Joseph Smith Fletcher Der Stadtkämmerer (The Borough Treasurer) Kriminalroman 1. Kapitel. Erpressung. In der Mitte der Hauptstraße von Highmarket stand eine wuchtige, massive Torfahrt, die noch aus dem Mittelalter stammte. Wenn man hindurchging, kam man auf einen quadratischen Hof, zu dessen Seiten sich alte Steinhäuser erhoben. Welcher Bestimmung diese Gebäude früher gedient hatten, war nicht mehr zu erkennen, jetzt wurde hier ein Baugeschäft betrieben. Große Stapel norwegischen Holzes türmten sich an der Mauer; Schieferplatten aus Wales, Marmorstufen aus Aberdeen und Zement von Portland lagerten hier in Mengen. Die Räume der Gebäude waren mit allen möglichen Materialien gefüllt, die zum Hausbau benötigt wurden: Tür- und Fensterbeschläge aus Eisen und Bronze, Zink, Blei, Dachziegel, Röhren und alle Bedarfsartikel, die die moderne Technik dafür geschaffen hatte. Auf einer polierten Messingplatte am Eingang konnte man den Namen der Firma lesen: »Mallalieu \& Cotherstone, Baugeschäft.« An einem Oktobernachmittag standen die beiden Inhaber auf dem Hof. Sie waren eben aus dem Büro gekommen, um die neuen Transportwagen zu besichtigen, die nach den Zeichnungen Mallalieus gebaut worden waren. Er zeigte Cotherstone, der sich mehr mit der Buchhaltung und der Korrespondenz befaßte, stolz ihre Vorzüge. Mallalieu war ein großer, stattlicher Mann zwischen fünfzig und sechzig Jahren. Er sah repräsentativ und würdevoll aus und hielt viel auf gute Kleidung. Seine kleinen Augen blitzten lebhaft und schienen alles zu beobachten. Er hatte den Hut ein wenig in den Nacken geschoben und wies eben auf einige Einzelheiten der Entladevorrichtungen hin. »Siehst du, Cotherstone, mit einem einzigen Handgriff kann man den ganzen Wagen entladen. Man sollte sich die Idee eigentlich patentieren lassen.« Cotherstone trat etwas näher. Er war im Gegensatz zu seinem Kompagnon schlank und beweglich. Obwohl er jünger als Mallalieu war, sah er doch älter aus; an den Schläfen war sein dünnes Haar schon ergraut. Mallalieu machte den Eindruck unverwüstlicher Kraft und Gesundheit; in Cotherstones unruhigem Wesen, in seiner Sprache und in seinen Bewegungen verriet sich dagegen eine Nervosität, die fast an Furcht grenzte. Er ging schnell um den einen Wagen herum und betrachtete ihn von allen Seiten. »Das stimmt«, erwiderte er. »Es ist eine gute Idee, aber wenn sie patentiert werden soll, müssen wir uns sofort darum kümmern, ehe diese Wagen in Betrieb genommen werden.« »Nun, so gefährlich ist es nicht! In Highmarket versteht niemand etwas davon oder ist so schlau, uns das Geheimnis abzugucken«, meinte Mallalieu in guter Laune. »Vielleicht könnte man die Sache vorläufig als Musterschutz anmelden.« »Ich will daran denken. Auf jeden Fall lohnt es sich.« Mallalieu zog seine große, goldene Uhr aus der Tasche und sah auf das juwelenbesetzte Zifferblatt. »Alle Wetter!« rief er. »Schon vier Uhr! Ich habe eine Sitzung im Rathaus in einer Viertelstunde – aber bevor ich nach Hause gehe, komme ich noch einmal her.« Er eilte durch das Tor hinaus. Cotherstone betrachtete die Wagen noch einmal eingehend, sah einige Papiere durch, die er in der Hand hielt, und ging dann in das Lager, um die neuangekommenen Sendungen zu prüfen. Er war noch damit beschäftigt, als ein Angestellter zu ihm trat. »Mr. Kitely ist gekommen, um seine Miete zu bezahlen. Er möchte Sie selbst sprechen.« »Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig«, zählte Cotherstone, dem diese Unterbrechung sehr ungelegen kam. »Führen Sie ihn in mein Privatbüro. ich komme gleich hinüber.« Er führte die begonnene Arbeit erst zu Ende, trug den genauen Befund in eine Liste ein und wandte sich dann zu den Büroräumen. Kurze Zeit später begrüßte er in seinem Privatkontor einen älteren Herrn, der vor kurzem an der Stadtgrenze ein Haus von ihm gemietet hatte. »Guten Tag, Mr. Kitely! Ich freue mich, Sie wieder einmal zu sehen. Leute, die ihre Miete bezahlen, sind immer willkommen. Nehmen Sie bitte Platz. Hoffentlich sind Sie mit der Wohnung dort zufrieden?« Der Besucher setzte sich, legte die Hände auf seinen altmodischen Spazierstock und sah seinen Hauswirt mit einem merkwürdigen Lächeln an. Nach seiner schlanken, etwas zu hageren Gestalt, dem abgetragenen, schwarzen Anzug und der Krawatte hätte man ihn für einen Geistlichen halten können. Er war glatt rasiert und schon ergraut. Cotherstone wußte nur, daß dieser Mann in der Lage war, seine Mieten und Steuern regelmäßig zu zahlen, und hielt ihn für einen pensionierten Kirchendiener. »Man sollte doch denken, daß Sie und Mr. Mallalieu kein Geld brauchen«, sagte er ruhig. »Ihr Geschäft scheint ja sehr flott zu gehen.« »Ach, es ist alles nicht so, wie es aussieht. Wir haben uns allerdings nicht zu beklagen, Mr. Kitely.« Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb eine Quittung aus. »Sie zahlen fünfundzwanzig Pfund im Jahr, das macht 6 Pfund und 5 Schilling pro Quartal. Darf ich Ihnen ein Glas Whisky einschenken?« Kitely nahm einige Banknoten und Silbergeld heraus, zählte sie auf und nahm die Quittung. Aber er sah Cotherstone immer noch mit dem eigentümlichen lächelnden Ausdruck an. »Danke, das nehme ich gern an.« Er beobachtete Cotherstone, der eine geschliffene Whiskyflasche und Gläser aus dem Schranke nahm und von einem Filter in der Ecke frisches Wasser holte, um die Getränke zu mischen. Dann nahm er das Glas mit einem höflichen Nicken und trank Cotherstone zu. »Wie gefällt es Ihnen denn in Ihrem Haus, Mr. Kitely? Haben Sie etwas auszusetzen?« »Nein, nicht daß ich wüßte.« Es lag eine merkwürdige Zurückhaltung in Kitelys Wesen, und Cotherstone schaute ihn etwas verwundert an. »Und Highmarket gefällt Ihnen auch? Sie wohnen ja nun schon einige Zeit hier und haben sich sicher ganz gut eingelebt.« »Es ist alles so, wie ich es erwartet hatte«, entgegnete Kitely. »Schön ruhig und friedlich. Und wie geht es Ihnen hier?« »Wie es mir hier geht?« fragte Cotherstone erstaunt. »Ich bin doch schon seit fünfundzwanzig Jahren hier!« Kitely nahm einen Schluck aus seinem Glase, setzte es dann auf den Tisch und sah Cotherstone durchdringend an. »Ja, Sie haben recht. Vor fünfundzwanzig Jahren kamen Sie mit Ihrem Teilhaber hierher. Und vor dreißig Jahren machte ich zum erstenmal Ihre Bekanntschaft. Aber das haben Sie wahrscheinlich vergessen.« Cotherstone richtete sich plötzlich auf und warf Kitely einen fragenden Blick zu. Seine scharfen Züge sahen noch angespannter aus als sonst. »Was sagten Sie da eben?« fragte er unsicher. »Vor dreißig Jahren lernte ich Sie und Mr. Mallalieu kennen. Ich dachte mir schon, daß Sie es vergessen hätten – ich aber nicht!« Cotherstone starrte seinen Besucher sprachlos an, dann erhob er sich langsam, ging zur Tür, vergewisserte sich, ob sie geschlossen war, und kam dann wieder zurück. »Was meinen Sie denn?« »Was ich sage!« entgegnete Kitely mit einem trockenen Auflachen. »Es ist dreißig Jahre her, seitdem ich Sie zuerst sah.« »Wo denn?« Kitely forderte ihn durch eine Handbewegung auf, sich zu setzen, und Cotherstone gehorchte. Er fuhr zusammen, als Kitely die Hand auf seinen Arm legte. »Wollen Sie wirklich wissen, wo das war?« fragte er, indem er sich näher zu Cotherstone neigte. »Nun, ich will es Ihnen sagen. Sie saßen damals beide auf der Anklagebank vor den Geschworenen!« Cotherstone antwortete nicht. Er hatte die Spitzen seiner Finger zusammengelegt und starrte dauernd in Kitelys Gesicht, als ob dieser von den Toten auferstanden wäre. Er fühlte sich entsetzlich elend und willenlos; es war ihm, als ob er unter dem Bann einer Hypnose stände. Er konnte sich weder bewegen noch sprechen, während Kitely ihn berührte und ihn unheilvoll ansah. »Ja, das sind nun einmal Tatsachen«, fuhr Kitely fort, »daran läßt sich nichts ändern. Ich kann mich jetzt auf alles besinnen. Nach und nach ist es mir wieder eingefallen. Sie und Mallalieu kamen mir gleich bekannt vor. Damals hießen Sie natürlich noch nicht Mallalieu und Cotherstone, sondern Sie waren ganz einfach –« Cotherstone schüttelte plötzlich die Hand des andern ab. Sein blasses Gesicht wurde dunkelrot, und die Adern auf seiner Stirn traten hervor. »Verdammt noch einmal, wer sind Sie denn eigentlich?« fragte er leise, aber heftig. Kitely schüttelte den Kopf und lächelte ruhig. »Sie brauchen sich deswegen nicht aufzuregen, obwohl das von Ihrem Standpunkt aus ja erklärlich ist. Wer ich bin? Ich trat vor fünfunddreißig Jahren in die Polizeitruppe ein und war noch bis vor kurzer Zeit dort tätig.« »Also ein Detektiv!« rief Cotherstone. »Das war ich damals noch nicht, als ich Sie vor Gericht sah. Das kam erst später. Ich habe mir nachher noch manchmal überlegt, was wohl aus Ihnen geworden sein könnte, aber ich habe mir niemals träumen lassen, daß ich Sie hier treffen würde. Sie haben sich also nach dem Norden gewandt, nachdem Sie Ihre Zeit abgesessen hatten, haben Ihren Namen geändert, ein neues Leben begonnen, und nun sitzen Sie hier. Ausgezeichnet, muß ich sagen!« Cotherstone hatte sich inzwischen gefaßt. Er war aufgestanden und lehnte nun mit dem Rücken gegen den Kamin. Er dachte nach, und, um Zeit zu gewinnen, ließ er seinen Besucher ruhig weiterreden. »Das haben Sie fein gekonnt! Wahrscheinlich haben Sie einen Teil des Geldes, das Ihnen damals in die Hände fiel, sorgfältig versteckt. Denn um ein solches Geschäft anzufangen, braucht man doch Geld. Nachher ließen Sie sich natürlich nichts mehr zuschulden kommen und wurden dann ganz wohlhabende Leute. Mr. Mallalieu ist sogar Bürgermeister von Highmarket! Zum zweitenmal von der Gemeinde gewählt! Und Mr. Cotherstone ist Stadtkämmerer und versieht diesen wichtigen Posten schon im sechsten Jahre! Ich muß nur immer wiederholen, daß Ihnen das außerordentlich gut geglückt ist.« »Wollen Sie nicht noch mehr erzählen?« fragte Cotherstone etwas ironisch. Aber Kitely hatte anscheinend die Absicht, alles nach seinem eigenen Gutdünken vorzubringen, denn er überhörte Cotherstones Frage vollkommen und sprach weiter, als ob ihm die Erinnerung an vergangene Zeiten Spaß mache. »Ja, Sie müssen ein schönes Anfangskapital gehabt haben. Das war natürlich gut und sicher irgendwo angelegt, während Sie im Kittchen saßen. Sie haben doch damals eine Baugenossenschaft betrogen? Mallalieu war der Schatzmeister, und Sie waren der Sekretär, ich weiß es ganz genau. Sie hatten zweitausend –« Cotherstone machte eine plötzliche Bewegung, als ob er sich auf den andern stürzen wolle, aber Kitely hielt ihn zurück und sah ihn scharf an. »Unterlassen Sie das lieber!« sagte er grinsend und zeigte seine häßlichen, gelben Zähne. »Sie können mich doch nicht gut hier in Ihrem eigenen Büro totschlagen. Meine Leiche könnten Sie jedenfalls nicht so gut verstecken wie das Geld, das Sie damals unterschlagen haben. Aber seien Sie ruhig, ich bin ein vernünftiger Mann, der mit sich reden läßt, und außerdem bin ich schon alt.« Cotherstone ging im Raum auf und ab, um seiner Erregung Herr zu werden. »Denken Sie einmal ruhig über die Sache nach. Außer mir wird wohl niemand mehr in England Ihr und Mallalieus Geheimnis kennen. Es war der reinste Zufall, daß ich es überhaupt entdeckt habe, aber ich weiß es nun einmal. Überlegen Sie sich einmal, was das bedeutet, vor allem, was Sie verlieren können. Mallalieu genießt hier so großes Ansehen, daß man ihn zum zweitenmal zum Bürgermeister gewählt hat, und Sie sind nun schon seit sechs Jahren Stadtkämmerer. Sie können es sich nicht leisten, daß ich zu den Leuten in Highmarket gehe und ihnen sage, man hätte es bei Ihnen mit zwei früheren Verbrechern zu tun. In Ihrem Fall liegt die Sache außerdem noch anders, denn Sie haben eine Tochter.« Cotherstone stöhnte. Er konnte diese Qual kaum länger ertragen, aber Kitely fuhr erbarmungslos fort. »Ihre Tochter wird den aussichtsreichsten jungen Mann hier in der Stadt heiraten, er hat noch eine Karriere vor sich. Meinen Sie, der würde sie nehmen, wenn er wüßte, daß sein zukünftiger Schwiegervater früher ein Zuchthäusler war – selbst wenn die Geschichte schon dreißig Jahre zurückliegt.« »Ich habe jetzt genug«, unterbrach ihn Cotherstone leidenschaftlich. »Ich sehe ja, worauf das alles hinausläuft. Es ist ganz gemeine Erpressung! Wieviel wollen Sie haben? Es hat keinen Zweck, noch lange darum herumzureden.« »Ich nenne durchaus keine Summe, bis Sie mit Mallalieu gesprochen haben. Die Sache kann in aller Ruhe erledigt werden. Sie können nicht und ich werde nicht davonlaufen. Ich habe Sie in der Hand, sagen Sie das nur dem Bürgermeister. Dann beraten Sie und überlegen sich, wieviel Ihnen die Sache wert ist. Setzen Sie mir ein Jahresgehalt aus, das wäre mir ganz angenehm.« »Haben Sie schon mit jemand darüber gesprochen?« fragte Cotherstone ängstlich. »Glauben Sie denn, daß ich so verrückt bin? Sie wissen jetzt alles. Morgen nachmittag komme ich wieder, und dann machen Sie mir einen Vorschlag.« Er trank sein Glas aus und ging fort, ohne sich zu verabschieden. 2. Kapitel. Verbrechen und Erfolg. Cotherstone schaute ratlos ins Leere, nachdem Kitely ihn verlassen hatte. Vor drei Monaten war dieser Mann zu ihm ins Büro gekommen und hatte sich für ein kleines Haus interessiert, das Cotherstone zu vermieten hatte. Er hatte sich damals nach der Höhe des Mietpreises erkundigt und nebenbei erwähnt, daß er sich an einem ruhigen Ort niederlassen wollte und von seiner Tätigkeit zurückgezogen hätte, um den Rest seiner Tage zu verbringen. Er hatte dann das kleine Haus gemietet und seinem Wirt genügend gute Referenzen aufgegeben. Cotherstone hatte als vielbeschäftigter Mann nicht weiter darüber nachgedacht, und er hätte es sich niemals träumen lassen, daß gerade dieser Fremde ihn und Mallalieu schon vor dreißig Jahren gekannt hatte. Es war Cotherstones eifrigstes Bemühen gewesen, die Vorgänge jener Zeit zu vergessen, und es war ihm auch fast gelungen, sein Gedächtnis einzuschläfern. Aber nun hatte Kitely wieder alles geweckt. Sein Gesicht wurde düster, als er über den einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit nachdachte. Er sah sich selbst und Mallalieu wieder auf der Anklagebank. Natürlich hießen sie damals anders. Seinen alten Namen hatte er seit langen Jahren nicht mehr ausgesprochen. Ihr Fall hatte damals großes Aufsehen erregt und das öffentliche Interesse auf sich gelenkt. Es war eine böse Geschichte gewesen. Als zwei junge, gutsituierte Leute standen sie damals unter der Anklage, die Gelder einer Baugenossenschaft veruntreut zu haben, bei der sie als Schatzmeister und Sekretär angestellt waren. Die Geschworenen hatten die Sache sehr streng genommen und die beiden Schuldigen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. In Cotherstones Gedächtnis lebte diese Zeit als ein fürchterlicher Traum weiter, und doch war es schreckliche Wirklichkeit gewesen. Er sah auf seine zitternden Hände, nahm rein mechanisch die Whiskyflasche vom Tisch und goß sich ein. Vielleicht beruhigten sich seine Nerven, wenn er etwas zu sich nahm. Hastig trank er zwei Gläser leer und grübelte dann weiter. Dieser alte Kitely war ein schlauer Fuchs. Er wies sofort auf den einen Punkt hin, auf den die Leute vor dreißig Jahren nicht gekommen waren. Damals sagte man, die beiden hätten das Geld der Genossenschaft im Spiel und durch Spekulationen verloren. Aber das stimmte nicht; der größte Teil des Geldes war gut und sorgfältig untergebracht, und sie konnten sofort darüber verfügen. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis brauchten sie nur das Geld wieder an sich zu nehmen, um es für ihre eigenen Zwecke verwenden zu können. Sie hatten die Sache sehr klug angefangen. Ruhig und ohne Aufsehen zu erregen, waren sie vom Schauplatz ihrer früheren Tätigkeit in Südengland verschwunden. Sie hatten damals das Gerücht verbreitet, daß sie in die Kolonien gehen wollten, um eine neues Leben zu beginnen. Sie fuhren auch nach Liverpool, um von dort angeblich zu Schiff nach Amerika auszuwandern. Aber in Liverpool führten sie einen anderen Plan durch. Sie brachen mit der Vergangenheit, nahmen andere Namen an, trennten sich und trafen sich dann im fernen Norden Englands in einer wilden, einsamen Gegend wieder. In Liverpool hatten sie zufällig in einer Lokalzeitung gelesen, daß in Highmarket ein altes, guteingeführtes Baugeschäft zu verkaufen war. Sie erwarben es, und von diesem Augenblick an waren sie Anthony Mallalieu und Milford Cotherstone. Während der letzten dreißig Jahre hatte sie niemand und nichts an ihre Vergangenheit erinnert. Cotherstone hatte zwar oft von anderen die Bemerkung gehört, daß diese Welt doch sehr klein sei. Heimlich hatte er immer darüber lachen müssen. Für ihn und seinen Partner war die Welt weit und groß genug gewesen. Sie wohnten nun siebenhundert Kilometer von dem Schauplatz ihres früheren Vergehens entfernt. Wie sollte ein Mann aus Wilchester in diese nördliche Gegend verschlagen werden? Und Leute von Highmarket kamen niemals nach dem Süden. Weder er noch Mallalieu machten große Reisen; besonders vermieden sie London, um dort nicht alte Bekannte zu treffen. Sie waren immer hier geblieben und hatten sich jahrein, jahraus um ihr Geschäft gekümmert. Man kannte sie zunächst als strebsame, hart arbeitende junge Leute, dann als erfolgreiche Bauunternehmer, und schließlich stieg ihr Ansehen in der Stadt so sehr, daß sie zu ihren jetzigen Ehrenämtern kamen. Das Städtchen war allerdings klein und hatte kaum mehr als achttausend Einwohner. Aber auch bei der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten hatten sie Umsicht und Tatkraft gezeigt, und Mallalieu trug nun zum zweitenmal die große, goldene Amtskette als Bürgermeister, während er selbst als Stadtkämmerer seit mehreren Jahren die Finanzen regelte. Cotherstone starrte in die glühende Asche des Feuers und dachte darüber nach, daß es wohl kaum zwei Leute in der ganzen Stadt gab, denen man mehr traute und mehr Achtung entgegenbrachte als seinem Partner und ihm. Aber das war noch nicht alles. Beide hatten ein paar Jahre nach ihrer Niederlassung in Highmarket geheiratet; ihre Frauen stammten aus guten Familien der Nachbarschaft. Gut, daß sie schon tot waren, dachte Cotherstone, und daß Mallalieu keine Kinder hatte. Aber Cotherstone besaß eine Tochter, die er liebte und auf die er stolz war; er hatte sich abgemüht und abgearbeitet, um sie zu einer reichen Frau zu machen. Sie hatte die beste Erziehung genossen, und er hatte sogar zwei Jahre auf ihre Gesellschaft verzichtet, damit sie sich auf einer auswärtigen teuren Schule weiterbilden konnte. Seit sie erwachsen war, hatte er sie mit allem Komfort umgeben, und nun war sie mit Windle Bent verlobt, dem aussichtsreichsten jungen Mann in Highmarket. Er war ein reicher Fabrikbesitzer, hatte eine große Firma geerbt, saß bereits im Stadtrat und hatte die Absicht, sich später ins Parlament wählen zu lassen. Jedermann wußte, daß er eine große Karriere vor sich hatte, denn er besaß die nötige Begabung und Veranlagung. Es mochte sein, daß er später sogar zur Würde eines Barons oder eines Lords gelangte. Das war die richtige Partie, die Cotherstone für Lettie gewünscht hatte. Es wäre für ihn ein zu großes Glück gewesen, wenn sie später geadelt worden wäre, und nun kam dieser Schlag! Cotherstone überlegte und überlegte. Die Dunkelheit war hereingebrochen, aber er drehte den Lichtschalter nicht an. Diese Sache mußte aus der Welt kommen, mochte es kosten, was es wolle. Kitelys Schweigen mußte erkauft werden, und wenn er und Mallalieu die Hälfte ihres Vermögens dafür geben sollten. Er mußte sofort mit Mallalieu sprechen. Ein Klopfen schreckte ihn auf. Er machte Licht, als er »Herein« rief. Stoner, ein Angestellter, brachte eine Anzahl von Briefen zur Unterschrift. »Ich bin doch wahrhaftig in der Wärme hier eingeschlafen. Was bringen Sie denn da? Die Briefe?« »Ja, sie müßten unterzeichnet werden, auch diese drei Verträge. Außerdem müßten Sie noch die Kostenvoranschläge prüfen.« »Mr. Mallalieu muß die Verträge vorher noch sehen«, erwiderte Cotherstone. Er stellte die Whiskyflasche und die Gläser beiseite und nahm dann die Unterschriftenmappe. »Die Briefe werde ich unterschreiben. Sie können sie dann auf Ihrem Heimwege zur Post bringen. Die anderen Schriftstücke müssen bis morgen warten.« Stoner stand hinter Cotherstone, der einen Brief nach dem anderen zeichnete, nachdem er ihn schnell überflogen hatte. Er war ein junger Mann mit schneller Beobachtungsgabe, und er betrachtete seinen Chef überrascht. Vorher hatte er schon entdeckt, daß Cotherstone sehr nachdenklich war, und als er nun die Whiskyflasche sah, wußte er, daß die Bemerkung über das Einschlafen eine Notlüge war. Die sechs Pfundnoten und die Silberstücke lagen noch auf dem Schreibtisch, und er wunderte sich, warum sein Chef wohl so zerstreut war, daß er vergessen hatte, dieses Geld wegzunehmen. Cotherstone war sonst in Geldsachen sehr gewissenhaft und ließ auch nicht die kleinste Münze herumliegen. »So, das wäre erledigt«, sagte Cotherstone und reichte die Mappe zurück. »Sie können jetzt gehen, denken Sie aber daran, die Briefe zur Post zu bringen. Ich bleibe noch hier und schließe später das Büro ab. Lassen Sie die äußere Tür offen, Mr. Mallalieu kommt noch einmal.« Er ließ die Vorhänge herunter, als Stoner gegangen war, und ging dann im Zimmer auf und ab, um seinen Partner zu erwarten. Mallalieu kam auch bald in bester Laune zurück. »Ach, du bist noch da?« fragte er, als er eintrat. »Aber was ist denn los?« Er blieb stehen und starrte in das Gesicht seines Kompagnons. Cotherstone sah über Mallalieus Schulter in den Spiegel und entdeckte sein bleiches, eingefallenes Gesicht. Er sah um zehn Jahre älter aus als am Morgen. »Fühlst du dich nicht wohl?« fragte Mallalieu. »Was fehlt dir denn?« Cotherstone antwortete nicht, ging an Mallalieu vorüber und sah in den äußeren Büroraum. Stoner war gegangen, und es brannte nur noch eine Lampe, aber Cotherstone schloß die Tür sorgfältig und sprach ganz leise, als er zu Mallalieu zurückkam. »Schlechte Neuigkeiten – eine böse Sache!« »Wovon sprichst du denn? Ist es privat oder geschäftlich?« »Dieser Kitely, mein neuer Mieter, kennt uns von früher!« Mallalieu wurde plötzlich blaß und wandte sich scharf an Cotherstone. »Er kennt uns! Wann – wo –« »Wilchester, vor dreißig Jahren. Er weiß alles!« Mallalieu sank in den nächsten Stuhl, als ob er einen Schlag erhalten hätte. Eben war er noch frisch und munter hereingekommen, aber jetzt sah er ebenso blaß aus wie sein Partner. Ein gequälter Zug lag auf seinem Gesicht. »Aber das ist doch nicht wahr!« sagte er heiser. »Doch. Es ist eine Tatsache. Er weiß alles. Er war früher Polizeidetektiv und hat wohl amtlich mit unserem Fall zu tun gehabt.« »Hat der Spürhund uns bis hierher verfolgt?« »Nein, es ist reiner Zufall. Er hat uns erkannt, nachdem er hierherkam. Nach all diesen vielen Jahren!« Mallalieus Blick fiel auf die Whiskyflasche, und er schenkte sich ein Glas ein. Cotherstone beobachtete, daß seine Hand zitterte. »Das ist eine harte Pille. Was will er denn? Hat er sich darüber geäußert?« »Er will uns natürlich erpressen«, entgegnete Cotherstone mit einem verzweifelten Lachen. »Was sollte ein solcher Kerl sonst wollen? Denke dir, wenn er den Leuten in Highmarket erzählte –« »Ja, ja«, unterbrach ihn Mallalieu. »Aber nehmen wir einmal an, wir stopfen ihm den Mund, kann man dem Menschen denn trauen? Das wird ja eine Schraube ohne Ende, er wird immer mehr haben wollen.« Er sprach von einer jährlichen Rente und sagte, daß er ein alter Mann geworden sei.« »Wie alt ist er denn?« »Zwischen sechzig und siebzig. Ich habe den Eindruck, daß man sein Schweigen kaufen könnte. Auf jeden Fall müssen wir das tun, denn wir dürfen nicht riskieren, daß er uns ruiniert. Ich muß an meine Tochter denken.« »Glaubst du, daß ich es dazu kommen lassen würde? Ich überlege nur, ob wir ihn wirklich zum Schweigen bringen können. Ich habe schon gehört, daß Leute jahrelang Erpressern große Summen zahlten und schließlich doch nichts davon hatten.« »Er kommt morgen nachmittag wieder hierher. Dann wollen wir zusammen mit ihm sprechen. Wenn wir ihm mehrere hundert Pfund jährlich anbieten, schweigt er wahrscheinlich.« Mallalieu trank sein Glas aus und stieß es beiseite. »Ich will mir die Sache überlegen. Jetzt muß ich gehen, ich habe noch eine Verabredung. Kommst du mit?« »Noch nicht, ich muß diese Schriftstücke noch durchsehen. Wir wollen es gut bedenken – ich glaube nicht, daß mit dem Mann zu spaßen ist.« Mallalieu ging ohne Gruß fort, und Cotherstone war wieder allein. 3. Kapitel. Mord. Cotherstone setzte sich an den Schreibtisch und versuchte, die Papiere zu prüfen, die Stoner gebracht hatte. Aber es gelang ihm nicht. Er hatte gehofft, durch die Aussprache mit seinem Teilhaber Erleichterung und Beruhigung zu linden, aber es quälte ihn immer noch eine unsagbare Angst. Solange Kitely lebte, waren sie nicht sicher. Selbst wenn sich der frühere Detektiv an einen Vertrag halten sollte, waren sie doch stets von ihm abhängig. Und dieser Gedanke war entsetzlich für Cotherstone, der seit achtundzwanzig Jahren niemand über sich gehabt hatte. Er wünschte, daß Kitely tot und begraben sein möchte, und sein Geheimnis mit ihm. Warum konnte man ein giftiges Insekt oder eine Schlange töten, wenn es einem beliebte, aber nicht einen menschlichen Blutsauger? Schließlich gab er den Versuch auf, noch zu arbeiten. Die Zahlen tanzten vor seinen Augen, und er konnte die technischen Einzelheiten nicht mehr auseinanderhalten. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu dem einen Punkt zurück. Er trommelte auf seine Schreibunterlage und starrte auf die tiefen Schatten im Zimmer. Plötzlich klingelte das Telefon im äußeren Büro. Cotherstone zuckte erschrocken zusammen und erhob sich zitternd. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, als er hinausging. »Wer ist dort?« fragte er. Er hörte die erstaunte Stimme seiner Tochter. »Vater, was tust du denn noch im Büro? Hast du nicht daran gedacht, daß wir Windle und seinen Freund, Mr. Brereton, um acht Uhr zum Abendbrot eingeladen haben? Es ist Viertel vor acht, komm doch nach Hause!« »Das habe ich wirklich vergessen, ich war so beschäftigt. Ich komme gleich, Lettie!« Aber als er den Hörer wieder hingelegt hatte, beeilte er sich nicht im mindesten. Es dauerte noch einige Zeit, bis er das Licht ausschaltete und dann umständlich das Büro abschloß. Es war ihm nichts unangenehmer, als an diesem Abend Gäste unterhalten zu müssen. Er ging langsam über den Markt zu den äußeren Stadtvierteln. Vor vielen Jahren hatten er und Mallalieu sich eigene schöne Häuser an der westlichen Grenze der Stadt gebaut. Dort erhob sich ein langgestreckter, niedriger Hügelzug, den man Highmarket-Shawl nannte. Er beherrschte die ganze Stadt und war dicht mit Fichten und Tannen bestanden, zwischen denen hier und dort große Kalkfelsen aufragten. Am Fuß dieser Hügel hatten sie Bauland gekauft, hatten dort massive Steingebäude errichtet und sie mit allem modernen Luxus und Komfort ausgestattet. Cotherstone war immer stolz auf sein Heim gewesen, aber heute war es ihm zum erstenmal verhaßt, seine eigene Schwelle zu überschreiten. Die erleuchteten Fenster, die ihm schon von weitem zuwinkten, und der Duft guter Speisen erfreuten ihn nicht im mindesten. Er mußte sich überwinden, um überhaupt hineinzugehen und die beiden Gäste zu begrüßen, die bereits auf ihn warteten. »Ich konnte leider nicht früher kommen«, sagte er, als Lettie ihn halb ängstlich, halb scherzend schalt. »Wir hatten heute nachmittag eine recht unangenehme Sache, und ich muß auch nach Tisch noch eine Stunde fortgehen. Es tut mir leid, daß ich es nicht anders einrichten konnte. Nun, wie geht es Ihnen?« wandte er sich an Bents Freund. »Ich fürchte nur, es kommt Ihnen hier sehr kalt vor, nachdem Sie sich immer in London aufgehalten haben.« Bei Tisch betrachtete er den jungen Rechtsanwalt genauer, der einen sehr gewandten Eindruck machte. Noch begabter als Bent, dachte Cotherstone für sich, und das wollte viel heißen. Bent war ein fähiger Mensch und ein tüchtiger, energischer Geschäftsmann, der ungewöhnlich kluge Ideen und Pläne hatte. Er dachte nicht ruhig und besonnen über eine Frage nach, sondern handelte kurz und entschlossen. Cotherstone sah von einem zum andern und verglich sie miteinander. Bent war ein großer, schöner Mann mit blauen Augen, der gerne einen Witz hörte und lachte. Brereton dagegen war von mittlerer Größe, hatte dunkle Haare und Augen und auch dunkle Gesichtsfarbe, so daß man ihn fast für einen Ausländer hätte halten können. Er gehörte anscheinend zu den Menschen, die viel dachten und wenig sprachen. Cotherstone zwang sich zu einer Unterhaltung; auch wollte er sehen, ob Brereton Lettie bewunderte. Es war seine größte Freude, zu beobachten, daß seine schöne Tochter auf andere Leute Eindruck machte. Und auch dieser junge Mann aus London schien ganz in ihrem Bann zu stehen und die Wahl seines Freundes zu billigen. »Was haben Sie denn mit Ihrem Freunde angefangen?« sagte Cotherstone zu Bent. »Er ist doch schon seit gestern hier. Haben Sie ihm die Stadt gezeigt?« »Ach, ich habe ihn hauptsächlich mit Familiengeschichten gequält«, entgegnete der junge Mann und sah lachend zu seiner Braut hinüber. »Sie wissen allerdings noch nicht, Mr. Cotherstone, daß ich in letzter Zeit versucht habe, möglichst viel über meine Vorfahren herauszubringen. Den ganzen letzten Monat habe ich mich schon damit beschäftigt. Der alte Kitely hat mich auf diese Idee gebracht.« Cotherstone beherrschte sich mit Mühe, um nicht zusammenzuzucken. »Sie meinen doch nicht etwa meinen Mieter? Was weiß denn der von Familiengeschichten? Er ist doch hier in der Gegend ganz fremd!« »O, er weiß viel mehr als ich«, erwiderte Bent. »Er hat nichts zu tun, wie Sie wissen, und seitdem er sich hier niedergelassen hat, bringt er seine ganze Zeit damit zu, alle möglichen Akten auszugraben und durchzustudieren, die sich auf unsere Stadt beziehen. Es ist eine Liebhaberei von ihm. Der Stadtsekretär erzählte mir, daß Kitely fast das ganze alte Stadtarchiv durchstöbert hat. Und Kitely sagte mir eines Tages, daß er meinen Stammbaum aufstellen könnte, und da ich mich dafür interessierte, gab ich ihm den Auftrag, mit der Arbeit zu beginnen. Er hat schon viel Interessantes herausgebracht, und zwar gerade aus dem Stadtarchiv, von dem ich bisher noch nie etwas gehört hatte.« Cotherstone schaute nicht auf. »Dann waren Sie wohl in letzter Zeit viel mit Kitely zusammen?« fragte er möglichst gleichgültig. »Er war ab und zu bei mir und hat mir seine Resultate gebracht. Meistens waren es Abschriften aus dem alten Stadtregister.« »Hat denn das alles einen Zweck?« fragte Cotherstone. »Wird überhaupt etwas dabei herauskommen?« »Bent möchte seinen Stammbaum bis zu den Kreuzzügen zurückführen«, antwortete Brereton schelmisch. »Er glaubt, daß der erste Bent womöglich schon mit Wilhelm dem Eroberer auf diese Insel kam. Aber der alte Kitely ist erst bis zu der Zeit der Königin Elisabeth gekommen.« »Nun, ich wußte schon vorher, daß die Familie Bent schon seit vielen hundert Jahren in Highmarket ansässig ist. Und wenn man einen alten Stammbaum hat, warum soll man ihn nicht richtig ausarbeiten lassen? Kitely ist in diesen Dingen sehr bewandert. Der Stadtsekretär sagte mir, daß er sechshundert Jahre alte Urkunden lesen kann, als ob es Zeitungsartikel wären.« Cotherstone war nachdenklich geworden. Kitely stand also in enger Verbindung mit Bent. Die beiden sahen sich häufiger, und sein künftiger Schwiegersohn hatte den Mann sogar mit einer bestimmten Arbeit beauftragt. Daraus ließ sich zweierlei folgern: erstens hatte Kitely bisher über seine geheimen Kenntnisse geschwiegen, und man konnte daher annehmen, daß er auch in Zukunft nichts sagen würde, wenn man mit ihm zu einer Verständigung kommen konnte; zweitens ging daraus hervor, daß Bent Kitely vertraute und ihm alles glauben würde, was er ihm sagte. Es mußte also sofort mit Kitely verhandelt werden. Der Detektiv wußte zuviel und war auch zu schlau, als daß man ihn so herumlaufen lassen durfte. Sie mußten zu einer solchen Vereinbarung mit ihm kommen, daß er unter allen Umständen den Mund hielt. Wenn es ihm und Mallalieu nur gelingen könnte, Kitely so in die Hand zu bekommen, wie er sie in seiner Gewalt hatte – Als das Essen vorüber war, erhob er sich. »Lettie, nun mußt du die beiden Herren allein unterhalten, bis ich zurückkomme. Singe doch Mr. Brereton etwas vor. Bent, Sie wissen, wo der Whisky und die Zigarren stehen. Bitte bedienen Sie sich, und tun Sie so, als ob Sie zu Hause wären.« »Bleibe aber bitte nicht länger als eine Stunde, Vater«, bat Lettie. »In einer Stunde bin ich wohl fertig, vielleicht auch schon früher. Jedenfalls beeile ich mich, so sehr ich kann.« Gleich darauf trat er aus der Gartentür ins Freie. Er überdachte noch einmal, was er bei Tisch erfahren hatte. Windle Bent gehörte also zu den Leuten, die auf ihre Familie stolz waren. Der junge Mann freute sich darüber, daß er einen alten Stammbaum hatte und wußte, wer sein Ururgroßvater und seine Ururgroßmutter gewesen waren. Kitely mußte also um so mehr zum Schweigen gebracht werden, denn sicher würde Bent von seiner Verlobung mit Lettie zurücktreten, wenn Kitely ihm Cotherstones Geschichte erzählte. Man mußte mit Kitely so fertig werden, daß man später keine Nackenschläge mehr von ihm zu fürchten brauchte. Cotherstone verschwand im Dunkeln, und es verging eine gute Stunde, ehe er zu seinem Hause zurückkehrte. Es war gerade zehn Uhr. Er besann sich später darauf, daß er auf die große Standuhr in der Diele schaute, als er wieder heimkam. Als er die Tür zum Wohnzimmer öffnete, sah er die beiden jungen Leute und Lettie in der Nähe des Kamins sitzen, in dem ein großes Feuer brannte. Brereton hatte anscheinend den beiden anderen Geschichten erzählt. »... denn es ist eine Tatsache«, schloß der Rechtsanwalt gerade, »daß es sehr viele unentdeckte Verbrechen gibt, und daß viele Schuldige straflos bleiben.« »Hoffentlich haben Sie sich inzwischen gut unterhalten«, sagte Cotherstone, als er nähertrat. »Mr. Brereton hat uns von interessanten Kriminalfällen berichtet«, erwiderte Lettie. »Die sind tatsächlich viel merkwürdiger als Kriminalromane!« »Dann ist es aber wohl Zeit, daß ich ihm etwas anbiete, wenn er sich so angestrengt hat«, meinte Cotherstone liebenswürdig. »Kommen Sie, meine Herren, wir wollen doch wenigstens ein Glas zusammen trinken.« Sie gingen alle ins Speisezimmer, und Lettie brachte Flaschen und Gläser herbei. »Sie interessieren sich also für kriminelle Dinge?« fragte Cotherstone, als er Brereton eine Zigarre anbot. »Sie sind wohl Spezialist in diesem Fach?« »Ja, ich habe mich eingehend damit beschäftigen müssen«, entgegnete Brereton lächelnd. »Man kommt dazu und weiß selbst nicht, wie.« »Ich höre eben, daß jemand den Gartenweg entlanggeht«, sagte Lettie plötzlich. »Er scheint es sehr eilig zu haben. Du wirst doch nicht etwa wieder fortgerufen werden, Vater?« Die Hausglocke läutete schrill, und gleich darauf hörten sie, daß das Dienstmädchen mit jemand sprach. »Das ist unser Nachbar – Mr. Garthwaite«, sagte Bent. »Ich erkenne ihn an der Stimme.« Cotherstone setzte die Zigarrenkiste hin und öffnete die Tür. Ein junger Mann trat aufgeregt ein und sah sich fragend um. »Es tut mir leid, Mr. Cotherstone, daß ich Sie stören muß. Aber der alte Mann, dem Sie das Haus da oben vermietet haben – Mr. Kitely –« »Was ist denn mit ihm?« fragte Mr. Cotherstone scharf. »Er liegt in dem Gebüsch oberhalb Ihres Hauses – ich wäre beinahe über ihn gefallen, als ich eben dort vorbeiging«, brachte Garthwaite atemlos hervor. »Er ist tot, da gibt es gar keinen Zweifel – und –« »So sprechen Sie doch!« drängte Cotherstone, als Garthwaite zögerte. »Er ist ermordet – ermordet!« 4. Kapitel. Im Kiefernwald. Brereton, der etwas weiter zurückstand, beobachtete Garthwaite und Cotherstone. Der Stadtkämmerer gab sich die größte Mühe, die Fassung nicht zu verlieren, aber er schwankte, streckte eine Hand aus und stützte sich auf Bents Arm. Er wurde bleich, dann dunkelrot, und als er jetzt lachte, hörte es sich seltsam an. »Was für ein Unsinn, Mann!« sagte er heiser. »Wer sollte denn den alten Herrn ermorden? Geben Sie mir einmal etwas zu trinken – die Sache hat mich mitgenommen!« Bent reichte ihm ein Glas, und Cotherstone trank es in einem Zuge fast leer. Dann sah er sich entschuldigend um. Ich bin doch nicht mehr so stark wie früher – in der letzten Zeit bin ich etwas nervös geworden – und dann eine solche Überraschung wie diese –« »Es tut mir sehr leid«, sagte Garthwaite, der verwundert die Wirkung seiner Nachricht auf Cotherstone beobachtet hatte. »Aber Ihr Haus war das nächste.« »Es ist schon gut«, entgegnete Cotherstone. »Sie haben es ganz richtig gemacht.« Am besten gehen wir dorthin. Haben Sie die Polizei schon verständigt?« »Ich habe den Mann aus dem kleinen Haus bei Ihrem Garten hingeschickt. Er kam gerade heraus, als ich vorbeiging.« »Das ist also geschehen. Kommen Sie mit?« wandte sich Cotherstone an seine Gäste. »Geh doch nicht aus, Vater«, bat Lettie. »Das ist zuviel für dich.« »O, ich fühle mich wieder wohl. Das war nur eine kleine Schwäche. Ist schon wieder vorbei. Wie kommen Sie eigentlich auf die Idee, daß es ein Mord ist?« fragte er plötzlich Garthwaite. Dieser sah auf Lettie, die leise mit Bent sprach, und schüttelte den Kopf. »Das erzähle ich Ihnen, wenn wir draußen sind. Ich möchte Ihre Tochter nicht erschrecken.« Cotherstone zog seinen Mantel an. »Holen Sie die Laterne aus der Küche«, rief er dem Dienstmädchen zu, »und stecken Sie sie an.« Auch Bent und Brereton legten ihre Mäntel an, und als das Mädchen mit der Laterne kam, gingen die vier Männer hinaus. Sobald sie im Garten waren, wandte sich Cotherstone wieder an Garthwaite. »Also woher wissen Sie, daß er ermordet wurde?« »Ich war drüben in Spennigarth, um Hollings zu besuchen. Als ich auf dem Heimweg quer durch das Gehölz ging, stieß ich mit dem Fuß plötzlich gegen etwas Weiches. Es war so merkwürdig, daß ich erschrak. Ich steckte schnell ein Streichholz an, und dann sah ich den alten Mann dort liegen, nur ein paar Schritte vom Fußweg entfernt. Er ist erwürgt worden.« »Erwürgt?« rief Bent. »Ich sah einen Strick um seinen Hals, der war so zugezogen, daß er tief ins Fleisch einschnitt. Sie werden es ja gleich selbst sehen. Haben Sie denn nichts gehört, Mr. Cotherstone?« »Nein, wenn der Mann erwürgt wurde, konnten wir ja auch nichts hören.« Cotherstone führte die anderen durch eine Seitentür aus dem Garten. Sie waren nun mitten im Dickicht und gingen den verhältnismäßig steilen Abhang in die Höhe. Nach einer Weile gab er Garthwaite die Laterne. »Hier nehmen Sie – Sie müssen uns den Weg zeigen. Ich kann natürlich nicht wissen, wo es ist.« »Sie sind aber gerade darauf zugegangen«, bemerkte Garthwaite. Dann wandte er sich an Brereton, der neben ihm ging. »Sie sind doch ein Rechtsanwalt? Ich hörte, daß Sie bei Mr. Bent wohnen. In einem so kleinen Ort wie Highmarket erfährt man das schnell. Sicher sind Sie mit solchen Dingen vertraut? Das Verbrechen kann noch nicht lange begangen sein.« »Woraus schließen Sie das?« fragte Brereton. »Ich habe ihn angefaßt, seine Hand und seine Backe waren noch warm. Er konnte noch nicht lange tot sein, aber sehen Sie, hier liegt er!« Er bog scharf um die Ecke eines großen Kalksteinfelsens, der zwischen den Bäumen emporragte, und beleuchtete mit der Laterne den Toten. Auf den ersten Blick sahen alle, daß er nicht mehr lebte. »Er liegt noch so da, wie ich ihn gefunden habe«, sagte Garthwaite leise. »Ich kam von dorther um den Felsen und stieß mit dem Fuß gegen seine Schulter. Aber man hat ihn hierher geschleift! Betrachten Sie den Boden!« Brereton hatte sich schon umgesehen, und als Garthwaite nun mit der Laterne leuchtete, sah er die Spur deutlich. Der Mörder hatte offenbar sein Opfer einige Schritte von dem Wege fortgezogen und hinter den Felsen gelegt. Als sie an das Ende der Spur kamen, sahen sie, daß dort ein Kampf stattgefunden hatte. Die Erde war aufgewühlt, und verschiedene Zweige im Untergebüsch waren gebrochen. Aber Brereton erkannte sofort, daß es unmöglich war, hier Fußspuren festzustellen. »Hier muß es geschehen sein«, begann Garthwaite wieder. »Der alte Mann kam den kleinen Weg hier entlang, und hier hat ihn der Täter überfallen. Nachdem er ihn dann erdrosselt hatte, schleppte er ihn dort hinter den Felsen. So stelle ich mir die Sache vor, Mr. Cotherstone.« Sie sahen jetzt verschiedene Laternen aufleuchten und hörten auch Stimmen. Gleich darauf kamen drei Polizisten und der Doktor, der als Polizeiarzt angestellt war, in Sicht. »Hier!« rief Bent, als sich die Leute unschlüssig umsahen. Der Arzt kam sofort auf ihn zu und kniete neben dem Toten nieder. In dem Licht mehrerer Laternen war nun alles deutlicher zu erkennen. Brereton sah sofort, daß der Tote durchsucht worden sein mußte, denn seine Kleider waren zerwühlt. Mantel, Rock und Weste waren aufgerissen und die Taschen umgekehrt. Der Mörder schien den Toten also auch beraubt zu haben. »Er ist noch nicht lange tot«, sagte der Arzt und schaute vom Boden auf. »Sicher noch nicht länger als eine Dreiviertelstunde. Er ist erwürgt worden, und der Täter muß eine mehr als gewöhnliche Kenntnis darüber besitzen, wie man einen Menschen auf solche Weise umbringt. Sehen Sie nur, wie geschickt der Strick um seinen Hals gebunden ist. Das hat nur jemand getan, der in solchen Dingen außerordentlich bewandert ist.« Er nahm das Halstuch ab und zeigte, wie tief der Strick in das Fleisch eingeschnitten hatte. Auch der Knoten war sehr kunstvoll geknüpft. »Nachdem der Knoten um seinen Hals lag, war sein Schicksal besiegelt, selbst wenn er die Hände vollständig frei hatte. Er war tot, ehe er sich überhaupt richtig zur Wehr setzen konnte.« »Sieht es nicht so aus, als ob er beraubt worden ist?« fragte Brereton und zeigte auf die zerwühlten Kleider. »Das sollte doch erst festgestellt werden, bevor man ihn hier wegnimmt.« »Ja, ich habe es auch bemerkt«, erwiderte der Polizeisergeant. »Es ist zweifellos ein Raubmord.« Einer der Polizisten, der die Umgebung mit seiner Laterne abgesucht hatte, stieß plötzlich einen Ausruf aus. »Hier ist etwas«, rief er, bückte sich und nahm einen dunklen Gegenstand auf. »Eine alte Brieftasche – aber es ist nichts darin.« »Die gehörte Kitely«, sagte Cotherstone. »Ich habe sie heute noch bei ihm gesehen, er trug sie gewöhnlich in seiner inneren Tasche. Ist sie ganz leer? Keine Papiere oder Briefe zu sehen?« »Nein, gar nichts.« Der Polizist reichte die Tasche dem Sergeanten. »Vielleicht finden wir in der Umgebung doch noch Fußspuren.« »Gehen Sie doch den Weg einmal etwas weiter hinauf«, meinte Garthwaite. »In den Tannen- und Kiefernnadeln können Sie doch nichts entdecken. Kitely muß aber den Weg entlanggegangen sein, ich habe ihn schon mehr als einmal abends hier getroffen.« Der Arzt, der bisher mit dem Sergeanten gesprochen hatte, wandte sich nun an Cotherstone. »Wohnte er nicht zur Miete bei Ihnen in dem kleinen Haus dort oben? Wir bringen ihn am besten dorthin. Vielleicht geht jemand voraus und bereitet die Familie vor.« »Er hat keine Verwandten«, erwiderte Cotherstone. »Es wohnt nur Miß Pett bei ihm, die ihm den Haushalt führt. Sie ist eine ältere Frau und erschrickt nicht so leicht, soweit ich sie kenne.« »Ich gehe voraus«, erbot sich Bent. »Ich kenne sie.« Er berührte Breretons Ellbogen und ging mit ihm die Anhöhe hinauf. »Das ist eine ganz seltsame Sache«, sagte er nach einer Weile. »Hast du gehört, was Dr. Rockcliffe sagte? Ein geübter Mann soll das getan haben?« »Das habe ich selbst auch gesehen«, entgegnete Brereton. »Ich habe den Strick und den Knoten genauer betrachtet. Kitely ist sicher sofort bewußtlos geworden und gleich darauf gestorben. Der Mörder muß ein brutaler und entschlossener Mensch sein und den Trick kennen, wie man jemand die Schlinge um den Hals wirft. Wohnen hier in Highmarket irgendwelche verdächtige Leute, die früher in Indien lebten?« »In Indien?« »Ja. Der Mörder könnte den Trick in Indien von der Sekte der Würger erlernt haben. – Dies ist wohl das Haus?« Er zeigte auf ein schwaches Licht. »Wird die Frau auch gefaßt sein?« »Es ist eine merkwürdige alte Person, genau so komisch wie der alte Kitely«, entgegnete Bent, als sie aus dem Wald heraustraten und auf den Garten zugingen, der von einer Hecke eingeschlossen war. »Ich habe ab und zu mit ihr gesprochen, wenn ich den alten Kitely besuchte. Sie hat starke Nerven.« Brereton sah Miß Pett scharf an, als sie die Tür öffnete. Sie hatte eine große, hagere Gestalt und eingefallene Gesichtszüge. Ihre Haut sah aus wie altes Pergament, aber ihre Augen waren dunkel und lebhaft. Ihre an und für sich seltsame Erscheinung wirkte noch sonderbarer, da sie einen Turban aus rotgelbem Seidentuch um den Kopf geschlungen hatte, der ihre Haare vollständig bedeckte. Ihre Arme waren nackt bis zum Ellbogen und ihre Hände ebenso mager wie ihr Gesicht, aber sie hatte starke Muskeln. Eine lange, scharfe Nase machte ihre häßlichen Züge noch abstoßender. Eine merkwürdige Frau, dachte Brereton. »Ach, Sie sind es, Mr. Bent«, sagte sie, bevor einer der beiden sprechen konnte. »Mr. Kitely macht seinen gewöhnlichen Abendspaziergang. Sie wissen doch, daß er sich nicht davon abbringen läßt, ganz gleich, ob es regnet oder schneit. Aber heute ist er länger als sonst ausgeblieben.« Sie schwieg einen Augenblick, als sie sah, daß Bent ihr etwas mitteilen wollte. »Ist etwas passiert?« fragte sie dann. »Ist ihm etwas zugestoßen? Sie können es mir ruhig sagen, Mr. Bent, ich fürchte mich nicht so leicht – dazu bin ich zu alt!« »Mr. Kitely ist tot, und sie bringen ihn hier herauf, Miß Pett. Es wäre gut, wenn Sie alles vorbereiten würden. Es besteht kein Zweifel daran, daß er ermordet wurde.« Die Frau sah die beiden jungen Leute schweigend an, dann nickte sie und ging in das Haus zurück. »Das habe ich erwartet«, sagte sie halblaut. »Ich habe ihn oft genug gewarnt. Sie können ihn ruhig herbringen.« Sie verschwand in einem Nebenzimmer, und Bent und Brereton gingen den anderen entgegen, die den Toten brachten. Cotherstone folgte den Polizeibeamten und nahm Bent auf die Seite. »Wir haben einen Anhaltspunkt gefunden«, sagte er leise. »Einen wichtigen Anhaltspunkt!« 5. Kapitel. Der Strick. Brereton hatte auf dem ganzen Weg über eine Sache nachgedacht. Cotherstones seltsame Gemütsverfassung fiel ihm auf, und je länger er mit ihm zusammen war, desto deutlicher kam es ihm zum Bewußtsein. Als sie jetzt vor dem Hause standen, fiel ein Lichtschein auf Cotherstones erregtes Gesicht. Brereton hatte den Eindruck, daß Cotherstone fast beglückt war und sich über etwas zu freuen schien. Jedenfalls war sein ganzes Benehmen außergewöhnlich. Als Garthwaite ihm die Nachricht brachte, war er beinahe ohnmächtig geworden, aber als er sich dann wieder gefaßt hatte, schien er eine große Erleichterung zu spüren. »Wir haben etwas Wichtiges entdeckt«, wiederholte Cotherstone. »Das wird bei der Aufklärung gute Dienste leisten.« »Was denn?« fragte Bent. Auch ihm fiel das merkwürdige Betragen seines zukünftigen Schwiegervaters auf, und er sah ihn ganz verwundert an. »Es ist komisch, daß wir das nicht gleich zu Anfang gesehen haben«, sagte Cotherstone. »Ich weiß nicht, was Sie meinen«, entgegnete Bent fast ungeduldig. Cotherstone lachte leise vor sich hin und nahm die beiden mit in das Haus. »Kommen Sie und sehen Sie selbst.« Die drei traten in das geräumige Wohnzimmer. Im Kamin brannte ein helles Feuer, und zu beiden Seiten standen bequeme Sessel. Vor einem derselben stand ein Paar Pantoffeln, und auf dem Tisch sah man einen alten Tabakskasten, eine Pfeife, eine Whiskyflasche, ein Glas und eine kleine Schale mit Zucker und Zitronen. Kitely war daran gewöhnt, nach seinem Abendspaziergang einen Schlaftrunk zu nehmen und eine Pfeife zu rauchen. Eine offene Tür führte zum Schlafzimmer; dort lag Kitelys Leiche nun auf dem Bett. Der Arzt und der Sergeant neigten sich über ihn. Die anderen Beamten standen am Tisch im Wohnzimmer, und der eine Polizist, der die Brieftasche gefunden hatte, wandte sich an Cotherstone. »Der Doktor nimmt den Strick gerade ab«, sagte er leise, aber doch so verständlich, daß ihn alle hören konnten. »Ja, es sieht so aus.« Der Doktor und der Sergeant kamen jetzt ins Wohnzimmer. Der Arzt legte eine Schnur auf den Tisch, so daß alle sie sehen konnten. Es war die graue Leine, mit der man Mr. Kitely erwürgt hatte. »Wenn man herausbekommen könnte, wem der Strick gehört«, sagte er und sah den Polizeisergeanten an. »Sie sagten doch vorher, daß es ein Strick ist, wie ihn die Schlächter benützen?« »Ja, die Schweineschlächter brauchen diese Stricke«, erwiderte der Polizist, der neben Cotherstone stand. »Die Schweine werden damit auf der Schlachtbank festgebunden.« »Man sieht, daß der Strick oft benützt worden ist«, meinte Dr. Rockcliffe. »Und anscheinend ist er von einem längeren Stück abgeschnitten. Der Schnitt ist erst vor kurzer Zeit mit einem scharfen Messer gemacht worden.« »Hier in der Nähe wohnt ein Mann, der Schweine schlachtet und solche Stricke braucht«, sagte der Sergeant plötzlich. »Sie wissen, wen ich meine – die Leute nennen ihn Gentleman Jack.« »Meinen Sie etwa Harborough?« fragte der Arzt. »Am besten fragen Sie ihn gleich. Vielleicht hat ihm jemand den Strick gestohlen. Aber es gibt natürlich noch viel mehr Schweineschlächter in der Stadt.« »Aber nicht in dieser Gegend«, bemerkte der Polizist. »Bis jetzt steht also folgendes fest«, sagte Dr. Rockcliffe. »Kitely ist mit diesem Strick erwürgt worden, und man hat ihm alle wertvollen Gegenstände geraubt, die er bei sich trug. Vielleicht stellen Sie einmal klar, Sergeant, was er bei sich hatte? Fragen Sie doch seine Haushälterin.« Miß Pett kam gerade aus dem Nebenzimmer, wo sie schon alle Vorbereitungen getroffen hatte, um den Toten aufzubahren. Sie war ebenso ruhig wie vorher, als Bent ihr die Nachricht überbrachte, und zeigte nicht die geringste Erregung. »Können Sie uns etwas Genaueres mitteilen?« fragte der Sergeant. »Mr. Kitely ist offensichtlich beraubt worden. Wissen Sie vielleicht, was er bei sich hatte?« Die Haushälterin setzte die Wäsche, die sie in das Schlafzimmer tragen wollte, auf einen Sessel nieder, bevor sie antwortete. Sie schien tief nachzudenken, aber dann schüttelte sie den Kopf. »Ich kann es zwar nicht genau sagen, aber es sollte mich nicht wundern, wenn es sehr viel war. Er trug immer eine Menge Geld mit sich herum, und heute abend hatte er wahrscheinlich außergewöhnlich viel bei sich.« »Warum denn?« fragte der Sergeant. »Weil er heute seine Pension auf der Bank abholte. Ich weiß nicht, um welche Summe es sich handelt, denn er war in mancher Beziehung wenig mitteilsam. Er hat mir darüber nie etwas gesagt. Aber soviel weiß ich doch, daß es eine größere Summe war. Heute morgen ging er zur Bank – das tat er alle Vierteljahr einmal – und heute nachmittag erwähnte er, daß er zu Mr. Cotherstone gehen und die Mieten bezahlen wolle.« »Das hat er auch getan«, bestätigte Cotherstone. »Und den ganzen Rest muß er noch gehabt haben«, fuhr Miß Pett fort. »Außerdem hatte er auch noch anderes Geld bei sich, denn er hat noch Einnahmen außer seiner Pension. Er gehörte zu den Leuten, die immer bares Geld mit sich herumtragen. Das war sehr unklug von ihm. Dann besaß er eine sehr teure goldene Uhr mit Kette. Er hat mir früher einmal gesagt, daß es ein Geschenk war, und daß sie ungefähr hundert Pfund wert ist. Seine Brieftasche hatte er natürlich auch dabei. Darin hatte er allerhand Papiere.« »Ist es vielleicht diese Tasche?« fragte der Sergeant. »Ja, das ist sie«, erklärte Miß Pett. »Aber sie war immer voll von Briefen und Papieren. Sie war doch nicht leer, als Sie sie fanden?« Der Polizist nickte. »Also doch!« fuhr die Haushälterin fort. »Wenn er ermordet wurde, hatte das auch seinen Grund! Ganz abgesehen davon, daß man ihm das Geld genommen hat, wollte man auch noch seine Papiere haben!« »Sagen Sie uns etwas von seinen Gewohnheiten«, fuhr der Sergeant fort, ohne auf ihre letzte Bemerkung einzugehen. »Ging er jeden Abend hier im Wald spazieren?« »So regelmäßig wie eine Uhr«, entgegnete Miß Pett. »Gewöhnlich las und schrieb er, aß zu Abend, ging noch eine Stunde hier in der Nähe umher, kam dann nach Hause, zog die Pantoffeln an, rauchte eine Pfeife und braute sich einen warmen Schlaftrunk. Sehen Sie, hier steht alles für ihn bereit. Dann ging er zu Bett. Er führte ein sehr regelmäßiges Leben.« »Und heute abend blieb er länger als gewöhnlich aus?« fragte Bent. »Sie sagten doch vorhin so etwas, als wir kamen.« »Ja, heute war es länger. Es war natürlich verschieden, manchmal etwas länger, manchmal etwas kürzer. Er ging auf dem ganzen Waldrücken entlang. Ich habe ihn mehr als einmal gewarnt.« »Aber warum denn?« fragte Brereton, dessen Neugierde erwacht war. »Welchen Grund hatten Sie denn, ihn zu warnen?« Miß Pett wandte sich um und sah Brereton scharf an. Nachdem sie ihn von Kopf bis zu Fuß gemustert hatte, lächelte sie. »Ich weiß schon, welchen Beruf Sie haben«, sagte sie dann. »Sie sind auch so ein Rechtsanwalt. Ich habe schon oft mit solchen Leuten zu tun gehabt. Und Sie scheinen sehr tüchtig zu sein, trotzdem Sie noch jung sind. Haben Sie noch niemals gehört, daß man Ahnungen haben kann?« »Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß Sie ihn nur deshalb gewarnt haben, weil Sie eine Ahnung hatten! Sagen Sie mir doch Ihren wirklichen Grund!« »Frauen besitzen eben ein Gefühl, das Männer nicht haben. Aber ich hatte natürlich auch noch andere Gründe. Mr. Kitely hat immer in London gelebt, und ich bin vom Lande. Er konnte nicht verstehen, daß man in einsamen Gegenden wie hier nicht spät abends allein spazierengehen kann. Ich habe mit ihm häufig darüber gesprochen. Ich sagte ihm, daß das nächste Anwesen in der einen Richtung dort unten am Fuß der Hügel liegt, in der andern ist es Mr. Harboroughs Haus. Die Gegend ist so unübersichtlich, und es gibt soviel Gesindel. Aber er hat mir nie geglaubt, und nun ist es auch so gekommen, wie ich es ihm prophezeit habe.« »Aber Sie sagten doch noch eben, daß man ihn wahrscheinlich nur wegen der Wertsachen ermordet hat«, bemerkte Brereton. »Wenn die Papiere aus seiner Brieftasche fehlen, muß sich doch jemand dafür interessiert haben. Auf jeden Fall ist das eingetreten, was ich erwartet habe. Und es läßt sich nichts daran ändern, er ist eben tot. Ich wäre sehr froh, wenn einer von Ihnen mir eine Frau schicken würde, damit ich den Toten aufbahren kann, denn das kann ich nicht alles allein tun. Auch kann man nicht von mir erwarten, daß ich allein mit ihm hier bleibe.« Der Arzt und ein Polizist blieben noch zurück, um die weiteren Anordnungen mit Miß Pett zu besprechen; der Sergeant und die anderen entfernten sich wieder. »Ich gehe noch zu Harborough hinüber. Sein Haus liegt auf der anderen Seite des Hügels«, sagte der Beamte zu Cotherstone. »Ich glaube allerdings nicht, daß ich dort viel erfahren kann. Aber auf jeden Fall will ich nachsehen, ob er zu Hause ist. Wenn Sie mitkommen wollen, meine Herren, soll es mir recht sein.« Bent legte die Hand auf Cotherstones Arm. »Brereton und ich werden den Sergeanten begleiten, Sie gehen besser nach Hause, Lettie wird sich ängstigen. Gehen Sie auch mit, Mr. Garthwaite, Sie erfahren ja später noch alles.« Brereton war erstaunt, daß Cotherstone sich so ruhig fortschicken ließ. Garthwaite begleitete ihn, während die anderen in entgegengesetzter Richtung weitergingen. »John Harborough ist ein merkwürdiger Mensch«, sagte Bent zu seinem Freund. »Er ist vielbeschäftigt, fängt Ratten und Maulwürfe und betätigt sich in der Zwischenzeit als Wilddieb. Wirklich ein komischer Kauz, nicht nur seinem Charakter, sondern auch seiner Erscheinung nach. Und das Sonderbarste an ihm ist, daß er eine wirklich hübsche Tochter hat, ein feines Mädchen. Sie hat eine gute Erziehung genossen und verdient ihren Lebensunterhalt als Gouvernante in der Stadt. Es ist ein seltsames Paar!« »Wohnt sie denn bei ihrem Vater?« »Ja, und ich glaube sogar, die beiden haben sich gern. Es liegt ein Geheimnis um diesen Mann. Er ist sehr gebildet, und deshalb nennen ihn die Leute hier auch Gentleman Jack.« »Werden wir die junge Dame nicht erschrecken, wenn wir so spät abends hinkommen? Wäre es nicht besser, daß nur einer von uns ginge?« Als sie aber an ihr Ziel kamen, lag das Haus in vollständiger Dunkelheit vor ihnen. »Sie sind aber noch nicht zu Bett gegangen«, bemerkte einer der Polizisten. »In der Küche brennt ein ordentliches Feuer, und sie haben sich sicher nicht gelegt, ohne es auszulöschen. Wahrscheinlich sind sie ausgegangen.« »Gehen Sie einmal zur Tür und klopfen Sie«, sagte der Sergeant und folgte dem Polizisten über den mit Steinen belegten Gang zur Haustür. Die beiden anderen gingen hinterher. Brereton sah ein altes, strohgedecktes Haus vor sich, das in einem hübschen Garten zwischen Bäumen und Sträuchern stand. Auf der einen Seite war das Dach etwas weiter heruntergezogen und deckte einen Schuppen, der sich an der Längsseite des Hauses hinzog. Plötzlich erklangen schnelle, leichte Schritte hinter ihnen, und die Polizisten leuchteten mit ihren Laternen in diese Richtung. Brereton wandte sich scharf um und sah eine junge Dame, die verwundert auf die vier Herren sah. Sie hatte schöne, graue Augen. 6. Kapitel Der Bürgermeister. »Das ist sicher Harboroughs Tochter«, dachte Brereton und betrachtete sie genauer. Miß Harborough war ein selbstbewußtes junges Mädchen. Außer einem flüchtigen Erröten und einem fragenden Blick verriet nichts in ihren Zügen Überraschung oder Furcht. Ihr feingeschnittenes Gesicht ließ erkennen, daß sie eine gute Erziehung genossen hatte. Die Polizeibeamten schienen sie gut zu kennen, denn sie grüßten und behandelten sie mit viel Respekt. »Verzeihen Sie, Miß Harborough, ist Ihr Vater zu Hause?« wandte sich der Sergeant höflich an sie. »Was wollen Sie denn von ihm?« fragte sie verwundert. »Ist etwas passiert, Mr. Bent? Wenn mein Vater nicht zu Hause ist, weiß ich auch nicht, wo er sein könnte. Er ist heute abend früh fortgegangen und war noch nicht zurück, als ich vor einer Stunde wegging.« »Ach, es ist nichts Besonderes«, entgegnete Bent. »Nur Ihr Nachbar auf der anderen Seite des Hügels, der alte Kitely, ist tot aufgefunden worden.« Brereton beobachtete das Mädchen scharf und sah, daß diese Mitteilung sie nicht berührte. Sie ging auf die Haustür zu und nahm einen Schlüssel aus ihrer Handtasche. »Mein Vater soll Ihnen wohl helfen? Es ist möglich, daß er sich inzwischen schon gelegt hat.« Sie schloß die Tür auf, ging in das offene Wohnzimmer und drehte das elektrische Licht an. »Nein, er ist doch noch nicht da.« »Sagen Sie es ihr lieber«, flüsterte der Sergeant Bent zu. »Es hat doch keinen Zweck, es vor ihr zu verheimlichen. Sie muß es wissen.« »Miß Harborough«, sagte Bent, »es ist leider eine Tatsache, daß Kitely ermordet wurde.« »Ermordet?« rief sie. »Hat man ihn erschossen?« Ihr Blick fiel in eine Ecke des Zimmers. Brereton entdeckte dort zwischen Angelgerät und anderen Sportgegenständen ein Gewehr. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde schaute sie dorthin. Dann wandte sie sich wieder Bent zu. »Es ist besser, daß ich Ihnen alles sage«, fuhr dieser ruhig fort. »Mr. Kitely ist erwürgt worden, und der Strick, mit dem das Verbrechen verübt wurde, ist nach Ansicht der Polizei wahrscheinlich von einer Leine abgeschnitten worden, wie Ihr Vater sie in seinem Beruf braucht. Verstehen Sie mich wohl, Miß Avice, Ihr Vater hat vielleicht irgendwo so einen Strick herumhängen und –« Das Mädchen sah Bent ruhig in die Augen. »Wissen Sie denn, warum Kitely ermordet wurde?« fragte sie plötzlich. »Haben Sie schon den Grund dafür entdeckt?« »Er ist beraubt worden, das steht zweifellos fest.« »Was Sie mir auch immer erzählen mögen, Sie haben einen Verdacht auf meinen Vater«, bemerkte sie nach einer Pause. »Ich kann Ihnen aber nur sagen, daß mein Vater es nicht nötig hat, andere Leute zu berauben. Im Gegenteil, er ist sehr gut gestellt, wenn Sie die Wahrheit wissen wollen. Aber was wünschen Sie denn nun eigentlich?« fragte sie ein wenig ungeduldig. »Mein Vater ist nicht hier, und ich weiß auch nicht, wo er ist. Manchmal bleibt er die ganze Nacht fort.« »Dürfen wir einen Blick in den Schuppen werfen?« erwiderte der Sergeant. »Nur um nachzusehen, ob dort etwas fehlt.« »Das können Sie gerne tun. Sehen Sie sich auch sonst hier um«, entgegnete Avice. »Ich kann mir nur nicht vorstellen, was sie da finden wollen. Nun, Sie wissen ja, wo der Schuppen ist.« Sie drehte sich um und legte Hut und Mantel ab, und die anderen gingen nach draußen zu dem niedrigen Schuppen, der an der Seite des Hauses angebaut war. Der Polizist leuchtete mit seiner Blendlaterne die Wand ab und entdeckte eine aufgerollte Leine, die an einem Nagel hing. »Da haben wir es, meine Herren«, sagte er. Mit der einen Hand hielt er die Lampe hoch empor und mit der anderen zeigte er triumphierend auf die Leine. »Mit einem scharfen Messer abgeschnitten! Und es ist genau derselbe Strick, mit dem der Tote erwürgt wurde!« Brereton trat näher und sah, daß der Polizist recht hatte. Der Sergeant schüttelte ernst den Kopf, als er die Leine von dem Nagel herunternahm. »Ich glaube, wir brauchen uns hier nicht weiter umzusehen, Mr. Bent«, sagte er. »Natürlich nehme ich den Strick mit, um ihn mit dem andern Stück zu vergleichen.« Er sah sich in dem Schuppen um. Mr. Harborough ist nicht hier. Nun, wir haben genug gefunden.« Er ging wieder zur Haustür zurück. »Es ist alles in Ordnung, Miß Harborough«, sagte er zu Avice. »Wir gehen jetzt wieder. Aber wenn Ihr Vater nach Hause kommen sollte, so bitten Sie ihn doch, mich auf der Polizeistation zu besuchen. Ich möchte mit ihm sprechen.« Sie antwortete nicht, und als der Sergeant zu seinen Begleitern zurücktrat, schloß sie die Tür, drehte den Schlüssel um und schob den Riegel vor. Bent und Brereton trennten sich von den Beamten und gingen auf einem Seitenwege zur Stadt hinunter. »Ich zweifle nicht daran, daß Kitely mit dem Strick ermordet wurde, der von der Leine abgeschnitten worden ist«, meinte Brereton. »Das ist für mich der sicherste Beweis, daß dieser Harborough nichts mit dem Mord zu tun hat.« »Wie kommst du darauf?« fragte sein Freund. »Glaubst du, daß ein Mann, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Stück von einer Leine abschneidet und sie an einem Nagel hängen läßt, wo sie jedermann finden kann? Und mit dem abgeschnittenen Stück soll er dann einen armen Menschen erwürgen und den Strick nicht einmal von dem Toten entfernen? Nein, das halte ich für unmöglich!« »Was glaubst du denn?« »Natürlich hat jemand den Strick abgeschnitten und damit Kitely nachher ermordet; es fragt sich nur, wer es war.« Bent schwieg einige Zeit, aber als sie an der Grenze der Stadt angekommen waren, klopfte er Brereton auf die Schulter. »Deine Schlußfolgerungen sind ja ganz gut, du hast nur eins vergessen. Der Mörder mag ja die Absicht gehabt haben, den Strick von seinem Opfer zu entfernen, aber vielleicht ist er gestört worden, bevor er dazu kam.« Sie blieben plötzlich stehen, als sich eine Gartentür öffnete, an der sie gerade vorbeikamen. Eine große Gestalt trat heraus, und im Licht der nahen Laterne erkannte Bent Mallalieu. »Ach, Sie sind es, Herr Bürgermeister!« rief Bent. »Ich wollte gerade zu Ihnen gehen. Haben Sie schon gehört, was heute abend passiert ist?« »Nein. Ich habe mit Northrop Karten gespielt. Was gibt es denn?« Sie gingen jetzt alle drei nach der Stadt zu, und Bent schritt zwischen Brereton und Mallalieu, dessen Arm er nahm. »Der alte Kitely, der das Haus Ihres Partners gemietet hat, ist ermordet worden!« Mallalieus Pfeife fiel zu Boden, und Bent fühlte, daß der Arm des Mannes zitterte. »Donnerwetter, sprechen Sie im Ernst?« »Natürlich.« Bent bückte sich und hob die Pfeife auf. »Tut mir leid, daß ich es Ihnen so unvermittelt gesagt habe. Ich dachte nicht, daß es Sie so mitnehmen würde. Aber es läßt sich nichts daran ändern, Kitely ist ermordet, und zwar ist er mit einem Strick erdrosselt worden.« »Wann ist denn das passiert?« »Ungefähr vor einer Stunde. Mr. Brereton hier, einer meiner Freunde aus London, und ich waren gerade bei Mr. Cotherstone, als wir die Nachricht erhielten. Wir sind dann sofort hingegangen.« »Also haben Sie den Toten schon gesehen?« »Ja. Es ist ein ganz kaltblütig ausgeführter Mord.« Mallalieu blieb vor der Tür seines eigenen Hauses stehen. »Kommen Sie bitte herein, nur auf ein paar Minuten. Der Schreck ist mir doch in die Glieder gefahren. Ein Mord ist noch nicht passiert, solange ich hier bin. Kommen Sie, und erzählen Sie mir die Sache genauer.« Er führte sie in das Wohnzimmer, wo ein helles Feuer brannte und der Tisch gedeckt war. »Die Dienstboten sind schon zu Bett. Da ich abends oft lange ausbleibe, stellen sie mir immer noch etwas in das Speisezimmer. Darf ich Ihnen vielleicht ein Butterbrot oder ein paar Kekse anbieten? Auf jeden Fall trinken Sie etwas. Sie waren also heute abend bei Cotherstone?« »Wir waren in seinem Hause«, erwiderte Bent. »Er selbst blieb allerdings lange aus und hatte später auch noch auswärts zu tun. Aber wir waren mit ihm zusammen, als wir die Nachricht von dem Morde erhielten.« »Ach, er war ausgegangen?« fragte Mallalieu interessiert. »Um welche Zeit war denn das? Ich wußte, daß er heute abend für das Geschäft noch etwas zu erledigen hatte.« »Zwischen neun und zehn ging er fort, und er war gerade wiedergekommen, als uns Garthwaite die Nachricht brachte.« »Das war natürlich ein großer Schrecken für ihn«, meinte Mallalieu. »Wenn man bedenkt, daß es sein eigener Mieter war!« »Ja, er war sehr aufgeregt«, stimmte Bent zu und nahm das Glas, das Mallalieu ihm reichte. »Es ist besser, daß wir Ihnen alles erzählen«, fuhr er dann fort. »Mr. Brereton ist Rechtsanwalt und hält die Sache für sehr merkwürdig.« Mallalieu nickte und hörte der Erzählung Bents aufmerksam zu. Brereton beobachtete ihn scharf. Ein gewandter, umsichtiger Mann, dachte er für sich und war gespannt, was Mallalieu erwidern würde, wenn er alles gehört hatte. Mallalieu wandte sich an ihn, als Bent seinen Bericht beendet hatte. »Ich bin ganz Ihrer Ansicht. Nur ein vollständig unzurechnungsfähiger Mensch hätte diesen Strick abgeschnitten und die Leine im Schuppen hängen lassen. Dieser Harborough ist dazu viel zu klug. Ich bin davon überzeugt, daß er es nicht getan hat.« »Wer könnte es denn getan haben?« fragte Bent. Mallalieu trank sein Glas aus und erhob sich. »Ich bin der erste Beamte hier, und es ist gut, wenn ich selbst zur Polizeistation gehe. In den letzten Tagen sind verschiedene verdächtige Leute gesehen worden, die sich in der Stadt herumgetrieben haben. Ich habe sie genau beobachten lassen. Unsere Polizei ist leider etwas langsam und schläfrig, ich muß sie einmal aufwecken. Sie wollen sicher nicht mehr mitkommen?« meinte er. »Wir können ja doch nichts helfen«, erwiderte Bent und reichte Mallalieu die Hand. Sein Haus lag dem des Bürgermeisters gerade gegenüber, und er blieb mit Brereton noch stehen und sah Mallalieu nach, der mit schnellen Schritten zur Stadt ging. 7. Kapitel. Nächtliche Tätigkeit. Von der kleinen Villenkolonie am Fuß des Waldhügels hatte man nur wenige Minuten bis zur Polizeistation am Ende der Hauptstraße zu gehen. Mallalieu war ein guter Fußgänger und hatte diese Entfernung schnell zurückgelegt. Aber während dieser kurzen Zeit kam er zu einem Schluß, denn er konnte ebenso schnell denken wie gehen. Es stand für ihn fest, daß Cotherstone Kitely umgebracht hatte. Dieser Verdacht war ihm sofort gekommen, als er von dem Mord hörte. Und er war vollkommen davon überzeugt, als Bent erwähnte, daß Cotherstone nach dem Essen eine Stunde lang fortgegangen war. Zweifellos hatte sein Freund den Kopf verloren und diese Wahnsinnstat begangen. Es war nun seine Pflicht, Cotherstone zu beschützen und zu behüten. Himmel und Erde mußten in Bewegung gesetzt werden, damit der Verdacht nicht auf diesen Mann fiel. Denn wenn Cotherstone etwas zustieß, hatte dies natürlich auch Folgen für ihn selbst – und er hatte die Absicht, sich in jeder Weise zu wahren. Es war ganz gleich, ob ein Unschuldiger verurteilt wurde, wenn nur Cotherstone frei ausging. Von vornherein mußte er die Tätigkeit der Polizei in eine bestimmte Richtung lenken, die Fäden selbst in der Hand behalten und den Gang der Untersuchung leiten. Harborough war der Mann, dem man zunächst einmal das Verbrechen aufbürden konnte. Mallalieu war gerade noch zur rechten Zeit benachrichtigt worden, um noch eingreifen zu können. Er kannte seine Macht und setzte ein unbegrenztes Vertrauen in seine Fähigkeit, alles in die richtige Bahn zu bringen. Diese Nacht wollte er opfern, um den Plan durchzuführen, der sich immer mehr und mehr in seinem Kopfe formte. Während er in seiner Wohnung aufmerksam der Erzählung Bents lauschte, rekonstruierte er sich bereits den Mord, denn er konnte zu gleicher Zeit zuhören und denken. Niemand kannte Cotherstone so gut wie er. Der Mann war verschwiegen und klug, wußte sich stets zu helfen und hatte Erfindungsgabe. Wahrscheinlich hatte er sich in den frühen Abendstunden den ganzen Mordplan zurechtgelegt, und da er mit den Gewohnheiten seines Mieters vertraut war, wußte er auch genau, wann und wo er Kitely überfallen konnte. Den Strick aus Harboroughs Schuppen zu holen, war ein Meisterstück für sich. Verteufelt schlau! dachte Mallalieu. Die Sache mußte Cotherstone nicht allzu schwer geworden sein. Es war eigentlich eine glänzende Idee gewesen! Natürlich kannte Cotherstone Harboroughs Haus und Schuppen. Er kam ja häufig genug dort vorbei. Von der Gartenhecke aus hatte er wahrscheinlich unzählige Male die graue Leine an dem Nagel hängen sehen. Und was war leichter, als in Harboroughs Garten einzudringen und ein Stück davon abzuschneiden? Daß er den Strick nachher nicht von dem Hals seines Opfers entfernt hatte, war der beste Beweis für seine Schlauheit, denn dadurch hatte er von Anfang an den Verdacht auf einen Mann gelenkt, der in einem sonderbaren Ruf stand. Wenn Cotherstone nur die nötigen Nerven besaß, um durchzuhalten! Hoffentlich spielte ihm sein Gewissen nicht hinterher einen Streich. Aber da konnte er ja dann helfen. So unschuldig Harborough auch seiner Meinung nach war, der Gang der Untersuchung mußte gegen ihn gerichtet werden; sein Leben galt nichts im Vergleich zur Sicherheit von Mallalieu und Cotherstone. Der Sergeant hatte dem Inspektor eben Bericht erstattet, als der Bürgermeister ankam. »Ich habe schon alles erfahren«, erklärte Mallalieu und trat schnell näher. »Mr. Bent hat es mir erzählt. Wo ist denn der Strick?« Der Sergeant zeigte auf die Leine, die auf einem braunen Papierbogen auf einem Seitentisch lag. Mallalieu nahm sie in die Hand und wandte sich dann an den Polizeiinspektor. »Haben Sie schon etwas unternommen?« fragte er scharf. »Noch nicht, Herr Bürgermeister. Wir haben eben beraten, was man unternehmen könnte.« »Ich denke, das ist doch klar!« entgegnete Mallalieu. »Vor allem muß zweierlei geschehen. Läuten Sie Norcaster und High Gill an und geben Sie die Personalbeschreibung Harboroughs durch. Er wird wahrscheinlich von einem der beiden Plätze aus mit dem Zuge fortkommen wollen. Bitten Sie die Polizei in Norcaster, uns einige Detektivbeamte zur Aufklärung dieses Falles zur Verfügung zu stellen. Sie möchten die Leute sofort per Auto herschicken. Und dann alarmieren Sie vor allem Ihre eigenen Leute! Der Tatort oben muß abgesperrt werden, damit die Leute nicht dort herumtrampeln und jede Spur zerstören. Ferner stellen Sie einen Posten an Harboroughs Haus auf, im Falle er kühn genug sein sollte, noch einmal zu erscheinen. Wenn er das wagt, wird er natürlich sofort verhaftet. Also los!« »Sind Sie denn davon überzeugt, daß es Harborough ist?« fragte der Inspektor. »Na, der Augenschein spricht doch gegen ihn. Auf jeden Fall ist es Ihre Pflicht, ihn erst einmal festzunehmen. Kann er sein Alibi nachweisen, um so besser. Nun telefonieren Sie aber doch endlich und sorgen Sie dafür, daß wir Hilfe von Norcaster bekommen! Wir selbst haben zu wenig Beamte hier.« Der Inspektor eilte aus dem Büro, und Mallalieu wandte sich an den Sergeanten. »Ich hörte von Mr. Bent, daß Kitelys Haushälterin erklärte, der alte Mann sei heute mittag zur Bank gegangen und habe dort Geld abgehoben. Stimmt das?« »Ja, er hat seine vierteljährliche Pension abgeholt. Miß Pett wußte aber nicht, wieviel es war.« »Aber sie glaubt doch, daß er das Geld bei sich trug, als er überfallen wurde?« »Sie sagte, daß er im allgemeinen immer viel Geld bei sich trug, aber heute sei es außergewöhnlich viel gewesen.« »Das können wir ja bald feststellen. Ich werde zum Bankdirektor gehen und ihn fragen. Holen Sie Ihre Leute zusammen, wir haben jetzt keine Zeit zu schlafen. Sie hätten schon längst oben am Tatort Posten aufstellen sollen.« »Ich habe einen Mann bei Kitelys und einen bei Harboroughs Haus gelassen. Hier in der Nähe wohnen noch zwei weitere Beamte, die will ich gleich herholen.« »Ja, tun Sie das«, befahl Mallalieu. »Ich bin bald wieder hier.« Er eilte die Hauptstraße entlang und kam bald zu einem altmodischen Gebäude in der Nähe des Rathauses, in dem sich die einzige Bank der kleinen Stadt befand. Auch der Bankdirektor wohnte hier. Die Straßen waren leer, und als Mallalieu klingelte und zu gleicher Zeit laut klopfte, klang das Echo unheimlich durch die Stille der Nacht. Gleich darauf öffnete sich oben ein Fenster. Mallalieu fuhr nervös zusammen. Der Bankdirektor eilte in Pantoffeln und Schlafrock zur Haustür, um den mitternächtlichen Besucher einzulassen. Er sah den Bürgermeister bestürzt an, als er von dem Grund seines Kommens hörte. »Ja, es stimmt«, sagte er, »Kitely war heute gegen Mittag auf der Bank – ich habe ihn selbst abgefertigt. Es war sein zweiter Besuch, nachdem er sich hier niedergelassen hat. Das erstemal kam er zu uns, kurz nachdem er das Haus von Mr. Cotherstone gemietet hatte, und wollte seine vierteljährliche Pension abheben. Er sagte mir dann, daß er ein früherer Detektiv sei und sich jetzt habe pensionieren lassen. Ich muß sagen, daß der Mann ein anständiges Ruhegehalt hatte. Er erzählte mir auch, daß er vierzig Jahre lang bei der Polizei war. Ja, das ist eine fatale Sache – ich kann Ihnen sogar noch etwas mehr darüber erzählen.« »Was denn?« fragte Mallalieu erstaunt. »Sie erwähnten doch vorhin Harborough?« »Ja, ganz recht.« »Als Kitely das Geld in Empfang nahm, stand Harborough auch an der Kasse. Er wollte eine Fünfpfundnote wechseln.« Die beiden sahen sich einen Augenblick schweigend an, dann schüttelte der Bankdirektor den Kopf. »Man sollte doch eigentlich nicht denken, daß ein Mann, der eine Fünfpfundnote wechseln lassen kann, einen andern ermordet, um ihm das Geld abzunehmen. Aber ich muß schon sagen, daß Kitely eine hübsche Summe von der Bank forttrug.« »Ich muß selbst zugeben, daß Harborough in schwerem Verdacht steht. Sie können also bezeugen, daß er sah, wie Kitely das Geld einsteckte?« »Selbstverständlich«, entgegnete der Bankdirektor. »Er mußte es sehen. Kitely steckte die Scheine in eine innere Westentasche.« Mallalieu rieb nachdenklich sein Kinn und sah auf den Teppich nieder. »Das ist also ein weiterer Anhaltspunkt«, sagte er schließlich. »Die Sache sieht doch recht ernst aus für Harborough.« »Wir haben die Nummern der Banknoten, die ich Kitely gab. Die könnten vielleicht von Nutzen sein, wenn jemand versuchen sollte, einen der Scheine zu wechseln.« »Das ist natürlich von großem Wert, aber ich glaube nicht, daß jemand das so kurz nach dem Verbrechen wagt. Es ist ein merkwürdiger Fall. Aber zunächst wendet sich der Verdacht gegen Harborough, und wir müssen auf alle Fälle sehen, daß wir ihn in die Hand bekommen.« Mallalieu verließ das Haus des Bankdirektors und ging über die Straße zu der Wohnung des Arztes, um alle Einzelheiten genau festzustellen. Bei Dr. Rockcliffe verweilte er länger und verließ ihn schließlich sehr erstaunt. Der Doktor hatte ihm nämlich auch gesagt, daß der Mörder große Erfahrung in dieser Art des Tötens haben müßte. Es könnte allerdings auch ein Matrose sein, der mit Stricken und Knoten umzugehen verstand. Mallalieu war aber überzeugt, daß Cotherstone die Tat begangen hatte, und Cotherstone war mit solchen Dingen durchaus nicht vertraut. »Das würde wieder auf Harborough passen«, dachte er. »Der muß natürlich als Schweineschlächter darüber Bescheid wissen. Nun, ich weiß, was ich zu tun habe.« Der Polizeiinspektor und der Sergeant instruierten gerade zwei verschlafene Beamte, als Mallalieu wieder bei ihnen eintrat. Er wartete, bis sich die Polizisten entfernt hatten, und nahm dann den Inspektor beiseite. »Ich habe noch einige weitere Tatsachen erfahren, die gegen Harborough sprechen. Er war auf der Bank, als Kitely sein Geld abhob. Es ist ja möglich, daß das nichts zu bedeuten hat; aber unter Umständen kann die Tatsache auch sehr schwer ins Gewicht fallen. Auf jeden Fall wußte er, daß der alte Mann eine große Summe bei sich trug.« Der Inspektor nickte zwar, aber in seinen Zügen drückten sich immer noch Zweifel aus. »Das ist allerdings ein Punkt, der Ihren Verdacht bestärken könnte, aber Sie wissen ebensogut wie ich, Herr Bürgermeister, daß Harborough niemals an Geldmangel leidet. Man nimmt hier allgemein an, daß er ein eigenes Vermögen besitzt. Er war immer ein wenig geheimnisvoll und undurchsichtig, solange ich mich besinnen kann. Er konnte doch seiner Tochter eine gute Erziehung geben und lebt auch sonst ganz gut. Ich habe noch niemals gehört, daß er Schulden hat. Er ist ja ein eigentümlicher Mensch. Wir wissen zum Beispiel, daß er wildert, aber er richtet es immer so gut ein, daß wir ihn nicht fangen können. Ich bin eigentlich davon überzeugt, daß er den Mord nicht begangen hat.« »Aber wir kommen doch nicht um die Tatsache herum! Auf jeden Fall müssen wir den Mann stellen. Wenn er sich aus dem Staube macht, wenn er nicht nach Hause kommt –« »Das würde allerdings gegen ihn sprechen«, gab der Inspektor zu. »Nun, ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht.« »Schicken Sie nach mir, wenn irgend etwas passieren sollte«, entgegnete Mallalieu und verließ das Büro. – Als er am nächsten Morgen wie gewöhnlich um sechs aufwachte, war er sehr neugierig. Er und Cotherstone waren tüchtige Geschäftsleute und davon überzeugt, daß ihre Arbeiter nur dann etwas leisteten, wenn sie unter Kontrolle der Chefs standen. Gewöhnlich trafen sich die beiden Teilhaber morgens um halb sieben auf dem Bauhof, gleichgültig, ob es Sommer oder Winter war. Mallalieu war sehr gespannt, wie Cotherstone aussehen und wie er sich verhalten würde. Als der Bürgermeister das Baugeschäft erreichte, war sein Partner schon dort. Er gab einem Fuhrmann einen Auftrag und kontrollierte noch die Wagenladung, ehe er zu Mallalieu trat. In der Morgendämmerung sah er aus wie gewöhnlich, aber als er nun näherkam, entdeckte Mallalieu doch einen müden Zug in seinem Gesicht und Schatten unter seinen Augen. Auch hatte Cotherstone Mühe, seine Aufregung zu verbergen. Mallalieu selbst schwieg und beobachtete ihn nur. Auf jeden Fall wollte er seinen Freund zuerst sprechen lassen. »Nun?« fragte Cotherstone. »Nun?« entgegnete Mallalieu. Cotherstone spielte nervös mit einem Rechnungsbuch und einigen Papieren, die er in der Hand hielt, dann sah er seinen Teilhaber scheu von der Seite an. Mallalieus Blick ruhte fest und durchdringend auf ihm. »Hast du schon alles gehört?« fragte Cotherstone nach einem peinlichen Schweigen. »Ja.« Cotherstone sah sich um und sprach dann ganz leise, obwohl niemand in der Nähe war. »Solange außer ihm niemand es wußte, solange er zu keinem anderen darüber sprach – und ich glaube nicht, daß er es getan hat –, sind wir sicher.« Mallalieu sah noch immer auf Cotherstone, der unter diesem forschenden Blick nervös und unruhig wurde. »Ach, glaubst du das?« sagte Mallalieu schließlich. »Du vielleicht nicht?« rief Cotherstone ärgerlich. In diesem Augenblick trat ein Polizist herein und wandte sich an den Bürgermeister. »Könnten Sie vielleicht zur Polizeistation kommen, Herr Bürgermeister? Sie haben Harborough gerade dorthin gebracht, und der Inspektor möchte mit Ihnen sprechen.« 8. Kapitel. Mr. Harborough. Anstatt dem Polizisten zu antworten, sah Mallalieu zu Cotherstone hinüber. Es lag etwas Merkwürdiges in dem Blick, so daß Cotherstone unangenehm berührt war. Diese fragenden Augen reizten ihn, und seine Stimmung wurde noch schlechter. »Willst du mitkommen?« fragte Mallalieu kurz. »Nein«, antwortete Cotherstone und wandte sich zum Büro. »Das ist nichts für mich.« Mallalieu trat mit dem Polizisten auf die Straße und wäre dort beinahe mit Bent und Brereton zusammengestoßen, die ebenfalls mit einem anderen Beamten zur Polizeistation eilten. »Haben Sie auch schon gehört, daß Harborough verhaftet ist?« fragte Mallalieu. »Erzählen Sie doch, wie es kam«, wandte er sich dann an den Polizisten. »Wir haben ihn nicht verhaftet«, entgegnete der Mann. »Jedenfalls nicht, wie wir das sonst machen. Vor einer halben Stunde, als es gerade hell wurde, kam er zu seinem Haus zurück. Zwei unserer Leute, die dort oben auf Posten standen, sagten ihm, was vorgefallen ist, und er kam gleich mit ihnen hierher. Er behauptet, daß er nichts von der Sache wüßte.« »Nun, das war ja vorauszusehen«, bemerkte Mallalieu kurz. »Er wäre auch verrückt, wenn er etwas anderes sagte.« Er steckte den einen Daumen in die Weste und folgte den anderen in die Polizeistation, als ob nichts besonders Wichtiges vorläge. Dort konnte man auch wirklich nicht erkennen, daß es sich hier um eine Sache auf Leben und Tod handelte. Mehrere Leute standen vor dem Schreibtisch des Inspektors; ein Beamter schrieb langsam und umständlich an einem Seitentisch, und eine Putzfrau war damit beschäftigt, Feuer im Kamin zu machen. »Die ganze Sache ist einfach lächerlich«, sagte Harborough zornig. »Das müßte man doch in fünf Minuten durchschaut haben!« Brereton sah zu dem Sprecher hinüber, der die anderen ansah, als ob er eine solche Torheit nicht begreifen könnte. Er betrachtete diesen ungewöhnlichen Mann neugierig. Harborough hatte schnelle Bewegungen, einen scharfen Blick und intelligente Züge. Sein Gesicht war von Sonne und Wetter gebräunt, und in seinem Wesen lag etwas Unstetes, Zigeunerhaftes. Trotz seiner rauhen Kleidung und seiner Pelzkappe machte er einen gebildeten, gewandten Eindruck. Seine Hände waren zwar braun und hart, aber doch wohlgeformt. »Nun, wie steht es?« fragte Mallalieu, der mitten im Zimmer stehenblieb und sich umsah. »Was hat er denn zu der Sache zu sagen?« Harborough wandte sich an Mallalieu. »Ich habe dem Inspektor die Sache schon zweimal erklärt. Ich weiß nicht, was dort oben passiert ist, und bin ebenso unschuldig an dem Mord wie Sie. Gestern abend um acht bin ich von Hause fortgegangen, war die ganze Nacht unterwegs und kam heute morgen um sechs zurück. Sobald ich hörte, was geschehen war, ging ich direkt hierher. Nun möchte ich Sie einmal etwas fragen, Herr Bürgermeister. Glauben Sie denn, ich wäre noch einmal zurückgekommen, wenn ich Kitely wirklich umgebracht hätte?« »Möglich wäre es doch«, entgegnete Mallalieu. »Man kann nie bestimmt sagen, wie sich die Leute in einem solchen Fall verhalten. Haben Sie sonst noch etwas zu sagen?« »Die Beamten erzählten mir, daß Kitely mit einem Strick erwürgt wurde, den man von meiner Schlächterleine abgeschnitten hat. Wenn ich der Täter gewesen wäre, hätte ich doch wohl nicht ein so klares Beweisstück zurückgelassen!« »Sie könnten ja gestört worden sein und keine Zeit mehr gehabt haben, den Strick von dem Toten abzuschneiden«, sagte Mallalieu achselzuckend. »Ja, aber Sie müssen doch einmal die Wahrscheinlichkeit berücksichtigen«, rief Harborough aufgebracht. »Und die Wahrscheinlichkeit spricht für meine Unschuld! Der Täter hat natürlich den Strick von meiner Leine abgeschnitten, um mich in Verdacht zu bringen. Das war ja leicht genug. Es wird schon noch herauskommen, ob das richtig ist.« Mallalieu wechselte einen Blick mit dem Inspektor und sah dann Harborough an. »Nun hören Sie einmal zu. Sie können die Sache sehr einfach aufklären, soweit es Sie angeht. Beantworten Sie mir nur eine einfache Frage. Wo waren Sie die ganze Nacht?« Ein tiefes Schweigen herrschte im Raum, und alle sahen gespannt auf Harborough. Aber die Züge des Mannes verhärteten sich, und er schüttelte den Kopf. »Das sage ich nicht. Die Wahrheit wird auch ohne das zur rechten Zeit herauskommen. Es ist nicht nötig, daß ich angebe, wo ich während der Nacht war. Das ist meine Sache und geht niemand etwas an.« »Sie wollen es also nicht sagen?« fragte Mallalieu. »Nein«, erwiderte Harborough hartnäckig. »Sie sind in Gefahr, wie Sie wissen«, bemerkte Mallalieu. »Ihrer Meinung nach«, entgegnete Harborough halb ironisch. »Es gibt auch noch ein Gesetz in diesem Lande! Sie können mich verhaften, wenn Sie wollen, aber daß ich den Mann umgebracht habe, müssen Sie erst beweisen! Und ich will Ihnen sagen, daß ein Wort von mir genügte, um meine Unschuld klarzulegen«, fügte er verächtlich hinzu. »Nun, dann sagen Sie dieses Wort doch!« »Warum soll ich das tun? Was liegt denn gegen mich vor? Nichts! Es ist nur gut, daß Sie nicht allein zu urteilen haben, sondern die Geschworenen. Glauben Sie denn, ein Gericht könnte einen Mann auf Grund Ihrer ärmlichen Angaben hin verurteilen? Das ist direkt irrsinnig!« Der Polizist, der Bent und Brereton begleitet hatte, versuchte schon seit einiger Zeit, die Aufmerksamkeit des Inspektors auf sich zu lenken. Als es ihm schließlich gelang, winkte er seinen Vorgesetzten in eine ruhige Ecke und zog dort etwas aus der Tasche. Die beiden betrachteten es eifrig und sprachen dann leise miteinander. Mallalieu sah Harborough mit einem durchdringenden Blick an. »Mein Lieber«, sagte er schließlich, »Sie machen einen großen Fehler. Wenn Sie nicht sagen können oder wollen, was Sie von gestern abend bis heute morgen gemacht haben, dann –« Der Polizeiinspektor trat jetzt vor und hielt etwas in der Hand. Auch er sah Harborough scharf an. »Heben Sie einmal Ihren linken Fuß.« Harborough gehorchte ärgerlich. Der Inspektor öffnete die Hand und paßte ein kleines Eisen an den Absatz. »Das haben Sie verloren, Harborough!« rief er. »Es ist in der Nähe des Tatortes gefunden worden, und Sie müssen es während der letzten Stunden verloren haben, denn es ist noch ganz blank, kein bißchen Rost daran. Was haben Sie dazu zu sagen?« »Nichts«, entgegnete Harborough trotzig. »Das Eisen paßt sicher zu meinem Stiefel, ich habe gestern schon bemerkt, daß es lose war. Was hat das schließlich zu bedeuten, wenn es oben im Walde gefunden wurde? Als ich gestern abend ausging, kam ich dort vorbei. Sie wollen doch nicht etwa das Leben eines Menschen von einer solchen Kleinigkeit abhängig machen?« Mallalieu winkte den Inspektor beiseite und sprach mit ihm. Gleich darauf verließ er das Büro, und der Inspektor wandte sich an die Leute am Kamin. »Mr. Harborough, ich muß Sie leider verhaften. Ich hoffe, daß es Ihnen gelingt, einen Alibibeweis zu liefern.« »Ich hatte nichts anderes erwartet«, erwiderte Harborough. »Ich mache Ihnen auch keinen Vorwurf – auch sonst niemand. Mr. Bent, würden Sie so liebenswürdig sein und mir einen Gefallen tun? Gehen Sie bitte zu meiner Tochter. Ich bin heute morgen gar nicht ins Haus gekommen. Sagen Sie ihr, sie hätte nichts zu fürchten.« »Natürlich, das tue ich sehr gerne«, antwortete Bent. »Ich gehe sofort zu ihr.« Er nahm Brereton mit sich, und die beiden traten auf die Straße hinaus. »Nun, was hältst du von der ganzen Sache?« »Ich halte den Mann für unschuldig«, sagte Brereton nachdenklich. »Schon allein seinem Aussehen nach möchte ich behaupten, daß er nicht der Mörder ist. Es spricht allerdings viel gegen ihn.« »Hältst du es denn für richtig, daß er verhaftet wurde?« »Es ist genug Material gegen ihn vorhanden, um das zu begründen. Sicher wird er bei der ersten Verhandlung vor dem Polizeigericht nicht freigelassen werden. Man wird die Anklage wegen Mords gegen ihn erheben, und er kommt in Untersuchungshaft. Alles das ist sicher, wenn er nicht vernünftig wird und sagt, wo er in der fraglichen Zeit gewesen ist.« »Er muß doch einen guten Grund haben, es zu verschweigen. Vielleicht kann ihn seine Tochter überreden.« »Kommt sie dort nicht gerade auf uns zu?« Bent sah auf und bemerkte Avice Harborough, die ihnen entgegenkam. Sie sprach ernst mit einem Herrn in mittleren Jahren, der ihr offenbar interessiert zuhörte. »Ja, das ist sie. Der Herr neben ihr ist Mr. Northrop – Mallalieu war gestern abend zum Kartenspiel bei ihm. Sie ist die Erzieherin der beiden jüngeren Kinder von Northrop. Wahrscheinlich hat sie gehört, was vorgefallen ist, und Northrop gebeten, sie zur Polizei zu begleiten. Er ist auch Friedensrichter. Avice hörte ungeduldig zu, als Bent seine Botschaft ausrichtete. Zweimal wiederholte er, daß ihr Vater gesagt hätte, sie brauchte nichts zu fürchten. »Ich fürchte mich auch nicht«, entgegnete sie. »Ich bin nur besorgt, weil mein Vater immer so hartnäckig ist. Ich kenne ihn und weiß, daß er schweigt, wenn er einmal gesagt hat, daß er nicht sprechen will.« »Wird er sich auch Ihnen gegenüber nicht äußern?« fragte Brereton. Sie schüttelte den Kopf. »Einige Male im Jahr geht er eine Nacht fort, und ich erfahre nie, wohin er geht. Es handelt sich um irgendein Geheimnis. Er wird es nicht sagen, selbst wenn es bis zum Äußersten kommt. Wir haben nur eine Möglichkeit, ihn zu retten.« »Und die wäre?« fragte Bent. »Wir müssen den wirklichen Mörder finden!« rief Avice und sah Brereton mit einem schnellen Blick an. »Mein Vater ist ebenso unschuldig wie ich. Wenn Sie mir helfen wollen, so suchen Sie den Mann, der das Verbrechen beging. Nur auf diesem Wege können wir seine Unschuld beweisen. Die Polizei ist auf der falschen Fährte und wird dadurch viel wertvolle Zeit verlieren!« »Sie hat recht«, sagte Northrop, ein klug aussehender, verhältnismäßig kleiner Herr, der aufgeregt gestikulierte. »Sie kennen doch unsere Polizei, Mr. Bent. Wenn die Leute erst einmal eine Spur verfolgen, dann kümmern sie sich um weiter nichts mehr. Während sie ihre Bemühungen auf Harborough konzentrieren, läuft der wirkliche Mörder frei herum und lacht die Polizei aus.« »Aber was könnten wir tun?« fragte Bent. »Wo sollen wir anfangen?« »Zunächst müßte man einmal Kitelys Vorleben erforschen«, erwiderte Avice. »Wer weiß überhaupt etwas von ihm? Vielleicht hatte er Feinde, die ihn bis hierher verfolgten! Finden Sie das Motiv zu dieser Tat heraus!« Sie machte eine Pause und sah halb bittend, halb fragend auf Brereton. »Ich hörte, daß Sie ein Rechtsanwalt sind – wissen Sie denn keinen Rat?« »Ich will gerne helfen. Vor allem muß Ihr Vater verteidigt werden; ich werde seine Verteidigung übernehmen, und zwar kostenlos.« »So ist es richtig!« rief Northrop. »Aber wir müssen uns an die gesetzliche Vorschrift halten«, fuhr Brereton fort. »Ich bin in diesem Bezirk nicht zugelassen. Sie müssen also zu einem hiesigen Rechtsanwalt gehen. Mr. Bent nimmt Sie zu seinem Anwalt mit, und der kann mich auffordern, die Verteidigung zu übernehmen. Dann kann ich hier vor den Behörden als offizieller Verteidiger Ihres Vaters auftreten. Bent, erledige die Sache bitte. Ich möchte inzwischen ein paar Worte mit diesem Herrn sprechen.« Er führte Northrop einige Schritte nach der Anhöhe zu. »Sagen Sie mir bitte, was Sie von diesem Mr. Harborough wissen.« »Er ist ein merkwürdiger Mann, ein Hans in allen Gassen. Wenn Sie sich mit ihm unterhalten, erkennen Sie gleich, daß er in gewisser Weise gebildet ist. Seine Tochter haben Sie ja eben gesehen. Es ist alles sehr geheimnisvoll um ihn herum, aber ich glaube niemals, daß er das Verbrechen begangen hat! Ich kam gestern ungefähr Viertel vor zehn durch den Wald dort oben. Ich habe nichts gehört und gesehen, bin allerdings sehr schnell gegangen, weil ich mich mit dem Bürgermeister für zehn Uhr verabredet hatte und schon fürchtete, daß ich zu spät kommen würde. Aber ich habe wirklich nicht das geringste Geräusch gehört, nicht einmal ein Zweig hat geknackt. Der Mord muß schon vorher passiert sein.« »Das glaube ich auch. Bei der Verhandlung sehen wir uns ja wieder.« Er wandte sich um und folgte Bent und Avice in einem gewissen Abstand. »Zwei Einwohner von Highmarket haben sich also um die fragliche Zeit in der Nähe des Tatortes aufgehalten oder sind wenigstens dort vorbeigegangen«, dachte er bei sich. »Mallalieu kam um zehn Uhr zu Northrop, um Karten zu spielen, und Cotherstone kehrte um diese Zeit nach Hause zurück, nachdem er eine Stunde lang fortgewesen war.« 9. Kapitel Kitelys Vorleben. Die Zeit bis zum öffentlichen Verhör Harboroughs benützte Brereton, um sich zu überlegen, wie er seine Verteidigung führen könnte. Er wollte genau nach Avices Rat handeln und möglichst viel über das Vorleben des Ermordeten zu erfahren suchen. Es gab wahrscheinlich nur eine Persönlichkeit in Highmarket, die etwas über Kitely wissen konnte, und das war seine merkwürdige Haushälterin. Er entschloß sich daher, schon zu diesem verhältnismäßig frühen Zeitpunkt Miß Pett als Zeugin zu vernehmen. Die Verhandlung gegen Harborough fand um elf Uhr vormittags statt. Die Stadt und die ganze Umgebung hatte von dem Mord erfahren und war in heller Aufregung. Brereton war überrascht, daß sich der Staatsanwalt so sehr ins Zeug legte. Man hatte ihn in aller Eile von Norcaster per Auto herbeigeholt und ihm erst auf dem Wege die Einzelheiten des Falles mitgeteilt. Brereton hatte erwartet, daß die Polizei nach der Darlegung des Falles Vertagung beantragen würde, aber anstatt dessen ließ der Staatsanwalt mehrere Zeugen vernehmen, darunter den Bankdirektor. Dieser sagte aus, daß Kitely sein Geld, das er zur Hälfte in Gold erhielt, in Harboroughs Gegenwart zu sich nahm. Kurz darauf wurde ein Polizeibeamter vernommen, der angab, daß bei der Durchsuchung Harboroughs zwanzig Pfund in Gold gefunden wurden. Brereton sah wohl, welchen Eindruck dies auf die Geschworenen machte, die neben Mallalieu saßen. Er fühlte, wie der Verdacht gegen seinen Klienten wuchs, aber er tat nichts. Er hatte schon von Avice und dem anderen Rechtsanwalt in Highmarket erfahren, daß Harborough zwanzig bis dreißig Pfund in Gold bei sich trug. Dafür konnte man leicht den Beweis erbringen. Brereton stellte fast gar keine Fragen an diese Zeugen, aber er arbeitete doch klar heraus, daß Harborough sehr erstaunt war, als ihn bei seiner Rückkehr am Morgen die beiden Polizisten trafen und ihm erzählten, was vorgefallen war. Harborough hatte über die Zumutung gelacht, daß er etwas mit dem Mord zu tun haben könnte, und war freiwillig zur Polizeistation mitgegangen, ohne vorher sein Haus zu betreten. Als aber Miß Pett als Zeugin aufgerufen wurde, entfaltete Brereton eine eifrige Tätigkeit. Sie trug ein einfaches, schwarzes Kleid, das ihre bleiche Hautfarbe noch mehr hervortreten ließ. Nachdem sie einige belanglose Fragen beantwortet hatte, erhob sich Brereton. Alle Zuhörer lauschten gespannt. »Wie lange haben Sie Mr. Kitely gekannt?« fragte er. »Er engagierte mich vor etwa zehn Jahren als Haushälterin.« »Waren Sie diese letzten zehn Jahre dauernd bei ihm in Stellung – ich meine ohne Unterbrechung?« »Nein, ich habe ihn nicht verlassen, seitdem ich zu ihm kam.« »Wo lebte Mr. Kitely, als er Sie anstellte?« »In London.« »Wo in London?« »83, Acacia Grove, Camberwell.« »Sie haben also zehn Jahre lang bei ihm als Haushälterin gelebt, und wir können daher annehmen, daß Sie ihn sehr gut kannten?« »So gut, wie man ihn eben kennen konnte«, entgegnete Miß Pett ärgerlich. »Er war nicht sehr mitteilsam.« »Aber Sie kennen ihn seit zehn Jahren.« Mr. Brereton sah Miß Pett jetzt scharf an. »Wer war eigentlich dieser Mr. Kitely?« Miß Pett wurde unruhig und schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht genau, ich habe es niemals richtig gewußt.« »Aber Sie müssen doch irgend etwas beobachtet haben und wissen, nachdem Sie ihn zehn Jahre kannten. Was machte er denn in London? Hatte er keinen Beruf?« »Er war fast den ganzen Tag unterwegs. Was er aber machte, weiß ich nicht.« »Hat er Ihnen niemals etwas darüber erzählt?« »Nein.« »Haben Sie wirklich keine Ahnung? Ging er regelmäßig aus?« »Nein, das kann ich nicht sagen. Manchmal ging er sehr früh fort, manchmal spät – manche Tage blieb er überhaupt zu Hause, und manchmal blieb er die halbe Nacht fort. Zuweilen kam er tagelang nicht in die Wohnung zurück. Ich habe auch nie gefragt, was er machte.« »Jedenfalls hatte er sich jetzt zur Ruhe gesetzt und seinen Beruf aufgegeben?« »Ja, bevor wir hierherkamen.« »Wissen Sie, warum Mr. Kitely hierherkam?« »Er hat immer gesagt, er möchte sich einmal in einem kleinen, ruhigen Ort, möglichst im Norden, niederlassen. Vor einigen Monaten brachte er hier seinen Urlaub zu, und als er zurückkam, sagte er mir gleich, er hätte ein Haus gefunden, das ihm zusagte. Und dann sind wir hierhergezogen.« »Wie lange sind Sie schon hier?« »Etwas über drei Monate.« Brereton machte eine kleine, wohlbeabsichtigte Pause, ehe er die nächste Frage an die Zeugin richtete. »Wissen Sie etwas über Mr. Kitelys Verwandte?« »Nein. Er hat immer gesagt, er besäße keine Verwandten.« »Haben ihn niemals Verwandte besucht?« »Nein, wenigstens nicht während der zehn Jahre, die ich bei ihm war.« »Glauben Sie, daß er irgendwelches Eigentum oder Geld hatte, das er jemand vermachen konnte?« Miß Pett spielte mit ihrer Handtasche, die auf ihrem Schoß lag. »O – ja«, entgegnete sie zögernd. »Hat er Ihnen gegenüber geäußert, was im Falle seines Todes aus dem Gelde werden sollte?« Miß Pett sah sich um und lächelte ein wenig. »Ja, er hat immer gesagt, daß er es mir vermachen wollte, da er doch keine Verwandten hätte«, entgegnete sie zögernd. Brereton trat einen Schritt näher zum Zeugenstuhl und sprach jetzt etwas leiser. »Wissen Sie, ob Mr. Kitely ein Testament gemacht hat?« »Ja, es ist ein Testament vorhanden.« »Wann wurde es aufgesetzt?« »Kurz bevor wir London verließen.« »Kennen Sie den Inhalt?« »Nein.« »Haben Sie das Testament als Zeugin unterschrieben?« »Nein.« »Wissen Sie, wo es aufbewahrt wird?« »Ja.« »Wo befindet es sich?« »Mein Neffe verwahrt es. Er ist Rechtsanwalt und hat das Testament auch aufgesetzt.« »Wie ist der Name und die Adresse Ihres Neffen?« »Mr. Christopher Pett, 23 B, Cursitor Street.« »Haben Sie ihn von Mr. Kitelys Tod benachrichtigt?« »Ja, ich sandte ihm heute früh ein Telegramm.« »Haben Sie ihn auch gebeten, das Testament mitzubringen?« »Nein«, sagte Miß Pett abweisend und entrüstet. »Ich habe nichts von dem Testament erwähnt. Mr. Kitely hatte meinen Neffen sehr gern, er hielt ihn für einen tüchtigen und strebsamen jungen Mann.« »Nun, wir werden ja noch das Vergnügen haben, Ihren Neffen hier zu sehen«, bemerkte Brereton. »Jetzt möchte ich noch einige Fragen über Ihre eigene Person stellen. Was waren Sie, bevor Sie die Stellung bei Mr. Kitely antraten?« »Ich war Haushälterin bei einem anderen Herrn«, antwortete Miß Pett bissig. »Und wer war das?« »Wenn Sie es durchaus wissen müssen – es war Major Stilman, ein pensionierter Offizier. Ich möchte aber gern wissen, was das –« »Wo wohnt Major Stilman?« »In Kandahar Cottage, Woking«, entgegnete Miß Pett mürrisch. »Aber sagen Sie mir doch –« »Beantworten Sie bitte meine Fragen und machen Sie keine weiteren Bemerkungen. Lebt Major Stilman noch?« »Nein, er starb vor zehn Jahren«, erwiderte Miß Pett aufgebracht. »Wenn Sie in der Weise noch weiterfragen wollen, will ich Ihnen lieber gleich die Antwort geben. Ich war lange bei Major Stilman, und vorher war ich in zwei Hotels tätig. Und noch früher lebte ich bei meinen Eltern, einem angesehenen Gutsbesitzerpaar in Sussex. Ich möchte aber nur wissen, was das alles mit der jetzigen Verhandlung zu tun hat?« »Nennen Sie mir die Namen der beiden Hotels, in denen Sie angestellt waren.« »Das eine in Bayswater hieß ›Royal Belvedere‹ und das andere in Kensington ›Mervyn Crescent‹. Beides erstklassige Häuser.« »Und wie heißt Ihre Heimat in Sussex?« »Oakbarrow Farm in der Nähe von Horsham. Wollen Sie auch noch wissen, wo und wann mein Vater und meine Mutter geboren wurden?« »Nein, ich will sie nicht länger in Anspruch nehmen«, erwiderte Brereton mild. »Sagen Sie mir nur noch das eine: Hat Mr. Kitely jemals Besuch empfangen, seitdem er nach Highmarket zog?« »Nur mein Neffe, der einmal das Wochenende hier zubrachte, hat ihn besucht. Er hatte außerdem geschäftlich mit ihm zu tun. Was die beiden allerdings miteinander verhandelten, weiß ich nicht. Mr. Kitely hatte Hausbesitz in London –« »Und Ihr Neffe wollte sicherlich darüber mit ihm sprechen. Ich danke Ihnen, Miß Pett, weitere Fragen sind nicht mehr nötig.« Als die Haushälterin den Zeugenstuhl verließ, hatte Brereton erreicht, was er wollte: Die Aufmerksamkeit des Publikums war in eine andere Richtung gelenkt. Während der letzten Vernehmung hatten die Zuhörer leise Bemerkungen ausgetauscht, und er wußte, daß diese Leute leicht einen neuen Verdacht aufgriffen. Es ist nichts zweckdienlicher, als das Vorurteil gegen einen Angeklagten dadurch zu entkräften, daß man den Verdacht auf einen anderen lenkt. Trotzdem wußte er ganz gut, daß er Harborough nicht vor der Anklage des Mordes retten konnte, wenn dieser nicht selbst nachwies, wo er in der fraglichen Zeit gewesen war. Aber der Mann weigerte sich auch hier hartnäckig, auf die Fragen des Vorsitzenden zu antworten. So wurde der Fall auf eine Woche vertagt und der Angeklagte ins Gefängnis nach Norcaster gebracht. Brereton und Avice suchten ihn dort auf, aber auch ihre Bemühungen blieben erfolglos. »Es hat keinen Zweck, mein Kind. Sie bemühen sich umsonst, mein Herr«, erwiderte er nur auf ihre dringenden Bitten, sein unheilvolles Schweigen aufzugeben. »Ich bin fest entschlossen, nicht zu sagen, wo ich in jener Nacht war.« »Sagen Sie es mir im Vertrauen, und ermächtigen Sie mich, es auch im Vertrauen weiter zu verwerten«, drängte ihn Brereton. »Nein, das lehne ich entschieden ab. Es ist ja möglich, daß man mich eine Zeitlang hier im Gefängnis zurückhält, aber die Wahrheit wird doch herauskommen, bevor mein Prozeß beginnt. Ich habe nur Sorgen um dich, Avice!« »Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen«, erklärte sie. »Ich wohne jetzt bei Mrs. Northrop. Sie bestand darauf, daß ich zu ihnen ziehe.« Brereton ging aus der Zelle, um Vater und Tochter einige Zeit allein zu lassen, aber auf der Schwelle kehrte er noch einmal um. »Harborough, können Sie mir nicht irgendwie andeuten, wie man Ihnen helfen könnte?« Harborough lächelte und sah seinen Anwalt verständnisvoll an. »Wenn Sie herausbringen wollen, wer Kitely ermordet hat, dann müssen Sie Schritt für Schritt seine Vergangenheit durchforschen!« 10. Kapitel. Das Loch im Strohdach. Bent ging nach der Verhandlung im Polizeigericht mit Brereton nach Hause; er hatte sich, wie alle anderen Anwesenden, sehr für das Verhör der Miß Pett interessiert. »Du hast doch nicht etwa die alte Haushälterin im Verdacht?« fragte er ungläubig, als sie sich am Tisch niederließen. »Und doch hatte man fast diesen Eindruck, als du sie so scharf ausfragtest. All die klugen Leute von Highmarket sitzen nun beim Mittagessen und reden darüber, daß Miß Pett ihren Herrn umgebracht hat!« »Warum sollte sie es nicht getan haben?« fragte Brereton kühl. »Wenn man die Tatsachen vorurteilsfrei betrachtet, kann man ebensogut wie Mr. Harborough auch Miß Pett verdächtigen. Wahrscheinlich sind sie beide genau so unschuldig wie du und ich. Nehmen wir einmal an, daß noch mehr Material gegen Harborough zusammenkommt, so besteht doch gleichfalls die Möglichkeit, daß Miß Pett durch den Tod des alten Mannes zu gewinnen hoffte. Sie ist eine starke, zähe Person, und Kitely war schon etwas alt und schwächlich. Morde werden manchmal von den unmöglichsten Personen und aus den merkwürdigsten Gründen begangen. Hochachtbare Frauen haben gemordet, manchmal nur, um einer Laune zu genügen.« »Du hast sie also tatsächlich im Verdacht?« »Das kann ich dir nicht sagen«, meinte Brereton mit einem gutmütigen Lachen. »Ich glaube nur, daß dieser Mord entweder eine sehr einfache Lösung findet oder daß er uns noch viele Rätsel aufgibt. Wenn Mr. Christopher Pett aus London kommt und das Testament mitbringt, werden wir ein gutes Stück weiterkommen. Es tut mir nur leid um Avice Harborough. Ich weiß wirklich nicht, warum ihr Vater nicht sagen will, wo er die letzte Nacht zubrachte. Damit wäre doch wahrscheinlich die ganze Anklage hinfällig.« »Mindestens könnte er doch angeben, was er von neun bis dreiviertel zehn gemacht hat. Das ist der letzte Zeitpunkt, an dem Mr. Kitely nach den Angaben des Arztes ermordet worden sein kann.« »Er wird wahrscheinlich gewildert haben«, entgegnete Bent lächelnd. »Das glaube ich nicht. Ich muß das Geheimnis dieses Mannes erfahren, trotz seines hartnäckigen Widerstandes. Ich werde die Sache schon durchfechten. Die Schwurgerichtssitzungen in Norcaster beginnen im nächsten Monat, dann wird auch gegen Harborough verhandelt werden. Ich bleibe hier und arbeite die Verteidigung aus. Wenn ich Erfolg habe, wird mir dies in vieler Weise nützen. Ich lerne selbst dabei, und mein Name wird bekannt, denn dieser Fall geht doch durch die ganze Presse. Unter diesen Umständen bin ich unhöflich genug, dich noch um weitere Gastfreundschaft zu bitten.« »Selbstverständlich kannst du bei mir bleiben«, entgegnete Bent herzlich. »Aber sage mir doch wenigstens endlich, was du von der Sache denkst.« »Das weiß ich selbst noch nicht genau. Aber überlege dir einmal folgendes. Welchen Grund könnte Harborough gehabt haben, diesen Kitely zu ermorden? Wir haben genug Zeugen dafür in der Stadt – seine Tochter, seine Nachbarn, die Kaufleute –, daß Harborough immer Geld hatte. Glaubst du, daß er Kitely umgebracht hat, um ihm dreißig Pfund zu rauben? Hatte aber Miß Pett andererseits nicht gute Gelegenheit, Kitely aus dem Wege zu räumen und den Verdacht auf andere zu lenken? Sie kannte die Gewohnheiten ihres Herrn; sie war mit der Umgebung vertraut; sie wußte, wo Harborough diese Schlächterleine aufbewahrte, und sie kann sich so unauffällig und lautlos bewegen wie eine Katze. Wenn sich nach Bekanntgabe des Testamentes herausstellen sollte, daß sie seine einzige Erbin ist, wäre dann nicht ein Motiv für die Tat gefunden? Sicherlich fällt auch auf sie Verdacht, und ich bin nicht ganz sicher, ob er unbegründet ist!« »Aber das ist doch eine starke Behauptung, daß Miß Pett Kitely ermordet haben soll, nur um die Erbschaft anzutreten?« rief Bent ungläubig. »Ich möchte Miß Pett kein Unrecht tun. Ich sage nur, daß ich Grund habe, sie zu verdächtigen. Vielleicht verschärft sich dieser Verdacht noch, wenn wir mehr über die Sache erfahren.« »Dann hätten wir also zwei in Frage kommende Täter. Die Polizei hält Harborough für den Mörder, und du hast Miß Pett im Verdacht. Wahrscheinlich sind sie aber beide vollkommen unbeteiligt. Wer ist denn dann in diesem Fall der Schuldige?« »Ja, wer ist es? Das ist ja das Rätsel. Aber ich habe zunächst nur nachzuweisen, daß mein Klient nicht schuldig ist. Du gehst doch heute nachmittag sowieso ins Geschäft, und inzwischen will ich einmal über alles nachdenken.« Als Bent gegangen war, steckte sich Brereton eine Zigarre an und machte es sich in einem Sessel am Kamin bequem. Er überlegte den Fall nach allen Seiten hin. Wohl hatte er seinem Freunde gesagt, was er über Harborough und Miß Pett dachte, aber er hatte über einen anderen Verdacht geschwiegen, der sich ihm unwillkürlich aufgedrängt hatte. Er fragte sich selbst, wie er dazu kam, zwei offenbar in hohem Ansehen stehende Leute dieser kleinen Stadt mit der Tat in Verbindung zu bringen. Brereton war ein guter Beobachter und hatte am vergangenen Abend bemerkt, daß sich Cotherstone nicht in der üblichen Weise seinen Gästen widmete. Das ganze Verhalten des Mannes hatte bezeugt, daß er nicht bei der Sache war. Mehrmals hörte er überhaupt nicht, was man zu ihm sagte, und als im Laufe der Unterhaltung Kitelys Name fiel, wurde er verwirrt. Und am sonderbarsten verhielt er sich, als Garthwaite die Nachricht von Kitelys Ermordung brachte. Aber nun kam das wichtigste, das schwerwiegende Verdachtsmoment. Als sie alle aufbrachen, um zu der Mordstelle zu gehen, führte sie Cotherstone gerade darauf zu. Woher wußte er denn, wo der Tatort lag? Er hatte doch erst fünf Minuten vorher von dem Verbrechen gehört, und nun führte er seine Begleiter an einen Platz, der nur wenige Meter von der Mordstelle entfernt war. Dann erst reichte er Garthwaite die Laterne und betonte ausdrücklich, daß dieser sie führen sollte, da er doch nicht wissen könnte, wo das Verbrechen geschehen sei. Wenn Cotherstone Kitely nicht selbst während der Stunde getötet hatte, die er von seinem Hause entfernt war, so wußte er wahrscheinlich doch, daß Kitely ermordet war, und wahrscheinlich auch von wem. Das waren Tatsachen, mit denen man rechnen mußte. Nach der jetzigen Annahme war Kitely ungefähr um halb zehn ermordet worden. Cotherstone war von zehn Minuten vor neun bis fünf Minuten vor zehn ausgegangen. Er war verstört, als er zurückkam, und seine Nervosität steigerte sich noch, als er mit den anderen in den Wald zu dem Toten ging. War es nicht möglich oder sogar wahrscheinlich, daß er in dieser Erregung alle Vorsicht außer acht ließ und sich rein mechanisch zu der Mordstelle wandte? Aber das war noch nicht alles, es war noch mehr zu bedenken. Mallalieu war Cotherstones Partner. Mallalieu ging kurz vor zehn zu Northrop. Man mußte herausbringen, was Mallalieu vorher tat. Aber die Hauptsache blieb doch immer, wie und wo Cotherstone die eine Stunde zubrachte, die er von Hause entfernt war. Hatte er Grund, Kitely aus dem Wege zu schaffen? Brereton dachte alle Einzelheiten durch, bis er seine Zigarre aufgeraucht hatte. Dann verließ er das Haus und ging in den Wald. Er wollte sich noch einmal bei Tage an dem Tatort umsehen. Er fand die Stelle sofort, denn aus der Stadt waren viele Neugierige gekommen, um den Platz zu besichtigen, an dem man einen Menschen ermordet hatte. Aber niemand konnte direkt hinkommen. Die Polizei hatte den Teil des Waldes mit Tauen abgesperrt, und zwei Beamte hielten dort Wache, während einige Detektive von Norcaster innerhalb des abgeteilten Raumes Grund und Boden sorgfältig absuchten. Junge und alte Leute unterhielten sich über den Mord und beobachteten eifrig die Vorgänge innerhalb des abgesperrten Platzes. Sie hofften, daß gerade jetzt ein bedeutender Fund gemacht würde, damit sie selbst eine sensationelle Neuigkeit zur Stadt bringen könnten. Viele waren am Vormittag bei der Verhandlung zugegen gewesen und erkannten Brereton wieder. Einer der Detektive trat vor und lud ihn ein, näherzukommen. »Haben Sie noch etwas entdeckt?« fragte der Rechtsanwalt. Im geheimen wunderte er sich, daß sich die Polizeibeamten einer so nutzlosen Beschäftigung hingaben. »Nein, aber wir konnten nach den Spuren auf dem Boden feststellen, daß sich der Mörder hinter dem Ginsterstrauch versteckt hielt, bevor er sich auf sein Opfer stürzte. Hier haben wir nichts gefunden, aber sicherlich haben Sie von dem Fund in Harboroughs Haus gehört?« »Nein!« rief Brereton erstaunt. »Welchen Fund meinen Sie denn?« »Einer von uns hat das Haus durchsucht, nachdem die Verhandlung vor dem Polizeigericht zu Ende war. Man fand die Banknoten dort, die Kitely gestern abhob, ebenfalls die Briefe und Papiere, die wahrscheinlich in seiner Brieftasche steckten. Alles war in einem Loch in dem Strohdach von Harboroughs Schuppen versteckt.« »Wo sind die Sachen jetzt?« »Auf der Polizeistation, der Inspektor hat sie in Verwahrung. Er wird sie Ihnen gern zeigen, wenn Sie hingehen wollen.« Brereton machte sich sofort auf den Weg und wurde auch gleich in das Büro des Inspektors geführt. Der Beamte zeigte ihm auf seine Bitte hin die gefundenen Dinge. »Sehen Sie, diese Papiere waren in einem Rattenloch in dem Strohdach versteckt. Ich weiß nicht mehr, was ich von der ganzen Sache denken soll. Man sollte doch annehmen, daß ein Mann von Harboroughs Verstand solches Beweismaterial nicht in dem Hause lassen würde, wo sie doch bei der ersten Durchsuchung gefunden werden müssen!« »Ich glaube nicht, daß Harborough sie dort versteckte. Aber wir wollen uns doch alles einmal näher ansehen.« Der Polizeiinspektor bot seinem Besucher einen Stuhl an. »Es ist nicht gerade sehr viel«, sagte er. »Drei Fünfpfundnoten. Ich habe feststellen können, daß es dieselben sind, die Kitely gestern von der Bank holte. Dann eine Anzahl von Briefen, die hauptsächlich von alten Büchern, Antiquitäten und dergleichen handeln, und einige Zeitungsausschnitte. Hier ein kleines Notizbuch. Es sind allerhand Bemerkungen mit Bleistift darin eingetragen, aber nichts von Bedeutung. Sie können es sich ruhig ansehen, ich habe nichts dagegen.« Brereton sah die Papiere schnell durch, fand aber nichts Beachtenswertes daran. Aber das Notizbuch betrachtete er genauer, vor allem die letzten Eintragungen. Eine Zeile fiel ihm besonders auf, so unbedeutend sie an und für sich sein mochte. M. \& C. v. Z. A. cir. 91. Bei den Anfangsbuchstaben wurde Brereton sofort an Mallalieu und Cotherstone erinnert. 11. Kapitel. Christopher Pett. Der Inspektor und Brereton sahen auf den mit vielen Papieren bedeckten Schreibtisch nieder. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Aber schließlich richtete sich der Beamte auf und machte eine ungeduldige Handbewegung. »Etwas kann ich nicht verstehen«, sagte er. »Zuerst nahmen wir doch an, daß der Mörder Kitelys Papiere haben wollte. Warum nahm er sie sonst heraus und warf die Brieftasche weg? Was halten Sie davon?« »Ja, das ist tatsächlich ein Rätsel«, gab Brereton zu. »Ich hätte eigentlich auch erwartet, daß der Mörder die Brieftasche mitgenommen hätte. Die Tatsache, daß er die Sachen herausnahm, die Tasche wegwarf und später die Papiere oder wenigstens einen Teil davon in Harboroughs Schuppen versteckte, scheint mir auf ein noch größeres Rätsel hinzuweisen. Verstehen Sie mich?« »Nein, ich weiß nicht, was Sie meinen.« »Hören Sie einmal zu. Es sieht so aus, als ob sich der Mörder Zeit nahm, nachdem er Kitely umgebracht hatte. Die Brieftasche wurde doch ganz in der Nähe des Ermordeten gefunden, und sie war leer. Was folgt nun daraus? Sicher ist er dort geblieben, um die Papiere durchzusehen. In dem Fall mußte er also ein Licht haben, wahrscheinlich eine elektrische Taschenlampe. Wir wollen uns einmal den Vorgang klarmachen. Nehmen wir an, der Mörder wollte ein bestimmtes Papier haben, das seiner Meinung nach in Kitelys Besitz war. Er knipste also seine Lampe an, legte die Brieftasche beiseite und sah die Papiere durch. Plötzlich hörte er einen Laut aus dem nächsten Gebüsch, drehte sofort das Licht aus und lief mit den Papieren davon, ohne erst noch die Brieftasche aufzuheben. Vielleicht hatte er sie in dem Augenblick überhaupt ganz vergessen. Was sagen Sie dazu?« »Ausgezeichnet! Aber es ist natürlich nur eine Theorie.« Brereton erhob sich lächelnd. »Vielleicht verwandeln Sie die Theorie einmal in die Praxis. Es gibt doch sicher Kaufleute in der Stadt, die elektrische Taschenlampen verkaufen. Finden Sie heraus, ob einer von ihnen in der letzten Zeit solche verkauft hat und an wen. Natürlich müssen diese Nachforschungen unauffällig geschehen. Ich glaube bestimmt, daß die Brieftasche und ihr Inhalt an jener Stelle durchsucht wurden, und zwar mit Hilfe einer elektrischen Taschenlampe. Sie sehen, daß man aus einer solchen Theorie doch allerhand Anhaltspunkte entnehmen kann.« »Ich werde die Sache weiter verfolgen. Es ist alles sehr merkwürdig. Ich persönlich bin davon überzeugt, daß wir den falschen Mann verhaftet haben. Aber was konnten wir sonst tun?« »Ganz recht. Aber die Sache wird sich ja weiter entwickeln. Wir stehen erst am Anfang.« Brereton verließ das Büro, aber er dachte keineswegs an elektrische Taschenlampen. Sobald er sich unbeobachtet wußte, nahm er sein Notizbuch heraus und notierte darin die merkwürdige Zeile: M. \& C. v. Z. A. cir. 91. Wieder mußte er daran denken, daß Mallalieu und Cotherstone dieselben Anfangsbuchstaben hatten. Es mochte ja sein, daß der Bürgermeister und der Stadtkämmerer nichts damit zu tun hatten, aber unter den jetzigen Umständen war es immerhin ein merkwürdiges Zusammentreffen. Brereton hatte das Gefühl, daß er vielleicht doch noch einen Zusammenhang entdecken könnte. – Als Bent und sein Freund nach dem Abendbrot ihre Zigarren rauchten, brachte das Dienstmädchen eine Karte herein. »Mr. Christopher Pett!« rief Bent erstaunt. »Was will denn der von mir? Kommt er allein, oder ist Miß Pett bei ihm?« fragte er das Mädchen. »Der Polizeiinspektor begleitet ihn. Sie fragten, ob sie die beiden Herren eine halbe Stunde sprechen könnten.« »Führen Sie sie herein.« Er sah den Rechtsanwalt verwundert an. »Wahrscheinlich bekommen wir wieder etwas Neues zu hören. Der Neffe dieses alten Drachens wird sicher nur dich sprechen wollen. Ich werde also den Zuhörer spielen.« Brereton antwortete nicht, er sah gespannt nach der Tür. Plötzlich erkannte er den Eintretenden; er hatte diesen kleinen Mann mit den schlauen, verschlagenen Augen schon oft vor den Londoner Gerichtshöfen gesehen und ihn für den Angestellten eines Rechtsanwalts gehalten. Als Pett hereinkam, nahm er seinen Zylinder ab und legte eine Aktentasche auf den Tisch. Nachdem er den Hausherrn durch eine Verbeugung begrüßt hatte, grinste er Brereton wohlgefällig an und rieb seine langen, weißen Hände. »Guten Abend, Mr. Brereton«, sagte er mit einer schmeichlerischen Stimme. »Gewiß haben Sie mich schon früher gesehen. Ich habe Sie wenigstens des öfteren bei Gericht bemerkt. Leider hatte ich noch nicht das Vergnügen, beruflich mit Ihnen in Verbindung zu kommen.« Mr. Pett trat so selbstbewußt und sicher auf, daß Brereton ihn am liebsten aus dem Zimmer geworfen hätte, aber er unterdrückte seine Gefühle und erwiderte nur kühl, daß Mr. Pett wahrscheinlich gekommen würde, um sich geschäftlich mit ihm zu unterhalten. »Ich komme im Auftrag meiner Tante, Miß Pett. Ich habe gehört, Mr. Brereton, daß Sie meine Tante während der Verhandlung heute morgen ausgefragt haben. Ich will Ihnen keineswegs zu nahe treten, aber sie ist in den Augen der Leute dadurch verdächtig geworden. Sie wünscht daher, daß ich als ihr rechtlicher Vertreter Sie aufsuche und Ihnen genau klarlege, in welchen Beziehungen sie zu Kitely stand. Ich schlage vor, daß ich Ihnen das alles zu Ihrer persönlichen Information in Gegenwart des Polizeiinspektors sage, mit dem ich schon früher darüber gesprochen habe.« »Ich bin damit einverstanden«, antwortete Brereton. »Ich war der Rechtsberater des verstorbenen Mr. Kitely und setzte sein Testament auf, das ich hier mitgebracht habe. Niemand außer mir kennt den Inhalt.« »Sie wollen uns also mit dem Inhalt des Testamentes vertraut machen?« »Ja, das ist meine Absicht. Ich möchte noch einmal betonen, daß meine Tante den Beruf Mr. Kitelys und seine Vermögenslage nicht kannte und auch nichts darüber erfahren wird, bis ich ihr das Testament vorlege. Der verstorbene Mr. Kitely war früher Detektiv, und infolge seiner sparsamen Lebenshaltung hat er ein kleines Vermögen zusammengebracht, das er in London in Hausbesitz anlegte. Die Anwesen bringen etwa einhundertfünfzig Pfund jährliche Zinsen. Er hat alles Miß Pett vermacht, und ich bin sein Testamentsvollstrecker. Wenn Sie das Testament einsehen wollen, so will ich es Ihnen gerne zeigen.« Mr. Brereton lehnte es mit einer Handbewegung ab. »Ich nehme ohne weiteres an, daß das richtig ist, was Sie mir gesagt haben. Als Rechtsanwalt wissen Sie wohl, daß alle Fragen, die ich heute an Miß Pett richtete, im Interesse meines Klienten gestellt wurden. Wenn Miß Pett auch den genauen Wortlaut des Testamentes nicht kennt, so wird sie doch darüber nicht allzu erstaunt sein.« »Sie kannte die Absicht Mr. Kitelys.« »Ist Ihnen eigentlich bekannt, ob Kitely Feinde hatte?« »Man kann wohl als sicher annehmen, daß ein Mann seines Berufes Feinde hatte. Sicher gibt es viele Leute, deren Verbrechen er aufgedeckt hat, und die sich später an ihm rächen wollten. Aber leider weiß ich nichts Näheres.« »Hat er Ihnen gegenüber niemals etwas davon erwähnt?« »Nein, er war sehr verschlossen und sprach nie von beruflichen Dingen. Ich weiß, daß er früher an der Aufklärung bedeutender Fälle mitgewirkt hat, aber gesagt hat er mir darüber nichts.« »Haben Sie denn nicht irgendeine Idee, wer der Mörder sein könnte?« »Es ist meiner Meinung nach noch zu früh, darüber zu sprechen«, entgegnete Mr. Pett und blinzelte Brereton aus halbgeschlossenen Augen an. »Aber ich möchte noch etwas anderes erledigen. Das Testament enthält einige kleinere Verfügungen, und eine davon betrifft Sie, Mr. Bent. Die Bestimmung steht nicht in dem Haupttestament, sondern in einem Nachtrag, den Kitely vor einigen Wochen aufsetzte, als ich ihn besuchte. Er hat Ihnen dies vermacht.« Pett nahm ein Buch von mittlerer Größe aus seiner Aktentasche. »Kitely hat hier allerhand Zeitungsausschnitte eingeklebt, und er glaubte, Sie interessieren sich vielleicht dafür. Ich darf Ihnen das Buch wohl der Einfachheit halber gleich aushändigen. Bitte stellen Sie mir eine Empfangsquittung aus.« Bent ging mit Mr. Pett zu seinem Schreibtisch und händigte ihm dort die gewünschte Bestätigung aus. Der Inspektor winkte inzwischen Brereton zu sich. »Sie besinnen sich noch, daß wir heute über elektrische Taschenlampen sprachen? Ich habe mich danach erkundigt. Es gibt nur ein Geschäft im Ort, das solche Lampen führt, und dort konnte ich allerdings allerhand feststellen – mehr als ich erwartet hatte!« »Nun, was haben Sie denn gehört?« »In der letzten Zeit wurden nur drei Lampen verkauft – eine an den Sohn des Pfarrers, eine an den Bürgermeister und eine an Jack Harborough!« 12. Kapitel. Väterliche Sorge. Einen Augenblick sahen sich Brereton und der Beamte schweigend an. »Sagen Sie niemand etwas davon«, erwiderte Brereton halblaut, als die beiden anderen wieder nähertraten. »Wir sprechen später noch darüber. Das mag von großer Bedeutung sein.« »Wir haben aber bei Harborough keine Taschenlampe gefunden, trotzdem er die ganze Nacht aus war.« Brereton warf ihm einen warnenden Blick zu. Pett und der Polizeiinspektor empfahlen sich bald darauf, und Bent ließ sich wieder lachend in seinem Sessel nieder. »Das ist ja ein merkwürdiges und unerwartetes Legat! Ich weiß nicht, wie der alte Mann auf den Gedanken kam, daß ich für dergleichen etwas übrig habe.« »Vielleicht stehen allerhand interessante Dinge darin«, meinte Brereton, als Bent das Buch in den Schrank stellte. »Verwahre es nur gut. Welchen Eindruck hattest du von diesem Mr. Christopher Pett?« »Ein geriebener Bursche! Und was hältst du von ihm?« »Genau dasselbe. Ich möchte nur wissen, was der mit Kitely zu verhandeln hatte. Wahrscheinlich müssen wir später noch darauf zurückkommen, im Augenblick sind andere Dinge zu bedenken.« Er änderte das Gesprächsthema, denn die Vermutung, die ihn dauernd quälte, konnte er unmöglich mit seinem Freunde besprechen. Hatten Cotherstone und Mallalieu etwas mit Kitelys Tod zu tun? Die Frage beschäftigte ihn vollkommen, und er dachte mehr daran als an die Verteidigung Harboroughs. »Ich würde viel darum geben«, sagte er zu sich selbst, als er zu Bett ging, »wenn ich einen Augenblick in Cotherstones und Mallalieus Gehirn sehen könnte. Ich möchte einen Eid darauf leisten, daß die beiden etwas wissen! Wahrscheinlich sind sie froh, daß niemand davon erfährt!« – Hätte Brereton seine Absicht ausführen können, so wäre er wohl sehr nachdenklich geworden. Mallalieu und Cotherstone beobachteten sich gegenseitig. Sie hatten die Verhandlung vor dem Polizeigericht angehört und mit größter Genugtuung festgestellt, daß nichts verlautete, was ihnen ungünstig war. Nachdem mehrere Tage vergangen waren und die Nachforschungen der Polizei immer mehr Material gegen Harborough ergaben, hielten sich Mallalieu und Cotherstone für sicher. Sie glaubten, daß ihr Geheimnis mit dem alten Kitely begraben sei. Aber in ihnen selbst war es lebendig genug, und sie verdächtigten sich gegenseitig. Cotherstone hielt Mallalieu für den Täter, und der Bürgermeister war davon überzeugt, daß Cotherstone den Mord begangen hatte. Sie sahen sich beide heimlich von der Seite an, sprachen nur kurz miteinander, und wenn sie zufällig allein waren, herrschte eine gedrückte Stimmung. Obwohl die beiden schon so lange Teilhaber waren, hatten sie doch sonst nichts gemeinsam. Sie waren wohl vorzügliche Partner in geschäftlichen Angelegenheiten, wenn es galt, Geld zu verdienen; aber in Geschmack, Temperament und Charakter bestanden große Verschiedenheiten zwischen ihnen. Und die letzten Ereignisse brachten es nun mit sich, daß sie einander nicht mehr vertrauten. Mallalieu hätte Cotherstone niemals seinen Verdacht mitgeteilt; denselben Standpunkt nahm Mallalieu Cotherstone gegenüber ein. Aber dieses Schweigen machte sie immer nervöser und reizbarer, je länger es dauerte. Besonders Cotherstone war überempfindlich geworden, und die abgewandten Blicke und einsilbigen Antworten Mallalieus, dem er nicht aus dem Wege gehen konnte, brachten ihn fast zur Verzweiflung. Und als sie eines Tages allein im Büro waren, konnte er sich nicht mehr beherrschen. Wegen einer kleinen Bemerkung verlor er die Fassung und fuhr Mallalieu ärgerlich an. »Verdammt noch einmal, du glaubst, daß ich Kitely um die Ecke gebracht habe! Warum sagst du es dann nicht, damit ich mich einmal mit dir darüber aussprechen kann?« Mallalieu stand am Kamin, um sich ein wenig zu wärmen. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und sah seinen Partner verächtlich an. »Ich möchte dir nur den Rat geben, kaltes Blut und klaren Kopf zu behalten«, sagte er mit erzwungener Ruhe. »Es gibt außer mir noch andere Leute, die sich allerhand denken, wenn du dich albern benimmst.« »Du bist also wirklich davon überzeugt, daß ich es getan habe?« rief Cotherstone hitzig. »Zum Donnerwetter, das habe ich schon längst gemerkt! Immer siehst du mich an, als ob – als ob –« »Sei still!« unterbrach ihn Mallalieu. »Ich kann dich und jeden anderen so ansehen, wie es mir paßt. Es ist überhaupt kein Grund zur Aufregung vorhanden. Ich werde dich niemals verraten. Wenn du dich entschließen kannst, die Sache einfürallemal zu regeln, will ich kein Wort darüber sagen. Es sei denn – du verstehst mich doch?« »Was soll ich denn verstehen?« schrie Cotherstone. »Es sei denn, daß ich dazu gezwungen würde. Ich will nichts mit dem Morde zu tun haben. Jeder für sich selbst, das ist ein ganz brauchbarer Wahlspruch. Aber ich sehe im Augenblick noch nicht, daß irgendwelche Gefahr drohen könnte. Ich glaube auch nicht, daß es jemals soweit kommt. Es ist mir gleich, wenn ein anderer daran glauben muß. Wenn er an dieser Sache unschuldig ist, hat er sicher etwas anderes auf dem Gewissen. Auf jeden Fall will ich alles tun, um dich zu schützen.« Cotherstone geriet durch diese Worte noch mehr außer Fassung. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und warf die Feder zu Boden. Mallalieu betrachtete ihn nur ironisch und ging dann zur Tür. »Cotherstone, du benimmst dich direkt kindisch! Wenn du noch weiter solchen Unsinn machst, dann erfahren es auch andere Leute. Die halten aber nicht den Mund wie ich. Beruhige dich doch. Vor allem kaltes Blut!« »Verdammt noch einmal, wo warst du denn in jener Nacht? Das möchte ich gerne wissen, oder ich möchte es lieber nicht wissen! Du bist nicht sicherer als ich, und wenn ich sagte, was ich wüßte –« Mallalieus Hand lag schon auf der Türklinke. Aber er drehte sich noch einmal um und sah seinem Partner voll ins Gesicht. »Wenn du etwas sagst, was du weißt, oder dir einbildest zu wissen«, sagte er ruhig, »dann gibt es einen Zusammenbruch in deiner Familie. Ich dachte, es läge in deinem Interesse, daß geschwiegen wird, schon um deiner Tochter willen. Du bist jetzt nicht ganz bei Sinnen!« Mit dieser Bemerkung verließ er das Büro. Cotherstone sank bebend vor Wut in den nächsten Stuhl und verfluchte sein Schicksal. Nach einer Weile kam er wieder zu sich und dachte über alles nach. Unwillkürlich beschäftigten sich seine Gedanken mit Lettie. Mallalieu hatte recht – natürlich hatte er recht. Wenn er irgendwie etwas sagte, vernichtete er damit die Zukunft seiner Tochter. Cotherstone betrachtete alles rein äußerlich und konnte nicht glauben, daß ein ehrgeiziger junger Mann wie Windle Bent es über sich bringen würde, die Tochter eines früheren Zuchthäuslers zu heiraten. Bent würde sicher einen Entschuldigungsgrund finden, um seine Beziehungen zu der Familie Cotherstone zu lösen, wenn solche unangenehmen Wahrheiten ans Licht kommen sollten. Nein, was sich auch immer ereignen mochte, er mußte das Geheimnis streng hüten, bis Bent und Lettie verheiratet waren. Wenn das erreicht war, wollte er sich wenig darum kümmern, was die Zukunft bringen würde. Bent konnte ja seiner Frau nichts zur Last legen. Cotherstone versuchte mit allen Mitteln, sich zu beruhigen, um wieder klar und kühl überlegen zu können. Noch am selben Nachmittag besuchte er seinen Arzt, und als er nach Hause kam, war sein Plan gefaßt. Er fand Bent bei Lettie und nahm die beiden sofort mit sich in sein Privatzimmer, das im allgemeinen niemand außer ihm betreten durfte. Er ließ sich dort in einem Sessel nieder und bat sie, sich in seine Nähe zu setzen. »Es trifft sich gut, daß ich euch zusammen sprechen kann. Ich habe euch etwas zu sagen – du brauchst keine Sorge zu haben, Lettie, aber ich möchte doch bemerken, daß es ernst steht. Bent wird mich verstehen. Ihr habt vorläufig eure Hochzeit auf das nächste Frühjahr festgesetzt, das wären noch sechs Monate. Ich möchte euch nun bitten, eure Pläne zu ändern und sobald als möglich zu heiraten.« Er sah Lettie eindringlich an und erwartete eigentlich, daß sie sehr erstaunt sein würde. Aber darin täuschte er sich. Sie fragte ihren Vater nur ruhig, welchen Grund er dafür habe. Cotherstone fühlte sich erleichtert, als er sah, daß er die Sache in aller Ruhe mit den beiden besprechen konnte. »Ich habe mich in letzter Zeit nicht recht wohl gefühlt. Während meines ganzen Lebens habe ich mich überarbeitet, und alles geht bis zu einer gewissen Grenze. Aber am Schluß kommt der Zusammenbruch. Das hat mir der Arzt heute gesagt.« »Warst du beim Arzt?« rief Lettie. »Ja, heute nachmittag. Aber du brauchst nicht zu erschrecken. Er sagt, es ist hohe Zeit, daß ich mich einmal erhole. Ruhe und Klimawechsel sind nötig. Ich habe mich deshalb entschlossen, mich vom Geschäft zurückzuziehen. Warum sollte ich das auch nicht tun? Ich habe mir doch ein großes Vermögen erworben, größer, als die meisten Leute ahnen. Morgen werde ich mit Mallalieu über die Sache sprechen. Mein Entschluß ist unwiderruflich. Dann möchte ich ein oder zwei Jahre auf Reisen gehen, denn ich hatte schon immer den Wunsch, einmal eine Reise um die Welt zu machen. Aber vorher möchte ich natürlich gerne sehen, daß ihr verheiratet seid. Was sagt ihr nun dazu?« Letties klarer Verstand zeigte sich in ihrer Antwort. Sie hatte ihrem Vater aufmerksam zugehört und wandte sich nun an Bent, als ob sie etwas Nebensächliches fragte. »Würden dadurch nicht deine ganzen Pläne für das nächste Jahr über den Haufen geworfen? Sieh einmal, Vater, Windle hat doch nun alles so arrangiert. Frühjahr und Sommer wollte er Urlaub vom Geschäft nehmen, und wir wollten dann sechs Monate lang auf dem Kontinent reisen. Das müßte alles vollkommen geändert werden.« »Das ließe sich schon einrichten«, unterbrach sie Bent. Er beobachtete Cotherstone, denn er hatte den Eindruck, daß dieser etwas zurückhielt und noch nicht die volle Wahrheit über seine Gesundheit gesagt hatte. »Ich kann schließlich auch im Winter Urlaub nehmen, Lettie.« »Aber ich möchte nicht gerne im Winter reisen«, widersprach sie. »Außerdem habe ich noch meine ganze Aussteuer zu besorgen.« »Das läßt sich doch schnell erledigen.« Aber Lettie hatte noch viele andere Einwände. »Du kannst ja ruhig verreisen, Vater«, sagte sie schließlich. »Deshalb brauchen wir doch den Tag unserer Hochzeit nicht zu ändern.« »Wenn es darauf ankommt, können wir aber auch schon morgen heiraten«, meinte Bent. Lettie war ärgerlich über ihren Verlobten, warf den Kopf in den Nacken und verließ das Zimmer. Die beiden Männer sahen sich an. »Du mußt mit ihr sprechen«, bat Cotherstone. »Die Mädchen haben immer so komische Gedanken über Aussteuer und Brautjungfern und den ganzen Kram.« »Ich werde es ihr schon klarmachen«, entgegnete Bent und legte die Hand auf Cotherstones Schulter. »Haben Sie auch alles gesagt?« Cotherstone sah nach der Tür und sprach dann leise. »Ich bin herzleidend. Überarbeitet, sagt der Doktor. Ich muß mich zur Ruhe setzen und in ein anderes Klima gehen. Aber bitte sagen Sie davon nichts zu Lettie. Sie begreifen doch, daß ich mich sicherer fühle, wenn die Hochzeit vorüber ist?« Bent war ein gutmütiger Mensch und glaubte seinen Schwiegervater zu verstehen. Es war doch nur zu natürlich, daß sich dieser Mann um die Zukunft seines einzigen Kindes sorgte. Er wollte einmal ernstlich mit Lettie über eine baldige Hochzeit sprechen. Am Abend erzählte er Brereton alles, als er nach Hause kam, und fragte ihn, wie man eine Lizenz zu einer sofortigen Eheschließung erlangen könnte. Brereton erklärte ihm, was er darüber wußte. Diese neue Entwicklung war ihm außerordentlich interessant und wertvoll, aber darüber sagte er nichts zu seinem Freunde. 13. Kapitel. Der anonyme Brief. Eine Woche später war Brereton in der Lage, alles zusammenzufassen, was sich inzwischen ereignet hatte. Harborough hatte auch bei den weiteren Verhandlungen die Auskunft darüber verweigert, wo er in der Mordnacht gewesen war. Infolgedessen hatte man die Anklage wegen Mordes gegen ihn erhoben. Nun mußte Brereton bis zu den Schwurgerichtssitzungen in Norcaster warten, und es blieben ihm daher noch drei Wochen Zeit, um seine Verteidigung vorzubereiten oder die Schuld eines andern zu beweisen. Christopher Pett hatte es als Rechtsvertreter des Ermordeten für seine Pflicht gehalten, in Highmarket zu bleiben, bis die Verhandlungen vor dem Polizeigericht und die Totenschau zu Ende geführt waren. Bei beiden Gelegenheiten war er dadurch aufgefallen, daß er viele unnötige Fragen stellte. Breretons Abneigung gegen ihn war dauernd gewachsen. Vor allem waren ihm Petts Vertraulichkeit und seine unterwürfige Höflichkeit zuwider. »Ich wundere mich nur, Mr. Brereton«, sagte er einmal, »daß Sie die Vertretung für diesen Mr. Harborough angenommen haben. Sie könnten doch in London inzwischen viel mehr ausrichten. Und dabei hat er nicht einmal Aussicht, der kommt sicher an den Galgen. Ich weiß schon, was die Geschworenen in Norcaster sagen werden. Die ziehen sich gar nicht erst zur Beratung zurück, sondern sprechen sofort ihr Schuldig.« »Wenn der richtige Täter auf der Anklagebank sitzt, wird das schon stimmen, Mr. Pett«, erwiderte der Rechtsanwalt. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß dieser Harborough unschuldig ist? Sie, der eine so große Erfahrung in Kriminalfällen hat!« »Wir werden ja sehen«, entgegnete Brereton und wandte sich ab. Als Pett die Hand auf seinen Arm legte, runzelte er die Stirn. »Ich möchte nicht weiter mit Ihnen darüber sprechen, ich habe nun einmal meine eigene Ansicht über diesen Fall.« »Aber Mr. Brereton, einen Augenblick noch«, drängte Pett. »Unter uns gesagt, halten Sie es für möglich, daß noch jemand anders als Täter in Frage kommt?« »Hat Ihnen Ihre verehrte Tante nicht erzählt, daß ich sie für schuldig halte?« fragte Brereton boshaft. »Sie wissen noch lange nicht alles, was ich weiß!« Pett trat einen Schritt zurück und sah Brereton unsicher an, denn er wußte nicht, ob dieser die letzten Worte im Ernst oder im Scherz gesprochen hatte. Brereton lachte kurz auf und ging fort. Brereton nahm die Gelegenheit wahr, noch einmal mit Harborough zu sprechen, ehe dieser wieder ins Gefängnis nach Norcaster gebracht wurde. Er bat ihn noch einmal dringend, seine hartnäckige Haltung aufzugeben. »Nur wenn es zum Äußersten kommt, werde ich sprechen«, entgegnete Harborough fest. »Und auch dann tue ich es nur um meiner Tochter willen. Ich bin fest davon überzeugt, daß es nicht dazu kommt. Wir haben noch drei Wochen, und in dieser Zeit kann sich viel ereignen.« »Aber Ihr gesunder Menschenverstand muß Ihnen sagen, daß in einem so verwickelten Fall kaum drei Jahre ausreichen, um die Sache zu klären; in drei Wochen kann ich nicht viel tun.« »Sie sind doch nicht allein an der Arbeit«, meinte Harborough. »Die Polizei und die Detektive sind doch auch tätig.« »Die tun nur ihr Bestes, Sie als den Täter hinzustellen. Wenn die erst einmal jemand verhaftet haben, denken sie gar nicht daran, sich nach einem anderen umzusehen. Und wenn Sie mir nicht sagen wollen, wo Sie waren und was Sie in jener Nacht gemacht haben, dann muß ich es selbst herausfinden.« Harborough sah seinen Anwalt mit einem eigentümlichen Blick an, den dieser nicht verstand. »Nun gut«, sagte er, »wenn Sie es herausbringen –« Er brach mitten im Satz ab und gab keine weiteren Erklärungen mehr. Brereton verließ ihn und ging nachdenklich nach Hause. »Er gibt also zu, daß man etwas herausfinden könnte«, dachte er. »Und ebenso gibt er zu, daß man es herausbringen kann. Wenn ich nur wüßte, wie ich dahinterkommen könnte!« Zu Hause überreichte ihm das Dienstmädchen einen eingeschriebenen Brief. »Er ist inzwischen für Sie angekommen, die Haushälterin hat unterzeichnet.« Brereton nahm das Schreiben an sich. Es kam ihm sofort der Gedanke, daß es etwas mit dem Fall Harborough zu tun haben könnte. Die Adresse war mit der Maschine geschrieben, und der Brief war in London aufgegeben. Brereton öffnete vorsichtig den Umschlag und zog einen Quartbogen heraus, auf dem einige in Maschinenschrift geschriebene Zeilen standen. In den Brief waren sechs neue Scheine über je einhundertfünfzig Pfund eingelegt. Brereton legte die Banknoten beiseite und las den Brief sorgfältig durch. »An Mr. Gifford Brereton. Ich habe aus der Zeitung ersehen, daß Sie als Rechtsanwalt die Verteidigung John Harboroughs übernommen haben, der wegen der Ermordung eines gewissen Kitely angeklagt ist. Ich sende Ihnen einliegend die Summe von neunhundert Pfund, die Sie für Harboroughs Verteidigung aufwenden sollen; Sie können nach freiem Ermessen über die Summe verfügen und brauchen in keiner Weise zu sparen, um Harboroughs Unschuld zu beweisen, von der ich fest überzeugt bin. Wenn Sie weiteres Geld brauchen, so annoncieren Sie nur in der Times ›Fond Highmarket braucht Auffüllung‹. Darunter setzen Sie die Anfangsbuchstaben Ihres Namens. Meiner Meinung nach wäre es gut, wenn Sie sofort eine Belohnung von fünfhundert Pfund für denjenigen ausschrieben, durch dessen Angaben der wirkliche Mörder gefaßt und überführt werden kann. Sollte dieses Angebot nicht bald neue Tatsachen zutage fördern, dann verdoppeln Sie die Belohnung. Ich wiederhole noch einmal, daß in dieser Angelegenheit keine Mühe gescheut werden darf. Geld spielt überhaupt keine Rolle. Der Absender dieses Briefes wird sich durch die Zeitungsnachrichten stets auf dem laufenden halten. Geben Sie bitte den Zeitungsleuten alle nötigen Informationen!« Brereton las diese außerordentliche Mitteilung dreimal, dann steckte er Banknoten und Brief in seine innere Tasche und ging zu der Villa Northrop hinüber, um Miß Avice Harborough zu sprechen. Er wurde in das Wohnzimmer gebeten. Avice sah bleich und angegriffen aus, als sie eintrat. Er reichte ihr den Brief. »Ihr Vater hat irgendwo mächtige Freunde«, bemerkte er nur kurz. Zu seinem Erstaunen schien Avice nicht überrascht zu sein; sie fuhr nur ein wenig zusammen, als sie die Scheine sah, und errötete, als sie den Brief las. Dann gab sie ihm das Schreiben zurück und sah ihn fragend an. »Es war immer so viel Geheimnisvolles um meinen Vater, daß ich nicht darüber erstaunt bin«, entgegnete sie. »Aber ich bin sehr dankbar, daß der Schreiber an die Unschuld meines Vaters glaubt – das ist für mich das Wesentliche an dem ganzen Brief.« »Warum tritt er wohl nicht öffentlich auf und beweist sie?« Avice schüttelte den Kopf. »Der Schreiber oder die Leute, die hinter ihm stehen, wünschen doch, daß Sie es beweisen sollen. Ich glaube aber sicher, daß er sich im schlimmsten Fall melden würde.« Brereton sah sie einige Sekunden schweigend an. Vom ersten Augenblick an hatte er sich merkwürdig zu ihr hingezogen gefühlt, und nun kam ihm zum Bewußtsein, daß sein Interesse an ihr größer war, als er sich bis jetzt selbst eingestanden hatte. »Der Fall Ihres Vaters ist das größte Geheimnis, das mir jemals begegnete«, sagte er plötzlich. »Sie machen sich Sorgen. Tun Sie das nicht, ich bitte Sie darum. Ich will Himmel und Erde in Bewegung setzen, denn ich bin von der Unschuld Ihres Vaters vollkommen überzeugt. Und Sie sehen, daß er mächtige Helfer hat. Ich werde alles tun, was mir hier geraten wird. Ich hätte es selbst schon unternommen, wenn ich ein reicher Mann wäre. Also haben Sie guten Mut, wir kommen vorwärts. Sagen sie jetzt bitte Mr. Northrop, daß Sie mit mir ausgehen möchten. Wir müssen den Rechtsanwalt aufsuchen, damit die Belohnung sofort ausgesetzt wird.« Als sie zusammen die Hauptstraße der Stadt hinuntergingen, sah Brereton Avice wieder an. »Sie fühlen sich jetzt besser«, sagte er dann etwas unvermittelt. »Das macht sicher die gute Nachricht.« »Ja, und vor allem das Bewußtsein, daß ich selbst etwas tun kann. Es ist so schrecklich, zur Untätigkeit verurteilt zu sein.« »Ich verstehe Sie sehr gut. Aber ich wüßte etwas, was Sie für Ihren Vater tun könnten. Neulich sah ich Sie auf einem Rad. Geben Sie doch den Unterricht einige Tage auf, fahren Sie in der Umgegend umher und versuchen Sie herauszubekommen, wo Ihr Vater in jener Nacht war. Daß er es uns nicht sagen will, ist immer noch kein Grund, es nicht selbst herauszufinden. Irgendwo muß er doch gewesen sein, und irgendwer muß ihn gesehen haben. Wir wollen selbst mit den Nachforschungen anfangen. Sie kennen doch die hiesige Gegend ganz genau? Was sagen Sie zu meinem Vorschlag.« »Das würde ich gerne tun. Northrops sind sehr liebenswürdig zu mir, sie werden das sicher verstehen. Morgen früh beginne ich gleich. Ich will alle Dörfer zwischen den Hügeln und der See aufsuchen.« »Das ist vorzüglich. Sicher werden Sie auch Erfolg haben.« »Ich wüßte nicht, was wir hätten tun sollen, wenn Sie nicht im rechten Augenblick gekommen wären. Wir werden das nie vergessen. Mein Vater hat zwar einen seltsamen Charakter, aber er ist nicht das, wofür ihn die Leute in Highmarket halten. Sie werden sehen, daß er sich Ihnen dankbar erweist.« »Erst muß ich aber etwas tun, um mir seinen Dank zu verdienen«, entgegnete Brereton. Bents Rechtsanwalt, den sie zu Rate zogen, war sehr damit einverstanden, daß man eine Belohnung aussetze. Er machte große Augen, als er den anonymen Brief und die Banknoten sah. »Ihr Vater ist doch tatsächlich ein sonderbarer Mensch«, sagte er zu Avice. »Haben Sie wirklich keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hat?« »Nicht im mindesten.« »Dann wollen wir also die Anschläge und die Zirkulare drucken lassen. Fünfhundert Pfund sind eine schöne Summe. Manche Leute in Highmarket würden ihre eigene Mutter für die Hälfte des Geldes verkaufen. Ich sehe schon, daß sich die ganze Bevölkerung in ein Heer von Amateurdetektiven verwandelt!« – Am nächsten Tage wurde überall in Highmarket die Bekanntmachung verbreitet. Sie wurde in allen Läden und in allen Büros aufgehängt. Einer der ersten Leute, die sie lasen, war Herbert Stoner von der Firma Mallalieu \& Cotherstone. 14. Kapitel. Das Blatt mit den Zahlen. Stoner war schon über fünf Jahre in dem Baugeschäft angestellt. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, jung und tüchtig, hatte einen klaren, hellen Verstand, konnte schnell kalkulieren, war ein guter Korrespondent und vor allem pünktlich, zuverlässig und willig. Er war imstande, das Geschäft in Abwesenheit der Chefs zu führen, und sowohl Mallalieu als auch Cotherstone schätzten seine Dienste. Sie hatten sein Gehalt allmählich so weit erhöht, daß er jetzt über drei Pfund die Woche verdiente. Ihrer Meinung nach war das für einen alleinstehenden jungen Mann genug und ausreichend; sie selbst hatten in ihrer Jugend mit viel weniger auskommen müssen. Aber Stoner besaß Geschmack und lebte gerne gut. Er kleidete sich elegant, spielte Karten und Billard, verkehrte auch in einigen Lokalen in Highmarket, wo er täglich seinen Abendschoppen trank und den Damen an der Bar hin und wieder kleine Geschenke machte. Infolgedessen kam ihm sein Gehalt nicht gerade hoch vor, und er war stets bemüht, seine Einnahmen zu vermehren. Stoner verließ das Büro wie immer um halb sechs und ging in das Gasthaus »Zum Schimmel«, wo er vor dem Abendbrot noch einen Schoppen trinken wollte. In der Gaststube traf er gewöhnlich Freunde und Bekannte, die ihm die Neuigkeiten des Tages berichteten. Unterwegs begegnete er dem Zettelverteiler, der mit einem Stoß frischgedruckter Bekanntmachungen an ihm vorbeieilte. Der Mann drückte ihm schnell einige Exemplare in die Hand. »Da können Sie fünfhundert Pfund verdienen!« rief er ihm zu. Stoner glaubte, der andere wollte ihn zum besten haben, und wollte die Papiere eigentlich fortwerfen. Aber beim Licht der nächsten Laterne las er das Wort »Mord« in großen Buchstaben, und als er dann noch mehrere bekannte Namen auf dem Zettel fand, faltete er alles zusammen und steckte es ein. In der Gaststube setzte er sich dann in eine stille Ecke und las die Bekanntmachung sorgfältig durch. Der Wortlaut war einfach und klar. Fünfhundert Pfund sollten demjenigen ausgezahlt werden, auf dessen Angaben hin der Mörder Kitelys gefaßt und verurteilt werden könnte. Rechtsanwalt Tallington hatte den Aufruf unterzeichnet. Bei Stoners Ankunft war noch niemand in der Gaststube gewesen, aber nach einiger Zeit kamen mehrere Leute aus der Stadt herein. Jeder hatte ein Blatt in der Hand. Sie unterhielten sich eifrig darüber, wer von den Beteiligten wohl diese große Summe gestiftet haben könnte. Aber schließlich meinte einer, daß das doch ganz gleichgültig sei. Vor allem müßte man sich das Geld verdienen. Diese letzte Bemerkung hörte Stoner, und sie trieb ihn zur Eile an. Gewöhnlich blieb er eine Weile dort und plauderte bis zum Abendessen mit Bekannten. Aber er hatte sich vorgenommen, die fünfhundert Pfund selbst zu verdienen, und wollte nicht haben, daß ihm jemand zuvorkam. Seitdem er nach Highmarket gekommen war, bewohnte er in dem Haus einer Witwe zwei Räume. In seinem kleinen Wohnzimmer stand ein Bücherschrank und ein Schreibtisch, und an den Abenden, an denen er nicht Karten oder Billard spielte, arbeitete er hier an seiner Weiterbildung. An diesem Abend steckte er sich nach dem Essen eine Pfeife an und setzte sich an den Schreibtisch. Aus einem Aktenstück nahm er einen halben Bogen linierten Papiers und legte ihn vor sich. Er stützte das Kinn in die Hände und schaute lange nachdenklich darauf. Es standen viele Zahlen auf dem Blatt, die in Cotherstones klarer, einfacher Handschrift geschrieben waren. Aber zwischen den einzelnen Summen und hier und dort am Rande kehrte außerdem immer dasselbe Wort wieder. Es hieß: »Wilchester«. Stoner wußte noch genau, wie dieser Bogen in seinen Besitz gekommen war. An dem Morgen nach der Ermordung Kitelys hatte er ihn auf Cotherstones Schreibtisch gefunden, als er in dem Privatbüro seiner beiden Chefs aufräumte. Das Blatt war anscheinend von Cotherstone achtlos beiseitegeschoben worden. Stoner hatte damals nur einen kurzen Blick darauf geworfen, es sorgfältig gefaltet und eingesteckt und mit nach Hause genommen. Er hatte das Papier, das doch eigentlich Cotherstone gehörte, aus einem bestimmten Grunde mitgenommen. Am Abend vor dem Mord hatte er ein ungewisses Gefühl, daß etwas nicht stimmte. Er hatte einen sonderbaren Ausdruck in Kitelys Gesicht bemerkt, als dieser das Privatkontor verließ. Der Mann hatte hochbefriedigt, vielleicht sogar triumphierend ausgesehen. Auf jeden Fall hatte dieser Blick etwas zu bedeuten. Stoner dachte wieder daran, daß er Cotherstone im Dunkeln angetroffen hatte, lange nachdem Kitely gegangen war. Sein Chef hatte zwar gesagt, er wäre eingeschlafen, aber Stoner wußte, daß das eine Lüge war. Als er dann am nächsten Morgen von dem Mord hörte, erwachte sein Verdacht. Er mußte ergründen, warum Cotherstone den Namen einer so weit von Highmarket entfernten kleinen Stadt immer wieder auf diesen Bogen geschrieben hatte. Er mußte es jedenfalls halb unbewußt getan haben, während er die Rechnungen abschloß. Von allen Teilen des Blattes starrte Stoner das Wort »Wilchester« an. Wilchester – Wilchester ... Weder Cotherstone noch Mallalieu hatten während seiner sechsjährigen Dienstzeit in der Firma jemals diesen Ort erwähnt, und die Firma hatte nicht die geringste Geschäftsverbindung nach dort. Stoner kannte die ganze Korrespondenz und wußte, daß nicht ein einziger Brief nach Wilchester gegangen war, seit er bei Mallalieu \& Cotherstone war. Ebensowenig war jemals ein Schreiben von dort an die Firma angekommen. Die kleine Stadt lag viele hundert Kilometer von hier entfernt, und neunundneunzig Prozent aller Bewohner Highmarkets hatten nie etwas von Wilchester gehört, das irgendwo im Süden Englands lag. Aber Stoner kannte den Platz, ganz abgesehen von seinen Schulbüchern und seinem Atlas. Stoner selbst stammte aus Darlington und hatte einen guten Freund dort unten – David Myler, einen Geschäftsreisenden. Dieser tüchtige junge Mann, der etwa gleichaltrig mit Stoner war, arbeitete für eine Firma in Darlington, die Ackerbaugeräte vertrieb. Er reiste gewöhnlich im Süden und Südwesten Englands, und Wilchester war eine der hauptsächlichsten Städte, die er besuchte. Die beiden Freunde unterhielten eine rege Korrespondenz, und Stoner war der Name Wilchester um so mehr geläufig, als Myler vor kurzem ein Mädchen aus dieser Stadt geheiratet hatte. Nun mußte er aber herausbringen, wie Cotherstone mit Wilchester verknüpft war. Was bedeuteten nur die Zahlen? Standen Sie auch in Verbindung mit Wilchester? Diese Frage wollte Stoner lösen, als er sich an diesem Abend an seinen Schreibtisch setzte. Die fünfhundert Pfund Belohnung lockten, und er strengte sich außergewöhnlich an, um hinter das Geheimnis zu kommen. Er las die Zahlen sorgfältig der Reihe nach durch. Bisher hatte er ihnen keine große Bedeutung beigelegt, nur das Wort Wilchester hatte ihn fasziniert. Als er nun alle seine mathematischen Kenntnisse zusammennahm, um den Sinn dieser Zahlenreihe zu entdecken, stellte er fest, daß es eine Berechnung war. Dann kam ihm blitzartig die Lösung des Problems. Er sah alles ganz klar und wunderte sich nur, daß er es nicht auf den ersten Blick erraten hatte. Es waren drei verschiedene Rechnungen; Cotherstone hatte aus irgendeinem Grunde eine Summe von zweitausend Pfund zugrunde gelegt und berechnet, wieviel Zinsen diese Summe in dreißig Jahren bei dreieinhalb Prozent bringen würde; dieselbe Rechnung machte er mit fünf Prozent, und dann stellte er noch zusammen, welche Summe sich bei Berechnung von Zinseszins ergeben würde. Diese letzten Zahlenreihen waren durchstrichen. Stoner konnte vorläufig noch nichts damit anfangen, aber er wußte, daß etwas dahintersteckte. Vielleicht handelte es sich um Anlegung von öffentlichen Geldern, denn Cotherstone war Stadtkämmerer. Aber warum erschien das Wort Wilchester immer wieder zwischen den Zahlen? Der nächste Tag war ein Sonnabend, und nachmittags machte sich Stoner auf, um seinen Freund Myler in Darlington zu besuchen. 15. Kapitel. Eins führt zum anderen. Obgleich Stoner aus Darlington stammte, hatte er doch keine Verwandten mehr dort. Sie waren alle gestorben oder verzogen. Er stieg also dort in einem billigen Hotel ab und ging nach dem Abendessen zu seinem Freunde. Myler besaß allerdings nur eine enge Wohnung, die gerade für ihn und seine Frau ausreichte. Seine Schwiegereltern waren gerade zu Besuch bei ihm, und als sich nun auch noch Stoner einfand, war das kleine Wohnzimmer vollkommen besetzt. »Wer hätte gedacht, daß ich dich jetzt wiedersehen würde!« rief Myler fröhlich, als er seinen alten Freund begrüßte und ihn seiner Familie vorstellte. »Welcher Wind bringt dich denn hierher? Hast du geschäftlich hier zu tun?« »Ja, ich habe eine kleine geschäftliche Angelegenheit hier zu erledigen. Ich bleibe die Nacht hier im Hotel.« Während Myler, der als Geschäftsreisender stets die neuesten Witze und Anekdoten kannte, die kleine Gesellschaft unterhielt, betrachtete Stoner den Schwiegervater. Welch ein glückliches Zusammentreffen war das! Sicher konnte sich dieser Mann auf alles besinnen, was seit Jahrzehnten in Wilchester vorgegangen war. Denn Cotherstone konnte nur vor sehr langer Zeit mit Wilchester in Verbindung gestanden haben, da er schon seit über fünfundzwanzig Jahren in Highmarket ansässig war. Mylers Schwiegervater war ein kleiner, älterer Herr mit klaren, klugen Augen und heiterem Gemüt. Stoner überlegte sich fieberhaft, wie er ihn dazu bringen könnte, etwas von Wilchester zu erzählen. Der Zufall kam ihm zu Hilfe. »Wir freuen uns sehr, daß du uns besucht hast«, sagte Myler jetzt. »Hoffentlich kommst du noch recht oft hierher. In der letzten Zeit haben wir viel von Highmarket in der Zeitung gelesen. Bei euch ist ja ein entsetzlicher Mord passiert! Wer hätte gedacht, daß das in einer so ruhigen Stadt geschehen könnte!« »Es ist merkwürdig«, warf der Schwiegervater dazwischen. »Ich habe diesen Kitely sogar gekannt.« Stoner hätte vor Freude aufspringen können, aber er beherrschte sich und zeigte nur höfliches Interesse. »Ich kann mich noch sehr gut auf ihn besinnen«, fuhr der alte Herr fort, »obwohl ich nur einmal längere Zeit mit ihm zusammen war. Ich habe einmal einen netten Abend mit ihm und mehreren seiner Kollegen verbracht. Die Herren kamen aus London. Natürlich handelte es sich um ein Verbrechen. Ich muß heute noch daran denken, welch interessante Kriminalgeschichten diese Leute erzählen konnten!« »Dreißig Jahre sind eine lange Zeit«, bemerkte Stoner ermunternd. »Ich erinnere mich aber noch sehr gut an alles. Die Beamten kamen damals nach Wilchester, weil der Fall Mallows und Chidforth vor dem Schwurgericht verhandelt wurde; es war im Jahre 1891.« »Das war wohl ein berühmter Fall?« fragte Stoner erregt und trank dann rasch sein Glas aus, um sich zu beruhigen. »Handelte es sich um einen Mord?« »Nein, Betrug, Unterschlagung und Urkundenfälschung. Aber es war eine böse Geschichte. Wir hatten damals eine Baugenossenschaft für Arbeiter gegründet. Die Gesellschaft besteht heute noch, aber unter einem anderen Namen. Zwei tüchtige junge Leute waren damals als Schatzmeister und Sekretär angestellt. Die beiden hatten vollständige Kontrolle über das Vermögen der Gesellschaft, und man traute ihnen, als ob sie die Bank von England repräsentierten. Aber bei einer Revision wurde festgestellt, daß sie beide zweitausend Pfund unterschlagen hatten.« »Zweitausend Pfund!« rief Stoner, der nun plötzlich eine Erklärung für die Berechnungen Cotherstones hatte. »Ja, diese Summe wurde vor Gericht angegeben. Mallows und Chidforth wurden natürlich angeklagt und bekamen zwei Jahre Zuchthaus. Auf diesen Fall besinnt man sich noch sehr gut in Wilchester.« »Es wurden viele kleine Leute durch diese Unterschlagung schwer getroffen«, warf Mylers Schwiegermutter ein. »Das stimmt«, pflichtete ihr Mann bei. »Ich habe mich oft gefragt, was aus den beiden geworden sein mag. Man hat nichts mehr von ihnen gehört.« »Sicher sind sie in die Kolonien gegangen, Vater«, meinte Myler. »Stoner, was würdest du zu einer Partie Billard sagen?« Stoner ging mit seinem Freunde fort, aber als sie auf der Straße standen, packte er ihn am Arm. »Wir wollen heute lieber nicht Billard spielen«, sagte er aufgeregt. »Ich möchte dir eine sonderbare Geschichte erzählen. Wir setzen uns in eine stille Ecke, wo uns niemand stört. Du wirst dich wundern!« Bald saßen die beiden denn auch im nahen Gasthaus bei einem Glase Whiskysoda zusammen, und Myler hörte interessiert zu, bis Stoner seine Geschichte mit allen Einzelheiten berichtet hatte. »Du hast ja fabelhaftes Glück!« rief er dann. »Die fünfhundert Pfund sind dir sicher. Die Anfangsbuchstaben M. und C. stimmen überein; dann haben wir die Geschichte mit den zweitausend Pfund, und außerdem war Kitely in jenem Jahre bei den Schwurgerichtsverhandlungen in Wilchester anwesend. Ausgerechnet dieser Mann mußte dreißig Jahre später bei Cotherstone ein Haus mieten! O, ich sehe die Zusammenhänge ganz deutlich und klar! Wenn du das bei Gericht vorträgst, werden Richter und Geschworene alles verstehen. Sicher hat einer von den beiden Kitely zum Schweigen gebracht.« »Ja, das denke ich auch«, erwiderte Stoner selbstzufrieden. Er vergaß im Augenblick vollständig, daß das Zusammentreffen glücklicher Umstände mehr zu der Lösung beigetragen hatte als sein Verstand. »Ich habe das natürlich herausgebracht. Wie soll ich mich nun verhalten?« »Was ist denn dieser Rechtsanwalt Tallington für ein Mann?« fragte Myler und zeigte auf die Unterschrift der Bekanntmachung. »Er ist sehr angesehen in Highmarket.« »Kann man sich auf ihn verlassen?« »Sein Name ist so gut wie Gold«, versicherte Stoner. »Wenn ich also an deiner Stelle wäre, würde ich das alles zu Papier bringen, natürlich sehr vorsichtig. Und dann würde ich mich diesem Tallington anvertrauen und ihm alles erzählen. Die fünfhundert Pfund gehören dir dann unter allen Umständen!« Stoner überlegte einen Augenblick, dann sah er seinen Freund etwas nervös von der Seite an. Obgleich er und Myler von Kindheit an die besten Freunde waren, wußte er doch nicht genau, was Myler zu dem sagen würde, was er eben dachte. »Das ist ja alles gut und schön, aber ich muß doch auch an mich denken. Der alte Kitely ist mir im Grunde genommen sehr egal. Ich glaube sogar, er hat sein Schicksal redlich verdient. Aber sieh mal, für Mallalieu und Cotherstone macht es doch sehr viel aus, wenn das herauskommt. Die fünfhundert Pfund kann ich natürlich bekommen, das ist eine einfache Sache, aber diese beiden zahlen vielleicht gern fünftausend, wenn ich meinen Mund halte. Was sagst du dazu?« Stoner erkannte sofort an Mylers ernstem Gesicht, daß er nicht damit einverstanden war. »Nein, Stoner, das darfst du nicht machen. Du mußt immer korrekt bleiben, mein Junge. Mit Schweigegeldern und dergleichen darfst du dich nicht abgeben. Halte dich genau an das Gesetz. Bedenke außerdem, daß es noch andere Leute gibt, die dasselbe herausbringen könnten. Du mußt also sehen, daß dir niemand zuvorkommt. Deshalb sage ich dir noch einmal: Geh zu Tallington und erzähle ihm alles.« »Du hast recht«, gab Stoner kleinlaut zu. »Aber ich kenne Mallalieu und Cotherstone – sie würden die Hälfte ihres Vermögens geben, wenn die Sache nicht herauskäme, und sie haben unheimliche Gelder!« – Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Er grübelte noch darüber nach, als er am nächsten Tage wieder in High Gill ausstieg und die neun Kilometer nach Highmarket zu Fuß über die Heide zurücklegte. Als er im verlassensten Teil der Gegend um die Ecke eines kleinen Gehölzes bog, traf er plötzlich unerwartet auf Mallalieu. 16. Kapitel. Die einsame Heide. Stoner hatte sich während der Bahnfahrt noch einmal alles überlegt. Er war davon überzeugt, daß er von Mallalieu und Cotherstone nur das Geld zu fordern brauchte, um es auch sofort in bar zu erhalten. Und wenn sie das gezahlt hatten, wollte er sich schon vorsehen, daß ihm nichts passierte. Mit fünftausend Pfund in der Tasche würde er keine Stunde länger in Highmarket bleiben und einige Tage später schon auf dem Wege nach Amerika sein. Myler war ja ein prächtiger Kerl, ein wirklich guter Freund, aber er war viel zu altmodisch in seiner Biederkeit. Jeder hatte das Recht, sich in der Welt in die Höhe zu bringen, und als Stoner nun Mallalieu gegenübertrat, war er fest entschlossen, doch Schweigegeld zu verlangen. Die Stelle, an der sie sich trafen, war wie geeignet für seine Absicht; das Gestrüpp lief hier an einem nicht mehr benützten Steinbruch entlang. Ringsumher erstreckte sich meilenweit einsame Heide, die höchstens durch einige Kalksteinfelsen oder kleine Fichten Waldungen unterbrochen wurde. Im Westen konnte man die blaue Linie einer Hügelkette und sonst nur den grauen Himmel sehen. Ab und zu tönte das Krächzen eines Raben durch die Stille. Mallalieu ging häufig allein auf die Heide hinaus. Er machte weite Spaziergänge, um nicht zu korpulent zu werden. Stoner sah, daß er in Gedanken versunken seinen schweren Eichenstock schwang. Da man auf der Heide die Schritte nicht hören konnte, waren sie schon dicht beieinander, ehe sie sich erkannten. Stoner errötete bestürzt. Aber Mallalieu hatte mit keinem Gedanken an Stoner gedacht und war daher auch nicht überrascht, ihn zu sehen. Aus Prinzip war er zu seinen Angestellten freundlich und schaute ihn deshalb lächelnd an. »So ganz allein? Ich dachte, ein junger Mann wie Sie geht am Sonntag mit einem kleinen Mädchen spazieren?« Stoner lächelte auch, aber ganz anders als Mallalieu. Er war nicht in der Stimmung, höflich und unterwürfig zu tun. Er lächelte, weil er daran dachte, welch ein großer Umschwung für ihn gekommen war. »Ich habe etwas Besseres zu tun, Mr. Mallalieu«, antwortete er nicht gerade sehr liebenswürdig. »Ich vertändle meine Zeit nicht mit jungen Mädchen.« »Ja, es fiel mir schon auf, daß Sie tief nachzudenken schienen. Was haben Sie denn für Sorgen?« Stoner hatte die Absicht, geradeswegs auf sein Ziel loszugehen. Nur nicht auf halbem Wege stehenbleiben! Keine Geheimnistuerei, das hatte keinen Zweck. Er nahm Tallingtons Bekanntmachung aus der Tasche, entfaltete sie vor Mallalieu und beobachtete seinen Gesichtsausdruck. »Sehen Sie – darüber habe ich nachgedacht.« Mallalieu fuhr ein wenig zusammen und schaute Stoner ärgerlich an. »Was soll denn das?« fragte er finster. Stoner wußte wohl, daß man seinen Chef bald zum Zorn reizen konnte. Die Anzeichen dafür waren jetzt vorhanden. »Warum zeigen Sie mir denn das? Nehmen Sie sich zusammen, junger Mann!« »Ich wollte Sie nicht beleidigen«, entgegnete Stoner kühl. In der Nähe entdeckte er ein Geländer, das den alten Steinbruch einfriedigte. Er ging darauf zu und lehnte sich dagegen, obwohl es schon alt und morsch war. Dann steckte er die Hände in die Taschen, um Mallalieu zu zeigen, daß er sich absolut nicht als sein Untergebener fühlte. »Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Mr. Mallalieu.« Sein Chef starrte ihn verwundert an. »Sie wollen ein paar Worte mit mir sprechen? Warum denn? Und warum gerade hier?« »Weil es mir so paßt! Es trifft sich ja ganz gut«, meinte Stoner mit einem hämischen Lachen. »Wir sind hier schön allein, niemand ist in der Nähe. Ich glaube, daß es Ihnen ganz recht ist, wenn andere Leute nicht hören, was ich Ihnen zu sagen habe.« Mallalieu sah ihn fast eine Minute schweigend an. Es war seine Gewohnheit, die Leute durch seinen ruhigen Blick aus der Fassung zu bringen. Aber bei Stoner gelang es ihm diesmal nicht. »Ich weiß zwar nicht, ob Sie zuviel getrunken haben oder ob Sie nicht mehr ganz richtig im Kopf sind, aber ich gestatte niemand, besonders nicht einem Angestellten, in einem derartigen Ton mit mir zu verkehren. Was soll denn das bedeuten?« »Das werde ich Ihnen gleich sagen. Ich weiß, wer Kitely umgebracht hat!« Mallalieu fühlte, daß er zusammenzuckte. Das Blut stieg ihm zu Kopf, aber trotzdem behielt er seine Ruhe. »So, das wissen Sie? Es ist wirklich bewundernswürdig, wie klug die jungen Leute heutzutage sind! Nun, dann sagen Sie doch, wer Kitely ermordet hat. Es ist sehr interessant, das zu erfahren. Oder wollen Sie dieses große Geheimnis für sich bewahren, bis Sie es irgendwie verwerten können?« »Sie verstehen mich ganz gut – ich wiederhole noch einmal, daß ich weiß, wer Kitely ermordet hat!« »Wer hat es denn getan? Wahrscheinlich wissen Sie gar nichts!« Stoner lachte laut auf, sah sich um und neigte sich dann vor. »Ich weiß nichts?« sagte er ironisch. »Da täuschen Sie sich. Ich weiß es. Kitely wurde entweder von Ihnen oder von Cotherstone umgebracht. Was halten Sie jetzt von der Sache, Mr. Mallalieu?« Der Bürgermeister betrachtete ihn schweigend. Stoner mußte etwas erfahren haben; er wollte vor allem mit dem Mann jetzt fertig werden. Mit äußerster Willensanstrengung riß er sich zusammen. »Sie sind im Irrtum. Weder ich noch Cotherstone haben mit Kitelys Ermordung etwas zu tun«, sagte er hämisch. »Aber es wäre ja interessant, zu erfahren, wer von uns Ihrer Meinung nach der Täter sein soll?« »Einer von Ihnen, vielleicht auch Sie beide zusammen. Jedenfalls sind Sie beide schuldig. Es hat keinen Zweck, Mr. Mallalieu, die Sache abzustreiten. Ich weiß, daß Sie ihn getötet haben, und ich weiß genau, warum Sie es taten!« Sie sahen einander hart und verbissen an, aber schließlich lachte Mallalieu laut auf. »Nun? Erzählen Sie doch! Ich bin riesig gespannt, Ihre Geschichte zu hören.« »Gut, ich werde Ihnen alles sagen, damit Sie nicht länger im Ungewissen sind. Kitely war früher Detektiv und war in Wilchester, als Sie und Cotherstone unter Ihren richtigen Namen Mallows und Chidforth vor dreißig Jahren dort zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Er wußte es noch, und er sagte es Ihnen auch, daß er es wüßte. Und sie brachten ihn deshalb zum Schweigen. Es sollte nicht öffentlich bekannt werden, daß der Bürgermeister und der Stadtkämmerer von Highmarket ein paar alte Zuchthäusler sind!« Mallalieus unterdrückter Jähzorn flammte bei diesen herausfordernden Worten plötzlich hoch auf und riß ihn zu einer unbesonnenen Tat hin. Der Bürgermeister schwang seinen schweren Stock und schlug blindlings auf Stoner ein. Der Schlag traf den jungen Mann an der Schläfe. Es kam alles so schnell, daß Stoner nicht einmal den Arm heben konnte, um sich zu schützen. Unwillkürlich wich er zurück; der alte, morsche Zaun, an dem er lehnte, brach zusammen, und Stoner fiel rückwärts in den Steinbruch, ohne den geringsten Laut von sich zu geben. Mallalieu hörte, wie sein Stock auf den Schädel des anderen niedersauste; er hörte, wie das Geländer brach, aber er hörte keinen Schrei, keinen Seufzer und kein Stöhnen von Stoners Lippen. Dann vernahm er nach einer unendlich langen Zeit – so schien es ihm wenigstens – den Aufschlag des Körpers auf dem Grunde. Mallalieu stand erstarrt, bis ihn der Schrei eines Raben weckte. Er schauderte zusammen und begann zu zittern. Er hatte einen so heftigen Schlag geführt, daß ihm der Stock entglitten war. Mallalieu sah ihn vor sich liegen und stieß wütend mit dem Fuß danach, so daß auch der Stock in den Steinbruch hinunterfiel. Mallalieu zitterte jetzt nicht mehr, aber kalter Angstschweiß trat auf seine Stirn. »Um Himmels willen! Wenn er nun tot ist!« sagte er halblaut. »Er hätte mich aber auch nicht zum Äußersten bringen dürfen. Das war mehr, als jemand aushalten konnte. Was soll ich nun tun?« Die Dämmerung senkte sich auf die Heide, und Mallalieu empfand mit zunehmender Dunkelheit die unheimliche Stille noch tiefer und beängstigender. Er sah sich um, ob jemand den Vorgang bemerkt haben könnte, vielleicht ein Schäfer, der sich am Sonntag nach seiner Herde umgesehen hatte. Und plötzlich glaubte er auch, an der Ecke des Gehölzes eine Gestalt vor sich zu sehen. Er strengte seine Augen an, kam aber dann doch zu dem Schluß, daß er sich getäuscht haben müßte. Vorsichtig ging er an den Rand des Steinbruchs und sah über das gebrochene Geländer hinunter. Stoner lag unten auf den Kalkfelsen und rührte sich nicht mehr. Mallalieu war oft hier gewesen und kannte jeden Baum und jeden Stein. Es fiel ihm daher nicht schwer, auf einem steilen Pfad in den Steinbruch hinunterzusteigen. Langsam näherte er sich der Stelle, wo Stoner lag, und legte vorsichtig die Hand auf die Brust des Mannes, aber er erkannte sofort, daß Stoner tot war. »Er muß das Genick gebrochen haben«, sagte er wieder leise zu sich selbst. »Der Steinbruch ist fast zwanzig Meter tief!« Er sah ratlos um sich, aber schließlich faßte er sich und überlegte. Er wollte die Sache auf sich beruhen lassen, wollte nichts sagen und nichts tun. Niemand hatte seine Begegnung mit Stoner gesehen, niemand wußte, daß er ihn niedergeschlagen hatte, niemand war Zeuge, daß Stoner in den Steinbruch fiel. Es war viel besser, zu schweigen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Stoners Leiche würde gefunden werden, vielleicht morgen, vielleicht übermorgen oder noch später, und wenn man sie entdeckte, würden die Leute sagen, daß sich Stoner auf das morsche Geländer gesetzt hatte und abgestürzt war. Irgendwelche Wunden oder Beulen würde man dem Aufschlag auf die scharfen Felsen und Steine zuschreiben. Mallalieu wählte einen andern Weg, als er in der Dunkelheit nach Highmarket zurückging, und versteckte sich hinter Hecken und Mauern, bis er sein Haus erreichte. Erst als er schon in seinem Bett lag, erinnerte er sich plötzlich daran, daß er seinen Stock in dem Steinbruch zurückgelassen hatte. 17. Kapitel. Die Obduktion. Diese Erinnerung brachte Mallalieu in die größte Aufregung, so daß er nicht schlafen konnte. Der Stock würde wahrscheinlich in der Nähe von Stoners Leiche gefunden werden. Ein gewöhnlicher Mann, der dort vorüberkam, konnte ihn allerdings nicht erkennen, aber wenn er der Polizei in Highmarket ausgeliefert wurde? Die Beamten wußten sofort, wem dieser Stock gehörte. Mallalieu trug ihn fast stets bei sich. Wie konnte er nur so den Verstand verlieren! Er war schon im Begriff, mitten in der Nacht aufzustehen und zu dem Steinbruch zurückzukehren, aber die Nacht war sehr dunkel, und so einsam die Gegend um den Steinbruch auch war, durfte er es doch nicht riskieren, dort mit einer Laterne zu suchen. Er dachte also darüber nach, ob er nicht irgendeine Erklärung dafür finden könnte, daß der Stock dort lag, und schließlich kam ihm ein rettender Gedanke. Er erinnerte sich daran, daß Stoner weder einen Stock noch einen Schirm bei sich gehabt hatte. Er wollte also sagen, daß er ihn im Büro zurückgelassen, und daß ihn Stoner über Sonntag, wie schon öfter, an sich genommen hatte. Darin lag nichts Außergewöhnliches. Die Polizei würde diese Erklärung des Bürgermeisters natürlich ohne weiteres glauben. Als er sich alles auf diese Weise zurechtgelegt hatte, wollte er einschlafen, aber es gelang ihm nicht. Er warf sich von einer Seite auf die andere und grübelte nach. Wie mochte Stoner nur zu dieser Kenntnis gekommen sein? Ob außer ihm noch jemand etwas wußte? Aber er kam zu dem Schluß, daß das nicht möglich war. Er glaubte auch zu wissen, wie Stoner in den Besitz der Kenntnis gelangt war. Sicher hatte der junge Mann die Unterredung zwischen Kitely und Cotherstone belauscht. In die Wand zwischen dem Privatbüro der beiden Chefs und dem äußeren Raum, in dem Stoner saß, war ein kleines Fenster eingelassen, damit Akten und Papiere schnell durchgereicht werden konnten. Wahrscheinlich hatte das Fenster an jenem Nachmittag ein wenig offengestanden, und Stoner hatte alles gehört. Der junge Mann war klug genug gewesen, alles für sich zu behalten, bis eine Belohnung ausgesetzt wurde. Offenbar hatte er die Absicht gehabt, ihn zu erpressen. Aus diesem Grunde hatte er wahrscheinlich auch keinen anderen ins Vertrauen gezogen. Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas. Am nächsten Morgen kam er müde und zerschlagen ins Büro. Er war früher da als Cotherstone und grüßte ihn nur durch ein kurzes Kopfnicken, als dieser erschien. Seit jener Auseinandersetzung hatten sie nur noch über geschäftliche Dinge miteinander gesprochen. Mallalieu sah die Post kurz durch und ging dann auf den Bauhof. Er blieb eine Stunde fort, und als er zurückkam, zeigte er sich verwundert, daß Stoners Platz noch leer war. »Ist Stoner denn noch nicht gekommen?« fragte er kurz. »Nein«, entgegnete Cotherstone, der in einem großen Kassabuch blätterte. Mallalieu machte sich noch allerhand im Büro zu schaffen und ordnete Briefe und Papiere ein, die er von draußen mitgebracht hatte. Plötzlich schien er ungeduldig zu werden, trat an die Tür und rief einen Jungen an, der gerade vorüberlief. »Komm einmal her! Du weißt doch, wo Mr. Stoner wohnt – bei Mrs. Battley. Lauf schnell hin und frage, warum er heute nicht ins Büro gekommen ist. Er sollte doch schon vor anderthalb Stunden hier sein. Mach, daß du bald wiederkommst!« Mallalieu ging wieder auf den Bauhof, nachdem er den Jungen weggeschickt hatte. Eine Viertelstunde später erschien er wieder im Büro, und gleich darauf trat auch der kleine Bote ein. »Nun, wo ist er?« fragte er und überzeugte sich durch einen raschen Seitenblick davon, daß Cotherstone hörte, was gesprochen wurde. »Wo ist Mr. Stoner?« »Die Wirtin sagt, daß er am Sonnabendnachmittag abgereist und noch nicht wiedergekommen ist. Soviel sie weiß, ist er nach Darlington gefahren, um seinen Freund zu besuchen.« »Da muß er wohl den Zug versäumt haben«, erwiderte Mallalieu halblaut, als er einige Briefe und Rechnungen auf Stoners Platz legte. »Wenn er nicht kommen sollte, dann mußt du dich der Sachen hier annehmen. Verschiedenes muß in die Bücher eingetragen werden«, wandte er sich an Cotherstone. Dieser gab ihm keine Antwort. Mallalieu verließ das Büro und ging zum Frühstück nach Hause. Auf dem Heimwege überlegte er, was Stoner in Darlington zu tun haben konnte. Hatte er mit einem Freunde über die ganze Sache gesprochen? »Diese verdammte Ungewißheit«, murmelte Mallalieu. »Das ganze Leben wird einem verbittert. Ich möchte am liebsten alles hinwerfen und fortgehen. Geld genug habe ich ja. Wozu soll ich mich hier noch quälen!« Als ein ausgezeichneter Geschäftsmann hatte Mallalieu dafür Sorge getragen, daß sein Geld an verschiedenen Stellen gut untergebracht war. In Highmarket hatte er nur das Geschäft und sein Privathaus. Die großen Gewinne und Verdienste früherer Jahre waren so angelegt, daß sie sicher und vor allen Dingen leicht zu veräußern waren. Er konnte sie sofort in London, New York, Paris oder Wien abheben. Als Bürgermeister von Highmarket konnte er außerdem jederzeit im Interesse der Stadt verreisen und in ein paar Stunden in einem sicheren Versteck sein, wo ihn niemand fand. Und etwas später war er dann eben außer Landes. In der jüngsten Zeit war ihm schon öfter der Gedanke gekommen, sein Geschäft aufzugeben und den Rest seines Lebens zu genießen. Einmal war es ihm ja schon gelungen, von der Bildfläche zu verschwinden – warum sollte es nicht ein zweites Mal glücken? Bevor er wieder zur Stadt zurückging, hatte er sich entschlossen, diesen Plan auszuführen. Inzwischen mußte er sich aber zunächst um das Geschäft kümmern, und da Stoner nicht da war, hatten er und Cotherstone mehr zu tun. Um zwölf Uhr mußte er im Rathaus sein, um dort eine Sitzung der städtischen Baukommission zu leiten. Als diese gerade zu Ende war und Mallalieu heimgehen wollte, kam der Polizeiinspektor in das Sitzungszimmer und nahm ihn beiseite. »Ich habe eine böse Nachricht, Herr Bürgermeister«, sagte er leise. »Ihr Angestellter Stoner ist wahrscheinlich heute morgen nicht bei Ihnen erschienen?« »Nein. Was gibt es denn?« »Er hat einen Unglücksfall gehabt – er ist tot. Einige Männer haben ihn vor etwas mehr als einer Stunde unten im Hobwick-Steinbruch gefunden. Er ist schon zum Schauhaus gebracht worden. Es wäre gut, wenn Sie auch einmal zur Polizeistation kämen. Mr. Cotherstone war schon dort.« Mallalieu folgte ihm. »Haben Sie sonst noch etwas darüber erfahren?« fragte er. »Seine Wirtin sagt, daß er seit Sonnabendnachmittag nicht mehr zu Hause war.« »Ich habe heute früh schon zu ihr geschickt, als er nicht kam.« »Es muß ein Unglücksfall gewesen sein. Die Leute, die ihn gefunden haben, sagen, daß das Geländer oben an der Stelle gebrochen ist, wo er abstürzte. Das fiel ihnen zuerst auf, und als sie dann hinunterschauten, entdeckten sie den Toten. Dr. Rockcliffe untersucht ihn gerade.« Mallalieu gab sich die größte Mühe, ruhig zu erscheinen, als er mit dem Polizeiinspektor zu dem Schauhaus ging. Dort fand er den Arzt, zwei Beamte und Cotherstone. Er sah seinen Partner kurz an, der den Blick ebenso erwiderte. Es lag etwas in dem Blick, das Mallalieu unsicher werden ließ. Es war ein Zeichen für ihn, daß Gefahr in der Luft lag. »Das ist eine böse Sache«, sagte er halblaut und sah auf Stoner. »Haben Sie etwas entdeckt, woraus man schließen könnte, wie es gekommen ist?« wandte er sich an den Arzt. Dr. Rockcliffe kniff die Lippen zusammen, und seine Gesichtszüge wurden hart und undurchdringlich. Er schwieg einen Augenblick, und als er dann sprach, klang seine Stimme ungewöhnlich hart. »Der junge Mann hat sich das Genick gebrochen und die Wirbelsäule. Jede der beiden Verletzungen würde sofort den Tod herbeigeführt haben. Aber sehen Sie einmal hier!« Er zeigte auf eine blutunterlaufene Stelle an der linken Schläfe des Toten. »Diese Wunde rührt von einem schweren Schlage mit einem stumpfen Instrument her. Es muß ein furchtbarer Hieb gewesen sein, der mit ungewöhnlicher Kraft ausgeführt wurde. Wahrscheinlich ist der arme Mensch davon auf der Stelle getötet worden.« Nur durch äußerste Beherrschung konnte Mallalieu verhindern, daß er sich verriet. »Kann er nicht bei dem Fall auf spitze Felsen und Steine aufgeschlagen sein?« »Nein«, erwiderte der Arzt hartnäckig. »Diese Verwundung kann nur von einem schweren Schlag mit einer Keule oder einem schweren Stock erfolgt sein. Ich bin meiner Sache ganz gewiß!« Cotherstone, der sich bis dahin ruhig im Hintergrunde gehalten hatte, stellte jetzt eine Frage. »Sind Anzeichen dafür vorhanden, daß er beraubt worden ist?« »Nein«, entgegnete der Polizeiinspektor. »Im Büro habe ich alles, was wir bei ihm fanden. Es ist nicht viel, seine Uhr, einige Pfund, etwas Silbergeld, Pfeife, Tabaksbeutel, ein Notizbuch, eine Brieftasche und sonstige Kleinigkeiten. Er ist nicht beraubt worden.« »Sie haben sich doch sicher genau dort umgesehen? Haben Sie vielleicht Fußspuren gefunden?« »Nein«, sagte der Inspektor kopfschüttelnd. »Ich habe den Boden bei dem gebrochenen Geländer sorgsam abgesucht, aber er ist dort mit kurzem Gras bewachsen, so daß man nichts wahrnehmen kann.« »Ist auch sonst nichts dort gefunden worden?« fragte Mallalieu. »Keine Waffe oder dergleichen?« Er konnte sich nicht enthalten, diese Frage zu stellen. Die Angst um seinen Stock war zu groß. Und als der Polizeiinspektor und die beiden Polizisten, die ihn zum Steinbruch begleitet hatten, antworteten, daß man nichts gefunden hätte, mußte er sich zusammennehmen, um nicht erleichtert aufzuatmen. Gleich darauf verließ er die Polizeistation. Im stillen hoffte er, daß sein Stock in eine Felsenspalte oder zwischen die Brombeersträucher gefallen war, die im Steinbruch üppig wucherten. Es war leicht möglich, daß der Stock, den er so heftig weggestoßen hatte, in so dichtes Gestrüpp gefallen war, daß man ihn nicht wiederfinden konnte. Außerdem konnte er ja selbst noch einmal nachsehen und eine Entdeckung unmöglich machen. Nachdem Stoner gefunden war, konnte er den Steinbruch betreten und sich dort umsehen, ohne aufzufallen. Wenn er den Stock fand, konnte er ihn dann irgendwo sicher verstecken oder ihn mitnehmen, wenn niemand dabei war. Das war ein guter Einfall. Mallalieu ging zu Tisch nicht nach Hause, sondern aß in dem großen Gasthof am Marktplatz schnell einige belegte Brote und trank ein Glas Bier. Dann wanderte er auf die Heide hinaus. – Die Nachricht von dem zweiten geheimnisvollen Tode eines Menschen verbreitete sich in Highmarket und in der ganzen Umgebung wie ein Lauffeuer. Brereton hörte auch davon, und da er in der Stadt zu tun hatte, ging er in die Polizeistation und fand den Inspektor in düsterer Stimmung. »Die Sache wächst einem über den Kopf«, sagte der Beamte leise zu dem Rechtsanwalt. »Es mag ja sein, daß ich an diese Dinge noch nicht gewöhnt bin. Gott sei Dank haben wir bisher in dieser Stadt noch keine solchen Verbrechen gehabt. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, daß der Tod dieses armen jungen Mannes mit der Ermordung Kitelys zusammenhängt. Ich habe schon den ganzen Nachmittag darüber nachgedacht. Alle Ärzte, die den Toten untersucht haben – wir haben in den letzten Stunden mehrere um ihre Ansicht gebeten –, sind übereinstimmend der Ansicht, daß Stoner durch einen furchtbaren Schlag niedergestreckt wurde und wahrscheinlich schon tot war, ehe er dort hinunterstürzte. Mr. Brereton, ich bin fest davon überzeugt, daß hier wieder ein Mord vorliegt!« »Haben Sie ein Motiv feststellen können? Vielleicht spielt eine Liebesgeschichte hinein, oder vielleicht ist es eine Eifersuchtstat?« »Das glaube ich kaum. Die Sache ist in der ganzen Stadt bekannt, und ich hätte inzwischen sicher von solchen Anlässen etwas gehört. Ein Raubmord liegt auch nicht vor. Hier liegen seine ganzen Sachen, wenn Sie einmal hersehen wollen.« Der Inspektor verließ einen Augenblick das Zimmer, und Brereton warf einen Blick auf die Sachen. Er nahm Stoners Notizbuch zur Hand. Es lagen einige Quittungen, ein Exemplar der Bekanntmachung und einige Zeitungsausschnitte darin. Als er die Notizen selbst durchsah, fand er zum Schluß eine kurze Eintragung, die er verwundert betrachtete: »M. \& C. (Mallows \& Chidforth) – Unterschlagung Baugen. – Schwurgericht Wilchester – 91 – zweitausend Pfund – Geld nicht entdeckt – 2 J. – K. anw.« Brereton schrieb diese Eintragung sofort ab und war gerade damit fertig, als der Inspektor mit einem Eisenbahnbeamten eintrat. »Erzählen Sie ruhig, was Sie zu sagen haben. Dieser Herr kann alles hören. Eine neue Nachricht von High Gill, Mr. Brereton«, wandte er sich an den Rechtsanwalt. »Und zwar über Stoner.« »Der Stationsmeister hat mich hergeschickt; wir hörten heute nachmittag, daß Stoners Leiche gefunden wurde, und daß Sie annehmen, er wäre in der Dunkelheit in den Steinbruch geraten. Aber wir wissen, daß das nicht recht möglich ist.« »Wir sind allerdings nicht dieser Ansicht«, erwiderte der Inspektor, »aber sicher haben die Leute das erzählt. Aber sprechen Sie bitte.« »Ich bin dort Billettkontrolleur. Der junge Stoner hat am Sonnabendnachmittag eine Fahrkarte nach Darlington gelöst und ist auch dorthin abgefahren. Gestern kam er mit dem Dreiuhrzug zurück. Er gab sein Billett bei der Sperre ab, ging aber nicht die gewöhnliche Straße, sondern sagte mir, daß er quer über die Heide nach Highmarket gehen wollte. Ich sah auch, daß er in der Richtung davonwanderte. Er muß ungefähr um halb fünf dort gewesen sein, jedenfalls bevor es dunkel wurde.« »Also ungefähr gegen Sonnenuntergang«, meinte der Inspektor. »Er kann also nicht im Dunkeln in den Steinbruch gefallen sein. Wenn alles gut gegangen wäre, müßte er bei Einbruch der Dunkelheit in Highmarket eingetroffen sein.« »Ich danke Ihnen. Die Sache kann von Bedeutung sein. War er allein, als er von Darlington kam?« »Ja, es war niemand bei ihm.« »Haben Sie nicht gesehen, daß jemand denselben Weg über die Heide ging und ihm folgte?« »Nein. Ich und einer meiner Kollegen beobachteten ihn noch ein gutes Stück. Solange wir ihn sehen konnten, war er allein. Wir haben ihm nicht absichtlich nachgeschaut, aber als der Zug abgefahren war, setzten wir uns oben auf dem Bahnsteig nieder und rauchten unsere Pfeife. Und so konnten wir ihn direkt über die Heide gehen sehen.« »Haben Sie nicht bemerkt, daß irgendwelche verdächtige Leute am Nachmittag oder Abend zu Ihrer Station kamen?« Der Billettkontrolleur verneinte diese Frage und entfernte sich dann wieder. Auch Brereton erhob sich nach einer kurzen Unterhaltung und ging nach Hause. Er war fest davon überzeugt, daß der geheimnisvolle Tod Stoners mit der Ermordung Kitelys in engem Zusammenhang stand. Vor allem war er erstaunt über die Ähnlichkeit der beiden Eintragungen in Kitelys und in Stoners Notizbuch. 18. Kapitel. Das Buch mit den Zeitungsausschnitten Bent war am Nachmittag nach Norcaster gegangen, weil er dort geschäftlich zu tun hatte, und kam erst spät wieder nach Hause. Brereton aß deshalb allein zu Abend, und es blieb ihm genügend Zeit zum Nachdenken und Grübeln. Vor allen Dingen beschäftigte er sich mit den beiden ähnlichen Notizen. Die beiden großen Anfangsbuchstaben M. und C. waren gleich; die Jahreszahl 91 stimmte, vorausgesetzt, daß es sich um eine Jahreszahl handelte. Was Z.A. in Kitelys Aufzeichnungen bedeuten mochte, konnte er im Augenblick nicht herausbringen. Die ganze Eintragung dort war ebenso kurz wie geheimnisvoll. Stoners Notiz dagegen war ausführlicher; die beiden Buchstaben M. und C. waren deutlich erklärt als die Namen Mallows und Chidforth. Er las daraus, daß zwei Leute, nämlich Mallows und Chidforth, im Jahre 1891 wegen Unterschlagung einer Summe von zweitausend Pfund vom Schwurgericht in Wilchester zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Der Verbleib des Geldes wurde nicht entdeckt. Es war nun festzustellen, ob die Notiz bei Kitely sich auf dieselbe Tatsache bezog, was höchstwahrscheinlich war. Für Brereton verdichtete sich das ganze Problem jetzt zu der Frage, ob Mallows und Chidforth in Wilchester dieselben waren wie Mallalieu und Cotherstone in Highmarket. Nach Tisch ließ er sich in einen Sessel vor dem Kamin nieder, steckte seine Pfeife an und überlegte weiter. Es war ihm klar geworden, daß Kitely und Stoner im Besitz eines Geheimnisses waren. Beide wurden von einer Person ermordet, die sie zum Schweigen bringen wollte. Daran zweifelte er nicht mehr. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß die beiden Verbrechen von demselben Täter begangen worden waren, und daß dieser große körperliche Kräfte besaß. Plötzlich dachte Brereton an das Buch mit den Ausschnitten, das Kitely Windle Bent vermacht hatte. Er nahm es aus dem Schrank und blätterte langsam die einzelnen Seiten um. Und so plötzlich wie ihm der Gedanke an dieses Buch gekommen war, hatte er nun die Lösung des Rätsels in der Hand. Kitely hatte vorn auf die erste Seite »Zeitungs-Ausschnitte« geschrieben und die beiden Anfangsbuchstaben durch größeren Druck hervorgehoben. Auf den einzelnen Blättern standen, oben die Jahreszahlen: 1889, 1890, 1891 usw. Brereton verstand jetzt, was die kurze Notiz »M. \& C. v. Z.A. cir. 91« bedeutete. Die Eintragung mußte so gelesen werden: »M. \& C. vide (siehe) Zeitungs-Ausschnitte cirka 1891.« Brereton blätterte aufgeregt die Seiten dieses merkwürdigen Buches um, bis er zum Jahre 1891 kam, und dort fand er einen großen Ausschnitt aus einem Lokalblatt, der vier Seiten einnahm. Die vierzeilige Überschrift war fett gedruckt: »Unterschlagungen bei der Baugenossenschaft. Mallows und Chidforth vor dem Geschworenengericht in Wilchester. Zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.« Brereton ließ sich wieder in seinen Sessel nieder, um den ganzen Artikel eingehend durchzulesen. Es war nichts Besonderes oder Außergewöhnliches in dem Bericht enthalten; er gab nur die sensationell aufgemachte Schilderung eines Verbrechens. Nachdem der Sachverhalt erzählt war, wurde die Frage erörtert, was die beiden Angeklagten mit dem Gelde gemacht hatten. Man war geteilter Ansicht. Die einen glaubten, sie hätten es verspielt und verwettet, die anderen, sie hätten es beiseite geschafft. Mallows und Chidforth selbst verweigerten jede Auskunft darüber. Sie hatten auch auf andere Fragen des Richters und der Geschworenen nicht geantwortet. Im Laufe des Prozesses waren sie verschiedentlich von dem Vorsitzenden Richter aufgefordert worden, ein offenes Geständnis abzulegen, aber sie hatten es stets abgelehnt. Sie wurden dann zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und verschwanden aus der Öffentlichkeit. Unter den Artikel hatte Kitely eine Bemerkung geschrieben, die drei Jahre nach der Verhandlung datiert war. »Wilchester, 28. Juni 1894. Ich kam in dienstlichen Angelegenheiten heute hierher und sprach mit der Polizei über M. \& C. Man hat seit ihrer Entlassung nichts mehr von ihnen gehört. Sie wurden zur selben Zeit entlassen, eine oder zwei Stunden später in der Stadt gesehen und verschwanden dann. Einem Mann, der mit M. sprach, erzählte er, daß sie auswandern wollten. Man glaubt, daß sie nach Argentinien gegangen sind. Beide haben Verwandte in Wilchester, aber sie wissen nichts über den Verbleib der beiden, oder schweigen jedenfalls darüber. Von dem Geld ist keine Spur gefunden worden. Viele Leute in W. sind davon überzeugt, daß sie es sicher versteckt haben und nach Abbüßung ihrer Strafe damit verschwunden sind.« Brereton enthüllte sich die Sachlage nun ganz klar. Der alte Detektiv, der sich zufällig in Highmarket niedergelassen hatte, erkannte Mallalieu und Cotherstone wieder, die in dieser entlegenen Stadt angesehene Geschäftsleute geworden waren, und teilte ihnen auch mit, daß er ihr Geheimnis wüßte. Es blieben aber noch viele Fragen ungelöst. Was war geschehen, als Kitely sich ihnen als der Detektiv zu erkennen gab, der damals an der Schwurgerichtssitzung in Wilchester teilnahm? Hatte er die beiden erpressen wollen? Das lag unbedingt im Bereich der Möglichkeit. Weitere Fragen tauchten auf. Wie war Stoner zu seinen Kenntnissen gekommen? Hatte ihm Kitely etwas gesagt? Das war kaum anzunehmen, und doch hatte Stoner eine Eintragung in sein Notizbuch gemacht, aus der deutlich hervorging, daß er das Geheimnis von Mallalieu und Cotherstone kannte. Hatte Stoner deshalb sterben müssen? Brereton war eigentlich davon überzeugt. Aber wer hatte diesen schweren Schlag gegen Stoner geführt, der wahrscheinlich seinen Tod verursacht hatte? War es Mallalieu, oder war es Cotherstone? Brereton sah es als sicher an, daß einer oder beide Kitely und vielleicht auch Stoner ermordet hatten. Diese Erkenntnis brachte ihn in eine sehr unangenehme Lage. Als Rechtsanwalt und Verteidiger eines unschuldig des Mordes Angeklagten war es seine Pflicht, den Täter herauszufinden. Er kümmerte sich nicht um Mallalieu; der mochte die wohlverdiente Strafe erhalten, wenn er ein Verbrechen begangen hatte. Aber Cotherstone war der zukünftige Schwiegervater Bents, und Bent und Brereton waren seit ihrer Knabenzeit eng befreundet. Er war hier bei Bent zu Besuch und hatte seinen Aufenthalt länger ausgedehnt, um Harborough zu verteidigen, und nun sollte er Schande über die Familie bringen, mit der sich sein Freund verbinden wollte. Aber das war immer noch besser, als daß ein Unschuldiger zum Tode verurteilt wurde. Er ging in dem Zimmer auf und ab und war schon halb dazu entschlossen, Bent bei seiner Rückkehr alles zu erzählen. Aber dann nahm Brereton Hut und Mantel und verließ das Haus. Es schlug gerade halb acht. Der Novemberabend war scharf und frostig, und der Mond schien von dem wolkenlosen Himmel hernieder. Der plötzliche Wechsel von der Wärme des Hauses in die Kälte der Straße schärfte Breretons geistige Fähigkeiten. Er steckte seine Pfeife an und wollte die Straße entlanggehen, die aus Highmarket hinausführte, um noch einmal über die Sache nachzudenken. Aber er war kaum hundert Schritte gegangen, als Avice Harborough aus Northrops Gartentür trat und auf ihn zukam. »Ich wollte Sie eben aufsuchen«, sagte sie ruhig. »Ich habe etwas erfahren, das ich Ihnen unter allen Umständen mitteilen möchte, und zwar sofort.« »Was ist es denn?« Avice reichte ihm einen Brief. »Ein Junge brachte ihn mir vor einer halben Stunde. Die alte Mrs. Hamthwaite, die in einem einsamen Häuschen in der Nähe des Hobwick-Steinbruches wohnt, hat mir den Brief geschrieben. Können Sie ihn beim Licht dieser Laterne lesen?« »O ja, das wird schon gehen.« Dann las er laut: »Wenn Miß Harborough Susan Hamthwaite besucht, so kann ihr diese etwas Wichtiges mitteilen.« Er reichte Avice das Schreiben zurück. »Wie weit ist es denn bis zu dem Hause der Frau?« »Man hat etwas über eine halbe Stunde zu gehen.« »Könnten wir gleich dorthin aufbrechen?« fragte er. »Ich dachte auch schon daran.« »Nun, dann wollen wir uns gleich auf den Weg machen. Wenn es ihr nicht recht ist, daß ich dabei bin, kann ich ja draußen auf Sie warten. Sicher will sie Ihnen etwas über Ihren Vater mitteilen.« »Ja. Hoffentlich ist es so.« »Bestimmt. Was könnte es denn sonst sein?« »Ach, es gibt so viele merkwürdige Dinge, über die man sprechen könnte. Ich möchte nur wissen, warum Mrs. Hamthwaite solange gewartet hat, wenn sie etwas weiß.« »Das hat wohl keine Bedeutung. Alte Frauen haben manchmal ihre eigene Art. Ich habe Sie übrigens heute den ganzen Tag noch nicht gesehen – haben Sie schon von Stoners Tod gehört?« fragte er sie, als sie langsam den Weg zur Heide einschlugen. »Mr. Northrop hat es mir heute nachmittag gesagt. Was halten Sie denn davon?« Brereton ging einige Zeit neben ihr her, ohne zu antworten. Er legte sich die Frage vor, ob er Avice Harborough alles sagen sollte, was er wußte. 19. Kapitel. Ein großer Mann in grauem Anzug. Er konnte zu keinem Entschluß kommen und schwieg, bis sie auf einem Hügel in der Heide angelangt waren. Dort hielt er einen Augenblick an und sah auf die Dächer der Stadt zurück, die im Mondlicht glänzten. Sie blieb auch stehen und wunderte sich darüber, daß er so schweigsam geworden war. Plötzlich wandte er sich zu ihr, legte die Hand auf ihren Arm und drückte ihn leicht. »Ich will Ihnen ganz vertrauen und Ihnen erzählen, was ich noch zu niemand gesagt habe, nicht einmal zu meinem Kollegen Tallington oder meinem Freunde Bent. Ich muß mich aber einem Menschen gegenüber aussprechen, dem ich vertrauen kann – und das sind Sie!« »Ich danke Ihnen«, sagte sie leise. »Ich glaube Sie zu verstehen.« »Dann ist es gut«, sagte er freundlich. »Wir wollen jetzt wieder weitergehen. Sie führen, und ich erzähle Ihnen auf dem Wege alles.« Avice bog auf einen kleinen Fußweg ab, und nach einigen Minuten waren sie ganz allein; nirgends war eine menschliche Wohnung zu sehen. Brereton glaubte fast in einer anderen Welt zu sein, aber plötzlich sah er sekundenlang die Lichter des Zuges, der weit hinten in der Nähe der Küste durch das hügelige Heidegelände von Norcaster brauste. Der Wind trug den schrillen Pfiff der Lokomotive herüber, und Brereton wurde wieder an die Wirklichkeit erinnert. Avice lauschte seinen Worten, ohne ihn zu unterbrechen. Sie gingen langsam über die Heide und kamen ab und zu durch ein kleines Tal oder einen niedrigen Hügel. Bei wichtigen Stellen seiner Erzählung blieb er stehen und sah dann, daß sie gespannt zuhörte. Als ihnen schließlich von weitem das Licht eines einsamen Hauses auf der Heide entgegenschimmerte, wußte Avice alles. Sie ging noch einige Zeit schweigend neben ihm her, bevor sie sich an ihn wandte. »Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt, ich will nun das gleiche tun. Vielleicht hätte ich es längst tun sollen. Auch ich habe mich über Mallalieu gewundert, und mir kam der Gedanke, ob er nicht den alten Kitely ermordete und die Schuld auf meinen Vater abwälzte, um sich an ihm zu rächen.« »Warum wollte er sich denn an Ihrem Vater rächen?« »Er hat ihn vor kurzer Zeit beleidigt. Mr. Mallalieu besuchte uns öfters. Zuerst bat er meinen Vater, die Ratten in seinem Schuppen und in anderen Nebengebäuden zu vertreiben, und dann fand er immer neue Vorwände. Er kam immer abends und richtete es so ein, daß mein Vater nicht zu Hause war. Er saß dann im Zimmer, rauchte und unterhielt sich mit mir. Ich konnte ihn aber nicht leiden, und mir war das sehr zuwider. Häufig begegnete er mir auch im Walde, wenn ich von Northrops kam. Ich beklagte mich bei meinem Vater über seine Aufdringlichkeit, und als er ihn eines Abends wieder in der Wohnung fand, sagte er Mr. Mallalieu ganz offen, daß keiner von uns seine Gesellschaft wünsche, und bat ihn, zu gehen. Mr. Mallalieu wurde wütend und stieß schwere Drohungen aus.« »Und Ihr Vater? War er auch aufgeregt?« »Nein, er beherrschte sich, obgleich er auch sehr zornig werden kann. Er antwortete Mr. Mallalieu überhaupt nicht, ließ ihn ruhig reden, bis er aus der Tür gegangen war, und schloß sie ihm dann vor der Nase zu.« »Ich bin froh, daß Sie mir das gesagt haben. Vielleicht hat das noch eine große Tragweite. Ich muß vor allem sehen, wie ich es zugunsten Ihres Vaters verwerten kann. Aber das ist doch wohl das Haus der alten Frau?« Avice ging jetzt voraus und führte ihn durch eine kleine Talsenke in den von einer Steinmauer umgebenen Garten. Eine einzelne vom Sturm zerzauste Kiefer erhob sich wie eine einsame Schildwache bei dem einstöckigen, aus rohen Steinen zusammengefügten Hause. Dicht daneben stand ein Stall für Kühe und Schafe. Als sie an die Tür klopften, trat ihnen eine Frau entgegen, die schon vom Alter gebeugt war. Sie hielt eine kleine Lampe, bei deren Schein sie die beiden betrachtete. »Kommen Sie nur herein«, sagte sie dann freundlich, »ich erwartete ja, daß Sie heute abend kommen würden. Setzen Sie sich an den Kamin, es ist eine kalte Nacht, und Frost und Schnee liegen in der Luft.« »Darf dieser Herr auch hereinkommen, Mrs. Hamthwaite?« fragte Avice, als sie und Brereton nähertraten. »Er ist der Rechtsanwalt, der meinen Vater verteidigt. Ist es Ihnen unangenehm, in seiner Gegenwart zu sprechen?« »Das ist mir ganz gleich, ich habe schon oft vor Rechtsanwälten gesprochen. Kommen Sie nur herein.« Sie schloß die Tür sorgfältig, und als alle an dem warmen Torffeuer Platz genommen hatten, faltete sie die Hände über ihrer Schürze und sah ihre beiden Besucher durch eine ungewöhnlich große Brille an. Brereton betrachtete sie interessiert. Trotz ihres hohen Alters hatte sie noch einen scharfen, klaren Blick, der von Intelligenz und Lebhaftigkeit zeugte. Schließlich lächelte sie freundlich. »Sie sind jedenfalls gespannt, was ich Ihnen erzählen könnte, mein Liebling«, sagte sie zu Avice. »Und sicherlich wollen Sie auch wissen, warum ich nicht längst zu Ihnen geschickt habe. Aber ich war die ganze Zeit fort und nicht hier, als der Mord passierte. Ich habe meine Tochter besucht, die unten an der Küste lebt, und bin erst heute wiedergekommen. Das Briefschreiben fällt mir schwer, aber nun sind Sie hier, und ich will Ihnen alles sagen. Hoffentlich ist auch der Rechtsanwalt mit dem zufrieden, was ich berichten kann.« Sie nahm eine zusammengefaltete Zeitung aus einem Kasten. »Meine Tochter las mir den Artikel vor. Ich meine die Verhandlung gegen Ihren Vater. Wenn ich recht verstehe, will man doch wissen, wo er in der Nacht war, als der alte Kitely ermordet wurde.« »Ja, darum handelt es sich«, entgegnete Brereton. »Ich weiß, wo Harborough zwischen neun und zehn Uhr an jenem Abend war.« »Wo war er denn?« fragte der Rechtsanwalt eifrig. Die alte Frau lehnte sich etwas vor. »Hier auf der Heide«, sagte sie leise, »nicht fünf Minuten von hier entfernt. Dort ist eine Stelle, die wir Good Folks Lift nennen. Es ist eine kleine Erhebung, und dort sollen im Mondlicht die Feen tanzen.« »Haben Sie ihn denn selbst gesehen?« fragte Brereton. »Ja, und ich kenne ihn genau. Seine eigene Tochter kann ihn nicht besser kennen als ich!« »Bitte erzählen Sie uns doch alles«, bat Brereton. Mrs. Hamthwaite sah ihn scharf an. »Wollen Sie wissen, was ich auch vor einem Richter aussagen könnte?« »Natürlich.« »Seitdem mein Mann tot ist, wohne ich allein hier. Ich habe gerade nicht sehr viel zu leben, aber es genügt vollkommen. Ab und zu fange ich hier auf der Heide einen Hasen oder ein Kaninchen, das tun hier alle. Manche Leute sagen, daß es Wilddieberei sei, aber ich sage, daß wir nur das nehmen, was uns zusteht. In jener Nacht also ging ich nach Good Folks Lift, um nach einigen Schlingen zu sehen, die ich dort ausgelegt hatte. Es gibt dort viele Büsche und Sträucher, und als ich gerade angekommen war, hörte ich Schritte. Ich schaute mich verstohlen um und sah einen großen Mann in grauem Anzug. Ich konnte ihn genau beobachten, als er sich dicht in meiner Nähe eine Pfeife ansteckte. Sein Gesicht habe ich allerdings nur von der Seite gesehen. Er hatte einen dünnen, grauen Bart. Er ging dann vorbei, und gleich darauf hörte ich andere Schritte und die Stimme Ihres Vaters. Dann begrüßten sich die beiden. Sie standen eine Weile dort und sprachen leise miteinander. Es dauerte aber nicht lange, bis sie wieder zurückkamen und den Weg nach Hexendale einschlugen. Bald darauf waren sie außer Sicht, und als ich meine Schlingen nachgesehen hatte, ging ich heim. Das ist alles. Aber mit dem Morde, der in der Nähe von Highmarket zwischen neun und zehn geschah, hat Jack Harborough nichts zu tun, denn er war kurz nach neun Uhr hier oben. Und der große, graue Herr und er gingen in der entgegengesetzten Richtung davon!« »Irren Sie sich auch nicht in der Zeit?« fragte Brereton ängstlich. »Nein, es war zehn Minuten vor neun, als ich wegging, und ungefähr zehn Uhr, als ich zurückkam. Meine Uhr geht immer richtig. Ich stelle sie nach dem Kalender und dem Sonnenauf- und -untergang. Das ist die sicherste Methode, dabei kann man sich nicht irren?« »Wissen Sie auch ganz genau, daß der andere Mann Mr. Harborough war?« »Ja. Ich kenne Harboroughs Stimme und seine Gestalt und seinen Gang genau so gut, wie ich hier meinen Kamin und mein Herdfeuer kenne.« »Und woher wissen Sie, daß es der Abend war, an dem der Mord passierte? Können Sie das auch beweisen?« »Sehr leicht. Am nächsten Morgen fuhr ich nach der Küste, um meine Tochter zu besuchen. Ich hörte in High Gill von der Ermordung des alten Mannes, aber ich wußte noch nicht, daß der Verdacht auf Harborough gefallen war. Das habe ich erst später in der Zeitung gelesen.« »Kannten Sie auch den anderen großen Mann im grauen Anzug?« Mrs. Hamthwaite war in diesem Punkt nicht so gewiß. »Ich glaube, daß ich ihn hier in der Gegend in den letzten achtzehn Monaten schon einige Male gesehen habe.« »Sie sagten vorhin, daß die beiden in der Richtung nach Hexendale zurückgingen? Wo liegt das eigentlich?« Die alte Frau zeigte nach Westen. »Dort, mehr landeinwärts. Miß Harborough kennt Hexendale sehr gut.« »Hexendale ist ein Tal mit einem Dorf gleichen Namens«, erwiderte Avice. »Es liegt ungefähr neun Kilometer von hier entfernt. Dort führt eine andere Eisenbahnstrecke entlang, und der Mann, von dem Mrs. Hamthwaite spricht, konnte ja dort von der Bahn gekommen und wieder abgefahren sein.« »Wir sind Ihnen sehr dankbar«, sagte Brereton. »Sie würden Ihre Geschichte doch auch vor Gericht erzählen?« »Natürlich. Aber darf ich Ihnen einmal einen Rat geben? Sie sehen ganz klug und gescheit aus. Ich möchte Ihnen einmal sagen, was ich an Ihrer Stelle täte!« »Nun, was denn?« fragte Brereton gutgelaunt. Mrs. Hamthwaite klopfte ihm auf die Schulter, als sie die Tür für die beiden öffnete. »Ich würde herausbringen, wer dieser große Mann mit dem grauen Anzug ist. Der kann Ihnen sehr nützlich sein!« Brereton ging schweigend weg und dachte über die letzten Worte der alten Frau nach. »Aber wo könnten wir den Mann denn finden?« rief er plötzlich. »Wir wissen nicht einmal, wie er heißt!« »Ich glaube, er ist derselbe, der die neunhundert Pfund geschickt hat«, bemerkte Avice. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht! Ich glaube, Sie haben recht. Auf jeden Fall klärt sich das Rätsel jetzt, und wir kommen einer Lösung immer näher.« – Zu Hause sollte er noch mehr erfahren. Bent war zurückgekommen und erzählte ihm, daß Cotherstone die Hochzeit seiner Tochter beschleunigen wollte, und daß die Trauung in der nächsten Woche in aller Stille stattfinden sollte. 20. Kapitel. Geständnis. Nur mit Aufbietung aller Kräfte konnte Brereton einen Ausruf unterdrücken. »Das wundert mich aber«, sagte er nur erstaunt. »Ich dachte, eure Hochzeit sollte erst im nächsten Jahre stattfinden?« »Cotherstone hat mich darum gebeten. In der letzten Zeit ist er direkt ein Kopfhänger geworden, hoffentlich ist er nicht ernstlich krank. Die Hochzeit findet bestimmt nächste Woche statt. Darf ich dich bitten, den Brautführer zu machen?« »Aber natürlich! Dann geht ihr wohl auch gleich auf Reisen?« »Ja, aber nicht so lange, wie ursprünglich geplant war. Wir wollen auf einige Wochen an die Riviera fahren. Ich habe heute schon alle nötigen Anordnungen getroffen. Hast du inzwischen etwas Neues herausgebracht? Dieser Mord an Stoner hat meinen Schwiegervater auch sehr mitgenommen. Ich möchte nur wissen, wann alle diese geheimnisvollen Verbrechen endlich aufgeklärt werden. Eins ist mir ja jetzt ganz klar. Harborough ist vollständig unschuldig, denn Stoner wurde sicher von demselben Mann ermordet, der den alten Kitely erdrosselte.« Brereton wollte nicht weiter darüber sprechen. Er schützte Müdigkeit vor und begab sich auf sein Zimmer. Eins stand bei ihm fest. Bents Hochzeit durfte nicht stattfinden, solange Cotherstone unmittelbar in Gefahr schwebte. Als er am nächsten Morgen aufstand, hatte er einen Entschluß gefaßt. Er wollte zu Cotherstone gehen und ihm sagen, was hier doch schon verschiedene Leute über sein Vorleben wußten. Vielleicht hatte Cotherstone eine Erklärung; jedenfalls mußte man ihm Gelegenheit geben, zu sprechen. Aber vor allem wollte Brereton darauf bestehen, daß Bent alles erfuhr. Brereton überlegte sich, daß es das beste war, sich Tallington anzuvertrauen. Dieser Rechtsanwalt stand schon in älteren Jahren und genoß großes Ansehen wegen seiner Klugheit und Ehrlichkeit. Als langjähriger Einwohner der Stadt kannte er sicherlich Cotherstone sehr gut und konnte ihm einen Rat geben, wie er mit ihm verhandeln sollte. Der junge Rechtsanwalt kam bei seinem Kollegen an, als dieser gerade seine Morgenpost durchgesehen hatte, und erzählte ihm alles, was er in der letzten Zeit erfahren hatte. Tallington hörte ihm aufmerksam zu, und sein Gesicht wurde ernster und ernster, als Brereton die einzelnen Tatsachen berichtete. »Wir müssen zweierlei tun«, erklärte er schließlich. »Erstens müssen wir Bent herholen und ihn in alles einweihen, und dann müssen wir Cotherstone rufen und ihm auch alles sagen.« »Warum soll es Bent zuerst erfahren?« »Das sind wir ihm schuldig. Außerdem würde es Cotherstone doch sehr unangenehm sein, es ihm selbst zu sagen. Und uns wäre es auch peinlich, die Geschichte Bent in Cotherstones Gegenwart zu erzählen. Auf jeden Fall wollen wir sofort handeln, damit nicht auf andere Weise schon vorher etwas herauskommt.« »Meinen Sie durch die Polizei?« »Ja. Dergleichen kann man unmöglich für immer geheimhalten. Vielleicht sind auch schon andere Leute und Detektive an der Arbeit, vielleicht hat Stoner mit anderen darüber gesprochen. – Bents Büro liegt hier gleich um die Ecke, ich schicke einen Angestellten hinüber und bitte ihn zu uns. Es ist peinlich, aber unbedingt notwendig.« Als Bent zehn Minuten später in Tallingtons Büro trat, fiel sein Blick zuerst auf den schwarzgebundenen Band mit den Zeitungsausschnitten, den Brereton mitgebracht hatte. Er sah seinen Freund überrascht an. »Was macht denn das Ding hier? Hast du eine Entdeckung darin gemacht? – Warum wollen Sie mich eigentlich sprechen?« fragte er Tallington. Brereton mußte seine Geschichte nun noch einmal erzählen, aber Bent war kein so ruhiger und vorurteilsloser Zuhörer wie der Rechtsanwalt. Zuerst wollte er ihm überhaupt nicht glauben, dann war er ärgerlich und beleidigt und unterbrach Brereton dauernd. Er stellte viele Fragen und kämpfte für Cotherstone. Die beiden anderen verstanden ihn nur zu gut, aber sie ließen nicht nach, bis sie ihn schließlich überzeugt hatten. Plötzlich sprang er auf. »Wer von den beiden ist denn nun der Mörder? Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß es Cotherstone ist!« Tallington erhob sich und legte begütigend seine Hand auf Bents Schulter. »Wir wollen kein Urteil fällen, bis wir gehört haben, was Cotherstone dazu zu sagen hat. Ich werde schnell herumgehen und ihn selbst herholen. Ich weiß, daß er jetzt allein im Büro ist, denn ich sah Mallalieu vor zehn Minuten ins Rathaus gehen. Es ist heute morgen Stadtverordnetensitzung, bei der er zugegen sein muß. Also nun lassen Sie den Mut nicht sinken, Bent! Es ist ja immerhin möglich, daß Cotherstone uns die Sache erklären kann.« Cotherstones Büro lag nur ein paar Schritte entfernt, und Tallington kam in fünf Minuten mit Cotherstone zurück. Brereton sah Cotherstone genau an und bemerkte, daß er gefaßt war. Es schien, als ob er diese Krisis längst vorausgeahnt hatte und darauf vorbereitet war. Äußerlich war er vollkommen ruhig und kühl; er überschaute die Situation sofort, nahm auf dem Stuhl Platz, den Tallington ihm anbot, und wandte sich dann an den Rechtsanwalt. »Nun, warum haben Sie mich hergeholt?« »Ich sagte Ihnen doch schon auf dem Wege hierher, daß wir einmal privat über gewisse Informationen sprechen wollen, die wir kürzlich erhalten haben. Mr. Bent ist schon im Bilde. Natürlich ist diese Besprechung vertraulicher Natur. Also seien Sie bitte ebenso offen zu uns, wie wir es zu Ihnen sein werden. Zunächst möchte ich eine direkte Frage an Sie richten. Sind Sie und Ihr Partner Mallalieu identisch mit Mallows und Chidforth, die im Jahre 1891 wegen Unterschlagung von dem Schwurgericht in Wilchester zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurden?« Cotherstone zuckte mit keiner Wimper, und seine Stimme klang klar und bestimmt, als er antwortete. »Bevor ich darauf etwas erwidere, Mr. Tallington, möchte ich eine Frage an Mr. Bent richten. Wird meine Tochter darunter zu leiden haben, wenn etwas gegen mich vorgebracht werden kann?« Bent errötete und wurde ungehalten. »Sie sollten doch eigentlich wissen, was ich darauf antworten werde. Ihre Tochter hat nicht darunter zu leiden.« »Ich kenne Sie als einen Mann, der sein Wort hält«, entgegnete Cotherstone und wandte sich dann an Tallington. »Auf Ihre Frage antworte ich mit einem uneingeschränkten Ja!« Tallington öffnete Kitelys Buch mit den Zeitungsausschnitten und legte ihm den Bericht über die Gerichtsverhandlungen in Wilchester vor. »Also sind Sie dieser Chidforth, der in diesem Artikel erwähnt wird, und Ihr Partner ist Mallows?« »Ja, das stimmt«, erwiderte Cotherstone mit so fester Stimme, daß ihn alle erstaunt ansahen. »Und was in dem Artikel gesagt wird, ist wahr? Ich meine, soviel Sie hier auf den ersten Blick sehen können?« »Das muß ich annehmen«, entgegnete Cotherstone bereitwillig. »Es war die beste Zeitung, die wir in Wilchester hatten. Der Bericht wird sicher in allen Einzelheiten stimmen.« »Wußten Sie, daß Kitely bei der Verhandlung zugegen war?« fragte Tallington weiter. »Ich weiß es jetzt. Aber ich erfuhr es erst an dem Nachmittag, bevor der alte Kitely ermordet wurde. Ich will Ihnen die Sache ganz wahrheitsgemäß berichten. Kitely kam an jenem Nachmittag in unser Büro, um seine Miete zu bezahlen, und bei dieser Gelegenheit teilte er mir alles mit und machte den Versuch, mich zu erpressen. Am nächsten Tage wollte er um vier Uhr nachmittags wiederkommen, und Mallalieu und ich sollten uns inzwischen überlegen, wieviel Schweigegeld wir ihm anbieten wollten.« »Sie haben also mit Mallalieu darüber gesprochen?« »Natürlich. Es war für uns beide ein Faustschlag ins Gesicht, nachdem wir hier dreißig Jahre lang ehrlich gearbeitet hatten!« Die drei anderen sahen sich schweigend an. Eine kurze Pause trat ein, und dann stellte Tallington die entscheidende Frage. »Mr. Cotherstone, wissen Sie, wer Kitely ermordet hat?« »Nein, aber ich vermute es.« »Wer denn?« fragte Tallington. »Derselbe, der Stoner ermordete, und zwar aus demselben Grunde.« Cotherstones Gesicht zeigte einen entschlossenen Ausdruck. Er richtete sich in seinem Stuhl auf und legte seine Hand schwer auf den Schreibtisch. »Es ist Mallalieu!« fuhr Cotherstone fort. »Ich habe ihn gleich von Anfang an im Verdacht gehabt, am Sonntagabend wurde es mir zur Gewißheit. Ich werde Ihnen auch sagen warum. Ich habe persönlich gesehen, daß Mallalieu Stoner erschlug.« Ein tiefes Schweigen folgte. Es waren furchtbare Minuten. »Sie haben gesehen, daß Mallalieu Stoner erschlug?« wiederholte Tallington ernst. »Ja!« rief Cotherstone. »Ich bin an jenem Abend zu dem Hobwick-Steinbruch gegangen, um über alles nachzudenken. Als ich an das kleine Fichtengehölz kam, das an der Ecke des Steinbruchs steht, sah ich Mallalieu und Stoner. Sie hatten einen Wortwechsel und stritten miteinander. Ich konnte sie hören und auch sehen. Schnell schlüpfte ich hinter ein großes Gebüsch und beobachtete sie von dort aus. Ich hörte, daß Stoner Mallalieu durch seine Worte aufs höchste reizte, und plötzlich packte Mallalieu in einem Wutanfall seinen schweren Eichenstock und schlug damit auf Stoner ein. Der schreckte zurück, das Geländer brach, und er stürzte in die Tiefe. Das habe ich gesehen. Ich habe auch bemerkt, daß Mallalieu seinen Stock in den Steinbruch warf, und ich bin hinuntergegangen und habe ihn aufgehoben! Nachdem die Tat geschehen war, beobachtete ich Mallalieu. Einmal glaubte ich schon, er hätte mich gesehen, aber ich täuschte mich. Er stieg in den Steinbruch hinunter, während es dunkel wurde und blieb einige Zeit dort. Dann kam er auf der entgegengesetzten Seite wieder heraus und ging nach der Stadt zu. Sobald er außer Sehweite war, kletterte ich auch hinunter und fand Stoner tot. In seiner Nähe lag der Stock. Ich hob ihn auf und nahm ihn an mich.« Tallington sah zu Brereton hinüber. »Mr. Cotherstone muß seine Aussagen vor der Polizei wiederholen«, sagte der junge Rechtsanwalt. »Warten Sie noch einen Augenblick«, erwiderte Cotherstone. »Ich bin noch nicht zu Ende mit meinem Bericht. Da ich mich nun schon einmal ausspreche, will ich auch alles sagen. Ich tue es hauptsächlich um Ihretwillen, Bent, aber die beiden Rechtsanwälte hier sollen Zeugen sein. Ich weiß nicht, wie die alte Sache aus Wilchester wieder aufgerührt wurde, aber ich will wenigstens die Wahrheit darüber sagen. Ich habe zwei Jahre im Zuchthaus gesessen, das ist wahr. Aber ich habe nur für Mallalieu die Kastanien aus dem Feuer geholt!« Tallington lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete Cotherstone mit steigendem Interesse. »Also dann war Mallalieu oder Mallows der eigentlich Schuldige?« »Steht denn nicht in der Zeitung, daß er der Kassierer war?« entgegnete Cotherstone. »Er konnte vollständig über das Geld verfügen. Er hat mich so geschickt in die ganze Sache hineingezogen, daß ich mir nicht mehr zu helfen wußte, als der Zusammenbruch kam. Und erst als alles vorüber war und wir die beiden Jahre abgesessen hatten, erfuhr ich, daß Mallalieu das Geld sicher beiseite gebracht hatte.« »Aber Sie haben es schließlich nachher erfahren«, bemerkte Tallington. »Und Sie haben doch später mit diesem Gelde Ihr Geschäft gegründet?« »Ja, das stimmt. Aber ich möchte doch noch eins zu meinen Gunsten anführen. Ich habe das Geld zurückgezahlt, die ganzen zweitausend Pfund mit den Zinsen für dreißig Jahre. Mallalieu weiß davon nichts. Hier ist die Quittung!« »Wann haben Sie es denn eingezahlt?« fragte Tallington, als Bent unwillig das Schriftstück nahm, das ihm Cotherstone reichte. »Ist es schon lange her, oder haben Sie es erst kürzlich getan?« »Es war am Tage nach Kitelys Ermordung. Ich habe es durch einen Freund bezahlen lassen, der noch in Wilchester lebt. Ich wollte mit der Sache nichts mehr zu tun haben und mir nicht den Vorwurf machen lassen, daß jemand durch mich Geld verloren hat, und so zahlte ich.« »Aber Sie hätten die Summe doch längst zurückgeben können? Mit vier Prozent Zinsen macht das doch etwa viertausendvierhundert Pfund aus!« »Das ist auch die Summe, die er gezahlt hat«, warf Bent dazwischen. »Alles, was Mr. Cotherstone mir gesagt hat, ist natürlich vertraulich«, sagte Tallington und reichte die Quittung Brereton hinüber. »Vielleicht sagen Sie uns auch noch, warum Sie das Geld einen Tag nach Mr. Kitelys Ermordung einzahlten?« Cotherstone, der bis dahin bereitwillig geantwortet hatte, wurde rot und schüttelte ärgerlich den Kopf. Aber er wollte eben sprechen, als es klopfte. Bevor der Rechtsanwalt »Herein« rufen konnte, wurde die Tür von außen geöffnet, und der Polizeiinspektor trat in Begleitung zweier Leute ein, die Brereton als Detektive von Norcaster erkannte. »Es tut mir leid, daß ich Sie hier stören muß, Mr. Tallington. Aber ich hörte, daß Mr. Cotherstone hier sei. – Mr. Cotherstone! – Ich möchte Sie bitten, mich zur Polizeistation zu begleiten. Es ist das beste, wenn Sie weiter keine Schwierigkeiten machen.« »Erst will ich wissen, warum ich dorthin gehen soll«, erklärte Cotherstone entschieden. »Was liegt gegen mich vor?« Der Polizeiinspektor schüttelte seufzend den Kopf. »Ich kann leider nichts dafür, aber wir müssen Mr. Mallalieu und Sie wegen Stoners Ermordung verhaften. Der Befehl ist vor einer Stunde unterzeichnet worden, und Mr. Mallalieu ist schon in Gewahrsam. Kommen Sie nur mit, Mr. Cotherstone, ich kann auch nichts daran ändern.« 21. Kapitel. Die gestörte Flucht. Vierundzwanzig Stunden nach Stoners Tod plante Mallalieu seine Flucht. Und er bereitete sie mit derselben Klugheit und Umsicht vor, die er in der Vergangenheit so oft bewiesen hatte. Da er diese Gegend für immer verlassen mußte, wollte er auf solche Weise verschwinden, daß ihn niemand verfolgen konnte. Nachdem er in dem Hotel am Markt einige belegte Brote gegessen und ein Glas Bier getrunken hatte, war er nach dem Hobwick-Steinbruch gegangen und hatte sich dort genau umgesehen. Wie erwartet, fand er dort einige Polizisten und mehrere Leute aus der Stadt, die sich den Tatort ansahen. Er ließ sich von den Beamten das zerbrochene Geländer zeigen. »Haben Sie keine Fußspuren in der Nähe gefunden?« sagte Mallalieu, als sie sich umsahen. »Nein, Herr Bürgermeister. Wir haben alles abgesucht, aber auf dem kurzen Grase ist nichts zu sehen.« Mallalieu trat dicht an den Rand des Steinbruchs und schaute hinunter. Mit seinen scharfen Augen suchte er nach dem Stock. Er dachte an die Brombeersträucher. Bei Tageslicht mußte der Stock dort sehr gut zu sehen sein, denn er hatte eine hellgelbe Farbe und würde sich von dem grünen und dunkelbraunen Untergrund gut abheben. Aber er konnte nichts entdecken. »Das ist ein furchtbar steiler und tiefer Abhang hier«, sagte er schließlich. »Ich möchte nicht hinunterfallen! Und das Geländer hier hätte auch längst erneuert werden müssen, es ist ja schon ganz morsch und verfault. Der arme junge Mann hat sich dagegen gelehnt und ist dann in die Tiefe gefallen.« »Ja, das würde ich auch sagen, Herr Bürgermeister«, erwiderte der Polizist. »Aber der Arzt meint, Stoner könnte auch heftig dagegengeschleudert worden sein. Man hat doch eine Wunde an seinem Kopf entdeckt, die von einem schweren Schlag herrühren soll.« »Aber er kann sich bei dem Sturz doch auch an den vielen Vorsprüngen und scharfen Felskanten verletzt haben. Es war ein Unglücksfall, ein reiner Unglücksfall!« Mallalieu ging mit den Beamten in den Steinbruch hinunter und suchte unter dem Vorwande, daß er sich selbst genau informieren müßte, den ganzen Platz ab. Aber er fand seinen Stock nicht. Er war auch davon überzeugt, daß ihn kein anderer gefunden hatte. Wahrscheinlich lag er in einer Felsspalte oder in einem undurchdringlichen Brombeergestrüpp. Beruhigt ging er wieder der Stadt zu. Während des folgenden Nachmittags verstärkte sich das Gefühl der Sicherheit bei ihm. Er wanderte durch die Straßen, war öfters im Rathaus und zeigte sich auch auf der Polizeistation. Am Abend war es klar, daß er nicht in Verdacht gekommen war – das heißt, noch nicht. Er wußte, daß in Zukunft doch etwas herauskommen würde. Und als er spät nach Hause ging, fragte er sich, ob er am nächsten Nachmittag noch sicher sein würde. Jedenfalls wollte er morgen um diese Zeit über alle Berge sein. Aber an diesem Abend gab es noch sehr viel zu tun. Eine Stunde lang saß er mit dem Kursbuch vor einer großen Karte. Während er die verschiedenen Züge und Anschlüsse zusammenstellte, beschäftigte er sich schon wieder mit anderen Plänen. Er hatte stets die wunderbare Gabe besessen, an mehreren Dingen zu gleicher Zeit arbeiten zu können. Nach dieser Stunde hatte er den Fluchtplan genau fertiggestellt. Er wollte ganz offen von Highmarket weggehen, ohne den geringsten Verdacht zu erregen. Die Leute sollten wissen, daß er die Stadt mit einem bestimmten Zweck verließ, und das Glück war ihm günstig. Gerade zu der Zeit waren eifrige Beratungen im Gange wegen einer neuen Wasserleitung. Man pflog Verhandlungen mit einer kleinen Nachbarstadt, mit der man zusammen ein großes Wasserreservoir in den Bergen anlegen wollte, und an einem der nächsten Tage sollte eine Sitzung des gemeinsamen Komitees in dieser Angelegenheit abgehalten werden. Er wollte nun angeben, daß er mit verschiedenen Punkten des Unternehmens nicht einverstanden sei, und in offener Sitzung auf dem Rathaus erklären, daß er persönlich zu der anderen Stadt hinüberfahren müßte, um über gewisse Einzelheiten Klarheit zu schaffen. Niemand würde darin etwas Verdächtiges finden. Um diese andere Stadt zu erreichen, mußte er nach Norcaster fahren, und das war eine verhältnismäßig große Stadt, in der er eine gewisse Geigend am Hafen sehr gut kannte. Dort konnte er sich unbeobachtet einige Zeit aufhalten und dann bei günstiger Gelegenheit fliehen. Er traf also seine letzten Vorbereitungen, wobei es sich natürlich um Geld handelte. Es fiel ihm schwer, sein Geschäft und sein Haus ohne weiteres im Stich zu lassen, aber für seine persönliche Freiheit mußte er dieses Opfer bringen. Das Wichtigste war doch im Augenblick, daß er sich selbst in Sicherheit brachte. Alles andere mußte demgegenüber zurückstehen. Geschäft und Haus bildeten ja auch nur einen kleinen Teil seines Vermögens; er war so wohlhabend, daß er diesen Verlust leicht verschmerzen konnte. Seit er erfahren hatte, daß Kitely sein Geheimnis kannte, hatte er bereits mit allen Möglichkeiten gerechnet. Er hatte seine Wertpapiere zusammengetragen und in ein großes Leinenkuvert gesteckt, das er in einer inneren Tasche seiner Weste unterbringen konnte. Diese Weste war überhaupt ein vorzüglich eingerichtetes Kleidungsstück, in dem er seinen ganzen Reichtum an Papieren mit sich herumtragen konnte. Seine Aktien und Regierungsanleihen waren erstklassig, und er konnte sie an irgendeinem bedeutenden Platz sofort zu Geld machen. In einer anderen Tasche hatte er einen Stoß Banknoten, die er in der vergangenen Woche aus London hatte kommen lassen. Mallalieu verwahrte diese Weste mit ihrem kostbaren Inhalt nachts unter seinem Kissen. Am nächsten Morgen kleidete er sich mit großer Sorgfalt an und steckte einen Revolver in die Hüfttasche, den er erst kürzlich gekauft hatte. Zum erstenmal seit vierzehn Tagen hatte er wieder guten Appetit. Dann zog er seinen Mantel an, ging zur Stadt und wandte sich nicht ein einziges Mal um nach dem Hause, das er sich dort erbaut hatte, und das er nun für immer verließ. Mallalieu ging methodisch vor. Er besuchte sein Büro, blieb ein oder zwei Stunden auf dem Bauhof und wickelte dort die Geschäfte in der üblichen Art ab. Mit Cotherstone sprach er nur über die unumgänglich notwendigen Dinge. Stoners Tod wurde mit keinem Wort erwähnt. Gegen zehn Uhr ging Mallalieu zur Polizeistation hinüber und überzeugte sich, daß nichts weiter ans Licht gekommen war. Der Beamte, der die Totenschau für Stoner abhalten sollte, war anwesend, und Mallalieu sprach mit ihm alle Einzelheiten durch. Er fühlte sich immer sicherer, als er sich um elf Uhr zu einer Sitzung ins Rathaus begab. Hätte sich Mallalieu an der Rathaustür noch einmal umgesehen, so hätte er ein Auto bemerkt, in dem vier Leute saßen: Myler, dessen Schwiegervater und zwei Detektive aus Norcaster. Aber Mallalieu sah sich nicht um; er ging zu dem Sitzungssaal und beteiligte sich eifrig an der Diskussion. Die Herren, die an dieser Konferenz teilnahmen, sagten später, daß sie ihn noch nie vorher so eifrig gesehen hätten. Schließlich erklärte er, daß das ganze Projekt ihn in seiner jetzigen Fassung nicht befriedige, und daß er den Bürgermeister der Nachbarstadt noch heute aufsuchen wolle, um mit ihm alle Einzelheiten zu besprechen, denen er nicht zustimmen könne. Mallalieu verließ den Saal und fand draußen den Polizeiinspektor, der im Gange auf ihn wartete. Der Beamte war bleich, zitterte und sah Mallalieu so sonderbar an, als ob er ihn um Verzeihung bitten müßte. Bevor der Inspektor etwas sagen konnte, traten zwei Fremde vor und näherten sich ihm. Mallalieu erkannte sofort die Gefahr, und in diesem Augenblick verließ ihn seine Geistesgegenwart. Die Sprache versagte ihm. »Herr Bürgermeister«, sagte der Inspektor, »ich kann leider nichts an der Sache ändern. Diese Herren sind Beamte aus Norcaster – sie haben einen Verhaftungsbefehl gegen Sie mitgebracht. Es handelt sich um Stoner.« 22. Kapitel. Die Hand im Dunkeln. Die Uhren in Highmarket schlugen gerade zwölf Uhr, als Mallalieu verhaftet wurde. Drei Stunden wurde er in einem Raum des Rathauses in Gewahrsam gehalten. Meistens war er allein. Das Mittagessen wurde ihm hereingebracht, und man nahm in jeder Weise auf ihn Rücksicht. Der Polizeiinspektor wollte nach seinem Rechtsanwalt in Norcaster schicken, aber Mallalieu sagte, man solle ihn in Ruhe lassen. Als der Polizeiinspektor ihn fast flehentlich bat, sich doch mit seinen Freunden zu beraten, wurde der Bürgermeister grob und bedeutete ihm, daß er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern solle. Er würde nichts unternehmen, ehe er nicht die Notwendigkeit dazu einsähe. Erst wollte er einmal hören, was man denn gegen ihn vorbringen könnte. Dann wäre noch Zeit genug zu handeln. In aller Seelenruhe aß er zu Mittag und rauchte dann seine Zigarre. Als man ihn dann zu der Verhandlung holte, verließ er erhobenen Hauptes das Zimmer, und auf der Anklagebank, auf der schon Cotherstone saß, blickte er ruhig um sich. Der Sitzungssaal war bis zum letzten Platz gefüllt, und die Leute waren natürlich aufs äußerste erregt. Die Nachricht von der Verhaftung der beiden war überall bekanntgeworden. Es lag ja auch kein Grund vor, sie geheimzuhalten. Die Gefangenen schienen sich beide wenig aus ihrer Umgebung zu machen. Brereton und Tallington beobachteten sie genau und bemerkten, daß sich keiner um den anderen kümmerte. Cotherstone kam zuerst in den Saal, und als Mallalieu kurz darauf eintrat, wechselten sie nur einen kurzen Blick. Cotherstone rückte gleich in die äußerste Ecke, und Mallalieu blieb in der entgegengesetzten sitzen. Er steckte die Hand in die Taschen seines Rockes, zog die Schultern hoch und sah sich verächtlich um. Brereton, der heute den Zuschauer spielen konnte, widmete den beiden sein ganzes Interesse. Cotherstone war unruhig und gespannt auf das Kommende. Er konnte keinen Augenblick stillsitzen und war dauernd in Bewegung. Mallalieu rührte sich im Gegensatz zu ihm überhaupt nicht. Brereton hatte geglaubt, daß der Bürgermeister die verschlagensten und schlauesten Augen hatte, die ihm jemals vorgekommen waren, aber er mußte jetzt doch zugeben, daß Mallalieu auch ruhig und besonnen aussehen konnte. In Wirklichkeit spielte Mallalieu nur. Er hatte sich unbewußt auf diese Rolle festgelegt, als er dem Polizeiinspektor sagte, daß noch Zeit genug zum Handeln wäre, wenn er erst einmal gehört hätte, was die Leute gegen ihn vorbrächten. Nun waren alle Anwesenden gespannt auf die Aussagen der wenigen Zeugen, die die Staatsanwaltschaft vernehmen ließ. Auch Mallalieu war neugierig, wenn er sich auch äußerlich nichts von seiner Ungeduld merken ließ. Er wandte sich langsam um, als der erste wichtige Zeuge aufgerufen wurde. »David Myler!« Mallalieu starrte ihn an. Wer war dieser David Myler? Aus Highmarket stammte er jedenfalls nicht. Was mochte er wissen? War er ein Detektiv, der von privater Seite engagiert worden war, um diesen Fall aufzuklären? Der junge Mann sah kühl und entschlossen aus. Aber Mallalieu bewahrte seine volle Selbstbeherrschung, während Myler die schwersten Anklagen gegen ihn erhob. Er wußte nun, daß ein Fehler in seiner Kalkulation war, und er wußte auch, wie die Staatsanwaltschaft gegen ihn vorgehen würde. Das Motiv lag ja klar zutage. Stoner mußte zum Schweigen gebracht werden. Aber das war ja alles nur ein Vorspiel. Heute standen er und Cotherstone wegen Stoners Ermordung vor Gericht – morgen würde man ihnen auch den Mord an Kitely zur Last legen. Mylers Zeugenaussage verursachte großes Aufsehen, aber es gab noch eine viel größere Sensation, als Mylers Schwiegervater verhört wurde. Eine atemlose Spannung herrschte im Saal, als der alte Mann von den Unterschlagungen bei der Baugenossenschaft in Wilchester vor dreißig Jahren erzählte. Den Höhepunkt erreichte die Verhandlung, als er sich nach der Anklagebank umwandte und erklärte, daß er trotz der langen Zeit in Mallalieu und Cotherstone Mallows und Chidforth wiedererkannte. Auch in diesem Augenblick zuckte Mallalieu mit keiner Wimper, während Cotherstone immer unruhiger wurde. Der Bürgermeister hoffte, daß keine weiteren Zeugen auftreten würden, aber er mußte bald erfahren, daß das nicht der Fall war. Ein junger Mann aus Norcaster hatte an dem Sonntagnachmittag seine Braut in Highmarket besucht, und die beiden hatten einen Spaziergang in die Heide gemacht. Sie sagten aus, daß sie von der anderen Seite des Steinbruches beobachteten, wie Mallalieu hinunterstieg, nachdem Stoner abgestürzt war. Sie hatten gesehen, daß er unten umherging und schließlich in der Richtung auf die Stadt fortwanderte. Danach hatten sie bemerkt, daß Cotherstone in den Steinbruch hinunterging und den Stock fand. Er war dicht in ihrer Nähe vorbeigekommen und hatte den Stock in der Hand gehabt. Als Mallalieu dies alles hörte und dann sah, wie sein Stock herumgezeigt und identifiziert wurde, hatte er kein weiteres Interesse mehr an dem Verhör. Er dachte nur noch an seine eigenen Pläne. Als die Zeugenaussagen beendet waren und der Vorsitzende mit den Beamten leise über eine Vertagung beriet, sprach Mallalieu zum erstenmal. »Ich werde auf alle diese Aussagen zur rechten Zeit und am rechten Platz antworten«, sagte er mit lauter, ruhiger Stimme. »Im Augenblick stelle ich den Antrag, mich gegen Bürgschaft zu entlassen. Sie können die Summe so hoch stellen, wie Sie wollen. Sie alle kennen mich ja.« Die Beamten und die Anwesenden sahen ihn erstaunt an. Der Vorsitzende, ein älterer Herr von gutmütigem Aussehen und Charakter, der durch diese Enthüllungen anscheinend sehr verwirrt war, schüttelte mißbilligend den Kopf. »Das ist doch unmöglich – ganz unmöglich. Das steht nicht in unserer Macht.« »Das stimmt nicht«, entgegnete Mallalieu. »Es steht sehr wohl in Ihrer Macht. Glauben Sie, ich hätte das Amt eines Friedensrichters in den letzten zwölf Jahren geführt, ohne das Gesetz zu kennen? Sie können sogar bei Kapitalverbrechen einen Angeklagten auf Bürgschaft hin entlassen. Also handeln Sie danach!« Die Beamten blickten ratlos auf den Gerichtssekretär. »Mr. Mallalieu hat im Prinzip recht«, erwiderte dieser lächelnd. »Aber kein Vorsitzender ist verpflichtet, im Fall eines schweren Verbrechens den Angeklagten auf Bürgschaft hin in Freiheit zu setzen. Und in der Praxis wird eine Bürgschaft niemals angenommen, wenn es sich wie hier um Mord handelt. So etwas war noch niemals da.« »Dann tritt dieser Fall eben jetzt zum erstenmal ein«, erwiderte Mallalieu. »Ich biete Ihnen Sicherheiten für zwanzigtausend Pfund, wenn Sie es haben wollen.« Aber sein Angebot wurde abgelehnt, und gleich darauf vertagte man die Verhandlung auf eine Woche. Cotherstone und Mallalieu sollten in der Zwischenzeit in das Gefängnis nach Norcaster überführt werden. Ohne sich nach seinem Partner umzusehen, trat Mallalieu aus der Anklagebank heraus. Er wurde wieder in das Zimmer gebracht, in dem er sich schon vorher aufgehalten hatte. »Das sind doch Hasenfüße!« sagte er zu dem Inspektor. »Die getrauen sich nicht einmal, von ihrem Recht Gebrauch zu machen. Meinen Sie denn, ich laufe weg? Bei einer derart künstlich konstruierten Geschichte! Wann fahren wir denn nach Norcaster?« Der Inspektor hatte früher großen Respekt vor dem Bürgermeister gehabt und war durch diesen plötzlichen Umschwung sehr niedergeschlagen. »In einer halben Stunde sind zwei Wagen vor der Tür, Mr. Mallalieu«, erwiderte er. »Einer für Sie und einer für Mr. Cotherstone.« »Vermutlich geht es mit bewaffneter Begleitung los? Nun ja. Aber sehen Sie, ich hätte eigentlich noch Zeit, eine Tasse Tee zu trinken. Lassen Sie doch einen Ihrer Leute eine Portion vom Hotel drüben holen. Aber er muß ordentlich stark sein. Und auch ein paar Butterbrote. Ich kann es wirklich gebrauchen.« Er warf ein Geldstück auf den Tisch, und der Inspektor, der seinem früheren Vorgesetzten gerne noch einen Dienst erweisen wollte, verließ das Zimmer und drehte den Schlüssel um. Es kam ihm kein Gedanke, daß sein Gefangener vielleicht einen Fluchtversuch machen könnte. Seiner Meinung nach konnte Mallalieu den Raum überhaupt nicht verlassen. Er ging den Gang entlang, um jemand zu suchen, den er ins Hotel schicken konnte. Aber Mallalieu handelte, sobald er allein war. Nicht umsonst war er zwei Jahre lang Bürgermeister von Highmarket und seit etwa zwanzig Jahren Mitglied der Stadtrates gewesen. Er kannte das ganze Rathaus in- und auswendig. Als der Inspektor gegangen war, zog Mallalieu rasch ein Schlüsselbund aus der Tasche, ging quer durch das Zimmer zu einer Tür, die durch einen Vorhang verborgen war, schloß auf, öffnete sie vorsichtig und spähte hinaus. Dann trat er in den kleinen Vorraum, schloß die Tür wieder hinter sich zu und schlich heimlich die Privattreppe hinunter, die in einen ruhigen, alten Garten hinter dem Gebäude führte. Er atmete auf, als er sich umschaute. Hinter diesen dichten Sträuchern, die an der hohen Mauer entlangliefen, war er sicher. Wenige Augenblicke später hatte er den Garten schon wieder verlassen und eilte durch eine alte Obstpflanzung, die von hier aus bis zu den Ausläufern des Waldes reichte. Als er zwischen den dichten Bäumen stand, deren Zweige und Äste fast bis auf den Boden reichten, hielt er an, um Atem zu schöpfen. Trotz der schweren Lage, in der er sich befand, mußte er über das leichte Gelingen seiner List lachen. Wie gut war es doch, daß sie ihn nicht vorher untersucht hatten, sondern damit bis zu seiner Einlieferung ins Gefängnis warten wollten! Die Verhandlung hatte sich so lange hingezogen, daß es dunkel geworden war. Mallalieu wußte aber, daß er nicht viel Zeit zu verlieren hatte. Seine Verfolger waren allerdings vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt. Während die beiden letzten Zeugen ihre Aussagen machten, hatte er sich seinen Fluchtplan genau überlegt. Seine eingehende Kenntnis von der Stadt und ihrer nächsten Umgebung und die für ihn außerordentlich günstige Lage des Rathauses kamen ihm zugute. Er brauchte nur von der Obstpflanzung aus in den Kiefernwald zu gehen und sich dort vorsichtig durch das dichte Untergehölz über den Waldrücken nach der Heide zu schleichen. War er erst einmal dort, so wußte er Bescheid und konnte auf wenig bekannten Wegen nach Norcaster kommen, wo er sich in der Hafengegend einen Monat, ja sogar ein halbes Jahr sicher verbergen konnte, ohne entdeckt zu werden. Wenn dann Ruhe eingetreten war, konnte er zu Schiff das Land verlassen. Es war ringsum still, als er durch eine Öffnung in der Hecke der Obstpflanzung in den Kiefernwald eintrat. Leise schlich er sich durch den dichteren Teil, bis er zu der Höhe des Bergrückens kam. Hier standen die Bäume viel dichter; es gab mehr Gestrüpp und Sträucher, und die Dunkelheit hinderte ihn am schnellen Vorwärtskommen. Einmal hörte er Männerstimmen in dem unteren Teil des Gehölzes, blieb stehen, holte Atem und lauschte. Und dann fühlte er plötzlich eine feste, sehnige Hand, die ihn am Arm packte. 23. Kapitel. Angenehme Gefangenschaft. Mallalieu zuckte unter diesem harten Griff zusammen und konnte nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken. Dieser plötzliche Zwischenfall beeindruckte ihn um so stärker, als er im Augenblick nicht sehen konnte, wer ihn festhielt. Aber als er sich umwandte, sah er eine große, hagere Gestalt neben sich. Im nächsten Augenblick wurde ihm etwas zugeflüstert. »Ruhe! Seien Sie vorsichtig. Dort unten sind Leute. Wahrscheinlich sind sie hinter Ihnen her. Warten Sie einen Augenblick.« »Wer sind Sie denn?« fragte Mallalieu heiser. Er wollte seine Hand freimachen, aber die sehnigen Finger schlossen sich nur enger um das Gelenk. »Lassen Sie meine Hand los! Können Sie nicht hören?« »Warten Sie«, sagte die Stimme wieder. »Es ist zu Ihrem eigenen Besten. Ich bin es, Miß Pett. Ich sah Sie über die Lichtung gehen, ich erkannte Sie an Ihrer Gestalt sofort. Also sind Sie doch entwischt? Sie werden aber nicht sehr weit kommen, wenn Sie sich mir nicht anvertrauen. Warten Sie, bis die Leute dort unten weggegangen sind.« Mallalieu ergab sich in sein Schicksal. Als sich seine Augen mehr an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er Miß Pett in einer Öffnung zwischen den Bäumen. Sie zog ihn aus dem Schatten, als die Stimmen unten allmählich verklangen. »Sehen Sie hier diesen Weg«, sagte sie kaum hörbar. »Und bleiben Sie dicht hinter mir – mein Haus liegt ganz in der Nähe.« »Ich will nicht in Ihr Haus gehen«, erwiderte Mallalieu ärgerlich. »Ich will auf die Heide. Wieviel wollen Sie denn haben, damit Sie Ihren Mund halten?« Miß Pett blieb stehen und trat dicht an ihn heran. »Es handelt sich gar nicht darum, ob ich meinen Mund halte. Zuerst wird doch die Heide abgesucht, seien Sie doch nicht so dumm! Ihre Flucht ist jetzt schon in der ganzen Stadt bekannt. Kommen Sie mit mir, ich werde Sie sicher vor der Polizei verstecken. Bei mir findet Sie niemand. Sie können natürlich tun, was Sie wollen. Ich habe Sie aber gewarnt. Sie haben nicht die mindeste Aussicht auf Entkommen, wenn Sie jetzt auf die Heide hinausgehen. Die Polizei weiß ganz genau, daß Sie nur nach zwei Plätzen fliehen können, entweder nach Norcaster oder nach Hexendale. Und in beiden Fällen müssen Sie über die Heide. Seien Sie doch vernünftig und kommen Sie mit.« »Also dann gehen Sie vorwärts«, brummte Mallalieu. Er war schon von Natur aus argwöhnisch und wunderte sich jetzt im höchsten Maße, warum dieser Drachen, wie er Miß Pett nannte, ihn in Schutz nehmen wollte. Er glaubte nicht an Menschenfreundlichkeit. Sicher hatte sie etwas mit ihm vor. Während er weiterging, faßte er mit seiner freien Hand nach der Hüfttasche, wo sein Revolver steckte. Solange er die Waffe hatte, fühlte er sich verhältnismäßig sicher. Aber im Augenblick befand er sich trotz alledem in Miß Petts Gewalt. Er wußte nur zu gut, daß sie sofort ein fürchterliches Geschrei erheben und die Aufmerksamkeit aller Leute in der Umgegend auf ihn lenken würde, wenn er ihr zu entkommen suchen würde. Und so sehr er sich auch nach der Freiheit auf der Heide sehnte, mußte er doch jetzt als Gefangener dieser alten Hexe vorwärtsmarschieren und konnte nur hoffen, daß sie ihm eventuell zur Flucht verhelfen würde. Miß Pett wartete, bis die Stimmen verklangen, obwohl ihr klar war, daß es sich um Landleute handelte, die zur Stadt gegangen waren und nun durch den unteren Weg nach Hause zurückkehrten. Aber es kam ihren Plänen zugute, daß sie Mallalieu eine unmittelbar drohende Gefahr vorspiegeln konnte. Der Bürgermeister hatte sie öfter in der Stadt beobachtet, wenn sie über den Markt ging, und sich immer über ihre dünne Gestalt lustig gemacht. Er wunderte sich jetzt über die ungewöhnliche Kraft, die sie besaß. Diese merkwürdige Frau mußte über die Gabe verfügen, alle Leute ihrer Umgebung in ihren Bann zwingen und beherrschen zu können. In seiner augenblicklichen Gemütsverfassung war er besonders geneigt, an derartige Dinge zu glauben. Unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich einfach brutal freigemacht. Aber nun hielten ihn diese stahlharten Finger fest, und er hatte nicht die Macht, sich dagegen zu wehren. Miß Pett führte ihn vorsichtig zwischen Bäumen und Sträuchern durch, brachte ihn auf einen kleinen Weg und dann wieder durch dichtes Gestrüpp. Schließlich zog sie ihn durch eine Lücke in einer Hecke hindurch, und Mallalieu wußte, daß sie sich jetzt in dem Küchengarten von Kitelys Haus befanden. Sie bewegte sich so ruhig und lautlos, als ob sie auf Samtsohlen ging. Endlich standen sie vor einer Tür. Miß Pett öffnete sie lautlos und schob ihn in das dunkle Innere. Dann trat sie auch ein, schloß die Tür wieder und riegelte sie ab. »Gehen Sie rechts«, flüsterte Miß Pett. Sie führte ihn durch mehrere Gänge und ließ ihn dann zum erstenmal los. »Warten Sie hier«, sagte sie. »Ich werde gleich Licht machen.« Mallalieu blieb ungeduldig und ärgerlich stehen. Er hörte, daß Miß Pett Fensterläden schloß und Vorhänge zuzog, bevor sie Licht machte. Gleich darauf befand er sich in einem kleinen Raum, der als Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet war. In der einen Ecke sah er ein Feldbett, in der anderen einen altmodischen Sekretär. Ein paar Sessel standen umher, und auf einem Bücherbrett lagen Bücher und Papiere. An den Wänden hingen Bilder und Zeichnungen. Mallalieu war dieser Raum unsympathisch, und er haßte dieses Zimmer, wie er Miß Pett haßte. Die Bilder stellten berühmte Richter in ihren großen Roben dar, auch berühmte Staatsanwälte in ihren Perücken. Über dem Kamin prangte eine alte, eingerahmte Urkunde. Mallalieu las die merkwürdige Überschrift: »Letzte Gespräche und Geständnis des Erzmörders...« »Dies war Kitelys Zimmer«, erklärte Miß Pett. »Er schlief dort drüben in dem Bett, an dem Schreibtisch hat er gearbeitet, und in dem Stuhl rauchte er seine Pfeife. Es ist ein gemütliches Zimmer, besonders wenn Feuer im Kamin ist. Hier können Sie ganz bequem wohnen, bis Sie fortkommen. Nehmen Sie doch Platz. Wollen Sie nicht einen Schluck Whisky trinken?« Mallalieu ließ sich nieder und starrte Miß Pett an. »Wir wollen uns doch einmal klar aussprechen, Miß Pett«, sagte er plötzlich. »Sie erwähnten vorhin, daß Sie mich hier sicher unterbringen können, bis ich weiter kann. Woher wissen Sie denn, daß ich hier sicher bin?« »Weil ich mich um Ihre Sicherheit kümmern werde. Ohne meine Erlaubnis kann niemand ins Haus, und bevor ich jemand einlasse, ganz gleich, ob er mit Haftbefehlen kommt oder das Haus durchsuchen will, sorge ich schon erst dafür, daß Sie in Sicherheit sind, bevor er über die Schwelle kommt. Ich bin schon mit vielen Leuten fertig geworden. Ich weiß, was ich will, Mr. Mallalieu. Wenn Sie sich mir anvertrauen –« »Es bleibt mir ja keine andere Wahl«, bemerkte er bissig. »Sie haben mich hier einfach eingesperrt. Wieviel wollen Sie nun dafür haben, daß Sie mir weiterhelfen?« »Nur der Erfolg soll bezahlt werden«, erwiderte Miß Pett. »Warten Sie nur, bis ich die Sache für Sie in Ordnung gebracht habe. Ich weiß schon, wie ich Sie sicher von hier fortbringen kann. Überlassen Sie nur alles mir. Ich schaffe Sie in jede Gegend von Norcaster, die Sie wollen, ohne daß es jemand erfährt. Und wenn Sie mir nachher ein nettes Geschenk machen wollen, habe ich nichts dagegen.« »Sind Sie denn auch sicher, daß Ihr Plan gelingt?« Mallalieu war noch argwöhnisch, aber er wagte doch wieder zu hoffen. »Ich weiß genau, was ich will. Und ich sage nur das, was ich bestimmt weiß.« »Also gut. Wenn Sie Ihr Versprechen halten, sollen Sie mich nicht undankbar finden. Und jetzt habe ich nichts dagegen, wenn Sie mir etwas Whisky geben.« Während sich Miß Pett entfernte, sah sich Mallalieu nachdenklich um. Er wußte noch nicht recht, was er zu diesem plötzlichen Umschwung sagen sollte; aber schließlich war es besser, in der Obhut dieser merkwürdigen Frau zu sein, als auf der Heide gefunden und ins Gefängnis transportiert zu werden. Seine Lage kam ihm jetzt nicht mehr so verzweifelt vor, und als Miß Pett ihm gleich darauf ein gutes Glas Whisky brachte und ein helles Feuer im Kamin entzündete, fühlte er sich fast behaglich und ließ sich sogar dazu herbei, ihr seinen Dank auszusprechen. »Ich werde Ihnen das nicht vergessen, wenn wir uns trennen. Aber nun möchte ich gern noch zweierlei wissen. Erstens, was tun Sie, wenn man mich hier sucht? Es wird natürlich ein Steckbrief hinter mir erlassen.« Miß Pett sah ihn merkwürdig an. »Glauben Sie denn, daß die Leute auf den Gedanken kommen, Sie hier zu suchen? Das halte ich für ganz ausgeschlossen. Wahrscheinlich werden Sie nur oben den Wald durchstreifen und mich natürlich fragen, ob ich etwas gesehen habe. Nun, die Antwort können Sie schon mir überlassen.« »Aber vielleicht bestehen sie darauf, dieses Haus zu durchsuchen.« »Das glaube ich nicht«, erwiderte sie kopfschüttelnd. »Aber selbst wenn sie kommen, kann ich Sie hier so gut verstecken, daß Sie nicht gefunden werden.« »Und wie wollen Sie mich denn sicher von hier fortbringen? Wie wollen Sie denn das anfangen?« »Das erzähle ich Ihnen morgen. Machen Sie es sich nur bequem, ich sorge schon dafür, daß es Ihnen hier gut geht. Jetzt koche ich Ihnen noch etwas Feines, denn Sie sind sicher hungrig.« Sie ging fort und schloß die Tür. Mallalieu war sich nun selbst überlassen. Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und betrachtete dann die Stube wieder. Das Feuer war gemütlich und warm, und er fühlte sich jetzt verhältnismäßig wohl. Er trat ans Fenster und bemerkte, daß alles gut abgedichtet war, so daß kein Lichtstrahl nach außen dringen konnte. Einen Augenblick lauschte er, ob er Geräusche von draußen hören könnte. Aber er vernahm nicht einmal das Heulen des Windes, der sehr stark war, wie er wußte. Diese alten Steinmauern waren also ganz schallsicher. Aber dann wurde er durch Geräusche innerhalb des Hauses abgelenkt. Er hörte, wie die Koteletts in der Pfanne brieten, und als ein angenehmer Duft von gebratenem Fleisch aus der Küche drang, bekam Mallalieu plötzlich Hunger. Der Abend verlief sehr gemütlich. Miß Pett hatte ihrem Gefangenen ein schmackhaftes Essen bereitet und leistete ihm später Gesellschaft. Sie sprachen von allem Möglichen, bloß nicht von dem, was heute passiert war. Mallalieu gewann immer mehr den Eindruck, daß diese sonderbare Frau eigentlich sehr schlau und intelligent war. Eins behagte ihm allerdings nicht: Sie ließ ihn unter keinen Umständen rauchen. Sie sagte, der Zigarrenrauch könnte nach außen dringen, und niemand würde glauben, daß sie so gute und teure Zigarren rauchte wie er. »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre«, sagte sie am Schluß einer interessanten Unterhaltung, die die verschiedensten Gegenstände berührt hatte, »würde ich versuchen, mich jetzt gründlich auszuschlafen. Ich will Ihnen einmal einen ordentlichen Schlaftrunk brauen wie ihn Kitely immer genommen hat, und dann lasse ich Sie allein. Das Bett ist bequem und weich, und Sie können schlafen wie in Abrahams Schoß. Ich passe schon auf, daß Sie nicht gestört werden. Ich schlafe wie ein alter Wachthund und habe immer ein Auge und ein Ohr offen.« Mallalieu trank den dampfenden Punsch, den Miß Pett ihm später hereinbrachte, und legte sich dann nieder. Er fiel auch sofort in tiefen Schlaf und hörte nicht, daß Miß Pett nach einiger Zeit leise in sein Zimmer schlich. Er merkte auch nicht, daß sie die wertvolle Weste mit sich ins Wohnzimmer nahm, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß er fest schlief. Der starke Zitronen- und Zuckergeschmack hatte das Schlafmittel vollständig übertäubt, das sie dem Trank reichlich beigemischt hatte. Mallalieu schlief so fest, daß ihn nicht einmal ein Erdbeben aufgeweckt hätte. Miß Pett durchsuchte die Weste in aller Ruhe. Ihre dünnen Finger betasteten jede Tasche; sie betrachtete jedes Papier und jedes Schriftstück; sie zählte alle Banknoten. Nachdem sie die Summen zusammengezählt hatte, steckte sie alles so hinein, wie sie es gefunden hatte, und legte die Weste wieder an ihren Platz. Es war elf Uhr abends, und Miß Pett setzte sich im Wohnzimmer ans Feuer, anstatt sich zur Ruhe zu begeben. Sie trug jetzt wieder den buntfarbigen Turban, und ihr Gesicht sah aus wie Elfenbein, als sie am Kamin saß und in die Flammen sah. Ihre fleischlosen, sehnigen Arme ruhten auf der Seidenschürze; man hätte die ganze Gestalt fast für eine Statue halten können. Aber als die Uhr beinahe Mitternacht zeigte, erhob sie sich plötzlich, denn ihre scharfen Ohren hatten ein leises Kratzen an dem Fensterladen gehört. Geräuschlos ging sie im Dunkeln den Gang entlang, geräuschlos öffnete sie die vordere Tür, und geräuschlos schloß sie sie wieder hinter ihrem Neffen Christopher. 24. Kapitel. Rein geschäftlicher Verkehr. Mr. Christopher Pett schlich sich, von seiner Tante gewarnt, auf Zehenspitzen in das Wohnzimmer. Dort setzte er seine kleine Reisetasche auf den Tisch, zog seinen dicken Mantel aus und legte Wollhandschuhe und Pelzmütze ab. Miß Pett sah ihn fragend an. »Welchen Weg kamst du denn diesmal?« erkundigte sie sich. »High Gill. Ich habe am Nachmittag einen Schnellzug bekommen, der dort hielt. Auf der Heide war es aber furchtbar kalt, ich könnte einen Tropfen Whisky oder Glühwein vertragen. Ist hier eigentlich etwas los?« »Wie kommst du denn darauf?« Christopher rückte einen Sessel ans Feuer und wärmte seine Hände an den Flammen. »Auf der Heide sind viele Leute mit Lichtern und Laternen. Ich bin allerdings nicht in die Nähe gekommen, aber ich habe gesehen, daß sie die Heide absuchten. Von weitem sahen sie aus wie die Glühwürmchen.« Miß Pett setzte die Kognakflasche, Zitronen, Zucker und heißes Wasser neben ihren Neffen und nahm eine bedeckte Schüssel aus einem Eckschrank. »Hier sind gute Brote mit Braten und Schinken, die werden dir schmecken. Ja, du hast ganz recht, es ist schon etwas im Gange. Sie suchen nach jemand – nach Mallalieu!« Christopher sah sie verwirrt an. Er hielt die Flasche in der Hand und vergaß, einzuschenken. »Doch nicht den Bürgermeister?« rief er. »Ja, Anthony Mallalieu, den Bürgermeister von Highmarket. Er wird steckbrieflich von der Polizei verfolgt. »Großer Gott! Doch nicht, weil sie ihn deswegen im Verdacht haben?« Er zeigte mit dem Kopfe nach dem Walde zu, wo man Kitely gefunden hatte. »Nein, weil er seinen Angestellten Stoner umgebracht hat. Der muß irgend etwas über ihn erfahren haben. Stoner wurde am Sonntag ermordet, und heute haben sie Mallalieu und seinen Teilhaber verhaftet und vor das Polizeigericht gestellt. Die Sache wurde natürlich auf eine Woche vertagt, und nachher ist Mallalieu der Polizei irgendwie entkommen. Und nun ist er hier!« Christopher hatte eben begonnen, sich Kognak einzugießen, hielt aber bestürzt wieder inne. »Was – hier in diesem Hause?« »Ja, in Kitelys Zimmer schläft er. Wir brauchen uns nicht so sehr in acht zu nehmen, ich habe ihm einen Schlaftrunk gebraut, bevor er zu Bett ging. Der wacht nicht auf, und wenn ihm das Dach über dem Kopf abbrennt. Vor neun Uhr morgens kommt er nicht hoch.« »Es ist aber eine gefährliche Sache, Verbrecher in seinem Hause zu verstecken, die von der Polizei gesucht werden. Ich glaube allerdings nicht, daß sie ihn hier vermuten. Aber wie ist er denn nur hergekommen?« »Das habe ich gemacht. Draußen im Walde habe ich ihn erwischt und hergebracht. Die Sache wird sich bezahlt machen, Chris.« Mr. Pett lächelte verschmitzt. »Du bist sehr geschäftstüchtig, das muß ich schon sagen«, sagte er bewundernd. »Wenn du damit ein wenig Geld verdienen kannst, warum nicht!« »Das ist eine Sorge für morgen«, sagte Miß Pett und ließ sich auch an dem Tisch nieder. »Heute abend wollen wir zunächst unsere eigenen Geschäfte erledigen. Ist dir der Verkauf geglückt?« Christopher war noch zu sehr mit Essen und Trinken beschäftigt, um gleich antworten zu können. Aber nach einigen Minuten nickte er befriedigt. »Ich habe einen sehr guten Preis herausgeschlagen und alle Grundstücke mit einmal verkauft. Der Kaufpreis ist auch sofort ausbezahlt worden, und ich habe das Geld mitgebracht. Meine Kommission und meine Unkosten habe ich noch nicht abgezogen.« »Wieviel hast du denn bekommen?« Christopher nahm einige Schriftstücke aus seiner Handtasche. »Da kannst du dir gratulieren. Ich kenne den Grundstücksmarkt und kann dir nur sagen, daß du sehr gut weggekommen bist. Wenn wir die Sache hätten verauktionieren lassen, wäre lange nicht der Preis erzielt worden. Ich habe alles an einen Mann verkauft, der scharf darauf war, weil ihm die angrenzenden Grundstücke schon gehören. Deshalb konnte ich im Preis etwas aufschlagen. Ich habe dreitausendvierhundert Pfund dafür bekommen.« »Wo ist das Geld?« »Hier.« Christopher zeigte auf seine Brusttasche. »Ich habe alles in Banknoten. Wir wollen nachher gleich abrechnen.« »Gib mir das Geld!« Miß Pett streckte ihre Hand aus. Christopher sah seine Tante von der Seite an. »Wollen wir nicht lieber erst über meine Kommission und meine Unkosten sprechen? Hier ist eine Aufstellung meiner Spesen. Über die Kommission müssen wir uns erst noch einig werden.« »Das können wir machen, wenn du mir das Geld gegeben hast. Ich habe es bis jetzt ja noch nicht einmal durchzählen können.« Christopher Pett zog unwillig seine Brieftasche hervor und nahm einen Stoß Banknoten heraus, die er seiner Tante über den Tisch zuschob. »Ich traue dir«, sagte er etwas zweifelnd. »Vergiß aber nicht, daß ich mich sehr für dich ins Zeug gelegt habe.« Miß Pett antwortete nicht. Sie hatte eine Brille aufgesetzt und zählte nun das Geld, während ihr Neffe den warmen Punsch trank, ab und zu sein Kinn strich und wehmütig zu den Scheinen hinüberschaute, die er seiner Tante eingehändigt hatte. »Es stimmt«, sagte sie schließlich. »Wie hoch sind also die Kosten, Chris?« »Einundsechzig Pfund und zwei Schilling.« Er reichte ihr die Aufstellung. »Du wirst alles in Ordnung finden. Ich habe es so billig als möglich für dich gemacht.« Miß Pett setzte die Ellenbogen auf die Banknoten, während sie die Rechnung prüfte. Als sie fertig war, sah sie ihren Neffen wieder fragend an. »Nun müssen wir also noch über die Kommission sprechen. Aber merke dir, daß du mir nicht soviel abnehmen darfst wie anderen Leuten. Du mußt mir einen anständigen Preis machen. Wieviel willst du haben?« »Ich habe dir einen hohen Kaufpreis herausgehandelt«, erwiderte er nachdenklich. »Ich habe vierhundert Pfund mehr aus dem Grundstück herausgeholt, als es augenblicklich Marktwert hat. Was sagst du zu fünf Prozent?« Miß Pett nahm erstaunt den bunten Turban ab. »Fünf Prozent?« rief sie. »Christopher Pett! Wo denkst du denn hin? Das sind doch hundertsiebzig Pfund! Nein, mein Lieber, so haben wir nicht gewettet. Das ist ja Wucher! Was sage ich, Raub!« »Wieviel willst du mir denn geben?« brummte er. »Verdammt noch einmal, du mußt doch deinem Neffen gegenüber nicht so knauserig sein!« »Ich werde dir hundert Pfund geben, einschließlich der Unkosten. Keinen Schilling mehr.« Aber dann neigte sie sich ein wenig vor und warf einen Blick auf das Zimmer, wo Mallalieu ruhig schlief. »Du kannst aber davon etwas abhaben. Damit kannst du dich gesund machen –« Christophers düstere Züge hellten sich wieder auf. »Ist denn die Sache überhaupt soviel wert? Was kann er uns denn geben? Er ist doch auf der Flucht! Viel kann er doch nicht bei sich haben. Bedenke doch, daß er von seinen Bankkonten nichts abheben kann.« Miß Pett lachte nur. Ihr Neffe dachte immer an klapperige Maschinen, die nicht genug Öl hatten, wenn er dieses Lachen hörte. »Er hat haufenweise Geld bei sich! Nachdem er eingeschlafen war, habe ich einmal seine Taschen untersucht. Wir brauchen ihn nur fest in Gewahrsam zu halten, dann können wir eine schöne Summe Geld an ihm verdienen. Also stecke deine hundert Pfund jetzt ein. Über die andere Sache reden wir morgen weiter.« »Nun ja, in diesem Falle soll die Sache so abgemacht sein.« Er nahm die Banknote, die ihm seine Tante gab, an sich. »Wir müssen ihm ein wenig die Hölle heiß machen, dann geht alles viel besser.« »Das wollen wir schon besorgen. Diese korpulenten Leute kann man meist sehr leicht ins Bockshorn jagen.« Und Mallalieu erschrak tatsächlich, als er am nächsten Morgen aufwachte und Miß Pett an seinem Bett sah. Er fuhr aus den Kissen auf und starrte sie ängstlich an. Aber sie legte beruhigend ihre klauenartige Hand auf seine Schulter. »Erschrecken Sie nur nicht; es ist alles in Ordnung. Hier habe ich Ihnen eine Tasse schwarzen Kaffee gebracht, der wird Ihnen guttun. Es ist der feinste Mokka, und ich habe noch einen Schuß Rum hineingetan. Trinken Sie das erst einmal, in einer halben Stunde bringe ich Ihnen dann das Frühstück. Es ist eben neun Uhr durch.« »Ich muß sehr fest geschlafen haben«, meinte Mallalieu. »Ist wirklich alles sicher? Haben Sie nichts gehört oder gesehen?« »Es ist alles in Ordnung. Sie haben Glück. Mein Neffe Christopher ist nämlich aus London gekommen, um mir bei dem Umzug zu helfen. Er ist ein tüchtiger Rechtsanwalt und kann Ihnen einen guten Rat geben.« Mallalieu brummte etwas Unverständliches. Er kannte Christopher Pett von früher, war aber von seinen Fähigkeiten nicht besonders überzeugt. »Kann man ihm denn trauen?« fragte er halblaut. »Will er am Ende auch noch Schweigegeld haben?« »Durchaus nur im Rahmen der Möglichkeit und Billigkeit. Wir sind keine unvernünftigen Leute. Besonders Christopher ist ein verständiger junger Mann, mit dem man reden kann. Kitely hatte eine sehr hohe Meinung von ihm. Nach einer kurzen Unterhaltung mit dem Rechtsanwalt erkannte Mallalieu, daß Christopher tatsächlich schlau, praktisch und weitsichtig war. »Sie haben etwas sehr Gefährliches unternommen«, sagte Christopher. »Sie entschuldigen, wenn ich Ihnen das so offen sage, Mr. Mallalieu. Aber es war wirklich unklug von Ihnen, sich aus dem Staube zu machen. Dadurch geben Sie doch glatt Ihre Schuld zu. Und sehen Sie einmal, wir nehmen ein großes Risiko auf uns, wenn wir Sie im Hause behalten!« »Sie werden kein schlechtes Geschäft dabei machen. Ich bin gerade kein armer Mann.« »Das mag ja ganz richtig sein. Aber selbst wenn Sie ein Millionär wären und uns eine fürstliche Belohnung gäben, wäre es doch für uns mit großen Gefahren verbunden. Ich will damit nicht sagen, daß wir von Ihnen eine außergewöhnlich große Zahlung erwarten. Aber Sie müssen vor allem einsehen, daß Sie ohne unsere Hilfe unmöglich dieses Haus verlassen können.« »Warum denn nicht?« sagte Mallalieu ärgerlich. »Ich kann doch heute abend bei Einbruch der Dunkelheit fortgehen.« »Nein, das geht wirklich nicht. Ich habe gestern abend gesehen, wie die Heide abpatrouilliert wurde. Die Leute hatten Laternen und Sturmfackeln, und das wird nun noch manche Nacht so weitergehen. Wenn Sie den Fuß über die Schwelle setzen, sind Sie in kürzester Zeit aufgegriffen und sitzen in wenigen Stunden im Gefängnis in Norcaster!« »Welchen Rat geben Sie mir denn dann? Ich will Ihnen aber erst einmal sagen, wie ich mir die Sache dachte. Wenn ich sicher in eine gewisse Gegend von Norcaster komme, bin ich gerettet. Von dort aus kann ich zu Schiff nach dem Festland.« »Dann müssen wir uns also überlegen, wie wir Sie, ohne Verdacht zu erregen, nach Norcaster bringen können. Ich werde das mit meiner Tante besprechen.« »Ihre Tante sagte doch, sie hätte schon einen Plan.« »Der liegt aber noch nicht in allen Einzelheiten fest. Ich rate Ihnen, Mr. Mallalieu, vorläufig hier im Hause zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Meine Tante wird schon aufpassen, daß man Sie nicht findet. Ich gehe ab und zu in die Stadt und sehe mich dort um, wie die Dinge stehen. Wenn ich heimkomme, erzähle ich Ihnen alles, und wir drei beraten dann miteinander. – Nachdem Christopher Mantel und Hut sauber ausgebürstet und ein Paar schwarze Lederhandschuhe angezogen hatte, ging er nach Highmarket. Er kannte dort einige Leute und erzählte ihnen, daß er hergekommen wäre, um die Angelegenheit mit seiner Tante zu ordnen und ihr bei dem Umzug zu helfen. Um diese Behauptung auch noch mehr zu unterstreichen, ging er zu einer Speditionsfirma und gab dort den Auftrag, ihm einen Kostenvoranschlag für einen Umzug nach Norcaster zu machen. Von dort aus sollten die Möbel per Schiff nach London befördert werden, wo sich Miß Pett in Zukunft niederlassen wollte. Christopher Pett erkundigte sich, wo er konnte, über die Lage und kehrte gegen Mittag nach Hause zurück. Die Polizei und die Einwohner von Highmarket waren davon überzeugt, daß Mallalieu in der vorigen Nacht entkommen und jetzt in Sicherheit sei. Soviel hatte er erfahren. Eine weitere Verfolgung habe gar keinen Zweck mehr. Die Polizei nahm an, daß er irgendwelche Helfershelfer gehabt haben müsse und wahrscheinlich in einem Auto geflohen sei. Aber Christopher Pett erzählte Mallalieu eine ganz andere Geschichte. Er sagte, daß die Heide Tag und Nacht streng bewacht werde, da man annehme, daß der Flüchtling sich in einem der alten Steinbrüche versteckt halte. Jede Zugangsstraße nach Norcaster und nach allen benachbarten Orten und Stationen wäre durch Polizeiposten besetzt und überwacht. Mallalieu hätte überhaupt keine Aussicht, zu entkommen, wenn er sich nicht Miß Pett und ihrem Neffen anvertraute. Und Mallalieu mußte sich in das Unvermeidliche schicken. 25. Kapitel. Kein weiteres Zeugnis. Während Mallalieu sich im Hause der Miß Pett versteckt hielt, machte Cotherstone ganz andere Erfahrungen in einer Zelle des Gefängnisses in Norcaster. Er lachte über die Dummheit Mallalieus. Seiner Meinung nach konnte nur jemand, der seine fünf Sinne nicht mehr beisammen hatte, so töricht sein. Wer flieht, hat auch Grund zur Flucht. Und wie er würden neunundneunzig Prozent aller Leute in Highmarket urteilen. Mallalieu würde als schuldig gelten. Er, Cotherstone, würde keinen Fluchtversuch unternehmen, selbst wenn man die Tore des Gefängnisses in Norcaster für ihn offenstehen ließ. Er wollte sich vor dem Gericht und dem Gesetz rechtfertigen. Seine Freisprechung sollte in aller Öffentlichkeit erfolgen. Er wollte nicht feige fliehen, sondern um seine Rehabilitierung kämpfen. Da Cotherstone nur in Untersuchungshaft saß, genoß er allerhand Vergünstigungen. Er setzte sich deshalb sofort mit einem Rechtsanwalt in Norcaster in Verbindung, der einen großen Ruf hatte, und ließ durch ihn einen berühmten Verteidiger in Kriminalsachen für sich verpflichten, dem man nachrühmte, daß er während seiner Tätigkeit mehr Angeklagte vor dem Galgen gerettet hätte als irgendein anderer lebender Anwalt. Er sagte seinem Rechtsanwalt und seinem Verteidiger, daß Geld keine Rolle spiele, und teilte ihnen seinen Verteidigungsplan mit. Er sprach eindringlich, und seine Ausführungen machten großen Eindruck auf die beiden. »In einer Woche bin ich wieder auf freiem Fuße«, dachte er für sich. »Ich möchte nur wissen, wie es Mallalieu dann geht. Weit kann er ja nicht gekommen sein. Und dreißig Jahre lang kann er auch nicht in seinem Versteck bleiben, um die Verjährung seines Verbrechens abzuwarten.« Mit einer gewissen Sorge und Ängstlichkeit erwartete er den Besuch seiner Tochter, nicht, weil er sich schämte, sie im Gefängnis zu empfangen, sondern weil sie jetzt von seinem Vorleben wußte, das er früher so ängstlich vor ihr geheimgehalten hatte. Obwohl sie sein einziges Kind war, kam sie ihm doch manchmal rätselhaft vor. Was würde sie nun sagen? Es war Bents Aufgabe gewesen, ihr alles mitzuteilen. Und Bent hatte Brereton gebeten, ihn dabei zu unterstützen. Lettie hörte ihnen ruhig und geduldig zu und zeigte sich in keiner Weise verletzt oder entrüstet, als sie alles erfahren hatte. Die beiden Freunde hatten ihr natürlich alles so schonend wie möglich beigebracht und Cotherstone in Schutz genommen, wo es nur ging. »Ich verstehe es«, sagte sie nur, »es ist ja sehr deprimierend, aber mir erscheint die Sache sehr klar. Mr. Mallalieu war der einzig Schuldige. Vater wurde durch ihn in diese verhängnisvollen Geschichten verwickelt. Man braucht ja nur das alles dem Gericht vorzutragen, und er wird bestimmt freigesprochen. Und Mallalieu kommt an den Galgen. Unsere Trauung müssen wir allerdings so lange aufschieben.« »Natürlich«, gab Bent zu. – »Ich gratuliere dir, daß deine Braut ein so vernünftiges Mädel ist«, sagte Brereton auf dem Heimweg. »Das ging ja viel besser, als wir erwartet hatten.« »Ach, Lettie ist die Ruhe und Überlegenheit selbst. Sie hat die Situation sofort erfaßt, und ich werde alles für Cotherstone tun, was in meinen Kräften steht. Wie wäre es denn, wenn du seine Verteidigung übernehmen würdest?« »Ach, das wird er selbst tun. Er hat eigentlich schon gestern bei Tallington seine Sache sehr gut gemacht. Wenn du ihn in Norcaster besuchst, wirst du sehen, daß er bereits alles arrangiert hat. Die voreilige Flucht von Mallalieu kommt ihm ja sehr zugute.« – Bent und Lettie fanden Breretons Vermutung bei ihrem Besuch vollauf bestätigt. Als er hörte, wie ruhig und gefaßt Lettie die Sache aufgenommen hatte und ihr Verhältnis zu Bent nicht im mindesten dadurch geändert wurde, zeigte er sich zuversichtlich und sagte ihnen auch, daß er bestimmt damit rechnete, in einer Woche wieder auf freiem Fuß zu sein. Schließlich hätte ja doch einmal alles an die Öffentlichkeit kommen müssen, und er fühlte sich jetzt viel freier. »Sie haben ja guten Mut«, bemerkte Bent. »Ich habe auch allen Grund dazu«, versicherte Cotherstone. »Warten Sie nur bis morgen, und kommen Sie zu Stoners Totenschau.« Wer es in Highmarket möglich machen konnte, war am nächsten Tage im Verhandlungssaal, in dem die Totenschau für Stoner abgehalten wurde. Weder Bent noch Brereton noch Tallington hatten eine Ahnung, wie sich Cotherstone und seine Verteidiger verhalten würden. Aber die beiden Rechtsanwälte wechselten Blicke, als Cotherstone in Begleitung zweier Gefängniswärter von Norcaster in den Saal geführt wurde, und kurz darauf sein Anwalt und sein Verteidiger am Verhandlungstisch erschienen. »Ich sehe schon, worauf es hinausgeht«, flüsterte Tallington. »Das hat er sehr schlau angefangen.« »Der Meinung bin ich auch«, erwiderte Brereton und sah sich im Saale um. »Sehen Sie einmal, dort hinten sitzt auch unser Freund Christopher Pett!« Bei der Totenschau traten noch einmal alle Zeugen auf, die schon vor dem Polizeigericht erschienen waren. Ihre Aussagen interessierten deshalb die Zuhörer nicht so sehr. Erst als Cotherstone zum Zeugenstuhl ging, herrschte überall gespannte Aufmerksamkeit. Der Vorsitzende warnte ihn und sagte, daß er die Fragen nicht zu beantworten brauchte, und vor allem Aussagen, die ihn belasteten, verweigern könnte. Cotherstone erzählte alles, was ihm von der Sache bekannt war, und sein Bericht klang glaubhaft von Anfang bis zu Ende. Sein Verteidiger hatte den Vorsitzenden und die Geschworenen nicht durch unnötige Fragen an die Zeugen aufgehalten. Er hatte nur durch die medizinischen Sachverständigen feststellen lassen, daß der Tod Stoners durch einen Schlag herbeigeführt worden war. Nach Cotherstones Aussage bestand er darauf, die beiden jungen Leute noch einmal einzeln zu vernehmen. Er ließ durch sie bestätigen, daß sie Mallalieu und Cotherstone nicht zusammen gesehen hatten, und daß Mallalieu den Steinbruch verließ, ehe Cotherstone hinunterstieg. Ferner, daß Mallalieu sehr aufgeregt war, während sich an Cotherstones Benehmen nichts Auffälliges zeigte. Brereton beobachtete die Gesichter der Geschworenen und sah, welchen Eindruck Cotherstones Zeugnis und vor allem die Aussage der beiden Brautleute auf sie machte. Weder er noch Tallington und ebensowenig Mr. Christopher Pett waren erstaunt, als bei Einbruch der Dunkelheit die Geschworenen zu dem Spruch kamen: »Gegen Anthony Mallalieu soll Anklage wegen vorsätzlichen Mordes an Stoner erhoben werden.« »Ihr Klient hat sich sehr gut benommen«, bemerkte Tallington zu dem Rechtsanwalt aus Norcaster, als sie sich im Vorraum trafen. »Mein Klient wird noch größere Erfolge haben, wenn er wieder vor die Geschworenen kommt«, entgegnete der andere kurz. »Sie werden es ja sehen. Was aus Mallalieu wird, ist uns ganz gleichgültig. Am nächsten Dienstag steht Cotherstone wieder vor den Geschworenen. Und im Vertrauen möchte ich Ihnen sagen, daß die Sitzung nicht sehr lange dauern wird.« – Der Rathaussaal in Highmarket war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Cotherstone wieder auf der Anklagebank saß, diesmal allein. Er sah sich vertrauensvoll, fast triumphierend um. Er lauschte mit ruhigem Lächeln, als der Staatsanwalt, der von London gekommen war, mit dem Vorsitzenden über die Flucht Mallalieus sprach, und er war noch interessierter, als die Polizei berichtete, daß man bis jetzt keine Spur von ihm gefunden habe. Gleich darauf erhob sich der Staatsanwalt. Alle Augen waren erwartungsvoll auf ihn gerichtet, und es herrschte tiefes Schweigen im Saal. »Weitere Zeugenaussagen werden gegen den Angeklagten nicht vorgebracht. Die Staatsanwaltschaft zieht hiermit die Klage gegen Mr. Cotherstone zurück.« Als dann die Sitzung aufgehoben wurde, sprachen alle durcheinander, und die Worte des Vorsitzenden, die er an Cotherstone richtete, verklangen in der allgemeinen Aufregung. Cotherstone erhob sich und sah triumphierend zu Bent und Brereton hinüber. Aber als er den Saal verließ, herrschte tödliches Schweigen. 26. Kapitel. Argwohn. Mallalieu erfuhr, wie unangenehm es war, wenn man Informationen aus zweiter Hand empfing. Er wurde hier streng bewacht, und obwohl er in jeder Weise gehegt und gepflegt wurde, blieb er doch ein Gefangener. Er konnte seinen Fuß nicht über die Schwelle des Hauses setzen und hing ganz von Christopher Pett und dessen Tante ab. Nachrichten von der Außenwelt erhielt er nur durch den Rechtsanwalt. Er fragte Christopher dauernd nach Zeitungen, aber dieser ließ ihn absichtlich im Dunkeln und vergaß regelmäßig, ein Blatt mitzubringen, wenn er in der Stadt gewesen war. Nachdem ihm Mallalieu fortwährend Vorhaltungen darüber gemacht hatte, brachte er endlich eine Nummer der ›Times‹ vom vorhergehenden Tage mit, in der Mallalieu natürlich nichts über seinen eigenen Fall finden konnte. Seine einzige Nachrichtenquelle blieb also nach wie vor Christopher Pett. Mr. Pett berichtete natürlich alles auf seine eigene Art und Weise. Dauernd versicherte er Mallalieu, daß er für seine Interessen mit allem Nachdruck eintrete, und daß er und seine Tante eifrig bemüht seien, ihn sicher nach Norcaster zu bringen. Aber er betonte auch ebenso häufig, wie schwierig und gefährlich dieses Unternehmen sei und welchen Gefahren sie sich seinetwegen aussetzten. Er malte dem Gefangenen die Lage möglichst schwarz aus. Als er von Stoners Totenschau zurückkam, machte er ein ganz besonders düsteres und ernstes Gesicht. »Es steht für Sie sehr schlecht, Mr. Mallalieu«, sagte er leise, als er in das Zimmer des Bürgermeisters trat. »Wenn Sie nicht hier bei uns wären, wüßte ich nicht, was jetzt mit Ihnen passierte!« Mallalieus Stimmung war in den letzten Tagen schon sehr schlecht gewesen. Er fuhr wild auf. »Verdammt, warum sagen Sie mir nicht, was los war?« fragte er wütend. »Was hat es denn für einen Zweck, immer um die Sache herumzureden? Die Lage kann doch nicht schlechter werden, als sie schon ist!« Christopher zog langsam einen der schwarzen Handschuhe aus und legte ihn auf den Tisch. »Es hat keinen Zweck, daß Sie sich aufregen, Mr. Mallalieu«, erwiderte er vorwurfsvoll, während er auch den zweiten Handschuh auszog. »Wir sind hier doch unter uns und sprechen als zwei Gentlemen miteinander. Die Situation hat sich allerdings bedeutend verschlechtert, denn die Geschworenen sind zu dem Spruch gekommen, daß Anklage wegen vorsätzlichen Mordes erhoben werden soll, und zwar – gegen Sie!« Mallalieus Gesicht wurde grau. »Warum denn gegen mich allein? Wir waren doch zu zweien angeklagt! Was ist denn aus Cotherstone geworden?« »Cotherstones Aussagen haben Sie ja gerade belastet« »Was, Cotherstone ist gegen mich als Zeuge aufgetreten?« rief Mallalieu erregt. »Dieser alte Lügner –« »Ich will Ihnen alles der Reihe nach erzählen«, unterbrach ihn Chris. »Beruhigen Sie sich nur, Mr. Mallalieu, und hören Sie mir zu.« Aber trotz dieser Ermahnung wollte Mallalieu keine Vernunft annehmen, und als Christopher alles berichtet hatte, war er noch aufgebrachter. »Am liebsten möchte ich jetzt geradeswegs zur Polizei gehen«, sagte er hitzig. »Das werde ich auch tun. Ich werde ihnen schon erzählen, wie sich die Sache verhalten hat!« »Das können Sie halten, wie Sie wollen«, erwiderte Christopher liebenswürdig. »Ich wünschte nur, Sie würden es wirklich tun, dann bliebe uns sehr viel Ärger und Sorge erspart. Nur ist es meine Pflicht als Rechtsanwalt, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie sicher an den Galgen kommen, wenn Sie dieses Haus verlassen!« Mallalieu zuckte zusammen und starrte in Mr. Petts scharfe Züge. »Das wollen Sie doch wohl nicht im Ernst behaupten?« fragte er heiser. »Doch, das ist ganz sicher. Ich muß es doch wissen!« »Was soll ich denn dann tun?« Christopher lehnte sich etwas vor und legte bedächtig die Fingerspitzen zusammen. »Meiner Meinung nach müssen Sie hierbleiben und abwarten, was am nächsten Dienstag passiert, wenn Cotherstone wieder vor die Geschworenen kommt. Sie sind hier vollkommen sicher, solange Sie sich an das halten, was wir Ihnen sagen. Obgleich das ganze Land durchsucht und beobachtet wird, hat doch kein Mensch eine Ahnung, daß Sie noch in Highmarket und ausgerechnet in unserem Hause sind. Also seien Sie zufrieden. Sobald wir wissen, was sich nächsten Dienstag ereignet, wollen wir einen Entschluß fassen.« »Was haben Sie denn eigentlich für einen Plan?« fragte Mallalieu mißmutig. »Er ist noch nicht vollständig durchgearbeitet«, entgegnete Christopher, erhob sich und nahm Zylinder und Handschuhe auf. »Aber wenn Sie erst einmal erfahren, was wir vorhaben, werden Sie selbst zugeben, daß er ganz vorzüglich ist.« Mallalieu blieb nichts anders übrig, er mußte bis zu der Verhandlung am Dienstag warten. Von Tag zu Tag wurde er ungeduldiger und nervöser. Er aß und trank, schlief auch fest und ruhig, aber trotzdem ging es ihm nicht gut. Als Christopher Pett am Dienstagnachmittag nach der Verhandlung zurückkehrte, konnte Mallalieu diesen Zustand der Ungewißheit kaum noch ertragen. Das Gesicht des Rechtsanwalts war noch finsterer als früher. »Es geht immer schlechter und schlechter, Mr. Mallalieu«, sagte er, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Alles richtet sich gegen Sie. Sie ahnen nicht, was geschehen ist. Cotherstone ist freigesprochen und entlassen!« »Was sagen Sie da?« Mallalieu sprang auf. »Sie haben ihn freigelassen? Dann hätte ich doch auch an der Verhandlung teilnehmen können – ich wäre ebenfalls freigesprochen worden!« Christopher schüttelte langsam den Kopf. »Das glaube ich nicht. Cotherstone hat wieder so viel gegen Sie vorgebracht. Es steht schlimm für Sie, wenn Sie gefangen werden!« Mallalieus Augen traten aus den Höhlen, und sein Gesicht wurde dunkelrot. Er sah aus, als ob ihn der Schlag treffen würde, und Christopher beeilte sich, ihn zu beruhigen. »Meiner Ansicht nach ist das alles nur eine Hetze gegen Sie. Eine Verschwörung, wenn Sie so wollen. Cotherstone hatte die gerissensten Verteidiger, und die beiden haben natürlich für Geld und gute Worte alles Mögliche zustande gebracht. Können Sie denn die ganze Sache nicht durchschauen? Zuerst ist Cotherstone bei der Totenschau als Zeuge aufgetreten, und auf seine Aussagen hin wurde ein Spruch gefällt, und zwar gegen – Sie. Cotherstone ist von den Behörden freigelassen worden, da kein weiteres Zeugnis gegen ihn vorlag. Man hat ihn freigelassen, damit er bei den Schwurgerichtssitzungen im nächsten Monat gegen Sie als einwandfreier Zeuge auftreten kann. Das heißt, wenn Sie inzwischen gefangen werden!« »Ja, Sie haben recht. Fangen müssen sie mich erst noch! Nun will ich aber endlich Ihren Plan hören, oder ich verlasse heute abend das Haus.« Christopher erhob sich, öffnete die Tür und rief leise nach seiner Tante. Miß Pett kam auch sofort herein. Sie setzte sich nieder, verschränkte die Arme und sah ihren Neffen aufmerksam an. »Wir wollen unseren Plan jetzt mit Ihnen beraten«, nahm Chris die Unterhaltung wieder auf. »Natürlich zahlen Sie uns eine dementsprechende Vergütung, Mr. Mallalieu.« »Ich habe Ihnen doch schon dauernd versichert, daß Sie nicht zu kurz kommen sollen«, bemerkte Mallalieu unwillig, »solange sich alles in vernünftigen Grenzen hält. Zuerst muß ich wissen, was Sie wollen, dann können wir über die Geldfrage sprechen. Also los!« »Es ist ein wunderbarer Plan«, entgegnete Christopher. »Sie haben doch gesagt, daß Sie sicher sind, wenn wir Sie in eine gewisse Hafengegend von Norcaster bringen können. Darauf haben wir unseren Plan aufgebaut. Meine Tante ist im Begriff, die Sachen zu packen, die ihr der verstorbene Mr. Kitely vermacht hat, und morgen findet der Umzug statt. Ich habe schon alles mit der Speditionsfirma vereinbart. Morgen kommen ein paar Möbelwagen hierher, die die Sachen nach Norcaster bringen. In einem dieser Wagen fahren Sie von hier ab.« Mallalieu hatte gespannt zugehört. Der Vorschlag erschien ihm annehmbar. »Das hat etwas für sich«, erwiderte er. »Aber wie wollen Sie mich denn in den Möbelwagen hinein- und in Norcaster wieder herausbringen, ohne daß es die Fuhrleute sehen?« »Das habe ich schon alles bedacht. Der erste Möbelwagen ist bis Mittag geladen, und ich richte es dann so ein, daß der zweite erst bei Einbruch der Dunkelheit fertig wird. Dann müssen die Fuhrleute in den Ort gehen und die Pferde holen. Ich gebe ihnen vorher ein gutes Trinkgeld, damit sie sich noch für den Weg stärken können. Dann bleiben sie noch etwas länger aus. Und während sie fort sind, bringe ich Sie in dem Wagen unter und fahre später selbst nach Norcaster mit. Wenn dann drüben die Pferde weggebracht werden, lasse ich Sie heraus. Wie gefällt Ihnen dieser Plan, Mr. Mallalieu?« »Ausgezeichnet«, gab der Bürgermeister zu und atmete erleichtert auf. »Wir müssen allerdings ungeheuer vorsichtig sein. Der kleinste Fehler kann zur Katastrophe führen.« Mr. Pett entgegnete nur kurz, daß von ihrer Seite aus sicher keine Fehler gemacht würden. Miß Pett sah ihren Neffen und dann Mr. Mallalieu an. Sie erwartete anscheinend, daß er sich jetzt endlich über die Belohnung äußerte. »Dann ist also alles abgemacht. Morgen geht es los«, sagte Mallalieu, der nicht zu begreifen schien, daß man noch etwas von ihm wollte. Miß Pett räusperte sich aber und strich ihre Schürze glatt. »Das wäre allerdings in Ordnung, Christopher«, wandte sie sich dann an ihren Neffen, als ob Mallalieu überhaupt nicht für sie existierte. »Nun müßte unser Gast aber noch über die Vergütung sprechen, die er uns geben will.« »Ach ja«, sagte Christopher. »Was meinen Sie dazu, Mr. Mallalieu? Wieviel wollen Sie uns denn geben?« Die Züge des Bürgermeisters verhärteten sich plötzlich. »Jeder von Ihnen bekommt fünfzig Pfund – soviel biete ich. Ein solches Angebot erhalten Sie nicht jeden Tag. Das ist eine sehr schöne Summe.« Miß Pett legte den Kopf auf die Seite und seufzte, und ihr Neffe faltete die Hände und sah zur Decke. »Ein solches Angebot bekommen wir allerdings nicht alle Tage«, sagte er. »Fünfzig Pfund jeder, zusammen hundert Pfund – um einen Mitmenschen vom Galgen zu retten? Mr. Mallalieu, ich glaube, Sie verkennen die Lage!« »Verdammt, wieviel Geld soll ich denn in meiner unglücklichen Lage bei mir haben?« rief Mallalieu gereizt. »Glauben Sie denn, daß ich es nur so aus dem Ärmel schütteln könnte?« »Christopher, ich mache den Vorschlag, daß wir Mr. Mallalieu ein wenig allein lassen«, meinte Miß Pett. »Vielleicht kommt er doch zu einer anderen Ansicht, wenn er einmal darüber nachdenkt.« Sie erhob sich und ging zur Tür. »Was habe ich dir gesagt?« wandte sie sich im Wohnzimmer an ihren Neffen. »Filzig wie ein alter Geizhals! Mein Plan war doch von Anfang an der beste. Wenn er uns nichts geben will, werden wir uns schon selbst helfen. Heute abend gebe ich ihm einen besonders starken Schlaftrunk und dann...« Bevor der Abend kam, schlug Mallalieus Stimmung wieder um. Er hatte den ganzen Nachmittag gegrübelt. Nur zu gut wußte er, daß er vollkommen in der Gewalt dieser beiden Leute war, und daß sie ihn nicht ohne weiteres ziehen lassen würden. Je mehr er nachdachte, desto argwöhnischer wurde er, und plötzlich tauchte ein Verdacht in ihm auf. Warum schlief er nachts immer so tief und fest? Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Diese Miß Pett hatte ihm sicher ein Schlafmittel in den Punsch getan. Aber das sollte das letztemal gewesen sein! Als sie ihm an diesem Abend einen Schlummertrunk brachte, nahm er ihn schon an der Tür ab und sagte, daß er den Punsch im Bett trinken würde. Nachdem sie wieder verschwunden war, schüttete er das Glas schnell in einen Blumentopf am Fenster und legte sich dann nieder. Er machte aber die Augen nicht zu und hatte den Revolver schußbereit in der Rechten. 27. Kapitel. Mr. Wraythwaite von Wraye. Als Brereton das Rathaus nach der Verhandlung verließ, in der Cotherstone freigesprochen und entlassen wurde, hielt ihn plötzlich ein eleganter junger Mann an, der seiner äußeren Erscheinung nach auch ein Jurist sein mußte. »Habe ich die Ehre mit Mr. Gifford Brereton?« fragte er. »Ich habe hier einen Brief für Sie.« Brereton nahm das Schreiben und trat mit dem Fremden in eine stille Ecke. Der Brief kam von einem Londoner Rechtsanwalt, mit dem er schon mehrere Male zusammen gearbeitet hatte:   »Hotel Belgravia, Norcaster. Sehr geehrter Mr. Brereton, ich bin soeben hier angekommen und bin in einer Angelegenheit tätig, die auch Sie in der letzten Zeit beschäftigt hat. Ich wäre Ihnen zu großem Dank verpflichtet, wenn Sie sofort zu mir kämen und die Tochter Ihres Klienten Harborough mitbrächten. Es ist wichtig, daß sie Sie begleitet. Der Überbringer wird ein Auto für Sie bereithalten. Hochachtungsvoll H. C. Carfax.   Brereton steckte den Brief ein und wandte sich an den Boten. »Mr. Carfax schreibt mir, daß ich mit Ihnen nach Norcaster fahren soll.« »Der Wagen steht hier um die Ecke. In zwanzig Minuten können wir am Ziel sein.« Nachdem sie eingestiegen waren, gab Brereton dem Chauffeur Weisung, zuerst bei der Villa von Mr. Northrop vorzufahren. Unterwegs erfuhr er, daß Mr. Carfax bei einer befreundeten Rechtsanwaltsfirma in Norcaster zur Beratung eingetroffen sei. Vor dem Hause Northrops wurde gehalten, und kurze Zeit später stieg Avice in den Wagen. »Dieser Besuch in Norcaster hat sicher etwas mit Ihrem Vater zu tun«, sagte Brereton, als sie neben ihm saß. Ich habe das Gefühl, daß jetzt alles zu einem guten Ende kommt.« Die Fahrt verging wie im Fluge, bald hielt das Auto vor einem großen, stattlichen Hotel in Norcaster. Avice und Brereton wurden sofort in die Privaträume des Mr. Carfax geführt. Brereton betrachtete den Rechtsanwalt, der anscheinend schon mit großer Ungeduld ihre Ankunft erwartet hatte. Carfax war ein Mann von mittleren Jahren, nicht allzu groß, aber sehr gewandt und schnell in seinen Bewegungen. In einer Fensternische sprachen zwei Detektive leise miteinander, die Brereton kannte. Aber der große Herr, der neben Mr. Carfax stand, war ihm fremd. Brereton mußte aber bei seinem Anblick sofort an die Erzählung der alten Mrs. Hamthwaite denken, die von einem großen Mann mit einem grauen Bart gesprochen hatte, und dieser Herr, der Avice freundlich anlächelte, war groß und stattlich und trug einen grauen Bart. Er sah aus, als ob er weit in der Welt umhergekommen wäre. Carfax reichte Brereton und Avice die Hand. »Sie werden sich wundern, daß ich nach Ihnen geschickt habe? Aber darf ich Ihnen zuerst diesen Herrn vorstellen? Mr. John Wraythwaite.« Dieser begrüßte Brereton kurz und wandte sich dann an Avice. »Liebe Miß Harborough, ich bin ein alter Freund Ihres Vaters, und es wird nicht mehr lange dauern, bis seine Unschuld erwiesen ist. Sie kennen mich natürlich noch nicht.« »Nein, aber wahrscheinlich sind Sie der Herr, der Mr. Brereton die neunhundert Pfund geschickt hat!« »Ach, Sie ahnen schon den Zusammenhang?« rief Mr. Carfax. »Nun, wir wollen uns gleich darüber unterhalten. Bitte nehmen Sie Platz.« Er sprach kurz mit den beiden Herren in der Fensternische, die daraufhin das Zimmer verließen, und setzte sich dann zu den anderen. »Sie wissen natürlich noch nicht, wer Mr. Wraythwaite ist. Er wird bei der nächsten Gerichtssitzung das vollständige Alibi Mr. Harboroughs dem Gericht unterbreiten, denn er verbrachte den fraglichen Abend und den größten Teil der darauffolgenden Nacht mit ihm.« »Das dachte ich mir gleich«, entgegnete Brereton und sah Mr. Wraythwaite nachdenklich an. »Aber warum haben Sie sich nicht sofort gemeldet?« fragte er dann fast vorwurfsvoll. »Das hat er auf meinen Rat hin unterlassen«, sagte Carfax schnell. »Ich werde Ihnen alles der Reihe nach erklären. Jetzt können Sie es noch nicht verstehen. Wraye ist ein alter, historischer Platz in dieser Gegend, jedermann kennt ihn. Der letzte Wraythwaite war ein eingefleischter Junggeselle und lebte länger als alle seine Brüder und Schwestern. Als er starb, waren seine Neffen und Nichten über die ganze Welt verstreut, und ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß ein großer Kampf um die Erbschaft und den Titel entbrannte. Schließlich hatte einer der Neffen die größte Aussicht, die Nachfolge anzutreten, da er der älteste bekannte Erbe war. Und er war dabei, seine Ansprüche durchzusetzen, als mein Klient hier in England ankam, der in Wirklichkeit der älteste Neffe und der rechtmäßige Erbe ist. Ich freue mich deshalb, daß gerade gestern seine Ansprüche endgültig anerkannt wurden.« »Ich gratuliere zu dem Erfolg«, sagte Brereton höflich zu Mr. Wraythwaite. »Aber Sie werden verstehen, daß ich nun gern erfahren möchte, was diese Geschichte mit meinem Klienten zu tun hat.« »Natürlich«, stimmte der ältere Herr schnell zu. »Carfax, erzählen Sie doch Mr. Brereton sofort von Mr. Harborough. Meine Geschichte ist im Augenblick nicht so wichtig.« »Aber sie ist doch eng mit Mr. Harborough verknüpft«, widersprach Mr. Carfax gutmütig. »Also hören Sie zu. Der älteste Bruder des letzten Barons von Wraye, Matthew Wraythwaite, heiratete heimlich die Tante John Harboroughs. Bald darauf wanderte er aus, und zwar nach Australien. Er ließ seine Frau in England zurück, bis er ein Heim für sie geschaffen hatte. Mit seiner Familie hatte er Differenzen gehabt und lebte in beschränkten Verhältnissen. Einige Zeit später wurde der jetzige Baron geboren, und bald darauf starb seine Mutter. Das Kind wurde von Mr. Harboroughs Mutter angenommen und aufgezogen. Mr. Wraythwaite und Mr. Harborough waren also Pflegebrüder. Die Geschichte von der Eheschließung des Mr. Wraythwaite wurde geheimgehalten, und als der Junge sieben Jahre alt war, schickte man ihn zu seinem Vater nach Australien. Matthew Wraythwaite erwarb dort allmählich ein großes Vermögen. Er heiratete nicht wieder, und so trat sein Sohn später die Erbschaft an. Diesem war die geheime Heirat seines Vaters bekannt, aber da er selbst ein so großes Vermögen besaß, kümmerte er sich wenig um die Familie seines Vaters in England. Vor einem Jahr las er nun zufällig in der Zeitung von den Schwierigkeiten, den richtigen Erben festzustellen, und kam deshalb nach England. Aber er hatte keine Dokumente, um die Heirat seines Vaters zu beweisen. Er wußte auch nicht, wo die Trauung stattgefunden hatte. Damals hatte er mich noch nicht um Rat gefragt. Hätte er sich gleich an einen Rechtsanwalt gewandt, so wäre die Sache in kurzer Zeit für ihn erledigt worden. Mr. Wraythwaite suchte mit dem einzigen Mann in Verbindung zu kommen, den er von früher her kannte, und das war sein Pflegebruder Mr. Harborough. Dieser wußte aber auch nicht, wo und wann die Trauung stattgefunden hatte. Beide stellten deshalb Nachforschungen an und sahen alle Trauregister durch. Sie trafen sich öfters, aber immer heimlich. Und gerade in der Nacht, in der Kitely ermordet wurde, waren sie von neun Uhr abends bis halb fünf morgens zusammen. Dann trennten sie sich in der Nähe der Station Hexendale. Mr. Wraythwaite kann das unter Eid aussagen.« »Glücklicherweise haben wir eine Zeugin, die es bestätigen kann«, erwiderte Brereton mit einem Blick auf Avice. »Die beiden wurden in der fraglichen Nacht zusammen in der Heide gesehen.« »Das ist ja ausgezeichnet«, rief Carfax. »Ist denn Ihr Zeuge auch glaubwürdig?« »Es ist eine alte Frau von gutem Charakter«, entgegnete Brereton. »Sie betätigt sich höchstens ab und zu als Wilddiebin und fängt unerlaubt Hasen.« »Das müssen wir ja nicht erzählen, wenn sie ihr Zeugnis ablegt«, erklärte Carfax. »Aber an und für sich ist es hervorragend. Nun, Mr. Brereton, soviel ich weiß, haben Sie nichts Neues über die Ermordung des unglücklichen Mr. Kitely herausgebracht. Gestatten Sie mir deshalb, daß ich Ihnen darüber etwas mitteile.« Carfax erhob sich, verließ das Zimmer und kehrte gleich darauf mit den beiden Detektiven wieder zurück. 28. Kapitel. Vergangenheit. Aber bevor alle am Tisch Platz nahmen, erhob sich Mr. Wraythwaite und forderte Avice auf, mit ihm hinauszugehen. »Carfax, ich weiß alles, was Sie Mr. Brereton erzählen wollen«, sagte er. »Und ich glaube, daß es Miß Harborough nicht so sehr interessieren wird, wenigstens nicht im Augenblick. Ich will mich inzwischen ein wenig mit ihr unterhalten. Vorher möchte ich aber noch erwähnen, daß Mr. Harborough bereits von allem verständigt ist, daß seine Entlassung aus dem Gefängnis bevorsteht.« Als die beiden das Zimmer verlassen hatten, wandte sich Mr. Carfax wieder an Brereton. »Diese beiden Herren, Mr. Stobb und Mr. Leykin, waren früher im Dienst der Polizei, haben jetzt aber eine eigene Auskunftei gegründet.« »Also haben Sie private Nachforschungen angestellt? Etwa in Verbindung mit der Ermordung Mr. Kitelys?« »Ich werde Ihnen alles erzählen«, fuhr Mr. Carfax fort. »Als Wraythwaite, der nebenbei bemerkt, viel für Mr. Harborough und seine Tochter tun wird, erfuhr, was in Highmarket passierte, war er sehr bestürzt. Zuerst hatte er die Absicht, sofort dorthin zu fahren und vor Gericht eine Erklärung abzugeben. Vorher aber fragte er mich um Rat, und ich sagte ihm, daß Harborough nichts passieren würde. Er könnte die Sache auf sich beruhen lassen, bis er seine eigenen Ansprüche durchgesetzt hätte. Da er nicht selbst kommen konnte, schickte er dann wenigstens das Geld. Außerdem bemühten sich Mr. Stobb, Mr. Leykin und ich um die Aufklärung der Angelegenheit.« Mr. Carfax zog ein Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin. »Wraythwaite kaufte und las alle Zeitungen, die in Norcaster und Highmarket erschienen. Bei dem Bericht über die erste Verhandlung vor dem Polizeigericht fiel ihm besonders die Vernehmung der Miß Pett durch Sie auf. Er brachte mir die Zeitung, und wir lasen diesen Abschnitt aufmerksam zusammen durch. Und obwohl wir genau wußten, daß wir Harboroughs Unschuld glänzend beweisen konnten, beschlossen wir doch, das Vorleben der Miß Pett einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Brereton richtete sich plötzlich auf. Er hatte ja selbst zu Beginn der ganzen Sache Verdacht auf sie gehabt, aber dann war so viel dazwischengekommen, daß er es vergessen hatte. »Wir engagierten Mr. Stobb und Mr. Leykin. Die Aussagen der Miß Pett machten es nicht schwer, mit den Nachforschungen zu beginnen. Sie selbst hat ja gesagt, daß sie Haushälterin bei einem Major Stilman in Woking war und vorher Stellungen in zwei Londoner Hotels inne hatte. So fuhr Mr. Stobb nach Woking und Mr. Leykin zog in London Erkundigungen ein. Ich glaube aber, daß die beiden Herren Ihnen jetzt am besten selbst die Resultate ihrer Nachforschungen mitteilen.« Mr. Stobb glich mehr einem ehrsamen Gastwirt als einem Detektiv. Er wandte sich lächelnd an Brereton. »Meine Aufgabe war sehr leicht. In ein paar Stunden brachte ich in Woking alles heraus, was ich wissen wollte. Dort können sich noch viele Leute gut auf Miß Pett besinnen. Die Angaben über ihren dortigen Aufenthalt stimmten vollkommen. Aber natürlich gab sie nur die allgemein bekannten Tatsachen an. Miß Pett war lange Zeit Haushälterin bei Major Stilman, einem pensionierten Infanterieoffizier, der zuletzt mehr oder weniger Invalide war. Er litt schwer unter einer Neuralgie und mußte Betäubungsmittel nehmen, um diese Schmerzen zu lindern. Das war in ganz Woking bekannt. Miß Pett besorgte die Betäubungsmittel in dortigen Apotheken. Eines Tages fand man Major Stilman tot in seinem Bett, und verschiedene Drogen lagen auf dem kleinen Tisch neben ihm. Es wurde eine Totenschau abgehalten. Nach den übereinstimmenden Aussagen mehrerer Ärzte und Apotheker kam man zu dem Urteil, daß sein Tod einem Unglücksfall zuzuschreiben sei, da er eine zu große Dosis Opium genommen hatte. Miß Pett kam damals in Woking ebensowenig in Verdacht wie jetzt in Highmarket.« »Glauben Sie denn, daß sie an dem Tod Kitelys schuldig ist?« fragte Brereton. »Ich habe mich noch genauer um die Sache gekümmert«, fuhr Mr. Stobb fort. »Der Major hatte nur ein kleines Vermögen, aber immerhin waren es dreitausend Pfund. Diese Summe sowie seine Möbel hatte er Miß Pett vermacht. Das Testament war zwölf Monate vor Stilmans Tod aufgesetzt worden und wurde sofort nach seinem Tode der Behörde zur Bestätigung eingereicht. Miß Pett kam in den Besitz der Erbschaft, verkaufte sofort alle Möbel und verließ die Gegend.« Carfax nickte nachdenklich und sah dann zu Mr. Leyking hinüber. »Nun erzählen Sie bitte, was Sie erfahren haben.« »Was Miß Pett über ihre Anstellung in zwei Londoner Hotels angibt, entspricht vollkommen den Tatsachen«, begann Mr. Leykin. »Sie war dort tätig, ehe sie zu Major Stilman ging. An keinem der beiden Plätze konnte man ihr etwas Schlechtes nachsagen. Sie sagte Ihnen doch auch, daß sie vorher bei ihrem Vater auf einem kleinen Gut in Sussex lebte. Das stimmt auch, aber das war lange vorher. Zwischendurch war sie zehn Jahre in Indien, und zwar als Kindermädchen in der Familie eines Offiziers. Und in Indien stand sie unter der Anklage, eine Mitangestellte erdrosselt zu haben. Es handelte sich um eine Halbe, auf die sie eifersüchtig war.« Brereton fuhr aufgeregt in die Höhe. Aber Carfax gab Leykin ein Zeichen, fortzufahren. »Den Bericht hierüber habe ich Mr. Carfax übergeben. Er ist wert, daß man ihn liest. Ich will Ihnen den Hauptinhalt in ein paar Worten sagen. Miß Pett hatte sich offenbar in den Burschen ihres Herrn verliebt, ohne daß dieser ihre Neigung erwiderte, und wurde nun wahnsinnig eifersüchtig auf diese junge Halbe, die Kinderwärterin in derselben Familie war. Eines Abends fand man dieses Mädchen dann in der Nähe der Villa tot auf. Um ihren Hals lag eine Schlinge, und sie war erdrosselt. Ihr goldener Schmuck war verschwunden. Die Anklage gegen Miß Pett wurde erhoben, aber sie wurde schließlich freigesprochen, da sie ihr Alibi anscheinend nachweisen konnte. Unter den Zeugenaussagen war vor allem eine für mich interessant. Daraus ergab sich nämlich, daß sich Miß Pett besonders für die Würgersekte in Indien interessierte und verschiedene Bücher darüber gelesen hatte. Sie hatte auch den anderen Dienstboten erzählt, daß diese Leute ihre Opfer mit einem feinen Seidenschal erwürgen. Das junge Mädchen war nun tatsächlich mit einem Seidenschal ermordet worden, und hätte man nachweisen können, daß er sich früher im Besitz von Miß Pett befand, so wäre sie damals zum Tode verurteilt worden. Aber man sprach sie infolge Mangels an Beweisen frei. Sie verlor ihre Stellung und kehrte nach England zurück.« »Sie glauben also alle, daß Miß Pett Kitely ermordet hat?« fragte Brereton und sah gespannt von einem zum andern. »Bitte beantworten Sie mir diese Frage.« »Aber, mein lieber Brereton, Sie haben doch wohl selbst soviel Urteilskraft, nachdem Sie von dem Vorleben dieser Frau gehört haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie doch damals diese Halbe in Indien umgebracht, und sicher hat sie auch Major Stilman eines sanften Todes sterben lassen. Ebenso hat ihr Kitelys Tod nur Vorteil gebracht.« »Was werden Sie nun tun?« fragte Brereton. »Ich nehme diese beiden Herren nach Highmarket mit«, antwortete Carfax. »Sie sollen alles, was Sie eben gehört haben, auch der Polizei dort berichten.« 29. Kapitel. Ohne Überlegung. Tiefe Stille herrschte im Hause, als Mallalieu vollkommen wach auf seinem Bett lag und angestrengt lauschte. Seine Pulse fieberten, und es fiel ihm schwer, ruhig zu bleiben. Außerdem hatte er sich sehr an den abendlichen Schlaftrunk gewöhnt und spürte jetzt ein unbezwingbares Verlangen danach. Was mochten die beiden wohl vorhaben? Christopher hatte sich seit ihrer Unterredung am Nachmittag überhaupt nicht mehr sehen lassen, und Miß Pett spielte die Rolle der beleidigten Unschuld, so oft sie sich zeigte. Schweigend hatte sie ihm den Tee und das Abendbrot gebracht. Er befand sich in der Gewalt dieser beiden Menschen, die er als skrupellos und absolut selbstsüchtig erkannt hatte. Sie konnten ihn ja sofort der Polizei übergeben, wenn sie wollten. Christopher Pett mochte schon Schritte in dieser Richtung unternommen haben. Aber bei längerem Nachdenken hielt Mallalieu das doch nicht für wahrscheinlich, denn dazu waren die beiden zu gewinnsüchtig. Die Polizei würde ihnen keine Belohnung geben, während sie doch von ihm allerhand zu erwarten hatten. Aber wieviel erwarteten sie? Er war sehr erstaunt über ihr Verhalten. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Wußten sie vielleicht, daß er ein Vermögen bei sich führte? War es möglich, daß Miß Pett ihn Abend für Abend nur deswegen betäubt hatte? Sicher war sie in sein Zimmer geschlichen, während er schlief, und hatte seine Kleider durchsucht, vor allem die Weste mit dem wertvollen Inhalt. Mallalieu hatte sie jeden Abend an dieselbe Stelle gelegt und sie am nächsten Morgen auch immer dort wiedergefunden. Er streckte die Hand aus und betastete die Kleider, die sorgsam gefaltet auf dem Stuhl lagen. Dann faßte er wieder an den Revolver. Konnten sie den nicht auch entdeckt haben? Seit er hierhergekommen war, hatte er ihn nicht mehr genauer untersucht. Wenn sie nun die Patronen daraus entfernt hatten, und er hier lag, ohne sich wehren zu können? Der Angstschweiß trat bei diesem Gedanken auf seine Stirn, und im Dunkeln betastete er die Schußwaffe, um festzustellen, ob sie noch geladen sei. Aber im selben Augenblick hörte er ein Geräusch, und es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter. Man hätte den Laut nur für das leise Huschen einer Maus halten können. Aber jetzt sah Mallalieu auch einen schwachen Lichtschein, der allmählich stärker wurde, und darin vernahm er wieder ein Geräusch. Mallalieu blinzelte durch nahezu geschlossene Augen. Die Tür öffnete sich, und eine große, hagere Gestalt kam langsam auf das Bett zu. Vor der Tür tauchte in dem Lichtschein Christopher Petts scharfgeschnittenes Gesicht auf. Mallalieu faßte einen schnellen Entschluß. Er wußte, was Miß Pett vorhatte, und ließ sie näherkommen. Während sie sich lautlos durch das Zimmer schlich, zog Mallalieu ebenso lautlos den Revolver hinter dem Kopfkissen vor und richtete ihn gegen sie. Plötzlich sah sie den vernickelten Lauf in dem schwachen Licht aufblitzen und schrie entsetzt auf. In demselben Augenblick feuerte Mallalieu. Und ihr Schrei verklang in einem heiseren Röcheln. Gleich darauf feuerte er in die Richtung, in der er Christopher Pett gesehen hatte. Er hörte nur einen schweren Fall. Dann folgte eine tiefe Stille. Mallalieu lauschte vergeblich nach einem Laut, nach einem Seufzer. Er tastete mit der Hand nach dem Schalter, und als das kalte Licht den Raum durchflutete, sah er entsetzt nach der Tür. »Ich kann sie doch nicht beide tödlich getroffen haben!« murmelte er vor sich hin. Er richtete sich langsam auf, zog sich an und ging dann auf Miß Pett zu, die reglos auf dem Boden lag. Sie war gegen die Wand gefallen und lehnte nun dort in grotesker Haltung. Der farbige indische Turban, den sie manchmal trug, war von ihrem Kopf gefallen. Mallalieu erkannte auf den ersten Blick, daß sie tot war. Er wandte sich zur Tür und sah Christopher in dem Gang liegen, der zum Wohnzimmer führte. Lange starrte er auf den Toten, dann aber eilte er zurück in sein Schlafzimmer und zog hastig Schuhe und Rock an. Er hatte die beiden nicht töten wollen, obwohl sie es sicher verdient hatten. Er hatte sie abgrundtief gehaßt, aber er wollte sie doch eigentlich nur erschrecken! Aber nun war das alles ohne Bedeutung. Sie waren tot, und er lebte. Und er mußte fort von hier, sofort! Hinaus auf die Heide, zu den Hügeln, fort von hier... Plötzlich klopfte es schwer an der Hintertür. Mallalieu zitterte. Er eilte zur Haustür, aber auch dort klopfte es, und eine Stimme verlangte dringend Einlaß. Laut wurde der Name von Miß Pett gerufen. Er schlich sich an ein Fenster, hob vorsichtig die eine Ecke des Vorhangs und sah hinaus. Viele Leute standen draußen im Garten. Eine von ihnen trug eine Laterne, und in ihrem Schein erkannte Mallalieu seinen Partner Cotherstone. 30. Kapitel. Cotherstone. Cotherstone stand vor dem großen Portal des Rathauses und sah triumphierend auf die Menge, die hier auf den Ausgang der Verhandlung wartete. Er schlug seinen Pelzmantel zurück und atmete tief auf. Aber es kam niemand auf ihn zu. Niemand grüßte ihn. Die Leute starrten ihn nur groß an. Die Nachricht von seiner Freisprechung hatte sich schnell verbreitet. Aber sein kühnes, selbstbewußtes Auftreten erregte nur unwilliges Geflüster. Böse Blicke trafen ihn, und plötzlich rief jemand laut: »Gut gemacht, Cotherstone! Sie haben Ihre Haut ja gerettet!« Nun brach die ganze Menge in schallendes Gelächter und Johlen aus. »Natürlich kann man sich retten, wenn man seinen Komplizen verrät!« rief ein anderer. »Das glaubt doch niemand, Cotherstone! Das war doch alles gelogen!« Cotherstone wurde sehr bleich, aber er ging mit festen Schritten über den Marktplatz und schlug den Heimweg ein. Er sah weder nach rechts noch nach links, und wenn ihm Freunde und Bekannte begegneten, wurden seine Züge steinhart. Die bösen Worte, die man ihm vor dem Rathaus zugerufen hatte, und die bösen Blicke der Leute hatten ihn aufs tiefste verletzt, denn er wußte genau, daß er der Stadt viele Jahre treu gedient hatte, was auch sonst geschehen sein mochte. Er war sehr bald in die Stadtverordnetenversammlung gewählt worden und hatte die Verwaltung der Finanzen in einem Augenblick übernommen, in dem sie sich in voller Zerrüttung befanden. Seiner Tätigkeit mußte man es danken, daß nun alles in bester Ordnung war. Er hatte still und umsichtig gearbeitet; aber anstatt ihm dankbar zu sein, behandelte man ihn jetzt in dieser Weise. Das Benehmen der Leute konnte nur eine Bedeutung haben. Sie hielten ihn für ebenso schuldig wie Mallalieu und glaubten, seine Freisprechung sei nur dem Umstand zu verdanken, weil man ein direktes Zeugnis gegen Mallalieu brauchte. Ein bitteres Gefühl bemächtigte sich seiner. Er wußte, wie wetterwendisch die öffentliche Meinung hier in der Stadt war und wie wenig Urteilskraft die Leute besaßen. Die Erregung, die ihn vor dem Rathaus im Angesicht der johlenden Menge, gepackt hatte, verflog vollkommen, als er ruhig zu Hause saß. Nach dem Abendessen teilte er Lettie und Bent mit, daß er noch in sein Büro gehen wollte, um die Post durchzusehen, und verließ das Haus. Aber Cotherstone hatte nicht die Absicht, in sein Büro zu gehen. Er mußte vor allem ein- für allemal feststellen, wie sich die Leute in Highmarket zu ihm stellen würden. Unter einem Verdacht wollte er nicht hier leben. Er konnte es nicht vertragen, daß die Leute wegsahen, wenn er vorüberging. Man sollte ihn nicht als Paria behandeln. Es existierte damals in Highmarket ein kleiner, aber vornehmer Klub, dessen Räume am Marktplatz lagen. Alle Honoratioren der Stadt waren Mitglieder, und Mallalieu und Cotherstone gehörten zu den Gründern. Cotherstone saß sogar im Vorstand und bekleidete das Amt eines Schatzmeisters. Es war ihm bekannt, daß der Klub an diesem Abend stark besucht war. Deshalb wollte er dorthin gehen und sehen, wie die Leute ihn empfangen würden. Zeigten sie ihm die kalte Schulter, dann wußte er, woran er war und was er zu tun hatte. Aber vor dem Eingang traf er einen alten Bekannten, der mit ihm im Stadtrat saß. Dieser Mann blieb erstaunt stehen, legte freundlich die Hand auf seinen Arm und nahm ihn mit sich. »Nein, mein lieber Freund«, sagte er höflich, aber bestimmt, »heute abend gehen Sie nicht in den Klub. Wenn Sie nicht wissen, was Sie zu tun haben, dann nehmen Sie wenigstens meinen guten Rat an. Seien Sie vernünftig, Cotherstone. Es kommt nur wieder zu solchen Auftritten wie vor dem Rathaus. Gehen Sie nach Hause, oder kommen Sie mit in meine Wohnung. Sie sind mir herzlich willkommen!« Die letzten Worte machten großen Eindruck auf Cotherstone, und er ließ sich ruhig von dem anderen fortführen. »Ich danke Ihnen«, erwiderte er kurz. Sie meinen es gut mit mir. Aber die Leute, die mich doch seit Jahren kennen müßten, können doch nicht glauben, daß ich schuldig bin!« »Ach, die Welt ist schlecht und ungerecht. Zeigen Sie sich vorläufig nicht. Kommen Sie mit mir. Wir trinken ein Glas Whisky miteinander.« »Das ist sehr freundlich von Ihnen. Sie würden mich nicht einladen, wenn Sie so dächten wie die anderen. Aber ich kann jetzt nicht mit Ihnen gehen, ich habe noch etwas zu erledigen.« Er drückte seinem Begleiter dankbar die Hand und entfernte sich. Der andere sah ihm nach und beobachtete, daß er zur Polizeistation ging. Kopfschüttelnd ging er weiter. Der Polizeiinspektor war müde von der Arbeit. Er saß in einem Sessel und rauchte seine Pfeife. Als er Cotherstone sah, fuhr er erstaunt auf. Aber dieser winkte ihm, ruhig sitzenzubleiben. »Ich möchte Sie nicht stören. Ich wollte nur einmal privatim mit Ihnen sprechen. Das ist alles.« Der Beamte hatte natürlich von dem Auftritt vor dem Rathaus gehört und fürchtete die Folgen. Aber er sah sofort, daß sein Besucher ruhig war. Er bot ihm ein Glas Whisky an. Cotherstone nahm es dankend und setzte sich. »Das ist der erste Whisky, den ich trinke, seitdem Sie mich damals verhafteten. Wir waren doch immer die besten Freunde, und deshalb möchte ich jetzt eine Frage an Sie richten. Sagen Sie mir bitte die Wahrheit. Was denken die Leute in Highmarket eigentlich von mir?« Die Züge des Inspektors verfinsterten sich. »Ach, Sie wissen doch, wie die Menschen sind. Um die große Masse darf man sich nicht kümmern. Die sind schnell bei der Hand, einem das Übelste anzudichten. Ich bin nicht von hier, ebensowenig wie Sie, aber ich muß sagen, ich habe selten so viel Klatsch in einer Stadt gehört wie in Highmarket.« »Sagen Sie es mir doch«, bat Cotherstone. »Ich muß die Wahrheit wissen, ganz gleich, wie sie lautet. Also, was erzählen sich hier die Leute über mich?« »Ich erfahre in meiner Stellung so ziemlich alles«, entgegnete der Inspektor zögernd. »Wenn Sie es denn durchaus hören wollen – die meisten nehmen an, daß Sie und Mallalieu Kitely ermordet haben. Sie wissen, daß der Tote dicht bei Ihrem Hause gefunden wurde. Auch glauben die Leute, daß Stoners Tod nur eine weitere Folge davon war und daß Sie beide daran schuld sind. Und wenn ich Ihnen die ganze Wahrheit sagen soll, so halten die Leute Sie für klüger und gerissener als Mallalieu. Man glaubt, daß Sie Kitely wahrscheinlich persönlich umgebracht haben, unter Zustimmung Ihres Partners. Viele sind fest davon überzeugt, daß Mallalieu den wirklichen Sachverhalt erzählen wird, wenn man ihn verhaftet.« »Und was glauben Sie persönlich?« fragte Cotherstone. Der Polizeiinspektor wurde unruhig. »Ich dachte niemals daran, daß Sie oder Mallalieu einen Menschen so kaltblütig ermordet haben, wie es mit Kitely geschehen ist. Und was Stoner anbetrifft, so bin ich der Meinung, daß Mallalieu ihn im Zorn erschlagen hat. Aber ich hatte stets das Gefühl, daß Sie oder Mallalieu oder auch Sie beide zusammen, mehr von Kitelys Ermordung wissen, als Sie gesagt haben.« Cotherstone neigte sich etwas vor und klopfte dem Inspektor auf den Arm. »Da haben Sie recht«, sagte er bedeutungsvoll. »Ich weiß auch mehr!« Der Inspektor legte seine Pfeife beiseite und sah seinen Besucher ernst an. »Aber um Himmels willen, dann sagen Sie es doch, Mr. Cotherstone! Denn wenn wir hier sitzen, und nichts weiter passiert, wird Mallalieu gehängt! Wenn er wegen Stoner nicht an den Galgen kommt, dann wird er wegen Kitely angeklagt und verurteilt!« »Noch vor einer halben Stunde wäre es mir nicht darauf angekommen, wenn Mallalieu gehängt worden wäre. Rache ist süß, und ich habe guten Grund, mich an ihm zu rächen. Aber unter diesen Umständen will ich Ihnen die Wahrheit sagen. Nur um diesen verrückten Leuten in Highmarket zu zeigen, daß sie sich irren!« Der Inspektor seufzte. Er war ein gerader, einfacher, ehrlicher Charakter, und Cotherstones Standpunkt schien ihm nicht recht zu sein. »Aber Mr. Cotherstone, Sie müßten doch auf jeden Fall die Wahrheit sagen. Wir haben schon genug Sorgen und Unannehmlichkeiten gehabt! Wenn Sie alles aufklären können, so tun Sie es doch!« »Also hören Sie. Ich erzähle Ihnen alles im Vertrauen. Wenn Sie glauben, daß es Zweck hat, will ich später meine Aussagen in aller Form wiederholen. Sie erinnern sich noch an den Abend, an dem Kitely ermordet wurde?« »Ja, natürlich.« »An jenem Abend ging ich eine Stunde nach dem Essen von Hause fort, weil ich Kitely unter allen Umständen noch sprechen wollte. Auf meinem Wege zu Kitelys Haus stieß ich in der Nähe meines Gartenzauns plötzlich auf ihn. Er lag am Boden. Dort haben wir auch später seine Leiche gefunden.« »War er schon ermordet?« fragte der Inspektor aufgeregt. »Das Verbrechen mußte kurz vorher begangen worden sein. Es war ihm nicht mehr zu helfen. Ich sah, wie er seinen Tod gefunden hatte, als ich ein Streichholz ansteckte und ihn betrachtete. Ich entdeckte auch die leere Brieftasche und ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt. Ich hob es auf, las es später und verwahrte es. Heute habe ich es wieder bei mir, hier ist es. Sie können es behalten. Dann ging ich weiter zu seinem Hause. Die Tür stand weit offen, und ich schaute hinein. Miß Pett saß am Tisch und durchsuchte einige Papiere und Briefschaften, auf denen ich Kitelys Handschrift erkannte. Ich war leise eingetreten und berührte sie am Arm. Sie fuhr bestürzt zusammen und schrie vor Angst auf. ›Wissen Sie auch, daß Ihr Herr dort unten ermordet im Walde liegt?‹ fragte ich sie und sah sie scharf an. Sie faßte sich aber sofort und sprang zwischen mich und die Tür. ›Nein, das weiß ich nicht‹, erwiderte sie. Aber ich wußte, daß sie log. ›Wenn er ermordet ist‹, sagte sie dann, ›so bin ich nicht erstaunt darüber. Ich habe ihn oft genug gewarnt, bei Dunkelheit nicht im Walde spazierenzugehen.‹ Ich ließ sie keinen Augenblick aus den Augen. ›Was tun Sie denn mit diesen Papieren?‹ fragte ich. ›Das sind nur alte Rechnungen‹, antwortete sie verlegen. ›Mr. Kitely gab sie mir, daß ich sie sortieren sollte.‹ ›Das ist nicht wahr. Das sind Papiere und Briefe, die Sie dem Ermordeten abgenommen haben. Ich werde die Sache sofort bei der Polizei melden.‹ Sie schlug die Tür zu und stand mit verschränkten Armen vor mir. ›Sagen Sie nur ein Wort‹, drohte sie, ›dann mache ich in der ganzen Stadt bekannt, daß Sie und Ihr Partner früher im Zuchthaus gesessen haben. Ich kenne Ihre Vergangenheit. Kitely hatte kein Geheimnis vor mir, er hat es mir früher erzählt. Wenn Sie etwas sagen, gehe ich gleich zu Mr. Bent hinüber. Die ganze Stadt soll es wissen!‹ Sie können sich vielleicht denken, in welche Aufregung ich geriet. Ich war zu Tode erschrocken, daß diese böse Geschichte herauskommen sollte, und ich war bestürzt, daß Kitely mich belogen und dieser Frau alles mitgeteilt hatte. Ich zögerte, und sie sah gleich, daß sie mich in der Hand hatte. ›Halten Sie nur Ihren Mund, dann bin ich auch ruhig. Niemand wird mich anzeigen, das weiß ich. Aber wenn Sie ein Wort verlauten lassen, kriege ich Sie schon klein. Ich zeige Sie dann bei Gericht an. Es ist viel wahrscheinlicher, daß Sie und Mallalieu Kitely ermordet haben, als ich.‹ Ich stand unschlüssig dort und überlegte. ›Ja, was soll man nun tun‹, sagte ich halb zu mir selbst. ›Gar nichts‹, entgegnete sie. ›Gehen Sie nach Hause und seien Sie vernünftig. Sie dürfen von nichts wissen. Man wird die Leiche finden. Auch dann halten Sie den Mund. Wenn Sie etwas sagen, wissen Sie ja, was Ihnen bevorsteht!‹ Es blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als mich ihrem Willen zu fügen. ›Ich werde nichts davon sagen, daß ich hierherkam und was ich hier sah‹, erklärte ich. ›Und ich halte auch reinen Mund‹, versprach sie. Dann ging ich auf einem anderen Wege nach Hause. Als ich gerade aus dem Walde heraustrat und in meine Straße einbiegen wollte, hörte ich einen Mann näherkommen und verbarg mich im Gebüsch. Er ging vorüber und schlug den Weg zu Kitelys Haus ein. Ich ging hinter ihm her und schaute oben durchs Fenster. Ich sah ihn im Zimmer sitzen und mit Miß Pett flüstern – es war ihr Neffe, der Rechtsanwalt!« Der Inspektor war vollständig verwirrt. »Aber wir waren doch am Abend dauernd in dem Hause und in dessen Nähe! Aber Mr. Pett haben wir nicht gesehen. Ich weiß nur, daß man ihn am nächsten Abend von London erwartete.« »Aber ich sah ihn. Er war schon am ersten Abend dort. Ich habe mich nicht getäuscht. Ich ging dann nach Hause, und was nachher geschah, ist Ihnen ja bekannt. Ich mußte meine Rolle weiterspielen. Die Zeitung, die ich Ihnen eben gab, las ich später am Abend aufmerksam durch. Es ist ein Ausschnitt aus einem Tageblatt von Woking und berichtet von einer Totenschau, bei der Miß Pett auch zu tun hatte. Ich bin davon überzeugt, daß sie damals ihren Herrn vergiftete. Wahrscheinlich wurde Kitely dieser Ausschnitt von irgend jemand zugeschickt, und er machte ihr deshalb Vorwürfe. Er drohte ihr vielleicht auch.« Der Beamte hatte sich erhoben und seinen Mantel angezogen. »Wissen Sie auch, daß diese Frau morgen die Stadt verläßt? Ihr Neffe ist bei ihr, er war schon die ganze letzte Woche hier. Ich verstehe, warum Sie mir das jetzt alles erzählt haben. Da die Geschichte von Wilchester nun doch allgemein bekannt ist, brauchen Sie sich nicht mehr darum zu kümmern. Ich nehme ein paar meiner besten Leute mit und gehe hinauf«, erklärte er entschieden. »Ich darf keine Zeit mehr verlieren.« »Ich begleite Sie«, sagte Cotherstone. Er wartete in dem Büro und starrte in das offene Feuer des Kamins, bis der Inspektor mit mehreren Beamten zurückkam. »Was haben Sie denn vor?« fragte er, als sie aufbrachen. »Wollen Sie die beiden verhaften?« »Ich will sie erst einem Verhör unterziehen. Jedenfalls darf man sie nicht aus den Augen lassen, nachdem man jetzt alles über sie erfahren hat. – Was gibt es denn?« erkundigte er sich, als ein Beamter ihn anrief. »Es sind eben zwei Autos angekommen. Anscheinend von Norcaster.« Der Inspektor sah sich um und entdeckte die großen, hellen Scheinwerfer der Wagen. »Ach, Sergeant Smith ist ja da. Wenn man mich braucht, weiß er, wohin ich gegangen bin. Wir haben jetzt keine Zeit zu anderen Dingen, und es besteht die Gefahr, daß die beiden sich schon aus dem Staube gemacht haben.« Als sie sich Kitelys Haus näherten, sahen sie aber, daß im Wohnzimmer Licht brannte. Der Inspektor blieb mit den anderen vor der Gartentür stehen und wandte sich an Cotherstone. »Ich weiß nicht, ob es ratsam ist, daß Sie sich gleich zu Anfang sehen lassen. Ich halte es für besser, daß ich vorne an der Tür klopfe und nach Miß Pett frage. »Sie beide«, damit wandte er sich an seine Unterbeamten, »gehen so leise als möglich zu der Hintertür, damit niemand dort das Haus verlassen kann und in die Heide entkommt. Wenn Sie hören, daß ich vorne klopfe, so tun Sie dasselbe an der Hintertür!« Die beiden verschwanden lautlos im Gebüsch, und der Polizeiinspektor schlich durch die Gartentür zu dem Haustor. Cotherstone wandte sich um und sah, daß ihnen Leute mit Laternen folgten. Er erkannte den Polizeisergeanten Smith als einen der ersten. Auch der Polizeiinspektor hatte sie gesehen und war zurückgekehrt. »Mr. Brereton ist mit verschiedenen Herren aus Norcaster hier«, sagte der Sergeant zu seinem Vorgesetzten. »Sie wollen Sie in einer besonderen Angelegenheit sprechen. Es handelt sich um Miß Pett. Deshalb habe ich sie hierhergeführt.« In diesem Augenblick ertönten zwei Revolverschüsse im Innern des Hauses. Der Inspektor eilte zur Haustür und schlug heftig mit der Faust dagegen. Man hörte, daß auch die beiden Beamten an der Hintertür klopften. Der Inspektor rief laut nach Miß Pett. Es dauerte eine Weile, und dann riß Mallalieu die Tür von innen auf. Alle waren so erstaunt, daß sie sich nicht rühren konnten. Sie schraken zurück vor dem verzweifelten Ausdruck in seinem Gesicht. Aber Mallalieu zitterte nicht. Kaltblütig hob er den Revolver und streckte Cotherstone durch einen wohlgezielten Schuß zu Boden. Dann ging er ohne Eile ein paar Schritte zurück und richtete die Waffe gegen sich selbst. Der Polizeiinspektor nahm eine der Laternen und trat über Mallalieus Leiche in das Haus, aber gleich darauf kehrte er bleich und schaudernd zurück. 31. Kapitel. Letztes Kapitel. Sechs Monate später fuhr Brereton im schnellsten Expreßzug von London nach Norcaster. Dort bestieg er den kleinen Anschlußzug, der ihn in das gebirgige Hinterland brachte. Seit jener Tragödie war er nicht wieder in diese Gegend gekommen, und als der Zug an Highmarket vorüberfuhr, wandte er sich ab und schaute auf der anderen Seite zum Fenster hinaus. Er wollte diese Stadt nicht wiedersehen und war froh, daß dieses Kapitel abgeschlossen war. Bent hatte sein Geschäft verkauft, als das Schlimmste vorüber war, und sich in aller Stille mit Lettie trauen lassen. Sie waren dann auf eine lange Reise nach dem Festland gegangen, ehe sie sich in London niederließen. Brereton hatte sie noch vor wenigen Stunden dort gesprochen und von ihnen Abschied genommen. Er hatte sich gewundert, wie ruhig die beiden über die Vergangenheit dachten. Breretons Gedanken wanderten weiter zu einem Landgut, das hinter jenen Hügelzügen lag, und das er noch nicht gesehen hatte. Nach Harboroughs Freilassung hatte er ja mit dem Fall nichts mehr zu tun gehabt und war nach London zurückgekehrt. Mit Avice hatte er stets einen lebhaften Briefwechsel unterhalten, und sie hatte ihm das neue Leben, das sie dort mit ihrem Vater führte, in allen Einzelheiten beschrieben. Ihr Vater war in die Dienste von Mr. Wraythwaite getreten, und sie wohnte in einem schönen Verwalterhause. Es war ein alter, romantischer Platz, der einsam mitten in den wilden Bergen lag. Man hatte von dort aus eine weite Aussicht auf einen Fluß und das Meer. Es mußte herrlich dort sein, aber Brereton war nun von London gekommen, um Avice mit sich fortzunehmen. Er hatte einen plötzlichen Entschluß gefaßt und nicht einmal an Avice geschrieben. Er kam auf der kleinen Station an, als die Sonne gerade hinter den Hügeln verschwand. Schnell ging er den gewundenen Weg zwischen Föhren und Tannen zu dem großen, grauen Schloß hinauf. Auf der Spitze eines niedrigen Hügels machte er halt und sah sich um. Er erkannte die Gegend nach den Briefen von Avice wieder. Dort lag das Schloß Wraythwaite, ein großes, massives Steingebäude. Im Hintergrund erhoben sich die dunklen Berge, und nach der anderen Seite hatte man einen weiten Ausblick auf das Meer. Die Ruinen eines alten Turms erhoben sich dicht in der Nähe. Aber abseits vom Schloß stand in einem altertümlichen Garten das Verwalterhaus. Er schaute lange hinüber, bevor er weiterging. Endlich eilte er weiter, und als er in den Garten trat, stand sie ihm plötzlich gegenüber. Ebenso unerwartet wie dieses Zusammentreffen war die Art, wie sie sich begrüßten. Sie reichten sich nur stumm die Hand. Und wenn der Abend hereindämmert, besonders im Frühling, kann ein Kuß mehr sagen als alle Worte.