Artur Jost Pfleghar * Nordleute 1937 Begonnen während der Spitzbergen-Überwinterung Sassenbai 1934/1935   Büchergilde Gutenberg Berlin Alle Rechte vorbehalten. Copyright, 1937 by Paul Neff Verlag, Berlin. Ausstattung: Gerhard Goßmann, Berlin. Gesetzt aus Korpus moderne Fraktur. Druck der August Pries GmbH, in Leipzig. Printed in Germany   Udet, dem deutschen Flieger   * * Die Kajüte achteraus liegt zur Hälfte unter der Wasserlinie. Ein kleiner Raum von einigen Kvartmetern Fläche. Sechs Männer schlafen darin, hocken beim Essen mit gewinkelten Armen um den kleinen Eichentisch herum. Bleibt kaum Platz, den Priem in die Ecke zu spucken, bevor sie zu den holzgeschnitzten Löffeln greifen, die seit Jahrzehnten zu dem Bestand des »Polarwolf« gehören; genau wie die Eichenplanken, die den Bootsleib umspannen, oder etwa der hohe Vormast, an dessen Top die Ausgucktonne hin und her pendelt. Sechs Männer, die seit vielen Jahren den »Polarwolf« unter Eis gefahren haben, zu Beginn der Fangreise ohne viele Worte ihre Spritgläser zusammenstießen und sich mit kärglichen Worten viel Glück im Eis und eine gute Heimkehr wünschten. Es war immer Sitte gewesen, so lange sie zurückdachten, daß der erste Harpunier danach sich die Pelzmütze über die Ohren stülpte, bedächtig sich die Handschuhe überstreifte und zuletzt die vergilbte und zerknitterte Seekarte hinter dem Wandspiegel hervorholte. Jahr für Jahr hatten die anderen dann seine eisenbeschlagenen Stiefel die Kajüttreppe hinaufpoltern hören, weiter – zur Brücke, wo er während des Aussteuerns aus dem And-Fjord die Wache übernahm. Heute wie immer! »Ja, – gute Wacht!« brummt der Schiffer. »Gute Wacht«, sagt einer nach dem andern. Jeder nickt mit dem Kopf dazu und Ragnar Hoel streicht sich übers Haar, rückt ein wenig auf der Bank und fingert nach dem Tabaksbeutel, aus Gewohnheit. Er ist zweiter Schütze und nach Jörg Steffansson, dem ersten, kommt an ihn die Reihe, Wacht zu gehen. Wacht ist für ihn aber dasselbe wie Tabaksqualm! Deshalb! – – – Das Schiff erreicht jetzt die ersten Wellen von See. Die dicken Mäntel und Kappen, die ringsum an der braun getäfelten Holzwand hängen, nicken und schwanken leicht nach der Leeseite über, wo sie einen Augenblick verharren, – steif, wie aus Blech gezogen, von den Brettern hängen, bis sie mit einem Ruck zurückfallen. – – Der »Polarwolf« hat den ersten Kamm überritten. »Ja, Ragnar, – – ich glaube, wir kriechen in die Koje«, meint der Schiffer und leert sein Glas. »Ist wohl Zeit, Schiffer!« und, – nach einer Weile, – »wie steht der Wind?« »Nordost. Gut! Jawohl!« »ja, – hm, – ja, dann gute Nacht.« Ragnar streift sich, auf dem Kojenrand hockend, die Hosen übers Knie und klopft fast gleichzeitig die Pfeife aus. Die Strümpfe baumeln schon über dem heißen Ofenrohr. –   Der »Polarwolf« klatscht durch die Wellen. Manchmal holt er einen Brecher über, – das tut ein anständiges Fangschiff, das seine Jugendträume hinter sich hat, im allgemeinen nicht. Die Balken seines Holzleibes knarren und ächzen, – aber das macht nur die Freude, nach langem Stilliegen im Winterhafen mal wieder eine ordentliche See um sich zu haben, eine See, die sich gähnend räkelt, atmet, die breite, richtige Wogen daherwirft, keine kleinen Wellen, in denen die Sonne ihr Lichtmuster spielen läßt, – sondern Berge, die salzig riechen, die unermüdlich am Schiff vorbeiwandern und die Steuerbordkante aufrichten, hochtragen, zurückzerren, – zu Tal, während der Bug im gleichen Takt die Wellen überschneidet. Der Bug, ja – der »Polarwolf« hat Zähne wie seine Brüder, die weißen, zottigen Kumpane, die weit über der Baumgrenze, hoch im arktischen Norden, auf der Spur des Wilderns traben. Schwere Eisenplatten trägt er am Bug, die gewohnt sind, nicht nur Wasser zur Seite zu drücken, die schon manchen Eisblock angesprungen haben, daß er mit scharfem Gliemen in zwei Teile zersprang und kläglich geschunden den Schiffsleib entlangpolterte und rutschte. Zwar hat er auf der letzten Reise einen dieser Zähne verloren und ist wegen des dabei übernommenen Wassers beinahe abgesoffen, – aber nun glänzt an Stelle der alten Eisenschuppen eine neue, stählerne. Ein »Polarwolf« hat guten Brauch für seine Zähne. – – – Die Wogen wandern, – alte, vertraute Bekannte. Jörgen guckt beinahe etwas zu bedächtig in die Welt, wie er droben vor dem Rudergänger auf und ab schreitet; fehlt nicht viel, daß er ein trübes Gesicht macht. Seine Augen tragen ein seltsames Licht, groß und flackernd, so – als ob es von innen käme. Nun ja – – Fangleute sind arme Teufel! Ewiger Kampf, wenig Verdienst und eine Frau an Land, die einen bis zur letzten Minute bettelte, die schwere Fangreise aufzugeben und vor der Küste zu fischen. Jörgen hat Sorgen. – – Sind nur ungefähr drei Kvartmeilen bis unter Land – – die Küste ist noch gut zu sehen. Nordlicht! Dort wo der Felsen am Ende des Fjords jäh in den nachtblauen Himmel sticht, etwas zur Seite, gleich hinterm Hecklingen-Feuer, steht Jörgens kleine Fischerkate, wo die Frau jetzt schläft. – – Verdammt, sie wird nicht schlafen, hockt am Tisch und heult, das weiß er sicher, Frauen heulen fast immer, wenn man sie für einen Katzensprung allein läßt. – Aber, – sie erwartet ein Kind, – das ist etwas anderes! Jörgen Steffansson bewegt sich in schlimmen Gedanken, – – seine Lider sind nicht nur rot von der Brise, die ihm durch das herabgelassene Brückenfenster über das Gesicht streicht. Auf Backbord klirrt eine Kette, eine leere Tonne poltert, hüpft die Reling entlang. Jörgen drückt sich aus seiner Ecke. Das Faß zerrt er zum Bug zurück und legt zwei kunstvolle Schlingen drüber hin, zurrt es am Anker fest. Er stiert auf die See hinaus – und plötzlich sind seine Augen nicht mehr weich, sondern sehr ruhig, fest. – Er rückt sich die Mütze aus der Stirn, ruft den Rudergänger an. »Kurs?« »Nordnordwest kvart Nord l« »Stimmt, – jaha! – – Schlag die Glocke an!« Ein zerzauster Kopf taucht aus dem Mannschaftslogis herauf. »Schon Wachtwechsel, Jörgen?« »Segelsetzen, wir kriegen Mitwind, dreht auf Südost. – Sachte Fahrt!« Der »Polarwolf« rollt, die Ruderkette knarrt, dann quietscht ein Seilzug. Schon knallt ein Segel, bläht sich groß und bauchig im Wind. – »Besan fertig!« – Breit und wuchtig schlägt das Großsegel, halbgesetzt, im Südost, schlappt hierhin, dorthin, klettert langsam höher am Fockmast. »Hau ruck! – Hau ruck!« Jörgen hakt inzwischen die Kette der Fockfläche an Deck fest. »Volle Fahrt voraus!« »Volle Fahrt voraus!« gibt der Rudergänger zurück, wirft den Telegraphenhebel nach unten, holt ihn nochmals hoch, drückt wieder nach unten, bis der Zeiger auf voller Kraft stehenbleibt. Der »Polarwolf« ist plötzlich artig, dreht langsam in der hochgehenden Dünung auf den alten Kurs zurück, – stampft weiter. Die grauen Segel knarren im vollen Wind. – Wachtwechsel! – – »Uuuuh – – uuah!« »Wachtwechsel! Ragnar!« »Bist du es – Ingeborg? – Ist doch noch so früh – –« »Ablösung, Ragnar!« »Ja so – –« Ein Schluck aus der Kaffeetasse, eine derbe Brotschnitte mit Anchovis, ein Stück Zucker in den Mund. Jörgen, der Erste, kommt von Deck. Qualmt wie ein Schlot. Eiskristalle glitzern ihm an den Wimpern und in den stachligen Barthaaren, – auf der dicken Pelzjacke hat sich der Atem in einer festen weißen Kruste niedergeschlagen. – »Morgen! – Hübsch kalt draußen!« »Wetter?« – »Gut.« »Allright!« Der Schiffer ist aufgewacht, blinzelt aus der Koje zu den Burschen hin. »Ragnar, hast du was Feines geträumt? – Du hast die ganze Zeit im Schlaf gegrinst.« »Hab ich?« Ragnar kaut gedankenvoll an seinem Brot herum, nestelt dann eifrig an seinem Windzeug, dem Annorak. Der Schiffer legt sich wieder aufs Kissen zurück – denkt an seine Älteste, die blonde Ingeborg, die immer rot wird, wenn Ragnar auf Besuch kommt. Ein paarmal hat sie ihn eigentümlich angesehen, ihren Vater, – wollte etwas sagen. »Du Vater!« »Ja – –« »Weißt du, – ich muß dir etwas sagen –« »Ja?« »Oh, ich – – ja! – weißt du! – – Ein andermal!« Daran denkt der Schiffer, während er den Jungen betrachtet, der auf Armlänge neben ihm sitzt. Es ist fünf Uhr abends. Träg flutet die See. Vorn am Bug sprüht weißer Schaum, achtern quirlen Schlieren, phantastische Figuren auf schwarzem Grund, legen sich hinter die Schraube, stoßen zusammen, – fliehen, wogen auf und nieder, jagen über die leichten Wellen. Ein Spiel, – nur – ein Spiel im Nebel. – – Irgendwo im Norden, – in Nordnordost, – liegt die Bäreninsel. Wenn ihre schwarzen Klippen plötzlich hochsteilen aus der milchweißen Wand, – ist es zu spät. »Ein Mann in den Ausguck!« befiehlt Hjalmar, der Schiffer,– fast gleichzeitig wirft er den Hebel auf sachte Fahrt. Ein Windstoß fährt durch die Rahen, Bewegung kommt in die Nebel, Fetzen fliegen, umschlingen den Vormast, mischen sich in den gelbschwarzen Rauch des Schlots, der sich auf die See senkt. Einen Augenblick schimmert matte Helle in schmalem Strich durch den dicken Brei, – – genügt! »Eislicht!« sagt der Schiffer, stiert nach vorn, mit kleinen Augen, in denen kaum die Pupille mehr zu sehen ist. »Eis voraus!« krächzt eine Stimme von oben, – unwirklich. Ein Fenster klirrt, der Telegraph klingelt. – – »Maschinen volle Kraft achteraus!« Der »Polarwolf« macht einen Sprung zur Seite, treibt zurück, – langsam, – schneller – »Stop!« Vier Mann klettern wie schwarze Teufel aus der Luke vom Logis an Deck. Jon, der alte Fänger, höhlt die Hände vor dem Mund und brüllt zur Ausgucktonne hinauf. »Eis, ja – Eis!« kommt's zurück. »›Polarulv‹ hoi!« schreit Knud Dahl übermütig in die graue Masse hinein, haut dem strohblonden Magnus auf den Rücken, daß der in den Kniekehlen zusammensackt. »›Polarulv‹ hoi! – Robben, – an die Arbeit! – Tausend Robben! – Geld in Masse – und dann – zur Liebsten!« Jon, der Alte, – weiße Haare drängen unter den Zotten seiner Isländermütze hervor, – dreht sich nach dem Jungen um. Seine sonnenmüden Augen glitzern spöttisch. »Robben, Geld und – – Weiber!« Dann verschwindet sein Grienen plötzlich, als er Knud, den blondhaarigen tanzenden Wisch, eine Weile betrachtet hat. Wollte ihm eine derbe Antwort geben. »Altes Kamel«, – schimpft er sich selbst statt dessen, knurrt wie ein gereizter Kater, – »er ist ja noch jung, – auf der ersten Fahrt!« »Kaum siebzehn Jahre!« Knud ist schon verschwunden, schleift sein Messer, schiebt einen Bissen Brot zwischen die Backen, – rennt wieder an Deck. »Langsame Fahrt!« »Langsame Fahrt!« Ein leichter Druck durchläuft das Boot. Eis – neugefroren. Kleine runde Schollen reiben am Schiffsbauch entlang, verschwinden im Nebel. »Stop!« »Stop!« Klingeln aus dem Maschinenraum, Schürfen am Bug. Ein Stoß, daß Knud das Gleichgewicht verliert und über die Ladeluke hinhaut. »Halbe Fahrt!« Klirren und Brechen. Weiß glitzert es aus dem Wasser, schiebt sich zusammen, wogt und scharrt. – Die Eiskante. Aus der Ferne klingt ein leichtes Plätschern, schwillt zum Rauschen, fällt zurück, – so rauscht und flüstert es seit Fahrtausenden im Eis. Fm ewigen Treiben und Strömen um den Pol. Die Stimme des Eises. Hjalmar, der Schiffer, hat alle Fenster der Brücke geöffnet; seine Nasenflügel zittern, prüfen die Luft, die Kälte. Ein echter Jagdhund. Großfänger. – – Nach einer Weile wendet er sich an den Zweiten. »Ragnar, nimm die Wacht! Kurs wie bisher. Ich gehe schlafen.« Ragnar nickt, dreht sich kurz um, brüllt zum Bug hin: »Geht schlafen, Jungs! – Kein Robbeneis!«   Olav hockt wieder mal im Maschinenraum, putzt einen Zylinderkopf, schmiert im Getriebe herum. Der »Wolf« bockt, – sucht seinen Weg zwischen den nagenden Schollen, treibt zurück – treibt voraus. Gleichmäßig knattert der Motor. Immerhin – er spuckt nicht, pfeift nicht, bleibt schön im Zweiertakt. Olav versteht es, eine Melodie drin einzuflechten, eine Melodie, die eigentlich nicht ins Eis paßt, in die schroffen, knirschenden Blöcke, deren Poltern sogar durch die Eisenwand des Maschinenraums dröhnt. Sie patzt eigentlich nur an einen Ort, – ein stiller ruhiger Fjordwinkel müßte es sein, ein Häuschen, ein – Olav verliert ein wenig das Gleichgewicht, sitzt unbequem auf dem harten Boden, dicht bei der singenden und schleudernden Welle. Hat geklappt. Nun, – Olav putzt jetzt eifrig Messinggriffe – Wacht ist Wacht! – Die Bäreninsel liegt im Süden. Der Wind hat aufgefrischt. In den letzten Tagen ist er rundgegangen, immer nördlicher, – über den Pol, bis nach Westen, bläst jetzt aus Südwest. Der »Polarwolf« wird gehoben und geschoben, mit Wind und Schraube, – gleichmäßig klatschen die Wogen um das Schiff. Der »Wolf« läuft seine neun Knoten auf dem Trail nach den Robbenfeldern, – man glaubt bald, auf einem Schnelldampfer zu sein. Vorn am Mast schaukelt das Toplicht, und wenn ein Mann an der Steuerbordreling entlangstolpert, sieht er im grünen Licht aus wie ein Geist. Auf Backbord kriegt er zum Entgelt Ohren wie Klatschrosen, leuchtend von blutvollem Leben. Macht das Signallicht. Seit acht Uhr ziert Jörgen die Brückennock. Unbeweglich steht er, nimmt mal das Glas zur Hand und sucht die dunkle Linie des Horizonts ab. Nichts zu sehen. Bald eine Eisbank, die träge in der Strömung zieht, mal die Schwingen eines Sturmvogels, der schattenartig, unermüdlich dem »Polarwolf« folgt. Doch plötzlich stutzt der Schütze, schaut lange angestrengt nach Nordwest hinüber. »Hol mich der Teufel«, brummt er erfreut, »wir bekommen Besuch. Deckswache hoi! – Knud! Hörst du?« – »Hab zwei Ohren am Kopf, Jäger!« »Halt's Maul, Junge, – geh zum Schiffer und sag ihm, er soll raufkommen, – Boot in Sicht – und – Sprit!« setzt er für sich hinzu. »Ich glaube, wir halten drauf zu, – wahrscheinlich ist's der ›Kolibri‹. Werden sehen«, meint der Schiffer. »Viel Neues werden wir nicht erfahren, – und geht ordentlich Sprit drauf, wie ich Johannsen kenne. Egal, – feiern wir nochmals Abschied. –« Das gelbe Pünktchen über der See ist nun gut zu erkennen. Unruhig flirrt es durch die Gegend, schlägt verrückt nach allen Seiten. Nach zwei Stunden sieht man auch das, was dazu gehört. Zwei schlanke Masten, die Aufbaut und das Focksegel. Der ›Kolibri‹ hat gleich verstanden, daß er zu warten hat. Johannsen, der als Schiffer auf ihm fährt, weiß, was guter Seemannsbrauch ist. Hat das Ölzeug in die Ecke gefunkt und die mächtigen, behaarten Pranken für eine Minute unter Wasser gelegt. Sein spärliches blondes Haar hat er sein gestrählt und den Kamm wieder in die kleine Kiste gelegt, die zu unterst in seinem Spind verwahrt liegt. Er blickt lange sinnend in den angelaufenen Spiegel, zupft an den Bartstoppeln herum, die sich inzwischen angesammelt haben, – »noch nicht nötig«, – meint er am Ende erleichtert und schließt das Rasiermesser ebenfalls in die Kiste. Über die Weste, die im Laufe der Fahre viel Speck geschluckt hat, legt er einen bunten Schal, schlüpft in den pelzgefütterten Kittel und fetzt sich hinter den Tisch. In der Schublade liegt zwischen Messern, Schrauben, einigen Papierfetzen und wenig Seifenstücken das Logbuch. Mit zwei Fingern holt er es sorgsam hervor, spuckt zwischen den Beinen hindurch kunstgerecht in eine Konservenbüchse, die der Koch dort neuerdings aufgestellt hat, deren er sich im Bedarfsfall jedoch selten erinnert. »Ja – aber Ordnung muß sein!« sagt Johannsen grimmig, – zweifelhaft, ob das die Blechbüchse oder das Logbuch angeht, – ist ja auch gleich. Tja, die Feder ist ein zerbrechliches Ding. Wer doch in ihre Geheimnisse eingeweiht wäre wie der deutsche Doktor, den er auf der letzten Reise an Bord hatte. Jetzt noch schüttelt er den Kopf darob, wie das flüssig und geschwind übers Papier lief. »Beim Teufel, schneller als ein Seehund abgespeckt ist, hatte der schon eine ganze Seite vollgeschrieben.« Behutsam und respektvoll steckt der alte Fänger die stählerne Spitze in den Mund und taucht den Halter bis auf den Grund der Tintenflasche. Daß er jetzt schon seine Begegnung mit dem »Polarwolf« einträgt, hat zwei Gründe. Erstens hat er nachher nicht soviel Arbeit, dann – nachher – kann er das gewöhnlich nicht so gut. Hjalmar Isachsen, der Schiffer vom »Polarwolf«, hat immer einen ordentlichen mannsstarken Tropfen an Bord, – herrliche dickbäuchige Flaschen, die unter wollenen Decken am Fußende seiner Koje liegen. – Die Zunge ist so trocken – und die Lippen – –. Mal ein wenig anfeuchten! – Der »Polarwolf« stoppt jetzt, Segel flattern, sacken zusammen, langsam treibt das Schiff aus dem Wind, wiegt und tanzt. Achtern steht der Käpten und brüllt zum »Kolibri« hinüber: »›Kolibri‹ hol!« »›Polarulv‹ hoi!« kommt der Anruf aus rauhen Kehlen zurück, prompt wie ein Echo. »Ist der Schiffer da, – Johannsen?« »Ja, wir holen ihn schon!« Dann ist Ruhe. – Neugierig mustern sich die Mannschaften über die tanzenden Wogen hinweg. Schweigend stehen auf beiden Fronten die schwarzen, dick vermummten Kerls. Pfeifen glimmen. Die See rauscht. Hüben und drüben ist alles froh, mal eine Abwechselung zu haben, aber es fällt kein Sterbenswörtchen. Drüben hockt Johannsen in der Kajüte und meint gelassen zum Koch: »Jaso, der ›Wolf‹ ist's! – Ja – da will ich doch mal an Deck gehen.« – Stapfen, – trapp, die Kajüttreppe hinauf, mal den Kopf in die frische Seeluft gesteckt. Aber langsam – es eilt nicht. Man soll nicht glauben, daß es einen freut, hier Leute zu treffen – – »Jaha, – 'nen Abend!« »N'Abend!« schallt's vom »Polarwolf« herüber. »Jaso – seid ihr da?« Das war Johannsen. »Ja.« »Ist das Isachsen?« »Ja, – – Isachsen.« »So – – So!« »Jaha.« »Mhm – du bist wohl auf Fang?« – »Jaja – –« hüstelt Isachsen und spuckt seinen Priem über Bord. »Ja, hör mal, – – hast du Fang? –« »1500 Felle! – Schlecht!« Johannsen reibt sich die Hände, – er ist sattsam zufrieden, glänzt über den ganzen Leib ob des guten Fangs. Sein Gesichtsausdruck jedoch ist ärmlich, gequält beinahe. »Schlecht, ja –« setzt er mit innerlichem Stolz hinzu. »So, – 1500? – –« »Jahau!« »So so – –« »Hattest du gutes Wetter?« »Ja, gutes.« »Soso!« Ein Abschluß, diese letzte Bemerkung, wohlgesetzter Schlußstein eines zeremoniellen Gesprächs. Die Mannschaften starren schweigend vor sich hin. Den Leuten vom »Wolf« ist es, als wäre die dicke Schiffswand des »Kolibri« aus hauchdünnem Glas gebaut, so deutlich sehen sie drüben im Laderaum die Felle liegen. Weiße Robbenjunge, gefleckte Klappmützdecken, gelbliche Bärenhäute, Tran und Speck, – – nun, nun – – – »Jaja«, beginnt Hjalmar nach einer Pause, »willst du nichtherüberkommen, – ein wenig zusammenplaudern?« ›Endlich kommt der Sprit‹, denkt Johannsen und feuchtet die Lippen mit seiner dicken Zunge, hebt aber gleichzeitig hilflos die Schultern, meint: »Die Zeit, ja – so wenig Zeit.« Der Form halber: »Willst nicht du herüberkommen?« – Hoffentlich lehnt er ab! – Über das Gesicht des pfiffigen Isachsen huscht ein Lächeln. Am die Augenwinkel sammeln sich die kleinen und kleinsten Fältchen. »Wenn du meinst, Johannsen?« Drüben ein Tuscheln, – dann lehnt sich Johannsen weit über die Reling und weist nach achtern. ›Himmel‹, denkt er, ›jetzt geht's um alles‹, – »sieh!« brüllt er zögernd und dann freudig, als er hört, daß sein Fangboot auf das Wasser niederklatscht, »meine Leute haben bereits das Boot klar, da muß ich wohl kommen!« – »Allright!« grinst Hjalmar, sieht dem Boot entgegen, das sich von der dunklen Wand ablöst und in rascher Fahrt auf die Leeseite des »Polarulv« zustrebt. Einen Augenblick steht der Kahn mit drei schwarzen Gestalten bald in Augenhöhe mit dem Schiffer, – im nächsten ist er nicht mehr zu sehen. Dann kracht es achtern. Ein Haken langt über die Bordleiste. Zwei Fäuste legen sich über die Reling, – Schnaufen und Prusten – es könnte ein Walroß sein. Dann steht Johannsen vor dem Käpten und schüttelt mit ihm die Hand. »Willkommen an Bord!« »Man dankt!« »Wollen wir in die Kajüte gehen!« blinzelt Isachsen vergnügt. »Wie du meinst – –« Nach einer Weile: »Das wäre geschafft!« – – Dunkle Worte. – Es ist gegen acht Uhr morgens. Die erste Wache hat schon gefrühstückt, die zweite wird in wenigen Minuten damit zu Ende kommen. Johannsen blickt verwegen, hoheitsvoll die »Tafelrunde« lang; sein Gesicht strahlt rot wie die Sonne, wenn sie im Nebel steht. Manchmal mißt er sorgmütig den sich »verjüngenden« Inhalt der Flasche, die vor ihm aufgebaut ist: »Ja, ich muß jetzt von Bord gehen. Die Zeit! Die Zeit!« Eine Rauchwolke dampft aus seiner Pfeife hoch. »Ja, – so gehe ich, also –« Es ist zwölf Uhr mittags, vier Stunden Helle noch bis zum Abend. Johannsen ist traurig. »Ja, Schiffer Isachsen, – ärmlicher Fang! Aber ich werde jetzt gehen, meine Leute –« Um drei Uhr klettert er ins Boot, das bereits die Positionslampen gesetzt hat. Seine Ruderleute sind auch nicht mehr nüchtern. Wie ein Korken zieht die kleine Nutzschale los, kantert drüben unsanft an den Bauch des »Kolibri«. Schiffer Hjalmar Isachsen steigt schwerfällig zur Kajüte hinunter, setzt den Kurs fest, zirkelt und mißt auf der Karte herum. »Ja, Jörgen, ist wohl Zeit, daß wir loszockeln!« Weiter kreuzt der kleine »Kolibri«, der sibirischen Küste zu, ins Weiße Meer, nach dem Ost-Eis. »Nun sind wir lange Zeit allein«, sagt der Schiffer, zu Ragnar gewandt, – eine Antwort vielleicht auf dessen Blick nach den geleerten Flaschen. »Willst du einen Sprit haben?«   »Alles in Ordnung, Schiffer!« schreit Ragnar. »Eine Meile ab Land.« »Kurs?« »Nordnordwest kvart Nord!« Die Laute werden ihm von den blaugefrorenen Lippen weggerissen. Jörgen ist auch auf dem Posten, starrt in den Schneesturm voraus, nieder aufs Deck, wo der Gischt über den Schneematsch sprüht. Seine Stirn ist schweißig. Die Finger krallen sich im Fensterrahmen fest, wie Eisenklammern, – Schmiedeeisen! Trotzdem fliegt sein schwerer Körper wie ein Wollknäuel hin und her. Der Mann am Steuer ist starr wie ein Felsen. Nur die Augen in seinem Gesicht haben Leben, wandern von der Kimme der anrollenden Woge weiter zur nächsten, streifen die Gesichter der beiden Schützen, das bleiche Gesicht Ragnars, das lederne, braune Jörgens, während die nackten Arme und Fäuste das Rad umspannen, daß die Adern wie Stränge quellen. Der Mann am Steuer ist ein Norweger – –! Der Kutter schlägt wild, verzweifelt über die grobe See, die Rahen stöhnen und pfeifen. Weit hinten am Horizont breitet sich fahles grünes Licht, flieht durch den Dunst, durch die Nacht. Das Licht zerfetzt. Der Sturm steift auf. Ein Flammenstreifen züngelt unversehens über die rasenden Seen, hakt sich in jagenden nachtdunklen Wollen fest. Und noch einer. Flutet plötzlich eine Fülle von Licht durch das Chaos, wabert lohend noch, sinkt zusammen. Erneut schießt es durch die Luft, wandert wie ein Scheinwerfer von Ost nach West, suchend, zitternd. Der »Polarwolf« springt an, baumend schießt die Back nach oben, voraus, fällt. »Achtung!« »Brecher!« Ein Berg klatscht gegen die Brücke, wild schießt das Wasser an den Wänden hin. »Kreuzsee, Dünung Süd-West – – Süd-Ost! – – Zwei Mann ans Steuer!« sagt der Schiffer über die Schulter zurück, preßt wieder den kantigen Schädel dem Wind entgegen. Gleich darauf: »Kvart weiter gegen West! Ragnar, siehst du die Grundseen – – Weg von der Küste – –« »Freiwacht an Deck! Segel weg!« Wilder jagt der »Wolf« durch gespenstische, gläserne Berge, springt über gründunkle Tiefen. Zwei, vier Leute rennen über die Planten, einer hockt schon in den Rahen. Taue fliegen, verschneite Körper, vereiste Segel. Gischt überm Bug kämpft der »Wolf« gegen die See, die gierig über die Reling brodelt, schwemmt und schäumt. Während die Männer sich über das bauchende Großsegel werfen, es über den Baum zurren, Taue fliegen und Rollen kreischen, – zu ihren Füßen ergießt sich ein klatschender Schwall auf den andern, daß es aussieht, als ob der »Wolf« schon, seiner Kräfte beraubt, in die Knie gehen müßte, – ist auf der Brücke plötzlich alles Leben erstorben. Jörgen steht wie ein Stück Holz, sein Arm ist halb erhoben, die Hand sticht abwehrend hoch. Augen hat er, – Augen wie eine Marionette. Und der Mund ist zusammengekniffen wie im Krampf. Hjalmar Isachsen, der Schiffer, hat sich überm Steuer aufgebaut, stiernackig, die breiten Tatzen über die Fäuste des Rudergängers geklammert, – Augen voraus! Er hat ein ungewisses Lächeln um den Mund, um das er selbst nicht weiß. Ist aber ganz anders als sonst, das Lächeln! Der es sieht, – friert, – erstarrt. Zwei Schiffslängen voraus leuchtet durch den Schneesturm eine milchig blaue Masse, ein Berg, ein Koloß. Wie ein riesiges Haupt lugt er den Nordleuten entgegen, taucht seitlich ab. Die nächste Dünung trägt ihn vor den Bug. Hell leuchtet jetzt seine Bruchfläche. Wie ein großes Licht, wie das ewige Licht! Ein starker rollender Wasserberg wischt den »Wolf« wie einen Ball zur Seite. Das Licht wächst riesengroß, fliegt an Backbord vorbei. Wogt im Kielsprut weiter, wird schemenhaft blaß, bleich. Dann hat es der peitschende Schnee verschluckt. Ein Block Klaareis poltert mit den überkommenden Seen an Bord. Keiner von denen auf der Brücke hört, wie die Wogen dröhnen; ganz mechanisch stellen sie fest, daß der »Wolf« sich wie sonst durch die Wogen wirft, daß die Schraube wie vordem ihren Takt poltert. Da wachen sie auf. Der Orkan ist lächerlich, von diesem Augenblick an, wo der Tod an ihnen vorüberging, vor dem Bug stand – im Kielwasser untertauchte.   Wachtablösung. – Die Schläge der Schiffsglocke reißt der Wind nach achtern. Nur ein blechernes Ballern, das in den Ohren der Männer zurückbleibt. »Kurs Nordnordwest!« Ragnar beugt sich über die beleuchtete Kompaßscheide, die, von einem Spinnennetz feinster Fäden gehalten, unaufhörlich schlingert und wiegt. »Kurs Nordnordwest!« knurrt Jörgen, schiebt sich an das offene Brückenfenster, durch das der Schnee hereinpfeift. Jörgen hat die Wacht. Jens nimmt die schwieligen Fäuste frei von den Speichen des Rades, tritt einen halben Schritt zurück zum warmen Schornstein, der durch das Brückenhaus nach oben zieht. Jens ist jetzt ganz privat, kaut gemütlich seinen Priem und grinst zu Jon hin, der vom wild schlagenden Steuer hin und her gebeutelt wird. Der Sturm tobt weiter, rollt schäumende Wellenberge unter dem »Polarwolf« hindurch. – – – * * Eineinhalb Tage noch rast der Sturm mit unverminderter Kraft und peitscht die Grate der aufgerührten Wellen, daß der Gischt gleich weißen Fahnen von ihnen fliegt. Dann kommt wieder einmal der Schiffer auf die Brücke gestampft, klammert sich an die Nock backbords. Schaut aufmerksam voraus. Die Schneeschleier werden durchsichtiger, seltener. Barometer – steigt! Wenig – immerhin. Dann hat er das, was er sucht. Backbords schneidet das Schneegestöber plötzlich ab, – Licht bricht sich in grünen Wasserbergen – – dahinter schiebt sich Nebel vom Horizont heran. »Freiwache an Deck! Heißt das Großsegel! Haben's geschafft, Jungs!« Schon klettern ein paar Männer über den tiefgezurrten, gefesselten und verketteten Großbaum, lösen die Taue. – – »Hau ruck! – Hau ruck! – – Festhalten! – – Klatsch! Brecher!« – – Klatsch! faßt der Wind in das sich entfaltende Segel. Seilzüge knarren. – »Hau ruck! Allright, Jungs!« »Sichern! Achtung!« Weit holt der »Wolf« über nach Steuerbord. Das Großsegel taucht in die See, schleppt nach, – doch bevor die nächste Welle heran ist, schwebt es frei, – gelöst, eine straffe hohe Wand, baucht und bläht sich, – zum Norden, – zum Norden! Es ist, als hätte der »Wolf« eine Kandare ins Maul bekommen. Mit eleganten Sätzen überschneidet er die schäumenden Berge, die einer langlaufenden, ruhigen Dünung Platz gemacht haben, noch bevor die junge Sonne den Zenit erreicht hat. Für kurze Zeit blitzt und funkelt die weite Wasserwüste wie im Feuer von Myriaden edler Diamanten, – scharfer Salzduft reinigt die Köpfe, – die Wasser dampfen. Nicht lange. Dahinter lauert der Nebel, schiebt sich näher und näher – – still, schweigend. Und der »Polarwolf« taucht ein in das graue Meer des Vergessens. »Halbe Fahrt! Ohmmmm! – – Ohmmmm! – –« Die Nebelsirene schreit. »Ohmmmm! – Achtung! – Wir warnen! – Ohmmmm!« Doch von nirgends kommt eine Antwort. Nur die behenden Wellen spielen mit dem Echo der Sirene. Isachsen holt sich bedächtig eine Prise Tabak aus der Hosentasche. »Niemand im Fahrwasser, sind ja auch weit ab vom Spitzbergenkurs. Na, – denn volle Fahrt! – Volle Fahrt!« Die Flanken des »Wolfs« zittern stärker unter der Kraft der Maschine. Wieder plätschern Seen über die Back, – doch nicht mehr wütend. Spielender, – leicht. Ramsch! und der »Wolf« klettert einen Berg hinauf – ramsch! sackt er drüben hinab, – weiter! – weiter! – nach dem Norden, – auf Fang, – – Robbenfang! In der Höhe des Hornsundes, weit im Westen drüben allerdings, schneidet der »Polarwolf« unversehens eine starte Eisbank an. Hat wohl ihre sechzig Quartmeilen Tiefe. In voller Fahrt ging der Bootskörper in das Feld hinein. Wer konnte auch sehen, daß etliche hundert Meter voraus in der ruhigen See Schollen auf und nieder wiegten. Der Nebel liegt ja immer noch wie ein Tuch über dem Wasser. »Na, – sucht mal den Strich nach Robben ab, – werdet verdammt wenig Glück haben!« brummt Isachsen, erbost, daß er so unsanft aus dem Schlafe geweckt wurde durch das plötzliche Rumpeln und Stoßen, als das Boot knirschend auf Eis rannte. »Klar, Schiffer – schätze, daß auf diesem Dreckeis kein Seehund es aushalten würde, – übrigens, waren zwei Mann auf der Brücke, unmöglich, daß einer von ihnen das Eis ausmachen konnte, bevor es zu spät war, beizudrehen – – na, dann sachte Fahrt! Rin in die Schweinerei!« erwidert Jörgen. »Man muß sich nicht alles gefallen lassen«, – meint er droben zu Jon, der das Ruder hat, – »sind hier nicht auf dem Oslofjord. Schlafen, was, – Zeit genug zum Schlafen, – hat wohl nichts Gutes geträumt, der Alte, – nun ja, – – übrigens, gib mal das Glas, – ja –« Der Posten am Fockmastausguck hebt fast im selben Atemzug den Arm weit nach Steuerbord hinaus, läßt ihn einen Augenblick stehen, winkelt dann den Ellbogen durch, daß der Unterarm aufs Deck weist. »Klappmütze! Steuerbord.« Klar, daß gleichzeitig schon Jörgen hinterm Spriet hockt, die Büchse schußbereit über die Verschanzung gelegt. Zweihundert Meter voraus liegt ein Klumpen auf fast zwei Meter hohem Eisrist. Die vom Logis haben sich schon hinter dem Schützen aufgebaut, – Jens nestelt den riesigen Fanghaken von der Mastleiter los, zieht ihn sachte auf Deck nieder, – 150 – –. »Na, Jörgen! Schon gut«, kommt der Schiffer an, wirft rasch ein paar Patronen in das Magazin seiner Kragbüchse, – »will ihn mal nehmen! – Ist der Erste heuer, so, – na, laß mich mal ran!« Ist nicht gut, zu schießen, – solange die Maschine die Planten hüpfen läßt, – Jon pfeift zweimal durch den Sprechtrichter den Maschinisten an. Das bedeutet: »Maschine stop!« So, nun ist alles allright. »Peng«, sagt es vorne am Bug, – die Klappmütze senkt ihren Kopf aufs Eis, wedelt einige Takte mit ihrer rechten Vorderflosse. »Maschine volle Kraft! – Paß auf, der kommt noch mal, – – siehst du, – er haut ab, – so, – klatsch, – ein zäher Teufel. – Weg ist er, – drauf, was das Zeug hält, – Jens, den Haken raus!« Jörgen klettert mit ein paar hastigen Stiegen in die Rahen hoch, – – besserer Überblick von dort oben, – »Tja, da ist er, backbords, – im kleinen Eis, – Backbord, hart ran, Jon, preß das Steuer, – hier, ja, – habt ihr ihn gesehen?« Der Seehund haut ein paar kräftige Schläge mit seinen Ruderbeinen, – treibt dann im Eis. Das Wasser um ihn ist mit einer dunklen Blutwolke bedeckt. »Na, er schwimmt«, brummt Isachsen erleichtert. »Hat noch genug Speck auf dem Leib, – vom Winter her, – da ist er, – hau mal den Haken in seinen Wanst, – hast du ihn, – so, – die Schlinge!« Ragnar macht eine Trosse klar, fiert sie ins Wasser, der Klappmütze über den dicken Kopf. »Hau ruck, hau ruck! – Geschafft!« Der dicke Seehund liegt nun auf dem reinen Deck, – zuckt immer noch mit dem Kopf, wenn ihn jemand unsanft anfaßt. Ein verteufelt zähes Leben haben die Kerle. Jens macht sein Messer frei, prüft mit dem Daumennagel die Schneide. »Ja, denn los! So, –« ratsch! – »Was, du bist immer noch nicht still, – habt ihr sowas schon erlebt, – will der Kerl mir an die Hand fahren und hat doch kaum einen Tropfen Blut mehr im Leib, – Biest, – hier, – da hast du«, – ratsch! Ist ein waschechter Kampf, nicht eher ist der Seehund ruhig, bis er seinen Fell- und Speckmantel log geworden ist. Der Schiffer dreht das zwei Meter lange Tier auf den Rücken, betastet das Rückenfleisch. »Hier und hier, – schneid mal ein paar Fetzen raus, Junge, – gibt Eismeersteak zum Mittag! Hab' auch noch ein wenig Sprit nachher. Sucht mal weiter in der Gegend herum, – Jörgen, Ragnar, – kommt runter in die Kajüte, – Jon auch, soll ein anderer das Ruder übernehmen. Ja, denn man los!« »Hab' gedacht, –« meint er drunten zu den andern, – »ist hier Mist, – ist nicht das richtige Eis hier zu finden, wollen den Kurs etwas umlegen. Wir müssen nach dem Wester-Eis! Skal! Jungs!« »Skal, Schiffer!« »Na, Jon, – hast du schon was ausgemacht?« »Ich dachte, Schiffer!« »Na, und was sagst du, Jörgen? – Hier hocken wir herum, – Hab den Punkt eingetragen. Hier die Bank, die wir heute morgen angerannt haben. Ist kein Eis vom Grönland-Strom, das, – kam von Osten, – von der Hinlopenstraße, – oder von Novaja, – zu wenig Großeis dazwischen, – kein Blaueis. Gibt keine Robben drauf. Bin dafür, wir hauen ab, – ja!« »Dachte, du wolltest ins Nord-Eis gehen, – bin auch dafür, setzen den Kurs auf Südwest, – nichts los hier, – die Hunde haben weiter im Westen geworfen dieses Jahr, – der erste April heute, denn schon los, keine Zeit zu verlieren!« sagt der alte Jon. Schluß! Isachsen holt Lineal und Zirkel aus der Tischlade, – zieht einen Strich vom achtundsiebzigsten Grad nach Westsüdwest, berechnet die Abweichung des Kompasses, die hier oben an die zwölf Grad ausmacht, – »ja, gib mal weiter, Ragnar, Kurs Westnordwest quart gegen West. Gute Fahrt! Skal, Jungens! – – Schiebt schon los!« Droben lehnt Knud auf der Brücke, wie ein echter großer Seemann, – – ein Fänger! Schritte knirschen auf der Brückentreppe. Jon übernimmt das Steuer, – schaut prüfend auf die Rose. – Der »Polarwolf« dreht sachte nach West hinüber, – stößt Scholle auf Scholle in sprühenden Splittern zur Seite. Die grünen Wogen schäumen am Bug, die tanzenden Wellen. Der Nebel lichtet sich, dünner wird das Eis. Knud starrt enttäuscht den Alten an, – »machen wir Schluß hier? – Hier stecken doch noch Berge von Robben! Man müßte eben suchen!« »Maul' nicht, Junge, – was geht das dich an, – bist du eigentlich deine Eierschalen schon richtig los geworden, – he? Gott, was bist du für ein Greenhorn! Hast du noch nicht gemerkt, – wir fahren ins Wester-Eis. Jaha! Ins Wester-Eis! – Schlag mal die Glocke an, – oder da, halt das Steuer, Freiwache raus, hoi, – – Deck schrubben! Wachtwechsel, – verdammt, die Kerls nehmen sich aber Zeit!« Der Koch schiebt drunten über Deck, – läuft zu dem abgespeckten Kadaver hin, – ist noch etwas Fleisch nötig, – nun, hier liegt genug davon. Ist für ihn das erstemal, daß er auf einem Eismeerfänger angeheuert hat, – vom Hardangerfjord stammt er, der Koch, – deshalb trägt er sein langes Küchenmesser mit der Schneide nach oben. Kann nicht anders sein, als daß er im Blutkuchen ausrutscht und lang über den Seehund hinfliegt. Seine weiße Mütze ist im Augenblick schön rot gefärbt. Fluchen kann er, der Kerl, – allerdings bleibt ihm rasch die Spucke weg, als er seine Handfläche hochhebt. Ein tiefer Ritz klafft durch sie hin. Helles Blut strömt breit heraus aus der Wunde, vermischt sich mit dem dunklen Seehundsblut. »Jon,– Jon!« »Ja, lauf mal zum Koch hin, – der Kerl hat sich die Hand um ein Haar abgesäbelt, – rasch, na!« »Jon, – Mensch! Übel – was!« Jon schiebt gemächlich näher, faßt die Hand des bleichen Smutjes am Gelenk, hält sie in die Höhe. »Ruhig – ja!« Ehrfürchtig stehen die andern um die beiden herum, starren auf Jon, – der seinerseits auf die Wunde starrt. Fon hatte einen Kameraden, – er ist vor fünf Fahren im Packeis gestorben. Ein Lappe war es, – mit dünnen Säbelbeinen und einem schütteren weißen Bart um das braune, faltige Gesicht. Ein Geheimnis hatte er, war schon seit Generationen in seiner Familie gewesen. Die Lappen sind ja seit jeher auf gutem Fuß mit dem Teufel gewesen, – sagen die einen. Die andern meinen, daß sie eben der Natur manches Rätsel entrissen haben. Sollen schon Lappen gelebt haben, die Tote wieder auferwecken konnten. Jon war ein guter Freund des Lappen Elias, ja, so hieß er, und Elias hatte ihm sein Geheimnis übertragen, als er starb. Hatte Jon bestimmt, – er mußte schwören bei dem Geist, der die ganze Natur beherrscht, genauer, bei dem, der besonders alle Quellen und Gewässer, das unendliche weite Meer beherrscht, – daß er sein Geheimnis bis zu seinem Ende bei sich bewahren würde und es erst, wenn er sicher wußte, daß er sterben müßte, seinem besten Freund anvertrauen dürfte. – Jon also hatte er zu seinem Nachfolger bestimmt. Jon konnte, wenn er, – natürlich nur ganz leise, – die Worte des Geheimnisses vor sich hinsprach, – Blut stillen, und war es selbst eine klaffende Wunde, aus der der rote Saft hervorquoll. Scheu steht der Smutje vor dem alten Fänger, der sein Gelenk mit einem eisernen Griff umspannt hält, daß die verletzte Hand Leichenfarbe annimmt. Jons Augen starren klein und unbeweglich auf die Wunde, – man sieht, wie seine zusammengekniffenen Lippen sich leicht bewegen, – Jon spricht das Geheimnis. And die Wunde hört auf zu bluten. Wirklich! Alle haben es gesehen! Ja, der Jon! »Nun, das ist allright!« sagt Jon. »Wasch deine Finger nicht vor heute abend.« Ja, der Jon. Der hat es in sich! – – – Vorne im Buglogis kreischt das Grammophon, das Jörgen nach seiner letzten Reise im vorigen Jahr gekauft hat. Er kam in Tromsö an Land, – nun, da mußte man sich doch erholen, nach einer Dreimonatsreise im Eis. Jörgen war ziemlich betrunken, – so etwa, daß seine Beine nicht immer geraden Kurs gingen, selbst wenn er es durchaus so einrichten wollte; damals kaufte Jörgen das Grammophon. Er dachte wohl, es ginge immer so weiter mit Tanzen und Toddys und kleinen Mädchen. Ja, da hatte er was Schönes angerichtet, – die Telegrafbucht in Tromsö ist schon manchem zum Verhängnis geworden. Einmal freute sich Jörgen, daß er etwas später auch eine kleine Frau zu Hause hatte, – manchmal kratzte er sich auch bedenklich hinter den Ohren. Man kann es eben nie allen Leuten recht machen! Ist schon so! Heute ist ja ein Wendepunkt auf der diesjährigen Reise. Hat der »Polarwolf« nicht eben den Kurs nach dem Wester-Eis verlegt, und steht nicht die Sonne jetzt auf Steuerbord am Horizont, obwohl es bald Mitternacht ist, anstatt wie bisher backbords auf die Brücke Hereinzulugen? Also hatte er doch recht, einen ordentlichen Pjolter zu brauen und das Ereignis zu begießen. Nicht zu viel – nicht zu wenig. Immer klar zum Gefecht. – Klar zum Gefecht, ha, ha. – – »Raus mit euch Halunken aus der Koje, – mal ein Spielchen kloppen, – fühlt euch geschmeichelt, kleine Leute, daß die Kajüte sich herabläßt, euch einen Besuch zu machen. Jawohl, – geschmeichelt ist das. So! Wer gibt? Legt mal ne neue Platte auf den Wimmerkasten, recht so, min Jong. He Jon, hältst du mit? – Bleiben drei Tage, bis wir ins Westeis einscheren können. Sitz hin, Alter. Oder willst du was erzählen. Jawohl, spinnen wir ein Garn! – – – Schöner! Bleibt noch Zeit genug, euch euren Tabak abzunehmen. Hundertfünfzig Packen liegen von vorgestern noch in meinem Spind.« Jon guckt die anderen der Reihe nach an. Qualmt aus seiner Pfeife, deren Stummel er schon zur Hälfte abgebissen hat. »Na, – setz mal den Kaffeepott auf den Ofen, Jens. Habt ihr nicht Grips genug im Kopf, daß ihr euch selbst was vormachen könnt? Ein Garn spinnen! – Jungs, ihr steckt doch mitten im Leben drin, – bei mir ist nicht mehr viel Mumm in den Knochen. Skal, Jörgen!« – »Skal, old man! Erzähl mal was von Svalbard, – warst ja lange genug oben, um dich in deiner Erinnerung zurechtzufinden!« »Wir hockten damals genau so zusammen, – wie heute –«, beginnt Jon, »klönten, von Wind und Wetter und Weibern, – und von dem kommenden Winter im Norden, dem der ›Viking‹ entgegensteuerte. Ein kleines Glasfenster befand sich über unseren Köpfen, – gab gerade soviel Licht, daß wir einander nicht verwechselten. Die kleine Öllampe brannten wir noch so nebenbei, obwohl man schon den fünfundzwanzigsten Juni schrieb, – und wir bereits den siebenundsiebzigsten Grad Nord hinter uns hatten. Ole Olsen, Magnus Gjaever, – gehörten beide zum Boot. Ole war Maschinist und hockte nur so halb im Raum, damit er gleich bei seiner Maschine sein sollte, wenn sie zu spucken anfing. Ist ja nicht schön, wenn bei meterdickem Eis plötzlich das Boot nicht mehr dem Steuer gehorcht. Nun – Hjalte, mein Kamerad, hielt das gesalzene Rippenstück von einem fetten Renntier zwischen den Fäusten und schob sich ein aufs andere Mal einen neuen Happen, groß wie eine ausgewachsene Semmel, hinter die Lippen, – ohne daß er aber die Pfeife aus dem Mund genommen hätte. Rein ein Walroßbulle war er, der Hjalte. Aber da war nun der Toddy, den wir vor uns stehen hatten – die Gläser waren im Handumdrehen leer, aber auch ebenso schnell wieder voll. Nun, der Toddy machte Hjalte zu einem ganz anderen Kerl. Hjalte sah Gespenster. Glaubte, daß er diesmal nicht wieder von Svalbard heimkehren würde. Das glaubte er – und sagte es uns. Verflucht, daß ich gegrinst habe damals, – denn Hjalte hat recht behalten. Versteht ihr, – Hjalte war der beste Freund, den ich jemals hatte. Recht hat er gehabt! Als wir die Hinlopenstraße anschnitten, setzte gerade schweres Eis, viel Blaueis darunter, nach dem Süden heraus. Aber Nacht kriegten wir schweren Seegang dazu, – ein Stück Arbeit, bis wir endlich uns durchgebaxt hatten und die Hütte in der Branntweinsbucht zum Vorschein kam. Wir löschten den Proviant und etliche Zentner Kohlen, – war höchste Zeit, daß der ›Viking‹ sich davonmachte, wenn ihn das Eis nicht auf Land drücken sollte. Hjalte rollte die Flagge aus, als der Kutter um die nächste Nase verschwand, mit bebenden Händen – das blaue Kreuz auf rotem Grund wehte im Winde. Als er zu mir zurückkam, sah ich, daß ihm Wasser aus den Augen gelaufen war. Nun, Hjalte wußte damals schon genau, was ihm bevorstand.« – Knud sitzt dem Alten auf der Koje gegenüber, Knud, der seine erste Fahrt ins Packeis macht. Seine Augen sind beinahe feindlich auf den Jäger gerichtet, hart, wie alte Augen. ›Knud ist gute Rasse‹, denkt Jon, ›kann sein, Knud wird einmal ein Kamerad wie Hjalte, der jetzt droben auf Svalbard liegt, ein Pionier für das liebe alte Norwegen, für das stolze Norwegen. Knud ist einer von denen, die die Tradition der alten Vikinggesellen weiterführen können. So jung und geschmeidig sein Körper ist, so knabenhaft seine Wangen, – so brechend hart wird diese Rasse, wenn die erste Not, der erste Kampf über sie weggebraust ist‹ Knud starrt immer noch dem Alten ins Gesicht, unentwegt, mit dunklen Flecken auf den Backenknochen. – – »Der Oktober stand rasch vor der Tür – Schneeschleier fegten vom Inlandeis herab, der Wind heulte durch kahle, felsige Brüche, – da hatten wir die Vorbereitungen für den Winter beendigt. Die Fallen standen am Rande der Branntweinsbucht entlang, Treibholz hatten wir in hohen Stapeln vor der Hütte aufgeschichtet, unser Spitzboot auf Land gezogen und verzurrt, damit es nicht im Sturm zum Teufel wehen sollte. Den Hundeschlitten, der vom Treibholzfahren nicht wenig zugerichtet war, nahmen wir in die Hütte herein, – von morgens bis abends flogen die Späne. Wir waren wohlgerüstet, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, um für vier Monate uns in der Nacht der Arktis zurückzulassen. Am diese Tage herum wurde Hjalte unvermittelt ein andrer. Er hockte stundenlang an dem kleinen Tischbrett, legte die Karten zur Patience. Als ich ihn fragte, was er für Fragen stelle, – ihr wißt ja, wenn man Patience legt, spielt man um die Anzahl Füchse oder Bären, die die Überwinterung einem bringen wird. – Ob man viel Geld verdient, oder wenig. Nun! – Hjalte spielte immer nur eine Frage aus: ›Werde ich wieder nach Norwegen zurückkehren oder nicht?‹ Natürlich gingen die Karten selten auf. Dann legte er sich in die Koje und träumte, bis ihn der Hunger zwang, wieder aufzustehen. Sieben Male hatten wir schon zusammen überwintert, – immer war Hjalte der erste gewesen, wenn es galt, tagelang durch Dies und Nacht auf den Spuren von Renntieren zu bleiben, immer der letzte in der Koje. Aber der Teufel schien in diesem Winter sein Gehirn vernagelt zu haben. Als ich ihn einmal an den Schultern packte, schaute er mich mit abwesenden Augen an und drehte sich dann ab. Wortlos. Am andern Morgen wachte ich auf – draußen heulten die Hunde, – neben mir war der Kojenplatz leer. Hjalte war verschwunden. Halbnackt lief ich zum Zwinger hinaus, Suggen, der Lieblingshund meines Kameraden, fehlte. Richtig, die Rifle war weg, – die Skier! – – Ich eilte zur Hütte hin, holte den Stutzen und feuerte zwei, drei Signalschüsse in die Nacht. Kam kein Antwortsignal, nur das Echo dröhnte aus den Bergen. Hjalte mußte bereits weit weg sein. Da schob ich los auf seiner Spur, die trotz des Schneetreibens noch tief und deutlich sich abhob. Die Nacht war unsichtig, – leise schwebten und tanzten Schneeflocken um die Hunde, die in engem Rudel vor mir hereilten. Plötzlich stieß links eine Spur in die Bänder hinein, die Hjaltes Skier gezogen hatten. Ein starker Rennochse wahrscheinlich, der vor Hjalte hier vorbeigekommen war. Erregt schnüffelten die Hunde den Platz ab. Rex, der Führerhund, scharrte eifrig im Schnee, Schweiß und Haare klebten auf dem zerstampften Grund. Fehlschuß! – nur krankgeschossen! Hjalte ist dem abziehenden Ochsen nicht gefolgt, hat ihn also stark krank geschossen. Ein paar Schritte weiter fand ich den Abdruck eines Gewehrkolbens im Harsch. ›Stehen geblieben, die Pfeife angesteckt‹ dachte ich. Da mußte der Bock hier irgendwo in der Nähe liegen, sonst hätte mein Kamerad die Nachsuche wohl nicht so gemütlich betrieben. In diesem Augenblick krachten zwei Schüsse gegen die Bergwand, unter der ich stand. – ›Hjalte‹, brüllte ich los, ›Hjalte!‹ Nur das Echo hörte ich, – langsam fiel der Schnee weiter. Nichts zu hören. Da hetzte ich die Hunde auf der Spur los, – nach zehn Minuten hörte ich ihr heiseres Geläut am Ende des Tals, – Hjalte war am Leben. Nur – warum zum Teufel kam er mir nicht entgegen? – Ich hatte ihn bald gefunden. Er lag als verschneiter Haufen im Schnee, rührte nur die Arme, um die freudig zudrängenden Hunde abzuwehren, – hatte den rechten Oberschenkel gebrochen. Nun, war ein schönes Stück Arbeit, bis ich ihn in der Koje verstaut hatte, den Bruch einrichtete und verschiente. Nachher kam das, was nach einem solchen Fall einzutreten pflegt. Der Skorbut! Die Glieder schwollen, – Zunge dick wie ein Klumpen. Das Zahnfleisch schmerzt, rote, bläuliche Flecke an Armen und Beinen – Hjalte lag gleichmütig in der Koje. ›Laß mich liegen, Kamerad!‹ sagte er, wenn ich versuchte, ihm die kranken Knochen zu waschen und zu kneten. ›Ist zu nichts mehr nütze, macht nur Schmerzen.‹ Im Nachthimmel schwammen schon kleine weiße Wolken, Tausende von Metern hoch. Dort droben reichten schon die Strahlen der wiederkehrenden Sonne hin – da wußte ich, daß Hjalte aus dem letzten Schlaf, den er seit zwei Tagen schlief, nicht mehr erwachen würde. Nach weiteren zwei Tagen hob ich ihn aus der Koje und legte ihn draußen im Beischlag nieder, – bis ich Gelegenheit haben würde, ihm ein gutes Grab zu geben. Die kleinen Dinge, die Hjalte täglich gebraucht hatte, den großen Holzteller und den Löffel zum Beispiel, legte ich in eine Tonne vor die Hütte, weil ich nicht wußte, damals, ob Skorbut ansteckend war. Aber nach ein paar Tagen kam mir der Gedanke, im Medizinbuch nachzusehen, wie es sich damit verhielt. Nun, da stand schwarz auf weiß, daß der Skorbut nicht übertragbar sei. Also ging ich nach draußen und holte die Sachen wieder herein, putzte sie blank und stellte sie auf Hjaltes Spind. Sie hatten ein Recht, da zu stehen. And ich brauchte sie, mußte sie vor meinen Augen sehen, – damit sie mich daran erinnerten, daß ich nicht allein in der Branntweinsbucht lag. Daß da noch Hjalte war. Er war nur augenblicklich raus gegangen in den Beischlag, vielleicht kam er bald wieder herein. Wißt ihr, vielleicht war er nur eben vor die Hütte gegangen, um draußen nachzusehen, wie das Wetter sein würde. Damals begann ich zu zweifeln, ob Hjalte wirklich tot war. Mal ging ich in das kleine Gelaß, wo er lag, – fühlte nach seinen Händen. Sie waren steifgefroren. Zwischen den Fingern lag Schnee, der durch die Ritzen in der Wand hereingefegt war. Das war also wohl so, – das war in Ordnung. Und doch ging ich nach drei Tagen wieder hinaus, – mußte mich überzeugen, – hatte alles schon wieder vergessen. Tja! War schwer, einen Gedanken bei sich zu behalten, – verteufelt schwer. Alles schien hundertmal am Tage seine Gestalt zu wechseln, war nichts fest, nichts war sicher und bestimmt. Das Wetter, die Hütte, der Fang. Nutzte man eigentlich mit Bestimmtheit, daß man auf Svalbard überwinterte, – konnte es nicht ebensogut sein, daß man drunten in Norwegen saß, – einen Toddy zuviel getrunken hatte und sich das alles nur einbildete, das mit Hjalte und so. Darum mußte man eben nachsehen, ob das alles seine Richtigkeit hatte, – versteht ihr. Nachher wußte man, – ›ja! Das war alles in seiner Ordnung.‹ Eines Tages kam dann die Sonne über den Horizont. Leuchtend und groß. Von da an ging ich jeden Tag ins Gelände, – die Fallen nachsehen. Da und dort lag ein steifer, wolliger Körper unter dem zusammengestürzten Fallenbrett. Man holte ihn hervor, band ihm einen Lederriemen um die Läufe und wendete die Skispitzen nach Hause. Hatte schon eine gute Zahl prächtiger Weißfuchse unter dem Hüttendach hängen, – waren zwei Blaue dabei – – etliche Bären. Da begann die Paarungszeit, und die Füchsinnen wurden trächtig. Schluß mit der Jagd. Die Fallen mußten niedergelegt werden, um den Nachwuchs zu schonen. Ein paar Tage hielt ich es so aus, ohne Arbeit. Lag meistens in der Koje und träumte, – zwischendurch ging ich wohl einmal vor die Hütte, von wo aus ich die ganze Bai übersehen konnte. Mußten ja nun bald die Seehundsweibchen kommen, um auf dem Fjordeis ihre Jungen zu werfen und zu säugen. Aber der Winter war sehr kalt gewesen und die Temperatur stand immer noch unter den Dreißigern. Mal kam ein Bär angetrottet und wollte sich meine Hütte von innen besehen. Könnt euch denken, was er für Augen machte, als ich die ausgehungerten Hunde auf ihn hetzte, und sie ihm an die Flechsen fuhren. Wütend hieb er mit den großen Pranken um sich, als hätte ihn ein Schwarm Moskitos angeflogen. Beinahe schämte ich mich, den Kerl abzuknallen, – der so wehrlos zwischen den acht rasenden Bestien hockte und sich die Wunden leckte, die die Bengels ihm gerissen hatten. War wieder für einen Tag Arbeit, bis sein Fell, über die Pflöcke gehängt, in der Sonne bleichte. Als das getan war, schaufelte ich täglich etliche Tonnen Schnee von der Hütte los, trug sie am andern Tag wieder zurück. Das tat gut! Dabei kam man zur Vernunft. Eine Zeitlang wenigstens. Und nur die erste Zeit. Bis einen die Hölle wieder verschluckte. Einmal habe ich auch Hjalte vor die Tür getragen, damit ich jemanden hatte, der mir bei der Arbeit zusehen könnte. Draußen schien die Sonne. – Also, – Hjalte lehnte an der Hüttenwand und schaute mit den toten Augen in die Berge hinein. Weiß nicht mehr, über was wir uns unterhielten. Wahrscheinlich, – daß nun der Frühling bald käme, daß bald die Sonne nicht mehr untergehen würde – –. Hjalte stand stumm dort, wo ich ihn hingestellt hatte. ›Nun ja‹, sagte ich zu ihm, ›wie es ihm gefiele, das Wetter und die Sonne, – und die Zeit, nun, – die Zeit war ja schon weit nach vorne gekommen, – mächtig weit, – gar nicht mehr so lange bis zum August. Drei Monate vielleicht, bis das Eis in Pressungen krachte und weiterzog, in kleinen, zersplitterten Schollen – – bis wieder der blaue Ozean an den Strand spülte. Oh – – nicht mehr so lange.‹ So habe ich mit ihm gesprochen. Sagte, ›– so, Hjalte, nun ist Feierabend‹, – ja, das war so, – und mir kam es seltsam vor, daß Hjalte nicht darauf antwortete, – so seltsam, daß ich ihn am Jackenärmel faßte. Da fiel Hjalte seitlich in den Schnee. Dachte mir, daß das ewige Stillstehen ihn ermüdet hätte, – so weit war es damals schon mit mir, – jaha! Darum nahm ich ihn mit in meine Koje, – war besser, wieder einen Kameraden neben sich zu haben. Einen Grützbrei kochte ich mir, aß noch etwas Bärensteak, das ich mir zu Mittag zubereitet hatte, – dann zündete ich mein Pfeifchen an und legte mich ebenfalls zu Hjalte in die Decken. Da fühlte ich wieder einen Ellenbogen neben mir, wie früher, an den man nicht stoßen durfte, denn der Kamerad hatte ja die Ruhe ebenso nötig wie ich, – – nach einem Tag mit schwerer Arbeit. Nach einigen Wochen lagen die ersten Robben auf dem Eis. Schlimm für Hjalte. Denn als ich von der ersten Jagd zurückkam und das blutende warme Fleisch auf die Herdbank legte, – da merkte ich plötzlich, daß Hjalte so richtig tot war. Denn ich hatte den Tag über in lebendigem, zuckendem Fleisch gewühlt, wie ein Tier; das Blut stand mir noch über die Ärmel hinauf, – ja – das war so, – – ich sah, – Hjalte mußte raus aus der Koje, – mußte ihm eine Grube machen. Er war tot – und ich kam zum Leben zurück, – war bereits weit weg gewesen davon. Die Nacht ging drüber hin, bis ich die Grube so weit fertig hatte. Dann trug ich ihn hinaus. Habe ihm ein Gebet gesprochen, – war nicht weit her damit, denn das Vaterunser Hab ich längst vergessen. Bin immer ein schlechter Christ gewesen. Nun ja, – nachher kam der ›Viking‹, – hatten eine schnelle Fahrt nach dem Süden – jaha, – das war Hjalte – erstklassiger Kerl, nichts zu machen, – hat eben der Teufel geholt. Lange her, – das. Na, Jungs, – legt man einen ordentlichen Seemannswalzer auf den Wimmerkasten, – daß hier Leben in die Bude kommt, – – Kaffeetrinken! –« Rühren sich doch nicht, die jungen Fänger. Ist ein Schicksal an ihnen vorbeigegangen, das auch ihr Geschick werden kann, – – läßt sich viel darüber denken – – hat gute Zeit an Bord des »Polarwolfes«, sind noch drei Tage, bis man auf Eis treffen wird.   Die Wogen wandern draußen am Schiff vorbei. In ruhigem Saugen und Ziehen gleitet das Fangschiff über die Berge weg, die sich ihm entgegenheben, weiterdünen, weiterwellen. Am den Bug die weiße Schaumfahne perlt und rauscht, pocht hindurch zum Logis, – stäubt über das Vorschiff und sendet glitzernde kleine Schleier zur Brücke hinauf, – tausend spielende kleine Sonnenstrahlen, – Körnchen, die im Licht funkeln. Der Motor rattert seinen gleichmäßigen Takt. Mal sagt die Schraube etwas zwischen diesen Rhythmus hinein, hebt sich über die Wellen, knatternd und in schnelleren Drehungen arbeitend, weil der Widerstand des Wassers sie nicht mehr bändigt. Aber das ist alles nur ein Spiel. Unbekümmert, frisch. Im Südwesten hängen etliche tiefe Wolken über das Meer hinein, hat nichts zu sagen, sie bleiben weit hinter dem »Wolf« zurück, werden vergebens ihre Finger nach ihm ausstrecken. Der Wind steht auf sie zu. Ist es nicht, als ob der »Wolf« sich über sie lustig machen wollte? Ein paar dicke schwarze Rauchschwaden legt er nach Backbord hinüber, die weiterziehen, träge, qualmig, – nach Südwest. Pah! Einen Gruß vom ›Polarulv‹. Es ist ein herrliches Wetter, gleißend und duftig, wo er seinen Weg geht. Wolken im Südwest, – er sieht sie nicht! – Von der Kombüse wehen köstliche Düfte über Deck, Braten und Speck, – – der süße Geruch von Pflaumen. Das gibt ein Mittag, das sich sehen lassen kann. Ragnar kommt, – die Töpfe inspizieren, Malte streicht vorbei, – nur so ein Blick auf die Herrlichkeiten. Ja, das wird ein Essen geben. Ob König Haakon heut was Besseres ißt? Robbenfleisch und Schweinespeck, – und eine braune Brühe dazu, die sich auf dem Teller mischt mit dem Saft von vollen, prallen Pflaumen. – »Na, Smutje, – verdienst dir heut' den Himmel.« Aber der Smutje sagt nichts dazu, rein nichts. Der Smutje horcht in sich hinein, angestrengt und mit weißen Lippen. Wie lang das noch geht mit ihm? Wie lange der Magen sich damit begnügt, zu kullern. Übel – und da steht der Jens an der Steuerbordreling und sieht aus, als ob ihm der Himmel voller Geigen hinge. Backbords sind gleich ein paar von den Bengels auf den Rand der Ladeluke hinaufgeflegelt und blinzeln in die Sonne. Der Koch sieht durch ein Bullauge zu Jens hinüber, – richtig, – er haut ab! Hat wahrscheinlich den Tabaksbeutel im Logis liegen lassen – schnell an die Reling, so – »ah, – ah!« – Ja, nachher ist's gleich besser. Könnte sein, daß bis zum Mittag der Braten gar nicht mehr so aufreizend auf die Magennerven springt. – Hup, ja! Nicht so unmöglich. – »Smutje, ist dir jetzt besser nach dem kleinen Spaziergang? Tja, grobe See heute!« Knud kiekt mit einem harmlosen Lächeln über die breiten, runden Rücken der Wogen hin, – die jeder Grobheit bar sind. Der Smutje kriegt bald einen Schlaganfall, paß auf! Er sieht ganz ungemütlich aus, wie 'ne Wasserleiche. Dann kommt Leben in ihn, – hat er nicht eben den großen Schöpflöffel zur Hand, und drinnen im Topf brodelt die braune Brühe. – »Hölle und Teufel! Du kleines Dreckaas, – du, hup, ja – du Herumtreiber – was hast du hier zu luchsen, hier! – da! –« Aber Knud hat längst schon das Schott ins Schloß gehauen, – stelzt mit wiegenden Seebeinen zu den Kameraden zurück, – »tja, – also, was der Smutje ist, – schaut ihn mal an, – gut, daß er heute keinen Gulasch kocht, – so sind wir wenigstens einigermaßen sicher vor Überraschungen. Jung, – was für ein Seegang! Ob der ›Polarwolf‹ das überhaupt durchhält. Jens, gib mir mal Tabak, hast ja eben geholt, – schönen Dank auch – – bleib mal hübsch bei uns, – – die Steuerbordreling ist heut Privateigentum von Smutje, – tja!« Jon hockt auf der Winsche, schaut den Jungen zu. Mit dem Speckmesser schneidet er an einem Bootskörper herum, – gleich Zeit, daß die Masten eingesetzt werden, – für den kleinen Jungen seiner Schwester, – liegt annähernd noch in der Wiege. Aber er soll sich bald daran gewöhnen, mit Schiffen umzugehen. In ein paar Jahren wird der Kleine schon das Spitzboot rudern wie sein älterer Bruder, – nachher mit zum Fischfang vor den Fjord fahren. Das Leben ist kurz, – schwer, ein richtiger Seemann zu werden, – solch einer wie der alte Jon, schwer, – wenn nicht im Blut des Jüngsten schon der Puls des grauen launischen Meeres schlüge, seit undenklichen Zeiten. Nie kann er verlorengehen, dieser Herzschlag, – anders als der der andern, – der ihn eingeboren trägt, gehört der See, die bald im Sturm an die hochragende Küste anrennt, wieder in einer lieblichen Melodie sich mit dem Singen des Sommerwindes über grünen hohen Bergmatten verbündet. »Wachtwechsel!« »Wachtwechsel!« Eine Freude, das spielende Steuer zu übernehmen! Über Nacht wird es kühler. Um Mitternacht, als eben die Sonne für einen Augenblick unter die Seelinie taucht, beginnt der Mast zu vereisen. Vom Großsegel stäuben kleine Splitter auf Deck herab. Der Wind hat über Nord weggedreht, – Schnee steht in der Luft. Würde eine ordentliche Ladung geben, wäre die Temperatur nicht so tief. Die Sonne beginnt zu dampfen, jede Woge, die den »Polarwolf« passiert, hinterläßt einen feinen Schimmer von dünnem Eis an seinem Leib. Wenn ein harmloser Brecher über Deck schwemmt, wächst der Eispanzer um die Rollen und Zahnräder der Dampfwinde zusehends. Ist eine Schweinerei, wenn die Dampfwinde in einen Eisklotz verwandelt ist. Nachher kannst du jeden einzelnen Seehund mit einem einfachen Tau an Bord hissen. »Olav, – sieh mal nach. Denke, wir lassen sie mal zur Probe anlaufen, ob sie noch arbeitet!« Und »Schick mal eine Portion Dampf nach vorn!« Olav pfeift kunstvoll durch den Sprechtrichter. »Schön«, heißt das. – – »Ja.« – – – Auf dem Vorschiff geht mitten in der Nacht die Hölle los. Fauchen und Rumpeln zum Gottserbarmen, – jaha! Man hört deutlich, daß sie läuft. Sonst nichts zu tun. Man muß als Wachthabender hie und da mal einen Blick auf den Kompaß werfen, so – als ob, denn eigentlich ist es vollkommen überflüssig. Der Rudergänger weiß haargenau, was ein Kompaß ist. Und magnetische Instrumente sind ja schließlich nicht an Bord, wie seinerzeit, als der »Polarwolf« die Besatzung der Bäreninsel ablösen mußte, – die Telegraphisten, die dort droben stationiert sind, – versteht sich. Der ganze Instrumentenkram war hinter der Brücke im Kartenzimmer verstaut worden, damit möglichst wenig Seewasser an ihn herankommen sollte. Dann fuhr man los. Von Hammerfest heraus und direkt auf die offene See. Ein Tag war verstrichen, – zwei Tage, – noch keine Bäreninsel in Sicht. Drei Tage. Dann gab der Schiffer den Befehl zum Kreuzen. Die Insel mußte ja doch in der Nähe sein. Vier Tage. Da kam Land in Sicht. Na endlich! – – – Verdammt, – Spitzbergen, was sie da vor sich hatten – deutlich hob sich die Hornsundspitze aus der Kimming. Isachsen kriegt einen Tobsuchtsanfall. War schließlich fassungslos. Das ging ja genau an seine Schifferehre!– Ja, – die Sache war ganz einfach. Einige starke Magnete in dem wissenschaftlichen Kram hatten den Kompaß an die zehn Grad nach West gedrückt. Als das Kartenzimmer geräumt war, liefen sie auf jeden Fall beinahe die Telegraphenstation der Bäreninsel über den Haufen, so genau ging das Boot seinen Kurs. – – – Die Brise steift ein wenig auf. Der »Polarwolf« beginnt unwillig zu knurren, wenn er sich den Wellen entgegenfrißt. Er knurrt zuletzt auch noch, wenn er sie hinabreitet. Wie der Morgen heraufsteigt, hat sich alles wieder eingerenkt. »Meist dachte ich, – der Südwest könnte doch die Oberhand kriegen –« knurrt Jon zum Morgengruß, als er den Schiffer wach in der Koje liegen sieht, – »aber es sieht aus, als hätten wir ruhiges Wetter, bis wir das erste Eis treffen.« »Schon was vorbeigetrieben?« fragt Isachsen entgegen. »Schätze, gegen Nachmittag, – war kaum nennenswert bis jetzt, – ein paar kleine Stücker Blaueis, – Wassereis, – alles l« »Na, Jörgen, – nimm mal den schweren Pelz und geh in die Tonne. Ich glaube, das Fernrohr liegt noch droben. Kann leicht sein, – kriegen schon früher Eis. Temperatur?« »Dreiunddreißig Grad!« »Allright, – ich komme nachher auf die Brücke.« Jörgen sieht aus wie ein Bär, – gerade, daß er sich durch die enge Kajüttür ins Freie zwängen kann. Spaß, auf offener See in der Tonne zu hocken und umhergebeutelt zu werden wie ein nasses Hemd im Wintersturm. Spaß! Aber Dienst ist Dienst. Malte grinst unverschämt, als er Jörgen brummend die Fockleiter hochklettern sieht. »Kühl, – der Morgen, – kühl, ja.« »Paß auf, Dachs, – sonst heizt es gleich, – Mann über Bord! – oder ziehst du es vor, einen Knock-out zu erwischen. Übler Halunke!« – Jörgen kommt bald wieder los von der Tonne, schneller, als er wünscht, sozusagen. Ein weißer Strich schiebt sich vom Horizont heran. Ein Unerfahrener hätte ihn kaum beachtet. Aber Jörgen sieht mit einem Blick, daß der Dreck nun wieder losgeht. Nebel. Eis ist noch nicht zu sehen, – vorerst ist die Bahn noch frei. Die nächsten Stunden. Galgenfrist! Bis dahin. Bis zum Mittag. »Eislicht! – Ein Mann in die Top! – Doppelwache!« Die beiden Maschinisten überholen rasch noch die Maschinen. Ragnar und Jörgen stehen wie Standbilder auf der Brücke, den Feldstecher vor den Augen. Der Schiffer hat das Oberlicht im Brückendach geöffnet, späht zum hohen Fockkorb hinauf, über dessen Rand nun Maltes Pelzmütze hervorlugt. – »Eis voraus!« brüllt Malte vom Ausguck. »Schlagt die Fahrt ab!« »Ramsch!« macht eine Minute später ein Stoß den »Polarulv« zittern, »ramsch! – ramsch!« Die Geschwindigkeit, mit der der »Wolf« durch den Nebel gleitet, hat sich noch kaum verringert. »Ramsch, Krach! Volle Fahrt achteraus!« Das war der Schiffer. Die Schollen werden zahlreicher, und plötzlich sieht man das Hauptlager der ersten Bank auftauchen. Ein Graupelregen von kleinen Eiskristallen prasselt in diesem Augenblick über das Deck, hüllt alles in seinen weißen Schleier. Ragnar hat mit geübten Augen schon eine Wacke festgestellt, wirft das Steuer auf Backbord hinüber, – umsonst, auch hier springen große Flacken dem Polarwolf an die Kehle. Weiter, Blindfahrt, – alles versperrt! Unaufhörlich prasselt der Eisregen, Stoß um Stoß legt sich der »Wolf« gegen das Eis, schneidet mit seinem kräftigen Bug Flachen neugefrorenen Eises auf wie dünnes Papier. Bis schließlich ein schwerer Rammstoß das Boot von den Spanten bis hoch zu den Mastspitzen durchschüttelt. Da kommt vom Schiffer der ruhige Befehl: »Achteraus! – Halbe Fahrt!« Immer noch in Eisschleiern verborgen, zieht sich der »Polarulv« langsam auf die offene See zurück. Die Dünung, die in der Eiskante kräftiger schwappte, wird ruhig. Der Motor kommt zur Ruhe. Vor dem Focksegel wiegt sich das Schiff auf den grauen Wogen, auf die sich die Dämmerung der Arktis senkt. Früh im Morgensonnenleuchten, das durch den Nebel schimmert, springt der »Wolf«, diesmal mit voller Kraft, gegen die ersten kleineren Schollen der Treibeisgrenze. Mit Krachen und Hacken überrennt er Kurs Nordwest den Kleineissaum, dessen Schollen sich in der Dünung heben und senken. Alken und Möven spielen über der weißen Fläche. Die ganze Mannschaft steht auf Deck, stumm, ohne Bewegung, – so als träten sie in einen großen heiligen Hain, der die Seelen der Vorfahren in sich raumt. Grünweiß liegen die Schollen auf dem sammetgrauen atmenden Grunde. Hier und dort treffen die Zähne des »Wolfes« auf eine größere Flacke, die dann grünschäumend in die Tiefe fährt, – quirlend und schäumend längsseit wieder auftaucht. Jens' Augen suchen die Fläche ab. Hier heißt es gut steuern, die Schollen richtig mit dem Bug zu treffen. Er liegt über dem Rad, achtet zu gleicher Zeit auf die kanternden, schwappenden Blöcke, die in den Bereich des Schiffes kommen und auf die Hand des Kameraden im Ausguck, der unablässig signalisiert. »Steuerbord, – hart Steuerbord! – Backbord, – gleichmäßig voraus, – leicht nach Steuerbord, so, – noch etwas nachkommen, – mehr, – – jetzt, – halt das Steuer, – stetiger Kurs, – – – langsame Fahrt! – hart nach Backbord, – halbe Fahrt, – steady – so, volle Fahrt voraus!« »Ramsch,– Ramsch!« »Volle Kraft achteraus, – Stop! Steuerbord! Volle Fahrt voraus – Ramsch! – Ramsch! – langsam nach Backbord –« Zweistündige Wache! Noch eineinhalb Stunden! »Hol an! –Halbe Fahrt, so, – stetig. Volle Kraft voraus, stütz' Steuerbord –Ramsch!« »Achtung! Eisfuß! Sachte Fahrt! Ramsch! Überlaufen; er liegt nicht so tief, daß er die Schraube beschädigen könnte! Geschäft, – allright, – volle Fahrt!« »Volle Fahrt!« krächzt Jens das Kommando nach, wirft sich zum hundertsten Male über das Rad, knallt den Telegraphenhebel nach unten. Gedanken hat er nicht im Kopf, der Rudergänger. Während einer solchen Wacht darf man an nichts denken, – nicht an den »William Butt«, der hier vor zwei Fahren mit seiner ganzen Besatzung im Sturm vor die Hunde ging. Der ihn führte, war Jens Vater. Die beiden Schützen seine Brüder. Er ist der letzte, Jens. Und auch Jens fährt im Eis! Kann nicht anders sein! »Wachtwechsel!« Der Schiffer. »Gute Wacht, Jon!« Jon steht am Steuer. Wie ein Junger. Die weißgrauen Bartstoppeln stehen ihm um das faltige Kinn, doch die Augen blitzen. Augen wie ein Adler hat der Jon, wie ein kühner erfahrener Bergjäger, der auf raschen Skiern den grauen Wölfen auf Finmarkens Hochebenen folgt, durch Gebirg und Schlucht. Und nicht ruht, bis er seine Beute gefunden hat. Kaum, daß das Rad sich um seine Achse dreht, so sparsam sind seine Bewegungen, – doch die Zähne des »Polarwolfs« treffen ohne Fehler den Block, in den sie sich verbeißen sollen; in die kleinste Rinne gleitet der scharfe Bug, die ihn weiterführen kann, tiefer in den Eispanzer, der Grönlands riffige Küste umtreibt. Ein weißer Berg sticht unversehens durch die Nebelwand. Zwanzig Meter voraus kreuzt er den Kurs. Tausende von Tonnen in einem schimmernden, wiegenden Koloß. »Achteraus! Volle Fahrt!« Weg ist er, wie ein Spuk. »Halbe Fahrt voraus! Wir scheinen Großeis vor uns zu haben! Vorsichtig ran!« Aus der Ferne tönt Krachen und Splittern. »Großeisfeld. Wacke in Sicht? Malte! Siehst du eine Wacke? Warten müssen wir, bis der Nebel sich hebt, – holt uns der Teufel sonst, – eh' wir eine Kvartmeile gemacht haben.« »Nirgends offenes Wasser, – scheint dicht zu liegen, – Steuerbords Eis neugefroren!« »Keine Wacke – na, denn weiter!« »Volle Kraft, hol's dieser und jener!« »Volle Kraft!« »Ratsch, – da hast du dein Teil, – ran an den Feind, ›Wolf‹! Durch müssen wir und wenn uns der Teufel holt. Ramsch! knallt eine Scholle in der Mitte entzwei, – nun mal fix, bevor die Spalte von der Strömung wieder geschlossen wird.« Zwei Stunden – ein zäher, verbissener Kampf. »Ablösung vor!« »Wachtwechsel!« »Wacke in Sicht! Wacke auf Steuerbord!« »Halt drauf hin, Jon, denke, es ist genug für heute. – Heißt das Focksegel, Jungens! Liegen still, bis der Nebel lichtet! Zwecklos, hier herumzufunken. Gute Wacht!« Weg poltert der Schiffer. Das weitere machen die Jungens unter sich ab. Sollen alle mal ordentliche Fänger werden, – schadet, – ein überflüssiger Befehl! Feucht und kalt streicht die Seeluft an der Kombüse vorbei. Ragnar lehnt am Spültisch, den Pelzkragen über die Ohren hochgeschlagen. Die Füße stemmt er gegen die Aschentür des Herdes, aus der dann und wann, wenn die Glut auf dem Rost zerfällt, Strahlen von Funken sprühen. Hat keinen Zweck, draußen zu stehen, alles grau in grau. Ein paar spritzende Wogen wandern ewig und immer am Boot vorbei, dahinter kommt wieder ein Schollenfeld angetrieben, oder gigantische Berge mit wilden Formen, doch immer nur – Eis. Über seinem Kopf tönt der Schritt von Jörgen, der die Wache geht. Vier Schritte hin, – vier Schritte zurück. Wie ein Raubtier im Käfig. Ein Eisbär hinter Gittern. Mit der Sehnsucht nach einem tollen Betrieb in der Brust, – blutige Jagd und peitschende Schüsse oder Stürmen und Heulen, tosende Wellen – oder Frauen, die sich einem weich an die Seite schmiegen. Jörgen ist ein prachtvoller Bengel – in der Arbeit und sonst – als Kamerad. Kann sein, er lacht wie ein kleiner Junge. Aber Jörgen kann schlimmer hausen als der Teufel, wenn ihm einer von der falschen Seite kommt – und auch dann noch lächelt er, – wie ein Junge. Ragnar ist mit ihm aufgewachsen. Richtig kennengelernt hat er Jörgen erst in jener Nacht vor den Lofoten, als ein überraschender Schneesturm die Boote, – Hunderte von Booten, in alle Winde davonpeitschte. Kein Treibanker half, – half keine Kunst mehr. Irgendwoher kam plötzlich in dieser schwarzen Höllennacht ein Schrei tiefster Angst und Not geflogen, gellte einem an den Ohren vorbei – einmal, zweimal –, aus den hochtürmenden Wogen, aus den Schneefetzen, gellten Schreie, – um unterzutauchen für alle Zeit. In einer solchen Nacht hatte Ragnar mit Jörgen das Bootsgewölbe geritten – ein Hexenritt. Die blaugefrorenen Fäuste um den eisenbeschlagenen Kiel gekrallt. Acht Mann zuerst, – nach einer Stunde waren sie zu dritt, bald war auch der dritte im Schaum und Branden des Westfjords versackt. Hilmar hieß er. Der Wasserdruck eines ungeheuren Wogenberges schlug seine Fäuste vom Kiel. Ragnar hatte den Kameraden an einem Stück Zeug erwischt und versuchte, den schweren Körper noch zu halten, bis er seine Faust erlahmen fühlte. – Dann war Hilmar plötzlich weggewesen, – Teufel! Gerade, daß er mit dem freigewordenen Arm noch über den Bootskiel greifen konnte, kam die nächste Wogenwand, riß das gekenterte Boot aus der Tiefe und flutete mit fressenden Gischtzähnen drüber hin. Hinter der nächsten Welle kam das Tosen der Brandung, – splitternd und krachend rannte das Boot auf schwarze Felsen, sprang zurück im Sog und Strudeln – nicht zu früh, so daß die beiden Kameraden Zeit gefunden hatten, sich als halberfrorene Bündel in Rissen und an Zacken festzuklammern. – Die Nacht hindurch und bis zum Mittag hockten sie dort auf dem Riff – seltsam, daß sie andern Tags noch lebten. Noch seltsamer das Bild, das ihnen der Tag zeigte. – – – Kaum hundert Meter von ihnen hing ihr Kutter auf dem Strand, mit einer Schlagseite, wie sie ein Kutter gewöhnlich hat, wenn die Ebbe ihn im Schlick zurückgelassen hat. Und war doch die ganze Nacht gekentert in der See getrieben, – schön abgetakelt war er, hatte achtern ein mannskopfgroßes Leck. Ein Wunder, daß er überhaupt noch vorhanden war. Die beiden schauten einander an, er, Jörgen – und Ragnar, – dann brachen beide in ein schallendes Gelächter aus, – waren wohl die Nerven, die ihnen dieses Lachen aufzwangen, denn keiner von beiden sah im Gesicht des andern auch nur ein Gran von Lustigkeit, – sie sahen nur ihre vereisten Gesichtsmasken, in denen die Muskeln, erstarrt, dennoch zu spielen versuchten. Erst, als jeder die krampfhaften Bemühungen des andern erkannte, seine Züge aus der Leblosigkeit zum Leben zu bringen, – erst da begann das Zwerchfell zu vibrieren und brach schließlich den Bann. Wie sie die ersten Schritte machen sollten, kam ihnen plötzlich zum Bewußtsein, daß die andern alle draußen im Meer geblieben waren. So groß war ihre Erschlaffung gewesen, daß sie daran dachten, als ginge sie das nichts weiter an. Jörgen war der erste, der sich, von der Schäre herabkletternd, den Wellen auslieferte und zum Wrack hinüberschwamm. Etliches Petroleum fanden sie noch in einem Behälter, machten den Strand frei vom Schnee und brannten ein Feuer an. Im Laderaum lag noch ein Teil der tags zuvor gefangenen Fische. So hatten sie alles, was zur Aufrechterhaltung ihres Lebens nötig war. Denn an Land zu kommen, war nicht möglich; war ein breiter Sund zwischen ihm und der Insel, auf der sie lagen. Signallichter des Nachts, – an verschiedenen Stellen nord- und südwärts, – Schicksalsgenossen. Bald danach hörten sie das Knattern eines starken Bootsmotors, – die Rettungsschute war in der Nähe. Sechs Männer ruderten an den Strand, – ruderten acht zurück. Die andern trieben irgendwo zwischen Schlamm und Tang, – Seeleute! – – – Jörgen kommt nach unten, streift an der Kombüse vorbei nach vorn. »Schon da, Ragnar, – hast du Kaffee für mich? Augenblick, – haben Großeis voraus, – will nur eben das Focksegel hissen, daß wir an ihm vorbeikommen.« »Allright«, – Ragnar sieht auf die Uhr. »Sechs Minuten bis zur Ablösung!« – – – Jörgen steht schon am Vormast, ergreift eines der Taue. Langsam klettert das Focktuch aufwärts, vom Spriet bis zur Gaffel des Masts. Der Wind dreht die Nase des »Polarwolfs« nach Backbord hinüber. Wenige Meter voraus steht die kristallene Wand, die aus dem Nebel gestochen kam, bleibt zurück. Der »Polarwolf« ist wieder allein. Jörgen kommt zurück, – hockt sich neben den Kameraden. Während er seine Tasse ausschlürft, bleiben die Augen draußen hängen. Suchen die Umgebung ab. Immer auf der Wacht! »Tja, – dachte eben an die Lofotnacht.« »Hab' auch darüber nachgesonnen, – war verteufelt, daß wir herauskamen, – tja –« Draußen meldet sich Olav. »Wachtwechsel, Skytter!« »Ja, – so lang, Ragnar, – mach's gut!«   Ragnar sieht schärfer hin. Eine kleine weiße Flacke. Ja, das sind zwei Tiere. Storm hat die Pfoten auf die Reling gelegt, winselt, wedelt mit dem Schwanz. Mit leisen Schritten geht der Schütze auf die Brücke, nimmt das Gewehr auf, das neben dem Kompaß lehnt. Ein Feuerstrahl zuckt schräg nach unten. Kopfschuß. Eine alte Klappmütze mit ihrem eben geborenen Jungen. Das Muttertier verzittert. Neugierig hockt der junge Kerl daneben, äugt nach dem Schiff hin, mit großen runden Augen. »Was ist denn das wieder.« Eben hat er Bekanntschaft mit dem Eis gemacht und hat gelernt, das Abc eines Seehunds, daß er immer hübsch neben der Mutter liegenbleiben muß. Ganz starr vor Staunen ist der kleine Bengel. Jetzt kommt ein Boot auf ihn zu, – eine Hand faßt ihn am seidigen Nackenfell. Soll man versuchen, zu beißen, – so wie Mutter es gerade machte, bevor das große Schiff in Sicht kam. Oder soll man ganz einfach dumme Augen machen. Große Frage! Jens haut der toten Klappmütze einen kurzen Zughacken in den Kopf, schleppt das Tier von der Scholle herab, daß es mit einem dumpfen Aufprall zwischen den Spanten des Fangbootes landet. An einigen Schollen vorüber rudert er dann zum »Wolf« zurück, macht das Boot achtern fest, nachdem er seine Last an Deck geschafft hat. Als die andern am frühen Morgen aus der Koje fahren, hören sie munteres Kläffen an Deck. Ragnar hockt vor der Luke, säugt den Säugling. Wie es sich gehört. – Eine alte Spritflasche, vor die er einen Schlauch gebunden hat. Mit Isolierband, das er sich von Olav aus dem Maschinenraum geholt hat. Der Blueback lutscht mit Behagen an dem roten Gummi. Scheint ihm Spaß zu machen! Neben Ragnar steht die Büchse mit kondensierter Milch, – fetter Milch, bald so gut wie die weiße Seehundsmilch. Der Säugling mummelt mit tolpatschigen Bewegungen von dannen, als die Siebenschläfer an Deck rempeln, – mustert die Bande mißtrauisch auf ungefährlichen Abstand, – grunzt oder bellt er? – Einerlei. Dann torkelt er wieder zu der milchspendenden Flasche zurück, – mumm, mumm, – – – Storm hockt hinter dem wolligen Paket, hängt die Zunge weit aus dem Rachen, schleckt sich die Lippen. Weit gefehlt, Storm! »Hau ab, nichts für dich, mein Junge.« Storm kehrt sich nicht daran, klopft verzückt mit der Rute den Boden. »Gebt ihn mir«, heißt das. »Wird nichts daraus, Gutester. Ein Braten für uns. Köstlicher als ein Spanferkel, – na, Jens, denke, wir machen Schluß mit der Komödie, brauchen unsere Milch für uns selbst. Der Kerl scheint einen abgrundtiefen Magen mit sich herumzuschleppen.« Jens haut dem Kleinen seine Faust einmal nachdrücklich an den plumpen Kopf und zieht ihm anschließend das Fell über die Ohren. Storm drückt sich weg, enttäuscht, als er sehen muß, wie die Burschen den saftigen jungen Seehund in zwei Teilen wegtragen nach der Kombüse. Leckt den blutigen Kopf des Alttieres sein säuberlich ab. Wie er so dasteht, die eine Pfote auf den Bauch der Beute gestemmt, huscht plötzlich ein Stäubchen Sonne über seinen Pelz, der vom Nachtfrost vereist ist. * * Die weite Eisfläche hebt sich bald klar bis zum Horizont heraus. Der »Polarulv« arbeitet sich mit qualmendem Schornstein voraus. Er rammt, er bockt, läuft zurück und stößt durch, von einer Rinne zur andern. Wie ein Keil treibt er sich zwischen schwere Eisflacken hinein, drängt sie zur Seite, schlüpft hindurch, und immer rattert die Maschine. Tag und Nacht. Der Mann im Ausguck schiebt sein großes Fernrohr von West nach Ost, bis er wieder einen kleinen schwarzen Punkt entdeckt hat. Dann gibt er das Zeichen zur Kursänderung. Ein paar Schüsse knallen, wenn der »Wolf« sich endlich durch das schimmernde Eis gebissen hat, – die Winde kreischt, einige Seehunde schweben langsam über Bord herein. »Ablassen! Stop!« Messer blitzen. Weiter. Der Fellhaufe auf der Ladeluke wächst, mit jedem Schuß. Jörgen fehlt selten sein Ziel. Geschieht mitunter, daß ein angeschossenes Tier in seinen Todeszuckungen vom Eis ins Wasser abrutscht. Dann heißt es suchen, bis irgendwo in einer Spalte sein Kopf wieder auftaucht. Selten mal. Stück zweihundertfünfzig hat der »Polarwolf« auf diese Weise schon gesammelt, – ist nicht das Richtige, so – könnten wohl schon einige Tausend sein. »Will sehen, wann wir endlich eine größere Herde treffen. Wüßten eigentlich schon längst so weit sein. Scheint, die Tiere werfen heuer spät. Die schweinemäßige Kälte ist an allem schuld.« »Steuern wir drei Strich gegen Südwest. Kann nichts schaden!« fügt der Schiffer seinem Selbstgespräch hinzu. »Hallo, drei Strich vom Kurs – – Südwest.« »Drei Strich Südwest, gemacht.« »Wieviel Wasser haben wir noch an Bord – sieht aus, als ob wir bald dem Tank auf den Grund gekommen sind. Schmeckt scheußlich genug. Seht euch mal nach einem Block Landeis um, – hier, Backbord scheint einer anzukommen. Nee, ist schon zu alt, – kein gutes Eis. Dahinter schwimmt noch ein Stück. Macht mal die Schlinge fertig.« Malte manövriert den »Wolf« mit einem schweren Rammstoß nach Backbord. Jens fiert die Schlinge ins Wasser nieder, macht sie um den glasartig durchscheinenden Süßeisblock fest. »Heißen! Äxte her, – Olav, mach die Brenntonne fertig. Süßwassereis.« Bald ist das ganze Vorschiff mit Eisbrocken übersät, achtern beginnt der Druckbrenner zu summen, speit seine zackige Flamme auf das Eis, mit dem die Tonne immer wieder aufs neue gefüllt wird. Wasser brennen! Inzwischen macht der »Polarulv« gute Fahrt. Vereinzelte Schüsse knallen, Tiere werden an Bord gehißt. Jon meint am Nachmittag, als er neben Jörgen an der Reling lehnt und über das weiße Einerlei wegsieht, – Scholle auf Scholle, bald rund, bald eckig, zerschlissen oder hochgetürmt, zieht langsam am Schiffskörper vorbei: »Ja, nun müßten wir wohl bald auf Bären treffen, – prachtvolles Eis hier, – nicht zu fest, nicht zu weit auseinandergezogen – –.« »Nun!« Der Erste nickte. Wenn Jon meinte, daß nun bald ein Bär kommen mußte, vielleicht auch gleich ein paar Bären, so konnte man seine Schwiegermutter dagegen wetten. Keine Chance, sie zu verlieren. Jon konnte Blut stillen, wenn es fingerdick aus der Wunde strahlte, – er brauchte nur eine Weile auf die Wunde hinzublicken. Er wußte auch, wenn in einem oder zwei Tagen Robben vor den Bug kamen, weiß der Teufel, weshalb. Nun wünschte sich Jon eine Abwechslung im Speisezettel, – war nichts dagegen zu wollen, – Bärenkeulen waren eine herrliche Sache. Übrigens sieht es nicht aus, als ob Jon einen Einwand erwartet. Gleichmütig steht er da, wiegt in den Hüften den Takt des Bootes mit und kaut gemächlich seinen Priem. Vierzig Jahre lang hat Jon so seinen Priem gekaut, nur, – der Priem rutscht heute ganz haltlos auf der Zunge herum. Früher, ja, wanderte er hübsch mal auf der Innenseite der Backenzähne, glitt dann über sie weg auf die Außenseite des Oberkiefers, dann rechts, nun links von der Zunge. Ist heute viel einfacher damit – aber lange nicht mehr so reizvoll. Wenn Jon heute mal ausnahmsweise sein ledernes Gesicht zu einem Lächeln verzieht, sieht man außer ein paar abgeschwärzten Stumpen nichts mehr von der einstigen Pracht. Und doch, – manch einer würde alle seine Zähne geben für das, was Jon in seinem vierkantigen Schädel hat. Selbst seine Kameraden meinen, er sei noch einer von der alten Viking-Sorte, – gibt nur noch wenige von ihnen. Geboren werden sie nur noch an den Orten der Küste, wo die See wütender an die Küste klatscht, der Sturm in mächtigeren Akkorden dröhnt als anderswo. Nur Kampf und Gefahr schafft solche Köpfe und solche Ruhe. Weitere drei Tage rieben die Eisflacken die Flanken des »Wolfs«. Mal wird ein Klappmützrüde, der noch keine Bekanntschaft mit der weittragenden Krag-Jörgensen gemacht hat, von seinem Schlummerplatz auf dem Kamm eines drei Meter hohen Eisfelsens herabgeholt, einige Braunrobben folgen ihm, aber viel war nicht los in diesen Tagen. Doch gegen Abend des letzten Tages kommt Ragnar schneller als ein Wiesel aus der Ausgucktonne herabgeglitten. »Bär in Sicht!« Ein kleiner gelber Fleck wird für Sekunden im groben Wust zusammengeschobener Eisschollen sichtbar. Der Bär! Mitunter hält er still, wahrscheinlich, um zu sichern. Nützt ihm nicht viel, denn der Wind steht von ihm weg. »Tar det med ro!« meint Jon gleichmütig und steckt abwartend die beiden Fäuste in die Hosentaschen. »Immer mit der Ruhe!« »Laßt ihn nur kommen! – Sind neugierige Kerle«, – spricht er weiter, an die Adresse der Jüngeren. »War auf Spitzbergen, als ich einen von ihnen hübsch vors Gewehr kriegte. Schießen hatte keinen Sinn, – zu weit ab, versteht ihr. Und der Bär lief davon, je schneller ich ihm auf den Pelz rückte. Bis ich mich plötzlich der Länge nach in den Schnee fallen ließ, als hätte mich der Teufel geholt, – die Arme von mir gestreckt, so – nun, – mausetot muß ich ausgesehen haben. Und sieh einer an, – der Bär wurde neugierig, was da plötzlich mit dem komischen Zweibeiner geschehen sein sollte. Stand unbeweglich und glotzt sich um ein Haar die Augen nach mir aus dem Kopf. Erst schien ihm die Sache nicht geheuer, – er drehte ab und lief einige Schritt weiter. Dann hielt er an, machte langsam lehrt und tatsächlich, – der Kerl kommt zurück. Direkter Kurs! – Achthundert Meter – fünfhundert Meter – dreihundert –. Dann hat's geknallt. Zwei Schuß – weg war er. Einen Pelz hatte er, hätt' ihn niemals verkauft, wenn mir das Wasser damals nicht bis an den Hals gestanden hätte.« – Tui! spuckt er zur Bekräftigung die braune Priemsoße auf eine vorbeiziehende Flacke, schaut nachdenklich nach einigen dunklen Wolken hin, die von West her über den Horizont herauf wandern. »Der Kerl kommt nicht ran, – scheint nicht die rechte Lust zu haben, uns kennenzulernen. Macht mal das Backbordboot klar!« »Nimmst mich mit, Jon?« bettelt Knud. »Leg Proviant ins Boot«, – sagt Jon, »na, denn komm mit. Der Bär wird schon nicht ängstlich werden, wenn er dich sieht. So – klar? Los vom Boot. Kein überflüssiges Quatschen, wenn wir in Schußnähe kommen. Ist nicht nötig, daß er uns früher sieht, – als bis wir ihn erledigen können. Die Ruder im Wasser lassen, Knud. Nicht klatschen! Kapiert!« Ragnar hockt achtern, steuert mit einer langen Stange, stakt, wenn die anderen nicht mehr weiter kommen, das Boot am Eis vorwärts. Der Bär ist nicht mehr zu sehen, – schwierig, Richtung auf ihn zu halten. Ah, – da signalisieren sie vom »Polarwolf« aus,–»Mehr Steuerbord!« und »Vorsicht!« »Stop!« kommandiert Jon kurz nachher. An einer Flacke wird festgemacht. Der Alte haut ab, verschwindet hinter einem Eisklotz, erscheint wieder, kriechend, auf der andern Seite. Die andern bleiben vorderhand hocken. »Schön, –« kommt Jon zurück. »Der Kerl hat Kurs zum »Wolf« genommen, – kann sein, er kommt ziemlich nahe bei uns vorbei.« Ragnar schiebt einige Patronen ins Magazin, repetiert. Sicherung frei. »Von mir aus kann's losgehen. Am besten, – ich such' mir eine gute Deckung auf dem großen Eisrücken da drüben – los, Knud, kannst mal lernen, wie man Bären jagt.« Jetzt kann man den Bären schon deutlich sehen. Er scheint nichts mehr im Kopf zu haben, als daß er haarscharf den »Polarwolf« ansteuern muß. Trottet, mit weitvorgestrecktem Schädel. Hat immer noch keine Witterung. Doch, jetzt, – jetzt duckt er den Kopf ganz tief aufs Eis. Linst nach dem Schiff hin. Wahrscheinlich hat Storm geheult. Man hätte ihn anketten sollen, den Hund. Na, einerlei! Ragnar liegt unbeweglich hinter einem weißen Eisschild, – die Büchse daneben. Ein fabelhaftes Bild, wie der klotzige Bengel vor ihm sich jetzt für einen Augenblick aufrichtet, wieder auf die Vorderpranken fällt. Knud hat sich neben Ragnar gekauert, schaut aufmerksam »seinen« ersten Bären an. Fiebert, als Ragnar die Rifle an die Wange hebt, – »ratsch!« Wie das übers Eis pfeift. – Wütend schlägt sich der Bär die großen Pranken um den Kopf, reißt und zerrt, wirft sich in den Schnee, gräbt und scharrt. Plötzlich kommt er wieder hoch, – ratsch – der zweite Schuß! »Sitzt! – Ab! – zum Boot!« Die Riemen sausen ins Wasser. Ein paar Bootslängen voraus kommt nach der Umrundung des Eisbergs der langhingehauene Körper des Bären zum Vorschein. Das Tier liegt auf dem Bauch. Die Hinterbeine mit den schwarzen Fußsohlen sind abgestreckt, – zwischen den Pranken liegt der schwere Kopf seitlich gedreht, aus dessen starken gelben Fängen sich die blaurote Zunge hervorquetscht. Die Seher sind weit geöffnet, als ob noch Leben in ihnen wäre. Aber Ragnar legt nach einer Weile die Rifle aus der Hand. »Ausgelöscht! – Klar!« Ragnar weiß schließlich am besten, wie er abgekommen ist. Genickschuß! Da steht auch ein Kerl wie der, dessen Blut nun deutlicher und stärker den Schnee färbt, in einem hüpfenden, zuletzt schwächer rinnenden Bach, nicht wieder auf. Schade, – der erste Schuß hat den rechten Fang zerschmettert. Erst wie sie den Gefallenen auf die Seite drehen, zeigt sich das. Nun ist das seltsame Gebaren des Wildes nach dem ersten Treffer erklärlich. Mußten keine üblen Zahnschmerzen gewesen sein! »Setzt die Winde in Fahrt! Bißchen rasch!« brüllt Ragnar zum »Wolf« hinüber, der inzwischen auf etliche zwanzig Meter herangekommen ist. – Knattern und Fauchen! »Töff, töff!« – – Eine Schlinge fliegt durch die Luft, wird dem Bären um den zottigen Hals gedreht. »Heißen! Langsam!« Klirren in der Trosse, – Straffen, Vibrieren in der Spannung – – »Hau ruck!« In den Körper des Riesen scheint das Leben zurückzukehren. Den Kopf voraus, gleitet er langsam von der Scholle, klatscht in die See, klettert an der Schiffswand hoch und schwebt über die Reling auf Deck herein. »Laß gehen! An die Arbeit, Jungs!« Jon holt sein langes Speckmesser aus der Schliere, macht die Kehle des Bären mit einem raschen Halsschnitt frei, zieht die Schneide durch bis zum Unterkiefer und schält sorgsam die Augen aus der Decke heraus. Einer flenst am Bauch, – Jörgen hat schon die Krallen der hinteren Pranken freigeschnitten. »Männerarbeit!« Zäh wie eine Ochsenhaut, solch eine Bärendecke, – die Messer sind schneller stumpf, als sie geschliffen sind.   Festessen in der Kajüte. Bärenbeef! – – – Der Schiffer hockt am Kopf des kleinen Holztisches, hat einen riesigen Teller mit Fleischstücken vor sich liegen. Friedlich mengen sich die dunkleren Keulen des kleinen Bluebacks dazwischen. Speck und Erbsen – – Sprit. Da sitzt man nun so herum, anstatt zu arbeiten. Ja. Die Kerls schwitzen, daß ihnen der Schweiß auf der Stirn steht, – in kleinen winzigen Perlchen. Draußen sind an die dreißig Grad minus, – hier drinnen vielleicht siebenunddreißig plus. Der Ofen glüht, und das Fleisch dampft. Hast du schon mal gehört, daß eine ordentliche Ladung Sprit die Kälte erhöht. Oder heißer Kaffee? – Messer und Gabel klirren. Wahrhaftig, – da steckt auch der erste Maschinist noch den Kopf aus der Koje und ging doch erst vor einer halben Stunde todmüde zu Bett. Die wirren Haare streicht er sich ein wenig aus dem Gesicht und jumpt aus den Teppichen. Unterhosen hat er noch an den Beinen. Genügt. Hier sind keine Weibsbilder an Bord. Nur Mannvolk; harte, sehnige Gesichter, rund um den Tisch. Gibt immer noch einen Platz für den Maschinisten. Zuvor muß der sich allerdings noch die Pfeife stopfen, – ist ungesund, auf nüchterne Lungen zu essen! Schmeckt sonst, weiß der Teufel nach was. »Ja, hooho, – satt bin ich, – gib mal die Pulle, Olav. Smutje, hast du noch Kaffee, – da, halt – da hast du meine Tasse. – Ist noch Büchsenmilch da? – Himmel, eine Zigarette!« Jörgen fühlt sich wohl. Sauwohl. Müßte nur seine kleine Frau noch an Bord sein, – soso, – in die Koje steigen nachher. – Gott, wie – – – »Well, jetzt ist es Schluß mit Sprit. Könnt meinetwegen am Eis euren Brand stillen, – liegt genug draußen, – 'ne ganze Menge, meine ich, hahaha. – Seid ihr fertig mit dem Essen? – – Wo steckt denn der Smutje, – soll den Kram hier wegbringen. – Wache raus, – – heut halten wir noch Südwest. Hast du die Spuren gesehen, Jon, als wir heut morgen die Bank anliefen?« Jon nickt, – die Hände an die Schläfen gestützt. »Ja, – kriegen was zu sehen morgen. Können nicht mehr so weit ab sein. Lag da eine Unmenge Robben auf dem Eis, sind westwärts geschwommen. Südwest ist gut. Guter Kurs. Der Wind steht vom Norden. Da sind wir in Lee von der Herde. Haben leichtes Anpirschen. Dank fürs Essen, Schiffer.« »Dank fürs Essen, Schiffer!« »Dank fürs Essen!« Dann sind sie alle draußen, trampeln das Deck entlang. Der Motor geht auf Touren. Südwest! – Das Eis ist gut. Robbeneis! – Nur noch eine Nacht, – zwei Wachen. Das Eis ist neugefroren, – kein freies Wasser zu sehen. Nirgends. Um den Bug des Fangschiffes knattert es wie das Feuer von Maschinengewehren, wenn der »Wolf« die splitterharte Decke aufreißt, – armdicke Schollen spritzen hoch, werden weggestoßen, gleiten klirrend über die Fläche hin. Risse springen in den Kristallpanzer hinein, werden tiefer, breiter, – gähnen. Die Ränder des Eises weichen auseinander, und der »Wolf« schiebt sich in den Riß hinein, – mit seinem breiten Körper, – stößt auf dicke Flacken, die er zur Seite rennt. Hunger hat der »Wolf«. Einen bestialischen Hunger. Blut will er sehen. Speck und Felle. Der Schiffer hat selbst die Wache im Ausguck übernommen. Steht reglos in der engen Tonne, die ihm bis zur Brust reicht. Dort liegt wieder ein einzelnes Tier, – gerade voraus! »Steady! Kommt wieder einer!« »Sachte Fahrt!« »Jetzt!« »Ratsch!« »Volle Fahrt!« Den Fleischhaken in den warmen Körper gehauen, so im Vorbeifahren. Dort liegt wieder einer. – »Steuerbord ran! Halt, – hier kommt großes Schraubeis – – Backbord, – – umgehen!« »So, Steuerbord! – – Geht nicht?« Der Schiffer nimmt das Glas von den Augen. Der ganze Mast bebt in einem Rammstoß. »Seid ihr toll! Achtung, hart Steuerbord! Unterwassereis. – Die Schraube! Verdammt nochmal, – rasch! – – Was? – – Muß gehen! So, ran«, – – der »Polarulv« springt, – – den Motor auf den höchsten Touren, – die Planken schüttern in der wilden Kraft, – – »achtern auf Backbord! Abdrehen! – – Endlich!« Der Bug des Schiffes fährt knirschend auf die schwere Eisplatte hinauf, drückt und wuchtet. Der Mast schlägt weit nach den Seiten aus. Endlich. Die Scholle reißt, – gibt nach. Der Bug bricht aufs Wasser durch. Spritzer schlagen hoch bis zum Großbaum. »Volle Fahrt, – Durchbaxen, – war höchste Zeit!« »Stetig von jetzt ab. So, – hast du ihn, Jörgen? – Hinter der Scholle, ja. Augenblick noch, – näher ran. Jetzt!« Der Schuß rollt über das Feld. »Volle Fahrt – – einholen. Haken klar! – – Allright. Weiter!« Jetzt. Das kam wie ein Blitz. – – – »Klar Schiff zum Fang!« »Massen von Robben voraus l« »Maschine abschlagen! Mannschaften klar bei den Fangbooten!« »Focksegel heißt!« Der Schiffer hat eine mächtige Stimme. Sie brüllt über das ganze Boot, bis in die Kajüte hinab, obwohl sie hoch von der Spitze des Focks kommt. Die Schlafenden fahren aus der Koje. »Meine Stiefel, – die Strümpfe! – – Herrgott, wo stecken meine Handschuhe? – Gib mir mal das Messer, – nun aber los!« Die Davits schwingen aus, – Jens steht beim Seilzug, – fiert ab, – Malte hockt im Boot, – stopft kleine Proviantsäcke unter den Bugplatz. Das Boot klatscht ins Wasser. »Riemen raus, – abstoßen. Frei von der Bordwand. – Achtung! Hinter dir kommt Eis ran.« Die Ruder tauchen tief in die Wellen, mächtig legt sich der Fänger zurück, treibt das Fangboot einige Meter abseits. Kommt wieder längsseit, wo Jörgen wartet. Der Schiffer ist vom Mast heruntergeklettert, steht bei Jörgen. – »Hast du Munition genug, – Proviant? Nimm die Markierfähnchen mit. Na, denn viel Glück!« Jörgen springt ins Boot, – hinter ihm Jens. Anrudern! Weg! Der »Polarwolf« ist bald hinter den nächsten Eisrücken verschwunden. Dann und wann tauchen noch seine Masten auf. Gut für die Orientierung. Das Gesicht des Schützen ist rot, – Erregung? – Ist nur die Freude! Eine Masse Robben liegen voraus, bedecken das Eis über verschiedene Kilometer. Wertvolle Jungtiere. Alte riesige Bullen mit Fellen, die ein halbes Zimmer bedecken. Fang! Jagd! »Ruhig sein. Zusammennehmen! Jetzt gilt's. –Jeder Schuß muß sitzen. Eiskalte Ruhe gehört dazu. Man muß langsam beginnen, über die Freude hinwegzukommen, – die Hand darf nicht zittern, wenn nachher das Auge über die Kimme visiert.« Durch schmale Rinnen, zwischen flachen Meereisschollen und Gletschereisbergen, die mit breitem, gewölbtem Rücken aus der See hochragen, manövriert Jörgen sein Boot mühsam in der Richtung nach den wohl zwei Kilometer entfernten Pünktchen. Eine halbe Stunde wütendes Rudern und Stengen, dann springt Jörgen auf eine vorbeiziehende Scholle,– wirft sich platt in den Schnee. Büchse im Anschlag. Einen Atemzug später schiebt sich Jens neben ihn, langt aus der Tasche des Annoraks einige Hände voller messinggelber Patronen, häuft sie vor sich hin – das Magazin der Büchse ist schon gefüllt. »Schieß links, – – ich hol' die Tiere rechts!« flüstert Jörgen zu ihm hinüber. »Paß auf – sie haben uns schon bemerkt.« – Einige der zuvorderst liegenden Hunde heben unruhig die Köpfe, mißtrauisch wälzen sie die plumpen Körper umher, – klatsch – der erste ist schon weg. – »Feuer!«–Peng! Peng! – –Peng! Peng! – – Peng! – – Peng! – »Hoi! Rasch, Jens! Die Kerls kneifen ja wie die Hasen.« Pengpeng! »Der Große ist nur angeschossen, schieß, – – so! Der liegt.« Die beiden Vorposten haben fast gleichzeitig die Köpfe aufs verschneite Eis gesenkt und färben langsam das Eis mit ihrem Blut. In wilder Bewegung stürzen sich die dahinterliegenden Tiere nun durcheinander, rempeln sich gegenseitig an, versperren sich den Fluchtweg zum offenen Wasser. – Wahllos knallen die sicheren Büchsen der beiden Fänger in den Tumult, – klatsch. Peng! – klatsch! »So, – das war alles! – Mal ran! Fünfzig Sekunden – vierzehn Tiere, – könnte besser sein! Na, lassen sie einstweilen liegen, – vielleicht stapeln wir sie ein wenig zusammen, – gut, setz die Flagge drauf, damit wir sie wiederfinden! – Allright, ab!« Sie kehren zum Boot zurück, legen sich in Schützenstellung über die Sitzbänke, – kein überflüssiges Wort. Seehunde sind so gut wie blind, – aber nichts geht über ihr Gehör, – also wird nicht gerudert, denn das Aufschlagen des Ruderblattes genügt schon, um die Tiere zu eiliger überstürzter Flucht zu bringen. Mit den Rudern wird das Boot unhörbar weitergestängt, jede Deckung benützt, um nicht unvermutet auf einzeln liegende Tiere zu treffen, die durch ihre Fluchtbewegungen die Hauptherde vergrämen könnten. – Noch einige Male stängen sie sich an Schollen vorbei, dann beziehen sie die Feuerstellung auf dem Kamm einer Eisplatte, – Patronen ins Magazin gefunkt, – eine in den Lauf. »Achtung!« kommandiert Jörgen. Dann hastig! – – »Feuer!« Ramsch! pfeift schon seine Kugel, legt einen riesigen Bullen auf die Seite. Jens fällt ein, – repetiert blitzschnell. Schießen – repetieren, – Schuß, – repetieren, »ramsch!« Wenige Meter von der Kante der Eisscholle entfernt liegt ein krankgeschossenes Tier, – strebt nach dem offenen Wasser, schiebt sich näher und näher an den Abfall heran. »Ramsch!« Das Tier zuckt zusammen, dreht sich halb seitlich. Aus dem Wasser tauchen überall Seehundsköpfe. Bis zum halben Leib springen einige der Robben über die Oberfläche, schauen sich neugierig nach den Schützen um, prustend und schnaubend, – verschwinden mit einem hastigen Schlag der Hinterbeine, tauchen wieder auf, – unbegreiflich, was hier los ist. Das Eis rötet sich mit Blut, – an den klaren, kristallenen Bruchkanten läuft es herab in die See, aus Kugellöchern rinnt und spritzt es. Plumpe Leiber, rissiges grobes Eis. Grau die Wellen. Das Schießen hört plötzlich auf. Zwei schwarze Figuren lösen sich vom weißen Grund, rennen zum Boot. »Los, – Malte. – Aufsammeln! Sind wohl an die dreißig Stück, die wir eben geholt haben. Hat geklappt! Jens schießt heute wie der Teufel!« Drüben auf der Scholle schleppen sie die blutbespritzten, warmen Körper durch den Schnee, schichten den zweiten Haufen. – »Die Fahne drauf, damit wir sie wiederfinden, ab!« Westlich von der Gruppe knallen Schüsse, peitschen singend über Blöcke und Wasserrinnen. Ragnar mit seinen Leuten. Auch schon an der Arbeit, – na, weiter. »Rechts von uns liegen ein paar einzelne Tiere. Nehmen wir sie mit?« »Immer, – klar! – Halt drauf zu!« Malte steigt ins Boot, auf dessen Boden schon an die zwölf Junghunde liegen. Mit seidenweichen Fellen. Kann sein, einer von ihnen lebt noch, – alle zusammen haben sie nur den Haken an den Schädel bekommen, – kann schon sein, daß einer noch nicht ganz erledigt ist. Aber warum soll man ihm unnütz das Fell mit Blut besudeln. Hat alles Zeit, bis man an Bord zurückgekehrt ist, – erst gilt es, möglichst viele der alten Tiere dingfest zu machen, – die Jungen entgehen einem nicht so leicht.   Fünf Stunden lang! Zurück zum Schiff. Dreihundert Robben liegen auf dem Eis. Ragnar ist an Bord, – hat zweihundertsiebzig Tiere festgemacht. »Tja!« Jon ist an Bord geblieben, – hat, während die Boote auf Fang steuerten, alles klar gemacht zur Aufnahme der erlegten Tiere. Der »Polarwolf« hat schon eine Stunde, nachdem Ragnar die erste Herde angetroffen hatte, mit sachter Fahrt das erste Depot angelaufen, – das der Schütze von der Beute aufrichtete. Fünfundzwanzig Tiere. Um den jetzigen Standort des Bootes liegen ein, zwei Meter von der Bordwand entfernt enthäutete Kadaver auf dem Eis. Felle sind neben der Ladeluke gestapelt, – mit glänzenden Speckdecken, – Jon hat inzwischen nicht auf der faulen Haut gelegen. Das ganze Deck ist bis achteraus mit Blut bespritzt. Die Stiefel Jons sehen aus, als ob er in dem roten Saft gewatet hätte. Dicke Gerinnsel stehen über den Handschuhen, – nur die Schneide des Fangmessers ist eigentlich noch rein, – blank poliert vom Schneiden durch Fell und Speck und Körper mit reinem, hellrotem Blut. Der »Polarwolf« gleitet in langsamer Fahrt weiter, zum nächsten Sammelplatz. Eine kleine rote Fahne weht über einem Eishügel. Darunter liegt ein Haufen toter Robben. Stoppen, – übernehmen. Häuten. Weiter! Noch während der Fahrt poltern die Mannschaften wieder in die Boote, – legen ab. Jens bleibt zurück. Diesmal ist der alte Jon mit von der Partie. Seine Büchse ist nicht weniger sicher. Arbeiten, Jens! Keine Zeit zu verlieren. Dreißig Robben liegen an Bord. Das Fangmesser klar. Der »Polarwolf« zieht weiter durchs Eis. Schollen pressen an ihn heran, manchmal knallt auch die Büchse des Schiffers. Irgendein Seehund, der eben aufgetaucht ist und noch keine Ahnung hat, daß er sich mitten in einem Schlachtfeld befindet. Jens arbeitet, daß ihm der Schweiß von der Stirn rinnt. Halt, – hat nicht eben eine der großen Klappmützen sich bewegt. Her mit ihr! Scheint noch nicht ganz in den Jagdgründen zu weilen, – so – – Jens packt die Walze an den Achterbeinen, zerrt sie über das blutige Deck und dreht sie auf den Rücken. Sein langes Messer zuckt dem Tier in den Hals, daß ein Blutstrahl hochspringt. Ein Springbrunnen von klarem Blut. Dann zieht der Fänger in einem langen, tausendfach geübten Schnitt den Kneif durch die Bauchdecke. Weißer, milchig riechender Speck quillt aus der Öffnung, beinahe eine Handbreite tief. Nun rasch das Messer in die Seiten gestrichen, – ein Schnitt durch die Vordergliedmaßen, den blutenden Kadaver auf den Rücken gedreht und dort die Decke frei geschnitten. Das beinahe kreisrunde Fell fliegt auf den Berg, der bereits seitlich von der Kombüse aufgestapelt liegt, – der abgespeckte Hund über Bord, wo die großen Eismöven auf ihn warten. Keine Zeit zum Aufblicken, kaum zum Atmen, – Großfangtag, wo jede verlorene Minute ein verlorenes Tier bedeuten kann. Die nächste Robbe ist griffbereit in der Nähe, – her damit, Halsschnitt – Bauchschnitt, – die Gliedmaßen weg, – den Rücken frei – so, so, – – heute ist Großfang. Gibt Geld, – für den Winter. – Werden sich freuen, die zu Hause, – viele Hunderte von Tieren, die der »Wolf« heute frißt, warten noch Tausende auf dem Eis draußen, – verdammt, müßte mit Maschinengewehren an sie herankommen, vergiften, morden – morden. Was gilt schon ein Seehund, – was hat schon das Blut zu bedeuten, das heute in Tonnen fließt, – – hungrige Mägen, die zu Hause warten. Ein Winter im Hunger, – ein Winter in sattem Sichfreuen, – – tausend Robben liegen noch auf dem Eis, – Millionen vielleicht, – man müßte hundert Gewehre an Bord haben, – Hunderttausende von Kugeln, – die in pralle Seehundsleiber pfeifen – wieviel hungrige Mäuler könnte man damit stopfen, – »So, du hast noch nicht zu Mittag gegessen, – so, – ja, komm mal herein zu uns, wir haben genug, kannst auch deine Freunde noch mitbringen, – reicht für uns alle – und nächstes Jahr, nun – nächstes Jahr werden wir wieder auf Fang fahren, – die Robben liegen im Westereis noch zu Millionen, – sie wachsen dort wie Würmer im Gemüsegarten!« »Achtung, Jens, – so, 'ne neue Ladung, – in zehn Minuten kriegst du noch eine dazu. Zweiunddreißig Stück sind das, ja – – schätze, – auf dem nächsten Sammelplatz liegen noch an die sechzig. Auch ein paar jüngere Tiere dabei. – So lange!« Nach zwei Tagen ist es Schluß mit der Jagd. 800 Robben. Wenn ein Fangboot an Bord ankam, legte sich die Besatzung für eine Stunde aufs Ohr, – man aß irgend etwas in sich hinein, – würgte, – schluckte, – ein paar Tassen Kaffee nachher, – los! Die Zeit mußte ausgenützt werden. Ein Witterungswechsel – oder die Tiere wurden aus dem unbegreiflichsten Grund scheu, – stürzen sich schon auf mehrere hundert Meter Abstand ins Wasser. Alles schon dagewesen! Nach zwei Tagen war also kein Tier mehr zu sehen. Ja, – um die Mittagszeit des dritten Tages schwammen plötzlich einige tausend Robben in rascher Fahrt am »Polarwolf« vorbei, – die Wasserrinne, in der das Schiff lag, wimmelte geradezu von dicken Seehundsköpfen, hatte doch keinen Zweck, auch nur einen Schuß abzufeuern. Die Tiere hatten nun nicht mehr so viel Fett auf dem Leib, daß sie nach dem Abschuß im Wasser trieben. Wie Steine sackten sie ab, Beute für den Eishai. Auf Deck warteten auch schon eine Menge Felle auf das Speckmesser. Am besten, man brachte das hinter sich. Kann sein, die Robbenherde, die soviel Beute hergab, ist einen oder gar zwei Grade nach dem Norden gezogen. Schwerlich, daß man so leicht wieder an sie herankommt. Man müßte erst einen neuen Fangplatz aufsuchen, weiter im Westen etwa. Der Schiffer macht nicht viel Worte um sein Vorhaben. Knapp, daß er die Wichtigsten der Besatzungsmitglieder in seine Pläne einweiht. »Morgen, – sagen wir, – schön! Morgen ist Specktag!« Und: »Machen an dieser Flacke fest!« Das genügt! Die andern folgen der Richtung, in die seine Hand weist. Eine große, verhältnismäßig ebene Scholle treibt in einigem Abstand. Hufeisenförmig. Das heißt, sie hat eine kleine Bucht. Wie geschaffen für einen kleinen Aufenthalt. Wird viel Arbeit geben. Immerhin. Nachher ist das erledigt. »Tja, – gute Wacht, – Leute! Ich gehe nach unten.« Weg ist der Schiffer. Malte schleudert vorn eine schwere Trosse über Bord, die Schlinge zischt durch die Luft, schlägt in den Schnee nieder. Ragnar steht bereit, – schleppt das Ende weiter, hinter einen derben Eishügel, – kommt wieder zum Vorschein auf der andern Seite. Ein dickes Tau, – dann ist die Trosse verknüpft. Achtern auf der Scholle, die ihre guten fünfzig Meter Länge hat, hat Jörgen schon eine Brechstange ins Eis gehauen. Wieder holt er mit dem schweren Vorschlaghammer aus. »Sitzt! Fix, – – die Achtertrosse! Anholen!« Die Dampfwinde bullert. Schwankend legt sich der »Polarwolf« an die Scholle ran, treibt weiter mit ihr in der kaum merkbaren Strömung. »Die Speckbretter raus! – Halt, erst mal frühstücken!« Zum Mittag ist draußen auf der Flacke der Betrieb in vollem Gang. Triefend von Tran, mit geröteten Gesichtern, stehen die Leute hinter der Speckbank, – einige der Jüngeren schleppen die Robbenfelle an, schichten sie in Haufen vor den Arbeitenden. Kleine runde Felle der Weißjungen, – so nennt man den Neugeborenen des grönländischen Seehunds, – weil er ein gelblichweißes, seidenes Fell hat, – lange schwere Felle der Alttiere und Klappmützen, manchmal bis zu zweieinhalb Metern, die schon ein ordentliches Zugreifen verlangen, bis sie über der schräg geneigten, brusthohen Bank liegen. Krumme Speckmesser ziehen in weitausholenden Streichen haarscharf über der weißgrauen Innenhaut der Felle hin. In langen Bändern rollt der Speck in den Schnee, wo ihn Malte aufhuckt, – ein paar Meter weiter in bauchige eichene Tonnen verpackt. Immer noch schweben Felle mit dicken Speckseiten aus der Ladeluke aufs Eis hinaus. – »Laß gehen!« Das Messer muß mit sicherer Hand geführt werden, gehört viel Übung dazu, die Felle nicht zu zerlöchern. Wird jedes genau geprüft, wenn der Händler zu Hause die Ladung übernimmt. Deshalb heißt es, die blitzende giftscharfe Schneide behutsam zu führen. Eine schweigsame Arbeit. Keine unnützen Worte. Nun, Jon macht das allerdings im Schlaf. Möchte nicht nachzählen, wieviel Häute der in seinem Leben schon gespeckt hat. Zwanzig-, dreißigtausend, – nicht zu viel. Eher noch einige Hunderte dazu. Jon kann es sich schon erlauben, einiges zur Unterhaltung beizutragen, – er braucht kaum hinzusehen, wie der Kneif über die Haut zieht. Auch der Schiffer hat sich einen Ölschurz vorgehängt und schneidet, daß die Fetzen fliegen. Wer weiß, wie lang das Wetter anhält. Keine Minute ist zu verlieren. »So, – ein anderes ran, – ssst, – ssst! Wie das saust«, – der Speck sinkt in körnigen, wabbelnden Striemen von Armdicke in den Schnee. »Sssst, – – sssst, – wie das flunscht!« – – – Jon hält einen Augenblick in der Arbeit ein, weist mit dem Speckmesser nach einer Wacke im Eis. Knud kriegt einen Jagdhieb an die Rippen geklebt. Knud kann nichts Auffälliges sehen, vermutet, daß der Alte mal wieder seinen Scherz mit ihm treiben will, – doch wagt er nicht, die Augen von der Wacke zu nehmen, bevor der Tatbestand geklärt ist. Ein paar weite Ringe zeigen sich in der Pfütze, – kleine Eistrümmer schwanken leicht hin und her, – – »Paß auf, Grünschnabel!« meint Jon gemütlich, – »kommt gleich wieder!« »Pah, – einen Seehund kann ich alle Tage sehen! Alter! – So leicht führst du mich nicht an der Nase herum!« Doch wirklich, – da scheint was los zu sein. Das Wasser schwappt in runden Wellen an den Eisrand, spritzt sogar über das Eis hin, – ein runder Rücken furcht die Wellen, Seehundsflossen werden sichtbar, – in Strichen von blutigem Schaum. »Bah, – ein Seehund!« gibt Knud gedehnt von sich, etwas beschämt, daß er dem alten Jon nun doch ins Netz gegangen ist. »Seltsam, daß der Hund noch lebt, wo ihm doch das Fell abhanden gekommen ist!« fügt er kleinlaut hinzu. Jon hält sich in wieherndem Gelächter die Seiten. »Schaut mir mal das Greenhorn an, – – gottvoll!« – – Knud kriegt eine leichte Anwandlung – aber – »Donnerwetter! Was ist denn da los?« Ein riesiges plumpes Maul, mit kleinen runden Nasenlöchern und Kiefern, aus denen weiße Zahnplatten glänzen, schiebt sich langsam über die Oberfläche der Wacke. Da kapiert das Greenhorn, – klar, haben die Kameraden vom Logis nicht unzählige Garne über den Eishai gesponnen. Der Kerl ist reichlich frech, – kümmert sich überhaupt nicht um die Männer, die kaum fünfzehn Meter von ihm entfernt arbeiten. Träge schieben sich seine gewaltigen Kiefer wieder um den Seehundkadaver, der ihm entglitten sein mochte, – die dunklen Augen glotzen dumm in die Gegend. Knud rennt ans Ende der Eisscholle, neugierig starrt er aus wenigen Metern Abstand auf das Ungetüm, das sich nun gemächlich auf die Seite überlegt, achtern wegzusacken beginnt. Der plumpe graue Kopf taucht sachte nach, nur einzelne Darmschlingen des Robbenkadavers schwimmen noch auf dem blutigen Wasser,– jetzt zieht der Hai auch sie hinter sich zur Tiefe. »Hölle, – war das ein Kerl!« steht Knud, kriegt die Augen kaum los von dem Schauplatz der Handlung. »Teufel, – das war ein Kerl!«   Die Temperatur ist in den letzten Tagen beträchtlich gefallen. Das Eis wird enger. Der Himmel dunkel. Wind rüttelt an den Tauen, – trostlos, verlassen liegt das Eis, – grau. Schmutzig! Wer da nicht den Humor verliert! Was hilft es schon? Drauf! – »Drauf!« Gibt kein Zurück! Nicht in Gedanken! – – Niemals in der Tat! Durchhalten! Durchfressen! Der »Polarulv« rammt! Ein tapferes Schiff. Aber das Eis wird zu schwer. Es preßt von allen Seiten. Kein Ausweg! Flocken beginnen durch die Luft zu wirbeln. Einzeln. Dann in weichen Massen. Der Vormast ist schon dicht besetzt mit den weißen Federn, die Seilzüge, – die Falten des gerefften Segels beginnen sich zu füllen. Schwereis! Keine Sicht. Diesmal geht es hart auf hart. Weiß keiner, was sich da zusammenbraut. Wenn schon! Man nimmt alles, wie es kommt. Alles? – – Jawohl! – – – – – – * * Mitternacht. Eingeschneit. Die Maschine schweigt. Jeder geht seine Wacht. Der Herd in der Kombüse hat eine rotglühende Platte. Die dickbauchige Kaffeekanne steht drauf. Dampfend. Manchmal sprudelt ein Tropfen Kaffee über den Rand, – verzischt auf der roten Glut. Jörgen, Olav und Jens hocken sich in der Kombüse gegenüber. Geredet wird nichts. Jörgen erhebt sich schwerfällig, angelt mit dem Feuerhaken den Griff der Kanne nach oben, umwickelt ihn mit einigen halbverbrannten Putzlappen, füllt seine Tasse. Draußen sinken immer noch weich die Flocken auf das Eis. Schneien das Boot ein. Mehr und mehr. Was wohl daraus werden soll! Nichts! »Was soll schon werden? – Schlechtes Wetter haben wir bereits. Es kann nur besser kommen, – nicht anders!« meint Jens. »Ja.« Mehr kann Jörgen im Augenblick nicht sagen. Nur das kleine nackte Wörtchen! Er schämt sich bald deshalb. Hier müßte eigentlich mehr gesagt werden. Jens schaut zu Jörgen hin. Prüft das Gesicht des Jägers. – –Starr ist es, – ist wenig Zuversicht drin, – – nach Kampf zuckte es in den scharfen Falten! Ragnar liegt in der Koje und pennt. Auf der Backbordseite ragt der dunkle Schopf Olavs aus einer bunten Wolldecke hervor. Er schnarcht wie ein Walroß. Der Schiffer hat die bestrumpften Beine auf die kleine Bank hinterm Kajüttisch hochgezogen, ist mittels der beiden Klappen, die seine Ohren bedecken, spazierengegangen, – nach Reykjavik, nach Kalundborg. Nun zieht er die große silberne Uhr unter dem dicken Wollsweater vor, – noch fünf Minuten, – dann wird das dünne Stimmchen des Telegraphisten von Jan Mayen ertönen, – Hallo – Hallo, Radio Jan Mayen! – Radio Jan Mayen! »Achtung, Wetterbericht für den Bereich von Jan Mayen, Vorhersage gültig für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Sturmwarnung, – Achtung, – Sturmwarnung!« Aber noch ist es nicht so weit! Erst muß der Minutenzeiger noch fünfmal weiterrücken, dann wird sich zeigen, ob der Schnee ewig hier liegenbleiben will oder, – Himmel, welcher Spaß, wenn jetzt ein Südwest angepfiffen käme. Lieber den Fock über Bord sehen, – als in dieser milchigen Schweinerei zu liegen. Tag für Tag, ohne auch nur den Schwanz eines Tieres zu sehen. Zum wahnsinnig werden, – kein Frischfleisch auf dem Tisch, seit Jens, – im Übermut des gemachten Großfangs und weil überall auf dem schimmernden Eis noch Massen von Seehunden lagen und sich sonnten, – den letzten »Küchenseehund« über Bord warf. Nun konnten sie sich an versalzenem Schweinespeck die Mägen verderben. Wenn die Pfeife nicht noch glimmte, man – – »Hallohallo! Radio Fan Mayen, – Voraussage für die nächsten vierund – – – Fortdauernd Schnee, Temperatur minus fünfundzwanzig, – – minus fünfundzwanzig, schwache Brise, – Hallo! Radio Jan Mayen! Das war die Voraussage für die nächsten – – – Schneetreiben, – minus fünfundzwanzig, schwache Brise!« Dann sagte es klick, – – – Schluß! Das war Jan. Der Schiffer gibt die Meldung an die andern weiter. »Hol's der Teufel!« bedankt sich Jörgen, dreht sich auf die rechte Seite und schläft weiter, – die einzige Möglichkeit, – schlafen, solange draußen die Flocken trieben, – als ob schon am Spriet die Welt mit Brettern vernagelt sei. – Isachsen legt den Kopfhörer weg, stellt den kleinen schwarzen Kasten an, der unterm Spiegel steht. Ragnar kommt von draußen, seine schweren Seestiefel poltern durch den engen Kajütgang, – Schietwetter, – sonst nichts, – »Achtung! Hallohallo, – Radio Paris, – – Eine helle Sopranstimme, Wolken von Duft, nackte Schultern, – hier Paris. Messieurs et, mes dames, vous écoutez maintenannt, Florence Sittard, la bell et – – –« Schwer drückt die weiße Mauer draußen, irgendwo wiegen jetzt Palmen, – im Süden, irgendwo in der Welt flutet das Meer in langen ruhigen Wogen an eine warme Küste. Irgendwo! – Überall! Nicht hier. – – »Budapest – Radio Budapest!« Schluchzende Geigen, kokette Weiber, – Seide knistert, – beim Teufel! Beim Teufel! Teufel nochmal! Olav dreht sich im Schlaf, wacht auf, langt nach dem Bord, steckt eine Zigarette in den trockenen Mund. Der Schiffer hat den Kopf auf die Arme gestützt, starrt in eine Ecke. Ein leichtes Zittern geht durch den »Wolf«, – folgt ein Stoß, – nichts von Wichtigkeit, – eine Scholle lief von achtern auf, – knarrt am Bauch vorbei! »Wo gehen wir hin, wenn wir wieder in Tromsö einlaufen, Ragnar, – – Mensch, das wird eine Nacht, – Tanzen – Musik und – ja, – gibt Mädels genug in Tromsö. Gar nicht so übel, – – dann fahren wir nach Ibestad, – nach Hause, nicht schlecht. Tausend Robben, dann haben wir's geschafft! Eine Woche, – zwei – wenn wir Glück haben. Dann seeklar für die Überfahrt! Nicht übel! Ein paar Tage, – aber erst müssen wir raus aus dem Schiet hier – – Berlin ja, ist Berlin, – so spielen nur die Deutschen – Mensch, das haben sie weg, – jawoll!« »Blech«, – knurrt der Erste Maschinist, der lange Ole. Wurde zweimal torpediert von deutschen U-Booten, im nördlichen Kanal. Ole vergißt das nie, – nie wird er das vergessen. Fuhr mit Konterbande, – tauchte solch ein verfluchtes Boot aus der nachtschwarzen See. »Rin in die Boote, – alle Mann von Bord«, – dann kriegte die »Marianne« ein Torpedo in den Leib, daß sie wie ein Stein in den Wellen verschwand. »Ein gutes Schiff, die ›Marianne‹, – die verdammten Deutschen,– – –« »Na, wenn schon«, – brummt Isachsen, – »war Krieg, – die Engländer torpedierten auch eine Menge Norweger, – kräht kein Hahn danach! Den ›Polarwolf‹ hat kein deutsches U-Boot angerührt, – gute Papiere, verstehst du – –« Isachsen blinzelt den Maschinisten an, – »fuhr für Deutschland damals. War kein schlechtes Geschäft. Nicht ums Verrecken wär ich für die andern in See gegangen. Kunststück! Alle gegen einen. Macht der olle Isachsen nicht mit!« »Und im Eis, bei der Bären-Insel, – wo deutsche U-Boote die Besatzungen sogar noch in den Rettungsbooten abgeknallt haben. Was sagst du dazu? War das auch noch tapfer? Wehrlose Leute abknallen wie Seehunde, – ha?« »Haben wohl die im Boot zuerst geknallt, – möglich, – geht keine Mannschaft gern von einer wertvollen Ladung!« »Pah! Weiß, wie es sich damit verhält. – Sag doch mal, warum darfst du dich eigentlich bei den Russen nicht mehr blicken lassen. Warum haben denn die solch einen Pick auf dich, – sag mal. Wohl auch wegen der guten Papiere, – tja? Oder –« »Nun ist es Schluß, kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten! Wenn es dir nicht paßt, so – – Menschenskind – – –« »Tja, – hab mal so gedacht!« »Besser, du denkst etwas weniger, – weniger laut. Ist ein guter Rat, – Maschinist!« Üble Nacht damals, – verdammt übel, als die Russen hinter ihm her waren. Liefen ja auf beiden Seiten Verzeichnisse über die Boote, die für die eine oder die andere Seite fuhren. Der »Polarwolf« stand auch auf einer solchen Liste. Ein Glück, daß das Eis damals weit bis Süd vor die Bären-Insel reichte, sonst säßen sie heute nicht hier. Und daß von Süden her ein deutsches U-Boot gemeldet war, – nördlich vor Hammerfest. Der Russe bog nachher ab, – war kein Zufall. Ragnar stapft wortlos aus dem Raum hinaus, – geht seine Wache weiter. Die Weiber find vergessen. Brennt immer noch eine Wunde im norwegischen Volk. Der Krieg ist nicht spurlos an dem Felsland vorübergegangen. Heut noch treiben Minen vor der Küste. Englische, – deutsche, – und viele Schiffe liegen auf dem Grund der Norwegischen See, vom großen Morden, viele tapfere Seeleute von seinem Blut. Ein Vetter von Ragnar hat an der deutschen Front gefochten. Freiwilliger, – wie manch anderer! Ist auch nicht wieder gekommen. In den Argonnen soll er liegen. In Tromsö hatte er das Steuermannsexamen gemacht, – war fix und fertig, als der Krieg ausbrach. Ein Kamerad, mit dem er zusammen sich für die Prüfung vorbereitet hatte, trat in englische Dienste. Söhne eines Volkes, und doch kämpften sie auf zwei Fronten gegeneinander. Vielleicht ist einer von ihnen durch die Kugel des andern ins Gras gesunken. Wer kann es wissen. Das Schicksal spielt den Menschen gern solche Streiche. »Sie hören jetzt das Ave von Schubert.« Die Töne schweben heran, – füllen den Raum, – klar steigt das Lied der Geige aus dunklen Wogen der Begleitung. »Verdammt, – bist du vielleicht religiös, Schiffer?« fragt Jörgen nachdenklich. Liegt kein Spott in der Stimme. Hier – ein Gruß an Maria, – was hat das schon zu sagen. Aber da ist der Mann, der das Ave geschrieben hat. Ein Mann. – Kein Weib! – Kein Idiot! Und doch saß er da, – nun, er ist jetzt wohl schon tot, – und legte all seine Verehrung in dieses einfache Lied. Wer weiß, – vielleicht hat er an seine Geliebte gedacht, – als er die ersten Töne am Spinett anschlug. Also die Liebe! Ja, – die Liebe ist auch Religion. Man könnte ja hingehen und sich einfach eine Frau ins Bett nehmen. Man kann das tun. Liebe ist das nicht. Liebe ist so wie das Lied, das einen zum Träumen bringt. Kann einer sagen, woran das liegt. Tja! »Nun, ich glaube an einen Gott, mehr nicht. Das andere kümmert mich nicht. Ein Gott ist da, – schön, – das genügt mir. Muß ja doch irgendeiner all das geschaffen haben, was wir um uns haben. Daran glaub' ich!« Der Schiffer dreht weiter an der Einstellung herum. Jazzmusik aus London, – – eine trillernde Frauenstimme, – – »hallo, hallo – – Radio Budapest«, – – Geigen, weich, bäumend, springend, – wie ein Fetzen huscht das Finale vom Ave durch den Raum, – Straßburg! Kalundborg, Paris. »Wieder die verdammten Weiber!« – – Marschmusik, – tja, bleiben wir mal dabei. Ist gesund. Wird kein Schwächling dabei. Ist gefährlich, im Packeis zu träumen.   Dichtes Schneetreiben, das kaum die Schollen vorm Bug erkennen läßt. Fernes Rauschen, – das Eis umzieht in gewaltigen Pressungen den starken Holzkörper des »Polarwolfs«. Der fünfte Tag, daß vorn im Logis die Gäste faul auf den Pritschen umherliegen, daß das altersschwache Grammophon seine wenigen Weisen herunterreißt. Der »Wolf« hat sich festgerannt, vergeblich die unzähligen Versuche, sich der Umklammerung des Eises zu entziehen. Die Brise steht aus Nordwest, von Nordgrönland herüber. Hie und da ächzt und stöhnt der Leib des gefesselten Bootes, – wenn Pressungen in der näheren Umgebung erfolgen, – gierig schiebt sich auch wohl das Eis dann höher und steiler heran, als wollte es dem »Wolf« auf den Rücken gelangen, um ihn durch sein Gewicht in die Tiefe zu schrauben. In die lastende Stille tönt nur selten das Pfeifen eines Eishuhns, – – – lautlos zieht seit Stunden ein Sturmvogel mit unbeweglichen Schwingen um die schlanken Masten. Nun pfeilt er weg, die graue Masse hat ihn verschluckt, – doch – wieder taucht er auf, wieder zieht er seine ruhigen Kreise. Storm erscheint auf Deck, – streckt gähnend seinen kräftigen Körper, – folgt interessiert dem leichten Flieger. Verdrießlich, daß er den schnellen Vogel nicht in seine Pfoten bekommen kann zum blutigen Spiel und Zausen, wendet er den Kopf zur Seite, knurrt enttäuscht und legt sich auf die überschneiten Planken. Gegen Abend des sechsten Tages frischt die Brise auf. Die Wache, die nach Mitternacht in klatschendem Ölzeug die Treppe herabpoltert, holt Olav aus der Koje. »Feuern, Anheizen, Olav! Das Eis kommt in Bewegung! Das Wetter scheint zu lichten!« Olav fährt in die Buxen, steigt schlaftrunken in den Maschinenraum hinab, setzt den Brenner an den Motor. Eine Weile später hackt die brave Maschine wieder den gewohnten Takt. Ein schmaler Riß hat sich vor dem Bug des »Polarulv« geöffnet, wird zusehends breiter. Isachsen lehnt auf der Brücke und gibt den Befehl, vorsichtig gegen das Eis anzusteuern. Der Schnee beginnt straffer vorbeizuwehen, – die Brise holt auf. Das verdammte Barometer scheint auf den Grund sinken zu wollen. Mißtrauisch windet der Schiffer mit der Nase in der feuchten Luft, flucht am laufenden Band. Plötzlich taucht der »Wolf« seine Nase in die See, bockt wieder auf, liegt still. Ein Eisberg hat irgendwo gekalbt, – – Klirren und Krachen klappert über das Eisfeld, verliert sich in der Ferne. Signal auf Sturm! Die Schneeschauer streifen hastig vorbei, – den Weg zurück, den sie eben noch gekommen. Die Brise ist auf Südost gedreht, stößt unregelmäßig. Von achtern setzt das Eis langsam auf das Boot ein. Unversehens hebt sich der Vorhang in die Höhe, Schwaden lösen sich mit scharfen Grenzen vom Feld, geben die Sicht frei. Grimmig sucht Isachsen die Umgebung ab. In Ost und West und Nord – – Eis – Eis! Tiefschwarz der Horizontrand im Osten, drohend, giftig. »Alle Mann an Deck, – Freiwache an Deck!« Befehle schwirren, Hände rühren sich, – – Storm zieht die buschige Rute zwischen die Beine, hat den Kopf auf den Boden geduckt, – ängstlich seine Augen, – – am dickvereisten Fockmast beginnt sich die gläserne Schale zu lösen, Eiszapfen prasseln auf Deck, sprühen in tausend Splittern auseinander. Der »Wolf« holt weit nach Backbord über, liegt schief, wird hochgehoben, im Abrutschen schlägt er seinen Stahlbug auf meterdicke Schollen, bricht sich durch auf die Wasserfläche. Dann beginnt das Eis zu schwingen, – – in einer weitausholenden Dünung, in deren Donnern das Wort verlorengeht. Längst hat die Schraube ihre Arbeit eingestellt. Hat keinen Zweck, ihre Flügel am Unterwassereis zu zerfetzen. Der »Polarwolf« trägt das Leben der Besatzung in den Planken, die ihn bedecken. Ist nichts weiter zu sagen und zu tun. Doppelwache an Steuer und Maschine. »Ragnar, Jens, Jörgen und John, – Svend!« ruft der Schiffer auf, – »die andern hauen ab, legen sich aufs Ohr!« Die nächste Wache wird wieder gesunde Nerven brauchen. Die Paraffinlampe an der niedrigen Kajütdecke schwingt weit aus, – fällt mit einem Ruck von Steuer- nach Backbord. – – – Mit ihrem gelben Licht beleuchtet sie die Gestalten der Schlafenden. – – – »Alle Mann an Deck!« In schroffem Befehlston, aber ruhig, eisern, – der Schiffer. Halbnackt erscheinen die Leute in der Luke, hetzen in ein paar Sprüngen auf das Vorschiff, – – prallen zurück, – eine drei Meter dicke Scholle liegt drohend über der zerknallten Bordleiste, schiebt sich langsam über die Ladeluke hin. Gelähmt windet sich der »Wolf« unter dem eisernen Griff, starke Schlagseite nach Steuerbord, mehr und mehr rutscht er ab, schwächer wird sein Widerstand. – »Äxte, Messer, Brechstangen, Harpunen!« Mann neben Mann, allen voran Jörgen, der seine Axt führt, verbissen, für sein Leben, – das der andern. War da nicht eine Nacht in den Lofoten, die seine Kameraden verschlang. »Jung! Gilt eine Scharte auszuwetzen, – zurückzuzahlen, so – ratsch – – ratsch! – – Genug hat sie gefressen, die See, – ratsch!« Die Scholle reißt. »Achtung, – zurück!« Langsam, wie das Hauptgewicht der Scholle außenbords gleitet, abrutscht, richtet der »Wolf« sich wieder auf. Die Winsche rasselt, schickt Dampfschwaden über die durchschwitzten Körper hin, – Stück um Stück trägt die Winde das eingedrungene Eis über Bord. Müde stolpern fliegende Körper der Luke zu, hauen sich drunten in die Koje. Kaum ein Wort fällt. Jörgen hat die Wache! – Jörgen wird das Seine tun! – – – Ein Stöhnen läuft durch die Schiffswand. In das Schweigen tönt ein Getöse, daß jeder zusammenzuckt. – Dann scharren draußen die Schollen emsig weiter. Ragnar sieht starr dem Schiffer in die Augen. – Schweigen. Isachsen räuspert sich, spuckt in die Ecke, dann wendet er langsam den grauen Kopf wieder dem Jungen zu. »Eine Spante, – achtern!« sagt er. Weiter sagt er nichts. Das Eis beginnt, den »Wolf« zu verschrotten. Olav, der Erste an der Maschine. – – »Wir können das Leck nicht dichten.« »Ramsch!« knallt es durch den Raum. »Die zweite!« Die Gesichter sind eine Ahnung bleicher geworden. »Wieder achtern – soll der Teufel holen!« setzt der Schiffer hinzu. »Svend, an die Pumpen ran!«   Zwei Spanten! Im Maschinenraum schwappt das Seewasser bis über die Knöchel. Mit Öl und Ruß vermischt steigt es an den Maschinenteilen in die Höhe. An die viertausend Liter in der Stunde mögen es sein. Die Maschinenpumpe ist angestellt, – zieht und schnauft. Draußen klatscht das Wasser über das Eis, stößt in schmutzigen Strahlen, im Takt der Pumpe, aus dem hölzernen Schiffsleib hervor. Die Deckspumpen schlürfen und schmatzen. – – – Da rollt von Westen her plötzlich ein Schauer durch die weiße Kruste der Grönlandsee. Näher kommt sie, auf einer breiten Front, – läuft dem Schiff entgegen. Wo sie geht, bäumt sich das Eis zu runden Rücken, hüpft, dreht und giert. Der Horizont wird zu einer ungleichen bauchenden Linie. Dünung! Sie zerreißt das Eis in Fetzen, wälzt sich näher mit Klirren und Krachen. Brandung springt aus der See, spritzt aus den Eistrümmern zum Himmel, klatscht in wehenden Schnee, – – Vernichtung bringt sie, wütende Zerstörung. An Bord des »Wolfs« schweigen die Pumpen, – harte Augen sehen der anrollenden Woge entgegen. Hilft kein Pumpen hier, – gilt die Rechnung, – die letzte Abrechnung. Denkt jeder so, der vorhin noch mit äußerster Kraft beim Lenzen war. Sie stehen wie gelähmt. Noch eine Minute, dann wird sie die Welle überreiten, – wie ein dürrer Ast wird der schwere Fockmast über Bord fliegen, ist mit Sicherheit – – – Da beginnt die Maschine zu knattern. – Der Kopf des Schiffers erscheint in der Kajütluke. »Lenzen, Leute, – ran an die Pumpen! Malte, Jens, Jörgen! Jedem, der nachläßt, schieß ich eigenhändig eine Kugel in den Schädel. Wir kommen raus. Seht ihr nicht, daß die Welle das Eis bricht. Durch müssen wir, – zur offenen See! Hart Backbord, – Ragnar, wenden, – sobald die Welle uns erreicht. Durch – zur Kante. Ist unsere einzige Rettung!« Das fuhr jedem in die Knochen. Besser ist das, als zu ersaufen und zerquetscht zu werden wie eine wurmige Pflaume. Der »Polarwolf« steigt hoch, als trüge ihn die Faust eines Giganten dem Himmel zu. Auf dem Kamm der Woge steht er – – »Hart Backbord! – Ramsch! –« Man weiß bald nicht mehr, was unten und oben ist. Aber das Eis ist geknallt, das Boot kommt in Fahrt. Der »Wolf« läuft quer zur Dünung – ein Krachen wie aus hundert Kanonenschlünden reißt um seinen Körper, den er dem fressenden Eis entgegenwirft. Todwund. Aber mit der Kraft der Verzweiflung. Und dem Glück des mutigen Einsatzes. Schier endlos dauert der Kampf. Außen und innen, wo der alte Jon zwischen den dicken Bootsverstrebungen umherklettert und mit einer hüpfenden Laterne das Leck zu bestimmen versucht. Im meterdicken Holzgefüge des Eisbugs, – achtern zwischen die Stahlwand des Maschinenraums und die ansteigende Verschalung des Hecks gepreßt. Das Wasser rinnt in unzähligen kleinen Rinnsalen inseits. Die Holzwand ist in einer Fläche von zwei Quadratmetern bereits durchfeuchtet. »Unmöglich!« »Möglich«, knurrt der Schiffer, der ihm auf dem Fuß folgt, dagegen. »Teer her, Werg. Wir müssen jede Ritze abdichten.« »Die Brühe läuft dann eben innerhalb der Verschalung weiter und kommt an einer anderen Stelle ins Boot.« »Abdichten!« ruft der Schiffer scharf. Wendet den Rücken. Dreht sich nochmals um. »Die Spanten versteifen.« Das Boot springt wie irrsinnig durch Täler, die sich unversehens vor ihm auftun, – schüttelt Eis von seinem Rücken, das die Dünung bei jedem Überholen ihm an Bord wirft, – zwei Stunden, – drei Stunden – ein verzweifelter Kampf, – sechs Stunden – – Das Eis wird leichter, dünner, in das Poltern der Schollen mischt sich ein Unterton, tief, brausend, voll – – das offene Meer ist nicht mehr fern. Ragnar steht am Steuer, – komisch, – – er singt. Während sein Körper sich windet und wirft, um dem Steuer seinen Willen aufzuzwingen, – während das Eis über die zertrümmerte Reling kriecht, – in dieser Hölle von See und Eis – singt er. Die Worte werden zum Keuchen, Stöhnen, – zum Brüllen, – aber es sind Worte, bald hoch, bald tief gesungen, – – manchmal hat Ragnar Weile, die Worte klarer klingen zu lassen. Das Lied der Norweger singt er, – das Hohelied eines kühnen Volkes, – – das Lied des Vikingvolkes. So mögen seine Vorfahren vor Jahrhunderten das Steuer ihres breiten Nordlandbootes mit dem hochragenden Bug geführt haben. Das Lied der Treue auf den Lippen, wenn die See an Labradors Küste sich ihnen entgegenwarf, – – Treue zur Heimat – – Treue zur See. Treue, – auch wenn sie ihnen den Kampf aufzwang, nicht nur in behaglichen Stunden. Der Schiffer taucht achtern auf, kommt nach vorn, – dick vermummt. Der Wind fährt ihm in den Pelz, bläst die Haare auseinander in kleinen Kreisflächen, faßt in die blonden Strähnen, die unter dem Südwester hervorbrechen und läßt sie wie Striche von der Stirn stehen. Isachsen greift in eines der Taue, die vom Vormast hängen. Ein Schwung in die Strickleiter – – zum Ausguck! Ist noch nichts vom Meer zu sehen, – keine freien Wogen, die grün daherwandern und Gischt zum Himmel spritzen. Grau hängt es überm Horizont. Noch eineinhalb Tage. Dann kommt der erlösende Befehl. »Alles klar zum Auslaufen auf See. Boote verzurren. Großbaum sichern!« »Alles klar!« Ragnar kriecht in die Koje. Steht nun Jörgen droben auf der Brücke. Will gelernt sein, – ein Schiff durch stürmendes Eis zu führen. Ein Fehlgriff – – weg sind sie! Verkauft, – restlos. Knud steht vorn am Bug, – hat sich als Sicherung ein Tau um das Handgelenk gebunden. Knud will das Eis sehen, wenn es wütet. Knud will seinen Feind kennen, – wissen, wie er pariert, wie er angreift. Rasch, – blitzschnell, – oder schwerfällig, mit gähnend aufgerissenem Maul, Zähnen von dicken, ungefügen Eisplatten. Knud hat noch nicht viel ins Leben geblickt. Ja, er glaubt wohl, daß er bald alles weiß, – was die Alten als unergründlich aufgegeben; Knud ist noch jung. Jugend ist Zuversicht, – Vertrauen. Wenn es nicht gleich geht, – nun, hat man nicht ein langes Leben vor sich – alles kann in dieser Zeit noch zurechtgezimmert werden, – was schön ist, was groß ist. Habe ich gesagt, daß Knud eine Liebste hat? – Ja, das wächst so in der Brust, das träumt und formt, – ein Bildwerk wird nicht an einem Tag geschaffen – das wird reif. Knud wird nichts dafür können, wenn alles einmal in ihm reif geworden ist. Können wir sagen, warum das oder jenes Erlebnis für uns zum Schicksal geworden ist. Wir sind klug, – fragen nicht mehr danach!   Die See ist da. Die See hat den wunden »Wolf« in ihren Schoß genommen, – trägt ihn, spielt mit ihm, – ein rauhes Spiel, im Schaum und Gischt. Aber es ist die offene See, die den Wolf nun trägt. Das Eis liegt zurück. Man atmet freier. Das Schiff stürmt an gegen die Wogenberge, – aber dahinter lauert nicht das Eis, springt nicht heimtückisch an den Bug. Von zwölf Uhr nachts bis gegen sechs Uhr morgens ist der »Polarwolf« ein Spielball der Wellen. Brüllend stürzen die weißen Hohlkämme auf ihn ein, daß das Vorschiff in Schaum und Gischt sich tief in die Seen gräbt, doch immer wieder sticht der Spriet wie ein Dolch aus der Kimming hoch, als ob er den Himmel anspringen wollte. Tief jagen die Wolken über das rauschende, kochende Meer, – Gnomen, riesenhafte Ungeheuer, tobende Reiter – die aus dem Himmel herauswachsen, über das bäumende Schiff hetzen. »Teufelswerk«, – flucht Jon, – »na, Jens! Wirst du fertig mit dem Rad? Willst du Hilfe haben?« – Jens grinst breit über sein schweißbedecktes Gesicht. »Ein Wetter für mich, – holla! Verdammt, – der Großbaum ist los. –« Wie ein Affe ist er bei der Glocke, – läutet, keucht, rennt zurück zum Steuer. Jon ist verschwunden, – der »Wolf« giert nach Steuerbord, dreht die Breitseite den Wogen zu, bäumt sich wie ein todwundes Pferd, das die Mastspitze gleich in die Seen taucht. Ohne Unterbrechung gehen schwere Seen über Backbord, – kaum daß sie die Reling steuerbords berühren. Sie überfliegen das Boot in einem wütenden, gierenden Satz, – schon klatscht der nächste Brecher über Deck. Jon kehrt auf die Brücke zurück, lehnt sich, – klammert sich erschöpft an den Telegrafen, – auf seiner Stirne klafft ein Loch, aus dem das Blut in kleinen Bächen über die Wange rinnt, – doch, der Großbaum ist gezurrt, – Hauptsache! Der letzte Brecher hätte ihn um wenig – – – »Knud! zurück! – – – Knuuuud, Junge, – Jung, holt fast! – – – Jung, – Mensch – – – weg! – – – weg ist er! – – – Knud ist weg. Mensch! Hart Steuerbord, – Rettungsweste raus, Rettungsbojen, sag ich, – Raus! Alle Mann raus! Mann über Bord! Mann über Bord! Teufel, der – – – siehst du ihn, – dort! – – Fangboot klar! – – –« »Unsinn! – das mit dem Fangboot! Maschinen volle Kraft, – halt Richtung auf ihn, – ran!« Der Schiffer. Kalt, Augen wie Messerklingen, – unheimlich ruhig, – ratsch – peitscht ihm eine Bö von Eisschloßen über den Schädel, – er hat es nicht bemerkt. – »Maschinen halbe Fahrt! Dreht über Backbord! Gegen die Seen ran! Sieht ihn einer?« – – – Schweigen. – Drückendes Schweigen! – Augen, die die rollenden Wogen nach einem blonden Schopf, einem hochgereckten Arm absuchen. »Maschinen sachte Fahrt! – Gott sei ihm gnädig!« Der Schiffer. – – – Wendet die Blicke von den andern, schaut auf die sprühenden Wogen hinaus, – stumm, verbissen, – soll ihm niemand ins Gesicht sehen, – nicht jetzt. – – – Viele Augen prüfen jeden Kamm, bohren sich in die klatschenden Seen, die in schweifendem Ausholen an den Bug preschen, öfter, häufiger den Bug überrennen, daß die See bis zur Brücke hochzischt. Svend baumelt hoch droben in der Tonne, mit einem vierfachen Tau an den Großmast gezurrt. – »Halt! hier!« – – »Nichts!« Ein Brett, das der Sturm vom Achterverdeck des »Wolfs« losgerissen hat. Es schimmert gelblich wie ein Gesicht aus den Wogen, dreht sich im Sug, wird von einer Welle in die Tiefe geschlagen. »Nichts!« – Nichts von Knud! Um Mitternacht schleifen die Rettungsboote in den Wasserbergen, die sich aus Südost heranwälzen. Schräg wirft sich das Boot ihnen entgegen, trotzdem zwei Mann am Steuer stehen, – stehen? – Liegen, verdreht, – kämpfen, auf Tod und Teufel. Die Gesichter von Schweiß und Seewasser überronnen, mit keuchenden Lungen, mit Beinen, an deren Schenkeln sich durch verklebte Hosen hindurch die Muskeln abzeichnen. Schweißgeruch steht weg von ihnen, – der Duft der See schlägt feucht durch das Schiff. Und über den kämpfenden Männern tanzen die Wolken, fügen sich zusammen zu grotesken Gestalten, die die Arme drohend über die ganze kochende See spannen, zerfetzen, auseinanderlaufen, schwimmen, fliegen, in schwarzen Klumpen neue Bilder zusammenballen, verschlungene Körper in wildem Zucken, die aus der sprühenden Kimming steigen, – – in einem rasenden Aufheulen schreit der Orkan seine Wut über die rauchenden Brecher, wühlt und peitscht das Wasser. »Ablösung vor!« Die ganze Mannschaft steht auf der Brücke. Alle wollen sie vereint sein, wenn sie zur Hölle fahren. Alle starren voraus ins Meer. Malte und Jens treten nach vorn. Legen die Fäuste ans Rad. Mit stählernen Griffen. Nicken zu den abgekämpften Leuten der vorigen Wacht. Erst da nehmen die beiden ihre verkrampften Finger von den Speichen. Nach hinten taumeln sie, – fliegen gegen die Wand, krallen sich fest. »Großsturm!« »Höllensee!« »Wie lang das Steuer noch hält?« Jon spuckt seinen Priem durchs Fenster, nickt mit dem Kopf, – nachdrücklich. »Hält!« Das Steuer natürlich. Jon hat selbst das Holz dafür herausgesucht. Teakholz. Hart wie Eisenklammern! »Das Steuer bricht nicht!« Die Schraube? Die Masten, – Aufbauten, Bäume, Ruderkette. Alles hat der alte Jon geprüft, nichts vergessen. Der »Polarwolf« ist das beste Schiff, das im Eis fährt. Kleiner als die übrigen Boote. Schneller, wendiger. ›Sieh mal einer an, wie er eben die See genommen hat, nicht anders als ein Balken, der wie ein Strich durch die Wogenberge sticht, – dem keiner was anhaben kann. Wie die Leute, die auf der Brücke stehen, – jeder ein Schiffer, jeder ein Adliger unter den Seeleuten. – Haben nichts zu tun mit den armseligen Fledderern, die im Hafen von irgendeinem Baas aufgelesen und auf ein Boot gepfropft werden. Echtes Blut aus den tiefen norwegischen Fjorden. Blut, das sich durch Jahrhunderte auf freier Scholle, auf der freien See, behauptet hat, – – Vollblut. Gerinnt nicht so leicht in den Adern, – kocht heißer, wenn die See kocht – Freude am Kampf. Zur See muß man fahren, will man dieses Volk erkennen, – zur See. Oder du mußt den Hochwald durchziehen, wo junge Männer die blinkenden Äxte an die schlanken Riesen der Berge setzen, – roden – schaffen, – – Neuland! Bahn brechen! – – Voran stürmen. Als Erster schlagen – – norwegisch ist das, nicht das Lachen vergessen dabei, das derbe Lachen. Ist norwegisch. Nordisch!‹ »Treibanker klar! Maschinen halbe Kraft! Legen uns mit der Nase gegen die Seen an!« »Treibanker ist klar!« »Hieven!« »Heißt das Besansegel! Wir kommen nicht an gegen den Blauen! Abwarten! Jon, sieh nach, daß jeder an Deck sich verzurrt! Ging einer über Bord! Ist genug für diesmal!« Der Treibanker klatscht achtern in die sprühenden Wasser, – ein Sack aus grobem Segeltuch, mit Stahlleisten versteift. Die rollenden Wogen fangen ihren Druck in ihm, schleudern ihn nach hinten, weg vom Schiff, – ziehen und zerren. Fünfzig Meter liegt er nun achteraus, hält das Heck, daß sich der Bug leichter gegen die Wellen legt. Das Steuer wird ruhiger, – bald daß ein Mann genügt, es zu halten. Aber immer noch schlingert der »Wolf« wie im Höllentanz, – die Seen brodeln gieriger als zuvor über das Deck herein. Man darf den Magen nicht vergessen. Keiner, der die Glocke des Smutje gehört hat. Müßte der Trondhjemer Dom sein, der bei diesem Wetter zum Essen einläutet. Deshalb hat sich der Smutje auf die Reise begeben, – von der Küche auf Deck, wo ihn gleich die Seen einseifen, in einem Sprung zur Brückentreppe und wie der Teufel unter den Schutz des Windsegels. Der Smutje hat nun eben mal die See gefressen. Eigentlich kommt er von Westschweden herüber. Seine Vorleute siedelten sich vor vielleicht zwanzig Jahren erst in Hardanger an. Das ist noch nicht Zeit genug, um ein richtiges Seebein vererbt zu bekommen. Beileibe nicht. Einer nach dem andern von denen droben schiebt nach drunten. Jörgen und der Schiffer, der zweite Maschinist. Sie hocken allein um den Tisch herum. Jeder hält einen oder zwei Henkel von Kannen oder Schalen in der Faust. Mit der freien Hand wird die Suppe gelöffelt. Geschieht dabei, daß Jörgen eine ordentliche Ladung Fleischbrühe über die Buren bekommt. Brennt fürchterlich, das Zeug. »Schiet!« Man muß wohl das Sitzen aufgeben. Nachher, beim Fleisch, kann es höchstens geschehen, daß einem ein heißer Klumpen in den Schoß rutscht. Erträglicher, – nachher. Wer bringt auch bei dieser See Suppe auf den Tisch! Muß ein altes Weib sein. Oder er muß nicht ganz richtig sein im Hirnkasten. Der Schiffer flucht auch plötzlich, als hätte sich ihm ein Wespenschwarm auf die Schenkel gesetzt. »Höll' und Teufel!» – – »Jahau!« setzt er, schon wieder besänftigt, nachdenklich hinzu. »Jahau!« Der Maschinist zieht es vor, aufzustehen, bevor ihm ebenfalls die Suppe an den Waden hinabläuft. Alle drei pendeln sie nun im Takt, den der »Polarwolf« von draußen an die Rippen kriegt, mit. Wie Holzfiguren, die durch ein Uhrwerk bewegt werden. »Verdammt!« neigen sich die drei Figuren nach Backbord hinüber, während der Boden unter ihnen im steilen Winkel wegrutscht. »Tja!« Sie fliegen nach der Steuerbordseite. Und der Spiegel des Suppentellers gibt ein treues Bild davon, wie draußen die Sache augenblicklich aussieht. Aber die Sache ist bitterer Ernst. Nichts zu lachen dabei. Keiner von den dreien findet etwas Komisches in der Situation. So schnell es eben geht, löffeln oder trinken sie die Suppe, kauen das Fleisch in großen Fetzen. Raus dann, an Deck. Keine Hand zu viel an Bord. Keine zu wenig. Zum Glück! Doch! Einer ist zu wenig. Knud, der jetzt vom Grundsug umhergewirbelt wird. In der Tiefe der Grönlandsee. Einer ist zu wenig an Bord! Der Junge! Der Schiffer übernimmt heute die Wacht. Geschieht selten, – immer ist der Teufel los, wenn es mal geschieht. Immer wissen dann alle bis zum jüngsten Gast, daß es verteufelt an die Nähte geht; die Fäuste des Rudergängers werden härter, die Mannschaft hellhörig. An solchen Tagen sind die Befehle ausgeführt, kaum daß sie die Lippen des Schiffers verlassen haben. Man kämpft für sich, damit für die andern. Die anderen kämpfen wieder, – entgelten. Mann um Mann! – Mann für Mann! Kein Wort gilt, kaum eins wird deshalb gesprochen, – gilt nur die Tat. Und es bleibt keiner zurück, – sei der Preis noch so hoch. Das kam unerwartet. Brach übers Boot herein, schlug die Ladeluke auf, daß die Bretter stoben. Die Glocke brüllt. Rennen. Der »Wolf« ist in weißen Gischt gehüllt, – taucht ab in die See. Die Schraube ist aus den Wogen gehoben, poltert und schleudert. Gestalten auf Deck, von Sturzbächen übersprüht, zu Boden gebückt, reißen ein flatterndes Segel über die Bresche, das sich sträubt, vom Wind hochgerissen flattert und schlägt, – wieder eingefangen wird, niedergezwungen, – »Bolzen!« »Hämmer! –« Wieder stäubt eine Gischtwolke über das Vorderschiff. In kurzem Abstand wälzt sich ein ungeheurer Wogenberg heran, – drohend und wuchtig, – wälzt sich zu auf die Leute, – – lautlos, weil der Sturm sein Rauschen überbrüllt, – wälzt sich heran – springt – – – bis an die Leiber stehen die Arbeitenden im Sprut, – klammern sich fest an Kanten, Seilen. Tief liegt der »Wolf« in der See begraben – – die kämpfenden Leiber wollen schon langsam sich lösen, die Griffe wollen erlahmen – sie taumeln – einer wird bereits von dem Brecher zur Reling gerissen, – da steigt der »Wolf« wie ein Korken aus den Wellen, wirft sich nach Steuerbord hinüber und die mächtige Stimme Isachsens brüllt durch den Sturm, – wie ein Stier brüllt, tief und rauschend. Die Griffe werden fester, die Augen, die schon willenlos werden wollten, scharf und trotzig. »Ins Eis zurück!« »Holt den Treibanker ein!« »Hart Steuerbord, – immer weiter. Ins Eis zurück – muß gehen. Sind sonst verloren. Olav, wie arbeiten die Pumpen?« »Wir nehmen mehr Wasser über als bisher. Schlechtes Bleiben im Maschinenraum, – stehen bis an die Knöchel im Dreck; Schiffer!« »Volle Fahrt!« »Wir müssen es schaffen. Jeder auf seinen Platz. Freiwache gibt es nicht.« Der »Wolf« springt. Es ist, als ob es der tote Holländer sei, der da über die Seen jagt, von Wolken und Gischt umhetzt. Es ist, als ob die Leute auf der Brücke Tote seien, so still stehen sie, – mit gleichen Gesichtern. Eine kräftige Nase, eine steile Stirn, derselbe Mund, – – dieselben schweren Gestalten. Derselbe Blick, – in derselben Richtung. Gelten nichts mehr, die Wogen. Sie können rasen wie tolle Pferde, – gleichviel, – gilt nichts mehr, das Leben, – es ist bereits verspielt, – durch, lebendig oder tot, – das Spiel muß zu Ende kommen. Zu Ende. Wie? – Pah! das steht auf einem anderen Blatt. Ist eigentlich belanglos. Der blanke Hans treibt es zu toll, – drauf! Spüren soll er, was norwegische Seemannsfäuste vermögen. Und wieder schwimmt aus der Kimming heraus Eis, von Wellen übertost, – eine breite Bank Großeis, weiße Berge, mit Schründen, die in tiefem Grün bis zum dunklen Blau in ihren Rissen schimmern. »In Lee vor der Bank!« Wieder dreht der »Wolf« vom Kurs, wieder hat er die Dünung hart vor dem Bug. Bis er plötzlich jäh abfällt und in den hochgehenden, stürmenden Hohlseen dahintanzt, – in stoßendem Rollen, – das Heck im Sprut vergraben, den Bug wie das Haupt einer schwimmenden Schlange aus dem Wasser gehoben. »Steuerbord nachdrücken und um die Bank.« Die nächste Wacke wird angelaufen, – weiter, immer weiter, – tief in den Eispanzer, durchgebrochen – weiter, während die Schollen das Boot umkrachen. Tief ins Eis – wo die See in ihrem Rasen gedämpft wird durch die Last des Treibeises, der Millionen Schollen und schwerfälligen Bergriesen. Weiter, – unaufhaltsam. Vor dem Schiff weht der Rauch der Maschine, wird aufs Eis niedergeschlagen, weht voraus, als wollte er den Weg zeigen, den der »Wolf« zu nehmen hat. Den Weg durch das Gewirr der Rinnen, den Weg vor die Brust von Schwereisfladen, – die der »Wolf« zerreißen muß mit seinen Zähnen, – um sich Bahn zu brechen. Aber das Eis setzt sich zusammen, das Eis steht wie eine Barrikade, – treibt den Angriff des »Wolfs« zurück. Müder und verzweifelter wirft er sich auf seinen Feind, – seine Zähne werden stumpf. Das ist der letzte große Angriff, den er wagt, – der letzte Sprung auf den Nacken des tückischen Feindes. Das ganze Schiff bebt und zittert unter der Anstrengung der Maschine, die Schraube wühlt und gurgelt unter Wasser, – »wir müssen durch die Rinne! – Volle Fahrt voraus! Wir müssen durch! – Die letzte Hoffnung – – –« »Ramsch! –Ramsch!« »Höchste Kraft!« »Nochmals zurück!« »Nun los, – volle Fahrt voraus, – ran, so, – – – Ah!« »Ratsch! Achtung, der Großbaum! Zurren!« »Zu spät, hiergeblieben – – laßt ihn sausen, – kappen!« Vor dem Bug ist eine Scholle hochgerichtet, steht in der Dünung, kippt auf das Vorschiff, – – kracht nieder, schlägt – – »Der Fock! – Achtung, der Vormast geht, – Achtung! – Hierher, Ragnar, – – – – « Pressungen von allen Seiten, der Schiffsleib stöhnt, – – dann ist Ruhe, – – Ruhe, – Ruhe ist, – alle schweigen, – »ratsch, – ramsch!« Zerfetzt, abgeknallt, wie ein Streichholz, neigt sich krachend der Mast – – schlägt lang über Bord – – »ramsch!« Ruhe. Schweigen. Alle schweigen, – das Vibrieren im Boot hat aufgehört. Die Maschine schweigt. – Die Schraube ist von Eis umschlossen! Drunten arbeitet Svend mit verrußtem Gesicht am Zylinder herum, prüft die Gänge, – erprobt die Ölzufuhr – weg, – den Brenner ran, anheizen, – das Öl läuft über, eine Flamme lodert gelb zur Decke, – brennendes Petroleum spritzt auf seine nackten Arme. Er spürt es kaum, arbeitet, mit geducktem Kopf, – windet sich durch den engen Raum, zum Werkzeugtisch, – Werg – Zangen, Eisen – Schraubenmuttern, wählen, prüfen, – suchen – – und droben rennt das Eis dem »Wolf« an den Hals, würgt ihn ab. Langsam wird der Bootskörper vom Eis hochgehoben, – es knirscht in den Spanten, – kracht – – – »Alle Mann von Bord! Gewehre, Proviant, Decken – – und Holz! – – Stapeln, – – zweihundert Meter vom Boot. Wer seine Sachen hingetragen hat, kommt zurück. Das Boot wird geräumt.« »Nur das Notwendigste! Munition, Dynamit – – Fleisch!« Der Schiffer pfeift durch das Sprechrohr. Unten nimmt der Maschinist die Hörklappe. »Alle Mann von Bord, Maschinist!« Ein Fluch! »Bleibe hier, – sehe, daß ich die Maschine in Fahrt bringe!« »Zwecklos, Maschinist. Wir halten das Schiff nicht länger, – die nächste Pressung macht es reif!« »Solang mir das Wasser nicht am Hals steht – –« Stützen hat keinen Zweck, – die Maschinenpumpe ist ausgefallen, – die Handpumpen schaffen es nicht, – die Bordwand kann jeden Augenblick zusammenknallen. »Den notwendigsten Proviant!« Die Dünung tanzt. Männer springen über Bord, Lasten werden aufs Eis geworfen, aufgesammelt, – zwei der Leute winden das Steuerbordboot aus dem Davit, – schwer poltert es aufs Eis, wird zerdrückt, – einfach an die Wand gedrückt, – seine Spanten krachen wie eichene Kloben im Herdfeuer! Auf Steuerbord liegt eine schwere Flacke, – wohl zweihundert Meter im Quadrat, die den Stapelplatz abgeben soll. Ist schwer, zu ihr zu gelangen, – aber sie bietet Schutz. So leicht wird die Dünung sie nicht zertrümmern. Der »Wolf« kämpft seinen letzten Kampf. Die Schraube kommt mit ihrem oberen Flügel schon über die Schollen, – der Bug steckt tief im Wasser. Wenn eine Welle anrollt, – eine Welle? – Wenn das Eis sich in Bersten und Krachen wölbt, heranschiebt – über das Schiff wegläuft, duckt er jedesmal seinen Kopf tiefer. Storm, der Hund, rennt den freien Decksteil auf und ab, wedelt mit der Rute, bellt – steht dann erstaunt still, – hebt den Kopf, stößt ein Geheul aus, das nur wie ein Winseln noch zu den Ohren der Leute dringt. Alles von Bord. Bis auf Storm. Locken! Pfeifen! Hat keinen Zweck! Da – jetzt kommt er über die zertrümmerte Reling geflogen, rennt weiter auf den wiegenden Schollen – kommt zu den Leuten! Es donnert und kracht in der Ferne, kommt näher, – heulend. Die Wut des Sturms. Das Herz des Sturms. – Das Ende! Es bricht herein, – das Eis bäumt sich, – Stöhnen kommt vom »Wolf« herüber. Schwer, – zu sterben. Allein zu sterben. Unsäglich schwer! Das Schiff legt sich plötzlich auf die Seite hinüber, – rauschend und gurgelnd macht das Eis für einen Atemzug Platz, – tritt wieder zusammen, – preßt, brüllt – Wasser spritzt – Poltern – Krachen – und das Eis frißt, zäh, verbissen, wie der Hai, dessen Kiefer nicht loslassen, was sie gefaßt haben. Jäh gleitet der schwere Bootskörper unters Eis! Taue schleppen noch da und dort auf den Schollen nach, ziehen wie Schlangen der Stelle zu, an der der Leib des Fangschiffs verschwand. Das zerfaserte Ende des gebrochenen Masts sticht noch aus dem Eis. Die Spitze des Focks mit der Ausgucktonne liegt einige Meter weiter. Gerade ist der obere Rand der Tonne noch sichtbar. Der Schiffer steht auf einer Scholle, die sich etwas über die übrigen hochgeschraubt hat. Starrt auf das letzte Zeichen vom »Wolf«, das langsam, ganz langsam absinkt. Er dreht den Kopf und blickt zum Stapelplatz hinüber, wo die Kameraden hocken – nachdenklich, – nicht mutlos. Sind alles Seeleute, sie, – ihre Väter, – Seeleute seit Jahrhunderten. Keiner von ihnen, der im Bett gestorben ist. Beinahe jeden hatte die See, der rauschende Ozean, geholt. Den einen im Taifun der Südsee, – ein anderer starb unter den kurzen Nackenhieben der Nordsee. – – Wieder einer, – als er der verlorenen Besatzung eines küstenfremden Schoners Hilfe bringen wollte im offenen Vikingerboot, dem Nordlandsruderer, oder – – als es galt, trotz dem Toben des Eismeers in rabenschwarzer Nacht der hungernden Familie Fische – Brot, zu geben. Warum sollte das alles plötzlich anders sein? Er gab viel, – der Blaue, – Schiffsladungen von Robben, Speck und Fischen – Brot – – und er nahm, – – natürlich nahm er auch! Man würde trauern an der Küste, in den Hütten der Heimat. Aber – da waren die andern, die der Ozean nicht genommen hatte, – noch nicht. Sie würden die Hände öffnen – den Hunger stillen – und die kleine Kate inmitten der herben duftenden Wiese ernährte immer noch einige Schafe, eine Kuh. Der Schiffer drüben hebt plötzlich den Arm, – winkt. »– – – Ulven!« Das übrige reißt der Wind mit sich fort, über die wogende Eiswüste. Aber alle haben verstanden. Jörgen reckt seinen hohen kräftigen Körper, nimmt die Mütze vom Kopf. Wie ein Brand lohen seine blonden Haare im Wind. »Hurra für den ›Wolf‹! – Hurra für den ›Polarwolf‹ Hurra...!« Erregt keucht seine breite Brust. Tiefes Rot zieht vom entblößten Hals zu den gebräunten Backenknochen hinauf. Er schaut nach hinten, wo die andern stehen. »Komisch«, denkt er, »wie der Smutje sich gibt!« Dessen Mundwinkel zucken unaufhörlich, wie im Krampf. Macht das die Kälte – oder hat er wirklich Angst? – »Pah! Um das bißchen Leben!«   Dunkel liegt der Haufen der geretteten Geräte und Proviantsäcke auf dem gleißenden Eis. In seinem Schatten liegt wie ein schwarzes Bündel der Hund. Er hob wohl langsam den Kopf, als die Männer ihren Abschied brüllten, – die absaufende Tonne interessierte ihn gar nicht. Er blinzelt schläfrig, als die Leute mit schweren Tritten nun zum Sammelplatz kommen, – Jörgen voraus, mit der blauen Seemannshose, das Fangmesser am breiten Gürtel. Die Haare wirr über die knochige, breite Stirn verstreut. Aber dann schließt Storm wieder die Seher. Ist doch alles in bester Ordnung, – sind seine Leute, die da kommen. Alle sehen zwar etwas finster aus, – ist am besten, man tut so, als ob man schliefe. Wenn die großen Kameraden so verbissene Gesichter machen, weiß man nie, wie man sich benehmen soll. Da hüpft man einem entgegen, – duckt den Kopf zum Spiel – – und, ehe man sich's versieht, hat man eine genagelte Stiefelsohle im Kreuz. Oder sie fahren einem ins Nackenhaar hinter die Ohren, – als sei das Fell aus Gummi. Wehe, wenn man beißt, um loszukommen. Dann gibt es erst recht die Faust ins Genick. Besser, man schläft. Zum Beispiel zeigen sie einem die Zähne, die Menschen, – und wollen damit ihr Gebiß zeigen, – voller runder Stumpen ist's. Wenn man dann mit ihnen zu tun kriegt, gehen sie aber nicht etwa zum Angriff. Beileibe nicht. Gerade dann sind sie in bester Laune. Dann kann man ohne Gefahr sie anspringen und mit ihnen tollen. Und trotzdem sie dazu knurren, beißen sie doch niemals. Die Menschen. Gibt nicht gleich wieder ein Tier, das so seltsam und unverständlich ist. Ein Leben genügt nicht, um sie kennenzulernen. Der Schiffer hockt immer noch drüben, über der kleinen Rinne, in der eben der Fock des »Polarwolfes« verschwand. Brennende Augen – und niemand weiß, was er denkt. Wie weit er gekommen ist in seinen Gedanken. Denn daß jetzt neue Gedanken kommen müssen, ist klar. Muß alles anders angefaßt werden, – ein ganz neues Leben beginnt. Eigentlich führt jetzt der Weg mit jedem Schritt vom Leben fort. Ist wohl so, daß das Leben ein Kampf ist, – sonst. Hier wird es zu etwas anderem. Zu einem müden Schreiten ins Dunkle, – wird wohl so sein. Eigentlich ist man bereits tot, – seit heute. Aber man sammelt die Lasten auf, verteilt sie auf die Rücken und stapft los. Immer hinter einem breiten gewölbten Rücken drein, – immer weiter, ins Weiße. Rund herum gleißt das Eis. Auf der Oberfläche! Darunter liegt das Dunkel. Die Nacht des Ozeans – die Nacht der Zukunft. Aber man bricht doch auf, um der Nacht entgegenzugehen. – – – Schwer und mühsam stapfen die Männer ihren Weg. Mit glanzlosen Augen schreitet Ragnar voraus, bald verschwindet er hinter einem Eisklotz, bald taucht er bis zu den Schultern in einer Rinne unter. Vor seiner Brust baumelt die lange Kragrifle, der breite Rücken ist gebückt unter der Last. Doch im Federn der Beine verrät sich die Kraft des jungen Körpers, die Entschlossenheit seines ungebrochenen Wesens. Seltsamer Gegensatz zu den Augen, die weit nach innen schauen und – zurück. Die Schollen des Eises liegen eng zusammengepreßt, kaum eine schmale Wacke ist zu sehen. Da gilt es Richtung zu halten. – Nach jeder halben Stunde einen Strich weiter nach Westen, weg von der leuchtenden Kugel, die den Horizont des erstarrten Meeres in greller Lichtlinie heraushebt. Manchmal schaut Ragnar nach hinten, zu Jörgen hin, der neben Jon Björvik seinen wuchtigen Körper durch den Schnee pflügt. Jörgen scheint auch viele Gedanken in seinem Schädel zu wälzen, – häufiger muß Ragnar warten, bis auf seinen fragenden Blick sich der Kopf Jörgens hebt und die Antwort kommt. Jörgen bestätigt die Marschroute nach einem Blick auf den Rucksack des alten Jon, der den Schiffskompaß mit sich trägt. Storm hat noch immer nicht begriffen, was los ist. Er ist immer noch ganz benommen, daß er plötzlich statt der kleinen Back des »Polarulv« die endlose Weite des Packeises zum Tummelplatz erhalten hat. Verständnislos hetzt er an den müden Gestalten vorbei bis zu Ragnar, macht ein paar neckische Sprünge vor dem Jungen und schmiegt seine feuchte Schnauze in die hohle Hand des Jägers. Hat doch keine Zeit, der Kamerad, – noch drei Stunden, bis er die Führung abgeben darf. Drei Stunden. Die Ingeborg, was sie wohl jetzt tut. Ahnt sie, daß es hier ums Leben geht? Daß der Tod hinter ihnen aufspielt, nach ihnen greift, nach all den schwarzen vermummten Körpern, die müden Schritts weiterwanken – bis sich einer aus der Gruppe ablöst und verschnauft, mit hastigeren Schritten den Wegverlust wieder aufholt. Jeder bleibt so mal zurück – nicht Ragnar! Ragnar hat die Wacht, – für die anderen. Bis die Sonne ein gut Teil weiter im Norden und tiefer steht. Erst dann kommt der Mechanismus in seinen Beinen zur Ruhe, der ihn langsam wie der Takt der Schiffsschraube vorwärtstreibt – – langsame Fahrt! – aber doch vorwärts. – – – Vorwärts! – – – »Stop!« ruft Ragnar schließlich in die Gegend. Die gesenkten Köpfe der Marschierenden fahren hoch, – als ob ein Blitz die Stille gespalten hätte, – die ewige Stille, – die noch leerer wird, weil das Kratzen und Schürfen der Schritte im Schnee nun schweigt. »War gute Arbeit! Jungens! Wir schaffen es!« setzt Jörgen ein paar Worte hinter das Kommando und seine Züge verändern sich, als ob er lachen wollte. Fiel doch schwer, zu lachen. Besser, man klemmt sich die Pfeife zwischen die Zähne. Genau, als ob man zu Tromsö im Kontor des Reeders sitzt und blanke Münzen für den Fang kriegt, ist das ein Gefühl; so die Pfeife mir nichts dir nichts zwischen den Lippen spielen zu lassen. Wenn der feine englische Tabak aus den Nüstern stößt! Man kann gut dabei träumen, so etwa, – – – – ist es nicht Zeit, die kleine Petroleumlampe anzuzünden, Zeit zum Abendessen, – und Lara tritt zur Tür des Schlafzimmers herein und sagt – sagt –: »Nun Jörgen, sie schläft gut, die kleine Svanhild. Weißt du noch, als du damals ins Wester-Eis fuhrst und ich so betrübt war, weil ich glaubte, du würdest nicht wiederkommen aus dem Eis? – Nun, du bist doch wiedergekommen.« Und nach dem Essen: »Du, gehen wir schlafen, ins Nest!« Ja, verdammt; so kann man träumen, wenn die Pfeife zwischen den Zähnen hängt. Mit langsamen Schritten kommt Ragnar auf seiner Spur zurück, hockt sich neben Jörgen auf einen Eiswulst. Er holt den Gewehrriemen über die dicke Hundsfellmütze, steckt die Büchse mit dem Schaft in die verharrschte Schneedecke, damit das Schloß nicht überkrustet. Jens zieht umständlich die Bratpfanne aus dem Sack und zündet mit steifen Fingern den Primus an. Nicht mehr viel Margarine da, – Malte holt einen der gelben Würfel ans Tageslicht, legt ihn auf den Schenkel und drückt das scharfe Fangmesser durch die hartgefrorene Masse. Teilt das abgetrennte Stück weiter auf, damit der Primus schnellere Arbeit macht. Paraffin ist auch nur wenig vorhanden. Zwei Mann je kriechen sie nach dem wenigen Essen in die Schlafsäcke – alle gleichzeitig. Eine Wache ist nicht notwendig. Das Eis liegt die paar Stunden wohl ruhig. Kommt Besuch, ist ja Storm da, der in äußerster Bereitschaft dahockt, mit funkelnden Lichtern. Hat nichts zu fressen gekriegt, der arme Teufel, Menschenleben sind wichtiger! Allerdings gilt seine Bereitschaft vorzüglich dem Fleischsack, in dessen Jute geronnenes Blut klebt, dessen durchdringender Geruch ihm förmlich in die Nase springt. Storms Augen wandern über die schlafenden Bündel hin. Ob aus einem von ihnen ihm vielleicht ein paar wachsame Augen zusehen. Wie der Blitz duckt er den bärenähnlichen Kopf in den Schnee – Ragnar hat sich im Schlafe bewegt! Nichts weiter. Langsam richten sich die Ohren des Hundes wieder auf, – mit eingezogener Rute läuft er etwas abseits, schaut von dort den Sack mit glänzenden Augen an. Mit Augen, aus denen der Hunger glänzt. Lange sitzt er dort, schlägt erregt mit der Rute den Harsch, Speichel tropft von der bläulichen Zunge, die schlaff aus den Fängen hängt. Ein paar weiche Sprünge – – das blutige Gewebe zerreißt leicht unter seinen spitzen Zähnen. Storm schlingt gierig, die langen Mähnenhaare sträuben sich, unruhig hebt er während der heimlichen Mahlzeit bald den linken, bald den rechten Vorderfuß, indes sich die Hinterpfoten in den Schnee stemmen. Die Arbeit muß schnell getan sein, – bald, daß einer der Schlafenden erwacht. – Storm hat immer genug Fleisch gehabt. Die vielen blutfrischen Kadaver, die an Bord des »Wolfs« oft zu Dutzenden umherlagen, haben ihn zuerst verführt, wahre Freßorgien abzuhalten. Fleisch in Fülle, – für ihn, den armen Teufel aus Angmagsalik, der sich oft genug an den Exkrementen seiner Artgenossen sattfraß, ein Wunder. In den ersten Tagen, die er an Bord zubrachte, konnte er rasend werden, wenn er sah, wie die Fänger Dutzende von abgespeckten Kadavern über Bord warfen, Fraß für den stumpfmäuligen Eishai, für Möven und ähnliche Vagabunden. Bald hatte er sich jedoch daran gewöhnt, Fleisch gering zu achten – – war ja genug vorhanden, – im Überfluß. Wie kam es, daß man seit zwei Tagen ihm kein Fleisch mehr zuwarf, wenn die andern sich doch zum Mahl niederließen. Der Teufel verstehe die Menschen. Wahllos haut der Hund die Fänge in den Fleischberg, den der große zweibeinige Kamerad für sich auf die Seite gelegt hat. Gemästet hockt er sich nach beendeter Mahlzeit in den Schnee, legt die Nase über die Vorderpfoten und schläft. Hie und da läuft ein Zucken seine Flanken lang. Er räkelt sich wohlig, streckt die steifen Beine gähnend von sich ab. – – – Der Schiffer räkelt sich in seinem Schlafsack, zieht die Beine an den Leib, wirft sich nach rechts, nach links, – sieht bald aus, als ob da eine Klappmütze übers Eis mummelt, – oder wie ein riesengroßer Falter, der sich aus der Verpuppung herausarbeiten will. »Mojen Schiffer!« kommt's von seiner Seite. Der alte Jon ist auch schon wach. Alte Leute haben den Schlaf nicht so nötig wie die Jungen, läßt sich leicht etwas abzwacken vorher und nachher. »Das Wetter ist gut, alles allright, –« »Ist der Smutje schon mit dem Kaffee dagewesen, ist wohl Zeit, ja, – die Maschine – – –, ah so!« »Jon, ja, – – wir müssen weiter, – müssen möglichst weit voran, solange das Eis ruhig liegt und nicht zu sehr verschneit!« reißt er sich zusammen, als er die weiße Umgebung um sich sieht. »Dachte meist, wir wären noch an Bord, – hm! Unsere Maschine war ja hops gegangen,« setzte er hinzu, – – »und einen Augenblick wollte ich – Tja, da sind wir also"! So. – – Raus, Leute! Packen, Rollt die Säcke zusammen. Einer kocht mal ein wenig Fleisch und Grütze. Haben ein gutes Tagwerk vor uns – – –« Man kann leicht vergessen im Schlaf, daß da ein Schiff vom Eis aufgefressen ist. Aber lange darf es nicht dauern, bis man wieder auf beiden Beinen und in der Wirklichkeit steht. Man streicht sich die Haare mit der verschwielten Faust nach hinten und zieht den Leibriemen um die Hüften. Dann ist die Wirklichkeit wieder zurückgekommen, – vergessen darf man nicht, daß die andern auch so ein paar Sekunden brauchten, bis ihre Gedanken aus der Traumwelt herüberkommen, – die ersten Blicke nach dem Aufwachen zählen nicht, – – sie sind verwirrt und unstet, trüb. Warten, bis bei allen das Tageslicht in den hintersten Gehirnwinkel gefahren ist. Aber dann, – Tempo! Fliegen! Marsch, marsch. Arbeiten! Eine Handvoll Schnee in die Visage geklebt, – auf beiden Beinen stehen nachher, los! Zuerst steht man natürlich selbst wie eine Säule auf dem Eis, wenn man Schiffer ist, – das ist hier etwas anderes als an Bord. An Bord ist man der Herr, – – hier ist man Führer. Der Führer ist schon oft der Diener gewesen. Der Führer muß arbeiten, mit der Tat vorangehen. Das ist hier anders als an Bord. Während die andern noch ihre Stiefel aus dem Schlafsack holen, in den Schnee hocken und sie an die Beine ziehen, raucht Isachsen schon seine Pfeife. Er schaut prüfend nach der Linie des Horizontes, dreht sich auf den Fersen um sich selbst. Wie kann es ihm da entgehen, daß der Fleischsack ein großes rotes Loch zeigt. In seinen Augen zeigt sich Erschrecken, er kneift die Lider zusammen, macht sie wieder auf. – »Jawohl! Der Fleischsack hat ein Loch. – Storm!« Der Hund liegt hinter einer kleinen Erhebung, hat den Kopf auf den Grund gedrückt, – seit langem hat er den Schiffer in den Augen behalten. Kaum daß er die Nase höher hebt, als der Mann ihn anruft, – klopft nur einmal den Schnee mit seiner Rute. Der Schiffer läuft auf ihn zu. Der Hund rührt sich nicht vom Fleck. Erst als er näher kommt, löst sich ein kurzes Knurren aus der zottigen Kehle. Unverwandt halten die Augen Richtung. Tief vom Boden steigen sie auf zu der näherschreitenden wuchtigen Gestalt des Eismeerfängers. Noch ein Knurren, – die Fänge sind leicht entblößt dabei. Noch ein paar Meter ist der Schiffer von Storm weg, als der unversehens sich nach vorn schiebt, geduckt. Aber gleich darauf liegt er winselnd dem Menschen zu Füßen. Isachsen greift mit seiner schweren Hand nach seiner Mähne, – die Finger krallen sich fest. Aber der Griff wird wieder gelöst, wird zum Streicheln, – schmiegt sich weich der Rückenmähne entlang, während der Hund immer noch kleine traurige Pfeiftöne von sich gibt. »Die Not!« heißt es immer wieder in diesen Lauten, – »der Hunger!« und »– ich mußte doch auch etwas zu fressen haben, – lief den ganzen Tag!« Der Mensch versteht alles, was der Hund erzählt. Beide haben Blut in den Adern, beide haben einen Magen. Die große weiße Einöde droht ihnen und richtet sie nach denselben Gesetzen. Wo ist die Grenze? Erst dort, wo die Häuser beginnen, ist diese Grenze. Erst dort. Weit weg! Wo die Menschen einander das Lot Fleisch aus dem Körper schneiden, um einen Wechsel zu quittieren, – – erst dort. Was gilt dort ein Hund? Ein Tier? In der Wildnis aber erfährt der Mensch, wie wenig er Grund hat, die Tiere als zweitklassige Kreaturen zu betrachten. Dieselben Nöte haben sie, die gleichen Stürme hetzen sie. Isachsen ist ein einfacher Mann, energisch und rauh. Er hat keine hundert Bände gelesen über das Seelenleben der Tiere. Du kannst sagen, – »nun, – was versteht er schon davon? – Ja, – was hat er für eine Vorbildung.« »Armer Kerl!« * * Fleisch ist in der Arktis alles – rein alles. Ein Proviant ohne Fleisch ist kein Proviant. Es könnte sein, daß Storm durch seinen Diebstahl das Leben aller andern zunichte gemacht hat. Man weiß das noch nicht. Es kann so weit kommen, daß es sich gerade um die kleine Menge fehlenden Fleisches dreht, ob die Expedition Land erreicht oder nicht. Das Fleisch, das Storm auf dem Leib trägt, ist hier schon eingerechnet. Storm ist schließlich, wenn es zum Klappen kommt, ein Stück lebender Proviant. Nansen, der große Norweger, wäre nach dem Verlassen der Fram verschollen, wenn nicht auf der letzten Etappe seiner Reise die Hunde ihr Leben gelassen hätten, um seines und das seines Gefährten zu erhalten. War auch schon umgekehrt. Manche Eskimos haben auch schon den Hunden zum Proviant gedient. Menschen den Menschen. Und die Hunde haben keine allzu große Abneigung, ihren Schlittenkameraden aufzufressen. Eine Hand wäscht die andere! Eine dient der anderen. Und einer dem andern! Eine wirklichkeitsgetreue Philosophie. Kein überflüssiges Faseln in abgelegten Wortwendungen. Im Kreis hocken die Fänger um den Primus, lassen Aluminiumkessel mit brühheißem Kaffee umgehen. Das Blut kreist gleich schneller in den Gliedern. Jeder langt sich dazwischen mit dem Fangmesser einen Brocken halbgebratenes Seehundsfleisch aus der Pfanne, in der es bruzzelt und zischt. Nachher geht es weiter, immer einer hinter dem andern, – schweigend. Was gibt es auch zu sprechen. – Nichts. Das Wetter ist auskalkuliert. Es steht heute noch, – morgen, übermorgen – – – Sehen müssen sie, daß sie bald Frischfleisch bekommen. Das ist ein Punkt, der Beachtung verdient, jawohl. Man muß Ausschau halten. Darf den Kopf nicht immer aufs Eis gerichtet halten, über das man geht, sondern muß die Augen wandern lassen, ob nicht irgendwo ein Seehund aus einer schmalen Rinne auftaucht, um sich zu sonnen. Bis auf Malte haben sie alle ihr kräftigstes Schuhzeug von Bord gerettet. Malte hat nicht daran gedacht, bis es zu spät war. Hat Schuhe an den Füßen, die er vielleicht an Land, in Norwegen drunten, brauchen könnte. Aber nicht auf dem scharfen Eis des Polarstroms. Wenn eine Robbe vor die Büchse kommt, gibt es ordentliche Mokassins oder geschäftete Stiefel, wie die Eskimos sie tragen. Das ist die erste Sorge. Auch an den Füßen hängt das Leben. Um Mittag ist aus den Dahinziehenden eine lange Kette geworden, – schwer senken sich die Tritte in den Schnee, – wilder wird das Eis, steil die Grate. Berge zeichnen sich am Horizont ab, mit langen Rücken, Nadeln, die unvermittelt in die Luft stechen. Groß-Eis. Wie Land sieht es aus, die Schritte wollen hastiger einander folgen. Aber es ist Eis! Der Erste, der das den andern gesagt hat, mit klaren deutlichen Worten, die kein Träumen mehr gestatten wollen, der trägt die Schuld daran, daß der Abstand zwischen den Marschierenden sich mehr und weiter ausdehnt. »Es ist Groß-Eis von der Ostküste, Gletschereis – – – Eis –« singt der Schnee nun unter den Tritten der Leute, »nur Eis ist das, – weit weg liegt das Land!« – – – »Trapp, trapp«, – – machen die Stiefel, wetzen über die scharfen Grate von Pressungen und Schraubeis! »Trapp – – –« Der Himmel wird trüber. Rot glüht die Sonne des Abends von Nordwest, rot glüht das Eis, steigt über die Linie des Horizonts in seltsam hochgezogenen Formen. Es hillert, – hillert! Die Fata Morgana der Arktis. »Wir kommen doch zu Land! – – Ich sehe Land! Land ist das, – die Küste!« spinnt der Smutje vor sich hin, »Trapp – trapp – – und es ist Land da vorn – – Land! Halt, ausruhen, ruhen ja, – – quatsch, die wollen nicht! Nun – – ich hock' mich einfach hin, – hab' genug. Unsinn, heute zu rennen! Morgen abend, – da haben wir's geschafft. Eine Tagereise! Und die rennen einem weg, wo sie es doch morgen spielend schaffen können – – –« »Los – Smutje. Keine Zeit zum Niederhocken jetzt! –« streift Ragnar zu ihm hin, reißt ihn hoch aus dem weißen Pulver, – – »du bist wohl nicht bei Sinnen! Fährst geradenwegs in die Hölle, wenn du hier liegen bleibst!« »Wasser!« stöhnt der Smutje plötzlich. Schwankend steht er auf, taumelt weiter. »Los? Erst gib mir Wasser! Keinen Schritt tue ich sonst!« »Wasser? – wir müssen erst welches kochen, heute abend, wenn wir Lager machen! Ist gefroren, was ich heut morgen mitnahm, nur noch Eis ist in der Flasche!« Der Smutje fällt wie ein Sack zu Boden, krallt seine Finger in die versalzte Schneekruste und stopft sich die Backen voll. »So, ist genug jetzt, – weiter! Auf! Spuck ihn aus, den Schnee. Ist vom Seewasser durchdampft. Salzig! Wirst wahnsinnig vom Durst, wenn du ihn aufnimmst.« »Laß mich, – laß mich, sag' ich – hörst du? Höll und Teufel – – – laß mich los, Skytter!« Aber Ragnar ist taub, – Ragnar geht voran durch den Schnee, überquert eine Scholle, – eine zweite, – immer noch hält er den Smutje mit eisernem Griff an seiner Seite. Hilft kein Zureden, wenn einer den Verstand verloren hat. Mitreißen; – Prügeln, wenn es nicht anders geht. Das ist richtig! Langsam kommt der Mechanismus im Smutje wieder in Gang. Mit stieren Augen stolpert er neben dem Schützen her. Für einen Augenblick ist ja der Gaumen beruhigt. Wird nicht lange dauern. Ob man haltmachen soll? Ragnar denkt lange darüber nach. Der Smutje wird in wenigen Minuten schlimmer als je vom Durst gepeinigt werden. Haltmachen? »Setzst das Leben von allen aufs Spiel, wenn du schlapp machst. Das Wetter bleibt nicht ewig so. Reiß dich zusammen! Glaubst du, wir haben keinen Durst. Vielleicht finden wir gleich Landeis, das salzfrei ist. Werde mich umsehen danach.« »Land – Eis – – Land, – ja, Land – –«, lallt der Smutje, – – »du meinst auch, wir kommen gleich an Land, – morgen, nicht wahr? Morgen!« »Na ja, nicht gerade morgen – –« sagt Ragnar langsam, – nach einem Blick zur Seite. »Der Smutje geht uns bestimmt durch die Lappen«, denkt er. Vierzehn Tage wird er nicht mehr durchhalten. Verrückt wird er, wenn er morgen nicht an Land kommt. »Er ist keiner von uns!« denkt er nachher. Das macht einen Strich. »Der Smutje hat kein Seemannsblut in den Adern. Kein Fischerblut. Das Rauschen des Meeres ist nicht um seine Wiege gewesen. Das macht es – der Smutje hat niemals gekämpft mit dem Grauen, – ein Kämpfer steckt auch schwere Hiebe ein, – ohne ein Wort. Ist ein Weib, wer flennt, wenn es ihm ans Leben geht. Auch das macht einen Strich. Einen gewaltigen Strich – zwischen den beiden. Aber da steht die Kameradschaft – die steht auf einem andern Blatt – und steht über allem.« »Los, Koch!« Ragnar weiß nicht, daß er den Smutje nicht mehr bei seinem üblichen Namen ruft. Smutje – Koch. Unterschied! Eine Stunde früher wird Lager gemacht, als es ursprünglich vorgesehen war. Dreizehn Kvartmeilen sind geschafft. Könnten noch zwei dazukommen. Aber der Smutje liegt wie ein Sack im Schnee. Man kann ihn ja nicht tragen. Den ganzen Tag hat er Schnee vom Boden gekrallt, sobald Ragnar einen Augenblick wegschaute. Jetzt liegt er schaudernd auf einem ausgerollten Schlafsack. Schaut abwesend in die Gegend. Gierig säuft er das erste Wasser weg, das ihm vom Primus gereicht wird. Man darf es ihm nicht anrechnen, daß er keinen Schluck übrigläßt für die Kameraden, – die warten müssen, bis wieder ein Teil des Süßwassereises eingeschmolzen ist. Zehn Minuten vielleicht. Was sind nicht zehn Minuten, wenn der Gaumen brennt. Man darf es nicht anrechnen. Der Schiffer hockt auf einem Block in der Nähe, – schreibt mit den dicken Fäustlingen in seinem Logbuch. »Dreizehn Kvartmeilen ungefähr. Nicht viel. Aber das Eis ist grob, schwere Lasten tragen die Leute. Feines Wetter tagsüber, – leichte Brise von West. Fünfundzwanzig Grad Kälte. Der Smutje krank, – Fieber – – –« Das Buch liegt noch offen auf seinen Knien, – seine Blätter beschlagen sich mit Reif, – mit dem Atem des Schiffers. Nach einer Weile wird es zugeklappt. »Logbuch M. K. ›Polarulv‹!« steht auf der vordersten Seite. Die Buchstaben lassen den Schiffer nicht los. Sie kreisen sein Hirn ein, – die Augen stellen sie fest, daß sie sich nicht mehr bewegen können. Das ganze Gesicht machen sie starr und tot. Alle Muskeln! Steifgefroren, – eisig. Die Wimpern und Brauen, der vereiste Bart, – ja, hier ist bereits der Tod eingetreten. Der Tod ist schon da. Da dreht Isachsen den Kopf zur Seite, sieht übers Packeis hin. Das Logbuch stopft er in den Rucksack zurück, – oh, Isachsen ist noch lange nicht reif. Knochen und Muskeln wie ein Walroßbulle hat er. Isachsen ist so leicht nicht geschlagen. »Habt ihr noch Wasser für mich, Jungs? – Na, denn mal fix. –« Die drüben heben die Köpfe. Der Schiffer, – ja, das ist ein Prachtkerl. Braucht nur ein Wort zu reden, – gleichviel was, – man fährt hoch aus den blödsinnigsten Gedanken. Rückgrat kriegt man. Wenn es zum Schlimmsten kommt – hoh! Wenn Isachsen stirbt, ist es ein Spaß, mit ihm zu verrecken. Wenn Isachsen führt, – ist es egal – zum Himmel oder zur Hölle. Isachsen ist echt. Um Mitternacht wird es kühler. Fester wickeln die Schläfer sich in die Falten der Schlafsäcke. Eine leichte Dünung ist ins Eis gekommen. Man kann sie noch nicht sehen. Aber wie Stöhnen fliegt es durch den weiten Raum, – die Schollen reiben ächzend ihre Kanten gegeneinander, leicht heben sie sich, – es muß eine gute Dünung unter dem Eispanzer pressen. Vielleicht war der Sturm auf der offenen See draußen. Oder es bläst auf dazu. Südwest. Aber immer noch hat sich die Windstärke nicht verändert. In das leise Knirschen der Fläche mischen sich stöhnende Laute. Der Smutje wälzt sich unruhig von rechts nach links, – bald wieder in der andern Richtung. Fieber. »Ja, er hat Fieber. – – Was? – – Kann nicht verstehen, was er da vor sich hin sagt. Er ist weg. Scheint so!« »He Smutje – – –« Der ächzt nur stärker. Die Augen liegen weit im Kopf. Tief und gläsern. Die Bartstoppeln stehen spitz aus der Haut. Eigentlich haben nur die Wangen noch Farbe. »Sprit, ja, – ist nichts da sonst.« Die Apotheke ist mit dem »Polarwolf« in die Tiefe gefahren. Jon nestelt den Rucksack auf, holt eine grüne Flasche heraus. Den Korken zieht er ab, wischt mit dem Ärmelrücken über die Öffnung. »Hier, Smutje, – Sprit!« Doch der Kranke haut ihm um ein Haar die Buttel aus der Hand, legt sich nach der andern Seite. Jons Augen werden besorgt. »Weg ist der Smutje, – Delirium, will keinen Sprit. Sehr ernst muß das sein. Keinen Sprit?« In einen Fetzen Zeug wickelt er Schnee, legt ihn auf die schweißige Stirn des Kochs. Dann hockt er sich neben dem andern nieder, bis zum Morgen; horcht auf die Atemzüge, die hastig und unregelmäßig neben ihm aufsteigen, sinken. »Wasser! – – – Sie wollen mich verdursten lassen. Alle wollen sie mich morden. Keinen einzigen Kameraden hab' ich. Siehst du, sie wollen davon. – – Allein, – allein soll ich bleiben! – – Ja, – – nicht trinken darf ich, – – sterben – – – Sterben? – – Ich will nicht sterben. Nach Hause will ich, – geh weg, hörst du, – ah, – – –« Jon hockt unbeweglich. Jon kennt das alles. Auf Spitzbergen begann es damals ebenso. Koller, – – Wahnsinn – – – Eine Svalbard-Expedition. Das Schiff eingefroren! Die lange Wijde-Bai zogen sie hinab, um Longyear-City zu erreichen. Kehrten auf halbem Weg um. Eberhard hieß er. Hatte als Maschinist an der Expedition teilgenommen. Die Nacht des Pols hielt ganz Svalbard in ihren düsteren Schwingen. Die Skier zogen schwer durch den salzigen Schnee. Mehr und mehr hielt er sich abseits, der Maschinist. Sie sahen in seinen Augen die Nacht kommen, die sie außen schon umgab. Auch der andre glaubte, daß sie ihm übel wollten, – weil sie ihn zwangen, seines Lebens willen, seine letzten Kräfte herzugeben. Was anderes war zu tun. – – – Jon senkte den Kopf auf die Brust. – – Das war eine trübe Nacht. Viele Tage vorher schon hatte Eberhard kleine Zettel in den verlassenen Hütten, die am Weg lagen, zurückgelassen. Sie hatten sie nur mühsam entziffern können, die beiden Norweger. »Sie wollen mich ermorden, die beiden. Ihre Augen sehen auf mich wie auf eine Beute – – Ich will mich trennen von ihnen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.« – Sie hatten die Papierfetzen schweigend wieder an den Platz gelegt, an dem der Maschinist sie liegen ließ. Trotz der Schuld, die diese Papiere ihnen zuschreiben wollten. Eine dunkle Nacht. Der Schnee raste in Fahnen über die Bai. Er stieg an den Berglehnen hoch, pfiff über die drei Gletscher in breiter Front wieder zu Tal. Mühsam kämpften sie sich durch den Dreck. Drei Männer. Plötzlich waren sie nur noch zwei. Der Maschinist war verschwunden. Sie feuerten ihre Gewehre gegen den Berg, daß das Echo krachend ins Tal zurückbrüllte. Niemals kam eine Antwort zurück. Sechs Jahre später wurde der Verschwundene in den nordöstlichen Gebirgszügen, die die Wijde-Bai gegen das Polarmeer abgrenzen, gefunden. Sechs Jahre lastete schwer der Druck des Mißtrauens auf ihren Namen. Des Mißtrauens der Menschen, die niemals erfahren haben, was es heißt, in der Nacht des Pols zu reisen, – ums Leben zu kämpfen. Jon sieht plötzlich in Ragnars Augen, der unbemerkt zu den zwei Kameraden herangetreten ist. »Wird wohl keinen Zweck haben, morgen zu reisen. Steht schlecht um den Koch.« Ragnar senkt die Blicke. Was soll er sagen? Der Smutje ist also zum Tod verurteilt. Armer Teufel! Was hatte er eigentlich hier oben zu suchen, – der Südländer! »Wasser, –« Der Koch beißt auf die Zähne, daß sie knirschen. Die Lippen, spröde und zerrissen, zeigen kleine Blutströpfchen, die wie volle Rubine auf der bläulichweißen Haut stehen. »Eh! Der Vormast geht! Eh! Jon – – das ist doch Land da vorn – – ich gehe morgen an Land, –« Jon greift in den Schlafsack, fühlt dem Smutje ans Handgelenk. »Teufel – der muß ja bald sieden – tja. Er geht uns durch die Lappen! Das hat schon lange von innen her angefangen. Über den Kopf. Wahrscheinlich an dem Tag, an dem wir zum ersten Male ins Eis einschoren. Kommt jetzt alles zusammen. Bricht ihm das Genick!« Ein paar der Kameraden sind inzwischen auch aus den Schlafsäcken gekrochen, umstehen die kleine Gruppe. Das ist der erste von ihnen, der geht. Das fühlen sie alle. Wie lange es mit ihnen dauern würde? Vielmehr, der erste war Knud. Liegt schon eine Ewigkeit zurück. Wann war das doch? – – War das vor ein paar Jahren? War das überhaupt einmal geschehen? Der Smutje ist also an der Reihe. Well – das mußte wohl so sein. Immer mit der Ruhe. Nicht zuviel denken dabei! Ja so – der Smutje! »Na, Jon – – –« »Das Schiff – – das Schiff! – – Seht ihr! Das – –« Die Köpfe fahren hoch, – gereckt stehen die Leute, spähen nach Südost, nach Süd – –. »Der ›Kolibri‹ ist's!« Da senken sich die vermummten Köpfe wieder. Gespinste eines Todkranken! Aber der Hieb hat gesessen. »Ein Schiff – –« sagt Malte sachte vor sich hin. Noch einmal fährt der Kranke aus den Lumpen hoch, mit starren, leuchtenden Augen. Einen erstaunten Blick sendet er rund um sich, – Erkennen geht über die eingefallenen Züge. Röchelnd sinkt er drauf nach hinten. Die Augen sinken nach innen, blicken immer noch starr. Die Seeleute stehen schweigend um einen Toten. »Weg ist er!« sagt Jon. Erhebt sich. Langsam holt er sich die dicke Pelzmütze vom Kopf, daß seine leichten weißen Strähnen im Morgenwind flattern. Storm erhebt sich von seinem Liegeplatz. Schweifwedelnd kommt er herangelaufen, drängt sich zwischen den Leuten durch und bleibt dann unentschlossen stehen. Alle schauen sie auf den Sack, in dem der Smutje liegt. Und wie sonderbar sie aussehen. Storm schnuppert am Fußende herum, sieht wieder zu den Männern auf. Dann legt er sich dicht an den Toten, – ein warmes Plätzchen, – »Tja. – Er wird nicht wieder lebendig davon, daß wir hier herumstehen und uns die Knochen im Leib erfrieren. Ist der Kaffee schon aus dem Sack? Malte, – den Primus. Wir bleiben hier bis zum Mittag.« Der Schiffer beugt sich nieder zum Smutje und knüpft die Schnur über dem Gesicht des Toten zusammen. »Hättest sowieso nie den Marsch an die Küste ausgehalten, Smutje. War so besser! – – Ist noch ein weiter Weg – – morgen? – nie! Du bist ja nun doch noch an Land gekommen.« Der Smutje hat nichts mehr zu sagen. Ein Gespräch will nicht so richtig in Gang kommen, als die andern nachdem um den Kaffeekessel sitzen. »Nun, das sah jeder kommen – – der Smutje konnte es allenfalls noch an Bord aushalten. Auf dem Eis – –« »Der Smutje wußte nicht, was Eis war, als er an Bord kam zu uns«, sagt der alte Jon entschuldigend. »Er ist von Hardanger, –« meint Jens, »sie sind nicht so zäh wie unsereines, die Leute von Hardangerfjord.« »Du sprichst, als ob wir an Land säßen und nicht in zweihundert Kvartmeilen Abstand auf dem Eis. Wir sind nicht an Land, Jens.« Jens zuckt die Schultern. »Was macht es aus? – Wir werden es schaffen. Sind wir nicht im Osteis, bei Novaja Semlja, täglich unsere zehn Kvartmeilen im Eis umhergezogen, wenn Großfang war. Wir kommen an Land, Schiffer!« »War nicht so gemeint, Jens! Ich meinte nur, der Smutje, – er hat getan, was in seinen Kräften stand. Das übrige tat das Eis! Lassen wir die Toten ruhen.« Um die Zeit, zu der die Sonne im Zenit steht, holt Isachsen den Sextanten aus dem Leinenfutteral. Ragnar blättert im Nautischen Almanach, um die Messung des Schiffers gleich durchzurechnen. »Noch nicht ganz soweit«, murmelt der Schiffer, senkt das Instrument wieder von den Augen. Vergehen einige Minuten, bis er von neuem die Sonne schießt, nein, – immer noch zu früh. Der untere Rand des Sonnenballs muß haarscharf auf die Horizontlinie projiziert werden durch das System von Linsen und farbigen Gläsern, das den Sextanten ausmacht. »So – nun!« Mit klammen Fingern wird der Winkel festgeschraubt, – abgelesen. Ragnar rechnet, daß ihm der Kopf raucht. »Neunzehn Grad West – – – 52 Minuten – 03 Sekunden!« Noch einmal überrechnet er das Ergebnis. – – »Ja, – – neunzehn Grad! Stimmt. Verteufelte Strecke, die es noch zu machen gilt. – – Welche Breite haben wir wohl – –« »Vierundsiebzig Grad Nord. – – Wird hinkommen. Vielleicht einen Grad zu, – – –« Der Schiffer blickt im Kreis der Gefährten umher, – seine Augen bleiben nachdenklich an dem länglichen Bündel hängen, das etwas abseits von der Gruppe liegt. »Drüben ist eine kleine Spalte. Jon, zurr den Smutje ein, – denke, wir lassen ihm seinen Schlafsack für die letzte Reise. Sind ja alle versorgt.« Nun ist alles in Ordnung. »Na, denn auf, – Leute!« Drei der Fänger fassen zu, – hoch heben sie die steife Gestalt, setzen sich in Bewegung. Zweihundert Meter bis zur Rinne, in der der Smutje versenkt werden soll. Der Schiffer geht vor den Trägern her. Stapft mit seinen öligen Stiefeln die Spur, der die andern folgen. Jon kramt immer noch in seinem Sack, als der Zug schon dreißig Meter weg ist vom Lagerplatz. Dann kommt er langsamen Schrittes hinterdrein, eine Blechhülse unter dem Arm festgeklemmt. Das lange Fangmesser hüpft bei jedem Schritt an seiner Hüfte. Unförmig hüllt der Rennpelz den Oberkörper. »Hjalte hat kein so großes Begräbnis gehabt, – er, – und Eberhard und die Leute von Cap Thorsen, siebzehn Mann, alle in einem Winter zur Hölle gefahren –« murmelt er vor sich hin. »Jon, – wann kommt an dich die Reihe. Geht schon viel zu lang, daß dich die Arktis verschont hat, – wann wird es Zeit für dich, Jon?« – – – Am Rande der Scholle machen sie halt. Setzen den toten Koch ab, in den Schnee. Die Männer treten etwas zur Seite, – einer hüstelt verlegen. Ist das etwa ein Ding, das jeden Tag passiert, daß man einen Kameraden der See übergibt? Man weiß nicht, was man tun soll, – die klobigen Hände sind im Wege. Malte macht einen schüchternen Versuch, sie in die Hosentaschen zu stecken. Aber das geht auch nicht. Man ist in keiner Kirche, und doch ist der Ort hier von derselben Luft erfüllt, die zwischen den schwarzen geschnitzten Bänken der kleinen Seemannskirche in Harstad liegt. Man wird unwillkürlich daran erinnert. Dort kann man auch nicht so tun, wie man will, – den Priem, – nicht mal den Priem kann man im Mund behalten. Malte kann keine Erklärung dafür geben, – was es ist, das die Glieder so steif macht und die Bewegungen hemmt. Aber jetzt spürt er das wieder. Irgendwie muß das mit dem Toten zu tun haben. Mit einem Menschen, der vor einem liegt, und doch nicht da ist. Nicht als Mensch sozusagen, – nur eine leblose Form, der ein Bündel von Erinnerungen anhaften. Malte erinnert sich an einen Sonntagnachmittag, den er als kleiner Junge in Vand-Oy verbracht hat. Ein Boot lag am felsigen Strand. Drin war vor wenigen Tagen ein halbverwester Körper angetrieben worden. Dem Boot haftete auch solch ein Bündel von Gedanken an, – ein schweres Bündel! Das Stöhnen des Verdurstenden klebte noch an der Ruderbank, auf der sich Salz vom Gischt der Wellen angesammelt hatte. Seufzer hingen noch sozusagen in den Spanten, – gemurmelte Worte, die der Mann gesprochen hatte, als der Fieberwahn ihn packte. Und ein unsichtbarer Weg führte vom Boot am Strand bis zum einsamen Grab des Schiffbrüchigen auf der Höhe der Insel. Das Boot war ein ganz gewöhnliches Nordlandspitzboot, – wie sie viel hier oben gebraucht werden, – war nichts an ihm zu sehen. Und doch wagte man kaum, es zu betreten. Da war dieses Gedankenbündel, das sich einem unversehens auf den Rücken hing, – einen niederzog. Wie ein Bann schwebte es um das Boot. Und war doch nur totes Holz. Keiner hatte vorher den Smutje für etwas Besonderes gehalten. Kaum, daß man ihn als Gleichen aufnahm. Aber nun war das plötzlich ganz anders. Der Smutje hatte sein Blutopfer gegeben, – zum Schluß war er doch als Eismeermann gestorben. Ein erhabener Tod, den dieser Tote starb. Für Malte ist es wie eine Offenbarung, als er sieht, wie der greise Jon mit steifen Fingern die reine Flagge Norwegens aus seiner Blechhülse zieht. Wie helles Herzblut rollt ihr leuchtendes Rot in den Schnee, schlingt und faltet sich um den schmutzigen Sack aus Segeltuch, in dem der Smutje liegt. Die Flagge des »Polarulv«! Ist es nicht, als ob das Bild des Verstorbenen strahlend aus den feierlichen Farben der Fahne blickte. Ganz anders als im Leben. Man muß erst sterben, um geehrt zu werden, – man ist dann ein ganz anderer geworden. Die Kameraden blicken einen mit Hochachtung an – – Maltes Philosophie! »Ragnar – bet' ein Vaterunser!« Die Umherstehenden senken die Köpfe unter sich, die schweren Pranken suchen sich vor den Hüften. »Unser Vater – dein Name sei geheiligt –« Einer murmelt mit. Das ist der alte Jon. Es ist schwer, ein Vaterunser ganz allein zu sprechen, – er hat es nicht zusammengebracht damals, als Hjalte starb. »Asche soll zur Asche werden. Staub zu Staub!« Sagt der Schiffer hinterdrein. Das hat er vom Pastor in Tromsö gehört. – Das war natürlich Unsinn mit dem Staub! Hier im Wester-Eis war die kochende, springende See und das gleißende Eis. Staub? Und der Koch würde bald durch die grüne Tiefe nach unten sinken, von der Unterwasserdünung würde sein Körper bald hierhin, bald anders drehen und schwanken, von ein paar gratigen Eishaien umkreist, die nicht lange warteten, die sichere Beute anzunehmen. »Wir gehören alle der See«, beginnt der Schiffer von neuem, indem er an seinen Gedanken weiterspinnt. Aber das war eigentlich nicht für die Umstehenden gesagt. Nur eine Erkenntnis war das. – Es war verteufelt schwierig, hier etwas zu sagen. »Der Smutje war uns ein guter Kamerad! Der Smutje war kein Robbenfänger, – wollte es auch nicht sein. War ein Koch. Er wäre nie an Land gekommen. Es war das beste, daß er jetzt schon starb. Er möge die ewige Ruhe finden. Ein Hurra für den Smutje!« »Hurra, hurra, – hurra, – hurra – « Jon tritt rasch zu dem Toten, winkt Jörgen heran. Unter dem Kreuz der Flagge weg gleitet der Körper in die See hinein, – Blasen steigen an die Oberfläche. Alle starren auf den Fleck, an dem ein paar Luftblasen das Wasser kräuseln, – zerplatzen. Malte hat unwillig die Lippen zusammengepreßt. Der Schiffer steht da, als ob er darauf wartete, daß der Smutje wieder auftaucht. Bedächtig faltet der alte Jon die Schiffsflagge wieder zusammen, steckt sie in die Hülse zurück. Seine Augen sind ganz schmal dabei, als blendete ihn die Sonne. Ist doch keine Sonne mehr zu sehen. Den andern fällt es plötzlich auf, als sie die Augen des Alten gewahren. Die Sonne steckt hinter einem breiten Wolkenvorhang. Grau liegt das Eis um sie, schattenlos. Nur ein greller Lichtstreifen am Rande des Gesichtsfeldes, eine leuchtende Linie zwischen dunklem Eis und grauem Himmel. And der Wind weht stärker als vorher. »Das war alles!« dreht sich der Schiffer um, marschiert zum Lager zurück. »Ragnar, – Jens – wir brechen gleich auf. Gilt noch ein gutes Stück heute! Das Wetter wird bald umschlagen! Kommt schon, –« »Der Smutje hat jetzt wohl schon seine fünfzehnhundert Faden Tiefe erreicht. Wie es da drunten wohl aussehen mag? Bei tausend Faden ist es wohl schon Nacht?« Malte kommt nicht los von seinen seltsamen Gedanken. Den ganzen Tag kreuzen sie unablässig durch den Schädel. Bald Zeit, daß man wieder normal wird! So 'ne richtige Jagd mal wieder, – eine Erlösung wäre das! Und Fleisch! »So – marsch up! Jörgen soll an der Spitze marschieren.« Trapp, – trapp. Der Schnee knirscht unter den Männern. Die Lasten sind etwas schwerer als bisher. Der Anteil des Kochs wurde auf die Leute verteilt. Trotzdem geht es flotter vorwärts. Vielleicht will jeder gern von dem Platz wegkommen, der einen von ihnen ausgelöscht hat. Oder ist es, weil der Smutje nun nicht mehr bremst, achtern dreinhinkt. Bleibt sich gleich.   »Du Jörgen – « flüstert Jon seinem Vordermann zu, – »Stopp, Halt! Halten! Alle ruhig stehen bleiben!« »Was ist los, old boy? –« »Was wird schon los sein? Sieh mal nach links hinüber. – Nicht dort, – weiter nach hinten – ein Bär. Hat uns noch nicht bemerkt. – Ragnar – ich glaube, wir gehen los. Oder willst du es machen, Jörgen?« – Ragnar und Jon entfernen sich langsam aus der Gruppe. Vereinzelte große Berge Kalb-Eis liegen jetzt schon da und dort über dem flacheren Meer-Eis. Sie wiegen träge in der Dünung. Ganz langsam heben sie sich hoch, – das Wasser läuft von den weißen Wänden ab wie bei einem großen Panzerkreuzer, der in schwerer See die Back aus den Wogen hebt. Die Dünung muß viel stärker geworden sein in den letzten Stunden. Ein Eisberg steckt tief im Wasser. An ihm zeigt es sich zuerst, wenn die Grunddünung aufholt und wächst. Es mögen gut zweitausend Meter sein bis zu der Stelle, an der Jon den Bären ausgemacht hat. Aber sie haben eine Unmenge Fleischvorrat, wenn es gelingt, ihn auf die Decke zu legen. Dafür ist kein Weg zu weit. »Ohne Fleisch kein Proviant!« Jon wiederholt für sich selbst die alte Pelzjägerweisheit. Den obersten Grundsatz für die Erhaltung des Lebens in den Regionen des Eises. Er tut das nicht von ungefähr. Man müßte eigentlich bei den andern bleiben, – zusammenbleiben in diesem Augenblick. Da sind verschiedene Gründe vorhanden. Einer zum Beispiel: – es beginnt im Eis lebendig zu werden. Vier Tage sind es, seit die Dünung, die den »Polarulv« zerquetschte, verebbt ist. Ist es nicht oft so, – daß der Wind nach vier Tagen wieder aus der Himmelsrichtung zurückkommt, in die er vordem hineingeprescht ist. Kommt dann nicht gewöhnlich ein Schneetreiben mit zurück. Schnee verdeckt die Spuren. Schnee löscht die Sicht aus. Eigentlich müßte man wieder zurückkehren zu den andern. »Kann lange dauern, bis wir wieder zur Jagd kommen.« Das hört sich ja gerade an, als ob der Junge die Gedanken Jons von seinem Gesicht abgelesen hatte. »Kann lange dauern! Man muß leben. Man lebt nur mit Fleisch!« bestätigt der Alte. »Der Bär hat noch nichts gemerkt. Machen wir rascher. Und im Großeis. Gibt mehr Deckung. Hätten unsere Rucksäcke zurücklassen sollen. Sie hindern.« Aber das ist auch ein ungeschriebenes Gesetz im Eis, daß man sich niemals der notwendigsten Dinge entledigt. Jon sieht dieses Gesetz deutlich vor seinen Augen stehen, der alte, erfahrene Jäger. Beinahe, als wäre es mit einem großen Meißel in die kristallene Wand des Eisriesen gehauen, – der zwischen ihnen und dem Bären liegt. Genau unter dem großen Horn backbords beginnt die Schrift und zieht sich die fünfhundert Meter auf Steuerbord hinüber, endigt unter einer kleinen Spitze. Aber die Buchstaben verwischen plötzlich, das Horn beginnt sich zu neigen, fällt. Donnern und Getöse. Wasser schäumt gierig an den bröckelnden Wänden hoch, das Eis ringsum beginnt zu hüpfen, bäumt sich. Wellt unter den Jägern hindurch, daß sie einen Augenblick auf einem hohen Kamm stehen. Die Kalbungswelle! Träge holt der Berg vor ihnen nach Backbord aus, – dreht sich um seine Achse, schwankt. Neue Wände tauchen aus der See, – ein kleines Stück entfernt. Ein zweiter Berg. Der Sohn des ersten. Ein kleiner Eisregen stäubt durch die Luft, – – dann ist Ruhe! Aber das Eis schwankt jetzt heftiger als zuvor. »Der Bär ist verschwunden! Ich seh ihn nicht mehr!« »Macht nur der Berg, der gekalbt hat«, meint Ragnar. »Möglich!« Die beiden Jäger suchen das Feld ab. Jon hat ihn zuerst wieder entdeckt. »Teufel, – er hat Fahrt aufgesetzt! Hat uns eräugt. Nun heißt es laufen.« »Der Wind hat umgeschlagen, Jon. Er bläst von Nordwest auf.« »Na, dann ist keine Zeit zu verlieren! Schneller!« Aber es ist nicht leicht, auf der unebenen Fläche vorwärts zu kommen. And der Bär flieht. Von einer Scholle zur andern. Bei einer kleinen Wacke stürzt er sich Kopf über ins Wasser und schwimmt zur nächsten Scholle. Manchmal wendet er den Kopf zurück, um den Abstand der Verfolger festzustellen. Sind immer noch gute zwölfhundert Meter. Auf einer niedrigen Scholle bleibt er schließlich stehen, – dreht sich um, läuft etwas zurück. Läuft wieder voraus. »Ah, er hat Junge bei sich, die nicht so rasch nachkommen. Siehst du, – jetzt, siehst du die kleinen gelben Flecke, die hinter ihm drein kriechen, eine Bärin! Nun, die ist uns sicher. Von den Jungen trennt sie sich auf keinen Fall.« Jon geht wie ein Zwanziger. Man würde es den alten Knochen nicht ansehen, welche Kraft noch in ihnen steckt. Die Haare sind vom Alter gebleicht und hier hüpft er von Scholle zu Scholle, als wäre er eben konfirmiert worden. »Wir müßten uns trennen, Ragnar, sie von zwei Seiten jagen. Vielleicht noch tausend Meter ist sie weg. – Meinst du, – trennen wir uns?« »Allright!« Ragnar stößt bald auf die Spuren der Bärin. Sieht sie flüchtig ein, trabt weiter. Er holt die Büchse vom Rücken. Repetiert eine Patrone in den Lauf. Sichert. Wie er nach drüben schaut, sieht er, daß die Bärin wieder ein gutes Stück aufgeholt hat, – aber wieder bleibt sie stehen. Trottet auf den Stapfen zurück und stößt mit dem Maul die Kleinen an, sie zur Eile anzutreiben. Neunhundert Meter. Der Jäger schaut auf das Visier der Rifle, stellt automatisch die Spange auf neunhundert ein. »Quatsch! Hat doch keinen Zweck. Man muß näher ran!« Links von ihm sieht er Jon durch den Schnee vorwärtssteigen. Gebückt geht er. Ob es dem Alten nicht zu viel wird am Ende? Scheint wieder eine Wasserrinne vorn zu sein, – die Bärin ist weg. Aber sie wird gleich wieder da sein. Da, dort kommt sie triefend hoch. Die langen Mähnen an den Pranken sind eng auf die Haut geklebt. Wenigstens sieht es so aus, als ob sie schmäler geworden wäre. Auf sechshundert könnte man einen Schuß riskieren. Vielleicht hat man Glückt In der Hitze hat Ragnar ganz übersehen, daß sein Pelz mit kleinen Eiskristallen bedeckt ist. Erst als er zufällig an sich hinabsieht, kommt es ihm zum Bewußtsein. Unwillkürlich dreht er sich nach achtern, von wo der Wind hersteht. Graue Wollen. Tief überm Eis. Schneewolken! Ob man die Kameraden noch sehen kann? »Ja, – das sind sie«, gerade noch zu erkennen, die dunklen Punkte im Schnee. Sie scheinen alle zu stehen. »Warum legen sich die dummen Bengels nicht hin, – – ausruhen.« Einer von ihnen bewegt sich schon in ein paar hundert Meter Entfernung von den andern, – auf ihn und Jon zu, scheint es. Fast sieht es aus, als ob er den Arm hebt – – »Keine Zeit jetzt!« knurrt Ragnar, – »wir werden sie gleich haben! Dann allerdings, – einer kann helfen, das Fleisch zurückzutragen.« Wo ist denn Jon abgeblieben? Achthundert! »Mensch, sie bleibt stehen! Sind wohl die Jungen, die nicht mehr können. Feine Sache! Vielleicht ginge sie uns doch noch durch die Lappen. Aber Jon?« – – Richtig, da geht er ja. Ist schon weiter voraus als Ragnar selbst. Das Eis scheint drüben ebener zu sein, – – wahrhaftig – er nimmt die Rifle hoch – – Ragnar heftet seine Augen auf die Bärin. – – »Mensch! Getroffen! – – Oder nicht? – –« Lang rollt das Echo des Schusses über das Feld. Wieder hebt Jon die Rifle – nein, er läßt sie sinken. Doch die Bärin hat deutlich gezeichnet. Noch steht sie. Aber das Gehen scheint ihr schwer zu fallen. Rasch verringert sich der Abstand. »Visier vierhundert!« Ragnar keucht. Das Eis unter ihm beginnt zu leben, neigt sich, wird von der Dünung getragen und gehoben. Hinter ihm – – – – »Verdammt!« Hinter ihm jagt eine Schneemauer heran. Nichts mehr zu sehen von den Kameraden. Auch der eine nicht mehr, – es war wohl Jörgen, – der sich von der Gruppe losgelöst hatte. »Hölle und Teufel!« Aber die Bärin muß her. Vorn ist die Sicht noch gut. »Ob das wohl weiter geht mit dem Eis?« Sieht blödsinnig aus. Jon! – – Ja, da läuft Jon! – – Na, nun ist es Zeit! – Ist gar nicht notwendig, erst das Visier zu verringern. »Man hält das Korn etwas tiefer, – dann wird es klappen.« Aber das Eis ist unruhig! Wird wohl nachher ein saurer Weg werden zurück. Die Rinnen werden auch größer. Das Eis treibt auseinander. »So, die Rifle hoch – – Ratsch!« Die Bärin vorn macht einen tollen Sprung, aber sie reißt sich noch einmal hoch. »Wird nichts nützen, Liebste! Wird verteufelt wenig nützen. Denn da ist auch Jon, – der feuert«, – wieder rollt der Hall eines Schusses an Ragnar vorbei. In einem hellen Pfeifen endet er. War ein Streifschuß! Daß die Bärin getroffen war, ist sicher. Aber wenn die Kugel richtig in den Körper knallt, hört man kein Pfeifen hinterdrein. Die Kugel muß auf Eis geschlagen haben. »Streifschuß – – – ja.« Die beiden Jungen haben sich platt in den Schnee gedrückt, – – ihre kleinen plumpen Köpfe sind den Näherkommenden zugewandt. Einen wütenden Schrei brüllt die Alte über das Eis hin, – – – wankt zu den beiden kleinen Pelzklumpen hin,– der Atem steht ihr vom Maul. »Ramsch!« Das war Ragnar. »Hundertfünfzig Meter! – – Fertig!« Die Bärin liegt. Die Jungen kriechen zur Mutter hin, krabbeln an ihrem Bauch hoch, versuchen die Zitzen zu fassen, an denen noch kleine Milchperlen stehen, – – aber ehe die kleinen Mäuler Halt bekommen haben, werden sie abgeschleudert von der letzten Todeszuckung, die den Körper der Bärin durchläuft. Bestürzt sehen sie den Jägern entgegen, die bereits auf ihrer Scholle angelangt sind. Ein paar Meter noch – – »Sie wollen auskneifen, die Kleinen – –« »Sie kommen wieder!« brummt der alte Jon. Sie hören ein Jaulen hinter sich, – die Hände fahren nach dem Gewehrschloß. »Storm! Wie kommst du hierher? – – –« Storm kommt durch den Schnee herangehetzt, mit hängender Zunge, – springt winselnd an Ragnar hoch und geht dann mit eingerollter Rute zu der gefällten Bärin hin. Vorsichtig! Er beißt sie einmal in eine der abgestreckten Hinteren Labben, – so versuchsweise. Springt gleich nach dem Biß einen halben Meter zurück. Man weiß ja nicht – –, – aber die Binne scheint mausetot zu sein. Storm setzt sich unentschlossen in den Schnee. Erst als Ragnar sein Messer aus der Schliere zieht, springt er freudig auf, und jagt in wirbelnden Sprüngen um die Beute. Dann stutzt er, hebt die Nase in die Luft und richtet die Lauscher. Wie ein Pfeil ist er weg. Winseln und Geschrei. Ein kleines wütendes Fauchen. Storm hat eines der Jungtiere am Kragen. Er beutelt den kleinen weißen Kerl im Schnee herum, daß die Haare in Büscheln fliegen. Mit einer kleinen roten Wunde im blütenweißen Halsfell läßt er das Junge schließlich liegen und läuft zu den Männern zurück, die gebückt über der Beute arbeiten. Nicht wie sonst nehmen sie das ganze Fell sorgsam ab, – heut gilt es nur das Fleisch, das die Bärin in Mengen auf dem Körper hat. Die Haut kann bleiben, wo der Pfeffer wächst. Die Schenkel, ja – und die schweren Vorderarmmuskeln, – der Rücken. In großen Stücken wird das leuchtendrote Fleisch herausgeschnitten und neben dem Kadaver aufgestapelt. Schon gut ein Zentner liegt da beisammen. Der Kleine muß nachher auch herhalten – – sein Fleisch ist zarter und wohlschmeckender noch. – Storm wird sich schon bald den Bauch überfressen haben, wie er, bald stehend, bald auf den Vorderbeinen kniend, schlingt und würgt. Bisweilen hält er ein in seiner Tätigkeit und lugt mit schiefgehaltenem Kopf zu Ragnar und Jon hinüber, – als wollte er sagen: »Nun, was arbeitet ihr immer noch? – Hier ist doch Fleisch genug.« Doch die beiden beachten ihn nicht einmal. Sie arbeiten wie verrückt. Vielleicht scheuen sie sich, von dem zu sprechen, was in jedem von ihnen wühlt, – von dem, was nun bald kommen muß, – »einmal wird man das Messer weglegen müssen – dann ist es noch Zeit, darüber zu beraten. Nur jetzt nicht!« Jeder von ihnen hat schon bemerkt, daß die Scholle, auf der sie arbeiten, sich langsam gegen die Nachbarscholle zu verschieben beginnt. Die Wasserrinne, die vordem nur so breit war, daß man eben einen dünnen Streifen Wasser sehen konnte, wird breiter, bald so breit ist sie, daß man mit dem Fangschiff hindurchfahren könnte. Das Eis kommt in heftigere Bewegung. Die Spuren, die bei ihrer Ankunft eine ungebrochene Kette gebildet haben, sind plötzlich abgerissen. Auf der Scholle, die in einem stetigen Weichen begriffen ist, schwimmt nun die eine Hälfte der Fußstapfen weg. Man müßte aufbrechen, um zu den andern zurückzugelangen. Aber der Schnee fällt, Flocke an Flocke. Dicht wie ein Vorhang liegt er über dem Eis. Höher füllen sich die Stapfen, – bis sie bald ausgeebnet sein werden. »Wie die Richtung halten?« Ragnar richtet sich unversehens auf, blickt dem Alten in das faltige Gesicht. »Wir müssen warten, bis es aufhört zu schneien. Der Bär mußte her, – hatten kein Fleisch mehr! – Punktum«, sagt der alte Jon; – aber er sagt damit nicht alles, was er denkt. Der alte Jon hat gelernt, daß man nicht alles sagen darf, was man weiß. »Aber das Eis setzt auseinander, – sieh die Rinne, – bald ist sie fünfzehn Faden breit. Und die Scholle hat sich außerdem gedreht. Die Abbruchstelle der Spur ist nicht mehr zu sehen.« »Wir können jetzt gar nichts unternehmen. Warten müssen wir. Weiter arbeiten. Nachher werden wir sehen!« Aber Ragnar bückt sich nicht wieder zu Boden, um zu häuten. Das blutige Fangmesser in der Faust starrt er in das dichte Schneegestöber, – »der verfluchte Bär!« Nach einer Weile tritt er an den Rand der Scholle, die sie trägt, hockt sich schließlich nieder in den Schnee. Weiß der Teufel, was er denkt! Schließlich ist er auch so weit wie der alte Jon. Die Pfeife! Rauchen. Wenn man die Pfeife im Mundwinkel hat, sieht sich alles viel besser an. Man ist im Wester-Eis! Man muß alles nehmen, wie es kommt! Hat es Zweck, zuviel zu denken? Warten muß man! Jon hat recht! Abwarten, bis die Sicht wieder klar wird. * * Zwölf Stunden. Nun – man hat genug zu essen, – den Schlafsack rollt man aus und kriecht in sein warmes Innere. Von Zeit zu Zeit nur steckt einer von den Fängern den Kopf in die Luft und sieht nach dem Wetter. Storm liegt neben dem toten Bären, unter dessen teilweise abgestreifter Decke er einen behaglichen Lagerplatz für sich ausgemacht hat. Fleischduft weht ihm unablässig um die Nase; er brauchte sich nur ein klein wenig zur Seite zu drehen, so hätte er wieder einen ganzen Happen davon im Maul. Wie im Paradies ist es. Die Anstrengung der Jagd lullt auch die Jäger am Ende in einen hellhörigen Schlaf hinüber. Eintönig knirkt und knarrt es im Eis. Was soll man tun? Mit einemmal spitzen sie jedoch die Ohren. Ein hohles Brausen liegt im Wind, das sich verstärkt, – – » sjöen! « – »Die See!« Es müssen schon große Flächen Wassers frei von Eis sein, wenn man dieses Brausen so deutlich hört. Wie lange liegen sie schon, – – – »Sechzehn Stunden!« Der Alte hört deutlich, wie Ragnar heftiger atmet, – die paar Worte kamen ihm stoßweise aus der Kehle. »Tja!« Mehr sagt er nicht. Was ist da auch zu sagen? Wenn der Schnee sich lichtet, kann man vielleicht mehr sagen. Weiß man, ob das Eis, auf dem die Kameraden zurückgeblieben sind, ebenso schnell treibt wie die Eisbank, auf der er sich mit Ragnar befindet? Weiß man, ob es in derselben Richtung treibt? Man kennt ja kaum die Strömung in diesem Gebiet. Das sind die Großeis-Berge, die wie Pflüge durch das Meereis furchen, weil sie wegen ihrer großen Überwasserflächen wie Segelschiffe vor dem Wind treiben, während das Eis mehr der Strömung folgt. »Tja!« Ragnar macht sich aus seinem Sack frei und läuft in der Umgebung umher. Vollkommen sinnlos. – Aber es ist schwer, stillzuliegen, während Wind und Schnee vielleicht die letzten Brücken abbrechen, die es zu den zurückgelassenen Kameraden noch gibt. Nur einen Augenblick hat er sich vergessen, der Junge. Da befindet er sich allein im Eis. Rings um ihn steht der Schnee wie eine Wand. Vielleicht ist er schon auf einer Nebenscholle, die abreißt, weitertreibt. Nichts mehr von Jon, kein Bär, nicht der Hund. Da, – jetzt taucht ein schwarzer Körper neben ihm auf. Storm! Ist es nicht, als ob er ihn zurückholen will zum Lagerplatz. Storm macht auf den Hinterbeinen kehrt und ist wieder weg. Ragnar folgt in seinen Spuren! »Wir dürfen uns keinen Augenblick aus den Augen verlieren! – Leicht bedeutet es eine Trennung für immer, Ragnar!« Der Junge nickt. Seit Jahren fährt er im großen Eis – trug die Verantwortung für die andern, auf schwerer Wacht. Aber er nickt! Jon hat recht, daß er ihn wie ein Greenhorn belehrt. Plötzlich fällt ihm ein, was der Alte eigentlich gemeint hat mit seinen Worten. »Du denkst, daß wir die Kameraden nicht wiederfinden?« »Wenn wir Glück haben.« Und: »Möglich!« Jon ist grau geworden im Eis. Hat keinen Zweck, Gutes in einer solchen Lage zu erwarten. Was gibt es schon zu sprechen in den nächsten zwei Tagen. Ist immer dasselbe Einerlei. Die paar Handgriffe. Essen. – Richtig, die Gewehre müssen gesäubert werden. Ein paar Worte mit Storm, der eigentlich den ganzen Tag verschläft, – sich nur erhebt, um wieder einen Happen zu fressen. Manchmal knurrt er und beißt um sich, als ob er sich in einer Horde ausgehungerter Wölfe befände. Das nennt er spielen, – die Jagd auf die leise fallenden Flocken. Im Eifer springt er schon auf und schnappt nach den weißen Federn, als hätte er Fliegen vor der Nase. Die Augen der Jäger folgen seinen Sprüngen, die oft kunstvoll sind wie die eines ausgelernten Akrobaten. Die Zeit vergeht schier schneller dabei. Einmal hat Storm die zweie wieder eine ganze Spanne lang unterhalten mit seinem Fliegenspiel. Als sie die Augen nachher wieder in die Ferne richten, sehen sie plötzlich die Umrisse eines Eisbergs durch den Schnee schimmern. Auch das Meereis ist auf bald hundert Meter zu übersehen. »'s ist an der Zeit!« sagt da Jon. »Das Schneien hört auf.« Er ist schon aufgestanden, während er das sagte. Es gab noch viel zu tun. Der Schlafsack mußte gezurrt werden, das Fleisch verpackt, ein Frühstück mußten die Aufbrechenden wohl auch zu sich nehmen, – – und bis nachher alles richtig im Rucksack so verstaut war, daß es nicht gegen den Rücken drückte oder durch falsches Packen beim Gehen das Gleichgewicht störte, – bis dahin verging immer noch eine gute Zeit. Die Büchsen mußten ebenfalls nochmals überholt und geölt werden, nachdem sie tagelang ungeschützt im Schneegestöber gestanden hatten. Es gab soviel zu tun. Ist vielleicht nicht unnütz, ein paar Zeilen von den letzten Tagen zu schreiben. Einen kleinen Bericht. Man weiß ja nie. Hier – im Packeis. Die Bärendecke ist inzwischen steifgefroren wie ein Brett. Na, man läßt sie liegen. Gibt noch Bären genug an der Ostküste, wenn man seine Kleidung ergänzen muß. Nun gilt es, die anderen zu finden, von denen man sich vor bald drei Tagen getrennt hat. Drüben der Berg, von seinem Rücken aus kann man weit übers Eis sehen, wenn es endlich ganz aufgehört hat zu schneien. »Na, wie steht's mit dem Humor?« »Ganz gut, Jon. Er könnte vielleicht besser sein.« »Nun wird alles noch gut gehen.« »Jahau!« Zuversichtlich klingt das eben nicht. Aber vielleicht sieht man nachher vom Eisberg aus eine kleine Gruppe von Männern durch die Gegend ziehen. Das wird ihn merklich verbessern, den Humor. Obwohl damit noch nichts erreicht ist, natürlich. Der Teufel kann dann immer noch seine Hand wieder ins Spiel mischen. Schweigend hocken die Männer um den Primus herum, bis das Fleisch endlich sich bequemt, weich zu werden. Von da ab, vom Auftauen, dauert es noch eine gute Stunde, bis man seinen knurrenden Magen füllen kann. »Wo hast du eigentlich deine Pelzmütze gekauft, Ragnar?« »Andersen in Tromsö?« »So. – – – War sie teuer?« »Ja, sie kostete noch ihre neun Kronen, glaub' ich.« »Nicht mehr? – Das war gut! Für die meine hab' ich vierzehn Kronen bezahlen müssen in Harstadt.« »Ja so?« – – – – – – »Sie ist aber auch aus Hundsfell, meine Mütze – aus gutem Fell, – – nun, inzwischen ist sie schäbig geworden an den Kanten. Aber Wind kommt da keiner durch!« »Jahau!« Ragnar hebt ungeduldig den Kopf, späht über das Eis hin, – vielleicht sind die Kameraden näher, als man denkt, – vielleicht hat das Eis sie zusammengetrieben, anstatt sie zu trennen. »Eine Stunde wird noch vergehen, Ragnar, –« »Ja, eine Stunde vielleicht!« »Ich glaub', ich hab' sie mal gesehen, die Ingeborg, – – sie ist ein braves Mädel, – sieht so aus!« Ragnar fährt zusammen. »Hast du ein Bild von ihr.« »Ja, ich hab' eins.« »Das ist gut!« – – – – – – »Nun, glaub' ich, ist das Fleisch soweit!« »Glaub's auch.« »Ja, dann fangen wir mal an! Wer weiß, wann wir heut noch zu einer schicklichen Mahlzeit kommen.« Jon stochert mit seinem Messer in dem kleinen Topf, bis er ein passendes Stück erwischt hat. »Ja, denn guten Appetit.« »Die andern haben nun wohl kein Fleisch mehr.« »Hm, – werden sie wohl nicht! »Jaha, – wir haben einen ganzen Bären hier!« »Ist so!« – – – – – – »So, – das lassen wir liegen bis nachher – die hundert Meter bis zum Berg – –« »Alles nehmen wir mit! Ich glaube, der Wind dreht wieder auf Südost. Kann leicht sein, daß das Eis wieder zusammentreibt. – – So, Storm!« Wie sie droben stehen, liegt die weite Eisfläche bald völlig frei vor ihren Augen. »Vielleicht sind sie gerade von einem Großeis verdeckt!« »Schon möglich! Warten wir ab!« Der alte Jon starrt mit unbeweglichen Augen übers Feld, – tief liegen die Falten um seinen Mund. Er hat sofort erkannt, daß im Osten ganz neue Eisbanken angetrieben sind. Grobes, ungeschlachtes Eis zumeist, das vom Westen her gekommen sein muß. Die Bank, mit der sie treiben, ist die einzige, die hauptsächlich aus niederen Flacken besteht. Wie ein Keil hat sich das Schwereis dazwischen gezogen. Erst weit draußen am Horizont liegt noch ähnliches Eis, wie das, auf dem sie die Kameraden zurückgelassen haben. Weiß glinst es im Gegensatz zum Schweren, das in mattem Grün schimmert. »Wir müssen nach ihnen suchen, Alter!« Schweigen. »Das Eis setzt vielleicht wieder nach Westen, – sagtest du nicht, daß der Wind auf Ost wechseln kann – oder hat er bereits von dort eingesetzt? – – Wirklich, – der Wind kommt von der Ostecke!« Jon schweigt noch immer. Ja, der Wind wird das Eis wieder nach Westen treiben, – der Grönlandküste zu. Aber weiß man, wo er die Bank mit den vermißten Kameraden hintragen wird. »Da ist ja auch noch die Strömung!« sagt er schließlich, mehr zu sich selbst als zu dem andern. »Ja, da ist die Strömung – –«, wiederholt der Junge mechanisch. »Das heißt«, fährt er fort, – »das heißt – –« »Wir müssen unsern eigenen Weg machen«, beendet Jon seine Worte. Dabei schaut er den Jüngeren von der Seite an. »Vielleicht erreicht der Schiffer mit seinen Leuten eher Land als wir.« »Jörgen, Malte, Jens, Olav, der Maschinist – der Schiffer!« sagt Ragnar langsam ins Eis hinaus, als wollte er jeden einzelnen von ihnen zu sich heranziehen. »Ihre Aussichten sind nicht schlechter als die unsern –« »Sie werden uns verloren geben!« »Sie werden heute den Marsch zur Küste fortsetzen. Es hilft kein Suchen, – hier im Treibeis.« Storm hockt zu Ragnars Füßen und schaut scharf in die Ferne. Einen beobachtenden Blick sendet ihm der Alte hie und da hinüber, – aber in dem schwarzen Hundegesicht ist kein Zeichen von Erregung zu sehen. Nichts, das darauf schließen ließe, daß der Hund etwas Auffälliges bemerkt hat, – die Kameraden müssen weit weg sein. – »Drei Tage Drift im Eis! – Viele Meilen zieht das Eis in drei Tagen auseinander.« Er bekommt keine Antwort, der Alte. Ragnar ist weg mit seinen Gedanken. Bei den Kameraden. Bei dem Schiffer. »Flammensignale! Vielleicht könnten sie den Rauch bemerken?« »Zwei Liter Petroleum haben wir noch im Kanister! Wir können nichts davon opfern. Und woher nähmen wir Stoff oder Werg zum Brennen?« Wieder starrt Ragnar in die Ferne, dreht nach einer Weile sich nach Jon hin: »Schüsse! Signalschüsse – wieviel Patronen hast du noch, Jon?« »Schätze, es sind vielleicht achtunddreißig Schuß, mit dem, was ich noch im Sack verstaut habe.« »Zwölf Schuß habe ich«, macht Ragnar kleinlaut. »Wer weiß, wann wir wieder auf Menschen treffen, selbst wenn wir Land erreichen sollten. Und es hat keinen Zweck. Der Wind steht von dort, wo sie sich wahrscheinlich befinden. Sie werden nicht den kleinsten Laut vernehmen können. Schon bei Großfangtagen ist es selten, daß man die Schüsse der anderen Jagdgruppe hört und dabei ist doch die Entfernung selten mehr als einige zehn Kilometer. Kann sich um das fünf- und sechsfache handeln, hier.« »Wir müssen aufbrechen, Ragnar, – nach West!« fügt der Alte hinzu. »Können hier nichts weiter tun.« Und nach einer Weile: »Tausende hat das Packeis vor uns gefordert, – Menschen – wie du und ich. Hat kein Erbarmen, das Eis. – – Wir müssen heute den Marsch fortsetzen.« Ragnar denkt an die blonde Ingeborg, drunten in Norwegen. Was soll er ihr sagen von dieser Stunde, wenn sie fragt, wo ihr Vater geblieben sei. »Der Schiffer blieb mit den Kameraden zurück, während Jon und ich uns auf Fleischjagd entfernten. Es kam Schnee, – die Sicht war auf wenige Meter beschränkt – – wir sahen uns nicht wieder nachdem – – dein Vater, – Ingeborg, – dein Vater kommt nicht wieder zurück aus dem Wester-Eis. Björnsson ist gegangen mit dem ›William Butt‹, – der alte Olsen vom ›Polaris‹ ist so gegangen, – Schiffer Jenssen, – Hendriksen, – alle sind sie im Eis gegangen – – ja, nun ging auch dein Vater! – Schiffer Isachsen ist auch gegangen – – –« Ist es sicher, daß man überhaupt jemals in die Lage kommt, Ingeborg diese Erklärung geben zu müssen? Da ist der Marsch nach Grönland! Oh, – es ist bei weitem nicht sicher, daß man Ingeborg das alles auseinandersetzen muß. »Ragnar und der alte Jon sind auch gegangen.« Wohl wird es so heißen, im Herbst, drunten an der Küste. Sie verlassen den Berg. Voran der Alte, hinter ihm Ragnar, – zuletzt folgt Storm. Bald sind sie eingetaucht in das Gewirr des niedrigeren Meer-Eises, – hinter Blöcken treten ihre dunklen Gestalten ab und zu hervor, kleine Kämme, höher liegende Schollen sieht man sie entlanggehen, – dann sieht man wieder nur die Köpfe der Marschierenden, oder den Hund, der mitunter von den zweien wegrennt, kreuz und quer über die Schollen jagt, die Nase am Boden. In langen Zeitabständen erklettern Ragnar und Jon wieder ein hochragendes Eisstück, lassen ihre Blicke von Nordost nach Süd wandern, immer die Linie des Horizonts entlang, – müde klettern sie doch nach jedem solchen Halt wieder aufs flachere Eis. – – – Zwei Mann und ein Hund. Und Eis, soweit das Auge reicht. Der alte Jon stapft ruhig seinen Weg, hält manchmal, wenn strichweise das Eis zerklüftet und grob, schier unüberwindlich sich vor ihm aufbaut, die Schritte an und sucht die Umgebung nach einem besseren Weg ab. Weit hinten liegt ein Stück Großeis, – muß ein riesiger Berg sein, – der alles überragt. Das Ziel für heute! Weiter darf man nicht denken, – die Wunden müssen erst heilen, müssen erst viele Tage vergangen sein. Morgen wird Jon am Horizont wieder nach einem Stück Eis suchen, das sich durch seine Gestalt von den andern Schollen unterscheidet, – das Ziel für morgen – – für übermorgen. Um dieses Ziel läßt sich den ganzen Tag denken, kalkulieren. Noch fünfunddreißig Kilometer – – zwanzig Kilometer – acht sind es vielleicht noch! Oder: »gleich sind wir da!« Läuft einem schon das Wasser im Munde zusammen, wenn man daran denkt, wie bald der Primus brennen wird, – wie Fleischduft an einem vorbeistreichen wird – – oder Kaffeegeruch – »Nun sind wir bald soweit, Ragnar!« Aber Ragnar geht schweigend weiter. Wer weiß auch wie Jon, was man denken darf und was man von sich fernhalten muß. Jons Blut ist kühler geworden mit den Jahren. – – Das Eis liegt in schimmernden, langen Zügen, die beinahe unmerklich in einer spielenden Dünung sich gegeneinander verschieben. In den letzten Tagen strichen unerwartet Eishühner in leichtem, graziösem Flug am Lager vorüber, fielen in kurzer Entfernung davon ein und liefen mit hochgereckten Köpfen aufgeregt auf den Schollen umher. Heute begannen auch Alken aus den Wasserrinnen hochzutauchen, trieben plusternd ihr Spiel auf den glatten Wellen, bis Storm sie mit einem wütenden Gebell verscheuchte. »Nun ist es ruhig im Eis!« sagt Jon am Abend, als sie Lager machen. Ich habe selten solches Eis gesehen, – man würde nicht glauben, daß man im Wester-Eis sei, wenn da nicht der ›Polarulv‹ zwischen mahlenden Schollen verschwunden wäre. Und wenn nicht die andern fehlten.« »Zeichen von Land, die Vögel, die wir während der letzten Tage sahen. Sind nicht mehr so weit ab«, sagt Ragnar statt einer Antwort. Im Westen liegt ein fahlblauer Dunst, der teils noch von den Strahlen der Sonne, die nun weit im Norden steht, durchsponnen ist. Man ißt und kriecht in den Schlafsack nach dieser großen Unterhaltung. Morgen ist wieder ein Tag. Ein Tag, an dem zwei Leute und ein Hund nach Westen streben. Ragnar bleibt während des Marsches plötzlich stehen und wartet, bis der Alte seinen Abstand aufgeholt hat. »Wolken«, sagt er, deutet nach vorn. »Landwolken – das da vorn!« Jon stützt sich mit einer müden Bewegung auf seine Rifle, während er das sagt, beugt sich vornüber und blinzelt zum Horizont hin. – – –   Einmal mußte ja der Tag kommen, an dem es sich im Westen bewölkte. Aber diesmal künden sie nicht Sturm oder stärkeren Wind, die Dunstballen am Horizont. »Landwolken!« »Wir haben Land vor uns, Jon!« »Land, ja – – Land!« »Wir haben es geschafft, Alter – –« »Haben wir!« Dann bleiben die Lippen geschlossen. Darf man sich freuen, wenn hinter einem vielleicht ein Zug von sechs Männern, stummen Männern, geht, – mit hohlwangigen Gesichtern. Ein Trupp von Toten, die alle Land erreichen wollten, als noch warmes Blut in ihnen war, – wo sind sie? Leicht, daß sie heute, gerade heute, ihren letzten Kampf kämpfen gegen das Eis. Oder daß sie mit hoffnungslosen Augen diesem Kampf entgegensehen müssen. Leicht, daß der Schiffer in diesem Augenblick zu den andern sagt, daß der Kampf endgültig verloren sei. Daß jeder sterben sollte als echter Eismeerfänger, – als echter Norweger. Jons Maske ist versteinert. Und der Junge geht mit zusammengekniffenen Lippen, mit Fäusten, die sich mit krampfhaftem Griff um den Gewehrschaft schließen, daß die Knochen weißlichblau aus dem braunen Handrücken herausdrücken, voran. Das große Schweigen liegt über ihnen, geht in ihren Spuren.   Drei Tage noch hält sie das Eis. Am letzten rollt in der Ferne der Donner eines kalbenden Gletschers. Langanhaltend! In den Gebirgswänden eines Fjords verfangen. Riesige Wacken lassen ihren Wasserspiegel auf Kilometer hinaus erglänzen. Zu wilden abenteuerlichen Bergen türmt sich das Eis, das in den Stürmen der letzten Wochen an der steilen Küste sich vorbeigepreßt hat, wieder sich löste, – trieb, auseinanderriß. Es braucht viele Stunden, bis solch eine Wacke umgangen ist, und manchmal führt der eingeschlagene Weg noch ins Nichts, – die Schritte führen weg vom Land, – – streben wieder darauf zu, – hin und her. Aber dahinter stehen schroffe Berge aus schwarzem Gestein, mit Schrunden und Rissen, – breite Geröllhalden fallen zur See nieder. Dahinter ist das Land! Zwischen Schneefeldern sprießt schon junges, frisches Grün. Geschrei von Eissturmvögeln fliegt von steilen Felsgesimsen herab, unablässiges Reden und Zanken einer Kolonie von Tausenden und aber Tausenden der braun und grau gefiederten Flieger. Das ist Land, ja. Das Land trägt Leben in seinen Fugen. Leben noch in den nackten Felsspitzen, die in tiefhängende Wolken eintauchen. Spuren von Füchsen ziehen sich vom Strand aufs Eis hinaus, Hasenpfoten laufen in koketten Kreuz- und Quersprüngen zwischen Steinblöcken und dem vereisten Strand, – – und hier ist eine Herde Moschusrinder langgezogen. Breite, halbmondförmige Schalen haben sich tief in den Schnee eingedrückt. Der alte Jon beugt sich lange über die Spuren, – eifriger noch der Hund, der mit todernstem Gesicht die Nase in diese Stapfen steckt und plötzlich sich anschickt, nach Süden abzustreichen, hinter den Tieren. »He, Storm! Bist wohl nicht mehr ganz richtig im Kopf. Hierher, Storm!« Ein Wunder fast, daß Storm dem Anruf folgt. Mit einem unwilligen Jaulen mault er die Jäger bei seiner Rückkunft an. »Warum habt ihr mich nicht gehen lassen? Junges Moschusfleisch schmeckt besser als ein lederner alter Bär, von dem wir nun seit bald zwei Wochen leben.« »Storm – – bleib hier! Hock dich hin.« Diese unverständigen Zweibeiner! »Waren zwei Jungtiere und ein ausgewachsenes Kalb in dem Flock, der hier langgekommen ist. Ein schwerer Bulle in ihrer Begleitung. Doch mit dem ist keine Ehre einzulegen, – stinkt wie der Teufel, wenn er vom Blocksberg kommt, so nach einem tollen Hexensabbat, – jawohl! Aber die Jungtiere – Milch und Blut! – Leckerbissen. Wie Rennkälber einige Wochen nach ihrer Geburt! – – He, Storm, – hiergeblieben, du verdammtes Aas!« Jon ist auf Draht, sieht es aus. Jon ist ganz wieder der Alte. Jon vergißt eine ganze Welt, wenn er auf Wildspuren stößt. Da beginnt sein Blut zu kochen. Die Augen leuchten auf. Heißa! Ist das nicht etwas anderes, als mit schwergebeugtem Rücken übers Eis zu taumeln – Tag für Tag. – »Wird dich das Eis behalten? Wird es dich freigeben?« Weiterschreiten! Nacht um Nacht! »Heißt das leben?« Jon sieht schwere schwarze Körper durch den Schnee furchen, zwei junge Tiere halten sich dicht an der Seite der Mütter. Zottige Mähnen flattern im Wind. Ein Schuß knallt durch die Berge. Noch einer. Bestürzt galoppiert die Herde weiter. Häuten – aufbrechen – schlingen, zartes junges Fleisch. Nun, Storm kann auch seinen Teil haben. Nun – ja – – zartes junges Fleisch – – – Doch Ragnar starrt noch immer ins Eis zurück. Ragnar sieht nur den Strand, einen sandigen Streifen, den die ankommende Flut freigespült hat – die Grenze zwischen Land und Packeis, – ihm scheint, die Grenze zwischen Leben und Tod. Ragnar hat das Land, auf dem er steht, noch kaum gesehen, – bis auf den kleinen Streifen Strand, den er vor wenigen Minuten überschritt. Stunden kann es noch brauchen, bis der Junge seine Augen von dieser Linie losbringt. »Sie blieben zurück!« Ist es nicht, als flimmert ein hohles Gesicht durch den Strahlenkreis der Sonne. Vom Horizont ragt es bis beinahe hoch zum Zenit. »Sie sind tot. Alle!« »Hilft kein Philosophieren jetzt, Ragnar. Die Lebenden müssen die Toten vergessen – sie gehören nicht mehr zu uns. Sie gehören zu einer anderen Welt.« – – »Drüben am Berge können wir Lager machen, für die Nacht. Morgen sehen wir uns die Gegend etwas genauer an. Nördlich von Angmagsalik sind wir, – ein gutes Stück nördlich, soviel ich weiß. Aber mehr kann ich nicht sagen. Von See aus sieht sich eine Küste anders an als an Land.« Ragnar nimmt die Rückenlast vom Boden, ergreift die Rifle und steigt bergan, – hundert Meter höher, auf eine kleine Fläche, die so im Schutz der Berge liegt, daß ihre vordere Hälfte von den Frühjahrsstürmen freigefegt wurde, während sich nach hinten hoher Schnee in gewaltigen Wehen türmt, Schnee, in den mühelos eine Höhle für die Nacht gegraben werden kann. Man wird heute nacht wieder ein Dach überm Kopf haben. Eine richtige Hütte, mit Kojen aus festgestampftem Schnee. Morgen wird man sich die Gegend etwas genauer ansehen, – Moschusochsen! – – Jon liegt auf der Koje, eine oder zwei Stunden nachher. Was macht es, daß die Koje aus Schnee aufgebaut ist, – daß die Wände weiß glitzern. Es liegt sich weich auf dem Schlafsack. Und der Primus speit Wärme in die kleine Höhle, seitdem Jon das Einschlüpfloch mit einer dicken Platte Schnee vermauert hat. Fehlt nur der Priem, um das Leben hier oben gemütlich zu finden. Aber an seiner Stelle ist ja auch die Pfeife zu gebrauchen. Man muß sich in die Zeit des großen Tabakstreiks zurückdenken, der vor einigen Jahren über ganz Norwegen lag. Hockten da nicht die alten Seebären vor ihren Katen oder an Bord, auf der Ladeluke, und zerschnitten sich die Pfeifen, die sie im hintersten Spindwinkel noch vorfanden. Dichtgetränkt und vollgesogen mit Tabakssaft waren diese Pipen, wenn sie auch sauer schmeckten. Die klobigen Köpfe und die zerbissenen Stummel waren plötzlich wieder zu Ehren gekommen. Für eine alte Pfeife bezahlte man gut und gerne den Preis eines guten Pakets Tabak. Nicht etwa, um daraus zu rauchen, kaufte man sie. Zu feinem Pulver wurde sie verschrottet, mit Hammer und Messer, und dann schloß man die Augen im Genuß des Augenblicks, legte den Kopf auf die Seite und schickte Holzmehl und den darin eingetrockneten Saft in den Mund. Eine richtig braune Brühe gab das. Nicht anders als bei einem saftigen Priem. Der Tabakstreik hielt viele Monate hindurch an, und viele Pfeifen wurden in dieser Zeit zuguterletzt aufgefressen. Ein Glück, daß Jon den Tabakstreik selbst erlebt hat. Sonst könnte er jetzt hier sitzen und Trübsal blasen. Denn der Tabak ist alle geworden. Ragnar schaut mit schiefen Augen zu Jon hinüber, der mit dem Fangmesser kunstvoll seine Pfeife ausschlachtet und die kleinen, leicht zerbröckelnden Holzstück' chen zwischen den derben Pranken zerreibt. »So fängt das an, fängt meist im Kopf an«, denkt er. Oder hat er es gesagt? »Hast du etwas gesagt?« »Nein, Alter, – ich dachte man nur so!« beeilt sich Ragnar zu versichern, als er sieht, wie Jon sich die Backen vollstopft mit dem braunen Zeug. »Priemen! Aha!« Ja, das hatte seine Richtigkeit, was Jon tat. Vielleicht, daß man sich das überlegte. Nachahmte. Als die beiden am nächsten Morgen ihre Höhle verlassen, – ist es Morgen oder Mittag? Die Sonne steht im Norden. »Mitternacht!« Mehr als einen Tag haben sie geschlafen wie die Ratten, – achtundzwanzig Stunden in einem Zug! Als sie so ganz beiläufig ins Freie treten, rennt Jon schleunigst in die Hütte zurück. Ragnar, der eben die Arme in die Luft reckt, gähnend ins Licht tritt, zwinkert heftig mit den Augen, wirft den blonden Haarschopf nach hinten. »Walrosse!« Auch er ist wie ein geölter Blitz wieder im Höhleneingang verschwunden, greift im Vorbeigehen Storm am zottigen Nackenfell, mit der andern Hand nach der Rifle, die an der Schneewand lehnt. »Mensch, – Walrosse!« Mehr bringt keiner von ihnen über die Lippen, aber jeder ist im Handumdrehen mit der schußbereiten Büchse wieder draußen. Direkt vor der Nase liegen sie, die riesigen, plumpen Tiere. Gelb stechen ihre langen Zähne vom Eis ab. Grobe Hautwülste ziehen sich am Hinterkopf und über die Gliedmaßen lang. Eines der Tiere liegt halb auf dem Rücken, schlägt träge mit der rechten Vorderflosse auf und nieder. Das einzige Tier der Herde, das wach zu sein scheint. Aber es scheint seine Wache nicht sonderlich ernst zu nehmen. Was gibt es hier schon viel zu wachen. Ein Bär vielleicht, der sich an eines der Jungtiere heranmachen möchte? Ist kein Bär zu sehen. Wenn man so jede Viertelstunde einmal den Kopf ins Wetter hebt und die Gegend absucht, – – das genügt. Auch ein Bär wird es sich lange überlegen, bevor er sich mitten in die Herde wagt, und das muß er im Falle eines Angriffs, denn die Jungtiere liegen zwischen den Alten. »Aus Walroßhäuten kann man sich tüchtige Hütten bauen«, stellt Jon fest, während er neben Ragnar langsam hinter einem kleinen Hügel zu Tal pirscht. »Aber wir müßten mehrere der Tiere dazu haben. Unsere Munition dürfen wir nicht so leicht ausgeben, – Harpunen haben wir nicht. Müssen uns mit einem Fungen begnügen. Oder mit einem der mittleren Tiere. Fleisch. Die Haut kommt erst in zweiter Linie.« Nach einer Weile sind sie am Strand angelangt, kriechen. Es ist ja nicht sehr schwer, Walrosse anzupirschen. Immerhin, – durch einen Zufall könnten die Tiere doch aufmerksam werden und abziehen, ehe ein tödlicher Schutz angebracht ist. Denn die Kugel muß haarscharf in dem kleinen Auge sitzen und ins Gehirn einfahren. Alles andere wäre nutzlose Arbeit und Materialvergeudung. »Nun, wir sind hier in einer verdammten Situation«, erhebt Ragnar Einspruch gegen Jons Anordnung. »Eines der Tiere müssen wir haben. Also nimmt jeder eines von ihnen aufs Korn. Einen Bullen und ein Jungtier. Storm ist auch noch da. Storm wird in ein paar Wochen mit einem Jungen glatt fertig. Jawohl. Ein älteres und ein Jungtier.« Jon ist schon in Feuerstellung gegangen. Er wird den Jungen zur linken Seite des wachhabenden Bullen nehmen. »Schön, das Wachttier liegt nicht gut. Aber etwas weiter links davon – sieh mal hinüber!« – – Da liegt ein Bulle, der mit blinden Augen einem geradenwegs in den Büchsenlauf sieht. Ragnar kriecht eine kleine Spanne abseits, damit er die Kugel auch mitten ins Gehirn anbringen kann. Nun kriegt es der Wachthabende plötzlich mit Ahnungen zu tun. – – »Es könnte doch etwas in der Nähe sein.« Schwerfällig klatscht er auf die andere Seite, richtet ruckartig den Kopf hoch. Die Stoßzähne stehen schief aus dem bärtigen Maul. »Na, – – Feuer!« sagt Jon gemütlich, – »Zack, – Zack!« krachen die beiden Büchsen. – – »Ehe sie uns durch die Lappen gehen«, beendet der Alte den angefangenen Satz. »Siehst du, – die haben was kapiert, haha, – aber die beiden liegen fest, – der Kleine und der Große.« In einigen langen Sätzen ist Jon bei dem gefällten Bullen, der im Feuer auf die Seite getorkelt ist und immer noch, begreiflicherweise etwas erregt, mit den schon kraftlosen Gliedmaßen versucht, in eine normale Lage zu kommen. Einmal, – zwei-, dreimal springt der Jäger an das todwunde Tier heran und senkt ihm das lange Messer in den dicken Hals, daß das Blut lochend in den Schnee sprudelt. Jedesmal ist er jedoch besorgt, nicht in die Nähe der Hauer zu geraten. Nach dem letzten Stich senkt der Bulle endlich den Kopf hintenüber, legt sich mit einem Grunzen, das aus der durchstoßenen Kehle sägt, seitwärts. »Einer davon hätte genügt. Wäre allerdings eine schöne Schweinerei gewesen, wenn sie uns alle ausgekommen wären. Gute Arbeit, die wir noch zu erledigen haben. Schätze, brauchen zwei Tage, bis wir so einigermaßen mit dem Ertrag dieser Jagd aufgeräumt haben.« Prustend tauchen in der kleinen Wacke Köpfe aus dem Wasser. Stoßzähne, plumpe Köpfe, tauchen ab, kommen wieder hoch. Die Wellen schwappen in der heftigen Bewegung der schweren Körper am Eis entlang. Eine Kleinigkeit wäre es, noch ein paar Zentner Fleisch auf Vorrat zu schießen. Aber die Munition. Zwei Schüsse weniger. Das ist schon eine fühlbare Abnahme. Keine der Kugeln, die die Jäger mit von Bord gerettet haben, darf mehr ein Ziel verfehlen. Nicht eine der runden Bleispitzen darf auf Eis oder auf Stein prallen. »Nun – hau schon ab!« ruft Jon einem schnaubenden Bullen zu, der senkrecht im Wasser steht und zum Schlachtfeld hinüberstarrt, auf dem die Angehörigen seiner Sippe verbluten. »Gibt hier nichts mehr zu tun.« Langsam sinkt das Tier unter Wasser, um ein paar Augenblicke später an einer anderen Stelle, etwas entfernt, wieder aufzukommen. Erst als Storm mit einem Wutgeheul auf ihn zustürmt, in Sätzen über die dicht beieinander liegenden Schollen hinweg, zieht er sich zurück, verschwindet mit einer hastigen Bewegung unter Wasser. Da war nun wieder frisches Fleisch, köstliches Fleisch! Das Bärenfleisch ist ja inzwischen schon etwas schmierig geworden auf der Oberfläche, die Fasern weich und geschwollen. Hundefraß! Die Beute muß an Ort und Stelle zerlegt werden. Allein das Zungtier hat schon seine guten zwei Zentner. Ein Transport ist da ausgeschlossen. Sogar die Haut des Jungen würde einem kräftigen Mann zu schaffen machen. Nun, es strahlt die Sonne. Schön arbeiten, wenn die Sonne am Himmel steht. Am Ende sind die beiden allerdings vollkommen erschöpft. Kaum, daß sie noch Zeit zum Essen finden. Und nachdem pennen sie, als ob sie in den Tod hinüberschlafen wollten. Aber da ist nun wieder Fleisch, – Fleisch ist Leben. Und der Boden der Höhle ist mit einer Walroßhaut gepflastert. Warm und behaglich. * * Sie blieb der erste Aufenthalt, – die Hütte, – die Höhle, – wollte ich sagen. Nach und nach hatte sie sich doch bald zu einer Hütte ausgewachsen. Ganz wie die Gelegenheit es gab. Ein Stück Treibholz – das war bereits mehr als ein Baustein. Damit konnte die Decke abgestützt werden, die in den ersten Tagen schon sich langsam nach unten durchdrücken wollte. Ein Guckfenster war da, – um vorbeiziehendes Wild beobachten zu können. Mit einem Stück Eis war es leicht zu schließen, wenn die Temperatur zu weit unter den Strich sank. Der Innenraum war in der Zwischenzeit schön viereckig geworden. Kristallpalast. Nun, das ist vielleicht nicht das richtige Wort. In einem Palast ist Fest, Freude, – Gemurmel von Menschenstimmen. Das war hier nicht so. Nein, – hier war keine Freude. Seit bald einem Monat nicht mehr. So lange war es schon, daß Ragnar auf seine Worte keine Antwort mehr erhielt, –vielleicht, daß mal Storm etwas dazwischen sagte, wenn Ragnar leise vor sich hin sprach. Aber auch Storm war schweigsamer geworden. Auch Storm schien die Spannung der großen Einsamkeit nicht zu ertragen. Oder war es so, daß sie ihn rief, die Einsamkeit, daß er weiterziehen wollte in die unübersehbaren Schneefelder, zwischen schlafenden Bergriesen hindurch und weiter, weiter, zu Stätten, wo Hunderte von Schlittenhunden um kleine Torf- und Schneehütten herum sich balgten und hetzten. Menschen wollen zu Menschen, wohl – – Hund zu Hund. Es war oft nicht leicht für Ragnar, zu sehen, wie der Hund klagend vor der Hütte hockte und sich die Kehle wund heulte, bis das vordem volle Geläut zu einem kläglichen, abgehackten und rasselnden Schluchzen wurde. Durchaus nicht leicht. – Du sagst, – – »es ist doch nur ein Hund! Nun – es ist ein Hund!« Aber wenn ein solcher Hund zu deinem einzigen Kameraden geworden ist, so beobachtest du sein Gesicht und sein Gebaren so genau und ebenso gespannt wie etwa das deines einzigen Freundes oder einer Frau. Und nicht nur mit dem Interesse, das du ihm innerhalb der bewohnten Zonen, der menschlichen Wohnungen, zuwenden würdest. Der Hund hat dein Interesse in gleichem Maße wie ein Mensch, in der großen Einsamkeit. »Guten Morgen, Storm!« sagt Ragnar zu ihm. Der Hund öffnet das Maul zu einem räkelnden Gähnen, klappt es wieder zu, daß die Fänge aufeinanderkrachen, – – nun, Storm hat gute Laune. Müssen erst die Gedanken eines ganzen langen Tages kommen, das lange Nachdenken während vieler Stunden. Schließlich hat er dann die gute Laune verloren. Aber so, wie er frisch aus seiner Traumwelt kommt, von lustiger Hetzjagd zurück – – vielleicht hat er sich auch mit Gespielen fröhlich geprügelt, – nun, da hat Storm selten Grund, gleich beim Frühstück zu knurren, – ich meine, – böse zu knurren. Mit der Rute wedelnd kommt er auf Ragnar zu und streift ihm das dicke, weiche Fell an den Waden längs. »Ja, ich bin dein Freund. Brauchen wir nicht beide ein wenig Zärtlichkeit. Ein wenig Streicheln tut gut, – ja, – nicht wahr?« Das war das einzige Gespräch am Tag, das die beiden für gewöhnlich zusammen hatten. Bis heute. Auch der Hund war schweigsamer geworden, – ein anderer, – seit der alte Jon fehlte, wenn es zur Jagd ging oder wenn Ragnar den Inhalt der kleinen Bratpfanne verzehrte. »Alt genug bin ich«, hatte Jon gesagt. »Und das Sterben ist ja schließlich ein Teil des Lebens. Es gehört zum Leben wie das Stück Fleisch, das wir täglich brauchen. Gerade so.« Nun war Jon immer ein Besonderer gewesen. Klar, daß er auch besonders sterben mußte. Mit seinen seltsamen Worten und den Gedanken, wie er sie immer schon in seinem grauhaarigen Kopf hatte. Als er schon hart an der Schwelle war, – es gab kein Zurück mehr – –, hatte er plötzlich aufgelacht, als stünde er am Eingang zu einem Tanzsaal und hätte ein hübsches Mädchen entdeckt unter dem Gewimmel von bunten Nocken und Feiertagshosen. – »Ja, der alte Beisar, das war ein Kerl, der! Pelzjäger auf Svalbard – und der Beste, der je vom Himmel kam, um den Eisbären und Renntieren auf Spitzbergen das Genick umzudrehen, – ein Jäger, nun – es gibt eben nur einen Beisaren. Er kam also mal zu zwei Fängern auf Besuch, die an der Nordküste, – beim Verlegen-Hook herum, überwinterten. Gerade, daß er sie noch am Leben antraf, denn sie lagen beide in der Koje und waren dabei, am Skorbut zu sterben.« Der alte Jon richtete dabei seinen Kopf mühsam etwas höher vom Lager und hustete angestrengt, daß sein bläuliches Gesicht dunkelbraun wurde vom Blut, das ihm in die Schläfen stieg. »Ja, aber ich muß dir das erzählen«, fuhr er fort, als der Anfall vorbei war. »Sie wollten also sterben, die beiden. Der eine war schon halb weg – der andere wußte: Aha, jetzt ist es bald an der Zeit. Da stieg der alte Beisar über die Türschwelle ins Hütteninnere herein und sah mit einem halben Auge schon, was hier gespielt wurde. Er hatte schon manchen Fänger durch den verdammten Skorbut verloren.« Das sagte Jon, als hätte er sich etwa den Hals erkältet, und wartete nur darauf, daß der Arzt ihm sagen würde: »Na, Jon, kannst jetzt wieder den Umschlag wegnehmen von deinem Adamsapfel, – hat sich alles wieder eingerenkt mit deiner Zunge.« Und Jon lag doch keuchend in der Koje und merkte, daß er bald kein Glied mehr rühren könnte, daß es mit ihm zu Ende ging. Jon starb auch am Skorbut. »Ja«, hüstelte er, und schob zwei Finger hinter den Schal, um sich Luft zu machen, weil ihm die Zunge dick wie eine frische Semmel im Mund lag und den Atem nicht vorbeilassen wollte, – »der Beisar ging also zu dem einen hin, der schon so gut wie fertig war, und lugte mit seinen kleinen Schlitzaugen in den Mund. Was er da sah, war durchaus in Ordnung, wenn der Kerl schon am Skorbut sterben wollte. Alles war da, was zu einem richtigen Skorbut gehört, – er fühlte nach den Zähnen, – sie hingen noch so von ungefähr an den Nerven fest. Haha, – der alte Beisar war ein Witzbold! Er konnte es nicht lassen, zu dem einen zu sagen, – nun ja, es sei doch schade, wenn er in seinen besten Stiefeln stürbe. Es sei so schwer, von den steifen Beinen eines Toten die Stiefel abzuziehen. Ob man ihm die Stiefel nicht rasch von den Füßen nehmen könnte? – Der eine antwortete ihm jedoch nicht wieder. Denn er war inzwischen gestorben; da wandte sich der Beisar zu dem zweiten und meinte gleichmütig, daß er auch für ihn schon einen schönen Platz gesehen hätte, während er zur Hütte gekommen sei. Einen schönen Platz! Viele große Steine in der Nähe, mit denen man ein Grab wirklich ordentlich zudecken könnte, damit nicht etwa ein Eisbär ihn wieder aus der Erde holen konnte. Er läge jetzt ganz sicher an der Stelle, die er für ihn ausgesucht habe, wohl, wohl, – hoffentlich gefalle ihm dieser Platz. Oh, verdammt! Hatte der Alte ein Temperament!« Er war damals so alt wie jetzt Jon. »Wo der alte Beisar am Ende geblieben ist, weiß kein Mensch! Er kam eben nicht wieder nach Longyearbyen zurück, um dort Proviant zu holen, wie es seine Gewohnheit war. Zwei Jahre nicht, – zehn Jahre blieb er schließlich weg. Da mußte schon was Ernsteres vorgefallen sein.« »War keiner, der wieder etwas von ihm hörte.« Jon lachte leise in sich hinein. Aber das schien ihm nicht zu bekommen, denn er schüttelte sich plötzlich wieder in einem neuen Anfall. Der Tod griff immer fester um seinen Körper, an die schmerzenden, geschwollenen Beine. – – – »Halt gut durch bis zum nächsten Sommer, min Jung – und grüß die andern –«; es machte ihm schon Mühe, so viel zu sagen, seine Finger krallten sich in den langen, strähnigen Haaren einer Moschusdecke fest, spielten zitternd über die Wand aus Schnee in seinem Rücken, – und die gelblichen Augen suchten die des Jungen: »Ja, grüß das liebe alte Norwegen. – – Gib mir die Hand!« Darnach hatte sich die gleichmütige Maske des Todes über sein faltiges Gesicht gebreitet. – – – Ragnar schaut unwillkürlich durch das offene Türloch nach draußen. Eine Warte steht auf der Höhe eines kleinen Hügels. Aus schweren Steinplatten erbaut. »Hier wohnen Menschen!« ruft diese Warte, – oder, »hier wohnt noch ein Mensch!« Wenn ein Boot im nächsten Jahre den Fjord anlaufen sollte, wird diese Warte der Besatzung den Weg weisen zu einer kleinen, zusammengesunkenen Hütte oder einigen zerstreuten Balken, – Knochen von Tieren werden darunter und daneben liegen und vielleicht das Gerippe eines Menschen – der Mensch hat früher mal Ragnar geheißen. Der andere, den Ragnar unter der Warte begraben hat, – das war Jon. Ein Eismeerfänger – einer von den Geraden, Aufrechten. Einer von denen, die sterben konnten, wenn es notwendig war. Man kann so denken; man kann sich die Zukunft so malen. Und sie wird wohl nicht viel anders sein als so. Denn da steht die lange Nacht vor der Tür. Die Nacht, – vier Monate senkt sie sich auf Grönlands Eiswüsten hinab. Liegt schwer und schwarz über den Felsen und Gebirgen. Schon jetzt beginnen die Flüsse zu versiegen, – vereisen in der Zeit der Dämmerung um die Mitternachtsstunde. Wenn der September zu Ende ist, wird kein Tropfen Wasser mehr in der freien Natur zu finden sein. Alles erstarrt, alles tot, und die Herbststürme werden die Nächte durchheulen. Wie hatte Jon gesagt? Landeinwärts gehen! An einen geschützteren Platz. Mehr Tiere seien in der Tiefe des Fjords, an dessen südlichem Kap sie die Küste erreicht hatten und der sich vielleicht Hunderte von Kilometern landein hinziehen mochte. Die Berge fielen steil ab zur See, – zu ihren Füßen trieb das Packeis, staute sich in Wülsten und kleinen Gebirgen. Das war kein Weg nach drinnen. Hinter der Hütte stieg jedoch der Berg bis zu tausend Metern hoch in die Höhe. Was dahinter lag? Was sein Kamm verbarg? War das der Weg? Zur Überwinterung reicht das Material, das an der Küste liegt, nicht aus. Wenn die Winterstürme erst die Küste reinfegen, ist es zu spät, einen günstigeren Ort zu suchen, eine neue Hütte zu bauen. Treibholz ist auf Grönland nicht so häufig zu finden, wie es nach Jons Schilderungen an der Spitzbergen-Küste vorhanden ist. Ragnar hat nun schon manchen Gang gemacht. Nach Hause brachte er kaum ein paar Planken. Das macht wohl der starke Eisgürtel an der Ostküste, daß hier so wenig Material zu finden ist. Eigentlich treibt ja derselbe Strom, der auf Spitzbergen Holz absetzt, auch hier vorbei. Kann sein, daß er alles Holz auf Spitzbergen zurückgelassen hat. Die Möglichkeit, genügend Material zum Hüttenbau zu finden, ist gering. Schon deshalb müßte man weiter in die Tiefe des Fjords eindringen, – wo die Strömung ruhiger wurde, wo die Stämme schön gemächlich den flachen Strand hinaufrollen konnten und nicht so leicht bei starkem Seegang wieder loskamen.   Das erste, was Ragnar ins Auge fällt, als er den jenseitigen Hang des Berges über wirr und schroff hingeworfene Granitquader hinabsteigt, ist ein Kreis von mittelgroßen Steinen, die in etwa zwanzig Meter Entfernung vom Ufer liegen. Gerade so groß, daß ein kräftiger Mann sie heben kann, sind diese Steine. Die Erdfläche, die sie umschließen, liegt etwas tiefer als die äußere Umgebung. Aber das Gras wuchert in der Mitte des Steinkreises nicht weniger als draußen. War lange her, Jahrzehnte vielleicht, daß über dieser Kreisfläche ein Zelt gestanden hatte. Denn hier waren Eskimos gewesen, – kein Zweifel! Ragnar hatte schon als Knabe die Berichte Nansens, des großen Norwegers gelesen, – er entsann sich deutlich, – solche Steinkreise hatte er darin schon gesehen. Ein Sommerzeltlager! Vor vielen Jahren. War seltsam, wie die Vergangenheit manchmal an uns herankam. Tausend Jahre drunten in Europa, – das war nichts. Man konnte mit diesen tausend Jahren nicht viel anfangen. Aber diese zwanzig Jahre, die vergangen waren, seit hier ein Eskimo seiner Familie eine primitive Bleibe errichtet hatte, – die zählten. Unmittelbar kamen sie an einen heran, – der Eskimo kam, die Harpune in der linken Hand, über die Schulter eine erlegte Robbe gehängt, – er kam von der Jagd zurück und lief an einem vorbei, – verschwand im Zelt. Die Hunde kläfften und sprangen, weil sie nun bald Fleisch bekommen würden. Das war Geschichte. Hier waren Wesen gegangen, – die ersten menschlichen Wesen, die Ragnar auf Grönland traf. Jawohl, es ist so gut, als ob er mit ihnen geredet hätte, – heut oder vor zwanzig Jahren. Das hat kaum soviel zu sagen für Ragnar – – konnte ebenso sein, daß für Fahrtausende kein Mensch diese Küste betreten hatte. Bald ist es, als käme Ragnar nach einer langen Wanderung an die ersten Vorwerke einer Farm, die irgendwo in Norwegen stehen konnte. Man konnte sich leicht vorstellen, daß nach diesem Steinring weitere folgen mußten, – solche, in denen noch Leben war. Ein ganzes Zeltdorf, in dem lustiges Treiben herrschte, Hunde umherrannten, und Frauen, Männer in Gruppen zusammenstanden, während sie die Ereignisse des letzten Jagdtages besprachen. Mit solchen Gedanken setzt Ragnar seinen Weg fort. Es ist besser, dabei zu gehen, als wenn einem ständig das graue Unbekannte entgegenspringt und die Gedanken immer bei diesem Unbekannten haltmachen müssen. Hinter einem großen Stein breitet Ragnar am Abend seinen Schlafsack aus, schläft ein, – die Büchse in Griffweite. Storm schnuppert noch hier und dort in dem niederen Gras und den Flechten herum, die an den schneefreien Stellen wachsen, – legt sich dann neben dem zweibeinigen Kameraden nieder, hellwach. Storms Gedanken gehen nicht in derselben Richtung wie die seines Herrn. Er hat nur unwillig sich zu der Rast herbeigelassen. Überall, in der Luft und am Boden sind Dinge, die Storms Nase reizen und seine Phantasie wecken. Überall sind Tiere gegangen. Und darunter war eine Spur, die durchaus nicht feindlich duftete. Auch nicht von jagdbarem Wild herrührte. Es war beinahe, als wäre er selbst vor ein oder zwei Tagen hier gegangen. Und zuerst war er sogar der Täuschung erlegen. Allerdings nicht länger als für einen Augenblick. Vielleicht ist es das, daß der Hund nun von Zeit zu Zeit den Kopf hebt, die Luft prüfend in die Ferne schaut. Als Ragnar sich nach ein paar Stunden von seinem Lagerplatz erhebt, springt der Hund wie erlöst auf. Wie ein Strich ist er weg, – im Geröll verschwunden. Storm liest im Buch der Landschaft, – längst Vergangenes sieht er wiederkehren. Da ist ein Polarhase um sein Leben gelaufen, hinter ihm war der Fuchs. Und auf einer kleinen Erhebung, die nach allen Seiten hin ausreichende Sicherung gab, hat ein Moschusbulle seine Mittagsrast gehalten, während unter ihm ein Flock Kühe sich dem Genuß des Wiederkäuens hingab. Storm ist es auch nicht entgangen, daß in der Nähe des Liegeplatzes des Alten sich wieder die Spur von gestern zeigte. Eine Spur, als wäre sie von seinesgleichen. Storm hat noch keinen Wolf gesehen. Er war noch sehr jung, als er von der Ostküste Grönlands die Reise übers Meer machen mußte, – und seine Mutter hatte ihn immer in ihrer Nähe und bei den Hütten der Menschen gehalten, bis er erfahren und kräftig genug sein würde, um sein Leben gegen die älteren Artgenossen zu verteidigen, die sich nicht scheuten, die jungen Welpen aufzufressen, wenn gerade Hungerszeit war. Und wann waren sie nicht hungrig. War nicht gerade ein Wal harpuniert worden, daß es Fleisch in unbegrenzten Mengen gab, so daß es geschah, daß mancher der ausgehungerten Gesellen, denen die Rippen aus dem Pelz standen, sich dabei zu Tode fraß in seiner wilden Begier oder weil er glaubte, daß er nun für viele Tage gesättigt wäre, – nun, dann waren die Zeiten schlecht. Eine Herde von etlichen vierhundert Hunden will gesättigt sein! Was nützt es da schon, wenn einige Seehundsdärme nach gelungener Jagd aus einem Iglu, der Hütte des Eskimos, herausfliegen. Der schnellste und kräftigste schnappt sie auf und hat sie schneller als ein Blitz in seinem Magen untergebracht, – denn sein Gebiß braucht er zur Verteidigung gegen die hungernden und neidischen Kameraden, die mit schlaffen Bäuchen dabeistehen und zusehen müssen, wie einer von ihnen sich sättigt. Nein, man hat nicht Zeit, auch nur den armseligsten Fetzen von einem zerrissenen Mokassin zu zerkauen und zu genießen, bevor man ihn hinunterschluckt. Da sind sofort die andern hinter einem her. Wenn sie indessen sehen, – aha, was dieser oder jener eben aufgefressen hat, – das ist schon im Magen gelandet, – – es sieht dann jeder ein, daß es zwecklos ist, in einem solchen Falle noch anzugreifen. Es sei denn, daß der Angriff mit der Absicht erfolgt, den andern mitsamt dem Bissen, den er eben übergeschluckt hat, aufzufressen. And ein solcher Angriff findet leicht willige Teilnehmer. Aus einer solchen Schlägerei hatte ihn seine Mutter mal herausgeholt, als er eben aus reinem Mutwillen einen alten, weißen Hund anspringen wollte, der in der Nähe stand und dessen Augen glühten wie Kohlen. Das sei ein gefährlicher Hund, – hatte ihm die Mutter bedeutet. Er sei von denen, die niemals vor einem Schlitten liefen und nicht unter den Befehl der Eskimos sich stellten. Herumlungerer seien sie, die ohne Heimat und Familie die weiten Ebenen und Gebirge durchstreiften, von den Menschen verfolgt und gehaßt, weil sie nicht davor zurückscheuten, selbst den Herrn der Schöpfung zu töten. Die großen weißen Hunde Grönlands. Er sollte sich hüten vor ihnen. – – War das einer der Weißen, der hier gegangen war? Oder waren sie nun in der Nähe eines Dorfes? Storm läuft gedankenvoll weiter –. Ragnar schreitet ohne Aufenthalt, gönnt sich nicht Zeit, etwas in seinen kullernden Magen zu füllen. Man kann ja damit bis zum Abend warten, bis zur Nachtrast. Er geht immer in geraden Linien voraus. Peilt einen Punkt, eine Bergspitze an, und marschiert, klettert und strauchelt vorwärts. Hat er den Zielpunkt erreicht, macht er einen neuen aus, tiefer im Fjord, der in vielen Windungen lange schon vor seinen Augen liegt, sich nach Süd und Nord verzweigt, viele Inseln umschließt. Der Rückweg! Es gilt, sich die überschrittenen Punkte einzuprägen, um den Rückweg zu finden. Notdürftig fertigt er sich eine kleine Skizze der Landschaft an, die die Orientierung erleichtern soll. Storm hockt dabei neben ihm und schaut verständnislos den Fetzen Papier an, auf dem Ragnar die Küstlinien des Fjords und seine Anmarschroute einträgt. Das bedeutet doch nur einen unnützen Aufenthalt! Was soll das schon? Endlich geht es weiter. Nicht lange. Diesmal ist es Storm, der eine Pause einlegt. Ragnar steht interessiert still und betrachtet den Hund, der mit hohem Kopf und windender Nase nicht weit von ihm steht. Storm macht ein paar Schritte zurück, langsam und bedächtig. Keine Spur von Erregung! Dann läuft er zehn Meter abseits. Bleibt wieder stehen. Immer die Nase schräg in der Luft. Drauf kommt er auf Ragnar zu, als wollte er bei ihm Rat holen. Steht dicht neben ihm und hebt wieder die Nase. Schaut angestrengt nach vorn derweil. »Na, Storm! Was ist schon los? – Ist Wild da vorn?« Storm winselt leise. Schaut zu dem Jäger auf, als er dessen Worte vernimmt. Schlägt mit der Rute im Kreis. »Ist doch kein Wild«, überlegt der Junge. Storm zeichnet anders, wenn Wild überm Wind ist. Kaum zu halten ist er in einem solchen Falle. Hört nur ungern auf einen Befehl. »Nun, ich weiß nicht, Storm! Irgend etwas wird schon los sein vor uns. Gehen wir weiter!« Storm bleibt hinter dem Fänger zurück, als müßte er immer noch überlegen. Als müßte er erst zu Ende kommen mit seinen Gedanken. Dann trottet er gemächlich dem Vorausschreitenden nach. Der Wind streicht langsam aus der Tiefe der Bai heraus. Er fällt über einen leuchtenden Gletscher aufs Baieis hinunter, schmiegt sich den Windungen des Fjords entlang, kehrt jede Ecke desselben aus. Im Wind liegt das Seltsame, das Storm Kopfzerbrechen macht. Ein schwacher Duft von etwas Bekanntem, Vertrautem. Storm steht erstaunt still und blickt dem Fänger nach, der plötzlich in einigen großen Sätzen vorauseilt, einer kleinen Anhöhe zu, sich niederbückt. Mit ein paar Sprüngen jagt er hinter ihm her, ist an seiner Seite. Ragnar hält einen Gegenstand in den Fäusten. Eisen! Kreisrund gebogen. »Da ist der Duft!« denkt Storm! »Ja, das ist der Duft, der im Wind lag.« Ragnar steht, als hätte er einen Schock bekommen. Seine Hände umklammern zitternd das Stück Eisen. »Das ist – – das ist ja – – –« mehr kriegt er nicht heraus. Er hebt die Augen von dem Gegenstand und sucht die Umgebung ab, dunkelrot im Gesicht. Storm kriecht zur Seite. Man wußte nie, was geschah, wenn ein Mensch diesen Ausdruck in seine Augen bekam. War das nun Wut? Hatte er irgend etwas falsch gemacht? Der Hund kriecht zur Seite. Man weiß nie! »Storm! Storm! Weißt du, was das ist?« ruft Ragnar und hält das Eisen hoch. »Weißt du, was das ist?« Aber Storm kriegt es jetzt endgültig mit seinem Gewissen zu tun. Er klemmt die Rute ein und zieht noch weiter abseits. »Storm! – – Eine Fuchsschere ist das! Eine Fuchsschere. – – Weißt du, woher sie stammt? Sieh mal her, da steht es. ›Made in Sweden! – – Made in Sweden!‹ – – Junge, Junge! Made in Sweden!« Mit hastigen Schritten schiebt der Jäger los, nachdem er diese eindrucksvolle Rede gehalten hat. Storm in passendem Abstand dahinter. »Das ist ja, – Junge, – – das ist ein Glück! Ist das ein Glück! Jon! Jon! Sieh mal – – ach so, – – Jon! – – – jaha!« Weiter! Ragnar sucht das Haus, das zu dieser Schere gehört. Die Hütte. Zwanzig Kilometer, vierzig Kilometer! Ist das schon eine Entfernung, wenn man eine Hütte sucht? Sie muß drunten am Wasser liegen. Fanghütten liegen niemals zu weit ab vom Strand, der Boote wegen und wegen des Transports von Holz und Winterproviant, welch letzterer allein schon viele Zentner ausmacht. Man muß zum Ufer hinabsteigen, der Strandlinie folgen, – »eine Hütte!« »Menschen. Norweger vielleicht. Eine norwegische Überwinterungsexpedition. Norwegische Fänger. Vielleicht auch Schweden!« Ragnar läuft die Berglehne hinab, – zum Ufer, – eilt mit langen Schritten über Steine und Eisklötze; eine Windung nach der anderen nimmt er, nimmt die letzten hundert Meter im Laufschritt, wenn er um eine Ecke biegt, die die Sicht freigibt ins nächste Tal, über den nächsten Fjordarm, – – vier, fünf Stunden. Was macht es, daß er seine Kräfte bis aufs äußerste heranholt. Eine Hütte, – – Menschen! Was macht es, daß die Müdigkeit ihm bleiern in den Waden schwingt? – Ist es wert, überhaupt daran zu denken, daß man müde werden kann? »Ho, mein Jung! – – Menschen!« Ragnar hat richtig gerechnet. Wie er wieder mal um eine Ecke biegt, liegt da eine Hütte. »Ja, das muß eine Hütte sein, – das muß sie sein!« Auf einem Vorsprung, einer Zunge, die in den Fjord hineinläuft, steht sie. Nun sieht man deutlich die Konturen des Daches. Ein richtiges Spitzdach. »Menschen! – Man sieht keinen Rauch.« »Was macht das schon? Wenn der Ofen nicht mehr brennt, sondern nur noch die Asche glüht, steigt kein Rauch mehr aus der Hütte! Man sieht dann keine Rauchfahne aus dem Schornstein steigen.« Einen Blick auf Storm nebenan. Der Hund hat wieder seinen ungewissen Blick, als sei ihm irgend etwas nicht klar. »Hus, – Hus, – Storm, lauf man los! Hus! Ein Haus!« Aber Storm bleibt stehen, sieht sich nach rückwärts um, ins Leere. Ragnar hastet weiter. Nach zwei Kilometern tritt die Hütte deutlicher aus ihrer Umgebung hervor. Sogar Storm schiebt unvermittelt mit einem freudigen Heulen los wie ein Sturmwind. Mit zuckenden Lippen folgt ihm Ragnar. Die letzten achthundert Meter geht das Rennen in Schritt über, – man darf nicht außer Atem zu einer Hütte kommen. Was sollen die Männer, die dort wohnen, denken? Jetzt ist schon der Türeingang und das kleine Fenster an der kurzen Wand zu erkennen. »Teufel, Teufel – – hast du nicht Glück gehabt, – – eine Hütte zu finden?« Die Heimat ist um tausend Meilen nähergerückt. Man wird vielleicht die Heimat wiedersehen, – man wird Ingeborg wiedersehen. »Teufel!« Dann ist er bei der Hütte, – – schiebt den schweren, ungefügen Riegel zurück. Ächzend weicht die Tür nach innen. Ein kleiner dunkler Gang. Eine zweite Tür, – muffige Luft schlägt ihm entgegen. Die Luft, die ein Jahr ausgesperrt war von der Atmosphäre. Ein Schritt zum Ofen, verrostete, zerschlagene Ringe – kalt, verrußt. Zu seiner Seite steht noch ein Blechteller am Boden, ein paar Speisereste – hartgefroren. Hier kam nie die Sonne hin. Das Fenster ist von innen und außen verschalt, mit einer starken Brettschicht bedeckt – – hier waren keine Menschen. Eine verlassene Hütte war hier. Seit langem verlassen. Storm steht immer noch vor der halboffenen Tür, schnuppert mißtrauisch in der Luft, hält seine Augen wachsam ins Hütteninnere gerichtet, wo Ragnar sich umherbewegt. Der Mann drinnen geht zum kleinen Fenster, stemmt das Messer zwischen Wand und Verschalung und reißt das Deckbrett los. Dann entfernt er auch den Verschlag von außen. Das Tageslicht spielt jetzt durch die trübe Scheibe, fällt auf zwei übereinandergebaute Kojen, wie sie in Fanghütten üblich sind, – ein wackliger Tisch steht daneben. Ein kleiner Hocker. An der Wand hängt die Paraffinlampe, mit Grünspan das Messing ihrer Schale überzogen, – – und – Ragnar tut einen schnellen Schritt – – ein paar Papierfetzen sind neben ihr auf die Bretterwand geheftet. – – – Ist nur ein Kalender. Eine ganze Reihe von Tagen ist ausgestrichen. Da war auch einer, der sehnsüchtig die Zeit erwartete, zu der von Süden ein Boot kommen würde, um ihn aus seiner Einsamkeit zu erlösen, – da, – hier stehen einige Worte, mit Bleistift überkritzelt, – »Telegrafist Oien, Tromsö – 14. April 1928«. Ragnar greift sich an die Stirn. Das war im Vorjahr gewesen. Vor einem Jahr waren hier Menschen gegangen. Landsleute. »Oien, – Telegrafist Oien, – Tromsö. Ja, – der hatte also hier überwintert – – 1928, – vor einem Jahr. Das war Oien, der am Priesterwasser wohnte, droben auf dem Tromsöberg.« Ragnar erinnert sich, daß er ihn flüchtig gesehen hat vor zwei Jahren, – als die »Veslekari« in Tromsö festmachte. Ein großer Kerl mit einem ledernen, scharfen Gesicht. Er stand damals inmitten einer Meute von Hunden, die auf Deck festgemacht waren, – sie sollten nach Svalbard, um dort den Stamm der Schlittenhunde zu ergänzen und aufzufrischen. – – »So, Oien war hier gewesen! Soso!« Ragnar hockt sich auf die nackte Koje und schlägt Seite um Seite des Kalenders um. Aber es findet sich kein weiterer Vermerk. Er legt die vergilbten Blätter weg und untersucht die Unterseite des Tisches. Keine Lade, die weitere Gegenstände enthalten könnte, kein Fach sonst im Raum. Unter der Koje liegen noch zwei von den Fallen, wie er sie vor einigen Stunden im Gelände draußen gefunden hat. Mit Rost überzogen, aber noch gut zu gebrauchen. Er legt sie wieder an ihren Platz zurück und geht dann daran, ein Feuer im Ofen zu entzünden. Holz liegt ja genügend draußen, und ein paar trockene Scheite längs der Wand aufgestapelt. »So, komm herein, Storm. Wir sind jetzt zu Hause hier. Müssen sehen, daß wir das Beste aus dieser Hütte herausholen. Es ist immerhin gut, ein solides Dach überm Kopf zu haben.« »So, Storm, komm schon herein!« sagt er ein zweites Mal. Da schleicht der Hund scheu ins Hütteninnere. Ragnar schließt die Türen hinter sich und tritt wieder zum Ofen, der bereits einige Wärme gibt. Mit den Flammen schlägt Rauch und Qualm aus vielen kleinen Ritzen, legt sich in Schwaden durch den Raum. Nun, da ist schnell geholfen. Ragnar nimmt etwas lehmige Erde vom Boden auf, mischt sie mit Asche und Speichel und klebt den Brei auf die schadhaften Stellen. Zum Essen bleibt keine Zeit mehr. Kann morgen nachgeholt werden. Erst schlafen! Schlafen! Die erste Nacht seit vielen Wochen, die man wieder in einem soliden Raum verbringt. Ragnar macht sein Lager zurecht und läßt sich nieder. Er spürt noch, wie Storm mit einem schnellen Satz neben ihm auf der Koje landet und bei seinen Knien sich zusammenrollt, – ein paar Scheite krachen im Ofen. Dann ist die Umgebung ausgelöscht, – versinkt, – mitternächtliches Dämmerlicht senkt sich auf den Fjord, – auf das Eis, das in seiner Strömung treibt, hereinzieht mit dem ankommenden Strom, auf der anderen Uferseite vom Strom wieder nach dem Meer getragen wird. Aber aus dem Schlot der vordem toten Hütte im Sund kräuselt leichter blauer Rauch in die Nachtluft. Leben ist wieder in die alten Bretter eingezogen.   Der Abend liegt über den Bergen, als der Jäger erwacht. Es schien, als ob er überhaupt nicht wieder erwachen wollte, deshalb hat der Hund ihn durch ein langgezogenes, ungeduldiges Heulen geweckt. Hier war doch ein Hund, der Hunger hatte. Storm hat viel gelernt, seit er mit den hohen, blonden Männern zusammenkam. Man mußte nicht vergessen, zu zeigen, daß man auch noch da war, wenn die Männer einen vergaßen oder seine Rechte nicht beachten wollten. Zeit, aufzustehen! Ragnar streckt mit einer kräftigen Bewegung seine knochigen Glieder von sich, gähnt, daß der Atem im Zimmer steht. Denn die Hütte ist längst wieder kalt geworden, und die Sonne taucht jetzt des Abends schon für bald eine Stunde unter den Horizont, läßt die Spitzen der Berge in kobaltnem Dunkel zurück. Die ganze Mark in der Hüttenumgebung ist schneefrei, aber in einer Kuhle unweit davon liegt die weiße Decke noch metertief, im Schatten einer überhängenden Bergwand. Ragnar läuft mit seinem kleinen Sack, den er sich zum Schneeholen genäht hat, dem Schneefleck zu, als er unvermittelt eine zweite, ganz geringe Hütte entdeckt, die ihm wegen ihrer versteckten Lage gestern nacht verborgen geblieben war. Sie steht hälftig im Erdboden, stellt er fest, als er nähertritt und die Tür öffnet. Geräte liegen umher, – auf dem Boden und an die niedrigen Wände gehängt, Kisten, die mit einer Plane bedeckt sind, stehen in einem Winkel. Der Jäger ergreift eine Hacke, die unter den Geräten liegt und wuchtet den Deckel einer der Kisten auf, – »Donnerwetter, – Proviant!« Bald hätte er seine Freude in die Dämmerung hinausgebrüllt. Proviant, – nicht so viel, wie ein Mann für den Winter benötigt, – war wohl nur der Rest eines Winterproviants, aber wenn man genügend Fleisch machte auf der Jagd, – den festen Proviant nur in kleinen Mengen dazu verbrauchte, – so konnte man mit ihm noch über den Winter hinwegreichen. Sorgfältig untersucht der Fänger jede der vier fünf Kisten auf ihren Inhalt, der in Paketen oder Säcken geordnet ist. Zuletzt stößt er auf einen Packen, der in schweres Segeltuch eingenäht ist. »Ratsch«, klafft ein Loch im Leinen. »Munition, – Pulver und Blei – und an die hundert fertige Patronen! An die hundert Patronen.« Das ist alles. Aber wäre nur die Munition zu finden gewesen, Ragnars Freude hätte sich schwerlich geringer gezeigt. Ragnar hat ganz vergessen, daß er Schnee holen wollte, um sich Fleisch zu bereiten. Kiste auf Kiste schleppt er zur Haupthütte, sortiert den Inhalt, der ziemlich willkürlich verpackt ist, rechnet und rechnet. »Ja, – das muß reichen!« – Nächste Kiste! Holländisches Dörrgemüse, Früchte, Rüben. Margarine und Talg. Gedörrte Zwiebeln. Grüne und gelbe Erbsen, Reis. Gewürze findet er am Boden der Kiste. Und dann die Munition. Die Hütte sieht aus wie ein Krämerladen, Tüten und Säcke stehen allerorts umher. Aus der letzten Kiste zieht Ragnar einen Kochtopf – sieht, daß in ihm noch ein zweiter, kleinerer, verborgen ist. Nun ist alles gut, – alles ist gut. Der Tisch sieht nicht mehr sehr kräftig aus, wacklig und mit zerfetzter und zerhämmerter Tischplatte. Kann leicht sein, er bricht zusammen, wenn man sich anschickt, einen ordentlichen Happen Fleisch auf ihn niederzusetzen. Man müßte einen neuen zimmern. Da sind ja die leeren Kisten, – Nägel stecken noch im Holz. Ran an die Arbeit. Der Magen hat noch Geduld, wenn man ihm zuredet. Erst muß alles in Ordnung sein. Schließlich kommt doch die Zeit, wo ein kräftiges Feuer im Ofen flammt. Im Topf zischt der schmelzende Schnee – – Wasser, – Trinkwasser! Der Schnee sackt auf einen geringen Bruchteil seiner Menge zusammen beim Kochen. Wieder und wieder muß der Topf aufgefüllt werden mit dem weißen Pulver, bevor Ragnar die Ration Walroßfleisch drin verschwinden läßt, und das Ganze salzt und würzt. »Fleischduft – – hm! Nicht übel! Kräftiges Fleisch, – Walroßfleisch.« Auch Storm läßt unaufhörlich die Nase spielen, schickt sich sogar an, wohlig auf dem Hüttenboden sich zu wälzen, – – ja, das Leben sieht sich jetzt wieder anders an, – seit heute. Ist das nicht eine richtige Hütte. Gut, – man ist jetzt geborgen für den Winter. Vielleicht treibt man Fang auf Pelztiere, Füchse, Wölfe – einige Blaufüchse müßten dabei sein. Sind nicht unter der Koje zwei Fallen, und vor der Hütte hat Ragnar bei seiner Ankunft die dritte, die er draußen fand, abgelegt. Holzfallen sind außerdem leicht anzufertigen. Und die Zeit geht schneller bei einer vernünftigen Beschäftigung. »He Storm, – man hat dich ganz vergessen, –« Ragnar greift in den offenen Rucksack und zieht ein Stück Fleisch heraus. »Hier, – ist Festtag heute.« Storm faßt gierig mit den Fängen in den Fleischfetzen und zieht ab, unter die Koje. Wie er schmatzt. »Ja, – ist Festtag heute!« Anderntags ist Großjagd. Wer doch allwissend wäre! Ein ganzes Rudel Moschusrinder hat etliche hundert Meter von der Hütte gerastet, ist mit Tagesbeginn weitergezogen. Nun, Moschusrinder ziehen gemächlich. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht eines von ihnen auf die Decke legen könnte. Ragnar verriegelt die Hüttentür hinter sich. Die Glut im Ofen ist abgebrannt. Ab! Storm schiebt voraus. Hoffentlich versaut er nicht die Jagd. Man muß ihn an die Leine nehmen. – – »He, zu mir, Storm.« Das war höchste Zeit, denn eben ist Storm auf die Spur der Tiere gekommen und im Begriff, im Galopp den Stapfen zu folgen. Er zieht, nachdem ihm Ragnar einen kurzen Riemen um die Halsung gelegt hat, los, mit Keuchen und Drängen. »Na, mein Junge, – heut kommen wir bestimmt zum Ziel. Hat keine Eile. Moschusochsen sind keine Wildrenntiere.« Des Abends hängt auch tatsächlich eine gute Menge Fleisch in der Nebenhütte. Ist keine Rede mehr von Hunger, von Not. Man frißt sich nur so hinein in eine saftige Keule, legt sich nachher mit übervollem Magen aufs Lager. Da waren die Tage der Entbehrung – nun sind die Tage der Freude, – will etwa einer sagen, daß man sie nicht verdient hat. Oien hat wohl gewußt, der Telegrafist, warum er die Station gerade hier angelegt hat. Scheint ein richtiges Wildgebiet zu sein. Hasenspuren laufen eine ganze Menge in der Nähe der Bucht. Und Holz ist da. Mancherorts liegen noch ganze Stämme Treibholz am Strand. Und Bretter. Es gilt noch große Arbeit, bis der Winter kommt. Und sie muß rasch getan werden. Im äußersten Notfall kann man vielleicht die Nebenhütte zum Feuern verwenden. Aber nur im äußersten Notfall. Nur wenn das Treibholz nicht zureicht. Tag um Tag dehnt Ragnar seine Pirschgänge weiter aus; – wenn er ermüdet nach Hause kommt, geschieht es selten, daß er nicht ein paar Planken oder andere Holzstücke unter dem Arm schleppt und sie bei dem Stapel ablegt, den er in der Nähe der Nordwand der Hütte zu errichten begann. Tag um Tag wird aber auch das Licht kürzer. Und die Dämmerung wächst, wird tiefer und tiefer, – Schneeschauer fallen vom Inlandeis her zur Küste, und manchmal zeigt die Bai schon einen dünnen Eisbelag, der allerdings unter der geringsten Sonneneinwirkung noch zerschmilzt. In der Tiefe des Fjords arbeitet der Gletscher, schickt Blöcke von Kalbeis auf die spiegelnde Fläche hinaus, die träge in der Strömung treiben, hin und her, je nachdem der Wind vom Eis oder von der See her steht. Es ist schon lange, daß die letzten Vogelzüge nach dem Süden gezogen sind. Selbst die Eissturmmöven haben schon ihr Winterquartier an den ragenden Felsen der Küste bezogen. Schweigen beginnt sich über das Land zu breiten, – die große Einsamkeit der winterlichen Arktis. Ragnar hat sich ein Fleischgrab in einer mannshohen Höhlung im Fels angelegt, – Rücken und Keulen von Moschus bilden bald einen kleinen Berg. Dazu kommt heute der Ertrag einer ordentlichen Walroßjagd, zwei, drei Zentner Fleisch. Ein paar schwere Steine vor die Öffnung, mit Schnee vermauert, mit Rasen. Ein gutes Fleischgrab. Es birgt köstliche Schätze, – es birgt das Leben des Fängers, sozusagen.   Eines Tages ist es dann plötzlich dunkel. Der Himmel ist verhängt mit trüben, schweren Wolken, die das Licht kaum mehr durchlassen. Ein Signal – – die Nacht wird bald beginnen. Zwei Wochen hängen diese Wolken am Himmel, senken sich über die Berge, auf die Mark, die das Leichentuch des leise fallenden Schnees bedeckt. Stürme springen auf, sinken wieder zusammen. Und der Gletscher dröhnt von früh bis spät. Das Donnern seiner Kalbungen läßt die Hütte erzittern, bricht sich in hohen Felswänden und tost weiter, weiter – – dem Meer zu. Übersät von Eis ist die Bai, – in Banken zieht das Meereis über ihren Spiegel, leuchtet in mattem, grünlichen Licht auf, wenn das Nordlicht seine Flammen am Himmel spielen läßt. Bis dann eines Tages der erste Großsturm über Grönlands Ostküste rast, – mit Brüllen und Heulen heranfliegt und gegen die Hütte prescht. Schneetürme wirbelt er zur Höhe, wirft sie wieder zu Erde, jagt sie von neuem den Wolken entgegen. – – In diesen Tagen sitzt Ragnar an seinem kleinen Fenster und schaut in den tollen Tanz der Winde hinaus. Das war nun der Winter auf Grönland – – man war nun allein in der großen, endlosen Nacht. Vor wenigen Stunden erst war er zurückgekehrt von der kleinen Unterkunftshütte, die er sich in der Tiefe des Tales zurechtgemacht hatte, um gesichert zu sein, falls während der Jagd schlechtes Wetter einfallen sollte. Leicht, daß er jetzt noch dort saß und wochenlang darauf warten konnte, bis es ihm möglich war, die paar dreißig Kilometer bis zur Hauptstation zu machen. War ein schwerer Gang gewesen. Im knietiefen Schnee stundenlang zu marschieren. Bei Gegenwind, der einen bis auf die Knochen durchbiß. Nun, die Nacht war jetzt gekommen. Drei, vier Monate würde sie andauern. Vier Monate würde das Nordlicht am Himmel wabern und zucken, das einzige Licht neben dem Mond, der wohl meist durch die Wolken verdeckt sein würde. Ragnar scharrt den Reif vom Fenster, der sich durch seinen Atem dort niedergeschlagen hat, – »wie, – ist da nicht ein – –.« Ja, ein kleiner Vogel sitzt vor dem Fenster, geduckt, mit ängstlichen Augen. »Jung, was willst du noch hier?« Ob man versuchen soll, ihn zu fangen. Wäre ein dritter Kamerad für den langen Winter. Leise öffnet der Jäger die Innentür, stemmt die zweite gegen den Wind nach außen. Der kleine dunkle Fleck vor dem Fenster flattert unbeholfen in den Schnee, treibt weiter mit den Windfahnen, – weg. Eine Federzier, – »Fearpryd« nennt sie der norwegische Pelzjäger. Aber schöne Federn schützen nicht gegen den Winter auf Grönland. »Muß verhungern, der arme Kerl! Und erfrieren!« Ragnar schließt die Türen wieder hinter sich, stemmt die Riegel vor. »War das ein Gleichnis?« Nachdenklich hockt er sich wieder am Fenster nieder und starrt schweigend in das Schneetreiben hinaus. Nun gilt es, zu warten. Kommt darauf an, wer die meiste Geduld hat. Er – oder die Nacht. Alles ist bestellt. Wenn die Hütte durchhält in den Winterstürmen, wenn nicht der Skorbut – – so, wie der alte Jon starb – – was sagte der Alte? Arbeiten, wenn es auch sinnlose Arbeit ist, – gleich. Arbeit ist das beste Mittel gegen den Skorbut. Jagen! Laufen, – Anstrengungen, bis der Schweiß aus den Poren schwimmt. Hat nicht Jon erzählt, wie er während seiner Spitzbergen-Überwinterung täglich Tonnen von Schnee von einem Platz zum andern geschaufelt hat, nur um seinen Körper durchzukneten, damit er nicht dem Skorbut und – dem Wahnsinn verfiel, als Hjalte, sein Kamerad gestorben war. Nun hat ihn der Skorbut doch noch geholt, – nicht auf Svalbard, – aber hier, auf Grönland. Früher oder später – gleich! Nun – für heute ist es beinahe unmöglich, die Hütte zu verlassen. Wenn schon die Sturmseite der Wände bald eingedrückt wird von dem Blasen und Fauchen draußen, ist es kaum möglich, sich auf den Beinen zu halten. Vielleicht, daß man sich an ein Tau bindet, damit man die Station nicht aus den Augen verliert und dann versucht, gegen den Sturm anzugehen. Ragnar lächelte grimmig. Ja, so ist es. Hat nicht Jon gesagt, daß sie, er und ein Kamerad, auf zehn Meter an der Hütte vorbeigegangen waren in einer solchen Sturmnacht und die Hütte nicht gewahr geworden wären, wenn sie nicht in letzter Minute das Geheul der Hunde, die im Zwinger eingesperrt waren, gehört hätten. Vielleicht wären sie dann niemals mehr zur Hütte gekommen. Ja, eine verteufelte Sache, solch ein Großsturm! Aber, ein anderer Gedanke. Jetzt, wo der Winter mit voller Kraft eingesetzt hat, kann man ohne Skier nicht ins Gelände. Der Schnee liegt tief auf Grönland. Tiefer noch als auf Spitzbergen. Das kommt davon, daß Spitzbergen noch größere Windstärken zu verzeichnen hat und der Schnee gar nicht Zeit bekommt, sich richtig zu setzen, bis der nächste Sturm über die Inseln fegt. Man muß also Skier anfertigen. Liegt einer noch im Beischlag draußen. Von Oien her. Zerbrochen und wieder geflickt, – mit Spangen aus dem Blech der Konservenbüchsen. Ein breiter Ski, wie er zu Hause in Norwegen kaum gefahren wird. Ragnar holt seinen Annorak von der oberen Koje herab und tritt aus dem Haus, von Storm begleitet. Die paar Schritte bis zur Nebenhütte! Eine Bö haut ihm ins Gesicht, – er legt sich weit nach vorn gegen den Wind. »Donnerwetter, das ist kein Kinderspiel, das!« Die Haube des Annoraks über die brennende Haut. Über und über mit Schnee verkrustet, kommt er wieder zur Hütte zurück, den Ski unterm Arm festgeklemmt und die Hände in die Ärmel des Windzeugs versteckt. »Man muß auch Handschuhe anfertigen. Die alten, zerfetzten, die er von Bord mitgebracht hat, bieten keinen nennenswerten Schutz bei dieser Kälte. Arbeit genug!« Es ist kein Spaß, mit dem Fangmesser aus hartem, versalzten Treibholzbalken ein paar Skier anzufertigen, aber man hat Zeit genug dazu. Unendlich viel Zeit. Eine Woche, zwei Wochen, – zwei, drei Monate. Was hat das schon zu sagen, wieviel Zeit man dazu braucht. Der Ofen knistert, sprüht Funken in die halbdunkle Hütte, läßt Lichtstreifen auf dem Boden spielen. Ist das nicht auch eine Unterhaltung? Aber die Gedanken wandern seltsame Wege, während die Hand das Messer führt, – hobelt, schneidet und glättet – in einem Zug. Der Körper sitzt ruhig und starr, – gebückt hockt man da, denn das Messer darf keinen falschen Schnitt machen, wenn man die Skier nachher gebrauchen soll, wenn sie glatt und führig über den Schnee laufen sollen. Und in dem gebückten Körper kochen die Gedanken. Wenn man einmal dazwischen aufsteht und sich reckt, wechseln auch die Gedanken, – werden frischer, kräftiger, – genau wie der Körper, wenn er die Muskeln spielend strafft. Wenn man immer so sitzt, werden auch die Gedanken gebeugt. Genau wie der Atem, der dann nur gepreßt aus dem Brustkorb pfeifen kann. Arbeiten, hastig arbeiten! – – Dann sind die Gedanken gezwungen, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, schweifen nicht ab. Wandern nicht von Grönland hinunter nach dem alten Norwegen. Und wandern nicht dahin, wo die Grenze des vernünftigen Denkens ist. In das Gebiet, das für uns nun eben mal unbegreiflich ist. Aber kommt man nicht unwillkürlich dazu, während draußen die Nacht um die Hütte gähnt, wie ein riesiges schwarzes Loch, – kommt man nicht dazu, darüber nachzudenken, warum man nun in dieser Nacht sitzt? Wozu? Und die Schlußfrage ist immer dieselbe. Warum ist man überhaupt da? Und wozu? Soll man nicht lieber die Wartezeit etwas verkürzen? Die Wand durchbrechen, die um einen aufgerichtet ist. Sie sind alle tot. Die andern. Die einen sind im Eis geblieben und zuletzt fiel auch Jon. Wo sie nun sein mögen. Man müßte vielleicht versuchen, zu ihnen zu kommen. Mit Hilfe der Büchse, die an der Koje hängt und deren stählerner Lauf hie und da aus dem Dunkeln glimmt, wenn wieder ein Funken aus dem Ofen sprüht. Der schnellste Weg zu den andern. Und der schnellste Weg aus der Nacht. So komische Einfälle hat Ragnar nie zuvor in seinem Leben gehabt, wie sie jetzt in Massen aus seinem Schädel springen. Das Licht. Die Sonne, – daß sie verschwunden ist. Das trägt wohl die Schuld daran! Man muß sich damit abfinden. Wo wohl die andern jetzt sind? »Da ist es schon wieder!« brummte der Jäger ärgerlich vor sich hin. »Wo sie sind?« »Nun,– sie sind tot!« Aber die Gedanken sind damit nicht zufrieden. »Sie müssen doch irgendwo sein, – meinen wir! Irgendwo müssen sie doch herumliegen. So, wie der Alte, der jetzt unter den Steinen an der Küste liegt. Unter der Warte, die du über ihm erbaut hast. Ha, – die Warte, nicht wahr, – du hast so viele Steine über Jon gehäuft, damit sie rufen sollen, die Steine, wenn im nächsten Jahr ein Schiff draußen durchs Packeis stößt. Glaubst du nicht, sie drücken den armen Jon. Sie drücken seinen ganzen Rücken glatt und die Brust. Der alte Jon kann nicht mehr aus seinem Grab heraus! – – – Und hat er dir nicht erzählt, bevor er starb, daß die Toten auf Grönland in der Nacht des Pols über die weiten Wellen des Inlandeises ziehen, daß sie im Sturme über Bergzacken hetzen in der wilden Jagd der toten Jäger. Wie soll Jon aufstehen können, wenn seine Brust zerquetscht ist von einem Berg von Steinen. »Blödsinn! Das mit der Jagd.« Sagt Ragnar in das Dunkel der Hütte hinein. Seltsam, wie sich das anhört. War das seine Stimme? »Komm her, Storm!« setzt er hinzu. Der Hund streicht langsam näher. Wenn man seine Finger um Storms breiten Schädel legt, fühlt man, daß da noch eine Wirklichkeit ist. Daß nicht alles im Reich der Gedanken zu ersaufen braucht. Und wenn der Wust im Gehirn schon zu groß ist, legt man sich am besten auf der Koje lang und schläft. So vergehen viele Wochen! Ein Glück, daß diese Gedanken nicht mitfolgen können, wenn Ragnar Rifle und Skier nimmt und durch die schweigende Nacht auf der Wildspur zieht. Aber Hänge, durch Täler, unterm Fels. Da können die Gedanken nicht folgen. Draußen ist alles wirklich. Kein Platz für Träumereien. Wenn die Skier über Schneegabeln gleiten, gebremst werden müssen, die Beine im Takt arbeiten, dann ist auch der Kopf klar. Auch die Kameraden scheinen lieber in der Hütte zurückzubleiben, in der Hauptstation. Sie lieben es wohl nicht, im Schnee umherzustolpern und in der Kälte, die sie vernichtet hat. Es ist so, daß in den letzten Tagen Ragnar zeitweilig Besuch bekommen hat. Von den Kameraden, die auf dem »Polarwolf« durchs Eis fuhren. Ragnar hat sie nie kommen sehen. Nie außerhalb der Hütte. Da öffnete sich einmal plötzlich die Tür, und Jon streckte den Kopf herein. Nun, da wußte man ja, wo die Kameraden waren. Sie waren die ganze Zeit in der Nähe geblieben. Das war es. Bei ruhigem Wetter, wenn das Nordlicht weiche Schleifen in den Nachthimmel zaubert, sind sie nie zu sehen. Nur wenn der Sturm braust, – kommen sie zur Hauptstation. Wenn draußen die Hölle tobt, Schneemauern in der schwarzen Finsternis anrauschen, weiterpeitschen, neue folgen, prasselnd übers Schneedach fegen, das bald tief begraben liegt, um wieder überdeckt zu werden binnen weniger Augenblicke, – dann gesellen sich zu Ragnar die Schatten der Kameraden, umstehen den Tisch, – schweigend. Kein Drohen liegt über diesen Schatten, – kein Warnen, – sie schweigen. Keine Lippen, die sich öffnen, keine Bewegungen, die irgend etwas ausdrücken sollen. Sie sind eben da. Wenn Ragnar aufblickt, – links von ihm sah er eben noch deutlich den Schiffer sitzen – er zündete sich langsam seine klobige Pfeife an – dann ist doch plötzlich nichts mehr zu sehen. Der gelbe Schein der Lampe läßt allerdings nicht allzuviel im Raum erkennen. Ist gerade noch der Hocker zu sehen, der im Tischschatten steht, der Boden ist schon vollkommen schwarz, dunkel. Er erhält nur noch ein paar Stäubchen Licht, nur einen undeutlichen Schimmer. Ja, – also der Schiffer ist nicht mehr zu sehen – obwohl er eigentlich eben noch zur Linken des Jägers hockte. Kann auch anders sein. Wenn Ragnar weit weg war in seinen Gedanken und wieder, weil vielleicht ein Balken knarrte oder Storm sich auf der Erde umdrehte, so ganz unvermittelt nach Grönland zurückkehrt, – es dauert immer eine ganze Zeit, bis seine Augen sich im Dunkel zurechtfinden,– – sieht er plötzlich mitten in die Augen des alten Jon. In die fragenden, weisen Augen des Alten. Dann heften sich die beiden Augenpaare ineinander, auf ganz kurzen Abstand. Starr, seltsam starr. Ragnar hat dabei das Gefühl, als ob die Augen des andern ihn zu sich zögen wie mit Stricken, und das Blut schießt ihm in den Kopf. Daß Jon ihn so anders ansieht als die übrigen, hat wohl seinen Grund darin, daß Jon immer so viel um die Geheimnisse, um alle Geheimnisse wußte. »Aber jetzt, wo sie alle tot sind, kennen doch die übrigen auch die Geheimnisse«, – fällt es Ragnar ein, – als Jons Augen plötzlich von ihm abfallen und ins Dunkel zurücksinken, verglimmen. Der Tod hebt ja alle Schleier. Oder nicht alle. Möglich, drüben beginnt eine andere Reihe von Siegeln, deren jedes ein Gesetz bewahrt. Sieh, jetzt öffnet sich schon wieder die Tür. Sie kommen wieder. Heut schon zum zweiten Male. Jörgen steuert mitten durch den Raum, in schwerem, nassem Seezeug. Und Ragnar dachte doch, es wäre nur Schnee und Eis vor der Hütte. Da muß ja doch irgendwo offenes Wasser sein. Warum wäre Jörgen sonst durchnäßt. Seehunde! Wo offenes Wasser ist, sind Seehunde nicht weit. Die Rifle! Jagen! Ragnar erhebt sich, – bleibt stehen. Wie es draußen tobt und heult, – in langgezogenen, rauschenden Böen, die rhythmisch an die Wände der Hütte prallen, über das niedrige Dach fegen, enteilen in die Nacht, – wiederkehren, toben, kreischen! Ist alles nichts gegen die Unruhe, die in der Brust des Jungen zittert. Gegen die Stimmen, die Bilder, die in ihm sind, die nach außen drängen, nach Leben, nach Blut, – nach Wahrheit. Sind Bilder, die nicht mehr vor seine Augen treten werden, – noch nicht, – nie wieder vielleicht. Da ist die Stimme des Bergwassers, das durch sattes Tundrengrün weitereilt zum Hang, über ihn hinausschießt, auf Felsblöcke niederklatscht, versprüht, in den Farben des Sonnenbandes zerstäubt, – an all den Plätzen murmelt es vorbei, das klare springende Wasser, an einem Stein, einem vermoosten Stamm mit krausen Wurzeln, an der weichen grünen Mulde im Ginster, an der Ingeborg ihn erwartete, wenn sie die letzten der widerborstigen kleinen Bergkühe in den Stall zurückgetrieben hatte. Dort hatte sie gestanden und dort, bald als bläuliche Silhouette im verglühenden Abendhimmel, – ein buntes Bündel – hatte sie im Gras gelegen, daß ihre blonden langen Haare zwischen hohen Halmen und blühenden Weidenzweigen zerflossen – bis er behutsam ihren schmalen Kopf in seine schwieligen Seemannsfäuste nahm und zu seinen Wangen hob. Ob sie wohl dort auf ihn wartete? Er war tot, – das Eis hatte ihn geholt! – Und doch lebte er – –. Seltsam! Oder war er vielleicht wirklich tot. War die Nacht draußen ewig? – Kehrte das Licht nicht wieder zurück? – – – Wo war er – –? Doch – der Tisch, der vor ihm steht, – hatte nicht die Sonne leuchtend über dem Meer gestanden, als er ihn im Herbst aus Strandgut zusammenzimmerte? – War ihm dabei nicht ein Nagel zolltief in den Handballen gedrungen, – da – die Narbe. Das war doch zweifellos hier geschehen, an der Stelle, wo er jetzt saß. Das Blut war an dem rohen Brett heruntergetropft, hatte sich in die Risse und Fugen gesetzt. Hastig dreht Ragnar den Tisch zur Seite. »Hier – – und hier – da sind noch die dunklen Spuren. Stimmt, stimmt! Das muß stimmen! Draußen ist Nacht und Sturm, – Großsturm! An Grönlands Küste!« »Pah! Das Licht kam, – die Sonne! Wo die Sonne ist, ist auch wirkliches Leben, Träume und Schatten verblassen – – –« »Warten!« Von Zeit zu Zeit wacht Ragnar auf. Die Wirklichkeit steht dann kraß vor ihm. Er ist allein, mit Storm, der seine feuchte Schnauze in seine gehöhlte Hand legt und mit der Rute wedelt. Sind keine Gestalten mehr da, die Kameraden sind tot. Wie konnte er sie sehen, wo sie doch tot sind. Man muß den Kopf schütteln über solch dumme Gesichter. Wie man so blödsinnig träumen kann. »Nicht schlafen, wenig schlafen!« Das sagte der alte Jon. Er wußte wohl, warum er das sagte. Jon hatte auch allein auf Fang gelegen. Lange. Ein halbes Jahr hindurch. Er wußte Bescheid. Man hat sich das alles zusammengeträumt, das mit den Kameraden. Aber hatte er nicht auch während der Arbeit geträumt? Hatte nicht der Schiffer ihm zugesehen, als er gestern an einem Moschusknochen schnitzte. Er saß am Tisch, und der Schiffer hockte an der anderen Wand. Der Teufel soll klug daraus werden. Nun, man soll darüber nicht nachdenken. Das Wetter ist abgeebbt. Jagdwetter! Leicht, daß man einen oder zwei Jagdtage einlegt, solange das Wetter es zuläßt. Eine ordentliche Skitour, – zur Gamme, die er in der Tiefe des Tals errichtet hat. Da stehen bestimmt wieder Moschusochsen, nun der Sturm abgeflaut hat. »Storm! Hast du Lust? Denke, wir gehen jagen!« Storm jault und rennt zur Tür. »Ja, gehen wir jagen! Moschus!« Das Feuer im Ofen muß erst erlöschen, damit kein Brand entstehen kann. Solange muß sich Storm noch gedulden. Aber dann öffnet Ragnar die Tür, legt die Skier nebeneinander in den Schnee, tritt in die Bindungen. »Ja, Storm, – nun gehen wir los.« Klar und frostkalt, schweigend, liegt die Nacht über dem verschneiten Tal, dessen Sohle von den Stürmen der letzten Tage tiefe Narben trägt. Wirr laufen Schneegabeln durch die weiße Decke. Vom Nordlicht überstrahlt, macht sie den Eindruck einer plötzlich in heftigem Wellengang erstarrten See. Gleichmäßig knattern die Skier drüber hin, – der scharfe Schlagschatten des Fängers hüpft vor ihm her, wandert in Krümmungen über die Furchen. Eine einzelne Spur. Ragnar bückt sich nieder. Tastet die tiefen Eindrücke der Schalen ab. Der Schnee, den das Tier beim Ziehen aus den Stapfen geschleudert hat, ist bereits wieder festgefroren. Ein starker Ochse. Vielleicht einer der alten Einzelgänger. Na, – – zwecklos! Der Kerl ist wohl längst in einem der Seitentäler verschwunden. Ragnar greift zu den Stöcken, die er mittlerweile neben sich in den Harsch gestochen hat. Auf! Als er nach vier Stunden um eine Windung des Tales biegt, werden die bis jetzt hell beleuchteten Rückenlinien der Berge, die ihm zur Orientierung dienten, blässer und unscharf. Vom Osten ziehen Schneewolken heran. Währt nicht lange, ist die Umgebung grau und drückend. Rascher zieht Ragnar die Skier durch den weißen Teppich, – atmet ruhiger, als er bemerkt, wie das Gelände unter seinen Füßen zu steigen beginnt. Der Vorläufer des Rundberges, an dessen jenseitigem Hang die kleine Gamme liegt – das Ziel. Rascher gleiten die Skier – Abfahrt. Stemmbogen. Der Wind beginnt kleine Fahnen vor sich her zu treiben, – eisig fällt er vom Hang, stäubt übers Tal. Der Himmel ist dunkel, – das Licht tot. Mit dem Fangmesser schneidet Ragnar die Schneedecke los, – die den Eingang zu der kleinen Höhle verdeckt. Er trifft den Türbalken, gräbt mit den Händen weiter. Hinter ihm winselt der Hund, drängt sich an den Rücken des Jungen. »Wenn schon, – ist gerade noch Platz für dich, – komm herein.« Eine Flamme züngelt zwischen den Herdsteinen. Rauch zieht an der niedrigen Decke hin, die mit zwei Balken abgestützt ist. Ragnar holt die kleine Pfanne von der Wand, schneidet einige Talgstücke von den Seiten des jungen Moschuskalbes, das er vor einem Monat hier erlegt hat. Gut, daß kein Bär hier vorbeigekommen ist. Die kleine Höhle, die notdürftig zusammengehauen ist, bietet keinen Schutz gegen seine Riesenkräfte. »Ein Glück, ja.« – Ragnar stößt ein Loch in die Decke der Höhle, um dem Rauch Abzug zu verschaffen, doch der Stock ist nicht lang genug, um ganz durchzufahren. Raus, vor die Hütte, von oben her weitergebuddelt. Leicht kräuselt bald der Rauch in das rieselnde Schneegestöber, weht weiter mit den wehenden Flocken. Zentimeterdick steht der Reif über der aus Rasen und Torfstücken erbauten Wand, – nun, war kein besseres Material vorhanden, seinerzeit. Unter der Einwirkung der Wärme beginnen kleine Bäche auf den Lehmboden herabzurieseln. Ragnar zieht die Beine auf die Pritsche, damit die Mokassins nicht durchnäßt werden, kuschelt sich in dem langhaarigen Fell des Moschuskalbes zurecht, – – Fleischduft steigt von der Pfanne auf, – »ja, Storm, – ganz gemütlich, was, – – alles da, – alles – das Wetter wird sich wohl auch wieder besinnen.« Storm blinzelt mit den schwarzen Guckern, schaut unverwandt zur Pfanne hin. In den Pfoten hält er noch den Hinterfußknochen, den ihm Ragnar beim Eintritt in die Gamme zugeworfen hat. Blitzblank, weiß, – chemisch gebleicht. Storm hat einen Riesenhunger mitgebracht. Zuviel Hoffnung macht sich Storm nicht auf den Inhalt der Pfanne. Aber es könnte doch sein! Manchmal schon hat Ragnar ihm davon abgegeben. Storm hat so sachte in Erinnerung, wann das geschehen war. In der Nacht zum Beispiel, als er die Moschusherde mit seinem Herrn angeschlichen hatte, – ohne auch nur im geringsten zu knurren oder gar zu heulen. Immer dicht an der Seite des Jägers. Er mußte seither daran denken – da legte der Fänger ein faustgroßes Stück von der Keule vor ihn hin. Storm geht jetzt immer an der Seite des Jägers, wenn Wild in der Nähe ist, – lohnt sich besser, als allein zu jagen. Aber da sind auch Fälle – in denen man vom Jäger weggehen soll, – wenn das Wild wegläuft. Dann nichts wie los, – hinterdrein. Bis die Ochsen kehrtmachen und die Hörner zum Angriff senken. Gefährlich, diese Hörner. Spitz wie seine Zähne, aber viel, viel größer. Am besten, man läuft wieder auf der Spur zurück, wo Ragnar auf den Skiern steht, mit seinem seltsamen Stock, – der auf viele Sprünge Feuer spuckt. Jawohl, man kneift den Schwanz zwischen die Beine, und das Feuer beißt grell in die Augen, – aber das geht rasch vorbei. Storm würde am liebsten davonlaufen, wenn Ragnars Stock brüllt, aber – dann gibt es tagelang kein Fleisch, – kein gutes Wort, – einen Fußtritt vielleicht. Storm weiß genau Bescheid. Besser, man bleibt da! Ragnar haut sich nach der Mahlzeit auf die Koje hin, pustet die kleine Tranlampe aus. Storm streckt die kräftigen Beine, reißt den Rachen auf, daß die spitzen Fänge starren. Dann erhebt er sich vom nassen Boden, kriecht zu seinem Herrn, schmiegt sich an das Fell, mit dem Ragnar sich umwickelt hat. Seine Augen lichtern grün aus dem Dunkel. * * Ragnar träumt sich nach Norwegen hinab, rudert im schmalen Nordländer über den Tromsösund, bei klarem, sonnenhellem Wetter. Die Wellen schmiegen sich um das Boot, dessen hoher Steven zur Stadt hinüber weist. Eben legt die Fähre von der Brücke los, schiebt sich breit in den Sund, – Menschen stehen an Bord, lachende Gesichter, – Skispitzen, paarig, stehen an die Aufbaut gelehnt. Pfingsten, – – Pinsedag! Die Berge locken in bläulichem Dunst, mit weiten, violetten Schneefeldern in ihrem Schatten, Kriechweiden, niedrige weißstämmige Birken, einzeln stehende Höfe. Ragnar macht sein Boot fest und wandert durch die Stadt, den Berg hinauf. Biegt rechts ein. Zu einem zweistöckigen Haus. Ingeborg wohnt dort, bei ihren Basen. Sie lockt ihren kleinen Lappenhund, – »komm, Smaaen, komm, – nun sei brav, – bleib zu Haus. Kleine Hunde dürfen nicht in die großen Berge, wenn Ingeborg mit Ragnar skilaufen geht.– – – Ah, da bist du, Ragnar. –« »Rrrrrrr!« Storm hat sich erhoben, springt vom Lager auf den Boden. Bleibt stehen! »Storm!« Der Hund zieht die Lefzen über die Fänge hoch, sträubt die Nackenhaare, – – – Ragnar fährt nach der Büchse, fingert nach Patronen. »Was ist los!« Storm wendet die Augen nicht von der Tür, hat die Ohren wie Muscheln nach vorn gerichtet. Der Jäger hockt auf der Koje, den Kopf erhoben. Kaum hörbar gleitet das Schloß der Büchse in sein Lager – – – Storm dreht sich mit einem bösen Knurren weg von der Tür, – kommt zur Koje zurück. Grunzt. Streckt sich lang aus. Hat sich getäuscht, Storm. Hat wohl im Traum was Aufregendes erlebt. Kommt vor, – – – »Rrrrrr!« knurrt der Schlittenhund. Zuckt mit den Beinen, als sei er hinter einem Renntier her, – in voller Fahrt. »Na ja, –« brummt Ragnar, legt sich wieder zurück. »Blinder Alarm. Schade. Tja, – Ingeborg, – nun sind wir also wieder hier. Hol's der Teufel!« Als er nach einer Weile wieder aufwacht, – es kann nur kurze Zeit vergangen sein, steht Storm wieder vor der Tür, horcht durch eine Ritze hindurch nach draußen. Mit seitlich geneigtem Kopf. Als Ragnar die Lampe ansteckt, dreht er sich flüchtig zu ihm hin, nimmt aber sofort wieder seinen Beobachtungsposten ein. Mit einem Male spitzt auch der Fänger die Ohren. Ein Fuchs? – Kratzen an der Tür, – Storm windet, fältelt die Haut über der langen Nase, – winselt. »Verdammt, – was ist denn mit dir los!« Kann nichts weiter sein! Hunde gibt es hier in der Nähe ja nicht, – die Eskimos ziehen nicht so weit nördlich, – jetzt im Winter überhaupt nicht ohne Not. Ragnar ist unschlüssig, – dennoch, – Ragnar hat ein komisches Gefühl bei dieser Sache. Mal die Rifle in die Faust. »Halt!« – – wieder das Kratzen! »Nun aber raus! So, Storm, – los!« Den Riegel zurück! die Knie gegen die Tür, – – Schneegestöber, – ein weißer Strich, – oder was war das? »Na, Storm, – hast du gesehen?« Aber der Hund antwortet nicht. Storm ist weg, – von der Nacht verschluckt. »Teufel!« Nochmals: »Teufel!« – – Ragnar steht noch in der Türöffnung, – – wartet. Storm kommt lange nicht zurück, verdammt. Einen schrillen Pfiff gellt Ragnar durch die Nacht – – nichts wieder zu hören. Kein Ton! Halt! jetzt! – nun wieder! Heulen, – langgezogen, weit entfernt, – – muß ganz in der Tiefe des Tals sein. Ragnar steht, ohne sich zu rühren. Aber sein Puls fliegt. Er hat es einmal gehört, dieses Heulen, – in den weiten Gründen Finnmarkens. Aus vielen Kehlen, – klang wie ein einziger Schrei über die im Frost erstarrten Wälder, – Trauer lag darin, Blutdampf schien in ihm zu röcheln, Gier. Verlassenheit und Gier! Hunger! Wölfe! Die weißen Wölfe Grönlands; stärker, kühner als ihre Artgenossen im Süden. Näher heran scheinen sie zu ziehen, – – wie steht der Wind? Auf sie zu, – verdammt. Näher heran, – weiße Körper, die durch den Schnee hetzen. Einer hinter dem andern. Ragnar sieht sie nicht. Aber er weiß, wie der Wolf seine Beute jagt. Erst im Rudel, – Strich hinter Strich. Nachher einzeln oder in kleinen Gruppen. Aber erst, wenn die Beute in Sicht ist. Rechnen verteufelt gut, die Gesellen. Gehen ran wie eine Schützenkette im Gefecht. Nur schneller, huschend, wie Schatten, – – weiße Striche, die den Vertiefungen und Furchen sich anschmiegen, – – plötzlich springen, – Sturmangriff! Der Jäger tritt in die Hütte zurück. Das Licht erlischt. Alles liegt in der Nacht vergraben, grau in grau. Doch gleich darauf liegt er wieder vor dem Eingang, – eine dunkle Gestalt im Schnee. Die Büchse quer vor der Brust. Es geht um Storm. Den Hund. Wenn das Rudel ihn in voller Stärke anläuft, und das tritt ein, wenn Ragnar nicht einige von ihnen auf die Decke legt, dann ist Storm verkauft. Restlos! Denn hier von der Hütte und weiter ins Tal hinein steht in frischem Geruch Storms Spur. So deutlich, als wäre ein Tau gespannt bis zu der Stelle, an der der Hund sich nun herumtreiben mag. Als Ragnar den Kopf nach links wendet, sieht er reglos eine der weißen Bestien auf einem kleinen Schneehügel stehen. Kaum zehn Meter von der Hütte entfernt. Wie ein Standbild. – Schon da! Früh genug. – Leichter Dampf steht von ihm weg, – hier, – – da – – einer, zwei weitere. – – – Der Jäger zieht langsam die Rifle zu sich heran. Aber es scheint, als ob die Wölfe sich nicht viel daraus machen. Eines der hinteren Tiere hockt sich wie ein Hund nieder, – die Zunge hängt ihm aus dem Maul, – na, – erst mal der Große, – der zuerst da war, – wahrscheinlich der Führer des Rudels. So – – »ratsch!« – – repetieren – – – nichts mehr zu sehen. Der Große liegt. Kopfschuß. Die andern sind weg. Ragnar blickt sich um, – behält seine Stellung, – hier, ein Schatten, – die Schneeschleier wischen ihn aus, – – »bleiben in der Nähe vorerst, die Kerle, – Feuerstellung! Abwarten! Leicht, daß noch einer sich zeigt.« Zwei Minuten, fünf Minuten – noch eine Minute! »Will ihn mal näher besehen, den Kerl! Rübergehen!« Ragnar spricht mit sich selbst. »Na, – Storm – – –«. Aber Storm ist ja weg, verschwunden. »Na, – denn man los!« Der Wolf liegt lang hingestreckt im Schnee. Kaum ein wenig Schweiß zu sehen. Fiel, wie er stand. Liegt, als ob er schliefe. Hohe Mähnenhaare, buschige Rute, – länger in der Nase als Storm. Spitzere und längere Fänge! – – – »Beim Teufel, – –« Fangmesser raus! »Du Teufel, – Mensch, – was, verrückt, – so, – so, – hier du Biest, hier – hier – –« Keuchen, – Hecheln, – wütendes verbissenes Knurren, – – dazwischen die Flüche des Jägers, – –»angesprungen, von hinten, – – das Schwein!« Der Wolf mußte ganz in der Nähe gelegen haben. Kam mit einem Sprung aus der Nacht. Biß sich im Oberarm fest. Ragnar verlor das Gleichgewicht, ging in die Knie, halbseitlich. Legte sich vollends über, um den Angreifer in den Schnee zu drücken. Fangmesser raus! Einen Augenblick hatte die Bestie den Hals frei – das war genug! Ragnar stach durch bis auf die Halswirbel, dann von oben her in die Brust, einmal, zweimal – – – langsamer und zuckender werden die Bewegungen des kräftigen Tieres, die Zunge hechelt schlaff aus dem Hals, – Feierabend. Ragnar faßt die Kehle des Wolfs, drückt seinen Kopf mit Anstrengung nach hinten in den Schnee, daß das Blut stärker über die zottige Mähne sprudelt. – Ausbluten lassen – – so, jetzt ist er fertig, – erledigt. Der Fänger erhebt sich mühsam aus der Schneewehe, greift nach dem Gewehr, das halb im Schnee begraben liegt. Der erste, ja, das ging glatt. Mußte dieses andere Biest noch dazukommen, – das ging hart auf hart, – war schwere Arbeit. Ragnar zittert noch immer an allen Gliedern. Die Knie sind weich geworden bei dem Spaß. Aber die beiden Wölfe sind richtig. Schwere Bengels. Mit einem Pelz, aus dem kaum mehr die Ohrenspitzen herausragen. Gibt gute Kleidung. Wolfspelz ist das beste Material dafür. Nicht so schwer wie das Fell des Bären. Ebenso widerstandsfähig. Und hält warm. Wenn das verdammte Biest ihm nicht den Oberarm angerissen hätte, könnte man sich freuen über das Tagwerk. Na, man los. Je ein Hinterbein gefaßt und die Beute nach der Hütte geschleppt. Das zuerst erlegte Tier ist schon annähernd steif gefroren, – ein wenig läßt sich das Bein noch bewegen. Richtige Kälte. Geht verteufelt fix, das Gefrieren. Man muß sich beeilen mit dem Abstreifen der Decken. Kann sonst tagelang warten, bis die Körper wieder auftauen, und geht außerdem noch viel Brennholz drauf. Ragnar hat kaum mehr Platz in der kleinen Gamme, – als er die beiden Polarwölfe drin verstaut hat. Er hat ihnen die Hinterbeine zusammengefesselt, – mit den Köpfen nach unten hängen sie da – – wie Stockenten. »So ist es richtig, ihr zwei Hallunken! – Vollkommen in Ordnung. So mußte das gehen mit euch.« Den Wölfen tropft das Blut aus den Fängen, rinnt über die hängenden Zungen, – nieder auf den Lehmboden, vermischt sich dort mit dem Wasser, das von den Wänden rinnt.   Storm kommt nicht wieder zurück. Nicht am ersten Tag, nicht morgen. Storm hat anderes zu tun. War zu lange allein, – ohne seinesgleichen, ohne zu spielen. Keine fröhliche Rauferei gab es, keine zerfetzten Ohren, – das Fell war die ganze Zeit über ohne den geringsten Riß. Das hält auf die Dauer kein Hund aus, dessen Wiege in Angmagsalik gestanden hat, der sich um jedes armselige Stück Seehundsdarm auf Tod und Leben mit den andern schlagen mußte. Storm hat geahnt, was es war, das draußen um die Hütte herumschlich, – das Kratzen an der Tür hat es ihm bestätigt, was er sich dachte. Das war seinesgleichen. Das trug denselben Bluthunger, dieselbe Lust am tollen, atemberaubenden Jagen und Hetzen in der Brust. Und noch mehr. Bis jetzt kam ihm die Wölfin, die er seit seinem Aufbruch aus der Hütte verfolgte, nur einige Male näher, – mag sein, auf einige zwanzig Meter. Sie war höher in den Läufen und leichter als Storm, den das lange Hocken in der Hütte steif gemacht hat, – untauglich zu der tollen Jagd, die die Wölfin ihm aufzwang. Sie spielte mit ihm, – ließ ihn näherkommen, – war im Augenblick wieder weg. Kokett steht sie da, mit funkelnden Augen; die buschige weiße Rute zu einem Haken gekrümmt, sieht sie ihm entgegen. Wenn aber Storm mit ein paar hastigen Sprüngen an sie herankommen will, fliegt sie wiegend zur Seite, verschwindet hinter ein paar Eisblöcken. – – Bis Storm sie endlich entdeckt hat, ist sie schon an die hundert Meter voraus. Heulen klagt durch die Nacht. Da und dort wird es aufgenommen, – weitergetragen. Dicht fällt der Schnee. Wie seit vielen Stunden. Storm steht still, hebt die Nase schräg in die Luft, – die Nüstern zittern. Er sichert nach Westen hinüber, wo sich das Gewirr von schroffen Bergen befindet. Die Tiefe des Tals. Dann wirft er den Kopf nach Ost, – blitzschnell wölben sich die Lauscher in der neuen Richtung, auf und nieder bewegt sich die Nase, bald tief am Boden, bald möglichst hoch im Wind. Er steht, – ein schwarzer, zottiger Hund, gegen den nachtgrauen Schnee, – die Muskeln an seinem Hals sind gespannt, – seine Augen funkeln tückisch. Ist das Storm? Der seine nasse Schnauze vor einigen Stunden schmeichelnd in Ragnars Hand steckte. Das Heulen kommt näher, klingt aus Südost herüber. Storm macht ein paar Schritte zur Seite, schaut zurück; nicht weit von ihm hockt die Wölfin im Schnee, – äugt zu ihm herüber. Der Hund trabt durch den tiefen Schnee auf sie zu, in gerader Linie, mit steifen, ungelenken Bewegungen. Einen Meter vor ihr bleibt er stehen, – wendet wieder den Kopf nach hinten, wo das Geheul näher und näher heranzieht. Die Wölfin rührt sich nicht vom Fleck. Ihre Fänge zeigt sie unter den zurückgezogenen Lefzen, schimmernd, weiß, – trotz der Nacht. Unverwandt schauen ihre Lichter auf den Hund, – der groß und ungeschlacht vor ihr steht. Einer der Ihrigen. Aber noch warnt sie etwas. Vom Hunde weg steht der Duft von Menschenhänden. Feindlich, – scharf. Ein Duft, der einem leichte Schauer durch die Muskeln jagt, der in die Nase beißt. Storm geht in einem engen Bogen um die Wölfin herum, – noch einen, als er den Kreis seiner Bewegung geschlossen hat. Die Weiße liegt ganz auf den Schnee gedrückt, beobachtet den Hund aus engen Sehschlitzen. Man wird nicht klug daraus, was sie nun eigentlich will; wird sie spielen oder beißen. Immer noch tritt Storm abwartend den Schnee, – scheint, er ist verlegen; bis plötzlich die Wölfin in einem spielerischen Sprung auf ihn zugestäubt kommt. Dicht neben ihm fliegt sie hin, – legt den Kopf mit dem geöffneten Maul seitlich in den Schnee, wälzt sich mit steifer Rute, – springt tändelnd wieder auf, schließt ihre blitzenden Fangzähne behutsam um sein Vorderbein. Da beginnt das tolle Liebesspiel. Im stäubenden Schnee fegen die beiden kraftvollen Tiere nebeneinander her, rennen mit hechelnden, tropfenden Zungen, Rücken an Rücken, – die Lehne hoch, wieder zu Tal, Seit an Seit. Bis die Wölfin im Schnee liegenbleibt, leise winselt, lockt – – zärtlich. Der Wind heult aus den Klammen, in langen Fahnen zieht der Schnee über die Bodenwellen. Storm kehrt in langen Sätzen zur andern zurück. Sein schwarzes Fell ist weiß von Reif und Schneestaub. Nur die Lichter stehen schwarz aus der hellen Maske. Die Wölfin wehrt sich nicht mehr, als er ungestüm auf sie zustürmt. Storm ist den Menschen verloren. Die Wildnis hat sein Blut verwandelt. Heißer fließt es jetzt durch die Adern, – – sein Heulen ist ein Sturzbach von wildem, unbändigem Blutdurst. Mit der Gefährtin jagt er durch die unzähligen Täler und Schluchten der Küste. Aber sorgsam meiden die beiden, größere Flocks ihrer Artgenossen zu treffen, – der weißen Wölfe, die in Rudeln durch die große Einsamkeit der Arktis ziehen. –   Erst gegen Mittag erwacht Ragnar auf seiner Pritsche. Er horcht nach draußen, wo der Sturm wütend pfeift. Essig mit der Jagd. Vielleicht stand Storm vor der Hütte und wartet darauf. Schwerfällig steigt der Jäger von seinem Lager, steht erst mal einen Augenblick still und dehnt den Brustkasten, der vom unbequemen Liegen ganz eng und verdrückt ist. »Na ja, na ja, – – eh, du Teufelshund – wart mal!« Die Tür ist mit einer zwei Meter hohen Schneewehe bedeckt. Das hat man auch noch davon, daß man jetzt eine geschlagene halbe Stunde arbeiten kann, bis der Kopf endlich in die Nachtluft kommt. »Huuii – –« zieht der Wind um die Ohren, »Storm, – Storm! – – So – – Storm!« Nichts zu sehen. Kein Hund, der aus dem Schnee hochfährt und einem freudig winselnd entgegenläuft. »Storm!« Im Krebsgang wieder in die Hütte zurück. Ragnar gibt sich nicht erst die Mühe, Feuer zu machen, – er haut sich für die nächsten zwölf Stunden in die Koje. – – Um Mitternacht flaut der Sturm unvermittelt ab. Beinahe Windstille. Da soll der Teufel draus klug werden! Nordlicht steht am Himmel – phosphorne Flammen zucken aus nächtlichen Wolken, brechen sich, winden sich in schlangenhafter Bewegung am Nachthimmel. Aufbruch zur Jagd! Vielleicht eine halbe Stunde ist der Jäger von der Hütte entfernt, als er leichtverschneite Spuren quert. Kaum älter als eine Stunde können sie sein, bei dem höllischen Wetter vorher. Die Skier gewendet und in schneller Fahrt hinterher! Erst zog das Tier im Tal, suchte aber bald höher, die Berglehnen hinauf. Über Spalten war es hinweggezogen, im polternden Sprung, – den die Skier nicht nachahmen konnten, solange das Terrain aufwärts stand. Ragnar läuft der Schweiß unter seinem Pelzzeug am Körper entlang während seiner eiligen Nachsuche. Bald hätte er aufgegeben, denn die Stapfen steigen plötzlich beinahe lotrecht in den Berg, dem Plateau zu. Aber er besinnt sich, stampft weiter, die Skier über den Schultern. Ein Zögern darf es nicht geben, – es ist die einzige Spur, die er angetroffen hat. Drei Stunden geht der Weg durch wilde Schluchten, im Zickzack über Geröll, das der Wind schneefrei geblasen hat. Dann gleitet Ragnar auf ebener Fläche dahin, – tief unter seinen Füßen das Tal. Hier, in der Höhe, bläst wieder ein scharfer Wind, – verdoppelt sich binnen kurzem. Ragnar muß die Fahrtgeschwindigkeit beträchtlich steigern, um die Körperwärme zu halten. Zwei Stunden läuft er so hinter dem Ochsen, der nun Witterung von ihm haben mußte und seine Gangart wohl ebenfalls beschleunigte. Plötzlich führt die Spur in einem scharfen Haken zur Seite, fällt darauf wieder ab – – zu Tal! Ragnars Magen beginnt sich zu rühren, – streiken will er – – nun, das hat nichts zu sagen, falls er zum Schluß den Ochsen wirklich holt. Doch wieder führen die Stapfen bergan. Es ist um die Mittagsstunde – nach bald zwölfstündiger Jagd, als sich Ragnar in den Schnee hockt und seine Pfeife anbrennt. Der Teufel schien hier im Spiel zu sein. Müde und mißmutig steigt er dann bergab, hat das Glück, seine kleine Gamme auch wiederzufinden. – Das Feuer knattert auf den Herdsteinen. Ein dünner Tee dampft im Kessel. Nur für die Eingeweide. Nur um sie zu wärmen. Ein kostbares Mittagsmahl! Ragnar schielt nach den Wölfen, die vor seiner Nase hängen. Das ist ja auch Fleisch, – genau so rot wie Moschusochsen- und Renntierfleisch! »Ja, Fleisch ist das!« – – Warum der Magen auch nicht die geringste Freude zeigt beim Gedanken an einen Wolfsbraten. Ist doch auch Fleisch! Was kann es sein, daß das Fleisch eines Raubtieres, – – – aber hat Ragnar nicht schon manches saftige Bärensteak gegessen? Nun, Wolf und Bär, – wie kommt es, daß man einen so großen Unterschied zwischen ihrem Fleisch macht. Ißt man nicht auch die Schlittenhunde auf, wenn man keinen andern Ausweg mehr hat? Warum wehrt sich der Magen so stark, wenn die Augen in einer gewissen Absicht die Keulen eines kapitalen Wolfes streifen – – hängt es etwa mit der angeborenen Achtung zusammen, die man den streifenden, wilden Gesellen zollt, deren langgezogenes Heulen durch die nächtlichen Berge grollt? Wolfsbraten! Wie sich das anhört! Hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit – – Teufelsbraten! Klingt so häßlich, – bissig! »He, – Teufelsbraten –« sagt Ragnar zu den beiden Wölfen – »wollte sagen – Wolfsbraten! – –« »So, nun ist es Schluß mit der Jagd, – raus aus der Gamme, – – hat keinen Zweck, länger zu warten.« Ragnar hat es sich in den letzten Wochen angewöhnt, selbst sich die Kommandos zu geben, die einer Handlung vorausgehen. Er spricht überhaupt die ganze Zeit mit sich selbst. Man muß doch eine Stimme hören. Und ist es nur die eigene. Die Einsamkeit bringt das so mit sich. »Ja, ich gehe jetzt!« bestätigte er seinen Entschluß, als hätte ein anderer vorgeschlagen, daß man nun aufbrechen müßte. »Der Hund hat ja die Spur, – falls er noch am Leben ist. Außerdem kennt er den Weg zur Haupthütte. Und Fleisch, nun, – liegt nicht genug davon im Fleischgrab?« Allerdings sollte dieser Vorrat nicht ohne Not angegriffen werden. Aber es werden sich noch manche Jagdtage finden, bis das Licht wiederkommt. Ragnar verstaut die Pfanne im geräumigen Sack, hängt sich den Annorak über. »Wie ist das Wetter?« »Man muß erst mal sehen, ob die Luft rein ist oder ob schon wieder Schneewolken aufziehen.« Krachend stößt der Mann die Tür auf, steckt den Kopf hinaus. »Himmel!« »Moschus!« Ein schwerer schwarzer Körper fährt polternd durch den Schnee, – – geht erschreckt ab. Ragnar taucht wie ein Schatten wieder in die Höhle zurück und reißt die Rifle vom Lager, – »Teufel!« Zwei Schüsse krachen durch die Stille, hallen im Gebirg wieder. »Teufel!« freut sich Ragnar, als er den flüchtenden Ochsen fallen sieht. Lachend stolpert er durch den tiefen Schnee, zieht das Fangmesser von der Hüfte, Freude im Gesicht. »Das ging schnell! Wer hätte das gedacht, daß da ein Ochse dicht vor der Tür steht, während man drin sitzt und sich Sorgen um Fleisch macht?« »Ein kapitaler Bursche – –« Ragnar stößt dem Liegenden, der den mächtigen Kopf mit den spitzen Hörnern in den Schnee geforkelt hat, die blinkende Schneide in den mähnigen Hals, tritt zurück. Die Augen des Ochsen sind starr auf ihn gerichtet, während er unter langsamen Zuckungen ausblutet, die dichten Haare mit Schweiß verklebt. Plötzlich sinkt der Kopf seitlich. Liegt still. »Steht da ein Ochse dicht vor der Tür!« wundert sich Ragnar immer noch. Die Freude rieselt ihm warm durch den Körper. Vor seinen Augen sieht er nochmals, wie zwei Feuerstrahlen durch die Nacht zucken, nach dem flüchtenden schwarzen Körper hin, der in den Schnee niederklatscht; er sieht die Augen, schwarz wie Diamanten, die Augen eines verendenden Wildtieres, brechend, anklagend. Schwer im Tod, der alle Geschöpfe ereilt, ob sie unter den Fängen eines ganzen Rudels von Wölfen fallen oder im Blitz der Kugelbüchse. Die Augen, in denen so viel Leid liegt. Jeder Jäger hat sie schon gesehen. Keine Abwehr ist mehr in solchem Blick. Die Kreatur weiß, daß sie nun zu sterben hat, daß es kein Entrinnen mehr gibt, es gibt kein Aufstehen mehr, – die Schalen schürfen schon kraftlos im Harsch, kein Fliehen. Sterben! Es gilt zu sterben. »Bist ein feiner Kerl!« sagt der Jäger anerkennend zu dem gefällten Ochsen. Beinahe Bewunderung hat Ragnar, Freude; – – ja, das nennt man sterben. Kann sein, daß die Nacht das Verstehen des Jägers vertieft. Die Nacht schafft ganz andere Bilder als die harte, rücksichtslose Sonnenhelle. Die Nacht ist weich, umhüllt alles mit ihren samtenen, weichen Schwingen. Leben und Tiefe bekommt alles in der Nacht. Der ursprüngliche Sinn des Daseins tritt deutlicher hervor. Das Blut leuchtet in der Nacht. Geheimnisvoll. Kostbar! Der Träger des Lebens. Blutleere ist Tod. Wo noch Blut rinnt, ist Leben. Auch wenn es stirbt; entweichendes Leben ist immer noch Leben. Bis alle Bewegung erstorben ist. Dann schleppt man einen leblosen Körper durch den Schnee. Setzt das Messer an, verwertet das Fleisch, – gefühllos. Die Seele ist nicht mehr beteiligt. »Das ist Fleisch, – ja!« Das ist Fleisch, nur noch Fleisch. Und das die Decke, die man nachher über die Koje breiten wird, um warm und weich darauf zu schlafen. Ist da noch ein Geheimnis vorhanden. Das Geheimnis ist mit dem Tier gestorben. Man fühlt nur den eisigen Hauch der Nacht, flucht, daß einem die Muskeln unter den Händen gefrieren, daß der Talg die Schneide des Fangmessers stumpf macht, weil er in Klumpen auf dem Eisen sitzt. Das ist alles nur Material, das man verarbeitet. Fleisch! Zur Befriedigung des hungrigen Magens. Noch am selben Tag ist der Jäger aufgebrochen, der Hütte am Fjord entgegen. Ein kleiner dunkler Punkt, läuft er durch die weiten Schneeflächen. Hat die Augen überall. Unaufhörlich wandern sie den Weg voraus und zur Seite. Teils, um vielleicht eine Spur von Storm zu finden, zum andern, weil der Mensch selbst zum Freiwild geworden ist in der Arktis. Mechanisch nimmt er die Schneegabeln, taucht unter in querlaufenden Rinnen. Wachsam! Bis in der mondklaren Nacht sich der kleine Hügel zeigt, unter dem die Strandhütte liegt. Die Skier knirschen im Hartschnee. Mag wohl an die fünfzig Grad Kälte sein. Zum Glück ohne nennenswerten Wind. Beim raschen Lauf schafft sich der Körper selbst warm. Nur der Gesichtsausschnitt kriegt den Frost zu spüren. Der Mund ist vom vereisten Bart überklebt, sogar an den Augenwimpern hängen kleine Eisperlen. Einmal glaubt Ragnar, einen dunklen Schatten zu sehen, der sich in gleicher Richtung mit ihm bewegt. Er denkt an den Hund. Wird wohl eine Sinnestäuschung gewesen sein. Storm würde sicher zu ihm herankommen, wenn er in der Nähe war. Doch der Jäger hat einen falschen Schluß gezogen. Es war tatsächlich Storm gewesen. Drüben hatte er gestanden, auf einem kleinen Vorsprung im Berg. Mit seltsamen Blicken folgt er der Gestalt des Skiläufers. Und hinter ihm lag die Wölfin im Schnee. Mit zurückgelegten Ohren und einem dünnen flehenden Winseln. Storm hatte unentschlossen seine Augen wandern lassen. Von der neuen Gefährtin zu dem alten Kameraden. Begierig hatte er den Duft in sich eingesogen, den Ragnars Schuhe im Schnee zurückließen, – der wie eine unsichtbare kleine Wolke über dem Boden stand. Er blickte zur Wölfin zurück und drehte den Kopf wieder dem Jäger zu. Hunger stand in seinen glimmenden Lichtern. Die Wölfin erhob sich, als Ragnar vorbeigezogen war, sie hatte das Fleisch gewittert, das der Jäger mit sich trug. Aufgeregt knetete sie die Vorderläufe im Harsch, duckte dann den Kopf, mit entblößten Fängen. Linste Storm von der Seite an, – stob schließlich davon, um die Spur des Jägers aufzunehmen. Aber Storm rührte sich nicht. Nur ein ärgerliches Knurren ließ er hören. Und die Wölfin kam gleich darauf an seine Seite zurück. Sie verstand, daß Storm keine Lust zu einem Angriff hatte. Aber sie verstand nicht den Grund hierfür. – Storms Unentschlossenheit deutete sie als Angst, und etwas von dieser vermeintlichen Furcht ging auch auf sie über. Erst als Ragnar aus den Blicken der beiden verschwunden ist, erhebt sich der Hund, reckt den muskulösen Körper und trabt, ohne sich nach der Wölfin umzusehen, zu dem Strich hin, den Ragnars Skier durch den Schnee gepflügt haben, folgt ihm. Bleibt nach einigen hundert Metern wieder stehen, als er den leisen Tritt der Wölfin hinter sich vernimmt. Mit abwesenden Blicken läßt er sich ihre Liebkosungen gefallen, atmet den Wildduft ihres schneeigen Körpers in sich ein. Der Geruch von Ragnars Spur wird schwächer und schwächer darüber. Und plötzlich biegt Storm entschlossen von dem Weg zur Hütte ab, zieht nach Nord, den Bergen zu, – als wäre er nun zu einem endgültigen Entschluß gekommen. Blut ist stärker als Erziehung. Blut spricht eine eindringlichere Sprache. Und das Blut treibt ihn zu seinesgleichen, – weg von Menschenhütten. Ragnar hat indessen die Hütte erreicht, hockt auf dem Kojenrand und schneidet Späne, um sich ein Feuer anzufachen. Verläßt das Haus für einen Augenblick und kommt wieder, setzt den Kessel, mit Schnee gefüllt, auf die Herdringe, durch die der Flammenschein leuchtet. Langsam zieht Wärme durch den Raum, so daß man sich der schweren Kleidung nach und nach entledigen kann. Die Mütze trägt er immer noch, weil ihre seitlichen Ränder im Bart festgefroren sind. Auch der dicke Wollschal ist durch zentimeterdicke Eislagen in die Haare verankert. Hat gute Weile. An Bord des »Polarwolf« war vor Fahren ein Fänger, der sich den Schal vom erfrorenen Kinn riß, als er von der Tonne in die warme Kajüte kam. Brach ein ganzes Stück des Kinns dabei mit los. Und die Wunde wollte nicht mehr heilen daraufhin. Man muß warten können, hier oben, – warten, im kleinen und großen. Draußen liegt das Schneeland still und schweigsam. Der Himmel ist wieder verhängt, – wird wohl bald zu schneien beginnen. Hat ein Gutes. Wenn Schnee fällt, fällt auch die Kälte etwas ab. Nach ein oder zwei Stunden, – wer zählt die Stunden, wenn draußen die endlose Nacht liegt – – steht Ragnar von seinem Hocker auf, auf dem er bis dahin beinahe reglos saß, – streift sich die Kleider vom Leib und geht zur Koje. Seine Glieder sind schwer. Schwer biegen sich die Beine in den Knien. Dick treten die Venen aus den Schenkeln hervor. Und schwerer werden die Bewegungen des Jägers jeden Tag, der abläuft. Das Licht, das von der Erde verschwunden ist, trägt wohl die Schuld daran. Was macht's? Ist doch alles gleichgültig. Hat es einen Zweck, sich dagegen zu stemmen, – kann man ein Schicksal aufhalten. Hat es einen Zweck, überhaupt darüber nachzudenken, was schuld sein mag, daß der Körper mit jedem Tag müder wird. Im Schlaf vergißt man alles um sich, – man vergißt, daß man auf Grönland gefangen sitzt. Man vergißt, daß die Kameraden nun irgendwo im Eis oder in der Tiefe des Polarmeeres liegen. Also schläft man. Ist Schlafen nicht schön? Die Zeit vergeht rascher dabei. * * »Hallo – Hallo – – – halloooo!« Unruhig wälzt sich Ragnar auf seinem Lager. »Hallooo – – –« Er kann ihm nicht helfen, dem Mann, der kraftlos an einer Scholle hängt und in der Strömung treibt. »Huuii – –« zieht der Wind übers Packeis, peitscht das offene Wasser zu Schaum. »Ich kann nicht, – kann nicht!« stöhnt Ragnar, klammert seine Fäuste um eine Kante, – – – »kann nicht! Zu weit – – zu weit!« Das Meer kocht, daß das Eis in der Kimming tanzt. »Hallo!« Warnen will er den Mann im Eis! Kommt dort nicht ein Bär geschwommen, – taucht weg, kommt wieder hoch, – immer näher! Mit einem Satz ist Ragnar aus der Koje, reißt das Gewehr vom Haken. Stürmt durch den Raum, zur Tür hin, – hinaus, in den Schnee, – er reißt die Rifle an die Backe, der Schuß dröhnt durch die Nacht – – – Ist kein Bär mehr zu sehen. And kein Mann. Ragnar ist blitzwach, findet sich im tiefen Schnee wieder. Flocken stäuben auf seine nackte Brust. Hinter ihm liegt dunkel die Hütte. Die Tür steht noch offen. Erstaunt läuft er zurück. Schläft weiter. Mit tiefem, vollem Atem. Schweiß auf der Stirn.   In der nächsten Nacht hörte er nochmals die Rufe des Mannes vom Eis. – – – Oft noch. Und die Nacht will kein Ende nehmen. Auch die Kameraden kommen jetzt wieder häufiger zur Hütte. Es geschah wohl, daß Ragnar beim Erwachen mitten in der Nacht, – und Nacht war es ja immer, – sie plötzlich in einem Bogen um seine Lagerstelle stehen sah. Eigentlich sah er ja nur ihre Augen. Sie wurden immer brennender, diese Augen, von Tag zu Tag. Die Brust des Jungen zog sich zusammen bei solchem Erwachen. Der Atem wurde pfeifend aus den Lungen gepreßt, – röchelnd. Und er warf sich auf die Seite, um nicht den vielen Augenpaaren begegnen zu müssen. Wenn die Augen ins Dunkel zurücksanken, wurde auch der Atem wieder freier und kräftiger. Eine Riesenlast schien sich von seiner Brust zu wälzen. Erst heute Nacht sind sie wieder dagewesen. Alle auf einmal. Nicht mal Knud fehlte. War seltsam, daß Knud den weiten Weg von der Mitte der Grönlandsee bis zur Küste fand. Knud – – und der Smutje. Die reine Flagge Norwegens trägt er über seine Brust gebreitet. Zitternde rote Farben. So, wie er unters Eis glitt damals, so steht er jetzt hier, der Smutje. »Bist du auch da?« fragt Ragnar, obwohl er sieht, daß der Smutje da neben seinem Lager steht und Seewasser von seinen Kleidern auf den Kojenrand niedertropft. Der Smutje schweigt. »Bist du auch – –« will der Einsame nochmals seine Frage wiederholen, – – da erwacht er vom Klang seiner eigenen Stimme. Und die andern sind weg. Ragnar ist nun wach. Man würde glauben, er sagte zu sich selbst: »Ein Alp hat mich geritten. War ein Alp!« Aber er redet überhaupt nichts. Er denkt auch nichts dergleichen. Weiß er überhaupt noch, was nun Traum ist und was Wirklichkeit? Die Nacht wischt alle Grenzen aus. Weiß er, ob er nun wach ist oder ob er noch schläft? Selbst wenn er nun den Kojenrand entlangfährt mit seinen steifen Fingern. Das tut er vielleicht nur im Traum. Wie soll er sich überzeugen, daß er wirklich mit den Fingern am Kojenrand entlangtastet. Im Zeitlosen hängt er. Selbst gegenstandslos. Seinen eigenen Sinnen traut er nicht mehr. Die Sinne können einen betrügen. Schwindel! Alles. – – Was soll man nun glauben? Ein Wegweiser ist da. Ein Wachtposten! Der Hunger! Wenn nicht der Hunger wäre, hätte Ragnar längst vergessen zu leben. Aber der Hunger zwingt die Hand ans Messerheft und an den Griff der Pfanne. »Leg ein Stück Fleisch in die Pfanne – – und Talg.« Das befiehlt der Hunger. Und die Hände gehorchen. Der Hunger herrscht über die Nacht. Wenn der Hunger sonst das Leben zerstört, – hier rettet er das Leben. Solange bohrt er in den Gedärmen, bis der müde Körper vom Lager hochfährt und sein Verlangen erfüllt.   Die Nächte reihen sich aneinander – die Nacht. Wochen – wieder ein Monat. Wenn der Mond ein Viertel gewachsen ist, schneidet man eine neue Kerbe in die Tischkante. Eine grobe Rechnung. Aber sie muß stimmen. Kein Zweifel, daß sie stimmt. Selbst wenn die Kerbe ein paar Tage später nachgetragen werden muß, weil der Mond oft lange Zeit nicht sichtbar ist hinter dem Gewölk. Dann trägt man eben zwei Kerben nach – einen halben Monat.   Vom Proviant, den Ragnar vorgefunden hat im Verschlag, ist nur noch ein geringer Bruchteil vorhanden. Eigentlich nur noch Gewürz, Pfeffer und Salz, – da sind ja noch zwei kleine Säckchen mit Erbsen, – sechs Mahlzeiten. Dann ist Schluß. Man kann im Notfall den Mageninhalt eines Moschusochsens zu Gemüse verarbeiten, so wie es der Beisar als erster machte. Das soll ein Weg sein, den Skorbut zu schwächen. Grünzeug. Auch während der Polarnacht ist ja das Moschusrind ständig auf Nahrungssuche. Unter dicken Schneelagen scharrt es die paar Pflänzchen frei, die Flechten und Gräser – – man meint, es müßte verhungern – und doch hat der Jäger niemals ein Tier erlegt, das nicht einen prall gefüllten Magen gehabt hat. Stinkt scheußlich, der Mageninhalt. Aber man kann sich die Nase zuhalten beim Essen. Und er ist ein Mittel gegen Skorbut, voll von grünen Pflanzen. Das Blut kann man auch trinken. Wie im Packeis. Das ist schon seit langem Sitte an Bord der Robbenfangschiffe. Braucht noch lange kein Nahrungsmangel zu herrschen. Frisches Seehundsblut schmeckt wie Milch, – süß und warm, wie vom Euter einer Kuh. Und es macht kräftig, widerstandsfähig. Tierblut ist eine Kraftquelle. Ebenso wie das dampfende Fleisch, das man vom erlegten Tier schneidet und roh verschlingt. Eine warme Mahlzeit. Wenn das Licht kommt, liegen die Mahlzeiten nur so auf dem Eis herum. Bis dahin muß man sich zusammennehmen, auch wenn die Zähne sich im Mund lockern, – auch wenn man fühlt, wie sich der Skorbut langsam im Körper vorfrißt. Langsam. Man kann sich ungefähr den Zeitpunkt errechnen, an dem er mit seiner Arbeit zu Ende sein wird. Wie erzählte Jon damals von seiner Svalbardüberwinterung? Von seinem toten Kameraden, – Hjalte hieß er. Ja. Er schlief mit Hjalte zusammen in der Koje, weil er einen Kameraden brauchte. Einen Menschen. Und war er auch tot. Hat Jon nicht erzählt, daß der Tote ihm das Leben gerettet hätte? Eben weil er tot war. Hjalte hat seinem Kameraden gezeigt, wie der Tod aussieht, – dann konnte Jon wählen, ob er auch sterben wollte, von innen her, von der Seele her, – oder ob er nicht lieber am Leben bleiben wollte. Nun liegt auch Jon draußen vor der Hütte. Freilich, er ist schon begraben. Nun wird Jon die Rolle übernehmen müssen, die Hjalte für ihn übernommen hat. Also, – hier ist ein Toter, – hier ist ein Lebender. Das Licht kommt nun bald zurück, – Ragnar muß dann auf die Bai gehen und Robben jagen, – in warmem Fleisch wühlen, warmes Blut auf die Hände bekommen. Das gibt das Leben zurück. Jon hat es gesagt, als er zuletzt da war. Heute morgen! Ragnar schlug die Augen auf, wollte aufstehen. Aber als er zum Tisch hinüberblickte, saß da Jon und legte Patience, ob das Licht bald käme. Es dauerte eine gute Weile, bis er damit fertig war. Mäuschenstill blieb Ragnar in der Koje liegen indessen. Nachher drehte sich Jon um und meinte: »Wird bald kommen, das Licht. Noch zwei Wochen!« Sicher, da stimmte die Rechnung, die sich Ragnar gemacht hatte. Beruhigt schlief er wieder ein, – – als er aufwachte – – war es nicht, als wäre die Nacht heute nicht so dunkel wie sonst? Wie ein leichtes Dämmern kam es aus Südost. Ragnar schlüpft in den Pelz und läuft um die Hütte herum. Er läuft immer um die Hütte herum. »Ja, es ist heller als sonst, – die paar Sterne, die am Himmel sind, können das nicht schaffen, – Teufel, – wenn es wirklich heller wäre. Wenn nun wirklich die Sonne bald wieder kommen würde?« Schlafen! Man muß schlafen bis morgen, wenn wieder der Mittag da ist. Einprägen muß man sich, wie die Helle heute aussieht, – vergleichen, morgen, – vielleicht ist es morgen noch etwas deutlicher zu sehen. Schlafen! Nicht denken. Vielleicht steht morgen die Nacht draußen tiefer als jemals – und die Sonne kommt überhaupt nicht wieder. Nicht daran denken! Am anderen Mittag zieht wirklich eine leichte Dämmerung für wenige Minuten über das Tal. Alles liegt dann wieder grau und dunkel. Verliert sich in tiefem Nachtblau. Aber die vereiste Bai scheint einen leichten Schein zu bewahren von der Dämmerung. Immer noch kann man die einzelnen Formen der Kalbeisblöcke unterscheiden, die der Gletscher bis Wintereinbruch von sich abgestoßen hat. Und den großen Eisberg, der seit dem Herbst gestrandet in kurzem Abstand vom Ufer liegt. Das Eis hält den Schein der Dämmerung am längsten, sieht es aus. Immer noch steht der Fänger am Ufer und blickt über die Ebene von Eiswülsten und Schollen hin. Zu seinen Füßen ächzt und stöhnt es. Ankommende Flut, die das Eis gegen den Strand preßt. Manchmal ein hartes Knacken, ein Riß birst durch die weiße Decke. »Recht so! – – recht!« murmelt Ragnar vor sich hin. Im Augenblick kann er noch gar nicht fassen, was um ihn vorgegangen ist. Und daß er Licht gesehen hat. Nur ein ärmliches, ersticktes Leuchten überm Land, – kaum wahrnehmbaren blassen Schimmer um die Bergspitzen. Und doch der Vorbote der leuchtenden Sonne. Man hat nun die Gewißheit, daß die Sonne wiederkehren wird. So gut, als ob sie schon selbst am Himmel gestanden hätte. Denn eine Täuschung ist jetzt nicht mehr möglich. Kein Nordlicht war heute zu sehen und kein Mond. Die Wolken liegen in bald tausend Metern Höhe, kleine überall verteilte Wolkenstückchen, hinter denen das tiefe Blau des unendlichen Weltenraums liegt. Die Wolken, – – die Wolken! Erst jetzt fällt es Ragnar auf, daß auch sie viel heller sind als sonst. Einen weißlichen Hauch tragen sie über ihre weichen Felder und die Kanten gegen West sind von irgendwoher beleuchtet. »Nun kommt die Sonne.« Ragnar sieht ihren roten Ball, der um diese Zeit hinter den hohen Bergen umherwandert, langsam höher steigen – wieder sinken. Einen vollen rotglühenden, satten Ball, eine leuchtende Kugel, die Leben in den Weltraum hinaussprüht. In Milliarden von Strahlen die die Gestirne übersättigen mit Wärme, mit der lebengebenden Wärme, und mit Licht. Man nimmt die Sonne als etwas ganz Selbstverständliches. Oh, – – die Sonne ist eine Göttin. Man müßte sich der Sonne zu Füßen werfen, die Licht ausschüttet über Wesen, welche die Nacht in düstere, enge Höhlen verbannte. »Ja, – die Sonne!« Aber als der einsame Jäger ein paar Stunden vor Mitternacht auf seinem Lager erwacht, – »haha, wie war das doch? Die Sonne, ja!« da fällt ihm ein, daß die Sonne doch nicht mehr wiederkehren kann. Ist nicht der Alte im Zimmer und bohrt wieder seine Augen in Ragnars Gesicht, – »hoi, die Sonne!« Ragnar springt von seinen Fellen auf und macht die Lampe in Ordnung, – holt den Kalender von der oberen Koje herab. Hastig zählt er die Striche, die der andere, Oien, vor ihm durch die Tageszahlen gemacht hat, vergleicht mit den Kerben am Tisch. Der Alte neben ihm schüttelt den Kopf, – Ragnar sieht ihn zwar nicht, denn jedesmal, wenn er Licht macht, ist Jon verschwunden, – aber er weiß, daß Jon jetzt den Kopf schüttelt. Wieder wendet er sich den Kerben an der Tischkante zu, zählt nochmals durch. Stimmt nicht, – die Sonne kann noch nicht kommen. Hat er sie nun wirklich heute nachmittag gesehen? Oder hat er sich das alles gedacht? Hat er sich gedacht, daß nun wohl die Sonne irgendwo hinter den Bergen leuchtet oder hat sie ihn wirklich beschienen? Aber wärmer war es nicht gewesen als sonst. »Das war es nicht gewesen!« bestätigt sich der Junge. Also ist sie nicht dagewesen. Denn Sonne wärmt doch. Sie brennt förmlich auf die Haut mit ihren gleißenden Strahlen. Heller ist es gewesen, – so? Heller! Wenn der Mond nun zufällig hinter einer Wolke stand und sein Licht nicht geradenwegs auf den Boden sandte, sondern auf Umwegen, – dann hielt man das für Sonnenlicht. War noch keine Sonne da! Ratlos hockt Ragnar am Tisch, stemmt die Finger gegen das verreiste Fensterbrett. Die kleine Tranlampe läßt ihr Licht flackern, – nur eine kleine Ritze in der Wand, durch die der Wind von außen hereinkommt, – – aber Ragnar dreht sich um, als stehe jemand hinter seinem Rücken, ein Mensch, durch dessen Atem die Flamme zum Blaken gebracht wird. Der dunkle Raum hinter Ragnars Rücken ist leer, man sieht nur schwach die Umrisse vom erloschenen Ofen. Aber schließlich treten natürlich Menschen in diesen Raum, wenn man mit Ragnars Augen in ihn hineinstarrt. Schwerfällig rücken sie näher und näher, bis man ihre Gesichter unterscheiden kann. Was nützt Ragnar eine Gestalt, deren Gesicht man nicht deutlich erkennen kann. Nun, der Schiffer ist als erster zu erkennen, – muß ja so sein, denn der Schiffer ist immer der gewesen, der als Erster unter den Leuten stand. Darum tritt er auch hier als Erster aus dem Dunkel heraus. Die Balken der Hütte beginnen zu ächzen unter den Schritten der Leute. Sie müssen alle da sein heute, die Kameraden, daß unter ihrem Gewicht die Balken und Bodenbretter stöhnen. Unwillkürlich weicht Ragnar auf seinem Sitz etwas nach hinten. Und die Front der Besuchenden rückt näher, – näher. Da klirrt etwas ans Fenster, das dick verschneit ist. Wie ein Pochen ist es bald, die Schneelage fällt stellenweise vom Glas davon. »Will noch einer herein, – noch einer, wer das wohl ist. Sicher Knud, der den weiten Weg hat.« Aber Ragnar rührt sich nicht von seinem Sitz. Von den Beinen herauf fühlt er Kälte und Starre in den Oberkörper kriechen, breit und schwer legen sich Blutwellen durch den schmerzenden müden Kopf. Und der Puls schlägt langsam, – er zögert, als könnte das Herz nur mühsam mit dem dicken Brei in den Adern fertig werden. »Da ist er, der Skorbut, – nun kommt er«, denkt man, – »wie wunderlich matt man ist. So müde.« »He, Jon, – nun kommt der Skorbut auch zu mir.« Gleichgültig! Der Skorbut macht gleichmütig. Man will ihm eigentlich gar nicht entfliehen. Man kämpft nicht gegen ihn. Die Hand fällt schlaff zurück, die man an das Kojengestell legen wollte, um sich beim Aufstehen zu helfen. »Ich habe tagelang Schnee geschaufelt, um dem Skorbut zu entgehen«, hört Ragnar den Alten sagen, – den alten Jon. Ragnar wundert sich, daß man tagelang Schnee schaufeln kann, um der Müdigkeit zu entgehen. Man wird noch müder vom Schneeschaufeln, – wird man nicht? »Und dem Wahnsinn!« fügt Jon hinzu. »He, Storm!« ruft der Fänger dazwischen. »He, Storm! Hieher!« Der Hund steht langsam vom Boden auf, wächst ins Riesengroße, – streicht auf Ragnar zu. Kalte Luft weht von ihm weg, weht dem Jäger ins Gesicht, daß ihm die blonden Strähnen in die Stirn flattern. Doch, wo der Hund eben noch stand, ist nur ein dunkler Fleck, denn die kleine Tranlampe ist zitternd verlöscht. »Na, das Licht ist ausgegangen.« Eine der Türen schlägt im Wind, – knallt zu. »Teufel, – wer dachte, daß hier Menschen sind!« Ragnar fährt herum, starrt in den Raum hinein. Das ist nicht Knud, der gekommen ist. Knud ist nicht so breit und groß. »Menschen – – –!« echot Ragnar. »Du bist nicht Knud?« An der Tür flammt grell ein Streichholz auf. Ein hartes, klobiges Antlitz leuchtet aus der Nacht. Der Pelz, der es umrahmt, ist verschneit, – – Teufel, so deutlich kam noch nie einer von den andern aus dem Dunkel hervor – – »he, wer bist du?« »Warte, ich mache gleich Licht, – – – « Ragnars Muskeln straffen sich zum Zerreißen, – mit vorgebeugtem Kopf hockt er da, vor dem Unbekannten, der näher kommt. »Ah, – Teufel!« Er hat ihn gefaßt. – Haut ihm das Licht aus der Hand, – »ah!« – – Ragnar faßt zum Gürtel, reißt das Messer los. »Ah! Du bist der Teufel! Warte – –« »Loslassen – – verrückt, – oder. Ja! Hier! So! Wenn du es nicht anders haben willst.« Ragnar taumelt, – fällt lang nach hinten, – »eh, der Teufel!« Dann ist er ausgelöscht. Taucht wieder unter in einer schweren, blutigen Müdigkeit. In der Nacht, die kein Denken duldet. Die den leisesten Gedanken gleich beim Entstehen festnagelt.   Als er aufwacht, ist Stille. Es ist, als ob Sonnenschein im Raum ist, gleißend und hell. Grell beleuchtet ist die Wand, das spürt Ragnar durch die geschlossenen Augenlider hindurch. Sonderbar, wie das gleich die Stimmung besser macht, wenn man weiß, daß nun die Sonne da ist. Da flattert plötzlich ein Heulen auf vor der Hütte. Ein Wolf, der lauthals in die Einsamkeit hineinschreit. Viele Stimmen folgen, überschlagen sich. »Wölfe!« Ragnar greift nach der Wand, an der die Rifle hängt. Aber die Rifle ist weg. »Ah, – wo ist die Rifle?« »Die Rifle ist weg!« sagt eine Stimme neben ihm. Mühsam richtet sich der Fänger hoch, – starrt in ein gleißendes Licht. Schatten stehen an den Wänden. Schwarze Schlagschatten. Und ein Mann hockt am Tisch. Das Gesicht ihm zugewandt. »Ah, – – wer bist du?« ächzt der Jäger. »Wer bist du?« brüllt er mit vollen Lungen hinterher. »Wer? – –« »Telegrafist Oien! Oien fra Tromsö.« Ragnar sackt zurück. »Oien! – – Oien! Auch Oien ist nun tot. Wie könnte er sonst hier sein?« murmelt Ragnar vor sich hin. »Ich dachte, er würde mich im Sommer hier vielleicht holen – im Sommer!« Von neuem fällt draußen das Geheul der Wölfe ein. Und wieder fährt Ragnar instinktiv nach der Büchse. Reißt sich den Mittelfinger am leeren Haken blutig. »Keine Wölfe sind es. Sind meine Hunde!« »Hunde, – deine Hunde? – – Wer bist du?« »Telegrafist Oien.« »Telegrafist Oien, Tromsö, – 14. April 1928«, wiederholt Ragnar die Worte, die er im Kalender gefunden hat; die er viele hundert Male seitdem vor sich sah, dachte und vor sich hinsprach. »Jaha!« sagt der andere, »und wer bist du?« Der Jäger fährt wieder von seinem Lager hoch, schaut aufmerksam in das Gesicht, das da vor ihm in einem grellen Lichtkreis leuchtet. Seine Augen springen beinahe aus den Höhlen. Aber da ist noch immer der dunkle rote Brei, der im Gehirn liegt. Wellen, die durch den Kopf wogen, – ein Bild von drinnen mal, – ein Bild von außen steht dagegen. Welches ist das richtige. Welches ist drinnen und welches draußen, im Licht? Denn wo das Licht ist, muß ja auch die Wirklichkeit sein, – das wahre Bild. Dann kommt der Schlaf wieder über den Jäger, reißt ihm den Kopf nach achtern, ins Genick. Ragnars Kopf fällt wieder aufs Lager. »Liegt da ein Kalender auf dem Tisch?« fragt er nach einer Weile, heftet seine Blicke angestrengt auf den Mann, der da plötzlich mit ihm spricht. »Haben denn die andern so laut mit mir gesprochen? Ob er mir den Kalender geben wird, wenn ich ihn darum bitte?« Unvermittelt sind die Wellen, die das Gehirn an seiner Tätigkeit hinderten, abgerissen. »Ob er mir den Kalender gibt?« Eine Hand kommt ihm entgegen, auf ihrer Innenfläche liegen die Kalenderblätter. Ragnar reißt die Augen auf. Vergißt, die Blätter an sich zu nehmen. Ein erregtes Zucken fliegt über seine Gesichtsmuskeln. Und plötzlich brüllt er wieder los, mit schriller, überschnappender Stimme. »Oien, Oien – – Oien – – –« »Jaha, Junge!« Oien hockt unbeweglich am Tisch. Das muß herausgeschrien werden. All der Dreck muß heraus. Vorher wird der Kranke nicht klar werden im Kopf. Dann denkt er an seine Spritflasche, läuft mit einigen schnellen Schritten vor die Hütte, wo die Hunde nun wieder ruhig neben dem überschneiten Schlitten liegen und mit einem freudigen Winseln seine Wiederkunft begrüßen. Er schiebt die Plane hoch, holt seinen Proviantsack aus der Last hervor, verschwindet wieder drinnen in der Hütte. – – »Einen Toddy, – willst du einen Toddy haben?« Und er setzt die Spritflasche auf den Tisch. »Einen Toddy? – – willst du einen Toddy haben?« wiederholt Ragnar ungläubig. »So, jetzt hau ab, –« schreit er plötzlich wieder los, macht Miene, aus der Koje zu springen. »Ich hab' jetzt genug! Genug hab' ich. – – Kannst den andern sagen, sie brauchten auch nicht wiederzukommen, – so, so – – –!« »Verschwind!« sagt Ragnar nochmals, fast beschwörend, – aber es ist schon wieder ein klareres Bild vor seinen Augen. Die klaren Bilder, – die wirklichen, gewinnen doch die Oberhand in seinem Kopf. Er richtet die Augen wieder auf den andern, hängt sie drauf an die Spritflasche. »Ist das wirklich Sprit?« »Sechsundneunziger!« bestätigt Oien, »trink!« Begierig setzt Ragnar die Flasche an den Mund, nachdem er zuerst sie abgetastet hat, als fürchtete er, sie könnte ihm unter den Händen verschwinden. »Nicht zuviel!« hört er Oien sagen, – setzt erstaunt ab und schaut wieder den andern an. Sein Schlund brennt höllisch, – er hustet, greift sich an den Hals. »Das ist wirklich Sprit. Donnerwetter, – ich glaubte, ich hätte geträumt, – – sag mal, bist du Oien? – – Ich war doch bis jetzt allein.« Oien reibt sich die Hände. Das hielt schwer. Aber der andere scheint jetzt so langsam wieder vernünftig zu werden. Sprit kann Wunder vollbringen. Er kann auch einem Verrückten den Verstand wiedergeben, wenn nicht die Nacht schon endgültig ist, die sich über das Gehirn gelegt hat. Der Kerl schien zu sich zu kommen. »Wie kommst denn du hierher?« Ragnar starrt ihn immer noch mißtrauisch an. »Ich bin vom ›Polarwolf‹!« »Vom ›Polarwolf‹?« stößt Oien hervor, springt auf. Aber sofort setzt er sich wieder auf den Hocker. Man darf den Kranken nicht unnütz erregen. »Vom ›Polarwolf‹!« stammelt er, – denkt an die unzähligen funkentelegrafischen Anfragen, die im Sommer seine Station erreichten. Im August der erste Anruf. »Motorkutter ›Polarulf‹, Schiffer Hjalmar Isachsen aus Ibestadt, zuletzt gesichtet von M. K. ›Kolibri‹ südlich Spitzbergen, Fangfelder Wester-Eis – – – ist überfällig. Das Boot hatte Proviant für eine Dreimonatsreise an Bord. Nachrichten dringend erbeten.« Im September! »Die Telegrafenstationen an der Ostküste Grönlands, auf Jan Mayen, – Bären-Insel, Svalbard, werden gebeten, sämtliche Fangstationen von dem nunmehr als sicher anzunehmenden Untergang des ›Polarulf‹ zu benachrichtigen. Die betreffenden Stationen oder Expeditionen sollen ihre Distrikte nach eventuellen Schiffbrüchigen absuchen.« Im Oktober kam dann die einfache Meldung, daß der Untergang des »Polarulv« ein Totalverlust sei. Es folgten die Namen der Besatzungsmitglieder. »Vom ›Polarulf‹?« sagt Oien am Ende nochmals. »Totalforlis! – Wie heißt du?« »Ragnar. – – Ragnar Hoel. Zweiter Schütze an Bord.« »Und die andern?« »Warte bis morgen, – sie kommen jede – –«, aber Ragnar unterbricht sich, beißt sich auf die Lippen. Ragnar ist endgültig zur Wirklichkeit zurückgekehrt. Was sollen da die andern? »Wir haben uns von den andern getrennt. Bärenjagd. Schneesturm mit Eisversetzung. Wir trieben voneinander.« Ragnar wundert sich. Er kann nicht glauben, daß er da redet, als wäre die ganze Nacht nicht gewesen. Nur weil plötzlich ein Mensch vor ihm sitzt, ein Kamerad, – einer wie die, die im Eis geblieben sind. »Wir? – Wer war denn noch dabei?« »Der alte Jon, – Jon Björvik, Hammerfest!« »Wo ist er? –« »Skorbut«, sagt Ragnar lakonisch. »Soso, – jaha! Wo liegt er?« »An der Küste draußen, wo wir unser erstes Lager hatten, – bevor ich diese Hütte fand und mich hier festsetzte.« »Das hier ist eine unserer Nebenstationen. Kommen selten hierher. Sag mal, hast du einen Hund, – schwarz?« »Hast du einen gesehen?« »Er läuft bei uns im Revier, zusammen mit einer Wölfin. Vielmehr, er lief mit ihr. Denn mein Überwinterungskamerad hat sie vor einigen Wochen abgeknallt. Sie war schon trächtig.« »Ein schwarzer Hund? Und eine Wölfin. Das war Storm! Ich dachte, die Wölfe hätten ihm den Garaus gemacht in jener Nacht.« »Er war bis zuletzt in der Nähe unserer Hütte geblieben, – kam aber nicht so nahe, daß wir ihn fangen konnten. Und auf unsere Rufe hörte er nicht. Die Wildnis hat ihn verdorben. Kommt nicht selten vor, daß sich Hund und Wolf paaren. Gute Rasse gibt das. Aber schwerhörig, wenn sie einem Befehl folgen sollen. Zu viel Wildblut.« »So, du hast Storm gesehen.« Ragnar stützt den schweren Kopf in die Hand. Seine Augen werden wieder verschleiert und starr. Die Nacht steigt nochmals vor ihm auf, alle die dunklen Tage und Nächte. Wie er die Augen abwendet von dem Gegenübersitzenden, kommt die Nacht wieder an ihn heran. Und die Müdigkeit, die für wenige Minuten verscheucht wurde durch die Erregung, kommt wieder. Die bleierne Müdigkeit, die den Körper schon seit Wochen beherrscht. Die Vorgängerin des Skorbuts. Nach einer Weile ist er eingeschlafen. Der Telegrafist nickt mit dem Kopf. »Kann nicht anders sein, – das ist Skorbut!« Nach einem solchen Winter, ohne genügenden Proviant – das stumpfe Alleinliegen. Kein Kamerad, mit dem man Worte austauschen kann, mit dem er Pläne machen konnte, – Hoffnungen auffrischen. Die Hoffnung ist alles in der Polarnacht, – und der Gedanke an den Augenblick, wo der Fuß von Bord auf den Landungskai tritt, drunten in der Heimat. Er bückt sich über Ragnar, betrachtet seine gelben Augen, den Schweiß auf der Stirn, der in seinen Tropfen steht. »Wenn man wüßte, wie weit das schon gediehen ist?« Ob Bewegung und Arbeit noch hilft. Schwerfällig geht er zur Tür, tritt in die Nachtluft hinaus, zu seinen Hunden, die reglos am Boden kauern. »He, Palo, – alter Junge, – nun gibt es Fleisch. Keine Sorge, – nun kommt ihr endlich dran. He, ssst – – Ruhe, Ruhe – ja, – Palo. Man muß immer schön warten können!« Eifrig drängen sich die kräftigen Tiere um die hohe Gestalt des Telegrafisten, springen im Geschirr. Oien holt einen hartgefrorenen Fleischklumpen aus einer Kiste, die er achtern aufgezurrt hat. Nimmt die kleine Holzaxt und läßt sie auf die Keule niedersausen. Walroßfleisch. Es dauert eine gute Zeit, bis er mit seiner Arbeit zu Ende ist und die Fleischsplitter aufsammelt, die er losgehackt hat. Bis zu fünf Meter weit sind sie oft weggeflogen unter den Hieben seiner Axt. Kein Spaß, hartgefrorenes Fleisch zu zerkleinern. Dann koppelt er die Hunde los, wirft jedem seinen Teil zu, mit dem der Betreffende dann eiligst sich verzieht, um in sicherem Abstand von den andern seine Mahlzeit zu halten. Lange steht der Telegrafist noch bei seinem Schlitten. Überlegt hin und her. »Man könnte sich ja mit dreißig Kilometern am Tag begnügen.« Seine Fäuste, die bereits damit beschäftigt waren, die Verschnürungen vom Schlitten zu lösen, halten ein. »Eine gute Schlittenreise, – es wäre das Sicherste, – für den Mann in der Hütte. Nur, – ob er noch Kraft genug hat, um auf den Skiern zu stehen? – – Pah, das kommt wieder!« Er sucht rundum den Horizont ab, horcht auf das Knarren und Knirschen im Bai-Eis. Das Wetter hält wohl noch an. Aber es sind an zweihundertfünfzig Kilometer, bis sie zu Hause sind. »Nun, das Wetter! Natürlich kriegt man zwischendurch mal eine Ordentliche aufs Dach. Aber man hat dann sein Zelt. Oder ein Schneehaus, das irgendwo aus schweren Platten Harschschnee aufgebaut wird.« Unschlüssig steht er noch immer. »Teufel, – was kann das schon viel Überlegungen brauchen. Wir hauen ab, – basta!« Na, da bleibt der Schlitten gelastet. Der Proviantsack ist schon in der Hütte. »Well, wollen sehen, daß wir uns was Gescheites in den Magen legen! He, Palo, – so, oder willst du lieber an der Kette liegen bis morgen? Alter Bursche, wer wird denn gleich raufen, wenn einer ein wenig mehr Fleisch bekommen hat. So, – Ruhe!« Dann drückt er die Hüttentür nach innen, verschwindet im Gang.   Nach einer Stunde brodelt ein Kessel auf dem kleinen Ofen. Oien geht zum Tisch und schneidet Scheiben von einer saftigen Moschuskeule, Zwiebel, Pfeffer, – wirft alles zusammen in das kochende Wasser. Fleischduft legt sich durch den Raum. Nach einer zweiten Stunde schüttet der Telegrafist die Grütze dazu, – legt einige der Eisenringe wieder auf, damit das Gericht langsam garkochen kann. Dann hockt er sich beim Ofen nieder, steckt sich die Pfeife ins Gesicht. Ragnar wälzt sich unruhig auf seinem Lager. Hebt schließlich den Kopf, blickt mit blinzelnden Augen um sich, in das Licht, das die Lampe ausstrahlt. Erstaunt bleiben seine Blicke an Oiens Sachen hängen, die teils auf dem Tisch, teils am Boden herumliegen. Der Telegrafist beobachtet ihn gespannt aus seiner Ofenecke. Die Augen des Erwachten suchen im Zimmer rund, treffen schließlich auf ihn, weiten sich. »Was! Du bist wirklich da. Bist du immer noch da? – – Ich dachte, du wärest gegangen. Bist du nicht fortgewesen?« »Hab nur den Hunden ihre Ration gegeben.« »Du bist also da. Willst du immer hier bleiben?« »Du wirst mit mir reisen – morgen. Wir reisen zur Hauptstation. Bist du ein guter Skiläufer?« »Du willst reisen? Morgen?« Ragnar gähnt, wieder kommt die Müdigkeit. Er schlägt die Brustdecke des Schlafsacks um sich, ist schon wieder weg. »He, – – raus aus der Koje! Essen gibt es. Sollst mal sehen!« »Jaha, –« brummt Ragnar im Halbschlaf. Aber er kommt diesmal schnell auf die Beine. Oien ist nicht von Pappe. Hat Muskeln wie ein Bär. Ragnar ist im Handumdrehen hoch, wie gesagt. Einen Löffel kriegt er zwischen die Fäuste geklemmt. Das übrige tut der Duft des frischgekochten Fleisches. »Ein Essen ist das!« sagt er anerkennend zum Telegrafisten, zwischen Kauen und Schlucken. »He, das ist ein Essen!« Oien schmunzelt. Das schien nochmal gut zu gehen. Hier hatte der Skorbut nicht das letzte Wort zu reden. Das war wohl meist der Kopf, der bei Ragnar gelitten hatte. »Wo bist du denn zu Hause, in Norwegen drunten?« »Ibestadt!« »John Meyr wohnt dort, der Schiffer der ›Norland‹. Ein richtiger Kerl. Kennst du ihn?« »Mein Nachbar ist er.« Dann stockt er plötzlich im Essen, schaut vor sich hin. Da kam mit einem Satz die Heimat herangesprungen, – lag da nicht der Hof seiner Eltern, ein rotgemaltes Holzgebäude mit niedrigem Dach, von grünen Matten umgeben. Blakken, das Pferd, lief mit langsamen Schritten über die Weide, hob zuweilen den Kopf, wenn der kleine Lappenhund in die aufkreischende Hühnerschar stob. Und hohe Felsen zeichnen sich hinter dem kleinen Fischerdorf gegen den Himmel ab. Schären liegen in der See, von den blauen Wellen umbrandet, – grüne Inseln, auf denen Fische zum Trocknen ausgebreitet liegen. »Das schadet nichts«, denkt Oien. »Schadet nichts, wenn einer hier droben plötzlich die Heimat sieht.« Was Ragnar für Bilder im Kopf hat, sieht jedes Kind. Nicht schwer zu erraten. Wird wohl ein Mädel dabei noch eine Rolle spielen. Mit blonden Haaren, jaha. Gute Hilfstruppen, diese Bilder, für die schwere Reise zur Hauptstation, die morgen beginnt.   Sie haben schon einige Einbuchtungen des Fjords hinter sich gebracht, zur selben Stunde des andern Tags. Der Schlitten poltert nun über die Bai hinaus, aufs Alteis, das schon den ganzen Winter hindurch gelegen hat. Mächtig legen sich die Hunde in die Riemen. Ragnar hat sich ein Tau um die Faust gewickelt, das am Schlitten befestigt ist, muß seine ganze Aufmerksamkeit auf die Verwehungen und Eisklötze richten, die im Kurs liegen, und sich den Skiern in den Weg stellen. Grätschen, Klettern, Laufen, Springen! Das wechselt blitzschnell, – stundenlang. Der Schnee stäubt unter den Kufen des Schlittens nach achtern. Oien läuft weiter vorn, kurz hinter den Hunden. Die Augen bei den ziehenden und keuchenden Tieren. Die Unebenheiten der Bai scheinen für ihn nicht vorhanden zu sein. Ganz selten schaut er mal zu seinen Skiern hinab oder auf einen Eiswulst hin, der besonders grobschlächtig daliegt und sorgsameres Gehen erfordert. Sonst saust er unbekümmert drauflos, feuert die Hunde an, ruft sie beim Namen, gibt ihnen die Richtung an, die sie nehmen sollen. »Hoire – – Palo, – so weiter, – – venstre, – rechts, links. Marsch, – marsch up. So, das war gut! Willst du nicht gleich loslegen, Jumbo! Oder willst du vielleicht auf dem Schlitten sitzen. Marsch up! Paß auf, Junge, – weißt du, was eine Peitsche ist. – – – Nun, geht es nicht fein?« fragt er zu Ragnar zurück, schickt ein helles Lachen zu dem neuen Kameraden hin, – der Schweiß rinnt ihm unter den Zotten der dicken Pelzmütze hervor über die Stirn. »He, ein wenig grob, das Eis, im Augenblick! Aber Jung, – wir machen gute Fahrt!« Ragnars erste Fahrt hinter dem Schlitten. Er hat keine Zeit, das Gesicht vom Boden zu nehmen, auch nicht für eine Sekunde. Seine Wangen sind rot von der raschen Arbeit, und die Augen strahlen in bläulichem Feuer. Die Jagd hinter den Hunden läßt keine blödsinnigen Gedanken mehr aufkommen. Ragnar ist hundemüde. Was macht's. Er preßt die schmerzenden Knie und die Beine, an denen Bleiklumpen zu hängen scheinen, dennoch in den Gang hinein. Was schadet es schon. Das Gift, das in den Knochen sitzt, muß herausgepreßt werden aus dem Körper. Daß das nicht ohne Grimmen geht, ist klar. Aber er ist gute Medizin, – der Langlauf hinter dem Schlitten. Der Skorbut macht keine gute Miene dazu. Er merkt wohl, daß er seine Klauen von der Beute wieder lösen muß. Die Nacht hat einer kleinen Dämmerung Platz gemacht, um die Mittagshöhe. Fahl schimmert das Eis vor den Hunden. Grauweiß. Die Unterlage, auf der sie sich bewegen, tritt ganz deutlich hervor. Für drei oder fünf Minuten steigert sich das Licht beinahe zur Tageshelle. »Es wird Frühling! Das Licht kommt!« Ragnar weiß nichts drauf zu sagen. Aber seine Augen saugen die kärglichen weißen Lichtschleier in sich hinein. Das war das Licht. Ragnar hatte nicht geglaubt, daß er noch einmal Licht um sich sehen würde. Es war schon alles zur endlosen Nacht geworden. »In drei Wochen haben wir schon die Sonne«, fährt Oien fort, »he, Palo, – Hoire – rechts! – Und dann wird es nicht mehr lange dauern, bis sie den ganzen Tag über dem Eis leuchtet! So, marsch up. Weiter, los!« Wenn der Schlitten auf schwächeres Eis einfährt, knirscht es in der weißen Fläche. Man hört Grollen aus der Tiefe. Die Hunde straffen die muskulösen Körper in den Tauen, gleiten schattenhaft durch das Gewirr von Spitzen, Banken und Flächen, das manchmal mit Spalten und Rissen durchzogen ist. »Noch eine Stunde! Dann sind wir auf der Walroß-Insel. Morgen überqueren wir die andere Hälfte des Fjords.« Ragnar beißt sich auf die Zähne, – noch eine Stunde lang. Bis der Schlitten aufwärts poltert, die Hunde keuchend verhalten, der Schlitten auf dem Strand zum Halten kommt. Noch ein paar hundert Meter landein. So! Nein, drüben, in Lee eines Blocks aus Granit, der schwärzlich aus dem Schnee taucht. »So, stop! Rrrrrrrr! Stop, Palo! – Ein feiner Platz bis morgen. Zurr die Verschnürung vom Schlitten, Ragnar. Sind soweit!« Der Telegrafist kümmert sich um die Hunde, die mit vereisten Masten und Flanken auf dem Schnee hocken. Löst die Bauchgurte, – koppelt jeden Hund, den er aus dem Geschirr befreit hat, an eine lange drahtdurchwobene Leine. In der Nähe einer Hütte kann man die Hunde frei laufen lassen. Hier im Eis ist das etwas anderes. Leicht, daß die hungrigen Tiere versuchen, auf Seehund oder Moschus Jagd zu machen und sich dabei auf Tage oder gar Wochen vom Lager entfernen. Mit einem raschen Griff zieht Oien dann ein Bündel vom Schlitten. Das Zelt! »Nicht mal das Zelt hoch! Zeltstange und Pflöcke liegen in dem kleinen Sack achtern auf dem Schlitten. Bin gleich fertig mit den Hunden!« Die Kälte beißt nun, nachdem die fliegenden Körper zur Ruhe gekommen sind, scharf durch das Zeug. Die Finger fühlen sich unter den dicken Pelzhandschuhen wie erstorben an. Steif, ungelenk. Jede kleine Bewegung muß man ausnützen, ausbauen, damit der Körper wieder warm wird. Unablässig rennen, trampeln. Der Telegrafist wirft jedem der Schlittenhunde seinen Teil Fleisch zu. Balgen, Knurren. »Nun, noch die Zeltstange hochrichten, – die Schnüre straffen! Hier ist der Primus! – – Ah! Feines Zelt, was? Nachher müssen wir noch die Schlafsäcke vom Schlitten nehmen.« Die Nacht liegt über dem Lager. Gehören schon gute Augen dazu, um es zwischen den hohen Steinblöcken und Schneewehen zu entdecken. Manchmal jault einer der Hunde auf, dreht sich in seinem Schneegrab, das er sich für die Rast ausgescharrt hat und in dem er gegen den Wind geschützt liegt. Rieselnd streicht Firnwind das Zeltleinen entlang, über die Köpfe der Hunde hin. Palo späht manchmal aufmerksam durch die Dunkelheit, hebt die Lauscher, steckt dann wieder den Kopf zwischen die warmen Innenschenkel, wird vom Schnee überdeckt, warm, behaglich. Palos Zelt ist seine dicke, filzige Unterwolle, die nun, im Winter, bald bis zu den Haarspitzen seines zottigen Fells reicht. * * Früh am Morgen hört man schon wieder die befehlenden Rufe des Telegrafisten. Und das Poltern der Schlittenkufen im Eis. Um die Mittagszeit stehen hell beleuchtete Wolken am Himmel. Und die Helle dauert vier Minuten länger an. Jeden Tag treten einige Minuten hinzu, – bald, daß man schon Tag und Dämmern unterscheiden kann. Die Sonne ist natürlich noch nicht da, aber sie wartet hinter den Bergen auf den Tag, an dem sie ihr Licht in die Tiefe des Fjords schicken kann. »Hoire – – Hoire, – – venstre, so, gut, Palo. Immer voran!« Durch leichten Schneewind gleiten sie jetzt, der das Mondlicht verdeckt, für Stunden. Aber Oien geht seinen Weg, ohne auch nur für Sekunden zu zögern. Ohne Kompaß. Er kann seine Gerade auch ohne Kompaß ausfahren. Nur der Schlitten eckt häufiger an, weil es unmöglich ist, den Hindernissen der Bahn rechtzeitig auszuweichen. Man muß das Tempo verlangsamen. Besser, der Schlitten bleibt heil; ist kein Vergnügen, Zelt und Proviant auf dem Rücken zu schleppen. In dieser Nacht schneit das Zelt bis zum First ein. Im tiefen Neuschnee pflügt der Schlitten am Morgen vorwärts, und Palo dreht den Kopf immer häufiger nach Oien um, der mit eckigen, krausen Falten im Gesicht neben dem Gespann herläuft. Aber Oien kennt keine Gnade. »Palo! Vorwärts!« Da duckt der Leithund wieder den Bärenkopf in den Schnee unter der Last des Schlittens. Der Weg führt hoch ins Gebirg. Tausend Meter, zwölfhundert Meter, wo die Hochebene beginnt. »Wenn wir auf der anderen Seite ankommen, haben wir noch zwei Tage zur Hauptstation«, meint der Telegrafist. »Es scheint, daß wir Schlechtwetter bekommen. Der Himmel zieht sich zu. Und die Temperatur steigt. Wenn wir Glück haben, sind wir noch vor dem Umschlag zu Hause.« »Abfahrt!« brüllt er ein paar Stunden später zu Ragnar hinüber. »Bremsen!« Der Schlitten kommt in sausende Fahrt, rattert auf die breite Rückenfläche eines tiefverschneiten Gletschers hinaus. Von den Hunden ist nichts zu sehen. In einer dichten Schneewolke fliegen sie voraus. Mit einem Satz ist Oien auf dem Schlitten, sticht seinen Skistock durch die Taue der Verschnürung in den vorbeijagenden Schnee. In breitem Fächer sieht man das Gespann voraushetzen, zurückfallen, als der Telegrafist seine primitive Bremse in Wirksamkeit setzt. »Hoire! Palo! links ist ein Abgrund!« Der Hund zerrt in den Riemen, wirft sich nach rechts hinüber mit dem ganzen Gewicht seines Körpers. Die andern Hunde folgen. »Ratsch!« Der Schlitten dreht sich um sich selbst, haut dann längsseits in den Schnee, kollert langsam weiter bergab. Irgendwoher kommt Oien aus dem Schnee gestiegen, wirft sich über den trudelnden Schlitten, über die rasenden Hundeleiber. »Stop! Stop!« Flüche, Gewinsel. »Well, das ist noch gut gegangen, dieses Mal. Wir könnten jetzt leicht einige hundert Meter tiefer liegen.« Wie ein kunstvoll geflochtenes Netz haben sich die Zugtaue der Hunde ineinander verschlungen. Jeder einzelne der Gesellen muß ausgespannt und neu eingesetzt werden. »Weiter!« kommt schließlich das Kommando. Die Schneebretter im Gletscher knarren. Schneebrücken, die über gähnenden Spalten liegen, beginnen sich zu rühren, während der Schlitten in Sprüngen weiter der Tiefe entgegensaust. Nachtlager! Weiter. Immer weiter. Hastig. Noch eine Nacht. Der Schnee beginnt in Fahnen den Grund entlang zu ziehen. »Einschneien?« Lieber verzichtet man auf die Rast. Fährt weiter. Noch sechs Stunden. Plötzlich schimmert ein kleines Lichtpünktchen voraus. Wie die Toplaterne eines Schiffes. Ein Hund heult auf in der Ferne. Palo hebt den Kopf, sendet die Antwort durch die Nacht. »Wir kommen – ja, wir kommen!« Durch fegenden Schneestaub gewahren sie nach einiger Zeit wieder das Licht. Wieder heulen die Hunde auf, mit einer letzten Kraftanstrengung zerren sie in den Riemen, reißen den schweren Schlitten voraus, als hatten sie eine leere Kiste hinter sich, – los, los! Der Hütte entgegen. Mit einemmal flammt der Lichtpunkt zu einer Flamme hoch, – beginnt, im Kreis zu wandern. »Mein Kamerad gibt das Signal; er weiß nicht, daß wir schon so nahe an der Hütte sind. Nun, es steht Sturm in der Luft. Sieh, wie die Wolken schieben. Vorsicht ist auf Grönland nie fehl am Platze.« »Hoi, Tag auch, – Sverre!« ruft er kurz nachher einem Mann zu, der vor der großen Haupthütte steht. »Wir sind da!« »Rrrrrrrr!« brüllt der dem tobenden Hundegespann entgegen. »Stop! – Die Kerls fahren einen glatt über den Haufen! Donnerwetter, – wo kommst du her?« Die Frage gilt Ragnar, der langsam die Skibindung löst und auf den andern zuschreitet. »Vom ›Polarwolf‹. Ragnar Hoel. Er ist der einzige von der Besatzung, der noch am Leben ist«, gibt Oien Auskunft. »In unserer Nebenstation habe ich ihn aufgegabelt. Hatte verdammtes Glück, der Junge«, fügt er hinzu, »du hast wohl einen waschechten Sprit zum Willkomm, denk ich mir, Sverre!« Das ist der zweite Mensch, den Ragnar trifft. Ein gutmutiges bärtiges Gesicht. Mit lustigen Augen. Nur die scharfe Hakennase verrät, daß ihr Besitzer auch ungemütlich werden kann. Jetzt strahlt sein Gesicht und tausend kleine und kleinste Fältchen ziehen aus den Augenwinkeln heraus über die Backenknochen und nach oben, zur Stirn. »He, willkommen! Willkommen! Das ist ja fein, daß wir Gesellschaft kriegen. Nun erst mal rein in die gute Stube. Klönen wir nachher. Richtig, – die Hunde können wir erst noch aus den Tauen lösen.« »Also vom ›Polarwolf‹! Skal! Skal for Norge! Skal for ›Ulven‹!« Das scharfe Zeug brennt in der Kehle, als hätte man die Hölle verschluckt! »Frag mal den Jungen nicht zu viel für heute. Als ich ihn fand, war er im Begriff, zum Teufel zu gehen«, bedeutet Oien seinem Kameraden, der Ragnar immer noch wie ein Wunder anstarrt. »Setz dich mal zu mir an den Sender. Ich will gleich Nachricht nach Norwegen geben. Hab' mir alles aufgeschrieben, was sie drunten zu wissen brauchen.« Ein Notizblatt legt er auf den Tisch, mit wirren Buchstaben bekritzelt. Beugt sich dann seitlich, wirft den Dynamo an. Brummend geht der Motor auf Touren, singt kurz danach in der höchsten Umdrehungszahl. Oien legt seine Pranke auf den Tongeber, sein Kamerad stülpt sich den Kopfhörer über. »So, nun geht es los!« »Radio Myggbukta, – Radio Myggbukta – taa taa taa taa ta – – hallo, hallo – Geophysisches Institut Tromsö – – das Geophysische Institut Tromsö – – hallo Geophysisches Institut Tromsö! Anruf von Myggbukta Radio!« Der Telegrafist legt den Hebel am Schaltbrett zurück, nimmt seinen Hörer über, langsam fällt das Geräusch des Dynamos wieder ab. Bis alles wieder ruhig ist. Gespannt hocken die beiden Überwinterer vor dem schwarzlackierten Apparat, in den der Lautsprecher eingebaut ist. Unablässig läßt Oien den Verstärker spielen, – stellt die Peilklappen ein. Allerlei Signale und Morsezeichen schwirren durch den Raum. Ein Dampfer an der Südecke der Neufundlandbank bittet um Peilung, Nebel und Sturm, – – zwischen Spitzbergen und Norwegen ist eine Unterhaltung im Gang, die der Spitzbergenkollege ausnützt, um allerhand Persönliches und Intimes aus dem Mutterland drunten zu erfahren. Ein Schiff, das irgendwo in der Ostsee drunten seine Bahn durch die Wellen zieht, hat eine Kursänderung vorzunehmen. Dann piepst plötzlich eine dünne Stimme los, – – »bukta Radio, – – – hallo, Myggbukta Radio. Hier ist Tromsö, das Geophysische Institut! Wir schalten um!« Hastig wirft Oien den Hebel wieder hoch, das Summen des Dynamos steigert sich, klettert in die Höhe. »Myggbukta Radio an das Geophysische – – hallo, hallo – Mitteilungen über den Untergang des M. K. ›Polarulv‹ Ibestadt. Überlebenden aus der Besatzung Ragnar Hoel, zweiter Schütze an Bord, in Nebenstation Süd aufgefunden. – – taa ta taa – ta ta taa – – Besatzung im Packeis Grönland Ost durch Schneetreiben getrennt. Steward, Schiffsjunge tot, Jon Björvik tot nach Erreichen der Ostküste, Ragnar Hoel in guter Verfassung, Schicksal übriger unbekannt, wahrscheinlich umgekommen, ta ta – – taa ta – –« der Sender knistert und sprüht noch eine Reihe von Einzelheiten über das starrende Eis und durch die stürmende Nacht hinunter nach dem Festland. Dann stirbt das Geräusch des Motors wieder ab, – – die Hörklappen her. Erst wieder fremde Zeichen – – ärztliche Anweisungen für die Behandlung einer Blinddarmentzündung an Bord eines Frachtbootes zwischen New York und Hamburg – – eine Mitteilung – – »Radio Myggbukta – – Radio Myggbukta – – Sendung wird wiederholt – – Danke, – – weiter guten Winter.« Oien lehnt sich in seinem Stuhl zurück, sieht über die Schulter nach hinten – – wo Ragnar steht und durchs Fenster nach draußen starrt.   Nun spielt der Telegraf die norwegische Küste entlang, von Vadsö bis nach Kristiansand hinunter. Frauen verbergen ihr Gesicht in den Händen, sehen dunkle Gestalten im unfaßbar großen Eis dahinwanken, eine Schute, die im Eisdruck zerbirst. Und in zwölf Hütten wird heute die letzte Hoffnung zerbrechen, es wird kein Raum mehr sein für den Gedanken, daß vielleicht die Toten doch wieder auferstehen, eines Tages mit einem frohen Wiedersehensgruß zur Tür hereinkommen, den Pelz ablegen. Nur einer steht noch da, von den Toten. Ragnar ist noch da. Durch einen einfachen Zufall. Drunten an der Küste rüsten sie jetzt zur Fahrt ins Eis! Das Lofotfischen ist ja nun gleich vorbei – – dann fahren sie wieder ins Wester-Eis – die Besten von den Booten. Und die Besten von den Männern! In Aalesund und Tromsö, Hammerfest, sitzen die Leute am Radiokasten, sehen auf beleuchtete Ziffern der Skala und warten auf die Eismeldungen der Telegrafisten von Grönland und Spitzbergen. Reimen sich zusammen, was sie hören. Und fahren doch los, wenn die Zeit gekommen ist, ob die Meldungen von Jan Mayen noch so schweres Eis ankündigen und Stürme, – nun, es kann ja nichts schaden, wenn man weiß, was einem bevorsteht. Heute abend hocken die Leute mit gespannten Gesichtern vor dem Lautsprecher. Da ging wieder einer von ihnen, ein Boot, mit Mann und Maus. Im letzten Jahr sind es nun vier, die gegangen sind. So, einer ist gerettet. Nun, so groß ist die Neuigkeit nicht, denn keiner von den Männern, die sich nun für den Eisfang rüsten, hat den Leuten vom »Polarwolf« auch nur eine Handvoll Atem mehr gegeben. Totalverlust. Da gingen gewöhnlich alle mit. Marsch übers Eis, – »ah, sie hatten das Schiff verlassen, nachdem sie sahen, daß sie es nicht mehr auf den Pumpen halten konnten.« Ein Marsch über Eis. Das war immer das letzte, das blieb, sofern das Schiff nicht im Sturm mit einem Schwereisberg zusammengesegelt war. Aber es waren wenige, die von einem Marsch über Eis erzählen konnten, – verdammt wenige. »Kennst du einen davon, – – ja richtig, das war Oien, der früher im Eis fuhr, ein Eislotse – – dann, ja – es sind noch einige da, – vielleicht hat sie auch das Eis inzwischen geholt. – – – Forlis!« Du triffst zwei Leute auf der Straße. Schiffer. Ihre Unterhaltung? Fang. Jagd! Plötzlich kommen sie auf einen dritten zu sprechen. »Ich Hab ihn schon lange nicht mehr gesehen, – hast du?« »Nein«, sagt der andre, zuckt die Achseln. Da spuckt der erste seinen Priem aus. »Möglich«, sagt er, »das Eis hat ihn geholt! Jaha! Er wird forlist sein.« »– – – jahaul« sagt der zweite wieder, »er ist wohl im Eis geblieben.« Das sagen sie nur vielleicht, weil sie den andern lange nicht getroffen haben.   Sverre hat inzwischen ein Stück Bärenfleisch vom Beischlag hereingeholt, hackt sorgfältig mit dem Beil lange Streifen davon weg, legt sie in die bruzzelnde Pfanne. »Hoi! Bärenbiff und Sprit, richtig für einen solchen Tag!« und sein Gesicht, das eben noch die Funken des Senders zwischen kleine, an den Fels gedrückte Fischerhütten sprühen sah, – schwere Nachrichten, – schwer für die, deren Männer im Eis verlöscht waren, – sein Gesicht wandelt sich von einem starren Ausdruck kraß zum Gegenteil. »Nun, – hier war noch Leben. Und wenn man genau hinsah, – jaha, das war nun eben das Los der Mutigen. Einmal mußte der Mut das bittere Ende durchhalten. Der große Einsatz wird doch tausendfach vergolten. Denn Tausende haben ihr Leben frei vom Hunger durch diesen Einsatz. Der Tod ist nicht das Schlimmste. Bei weitem nicht. Man mußte ihn nur nehmen wie einen Kameraden. Ihm auf die Schulter klopfen. »Eh, – wir sind ja nun lange genug nebeneinander hergelaufen! Wir kennen uns gut. Du hocktest in der Gletscherspalte und im Berg, damals, oder in der brüllenden, nachtschwarzen See. Du konntest wohl hundert Male sagen: Hoho, Jung! Nun ist es aber Schluß mit dir! Nichts davon! Fein bliebst du sitzen, bis man vorbei war und in Sicherheit! Sind wir nicht alte Bekannte? Und hunderte und tausende Male hast du dich auch in unsern Dienst gestellt. Nun ja, – ein Dienst ist den andern wert! Jaha, – nun müssen wir wohl letzte Freundschaft eingehen, die es hier auf Erden gibt. Well! Well! Norwegen lebt, – das ist die Hauptsache! Und unsere Freunde leben. Nun, – – komm schon!« Der Tod verachtet die, die nicht sterben können. Auch er liebt freie und stolze Menschen. Was hat er schon davon, wenn er einem armseligen Kerl den Hals bricht, – der stöhnend verendet. Was ist das schon eine Kunst? Hoho, der Tod sucht sich seine Freunde aus, läßt sie leben, schenkt ihnen ein Leben voll blitzender Kraft, Taten, – die größte Freude, die größte Liebe, wie sie nie einer vom Durchschnitt erlebt hat. Solch einen Mutigen, solch einen Kräftigen zu brechen, mitten in seiner Arbeit, in seinem Schaffen, – das macht Freude. And ihn frei sterben zu sehen. Keine Bitte um Gnade! Kein Winseln. »Hoi! Kamerad! Nun wachsen wir zusammen. Einen fairen Kampf wird es geben, Kamerad Tod!« Nun, so denkt ein Telegrafist auf Grönland, – ganz einfach, was er so denkt. Kein richtiger Mann, wer anders denkt. »Eh, Ragnar«, – stutzt Sverre plötzlich, tritt näher an das Fenster, »da draußen war eben wieder der schwarze Teufel, der hier seit Wochen herumstrolcht. Sagtest du nicht, daß du einen Hund verloren hättest?« Der Jäger fährt aus seinen Gedanken auf, späht durch die Scheiben. Nichts zu sehen! »Eben war er noch da!« versicherte Sverre. »Raus!« ruft Oien dazwischen. »Aber Ragnar soll allein gehen.« Schneller als ein Gedanke hat der Angerufene den Annorak übergestreift, verschwindet. »He Storm, he Storm! Storm!« Die Meute der Schlittenhunde tobt wild im Zwinger bei seinen Rufen, springt an den hohen Gittern hinauf, daß der Schnee aus den Maschen stäubt. Ragnar hält die Augen dorthin gerichtet. So wird er nicht den dunklen Fleck gewahr, der auf weniger als zwanzig Meter hinter ihm auftaucht, still im tiefen Schnee stehen bleibt. »He Storm, – Storm!« »Nichts zu sehen. Nichts zu seh – –«, macht Ragnar, dreht sich um, will wieder zur Hütte zurück, als er plötzlich sieht, wie ein schwarzer Schatten in einer Mulde verschwindet, dem Strand zu! »Komm her, Storm! Storm! Denk, das ist wirklich der alte Storm. – – Storm, was ist denn los, – komm, Storm!« Aber Storm trabt unaufhörlich weiter, dreht sich nicht einmal um. Doch! Jetzt hockt er sich in den Schnee, schaut herüber. Ragnar geht langsam auf ihn zu. Redet ohne Aufhören auf den Hund ein. Schmeichelnd, schilt ihn aus, verspricht – – saftige Keulen von Moschusochsen – Prügel. Alles, was er haben will, der Hund. Aber Storm springt plötzlich auf, rennt los, als ob ihm der Teufel ins Genick gesprungen wäre. »Stooorm! Stooorm!« »Nichts zu machen.« Der Hund ist schon bald nicht mehr zu sehen. Kehrt! Im Laufschritt zur Hütte zurück. Vielleicht hundert Meter. Ragnar ist beinahe beim Hütteneingang, als eine schwarze Gestalt an ihm vorbeifegt, in fegendem Lauf. Stoppt! Auf ihn einspringt, an ihm hochspringt, eine nasse Schnauze fliegt ihm ins Gesicht, an die Hände. »Storm, – – ja, mein Storm, – – mein Storm! He, wo bist du die ganze Zeit gewesen? Bist mager wie ein Stecken, – hoho Storm!« Der Hund gebärdet sich wie ein Verrückter in seiner Freude. Er war die ganze Zeit hindurch Wolf gewesen, – nun war er wieder Hund! Und Kamerad. Soll man Wolf sein, – soll man den Schlitten ziehen für die seltsamen Zweibeiner? Eine schwere, entscheidende Frage für einen grönländischen Schlittenhund. Immer wieder muß dieser Zwiespalt überwunden werden. – Ragnar faßt den Wiedergefundenen an seiner dichten Halsmähne und schleppt ihn in seinem Kielwasser in den Hüttenraum hinein, wo die beiden Telegrafisten warten. »Da ist er!« Eine kurze Vorstellung, denn kaum hat Ragnar seinen Griff gelockert, ist der Hund mit einem Satz unter der Koje. »Sein Stammplatz!« lacht Ragnar.   Im Frühjahr, als längst die Sonne über den Horizont heraufgestiegen ist, hat Storm sich bereits eine neue kleine Frau vom Zwinger geholt. Happy. Die Glückliche! Das ist ihr Name. Mit einem seidenweichen Fell – schwarzen Flecken auf dem weißen Körper und einer weichen Schnauze, die in immerwährender Bewegung ist. Die Männer von der Station sind bald den ganzen Tag auf der Bai, wo die gelbglänzenden Robben zu Hunderten umherliegen. Hinter dem Sonnensegel, einem weißen, dreieckigen Tuch, schieben sie sich an die Seehunde heran, knallen die spitzigen Stahlmantelgeschosse der Krag-Jörgensen-Rifle in plumpe Köpfe mit großen, schwarzen Augen. Streifen buntgezeichnete Decken von dickspeckigen Körpern. Und in der Hütte dampft es des Abends und Morgens von frischem, jungem Seehundbraten. Wenn sich auf dem Fjord draußen ein Bär zeigt, stürmt die Hundemeute aus dem offenen Zwinger, jagt in rasender Fahrt dem Todfeind entgegen, stellt ihn, nagelt ihn fest auf seinem Platz, daß ihm keine noch so wütenden Prankenschläge die Freiheit geben. Fliegt einer oder der andere der Hunde blutend in den Schnee, – da sind noch die andern, die ihm wieder und wieder an die klobigen Hinterbeine springen, – bis zum Ende ein Schuß dröhnt und der weiße Riese mit taumelnden Bewegungen aufs Eis niederklatscht. Und die Männer kommen lachend herbei nach einem solchen Schuß, befühlen das Fell, das Fleisch und schlagen sich auf die Schenkel. »Ho, – das war ein gewaltiger Bengel. Und wie er niedersauste. Wie ein Stein!« oder: »Hast du auch gesehen, wie er versuchte, die Kugeln mit der Pranke wegzufangen. Pah, – und dabei saßen sie ihm doch schon im Kopf derweil. Eine Kragrifle ist kein Eskimospeer, alter Eisbär!« Das nennt man jagen. Die Skier flitzen übers Eis, die eine Hand wiegt die Büchse, während die andere in der Tasche nach Patronen kramt. Alles im Laufen. Unvermittelt springt man dann auf den Skiern quer, »ratsch! – – da hast du deinen Teil! Oder willst du noch eine Kugel zwischen die Rippen?« Ja, das nennt man jagen. Die blonden Haare flattern auf braungebrannte Stirnen, die doch vor wenigen Wochen noch totenbleich waren von dem Lichtmangel der Polarnacht, – weiß wie keimende Pflanzen in einem dunklen Keller. Die Sonne bringt das Leben zurück mit ihren gleißenden; brennenden Strahlen. Durch den Harsch brechen schon zarte lichtgrüne Grasspitzen, neben den Robbenweibchen liegen hellgelbe Fellbündel auf dem Eis, – die Neugeborenen. Und wenn eine Bärin den Distrikt durchzieht, lotst sie meist zwei kleine weiße Geschöpfe hinter sich her, die mit trippelnden Schritten und todernsten Gesichtern bemüht sind, möglichst erwachsen zu sein und es der Alten gleichzutun im Anschleichen und Schlingen. Wenn die Bärin mit einer Robbe unterm Arm zu ihnen zurückkommt und das Fell des erlegten Tieres mit den schweren Pranken aufreißt, hocken sich die kleinen Kerle auf den blutenden Kadaver und zerren mit den bläulichen Katzenzähnchen das Fleischgewebe auseinander, obschon sie dabei des öfteren sich mit einem Ruck aufs Hinterteil setzen, weil die schwachen Beine des Gehens und Stehens noch allzu unkundig sind. Eines Tages gliemt es im Eis; ein steifer Nordwest kommt herangepfiffen und rüttelt an dem weißen Panzer, der die Bai bedeckt, – reißt Scholle um Scholle los und wirft sie in die brausenden Wellen, die begierig nach ihnen schnappen und sie in Hüpfen und Spielen weitertragen, zur offenen See hinaus, die dumpf und grollend draußen schäumt, – von unzähligen Großeisbanken gefesselt und überritten. Scharen von Vögeln ziehen landein, – – – Alten, Lummen, Enten und die buntgeschnäbelten Seepapageien – – – brausende Flüge in endlosen Ketten. Das ist die Zeit, in der drei Männer unruhig in der Hütte auf und ab schreiten, wie gefangene Raubtiere, die spähend und suchend ihre Augen in der Ferne haben. Der Kalender spielt eine große Rolle in den kommenden Wochen, – bis in den Herbst hinein, – wo eines Tages unvermittelt kräftige Signalzeichen aus dem Lautsprecher pfeifen. »D. S. ›Veiding‹,–ja, wir liegen bereits kurz vor der Küste! Aber das Eis ist schwer. Wir können nicht sagen, wann es uns gelingt, zu eurer Station durchzubrechen.« »Die ›Veiding‹ aus Hammerfest kommt zu unserem Entsatz. Peder Skogvik ist an Bord als Schiffer. – Ein feiner Eisbär, Ragnar! Sie stehen kurz vor dem Fjordeingang, – kommen in einem oder ein paar Tagen, – Mensch, Ragnar! Hörst du?« brüllt Oien mit vollen Lungen durch den Raum. »Sie werden wohl kommen!« sagt Ragnar, stützt den Kopf in die Hände, »sie werden wohl kommen. Aber die andern – – –!« Oien, der Telegrafist, stutzt, – jäh verwandelt sich sein freudiges Gesicht. »Sie werden nicht wiederkommen, die andern!« sagt er hart. »Man muß das vergessen können!« fügt er hinzu, »wir müssen alles vergessen können, hier oben! Einmal wird es auch unser Los sein. Schluß damit! Basta!« Kein weiteres Wort nötig.   Am nächsten Morgen heulen die Hunde wie rasend vom Zwinger her. Auf der Bai sucht ein Fangschiff zwischen treibendem Eis voraus, die Ankerkette rasselt. Die »Veiding« legt sich langsam mit dem Wind. Ein Boot stößt ab. Die Ruder tauchen wie Spinnenbeine in die leicht gekräuselte Wasserfläche. Schwere Gestalten kommen an Land. Schwielige Fäuste finden sich. »Ja, da sind wir!« brummt der alte Stogvik, schiebt seinen Priem in den andern Mundwinkel! »Geht es gut in Norwegen drunten?« »Alles steht gut!« »Tag, Hansen, –« tritt Oien auf einen schweren, breitschultrigen Mann zu, »du willst also die Station für den Winter übernehmen?« »Ja, – das wird so sein!« sagt der Angeredete. »Der zehnte Winter an der Ostküste, dieses Mal!« »Ja, gehen wir zur Hütte, – heut mittag wollen wir gleich mit dem Laden und Löschen beginnen.« Stogvik dreht sich zu den Telegrafisten. »Wir müssen weg, solange das Eis draußen die Durchfahrt gestattet. Hast du die neuesten Wettermeldungen, Oien?« »Immer noch Nordwest für die nächsten Tage!« »Dann ist es gut!« »He, Ragnar, – willkommen, Ragnar. War wohl ein harter Winter, Junge?« Ragnar tritt zu den Angekommenen. »Ja, – das war er.« »Jaha!« Der Schiffer redet kein Wort vom »Polarwolf«. Er sagt nur: »Jahau, – du fährst wohl mit uns nach Hause, und im nächsten Jahr, nun, – im nächsten Jahr kannst du bei mir anheuern!« »Ja, – – danke!« »Das übrige können wir in Norwegen abmachen!« »Jahau!« »So, denn man los!« Unzählige Male kreuzt am Nachmittag das Boot von der »Veiding« die Bai. Bauholz, Proviant, Kohlen und Paraffin. Die Maschinen sind schon fahrbereit, als das letzte Boot abstößt, dem Strand zu. Es holt die Telegrafisten und Ragnar an Bord. Zwei Gestalten bleiben am Ufer zurück, eine von ihnen läuft zur Hütte hin, – die norwegischen Farben klettern am Mast hoch. »Glück für den Winter! Haltet euch gut, Jungens!« Das Echo der Dampfsirene flattert durch die Berge.   Die »Veiding« wirft ihren schweren Körper schwankend durch die spritzenden Wellen, die in salzigen Bergen herangischten, wogen, – rauschen. Hoch steigt die Küste aus der See, – grüne Matten ziehen sich über Bergrücken, die getragen sind von himmelstürmenden Basaltsäulen, schwarz, grau, in den Klammen, rötlich leuchtend im Schein der Mitternachtssonne. Fischerboote liegen hart gegen den Wind. Schwere Gestalten im gelben Ölzeug hieven Netze, heißen sie hoch mit springendem, glitzernden Fang. Der Schiffer der »Veiding« steht auf der Brücke. Ragnar an seiner Seite. Nach Steuerbord weist der Alte hinüber. »Hecklingen Feuer, – vor uns!« »Ja.« »Norwegen!« Ragnar nickt. – Wenn die »Veiding« ihren Kurs auf Steuerbord legt, wird man die ganze Tiefe des Malangenfjords einsehen können. Kurz nachher öffnet sich der Tromsö-Sund. »Hart Steuerbord – jetzt! Aufs Feuer zuhalten!« Längs der Backbordseite tanzt ein kleines Boot vorbei. »Welkom i Norge igjen!« brüllt der Käpten zu dem großen Bruder hinüber, von dem er weiß, daß er aus den weiten Eisgefilden Grönlands kommt. Achtung für die Männer, die im Kampf um Norwegens Weltgeltung mit an erster Stelle stehen! »Willkommen in der Heimat!« Ragnar zuckt zusammen! Sieht starr voraus. Es ist schwer, nach Hause zu kommen. Man braucht all seine Selbstbeherrschung, um sich in der Hand zu halten. Die Gedanken rasen durch den Schädel, – blitzschnell, flüchtig, freudig, – kehren wieder, Bilder rollen zwischendurch – – Grönlands Ostküste, – das Eis, – Norwegen, das nun vor den Augen aus den Fluten steigt – Ingeborg, das Mädel. Das faltige, harte Gesicht Isachsens, des Schiffers vom »Polarwolf« – – Jon, der alte Jon, liegt auf schweißig riechenden Moschusfellen. »Gut, Jung – – halt gut durch bis zum Sommer – mein Jung. Und grüß die andern! Grüß Norwegen wieder vom alten Jon!« – – – Die Nacht stürmt um die Hütte, – – – und doch ist es leuchtender Tag. »Grüß mir mein Norwegen wieder!« – – – »Sterbt als echte Norweger, Jungens, wenn es schon gilt!« War das nicht der alte Isachsen? – Ah, – das war Isachsen! Der Schiffer des »Wolfs«. Das Eis räkelt sich in langem, schweifenden Dünen, – Brandung rauscht um die Schollen, Schneegestöber springt aus dem hellichten Tag, – – der Bär fällt, – her muß er, – brauchten sie nicht Fleisch? Storm. Ja, – das Fleisch hatte er aufgefressen, das sie hätte retten können – – – retten, vielleicht. Nun gehörten sie dem Eis, – alle – – Ragnar und Jon und die andern. Alle! Er stand hier auf der Brücke der »Veiding«. Heute, – um ein Jahr – wieder stand er dann auf der Brücke der »Veiding«! Los! – – Ins Eis! Ingeborg würde am Strand zurückbleiben. Nun, weinen würde sie erst, wenn sie allein war. »He, Ragnar! Noch eine gute Stunde!« hört er Stogvit an seiner Seite sagen – schaut über die Schulter. Der Alte hat schon wieder das Glas an den Augen, sieht voraus, – als ob er nichts gesagt hätte. »Noch eine Stunde – – ja, – noch eine Stunde!« Hinter der Walinsel diest eine Wolke in der Luft. Dunst, wie er über großen menschlichen Siedlungen liegt. Rauch von Schiffen, von Heringsfabriken, – aus den Schloten der Häuser. Tromsö! Bei der nächsten Biegung des Fjords liegen plötzlich die großen Ölbehälter des Hafens vor dem Bug. Grau legt sich die Stadt über den Bergrücken. Unzählige Häuser. Die Kirche. Das Hospital. Wie versteinert sieht Ragnar dem Näherkommenden entgegen. Das Blut schießt ihm in die Schläfen. Zurück! – Man darf das alles nicht näherkommen lassen – fliehen muß man – fliehen! Aber die Maschine der »Veiding« stampft unaufhaltsam ihren Takt. Unaufhaltsam kreisen die mächtigen Kolben im Maschinenraum, daß das Öl von der Schraubenwelle spritzt. Der Bug zieht in gerader Linie zur Reede hin. Schwer, blutig schwer kann die Freude sein! Töten kann sie, – die Freude. Aber man kann ihr nicht entfliehen. Auskosten muß man sie, – das Herz bebt unterm Druck des Blutes – und doch verlangt es nach mehr – nach mehr! Nach dem Rausch, der es verzehrt.   Mit langsamen Schritten geht der Jäger die Uferstraße entlang, steigt höher, der oberen Stadt zu.