Joseph Smith Fletcher Der Amaranthklub (Spionage-Roman) Erstes Kapitel. Das Wirtshaus am Wege. Daß hier überhaupt ein Gasthaus stand, war eine Quelle ständiger Verwunderung der Leute, die auf diese einsame Landstraße verschlagen wurden. In der Nähe lag kein Dorf, keine Stadt. Außer ein paar weit verstreuten Pachthöfen konnte auch das schärfste Auge erst am fernen Horizont den Turm eines Dorfkirchleins oder die ragenden Dächer eines Schlosses entdecken. Hier war nichts als Ruhe und Einsamkeit. Das Gasthaus lag an einem Kreuzweg. Auf einem halb verwaschenen Schild sah man das Bild eines verzweifelten Fuchses, der von Hunden, die ihre rote Zunge heraushängen ließen, verfolgt wurde. Dieses Schild hatte mehr Sinn, als ein flüchtiger Beobachter hätte ahnen können. Denn die Existenz dieses Wirtshauses beruhte auf den Füchsen im Walde und der Meute im Hundezwinger. Während der Jagdzeit war Leben in den alten Zimmern, und edle Pferde stampften in den Ställen. Wenn die Ernte auf den Feldern vorüber war, begann die Ernte des »Wirtshauses zum Fuchs«. Es war aber erst Ende Juni, und der Wirt hatte wenig zu tun. Ab und zu kam ein Landfahrer vorüber und trank sein Gläschen Bier in der Küche. Dann und wann hielt der Wagen eines Bauern oder eines Handlungsreisenden vor dem Haus. Es kam auch gelegentlich vor, daß ein Autler einkehrte. Aber die vornehmen Gäste der Jagdzeit ließen sich jetzt nicht sehen. Frühstücksraum und Fremdenzimmer waren abgeschlossen, und das Personal bestand nur aus dem Wirt nebst Frau und Tochter. So hatte Hoskins, der Fuchswirt, von Mai bis August ein geruhsames Leben, und er pflegte seine Zeit in einer Weise hinzubringen, wie es eher in Spanien als in England Sitte war. Er saß den größten Teil des Tages auf einer Bank, die er sich selbst im Schatten einer Blutbuche gezimmert hatte, stärkte sich von Zeit zu Zeit mit einem Glas Bier und einer Pfeife Tabak und überließ sich seinen Gedanken. Auch an diesem heißen Junimorgen befand sich Hoskins auf seinem Lieblingsplatz. Ein buntes Taschentuch um den kahlen Kopf, die Zeitung auf den Knien war er eingeschlafen. Das Summen der Bienen im Garten, das feine Surren der Insekten, die die Hecken bevölkerten, das Rauschen des vorbeieilenden Baches hatte einschläfernd auf ihn gewirkt. So saß er und träumte von der Jagdzeit, wenn munteres Leben das alte Haus erfüllte. Ein Schlag auf die Schulter rief Hoskins jäh in die Wirklichkeit zurück. Er öffnete die Augen und sah ein Auto, das an der Gartentür hielt, darin einen Chauffeur, und neben sich einen Herrn, der ihn aus belustigten Augen anblickte. »Sie haben einen gesunden Schlaf, mein Freund«, bemerkte der Fremde. Hoskins sprang auf. Aus langjähriger Gewohnheit, seine Gäste zu taxieren, schaute er den Herrn mit prüfendem Blick an. Er sah einen großen, wohlbeleibten Mann mit blondem Haar und Schnurrbart und rotem Gesicht vor sich. Der Fremde trug einen eleganten blauen Anzug und einen grauen Filzhut. An seiner linken Hand funkelte ein kostbarer Diamant. Er sah aus wie ein Mann, der gutes Essen und Trinken, Luxus und Behaglichkeit liebt, und Hoskins begriff sofort, daß eine Erfrischung von ihm verlangt wurde. »Ein schläfriges Wetter, Herr«, sagte er als Entschuldigung. »Womit kann ich dienen?« Der Fremde lächelte. »Kennen Sie mich nicht?« fragte er. Hoskins sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Herr, nein. Vielleicht waren Sie einmal zur Jagd hier?« »Richtig. Bei der Gelegenheit habe ich hier gefrühstückt. Und nun möchte ich ein ordentliches Essen haben. Es gibt hoffentlich etwas?« Hoskins machte ein langes Gesicht. »Es ist tote Zeit jetzt, Herr, Sie werden das verstehen. Im Sommer kehren Herrschaften selten ein. Aber wenn Sie vorliebnehmen wollen –« Der Fremde klopfte ihn auf die Schulter. »Darüber reden wir noch. Holen Sie erst Ihr bestes Ale, auch für Sie und für den Chauffeur ein Glas. Das andere wird sich finden.« Als Hoskins mit einer Kanne des Bitterbieres, durch das die Gegend berühmt war, zurückkam, betrachtete der Fremde die Blumen im Garten. Nachdem der Chauffeur sein Bier getrunken hatte, sagte er zu ihm: »Sie fahren jetzt zurück und sind pünktlich um vier Uhr wieder da.« Das Auto wendete und verschwand. Der Fremde nahm sein Glas in die Hand und setzte sich auf die Bank. »Nun zur Sache«, sagte er. »Ich brauche ein Essen für zwei Personen, das, sagen wir um halb zwei, fertig sein muß. Ich erwarte eine befreundete Dame. Darum müssen wir unser Bestes tun.« Hoskins machte ein nachdenkliches Gesicht, und der Fremde lächelte. »Ich sehe, Sie haben Geflügel«, sagte er. »Wir können in drei Stunden allerlei schaffen. Nehmen Sie zwei Hühnchen, besonders zarte. Sie haben doch eine gute Köchin?« »Meine Frau wird das besorgen. Auch habe ich Champignons.« »Ausgezeichnet. Zweifellos wird sich auch ein Salat machen lassen. Ich will mir Ihren Garten daraufhin ansehen. Wenn alle Zutaten da sind, richte ich den Salat selbst an. »Und ich habe einen vorzüglichen gekochten Schinken, auch alten Stiltonkäse. Was die Weine angeht –« Der Fremde nickte. »Ich erinnere mich noch Ihrer vorzüglichen Weine von damals.« »Ich habe Wein in meinem Keller, der von der Auktion bei dem Herzog vor fünf Jahren stammt. Vielleicht sehen Sie sich einmal meinen Vorrat an?« »Ein guter Gedanke. Das werde ich tun. Dann einen hübschen, behaglichen Raum. Nicht Ihr Frühstückszimmer, das ist zu unheimlich groß für zwei Personen.« »Wird besorgt«, erwiderte Hoskins. »Jetzt entschuldigen Sie mich, bitte, ich muß mich um die Küche kümmern.« Der Fremde entließ den Wirt mit einer gnädigen Handbewegung, steckte sich eine Zigarre an und ging dann in den Gemüsegarten. Er schritt von Beet zu Beet und nickte zufrieden. Hier war Grünzeug genug zu einem Salat. Entzückt betrachtete er die Erbsen und die neuen Kartoffeln. Dann holte ihn der Wirt zur Inspektion des Weinkellers ab. Hier entpuppte er sich als Kenner ersten Ranges. Hoskins verließ die unteren Regionen mit Flaschen beladen, die das edelste Gewächs enthielten. Zu seiner Frau äußerte der Wirt, daß er seinen Gast zwar nicht im mindesten kenne, daß er aber ein vortrefflicher Kunde sei, da er, ohne mit der Wimper zu zucken, Weine ausgewählt hatte, die dreißig Schilling die Flasche kosteten.« »Und was mag das für eine Dame sein, die ihm helfen wird, den Wein austrinken?« fragte die Frau. »Sicher ist das eine Liebesgeschichte, Hoskins, soviel ich mir dabei denken kann.« »Das geht uns gar nichts an«, erwiderte der Wirt. »Solange eine hübsche Rechnung mit gutem, barem Geld bezahlt wird, kümmere ich mich den Teufel drum, wer die Dame ist. Unsere Sache ist es nur, sie gut aufzunehmen.« Aber trotzdem konnte auch er eine gewisse Neugierde nicht verbergen, und als die bestimmte Stunde kam, lungerte er in seinem Sonntagsstaat in der Nähe der Gartentür herum, mit einer blütenweißen Serviette bewaffnet. Denn er hatte beschlossen, selbst den Kellner zu spielen. Daß die Dame bald kommen mußte, erkannte er an den Anstalten des Fremden, der einen der Seitenwege entlang ging. »Ah, sie kommt aus der Richtung von Ashminster«, murmelte Hoskins. »Das sind zwölf Kilometer, denn dazwischen liegt nichts. Und er kam von Lydcaster, das sind noch einmal zwölf Kilometer. Da steckt sicher ein Geheimnis dahinter.« In diesem Augenblick tauchte ein Auto auf, das neben dem Fremden hielt. Dieser nahm seinen Filzhut ab und verbeugte sich tief vor einer großen, schlanken Dame, der er beim Aussteigen half. Sie sprachen lebhaft miteinander, und dann fuhr der Wagen wieder zurück. Der Fremde und die Dame kamen langsam auf das Wirtshaus zu. Mr. Hoskins begab sich eiligst in einen versteckten Winkel, von wo aus er den interessanten Besuch beaugenscheinigen konnte. Zehn Minuten später stürzte er in die Küche und winkte seiner Frau. »Maria«, flüsterte er, »ich weiß, wer die Dame ist. Es ist Lord Hartsdales Schwester, Frau Tressingham. Du weißt doch, Hilda Hartsdale, die den Oberst Tressingham heiratete. Aber – wer mag der Herr sein?« Zweites Kapitel. Geheimnisvolle Aufträge. Kaum war der Chauffeur davongefahren, als die Dame sich mit der hastigen Frage an ihren Begleiter wandte: »Armand, wie sind Sie nur auf den Gedanken gekommen, diesen Ort als Treffpunkt zu wählen?« »Aus guten Gründen, meine Beste«, erwiderte der Herr. »Zunächst wußte ich, daß Sie zur Zeit bei Ihrem Bruder waren, und daß sein Landsitz nur zwanzig Kilometer von hier entfernt ist. Zweitens wußte ich von der Existenz dieses Gasthauses. Drittens war mir bekannt, daß wir um diese Jahreszeit hier ungestört sein würden. So wählte ich diesen Ort. Und nun lade ich Sie zum Lunch ein.« »Zu einem Butterbrot vermute ich«, sagte die Dame, als sie durch das Gartentor ging. »Vielleicht auch noch zu etwas anderem«, sagte er. »Doch ich will nicht vorgreifen.« Er geleitete sie in ein kleines, behagliches Zimmer und wies auf einen Tisch, auf dem von tadellosem Leinen Silbergeschirr funkelte. »Ich sehe«, lachte sie, »Sie haben fouragiert. Ich hätte es mir denken können, daß Armand de Garnier auch in der gottverlassensten Kneipe noch etwas Eßbares auftreiben würde. Es riecht wahrhaftig appetitlich, und ich sehe Flaschen mit langen Hälsen.« Garnier lachte, ließ sich in einen Sessel fallen und sah sein Gegenüber prüfend und bewundernd an. In der Tat war Hilda Tressingham eine bezaubernde Frau. Groß und schlank, gehörte sie zu den Vertreterinnen ihres Geschlechts, die zu Fuß wie zu Pferde eine gleich gute Figur machen. Ihr braunes Haar zeigte einen goldigen Schimmer. Ihre Augen waren von derselben Farbe. Hinter den vollen, roten Lippen blitzten weiße Zähne. Sie sah so frisch und anziehend aus, wie man sich eine Frau Ende der Zwanziger nur vorstellen kann, und sie lächelte, als sie Garniers Blick auffing. »Sie sehen ausgezeichnet aus«, bemerkte er plötzlich. »Was haben Sie in der Zwischenzeit getan?« »Gedöst«, erwiderte sie. »Was kann man dort anders tun? Hartsdale hat wie gewöhnlich kein Geld, so ist nichts los. Niemand besucht uns, wir rühren uns nicht aus dem Haus. Wir essen unseren Hammelbraten, den die Pächter liefern, unsere Kartoffeln aus dem Gemüsegarten und starren einander über den Tisch hin an. Armand, ich bin das alles herzlich satt.« »Ich denke, das hat nun ein Ende«, sagte Garnier. »Ich habe etwas für Sie, das Geld und London bedeutet. Was sagen Sie dazu?« »Sie meinen – Arbeit?« »Natürlich. Und dazu eine einfache Sache – wenigstens für Sie. Darum bin ich hierhergefahren. Aber da kommt unser ländliches Mahl.« Hoskins kam in dem Bestreben, etwas über die geheimnisvolle Persönlichkeit seines Gastes zu erfahren, nicht um einen Schritt weiter. Sie sprachen über gleichgültige Dinge, und nichts deutete an, daß sie mehr waren als gut bekannt miteinander. Und als die Mahlzeit beendet war, warf Garnier des Wirtes Ansicht wegen des Liebespaares jäh über den Haufen. »Mir ist vorhin Ihr schöner Rasen mit den schattigen Zedernbäumen aufgefallen«, sagte er. »Lassen Sie bitte dort einen Tisch und Stühle aufstellen, wir wollen unseren Kaffee draußen trinken.« »Ich habe das so arrangiert«, sagte Garnier später zu seiner Begleiterin, »weil man in einem Hause nie sicher vor dem Belauschtwerden ist.« »Sehr richtig. Handelt es sich um ein Geheimnis oder um eine vertrauliche geschäftliche Information?« »Um beides. Fangen wir also an. Ihres Bruders Schloß liegt dicht bei Ashminster?« »Fünf Kilometer entfernt.« »Sie kennen also die Stadt und die Menschen?« »Die Stadt wohl. Aber die Menschen? Hartsdale kennt vermutlich manche von ihnen, und sie ihn erst recht, weil er Schulden bei ihnen hat.« »Kennen Sie das Parlamentsmitglied für Ashminster, Mr. George Ellington?« »Nein, wenigstens nur dem Namen nach. Seine Verwandten sind dort Fabrikanten. Reiche Leute.« »Tatsächlich? Erzählen Sie mir näheres von ihnen.« »Sie sind Fabrikanten, wie ich schon bemerkte. Der junge Ellington soll von vornherein für eine politische Laufbahn erzogen worden sein. Gymnasium, Cambridge, dann eine Universität in Deutschland. Man hat ehrgeizige Pläne mit ihm. Der Einfluß und das Geld der Familie verschaffte ihm sein Mandat.« »Richtig. Teilweise ist ihr Ehrgeiz befriedigt. Haben Sie heute die Morgenzeitungen gelesen?« »Nur flüchtig.« »Ellington ist zum Unterstaatssekretär im Marineamt ernannt worden, ich hörte es schon gestern. Soviel ich weiß, ist das noch kein besonders wichtiger Posten in der englischen Regierung. Immerhin hat mich die Nachricht von seiner Ernennung dazu bewogen, an Sie zu schreiben. Es ist bei Ihnen Sitte, daß Abgeordnete, die in ein Regierungsamt berufen werden, ihr Mandat niederlegen müssen, nicht wahr?« »Meines Wissens ja.« »Infolgedessen kandidieren sie aufs neue. So wird es also auch in Ashminster eine Ersatzwahl geben. Mr. George Ellington muß noch einmal gewählt werden.« »Und?« »Wie man mir gesagt hat, ist er nur mit knapper Mehrheit gewählt worden. Deshalb wird er Widerstand finden. Es wird einen scharfen Wahlkampf geben.« »Und?« »Sie müssen sich daran beteiligen.« »Ich? Warum denn?« »Klar. Sie sollen die Bekanntschaft Ellingtons pflegen. Das wird sich machen lassen. Ich habe bereits erfahren, daß Ihr Bruder derselben Partei angehört.« »Ich glaube kaum, daß Hartsdale zwei Penny Wert auf irgendeine Partei legt.« »Aber offiziell gehört er zu Ellingtons Partei. Und das ist ein Glück.« »Ein Glück?« »Natürlich. Sie sind gerade in Hartsdale Park, bei Ihrem Bruder, der zu den Stützen der gegenwärtigen Regierung gehört, haben nichts zu tun. Da findet eine Wahl statt. Was liegt näher, als daß Lord Hartsdales Schwester den Kandidaten der Regierungspartei unterstützt. Das trifft sich alles prächtig.« »Meinen Sie? Und was soll ich dabei tun? Ich habe keine Ahnung, wie man Parlamentskandidaten unterstützt.« »Das ist einfach. Für Sie ein Kinderspiel. Sie werden sich bei den Wahlversammlungen zeigen. Sie werden sich mit ihm bekanntmachen, ihm Ihre Hilfe anbieten. Sie werden sehr nett sein und sich ihn zu Dank verpflichten.« »Und – warum?« »Weil ich Interesse daran habe, daß Sie mit dem Unterstaatssekretär im Marineamt befreundet sind.« Hilda Tressingham gab keine Antwort, aber sie sah Garnier an und nickte. »Sie sind also über meine Absichten im klaren«, fuhr er fort. »Nun noch eines, ist der junge Politiker verheiratet?« »Soviel ich weiß, ja. Mit irgendeiner Kusine oder dergleichen. Ich erinnere mich jetzt, ich habe sie beide auf einer Blumenausstellung gesehen.« »Konnten Sie sich bei der Gelegenheit ein Urteil über die beiden bilden?« »Er macht den Eindruck eines eitlen, selbstgefälligen, etwas anmaßenden Menschen. Die Frau ist farblos, scheint aber gesellschaftlichen Ehrgeiz zu besitzen.« »Glänzend, glänzend. Die Götter sind mit uns im Bunde, Hilda. Bekümmern Sie sich um diese Leute, zeigen Sie großes Interesse an seiner Politik. Wachen Sie sich nützlich bei seiner Wahl. Lassen Sie sich einladen, veranlassen Sie Hartsdale, die beiden in sein Haus zu ziehen.« »Um ihnen kaltes Hammelfleisch vorzusetzen«, versetzte sie spöttisch. »Meinetwegen Käsebrot. Sie werden kommen. Poussieren Sie die Frau. Fordern Sie den Mann auf, Sie nach der Wahl in London zu besuchen. Er wird kommen – allein.« »So soll ich nach der Wahl nach London zurückkehren?« »Sofort. Von dort aus muß weiter gehandelt werden. Mischen Sie zunächst einmal Ihre Karten tüchtig während der Wahl. Dann werden wir sehen.« Dann schwiegen beide. Der Mann rauchte und blickte nach den Zweigen über seinem Haupt. Die Frau dachte angestrengt nach. Dann sah sie ihren Begleiter an. »Ich habe die Rolle, die ich spielen soll, so ziemlich begriffen. Verlassen Sie sich auf mich, bis –« »Bis ich Ihnen weitere Instruktionen gebe«, sagte Garnier. »Nun kommen wir zu der Geldfrage.« »Ja«, antwortete sie ein wenig hastig. »Ich kann nicht nach London, ehe ich mit Bernstein glatt bin. Das wissen Sie selbst.« Garnier legte die Zigarre fort, griff in die Brusttasche und nahm ein Papier heraus. »Hier ist Ihr Schuldschein an Bernstein«, sagte er. »Sehen Sie ihn sich an.« Sie macht eine Bewegung, als wollte sie ihm das Papier aus der Hand reißen. Lächelnd zog Garnier es zurück. »Es gehört mir, Hilda«, sagte er. »So haben Sie ihn bezahlt«, murmelte sie. »Dann hat es doch keinen Zweck –« »Daß Sie sich weiter beunruhigen«, unterbrach er sie, indem er das Papier wieder einsteckte. »Sie können also Ihre hübsche Wohnung in Mayfair wieder aufsuchen, sobald die Wahl vorüber ist. Aber auch bares Geld ist nützlich und notwendig. Ich habe welches für Sie in meiner Brieftasche. Aber dazu sind wir hier etwas zu sehr in der Öffentlichkeit. Wir wollen einen Spaziergang in das entzückende Wäldchen dort machen. Kommen Sie.« Drittes Kapitel. Auf dem Kriegsschauplatz. So stolz und glücklich auch Mr. George Ellington und seine Familienangehörigen wegen seiner Ernennung zum Unterstaatssekretär im Marineamt waren, Mr. Septimus Crashaw, Generalsekretär der konservativen Partei in Ashminster, teilte diese Gefühle keineswegs. Er zürnte dem Ministerpräsidenten, daß er ihm in diesem Augenblick die Last einer Nachwahl aufhalste. Und als der frischgebackene Marinelord, ein wenig geschwollen im Bewußtsein der neuen Würde, bei ihm eintrat, empfing er ihn mit Klagen und unheilvollen Prophezeiungen. »Sie können sich auf einen verzweifelten Kampf gefaßt machen, Mr. George«, begrüßte er ihn. Denn da er das Parlamentsmitglied von dessen ersten Hosen an kannte, hatte er sich im Verkehr mit ihm einen etwas familiären Ton angewöhnt. »Sie wissen, daß wir das letztemal nur eine Mehrheit von sechzig Stimmen hatten, und das kann bei unserer Wahlordnung leicht eine Minderheit werden. Vier Jahre ist die Regierung nun an der Macht, ihre Energie ist verbraucht. Unsere Gegner haben tüchtig gearbeitet, und in Oberst Emsworth haben sie einen guten Kandidaten. Er wird sich zur Wehr setzen.« »Unken Sie nicht, Crashaw«, sagte der neue Unterstaatssekretär. »Ich habe Emsworth zweimal geschlagen, ich schlage ihn noch einmal. Wir müssen nur unsere Kräfte sammeln, dann gewinnen wir die Schlacht.« Crashaw sah auf den jungen Mann, für den das Leben bisher nichts als Erfolg bedeutet hatte. Sein Vater, der millionenschwere Fabrikant, hatte George von der Geburt an für die politische Laufbahn bestimmt. Seine ganze Erziehung war nach diesem Gesichtspunkt geleitet worden. Für ihn hatte er den Wahlkreis Ashminster warmgehalten, mit dreiundzwanzig Jahren hatte George ihn bekommen. Jeder war überzeugt, daß der junge Mann vor dem dreißigsten Jahr ein Regierungsamt haben würde. Und nun stand er vor Crashaw, das Urbild eines jungen Engländers, groß, kräftig gebaut, froh im Bewußtsein seiner Stellung. Hier wehte die Luft des Erfolges. »Sie haben immer guten Mut und Hoffnung, Mr. George«, bemerkte der alte Mann. »Das ist eine Gottesgabe. Aber, wie ich gestern zu Ihrem Vater sagte, ich wünschte, wir wären etwas besser vorbereitet. Wir müssen, wie Sie vorhin richtig bemerkten, unsere Kräfte sammeln. Übrigens, was glauben Sie, wer sich gestern bei mir meldete und sich erbot, Ihnen Wahlhilfe zu leisten? Sie würden es in alle Ewigkeit nicht raten.« »Wer denn?« fragte Ellington. Crashaw sah den Kandidaten listig an. »Lord Hartsdales Schwester.« Ellington pfiff durch die Zähne. »Sie meinen die Frau von Oberst Tressingham?« »Freilich. Sie schien ganz wild danach, und sie versieht allerlei von Politik. Wir haben lange geplaudert. Sie bedauerte, Sie noch nicht zu kennen, würde aber gern für Sie arbeiten. Und – ich habe ihr Anerbieten angenommen.« Verwundert überlegte Ellington, warum wohl Ihre Hochwohlgeboren Frau Tressingham für ihn arbeiten wolle. Er kannte sie und ihre Familie vom Sehen und Hörensagen, solange er lebte. Aber nie hatten die Hartsdales sich für die Angelegenheiten Ashminsters interessiert. Vor ihrer Heirat mit dem Oberst Tressingham, einem alten Haudegen, kannte man Hilda nur als eine junge Dame, die ihre Zeit mit Pferden und Hunden zubrachte. Nach ihrer Verheiratung hatte sie einige Jahre in Indien gelebt, wo ihr Gatte auch nach seiner Verabschiedung noch geblieben war, weil er dort Pflanzungen besaß. Seit ihrer Rückkehr nach England kannte Ellington sie als eine mondäne Frau, die in Kreisen verkehrte, die über seiner Sphäre lagen. Er wußte, daß Lord Hartsdale dem Namen nach zu seiner Partei gehörte und auch gelegentlich einmal zu einer Abstimmung im Oberhaus erschien. Aber nie hatte sich die Familie lebhaft für Politik interessiert, und darum sah er Crashaw fragend an. »Was kann das zu bedeuten haben?« Der Alte zuckte die Achseln. »Wie soll ich wissen, was solch eine vornehme Dame sich denkt? Vielleicht sucht sie ein bißchen Abwechslung, eine neue Sensation, was weiß ich. Ist ihr Gatte nicht noch immer in Indien? Und Kinder hat sie auch nicht. Vermutlich langweilt sie sich in Hartsdale. Die Leute erzählen, daß aus Seiner Lordschaft und ihr selbst kein Mensch dort ist, daß sie nie Gäste haben. Dazu ist er schwer verschuldet, und das gab mir eigentlich zu denken.« »Warum?« fragte Ellington. »Sie sind nicht gerade beliebt in Ashminster, wenigstens der Lord nicht. Nachdem er bei den Geschäftsleuten tief in der Kreide sieht, bezieht er seinen Bedarf aus London. Trotzdem –« Er brach ab, kaute an seinem Federhalter und sah den Kandidaten vielsagend an. »Trotzdem –?« fragte Ellington. »Sie ist eine sehr schöne und bezaubernde Frau, und eine solche kann den Leuten klarmachen, daß Schwarz Weiß ist. Unter den Wählern gibt es immer Menschen, bei denen eine hübsche Frau mit einer flinken Zunge erreicht, was sonst niemand fertigbringen kann. Sie könnte uns nützlich sein.« »Natürlich werden wir Nutzen aus ihr ziehen. Wir weisen keine Hilfe zurück, woher sie auch immer kommen mag. Wir –« In dem Augenblick öffnete ein junger Mensch die Tür und steckte seinen Kopf herein. »Eine Dame möchte Sie sprechen, Mr. Crashaw«, sagte er. »Frau Tressingham.« Crashaw sah seinen Chef an und bemerkte: »Führen Sie die Dame sofort herein.« Er stellte einen Sessel zurecht und sagte lächelnd: »Nun können Sie selbst mit ihr sprechen oder – ihr zuhören.« Etwas schüchtern und unbeholfen blieb Ellington vor dem Kamin stehen und blickte erwartungsvoll auf die Tür. Unbewußt fühlte er, daß etwas Neues in sein Leben trat. Hilda Tressingham, in einem Hut, wie man ihn in Ashminster nicht zu sehen gewohnt war, schwebte mit strahlendem Lächeln in das Zimmer. Sie wartete eine formelle Vorstellung nicht ab. Obwohl sie in ihrem Leben mit George Ellington noch kein Wort gesprochen hatte, streckte sie ihm wie einem alten Freunde die Hand hin, wahrend sie Crashaw vertraulich zunickte. Die beiden Männer konnten sich dem Reiz ihrer Persönlichkeit nicht entziehen. Es war, als hätte sich das schäbige Zimmer mit seinen Büchern und verstaubten Akten plötzlich verändert. »Wie geht es Ihnen, Mr. Ellington«, begann sie mit einer entzückenden Offenheit. »Wir können wohl auf eine feierliche Vorstellung verzichten. Ich freue mich, von Ihrer – wie soll ich es nennen? – Beförderung zu hören. Ohne Zweifel hat Mr. Crashaw Ihnen erzählt, daß ich bei Ihrer Wahl helfen möchte. Sie werden nichts dagegen haben?« Ellington geleitete sie zu dem Sessel. Er stellte fest, daß sie eine außergewöhnlich schöne Frau war, und er konnte sich dabei seltsamerweise eines Gefühls des Unbehagens nicht erwehren. »Sie sind zu liebenswürdig«, begann er, um dann etwas ungeschickt fortzufahren: »Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie sich für Politik interessieren.« »Ich fange damit an«, erwiderte sie prompt. »Und ich lerne rasch. Mr. Crashaw wird mir bezeugen, daß ich leidlich auf dem laufenden bin.« »Von ganzem Herzen«, sagte Crashaw lächelnd. »Frau Tressingham weiß mit allen schwebenden Fragen Bescheid.« Ellington stand noch immer verblüfft da. Und gleichzeitig betrachtete und studierte ihn Hilda Tressingham. Sie hatte ihn dann und wann zuvor gesehen und kannte ihn als einen gut aussehenden jungen Mann, den man eher für einen Landedelmann denn für einen Politiker halten konnte. Er war groß, wohlgebaut, und seinem braungebrannten Gesicht nach hätte man ihm eher ständigen Aufenthalt in frischer Luft als die Beschäftigung mit Büchern und Akten zugetraut. Aber in diesem Augenblick forschte sie tiefer und schätzte Charakter und Fähigkeiten ab. Und sie kam zu dem Schluß, daß George Ellington bei einer gewissen geistigen Bedeutung alle Merkmale der Eitelkeit an sich trug, daß man ihn mit Schmeicheleien würde beeinflussen können. Sie empfand ein freudiges Vorgefühl kommenden Sieges. »Ich kann ihn um den Finger wickeln«, dachte sie. Und dann sagte sie laut: »Was für Arbeit werden Sie mir geben, Mr. Crashaw?« Septimus Crashaw blickte auf Ellington. »Ich habe es mir eben überlegt«, sagte er. »Wir müssen uns besonders um die Wähler in Saint Sepulchres Ward kümmern. Ein bißchen Hausagitation kann da Wunder wirken. Ich wollte Sie eigentlich hinschicken, Mr. George. Hier ist die Liste. Möchten Sie nicht Frau Tressingham mitnehmen? Sprechen Sie mit den Frauen, sie haben mehr Einfluß auf die Männer, als man gewöhnlich annimmt. Schmieren Sie ihnen Honig um den Mund und küssen Sie ihre kleinen Kinder.« »Dies Geschäft werde ich Mr. Ellington überlassen«, sagte Hilda. »Darin hat er Erfahrung.« Ellington hatte ein seltsames Gefühl von gehobener Stimmung und Vergnügen, als er in der Gesellschaft von Lord Hartsdales schöner Schwester die Hauptstraße von Ashminster entlang ging. Trotz seiner sorgfältigen Erziehung, seiner glänzenden Karriere und seiner Zukunftsaussichten hatte er etwas von einem Emporkömmling an sich. In der Industriestadt aufgewachsen, hatte er eine gewisse Ehrfurcht vor der Aristokratie noch nicht abgelegt. Das Gefühl war mächtig in ihm, es sei doch eine schöne Sache, die Schwester eines Pairs neben sich zu haben. Sehr bald hatte er noch mehr Grund, stolz zu sein und sich zu beglückwünschen. Denn er entdeckte, daß Crashaw mit seiner Behauptung, Hilda verstände zu reden, recht behielt. Bewundernd folgte er ihr den Rest des Vormittags, ließ sie ihre Überredungskünste nach Belieben anwenden und warf nur ein paar Worte ein, wenn er es für unbedingt notwendig hielt. Die Zeit verging dabei so schnell, daß er sich wunderte, als seine Begleiterin plötzlich stehen blieb und die Hand auf seinen Arm legte. »Jetzt keinen Schritt weiter«, sagte sie lachend. »Sie müssen mir erst etwas zum Lunch geben.« Viertes Kapitel. In der Familie. Schuldbewußt sah Ellington auf die Uhr. Es war halb zwei. Über zwei Stunden waren sie von Gasse zu Gasse gezogen. »Ich bin untröstlich«, sagte er. »Aber es war ein zu großes Vergnügen, Zeuge Ihrer Überredungskunst zu sein. Lunch? Natürlich. Sie müssen mit mir nach Hause kommen. Wir essen um zwei.« »Und Ihre Gattin?« sagte sie lächelnd. »Wieso?« »Sie kennen das Wort von den ungebetenen Gästen. Sie sind nicht immer willkommen.« Lachend warf Ellington den Kopf zurück. »Oh«, erwiderte er, »wenn Sie sonst nichts einzuwenden haben. In Wahlzeiten halt man offene Tafel. Ich kann Ihnen nicht versprechen, daß Sie ungestört essen werden, denn wir müssen immer auf einen plötzlichen Überfall gefaßt sein. Aber einen herzlichen Empfang kann ich Ihnen garantieren.« »Und hoffentlich Speise und Trank«, antwortete sie. »Beides. Kommen Sie, dort an der Ecke ist ein Droschkenstand. Wir wollen sofort nach Hause fahren. Entschuldigen Sie es mit meinem Vergnügen, Sie über die Segnungen der Regierung sprechen zu hören, daß ich nicht eher an Lunch dachte.« Ellington hatte mittlerweile alle Scheu vor seiner Helferin verloren, und er redete frei von der Leber weg, während sie durch die Stadt nach dem Vorort fuhren, in dem er wohnte. Hilda Tressingham kannte sein Haus, denn sie war oft dort vorbeigeritten und hatte es bespöttelt. Auch als sie jetzt neben ihm durch den Vorgarten schritt, mußte sie daran denken, wie über die Maßen neu und protzenhaft alles aussah. Da waren Bäume, Sträucher und Blumen, alles sehr gepflegt, aber so ängstlich genau angeordnet, als handle es sich um eine Musterausstellung für Gartenbau. Sie verglich damit den Schloßpark in Hartsdale mit seinem fünfhundert Jahre alten Rasen, den mächtigen Zedern und Buchen, den grauen Wällen und moosbedeckten Ruinen, dem ganzen Bild von Verfall und Vernachlässigung. Und sie fragte sich, ob eine solche Romantik malerischer Armut nicht der schreienden Aufdringlichkeit neuen Reichtums vorzuziehen sei. Aber schon führte Ellington sie in ein Zimmer, in dem verschiedene Personen sich befanden, die offensichtlich auf das Essen warteten. Er sah sie beruhigend an. »Nur meine Familienangehörigen. Ich bin erst heute morgen aus London gekommen, so habe ich noch niemand gesehen. Letty«, wandte er sich an eine junge Frau, die etwas bestürzt auf die beiden zukam, »das ist Frau Tressingham, die die Liebenswürdigkeit hat, mir im Wahlkampf zu helfen. Wir haben scharf in Saint Sepulchres Ward gearbeitet und sind jetzt hungrig und durstig.« Dann machte er sie mit seinem Vater und seiner Schwester und mit einem jungen Herrn bekannt, der stark nach einem Juristen aussah, und dessen Namen sie nicht verstand. Hilda schüttelte allen die Hand, beteuerte, daß Wahlagitation hungrig mache und nahm sich Ellington senior aufs Korn, mit dem sie noch nie im Leben ein Wort gesprochen hatte, dem sie sich aber jetzt von ihrer besten Seite zeigte. »Ich habe nie gewußt«, sagte Vater Ellington, der in seinen Gesprächen so peinlich genau war wie in seinen Geschäften, »daß Sie sich für Politik interessieren.« »Ich habe offenbar meine Kräfte brachliegen lassen«, erwiderte Hilda, »ich will aber alles wieder gutmachen. Wenigstens haben wir immer zu der richtigen Partei gehört.« »Ja«, meinte Ellington senior. »Aber solange ich selbst diese Stadt im Parlament vertrat, kann ich mich nicht entsinnen, daß ein Mitglied Ihrer Familie sich je an Wahlkämpfen beteiligt hätte. Ihr Bruder freilich als Pair des Reiches –« »Konnte sich natürlich nicht hineinmengen«, fiel Hilda ein. »Dafür springe ich jetzt ein.« Sie sah sich um und lächelte der jungen Frau Ellington zu, die den Gast mit andächtigem Interesse betrachtete. »Ich werde zu Ihnen kommen und mir Rat von Ihnen holen«, sagte sie. »Sie müssen doch mit der Zeit eine gelehrige Schülerin geworden sein.« Die junge Frau errötete und sah nervös auf ihren Gatten. Aber der neue Unterstaatssekretär war in ein Gespräch mit seiner Schwester und dem jungen juristisch anmutenden Herrn verwickelt, so mußte sie selbst eine Antwort finden. »Leider verstehe ich so gut wie gar nichts von Politik«, sagte sie. Ellington senior räusperte sich und fuchtelte mit seinem Kneifer. »Die Damen aus unserer Familie«, begann er in belehrendem Ton, »haben sich nie aktiv mit Politik beschäftigt, wenn sie auch immer Interesse dafür gezeigt haben. In der jetzigen Generation freilich ist es meine Tochter Marcia, die, wenn ich mich so ausdrücken darf, fortschrittlichen Ideen huldigt. Sie gehört zu verschiedenen Frauenvereinen und -organisationen, mit deren Zielen ich, offengestanden, nicht immer sympathisiere.« Hilda warf einen prüfenden Blick auf Marcia Ellington. Über den Vater und dessen Schwiegertochter hatte sie sich bereits ein Urteil gebildet. Sie waren beide anders geartet als George und sicher nicht so leicht zu leiten und zu beeinflussen. Stephan Ellington, ein angehender Siebziger, war groß und mager und erinnerte an einen Asketen. Er hatte eine spitze Nase, scharfe, kalte Augen und einen Mund, der Festigkeit und Strenge ausdrückte. Hilda schätzte ihn als einen hochmütigen Puritaner ein, der auf sein Geld ebenso stolz war wie auf seine Grundsätze. Ein rascher Blick auf Marcia belehrte sie, daß das Mädchen mehr dem Vater als dem Bruder glich. Hilda hatte eine dunkle Erinnerung, gehört zu haben, daß die Tochter des alten Fabrikanten gelehrt sei, in Frauenversammlungen rede und Artikel für Zeitungen und Wochenschriften verfasse. Wo sie ihr jetzt in Person begegnete, glaubte sie gern diesen Gerüchten. Marcia Ellington war eins von den knochigen, jeder Anmut baren jungen Mädchen, die man sich gut in Männerkleidern vorstellen kann. Ein Eindruck spöttischer Überlegenheit ging von ihr aus, und nervöse Leute flohen ihre Nähe, da sie sich immer als Zielscheibe ihres Witzes fühlten. Auf gewisse junge Leute, die wie sie nach »höherer Kultur« strebten, übte sie eine starke Wirkung aus. Ihre Zuhörer fühlten sich in die Regionen des reinen Äthers erhoben, es sei denn, sie waren Philister oder ehrlich genug, einzugestehen, daß sie von Marcias Darlegungen ebensowenig verstanden, wie nach ihrer Ansicht die Rednerin selbst. Marcia, die bei Tisch neben Frau Tressingham saß, beäugte deren elegantes Kleid so, wie Diogenes die kostbaren Gewänder der ausschweifenden griechischen Jugend betrachtet haben mochte. Sie zog den Atem durch die Nase, und George Ellington ging ein kalter Schauer durch Mark und Bein. Er erkannte an diesem Zeichen, daß Marcia sich zum Streit rüstete. »Ich hoffe, Frau Tressingham«, begann sie, »daß Sie sich in der politischen Arena auf die richtige Seite stellen werden. Alle Frauen müßten das tun, das ist so ungeheuer wesentlich.« »Ja?« meinte Hilda harmlos. Sie sah von ihrem Teller auf und schoß aus der Batterie ihrer schönen Augen eine volle Ladung auf Marcia ab. »Ich stehe natürlich auf der Seite Ihres Bruders«, fügte sie unschuldig hinzu. Marcia lächelte schwach. »Sie mißverstehen mich. Ich bezog mich auf die höheren Ziele der Politik, den Oberbau, sozusagen.« »Ach so! Aber ich befinde mich noch in den tieferen Gründen«, bemerkte Hilda, »ich fange erst an, den Berg zu ersteigen. Sie freilich, Fräulein Ellington« – nichts als kindliche Unschuld lag in ihrem Ton –, »Sie, so vermute ich, atmen nichts als Höhenluft.« George Ellington mischte sich absichtlich in die Unterhaltung, denn er wollte eine Vorlesung Marcias verhindern. »Meine Schwester«, sagte er, »hält praktische Politik für Zeitvergeudung. Sie hält nichts von konkreten Dingen, sie kämpft für Abstrakta.« »Ist die Entwicklung der Nation zu einem höheren Grad des Lebens nichts Abstraktes?« »Ich weiß nicht, was die Entwicklung der Nation zu einem höheren Grad des Lebens ist«, erwiderte George grob. »Ich weiß nur, was es heißt, Heer und Flotte auf der Höhe zu halten, Geld für Erziehung und andere Kulturzwecke bereitzustellen.« »Das heißt, sich um das Materielle kümmern«, sagte Marcia kühl. »Das ist der Fluch aller Parteien. Darum tadle ich nicht nur deine, George.« »Gott sei Dank«, rief Ellington. »Bring meine Wähler nicht in Verwirrung, ich brauche jede Stimme. Darum bin ich Frau Tressingham so dankbar für ihre Hilfe. Steck deshalb deine Prinzipien in die Tasche und sag den Leuten, sie möchten, da sie jene Stufe der Vollendung, zu der du sie als Diktator führen würdest, doch nicht erreichen können, wenigstens den ersten Schritt dazu tun und mich wählen. Werden Sie Ihre Beredsamkeit auch heute wirken lassen, Frau Tressingham?« »Freilich, ich halte mich an den Achtstundentag.« »Dann könnten Sie vielleicht mit meiner Frau noch einmal jenes Stadtviertel aufsuchen. Gehst du mit, Letty?« Hilda verschwendete ihr bezauberndstes Lächeln an die Hausfrau. »Kommen Sie, wir werden Wunder wirken.« Und sie sah es Lettys Gesicht an, wie gern sie mitkam. Fünftes Kapitel. Bruder und Schwester. Hilda Tressingham empfand, als die junge Frau Ellington ihr so überantwortet wurde, das Gefühl eines Raubvogels, dem ein Kaninchen oder eine Taube in die Fänge geraten ist. Sie war sich nie zu erhaben vorgekommen, gelegentlich auf Bedientenklatsch in Hartsdale Park zu hören, und so kannte sie Lettys Geschichte. Sie war Waise, Vater Ellingtons Mündel, und reich. Es war immer abgemachte Sache gewesen, daß sie George Ellington heiraten würde, und dementsprechend war sie in Brighton und Paris erzogen worden. Von den Kinderschuhen an war sie gewohnt, in George den hübschesten und klügsten Vertreter des männlichen Geschlechtes zu sehen, und so verehrte sie ihn in ihrer Art. Sie glaubte allen Grund zu haben, zufrieden zu sein. Und dennoch hatte sie eine geheime Ursache des Mißvergnügens. Die Ellingtons, Vater und Sohn, waren nicht dazu zu bewegen, sich ein Haus in London anzuschaffen. Während der zehn Jahre, wo Ellington senior Ashminster im Unterhaus vertrat, hatte er eine bescheidene Wohnung in Queen Annes Mansions gemietet, und dort hauste er zur Zeit der Tagungen von Montag bis Freitag. Dann fuhr er zum Wochenende nach Hause. George Ellington war dem Beispiel seines Vaters gefolgt. Das schien ihm klug und praktisch zu sein. Aber Letty war im Herzen damit nicht einverstanden. Sie las von der vornehmen Welt in den Zeitungen, und sie wünschte, wenigstens während der Saison in London zu leben. Und ehe Hilda ein größeres Stück mit ihr gegangen war, hatte sie ihr dieses Geheimnis entlockt und zeigte mitfühlendes Verständnis. »Aber wo jetzt Mr. Ellington bei der Regierung ist, werden Sie sich natürlich ein Stadthaus zulegen«, rief sie. »Das ist unbedingt erforderlich. Ich werde Ihnen eins suchen. Wenn Sie ein möbliertes Haus wünschen, Hartsdale hat sein Stadthaus am Curzonplatz, das er nie benutzt, er würde es gern vermieten.« Letty fand das entzückend, wenn nur George sich überzeugen ließe. Und Hilda versprach, bei passender Gelegenheit mit George zu sprechen. Als sie nach Hartsdale Park heimkehrte, beschäftigte sie sich mit Gedanken, die sich ebenso auf eigene Pläne wie auf die Armand de Garniers bezogen. Nach der parvenühaften Neuheit des Ellingtonschen Hauses erschien ihr das Schloß doppelt grau und düster. Seine großen, zumeist unbenutzten Räume kamen ihr wie Gewölbe vor, in denen die Geister der Vergangenheit hausten. Ein Hauch von glänzendem Elend lag über dem Ganzen. Die Vorliebe ganzer Generationen für Pferde, Hunde, Karten und Wein hatten den Verfall gebracht, und das gegenwärtige Haupt der Familie sah keinen Weg zum Aufstieg. Hatte der Lord auch zunächst versucht, das sinkende Schiff zu retten, so hatte er die Hoffnung schon aufgegeben, ehe er das dreißigste Jahr erreichte. So lebte er wie ein Einsiedler in einem Flügel des alten Hauses. Zwei Zimmer und ebensoviel Bediente genügten ihm. Er besaß eine Flinte und einen Hund, eine Angelrute und die ererbte Bibliothek. Dazu noch das Reitpferd und seine Pfeife, mehr brauchte er nicht. Den Besuch seiner Schwester hatte er gleichgültig entgegengenommen, da er wohl wußte, daß sie sich nur nach Hartsdale Park zurückgezogen hatte, weil ihr in London der Boden aus irgendeinem Grunde zu heiß geworden war. Er änderte seine Lebensweise um ihretwillen nicht. Hilda fand ihren Bruder in einem Zimmer, das er in eine Art von Mönchszelle verwandelt hatte. Es enthielt nur die notwendigsten Dinge und seine Lieblingsbücher. In einem abgetragenen Anzug stand er an einem Tischchen und mischte sich seine Soda mit Whisky. Auf dem großen Tisch lag das Gewehr, das er soeben gereinigt hatte. Seine Hände waren schwarz vom Öl. Hilda dachte, daß er sich kaum von einem seiner Landarbeiter unterschiede. Er brummte etwas Unverständliches, als sie ihn begrüßte und sich setzte. »Gib mir auch zu trinken, Hartsdale«, sagte sie, »ich bin total erschöpft. Reich mir dein Glas und misch dir ein anderes.« Schweigend schob er ihr das Gewünschte hin und sah zu, wie sie in durstigen Zügen trank. »Jetzt ist mir besser«, bemerkte sie. »Du ahnst nicht, was ich getan habe. Ich sammelte Stimmen für George Ellington.« Überrascht sah er sie an. »Kennst du ihn denn?« fragte er. »Seit heute morgen. Hast du gelesen, daß er ein Regierungsamt bekommen hat?« »Und?« »Ich wollte einmal versuchen, ob mir der Wahlrummel Spaß macht. So ging ich nach Ashminster und stellte mich zur Verfügung. Ich aß bei ihm und seiner Frau zusammen mit seinem unmöglichen Vater und einer noch unmöglicheren Schwester. Und ich denke, ich habe bei der Gelegenheit auch etwas für dich herausgeschlagen?« »Für mich?« »Friß mich nur nicht gleich. Nötig hast du, daß man etwas für dich tut. Es handelt sich um das Haus in der Curzonstraße. Du weißt, daß es leer steht, und du brauchst es nicht.« »Und was hat das Haus damit zu tun?« »Nachdem George Ellington das Amt bekommen hat, muß er natürlich auch ein Stadthaus haben. Überlaß ihm deins.« Lord Hartsdale lachte ungläubig und begann mit einem Lappen an dem Lauf seiner Flinte zu reiben. »Unsinn. Wer wird solch ein altes Mausoleum mieten. Ich weiß nicht, wann ich zum letztenmal dort war, aber ich besinne mich darauf, daß die Tapeten in Fetzen herunterhingen und die Teppiche zerrissen sind.« »Das sind Nebensachen«, bemerkte Hilda ruhig. »Wenn ich die Ellingtons bewegen kann, das Haus zu mieten, ist es im Augenblick in Ordnung gebracht. Prachtvolle alte Stilmöbel sind im Überfluß darin. Es fehlt weiter nichts als neuer Anstrich, Tapeten und Teppiche.« »Und wer soll das bezahlen?« brummte Seine Lordschaft. »Kein bares Geld und noch weniger Kredit.« »Laß das meine Sorge sein und nimm Vernunft an, Hartsdale. Die Ellingtons haben Geld wie Heu, warum willst du dir nicht von ihnen ein paar Tausend jährlich Miete zahlen lassen, anstatt daß das Haus ganz und gar verkommt?« »Ein paar Tausend! Du glaubst doch nicht, daß sie so verrückt sein werden, soviel dafür anzulegen?« »Ich sag' es noch einmal, laß das meine Sorge sein. Es ist eins der besten Häuser in Mayfair, es muß nur renoviert werden. Für ein so großes Haus in dieser vornehmen Gegend sind zweitausend Pfund eine bescheidene Jahresmiete.« Lord Hartsdale sah seine Schwester forschend an. »Worum geht das Spiel?« fragte er. »Spiel?« wiederholte sie mit erheuchelter Harmlosigkeit. »Wieso Spiel?« »Verstell' dich nicht. Du hast etwas vor. Woher sonst das Interesse für diese Krämer?« »Was kümmert dich das? Willst du das Haus vermieten oder nicht?« »Natürlich. Zweitausend das Jahr! Dreh' es ihnen an, wenn du kannst.« »Sehr gut. Dann werde ich sie zum Lunch einladen. Natürlich nicht die ganze Familie, nur George Ellington und seine Frau.« Lord Hartsdale starrte seine Schwester verdutzt an. »Lieber Himmel, Hilda, bist du ganz von Sinnen? Hierher willst du sie einladen?« »Wohin denn sonst? Wir sind nicht in London.« »Und wo willst du sie unterbringen? Zwischen den Spinngeweben im alten Speisesaal?« fragte er spöttisch. »Oder willst du sie im Freien speisen lassen unter schattigen Zedern?« »Überlaß das mir und versuche nicht, witzig zu werden. Ich fange nichts an, was ich nicht auch fertigbringe.« »Neugierig, wie du das anstellen wirst. Vor allen Dingen solltest du Mawsey einen neuen schwarzen Rock besorgen. Es müßten noch Livreen in den Schränken sein, falls sie nicht an die Bauern als Vogelscheuchen verkauft worden sind. Willst du mich dabei auch vorführen? Als Verkörperung der Unordnung in der Curzonstraße, als Hausgeist?« »Wenn du dir die Hände waschen, den Bart kämmen und einen anderen Anzug anziehen würdest, wäre alles gut. Sei liebenswürdig zu den Leuten. Vergiß nicht, daß ich sie überreden will, das Haus für längere Zeit zu mieten. Bargeld dürfte dir sehr nützlich sein.« »Wenn du das nur im geheimen abmachen könntest. Wenn meine Gläubiger erfahren, daß ich jährlich zweitausend Pfund bar auf den Tisch habe, fallen sie über mich her wie die Raben.« »Ich will daran denken«, sagte Hilda. »Auch das wird sich machen lassen. Nun muß ich mit Mawsey wegen des Essens reden. Wie sieht's mit dem Weinkeller?« »Trostlos genug. Ein paar Flaschen guten Rotwein, etwas von unserem berühmten Portwein, sehr viel Whisky. Nicht eine einzige Flasche Sekt.« »Wird sich alles finden«, meinte sie und stand auf. »Was wolltest du noch sagen?« »Ja«, sagte er langsam, »meinst du wirklich, daß du das Geschäft zustande bringst? Das Vermieten? Weiß Gott, wenn du das könntest, wenn du das könntest –« Sie sah ihn fragend an, als er abbrach, und er verzog seltsam das Gesicht. »Ich würde allerhand drum geben«, fuhr er fort. »Glaub' es mir, manchmal hört Armut auf, vornehm zu sein.« Sechstes Kapitel. Verschiedene Briefe. Die Hand auf dem Türgriff blieb Hilda stehen und blickte den Bruder an. Zum erstenmal seit Jahren hatte er ihr gezeigt, wie es in seiner Seele aussah, und sie merkte, daß seine Nachlässigkeit, sein Einsiedlerdasein Verstellung war. »Steht es so?« sagte sie. »Ich habe manchmal darüber nachgedacht, ob es dir Ernst ist mit deinem Diogenesspielen.« »Was sollte ich machen? Von der niedrigen Pacht kann kein Mensch leben, du bist mit deinen fünfhundert Pfund Jahresrente besser daran als ich. Ja, wenn man im Park Öl oder Kohlen graben könnte –« »Du mußt günstige Gelegenheiten ausnutzen«, sagte sie schnell. »Hier ist eine, geh' nicht daran vorüber.« »Wo?« Hilda lachte spöttisch. »Wer kein Geld hat, muß sich an Leute heranmachen, die mehr haben, als sie brauchen können. Diese Ellingtons schwimmen im Gelde. Aber nun muß ich Mawsey wegen des Essens suchen.« Aber Mawsey kam ihr schon entgegen und überreichte ihr zwei Briefe. Sie sah sofort, daß der eine von ihrem Mann aus Indien, der andere von Armand de Garnier war. Aber es war nicht ihre Gewohnheit, sich durch irgend etwas in ihrem augenblicklichen Vorhaben stören zu lassen, und so rief sie den Mann zurück. »Ich suchte sie gerade. In den nächsten Tagen bekommen wir Besuch, ich erwarte Herrn und Frau Ellington aus Ashminster.« Mawsey, ein verwöhnter, alter Bedienter, der schon im Schloß gewesen war, ehe Hilda und ihr Bruder das Licht der Welt erblickt hatten, und der nun mit seiner Frau und zwei Töchtern das ganze Dienstpersonal bildete, zog bedenklich die Augenbrauen hoch. Hilda lächelte, als sie seine Gedanken erriet. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen«, fügte sie schnell hinzu. »Wir beide werden alles vorbereiten, ich gebe Ihnen das nötige Geld. Wir müssen uns nur über die Zimmer einigen.« Mawsey sah sich in der riesigen, leeren Vorhalle um. Seit Jahren war kaum einer der Gesellschaftsräume benutzt worden. »Wir werden eine ziemliche Zeit dazu brauchen«, sagte er zweifelhaft. »Nicht nötig. Sie werden nicht lange bleiben. Ich komme mit ihnen von Ashminster und bringe sie durch den Parkeingang. So sehen sie diesen Teil des Hauses überhaupt nicht. Sie decken im Prinzenzimmer, das ist in ein paar Stunden hergerichtet. Die Bibliothek nebenan ist sowieso in Ordnung.« Mawseys Gesicht glänzte. Das Prinzenzimmer, so genannt, weil ein königlicher Prinz während einer Jagd hier gefrühstückt hatte, war ein kleiner Raum, der schnell gefegt und gewischt war. Da befanden sich außerdem kostbare alte Möbel und wertvolle Gemälde, die die Familie in ein gutes Licht setzten. »Ich sorge für alles, Mylady«, sagte er. »Wir haben aber keinen Sekt im Hause.« »Wird auch da sein. Morgen nach dem Frühstück sprechen wir über das andere.« Sie ging mit den beiden Briefen auf ihr Zimmer in dem Gefühl, daß der eine oder der andere Neuigkeiten enthalten könnte, die ihr nicht angenehm wären. Sie verglich die Handschriften auf den Umschlagen miteinander, und dabei fiel ihr Auge unwillkürlich auf zwei Photographien, die auf einem Tischchen standen. Da war Armand de Garnier, vierschrötig, einen hochmütigen Zug um die Augen, lächelnd wie ein Mann, der es liebt, von Behagen und Luxus umgeben durch das Leben zu wandeln. Und daneben der Oberst, ein großer, schlanker, altmodisch-vornehmer Herr von fünfzig Jahren mit spärlichem Haar an den Schläfen und Fältchen um die gütigen Augen. Mancher hatte sich gewundert, als Oberst Tressingham, damals ein Junggeselle von vierzig Jahren, ein achtzehnjähriges Mädchen heiratete. Andere wieder hatten es nicht begreifen können, daß ein so schönes Mädchen einen Mann nahm, der ihr Vater sein konnte. Der Oberst hatte sie geheiratet, weil er rasend verliebt war. Sie hatte ihn genommen, um aus dem Elend von Hartsdale herauszukommen. Hilda hatte sich nicht verrechnet. Er war reich, wenigstens damals. Er hatte seinen Abschied genommen, um ihr ein Stück von der Welt zeigen zu können. So war sie zufrieden, reiste mit ihm durch Europa und langweilte sich niemals. Dann aber mußte der Oberst nach Indien zurück. Er hatte dort einen beträchtlichen Teil seines Vermögens in Unternehmungen gesteckt, die der peinlichsten Überwachung dringend bedurften. Hilda ging mit und stellte zu ihrem Mißvergnügen fest, daß man Jahre hier würde zubringen müssen, sollte das Geld ihres Mannes gerettet werden. Zwei Jahre hielt sie es in einer Gegend aus, in der von Geselligkeit keine Rede war. Dann kehrte sie nach England zurück und überließ Tressingham seinen geschäftlichen Kämpfen und Sorgen. Sie hatte jährlich fünfhundert Pfund aus eigenem Vermögen. Dieselbe Summe bekam sie von ihrem Mann. Mit diesem Einkommen richtete sie sich in Mayfair eine hübsche Wohnung ein und begann, das Londoner Leben zu genießen. Da lernte sie Armand de Garnier kennen, und seitdem war es ihr gleichgültig, wie lange der Oberst in Indien blieb. Schließlich löste sie das Siegel des indischen Briefes. Und als sie die ersten Zeilen überflogen hatte, wußte sie, daß die Ahnung kommender Unannehmlichkeiten sie nicht betrogen hatte. »Ich schreibe in größter Eile«, hieß es in dem Brief Tressinghams, »denn ich will den Postwagen abfangen, damit Du die Nachricht sobald wie möglich erhältst. Leider ist es keine gute. In den letzten Wochen habe ich endlich in meinen Geschäften klar sehen können. Die Pflanzungen sind schlechter verwaltet worden, als ich dachte. Zwar hat sich die Sachlage infolge meiner Aufsicht gebessert, immerhin werde ich ohne Verluste nicht davonkommen. Die Verhältnisse liegen nun so: Entschließe ich mich dazu, noch fünf, sechs Jahre hierzubleiben, so habe ich Aussicht, das Geld wieder herauszubekommen, das ich vor fünfzehn Jahren hineingesteckt habe. Aber Du willst ja nicht zurückkommen, und ich habe wenig Lust, hier weiter wie ein Neger zu schuften. Auch sagt der Arzt, daß ich nach weiteren fünf Jahren in Bengalen erledigt bin. Nun hat Nicholson, den Du ja kennst, mir vorgeschlagen, den Kram zu kaufen. Er will mir die Hälfte der Summe, die ich einst anlegte, bar bezahlen, und zwar sofort, wenn ich einverstanden bin. So habe ich nun die Wahl, entweder frei von aller Sorge mit einem sicheren, wenn auch verringerten Einkommen heimzukehren, oder wider meinen Willen und zum Schaden meiner Gesundheit dazubleiben, um freilich damit mein ganzes Vermögen wiederzugewinnen. Wofür soll ich mich nun entscheiden? Ich lege es in deine Hände. Ich möchte, daß Du die finanzielle Tragweite ganz übersiehst. Wenn ich jetzt Schluß mache und nach Hause komme, bleiben mir fünfzehnhundert Pfund jährliche Rente. Mit Deinen fünfhundert hatten wir zweitausend zur Verfügung. Meine Sehnsucht ginge dahin, einen kleinen Ort in Mittelengland zu suchen, wo man reiten, jagen und fischen kann. Damit wären alle meine Wünsche erfüllt. Andererseits besteht kein Zweifel daran, daß ich mein ganzes Vermögen und vielleicht noch etwas mehr zurückgewinnen würde, wenn ich noch fünf Jahre hierbliebe. Dann hätten wir viertausend statt zweitausend. Sage mir ganz offen, wie Du darüber denkst. Gern verliere ich mein Geld natürlich auch nicht. Wäre ich noch jünger, wäre das Klima nicht so ungünstig, und vor allen Dingen, wärest Du hier bei mir, so würde ich von diesem Ort nicht wanken und nicht weichen, bis ich alles erfolgreich ausgeführt hätte. Aber ich bin nicht mehr jung, ich habe Sehnsucht nach der Heimat und nach Dir. Aber wie gesagt, die Entscheidung liegt bei Dir. Sage mir frei heraus, was Du meinst. Meiner Ansicht nach würden wir mit zweitausend Pfund jährlich auskommen. Also schreibe mir.« Langsam steckte Hilda den Bogen wieder in den Umschlag. Sie ging an ihren Schreibtisch und entwarf den freimütigen Brief, den ihr Gatte verlangte. Offenheit ist ebenso billig wie Höflichkeit. So spendete Hilda reichlich davon an ihren fernen Mann. Zunächst erinnerte sie ihn daran, daß sie auf das Urteil der Ärzte nie großen Wert gelegt habe. In den vergangenen zehn Jahren habe sie seinen Gesundheitszustand reichlich kennengelernt. Sie sehe nicht ein, warum fünf weitere Jahre Indien die Gesundheit eines so kräftigen und dabei soliden Mannes ruinieren sollen. Außerdem habe er ja gar nicht nötig, ständig auf der Plantage zu leben. Er könne ja ab und zu einen ändern Ort aufsuchen und etwas für seine Unterhaltung tun. Außerdem könne er ja auch in die Berge gehen, warum denn nicht? Aber vor allen Dingen – wäre es nicht über die Maßen töricht, jetzt fortzugehen, wo er doch selbst sage, daß er in fünf Jahren sein ganzes Vermögen wiederhaben könne? Denn es wäre doch zweifellos ein gewaltiger Unterschied zwischen viertausend Pfund Einkommen und einem solchen von lumpigen fünfzehnhundert. Er möge sich in seiner Entscheidung nicht übereilen. Sollte ihre Anwesenheit die Hauptsache für ihn sein, nun, so müßte sie eben kommen. Aber sie lächelte bei dem Gedanken, während sie das Kuvert versiegelte, das diesen echt weiblichen Brief einschloß. Zeit gewinnen, darauf kam es ihr allein an. Es paßte ihr nicht in ihren Kram, daß Oberst Tressingham jetzt zurückkam, ganz und gar nicht. Sie nahm den Brief von Garnier und öffnete ihn rasch. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was er enthalten könnte. Sie faltete den Bogen auseinander und fand nur eine Zeile in Armands Riesenhandschrift hingekritzelt. »Kommen Sie sofort nach London, sobald die Wahl vorüber ist.                          A. G.« Siebentes Kapitel. Das Netz wird geflochten. Es war nicht schwer, das Ehepaar Ellington dazu zu bewegen, nach Hartsdale Park zum Lunch zu kommen. Die Bekanntschaft einer Woche hatte genügt, die beiden Hilda Tressinghams Einfluß zu unterwerfen. Für Ellington war sie eine ebenso elegante wie kluge Frau. Mit größter Aufopferung hatte sie für ihn gearbeitet, und er war ihr dankbar. Und Letty betrachtete Hilda mit der Bewunderung, die einfache Seelen immer der in die Augen fallenden Klugheit zollen. Sie verglich sie mit Marcia, deren geistige Überlegenheit sie bisher bedingungslos anerkannt hatte. Als sie zu ihrem Mann davon sprach, meinte er: »Marcia lebt in der Welt der grauen Theorien, Frau Tressingham beherrscht die Dinge des praktischen Lebens.« Dieser Ausspruch kam ihm höchst weise vor, und er lächelte zufrieden. Dann fuhr er fort: »Frau Tressingham ist mir ungemein nützlich. Letzten Endes verdanke ich es ihr, wenn ich gewählt werde. Die unsichersten Kantonisten unter den Wählern hat sie einzuwickeln verstanden. Natürlich nehmen wir ihre Einladung an. Crashaw wird zwar aus der Haut fahren, wenn ich auch nur für eine Stunde vom Schauplatz verschwinde, aber der Weg nach Hartsdale Park ist ja nicht weit. Dabei fällt mir ein – du erinnerst dich dessen, was ich dir neulich wegen eines Stadthauses sagte?« »Freilich«, erwiderte Letty im Bewußtsein des Geheimnisses, das sie mit ihrer neuen Freundin verband. »Ich erinnere mich, George.« »Ich habe mich anders besonnen, jetzt brauchen wir natürlich ein Haus in der Stadt. Ich kann nicht wie bisher zwischen hier und London hin und her sausen. Das war etwas für meinen Vater, der kein Amt hatte. Ich aber muß während der Parlamentstagung immer zur Stelle sein. Deshalb brauchen wir ein Haus, und zwar sofort. Frau Tressingham erwähnte beiläufig, daß ihr Bruder sein Stadthaus vermieten wolle. Es liegt in der Curzonstraße und ist alter Familienbesitz, prachtvoll möbliert, wie sie sagt. Die Miete macht nur vierzig Pfund die Woche«, fügte er hinzu und umschrieb damit vor seiner sparsamen Frau die Tatsache, daß die Jahresmiete zweitausend Pfund betrug. »Ich denke, ich bespreche das beim Lunch mit Lord Hartsdale, meinst du nicht?« »Ich glaube auch, daß wir jetzt ein Haus in der Stadt haben müssen, aber was wird dein Vater dazu sagen?« Ellington zuckte die Achseln. Schließlich war er Mitbesitzer der ausgedehnten Fabrikanlagen, die sich das Tal entlang erstreckten. »Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen«, sagte er. »Wir bezahlen die Miete, nicht er. Und ich habe diese gräßliche Wohnung in der Spießbürgergegend satt. Mayfair ist schöner, was Letty?« Echt weiblich erwiderte Letty, daß ihr alles recht wäre, was George gefiele, und daß sie in erster Linie Wert darauf lege, auf diese Weise immer bei ihm zu sein. »Jedenfalls werde ich mit Hartsdale darüber sprechen«, bemerkte er. »Nach Frau Tressinghams Ansicht ist es ein behagliches Heim, und warum sollen wir uns die Gelegenheit entgehen lassen?« Dann lachte er plötzlich, und Letty sah ihn fragend an. »Ich glaube, Hartsdale wird uns das Haus gern lassen«, sagte er. »Nach allem, was man hört, ist er arm wie eine Kirchenmaus. Sonst würden wir kaum eine solche Wohnung so billig bekommen. Erinnerst du dich noch der Amerikanerinnen, die wir in Paris trafen, der Frau Trout-Salmon und ihrer Töchter? Sie zahlten für Lord Dilkesbys Haus fünfundsiebzig Pfund die Woche. Hartsdale wird froh sein, daß bares Geld in seine fadenscheinigen Taschen kommt.« »Ist er denn wirklich so arm?« fragte Letty naiv. »Er ist doch Pair des Königreichs.« »Was ist das heutzutage?« sagte Ellington mit verächtlichem Lachen. »Ich könnte ein Dutzend Pairs auskaufen. Hartsdale ist bettelarm.« Lettys Unerfahrenheit merkte freilich von dieser Armut nichts, als Hilda Tressingham die beiden in Hartsdale Park empfing. Hilda führte sie durch den Holländischen Garten, der stets peinlich in Ordnung gehalten wurde, weil er ein Steckenpferd des Lords war. Durch einen Seiteneingang brachte sie die Gäste in das Prinzenzimmer, wo sofort serviert wurde. Das Prinzenzimmer war ein Schmuckkästlein, prächtig in Eiche getäfelt, mit kostbaren alten Möbeln und wertvollen Gemälden. Über dem ganzen lag jenes schwer zu beschreibende Etwas, das man nur in Schlössern alter edler Geschlechter findet. Letty Ellington war keineswegs dumm, und so erfaßte sie schnell den Unterschied zwischen Hartsdale Park und den beiden Villen der Ellingtons. Sie sagte sich: ›Wir fangen erst an, aber diese Leute stehen schon seit Jahrhunderten auf derselben Stufe.‹ Nein, das alte Silberzeug, die tadellosen Speisen, die erlesenen Weine sahen nicht nach Armut aus. Sie empfand es deutlich, daß ihr eigener Diener daheim nicht an die priesterliche Würde Mawseys heranreichte. Und bei aller ihrer Herzenseinfalt verhehlte Letty sich nicht, daß George und sein Vater mit ihren Millionen weit entfernt waren von dem Adel, dessen Symbol das Prinzenzimmer bedeutete. Sie freute sich außerordentlich über das offensichtliche gute Einvernehmen zwischen George und dem Gastgeber. Mochte sie auch wenig Erfahrung mit Pairs haben, so war sie doch überrascht, in Lord Hartsdale einen freimütigen und angenehmen jungen Mann zu finden. Und als sie mit George und Frau Tressingham nach Ashminster zurückeilte, wo die Wahlarbeit sie erwartete, hörte sie mit Vergnügen, daß George, was das Stadthaus anbetraf, mit dem Lord so gut wie einig war. »Ich bin bereit, zu mieten«, sagte er zu Hilda. »Vermutlich werden Ausbesserungsarbeiten notwendig sein.« »Das läßt sich in vier Wochen erledigen. Ich will mich darum kümmern, denn ich wohne ganz in der Nähe«, antwortete sie. »Da ich bald nach London fahre, kann ich alles besorgen.« »Sie sind zweifellos eine Geschäftsfrau«, erwiderte er lachend und verglich sie im Geiste wieder mit Marcia. Als er dann aber abends bei seinem Vater vorsprach und nur die Schwester antraf, merkte er, daß Marcia sich manchmal auch zu den Dingen dieser Welt herabließ. »Du scheinst mit einemmal einen Narren an Frau Tressingham gefressen zu haben«, bemerkte sie verdächtig sanft. »Und die arme Letty teilt offenbar deine Leidenschaft.« Zwischen den Geschwistern bestand keine übergroße Zärtlichkeit. Der Bruder betrachtete die Schwester als verschrobenes Menschenkind, das nicht leicht zu genießen war. Marcia hingegen hielt den Bruder für einen Optimisten wie alle Politiker und darum für ein Hindernis jedes wahren Fortschritts. Infolgedessen sahen sie einander kampfbereit an. »Warum sprichst du von meiner Frau als der ›armen‹ Letty?« fragte er. »Nur eine Redensart. Ebensogut kann ich dich den armen George nennen.« »Was hinter meinem Rücken vermutlich geschieht.« »Möglich, da du dich so leicht beschwindeln läßt.« »Und wer, bitte, beschwindelt mich?« Marcia lachte in einer Art, die Ellington einen grimmigen Fluch entlockte. »Fällt dir Frau Tressinghams Eifer für deine Sache nicht auf?« sagte sie. »Noch nie hat ein Mitglied ihrer Familie sich um Politik gekümmert oder sich nach unserer Gesellschaft gesehnt. Ich nehme an, die Dame will etwas von dir, George.« »Das sieht dir ähnlich, Marcia. Willst du auch immer etwas von dem langhaarigen Volk mit schmutzigen Kragen, dessen Gesellschaft du suchst?« »Nein, denn von ihnen ist nichts zu holen. Aber von dir als einem Mitglied, wenn auch nur einem sehr kleinen, der Regierung, könnte etwas zu holen sein. Und ich bin überzeugt, daß Frau Tressingham etwas im Schilde führt. Hypatia Standish, die mich gestern besuchte, weiß manches von ihr. Sie sagt, sie ist liederlich.« »Liederlich?« »Sie gehört zu einem verdächtigen Klub in London«, sagte Marcia mit Genugtuung. »Und wenn du noch mehr wissen willst, Richard Avory, der neulich zum Lunch da war, als du sie mitbrachtest, stellte eine wunderliche Frage über sie.« »Das kann ich mir denken. Er sieht aus wie ein Mensch, der die anderen Gaste betreffend verrückte Fragen stellt.« »Richard Avory,« fuhr Marcia unentwegt fort, »ist ein sehr kluger junger Mann und hört als Rechtsanwalt allerlei. Er fragte, ob das dieselbe hochgeborene Frau Tressingham sei, die vor zwei Jahren in einem Buchmacherskandal auf der Rennbahn verwickelt war.« »Sieh mal an! Und du sagtest ihm –« »Ich sagte ihm, daß sie es vermutlich sein würde, da sie zeitlebens nur mit Pferden und Hunden zu tun gehabt habe. Und sie muß es sein, denn es gibt sonst keine hochgeborene Frau Tressingham. Sieh bitte im Adelskalender nach, lieber Bruder.« »Der Adelskalender ist nicht gerade meine Lektüre. Vom Rednerpult aus ziehst du immer gegen die Aristokratie zu Felde, und nun weißt du anscheinend den Debrett auswendig.« »Man muß die Feinde des Volkes kennen. Ich liebe es, ihren Ursprung bis zu den Räubern und Mördern zu verfolgen, von denen sie abstammen. Ich bin kein Snob, das überlasse ich dir und Letty. Fühlt ihr euch nicht sehr gehoben, nachdem ihr in Hartsdale Park gespeist habt? Bekenne es.« »Ich kann nur bekennen, daß ich mich wegen deines häßlichen Betragens schäme.« Wütend ging er fort, als er merkte, daß Marcia ihn auslachte. Der Gedanke, daß jemand über ihn lachte, beleidigte sein Selbstgefühl. Und das war nicht gering. Die bloße Vorstellung, daß Hilda Tressingham ihn ausnutzen könnte, erschien ihm unsinnig. Sie war eine hübsche, kluge, anziehende Frau, und er schuldete ihr Dank für ihre Hilfe. Das war alles. Am Wahltag selbst hatte er noch mehr Grund zur Dankbarkeit. Schon in aller Frühe war Hilda in der Stadt. Sie wurde nimmer müde in ihren Anstrengungen, das politisch reife Volk an die Wahlurne zu treiben und zu bewegen, für Ellington zu stimmen, bis die Uhr am Abend acht schlug. Da erst gönnte sie sich Rast sowie Speise und Trank. Viel Zeit dazu war freilich immer noch nicht, denn die Entscheidung stand nahe bevor. Crashaw war bleich und zitterte vor Aufregung, und auch Ellington war aufs höchste erregt. Um zehn wurde das Resultat bekannt. Der neue Unterstaatssekretär war wiedergewählt, wenn auch nur mit elf Stimmen Mehrheit. »Das habe ich Ihnen zu verdanken und sonst niemand«, flüsterte Ellington mit Inbrunst, als er zwei Stunden später Hilda in ihr Auto hob. »Auch Crashaws ist der Ansicht, und er weiß, was er sagt. Ich bin jetzt nicht imstande, Ihnen so zu danken, wie ich möchte. Wann kann ich zu Ihnen kommen und wohin?« »Morgen fahre ich wieder nach London«, antwortete sie hastig. »Essen Sie nächsten Mittwoch bei mir. Ich schicke Ihnen einen Brief ins Parlament. Dann können wir auch wegen des Hauses in der Curzonstraße sprechen. Ich freue mich so über Ihren Sieg. Gehen Sie jetzt und schlafen Sie aus.« Sie lächelte ihn bezaubernd an, während der Wagen sich in Bewegung setzte, und George Ellington hatte nur den einen Wunsch, daß dieser Mittwoch schon morgen sein möchte. Achtes Kapitel. Der Amaranthklub. Nach Ihrer Rückkehr aus Indien hatte Hilda Tressingham lange und reiflich überlegt, wo und wie sich ihr Leben in Zukunft abspielen sollte. Über das »Wie« machte sie sich die geringsten Kopfschmerzen. Sie hatte keineswegs die Absicht, sich nach Brighton, Bournemouth, Harrogate oder Cheltenham zurückzuziehen, wo Strohwitwen, deren Männer am anderen Ende der Welt weilten, zu leben pflegten. Ebensowenig war sie gewillt, Hartsdales Einsiedlerleben zu teilen, noch, wie er wünschte, das Haus in der Curzonstraße zu hüten. Von irgendeinem Vorfahren her hatte sie ein paar Tropfen Zigeunerblut in den Adern, die sie antrieben, just nach ihrem eigenen Willen zu handeln, und so nahm sie sich vor, in London wie ein Junggeselle zu leben. Mochte der Oberst, wenn er einst heimkam, einen geregelten Haushalt einrichten. Inzwischen wollte sie so ungebunden wie möglich hausen. Trotz ihres Bohemientums hatte Hilda durchaus Sinn für den Wert des Geldes. Tausend Pfund betrug ihr Jahreseinkommen, und sie hatte keine Lust, einen großen Teil davon in Miete und Dienstbotenlöhnen anzulegen. Die Art ihrer Lebensführung duldete nicht einmal die Anwesenheit eines Dienstmädchens in derselben Wohnung. Das Frühstück, das stets nur aus einer Tasse Kaffee und ein paar Biskuits bestand, konnte sie sich selbst bereiten, die anderen Mahlzeiten im Restaurant einnehmen. Hatte sie Gäste, so bestand die Möglichkeit, die Speisen vom besten Koch der Stadt herrichten zu lassen. Nur in der Wahl der Gegend legte sie sich einen Zwang auf. Sie hatte gute Gründe, auf Mayfair zu bestehen. Nach langem Suchen fand sie eine geeignete Wohnung in der Downstraße, fünf Zimmer und dazu spottbillig. Hilda hatte sich eine Menge Teppiche aus indischen Bazaren mitgebracht. Damit stattete sie die Wohnung aus. Auch die übrige Einrichtung kostete sie keinen Penny, da Lord Hartsdale ihr gern gestattete, Möbel, Leinenzeug, Porzellan und Bilder aus dem Haus in der Curzonstraße zu nehmen. Auf diese Weise richtete sie sich ein wunderhübsches, behagliches Heim ein, in dem sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Als einzigen Dienstboten besorgte sie sich eine Aufwärterin, die sie jederzeit wieder zu entlassen die Möglichkeit hatte. So konnte niemand spionieren, und sie war immer imstande, nach Belieben ihre Wohnung abzuschließen und auf unbestimmte Zeit zu verreisen. Seit einem Monat hatte Hilda ihr luxuriöses Heim nicht mehr aufgesucht. Diese Abwesenheit war nötig geworden durch ein geschäftliches Manöver eines gewissen Isidor Bernstein, der sich dabei nicht so vornehm benommen hatte, wie sie erhofft. Aber durch die freundschaftliche Hilfe Armand de Garniers war dieser Stein des Anstoßes aus dem Wege geräumt, und Hilda atmete befreit auf, als sie an dem Tage nach Ellingtons Wiederwahl den Zug verließ. Ehe sie zu ihrer Wohnung fuhr, begab sie sich in ein Hotel und aß. Während sie noch etwas beim Kaffee verweilte, dachte sie über ihre Geschäfte nach. So wurde es spät, bis sie nach Hause kam. Wenigstens hätten solide Leute von einer späten Stunde gesprochen. Aber für Hilda Tressingham war es erst der Anbruch der Nacht, und sie hatte noch mancherlei zu erledigen, ehe die Sonne über London wieder aufging. Sie brachte nicht mehr Zeit in ihrer Wohnung zu, als nötig war, ihr Reisekostüm mit einem Abendkleid zu vertauschen. Gegen elf Uhr ließ sie sich von dem Portier eine Droschke holen. Der Mann war an ihre nächtlichen Ausflüge derart gewöhnt, daß er auf ein kurzes Kopfnicken ihrerseits dem Kutscher sofort sagte: »Zum Amaranthklub!« Der Amaranthklub, dessen Gebäude in einer der ruhigsten Straßen im St. Jamesviertel lag, gehörte zu jenen modernen Unternehmungen, die erst in den letzten Jahren aufgekommen sind. Er war eine private Gründung, und sein Besitzer, Mr. Barthelemy, wurde von den Damen und Herren, die den Vorzug seiner Bekanntschaft hatten, als ihr Wohltäter betrachtet. Mr. Barthelemy hatte es sich überlegt, daß die englischen Alkoholgesetze es unmöglich machten, nach dem Theater in Ruhe und Frieden an Stätten zu soupieren, über denen jene Gesetze wachten. Warum sollte man also nicht einen Klub gründen, in dem eine erlesene Gesellschaft die Zeit von elf bis zwei Uhr nach eigenem Ermessen zubringen konnte? Die Aufgabe war nicht schwierig, und Mr. Barthelemy löste sie. Als Besitzer eines Westendtheaters wußte er genau, wie man die erforderlichen Mitglieder aufbringen konnte. Mr. Barthelemy wahrte in allem, was den Amaranthklub anging, streng den äußeren Schein. Junge Leute hielt er ebenso fern wie jeden, der zu Exzessen irgendwelcher Art neigte. Alles sollte den Eindruck höchster Verfeinerung erwecken. Und wenn ein Mann, der London kennt, weiß, was er will, kommt er auch ans Ziel. Mr. Barthelemy kannte London und kam infolgedessen ans Ziel. Kein Mensch hätte ein Wort gegen den Amaranthklub sagen können. Auch dem gerissensten Späher wäre es unmöglich gewesen, eine Gesetzesüberschreitung festzustellen. Mr. Barthelemy war in allen Kleinigkeiten überaus groß. Name, Ziel und Adresse des Klubs, dazu sein eigener Name als Besitzer und Sekretär, das alles hatte er pflichtmäßig eintragen lassen. Die Behörden kannten die Namen der Mitglieder, die Statuten, nach denen sie gewählt wurden, Beitrag und Eintrittsgeld. Kurz, der Amaranthklub entsprach auch den strengsten gesetzlichen Vorschriften, und niemand konnte ihm an den Wagen fahren. Außerdem legte Mr. Barthelemy Wert darauf, daß die erlesenen Mitglieder, von denen er jedes persönlich genau kannte, das eleganteste und gemütlichste Klubhaus in ganz London besaßen. Speise- und Rauchzimmer, Billard-, Lese- und Gesellschaftsräume, Trinkstuben, alles war in modernster Gestaltung vorhanden. Diese Atmosphäre von Eleganz und Verfeinerung ging auch von den Mitgliedern aus. Sie bildeten in der Tat eine im höchsten Grade auserwählte Gesellschaft und glichen jenen Genußmenschen der Antike, die als Sybariten in der Geschichte weiterleben. Es war noch zeitig für den Amaranthklub, dessen Räume sich erst gegen Mitternacht zu füllen pflegten. Hilda suchte sofort eine Nische in dem von beiden Geschlechtern benutzten Rauchsalon auf. Dort war ihr Stammplatz. Dabei begegnete ihr Mr. Barthelemy, und sie hatte eine kleine Unterhaltung mit ihm. Er gab lebhaft seiner Freude Ausdruck, sie wiederzusehen. War sie wirklich nur einen Monat fortgewesen? Ihm schien es eine wahre Ewigkeit. Hilda nahm ein paar Zeitungen, setzte sich in einen Sessel und legte ihr Zigarettenetui auf den Tisch. In den Blättern stand allerlei über die Wahl in Ashminster, und sie war als Ellingtons Mitarbeiterin genannt. An die Berichte, die Wahl betreffend, waren Betrachtungen über die vermutliche Lebensdauer der gegenwärtigen Regierung geknüpft. Die Oppositionspresse hielt sie nicht für erheblich und gab der Überzeugung Ausdruck, daß das Rücktrittsgesuch des Premierministers noch vor Weihnachten in den Händen des Königs sein würde. Hilda dachte darüber nach, ob Garniers Pläne durch einen Regierungswechsel beeinflußt werden mochten. Sie erwartete sein Eintreffen jeden Augenblick, und von Zeit zu Zeit blickte sie zu der Tür, durch die er kommen mußte. Plötzlich wurde der schwere Vorhang über der Tür beiseite geschoben, und ein Mann sah für einen Augenblick hinein, als suchte er jemand. Das Zimmer war in der Gegend der Tür nur gedämpft beleuchtet, und der Mann, der offenbar kurzsichtig war, blinzelte durch eine Brille. Er schien Hilda nicht zu bemerken, aber sie erinnerte sich seiner sofort. Es war der junge Jurist, den sie beim Lunch in Ellingtons Haus vor acht Tagen getroffen hatte, und der anscheinend mit Marcia sehr im Einvernehmen gewesen. Ihr fiel sogar der Name ein – Mr. Avory. Sie wunderte sich darüber, daß ein Freund von Marcia Ellington im Amaranthklub auftauchte. Da trat Garnier gemächlich in das Zimmer und ließ sich auf einem Stuhl neben ihr nieder. Neuntes Kapitel. Das Nachbarhaus. Schweigend und mit leisem Lächeln sahen die beiden einander einen Augenblick an. Garnier zündete sich umständlich eine Zigarre an. Als sie zu seiner Zufriedenheit brannte, wandte er sich an Hilda. »Nun?« begann er. »Es ist also alles glücklich verlaufen. Der junge Mann hat das Rennen gemacht.« Hilda lachte. »Aber nur um eine knappe Nasenlänge.« »Tut nichts. Für unseren Zweck genügt es.« »Darüber möchte ich endlich Genaueres wissen«, sagte sie, indem sie etwas näherrückte. »Was ist unser Zweck? Es handelt sich doch wohl nur um Ihren Zweck?« »Im Gegenteil, Sie sind im höchsten Grade daran interessiert. Doch davon später. Erzählen Sie erst mehr von Ihrer Wahlschlacht. Sie haben viele von diesen Leuten kennengelernt?« »Eine Menge, mehr als genug«, erwiderte Hilda. »Schön, teilen Sie mir alles mit, was für uns wichtig ist. Geben Sie regelrechte Charakteristiken.« Hilda sah sich um. Sie machte sich noch immer Gedanken darüber, was Richard Avory im Amaranthklub zu suchen hatte, und sie mochte nicht, daß jemand hörte, wenn sie von Ashminster oder den Ellingtons sprach. Aber andererseits wußte sie aus Erfahrung, daß die Nische, in der sie mit Garnier saß, in jeder Hinsicht sicher war. So begann sie leise: »Schön, also zuerst zu dem Mann. Ich glaube, er gehört zu der Art, mit der ich fertig werden kann. Vorausgesetzt, daß ich Zeit und Gelegenheit habe. Ihre Sache hat keine übergroße Eile?« »Nein, Sie sollen Zeit haben. Die Gelegenheiten müssen Sie sich freilich selbst schaffen, und das werden Sie wohl können.« Hilda legte den Finger auf eine der Zeitungen. »Aber vielleicht wissen Sie noch nicht? Man sagt, die Regierung habe keinen langen Bestand mehr, sie werde vor Ende des Jahres zurücktreten.« Garnier lächelte überlegen. »Es ist das Vorrecht der Zeitungen, Wissen vorzutäuschen. Die Regierung wird nicht gestürzt werden, sie bleibt noch anderthalb Jahre am Ruder. Mehr Zeit, als wir brauchen. Aber erzählen Sie weiter!« »Gut. Die Frau ist wert, daß man sich um sie kümmert. Ich sehe beachtenswerte Möglichkeiten, durch sie an ihn heranzukommen. Sie hat schon jetzt großes Zutrauen zu mir gewonnen.« »Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Pflegen Sie nach Kräften diesen Verkehr. Man kann einen Mann nicht besser in seine Gewalt bekommen als auf dem Wege über die Ehefrau. Aber wie sieht es um die Verwandten des jungen Mannes? Auch sein Vater war einmal Parlamentsmitglied. Haben Sie ihn kennengelernt?« »Natürlich. Er ist das Urbild eines altmodischen Plutokraten, herrschsüchtig, eigensinnig, stolz auf seinen Geldsack, radikal in allen seinen Ansichten. Seine Schwester ist eine Närrin, ein modernes Überweib. Man muß die jungen Leute dem Einfluß des Alten entziehen.« »Gut. Aber wie?« »Ich habe schon den Anfang dazu gemacht. Ich habe ihnen meines Bruders Haus in der Curzonstraße vermietet. Zuerst hatte ich mit Schwierigkeiten gerechnet. Aber es ging sehr leicht. Auf diese Weise habe ich sie in den Fingern.« »Sehr schön. Sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet.« Hilda warf ihre Zigarette fort und sah Garnier scharf an. »Nun möchte ich aber auch den Zweck der Übung wissen«, sagte sie. »Ich beteilige mich nicht an einem Spiel, dessen Einsatz ich nicht kenne.« Garnier stand langsam auf und beugte sich über den Tisch. »Verlassen Sie in zehn Minuten das Zimmer und kommen Sie in das kleine Kabinett«, flüsterte er. »Dort sollen Sie alles hören.« Er wandte sich ab und schlenderte sorglos durch die Räume. Hilda hörte, wie er sich lachend mit einem Herrn unterhielt. Mehrere Minuten blieb sie noch sitzen. Dann verließ auch sie das Rauchzimmer. Sie ging einen Korridor entlang und stieg eine Treppe hinauf, deren Zugang durch einen Vorhang verdeckt war. Oben befand sich ein schmaler, halbdunkler Gang. Am Ende desselben stieß sie wiederum auf einen Vorhang. Nach kurzem Zögern schob sie ihn beiseite. Mit sicherer Hand fand sie eine Feder in der Wand, die keines Menschen Auge entdeckt hätte. Eine Öffnung entstand, durch die sie schnell hindurchschlüpfte. Sie befand sich nicht mehr im Amaranthklub, sondern im Nachbarhaus. Einen Augenblick verweilte sie, nachdem sie sorgfältig die geheime Tür geschlossen hatte, die so kunstvoll gearbeitet war, daß sie sich ohne jedes Geräusch bewegte. Sie lauschte. Tiefe Stille herrschte, obwohl sie sich im Herzen Londons befand. Ebenso tief war die Dunkelheit, aber Hilda kümmerte sich weder um das Schweigen noch um die Finsternis. Sie bewegte sich schließlich vorwärts mit einem so sicheren Schritt, als wäre die Umgebung festlich erleuchtet. Ihre tastende Hand fand ein Treppengeländer, und sie stieg rasch abwärts. Nach einem Dutzend Stufen ergriff sie eine Türklinke. Sie trat ein, schloß die Tür hinter sich und drehte an einem Schalter. Das elektrische Licht zeigte einen kleinen Raum, in dessen Mitte ein mit zahlreichen Papieren bedeckter Tisch stand. An der Wand hing eine Übersichtskarte von London. Auf einem Seitentischchen lagen verschiedene Nachschlagewerke. Sonst enthielt das Zimmer außer drei oder vier Armsesseln nichts. Hilda setzte sich und wartete. Auch in diesem Raum herrschte Grabesstille. Kein Laut verriet die Ankunft Garniers, der plötzlich im Türrahmen stand. Hinter ihm bemerkte Hilda Mr. Barthelemys süßlich lächelndes Gesicht. Die beiden Männer setzten sich zu ihr an den Tisch. Garnier kam sofort zur Sache. »Nun können wir frei reden«, begann er mit einem Blick auf Hilda. »Aus Mr. Barthelemys Anwesenheit können Sie schließen, daß er an unserm Geschäft beteiligt ist. Er und ich sind sozusagen Kompagnons, Sie sollen nun gleichfalls in die Firma aufgenommen werden. Mr. Barthelemy weiß, was Sie nach meinen Vorschlägen in Ashminster geleistet haben, und er ist mit allem einverstanden.« Mr. Barthelemy nickte. »Glänzend, ausgezeichnet!« sagte er begeistert. »Ein famoser Anfang, es hätte gar nicht besser kommen können. Meinen herzlichsten Glückwunsch, Frau Tressingham.« Hilda dankte durch ein Kopfnicken. Dann wandte sie sich an Garnier. »Zur Sache! Worum handelt es sich?« Garnier lächelte und schob seinen Stuhl näher an den Tisch heran. »Es handelt sich um eine ganz einfache Sache, hören Sie zu. Dieser junge Mr. Ellington ist zum Unterstaatssekretär im Marineministerium ernannt worden. Infolgedessen erhält er Kenntnis von allen geheimen Plänen seines Ministeriums. Darum muß man seine Bekanntschaft suchen. Sie aber kennen ihn nun, stimmt's?« »Und«, sagte Barthelemy, indem er Hilda fest ansah, »Frau Tressingham wird sich Mühe geben, diese Bekanntschaft noch intimer, noch viel intimer zu gestalten.« Hilda blickte Barthelemy an und wandte sich dann an Garnier. »Was soll ich tun?« fragte sie in geschäftsmäßigem Ton. »Folgendes«, erwiderte Garnier. »Demnächst wird ein sehr vertrauliches Schreiben unter den daran interessierten Mitgliedern der Regierung zirkulieren, das außerordentlich wichtige Enthüllungen über die zukünftige Organisation der britischen Flotte enthält. Das Schreiben ist so wichtig, daß die Leute, für die Mr. Barthelemy und ich arbeiten, eine große Summe zu zahlen bereit sind, wenn sie den Inhalt kennenlernen. Natürlich wird das Schreiben auch in die Hände des jungen Mannes kommen. Und« – er brach einen Augenblick ab und sah scharf auf Hilda – »wir müssen es mit sämtlichen Anlagen haben. Wir müssen es haben, und wäre es auch nur für eine Stunde. Sie sind im Bilde?« Hilda antwortete nicht sofort. Sie nahm aus dem Etui, das Barthelemy vor sie auf den Tisch gelegt hatte, eine Zigarette. Der Besitzer des Amaranthklub beeilte sich, ihr ein Streichholz zu geben. Hilda rauchte die Zigarette halb auf, während die beiden Männer sie schweigend beobachteten. Dann fragte sie: »Wann werden die Papiere vermutlich in Ellingtons Hand sein?« »Höchstwahrscheinlich gegen Mitte November«, antwortete Garnier ohne Besinnen. »Sie können das auf die Woche genau voraussagen?« »Auf die Woche – gewiß.« »Aber wie soll ich den Tag wissen, an dem er die Papiere besitzt? So etwas wird doch schließlich nicht in der Zeitung bekanntgemacht«, bemerkte Hilda. Garnier lächelte. »Wir werden imstande sein, Ihnen sogar den Augenblick zu sagen, in dem er alles hat«, antwortete er. »Wir schöpfen unsere Kenntnisse aus vielen Quellen. Aber in den Besitz des Schreibens können wir nur durch Sie kommen.« »Sie sind sich hoffentlich darüber klar, daß das keine leichte Aufgabe ist«, bemerkte Hilda. »Wir sind uns völlig darüber klar.« »Dann haben Sie vielleicht auch Vorschläge zu machen, wie ich dabei verfahren soll?« Aber Garnier schüttelte lächelnd den Kopf, und Barthelemy streckte seine plumpen Finger aus. »Nein!« antwortete Garnier. »Über die Wege, die einzuschlagen sind, müssen Sie allein entscheiden. Als Frau werden Sie schon Ihre eigenen Pläne schmieden. So ist es besser.« »Viel besser«, stimmte Barthelemy zu. »Gut«, sagte Hilda nach kurzer Pause, »ich will tun, was ich kann. Aber was bekomme ich dafür?« Die Frage war aufrichtig. Ebenso klar war Garniers Antwort. »Besorgen Sie uns die Papiere für eine Stunde, und Sie bekommen fünftausend Pfund.« »In bar«, ergänzte Barthelemy. Hilda nickte und stand auf. Auch die beiden Männer erhoben sich. »Damit wäre alles erledigt«, sagte Barthelemy, indem er Garnier anblickte. »Alles«, erwiderte Garnier, »wenigstens für den Augenblick.« Sie gingen auf die Tür zu, aber plötzlich blieb Hilda stehen. »Einen Augenblick. Mr. Barthelemy, ich bemerkte vorhin ein neues Klubmitglied, einen Herrn Mr. Richard Avory. Ich möchte wissen, wer das ist. Kennen Sie ihn?« Barthelemy sah Hilda erstaunt an. »Mr. Richard Avory? Natürlich kenne ich ihn. Ich kenne jeden, der im Amaranthklub verkehrt. Haben Sie ihn denn schon früher gesehen?« »Ich habe ihn unter derartigen Verhältnissen getroffen, daß ich erstaunt bin, ihn auch hier zu treffen.« Barthelemy sah bald Garnier, bald Hilda verwundert an. Sie fuhr fort: »Ich begegnete diesem Mr. Avory beim Lunch in Ellingtons Haus. Er schien sich um Marcia Ellington zu bewerben. Nun sind diese Leute solch frömmelnde Puritaner, daß –« Barthelemy winkte lachend ab. »Meine Gnädigste, dieser Herr bewirbt sich um das Vermögen der jungen Dame. Ich kenne alle Einzelheiten dieses kleinen Romans. Seien Sie ganz beruhigt, Mr. Avory gehört seit längerer Zeit zu meinen Freunden. Es ist alles in bester Ordnung.« Hilda ließ ihre Bedenken fahren. »Ich dachte nur, es könnte peinlich für mich sein, Fräulein Ellingtons Bewerber im Amaranthklub zu treffen. Sie werden das verstehen.« Barthelemy winkte abermals ab. »Es ist alles in Ordnung, haben Sie keine Furcht. Ich kenne alle Besucher unseres Klubs. Und nun, ein kleines Spielchen gefällig? Vielleicht für eine Stunde?« Zehntes Kapitel. Ererbte Leidenschaft. Die drei Menschen, die manches gemeinsame abenteuerliche Unternehmen miteinander verband, und die doch sehr wohl wußten, daß jeder einzige daneben auch seine eigenen Pläne verfolgte, sahen einander einen Augenblick fest an. Mr. Barthelemy blickte auf die beiden wie eine Spinne auf zwei Fliegen, die sie gern als Beute haben möchte. Garnier sah Hilda ein wenig ängstlich an, wie ein älterer und erfahrener Spieler den jüngeren Genossen, der zuviel wagt. Hilda trommelte mit ihren schlanken Fingern auf dem Tisch. Als sie die Augen zu Barthelemy erhob, stand Argwohn darin. »Bevor ich mich zu Ihrem Vorschlag äußere«, begann sie, »müssen Sie mir eine Frage beantworten. Kommt Isidor Bernstein immer noch her?« Mr. Barthelemy sah Garnier an und lächelte. Es war ein flüchtiges, wissendes Lächeln. Als er sich an Hilda wandle, wurde dieses Lächeln väterlich wie das eines Patriarchen. »Meine Gnädigste«, sagte er, »Sie sind von London abwesend gewesen. Infolgedessen wissen Sie nicht das Neueste.« »Das müßte ich eigentlich, denn ich habe in letzter Zeit jede Zeile in den ›Times‹ und der ›Morgenpost‹ gelesen. »Neuigkeiten, wie ich sie meine, pflegen in diesen bekannten Zeitungen nicht zu stehen. Mr. Isidor Bernstein ist keine so bedeutende Persönlichkeit, um die Leser zu interessieren.« »Also, was ist los mit ihm?« fragte Hilda ungeduldig. »Er hat London verlassen. Vermutlich ist er dahin gegangen, wo er herkam. Unser Freund Garnier kann es bestätigen.« Hilda wandte sich an Garnier, der nickte. »Ja, es ist wahr, aber ich erfuhr es auch erst gestern. Im übrigen hat er nichts mehr von Ihnen in der Hand«, fügte er mit bezeichnendem Lächeln hinzu. »Darum handelt es sich nicht. Ich wollte nur sagen, daß ich mich nicht mehr mit diesem Menschen zusammen an einen Spieltisch setzen würde. Er hat mich betrogen. Ich kann es ihm nicht beweisen, aber ich weiß es.« Mr. Barthelemy hob entsetzt die Hand auf. »Aber, meine Gnädigste, kein Mensch betrügt in meinem kleinen Spielsalon. Im übrigen ist der fragliche Mann verschwunden, für immer.« Hilda gab keine Antwort, und Barthelemy schritt leise seufzend der Tür zu. »Gehen wir hinunter?« fragte er, indem er sich noch einmal umblickte. »Es ist nette Gesellschaft heute abend da.« Durch einen Wink bedeutete Garnier ihn, zu gehen. »Wir kommen im Augenblick«, sagte er. Mr. Barthelemy verschwand, und Garnier wandte sich an Hilda. »Ich muß Ihnen eine kleine Vorlesung halten«, begann er lächelnd. »Sie haben während der Wochen ländlicher Erholung Zeit genug zum Nachdenken gehabt. Ich hoffe, das wird für Sie vorteilhaft gewesen sein. Aber sei dem wie ihm sei, Sie müssen mich einen Augenblick anhören. In der Tat, Sie müssen.« Etwas gebieterisch deutete er auf einen Stuhl, und Hilda setzte sich achselzuckend mit dem Gesichtsausdruck eines Kindes, das eine Strafpredigt erwartet. »Sie wissen,« begann Garnier, »daß Sie eine Spielratte sind. Das liegt nun einmal bei Ihnen im Blut.« »Das Gegenteil wäre ein Wunder, wenn man unsere Familiengeschichte betrachtet,« murmelte sie bitter. »Wir sind alle Spieler, seit Generationen.« »Recht so. Aber es gibt solche und andere Spieler. Da ist der Spieler, der unüberlegt ins Zeug geht, in ein förmliches Fieber gerät, von seiner Leidenschaft besessen ist, nicht mehr aufhören kann und schließlich ruiniert wird. Zu dieser Klasse gehören Sie. Und dann gibt es den ruhigen, kaltblütigen, entschlossenen Spieler, der immer Herr seiner selbst bleibt, der genau weiß, wann er sein Glück probieren darf, und der infolgedessen gewinnt. In diese Klasse –« »Gehören Sie!« unterbrach sie ihn mit verächtlichem Lächeln. »Sie natürlich. Aber ich bin nicht so kalt und berechnend wie Armand de Garnier. Unsere Herkunft, mein lieber Freund, ist ein wenig verschieden.« »Es wäre aber besser für Sie, wenn Sie mehr Zurückhaltung und Berechnung zeigten. Hören Sie auf meinen Rat. Bedenken Sie, wenn Sie wieder zu spielen beginnen, daß es angenehmer ist, zu gewinnen als zu verlieren. Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir. Der Abschluß eines Jahres weist bei mir stets ein Plus auf. Manchmal habe ich mittelmäßig gewonnen, manchmal viel, manchmal auch nur ein wenig. Aber noch nie habe ich einen Penny zugesetzt.« »Glück«, murmelte sie, »nichts als Glück.« »Unsinn. Nichts als vernünftiges Disponieren. Merken Sie sich die Grundregel: Spielen Sie mit dem einzigen Ziel, zu gewinnen. Hören Sie auf, sobald Sie merken, daß die Karten an dem betreffenden Abend gegen Sie sind. Hören Sie auf mich, Hilda. Es ist Torheit, die Nächte hindurch zu sitzen, bis Ihre Nerven ruiniert sind, immer in der vergeblichen Hoffnung, das Glück möchte sich wenden. Spielen Sie nur kurze Zeit und bleiben Sie kalt wie Eis dabei. Stürzen Sie sich vor allen Dingen nicht in so dumme Abenteuer, wie das mit Bernstein war. Und« – er sah sie forschend an – »vergessen Sie nicht, daß der Bernstein ausgestellte Schuldschein jetzt in meinem Besitz ist.« Hilda erhob sich ungeduldig. »Ich dachte es mir, daß Sie mich daran erinnern würden. Natürlich bin ich in Ihrer Schuld und damit in Ihrer Gewalt. Aber ich denke, es wird nicht immer so bleiben. Wenn ich erst die fünftausend Pfund verdient habe –« »Nun, was ist dann?« »Dann bezahle ich Sie.« Garnier lachte. »Kommen Sie«, sagte er, »wir wollen für ein, zwei Stunden unser Glück versuchen. Aber denken Sie an meinen Rat.« Er drehte bei diesen Worten das Licht aus, und das Zimmer lag ebenso im Dunkel wie der Gang draußen. Aber für die beiden in Mr. Barthelemys Geheimnisse Eingeweihten war Finsternis keine Schwierigkeit. Ein geschickt angelegtes Gewirr von Treppen und Korridoren führte zu einer jener Spielhöllen, an denen der Londoner Westen reicher ist, als die Polizei es sich träumen läßt. Daß Mr. Barthelemys Privatwohnung neben dem Klubgebäude lag, war ziemlich bekannt. Aber daß er in diesem Hause einen geheimen Spielsalon unterhielt, zu dem es einen Zugang nur von dem Amaranthklub aus gab, war nur einer sorgsam ausgewählten Anzahl von Klubmitgliedern bekannt, die wie Armand und Hilda geborene Spieler waren und das nötige Kleingeld besaßen. Die Räume, zu denen die beiden alsbald gelangten, strahlten im hellsten Licht. Die Einrichtung war luxuriös, so daß man sich wie zu Hause fühlen konnte. Da gab es zwei Gesellschaftszimmer, eins für Damen und eins für Herren. Da war ein Erfrischungsraum, in dem man die erlesensten Weine und Liköre sowie allerlei Delikatessen bekommen konnte. Überall durfte man rauchen, und die Gäste wählten natürlich nur die teuersten Zigarren und Zigaretten. Und, was das wesentlichste war, es gab hier zwei elegant ausgestattete Spielzimmer. In dem einen beschäftigte man sich mit Trente-et-Quarante, in dem anderen mit Roulette und Bakkarat. Und es kam auch vor, daß Gäste, übersättigt und nach neuen Aufregungen dürstend, an einem Seitentisch sich um ein Spiel versammelten, das seinen Ursprung in einer Lasterhöhle des fernen China hatte. Wäre Mr. Barthelemy ein eitler Mann gewesen, der vor einem Vetter vom Lande mit seinen Gästen protzen wollte, er hätte bewirken können, daß sein Besuch vor Staunen Mund und Augen aufsperrte. Hier trafen sich Leute, die ein harmloses Gemüt an diesem Ort niemals vermutet hätte. Hier waren Politiker, Diplomaten, Gardeoffiziere, Schauspieler, ein bekannter Weltreisender. Und dazwischen befanden sich Damen, die ausschließlich den höchsten Gesellschaftskreisen angehörten. »Vergessen Sie meinen Rat nicht«, murmelte Garnier, als er mit seiner Begleiterin die Schwelle überschritt. »Er ist weise.« Hilda Tressingham antwortete nicht. Sie zitterte schon im Fieber des Spielers. Elftes Kapitel. Avory auf dem Anstand. Gegen zwei Uhr morgens verließ Richard Avory mit den letzten Gästen den Amaranthklub. Die einen nahmen sich Droschken, die anderen bestiegen ihre eigenen Autos, die in der Nähe warteten. Avory selbst, der unter dem Vorwand, sich eine Zigarre anzustecken, ein wenig zurückgeblieben war, wartete, bis die Tür des Klubhauses geschlossen wurde. Dann ging er langsam seines Weges. Als er den St. James Square erreicht hatte, blieb er nachdenklich stehen. Schließlich starrte er zu den Sternen am Himmel, als wenn er sich dort oben Rat holen wollte. »Es ist seltsam«, murmelte er, »über die Maßen seltsam. Ich kann es nicht verstehen.« Dann machte er Kehrt und ging bis zur Jermynstraße, wo er dicht hinter der St. James-Kirche ein paar altmodische, aber sehr behagliche Zimmer bewohnte. Schon wollte er seine Korridortür öffnen, als er aus der gegenüberliegenden Wohnung die Töne einer Flöte vernahm. Er stutzte und nickte, als sei ihm mit der nächtlichen Musik eine Erleuchtung gekommen. »Banister King ist noch auf«, sagte er. »Ich will mir bei ihm Rat holen.« Avory läutete. Die Flöte schwieg, und er hörte Schritte. Die Tür wurde geöffnet, und ein Mann erschien in ihrem Rahmen. Ein Unbekannter wäre über den Anblick, der sich ihm plötzlich darbot, in Erstaunen geraten. Auf der Schwelle stand ein großer junger Mann, aus dessen hagerem ländlichem Gesicht ein paar große und ungewöhnlich scharfe Augen blitzten, und der mit einem schlafrockartigem Gewand von schwarzem, mit allerlei grotesken Figuren bestickten Samt bekleidet war. In der linken Hand hielt dieser Mann eine silberbeschlagene Flöte. Mit der andern Hand winkte er Avory wie ein Zauberkünstler, der Besucher für seine Bude anlocken will. »Tritt ein, Avory«, sagte er in seiner sorglosen Weise. »In Zukunft werde ich meine Korridortür immer offenlassen, damit die Leute herein können, ohne mich zu stören.« »Das wird für die Leute ein großes Vergnügen sein, und sie werden in hellen Haufen kommen, um dich zu sehen, wie du mitten in der Nacht in diesem Aufzug auf dem Wimmerholz tutest«, erwiderte Avory, indem er eintrat und die Tür hinter sich schloß. »Ich möchte wissen, ob man in ganz London noch einen Menschen findet, der morgens um drei Uhr die Flöte bläst.« »Das stört mich nicht«, antwortete der andere gleichgültig. »Komm und trink einen Schnaps, denn das ist doch ohne Zweifel dein Begehren.« »Nicht in erster Linie; an besseren Getränken habe ich in meiner Junggesellenbude selbst einen ganz hübschen Vorrat. Nein, ich wollte mit dir sprechen. Da du mich aber einladest –« King ging voran in ein erleuchtetes Zimmer, warf sich in einen Sessel und deutete mit der Hand auf eine kleine Anrichte, wo Avory, der mit den Gewohnheiten seines Freundes vertraut war, sich selbst bediente. Dann sah er sich im Zimmer um und sagte: »Lieber Himmel, King, was bist du für ein verdrehter Kauz, und was für eine schnurrige Höhle ist das, in der du wohnst.« Neunundneunzig Menschen von hundert würden hier Mr. Richard Avory beigestimmt haben. Das Zimmer mutete wirklich ebenso schnurrig an wie sein Bewohner. Seltsam waren die Möbel, die Bilder, die Bücher, kurz alles, was sich in dem Raume befand. Sicherlich war alles wertvoll, von den japanischen Gobelins bis zu dem chinesischen Porzellan. Aber alles war exzentrisch, und das seltsamste befand sich mitten im Zimmer. Auf einem runden Tisch stand die diabolisch häßliche Figur irgendeiner Gottheit des Ostens, eine grotesk verbogene Gestalt aus grünem Nephrit, aus deren Gesicht ein paar gelbe Augen grausam starrten. Davor stieg aus einem wunderlich geformten Gefäß Weihrauch in schweren Wolken empor. Auf der anderen Seite stand eine Flasche mit Wein. Die Flasche war antik und von großer Schönheit, der Wein purpurrot. Daneben lag eine türkische Pfeife. Auf all diese Dinge sah Banister King mit rätselhaftem Blick. »Ich war gerade im Begriff, Seiner Hoheit ein bißchen Weihrauch und ein bißchen Musik zu opfern«, bemerkte er. »Er bedarf dessen von Zeit zu Zeit. Den Wein trinke ich selbst, denn er mag ihn nicht.« Avory schnitt der Figur eine Grimmasse. »Es würde mich nicht überraschen, wenn du zur Teufelanbeterei übergingst. Aber du warst schon immer ein wunderlicher Vogel. Trotz deiner tollen Einfälle traue ich dir indessen immer noch mehr gesunden Menschenverstand zu als den meisten meiner Bekannten. Deshalb bin ich zu dir gekommen. Ich muß dir etwas erzählen.« Banister King nahm ein viereckiges Seidentuch, in das fremdartige Zeichen gestickt waren, und verhüllte damit das Götzenbild. Dann blickte er auf den Besucher. »Erzähle.« »Schön«, fuhr Avory fort, der das Tun des anderen verblüffend beobachtet hatte, »du weißt, daß ich Mitglied des Amaranthklubs geworden bin. Du weißt auch, daß ich diesen Schritt getan habe, weil ich begierig bin, alle Seiten des menschlichen Lebens kennenzulernen. Dieses Bestreben hat mich schon zu den merkwürdigsten Orten geführt. Vielleicht der merkwürdigste davon ist der Amaranthklub.« »Wieso?« fragte King. »Ich will es dir erzählen, denn deshalb bin ich gekommen. Du kennst den Klub, obgleich du dich standhaft weigerst, einzutreten. Du weißt auch, daß Barthelemy der Besitzer ist. Nun kennt Barthelemy mich als einen Rechtsanwalt, der zwar selten einen Prozeß hat, aber vermögend und ein Lebemann ist, der solche Gesellschaft liebt, wie man sie im Amaranthklub trifft. Er weiß ferner – der Teufel mag wissen, woher dieser Mensch seine Informationen hat –, daß ich hinter einer reichen Erbin her bin, und er kennt sogar ihren Namen. So hält er mich für ein wertvolles Klubmitglied.« »Augenscheinlich, sonst wärst du nicht aufgenommen worden.« »Richtig. Aber Barthelemy kennt nicht meine unausrottbare Neugierde. Er weiß nicht, daß ich aus Passion und Gewohnheit überall spionieren, allen Dingen auf den Grund gehen muß. Damit bin ich zum Ende meiner Einleitung gekommen, und ich will zur Sache übergehen. Ich habe dich bereits davon in Kenntnis gesetzt, daß die Dame meiner Wahl Marcia Ellington ist, die einzige Tochter des millionenschweren Stephan Ellington aus Ashminster.« »Ich trinke auf deine möglichst baldige Verbindung mit der Dame und ihren Geldsäcken«, sagte King. »Sehr liebenswürdig. Kürzlich war ich dort, und ich besuchte mit Fräulein Ellington ihren Bruder, das Parlamentsmitglied, zum Lunch. Dort trafen wir Frau Tressingham, Lord Hartsdales Schwester. Sie ist die Frau von Oberst Tressingham, der sich zur Zeit in Indien befindet. Eine hübsche bezaubernde Frau. Sie unterstützte George Ellington bei der Wahl, ohne daß sich jemand den geringsten Grund für ihr plötzliches politisches Interesse denken kann. Aber darum handelt es sich erst in zweiter Linie. Das seltsamste ist, daß ich Frau Tressingham heute nacht im Amaranthklub traf.« »Ah! So ist sie also Mitglied!« »Und anscheinend Stammgast. Ob sie mich bemerkt hat, weiß ich nicht, jedenfalls sah ich sie. Ich fand sie in eifriger und anscheinend streng vertraulicher Unterhaltung mit einem gewissen Armand de Garnier, einem Franzosen, der ständig in London lebt und hier Finanzgeschäfte macht. Und nun komme ich zu der Hauptsache. Ich will bei dieser Frau Tressingham klar sehen. Denn ich bin überzeugt, daß sie etwas im Schilde führt und daß ihr Interesse an der Wahl in Ashminster damit zusammenhängt. Nachdem ich sie also mit Garnier gesehen hatte, nahm ich mir vor, ein wachsames Auge auf sie zu haben. Nun ist Barthelemy unerbittlich darauf bedacht, daß niemand mehr nach zwei Uhr im Klub bleibt. Bedenk' das, King.« »Ich habe es bedacht, mein Sohn.« »Im Amaranthklub gibt es eine Vorhalle mit Korbsesseln. Wer sich dort aufhält, kann genau beobachten, wer kommt und geht. Dort hatte ich mich postiert, um festzustellen, wann Garnier und Frau Tressingham fortgehen würden. Verstehst du?« »Und was weiter?« Avory lachte und warf seine Zigarette fort. »Aber sie gingen nicht. Einer nach dem andern verließ das Haus, ich sah, wie die Tür abgeschlossen wurde. Nur Frau Tressingham und Garnier ließen sich nicht blicken.« »Unsinn, sie haben einen anderen Ausgang benutzt.« »Nein, es gibt keinen andern Ausgang. Und nun noch etwas. Ich dachte scharf über diesen sonderbaren Vorfall nach. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, und so kam ich schließlich dahinter, daß noch verschiedene meiner Bekannten, die ich heute nacht im Klub getroffen hatte, um zwei Uhr nicht gegangen waren. Zum mindesten kann ich auf meinen Eid nehmen, daß Jack Hazeldene, der Schauspieler, Kapitän Dilkes, den du ja auch kennst, und Lydia Linkinshaw vom Hilarioustheater nicht an meinem Beobachtungsplatz vorübergekommen sind. Wo also stecken sie? Was tun sie dort? Die Statuten sind streng, und außerdem würde die Polizei dahinterkommen, wenn jemand den Klub nach zwei verließe, und Nachforschungen anstellen. Was denkst du darüber, King?« Avorys Freund hatte die türkische Pfeife angezündet und rauchte träumerisch vor sich hin. Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, die Sache sieht putzig aus. Ich muß auf meine Ansicht zurückkommen, daß es noch mehr Ausgänge gibt.« »Aber ich sage dir doch, daß kein weiterer vorhanden ist.« »Und für Dienstboten und Lieferanten?« »Sie kommen vom Souterrain aus hinein.« »Da könnten die Leute heute abend auch hinausgegangen sein.« Avory stand auf. »Unsinn, King. Kann man sich das vorstellen?« »Nein, du hast recht. Aber was nun?« »Ich will mir Mühe geben, mehr herauszubekommen. Inzwischen kannst du über dieses Problem nachdenken, vielleicht fällt dir etwas Gescheites ein. Natürlich habe ich eine Ahnung.« King sah ihn fragend an, und Avory lachte, während er auf die Tür zu ging. »Ja, so ist es. Ich ahne, daß der Amaranthklub etwas anderes maskiert. Aber was?« Zwölftes Kapitel. Banister King findet eine Spur. Mit flüchtigem Kopfnicken verließ Avory seinen Freund, während dieser weiterhin gedankenvoll an seiner türkischen Pfeife sog und auf das bunte Seidentuch starrte, das er über das grüne Götzenbild geworfen hatte. Aber schließlich legte er die Pfeife beiseite, stand auf und sah auf das Zifferblatt einer alten französischen Uhr. »Ein Viertel nach drei«, murmelte er. »Da wir die letzte Juniwoche haben, dürfte in einer halben Stunde die Sonne aufgehen. Wir wollen uns aufmachen und ihre ersten Strahlen genießen.« Dann drehte er das Licht aus und zog die Vorhänge auf. Draußen war es taghell. Das Götzenbild stellte er in eine Ecke des Zimmers und sah es mit spöttischen Blicken an. »Häßlich genug bist du immer, alter Freund«, sagte er, »aber nie so häßlich wie bei Tageslicht. Darum mußt du in der Ecke stehen. Und je mehr ich dich ansehe, um so mehr muß ich mich wundern, aus welchen Gründen der Künstler dich wohl so geschaffen haben mag.« Lachend ging King in sein Schlafzimmer und vertauschte seine phantastische Tracht mit einem Straßenanzug. Dann verließ er die Wohnung, warf noch einen sinnenden Blick auf Avorys Tür und begab sich in die Jermynstraße. Um diese Stunde waren Plätze und Straßen menschenleer. Kein Nachtschwärmer ließ sich sehen. Wie ein müßiger Spaziergänger zur Mittagszeit schlenderte King einher, bis er in die Nähe des Amaranthklubs kam. Er lag in einer schmalen, kurzen Sackgasse, und kein menschliches Wesen war in der Gegend zu sehen. Nur eine Katze, die anscheinend ausgeschlossen war, saß auf der Schwelle eines Hauses und sah King jämmerlich an. King betrat die Sackgasse und betrachtete das Gebäude und das Nachbarhaus, von dem er wußte, daß es Mr. Barthelemy gehörte. Er überzeugte sich davon, daß Avory betreffs der Ausgangsmöglichkeiten recht hatte. Aber ihn interessierte im Augenblick mehr das Nachbarhaus. Es war hoch und schmal im Gegensatz zu dem breiten Klubgebäude. Neben Mr. Barthelemys Haus stand ein anderes, in dem, wie eine Inschrift auf einer Messingplatte verkündete, medizinische Bäder verabfolgt wurden. Das war alles, was er entdecken konnte. Aber es gab ihm genügend Stoff zum Nachdenken. »Wenn Avory sich nicht geirrt hat«, murmelte er, »wenn wirklich Leute zurückgeblieben sind, so ist das eine totsicher, daß sie nicht im Amaranthklub sich aufhalten. Wie aber können sie sich entfernen, ohne in einer so ruhigen Straße wie diese, Aufsehen zu erregen? Barthelemy ist nicht so dumm, sie morgens zum Klubhaus herauszulassen. Er würde es nicht erwarten, daß die Leute ihm glauben sollten, er gäbe vier- oder fünfmal wöchentlich Gesellschaften. Sein Klub steht im Ruf äußerster Solidität, also – doch sieh da, dort ist ein Polizist.« Ein Konstabler kam in würdevoller Gemessenheit um die Ecke, sah den einsamen Spaziergänger zuerst forschend an, hob aber dann grüßend den behandschuhten Finger, als er sich entsann, den Herrn schon des öfteren gesehen zu haben. King schwang als Erwiderung seinen Stock und blieb stehen. »Sie kommen mir wie gerufen, Schutzmann«, begann er ernst, »ich wollte mir gerade eine Zigarre anzünden und muß feststellen, daß ich kein Streichholz bei mir habe. Dabei würde ich im Augenblick ein solches Ding mit Gold aufwiegen.« Der Beamte grinste. Das war doch einmal ein lustiger Herr mit Sinn für Humor. Rasch zog er eine Schachtel mit Zündhölzern hervor. »Hier sind welche, Herr. Ein schöner Morgen.« »Prachtvoll«, erwiderte King. Langsam zündete er seine Zigarre an und gab die Schachtel zurück. »Ein entzückender Morgen, und in dieser ruhigen Gegend kann man ihn so recht genießen.« Und mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers fügte er ganz unauffällig der Zurückerstattung der Streichhölzer das Geschenk von einigen Kronen bei. »Danke Ihnen, Herr, danke Ihnen herzlich. Sie machen einen Frühspaziergang? Habe Sie schon öfters gesehen, wenn ich nicht irre.« King nickte würdevoll. »Das glaube ich. Manche Schutzleute sehen mich des Morgens, fix und fertig angezogen und voll bei Sinnen.« Der Schutzmann grinste abermals. Für fünf Schilling kann man schon den Witz eines spaßigen Herrn belachen. »Tatsache ist«, fuhr King fort, »daß ich an starker Schlaflosigkeit leide. Ich kann nun einmal vor sechs Uhr nicht einschlafen. Ich bin bei allen möglichen Ärzten gewesen. Es gibt keine Medizin unter der Sonne, die ich nicht eingenommen hätte. Ich habe eimerweise heißes Wasser und teelöffelweise Porter getrunken, ich habe mich soweit erniedrigt, ein Pfund Zwiebeln auf einmal zu essen. Alles umsonst, vor sechs Uhr morgens kann ich nicht schlafen.« Der Konstabler, der interessiert und mitleidig zugehört hatte, nickte. »Ja, so geht es einem. Aber können Sie dann wenigstens schlafen?« »Ausgezeichnet. Sieben Stunden schlafe ich wie ein Murmeltier.« »Großartig, Herr. Hatte einen Kollegen, Herr, dem ging es auch so. Konnte nicht schlafen, traurige Familienverhältnisse. Gut, daß Sie wenigstens am Tage schlafen, muß einem schnurrig vorkommen, die ganze Nacht wach zu sein. Bekommt Ihnen dann das Spazierengehen, Herr?« »Glänzend«, erwiderte King. »Den ersten Teil der Nacht lese ich oder unterhalte mich sonst. Um diese Zeit ungefähr gehe ich spazieren. So habe ich schon einen schönen Teil von Westend kennengelernt. Um halb sechs kehre ich in meine Wohnung in der Jermynstraße zurück, nehme ein wenig leichte Nahrung zu mir, gehe zu Bett und schlafe ein. Oh, ich bin sehr dankbar, daß ich das Wenigstens kann. Lieber wäre es mir natürlich, ich könnte zu normalen Zeiten schlafen. Eins habe ich noch nicht versucht, medizinische Bäder. Und sonderbar genug, während ich hier herumbummelte, stellte ich fest, daß am Ende der Straße ein Bad ist. Daß ich das nie zuvor bemerkte!« Der Konstabler blickte in der Richtung, wo das betreffende Haus lag. »Stimmt, Herr. Aber zu welcher Zeit möchten Sie die Bäder nehmen?« »Ich weiß nicht, ich nehme aber an, sie werden des abends am meisten nützen.« Der Polizist machte ein bedauerndes Gesicht. »Ach«, sagte er, »dann wird dieses Haus Ihnen nichts helfen. Ich kenne es, denn das ist hier mein Revier. Es ist in den Morgenstunden geöffnet. Sie können es auf dem Schild lesen: morgens von sieben bis zehn, nachmittags von drei bis sechs.« »Das interessiert mich. Von sieben bis zehn! Das ist allerdings reichlich früh.« »Hat trotzdem viele Kunden, Herr. Wenn ich um acht zum Dienst kam, habe ich eine Menge herauskommen sehen. Warum abends geschlossen ist, weiß ich nicht. Aber Sie werden sicher ein ähnliches Etablissement woanders finden, Herr.« »Natürlich, in London findet man alles, was man braucht. Aber ich will weitergehen. Wann ist Ihr Dienst zu Ende?« »Sechs Uhr dreißig, Herr.« »So wünsche ich Ihnen guten Appetit für Ihr Frühstück.« Er beantwortete freundlich des Konstablers Gruß und entfernte sich in der Richtung der St. James-Straße, als wollte er in den Park gehen. Als er sich aber davon überzeugt hatte, daß der Konstabler von der Bildfläche verschwunden war, bog er um eine Ecke, gelangte in die Jermynstraße und suchte seine Wohnung auf. Er lachte leise, als er an Avorys Tür vorüberkam. In seinem Wohnzimmer angekommen, machte er sich erst auf einer kleinen Patentmaschine Kaffee. Er trank ihn mit kleinen Schlucken, während er auf der Tischkante saß und das Götzenbild anstarrte. »Vielleicht hast du, häßlicher Teufel, mich auf den Einfall gebracht«, brummte er. »Immerhin weiß ich etwas. Und worin besteht dieses Etwas? Nun, ich denke, daß der Amaranthklub und Mr. Barthelemys Privathaus und das medizinische Bad, das seine Pforten gar so früh öffnet, untereinander zusammenhängen. Und ich verspreche mir aus dieser Entdeckung einen Spaß, der vielleicht verdammt ernst enden kann.« Dreizehntes Kapitel. Fortschritte. In den nächsten Wochen war Hilda Tressingham so beschäftigt, daß sie sich mit Kleinigkeiten, die außerhalb ihrer Pläne lagen, nicht befassen konnte. So vergaß sie auch den Oberst in Indien bis zu dem Grade, daß sie einen Brief von ihm zunächst ungelesen fortlegte. Und dann beging sie den schweren Fehler, zu vergessen, daß dieser Brief ungeöffnet in einer Schublade lag. Sie hatte sorgfältig das Telegramm gelesen, das er ihr als Antwort auf ihren Brief geschickt hatte, und in dem er ihr mitteilte, daß er ihrem Rat folgen und in Indien bleiben wolle. Daraufhin hatte sie ihm in einem herzlich gehaltenen Brief dafür gedankt, daß er ihren Rat angenommen habe. Somit war sie sicher, daß er für absehbare Zeit an Ort und Stelle bleiben würde, und hinfort bildete er keinen Faktor mehr in ihrer Rechnung. Und sie hatte wirklich viel zu tun. Zuerst wollte sie ihrem Bruder helfen, überzeugt davon, daß Blut dicker ist als Wasser, und daß man mit Wohltätigkeit zu Hause beginnen muß. So kümmerte sie sich zunächst um die Vermietung seines Hauses an Ellington. Sie arbeitete selbst wie ein Sklave, um alles in Ordnung zu bringen, und trieb die Handwerker unbarmherzig zur Eile an. Überall hatte sie ihr wachsames Auge. So war noch kein Monat seit der Wahl in Ashminster vergangen, als die Ellingtons behaglich in ihrem neuen Stadthaus saßen. Hilda konnte ihrem Bruder mitteilen, daß ihre Arbeit für ihn beendet sei. »Du mußt zugeben, Hartsdale, daß ich eine gute Seele bin, mich so für einen faulen Bruder abzurackern«, sagte sie, als er für einen Tag ihr Gast war, im Begriff, eine Angelexpedition nach Norwegen zu unternehmen. »Ich habe dein Haus für drei Jahre günstig vermietet, und vermutlich werden sie es darüber hinaus behalten. Zweitausend Pfund bekommst du jährlich. Ich hoffe, du wirst dankbar sein.« »Natürlich«, erwiderte Lord Hartsdale. »Du hast alles glänzend gemacht, an dir ist ein Geschäftsmann verloren. Auf Wunsch gebe ich es dir schriftlich. Ich vermute, daß du nun dein eigenes Wild jagen wirst. Weidmannsheil!« Hildas Jagd hatte schon begonnen. George Ellington war ein paarmal bei ihr zum Essen gewesen, bevor er mit seiner Frau das Stadthaus bezogen hatte. Aber bei dieser Gelegenheit war sie sich nicht klar darüber geworden, ob dieser Fisch so leicht zu fangen sei, wie sie zuerst gedacht hatte. Sie wußte, daß er von ihren Reizen bezaubert war, aber sie spürte auch, daß etwas in ihm war, das ihren Angriffen starken Widerstand leistete. Sie bemerkte, daß sein Benehmen zeitweise sehr reserviert war. Sie kam zu der Überzeugung, daß mehr Diplomatie und List dazu gehörte, in George Ellingtons Vertrauen einzudringen, als sie in so kurzer Zeit würde entfalten können. In der Tat war Ellington seiner ganzen Herkunft nach bis zu einem gewissen Grade gegen Hilda Tressinghams Pläne gefeit. Er kam aus einer Familie, in der sich konservative und puritanische Gesinnung seit Generationen vererbt hatte. Und wenn er auch überzeugt war, daß nichts von der starren Prinzipienreiterei seines Vaters in ihm war, so kann sich doch ein Mann nie ganz von den Einflüssen seiner Umwelt freimachen. Und George Ellington war seines Vaters Sohn. Sicherlich bewunderte er Frau Tressingham. Es war ihm angenehm, mit ihr plaudern zu dürfen und sie reden zu hören, mit ihr in ihrer eleganten Wohnung zu speisen, ihre Hand zu berühren, den Hauch ihrer Gegenwart einzuatmen. Aber – und das war das entscheidende – er blieb sich immer bewußt, nicht in ihre Welt zu gehören, und er fühlte instinktiv, daß in dieser Atmosphäre eine Gefahr für ihn war. Trotz alledem liebte er es, wie manches große Kind, dem Feuer, an dem er sich verbrennen konnte, so nahe wie möglich zu sein, es mit den Fingerspitzen zu berühren. George Ellington sprach darüber weder zu seiner Frau noch zu seiner Familie. Aber Letty plauderte in ihrer Einfalt ganz offen von Frau Tressingham zu dem alten Stephan und zu Marcia, und der Vater nahm die erste beste Gelegenheit wahr, um mit seinem Sohn zu reden. Über seines Sohnes Privatleben hatte er keine Kontrolle. George war Teilhaber an den Ellingtonschen Fabriken und infolgedessen ein schwerreicher Mann. Und es lag nicht in Stephan Ellingtons Art, sich um die Geldausgaben erwachsener Kinder zu kümmern, die schon eine Rolle in der Welt spielen. Aber als er eines Abends in London war, entschloß er sich, zu sprechen, und er tat es ganz unmißverständlich. »Ich weiß nicht, ob es klug von dir ist, George, die Freundschaft der Familie Hartsdale zu pflegen«, begann er. »Ich will mich nicht in deine Angelegenheiten mischen, aber was Letty erzählt, gibt uns zu bedenken.« »Und was erzählt Letty?« fragte George ärgerlich. »Oh, an sich unbedeutende Kleinigkeiten. Aber diese Frau Tressingham – du hast sie neuerdings oft besucht?« »Natürlich, da sie die Freundlichkeit hatte, sich um das Haus in der Curzonstraße zu kümmern. Sie hatte eine große Last auf ihre Schultern geladen.« »Richtig«, sagte Stephan mit trockenem Lachen. »Aber heutzutage ist eine solche Menschenliebe nach so kurzer Bekanntschaft selten.« George sah seinen Vater mit ungeheucheltem Erstaunen an. »Ich versteh' dich nicht«, bemerkte er. »Nicht, mein Junge? Nun, ich meine, daß auch Frau Tressingham nichts umsonst tun wird.« »Du meinst –«, begann George, um dann plötzlich abzubrechen. Er zündete sich umständlich eine Zigarre an und fuhr fort: »Was willst du eigentlich damit sagen? Du drückst dich etwas rätselhaft aus.« »Ich will damit sagen, daß Frau Tressingham sich schließlich die Mühe mit deinem Haus nicht so für nichts und wieder nichts gemacht hat. Sie mag an der Rolle eines Häuseragenten Vergnügen finden, aber sicher verlangt sie dann auch die Vermittlergebühren eines solchen Agenten.« »Sie hat nicht einen Penny von mir verlangt«, antwortete George. »Dann mag ihr Bruder sie bezahlt haben. Obwohl er nach allem, was ich von ihm gehört habe, nicht leicht mit etwas herausrückt. Es ist eine wunderliche Familie, George.« »Das ist deine und Marcias Rede. Aber meine Verbindung mit ihnen liegt klar zutage. Ich habe von Lord Hartsdale ein Haus gemietet, wie ich es auch von jedem anderen hätte bekommen können. Seine Schwester hatte die Freundlichkeit, sich für das Geschäft zu interessieren, das ist das ganze. Sie hat aus Freundschaft gehandelt.« »Aber weshalb?« sagte der Alte. »Warum diese plötzliche Freundschaft zu uns? Solange sie in Hartsdale und wir in Ashminster sitzen, hat sich nie jemand von ihrer Sippe für uns interessiert. Warum nun auf einmal?« George griff in einer Weise, die zeigte, wie wenig genehm ihm der Gegenstand der Unterhaltung war, nach einer Zeitung. Im geheimen war er davon überzeugt, daß Frau Tressingham an seine politische Zukunft glaubte, und daß sie sich in seinem kommenden Ruhm sonnen wolle. Aber er sagte es seinem Vater nicht. Denn so sehr er ihn als Geschäftsmann bewunderte, für so hoffnungslos altmodisch hielt er ihn in politischen und sozialen Dingen. Außerdem betrachtete er sich als durchaus fähig, seine Angelegenheiten selbst zu ordnen. »Ich weiß es nicht«, beantwortete er die letzte Frage seines Vaters. »Man kann nicht immer wissen, weshalb andere Menschen etwas tun.« »Ich glaube, daß du es nicht weißt, aber sei auf deiner Hut, mein Junge. Ich habe mehr als eine hoffnungsvolle politische Laufbahn durch eine schöne Frau zerstört gesehen.« George antwortete nicht, obwohl er sich ärgerte. Er ärgerte sich immer, wenn der Vater oder die Schwester so sprachen. Und heute war er um so mehr verstimmt, als er selbst ein leises Unbehagen empfand. Die Ruhe seines Gemüts wurde nicht verbessert durch die Stichelreden eines Kollegen, mit dem er einige Tage später im Rauchzimmer des Unterhauses saß. Dieser Herr war älter als George, kannte jeden Menschen in der Stadt und liebte es, seinem boshaften Witz die Zügel schießen zu lassen. »Sie haben also neuerdings mit Frau Tressingham Freundschaft geschlossen?« begann er ganz unvermittelt. »Wie meinen Sie?« fragte George, derart überrumpelt. »Ich sah Sie neulich mit ihr im Park.« »Wir sind Nachbarn in Ashminster. Unsere Besitzungen grenzen aneinander. Außerdem habe ich von ihrem Bruder ein Haus gemietet.« »Richtig. Immerhin nehme ich an, daß Ihre Bekanntschaft nicht seit langem besteht. Darum fragte ich, ob Sie Freundschaft mit ihr geschlossen haben.« »Und warum sollte ich das nicht?« »Weil Mitglieder der Regierung vorsichtig sein müssen«, antwortete Georges Freund. »Ich verstehe Sie nicht«, knurrte Ellington. »Was hat das mit Frau Tressingham zu tun?« »Oh, ich habe nur eine einfache Bemerkung gemacht. Aber wenn ich Ihnen einen guten Rat geben dürfte, sprechen Sie mit dieser Dame nicht über Politik.« Er ging fort und ließ George ärgerlicher zurück, als er nach der Unterredung mit seinem Vater gewesen war. Immerhin wurde er immer zugeknöpfter und mißtrauischer, was Hilda Tressingham sehr schnell spürte. Daher beschloß sie, ihre Netze hinfort mehr nach Letty auszuwerfen. Vierzehntes Kapitel. Die Verschwörung. Im vornehmsten Teil der Shaftesbury Avenue gibt es gemütliche und elegante Wohnungen, in denen sich ein reicher Junggeselle durchaus wohlfühlen kann. Es dürfte schwierig sein, einen Winkel in London zu finden, der für einen Lebemann päßlicher liegt. Hier befindet man sich in unmittelbarer Nähe der größten Theater. Die vornehmsten Klubs, die elegantesten Läden sind von hier aus in ebenso kurzer Zeit zu erreichen wie Restaurants, die selbst einem Lukullus nichts zu wünschen übriggelassen hätten. Für einen Menschen, der das Leben liebte, war hier in jeder Beziehung das Paradies. Armand de Garnier liebte das Leben sehr, und obwohl er die Gabe hatte, einen Sonnenuntergang in den Bergen zu bewundern oder sich an dem Anblick eines Gänseblümchens am Wege zu ergötzen, war seine Freude doch nie vollkommen, bevor er nicht das Pflaster der Großstadt unter seinen Füßen fühlte. Er hatte mehr Weltstädte kennengelernt, aber London war seit Jahren seine Heimat, und er hatte sich in einem ruhigen Hause der Shaftesbury Avenue ein behagliches Heim eingerichtet, das er ebenso liebte, wie er stolz darauf war. Er hatte sich hier mit allem nur erdenklichen Luxus umgeben, und die Freunde, die ihn besuchten, mußten anerkennen, daß Armand de Garnier ein Meister des Geschmacks war. Seine Wohnung und seine Person wurden durch das Muster eines Kammerdieners betreut, einen wortkargen, unbestechlichen Mann namens Meunier. Dieser Mann öffnete eines Morgens die Korridortür, weil es geschellt hatte, und befand sich Hilda Tressingham gegenüber. Es war für einen Besucher nicht leicht, Garnier des Morgens zu sprechen. Aber Meunier wußte, daß diese Dame zu jeder Zeit vorgelassen wurde. Und Hilda trat ein, als wäre es ihre eigene Wohnung. »Ist Mr. de Garnier schon aufgestanden?« fragte sie nachlässig. »Mein Herr wird das Ankleidezimmer in wenigen Minuten verlassen, gnädige Frau«, erwiderte der Mann gemessen. »Ich werde ihm melden, daß Sie da sind.« Er öffnete die Tür des Wohnzimmers und nötigte sie hinein. Einen Augenblick später hörte sie Garniers Stimme im Nebenraum, und ehe sie noch Platz nehmen konnte, trat er ein. Frisch, rosig lächelnd stand er vor ihr wie ein Mann, der an nichts im Leben zu denken hat, denn an seine Vergnügungen. »Treten Sie hier ein«, sagte er, »ich muß noch Kaffee trinken. Vielleicht darf ich Ihnen auch eine Tasse anbieten?« Hilda folgte ihm in das Nebenzimmer und ließ sich in einen Klubsessel nieder. »Nein«, antwortete sie. »Aber Sie können mir durch Meunier ein Glas Sekt geben lassen.« Garnier sah sie an. Sie gab den Blick fest zurück, und er zuckte die Achseln. »Meinetwegen«, sagte er. »Immer noch besser wie Whisky mit Soda. Melden sich Ihre Nerven schon wieder?« »Meine Nerven sind in Ordnung, und ich habe um neun gefrühstückt. Jetzt aber ist es zwölf. Ich habe mit Ihnen zu reden.« Garnier beobachtete sie schweigend, während er ein Brötchen aß. Sie trank ein Glas Sekt aus der Flasche, die Meunier für sie geöffnet hatte, und goß sich ein zweites ein. »Ich will mich nicht dem Trunk ergeben, Armand«, sagte sie auf seinen erstaunten Blick hin. »Und, wie Sie wissen, pflege ich sonst zwischen den Mahlzeiten nichts zu trinken. Aber ich habe heute morgen schon eine Menge getan, und da brauche ich eine Stärkung. Nun zur Sache.« »Ja, worum handelt es sich?« »Das ist doch klar. Die Sache mit Ellington. Armand, ich glaube, ich schaffe es mit ihm nicht.« Garnier, der gerade im Begriffe war, eine Zigarette anzuzünden, ließ mit einem erstaunten Ausruf das Streichholz fallen. »Was? Sie? Sie?« »Gerade ich. Weil ich meine Fähigkeiten kenne, muß ich sagen, daß ich bei diesem Mann nichts ausrichte. Er ist nicht der, für den ich ihn anfänglich hielt.« Garnier antwortete nicht sofort. Er blies kleine Rauchwolken vor sich hin und beobachtete sie. Und da er keine Anstalten machte, zu sprechen, fuhr Hilda fort: »Tatsache ist, daß ich einem solchen Männertyp noch nie begegnet bin. Über seine Gefühle bin ich mir durchaus im klaren. Er ist bis zu einem gewissen Grade bezaubert, er ist gern bei mir, fühlt sich durch den Vorzug meiner Gesellschaft geschmeichelt. Diese bürgerlichen Snobs sind ja froh, wenn sie mit der Aristokratie in Berührung kommen. George Ellingtons Hochmut wächst noch um verschiedene Zoll, wenn er im Park mit der Schwester von Lord Hartsdale gesehen wird. Aber –« Sie brach ab und lachte leise, aber Garnier spürte hinter dem Lachen den Ärger. »Nun«, sagte er, »was gibt es für ein ›Aber‹?« »Aber er hat Furcht vor mir, und infolgedessen ist er mißtrauisch.« »Mißtrauisch?« »Nicht so, wie Sie es auffassen. Ich kann es Ihnen nur schwer erklären. Er argwöhnt nicht, daß ich ihm etwas nehmen könnte. Aber Argwohn ist in ihm und wird ihn immer bis zu einem gewissen Grade von mir fernhalten. Ohne daß er es merkt, hat er ein erhebliches Stück von dem puritanischen Vater an sich. Das schützt ihn vor mir.« Garnier nickte. Dann stand er auf und ging nachdenklich hin und her. »Ich verstehe, was Sie meinen«, sagte er endlich. »Sie sind sehr klug, Hilda, und es ist nicht anzunehmen, daß Sie sich irren könnten. Aber was wird aus unserem Vorhaben? Es ist von äußerster Wichtigkeit, wir müssen das Dokument haben. Und der einfachste Weg ist, es von ihm und durch Sie zu bekommen.« Er schwieg und sah sie forschend an. Da sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Man könnte zu dem Geld, den fünftausend Pfund, noch etwas zulegen, wenn –« Sie machte eine ungeduldige Bewegung. »Darum handelt es sich nicht. Ich sehe einfach keine Möglichkeit.« »Sie geben es also auf?« »Nein, es gibt noch einen anderen Weg.« »Ah! Und der wäre?« Hilda flüsterte: »Die Frau.« Garnier staunte. »Die Frau! Seine Frau?« »Seine Frau, natürlich.« »Sehen Sie hier eine Chance?« »Eine bessere, eine viel bessere.« »Und wie?« Hilda zündete eine Zigarette an. »Wenn ich eine solche Gewalt über sie bekäme, daß sie blindlings täte, was ich von ihr verlangte, was dann?« »Prächtig, prächtig!« »Könnte ich genau erfahren, wenn er das Dokument hat?« »Ganz genau.« »Auf den Tag?« »Sogar auf die Stunde.« »Dann dürfte es nicht schwer für mich sein, es wenigstens für kurze Zeit in die Finger zu bekommen.« »Schön. Aber sagen Sie mir, was ist das für eine Frau?« »Für unsere Zwecke hervorragend. In der Provinz aufgewachsen mit einem glühenden Verlangen, das Leben kennenzulernen. Sie möchte Abenteuer erleben, natürlich harmlose.« »Sie sind die geeignete Person, ihr dabei zu helfen. Aber wie?« »Durch den Amaranthklub.« »Aber Gäste dürfen nicht mitgebracht werden, Sie kennen die Statuten.« »Barthelemy hat sie gemacht, er kann sie durchbrechen.« »Freilich«, sagte er nachdenklich. »Ich sehe die Gelegenheit noch nicht, aber der Amaranthklub wird sie bringen. Armand, drei Köpfe sinnen mehr aus als zwei. Läute Barthelemy an, wir wollen uns mit ihm zum Lunch treffen.« Garnier stand auf und ging ans Telephon. Fünfzehntes Kapitel. Der Spinne seidenes Gewebe. Nach Talleyrand ist das einzige Mittel, ein Unternehmen zum erfolgreichen Ende zu führen, Gelegenheit, nochmals Gelegenheit und zum drittenmal Gelegenheit. Sonst nichts. Diese Gelegenheit der ahnungslosen Letty Ellington gegenüber ersah Hilda Tressingham bei einem flüchtigen Blick in die Morning Post, wo berichtet war, daß George Ellington mit den anderen Mitgliedern des Marineministeriums auf einer Reise zum Zweck der Besichtigung schottischer Flottenstützpunkte begriffen war. Fünf Tage würde er fortbleiben. Während dieser Zeit mußte sie handeln. Hilda hatte bereits alle Vorbereitungen für ihren Feldzug getroffen. Ihr blieb nur übrig, Letty aufzusuchen und ihr dann eine kurze Botschaft zu senden: Heute abend! Letty, die sich allein in ihrer prachtvoll eingerichteten Wohnung befand, freute sich riesig über den Besuch ihrer vornehmen Freundin. Das Londoner Leben hatte ihre Erwartungen nicht erfüllt. Sie war es schnell müde geworden, im Herzen von Mayfair zu leben und die Hartsdaleschen Familienbilder anzustarren. Sie fühlte sich nicht als Mieter, sondern als Gast im Hause. Die neuen Dienstboten fielen ihr auf die Nerven, weil es Fremde waren. Sie und George hatten wenig Bekannte. Die Parlamentskollegen, die sie manchmal zum Essen bei sich hatte, hielt sie für langweilige Tölpel. Selten hatte George Zeit, sie irgendwohin mitzunehmen. Vergebens hatte sie bisher gehofft, daß Frau Tressingham sie in die erträumte Welt einführen würde. Aber Hilda hatte nichts dergleichen getan. Wohl hatte sie ein paarmal in ihrer hübschen Wohnung Tee getrunken, aber obgleich Hilda des öfteren ihr Mittagsgast gewesen war, hatte sie Letty nie zum Essen eingeladen. Und als Hilda an diesem Morgen vorsprach, fand sie die junge Frau Ellington äußerst gelangweilt und in schlechter Laune. »Sie sehen aus, als gingen Sie zu einem Begräbnis«, begann Frau Tressingham. »Nichts von alledem. Ich gehe überhaupt zu nichts als zu einem Spaziergang in den Park, zwei-, dreimal am Tage, und das habe ich herzlich satt.« »Ist Mr. Ellington verreist?« fragte Hilda unschuldig. »George ist für fünf Tage verreist.« »Und hat er für die Zwischenzeit nichts an Unterhaltungen für Sie vorbereitet?« Letty schnitt ein Gesicht. »Er sagte etwas von Marcia. Vermutlich wird sie mich zum Lunch überfallen. Sie wird nachsehen, ob ich noch lebe oder mir ihre üblichen Predigten halten. Bleiben Sie zum Lunch?« »Nicht, wenn Marcia kommt. Ich mag Ihre Schwägerin nicht ausstehen.« »Ich auch nicht. Und ich würde mich nicht wundern, wenn Vater Ellington auch noch käme.« Hilda sah Letty prüfend an. Dann sagte sie: »Ich weiß, was Ihnen fehlt. Sie müssen etwas aufgeweckt werden. Ich fürchte, ich habe mich zu wenig um Sie gekümmert. Sie wissen ja, Letty, ich habe immer mit den Angelegenheiten anderer Menschen zu tun. So muß ich jetzt Hartsdales Geschäfte führen, der den Sommer in Norwegen zubringt. Da Oberst Tressingham noch immer in Indien ist, liegt auch ein Teil unserer Vermögensverwaltung auf meinen Schultern. So habe ich oft Tag und Nacht zu tun. Aber heute abend bin ich frei. Und Sie?« »Ich? Ich bin immer frei.« »Sind Sie sicher, daß Ihre Verwandten Sie nicht etwa abends besuchen?« »Ganz sicher. Marcia treibt sich immer in den Siedlungen im Osten herum, wenn sie in London ist, und Mr. Ellington verbringt jeden Abend in seinem Klub.« »Dann haben wir den Abend für uns«, sagte Hilda vergnügt. »Hören Sie zu, ich hole Sie um halb sieben ab. Sie brauchen keine große Toilette zu machen, ziehen Sie sich ganz unauffällig an. Wir essen in einem Künstlerkaffee, wo schon die Umgebung Ihnen Spaß machen wird. Dann gehen wir ins Theater. Um dem Abend die Krönung zu geben, nehme ich Sie hinterher mit in meinen Klub.« Lettys Augen glänzten. Sie stammelte: »In Ihren Klub? Aber geht es an diesen Orten nicht etwas – frei zu?« Hilda lachte. »Seien Sie doch kein Gänschen. Mein Klub ist hochanständig. Sie werden dort die vornehmsten Leute antreffen. Natürlich ist Anstrich etwas bohemienhaft.« Letty zögerte. »Was wird George dazu sagen? Er hat etwas vom Philister an sich.« Wieder lachte Hilda. »Ich nehme Sie unter meine Fittiche. Wenn George etwas sagt, bekommt er es mit mir zu tun. Aber es wäre närrisch, liebes Kind, wenn man zu seinem Mann von solch kleinen harmlosen Vergnügungen sprechen würde. Unsere Männer beichten uns ihre Seitensprünge auch nicht, glauben Sie es mir. Soll ich um halb sieben kommen?« Letty sagte gern zu, und Hilda ging mit der Gewißheit fort, die erste Schlacht gewonnen zu haben. Geraden Weges begab sie sich zu Mr. Barthelemys Privatbüro, wo dieser Gentleman sie mit Garnier bereits seit zwölf Uhr erwartete. »Ich habe das Spiel begonnen«, sagte sie, »und Sie beide müssen nun gleichfalls Ihre Karten zuwerfen. Ich bringe Frau Ellington in den Klub, wir vier werden zusammen essen, und Sie müssen sehr nett sein. Nach dem Essen werden Sie uns eine kleine Unterhaltung in Ihrem Privatzimmer vorschlagen, und Sie werden uns das neue Spiel aus Paris zeigen. Natürlich haben wir nicht viel bares Geld bei uns, und –« »Also kurz, meine Gnädigste, was wollen Sie?« unterbrach sie Barthelemy. »Frau Ellingtons Unterschrift auf einem Bogen Klubpapier. Verschaffen Sie mir das, und dann gehe ich meinen eigenen Weg.« Dann brach sie auf. Garnier und Barthelemy besprachen den Fall und sahen dem Abend mit ebensoviel Neugierde wie Befriedigung entgegen. »Was will sie mit der Unterschrift?« fragte der Klubbesitzer. »Vermutlich die Frau in ihre Gewalt bekommen. Dem Mann dürfte es nicht sehr erfreulich sein, zu erfahren, daß die teure Gattin um Mitternacht im Amaranthklub gewesen ist.« Barthelemy zog die Augenbrauen empor. »Eine gescheite Frau. Aber diese junge Frau Ellington – sie ist noch grün?« »Ganz grün.« »Dann werde ich mich wie ein guter Papa benehmen. Und Sie?« »Mache ich mich nicht gut als älterer Bruder?« grinste Garnier. »Wir werden die Sache schon machen. Also bis heute abend.« Es waren noch nicht viele Leute da, als Hilda mit ihrer Schutzbefohlenen den Klub betrat. Aber darunter befand sich Richard Avory, und obwohl sie ihn nicht bemerkten, sah er Hilda und Letty. »Großer Gott!« dachte er. »Letty Ellington – und hier! Ebensogut könnte der alte Stephan hier auftauchen oder meine vielgeliebte Marcia. Was heißt das?« Er war so verdutzt ob dieses unerwarteten Zusammentreffens, daß er sich einen Schnaps kommen ließ und in einer Ecke überlegte, was das zu bedeuten haben mochte. Vor allen Dingen machte ihn eins stutzig. Nach den Statuten des Klubs durfte kein Mitglied Gäste einführen. Avory war aber davon überzeugt, daß Letty nicht Mitglied war, sie konnte also nur von Hilda Tressingham mitgebracht worden sein. Aber wie war es dieser möglich gewesen, gegen eine so streng beachtete Bestimmung zu handeln? Da mußte aus besonderen Gründen eine Ausnahme gemacht worden sein, und zwar von Barthelemy selbst. Aber warum? Er war im Begriff, nach den oberen Räumen zu gehen, um die beiden Damen zu beobachten, als ihm ein anderer Gedanke kam. Wenn er hinter diese ohne Zweifel rätselhafte Angelegenheit kommen wollte, war es besser, wenn er von Letty nicht gesehen wurde, obwohl er es sonst nicht nötig gehabt hatte, aus seinem Aufenthalt hier ein Geheimnis zu machen. Denn Marcia wußte, daß er Klubmitglied war. Er hatte ihr gegenüber diese Tatsache damit begründet, daß er Milieustudien für ein Lustspiel, an dem er arbeitete, machen wolle. Er winkte einem Klubdiener, der für ihn öfters Aufträge ausgerichtet hatte, und der seine offene Hand kannte. Er drückte dem Mann ein Geldstück in die Hand. »Gehen Sie nach oben und sehen Sie unauffällig nach, mit wem Frau Tressingham zusammen ist.« Der Diener nickte verständnisvoll und ging. In fünf Minuten war er wieder zurück. »Sie ist mit Mr. Garnier, Mr. Barthelemy und einer fremden Dame in dem kleinen Privatsalon Mr. Barthelemys beim Essen.« »Danke«, sagte Avory. Er wartete in seinem Winkel solange, bis die Gesellschaft seiner Ansicht nach mit dem Abendessen fertig sein mußte. Dann schlenderte er unauffällig durch alle Räume des Klubhauses. Aber da war keine Spur von Hilda und Letty noch von Garnier oder Barthelemy. Davon konnte er sich bald überzeugen. Er ging nach unten und nahm seinen Beobachtungsposten in der Vorhalle wieder ein. Es schlug zwei Uhr, und alles ging heim. Nur die Personen, auf die er wartete, ließen sich nicht blicken. Auch er mußte das Haus verlassen und ging spähend draußen auf und ab. Um halb drei erschienen die drei endlich, aber sie kamen aus Mr. Barthelemys Privathaus. Garnier half den beiden Damen in eine vorher bestellte Droschke. Dann ging er wieder in das Haus zurück. Sechzehntes Kapitel. Eine verhängnisvolle Kriegserklärung. Ein paar Minuten schritt Avory auf der nun stillen und verlassenen Straße auf und ab. Garnier war wieder in das Haus gegangen und hatte die Tür hinter sich abgeschlossen. In keinem der Fenster war ein Lichtschein zu sehen. Aber Avory wußte, daß die beiden Männer im Hause sein mußten. Und er war entschlossen, sie aufzusuchen. Denn ihm fehlte es durchaus nicht an Mut, und er war scharfsinnig genug, einen Vorteil auszunutzen, wo er sich ihm darbot. Aber bevor er die Straße überschritt, um mit Garnier und Barthelemy zu reden, kam ihm noch ein anderer Gedanke. Er eilte in die Jermynstraße zu Banister Kings Wohnung. Irgendeine Vorahnung riet ihm, King wissen zu lassen, was er zu unternehmen im Begriff war. Er konnte nicht voraussehen, was bei Barthelemy seiner harrte, und so hatte er mit der Mitteilung, daß King um seinen Besuch wisse, eine Waffe gegen Garnier und den Klubhausbesitzer in der Hand, falls ihm von den beiden Gefahr drohte. Banister King war ausgegangen. Wenigstens antwortete niemand auf Avorys Klopfen und Klingeln. Dieser verlor keine Zeit. Er schrieb ein paar Worte auf eine Karte und warf sie in Kings Briefkasten. Dann eilte er die Treppe hinunter und zu Barthelemys Haus. Dort drückte er auf den Knopf der elektrischen Klingel. Er hörte von ferne das schwache Läuten, aber niemand meldete sich. Nach einer Minute schellte er noch einmal. Schließlich hörte er Schritte. Eine Klappe, die er nicht bemerkt hatte, wurde aufgestoßen, und Barthelemys Stimme ertönte. »Wer ist da?« »Ich bin es, Avory. Ich muß Sie in dringenden Geschäften für einen Augenblick sprechen.« Barthelemy brummte etwas Unverständliches, wenig erbaut durch die Störung. Aber er schloß die Klappe, öffnete die Tür und winkte Avory, einzutreten. »Eine etwas ungewöhnliche Stunde, von Geschäften zu sprechen, Freund Avory. Es ist Zeit, zu Bett zu gehen.« »Ich wußte, daß Sie noch nicht schliefen, Barthelemy, denn ich sah Garnier hineingehen.« Barthelemy fuhr sichtlich zusammen. Wenn der Rechtsanwalt Garnier gesehen hatte, dann hatte er vermutlich auch die beiden Damen bemerkt. Er nahm den Besucher beim Arm und führte ihn weiter. »Es ist finster hier, Garnier? Ja, er kam noch für einen Augenblick herein, um einen Schluck zu trinken. Ist Ihr Geschäft sehr vertraulich?« »Es geht Sie und Garnier an. Ich wollte Sie beide sprechen und habe es günstig getroffen.« »Kommen Sie hier entlang«, sagte Barthelemy, indem er ihn durch schwere Samtvorhänge in einen nur wenig erleuchteten Gang führte und schließlich in ein offenes Zimmer schob. Dort stand Garnier und rauchte eine Zigarre. »Hier finden Sie Garnier. Wünschen Sie etwas zu trinken?« »Gern«, erwiderte Avory. Er blickte Garnier vertraulich an. »Hallo«, sagte er, »ich wußte, daß Sie hier sind.« Garnier warf ihm einen eiskalten Blick zu. »So?« bemerkte er. »Sonderbar.« Barthelemy hatte inzwischen die Tür geschlossen. Er nötigte den Besucher in einen Stuhl, mischte ihm einen Trunk und schob ihm die Zigarrenkiste zu. Dann nahm auch er Platz – zwischen dem Gast und der Tür. Mit einem bedeutsamen Blick auf Garnier sagte er spöttisch: »Avory will uns beide geschäftlich sprechen.« Garnier runzelte die Stirn. »Wüßte nicht, was ich mit Avory für Geschäfte hätte, noch dazu um diese Stunde. Indessen –« »Ja«, unterbrach ihn Barthelemy. »Indessen, wie Sie sagen. Also, schießen Sie los, Avory. Setzen Sie sich, Armand.« Garnier ließ sich in einen Sessel fallen. Avory bemerkte plötzlich, daß er zwischen den beiden Männern saß, und daß Barthelemys riesiger Körper die Tür versperrte. Der Rechtsanwalt tat, als merkte er davon nichts. »Ich komme zur Sache«, begann er. »Ich wollte Sie beide sprechen, und ich habe Sie glücklich getroffen. Glauben Sie nicht, daß ich mich fürchte, Garnier. Machen Sie ruhig ein finsteres Gesicht, das stört mich nicht. Nun, Barthelemy, will ich eine offene Frage an Sie richten: Welches Spiel spielen Sie noch neben dem Amaranthklub?« Barthelemy verriet keinerlei Überraschung bei diesem brüsken Angriff. Er sah den anderen ruhig an. »Spiel?« fragte er. »So sagte ich. Ich wiederhole meine Frage: Was für ein Spiel spielen Sie in Verbindung mit dem Amaranthklub? Daß ein solches im Gange ist, weiß ich ebensogut wie, daß Garnier mit von der Partie ist.« Barthelemy und Garnier sahen sich an. Ihre Gesichter waren undurchdringlich. Dann sprach Barthelemy, ruhig und unbekümmert. »Erklären Sie sich näher, ich verstehe Sie nicht.« »Schön. Zunächst will ich Ihnen verraten, daß mir der Drang angeboren ist, Dingen, die meine Neugierde erregen, auf den Grund zu gehen. Um so etwas handelt es sich in diesem Fall. Sie möchten natürlich wissen, was im Amaranthklub meine Neugierde erregt hat?« »Freilich«, murmelte Barthelemy. »Es war der Umstand«, sagte Avory grinsend, »daß gewisse Personen den Klub um zwei Uhr nicht verließen.« Barthelemy nickte. Garnier entfernte die Asche von seiner Zigarre. »Geben Sie Einzelheiten«, sagte schließlich Barthelemy. Avory lächelte. Mit einem guten Vorrat von Selbstbewußtsein war er hergekommen. Dieser Vorrat vergrößerte sich. »Das will ich«, begann er. »Sie werden sich beide des Abends erinnern, als Frau Tressingham nach wochenlangem Landaufenthalt nach London zurückkehrte.« »Fahren Sie fort«, sagte Barthelemy ruhig, »wir erinnern uns.« »Gut. Damals befanden sich verschiedene Personen im Klub, die um zwei Uhr nicht nach Hause gingen. Zunächst Frau Tressingham selbst, dann Jack Hazeldene, Kapitän Dilkes, Lydia Linkinshaw. Diese vier Menschen waren im Klub, haben ihn aber um zwei nicht verlassen. Doch das ist noch nicht alles.« Er unterbrach sich und sah die beiden an. Ihre Gesichter zeigten keinerlei Bewegung. Barthelemy nickte gleichgültig. »Noch nicht alles?« fragte er. »Noch nicht alles«, wiederholte Avory. »Heute abend brachte Frau Tressingham George Ellingtons Gattin mit in den Klub. Das sieht im Widerspruch zu § 7 der Statuten, der besagt, daß Gäste nicht eingeführt werden dürfen. Aber das ist nebensächlich. Wichtig ist: die Damen haben mit Ihnen beiden soupiert. Nach dem Essen sind Sie alle vier verschwunden. Sie haben den Klub durch die Tür nicht verlassen, waren auch nirgends im Hause. Die Damen gingen auch nicht um zwei, als alle anderen aufbrachen. Aber« – und dabei sah er die beiden scharf an und klopfte energisch auf den Tisch – »um halb drei kamen sie mit Garnier aus Ihrem Haus, Barthelemy.« Barthelemy seufzte ergeben und fragte ruhig: »Was schließen Sie daraus?« Avory lachte. »Es gibt eine geheime Verbindung zwischen diesem Gebäude und dem Klubhause«, antwortete er. »Aber ist das denn so etwas Verwunderliches?« fragte Barthelemy. »Dies ist meine Privatwohnung, und der Klub nebenan gehört mir auch. Warum sollte es da keinen Verbindungsweg geben?« »Und die Klubmitglieder, die heimlich diesen Weg benutzen und die Nacht hier zubringen? Halten Sie mich doch nicht für dämlich. Ich habe die Augen offen gehabt. Fast jede Nacht befinden sich Mitglieder in diesen Räumen. Und es ist nur ein Ausnahmefall, daß sie von hier aus nach Hause gehen. Damit Sie sehen, daß ich alle Trümpfe in der Hand habe – sie gewinnen das Freie durch das medizinische Bad nebenan. Was sagen Sie dazu?« Barthelemy steckte die Hände in die Taschen und klimperte mit Goldstücken. »Und was schließen Sie daraus?« fragte er. »Daß in diesem Hause etwas Gesetzwidriges vorgeht. Vermutlich unterhalten Sie einen Spielklub.« »Und was dann?« »Da ich hinter Ihr Geheimnis gekommen bin, möchte ich meinen Nutzen daraus ziehen. Weiter nichts.« Barthelemy sah den Eindringling fest an. »Wieviel?« fragte er kurz. »Darauf läuft es doch hinaus.« »Freilich. Entweder es lohnt sich für mich, den Mund zu halten, oder es geht Ihnen morgen an den Kragen.« »Wieviel also?« »Fünftausend Pfund bar und einen laufend zu zahlenden Betrag, auf den wir uns später einigen können. Damit kommen Sie noch billig davon. Ich habe Ihnen beiden hinter die Kulissen gesehen.« Barthelemy stand auf und zeigte auf die Tür. »Möchten Sie für einen Augenblick draußen warten, während ich mich mit meinem Partner bespreche?« sagte er. »Die Angelegenheit bedarf der Überlegung.« Avory sagte nichts und ging hinaus. Aber anstatt mit Garnier zu sprechen, ging Barthelemy zu einem Schränkchen, nahm aus einer Schublade eine Phiole heraus, die er Garnier zeigte. »Gibt es keinen anderen Ausweg?« flüsterte dieser. »Nein«, erwiderte Barthelemy hart. Er goß ein paar Tropfen aus dem Fläschchen in Avorys Glas, hantierte wieder an dem Schrank und öffnete dann die Tür. »Wir sind einverstanden«, sagte er kurz. »Kommen Sie morgen um elf Uhr, dann will ich Ihnen die Summe übergeben. Über das weitere sprechen wir dann noch. Vermutlich werden wir Ihnen Beteiligung anbieten.« »Sehr gut. Das ist glattes Geschäft. Also morgen um elf.« Barthelemy nickte. Schweigend füllte er die Gläser mit Whisky und Soda. Schweigend tranken die drei Männer. »Damit waren wir einig«, sagte Barthelemy. »Es ist nun Zeit, schlafen zu gehen.« Mit kurzem Abschiedswort ließ er seinen Besuch heraus, und Avory begab sich sofort zu seiner Wohnung in der Jermynstraße. Noch einmal klingelte er bei King, ohne Antwort zu bekommen. Müde und gähnend ging er in sein Schlafzimmer und legte sich zu Bett. Siebzehntes Kapitel. Aus dem Wege geräumt. Avorys Wohnung war sehr bescheiden eingerichtet. Hier war nichts von dem Luxus zu sehen, mit dem sich sein Freund Banister King umgab. King war ein reicher Mann, der sich kaufen konnte, was ihm gefiel, der, wie seine Laune ihn überkam, plötzlich nach Paris oder Wien fuhr. Avorys Mittel dagegen waren beschränkt. Eine Art von Glücksritter, benutzte er seine einfach möblierte Wohnung eigentlich nur als Aufenthalt während der Nacht. Sogar sein Frühstück nahm er außer dem Hause ein. Infolgedessen brauchte er auch nur wenig Bedienung. Als Aufwartung genügten ihm die Bewohner der unteren Regionen, der Portier Bryson und dessen würdige Gattin. Sie reinigten Zimmer und Kleider, besserten seine Wäsche aus, putzten die Stiefel, und nach Frau Brysons Ansicht gehörte Avory zu den seltenen Gentlemen, die einer geplagten Frau keine unnötige Arbeit machen und darum einen wahren Schatz bedeuten. Es war Frau Brysons Gewohnheit, täglich gegen elf die Treppe zu Avorys Wohnung hinaufzusteigen. Das tat sie auch an diesem Morgen. Sie öffnete mit einem besonderen Schlüssel die Korridortür. Am Kleiderriegel hingen Avorys Mantel und Hut. Die wackere Frau ersah daraus, daß der Mieter noch nicht ausgegangen war. Da das Wohnzimmer leer war, mußte er sich noch im Schlafzimmer befinden. Darüber wunderte sie sich, denn Avory war ein Mann peinlichster Ordnung, der regelmäßig um neun aufzustehen pflegte. Es war ein heißer Vormittag, und die korpulente Dame hatte wenig Lust, den Weg die Treppe hinauf später noch einmal zu machen. So entschloß sie sich, an die Schlafzimmertür zu klopfen und zu fragen, ob der Herr sich unwohl fühle und vielleicht ihrer Hilfe bedürfe. Aber es kam keine Antwort. Schließlich wagte sie es, die Tür ein wenig zu öffnen. Mr. Avory lag friedlich in seinem Bett, wie ein unschuldiges Kind im Nachtrock, pflegte Frau Bryson später zu sagen. Er hatte die Bettdecke bis zum Kinn heraufgezogen, sein Gesicht war deutlich sichtbar. Und plötzlich entdeckte Frau Bryson etwas in diesem Gesicht, das sie erst stutzen, dann laut aufschreien und schließlich eiligst die Treppe herunterstürzen ließ, so daß die wenigen Leute, die ihr begegneten, ihr erstaunt nachsahen. »Tot! Blödsinn«, rief Bryson. »Er schläft fest, Mathilde. Das kommt davon, daß er nachts immer solange ausbleibt. Tot, Unsinn.« »Geh hinauf und sieh selbst, John Bryson«, erwiderte seine Frau aus der Tiefe des Lehnstuhls, auf dem sie zusammengesunken war. »Du mußt nach der Polizei und nach dem Beamten des Coroners schicken, so wahr ich hier sitze. Als wenn ich nicht wüßte, wie ein Toter aussieht, die ich erst vor vierzehn Tagen meinen eigenen Bruder begraben habe.« Bryson, der gerade Schuhe putzte, band knurrend seine grüne Schürze ab und ging die Treppe hinauf. Seine Frau folgte ihm, nachdem sie durch einen herzhaften Schluck aus einer schwarzen Flasche frische Kräfte gesammelt halte. Als sie nach oben gekeucht war, traf sie ihren Gatten mit feierlicher Miene in Avorys Wohnzimmer. »Du hast recht, Mathilde«, sagte er flüsternd. »Er ist dahin. Muß im Schlafe gestorben sein. Dabei hat man ihm nie etwas angesehen.« »Es war das Herz, John. Was machen wir nun?« Bryson fiel nur die Polizei ein. Aber seine Frau hatte eine Erleuchtung. »Er und Mr. King waren Freunde. Klopf bei ihm an. Er steht nie vor eins auf, wird also sicher noch zu Hause sein.« Aber soviel Bryson auch klopfte und schellte, Banister King meldete sich nicht. Denn er hatte just am Tage zuvor eine seiner plötzlichen Reisen angetreten, um in einer toskanischen Stadt eine wertvolle Vase, von der ihm irgendein Weltbummler erzählt, gegen gutes englisches Gold einzuhandeln. So war niemand da, der Richard Avory den letzten Freundesdienst hätte erweisen können, denn die Brysons kannten sonst keinen Verwandten oder Bekannten dieses Herrn, der ihnen so wenig Umstände gemacht halte. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Arzt und die Polizei zu benachrichtigen. Die Gesetze Englands legen die Untersuchung über die Ursachen des plötzlichen Todes eines Menschen in die Hände des Coroners und seiner Geschworenen. Natürlich hatte Avory Verwandte und Freunde, aber nicht viele. Da war ein Bruder, Notar in einer Provinzstadt, der ihn seit langen Jahren nicht mehr gesehen hatte und nur wußte, daß er Anwalt mit mäßiger Praxis gewesen war. Dann hatten ihn einige Kollegen gekannt, die auch nicht viel über ihn zu sagen wußten. Dem Coroner und seinen Geschworenen war das auch gleichgültig, sie wollten nur wissen, ob Avory Selbstmord begangen, ermordet worden oder eines natürlichen Todes gestorben war. Es gab nur drei Zeugen von einer gewissen Bedeutung: den alten Stephan Ellington, einen Diener aus dem Amaranthklub, endlich einen bekannten Arzt, der die Obduktion der Leiche besorgt hatte. Ihr Zeugnis war sehr klar und einfach, und es gab zwei Männer in London, die einander bedeutungsvoll ansahen, als sie bei einem zufälligen Zusammensein die Aussagen der drei in der Zeitung lasen. Stephan Ellington gab an, daß Avory am Abend vor seinem Tode mit ihm und seiner Tochter in einem Westend-Restaurant gespeist habe. Kurz vor elf hatten sie sich getrennt. Ob Mr. Avory viel Wein getrunken habe? Nur ganz wenig, und das noch mit Mineralwasser vermischt. Überhaupt hatte Ellington ihn nur als mäßigen Menschen gekannt. Nichts im Benehmen von Mr. Avory oder in seinem Aussehen hatte auf Unwohlsein oder drohende Erkrankung schließen lassen. Der Klubdiener erklärte, Mr. Avory, der ihm gut bekannt sei, wäre an dem fraglichen Abend zwanzig Minuten nach elf in den Amaranth gekommen, habe sich nur ein Butterbrot geben lassen und dann bis nach Mitternacht in den Abendzeitungen gelesen. Dazu habe er eine einzige Soda mit Whisky getrunken. Dann sei er eine Zeitlang durch die verschiedenen Räume gewandert, habe dann wieder Zeitungen gelesen und sich um zwei Uhr mit den anderen Gästen entfernt. Der Zeuge hatte gesehen, daß er die Richtung der Jermynstraße einschlug. Anscheinend habe Mr. Avory sich durchaus wohl und munter befunden. Am bedeutsamsten war das Zeugnis des Arztes. Bei dem Toten hatten sich ebensowenig Spuren von Gift wie solche, die auf übermäßigen Genuß von Alkohol oder anderen Rauschmitteln schließen ließen, gefunden. Offensichtlich hatte Avory im Schlaf einen Herzschlag erlitten. »Sie sind davon fest überzeugt?« fragte der Coroner. »Ganz fest.« So entschieden die zwölf Geschworenen, daß Richard Avory eines natürlichen Todes gestorben sei. Er wurde bestattet, und die Aufregung, die der Fall verursacht hatte, legte sich rasch. Niemand trauerte ihm besonders nach, nicht einmal Marcia Ellington, die in ihm nur einen Anhänger ihrer sozialen Theorien gesehen hatte. So verschwinden Leute, die niemand vermißt, von der Bühne des Lebens. Der Bruder ließ Avorys Habseligkeiten aus der Wohnung schaffen. Bryson und dessen Frau machten sie bereit, einen neuen Mieter aufzunehmen, Und sie waren gerade eifrig bei der Arbeit, als Banister King so überraschend heimkam, wie er abgereist war, und die beiden im Treppenflur traf. Bryson sah ihn düster an. »Ich nehme an, Sie wissen schon, was passiert ist?« begrüßte er King. »Es hat ja lang und breit in den Zeitungen gestanden. Das mit dem armen Mr. Avory.« »Warum ›armer Mr. Avory‹?« fragte King, der in den Taschen nach seinen Schlüsseln kramte. »Was ist ihm zugestoßen? Hat er sich die Nase oder ein Bein gebrochen?« Bryson ließ bei diesem Ausdruck von Leichtfertigkeit ein mißbilligendes Räuspern hören. Seine Frau seufzte. »Er ist tot, Herr«, sagte der Portier. »Tot, und bereits begraben.« Achtzehntes Kapitel. Des Toten Botschaft. Banister King sah den Portier und dessen Frau mit einem stummen, aber desto ausdrucksvolleren Blick an. Und da Bryson keine Antwort bekam, wiederholte er: »Tot, Herr. Tot und begraben.« »Gestern vor acht Tagen«, fügte seine Frau hinzu. King hatte inzwischen seinen Schlüssel gefunden, ging in seine Wohnung und stellte einen kleinen Kasten, in dem sich die sorgfältig verpackte Vase befand, auf den Tisch. Einen Augenblick starrte er vor sich hin. Dann steckte er die Hände in die Taschen, pfiff nachdenklich vor sich hin und ging endlich wieder hinaus zu Bryson. »Wie kam es?« fragte er kurz. »Ganz plötzlich?« Bryson schüttelte den Kopf und deutete auf seine Frau. »Ganz plötzlich. Sie hat ihn gefunden.« »Wie ein unschuldiges Kind lag er im Bett, als wenn er schlief«, sagte Frau Bryson traurig. »Aber ich wußte, daß er tot war, wenn mein Mann es auch nicht glauben wollte.« »War er krank gewesen?« »Nicht eine Minute, Herr«, erwiderte King. »Ich sah ihn den Tag vorher, er war so gesund, wie wir hier. Starb im Schlaf, Herzschlag, wie der Doktor sagte. Und der Coroner und die Geschworenen sagten dasselbe. ›Natürlicher Tod‹ war das Verdikt.« »So war eine Untersuchung?« fragte King. »Wir haben alle Zeitungen darüber aufgehoben«, bemerkte Frau Bryson. »›John‹, sagte ich zu meinem Mann, ›wir wollen alles aufheben, Mr. King wird es lesen wollen, wenn er heimkommt.‹ Sie liegen alle unten, mit einer schwarzen Schnur zusammengebunden.« »Ich möchte sie gern sehen«, sagte King. Er nahm die Zeitungen und setzte sich damit in sein Zimmer, das ihm heute noch stiller vorkam als sonst. Er las alles, was sie ihm erzählen konnten. Aber die Berichte enthielten keinen Fingerzeig für ihn. Wichtig erschien ihm nur die Tatsache, daß Avory den letzten Abend im Amaranthklub verbracht hatte. Denn King erinnerte sich des lebhaften Interesses, mit dem Avory dem Geheimnis Barthelemys und des Klubs nachgespürt hatte. Und er hielt es für durchaus möglich, daß während seiner Abwesenheit Umstände eingetreten sein mochten, die es Barthelemy oder sonst jemand ratsam erscheinen ließen, Avory aus dem Wege zu räumen. Trotz des ärztlichen Gutachtens schien es King zweifelhaft, ob der Freund wirklich an Herzschlag gestorben war. Er legte die Zeitungen beiseite und kümmerte sich zunächst um seine eigenen Angelegenheiten. Da waren erstens die Briefe. Er hatte zwar ebensowenig Bekannte wie Avory, und ihm schrieben nur Leute, die Bücher, Bilder oder dergleichen zu verkaufen hatten. Er wußte aber, daß Briefe da sein würden, und so ging er zu dem Kasten. Als er ihn geöffnet hatte, fand er zwischen Briefen, Zeitungen und Drucksachen die Karte mit den wenigen Zeilen, die Avory in der Eile darauf gekritzelt hatte. King ließ alles andere liegen und sah lange auf die Karte des Toten, ehe er sie las. Dann begriff er den Inhalt nicht gleich. Aber als ihm einfiel, was inzwischen geschehen war, daß Avory wenige Stunden, nachdem er dies geschrieben hatte, gestorben war, wurde er sich dessen bewußt, daß er mit dieser Karte vielleicht den Schlüssel zu dem Geheimnis um Avorys Tod in Händen hielt. Folgendes hatte der Freund in Eile geschrieben: »Heute nacht ist im Amaranthklub etwas geschehen, das Barthelemy in meine Hände liefert. Garnier ist im Augenblick bei ihm. Ich bin im Begriff, mit ihnen zu sprechen. Die Sache ist nicht ohne Gefahr. Bin ich zur üblichen Zeit nicht zu Hause, dann weißt du, daß ich um halb drei dorthin ging. R. A.« Das Datum fehlte, aber King war überzeugt, daß die Karte in der Nacht vor Avorys Tod geschrieben war. Er sah noch einmal in die Zeitungen. Ja, Avory hatte die meiste Zeit lesend in der Halle verbracht. Das heißt, er hatte auf jemand gewartet. Um zwei hatte er den Klub verlassen. Aber was war nachher geschehen? King versuchte, in seiner Art die Ereignisse zu rekonstruieren. 1. Nachdem Avory den Klub verlassen hatte, war etwas geschehen, das seinen Verdacht gegen Barthelemy und Garnier verdichtete. 2. Nachdem er festgestellt hatte, daß die beiden in Barthelemys Haus waren, beschloß er, sie sofort zu stellen. 3. Erst ging er zur Jermynstraße. Da er King nicht antraf, schrieb er die Karte. 4. Dann verschaffte er sich Zutritt zu Barthelemys Haus. 5. Was nun auch dort geschehen sein mochte, er kam heil heraus, ging ruhig zu Bett, und – starb im Schlaf. War Avory ermordet worden? Die zweite Frage, wer ihn ermordet hatte, war müßig. Wenn er in einer geschickten, teuflischen Art aus dem Wege geräumt worden war, bestand über den Täter kein Zweifel. Aber – war er überhaupt getötet worden? King war Mitglied eines kleinen und sehr exklusiven Klubs, dem Gelehrte, Forscher, Sammler, Philosophen angehörten. Das Haus befand sich in der Nähe des Hanover Square. Jedes Mitglied war Spezialist auf irgendeinem Gebiet. Und King erinnerte sich an einen bekannten Arzt, der ein Standardwerk über Toxikologie geschrieben hatte und dadurch berühmt geworden war. King begab sich zu einer Stunde in den Klub, wo er gewiß war, diesen Mann anzutreffen. Nachdem er ihn in eine ruhige Ecke bugsiert hatte, begann er: »Ich möchte Sie etwas fragen. Wenn Sie wollen, sage ich Ihnen nachher auch den Grund. Kann man einem Menschen Gift einflößen, ohne daß er es sofort merkt, ein Gift, das erst nach einigen Stunden wirkt und keinerlei Spuren im Körper zurückläßt?« Der berühmte Mann dachte einen Augenblick nach. Dann nickte er und sagte: »Gewiß, ein solches Gift gibt es.« »Um ganz pedantisch vorzugehen: Setzen wir den Fall, ein Mann trinkt mit einem anderen –« »A trinkt mit B«, schlug der berühmte Mann vor. »Schon, A trinkt mit B. B tut heimlich Gift in As Glas. A geht nach Hause, legt sich zu Bett und stirbt im Schlaf. Es findet die übliche Untersuchung statt. Die Ärzte finden keine Spur von Gift, sie sagen, der Mann sei an Herzschlag gestorben.« Der Spezialist lächelte. »Das ist er natürlich auch.« »Ja?« »Natürlich, Ursache aber war das Gift.« »Ich verstehe. Und das Gift würde keine Spur zurücklassen?« »Es gibt nun einmal Gifte, die in der von Ihnen angedeuteten Weise wirken und deren Anwendung bei einer gewöhnlichen Autopsie von einem einfachen Arzt nicht festgestellt werden kann.« »Aber von einem Spezialisten?« »Ein Spezialist, der weiß, nach welchem Gift er zu suchen hat, würde vielleicht die Spuren nachweisen können.« »Vielleicht nur?« »Nur vielleicht. Es gibt Gifte, die überhaupt keine Spuren zurücklassen.« »Das ist Tatsache?« »Unerschütterliche Tatsache.« King sah den anderen scharf an. »Haben Sie von dem Fall Avory gelesen?« »Freilich, und, um die Wahrheit zu sagen, ich dachte mir schon, daß Sie diesen Fall im Auge hatten.« »Stimmt. Ich bin überzeugt, daß Avory ermordet worden ist. Ich glaube sogar, den Mörder zu kennen. Und die Tat kann nur so geschehen sein, wie ich andeutete.« »Sie glauben, man hat ihm Gift gegeben?« »Und ich glaube es nicht grundlos. Wenige Stunden vor seinem Tode war er mit Männern zusammen, deren Schicksal in seiner Hand lag. Denn er wußte ein Geheimnis von ihnen, dessen Bekanntgabe sie ruiniert hätte. Es lag in ihrem Interesse, ihm den Mund zu stopfen, ihn aus dem Wege zu räumen. Bis drei Uhr morgens war er mit ihnen zusammen. Nach Angabe der Ärzte ist er gegen acht im Schlaf gestorben. Nach dem, was ich von Ihnen gehört habe, glaube ich, daß sie ihm einen tödlichen Trank vorgesetzt haben.« »Möglich, wenn einer von ihnen sich auf Gifte verstand.« »Zuzutrauen ist das beiden, gerissene Halunken, wie sie sind. Aber da die Ärzte nun einmal keine Spuren gefunden haben, was läßt sich dabei tun?« »Ein Fachmann könnte die Spuren finden, das wäre denkbar.« »Was könnte man also tun?« »Wenn genügend Verdacht vorliegt, könnte der Staatsanwalt die Exhumierung der Leiche anordnen. Sie müßten natürlich beweisen, daß die Betreffenden Interesse an der Tat hatten und imstande wären, ihm das Gift beizubringen.« »Das hoffe ich fertig zu bekommen«, erwiderte King mit grimmigem Lächeln. »Bitte halten Sie inzwischen reinen Mund über die Sache.« »Teilen Sie mir das weitere mit, der Fall interessiert mich«, sagte der Spezialist. »Ich denke, ganz London wird sich noch dafür interessieren. Aber vorläufig bin ich noch am Anfang.« King war zunächst etwas in Verlegenheit, wie er die Sache anpacken sollte. Als erstes beschloß er, sich das medizinische Bad neben Barthelemys Haus ein wenig anzusehen. So ging er am anderen Morgen hin, nachdem es eben geöffnet war. Ein eleganter Angestellter in schwarzem Anzug empfing ihn. »Mein Arzt«, begann King, »hat mir eine Reihe medizinischer Bäder verordnet. Ich möchte gleich damit beginnen. Je eher, je –« Er brach ab und trat zur Seite, um einer tiefverschleierten Dame Platz zu machen, die aus einem Nebenraum kam, hastig an King und dem Angestellten vorbeiging und auf die Straße trat. Der Angestellte führte ihn in das Wartezimmer. Neunzehntes Kapitel. Das Haus für medizinische Bäder. Im Wartezimmer sah der Mann King mit höflich fragendem Ausdruck an. Dieser begann sein Sprüchlein noch einmal. »Eine Reihe medizinischer Bäder, mit denen ich sofort beginnen möchte.« Der Angestellte schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, aber das ist nicht möglich.« King tat sehr erstaunt. »Nicht möglich? Sie haben doch das Schild draußen.« Der Mann lächelte. »Sehr wohl, mein Herr. Aber –« »Und soeben hat doch eine Kundin das Bad verlassen. Es muß also doch geöffnet sein.« »Freilich, wir haben Patienten, die nach Anordnung des Arztes so früh Bäder nehmen. Das hier ist ein Privatetablissement.« King sah ihn verblüfft an. »Privat? Was soll das heißen?« »Hier werden nur Privatpatienten bedient, für das große Publikum ist das Haus nicht geöffnet. Wir haben unsere besondere Kundschaft. Wenn Sie Wert darauf legen –« Er sah King forschend an. »Nun?« Der Mann ging an ein Schränkchen und nahm eine Karte heraus. »Wenn Sie Bäder nehmen wollen, mein Herr, müssen Sie sich an unseren Arzt wenden, Dr. Marinetti. Hier ist seine Adresse. Er wird alles anordnen und uns Mitteilung machen.« King nahm die Karte und sah auf die Adresse. Der Arzt wohnte ganz in der Nähe. »Schön«, sagte er, »ich werde hingehen, wann kann ich dann mit den Bädern beginnen?« »Das wird der Doktor bestimmen. Er setzt die Art der Bäder und die Stunde fest.« »Gut«, erwiderte King, »ich werde ihn heute morgen noch aufsuchen.« »Zwischen zehn und eins«, sagte der Angestellte. Nachdem King gefrühstückt hatte, ging er nach der angegebenen Wohnung. Er wurde von einem sehr gelehrt aussehenden Herrn empfangen, offensichtlich einem Ausländer, der ihn nach seinen Wünschen fragte. »Ich leide an Rheumatismus«, begann King. »Es ist nicht schlimm, plagt mich aber doch zeitweise. Besonders in dieser heißen Jahreszeit ist es mir lästig. Ich komme nun gerade von Italien zurück. In Florenz lernte ich einen Mann kennen, der mir gegen Rheumatismus medizinische Bäder empfahl. Da mir heute morgen das Institut an der Ecke auffiel, ging ich hin. Man wies mich an Sie.« Der Arzt verbeugte sich. Er stellte die üblichen Fragen und schrieb Kings Namen und Wohnung in ein Buch. Dann füllte er einen Diätzettel aus. »Meine Verordnungen sind sehr einfach. In Ihren täglichen Gewohnheiten lassen Sie sich gar nicht stören. Ihren Lunch nehmen Sie pünktlich um ein Uhr ein. Natürlich leichte Kost. Ein bißchen Fisch, Geflügel, Früchte, weiter nichts. Bis vier Uhr ruhen Sie. Dann nehmen Sie Ihr Bad. Dann ruhen Sie wieder eine Stunde. Nachher können Sie tun, was Ihnen beliebt, aber natürlich alles mit Maßen.« King sah auf den Zettel. »Vier Uhr nachmittags?« sagte er etwas verblüfft. »Nicht am frühen Morgen?« »Unter keinen Umstanden. Vier Uhr nachmittags, das ist die Zeit für Sie. Kommen Sie in vierzehn Tagen wieder.« Lächelnd verbeugte er sich, und King ging mit dem Bewußtsein, daß sein Plan mißlungen war. »Ich sollte mich wundern, wenn das nicht abgekartetes Spiel ist«, murmelte er. »Sicher steckt dieser Arzt mit den anderen unter einer Decke. Vier Uhr! Heute gehe ich jedenfalls nicht hin. Erst will ich das andere versuchen.« King speiste bei Frascati, rauchte gemütlich seine Zigarre und nahm dann eine Droschke. Er befahl dem Kutscher, ihn nach Maida Vale zu fahren. Gegen drei Uhr kam er vor einer großen Mietskaserne an, und mit nachdenklicher Miene stieg er die Treppen hinauf. »Da sie um acht erst schlafen gegangen ist, müßte sie jetzt auf sein«, murmelte er. »Sonst muß ich warten.« Als er an einer Wohnung im dritten Stock schellte, hörte er erst das wütende Gebell eines Hundes und dann eine Frauenstimme, die das Tier beruhigte. Die Tür wurde geöffnet, und eine große, schlanke Frau, mit einem japanischen Kimono bekleidet, schaute mit schläfrigen Augen auf den Besucher. »Du!« rief sie aus. »Ich«, antwortete King. »Die Welt geht unter«, rief sie, stieß den Hund mit einem Fußtritt beiseite und streckte die Hand aus. »Tritt ein«, fuhr sie fort. »Ich bin allein, mein Mädchen ist in die Stadt gegangen. Ich bin eben erst aus dem Bett gekrochen.« King ging in ein kleines Wohnzimmer, das überreich möbliert war und besonders durch die zahlreichen Photographien der Bewohnerin auffiel, die alle Wände bedeckten. »Setz dich«, sagte sie zu King. »Lieber Himmel, es sind wohl zwei Jahre her, daß ich dich nicht mehr gesehen habe.« »Ungefähr«, erwiderte King. »Du hast dich inzwischen nicht verändert. Ich will uns Tee machen, richtigen Tee, nicht das übliche Spülwasser. Einverstanden?« »Gern.« »So warte hübsch, bis ich fertig bin«, sagte die Dame im Kimono. »Hier sind Zigaretten.« Sie wirbelte hinaus und kam bald mit kostbarem Porzellan und dem duftenden Trank wieder. »Ich freue mich, dich wiederzusehen«, sagte sie, nachdem sie ihn eine Weile wie ein seltsames Tier angestarrt hatte. »Zwei Jahre, das ist eine lange Zeit. Vielleicht hast du mich inzwischen einmal gesehen, ohne mich zu erkennen.« »Ich glaube nicht, außer – heute morgen.« Die Dame sah ihn scharf an. »Heute morgen?« »Ganz gewiß.« Sie knabberte an einem Stück Kuchen. »Wo denn?« »Als du aus der medizinischen Badeanstalt kamst«, sagte King gemütlich. »Sieh, Lydia, da du die schönste Figur und die hübschesten Beine von ganz London hast, kannst du dich vor einem nicht unkenntlich machen, der das alles so gut kennt, wie ich.« Die Dame sah ihn groß an und lächelte dann, so wie sie auf allen Bildern dargestellt war. »Wie hübsch du das sagen kannst«, meinte sie. »Du hast dich gebessert. Ich denke, wir knüpfen da wieder an, wo wir vor zwei Jahren aufgehört haben, Bannie. Also heute morgen hast du mich gesehen?« »Freilich, und deshalb bin ich jetzt gekommen.« »Wie soll ich das verstehen?« King setzte die Teetasse hin und beugte sich vornüber. »Ich möchte wissen, was du dort um sieben Uhr morgens zu tun hattest.« »Gehen dort nicht Leute hin, um Bäder zu nehmen?« fragte sie, indem sie ihn aufmerksam beobachtete. »Möglich. Aber sie gelangen nicht alle dorthin vom Amaranthklub und von Barthelemys Haus aus, und noch dazu des Nachts um zwei.« Lydia Linkinshaw blickte auf den Rand ihrer Tasse. Infolge langer Bühnenerfahrung hatte sie ihre Gesichtsmuskeln in der Gewalt. Trotzdem merkte King ein leises Zittern um ihre Mundwinkel. »Worum handelt es sich, Bannie?« fragte sie ruhig. »Das sollst du gleich erfahren. Bist du gut bei Kasse?« »Was du nicht denkst! Ich bin in der Klemme, wie meistens.« »Schön«, sagte King, indem er ihr einen Briefumschlag reichte, »hier sind ein paar Hunderter, die dir helfen sollen, den Mund zu halten. Erzähl mir, was ich wissen muß, und du bekommst noch dreihundert. Bar auf den Tisch, Lydia.« Das Mädchen schob den Umschlag in die Falten ihres Kimonos. »Sag erst, worum es sich handelt«, sagte sie etwas unbehaglich. »Hab keine Angst. Ich will nur wissen, was in Barthelemys Haus vorgeht, nachdem der Amaranthklub geschlossen ist. Du weißt es, Lydia.« Schweigend sah sie ihn einen Augenblick an. Dann rückte sie ihren Stuhl näher an den seinen. Zwanzigstes Kapitel. Lydia wird eingeweiht. King merkte, daß sie bereit war, zu sprechen. Darum drängte er nicht, sondern zündete sich eine Zigarette an und wartete. Plötzlich legte sie die Hand auf seinen Arm. »Bedenke«, sagte sie ernsthaft, »es ist keine einfache Sache. Beantworte mir eine Frage. Woher weißt du, daß ich im Bilde bin?« »Gern. Es ist doch kein Geheimnis, daß du Klubmitglied bist?« »Wenigstens keins für die anderen Mitglieder.« »Schön. Zu diesen Mitgliedern gehörte auch Richard Avory. Hast du ihn gekannt?« »Avory? Nein.« »Er wurde kürzlich tot in seinem Bett gefunden. Seine letzten Stunden hatte er im Amaranthklub zugebracht. Hier ging er wohl und munter fort und starb im Lauf der Nacht.« »Ich habe ihn nicht gekannt, wie ich viele Mitglieder nicht kenne.« »Jedenfalls hat er dich gekannt. Von ihm weiß ich, daß du Mitglied bist. Willst du zugeben, daß eine Verbindung des Amaranthklubs mit Bartheleyms Haus und dem medizinischen Bad besteht?« »Da du es sowieso weißt – ja.« »Avory hatte großes Interesse daran, hinter dieses Geheimnis zu kommen. Er hatte gemerkt, daß nicht alle Mitglieder um zwei den Klub verließen.« Lydia fuhr zusammen und nickte. »Ich dachte es mir doch, daß früher oder später einer dahinter kommen würde.« »Er kam dahinter. In einer Nacht fiel es ihm auf, daß drei, die er wenigstens vom Sehen kannte und die im Klub gewesen waren, um zwei nicht fortgingen. Es handelte sich um Hazeldane, Kapitän Dilkes und dich. Erinnerst du dich?« Lydia nickte. »Ich besinne mich, es stimmt.« »Schön. Ich weiß nicht, wie weit Avory mit seinen Nachforschungen gekommen ist. Ich fuhr damals nach Italien. Als ich wiederkam, war er tot. Nun brauche ich das Geheimnis der Häuser für meinen eigenen Zweck. Du bekommst deine Mitteilungen anständig bezahlt. Und du weißt – es bleibt alles unter uns.« Sie sah ihn eine Weile an, als wollte sie seine Absichten erraten. King fuhr fort: »Du sollst wissen, warum ich hinter das Geheimnis kommen will. Ich bin überzeugt, daß Avory ermordet worden ist. Und ich glaube, daß sein Tod mit dem Mysterium des Amaranthklubs zusammenhängt. Verstehst du?« »Ja. Aber – ich weiß, daß ich dir trauen darf, Banister. Aber vergiß nicht, daß Barthelemy mich töten würde, wüßte er, daß ich geplaudert habe. Du kennst den Menschen nicht.« »Ich hoffe, ihn kennenzulernen. Aber von mir wird er natürlich nichts erfahren, sei ohne Sorge.« »Gut. Wie du schon geahnt haben wirst, ist der Amaranthklub für gewisse Mitglieder nur ein Deckmantel für eine Spielhölle in Barthelemys Haus.« »Richtig. Und der Zugang?« »Es gibt einen geheimen Weg vom Klub aus, den nur die Eingeweihten kennen. Die meisten ahnen von all dem nichts.« »Wieviel Mitglieder hat der Klub?« »Zweihundert, mehr werden nicht aufgenommen.« »Wie viele davon sind eingeweiht?« »Nicht mehr als fünfzig.« »Kennst du sie alle?« »Kaum die Hälfte. Ich kenne die beiden, die du vorhin nanntest. Dazu Armand de Garnier, Frau Tressingham und ein paar andere. Von einigen weiß ich den Namen oder den Spitznamen.« »Und was wird gespielt?« »Trente-et-quarante, Bakkarat, manchmal auch etwas anderes.« »Hoch?« »Sehr, wenigstens ab und zu.« »Und du hast dich reichlich beteiligt?« Lydia verzog das Gesicht. »Allzu reichlich. Du weißt, ich war schon immer eine Jeuratte. Aber ich bessere mich, mein Ehrenwort. Vergangene Nacht habe ich seit acht Tagen zum erstenmal wieder gespielt.« King lächelte. »Gut, nun weiß ich, wie man hineinkommt. Wichtiger ist mir, zu wissen, wie man hinauskommt.« »Das kommt darauf an. Von elf an kann man spielen. Wer vor zwei aufhört, verläßt den Klub auf dem gewöhnlichen Weg. Wer bis drei oder vier spielt, geht durch Barthelemys Haustür. Diejenigen, die die Nacht durch sitzen, gehen so fort, wie ich heute morgen.« »Aha! Dann ist also das medizinische Bad auch nur ein Deckmantel.« »Nicht ganz. Aber es gehört Barthelemy und wird von ihm geleitet. Wie kam es, daß ich dich heute morgen nicht sah?« »Deine eigene Schuld. Du gingst dicht an mir vorbei, hattest es aber so eilig, daß du mir nicht einen Blick gönntest.« »Was hattest du dort zu tun?« »Ich wollte unter dem Vorwand, zu baden, eindringen.« Lydia schüttelte den Kopf. »So geht das nicht. Barthelemy hat einen Arzt an der Hand, Doktor Marinetti, der untersucht erst alle Patienten. Er –« »Ich war bei ihm. Er hat mir Bäder verschrieben, die ich um vier Uhr nachmittags nehmen soll.« »Kann ich mir denken. Morgens kann man Fremde nicht brauchen. Außerdem wird der Patient dort ständig überwacht. Das Bad ist schon echt, aber es tritt als solches erst nach dem Frühstück in Erscheinung.« »Tut nichts«, sagte King, »ich komme schon irgendwie dahinter. Wie wäre es, wenn ich in den Amaranthklub einträte? Könntest du mich nicht vorschlagen? Und könnte ich dann nicht unter die »Eingeweihten« aufgenommen werden?« Lydia sah ihn ernst an. »Es ist eine sehr gefährliche Sache. Barthelemy tritt man nicht ungestraft in den Weg. Wenn er etwas merkte – mein Gott!« »Ich wage es auf jeden Fall.« »Warum bloß?« »Weil ich glaube, daß Barthelemy Avorys Mörder ist. Ich will ihn zur Strecke bringen.« Wieder schaute sie ihn ernst und nachdenklich an. »Ich vermute, du hast viel Geld?« »Massenhaft. Seit wir uns nicht sahen, habe ich eine Riesenerbschaft gemacht, und ich war damals schon reich. Ich kann also schon etwas riskieren.« »Für einen Menschen wie Barthelemy bist du der rechte Mann«, sagte sie nachdenklich. »Ich will sehen, was sich tun läßt. Du willst doch nichts übereilen?« »Im Gegenteil, ich bin für kaltblütig überlegte Arbeit. Ich sehe ein, daß die Sache Zeit braucht. Aber ich will ihn fangen. Denke darüber nach.« »Ich bin schon dabei. Erst muß ich dafür sorgen, daß du Mitglied wirst, und dann Barthelemy einen Wink geben, daß du dich für das Nachbarhaus eignest. Aber vergiß nicht – Barthelemy nimmt niemand auf, dessen ganze Geschichte er nicht kennt.« »Er soll alles wissen. Ich bin ein etwas exzentrischer Lebemann, reich, interessiert für alles, was aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fällt. Ich habe von einem Onkel, der in Indien Zucker baute, ein großes Vermögen geerbt. Aber, da ich gerade von Geld spreche, ich schulde dir noch dreihundert.« Lydia verwahrte die Banknoten ebenso, wie die erste Summe. »Danke, besuch' mich heute in acht Tagen. Aber, Bannie King, es ist ein gefährliches Unternehmen.« King brach auf und überdachte, was er erfahren hatte. Er wollte Barthelemy der strafenden Gerechtigkeit überliefern, mochte es kosten, was es wolle. Zweifellos war es ein gefährliches Spiel. Aber es war dazu ein gutes und aufregendes, und das entsprach just seinem Temperament. Er war entschlossen, alles zu wagen, mochte er gewinnen oder verlieren. Am folgenden Tage begann er mit seiner Bäderkur. Er entdeckte nichts als eine elegant eingerichtete Badeanstalt. Er wurde aufmerksam bedient und bezahlte entsprechend. Aber, wie Lydia vorausgesagt hatte, sah er wenig von dem Haus, da immer jemand um ihn war. Es gab keine Möglichkeit, zu spionieren. Während der Woche las King eifrig in Werken, die er sich von dem Spezialisten geliehen hatte, und die von geheimnisvollen Giftmorden handelten. Allmählich konnte er sich eine Vorstellung davon machen, wie Avory vermutlich zu Tode gekommen war, und was er zu tun hatte, um sich vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Da bekam er einen Brief von Lydia, in dem sie ihn bat, sie zu besuchen. Sofort fuhr er nach Maida Vale. Lydia empfing ihn mit einem Schreiben in der Hand. »Das wäre in Ordnung«, begrüßte sie ihn. »Nun bist du regelrechtes Mitglied des Amaranthklubs. Barthemely ist über deine Verhältnisse orientiert. Es ging ganz leicht.« King las den Brief durch. Es war die formelle Bestätigung, daß er in den Klub aufgenommen sei, und die Aufforderung, Eintrittsgeld und Beitrag zu zahlen. Mit finsterem Lächeln steckte er das Schreiben ein. »Eine Einlaßkarte«, sagte er. »Aber wozu?« »Das kannst du eben nicht wissen«, erwiderte Lydia, »und ich auch nicht. Das beste ist, du ziehst in meiner Begleitung in den Klub ein. Wann paßt es dir?« »Wir wollen heute dort zu Abend essen. Um zwölf Uhr, denk' ich.« Einundzwanzigstes Kapitel. Die Abrechnung. Anfang August ging das Parlament in die Ferien. George und Letty Ellington suchten die Heide von Yorkshire auf, wo Vater und Sohn eine kleine Jagd gepachtet hatten. Dort besuchte sie Hilda Tressingham für eine Woche. Von jener Nacht im Amaranthklub hatten sie kaum mehr gesprochen. Hilda hatte nur gelegentlich halb im Scherz darauf angespielt, und Letty hatte ihrem Mann nichts davon erzählt, zumal sie davon überzeugt war, daß niemand im Klub ihr Erscheinen aufgefallen war. So hatte sie die ganze Episode fast vergessen, vergessen auch, daß jemand ein Papier von ihr besaß, auf das sie ihren Namen geschrieben, nachdem sie sich mit einem amüsanten, eben aus Paris eingeführten Spiel unterhalten hatten. Und Hilda Tressingham erinnerte sie einstweilen nicht daran. Einen Tag, bevor das Parlament wieder zu tagen begann, kehrte Hilda nach London zurück. Alsbald wurde sie von Garnier angeläutet, der sie bat, sofort nach der Shaftesbury Avenue zu kommen. Sie fand ihn und seinen unerschütterlichen Meunier beim Kofferauspacken. »Ich bin eben erst von Homburg zurück«, sagte Garnier. »Kommen Sie in mein Arbeitszimmer, ich muß Sie sofort sprechen.« »Was gibt es denn?« fragte sie, nachdem sie sich gesetzt hatte. »Die Zeit ist gekommen, oder wird wenigstens in wenigen Tagen kommen. Sie können also der kleinen Frau die Daumenschrauben ansetzen. Sie haben doch noch nichts unternommen?« »Nichts, wie es abgemacht war.« »Gut. Jetzt aber muß es geschehen. Ist sie in London?« »Sie kommt morgen. Überlassen Sie alles mir. Ich muß nur genau wissen, was Sie haben wollen.« »Freilich. Ich will Ihnen alles auseinandersetzen. Natürlich ist das alles theoretische Berechnung. Irgendeine Kleinigkeit mag nicht stimmen. Gerade das, was wir brauchen, könnte nicht da sein.« »Und dann –« »Und dann können Sie eben nichts daran ändern Hören Sie zu. Unsere Information stammt aus dem Marineministerium selbst. Freitag abend wird ein bestimmtes Memorandum in Maschinenschrift fünf oder sechs Mitgliedern der Admiralität, unter denen sich zweifellos auch Ellington befinden wird, in versiegelten Umschlägen ausgehändigt werden. Wir können hier nur die Wahrscheinlichkeitsrechnung anwenden. Danach wird Ellington das Schriftstück vermutlich in seine Depeschentasche tun. Diese Tasche müssen wir für eine Stunde, unter Umständen auch nur für eine halbe Stunde, haben. Sie bekommen Sie unversehrt wieder zurück. Aber wie gedenken Sie die Tasche zu bekommen?« »Indem ich Letty zwinge, sie mir auszuliefern«, erwiderte Hilda. »Das macht mir wenig Kopfzerbrechen. Wichtiger ist die Frage, Armand, wie kann ich Ihnen oder Ihrem Beauftragten die Mappe ausliefern?« »Auch das ist – theoretisch – alles berechnet. Gegen Mitternacht wird Ellington wie gewöhnlich aus dem Parlament nach Hause kommen. Wir kennen alle seine Gewohnheiten. Er wird die Tasche in seinem Arbeitszimmer lassen und eine Stunde später zu Bett gehen. Um ein Uhr bin ich an der Hausecke. Sie geben mir die Tasche und erhalten sie um zwei zurück. Das ist alles.« »Gut ausgedacht. Wenn ich sie nur erst in Händen hätte.« »Das ist Ihre Sache«, sagte er gleichgültig. »Sie wissen, daß fünftausend Pfund auf dem Spiel stehen.« Hilda sagte nichts und ging zur Tür. »Das Papier muß sehr wichtig sein«, begann sie plötzlich. Garnier nickte. »Freilich. Mehr als wichtig. Sehen wir uns noch, ehe der Feldzug beginnt?« Hilda nickte und ging. Sie dachte an einen wichtigen Posten in der Rechnung, den sie Garnier gegenüber nicht erwähnt hatte. Das war die Tatsache, daß die junge Frau Ellington, einfältig und harmlos wie ein Lamm unter Wölfen, keine Vorstellung von dem hatte, was in jener Nacht bei Barthelemy vor sich gegangen war. Sie hatte das kleine Spiel als Scherz aufgefaßt, und Hilda hatte nichts getan, sie aufzuklären. Wie würde sie die Enthüllung aufnehmen? Nachmittags ging sie nach der Curzonstraße, immer noch über ihren Plänen brütend. Sie wußte, daß Letty, wie George, über einen Starrkopf verfügte, dem nicht leicht beizukommen war. Und sie hatte keine Lust, durch Gewaltmaßnahmen eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen, die ihr für die Zukunft noch nützlich und wertvoll sein konnte. Immerhin mußte sie handeln, wenn sie ans Ziel kommen wollte. »Ich traf Garnier heute morgen«, bemerkte sie beiläufig, als sie mit Letty zusammensaß. »Ja?« sagte Letty ohne besonderes Interesse. »Er war auf dem Kontinent, in Homburg, zur Kur. Natürlich hat er dabei all sein bares Geld ausgegeben.« Garniers Geldverhältnisse schienen Letty völlig gleichgültig zu sein. »Oh«, sagte sie, um etwas zu erwidern. »Und er deutete mir an, daß es Zeit wäre, wenn wir unsere kleinen Schulden an ihn bezahlten«, fuhr Hilda fort, indem sie die andere scharf ansah. »Das hätten wir eigentlich schon längst tun müssen.« Letty schien schwer von Begriff. Bis zu jener Nacht bei Barthelemy hatte sie nie im Leben gespielt als mit Marken, das Dutzend zu einem Penny. »Das kann für ihn doch nichts ausmachen«, bemerkte sie. »Ich denke doch«, erwiderte Hilda kühl. »Ich habe zweihundert verloren, und Sie noch mehr.« »Zweihundert – was?« rief Letty aus. »Pfund natürlich. Ich habe ihn heute morgen bezahlt. Hier ist der Schuldschein, den ich ihm damals gab. Sehen Sie zu, daß auch Sie Ihren zurückbekommen. Es ist nicht gut, wenn Männer etwas Handschriftliches von uns haben.« Mit zitternden Fingern nahm Letty den Schein. Ihre Wangen waren ganz blaß geworden, und ein roter Fleck brannte darauf. »Pfund«, rief sie, »Pfund! Sie haben zweihundert verloren, und ich noch viel mehr, sagen Sie?« »Viel mehr«, bestätigte Hilda kaltblütig. »Ich warnte Sie, aber Sie wollten ja nicht hören.« Letty riß sich zusammen. »Es hieß, wir spielten um Sixpencestücke«, sagte sie förmlich. Hilda lachte. »Als wenn jemand um Sixpence oder halbe Kronen spielte! Garnier bekommt fünfhundert von Ihnen.« Letty starrte schweigend vor sich hin. Die roten Flecken vertieften sich. »Ich werde George alles erzählen«, sagte sie. »Sie wären verrückt, wenn Sie das täten«, erwiderte Hilda scharf. »Das gäbe nur einen riesigen Skandal. Soll es bekannt werden, daß die Frau von George Ellington im Amaranthklub war und dort mit fremden Männern am Spieltisch gesessen hat?« »Sie haben mich mitgenommen.« »Ganz recht, um Ihnen einen Gefallen zu tun. Sie verlangten nach einer amüsanten Unterhaltung. Die haben Sie gehabt, und nun müssen Sie dafür bezahlen. Ich habe es getan, obwohl ich arm bin. Sie sind reich.« »Ich bin reich, aber ich kann nicht von einem Tag zum anderen fünfhundert Pfund bares Geld schaffen«, sagte Letty störrisch. »Und ich denke gar nicht daran. Ich mag dumm sein, aber ich weiß, was Geld wert ist. Ich wiederhole, wir haben um Sixpencestücke gespielt.« Hilda schüttelte ungeduldig den Kopf. »Das war ein Witz von Barthelemy. Als wenn Männer wie diese um Sixpence spielten«, sagte sie mit verächtlichem Nasenrümpfen. »Dann hätten Sie mich nicht mit ihnen bekannt machen sollen«, erwiderte Letty fest. »Auf alle Fälle spreche ich mit George. Mag er böse sein, er wird mir glauben.« »Da würden Sie etwas Schönes anrichten«, rief Hilda. Sie wurde ärgerlich und starrsinnig, denn sie merkte, daß sie aufs ganze gehen mußte, wenn sie ihre Taube überhaupt rupfen wollte. »Lieber Himmel, Ellington würde als Beamter der Regierung unmöglich werden.« »Wieso?« fragte Letty. »Weil er für seine Frau eintritt?« Hilda stand auf. »Sie können nicht leugnen, daß Sie den Schuldschein unterschrieben haben.« »Nein. Aber ich bestreite, Mr. Garnier fünfhundert Pfund zu schulden. Leute, die ihr Geld durch Arbeit verdient haben, pflegen es nicht fortzuwerfen. Ich spreche mit George, er kann die Sache mit Mr. Garnier erledigen. Er wird schon wissen, was zu tun ist.« Hilda war erstaunt über diese unerwartete Entschlossenheit. Sie blickte Letty an, als habe sie die kleine Frau zum erstenmal gesehen. »Ach so. Als Gentleman wird Mr. Garnier unter diesen Umständen den Schein natürlich zerreißen. Es war nur eine Ehrenschuld.« »Schulden, die ich nie gemacht habe«, bemerkte Letty ruhig. Im Bewußtsein, eine Niederlage erlitten zu haben, ging Hilda fort. In Wirklichkeit hatte sie die junge Frau nicht richtig eingeschätzt. Sie stammte durch Generationen von Leuten ab, die Geld zusammengescharrt hatten. So lag es nicht in ihrer Art, fünfhundert Pfund einfach hinzulegen, ohne von der Notwendigkeit dazu überzeugt zu sein. Und sie verstand mehr von der Rechnung eines Lieferanten als von dem, was Hilda eine Ehrenschuld nannte. Etwas mußte indessen geschehen, und zwar schleunigst. Auf alle Fälle mußte Letty bewogen werden, ihrem Mann gegenüber zu schweigen. So ging Hilda nach einer Stunde noch einmal zu dem Haus ihres Bruders. Da sie Letty wieder allein antraf, reichte sie ihr ein zusammengefaltetes Stück Papier. »Hier ist Ihr Schuldschein«, sagte sie. »Unter diesen Umständen gibt Mr. Garnier Ihnen denselben natürlich zurück. Damit ist die Angelegenheit erledigt.« »Noch nicht ganz«, erwiderte Letty. Auch sie brachte ein Blättchen Papier hervor. »Ich schulde Mr. Garnier fünfhundert Sixpencestücke. Das sind zwölf Pfund zehn Schilling. Hier ist ein Scheck darüber, zahlbar an den Überbringer. Da Sie den Schuldschein hatten, nehmen Sie vielleicht freundlichst auch das Geld an sich.« Hilda sah die junge Frau sonderbar an und verließ das Zimmer und das Haus. Sie sah ein, daß Sie bei dieser Abrechnung schlecht abgeschnitten hatte. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Hintertreppen. In ihrer Wohnung angelangt, überdachte Hilda die Lage. Sie erkannte klar, daß ihre Pläne mit Letty Ellington gescheitert waren. Mit Bedauern mußte sie feststellen, daß Letty ein für sie bisher unbekannter Frauentyp war. Eine Frau, die sich nicht scheute, ihrem Mann zu beichten, das war etwas ganz Neues für sie. Sie sah ein, daß sie niemals George Ellingtons Tasche durch die Hilfe seiner Frau bekommen würde, so einfältig und harmlos sie ihr auch vorgekommen war. Aber wenn Hilda die fünftausend Pfund von Garnier verdienen, wenn sie von ihm gewisse Papiere wiederhaben wollte, die ihre Unterschrift trugen, mußte sie irgendwie zu den Geheimdokumenten kommen. Auf geradem Wege war es nicht möglich, sie mußte sich auf etwas anderes vorbereiten. Wie konnte es am leichtesten geschafft werden? Sie war nicht die Frau danach, über Kleinigkeiten zu stolpern, aber sie suchte eine Möglichkeit, ohne persönliche Gefahr ans Ziel zu kommen. Sie formte und verwarf einen Plan nach dem anderen und rauchte unzählige Zigaretten dabei. Aber der Nachmittag kam, ohne daß sie einen Ausweg gefunden hätte. »Ich fürchte, ich werde meine Zuflucht zu der Parminter nehmen müssen«, überlegte sie endlich. »Und die wird dann mit Erpressungen hinter mir her sein.« Weiteres Nachdenken überzeugte sie, daß die Parminter ihre einzige Hoffnung blieb. Für ihren Zweck schien das Mädchen in der Tat die geeignete Person zu sein. Als Ellingtons in Hartsdales Haus übersiedelten, brauchte Letty eine Zofe. Hilda erbot sich, ihr eine zu besorgen, und verschaffte den begehrten Artikel in Susanne Parminter, die früher in ihren eigenen Diensten gestanden hatte und zur Zeit ohne Stellung war. So hatte sie in ihr ein gefügiges Werkzeug, und sie beschloß, in diesem Fall davon Gebrauch zu machen. »Damit geht etwas von meinem Verdienst dahin«, murmelte sie, »aber es ist nicht zu ändern. Ich muß gute Miene zum bösen Spiel machen.« Und nach dem bewährten Geschäftsprinzip, daß man Dinge, die getan werden müssen, am besten sofort in Angriff nimmt, schrieb Hilda an Susanne Parminter, sie möchte sie zu einer bestimmten Stunde aufsuchen. »Es wird keine Schwierigkeiten machen«, überlegte sie. »Sie ist wie geschaffen für Intriguen und dazu geldgierig.« Susanne Parminter traf pünktlich ein mit dem Bewußtsein, daß etwas in der Luft lag. Sie war auf der Hartsdaleschen Besitzung geboren und aufgewachsen und wußte allerlei von Frau Tressinghams Privatgeschäften, in denen sie öfters eine Vermittlerrolle gespielt hatte. Gewissenlos wie sie war, bewunderte sie Hildas Verschlagenheit, und war immer bereit, mitzumachen, da sie überzeugt war, daß alles einen erfolgreichen Ausgang nehmen müsse. Und als Hilda sie ansah, wie sie ihre stechenden, schwarzen Augen forschend auf die frühere Herrin richtete, wußte sie, daß sie für alle Unternehmungen eine fähige Gehilfin hatte. So kam sie geschäftsmäßig sofort zur Sache. »Susanne«, begann sie, »willst du Geld verdienen?« Das Mädchen lächelte. »Ich stehe immer zur Verfügung, Frau Tressingham«, sagte es. »Und ich nehme an, du hast immer noch die Absicht, mit Waters ein Logierhaus zu eröffnen, wenn ihr das nötige Kapital beisammen habt?« Susanne nickte und lächelte wieder. »Wenn wir zweitausend gespart haben, wollen wir heiraten und damit anfangen«, erwiderte sie. »Wir haben schon etwas im Auge, am Bayswater Weg.« »Schön, du kannst etwas verdienen. Aber es handelt sich nur um eine Sache. Wenn die erledigt ist, bezahle ich dich, und damit ist Schluß. Du darfst dann nicht mehr mit Forderungen zu mir kommen.« Susannes schwarze Augen verloren allen Ausdruck. »Was soll es sein?« fragte sie ruhig. »Höre zu. Nächsten Freitag, von ein bis zwei Uhr in der Nacht, muß ich in Mr. Ellingtons Arbeitszimmer sein. Was ich dort will, geht dich nichts an. Du hast nur dafür zu sorgen, daß ich unbemerkt herein- und herauskomme.« Das Mädchen dachte nach. »Du kennst die Gepflogenheiten der Bewohner«, fuhr Hilda fort. »Du kannst das leicht einrichten.« »Aber wie?« fragte Susanne. »Indem du die Tür unverschlossen läßt.« Susanne schüttelte den Kopf. »Das geht nicht so leicht, eben, weil ich die Gewohnheiten der Bewohner und die Gelegenheiten im Hause kenne. Ich könnte höchstens die Seitentür offenlassen.« »Daran dachte ich auch.« »Ja, aber dicht daneben ist das Schlafzimmer des Haushofmeisters Jarvis. Wie kann ich da um eins hinuntergehen und die Tür aufschließen? Er geht immer erst spät zu Bett, und ich habe ihn oft sagen hören, daß er einen leisen Schlaf hat. Nein, so geht es nicht. Außer –« »Nun, was denn?« fragte Hilda ungeduldig. »Wenn Sie nur zu der angegebenen Zeit in das Haus wollen, und wenn keine Nachfragen kommen –« »Das ist ganz sicher.« »Gut, in dem Fall«, fuhr das Mädchen fort, »könnte ich Jarvis beruhigen. Wenn –« »Sprich doch weiter.« »Wenn Sie mir Geld dazu geben wollten. Jarvis verläßt den Dienst, und er läßt mit sich handeln. Wenn er weiß, daß keine Nachfragen kommen, kann ich ihn einwickeln. Allerdings gegen Bargeld.« Hilda dachte einen Augenblick nach. »Ich möchte nicht, daß mein Name zu Jarvis genannt wird«, sagte sie plötzlich. »Ist auch nicht nötig, ich mache schon alles mit ihm ab. Er hat dafür zu sorgen, daß die Tür bis zwei Uhr unverschlossen bleibt und daß sie sich geräuschlos öffnen läßt.« »Gut, das wäre vortrefflich.« »Sie wollen nur in das Arbeitszimmer, sonst nirgends hin?« »Nirgends. Bin ich einmal im Hause, so finde ich den Weg mit verbundenen Augen.« »Brauchen Sie Licht, das Aufsehen machen könnte?« »Nein. Ich komme und gehe so still, daß niemand etwas merkt.« Susanne streckte die rechte Hand aus. »Das beste ist, Sie geben mir das Geld für Jarvis gleich.« Hilda war darauf vorbereitet und ging an ihren Schreibtisch. »Vergiß nicht, Susanne. Je weniger du anlegst, desto mehr bleibt für dich.« Das Mädchen lachte. »Jarvis weiß, was seine Gefälligkeit wert ist.« »Für ihn gilt dasselbe wie für dich. Ich dulde auch von ihm später keinerlei Erpressungen. Vergiß nicht, ihr seid Mitschuldige.« »Ich vergesse nichts.« Hilda zählte ihr eine Anzahl Banknoten hin. »Das dürfte genügen.« »Ich will es versuchen, denn Jarvis ist nicht unverschämt, wenn er es natürlich auch versteht, eine gute Gelegenheit auszunutzen. Aber – was bekomme ich?« »Wieviel verlangst du?« fragte sie mit angenommener Gleichgültigkeit. »Vergiß nicht, daß es hinterher nichts mehr gibt.« »Ganz recht, so muß ich meinen Preis machen. Ich verlange fünfhundert Pfund, Frau Tressingham.« »Unsinn«, rief Hilda, »das heißt, mich bestehlen.« »Es ist mein Preis«, sagte die Parminter ruhig. »Was das Stehlen angeht, so weiß ich nicht, was Sie nachts in dem Zimmer wollen, und es geht mich auch nichts an. Aber ich ahne, daß Sie hinter irgendwelchen Regierungsakten her sind, und da werden Sie es sich wohl leisten können, mich für meine Hilfe zu bezahlen. Fünfhundert Pfund und nicht einen Penny weniger, Frau Tressingham.« »Ich habe schon soviel für dich getan, Susanne. Der Preis ist ungeheuerlich.« »Mag sein, aber damit werden unsere zweitausend Pfund für das Gasthaus gerade voll. Geben Sie mir einen Scheck.« Hilda hatte keine Wahl. So zahlte sie, und noch vor dem Abend bekam sie die Nachricht, daß Jarvis mit im Bunde sei. Sie brauchte also nur noch mit Garnier zu verabreden, daß er an einem bestimmten Seitenfenster in der verhängnisvollen Nacht wartete, um die Tasche in Empfang zu nehmen und ihr später wieder auszuhändigen. Sie hatten sich schon dahin geeinigt, daß er das Öffnen und Untersuchen der Papiere in ihrer Wohnung vornehmen sollte. Vielleicht ließ sich dann alles in einer kürzeren Frist abmachen. Als sie den Fall durchgesprochen hatten, lachte sie. »Es ist seltsam«, bemerkte sie. »Nur eins an diesem Abenteuer ist mir sehr zuwider. Raten Sie, was.« »Kann ich mir nicht denken.« »Daß ich eine ganze Stunde in diesem Hause warten muß, bis Sie mir die Tasche zurückbringen. Diese Wartezeit wird mich verrückt machen.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Unter verdächtigen Umständen. An diesem Freitagabend, der für ihn ereignisvoller sein sollte, als er es sich träumen ließ, ging George Ellington nach Hause, ohne zu ahnen, daß er das Opfer von mehr als einem Komplott war. Er wußte nicht, daß er von dem Augenblick an, wo er das Ministerium verlassen hatte, bis zu dem Zeitpunkt, da er aus dem Parlament fortging, ständig beobachtet wurde, daß wachsame Augen auf ihm und der Tasche in seiner Hand ruhten, als er vor dem Haus in der Curzonstraße aus dem Auto stieg. Ahnungslos trat er ein, ging gewohnheitsmäßig erst in sein Arbeitszimmer und legte die verhängnisvolle Mappe auf den Schreibtisch. Damit verließen ihn alle Gedanken an Staatsgeschäfte und Amtssorgen. Im Speisezimmer aß er eine Schnitte, trank das einzige Glas Whisky mit Soda, das er sich täglich leistete, rauchte eine Zigarette halb auf, gähnte und ging zu Bett. Sonst pflegte er noch eine Stunde mit Letty zu plaudern. Sie war aber an diesem Abend in Ashminster. Wohl weilte Marcia auf Besuch, aber George hatte keine Lust, zu dieser Stunde mit seiner kriegerischen Schwester zu debattieren. So lag um halb eins das ganze Haus in Ruhe und Finsternis. Seit einiger Zeit litt Ellington an leichter Schlaflosigkeit. Er pflegte zwar unmittelbar nach dem Zubettgehen in tiefen Schlummer zu versinken, wurde aber gewöhnlich nach ein paar Stunden wieder wach, um dann sobald nicht wieder einzuschlafen. Auch heute fuhr er plötzlich auf, um festzustellen, daß es erst eben zwei Uhr war. Er suchte ein Buch auf dem Nachtschränkchen. Da fiel ihm ein, daß er es am Tage zuvor mit in sein Arbeitszimmer genommen hatte. Er stand auf, zog seinen Schlafrock an und ging hinaus, um es zu holen. Die Flure und Treppen waren mit Läufern ausgelegt, so daß Ellington nicht das geringste Geräusch verursachte. Da er den Weg genau kannte, hatte er kein Licht mitgenommen. Mitten auf der Treppe bemerkte er plötzlich einen kleinen erleuchteten Punkt auf dem untersten Treppenabsatz. Sofort war ihm klar, daß in seinem Arbeitszimmer Licht war, daß ein Schimmer davon durchs Schlüsselloch drang. Ellington war überzeugt, daß Einbrecher eingedrungen sein mußten. Furchtlos wie er von Natur war, kam ihm gar nicht der Gedanke, sein Dienstpersonal zu wecken. Er lächelte bei dem Gedanken, daß sein Revolver ungeladen im Schreibtisch lag. Da verschwand plötzlich der Lichtschimmer vor ihm. Alles lag wieder in völliger Dunkelheit da. Er faßte den Türgriff und öffnete. Im selben Augenblick drehte er das elektrische Licht an. Und da sah er, so nahe vor sich, daß er sie hätte berühren können, Hilda Tressingham. Einen Augenblick schauten sie einander schweigend an. In ihren Augen las er Überraschung, Ärger, Enttäuschung. Sie sah auf seinem Gesicht fragende Verwunderung. Dann senkte sie den Blick und trat unbewußt einen Schritt zurück. Und Ellington griff hinter sich, drehte den Schlüssel um und steckte ihn zu sich. »Frau Tressingham«, sagte er leise, »Frau Tressingham!« Hilda hatte sich gefaßt. »Öffnen Sie die Tür und lassen Sie mich hinaus!« Er schüttelte den Kopf. »Das hat Zeit. Wollen Sie sich nicht setzen?« Hilda ließ sich in einen Sessel sinken. »Ich muß Ihnen eine offene Frage stellen. Was tun Sie um diese Zeit in meinem Hause?« Hilda zwang sich zu einem spöttischen Lächeln. »In Ihrem Hause? In meines Bruders Hause, denke ich.« »Da ich Miete bezahle, ist es mein Haus. Ich wiederhole die Frage.« »Und wenn ich nicht antworte?« »Dann würden Sie mich zwingen, die Polizei holen zu lassen. In guter Absicht sind Sie nicht hier.« »Was wissen Sie von meinen Absichten?« »Dann erklären Sie sich bitte.« Hilda zögerte einen Augenblick. Dann sah sie auf einen Schrank in der Ecke. »Sie wissen, daß sich in jenem Schrank Verschiedene Papiere meines Bruders befinden. Ich habe es Ihnen selbst erzählt. Ich wollte darunter etwas suchen. Das ist alles.« »Und dazu müssen Sie nachts um zwei in das Haus eindringen? Eine seltsame Geschichte, Frau Tressingham.« »Wenn ich Ihnen die Wahrheit sage, glauben Sie mir nicht.« »Haben Sie gefunden, was Sie suchten?« »Sie unterbrachen mich.« »Ich nehme an, Sie wollten das Zimmer verlassen, denn Sie machten Ihr Licht aus. Die Taschenlampe haben Sie noch in der Hand. Aber wie sind Sie hineingekommen?« »Mit einem Schlüssel zu der Seitentür«, sagte sie, indem sie ihm einen Schlüssel hinhielt. Mißtrauisch schüttelte er den Kopf. »Das klingt glaublich, aber ich traue Ihnen nicht, Frau Tressingham.« Hilda lächelte verächtlich. Ihr Selbstvertrauen wuchs. Und Garnier hatte sein Ziel erreicht. »Wirklich nicht?« fragte sie. »Nein«, wiederholte Ellington, »zu meinem Bedauern muß ich das sagen. Ich glaube, Sie verfolgen irgendeinen dunklen Zweck, wenn ich auch nicht weiß, welchen. Offenbar fing Ihr Spiel schon an, als Sie mir Ihre Wahlhilfe anboten. Wir wollen offen miteinander reden. Meine Frau hat mir gestern gebeichtet. Sie hat mir vom Amaranthklub erzählt, und was dort geschehen ist.« Hilda rümpfte die Nase. »Ihre Frau ist eine Närrin.« »Sie ist meine Frau. Närrin oder nicht, sie war klug genug, mir alles zu erzählen, und infolgedessen werde ich die Aufmerksamkeit der Polizei auf Ihre Freunde, die Herren de Garnier und Barthelemy, richten.« Hilda erschrak. »Polizei!« rief sie aus. »Ich hätte es sogar schon heute getan, wenn ich nicht stark beschäftigt gewesen wäre.« »Es ist nichts geschehen, was die Polizei interessieren könnte«, sagte sie. »Ihre Frau wollte einmal einen lustigen Abend verleben, ich verhalf ihr dazu. Ich kenne die Gesetze ebensogut wie Sie. Es ist keinem verboten, in seiner Privatwohnung um Geld zu spielen. Wenn Sie die Sache an die große Glocke bringen, schaden Sie nur dem Ruf Ihrer Frau.« Ellington lächelte. »Über den guten Ruf meiner Frau werde ich schon wachen. Morgen gehe ich nach dem Polizeipräsidium.« »Sie würden es Ihr Leben lang bedauern, wenn Sie es täten. Lassen Sie sich warnen.« »Mich kümmern weder Warnungen noch Drohungen. Offen gesagt, ich glaube nicht an die Begründung, die Sie mir für Ihre Anwesenheit hier gegeben haben. Ich will Sie gehen lassen, werde aber meine Maßnahmen treffen.« Er öffnete die Tür, auf die Hilda Tressingham zuschritt. Und dann starrten sich beide stumm und erschreckt an. Denn auf der Schwelle stand, ein Licht in der Hand, Marcia, und blickte argwöhnisch von einem zum andern. Ellington erholte sich zuerst von seiner Überraschung. Er führte Hilda den Korridor entlang, ließ sie durch die Seitentür hinaus und legte die Sicherheitskette vor. Dann ging er in die Halle zurück, um Marcia diese nächtliche Zusammenkunft zu erklären. Die Schwester war verschwunden. Langsam ging er bis zu ihrem Zimmer und klopfte an. Marcia öffnete. Ihr Gesicht zeigte bedrohliche Strenge. »Marcia«, begann er, »sei so gut und erzähle niemand, was du soeben gesehen hat. Ich –« Aber die junge Dame schlug ihm ohne ein Wort der Erwiderung die Tür vor der Nase zu. Vierundzwanzigstes Kapitel. Ein kühles Bad. Ellington hatte seiner Frau den Besuch des Amaranthklubs vergeben. Aber Wut erfüllte ihn gegen Frau Tressingham, Garnier und Barthelemy, und so begab er sich am anderen Morgen stehenden Fußes nach Scotland Yard. Der hohe Beamte, zu dem er geführt wurde, empfing ihn mit der Höflichkeit, die einem Mitglied der Regierung zukam. Kühl und geschäftsmäßig hörte er ihn an. Ellingtons moralische Entrüstung machte keinen Eindruck auf ihn. »Ja«, sagte er schließlich, »peinliche Sache, Mr. Ellington. Aber was sollen wir dabei tun?« »Sie können gegen solche Burschen nichts tun?« »Betrachten Sie die Angelegenheit in aller Ruhe. Freiwillig ging Ihre Frau mit ihrer Freundin in den Klub. Freiwillig folgte sie Frau Tressingham und den beiden Herren in Mr. Barthelemys Privatwohnung. Freiwillig beteiligte sie sich endlich auch an dem Spiel. Da ist keine Spur von Zwang.« »Aber sie verlangten fünfhundert Pfund von ihr«, sagte Ellington entrüstet. »Ihre eigene Angelegenheit, wenn sie das Geld verlor«, erwiderte der Beamte mit frostigem Lächeln. »Kein Gesetz verbietet einem Manne, in seiner Wohnung mit Bekannten um Geld zu spielen.« Ellington runzelte die Stirn. Er dachte an Hildas höhnische Worte. »An Ihrer Stelle«, fuhr der Beamte fort, »würde ich die Sache ruhen lassen. Für Ihre Frau ist es eine Lehre gewesen, sie wird nicht wieder hingehen. Erfährt die Öffentlichkeit davon, so ist das ebenso unangenehm für Ihre Frau, die mit fremden Herren im Amaranthklub soupiert hat, wie für Sie als Regierungsbeamten.« »So halten Sie also den Amaranthklub für untadelig?« »Wir haben nicht den geringsten Beweis, daß er anders wäre. Seine Statuten werden streng eingehalten, seine Mitglieder gehören den ersten Gesellschaftsklassen an. Wir haben noch nie eine Beschwerde gehabt.« Ellington stand auf. Er sah ein, daß er bei der Polizei keinen Balsam für seine verwundete Seele bekommen würde. »Sie raten mir also, nichts zu unternehmen?« Der hohe Beamte zuckte die Achseln. »Das wäre das klügste.« Wütend, wie er gekommen, ging George Ellington fort. Und plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, warum er so ärgerlich war. Nicht, weil Letty im Amaranthklub gespielt und Geld verloren hatte. Der wahre Grund seiner Entrüstung stand auf einem anderen Blatt. Hilda Tressingham hatte ihn genarrt. Ellington besaß eine gehörige Dosis Eitelkeit, und es kränkte seinen Stolz, daß eine Frau eine Puppe aus ihm gemacht hatte, mit der sie nach Belieben spielen konnte. Aber wozu hatte sie das getan? Er zerbrach sich den Kopf, und sonderbarerweise dachte er keinen Augenblick an den wirklichen Grund ihrer Machinationen. Es fiel ihm nicht einmal auf, daß er sie gerade in der Nacht in seinem Arbeitszimmer ertappt hatte, in der er ein höchst vertrauliches und wichtiges Dokument, das die Neugestaltung der englischen Flotte behandelte, in seinem Hause aufbewahrte. Er hatte sich zwar davon überzeugt, daß die Papiere unversehrt vorhanden waren, aber er hatte keinen Verdacht, daß sie danach gesucht haben könnte. Am Nachmittag fuhr er nach Ashminster. Letty war offen zu ihm in der Amaranthaffäre gewesen, er wollte ihr gegenüber nicht weniger ehrlich sein und ihr alles erzählen. Als er vor der Haustür sein Auto verließ, traf er seine Schwester. Zögernd ging er auf sie zu. Marcia erwartete ihn in finsterem Schweigen. »Du hast mich heute morgen merkwürdig behandelt«, sagte er. »Ist es deine Gewohnheit, Häuser, in denen du auf Besuch bist, ohne Abschied zu verlassen?« »Du warst nicht unten, und ich hatte es eilig.« »Aber warum schlugst du mir vergangene Nacht die Tür vor der Nase zu?« »Weil ich nicht mit dir sprechen wollte. Ich war empört.« »Empört! Drück dich deutlicher aus!« »Ist das nicht deutlich genug? Empört, weil du um diese Stunde jene Frau bei dir hattest, während Letty verreist war.« »Ich wußte nicht, Marcia, daß du eine von den Weibern bist, die einen Menschen ungehört verdammen, noch dazu den eigenen Bruder.« »Ungehört? Was ist dabei noch zu hören? Hab' ich euch nicht zusammen getroffen? Hast du nicht wer weiß wie oft bei ihr in ihrer Wohnung gegessen? Hast du nicht mit ihr zusammen auswärts gespeist? Avory hat euch mehr als einmal gesehen und es mir erzählt.« »Avory war ein Idiot, der seine Nase in alles steckte.« »Avory ist tot.« »Tot oder lebendig«, sagte er hitzig. »Wenn er Andeutungen über meinen Verkehr mit Frau Tressingham gemacht hat, war er ein unverschämter Lügner. Laß dir erklären –« Aber Marcia verzichtete. Erhobenen Hauptes und zornrot ging sie der Stadt zu. Und Ellington fluchte und verwünschte seine leibliche Schwester als eine engstirnige, dumme Gans und ging voller Wut ins Haus, um seine Frau aufzusuchen. Mit Entsetzen hörte Letty ihres Gatten Bericht. »Ich glaube nicht, daß sie Papiere aus jenem Schrank holen wollte«, sagte sie. »Das ist einfach lächerlich. Sie wollte etwas, das das Licht des Tages scheute.« »Ich nahm an, daß sie bei Tage nicht kommen wollte, weil ihr euch überworfen habt, und da sie den Schlüssel hat –« »Unsinn, so zartfühlend ist sie nicht. Bei ihrer sonstigen Dreistigkeit ist das nicht anzunehmen. Sie hat dich belogen. Außerdem pflegte doch Jarvis immer die Sicherheitskette anzulegen.« »Ich stellte ihn deshalb zur Rede. Er gestand, daß er es öfters vergessen habe, weil ich in letzter Zeit so spät nach Hause kam.« »Dann hat sie wegen des Grundes gelogen. Was wirst du tun?« »Was können wir tun? Wir schneiden sie in Zukunft, das ist alles, was uns übrigbleibt. Mit der Dame sind wir fertig.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Das geheime Dokument. Es war leicht für George Ellington, zu sagen, er wäre mit Hilda Tressingham fertig. Aber er übersah, daß die verschlagene Frau noch nicht mit ihm fertig war. Das Abenteuer der Nacht und das Zusammentreffen mit Marcia beschäftigte sie den ganzen Vormittag, und als sie zu Garnier ging, hatte sie mehr Möglichkeiten erwogen, als Ellington sich hatte träumen lassen. Garnier hörte Hildas Erzählung gleichmütig an. »Mag der gute Mann zu allen Polizeigrößen in London gehen. Er vertrödelt nur seine Zeit. Sie können und werden nichts tun.« »Aber könnte der Klub nicht in Verdacht geraten?« Garnier zuckte die Achseln. »Barthelemy ist ein kluger Mann. Er hat seinen Kreis sorgfältig ausgewählt. Er kennt seine Leute und ihre kleinen Geheimnisse.« »Unsinn. Meins kennt er zum Beispiel nicht.« Garnier lächelte rätselhaft. »Soweit diese Geheimnisse von Wichtigkeit sind.« »Er hat Bernstein zugelassen, und der war ein Betrüger.« »Dafür hat er auch das Weite suchen müssen. Nein, Barthelemy weiß, was er tut.« »Es könnte sich ein Verräter einschleichen.« »Derartige Verräter müßten einen finanziellen Vorteil von ihrem Verrat haben. Barthelemy nimmt aber nur reiche Leute auf. Und wir kennen uns alle. Bedenken Sie, wie selten ein fremdes Gesicht auftaucht.« Trotzdem sahen die beiden ein fremdes Gesicht, als sie wieder in Barthelemys Spielzimmer kamen. Es war Banister King. Dieser Herr war bis in den vertrauten Kreis des Klubbesitzers eingedrungen. Lydia Linkinshaw, der man zutraute, daß sie junge Männer beurteilen könne, verbürgte sich für ihn. Barthelemy hatte sich davon überzeugt, daß King ein reicher Mann war. So gewöhnte man sich daran, seine sonderbare Gestalt an den Spieltischen zu sehen. Und dabei schien der Neuling vom Glück förmlich verfolgt. Nichts, was er anfing, schlug fehl. Er wagte, was niemand gewagt hätte, und gewann. Für die anderen war er ein reines Wunder. »Noch nie sah ich ein solches Glück wie deins, Bannie King«, sagte Lydia zu ihm, als sie eines Tages zusammen aßen, ehe sie sich in Barthelemys Privatkasino begaben. »Nie verlierst du.« »Seltsam, aber es war schon immer so«, sagte er gleichgültig. »Schon als Junge gewann ich den andern alle Murmeln ab. Das ist so geblieben. In Monte Carlo habe ich zweimal die Bank gesprengt. Sie waren froh, als ich wieder fortfuhr.« »Ich glaube, Barthelemy hat auch noch keine Seide bei dir gesponnen.« »Das war auch nicht meine Absicht«, meinte King. Lydia blickte nach der Ecke, in der Barthelemy zu speisen pflegte. Er saß dort mit ein paar Bekannten und sah um sich wie eine Spinne, die in Ruhe auf Fliegen wartet. Hätte sie in seiner Seele lesen können, so hätte sie gewußt, daß Barthelemy Banister King für eine wertvolle Erwerbung hielt, dem er gönnte, Geld zu gewinnen, solange er immer wiederkam und Geld hereinbrachte. Was Kings Pläne angeht, so wartete er seine Zeit ab. Er beobachtete, überlegte, immer in dem Bestreben, Avorys Tod zu rächen. Nichts geschah, um die idyllische Ruhe des Amaranthklubs zu stören. Hilda Tressingham, die immer noch darauf wartete, daß Ellington etwas unternehmen würde, hörte nichts. Garnier lachte, wenn sie darauf zurückkam. Natürlich würden sie nichts von ihm hören. »Aber bald werden Sie etwas erfahren«, sagte er mit bedeutsamem Lächeln. »Heute ist Mittwoch. Lesen Sie am Montag die Mittagsblätter. Da werden Sie überrascht sein wie ganz England.« Er ging fort, ehe sie eine Frage tun konnte, und sie erriet, daß er auf das Geheimdokument anspielen wollte. Ihr Interesse an dem Gegenstande war verflogen. Sie hatte ihre Belohnung bekommen, damit war die Angelegenheit für sie erledigt. Außerdem hatte sie andere Sorgen. Sie wunderte sich, daß sie keine Nachrichten mehr von ihrem Mann aus Indien bekam, der sonst immer ein sehr pünktlicher Briefschreiber gewesen war. Über diesen befremdlichen Umstand dachte sie gerade nach, als just an dem Montag, von dem Garnier zu ihr gesprochen, sich etwas ereignete, das ihren Gedanken eine andere Richtung gab. Während sie am Nachmittag in ihrer Wohnung saß, brachte ihr ein Messenger Boy einen Brief. Sie erkannte sofort George Ellingtons Handschrift. Hastig riß sie den Umschlag auf und las die wenigen Zeilen. Der Schreiber bat, ihn in einer äußerst wichtigen Angelegenheit in seiner Wohnung aufzusuchen, da er selbst nicht kommen könne. Hilda überlegte einen Augenblick. Sie konnte sich denken, worum es sich handelte. Aber für sie konnte ihrer Ansicht nach nichts Schlimmes dabei herauskommen. So wandte sie sich nach kurzem Zögern an den Boy. »Bestellen Sie, ich würde sofort kommen.« Unterwegs hörte sie die Mittagsblätter ausrufen. Sie warf einen Blick auf die Schlagzeilen und las: »Das britische Flottenprogramm in französischen Zeitungen veröffentlicht!« Hilda lachte unbekümmert. Nun wußte sie genau, was man von ihr wollte. Als sie vor dem Hause anlangte, öffnete sich gerade die Tür, und ein hoher Beamter des Marineministeriums kam heraus. Hilda kannte den großen Mann persönlich, aber er war so in Eile und Aufregung, daß er sie nicht beachtete. Wieder lachte sie. Jarvis sah sie scharf an und führte sie in Ellingtons Arbeitszimmer. Dort traf sie die ganze Familie. Neben George saß blaß und mit tränenüberströmtem Gesicht Letty. Am Kamm stand, mehr Puritaner denn je, Stephan Ellington. Hilda brach das allgemeine Schweigen. »Ich bin Ihrer Einladung gefolgt, Mr. Ellington. Und sofort.« Es lag etwas Flehendes in dem Blick, mit dem George sie ansah. »Frau Tressingham, meine Frau und mein Vater wissen, daß ich Sie nachts in meinem Arbeitszimmer antraf. Bitte, sagen Sie mir, sprachen Sie damals die Wahrheit?« »Warum fragen Sie mich?« Ehe George antworten konnte, trat Jarvis ein und brachte zwei Karten. Verwundert sah Ellington sie an. Dann sagte er: »Führen Sie die Herren herein. Frau Tressingham, es sind dies die Karten Ihres Bruders und Ihres Herrn Gemahls.« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Die verzweifelte Antwort. Selten geriet Hilda Tressingham außer Fassung. Aber jetzt wurde sie totenblaß, und ihr stockte der Atem. »Mein Bruder? Mein Mann? Wie kommen die hierher?« stammelte sie. »Das frage ich mich selbst«, bemerkte Ellington, indem er sie scharf anblickte. Zuerst trat Lord Hartsdale ein. Offenbar führte ihn eine unangenehme Angelegenheit her, denn er sah empört aus und warf Hilda einen ärgerlichen Blick zu. Aber sie sah ihn kaum. Sie schaute auf den Mann, der hinter ihm herkam, den sie im fernen Indien geglaubt hatte. Als er so plötzlich vor ihr stand, kam es ihr zum Bewußtsein, wie alt er doch schon war. Auch den anderen im Zimmer fiel der Unterschied zwischen Mann und Frau auf. Sie jung und lebendig, in der frischen Blüte ihrer Schönheit. Er unter dem glühenden Himmel Indiens über die Jahre hinaus gealtert, hager, gebeugt, mit weißem Haar und weißem, altmodischem Bart. Er sah gutmütig aus, aber jetzt lagerten Wolken auf seinem Gesicht, als quälte ihn ein tiefer Schmerz. Die beiden Herren blieben stehen, als sie sahen, daß George Ellington nicht allein war. Lord Hartsdale begann: »Wir hatten gehofft, Sie allein anzutreffen. Wir waren nicht darauf gefaßt, Sie in Gesellschaft zu finden.« »Jedenfalls habe ich meine Frau hier nicht vermutet«, sagte der Oberst kurz und förmlich. Er begrüßte Hilda mit höflicher Verbeugung, und wiederholte diesen Gruß, als er Letty bemerkte. Dann stand er steif da, während Hartsdale an seinem Schnurrbart zerrte und aussah, als wenn er am liebsten geflucht hätte. In das allgemeine Stillschweigen hinein klang plötzlich Hildas spöttisches Lachen. »Deine Frau hat dich bestimmt hier auch nicht vermutet«, sagte sie. »Jedenfalls hast du keinen Grund, überrascht zu sein. Bin ich hier nicht in vortrefflicher Gesellschaft?« Wieder lachte sie und stellte in ihrer spöttischen Art die beiden Ellingtons und Letty vor. »Du scheinst uns durch dein Auftreten alle versteinert zu haben, mein Lieber«, bemerkte sie. George sah die beiden an, als wollte er um Entschuldigung bitten wegen des Tones, den Hilda angeschlagen. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?« sagte er. Oberst Tressingham sah seinen Schwager an. Sie setzten sich, steif und förmlich. Hartsdale begann: »Oberst Tressingham hat Briefe bekommen, diese verwünschten anonymen natürlich. Man würde keine Notiz davon nehmen, wenn sie nicht sehr ernsthafte Dinge berührten. So kam er nach seiner Landung sofort zu mir. Und – ja, ich habe auch welche bekommen. So hielten wir es für das beste, Sie aufzusuchen.« Ellington starrte Hartsdale an, als spreche er Hindustanisch. »Zu mir? Was habe ich mit anonymen Briefen zu tun? Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen?« Lord Hartsdale blickte auf Hilda und dann auf Ellington. »Die Briefe, wissen Sie, handeln von meiner Schwester und von Ihnen.« Tiefes Schweigen lag über dem Raum. Der alte Ellington hustete, aber er sprach ebensowenig wie die anderen. Plötzlich lachte Hilda. Oberst Tressingham wurde rot vor Arger, und seine müden Augen sprühten Feuer. »Ruhe«, sagte er ärgerlich. »Diese Briefe rühren an meine Ehre.« George Ellington sah ihn an. »An Ihre Ehre? Wollen Sie damit sagen, daß ich –« »Warum sind wir denn hier?« unterbrach ihn Hartsdale. »Lesen Sie doch die Briefe.« Er faßte nach der Brusttasche, als wollte er Papiere herausziehen. Aber der alte Ellington trat vor und erhob die Hand. »Mein Sohn wird meinem Rat folgen«, sagte er kalt, »und sich nicht mit anonymen Briefen befassen und nicht mit leeren Beschuldigungen, die sich darauf stützen. Er wird Sie, meine Herren, an seinen Rechtsanwalt verweisen.« »Das sind keine leeren Beschuldigungen«, sagte Hartsdale grob. »Nach diesen Briefen haben Sie regelmäßig mit meiner Schwester diniert und die Abende in ihrer Wohnung verbracht, und so – so –« »Und sie so kompromittiert«, fiel der Oberst wütend ein. »Wollen Sie das leugnen?« »Keineswegs«, sagte George ruhig. »Ich habe mit Frau Tressingham sechs- oder achtmal zusammen gespeist. Meine Frau wußte stets darum.« Er wandte sich um und blickte Letty an, und die nickte ihm ermunternd zu. »Freilich«, sagte sie naiv, »ich habe immer darum gewußt.« Der alte Ellington räusperte sich. »Auch ich wußte darum, oder besser gesagt, ich hörte hinterher, wie mein Sohn den betreffenden Abend verbracht hatte. Ich war damit nicht einverstanden, aber die Welt denkt ja heutzutage ganz anders. Ich versichere Sie, meine Herren, ich bürge für Wort und Ehre meines Sohnes, und ich wundere mich, daß Sie anonymen Briefen Glauben schenken wollen.« »Hol der Teufel alle Briefe«, rief Lord Hartsdale, »aber Sie müssen sich die Dinger erst einmal ansehen. Sie sind mit Maschine geschrieben, der Schreiber ist aber derart mit Einzelheiten vertraut, als gehörte er zur engsten Bekanntschaft. Ein Brief beschuldigt Sie sogar, Mr. Ellington, meine Schwester nachts in Abwesenheit Ihrer Frau Gemahlin hier in Ihrem Zimmer empfangen zu haben.« George Ellington riß vor Erstaunen den Mund auf. Nur eine Person kannte die Ereignisse jener Nacht aus eigenster Anschauung, und das war seine Schwester. Er wußte im Augenblick nicht, ob er fluchen oder lachen sollte. »Mir geht ein Licht auf«, sagte er. Die betreffende Person gedachte, ein gutes Werk zu tun, und hat nichts als Unheil angerichtet. Frau Tressingham, darf ich Sie fragen, ob Sie hierzu etwas sagen wollen?« Hilda sah aus, als wolle sie allen im Zimmer Trotz bieten. »Kein Wort«, antwortete sie verächtlich. »Dann muß ich es tun. Es ist wahr, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte, daß ich mit der Dame hier verschiedentlich zusammen gespeist habe. Heute sehe ich ein, daß es eine Torheit war. Und es ist gleichfalls wahr, daß Frau Tressingham kürzlich des Nachts hier in meinem Arbeitszimmer war. Aber was wollte sie hier? Als ich sie überraschte, gab sie an, in den Schubladen eines Schrankes nach Familienpapieren suchen zu wollen. Und wenn sie heute hier ist, so hat ihre Anwesenheit einen besonderen Grund. Ich wollte sie in Gegenwart meiner Familie fragen, ob ihre Erklärung in jener Nacht wirklich der Wahrheit entspricht.« Oberst Tressingham errötete vor Zorn. »Sie zweifeln an ihrem Wort, Herr?« fragte er. »Ich bitte Sie, sich einen Augenblick zu gedulden. Sie wissen vielleicht – Lord Hartsdale weiß es bestimmt –, daß ich Unterstaatssekretär im Marineamt bin. Kurz vor Beginn der Herbstsession erhielt ich wie meine Kollegen die Abschrift des neuen, bedeutsamen Flottenprogramms. Natürlich war die Angelegenheit streng vertraulich. Nun ist heute morgen die Übersetzung des Dokuments in einer französischen Zeitung erschienen.« Er machte eine Pause. Da niemand sprach, fuhr er fort: »Heute wurden sofort die sorgfältigsten Nachforschungen angestellt. Von den sechs Leuten, die die Abschrift im Besitz hatten, bin ich der einzige, der das Dokument vierundzwanzig Stunden lang unbeaufsichtigt liegen ließ. Meine Kollegen waren vorsichtig genug, es stets bei sich zu führen. Ich legte die Mappe mit den Papieren, als ich des Nachts heimkehrte, hier auf den Tisch. Nach zwei Stunden betrat ich das Zimmer und fand – Frau Tressingham.« Wieder brach Ellington ab. Oberst Tressingham sah seine Frau an. »Gibst du das zu?« fragte er streng. »Natürlich war ich hier, ich leugne es nicht.« Sie war die einzige Person im Zimmer, die die Sache leicht nahm. Während Ellington sprach, hatte sie nachgedacht. Sie sah einen Ausweg und war entschlossen, ihn zu beschreiten. Es war ein schlechter, verzweifelter Weg, aber er diente ihren Zwecken. Sie blickte auf, als George Ellington sie aufs neue anredete. »Frau Tressingham, beantworten Sie mir bitte eine Frage. Haben Sie das Dokument gesehen, als Sie hier waren?« Hilda lachte. »Wozu die Umstände? Natürlich habe ich es gesehen.« »Sie haben es gesehen? Wie denn?« Sie stand auf und sah ihn fest an. »Sie selbst haben es mir gezeigt«, antwortete sie. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Lüge. Diese Worte machten einen furchtbaren Eindruck auf die Versammelten. Wie erstarrt saßen alle da. Nur Letty griff instinktiv nach Stephan Ellingtons Hand. Der alte Mann warf einen entrüsteten Blick auf Hilda und stieß mit einer vor Ärger zitternden Stimme ein paar Worte heraus. »Nie im Leben habe ich einer Dame gegenüber solche Ausdrücke gebraucht, aber ich habe kein Bedenken, sie jetzt anzuwenden. Sie haben eben gelogen, bewußt gelogen, bewußt gelogen.« »Ihre Worte sind mir gleichgültig«, sagte Hilda mit verächtlichem Lachen. »Mag er leugnen, wenn er es wagt.« Oberst Tressingham stöhnte. »Er soll sprechen.« Und wütend wandte er sich an George. »So machen Sie doch den Mund auf, Mann. Warum sprechen Sie nicht?« George saß da, als werde er durch ein schweres Gewicht niedergedrückt. »Lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken«, sagte er endlich. Hartsdale warf seinen Stock auf die Erde. »Nachdenken!« rief er aus, »wenn eine derartige Beschuldigung ausgesprochen wird! Hier gibt es nur ein Ja oder ein Nein!« »Allerdings«, stimmte der Oberst bei. »Antworten Sie endlich, Herr.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und der hohe Herr, den Hilda vorhin getroffen hatte, trat ein. »Mir fiel gerade ein, Ellington«, begann er, »ich –« Er brach ab und sah auf die Menschen im Zimmer. »Bitte um Entschuldigung. Kann ich Sie einen Augenblick sprechen, Ellington? Ich habe einen Gedanken –« »Einen Augenblick«, unterbrach ihn George, der auch einen Gedanken hatte. »Inzwischen ist etwas geschehen. Vielleicht hören Sie mich erst an.« »Ja«, sagte der alte Ellington bestimmt, »so ist es am besten.« Der hohe Herr zögerte einen Augenblick und trat dann weiter ins Zimmer. Er erkannte Lord Hartsdale sowie dessen Schwester und begrüßte beide mit kühler Verbeugung. Sein scharf geschnittenes Gesicht wurde ernst. »Ich merke, daß etwas geschehen ist«, sagte er. »Hängt es mit unserem Fall zusammen?« »Allerdings«, antwortete George. »In der Nacht, als die Tasche mit dem Dokument hier lag, war diese Dame, Frau Tressingham, in diesem Raum. Als ich sie überraschte, gab sie als Erklärung an, sie habe mit einem Drücker die Seitentür geöffnet, um in einem Schrank – ich habe das Haus von ihrem Bruder gemietet – nach Familienpapieren zu suchen.« Der hohe Herr sah Hilda scharf an. »Was, mitten in der Nacht?« fragte er. »Das war ihre Erklärung. Ich ließ sie heute nachmittag hierherkommen, diese Erklärung zu wiederholen. Soeben bat ich sie, uns zu erzählen, ob sie bei dieser Gelegenheit Einsicht in das Dokument genommen habe. Das hat sie zugegeben.« »Wirklich?« Der Zorn, der in der Stimme des alten Staatsmannes lag, war nicht zu überhören, und Hilda erschrak vor dem erbarmungslosen Glanz seiner Augen. »Sie gibt es zu und behauptet, ich hätte ihr das Dokument gezeigt.« »Sie sollen es ihr gezeigt haben?« »Natürlich«, sagte George, »ist das eine freche, wohl überdachte Lüge.« Wütend sprang Oberst Tressingham auf, als wollte er sich auf den Ankläger seiner Frau stürzen. Aber eine Handbewegung des Ministers brachte den alten Soldaten zum Schweigen. »Ihre Privatangelegenheiten können Sie später regeln, Herr Oberst«, sagte er in befehlendem Ton. »Hier handelt es sich um eine Staatsangelegenheit, die wichtiger ist, als Sie zu ahnen scheinen. Habe ich recht verstanden, Ellington, diese Dame war des Nachts in dem Zimmer, in dem das Geheimdokument lag?« »Ja.« »Sie hätte also Zeit genug gehabt, sich mit dem Inhalt bekanntzumachen?« »Freilich. Aber als ich nachsah, waren Schlösser und Siegel an Tasche und Umschlag unversehrt.« »Und Sie begnügten sich mit ihrer Erklärung?« »Ja, so seltsam es mir jetzt auch vorkommt.« Der Minister sah Hilda mit einem Blick an, den Angeklagte wie Zeugen vor Gericht gefürchtet hatten, als er noch das Amt des Staatsanwalts versah. »Nun, gnädige Frau«, begann er in einem Ton, der Hildas Gerissenheit gegenüber freilich seine Wirkung durchaus verfehlte, »wollen Sie mir vielleicht eine Erklärung geben?« »Und wenn ich mich weigere?« sagte sie schnippisch. »Das werden Sie kaum tun. Beantworten Sie mir bitte eine Frage. Stimmt es, daß Mr. Ellington Ihnen das Dokument, dessen Übersetzung heute in einer ausländischen Zeitung erschienen ist, selbst gezeigt hat?« »Ja.« »Unter welchen Umständen?« »Oh«, sagte sie leichthin, »unter sehr einfachen Umständen. Ich bin nicht die erste Frau, bei der sich ein werdender Staatsmann Rat geholt hätte, besonders wenn die eigene Frau kein Muster an Klugheit ist. Sie selbst, Mylord –« »Bleiben Sie bei der Sache«, sagte der hohe Herr streng. »Ich bin nicht zum Plaudern hier. Unter welchen Umständen zeigte Ihnen Mr. Ellington das Schriftstück?« »Ich muß Ihre Frage beantworten, wie es mir paßt«, sagte Hilda überlegen. »Ich habe Mr. Ellington bei seiner Wahl unterstützt und mich ihm nützlich gemacht. Ich habe hier das Haus für ihn eingerichtet. Infolgedessen suchte er meine Gesellschaft. Wir haben oft zusammen gegessen, auch in meiner Wohnung. Er war mehrmals dort allein bei mir.« Der Minister sah George scharf an. »Stimmt's?« »Gewiß, aber die daraus gezogenen Schlüsse sind falsch.« Der hohe Herr runzelte die Stirn. »Ich kann meine Schlüsse selbst ziehen. Fahren Sie fort, gnädige Frau.« »Mr. Ellington hat oft Staatsgeschäfte mit mir besprochen. Wir erörterten auch manchmal die Flottenprogramme der Weltmächte, und dabei gab er mir Andeutungen über unser Programm, das sehr weittragend sein würde. Er –« »Kein Wort ist wahr davon«, unterbrach sie George. Der hohe Herr sah George sonderbar an. Dann bedeutete er Hilda, fortzufahren. »Auch hier erbat er sich eine Ansichtsäußerung von mir. Ich habe viel über Marineangelegenheiten gelesen. Und in dieser Nacht zeigte er mir jenes Dokument.« »Vertraulich?« Das Wort sollte wie ein Schuß wirken. Aber diese Zeugin war auf der Hut. »Nicht vertraulich. Als eine interessante Angelegenheit.« »Und wie behandelten Sie diese interessante Angelegenheit? Nahmen Sie eine Abschrift von dem Papier?« »Nein, ich prägte mir den Inhalt ein.« »Den ganzen?« »Nur die Hauptpunkte.« »Die Hauptpunkte, und die wörtlich. Das merkt man an der Übersetzung.« Hilda zuckte die Achseln. »Was geht mich die französische Presse an?« sagte sie. Der Minister stand auf. Abwechselnd schloß er die Knöpfe seines Überrocks und öffnete sie wieder, ein Zeichen, daß er scharf nachdachte. Plötzlich wandte er sich an George. »Kommen Sie um fünf zu mir«, sagte er. Mit kaum merklichem Neigen seines Hauptes verließ er das Zimmer. George begleitete ihn. Letty folgte George und der alte Ellington wiederum Letty. Die beiden Männer, die mit Hilda zurückgeblieben waren, traten in eine Ecke und flüsterten miteinander. Hilda ging hinaus. Schließlich nahm Lord Hartsdale den Arm des alten Soldaten und führte ihn aus dem Zimmer. Während sie die Vortreppe hinuntergingen, sahen sie, wie Hilda in eine Droschke stieg. Sie fuhr an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken, und Oberst Tressingham schüttelte den Kopf. »Hartsdale«, sagte er, »ich fange an, zu begreifen.« Achtundzwanzigstes Kapitel. Garniers Zorn. Draußen im Korridor hatte inzwischen der Minister Ellington in einen unbelauschten Winkel gezogen. »Klar, wie die Sonne, Ellington«, flüsterte er. »Die Frau hat das Dokument entwendet.« George machte ein verblüfftes Gesicht. »Aber es war doch alles unversehrt.« »Tut nichts. Sie hat Zeit genug gehabt, und irgendwie hat sie Tasche und Umschlag geöffnet, ohne Spuren zu hinterlassen. Klar, ganz klar.« »Aber – ihre Beschuldigung gegen mich?« »Klug ausgedacht. Wollen sehen, wie Sie zu rechtfertigen sind, abgesehen von der Torheit, das Papier auch nur einen Augenblick aus den Augen zu lassen.« Ellington ließ den Kopf hängen. »Aber das ist vorläufig nebensächlich. Jetzt gilt es, zu handeln. Kommen Sie.« Als der hohe Herr kurz vor Hilda die Straße betrat, schlenderten zwei Individuen daher, die wie gut gekleidete Spaziergänger aussahen. In der Nähe wartete ein Auto. Der Minister zwinkerte mit dem einen Auge, und sofort stand eins der Individuen neben ihm. »Wilkinson«, sagte er, »gleich werden Sie eine Dame sehen, Frau Tressingham, eine schöne, schlanke Frau –« »Ich kenne sie, Herr«, sagte der Mann. »Gut. Sie wird gleich Ellingtons Haus verlassen. Folgen Sie ihr, wohin sie auch geht. Nahmen Sie Tybur mit, und berichten Sie mir von Zeit zu Zeit. Aber verlieren Sie die Dame nicht aus den Augen.« Hildas erster Gedanke war, Garnier aufzusuchen. Es war ungewiß, ob sie ihn um diese Stunde treffen würde. Aber Meunier ließ sie ein und führte sie zu Garniers Arbeitszimmer, wo er in einer Wolke von Zigarrenrauch am Tisch saß und emsig schrieb. »Nun?« sagte er ungeduldig. »Ich habe Ihnen viel zu erzählen, sehr viel.« »Ist es so wichtig? Ich habe eilige Briefe zu schreiben. Hat es nicht Zeit für den Klub?« »Es handelt sich um das Geheimdokument.« »Die Sache ist erledigt. Das Papier ist in Frankreich, und die englische Regierung hat keine Ahnung, wie es dahin gekommen ist.« Hilda sah ihn bedenklich an. »Es läge in unser beider Interesse, wenn Sie mich anhören würden.« »Dann meinetwegen. Aber fassen Sie sich kurz.« Doch es war für Hilda nicht so leicht, sich kurz zu fassen. Garnier hörte zu, als ginge ihn das ganze gar nichts an. Er rauchte seine Zigarre weiter, und nichts an seinem Gesichtsausdruck verriet, was in ihm vorging. Aber als sie fertig war, sprang er plötzlich auf, warf die Zigarre in die Ecke und stieß einen französischen Fluch aus, dem er einen englischen folgen ließ. »Tod und Verdammnis«, schrie er, »das alles haben Sie erzählt? Und noch dazu vor ihm, vor ihm!« »Vor wem?« fragte sie verwundert. »Vor dem Minister. Und warum bloß, warum in aller Welt? Warum sind Sie freiwillig ins Garn gelaufen? Welcher Teufel plagte Sie?« »Ich tat es, weil Tressingham dabei war.« Garnier machte eine Bewegung, als wollte er sich die Haare ausraufen. »Was zum Kuckuck hat Tressingham damit zu tun? Sie machen mich noch verrückt mit Ihrem Unsinn.« »Aber denken Sie doch an die anonymen Briefe«, stammelte sie, unsicher gemacht durch Garniers sinnlose Wut, »ich dachte, wenn ich es zugäbe, würde Tressingham die Konsequenzen ziehen, und ich bekäme meine Freiheit. Begreifen Sie das nicht, Armand?« Es lag ein Flehen um Erbarmen in ihrer Stimme, aber Garnier stampfte mit dem Fuß auf. »Hat man je eine solche Dummheit erlebt?« brüllte er. »Was hat Ihre Freiheit damit zu tun? Was?« »Ich dachte an die Möglichkeit, uns zu heiraten«, sagte sie leise. »Himmel, jetzt denken Sie an Heirat? Hinter Schloß und Riegel wird man uns setzen, wenn wir uns nicht in Sicherheit bringen.« »Aber – warum denn?« »Mein Gott, sind Sie auf einmal einfältig. Nachdem Sie das alles dem Minister erzählt haben, diesem alten Fuchs.« »Er schien meine Worte nicht sehr wichtig zu nehmen.« »Haben Sie eine Ahnung! Und Sie haben zugegeben, daß das Dokument in Ihrer Hand war?« »Ja, aber ich sagte, Ellington hätte es mir gegeben.« Garnier tanzte förmlich vor Wut umher. »Und diese Frau habe ich für vernünftig gehalten! Jetzt bin ich überzeugt, daß alle Weiber Idioten, Schafe sind. Was ändert das mit Ellington daran? Er weiß, daß Sie das Papier gehabt haben, und den Rest kann er sich denken. Kommen Sie direkt aus der Curzonstraße?« »Direkt.« Garnier stöhnte. »Nun ist alles aus. Zu was für Torheiten ist doch eine Frau fähig, wenn sie nur ihre eigenen armseligen Ziele im Auge hat. Alles aus, und dabei keine Zeit zu verlieren.« Und mit einer Geschwindigkeit, die seinen Besuch in Erstaunen setzte, begann er die Briefe und Papiere, die vor ihm auf dem Tisch lagen, zu zerreißen und in das Kaminfeuer zu werfen. Dann öffnete er sämtliche Schubladen des Schreibtisches, nahm weitere Papiere heraus und bereitete ihnen dasselbe Schicksal. Schweigend sah Hilda zu. »Was soll das bedeuten?« fragte sie endlich. »Das soll bedeuten, daß wir diese Nacht im Gefängnis schlafen, wenn wir uns nicht eiligst davonmachen. Wären Sie heute nicht so ganz hoffnungslos närrisch, dann würden Sie begreifen, daß der Minister Sie nicht mehr aus den Augen läßt.« »Ich wollte Ellington verderben«, sagte sie müde. »Und nun verderben Sie mich«, gab Garnier zurück. Er schellte. Ernst und unerschütterlich wie immer erschien Meunier. In einem französischen Patois gab Garnier ihm einen Befehl. Als er gegangen war, fuhr sein Herr fort, unter ständigem Fluchen weitere Schriftstücke zu vernichten, Goldstücke, Banknoten und Scheckbücher einzustecken, kurz, alle Vorbereitungen für eine eilige Abreise zu treffen. »Sie sehen aus, als wollten Sie die Flucht ergreifen«, sagte Hilda halb spöttisch. »Das will ich auch, falls es noch möglich ist. Aber –« Meunier blickte durch die geöffnete Tür und gab einen kurzen Bericht. Garnier seufzte tief auf. »Dachte ich's doch«, sagte er verzweifelt. »Meunier kennt alle Londoner Detektive. Unten steht einer, der sonst immer um den Minister herum ist. Natürlich hat er Sie von Ellingtons Wohnung aus verfolgt. Nun ist der Teufel los. Sie müssen fort, Sie dürfen hier nicht gefunden werden.« »Aber wie?« fragte Hilda, als Garnier sie der Tür zudrängte. »Es gibt noch einen zweiten Ausgang durch das Gartenhaus. Dort kommen Sie auf kleine Nebengassen. Sie werden den Weg schon finden. Gehen Sie ja nicht etwa nach Hause, um Geld zu holen. Gehen Sie lieber in den Klub, zu Barthelemy. Dort sind Sie sicher und können auf mich warten. Auch für mich ist das der einzige Zufluchtsort. Dann müssen wir weitersehen. Jetzt schnell. Aber hören Sie, kein Wort von all dem zu Barthelemy. Das hat Zeit, bis ich da bin. Vergessen Sie das ja nicht.« Er führte sie über Korridore und Treppen bis zu einem schmalen, dunklen Gang, der auf eine Seitenstraße auslief. Und Hilda Tressingham ging davon, ahnungslos, daß man ihr auf den Fersen folgte. Neunundzwanzigstes Kapitel. King tritt auf den Plan. An dem Abend, da Hilda, zum erstenmal in ihrem Leben in Ängsten, bei Barthelemy Zuflucht suchte, saßen Lydia und Banister King in dessen Wohnung in der Jermynstraße. Lydia hatte einen Augenblick vorgesprochen, ehe sie in ihr Theater ging. Und da ihre Rolle mehr ihre hübschen Beine in Anspruch nahm als ihre Stimme, so trank sie grünen Chartreuse und rauchte türkische Zigaretten, während King aus einer großen Pfeife qualmte und seinen Gast wohlwollend durch die Rauchwolken ansah. »Natürlich möchte ich wissen«, bemerkte die Sängerin gerade, »wann die Sache zum Klappen kommt.« »Warum denn?« fragte King. »Weil ich mich dann vorher drücke. Geschieht etwas, dann hat Barthelemy unweigerlich mich im Verdacht, und auch dich, mein Sohn. Und ich nehme an, daß mit Barthelemy nicht zu spaßen ist, wenn er ein Schießeisen in der Hand hat.« »Mag sein; Lydia. Aber ich bin da, wenn die Sache zum Klappen kommt. Denkst du, ich will das nicht miterleben?« »Ich bin dann gern ein paar Meilen entfernt. Und ich würde keine Minute mehr schlafen, wenn ich wüßte, Barthelemy wäre auf freiem Fuß. Deshalb muß ich Bescheid haben, wenn es losgeht. Weißt du es nicht, Bannie?« »Nicht genau. Es ist alles vorbereitet, aber diese Polizeimenschen verfolgen ihre besonderen Methoden. Und ich sehe nicht ein, wo die Gefahr für uns liegen soll.« »Aber ich sehe es ein. Barthelemy ist ein heller Kopf, und sobald er belästigt wird, ist er auch schon im Bilde, woher das kommt. Er wird auf dich und mich verfallen. Daher werde ich zu dem gegebenen Zeitpunkt ein Stück Wegs zwischen mich und London legen. Und ich werde keine Ruhe haben, bis ich weiß, daß Barthelemy sicher hinter Schloß und Riegel sitzt. Du mußt darum den Polizisten sagen, sie möchten dir beizeiten Nachricht geben, weil deiner Freundin sonst die Nerven verlorengehen.« »Mit Chartreuse und Zigaretten bekommst du sie wieder«, bemerkte King. »Ich fürchte, sie werden sich unseretwegen nicht beeilen. Auf jeden Fall –« In dem Augenblick meldete sich Kings Telephon. Als er aus dem Nebenzimmer zurückkam, machte er ein erstauntes Gesicht. »Es war Scotland Yard«, sagte er. »Ich soll sofort in einer höchst wichtigen Angelegenheit hinkommen. Ich glaube, ich glaube, Lydia, es geht so langsam los.« Fräulein Linkinshaw legte die Zigarette fort und drückte die Hand auf die Stelle, wo sie ihr Herz vermutete. »Erbarmung, Bannie«, rief sie, »nun kommt es so plötzlich. Wie soll ich aber erfahren, ob es wirklich heute abend losgeht?« »Ich werde dich im Theater anläuten. Sollte ich nicht Gelegenheit haben –« »Ehe ich nicht Bescheid weiß, laß ich mich im Klub nicht sehen«, sagte Lydia bestimmt. »Gewiß nicht. Habe ich bis elf nicht angeläutet, so fahre hier vorbei, wenn du aus dem Theater kommst. Siehst du Licht oben, so komme herauf. Aber nun los.« In Scotland Yard wurde King in einen Raum geführt, der ihm schon vertraut von verschiedenen Besuchen her war, und von einem Beamten begrüßt, den er nicht minder kannte. »Ich glaube, Mr. King, es ist so weit, daß wir zupacken können. Es hat neue Enthüllungen gegeben.« »Tatsächlich?« »Und höchst seltsame. Wir können uns auf Sie verlassen. Gleich werden Sie in das Nebenzimmer treten. Dort finden Sie unsern Chef, den Sie ja schon kennen, und einen gewissen Herrn –« Hier flüsterte der Beamte ihm etwas ins Ohr. »Nicht möglich«, rief King. »Was hat denn der damit zu tun?« »Mehr, als Sie einstweilen denken. Er kennt Ihre Geschichte, möchte Sie aber noch einiges fragen. Kommen Sie.« King folgte dem anderen in das angrenzende Zimmer. Dort saßen zwei Herren am Tisch. Der eine war der Polizeichef, mit dem King schon wiederholt gesprochen hatte. Der andere war der hohe Herr, der noch kurz zuvor Hilda Tressingham ins Kreuzverhör genommen hatte. »Mr. Banister King«, murmelte der Beamte. Der Minister verbeugte sich höflich, musterte Kings seltsame Erscheinung interessiert und nötigte ihn auf einen Stuhl neben sich. »Sie haben die Freundlichkeit gehabt, Mr. King, wertvolle Informationen über den sogenannten Amaranthklub zu geben?« »Jawohl.« »Sie wissen über ihn und die Nachbargrundstücke gut Bescheid?« »Ganz recht.« »Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie mir das Ergebnis Ihrer Beobachtungen mitteilten.« »Gern. Der Amaranthklub ist eine exklusive Gesellschaft, dessen Mitglieder den besten Gesellschaftsklassen angehören. Daneben gibt es einen intimen Zirkel von Spielern. Sie kommen in Barthelemys Haus nebenan zusammen. Ein geheimer Weg führt vom Klubhaus –« »Können Sie den Weg beschreiben?« »Ist schon geschehen«, sagte der Polizeichef. »Unsere Leute wissen ganz genau Bescheid.« Der Minister nickte, und King fuhr fort: »Manche von den Spielern gehen schon vor zwei durch den Klubausgang nach Hause. Viele aber bleiben die ganze Nacht über dort und benutzen das medizinische Bad nebenan, um unauffällig hinauszukommen.« Der Minister zeigte ein wachsendes Interesse. »Und es wird sehr hoch gespielt?« fragte er. »Das kommt darauf an. Manchmal hoch, manchmal auch nicht. In der Regel geht es verhältnismäßig solide zu. Jedenfalls steht fest, daß Barthelemy ein gutes Geschäft dabei macht. Es kommen nur reiche Leute hin, und nur solche, die etwas springen lassen.« »Sie haben nicht viel verloren?« »Im Gegenteil«, sagte King lächelnd, »ich habe Tausende von Pfunden gewonnen. Ich habe jeden Pfennig notiert und alles wohltätigen Stiftungen zukommen lassen.« Der Minister lachte. »Famos. Nun zu den Leuten, die dort verkehren. Sie kennen sie alle?« »Vom Ansehen alle, viele auch mit Namen.« »Nun eine spezielle Frage. Haben Sie dort jemals Frau Tressingham getroffen, die Schwester von Lord Hartsdale?« »Oft.« »Kennen Sie einen Herrn namens Garnier als Klubmitglied?« »Freilich. Er ist Franzose und steckt scheinbar mit Barthelemy unter einer Decke.« »Ist es Ihnen aufgefallen, daß er mit Frau Tressingham besonders befreundet zu sein scheint?« »Allerdings. Gewöhnlich essen sie im Klub zusammen. Ich habe auch oft beobachtet, daß sie in Barthelemys Haus miteinander vertraulich sprachen. Sicher sind sie eng befreundet.« Der hohe Herr sah den Polizeichef an. »Ich glaube, wir sind auf der richtigen Spur«, sagte er. »Sie müssen sofort zupacken.« Dann wandte er sich mit gnädigem Lächeln und einer höflichen Verbeugung an King, was dieser als Zeichen der Entlassung aufnahm. »Ich danke Ihnen verbindlichst, Mr. King«, sagte er. »Unser Gespräch war natürlich streng vertraulich. Darf ich mir die vielleicht unbescheidene Frage erlauben, was Sie dazu bewog, in den Spielklub einzutreten?« Nach kurzem Zögern sagte King: »Ich habe Grund zu der Annahme, daß einer meiner Freunde durch Barthelemy zu Tode gebracht worden ist. Um dahinter zu kommen, trat ich in den Klub ein.« »Und Sie rechnen damit, dahinter zu kommen?« »Ich nehme an, sobald die Polizei mit den angedeuteten Maßnahmen beginnt.« Der Minister lächelte und nickte, und der Beamte, der King hineingeführt hatte, brachte ihn auch wieder hinaus. Dort deutete er auf einen Stuhl. »Setzen Sie sich und warten Sie einen Augenblick«, sagte er. »Wenn ich zurückkomme, werde ich Ihnen sagen können, wann wir zum Schlage ausholen.« Dreißigstes Kapitel. Die Belohnung der Regierung. King mußte eine geraume Zeit warten, bis der Beamte endlich zurückkam. »Nun, Mr. King«, sagte er vergnügt, »da bin ich wieder. Tut mir leid, daß Sie warten mußten, aber wir hatten noch eine Konferenz mit dem Minister. Wundern Sie sich nicht, daß er an der Sache so lebhaft interessiert ist?« »Allerdings, obwohl ich weiß, daß er früher Staatsanwalt war.« »Da wir Ihnen trauen dürfen, sollen Sie über alles unterrichtet sein. Es handelt sich nicht mehr allein darum, das Geheimnis des Amaranthklub zu lüften, das ist zur Nebensache geworden. Sie werden zweifellos erfahren haben, daß eine französische Zeitung den streng geheimgehaltenen Entwurf unseres neuen Flottenbauprogramms veröffentlicht hat?« »Ich habe es gelesen.« »Es wird aller Staatskunst bedürfen, zu verhindern, daß die Angelegenheit Ursache eines europäischen Krieges wird. Seit langen Jahren haben wir einen solchen kritischen Fall in der Außenpolitik nicht gehabt. Nun werden Sie das Interesse des Ministers begreifen.« »Aber was haben diese beiden Dinge miteinander zu tun?« »Das will ich Ihnen erklären. Es steht ziemlich fest, daß jenes Dokument aus dem Hause des Unterstaatssekretärs Ellington gestohlen worden ist, und zwar von Frau Tressingham.« King war verblüfft. »Ah«, rief er, »nun geht mir ein Licht auf.« »Frau Tressingham gibt selbst zu, das Dokument in Händen gehabt zu haben. Ihre Begründung, wie sie dazu gekommen ist, glaubt ihr kein Mensch. Nun ist Frau Tressingham aller Wahrscheinlichkeit das Werkzeug einer Bande, die wiederum ihr Hauptquartier im Amaranthklub hat.« King nickte und dachte einen Augenblick nach. »Garnier und Barthelemy«, sagte er endlich. »Vermutlich, besonders der erstere. Sicherlich werden diese Leute über die Sachlage heute im Klub beraten. Frau Tressingham ist bereits dort.« »Woher wissen Sie das?« »Seit sie Mr. Ellingtons Haus heute nachmittag verlassen hat, steht sie unter Beobachtung. Sie fuhr zuerst zu Garnier, verließ dann dessen Haus durch eine Hintertür und begab sich darauf zu dem medizinischen Bad.« »Richtig«, sagte King. »Auf diesem Wege konnte sie in den Klub.« »Dank Ihrer gütigen Hilfe wissen wir das. Und dort ist sie noch.« »Bestimmt?« »Ganz bestimmt. Seit ihrem Eintritt wird jeder Zugang zu den drei Häusern auf das schärfste bewacht. Wir rechnen damit, daß auch Garnier hinkommen wird. Vor wenigen Minuten bekam ich die Nachricht von unseren Leuten, daß er noch in seiner Wohnung ist.« »So wird er auch überwacht?« »Sicherlich. Wir haben ein Netz um die Leute gesponnen, durch das sie nicht entwischen können. Wir wollen sie zusammen fassen.« King dachte nach. »Freilich, Garnier kommt jeden Abend in den Klub. Elf ist seine Zeit, wenn geöffnet wird. Barthelemy betritt ihn von seinem Hause aus. Wann geht es los?« »Sobald Garnier da ist. Wollen Sie dabei sein?« »Ich wäre trostlos, wenn ich es versäumte.« »Sehr gut. Unsere Leute kennen Sie bereits, Sie können also unbehelligt sich dort bewegen. Nehmen Sie diese Karte, Sie wird Ihnen alle unnötigen Erklärungen ersparen. Seien Sie also für die Zeit nach elf bereit. Die ganze Gegend ist umstellt, keine Maus kann entwischen. Das wird eine hübsche Sensation für die Presse werden. Die Verhaftung der Diebe des Geheimdokuments.« Draußen in der Abendluft überdachte King alles noch einmal. Er hatte sich die Entwicklung der Dinge anders vorgestellt. Er hatte Barthelemy auf seine Kappe nehmen, seine Rache voll auskosten wollen. Nachdem die Polizei sich hineingemengt hatte, verlief alles anders. Er war nicht mehr der Direktor des Stückes, das da gespielt werden sollte, er war nur noch einfacher Mitspieler. »Aber das genügt mir nicht«, murmelte er. »Mag die Polizei sich an Garnier und Frau Tressingham halten, Barthelemy gehört mir.« Er suchte ein ruhiges Restaurant auf und aß ein wenig. Dann rauchte er eine Zigarre, trank mehrere Tassen Kaffee und dachte nach. Schließlich riß er ein Blatt Papier aus seinem Notizbuch, schrieb ein paar Worte darauf, tat es in einen alten an ihn gerichteten Umschlag und klebte es mit mehreren Briefmarken zu. Seinen Namen und seine Adresse strich er durch und schrieb statt dessen das eine Wort »Barthelemy«, dick unterstrichen, darauf. Dann begab er sich zu dem Tempel der fröhlichen Tanzkunst, dessen vernehmlichste Priesterin Lydia Linkinshaw war. Der Portier sah mißtrauisch auf Kings zerdrückten Filzhut und nahm sich erst gar nicht die Mühe, ihn nach seinem Begehren zu fragen. »Ich möchte Fräulein Lydia Linkinshaw sprechen«, sagte der verdächtige Besucher. »Wirklich? Geht nicht.« »Wenn ich Ihre kostbare Zeit nicht zu sehr in Anspruch nehme – warum nicht?« »Weil es verboten ist.« King griff in die Tasche und suchte einen Sovereign heraus. »Mein lieber Mann, zu Zeiten müssen die strengsten Gebote der eisernen Notwendigkeit weichen. Ich muß die Dame so schnell wie möglich sprechen. Ich will ein paar Worte auf diese Karte schreiben. Zeigen Sie das Schriftstück dem Direktor, dem Regisseur, wem Sie wollen, aber bringen Sie es Fräulein Linkinshaw. Und dieser Sovereign gehört Ihnen.« »Freilich, wenn es sich um etwas Wichtiges handelt –« »Um Leben und Tod. Hier, nehmen Sie das Geld. Ich warte draußen.« Er ging auf einen kleinen Hof und wartete, bis der Portier den Kopf heraussteckte. »Sie kommt, wenn der Akt zu Ende ist. Schneller geht es nicht.« »Danke, das genügt.« Er blieb auf dem Hof, bis er zu Lydia gerufen wurde. Er fand sie auf dem zugigen Korridor, in ihren Pelz gehüllt und frierend. »Mein Himmel«, rief sie, »was ist passiert? Etwas Fürchterliches offenbar, sonst hätten sie dich nicht hineingelassen.« »Lydia«, sagte King, »wann bist du hier fertig?« »Zehn Uhr vierzig, genau.« »Kannst du dich umziehen und Punkt elf im Amaranthklub sein?« »Gewiß.« »Dann fährst du nachher sofort hin. Du gehst zu Barthelemy und gibst ihm diesen Brief. Dann verläßt du auf der Stelle den Klub.« »Und wohin soll ich gehen?« »Nach Hause, auf schnellstem Wege nach Hause. Heute nacht platzt die Bombe, und da bist du zu Hause am besten aufgehoben.« Lydia starrte auf den Brief. »Kann mir nichts geschehen, wenn ich ihn hinbringe?« »Nichts, mein Ehrenwort. Vorausgesetzt, daß du befolgst, was ich dir sage.« Lydia nickte. »Ich will es tun. Auf Wiedersehen morgen.« King verließ das Theater und begab sich in sein Stadtviertel. Als er über den Leicester Square ging, kamen die Zeitungsjungen mit den neuesten Abendblättern. Laut schrien sie ihre Ware aus. »Das gestohlene Flottenprogramm – hohe Belohnung der Regierung!« King kaufte eine Zeitung. Unter einer Straßenlaterne überflog er das Blatt. Da stand, was er eben gehört hatte. Die Regierung wollte dem zehntausend Pfund zahlen, der Aufschluß über den Diebstahl des Geheimdokuments geben könnte. King warf die Zeitung in die Gosse und ging langsam nach Hause. Einunddreißigstes Kapitel. Jeder ist sich selbst der Nächste. Als George Ellington von jener Unterredung mit dem Minister heimkehrte, fand er seinen Vater, Letty und Marcia im Wohnzimmer versammelt. Marcia war offensichtlich im höchsten Grade entrüstet, und sie wandte sich dem Bruder mit einem Wutausbruch zu, der in schroffem Gegensatz zu ihrer vielgerühmten stoischen Ruhe stand. »Also du hältst mich fähig dazu, mich zum anonymen Briefschreiber zu erniedrigen, George Ellington«, rief sie. »Du bist gemein genug, mich bei meinem eigenen Vater anzuklagen. Schäme dich. Daß du es überhaupt noch wagst, mir ins Gesicht zu sehen!« Aber George wagte es. »Marcia, vergiß nicht, wie oft du mir meine Besuche bei Frau Tressingham vorgehalten hast. Denk an dein Benehmen letztens in Ashminster. Und dann warst du der einzige Mensch, der um die nächtliche Begebenheit in meinem Arbeitszimmer wußte. So –« »Du irrst, ich war nicht der einzige Mensch.« »Nein? Wer denn sonst noch?« Marcia lachte. »Sie selbst. Wärst du nicht so ein Schafskopf, dann müßtest du längst wissen, wer die anonymen Briefe geschrieben hat.« George war verblüfft. »Du glaubst doch nicht –« »Ich glaube, sie hat die Briefe selbst geschrieben. Und sie hat es auch getan.« »Aber warum, warum?« »Ihre Beweggründe kenne ich nicht, jedenfalls werden sie ebenso niederträchtig sein, wie sie selbst. Und da du mich meinem Vater gegenüber beschuldigt hast, so erkläre ich in seiner Gegenwart, daß ich mit den Briefen nichts zu tun habe, und daß deine Behauptung eine Unverschämtheit ist. Gott sei Dank bin ich nicht in einer so schmutzigen Schule der Politik erzogen, wie du, wo Lügen und Verdrehungen als Künste gelten.« Rasch ging sie auf die Tür zu, und vergebens wollte George ihr die Hand zur Versöhnung reichen. »Sei vernünftig, Marcia, du wirst doch nicht ohne Mittagessen –« »Ich bleibe nicht zum Essen«, rief sie entrüstet. »Ich verstehe überhaupt nicht, wie ihr ans Essen denken könnt.« Und sie ging und schmetterte die Tür hinter sich zu. Geknickt wandte George sich an seinen Vater. »Du weißt, Vater«, begann er. Der alte Ellington nickte. »Laß sie gehen, es hat keinen Zweck, mit erzürnten Weibern zu verhandeln. Wie steht es mit deinem Abschiedsgesuch?« »Der Premierminister will es nicht annehmen.« Der Vater griff nach der Zeitung. »Und wozu diese Belohnung?« »Er hält das für einen klugen Schachzug.« Als Vater und Sohn nach dem Essen bei ihrem bescheidenen Glas Wein saßen, näherte sich Jarvis ihnen mit diskretem Räuspern. »Verzeihung, Herr«, wandte er sich an George, »dürfte ich Sie vielleicht einen Augenblick in dringender Angelegenheit sprechen?« »In dringender Angelegenheit?« fragte Ellington erstaunt. Jarvis faltete ein Zeitungsblatt auseinander und deutete auf die Bekanntmachung der Regierung. »In dieser Angelegenheit, Herr«, sagte er. George sprang auf. »Sie wollen doch nicht sagen, Jarvis, daß Sie davon etwas wissen?« »Ich denke, ich kann Angaben machen. Unter bestimmten Bedingungen, Herr.« »Wir gehen am besten auf mein Zimmer. Melden Sie sich dort in fünf Minuten, Jarvis.« Fünf Minuten später trat Jarvis ein und brachte Fräulein Parminter mit sich. »Wir stehen zur Verfügung, Herr. Auch Fräulein Parminter hat etwas zu sagen.« »Lieber Himmel, alle beide«, rief George. »Beide wissen Sie etwas davon?« »Beide können wir etwas sagen«, meldete sich die Zofe. »Aber nur unter bestimmten Bedingungen.« George sah ratlos seinen Vater an. Dieser nickte ihm zu. »Schön, Jarvis. Worum handelt es sich?« »Ich bitte um Verzeihung, Herr. Ehe wir sprechen, müssen Sie unsere Bedingungen anerkennen.« »Bedingungen«, rief George ärgerlich. »Was für Bedingungen?« »Erst müssen wir die Zusicherung haben, daß uns nichts geschehen kann, wenn wir sprechen. Und dann wegen der Belohnung. Wenn ich andeuten dürfte –« »Deuten Sie an, zum Kuckuck. Reden Sie endlich!« »Wenn Sie es uns schriftlich geben wollten, daß Sie die Angaben, die wir Ihnen machen, nicht zu unserem Schaden ausnutzen wollen und daß Sie uns helfen werden, die Belohnung zu bekommen, würde das genügen. Sonst –« »Sonst sagen wir nichts«, fiel Susanne ein. George sah den Vater an, und dieser nickte ihm zu. »Schreib' etwas Derartiges«, sagte er. George setzte sich an seinen Schreibtisch, und nach vielem Nachdenken verfaßte er ein Schriftstück, das den Beifall der beiden fand. Jarvis und die Zofe bekamen je ein Exemplar. »Danke«, sagte Jarvis. »Ich denke, Fräulein Parminter erzählt zuerst.« Schweigend hörten die beiden Ellingtons Susannes Bericht. Sie sprach die ungeschminkte Wahrheit. »Und Sie nahmen das Geld?« fragte George ärgerlich. »Natürlich nahm ich es. Arme Leute wie wir müssen für unser Fortkommen sorgen. Und wie konnte ich ahnen, daß eine Dame wie Frau Tressingham stehlen würde. Außerdem wußte ich, daß alle Schmucksachen wohl verwahrt waren und daß Mr. Jarvis das Silber eingeschlossen hatte.« »Und was haben Sie zu erzählen, Jarvis?« »Ich wußte natürlich, wann Frau Tressingham kommen würde. Als ich sie eintreten hörte, sah ich durch mein Fenster. An der Straßenecke stand ein großer Mann, der wie ein Offizier in Zivil aussah. Sein Gesicht konnte ich natürlich nicht deutlich erkennen. Nach ein paar Minuten wurde ein Fenster Ihres Zimmers geöffnet. Sofort näherte sich der Mann, und ein Päckchen wurde ihm gereicht. Er ging schnell damit fort. Nach etwa einer Stunde kam er wieder und gab das Päckchen zum Fenster hinein.« »Sie paßten die ganze Zeit hindurch auf?« »Während der ganzen Zeit, Herr. Dann kamen Sie herunter, ich konnte es hören, denn ich hatte meine Tür ein wenig offen gelassen, um meine Beobachtungen machen zu können. Weiter habe ich nichts zu sagen, Herr.« George blickte auf seine Dienstboten, als könne er sie nicht recht verstehen. »Sie sehen hoffentlich ein, daß ich Sie beide auf der Stelle herauswerfen müßte?« Jarvis schwenkte sein Papier. »Sie haben uns Ihr Wort gegeben, Herr«, bemerkte er. »Richtig. Vorläufig soll das gelten.« An der Tür wandte sich Susanne noch einmal um. »Sie werden uns natürlich behilflich sein, daß wir die Belohnung bekommen, Herr?« Mit einer Handbewegung scheuchte George die beiden hinaus. Dann wandte er sich an seinen Vater. »Ich halte es für das beste, diese köstliche Geschichte sofort dem Chef zu erzählen. Willst du mitkommen?« Zweiunddreißigstes Kapitel. Auf der Flucht. Als Hilda Tressingham gegangen war, kehrte Garnier in sein Zimmer zurück und fuhr fort, die Torheit der Weiber zu verwünschen. »Es ist alles aus, Meunier«, rief er. »Wir müssen eiligst verschwinden. Zum Packen bleibt keine Zeit.« »Aber wie?« fragte der Diener. »Für Sie ist es leicht genug. Sie kennt keiner von diesen Burschen. Ich muß mich besonders präparieren. Gut, daß ich von der nützlichen Kunst des Verkleidens etwas verstehe.« »Ihre Maske eines verabschiedeten Offiziers ist unübertrefflich«, bemerkte Meunier. »Ich glaube auch, das wird das beste sein. Und Sie fahren heute nacht nach Calais. Ich werde auch diese Nacht herüberfahren, aber nach Boulogne. Es ist vorteilhafter, wenn wir nicht zusammen reisen. Morgen nachmittag komme ich dann auch nach Calais. Wir treffen uns an dem bestimmten Ort. Hier haben Sie Geld. Gehen Sie und beschweren Sie sich nicht unnötig mit Gepäck. In solchen Kriegszeiten braucht man nichts.« Immer noch die Weiber verfluchend, begab sich Garnier in sein Schlafzimmer, um seine Vorbereitungen zur Flucht zu treffen. Dieses verrückte Frauenzimmer hatte mit ihren Heiratsgedanken alles verdorben, alles. »Sie war anscheinend schon die ganze Zeit in mich verliebt«, murmelte er. »Als wenn mir Muße bliebe, an solchen Kram zu denken.« Draußen vor der Haustür standen zwei Männer und beobachteten scharf, wer aus- und einging. Beide hatten sie Garnier nie gesehen, sie kannten ihn nur nach Beschreibungen. Um halb sechs verließ das Haus ein großer, älterer Herr von sehr vornehmem Äußern. Er war nach neuester Mode gekleidet und trug einen Seidenhut und einen Mantel mit kostbarem Pelzkragen. Sein Regenschirm mit goldener Krücke sah so solide aus wie die ganze Erscheinung. Einen Augenblick blieb er vor einem Schaufenster stehen und betrachtete durch sein Einglas die Auslagen. Dann ging er lässig des Weges. Der eine der beiden Wächter sah seinen Genossen an. »Während der zwei Stunden, die wir hier stehen, ist der alte Herr, der da geht, nicht in das Haus gekommen.« »Vielleicht wohnt er da.« »Möglich. Aber dieser Garnier konnte auch versuchen, in Verkleidung zu entwischen. Ich möchte dem Mann doch ein wenig folgen. In fünf Minuten kommt Chilvers. Solange wirst du allein fertig.« Der andere zuckte die Achseln. »Der Herr dort ist ein alter Offizier. Aber tu, was du denkst.« Sein Kollege zögerte ein wenig. Er sah der großen Gestalt nach, die sich langsam entfernte. »Ein Stückchen will ich ihn wenigstens beobachten«, sagte er. »Fällt mir etwas Verdächtiges auf, so bleibe ich ihm auf der Spur und gebe dir irgendwie Nachricht.« Er schritt rasch aus, bis er dicht hinter dem alten Herrn war. Ohne daß Garnier es ahnte, hatte die Jagd begonnen. Der Verfolger achtete scharf darauf, ob etwas seinem geübten Auge andeuten würde, daß der Mann vor ihm auf der Flucht wäre. Was er erwartete, ereignete sich bald. Garnier blieb stehen, um abermals ein Schaufenster anzusehen. Der Detektiv bemerkte, daß der Mann vor ihm nicht das geringste Interesse an den Waren hatte und nur den zurückgelegten Weg übersehen wollte. Sein Verdacht wurde stärker. Seine Überzeugung wuchs, daß er sich auf der richtigen Spur befand. Daher folgte er dem alten Herrn weiter, als dieser sich wieder in Bewegung setzte. Garnier ging bis zum Piccadilly Circus und gesellte sich zu einem kleinen Trupp von Menschen, die auf den Omnibus warteten. Er bestieg den ersten Wagen, der vorüberkam. Sofort schwang sich der Verfolger auf denselben Omnibus. So fuhren beide in der Richtung auf den Victoria-Bahnhof zu, ohne daß der eine von ihnen wenigstens von der Anwesenheit des anderen etwas ahnte. Garnier war überzeugt, heil aus seiner Wohnung entkommen zu sein. Wäre seine Flucht bemerkt worden, dachte er, so hätte man ihn schon vorher angehalten. Nur über seine Reiseroute war er sich noch nicht im reinen. Er hatte zwar zu Meunier gesagt, er werde über Folkestone nach Boulogne fahren. Es gehörte aber zu Garniers Grundsätzen, auch seine Vertrauten über seine letzten Pläne im ungewissen zu lassen. Daher hatte er sich schon vorgenommen, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Er wollte nach Newhaven fahren und dort ein Schiff nach Dieppe nehmen. Jedenfalls war ihm die Hauptsache, zunächst einmal England hinter sich zu wissen. Auch der Polizist überlegte. Er beschloß endlich, abzuwarten, was der Verfolgte beginnen würde, um danach seine weiteren Maßnahmen einzurichten. Inzwischen gab er scharf acht, daß ihm seine Beute nicht unbemerkt entschlüpfe. Aber Garnier fuhr bis zum Victoria-Bahnhof und ging, ohne rechts und links zu blicken, in das Stationsgebäude. Der Detektiv sah, wie er am Schalter erster Klasse Erkundigungen einzog und sich dann eine Fahrkarte kaufte. Er beobachtete ihn, wie er in einem benachbarten Restaurant einen Teller Suppe aß. Von dort folgte er ihm in eine Nebenstraße. Garnier kaufte eine Reisedecke, eine Mütze und eine kleine Tasche. Noch einmal ging er in das Restaurant und erstand dort einige Butterbrote, Früchte und eine Flasche Brandy. Das alles verstaute er in der Tasche. Schließlich folgte der Polizist seinem Opfer bis zu dem Zug nach Newhaven. Immer noch etwas unentschlossen und ungewiß ließ er sich durch einen Gepäckträger gleichfalls eine Fahrkarte besorgen und stieg in den Zug. Aber seine Ungewißheit verschwand, sobald ihm die frische Seeluft von Newhaven um die Nase wehte. Als Garnier bald darauf sich anschicken wollte, das Dampfboot nach Frankreich zu betreten, sah er sich von drei Männern umringt. Nun wußte der Vielgewandte, daß der Augenblick gekommen war, in dem er allerlei peinliche Fragen würde zu beantworten haben. Dreiunddreißigstes Kapitel. Der Revolver. Nachdem Hilda Tressingham Garniers Wohnung verlassen hatte, eilte sie zunächst planlos umher. Die Ereignisse das Tages hatten sie verwirrt und unsicher gemacht. Die Furcht vor einer unbekannten Gefahr trübte ihr sonst so klares Denken. Im Augenblick stand nur das eine in ihrem Bewußtsein fest, daß sie sich in Garnier getäuscht hatte. Sie hatte eine immer wachsende Leidenschaft zu dem Manne empfunden und war der Ansicht gewesen, daß Garnier ihre Gefühle teilte. Nun aber wirkte es wie ein Schlag auf sie, daß Armand offenbar ganz anders dachte. Nicht im geringsten hatte er sich darüber gefreut, daß sie frei von einer verhaßten Ehe werden würde. Nach Frauenart stellte sie sich sofort die Frage: War er ihrer überdrüssig? Er hatte nur an seine persönliche Sicherheit gedacht, er hatte es offen ausgesprochen, daß ihre Anwesenheit in seiner Wohnung ihm Gefahr bringen könnte. Was sollte das bedeuten? Hier lag etwas zwischen ihr und Garnier, das der Klärung bedurfte. Wo die Möglichkeit des Fahrens bestand, pflegte Hilda sonst nicht zu Fuß zu gehen. Aber heute war sie so kopflos, daß sie sich plötzlich in dem Gewirr von Gassen zwischen der Nationalgalerie und dem Haymarket befand. Sie wußte nicht, wie sie dahin gekommen war. Sie merkte es erst, als sie vor dem Schaufenster eines Waffenschmiedes stand. Ihre nun folgende Handlung hätte sie sich ebensowenig erklären können wie ihre Anwesenheit in dieser Straße. Sie ging in den Laden und verlangte einen Revolver. Sie sah den Verkäufer etwas erstaunt an, als er ihr erklärte, daß er ohne einen Waffenschein das Verlangte nicht verabfolgen könnte. Da fiel ihr ein, daß sie in ihrer Wohnung einen Revolver liegen hatte und auch den Schein. Und sie dachte, daß beides ihr genau soviel nützen würde, wenn es am Nordpol läge. »Aber ich reise in einer Stunde und brauche die Waffe.« Der höfliche Angestellte erinnerte daran, daß man in der nahe gelegenen Post einen Waffenschein kaufen könne. Und Hilda holte ihn und kaufte den Revolver und einen kleinen Vorrat von Patronen. Dann begab sie sich zu Mr. Barthelemys Haus. Barthelemy hatte einen vertrauten Diener, der so klug und verschlagen war, als sein Herr es sich nur wünschen konnte. Dieser Mann öffnete, und da er Hilda sehr gut kannte, ließ er sie ohne weiteres ein. »Mr. Barthelemy ist noch nicht da«, sagte er, »er muß aber jede Minute kommen. Vielleicht warten Sie solange.« »Ja«, erwiderte Hilda. Das paßte ihr gerade. Sie wurde in einen kleinen Raum geführt, halb Bibliothek, halb Rauchzimmer. Ihr Alleinsein benutzte sie, um den Revolver zu laden. Auch jetzt wußte sie noch nicht recht, warum sie die Waffe gekauft hatte. Das Papier, in das sie eingewickelt gewesen war, versteckte sie hinter einer Bücherreihe. Dann setzte sie sich und wartete auf Barthelemy. Grabesstille herrschte im Hause. Der Abend kam, aber nicht der Herr des Hauses, und Hildas Nerven begannen sich zu melden. Sie schellte, und der Diener kam. »Sie wissen nicht, wie lange Mr. Barthelemy noch ausbleiben wird?« »Nein, aber er beabsichtigt, hier zu speisen. Man wartet schon mit dem Essen auf ihn. Ich nahm an, er hat Sie zu Tisch gebeten.« »Nein. Aber ich muß warten, bis er kommt, und ich habe Hunger. Können Sie mir nicht ein paar Biskuits und Whisky mit Soda bringen?« Der Mann wußte, daß Frau Tressingham zu dem intimsten Bekanntenkreis seines Herrn gehörte, und er beeilte sich, ihren Wünschen nachzukommen. Durstig schlürfte sie das Getränk und aß. Plötzlich trat Barthelemy ein, in der Hand ein Zeitungsblatt. Sie sah auf den ersten Blick, daß er bestürzt und in Angst war. Sorgfältig schloß er die Tür hinter sich und blickte sie an. Hilda stand auf. Schweigend starrten sie einander an. »Haben Sie nichts von Garnier gehört?« fragte er schließlich. »Oder ihn gesprochen?« Barthelemy legte die Zeitung auf den Tisch. »Ich habe nichts von ihm gehört«, antwortete sie. »Ihn auch nicht gesehen?« rief er aus. »Nein.« Er wies auf ein paar fett gedruckte Zeilen in der Zeitung. »Was hat das zu bedeuten? Etwas muß geschehen sein. Zehntausend Pfund Belohnung, das klingt ernst, sehr ernst. Ich wiederhole, etwas muß geschehen sein.« »Aber Armand – Armand?« fragte sie. Barthelemy schüttelte den Kopf. »Nachdem ich das in der Zeitung gelesen hatte, läutete ich ihn an. Es kam keine Antwort, auch Meunier meldete sich nicht, der doch immer zu Hause bleibt, wenn sein Herr die Wohnung verläßt. Ich fürchte, Freund Armand ist ausgerückt.« »Aber wohin denn?« »Wo er in Sicherheit ist, natürlich.« »Aber er sagte mir –« stammelte sie, »er sagte mir –« Sie brach ab, und Barthelemy wurde aufmerksam. »So haben Sie ihn also doch gesprochen? Sagen Sie die Wahrheit. Sie sind nicht ohne bestimmte Absicht in mein Haus gekommen.« »Da ist nicht viel zu sagen. Ich habe heute nachmittag mit Armand gesprochen.« »Wo?« »In seiner Wohnung.« »Dachte ich es mir doch. Und?« »Er schien zu glauben, daß Gefahr bestünde. Woher, verstand ich nicht recht. Er schickte mich hierher. Ich sollte auf ihn warten.« In Barthelemys Augen flackerte es. Er sah aus wie ein wildes Tier, das in Wut gerät. »Ah«, sagte er, »also es droht Gefahr. Und Sie sollten sich hier in Sicherheit bringen. Aber er? Was ist mit ihm?« »Er wollte mich hier treffen. Ich erwarte ihn jeden Augenblick.« Barthelemy lachte. Der Klang ließ sie erschauern. Mit gekrallten Fingern kam er auf sie zu. »Nun will ich die Wahrheit hören. Sagte Armand de Garnier, daß Gefahr in seiner Wohnung drohe? Antworten Sie rasch.« »Ja.« »Warum?« »Er nahm an, daß mir Detektive dorthin gefolgt wären.« »Aha! Und da schickte er Sie hierher? Und Sie waren dumm genug zu glauben, er würde Ihnen nachkommen? Törichte Frau, sobald Sie den Rücken drehten, hat er sich natürlich davon gemacht. Also Detektive sind Ihnen gefolgt? Dann ist die Sache also durch Ihre Schuld herausgekommen. Detektive? Sieh mal –« Plötzlich kam er ganz nahe heran und griff nach ihrer Kehle. »Ich will dafür sorgen, daß Sie den Detektiven nichts ausplaudern«, zischte er. »Sie werden wohl den Mund halten –« Hilda sprang beiseite, nahm den Revolver und richtete ihn auf Barthelemys Herz. »Wenn Sie noch einen Schritt näher kommen«, sagte sie, »schieße ich Sie über den Haufen. Sehen Sie sich vor!« Immer den Revolver auf ihn richtend, griff sie mit der anderen Hand hinter sich und öffnete die Tür. Sie lief durch den Korridor, riß die Haustür auf und war mit einem Satz auf der Straße. Dort verschwand sie im Dunkel. Barthelemy wischte sich den Schweiß von der Stirn und trat an das Fenster. Er sah im Schein der Laternen, wie Hilda die Straße kreuzte. Und dann bemerkte er mit Entsetzen, wie sie plötzlich von Männern umringt war, die aus dem Erdboden gekommen zu sein schienen. Vierunddreißigstes Kapitel. In der Falle. Zitternd trat Barthelemy vom Fenster zurück. Er war kein Mann von starken Nerven, und Frau Tressinghams Revolver hatte ihm nicht wenig Furcht eingejagt. Er hatte die Verzweiflung in ihren Augen bemerkt, und seine Angst war gewesen, sie möchte unbewußt abdrücken. Er empfand ein Gefühl der Erleichterung, als der gefährliche Besuch gegangen war, aber dieses Gefühl machte äußerster Bestürzung Platz, als er sah, was vor seinem Hause geschah. Da gab es keinen Zweifel. Sie war festgenommen, verhaftet unmittelbar vor seinem Hause. Das bedeutete, sein Haus wurde überwacht. Ohne Frage erstreckte sich diese Überwachung auch auf den Klub und das medizinische Bad. Fluchend und jammernd trat Barthelemy an einen Schrank, nahm die Brandyflasche heraus und stärkte sich durch einen langen Zug. Dann machte er eine Bewegung, als wollte er die Furcht abschütteln. Aber er wußte, daß aller Brandy der Welt sie nicht wegschaffen konnte. Es lag etwas in der Luft, und darum mußte er handeln. Zum mindesten mußte er die eigene Haut in Sicherheit bringen, wenn schon sonst nichts zu retten war. Barthelemy hatte stets damit gerechnet, daß sein Unternehmen eines Tages wie ein Kartenhaus zusammenstürzen könnte. Darum war er auf eine plötzliche Katastrophe vorbereitet. Nichts, was ihn hatte kompromittieren können, hatte er im Hause. Wertsachen, Papiere, bar Geld befanden sich in Sicherheit. Er war immer bereit, im Augenblick von dem Schauplatz seiner Tätigkeit zu verschwinden. Jetzt hatte er nichts zu tun, als ein paar Kleinigkeiten aus dem Schreibtisch zu holen. Seine Hand zitterte nicht, als er die Sachen aus den Schubladen nahm und einsteckte. Etwas tat er in eine verborgene Westentasche. Es war das Fläschchen, aus dem er Avorys Getränk gewürzt hatte. Für den letzten, verzweifelten Ausweg mochte es brauchbar sein, dachte er. Aber Barthelemy war nicht der Mann, die Flinte zu früh ins Korn zu werfen. Vielleicht war auch noch gar kein Grund zur Beunruhigung vorhanden, sagte er sich. Daß man Frau Tressingham verhaftet hatte, brauchte noch nichts mit ihm und seinem Hause zu tun zu haben. Wer wußte etwas gegen ihn? Wer konnte etwas Ungünstiges über ihn aussagen? Immerhin wollte er auf der Hut sein. Es war höchst unangenehm, daß Frau Tressingham, die Polizei hinter ihr her, in sein Haus gekommen war. Er verwünschte sie darum aus tiefstem Herzen. Vielleicht begnügte man sich damit, sie zu verhaften. Aber möglicherweise auch nicht. Dieser Gedanke trieb ihm den Angstschweiß aus. Er mußte etwas tun, mußte handeln. Barthelemy hatte seine vielseitige Tätigkeit nicht ausüben können, ohne sich dabei der Hilfe von zwei oder drei vertrauten und natürlich sehr hoch bezahlten Leuten zu bedienen. Einem traute er noch mehr als den übrigen, das war der höfliche, elegante Angestellte, mit dem Banister King in dem medizinischen Bad verhandelt hatte. Barthelemy kannte dunkle Punkte aus dem Leben dieses Mannes, die ihn in seine Gewalt gaben, und er sorgte dafür, daß dieser es nicht vergaß. Aber nicht darum vertraute er ihm ganz besonders, sondern weil er des Mannes angeborene Lust an Intriguen und krummen Wegen aller Art kannte, sofern dabei etwas zu verdienen war. Barthelemys Unternehmungen warfen große Gewinne ab auch für alle seine Angestellten, aber am meisten verdiente dieser sein Vertrauter. Daher nahm Barthelemy zu ihm seine Zuflucht. Der Mann erschrak, als er seines Herrn verstörtes Aussehen bemerkte. »Ist etwas geschehen?« rief er aus, als Barthelemy in sein kleines Zimmer trat und sich wie ein gebrochener Mann auf einen Stuhl fallen ließ. »Vielleicht nichts, vielleicht sehr viel. Ich bin etwas aufgeregt, Sie haben ruhiges Blut. Hören Sie zu.« Und er erzählte ihm, was sich seit Frau Tressinghams Ankunft ereignet hatte. Das Gesicht des Zuhörenden wurde ernst. »Sind Sie sicher, daß sie verhaftet worden ist?« fragte er. »Ganz sicher, ein Irrtum war gar nicht möglich.« Der Mann überlegte. »Ich kenne eine ganze Menge von diesen Burschen«, sagte er. »Ich will mich einmal draußen umsehen.« Barthelemy strich seinen Bart. »Handelt es sich um eine Razzia«, sagte er, »so werden sie vermutlich warten, bis die meisten unserer Mitglieder da sind. Das wäre so gegen Mitternacht. Meinen Sie nicht auch?« »Sicher. Trotzdem werde ich jetzt gehen und das Terrain sondieren. Aber Sie?« »Ich?« »Sie werden doch keinen Wert darauf legen, angetroffen zu werden, wenn die Polizei kommt?« »Nein, das wäre unnötig.« »Schön. Ich gehe also jetzt hinaus und nehme dieses Feuerzeug mit. Sie halten sich in dem Zimmer über der Haustür auf und stellen sich ans Fenster. Ja kein Licht machen. Wenn ich mich ein wenig umgesehen habe, gehe ich unauffällig auf die andere Straßenseite. Ist alles in Ordnung, komme ich wieder. Bemerke ich etwas Verdächtiges, so stecke ich gerade Ihrem Fenster gegenüber mir mit diesem Feuerzeug eine Zigarre an.« »Ich verstehe.« »Und in dem Fall –?« Barthelemy nickte. »Ich verschwinde. Sofort.« »Ich kehre gleichfalls nicht zurück. Ich weiß, wo wir uns morgen treffen.« »Haben Sie denn nichts mitzunehmen?« Der Mann lächelte. »Nichts. Ich bin immer bereit.« »Auch ich«, sagte Barthelemy. »Dann los.« Der andere ging hinaus. Barthelemy begab sich in das Klubhaus. Es war gerade elf, und einzelne Gäste kamen schon. Die Diener gingen hin und her, der Betrieb lief wie geölt. Barthelemy hätte blutige Tränen vergießen mögen bei dem Gedanken, daß dieser so tadellos funktionierende Apparat in einem Augenblick zerstört werden sollte. Es war gräßlich verrückt. Nachdem er einige Bekannte begrüßt hatte, ging er in das Zimmer, das sein Vertrauter vorhin bezeichnet hatte. Aus dem Dunklen sah er auf die hell erleuchtete Straße hinab. Draußen war nichts Auffälliges zu sehen. Automobile, Droschken, elegante Privatkutschen fuhren vor. Der Abend sah aus wie jeder andere. Aber der Mann am Fenster kümmerte sich nicht um die Gäste, die dem Klub zuströmten. Er hatte das Gefühl, das einen wohl überkommt, wenn man allein durch einen dunklen Wald geht und plötzlich von der Vorstellung gepeinigt wird, daß hinter jedem Busch ein feindliches Wesen sitzt. Und so wartete er ungeduldig auf das verabredete Zeichen seines Angestellten. Schließlich tauchte der Mann drüben auf der anderen Straßenseite auf. Barthelemy erkannte ihn an Gang und Figur. Er blieb stehen. Würde er das Zeichen geben oder nicht? Der Mann suchte in der Tasche. Plötzlich flammte ein kleines rötliches Licht auf. Das bedeutete – Gefahr. Barthelemy verlor keine Zeit. Er sah noch, wie der andere langsam rauchend weiter ging. Dann verließ er das Zimmer und eilte die Treppe hinunter. Unten traf er einen Diener. »Fräulein Linkinshaw möchte Sie sprechen, Herr.« »Ich habe jetzt keine Zeit. Sagen Sie –« Aber in diesem Augenblick stand Lydia vor ihm und reichte ihm einen Brief. »Ich denke, Sie werden Zeit haben, das zu lesen«, sagte sie. Sie war verschwunden, ehe er eine Frage stellen konnte. Er sah nur noch, wie sie durch die Haustür hastete und in ihr Auto sprang. Da betrachtete er den Brief und erkannte Banister Kings Handschrift. Er las: »Sie sind in großer Gefahr. Verlieren Sie keinen Augenblick und kommen Sie zu mir. Da sind Sie in Sicherheit. Rasch!                  King.« Es war für Barthelemy charakteristisch, daß er das Schreiben zunächst in das Kaminfeuer warf und wartete, bis es verglüht war. Dann gewann er auf Wegen, die außer ihm kein Mensch kannte, das Freie. Fünfunddreißigstes Kapitel. Die Rache. Ruhig und abwartend saß Banister King in seinem Zimmer. Die Atmosphäre dieses Raumes war friedvoll wie in der Zelle eines Eremiten in einsamer Bergwelt. Nichts von dem Lärm der Großstadt konnte man hören. Aber das war auch alles, was das Zimmer mit der Behausung eines frommen Büßers gemeinsam hatte. Sonst zeugte alles von Luxus und Wohlleben. Ein lustiges Feuer brannte im Kamin. Auf dem Tisch standen Likörflaschen, Siphons, Zigarren und Zigaretten, und dazwischen grinste das häßliche Götzenbild, das einst Richard Avory in Verwunderung gesetzt hatte. Und wieder stiegen Weihrauchwolken zu ihm empor. King wartete in Geduld. Er wußte, daß Lydia, so unangenehm ihr ihre Aufgabe auch sein mochte, das einmal gegebene Wort halten und den Brief abliefern würde. Und ebenso sicher war, daß Barthelemy nur zu bereitwillig kommen würde. Und er kam. King hörte ein schwaches, ängstliches Klopfen an der Tür. Er öffnete. »Kommen Sie herein«, sagte er ganz ruhig. Seufzend trat Barthelemy ein. King schloß die Tür hinter ihm, während sein Gast den Pelz ablegte. »Nehmen Sie diesen Stuhl, er ist am bequemsten«, sagte er und deutete auf einen schweren Stuhl, der dem Götzenbild gegenüber stand. »Nehmen Sie sich eine Zigarre. Brandy gefällig? Sie sehen etwas blaß aus.« Barthelemy ließ sich schwerfällig nieder. Er erschrak, als er die Statue bemerkte. King lachte. »Ja, Brandy«, bat Barthelemy. »Und einen ordentlichen Schuß davon in die Soda.« »Ja, nichts hilft mehr als Brandy, wenn die Nerven versagen. Aber hier sind Sie sicher. Gegen meinen Willen kann keiner zu Ihnen.« »Ich danke Ihnen herzlich«, sagte Barthelemy, nachdem er getrunken hatte. »Aber wie konnten Sie es wissen?« »Ich habe so etwas läuten hören. Ein Freund von mir ist bei der Polizei, von ihm erfahre ich manchmal etwas.« »So handelt es sich tatsächlich um eine regelmäßige Razzia?« »Natürlich. Man wird jeden Winkel in Ihren drei Häusern untersuchen. Ich fürchte, mit Ihrem Geschäft ist es aus.« Barthelemy stöhnte. »Wenn ich bloß wüßte, wer mich verraten hat. Wenn ich das bloß wüßte!« »Dem würden Sie es eintränken, was?« lachte King. »Aber schließlich hat alles einmal ein Ende. Wo ist übrigens Ihr französischer Freund, Garnier, heute abend?« »Garnier? Der ist mein Partner. Sie haben doch nicht etwa ihn im Verdacht?« »Partner würde ich immer im Verdacht haben«, meinte King. Barthelemy schob ihm sein Glas hin. »Bitte noch einen Schluck. Ich bin ganz zerbrochen. So ein schönes Geschäft, und nun alles dahin!« »Vielleicht fangen Sie woanders vom Frischen an«, sagte King mit seltsamem Lächeln. »In einer anderen Gegend? In einem fernen Land?« »Ich möchte nicht aus England heraus und noch weniger aus Europa.« »In der Not frißt der Teufel Fliegen, vielleicht auch Sie. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.« Er ging in das Nebenzimmer, und Barthelemy trank seinen Brandy. Einen Augenblick starrte er in das Kaminfeuer. Ein Gefühl von Behaglichkeit überkam ihn in all seinem Unglück. Und dann schlief er ein. Erschreckt fuhr er nach Weile aus seinem Schlummer auf. Er hatte geträumt, jemand habe ihn mit dem Kopf in einen Eimer eiskalten Wassers getaucht. Er wollte aufspringen, konnte sich aber nicht rühren. Und dann entdeckte er, daß er mit Armen und Beinen an den Stuhl gebunden war, und daß King gerade über seinem Kopf einen nassen Schwamm ausgedrückt hatte. Er starrte und ächzte und gab unartikulierte Töne von sich. »Schreien und Winseln hat keinen Zweck, Barthelemy«, bemerkte King. »Die Polizei war zu dumm, Sie zu kriegen, aber ich habe Sie, denn ich bin ein gut Teil klüger. Nun wollen wir unsere Rechnung machen.« Unter dem Einfluß des kalten Wassers war Barthelemy zu klarer Besinnung gekommen. Er sah ein, daß er völlig in Kings Gewalt war. Aber was ihn am meisten in Bestürzung versetzte, war, daß ihm gegenüber unter dem Götzenbild eine große Photographie von Richard Avory stand. Und daneben bemerkte er das Fläschchen, das er aus seinem Hause mitgebracht hatte. Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn, und er stöhnte. King lachte vergnügt. »Die herrlichste Musik könnte mich nicht mehr erfreuen, als Ihr Jammern, Barthelemy.« Barthelemy kam langsam zum Bewußtsein seiner Lage und damit wieder in den Besitz seiner Kaltblütigkeit. Er richtete den Blick fest auf den anderen und sagte: »Sie sind ein gemeiner Mensch, ein feiger Schurke.« King lachte wieder. In aller Gemütsruhe mischte er sich sein Getränk und zündete sich eine Zigarette an. »Im Gegenteil«, sagte er, »ich bin ein echter Gentleman. Ich bleibe meinen Freunden treu auch noch über ihren Tod hinaus. Und den Lebenden bin ich ein unversöhnlicher Feind. Begreifen Sie nun, Barthelemy? Hier sehen Sie Richard Avory, den Sie ermordet haben. Und darum –« »Wollen Sie mich morden«, sagte Barthelemy ruhig, »kaltblütig morden. Sie sind mehr als ein Schuft, Sie sind ein Lügner. Sie haben mich unter dem Vorwand, mir Schutz und Obdach zu geben, hierher gelockt, Sie haben mir ein Betäubungsmittel eingegeben und wollen mich jetzt töten. Sie sind ein Lump, Mr. Banister King.« »Ich will mit Ihnen nicht streiten, Barthelemy. Sie werden zugeben, daß Sie Avory kaltblütig umgebracht haben. Ich weiß alles, ich habe Monate darauf verwandt, Ihnen auf die Spur zu kommen. Sie gaben ihm das Gift in Ihrem Hause, das ihn nachher in seinem Bett tötete. Sie verließen sich auf Ihre Sachkunde und bedachten nicht, daß noch mehr Leute etwas davon verstehen. Hier ist das Fläschchen, das Sie benutzten. Ich wußte, daß Sie es mitbringen würden.« Schweigend starrte Barthelemy auf seinen Peiniger, und dieser fuhr fort: »Ich war es, der die Polizei auf Sie gehetzt hat – Ihr Fluchen ist sinnlos –, ich habe alles in die Wege geleitet. Aber Sie wollte ich der Polizei nicht überlassen, Sie wollte ich für mich selbst haben. Nun werden Sie selbst das Zeug schlucken, das Sie dem armen Avory gegeben haben. Verstehen Sie mich, mein Freund?« »Dazu können Sie mich nicht zwingen«, rief Barthelemy. King stand auf, nahm das Fläschchen, entkorkte es und kippte es um. Nicht ein Tropfen lief heraus. »Sie sehen, daß es leer ist, Barthelemy«, sagte er ruhig. »Ich habe Ihnen die Tropfen eingegeben, während Sie schliefen. Nun können Sie weiter schlafen und dann – sterben.« King wandte sich ab und warf die Phiole in das Kaminfeuer. Ein seltsamer Laut veranlaßte ihn, sich umzublicken. Er sah, daß Barthelemy ohnmächtig geworden war. Er war in den Stuhl zurückgesunken. Der Unterkiefer klappte herunter wie bei einem Toten. Eine Weile betrachtete King seinen Gefangenen. Barthelemy erwachte aus seiner Ohnmacht, um in neue Bewußtlosigkeit zu versinken. Da nahm King seinen Hut und ging fort. In fünf Minuten kam er mit einem halben Dutzend uniformierter Männer zurück. Und immer war Barthelemy noch bewußtlos. »Da ist er«, sagte King. »Ihnen konnte er entwischen, mir nicht. Jetzt bin ich mit ihm fertig. Einmal ist er schon in seiner Einbildung gestorben. Nun können Sie ihn dem wirklichen Tod überantworten. Sie suchen ihn um einer Kleinigkeit willen. Das ist nichts im Vergleich zu der Anklage, die ich gegen ihn erhebe.« »Worum handelt es sich denn?« fragte einer der Beamten. »Um Mord«, antwortete King. Sechsunddreißigstes Kapitel. Der Aktschluß. An diesem Morgen war ganz London in Aufregung. Die Presseleute hatten während der Nacht kein Auge zugemacht. Immer wieder wurden Neuausgaben herausgebracht. Als die Frühstückszeit kam, wußte jedermann von der großen Verschwörung. Der Diebstahl des Geheimdokuments und die Übersetzung desselben in der französischen Zeitung war schon bekannt gewesen. Nun kannte man auch die Diebe. Darunter befand sich eine elegante Dame, die Schwester eines Pairs, die Frau eines verdienten Offiziers, und noch dazu eine stadtbekannte Schönheit, die hochgeborne Frau Tressingham. Und auch der andere war in der ganzen Stadt bekannt, ein Franzose, Armand de Garnier. Ein romantischer Schimmer umwob ihre Verhaftung. Der Mann war an Bord eines Dampfbootes in Newhaven festgenommen worden. Die Frau hatte man beim Verlassen einer Spielhölle übelster Sorte erwischt. Aber es gab noch mehr Interessantes. Man las verschleierte Andeutungen, daß auch der Besitzer dieses Amaranthklubs in die Angelegenheit verwickelt war und daß man mit ihm einen König der Verbrecher gefaßt hatte. Wie überfüllt ein Gerichtssaal auch sein mag, es gibt immer Leute, die sich infolge ihrer Beziehungen noch Einlaß verschaffen können. Unter diesen Begünstigten befanden sich auch Banister King und Lydia Linkinshaw. »Das ist so gut wie eine Premiere«, bemerkte Fräulein Linkinshaw. »In früheren Zeiten hätte man das Hochverrat genannt, nicht wahr?« »So ähnlich«, erwiderte King. »Jedenfalls hätten sie früher mehr als die Freiheit verloren.« Lydia seufzte. »Es gibt keine Romantik mehr heutzutage. Denke dir, wenn man sie zum Tode verurteilen und ihre Köpfe vor dem Gerichtsgebäude auf Stangen spießen könnte wie früher. Das gäbe einen famosen Aktschluß.« Lydias blutdürstige Bemerkungen wurden durch den Eintritt des Richters unterbrochen. Gleich darauf ging eine Bewegung durch die Menge. Hilda Tressingham kam in Sicht. Sie trug einen kostbaren Pelz und hatte es verschmäht, ihr Gesicht hinter einem Schleier zu verstecken. Sie schaute auf die Anwesenden, als hätte sie eine Herde Vieh vor sich. »Jetzt kommt der Franzose«, flüsterte King. »Ob Garnier den Kopf auch so hoch tragen wird?« Aber kein Garnier kam. Statt dessen tauchte Barthelemys Patriarchenbart auf. Da war nichts von Stolz zu bemerken. Er sah aus wie ein Häufchen Unglück und wagte es kaum, seiner Mitschuldigen einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. Und immer noch kam kein Garnier. Es schien überhaupt kein Angeklagter mehr hereingeführt zu werden, denn der Staatsanwalt begann bereits zu den Geschworenen zu sprechen. »Was soll das bedeuten?« flüsterte King. »Warum fehlt Garnier, und warum ist Barthelemy hier? Was hat er mit dem Dokument zu tun?« »Sei still, Banny, und höre zu, was der spitznasige Hans da zu sagen hat«, sagte Lydia. Der spitznasige Hans hatte nichts zu sagen, was die Anwesenden nicht schon gewußt hätten. Er ging ausführlich auf die Geschichte des Dokumentendiebstahls ein, und kein Mensch hörte ihm zu. Aber aufmerksames Schweigen herrschte, als er seinem Beamten befahl, den Zeugen aufzurufen. »Armand de Garnier!« King fuhr heftig zusammen. Er deutete mit dem Finger nach der Anklagebank. »Sieh nur, sieh nur!« flüsterte er. Hilda Tressingham war aufgesprungen. Ihr Gesicht, das sie der Tür zukehrte, durch die Garnier kommen mußte, war totenblaß geworden. Sie murmelte etwas vor sich hin und sah Barthelemy an. Aber dieser stand zusammengesunken da und blickte nicht einmal auf. Garnier ging mit energischen Schritten auf den Zeugenstand zu. Er war sehr elegant gekleidet und sah aus wie ein Mann, der gut gefrühstückt hat und mit sich selbst und der Welt durchaus zufrieden ist. Ein Murmeln ging durch den Saal. »Er ist Kronzeuge! Er ist Kronzeuge!« Weil alle Anwesenden, selbst die Beamten, auf Garnier blickten, achtete niemand außer Banister King auf Hilda Tressingham. Und King sprang plötzlich auf und rief so laut er konnte: »Achtung – der Revolver!« Aber es war zu spät. Bevor jemand zuspringen konnte, hatte Hilda Tressingham die Waffe gezogen und geschossen. Garniers zuversichtliches Lächeln erstarb und verwandelte sich in einen Ausdruck von Entrüstung und Pein, als er tot zusammenbrach, die Kugel mitten im Herzen.     »Das war der beste Aktschluß, den ich jemals erlebt habe«, sagte Lydia, als sie zehn Minuten später mit ihrem Freund im Auto saß. »Bist du nicht auch der Ansicht?« »Ja«, erwiderte King. »Aber das alles war nur das Vorspiel zu einem anderen Drama.«