Ludwig Tieck. Der Schutzgeist. 1839.   Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer. 1853.   Die große Haushaltung der Gräfin war seit einigen Tagen in vielfacher Aufregung. Man besorgte ihren Tod. Und da die Kranke von jedermann geliebt war, so ängstigten sich alle, und die Nachbarn sendeten fleißig, um sich zu erkundigen, wie der Zustand der würdigen Frau beschaffen sei. Ihre nächste Umgebung war am meisten in Trauer. Nur in den Augenblicken, wenn das Leben erlöschen soll, wissen die Vertrauten, was sie am Freunde besaßen. Seine Tugenden treten uns dann erst ganz sichtbar hervor, und was oft Fehler genannt wurde, verschwindet, oder die Einsicht erwacht, daß diese Mängel die Grundlage der Vorzüge bildeten, oder nur die Schatten der bewunderten Tugenden selber waren. Diese hohe, vergeistigte Billigkeit ist der edelste Abschied, den wir von dem Abreisenden nehmen, der jetzt das unbekannte, räthselhafte Reich betritt, dem wir alle im sogenannten Leben entgegen geführt werden. Der einzige Sohn, der Obrist, war entfernt und auf einer Dienstreise begriffen. Er wußte, daß seine Mutter krank sei, er kannte sie als eine stets Leidende, aber von ihrer nahe bevorstehenden Auflösung hatte er in der Ferne nichts erfahren können, weil seine Versendung ihm nicht gestattete, lange an einem Orte zu verweilen, und so wußte man in diesem Augenblick nicht, in welcher Stadt er sich eben 6 aufhalten möchte. Sehnsüchtig erwartete ihn die Mutter, aber doch mit ergebener Fassung. Ungewöhnliche Stürme hatten in diesem Frühjahr gewüthet und in vielen Gegenden großen Schaden angerichtet. Der nahe Rhein war über seine Ufer getreten und hatte Bäume, Vieh und Häuser weggeschwemmt. Menschen, die sich von der Fluth hatten überraschen lassen, waren verunglückt und die Wetterkundigen sagten fürchtend voraus, daß Wolkenbrüche von Neuem noch öfter die Fluren und Wälder verwüsten würden. Der Weltgeistliche, ein stiller bescheidener Mann, war eben in vertrauter Unterredung mit der Kranken. Unter ihren Freunden war ihr dieser der liebste, und sein Gespräch ihr das lehrreichste, weil seine milde Weise ihrem etwas heftigen Temperament am meisten zusagte. Er hatte ihr eben aus einem Briefe vorgelesen, welches Unheil die nördlichen Ströme in der Schweiz angerichtet hatten, und man sprach die Besorgniß aus, daß auch Freunde in den Landschaften dort an ihrem Vermögen beschädigt seyn möchten. Ostern, rief die Gräfin lebhaft aus, muß gutes Wetter seyn, davon bin ich innigst überzeugt, und Sie wissen, Freund, wenn ich etwas so ganz bestimmt glaube und ausspreche, daß mein Vorwissen immer eintrifft. Kann seyn, gnädige Frau, antwortete der Geistliche, aber Sie denken doch unmöglich daran, schwach wie Sie sind, Ihre Ostern in der Stadt zu feiern? Ich gebe Ihnen mein Wort, sagte die Kranke, und eine leichte Röthe überzog ihr leichenblasses Angesicht, daß ich das hohe Fest in Straßburg, in meinem geliebten Münster, begehe. Der alte Priester schüttelte wehmüthig lächelnd mit dem Kopf. Seit vier Wochen, sagte er, haben Sie das Bett nicht verlassen dürfen, mit jedem Tage werden Sie 7 schwächer, und der Arzt, selbst wenn eine Anstrengung scheinbar Ihre Kräfte erhöhte, würde niemals zu dieser Reise seine Einwilligung geben. Ich werde meinen überklugen Herrn Doktor gar nicht darum fragen, rief die Leidende mit so großer Lebhaftigkeit, daß sie in diesem Augenblick als eine Gesunde erscheinen durfte. Von dergleichen, fuhr sie fort, versteht dieser gelehrte Mann gar nichts. Glauben Sie mir nur, Krankheit, Gesundheit, Leben und Sterben hängen auch, zum Theil wenigstens, von unserm Willen ab. Ich werde meine Ostern-Andacht im Münster feiern, das weiß ich so gewiß, als daß Sie vor mir stehn und jene englische Uhr mir die Stunde richtig zeigt. Jetzt trat der geschäftige, redselige Arzt herein. Die gewöhnlichen Krankenberichte, Ermahnung zur Ruhe fielen vor und wurden abgehandelt. Sie haben unserm Freunde nichts von Ihrem Vorsatze mitgetheilt, fing der Geistliche an, nachdem der Arzt sich entfernt hatte. Davor werde ich mich wohl hüten, erwiederte die Gräfin, warum mich mit dem Rechthaber zanken, der mich schon seit einem Jahre wie einen Leichnam behandelt, der durch seine Kunst nur noch in beigebrachten Springfedern sich bewegt! Er würde mir die Unmöglichkeit beweisen, denn er versteht nichts von Seele und Geist, die er höchstens auch nur für Gas, oder Electricität und Galvanismus hält. Eine Fürstin aus der Nachbarschaft, die am Schlosse vorgefahren war, ließ sich jetzt melden. Man sah, daß die Kranke verdrüßlich war, doch hielt sie es für unmöglich, den vornehmen Besuch abzuweisen. Beim Eintritt der Dame entfernte sich der Geistliche. Er setzte sich, nachdem er durch den vordern Saal gegangen war, im Vorzimmer zum Arzte nieder. Die Fürstin war klug genug, die Kranke nicht lange 8 zu belästigen, und trat jetzt mit ihrer Hofdame zu den beiden Männern. Wie finden Sie die Kranke, Doktor? fragte sie leicht hin. – Sie ist ihrem Ende nahe, sagte dieser bekümmert. – Denken Sie, rief die Dame, daß sich die Kranke fest einbildet, sie werde Ostern drüben im Münster seyn können. Ach Gott, erwiederte der Arzt, man möchte fast lachen, wenigstens ist ein Lächeln zu verzeihn. Glauben mir Durchlaucht, die Aermste wird Ostern gar nicht erleben, ihr Lebensfaden ist so mürbe und so dünn, daß er in wenigen Tagen abreißen muß. Nenne man unsre Kunst immerhin eine trügliche und ungewisse, bei diesen ganz unzweifelhaften Symptomen, bei diesen längst allgemein anerkannten Regeln können wir wenigstens nicht irren. In drei Tagen ist sie nicht mehr. Und wenn auch: – sie drei, vier Meilen reisen? Vielleicht im Sturm? Ueber das Wasser auf der Fähre setzen? Wenn sie gar über Kehl reisen wollte, – wo sie in die feindlichen Truppen gerathen möchte? Unsinn! Aber man lasse ihr den Wahn, der ihr so lieb ist. Sie wird in Schwäche ruhig einschlafen und ihren Irrthum gar nicht gewahr werden, – als jenseit, – wie wir uns auszudrücken pflegen. Als die Dame sich entfernt hatte, sagte der Arzt: Traurig für uns Männer der Wissenschaft, daß wir so oft bei unsern Kranken nicht bloß ihr Uebel, sondern auch noch ihre Grillen zu bekämpfen haben. Und Sie glauben nicht, wie diese Grillen, unnütze Gedanken und Wünsche, Erhitzungen und Einbildungen in der Regel das Uebel vermehren und wohl gar eine unbedeutende Krankheit zu einer gefährlichen machen können. Menschen, die dem Arzt, was die körperliche Diät betrifft, die gewissenhafteste Folge leisten, erlauben sich Schwelgereien des Geistes, die den Organismus 9 aushöhlen und die letzten Kräfte vernichten. Bei unserer Sterbenden ist es freilich eine andere Sache, diese darf sich in diesen letzten Tagen alles erlauben, denn hier kann nichts besser und nichts schlimmer werden, und genau genommen, bin ich ihr schon ganz überflüssig. Er ritt fort, um in der Nachbarschaft einen Patienten zu besuchen. Der Geistliche ward wieder zur Kranken gerufen. Ich mißbrauche vielleicht Ihre Freundschaft, verehrter Mann, sagte sie, aber gedulden Sie sich bis Ostern, dann sind Sie mich los. Sie scherzen, sagte der Mann gerührt, aber wenn Sie eine wahre Freundin sind, wie ich glaube, so möge auch ein solcher Scherz unter uns nicht stattfinden. Setzen Sie sich, sagte sie, gut, daß ich nicht mehr lange mit diesen meinen Organen denken und phantasiren werde, denn sonst, da ja die Wände Ohren haben, brächte ich Sie noch in den Ruf der Ketzerei. Wenn unser Pater hier im Ort, oder der Bischof der nächsten Stadt unsre Diskurse hören könnten, – was würden diese frommen Männer dabei denken? Oder sie würden vielmehr nicht denken, sondern nur verurtheilen und verdammen. Ist nicht, sagte der Geistliche, von jeher alles mit dem Namen Ketzerei belegt worden, was unser innerstes Gemüth, die Erscheinungen dort, die Bewegungen unsers Herzens, die eigentlichsten, wahrsten Gedanken unsers Selbst aussprechen will? Das ist das Babylon unsrer angestammten Verwirrung, daß unsre Gedanken sich nicht verstehn. Daß sogenanntes Wissen, Studium, System meist nur dahin streben, unsern eignen Geist, die nächsten Gedanken zu verdämmern, die Freiheit der Seele, die sie doch in diesem Leben erstreben soll, wenn sie sie auch nicht erringen kann, zu bestricken und 10 zu fesseln, und das wird dann Rechtgläubigkeit, Ueberzeugung und Philosophie genannt. Wer sich diesen Käfigen nicht fügen will, ist Ketzer, unwissend, unfähig oder bösgewillt. Ich glaube Sie zu verstehn, sagte die Kranke. Freilich ist es mit der weltlichen Wissenschaft nicht anders, wie mit der Religion und dem sogenannten Glauben. Der grobe Zweifel ist nur ein versteckter Aberglaube und springt oft plötzlich sichtbar genug in diesen über. Und was sollen wir überhaupt Aberglauben nennen? Er ist wohl, recht verstanden, die Wurzel unsers Daseins. Nur die falsche Consequenz, sagte der Priester, sollte man Aberglauben nennen. Die ins Unendliche gethürmten Schlußfolgen richtiger Wahrnehmungen und erlebter Erscheinungen, durch die wir endlich, vom Lügengeist den Visionen des Schönen und Heiligen entführt, in die Region der dümmsten Dummheit, des Aberwitzes, der Verfolgung und Grausamkeit gelangen. Dies ist die Geistergeschichte, die immerdar in die Weltgeschichte hinein wirkt. Meist fürchterlich und unmenschlich. Wenn das Gefühl der Liebe sich nicht genügt, wenn das, was unsichtbar bleiben muß und nur im Glauben besessen werden kann, sichtbar werden soll, eine Münze für Handel und Wandel, oder ein Gespenst, welches die geistige Entzückung in krasser Erscheinung überbietet, so entsteht Schwärmerei, Religionskrieg, Marter, und die verirrte Liebe zündet Scheiterhaufen an, um die verletzte, nach ihrem Wahn gekränkte Gottheit zu sühnen und zufrieden zu stellen. – Ja wohl, sagte die Kranke, ist das jenes Kapitel, welches wir so oft durchgesprochen haben, der Text, der eine mündliche Auslegung in tausend mannigfaltigen Gestalten zuläßt. Ich hoffe, daß ich Vieles nach meiner Anschauung heller sehn und verstehn werde. Denn eben das Organ, welches uns Menschen gegönnt ist, um uns dem Unendlichen 11 zu nähern, beschränkt uns auch wieder und hindert uns. Und es ist gut, daß es so ist; denn nicht bloß Fürwitz, auch der redliche Wahrheitstrieb würde sonst über dieses Leben hinausspringen. Alles, fuhr der Geistliche fort, muß auf diese Weise, um die Freiheit zu gewinnen, seine ihm zuerkannte Schranke und Hemmung suchen. Es ist mit der eigentlichen Wissenschaft, welche die Erscheinungen verstehn und bewältigen will, nicht anders beschaffen. Gewiß, sagte sie. Welche vornehme Miene giebt sich in unsern Tagen die Natur-Wissenschaft. Sie spricht ohngefähr, wie früher die Philosophie und in noch ältern Zeiten die Theologie, als wenn von ihr das Heil der Welt und die wahre Erlösung der Menschheit ausgehn würde und müsse. Wie viel neue, große Entdeckungen sind auch in der That gemacht worden! Der jetzige Wissende und Eingeweihte kann auf die Gelehrten voriger Jahrhunderte wie auf fähige, gut geartete Kinder hinabsehn. Er hat viel mehr Elemente, Gas, Oxyd, Minerale, Versteinerungen als jener. Ganz andre sogenannte Naturgesetze. Er spielt jetzt, experimentirt schärfer, vielseitiger, reicher in Combinationen, als jener, ob am Ende tiefsinniger, mag dahin gestellt bleiben. Denn keiner dieser Weisen der Gegenwart kann mir es erklären, was der Sturm ist, oder woher er entsteht, was das Wesen der Electricität, oder der Galvanismus sei; was der Magnet unsrer Erde bedeute. Drum eben, fuhr der Geistliche fort, müssen auch diese Wahrnehmungen, Erfahrungen und Hypothesen oder Einsichten eine für sich abgeschlossene, bestimmte und beschränkte Wissenschaft bilden, die aus ihren menschlichen, geistigen oder irdischen Schranken nicht hinaus kann und soll, um nicht, wie alles Hohe und Edle, Schwärmerei und Tollheit zu 12 werden. Erleben wir doch auch, zu welchem Aberwitz die Entdeckung des Magnetismus, Hellsehens, und andrer halb geistigen Erscheinungen führt. Hier muß ein Aberglaube an Wissenschaft den schlimmeren Aberglauben des Wahns und der Schwärmerei fesseln und unschädlich machen. Und eben so, erwiederte die Kranke, daß der gläubige Christ doch auch wohl die ehrwürdige Wissenschaft der Theologie ansehe. Das Unmittelbarste, Geistigste, das was nur erlebt werden kann, kann sie eben so wenig lehren und zum Gesetz stempeln, wie Philosophie, Philologie, oder Physik die Erscheinungen und Geheimnisse des Denkens, der Sprache, oder der Natur auf immer feststellen und befriedigend lösen können. Aber, wie auch für Politik, muß eine Wissenschaft da seyn, die alles Denkbare, alles in der Erfahrung Mögliche in ihre Schranken aufnimmt, und immer neue Fächer ausbaut, um alles Vorgefundene unterzubringen. Diese Bienenthätigkeit unsers Geistes, diese Kraft der Menschheit ist denn doch das Edelste, was uns verliehen ist. Vereint mit jener unmittelbaren Offenbarung Gottes, sagte der Weltpriester, welche sich nie erschöpft, nie ruht, immer wieder für den frommen Menschen Mensch wird. Dieses unmittelbar Erlebte, diese Bewegung unsrer innigsten Schöpfungs- und Heilkräfte muß in die Sabbathstille unsers Gemüths, in die heiligste Kapelle gelegt und aufbewahrt werden, um dem Pöbel und Unverstand nicht zum Mißbrauch zu dienen. Wer diese Kleinodien verwahrlost, oder, mit ihnen geputzt, auf den Markt hinaustritt, um sie auszubieten und sich Ansehn zu erwerben, der wird eben Charlatan und falscher Prophet, deren Anzahl unendlich ist. Und sehr oft waren es ursprünglich die edelsten Geister. – Aber, Gräfin, diese Discurse werden Sie ermüden und erschöpfen. Wie wenig kennen Sie mich, sagte sie lächelnd, wenn 13 Sie das wirklich glauben. Sie, im Gegentheil sind mein wahrer Arzt. Sprechen wir noch einige Tage so, so wird das mir die Kraft geben, meine Oster-Reise ungehindert zu vollbringen. Es war ein Brief vom Obristen angelangt. Er schrieb, daß es ihm unmöglich sei, so wie er ehemals versprochen hatte, in einer bestimmten Zeit zurück zu kommen. Der Mutter bangte sehr nach ihm und der Geistliche war tief betrübt, weil er nun mit Gewißheit voraussehen konnte, daß der Sohn die Kranke nicht mehr im Leben finden würde. Diese war sehr nachdenkend und saß im Bette aufrecht, Stunden und Tage an den Fingern abzählend. Ich werde ihn doch noch sehn, sagte sie dann nach einer Pause. Es ist doch ein seltsames Gefühl, wenn man, so nah an der Pforte des Todes, die Minuten fast berechnen und geizig und knausernd, wie die letzten Münzen eines Verarmten, in Anwendung bringen muß: den Heller und Pfennig dreimal umkehren und prüfend ansehn, ehe man ihn ausgiebt. Ich habe mir aber fest vorgenommen, vor Ostern nicht zu sterben, und nicht, bevor ich meinen lieben Sohn wieder gesehn habe, und dabei wird es denn auch sein Verbleiben haben. – Sie sehn mich verwundert an, und schütteln mit dem Kopfe? Es wird sich zeigen, wer sich von uns beiden in seiner Rechnung irrt. Als der Arzt wieder kam, erzählte dieser umständlich von den mancherlei Unglücksfällen, die sich durch die neulichen Ueberschwemmungen in benachbarten Provinzen ereignet hätten. Man kann, beschloß er, die Natur und ihre Elemente immer noch nicht so bändigen, daß der Mensch nicht von Zeit zu Zeit von ihrem Humor leiden müßte. Stellt sich 14 die Natur einmal eigensinnig oder erboßt auf die Hinterbeine, so sind unsre Dämme und Schleusen, Brücken und Verwallungen nur Kinderspiel. Das alles legen wir sorgfältig und mit Nutzen an, im Vertrauen auf den stillschweigenden, aber niemals laut ausgesprochenen Contract, daß die Alte sich vernünftig betragen, daß sie Lehre annehmen, daß sie sich gesittet aufführen würde. Sie ist auch im Wesentlichen schon recht gut erzogen und hat ihre schlimmsten Unarten abgelegt; denn wie ungefüge sie sich in den frühesten Zeiten mag geberdet haben, davon können wir uns schwerlich eine Vorstellung machen. Die kleinsten Späße ihrer wilden Kinderspiele liegen noch als die Granitblöcke von tausend Zentnern in den Feldern umher, die letzten wilden Wasserstürze in der Schweiz und des Niagara und einige in Norwegen, die noch nicht eingezogen sind, um sie Mühlen und Fabriken dienstbar zu machen. Sie haben sehr Recht, sagte die Kranke. Oft ist es, als wenn diese sogenannte Natur in Schlaf versunken wäre und saumselig so hin träumte, ihrer selbst nicht bewußt. Dann gedenkt sie manchmal plötzlich ihrer Riesenkräfte und verhöhnt die Anstalten und den Hochmuth des kleinen Menschengeschlechtes. Alle Sagen und Propheten träumen auch von einer Zeit, in der sie sich ihrer alten Stärke erinnern wird, und noch einmal wüthen und rasen, um sich selber zu vernichten. Mit dem Menschen, diesem Mikrokosmus, sagte der Priester, ist es ja eben so beschaffen. Auch den frömmsten, sanftesten, der sich am meisten gebildet hat, wie man sich ausdrückt, kann die Raserei der Leidenschaft wieder einmal überraschen, um ihn sich völlig unähnlich zu machen. Sehr oft, sprach die Kranke, als der Arzt sich verabschiedet hatte, indem sie plötzlich in einen andern Ton fiel, 15 ist es uns, als ahndeten wir in näherer Anschauung das eigentliche Wesen unsrer Seele. Wie wir uns selbst, sprichwörtlich, immer die nächsten sind, im Erkennen, in der Ausbildung unserer Talente, im Bewußtsein unsrer Kräfte: so ist doch jenes ächte Bewußtsein, weshalb wir allen diesen Reichthum besitzen, wohin uns diese mannigfaltigen Fähigkeiten führen sollen, immerdar ein Räthsel, oder wir stellen uns vielmehr diese Frage nicht. Unsre Seele, unser innerstes Selbst, steht uns so immerdar in einer unendlichen Ferne, wie unerkennbar, fabelhaft, und wenn wir denn im gewöhnlichen Leben so dreist von ihr sprechen, von ihrer Bestimmung, Hoffnung, künftigen Seligkeit, so ist das ganz mythologisch, um nicht fabelhaft zu sagen. Wir beruhigen uns dann an Bildern, Worten, sind mit halben Gestaltungen im blaßfarbigen Nebel zufrieden, um vor uns selber nicht zu erschrecken, ja uns innigst zu entsetzen. Wir sterben vielleicht, müssen wohl verscheiden, wenn wir uns selbst wahrhaft und ganz nahe gewahr werden. Wir gehn mit uns selbst immer nur im Bilde um, wie mit einer dritten Person: daher ist, so angesehn, der Glaube an uns selbst immer nur ein halber. Und es muß wohl so seyn, daß wir uns nur in einem Spiegelbilde erkennen, und doch, wenn wir uns besinnen, es recht gut wissen, daß jene scheinbare Wesenheit nur eine Spiegelung ist. Sie helfen mir, sagte der Geistliche, zu Ausdruck und Verständniß, die mir sonst nicht so deutlich aufgehn wollten. Und dann, fuhr die Kranke fort, kommen wohl diese Momente, Blitze, Orakel, wo uns (wie mir es eben geschah) aus dem tiefsten Unbewußtsein, jenem Urbenennen des Lebens und der Ewigkeit, ein Wort, ein deutliches, sich ablöset, empor tönt und unser ganzes Sein, alle diese vielfachen Ringe, Netze und Fäden durchklingt, und die ewige nothwendige 16 Täuschung fällt nieder, und ich bin bei mir selbst. Nun weiß ich auch, oder fühle, oder sehe (hier passen die Worte gar nicht mehr), weshalb ich bin, und wohin ich gelangen soll. Aber wie kann unsre menschliche Rede, diese Zwillingsschwester der Lüge, das, was ich in diesen Momenten der Wahrheit erfahren habe, nur irgend aussagen, oder andeuten? Der Geistliche sah sie mit einem durchdringenden Blicke an und sie schlug das große begeisterte Auge vor seiner Anfrage nicht nieder, so daß sich die Seelen im feinen Element des Lichtes begegnen konnten. Ja wohl, sagte er nach einer langen Pause, ist der Mensch schon als Mensch unaussprechlich glücklich. – Könnte man dies nicht, sagte er ruhiger, was wir jetzt erlebt haben, das ächte Hellsehen nennen? Das, was jetzt so sonderbar betrieben wird, ist mehr ein subtilisirter Traum vom Traum, ein Vergröbern oder Vernichten unserer Fähigkeiten, und den Kunst-Kranken steht ihre Seele noch um tiefe Fernen weiter und unkenntlicher entrückt, als in ihrem gewöhnlichen Zustande. Gewiß, antwortete sie, giebt es von dieser Krankheit auch tausend Arten und Abarten. Und wo ist der Arzt, in ihnen die höheren zu erkennen: wo der Magus, sie zu veredeln? So oft geht sein Gemüth und Wesen bis auf Zufälligkeit oder Rohheit in die Kranke über; oder sie wird wieder kindisch zum Kinde. alle Schatten verwundenen Aberglaubens verfinstern wieder den Geist, und grobe Lüge handthiert enthusiastisch in dem vibrirenden Netz der Krankheit aufgeregter Nerven. Unser Gespräch, sagte der Priester, erinnert mich lebhaft an eine alte Geschichte, soll ich sie Abentheuer des Geistes oder theologische Novelle (wie man denn, jetziger Mode nach, alles Novelle nennt) oder Metamorphose, Umgestaltung eines großen, mächtigen Geistes nennen? 17 Erzählen Sie, sagte die Kranke, und lassen Sie Titelschrift, Eintheilung und Namenregister fahren: ich bin in der Stimmung, mich durch eine solche Zerstreuung zu erbauen. Morgen, sagte der Geistliche, indem er Abschied nahm; Sie, Gräfin, bedürfen des Schlafes, und mich rufen einige kirchliche Geschäfte in mein Haus. Ich habe die Erzählung vor einigen Jahren schon niedergeschrieben, und morgen, wenn Sie noch denselben Wunsch haben, werde ich sie Ihnen mittheilen. Man kann sich bei dieser geistigen Begebenheit vielerlei denken, und in dieser Stimmung, verehrte Freundin, Gedanken zu erzeugen und zu hegen, sind Sie fast immerdar. Die Gräfin hatte in der Nacht nur wenig schlafen können. Sie selber war ungewiß, ob die Schmerzen oder die aufregenden Gespräche sie munter erhalten hatten, aber sie fühlte sich am Morgen ziemlich wohl, und beschloß also, ihrem zu redseligen Arzte diese Schlaflosigkeit nicht zu klagen. Der Geistliche begrüßte sie, und sagte nach einigen gewechselten Reden: Der Gegenstand unsers gestern abgebrochenen Gespräches ist kein geringerer, als der berühmte große Tauler, ein wahrhafter Mann Gottes, einer von jenen Erleuchteten, an welchen sich die Gnade vorzüglich kund gethan hat. Ich habe, erwiederte die Gräfin, schon vor Jahren in seinen Predigten hie und da gelesen, weiß aber von seiner Geschichte nichts. So weit ich seine tiefsinnigen Worte verstehn konnte, die doch so klar und einfach lauten, ist er ein ächter Prophet. Ich will damit sagen, daß jeder seiner Sprüche eine von ihm selbst erlebte Wahrheit ist, und daß seine Seele zugleich mit allen ihren Kräften sich so still und ruhig hält, ohne Widersetzung des Talentes oder gar Stolzes 18 und Eigenwillens, daß die göttliche Kraft in ihm Raum findet, sich im Worte zu äußern, fast ohne andere Hülle, als wie sie unsre sterbliche Sprache nothwendig macht. Ja wohl, erwiederte der Priester, und wie es zugleich die Zeit gebietet, die gewaltigste Beherrscherin unsrer Seele, wie wir diese in unserm dermaligen Zustande kennen. Denn durch die Folge der Worte und Gedanken in der Zeit erfährt unser Geist nur von sich selbst etwas, und nur so kann Gefühl, Kraft und Ueberzeugung auf ihn einwirken; in Pulsen und ruhenden Zwischenräumen, wie Blutlauf und Athemholen. Nun nach einigen Momenten der Blitzstrahl der höchsten Entzückung, oder der wahren Idee, welcher Bewußtsein und den Wellenschlag der Zeit auf einen Augenblick vernichtet. Oder die Idee und Entzückung leuchtet in uns auf, und der ordnende Geist richtet nun in Worten und Zeitfolge die himmlische Erscheinung in sein Fachwerk des Gedankens ein, um sich im Bewußtsein und Gedächtniß die Einwirkung der göttlichen Kraft zu erhalten: dauernd, aber auch nur wie nachschattend, bis denn irgend einmal diese Gedankenfolge wieder in jenen Glanz des unmittelbaren Göttlichen zurück fliegt. Und so werden wir, antwortete sie nachdenklich, auch wohl in Zukunft in der Zeit und ihren Pulsen leben müssen, wenn uns auch die Gegenwart klarer und näher treten sollte, die der Mensch eigentlich fast ganz entbehrt, so wie das Thier nur in dieser zu leben scheint. – Doch jetzt zu Ihrer Erzählung oder Geschichte. Der Geistliche nahm einige Blätter aus seiner Tasche, indem er sagte: Ich habe nur ausgezogen, was sich weitläuftiger in den alten Ausgaben der Taulerschen Predigten findet. Die Geschichte ist mir merkwürdig als ein Vorbild von dem, was sich auf diese oder jene Art im Leben eines 19 jeden Menschen findet, und das sich wohl nach dem Tode in der Seele derer entwickelt, die nicht diesseit die große Erfahrung gemacht haben. – Er las: Um das Jahr 1340 lebte ein hochberühmter Prediger, der Doctor der Theologie, Tauler, in Straßburg. Ei! unterbrach die Kranke: sehn Sie, Freund, was der Mensch ein schwaches und gebrechliches Wesen ist! Da steht mir nun mein Geburtsort Straßburg, und in ihm der herrliche Münster, das unendlich schöne Gebäude vor Augen, so daß ich gleich im Anfang mich von Ihrer Erzählung abwende. Also dort war dieser große Mann einheimisch? – Ich muß nun auch von allen zufälligen Bildern abstrahiren (ein Ausdruck, den mein wunderlicher Onkel immer brauchte) und Ihnen aufmerksam zuhören. Der Priester Theodor lächelte und las in seinen Blättern also weiter: Der Ruhm dieses Mannes war damals weit verbreitet, so daß viele gelehrte Theologen von fernen Gegenden kamen, um ihn predigen zu hören, sich an seinem frommen Wandel zu erbauen und durch seine Gespräche zu belehren. Es schien auch, als wenn durch seinen Mund ein Geist der Weihe redete, denn Seegen verbreitete sich durch seine Ermahnungen und selber verstockte Herzen erweichten sich, von seinen erschütternden Reden angerührt. Die Stadt war stolz darauf, den großen Mann den ihrigen nennen zu dürfen, und jeder Fremde von Bedeutung, der durch die Thore eintrat, machte es sich zu einer wichtigen Angelegenheit, diesen Mann Gottes kennen zu lernen, oder im Tempel wenigstens eine von seinen Predigten zu hören. So war es denn nicht auffallend, daß sich aus einer entfernten Gegend ein Laie aufmachte, diesen weitberühmten Mann, den großen, vielbegabten Tauler zu sehn und die Worte seines geweihten Mundes zu vernehmen. Dieser Laie 20 ging in die Kirche, zu welcher die Menge hinströmte, um die herrlichen Reden Taulers zu hören und ihr Gemüth für das Unsichtbare vorzubereiten. Als der Fremde den Prediger zurück gekommen glaubte, besuchte er diesen selbst, um im mündlichen Gespräch ihm näher zu kommen. Er fand den berühmten Tauler als den sanftmüthigsten und bescheidensten Mann, so daß er einsah, er möchte und dürfte mit ihm ganz aus vollem Herzen sprechen. So bat der Laie denn, der Priester möge seine Beichte hören, und ihm darauf das heilige Abendmahl reichen. Das geschah. Nach einiger Zeit, als der Meister den Laien als sein Beichtkind angenommen hatte, und dieser schon manche seiner Predigten mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte, sagte der Fremde in einer vertrauten Stunde zum Priester: Lieber Herr und Meister, ich bin aus weit entlegener Stadt über dreißig Meilen hieher gereiset, um Euch zu sehn und zu hören, Ihr habt mich auch freundlich und christlich aufgenommen, mir auch manches aus dem Schatze Eurer Weisheit mitgetheilt, seit zwölf Wochen bin ich nun hier in Straßburg, und ich muß bald darauf denken, wieder in meine Heimath zu kehren, darum bin ich so dreist, Euch, als meinem Befreundeten, eine Bitte vorzutragen, die mir zunächst am Herzen liegt. Rede, mein Sohn, antwortete Tauler, und was ich vermag, soll Dir gewährt seyn. Schenkt mir noch eine Predigt, sagte hierauf der Laie, die uns lehrt, wie der Mensch in diesem Leben auf das Höchste kommen, auf welche Art er zu Gott, so viel es irdisch möglich, am nächsten gelangen möge. Tauler sah den Bittenden mit einem großen Blicke lange an, dann sprach er: Lieber Sohn, was sollte das, wenn ich es vermöchte, uns beiden nützen? Denn, wenn mir diese 21 große Aufgabe gelingt, so möchtest Du mich doch schwerlich verstehn, weil Du in den Tiefsinn des göttlichen Wortes nicht eingeweiht bist. Wenn es mir aber gelingen soll, vielleicht Manche meiner Gemeine zu diesem allerhöchsten christlichen Standpunkt hinauf zu führen, so muß ich mich lange zu dieser Predigt vorbereiten und alle meine Kräfte sammeln: ein Studium und eine Anstrengung, die Zeit und Erholung des Gemüths erfordert. Der Laie ließ aber nicht nach mit Bitten, daß Tauler endlich versprach, jene Predigt bald zu halten, die er auch am Sonntage, als seine Gemeine in der Kirche versammelt war, dieser verhieß, als eine Anweisung, den Weg zu finden, wie der Christ in diesem Leben sich zur höchsten Stelle erschwingen könne. Diese tief durchdachte Rede, in welcher Tauler alle seine Kraft und Kenntnisse niederlegte und allen Tiefsinn seines Geistes entwickelte, zeigte in vier und zwanzig Artikeln, was der fromme Glauben nur in seiner Seele und seinem Herzen thun müsse, um jene hohe Staffel zu erklimmen, auf der schon im Leben der Mensch als himmlisch verklärt wird. Alle Frommen der Stadt waren erbaut und meinten, so hoch verständig, so tiefsinnig und eindringend habe der große Mann noch niemals gepredigt. Am andern Tage kam der Laie zum Priester. Seid Ihr nun zufrieden, junger Mann? fragte dieser: hat Euch mein Sermon Genüge geleistet? Der Laie antwortete: Hochwürdiger Vater, ich habe die Nacht damit zugebracht, aus meinem Gedächtniß Eure ganze Rede und alle die Artikel, welche sie enthielt, genau aufzuzeichnen, seht selbst diese Blätter durch, ob etwas mangelt, oder ob ich Euern Sinn verstanden habe. Tauler nahm das Papier und las es mit wachsendem Erstaunen; als er geendigt hatte, sagte er: Mein Bruder, ich 22 hätte niemals geglaubt, daß Ihr so weise und gelehrt wäret, auch habt Ihr Euch niemals, weder im Gespräch noch in der Beichte, etwas von Eurer großen Wissenschaft merken lassen. Der Laie antwortete hierauf nichts weiter, sondern beurlaubte sich, um nach seiner Heimath zurück zu kehren. Tauler aber, der den Fremden erst jetzt lieb gewonnen hatte, da er zugleich seine Gelehrsamkeit achten und seinen Tiefsinn bewundern konnte, drang mit Bitten in ihn, zu bleiben, und versprach, da er von jenem verstanden werde, noch mehr, und vielleicht noch bessere Predigten zu halten, an welche er mit voller Liebe seinen ganzen Fleiß wenden wolle. Woher das, geehrter Meister? antwortete ihm der Laie. Ich bin Euch überflüssig und Ihr könnt mir nichts helfen, denn Eure große Gelehrsamkeit, Euer Scharfsinn, die rührende Sprache, womit Euch der Himmel begabt hat, alles das ist es nicht, was uns hinauf führt auf jenen Standort, welchen ich meinte, und der dem Christen durch die Gnade des Vaters, die Schrift und die Offenbarung des göttlichen Sohnes zu besteigen gegönnt wird. Ihr freut Euch noch menschlich andrer hoher Gaben, Ihr sucht nicht Gott, sondern Euch selbst: Euch ist das Geheimniß noch nicht erschlossen worden, durch Demuth, durch die Vernichtung Eurer selbst den Ewigen und dessen unergründliche Liebe zu finden. Ihr webt und lebt noch im Buchstaben, im Wort, Ihr dient, so geistlich Ihr Euch dünkt, der Welt und ihrem Schimmer. Wenn Ihr in die Tiefe Eures Wesens steigt, so ergründet Ihr nur immer mehr und mehr Wohlgefallen an Euch selbst, die Liebe, die Ihr zu Euch selber tragt, die Kräfte, die Ihr in Euch entdeckt, und die Euch wie Minen Goldes entgegen glänzen, rühren und erfreuen Euch innigst, und Ihr wähnt dann, vom Strahl Gottes und seiner Liebe angefaßt zu seyn. Könnt Ihr nicht Alles, was Ihr bis 23 jetzt gelernt und geschätzt habt, von Euch werfen, so bleibt Euch der Weg zum wahren Heil verschlossen. Im Traum wurde ich in meiner Heimath von einer Stimme dreimal aufgerufen, hieher zu reisen, um Euch aufzusuchen, nachdem ich schon lange vorher von Euch, Eurem frommen Wandel, Eurer Gottesfurcht und Eurer unvergleichlichen Prediger-Gabe gehört hatte. So ließ es mir keine Ruhe, bis ich Eure Worte vernommen und Eure Gestalt gesehn hatte. Nun kann ich von Euch scheiden, weil ich es weiß, daß unsere Wege ganz und auf immerdar auseinander gehen. So lebt denn wohl, Meister, denn ich glaube fast, Ihr versteht meine Meinung nicht, denn Ihr seid, wie so mancher würdige Lehrer, wie so viele, die dennoch Nutzen stiften, nicht ein sich selbst Verleugnender, sondern einer, der sich selber sucht, ein Pharisäer. – Die Vorlesung war hier unterbrochen worden, denn der ungestüme Arzt hatte sich nicht abweisen lassen. Als er eintrat, sagte er: Verzeihung, da ich aber doch zurückkehre, mußte ich Sie, theure Gräfin, noch einmal sprechen. Er fühlte den Puls, schrieb ein Recept, sprach und verordnete, und ging dann auf Nachrichten und Neuigkeiten des Tages über. Neben so vielem Unglück, das sich jetzt zuträgt, fuhr er fort, ist denn auch neuerdings eine widerwärtige Geschichte vorgefallen, die ich Ihnen lieber selbst mittheilen wollte, damit nicht ein roher Mensch vielleicht Sie in Ihrer kranken Aufgereiztheit mit der seltsamen Neuigkeit verletze oder erschrecke. In jener großen deutschen Handelsstadt, die nicht so gar entfernt von hier liegt, ist vor einigen Nächten ein furchtbarer Mord begangen worden. Ein Tischlermeister, 24 der schon seit Jahren in seinem Gewerbe zurückgekommen und tief verschuldet war, hat sich der Verzweiflung ergeben. Er war Witwer, aber Vater von fünf Kindern, zwei Knaben und drei Mädchen, alle unmündig, das älteste zehn, das jüngste kaum zwei Jahr alt. Den Nachbaren fällt es auf, daß seine Wohnung am Morgen so lange verschlossen bleibt, man bricht endlich die Thüren auf und findet ihn als Leiche, alle Kinder mit abgeschnittenem Hals und einen Zettel, in dem er sagt, daß er nicht anders sich habe helfen können. Die Kranke seufzte tief auf, der Priester sah bekümmert zu Boden und der Arzt fuhr entrüstet fort: Alles die schrecklichen Folgen der Weichlichkeit unsers Jahrhunderts, einer falschen Humanität. Hätten unsre Gerichte nicht schon seit lange alle Verbrecher und Mörder, wo es nur irgend auslangen mochte, für Geisteskranke und Wahnsinnige ausgegeben, so wäre jener moralische Schreck, der wohlthätige Schauder vor dem Gesetz im Volke geblieben. Seit es aber Mode geworden ist, Mörder und Brandstifter für poetisch Aufgereizte, für Träumer oder Zerstreute auszugeben, die oft einem starken Antriebe, auch wenn sie wollten, durchaus nicht widerstehn können, seitdem hat sich Alles, was wir ehemals mit ganzer Seele verabscheuten, in eine Art von Curiosität verwandelt, die wir eben so neugierig, aber ohne moralischen Widerwillen, wie eine jede andere Rarität betrachten. Ist nun beim gemeinen Mann das Gewissen erst überwunden, so leistet ihm jene ehrwürdige grauenhafte Gestalt des Gesetzes, der Schande, des allgemeinen Abscheues keinen Widerstand mehr, ja es giebt Menschen, die aus Eitelkeit das thun, was vormals auf ein Jahrhundert den Menschen zum verruchten Bösewicht stempelte. Man sieht es aber auch endlich ein, denn die Gerichte haben sich sogleich versammelt, für die armen Kinder ein christliches, sehr 25 anständiges Begräbniß verordnet, wobei sich der ganze Rath und eine angesehene Bürgerschaft eingestellt hat, der Mörder aber ist, als wäre er noch lebendig, verurtheilt und sein Körper vom Henkersknecht auf ein Rad des Hochgerichts gelegt worden. Die Kranke richtete sich auf und sagte: Ist es nicht sonderbar, daß sich dieselbe Geschichte schon einmal, und in derselben Stadt ereignet hat? Es werden jetzt ohngefähr zehn Jahr seyn, als ein Mord einer ganzen Familie gerade eben so geschah, und der Rath es damals auch für nothwendig hielt, den unglücklichen Vater unter beschimpfenden Ceremonien auf das Hochgericht zu werfen. Diese That hat also damals doch auch nicht jenen heilsamen Schrecken erregt, der aus ihr folgen sollte. Der Arzt schlug es ab, im Schlosse sein Mittagsmahl einzunehmen, und als er sich entfernt hatte, sagte der Geistliche: Diese Geschichte, theure Gräfin, hat Sie mehr angegriffen, als es der Doktor bemerkt hat. Ja wohl, erwiederte sie. Ich begreife die Menschen nicht, die gerade bei so ungeheuern Vorfällen, die mein Wesen in allen Tiefen erschüttern, gleich mit einem moralischen Urtheil so bei der Hand seyn können. Fühle ich mich in den Zustand des erbarmungswürdigen Vaters hinein, so vergehn mir alle Gedanken. Wie unsre Seele beim Anschaun großer Tugend und Aufopferung vor Wonne erschrickt und in einem Schwindel von Bewunderung hinauf entzückt wird, so geschieht etwas Aehnliches bei solcher übermenschlichen Unthat. Wir wissen uns nicht zu fassen und können nicht unterscheiden, ob Grauen, Schreck, Mitleid, Staunen oder Haß in uns mächtiger wirken, und da Alles, was von Menschen geschieht, auch als möglich in der eignen Seele ruht, so erfaßt uns ein Entsetzen vor uns selbst, das auf lange 26 allem Urtheil Laut und Stimme nimmt. In wiefern Gesetz und Richter anders fühlen und sprechen dürfen, ist eine andere Frage. Ja, meine edle Freundin, sagte der Priester, darum ist auch der Stand des Geistlichen ein beneidenswerther, weil er eigentlich mit diesen Justiz- und Moral-Fragen nie etwas zu thun hat. Er darf im Verbrecher nur den gefallenen verirrten Bruder sehn, er vernimmt nur die Rede des Sünders und antwortet mit Sprüchen des Trostes. Nur vergessen wir nicht, fiel sie lebhaft ein, daß jene Hexenrichter und die Inquisition, alle diese Foltern, Martern und Hinrichtungen im Namen der Religion auch von verbrecherischen verirrten Priestern ausgingen, die auf diesem Wege schon sehr früh ihrem Berufe untreu wurden. Der Geistliche konnte nur mit einem Seufzer antworten. Ja diese Menschenopfer, sagte er dann, die immerdar unter neuen Vorwänden wiederkehren, von denen keine Zeit und kein Volk sich frei erhalten hat. Auch dieser schreckliche Irrthum liegt tief in unsrer Seele und Wand an Wand mit der Wahrheit. Wie wohl immer. Und eben dadurch ist der Fanatismus so gräulich und allmächtig. – Dieser arme Vater mordete seine Kinder in Verzweiflung, wie die Kirche Tausende in wildem Eifer für das Wesen, welches sie in Verruchtheit Gott schalten, mit kalten Formen und anmaßlicher Vernunft und gemißbrauchtem Gesetz gemordet hat. Die Kirche wollte sie auf ihrem Wege zur Seligkeit führen, und in ihnen den bösen Geist bestrafen: dieser unglückliche Vater mochte glauben und fühlen, daß ihm die eignen Kinder am nächsten standen, daß sie ihm mehr als dem sogenannten Staate zugehörten. Die finstre Stunde raunte ihm zu: daß wenn er es überdenken könne, was er that, kein fremdes Wesen darein zu reden habe. Sein Erbarmen mit 27 den Knaben und den noch ärmern Mädchen rieth ihm, sie gewaltsam und auf immer der Gemeinheit, der Schändlichkeit der Menschen zu entraffen, damit sie nicht sein Schicksal, oder ein noch schlimmeres erleben dürften. Nur in der Vernichtung sah er noch Rettung, mit den kalten Todesarmen drückte er sie noch einmal an das brechende Herz, ihr Erwürgen war sein letzter Trost. Das ist das Elend der Menschheit, erwiederte die Kranke, daß der Unglückliche mitten in der bewegten Gesellschaft, die mit allen Wellen um ihn braust, oft so einsam steht, so ganz vergessen, ohne Anhalt, ohne allen Trost und Hülfe. Für ihn ist Senat und Stadt, Familie, Nachbarschaft und Alles, was zum Wohlsein der Menschheit gegründet und so künstlich zusammen gefügt ist, oft gar nicht da; er ist vergessener und verlassener, wie auf einer wüsten Insel, ja die Gesellschaft, die ihm helfen könnte, wüthet gegen ihn als ein ergrimmter Feind. Ich habe oft mit vielem Kummer darüber denken müssen, wie schwer es ist, vielleicht unmöglich, die ächte Humanität, die wahre Menschenliebe unter den Menschen einheimisch zu machen. Talent, Schönheit, hoher Stand werden in der Persönlichkeit aufgesucht, geachtet und jedermann schmeichelt dem Manne, der eines großen Rufes genießt. Wie beeifern sich alle, zu wohlthätigen Anstalten, Armenhäusern und dergleichen beizutragen. Es fängt schon an, eine Eitelkeit der Staaten zu werden, große, fast prachtvolle Gefängnisse dem Fremden vorzeigen zu können, in denen die Verbrecher zuweilen so gut verpflegt werden, daß sie es besser haben, wie der arbeitende Bruder, dessen Schweiß sie ernähren muß. Man ehrt sich, indem man diese Musterwirthschaften unterstützt, läßt seinen Namen eintragen und sich beloben, Reisende urtheilen von der Cultur, dem Wohlstande und der Menschenliebe des Volkes, je 28 nachdem sie diese Häuser prächtig, groß, die innere Einrichtung behaglich finden, und – wie sich der Mensch in unsrer Zeit leicht und gern für einen solchen allgemeinen Begriff einer solchen Anstalt begeistert, je weniger findet der einzelne Hülflose, der arme Mensch selbst in seiner bestimmten Erscheinung Ansprache und Mitleid. Die schöne allgemeine Illusion der großartigen Wohlthätigkeit wird durch sein armseliges Auftreten gestört, man wendet sich von ihm ab, und findet in der Regel die Prosa seiner Gegenwart unerträglich. Zuweilen begegnet es auch, daß der Trostlose, wenn er bei Reicheren Hülfe sucht, deren Hartherzigkeit er schon verschiedentlich erfahren hat, sich durch Wein oder ein starkes Getränk zu seinem sauern Gange stärken will. Nun wittert der wohlhabende Helfer aus der Atmosphäre nur einen Lüderlichen heraus, einen verschwenderischen Säufer, und meint in seiner abschlagenden herzlosen Kälte noch tugendhaft zu handeln, wenn er dem Laster keinen Vorschub gewährt. – Und nachher – wenn das Entsetzlichste geschehen ist – wendet man sich mit Ekel und Grauen wieder ab, und verurtheilt, verdammt, wo der Richtende vielleicht mit einer kleinen Hülfe wie ein rettender Engel in die Hütte des Elendes hätte treten können. – O diese bittern Thränen, die jetzt aus meinen kranken Augen dringen, sind das geringste Zeichen meines Mitgefühls, was ich über den unermeßlichen Jammer unsrer Erde äußern kann. Wie wird sich denn irgend einmal dies Weh ausgleichen können! – Kommen wir, Freund, zu Tauler zurück. Es war doch wohl zu hart, daß der Laie ihn geradezu einen Pharisäer nennen durfte. Der Geistliche antwortete: Wir haben uns neuerdings angewöhnt, bei Pharisäer etwas gar zu Schlimmes zu denken, nehmlich egoistische Heuchler und Lügner. In der Schrift ist es aber nicht so gemeint. Der wahre Pharisäer kann 29 ein redlicher, gelehrter und tiefsinniger Mann seyn. Er forscht in der Weisheit, er meint von Gott begünstigt zu seyn, er ist selbst begeistert und von frommer Ueberzeugung durchdrungen. So erfreut er sich der Vorzüge, die er genießt, er ist stolz auf den Rang, den er unter den Gläubigen und Wissenden einnimmt, er betet aus vollster Seele und selbst ohne Uebermuth: Ich danke Dir, Gott, daß ich nicht so unwissend bin, wie jener, nicht so einfältig, wie der, nicht so abergläubig, wie ein Thor, von Dir fühle ich mich gesegnet und erwählt, daß Du meinen Geist gewürdiget und erhoben hast, und so bin ich ein von Dir ausgerüstet Glücklicher und Ausgezeichneter vor Tausenden. – Ein solcher Pharisäer war nach der Meinung des Laien auch jener fromme und gottselige Tauler. Er war noch nicht dahin gekommen, sich selbst aufzugeben, er war noch glücklich in seinem geistlichen Stolz. Ich erschrecke! rief die Kranke aus; nach dieser Bestimmung müßten wohl viele unserer vortrefflichsten Theologen und ruhmwerthen Lehrer zu den Pharisäern gezählt werden. Und unsere neuern Frommen, nun gar die Pietisten, Bekehrten, Begeisterten, Christusbrüder und wie sie sich alle nennen mögen – wie weit möchten die allermeisten unter diesen zu laufen haben, bevor sie sich nur erst zu den Pharisäern zählen dürften. Was der Laie verlangte, antwortete Theodor, und wohl an sich selbst erlebt hatte, dahin gelangen freilich nur wenige, und auch diese nur durch besondere Gnade. Und so ward es, nach schwerem Kampfe zwar, dem Tauler, von dem ich Ihnen jetzt lieber in der Kürze weiter mündlich erzählen will, als jene Blätter lesen, die mir doch etwas zu weitläufig gerathen sind. – Durch die letzte Predigt, die dem Laien so wenig genügt hatte, war Taulers Ruhm in der 30 Stadt noch mehr ausgebreitet worden. Er selber aber berieth sich mit dem Laien, suchte diesen zu verstehn und begriff es endlich, daß er auf einem falschen Wege gewandelt sei, der ihn nur um so mehr vom Ziele entfernte, je näher er diesem gekommen zu seyn wähnte. So verging ihm viele Zeit in innern Kämpfen. Jetzt erst fing er an, gewahr zu werden, wer er selber sei, und warum sich ihm der Gott entzogen habe, mit welchem er sich in so vertrautem Umgang zu stehn, in seiner Täuschung vorgebildet hatte. Dieses innere Erkennen geschah nicht auf gelinde Weise, sondern ihm war, als wenn sein ganzes Wesen zerbrechen sollte. Aller jener bunte, glänzende Trug fiel nieder, den er bisher für seinen Ruhm, für die herrliche Schönheit seines Wesens gehalten hatte, und er erschrak vor seiner Nacktheit. Furcht, Zweifel, Bangigkeit, Leerheit und Verzweiflung bemächtigten sich seines ganzen Herzens, je mehr sich die Tiefen der Gottheit vor ihm aufthaten, und ihm war, als sei die Liebe aus ihr auf ewig entwichen, ja ein furchtbarer Zweifel redete ihm zu, sie sei niemals gewesen, sondern nur ein lieblicher Trug des menschlichen Herzens, alles, alles sei nur seit Ewigkeit in sich selbst beschlossene Nothwendigkeit. So ward Himmel und Hölle eins, und er selbst in sich selbst vernichtet, ein blindes Werkzeug ohne Freiheit und eigne Kraft, ein Athem der Unermeßlichkeit, ein blind dienender eingeschmiedeter Ring in des Universums Kette des Aberwitzes und Unverstandes, ein stummer, tauber, blinder Sklave einer unbekannten, unsichtbaren tyrannischen Gewalt. In dieser Verzweiflung seiner Seele, in diesem Todesgrauen rang sich eine sanfte, schwebende Wehmuth empor, die auf ihren stets fließenden Thränen noch die schwache Erinnerung an die Liebe Gottes auf Wassern einsog, und nur in der tiefsten Trauer war er sich noch seines Lebens bewußt. Diese 31 Erschöpfung und Klage, diese Gestaltlosigkeit, dieser jammernde Tod der Hoffnung war jetzt seine Heimath. Als sein Geist in dieser Gefangenschaft schmachtete, entzog er sich den Brüdern seines Klosters und allen Menschen. Predigen, Beichte hören vermochte er nicht, so daß alle, die in seine Nähe kamen, glauben mußten, er sei blödsinnig geworden. Priester und Laien zogen sich von ihm zurück, viele verachteten ihn, manche verlachten ihn, selbst in seiner Nähe, so daß er ihren Hohn und Spott vernehmen konnte, der ihm in seiner Einsamkeit wie aus einer weiten Ferne tönte. In der Stadt wie im Lande ward von Schwätzern bald das Gerücht verbreitet, der große Gottesgelehrte Tauler sei albern geworden, und seines Verstandes nicht mehr mächtig, was manche Böswillige als Folge eines geistlichen Hochmuthes auslegten, andre es der zu großen Anstrengung bei seinen Studien und den häufigen Nachtwachen zuschrieben. Er selber kümmerte sich weder um die Nahelebenden, noch Entfernten und er schien es kaum zu bemerken, wenn seine Brüder, die ihn vor Kurzem noch verehrt hatten, ihm kopfschüttelnd, stillschweigend vorübergingen, keiner ihn begrüßte oder anredete. So waren fast zwei Jahre vergangen. Tauler war von den meisten schon ganz vergessen, und er galt allen, wenn sie von ihm sprachen, für einen Blödsinnigen, dessen Geist völlig verdunkelt sei. In dieser Stille hatte die Seele sich aber selbst wieder gefunden, und war in dieser Demuth und Selbstverläugnung gekräftigt und stark geworden. Er erkannte nun deutlich, warum sein voriger Weg ein Irrwandel gewesen sei, und Armuth bedünkte ihm jetzt, woran er sich damals als an Reichthum erfreut hatte. Er hatte in seiner innersten Seele erlebt, was in jener Zeit nur kalte Wissenschaft gewesen war, jetzt war ihm die Pforte der Ewigkeit erschlossen, und durch sein Herz rieselte und strömte der 32 Quell, welcher einzig den Durst, der sonst immerdar brannte, löschen kann. Die Geistlichkeit erstaunte nicht wenig, als Tauler sich nach so vielen Monden wieder ansagte, daß er beim nächsten Feste eine Predigt zu halten gedenke. Er wies alle ihre Einwendungen zurück und beharrte bei seinem Entschlusse, und sie, an seinem Wesen irre, gaben nach und ihre Einwilligung. Es ward in der Stadt bekannt, daß derselbe Tauler, der so lange für geisteskrank, ganz albern und blödsinnig gegolten hatte, wiederum als Lehrer und Verkündiger des Wortes zum Volke reden wolle. An dem bestimmten Tage war der Tempel so angefüllt und von Zuhörenden bedrängt, wie sonst niemals, denn die Neugier war unendlich gespannt, und es erschien fast wie ein Wunder, daß es der Blödgesinnte wieder wagen wollte, vor einer großen Versammlung als lehrender Priester aufzutreten. Tauler selber war muthig, denn er fühlte den göttlichen Geist, welcher ihn bewegte. Er bestieg die Kanzel, und sah jetzt die große Versammlung der Gläubigen, alle begierig, ein Wort des Lebens aus seinem geweihten Munde zu vernehmen. Nun übermannte ihn das Gefühl, wie er sonst an dieser Stätte gepredigt, wie unwürdig er damals gewesen, im Namen des Herrn zu lehren und seine Verheißungen auszulegen, wie er jetzt so großer Gnade sei gewürdigt worden und doch derselbe schwache sündige Mensch sei, den die göttliche Kraft zum Werkzeug auserkoren, nun die ewige Liebe zu verkündigen. Da überfiel ihn eine so innige, durchdringliche Wehmuth, daß ihm ein Thränenstrom aus den Augen stürzte. Die versammelte Gemeine ward auch gerührt, als sie dies Zeichen seiner Demuth sah, und Tauler suchte sich zu fassen, um die Gedanken wieder zu sammeln, die zu seinem Vortrage nöthig waren. Je mehr er aber in sich selber rang, um sein Gefühl zu bewältigen und Worte und 33 Accorde auszusprechen, um so schmerzlicher ward sein Gefühl, um so inbrünstiger seine Wehmuth, so daß sie sein ganzes Wesen bewältigte und er in Thränen sich aufzulösen schien und man nur statt der Reden ein lautes Schluchzen von ihm vernahm. Das währte so lange, daß die Gemeine endlich ungeduldig wurde und ein Mann aufstand, welcher ihm zurief, er möge sie nicht länger mit Verdruß warten lassen, sondern ihnen nun die versprochene Predigt halten. Aber es dauerte noch eine geraume Zeit, bevor Tauler vor Schluchzen und Weinen irgend ein Wort finden konnte, bis er endlich mit schwacher Stimme sagte: Lieben Kinder, vergebt mir, daß ich euch hier versammelt habe, ich kann nicht zu euch sprechen, so gern ich wollte, denn der Herr, dem ich mich ergeben muß, will es heut nicht zulassen, alle meine Gedanken gehen in Wehmuth unter. So heftig weinend stieg er von der Kanzel herunter und begab sich in seine einsame Zelle, ganz und gar seinem Schmerz dahingegeben. Nun erst hielten ihn die Brüder und Priester der Stadt so wie Bürger und Adel für einen Thoren, dem Geist und Vernunft völlig und auf immer entwichen sei. Die Priester der Kirche schämten sich seiner und machten ihm Vorwürfe, daß er sie dem Volke so bloß gestellt und ihren ehrwürdigen Stand beschädigt, ja den Tempel des Herrn gewissermaßen beschimpft habe. Er verantwortete sich nicht weiter, sondern vergoß nur stumme Thränen und fühlte, daß er dem Herrn folgen müsse und diesen gewähren lassen, wenn er ihn zum Thoren vor der Welt machen wolle. So verging wieder eine geraume Zeit, in welcher Tauler still in seiner Zelle bei Tage und in stillen Nächten mit dem Geiste rang, eifrig im Gebet und in brünstiger Andacht. Jetzt hatte er sich völlig bezwungen, und eine stille Lauterkeit, eine Süßigkeit, wie aus dem Paradiese, ein 34 seliger Friede, wie er in den Chören der Engel herrscht, quoll durch sein Inneres und verklärte sein Wesen. So ging er einfach und ohne Zagen zu den Brüdern und eröffnete ihnen, daß er gesonnen sei, an einem der nächsten Festtage wieder zu predigen. Diese erstaunten nicht wenig über die Anmaßung und wollten ihm sein Begehren als eine Unmöglichkeit rund abschlagen. Er drang mit Bitten in sie und unterwarf sich gern einer Prüfung, um zu zeigen, daß er wohl zum Lehrer des Wortes unbedingt berufen sei. So versammelte sich der Convent und er trug ihnen eine Lection vor, die so tiefsinnig, beredt und gelehrt war, daß sie alle in Erstaunen über die Kraft und Macht seines Geistes versanken. – Am nächsten Sonntage verkündigte der Prediger der versammelten Gemeine, daß Tauler am Feste wiederum die Kanzel betreten würde und daß man hoffen könne, er würde diesmal seinem Berufe genügen, weil er der Brüderschaft einen tiefsinnigen Vortrag gehalten und das Schwerste auf einleuchtende Weise deutlich gemacht habe. Das Gerücht verbreitete sich, und, wo möglich war der Tempel noch gedrängter mit Wißbegierigen angefüllt, alle fest in der Meinung, sie würden wiederum als Zeugen der Unfähigkeit und Thorheit ihres ehemals verehrten Lehrers da sitzen. Wie Tauler jetzt die Kanzel betrat, war es allen, als glänze sein ehrwürdiges Antlitz von einem überirdischen Lichte. Er redete ohne Zagen, und so eindringlich, so wunderbar, daß alle fühlten, dergleichen Worte hätten sie noch niemals vernommen. Ein solches Entzücken ging durch die Versammlung, eine so brünstige Andacht bemächtigte sich der Gemüther, daß viele nach der Predigt in Ohnmacht sanken, oder, wie von Krämpfen ergriffen, in Freude zitterten und nur einzelne Worte zu stammeln vermochten. So war der Ruhm Taulers nun im ganzen Lande größer als jemals, und er lebte und wirkte noch lange zum Segen der christlichen Gemeine. Der Laie verließ ihn jetzt 35 und kehrte in seine Heimath, als er nun den frommen Mann in seinem christlichen Wesen, in seiner wahren Gottergebenheit befestigt sah, und in der Ferne vernahm er noch, wie das Volk ihren Seelenhirten immer mehr verehrte, und durch dessen Wandel und herrliche Beredsamkeit erbaut und gekräftigt werde. – – Die Kranke hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. – Und dieser Laie, wer ist er, was ist aus ihm geworden? fragte sie nach einer Pause. Von diesem, antwortete der Geistliche, kann ich keine Nachricht geben. Er muß ein wohlhabender Mann gewesen seyn, vielleicht ein vornehmer, der wohl in der Geschichte jener Tage unter einem andern Namen auftreten mag. Er erzählt nur noch am Schluß seines Berichtes, daß ihm nach Jahren auf einer Reise der Geist Taulers erschienen sei. Dieser habe ihm gemeldet, daß sein Krankenlager ein langes und sehr schmerzliches gewesen sei, unendliche Versuchungen, Kämpfe und Zweifel habe er überstehen müssen, so daß selbst seine Freunde an ihm und seiner Frömmigkeit irre geworden wären. Doch sei dieser lange Todeskampf, dieses Ringen mit den bösen Geistern ebenfalls eine Gnade Gottes gewesen, denn dadurch habe er alle irdischen Schlacken völlig abgeschüttelt, in diesen schlimmen Tagen habe er alle früheren Sünden abgebüßt und sei gewürdigt worden, gleich nach dem Tode ohne Fegefeuer vor das Angesicht des Allerheiligsten zu treten. Alle diese Berichte, sagte die Kranke, bewegen mich zu vielfachem Nachdenken. Dieses Durchdringen zu Gott, indem der Mensch eine Zeitlang alle seine irdischen und geistigen Kräfte fallen läßt und sich unbedingt in den Willen des Unsichtbaren ergiebt, um die Liebe zu finden, kommt fast bei allen Religionshelden, aber auch bei den meisten Ketzern 36 vor. Dieser Quiestismus ist zur wahren Frömmigkeit unentbehrlich, und doch ist die Linie sehr fein, und verschwindet vielen Augen wohl völlig, wo das Gebiet der Sünde, des Frevels, Wahnwitzes und der groben Verbrechen beginnt. Denn dicht an dieser sich vernichtenden Demuth liegt ein so furchtbarer Hochmuth, wie ihn die fromme Sage immer nur dem Fürsten der Finsterniß zuschreiben kann. Die Lehre, daß der in Gott Vernichtete nicht mehr sündigen könne, ist die Lehre aller Erleuchteten, und doch führt die kalte Consequenz in schändliche Sinnlichkeit, Stolz, Lüge und Versuchung, wie wir so oft in den Geschichten wahnsinniger Verbrecher oder wiederkehrender Irrender, die auch diese Versuchung überwanden, lernen können. Den Christen versuchen böse Geister, wenn er sich auf dem richtigen Wege zu Gott befindet, die Weisheit der Indier sagt, daß die hohen Götter selbst in Furcht stehen, daß der büßende Anachoret, der strenge ascetische Einsiedler, durch seine Frömmigkeit eine der Mächte von ihrem Throne im Tode stoßen könnte, sie selber senden darum dem Büßenden die Versuchung, um ihn zum Abfall zu reizen, wäre es auch nur die Verführung einer Sekunde. Die Heiligen dort glauben aber niemals, wie so mancher Ueberfromme der christlichen Kirche, daß die Sinnlichkeit und der Fall mit einer schönen Nymphe ihrer Würde und Frömmigkeit nicht schade, sondern eine irrende Minute vertilgt die Buße und den heiligen Wandel eines Jahrhunderts. Und so sind es immer wieder Bilder, die uns entgegen treten, wenn wir in den einsamsten Hallen der abstraktesten Gedanken zu wandeln wähnen. Wie alles Geschaffene, was uns umgiebt, uns Gestalt und Form entgegen hält, wechselnd, zerfließend, immer anders und doch eins, so ist auch unser Hoffen und Fürchten, unsre Andacht und der Glaube, das Unsichtbare und Undenkbare unerläßlich in 37 Gestalt und Form hineingebannt, und es ist mir lehrreich, wie dieser Laie seinen Tauler noch einmal sieht, als Geist oder Gespenst, um von ihm zu erfahren, daß ihm die Qual des Fegefeuers erlassen ist. Diese Erscheinung, diese Erklärung des Freundes war ihm und seiner Religion eine nothwendige Gestaltung, er mußte sie erleben – und – mag ich doch nicht sagen, daß es Täuschung war, – er konnte in solcher Erscheinung das nur fassen und sich selbst wieder sagen, was ihm das Göttliche war. Der Zustand nach dem Tode mag seyn, welcher er will, so erfordert er gewiß, daß der Mensch sich zu ihm vorbereite, oder sich dort in ihn finden lerne, um zum besseren emporzusteigen oder den schlimmern zu ertragen. So hat die Lehre vom Fegefeuer, in ihrem bildlichen Ausdruck, Sinn. Wie alles, fiel der Geistliche ein, was seit dem Beginn der Zeiten begeisterte Gemüther geschaut und in wandelbaren irdischen Worten ausgesprochen haben. Wie alle Erscheinung, alle Gestaltung vergänglich ist und gleichsam im Verschwinden nur lebt, so ist sie doch eben dadurch auch ewig, denn bis zum Wurm hinab, bis zum dünnsten Moose auf der hohen Felsenklippe ist alles nach einer Vorgestalt, nach einer unsterblichen Idee sichtlich nach nothwendigem Gesetze empor gewachsen und jedes Fädchen der Schöpfung, jedes kleinste Insekt weiset auf einen Grundgedanken zurück, das Abbild auf das Bild, das Vergängliche auf das Unvergängliche. So sehn und wahrnehmen wir immerdar Orakel, und es ist ein großes Wort, wenn wir den Unsichtbaren den Allgegenwärtigen nennen, der uns in den Millionen Gestaltungen immerdar sichtbar ist, und sich als den Ewigen, Unvergänglichen im scheinbar Vergänglichen uns offenbart. Und so ist es mit der Offenbarung in Geschichte, Poesie, Gemüth, heiligen Schrift und Sage. Jedem tritt die ewige Liebe, wenn 38 er sie nicht von sich weiset, in der Gestaltung entgegen, die ihm am vernehmlichsten ist, auch in der Pflicht, Moral, der Arbeit, selbst dem sogenannten todten mechanischen Geschäft. Der Wege zu ihr sind unendlich viele. Keiner darf zu seinem Nächsten sagen, wenn dieser einen wahrhaften Beruf gefunden hat, dem er sich mit ganzem Herzen ergiebt: Auf diesem Wege ist Gott nicht zu finden! Alles, was der Mensch recht thut, mit aller Kraft ausübt, ist ein Gottesdienst. Die Offenbarung ist ein gewaltig großes Buch, und kein Blatt, wo es auch immer aufgeschlagen werden mag, ist leer und ohne Inhalt. Die Untergebenen der Herrschaft waren sehr unzufrieden, daß der bejahrte redselige Geistliche sich so viel und lange im Krankenzimmer aufhielt, denn sie glaubten alle, daß er die Schmerzen der Leidenden erhöhe, und wohl gar ihren Tod beschleunige. Der Arzt selbst war nicht thätig, dieses Vorurtheil, welches alle Diener laut äußerten, zu vernichten, da durch seine tadelnden Reden sich diese Meinung im Hause zuerst verbreitet hatte, denn ihm war es sehr zuwider, daß die religiösen oder tiefsinnigen Gespräche, welche die Gräfin am meisten liebte, und die ihm lästig waren, seine Erzählungen so oft verdrängen sollten, vorzüglich seit die Kranke ihn einmal hatte merken lassen, daß er wohl nicht ganz die Verdienste des Priesters zu würdigen wisse. Da er nun überzeugt war, daß keine menschliche Hülfe den Gang der Krankheit ändern, oder den ganz nahen Tod aufhalten könne, so waren seine Besuche im Krankenzimmer selten, auch kürzte er sie ab, welches der Gräfin um so lieber war. Sie hatte sich aus dem Bette erhoben und mit Hülfe ihrer Kammerfrauen in den Lehnstuhl setzen lassen, welcher 39 im tiefen Bogenfenster stand. Von hier konnte sie weit in die Landschaft hinaussehen und sie freute sich, daß bei dem wärmeren Frühlingswetter schon viele Bäume Knospen und kleine Blätter zeigten. Den Frühling, sagte sie zum Geistlichen, der zu ihr getreten war, erlebt man immer wieder zum erstenmal: meine Seele erstaunt immer von neuem über das Wunder, das sich vor meinen Augen entwickelt. In meinen jüngern Jahren war es mein Entzücken, dieses Erwachen der Natur von Minute zu Minute zu beobachten, oder bewußtvoll diesen süßen Traum der Natur mit zu träumen. Es ist ganz ein Anderes, die Natur wie ein Kunstwerk zu genießen, vor welches man von Geschäften oder aus Zerstreuungen plötzlich hintritt, um unsre gewohnten oft lästigen Empfindungen zu unterbrechen, oder in dieser Natur selbst einheimisch zu seyn, und so wie Blatt und Blüthe am Baum, das Herz mit seinen Fühlungen zu entfalten. So mit der Natur eins ist der Beobachter, die Freude an und in ihr ein gewissermaßen bewußtloses geheimnißvolles Schaffen, ein unendlich liebliches Weben in ihren Tiefen, die unser ganzes Wesen, ihm alsdann entgegen kommend, in sich aufnehmen. Die meisten Menschen wollen aber das, was sie Schönheit nennen, nur wie im Blitz, im Vorübergehen, in neuer Zerstreuung, die die alte stört, genießen, sich aber nicht mit allem Geist und vollen Sinnen in das Geheimniß, in diese Offenbarung auflösen. Freilich können auf dem Wege, den ich gewählt habe, Träume entstehen, Visionen, die für andere Menschen gar nicht existiren und die sie leugnen, wie alle Wunder und Erscheinungen denn immer nur für den Wahrheit haben können, welcher sie erlebt hat. Gewiß, antwortete der Geistliche: und so können wir hieran wieder jene Betrachtung knüpfen, daß das, was der Mensch Wunderbares erlebt, eine Vision, oder was daran 40 gränzt, wiederum den Charakter der Eigenheit an sich tragen wird, wie es grade für dieses und kein Wesen möglich und wirklich wird. Die innerste Seele des Menschen tritt in sichtbarer Erscheinung vor ihn, und darum sind jene Fragen und Untersuchungen, ob dergleichen Täuschung oder Einbildung war, höchst überflüssig. Die Gräfin dachte tief nach, indem sie die großen blauen Augen niedersenkte. Ja wohl, sagte sie, dann ist vielleicht in dem Leben eines jeglichen Menschen ein solcher Lebenspunkt, wo sich ihm das, was wir das Unsichtbare nennen, sichtbarlich offenbart. Zu erklären ist es nicht, und bedarf auch keiner Erklärung: es ist ein Erlebtes, was aber freilich nicht so, wie der erlebte Gedanke, wie die Erscheinungen im Gemüth des Poeten seine Folge und Wirkung hat, sondern unerklärt für sich besteht, oder auch auf die Sinnesweise und Lebensrichtung einen Einfluß übt, der oft mit dem Charakter oder dem Gedanken desselben Menschen in Widerspruch steht. Vielleicht, erwiederte der Geistliche, ist dies der Weg, billig gegen das Alterthum und dessen wundersame Legenden zu verfahren. Nur mischt sich freilich Lüge und Aberwitz, der Hang zum Ungewöhnlichen, Tollen und ganz Unzusammenhängenden in diese Neigung, die jedes Gemüth in sich hegt, und so entsteht in widerwärtiger Consequenz jene ekelhafte Poesie der tausend Gespenstergeschichten, der Frevel der Hexenprocesse, das ganze System jener Dämonologie, die zur Schande einiger Jahrhunderte eine eigne, möchte man doch sagen, Wissenschaft bildeten. Und sind wir nicht auch schon in dieser abscheulichen Lügenwelt verstrickt? Sind nicht Hunderte, ja Tausende, die ihren Sinn der Wahrheit verschlossen haben? Und selbst Wissenschaft, Philosophie und Beobachtung der Natur, so wie die Offenbarung, müssen ihnen dazu 41 dienen, sie in ihrer fast thierischen Verblendung und Lüge zu bestärken. Sie sind zu heftig, sagte die Kranke: auch die Zeitalter sind oft krank, und wenn diese Epidemie einmal da ist, so hilft keine Vernunft, sondern sie muß sich eben austoben. Bemitleiden müssen wir das Menschengeschlecht, das, so wie es auch mit göttlichen Kräften ausgestattet ist, doch so oft bejammernswürdiger Schwäche unterliegt. Oft entwickeln sich aus diesen Krankheiten die kräftigsten Gesundheits-Erscheinungen, und so ist die Zeit, oder das Jahrhundert, vielleicht ein noch größerer Zeitraum, wieder die Geschichte eines Individuums. Theure Gräfin, sagte Theodor jetzt mit einiger Heftigkeit, schon vor geraumer Zeit versprachen Sie einmal, aus Ihrer frühern Jugend mir ein wunderbares, unerklärliches Ereigniß mitzutheilen; erschüttert Sie es nicht zu sehr, so ist dies vielleicht der Augenblick, meine Neugier zu befriedigen. Denn ich theile mit allen Sterblichen den Hang zum Wunderbaren, und ein wahrhaft erlebtes Wunder, mir von den reinen Lippen der Wahrheit mitgetheilt, muß mir um so wichtiger und lehrreicher seyn. Was ich Ihnen schon sonst einmal erzählen wollte, ist nichts Erschütterndes, sagte die Kranke, und ich theile Ihnen das Ereigniß am liebsten mit, weil Sie mir glauben werden. Sie müssen wissen, daß ich seit meinem dritten Jahre eins der wildesten und unbändigsten Kinder war. Mein Vater verzog mich, ihn freute mein Eigensinn, den er Charakter nannte, und so konnte es meiner sanften und stillen Mutter, die sich vor meinem Vater fürchtete, nicht gelingen, meinen Starrsinn zu beugen. Wie ich größer wurde, schien es mir natürlich, die Dienerschaft und selbst meine Eltern zu beherrschen. Der Vater lachte nur, wenn ich mich recht 42 ungezogen zeigte. Was auch dazu beitrug, mich zu einem heftigen Kinde zu machen, war mein Putz, der immer neu, immer gesucht war, und in Seide, in den glänzenden Farben, dem Perlenschmuck fand ich mich besser und klüger, als alle Welt. Wie die Kinder nur liebenswürdig seyn können, wenn sie reinlich und sauber gehalten werden, so bedenken viele Eltern nicht, wie zu prächtige und auffallende Kleider die Kinder lieblos, stolz und eitel machen können. Nur in einem Punkte war ich mit meiner lieben Mutter einverstanden, in der Freude an Kirche und Gottesdienst. Keine Spazierfahrt, kein Fest konnte mir etwas Aehnliches von der Freude geben, mit welcher ich unsern weltbekannten Münster betrat. Diese breiten Fenster, das süßdämmernde Licht, die schlanken aufstrebenden Säulen, die hohen Gewölbe waren mein Entzücken. Schon der Eintritt in die Kirche durch das herrliche Portal begeisterte mich. Ich weiß nicht, inwiefern meine Eltern Unrecht hatten, wenn sie mir in dieser frühen Jugend schon viel Religion und Liebe zu Gott zutrauten, wenn sie meinten, daß ich der Messe oder Predigt verständig folgen könnte: mir war es genug, ja mehr als alles, diese Säulen, Wölbungen und Mauern zu betrachten, und der liebliche Traum, die erhabnen Ahndungen, welche mich umfingen, genügten mir. Und so, mein theurer Freund, ist es eigentlich durch alle Jahre meines Lebens geblieben. Wie andere die göttliche Gegenwart am meisten oder am nächsten in der Natur empfinden, wie andächtige Seelen sich in die Tiefe der Mystik versenken, jener sich dem Unbegreiflichen in der Entwickelung der Vernunft befreundet, ein andrer ihn in heiligen Legenden und Wundergeschichten zu verstehen wähnt, so genügte mir vor allen Erscheinungen immer jene geheimnißreiche Architektur am meisten, die unsre Vorfahren in einer großen Zeit zu unsrer Beschämung so herrlich 43 aufzurichten vermochten. Diese Weihe ist mein Bild und meine Offenbarung, denen sich mein Gemüth am liebsten und leichtesten entgegen neigt. Man möchte das, was mich in diesen Tempeln begeistert, eine Bezauberung nennen, denn ich kann keine Worte finden, um die Harmonie, Befriedigung und Seligkeit zu beschreiben, die diese Linien und Mauern auf mich niedersenden. Meine Eltern, um meinen religiösen Trieb zu belohnen und aufzumuntern, schenkten mir ein sehr kostbares Gebetbuch, welches auf der andern Seite meiner Eitelkeit wieder viele Nahrung gab. Nicht genug, daß es klar und anmuthig auf dem reinsten Pergament gedruckt und mit den feinsten und lieblichsten Miniaturen ausgeschmückt war, die jedes Auge ergötzten, so war auch der Einband der theuerste und köstlichste, den man sehn konnte. Die Deckel waren von innen und außen von geschlagenem Golde, in Azurblau und Gold prangte das Wappen unsers Hauses, Blumen, von Edelsteinen gebildet, wetteiferten leuchtend mit schimmernden Perlen, so daß dies kleine Büchelchen, zum Gebrauch eines Kindes bestimmt, gewiß mit großen Summen war bezahlt worden. Es war natürlich, daß auf dieses schöne Buch von der Familie sehr gehalten wurde und daß man mir empfahl, es vorsichtig zu behüten und in Acht zu nehmen. Ich selber aber war so erfreut über das kostbare Geschenk, daß ich es nie aus den Händen geben wollte, es auch dem Bedienten nicht vergönnte, das Buch mir nach der Kirche hin oder zurück zu tragen. Ich war auf diesen Besitz nicht wenig stolz und man hätte mich nicht härter bestrafen können, als wenn man mir die Kostbarkeit auf eine Zeitlang genommen und weggeschlossen hätte; auch machte es mir einen großen Eindruck, als meine Mutter, gegen welche ich mich vergangen hatte, mir einmal damit drohte. 44 Im Sommer war ein großes Kirchenfest. Die ganze Stadt war in Aufregung. Fremde, Vornehme wie Geringe, Fürsten und Militairs hatten sich in der Stadt versammelt, denn auch andre Feierlichkeiten und kostspielige Zurüstungen hatten Tausende von Reisenden herbeigelockt. Noch nie war der Münster so angefüllt gewesen, und noch niemals war mir das Gebäude so ehrwürdig erschienen. Wir mußten uns durch die Schaaren drängen, die hin und her wogten. Es war ein sonnenheller Nachmittag und meine Eltern waren nicht in die Kirche gegangen, weil sie in ihrem Hause Anstalten trafen, vornehme Gäste zu bewirthen. Meine Kammerfrau und der Diener wurden von meiner Seite weggedrängt, und ich benutzte im kindischen Uebermuthe die Verwirrung, um mich immer weiter von ihnen zu entfernen, und mich endlich in einem dämmernden Winkel zu verbergen. Wie wohl fühlte ich mich, wie frei und unabhängig! So verging die Vesper, der Gesang erlosch, die Priester zogen sich zurück und das Volk verließ die Kirche. Mir dünkte, ich sah den Bedienten einmal in der Ferne, doch verschwand sein Kopf bald. Die Thüren wurden geschlossen und ich war in dem mächtigen Gebäude ganz allein. Die Abendsonne, die durch die bunten Fenster schien, meine Schritte, die in der Einsamkeit von den Gewölben wiederhallten, die unbedingte Freiheit, die ich genoß, als wenn der große Münster mir ganz allein gehörte: diese neue Lage, mir war nie etwas Aehnliches geschehn, machte mich ganz übermüthig und trunken. Ich wandelte durch alle Theile, betrachtete alle Bildnisse und Denksteine, las alle Inschriften und hörte nur, wie aus trauriger Ferne, das Geräusch der Welt auf den Straßen. Was manche Schwärmer vom Paradiese und dessen Genüssen geträumt haben, was andere Phantasirende von Visionen der Heiligen erzählen, alles das 45 erlebte ich in meiner kindischen Brust. Es giebt eine Freude die so innig ist, das Bewußtsein eines Besitzes, das unser ganzes Gemüth so vollständig ausfüllt, daß wir in diesem Zustande kaum Wünsche kennen, daß die seligste Beruhigung und die stürmende Freude eins und dasselbe werden. Ja wohl war das Gebäu mir eine Wohnung des Allerhöchsten, des Unnennbaren, denn ich empfand seine unmittelbare Nähe, und die hohe Weihe dieser Stunden ist mir in meinem ganzen Leben nicht wieder entschwunden, noch die Erinnerung daran erblaßt. Diese Wände und hohen Gewölbe, diese aufstrebenden schlanken Säulen und alle ihre Linien und Kreise strömten auf mich wie mit einem heiligen Feuer ein, und ich dachte mir kein größeres Glück, als in diesem Tempel Priester zu seyn, und alltäglich hier Stunden zu wohnen und zu wandeln, jene heiligen symbolischen Gebräuche übend, die mir, je weniger ich sie verstand, um so ehrwürdiger erschienen. Nun aber begann es zu dämmern, und ich erwachte gleichsam aus meinem Taumel. Ich fühlte mich plötzlich einsam und verlassen. Eine gespenstische Angst überfiel mich. Ich begriff nicht, wovor ich mich fürchtete, da ich eben noch so glücklich gewesen war. Dieselbe Einsamkeit, die mich entzückt hatte, gab mir jetzt Entsetzen und ich sehnte mich nach Menschen und nach meinem Hause, das ich sonst so gern verließ. Es giebt in uns eine Furcht, die ganz ohne Gegenstand ist, und die sich oft vorzüglich in der Jugend ohne alle Veranlassung meldet, so wie die Andacht, die plötzliche Freude an der Natur, oder ein großer Gedanke. Wie diese Gefühle und das Denken uns durch ihre Sonnenklarheit beglücken, so ist jene dunkle Angst eine stumme Verzweiflung. Indem ich so umherirrte, kam mir aus einem der Gänge ein wunderschönes Kind, ein Mädchen, entgegen. Sie schien 46 von meinem Alter und lachte mich gleich so freundlich an, daß meine Angst verschwunden war. Ich weiß selbst nicht, wie wir sogleich in die vertraulichsten Gespräche geriethen. Ich sagte ihr Alles von mir und von meinen Eltern, was ich nur wußte, und sie ermahnte mich so liebreich, gehorsam, fleißig und fromm zu seyn, daß ich mir vornahm, dem Wesen zu gefallen, mein eignes ganz umzuändern. Das ganz fremde Kind war mir gleich so vertraut wie eine Schwester geworden, mit der man aufgewachsen ist. So vergingen die Stunden und es war fast ganz finster geworden. Es ist nicht auszusprechen, wie lieb ich das süße Wesen hatte, dessen himmlische Schönheit in der Dunkelheit des späten Abends leuchtete, und die mir mit jedem Worte, Blick und Händedruck einen beglückenden Trost und die behaglichste Zufriedenheit in die Seele flößte. Ich umarmte sie endlich, drückte sie an meine Brust und sagte: Schwesterchen, Du mußt zum Andenken mein schönes Buch von mir nehmen. – Wird es Dich nie gereuen? fragte sie mit bewegter Stimme. – Nein! nein! rief ich aus, und drückte ihr die kostbare Gabe in die weiche zarte Hand, aber einen Kuß mußt Du mir dafür geben. Sie drückte einen Kuß auf meine Lippen und indem hörten wir Geräusch, die Kirchenthür ward geöffnet und herein drang der Sakristan mit verschiedenen Dienstleuten meines Hauses. Ich ging ihnen entgegen, sah mich noch einmal um, und meine kleine Freundin war verschwunden. Zu Hause hatte man mich erst beim Feste nicht vermißt, weil man glaubte, ich sei mit der Kammerfrau zu einer Tante gegangen, die ich oft besuchte. Die Dienerin glaubte erst, ich sei mit einem der Leute zurückgekehrt; als sie den Irrthum gewahr ward, suchte sie mich allenthalben. Die Eltern wurden unruhig, als sie erfuhren, daß ich mich verloren habe, endlich fiel man darauf, auch den Münster öffnen zu lassen, 47 und so kam ich, zur Beruhigung meiner trauernden Mutter, spät am Abend wieder nach Hause. In der Familie wurden jetzt Untersuchungen wegen des Gebetbuches angestellt. Ich sagte in meiner Verlegenheit, daß ich es in dem großen Gedränge verloren haben müsse. Man forschte nach, man machte den Verlust in den Zeitungen bekannt, doch, wie sich begreift, ohne Erfolg. So mußte man den Verlust verschmerzen, und mein neues Meßbuch war von weit geringerem Gehalte, was ich aber gar nicht bedauerte. Ich wurde überhaupt stiller und schweigsamer, folgte meinen Eltern williger, lernte mit mehr Begier und fügte mich in alle Dinge, die man von mir verlangte, weil ich immer an meine wunderbare Gespielin dachte, und wie sie meine Aufführung loben solle. So ging ein volles Jahr hin. Meine Eltern waren mit mir zufrieden und meine Mutter vorzüglich erfreute sich über mein Wesen und Betragen. Man vertraute mir, in vielen Stunden erschien ich mir selbst solide und über mein Alter verständig. An einem Sommertage waren wir alle in unserm Garten vor dem Thor versammelt. Die Gesellschaft fuhr zurück und man ließ mich dort. Die Kammerfrau ging mit ihrem Bräutigam lebhaft sprechend und ihre nahe Ehe verhandelnd im fernen Lindengange auf und ab: ich saß auf einer Bank zwischen blühenden Rosengebüschen. Es zeigt sich nicht selten bei artigen Kindern, die im Zimmer ruhig und still sich verhalten, daß plötzlich, wenn sie unvermuthet und bei schönem Wetter ins Freie kommen, sie von der Natur, der Luft, den Gewächsen und dem Sonnenschein wie in einen Rausch und Taumel gerathen, die sich ihrer so sehr bemächtigen, daß sie sich nicht zu beherrschen vermögen. So erging es mir auch an diesem Tage. Es war, als wenn mich ein Geist anrührte, alle meine Kräfte jauchzten empor, und 48 ich vergaß mein voriges Leben völlig. Jubelnd sprang ich umher, ich rührte lachend diese Blume, dann jene an, schlug mit der kleinen Hand in die Gebüsche und hätte mit der hohen blassen Lilie sprechen mögen, oder vielleicht zanken, weil sie so gerade aufrecht, wie meine alte Hofmeisterin, vor mir stand. Das Gras, dessen Spitzen ein zarter Wind kräuselte, so daß es kleine grüne Wellen schlug, schien mir, wie Spaß machend, entgegen zu lächeln, und ich drohte ihm mit dem Finger, und rieth ihm, ernsthaft zu seyn. Am wunderlichsten erschienen mir aber mitten in dieser grünen und farbigen Pracht einige steinerne Bildsäulen, die mir wie Fratzen, wie Wesen aus einem Tollhause vorkamen. Einen Cupido warf ich mit abgefallenen unreifen Früchten und kleinen Steinen, ein Apollo machte mir die Miene, wie im Hause ein alter Kater, der bei meiner Mutter oft auf dem Ofen saß. Indem ich ganz ausgelassen wurde und mit lauter Stimme sang, befiel mich plötzlich in meiner Wildheit eine unaussprechliche Wehmuth, so daß die Thränen meinen Gesang erstickten. Ich wollte mich besinnen, denn dergleichen war mir noch niemals begegnet, da fiel es mir aufs Herz, daß ich meine kleine unbekannte Gespielin noch gar nicht wieder gesehn hatte, daß sie es eigentlich sei, die ich herbei wünschte, um mich an ihrem freundlichen Angesicht, an ihren schönen Augen wieder einmal zu erfreuen. Nachdenklich ging ich in die Laube zurück, und wie ich den Blick wieder aufschlage, sitzt das himmlische Kind wirklich drin und auf meiner Bank. Ich kann es nicht schildern, wie entzückt, überrascht ich war, mit welcher Freude ich das schöne Wesen in meine Arme schloß. Ich mußte ihr viel erzählen und sie sprach mit so lieblichen Tönen, so sanft und zart, so sinnige Worte, die ich doch alle verstand, daß mein ganzes Herz überfloß und sich ihrem Willen ganz ergab. So war eine geraume Zeit 49 verflossen, ich liebte das Kind so innig, daß ich dies Gefühl mit keinem andern, auch mit der Zärtlichkeit zu meiner Mutter nicht vergleichen konnte. Sie lobte mich auch, daß ich fleißiger und gehorsamer geworden sei, daß ich meinen Eigensinn gebrochen und auch die Dienstboten mit mehr Freundlichkeit, wie es sich gezieme, behandle. – Woher weißt Du denn das alles? fragte ich; kennst Du denn meine Eltern? Hast Du denn vorher vielleicht die Sabine gesprochen? – Ich kenne Dich, sagte sie, bin oft bei Dir, weiß alles, was Du thust, und freue mich innig, wenn Du artig und folgsam bist. – Ich sah die Kleine scharf an, und wußte nicht, wie ich ihre Rede verstehen sollte. Aber ich war verstimmt, denn ich wollte nicht, daß wer anders, als die Eltern, meine Lehrer und die Hofmeisterin mich beobachten sollten. – So ist es also sehr unfreundlich, sagte ich, daß Du nicht öfter zu mir gekommen und mit mir gesprochen hast. Wo warst Du? – Das kann ich Dir nicht bezeichnen, antwortete sie, genug, daß ich gern um Dich bin. – Ja, rief ich aus, Du sollst aber meine Freundin, mein Liebchen seyn, und nicht meine Hofmeisterin: mir wird schon von andern genug vorgepredigt, so daß ich oft die Geduld verliere. Und Du sollst nicht mit den Dienstleuten klatschen, wenn Du mein Herzblatt seyn willst; denn nur von ihnen hast Du das Alles von meiner Art und Unart erfahren. – Die Kleine wollte sich verantworten, aber ich gerieth immer mehr in Eifer und überschrie im Zorn ihre zarte Stimme. Du bist nun doch wieder recht unartig! sagte sie, als ich endlich einen Augenblick schwieg. – Und Du bist Schuld daran! rief ich wieder mit Heftigkeit; Du kommst nur her, mich zu ärgern, Du bist ein boshaftes, schlechtes Kind! Und nun will ich auch mein schönes Gebetbuch wieder haben, das ich Dir damals geschenkt habe, denn Du verdienst es nicht; es gehört 50 mir und ich will es auch behalten! – Siehst Du, sagte jene, es gereut Dich jetzt, wie ich Dir damals sagte: aber so wird Dich auch Dein jetziges Betragen wieder reuen. – Nein! nein! schrie ich wie besessen, und weinte schon vor Bosheit: Du bist mein Feind, Du bist schlecht! mein Buch gieb mir wieder, Du böse Range! – Ich schlug nach ihrem Gesichtchen mit meiner geballten Faust, aber mein Hieb traf nur einige groß aufgeblühte Rosen und die Dornen ritzten meine Finger. Ich sah mich um, und das Kind war nirgend zu sehn. Wie von einem bösen Geiste besessen, schlug und stampfte ich nun mit Händen und Füßen in die schönen Blumen hinein, riß aus und zerstörte, was ich nur habhaft werden konnte, schrie und tobte, so daß ich bald vor Ermattung nieder sank. – Nun war mein Schmerz und meine Reue nicht weniger heftig. Ich zerriß in Verzweiflung mein Haar, das aufgegangen und mir ins Gesicht gefallen war, ich wälzte mich auf dem Boden, dann rang ich die Hände und schrie laut, rief alle Namen, die mir beifielen, weil ich nicht wußte, wie sich meine beleidigte Freundin nannte. Mein Schmerz war ohne Maß, ich mochte den Zustand dieser Stunde Verzweiflung nennen. Ich wußte nicht mehr, was ich that, und warf mich wieder in die Gesträuche hinein, ich fühlte es nicht, wie die Dornen mein Gesicht zerrissen, ich sah es nicht, daß mein Blut aus Wunden floß, daß meine Kleider in Unordnung waren, denn manches Stück meines Anzuges war zerrissen oder hing an den Büschen. So fand mich meine Kammerfrau und war entsetzt. Wir fuhren nach der Stadt und es war ihr Glück, daß ihre Hochzeit so nahe war, sonst hätte meine Mutter sie aus dem Dienst entlassen, da sie mich so unverzeihlich vernachlässigt hatte. Denn da ich nichts von meiner Gespielin und dem Streit, den ich mit dem wunderbaren Kinde gehabt hatte, erzählte, so begriffen 51 meine Eltern den Wahnsinn gar nicht, der mich mußte befallen haben, um mich selber so zu zerfleischen. Ich sagte von der Fremden nichts, denn als mich die Leidenschaft wieder verlassen hatte, schämte ich mich, auch schien es mir Unrecht, die Unbekannte zu verrathen, denn ihre Freundschaft erschien mir wie ein heiliges Geheimniß, das ich nicht entweihen dürfe. – Seitdem aber wurde ich still, folgsam, und was man gesetzt nennt. Es war, als hätte diese Wuth in der höchsten Gestaltung sich noch einmal meines ganzen Wesens bemeistern müssen, um mich auf immer zur Ruhe zu bringen. Von jetzt an waren meine Eltern immer mit mir zufrieden, auch ich war mit ihnen in allen Dingen einverstanden, so daß zwischen ihrem Willen und dem meinigen niemals ein Widerspruch stattfand. Der Geistliche war im Nachsinnen verloren. Unsere Kirche, sagte er dann, lehrt und glaubt die schützenden Geister oder Engel, welche den Menschen begleiten und behüten. Da wir, wie schon gesagt, in Täuschung nur leben können und von bunten Bildern umstellt sind, selbst unser Denken nicht ohne Bild und Figur seyn kann, so muß sich auch wohl das eigne Innere, die geheimnißreiche Ahndung, oder ein Geist aus anderer Region uns als figürliches, unserm Sinne verständliches Bild darstellen. Im Gefühl der Liebe fassen wir auch wohl diese geistige Offenbarung am richtigsten, so Sie in der Kindheit, die das Wesen als Freundin und Gespielin anerkannte. Dürfte ich mich eines Gleichnisses bedienen? Wären keine Instrumente erfunden, so würden Tausende niemals erfahren, welch ein Himmel von Melodie in ihrer Seele wohnte, und dennoch schliefe das Talent, wenn auch unausgebildet, die Vision, in ihnen. Unendliches hat der Mensch erfunden, um seine Seelenkräfte zu manifestiren, aber das sichtbare Offenbaren jener Geheimnisse ist unsrer 52 Willkür nicht anheim gegeben, sondern die Schickung hat es sich vorbehalten, nur selten und nur wenigen die Decke des Vorhanges aufzuheben. Wie immerdar, antwortete die Gräfin, wenn unsere Seele recht thätig ist, sei es in Andacht, Denken, Verständniß der Kunst, eine göttliche Kraft aus uns sich entwickelt, der von jenseit eine übermenschliche göttliche Einwirkung entgegen kommt, und in dieser Vereinigung der Mensch seine höchste Bestimmung erreicht und auf Augenblicke einer wahren Seeligkeit theilhaft wird: so giebt es vielleicht, ja wahrscheinlich, Zustände, in welchen sich ohne diese erhobenen und verklärten Stimmungen, in einem Zustande, den wir gleichgültig nennen, uns sichtbar und menschlich befreundet das göttliche Geheimniß, so zu sagen spielend, entgegen tritt. Unser Geist, oder unsere Seele ist gewiß oft thätig, ohne aufgeregt zu seyn, ohne sich dieser Thätigkeit bewußt zu werden. In dieser Unbewußtheit sammelt die Seele wohl oft die allertheuersten Schätze, die später erst Gedanken und Gefühle, Glaube und Ueberzeugung werden. Ist es nun mein eigenes Inneres, was mir in der Gestalt des Kindes so freundlich und seltsam begegnete? ist es wirklich mir sichtbare Vergegenwärtigung jener ewigen Liebe, die ich nur in dieser Umgebung und Stimmung sehn und zum Theil verstehn konnte? Oder war es ein Prolog zu meinem Leben, und sollte diese Erscheinung auch noch auf andere Weise mir eine Gewähr leisten, daß mein Gemüth auf den rechten Bahnen wandele? Hier ist es wohl unmöglich, zu entscheiden, antwortete Theodor. Ist Ihnen aber, geehrte Freundin, niemals dieses Kind, oder eine andere Erscheinung wieder vorgekommen? Ich war im Begriff, in meiner Erzählung fortzufahren, sagte die Kranke. Ich war nun ganz eine Tochter nach dem 53 Herzen meiner Eltern, mein Eigenwille schien völlig gebrochen. An Gesellschaften, Bällen, Komödien und den Zerstreuungen der Welt fand ich kein Wohlgefallen, die Einsamkeit war mir lieb, das Lesen guter Bücher erfreute mich, aber mein Entzücken war, den Münster zur Messe oder Vesper zu besuchen, und meine Eltern, vorzüglich da meine Mutter viel kränkelte, ließen mich gewähren. So erschien mir das Leben in einer sehr ernsten Gestalt und ich ging ohne alle Freundinnen oder Gespielinnen in meiner Jugend so hin, da ich allen zu ernst und langweilig erschien. Am verwirrtesten erschienen mir aber jene Zustände und Empfindungen, die ich so oft als Liebe und als das Höchste des irdischen Lebens schildern hörte. Ich bedauerte alle Menschen, die sich dieser Leidenschaft überließen, um so mehr, da ich sehr oft zu bemerken glaubte, daß die meisten nur eine willkürliche Eitelkeit in diesen Taumel hinein jagte. Als es meine Eltern für gut fanden, vermählte ich mich mit dem General, den sie mir bestimmten, einem edeln Mann, der natürlich kein Jüngling war. Hätte ich ganz meiner Neigung folgen dürfen, so hätte ich mich der Kirche gewidmet, denn ich sah diese Verbindung als ein Opfer an, um mich dem Willen meiner Eltern zu fügen. Aber ich mußte meinen Gatten verehren, dessen Erfahrung und Weisheit meine Lebensbahn um so sicherer machte. Meine Liebe zu ihm, eine innige, wahre, gestaltete sich aber ganz anders, als ich sie unter meinen Bekannten hatte beobachten können. Liebe und Ehe erschienen mir als etwas Heiliges, daß nur durch diese geheimnißvolle Weihe, durch die Entfernung alles Leichtsinns und Muthwillens jene sonst widrige irdische Verbindung, die Schrecken der Niederkunft, das Erniedrigende aller dieser körperlichen und krankhaften Zustände eine edle Bedeutung erhalten konnten. So gebar ich denn zur Freude meines Gatten meinen 54 Sohn. Eine unaussprechliche Rührung durchdrang mich, wenn ich das hülflose zarte Kind betrachtete, eine sonderbare Liebe, die bis dahin stumm in meinem Herzen gelegen hatte, trat jetzt mächtig, durchdringend, in mein Leben und Bewußtsein. Ja wohl, Mutterliebe, Liebe zum Säugling, zum Kinde – wie soll ich nur einen Ausdruck finden, der irgend dies höchste aller menschlichen Gefühle andeuten könnte? Was hat unsre Kirche damit ausgesprochen, daß der Heiland als Kind, mit der Mutter scherzend oder an ihrem Busen saugend, uns immer in Gebilden und Gesängen gegenwärtig ist! Ein unaussprechlich, nie zu erschöpfendes Geheimniß, eine nie ersättigende Süßigkeit waltet im Verhältniß der Mutter zu ihrem Kinde. Wie geheiliget ist nun ihr Leben, wie ist das geheimnißvolle Dasein noch geheimnißvoller und zugleich so klar. Das Allerfernste, Göttlichste, Unerreichte ist nun ganz nah, und sie hält es sichtlich und fühlbar in ihren Armen. Mein Sohn war kaum drei Jahr alt, als er tödtlich erkrankte. Meine Sorge, Angst um ihn, mein Nachtwachen, alle diese Anstrengung, Qual und Liebe warfen mich auch auf das Krankenlager. Ich blieb zwar im Zimmer bei meinem Kinde, aber ich konnte seinem Aechzen nur mit meinen Seufzern antworten. Ich konnte mich über seinen Zustand nicht täuschen, auch gaben die Aerzte selbst nur wenige Hoffnung. – Ich rang mit tausend Schmerzen und vergaß mein Leiden über das meines Sohnes. Da ward mein Gemahl, schwer verwundet, in den Palast gebracht. Ich erfuhr es erst, als man mir seinen Tod melden mußte. Warum, sagte ich zu mir selbst in der Verzweiflung, ist uns Menschen der Tod denn etwas so Entsetzliches? Müssen wir denn nicht alle früher oder später sterben? Das ist ja von der Geburt an unsere räthselhafte Bestimmung. Ich konnte nicht weinen. 55 Da vernahm ich, denn die Fieberangst hatte mein Gehör geschärft, wie mein Sohn dumpf stöhnte und ächzte und wie der alte Doktor zum jungen leise sagte: Jetzt ist es vorüber. – Ein furchtbarer Unglaube wollte mein Herz zusammenpressen. Da stand das Kind lächelnd und mit tröstendem Auge an meinem Bett. Es reichte mir die Hand und sagte: Jetzt ist der Sohn gerettet, er lebt und auch Du wirst wieder gesund werden; vertraue nur und überwinde Dein Leid. – Wie ein Himmel von Entzücken und Trost quoll es in mein müdes Herz hinein. Er wird genesen! rief ich mit starker Stimme den erstaunten Aerzten zu. Jetzt war das Kind verschwunden. Mein Sohn besserte sich von diesem Augenblick und ich erholte mich so schnell, daß ich bei der Bestattung meines Gemahles zugegen seyn konnte. Seitdem ist mir das Kind niemals wieder erschienen. Gedankenvoll ging der Priester nach seiner Wohnung, und der Kranken war es vergönnt, nach dieser langen Erzählung in einen gesunden Schlaf zu fallen. Es war nur wenige Zeit verflossen, als der Arzt, wie er im Palast anfragte, zu seinem Erstaunen erfuhr, daß die Kranke an diesem Morgen schon um drei Uhr abgereiset sei, um das nahe bevorstehende Osterfest in Straßburg zu feiern. Er war fast eben so beschämt als verwundert, weil er jedem Hausgenossen und Befreundeten mit der größten Zuversicht gesagt hatte, daß die Gräfin diesen Tag, an welchem sie die Reise angetreten hatte, unmöglich erleben könne. Er stand lange in Betrachtung vertieft und sagte endlich zum Haushofmeister: Es ist etwas Unbegreifliches mit dieser Dame! Heut, wo ich Anstand nahm, mein Pferd zu besteigen, bei 56 diesem Sturme und rauhen kalten Wetter, abwechselnden Regengüssen, fährt sie fort, sie, die bis jetzt aus Schwäche das Bett nicht verlassen konnte: und wie haben Sie es nur zugeben können? Sie hätten sie mit Bitten, ja Gewalt zurückhalten müssen. Als wenn die gnädige Frau uns jemals gefragt hätte, antwortete der Alte: auch wußte keiner im Hause etwas von ihrem seltsamen Vorhaben. Plötzlich, wir ließen es uns nicht träumen, war der Wagen angespannt und fuhr vor, die große Kutsche mit den beiden großen, starken Rappen. Wir fuhren von den Betten auf, und dachten, daß etwa Gäste ankämen. Und da schritt die gnädige Frau die Treppe herunter, als wenn ihr gar nichts fehlte, und stützte sich kaum auf die Kammerfrau Dorothea, daß es nur eine wahre Lust war, es anzusehn. Im Wagen ist außer den beiden noch der geistliche Herr, Herr Theodor, und drei Bediente auf dem Bock und hinten, weil die Wege noch dazu unsicher sind. Wir glaubten, sie morgen oder übermorgen begraben zu müssen, und nun ist sie auf und davon, um sich in Straßburg einen guten Tag zu machen. Zu wagen ist ja überhaupt nichts mehr, da sie doch, wie Sie schon lange versicherten, nicht mehr zu retten ist. Ob sie hier oder in der Stadt verscheidet, ist doch auch dasselbe. Da das Wetter so ungestüm war, ließ der Doctor sein Pferd in den Stall ziehn und bestellte sich ein gutes Frühstück und Mittagsessen, um, wo möglich, gegen Abend zurück zu reiten. Dann begab er sich in die Bibliothek und suchte sich einige unterhaltende Bücher, um im bequemen Sessel den Sturm und Regen abzuwarten. Es war nicht zu verwundern, wenn der Geistliche, Theodor, der auf dringendes Ersuchen der Gräfin diese begleitet hatte, bei dem fortwährenden und zunehmenden Sturme die 57 Kranke ersuchte, wieder umzukehren, um sich im sichern Hause vor dem Unwetter zu schirmen. Als sie sich kaum eine Meile vom Gute entfernt hatten, kam ihnen ein Diener zu Pferde entgegen, der schon am frühsten Morgen war abgeschickt worden, um die große Fähre zu bestellen, damit man auf diese nicht warten dürfe. Der Wagen hielt und als der Diener seinen Bericht abgestattet hatte, seufzte die Gräfin und schwieg eine lange Weile, in tiefem Nachsinnen verloren. Jetzt glaubte der Geistliche mit Gewißheit, daß der Befehl zur Rückkehr erfolgen würde, denn der Reitende hatte berichtet, daß die ungestümen Wasser und der Sturm schon am vorigen Tage die Fähre zerbrochen und weggetrieben habe, woran freilich auch die Schiffsleute Schuld seien, die bei dem schlechten Wetter, da sie auf keinen Reisenden rechnen konnten, das Fahrzeug ganz außer Acht gelassen hatten. Jetzt hatte die Gräfin die Augen geschlossen, doch indem sie sie weit öffnete, rief sie mit lauter Stimme: Wir fahren weiter, es müssen sich am Flusse selbst Gelegenheiten finden, hinüber zu kommen, denn ich darf jetzt die Reise weniger als je unterlassen. Mit Grüßen an die Hausgenossen ging der Reitende nach dem Schlosse der Gräfin zurück. Alle erstaunten und man fuhr langsam weiter, denn die Wege waren schlecht und aufgeweicht. Die Gräfin aber, welche die Verlegenheit und Verwunderung ihrer Begleiter bemerkte, war jetzt so heiter und gesprächig, daß es schien, als wenn sie von ihrer Krankheit völlig genesen sei. Der Priester dankte Gott in seinem Herzen, daß so unvermuthet eine so auffallende Besserung eingetreten war. Nach einiger Zeit, da der Wind nicht nachließ, befahl die Gräfin, daß der älteste Diener, welcher hinten auf dem Wagen saß, zu ihr einsteigen solle, um den vierten Platz auszufüllen. Der Mann weigerte sich anfangs, mußte aber auf ihr Zureden 58 Folge leisten. Nun fuhr man weiter, und nachdem Alle lange geschwiegen hatten, fing die Gräfin an: Sie können, würdiger Freund, meinen Entschluß nicht begreifen, der Ihnen seltsam, ja vielleicht ungereimt dünkt. Indem ich aber vorher nachsann, was zu thun seyn möchte, überwältigte mich der Gedanke, daß ich diese Reise, die ich mir seit lange als ein heiliges und unverbrüchliches Gelübde auferlegt hatte, nicht aufgeben dürfe, um körperliche Unbequemlichkeit zu vermeiden. Im Sinnen tauchte aber plötzlich das Bild meines Sohnes auf, und die feste Ueberzeugung, daß ich ihn noch heut, aber wohl in der Nacht erst, in der Stadt sehen werde. Das Gemälde des jungen Mannes stand in dunkler Umgebung, von seltsamen Gestalten umringt, die ich nicht genau unterscheiden konnte. Haben Sie darum Geduld mit mir, und stehn Sie mir in dieser meiner Unternehmung bei, die Sie nicht Eigensinn schelten müssen. Ich ehre alle Ihre Wünsche, Ueberzeugungen, Ahndungen und selbst Träume, erwiederte Theodor: ich glaube, daß, wenn auch dieser Ihr Wunsch sich nicht erfüllt, diese Reise, die andere krank machen würde, Sie zur vollkommenen Gesundheit herstellt. Und auch das ist für ein Wunder zu achten. Glauben Sie das nicht, sagte die Gräfin sehr lebhaft, ich fühle es bestimmt und deutlich, daß diese Aufreizung nur so lange dauern kann, bis sich das erfüllt hat, was ich mir vorgesetzt habe, nachher fällt die Maschine, deren Kraft in Ueberspannung gebrochen ist, zusammen. Und am Ende ist Leben und Sterben ein eben so freiwilliger Aktus, wie alle unsre übrigen Handlungen. Alles hat seine Zeit, den richtigen Anfang und ein eben so nothwendiges Ende. Warum will man denn nicht seine Einwilligung geben, daß, wenn das Schauspiel wirklich beschlossen ist, auch der Vorhang, 59 ohne unnütze Zögerung, falle? Wahrscheinlich sind unserem unsterblichen Geiste doch vor der Geburt die Bedingungen des hiesigen Daseins bekannt gemacht, er hat sich dem Leben ergeben, lasse er sich, wenn das geschehn, was er nur hier erfahren und einlernen konnte, sterben, das ist, neu geboren werden, zu einer andern Bestimmung mit ihren Bedingungen. Denn ohne solche kann ich mir kein Dasein denken. Was heißt das Wort »Ewigkeit?« Es ist eben so leer als allumfassend; aber wir können das Bild nicht ertragen, weil unser Geist in Allem Anfang und Ende will. Vor dem ewigen Dasein zittert er noch mehr, als vor der Vernichtung zurück: nur, daß die Menschen sich niemals mit Ernst in diese ungeheure Betrachtung versenken. Wir erleben es schon hier, daß ein Räthsel sich nur scheinbar auflöset, indem ein höheres, innigeres, noch unbegreiflicheres an dessen Stelle tritt. Und so sollte es nicht immerdar seyn? Giebt es für uns etwas Entzückenderes, als zu lernen? Und es sollte nach den Klippschulen, Gymnasien und Universitäten endlich einmal eine allerhöchste Schule geben, die dann auch geschlossen würde? Wie verstehn nur die Menschen das Wort von der Allgegenwart Gottes immer so schlecht. Ach ja, wir spielen am liebsten und auch recht pedantisch mit den ernstesten Dingen, und daß dies möglich ist, ist eben auch wieder so schön menschlich. Wir entfliehen uns immerdar, um auch auf den seltsamsten Umwegen uns wieder zu finden. Wir können das Schöne, Erhabne und Göttliche nur im Gefühl der Vergänglichkeit fassen: ein Ewiges, Dauerndes, Niewandelndes ist für uns, wie wir geschaffen sind, ein völlig Unverständliches, Unfaßbares, – und auch von jeder Entzückung müssen wir uns in der Zerstreuung, vom höchsten Leben im scheinbaren Nichtsein erholen. Sie gelangten erst eine Stunde vor Mittag an den 60 hoch angeschwollenen Strom. Als der Wagen anhielt, stieg die Gräfin rasch auf das Ufer hinaus und sah einige Kähne und Fischerhütten ganz in der Nähe. Sie ließ die Leute herbeirufen, ging mit ihnen zu den kleinen Booten und Nachen und suchte die größten und stärksten mit kundigem Blicke aus. Nun machte sie den erstaunten Fährleuten deutlich, wie sie zwei der besten Nachen zusammen binden müßten, um ihre Kutsche an das jenseitige Ufer zu schaffen. Das erklärten aber die Schiffer rund aus für eine völlige Unmöglichkeit. Dem guten Willen ist nichts unmöglich! rief sie erhitzt. Sie ging mit den kräftigen Männern selber in ihre Hütten, man suchte Bast und Stricke hervor, und nun zeigte sie ihnen, wie an den Stellen, wo die Ruder eingelegt würden, die beiden Nachen, die von gleicher Länge waren, zusammen gebunden werden müßten, um in diese verbundenen Kähne, die dann nur ein Schiff bildeten, den Wagen gleichförmig mit angestrengten Kräften hinein zu heben. Das begreifen wir wohl, sagte der älteste der Fischer, – aber wie nachher – auf dem Strom, wenn Sturm uns faßt, und Kutsche und alles umstürzt: auch ist es nicht möglich, das tobende Wasser zu bezwingen, mit den schwachen Rudern und bei der künstlichen Maschine, die regiert werden soll. Christoph, der sich geehrt fühlte, und auch gerührt über das Wohlwollen seiner Herrschaft, die ihn zu sich in den Wagen genommen hatte, rief jetzt heftig: Es muß gehn! Ich bin wohl sonst auch dabei gewesen! Er legte nun eifrig mit Hand an und bald waren die Nachen mit starken Banden an einander befestigt. Die Gräfin hatte indessen abseits mit dem obersten dieser Schiffer und Fischer ein Abkommen getroffen und ihre Freigebigkeit und freundliches Zureden brachte diese Menschen jetzt dahin, daß sie für ausführbar hielten, was sie noch kürzlich für widersinnig und unmöglich 61 gehalten hatten. Jetzt galt es, den nicht leichten Wagen fast in die Kähne hinein zu tragen, doch Christoph, der verständige mannhafte Kutscher, noch zwei Diener und die Schiffer selbst, machten es endlich möglich. Hierauf ließ sich die Gräfin nicht abhalten, selbst in den Doppel-Nachen zu steigen und der Geistliche und die Kammerfrau begleiteten sie. Sie vertheilten sich künstlich und warteten nur, bis die beiden Pferde, jedes in einen Kahn, gebracht waren. Diese stampften, schlugen aus und geberdeten sich sehr unwillig; doch gelang es dem Kutscher und Christoph, die Thiere zu besänftigen, so daß sie endlich verständig überschritten und jedes zitternd in seinem Kahne stand. In einen vierten Nachen drückte sich nun die übrige Dienerschaft hinein und man stieß, nachdem die Schiffer sich andächtig bekreuzt und gebetet hatten, vom Ufer ab. Alle waren in Lebensgefahr, denn der Sturm erhob sich mit neuer Kraft. Der Schleier der Gräfin flog weit in die Luft hinein, wie ein wehendes Segel, und der Geistliche, der an dergleichen Anstrengungen nicht gewöhnt war, verlor fast seine Fassung und befand sich sehr übel. Die Dienerschaft war in ihrem Nachen, der am leichtesten zu führen war, voraus, und man sah endlich, wie sie jenseit landeten, indeß die Kutsche noch nicht die Mitte des Stromes erreicht hatte, und die Pferde noch weiter zurück blieben. Der Kahn, welcher die Diener gelandet hatte, wurde von den Schiffern wieder herbei gerudert, um dem Doppel-Nachen Hülfe zu leisten. Man rief sich zu, aber der Sturm brausete so laut, daß die Stimmen sich im Wellengetöse und dem Sausen des Windes unverstanden verloren. Indessen kamen die Schiffer dem Wagen nahe, und zum Glück im Augenblick, wo ihre Hülfe am nöthigsten war, denn eine große Woge, die zugleich mit einem plötzlichen und 62 heftigen Windstoß den Nachen und Wagen packte, hätte fast das künstliche Fahrzeug umgeworfen. Die Schiffer stemmten sich aber kräftig von der andern Seite gegen den Kahn, daß die Gefahr beseitigt wurde. Die Kammerfrau schrie heftig auf und der Geistliche stürzte von dem gewaltigen Stoß in die Knie, nur die Gräfin blieb unerschrocken. Man kam, durch ungeheure Anstrengung der Schiffenden, dem Ufer näher. Die Kähne, welche die beiden Pferde trugen, waren jetzt auch nicht weit vom Lande entfernt. Das Ausschiffen des Wagens war aber nicht minder beschwerlich, als dessen Hineinschaffen in die Kähne, da aber alles half, schob, trug, hob, so gelang es endlich: die Leute schrieen, um sich zu ermuntern, oder sich Zeichen zu geben, und mit einem lauten Krachen stand die Kutsche jetzt auf dem Lande. Darüber aber erschrak der eine der Rappen, welcher sich schon immer unbändig gezeigt hatte, so, daß er aus dem Kahn in das Wasser sprang, und als er das Ufer erreicht hatte, in den Wald hinein rannte. Als der Kutscher, welcher die Pferde mit der Leidenschaft eines Kenners liebte, diese traurige Begebenheit wahrnahm, gerieth er in Verzweiflung. Ohne nur Abrede zu nehmen, oder auf die Worte seiner Gebieterin hinzuhören, setzte er springend und mit Geschrei dem flüchtigen Thiere nach, und bald waren beide im Walde verschwunden. Die Gräfin berieth sich nun mit Christoph, was geschehen könne. Da man eine Weile gewartet hatte und der Kutscher nicht wiederkehrte, spannte man das andere Pferd ein, und Christoph faßte die Zügel. Er klagte nur darüber, daß er schwerlich durch den Wald die Wege zur großen Straße und zur Stadt finden würde, da er nur einigemal, und zwar in seiner Jugend, in diesem Reviere gereiset sei, denn die Gräfin hatte beschlossen, unverzüglich, wenn auch 63 langsam, weiter zu reisen, da sie voraussetzte. daß der verständige Kutscher sein Pferd bald würde eingefangen haben und mit diesem sie früher oder später einholen würde. Außer ihrem großen vorausbedungenen Lohn erhielten jetzt die Schiffer noch ein ansehnliches Geschenk, worüber sie so gerührt waren, daß der Kundigste sich freiwillig erbot, den Reisenden als Wegweiser zu dienen, da er überzeugt war, daß er die Nebenwege durch den Wald finden würde. Die Schiffer beurlaubten sich dankend, um nach ihren Hütten jenseit des Flusses zurück zu fahren, und die Reisenden hatten sich jetzt wieder eingerichtet, in der Hoffnung, Straßburg, wenn auch nur in der spätesten Stunde, an diesem Tage noch zu erreichen. Der Zug ging langsam fort, denn das eine Pferd, das auch von der langen Anstrengung schon ermüdet war, konnte sich nicht rasch fortbewegen, der Führer ging neben her, und die beiden Bedienten waren auch abgestiegen, theils um sich im Gehen zu erwärmen und theils um die Last des Wagens zu vermindern. Allen dünkte der dichte und dunkelnde Wald angenehm, weil sie hier vor dem Unwetter und den Stürmen mehr geschützt waren. Der Führer sang ein fröhliches Lied und die Diener unterhielten sich mit alten, sonderbaren Geschichten, die in dieser Gegend vorgefallen seyn sollten. Der Priester, welcher wieder beruhigt an der Seite der Gräfin saß, sagte zu dieser: So wäre denn jetzt die eigentliche Gefahr, mit des Himmels Hülfe, überstanden. Sie zürnen mir gewiß nicht, verehrungswürdige Freundin, wenn ich ohne alle Uebertreibung sage, daß ich Sie heute habe bewundern müssen. Sie haben sich nicht als Kranke, sondern als Heldin gezeigt, und es dürfte wohl nur wenige Männer geben, die in allen bedenklichen Augenblicken so viel Fassung, Kälte und besonnene Entschlossenheit darlegten. Sturm, 64 Kälte, Regen, die Nässe der Wellen, Schreck und Gefahr, nichts scheint Ihnen etwas anhaben zu können. Ich wünschte nur, unser skeptische Arzt wäre zugegen gewesen, um auch an seinem System einmal irre zu werden. Irren Sie sich auch nicht? erwiederte die Gräfin mit einem leichten Lächeln. Was ist unsre selbsteigne Kraft? Sie vergessen die schon sprichwörtliche Aussage, daß uns alles Gewaltige, Starke, alles, was die gewöhnlichen menschlichen Kreise überschreitet, von oben kommt. Die Wahrheit dieses Ausspruchs erfährt jeder an sich, mag er ihn übrigens auslegen, wie er will. Die Alten nannten es oft einen Dämon, welcher sie antrieb, das, was unmöglich schien, zu unternehmen und mit Glück zu beendigen. Manche Neuern nennen es geradezu Glück, ihren Stern, ein Schicksal, welches sie führt und über Ströme und Klippen zu einem bestimmten Ziele reißt, allen Gefahren vorüber. Alexander glaubte, mehr als Sterblicher, der Erzeugte eines Gottes zu seyn. Diese innere, unbegreifliche Leidenschaft ist es, die mir eine scheinbare Gesundheit auf wenige Stunden gegeben, die mich geschützt, gegen Wind und Wetter unempfindlich gemacht hat; die mich aufrecht erhalten wird, bis ich mein Ziel erreicht habe. Es ist uns zuweilen, als wenn wir aus Wald und Fels, aus Strom und Luft Kräfte in uns auf Augenblicke durch starke Willkür zusammenraffen könnten; oder als wenn sich durch die Gewalt unsers Herzens Geister unsichtbar zu uns gesellten, um allenthalben mit Hand anzulegen, zu tragen, zu heben, und vor allem, was droht, uns zu beschützen. Darum glauben auch so viele, daß Gefahr, Unglück, Tod, Leiden und Krankheit, Verletzung und grausame Vernichtung nur durch andre boshafte Geister herbei geführt werden. Der Glaube an Zauberei ist schwachen Menschen, wenn sie mit Phantasie begabt sind, sehr natürlich; und in manchen 65 Stunden überfällt uns alle dieser Aberglauben. Erklären läßt es sich auch kaum, wie dies und jenes, ein unglücklicher Zufall, eine Widerwärtigkeit, Leiden und Krankheit gerade in diesem, diesem Augenblick, und unter solchen Umständen, oft so unerwartet, eintreten. Da ist unsre angewöhnte Folge von Ursache und Wirkung gar nicht wieder zu erkennen. Ein Streit hatte sich zwischen dem Wegweiser und dem Pferde lenkenden Christoph entsponnen. Man war schon ziemlich weit gefahren, der Abend fing an herein zu dunkeln, und der Weg wurde immer schlechter und bedenklicher, so daß Christoph die Furcht äußerte, sie möchten wohl gar auf einen Waldweg gerathen seyn, der zuletzt, mitten im dichtesten Gebüsch, ganz aufhören könne. Der Wegweiser bekämpfte mit vielen Gegengründen diese Meinung, doch endlich hielt der Wagen, und Christoph stieg vom Bock herab, um sich zu überzeugen, indem er mit den Händen fühlte, ob das, was sie unter den Füßen hätten, wirklich noch ein Weg zu nennen sei. Es war so dunkel geworden, daß diese Maßregel des forschenden Dieners nicht zu verwerfen war. Die Gräfin ließ das Fenster nieder und fragte, welche Hemmung den unvermutheten Stillstand veranlaßte. Ach! gnädige hohe Herrschaft! rief der Wegweiser in weinerlichem Ton, ich bin ganz verhext, ein Kobold hat es mir angethan, ich habe alle meine Merkmale, alle Marken im Walde nicht finden können, und nun sind wir perplex und total verirrt. Er hat uns immer tiefer in das Dickicht hinein vexirt, und nun mag der Teufel (Gott verzeih mir meine schwere Sünde!) sich aus diesem Leberrinde wieder herausfinden. Und noch dazu ist das ganze Waldicht hier immer verdächtig gewesen, weil es oft voll Strauchräuber steckt, so daß man ungern am Tage, und noch viel weniger in der Nacht, sich hier herum treibt. 66 Gnädigste Madame, rief der Wegweiser, es ist mir, meiner Seel, angethan, denn so was geht nicht mit rechten Dingen zu. Mir war schon seit einer Stunde ganz dumm zu Muth, und wahr ist es, daß hier oft Spitzbuben auflauern, denn die Gegend und Gelegenheit ist recht appetitlich dazu, weil sich der Brühgant gleich in den Wäldern verstecken kann, wo ihn selbst kein Jagdhund wiederfinden würde. Aber was zu thun? sagte die Gräfin: wir müssen durchaus weiter zu kommen suchen, bis wir irgend ein Gebäude erreichen, um etwas auszuruhn; auch das arme Pferd zu erquicken, welches sich kaum mehr fortschleppen kann. Aus jedem Busch, sagte Christoph, kann eine Mordbestie hervortreten, wir müssen uns also vorsehn. Er nahm seinen Hirschfänger hinten vom Wagen und hängte ihn um, der Jäger nahm sein Gewehr und gab das zweite dem Diener, nachdem er nachgesehn hatte, ob beide noch geladen wären. Die geladenen Pistolen steckten sie in den Gürtel, und so, indem Christoph unten beim Pferde blieb, zog dies langsam den Wagen Schritt vor Schritt weiter, die Diener sich ermunternd, die Augen wacker und in ihrem Gemüth auf alles gefaßt. Nun bin ich wieder vernünftig, sagte der Schiffer, die Augen sind mir auch wieder frisch, und vorher lief ich neben dem Wagen her, als wenn ich eine Nachtmütze über das ganze Gesicht gezogen hätte. Man hatte sich aber auf dem vertrackten Strome so abgerackert, daß man keinen Menschenverstand und Merksauf übrig behielt; und nachher noch die niederträchtigen Hexen zum Ueberfluß. Die alten Weibsen können doch nichts als Böses stiften. Auf die armen Schiffer haben sie es immer am meisten abgesehn. Die Gräfin wendete sich zum Geistlichen: Sie sehn, sagte sie, daß wir noch nicht alle Gefahren überstanden haben. 67 Wer weiß, was uns noch bevorsteht. Sein wir nur muthig und auf alles gefaßt, denn morgen, das weiß ich, sind wir doch im Münster. Die Vorsehung, sagte der Geistliche, hat uns bis hieher geholfen, sie wird uns auch jetzt nicht fallen lassen. Die Nacht war nun mit so tiefem Dunkel und mit so starkem Regen herein gebrochen, daß es ganz unnütz war, sich noch um den sogenannten Weg zu bekümmern. Man ließ also das Pferd frei wandeln, wohin es nur wollte, und wo es zwischen den Büschen noch irgend eine Oeffnung fand. Die Dienerschaft war dafür besorgt, allenthalben umzusehn, ob nicht ein Graben oder Abgrund sich plötzlich aufthue, in welchen der Wagen hinunter stürzen konnte. So mochte man sich etwa eine Stunde fortgequält haben, als Christoph laut aufschrie, weil er ein Licht in den Bäumen wollte entdeckt haben. Der Jäger sah mit seinen scharfen Augen hin und bestätigte nach wenigen Augenblicken den Ausspruch des Alten. Dahin wurde nun gelenkt und alle waren von der Hoffnung erfrischt, daß ihr trauriger Zustand jetzt sein Ende erreicht haben würde. Mit neuem Muthe ging auch das Pferd jetzt rascher vor und wirklich öffnete sich der Wald, man sah Licht hinter kleinen Fenstern eines unansehnlichen Gebäudes und vor den Reisenden lag ein dunkler Fleck, welches eine Mauer und Zaun seyn mußte, was das Haus vom Walde und dem Wege trennte. O weh! o weh! greinte jetzt der Schiffer, wir sind viel zu weit, viel zu weit rechts gerathen, und das ist hier die verruchte Plunderschenke, wo sich nur das schlechteste Gesindel einfindet. Man tappte umher und überzeugte sich nach einiger Zeit, daß man vor einem sogenannten Thorwege stehe, der aber verschlossen war. Der Jäger wollte eben anpochen, 68 als er entdeckte, daß die Thür im großen Thor, durch die ein Mensch eingehen könne, nur angelehnt sei. Er meldete dies der Gräfin und beredete sie, auszusteigen, indem man, wenn sie erst ein Unterkommen gefunden, dann das Thor öffnen, für das Pferd sorgen und den Wagen unterstellen wolle. Der Geistliche und die Kammerfrau wollten der Gräfin folgen, man öffnete die Thür und sah in einen wüsten, schmutzigen Hof, dessen Traueranblick man durch die Lichtstreifen, die von den wenig erhellten Fenstern herab schimmerten, wahrnehmen konnte. Da lief der Wegweiser herbei und stellte sich dicht an die Reisenden, die eben in den Hof hinein treten wollten, indem er mit ganz leiser und furchtsamer Stimme sagte: Bleiben Sie um Gottes Willen hier, meine Herrschaften, dort steht des grauen Gottlieb seine Schecke an den Baum gebunden, der Mordbrenner ist also mit seiner Bande hier, der Kerl, weil er gemordet und geraubt hat, so ist schon seit lange ein großer Preis auf seinen Kopf gesetzt. Aber wer ist wohl so dreist, den zu verdienen? Wir sind ihm und seinen Mordgesellen schon manchmal begegnet, wir danken aber Gott, wenn der Bösewicht uns nur zufrieden läßt. – Man wollte sich berathschlagen, als sie aus dem Walde her den Hufschlag eines herantrabenden Pferdes vernahmen. Da kommen noch mehr von der Bande, schrie der beängstigte Wegweiser. Es war aber Niemand anders als der Kutscher, der jetzt zur Freude Aller mit seinem Rappen herbei eilte. Er war eben so erfreut, wie die übrigen, und sagte: Das gute liebe Vieh hat gewiß die Witterung von seinem Bruder da gehabt, daß es in der letzten Zeit so schnell machte. Er band, als er die Umstände erfahren hatte, sein Pferd an den Wagen und vorsichtig und leise betraten Alle den Hof. Als man einige Schritte gemacht hatte, sah man im 69 Hause eine Thür und auf eine steile Treppe fiel ein Lichtstrahl, der aus einer offen gelassenen Stube oben zu kommen schien. Der Jäger, vorangehend, wollte schon die Treppe besteigen, als die Gräfin, ihr ganz nahe, ein Aechzen zu hören glaubte. Christoph stolperte über etwas, als er sich nähern wollte, und als man fühlend untersuchte, waren es zwei Menschen, die dort gebunden und geknebelt lagen. In diesem kritischen Augenblicke zeigte die Kranke am meisten ihre Fassung und ihren umsichtigen Verstand. St! St! zischelte sie laut genug, daß es alle vernehmen konnten: haltet euch alle ganz ruhig, laßt die Männer dort jetzt liegen, damit nicht zu früh Lärm entsteht, das Wichtigste ist das Zimmer dort. So fand sich's auch. Denn als sie oben waren, sahen sie nach geöffneter Thür eine wilde Gestalt, die mit gezücktem blanken Messer sich über einen gefesselten Offizier beugte, der in seiner Uniform auf einem schlechten Bette lag. Eine andere Gestalt zog eine schwere Chatulle unter dem Kopfkissen hervor, als der Jäger diesen niederstürzte und Christoph und der andere Diener den Offizier befreiten. Wunderbar erschien dem Geistlichen wieder die Gräfin, die, indem man die beiden Bösewichter mit Stricken band, scheinbar ruhig aus das Lager zuschritt, den Knebel mit starker Hand vom Munde löste, die Seile aufknüpfte und mit der lieblichsten Stimme sagte: Mein Sohn, mein geliebter Sohn! Ich wußte es ja, daß ich Dich heut noch sehen mußte; ach, und daß ich Dich retten konnte, wie sind dadurch alle meine Leiden vergütet. Nun kann ich erst mit der höchsten Freude mein Osterfest feiern. Gelobt sei der Herr! Als man sich erst besinnen konnte, war die gegenseitige Erkennung wunderbar und die Freude unaussprechlich. Es zeigte sich, daß der Obrist seine Mutter hatte überraschen 70 wollen. Ihm war ein Auftrag geworden, mit einer schweren Kasse voll Gold nach Straßburg zu gehn. Am Flusse erfuhr er, daß die gewöhnliche Fähre von der Gewalt des Wassers zerstört worden. Er kehrt um, wandert im Walde und wird von treulosen Gaunern und Helfershelfern hieher in das verödete Haus gewiesen, wo Wirth und Wirthin so wie Dienerschaft dem Mordbrenner, dem sogenannten grauen Gottlieb, unterthänig sind. Der Obrist hat kein Arges und verläßt sich auf zwei starke Soldaten, die seine Begleiter und Diener sind. Man weiß aber, daß er eine große Summe in Gold mit sich führt: es ist vergeblich, es zu verschweigen und den Schatz zu verstecken. Unter dem Anschein der Treuherzigkeit lassen sich die Begleiter von den Wirthsleuten hintergehn, von diesen werden sie trunken gemacht, und als sie eingeschlafen sind, gebunden und geknebelt. Indessen kommt der graue Gottlieb, der schon alles wußte; eben will er den Obrist ermorden und plündern, als dieser in demselben Augenblick auf wunderbare Weise gerettet wird. Man bewachte die Bösewichter, die nachher den Gerichten ausgeliefert wurden. Die Mutter brachte mit dem Sohne glückliche Stunden in dieser Nacht zu; der Geistliche suchte eine einsame Ruhestelle, um sich von den Beschwerden des merkwürdigen Tages zu erholen. Die Gräfin schlief nicht und fuhr mit ihrem Sohne am folgenden Morgen als höchstbeglückte Mutter in Straßburgs Thore hinein, indem die Glocken eben feierlich zur Messe einläuteten, und des hohen Festes wegen von den Thürmen mit Trompeten und Posaunen geblasen wurde. Als man sich der Stadt näherte, brach die Sonne hervor, und die Wolken verzogen sich allgemach, so daß ein 71 heitrer Tag sich über die Landschaft verbreitete. Die Gräfin stieg auf kurze Zeit in ihrem väterlichen Hause ab, um sich zu erholen und umzukleiden. Dann ging sie, vom stattlichen Sohn und dem Geistlichen begleitet, nach dem Münster. Als sie um die Ecke der Straße bogen, und ihnen das Portal des Domes in seiner ganzen Herrlichkeit entgegen leuchtete, bemerkte man, wie das Gesicht der Gräfin sich in Freude verklärte. Der Tempel war sehr von Menschen angefüllt, alles war in Freude, die Musik erklang, und die Kranke flüsterte ihrem Freunde Theodor zu: O wie bin ich hier so glücklich! Der Priester stand ihr nahe, aber etwas von der Seite, so daß er sie und den Ausdruck ihres Gesichtes genau beobachten konnte. Nicht lange, so bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß sich ein wunderschönes Kind durch die Menschenmenge drängte, oder vielmehr machte jeder gern, der es gewahrte, dem holdseligen Wesen freiwillig Platz. Die Sonne fiel schräg durch die Fenster, so daß sein Antlitz leuchtete, so stellte es sich lächelnd dicht an die Gräfin hin, welche mit einem großen Blick aufsah, als das Kind sie begrüßte. Es hielt ein glänzendes, kostbares Büchlein in der Hand, welches die Kleine der kranken Frau überreichte. Die Gräfin drückte das Buch inbrünstig an die Lippen, sprach dann einige Worte mit der Kleinen. Nun ertönte die Glocke des Meßners, zum Zeichen, daß das Hochwürdigste erhoben würde, die Gräfin bekreuzte sich und ließ den Kopf dann sinken. In dieser Stellung blieb sie, und als Theodor den Blick von ihr erhob, konnte er das Kind nicht wiederfinden. Die Menge verlief sich, die Kirche war nach und nach leer geworden. Der Obrist trat hinzu, um seiner Mutter aufzuhelfen; er fand sie als Leiche, ein seliges Lächeln auf den Lippen, das kostbare Gebetbuch hielt sie fest in der Hand. Der Obrist nahm es und fand auf einem Blatte vorn 72 die Handschrift seines Großvaters, dessen Namen und den Wunsch, daß seine Tochter für dieses Geschenk an ihrem siebenten Geburtstage stets fromm, gottesfürchtig, und den Eltern gehorsam seyn möge. Als die Gräfin in der Gruft ihrer Vorfahren beigesetzt war, kehrte der Geistliche zum Schlosse und seiner Gemeine zurück. Er fand sich aber nicht berufen, seinen Bekannten dort von der letzten wundersamen Erscheinung zu erzählen. Die Erinnerung an diese und den Tod der Gräfin versetzte ihn stets, wenn er dieser Begebenheit gedachte, in die frömmste wie heiterste Stimmung.