Joseph Smith Fletcher Kampf um das Erbe (The Herapath Property) Kriminalroman Ins Deutsche übertragen von Dr. Hans Barbeck   Delta-Verlag Kurt Ehrlich Berlin-Schöneberg Alle Rechte vorbehalten   Copyright Berlin-Schöneberg 1930 by Delta-Verlag, Kurt Ehrlich   Titelbild und Einbandschrift sind von Fred Goldberg, Berlin Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel \& Co., Altenburg, Thür. 1. Kapitel. Vermisst. Mr. Selwood war nun seit drei Wochen Sekretär bei dem bekannten Parlamentarier Jacob Herapath, der als Junggeselle eins der vornehmsten Häuser am Portman Square bewohnte. Mr. Herapath war bekannt wegen seiner Arbeit in der sozialen Fürsorge. Er hatte eine große Zahl moderner Wohnhäuser erbaut, die in jeder Beziehung als Vorbild dienen konnten, was Lüftung, Heizung, Beleuchtung und alle sonstigen sanitären Einrichtungen betraf. Als Selwood seine Stellung antrat, erhielt er von seinem Chef die Anweisung, eine geeignete kleine Wohnung in der Upper Seymour Street zu beziehen, die in der Nähe lag, damit er auch in der Nacht leicht zu erreichen war. Jacob Herapath hatte manchmal gerade mitten in der Nacht geniale Einfälle, und er gehörte zu den aktiven, energischen Männern, die es lieben, solche Einfälle sofort in allen Details durchzuarbeiten. Selwood war jedoch während der vergangenen drei Wochen noch niemals aus seiner Nachtruhe gestört worden. Aber plötzlich klingelte eines Morgens um halb acht die Telefonglocke, als er gerade aufstehen wollte. Er nahm den Hörer vom Apparat, der direkt neben seinem Bett stand. Es meldete sich jedoch nicht Herapath, sondern der Hausmeister Kitteridge, dessen Stimme ängstlich klang. Plötzlich wurde er unterbrochen; es schien jemand dicht neben ihm zu stehen. Der Anruf war etwas verwirrt, aber Selwood verstand doch soviel, daß er sofort zur Wohnung herüberkommen sollte. In größter Eile kleidete er sich an und eilte nach Portman Square. Als er dort ankam, fand er den Hausmeister und den Chauffeur Mountain, der sich in aller Eile angekleidet hatte, und den man allem Anschein nach auch eben aus dem Bett geholt hatte. »Was ist denn los, Kitteridge?« fragte Selwood. »Ist Mr. Herapath krank geworden?« Der Hausmeister schüttelte den Kopf und zeigte mit dem Daumen nach der offenen Tür des Arbeitszimmers. »Wir wissen überhaupt nicht, wo er ist. Er hat nicht hier geschlafen und ist auch nicht im Hause.« »Vielleicht ist er gestern gar nicht heimgekommen«, meinte Selwood. »Er kann doch in seinem Klub oder auch in einem Hotel geschlafen haben.« Der Chauffeur, ein kleiner Mann mit scharfem Blick, schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe ihn doch selbst um eins hierher gefahren, und ich habe gesehen, wie er die Tür aufschloß und hineinging. Sicher ist er nach Hause gekommen!« »Das stimmt«, pflichtete Kitteridge bei. »Kommen Sie mit, Mr. Selwood.« Er führte den Sekretär in das Arbeitszimmer und zeigte auf einen kleinen Servierwagen, der neben dem großen Schreibtisch stand. »Sehen Sie das? Jeden Abend stelle ich ihm dort eine Flasche Whisky, einen Siphon mit Sodawasser und einige Butterbrote und Keks hin. Er hat aus dem Glase getrunken, und er hat auch von dem Butterbrot gegessen. Also muß er nach Hause gekommen sein. Aber er ist nicht mehr hier. Der Kammerdiener Charlesworth, der ihn jeden Morgen Viertel nach sieben weckt, hat ihn nicht im Schlafzimmer gefunden.« Selwood sah sich in dem Raum um. Die Vorhänge waren noch nicht aufgezogen; die elektrische Krone brannte und ließ alles in ihrem kalten, klaren Licht hervortreten. Er schaute auf den Schreibtisch, ob Mr. Herapath nicht einen Brief zurückgelassen hatte, aber er fand nichts. »Aber es liegt doch kein Grund vor, sich zu ängstigen, Kitteridge«, meinte er. »Mr. Herapath war vielleicht gezwungen, heute morgen ganz früh mit dem Zuge wegzufahren.« »Entschuldigen Sie, Mr. Selwood, aber das ist wohl ziemlich ausgeschlossen. Ich hatte selbst schon daran gedacht, aber wenn er tatsächlich einen Nachtzug benützen wollte, hätte er seinen Reisemantel, seinen Koffer und auch eine Decke mitgenommen. Aber er hat nichts von alledem angerührt. Ich bin nun schon sieben Jahre hier im Hause und kenne seine Gewohnheiten genau. Er hätte mich und den Kammerdiener gerufen, damit wir für ihn gepackt hätten. Nein, er ist bestimmt nach Hause gekommen und wieder fortgegangen, das ist das Ungewöhnliche. Solange ich hier im Hause bin, ist das noch nicht passiert.« »Sie haben also Mr. Herapath um ein Uhr nach Hause gefahren?« wandte sich Selwood an den Chauffeur. »War er allein?« »Es war niemand bei ihm«, entgegnete Mountain. »Am besten erzähle ich Ihnen alles, was ich weiß. Gerade als Sie kamen, sprach ich mit dem Hausmeister darüber. Ich holte Mr. Herapath gestern abend um Viertel nach elf vom Parlament ab. Ich hielt an der gewöhnlichen Stelle, und er stieg gerade ein, als die Uhr schlug. ›Fahren Sie mich zu dem Büro in der Siedlung, ich habe dort zu tun‹, sagte er. Ich brachte ihn also nach Kensington, und beim Aussteigen meinte er, daß er wohl in einer Dreiviertelstunde fertig wäre. Ich wartete also auf meinem Sitz, aber es dauerte eine gute Stunde. Schließlich kam er wieder und sagte nur ›Nach Hause‹. Und dann habe ich ihn hierher gefahren. Als er ausstieg, schlug es ein Uhr. Ich sagte noch gute Nacht zu ihm und sah, wie er die Treppe hinaufstieg und aufschloß, bevor ich zur Garage fuhr. Das ist alles, was ich weiß.« Selwood wandte sich an den Hausmeister. »Zu der Zeit war wohl niemand mehr auf?« »Nein, Mr. Herapath sieht strikt darauf, daß die Hausordnung eingehalten wird, und daß alle Leute um halb zwölf zur Ruhe gehen. Er duldet nicht, daß jemand von der Dienerschaft auf ihn wartet. Deshalb steht jeden Abend noch ein kleiner Imbiß im Arbeitszimmer für ihn bereit. Gewöhnlich kommt er gegen zwölf Uhr nach Hause.« »Nun ja, vielleicht war aber doch noch jemand wach. Haben Sie schon gefragt, ob jemand gehört hat, daß Mr. Herapath in der Wohnung umherging und das Haus nachher wieder verließ?« »Ich werde danach fragen«, entgegnete Kitteridge. »Aber bis jetzt hat mir noch niemand etwas gesagt, obwohl die Dienstboten schon wissen, daß Mr. Herapath nicht im Hause ist.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine junge Dame trat herein. »Haben Sie Miß Wynne schon verständigt?« fragte Selwood den Hausmeister leise, als er sie sah. »Sie hat es sicher von ihrem Mädchen gehört. Alle sprechen darüber. Ich wollte sie nicht stören, bevor sie aufgestanden war.« Miß Wynne war die Nichte von Mr. Herapath, die Tochter seiner verstorbenen Schwester, die er sehr geliebt hatte. Er hatte das Mädchen in sein Haus genommen, als sie noch ein Kind war. Aber nun zählte sie schon zweiundzwanzig, war hübsch und hatte charaktervolle, schöne Züge und kluge Augen. Selwood trat näher, um sie zu begrüßen. »Was hat dies alles zu bedeuten?« fragte sie ruhig. »Soviel ich höre, ist mein Onkel nicht im Hause? Aber deshalb braucht man doch nicht den Kopf zu verlieren, Kitteridge. Er hatte sicher etwas vor, wenn er fortging. Vor allem möchte ich nicht haben, daß die Dienstboten weiter darüber sprechen. Weiß Mr. Tertius davon?« »Der alte Herr ist noch nicht nach unten gekommen.« Auf ihren Wink verließen der Hausmeister und der Chauffeur das Zimmer. »Was halten Sie davon?« fragte sie Selwood. Ihre Stimme klang plötzlich ängstlich. »Sie können es mir auch nicht erklären?« »Leider nicht. Ich kenne Mr. Herapath und seine Gewohnheiten noch nicht gut genug, um mir ein Urteil bilden zu können.« »Er hat das früher nie getan. Ich weiß zwar, daß er manchmal mitten in der Nacht aufsteht und in sein Arbeitszimmer geht, aber niemals ist er zu so später Stunde ausgegangen.« Selwood sah nach der Tür, und sie folgte seinen Blicken. Ein älterer, schmächtiger Herr von kleiner Gestalt war ruhig ins Zimmer getreten. Er hatte einen grauen Bart und feine Gesichtszüge; seine Augen waren von einer dunklen Brille beschattet. Er bewegte sich nur leise und zurückhaltend und machte einen etwas scheuen Eindruck. Selwood bemerkte, daß Lippen und Hände des Mannes leicht zitterten, als er nähertrat. »Mr. Tertius, wissen Sie etwas von Onkel Jacob?« fragte Peggie Wynne schnell. »Vorige Nacht ist er um ein Uhr nach Hause gekommen, und jetzt ist er verschwunden. Hat er Ihnen vielleicht etwas gesagt?« Mr. Tertius schüttelte den Kopf. »Nein, mir hat er nichts gesagt. Sie meinen, er ist verschwunden?!« Er neigte sich über das Tablett, das er aufmerksam einige Zeit lang betrachtete. »Das ist merkwürdig«, sagte er zu Selwood, als er wieder aufschaute. »Und doch tut er manchmal Dinge, ohne vorher jemand etwas zu sagen. Haben Sie schon an das Büro in der Siedlung telefoniert? Vielleicht ist er dorthin gegangen?« Peggie, die sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, sprang sofort auf. »Das hätten wir schon längst tun sollen! Telefonieren Sie doch bitte, Mr. Selwood. Wahrscheinlich erfahren wir dort etwas.« Selwood und Miß Wynne verließen das Zimmer zusammen. Als sie gegangen waren, untersuchte Mr. Tertius das Tablett genau. Vorsichtig nahm er das Butterbrot zwischen die Spitzen seiner Finger und hielt es nahe ans Licht. Nachdem er es eingehend betrachtet hatte, nahm er ein Kuvert aus dem Papierhalter und legte das Brot vorsichtig hinein. Dann verließ er den Raum schnell und ging zu seinem eigenen Zimmer. Nach einigen Minuten kam er wieder herunter, und gleich nach ihm traten Miß Wynne und Selwood ein. »Wir sollen sofort zur Siedlung hinauskommen«, sagte der Sekretär ernst. »Der Verwalter wollte uns eben anläuten, als ich ihn anrief. Es ist irgend etwas nicht in Ordnung.« 2. Kapitel. Mord? Es fiel Selwood später auf, daß weder er noch Mr. Tertius sich zuerst zum Handeln aufrafften, sondern daß Peggie dem Hausmeister klare Anordnungen gab. »Das Auto soll sofort vorfahren, Kitteridge. Bringen Sie rasch etwas Kaffee, frühstücken können wir erst später.« »Sie wollen doch nicht etwa selbst hinfahren?« fragte Selwood. »Aber natürlich! Glauben Sie, ich würde hier warten, bis ich Nachricht bekomme? Wir fahren zusammen hin, und bis der Wagen kommt, wollen wir schnell noch eine Tasse Kaffee trinken.« Sie folgten ihr ins Frühstückszimmer und tranken schweigsam. Als sie nachher in die Halle traten, um sich für die Fahrt anzuziehen, wandte sich Mr. Tertius an Selwood. »Was haben Sie denn am Telefon gehört?« »Nichts Bestimmtes. Ich habe nur so viel verstanden, daß sich irgend etwas Ernstes ereignet hat. Wir sollen sofort hinkommen.« Mr. Tertius fragte nicht weiter und blieb nachdenklich und zerstreut, bis sie nach Kensington kamen. Auch Peggie sagte nichts während der Fahrt. Selwood grübelte nach, was wohl geschehen sein mochte, und wie sich dieses Geheimnis lösen würde. Mr. Tertius, der neben ihm saß, war ihm auch ein Rätsel. Während seiner kurzen Dienstzeit hatte er noch nicht erfahren, wer dieser Mann eigentlich war, und in welchen Beziehungen er zu dem Hausherrn stand. Er wußte nur, daß er ein Hausgenosse von Mr. Herapath war. In gewisser Weise schien er doch nicht ganz zur Familie zu gehören, denn er kam selten zu den Mahlzeiten, und man sah ihn auch sonst nicht häufig im Hause. Selwood hatte ihn nur gelegentlich im Arbeitszimmer von Mr. Herapath oder im Wohnzimmer von Miß Peggie Wynne getroffen. Mr. Tertius bewohnte einige Räume in dem oberen Stockwerk und einen Raum im Erdgeschoß. Nur einmal hatte Selwood einen Blick in dieses untere Zimmer tun können. Es war mit Bücherregalen gefüllt, und auf einem großen Tisch lagen viele Dokumente und Papiere herum. Er hatte damals den Eindruck gehabt, daß Mr. Tertius ein Sonderling sei, der Bücher liebte und Altertumskunde trieb. Aus der Art, wie Mr. Herapath und Miß Peggie Wynne ihn anredeten, schloß Selwood, daß er nicht mit den beiden verwandt war. Er wurde von allen, auch von den Dienstboten, Mr. Tertius genannt, und Selwood wußte nicht, ob das sein Vor- oder Familienname war. Das Auto hielt nach einer schnellen Fahrt vor einem großen, nüchternen Häuserblock, dem nichts Geheimnisvolles anhaftete. Die großen Siedlungsbauten des Mr. Herapath waren in ganz London bekannt und hatten berechtigtes Aufsehen hervorgerufen, als ihr Gründer sie errichtete. Jacob Herapath war ein Grundstücksmakler und hatte schon von jeher den Wunsch gehabt, moderne Wohnungen zu bauen, die in jeder Beziehung vorbildlich sein sollten. Er wollte den Fachleuten und Baumeistern zeigen, was man mit gutem Willen erreichen konnte. Als er schließlich ein großes Gelände in Kensington käuflich erwerben konnte, machte er sich sofort an die Ausführung seines Plans. So waren diese großen Häuserblöcke entstanden, die mit allem modernem Komfort versehen waren. Sie bedeuteten eine große Einnahmequelle für Mr. Herapath, und Selwood, der die Höhe der Mieteingänge kannte, dachte darüber nach, an wen dieses Vermögen wohl fallen würde, wenn Mr. Herapath wirklich etwas passiert sein sollte. Als der Wagen anhielt, bemerkte Selwood einige Polizeibeamte in der offenen Tür. Ein Inspektor trat vor und sah unsicher auf Peggie Wynne. Selwood stieg schnell aus und ging auf ihn zu. »Ich bin der Sekretär von Mr. Herapath. Mein Name ist Selwood«, stellte er sich vor und zog den Beamten etwas zur Seite, so daß die anderen ihre Unterhaltung nicht hören konnten. »Ist etwas Ernstes geschehen? Sagen Sie es mir bitte, bevor Miß Wynne davon erfährt. Mr. Herapath ist doch nicht etwa – tot?« Der Inspektor sah ihn bedeutungsvoll an. »Er wurde von dem Hausverwalter in seinem Privatbüro tot aufgefunden. Es ist entweder Mord oder Selbstmord – das ist klar!« Selwood ging mit Mr. Tertius und Miß Wynne in den Warteraum. »Der Inspektor hat mit Ihnen gesprochen – Sie wissen alles – sagen Sie es mir gleich«, wandte sie sich an ihn. »Ich kann alles hören, ich habe starke Nerven. Ist er tot?« »Ja.« Miß Wynne senkte den Kopf. Als sie ihn wieder hob, war sie zwar blaß, zeigte aber keine Erregung. Auch Mr. Tertius war ruhig und gefaßt. »Wie starb er?« fragte er. »War es ein Herzschlag?« Selwood zögerte. »Ich fürchte, es ist eine traurige Botschaft für Sie«, erwiderte er mit einem Blick auf den Inspektor, der eben eintrat. »Die Polizei ist der Meinung, daß entweder Mord oder Selbstmord vorliegt.« Peggie wandte sich kurz an den Beamten. Eine plötzliche Röte stieg in ihre Wangen. »Nein, nie und nimmer kann es Selbstmord gewesen sein! Mord – das wäre möglich. Verheimlichen Sie mir nichts – sagen Sie mir bitte alles, was Sie wissen.« Der Inspektor schloß die Tür und kam näher. »Unsere Station wurde fünf Minuten nach acht von dem Hausverwalter hier angerufen. Er sagte uns, daß Mr. Herapath tot in seinem Arbeitszimmer läge, und bat uns, sofort zu kommen. Ich machte mich gleich mit einem anderen Beamten auf, und der Polizeiarzt folgte einige Minuten später. Wir fanden Mr. Herapath tot auf dem Boden. Dicht neben ihm lag –« Der Beamte brach ab und sah auf Peggie. »Die Details sind nicht sehr angenehm – soll ich nicht lieber darüber schweigen?« »Nein«, erwiderte sie entschieden. »Sagen Sie nur ruhig alles, was Sie gefunden haben.« »Ein Revolver lag neben seiner rechten Hand. Eine Patrone war abgefeuert, und Mr. Herapath hatte eine Schußwunde in der rechten Schläfe. Offensichtlich war der Schuß aus allernächster Nähe abgegeben worden. Der Arzt sagte, daß der Tod sofort eingetreten sei.« Peggie hatte vollständig gefaßt zugehört und machte unwillkürlich einige Schritte nach der Tür zu. »Wir wollen zu ihm gehen«, sagte sie. »Er liegt doch wahrscheinlich noch dort im Zimmer.« Aber Selwood trat ihr entgegen. »Nein, tun Sie das nicht«, bat er sie. »Mr. Selwood hat recht«, pflichtete der Inspektor bei. »Der Arzt ist noch dort. Vielleicht geht es später, wenn die Untersuchung beendet ist. Warten Sie bitte solange hier. Die Herren können mich begleiten.« Peggie zögerte einen Augenblick, dann wandte sie sich um und setzte sich in einen Sessel. »Nun gut.« Selwood drehte sich an der Tür noch einmal zu ihr um. »Versprechen Sie, uns nicht zu folgen?« »Ich bleibe hier. Aber einen Augenblick noch. Wir müßten doch eigentlich meinen Vetter Barthorpe –« »Wir haben schon nach Mr. Herapath geschickt«, unterbrach sie der Inspektor. »Der Verwalter hat auch an ihn telefoniert.« Sie gingen den Gang entlang und erreichten das Privatbüro von Mr. Jacob Herapath, das nur er selbst und sein Sekretär benützten. Niemand durfte ihn dort stören, wenn er es nicht ausdrücklich wünschte. Aber nun waren viele Fremde hier eingedrungen, und Herapath lag stumm in ihrer Mitte. Sie hatten ihn auf einen Diwan gelegt. Sein Gesichtsausdruck war ruhig. Sie konnten keine Spur von plötzlicher Furcht oder Erregung in seinen Zügen bemerken. »Wenn Sie einmal hersehen wollen, meine Herren«, sagte der Inspektor und führte die beiden zu dem Teppich. »Alles ist noch so, wie wir es gefunden haben; es ist nichts geändert worden. Er lag an dieser Stelle, hier der Kopf und dort die Füße. Offenbar war er seitwärts vom Stuhl heruntergeglitten und der Länge nach auf den Teppich gefallen. Der Revolver lag dort – nur einige Zentimeter von seiner rechten Hand entfernt. Hier ist die Waffe.« Er zog eine Schublade des Schreibtisches auf und nahm eine Pistole heraus, mit der er sehr sorgfältig umging, als er sie Selwood und Tertius zeigte. »Ist sie Ihnen bekannt? Ich meine, erkennen Sie die Pistole als Eigentum von Mr. Herapath wieder? – Nein? – Nun, er konnte sie ja auch in seinem Schreibtisch oder Geldschrank aufbewahrt haben, ohne daß jemand etwas davon wußte. Wir werden den ganzen Raum sorgfältig durchsuchen, vielleicht finden wir noch weitere Patronen oder Zubehörteile. Das wäre also der Tatbestand. Dem Augenschein nach und nach Aussage des Arztes ist der Schuß aus nächster Nähe abgefeuert worden.« Mr. Tertius, der aufmerksam zugehört hatte, wandte sich an den Doktor. »Glauben Sie denn, daß Mr. Herapath die Waffe gegen sich selbst gerichtet hat?« »Nach der Lage des Körpers und der Schußwaffe ist das sehr wahrscheinlich.« »Es könnte aber auch anders gewesen sein«, meinte Mr. Tertius leise. Der Polizeiarzt zuckte die Schultern. »Es wäre natürlich auch möglich, daß ein kühl berechnender Mörder die Waffe neben ihn gelegt hat.« »Ja, das ist auch meine Meinung«, versicherte Mr. Tertius. Er blieb einen Augenblick schweigend dort stehen und starrte auf den Teppich, dann wandte er sich wieder zur Tür. »Wie lange war Mr. Herapath wohl schon tot, als Sie kamen?« »Seit acht Stunden«, entgegnete der Doktor prompt. »Und wann sind Sie hergekommen?« »Viertel nach acht. Ich möchte sagen, daß er ungefähr um Mitternacht starb.« »Um Mitternacht!« wiederholte Tertius leise. »Also –« Bevor er weitersprechen konnte, öffnete ein Polizist, der in dem Gang Wache gehalten hatte, die Tür und meldete dem Inspektor, daß Mr. Barthorpe Herapath gekommen sei. 3. Kapitel. Barthorpe übernimmt die Leitung. Der junge Mann machte einen gefaßten und ruhigen Eindruck, als er eintrat. Es fiel allen auf, daß er, abgesehen von dem Altersunterschied, sowohl in Gestalt als auch im Aussehen dem Toten auffallend glich. Beide waren groß, schlank und wohlproportioniert. Jacob Herapath war allerdings ergraut, während sein Neffe, der dreißig bis fünfunddreißig Jahre zählen mochte, dunkles Haar hatte. Barthorpe beugte sich über den Toten und betrachtete ihn lange. Sein Gesicht blieb aber undurchdringlich und zeigte keine Ergriffenheit, als er sich wieder aufrichtete. Er begrüßte Mr. Tertius und Selwood nur durch ein leichtes Kopfnicken und wandte sich dann an die Polizeibeamten. »Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.« Sein Ton klang beinahe befehlend. Nachdem ihm der Inspektor alles berichtet hatte, wandte sich Barthorpe an Selwood. Mr. Tertius schien er absichtlich zu übersehen. »Was ist denn in der Wohnung am Portman Square bekannt? Sagen Sie mir das bitte kurz.« Selwood hatte Barthorpe erst zweimal gesehen, empfand aber eine instinktive Abneigung gegen ihn. So knapp als möglich erzählte er ihm, was vorgegangen war. »Dann ist also meine Kusine hier im Hause?« »Ja, Miß Wynne befindet sich in dem großen Wartezimmer am anderen Ende des Ganges.« »Ich werde gleich zu ihr gehen. Nun muß noch Verschiedenes angeordnet werden, Inspektor. Natürlich wird eine Totenschau stattfinden, Sie müssen also sofort den Vorsitzenden der Mordkommission benachrichtigen. Dann muß die Leiche fortgebracht werden – bitte übernehmen Sie das auch. Bevor Sie aber gehen, wäre es mir lieb, wenn Sie alle Anhaltspunkte mit mir sammeln würden, deren wir habhaft werden können. Sind seine Taschen schon durchsucht?« Der Inspektor zog eine Schublade des Schreibtisches auf und zeigte auf verschiedene Gegenstände, die darin lagen. »Alles, was wir gefunden haben, ist hier. Es ist nicht viel. Eine Taschenuhr und Kette, ein Geldbeutel, loses Geld, eine Brieftasche, ein Zigarrenetui. Seine Schlüssel haben wir nicht entdecken können. Er hatte nicht einmal seinen Hausschlüssel bei sich. Und doch muß er selbst die Haustür hier aufgeschlossen haben, und er brauchte doch auch einen Schlüssel, um hier hereinzukommen.« »Das ist merkwürdig«, sagte Barthorpe nach einer Pause bestürzt und neigte sich über die offene Schublade. »Natürlich müssen wir diesem Umstand genaue Beachtung schenken. Schließen Sie jetzt das Fach ab, und nehmen Sie den Schlüssel selbst in Verwahrung. Später wollen wir die Gegenstände noch einmal genauer betrachten. Nun müssen wir aber weitere Nachforschungen anstellen. Mr. Selwood, telefonieren Sie doch bitte einmal nach Portman Square, daß der Hausmeister und der Chauffeur sofort herkommen sollen. Inspektor, wollen Sie in der Zwischenzeit die Anordnungen treffen, über die wir eben sprachen? Der Hausverwalter muß auch gerufen werden. Ich will jetzt meine Kusine begrüßen.« Mit diesen Worten verließ er den Raum und ging mit energischen Schritten zu dem Wartezimmer hinüber. Selwood folgte ihm den Gang entlang und sah, daß er hineinging und die Tür hinter sich schloß. Selwood schalt sich selbst einen Narren, weil er Unwillen darüber empfand, daß Barthorpe Peggie Wynnes Vetter war und nun wahrscheinlich ihren Beschützer spielen würde. In den vergangenen drei Wochen hatte er Peggie oft genug gesehen und war im besten Begriff, sich in sie zu verlieben, obwohl er sich selbst sagte, daß er nicht daran denken durfte, eine der reichsten Erbinnen Londons zu heiraten. Als der Hausmeister und der Chauffeur nach kurzer Zeit ankamen, erzählte ihnen Selwood, was geschehen war. Gleich darauf trat auch Barthorpe Herapath aus dem Wartezimmer und winkte dem Inspektor, der sich leise mit dem Detektiv unterhielt. »Kommen Sie bitte mit Ihrem Assistenten herein. Dann brauche ich noch den Hausverwalter, Kitteridge und Mountain. Darf ich Sie auch bitten, Mr. Selwood?« Er blieb an der Tür stehen, während die anderen hineingingen. Peggie saß noch in ihrem Sessel. Tertius wollte Selwood folgen, aber Barthorpe vertrat ihm den Weg. »Dies ist eine Privatuntersuchung, die ich persönlich anstelle, Mr. Tertius«, sagte er mit einem bezeichnenden Blick. Selwood wandte sich erstaunt um. Er sah, wie Mr. Tertius errötete, stehenblieb und Barthorpe verwirrt ansah. »Wünschen Sie nicht, daß ich zugegen bin?« fragte er stockend. »Offen gestanden nicht«, entgegnete Barthorpe mit fast beleidigender Offenheit. »Später wird noch eine Totenschau stattfinden, dorthin können Sie ja gehen. Das kann ich Ihnen nicht verbieten.« Mr. Tertius machte eine kurze, förmliche Verbeugung, wandte sich um und verließ das Gebäude. Barthorpe Herapath lachte leise und verächtlich, dann ging er in das Wartezimmer und schloß die Tür. Er bat alle Anwesenden, Platz zu nehmen, und setzte sich selbst in einen Sessel neben Peggie. »Inspektor Milner«, begann er, »wir müssen jetzt sehen, daß wir durch ein erstes Verhör die Sache möglichst klären können, solange noch alle Tatsachen frisch im Gedächtnis sind. Soviel ich gehört habe, neigte der Polizeiarzt zu der Meinung, daß mein Onkel Selbstmord verübt hat. Es tut mir leid, daß er schon gegangen ist, denn meiner Meinung nach ist diese Ansicht unhaltbar. Meine Kusine und ich kannten unseren Onkel zu gut, und wir sind beide davon überzeugt, daß ein Selbstmord bei Mr. Jacob Herapath nicht in Frage kam. Wir sind auch fest entschlossen, diese Annahme mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen, wenn sie bei der Totenschau vorgebracht werden sollte. Mein Onkel ist sicher ermordet worden. Vor allem müssen wir nun feststellen, wo er gestern abend gewesen ist. Zuerst wollen wir den Hausverwalter hier hören. Hancock«, wandte er sich an einen älteren Mann, »Sie waren doch der erste, der meinen Onkel hier auffand?« Hancock war sehr aufgeregt, aber er nahm sich zusammen. »Ja, ich habe ihn zuerst hier gefunden.« »Um wieviel Uhr war das?« »Punkt acht. Um diese Zeit öffne ich gewöhnlich die Büroräume.« »Sagen Sie uns genau, wie Sie ihn fanden.« »Ich machte die Tür zum Privatbüro auf, um die Vorhänge aufzuziehen und die Fenster zu öffnen. Als ich durchs Zimmer ging, sah ich ihn auf dem Teppich liegen. Gleich darauf entdeckte ich den Revolver.« »Natürlich waren Sie sehr erschrocken. Was haben Sie denn dann gemacht?« »Ich verließ das Zimmer, schloß die Tür ab und ging zum Telefon, um die Polizei zu benachrichtigen. Dann wartete ich draußen, bis Inspektor Milner kam.« »War die Haustür wie gewöhnlich geschlossen, als Sie heute morgen herunterkamen?« »Ja. Sie war eingeklinkt. Mr. Herapath pflegte das so zu halten, weil er häufig spät abends hierherkam, um zu arbeiten.« »Gut. Diese Büroräume liegen nun weit ab von den bewohnten Teilen des Gebäudes, beachten Sie das bitte besonders, Inspektor Milner. Man kann von den Büroräumen nicht direkt in andere Teile des Hauses kommen. Es gibt auch nur einen Eingang zu den Büros, und zwar durch die Haustür. Das stimmt doch, Hancock?« »Ja, das ist richtig.« »Und die einzigen, die während der Nacht Zutritt zu diesen Räumen haben, sind Sie und Ihre Frau, Hancock?« »Ja.« »Wo liegt denn Ihre Wohnung?« »Im Kellergeschoß haben wir Wohnzimmer und Küche, und im Dachgeschoß schlafen wir.« »Wieviel Stockwerke hat denn dieses Haus?« »Da ist das Kellergeschoß, das Erdgeschoß, dann zwei Stockwerke, in denen die Angestellten arbeiten, und das Dachgeschoß.« »Wann sind Sie und Ihre Frau gestern abend zu Bett gegangen?« »Um elf Uhr, etwas später als sonst.« »Haben Sie vorher eine Runde im Hause gemacht?« »Ja, das tue ich jeden Abend.« »Haben Sie und Ihre Frau einen gesunden, festen Schlaf?« »Ja.« »Sie haben nichts gehört, nachdem Sie zu Bett gegangen waren?« »Nein.« »Haben Sie keinen Revolverschuß gehört?« »Nein.« »Auch nicht das Anfahren eines Autos, das Öffnen und Schließen von Türen?« »Nein.« »Sie haben sich doch sicher in dem Raum umgesehen, nachdem Sie Mr. Herapath fanden? Haben Sie Anzeichen dafür entdeckt, daß ein Handgemenge stattgefunden hat?« »Nein, davon habe ich nichts gesehen. Nur der Armsessel, in dem Mr. Herapath gewöhnlich saß, war ein wenig zurückgeschoben. Das war alles.« »Brannte das elektrische Licht noch?« »Nein.« »Wenn ich also Ihre Aussagen zusammenfasse, so haben Sie weder etwas gehört, noch ist Ihnen etwas aufgefallen, bis Sie heute morgen herunterkamen?« »Ja, so war es.« Barthorpe nickte und wandte sich an den Chauffeur. »Mountain, nun erzählen Sie, was Sie wissen. Seien Sie aber sehr sorgfältig, denn Ihre Angaben sind von der größten Wichtigkeit.« 4. Kapitel. Der Berichterstatter. Der Chauffeur rückte unwillkürlich ein wenig näher an den Tisch heran und sah ängstlich und gespannt auf Herapath. »Soviel ich weiß, haben Sie meinen Onkel gestern abend vom Parlament abgeholt?« begann Barthorpe. »Jawohl.« »Wo ist er eingestiegen?« »Wie gewöhnlich in Palace Yard, direkt vor der Eingangshalle.« »Um wieviel Uhr war das?« »Viertel nach elf. Die große Turmuhr schlug gerade.« »War Mr. Herapath allein, als er aus dem Gebäude herauskam?« »Nein. Ein anderer Herr, den ich nicht kannte, begleitete ihn. Sie blieben noch einen Augenblick bei dem Wagen stehen und unterhielten sich miteinander.« »Hörten Sie etwas von dem Gespräch?« »Ich verstand nur ein paar Worte, als sie sich verabschiedeten.« »Was sagten sie denn?« »›Halten Sie die Sache morgen für mich bereit. Ich spreche gegen Mittag bei Ihnen vor‹, sagte Mr. Herapath. Mehr habe ich nicht verstanden.« »Und was passierte dann?« »Der Fremde ging fort, und Mr. Herapath stieg in das Auto. Er sagte mir, ich sollte zu dem Siedlungsbüro fahren.« »Sie haben ihn bis vor die Haustür gebracht?« »Nein, das Auto wartete immer auf der Straße, und er ging die Anfahrt allein in die Höhe. Ebenso machte er es gestern abend.« »Konnten Sie von Ihrem Halteplatz aus sehen, ob Licht in den Büros war?« »Nein.« »Sagte Mr. Herapath etwas zu Ihnen, als er ausstieg?« »Ja, er meinte, daß er in einer Dreiviertelstunde wiederkommen würde.« »Hat am Eingang jemand auf ihn gewartet?« »Ich habe nichts gesehen. Sobald er wegging, steckte ich das Licht an und las die Zeitung.« »Wie lange blieb er wohl fort?« »Ungefähr eine Stunde.« »Haben Sie beobachtet, daß während dieser Zeit jemand ins Haus ging?« »Nein.« »Aber es wäre doch möglich, daß jemand ins Haus gegangen ist, ohne daß Sie es bemerkten?« »Ja, das wäre leicht möglich.« »Schließlich kam Mr. Herapath wieder heraus. Stieg er dann gleich ein?« »Ja.« »Hat er Ihnen noch etwas Besonderes gesagt?« »Nein. Er kam schnell auf den Wagen zu, öffnete die Tür, sagte ›Nach Hause‹ und stieg ein.« »Ist Ihnen nichts an ihm aufgefallen?« »Nein. Er hielt nur den Kopf gesenkt, als er über die Straße kam, als ob er tief nachdächte.« »Sie sind also sofort nach Portman Square gefahren. Um wieviel Uhr kamen Sie dort an?« »Punkt ein Uhr.« »Stimmt diese Zeit genau?« »Jawohl. Als ich zur Garage kam, war es fünf Minuten nach eins. Ich habe auf die Uhr gesehen.« »Was geschah nun, als Sie hier vor dem Hause hielten?« »Nichts Besonderes. Mr. Herapath stieg aus, schloß die Tür und sagte Gutenacht. Dann ging er die Stufen hinauf und zog dabei den Hausschlüssel heraus. Das war alles.« »Haben Sie denn nicht gesehen, daß er ins Haus ging?« »Nein.« Mountain schüttelte entschieden den Kopf. »Ich sah nur, daß er den Schlüssel ins Loch steckte. In dem Augenblick fuhr ich ab.« Barthorpe zögerte eine Sekunde, dann wandte er sich an Milner. »Ist Ihnen etwas dabei aufgefallen?« »Ja, Verschiedenes. Aber ich möchte jetzt keine Fragen stellen, da wir uns ja erst einmal einen Überblick über die Vorgänge der letzten Nacht verschaffen wollen.« »Ganz recht«, pflichtete Barthorpe bei. »Nun, Kitteridge, jetzt kommen Sie an die Reihe. Woher wußten Sie, daß Mr. Herapath heute morgen nicht im Hause war?« »Der Kammerdiener Charlesworth hat es entdeckt. Er fand das Bett unberührt, kam sofort herunter und erzählte es mir. Ich ging gleich ins Arbeitszimmer und sah, daß Mr. Herapath nach Hause gekommen sein mußte, weil er gegessen und getrunken hatte. Es steht dort immer noch ein kleiner Imbiß für ihn bereit.« »Konnte nicht jemand anders davon gegessen und getrunken haben?« »Ich hatte um diese Zeit schon mit dem Chauffeur gesprochen und wußte, daß Mr. Herapath um ein Uhr zurückgekehrt war.« Barthorpe machte eine Pause. Er schien nachzudenken, dann erhob er sich. »Ich glaube nicht, daß wir unsere Untersuchung im Augenblick weiter fortsetzen können. Kitteridge und Mountain, Sie können nach Hause gehen. Sie auch Hancock. Sprechen Sie nicht zuviel über die Sache, nicht mehr, als unbedingt notwendig ist.« Als die drei gegangen waren, nahm der Inspektor Barthorpe beiseite. »Wenn der Tote fortgeschafft ist, müssen wir beide den Raum genau untersuchen. Das ist bis jetzt noch nicht geschehen. Das ist aber vor allem nötig. Wäre es nicht besser, daß die junge Dame nach Portman Square zurückkehrte?« »Ja, ich will dafür sorgen. Gehen Sie nur voraus.« Er drehte sich kurz um. »Peggie, du fährst jetzt am besten nach Hause. In zwei Stunden komme ich zu deiner Wohnung, denn wir müssen Verschiedenes zusammen erledigen. Mr. Selwood, würden Sie die Güte haben, Miß Wynne zum Auto zu bringen? Und dann kommen Sie bitte zu mir zurück, ich brauche Ihre Hilfe.« Peggie verließ den Raum ohne Widerspruch, aber als sie im Wagen saß, wandte sie sich noch einmal an Selwood. »Warum ist eigentlich Mr. Tertius nicht zugegen gewesen?« Selwood zögerte. »Haben Sie denn nicht gehört, was dort an der Tür vorging?« fragte er und sah sie aufmerksam an. »Ich hörte wohl, daß mein Vetter und Mr. Tertius miteinander sprachen, aber ich konnte nichts verstehen.« »Barthorpe hat Mr. Tertius den Zutritt verweigert.« »Verweigert?« rief sie. »Warum denn verweigert?« »Das weiß ich leider nicht.« »Sie kommen doch auch nach Portman Square zurück, wenn Sie hier fertig sind?« »Ich weiß es noch nicht – vermutlich ja«, entgegnete Selwood stockend. »Ich werde die Anweisungen Ihres Vetters ausführen müssen.« Peggie sah ihn durchdringend an. »Das ist doch Unsinn!« sagte sie scharf. »Erledigen Sie, was Barthorpe Ihnen aufträgt, aber kommen Sie nach Portman Square, sobald Sie fertig sind. Ich brauche Sie.« Dann gab sie dem Chauffeur ein Zeichen und fuhr ab. Selwood ging langsam und unwillig zurück. Als er die wenigen Stufen hinaufstieg, kam ein junger Mann eilig durch den Eingang und hielt ihn an. »Mr. Selwood?« fragte er atemlos. »Entschuldigen Sie, Sie sind doch der Sekretär von Mr. Herapath? Ich habe Sie schon zusammen gesehen. Mein Name ist Triffitt, Berichterstatter vom ›Argus‹. Zufällig erfuhr ich eben auf der Polizeistation, was passiert ist, und ich eilte hierher. Wollen Sie mir nicht alles erzählen? Das ist eine glänzende Gelegenheit für mich. Ich kann dann sofort zur Redaktion, und im Handumdrehen kommt ein Extrablatt heraus. Und ob Sie es mir glauben oder nicht, das wird der Polizei bei ihren Nachforschungen riesig helfen. Also geben Sie mir die Unterlagen!« Selwood starrte den Zeitungsmann verwundert an, dann führte er ihn in die Eingangshalle, wo Barthorpe Herapath mit dem Polizeiinspektor stand. »Dies ist Mr. Triffitt vom ›Argus‹. Er möchte gern wissen, was hier vorgefallen ist.« Barthorpe musterte den Fremden von oben bis unten, während dieser eine Karte aus der Tasche zog und sie mit einer Verbeugung überreichte. »Es ist schon gut«, sagte Barthorpe. »Mr. Selwood, Sie kennen ja die Tatsachen. Nehmen Sie Mr. Triffitt mit ins Wartezimmer und geben Sie ihm einen kurzen Bericht. Wir können die Unterstützung der Presse gut gebrauchen. Erwähnen Sie vor allem, daß mein Onkel in Begleitung eines anderen Herrn aus dem Parlament kam. Man kann ihn ja durch die Zeitung auffordern, sich zu melden. Ferner ist mein Onkel doch offensichtlich nach dem Büro zurückgekehrt, nachdem er zu Hause angekommen war. Die Zeitung kann deshalb auch den Chauffeur zur Meldung auffordern, der ihn hierhergefahren hat. Denn sicher hat Mr. Herapath nachts diesen Weg nicht zu Fuß gemacht. Im übrigen genügt es, wenn Sie die Tatsachen angeben.« Triffitt stenografierte mit fliegender Eile, während Selwood ihm eine kurze Übersicht über alles Wesentliche gab. »Das ist aber ein sonderbarer Fall!« sagte er schließlich. »Wieso?« fragte Selwood. »Nun, auf der einen Seite scheint doch festzustehen, daß Herapath um ein Uhr in seiner Wohnung war, und auf der anderen Seite erklärt der Arzt, der ihn heute morgen gegen acht sah, daß er schon acht Stunden tot war. Nach Ansicht des Arztes muß er also um Mitternacht gestorben sein, und dabei tauchte er eine Stunde später in seinem Hause auf. Das ist doch mindestens merkwürdig. Aber um so besser für mich. Ich will jetzt gehen, in einer Stunde ist die Sache gedruckt und allgemein bekannt. Mr. Selwood, Sie glauben nicht, mit welcher Geschwindigkeit die Presse arbeitet!« 5. Kapitel. Das Glas und das Brot. Mr. Tertius verließ niedergeschlagen das Haus, nachdem Barthorpe Herapath ihn so hochfahrend behandelt hatte. Aber als er auf der Straße stand, beruhigte und faßte er sich wieder. Er hielt ein Mietauto an und fuhr nach Portman Square zurück, denn er hatte wichtige Dinge vor. Im Hause bemerkte niemand, daß Mr. Tertius zurückkam. Er hatte sich die Tür selbst aufgeschlossen und ging nun schnell in das Arbeitszimmer von Mr. Herapath. Die düstere Stimmung des trüben Novembermorgens lag auch über diesem Raum und machte ihn noch trauriger und einsamer. Ein Frösteln überkam Mr. Tertius, als er nach dem leeren Stuhl hinüberschaute, in dem er Jacob Herapath so oft hatte sitzen sehen. Er seufzte tief. Aber plötzlich dachte er daran, daß er keine Zeit hatte, trüben Gedanken nachzuhängen. Jetzt mußte gehandelt werden, und er war es, der handeln mußte, solange er das Arbeitszimmer noch für sich allein hatte. Vorsichtig und planvoll ging er ans Werk. Einen Augenblick sah er noch nachdenklich auf das Tablett, das auf dem kleinen Tischchen neben dem Schreibtisch stand, dann hob er das benützte Glas auf, nachdem er Handschuhe angezogen hatte, und hielt es gegen das Licht. Behutsam setzte er es wieder nieder, ging ins Speisezimmer und kam mit einem anderen Glas von gleicher Form und Größe wieder zurück. In dem neuen Glas mischte er einen Whiskysoda und goß dann den Inhalt auf einen Blumentopf, der vor dem Fenster stand. Dann stellte er das zweite Glas auf das Tablett und nahm das erste zu seinen Wohnräumen im Obergeschoß mit. Fünf Minuten später kam Mr. Tertius mit einem kleinen, viereckigen Behälter wieder herunter. Er ging behutsam und vorsichtig die Treppe hinab und trat auf den Platz hinaus. An der Ecke der Orchard Street nahm er ein Auto und ließ sich nach Endsleigh Gardens fahren. Als er an seinem Ziel angekommen war, klingelte er an einem Hause und fand sich kurz darauf einem sauberen Dienstmädchen gegenüber. Sie lächelte und zeigte dadurch, daß ihr der Besucher nicht unbekannt war. »Ist der Professor zu Hause?« fragte Mr. Tertius. Der Professor arbeitete in seinem Laboratorium, und sie führte Mr. Tertius die Treppe hinauf, die mit dickem, grünem Filz belegt war. Oben klingelte sie, und kurze Zeit darauf öffnete sich die Tür automatisch. Mr. Tertius befand sich in einem geräumigen Zimmer, das durch ein großes Oberlicht erhellt wurde. In der Mitte stand ein Schreibtisch, an dem der Professor gerade saß. Er richtete sich auf, als Mr. Tertius auf ihn zukam, reichte ihm seine große Hand zum Gruß und sah neugierig auf den Behälter. »Was haben Sie denn da mitgebracht?« fragte er. »Sind das etwa Präparate, die Sie angefertigt haben?« Mr. Tertius setzte sein Paket behutsam nieder, wischte sich die Stirn mit seinem Taschentuch und seufzte erleichtert auf. »Ich freue mich, daß ich die Sachen glücklich und sicher hierhergerettet habe. Es sind gerade keine Präparate, aber vielleicht Beweise für eine Schandtat. Kommen Sie nur einmal her.« Der Professor erhob sich zu seiner vollen Größe, nahm seine Pfeife, die neben ihm auf dem Schreibtisch lag, und begann heftig zu rauchen, als er zu Tertius trat. »Haben Sie etwas Lebendiges mitgebracht?« Tertius öffnete den Behälter, und der Professor beugte sich darüber. Plötzlich fuhr er wieder in die Höhe. »Was soll denn das bedeuten? Sie bringen mir da ein Trinkglas und ein Butterbrot? Was in aller Welt soll ich denn damit anfangen?« Er wollte die beiden Gegenstände herausnehmen, aber Tertius hielt ihn zurück. »Bitte seien Sie vorsichtig, mein lieber Professor, Sie dürfen diese Dinge nur ganz leicht berühren. Ich werde Ihnen alles erklären. Kommen Sie, wir wollen uns hinsetzen, und ich rauche dabei eine Ihrer schönen Zigarren.« Der Professor wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Schweigend reichte er seinem Gast den Zigarrenkasten und schaute sich die merkwürdigen Gegenstände an. »Ein Butterbrot und ein Glas«, sagte er nachdenklich. »Nun?« Er ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. »Es ist möglich, daß diese unscheinbaren Dinge ein aufsehenerregendes Verbrechen aufklären können. Ich bin ganz sicher, daß Jacob Herapath ermordet wurde!« »Ermordet!« Tertius gab Professor Cox einen genauen Bericht. Er sprach leise und erregt und nahm die beiden Gegenstände aus dem Behälter heraus. Der Professor hatte seine Brille abgenommen und prüfte das Glas mit einer großen Lupe. »Ja«, sagte er nach einer Weile. »Ich kann verschiedene Daumen- und Fingerabdrücke am oberen Teil des Glases unterscheiden. Sicherlich wird das viel zur Aufklärung des Falles beitragen können!« Nun wies Mr. Tertius auf das Brot. »Betrachten Sie das doch auch einmal.« Der Professor nickte hochbefriedigt und klopfte Mr. Tertius auf die Schulter. »Das ist ja ganz hervorragend. Sonnenklar!« »Aber wir müssen sehr vorsichtig mit diesen Dingen umgehen. Deswegen habe ich sie Ihnen gebracht.« »Nichts leichter als das. Ich werde sie so konservieren, daß sie nach Jahrzehnten noch so frisch wie heute sind. Aber wem wollen Sie diese Beweisstücke zeigen? Etwa der Polizei?« »Ja, das dachte ich. Aber ich glaube, die Zeit ist jetzt noch nicht dafür gekommen. Wir wollen abwarten, was die Totenschau ergibt.« »Ach, da wird nur das allgemein Bekannte wiederholt. Dabei kommt wahrscheinlich wenig Neues heraus.« »Das ist auch meine Meinung. Aber trotzdem wollen wir warten.« Mr. Tertius beobachtete noch, daß der Professor die beiden Gegenstände luftdicht verschloß, verließ dann das Haus und ging langsam nach Portman Square zurück. Als er in die Orchard Street einbog, kam ihm ein Zeitungsjunge entgegen und rief eine Extraausgabe des »Argus« aus. 6. Kapitel. Der Chauffeur. Mr. Tertius kaufte ein Blatt, trat auf dem Gehsteig zur Seite und las interessiert und überrascht die Geschichte, die Triffitt schnell und gewandt verfaßt hatte. Dann ging er traurig nach Hause. Als er in die Diele eintrat, öffnete sich die Tür des Arbeitszimmers, und Peggie kam heraus. Tertius sah, daß sie geweint hatte, und er legte scheu und gerührt seine Hand auf ihren Arm. »Ja, ich bin auch so traurig, seitdem das geschehen ist«, sagte er leise. »Aber wir dürfen nicht mehr unseren trüben Gedanken nachhängen, wir müssen auch an das Weitere denken.« Peggie trocknete ihre Augen und schaute ihn an. Er war ein so ruhiger, liebenswürdiger, alter Herr. Mr. Tertius reichte ihr das Extrablatt, das er noch zerknittert in der Hand hielt. »Woher mögen nur die Zeitungsleute das so schnell erfahren haben?« fragte sie, als sie den Inhalt schnell überflogen hatte. »Die Polizei wird das absichtlich mitgeteilt haben. Die Veröffentlichung der Sache kann ja nur zur Aufklärung beitragen. Es melden sich vielleicht Leute, die etwas gesehen oder gehört haben. Aber es wird noch lange dauern, bevor dieser Fall endgültig aufgeklärt ist.« Peggie ließ das Blatt sinken und sah Mr. Tertius fragend an. »Sagen Sie mir doch«, bat sie plötzlich, »warum hat Barthorpe Sie heute morgen nicht an unserer Besprechung teilnehmen lassen?« Er beantwortete die Frage nicht gleich, sondern ging zu dem Fenster und schaute eine Weile auf den Platz hinaus. Als er dann nach einer Weile sprach, war seine Stimme ruhig; er hatte seine Erregung niedergekämpft. »Ich kann es nicht genau sagen. Aber ich weiß schon seit langer Zeit, daß Mr. Barthorpe Herapath mir nicht wohlgesinnt ist. Er ist mir immer sehr kühl, ja fast verächtlich entgegengetreten. Meine Anwesenheit hier im Hause scheint ihm nicht zu passen, und da ich doch nicht unmittelbar zur Familie gehöre, hielt er es wohl nicht für richtig, mich zu der Beratung zuzuziehen.« »Aber Sie sind doch kurz nach mir ins Haus gekommen, und Sie wohnen doch schon viele Jahre mit uns zusammen!« »Ja, ich wohne nun schon fünfzehn Jahre unter dem Dach meines alten Freundes«, erwiderte er nachdenklich. »Jacob und ich waren wirklich sehr gute Freunde.« Bei den letzten Worten rann eine Träne über seine Wange, und Peggie küßte ihn liebevoll. »Mr. Tertius, lassen Sie es sich nicht zu nahe gehen. Sie und ich werden auch immer Freunde bleiben. Ich bin mit Barthorpes Benehmen gar nicht einverstanden, ich hasse diese hochfahrende Art. Er ist mir überhaupt gleichgültig.« Er schüttelte ernst den Kopf. »Mr. Barthorpe mag aber sehr großen Einfluß auf die Zukunft haben. Er besitzt Energie und Tatkraft. Ich weiß ja nicht, welche letztwilligen Bestimmungen Jacob Herapath getroffen hat, aber Barthorpe ist sein Neffe, und soviel ich weiß, sein einziger männlicher Verwandter. Und in dem Fall –« Ein Diener trat zu ihnen und unterbrach ihr Gespräch. »Draußen ist ein Chauffeur, Miß Wynne, der gern jemand von der Familie sprechen möchte. Er hat das Extrablatt gelesen.« Peggie sah Mr. Tertius an, der nickte. »Bringen Sie den Mann sofort ins Arbeitszimmer«, sagte er und folgte Peggie in den Raum. Gleich darauf trat ein junger Mann ein, der das Extrablatt noch in der Hand hielt. »Sie haben uns etwas mitzuteilen?« begann Tertius gespannt, nachdem er dem Fremden einen Stuhl angeboten hatte. »Diese Dame ist Miß Wynne, eine Nichte des verstorbenen Mr. Herapath. Wissen Sie etwas Näheres über die Angelegenheit?« »Ich habe gerade diesen Artikel gelesen«, erwiderte der Chauffeur und zeigte auf das Papier. »Ich glaube, daß ich Mr. Herapath heute morgen gefahren habe. Jedenfalls sah ihm der Herr sehr ähnlich.« »Haben Sie Mr. Herapath dem Aussehen nach gekannt?« »Nein, ich kam erst gestern in diese Gegend, aber ich bin meiner Sache ganz sicher.« »Dann erzählen Sie uns doch alles.« »Also, ich arbeite bei einem Droschkenverleiher, der etwa zehn Wagen hat, und seit gestern hat er mir die Nachtschicht hier in der Gegend gegeben. Es war ungefähr Viertel vor zwei heute morgen, als ein großer, schlanker Herr aus der Orchard Street herauskam und auf meinen Wagen zuging. ›Wissen Sie, wo St. Mary Abbot's Church ist?‹ fragte er mich, als er einstieg. ›Fahren Sie mich dorthin und halten Sie vor dem Tor.‹ Ich habe ihn dann sofort dorthin gebracht. Er gab mir fünf Schilling und ging fort. Das ist alles.« »Nach welcher Richtung ging er denn?« fragte Mr. Tertius. »Nach Westen zu, die High Street entlang, am Rathaus vorbei, und dort ging er quer über die Straße. Ich sah noch, wie er auf die andere Seite ging, denn ich mußte einige Zeit halten, weil ich etwas mit dem Kühler zu tun hatte.« »Beschreiben Sie uns doch einmal diesen Herrn etwas genauer.« »Sein Gesicht habe ich nicht deutlich gesehen, weil er den Pelzkragen hochgeschlagen hatte. Und sein Filzhut hatte einen breiten Rand. Aber der Mann hatte eine frische Gesichtsfarbe.« »Und dann haben Sie noch beobachtet, daß er schlank und groß war?« »Ja.« »Haben Sie nicht eine Photographie von Mr. Herapath aus der letzten Zeit?« wandte sich Tertius an Peggie. »Vielleicht kann ihn unser Freund hier nach dem Bilde erkennen. – Ist Ihnen sonst nichts aufgefallen?« fragte Tertius weiter, als Peggie aus dem Zimmer gegangen war. Der Chauffeur sah auf den Teppich, als ob er in dem Muster die Antwort lesen könnte. Plötzlich schien ihm etwas einzufallen. »Ja, er trug einen schönen, großen Diamantring an der linken Hand.« »Wie haben Sie denn das beobachtet?« »Er legte seine Hand auf die Tür, als er einstieg, und dabei blitzte der Diamant auf.« »Also trug er keine Handschuhe?« »Nein. Er hatte irgendwelche Papiere in der Hand. Sie waren zusammengerollt.« »Nun, das ist doch wenigstens ein Anhaltspunkt«, meinte Mr. Tertius. »Ein Diamantring an der linken Hand und eine Rolle Papier.« Er stand auf und steckte die Hände in die Taschen. »Haben Sie schon zu einem anderen darüber gesprochen?« fragte er, als er dem Mann ein paar Pfundnoten gab. »Nein, ich bin direkt hierhergekommen.« »Das ist also zunächst einmal für Ihre Mühe, und Sie können noch mehr verdienen, wenn Sie das tun, was ich Ihnen sage. Sprechen Sie mit niemand darüber, bis ich es Ihnen gestatte. Selbst der Polizei teilen Sie nichts mit. Ich weiß ja, wo ich Sie finden kann, wenn Ihr Stand hier in der Nähe ist. Wenn die junge Dame jetzt wieder hereinkommt und Ihnen die Photographie zeigt, so sagen Sie ihr nichts von dem Diamantring. Das ist eine ganz merkwürdige Sache, und es soll jetzt noch nicht zuviel herauskommen. Ich werde Sie für Ihr Schweigen belohnen. Haben Sie mich verstanden?« Der Chauffeur steckte die Geldscheine ein und lächelte verschmitzt. »Ist in Ordnung, mein Herr. Verlassen Sie sich nur auf mich.« In diesem Augenblick kam Peggie Wynne mit einem halben Dutzend großer Photos in der Hand zurück, die sie dem Chauffeur einzeln zeigte. »Erkennen Sie ihn nach diesen Bildern?« fragte sie. Aber der Chauffeur schüttelte unsicher den Kopf, bis er ein Bild von Mr. Herapath in Mantel und Hut vor sich sah. »Die Gesichtszüge erkenne ich nicht bestimmt wieder, aber ich möchte einen Eid darauf schwören, daß er denselben Mantel und denselben Hut trug.« »Das ist allerdings sehr gut«, meinte Tertius. »Wir sind Ihnen für Ihre Mitteilungen sehr dankbar.« Er begleitete den Mann in die Diele und redete ihm noch einmal zu, den Mund zu halten. Dann ging er langsam in das Arbeitszimmer zurück. »Ein Diamantring!« sagte er zu sich selbst und lächelte ironisch. »Jacob Herapath hat niemals einen Diamantring getragen!« 7. Kapitel. Das Testament. Als Triffitt mit seinen kostbaren Informationen forteilte, sah ihm Selwood nachdenklich nach. Aber es blieb ihm nicht viel Zeit, sich seinen Grübeleien hinzugeben, denn er wurde von Barthorpe Herapath gerufen. »Wir haben eben die Schlüssel gefunden«, sagte Barthorpe. »Sie besinnen sich doch noch darauf, daß man in den Taschen meines Onkels keine Schlüssel fand. Sie lagen unter einigen Papieren auf dem Schreibtisch. Wahrscheinlich hat er sie auf die Tischplatte gelegt, als er sich zur Arbeit niedersetzte, und sie haben sich unter die Papiere geschoben, als er vornüberfiel. Sie erkennen die Schlüssel doch wieder?« »Natürlich«, erwiderte Selwood kurz. »Ich möchte Sie gerne dabei haben, wenn ich seinen Safe öffne«, fuhr Barthorpe fort. »Bei solchen Ereignissen muß man an alles denken. Haben Sie jemals gehört, daß mein Onkel von einem Testament sprach? Hat er Ihnen vielleicht gesagt, wo er es verwahrte?« »Mir gegenüber hat er nichts davon erwähnt.« »Nun, unter uns, auch mir hat er nichts davon gesagt. Ich habe alle juristischen Dinge für ihn erledigt, seit ich mich als Rechtsanwalt niederließ. Soviel ich weiß, hat er niemals ein Testament aufgesetzt, obwohl ich ihm mehr als einmal geraten habe, es zu tun. Aber wie viele Leute, die sich gesund und wohlauf fühlen, hat er es stets abgelehnt. Trotzdem müssen wir alle seine Papiere und Dokumente sowohl hier als auch in der Wohnung durchsehen.« Selwood folgte Barthorpe schweigend in das Privatbüro. Der Tote war bereits fortgebracht worden, und es sah alles wieder aus wie sonst. Milner und ein Detektiv durchsuchten aufmerksam den ganzen Raum. Der Inspektor prüfte gerade die Fenstergriffe, und der Detektiv suchte die glatte Oberfläche des Schreibtisches nach Fingerabdrücken ab. »Ich möchte Sie nicht in Ihrer Beschäftigung stören«, sagte Barthorpe liebenswürdig. »Mr. Selwood und ich wollen nur den Inhalt des Safes prüfen.« Er reichte Selwood den Schlüsselbund. »Wissen Sie, welcher Schlüssel es ist?« Selwood griff mechanisch danach und betrachtete die Schlüssel oberflächlich. Aber dann erschrak er. »Ein Schlüssel fehlt!« rief er. »Ich kenne sie alle sehr genau, es waren immer sechs Stück. Der Schlüssel zu seinem Privatfach bei der Alpha-Bank fehlt!« Barthorpe runzelte die Stirn, und die beiden Beamten traten näher. »Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher?« fragte Barthorpe. »Ja. Ich hatte den Schlüsselbund doch jeden Tag mehrmals in der Hand, seitdem ich Sekretär bei Mr. Herapath war.« »Wann haben Sie den Schlüsselbund zum letztenmal gesehen?« »Gestern nachmittag, kurz bevor Mr. Herapath zum Parlament ging. Er gab mir die Schlüssel, damit ich einige Papiere von dort holen sollte.« »Haben Sie denn die Schlüssel nachgezählt?« »Sie waren alle vorhanden, das weiß ich ganz bestimmt. Das ist der Schlüssel zu dem Geldschrank hier«, sagte Selwood. »Dann schließen Sie einmal auf. Er hatte also auch noch ein Geheimfach auf der Alpha-Bank!« erwiderte Barthorpe halb ironisch. »Das war mir bis jetzt unbekannt. Wissen Sie, ob er das Geheimfach wirklich benützte?« »Ich habe erst vor zwei Tagen einige Dokumente hingebracht. In diesem Safe liegt nicht viel«, fuhr er fort, während er die Tür des Geldschranks öffnete. »Soviel ich weiß, werden keine Privatpapiere hier aufbewahrt.« »Nun, wir wollen aber trotzdem einmal nachsehen«, meinte Barthorpe und begann mit der Durchsicht des Inhalts. Nach zwanzig Minuten war er fertig und legte die Papiere in den Schrank zurück. »Ein Testament ist nicht darunter«, sagte er halblaut. »Wir wollen jetzt zusammen zu der Wohnung fahren, Mr. Selwood. Es ist ja auch wahrscheinlich, daß er das Testament in seinem eigenen Hause verwahrte, wenn er überhaupt eine letztwillige Verfügung getroffen hat.« – Mr. Tertius und Peggie Wynne saßen noch in dem Arbeitszimmer, als Barthorpe und Selwood ankamen. Der Chauffeur war eben gegangen, und Mr. Tertius sprach noch mit Peggie über diesen Zwischenfall, als sie Barthorpes Stimme in der Diele hörten. Er sah sie warnend an. »Tun Sie bitte, was ich gesagt habe, und schweigen Sie von dem Chauffeur. Mr. Barthorpe soll jetzt noch nichts davon erfahren. Ich werde Ihnen später sagen, warum ich Sie darum gebeten habe.« Barthorpe Herapath trat gewichtig in das Zimmer. Selwood folgte ihm. Peggie hatte den Eindruck, daß er den Anordnungen ihres Vetters nur widerwillig nachkam. Als Barthorpe Tertius sah, blieb er plötzlich stehen und runzelte die Stirn. »Ich möchte in Ihrer Gegenwart nicht über Privatdinge sprechen, Mr. Tertius«, sagte er eisig. »Ich dachte, ich hätte Ihnen das bereits deutlich genug zu verstehen gegeben. Meine Kusine und ich haben noch viel zu beraten, und ich wäre Ihnen zu Dank verbunden, wenn Sie sich zurückziehen würden.« »Wünschen Sie, daß ich fortgehe?« wandte sich der alte Herr an Peggie. »Es handelt sich hier nicht darum, was Miß Wynne wünscht, sondern was ich anordne«, fuhr Barthorpe ihn an. »Sie wissen doch ganz genau, daß ich hier zu bestimmen habe, bis ein Testament meines Onkels gefunden ist.« »Du bist in keiner Weise mein Vorgesetzter, Barthorpe«, erwiderte Peggie unwillig. »Ich kenne die Wünsche meines Onkels genau, soweit sie Mr. Tertius betreffen, und ich habe die Absicht, sie zu respektieren. Ich habe hier stets den Haushalt geführt, und ich werde auch weiterhin hier alle Anordnungen treffen, bis mir bewiesen wird, daß ich kein Recht dazu habe. Mr. Tertius, Sie bleiben hier!« »Das ist auch meine Absicht«, entgegnete Tertius kühl. »Und ich glaube, Mr. Barthorpe Herapath ist vernünftig genug, sich darein zu fügen.« Barthorpe biß sich auf die Lippen. »Also so steht es hier? Nun gut, Mr. Tertius, ich werfe Sie nicht mit Gewalt aus dem Zimmer hinaus, aber ich werde einen moralischen Druck auf Sie ausüben, so daß Sie sich meinem Willen fügen müssen.« »Wollen Sie mir drohen?« fragte Mr. Tertius ruhig. Barthorpe wandte sich ärgerlich an Selwood. »Wir wollen jetzt den Safe öffnen. Sie kennen ja den Schlüssel genau. – Du hast doch nie gehört, daß der Onkel ein Testament gemacht hat?« fragte er dann Peggie, die über sein Benehmen empört war. »Wir haben bereits den Geldschrank in dem Siedlungsbüro durchsucht und nichts gefunden. Persönlich glaube ich ja nicht, daß er überhaupt ein Testament aufgesetzt hat. Er hätte mir sonst sicher etwas davon erzählt.« Mr. Tertius räusperte sich. »Es erspart vielleicht unnötige Mühe, wenn ich jetzt eine Erklärung abgebe. Es existiert ein Testament von Mr. Jacob Herapath.« Barthorpe wurde plötzlich bleich, trotzdem er sich die größte Mühe gab, gleichgültig auszusehen. Er wandte sich erregt zu Mr. Tertius um. »Wie kommen Sie dazu, zu behaupten, daß er ein Testament gemacht hat? – Was wissen Sie denn davon?« »Ich weiß alles – wann und wo es aufgesetzt wurde, und wo es sich jetzt befindet.« »Wo ist es denn jetzt?« »Es wurde vor sechs Monaten in diesem Zimmer geschrieben. Mr. Herapath ließ mich eines Tages rufen. Sein damaliger Sekretär, Mr. Burchill, war bei ihm, als ich eintrat. Mr. Herapath nahm ein Dokument aus einer Schublade, sagte uns beiden, daß es sein Testament sei, unterzeichnete es in unserer Gegenwart, und wir setzten unsere Namen als Zeugen darunter. Dann schloß er das Testament in einen Briefumschlag ein und versiegelte ihn. Ich kenne den Inhalt nicht, aber ich weiß, wo sich das Testament jetzt befindet.« »Nun, wo ist es denn?« fragte Barthorpe ungeduldig. Mr. Tertius führte Peggie quer durch das Zimmer zu einer Nische, in der ein alter Sekretär stand. »In diesem Schrank liegt das Testament. Hinter dieser Schublade hier ist ein Geheimfach verborgen.« Er zog es heraus. »Ich habe selbst gesehen, wie Jacob Herapath das Testament hier verwahrte.« Barthorpe, der alle Vorgänge gespannt beobachtet hatte, streckte die Hand aus, aber Mr. Tertius reichte Peggie das versiegelte Kuvert. »Es ist an Miß Wynne adressiert.« Barthorpe konnte sich nur mit Mühe beherrschen. »Dann öffne es.« Peggie brach das Siegel auf, gehorchte dann aber einem plötzlichen Impuls und reichte Selwood das Dokument. »Bitte, lesen Sie es vor, ich kann es nicht.« Selwood war in eine seltsame Bewegung geraten. Hastig öffnete er den Briefumschlag vollends und zog ein Schriftstück heraus, das nicht allzu lang war. Als er zu lesen begann, zitterte seine Stimme. »Dies ist mein, Jacob Herapaths, letzter Wille. Ich gebe und vererbe im Fall meines Todes alles was ich an Barvermögen und Liegenschaften besitze, meiner Nichte Margaret Wynne, die jetzt in meinem Hause, 500 Portman Square, wohnt, und ich ernenne Margaret Wynne zur einzigen Vollstreckerin dieses meines letzten Willens. Hiermit widerrufe ich alle früheren letztwilligen Verfügungen. 18. April 19..                       Jacob Herapath.« Selwood machte eine Pause. »Und die Zeugenunterschriften?« fragte Barthorpe mit schriller Stimme. Selwood sah wieder auf das Dokument. »Die sind in Ordnung. Ich dachte, es sei nicht nötig, sie vorzulesen. Aber wenn Sie wünschen, werde ich es tun: Unterzeichnet von dem Testamentslasser in Gegenwart der beiden endunterzeichneten Zeugen. John Christopher Tertius, wohnhaft 500, Portman Square, London, Privatier. Frank Burchill, 331, Upper Seymour Street, London, Sekretär.« Selwood überreichte das Schriftstück wieder Peggie, die es Mr. Tertius gab. Kurze Zeit sprach niemand, dann trat Barthorpe einen Schritt vor. »Ich möchte das Testament sehen«, sagte er mit merkwürdig ruhiger Stimme. »Ich will es gar nicht selbst in die Hand nehmen, halten Sie es mir nur hin.« Er betrachtete aufmerksam die Unterschriften, drehte sich dann plötzlich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer und das Haus. 8. Kapitel. Der zweite Zeuge. Barthorpe Herapath war verwirrt und verstört, aber schon begannen seine Gedanken zu arbeiten. Ein Verdacht stieg in ihm auf, den er immer weiter verfolgte. Er kam erst wieder zu sich, als er mit einem anderen Herrn zusammenstieß und ärgerlich angefahren wurde. Dann blieb er einen Augenblick stehen, sah ein italienisches Restaurant vor sich und ging hinein. Er setzte sich in eine ruhige Ecke und bestellte ein einfaches Gericht. Er mußte vor allem Ruhe haben, um sich wieder sammeln zu können. Hier konnte ihn niemand stören oder belauschen. Er zog die Brieftasche heraus, die er aus Jacob Herapaths Geldschrank im Siedlungsbüro an sich genommen hatte. Er entnahm dem Lederetui einen Brief und während er ihn entfaltete, sagte er halblaut vor sich hin: »Frank Burchill, 331 Upper Seymour Street. Ob er allerdings noch da wohnt, ist fraglich. Was mag der Brief enthalten?« Barthorpe erkannte sofort die Schriftzüge des ehemaligen Sekretärs Burchill, der als zweiter Zeuge das Testament unterschrieben hatte, und las mit Interesse den Inhalt. Das Datum verriet, daß der Brief erst vor einigen Tagen geschrieben worden war. »35c, Calengrove Mansions, Maida Vale, W. 11. November 19.. Sehr geehrter Herr, ich bin einigermaßen erstaunt, daß Sie mir auf meine Briefe vom 1. und 5. des Monats nicht geantwortet haben. Scheinbar glauben Sie, daß Sie es nicht nötig haben, sich um mich zu kümmern. Sie legen mir nicht mehr Wert bei als einem Hunde, der den Mond anbellt. Ich hatte Gelegenheit, Ihren Charakter kennenzulernen, und weiß, daß Sie keine Achtung vor Leuten ohne Vermögen haben. Sie denken, arme Leute können Ihnen nichts anhaben, aber hierin irren Sie sich. Es ist viel mehr zu Ihrem Vorteil, auf gutem Fuß mit mir zu stehen, als sich mir feindlich gegenüberzustellen. Überlegen Sie sich deshalb genau, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe. Ich kenne das Geheimnis, das Sie während der letzten fünfzehn Jahre so ängstlich hüteten. Ich nehme an, daß Sie vollständig verstehen, was ich damit sagen will. Ich erwarte, bald Näheres von Ihnen zu hören und hoffe, daß Sie mich zu Dank verpflichten, indem Sie auf die Vorschläge meiner letzten Briefe eingehen. Hochachtungsvoll Frank Burchill.« Barthorpe las den Brief dreimal, um den wahren Sinn herauszubringen. Die Drohung war nur schlecht verhüllt. Als er den Brief wieder einsteckte, murmelte er halblaut »Erpresser« vor sich hin. Er dachte an Burchill, den er von früher her verhältnismäßig gut kannte. Er war länger als ein Jahr in den Diensten seines Onkels gewesen und vor etwas mehr als sechs Monaten entlassen worden. »Ich muß diesen Menschen loswerden, es geht einfach nicht weiter mit ihm«, hatte Jacob Herapath damals zu ihm gesagt. »Was meinst du damit?« hatte er ihn darauf gefragt. »Er ist hinter Peggie her. Und obgleich sie ein vernünftiges Mädchen ist, muß man doch alles in Betracht ziehen, denn dieser Burchill sieht sehr gut aus. Es ist gefährlich, ihn länger im Hause zu behalten.« Barthorpe dachte jetzt über diese Bemerkung nach. Burchills Vorleben kannte er allerdings nicht. Er hatte nur immer geglaubt, daß er aus guter Familie stammte und einen einwandfreien Charakter besäße. Persönlich hatte er sich allerdings immer gewundert, warum sein Onkel, der doch ein praktischer, nüchterner Geschäftsmann war, sich als Privatsekretär einen Mann engagierte, der in seinem Äußeren und in seinem Auftreten etwas von einem Schauspieler hatte. Er erinnerte sich jetzt ganz deutlich an die schlanke, elegante Gestalt des jungen Mannes, an sein ovales, dunkles Gesicht, seine großen, glänzenden Augen, sein schwarzes, gelocktes Haar. Er ging immer auffallend gekleidet, trug breitkrempige Sombrero-Hüte und wehende Künstlerkrawatten. Man konnte sich eigentlich keinen größeren Gegensatz denken als Jacob Herapath und diesen Sekretär. Trotzdem hatte sein Onkel Frank Burchill für begabt und fleißig gehalten. Nach der Entlassung hatte Barthorpe nichts mehr von ihm gehört. Aber Burchill hatte doch einen Brief an seinen Onkel geschrieben, in dem er die Zahlung einer Summe als Schweigegeld verlangte. Was für ein Geheimnis mochte das sein? Er konnte es nicht im mindesten vermuten, aber sicher war die Sache nicht aus der Luft gegriffen. Als Barthorpe wieder aufbrach, hatte er einen Entschluß gefaßt. Er wollte sofort Frank Burchill in seiner Wohnung aufsuchen. Diesen Mann mußte er sich sichern oder doch wenigstens erfahren, was er wußte. Er nahm also ein Auto und fuhr zuerst nach Upper Seymour Street Nr. 331. Das Mädchen, das ihm öffnete, schüttelte den Kopf, als er nach Burchill fragte. Sie kannte niemand dieses Namens. Da Barthorpe aber bestimmt behauptete, daß er früher hier gewohnt habe, rief sie die Frau des Hauses. »Mr. Burchill ist schon seit einiger Zeit fortgezogen, und ich kenne seine jetzige Adresse nicht«, erklärte die ältere Dame. »Hat er denn nicht angegeben, wohin seine Briefe nachgesandt werden sollen?« fragte Barthorpe erstaunt. »Er sagte mir, daß er weiter keine Post erhalten würde, und es ist auch tatsächlich nichts mehr für ihn gekommen.« Die Wirtin schien mit diesem früheren Mieter nichts mehr zu tun haben zu wollen, und Barthorpe war beruhigt. Das war gerade, was er brauchte. Mr. Tertius, Peggie und Selwood kannten wahrscheinlich keine andere Adresse als diese und konnten Burchill also nicht finden, wenn sie ihn jetzt brauchten. Nur er hatte durch einen glücklichen Zufall erfahren, wo er den früheren Sekretär finden konnte. Er machte sich jetzt sofort auf den Weg zu ihm. Calengrove Mansions war ein großer, neuer Häuserblock, und Burchills Wohnung lag im obersten Geschoß. Es dauerte einige Zeit, ehe er sich auf Barthorpes Klingeln und Klopfen meldete. Der junge Mann erschien in einem Hausrock und unterdrückte mühsam ein Gähnen, aber er sah keineswegs erstaunt oder überrascht aus. »Ach, Mr. Barthorpe Herapath! Treten Sie doch bitte näher. Ich bin heute ein wenig spät aufgestanden, ich bin nämlich jetzt als Kritiker tätig, und gestern abend war eine wichtige Premiere im Hyperion-Theater. Aber das interessiert Sie ja nicht.« Er führte seinen Besucher in ein kleines Wohnzimmer, zog einen Sessel heran und bot seinem Gast eine Zigarette an. Barthorpe wunderte sich im Stillen über Burchills gleichgültiges Benehmen, aber er nahm die Zigarette dankend und ließ sich in einem bequemen Sessel nieder. »Als Sie die Tür öffneten, dachten Sie wohl kaum daran, mich zu sehen, Burchill?« fragte er liebenswürdig. Burchill steckte erst seine Zigarette an, bevor er antwortete. »Nun, man weiß nie, wer einem begegnen kann. Aber wenn ich offen sein soll, dachte ich tatsächlich nicht an Sie. Ich kann mir auch nicht recht vorstellen, warum Sie gekommen sind.« Barthorpe zog langsam die Brieftasche heraus und hielt ihm das Schreiben entgegen. »Deshalb bin ich hier«, sagte er dann bedeutungsvoll. »Sicherlich erkennen Sie Ihren Brief wieder?« Burchill betrachtete das Blatt genau, ohne mit der Wimper zu zucken, und Barthorpe war erstaunt über die Selbstbeherrschung dieses Mannes, obwohl er eigentlich das Gefühl hatte, daß Burchill ihm nichts vormachte. »Ach so, Mr. Jacob Herapath hat Sie als Rechtsbeistand engagiert, um mir zu antworten!« Burchill lachte verächtlich. »Das ist recht töricht von ihm. Aber ich wollte nicht ein so unhöfliches Wort gebrauchen. Vielleicht sage ich besser indiskret. Und vor allem unnötig. Teilen Sie ihm dies bitte in meinem Auftrage mit.« Barthorpe schwieg einen Augenblick, steckte den Brief wieder ein und maß Burchill dann mit einem scharfen, ruhigen Blick. »Was soll denn das heißen? Spielen Sie mir eine Komödie vor oder haben Sie wirklich noch nichts davon gehört, daß Mr. Jacob Herapath tot ist?« Burchill fuhr zusammen, ja, er ließ sogar seine Zigarette plötzlich fallen, und als er sie aufgehoben hatte, sah er verwirrt aus. »Nein, davon wußte ich wirklich nichts. Er ist wohl ganz plötzlich gestorben?« »Er wurde ermordet!« Burchill starrte Barthorpe lange schweigend an, und als er dann sprach, hatte seine Stimme die Geziertheit verloren. »Sie sagten, Herapath sei ermordet worden? Wissen Sie das auch genau? Davon hatte ich bis jetzt noch nichts gehört! Ich bin allerdings heute morgen um zwei nach Hause gekommen und seitdem nicht wieder ausgegangen –« Plötzlich brach er ab. »Was wollen Sie denn eigentlich von mir?« »Ich möchte Sie fragen, ob Sie sich noch daran erinnern, daß Sie das Testament meines Onkels als Zeuge unterschrieben haben. Geben Sie mir eine klare Antwort.« 9. Kapitel. Ein Diplomat. Burchill hatte bisher mitten im Zimmer gestanden, aber jetzt setzte er sich in die Ecke eines Sofas seinem Besucher gegenüber und sah diesen fragend an, bevor er antwortete. Barthorpe wußte, daß es nicht leicht war, etwas aus ihm herauszubringen. »Also vermutet man, daß ich ein Testament von Mr. Jacob Herapath als Zeuge unterzeichnete?« Barthorpe machte eine ungeduldige Bewegung. »Reden Sie keinen Unsinn«, sagte er schroff. »Ein Mann weiß doch genau, ob er ein Testament unterzeichnet hat oder nicht.« »Entschuldigen Sie, ich bin nicht ganz Ihrer Ansicht. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß ein Mann glaubt, er habe ein Testament als Zeuge unterzeichnet, wenn er nichts Derartiges getan hat. Desgleichen kann ich es mir als möglich denken, daß jemand seine Unterschrift als Zeuge unter ein Testament setzt, während er der Meinung war, ein weniger wichtiges Dokument unterschrieben zu haben. Sie sind doch ein Rechtsanwalt, ich bin es nicht. Aber ich glaube, daß das, was ich eben sagte, viel mehr mit den wirklichen Vorgängen im Leben übereinstimmt als das, was Sie äußerten.« »Machen Sie nicht soviel Umstände, und beantworten Sie meine Frage.« »Ich habe Sie vollkommen verstanden. Sie waren deutlich genug.« »Warum wollen Sie mir denn keine Antwort geben?« Burchill lachte leise vor sich hin. »Warum beantworten Sie denn nicht zuvor meine Frage? Ich will sie aber in einer präziseren Form stellen. Haben Sie selbst meine Unterschrift als Zeuge unter einem Testament gesehen, das Jacob Herapath gemacht hat?« »Ja.« »Sind Sie sicher, daß es meine Unterschrift war?« Barthorpe sah ihn scharf an, aber die Züge dieses Mannes waren undurchdringlich. So schwieg er, und Burchill lächelte. »Ich kann alles Mögliche annehmen, zum Beispiel, daß die Unterschrift gefälscht ist. Vielleicht sind auch zwei Unterschriften gefälscht – vielleicht drei – wer will das sagen? Halten Sie es nicht für besser, zu warten, bis dieses Testament vor Gericht kommt? Dann müßte mich ja sowieso einer der Richter in seiner amtlichen Eigenschaft fragen, ob das meine Unterschrift ist. Es hat doch keinen Zweck, daß Sie jetzt versuchen, direkte Fragen an mich zu stellen. Ich überlasse es Ihnen allerdings vollkommen, zu handeln, wie Sie wollen. Vielleicht sagen Sie mir alles, was Sie von der Sache wissen?« Er machte eine Pause und beobachtete Barthorpe, und als dieser nicht antwortete, fuhr er leiser, aber eindringlich fort: »Alles, was Sie wissen.« Barthorpe warf plötzlich seine Zigarette ins Feuer. Er hatte einen Entschluß gefaßt. »Nun gut, ich will Ihnen alles sagen. Vielleicht ist das der kürzeste Weg zum Ziel. Mein Onkel wurde heute nacht etwa zwischen zwölf und drei in seinem Büro ermordet. Nach den ersten Vernehmungen forschte ich natürlich nach, ob er ein Testament gemacht hat.« »Es ist mir ganz klar, daß Sie ein großes Interesse daran hatten.« »Ich glaubte selbst nicht daran, aber Mr. Tertius erklärte in Gegenwart meiner Kusine und Selwoods, daß Jacob Herapath ein Testament aufgesetzt hätte, und holte es aus einem Geheimfach in einem alten Sekretär hervor.« »Aus einem Geheimfach in einem alten Sekretär?« wiederholte Burchill leise. »Das ist ja äußerst interessant, direkt dramatisch. Nun – und was weiter?« »Das Testament war von Anfang bis zu Ende von Jacob Herapath selbst geschrieben.« »Und wer hatte es beglaubigt?« »Tertius als erster Zeuge, und Sie als zweiter. Jetzt wissen Sie alles. Geben Sie mir noch keine Antwort? Seien Sie doch vernünftig, und sagen Sie mir, ob Sie tatsächlich das Testament unterschrieben haben! Um Himmels willen, sehen Sie denn nicht ein, wie wichtig Ihre Aussage für mich ist?« »Wie soll ich Ihnen denn etwas darüber sagen, wenn Sie mir nicht einmal mitteilen, was in dem Testament steht?« Barthorpe wurde wütend, aber er zwang sich zur Ruhe. »Mein Onkel hat seinen ganzen Besitz – meiner Kusine hinterlassen.« »Und Sie sind in dem Testament überhaupt nicht erwähnt?« fragte Burchill in sonderbar gedehntem Ton. »Das ist in der Tat verteufelt unüberlegt gehandelt. Ja, jetzt begreife ich, daß die Sache ernst ist. Aber – nur für Sie.« Er sah die Erregung Barthorpes und sprach deshalb beruhigend weiter. »Es hat keinen Zweck, mit mir Krach zu machen, Sie verschwenden nur Ihre Energie. Die Sache ist wirklich zu ernst. Aber bedenken Sie, daß es nur gefährlich für Sie werden kann, wenn das Testament – echt ist. Wissen Sie, was ich meine?« Barthorpe sprang wie elektrisiert auf und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Ich möchte nur wissen, was das heißen soll, Burchill! Haben Sie das Testament unterschrieben, oder haben Sie es nicht unterschrieben?« »Wie kann ich das sagen, wenn ich es nicht selbst gesehen habe?« fragte Burchill so unschuldig als möglich. »Wir wollen meine Entscheidung vertagen, bis ich es zu Gesicht bekomme. Nebenbei bemerkt, hat Mr. Tertius denn behauptet, daß es meine Unterschrift sein soll?« »Was wollen Sie nun damit wieder sagen? Natürlich hat er das gesagt! Er gab an, daß er und Sie zusammen das Testament als Zeugen unterschrieben haben.« »Nun, wir müssen die ganze Sache zurückstellen, bis das Testament dem Gericht zwecks Anerkennung vorgelegt wird. Jetzt wollen wir lieber über etwas Anderes sprechen, zum Beispiel über meinen Brief an Ihren Onkel, den Sie natürlich gelesen haben.« Barthorpe setzte sich nieder und starrte ihn an. »Sie sind aber ein verwegener Bursche! Sie führen irgend etwas im Schilde! Also heraus damit – was wollen Sie?« Burchill lächelte verächtlich. »Sagen Sie mir doch lieber, was Sie wollen. Oder wenn Ihnen diese Frage im Augenblick noch zu kitzlig ist, sprechen wir lieber über meinen Brief. Haben Sie etwas darüber zu fragen?« Barthorpe nahm das Schreiben wieder aus der Tasche und tat so, als ob er es noch einmal läse, während Burchill ihn mit zusammengekniffenen Augenlidern von der Seite beobachtete. »Ich finde hier eine unklare Stelle«, sagte Barthorpe schließlich. »Auf welche Vorschläge sollte mein Onkel denn eingehen? Sollte er Ihnen Geld leihen?« »Wenn Sie dem Ding durchaus einen Namen geben wollen«, entgegnete Burchill gewandt, »so können Sie es ja eine Schenkung nennen. Das klingt besser, in Ihren Augen vielleicht ehrenhafter.« »Es kommt gar nicht darauf an, wie Sie es nennen«, erwiderte Barthorpe trocken. »Den ganzen Ton Ihres Briefes nach werden die meisten Menschen das wahrscheinlich als eine Erpressung bezeichnen.« »Ja, aber höfliche Leute würden das nicht tun«, unterbrach ihn Burchill. »Und Sie gehören doch zu diesen. In Ihrer jetzigen Zwangslage sind Sie sicher höflich zu mir. Also wollen wir es ruhig eine Schenkung nennen. Sehen Sie, ich habe die Absicht, eine wöchentlich erscheinende Kunstzeitschrift herauszugeben, und ich dachte, Ihr Onkel, der jetzt leider verstorben ist, könnte mir die nötigen Geldmittel dazu zur Verfügung stellen. Es ist gerade keine übermäßig große Summe notwendig.« »Wieviel?« fragte Barthorpe barsch. »Der Betrag ist hier nicht genannt.« »Er stand in den beiden früheren Briefen. Er war wirklich nicht hoch – nur zehntausend Pfund.« »Damit wollten Sie Ihr Schweigen bezahlen lassen?« »Sie müssen selbst sagen, daß das eine Bagatelle dafür war.« Barthorpe steckte das Schreiben wieder in die Tasche, nahm eine neue Zigarette und steckte sie an. Dann beugte er sich vor. »Was ist denn das für ein Geheimnis?« fragte er in vertraulichem Ton. Burchill fuhr auf und tat äußerst erstaunt. »Aber mein lieber Mann, das ist doch gegen jede Regel.« »Sie meinen gegen jede Regel der Unterwelt?« sagte Barthorpe ärgerlich. »Verdammt noch einmal, warum weichen Sie mir immer aus und sprechen in Rätseln? Rücken Sie doch endlich mit der Sprache heraus!« »Sie vergessen, daß ich Ihrem Onkel das Angebot machte, zu schweigen – für zehntausend Pfund. Deshalb ist es nur logisch, wenn ich jetzt ebensoviel dafür verlange, daß ich es sagen soll. Wenn Sie zufällig zehntausend Pfund in der Tasche haben –« »Also wissen Sie um ein Geheimnis?« fragte Barthorpe und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich spreche jetzt vollkommen im Ernst. Ich lasse mich nicht weiter von Ihnen an der Nase herumführen!« »Diese Frage will ich Ihnen anstandslos mit Ja beantworten. Ich weiß um ein Geheimnis!« »Und das Geheimnis ist so schwerwiegend, daß Sie zehntausend Pfund dafür verlangen?« »Verzeihen Sie, in Anbetracht der veränderten Lage, will ich sehr viel mehr dafür haben«, erklärte Burchill ruhig. »Es ist wohl wahr, daß ich zehntausend Pfund Schweigegeld von Ihrem Onkel haben wollte, aber sehen Sie, sein Tod hat die Situation von Grund aus verwandelt.« Barthorpe schwieg einige Minuten. »Das sieht wirklich verflucht nach – Erpressung aus«, sagte er dann leise. »Verzeihen Sie«, unterbrach ihn Burchill, »meiner Meinung nach ist das durchaus keine Erpressung. Ich bin in der angenehmen Lage, um eine gewisse Sache zu wissen –« »Es hat doch gar keinen Zweck, daß wir noch albernes Zeug reden«, rief Barthorpe. »Wie lange wollen wir beide uns noch gegenseitig etwas vormachen? Wollen Sie mir jetzt sagen, ob Sie Ihre Unterschrift unter das Testament setzten?« »Sicherlich nicht eher, als bis ich das Schriftstück gesehen habe«, entgegnete Burchill prompt. »Wollen Sie es mir wenigstens dann sagen?« »Das hängt ganz davon ab.« »Wovon hängt das ab?« »Von den Umständen!« »Haben denn diese Umstände etwas mit Ihrem Geheimnis zu tun?« »Ja, jetzt mehr als je.« »Was wollen Sie mit diesem Jetzt sagen?« »Jetzt, da Mr. Jacob Herapath tot ist. Werden Sie doch vernünftig und lassen Sie die Sache mit dem Testament einmal im Augenblick aus dem Spiel. Besuchen Sie mich wieder – sagen wir, heute abend um zehn. Dann kann ich Ihnen mehr erzählen. Sind Sie damit einverstanden?« »Ja«, sagte Barthorpe, nachdem er einen Moment gezögert hatte. »Also gut, ich komme heute abend wieder.« Er stand auf und ging zur Tür. Auch Burchill erhob sich. »Sie haben vermutlich keine Ahnung, wer Ihren Onkel ermordet haben könnte?« sagte Burchill. »Nein. Haben Sie irgendwelche Vermutungen?« »Ich? Nein. Die Polizei befaßt sich mit der Angelegenheit?« »Natürlich!« »Nun – dann bis heute abend.« Er öffnete seinem Besucher die Tür und nickte ihm zum Abschied zu. 10. Kapitel. Mr. Benjamin Halfpenny. Als Barthorpe Herapath seine Kusine, Mr. Tertius und Selwood verließ, ging er unterwegs an einem Auto vorbei, in dem ein älterer, etwas korpulenter Herr saß. Der Wagen hielt vor dem Haus am Portman Square, und Mr. Halfpenny eilte in die Wohnung von Jacob Herapath. Peggie und Tertius waren hocherfreut, als sie ihn sahen. »Mr. Halfpenny!« rief sie freudig, »wie gut von Ihnen, daß Sie gerade jetzt kommen!« »Im Moment haben wir von Ihnen gesprochen«, bemerkte Mr. Tertius. »Mr. Selwood und ich hatten eben die Absicht, zu Ihrem Büro zu gehen und uns zu erkundigen, ob Sie zur Zeit in der Stadt weilten.« Mr. Halfpenny hatte kaum sein großes, weißseidenes Halstuch abgelegt, als er schon auf Peggie zutrat, sie feierlich auf beide Backen küßte und sie freundschaftlich auf die Schulter klopfte. Dann reichte er Mr. Tertius die Hand und grüßte Selwood durch eine Verneigung. »Was für eine schreckliche Nachricht! Ich habe sie erst vor kurzem erfahren, als ich zu meinem Büro kam, und bin sofort hergeeilt, um zu sehen, ob ich irgendwie helfen kann. Sie brauchen mir nur zu sagen, was ich für Sie tun soll. Ich meine nicht beruflich, dafür haben Sie ja Ihren Vetter, aber in jeder anderen Beziehung.« Mr. Tertius sah Peggie bedeutsam an. »Wir werden wahrscheinlich in diesem Fall froh sein, wenn Mr. Halfpenny uns auch beruflich berät«, meinte er. »Sie werden verstehen, daß Barthorpe als einziger männlicher Verwandter nach einem Testament suchte. Er verbat sich jede Einmischung von meiner Seite und war äußerst unhöflich und grob zu mir. Als er dann aber hier in die Wohnung kam und den Safe untersuchen wollte, sagte ich ihm gleich, daß ein Testament existierte, und daß ich wüßte, wo es verwahrt wird. Vor kaum zehn Minuten haben wir die letztwillige Verfügung von Mr. Jacob Herapath in dem Sekretär dort aufgefunden und gelesen. Barthorpe hat daraufhin sofort das Haus verlassen.« »Zeigen Sie mir doch das Dokument einmal.« Mr. Tertius reichte es ihm, und der Rechtsanwalt trat an ein Fenster, wo er besseres Licht hatte. »Mr. Tertius, erzählen Sie mir doch bitte die näheren Umstände, unter denen Sie dieses Schriftstück unterzeichnet haben«, bat er, als er gelesen hatte. »Sehr gern. Eines Abends ließ mich Jacob Herapath in sein Studierzimmer rufen, wo er mit seinem damaligen Sekretär, Mr. Frank Burchill, arbeitete, und bat mich, mit diesem zusammen seine Unterschrift auf einem Dokument zu beglaubigen.« »Einen Augenblick«, unterbrach Mr. Halfpenny. »Sagte er ›Dokument‹ oder sagte er ›Testament‹?« »Er sprach von einem Dokument. Er zeigte uns den Text flüchtig, aber wir konnten nicht lesen, was dort geschrieben stand. Dann faltete er es so zusammen, daß nur der untere Rand offenblieb und unterschrieb es. Wir beide zeichneten unsere Namen an die Stelle, die er uns angab. Ich zuerst, dann Burchill. Er steckte das Schreiben in ein großes Kuvert und versiegelte es.« »Geschah sonst nichts?« fragte Mr. Halfpenny. »Doch. Hören Sie. Als Burchill gegangen war, wollte ich das Zimmer auch verlassen, aber Jacob rief mich zurück. ›Das war mein Testament‹, sagte er. ›Den Inhalt will ich Ihnen nicht mitteilen, das ist nicht so wichtig. Es wäre möglich, daß ich eines Tages noch einige Änderungen daran vornehme, aber wahrscheinlich bleibt es wie es ist. Ich siegle das Kuvert jetzt und zeige Ihnen, wo ich es aufbewahren will.‹ Dann legte er das Testament in meiner Gegenwart in ein Geheimfach dieses Sekretärs. ›Sprechen Sie nicht davon‹, bat er mich, ›es sei denn, daß ich einmal plötzlich sterben sollte.‹ Und ich habe auch bis etwa vor einer halben Stunde darüber geschwiegen.« »Was wurde denn aus diesem Mr. Frank Burchill? Er hat doch seine Stelle hier aufgeben müssen?« »Ja, er ist schon vor einiger Zeit entlassen worden.« »Nun, wir haben ja seine Adresse auf diesem Testament. Ich will ihn gleich aufsuchen. Das Testament selbst ist in bester Ordnung und kann, soviel ich jetzt übersehe, nicht angefochten werden. Was hat denn eigentlich Barthorpe zu dem Inhalt gesagt?« »Nichts. Er ging sofort weg.« »Ich bin nicht im mindesten darüber erstaunt. Für Barthorpe war dies natürlich ein harter Schlag. Es ist auch merkwürdig, daß Herapath seinem Neffen nichts vermacht hat, der doch der Sohn seines einzigen Bruders ist. Das ist wirklich außergewöhnlich. Peggie, können Sie das erklären? Bestand irgendeine Entfremdung oder Abneigung zwischen den beiden?« »Mir ist nichts davon bekannt«, entgegnete sie. »Ich bin selbst sehr bestürzt darüber. Bekommt er denn tatsächlich nichts?« »Nein. Der Wortlaut des Testaments ist ja vollkommen eindeutig. Sie wollen mich vermutlich mit der Vertretung Ihrer Interessen beauftragen? Dann will ich dieses wichtige Dokument an mich nehmen und in dem Safe meines Büros einschließen. Auf meinem Heimwege suche ich Burchill auf und spreche einmal mit ihm. Vielleicht begleiten Sie mich, Tertius? Und dann möchte ich noch eine andere Sache erledigt wissen. Mr. Selwood, haben Sie im Augenblick etwas vor?« »Nein, ich habe nichts weiter zu tun.« »Dann gehen Sie doch bitte ins Büro zu Mr. Barthorpe Herapath, und sagen Sie ihm persönlich, daß ich von Mr. Tertius und Miß Wynne die Unterlagen erhalten habe und ihm zu großem Dank verpflichtet wäre, wenn er mich heute noch vor fünf Uhr in meinem Büro aufsuchen wollte. Besten Dank, Mr. Selwood. Und nun wollen wir beide uns an die Arbeit machen, mein lieber Tertius.« Peggie Wynne blieb allein zurück. Welch ein großer Umschwung war doch in ihrem Leben eingetreten! Wie glücklich war sie noch gestern gewesen. Dieses Zimmer, in dem Jacob Herapath geschäftig ein und aus gegangen war, in dem er gearbeitet hatte, erschien ihr nun öde und traurig. Ja, das ganze Haus, in dem sie nun so viele Jahre glücklich und zufrieden gelebt hatte, kam ihr plötzlich fremd vor. Ihr Onkel hatte zwar bei seiner reichen Tätigkeit nur einige Stunden am Tage hier zubringen können, aber so oft er es möglich machen konnte, kam er auf eine Viertelstunde heim, um eine Tasse Tee mit ihr zu trinken oder eine kurze Mahlzeit mit ihr einzunehmen. Und etwas von seiner Persönlichkeit hatte sich dem ganzen Hause aufgeprägt, und es war Peggie, als ob er immer noch gegenwärtig wäre. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß sie ihn nun niemals wiedersehen, seine Stimme nie wieder hören würde. Zum erstenmal in ihrem Leben überkam sie ein Gefühl namenloser Verlassenheit und Traurigkeit. In allen praktischen Fragen des Lebens war sie nun ganz auf sich gestellt, denn außer Barthorpe Herapath hatte sie keine Verwandten. Aber es lag ein Schatten über ihrem Verhältnis zu ihm. Mit Entsetzen hatte sie heute sein Gesicht beobachtet, während er das Testament las. Es sah so verzerrt aus, daß sie noch jetzt Furcht packte, wenn sie daran dachte. Barthorpe war nicht der Mann, der seine Pläne durchkreuzen ließ, und nun – Wenn nun Barthorpe sie haßte, weil sie all das Geld geerbt hatte? Dieser Gedanke quälte sie. Dann würde sie keinen Verwandten mehr auf der Welt haben. Mr. Tertius war natürlich noch da. Aber sie wollte Barthorpe vorschlagen, das Erbe mit ihm zu teilen. Aber warum hatte ihr Onkel nicht schon zwischen ihnen geteilt? Warum hatte er Barthorpe enterbt? In gedrückter, trauriger Stimmung stieg Peggie die Treppe hinauf und ging in ihr Wohnzimmer, das sie sich ganz nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet hatte. Während die Schatten des Novembernachmittags draußen immer tiefer und tiefer wurden, saß sie in einem Sessel und dachte tief und angestrengt nach. Aber sie wurde aufgestört, als der Hausmeister Kitteridge leise in den Raum trat und ihr eine Karte reichte. Peggie nahm sie achtlos von dem Silbertablett, sah aber erstaunt auf, als sie den Namen gelesen hatte. »Was, Mr. Burchill? Ist er hier im Hause?« »Nein. Mr. Burchill wollte Ihnen nur einen Kondolenzbesuch machen und Ihnen seine aufrichtige und ergebene Teilnahme ausdrücken. Er trug mir auf, Ihnen mitzuteilen, daß Sie nur über ihn zu verfügen brauchten, wenn er Ihnen oder Ihrer Familie irgendwie von Nutzen sein könnte. Er hat seine Adresse dort auf die Karte geschrieben.« »Das ist sehr liebenswürdig von ihm«, erwiderte Peggie halblaut und legte die Karte auf den kleinen Schreibtisch. Als Kitteridge gegangen war, nahm sie sie wieder in die Hand. Es war doch merkwürdig, daß sie vor einigen Minuten an diesen Mann hatte denken müssen. Es waren aber keine angenehmen Erinnerungen, die dieser Name in ihr weckte, im Gegenteil, sie hatte sich beunruhigt gefühlt. Burchill war der letzte, mit dem sie jetzt etwas zu tun haben wollte, und schon allein die Tatsache, daß er das Testament ihres Onkels unterschrieben hatte, bedrückte sie mehr, als sie sich selbst eingestehen wollte. 11. Kapitel. Schatten. Mr. Halfpenny fuhr mit Tertius zur Upper Seymour Street. »Mein lieber Tertius«, sagte er unterwegs, »was hat denn das alles zu bedeuten? Sagen Sie mir einmal, was Sie von der ganzen Geschichte halten.« Der alte Herr seufzte tief und schüttelte den Kopf. »Da wäre soviel zu berichten, Halfpenny, daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.« »Dann wollen wir zuerst einmal über die Ermordung unseres Freundes sprechen. Sind Sie übrigens davon überzeugt, daß er ermordet wurde?« »Ja, das war ein kaltblütiger, wohlüberlegter Mord«, erwiderte Tertius mit Nachdruck. »Eine ganz niederträchtige Tat.« »Haben Sie gar keinen Anhaltspunkt für eine Aufklärung? Oder vermutet vielleicht Barthorpe etwas?« Tertius schwieg eine Weile. »Ich glaube, daß ich etwas gefunden habe. Wenn wir diesen Besuch gemacht haben, möchte ich Sie bitten, mit zu meinem Freunde Cox zu kommen. Sie kennen ihn ja. Ich habe ihn heute morgen schon in dieser Angelegenheit aufgesucht und ihm allerhand anvertraut. Dort kann ich Ihnen etwas zeigen, und dann können wir einmal miteinander beraten, was wir unternehmen. Meiner Meinung nach ist allergrößte Vorsicht notwendig. Dieser Fall ist außergewöhnlich und schwierig.« »Ja. Ich muß schon sagen, daß ich über dieses Testament sehr erstaunt bin«, entgegnete Mr. Halfpenny nachdenklich. »Daß er Barthorpe ganz übergangen hat, ist erstaunlich, aber das mag Gründe haben, die wir nicht kennen. Haben Sie denn niemals von Differenzen zwischen ihm und seinem Onkel gehört?« »Ich habe nicht die entfernteste Ahnung, in welchen Beziehungen die beiden zueinander standen. Aber ich bin ganz sicher, daß Jacob Herapath dieses Testament mit einer ganz bestimmten Absicht abfaßte. Er überlegte alles sehr genau.« In diesem Augenblick hielt der Wagen vor dem Hause Nr. 331, und die Wirtin öffnete ihnen selbst. »Nein, dieser Herr wohnt nicht mehr hier«, erwiderte sie auf ihre Frage. »Er hat mir, während er hier wohnte, mehr Mühe und Umstände gemacht als irgendein anderer Mieter. Mitten in der Nacht oder früh am Morgen kam er nach Hause. Niemand verkehrte mit ihm, und niemand fragte nach ihm, soweit ich mich besinnen kann. Und heute morgen kommen plötzlich gleich drei Herren innerhalb einer Stunde – außer Ihnen war nämlich schon ein Herr hier. Und dabei weiß ich nicht einmal, wo Mr. Burchill jetzt wohnt!« »Meine liebe Frau«, sagte Mr. Halfpenny begütigend, »es tut mir sehr leid, daß wir Sie gestört haben. Sicher sind Sie von Ihrem Essen aufgestanden.« Er drückte ihr einige Silberstücke in die Hand. »Wir möchten Sie natürlich für Ihre Mühe entschädigen, aber wir müssen Mr. Burchill dringend sprechen. Hat er denn gar keine Adresse hinterlassen?« »Nein, wenn ich sie wüßte, hätte ich sie Ihnen längst mitgeteilt. Ich habe nichts mehr von ihm gesehen und gehört, seit er vor sechs Monaten wegzog.« »Der Herr, der vorhin hier war, muß ein Freund von ihm gewesen sein. Wie sah er denn ungefähr aus? Können Sie ihn beschreiben?« »Er war groß und schlank und sah frisch und gesund aus. Glattrasiert war er auch. Er kann noch nicht weit sein. Es ist noch keine Viertelstunde her, daß er hier war. Ich will einmal mein Mädchen fragen, ob sie gesehen hat, in welche Richtung er gegangen ist.« »Das war niemand anders als Barthorpe!« rief Halfpenny. »Machen Sie sich unsertwegen keine Umstände, liebe Frau. Wir sind Ihnen sehr zu Dank verbunden.« Sie gingen wieder zum Wagen zurück. »Aber warum wollte der denn Burchill sprechen?« »Er wollte wohl vor allem wissen, wie sich Burchill zu der ganzen Sache stellt, und was er dazu sagt, wenn er erfährt, daß seine Unterschrift unter dem Testament steht. Was wollen wir jetzt unternehmen? Fahren wir zu Cox?« Mr. Tertius, der nachdenklich auf dem Gehsteig stand, wurde durch diese Frage aus seinen Gedanken gerissen. »Ja, selbstverständlich. Das ist das Beste, was wir im Augenblick tun können. Ich werde Ihnen dann auch noch von einem Chauffeur erzählen.« Cox empfing die beiden in seinem Laboratorium. Mr. Tertius erzählte zum zweitenmal alles, was er von dem Fall wußte, und weihte Mr. Halfpenny in seine Entdeckung ein. Der Rechtsanwalt hörte aufmerksam zu und besichtigte dann die Gegenstände. »Es bleibt uns nur eins übrig, Tertius«, sagte er dann entschieden. »Wir beide müssen sofort zum Polizeipräsidium fahren. Am besten machen wir uns sofort auf. Das ist ein komplizierter Fall.« »Soll ich auch mitkommen und die Beweisstücke gleich vorzeigen?« fragte der Professor. »Nein, besser noch nicht. Auch den Chauffeur, der mit Mr. Tertius gesprochen hat, wollen wir noch nicht zur Polizei bringen.« Eine halbe Stunde später saßen Mr. Halfpenny und Mr. Tertius einem höheren Beamten von Scotland Yard und Inspektor Davidge gegenüber, der den Fall offiziell bearbeitete. Die beiden Beamten folgten dem Bericht mit größter Aufmerksamkeit, und der Vorgesetzte des Inspektors nickte zustimmend. »Das Wichtigste ist Schweigen«, meinte er. »Sie beide dürfen niemand etwas mitteilen. Während der nächsten Tage wird sich die Öffentlichkeit sowieso stark mit dem Fall beschäftigen, weil die Totenschau abgehalten wird. Wir werden uns nicht viel um diese Verhandlung kümmern, obwohl es dann wieder heißt, daß die Polizei nichts tut. Aber im geheimen arbeiten wir um so eifriger. Vor allem müssen wir sofort Mr. Barthorpe Herapath genau beobachten und ihn nicht aus den Augen lassen, bis wir ihn – zum Verhör vorladen.« Halfpenny und Tertius waren mit dem Resultat ihrer Besprechung zufrieden, als sie wieder im Auto saßen. »Tertius«, sagte der Rechtsanwalt, »ich möchte die größte Wette mit Ihnen eingehen, daß Barthorpe nicht die geringste Ahnung davon hat. Aber wenn Scotland Yard erst jemand verdächtigt, bleibt er keine Minute unbeobachtet!« 12. Kapitel. Zehn Prozent. Mr. Frank Burchill, der einen eleganten Hausanzug trug, begrüßte Barthorpe mit einer gewandten Vertraulichkeit, als ob sie nicht wichtige Dinge miteinander zu verhandeln hätten, sondern sich vor dem Schlafengehen eine Stunde lang angeregt unterhalten wollten. Im Kamin brannte ein helles Feuer, Whiskyflaschen und Gläser standen auf dem Tisch, ebenso Zigarren und Zigaretten. Neben Burchills Sessel lag ein Paket Zeitungen, und er zeigte darauf, als sie sich niedersetzten. »Ich habe alle Berichte gelesen und gesammelt, deren ich überhaupt habhaft werden konnte. Aber praktisch weiß man nicht mehr als heute nachmittag.« Burchill trank einen Schluck aus seinem Glase und sah Barthorpe nachdenklich über den Rand hin an. »Unter uns – haben Sie irgendwelche Vermutungen, wie die Sache passiert sein könnte?« »Nein, ich habe nicht den geringsten Anhaltspunkt.« »Die Polizei ist kräftig an der Arbeit.« »Natürlich, ich halte aber nicht viel von ihrer Tätigkeit. Wann haben die Leute jemals etwas herausgebracht, wenn sie nicht zufällig durch einen glücklichen Zufall darauf gestoßen wurden?« »Mag sein, aber solche Glückszufälle passieren eben ab und zu. Wissen Sie nicht, wer ein Interesse daran haben könnte, Ihren Onkel aus dem Wege zu schaffen?« »Nein, aber immerhin mag es jemand gegeben haben. Vor allem müßte man herausbringen, wer ihn gestern abend aus dem Parlament begleitete. Bis jetzt ist das jedenfalls noch nicht bekannt, und das wird viel Mühe und Arbeit machen. In der Zwischenzeit –« »Interessieren Sie sich mehr für etwas anderes«, bemerkte Burchill leichthin. »Ich interessiere mich allerdings viel mehr dafür, was Sie mir heute abend erzählen wollen«, entgegnete Barthorpe kühl. »Also beginnen Sie.« »Oh, ich habe sehr viel zu sagen. Aber Sie müssen es mich erzählen lassen, wie es mir am besten liegt. Zunächst möchte ich ein paar Fragen an Sie richten, und zwar über Ihre Familiengeschichte.« »Darüber weiß ich allerdings herzlich wenig. Aber wenn es für unsere Zwecke dienlich ist, will ich das Wenige gern sagen. Also fragen Sie!« »Was wissen Sie von Mr. Jacob Herapath und seinen Geschwistern?« »Mein Großvater war ein bekannter Arzt in Granchester, Yorkshire. Ich habe ihn weder gekannt noch gesehen. Er hatte drei Kinder. Der älteste war mein Onkel Jacob, der schon frühzeitig nach London ging und als Grundstücksmakler arbeitete. Seine Energie und Umsicht brachten ihn bald in die Höhe. Der zweite Sohn war mein Vater Richard, der nach Kanada auswanderte und sich dort derselben Tätigkeit wie sein älterer Bruder widmete.« »Dann muß er doch auch ein großes Vermögen verdient haben«, meinte Burchill. Barthorpe schüttelte leicht den Kopf. »Leider nicht. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt ging es ihm sehr gut, aber dann ließ er sich in gewagte Spekulationen in amerikanischen Eisenbahnaktien ein und verlor fast seinen ganzen Besitz. Er starb als armer Mann.« »Er ist also schon tot?« »Seit vielen Jahren. Nach seinem Tode ging ich nach England. Ich bin natürlich in Kanada geboren, und –« »Verzeihen Sie, das interessiert mich im Augenblick nicht so sehr. Erzählen Sie lieber von den früheren Mitgliedern Ihrer Familie. Ihr Großvater hatte doch auch noch eine Tochter?« »Ich habe sie nie gesehen, ich weiß nur, daß sie Susan hieß. Sie heiratete einen gewissen Wynne. Über diesen Mann und seine Verhältnisse bin ich nicht im geringsten informiert.« »Wirklich nicht?« »Nein. Mein Onkel hat niemals mit mir über ihn gesprochen. Meine Kusine weiß auch nichts von ihrem Vater. Es ist uns beiden nur bekannt, daß ihre Eltern starben, als sie ungefähr zwei Jahre alt war. Jacob Herapath nahm sie vier Jahre später in sein Haus.« »Danke. Nun erzählen Sie mir einmal etwas von Ihrer eigenen Lebensgeschichte. Es kommt auf jede Kleinigkeit an.« »Ich möchte nur wissen, wozu das alles notwendig ist. Ich habe in Kanada Rechtswissenschaft studiert, und als mein Vater starb, schrieb ich an meinen Onkel und berichtete ihm über meine Lage. Er antwortete mir, daß ich nach England kommen, hier meine Studien beenden und ein Examen machen sollte. Er versprach mir auch Arbeit und Beschäftigung, wenn ich seinen Erwartungen entsprechen würde.« »Wie lange ist das her?« »Etwa fünfzehn Jahre.« »Haben Sie auch bei Ihrem Onkel gewohnt? Sie werden nachher verstehen, warum ich das alles frage. Ich habe Ihnen Verschiedenes zu berichten.« »Nun gut, wenn Sie mir wirklich etwas Wichtiges mitteilen wollen, gebe ich Ihnen gern jede verlangte Auskunft. Er nahm mich damals nicht zu sich, aber er unterstützte mich reichlich und zahlte alle Kosten für mein Studium, bis ich in der Lage war, mir selbst eine Existenz zu gründen. In dieser Beziehung hat er sehr großzügig gehandelt. Ich wohnte in der Adelphi Street, wo ich heute noch bin.« »Aber sicher haben Sie viel in seinem Hause am Portman Square verkehrt?« »Natürlich, ich war mindestens ein- oder zweimal in der Woche dort. Meine Kusine sah ich sehr häufig. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, in der sie eine Gouvernante hatte. Ich habe sie von sechs Jahren an gekannt, jetzt ist sie einundzwanzig –« »Wie steht es nun mit – Mr. Tertius?« Burchill betonte den Namen so sonderbar, daß Barthorpe überrascht aufschaute. »Tertius war damals noch nicht im Hause, aber er kam bald darauf.« »Wie lange nach Ihnen?« Barthorpe überlegte einen Augenblick. »Es müssen mehrere Monate nach meiner Ankunft in London gewesen sein. Jedenfalls war es im ersten Jahr meines Aufenthalts in England.« »Können Sie sich darauf besinnen, wie er zuerst dort auftauchte?« »Nicht genau. Er war wohl zuerst zu Besuch da. Später erfuhr ich, daß man ihm eigene Räume im Hause gegeben hatte, und daß er für immer dort wohnte.« »Hat Ihnen Ihr Onkel jemals erzählt, wer er eigentlich ist?« »Nein. Mr. Tertius war einfach da und gehörte zum Haushalt. Manchmal sah ich ihn, wenn ich kam, manchmal auch nicht. Er kam unregelmäßig zu den gemeinsamen Mahlzeiten, gerade wie es ihm beliebte.« »Und Sie selbst haben auch keine Ahnung, wer er ist?« fragte Burchill nach einer Pause. »Nein, ich habe es niemals erfahren können. Ich mochte ihn aber nie leiden und haßte die Art, wie er im Hause umherschlich. Die Abneigung ist übrigens gegenseitig. Ich hatte immer das Gefühl, daß er mir feindlich gesinnt ist.« »Das ist sehr leicht möglich«, sagte Burchill mit einem trockenen Lachen. »Ist es Ihnen jemals aufgefallen, daß Mr. Tertius und Ihr Onkel Jacob ein gemeinsames Geheimnis hatten?« Barthorpe fuhr unwillkürlich in die Höhe. »Ach so, darauf geht es hinaus? Ist es das Geheimnis, das Sie in Ihrem Brief erwähnten?« »Darüber wollen wir im Moment noch nicht sprechen. Beantworten Sie erst meine Frage.« »Nein, das ist mir niemals in den Sinn gekommen.« »Sie hatten aber ein Geheimnis.« Burchill erhob sich und trat näher an Barthorpe heran. »Und wenn Sie dieses Geheimnis wissen, können Sie über das ganze Erbe von Jacob Herapath verfügen. Und ich – kenne dieses Geheimnis!« Endlich sah Barthorpe klar und überschaute die Situation. Schnell überdachte er die Lage. Burchill hatte zehntausend Pfund Schweigegeld von seinem Onkel verlangt. »Natürlich wollen Sie für die Preisgabe dieser Kenntnis etwas haben?« »Selbstverständlich!« erwiderte Burchill lachend, öffnete die Zigarrenkiste, wählte sich sorgfältig eine Zigarre und steckte sie an. »Wer würde das nicht tun? Ganz abgesehen davon sind Sie in der Lage, mir eine Vergütung zu geben, wenn Sie das große Vermögen bekommen.« »Wie steht es denn nun mit dem Testament?« Burchill warf das Streichholz ins Feuer. »Nun, das wird auch zu Ihren Gunsten ausgehen. Sobald Sie sich mit mir verständigt haben, ist es wertlos!« »Ist das Ihr Ernst?« rief Barthorpe ungläubig. »Haben Sie es denn nicht unterschrieben?« »Lassen Sie diese Frage vorläufig. Wir wollen jetzt meine Bedingungen besprechen. Sie müssen mit mir einig werden, dann erzähle ich Ihnen alles, und dann verstehen Sie auch alles!« »Nun gut, wie lauten Ihre Bedingungen?« fragte Barthorpe ein wenig argwöhnisch. »Wenn Sie bares Geld haben wollen –« »Sie können gar nicht bar auszahlen, was ich haben will. Es ist möglich, daß ich einen Vorschuß beanspruche, den Sie mir natürlich geben können. Aber Sie müssen sich immer daran erinnern, daß es nur ein Vorschuß ist. Ich fordere zehn Prozent des Vermögens von Jacob Herapath.« »Donnerwetter!« rief Barthorpe. »Das ganze Vermögen beläuft sich, soviel ich weiß, auf anderthalb Millionen Pfund Sterling!« »Ganz recht, das ist auch meine Schätzung. Sie behalten noch genug übrig, wenn Sie mir zehn Prozent ausbezahlt haben.« Barthorpe rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. »Wann haben Sie denn dieses Geheimnis erfahren?« »Kurz bevor ich meinen Dienst bei Jacob Herapath verließ. Die letzten Einzelheiten habe ich erst später herausgebracht. Ich kann Ihnen nochmals versichern, daß Sie in den Besitz des gesamten Vermögens kommen, wenn ich Ihnen alles gesagt habe!« »Nun gut – was schlagen Sie jetzt vor?« Burchill ging zu dem Schreibtisch hinüber und holte einige Schriftstücke. »Zunächst unterzeichnen Sie einmal ein paar Dokumente. Ist meine Geschichte nicht wahr, so haben sie keinen Wert, Sie gehen also kein Risiko ein.« »Gut, dann wollen wir den Vertrag abschließen.« Erst gegen ein Uhr verließ Barthorpe Burchills Wohnung. Aber der Detektiv, der ihm schon hierher gefolgt war, stand noch immer auf seinem Posten und begleitete ihn auch jetzt wieder aus einiger Entfernung auf seinem Heimwege durch die schlafende Stadt. 13. Kapitel. Vertagt. Seitdem Triffitt das Glück gehabt hatte, über den Herapath-Mord in der Zeitung zu berichten, lebte er in gehobener Stimmung und hoffte, daß sich dieser Erfolg auch auf seine Stellung bei der Zeitung auswirken würde. Er war einer der jüngsten Berichterstatter und hatte sich bisher nicht hervortun können. Aber nun hatte er einen großen Treffer gemacht und die Gelegenheit ausgenützt. Der Nachrichtenredakteur lobte ihn ein wenig und sagte, daß er auch weiterhin den Herapath-Fall bearbeiten könnte. Seitdem dachte er nur noch an seinen Fall, ob er aß, trank, rauchte oder schlief. Kein anderer Gedanke hatte in seinem Kopfe Platz. Aber am dritten Tage nach Beginn dieses großen Ereignisses saß er in gedrückter Stimmung in der High Street in Kensington und verzehrte einige Schinkenbrote. Zweieinhalb Stunden hatte er nun bei den Verhandlungen der Totenschau zugebracht, aber es war nichts Neues dabei herausgekommen. Kein Zeuge hatte etwas Bemerkenswertes oder Wichtiges vorbringen können, und es war keinerlei Stoff für einen hübschen Artikel vorhanden. »Verdammt und zugenäht!« sagte Triffitt zu sich selbst, als er seinen Kaffee trank. »Alle Leute halten zurück, keiner will etwas Rechtes sagen!« Im selben Augenblick trat ein anderer junger Mann in die Nische, in der Triffitt so verzweifelt und traurig saß. Er sah gesund aus, war kräftig gebaut und trug einen Tweedanzug von einem auffällig großkarierten Muster, dazu einen kecken grünen Jägerhut mit einer Feder. Triffitt erkannte seinen Kollegen Carver, der bei einem Konkurrenzblatt tätig war. Er entsann sich, daß er ihn schon bei der Verhandlung gesehen hatte, und bot ihm höflich einen Stuhl an. »Nehmen Sie doch Platz!« »Danke!« entgegnete Carver. Er bestellte sich auch einige Brote und Kaffee. »Diese Verhandlung heute war wirklich langweilig!« »Meinen Sie?« fragte Carver. »Es ist doch allerhand dabei herausgekommen!« »Das wußte ich schon alles«, brummte Triffitt. »Ich war doch der erste am Platze!« »Ach, Sie haben den Artikel im ›Argus‹ geschrieben?« fragte Carver mit gespielter Gleichgültigkeit. »Na, da haben Sie ja Glück gehabt!« »Heute nachmittag kommt sicher auch nicht viel mehr heraus, wahrscheinlich wird vertagt.« »Das glaube ich auch. Die Sache wird wohl noch öfter vertagt werden. Aber sind Ihnen denn nicht einige Punkte aufgefallen?« »Gewiß. Vor allem stimmen die Zeitangaben des Arztes in bezug auf den Tod nicht mit den Aussagen der Dienerschaft am Portman Square überein.« »Das ist natürlich sehr merkwürdig. Übrigens ist mir klar, daß die Person, die um ein Uhr die Wohnung betrat, von dort nach dem Siedlungsbüro zurückkehrte.« »Das ist mir allerdings noch nicht aufgefallen. Woraus schließen Sie das?« »Also der Mann, der um ein Uhr nach Portman Square kam, trug den pelzbesetzten Mantel und den weichen Filzhut des alten Herapath. Beide Kleidungsstücke wurden aber später im Siedlungsbüro gefunden. Ich erkläre mir die Sache so. Nachdem der Mörder den alten Herapath erledigt hatte, zog er Mantel und Hut seines Opfers an, nahm die Schlüssel an sich und ging zu der Wohnung. Was er dort tat, weiß ich noch nicht. Dann kehrte er zu dem Büro zurück und ließ Mantel und Hut dort an einem Haken. Das ist nach allen bisher bekannten Tatsachen die einzige Möglichkeit. Bei der Verhandlung eben ist man den Dingen nicht nachgegangen. Ich habe auch den Eindruck, daß die Beamten von Scotland Yard etwas zurückhalten. Ich bringe nur einen ganz einfachen Bericht in unsere Zeitung. Aber ich habe heute allerhand erfahren und möchte vor allem zweierlei wissen. Wenn Sie mit mir zusammengehen wollen, Triffitt – zwei können immer mehr erreichen als einer – ich wag's!« »Gut, ich bin dabei. Welche Punkte meinen Sie denn? Vielleicht bin ich auch schon darauf gekommen.« »Irgendein Chauffeur hat den Mann, der Jacob Herapaths Mantel und Hut trug, doch an dem Morgen nach dem Siedlungsbüro zurückgefahren. Warum ist dieser Mann noch nicht entdeckt worden, und warum forscht man nicht nach ihm? Sie haben das ja selbst in Ihrem Artikel angeregt. Wissen Sie, was ich glaube? Der Mann ist längst gefunden, aber man schweigt darüber.« »Sie mögen recht haben. Und der andere Punkt?« »Mit wem ist Jacob Herapath aus dem Parlament gekommen? Der Chauffeur Mountain hat ihn doch ziemlich eingehend beschrieben. Meiner Meinung nach ist auch dieser Mann bereits gefunden und wird nur bei der Verhandlung unterschlagen.« »Das haben Sie ganz gut herausgearbeitet. Nun habe ich aber auch etwas zu sagen. Wo ist der Schlüssel für das Schließfach bei der Alpha-Bank geblieben? Selwood hat doch bestimmt behauptet, daß er den Schlüssel noch um drei Uhr nachmittags gesehen hat.« »Ja, das ist ebenfalls eine sehr wichtige Frage«, meinte Carver. »Vielleicht hören wir bei der Nachmittagsverhandlung noch darüber.« Aber als sie in den dichtbesetzten Verhandlungssaal zurückkehrten, wurde nichts von alledem erwähnt. Nach langen Beratungen der Gerichtsbeamten erhob sich der Vorsitzende und verkündete, daß der Fall auf zwei Wochen vertagt würde. Triffitt und Carver verließen mit den anderen unbefriedigten Zuhörern den Saal und sahen sich bedeutungsvoll an. »Mehr habe ich auch nicht erwartet«, meinte Carver. »Die Polizei steckt wahrscheinlich hinter dieser ganzen Geheimniskrämerei. Aber vielleicht erfahren wir in vierzehn Tagen etwas Sensationelles.« »Aber ich habe nicht die Absicht, vierzehn Tage zu warten«, brummte Triffitt übelgelaunt, »ich brauche heute irgendeinen guten Schlager.« »Dann müssen Sie sich aber schnell an die Arbeit machen und selbst etwas herausbringen. Die Polizei hilft Ihnen vorläufig nicht weiter.« Triffitt wußte das selbst gut genug. Am Morgen hatte er noch mit einigen Polizeibeamten und Detektiven gesprochen, und die waren merkwürdig zurückhaltend gewesen. Beim besten Willen hatte er nichts aus ihnen herausholen können. »Ich werde Ihnen sagen, was wir tun müssen! Wir wollen die Polizei schon hernehmen!« »Wie meinen Sie das?« fragte Carver zweifelnd. »Wir machen einfach allerhand Andeutungen, daß die Beamten mehr wissen, als sie zugeben wollen. Ich habe Vollmacht, für unser Blatt zu schreiben, was ich will, und ich bringe morgen früh einen Artikel in die Zeitung, der die Leser schon hochbringt. Und dann beraten wir beide einmal, ob wir nicht als Detektive auf eigene Faust etwas herausbringen können. Also auf Wiedersehen morgen in der Fleet Street.« Triffitt ging zu seiner Redaktion und schrieb einen brillanten Artikel über die Totenschau, der dem detaillierten Bericht vorangestellt werden sollte. Er jonglierte mit schlauen und versteckten Hinweisen und Angriffen auf die Polizei und sagte voraus, daß die Untersuchung des Mordes an Jacob Herapath in nächster Zeit noch aufsehenerregende Tatsachen ans Licht bringen würde. Er war selbst mit seinem Artikel sehr zufrieden und ging am nächsten Morgen vor dem Frühstück auf die Straße, um eine Nummer des »Argus« zu kaufen. Als er aber das Blatt öffnete, fand er, daß sein schöner Artikel elend zusammengestrichen und die Einleitung vollständig weggelassen war. Der Appetit zum Frühstück verging ihm, und er eilte zum Büro. Der Nachrichtenredakteur grinste, als der junge Mann hereinkam. »Sehen Sie einmal her, Mister Triffitt«, sagte er. »Man muß nicht allzu schlau und allwissend sein. Ihre Voraussagen gestern abend waren mir denn doch ein wenig zu zweifelhaft, und ich läutete deshalb Scotland Yard an. Machen Sie so etwas nicht wieder. Sie meinen es ja sehr gut, aber die Beamten kennen ihre Pflicht doch besser, als Sie ahnen. Wenn sie in dieser Angelegenheit zunächst Ruhe haben wollen, so haben sie auch ihre wichtigen Gründe dafür. Unterlassen Sie in Zukunft solche niederträchtigen Andeutungen. Haben Sie mich verstanden?« »Sie wissen also doch etwas?« erwiderte Triffit verärgert. »Dann hatte ich trotzdem recht!« »Sie werden unrecht bekommen, wenn Sie Ihre Nase in Dinge stecken, die Sie nichts angehen. Prophezeien Sie nichts, sondern halten Sie sich an Tatsachen. Und nun gehen Sie einmal zu dem Begräbnis des alten Herapath. Es findet um zwölf Uhr in Kensal Green statt. Da haben Sie genug zu tun. Sicher sind viele Abgeordnete und andere bekannte Leute dort. Führen Sie ihre Namen auf, und machen Sie einen netten, schönen Artikel. Aber kein unnötiges Feuerwerk.« Triffitt ging zur Beerdigung, aber er war mit sich und der Welt zerfallen. Natürlich wußte die Polizei Verschiedenes! Was mochte das nur sein? Er mußte es herausbringen. Trotz der kalten Abreibung, die ihm der Redakteur hatte zuteil werden lassen, kannte Triffitt die Tendenz seiner Zeitung nur zu gut. Wenn es ihm gelang, das Geheimnis um Mr. Herapath aufzuklären und eine große Sensation daraus zu machen, schlug die Redaktion alle Ermahnungen der Polizei und alle offiziellen Wünsche in den Wind. Nein, er wollte sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern die Sache selbst in die Hand nehmen. 14. Kapitel. Das schottische Urteil. Triffitt schrieb die Namen der Unterstaatssekretäre, Parlamentsmitglieder und bekannter Leute auf, die in dem Trauergefolge erschienen, und hatte bald eine lange Liste glänzender Persönlichkeiten zusammengestellt. Mr. Barthorpe Herapath ging als Hauptleidtragender an der Spitze des Zuges. Triffitt entdeckte auch Mr. Selwood, von dem er sicher noch allerhand erfahren konnte. Er schloß deshalb sein Notizbuch und stellte sich hinter einen Zypressenbaum, um von dort aus das Begräbnis zu beobachten. Aber plötzlich sah Triffitt jemand in dem Gefolge, der Erinnerungen in ihm wachrief, und schrak zusammen. Er nahm seinen Zylinder ab und rieb sich verwirrt die Stirn. Dann folgte er unauffällig den anderen und hielt sich in der Nähe des Grabes auf. Als die Zeremonie vorüber war, machte er sich an Selwood heran und berührte ihn am Ärmel. »Einen Augenblick, Mr. Selwood. Würden Sie so liebenswürdig sein, mir die Namen einiger Herren des Trauergefolges zu nennen?« Er schrieb mit großer Geschwindigkeit, während Selwood seine Bitte erfüllte. »Sagen Sie, wer ist eigentlich der Herr dort drüben, der gerade an das Grab tritt? Er sieht aus wie ein Schauspieler. Ist er tatsächlich von der Bühne?« »Ach der? Das ist Mr. Frank Burchill. Er war früher Sekretär bei Mr. Herapath – mein Vorgänger.« »Ach so!« erwiderte Triffitt gedehnt. In diesem Augenblick entdeckte er Carver dicht in der Nähe, steckte sein Notizbuch ein, dankte Selwood und verabschiedete sich. Schnell trat er zu seinem Kollegen, der auch eifrig Notizen machte, und zog ihn hinter ein großes Grabmonument. »Ich habe etwas entdeckt, stecken Sie nur ruhig Ihr Buch weg, ich habe alle Namen. Hören Sie einmal zu, und sehen Sie mich nicht so erstaunt an. Betrachten Sie sich den Mann, der wie ein Schauspieler aussieht, er kommt jetzt gerade den Weg herunter.« Carver sah hinüber, und seine Gesichtszüge erhellten sich. »Den kenne ich, ich habe ihn schon ein paarmal im Klub gesehen. Er ist zwar kein Mitglied, aber er schreibt Theaterkritiken für den ›Magnet‹. Er heißt Burchill.« Triffitt ließ den Arm seines Bekannten los. »Ach, kennen Sie ihn? Das ist sehr gut. Jetzt wollen wir aber machen, daß wir fortkommen.« Die beiden verließen den Kirchhof, gingen Harrow Road entlang und ließen sich in dem ersten Restaurant an ihrem Wege nieder. »Ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen«, sagte Triffitt, nachdem er sich etwas bestellt hatte. »Und zwar über diesen Mr. Frank Burchill, den früheren Sekretär von Jacob Herapath.« »Was sollte denn an dem Geheimnisvolles sein?« fragte Carver. »Ich kenne ihn von früher her.« »Wo haben Sie denn seine Bekanntschaft gemacht?« »Wo? Auf der Anklagebank habe ich ihn gesehen!« erwiderte Triffitt leise. Sein Kollege sah ihn bestürzt an. »Was, auf der Anklagebank? Wo und wann war denn das?« »Vor neun Jahren war ich bei Verwandten in Schottland zu Besuch, und gleich bei meiner Ankunft erzählte mir mein Onkel, daß in einigen Tagen ein großer aufsehenerregender Mordprozeß verhandelt würde.« »Und Burchill war angeklagt?« »Das Verbrechen ist als der Kelpies'-Glen-Fall bekannt und unter diesem Namen in alle Zeitungen gekommen. Wir können in den alten Jahrgängen die Sache noch nachschlagen. In der Nähe von Bedford Birth lebte ein Mann namens Fergusson, der seit langem eine Privatschule für Knaben leitete. Er war schon ein älterer Herr, der eine junge Frau geheiratet hatte, und die beiden verstanden sich gar nicht. Es war in Bedford allgemein bekannt, daß sie wie Hund und Katze miteinander lebten. Gerade zu der Zeit trat bei Fergusson ein neuer Lehrer ein, ein Mr. Francis Benson.« »F. B.«, unterbrach ihn Carver, »das sind ja dieselben Anfangsbuchstaben.« »Ganz recht, und um es vorwegzunehmen, es ist auch derselbe Mann. Der alte Fergusson starb sehr plötzlich, und wie man damals annahm, eines natürlichen Todes. Das war ungefähr sechs Monate nach dem Eintritt Bensons. Die Witwe führte die Schule weiter und behielt Benson als Lehrer. Ein halbes Jahr nach dem Tode ihres ersten Mannes heiratete sie ihn.« »Das ging ja schnell.« »Die Leute haben auch viel Nachteiliges über die beiden geredet. Die Heirat änderte den Charakter der Frau jedoch nicht. Sie ließ das Trinken nicht, und es dauerte nicht lange, so hatte sie sich auch mit ihrem zweiten Gatten vollständig überworfen. Ehe sie noch ein Jahr verheiratet waren, starb die Frau. Man fand sie eines Abends mit gebrochenem Genick am Fuß der Klippen.« »Ach so, ich verstehe.« »Kelpies' Glen war eine Schlucht, die zwischen der Stadt und der Schule lag. Der Weg führte dicht am Abhang vorbei, und an einer Stelle, wo die Klippen zwanzig bis dreißig Meter steil abfielen, fand man sie zerschmettert. Zuerst nahm man an, daß sie in betrunkenem Zustande abgestürzt sei, weil man sie mehr als einmal diesen Weg entlangwanken sah. Aber ihr Bruder glaubte das nicht. Der alte Fergusson hatte seiner Frau sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen hinterlassen, und der Bruder der Mrs. Benson war gerade nicht sehr erfreut, als sich kurze Zeit nach dem Tode seiner Schwester herausstellte, daß sie ihren ganzen Besitz testamentarisch Francis Benson vermacht hatte. Er begann nachzuforschen, und vierzehn Tage später wurde Benson verhaftet und des Mordes angeklagt. Man hatte allerdings nur wenig Beweismaterial gegen ihn; zur fraglichen Zeit war er eine halbe Stunde von Hause abwesend gewesen, und es konnte nachgewiesen werden, daß verschiedene Fußspuren am Tatort von ihm herrührten. Bei der Verhandlung erwiderte er darauf, daß er, wie schon häufig vorher dort nach seiner Frau ausgeschaut habe. Schließlich wurde er wegen mangelnden Beweises freigesprochen.« 15. Kapitel. Junge Kräfte. Carver hatte aufmerksam zugehört, schob jetzt seinen Teller zurück und steckte sich eine Zigarette an. »Ich wäre wahrscheinlich an den Galgen gekommen, wenn ich das gewesen wäre!« »Die Zuhörer bei der Verhandlung waren auch fest von seiner Schuld überzeugt. Die Szene, die sich nachher vor dem Gerichtsgebäude abspielte, werde ich nie vergessen. Es hatten sich viele Leute, besonders Frauen, angesammelt, und als das Urteil verkündet wurde, gab es einen ungeheuren Tumult. Alle glaubten, daß er seine Frau umgebracht hatte, und wollten ihn gehängt sehen. Sicher hätten sie ihn gelyncht, wenn er in ihre Gewalt gekommen wäre. Und trotzdem hatte er die Kühnheit, das Gerichtsgebäude durch den vorderen Haupteingang zu verlassen. Aber sobald er sich zeigte, wurde er mit Steinen, Ziegelstücken und Schmutz beworfen, und die Polizei mußte sofort einschreiten. Sie holte ihn in das Gerichtsgebäude zurück und brachte ihn heimlich aus der Stadt. Ich glaube bestimmt, daß er sich nie wieder in jener Gegend hat sehen lassen.« »Und was wurde aus dem Testament? Hat er das Geld bekommen?« »Ja, damit hatte er Erfolg. Er übergab die Sache einem tüchtigen Rechtsanwalt, der das Haus und alle anderen Liegenschaften verkaufte und zu Geld machte. Es kam zwar nicht allzuviel heraus, aber immerhin waren es einige tausend Pfund und genug, sich anderweitig eine Existenz damit zu gründen.« »Sie wissen ganz genau, daß es derselbe Mann ist?« »Totensicher! Den könnte ich nicht verwechseln, obwohl die Geschichte neun Jahre zurückliegt. Ich war zwar erst sechzehn, aber dieser Eindruck ist mir unvergeßlich. Ich sehe sein theatralisches Auftreten noch vor mir. Schon oft habe ich daran gedacht, was wohl aus ihm geworden ist. Was sagen Sie nun dazu, Carver?« »Jedenfalls ist dieser Benson eine geheimnisvolle Persönlichkeit. Es ist doch zu auffällig, daß gerade er die Sekretärstelle bei Herapath hatte. Haben Sie eigentlich schon einen Plan, wie Sie weiterkommen können?« »Ja«, entgegnete Triffitt zuversichtlich. »Ich muß die Sache so weit klären, daß ich zu unserem Chef gehen und ihm sagen kann, ich könnte die Polizei zum Handeln zwingen. Ich habe zwar von unserem Nachrichtenredakteur heute einen Rüffel bekommen, aber das soll mich nicht hindern. Wenn ich den Bericht über das Begräbnis gemacht habe, gehe ich zu unserem Alten, und Sie können sicher sein, daß er mich anhört.« »Ich dachte, der ließe sich überhaupt nicht sprechen, der wäre unnahbar.« »Im allgemeinen stimmt das auch, aber ich spreche ihn trotzdem. Und Sie machen mit, Carver. Nicht für Ihre Zeitung, sondern für sich selbst. Arbeiten Sie mit mir zusammen, und wenn wir Erfolg haben, verspreche ich Ihnen einen Posten in der Redaktion des ›Argus‹, bei dem Sie doppelt soviel verdienen wie jetzt. Das sind keine leeren Phrasen – ich weiß, was ich sage.« »Großartig! Ich bin dabei. Was soll ich denn zuerst unternehmen?« »Zweierlei. Erstens besorgen Sie mir unter der Hand die Adresse dieses Burchill oder Benson. Sie kennen doch verschiedene Leute vom ›Magnet‹, die sie Ihnen verraten können. Erfinden Sie irgend etwas, sagen Sie, daß Sie Burchill wegen eines Stückes um Rat fragen wollen, das Sie geschrieben haben. Sie hätten eine so hohe Meinung von seinen Kritiken, daß Sie unbedingt sein Urteil über Ihr Werk hören wollten.« »Gut, das mache ich. Als ob Sie es wüßten – ich habe nämlich tatsächlich ein Stück verbrochen. Und zweitens?« »Sie müssen herausbringen, welcher Chauffeur den Doppelgänger des alten Herapath in der fraglichen Nacht zum Siedlungsbüro gefahren hat. Sicher existiert ein solcher Mann, und wenn wir den Verstand auf dem rechten Fleck haben, finden wir ihn auch heraus. Und wenn wir ihn zum Sprechen bringen können, kommen wir ein ganzes Stück weiter.« »Es wird eine Geldfrage sein«, meinte Carver kurz. »Geld spielt in diesem Fall keine Rolle«, erwiderte Triffitt zuversichtlich. »Wenn ich heute bei unserem Chef Glück habe, brauchen wir uns deshalb keine Sorgen zu machen. Jetzt wollen wir zur Fleet Street gehen. Heute abend treffe ich Sie im Klub – sagen wir einmal um sechs Uhr.« – Als Triffitt in sein Büro kam, schrieb er an Stelle des Berichtes über das Begräbnis einen Brief an den Eigentümer und Chefredakteur seiner Zeitung und versiegelte ihn sorgfältig. Er brachte ihn gleich zu dem Privatsekretär des gefürchteten Mannes, und dieser sah ihn und das Schreiben verblüfft an. »Ist das auch tatsächlich eine persönliche Angelegenheit?« fragte er argwöhnisch. »Sie wissen ganz gut, daß Mr. Marcledew mich nachher dafür verantwortlich macht, wenn das nicht stimmt.« »Auf Ehre«, versicherte Triffitt. »Die Sache ist auch äußerst wichtig, und ich wäre Ihnen zu größtem Dank verpflichtet, wenn Sie ihm den Brief sofort geben möchten.« Das ernste Gesicht des jungen Mannes überzeugte den Privatsekretär. »Nun gut, ich werde ihn übergeben, sobald der Chef kommt.« Triffitt machte sich nun wirklich an seine Arbeit. Er war erregt, aber in gehobener Stimmung. Es war unendlich schwer, eine Unterredung mit Marcledew zu bekommen, der nicht nur alleiniger Inhaber, sondern auch Chefredakteur und geschäftlicher Leiter der Zeitung war und seine Angestellten in strammer Zucht hielt. Seine knappen Instruktionen glichen eigentlich mehr militärischen Befehlen. Er war ein großer, schwergebauter Mann mit Gesichtszügen, die aus Granit hätten gemeißelt sein können. Wenn es jemand gelang, zu ihm vorzudringen, so kam er sich vor, als ob er zu einer Sphinx spräche. Wenn ihm aber jemand etwas wirklich Wertvolles brachte, wurde er für seine Mühe reichlich belohnt. Zehn Minuten nach vier öffnete der Direktionsbote die Tür des Büros, in dem die Berichterstatter arbeiteten. Triffitt hatte seinen Artikel gerade beendet. »Mr. Marcledew möchte Mr. Triffitt sprechen«, meldete der Junge. Die anderen Reporter steckten die Köpfe zusammen und unterhielten sich über dieses unerhörte Ereignis, während Triffitt die Treppe in die Höhe stürmte und bald vor dem Zimmer des Allgewaltigen stand, der gerade mit seinem Privatsekretär verhandelte. So hatte er einige Minuten Zeit, wieder zu Atem zu kommen. Gleich darauf schickte Marcledew den Sekretär mit Schriftstücken fort, und wandte sich zu dem jungen Reporter um. »Los! Was haben Sie?« Triffitt erzählte seine Geschichte so knapp und präzis als möglich und sah dem Chefredakteur dabei kühn in die Augen. Ein paarmal blitzten die Augen des alten Herrn auf, und einmal nickte er sogar zustimmend. Und nach einer Viertelstunde war Triffitt weder abgewiesen noch hinausgeworfen, sondern hatte sein Anliegen voll und ganz vortragen können. »Also gehen Sie der Sache weiter nach, ich bin mit Ihrem Plan einverstanden. Aber bringen Sie nichts in die Zeitung, was ich nicht vorher selbst begutachtet habe. Vor allem brauchen wir Tatsachen, keine Theorien! Warten Sie einen Augenblick.« Er nahm zwei Bogen, schrieb auf jeden ein paar Zeilen, überreichte sie Triffitt und entließ ihn dann mit einem Kopfnicken. »Wenn Sie mich sprechen wollen, sagen Sie es meinem Sekretär. Sie haben eine großartige Chance, junger Mann.« In seiner freudigen Erregung hätte Triffitt auf den Teppich niederknien und Marcledews große Schuhe küssen mögen. Aber da er den Chefredakteur nur zu genau kannte, faßte er seinen ganzen Dank in zwei Worte und eine kurze Verbeugung zusammen und eilte hinaus. Er ging wie auf Wolken. Die Anweisungen des Chefs waren kurz, aber wertvoller, als ob sie mit Gold und Brillanten besetzt waren. Der Nachrichtenredakteur war von Natur aus reizbar, und die tägliche unangenehme Berufsarbeit hatte seinen Charakter und sein Temperament nicht verbessert. Er sah ärgerlich auf Triffitt, als er auf ihn zukam, und zeigte auf einen noch feuchten Bürstenabzug. »Sie haben wieder viel zu viel über das Herapath-Begräbnis geschrieben. Nehmen Sie das mit und streichen Sie ein Viertel davon.« Statt jeder anderen Antwort überreichte ihm der Reporter das Schreiben von Marcledew, und der Redakteur las verwundert: »Mr. Triffitt ist von seinen laufenden Arbeiten entbunden, um eine Aufgabe unter meiner persönlichen Leitung zu bearbeiten.                 J. M.« Der Mann starrte Triffitt an, als ob er plötzlich einen Glorienschein um ihn sähe. »Was hat das zu bedeuten?« fragte er. »Nun, ich meine doch, das wäre deutlich genug.« Er wandte sich ab und ging fort, ohne sich im geringsten um den Bürstenabzug zu kümmern. Das war das erstemal, daß er den Nachrichtenredakteur hatte abfahren lassen können, und diese Erfahrung war süß und berauschend für ihn. Er trug den Kopf sehr hoch, als er zur Kasse ging und das andere Schreiben des Chefs präsentierte. Der Kassierer las mechanisch und geschäftsmäßig: »Mr. Triffitt ist berechtigt, so viel Geld zu ziehen, als er zur Durchführung einer besonderen Aufgabe braucht. Er wird mir persönlich darüber Rechnung legen.                               J. M.« Der Kassenbeamte legte die schriftliche Mitteilung ruhig beiseite. »Wollen Sie jetzt schon Geld haben?« fragte er gleichgültig. »Wieviel soll ich Ihnen auszahlen?« »Noch nicht gleich«, entgegnete Triffitt. »Ich werde später wieder vorsprechen.« Dann zog er seinen Mantel an und verabschiedete sich mit einem sphinxartigen Lächeln von seinen Kollegen, als er das Büro verließ, um Carver aufzusuchen. 16. Kapitel. Namenlose Furcht. Wenn Triffitt noch etwas länger auf dem Friedhof geblieben wäre, hätte er bemerkt, daß sich Mr. Frank Burchill bei der Trauerfeier sehr bescheiden, zurückhaltend und unauffällig benahm. Wie alle anderen ging er an dem Grabe vorbei, an dem die Hauptleidtragenden standen, aber er zeigte nicht, daß er jemand erkannte, vor allem nicht Barthorpe Herapath. Aber als er sich entfernte, folgte ihm ein scharfäugiger Detektiv, der wie zufällig die Gräber und Monumente betrachtet hatte und im Augenblick von dem imposanten Trauerzug angelockt schien, der dem Toten das letzte Geleit gab. Ein anderer Mann folgte in gleicher Weise Barthorpe Herapath, der nach dem Begräbnis zum Portman Square fuhr. Selwood, Tertius, Cox und Halfpenny waren gemeinsam zur Beerdigung erschienen, und sie gingen auch zusammen fort. Sie waren gerade in der Wohnung angekommen und standen bei Peggie im Arbeitszimmer, als Barthorpe vorfuhr. »Wir müssen uns sofort über die Lage klar werden«, sagte Halfpenny, als er Barthorpes Stimme in der Halle hörte. »Es hat keinen Zweck, daß wir uns etwas vormachen. Barthorpe hat es abgelehnt, mich in meinem Büro aufzusuchen oder mich in seinen Räumen zu empfangen. Jetzt werde ich ihn dazu zwingen, offen Stellung zu nehmen. Und Sie, Miß Wynne, müssen ebenfalls darauf bestehen, daß er sich klar äußert, so schwer Ihnen das auch fallen mag.« »Worüber denn?« fragte Peggie. »Er soll uns sagen, was er vorhat – wenn er etwas im Schilde führt. Ich weiß wirklich nicht, wie ich sein Benehmen deuten soll«, entgegnete Mr. Halfpenny bestimmt. Im nächsten Augenblick trat Barthorpe in das Zimmer, blieb einen Augenblick stehen und sah sich erstaunt um. »Ach, Peggie, ich wollte dich eigentlich allein sprechen«, sagte er. »Ich wußte nicht, daß hier eine Konferenz stattfindet.« »Barthorpe, du weißt ganz genau«, erwiderte sie ernst, »daß diese Herren Onkel Jacob nahestanden. Außerdem sind es auch meine Freunde. Geh bitte nicht fort, Mr. Halfpenny muß mit dir sprechen.« Barthorpe hatte sich schon halb zur Tür gewandt und drehte sich unentschlossen noch einmal um. »Mr. Halfpenny will mich in geschäftlicher Angelegenheit sprechen«, sagte er eisig, »und er weiß, wo mein Büro ist.« Er hatte die Hand schon auf die Türklinke gelegt, als ihm Mr. Halfpenny energisch antwortete. »Mr. Herapath, ich weiß zwar, wo Ihre Büroräume liegen, aber ich habe in den beiden letzten Tagen vergeblich versucht, eine Unterredung mit Ihnen herbeizuführen. Ich bestehe darauf, daß Sie jetzt mit uns sprechen, zum mindesten mit Ihrer Kusine. Dazu sind Sie verpflichtet, das erfordert der einfache Anstand.« »Ich wollte mich ja privatim mit meiner Kusine unterhalten.« »Über einen gewissen Punkt müssen wir aber in aller Öffentlichkeit sprechen. Sie wissen ganz genau, was ich meine. Es handelt sich um das Testament Ihres Onkels!« »Was wollen Sie denn mit dem Testament meines Onkels – oder vielmehr seinem angeblichen Testament?« fragte Barthorpe ärgerlich. Mr. Halfpenny wollte ihm eine heftige Antwort geben, aber er besann sich und wandte sich an Peggie. »Nun hören Sie, liebe Miß Wynne. Er brauchte eben den Ausdruck angebliches Testament.« Peggie sah ihren Vetter mit einem bittenden Blick an. »Barthorpe, ist das fair? Heute haben wir erst unseren Onkel beerdigt, und du magst dich so benehmen? Du weißt, daß es sein Testament ist! Welche Zweifel könnten denn daran bestehen?« Barthorpe antwortete nicht gleich. Seine Hand ruhte auf der Klinke, und er schaute zu Mr. Halfpenny hinüber. »Was wollen Sie denn von mir wissen?« fragte er schließlich. »Erkennen Sie das Testament an und handeln Sie für Ihre Kusine? Ich bitte, meine Frage direkt zu beantworten.« Barthorpe zögerte wieder, bevor er sprach. Dann machte er eine Bewegung, als ob er die Tür öffnen wollte. »Ich lehne es ab, mich über das vorgelegte Testament zu äußern, besonders in Gegenwart dieses Herrn.« Er wies dabei auf Mr. Tertius. »Barthorpe!« rief Peggie, die vor Empörung über seinen boshaften und gehässigen Ton errötete. »Wie kannst du dich so aufführen – noch dazu in meinem Hause?« Barthorpe lachte auf, und öffnete nun die Tür wirklich. »Recht so – dein Haus, liebe Peggie! Wohlverstanden nach dem vorgelegten Testament.« »Es wird auch vom Gericht bestätigt werden«, warf Mr. Halfpenny dazwischen. »Da Sie es ablehnen oder doch wenigstens abzulehnen scheinen, werde ich für Ihre Kusine handeln, und zwar sofort!« Barthorpe drehte sich noch einmal um. »Handeln Sie doch – wenn Sie können!« Damit schloß er die Tür hinter sich. Mr. Halfpenny wandte sich an die anderen. »Das Testament muß sofort vom Gericht bestätigt werden«, erklärte er entschieden. »Wir haben alle gehört, daß er von einem angeblichen Testament sprach. Das kommt mir doch sehr verdächtig vor, Mr. Tertius, Sie haben doch nicht den geringsten Zweifel an der Echtheit des Dokumentes, das ich jetzt in meinem Safe aufbewahre?« »Ich habe persönlich gesehen, wie die Unterschriften ausgefertigt wurden, wie könnte ich daran zweifeln?« »Ich muß diesen Mr. Burchill aufsuchen, und zwar sofort. Wenn ich nur seine Adresse wüßte!« Peggie errötete leicht. »Ist es wirklich notwendig, Mr. Burchill persönlich zu sprechen?« fragte sie nervös. »Das ist sogar dringend notwendig, denn es ist Gefahr im Verzuge.« »Schade«, meinte Mr. Tertius. »Ich habe den jungen Mann vorhin auf dem Kirchhof gesehen. Wie dumm, das ich das vergessen habe!« »Ich habe seine Adresse«, sagte Peggie. »Er gab seine Karte an dem Tage ab, als mein Onkel starb. Ich habe sie hier in die Schublade gelegt.« Selwood beobachtete sie neugierig, und es beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl, als sie zum Schreibtisch ging und das Fach aufzog. Er hatte eine gewisse Erregung in ihrer Stimme bemerkt, als sie von Burchill sprach, und ihre Wangen hatten sich bei der Erwähnung seines Namens gerötet. Mr. Halfpenny nahm die Karte. »Sehen Sie, ›Calengrove Mansions, Maida Vale‹. In einer Viertelstunde können wir dort sein. Tertius, wir wollen den jungen Mann sofort aufsuchen.« »Was halten Sie davon, Professor?« wandte sich Tertius an seinen Freund. »Wird das wohl gut sein?« »Tun Sie nur, was Halfpenny vorschlägt«, brummte der Gelehrte und strich seinen langen, schwarzen Bart. »Aber ich möchte Sie vorher noch einmal allein in der Halle sprechen.« Er verabschiedete sich in einer rauhen, aber herzlichen Art von Peggie und folgte den anderen. Sie blieb mit Selwood allein und sah ihn fast bittend an. »Es ist alles so anders gekommen«, sagte sie, setzte sich wieder und faltete die Hände über den Knien. »Ich fühle mich entsetzlich hilflos.« »Das dürfen Sie aber nicht sagen«, erwiderte Selwood, der sich Mühe gab, ruhig zu sprechen. »Sie haben Mr. Tertius, Mr. Halfpenny und den Professor – und – und wenn ich etwas tun könnte, wäre ich sehr glücklich. Sie wissen doch, daß Sie sich auf mich verlassen können.« Peggie streckte impulsiv ihre Hand aus, aber Selwood übersah es. Er traute sich selbst nicht, denn hätte er ihre Hand genommen, so hätte er ihr alles sagen müssen, was er doch verheimlichen wollte. Er ging hinüber zu dem Schreibtisch und machte sich mit den Papieren dort zu schaffen. »Ich bin Ihnen sehr dankbar. Aber ich habe Angst.« Selwood wandte sich schnell um und sah sie scharf an. »Warum haben Sie denn Angst?« »Das weiß ich selbst nicht. Ich habe das Gefühl, daß irgendein Unglück bevorsteht, und dann – fürchte ich mich vor Mr. Burchill.« Die Papiere entglitten Selwoods Fingern. »Ich fürchtete mich schon vor ihm, als er noch im Hause war, und besonders, als er neulich hierherkam.« »Haben Sie ihn gesprochen?« fragte Selwood. »Nein, er hat nur seine Karte heraufgeschickt. Aber selbst dieser an und für sich geringfügige Umstand hat mir Schrecken eingejagt.« Selwood lehnte sich an den Schreibtisch und betrachtete sie aufmerksam. »Ich glaube, daß Sie sich nicht ohne Grund fürchten. Ich habe allerdings kein Recht, Sie danach zu fragen, aber wenn Sie dieser Mensch irgendwie belästigt, so sagen Sie es mir bitte. Ich –« »Was würden Sie denn tun?« fragte sie mit leisem Lächeln. »Ich würde ihm das Genick brechen«, grollte Selwood. »Ich wünschte nur, Sie würden mir alles sagen. Ist er Ihnen zu nahe getreten?« »Nein. Er machte mir nur einen Heiratsantrag, kurz bevor er die Stellung bei meinem Onkel aufgeben mußte.« »Und welche Antwort gaben Sie ihm?« Selwood mußte sich zwingen, ruhig zu bleiben. »Ich lehnte natürlich ab. Er nahm damals meine Antwort ruhig auf und ging. Und deshalb fürchte ich mich vor ihm.« »Aber das verstehe ich nicht. Sie fürchten sich, weil er die Sache ruhig hinnahm und ohne Widerspruch ging? Darüber bin ich sehr erstaunt!« »Sie kennen ihn nicht. Es ist gerade diese scheinbare Ruhe, die mich nervös macht, dieses unheimliche Schweigen. Er hat etwas an sich, das mich bedrückt. Ich wünschte, daß mein Onkel ihn niemals ins Haus genommen hätte, daß er niemals hergekommen wäre – und lieber würde ich arm und ohne Vermögen dastehen, als das Testament meines Onkels von ihm als Zeugen unterschrieben wissen!« Selwood konnte hierauf nicht antworten, denn er verstand die Zusammenhänge nicht. »Nun gut«, sagte er verbissen. »Ich werde ihn beobachten und darüber wachen, daß Ihnen nichts geschieht.« Peggie streckte wieder die Hand aus, aber Selwood tat zum zweitenmal so, als ob er es nicht sähe, und beschäftigte sich wieder intensiv mit den Papieren auf dem Schreibtisch. 17. Kapitel. Das Gesetz. Auf dem Wege zu Burchills Wohnung wandte sich Mr. Halfpenny kopfschüttelnd an seinen Begleiter. »Tertius, etwas stimmt hier nicht. Dieser Barthorpe führt Böses im Schilde. Haben Sie nicht gesehen, wie er sich heute benahm? Sein Auftreten war doch wirklich sonderbar!« Mr. Tertius war unruhig. »Wie liegt denn der Fall eigentlich juristisch nach unserem Gesetz?« fragte er. »Ich kenne mich in diesen Dingen nicht aus.« »Wenn Jacob gestorben wäre, ohne ein Testament zu machen, hätte Barthorpe wahrscheinlich das ganze Vermögen bekommen, denn Jacob hatte alles in Grundbesitz angelegt. Aber durch das Testament hat er alles Margaret Wynne vermacht. Wenn Barthorpe Herapath die Absicht haben sollte, die Rechtmäßigkeit des Testaments zu bestreiten –« »Ist denn das möglich?« rief Mr. Tertius erregt. »Das kann er doch nicht!« »Er kann schon, wenn er will. Ich weiß nur nicht, welche Gründe er vorbringen könnte. Aber wenn er Protest erhebt, muß er seine Behauptungen beweisen. Dann haben wir die Möglichkeit, mit ihm in Vergleichsverhandlungen einzutreten. Sollte es dann zu keiner Einigung kommen, so kann er klagen, und die Sache geht dann im gewöhnlichen Prozeßwege.« »Wie lange würde denn ein solches Verfahren dauern?« »Das hängt ganz davon ab. Wenn alle Beteiligten die Sache möglichst beschleunigen und bald eine Entscheidung herbeiführen wollen, vergehen immerhin drei bis vier Monate, das heißt, wenn die Gerichtsferien nicht dazwischen kommen. Gewöhnlich dauert es sechs bis neun Monate. Aber hoffentlich können wir einen Prozeß vermeiden. Bis jetzt sehe ich noch keine Schwierigkeiten. Wir haben das Dokument, und wir haben die Zeugen. Was ist denn dieser Burchill eigentlich für ein Mensch?« »Ich habe ihn nur selten zu Gesicht bekommen. Er ist nicht mehr ganz jung, aber ich habe den Eindruck, daß er schon gefährlich werden könnte.« »Wieso?« »Er ist verschlagen und arglistig, und ich halte ihn für im höchsten Maße intrigant.« »Nun ja, wir werden ja gleich sehen. Eben kommen wir an. Hoffentlich müssen wir nicht zuviel Treppen klettern.« Burchill war zu Hause. Er hatte seinen schwarzen Gehrock ausgezogen, einen Straßenanzug angelegt und wollte eben ausgehen. Er sagte seinen Besuchern, daß er es sehr eilig hätte, und hörte sie mit offensichtlicher Ungeduld an. »Ich möchte wegen des Testamentes von Jacob Herapath mit Ihnen sprechen«, sagte Halfpenny. »Sie haben doch als Zeuge seine Unterschrift beglaubigt.« Burchill raffte einige Bücher und Papiere zusammen. Er hatte sich schon entschuldigt, daß er den Herren keinen Stuhl anbot, und antwortete oberflächlich und eilig. »Natürlich, natürlich!« erwiderte er. »Meinen Sie Mr. Jacob Herapath? Selbstverständlich, ja. Will alles tun, was ich kann. Vielleicht schreiben Sie mir eine Zeile und teilen mir mit, wann ich in Ihrem Büro vorsprechen kann.« »Können Sie sich denn auf die Gelegenheit, das Testament und Ihre Unterschrift besinnen?« fragte Mr. Halfpenny jetzt direkt. »Oh, ich erinnere mich an alles, was mit meiner Tätigkeit als Sekretär von Mr. Herapath zusammenhängt«, entgegnete Burchill geschäftig. »Ich bin bereit, Aussagen zu machen, wenn es notwendig ist, und freue mich, wenn ich der Familie einen Dienst erweisen kann. Aber jetzt müssen Sie mich wirklich entschuldigen, meine Herren. Ich habe eine sehr wichtige Verabredung und bin bereits etwas spät daran. Wie gesagt, Sie brauchen nur zu schreiben, und ich komme. Leben Sie wohl.« Damit hatte er sie aus der Wohnung komplimentiert, ihnen die Hand gegeben und war die Treppe hinuntergeeilt, bevor einer ein Wort sprechen konnte. Halfpenny sah Tertius an und schüttelte den Kopf. »Der Schlingel wollte sich drücken. Das kommt mir nicht geheuer vor.« »Aber er sagte doch, daß er sich darauf besinnen könnte. Ist das nicht genug?« »Durchaus nicht. Haben Sie denn nicht gemerkt, daß er eine gerade Antwort vermied? Er antwortete ausweichend und vage, ohne sich im geringsten festzulegen. Mein lieber Tertius, der Mann macht uns etwas vor!« Tertius war betroffen. »Sie denken doch nicht etwa –« »Oh, ich denke sehr viel«, meinte Halfpenny, als sie langsam die Treppe hinunterstiegen. Besinnen Sie sich darauf, was uns seine frühere Wirtin sagte?« »Sie meinen, daß Barthorpe Herapath nach ihm fragte?« »Ganz recht. Wenn die beiden miteinander verhandelt haben sollten –« Er machte eine Pause und ergriff dann plötzlich die Hand seines Freundes. »Tertius, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren«, sagte er ernst. »Kommen Sie. Ich will zu meinem Büro gehen und mich sofort an die Arbeit machen. Gehen Sie nach Hause und leisten Sie Peggie Gesellschaft.« Das tat Tertius auch. Er versuchte, die düstere Stimmung dort aufzuheitern, blieb bei Peggie, was sonst nicht seine Gewohnheit war, und lenkte das Gespräch auf verschiedene Pläne für die Zukunft. Sie saßen gerade beim Tee, als Kitteridge mit einem Telegramm eintrat. Tertius öffnete es hastig und las. »Barthorpe hat heute nachmittag um halb drei beim Erbschaftsgericht Protest eingelegt. Halfpenny.« 18. Kapitel. Der Rosenholzkasten. Tertius ließ das Telegramm auf die Tischplatte fallen und seufzte. Peggie wollte ihm eben einschenken, aber sie setzte die Teekanne nieder und trat an seine Seite. »Was ist es? Eine schlechte Nachricht?« Mr. Tertius nahm sich zusammen, versuchte zu lächeln und reichte ihr das Blatt. »Nun, das war ja wohl zu erwarten nach allem, was wir erlebt haben. Aber ich dachte nicht, daß es schon so bald kommen würde. Sie müssen sich auf viel Unannehmlichkeiten und Ärger gefaßt machen, denn Ihr Vetter scheint fest entschlossen zu sein, zu kämpfen. Und doch muß ich sagen, daß ich es nicht recht verstehen kann.« »Was folgt nun daraus?« fragte sie. »Es wird einen Prozeß geben, und wir müssen wahrscheinlich vor Gericht als Zeugen aussagen.« »Wir werden uns vor Barthorpe nicht fürchten! Es ist recht töricht von ihm, so zu handeln. Ich hatte die Absicht, mit ihm zu teilen, das kann mir kein Gesetz verbieten, aber wenn er das Testament für nichtig erklären und alles haben will, bestehe ich auf meinem Recht. Und ich glaube bestimmt, daß ich gewinne. Ich begreife nur nicht, wie es überhaupt möglich ist, gegen das Testament Protest einzulegen. Mr. Halfpenny hat doch erklärt, daß es richtig und ordnungsmäßig aufgesetzt, unterschrieben und beglaubigt ist!« Tertius erhob sich. »Ihr Vetter ist schwer zu durchschauen. Er hat irgendeinen Plan, und dies ist der erste Schritt, den er in dieser Richtung tut. In gewissem Sinne ist es eine Entspannung, denn wir wissen nun wenigstens, woran wir sind.« »Wir vergessen über diesem Testament noch vollständig, den Mord an meinem Onkel aufzuklären! Warum vereinigen wir nicht alle unsere Anstrengungen, um den Täter zu fassen?« Tertius beruhigte sie. »Die Polizei ist eifrig an der Arbeit, und wir hören sicher bald von neuen Entwicklungen.« Mr. Tertius suchte sie noch zu trösten und ging dann in seine eigenen Räume. Peggie kämpfte mit den Tränen, als sie an das traurige Schicksal ihres Onkels dachte, und sie starrte in trüben Gedanken vor sich hin. Schließlich erhob sie sich und trat in sein Wohnzimmer, das mit spartanischer Einfachheit ausgestattet war. Seit seinem Tode war sie nicht hier gewesen, und sie sehnte sich danach, durch die Dinge, die ihm gehörten, wieder mit ihm in Verbindung zu kommen. Einige Zeit ging sie ruhelos auf und ab, berührte die Möbel und Gegenstände und setzte sich schließlich in den Lehnsessel, in dem er jeden Abend noch kurze Zeit las, bevor er zu Bett ging. Die schlichten Möbel stammten aus dem Hause seiner Eltern, und er hatte sie vor vielen Jahren in sein großes, palaisartiges Haus nach London gebracht. Oft hatte er Peggie erzählt, daß er diese Umgebung liebte, weil sie ihn an seine Mutter erinnerte. Einen Gegenstand in diesem Raum verehrte er besonders, einen alten Rosenholzkasten, der seiner Mutter und vor ihr seiner Großmutter gehört hatte. Peggie hatte ihn früher manchmal geöffnet und all die vielen Ecken und Winkel daran betrachtet. Ihr Onkel hatte immer davon gesprochen, daß er ihr diesen Rosenholzkasten nach seinem Tode vermachen würde, aber zu seinen Lebzeiten mußte er dort auf der Kommode stehen, damit er ihn immer sehen konnte. Jacob Herapath war nun tot und begraben, und dieses Stück war mit allen anderen Dingen in ihren Besitz übergegangen. Sie ging zu der Kommode hinüber, nahm den Kasten in die Hand, öffnete den Deckel und hob den Einsatz heraus. Plötzlich begannen ihre Hände zu zittern, als sie einen Brief ihres Onkels darin sah. »Für Peggie« hatte er in seiner charakteristischen Handschrift darauf geschrieben. Wenn Jacob Herapath plötzlich selbst in diesem Zimmer vor sie hingetreten wäre, hätte der Eindruck auf sie nicht größer sein können. Sie starrte auf den Brief, der eine Botschaft für sie enthielt, aber es dauerte einige Zeit, bevor sie es wagte, ihn zu öffnen. Dann trat sie an das Fenster und las die wenigen Zeilen. »Wenn mir plötzlich einmal etwas zustoßen sollte, so findest du mein Testament ordnungsgemäß aufgesetzt und von Mr. Tertius und Mr. Frank Burchill beglaubigt in einem Geheimfach meines alten Schreibtisches hinter der dritten kleinen Schublade rechter Hand. Jacob Herapath.« Das war alles. Nur ein Datum stand noch darauf, aus dem hervorging, daß er den Brief erst kürzlich geschrieben haben mußte. »Wenn mir plötzlich etwas zustoßen sollte«, wiederholte sie leise. War ihm damals eine Vorahnung gekommen, daß der Tod ihn sobald wegraffen sollte? Warum hatte er niemals etwas davon gesagt? Aber sie wußte, daß diese Fragen nutzlos waren. Sie legte den Brief wieder in den Kasten zurück, trug ihn in ihr eigenes Zimmer und verwahrte ihn sicher. Gleich darauf kam Kitteridge herein und überreichte ihr eine Karte Burchills. »Würden Sie so liebenswürdig sein, mich kurz zu empfangen?« hatte er darauf geschrieben. Peggie überlegte einen Augenblick. »Wo ist Mr. Burchill?« fragte sie den Hausmeister dann. »Im Arbeitszimmer.« »Ich komme gleich.« Sie gab sich die größte Mühe, ruhig und gesammelt zu erscheinen, als sie ihrem Besucher gegenübertrat. Aber sie reichte ihm nicht die Hand und bot ihm auch keinen Stuhl an. Sie selbst trat zu dem Kamin und betrachtete ihn von dort aus. »Was führt Sie zu mir, Mr. Burchill?« Sie beobachtete, daß er sehr selbstbewußt auftrat. Er war viel zu ruhig, zu geschäftsmäßig, zu gewandt, um gefahrlos zu sein. Und die tadellose Verbeugung, mit der er sie begrüßte, war ihrer Meinung nach nur äußerer Schein. »Ich möchte Sie meiner aufrichtigen Ergebenheit versichern. Gestatten Sie mir, daß ich frei zu Ihnen spreche? Dann möchte ich Sie fragen, ob die Antwort endgültig war, die Sie mir vor einiger Zeit auf eine gewisse Frage gaben?« »Ja. Ich bin erstaunt, daß Sie noch einmal darauf zurückkommen, denn ich habe Ihnen meine Meinung damals wohl klar genug gesagt.« »Die Umstände haben sich geändert. Ich stehe vor einer Entscheidung und muß wissen, welchen Weg ich wählen soll. Wenn Sie mir einen Hoffnungsschimmer lassen könnten –« »Nein, das muß ich entschieden ablehnen«, erwiderte Peggie scharf. »Wir verlieren nur Zeit. Wenn Sie mir weiter nichts zu sagen haben –« Die Tür öffnete sich, und Selwood trat ein, der noch mit dem Ordnen des Nachlasses beschäftigt gewesen war. Er blieb auf der Schwelle stehen und machte Miene, sich wieder zurückzuziehen. Aber Peggie lächelte ihn an. »Treten Sie doch näher, Mr. Selwood. Ich wollte Sie gerade herbitten lassen.« Dann wandte sie sich wieder an Burchill. »Dieser Punkt ist ein für allemal erledigt«, erklärte sie ruhig. »Ach, Mr. Selwood, würden Sie so freundlich sein und nach dem Hausmeister klingeln?« Burchill machte noch eine tiefe Verbeugung vor Peggie, als Kitteridge erschien, und folgte ihm. 19. Kapitel. Das Netz zieht sich zusammen. An diesem Abend erhielt Triffitt Burchills Adresse von Carver; am nächsten Tage ließ er sich hundert Pfund von der Redaktionskasse auszahlen und machte sich auf den Weg nach Calengrove Mansions. Er wollte Näheres über die Person Burchills herausbringen, und zu diesem Zweck mußte er sich vor allem in der Nähe dieses Mannes aufhalten, damit er ihn im Auge behalten, sein Kommen und Gehen kontrollieren und seine Besucher beobachten konnte. Auf diese Weise wollte er sich mit Burchills täglichem Leben vertraut machen. Triffitt traute sich augenblicklich die Lösung jeder Aufgabe zu, denn er arbeitete mit Einwilligung seines Chefredakteurs, und er konnte sich auf die Redaktionskasse stützen. Calengrove Mansions gehörte zu den Gebäuden, die in den letzten Jahren in der Nähe von Maida Vale und St. John's Wood errichtet worden waren. Das Haus hatte sechs Stockwerke, und soweit Triffitt von der Straße aus beobachten konnte, war es noch nicht vollständig bewohnt. Viele Fenster hatten noch keine Gardinen, und besonders die oberen Geschosse machten einen unbewohnten Eindruck. Triffitt nahm deshalb an, daß es ihm nicht schwer fallen würde, sich eine Wohnung innerhalb desselben Hauses zu sichern. Zuerst wollte er einmal feststellen, wo Burchills Wohnung lag, und trat kurz entschlossen ein. Auf der Tafel im Korridor sah er, daß Burchill im obersten Stockwerk wohnte, und daß dort noch zwei Wohnungen frei sein mußten, weil die Tafel keine Namen aufwies. Triffitt ging in das Büro und trug dem Angestellten dort seine Wünsche vor. Der junge Mann entrollte sofort farbige Grundrisse von den einzelnen Geschossen auf dem Tisch. »Wie groß soll die Wohnung sein? Für eine Familie mit Kindern, einzelnes Ehepaar oder Junggesellen?« »Ich bin nicht verheiratet und möchte, wenn möglich, möblierte Räume haben.« »Zufällig habe ich etwas Passendes an Hand.« Er zeigte auf den Abschnitt eines Grundrisses. »Einer unserer Mieter ist für vier Monate außer Landes gegangen und wird froh sein, wenn er seine möblierte Wohnung vermieten kann. Tadellos eingerichtet, kann sofort bezogen werden.« Triffitt beugte sich über den Plan und war hocherfreut, als er erkannte, daß gegenüber dieser Wohnung Frank Burchills Name eingetragen war. Die dritte Wohnung schien frei zu sein. »Das würde mir zusagen«, erklärte Triffitt. »Sie können sie für ungefähr fünfzig Schilling die Woche haben, einschließlich Möbel, Geschirr, Wäsche, Glas, Porzellan und allem Zubehör. Die Frau des Hausverwalters kann die Wohnung in Ordnung halten und kochen. Wollen Sie sich die Räume einmal ansehen?« Triffitt folgte dem jungen Mann, und sie waren bald einig. Eine halbe Stunde später war Triffitt schon im Besitz der Wohnung, nachdem sich der Angestellte bei den aufgegebenen Referenzen erkundigt und besonders von der Redaktion des »Argus« die beste Auskunft erhalten hatte. Er zahlte eine Monatsrate im voraus, ging nach Hause, packte dort alles, was er nötig hatte, und verproviantierte sich. Am Nachmittag hatte er sich schon häuslich niedergelassen und seine Habschaften verstaut. Nun kam die Frage, was er jetzt beginnen sollte. Er hätte es nicht besser treffen können. Burchills Tür lag der seinigen direkt gegenüber, und durch den Schlitz des Briefkastens konnte er den Eingang genau beobachten. Zunächst hielt er es für richtig, einmal die nächste Umgebung und die Geographie des Hauses kennenzulernen. Es fiel ihm auf, daß kein Fahrstuhl vorhanden war. Aber das kam ihm sogar gelegen, denn manchmal ist es von großem Vorteil, wenn man von oben beobachten kann, wer heraufkommt. Dann prägte er sich die Lage seiner Räume genau ein. Auf dem Plan hatte er gesehen, daß Burchills Wohnung denselben Grundriß hatte wie die seine. Man kam durch eine Doppeltür in ein verhältnismäßig großes Wohnzimmer, rechts davon lag eine kleine Küche und eine Speisekammer, auf der anderen Seite Schlafzimmer und Bad. Die Fenster des Schlafzimmers gingen auf die Straße hinaus. Vom Wohnzimmer aus hatte man Ausblick auf einen quadratischen Garten, der den Bewohnern des Hauses zur Erholung diente. Triffitt bemerkte zu seiner größten Freude, daß vor dem Wohnzimmer ein Balkon war, der sich an der ganzen Front des Hauses entlangzog. Als er hinunterschaute, sah er, daß sich in allen Stockwerken dasselbe wiederholte. Man konnte also seine Nachbarn leicht besuchen, man brauchte nur auf dem Balkon entlangzugehen und an ein Fenster zu klopfen. Triffitt studierte die Fenster seiner eigenen und der nächsten Wohnung. In den oberen Scheiben waren Ventilatoren eingelassen. Wie leicht konnte man ein Gespräch, das im Raum geführt wurde, auf dem Balkon hören, selbst wenn die Leute nicht außergewöhnlich laut sprachen. In den nächsten zwei Tagen passierte nichts. Zweimal traf Triffitt Burchill auf der Treppe, der ihn natürlich nicht kannte und gar keine Notiz von dem neuen Hausbewohner nahm. Um so eingehender, wenn auch unauffällig, studierte dafür Triffitt den anderen. Natürlich war das der Mann, den er damals auf der Anklagebank in Schottland gesehen hatte. Er hatte sich wenig verändert, höchstens kleidete er sich jetzt viel eleganter. Aber am dritten Nachmittag kam Barthorpe Herapath die Treppe herauf, als Triffitt eben hinuntergehen wollte. Triffitt war dankbar, daß das Treppenhaus nur mäßig beleuchtet war, und daß draußen düstere Novemberstimmung herrschte. Barthorpe hatte ihn zwar nur an dem Morgen nach dem Morde gesehen, aber er mochte ein gutes Gedächtnis haben und ihn wiedererkennen. Triffitt zog also schnell den Hut ins Gesicht, drückte das Kinn in den hochgeklappten Mantelkragen und eilte in schnellem Tempo an dem anderen vorüber. Barthorpe erkannte ihn nicht. »Das eine habe ich jedenfalls schon herausbekommen«, sagte Triffitt triumphierend zu sich selbst. »Barthorpe Herapath ist in Fühlung mit Burchill. Der Neffe und der frühere Sekretär des Ermordeten! Was hat das wohl zu bedeuten, daß die beiden die Köpfe zusammenstecken?« Er überlegte diese Frage noch, als er ins Büro kam und eine kurze Notiz von Carver vorfand, der ihn sofort sprechen wollte. Triffitt machte sich sofort zur Redaktion des »Magnet« auf und konnte dort mit Carver in einer ruhigen Ecke sprechen. »Ich habe ihn erwischt«, sagte dieser mit Genugtuung. »Wen denn?« »Nun, den Chauffeur. Sie wissen doch, wen ich meine. Ich habe ihn heute mittag aufgegabelt. Er hat den bewußten Herrn vom Portman Square in die Nähe von St. Mary Abbot gefahren, und zwar um zwei Uhr morgens, nach der Ermordung von Herapath. Da haben wir wenigstens eine sichere Tatsache. Die Geschichte hat mich fünf Pfund gekostet, die Sie mir ja wiedererstatten werden. Ich habe nach und nach alle Autos, die in der Gegend Nachtdienst versehen, ausfindig gemacht und stieß so auf unseren Mann. Er hat mir allerdings noch nicht viel verraten, und eins ist besonders unangenehm. Was er weiß, hat er nämlich dem alten Tertius auch schon erzählt, und der hat ihm absolutes Schweigen auferlegt, bis seine Aussage gebraucht würde. Die Zeit scheint noch nicht gekommen zu sein, denn er hat ihn bis jetzt nicht wieder angesprochen. Aber der Chauffeur ist auf Geld aus. Als ich nur so nebenbei davon sprach, spitzte er gleich die Ohren. Er will uns alles sagen, natürlich für Geld und unter der Bedingung, daß wir vorläufig keinen Gebrauch davon machen und nichts in die Zeitung bringen. Wenn Sie ihm einen anständigen Preis zahlen, wird er schon reden.« »Gut. Kann er uns aber tatsächlich Positives berichten?« »Er kennt den Mann, den er in der Mordnacht um zwei Uhr gefahren hat. Als er mit Mr. Tertius sprach, hatte er die Persönlichkeit noch nicht identifiziert. Und er ist nicht abgeneigt, uns seine Kenntnis unter Diskretion zu verkaufen.« 20. Kapitel. Der Diamantring. Triffitt überlegte. Seine persönliche Neigung lockte ihn, sofort zu dem Chauffeur zu gehen, da er aber fremdes Geld zu verwalten hatte, war er außergewöhnlich vorsichtig. »Dieser Chauffeur hat seine Kenntnis bereits Mr. Tertius verraten«, sagte er. »Und der hat es aller Wahrscheinlichkeit nach den Leuten von Scotland Yard gesteckt, damit sie bei gegebener Gelegenheit Vorteil daraus ziehen können. Was wir aber brauchen, ist eine aufsehenerregende Neuigkeit, eine Sensation!« »Genügt es Ihnen nicht, wenn wir die Persönlichkeit des Doppelgängers von Jacob Herapath feststellen können? Das ist doch ein großer Schritt vorwärts. Ist Ihnen das nicht gut genug?« »Das hängt ganz davon ab, wieviel ich aus ihm heraushole. Wann kann ich den Mann sehen?« »Heute abend um sieben Uhr.« »Und wo?« »Ich bringe Sie hin. In einem Gasthaus in der Nähe der Orchard Street will er mit Ihnen zusammenkommen. Nehmen Sie aber genügend Geld mit, denn der Bursche will seine Bezahlung gleich haben.« »Schon gut. Aber nutzlos verschwende ich es nicht, ich muß einen Gegenwert dafür bekommen.« Carver lachte, denn Triffitts plötzliche Sparsamkeit kam ihm spaßig vor. »Bei solchen Gelegenheiten muß man schon die Katze im Sack kaufen, ganz gleich, ob uns der Mann etwas Wichtiges oder etwas Unwesentliches erzählt. Also, holen Sie mich hier um halb sieben ab.« Triffitt versah sich mit reichlichen Mitteln und war pünktlich zur Stelle. Carver führte ihn in den Schankraum eines kleinen, schmutzigen Gasthauses, das um diese Zeit wenig besucht war. Punkt sieben trat der Chauffeur ein und winkte ihn zu sich. Nachdem er seinen Freund Triffitt vorgestellt hatte, ließ er einige Getränke kommen. »Ich habe nichts dagegen, Ihnen alles zu erzählen«, begann der Mann, »wenn Sie ordentlich zahlen und nichts in die Zeitung bringen. Der alte Herr vom Portman Square soll nichts davon erfahren, daß ich nicht geschwiegen habe. Ich habe ihn seit unserer ersten Unterredung überhaupt nicht mehr zu sehen bekommen. Damals hat er mir gleich ein paar Pfund gegeben und mir mehr versprochen. Aber das dauert mir jetzt ein bißchen zu lange, und wenn sich eine Gelegenheit bietet, Geld zu verdienen, so muß man dahinter sein.« »Ich verstehe vollkommen«, beruhigte ihn Triffitt. »Wieviel wollen Sie denn haben?« Der Chauffeur betrachtete ihn einige Zeit schweigend. Von Carver hatte er bereits fünf Pfund, aber aus seinen habgierigen Blicken konnten die beiden schließen, daß ihm diese Summe nicht genügte. »Na, Herr, sagen Sie doch, was Sie sich gedacht haben. Ich bin ein armer Teufel, wie Sie wissen, und komme nicht oft in die Lage, auf diese Art Geld zu verdienen. Was meine Nachricht wert ist, und was ich Ihnen erzählen kann, das wissen Sie. Der junge Herr hier war heute nachmittag ganz wild darauf.« »Vorher möchte ich noch wissen, ob Sie Mr. Tertius mehr als meinem Freunde hier gesagt haben?« »Kein Wort mehr. Ich habe ihn doch seitdem nicht mehr gesehen.« »Und der Polizei haben Sie auch nichts mitgeteilt?« »Ich habe nichts mit der Polizei zu tun gehabt. Aber auf den alten Herrn habe ich lange genug gewartet und nichts mehr von ihm gehört.« »Deshalb möchten Sie gern noch etwas mehr verdienen?« »Daraus können Sie doch keinem Menschen einen Vorwurf machen! Wenn ich nicht sehe, wo ich bleibe, wer kümmert sich denn um mich?« »Nun also, wieviel wollen Sie haben?« Der Chauffeur betrachtete Triffitt heimlich von der Seite. »Hat Ihnen dieser Herr erzählt, was ich Ihnen sagen kann?« fragte er schließlich. »Meine Nachrichten sind sehr wichtig.« »Ich weiß, daß Sie mir den Namen des Mannes verraten können, den Sie an jenem Morgen von der Ecke der Orchard Street nach Kensington gefahren haben. Das mag wichtig sein – vielleicht auch nicht. Sie sehen ja, die Polizei hat sich nicht gerade beeilt, Sie zu verhören. Also nennen Sie Ihren Preis.« »Sie zahlen mich doch sofort in bar?« »Natürlich. Hier auf den Tisch.« »Nun, wie wäre es denn mit zehn Pfund? Das ist die Sache doch mindestens wert?« »Mit dem Preis bin ich einverstanden«, entgegnete Triffitt. »Hier ist das Geld.« Er nahm zwei nagelneue Fünfpfundnoten aus der Tasche, legte sie auf den Tisch und setzte ein Glas darauf. »Nun erzählen Sie Ihre Geschichte. Hier liegt das Geld, wenn Sie fertig sind.« Der Chauffeur betrachtete die Scheine, rückte mit seinem Stuhl näher in die wenig erleuchtete Ecke, in der Triffitt und Carver saßen, und sprach ganz leise. »Also der Mann, den ich an dem Morgen fuhr, war der Neffe!« »Was? Sie meinen doch nicht etwa Mr. Barthorpe Herapath?« fragte Triffitt in demselben Ton. »Doch, das ist er. Genau derselbe. Als ich den alten Herrn am Portman Square sprach, wußte ich das noch nicht. Bei der Totenschau wurde ich nicht als Zeuge aufgerufen, obwohl ich das bestimmt erwartet hatte. In der Nähe der Orchard Street ist viel über den Mord gesprochen worden, und man kennt dort alle Leute, die an der Sache beteiligt sind. Und so hat man mir auch den Neffen gezeigt, den Sie Barthorpe nennen. Und dann wußte ich gleich, daß er es war, den ich an jenem Morgen gefahren hatte.« »Woher wußten Sie denn das?« fragte Triffitt. Der Chauffeur hob eine Hand und zeigte auf den dritten Finger. »Von dem Ring, den er trägt«, sagte er triumphierend. »Das ist ein feiner Diamant, wie ihn nur ganz reiche Leute haben. Als er damals in meinen Wagen stieg, legte er die Hand einige Zeit auf die Tür, und ich habe ihn funkeln sehen. Und neulich habe ich nun diesen Ring an der Hand von Barthorpe Herapath wiedererkannt, als er sich eine Zigarre ansteckte. Ein Irrtum ist ausgeschlossen, das ist der Mann. Er muß den Mantel und den Hut seines Onkels angezogen haben.« »An Ihrer Stelle würde ich diese Schlußfolgerungen für mich behalten, wenigstens ist das mein Wunsch. Hier«, sagte Triffitt und zog die zusammengefalteten Banknoten unter dem Glase hervor. »Stecken Sie das in die Tasche. Halten Sie Ihren Mund, und sagen Sie niemand, daß Sie mich gesehen und mir das erzählt haben. Ich mache in der Öffentlichkeit keinen Gebrauch von Ihrer Mitteilung, und wenn Mr. Tertius wieder zu Ihnen kommt, oder wenn sich die Polizei meldet, können Sie ihnen sagen, was Sie wollen. Es kommt jetzt nicht mehr darauf an. Aber unter keinen Umständen dürfen Sie den Leuten sagen, daß Sie mich gesehen und es mir verraten haben. Verstanden?« Natürlich hatte der Chauffeur begriffen. »Wenn Sie wirklich reinen Mund halten, können Sie später noch einmal fünf Pfund bekommen«, fuhr Triffitt fort. Dann entfernte er sich mit Carver. Auf der Straße klopfte er seinem Kollegen auf den Arm. »Das ist ja ganz gut gegangen. Und ich muß sagen, ich bin nicht sehr erstaunt über diese Mitteilung, beinahe hatte ich das erwartet. Besonders erbaut bin ich davon, daß Barthorpe Herapath, auf dem schwerer Verdacht liegt, mit Burchill in Verbindung steht. Ich traf ihn heute nachmittag auf der Treppe zu dessen Wohnung. Nun, auf jeden Fall kann ich jetzt meinem Chef etwas berichten. Ich sehe zwar in der ganzen Sache noch nicht klar, aber Marcledew ist gewitzt und hat viel Erfahrung. Der schaut durch drei Ziegelwände und kann sicher etwas daraus machen. Ich muß es ihm berichten, sobald ich ihn morgen früh treffen kann.« – Der Chefredakteur hörte Triffitts Geschichte am nächsten Morgen schweigend an, dann erhob er sich und nahm Hut und Mantel. »Sie können mit mir kommen. Wir wollen nach Scotland Yard gehen.« Triffitt fühlte selbst, daß er blaß wurde. Nach Scotland Yard? Es wollte ihm nicht in den Sinn, daß seine Entdeckung den Beamten mitgeteilt werden sollte. Trotz der hohen Verehrung, die er seinem Chef zollte, mußte er ihm in diesem Fall widersprechen. »Was, zur Polizei?!« »Ja. Ich will mit der Polizei zusammenarbeiten. Machen Sie doch nicht ein so entsetztes Gesicht, junger Mann. Ich weiß wohl, was Sie denken, aber Sie sollen dabei auch nicht zu kurz kommen. Ich bin mit Ihnen soweit ganz zufrieden. Aber ohne die Polizei können wir doch nichts anfangen, und die Beamten sind wahrscheinlich dankbar für den kleinsten Wink, den wir ihnen geben können. Also nun vorwärts. Besorgen Sie ein Auto.« Triffitt war noch nie im Polizeipräsidium gewesen und hatte sich schon immer gewünscht, einmal dorthin zu kommen. Sein Chef schien sich dort ebensogut auszukennen wie in der Redaktion des »Argus«. Triffitt mußte im Vorzimmer warten, während Marcledew mit einem hohen Beamten sprach. Als er später hineingerufen wurde, fand er auch Detektivinspektor Davidge dort. »Wollen Sie uns die Geschichte noch einmal berichten?« fragte der höhere Beamte. »Mr. Davidge hat die Untersuchung des Falles in der Hand.« Zu Triffitts größtem Erstaunen zeigte dieser Mann nur wenig Interesse, hörte der Erzählung schweigend zu und sah dann seinen Vorgesetzten teilnahmlos an. »Es ist wohl das beste, wenn ich zu Mr. Halfpenny gehe«, sagte er. »Vielleicht begleitet mich Mr. Triffitt. Wir könnten uns dann ein wenig über die neue Mitteilung unterhalten.« Triffitt sah den Chefredakteur beunruhigt an, aber Marcledew nickte nur. »Gehen Sie ruhig mit. Inspektor Davidge weiß genau, was er zu tun hat.« Unterwegs sprachen sie über den ungewöhnlichen Nebel, aber kein Wort von dem Herapath-Fall. Erst nach dem Besuch bei Mr. Halfpenny zeigte sich Davidge plötzlich aufs höchste interessiert, ja beinahe begeistert. »Nun, mein junger Freund, Sie sind es gerade, den ich brauche«, sagte er, als er mit Triffitt die Straße entlangging. »Stimmt es, daß Sie eine Wohnung neben F. B. haben?« »Ja, das stimmt«, entgegnete Triffitt erstaunt. »Ausgezeichnet! Das könnte gar nicht besser sein. Sie haben doch nichts dagegen, daß ich Sie dort besuche? Natürlich ganz ruhig und unauffällig? Ich komme heute abend um sieben.« »Aber das wird mir eine große Freude sein!« »Dann bleibt es also dabei. Schweigen Sie inzwischen. Wenn ich komme, erfahren Sie auch, warum Sie das tun sollen.« 21. Kapitel. Die verlassene Wohnung. Als Triffitt in seiner Wohnung angelangt war und überlegte, was er eben erfahren hatte, kam ihm zum Bewußtsein, daß die Polizei bedeutend mehr wissen mußte, als er selbst. Sicher bereiteten diese Leute einen großen Schlag vor und ernteten dann allen Ruhm. Das war aber gar nicht nach dem Wunsche Triffitts, denn er wollte selbst große Entdeckungen machen. Er hatte gehofft, eines Tages mit der Lösung des Rätsels zu Marcledew gehen zu können. Der Chef hätte dann ja nach seinem eigenen Ermessen handeln können. Aber daß er sich jetzt schon mit Scotland Yard in Verbindung setzte, war Triffitt unangenehm. Auch hatte er heute während seiner Berichterstattung im Polizeipräsidium das bedrückende Gefühl gehabt, daß er dem scheinbar teilnahmlosen Inspektor Davidge und den anderen Beamten erzählte, was diese längst wußten. Besonders, als er die Mordanklage gegen Benson in Schottland erwähnte, merkte er, daß sie genau über die Sache orientiert waren. Auch schien ihnen schon bekannt zu sein, daß Barthorpe um zwei Uhr nachts zu dem Siedlungsbüro gefahren war. Sie hatten ihm höflich, aber gleichgültig und kühl zugehört, bis er erwähnte, daß er die Wohnung neben Burchill innehatte. Er fühlte sich jetzt nur als winziges Zahnrad in einem großen Getriebe. Nun, das war wenigstens noch eine Kleinigkeit. Außerdem hatte er zur Zufriedenheit seines Chefs gearbeitet und würde wahrscheinlich heute abend von Inspektor Davidge mehr erfahren. Am Abend bezog er seinen Posten an dem Briefschlitz und beobachtete Burchills Wohnungstür. Sicher würde Davidge dankbar sein, wenn er ihm sagen konnte, ob der von gegenüber zu Hause war oder nicht. Und er hatte Glück. Kurz vor sieben verließ Burchill in Frackmantel und Zylinder seine Wohnung; er sah stattlich und elegant aus. Zehn Minuten später hörte Triffitt Schritte auf dem Gang und öffnete seine Tür. Vor ihm standen Davidge und ein anderer Herr in Zivil. »Guten Abend, Mr. Triffitt. Ich stelle Ihnen hier Mr. Milsey, einen meiner Freunde, vor. Sie haben doch nichts dagegen, daß ich ihn mitgebracht habe?« Triffitt führte die beiden in sein Wohnzimmer und bot ihnen Stühle an. Dann reichte er ihnen Erfrischungen, die er schon am Nachmittag vorbereitet hatte. »Darf ich Ihnen etwas Whisky-Soda und Zigarren anbieten?« »Sehr liebenswürdig«, erwiderte Davidge. »Ein kleiner Schluck Whisky kann nicht schaden, aber keine Zigarre. Wenn wir rauchen, nehmen die Kleider einen gewissen Geruch an, und man kann bei solchen Expeditionen nicht sorgfältig genug sein. Wir wollen vor allem keine Geruchsspuren hinterlassen.« »Das ist ein interessantes Detail, an das ich noch nicht dachte«, sagte Triffitt. »Wo wollen Sie denn heute abend hingehen, wenn ich fragen darf?« Davidge trank Triffitt zu und zeigte nach der anderen Wohnung. »Dorthin. Das ist schon seit einigen Tagen meine Absicht. Aber es wäre sehr umständlich gewesen, diesen Plan auszuführen, denn ich hätte einen Befehl zur Durchsuchung der Wohnung haben müssen, und wer weiß was sonst noch alles. Der Hauseigentümer wäre davon benachrichtigt worden, und der Verwalter unten im Parterre. Deshalb habe ich die Sache noch verschoben. Aber als Sie mir heute erzählten, daß Sie hier wohnten, sah ich Licht. Schon seit einer Woche habe ich mich genau mit dem Hause vertraut gemacht und mir die Pläne unten im Büro angesehen, als ich den Fall in die Hand nahm.« »Dann haben Sie diesen Herrn also gleich mit der Sache in Verbindung gebracht?« rief Triffitt. »Wir haben ihn seit Beginn unserer Nachforschungen im Auge behalten«, sagte Davidge kühl. »Er ist gerade ausgegangen«, bemerkte Triffitt. »Das wissen wir. Es ist uns auch bekannt, wohin er gegangen ist. Heute abend ist Premiere im Terpsichoreum, und er muß dort sein. Vor Mitternacht kommt er nicht zurück, wir haben also viel Zeit, uns inzwischen ein wenig bei ihm umzusehen.« »Wie wollen Sie denn in die Wohnung kommen?« »Über den Balkon. Wir brauchen nur das eine Fenster zu öffnen. Das macht uns nicht die geringsten Schwierigkeiten.« »Burchill wird es aber von innen verschlossen haben. Jedenfalls habe ich das getan.« »Ach, darauf sind wir vorbereitet. Zeigen Sie einmal Ihr Werkzeug, Jim. Wir sind ja hier unter uns.« Der unschuldig dreinschauende Mr. Milsey, der während der Unterhaltung nur mechanisch ab und zu einen Schluck Whisky-Soda genommen und nachdenklich die gerahmten Stiche an der Wand betrachtet hatte, holte aus einer tiefen Tasche seines Mantels einen langen Kasten hervor und öffnete ihn. Dann schob er ihn über den Tisch, und Triffitt sah eine große Zahl von Schlüsseln und Instrumenten vor sich. »Damit kann man so ziemlich alle Schlösser knacken, nicht wahr, Jim?« »Alle gewöhnlichen Schlösser. Geldschränke und Safes sind ausgeschlossen«, entgegnete Mr. Milsey. »Ich glaube, Burchill hat keinen Geldschrank in seiner Wohnung«, erwiderte Davidge in guter Laune. »Aber vielleicht finden wir in seinem Schreibtisch ein paar interessante und wichtige Dinge. Wir sind immer wieder darüber erstaunt, daß die Leute Papiere aufheben, die sie besser verbrennen sollten. Wir wollen uns jetzt aber gleich an die Arbeit machen. Die Tür- und Fensterverschlüsse sind in diesen Häusern meistens ziemlich gleich, und wenn wir erst Ihre Tür studiert haben, sind wir mit der anderen auch bald fertig.« Mr. Milsey ging mit seinem Kasten auf den Balkon hinaus. Die Tür wurde von innen geschlossen, aber nach einer Minute hatte er sie bereits geöffnet und trat mit einem wohlgefälligen Grinsen ein. »Also, dann los«, sagte Davidge. »Sie können nicht mit uns kommen, weil das gegen unsere Regeln verstößt. Lesen Sie solange ein Buch oder rauchen Sie eine Pfeife. Vielleicht können wir Ihnen etwas Interessantes berichten, wenn wir zurückkommen.« »Fürchten Sie denn nicht, daß Sie unterbrochen werden könnten?« fragte Triffitt, der sie brennend gern begleitet hätte. »Nehmen wir einmal an, Burchill kommt unerwartet zurück?« Der Inspektor schüttelte den Kopf und lächelte verständnisinnig. »Dann werden wir schon rechtzeitig gewarnt. Ich habe noch mehrere Leute dabei. Sollte er seinen Plan ändern und zurückkommen, so verwickelt ihn unten ein Mann in eine Unterhaltung, und ein anderer verständigt uns inzwischen. Nein, wir sind vollkommen sicher, sorgen Sie sich nur nicht um uns.« Die beiden gingen, und Triffitt versuchte, einen spannenden französischen Kriminalroman zu lesen, aber er entdeckte bald, daß die Beschreibung von Verbrechen lange nicht so faszinierend ist wie tatsächliche Detektivarbeit im wirklichen Leben. Schon nach kurzer Zeit warf er das Buch beiseite und wartete auf die Rückkehr der Beamten. Was mochten sie wohl in der Wohnung finden? Zeit ließen sie sich jedenfalls. Es wurde acht, neun und schließlich zehn Uhr, ohne daß sie wieder auf der Bildfläche erschienen. Kurz vor elf kamen sie endlich über den Balkon zurück. Milsey sah unschuldig und nichtssagend aus wie immer, aber der Gesichtsausdruck des Inspektors war ernster als gewöhnlich. »Nun?« fragte Triffitt. »Hatten Sie Erfolg?« Davidge zog die Gardinen vor dem Balkonfenster zu, bevor er antwortete. »Mr. Triffitt, Sie müssen uns die Nacht über hier behalten. Nach dem, was wir gefunden haben, möchte ich diesen Mann nicht verlieren. Etwas kann ich Ihnen erzählen. Morgen früh um zehn Uhr findet in Mr. Halfpennys Büro eine vorläufige Untersuchung des Testaments von Jacob Herapath statt, und alle Parteien, die an der Sache interessiert sind, treffen sich dort. Ich weiß, daß auch Burchill kommt. Und ich will ihn von seiner Rückkehr ab beobachten, bis er dorthin geht. Was später geschieht, werden Sie ja selbst sehen. Während Milsey und ich hier im Wohnzimmer warten, können Sie ruhig zu Bett gehen. Milsey kann noch etwas Abendbrot in der Nähe kaufen.« »Das ist nicht nötig«, erwiderte Triffitt schnell. »Ich habe alles Mögliche hier, Fleischpastete, Butter und Käse, auch einige Flaschen Ale und Whisky. Warten Sie einen Augenblick, ich bringe alles herein.« Davidge rieb sich befriedigt die Hände. »Noch vor morgen abend werden Sie wundervollen Stoff für einen Zeitungsartikel haben!« 22. Kapitel. Ja und Nein. Als Mr. Halfpenny wußte, daß Barthorpe Herapath das Testament anfechten wollte, überlegte er sich die Sache hin und her, und am nächsten Morgen fuhr er zu Barthorpes Büro. Der junge Rechtsanwalt trat selbst aus seinem Sprechzimmer heraus und bat seinen Besucher höflich, näherzutreten. Mr. Halfpenny war sehr erstaunt über dieses veränderte Verhalten. Spielte Barthorpe Komödie, oder war er wirklich so zuversichtlich? »Sie haben also Protest gegen das Testament bei dem Nachlaßgericht eingelegt?« begann er. »Ja, das habe ich getan.« »Wollen Sie denn das Testament anfechten?« »Ganz gewiß.« Auf Mr. Halfpenny machte der feste und entschiedene Ton Eindruck. Es mußte doch noch Dinge geben, die er nicht kannte. Barthorpe Herapath konnte seine Behauptungen doch nicht vollständig aus der Luft greifen. »Und Sie sind fest davon überzeugt, daß Sie Erfolg haben?« »Ich habe allen Grund dazu.« Mr. Halfpenny dachte einen Augenblick nach. »Als Erben kommen nur zwei Leute in Frage, Miß Wynne und Sie. Darf ich einen Vorschlag machen?« »Vernunftgründen bin ich stets zugänglich.« »Nun gut. Wir können einer prozessualen Entscheidung mit aller Ruhe entgegensehen. Aber ich möchte Ihnen nahelegen, doch vorher noch einmal mit Ihrer Kusine und den Zeugen, die das Testament unterschrieben haben, in meinem Büro zusammenzukommen und dort erst einmal klarlegen, was Sie gegen das Testament vorzubringen haben. Könnten wir nicht eine Besprechung im Familienkreis herbeiführen? Das würde wahrscheinlich einen langen Prozeß verhindern.« Barthorpe überlegte den Vorschlag. »Ich soll zu Ihrem Büro kommen und meiner Kusine sagen, warum ich das Testament anfechte? Habe ich Sie richtig verstanden?« »Ja, ganz genau.« »Wer soll denn noch zugegen sein?« »Die beiden Zeugen, die das Testament unterschrieben haben, Professor Cox, der mit den meisten Anwesenden befreundet ist, und ich.« »Und dann soll ich mit offenen Worten erklären, warum ich die Echtheit des Testamentes bezweifle?« »Ja.« Barthorpe sah den alten Rechtsanwalt unsicher an. »Das würde eine unangenehme Sache für meine Kusine werden«, sagte er dann. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Sie meinen. Aber wenn es schon für Ihre Kusine in so engem Kreise peinlich ist, wieviel peinlicher müßte es für sie sein, wenn sie es öffentlich vor Gericht erführe! Wenn Sie irgendwelche Enthüllungen zu machen haben, wäre doch der erste Weg vorzuziehen.« »Gut, ich nehme Ihren Vorschlag an. Das wird viele unangenehme Auseinandersetzungen ersparen. Wann soll die Besprechung stattfinden?« »Heute ist Donnerstag – sagen wir Freitag morgen um zehn Uhr.« »Ich werde pünktlich dort sein. Bitte, laden Sie alle interessierten Parteien ein. Haben Sie Burchills Adresse?« »Ja. Ich will mich gleich mit ihm in Verbindung setzen.« Barthorpe machte eine kurze Verbeugung, erhob sich und begleitete Mr. Halfpenny bis zur Tür. Der alte Rechtsanwalt kehrte verwundert zu seinem Büro zurück. Welche Gegengründe mochte Barthorpe wohl vorbringen können? Gab es wirklich ein Geheimnis in Verbindung mit diesem Testament, das nur er kannte? Sein Auftreten war so überzeugt und selbstbewußt, als ob er seiner Sache ganz sicher wäre. »Eine merkwürdige Verwicklung«, sagte Mr. Halfpenny halblaut zu sich selbst, als er wieder allein in seinem Büro saß. »Offenbar hat Barthorpe gar keine Ahnung, daß er unter schwerem Verdacht steht, daß ihn die Polizei beobachtet und seine Spur verfolgt. Er wird erstaunt sein, wenn die Sache zum Klappen kommt.« Am Freitagmorgen erschien Barthorpe pünktlich in Halfpennys Büro, und einige Minuten später kam auch Peggie Wynne, begleitet von Mr. Tertius und Professor Cox. Sie war etwas nervös und ängstlich. Alle wurden in das Privatbüro des Rechtsanwalts geführt, wo sie sich höflich, aber kühl grüßten. Fünf Minuten nach zehn sah Mr. Halfpenny auf Barthorpe. »Wir warten nur noch auf Mr. Burchill«, bemerkte er. »Ich habe ihm gestern geschrieben, und erhielt die Antwort, daß er heute morgen kommen wollte. Es ist jetzt –« Aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Mr. Frank Burchill trat ein. Auch ihm war nicht bewußt, daß er auf seinem Wege hierher von mehreren Detektiven beobachtet worden war. Er trat in seiner bekannten selbstbewußten Art auf, verneigte sich nach allen Seiten und entschuldigte sich bei Mr. Halfpenny wegen der Verspätung. »Es ist schon gut, Mr. Burchill«, erwiderte der alte Rechtsanwalt, den die überhöflichen Phrasen Burchills langweilten. »Ein paar Minuten machen nicht viel aus. Nehmen Sie bitte Platz. Wir wollen uns alle um den großen, runden Tisch in der Mitte setzen.« Er wies allen Plätze an, und sobald er sich selbst gesetzt hatte, sah er auf Barthorpe. »Dies ist natürlich nur eine informatorische Besprechung. Wir sind hier zusammengekommen, um von Ihnen, Mr. Herapath, zu hören, warum Sie das Testament Ihres Onkels anfechten wollen. Ich halte es deshalb für das Beste, daß Sie uns Ihre Gründe jetzt auseinandersetzen.« Aber Barthorpe schüttelte entschieden den Kopf. »Sagen Sie mir bitte erst einmal, was für das Testament spricht. Soviel ich weiß, ist es in Ihrem Besitz. Ich habe das Schriftstück selbst gesehen, das als Testament des verstorbenen Jacob Herapath ausgegeben wird, und gebe seine Existenz zu. Zwei Personen, Mr. Tertius und Mr. Burchill, haben es als Zeugen beglaubigt und sind wie ich auf Ihre Einladung hin hierhergekommen. Der richtige Gang der Verhandlung ist meiner Meinung nach, daß Sie erst einmal die beiden fragen, unter welchen Umständen dieses angebliche Testament aufgesetzt wurde.« »Ich habe nichts dagegen einzuwenden«, entgegnete Mr. Halfpenny. »Und ich glaube auch, daß Miß Wynne nichts dagegen haben wird. Ich konstatiere also noch einmal, daß Sie die Existenz dieses Dokumentes nicht bestreiten. Es ist natürlich in meinem Gewahrsam. Ich bitte also zunächst den älteren Zeugen, Mr. Tertius, zu erzählen, was er von der Sache weiß.« Mr. Tertius war mindestens ebenso nervös, als ob er als Zeuge vor Gericht auftreten sollte, fuhr bei dieser direkten Aufforderung zusammen und starrte Mr. Halfpenny fast hilflos an. »Ich soll –« »Es ist eine rein informatorische Besprechung, wie ich schon vorhin festgestellt habe«, beruhigte ihn der Rechtsanwalt. »Sagen Sie uns in einfachen Worten, was Sie von den damaligen Vorgängen noch wissen. Dann wollen wir hören, was der andere Zeuge zu sagen hat.« »Vielleicht darf ich eine Anregung geben«, unterbrach ihn Barthorpe. »Legen Sie doch das angebliche Testament vor sich auf den Tisch und fragen Sie die beiden Zeugen. Das wird die Sache wesentlich vereinfachen.« Mr. Halfpenny überlegte den Vorschlag, sprach leise mit Peggie und holte dann das Dokument aus seinem Safe. »Mr. Tertius«, sagte er, »sehen Sie hierher. Dieses Testament soll am 18. April dieses Jahres aufgesetzt worden sein. So viel ich weiß, hat Mr. Jacob Herapath Sie an dem betreffenden Abend in sein Arbeitszimmer gerufen und Sie und Mr. Burchill, seinen damaligen Sekretär, aufgefordert, seine Unterschrift unter einem Testament, das er aufgesetzt und selbst geschrieben hatte, durch Ihre Unterschriften zu beglaubigen. Es waren zu gleicher Zeit anwesend Mr. Herapath, dann Sie, dann Mr. Burchill. Habe ich den Vorgang richtig erzählt?« »Ja.« »Ist dies das Dokument, das Jacob Herapath Ihnen damals zeigte?« »Ja.« »War der Text damals schon vollständig geschrieben – ich stelle diese Frage nur zur Orientierung.« Es war ausgeschrieben, es fehlten nur noch die Unterschriften. Jacob Herapath zeigte es uns, obgleich er uns den Inhalt nicht mitteilte. Dann legte er es auf seinen Schreibtisch, bedeckte die Schrift mit einem Löschpapier und setzte in unserer Gegenwart seinen Namen darunter. Ich stand an seiner einen Seite, Mr. Burchill an der anderen. Dann zeichnete ich das Dokument an der Stelle, die er mir angab. Und nach mir tat Mr. Burchill dasselbe.« »Und ist dies hier Ihre Unterschrift?« fragte Halfpenny. »Gewiß.« »Und dies sind also die Unterschriften von Mr. Jacob Herapath und Mr. Burchill? Sie haben nicht den mindesten Zweifel daran?« »Nein«, erwiderte Mr. Tertius bestimmt und entschieden. Mr. Halfpenny schob das Testament jetzt vor Burchill hin und zeigte auf dessen Unterschrift. »Mr. Burchill, haben Sie das geschrieben?« Burchill betrachtete das Dokument ruhig und sah den Rechtsanwalt dann gleichsam entschuldigend an. »Nein, Mr. Halfpenny«, erklärte er beinahe traurig. »Das ist nicht meine Unterschrift!« 23. Kapitel. Eine Fälschung. Mr. Halfpenny starrte den Mann an, aber Burchill erwiderte seinen Blick sicher und überlegen. Tiefes Schweigen herrschte sekundenlang im Raum, bis Professor Cox plötzlich mit den Fingern auf der Tischplatte zu trommeln begann. Dieses Geräusch brachte den alten Rechtsanwalt wieder zu sich. Er neigte sich noch einmal zu Burchill und legte die Hand auf das Testament. »Das ist nicht Ihre Unterschrift?« fragte er ruhig. Burchill schüttelte den Kopf, und diesmal hatte seine Bewegung fast etwas Verächtliches. »Nein, das ist nicht meine Unterschrift.« »Haben Sie gesehen, daß der verstorbene Jacob Herapath dies schrieb?« »Nein.« »Haben Sie gesehen, daß Mr. Tertius hier mit seinem Namen zeichnete?« »Nein!« »Haben Sie jemals früher dieses Testament gesehen?« »Nein, niemals!« Mr. Halfpenny nahm das Schriftstück ungeduldig an sich und steckte es in das große Kuvert, aus dem er es genommen hatte. »Damit sagen Sie also, daß Sie niemals bei der Ausfertigung dieses Schriftstücks zugegen waren, niemals gesehen haben, daß Jacob Herapath ein Testament aufsetzte, niemals dabei waren, als er seine Unterschrift darunter setzte. Das ist doch der Inhalt Ihrer Aussage? Bestätigen Sie das?« »Ja, Sie haben mich vollkommen richtig verstanden«, entgegnete Burchill. »Und doch haben Sie soeben gehört, was Mr. Tertius sagte. Was haben Sie darauf zu erwidern?« »Ich habe mit der Aussage von Mr. Tertius nichts zu tun, ich habe nur Ihre Fragen beantwortet.« »Mr. Tertius erklärt, daß er und Sie sahen, wie Jacob Herapath dieses Schriftstück unterzeichnete, und daß Sie das Schriftstück durch Ihre Unterschrift beglaubigten. Ihre Aussage straft Mr. Tertius direkt Lügen und –« »Verzeihen Sie, Mr. Halfpenny«, unterbrach ihn Burchill ruhig. »Mr. Tertius mag unter irgendeiner außergewöhnlichen Sinnestäuschung gelitten haben. Vielleicht hatte er eine Halluzination, das kann ich nicht beurteilen. Ich will meine Aussage noch einmal kurz zusammenfassen. Ich habe nicht gesehen, daß der verstorbene Jacob Herapath dieses Testament unterzeichnet hat, und ich habe es selbst nicht unterzeichnet. Ebensowenig habe ich gesehen, daß Mr. Tertius es unterzeichnet hat, und das Schriftstück selbst ist mir unbekannt.« Mr. Halfpenny stand auf, verwahrte das Dokument wieder in seinem Safe und sah dann Barthorpe scharf an. »Es hat wohl nicht den geringsten Zweck, daß wir fortfahren. Wir haben gehört, was Mr. Burchill aussagt, und wir haben gehört, was Mr. Tertius auf der anderen Seite behauptet. Wir wollen keine Zeit mehr versäumen – es ist besser, wir trennen uns.« Barthorpe lachte böse. »Meiner Meinung nach hat es wenig Sinn, daß wir jetzt auseinandergehen. Auf Ihren eigenen Vorschlag hin bin ich hergekommen, und nachdem wir nun die Aussagen der beiden Herren gehört haben, möchte ich auch noch verschiedenes erklären. Mr. Halfpenny, Sie sind von der Voraussetzung ausgegangen, daß das Papier, das Sie eben in den Safe zurückgelegt haben, ein wirkliches Testament ist. Das haben Sie vorher behauptet, und ich glaube, Sie behaupten es noch. Ich bin aber nicht Ihrer Ansicht!« »Was ist es dann?« fragte Mr. Halfpenny. Barthorpe sprach jetzt leiser. »Ich behaupte, daß es eine Fälschung ist, und hoffe, mich damit klar genug ausgedrückt zu haben. Es ist eine Fälschung von Anfang bis zu Ende.« »So? Und wer ist denn der Fälscher? Können Sie mir das vielleicht auch verraten?« »Dieser Mann!« Barthorpe zeigte plötzlich auf Mr. Tertius. »Ich sage es ihm ins Gesicht, und ich klage ihn an, daß er jedes Wort, jeden Buchstaben dieses Dokumentes gefälscht hat. Ich habe Beweise in der Hand, die vor jedem Richter und jeder Geschworenenbank standhalten.« Mr. Halfpenny setzte sich wieder. Er war jetzt wieder ruhig und objektiv und hielt Peggie zurück, die während der letzten Worte Barthorpes aufspringen und sprechen wollte. »Warten Sie noch«, bat er sie. »Sie haben später noch Gelegenheit zu sprechen. Überlassen Sie es im Augenblick lieber mir. Sie wollen also den Beweis antreten, daß dieses Testament eine Fälschung ist, Mr. Herapath? Nun gut, da ich Sie aufgefordert habe, hierherzukommen, sollen Sie sich auch aussprechen. Aber vorher möchte ich noch an Mr. Tertius eine Frage stellen. – Bleiben Sie bei Ihrer Behauptung, Mr. Tertius?« »Ich stehe zu jedem Wort, das ich gesagt habe, und ich will meine Aussage überall wiederholen. Ich habe mich nicht geirrt, und ich leide durchaus nicht unter Halluzinationen. Ich kann nur sagen, daß ich aufs höchste verwundert bin.« Mr. Halfpenny wandte sich wieder an Barthorpe. »Also wir sind bereit, Ihnen zuzuhören, Mr. Herapath.« »Ich danke Ihnen«, entgegnete Barthorpe. »Ich habe Sie von vornherein gewarnt, daß diese Enthüllungen meiner Kusine sehr peinlich sein werden. Es wäre bedeutend besser gewesen, wenn wir sie ferngehalten hätten. Allerdings hätte sie früher oder später doch davon erfahren müssen.« »Ich glaube, wir bekommen vor Gericht noch sehr viel zu hören«, unterbrach ihn Mr. Halfpenny trocken und mit einem gewissen Unterton. »Sie brauchen auf Miß Wynne keine Rücksicht zu nehmen. Erzählen Sie nur ruhig, was Sie uns zu sagen haben.« »Barthorpe, du kannst mich kaum noch mehr verletzen, als du es heute morgen schon getan hast«, sagte Peggie und wandte sich dann bittend an den alten Rechtsanwalt, indem sie ein versiegeltes Päckchen aus ihrer Tasche nahm. »Gestatten Sie mir doch, vorher noch zu sagen –« »Ich rate Ihnen dringend, das nicht zu tun«, schnitt ihr Mr. Halfpenny energisch das Wort ab. »Erlauben Sie, daß Mr. Herapath jetzt spricht. Bitte.« Er machte eine auffordernde Bewegung. »Lassen Sie uns jetzt Ihren Beweis hören.« »Nicht auf Ihre Aufforderung hin, sondern aus freien Stücken«, entgegnete Barthorpe etwas scharf. »Sie sind kein Richter über mich, das wissen Sie wohl. Und wenn ich dich verletzen muß, Peggie, dann ist das nicht mein Fehler. Mr. Halfpenny, da dies nur eine informatorische Besprechung ist, so möchte ich Sie zunächst fragen, ob Sie wissen, wer dieser Mann wirklich ist?« Dabei zeigte er verächtlich auf Mr. Tertius. »Dieser Herr ist Mr. John Christopher Tertius, mein guter, alter, geschätzter Freund«, erwiderte Mr. Halfpenny schroff. Barthorpe wandte sich an Professor Cox. »Ich stelle dieselbe Frage an Sie. Wissen Sie, wer dieser Herr ist?« »Ich kann Ihnen nur dieselbe Antwort geben«, entgegnete der Professor kurz. »Dann muß ich Ihnen also die Wahrheit sagen, wenn sie keiner von Ihnen weiß. Er ist ein früherer Sträfling, der lange wegen einer Fälschung gesessen hat. Achten Sie genau auf diesen Umstand. Er heißt auch nicht Tertius!« Mr. Tertius war bleich geworden, aber er erhob sich ruhig von seinem Sitz. »Bevor Mr. Herapath weiterspricht, Halfpenny, möchte ich Miß Wynne privatim etwas mitteilen. Es wird nicht lange dauern. Dann mag Mr. Herapath fortfahren. Miß Wynne, bitte kommen Sie einen Augenblick zu mir.« Er trat mit Peggie in eine Nische und sprach mit ihr. Sie fuhr zusammen, aber sie faßte sich schnell, und als sie sich wieder am Tisch niederließ, sah sie zwar bleich, aber fest entschlossen aus. Barthorpe sah sie an, und seine Stimme klang weniger aggressiv und höflicher, als er fortfuhr. »Ich bringe nur ungern alten Familienskandal in die Öffentlichkeit, Mr. Halfpenny, und deshalb habe ich Ihren Vorschlag gern angenommen, diese Angelegenheit in privatem Kreise zu besprechen. Ich muß weit zurückgehen. Susan, die einzige Tochter meines Großvaters, heiratete im Alter von zwanzig Jahren Arthur John Wynne, der damals ungefähr fünfundzwanzig war. Er arbeitete als Sekretär und Kassierer bei einer Eisenbahngesellschaft, die ihren Hauptsitz in Southampton hatte. Dort ließ sich Wynne mit seiner jungen Frau nieder, und nach einjähriger Ehe wurde meine Kusine Margaret geboren, die hier bei uns ist. Als sie ungefähr achtzehn Monate alt war, wurde ihr Vater, der weit über seine Verhältnisse gelebt hatte, plötzlich verhaftet und wegen Fälschung angeklagt. Die nähere Untersuchung ergab, daß er sehr schlaue und kluge Fälschungen verübt und seine Gesellschaft um eine hohe Geldsumme betrogen hatte. Er wurde vor Gericht gestellt und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz darauf starb seine Frau. Mein Onkel Jacob griff nun ein, brachte Margaret nach Buckinghamshire und gab sie dort in die Pflege einer Familie Bristowe. Als sie sechs Jahre alt war, nahm er sie in sein eigenes Haus am Portman Square, wo sie seit der Zeit immer gelebt hat. Meine Kusine muß sich noch genau an ihren Aufenthalt im Hause der Bristowes erinnern können.« Barthorpe machte eine Pause und sah Peggie an, die mit gesenktem Kopf aufmerksam zugehört hatte. Als sie keine Bemerkung machte, fuhr er fort. »Einige Zeit später kam noch ein anderer als dauernder Gast in das Haus meines Onkels, der Mr. Tertius genannt wurde. Eine Reihe von Räumen war für ihn reserviert, und er tat alles, was er wollte, nach seinem freien Belieben. Ein gewisses Geheimnis schwebte über ihm, und dieses Geheimnis will ich jetzt aufklären. Mr. Tertius, wie Sie ihn nennen, ist der Vater Peggie Wynnes! Er ist in Wirklichkeit Arthur John Wynne, der frühere Sträfling, der die vielen Fälschungen begangen hat!« 24. Kapitel. Handschellen. Halfpenny und Cox waren Barthorpes Ausführungen gespannt gefolgt. Seine Rede hatte Eindruck auf sie gemacht, aber es war ihnen nicht der gehässige Ton entgangen, in dem er sprach. Aus jedem Wort sprach bittere, persönliche Feindschaft gegen Tertius, und die beiden zogen ihre eigenen Schlüsse daraus. Cox flüsterte Halfpenny einige Worte zu. Der Rechtsanwalt nickte und erwiderte ihm leise, bevor er sich an Barthorpe wandte. »Selbst wenn man annimmt, daß Ihre Erzählung stimmt, ist sie kein Beweis dafür, daß das Testament, daß Sie eben gesehen haben, gefälscht ist. Wir halten es für das echte Testament von Jacob Herapath, und es ist Ihnen hoffentlich selbst klar, daß Sie einem Richter und Geschworenen andere Gründe angeben müssen als die eben vorgebrachten.« »Nun, ich will Ihnen meine Gründe gern mitteilen«, antwortete Barthorpe eifrig. Er beugte sich über den Tisch, und in dem Augenblick wurde Halfpenny bewußt, daß Barthorpe persönlich felsenfest von seinem Recht überzeugt war. »Ich will sie Ihnen rückhaltlos sagen und Punkt für Punkt aufzählen. Erstens war es mir wohlbekannt, daß mein Onkel kein Testament gemacht hatte. Zweitens wäre er zu mir gekommen, wenn er ein Testament hätte aufsetzen wollen, da ich seit langen Jahren als sein Rechtsbeistand gehandelt habe. Drittens hatte ich vor etwa einem Jahr eine Unterredung mit ihm wegen Abfassung eines Testamentes. Damals sagte er mir, er hätte keine letztwillige Verfügung getroffen und wollte seinen Besitz zwischen mir und meiner Kusine teilen. Viertens lehnt Mr. Burchill jede Kenntnis dieses angeblichen Testamentes ab. Fünftens war die Handschrift meines Onkels, wie Sie alle wissen, sehr einfach und ist leicht nachzuahmen. Burchills Handschrift ist ebenfalls kalligraphisch schön und infolgedessen leicht zu fälschen. Sechstens habe ich die Akten jenes Prozesses eingesehen. Dort ist hinlänglich nachgewiesen, mit wie großer Sachkenntnis und wie unheimlich klug Wynne zu Werke ging. Wahrscheinlich hat er selbst nach all diesen Jahren diese Begabung nicht verloren. Siebtens hatte dieser Mann dort reichlich Gelegenheit und Zeit, das Testament zu fälschen. Bei seiner Erfahrung und Kenntnis war das eine Kleinigkeit für ihn. Er hatte dabei offenbar die Absicht, das ganze Vermögen in die Hand seiner Tochter zu spielen und meine Ansprüche auszuschalten. Seit dem Tode meines Onkels hat er zweimal den Versuch gemacht, Mr. Burchill privatim zu sprechen. Warum? Um ihn für sich zu gewinnen! Und –« Mr. Tertius, der auf die Tischplatte gesehen hatte, während Barthorpe seine verschiedenen Punkte aufzählte, schaute plötzlich zu Halfpenny hinüber. Ein verächtliches Lächeln spielte um seine Lippen, als er Barthorpe unterbrach. »Halfpenny«, sagte er ruhig, »ich glaube, diese ganze Farce – denn weiter ist es nichts – kommt jetzt am besten zu Ende. Darf ich einige Fragen an Mr. Herapath stellen?« »Ich habe nichts dagegen, Tertius. Ob er sie aber beantwortet, ist eine andere Sache. Meiner Meinung nach wäre er allerdings moralisch dazu verpflichtet.« »Ich werde nach meinem Belieben handeln«, erwiderte Barthorpe düster. »Sie können mich ruhig fragen, an den Tatsachen wird dadurch ja doch nichts geändert.« »Sie haben eben behauptet, daß ich in Wirklichkeit Arthur Wynne, der Vater Ihrer Kusine und der Schwager von Jacob Herapath, bin. Was Sie von Arthur John Wynne gesagt haben, ist unglücklicherweise nur zu wahr. Es stimmt, daß er auf Abwege geriet und eine schwere Strafe durchmachen mußte. Er kam nach Portland. Aber nun möchte ich Sie fragen, was später aus ihm wurde.« »Als Sie aus dem Gefängnis entlassen wurden, kamen Sie nach London, wo sich Jacob Herapath Ihrer annahm«, erwiderte Barthorpe gehässig. »Mehr wissen Sie nicht?« fragte Tertius. »Ich denke, das ist genug! Es hat keinen Zweck, mich zu bluffen, ich habe Ihre Bewegungen genau verfolgt!« »Zweifellos unter Hilfe und Assistenz von Mr. Burchill«, bemerkte Mr. Tertius trocken. »Aber –« Burchill richtete sich steif auf. »Mein Herr, das ist eine ganz ungerechtfertigte Anmaßung«, sagte er scharf. »Ich werde –« »Solche ungerechtfertigten Anmaßungen, Mr. Burchill, scheinen zur Zeit sehr zu grassieren«, unterbrach ihn Tertius mit ungewohnter Schärfe, die alle in Erstaunen setzte. »Unterbrechen Sie mich bitte nicht. Mit Ihnen werde ich in nächster Zeit noch ganz anders verfahren!« Er wandte sich energisch an Barthorpe. »Sie werden sehr erstaunt sein über das, was ich Ihnen jetzt sagen muß, denn ich glaube, daß Sie ehrlich von dem überzeugt sind, was Sie vorhin vorbrachten. Ich bin nicht Arthur John Wynne, sondern John Christopher Tertius, wie viele Leute hier bezeugen können. Aber ich kannte Arthur John Wynne, der auf Veranlassung von Jacob Herapath nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zu mir nach London kam. Ich lebte damals in Bloomsbury und hatte kurz vorher meine Frau verloren. Aber Wynne hatte nicht mehr lange zu leben, als ich ihn aufnahm. Hätten Sie etwas genauere Nachforschungen angestellt, so hätten Sie herausgebracht, daß er wegen seiner schlechten Gesundheit vorzeitig entlassen wurde. Er war sehr krank, als er zu mir kam, und starb schon sechs Wochen später. Er liegt auf dem Kirchhof seines Heimatortes in Wales begraben, und Sie können alle Dokumente über seinen Tod und seine Beerdigung einsehen. Sie können auch sein Grab aufsuchen, wenn Sie wollen. Nach seinem Tode habe ich aus Gründen, die ich hier nicht näher auseinanderzusetzen brauche, im Hause meines Freundes Jacob Wohnung genommen. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin sollte Peggie Wynne niemals erfahren, wer ihr Vater eigentlich war, und was er sich hatte zuschulden kommen lassen, und wenn Sie die Vergangenheit nicht angerührt hätten, wäre es ihr auch nie bekannt geworden. Ich denke, das ist eine klare Antwort auf Ihre Anklage gegen mich. Nun möchte ich aber noch von Ihnen erfahren, wer diese Lügengeschichte erfunden hat. – Sie antworten nicht? Wollen Sie nicht? Soll ich Ihnen ein wenig helfen? War es nicht Mr. Burchill, der hier neben Ihnen sitzt? Er weiß ganz genau, daß er heute morgen schändlich und schamlos gelogen hat, er weiß, daß er zugegen war, als Jacob Herapath dieses Testament unterzeichnete. Er hat es ja selbst in meiner Gegenwart als Zeuge beglaubigt, das ist ihm gut genug bekannt!« Tertius schlug heftig mit der Faust auf den Tisch. »Und noch eins: Ihre Kusine Margaret hat ein Dokument in Besitz, das zweifellos beweist, daß das Testament vollkommen zu Recht besteht. Zeigen Sie ihm dieses Schriftstück, Peggie, und überzeugen Sie ihn durch einen unwiderleglichen Beweis!« Aber bevor sie seinem Rat folgen konnte, erhob sich Burchill, um sich zu entfernen. Barthorpe stand auch auf. Er war bleich vor Ärger und Bestürzung. Mr. Halfpenny sah die beiden an und zeigte auf die Stühle. »Wäre es nicht besser, daß Sie noch einmal Platz nehmen? Es scheint mir, daß wir jetzt in ein sehr interessantes Stadium eingetreten sind.« Aber Burchill ging zur Tür. »Ich habe nicht die Absicht, länger in einer Gesellschaft zu bleiben, in der ich so rücksichtslos beleidigt werde. Tatsächlich steht mein Wort gegen das Wort von Mr. Tertius. Das weitere werden wir ja später sehen. Im Augenblick ziehe ich es jedenfalls vor, zu gehen.« »Warten Sie!« rief Barthorpe. »Ich muß noch mit Ihnen sprechen!« Aber Burchill ließ sich nicht aufhalten. Halfpenny stieß Professor Cox an. »Ich sage, bleiben Sie!« wiederholte Barthorpe scharf. »Sie müssen erklären –« Burchill wollte gerade die Tür öffnen, als Mr. Halfpenny eine elektrische Klingel berührte. Bei dem schrillen Klang öffnete sich die Tür von außen. Burchill schrak zurück. »Um Himmelswillen! Polizei!« rief Barthorpe. Inspektor Davidge trat schnell in das Zimmer. Drei andere Beamte folgten ihm, und im Vorraum waren noch weitere Polizisten mit dem aufgeregten jungen Berichterstatter des »Argus« zu sehen. Barthorpe wurde plötzlich gewahr, daß ihn zwei große, kräftige Beamte an den Armen packten, während zwei andere Burchill ergriffen. Die Blässe wich aus seinem Gesicht, und er wurde dunkelrot vor Zorn. »Zum Teufel, was hat das alles zu bedeuten?« »Sie sind beide in derselben Lage, Mr. Herapath«, antwortete Mr. Davidge ruhig und sachlich. »Ich werde Sie und Mr. Burchill unter Anklage stellen, sobald wir auf der Polizeistation angekommen sind. Sie sind jetzt beide verhaftet, wie Sie wohl wissen, und ich warne Sie –« »Unsinn!« rief Barthorpe. »Wie können Sie mich verhaften? Welche Anklage wollen Sie denn gegen mich vorbringen?« »Die Anklage lautet gleich gegen Sie beide«, entgegnete Davidge kühl. »Es handelt sich um den Mord an Jacob Herapath.« Totenstille herrschte im Raum, aber dann schrie Peggie auf, und Barthorpe wollte sich auf Burchill stürzen. »Sie Schuft!« rief er wild. »Sie sind an allem schuld! Sie haben mich auf dem Gewissen, Sie Teufel! Wenn ich Sie nur an der Gurgel packen könnte –« Die anderen Beamten und Triffitt kamen auf einen Wink des Inspektors in den Raum. »Legen Sie den beiden Handschellen an!« befahl Davidge. »Ich kann mir nicht helfen, Mr. Herapath. Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, bin ich zu diesem Schritt gezwungen. Der andere Herr –« Aber während sich Barthorpe törichterweise erhitzt und erregt hatte, war Burchill kühl und berechnend geblieben. Als die anderen Beamten in das Zimmer strömten, hatte er sich durch eine kurze, aalglatte Bewegung freigemacht und war durch die offene Tür verschwunden, ehe Davidge seine Leute warnen konnte. Der Inspektor und die Polizisten folgten ihm. Mr. Halfpenny klingelte wütend und rief nach seinen Angestellten, aber keiner war flink genug, Burchill aufzuhalten, der als ehemaliger Sekretär von Jacob Herapath mit allen Einzelheiten des Hauses vertraut war. Er entkam auf einer dunkeln Seitentreppe, die in eine benachbarte Nebenstraße führte. Inspektor Davidge fluchte auf seine Leute und sein Mißgeschick. Auf jeden Fall nahm er aber Barthorpe Herapath mit sich, während Triffitt Hals über Kopf zu seiner Redaktion eilte, um einen flammenden, sensationellen Artikel zu schreiben. 25. Kapitel. Unter Mordanklage. Am nächsten Morgen kam der »Argus« in großer Aufmachung heraus, und Triffitt konnte seine Leser zehn Tage lang in höchster Spannung halten. Er selbst war von seiner Begeisterung so mitgerissen, daß er kaum aß und schlief. Es gab so viel für ihn zu tun. Zunächst wurde Burchill steckbrieflich verfolgt; dieser Mann war verschwunden, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Dann wurde Barthorpe Herapath vor das Polizeigericht gestellt. Die Totenschau, die nun mehrere Male vertagt worden war, mußte durchgeführt werden. Erst am zehnten Tage hatte Triffitt eine Atempause. Die allgemeine Lage hatte sich nun ziemlich geklärt; auf der Totenschau war gegen Barthorpe Herapath und Frank Burchill wegen vorsätzlichen Mordes erkannt worden. Die Anklage gegen Barthorpe war erhoben, die Polizei setzte alles daran, Burchill zu ergreifen. Das Interesse der großen Menge war erregt; man verlangte die Gefangennahme Burchills und erwartete, daß die beiden Angeschuldigten in dem folgenden Prozeß zum Strang verurteilt würden. Nur Professor Cox machte hiervon eine Ausnahme. An dem Nachmittag, an dem Barthorpe für schuldig befunden wurde, ging er nachdenklich nach Hause und fuhr am Abend nach Portman Square. Peggie, Mr. Tertius und Selwood hatten gerade gegessen und saßen nun in dem ruhigen, kleinen Wohnzimmer. Aber es wollte keine Unterhaltung zustande kommen, ein melancholisches Schweigen herrschte in dem Raum. Die Schande über Barthorpes Verhaftung, die Enthüllungen bei der Totenschau und vor dem Polizeigericht und der Spruch der Geschworenen hatten Peggie vollkommen niedergeschmettert. Tertius und Selwood sahen die Hoffnungslosigkeit ein, sie trösten zu können. Das Erscheinen des Professors brachte ihnen Erleichterung. Cox schloß die Tür energisch und gab dadurch zu erkennen, daß er nicht gestört zu werden wünschte. Dann nahm er einen Stuhl und setzte sich zu den anderen, die ihn gespannt ansahen. »Es hat keinen Zweck, daß wir tatenlos zusehen«, begann er, indem er sofort auf sein Ziel losging. »Wenn wir verhindern wollen, daß Barthorpe an den Galgen kommt, müssen wir uns rühren, und ich bin hierhergekommen, um Sie zum Handeln zu bringen.« Peggies Wangen röteten sich leicht, aber Mr. Tertius schüttelte langsam den Kopf. »Es ist zu traurig«, sagte er leise, »wirklich zu traurig. »Aber was soll man denn gegen diesen klaren Tatbestand, gegen diese Zeugen machen, mein lieber Professor?« »Ich habe alle Aussagen verfolgt, die bei den Verhandlungen gemacht wurden. Es hat wohl kaum einer so scharf mitgedacht wie ich. Ich kenne jedes Detail des ganzen Falles und will Ihnen jetzt einmal auseinandersetzen, warum ich mit dem Schuldbeweis nicht einverstanden sein kann. Bitte folgen Sie meinen Ausführungen genau.« Er zog einen kleinen Tisch zu sich heran und legte einen Stoß Papiere und Zeitungen darauf, die er mitgebracht hatte. »Alle Aussagen, die gegen Barthorpe und Burchill vorgebracht wurden, haben zu dem Resultat geführt, daß die Anklage wegen Mordes gegen Barthorpe erhoben wird, und daß die Polizei Burchill aufs eifrigste sucht, um die gleiche Anklage gegen ihn zu richten. Die Konstruktion der Polizei ist sehr einfach; ich will ihre Theorie Punkt für Punkt erörtern. Erstens. Die Polizei sagt, daß Jacob Herapath infolge einer Verschwörung zwischen seinem Neffen Barthorpe und Frank Burchill ermordet wurde. Zweitens. Sie beweist das Bestehen dieser Verschwörung durch verschiedene Schriftstücke, die von Inspektor Davidge in Burchills Wohnung entdeckt wurden. Barthorpe verpflichtet sich darin, Burchill zehn Prozent des ganzen gesamten Herapath-Vermögens zu zahlen, falls er selbst in dessen Besitz gelangt. Drittens. Die Polizei behauptet, daß der Plan, das Testament ungültig zu machen und außer Kraft zu setzen, zuerst gefaßt wurde, und in Verfolg dieses Planes der Entschluß reifte, Herapath beiseite zu schaffen. Viertens. Um dieses glaubhaft zu machen, hat man bewiesen, daß Barthorpe seit dem Morde mit Burchill in enger Fühlung stand. Und daraus folgert man, daß er auch vorher häufig mit ihm verkehrte. Fünftens. Eine Tatsache ist voll bewiesen. Barthorpe war in der fraglichen Zeit, in der nach dem ärztlichen Gutachten der Mord geschehen sein muß, in dem Siedlungsbüro. Barthorpe hat Mantel und Hut seines Onkels genommen, diese Wohnung aufgesucht und ist später zu dem Siedlungsbüro zurückgekehrt. An diesen Tatsachen läßt sich nicht rütteln, und diese Verkettung von Umständen läßt Barthorpe schuldig erscheinen. Sechstens. Aus alledem zieht die Polizei den Schluß, daß Barthorpe seinen Onkel ermordet hat, und daß Burchill vorher als Helfershelfer auftrat. Es konnte durch keine Zeugenaussage bewiesen werden, daß sich Burchill während jener Nacht in der Nähe des Siedlungsbüros aufgehalten hat. Aber das ist nach Lage der Dinge unwesentlich. Wenn, wie die Polizei andeutet, bewiesen werden kann, daß eine Verschwörung mit dem Ziel, Jacob Herapath zu ermorden, vor dem 12. November bestand, dann kommt es gar nicht darauf an, ob Burchill aktiven Anteil an der Tat hatte oder nicht. Er ist auf jeden Fall als Mittäter schuldig.« Der Professor machte eine Pause und strich mit der Hand über die Papiere an seiner Seite. »Aber«, sagte er dann mit großem Nachdruck, »und dieses Aber möchte ich ganz besonders unterstreichen – es ist die große Frage, ob die Verschwörung vor dem 12. November existierte. Das ist entscheidend für die Schuld oder Unschuld Barthorpes. Wir wissen, daß Barthorpe heute morgen ganz gegen den Willen seiner Verteidiger hartnäckig darauf bestand, eine Erklärung abzugeben. Sie ist in fast allen Abendzeitungen wörtlich wiedergegeben, und ich möchte sie Ihnen jetzt genau vorlesen.« Er nahm eine Zeitung von dem Tischchen und begann. »Ich will die reine Wahrheit sagen über alles, was ich mit dieser Sache zu tun habe. Ich habe die Aussagen verfolgt, die verschiedene Zeugen über meine finanzielle Lage gemacht haben, und was sie sagten, ist mehr oder weniger richtig. Ich habe im letzten Winter bei Wetten und im Spiel viel Geld verloren, wußte jedoch nicht, daß meine Lage meinem verstorbenen Onkel bekannt war, bis ich heute durch Zeugenaussagen erfuhr, daß mich mein Onkel von Privatdetektiven beobachten ließ. Ich wollte ihm an dem Abend, an dem er ermordet wurde, offen meine Verhältnisse schildern, denn ich stand auf gutem Fuß mit ihm. Was er auch immer über meine Schulden gewußt haben mag, mir gegenüber hat er niemals etwas davon erwähnt. Etwa vor einem Jahr haben wir beide im Scherz darüber gesprochen, daß er ein Testament machen sollte, und ich gab ihm den Rat, es zu tun. Ich wollte es für ihn aufsetzen. Er erwiderte lachend, daß das sicher einmal geschehen müßte. Ich erkläre hier feierlich, daß ich am 12. November, dem Tage der Tat, keine Ahnung davon hatte, daß er tatsächlich ein Testament gemacht hatte. Am 12. November erhielt ich ungefähr um fünf Uhr nachmittags von meinem Onkel eine kurze Mitteilung, in der er mich bat, ihn um zwölf Uhr nachts in seinem Büro in Kensington aufzusuchen. Ich hatte ihn schon vorher öfters um diese Zeit dort getroffen und fand nichts Ungewöhnliches in dieser Aufforderung. Ich begab mich natürlich dorthin, und zwar zu Fuß. Als ich ankam, sah ich das Auto meines Onkels. Die äußere Tür, die zu den Büroräumen führte, war nur angelehnt, und darüber war ich sehr erstaunt. Gewöhnlich mußte ich klingeln, wenn ich so spät dorthin kam, und er öffnete mir dann. Ich trat ein und fand, daß auch die Tür zu seinem Büro aufstand. Das elektrische Licht brannte. In dem Zimmer selbst sah ich dann meinen Onkel tot zwischen dem Pult und dem Kamin auf dem Boden liegen. Ein Revolver lag ganz in der Nähe. Ich berührte seine Hand, sie war noch warm. Anzeichen eines Kampfes waren nicht zu entdecken, und ich folgerte also, daß sich mein Onkel selbst erschossen hatte. Seine Schlüssel lagen auf dem Schreibtisch, sein Pelzmantel und sein weicher Hut auf dem Sofa. Ich erschrak natürlich sehr und trat zunächst auf den Gang hinaus, um den Hausverwalter zu rufen. Im Hause herrschte Totenstille; ich begann nachzudenken und führte dann meine Absicht nicht aus. Ich wußte, daß ich mich in einer sehr ernsten Lage befand. Der Tod meines Onkels bedeutete einen großen Umschwung für mich, denn ich war sein nächster männlicher Verwandter. Das Verlangen, zu wissen, wie ich nun daran war, wurde übermächtig in mir, und als ich den Hut und den Mantel sah, kam mir ein Gedanke. Ich zog sie an, nahm die Schlüssel von dem Schreibtisch und den Hausschlüssel seiner Wohnung am Portman Square aus seiner Tasche, drehte das Licht aus, schloß beide Türen, ging zu seinem Auto und ließ mich zur Wohnung fahren. Der Chauffeur hielt mich für Jacob Herapath. Ich habe alle Zeugenaussagen gehört, die sich auf meinen Besuch in der Wohnung beziehen. Es ist wahr, daß ich mich dort einige Zeit aufgehalten habe. Ich suchte dort lange nach einem Testament, fand aber nichts. Es stimmt auch, daß ich aus dem Glase getrunken und ein Brot gegessen habe. Ein anderes habe ich noch angebissen. Ebenso ist es richtig, daß mein rechter vorderer Eckzahn abgebrochen ist, und daß der Eindruck auf dem Butterbrot gefunden wurde. Alles das gebe ich zu. Ich bin auch mit dem Mietauto um zwei Uhr von der Orchard Street zu dem Büro in Kensington zurückgefahren. Dort hatte sich inzwischen nichts verändert. Ich nahm Hut und Mantel ab, legte die Schlüssel unter einige lose Papiere auf den Tisch, drehte das Licht wieder aus und ging nach Hause. Nun komme ich zu Burchill und dem Testament. Als ich zuerst von dem Testament hörte und es nachher auch persönlich sah, wollte ich Burchill in seiner Wohnung aufsuchen. Ich hatte ihn früher im Hause meines Onkels gesehen, stand aber in keiner Verbindung mehr mit ihm, nachdem er aus den Diensten meines Onkels entlassen worden war. An jenem Nachmittag habe ich ihn zum erstenmal wiedergesehen. Seine Adresse wußte ich aus dem Brief, den ich in der Brieftasche meines Onkels fand und an mich nahm, als die Polizei mit mir zusammen die Papiere durchsah. Burchill trieb ein falsches Spiel mit mir, als ich ihm sagte, daß ein Testament gefunden worden sei. Er antwortete mir nur ausweichend und fragte mich schließlich direkt, ob ich ihm eine große Belohnung zahlen würde, wenn er mir dazu verhelfen würde, das Testament erfolgreich anzufechten und außer Kraft zu setzen. Ich antwortete, daß ich das tun wollte, wenn er dazu imstande sei, was ich allerdings zuerst bezweifelte. Gegen zehn Uhr abends suchte ich ihn dann noch einmal auf, und er erklärte mir, daß Mr. Tertius in Wirklichkeit Arthur John Wynne, ein früherer Zuchthäusler, sei, der wegen Fälschung verurteilt worden war. Er gab mir seine Beweise, und ich war töricht genug, ihm zu vertrauen. Es würde sehr leicht sein, meinte er, in Anbetracht von Wynnes Vorleben den Beweis zu erbringen, daß er das Testament zugunsten seiner Tochter gefälscht habe. Er bot mir seine Hilfe an, wenn ich ihm zehn Prozent des gesamten Vermögens meines Onkels zusicherte. Ich ließ mich leider verleiten, meine Unterschrift zu geben, aber ich erkläre feierlich, daß der ganze Plan, das Testament anzufechten, von Burchill stammt. Und es existierte kein Übereinkommen oder eine Verschwörung zwischen uns vor diesem Abend. Wie sich die Dinge auch immer entwickeln mögen, ich habe vor diesem Gericht die reine Wahrheit gesprochen!« Professor Cox faltete die Zeitung zusammen, legte sie auf den kleinen Tisch und schlug mit der Hand auf sein Knie. »Und ich sage Ihnen, daß diese Erklärung auch vollkommen der Wahrheit entspricht. Ich habe mir die Sache nach allen Richtungen hin überlegt. Wenn sie Barthorpe hängen, begehen sie einen schweren Justizirrtum. Aber –« 26. Kapitel. Im Untersuchungsgefängnis. Mr. Tertius brach das drückende Schweigen, das folgte. »Ach, diese ewigen Zweifel! Was wollten Sie denn mit diesem letzten Aber sagen?« »Barthorpe hat sich reichlich schuldig gemacht, indem er sich an dem niederträchtigen Plan beteiligte, seine Kusine zu betrügen«, entgegnete Cox. »An dem Mord ist er unschuldig, aber es wird furchtbar schwer sein, seine Unschuld zu beweisen. Wie die Dinge jetzt liegen, kommt er bestimmt an den Galgen. Sie wissen ganz genau, wie unsere Geschworenen urteilen. Die Zeugenaussagen, die bisher bei der Totenschau und vor dem Polizeigericht gemacht wurden, genügen vollkommen, um seine Verurteilung bei der Hauptverhandlung herbeizuführen.« »Aber worauf wollen Sie denn hinaus?« fragte Tertius. »Es ist sehr schwierig, unter diesen Umständen einen Rat zu geben oder zu helfen. Zunächst sind noch einige Punkte aufzuklären. Bisher ist es noch niemand gelungen, den Mann ausfindig zu machen, der Jacob Herapath am Abend des Mordes im Parlament aufgesucht hat. Trotz aller Zeitungsnachrichten und Aufrufe hat er sich nicht gemeldet. Mr. Halfpenny hat einmal die Vermutung ausgesprochen, daß der Brief und der Gegenstand, die Jacob dem Fremden überreichte, eine Mitteilung an die Alpha-Bank und der Schlüssel zu seinem dortigen Schließfach waren. Wir wissen jetzt aber, daß diese Annahme nicht stimmt, denn es ist kein Brief bei der Bank abgegeben worden, und niemand hat das Schließfach geöffnet. Halfpenny war auch der Meinung, daß dieser Fremde sich gemeldet hätte, und zwar während der Zeit, in der die Polizei so beharrlich schwieg und keine Auskunft gab. Aber die Beamten haben nichts von diesem Mann gehört und seine Spur auch nicht weiter verfolgt. Trotzdem glaube ich aber, daß wir ein gutes Stück vorwärts kämen, wenn wir diesen Fremden auffinden könnten. Wie wir das allerdings anstellen sollen, weiß ich auch nicht.« »Und um welche weiteren Punkte handelt es sich noch?« fragte Selwood nach einer Pause. »Ich hätte gern noch gewußt, ob Barthorpe alles sagte, was er weiß. Es wäre doch möglich, daß er kleine Einzelheiten ausgelassen hat, Dinge, die ihm unwichtig vorkamen, und die trotzdem vielleicht Anhaltspunkte zur Aufklärung des Mordes geben könnten. Man muß deshalb Barthorpe aufsuchen und durch Fragen alles aus ihm herausholen. Es genügt aber nicht, daß das seine Verteidiger tun, sondern es muß jemand mit ihm sprechen, dem er vertrauen kann. Und die geeignetste Person unter uns« – er legte seine Hand auf Peggies Schulter – »sind Sie, mein Liebling!« »Ich?« rief Peggie erstaunt, fast entsetzt. »Ja, Sie. Niemand könnte das besser. Er wird Ihnen sagen, was er anderen verschweigt. Habe ich nicht recht, Tertius?« »Ja, vollkommen«, pflichtete Tertius bei. »Das ist auch meine Ansicht.« »Aber er ist doch im Gefängnis«, sagte Peggie. »Wird man mich zu ihm lassen?« »Halfpenny kann das leicht arrangieren«, antwortete der Professor. »Aber Sie müssen sofort hingehen. Selwood soll Sie als Zeuge begleiten. Das ist viel besser, als wenn wir älteren Leute ihn aufsuchen. Jugend erweckt Vertrauen.« Peggie sah zu Selwood hinüber. »Wollen Sie mitkommen?« Selwood fühlte, wie er errötete, und erhob sich, um seine plötzliche Gefühlsaufwallung zu verbergen. »Ich tue alles, was Sie wünschen«, erklärte er eifrig. »Halfpenny muß ohne Verzug für Sie beide die Erlaubnis zum Besuch im Gefängnis erwirken«, sagte Professor Cox. »Und wenn Sie erst bei ihm sind, müssen Sie ihm zureden, so sehr Sie können. Er soll sein Gedächtnis anstrengen und versuchen, sich auf jede Einzelheit zu besinnen. Besonders ermahnen Sie ihn, alles zu sagen, falls er noch etwas zurückgehalten haben sollte. Bitten Sie ihn, so inständig und dringend Sie nur irgend können, Ihnen sein ganzes Vertrauen zu schenken. Sonst sehe ich sehr schwarz.« Zwei Tage später saßen Peggie und Selwood nervös und aufgeregt in einem Zimmer. Beide hatten das Gefühl, daß sie ersticken müßten. Aber es war nicht die Enge des Raums, die sie so sehr bedrückte, sondern das bürokratische Formelwesen, diese grauen, entsetzlich kahlen Wände, diese ostentative Sauberkeit, der Geruch von Karbolseife, mit der Fußboden und Wände gereinigt worden waren, und vor allem die Gefängnisluft, und das große, eiserne Gitter, das den Raum in zwei Hälften teilte. Peggie kam plötzlich die ganze Schwere dieses Falles zum Bewußtsein, und es wurde ihr klar, was es bedeutete, in die Gewalt der Justiz zu fallen. Barthorpe konnte wohl Hände und Füße, Arme und Beine bewegen, aber er war eingesperrt. Er konnte wohl in seiner Zelle auf und ab gehen, konnte essen, trinken und sprechen, und doch hielt ihn eine unsichtbare Macht in ihrer Gewalt. In dieser schrecklichen Zelle mußte er nun bleiben, bis ihm der Prozeß gemacht wurde. Und dann würde eines Morgens der Henker mit einer kleinen Gruppe von Beamten in seine Zelle treten und ihn zum Galgen geleiten! »Achtung!« flüsterte Selwood leise. »Nehmen Sie sich zusammen und fassen Sie sich. Er kommt.« Peggie schaute auf und sah Barthorpe, der sie durch die Eisengitter anstarrte. Er sah entsetzlich aus. Mehrere Tage lang war er nicht rasiert, seine Wäsche war schmutzig, sein Anzug nicht aufgebügelt. Während dieser verhältnismäßig kurzen Haft war eine große Veränderung mit ihm vorgegangen. Er sah verbissen, vergrämt und finster aus und begrüßte sie nur durch ein kurzes Kopfnicken. Peggie hatte ihre letzte Energie zusammengerafft und trat auf ihn zu. »Warum bist du nur gekommen?« sagte er vorwurfsvoll. »Welchen Zweck hat das denn? Du magst es ja vielleicht gut meinen, aber –« »Aber Barthorpe, wir mußten doch kommen!« rief sie verzweifelt. »Glaubst du denn, wir könnten dich so allein lassen? Du weißt sehr wohl, daß wir dich alle für unschuldig halten.« »Wer sind denn diese alle?« fragte er rauh. »Vielleicht du selbst und das Stubenmädchen?« »Nein, wir alle«, mischte sich jetzt Selwood ein. »Mr. Cox, Mr. Tertius und ich. Das ist eine Tatsache, auf die Sie sich verlassen können.« Barthorpe richtete sich auf und sah Selwood scharf an. Dann änderte sich plötzlich sein Benehmen, und er sprach natürlicher. »Ich danke Ihnen, Selwood, und ich würde Ihnen die Hand reichen, wenn ich könnte. Auch den anderen danke ich, besonders dem alten Tertius, dem ich so großes Unrecht getan habe. Wenn Sie nur wüßten, wie ich von diesem Teufel hinters Licht geführt worden bin! Hat ihn die Polizei gefaßt?« »Nein, noch nicht«, antwortete Selwood. »Aber das tut jetzt im Augenblick nichts zur Sache. Wir sind hergekommen, um etwas für Sie zu tun; das ist jetzt vor allem wichtig.« »Kann überhaupt jemand noch etwas für mich tun?« fragte Barthorpe mit einem verächtlichen Lächeln. »Sie kennen doch die Zeugenaussagen!« »Barthorpe, du darfst nicht verzweifeln«, sagte Peggie bittend. »Mr. Selwood, erklären Sie ihm doch alles, was Professor Cox neulich abends sagte.« Selwood wiederholte den Hauptinhalt der Argumente und Theorien des Professors, so gut er konnte. Barthorpe zeigte zwar Interesse, schüttelte aber schließlich den Kopf. »Ich wüßte nicht, was ich noch vergessen haben könnte. Was die anderen auch denken mögen, ich habe in meiner Erklärung die reine Wahrheit gesagt. Ich versuchte, mich so klar wie möglich auszudrücken, und habe alle Tatsachen, die in Betracht kommen, erwähnt.« »Aber vielleicht gibt es noch Kleinigkeiten, Barthorpe?« fragte Peggie. »Kannst du dich nicht auf irgendwelche Nebensachen besinnen?« Barthorpe dachte nach und sah dann zögernd auf Selwood. »Ein paar Dinge habe ich allerdings unerwähnt gelassen, weil sie mir unwesentlich erschienen. Der eine Punkt betrifft den Schlüssel zu dem Schließfach bei der Bank – Sie entsinnen sich, daß keiner von uns ihn an jenem Morgen finden konnte. Ich nahm ihn nämlich selbst von dem Bund, um das Schließfach zu durchsuchen, aber ich kam nicht dazu. Ich weiß nicht, ob die Detektive ihn inzwischen gefunden haben; er liegt in einer Schublade meines Schreibtisches bei vielen anderen Schlüsseln. Aber das führt ja zu nichts. Ich könnte mir wenigstens nicht denken, wozu diese Angaben nützen sollten.« »Ist denn das alles, woran Sie sich erinnern können?« fragte Selwood. Barthorpe zögerte wieder. Die drei waren in dem düsteren Raum nicht allein, und die Gegenwart des Beamten schien ihm peinlich zu sein. Peggie fühlte das und sah ihn bittend an. »Bitte behalte nichts für dich«, drängte sie. »Sage uns alles.« »Nun gut«, erwiderte ihr Vetter niedergeschlagen. »Ich will es dir sagen, obwohl ich nicht weiß, wozu es gut sein soll. Ich habe bisher nicht davon gesprochen, weil man dergleichen nicht gern eingesteht. Als ich mich nach dem Morde auf Onkel Jacobs Schreibtisch umsah, fand ich eine Hundertpfundnote dort und steckte sie in die Tasche. Hundertpfundnoten sieht man jetzt nicht häufig«, fügte er mit einem sarkastischen Lächeln hinzu. »Es war nicht recht von mir, daß ich einen Toten beraubte, aber –« »Sehen Sie irgendeinen Weg, wobei uns diese Tatsache weiterhelfen könnte?« fragte Selwood, der diese peinliche Erörterung gern abkürzen wollte. Barthorpe rieb sich das Kinn. »Es war eine ganz neue Banknote, das fiel mir auf. Sie könnten zu Onkel Jacobs Bank gehen und zu erfahren suchen, wann er Geld von der Bank holte, oder ob er überhaupt Geld an dem Tage gezogen hat. Er pflegte ja häufig große Summen von der Bank in bar abzuheben. Wenn er an jenem Tage eine größere Summe von der Bank geholt und sie am Abend noch bei sich gehabt hätte, dann wäre ein Motiv für den Mord gefunden. Es wäre ja möglich, daß es jemand erfahren hätte und ihm in das Büro gefolgt wäre. Denken Sie daran, daß beide Türen offen standen, als ich dorthin kam; das darf nicht übersehen werden. Bisher hat die Polizei das nicht geglaubt und keinen Wert darauf gelegt.« »Besinnen Sie sich auf weiter nichts?« fragte Selwood wieder. Barthorpe schüttelte den Kopf. Weiter fiel ihm nichts ein. Die Zeit war auch um, Peggie und Selwood mußten gehen. Sie sahen noch, wie Barthorpe fortgeführt wurde. Peggie fühlte sich trostlos und unglücklich, und auch auf Selwood hatte dieses Erlebnis tiefen Eindruck gemacht. Es hatte ihm gezeigt, was Freiheitsberaubung für einen Mann bedeutet, der bis dahin tätig im Leben stand. »Glauben Sie, daß unser Besuch Zweck gehabt hat?« fragte Peggie müde, als sie wieder im Freien waren. »Diese Banknote mag zu weiteren Schlüssen führen. Auf jeden Fall wollen wir den anderen erzählen, was wir erreicht haben.« Er besorgte ein Mietauto für Peggie, in dem sie nach Hause fuhr. Er selbst begab sich direkt zu dem Büro von Mr. Halfpenny, wo Professor Cox und Mr. Tertius auf ihn warten wollten. 27. Kapitel. Der letzte Scheck. Die drei älteren Herren lauschten aufmerksam und gespannt Selwoods Bericht. Sie hörten allerdings nur wenig Neues, und Tertius und Halfpenny machten enttäuschte Gesichter. Nur Professor Cox griff das wenige begierig auf. »Diese Spur muß verfolgt werden, und zwar sofort!« rief er. »Das ist ein äußerst wertvoller Anhaltspunkt.« Halfpenny war offenbar gegenteiliger Ansicht. »Ich kann das nicht einsehen«, sagte er. »Wirklich nicht, mein lieber Cox. Was ist denn daran, wenn Barthorpe eine Hundertpfundnote von dem Schreibtisch seines Onkels nahm? Jeder von uns weiß doch, daß für Jacob Herapath Hundertpfundnoten ebenso alltäglich waren wie für unsereinen Zweieinhalbschillingstücke. Er war doch ein Mann, der immer große Summen bei sich hatte. Ich habe ihn deshalb öfter gewarnt. Sie und Tertius wissen es vielleicht nicht einmal, weil Sie nur freundschaftlich mit ihm verkehrten. Jacob hatte eine Eigenheit – Mr. Selwood als sein Sekretär weiß sicher davon.« »Was meinen Sie denn?« fragte der Professor. »Ich kenne verschiedene Charakterzüge an Jacob, die man als Eigenheiten bezeichnen könnte.« »Im geschäftlichen Umgang hatte er eine sonderbare Angewohnheit. Er handelte doch mit Grundstücken, kaufte dauernd und verkaufte ebenso schnell auch wieder. Und merkwürdigerweise bezahlte er alle seine Käufe in bar, das heißt in Banknoten. Niemals gab er einen Scheck, selbst wenn Werte von Hunderttausenden in Frage kamen. Er brachte den Handel stets durch Barzahlung zum Abschluß, und ich machte ihm deshalb öfter Vorhaltungen. Er lachte mich aber nur aus und sagte, daß er sich das nicht mehr abgewöhnen könnte. Und ich muß es doch wissen, denn Jacob Herapath hat viele Geschäfte gerade hier in diesem Büro abgeschlossen. Viele Hunderttausende sind in meiner Gegenwart auf dieser Platte ausgezahlt worden. Nun verstehen Sie wohl, warum ich der Hundertpfundnote, die auf dem Schreibtisch lag, keinen besonderen Wert beilege!« »Ja, das stimmt«, mischte sich Mr. Tertius ein. »Jacob war ein sehr reicher Mann. Auch ich habe bemerkt, daß er sehr viel bares Geld bei sich trug.« Aber Professor Cox ließ sich nicht beirren. »Mein lieber Halfpenny, Sie betrachten die Dinge nur oberflächlich. Was Sie mir eben erzählten, beweist mir, daß meine Theorie viel für sich hat. Hören Sie einmal zu. Jacob Herapath mag am Tage seines Todes eine große Summe in Banknoten bei sich gehabt haben. Vielleicht hat ihn jemand ausgezahlt, vielleicht hat er sie auch von der Bank geholt, um jemand auszuzahlen. Es wäre doch nun leicht möglich, daß irgendeine verbrecherisch veranlagte Person davon Kenntnis erhielt, sich Eintritt zu seinem Büro verschaffte und sich dort verborgen hielt, um ihn zu berauben. Vergessen Sie nicht, daß die Türen zu den Büroräumen und zu dem Privatarbeitszimmer offen standen, als Barthorpe um zwölf Uhr dorthin kam. Außerdem haben wir doch die Aussage des Chauffeurs Mountain, daß Jacob Herapath fünfundzwanzig Minuten vor zwölf die Büroräume betrat. Die Zeit genügt zu einem Mord und einem Raub vollkommen. Ich wiederhole: das Motiv zur Tat wird wahrscheinlich reiner Raub gewesen sein, und wir müssen uns an diese Theorie halten, wenn wir Barthorpe um der Familienehre willen helfen wollen.« Mr. Tertius nickte und äußerte seinen Beifall, während Mr. Halfpenny unruhig wurde. »Ja, die Familienehre«, sagte er dann. »Das ist schon richtig. Es wäre tatsächlich schrecklich, wenn der Neffe gehängt würde, weil er seinen Onkel ermordet hat!« »Aber es ist noch viel schrecklicher, wenn man zusieht, wie ein unschuldiger Mensch gehängt wird, ohne Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um seine Unschuld zu beweisen«, warf der Professor dazwischen. »Aber was können wir denn tun?« fragte Halfpenny. »Ich möchte vorschlagen, daß wir die Bank aufsuchen«, erwiderte Cox. »Ich habe nicht gehört, daß man dort schon Nachforschungen angestellt hat. Sind Sie mit den Leuten in Verbindung getreten?« »Er arbeitete mit Bittleston und Stocks«, entgegnete der Rechtsanwalt. »Ich habe Mr. Playbourne, den Leiter der Filiale in Westend, aufgesucht, und er hat mir die Versicherung gegeben, daß er nichts Außergewöhnliches an den Geldgeschäften entdeckt hat, die Jacob kurz vor seinem Tode mit ihnen machte. Auch auf dem Kontoauszug konnte er nichts finden, das seiner Meinung nach zur Aufklärung des Mordes beitragen könnte.« »Seiner Meinung nach?« sagte der Professor ironisch lächelnd. »Er ist mit derartigen Dingen schlecht vertraut. Also ich schlage vor, daß wir alle diesen Mr. Playbourne aufsuchen. Wir haben noch reichlich Zeit, bevor die Bank schließt.« »Nun gut, ich bin dabei«, entgegnete Halfpenny. »Ich fürchte nur, er wird dasselbe sagen wie vorher.« Mr. Playbourne war der typische Vertreter eines etwas altmodischen Bankdirektors. Er empfing die verhältnismäßig große Deputation von vier Herren in seinem Privatbüro und wiederholte seine früheren Aussagen. Er war sehr erstaunt, als die anderen die Vermutung aussprachen, man könnte doch vielleicht einen Anhaltspunkt bei ihm finden; er schien es sogar als eine Art Beleidigung aufzufassen, daß eine so geachtete Bankfirma wie die seine auch nur im entferntesten etwas mit einem Mord zu tun haben könnte. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß eine unserer geschäftlichen Transaktionen mit dem verstorbenen Mr. Herapath Anhaltspunkte geben könnte«, meinte er verletzt. »Unsere Beziehungen zu Herapath waren bis zu seinem Tode stets die gleichen, Jahr für Jahr. Natürlich bin ich bereit, Ihnen alles zu sagen und Ihnen Einblick in alle Bücher zu geben. Sie handeln im Auftrage von Miß Wynne, Mr. Halfpenny?« »Ja, ich habe eine Generalvollmacht in dieser Angelegenheit«, erwiderte der alte Rechtsanwalt. »Die Abwicklung der ganzen Geschäfte liegt in meiner Hand.« »Dann sehen Sie wohl am besten einmal das Paßbuch von Jacob Herapath durch.« Er drückte auf eine Klingel. »Wir hielten es schon in Bereitschaft, falls die Erben oder deren Beauftragte Einsicht verlangten. – Sellers«, fuhr er fort, als ein Angestellter erschien, »bringen Sie das Paßbuch von Mr. Herapath.« Alle rückten näher, als Mr. Playbourne ein umfangreiches, pergamentgebundenes Buch auf den Tisch legte, dessen Stärke dem Umfang der Geschäfte des Verstorbenen entsprach. Der Bankdirektor schlug die letzte Seite der Eintragungen auf. »Sie wissen, daß Jacob Herapath stets mit großen Summen umging. Er hatte ein erhebliches Konto bei unserer Bank. Dauernd zahlte er ein und hob große Beträge ab. Sie können ja selbst am besten hier kontrollieren, welche Transaktionen er mit uns während seiner letzten Lebenstage hatte. Ich kann jedenfalls nichts Besonderes daran entdecken – aber vielleicht finden Sie mehr!« Professor Cox überflog schnell die einzelnen Zeilen, bis er an das verhängnisvolle Datum des 12. November kam. Sofort wies er auf eine Eintragung hin. »Sehen Sie hier: Für eigene Rechnung fünftausend Pfund. Die Summe ist am zwölften ausgezahlt.« Mr. Playbourne lachte ironisch. »Mein lieber Herr, Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie einer solchen Eintragung großes Gewicht beilegen? Jacob Herapath zog dauernd Schecks auf eigene Rechnung über fünf-, zehn-, zwanzig- und dreißigtausend, ja fünfzigtausend Pfund! Fünftausend sind eine Kleinigkeit im Vergleich zu seinen sonstigen Abhebungen.« »Trotzdem möchte ich gern wissen«, bemerkte der Professor ruhig, »ob Jacob Herapath diesen Scheck selbst präsentierte. Und wenn das der Fall ist, in welchen Scheinen er ausbezahlt wurde.« »Nun gut, wenn Sie es wünschen«, erwiderte der Bankdirektor resigniert, klingelte wieder und sah müde auf den Beamten, der gleich darauf erschien. »Forschen Sie nach, ob der verstorbene Mr. Herapath den Scheck über fünftausend Pfund am 12. November selbst präsentierte, und falls ja, wie er das Geld ausgezahlt erhielt.« »Hier ist noch eine Eintragung«, bemerkte Mr. Halfpenny. »Dimambro – dreitausend Guineen. Auch am zwölften.« Mr. Playbournes Interesse erwachte nun plötzlich. »Das war wahrscheinlich der letzte Scheck«, sagte er, »den Jacob Herapath in seinem Leben ausstellte. Und wenn man genau nach dem Gesetz geht, hätte er nicht mehr ausbezahlt werden dürfen.« »Warum nicht?« fragte Professor Cox. »Weil der Aussteller zu der Zeit, als der Scheck bei der Bank präsentiert wurde, bereits tot war. Aber wir wußten das nicht. Der Scheck wurde am 12. November ausgestellt und am nächsten Morgen vorgezeigt, sobald wir öffneten. Wir hatten natürlich noch nichts von den Ereignissen der Nacht erfahren und lösten ihn infolgedessen ein.« »War Ihnen der Empfänger bekannt?« bemerkte Mr. Halfpenny. »Nein, aber sein Name und seine Adresse standen auf der Rückseite des Schecks, und es lag kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß der Scheck rechtmäßig in seinen Besitz gekommen war. Die Sache ist nur deshalb bemerkenswert, weil ein Scheck nach dem Tode des Ausstellers seinen Wert verliert.« Professor Cox sah plötzlich auf. »Könnten wir diesen Scheck vielleicht einmal sehen?« »Aber gewiß«, entgegnete Mr. Playbourne. »Ich will ihn bringen lassen. Aber hier kommt schon die Information über den anderen Scheck über fünftausend Pfund, die Sie haben wollten.« Er nahm dem Angestellten, der eintrat, das Blatt ab und las es laut vor. »Mr. Herapath kassierte den Scheck über fünftausend Pfund selbst ein, und zwar um drei Uhr nachmittags. Er erhielt das Geld in fünfzig Banknoten zu je einhundert Pfund. Die Banknoten hatten folgende Nummern – aber Sie können das Blatt haben, wenn Sie wünschen«, sagte er und reichte es Professor Cox, der das größte Interesse an dem Fall zeigte. »Hier sind die Nummern der Scheine. Ich verstehe allerdings nicht, wie Sie daraus den Mord an Mr. Herapath ableiten wollen. Aber vielleicht haben Sie Glück. – Sellers, holen Sie mir diesen Scheck.« Er zeigte auf eine Stelle des Paßbuches. In wenigen Minuten kam der Beamte zurück, und Mr. Playbourne legte seinen Besuchern den Scheck vor. »Sehen Sie, hier ist seine bekannte Unterschrift mit dem kleinen Geheimzeichen, das nur ihm und der Bank bekannt war. Man wird direkt traurig bei dem Gedanken, daß er wahrscheinlich hier zum letztenmal seinen Namen schrieb.« Professor Cox nahm das Formular in die Hand. Die Vorderseite interessierte ihn wenig, dagegen die Rückseite mit der Signatur des Empfängers um so mehr. Ohne den anderen etwas zu sagen, prägte er sie sich genau ein und wiederholte sie noch leise für sich, als sie einige Minuten später die Bank verließen. »Luigi Dimambro, Hotel Ravenna, Soho.« 28. Kapitel. Hotel Ravenna. Als die vier wieder in Mr. Halfpennys Büro versammelt waren, sah der alte Rechtsanwalt fragend auf Professor Cox. »Nun, was halten Sie von unserem Besuch?« »Der Erfolg war gut. Wir haben doch Verschiedenes herausgebracht. Dieser Bankdirektor ist ein schrecklich eingebildeter Kerl, der nur seine Ein- und Auszahlungen kennt. Sonst hat er keine Ahnung von der Welt. Er hätte natürlich diese Dinge sowohl bei der Totenschau als auch vor dem Polizeigericht vorbringen müssen. Es ist sicher, daß er hierüber als Zeuge bei der Hauptverhandlung gegen Barthorpe Herapath vernommen werden muß.« »Welche Dinge meinen Sie denn?« fragte Halfpenny ein wenig kurz. »Wir haben zwei neue Tatsachen«, erwiderte der Professor. »Zunächst wissen wir, daß Jacob Herapath um drei Uhr fünftausend Pfund in Hundertpfundnoten abhob; zweitens stellte er irgendwann am zwölften einen Scheck zugunsten eines gewissen Luigi Dimambro aus, der sofort am nächsten Morgen bei der Öffnung der Bank abgehoben wurde.« »Offengestanden, mein lieber Cox, weiß ich nicht, was Sie mit diesen Dingen beweisen wollen.« »Das kann ich mir denken«, entgegnete der Professor unbeirrt wie immer. »Aber mir sagen sie sehr viel. Vor allem ersehe ich daraus, daß Jacob Herapath aller Wahrscheinlichkeit nach die betreffenden Banknoten bei sich hatte, als er ermordet wurde.« »Das leuchtet mir nicht ein«, widersprach Mr. Halfpenny. »Er hat die fünfzig Hundertpfundnoten um drei Uhr nachmittags bekommen, und nach Aussage des Arztes wurde er nachts um zwölf ermordet. In neun Stunden hatte er doch genügend Zeit, das Geld auszuzahlen. Und die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß er das getan hat.« »Erinnern Sie sich aber doch bitte an die Aussagen bei der Totenschau«, sagte der Professor. »Jacob Herapath ging um halb vier zum Parlament und blieb dort, bis der Chauffeur ihn um Viertel nach elf abholte. Es ist nicht anzunehmen, daß er im Parlamentsgebäude selbst geschäftliche Transaktionen vornahm.« »Es bleibt aber die Zeit zwischen drei und halb vier«, wehrte sich Mr. Halfpenny. »Ganz recht, aber wir haben noch nichts von einem Geschäft während dieser Zeit gehört. Wahrscheinlich hatte er die Scheine am Abend noch bei sich. Abgesehen davon hat doch Barthorpe Selwood mitgeteilt, daß er eine der Banknoten auf dem Schreibtisch seines Onkels fand.« »Das ist eine einzige Note«, rief Mr. Halfpenny. »Ganz recht«, gab der Professor zu. »Aber könnte es nicht sein – das ist natürlich nur meine Vermutung –, daß Jacob die Banknoten auf dem Schreibtisch vor sich liegen hatte, als er ermordet wurde, und daß der Täter sie zusammenraffte, in der Eile aber eine zurück ließ? Was sagen Sie dazu?« »Das ist doch alles nur graue Theorie«, rief Mr. Halfpenny. »Trotzdem werde ich natürlich alle möglichen Nachforschungen anstellen, um herauszubringen, ob Jacob an jenem Nachmittag jemand fünftausend Pfund ausgezahlt hat.« »Ich möchte nur wissen, wofür er diesen Scheck mit den dreitausend Guineen gezogen hat?« fuhr Cox fort. »Das Geld wurde einem gewissen Luigi Dimambro ausgezahlt, der im Hotel Ravenna, Soho, wohnte, wenn man dem schriftlichen Vermerk auf der Rückseite des Schecks Glauben schenken darf. Offensichtlich handelt es sich um einen Italiener oder Korsen. Wahrscheinlich hat Jacob Herapath etwas von ihm gekauft und erst nach Schluß der Bank mit dem Scheck gezahlt.« »Woraus wollen Sie das ableiten?« fragte Halfpenny wieder. »Weil Dimambro den Scheck einlöste, sobald die Bank am nächsten Morgen öffnete. Wenn er ihm den Scheck am zwölften vor vier Uhr nachmittags gegeben hätte, wäre er wahrscheinlich noch am selben Tage kassiert worden.« »Es wäre aber auch möglich, daß Herapath ihm den Scheck per Post zugeschickt hat«, bemerkte Mr. Halfpenny. »Gewiß, das wäre auch möglich. Aber eben kommt mir der Gedanke, daß dieser Dimambro vielleicht der Fremde war, der Jacob Herapath am Abend im Parlamentsgebäude aufsuchte, und in dem Mountain keinen der gewöhnlichen Freunde seines Herrn erkannte. Verstehen Sie, was ich meine?« Mr. Tertius und Selwood stimmten ihm bei, nur Mr. Halfpenny schüttelte den Kopf. »Wenn dieser Ausländer mit dem Mann identisch ist, der Jacob Herapath im Parlament aufsuchte, dann sehe ich nicht ein, was das mit dem Mord zu tun hat. Jacob Herapath hatte Geschäftsverbindungen mit den merkwürdigsten Leuten angeknüpft – Italienern, Spaniern, Chinesen. Er kaufte alle möglichen Kuriositäten und verkaufte sie oft gleich wieder.« »Sehen Sie, das hilft mir schon wieder weiter«, erwiderte der Professor. »Es ist doch möglich, daß er von diesem Dimambro etwas Wertvolles kaufte, vielleicht erst spät am Abend. Vielleicht hatte er diesen Gegenstand auch noch bei sich, als er ermordet wurde. Auf jeden Fall müssen wir Dimambro auftreiben!« »Wenn er aber der Fremde war, der Jacob Herapath im Parlament aufsuchte, so dürfen wir nicht vergessen, daß schon in allen möglichen Blättern erfolglos nach ihm annonciert wurde«, meinte Selwood. »Das weiß ich alles. Aber er könnte doch zum Beispiel nicht in England sein. Vielleicht ist er nur mit der Absicht hergekommen, Jacob Herapath aufzusuchen, und ist dann gleich wieder abgereist. Ich wiederhole nochmals, daß wir ihn unter allen Umständen finden müssen. Zu diesem Zweck wollen wir einmal vorsichtig im Hotel Ravenna nachforschen, das sich bei Fremden ja eines gewissen Rufes erfreut. Soviel ich weiß, ist es auch als Restaurant ziemlich bekannt. Selwood eignet sich dafür am besten.« Er klopfte dem jungen Mann auf die Schulter. Selwood hatte aber keine besondere Neigung für die Durchführung dieses Auftrages, da ihm Detektivarbeit durchaus nicht lag. Er meinte, der Professor würde dazu viel besser die Hilfe von Scotland Yard in Anspruch nehmen. »Das wäre das Verkehrteste«, entgegnete Cox ruhig. »Sie werden das sicher sehr gut erledigen. Eine Einmischung der Polizei können wir nicht gebrauchen. Am besten gehen Sie hin und essen dort, das fällt am wenigsten auf. Halten Sie Ihre Augen offen und versuchen Sie, mit dem Wirt ins Gespräch zu kommen. Sehen Sie einmal zu, ob er diesen Luigi Dimambro kennt. Es ist weiter nichts nötig als etwas Vorsicht, Takt und Anpassungsvermögen.« Als sie Halfpennys Büro verlassen hatten, nahm er Selwood auf der Straße noch einmal beiseite und gab ihm genaue Instruktionen. Er war über diese letzten neuen Nachrichten, die sie bekommen hatten, sehr zufrieden, und etwas von seiner zuversichtlichen Stimmung teilte sich auch Selwood mit. Noch am selben Abend führte der junge Mann sein Vorhaben aus. Von außen machte das Hotel Ravenna doch einen vornehmeren Eindruck, als er erwartet hatte, und nach der inneren Einrichtung zu schließen, handelte es sich um ein italienisches Unternehmen. Dafür sprachen vor allem die zahlreichen Spiegel, die überladenen Goldrahmen und die roten Plüschgarnituren. Er sah auf die Uhr, es war halb acht. Das Restaurant war gut besucht, und zwar meistens von Fremden. Die Mehrzahl stand beruflich wohl der Theater- und Musikwelt nahe. Es herrschte eine fröhliche Stimmung, und alle Leute schienen zu gleicher Zeit zu reden und aufeinander einzusprechen. In die laute Unterhaltung mischte sich das Geklapper von Tellern und Schüsseln. Sicher war es nicht leicht, in diesem Lokal einen Mann zu suchen, den man obendrein noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Selwood ließ sich von einem Kellner zu einem leeren Sitz führen, und nachdem er ein einfaches Abendbrot und eine Flasche Wein bestellt hatte, steckte er sich wie alle anderen eine Zigarette an. Er betrachtete alle Menschen, die in seinen Gesichtskreis kamen, aber von allen Leuten interessierte ihn eigentlich nur der große Herr im Frack mit den schwarzen Locken. Wahrscheinlich war er der Eigentümer des Lokals, der in dem Raum auf und ab ging, nach allen Seiten hin lächelte und Verbeugungen machte. Auf der Speisekarte las Selwood, daß der Mann Alessandro Bioni hieß, und während des Essens überlegte er sich, wie er zu Werke gehen wollte. Sicher wußte man hier etwas über Luigi Dimambro. Nach einiger Zeit erkundigte sich Mr. Bioni bei dem neuen Gast, ob er auch nach Wunsch bedient würde. Selwood nützte diese Gelegenheit. »Habe ich das Vergnügen, mit dem Besitzer des Lokals zu sprechen?« fragte er. »Ich bin der Geschäftsführer«, entgegnete der andere. »Der Eigentümer ist ein alter Herr, der sich vom Geschäft zurückgezogen hat.« »Würden Sie mir eine Frage beantworten? Wohnt augenblicklich ein Mr. Luigi Dimambro hier? Soviel ich weiß, ist er ein Händler mit Kunstgegenständen«, sagte Selwood aufs Geratewohl. »Er soll manchmal hier Quartier nehmen.« Der Geschäftsführer legte die Hand auf den Tisch und dachte nach. »Einen Augenblick, ich werde das Fremdenbuch holen. Die Hotelgäste nehmen gewöhnlich ihre Mahlzeiten hier ein, aber ich behalte leider nicht alle Namen.« Er verschwand durch eine Seitentür und kam bald darauf mit einem Buch zurück. »Sagten Sie nicht Dimambro? War er kürzlich hier?« »Etwa Beginn oder Mitte November«, entgegnete Selwood. Der Geschäftsführer schlug die betreffenden Seiten auf und zeigte plötzlich auf eine Eintragung. »Sehen Sie hier«, sagte er mit etwas theatralischer Betonung. »Dimambro, vom elften bis zum dreizehnten November. Er ist allerdings nach zwei Tagen schon wieder abgereist.« »Ach, er wohnt augenblicklich nicht hier?« entgegnete Selwood anscheinend enttäuscht. »Das tut mir aber furchtbar leid. Ich hätte ihn gern gesprochen. Hat er vielleicht eine Adresse hinterlassen?« Der Geschäftsführer war die Höflichkeit selbst, ging wieder nach dem Hotelbüro zurück und fragte dort nach. Aber er kam mit vielen Entschuldigungen zurück, daß er seinem Gast leider nicht dienen könne.« »Ich bin Ihnen zu großem Dank verbunden«, erklärte Selwood. »Aber so ungeheuer wichtig ist die Sache nicht.« Er hatte jedenfalls festgestellt, daß ein gewisser Dimambro an dem kritischen Tage im Hotel Ravenna gewohnt hatte, und vermutlich war das derselbe Mann, der am Morgen nach dem Morde den Scheck bei der Bank präsentiert hatte. Mehr konnte er im Augenblick nicht erreichen. Ob Dimambro etwas mit dem Morde zu tun hatte, mußte Professor Cox herausbringen. Selwood hatte seinen Kaffee getrunken und wollte eben zahlen, als er plötzlich ein Gesicht hinter der Glasscheibe der Eingangstür sah. Der Mann wollte wohl von dort aus das Innere des kleinen Restaurants überschauen. Aber ebenso schnell, wie es aufgetaucht war, verschwand das Gesicht wieder. In dem Bruchteil einer Sekunde hatte Selwood jedoch Burchill erkannt. 29. Kapitel. Der Zettel in dem Gebetbuch. Sobald Selwood seine Rechnung beglichen hatte, eilte er auf die Straße, aber er hatte nur wenig Aussicht, Burchill in diesem großen Menschengewühl zu finden. Trotzdem wanderte er eine halbe Stunde in der Gegend umher und sah jeden Mann von großer Gestalt an, der an ihm vorüberkam. Aber schließlich gab er es auf und ging nach Ensleigh Gardens, um dort dem Professor Cox zu berichten, was er erreicht hatte. Der Professor hörte ihn ruhig an und schien nicht einmal besonders erstaunt zu sein. »Haben Sie sich auch nicht getäuscht? Meinen Sie wirklich, daß es Burchill war?« »Ich bin meiner Sache ganz sicher. Man kann ihn nicht so leicht mit einem anderen verwechseln.« »Dann ist er aber ein kecker Bursche«, meinte Cox. »Das nenne ich direkt tollkühn! Der Steckbrief mit seinem Bilde ist an allen Anschlagsäulen zu sehen, und er weiß ganz genau, daß jeder Polizist und Detektiv in London nach ihm ausschaut. Dazu kommen noch die vielen Leute, die sich gern die ausgesetzte Belohnung verdienen möchten. Wenn er es wirklich war, schließe ich daraus eigentlich, daß er sich nicht besonders vor einer Festnahme fürchtet. Er muß noch irgendeinen Trumpf in der Hand haben, das habe ich mir schon immer gedacht. Der Mann verfolgt noch einen Plan. Vielleicht kam er aus demselben Grunde wie Sie zu dem Restaurant.« »Was? Sie meinen, er hat auch Dimambro gesucht?« rief Selwood überrascht. »Warum nicht? Er war doch verhältnismäßig lange Sekretär von Jacob Herapath, und Herapath hatte vielleicht schon in jenen Tagen geschäftlich mit Dimambro zu tun. Sie selbst haben diesen Namen früher nicht gehört?« »Nein. Mir gegenüber hat Mr. Herapath ihn nicht erwähnt. Ich habe auch keine Briefe von diesem Mann in die Hand bekommen. Aber ich kann nur bestätigen, was Mr. Halfpenny gestern sagte. Mr. Herapath stand mit den seltsamsten Leuten in geschäftlicher Verbindung. Er kaufte alle möglichen Dinge, Kuriositäten, Gemälde, vor allem wertvolle Edelsteine, und gewöhnlich trug er nicht nur große Geldsummen, sondern auch Wertsachen bei sich.« »Das ist eine wertvolle Nachricht für mich«, rief der Professor, stand auf, legte die Hände auf den Rücken und ging im Zimmer auf und ab. »Selwood, Sie müssen unbedingt noch weitere Nachforschungen in dem Hotel anstellen. Gehen Sie gleich morgen früh wieder hin. Vielleicht können Sie von dem Personal etwas erfahren.« »Wollen Sie nicht die Polizei zuziehen?« »Nein, jetzt noch nicht. Die Polizei hat ihre eigenen Methoden und dankt anderen Leuten nicht, wenn man sie von ihren gewohnten Wegen abbringen will. Nein, wir wollen ihnen nichts davon sagen, daß Sie Burchill gesehen haben. Sie würden doch nur ungläubig darüber lächeln. Natürlich beobachten sie alle Seehäfen genauer als die Straßen Londons. Und dieser Burchill ist ein verflucht schlauer Teufel. Er weiß ganz genau, daß er hier, unter der Nase der Polizei, viel sicherer ist, als wenn er fünfzig Meilen von London entfernt wäre. Meiner Meinung nach wird er sich selbst stellen, wenn er die Zeit für gekommen hält.« – Am nächsten Morgen ging Selwood wieder zum Hotel Ravenna und fragte das Personal aus. Viel konnte er allerdings nicht erfahren. Mr. Dimambro hatte früher noch nicht hier logiert, hätte auf Zimmer Nr. 5 gewohnt und war während des Tages viel ein- und ausgegangen. Am dreizehnten November ging er schon früh weg, kam um zehn Uhr wieder, bezahlte seine Rechnung und ging dann mit seinem Koffer weg. Im Hotel selbst hatte er keinen Besuch empfangen, aber Selwood entdeckte im Restaurant einen Kellner, der sich auf den Herrn von Nr. 5 besinnen konnte. Am Abend des zwölften November hatte Dimambro gegen sieben Uhr mit einem Herrn dort zu Abend gespeist. Der Andere war groß und schlank, sah wie ein Schauspieler aus und war sehr gut gekleidet. Der Kellner besann sich auf Mr. Dimambro, weil er eine Flasche besten französischen Sekt getrunken hatte, was im Hotel Ravenna eine Seltenheit ist. Mr. Dimambro selbst war verhältnismäßig klein, neigte zur Korpulenz und trug einen schwarzen Spitzbart. Selwood brachte diese neuen Einzelheiten Professor Cox, der interessiert zuhörte. »Dieser gutgekleidete Herr könnte Burchill gewesen sein«, meinte er. »Die Beschreibung paßt auf ihn. Nun wollen wir einmal mit dem Chauffeur Mountain sprechen.« Sie trafen ihn in der Garage, und er sagte wieder auf das bestimmteste, daß er sich auf den Fremden besinnen könnte. Als er ihn aber genauer beschreiben sollte, versagte sein Gedächtnis. Er hatte wohl gesehen, daß der Fremde sehr gut gekleidet war und einen Zylinder trug, aber ob er dunkel oder blond, älter oder jünger; groß oder klein, schlank oder korpulent war, konnte er nicht angeben. »Es ist doch merkwürdig, wie wenig die Leute beobachten können«, bemerkte der Professor, als sie die Garage verlassen hatten. »Ein Mann wie Mountain ist doch nicht der Dümmste, und er hat nun diesen Mann eine ganze Minute lang betrachtet, kann aber später nichts über ihn sagen. Hier sind wir also nicht weitergekommen.« Selwood erschien die Aufgabe allmählich unlösbar, und er wurde pessimistisch wie Mr. Halfpenny. Aber Professor Cox ließ sich nicht so leicht entmutigen und sann sofort auf neue Wege. »Wir wissen jetzt genau«, sagte er auf dem Wege nach Portman Square, »daß Jacob Herapath am zwölften November mit Luigi Dimambro zu einem geschäftlichen Abschluß kam und ihm einen Scheck über dreitausend Guineen entweder persönlich einhändigte oder zusandte. Wir müssen nun einmal alle Akten durchsehen. Vielleicht finden wir eine Rechnung oder eine Notiz, die damit in Zusammenhang steht.« Aber Selwood schüttelte den Kopf und seufzte verzweifelt. »Das war ja auch eine von den merkwürdigen Charaktereigenschaften meines Chefs, daß er weder Quittungen nahm noch gab. Er konnte wild werden, wenn jemand eine Quittung von ihm verlangte. Und ebenso lehnte er jede Quittung ab, wenn er Bargeld gezahlt hatte. Ich habe persönlich gesehen, wie er viele tausend Pfund als Kaufpreis bezahlte, und die Quittung in Gegenwart des Käufers ins Feuer warf. Deshalb fürchte ich, daß wir nichts finden. Wenn Briefe beantwortet waren, wurden sie vernichtet. Und da er seine Korrespondenz sehr ordentlich führte, blieb eigentlich nichts liegen!« »Trotzdem wollen wir einmal nachsehen«, erwiderte der Professor unbeirrt. Die beiden brachten den ganzen Sonnabend nachmittag damit zu, jede Schublade und jedes Behältnis, in dem Papiere liegen konnten, sowohl in der Wohnung als auch im Büro zu durchsuchen; aber sie fanden nicht das geringste über Dimambro. Als sie es schließlich aufgaben, waren sie nicht klüger als vorher. »Also schlafen Sie die Nacht ruhig, und schlagen Sie sich die Sache bis zum Montag aus dem Kopf«, meinte der Professor. »Dann kommen Sie zu mir, denn wir müssen unsere Nachforschungen fortsetzen. Ich ruhe nicht eher, als bis ich herausgefunden habe, was Jacob Herapath mit diesem Dimambro zu tun hatte. Und wenn ich diesen Mann durch ganz Italien verfolgen sollte!« – Seit dem Tode ihres Onkels hatte Peggie mehr und mehr gezeigt, daß sie Selwood vertraute. Es war zu dieser schweigenden Verständigung gekommen, weil er dauernd in ihrer Nähe war und ihr überall half. Er brachte seine freie Zeit in der Wohnung am Portman Square zu und bewahrte seine junge Herrin vor allen Aufregungen und Unannehmlichkeiten, soweit es irgendwie in seiner Macht stand. Er begleitete sie auch auf allen ihren Gängen und sogar bei ihren Besuchen in der Kirche. So saßen sie auch am folgenden Sonntag zusammen in dem Kirchstuhl der Familie Herapath, und keiner von beiden dachte daran, daß sie hier etwas erleben würden, was mit dem unaufgeklärten Morde in Verbindung stehen könnte. Da der Kirchstuhl abgeschlossen war, ließen die Mitglieder der Familie ihre Gebetbücher stets dort. Als Peggie das ihrige aufnahm und an der gewöhnlichen Stelle öffnete, wo die Litanei des Sonntagsgottesdienstes stand, fiel ein gefalteter Zettel heraus. Peggie öffnete ihn rasch und hielt ihn so, daß auch Selwood mit ihr lesen konnte. Die wenigen Zeilen waren mit der Maschine geschrieben. »Wenn Sie Ihren Vetter Barthorpe retten wollen, dann verlassen Sie die Kirche und sprechen Sie mit der Dame, die in einem Privatauto am Eingang zum Friedhof wartet.« 30. Kapitel. Die fremde Dame. Peggie war froh, daß Selwood in ihrer Nähe weilte, und er war dankbar, daß er gerade in dem Augenblick bei ihr sein konnte, in dem sie Rat und Hilfe brauchte. Beide hatten das sichere Gefühl, daß hinter diesen so unschuldig erscheinenden Zeilen mehr steckte, als sie ahnten. Es ging um Barthorpes Leben! Der Absender mußte also wissen, daß Barthorpe unschuldig angeklagt war, und daß ein anderer den Mord begangen hatte. Einige Zeit starrte Peggie mit geröteten Wangen auf das Papier, dann sah sie ihren Begleiter fragend an. Selwood nahm Hut und Stock. »Kommen Sie«, flüsterte er ihr zu. Peggie sah nichts von den erstaunten und fragenden Blicken, die Selwood und ihr folgten, als sie durch die dichtbesetzte Kirche zum Ausgang schritten. Was mochte sie draußen erwarten? Unbewußt legte sie ihre Hand auf Selwoods Arm, als sie durch das große Kirchenportal ins Freie traten. Der Kirchhof war von einer hohen, kahlen Mauer umgeben, und ein eisernes Tor stellte die Verbindung mit der Außenwelt her. Vor diesem Eingang hielt ein Auto, und der Chauffeur stand in wartender Haltung an der Tür. Es war ein einfacher, aber eleganter Privatwagen, und der Chauffeur trug eine tadellose Livree. Als die beiden näherkamen, legte er die Hand an die Mütze und öffnete die Tür. »Seien Sie vorsichtig«, flüsterte Selwood Peggie zu, als sie noch einige Schritte entfernt waren. »Überlassen Sie mir alles.« Der Chauffeur schien nur Peggie einzuladen, Platz zu nehmen, aber Selwood war entschlossen, sie nicht zu verlassen. Der Text der geheimnisvollen Mitteilung und die heimliche Art und Weise, in der Peggie diese Nachricht zugesteckt wurde, hatte seinen Verdacht erregt. Als sie in den Wagen hineinschauten, sahen sie dort eine ältere Dame mit weißen Haaren und sympathischen Gesichtszügen, die offenbar der besseren Gesellschaft angehörte. Ihre äußere Erscheinung verriet Pflege und Kultur. Sie neigte sich etwas vor und lächelte freundlich, halb entschuldigend. »Habe ich die Ehre mit Miß Wynne?« fragte sie. »Wie geht es Ihnen? Zweifellos ist dieser Herr Mr. Selwood, von dem ich schon gehört habe. Sie müssen mein merkwürdiges Verhalten verzeihen. Ich weiß, daß mein Verlangen ungewöhnlich ist, aber ich handle nicht aus freiem Entschluß. Darf ich Sie beide bitten, in den Wagen zu kommen? Ich muß etwas mit Ihnen besprechen.« Peggie war über diesen Empfang sehr erstaunt und wandte sich mißtrauisch an ihren Begleiter. Selwood hatte die ältere Dame scharf beobachtet und war davon überzeugt, daß sie keine schlechten Absichten hatte, aber trotzdem fühlte er sich verlegen. »Würden wir diese Besprechung nicht besser im Hause von Miß Wynne abhalten?« erwiderte er. »Es liegt ganz in der Nähe, gleich hier um die Ecke.« »Aber das möchte ich eben gerade nicht«, entgegnete die Dame und lachte vergnügt. »Ich wiederhole, ich handle nicht aus freier Entschließung. Es ist alles sehr merkwürdig und für Sie zweifellos sehr geheimnisvoll, aber ich führe die Anordnungen, fast möchte ich sagen Befehle eines anderen aus. Steigen Sie doch bitte ein. Der Chauffeur fährt uns langsam in der Gegend umher, bis Sie mich angehört haben. Sie brauchen keine Angst zu haben, ich entführe Sie nicht. Es kann Ihnen doch auch nicht viel passieren, wenn Sie einige Minuten in Gesellschaft einer alten Dame im Auto zubringen.« Selwood gab Peggie einen Wink, und sie stiegen ein. »Dickerson«, wandte sich die Dame an ihren Chauffeur, »fahren Sie langsam hier herum, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe.« Als sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte und in die Baker Street einbog, sah Selwood fragend auf die Dame. »Würden Sie uns das Vergnügen machen, uns Ihren Namen zu nennen?« Die ältere Dame nahm eine Visitenkarte und einige Papiere aus ihrer Handtasche. »Ich bin Mrs. Engledew und wohne in einem der großen Häuserblocks, die Mr. Herapath erbaut hat. Ich glaube nicht, daß Sie schon jemals von mir gehört haben, Miß Wynne, aber ich kannte Ihren Onkel sehr gut. Wir waren seit vielen Jahren eng miteinander befreundet. Ich hielt es für gut, Ihnen meine Vertrauenswürdigkeit zu beweisen, und habe deshalb einige seiner Briefe mitgebracht, die er mir früher schrieb. Sie erkennen sicher seine Handschrift wieder.« Die beiden gaben das sofort zu, sahen sich aber erstaunt an. »Sie werden überrascht sein, wenn ich Ihnen sage, daß ich in die Ermordung Ihres Onkels verwickelt bin«, fuhr Mrs. Engledew fort. »Das klingt seltsam, trotzdem ist es wahr. Aber wir wollen vorläufig nicht über diesen Punkt sprechen. Ich habe Ihnen eine Botschaft zu überbringen und muß Sie um eine Antwort darauf bitten. Sicherlich wollen Sie doch Ihren Vetter retten?« »Wir glauben, daß er unschuldig ist«, entgegnete Peggie. »Er ist unschuldig an dem Morde. Nun hören Sie. Es gibt zwei Leute, die genau wissen, wer Ihren Onkel umgebracht hat, und einer von ihnen hat sich mit mir in Verbindung gesetzt. In ihrem Auftrage spreche ich mit Ihnen. Sie sind bereit, Ihnen und der Polizei volle Aufklärung über den Mord zu geben, aber sie fordern eine Belohnung.« Nach dieser Einleitung wurde Selwood wieder argwöhnisch. Diese Dame verstand zwar einschmeichelnd zu reden und liebenswürdig zu lächeln, aber sie hatte eben von einer Belohnung gesprochen, einem Preise für die Wahrheit in einem solchen Falle! »Wie hoch ist die Summe?« fragte er. »Zehntausend Pfund – in bar«, entgegnete Mrs. Engledew achselzuckend. »Sie erscheint sehr hoch, aber die Leute stellen nun einmal diese Bedingung. Wenn Miß Wynne sich verpflichtet, zehntausend Pfund zu zahlen, wollen Sie nicht nur Aussagen machen, durch die der wirkliche Mörder von Jacob Herapath festgestellt werden kann, sondern sie wollen auch angeben, wie man ihn ergreifen kann.« »Wann soll denn das sein?« fragte Selwood. »Heute abend. Die Stunde kann ich Ihnen mitteilen, nachdem Sie die Bedingung angenommen haben.« Selwood fühlte sich in einer schwierigen Lage. Mr. Tertius war heute nicht in der Stadt, da er einen alten Freund in Berkshire besuchte, und Mr. Halfpenny weilte auf seinem Landsitz. Er hätte sich zwar an Professor Cox wenden können, aber die Dame schien eine sofortige Antwort zu erwarten. »Kennen Sie die beiden Leute näher?« »Nur den einen, der für beide handelt.« »Warum geben Sie ihn nicht der Polizei an, damit sie die Sache weiterverfolgt? Dadurch könnte man ihn doch zwingen, seine Aussage auch ohne Belohnung zu machen. Er darf doch für eine so selbstverständliche Sache kein Geld fordern!« »Ich habe mein Wort gegeben, das nicht zu tun. Ich bin in die Sache verwickelt, allerdings ohne meine eigene Schuld, und ich bin sicher, daß niemand außer diesen beiden Leuten die Wahrheit kennt. Ebenso bestimmt weiß ich, daß sie ihre Kenntnis nicht ohne Entschädigung preisgeben. Die Polizei kann sie nicht zwingen, ihre Aussagen zu machen, wenn sie nicht wollen. Die Leute wissen ganz gut, daß sie uns in der Beziehung in der Hand haben.« »Sie auch?« fragte Selwood. »Auch mich. Und es ist für mich persönlich wichtig, daß sie die Aussagen machen. Ich bin nicht reich genug, die ganze Summe zu zahlen, aber ich will einen Teil davon tragen. Über tausend Pfund kann ich leider nicht hinausgehen, obwohl ich gerne mehr geben würde.« Dieses Angebot machte Eindruck auf Selwood. »Was fordern sie denn? Was schlagen sie vor?« »Wenn Sie zustimmen, den beiden zehntausend Pfund zu zahlen, sollen Sie und Professor Cox heute abend mit ihnen zusammenkommen. Dann wollen sie die Zusammenhänge wahrheitsgetreu erzählen und Sie und die Polizei zu dem Mann bringen, der tatsächlich Mr. Herapath ermordet hat. Und es ist wichtig, daß alles dies heute abend geschieht.« »Wo soll denn die Zusammenkunft stattfinden?« »Das könnte in meiner Wohnung sein. Ja, es muß sogar dort sein, weil ich unglücklicherweise mit der Sache verknüpft bin. Wenn Sie mit den Bedingungen einverstanden sind, sollen Sie mich telefonisch benachrichtigen. Meine Nummer steht auf dieser Karte. Ich erwarte Ihren Anruf heute nachmittag um zwei, und teile Ihnen dann die Zeit unserer Zusammenkunft mit. Sie müssen aber das Geld in bar mitbringen.« »Zehntausend Pfund in bar – noch dazu am Sonntag? Das ist doch unmöglich!« »Nicht bares Geld in diesem Sinne«, entgegnete Mrs. Engledew. »Ein offener Scheck genügt auch. Und wenn die Leute ihr Versprechen nicht halten, können Sie den Scheck morgen früh bei der Bank sperren.« »Das stimmt«, meinte Selwood und sah Peggie an, die bisher schweigend, aber aufmerksam der Unterredung zugehört hatte. »Sicher würde Miß Wynne gerne zehntausend Pfund opfern, um das Leben Ihres Vetters zu retten –« »O, auch zwanzigtausend, irgendeine Summe«, rief Peggie. »Das Geld soll kein Hinderungsgrund sein.« »Aber ich weiß nicht, ob Miß Wynne schon einen Scheck ziehen kann, wenigstens für eine so große Summe. Vielleicht kann Professor Cox uns darüber Aufschluß geben. Darf ich noch einige Fragen an Sie richten, Mrs. Engledew? Sie sagen, Sie kennen nur einen dieser Leute. Wissen Sie seinen Namen?« »Nein. Es ist alles rätselhaft und geheimnisvoll.« »Hat er Ihnen denn Beweise gebracht, daß sie auch wirklich imstande sind, zu halten, was sie versprochen haben?« »Ich bin ganz sicher, daß sie den Mord aufklären können.« »Haben Sie denn eine Ahnung, wer der Mörder ist?« »Nein, nicht die geringste.« »Nur noch eine Frage«, meinte Selwood schließlich. »Sind auch Vertreter der Polizei da, wenn Mr. Cox und ich kommen?« »Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, was ich Ihnen mitgeteilt habe. Zahlen Sie den Leuten das Geld, so sagen sie Ihnen die Wahrheit und versetzen Sie und die Polizei in die Lage, den wirklichen Mörder zu fassen. Noch eins: Es ist eine Bedingung, daß Sie sich von jetzt ab bis heute abend nicht mit der Polizei in Verbindung setzen. Das muß den beiden selbst überlassen bleiben.« »Ich verstehe vollkommen«, erwiderte Selwood. »Wir wollen jetzt aussteigen und sofort zu Professor Cox fahren. Um zwei Uhr rufe ich Sie an und gebe Ihnen Bescheid.« Er bestieg mit Peggie ein Mietauto, das sie so schnell wie möglich nach Ensleigh Gardens brachte. Professor Cox hörte schweigend ihre sonderbare Geschichte. »Mrs. Engledew – eine alte Freundin von Jacob – hat sich durch Briefe von ihm ausgewiesen – Mittelsperson und Vertreterin zweier Leute, die im Besitz eines Geheimnisses sind – will von sich aus tausend Pfund beisteuern?« wiederholte er kopfschüttelnd. »Ja, ich halte die Sache eigentlich für wahr. Die einzige Frage ist nur, ob Miß Peggie neuntausend Pfund für diesen Zweck zahlen will?« »Die einzige Frage, mein lieber Professor«, entgegnete Peggie vorwurfsvoll, »ist die, ob ich einen Scheck über diese Summe ausstellen darf?« »Warum nicht? Es ist doch alles in Ordnung, seitdem Barthorpe diesen verdammten Protest zurückgezogen hat. Das Testament ist vom Gericht bestätigt worden. Sie können sogar einen Scheck über fünfzigtausend Pfund ziehen, wenn Sie wollen!« »Sie begleiten uns doch?« bat sie halb ängstlich. »Natürlich! Aber jetzt bleiben Sie zunächst einmal hier und speisen mit mir. Um zwei Uhr wollen wir die Dame anrufen.« Professor Cox und Peggie standen später atemlos neben Selwood, als er mit Mrs. Engledew telefonierte. Kurz darauf wandte er sich zu ihnen und nickte. »Heute abend um neun sollen wir in ihre Wohnung kommen.« 31. Kapitel. Das unterbrochene Abendessen. Triffitt hatte endlich einmal wieder Zeit gefunden, am Sonntag mit Trixie, seiner Braut, auszugehen. Seit er sich mit dem Herapath-Mord beschäftigte, hatte er sie sehr vernachlässigen müssen. Aber nun war der Fall schon etwas abgestanden, und das Publikum würde sich bald überhaupt nicht mehr darum kümmern, wenn nicht bald ein sensationelles Ereignis das Interesse wieder hochpeitschte. Auch sein Chef war nicht mehr so hinter der Sache her wie früher. Man mußte nun warten, bis Barthorpe Herapath, der jetzt in Untersuchungshaft saß, vor die Geschworenen kam, oder bis Burchill verhaftet wurde, und infolgedessen brauchte sich Triffitt nicht mehr so sehr anzustrengen, um täglich sensationelle Artikel für seine Zeitung zu schreiben. Die beiden hatten sich mit Carver und dessen Braut Letty verabredet, um einen schönen Sonntag zu verleben. Am Abend speisten sie in dem Restaurant Venetia. Nach dem Essen blieben sie noch bei Kaffee, Likör und Zigaretten sitzen und gaben sich restlos der Freude des Augenblicks hin. Aber plötzlich schrak Triffitt mitten in der Unterhaltung zusammen, ließ seine Zigarette fallen und wurde blaß vor Erregung. Schließlich riß er sich mit großer Anstrengung wieder zusammen und gab Carver ein Zeichen. »Pst! Sagen Sie nichts, und zeigen Sie nicht, daß Sie aufmerksam werden. Aber drehen Sie sich einmal langsam um und sehen Sie zur Bar hinüber!« Am Eingang des Restaurants standen ein paar Herren, die ganz in ihre Unterhaltung vertieft waren. Carver wandte sich vorsichtig um und fuhr dann ebenso heftig zusammen wie vorher Triffitt. »Donnerwetter, das ist ja Burchill!« »Ruhe!« befahl Triffitt. »Hauptsache ist, daß sich keiner etwas merken läßt.« Er sah mit dem Blick eines Lehrers um sich, der eine aufrührerische Klasse zum Schweigen bringen will, aber seine Gedanken arbeiteten bereits. Er war schnell von Entschluß, und in wenigen Sekunden hatte er seinen Plan gemacht. Rasch neigte er sich zu Carver hinüber. »Sie müssen jetzt genau tun, was ich Ihnen sage. Wenn Burchill das Lokal verläßt, werden Trixie und ich ihm folgen. Sie zahlen die Rechnung, nehmen mit Letty das nächste Auto, das Sie kriegen können, und fahren nach Scotland Yard. Wenn Inspektor Davidge nicht da ist, wenden Sie sich an einen anderen Beamten. Warten Sie dort, bis ich Sie anrufe. Sobald ich sehe, daß Burchill einen Autobus oder einen Wagen besteigt, rufe ich den nächsten Polizisten zu Hilfe und lasse ihn anhalten. Haben Sie mich verstanden? Wenn er dann dingfest gemacht ist, rufe ich Sie an.« »Eben geht er«, sagte Carver schnell, der Burchill unausgesetzt beobachtet hatte. »Ich habe alles verstanden –« Triffitt führte Trixie rasch aus dem Lokal, und die beiden folgten Burchill. »Es trifft sich ausgezeichnet, daß du bei mir bist, Trixie. So falle ich durchaus nicht auf. Wenn er sich umsieht, wird er niemals auf den Gedanken kommen, daß wir hinter ihm her sind, sondern uns für ein gewöhnliches Liebespaar halten. Das ist aber eine erstaunliche Wendung! Was der Kerl für eine Frechheit besitzt! Sich hier in der Öffentlichkeit zu zeigen, während an allen Straßenecken sein Steckbrief angeschlagen ist!« »Er wird doch nicht auf dich schießen, wenn er dich sieht?« fragte sie ängstlich. »Er erkennt dich doch sicher wieder!« »Wir kommen nicht in Schußnähe«, entgegnete Triffitt grimmig. »Ich will ihn nur überwachen. Wenn er natürlich in irgendein Auto klettert, muß ich handeln. Wir wollen aber sehen, daß wir etwas aufholen.« Burchill zeigte jedoch keine Neigung, einen Wagen anzurufen. In größter Seelenruhe ging er die Straße entlang. Es war kurz vor neun, aber Burchill machte nicht die geringste Anstrengung, dem hellen Lichtkegel der Laternen auszuweichen. Er rauchte eine Zigarre und schwang vergnügt seinen Spazierstock. Mehr als ein Polizist sah ihn an und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Triffitt lachte ironisch. Als die Verfolgung ihr Ende erreichte, sah Triffitt seine Braut erstaunt an, denn Burchill war in dem hellerleuchteten Eingang der Herapath-Gebäude in Kensington verschwunden. 32. Kapitel. Ein Yorkshire-Sprichwort. Plötzlich kam ein Auto in schneller Fahrt um die Ecke, und Carver und Davidge stiegen aus. Der Detektiv war phlegmatisch und ruhig wie immer, nickte Triffitt zu und zog vor Trixie den Hut. »Abend, Mr. Triffitt.« »Er ist dort«, rief der Reporter, packte Davidge wild am Arm und zeigte auf den hellerleuchteten Eingang. »Burchill ist hineingegangen, als ob ihm das ganze Haus gehörte!« »So?« fragte der Inspektor gleichgültig. »Ich würde aber an Ihrer Stelle auf der Straße keine Namen nennen. Irgendwohin muß er doch gehen, warum denn nicht in dieses Haus? Vielleicht begleitet Mr. Carver die beiden jungen Damen nach Hause. Dann kann er ja wieder herkommen, vielleicht gibt es noch etwas für ihn zu tun. Was meinen Sie dazu, Triffitt?« Trixie war verängstigt und besorgt. »Versprich mir, daß du dich nicht von ihm anschießen oder vergiften läßt, Herbert! Wenn du das tust –« »Heute abend geht alles glatt ab«, sagte Davidge beruhigend. »Es handelt sich nur um eine harmlose Familienversammlung.« Trixie verabschiedete sich zögernd. »War er allein?« fragte der Detektiv, als sie gegangen war. »Ja. Aber wollen Sie mir nicht erklären, was das alles zu bedeuten hat? Sie scheinen ja merkwürdig ruhig zu sein!« »Ich würde nicht für meinen Beruf taugen, wenn ich nicht wenigstens die Ruhe bewahrte«, erwiderte Davidge. »Sie sehen, daß ich schon ein wenig Bescheid weiß. Ich werde Sie mitnehmen.« »Wohin denn?« »Wo wir Mr. Burchill treffen können. Wenn ich nicht sehr irre, hat dieser Herr das gleiche Ziel wie wir.« Er zeigte unauffällig auf einen Herrn, der eben um die Ecke der High Street bog. Er war mittelgroß, vornehm gekleidet, und er schlug den gleichen Weg ein wie Burchill. »Außerdem gehe ich jede Wette ein«, fuhr Davidge fort, »daß das Auto, das dort kommt, noch zwei Leute bringt, die Sie sogar kennen.« Triffitt war starr vor Erstaunen, als Professor Cox und Selwood aus dem Wagen stiegen und ebenfalls in dem Hause verschwanden. »Das ist aber geheimnisvoll«, rief er. Davidge zog seine Uhr. »Es ist jetzt neun. Kommen Sie mit, wir wollen auch hineingehen. Ich möchte Ihnen einen Rat geben, mein Lieber. Vielleicht wissen Sie nicht, daß ich aus Yorkshire stamme? Wir haben dort ein feines Sprichwort: ›Alles hören – nichts sagen!‹ Heute abend werde ich sicher danach handeln – tun Sie es auch. Noch etwas im Vertrauen. Heute abend erleben Sie die größte Überraschung Ihres Daseins. Einem anderen wird es ebenso gehen. Also los!« Er nahm Triffitt am Arm und führte ihn in das Haus. »Bringen Sie uns zu Mrs. Engledew«, sagte der Inspektor zu dem Liftführer, der auf sie zutrat. 33. Kapitel. Burchill tritt auf. Bald darauf befanden sie sich in einem wunderbar ausgestatteten Wohnzimmer. Auf der einen Seite des großen Tisches saßen Professor Cox und Selwood, auf der anderen ein untersetzter, etwas korpulenter Herr, offenbar ein Ausländer, der ziemlich verängstigt aussah. Vor dem Kamin stand in eleganter Pose Burchill, wie immer tadellos gekleidet. Seine Haltung drückte aus, daß er sich als Herr der Situation fühlte. Eine weißhaarige ältere Dame erhob sich aus einem Lehnstuhl in der Ecke, um Triffitt und den Inspektor zu begrüßen. Davidge verneigte sich tief vor ihr. »Guten Abend«, sagte er kühl und sachlich. »Ich habe mir die Freiheit genommen, einen meiner Freunde mitzubringen. Da doch alles hier sozusagen öffentlich verhandelt wird, werden Sie wohl gegen die Anwesenheit eines Herrn von der Presse nichts einzuwenden haben. Darf ich vorstellen? Mr. Triffitt von der Redaktion des ›Argus‹. Die Herren kennen sich bereits.« Er begrüßte Selwood und den Professor. »Ach, sehen Sie, da ist ja auch Mr. Burchill. Wie geht es Ihnen? Wir haben uns früher schon getroffen und werden uns zweifellos auch in Zukunft noch häufiger sehen.« Während Davidge sprach, hatte er alle Anwesenden eingehend betrachtet, griff nun zu einem Stuhl und nahm zwischen der Tür und dem Tisch Platz. Dann sah er zu Mrs. Engledew hinüber. »Warum haben Sie mich eigentlich hergerufen? Als Sie heute nachmittag mit mir telefonierten, sagten Sie, daß ich verschiedene Neuigkeiten und Enthüllungen hören würde. Ich bin sehr gespannt darauf. Wer wird denn diese Enthüllungen machen?« »Mr. Burchill wird uns einen Vortrag halten«, erwiderte Mrs. Engledew, als auch sie sich wieder setzte. »Sein Freund –« »Ach so, der Herr dort«, bemerkte der Inspektor. Burchill warf seine Zigarette fort und trat vor. »Davidge, Sie wissen ganz genau, warum wir Sie hergebeten haben«, begann er. »Sie sollen den wahren Sachverhalt über den Mord an Mr. Herapath hören. Das hat Ihnen doch Mrs. Engledew heute nachmittag eindeutig mitgeteilt. Die beiden Einzigen, die diesen wahren Sachverhalt kennen, sind ich und mein Freund, Mr. Dimambro.« Selwood und Cox horchten plötzlich auf und sahen den Fremden interessiert an, während Davidge vollständig gleichgültig blieb. »Da Mr. Dimambro nicht gut englisch spricht –« fuhr Burchill fort. »Ich weiß viele Worte, kann mich aber schlecht ausdrücken«, unterbrach ihn Mr. Dimambro und deutete mit seiner fetten Hand auf ihn. »Er spricht für uns beide.« Burchill zog jetzt auch einen Stuhl an den Tisch und setzte sich Selwood und dem Professor gegenüber. »Ehe ich mit meinen Erklärungen beginne, muß ich noch vorausschicken, daß ich auch im Namen von Mrs. Engledew spreche, die mir die Erlaubnis dazu gegeben hat. Ich will die Umstände und Ereignisse, die mit dem Fall verknüpft sind, in chronologischer Reihenfolge erzählen, zunächst aber noch etwas über den verstorbenen Mr. Herapath sagen, was Mr. Selwood bestätigen kann. Mr. Herapath war nicht nur eine Autorität auf dem Gebiet des modernen Wohnbaus, sondern auch ein vorzüglicher Kenner kostbarer Steine.« »Ich war nicht lange genug in seinen Diensten, um das beurteilen zu können«, erwiderte Selwood. »Das tut auch augenscheinlich nichts zur Sache. Es genügt, daß die Tatsache festgestellt wird. Wir kommen jetzt zum ersten Kapitel der Geschichte. Mrs. Engledew wohnt seit Vollendung dieses Baues hier und ist eine alte Bekannte, ich darf wohl sagen Freundin des verstorbenen Mr. Herapath. Gelegentlich bat sie auch in geschäftlichen Dingen um seinen Rat, zum Beispiel am vergangenen 12. November. Sie hatte von einer Verwandten altmodisch gefaßten Familienschmuck geerbt, der von dem berühmten Experten Skins auf ungefähr siebentausend Pfund geschätzt wurde. Mrs. Engledew wollte ihn neu aufarbeiten lassen, und da sie wußte, daß Mr. Jacob Herapath in dieser Beziehung Geschmack und viel Erfahrung hatte, besuchte sie ihn mittags in seinem Büro und zeigte ihm die Diamanten. Er riet ihr, die Juwelen bei ihm zu lassen; er wollte am selben Tage noch mit einem Fachmann über die Steine sprechen und ihn um Rat fragen. Mrs. Engledew gab ihm daraufhin den Kasten mit den Diamanten, und er steckte ihn in die Tasche. Hoffentlich habe ich alles richtig erzählt, Mrs. Engledew?« »Ja, es stimmt alles«, pflichtete sie ihm bei. »Nun kommen wir zu Mr. Dimambro. Er ist Juwelier und handelt mit kostbaren Steinen. Wohnt zwar in Genua, aber seine Geschäfte führen ihn in ganz Europa umher. Mr. Dimambro hatte während der letzten Jahre schon verschiedene Geschäfte mit Mr. Herapath gemacht, aber am 12. November war es ungefähr ein Jahr her, daß er ihn nicht gesehen hatte. Bei ihrem letzten Zusammensein hatte Mr. Herapath erwähnt, daß er Perlen von einer bestimmten Sorte und Größe sammelte, und Mr. Dimambro verschiedene Beispiele gezeigt. Er wollte ein Perlenhalsband für Miß Wynne zusammenstellen und gab Mr. Dimambro den Auftrag, derartige Perlen für ihn zu suchen. Am 11. November dieses Jahres kam nun Mr. Dimambro in London an und teilte Mr. Herapath seine Ankunft mit. Gleichzeitig schrieb er auch, daß er die gewünschten Perlen mitgebracht hätte. Mr. Herapath verabredete daraufhin mit ihm, daß er ihn am Abend des 12. November um halb elf treffen wollte. Dimambro erschien auch zur verabredeten Stunde dort, zeigte Mr. Herapath die Perlen, die er für ihn erworben hatte, und verkaufte sie ihm. Als Zahlung hierfür erhielt er einen Scheck über dreitausend Guineen. Mr. Herapath nahm dann den Schmuckkasten von Mrs. Engledew aus der Tasche und fragte Dimambro, wie man die Steine am besten neu fassen könnte. Welchen Rat ihm Dimambro gab, ist im Augenblick gleichgültig. Herapath steckte den Schmuck von Mrs. Engledew wieder ein, verließ kurz darauf das Parlament und fuhr zu seinem Siedlungsbüro. Er hatte also sowohl die Perlen als auch die Juwelen von Mrs. Engledew bei sich. Mr. Dimambro kehrte zum Hotel Ravenna zurück, kassierte am nächsten Morgen den Scheck und reiste noch am selben Vormittag nach dem Kontinent ab. Erst am nächsten Tage erfuhr er von dem Morde an Mr. Herapath. Ich bitte nun Mr. Dimambro, sich darüber zu äußern, ob ich alles korrekt berichtet habe. Wenn nicht, so bitte ich ihn, mich zu verbessern.« »Sie haben alles gut gesagt«, erklärte Dimambro, der aufmerksam zugehört hatte. »Erst in Berlin habe ich in englischen Zeitungen von dem Morde gelesen.« »Warum sind Sie denn nicht sofort zurückgekommen?« fragte Professor Cox. Dimambro streckte die Hände aus. »Ach, ich habe doch mein Geschäft! Viel zu tun. Außerdem war ich nicht verwickelt – aber Mr. Burchill erzählt Ihnen das besser.« »Ich muß nun von mir selbst sprechen«, fuhr Burchill fort. »Sie werden sich entsinnen, daß sowohl bei der Totenschau als auch vor dem Polizeigericht – aus gewissen Gründen konnte ich bei der Verhandlung nicht anwesend sein – ein Brief erwähnt wurde, den ich an Jacob Herapath geschrieben hatte, und den man später in Barthorpes Besitz fand, als man ihn verhaftete. Man faßte den Inhalt dieses Briefes als Erpressung auf, aber ich erkläre, daß ich ihn nicht in dieser Absicht geschrieben habe, obwohl man nach dem Wortlaut auf den Gedanken kommen konnte. Mr. Herapath war über den Brief aufgebracht und schrieb mir auch, daß er sehr unzufrieden mit mir sei. Ich hatte aber nicht die Absicht, ihn irgendwie zu ärgern, und als ich seine Antwort erhielt, entschloß ich mich, ihn persönlich aufzusuchen. Da ich seine Gewohnheiten genau kannte, wußte ich auch, daß er das Parlament gewöhnlich um Viertel nach elf verließ. Ich wartete deshalb im Palace Yard und wollte ihn ansprechen, wenn er aus dem Gebäude kam. Als ich aber sah, daß er in angeregter Unterhaltung mit Mr. Dimambro heraustrat, zog ich mich zurück, und keiner von beiden sah mich. Ich beobachtete, wie er sich von Dimambro verabschiedete, und hörte, daß er den Chauffeur anwies, zu dem Siedlungsbüro zu fahren. Ich überlegte mir die Sache, rief ein vorüberfahrendes Auto an und fuhr zur High Street. Burchill machte eine Pause und sah Davidge verständnisvoll an. »Ich stieg in der Nähe aus, ging die Straße entlang, bis ich an das große Gebäude kam. Sie sind ja alle genügend mit der Örtlichkeit vertraut und wissen, daß der Eingang an einem verdeckten Fahrweg liegt, der von einer Seitenstraße zu dem großen Platz führt. Als ich nun in die Seitenstraße einbog, sah ich auf der entgegengesetzten Seite einen Mann herauskommen. Und diesen Mann kannte ich!« Burchill machte eine theatralische Pause und sah sich um. Alle verharrten in tiefem Schweigen. »Ich kannte ihn gut, aber ich möchte seinen Namen im Augenblick noch nicht nennen. Wir wollen ihn zunächst einmal als Mr. X. bezeichnen.« 34. Kapitel. Inspektor Davidges Trumpfkarte. Burchill machte wieder eine Pause, um dieser Ankündigung auch die nötige Wirkung zu geben. »Eine bedeutsame Mitteilung«, meinte Davidge leutselig. »Sie kannten ihn wirklich?« »Besser als ich Sie kenne«, entgegnete Burchill, dem der Ton des Inspektors nicht behagte. »Es überraschte mich auch nicht, daß ich ihn zu der Zeit dort traf.« »Ich bin an Ihren Ausführungen sehr interessiert. Was hat denn dieser Mr. X. dort getan?« fragte Davidge. »Mr. X. kam schnell aus der Tür heraus, ging die Seitenstraße ein wenig entlang, machte aber wieder kehrt, wandte sich zur Wageneinfahrt und eilte in der entgegengesetzten Richtung fort. Er wandte sich so schnell um, daß er bestimmt jemand kommen sah, den er nicht treffen wollte.« »Entschuldigen Sie die Unterbrechung«, mischte sich Mr. Cox ein. »Wie kam es denn, daß er Sie nicht gesehen hat?« »Ich hielt mich auf der entgegengesetzten Seite im Schatten und trat außerdem in einen Torweg, sobald ich ihn sah. Ich blieb auch dort, um zu sehen, wer der andere war. Und tatsächlich kam kurz darauf Barthorpe Herapath.« »Ganz recht«, sagte Davidge leise. »Barthorpe Herapath bog in den Fahrweg ein und ging dann in das Büro. Ich nahm an, daß er von seinem Onkel bestellt war, denn es war für Jacob Herapath nichts Ungewöhnliches, eine Besprechung auf Mitternacht anzusetzen. Ich dachte mir, daß ich nun doch keine Gelegenheit mehr haben würde, Mr. Herapath allein zu sehen, und ging nach Hause. Ich blieb noch einige Zeit auf und schlief infolgedessen am nächsten Tage lange. Als Barthorpe Herapath um drei Uhr nachmittags zu mir kam, war ich eben aufgestanden, und da ich auf keine Zeitung abonniert bin, erfuhr ich erst durch ihn von dem Morde an Mr. Herapath. Das ist die volle Wahrheit, und ich will die Frage vorwegnehmen, die Sie an mich richten werden. Warum habe ich Barthorpe nicht sofort gesagt, was ich in der Nacht vorher gesehen hatte?« »Ja, warum haben Sie das nicht getan?« fragte Davidge. »Sehr einfach. Barthorpe Herapath sprach sofort von dem Testament, und ich erkannte, daß die für den Augenblick wichtige Sache nicht die Ermordung, sondern die letztwillige Verfügung über das ungeheure Vermögen von Jacob Herapath war.« »Sehr klug gedacht«, bemerkte der Inspektor. »Wirklich ungewöhnlich klug!« »Nun möchte ich Sie, Professor Cox, und Sie, Mr. Selwood, bitten, mir vollständig Glauben zu schenken. Bis zu der gemeinsamen Konferenz in dem Büro von Mr. Halfpenny war ich der festen Meinung, daß Mr. Tertius in Wirklichkeit John Wynne war. Ich werde Ihnen auch mitteilen, warum ich davon überzeugt war. Während meiner Tätigkeit gab Mr. Herapath mir einmal den Auftrag, einen Kasten mit alten Papieren zu sichten und aufzuräumen. Dabei entdeckte ich einen Zeitungsbericht über die Gerichtssitzung, in der Arthur John Wynne wegen verschiedener Fälschungen abgeurteilt wurde. In dem Artikel war auch der Name Jacob Herapath erwähnt. Ich stellte privatim Nachforschungen an und kam zu dem Schluß, daß Tertius und Wynne ein und dieselbe Person seien. Als Barthorpe nun von dem Testament erzählte und sagte, daß er es nicht anerkennen wollte, sah ich, auf welche Weise man die letztwillige Verfügung von Jacob Herapath für nichtig erklären konnte, und handelte dementsprechend. Barthorpe und ich kamen also zu der Vereinbarung, mit allen Mitteln gegen das Testament vorzugehen. Das ist verständlich. Jeder muß leben, und abgesehen davon versprach Barthorpe, Miß Wynne mit einer größeren Summe abzufinden. Wie die Sache weiter verlief, wissen Sie alle. Und nun möchte ich an Inspektor Davidge eine Frage richten. Ich nehme an, daß der einzige Anhaltspunkt, der mich in der Mordsache belasten könnte, das Schriftstück war, in welchem Barthorpe Herapath mir zehn Prozent versprach? Sie fanden es bei der Durchsuchung meiner Wohnung. Außerdem natürlich die Tatsache, daß Barthorpe und ich das Testament für nichtig erklären wollten. Es ist doch nun alles aufgeklärt, nicht wahr?« Davidge bemühte sich, vollkommen gleichgültig zu erscheinen. »Sie können es so ausdrücken, wenn Sie wollen. Sie sind ja ein smarter, kluger Kopf, Burchill, und wissen genau, was das Gesetz über Beihilfe, Begünstigung und so weiter sagt. Es ist zur Mittäterschaft nicht notwendig, daß man selbst bei dem Morde zugegen ist. Es gibt auch noch den Begriff von Mittäterschaft nach dem Verbrechen. Wir wollen nicht weiter darüber sprechen!« Professor Cox, der über Burchills Benehmen aufgebracht war und dies auch nicht verbarg, mischte sich jetzt in das Gespräch. »Wollen Sie uns denn nicht den Rest noch erzählen?« fragte er scharf. »Alles der Reihe nach. Ich komme jetzt zu dem Zeitpunkt, als Mr. Davidge Barthorpe Herapath verhaftete. Mir selbst gelang es damals, zu entkommen. Was ich in der Zwischenzeit tat, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen. Nur soviel möchte ich bemerken, daß ich mich nicht versteckte, sondern mich frei in der Stadt bewegte. Vor ein paar Tagen kam ich in Berührung mit Mr. Dimambro, der gerade nach England zurückgekehrt war. Wie ich schon vorher erwähnte, kannte ich ihn von meiner früheren Tätigkeit her. Als ich ihn traf, wollte er gerade zur Polizei gehen und alles mitteilen, was er wußte. Ich hielt ihn davon ab, und er erzählte anstatt dessen mir seine Geschichte. Ich weihte ihn in das ein, was ich erlebt hatte, und die Folge davon war eine Unterredung mit Mrs. Engledew, in der wir hauptsächlich über die Diamanten sprachen, die sie Jacob Herapath anvertraut hatte.« »Ich möchte Sie etwas fragen, Mrs. Engledew«, unterbrach Cox Burchills Bericht. »Warum sind Sie nicht sofort zur Polizei gegangen und haben den Verlust Ihrer Brillanten gemeldet, sobald Sie von dem Morde hörten?« Mrs. Engledew geriet in Verwirrung, und Inspektor Davidge sah den Professor mißbilligend an. »An Ihrer Stelle würde ich diese Sache nicht weiter erörtern«, sagte er. »Damen denken über alle diese Dinge ganz anders. Wir wollen doch erst einmal den interessanten Bericht von Mr. Burchill zu Ende hören.« »Ich bin beim letzten Kapitel angekommen«, begann Burchill wieder, »und habe nicht mehr viel zu sagen. Ich traf mit Mrs. Engledew gewisse Verabredungen, und gerade als wir von ihrer Wohnung zurückkehrten, erfuhren wir neue Tatsachen, die weitere Aufklärung brachten. Als Dimambro die Perlen für Jacob Herapath suchte, kaufte er auch einige von einem bekannten Spezialisten in Amsterdam. Gestern erhielt nun Dimambro einen Brief von diesem Herrn, in dem er ihm mitteilte, daß ihm ein kleines Paket solcher Perlen aus London zum Kauf angeboten worden sei, und gab Namen und Adresse des Mannes an, den wir einstweilen Mr. X. nennen. So faßten denn Dimambro und ich einen Plan und wandten uns durch Mrs. Engledew an Miß Wynne.« »Soviel ich weiß, verlangten Sie einen Scheck von ihr?« unterbrach ihn Davidge trocken. »Wir haben das Recht, Bezahlung für unsere Detektivarbeit zu verlangen, wenn wir auch gewöhnlich nicht auf diesem Gebiet tätig sind«, entgegnete Burchill. »Ich bin mit meiner Erzählung nun zu Ende gekommen und habe nur noch zu sagen, wer dieser Mr. X. in Wirklichkeit ist. Er hat nicht die geringste Ahnung, daß er unter Verdacht steht, und wenn Sie und Ihre Leute in seine Wohnung kommen, die hier ganz in der Nähe liegt, finden Sie ihn wahrscheinlich zu Hause, wo er in aller Ruhe sein Abendbrot verzehrt. Es ist –« Davidge erhob sich plötzlich von seinem Stuhl und lachte schadenfroh. »Geben Sie sich weiter keine Mühe, Burchill. Ich danke Ihnen für Ihre schöne Erzählung. Es war schon immer meine Gewohnheit, die Leute sprechen zu lassen, bis sie sich die Zunge müde geredet haben. Ich weiß genau so gut wie Sie, wer Jacob Herapath ermordet hat, und wer dieser Mr. X. ist.« Die anderen horchten erstaunt auf. »Jacob Herapath wurde von – seinem Bürovorsteher James Frankton erschossen und beraubt«, fuhr der Inspektor fort. »Und wenn Burchill eben sagte, daß er ruhig sein Abendbrot verspeist, so geschieht das in einer Polizeizelle, denn ich habe ihn heute abend um sieben Uhr verhaftet, ohne die Hilfe von Mr. Burchill nötig zu haben. Ich bin wirklich nicht so unintelligent, wie ich aussehen mag. Und wenn es auch ein grober Fehler war, daß ich Sie entkommen ließ, so habe ich doch nun den richtigen Täter gefaßt. Mrs. Engledew«, wandte er sich mit einer etwas linkischen Verbeugung an die Dame, »was ich sagen wollte, habe ich gesagt. Ich möchte mich jetzt verabschieden und wünsche Ihnen allen Gute Nacht. Mr. Triffitt, wir wollen gehen.« Draußen packte Davidge den jungen Reporter am Arm und lachte selbstzufrieden, als sie zum Fahrstuhl gingen. »Das war die erste Überraschung. Warten Sie unten auf der Straße, und Sie erleben die zweite. Nur wird es unten etwas lebhafter zugehen als oben.« 35. Kapitel. Der Haftbefehl. Davidge und Triffitt schwiegen, während sie im Fahrstuhl abwärts fuhren. Aber als sie dann zum Ausgang kamen, stieß der Inspektor den Zeitungsmann wieder an. »Vor der Tür werden Sie einige kräftige Herren in Smoking und Frack sehen«, sagte er. »Man könnte sie für Hausbewohner halten, die unten noch eine Zigarre oder Zigarette rauchen wollen. Aber es sind meine Leute. Nehmen Sie keine Notiz von Ihnen – Ihr Freund Carver ist auch draußen. Gehen Sie zu ihm, und warten Sie.« Triffitt wußte nicht recht, was das alles bedeuten sollte, und ging zu Carver hinüber, der in der Nähe des Hauseinganges stand. »Detektive!« flüsterte ihm dieser zu. »Haben Sie etwas Neues gehört?« »Massenhaft!« »Aber sehen Sie, da kommen Selwood und der Professor.« Die beiden kamen eben durch die Haustür und stiegen die paar Stufen zum Gehsteig hinunter. Davidge rief sie an und nahm sie beiseite. »Was war oben los?« fragte Carver. »War es wirklich interessant?« Triffitt lenkte die Aufmerksamkeit seines Kollegen auf die Haustür und brachte ihn zum Schweigen. Burchill kam aus der Tür und dicht hinter ihm Mr. Dimambro. Burchill wirbelte in bester Laune seinen Spazierstock und schien Cox, Selwood und Davidge nicht zu bemerken. Als er aber an der Gruppe der Polizeibeamten vorbeikam, wandten sich diese ihm plötzlich zu. Harter Stahl blitzte im Laternenlicht auf, und ehe Burchill wußte, wie ihm geschah, hatte er Handschellen an den Gelenken. Als er jetzt wütend aufschaute, sah er Cox und Selwood. »Verdammte Lügner!« zischte er durch die Zähne. »Sie hatten mir doch freies Geleit zugesagt! Es war verabredet, daß ich kommen und gehen konnte, ohne daß Sie die Polizei auf mich hetzen wollten, Sie Hunde!« »Sie haben aber die Rechnung ohne mich gemacht!« sagte Inspektor Davidge und trat vor. »Sie scheinen tatsächlich vergessen zu haben, daß ein Haftbefehl wegen einer alten Anklage gegen Sie schwebt. Und wenn Sie auch Mr. Jacob Herapath nicht ermordet haben, so wird Ihnen doch die andere Sache nicht geschenkt. Ich habe noch einen zweiten Verhaftungsbefehl gegen Sie in der Tasche. Die Anklage wird Ihnen vorgelesen, sobald wir auf der Polizeistation sind.« »Was soll denn das bedeuten? Welche Anklage haben Sie denn gegen mich?« rief Burchill wild. »Ich sollte meinen, daß Sie das ebensogut wüßten wie ich. Diesmal haben Sie sich viel weniger schlau benommen als sonst. Vorhin erzählten Sie selbst von Ihrem Abkommen mit Barthorpe Herapath, das Testament des Ermordeten außer Kraft setzen zu wollen. Das wird nach englischem Gesetz schwer bestraft. Es ist doch immer gut, etwas in Hinterhand zu haben, wenn man mit so gerissenen Menschen zu tun hat. Bringen Sie ihn fort, durchsuchen Sie ihn, und legen Sie alles für mich bereit, wenn ich komme. Besonders einen Scheck über zehntausend Pfund, den Sie in seiner Brusttasche finden.« Als die Polizeibeamten Burchill in einem Auto abtransportiert hatten, ließ Davidge Cox, Selwood und die beiden Zeitungsleute vorausgehen und wandte sich selbst an Dimambro, der in größter Erregung noch auf der Treppe stand und nicht wußte, was er nun beginnen sollte. Der Inspektor sagte ihm deutlich die Meinung, und der Italiener entfernte sich rasch mit schuldbewußtem Gesicht. Dann trat Mr. Davidge im Vollbewußtsein seines großen Erfolges wieder zu den anderen. »Morgen früh muß es das Erste sein, daß Sie den Scheck auf der Bank anhalten«, sagte er. »Das ist natürlich nur Formsache, denn ich bekomme ja das Original gleich. Bei Mrs. Engledew wollte ich weiter nichts darüber sagen. Aber ich muß Ihnen noch erzählen, daß diese Dame mit uns zusammengearbeitet hat. Sie hat Burchill und Dimambro glänzend in die Falle gelockt. Wirklich eine kluge Frau! Wir erfuhren ein paar Stunden nach dem Morde von ihren Diamanten, und zuerst dachte ich, daß Barthorpe sie gestohlen hätte. Darin irrte ich mich allerdings. Wir haben die Sache vollkommen geheimgehalten, bis Burchill und Dimambro wieder auf der Szene erschienen. Den Mörder haben wir allerdings nicht durch diese Diamanten gefunden.« »Wie haben Sie ihn denn ausfindig gemacht?« fragte Selwood begierig. »Niemand von uns hatte diesen Mann im Verdacht!« »Ganz recht«, entgegnete Davidge mit einem grimmigen Lachen. »Wirklich ein liebenswürdiger ruhiger Mann, von dem man nicht annehmen sollte, daß er noch an den Galgen kommen würde. Aber das ist oft der Fall. Er hat alles eingestanden und ist vollständig zusammengebrochen, als wir ihn verhafteten. Ich hatte sein Geständnis schon zu Protokoll genommen, ehe ich zu Mrs. Engledew ging. Aber ich will Ihnen noch erzählen, wie wir auf seine Spur kamen. Vor zwei bis drei Tagen kam ein bescheidener Mann, der ein kleines Anwesen in Fullham besitzt, nach Scotland Yard und erzählte mir, daß er sich viel mit dem Mord an Mr. Herapath beschäftigt habe und mir etwas mitteilen müsse. Er ist nicht so flink und schlagfertig wie die Londoner, und deshalb dauerte es bei ihm etwas länger, bevor er auf den richtigen Gedanken kam. Er erzählte, Mr. Jacob Herapath wollte vor einiger Zeit ein Stück Land von ihm kaufen, und am 12. November suchte dieser Mann Mr. Herapath in seinem Büro auf. Sie wurden schließlich handelseins auf einen Preis von fünftausend Pfund, und Herapath bestellte ihn auf den nächsten Morgen um zehn Uhr. Dann sollte er die Kaufsumme bar in Banknoten erhalten. Als der Mann am nächsten Morgen kam, hörte er, was sich ereignet hatte, und wußte, daß der Kaufabschluß dadurch hinfällig geworden war. Erst einige Zeit später fiel ihm eine Bemerkung ein, die Jacob Herapath während der Verhandlungen gemacht hatte. James Frankton war während des Kaufabschlusses im Büro zugegen gewesen, und als die Zahlungsbedingungen vereinbart wurden, hatte sich Herapath an ihn gewandt. ›Ich hole das Geld heute nachmittag von der Bank, Frankton, und wenn ich es Ihnen nicht in der Zwischenzeit geben sollte, finden Sie die Summe morgen in der linken Schublade meines Schreibtisches, damit Sie diesen Herrn auszahlen können.‹ Das waren seine Worte gewesen. Dieser Besitzer aus Fulham dachte nun öfter daran, ob Jacob Herapath das Geld wohl von der Bank geholt hatte. Frankton hatte ihm am nächsten Morgen gesagt, daß er nichts erhalten hätte, und in der Sache auch nichts mehr tun könnte, da sein Chef inzwischen verstorben wäre. Im Besitz dieser Nachrichten begann ich nun mit meinen Nachforschungen und fand auch sehr rasch einige Anhaltspunkte. Ich konnte eine Hundertpfundnote nachweisen, die Frankton erst kürzlich eingewechselt hatte, und gestern morgen stellte ich fest, daß sie zu den fünfzig Banknoten gehörte, die Jacob Herapath am Nachmittag des 12. November auf der Bank erhalten hatte. Daraufhin ließ ich Frankton gestern den ganzen Tag beobachten und verhaftete ihn heute abend.« »Und was hat er denn gestanden?« fragte Selwood. »Jacob Herapath hatte ihn für halb zwölf bestellt. Frankton kam aber zu spät und fand Mr. Herapath vor seinem Schreibtisch sitzen, als er in das Zimmer eintrat. Links vor ihm lag ein Paket Banknoten, rechts Perlen und Brillanten. Frankton ging es pekuniär schlecht, da er in die Hände von Wucherern gefallen war. Da er allein wohnte, trug er abends immer einen Revolver bei sich. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, schoß Mr. Herapath nieder, nahm das Geld und die Wertsachen an sich und ging in seine Wohnung. Am nächsten Morgen heuchelte er dann Entsetzen über die schreckliche Tat, als er ins Büro kam. Es war ein gemeiner Raubmord, und der Mann kommt natürlich an den Galgen!« – »Wer hätte gedacht, daß sich die Sache so überraschend und einfach lösen würde«, meinte Professor Cox, als er mit Mr. Selwood eine halbe Stunde später zu dem Hause am Portman Square kam. »Der Fall wäre also erledigt. Barthorpe und Burchill aber –« »Ihre Schuld an versuchter Testamentsunterdrückung liegt doch vollständig klar. Ist das nicht ein schweres Vergehen?« »Ja, in diesem kapitalistischen Lande wird die Sache sehr schwer bestraft. Wahrscheinlich bekommen die beiden eine längere Gefängnisstrafe. Also nun Gute Nacht, mein lieber Selwood!« »Wollen Sie denn nicht ins Haus kommen?« fragte Selwood, als er die Haustür aufschloß. Der Professor klopfte ihm auf die Schulter. »Ich glaube, Peggie will den Bericht lieber von Ihnen allein hören«, sagte er und lächelte verschmitzt.