganz gewiß nicht ... Über große Zärtlichkeit hat er sich allerdings nicht zu beklagen, und in meiner Ehe bin ich vielleicht, was ich scheine: eiskalt und kapriziös ... Er hat so gute Nerven, und er denkt nichts oder er denkt, es liegt alles daran, daß wir keine Kinder haben ... Und wenn ich morgen nach Berlin zu meinem Mann führe und ihm ruhig sagte: ›Es ist aus zwischen uns, absolut aus. Ich kann nichts dafür, du kannst nichts dafür, wir passen eben nicht zueinander?‹ – würde er erst sicher denken, ich sei verrückt geworden. Darauf brauchte ich ihn nur ruhig, ganz ruhig anzusehen; ich kann etwas im Blick haben, das alle Hitze dämpft ... Also gut! Das wäre auch überstanden ... Aber er ist schließlich ein Mann, in gewissem Sinne sehr Mann. Er wird sich sagen: ›Die Frau, mit der ich zehn Jahre zusammen gelebt habe, sieben davon für mein Gefühl wunschlos glücklich, die Frau hat mir ein anderer entführt, und diesen andern möchte ich mir gerne über das Visier einer Pistole ansehen.‹ ... Der andere existiert natürlich, aber er ahnt ihn nicht! Und er wird doch suchen unter seinen Bekannten, unter den armen Courmachern wahrscheinlich, die immer um mich herum waren, weil sie einen geschulten Instinkt für faule Ehen haben, und die ich nicht mal abfallen ließ, weil sie mir so absolut ungefährlich waren. Einen davon würde er sich wohl kaufen, vielleicht faßt er sich auch den ersten besten hübschen Leutnant, der nach unsrer Trennung mich noch freundlich anzureden wagt: ›Du bist also der Schurke! Ich hätte ihr allerdings einen besseren Geschmack zugetraut, aber das Gericht will ich euch wenigstens gründlich versalzen ...‹ Wenn nun so 'n armer Kerl dran glauben müßte? In dem Punkte traue ich ihm alles zu ... Und auf der andern Seite – mein Gefühl erklären kann ich ihm nicht, weil er es einfach nicht versteht. Er liebt mich eben noch auf seine Weise. Er freut sich kindisch über jedes gutsitzende Kleid, er bewundert täglich meine Figur. Je kälter ich, um so wärmer wird er ... Und dann tut er mir doch leid ... Er will eine junge, elegante, reiche Frau – ich bin's. Und wenn der arme Tor mit dem wenigen zufrieden ist? Ich bitte Sie! Wenn ich gehe, nehme ich ihm alles, und mir gebe ich nichts. Das weiß ich nur zu genau. Aber ich bin keine Frau, die sich mit sentimentalen Träumen begnügt; wenn ich etwas aufgebe, will ich auch etwas dafür haben. Und wenn ich eine Torheit begehe – ich begehe jetzt vielleicht die größte –, so tue ich sie doch bewußt und zittere nicht vor der Konsequenz.« »Sie haben recht, gnädige Frau ... Sie tun mir leid.« Sein Arm lag schlaff auf dem Gartentisch. Jetzt zuckte ihre Hand jäh herüber und preßte sein Handgelenk. »Leid tun? Bitte, niemals mehr das Wort! Die Suppe, die ich mir eingebrockt habe, esse ich allein aus und wünsche niemand, der mir essen hilft ... Sie sagten eben, Sie würden mich schwer vermissen; nun noch einmal das Wort Mitleid, und ich bin in derselben Stunde weg.« Sie zog langsam die Hand zurück. Jetzt lächelte sie hochmütig. Von einem Balkon sahen zwei Damen zu und drehten sich verlegen weg, als Frau von Westrem hinaufblickte. »Ich sage Ihnen ja«, fuhr sie unbekümmert fort, »wenn ich ›das‹ hätte, was ich wollte, und wenn ich mir's vom Himmel herunterreißen könnte, ich würde über jede Leiche gehen, und kein Mitleid würde mich wankend machen.« Dühling durchrann es seltsam. Seine eignen Gedanken, seine eignen Gefühle bei jener andern Frau; der heiße Wunsch, daß auch sie einmal über Leichen gehen könnte. – Seitdem verkehrten die beiden wieder so harmlos, wie es zwei Wissende überhaupt noch können. Sie waren täglich zusammen. Er holte sie frühmorgens von der Villa ab. Er brachte sie abends zurück. Es war eine Sünde ohnegleichen. Und vor der Ungeheuerlichkeit verstummte fast das Wispern. Eine Woche später, auf einem Spaziergang, sagte sie ohne Einleitung: »Ich gehe nicht mehr zu ihm zurück!« »Warum jetzt auf einmal so entschlossen, gnädige Frau?« »Ich will nicht mehr, vielleicht kann ich auch nicht mehr«, fügte sie fast flüsternd hinzu. Und es war doch rings kein Lauscher als der Sand und das Meer. »Und wohin wollen Sie gehen?« »Oh, fragen Sie nicht! Ich weiß es selbst nicht. Ich habe keine Ahnung, wo ich heut über einen Monat sein werde, nicht einmal die Vorstellung. Ich will sie auch nicht haben!« Dann lächelte sie müde. »Ach Gott! Ich bin gewiß zielbewußt und mag das wahllose Träumen nicht, aber einen schwachen Punkt haben wir alle, und da sind wir so klein und kindisch, so albern vor uns selbst. Wir wissen's genau, wir ändern uns doch nicht ... Nehmen Sie an, ich hätte einen Brief bekommen, in dem absolut nichts steht, und aus dem ich doch etwas herauslesen möchte.« »Haben Sie wirklich einen Brief bekommen, gnädige Frau?« »Nein.« »Warum sagen Sie es dann?« Sie zuckte nur die Achseln. Sie war stehengeblieben und bohrte mit dem Fuß verlegen im Sande. In dem Augenblick war sie wirklich Weib, schwach, reizend. Er hatte diese süße Schwäche mal bei einer andern Frau so heiß geliebt. Hier kam sie ihm neu, unvermittelt. Und dabei die Schwäche einer starken, leidenschaftlichen Natur. ... Er suchte ihre Augen, doch die wichen ihm aus. »Sie haben doch einen Brief bekommen, gnädige Frau, vorhin, und Sie wollen es jetzt nur nicht wahrhaben!« »Sind Sie eifersüchtig auf ihn, Herr von Dühling?« spottete sie. »Etwas, ja. Ich möchte wenigstens wissen, wer er ist, und ob er Sie verdient. Wir sind so lange zusammen und kennen uns so gut. Ich habe viel über Sie gegrübelt, wie das ja natürlich ist. Und dabei hat eine andere etwas verloren. Ich sehe ihr Bild jetzt weniger klar, der Zweifel faßt mich stärker ... Nein, ich zweifle nicht«, unterbrach er sich rasch. »Ich will nicht zweifeln! Aber man hat so seine Gedanken. Und bei jeder Frau, mit der man lange und ausschließlich zusammen war, fragt sich der betreffende Mann: ›Wenn dir die früher auf dem Lebenswege begegnet wäre?‹ Ja, gnädige Frau, wenn wir uns früher begegnet wären, viel früher, als uns beide noch nichts band, hätten wir nicht vielleicht ganz gut zueinander gepaßt?« Sie war langsam weitergegangen. »Ich glaube auf keinen Fall, Herr von Dühling«, antwortete sie, ohne aufzusehen. »Und ich glaube doch! Der Fabulist hat recht. Wir haben etwas Gemeinsames ... Ich war ja, wie gesagt, auch mal ein anderer, ein ganz anderer. Ich war ein zielbewußter, harter Bursche, manche sagten sogar, kalter Streber, obgleich ich zum Streber wohl immer viel zu hochmütig gewesen bin. Jedenfalls hatte ich Kraft und Jugend und wußte, was ich wollte ... Und jetzt?« Er lachte schrill auf. »Löschen Sie mir drei Jahre meines Lebens aus! Ich weiß nicht mal, ob Sie mir damit etwas Gutes täten, ich würde vielleicht wie ein Kind betteln: ›Schreibe wieder auf die schwarze Schiefertafel, was du verlöscht!‹ Ich habe von dieser Vergangenheit gelebt, ich lebe noch davon, ich vegetiere. Aber jetzt steigt mir manchmal der Wunsch auf: ich möchte von der Gegenwart leben! Und daran sind Sie etwas schuld, gnädige Frau ... Wenn ich Sie sehe in Ihrer Jugend, Ihrer Kraft, Ihrer Fähigkeit, ein schweres Schicksal stolz und ohne Wimperzucken tragen zu können, dann sage ich mir doch: ich möchte auch wieder jung sein, leben. Mit dem einen Male kann es doch nicht endgültig aus sein! Der weiße Schnurrbart allein macht doch noch nicht alt, nicht wahr?« Der Strand war an dieser Stelle tief. Sie gingen beide schwer. Die Brandung klatschte an ein Felsstück, so daß der dumpfe Laut seine letzten Worte verschlang. Eine Holztreppe mit holperigen Stufen führte zwischen wildem Buschwerk auf die hohe, bröckelnde Küste. Frau von Westrem ging voran, rasch, elastisch; sie blieb nicht ein einziges Mal aufatmend stehen, obgleich es mehr als hundert Stiegen waren. »Die Frau versteht dich doch nicht«, dachte er. Oben war eine Bank und ein Ausblick mit einer hölzernen Brustwehr nach der See zu. Frau von Westrem lehnte sich gegen den Querbaum und schaute sehnsüchtig hinaus. Es dämmerte schon. Im Rücken und zur Seite hochstämmiger Laubwald mit blumigem Rasen und gepflegten Parkwegen, die Warnicker Forst, der schönste Punkt an der ganzen Küste. Es war um die Glockenblumenblüte. Die hohen, schlanken Halme mit dem blauen, stummen Geläut schwankten leise im Dämmerlicht, vom Abendwind gekost. Vorn dehnte sich das Meer, blau, spielend, mit zitternden Reflexen, und rotgolden flimmerte zierliches Gewölk. Nach Brüsterort hin die im weiten Bogen ausholende Küste, steil, stumm, düster; ihre hohen Lehmwände jäh zerrissen, mit nachstürzenden Bäumen, geknicktem Geäst und angstvoll festgekralltem Buschwerk. See und Weststurm reißen wild aufjauchzend ihren Todestribut von dem wehrlosen Strand. Schlank wie ein Minarett reckte sich der Leuchtturm aus seinem Dünenbollwerk. Er lag tot. Jetzt zuckte das erste Licht auf. »Ihr Blinkfeuer«, sagte er. »Ja, mein Blinkfeuer«, wiederholte sie. »Kennen Sie den Mechanismus?« fragte sie nach einer Weile. »Ja und nein. Jedenfalls nicht besser als Sie. Es ist intermittierendes Licht. Einmal flammt's hell wie eine Bogenlampe, und dann glimmt's wieder heimlich wie ein Glühwurm.« »Soll ich wieder einmal töricht sein?« »Ja gewiß ... Das ist doch das Beste am ganzen Leben!« »Jetzt glimmt's gerade«, sagte sie. »Zählen Sie bis drei, langsam oder schnell, wie Sie wollen!« Er zählte: »Eins ... zwei ...« »Ha, es flammt!« rief sie triumphierend. »Was soll das?« »Daß ich mich heute dem Zufall wieder mit geschlossenen Augen hingegeben habe. Ich dachte mir, wenn bis drei das starke Licht umspringt, werde ich im Leben noch einmal haben, was ich erfleht.« Sie hatte sich zu ihm gewandt, in den blassen Augen ein tiefes, heißes Leuchten. Ein vages Gefühl durchzuckte ihn wie eine Ahnung. Er scheuchte sie fort. Die Augen leuchteten ganz sicher einem anderen. Sie wandte sich gleich wieder zur See. Das Glühwürmchen gleißte jetzt matt. »Wie kurz, wie furchtbar kurz!« meinte sie kopfschüttelnd. »Sonst flammte es doch viel länger.« »Es kam mir auch so vor. Vielleicht ist etwas am Mechanismus entzwei.« »Nein, nein!« unterbrach sie rasch. »Es ist schon richtig. Das Glück ist immer kurz, so lang es auch sein mag.« Darauf schwieg er und dachte an die andere Frau. Dann gingen sie noch in dem Waldpark spazieren. Es war so feierlich stumm. Die Nacht streute leise ihre dunkeln Schatten. Sie sprachen fast nichts. Sie strich mit der Hand über das hohe Waldgras am Wege, und ihm deuchte, es sei eine zitternde Sand. Durch das Grün blinkten die Signallichter eines Bahnhofes. Es kam ein schmaler Heckenpfad. Sie mußten hintereinander gehen. Der Schwarzdorn duftete, das rote Haar leuchtete. Eine Sommernacht und eine rätselhafte Frau ... Aus dem Waldwirtshaus strömten die Passanten. Es war Mittwoch, und der letzte Zug ging bald. Auf dem schlecht gepflasterten Wege zur Station begegnete den beiden ein schluchzender Junge. »Was hast du?« fragte Dühling. »Ich habe meine Eltern verloren!« Und Frau von Westrem erinnerte sich jetzt eines Paares, das am Heckenwege unschlüssig gestanden und jeden Vorübergehenden nach seinem verlorenen Jungen fragte, – dicke, gutmütige Leute, die ihr Kind sicher herzlich liebhatten. »Die stehen dort drüben, mein Junge. Lauf, ehe sie wieder in den Wald zurückgehen!« Dühling zeigte nach der Richtung. Der Junge sprang glückselig und ohne Dank von dannen. »Haben Sie als Kind leicht geweint, gnädige Frau?« »Nein, höchstens aus Wut, wenn man mich schlug. Aber auch das ist schon lange her. Später erinnere ich mich keines einzigen Males mehr ... Doch, einmal noch! Aber das hat niemand gesehen ... Ich mag auch die leicht fließenden Tränen nicht. Sie sind so ein sentimentaler, schwächlicher Appell an das Schicksal ... Aber wenn es mir doch noch einmal passieren sollte im Leben, dann müßte mein Herz so übervoll sein, daß auch andere weinen müßten an meiner Statt.« Sie kamen auf den Bahnhof. Am winzigen Schalter drängten sich die Eisenbahnfiebernden. Es war noch so viel Zeit. Sie gingen den langen Zug ab. An der Lokomotive suchte Dühling interessiert nach der Nummer. Er hatte ein gutes Zahlengedächtnis, und aus Zufall bewahrte er noch die Maschinennummer vom Eröffnungstage. Es war dieselbe. Da deutete er lachend auf das kleine, schwarze, prustende Ungetüm. »Dem verdanke ich, daß wir uns überhaupt noch kennenlernten, gnädige Frau.« Er schlug mit dem Stock im Scherz nach dem Radreifen und sagte: »Du hast's gut gemeint, rußiges Scheusal!« Und er erzählte ihr von dem großen Tage damals, und wie er und der Schriftsteller sich in der Unterhaltung über sie verspätet hätten, und wie merkwürdig der Zufall dann in der Begegnung und in dem Telegramm gespielt. Bei der Heimfahrt saßen sie eingepfercht. Bestaubte Stiefel, Kindergeschrei und Kurgäste, die überlegten, ob das Abendbrot nicht schon endgültig von den Pensionstafeln abgetragen worden sei. In ihrem kleinen Badeort waren die beiden die letzten, die ausstiegen. Als hinter dem Hexenwald der Teich leuchtete, treibende Seerosen im silberigen Flimmer, blieben sie stehen. Das Stranddorf lag drüben wie illuminiert, und von den Uferhäusern schwankte rotverschwommen der Widerschein freundlicher Lichter auf dem Wasser. »Denken Sie noch an unsere Begegnung hier in der Mittagsglut, gnädige Frau?« »Gewiß!« »Und tun Ihnen die vertraulichen Mitteilungen nicht doch manchmal leid?« »Nie! Im Gegenteil, Herr von Dühling. Das mußte wohl auch mal runter vom Herzen. Und für das Heute danke ich Ihnen. Sie sind doch ein Freund!« Sie hielt ihm die Hand hin, die schmale, energische Hand. Im Gehen warm geworden, hatte sie das dänische Leder vorgestreift, bis über das Gelenk. Dühling nahm die Hand und küßte die unbeschützte Stelle. Sie ließ es geschehen. Darauf fiel der Arm wie leblos zurück. An dem kleinen Laden im Dorfe verabschiedeten sie sich. Sie wünschte wieder allein nach ihrer abgelegenen Villa zu gehen. Der Laden war noch auf, und die niedlichen Badespielereien im Schaufenster schauten lustig aus. Frau von Westrem sah sie an und lächelte auch. »Ich sehe Sie so gern lächeln, gnädige Frau, aber Sie tun es nur selten, und es steht Ihnen doch so gut!« Da wurde sie wieder ernst. »Ich bin wohl zu leichtsinnig für mein Schicksal? Und doch habe ich vielleicht zum erstenmal ein Recht, es zu sein, denn mir ist heute klar geworden, daß ich über ein Jahr entweder wunschlos bin – oder ...« »Oder?« wiederholte er bittend. »Sagen Sie doch, gnädige Frau!« Aber sie war schon weg und rief ihm nur noch ein helles »Gute Nacht!« zu. Georg von Dühling blieb diese Nacht sehr lange auf. Er holte die Kassette vor, – die Briefe, das Rosenblatt, das Bild. Er las alle Briefe noch einmal, obgleich ihm das immer furchtbar weh tat. Sie waren so reizend und gut, und eigentlich stand für ihn selbst so wenig drin, bis auf den einen Satz. Er küßte die Stelle, über ihrem Bild brütete er Stunden. Und das Entzücken durchrieselte ihn wieder und das Weh. Das süße, junge Gesicht mit dem müden Charme, dem unnennbaren Liebreiz! Er gehörte dieser Frau noch immer und fühlte das wohl. Es war nicht anders und konnte nicht anders sein. Wer alles hingegeben, besitzt eben nichts mehr. Ob auch der Fuß an der Kette zerrte – ein anderer Frauenkopf wollte auftauchen, ein anderes Glück, – es war doch alles vergebens. Er verschloß die Kassette und versteckte den kunstvollen Schlüssel. Er fühlte ein Zucken in den Fingern und ein schmerzhaftes Ziehen. Er hätte gern alles hinter sich geworfen. Nur einmal noch Gegenwart! Er wandelte ruhelos die ganze Nacht ... Wenn nun die andere auch ging, die mit dem starken, jungen Herzen und der großen Leidenschaft, wenn die auch ging, vielleicht ihrem Glücke entgegen, so blieb er eben wieder einsam zurück. Es war immer die alte Geschichte. Und der Gedanke an dieses trostlose Leben von der Vergangenheit allein drückte auf ihn wie ein Alp. Der helle Mond verblaßte, in der bleichen Morgendämmerung erschauerte träumend der Wald. Der fahle Schimmer kroch durch die weißen Fenstervorhänge, und der gelbe, übernächtige Schein der Lampe wehrte sich aufknisternd gegen den Eindringling. Im Zimmer war eine heiße, stickige Luft. Der Mann zog den Mantel an. Er wollte noch einmal hinaus. Das aufgedeckte Bett lockte ihn gar nicht. Draußen wehte die feuchtmilde Morgenkühle. Die Villa lag wie verwünscht, und die bunten Illuminationslämpchen hingen grämlich und verkatert, wie nach einem wüsten Fest. Georg von Dühling ging auf der Dünenhöhe entlang, den Morgen zu grüßen. In den Laubbüschen spiegelte sich der Tau. Das Heidekraut duftete, Vögel zwitscherten schlaftrunken. Die See blickte kalt, grau, mit ihrem gelben, leblosen Strand. Die Badebuden waren geschlossen, morsche Fischerboote lagen am Ufer. Eisig wehte es herauf. Am äußersten Horizont spielten violette Lichter, aufgleißend über den dunstigen Wassern. Die Sonne erwachte wohl grade hinter dem Hexenwalde drüben, und ihre ersten Strahlen küßten das heilige Meer. Doch nur ein silberner Schein im Morgengewölk zeichnete den Osten. Dühling war bis aufs Feld hinausgegangen. Die Dörfer schliefen noch, leblos lag der Wald. Aus dem Fließtal blickten die schwedischen Villen, fremdartig, neu. In einer glimmte noch ein Licht. Es mochte ihr Zimmer sein. Sie träumte wohl wachend von dem anderen. Und ein neidisches Gefühl stieg in ihm empor, er sagte halblaut: »Ich wollte doch, ich wäre der Mann!« Er hatte das heiße Leuchten ihrer Augen noch nicht vergessen ... Aber sofort schämte er sich der Regung. Der Frühmorgen ist nüchtern und dämpft törichtes Gefühl ... Er wandte sich nach links, das Blinkfeuer von Brüsterort zu sehen. Und in demselben Augenblicke, wo er es sah, erlosch es auch. Es war wirklich Morgen. Er ging durch den Zauberwald zurück nach der Villa. Der Hausdiener schlich verschlafen durch den Korridor, und nie kam die Dünenvilla dem Manne spießbürgerlicher vor und die Vergangenheit grauer als nach dieser durchwachten Nacht. Der Sommer neigte sich. Er hatte an Wärme und Licht gegeben, was nur der kurze östliche Sommer zu geben vermag. Die Passantenströme versiegten allmählich, und die großen Landpartien mit vollgepfropften Leiterwagen, im Sande keuchenden Ackerpferden und Lampions schwenkenden Kindern schienen nur noch eine Legende. Die Teichlinden schimmerten gelb, und ernsthaft lesende Mädchen, die altklug von ihrem Buch auf das raschelnde Blätterspiel sahen, das der Herbstwind trieb, saßen einsam auf den verlassenen Bänken. Das Wasser blinkte stahlblau und kalt. Niemand dachte mehr der furchtbaren Malariadünste, die es in schwülen Julinächten sonst aushauchen sollte. Die Reunions in den Dorfhotels ruhten. Es waren bescheidene Feste gewesen, mit hellen Waschkleidern und furchtbar heißen Gesichtern, mit feurigen Tänzern aus Prima oder vom Ladentisch. Dühling kannte sie kaum dem Namen nach – höchstens von der Straße aus sah er in die staubigen Biergärten mit den Grog trinkenden Philistern sämtlicher ostpreußischen Landschaften. Auch in der Dünenvilla war eine wohltuende Ruhe eingekehrt. Zwar die Zimmer waren noch vollständig besetzt, und die Hufeisentafel zeigte keine Lücken, aber der Blick der Pension ruhte fast mit Wohlwollen auf dem einsamen Entoutcas eines verspäteten Strandtouristen im Garten. Die heimliche Klage, daß die Passanten durch ungebührlich große Kotelettes verwöhnt und die Stammgäste etwas stiefmütterlich behandelt würden, verstummte, sogar der Groll über das allabendliche Ragout, der die Hundstagsgemüter erhitzt und viel Geist und Witz verschlungen hatte, war nicht mehr. Man wohnte und aß wieder wie zu Beginn der Saison: einfach, aber vortrefflich. Die ungewohnte Fremdenwoge hatte den Kurort aus seinen Gleisen geschleudert, jetzt fand er sich wieder, und es ging nach alter Weise. Im Korridor duftete es anmutig nach Kuchen, die Kaffeemaschine brodelte einladend. Der alte Hauch von Wärme und Gemütlichkeit zog durch das Schweizerhaus. Und wenn der Herbstwind an der Glasveranda rüttelte, blinkte am frühen Abend traulich das Grogglas, und der Whisttisch formierte sich. Und vor allem waren es neue Menschen, Naturfreunde, die gern beschaulich und einsam blieben. Rauschende Badevergnügungen hatten die lange hinter sich. Dühling kannte fast niemand mehr. Von der alten Garde waren nur noch der Schriftsteller und der Gnom zurückgeblieben ... Die Frau des Hauses tat ihr Bestes. Abends wurde musiziert, und sie, die tagsüber Beschäftigte, saß dann gern am Klavier und erholte sich an ihrem eignen guten Spiel. Dühling und den Schriftsteller hatte sie nie geliebt. Die waren zu viel gereist und betrachteten die Menschen darum zu sehr als Dinge – auch sie ... Und im übrigen: Dühling – Westrem! – es gab wenige, die bei diesen Namen nicht ein angenehmer, moralischer Schauer überlief. Nur der Gnom mit seinen schnodderigen Berliner Redensarten war merkwürdigerweise aller Freund. Dühling sah den Mann überhaupt nicht. Es war der einzige Herr, mit dem er nie einen Gruß wechselte. Der Verkehr mit Frau von Westrem ruhte fast ganz. Zwischen ihnen lag eine Wolke. Sie konnten den alten harmlosen Ton nicht mehr finden. Er grollte nicht, und sie schmollte nicht. Nur ein kleiner Zwist. Er hatte einmal über den Mann etwas lächelnd gesprochen, und sie antwortete sofort frostig ablehnend: »Lassen wir ihn doch! Er ist arm genug ...« Und als sie von der Frau sprach – es war nichts Böses, – antwortete er nervös: »Lassen wir sie doch! Sie ist arm genug.« So trennten sie sich. Er wäre gern abgereist und wollte sich nicht zugeben, daß die Frau allein ihn forttrieb und festhielt zugleich. Heute beim Morgenkaffee hatte sich die Dame des Hauses zu ihm gesetzt. Sie hatte den untrüglichen Fraueninstinkt für gewisse Verstimmungen, und der Mann tat ihr wohl auch leid. Sie hätte gern alle Menschen glücklich gesehen, wie sie es selbst war durch ihre Arbeit. Der Kellner Karl, der sonst als Vertrauter wichtigen Besprechungen beizuwohnen pflegte, stand fern am Büfett. Er klimperte träumerisch mit den Biermarken in seiner Tasche. In der Herbstzeit regte sich bei Sommerkellnern der Wandertrieb. Die Ansprüche der alten Damen schwollen, doch die Trinkgelder fielen spärlicher. »Sie hatten sich schön erholt, Herr Rittmeister, aber jetzt sehen Sie wieder etwas matt aus.« »Ich habe wohl die See forciert, gnädige Frau. Schlecht gerechnet sechzig Bäder. Das würde Ihnen jeder Arzt für Wahnsinn erklären, aber das Wasser ist noch so warm – und viel anderes hat man jetzt auch nicht mehr.« »Aber Herr von Dühling!« rief die Dame freundlich gekränkt. »Das können Sie unserem Ort nicht nachsagen. Es gibt Spaziergänge die Hülle und Fülle. Und im Herbst sieht sich alles wieder ganz anders an!« »Frau von Westrem hat das Baden auch wieder angefangen.« »So? Früher badete sie so furchtbar spät.« »Das weiß ich nicht!« »Das war auch vor Ihrer Zeit ...« Und mit freundlicher Bosheit fuhr sie fort: »Sie ist ja wohl eine sehr liebe Dame, die Frau Baronin, aber etwas Unnahbares hat sie immer.« Sie lächelte spitz. »Etwas wie Sie, Herr von Dühling. Ja, ja, gleiche Brüder, gleiche Kappen! Sie haben sich nicht umsonst gefunden.« Darauf Dühling höflich verwundert: »Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen, gnädige Frau ... Im übrigen ist unser Verkehr doch der natürlichste von der Welt. Ich bin alter Regimentskamerad ihres Mannes ...« »Aber der Herr Baron muß doch viel jünger sein!« »Im Gegenteil. Ein paar Monate älter. Er hat nicht mehr sehr lange bis zum Major ...« »Aber ich dachte doch ...« Und da ihr das Thema peinlich war, sagte sie mit doppelter Herzlichkeit: »Heute müssen Sie aber hinaus, Herr von Dühling! Sie sitzen viel zuviel. Es ist ein Tag so warm und klar wie im schönsten Sommer.« Karl kam mit einem diskreten Kellneranliegen. Die Dame stand auf. »Frau von Westrem ist wohl am Ende gar schon abgereist?« fragte sie im Weggehen mit leichter Pike. »Ich glaube nicht. Sie würde sich doch wenigstens von Ihnen verabschiedet haben.« Selbstverständlich war sie noch da! Und dennoch fiel die andere Möglichkeit ihm etwas aufs Herz. Sie war die Frau, auch ohne jeden Abschied zu gehen, wenn es ihr paßte ... Und wenn sie wirklich weg war? Wenn er in der Villa klingelte und den Bescheid erhielt: die Frau Baronin sind vor einer Stunde abgereist? ... Er fühlte plötzlich keine Verstimmung mehr gegen sie, nur eine kindliche Angst, sie vor der Zeit zu verlieren. Er kämpfte: warte bis morgen! Doch er wartete nicht, er ging sogleich. Als er, peinlich in der Toilette wie immer, sich im Korridorspiegel besah, ärgerte ihn der weiße Schnurrbart. Frau von Westrem war zu Haus, doch ließ sie wider Gewohnheit Dühling lange warten. Er ging im Garten auf und ab. Herbstastern blühten bunt, doch warmer Sommerhauch lag in der Luft. Ein hübsches Dienstmädchen scheuchte unbotmäßige Hühner. Die erzählte gleich redselig, daß Westrems drei große Zimmer bewohnten: ein Schlafzimmer für die Frau, einen Salon, ein Schlafzimmer für den Herrn, wenn er mal Sonnabends herübergekommen wäre. Die Herrschaften sähen sich dann früh immer erst im Salon am Frühstückstisch. Das sagte so viel. Jetzt sah Frau von Westrem aus dem Fenster: »Wollen Sie nicht einen Augenblick heraufkommen?« Dühling betrat die Wohnung zum ersten Male. Ein großes, luftiges Gemach mit frischen Blumen und einer flüchtigen Ordnung. Er hätte schwören mögen, daß er beim Packen gestört. Die Frau selbst in einem weißen Sommerkleid, hübsch und elegant wie immer, aber müde. »Mein bester Kamerad will mich verlassen?« fragte er beim Eintreten mit einem Blick auf zwei große Koffer. Sie wollte die Anspielung nicht verstehen und führte den Gast an das Fenster, ihm die Aussicht zu zeigen: das anmutige, grüne Tal, das Fließ und im weißen Düneneinschnitt das Meer. Dühling sah nur flüchtig hin. »Sie dürfen auch gar nicht reisen, gnädige Frau, solange es der Herbst noch so gut meint!« »Mir bekommt das Baden schlecht.« »Mir auch ...« Er blickte sie forschend an, sie sah gleichgültig weg ... »Jedenfalls bin ich froh, daß ich Sie wiederhabe, gnädige Frau«, sagte er herzlich. »Ich habe mich gelangweilt ohne Sie, die trübseligsten Gedanken gehabt. Warum fehlen Sie mir so? Sagen Sie, warum?« »Gewöhnung. Wir waren viel zusammen.« »Das wähnte ich auch ... Aber es ist was anderes!« »Was?« »Es ist etwas sehr Schmeichelhaftes.« Da unterbrach sie ihn rasch: »Nein, sagen Sie, bitte, nicht! ...« Und nach einer Minute gleichmütig: »Sagen Sie auch, meinetwegen ...« Und sie beugte sich wie gelangweilt auf den Asternstrauß in der Vase. »Wer Sie wirklich kennt, gnädige Frau, der muß Sie eben vermissen. Und jetzt, wo ich Sie wiedersehe, empfinde ich wieder ganz den Zauber Ihrer Persönlichkeit ... Sie sehen so wunderhübsch aus in dem Weiß, das Ihnen so gut steht, und das ich so liebe ... Aber das ist ja nur etwas Äußerliches. Was ich an Ihnen immer wieder bewundere: das ist Ihre Jugend, Ihre unverbrauchte Kraft, und bei allem Schicksal der mutige Wille zum Leben und zum Glück.« Sie lächelte ein wenig. »Habe ich ihn? Sagen Sie lieber: ich hatte ihn.« »Ach, gnädige Frau, Sie werden wieder trübselig. Gegenwart, Gegenwart! Es ist doch das einzig Wahre ... Kommen Sie! Es ist wirklich Sommer draußen; wir wollen hinaus, wir wollen froh sein ... Heute noch einmal all die hübschen Stellen, die Sie mir gezeigt, und einen weiten Weg, einen ganz weiten! Ich will mir wenigstens beweisen, daß der Körper noch jung ist.« Sie schaute nachdenklich. »All die hübschen Stellen meinen Sie? Warum nicht? ... Ich will gern mitgehen, aber doch lieber einen neuen, andern Weg ... Und wozu immer Erinnerungen?« Die Stimme wurde ihr müde. »Sie sind etwas Wehleidiges. Ich pflegte sie zu oft – und man wird selbst wehleidig dabei!« »Also den neuen Weg, gnädige Frau!« Sie zögerte. »Wenn ich kann, Herr von Dühling.« »Dann verzichte ich selbstverständlich.« »Nein, ich werde können, weil ich können will. Aber damit Sie nicht etwa denken, ich sei kapriziös – ich habe in den letzten Wochen kaum ein Auge zugetan. Meine Nerven haben seit Jahren ausgehalten, was nicht viele Nerven ungestraft aushalten. Die letzte Probe war die schwerste. Den Brief, von dem ich Ihnen damals sprach, habe ich nun wirklich bekommen. Ich hoffte alles, und es stand doch nichts drin ... Nur keine Illusionen mehr, gar keine, es hat keinen Sinn! Man wiegt sich ein, und das Erwachen ist beinahe schlimmer als der Tod ... Ich habe einer Tante in den Reichslanden geschrieben. Zu der werde ich vorläufig gehen. Man muß doch anstandshalber in meinem Falle zu seinen Verwandten. Sie ist meine einzige Angehörige, eine respektable, bequeme Frau, die mich nie verstehen wird. Ich werde ihr auch nie mit Vertrauen lästig fallen, ich könnte es nicht mal. Ja, ich reise allerdings, Herr von Dühling«, fuhr sie mit ruhiger Entschlossenheit fort. »Ich fahre morgen früh. Es ist unwiderruflich, und tausend kleine Zweifel haben diesen Entschluß doch endlich gefestigt ... Ich sage Ihnen, es ist alles vorbei! Und ich will nicht mehr denken, fühlen, ich will Ihnen aber diesen letzten Tag gern geben, weil Sie es wünschen, und weil ich nichts Besseres damit anzufangen weiß ... Aber keine Erinnerungen! Das ist meine einzige Bedingung. Es tut mir noch alles weh von den anderen Erinnerungen. Ich sage Ihnen, wenn je ein Mensch Kraft brauchte, so brauchte ich sie heute. Der Brief war eine große Enttäuschung ... Und nun kommen Sie!« »Können Sie auch?« »Ich will!« Sie gingen durchs Tal aufwärts um das Dorf herum und hinter dem Bahnhof in tief sandigem Landweg, Zuerst hart am Wald, wo die kleinen Heidegründe lugten. Die Sonne leuchtete ruhig, groß. Das Auge schweifte ins Endlose. Die Felder gelb, kahl, zwischen den fahlen Streifen nur noch wie eingestreut die blühende Lupine und das grüne Kartoffelkraut. Krähen stolzierten, in der Luft hielten die Wandervögel Heerschau. Altweibersommer schimmerte wie Silbergespinst auf der Stoppel, wallte in weißen Fäden um Baum und Strauch. Es roch nach Herbst und milder Verwesung. Die Sommerluft fächelte trügerisch, aber das große Welken hub doch an – der Herbst. Sie gingen unter der breiten Kuppe des Heinrichsberges weg. Der Steinhaufen winkte. Das wellige Ödland lag trist, braun. Matte Falter schwangen sich über verspäteten Heideblüten. Dann lenkte ein Hohlweg ein mit tiefen Sandgleisen; Wald und Gebüsch säumten ihn. Ein Haus mit einem angepflöckten Schwein auf moorigem Heidegrund. Das Mühlenfließ sickerte durch. An einem morschen Wegweiser lichtete sich der Wald. Eine lange Blöße mit gelber, einfarbiger Stoppel – ein rotes, einsames Gehöft, darum schwangen sich im weiten Bogen baumbewachsene Hügel. Das weiche Herbstlicht lag über der Stoppel, und Herbsthauch stieg vom Acker auf. An dem Wegweiser hielten sie Rat. Das Banngebiet der großen Heidegründe begann hier. Dühling kannte sie noch nicht. »Aber es ist weit, gnädige Frau!« »Jedenfalls ist es schön.« »Und wir wollten ja doch schon einmal hin.« Wieder umfing sie der Wald. Eine fast pfadlose Wildnis von Berg und Tal, Gestrüpp und leuchtendem Sand. Dühling, obgleich Soldat, hätte sich hier schwer zurechtgefunden. »Wo haben Sie nur den Instinkt her, gnädige Frau?« »Wenn ich ein Ziel habe, finde ich auch einen Weg.« Am sanften Hang wucherte braune, jungfräuliche Heide, im Tal breitete Torfgrund sich zu unheimlich weichem Teppich. Dicke, gelbe Sumpfgräser wie Inseln dazwischen, und der Fuß tastete zögernd auf dem rissigen, schwanken Boden. Dann kam wieder ein Weg mit üppigem Gebüsch, ein träges Rinnsal schlängelte sich trübe daneben. »Schlangenheim, gnädige Frau! Nehmen Sie sich in acht!« »Warum?« »Wenn Ihnen etwas passierte ... Denken Sie wenigstens an mich!« »Und wenn mich eine stäche, glauben Sie, ich würde aufschreien? Gewiß nicht!« Er ging neben ihr. Der Weg engte sich und stieg in sandiger Schlucht zur Höhe. Oben grüßte wieder die endlose gelbe Stoppel und hinter einem blühenden Lupinenfeld eine Eichenwaldecke mit starken Bäumen, knorrigem Geäst. Sie stiegen wieder zu Tal. Der Sand rieselte, das struppige Gras raschelte. Endlich kamen sie auf eine Höhe. Groß-Thüringen! Der Glanzpunkt. Wellige Hügel hoben sich, Schluchten krochen, ein vielgestaltiges Blättermeer wogte rings bis hinüber, wo der Hochwald begann mit seinen ernsten, starren Linien und seiner feierlichen Unbeweglichkeit. Sie waren schon Stunden gegangen. Mittag war vorüber. Sie sprachen viel miteinander. Gleichgültiges, als ob sie etwas zu verbergen hätten durch das Wort. Und die Herbstsonne spendete ihr ruhiges, klares Licht, und der Sonnenhauch wehte mild. »Wir sind gleich am Ende der Prüfung«, sagte sie. Er schaute etwas ungläubig. Fetter, grüner Sumpfwald mit dem kühlen Moderhauch und der weichen Dämmerung umgab sie. Moosige Erlenstämme, das Gras üppig und schwer wie Samt – trügerischer Sumpfboden. Zuweilen gleißt Wasser auf zwischen hohen Halmen, eine Blase steigt, zerplatzt ... Die Tiefe lebt, der Sumpf, der Anfang und das Ende alles Seins. Vorsichtig schritten sie über den Morast. Der schwarze Boden unter ihren Füßen weich, stumm, widerlich. »Hier hat Roy auch mal durch müssen. Ich führte ihn natürlich. Aber er stoppte doch bei jedem Schritt ängstlich, und die Peitsche mußte ihr Bestes tun, sonst hätte er sicher gestreikt. Einmal trat er sogar fehl und versank bis ans Knie ... Schließlich haben wir es aber geschafft. Solange man eben weiß, was man will, kommt man überall durch.« Sie waren am Ende. Der Boden wurde fester, der Wald schimmerte licht. Jetzt noch ein Steg über einen Abzugsgraben. Er war mit einem Schritt hinüber, sie strauchelte, der Fuß tauchte in die ekle Flut. »Es ist nicht der Rede wert!« lachte sie. »Ja, ja, wir haben die Rollen getauscht, gnädige Frau! ... Damals trat ich fehl. Es dürfte wohl auch ein verbotener Weg sein.« »Möglich. Wer in den Sumpf geht, beschmutzt sich überhaupt leicht das Kleid ... Nur nicht versinken! Das muß schrecklich sein. Es geht so qualvoll langsam, und man weiß sein Ende so genau.« »Sie und der Sumpf, das reimt sich nie, gnädige Frau!« Sie lächelte hochmütig. »Ich glaube allerdings auch ... Aber wenn der einzige Weg zum Glück durch einen scheußlichen Sumpf ginge? Ob mich das beschmutzte Kleid dann sehr genieren würde? Ich glaube nicht!« »Vielleicht geht jeder Weg zum Glück über den Sumpf«, antwortete er, ohne die Worte viel zu wägen. Sie blickte ihn eigentümlich flüchtig an. Sie traten aus dem Waldsaum. Ein weitläufiges, behäbiges Dorf lag auf freier, gelber Ebene vor ihnen. Große Scheunen, alte Linden. Als sie näherkamen, tobten die Hofhunde wie wahnsinnig. »Das ist unser Ziel. Habe ich gut geführt?« »Mein Kompliment, gnädige Frau.« »Es war doch schön, nicht wahr?« »Ich weiß nicht. Ich habe die ganze Zeit über an Sie denken müssen, und daß Sie nun doch gehen.« »Sie sollten doch nicht, Herr von Dühling!« »Weiß ich. Aber wer springt über seinen Schatten?« In dem Dorfwirtshause verzehrten sie ihr verspätetes Mittagessen. Es war wie überall auf dem Lande: Fliegen, Schmutz, ein Bauerngarten. Doch von der Gartenbank sah man die weite Ebene und den herbstlichen Wald. Zum Kaffee buk ihnen die dicke Wirtin Waffeln und erzählte, daß sie seit kurzem Witwe sei. Das Geschäft ginge gut, auch der Materialwarenladen. Die Bauern aus der ganzen Gegend träfen sich immer nach dem Kirchgang hier. »Der junge Mann«, der Geschäftsführer, stand von weitem und strich sich unternehmend den dicken Schnurrbart, und es war ganz klar, daß seine Fünfundzwanzig ihre Vierzig besiegen und dem Leichenschmaus das Hochzeitsmahl bald folgen werde. Die dicke freundliche Frau war gegangen. Dühling sah ihr kalt und hochmütig nach. »Möchten Sie tauschen mit der, gnädige Frau?« »Wenn ich die Instinkte dieser Leute hätte, warum nicht!« »Aber Sie haben sie doch nicht!« »Ich bin dessen nicht einmal ganz sicher ... Ich bin klug und träume wie ein Backfisch; ich bin energisch und handle willenlos wie ein Kind. Verlangen Sie noch mehr Gewöhnliches von einer ungewöhnlichen Frau?« »Ärgern Sie mich nicht!« »Ich kränke doch nur mich selbst.« Aber seine Stirn hatte sich gekraust, und er pfiff durch die Zähne. »Warum das gerade mir? Ich kenne Sie doch wahrhaftig besser! ... Sollten wir noch am letzten Tag die Rollen tauschen? ... Ich war, Sie sind! ... Und Ihr Bild steht mir so fest! ... Ich kenne eben nur zwei Frauen – die andere sind Sie ... Träumen Sie meinetwegen wie ein Backfisch, handeln Sie willenlos wie ein Kind, das sind nur Übergänge. Der Kern bleibt, und der heißt: Persönlichkeit. Versuchen Sie den scharfen Umriß nicht zu verwischen. Denn ich will von unserm letzten Zusammensein hier kein Bild mitnehmen, an das ich doch nicht glaube ... Ich könnte Ihnen mehr sagen, viel mehr, doch Sie wünschen es ja nicht. Aber das nehmen Sie immerhin zum Abschied: finden Sie Ihr Glück, finden Sie ihn! Vielleicht gönne ich ihm sein Glück nicht. Die Armen beneiden ja immer die Reichen. Aber kleinlich bin ich gewiß nicht. Ich will Ihnen darum wünschen, daß er auch Gold kennt und selbst Gold zu geben hat. Denn Legierungen, auch die täuschendsten, sind nichts für Sie. Esther Lyssar zufrieden mit etwas Halbem? Dazu müßten Sie nicht die sein, die Sie doch sind ...« Die Stimme sank. »Und weil ich langsam und schmerzlich dahinter gekommen bin, daß es im Leben dauernd nur Halbes gibt, möchte ich Ihnen sagen: ein kurzes, aber ein ganzes Glück. Jung sterben, auf der Sonnenhöhe – das ist das Wahre. Wenn der erste winzige Schatten zuckt, hinab ins Nichts! Nicht warten bis zum Sonnenuntergang, dem Abendrot nachseufzen, wie ich noch heute, auch nicht feige ausharren in einer Halbheit wie ich, mit dem ewigen Auf und Nieder von spärlichem Grün und trostlosem Grau ... Verstehen Sie mich nicht falsch, gnädige Frau! Ein letzter Tag ist eben immer grau ... Vielleicht haben Sie schuld daran, was weiß ich? ... Nehmen Sie's mir nicht übel! Ich bin etwas pathetisch, doch es ist gewiß gut gemeint. Fünf Minuten später bin ich doch wieder der alte, sentimentale Ostseehering, der im Schwarm kommt, im Schwarm untergeht. Herdentier! Aus freiem Willen bin ich's nicht. Ich habe davor immer so einen gewissen aristokratischen Abscheu gehabt und die gewisse hochmütige Herzenskühle, die ich auch jetzt noch zuzeiten habe und die sich im Ernstfalle so trügerisch erwies ...« Er machte eine Pause. Dann fuhr er herzlich fort: »Also nichts von Halbheit! Sie versprechen es mir? Esther Lyssar soll ganz sein oder gar nicht. Und Sie enttäuschen mich nicht?« Seine Stimme war von dem warmen, tiefen Klang wie immer, wenn sie von Herzen kam. »Glück auf!« – er hielt ihr die Hand hin. Sie tat, als wenn sie es nicht bemerkte. Sie hatte, während er sprach, nicht ein einziges Mal aufgesehen. Ihre Hand spielte mit dem Zinnlöffel, und sie starrte unverwandt in die leere Kaffeetasse. Dühling lächelte etwas verlegen. »Ja, sehen Sie, da will man jemand zum Abschied etwas Angenehmes sagen und verletzt ihn vielleicht nur. Alte Menschen sind immer unmotiviert, feierlich ...« Er hielt inne. Der ganze schlanke Frauenkörper bebte. Was war ihr? Wieder der Gedanke, der schöne Argwohn: wenn du's doch wärst! Und eine prickelnde Wärme schlich durch seine Adern ... Er stand auf, sich aus dem Gastzimmer noch eine Zigarre zu holen. Ein trüber Spiegel hing da. Er sah hinein. Der weiße, schmale Schnurrbart war noch das Hübscheste in dem jetzt hochmütig verschlossenen Gesicht. Er lächelte kopfschüttelnd. »Nein, mein Junge, es ist endgültig vorüber. Ungewöhnliche Frauen betörst du nicht mehr, nicht mal gewöhnliche.« Als er zurückkam, nahm sie von der Bank die Blaufuchsboa, die sie auf Spaziergängen immer trug. »Wollen wir weitergehen?« »Können Sie noch, gnädige Frau?« »Ich kann.« Sie gingen. Es war die sandige Straße, auf der sie gekommen. Die großen Heidegründe blieben zur Rechten. Später kam Hochwald, die Forst. Der Herbst malte weiche, melancholische Lichter zwischen den Stämmen, und sommerlich raschelte das Laub. Sie gingen tief hinein in den Wald. Im Unterholz spielten freundlich die Reflexe. Kein Mensch – nur die harzduftende Einsamkeit mit dem wohligen Säuseln. Schläfriges Taubengirren, ein verspäteter Falter. An einer großen Waldblöße kreuzten sie die weiße Chaussee. Ein Gasthaus. Bierseidel klapperten, Menschenstimmen. Ein Kalb, ein Kreuz um den Hals, trottete blökend. Die beiden überlegten, ob sie den Waldhügel des Kleinen Hausen am Waldende noch erreichen könnten. Er war dagegen, sie dafür. Sie hatte ja noch so viel Kraft! Die Gestelle dehnten sich endlos – die Monotonie des gepflegten Waldes. Endlich lugte ein kleines Forsthaus zwischen den Bäumen mit weidenden Kühen und durchschimmerndem Stoppelfeld hervor. Die Forst war hier zu Ende. In dem Hofe sprangen in ihrem Drahtkäfig zwei Wiesel in unermüdlichem Spiel schnuppernd über etwas Blutigem. Frau von Westrem zuckte vor Ekel zurück. An kahlen Feldern entlang führte der Weg. Ein Buchenhügel wölbte sich in üppigem Grün. Sie stiegen leicht empor. Wohl einst eine Ringburg der alten Preußen, wohin Mensch und Vieh vor dem blutigen Kreuz des Ordens flohen. Wall und Graben zeichneten sich noch deutlich im weiten Kreis ringsum. Aber die Linien waren sanft und anmutig geworden vom Grün und von der gleichmachenden Zeit. Im schmalen Durchblick schaute das Sandland zwischen den Bäumen. Die müde Poesie des Herbstes wehte darüber hin. Sie setzten sich auf eine Bank. Er begann von den Deutschrittern zu erzählen. Die wechselvolle Geschichte dieser Hospitaliter ist ostpreußisches Heiligtum, und willig bekannte er sich zu dem düsteren Zauber, den das schwarze Kreuz auf weißem Grund noch heute umweht. »Meine Vorfahren ritten nicht etwa im Ordensheer mit, sie sind viel jünger, kamen viel später ins Land – und unser kleines Majorat kommt mir manchmal wie eine Dühlingsche Anmaßung vor. Wir waren nie reich, ich habe noch weniger, und der Hochmut war sonst mein sicherstes Kapital. Wenn ich hier im Lande bin, sage ich stets abwehrend: ›Pardon, die Dühlings stammen vom Niederrhein.‹ Und bin ich draußen im Reich, dann sage ich junkerlich: ›Ich bin Ostelbier.‹ In Wahrheit bin ich nichts, und ich fürchte, das ist sehr wenig deutsch und sehr Dühlingsch zugleich. Ich bin deshalb überall in der Fremde. Es rentiert sich auch so. Ich verstehe nicht mal den Dialekt meiner Heimat. Und ganz heimlich und auf meine Weise liebe ich sie doch. Ich kann zum Beispiel nicht an der Marienburg vorüberfahren, ohne auszuschauen nach dem Schloß und dem trägen Weichselarm und eigentlich zu wähnen, mein Wappen prunke auch in den bunten Glasfenstern des Kapitelsaales. Und Königsberg liebe ich nur wegen seines Ordensschlosses. Mir wird immer warm, wenn ich den düsteren Koloß wiedersehe ... Und hierbleiben möchte ich auch nicht, es ist doch nicht mein Land ... Wo werd' ich das Land mal finden? Ich bin selbst neugierig. Ich möchte eine wirkliche Heimat haben, aber zur Heimat gehören immer mindestens zwei. So zieht mich im Leben alles an, und alles stößt mich ab. Selbst hier – ich bin gern hier gewesen – sehr gern, aber wenn Sie gehen, gehe ich auch. Und es hält mich nichts ... Sagen Sie, welch merkwürdiges Geschick führte uns hier eigentlich zusammen, und was trennte uns wieder vor der Zeit? Es ist so dumm! ... Das Leben ist überhaupt dumm.« Sie hatte ihm ruhig zugehört. Jetzt sah sie nach der Uhr. »Es ist sechs vorbei ... und wenn wir schnell gehen, können wir zur Not noch vom Warnicker Strand die Sonne untergehen sehen.« »Wo nehmen Sie eigentlich die Kraft her, gnädige Frau?« »Ich sagte Ihnen ja doch, ich sei von Jugend auf für alle Strapazen trainiert.« Als sie zurückgingen – es war ein Schleichweg, und das Licht lag golden auf den höchsten Kiefernwipfeln –, begann es mählich zu dämmern. Das geheimnisvolle Raunen begann, das Waldgras bog sich wie unter einer unsichtbaren Hand, die Halme zischelten. Der kühle Hauch des Abends kam gezogen. Die Blätter rieselten, die Stämme erschauerten – das Aufatmen der Natur vor dem Zurruhegehen. Aus dem Westen brach noch einmal ein volles, tiefes Leuchten wie ein Strom durch das Dickicht und malte den Waldboden hellgrün, die Stämme golden. Es war, als wenn ein Glutmeer weit dahinter flammte ... Der Forst lag auf Minuten stumm, regungslos. Dann begann das rote Licht zu verglimmen. Gespenstische Flammen zuckten auflohend durch die Dämmerungsschatten, die weich, grau, wesenlos nun herniedersanken. Dann regte sich das Nachtleben der Natur. Der knackende Zweig, der lautlos über eine Lichtung ziehende Sprung Rehe; eine Fledermaus huschte in gespenstischem Flug ... Die beiden gingen schneller. Über den Waldwiesen wob es weiß, der milchige Nebel, in dem die Elfen schweben. Ein Wiesel eilte über den Weg, ein Käuzchen schrie. Als sie im Gasthaus zu Warnicken ankamen, floß der letzte Widerschein der untergehenden Sonne wie flüssiges Feuer über das Meer. Dahinter schwammen Wolken als rosige Inseln auf dem klaren, weichen Horizont. Sie sahen es von der Küstenhöhe. Dühling schlug vor, jetzt das Nachtessen im Gasthof zu nehmen. Sie wehrte sich. »Ich habe keine Spur von Appetit! ... Aber Sie? Ich kann gern zusehen.« »Es war mehr Ihretwegen, gnädige Frau. Und Rührei mit Schinken gerade heute, sofort nach dem Poetenbummel, nimmermehr! Das hieße Profanation ... Aber ein Schluck Sekt. Er bringt die Geister am besten wieder hoch und hat doch auch was Festliches.« »Ja, Sekt! Sie haben recht ... Ich bin auch durstig.« Die große Veranda vor dem Hause war fast leer. Aber die beiden wählten trotzdem den abgelegensten Tisch. »Wir scheinen kein gutes Gewissen zu haben«, scherzte er. »Ach, was mir daran liegt!« antwortete sie. Er trank ihr Wohl. Sie nippte nur. »Wo ist der Durst, gnädige Frau?« »Ich bring's nicht runter ... übrigens ist das bei mir immer so. Nach einem scharfen Ritt ist mir die Kehle auch wie zugeschnürt.« »Nein, gnädige Frau sind überanstrengt ... Wir gehen jetzt nach der Bahn, dann geleite ich Sie sicher zu Ihrer Villa, und dann kommt hoffentlich der Appetit nach ... Und morgen früh ein letztes Adieu – und einen letzten Rosenstrauß.« Darauf sagte sie ruhig und bestimmt: »Wenn Sie fahren wollen, fahre ich natürlich auch.« Sie warf einen halben, hochmütigen Blick nach den paar Passanten bei ihrem Bier. »Die Kupees werden wieder vollgepfropft sein von der Sorte. Die habe ich nie geliebt. Ich habe unser Nest in der Einsamkeit liebgewonnen, die sollte mir der letzte Tag eigentlich nicht stören ... Und morgen, bitte, kein Adieu! Ich weiß noch nicht, ob ich per Wagen oder per Bahn fahre, und Abschiedsszenen waren mir stets ein Greuel.« »Und wenn ich's doch tue?« »Herr von Dühling«, sie sprach ganz langsam und pointiert, »eine Dame verbietet Ihnen den Scherz. Es gibt nichts, was mich mehr ärgern könnte, als Sie morgen mit einem Rosenstrauß auf dem Bahnsteig zu sehen. Der Mann, der die Koffer aufgibt, mag zum Abschied seine Mütze ziehen. Dafür bekommt er sein Trinkgeld, und das möchte ich Ihnen auch nicht in der Form eines höflichen Händedruckes anbieten.« »Wie Sie wollen, gnädige Frau.« Er fühlte sich verletzt. »Sie sind mir mehr als je ein Rätsel. Ich hatte mir eingebildet, ich stände zu Ihnen anders als andere Leute.« Er zog die Geldbörse, entnahm ihr ein Geldstück und schlug damit hart ans Glas. »Kellner!« »Aber die Flasche ist noch lange nicht leer, und ich bin gar nicht eilig.« »Aber mir ist der Durst vergangen. Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Man lebt eben nicht drei Jahre ungestraft außerhalb der Gesellschaft ... Ich stehe selbstverständlich stets zu Ihrer Disposition, wann und wo Sie wollen ...« Sie preßte die Lippen aufeinander und sah finster vor sich hin. »Ich kann Ihnen nicht helfen, Herr von Dühling«, sagte sie endlich und stand auf. »Wir wollen gehen.« »Ja, wir wollen gehen, gnädige Frau.« Sie traten hinaus. Frau von Westrem stand einen Augenblick zögernd. »Wollen wir nach der Bahn gehen?« »Wie Sie befehlen, gnädige Frau.« »Ach, seien Sie doch nicht so! Ich möchte Ihnen doch nur zeigen, daß ich nicht eigensinnig bin.« »Gnädige Frau, wozu das? Ich habe Sie nie für eigensinnig gehalten und werde Sie nie für eigensinnig halten. Sie gaben mir vorhin nur eine kleine Anstandslektion, und ich bin Ihnen sogar dankbar dafür ... Also wohin wünschen Sie? Ich bin zu allem bereit.« Sie sah unschlüssig umher. Die hohen Ulmen des Waldparkes schüttelten ihre Wipfel, und Dämmerung lag auf den verschlungenen Wegen. »Wir könnten noch einmal hinunter an den Strand gehen und dann mit dem Zuge fahren. Es ist wohl noch Zeit genug.« In grünmoosiger, von Wasser zerrissener Schlucht stiegen sie hinab. Ein enger, halbdunkler Pfad. Hüben und drüben reckten sich die Bäume und wölbten das flüsternde Laubdach. Vorn schimmerte licht die See. An einer Wegbiegung blitzte das Blinkfeuer von Brüsterort durchs Blättermeer. Er sah's und blieb stehen. Sie aber ging weiter. Am Wasser war's noch hell. Der schmale, steinige Strand von mächtigen Felsblöcken durchbrochen; wild und regellos lagen sie umher, und trotzig stemmte ein mächtiger seinen Leib weit hinein in die See. Die weiße Brandung leckte schmeichelnd an ihm empor. Es war warm und sommerlich hier unten. Das Meer ruhig, mild, die kleinen, hellen Wellen rieselten züngelnd im Gestein. Zur Rechten hob sich die waldgekrönte Küste fast ohne Vorland steil und rissig, ein brauner Festungswall von düsterer Entschlossenheit. Auf der Höhe große Stämme über den Abgrund geneigt, und abgespülte Wurzeln suchten angstvoll in freier Luft nach Halt. An einem Felsvorsprung zuckte die Welle in gierigem Springstrahl auf. So weit das Auge reichte, kein Segel, nur die hellgraue, murmelnde See mit ihrem tückischen Gleißen; der Horizont rot, wie in tiefen Purpur getaucht. Frau von Westrem hielt die Hand ins Wasser. Es war wohlig wie im Juli. »Wir könnten die Küste unten entlang gehen. Die Brandung meint's heute nicht böse, und an der See gibt's ja keinen Schnupfen für nasse Füße.« »Ich dachte auch eben dran.« »Nun denn, en avant !« »Aber es sind zwei Stunden und mehr, und nach dem Steingeröll hier kommt der weiche, bodenlose Sand.« »Keine Angst! Ich halte aus.« Er ging voran. Sie sprangen von Stein zu Stein, an die Küste gedrückt. Wenn die Welle singend zurücklief, eilten sie rasch auf dem festen, feuchten Sand dahin. Am ersten Felsvorsprung überraschte sie die Brandung doch und näßte ihr Kleid. »Wir können auch umkehren«, sagte er. »Sollen wir?« Sie überlegte. »Nein, man soll niemals zurück, das ist feige.« Dahinter kam eine Bucht mit weißem, breitem Sandstrand. Herabgestürzte Bäume lagen da, noch grün, das Wurzelwerk in die Lüfte starrend, mit Tang behängt oder in den Sand eingewühlt bei der letzten Flut. Dazwischen wie gesät törichte, weiße Schmetterlinge – Sterbende, von der Sonne genarrt oder vom Wind verschlagen. Die beiden mußten klettern. Das Baumgeäst zerrte sie oft, und die Zweige schnellten spielend. Es war eine lustige Fahrt. Draußen im Meer lagen Felsblöcke, glatt, verwaschen, mit weißem Gischtkragen um den Hals. Frau von Westrem war stehengeblieben und sah den Wellen zu, wie sie schmeichelten und kosten, bis endlich eine fürwitzige dem braunen Patriarchen das Haupt wusch. Sterne begannen zu flimmern, und die See warf in schelmischem Blinken die unzähligen Lichter zurück. Im Westen verblaßte langsam der Purpurschein, und drüben schwamm jetzt der Mond wie eine blutige Scheibe im Meer. »Geht er da auf? Ich wußte das gar nicht«, sagte sie. »Es ist Vollmond, gnädige Frau.« »Ich habe Sie wohl sehr geärgert vorhin?« »Etwas.« »Jedenfalls war es unbeabsichtigt.« » Qui vivra, verra «, meinte er ungläubig. »Sie nehmen es leichter als ich, Herr von Dühling.« »Wer weiß?« »Ich habe Sie also gekränkt?« »Sie haben mir sogar weh getan. Es ist töricht, aber ich bin nun einmal so ... Wir wollen doch weitergehen.« Sie blieb. »Nein, es ist nicht töricht! Ich kann Ihnen nur sagen: seien Sie mir nicht böse!« » Tant de bruit pour une omelette !« »Wollen Sie mich quälen?« »Wenn ich's könnte ...« »Sie können es und Sie tun es, Herr von Dühling ... Es ist ja gleichgültig, warum ich auf Ihre Freundschaft besonderen Wert lege. Sie wissen manches von mir, und ich weiß vieles von Ihnen, das ist immerhin ein starkes Band ... Ich bitte sehr selten ... Also?« »Selbstverständlich, gnädige Frau. Im übrigen war's eine Lappalie!« »Nein«, sagte sie heftig, »ich will mehr, ich will etwas Wärmeres, es ist ja zum Abschied!« »Also morgen um zehn Uhr werde ich mit einem Rosenbukett auf der Bahn sein.« »Nein, Sie werden nicht auf der Bahn sein! Was ich gesagt habe, besteht.« »Sie sind doch seltsam, gnädige Frau«, sagte er befremdet und trat zurück. »Das kann stimmen. Sagen Sie dennoch: Ich bin Ihnen nicht böse ... Wissen Sie: ich bin meinen Freunden treu. Ich habe wenige, sehr wenige. Vielleicht sind Sie sogar der beste ... Und so kindisch es bei mir klingt, ich will keinen häßlichen Schatten zwischen uns. Ich bin nicht glücklich, wie Sie wissen, vielleicht mehr darum, weil ich konsequenter und einseitiger bin in meinen Gefühlen als andere. Darum müssen Sie mir auch manches nachsehen ... Ich kann sterben. Sie können sterben. Ich wünsche Ihnen so wenig ein langes Leben, wie Sie es mir wünschen. Es taugt auch nichts für uns. Aber selbst der Toten sollte nicht der Vorwurf folgen, daß sie klein und eigensinnig gewesen noch am letzten Tag ... Ich war's nicht, ich war's wahrhaftig nicht!« Sie schwieg. Über der reinen, klugen Stirn lag die Wolke des Grams. Dühling antwortete nicht. Er hörte nur immer das heiße Zittern dieser klaren, schönen Stimme. Sie klang in seinem Herzen wider. Er hatte die Frau noch nie so gesehen. Es war, als wenn sie die täuschende Maske ihres Wesens abgestreift hätte, und das Herz lag bloß: arm, jung, zuckend ... Nicht nur, daß sie jung war, hübsch, so unverbraucht in ihrer Kraft – auch das Mondlicht zeichnete einen anmutigen Schatten auf dem Sande. Es war ganz etwas anderes. Er hätte in dem Augenblicke nicht einmal bestimmt ausdrücken können, was. Und es wäre auch häßlich gewesen, eine tiefe Erregung zu benutzen, die wohl ein anderer wachgerufen. Aber sie war ihm lieb, und er schied schwer von ihr ... Er hatte die Empfindung, daß er ihr jetzt das Beste sagen müßte, einem Freunde den Abschied schwer zu machen, damit er ihm doch leichter wird ... Sie waren weiter gegangen. Der Strand war hier breit, die Brandung drohte nicht, aber er suchte instinktiv doch ihre körperliche Nähe. »Gnädige Frau, ich Ihnen ernstlich böse sein?« Er stockte leicht ... »Was soll ich Ihnen sagen? Natürlich wieder eine Torheit! ... Daß mir nämlich der schöne Strand öde ist ohne Sie, und daß nach dem Sommer nun sofort der Winter folgt ... Es ist wirklich so! Und mit Ihnen geht auch das Beste von mir ... Sie sagen: ich sei Ihr bester Freund? Nun, Sie waren mir mehr ... Ich weiß nicht, was uns verbindet, ich ahne es nicht einmal ... Frauen sind eitel, das sind Ihre eignen Worte ... Macht's Ihnen Freude, wenn ich Ihnen sage: Sie haben mir ein anderes Bild verdunkelt, und oft stehen Sie jetzt an der Stelle, wo eine andere immer stehen sollte? ... Haben Sie keine Angst! Ich begehe keine Torheiten mehr ... Ich habe unter tausend Qualen und Zweifeln die andere eingesargt, weil sie es gebieterisch wünscht, aber der Sarg steht in meinem Herzen. Das mag Sie beruhigen! ... Ich bin schlapp geworden, eigentlich gegen meine Natur. Und daß ich trotzdem noch den Totengräber spielen konnte an meinem besten Gefühl, dazu haben Sie mich gestärkt, mein guter Kamerad ... Und nun gehen Sie treulos – und müssen doch gehen – und gehen demselben grauen Schicksal wahrscheinlich entgegen wie ich. Warum kamen Sie überhaupt, wenn Sie wieder gehen mußten, warum, Esther Lyssar? ... Das war nicht hübsch von Ihnen!« Während er sprach, war sie erst langsam gegangen, immer langsamer, der Fuß ward ihr so schwer. Einen Augenblick hielt sie, als ging's nicht mehr. Und dann plötzlich eilte sie schneller und schneller, es kostete ihn Mühe, Schritt zu halten, bis sie fast lief und er im Sande keuchend sich lächerlich vorkam, als fürchte sie einen Überfall, eine Liebeserklärung. Und er war trotz allem sehr weit davon. So blieb er abgekühlt zurück. Der Strand war hier wie ein Pfad schmal geworden, und die rissigen Uferwände starrten lotrecht. Vor ihm eilte eine weiße, schlanke Gestalt wie in der Flucht auf dem feuchten, schimmernden Sand, den der Wellengischt surrend überrieselte. Sie wich der schmeichelnden Flut geschickt aus, nur einmal zuckte sie jäh. Es war an der letzten Felsecke, die sich trotzig ohne Vorland hinaus in die See stemmte. Dann war sie verschwunden. Nur der schmale, scharfe Abdruck ihres schlanken, flüchtigen Fußes war geblieben. Dühling folgte zögernd der anmutigen Spur. Er kam sich so albern vor mit seinem weißen Schnurrbart und seinem jungen Gefühl. Sie floh vor ihm wie vor einem Knaben ein Mädchen, das nicht geküßt sein will. Hinter dem Felsvorsprung erwartete sie ihn. Es war keine ganz freiwillige Rast. Die Brust ging ihr schwer, und sie hatte die Zähne auf die Lippen gebissen. »Haben Sie sich verletzt?« fragte er. »Nicht der Rede wert«, scherzte sie mühsam. »So wie Roy neulich, als ich ihn nach Königsberg schicken mußte.« »Können Sie ohne Schmerz gehen?« Sie machte ein paar Schritte. Wohl zuckte das Gesicht, doch ging sie tapfer weiter. Er war's zufrieden. »Es ist aber in der Tat nichts«, meinte sie dann, »und der kleine körperliche Schmerz tut einem zuweilen wohl.« Die Küste stieg hier in sanft welligem Abhang zum Strand. Er schlenderte am äußersten Saum des Buschwerks, sie die Brandung entlang auf dem feuchten Sand. Sie waren weit auseinander, aber sie hatten beide wieder festen Grund ... Weiter abwärts brach eine Schlucht durchs Herbstgrün. Ein Kessel mit steilen Wänden. Weiße Birkenstämmchen beugten sich in anmutigem Leichtsinn über den bröckelnden Abgrund. Der Vollmond zeichnete die Höhe in fahlen, gespenstischen Linien, unten lag es dunkel, und die Blätter murmelten geheimnisvoll. »Hier waren wir schon einmal«, sagte er. »Dort führt auch die Treppe ...« Sie kam herüber zu ihm und schaute in die Schlucht. Die weißen Birken winkten, ein Brocken löste sich von der braunen Erdwand und raschelte in die Tiefe. Sie wandte sich wieder ab. Sie gingen weiter. Doch jetzt blieb sie bei ihm. »Haben Sie Nachricht von ihr?« fragte sie unvermittelt. »Die letzte vor etwas länger als einem Jahr. Sie wurden versetzt, die Korrespondenz schlief ein. Den letzten Brief schrieb ich ...« »Sie wird schon noch schreiben!« »Ich glaube nicht ... Und um eine Antwort betteln? Nein! Das habe ich früher mal getan. Jetzt nicht mehr. Im Grunde ihres Herzens sind auch Dühlings keine Bettler ... Es ist vielleicht auch besser so. Sie schämt sich wohl der Vergangenheit. Wüßte ich's, dann schämte ich mich wohl auch.« »Sie ist eine Frau und schwach.« »Bitte, entschuldigen Sie sie nicht!« sagte er entschieden. »Sie hat meines Wissens nichts getan, auf das sie mit wirklicher Reue zurückblicken müßte. Tut sie es dennoch aus irgendeinem Scheingrund, dann war ihr Gefühl für mich auch nur aus Ihrem Fünfzigpfennigbasar. Und dann ist's viel besser, daß sie mir diese letzte, bitterste Enttäuschung ersparte. Sie mag schweigen für immer ...« Nach einer Pause fuhr er nüchtern fort: »Übrigens, was ich Ihnen noch sagen möchte wegen vorhin, gnädige Frau: Sie haben mir in der Abschiedsstimmung etwas Liebenswürdiges gesagt, ich habe in demselben Ton erwidert. Darauf liefen Sie weg. Ich möchte nicht törichter erscheinen, als ich bin. Bei mir war's wahrscheinlich das Glas Sekt. Ich bitte also um Verzeihung ...« »Dann wären wir also wieder auf demselben Punkte wie vorhin, und ich bat Sie doch ...« »Ja, gnädige Frau, Sie wollten es ja nicht anders.« Sie sah ihn von der Seite ängstlich an und schwieg. Der Vollmond hing jetzt schwer und rot über dem Meer. Er streute Silberflitter auf die Flut. Bis Wangerspitze und Rantüm zog sich die helle, tote Küstenlinie, Dünenberge und spärliches Grün. Über dem fernen Kranz ein dunstiger Lichtschimmer ... Der Weg wurde öder. In dem breiten, tiefen Sand konnten sie nur langsam vorwärts. Endlich eine Flaggenstange auf der Höhe. Es kamen zerstreute Badebuden. Dahinter stieg der Sandweg hinauf. »Wir können übrigens hier am Strande entlang bis zu Ihrer Fließmündung gehen. Und dann bringe ich Sie taleinwärts nach Ihrer Villa.« »Ja, das möchte ich wohl, Herr von Dühling.« Diese letzte Strecke war kurz, aber wie alle letzten Strecken im Leben schwer. Die Füße wollten nicht mehr ... Dühling erinnerte sich jetzt seiner Nachtwanderung hierher, auch der badenden Frau. Es lag doch vieles zwischen einst und heut ... Da war auch schon das kleine Badehaus im Strandgebüsch versteckt und die abgegrenzte Stelle im Meer. Die Pfähle starrten schwarz und feucht wie damals, die Taue hingen schlaff. Frau von Westrem blieb plötzlich stehen. »Jetzt bin ich wirklich todmüde, und der Fuß schmerzt mich.« »Ich werde Ihnen einen Wagen aus dem Dorfe besorgen. Ich laufe, und in einer halben Stunde bin ich wieder bei Ihnen.« »Lieber nicht. Bis zu Hause reicht's noch ... Es ist nur die Übermüdung ... Man überschätzt sich eben ... Sonst reichte wenigstens der Wille so weit bei mir.« »Der hat auch schließlich seine Grenzen.« Darauf wandte sie sich nach der See und murmelte, die Zähne aufeinander gepreßt und die Hände ineinander gekrampft: »Ich fürchte ... ich fürchte ... Herrgott! ...« So blieb sie Minuten bewegungslos. Er stand schweigend hinter ihr. Er hatte den sicheren Instinkt, wo laute Teilnahme Beleidigung für Frauen ist. Sie atmete ein paarmal schwer wie nach einem mühseligen Aufstieg. Jetzt hatte sie sich wohl erholt. Denn sie ging an den Badestrand hinunter bis zu den Pfählen. Den ersten berührte sie fast liebevoll. Das Blinkfeuer strahlte gerade hell von seinem düsteren Bollwerk. Sie kam zu Dühling, der stehengeblieben, zurück. »Es geht schon wieder, wie Sie sehen«, sagte sie gleichgültig ... »Sie wundern sich wohl über mich?« »Ich bewundere höchstens solche Zähigkeit.« Sie zeigte nach dem Leuchtturm. »Zum letztenmal! ... Aber er war doch treulos und hielt nichts ...« Sie wandte sich zu Dühling: »Sie sehen so zugeknöpft aus ... Sie sind mir noch immer gram ... Soll ich Ihnen die Geschichte von dem Blinkfeuer da erzählen? Es ist eine schwächliche Phantasie. Und ich gebe sie nur preis wegen der kleinen, scharfen Falte auf Ihrer Stirn ... Ich badete hier nämlich früher nachts. Ich schwimme gern weit 'raus, und da wurden die Leute mir am Tage lästig mit ihren Zurufen. Einmal alarmierten sie fast das Rettungsboot. So was mag ich für den Tod nicht. Hätt' ich die Absicht gehabt, auf Nimmerwiedersehen unterzutauchen, so mögen sie einen doch lassen. Man wird schließlich wissen, warum ... Aber ich dachte gar nicht an so was ... Darum badete ich nachts und an dieser abgelegenen Stelle. Vor den dunkeln Wassern graut mir nicht. Und dann war es so wunderbar einsam hier, und immer strahlte mir das Licht, das ich so liebe, glückverheißend ... Einmal, es ist schon Monate her, kurz bevor Sie kamen, badete ich auch. Und eben, wie ich hineingehen will, zuckt das Licht so brennend hell. Ich denke trübselig hinüberdösend: ›Was lügst du mich wieder an!‹ ... Aber im selben Augenblicke habe ich eine ganz seltsame Empfindung, als wenn das Glück selbst neben mir stünde; ich fühle seinen warmen Hauch ... und ich schäme mich doch meiner Nacktheit ... Ich weiß wohl, warum.« Dann lächelte sie verächtlich. »Wie ich mich nämlich zur Seite wende, da steht keine fünfzig Schritt von mir ein Mensch wie aus dem Boden gewachsen. Er mochte mir wohl nachgeschlichen sein und wollte mich belauschen. Für einen Moment war ich wie erstarrt. Es ist so widerlich, in der Nachteinsamkeit einen fremden Lauscher neben sich zu haben, wenn man selbst wehrlos. Ich mag ihn auch wohl angestarrt haben wie eine Erscheinung. Aber wie er so unbeweglich blieb, da faßte ich mich und dachte hochmütig: So was sieht dich und sieht dich doch nicht, und ging ganz ruhig und langsam ins Wasser ... Er schlich auch beschämt nach der Düne zurück. Ich habe ihn nie wiedergesehen, und so etwas müßte man doch instinktiv wiedererkennen!« Über Dühlings Gesicht flog ein Lächeln ... »Aber das Ganze mag wohl eine Phantasie überreizter Nerven gewesen sein, wenigstens die Gestalt. Doch das Glück war sicher bei mir. Denn immer wieder, wenn mir diese Nacht vorschwebt, durchrieselt mich der warme Hauch, und das Leuchtfeuer strahlt wie eine Sonne ...« Sie sah plötzlich auf. »Warum lächeln Sie eigentlich? ... Nicht wahr, ich bin ein Kind und sollte das nicht erzählen?« »Nein, nein ... Ahnen Sie übrigens, wer der Lauscher war?« »Nein.« »Ich.« »Sie!« Sie fuhr zusammen und machte gleich darauf eine Bewegung, als wenn sie auf ihn losstürzen wollte ... »Sie?« sprach sie vibrierend, heiser, Schritt für Schritt zurückweichend, das Gesicht zu ihm gewendet. »Sie durften das nicht ... Sie zuletzt von allen Menschen ...« Er ging ihr nach, langsam, wie gezogen. Jetzt erkannte er auch die Nixe wieder. Als ob durch das weiße Kleid die feinen Schultern leuchteten, der schlanke Nacken. Das waren endlich die Augen, die er so lange gesucht, dasselbe tiefe, heiße, wunderbare Leuchten ... Und jetzt erloschen sie auch, starrten tot ... Doch der Bann blieb. »Sie durften mich nicht so sehen. Sie nicht!« wiederholte sie noch einmal ... Sie wandte sich und wollte laufen und kam doch nicht vorwärts. Mit zwei Sprüngen war er bei ihr. »Gnädige Frau, seien Sie doch nicht so seltsam! Ich werde doch nicht zur Nachtzeit an den Strand gehen, um badende Frauen zu belauschen. Ich hätte es Ihnen auch nicht sagen sollen ... Ich weiß nicht, warum ich's tat, ich mußte ...« Aber sie murmelte nur: »Ich schäme mich ... ich schäme mich ...« »Gnädige Frau, seien Sie doch so gut!« Er haschte nach ihrer Hand und faßte sie. Mit einer letzten verzweifelten Anstrengung riß sie sie ihm weg. »Lassen Sie meine Hand, Herr von Dühling, lassen Sie meine Hand los!« Sie schrie es beinahe. Dann suchte sie nach Atem, machte ein paar stolpernde, schwankende Schritte und stürzte wie ohnmächtig in den Sand. Er wollte sie halten. Aber im nächsten Augenblick richtete sie sich wieder auf, um gleich wieder in die Knie zu sinken. Er beugte sich über sie und sprach ihr ins Ohr, warm, gut, wie ein Freund, und fühlte doch, daß der Mann in ihm viel mächtiger war als der Freund. Sie saß im Sand und hatte die Hände aufs Gesicht gepreßt, und ihr ganzer Leib erschauerte. Und sie sprach in Absätzen, hastig und nach Luft ringend: »Sprechen Sie nicht so zu mir, Herr von Dühling, sprechen Sie nicht so zu mir! Ich kann Ihre Stimme nicht mehr ertragen ... Gehen Sie, gehen Sie auf der Stelle ... Ich kann's nicht mehr ... Sie sehen doch!« Sie zeigte mit der Hand auf den Fuß, die letzte Lüge, deren der kranke Wille noch fähig war ... »Gehen Sie, gehen Sie! ...« Es lag ein kindliches, wehrloses Flehen in dem Ton. Und im Bruchteil einer Sekunde begriff der Mann alles. Er umfaßte sie rücklings, kniend. »Esther. Kind, wenn's das ist! ... Ich habe dich ja so lieb, ich habe dich ganz gewiß lieb ...« Doch sie stieß ihn zurück und machte sich frei. Dann saß sie ganz still, die Augen starr in den Sand gebohrt, die Zähne fest aufeinander gebissen. Auch er hielt inne. Plötzlich zuckte sie wie im Fieberschauer, sie preßte die Hände krampfhaft in die Augen, und der schwere, heiße Tränenstrom erschütterte sie ... Er hatte ihr den Kopf zurückgebogen und küßte ihr die Hand, die Stirn, das Haar. Er tat, was er mußte. Es war der starke Strom eines großen Gefühls, der zu ihm hinüberrann, ihn fortriß. Und sie bäumte sich kraftlos gegen ihr heiß erflehtes Schicksal ... »Sei barmherzig ... Ja, ich bin schwach ... Aber nur nichts Halbes, nur nichts Halbes! Du sagtest ja selbst ... Oh, geh doch, geh!« Und er küßte als Antwort die Träne von ihrer Hand, die schwere, heiße Träne. Er sprach nicht, er umschlang sie nur fester, küßte sie leidenschaftlicher. Es überkam ihn ein Fieber, ein Rausch – er kam von einem edlen Wein ... Bis ihr endlich die Hände willenlos von den nassen Augen sanken und der halbgeöffnete Mund flüsterte: »Küsse mich, küsse mich!« Und die Wellen blinkten, die Brandung zischelte, der Mond lächelte mild. Die Nacht gehört ja der Liebe. Ihre Tränen versiegten, sie tastete sich erwachend nach dem verwirrten Haar. Sie lächelte süß. »Liebst du mich wirklich?« »Ich habe dich von Herzen lieb, mein Schatz.« Sie nickte träumerisch. »Nun bin ich wirklich eine große Sünderin ... und ich hab's doch nicht anders gewollt ... und bin doch so glücklich! ... Ich sollte mich schämen ... Es ist ja noch so hell ... Komm!« Sie versuchte aufzustehen, und er half ihr. »Wir wollen ins Gebüsch gehen! ... Ja, ich schäme mich hier.« Er führte sie sanft, die Hand um die schlanke Hüfte. Sie gingen so langsam, und es war so schön. Im Gebüsch, in dem lauschigen Dunkel umschlang sie ihn mit leidenschaftlicher Kraft und küßte ihn, küßte ihn. Und ihre schönen Augen leuchteten heiß, als sie sprach: »Weißt du nun, was mein Gebet war? Mein Gebet warst du!« Er hatte sie zu sich niedergezogen in das harte, rissige Strandgras. Und sie kniete neben ihm und hielt ihm den Kopf und sah ihn glückselig lächelnd an. »Liebst du mich wirklich?« fragte sie ganz leise. Und er küßte leidenschaftlich die schmale, energische Hand. Jetzt bannte auch sie die Erinnerung an eine andere und an einen anderen Kuß nicht mehr. Sie streichelte ihm den weißen Schnurrbart: »Nicht wahr, du bist wieder jung? Du Lieber!« Sie sprach es weich und voll. Und der schlanke, warme Körper schmiegte sich an ihn. Und der Strom der Liebe floß hinüber, herüber. Es war ein tiefer, klarer Strom, der sie schläfernd einhüllte mit kosenden Wellen. So ruhten sie lange wortlos, Aug' in Aug'. Über ihnen begann es leise zu rauschen. Es war der Nachtwind, der vom Samland blies. Sie horchte, sich aufrichtend. Es war doch ein fremder, unheimlicher Ton. »Wenn uns jemand belauschte? Man weiß das hier nie ... Und das Verbotene, Heimliche ist mir doch verhaßt!« »Es war so schön!« sagte er erwachend. »Es kommt wieder«, lächelte sie. »Du hast mich ja lieb ... Noch einen Kuß!« Die Lippen berührten sich. Sie standen auf. Die Wasser draußen in der See fuhren kräuselnd zusammen, bäumten sich, kleine Schaumwirbel brodelten. Die zahllosen Lichtreflexe wurden unruhig, schwankten, ein großes, kaltes Leuchten schleifte auf einmal wie ein Mantel über das Meer. Der hohle, pfeifende Ton zog mit – ein unbestimmtes Sausen. Die ersten langen Wellen hoben sich – sie trieben vom Land ... Das Blinkfeuer glimmte rot. Eine dunkle Wolkenburg stand unbeweglich hinter dem Leuchtturm. Die beiden sahen es nicht. Sie waren aus dem Gebüsch getreten. »Nun weiß ich doch, wo meine Heimat ist! Bei dir!« Sie lächelte. »Meine kannte ich längst ...« Sie schaute nach der Badestelle. An den schwarzen Pfählen wallte es geschäftig, Spritzer näßten das schlaffe Tau. »Siehst du, das Glück war damals doch bei mir! Der warme Hauch log nicht ... Ach, ich bin wunschlos, wie ich gewollt! ...« Sie faßte seine Hand. »Und nun wollen wir leben, ewig leben!« »Ja, leben, leben!« wiederholte er leidenschaftlich. »Das Leben ist doch schön!« Jetzt blickte sie glücklich hinüber nach dem Leuchtturm. Wieder glimmte nur der tückische rote Punkt, und die Wolkenwand starrte finsterer. Über das Gesicht der Frau huschte ein Schatten. »Also sie hat dir wirklich nicht mehr geschrieben?« »Nein, mein Kind. In Ernstfällen lüge ich nie.« »Aber sie müßte dir schreiben, gerade jetzt!« »Wieso?« »Ach ... ich meinte nur.« »Wir wollen's auch lassen. Sie hat ja nun, was sie will. Sie ist tot.« Sie schüttelte den Kopf ... »Sie hat dich doch nie geliebt. Das wird mir immer klarer.« »Darüber wollen wir niemals streiten, Esther. Sie hat mich sehr liebgehabt. – Aber wenn das nicht wäre? ... Sieh mal, wenn du wirklich recht hättest, so müßte ich an allem irre werden, selbst an dir ... Es waren nur die Verhältnisse. Sie konnte gar nicht anders handeln.« »Der Sarg steht eben in deinem Herzen.« Darauf sagte er ruhig: »Das ist nicht anders, und das kann nicht anders sein. Denke, wenn ich sie jetzt plötzlich verleugnete!« »Also, adieu.« »Aber ich bringe dich doch natürlich heim, Esther!« »Nein, bleib' lieber!« »Ich verstehe, du denkst ...« »O nein! Ich glaube dir. Du wirst mir nichts Halbes geben.« »Niemals, Esther. Das verspreche ich dir feierlich.« »Nein«, sagte sie geheimnisvoll lächelnd. »Es ist etwas ganz anderes. Heute bin ich eben Kind, will's sein. Sieh, ich bin so oft den Weg von hier bis zu der kleinen Brücke über das Fließ gegangen, immer mit denselben sehnsüchtigen Gedanken an dich und das Glück. Heute will ich ihn wieder allein gehen, ganz allein, ganz langsam. Ich will die Augen schließen und denken, alles sei Traum. Und wenn ich sie dann öffne und sehe, daß alles ist, dann will ich jauchzen voll Glück und dem alten, lieben Blinkfeuer, wenn's gerade trübselig glimmt, zurufen: ›Verstell' dich nur nicht! Du leuchtest ja doch gleich wieder so hell und mußt das immer, immer wieder tun, du kannst ja nicht anders!‹ ... Ich freue mich so darauf! Und der Knöchel wird mir sicher nicht weh tun ... Weißt du übrigens, daß er eigentlich an allem schuld ist? Ich konnte wirklich nicht mehr weiter im Augenblick, wo du mich vorhin fandest ... Ja, ich wollte vor dir fliehen, ich war am Ende, ich mußte fliehen! Und doch war es kindisch. Aber was schadet's jetzt? ... Ich weiß auch nicht recht, warum ich weglief. Es war so ein dunkler Trieb ... Und du kamst langsam hinter mir her wie das Schicksal, und ich entkam dir doch nicht.« »Ja, du bist ein Kind, Esther. Und es steht dir so gut!« ... »Oh, das geht vorüber! Ich bin sonst gar kein Kind, wie du wohl weißt ... Aber heute! Wenn ich heute kein Kind wäre? Heute! Schatz!« Und sie trat noch einmal auf ihn zu und umarmte ihn stumm. Sie schieden. Er sah ihr unverwandt nach. Auf der kleinen Brücke am Strand wandte sie sich und nickte. Es war weit, und das Mondlicht umfloß sie dunstig, so daß die schlanke, weiße Gestalt wirklich der Nixe glich, die eben dem Meere entsteigt ... Herr von Dühling klomm die steile, sandige Düne empor. Es ward ihm leicht, das Herz klopfte ruhig. Das Fieber war vorüber, aber das Glück blieb. Er überdachte den Tag. Er schien ihm licht. Auch an die andere Frau dachte er. Er fühlte keine Schuld, keine Reue. Er hatte nichts versprochen und nichts zu halten. Es war ja ihr eigenster Wunsch. Sie wollte im selbstgewählten Gefängnis ausharren, ob auch dem armen Vogel die Freiheit lockend winkte. Sie blieb eben die schöne Heilige, die er immer sah. Nur der Gedanke tat ihm weh, daß diese Märtyrerin der Pflicht vielleicht in demselben Augenblick wehmütig und voll Sehnsucht an einen Unglücklichen dachte, während der Fieberschauer einer zweiten Liebe einen Glücklichen überrann. Als er auf der Dünenhöhe noch einmal zurück aufs Meer schaute – die Büsche bogen sich, längs der weißen, toten Küste wogte es schwer – empfand er nur die reine Frische der Luft und die frohe Kraft der Wogen. Ein Mensch, der lange in der Nacht eines schönen Traumes gelebt und nun erwachend die Erde sieht, wie sie ist ... Und sie war schön. Dühling schlief traumlos und lang. Ein Junge mit einem Bleistiftbrief weckte ihn. Sie schrieb, daß er nicht kommen solle. Der verstauchte Knöchel sei geschwollen, und der Badearzt habe das bekannte bedenkliche Gesicht gemacht und Bettruhe verordnet – ein, zwei, drei Tage. »Der Mensch ist wahnsinnig! Drei Tage ruhig liegen wie eine Schwerkranke, jetzt, wo ich so gesund, ach, so gesund bin! Natürlich kann ich gehen, ich könnte fliegen ... Ich bin ja so glücklich! ... Ach, du lieber, lieber Georg ... Und zur Kokette bilde ich mich auch aus auf meine alten Tage. Ich habe nämlich dem jungen, harmlosen Menschen so verführerisch zugelächelt, daß er sich erweichen ließ. Also ein Tag! Das mußte ich allerdings fest versprechen. Und keine großen Spaziergänge mehr, höchstens ein dolce far niente im Zauberwald. Du wirst also Deine erwünschte Einsamkeit heute benutzen, uns einen verschwiegenen Platz zu suchen, wo ich Deine Hand halten kann, ohne neidische Blicke zu wecken, und Dich immer ansehen, ohne daß die Leute sagen könnten: ›Wie glänzen doch auf einmal der Frau die ausdruckslosen Augen!‹ Ich küsse Dich, Georg, viele, viele Male.« Dühling las den Brief noch schlaftrunken. Aber er stand sofort auf. Er war ja wieder so jung, so jung! ... Den Kaffee trank er auf seinem Zimmer und schlich dann mit Diebesschritt durch den Korridor unten und hinaus. Er wollte keine bekannten Gesichter sehen. Über Nacht war der Herbst zurückgekommen. Der scharfe, kalte Wind zauste das Birkengestrüpp und bog die jungen Kiefern. Auf dem Strandweg wirbelten gelbe Blätter, Sandwolken stoben. Die Brandung grollte herauf in eigentümlich hellen, kurzen Schlägen. Der Kellner Karl kämpfte an den Gartentischen mit den bunten Decken, der Wind schlug ihm eine ums Ohr und verhüllte ihn phantastisch. Dühling ging sofort in den Wald hinein. Die Luft war hier so kühl, so jung, das Heidekraut flüsterte, die Stämme klagten. Am Himmel jagten die scharf umrissenen Herbstwolken. Der Zauberwald war heute leer. Niemand hätte sie beide gestört. Aber Dühling suchte doch liebevoll-gewissenhaft nach einem einsamen Platz. Am Dünenhang fand er ihn endlich, zwischen wogendem Gebüsch hinter einer Wacholderinsel. Er setzte sich hin. Unten zwischen dem gepeitschten, klagenden Grün rollten die schmutzigbraunen Wogenberge mit zerrissenen Schaumkämmen und schrien in unverständlicher Wut. Heute fühlte sich Dühling zum erstenmal seit Jahren wieder Mann und frei. Er blickte in seine Zukunft. Und sie strahlte in einer gesunden, ruhigen Helle. Das tatenlose Hindämmern von einst wurde ihm leid. Er sehnte sich auf einmal nach Arbeit, Beruf, nach einem Ziel ... Wenn er wieder aktiv geworden wäre? Leute mit seiner Konduite nimmt man gern zurück. Aber das ging doch nicht. Mit der geschiedenen Frau eines Kameraden, – das Wispern hört ja nie auf. Und dann ... In diesem Rock hatte er seinen schwersten Traum geträumt, war schlapp geworden, ein Träumer, fast ein Weib. Das Kleid wieder anziehen, das ihn wie ein Nessushemd gebrannt? Um Gottes willen nicht! Das hieße ein neues Leben leichtfertig in ein alles Bett zurückleiten. Jede Welle flüstert da Erinnerung, jeder Baum des Ufers, jeder Grashalm ... Dühling sah nachdenklich auf den Sand, auf dem er saß; jene zahllosen, winzigen Wellen, die im Wind sich hoben, im Winde wandern, jene heimlich rieselnde Flut von Atomen, – ein Spiel der Natur und ein Spiegel des Lebens. Sind wir nicht alle das willenlose Sandkorn, das der Wind hebt, der Wind begräbt? Jeder denkt so einmal, in der Wüste, am Meer. Die unverstandene Weite, die starre Unendlichkeit rings und alles Menschliche schrumpft zu einem Sandkorn zusammen ... Heute kam dieser Vergleich Dühling nur flüchtig. Er dachte gleich wieder vernünftig, daß man etwas tun müsse hier, daß das Leben dem Leben gehört, die Tat der Tat. Er ging alle die Berufe durch, die dem Manne auf der Höhe der Kraft noch offenstehen. Er dachte hin und her. Aber erst, als er zufällig einmal zurückblickte, wo hinter der dunklen Wacholderinsel die gelbe, tote Stoppel sich im scharfen Herbstlicht dehnte, kam ihm das Selbstverständliche. Landwirt! Das lag ja so nahe. Den alten Heimatboden furchen, ihn pflegen, hätscheln, bis das goldene Halmenmeer entsprießt, im ernsten Kampf mit tückischen Naturgewalten wieder Mann werden, Herr, fest wachsend an der lieben Scholle, kein Fremder hier mehr, sondern ein Freund. Und wenn er früher immer die Heimat nur in dem sanften Grau des Alters, der Einsamkeit gesehen, malte sie sich ihm heute jung, kraftvoll, sie zog ihn wie Leben zum Leben. Am Mittag war Dühling schweigsam, sah kaum auf. Er hatte gar keine Lust, zu erzählen, wie voll ihm das Herz. Die Frau des Hauses fragte, ob er sich nicht wohl fühle – man servierte gerade sein Leibgericht – und er aß davon fast nichts. Er gab nur eine ausweichende Antwort, weil er nicht lügen wollte; und den Mangel an Appetit mit dem köstlichen Rieseln der Gesundheit zu erklären, dem wohligen Gefühl, endlich wieder den festen Grund unter dem Fuß zu spüren, – welche Torheit! Am Abend schlich er noch einmal in die Nähe der abgelegenen Villa und sah das Licht in ihrem Zimmer froh und friedlich leuchten. Den Morgen war er schon früh auf. Der Wind blies schärfer. Dühling sah von seinem Fenster über dem vielfarbigen, rauschenden Blättermeer hinweg die See schimmern, graugrün, mit zahllosen weißen Tupfen wie schwimmende Möwen und darüber hinzuckend grelle, scharfe Reflexe, die kalt blitzenden Lichtpfade der aufgewühlten Flut. Er eilte sich bei der Toilette. Er wollte rasch unten seinen Kaffee trinken, weil er sich nach dem starken, kühlen Wind da draußen sehnte und nach ihr. Auf der Treppe begegnete ihm die Dame des Hauses. Sie rief ihm gleich verständnisvoll lächelnd zu: »Frau von Westrem ist auch da! ... Sie hat übrigens Unglück gehabt und sich den Fuß verstaucht. Sie geht noch recht unsicher ... Aber wie die junge Frau heute aussieht, wirklich zum Verlieben! In den acht Tagen, wo ich sie nicht gesehen habe, ist eine Änderung vorgegangen! Früher hatte sie doch so etwas matte, kaschierte Augen. Und jetzt? – So ein klarer, leuchtender Blick! Es ist uns allen aufgefallen ... Ihre hübsche Freundin ist auch da, Herr Rittmeister, und hat schon nach Ihnen gefragt ... Wer einmal hier war, den zieht's immer wieder her. Die Herrschaften sitzen in der Veranda.« Dühling schlenderte gemächlich durchs Eßzimmer. Der Frühstückstisch wurde dort bereits gedeckt, – die appetitlichen Flundern, der Fleischsalat, inmitten einer verschwenderischen Fülle von lockend marmorierter Wurst und stumpfweißen Eiern. Die Gesellschaftsdame, deren unentwegte Liebenswürdigkeit gegenüber tausend berechtigten und unberechtigten Wünschen Dühling immer bewundert hatte, ordnete die Schüsseln. Auch sie lächelte wissend und hob geheimnisvoll den Finger: »Frau Baronin ist da – und so reizend und liebenswürdig!« Dühling blieb stehen und sagte etwas geringschätzig: »Ich dachte, sie wäre schon weg. Na, um so besser!« »Ach, Herr Rittmeister, tun Sie nur nicht so!« Dühling drohte freundlich: »Und der doctor juris «, – er hätte beinahe gesagt der Gnom, – »gnädiges Fräulein, gnädiges Fräulein!« Das nicht mehr junge, aber noch immer recht hübsche Mädchen errötete darauf, und die Augen funkelten feindlich, aber im Herzen tat ihr die Anspielung auf den etwas faden Kurmacher doch wohl. Dühling trat in die Veranda. Esther saß, ihm den Rücken zugekehrt, doch die hübsche Enthusiastin nickte freundlich grüßend. Frau von Westrem tat, als wenn sie das nicht bemerke, und sprach ruhig weiter: »Liebe Melitta, ich finde den Herbst an der Küste weder grau noch kalt, sondern wunderschön.« Aber sie fühlte doch seine Nähe. Der schlanke Nacken beugte sich tiefer, die weiße Haut zuckte. »Also Parole: Wunderschön!« sagte Dühling plötzlich, das letzte Wort wiederholend, mit der billigen Ironie des Gesellschaftsmenschen. Nach einer halben Höflichkeitsverbeugung gegen die Fremden am Tisch, drückte er den beiden Damen die Hand, der Geliebten mit dem verstohlenen, warmen Druck des Glückes, über den sie mit einem Lächeln quittierte. »Ja, der Herbst ist wirklich wunderschön!« Das junge Mädchen war heute etwas geknickt. Der heiße Sommer in der Stadt, eine schlimme Erfahrung? »Frau von Westrem predigt mir seit einer halben Stunde Lebensfreude. Aber wenn man sie nun nicht hat ...« »Wer sie ehrlich sucht, liebe Melitta, der wird sie schon finden.« »Ach, gnädige Frau«, opponierte die andere pessimistisch, »das können Sie wohl sagen! Wem der Strand so gut bekommen ist wie Ihnen augenscheinlich! ... Ich komme mir überflüssig vor. Der Herbst hier sagt mir dasselbe. Ich werde doch noch Gouvernante oder lerne Schreibmaschine ... Nein, Gouvernante allerdings, – ewig würdig und geheimnisvoll, nein! ... Jedenfalls aber werde ich etwas tun. Die faden Gesellschaften haben gar keinen Sinn«, schloß sie trotzig. Frau von Westrem zog das Mädchen freundlich zu sich herüber und flüsterte der Unzufriedenen ins Ohr: »Feuer gefangen? ... Aber Sie sind ja noch so jung! Und die kleine Enttäuschung bewahrt sie vielleicht vor der großen ... Jedoch, was es auch sei, vergessen Sie das nie: Wollen, nur Wollen! Das Glück folgt nur dem, der es zwingt ... Ich weiß das aus meinem Leben auch.« Das Mädchen blickte darauf etwas unsicher erst auf die Frau, dann auf den Mann. Dem halben Backfisch dämmerte die Ahnung eines großen, sündigen Glückes. Doch sie schüttelte abwehrend den Kopf. So weit war sie noch nicht! Und sie rückte instinktiv von der Frau zurück. Die gleichgültige Sicherheit, mit der Frau von Westrem sich jetzt an Dühling wandte, machte sie wieder wankend: »Ich habe nämlich den Brief bekommen; Sie wissen ja, ich sprach Ihnen davon und habe ihn wieder und immer wieder gelesen. Es stand alles drin, was ich wollte, alles.« Dühling nickte nur höflich und strich sich den Schnurrbart. »Von Ihrem Herrn Gemahl?« fragte das junge Mädchen. »Von wem sonst, liebe Melitta?« Da beruhigten sich die Zweifel. Die beiden blieben noch eine Weile sitzen in dem liebenswürdig gleichgültigen Gespräch oberflächlich Bekannter. Alle Fremden am Tisch waren gut orientiert und fühlten sich darum enttäuscht. Sie waren erst in den letzten Tagen gekommen, dem Seegang zuliebe, dem Herbststurm. Ein liebenswürdiges Ehepaar aus Königsberg, das seine große Dogge rührend verwöhnte. Eine Familie mit Töchtern: er ein alter, freundlicher Graukopf, mehr Vater als Gatte, sie noch immer hübsch, ein etwas massives Gesicht, weiß und klar vom konsequenten Seifegebrauch. Sie hatte die harten Augen und das straff gescheitelte Haar einer gesunden Egoistin und Mutter. Die Töchter: beautés de diable . Die ältere blaßblond mit leeren, fragenden Augen, durch einen Baronvetter zu bürgerlichem blasé angekränkelt. Die jüngere schlank, schwarz, eine eigensinnige Mulattenstirn über zwei schönen Augen. Sie wußten augenscheinlich, daß sie Geld hatten und die Wahl. Sie saßen über Bücher gebeugt. Sie sahen nicht auf, aber sie hörten alles. Jedoch zwei Schauspieler, die so lange in der großen Welt gelebt wie Dühling und die Frau, verrieten sich heute am wenigsten. Sie hatten die Maske aufgesetzt, und sie stand ihnen zu Gesicht. Es war ihnen eine heimliche, sündige Wonne, kalt zu scheinen, wo sie glühten. Kein Wort, kein Blick, die verraten konnten, nur zuweilen das feine Lächeln, das verstohlene Blinken. Es ist so schön, inmitten Neugieriger zu lächeln, zu lügen und dabei eigentlich nichts zu fühlen als das Rieseln des Glückes, das Prickeln des Fiebers, das heiß von dem Kleidersaum der Frau zu dem Mann hinüberzuckt. Als Dühling die zweite Tasse Kaffee ausgetrunken, wandte er sich an seine junge Freundin und fragte en passant : »Gehen Sie jetzt mit an den Strand?« Das Mädchen sagte nein. Es war nicht Mißtrauen, es war die Stimmung, die lieber allein auf die See schaut. »Und Sie, gnädige Frau?« fragte er höflich. »Natürlich ein Korb!« Aber Frau von Westrem lachte harmlos. »O nein, im Gegenteil, ich würde Sie sonst aufgefordert haben. Und wenn man so lange beisammen war und sich wahrscheinlich so bald trennt!« Dühling ging, Mäntel und Plaids zu holen. Als er zurückkam, verstummte jäh eine flüsternde Unterhaltung, und die Gesellschaftsdame, die jetzt an seinem Platz saß, lächelte ihm besonders liebenswürdig zu. Doch seine hübsche Nachbarin grüßte ihn nur steif zum Abschied. Draußen am Gartentor erwartete ihn Esther. Das geflüsterte, heiße: »Wie geht's dir, Georg?« »Wie immer, wenn du bei mir bist, Schatz. Aber dir?« »Oh, ich kann fliegen!« Aber sie ging doch nur mühsam, er fühlte den Zwang. Und sie schien ihm reizender, weil sie schwach war. Auf dem Strandwege kein Mensch, nur geknickte Zweige, wirbelnde Blätter. Hüben und drüben der wild jauchzende Herbst. »Die mögen jetzt nett über uns klatschen!« »Mögen sie, Georg! Ich habe nun gerade genug an dem Versteckenspielen. Erst empfand ich den verbotenen Reiz auch. Dann aber kam ich mir ärmlich vor, so arm wie die andern, und ich bin doch reich!« »Ich habe dich nie so liebgehabt, Esther, als in der halben Stunde, wo ich's mir nicht merken lassen durfte.« »Ihr Männer liebt doch das Heimliche mehr als wir ... Ich ginge jetzt am liebsten zurück und sagte den Leuten laut: ›Meine Herrschaften, Sie haben ganz recht, ich sündigte schon lange, nur mit dem einen Unterschiede, daß Sie es sämtlich aus Vergnügen tun würden, während ich es tun mußte aus einem unentrinnbaren Trieb.‹ Sie würden mich allerdings nicht verstehen. Ehebruch ist ihnen Ehebruch. Nur um das junge Mädel tut's mir leid. Sie ist ein glaubensfrohes, liebes Ding und gerade jetzt vielleicht krank an der ersten unverstandenen Regung des Herzens. Sie sah in mich immer wie in einen goldnen Spiegel. Nun werden sie ihr alles erzählen, was wahr, was wahr sein könnte und was nicht wahr. Sie wird mich natürlich verteidigen und glaubt's natürlich doch. Sie wird sich schließlich einbilden, daß Jugend, Eleganz, Reichtum für eine Frau weiter nichts bedeuten als ein bequemeres Kostüm für die Hölle. Und wenn der Mädchenargwohn vorhin in meinen Augen recht gelesen hat, ist diese Hölle voll heißer, sündiger Freuden. Was bei mir alles vorherging, ahnt sie's? Sie begreift's vielleicht nie ... Sie hätte heute nicht kommen sollen! Junge, enthusiastische Menschen verdirbt man so leicht. Das möchte ich nicht.« Sie war stehengeblieben und sog gierig die reine, schöne Luft ein. »Siehst du, Esther, das ist der Herbst, die unerbittliche Frische und Klarheit, die auch der Natur die bunten Fetzen wegreißt. Jetzt, wo ich draußen bin, habe ich dasselbe Gefühl wie du. Die kleinen Sünden gedeihen doch am besten im Haus, im engen Raum. Sie sind häßlich ... Und ich freue mich doch, daß wir so gleich fühlen.« Sie lächelte. »Gleich fühlen? Wenn ich das nicht so genau gewußt hätte, fast instinktiv, ich hätte dich nie geliebt! Es ist doch nicht die Larve irgendwelcher Art, es ist der gleiche Mensch, den man liebt!« Sie bogen in einen Seitenpfad. Als sie in dem Buschwald sich sicher und allein fühlten, legte er den Arm um ihre Taille. Sie ließ es gern geschehen. »Gehst du so besser, Esther?« »Ich bild's mir wenigstens ein.« »Sieh mich doch an!« Sie tat's. »Du hast auf einmal ganz blasse Augen ... Du zitterst? ... Tu' ich dir weh?« »Ach, sie werden schon wieder leuchten! ... Weißt du, deine körperliche Nähe ist für mich Fieber, Rausch. Ich gehöre mir nicht mehr selbst ... Ich habe das schrecklich empfunden damals, als ich mit dir tanzte. Ich hätte dich wegstoßen mögen. Es war so ein dummes Gefühl ...« Sie gingen schweigend auf heimlichen Wegen bis zu ihrem Platz. Er breitete seine Reisedecke auf den Sand. Sie ließ sich sofort hingleiten. Aber als er die Liegende umarmen wollte, wehrte sie ab, mit toten Augen, der Atem schwer. »Hast du solche Angst vor mir, Esther?« Sie schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln. Und langsam legte sie dann den zitternden Arm um seinen Nacken und zog den Mann an sich. Und als die Lippen sich berührten – sie hatte im letzten Moment die Augen geschlossen –, zuckte sie zusammen und umschlang ihn und drückte ihn an sich mit einer unverständlichen Kraft. Er, gefangen von der Macht des Gefühls, hingerissen von der unbesieglichen Jugend, murmelte, selbst atemlos: »Womit habe ich so viel Liebe verdient? Mädchen, was bist du jung!« Die schmalen, dürstenden Lippen lächelten. Und den heißen Hauch an seiner Wange, flüsterte sie leidenschaftlich: »Mädchen! Ja, ja ... Ich bin's beinah'. Seit dem Tage, wo ich abgerechnet mit ihm, hat er mich nicht mehr anrühren dürfen. Ich liebte dich. Ob's kam oder nicht, ich wollte nichts mehr verschwenden, alles aufsparen für dich, was ich an Jugend, Kraft und Gefühl noch besaß. Der Mann, der mich einmal umarmte, sollte nie ahnen, daß mich schon ein anderer Mann umarmt ... Und dann, was ich neulich sagte von Kindern. Es ist nicht wahr! ... Sich lieben und keine Kinder haben wollen, wie scheußlich! ... Aber nicht von ihm, nicht von ihm! ... Ich hätte sie nie lieben können. Ich hätte immer in ihnen den Vater gesehen. Und wenn sie gewesen wären wie ich, so wären sie unglückselig gewesen, sie hätten ihren eigenen Vater hassen müssen ...« Sie ließ seinen Hals los und sank zurück. Er beugte sich über sie und bedeckte sie mit Küssen, die Hände, das Kleid ... Unten tobte die See und warf ihre schmutzigen Wellenberge weiß gischtend mit dumpfem Wutgeheul auf den Strand und riß sie wieder zischend zurück, daß der aufgewühlte Sand in seltsamen Wellen das Ufer bedeckte. Esther von Westrem richtete sich auf: »Genug! Wir müssen vernünftig sein.« Doch er fühlte erwachend die nüchterne Wahrheit, die jedem Rausch folgt. »Ja, vernünftig! So sagen wir immer, wenn wir mit den Gefühlen zu Ende sind.« »Der Rausch kann doch nicht ewig dauern! Vielleicht würdest du auch seiner eher überdrüssig als ich ... Meine Liebe bleibt.« Sie strich ihm über die Stirne, weich, mütterlich, wie es nur Frauen verstehen. »Ich denke, es muß mit unsrer Liebe sein wie mit dem Blinkfeuer. Einmal leuchtet's, einmal glimmt's, aber es erlischt erst mit uns selbst.« »Du liebe Esther!« Sie lächelten sich zu und drückten sich die Hand. Dann blickten sie stumm aufs Meer. Jetzt auf einmal hörten sie das mächtige Tosen, spürten den Sturm, der die Büsche bog. Die Frau nestelte ein dünnes Paket aus der Tasche. Briefe! Sie hielt sie ihm hin. Dühling erkannte sofort die sorglos eitlen Schriftzüge des schönen Westrem, die großen Striche und die weichen Bogen. »Soll ich wirklich lesen?« »Du mußt. Ich habe keine Geheimnisse vor dir, ich will keine vor dir haben. Und ich möchte dir vor allem zeigen, daß ich ehrlich auch ihm gegenüber gewesen bin. Die Trennung kann ihm nicht unerwartet kommen. Es geht zwar stufenweise, aber das Ende ist ganz klar.« Dühling las. Der ganze glücklich selbstbewußte beau trat ihm hier entgegen – der Mann, der die kälter und kälter werdenden Briefe der Frau nicht verstand, weil er sich keiner Schuld bewußt war, weil er sie auf seine Weise liebte. Und daß eine dem schönen Westrem davonlaufen könne? Dann mußte sie notwendig krank sein! Und doch tat Dühling dieser Blinde leid mit seinem eitlen Nichtverstehen, den törichten Bitten, sie möge doch nach Berlin kommen oder er zu ihr, sich aussprechen, er erwarte nur ihre Befehle, und dann für die kranken Nerven etwas Ernstliches tun. Der letzte Brief freilich – er mußte die Antwort auf etwas eisig Bestimmtes sein – war gedrückt, feige, neben der Angst vor dem Skandal auch ein ratloses, törichtes Flehen. Dühling gab die Briefe zurück. »Er tut dir leid, Georg?« »Ja.« »Mir nicht. Reue und Mitleid – da sind die harten Grenzen meiner Natur. Ich reiße mich schwer los. Doch ist's einmal geschehen, dann bin ich auch fertig mit den Menschen und den Dingen. Frauen wie ich, die einen einzigen leidenschaftlich lieben, sind immer im gewissen Sinne herzenskalt. Gönne du ihm auch nicht mehr, als er verdient! Er ist viel zu eitel, um wirklich unglücklich sein zu können. Er findet sicher und bald eine andere, die besser zu ihm paßt. Zu ihm passen ja so viele!« Dühling antwortete zögernd: »Du hast recht. Es ist wohl der Kamerad, den man nicht gern betrügt; es ist auch das Wehrlose. Ich hab's ihm gegenüber so leicht gehabt! ... Ach, Esther, du gibst in allem so ganz, daß es mich fast verwirrt ... Verdiene ich dich auch wirklich?« Sie lächelte ungläubig. »Du gibst doch, was du hast!« »Gewiß, Esther. Aber ist's auch genug? Ich fühle deinen Zauber immer, aber ...« Sie hielt ihm scherzend den Mund zu. »Nicht weiter! ... Georg, du gibst mir ja so viel – du weißt's nur nicht.« Er faßte die schmale, energische Hand und küßte sie viele Male. Und sie lächelte glücklich; und er lächelte wieder. Durch das Sturmeswehen klangen Stimmen. Die beiden standen hastig auf. Er nahm das Plaid, sie strich sich das Kleid zurecht. Es waren Passanten, Mädchen in Strandhüten, die der See zujauchzten und mit dem Winde liefen. Aber die Liebenden fühlten sich doch geniert. Sie versuchten jetzt wie zwei vernünftige Leute spazierenzugehen. Auf der Strandhöhe entlang, wo an lichten Stellen das graugrüne Gras in langen Wellen wogte und der Wind die Gehenden fast von der Düne wehte, zu den tiefen Kesseln, die überall in die Küste eingesprengt sind, buschbewachsen, malerisch, die jähen Sandhügel nachrieselnd, unten seltsam geformte Kegel wie Riesenspielzeug. Sie gingen langsam auf und ab, besprachen die Zukunft, die häßliche Scheidung, das Jahr des Wartens danach. Oh, es hatte noch lange Wege bis zum ganzen Glück! Esther war ganz wohlgemut. Die Zeit fliegt ja. Und auch, wenn man sich anstandshalber nicht sieht, die zärtlichen Briefe, das tägliche Zusammensein im Geiste. »Und dir muß es doch viel schwerer werden, Esther! Ich habe meinen neuen Beruf, ich muß mich einarbeiten. Du bleibst allein mit deinen Gedanken.« »Sorg' dich nicht um mich!« antwortete sie froh. »Ich könnte für dich in die Wüste gehen, ich könnte für dich geliebte Kinder opfern. Medea! ... Ich wär's imstande ... Ich könnte auch betteln für dich. Und das muß doch so schwer sein!« Er mußte sie immer ansehen. Sie schien ihm die verkörperte Tat, die verkörperte Jugend. Keine Reue, kein Mitleid! ... Dann dachte er auch vernünftig an die großen Sorgen, an die vielen Unannehmlichkeiten, die scharfen Dornen und spitzen Steine auf jedem ungewöhnlichen Lebenswege. »Ich wollte, Esther, wir heirateten morgen! ... Möchtest du das nicht auch?« Sie sah ihn hell an. »Wärst du dann glücklicher? Wo wir lieben, opfern wir uns gern. Ich brauche keinen Priester, keine Sanktion. Protestantin müßte ich ja sowieso werden ... Gut, entflieh mit mir auf der Stelle!« »Ich nehme dich beim Wort, Esther!« antwortete er rasch. Darauf schüttelte sie den Kopf. »Nein, lieber doch nicht! Lieber ehrlich warten! ... Kein Schmutz, wo er nicht unbedingt nötig ist. Er bleibt. Ich möchte ihn dir und unseren Kindern ersparen ... Du verstehst? Es ist nicht für mich. Ich bin nicht feige. Es ist nur, weil ich dich liebe.« Wieder der warme, tiefe Ton, die schönen Gedanken einer schwachen und doch starken Frau. Er war stehengeblieben. »Weißt du, was ich im Augenblick möchte?« »Was?« »Ich möchte hier vor dir niederknien und deinen Fuß küssen. Denn die Heilige bist du!« Am Kesselrande drüben winkten Taschentücher. Es war die Pension. Das junge Mädchen stand abseits und sah auf die See. »Siehst du, wie das Gift schon wirkt, Georg?« »Es scheint.« »Wir könnten hinüber zu ihnen gehen. Es sieht besser aus. Aber mir ist's nur wegen des Mädchens.« Sie winkten zurück, die anderen kamen ihnen entgegen. Unterwegs berieten sie noch hastig. »Hast du ihm schon geschrieben, Esther?« »Ja, gestern, vom Bett aus.« »Und welche Rolle spiel' ich dabei?« »Vorläufig gar keine. Auf dich käme er auch nie. Man könnte ihm alles mit Daten belegen, und er würde nur lächeln. Er ist ja in der Tat so viel hübscher als du und hat noch kein einziges graues Haar. Bei ihm kann's eben nur der Leutnant sein ... Du bleibst ein Schemen bis zu unserem Hochzeitstag. Und dann wird er sich wohl längst mit einer anderen getröstet haben.« »Es ist mir auch lieber so.« »Übrigens, Georg, zu Hause liegt vielleicht schon das Telegramm. Ich habe ihn um eine Zusammenkunft ersucht, in Königsberg oder Berlin, in einem Hotel natürlich, nicht in seiner Wohnung.« »Arme Esther, was wird das schwer für dich sein!« »Aber es muß sein! Und was sein muß, tue ich gern bald.« Im Schwarm mit den andern trotteten sie dann heim. Dühlings Freundin fehlte. Ganz unten am Strandweg passierten eben zwei Herren, der eine groß und blond. »Ihr Herr Gemahl, Frau Baronin!« rief eine vielleicht mit Absicht kurzsichtige Dame. Dühling preßte die Lippen etwas zusammen und sagte nichts. Esther aber lächelte unbefangen. »Das wäre allerdings eine Überraschung!« Der Alarm erwies sich zum großen Bedauern aller Unbeteiligten als blind. Während die Pension über merkwürdige Ähnlichkeiten debattierte, blieben die beiden wie aus Zufall etwas zurück. »Wenn er es nun gewesen wäre, Esther?« »Dann wäre er es eben gewesen!« »Und wenn er alles gewußt hätte?« Sie lächelte kalt. »Eine echte Frau hat immer Waffen. Weißt du, in jeder Ehe gibt's irgendeinen dunklen Punkt. Und wenn man rücksichtslos oder zur rechten Zeit an den tippt, kann der Mann weiter nichts tun, als schweigen und gehen. Freiwillig gebrauche ich so häßliche Waffen nie, aber ich hätte sie gebraucht! ... Jetzt tut's mir fast leid, daß er's nicht war.« Der Sturm wehte mit unverminderter Kraft. Doch den beiden waren es Tage voll Frieden und Glück. Esthers Fuß wollte noch nicht zu weiteren Spaziergängen taugen, sie trieben sich also in Strandnähe herum, wo genug Ruhebänke waren. Der Herbst zeigte noch einmal seine ganze wilde Schönheit. Die kahle, weite, gelbe Ebene mit starren Wäldern, jagenden Wolken. Darüber eine blutige Sonne, die Schatten scharf und grell, das Licht erbarmungslos klar. Nichts mehr von der milden Dämmerung des Sommers, den weichen Schatten! Jeder Baum, jedes Haus erschienen wie ausgeschnitten, umheult vom Sturm, der die Stoppel fegte, die Stämme bog. Und die See. Bis zum fernen Horizont das rastlose Auf und Nieder der weißen Wellenkämme in einer lehmigen, kochenden Flut. Die ganze geschwungene Küste, von Rantum bis Brüsterort, ein weißer, breiter, zuckender Brandungsgürtel, der den Sand aufwühlte, Tangmassen ans Ufer schleuderte, wieder fortriß und schwarzes Holz bald friedlich auf langen, braunen Wogenbergen schaukelte, bald im weißen Sturz zur brodelnden Tiefe zog. Der arme, weiße, tote Strand duldete stumm, was ihm die übermütige Siegerin aufbürdete und gleich wieder nahm – Tang, Holz, Sandberge. Das ganze Ufer glich einem Chaos, so willkürlich waren die Trümmer geschichtet. In ausgerissenen Betten rieselten die Brandungswasser wieder murmelnd zurück. Es war, als wenn die See mit hohlem Geheul die Wehrlose noch verspottete! Und an den Dünenhang klammerte sich angstvoll das struppige Gras, die Büsche auf der Höhe duckten sich furchtsam, der Hochwald stemmte sich trotzig, seine Vorhut sank schon klagend zur Tiefe. Die beiden saßen auf einem Dünenvorsprung. Sie freuten sich der wilden Zerstörung, des mächtigen Lebens. Solch Bild gibt Kraft ... Was der Ort noch an Badegästen hatte, war unten am Strand, – wehende Kleider, in die Stirn gedrückte Hüte, vom Sturm ersticktes Jauchzen, wenn eine Welle jäh aufs Land schlug. Und eine schielende Sonne lag tückisch über dem Meer, zog die Linien schärfer. Vorn der breite, weiße Brandungsgürtel, dann stumpfes Braun, dann helles Grün, bis sich weiter hinaus Gischt und Wogen zu einem trüben, öligen Grau mengten, in dem der Wellensturz auf und nieder zuckte, während winzige, hüpfende Punkte den äußersten Horizont säumten. Was hier machtvolle Zerstörung, schien dort frohes Spiel. Die beiden schauten schweigend und unverwandt. Zwischen den Wacholderbüschen tauchte eine Postmütze auf. Ein Telegramm. Sie riß es sofort auf, während er den Mann bezahlte. Dann gab sie's ihm. »Brief erst heute erhalten, weil drei Tage in Graditz dienstlich abwesend. Morgen den ganzen Tag im Savoy-Hotel.« »Du fährst heute?« »Ja. Mit dem Nachtkurier.« Er ging unruhig auf und ab. »Du glaubst gar nicht, Esther, was ich dich die drei Tage vermissen werde.« Sie trat zu ihm und drückte seine Hand. »Du lieber Georg!« »Es trifft sich auch sonst dumm ... Wenn du doch erst wieder da wärst!« »Das heißt?« »Daß ich an sie sofort geschrieben habe, wie es meine Pflicht war. Heute oder morgen kann die Antwort da sein. Es wird nicht viel drin stehen, sie ist auch keine Natur, die sich ausgibt. Aber ich möchte den Brief doch am liebsten an deiner Seite lesen.« »Also ich bleibe«, sagte sie kurz. Er ging auf und ab, sah auf die See ... »Nein, du reisest unbedingt«, sagte er endlich. »Es sind Nerven, weiter nichts ... Bist du mir etwa böse, Esther?« »Wie sollt' ich! Du willst sie eben nicht verlassen, wie sie dich verließ ...« »Sie verließ mich nicht!« »Sie verließ dich doch!« »Was weißt du, Esther?« »Nichts, was du nicht auch wissen könntest!« Er machte mit der Hand eine unentschlossene Bewegung. Dann sagte er mit müdem Ernst: »Soll sie auch in unserm neuen Leben der dunkle Punkt sein? Ich habe sie heiß geliebt, dich liebe ich jetzt. Aber ich kann drei Jahre meines Lebens nicht ungeschehen machen. Das will ich nicht, und das darf ich nicht! Und wenn morgen so ein fader Glückwunsch so recht aus Herzensgrunde käme, dann ginge etwas in mir entzwei.« »Du würdest auch darüber wegkommen müssen, Georg.« »Ich würde nicht darüber wegkommen!« sagte er heftig. »Dann bitte Gott, daß sie dir nie mehr schreiben möge.« »Du hast etwas gegen sie, Esther ... Es ist, weiß Gott, nicht nur die Frau, es ist der Glaube, die Idee, an der ich nicht irre werden möchte!« »Lieber Georg, ich habe nichts gegen die Frau, als was ich naturgemäß gegen eine Frau haben muß, die derselbe Mann geliebt hat, der mich jetzt liebt ... Ich verstehe nur ihr Pflichtgefühl nicht ... Aber jedem sagt's ja was anderes ... Und sie wird dich wohl auf ihre Weise herzlich gern gehabt haben.« »Wann reisest du?« »Der Zug geht um sechs ... Also ich soll?« »Du mußt!« Mit etwas gezwungener Fröhlichkeit fügte er hinzu: »Es ist wieder mal ein letzter Tag. Es waren eigentlich alles letzte Tage, solange wir hier sind, – ein Wort, und sie wären es gewesen, und sie waren es schließlich doch nicht ... Von heute wenigstens wissen wir genau, daß es unser letzter Tag nicht sein kann.« »Und wenn er's doch wäre?« »Du solltest nicht spotten, Esther! Übrigens, hast du viel zu packen?« »Fünf Minuten. Ich nehme nichts mit als ein Plaid und eine Handtasche.« Er sah nach der See ... »Also noch zwei Stunden für uns ... Und nun schleppe ich dich zum Abschied auf all den lieben Plätzen herum, wo wir in den letzten Tagen gesessen haben und wo wir so glücklich gewesen sind.« Er streichelte ihr zärtlich die Hand. »Ach ja, so glücklich!« wiederholte sie. »Und nun mußt du mir auch noch erzählen, wie's eigentlich kam, Esther!« »Fang du an, Georg!« »Ja, weißt du, Esther ... Es kam so langsam und kam doch plötzlich. Zuletzt war es ein Strom, der viel stärker war als ich ... Aber sag, Schatz, was liebst du an mir? Warum liebst du mich überhaupt?« Sie lächelte. »Das ist doch so einfach, Georg: du hast mich die Liebe gelehrt. Darin liegt alles ... Ich könnte dir beim besten Willen nicht sagen, was ich an dir besonders liebe oder was ich nicht mag. Ich liebe dich eben, ich habe dich wahrscheinlich immer geliebt, schon lange, ehe ich dich kannte. Das ist ein Mysterium. Der Strom ist plötzlich da und überflutet uns ... Warum mußte gerade in dem Moment der Schleier von meinen Augen fallen, wo du einer anderen Frau die Hand küßtest? Warum mußte ich von demselben Rosenstrauch dieselbe weiße Rose pflücken? ... Der andere war mit dem Moment tot für mich. Ich konnte ihm nicht helfen ... Und ich habe doch so ehrlich gekämpft. Ich habe mir den ganzen Wahnsinn meiner Neigung klargemacht, die ganze Schwere meiner Schuld ... Da mögen andere wohl sagen: ich liebe den Mann, weil er hübsch ist, weil er gut ist, weil er klug ist oder auch umgekehrt, weil er häßlich, weil er dumm, weil er schlecht. Man kann einen Verbrecher genau so heiß lieben wie einen Heiligen. Das ist ja alles ganz gleichgültig. Es ist der eine Moment, der eine Blick, das eine Wort – der Kitt ist da und bindet für ewig. Man kann sich nicht mehr losreißen! Man verkümmert entweder in schwächlicher Moral, oder man wird glücklich in mutiger Stunde ... Wer eben für mich kein Gold hat, für den habe ich auch keins. Ich liebe. Mögen alle andern mit Recht warnen, beschwören, flehen. Ich liebe dich! ... Das ist der gerade Weg jedes großen Gefühls. Nur daß man ihn nicht geht, tausend Umwege macht und doch unfehlbar auf ihn zurückkommt ... Du, Georg, bist eben der einzige Mann auf der Welt, der das Stück Gold hat, das ich gebrauche ... Je mehr man grübelt, je mehr verstrickt man sich. Und als ich dich wiedersah, wiedersah durch einen dummen Zufall ...« Sie überlegte. »Ja, da sprach doch etwas Äußerliches mit! Es war der weiße Schnurrbart, das graue Haar. Das mag bei euch Familieneigentümlichkeit sein. Du bestätigst es mir vielleicht selbst. Ich glaub's doch nicht! ... Ich habe dich noch kohlschwarz gekannt, äußerlich sicher zehn Jahre jünger, und ich sagte mir beim ersten Sehen sofort: Wer an einem großen Gefühl so sichtbar krankt, der muß auch eines großen Gefühls wert sein. Und große Gefühle werden noch immer große Herzen finden, dazu gibt's, Gott sei Dank, auch bei uns noch Vollblut genug!« »Esther, ich wollte doch, ich wäre jünger! Ich liebe dich von ganzem Herzen. Ich habe auch noch genug, aber ich hatte einmal mehr ... Es wird mir immer klarer, daß ich für dich nie zuviel haben kann. Und wenn ich je zu der Überzeugung komme, daß ich dir nur noch was Halbes bieten kann, und wenn uns beiden das Herz darüber bräche, den Schimpf tät' ich dir nicht an, mit etwas Halbem etwas Ganzes narren zu wollen. Dazu ist das Leben zu lang. Die Lüge käme doch einmal zutage. Und vor dir stehen zu sollen und zu sagen: verzeih dem weichherzigen Lügner! Nein und nie! – Ich ginge lieber, ich ginge ohne Abschied, denn die schwerste Wunde ist noch immer besser als die weißeste Salbe.« »Lieber Georg«, sagte sie weich, »drei Jahre jünger! ... War da schon der Moment gekommen? Ich weiß es nicht, ich glaub's auch nicht. Die andere mußte erst zwischen uns treten, vielleicht brauchten wir beide die Qualen, den Zweifel, um uns überhaupt wirklich finden zu können. Denn es gibt eine Bestimmung, die will zwar den ehrlichen Kampf, aber sie führt uns doch sanft auf vorgeschriebene Wege. Und wir können nichts anderes tun, als unsere Leiden und unsere Freuden verkürzen oder verlängern ... Und bilde dir nicht etwa ein, ich habe dich nur wiedersehen wollen, um einen Liebeskranken mit neuer Liebe zu heilen. O nein, dazu bin ich nicht barmherzige Schwester genug. Im Gegenteil, erst habe ich dich gemieden, instinktiv, dann habe ich dich geflissentlich gesucht, das Phantom zu zerstören, dem ich nachjagte ... Fast wär's geglückt! Aber als ich wußte, daß du es doch warst, den ich suchte, und der immer bei mir war ... ja, Georg, da bin ich schwach und willenlos geworden wie andere Frauen und habe bei der Vorsehung gebettelt. Ja, ja, gebettelt! Es paßt allerdings nicht zu mir – aber ich tat's doch ... Und es muß einen Gott geben, der uns führt, denn gerade an dem Tage, wo ich am kleinmütigsten war, ward ich erhört ... Küsse mich!« fuhr sie leidenschaftlich fort, »Küsse mich! Es kann uns jeder sehen. Vielleicht gerade darum. Ich gehöre dir schon heut allein – mögen's alle wissen ... Ich habe auf einmal die Empfindung, als wenn ich jeden Augenblick noch nützen müßte, weil er nie mehr zurückkehrt.« Er küßte sie. Sie hielten sich lange und fest umschlungen. Aber kein Späherblick zuckte zu den beiden herauf. Dann suchten sie noch einmal all die lieben Plätze. Es war ein frohes Abschiednehmen. Der kurzen Trennung folgte ja das lange Wiedersehen. So flossen die Stunden im schönen Wahn. Als sie sich endlich losriß, rieselte die kalte graue Herbstdämmerung auf die Düne nieder. Esther ging rasch und allein zu ihrer Villa hinunter. Georg sah ihr voll Liebe nach. Noch einmal sah er ganz die schlanke Gestalt mit dem leuchtenden Haar – zum letzten Male winkte die weiße Hand. Dann war sie im Tal verschwunden. Dühling ging langsam zurück zu der verschwiegenen Stelle, wo sie am ersten Liebesmorgen geruht. Die Wogen hoben ihre weißen Totenhäupter gespenstischer, und der Sturm orgelte unheimlich tief. Doch das Blinkfeuer leuchtete hell und glückverheißend von seinem düsteren Bollwerk. Dem Manne fiel es ein, daß sie undankbar von dem Lichte keinen Abschied genommen. Er nickte ihm statt ihrer den Abschiedsgruß. Im Weggehen wollte er noch von dem Gebüsch, unter dem sie geruht, einen Zweig haschen; er haschte ihn auch. Es war ein dürrer Zweig. Doch Mitternacht legte sich der Sturm. Dühling erwachte von der plötzlichen Ruhe und horchte. Nur von fern klang noch das dumpfe Aufschlagen der Brandung – so ein schwerer, unheimlicher Ton. Er ging ans Fenster. Der Himmel war klar, und der unbewegte Zauberwald schwamm im weißen Mondlicht. Von der See her zuckten die Wogenkämme undeutlich auf und nieder. Er dachte an Esther. Wo war sie wohl jetzt? Er sah die Schlaflose, wie sie im Gang am Fenster des sausenden Zuges lehnte und sehnsüchtig den fliehenden Osten suchte. Das zärtliche Beschützergefühl erwachte. Wenn er doch bei ihr hätte sein können, auch ungesehen! Es war ihm wider die Natur, daß eine geliebte Frau dem schwersten Schritt ihres Lebens allein entgegenfahren mußte. Er berechnete die Stunden, bis sie zurück sein konnte. Sie kam ja so sicher zurück! Aber schlafen konnte er nicht mehr. Die Empfindung irgendeines ungeahnten, unentrinnbaren Unglücks ließ ihn nicht. Es war eine dumpfe Empfindung; sie war grundlos, und doch scheuchte sie die Vernunft nicht. Schließlich ärgerte er sich über solch unbotmäßige Nerven. Aber als er nach einem kurzen, bleiernen Morgenschlaf wie zerschlagen erwachte, vermißte er das wilde Klagen des Windes. Der monotone Wogenschlag allein hatte für ihn etwas Schweres, so was vom Schicksal ... Andere Laute! – Menschenstimmen – irgend etwas! Heute suchte er das flache Pensionsgespräch, das er sonst mied. Unten im Eßzimmer standen junge Mädchen um eine kleine freundliche Dame, die den Aufhorchenden das Schicksal aus der Hand las. »Die Lebenslinie ist bei Ihnen allen recht hübsch lang, meine Damen. Sie sind ja auch so jung! ... Frau von Westrem habe ich übrigens auch mal in Königsberg das Horoskop gestellt: die Lebenslinie ist bei der erstaunlich kurz. Als wenn sie jeden Tag, heute oder morgen, sterben könnte. Ich hab's ihr natürlich nicht gesagt. Sonst hat sie eine fabelhaft interessante Hand.« .... Als sie Dühling erblickte, verstummte sie plötzlich und schlug dann lachend die jungen Hände weg, die sich ihr neugierig entgegenstreckten. »Ach, meine Damen, das ist ja alles Unsinn! Man muß um Gottes willen nicht an diese Wissenschaft glauben.« ... Dühling trat in den Kreis. »Soll ich vielleicht auch wahrsagen, Herr Rittmeister?« fragte sie liebenswürdig. Dühling hielt ihr die Hand hin – eine schlanke, weiße Aristokratenhand, auf die er ein wenig eitel war. Sie las. »Oh, Herr Rittmeister, Sie werden uralt werden! Die Lebenslinie hört bei Ihnen überhaupt gar nicht auf. Und nachdem Sie Schweres erlebt haben, werden Sie gar nichts mehr erleben. Das verläuft bei Ihnen alles so ruhig! ... Und das trifft ein, Herr von Dühling, passen Sie auf!« schloß sie gutherzig. Dühling dankte. Diese Zukunft war ganz nach seinem Geschmack. Den Vormittag blieb er mit der Jugend zusammen. Seine hübsche Freundin mied ihn zwar scheu, aber sie brachte ihm doch noch einen letzten Gruß von Esther, die sie auf der Bahn getroffen. Es war ein harmlos vergnügter Vormittag. Nach elf Uhr kam der Briefbote. Die Gesellschaftsdame breitete die Post auf einer Tischecke aus. »Für Sie, Herr Rittmeister, ist heute ausnahmsweise viel. Drei Briefe!« Sie reichte sie ihm liebenswürdig und dienstbereit wie immer. Dühling sah nur den ersten und öffnete ihn sofort. Es war ihre Hand. Drei flüchtige Zeilen, im Wartesaal noch rasch hingeworfen – aber es lag so viel Wärme drin, so viel mutiger Glaube. Wieder fiel ihm die scharfe, freie Linienführung auf. Keine Furcht, keine Reue! Die Schrift war wie sie selbst. Dann griff er zu den beiden andern. Ein schwarzgeränderter Brief und ein rosa Billett. Er zuckte leicht zusammen. Er öffnete sie nicht, obgleich er die Schrift gut kannte – die glatte, hübsche Schrift einer viel korrespondierenden Frau. Der schwarzgeränderte hatte viele Irrfahrten gemacht, bis er in das abgelegene Seebad gelangte. Das rosa Kuvert trug die richtige Adresse und war erst einen Tag alt. Dühling stand sofort auf und ging mit den beiden Briefen in der Hand hinaus. Er spürte ein merkwürdiges Zusammenziehen in der Herzgegend. Erst jetzt hatte er sein Schicksal in der Hand – er wußte das genau ... Er zog im Korridor langsam seinen Mantel an, setzte vor dem Spiegel die Strandmütze auf – er tat das alles wie sonst, nur mit einem gewissen Ernst. Er ging den Strandweg entlang. Der kühle Septembertag machte ihn leicht frösteln. Der Herbst hatte die Bäume nun genug gezaust und zeigte ein ruhiges, nüchternes Gesicht. Dühling setzte sich auf eine Bank, den Blick nach der See. Er sah die Brandung nicht – er sah in sich hinein. Er wußte, was in dem Brief stand. Der Trauerrand sagte ihm alles. Die Exzellenz war tot, die junge Witwe frei. Sie schrieb: hier hast du mich – endlich bin ich dein! ... Sie konnte ja gar nicht anders schreiben ... Und alles kam zu spät. Bestimmung! Jetzt konnte er nicht mehr zurück und wollte auch nicht mehr zurück. Er hielt, was er hatte. Und doch tat es ihm furchtbar weh ... Wenn sie ihm doch nur einmal gesagt hätte: »warte auf mich«, er hätte gewiß keine andre Frau wieder gesucht. Wo er fühlte, war er auch treu. Statt dessen immer nur das flehende: »Vergessen Sie mich! – Leben Sie wieder! – Sie sind ja frei!« Es war die rührende Angst einer Frau vor sich selbst, einer Frau, die so fein geartet war, daß sie lieber tödlich litt, als einen wertlosen Schwur brach. Eine Märtyrerin der Pflicht, eine Heilige ... Nun kam die mit geöffneten Armen, und er mußte sie wegschicken. Sie hatten beide keine Schuld. Und doch würde eine Frau nie begreifen, daß er sich, mutlos geworden, in die Arme einer andern flüchten konnte, von der Liebe zur Liebe. Der Trauerbrief konnte noch nicht die Antwort auf seine Beichte sein – der Poststempel datierte eine Woche zurück – die war das rosa Billett, der eisige Glückwunsch eines qualvoll zuckenden, aber stolzen Herzens ... Er hätte die Worte sagen können, die in den beiden Briefen standen – er kannte die Frau ja besser als sich ... Und dennoch zauderte er noch immer mit dem Lesen. Es war nicht Schwäche. Er wollte nur mit Herz und Kopf sich erst ganz klar werden. Und beide sagten ihm auch: »Halte, was du hast!« Endlich brach er das Siegel. »Mein Freund! Dieser Trauerrand sagt Ihnen wohl, welchen Verlust ich beklage. Mein Mann ist schon seit Wochen tot, wie Sie vielleicht aus den Zeitungen wissen. Und ich habe lange, lange gezögert, ob ich Ihnen überhaupt etwas anderes schicken sollte als die gedruckte Anzeige. Aber ich bin Ihnen doch wohl eine Beichte schuldig ... Wissen Sie, warum ich über ein Jahr lang schwieg? – Jetzt ahnen Sie es wahrscheinlich. Ich wollte Sie schonend wie die beste Schwester auf das vorbereiten, was ich heute sagen muß. Mein Freund, ich habe Sie noch heute sehr lieb; aber Sie sind in meinem Herzen nie etwas anderes gewesen, als was Sie jetzt noch sind: der liebste Freund ... Verurteilen Sie mich deswegen nicht, belächeln Sie mich auch nicht, weil das Interesse für mich längst vorbei ist. Ich habe Ihnen zwar niemals direkt gesagt, daß ich Sie wieder liebte, wie Sie mich liebten, aber ich habe Sie doch getäuscht, geflissentlich getäuscht zuletzt, weil mich der Strom Ihres Gefühls vielleicht etwas mitriß und mehr noch, weil ich wußte, daß Sie die Wahrheit nicht ertragen hätten damals. Mein Freund, es war die Lüge eines guten Herzens, die mir dennoch viele Qualen bereitet hat und die ich mit tausend Tränen wohl nun genug gebüßt habe ... Solange er lebte, durfte ich Sie in dem schönen Wahn lassen. Bestärkt habe ich Sie ja nie darin! Und wenn ich Ihnen auf Ihr Drängen schrieb, daß Sie mir lieb wären wie einst, so wissen Sie nun, daß ich gewiß nicht log. Mein Gefühl für Sie bleibt dasselbe – die uneigennützigste, reinste Freundschaft für ein ganzes Leben! ... Sind Sie damit zufrieden? Ich denke, Sie könnten, Sie müßten es sein! Vielleicht scheint es Ihnen zuviel, Sie haben mich vergessen und verstehen eine Treue nicht mehr, die unentwegt auch dann noch weiter gibt, wo sie nicht verlangt wird ... Oder Sie überschütten mit bitterem Hohn eine Unglückliche, die kein anderes Unrecht begangen, als Ihr bestes Gefühl zu wecken. Ich sehe den scharfen, bösen Zug um ihre Mundwinkel zittern. Er hat mir manchmal wehe getan, doch ich wußte ja, daß er ein gutes Herz nur scheinbar verdunkelte ... Oh, Sie sind nicht tot oder vergessen, wie Sie vielleicht wähnen! Während ich schreibe, sehe ich Sie so deutlich vor mir: das immer etwas hochmütige Gesicht, die weichen Augen, Haare und Schnurrbart so unheimlich brünett wie bei Südländern. Sie sahen immer viel jünger aus, als Sie waren, und ich erinnere mich genau des verwunderten Ausrufs einer Bekannten: ›Seit wann werden Sekondeleutnants Brigadeadjutanten!‹ ... Sie müssen noch ebenso jung aussehen wie damals, Sie können sich gar nicht verändert haben, während an einer Frau drei Jahre Seelenqual nie unbemerkt vorübergehen. Ich denke an die unzähligen Freundlichkeiten, die Sie mir erwiesen, ich muß aufstehen, die wohlverwahrte Rose zu holen von unserem letzten Fest. Ich lege sie neben mich, ich spüre den Duft, als wäre sie erst heute gepflückt ... Ja, ich danke Ihnen von Herzen noch einmal für alles! Sie sehen, ich schwelge förmlich in traurig-schönen Erinnerungen. Vielleicht floß auch damals mir unbewußt ein anderes Gefühl mit, und Sie sahen es und nennen mich jetzt flatterhaft und treulos. Wenn je eine sündige Regung für Sie mein Herz durchbebte, sie ist dahin. Und nur die Reue blieb, jemals einem lieben Menschen so wehe getan zu haben. Wir waren in diesem Sommer an der Nordsee. Auf dem Mole stand ein Leuchtturm mit einem sogenannten Blinkfeuer. Ich sah es gern und dachte dabei viel an Sie. Das feige, rote Glimmen kam mir so vor wie die heimliche Sünde, und ich war jedesmal froh, wenn das große, helle Licht wieder flutete. Für Sie, mein Freund, glimmt nichts mehr heimlich, es leuchtet alles nur rein und offen ... Verstehen Sie mich auch? Wollen Sie mich auch verstehen? ... Mein Mann ist tot, und alle mögen denken, daß ich ihn betrog, während ich nur mich selbst betrog. Klatschereien sind mir gleichgültig. Aber, ob Sie mich nun vergessen haben oder nicht – ich muß Ihnen doch angesichts dieses Toten sagen, daß ich eine andere war, als ich schien: eine Bessere. Also keinen Groll! Ich hege ja auch keinen. Täten Sie es aber dennoch, so wäre es Ihrer nicht würdig und trübte das Bild in meinem Herzen. Aber auch dann will ich's tragen und Ihnen so herzlich zurufen wie damals: Auf Wiedersehen in besseren Tagen! Ihre treue Maria. P.S. Wünschen Sie es durchaus, so schreiben Sie mir zuweilen. Aber nicht oft und nicht in dem Ton, der mein Gefühl verletzt. Verzeihen Sie! Aber es war in Ihren Briefen immer etwas, vor dem ich instinktiv zurückzuckte. Das darf nicht sein! Das entwürdigt, was ich für Sie empfinde, jetzt, wo ich frei bin, erst recht ... Ich schicke den Brief an Ihr altes Regiment. Ich weiß nicht, wo Sie sind. Herr von Westrem, der nach Ihnen unser Adjutant war und ein mir besonders sympathischer Mensch, weil er so viel Gutes von Ihnen erzählte – leider der Gatte einer maßlos hochmütigen und herzenskalten Frau, wie das beim Millionenadel für schick gilt; wegen ihres unglaublichen Benehmens mußte auch der sonst sehr fähige Offizier abgelöst werden – also Westrem meinte im Frühjahr, daß Sie in Algier oder Marokko reisten. Hoffentlich treffen Sie diese Zeilen in bester Gesundheit.« Dühling las den Brief zu Ende und öffnete sofort den zweiten. »Mein lieber Herr von Dühling! Viele, viele herzliche Glückwünsche! Ihr Brief verletzte mich nicht – sind Sie doch glücklich! Sie haben den schwersten Alp von meiner Brust genommen. Ich antworte mit wendender Post. Und was ich von der Frau geschrieben habe, vergessen Sie es, bitte, bitte! Ich freue mich so herzlich, ihr unrecht getan zu haben! Meine Freundschaft für Sie bleibt natürlich unberührt. Was ich gebe, gebe ich ganz. Noch einmal viel Glück und abermals viel Glück! Stets Ihre Maria von ...« Es waren zwei liebe, gute Briefe. Keine barmherzige Schwester hätte schonender sein können. Ein Feingefühl, eine Zartheit! Wer sie las, mußte den Mann um solches Freundesherz beneiden. Georg von Dühling fühlte wohl ähnlich, denn er faltete die Briefe sorgsam zusammen und barg sie in einer Brusttasche. Aber er sagte doch gleich darauf mit hartem, häßlichem Lächeln: »Also darum Räuber und Mörder – wenigstens in der Phantasie!« Er stand langsam auf und reckte sich, dann sah er gleichgültig aufs Meer. Eine mißfarbene, ölige Flut, lange Wellen mit stumpfem Glanz; der Leuchtturm auf seinem Vorgebirge ein graues, hageres Gespenst. Der Mann nickte. »Ja, ja, höhne nur noch! Du bist ausgelöscht, und ich brauche dein Licht auch nicht mehr!« Leute kamen, die kleine Dame, die ihm geweissagt hatte, darunter. Er ging mit stummem, höflichem Gruß an ihr vorüber. Sie sah ihm verwundert nach. Er fühlte das und versuchte rascher, elastischer zu schreiten, doch die Füße wollten nicht. Er ging wie ein alter Mann. Und wenn er sich selbst hätte sehen können mit dem weißen Haar, dem scheuen Blick! Was Jahre vergebens unterminiert hatten, sank in einer kurzen halben Stunde zusammen. Georg von Dühling war wirklich alt! ... Als auf dem Strandwege wieder Leute kamen, bog er sofort in den Zauberwald ein. Derselbe Pfad, den sie gestern gegangen, an dem Kessel vorbei, wo bei jedem Tritt die Sandkörner rieselten, an der Bank vorbei, wo sie zuletzt gesessen, bis zu dem Platz zwischen Feld und Busch, wo sie am ersten Morgen liebend geruht. Dort blieb er stehen. »Ich sie verhöhnen?« murmelte er achselzuckend. »Du lieber Gott! Was hat sie denn getan? Nichts, als was vernünftig und gut war ... Der uneigennützigste Freund! ... Wie hübsch das klingt! ... Hm ... hm ... Freilich, das habe ich nie für sie gefühlt, nie gewollt, das konnte, das mußte sie wissen. Ein wenig weniger Feingefühl und ein wenig mehr Mut! ... Ja, ja, Maria! Das wäre hübscher gewesen und hätte dir den schweren Brief erspart. Aber sie konnte sicher nicht anders ... Ich werde mich wohl absonderlich benommen haben, albern, winselnd, wie ein kranker Köter. – Da blieb also nichts anderes übrig als das Mitleid ... Mitleid von Frauen! Ich habe das immer so sehr geliebt! ...« Er schüttelte sich in Ekel. »Ich fühle einen Brechreiz, wenn ich daran denke. Mitleid von der Frau!« Er hielt wieder inne und starrte auf den Boden. »Nur nicht ungerecht, Georg! Sie glaubte ja ihr Bestes getan zu haben ... Und wenn ich sie sah, wie sie nicht war? ... Ja ... der andere ist immer unser Geschöpf, ist immer das, was wir in ihn hineintragen ... Aber sollte ich so blind gewesen sein, daß nur die reizende Gestalt, die weiche Stimme, das müde Lächeln mich verführten? Stattete ich nur einen hoffnungslos leeren Reliquienschrein mit dem Heiligsten, Besten aus – ein Verschwender ohnegleichen? Nein. Es war wohl alles da, was ich suchte – nur leider nicht für mich. Aber daß ich's nicht merkte, daß dieser Brief noch nötig war ...« Dühling war kein Poet. Aber das Meer war so nahe, und der Vergleich kam von selbst. Kann man der kleinen, im Sonnenlicht glitzernden Welle böse sein, die den angeschwemmten Blütenzweig lachend schaukelt, flüsternd kost? Die kleine, liebe Welle! Sie meint's ja genau so ehrlich wie die große Woge, die den törichten, welken Blütenzweig aufs Ufer schleudert und einsam zurückrollt ins Meer. Aber wie er sich so sah als das, was er war: ein armer, betörter, verschwendender Tor, brannte ihn die Röte der Scham. Er warf sich unter dem Busch nieder: »Herr Gott, warum mußte es so kommen, warum muß ich so enden? Das Beste vergeudet um nichts, um eine billige Freundschaftsphrase! ... Denn der Brief ist dürr und vernünftig, ein Hohlspiegel, der klein und mißgestaltet das Große, Schöne zurückgibt, das er nicht anders fassen kann!« ... Er war ungerecht, er wollte es sein. Das letzte Aufbäumen seiner Persönlichkeit, das letzte Aufflackern eines großen Gefühls ... Die Scham, so klein bewertet zu sein mit seinem besten Golde! ...Er wollte der Frau sofort schreiben, seine Briefe zurückverlangen, die ihr nichts anderes sein konnten als peinlich, zudringlich, eine schmutzig heiße Flut, vor der man den Kleidersaum hebt. Der Freundesbrief in seiner Tasche sengte ihm die Haut ... Eine Heilige angebetete, die nur vernünftig war, einen Feuerstrom verschwendet an einen glatten Block! ... Was war er der Frau, was mußte er ihr immer gewesen sein? – Ein Wahnsinniger, den man beizeiten abschiebt, weil man seine Tobsucht fürchtet, ein Tier, das man streichelt, damit es nicht beißt ... Und Dühling lachte laut auf, um dann wieder achselzuckend zu denken: Du bist noch immer der Narr! – Er wußte ja so genau, daß jeder Brief nach der quälenden Lektüre verbrannt war, weil er kompromittieren konnte, weil er wirklich häßlich war, und daß sie nur die welke Rose behalten, weil die nichts sagte – aus einer gewissen Frauensentimentalität heraus, einem gewissen Mitleid ... »O Georg, so tief bist du 'runtergekommen – und das erkennen erst als alter Kerl, wo es kein Zurück mehr gibt!« Er dachte kaum an die andere, die Bessere, die Stärkere, die ihn wieder jung gemacht, die ihm neues Leben eingehaucht. Wie einem Sterbenden, so zog ihm noch einmal alles vorüber, was er für die erste gefühlt, gelitten. Oh, die drei Jahre waren schrecklich lang! Die alte Wunde riß noch einmal ganz, ein unreiner Strom ergoß sich – Blut, Eiter, ätzendes Gift. Der alte Mensch biß sich die Lippen blutig, weil er das Brennen kaum ertragen konnte. Er konnte nicht verstehen, daß man an solchen Enttäuschungen nicht stirbt. Nein, er starb nicht! Die Wunde zuckte, schloß sich – sie schloß sich über einem leeren Raum. Er mochte Stunden im Kampf auf derselben Stelle gelegen haben, wo er einst so glücklich gewesen war. Als er aufstand, war er ruhig, fast kalt. Der Krater war ausgebrannt, der Lavastrom versiegt. Der Mann sah wieder ganz klar, was ihm noch zu tun übrigblieb. Er würde noch heute an Esther schreiben, noch heute abreisen. Es war kein Undank, kein Verrat. Es war der einzige Weg, die einzige Pflicht. Er wußte so gut, was er verließ – die letzte Jugend, die letzte Hoffnung, sich selbst. Der Schiffbrüchige stieß dennoch entschlossen die Planke zurück, die sich ihm bot. Vorhin, im letzten Moment des Ringens, da, wo er das Zucken der Wunde am brennendsten spürte, hatte sie ihm allein vorgeschwebt, die heiße Heilige, die sündigt, weil sie liebt. Er hatte sie erkannt, er hatte zu ihr gefleht. Sie hatte sich liebend zu ihm geneigt, im Leuchten ihrer Augen wollte die alte Kraft erwachen. Es war, als wenn eine starke, schöne Hand die Wundränder zusammenpreßte, er fühlte die heilende Nähe, das Fächeln des Glücks ... Die Wunde schloß sich auch, er wurde geheilt – aber um welchen Preis! Er ging ruhig nach Hause und schrieb sofort seinen Brief. »Meine liebe, liebe Esther! Noch einmal fliehe ich zu Dir. Anbei die zwei Briefe von der anderen. Lies sie zuerst! – Du wirst diese letzte Indiskretion nicht ungeheuerlich finden. Es gilt ja nur der Sache, nicht der Person. Es ist die Quittung über ein sinnlos verschwendetes Vermögen. Eine Heilige überreicht sie mir – sanft, liebevoll. Sie hat keine Ahnung, daß ich damit entmündigt bin, auf das karge Jahrgeld gesetzt, von dem der Durchschnitt vielleicht noch sehr gut lebt, von dem ich aber gerade noch vegetieren kann. Lies und versteh! Ich reise noch heute ab, und wir sehen uns nie wieder. Es war also doch unser letzter Tag ... Was mir dabei durch die Seele geht, verstehst Du allein. Der Fall war zu tief, als daß ich mich noch einmal erheben könnte. Ich will auch nicht mehr – ich bin müde, alt. Ich habe an der Riesenenttäuschung genug, als daß ich noch stufenweise all die kleinen erleben möchte ... Sie konnte mir alles schreiben – das nicht! Der Bettler sieht sein ärmlich Bild darin zu klar. Eine Welt voll Gefühl für eine dürre, unanfechtbare Phrase! Wer mehr daraus lesen will, der muß eben weniger dabei fühlen. Ich grolle ihr nicht etwa. Sie kann doch nicht geben, was sie für mich nicht hat. Ich bedauere sie mehr – denn so liebenswürdig korrekte Naturen sind doch keines starken Gefühls fähig. Sie finden schon das warme Kaminfeuer, an dessen milder Flamme sie das Leben hindämmern, freundlich gebend, freundlich empfangend. Temperierte Gefühle sind ja die Garantie des Glücks. – Aber seit gestern habe ich ein Grauen vor diesen temperierten Gefühlen! Sie mögen ja das Beste für den Durchschnitt sein, zu dem ich auch heute noch nicht gehöre. Wenn ein Mann von einem hohen Turm plötzlich herunterstürzt, wird er nicht gleich seelenvergnügt weiterlaufen, so weiche Teppiche auch unten für ihn ausgebreitet sind. Er bricht sich das Genick oder bleibt zeitlebens Krüppel. Den letzteren Vorzug habe ich. Und den kümmerlichen Rest von einem ganzen Menschen möchte ich Dir nicht anbieten. Ich könnte es – und das Mittelmaß wird meinen Eigensinn unbegreiflich finden –, aber ich will's nicht, ich will's um Deinetwillen nicht, Esther. Nur um Deinetwillen! Dem siechen, alten Menschen läge es wohl nahe, das müde Haupt in Deinen weichen Schoß zu betten und zu sagen: ›Heile mich!‹ Der Rekonvaleszent aus schwerer Krankheit nahm den heißen Lebenstrank gern, den Du ihm botest – der Krüppel müßte sich an ihm verbrennen. Ich will Dir den Krüppel aber nicht zumuten. Darum gehe ich, ohne die wiedergesehen zu haben, nach der ich mich doch allein sehne. Ich fürchte meine Schwäche und Dein Mitleid. Nichts Halbes! Nicht wahr? Der alte Pakt besteht noch und soll bestehen. Was ich auch rette, was auch wiederkommt, nach gestern wird es nie genug sein, um auch Dir genug zu tun. Mein Leben dünkte mich ein großer Roman, und es war nur eine kleine Novelle. Aber was ich Dir noch sagen muß, geliebte Frau: wo alles um mich sank, Dein Bild blieb unberührt. Du bist im Grunde doch das einzig große Gefühl meines Lebens. Heute, wo ich Dich nicht mehr habe, fühle ich das stärker als gestern, wo ich Dich noch besaß. Ich verwechselte nur die Personen und gab einer Maske, was ich dem Menschen, einer Freundin, was ich der Geliebten hätte geben sollen ... Daß ich gehe, zeigt nur, wie hoch Du stehst! Zu einer gleichgültigen Frau könnte ich auch heute noch fliehen – zu einer geliebten nicht. Ich werde nicht etwa einen Verzweiflungsschritt tun, das muß man aus der jungen Kraft der Empörung heraus tun, nicht aus der müden Erkenntnis eines verfehlten Lebens. Ich weiß nicht, was Du tun wirst. Oder weiß ich es doch? ... Aber tue, was Dir gut scheint – gleichgültig, was. Ich sage nicht: Lebe! Ich sage nicht: Stirb! – Aber Dein Schicksal ist das meine, und wir werden uns immer verstehen. Lebend oder tot wird Dein schönes, blasses Haupt der heiße Heiligenschein umflammen. Die tiefe Glut läßt mich wieder den Gott ahnen, den ich der andern wegen leichtfertig verließ. Ich küsse noch einmal Deine schmalen, stolzen Lippen. Leb wohl, Esther, leb wohl – und vergiß mich nicht! Georg. P.S. Verbrenne die beiden Briefe sofort! ... Auch keinen Groll für sie! Sie verdient ihn nicht. Sie hat es in ihrer Weise ja herzensgut mit mir gemeint. Es war eben nur das vernünftigere Genre, die andere Gesichtswelt.« Dühling siegelte den Brief, ohne ihn noch einmal durchzulesen, und brachte ihn selbst nach der abgelegenen Villa. Dann depeschierte er an seinen Gutsinspektor wegen eines Wagens zum Nachtzuge, packte sorgsam und verabschiedete sich liebenswürdig von allen Menschen der Pension. Sie lächelten und wünschten ihm Glück. Er fuhr ja doch einer angebeteten Frau entgegen! Als er um sechs Uhr abends, vom Schriftsteller begleitet, nach der Bahn ging, wunderte er sich, daß der so schweigsam neben ihm hertrottete. Nur zum Abschied sagte er: »Leben Sie wohl, Herr von Dühling ... Nun weiß ich auch, wie mein Roman enden muß: Litauen und Herbst.« Dühling lächelte müde: »Sie könnten recht haben. Aber schreiben Sie lieber eine Novelle.« In dem schmalen Rauchkupee saß der Gnom. Es war wie eine letzte Ironie des Schicksals. Er und der fade Bursche reisten zugleich ab. Doch die Gesellschaft irritierte ihn nicht. Er grüßte höflich, und der Gnom dankte verwundert. Dühling blieb an dem offenen Fenster stehen. Er sah noch einmal fern das graue, kalte Meer schadenfroh gleißen, von einem frostigen Abendrot überhaucht. Er stand und schaute, bis das Samland in Dämmerung versank. Dann setzte er sich und versuchte zu schlafen – er schlief auch. Als um Mitternacht an der kleinen Station der alte Kutscher die Tressenmütze lüftete, sagte Dühling freundlich: »Nun bleiben wir wirklich im Lande, Friedrich, und bauen unsern Kohl, wie der selige Herr auch.« Der alte Mann lächelte, die Jucker zogen an. Die weite litauische Ebene tat sich auf. Melancholische Weiden, herbstlicher Wald. Es wehte eisig. Der Majoratsherr auf Berten wickelte sich in seine Reisedecke, und während auf holprigen Lehmwegen die Tiere schnaubend heimwärts drängten, dachte er immerfort: »Ob sie mich wohl verstehen wird?« – – Und sie verstand so gut! Am nächsten Mittag war sie gekommen, von der schwersten Sorge frei. Ihr Mann willigte in die Scheidung. Und den Vorwand für das Gesetz wollte sie schon finden. Sie war sofort nach ihrer Villa gegangen, mit einem Umweg über die Düne, weil sie den Geliebten ja doch treffen mußte, und sie war etwas verwundert, als sie ihn nicht traf. Zu Hause fand sie den Brief. Sie las und saß wie erstarrt. Plötzlich sprang sie auf: »Das kann nicht sein! Ich will ihm nach, ich muß ihn finden!« Das war aber nur ein Moment. Nachdem sie noch einmal sorgfältig gelesen, sagte sie ruhig: »Ich wußte es ja. Sie hat ihn nie geliebt! Auch er hat recht, er konnte gar nicht anders handeln ... Er hat mich gewiß geliebt – und blieb der vornehme Mensch, der er immer war. Aber ich weiß auch, was ich zu tun habe. Nur nicht den Tag überleben!« – Wem die Sonne einmal so hell geleuchtet wie ihr, der verträgt ein ewiges Grau nicht mehr. Sie überlegte nicht lange, sie schwankte nicht, der Entschluß zum Tode war unentrinntbar. Nur das Wie. – Es durfte kein häßlicher Selbstmord sein – ein unglücklicher Zufall, ein fataler Sturz ... Wo ein Wille ist, ist ja auch ein Weg. Noch im Mantel, den Reisehut auf dem Kopf, schrieb sie ihm die paar aufklärenden Zeilen, daß sie ihn immer geliebt habe und lieben werde, daß sie wahllos treu sei auch jetzt. »Und darum gehe ich, Geliebter, ich bin unnütz hier. Du hast recht in allem. Ich danke Dir ... Ich werde Dich auch da drüben nicht vergessen! ... Adieu.« Sie trug den Brief selbst zur Post. Im Dorfe begegnete ihr das junge Mädchen, Dühlings Freundin. Sie gingen eine Strecke zusammen: »Sie sind nicht mehr wie sonst, Fräulein Melitta.« »Ja, gnädige Frau.« Sie wurde rot und druckste über einer Antwort. Endlich sagte sie fast hart: »Es schickt sich zwar nicht für mich, und die Frage ist mir schrecklich – aber ist es wahr, daß Sie mit Herrn von Dühling ein Verhältnis haben?« »Wer sagt Ihnen das?« »Es sagen's alle.« Die Frau sah ruhig lächelnd in das etwas empörte braune Auge. »Liebe Melitta, da müßte ich Ihnen eine lange Geschichte erzählen, die Sie kaum verstehen würden. Das aber kann ich Ihnen getrost versichern, daß, wenn man nicht häßlichere Sünden auf dem Gewissen hat, man noch immer selig wird. Es kommt im Leben nicht darauf an, was man tut, sondern wie man's tut. Und wer immer er selbst bleibt, der verliert sich nie.« »Gnädige Frau, Sie sind auf einmal so feierlich«, sagte das junge Mädchen etwas betreten. »Ich würde auch nicht etwas so Unpassendes gefragt haben, wenn's nicht überall gesprochen würde, und wenn ich Sie nicht immer so verehrt hätte ... Sind Sie mir auch nicht böse?« »Liebes Kind ... Sie waren ja nur ehrlich ...« Sie waren zu den Teichlinden gekommen. Das Laub gelb, das Wasser kaltblau. »Wo wollen sie eigentlich hin, Melitta?« »Ich wollte eigentlich nach der See. Es ist nicht besonders windig, aber eine mächtige Brandung seit heute früh.« Die Frau sagte darauf langsam: »Man könnte auch noch mal baden.« »Aber es ist doch so spät im Jahre.« »Und ich werde doch baden.« »Dann werde ich Sie oben auf der Düne erwarten, gnädige Frau.« »Ja, warten Sie nur!« Sie gingen nach der Düne. An der Treppe des Damenbades trennten sie sich. Esther drückte dem jungen Mädchen noch einmal die Hand: »Also vergessen Sie nicht: sich selbst treubleiben – das ist im Glück wie im Unglück der ganze Witz.« »Oh, gnädige Frau, davon müssen wir nachher noch sprechen!« »Vielleicht.« Es war ein kalt grämlicher Tag. Der Strand stumpf gelb, die Badebuben trist, die Wogen rollten lang und schwer über die schwarzen Pfähle des Bades. Dahinter lag eine Sandbank. Eine riesige Brandung bäumte da weiß auf. »Aber heute dürfen Frau Baronin nicht so weit raus – die See zieht unheimlich«, meinte gutmütig die Wartefrau. »Oh, lassen Sie nur, ich weiß schon Bescheid.« »Und warum gehen Frau Baronin immer mit dem Armband ins Wasser? Man verliert's so leicht.« »O nein! Solange ich lebe, bleibt es an meinem Arm.« Und sie ging schlank und weiß, mit ihrem anmutigen, wiegenden Schritt über den Strand in die See. Sie schauerte leicht – das Wasser war so kalt. Aber sie überwand das schnell und ging weiter, immer weiter, von den Wogen bald gedrängt, bald gezogen – dem Brandungsgürtel zu ... Jetzt ein Schrei vom Ufer – noch einer – der wütende Wassersturz erstickte sie. Esther von Westrem schloß im Augenblick die Hände über dem Kopf und tauchte in den Gischt. Jetzt war sie allein, gerettet. Es gab kein Zurück. Sie fühlte noch, wie oben die Brandung gewaltig riß und unten die See heimtückisch zog. Sie versuchte instinktiv zu schwimmen. Aber eine Woge hatte sie schon gefaßt, hob sie empor, schleuderte sie hinab: sie trieb willenlos wie das Stück Holz, das neben ihr tanzte ... Wohl rang sie – es schien ihr immer das beste, im Kampfe unterzugehen. Dann zuckten die Lichter vor ihren Augen. Eine Woge schlug ihr über den Kopf – eine zweite – eine dritte. Die Besinnung begann ihr zu schwinden. Noch einmal hob die Woge sie hoch empor, noch einmal leuchtete das rote Haar, streckte sich wie hilfesuchend der schlanke Arm mit dem Amulett. Darauf sank sie jäh. Mit dem letzten Blick hatte sie das Blinkfeuer von Brüsterort gesucht, und nur der graue Turm starrte sie leblos an. Da schloß sie die Augen – und war frei. Am Strand lief die Wartefrau mit gerungenen Händen auf und ab: »Ach Gott, ach Gott ... Warum mußte sie auch ... Aber sie war ja immer so ...« Auch das junge Mädchen kam, des Wartens müde, endlich herunter. Die Wogen rollten, die Brandung schäumte, aber das Meer gab nicht einmal die Tote zurück. Es war ein so großes Unglück, daß selbst die Verleumdung verstummte. Bis zum Abend wallten die Scharen der Neugierigen. Sie wollten alle die interessante Stelle sehen. Und das Blinkfeuer flammte und glimmte auf seinem düsteren Bollwerk. Es war das alte trügerische Leuchten.