Johann Richard zur Megede Der Ueberkater Zweiter Band Zwölftes Kapitel Nun, was habe ich gesagt? – Carlo war wieder einmal der Wissende. Wahre Größe ist eben immer bescheiden. Die Tage verbringe ich ausschließlich im Hotel, und zwar in meinem Schlafzimmer oder in meinem Salon. Diese Nähe muß ein unendlicher Trost für meine liebe Kranke (Josefa) sein! ... Ich liege mit Vorliebe auf ihrem Betteppich. Er ist weich, kühl, und die deutsche Treue wünscht nun einmal Hunde-Attitüden. Ich nehme meine Milch nur aus Josefas Hand, es ist meistens die gelbe, distinguierte Kaffeesahne, während das Souterrain in einer bläulich verwässerten Flüssigkeit schlemmt ... Hunde urteilen nach der Quantität, Katzen nach der Qualität. Und da ich die Zofe mit der liebenswürdigsten Nichtachtung behandle, ihrer Herrin aber die unbedingteste Ergebenheit zeige, werde ich von der einen um so leidenschaftlicher geliebt, von der andern um so höher geachtet. Dienstboten fühlen sich nicht wohl ohne unsre hauteur von Zeit zu Zeit. Ich glaube, daß Anna noch nie so eifrig und so schmeichelnd über gewisse Prinzengewohnheiten geschrieben hat, wie jetzt ... Der Betteppich und das Sahnekännchen gelten als unfehlbare Beweise für Carlos Hundetreue, obgleich sie eigentlich noch viel unfehlbarer für seine Katzenklugheit sprechen. – Seit wenigen Tagen wohnt nämlich die Gräfin (?) Quedenberg in unserm Hotel und im Zimmer neben uns. Diese Frau mischt Gift, und Dienstboten sind bestechlich. Wenn mir zum Beispiel Anna mit der Morgenmilch den Schierlingsbecher kredenzte, oder das Souterrain mir heimtückisch den Hanfstrick drehte? ... O nein, nein, ich lasse von meiner süßen Josefa nicht, gerade jetzt, wo sie in der Not ist! Medaillen haben eben Revers. Nur der Weise darf sie auf beiden Seiten tragen. Von der meinen leuchtet tags das fleckenlose: Toujours fidèle – nachts und für mich lese ich auf der andern Seite das bescheidene: Sei klug! Den Tag opfere ich wie gesagt stets Josefa – die Nacht eigentlich noch mehr. – Wir wandeln nämlich schon halb und halb auf dem Pfade der Liebe, aber wir vergessen uns nie! Ich inspizierte darum klug vorher die ganze Oase, und im Hotel ist mir von den gemeinen Wichsgerüchen des Hausknechts bis zu dem heimtückischen Ylang-Ylangrieseln aus dem Quedenbergschen Schlüsselloch, von den Mondscheinpromenaden einer hochbejahrten Messalina bis zu dem Totenschlaf ihres fetten Gatten nichts verborgen. Das Schlachtfeld wäre also bereit. Ich warte nur noch auf den Wink von oben, das glühende Ziehen in den Schnurrhaaren. Ich machte meine Schleichwege vernünftig vorher, und das große Gefühl wird einen wohlgewappneten Kämpen finden, der in seinem Zeichen siegt. Dagegen Menschen wie meine Josefa kommen urplötzlich mit dem großen Gefühl nach Hause, und bei ihnen hat es immer etwas Urkomisches, wie der Stich der Tarantel. Und jetzt, wo sie sich mit ihrem großen Gefühle sofort in das dichteste Gedränge stürzen sollte, ergeht sich ihre Phantasie vorerst in tausend Irrwegen, das Gewissen, die nutzloseste aller menschlichen Nervenschwächen verleitet sie zu dem Wahnsinn, ihre besten Kräfte in dem Kampf eben gegen dieses große Gefühl zu verzehren. Aus Josefas Augen starrt jetzt alle fünf Minuten das tote Wort: Pflicht! – Ich weiß auch, was Pflicht ist – man hat die Pflicht, gut zu essen, gut zu schlafen, zur rechten Zeit für Liebe und Gegenliebe zu sorgen. Und wer sich anstrengt, wo er sich nicht anzustrengen braucht, wer im Schweiße seines Angesichts auf Oasenmäuse pürscht, während er die liebliche Nachtigall bequem greifen kann, wer sich in Liebespromenaden ergeht, während das Zofenfenster doch schon geöffnet ist– der tut ganz gewiß wider seine Pflicht! Denn es gibt nur eine Pflicht: das ist die Pflicht gegen sich selbst. Wir sollen uns überhaupt unser Leben so angenehm wie möglich gestalten – darum gehen wir den Unannehmlichkeiten aus dem Weg; wir sollen einer Seifenblase nicht länger nachschauen als bis sie zerplatzt,– darum meiden wir die Ehe; wir sollen mit dem Teufel nicht spielen, denn er hat längere Krallen als wir. Wir sollen eben immer alles tun, was unsre Persönlichkeit ausbildet, und nichts, was sie unterdrückt. Darum emanzipieren wir Katzen uns von Nerven, verzichten auf das Gewissen und machen von der Reue nur insofern Gebrauch, als wir eine Dummheit nicht zweimal zu machen gedenken. Und was das wichtigste: Unsre Liebe dauert nie länger als der Wahn, der sie schuf... Ich gedenkt sehr lange zu leben, obgleich jeder mondsüchtige Ladenjüngling für den frühesten Tod schwärmt; ich gedenke nie an Krankheit oder Unglück zu leiden, obgleich nichts die Menschheit mehr läutern soll als diese beiden; ich gedenke ahnungslos sanft hinüberzuschweben, obgleich Testament und Sterbebettreue selbst hartgesottenen Bösewichtern als eine letzte Gnade erscheinen... Ich komme vom Olymp und gehe zum Olymp. Mein Erdenwallen soll keine langweilige Pilgerreise, sondern eine kurzweilige Lustfahrt sein. Jeder Kater sorgt am besten für seine Gattung, wenn er für sich selbst sorgt– und jeder Mensch am besten für die Menschheit, indem er sich selbst nach Möglichkeit amüsiert. Aber statt dessen: Ihre Lebenden mißhandeln sie, ihre Toten beweinen sie– und wenn einen Mann ein Mädchen nicht lieben will, so schießt er nicht sie, sondern sich. Sie entschließen sich zur Ehe, nachdem sie eigentlich schon für die Liebe zu alt; sie bekehren sich zum Himmel, sobald sie der Hölle rettungslos verfallen. Die Medaille der Menschheit hat erst recht zwei Seiten– eine gleißende, die immerfort gezeigt wirb, mit dem Wappenspruch – Allzeit voran! Die andre, die echte, die aber nur ungern gezeigt wird, heißt: Immer zu spät! Meine Situation hier ist gefährlich, aber interessant. Von Josefen geliebt, von Jeanetten gehaßt: es ist nun einmal das Schicksal aller Großen, daß sie leidenschaftlich erhöht und leidenschaftlich erniedrigt werden zugleich.– Von der Leidenschaft kann ich ein Lied singen! Geherzt, geküßt, mit heißen Kosenamen gerufen: »Nicht wahr, Carlo, er liebt mich?– Ja, er liebt mich... Ach, ich bin so glücklich!« Wäre ich nicht der leibhaftige Olympier, hier könnte ich mir einbilden, wenigstens der Götterbote zu sein.– Und fünf Minuten später! Weggestoßen, angestarrt, kalter Egoist gescholten: »Nein, du falsches Tier, er liebt mich nicht... Wie könnte er mich auch lieben?– Ach, ich bin so unglücklich!«– Was doch die Menschen für infame Egoisten sind! Ich wünschte in dem Moment gerade Kakes, und sie begießt mich mit Tränen. Ich schnurre, ich blinzle, ich verschwende meine melodischen Miaus. Sie will weinen und ich will Kakes essen,– es ist eine verrückte Welt! Darauf kehre ich gewöhnlich resigniert in meinen Salon zurück, wo ich Gott sei Dank allein bin, und setze mich auf das Balkongitter, Philosoph, weil ich es sein muß. Aber so geht's im Leben. Diese Moralphantastin brauchte nicht eine einzige Träne weniger zu vergießen und könnte trotzdem einem Weisen ein vorübergehendes Glücksgefühl erzeugen, doch die Hände, die für die Kakesbüchse so wunderbar geeignet sind, scheinen sich endgültig mit einem triefendnassen Taschentuch vermählt zu haben... Diesen Balkonplatz liebe ich besonders gegen Abend. Unter mir der lange Araber mit dem Fez, der seinen General und seinen Brief diesmal zur Abwechslung der Quedenberg anpreist; aber das staubige Oasenparfüm mit einem lieblichen Zusatz von Küchenduft steigt herauf. Am Himmel drüben gleiten goldne Wölkchen der türkisblauen Mondsichel zu. Hier schwankt träumerisch ein Palmenblatt, dort zwitschert müde ein Vogel. Vor dem Kasba-Hügel rechts kauert ein schmutziger Burnus an einer Pfütze, betenshalber wie er behaupten wird, waschenshalber wie ich hoffe. Meinem Gefühl nach müssen all diese schwarzgrauen Hände abfärben, ich bin eben fleckenlos weiß... Bei solchem Zwielicht kommt man ins Träumen... Wo mag doch der müde Vogel sein Nest haben? Die Fürsorge für seine unmündigen Kinder würde ich gern übernehmen. Ich denke weiter an die Wüste, an das weiße Haus, ich spüre ein sanftes Ziehen in meinen Schnurrhaaren. Das Bild der afrikanischen Fürstentochter– ihre kupplerische Mutter, die Falbkatze, pries sie mir neulich wieder an– gaukelt mir vor, schwarz, düster, mit dem herben Schnitt einer alttestamentlichen Schönheit; die jüdischen Augen flammen... Die semitische Rasse, die wir in Europa verachten, verachtet uns hier. Ich bekenne mich gern zu den Anschauungen des betreffenden Landes.– Uebrigens sind Prinzessinnen überall international, sie leiden nie an Rassevorurteilen, und bei den Menschen wenigstens wechseln sie ihren Glauben so gleichgültig und so oft, wie die Weltdamen ihre Handschuhe. Jedenfalls muß sie schön sein, märchenhaft schön!... Und noch während ich träume, sitze ich unversehens bereits auf dem äußersten Balkonrande. In demselben Augenblicke öffnet sich die Tür von Josefas Schlafzimmer; sie tritt lächelnd und in eleganter Toilette zu mir: »Carlo, wo willst du hin? Du wirst fallen und brichst dir was, du weißer Phantast!«– Phantastin sind Sie, liebe Baronin, und täten besser, auf die eignen Füße zu sehen! Frauen fallen, nicht Katzen.– Und durch die andre Tür lächelt die Gräfin(?) Quedenberg freundlich ins Zimmer: »Sind Sie fertig, Josefa? Ich wollte Sie zum Abendessen abholen.« Und dann gehen sie wirklich Arm in Arm. Frauen sind Katzen. Aber ob Katzen solche Heuchler sind wie Frauen? – Ein großes Gefühl bei uns lächelt nicht, sondern es kratzt, beißt, muß unbedingt sein Recht haben... Jetzt, wo ich allein bin und sicher, habe ich natürlich die Verpflichtung, vergleichende Zimmerstudien zu treiben.– Meine Freundin lebt in einer leichten, duftenden Unordnung, aber sie liebt fanatisch warme Bäder und schneeweiße Wäsche. Sie ist immer elegant, ob mit, ob ohne Hülle. Ich liebe das, und Peter Lasowitz liebt's auch... Aber in ihrer Nachttischschublade liegt ein grüngelbes, filziges, vertrocknetes Kraut, und das kann sie anstarren stundenlang. Neulich sollte die Jungfer auf der Stelle weggeschickt werden, weil dieses Heu verkramt war. Zum Glück fand sich's wieder. Madame lächelte beglückt und schloß sich sofort damit in ihr Schlafzimmer ein und sagte zärtlich: »Ich will zehntausendmal lieber all meinen Schmuck verlieren als dich!« Solche Kranke mit solchen Monologen gehören eigentlich in eine Nervenheilanstalt. – Durch die stets geöffnete Balkontür der Quedenberg gleite ich ins feindliche Lager. Alles peinlich sauber und ordentlich. Auf dem Nachttisch ein arabischer Sprachführer. Im Bett abends studiert sie wohl immer noch ein Stündchen diese Sprache, die sie zwar dem Herzen ihres Galans nicht näher bringt, wohl aber seinem Kopf. Das heiße ich doch vernünftig sündigen! Wenn das Herz gewisser Menschen nicht mit so viel Annehmlichkeiten verbunden wäre, auch ohne Geist; ich würde den Geist dieser Frau vorziehen, auch ohne Herz. Ich habe eine Schwäche für Geister, die sich nicht vom Herzmuskel dirigieren lassen... Liebe Josefa, du hast mich nach dieser Richtung bitter enttäuscht!– Ich liebe die Intrige, wenn sie fein ist; ich liebe die Sünde, wenn sie jung ist; ich liebe den Geist, wenn er Haare spaltet; ich liebe das Herz, wenn es für mich allein schlägt... Meine vielseitigen Studien an vielen Orten und auf allen Gebieten haben mich belehrt, daß weit mehr geweihte Hirsche herumlaufen, als irgendein Mensch ahnt. Und nie habe ich reinere Freude gefühlt, als in den Augenblicken, wo es mir vergönnt war, zu beobachten, wie eine reizende Hand mit reizendem Lächeln ein neues Ende dem vertrauensseligen Geweih des Gemahls hinzufügte. Ich liebe nicht den Eklat, ich liebe die sanfte Zähmung. Und wieviel ersprießlicher für beide Teile ist es nicht, wenn er Blindekuh spielen darf, während sie küßt.– »Nimm, o nimm die traurige Klarheit!« Kassandra würde bei längerem Leben das Ilion des Paris wahrscheinlich sehr bald als Hirschpark klassifiziert haben und den alten Priamus als Parkwärter.– Ich habe nun einmal etwas gegen alte Könige und treue Frauen. Uebrigens sind Menschen untaxierbar. Ich habe eines Tages die beiden Frauen beinah zu gleicher Zeit in ihren Zimmern beobachtet, sofort nachdem sie besonders freundschaftlich geschieden. Josefa stand mitten in ihrem Salon, die geballte Hand um das gewisse Herbariumskraut gekämpft. Und Augen? Diese Augen brannten wie Feuer. Gegen einen leidenschaftlichen Dolchstoß hat sie demnach nichts... Jeanette stand vor dem Schreibtisch, die Hand auf das neue Testament gepreßt. Und Augen?– Diese Augen strahlten wie Eis. Sie schwärmt offenbar mehr für Aqua tofana... Als persönlicher Vermittler so herzlicher Beziehungen kann man leicht den Dolchstoß und die Giftphiole zugleich abbekommen. Ich begab mich also schleunigst aus dem Hause. Ein lauer Abend. Die Sterne funkelten. Mir war einen Augenblick, als brenne das äußerste rechte Schnurrhaar. Später erwies sich das als Einbildung. Aber ich promenierte tags darauf am Rande der Oase auf und ab, fern von jenem sittenlosen Menschentosen, das ich in tiefster Seele verachte. Ich habe so oft vergebens nach »dem großen Gefühle« gesucht– den Wahn, es gefunden zu haben, mache ich jährlich wenigstens zweimal durch– aber jetzt weiß ich, daß ich dieses große Gefühl nie finden konnte, weil es nur im Orient schlummern kann, jener Wiege des Katzengeschlechts, jener Urheimat der Menschheit, jenem Stammlande des Paradieses. Warum trieb es mich in die Wüste, in den dunkeln Erdteil, der auf Landkarten allerdings merkwürdig weiß aussieht? Ich empfinde den hehren Ernst dieser Länder, die tiefe Glut ihrer Leidenschaft. Ich empfinde wonnig schauernd das Nahen jenes großen Augenblicks, der Orient und Okzident vermählt.– Es war sicher ein Wink des Schicksals, daß ich am Fuße jenes Wüstenhügels gerade stand, der die gemauerte Burg oder Kasba trägt und nur wenige Schritte von unserm Hotel liegt. Ich stieg traumverloren hinauf. Das Firmament strahlte in südlicher Pracht, es trieb mich, in den Sternen zu lesen. Und wie ich durch das leuchtende Labyrinth irre, lächelt mir Frau Venus wie verzaubert. Ich spüre ein heißes Ziehen in den Schnurrhaaren. Und um diesem Liebeslocken selbst der Himmlischen auszuweichen, senke ich erdwärts den Blick, lasse ihn über die starren Felshügel und die toten Dünen gleiten. In der ganzen Natur jenes rätselvolle große Schweigen. Wie von ungefähr gewahre ich das weiße Haus. Ich weiß nicht, was weiße Häuser in der Wüste an sich haben, aber gerade weil sie außen so wunderbar leblos sind, müssen sie inwendig wunderbar lebendig sein... In dem Augenblicke fällt ein Meteor, ein violett gleißendes, das majestätisch den ganzen Himmel entlang zieht und endlich langsam in dem Schornstein des weißen Hauses versinkt. In den Schornstein des weißen Hauses, dahin, und nirgend anders! Ich hebe die drei Schwurkrallen meiner rechten Pfote zum heiligsten Eide. Der Olymp gibt ein sichtbares Zeichen seinem erdenwallenden größten Sohne... »Omen accipio!«... Ich sage es feierlich laut, und die Wüste schweigt mir die Antwort zurück. Die Falbkatze ist keine Kupplerin, sie ist eine Botin des Himmels. »Afrikanische Fürstentochter...«, mir schwillt das Herz sehnsuchtsvoll, so daß ich nicht weiter zu sprechen vermag. Ich schlich leise den Kasba-Hügel hinab. Entweder warf das neidische Schicksal oder ein böser Bengel Steine nach mir. Ich sah mich nicht um. Wem der Stern der ersten großen Liebe leuchtet, den kümmert der Meuchelmord im Rücken nicht. Ohne Hast und ohne Furcht wandelte ich durch die Wüste. Erst eine kleine Seitenoase,– ich ging beherzt mitten durch, weil die Palmen noch immer am geeignetsten sind, sich einen wutschnaubenden Köter von oben zu beschauen. Ich kam an einem schmutzigen Zeltlager vorüber, aber in einem großen Bogen,– ich liebe diese schwarzgrauen Beduinen nicht, so wenig wie Kesselflicker und Zigeuner. Darauf wurde es hüglig, ich dachte an die jüngst gefangene Hyäne und die wahrscheinlich geringe Kenntnis dieser Bestien von dem Olymp und von den italienischen Bourbons. Für solche Fälle fehlt es in der Wüste entschieden an Bäumen. Ich schlich also sehr vorsichtig um die Abgründe, denn der großen Liebe muß das große Leben kostbar sein. Der sumpfige Boden kam, über den es salzig rieselt, der kleine Teich, der süß aber tief sein soll. Ich sprang, die Augen starr auf der Erde, immer von Grasbüschel zu Grasbüschel.– Wenn die Minutenschlange hier lauerte? Ein Biß des Giftzahns, Carlo der Königssohn tot, in einem eklen Sumpf verendet! Ich denke an den unermeßlichen Schmerz Josefas, an die leidenschaftlichen Wehklagen der afrikanischen Prinzessin, die einen Himmel vor ihren Augen offen sah, und der sich nun die Pforten dieses Himmels für immer schließen. Ich darf nicht sterben, ich muß leben!... Und da stand ich vor dem weißen Haus. Alles tot. Nur in der Vorhalle ein lautloses Huschen, ein heimliches Leuchten. Dschins? – Wenn sie es doch gewesen wären!... Nein, umringt von den Wüstenkatern aller Schattierungen, die holdseligste Fee aller Zeiten. Fahlleuchtend wie die Wüste, die Augen gelblich flimmernd wie der Abendstern, die üppigsten Glieder, der schmachtendste Mund– o, sie verstehen sich auf Schönheit, diese Orientalen! – Ich stehe stumm in ihrem Anblick, hauche, da ich ein arabisches Liebeswort nicht kenne, das alttestamentliche: »Sulamith!« Es ist wie im hohen Liede selbst... Und in dem Augenblicke, wo ich zu ihren Füßen stürzen will... Das nächste Mal mehr!... Ich bin heut zu schwach, selbst meine Feder vermag nur zu hauchen... Ich darf ihn nie, nie wiedersehen! Es ist der einzige Weg, und ich werde ihn gehen. Aber ist es denn auch der rechte Weg? Es ist die heilige Landstraße der Moral, auf der kein Bußfertiger strauchelt. Wenn ich sie aber näher beschaue, diese breite, weiße Straße: sie ist weiß von Altersstaub, den jeder Schritt aufwühlt, sie ist breit von der stumpfen Herde, die ihn tagaus, tagein platt tritt. Und trotzdem ist sie eigentlich viel mehr der feige, schmale Sündenpfad, der Pfad der Lüge, der lieber die Menschheit ewig betrügt, als daß er ihr einmal die Wahrheit gesteht. Und eben darum werde ich ihn gehen. Ich bin ja Herde, bin ja Lüge. Ich habe den Kampf, erfleht,– ob's wohl ein Kampf ist! Ich habe mich nach dem Alleinsein gesehnt,– ob's wohl ein Alleinsein ist! Aber ich habe nicht feige zum Schöpfer alles Lebens gebetet, ich habe auch nicht haltlos an meine Mutter gedacht, ich weiß, daß ich selbst klar werden muß. Wer sich stets mit beiden Händen und geschlossenen Auges an Mauern entlang getastet hat, der wird in der Sonne geblendet, in der Freiheit gebannt stehen. Und doch sind wir alle für die Sonne, für die Freiheit geboren! Ich sage mir, ich frage mich flammenden Auges: »Hat irgendein Mensch das Recht, die einzige Wunderblume seines heißen Herzens plump zu knicken, weil man in dürren Steppen eben keine Wunderblumen zieht? Hat ein Mensch das Recht, auf sich selbst zu verzichten, solange es noch dieses Selbst gibt?« Und ich hebe in kindischer Empörung die Hand gegen jenen Gott, der uns die Persönlichkeit gab und wieder nehmen will zu gleicher Zeit. Und ich beiße die Zähne aufeinander im häßlichen Vorwurf gegen meine angebetete Mutter, die mich sanft in ihren Himmel geleiten wollte und mich jäh in ihre Hölle stürzt. Nein, Gott und Mutter, es kann nicht des Lebens höchstes Gesetz sein: zeitlebens im Schweiße des Angesichts das hoffnungslos dürre Steinfeld zu bebauen, das nur die eigne salzige Träne netzt, während die Aepfel des Paradieses lachend herüberhängen. Und doch werde ich diesen falschen Bußweg gehen, noch ehe ich ehrlich gesündigt habe. Was bin ich überhaupt für ein Geschöpf? Nur eitel, genußsüchtig, schwach? Ich bekenne mich zu allen dreien. Fügt auch noch schlecht hinzu, feige! Aber sagt nicht, daß ich treulos war! Nein, sagt das nicht– das dürft ihr nicht! Denn treulos war ich nie. Und wenn ich jetzt die Treue breche, so breche ich sie um die Treue. Ich habe den Mann geliebt, dessen dunkle, unheimliche Macht über mich ich gespürt habe vom ersten Tag. Ich habe diese Macht verlacht– sie blieb; ich habe gegen sie gekämpft– sie wurde nur stärker; ich habe sie bezwungen– und sie war am allerstärksten. Und wenn ein Schatten nicht von meinem Brautbett wich, wer war der Schatten? Und wenn ein Strom mich am Sarge meines Kindes fortriß, woher rauschte dieser Strom? Und wenn ich heute zu sterben wünsche, woher weht der Todeshauch? Ja, ich möchte sterben! Aber niemand darf's wissen, warum ?– Niemand als er.– Ich denke, wenigstens angesichts der Toten müßte ihm die heiße Zärtlichkeit zurückkommen, die er einst für die Lebende gefühlt. »Weißt du noch, mein Schatz, wie du mir von der Wüste erzählt hast und ich dir von meinem Wüstentraum?« Ich erinnere mich noch so genau! Und wie ich angstvoll immer auf dein todmüdes Tier starrte, und wie meines schließlich zusammenbrach? Du rittst flüchtig davon, und die Verschmachtende war dir nicht mal des Zurückschauens wert. Im Leben ist's nicht anders gekommen. Du bist härter, stärker, an die Illusion, die zerflattert, klammerst du dich nicht mehr. Aber sie sagen alle, du habest kein Glück. Wenn ich dir doch wenigstens das Glück geben könnte, mein Geliebter! Ich möchte es auf deine Lippen küssen, ich möchte es in deine Seele träufeln wie köstliches Gift... Nein, ich werde nicht sterben! Und du darfst es, von allen Menschen, niemals wissen, du kühler Geist, der so schnell vergißt! Warum bäumt sich meine Eitelkeit nicht dagegen auf, mein Hochmut? Warum breite ich die Arme selbst nach deinem blassen Schatten aus? Weil du anders bist, als du scheinst, weil du mich noch immer liebst, weil du in andern Armen nicht warm werden kannst. Denn wenn du – wenn du in Jeanette Quedenbergs Armen warm werden könntest – wenn du könntest! Dann bin ich wieder frei, ganz frei. O, ich bin eine so flache Heuchlerin und verlange tiefe Treue... Bin ich eigentlich schon wahnsinnig? Ich habe dem Mann doch gesägt, daß ich ihn nicht liebe; ich habe ihm doch Freundschaft geboten als Ersatz, was kein Herz erträgt, das liebt. Freundschaft für Liebe! Es ist der Schlag mitten ins Gesicht. Die hoffnungslos Armen, die berechnend Geizigen, die Menschen, die nichts geben können oder noch weniger geben wollen, die allein scheuen sich nie, ein andres großes, reiches Herz mit dem Phantom des eignen, kleinen, dürren Herzens zu betrügen. Und wenn er jetzt in dieser Minute vor mir stünde und sagte: »Josefa, dein Freund will ich sein, dein guter Freund– nicht mehr!« Ich, die ich ihm dieselbe Freundschaft angeboten habe, würde empört aufspringen: »Hinaus! Ihr, die Ihr ein Katholik seid, wagt die Hostie zu beschmutzen?« Aber, wie es jetzt ist, er des Glaubens an das eigne Herz bar, erfüllt von jenem Ekel, der mich auch erfüllen würde für die ganze Sippschaft, ist seiner vornehmen Natur nach doch kein Pessimist, sondern nur ein kühler Beobachter geworden. Vielleicht versteht eine Frau später nie ganz, was die Jungfrau tat. Die Ehe öffnet erst die Augen auch für das eigne Ich. Und die Augen können mir noch nicht offen gewesen sein vorher, dann wäre ich doch meinen eignen Weg gegangen, denn Lüge und Heuchelei um ihrer selbst willen waren mir immer verhaßt. Ich muß also damals so gedacht haben, wie ich sprach! Ich erinnere mich noch so sehr genau, Wie verbissen in Said ich innerlich gekämpft habe, wie schwer ich in Venedig litt, und wie meine Mutter die ganze letzte Nacht vor Sirmione an meinem Bett saß und nicht etwa drohte oder abredete, sondern gütig wie stets nur unter Tränen sagte: »Josefa, du machst einen vornehmen Menschen, der dich herzlich liebt und mit dem du dich aus Liebe verlobt hast, sehr unglücklich und einen andern nach meinem Gefühl nicht glücklich. Denn was euch himmelweit trennt und immer trennen wird, ist die ganz andre Anschauung des Lebens. Seine mag besser sein, aber sie ist bürgerlich; unsre mag schlechter sein, aber sie ist adlig. Ueber den Herrn Rin kann eine Gräfin Angern hinwegkommen, aber niemals über die Ansichten des Herrn Rin. Tue was du kannst, eine Herzenswallung zu besiegen, die deinem Herzen Ehre macht, und die wir vielleicht alle haben durchmachen müssen einmal. Sei froh, daß du als Braut schon hinter dir hast, was du als Frau noch vor dir hättest! Wenn du meine Tochter bist, so wirst du mir das später auf Knien danken. Empfindest du anders, so stehe sofort auf und reise zu ihm zurück und sage: ›Meine Verlobung ist in diesem Moment aufgelöst, hier bin ich!‹ Aber dann hast du's zu verantworten, nicht ich. Für ein ganzes langes Leben hast du's zu verantworten, Josefa!« Ich bin aufgestanden, ich bin gefahren, aber nur bis Sirmione. Und unterwegs wurde mir völlig klar, daß Mama recht hat, und daß ich das entschiedenste Nein sagen mußte, obwohl er mich noch nicht um das Ja gebeten. Und wenn ich ihm doch die Freundschaft anbot nachher, so geschah's nur aus Feigheit. Es war eben doch ein zwiespältig Empfinden in mir. Ich wollte den Mann fortschicken, aber den Menschen nicht verlieren. Was ich ihm sagte, sagte ich ihm innerlich ruhig. Ja, ich atmete vielleicht auf, wie von einem Alp befreit, als er ohne einen letzten Gruß hinter den Oliven verschwand. Er ging so straff und sicher wie stets, und das straffte auch mein Gefühl. Aber als ich dann wieder auf der Catull-Villa stand – er in dem winzigen Boot und die Ruderer übereilig ... Ich winkte und winkte und hätte viel gegeben jetzt um einen letzten Abschiedsgruß. Er sah mich Wohl und winkte doch nicht zurück. Und da brach das ganze Kartenhaus zusammen. Ich ertrug den kalten Abschied nicht. Wenn ich gekonnt hätte, ich wäre zu ihm geeilt: »Nimm mich, nimm mich!« Aber zwischen uns lag jetzt der See, und der ist tief. Der See liegt auch noch heute zwischen uns, nur daß er ein Meer geworden ist derweil. Wie ist doch alles anders heut! Ein Bittender nahte mir, und er war mir wenigstens des wärmsten Abschiedsgrußes wert. Eine Bittende naht ihm, und sie ist ihm nicht mal ein Wimperzucken wert. Aber ich verdien's! Wie sagte er doch damals: »Leichtes Band jetzt, schwere Fessel später.« Es ist noch derselbe Ring, doch nur noch die Fessel fühle ich. Mutter, du hast mir schlecht geraten, schlecht! Du wolltest mich vor einer leichten Versuchung bewahren und stürztest mich in die schwerste! – Was ist denn selbst von all den Aeußerlichkeiten geblieben, die Peter und mich in der Brautzeit verbanden: dem Sport, der Jagd, der Eleganz? – Die Passionen vereinen, wo sie nicht trennen ... Was hat das uns genutzt? – Die kleinen Passionen trennen uns um so tiefer, weil uns die große nicht eint ... Mit Robert Rhyn eint mich keine einzige kleine Passion – und dennoch liebe ich ihn, weil mich die große nicht trennt. Tempi passati. – Er hat geliebt, ich habe geliebt – das Märchen ist aus. Mutter, Mutter, ich sollte zu dir eilen, auf deinem Schoß mich ausweinen wie so oft. Das ist mit heute vorbei. Was du mir sagen könntest, das sage ich mir besser selbst. Unsre Wege trennen sich– ich muß meinen eignen gehen. Es hilft nichts, Mutter.– Die Rechenschaft gehört von jetzt ab nur mir!... Ich liebe dich, wie ich dich immer geliebt habe, als die Güte selbst– nur der Glaube an die Macht dieser Güte ist unwiderruflich dahin. Du hast mich in meinem Leben vor allem bewahren können– nicht vor mir selbst. Ich habe immer in Höhenwünschen geglüht, wie konnte ich mich zu der lauen Tälerentsagung bekehren? Heute eine Karte »D.G.« von Peter aus Tuggurt. »Noch keine Gazellen zu Gesicht bekommen. Sonst alles wohl.« Ich mußte bitter lächeln. An Gazellen zu denken, wo Glück und Ehre auf dem Spiele stehen! Er ist völlig ahnungslos natürlich. Wie oft mag das Schicksal auch über uns lächeln, wenn wir mit unserm Schneider über ein Dinerkostüm eifrig debattieren, während gerade auf diesem Diner unsre Seele zu fallen bestimmt ist. Mann, wenn du ahntest, daß uns von jetzt ab nicht einmal die Gewohnheit mehr verbindet! Seit Jeanette Quedenberg in demselben Hotel wohnt, sind wir Frauen natürlich oft zusammen. Ich kann nicht sagen, daß ich sie liebte; ich kann auch nicht behaupten, daß ich sie haßte. Vielleicht beneide ich sie nur. Sie ist mein überlegener Gegensatz in allem. Ich spreche Englisch und Französisch unbedingt fließend; sie spricht es unbedingt korrekt. Ich liebe lässige Eleganz; sie liebt elegante Ordnung. Sie hat den Trieb zu lernen, zu begreifen, allein mit ihrem Kopf diese neue Welt zu fassen; ich habe wenig gelernt, noch weniger begriffen, mein Gefühl versucht höchstens in die Umgebung hineinzutragen, was es selbst kaum besitzt. Mir sind die Menschen fremd oder vertraut, nicht die Dinge. Mit Jeanettens scharfem Geist kann eine nicht mit, die nur ein schwaches Herz hat. Wir essen unten im Speisesaal, aber à part. Peter wünschte das aus Anstand, und Quedenberg fand es feiner. Nach Tisch erst sprechen wir mit den bekannten Afrikanern. Ich am liebsten mit der kleinen, bescheidenen Rittmeistersfrau, weil die gutherzig scheint und keine Rätsel aufgibt; Jeanette mit dem berühmtesten Reisenden, der schon alt, aber noch eine wunderbare geistige und körperliche Elastizität besitzt. Er hat seine Schwächen, wie alle großen Leute, und fast jeden Abend doziert er in dem Glasgang vor dem Speisesaal über den Zug alles Lebendigen von Osten nach Westen. Ich hatte früher gemeint, es müsse eigentlich umgekehrt sein, alles Leben müsse der aufgehenden Sonne instinktiv zustreben und nur wir Menschen wendeten uns eigensinnig dem sinkenden Gestirne zu. Der große Mann erzählt lebhaft, bilderreich, wie vom Springbock bis zum Lemming alle Wandertiere dieser Trieb beherrsche und wie selbst der Pflanze dieses unbewußte Sehnen eigen sei. Ich verstehe alles, mir ist's neu und interessant. Aber, wenn ich zuweilen nur halb träumend hinhöre und mir vorstelle, wie das alles so drängt und treibt, dumpf, stumpf, ohne Ziel, wie die Dünen des Meeres und der Wüste, da werde ich kleinmütig, fast weinerlich, angesichts dieses großen, kalten Gesetzes, das niemand dient als sich selbst. Ach, wenn doch ein andrer davon erzählte! Er würde mit der Seele sprechen wie einst, und meine Seele würde warm werden wie einst. Aber er ist ja fort, er kehrt nie wieder zurück. Und um die grauen Gedanken zu scheuchen, schaue ich mir dann die Leute an, die um die kleinen Tische herumsitzen, Zeitung lesend, Dattelschnaps trinkend. Der Rittmeister Meyer schnarrt, seine junge Frau lächelt stolz. Eigentlich nichts, was anzieht, als eine dänische Familie in der Ecke mit der jungen Mutter und den jungen, hübschen Töchtern. Darauf beginne ich zu promenieren wie gelangweilt, – und der berühmte Mann ist wirklich nie langweilig – es ist vielleicht auch nur der unbewußte Wandertrieb, der unbewußte Wunsch jemand nachzueilen. Dieser Wunsch wäre töricht, und darum dauert auch das Wandern nie lange. Ich bleibe gewöhnlich am Eingange der Galerie stehen, wo an einem Tisch zierliche Dattelkisten aufgebaut sind, die man als Oasengruß aus Biskra nach der Heimat schickt, und die dann teurer sind als die Datteln beim Krämer. Aber der Mensch liebt nun einmal die Illusion, und meiner Mutter werden sie geschmeckt haben, als hätte ich sie selbst gepflückt. Durch diese Galerie ist auch der blinde Löwe gewandelt, den sie so viele Male als Wüstenkönig photographiert haben, während er doch nur ein Almosenempfänger war. Ein blinder Löwe! Warum gab man ihm nicht beizeiten den Fangschuß? An diesem Datteltisch warte ich gewöhnlich auf die Gräfin Quedenberg, die meist sehr angeregt von solcher wissenschaftlichen Unterhaltung zurückkommt. Sie fragt auch wohl erstaunt: »Interessiert Sie denn so etwas gar nicht, Josefa?« – »Nein, das interessiert mich wirklich gar nicht, liebe Jeanette.« Sie schüttelt darüber nicht den Kopf, sie ist viel zu klug, um nicht zu ahnen, daß ihre Neigung und meine Abneigung demselben innerlichen Gegensatz entströmt. Aber die andern nehmen's für Oberfläche, halten mich für hübsch, dumm, eitel. Ich hörte mit eignen Ohren, wie der schnarrende Rittmeister mitleidig sagte: »Bildhübsch ist sie und dementsprechend schwachsinnig.« Und der berühmte Reisende nickte ihm verständnisinnig zu. Ich konnte darüber nur lächeln. Nach dem Diner machen Jeanette und ich dann noch einen Spaziergang um das Hotelkarree herum. Der Bahnhof und das Elektrizitätswerk, die hier die beiden Wüstenwächter sind, regen nicht sonderlich an. Wir sprechen, was man so spricht. Von der Expedition, von unsern Männern, aber nie fällt der Name Rhyn. Es ist eine trockene, dürre Schilderung. Aber wir sind nun einmal so, wir hüten uns, irgend etwas aus unserm Innern preiszugeben. Dann wandern wir auf unsre Zimmer, die so freundschaftlich nebeneinander liegen, aber Gott sei Dank durch keine Tür verbunden sind. Ich gehe an mein Tagebuch und muß bitter lächeln bei dem Gedanken, daß ich's einst für meine Mutter begann. Meine Mutter liest's nie! Jeanette treibt, wie sie sagt, noch arabische Sprachstudien, und dann liest sie eine halbe Stunde in der Bibel, was sie nicht sagt. In der Bibel! Sie ist strenggläubige Protestantin, versäumt nie Kirche oder Gebet. Und wenn sie vom Glauben spricht, starrt der Puritaner aus den blauen Augen. Um diese Frömmigkeit beneide ich sie nicht. Ich glaube auch, ich bete auch. Aber ist's nun ein andrer Gott, zu dem sie fleht, ist's ein ander Herz, aus dem ich flehe – ich kann nicht mehr inbrünstig beten aus diesem sündigen, grollenden Innern. Fromm sein darf ich nicht mehr! Fromm sind reine Menschen. Wie können Frauen, die sündigen, fromm sein... Du hast doch auch gesündigt, Jeanette? Du sündigst vielleicht schlimmer wie ich, denn bei dir sündigt der klare Kopf, bei mir das törichte Herz. Aber hast du noch nie darüber nachgedacht, daß der Gott verhöhnt, der in Sünden zu ihm fleht? Es wird heiß. Die Frühlingstage scheinen vorbei. Der Saharasommer naht. Er naht mit dürrem, sengendem Hauch. Die Wüste leuchtet grell auf, sie blendet, Mumienluft stäubt in die Oase. Wir beiden Frauen schließen uns enger aneinander an. Nicht innerlich, da sei Gott vor! Aber wir bummeln vormittags, nachmittags. Die sich meiden müßten, suchen sich. Vielleicht Herdentrieb, vielleicht Eifersuchtsinstinkt. Wir waren zusammen in den Bazaren. Eingelegte Waffen, ausgestopfte Wüsteneidechsen, bunte Satteldecken, der rohe Silberschmuck der Kabylin. Darüber die eigentümlich welke Bazarluft, der dumpfige Kellerhauch. Inmitten der phantastischen Orientwaren, des schweren Orientparfüms ein dicker, schlaffer Maure, dessen Haut ausgefahlt ist, bei dem Hocken, Kaffeetrinken, Schachern – dies Dämmergewölbe ihm Wiege wie Sarg. Es sind die Juden Nordafrikas und den Arabern verhaßt, die hager, habsüchtig, lautlos wie Schatten durch den bunten Tand ihrer arabischen Bazare gleiten, das gleißende Beduinenauge genau so hart wie der kaschierte maurische Blick. Ich kaufe Kleinigkeiten: ein silbergesticktes Kabylenledertäschchen für unsern Groom zu Haus, ein schreiend rotes Nargileh für den Diener. Wie wir wieder hinaustreten in die stechende Oasenhelle: mein Fremdenlegionär, der auf einen silberziselierten Kasten starrt. Er hebt das seltsam blasse Auge. »Der Kerl könnte, glaube ich, morden,« sagte Jeanette! »Vielleicht hat er schon gemordet,« antwortete ich. Und dennoch tut er mir leid. Wir waren zusammen auf dem arabischen Markt. Eine bröckelnde, verwahrloste Steinhalle mit den Modergerüchen von schlechtem Ziegenfleisch, faulen Gemüsen, dumpfigem Gerstenbrot. Ringsum der Marktplatz, in weitem Viereck von gelbbraunen Laubengängen umzogen. Hier wallt an Markttagen, was die Oase an ausgedörrten Beduinentypen der Sahara, an dumpfen Schädeln aus dem Negerdorf, an weibisch bunten Mauresken, an lichtbraunen Kabylen aus dem Atlas herbeilockte. Zuweilen auch ein tiefverschleierter Tuareg, ein geschmeidiger Tibbu, die beiden großen feindlichen Wüstenstämme, die vom Karawanenraub leben, – in die Felsenlabyrinthe von Tibesti zurückfliehend die schattenhaft flüchtigen Tibbus; in die tiefsten Sahara-Oasen versprengt der stolze, harte Berberstamm der Tuaregs, des Lächelns und des Mitleids so ungewohnt wie die Wüste. Wir bummelten lange umher zwischen dem Kauderwelsch, dem Schmutz des Orients. Ein Neger wollte mir durchaus eine riesige grüne Eidechse verkaufen. Sie sind bissig, und er hatte darum der lebenden die Kiefern zusammengenäht, wie man ein Paket zusammennäht. Scheußlich! Ein Kabyle bot kleine Affen feil, matte, traurige Geschöpfe, die menschlich flehend um sich schauten. Ein Beduine führte uns geheimnisvoll zu einem Korb mit züngelnden Hornvipern. Es ist die eigentliche Wüstenschlange, die zu den Nachtfeuern der Karawanen träge heranschleicht. Mir macht jede Giftschlange nur ungemessenes Grauen. Die Königin, die, Vipern am Herzen, stirbt, konnte doch nur eine afrikanische Königin sein! Und Esel schreien betäubend, lagernde Kamele schauen mit törichten Augen umher. Solch ein liegendes altes mit schrecklichen Schwielen wurde eben beladen. Als der junge Araber es mit wildem Drohen in die Höhe reißen wollte, brüllte es dumpf und gequält auf. Der Araber schlug, das Kamel wälzte sich, die Augen schwarz vor Wut. Da schritt ein hoher, zerlumpter alter Beduine langen, ruhigen Schrittes von der entgegengesetzten Marktecke hinzu, teilte den Kreis der Gaffenden. Ein dumpf gurgelnder Kehllaut, eine gemessene Handbewegung, dann faßte er das Halfter des Tieres, und leicht und willig erhob es sich. Er schritt zurück, wie er gekommen, arm aber vornehm. Wer kennt diese Menschen denn mit ihren Orientsinnen, ihren Orientherzen? Es war eine wunderbare Ruhe und Geduld in der Bewegung, wie der alte Mann das alte Kamel aufrichtete. Vielleicht ist Geduld die höchste Tugend, die die Wüste ihren Söhnen predigt. Wir blieben interessiert, bis sich alles verlaufen hatte, bis auf einen Esel, der mit gesenkten Ohren in einer Ecke stand, und eine vertrocknete Kuchenfrau, die schreckliche Süßigkeiten feilbot. Die afrikanische Sonne brannte grell auf dem leeren, schmutzigen Platze. Wir spürten auch den Gluthauch der Wüste und gingen. Aber der Esel rührte sich nicht in der Hitze, und die Fliegenklumpen rührten sich nicht auf dem braun zerfließenden Zuckerbrot, und der Marktgeruch rührte sich nicht aus seiner trägen Fäulnis. Als wir in die nächste Straße einbogen, wieder mein Fremdenlegionär. Er saß in einer Ladentür auf einem Sack und aß eine Dattel. Er hob das seltsam blasse Auge. »Der Kerl sieht wirklich unheimlich aus,« sagte Jeanette. – »Vielleicht ist er nur unglücklich,« antwortete ich. Was ist es nur, warum er mir so leid tut? Wir waren bei den Koranvorlesern und in den maurischen Cafés. Ueberall die fremde Art, die fremden Gesichter. – Wie auf einer staubigen Tenne liegen all die schmutzigen Kameltreiber um den Alten mit dem langen Bart und dem geflickten Burnus. Es nimmt sich aus wie ein Zigeunerlager, an dem alles fahl ist bis auf die träumerisch irrenden dunkeln Araberaugen. Jeder Vorübergehende kann hineinsehen in die kahle, niedrige Karawanserei, und jeder sieht hinein. Aber der Alte liest ruhig weiter. – Es gibt merkwürdig viel alte Menschen im Orient! ... Und wie diese Araber und Berber dann wieder träge an der nächsten Straßenecke bei ihrem türkischen Kaffee hocken, stundenlang, ohne den Gedanken an die rinnende Zeit! Wie automatisch langt zuweilen eine schwärzliche Hand unter dem Burnus nach dem weißen Zigarettenpapier und dem krausen algerischen Tabak, oder der magere Arm greift langsam nach der Wasserflasche hinüber, die etwas Köstliches ist und immer in einem feuchten Tuchüberzug prangt. Und überall haben in der Nähe diese Gesichter das feindlich Starre, das ironisch Verwunderte, und ihre Bewegungen das überlegen Gemessene. In der Wüste kommt man nie zu spät. In dieser Oede, unter dieser Sonne scheint auch die Zeit still zu stehen. Die gleichen Glutwinde, die gleichen Dattelpalmen, die gleichen Koransuren. Die Wüstenkleider, die Wüstengewohnheiten sollen sich im Laufe der Jahrtausende kaum geändert haben. In diesem brütenden Einerlei vermag nur ein Glaubenssturm die Geister aufzupeitschen. Abends sind wir auch einmal im Kursaal gewesen. Ein kleiner europäischer Konzertsaal, eine kleine europäische Bühne und darauf wieder Ouled-naëls. Hübscher, reicher gekleidet, die herabhängenden Goldschnüre bewegten sich zu diesen perversen arabischen Tänzen. Und wieder erschien der Neger mit seinem Sudantanz, nur daß der offene Mund heute nicht seine Soukasse war. – Jeanette und ich hatten sehr bald übergenug. Es ist eine häßliche Erinnerung, die sich mir auffrischt, aber selbst die häßlichen Erinnerungen wecken mir das Wehgefühl des ewig Verlorenen ... Wir spielten später noch in den sehr bescheidenen Spielzimmern. Jeanette das harmlose Wettrennenspiel, wobei man wenig verlieren kann; ich das leichtfertige Bakkarat, wobei man viel gewinnen kann. Ich habe übrigens alles verloren bis auf den letzten Sou, während Jeanette noch eine Kleinigkeit gewann. Ich mußte darüber lachen, sie wurde darüber ernst. Aber bis zum späten Abend saßen wir noch auf der Seitenterrasse des Kurhauses, über uns der Himmel, vor uns die Wüste. Da haben wir auch zum erstenmal von »ihm« gesprochen, das heißt, Jeanette hat gesprochen. War es die lächerliche Spielaufregung, war es die köstlich laue Nacht, ihr schien die Zunge gelöst. Ich höre noch jedes Wort: »Liebe Josefa, in wenigen Tagen sind wir wahrscheinlich nie mehr ungestört allein, und ich möchte Ihnen um meinet- und Ihretwegen eine gewisse Klarheit über gewisse Dinge geben. – Meine Stellung zu dem Grafen Rhyn verwundert Sie vielleicht, ja sicher. Aber was die Menschen denken, ist nicht! – Wir sind geistig verwandt und haben uns geistig gefunden. Es ergibt sich daraus eine gewisse Vertraulichkeit, die keine Frau ganz in ihrem Leben entbehren kann. Sie haben einen Mann, ich habe keinen. Es klingt hart, aber es ist nun einmal so ... Man muß schon meine Nerven haben, um nicht selbst blöde zu werden. Ich habe natürlich oft an Trennung gedacht, und welche Frau in welcher Ehe hätte dies nicht schon einmal getan! Aber es wäre unnütz, wie ich mich überzeugt habe. Eine andre Neigung habe ich nicht und bin absolut mittellos. Warum sollen also nicht zwei Leute, die sechs Jahre nebeneinander hergegangen sind, auch sechzig Jahre nebeneinander hergehen? – Ich bin bei Gott nicht allein daran schuld! Aber ich hatte als Braut beinah noch weniger Ahnung von der Ehe, als Sie damals am Gardasee ... Vor den Leuten streiten mein Mann und ich, wie Sie wissen, nie. Aber unter uns habe ich wenigstens niemals die Komödie weitergespielt. Ich behandle ihn schlecht, er nicht mich. Er hätte sich losreißen müssen! Da er es nicht tut, habe ich keine Veranlassung dazu. Sobald sich die Leute über ihre gegenseitige Abneigung verständigt haben, steht einer glücklichen Vernunftehe nichts mehr im Wege ... Um auf Rhyn zu kommen: Ich kannte ihn par distance schon vor dem Gardasee und ebenso seine Abneigung gegen ererbte Titel und leere Aeußerlichkeiten. Ich habe damals natürlich gemerkt, wie lebhaft er sich für Sie interessiert hat, Josefa, und ich wollte Ihnen beiderseitig keine Illusion zerstören. Ich glaube Ihnen die Versicherung schuldig zu sein, daß Sie und Ihr Name niemals über seine Lippen gekommen sind. Also keine Indiskretion wittern! Dazu ist er überhaupt unfähig. Jedenfalls hätten Sie nie zueinander gepaßt, denn das, was wir Frauen Liebe nennen, empfinden solche Tatmenschen doch nur in tatenlosen Stunden. – Ich kann schweigen, wie Sie mir zugeben müssen, Josefa. Und wenn ich heute rede, so ist das keineswegs Vertrauensseligkeit. Ich will mich reinigen von einem Verdacht, der einem Grafen Bloome, vielleicht auch Ihrem Gatten etwas Selbstverständliches ist, hoffentlich nicht auch Ihnen, Josefa. Graf Rhyn ist mein Freund, nicht mein Geliebter. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß er das letztere nie war, nie sein wird! Aber seine Freundschaft steht mir hoch, sehr hoch, und ich möchte sie nicht missen ... Ich weiß nicht, Josefa, ob Sie zu den Frauen gehören, denen die Freundschaft je die Liebe ersetzen kann, ja ich weiß nicht, ob Sie das je verstehen können überhaupt. Mir ist es ein ehrgeiziger Genuß, an dem Streben eines Mannes teilzunehmen, dem ich mich verwandt fühlte von dem ersten Augenblick an, wo ich ihn sah ... Und in diesem Punkte bin ich allerdings egoistisch: soweit ich's hindern kann, soll er sich nicht verheiraten, weil die Ehe nicht für ihn paßt, weil ihn auch die beste Durchschnittsfrau nicht verstehen könnte, und er ebenso nicht die beste Durchschnittsfrau. Er mag Frauen lieben, soviel er will, aber keine Frau. Unter unsrer Freundschaft leidet niemand. Nicht meine Ehe – die kann überhaupt nicht kühler werden; nicht meine Moral, – ich würde nie etwas tun, das gegen mein protestantisches Gewissen verstößt ... Und nun, liebe Josefa, habe ich Ihnen gesagt, was ich unsrer früheren Bekanntschaft schuldig war. Wir sind sehr kühl gegeneinander gewesen, namentlich im Anfang, und das war wohl die natürliche Gêne zweier Menschen, die sich unter ganz veränderten Verhältnissen wiedersehen ... Ich verlange darauf etwa keine Vertraulichkeiten, obgleich Ihnen die Ehe wohl auch nicht alles hielt, was sie versprach ...« »O doch, liebe Jeanette.« Wir drücken uns die Hand. Bei Frauen lügt zuzeiten alles, der Mund, das Auge, die Hand. Ich wenigstens log bewußt. Und während dann die schwere Pause kam, wo die Beichte der Beichte folgen soll, verschloß sich hermetisch mein Herz. Ich mußte sie nur immer wieder ansehen – den kleinen, scharfen, blonden Kopf, in dessen kluge, blaue, kalte Augen sich einst der Backfisch verliebte. Es ist ein Gesicht, dessen Undurchdringlichkeit mich heute nicht mehr täuscht. Nein, Jeanette Quedenberg, was du auch faselst von Freundschaft, ich lasse dir den Geliebten nicht, dir nicht und keiner andern! Und die Beichte sonst? – Wahrheit oder Lüge? – Wenn Frauen beichten, beichten sie immer viel zu wenig oder viel zu viel. Du liebst den Mann, liebst ihn wie ich und willst mich narren mit der Theaterdekoration der Freundschaft ... Aber liebt er auch dich? – Kann er dich lieben, wie er mich geliebt hat? – Und ich antworte triumphierend: ›Nein, er liebte dich nie, es sind die Schlacken seines Herzens, an denen du dich wärmst!‹ ... Und ob ich dich auch verlachen müßte in deinem Wahn, so steigt mir doch ein heißes, böses Rieseln den Nacken hoch, aus meinen Augen bricht der Haß. Eine Weltdame gönnt der andern nicht den fadesten Courmacher mehr, und ich sollte dir den geliebtesten Mann gönnen? – Sünde hin, Sünde her, wenn du kein Weib bist, so bin ich's! Wir gingen ziemlich einsilbig nach Hause. Und während es in mir schwelte, hat's in ihr geflammt. – Vor dem Hotel blieb sie plötzlich stehen und sagte, den Blick auf den Lehmhügel der nahen Kasba, langsam: »Ich habe vorhin noch etwas vergessen: wer mir den Freund nimmt, dem bin ich Feind. Er mag sich hüten!« »Was wollen Sie damit sagen, Gräfin Quedenberg?« Da sah sie mir gerade und ruhig ins Gesicht: «Daß ich Sie jetzt erst recht begriffen habe, Josefa.« Der Abend hatte weit anders geendet, als wir geahnt. Ist das nur meine Empfindung? – Nein. Was sie wahrscheinlich schon lange quälte, ob meine Liebe erwachte, während die seine einschlummerte, sie weiß es jetzt. Mir recht. Wir passen beide besser zu ehrlichen Feinden als zu falschen Freunden. Am andern Morgen besuchte mich Gräfin Quedenberg, als ich noch im Bett lag. Ob ihr die ganze Beichte nachträglich unangenehm war oder nur der letzte Satz? Jedenfalls war es ihr erstes Wort: »Josefa, wir haben doch gestern nicht Opium geraucht! ... Wie konnte ich doch so viel Unsinn zusammenreden?! Jedenfalls muß ich Sie bitten, niemand gegenüber irgendwelchen Gebrauch davon machen zu wollen ... Haben Sie auch so schlecht geschlafen? Dies Hotel saugt die Sonne auf wie ein Schwamm und gibt sie nicht wieder heraus.« »Ich schlafe in Biskra immer schlecht,« antwortete ich der Wahrheit gemäß. »Also Sie haben versprochen?« »Selbstverständlich.« Trotzdem haben wir uns seit jenem Abend nach Möglichkeit gemieden. Es stimmt etwas nicht zwischen uns. – Wie sollte es auch stimmen?! Es wird immer heißer. Die Lehmmauern der Oase glühen wie ein Backofen, und durch die Straßen wallt's erstickend wie ein maurisches Bad. Ich liege tagsüber auf meiner Chaiselongue, gedankenlos, matt, und doch spüre ich, wie unter der stummen Glut des Orients auch mein Sinnen erwacht... Das Zimmer ist dämmerig, durch die Balkonläden spielen winzige Lichter. Draußen flammt und leuchtet die Natur. – Der heimtückische Kampf beginnt zwischen dem, was mein Kopf soll, und zwischen dem, was mein Herz möchte. Das kommt von der weißen afrikanischen Sonne, die von der Wüste hereinglüht. Die Sinne dürsten in dem unbeweglichen Brand. Was kann ich dafür? – Soll ich mein Fleisch kreuzigen, mein Herz, und damit zugleich alles Gute, das ich je besaß? – Darf ich's überhaupt? – Denn dann bin ich ja selbst ein welkes Blatt, alt, wertlos! Bei alten Weibern ist die Moral ihrer Jugend nur lächerlich... Und ich bin noch jung, so jung! Ich muß das Leben leben. Wozu bekam ich's denn?... Und da lange ich den kleinen Handspiegel zu mir auf die Chaiselongue, und erkenne mein Bild in seiner gleißenden Dämmerung doch sehr genau. Ich bin wunderhübsch! Für wen bin ich's? Und dann lege ich den Handspiegel wieder auf den Tisch, und die Moral sagt: »Es ist eine Versuchung. Du mußt sie überstehen.« – Ich aber antworte feindselig: »Versuchung? Woher weißt du das? Mein Herz erzählt nur von Liebe und Glück... Und wenn's eine Versuchung ist, warum hast du mir nicht erst die kleine geschickt, sondern mich gleich vor die riesengroße gestellt, von der du so gut weißt wie ich, daß ich ihr die Arme weit, weit öffnen möchte?« – Und wenn ich's tue, freiwillig sündige, weil ich nicht verdorren mag?... So werden Mutter und Gatte mich verlieren, und ich werde mich selbst verlieren, aber ich werde glücklich sein!... Und wenn ich diese Stunde des Glücks mit einer Sündenlast für alle Ewigkeit erkaufe, ist's nicht doch ein guter Kauf?! Warum du gerade heute mich versuchst und mir als Versucher das Glück schickst? Sag doch: Warum ist alle Sünde jung und süß, und alle Tugend alt und bitter? Warum freut sich die Jugend ungemessen, wenn sie morgens zum Licht erwacht, und warum schleicht das Alter trübselig zu seiner schlaflosen Nacht?... Und wenn ich weiter denke und ihr an eure Brust schlagt: Was ist meine, was ist eure Moral im Grunde, ihr Durchschnittsmenschen? – Ihr fürchtet euch vor der Meinung der Menge, die nur das Kleid sieht, weit mehr als vor dem Gott, der in unsre Herzen sieht. Ihr würdet jeden verbotenen Weg gehen, und nur wegen der Warnungstafel kehrt ihr um... Ich bin wie ihr! Ich bin geboren, erzogen zur Lüge, die wie Wahrheit ausschaut. Ich kenne die Wahrheit nicht. Aber ich weiß heute, daß sie sich uns nicht verschleiert, sondern daß wir sie künstlich verschleiern mit unsrer Lüge... Wir haben nur gelernt, als Schoßhund an der Leine zu gehen. Die Leine reißt! Das Alter und die Tugend bleiben wie ein blindes Maultier auf der Stelle stehen, das Laster und die Jugend fliehen glückselig in die freien Weiten... Wenn ihr auch so springen könntet, ihr Alten, ihr Tugendhaften, – ihr sprängt! Ihr könnt aber nicht, und darum ist der Himmel euer. Mutter, wenn du jetzt bei mir wärst, du würdest mich vor einer Todsünde bewahren. Aber bleib fern von mir, auch dein Schatten flieh! Ich werde eine Todsünde begehen, ich will sie begehen, ich muß sie begehen! Dann springe ich auf von der Chaiselongue und öffne die Fensterläden, und das heiße Licht flutet herein. Ach, was der gesunde Tag doch wohltut nach all der ungesunden Dämmerung! Und dieses große Licht gibt mir Mut. Es ist, als wenn eine heiße Erleuchtung über mich käme. Ich möchte auf der Stelle Peter einen Brief schreiben, in dem ich ihm alles sage, was ich sagen darf, und dann abreisen auf Nimmerwiederkehr! ... Er würde es ertragen! – Und dann würde ich zu meiner Mutter eilen und in ihrem Schoße alles beichten, und kehrte doch reumütig wie immer zurück! ... Da sinken mir die Hände. Ich kenne mich und mein Metall nur zu gut: Selbst trostlos stumm, aber alle fremden Töne willig forttragend. – Ich müßte es doch wenigstens versuchen, einmal selber zu tönen! ... Und wenn ich das nicht kann, nur ein Spottvogel bin zeitlebens, der fremden, nicht der eignen Töne mächtig? – Dann hat meine Mutter recht, die mir den Talweg wies und mich warnte vor dem Schwindelsteg des Grats .... Aber sie soll nicht recht haben, was an mir liegt! – Höhenmenschen, Höhenfreuden, Höhenabsturz: so mag ich's wieder und so hat er's mich einst gelehrt. Du fieberst, Josefa! ... Halt, ich fiebere doch nicht! ... Ich muß vor allem wissen, schnell wissen, ob er mich noch liebt .... Aber wann, wo, wie? – Unsre Wege schieden sich doch bereits .... Ich kann ihm nicht nachlaufen, wie ein Backfisch einem Leutnant! Und Jeanette Quedenberg? – Da bleibe ich schwer aufatmend stehen. Die Eifersucht kommt. »Dies Weib darf ihn nicht behalten, auch nicht als Freund ....« Wo gab's jemals Freundschaft zwischen Mann und Weib, solange das Blut noch nach dem Herzen strömt? – Sie log gestern, sie lügt heut .... Und von einer kindischen Angst getrieben, klingle ich dann nach meiner Jungfer, um mich zu vergewissern, ob Jeanette überhaupt noch da ist. Ich habe jetzt immer den Gedanken, sie könne eines Tages verschwunden sein und er mit ihr .... Und dann klopft Jeanette im nächsten Augenblick selbst, will mich zum Diner abholen. Sie wundert sich, daß ich für mich lächle. Phantasten lächeln so oft für sich und über sich. Die Hitze steigt, meine Unruhe wächst. Die Sonne gelb verhüllt, stechend, der Himmel wie eine lastende Staubwolke, über die schweigende Wüste kriecht Mumienluft, rötlich schwer. Vielleicht liegt der Samum in der Luft, und sein Ahnen drückt auf Mensch und Tier. Wie gern hätte ich einmal den echten Wüstenwind dahinrasen sehen: Die Luft ein Feuermeer, die Dünen wandern, die Pflanzen verdorren, die ganze Natur erfüllt von einem Sandorkan, der das Leben rieselnd begräbt und die Skelette heulend aus ihrer Gruft wühlt .... Wo mag die Karawane jetzt sein? – Hoffentlich in Ouargla, wo sie sicher ist. Sie hat ja auch einen Führer, der die Wüste kennt, wie sich selbst! – Dennoch habe ich Angst. Jeanette ist heute nicht wohl. Sie spricht von einem Brief und einem Bruder, von dem ich bis jetzt nie gehört, und daß sie vielleicht ganz plötzlich nach Oran werde reisen müssen. – Was sucht sie in Oran? – Die Karawane ohne »ihn« wird spätestens in einer Woche zurück sein .... Oder »er« geht wo anders hin, schon jetzt, und sie will zu ihm? – Es kann nicht sein, es darf nicht sein! Ich muß »ihn« noch einmal allein sprechen, koste es, was es wolle .... Ich spüre, wie um mich das Verhängnis schleicht. Ach, es schleicht ja alles in dieser Glut! Die Leute behaupten, der afrikanische Sommer habe noch niemals so früh eingesetzt. Auch die Nächte sind zum Ersticken. Dennoch treibt's mich hinaus. Ich bin heute nachmittag zu Fuß auf Col-de-Sfa gewesen. Unterwegs kein Mensch. Um mich nur die harte Lehmwüste, die hier schon zu bersten beginnt, und die grauen Salzkräuter, die gegen den Sonnentod kämpfen. Auch oben auf dem Felsenvorsprung war ich mutterseelenallein. Der kleine neue Wachtturm, der im Kriegsfall wohl Signale vermitteln soll, gelb und verlassen. Unten nur brennende Wüste, oben nur bröckelnder Fels. Die Ketten des Aures-Gebirges, das hier ganz nah heranzieht, braun, tot, wie versteinerte Riesenwellen noch von der Sündflut her. Ganz weit drüben zieht eine winzige Karawane langsam den Bergen zu .... In der Wüste bei Biskra der El-Kantara-Zug. Aber wie puppenhaft ohnmächtig er durch die Wüste kriecht! In der Ferne schroffe Atlasgipfel, umwallt von schemenhaft weißem Gewölk .... Und die freie Wüste nach Saada zu: Rotfahl, wie erstickend in Dunst; wo es dunkel schimmert, Oasen. Aber alles leichenhaft, bewegungslos, ein totes Meer mit verwunschenen Inseln .... Ich strenge mich aufs äußerste an, das Haus von Saada zu erkennen. Unmöglich. Der träge bleierne Dunst deckt alles .... Und erst da überkam mich ein Gefühl maßloser Einsamkeit. Ich möchte rufen – und weiß doch, daß meine Stimme in dieser gespenstischen Glutatmosphäre verhallen muß, aufgesogen von der Mumienstille. Ich möchte etwas Lebendiges fassen – und weiß doch, daß das warme Leben die heiße Wüste flieht. Nur die Hornvipern und Skorpione von dem verschwimmenden Riesensarg der Dunes de sable lieben solch sommerliche Hölle... Heut erst verstehe ich, daß kein Tuareg lächelt. Der Tod und sein Schatten allein vermögen in der Wüste zu lächeln. Und warum liebt »er« die Wüste, warum? Und während ich dem Gedanken nachhänge, den Blick wie suchend auf dem braunen Fels, da wiegt sich grüßend eine kleine gelbe Blüte in einem Steinritz. Die Glut hat sie übersehen, der Tod sie verachtet. – Ja, und die Blume habe ich gepflückt und geküßt und mir immer wiederholt, was »er« einmal in der Toscolaner Schlucht auch von einer so armseligen kleinen Felsblume sprach: «Vielleicht schlummert die Urgeschichte der Menschheit in diesem Blütenstaub ....« Ich hatt's vergessen. Hier kommt mir die Erinnerung ungewollt .... Mein Guter, mein Einziger, wenn du auch nicht glaubst, wie ich glaube, – an die Blume, die du mir sandtest, an die Blume glaube ich wie an dich! ... O Liebe, Leben, die ihr im Gluthauch des Samum dauert, verlaßt mich nicht ... Und wenn ich schwach bin, seid ihr stark für mich! Und diese Blume an den Lippen, habe ich wieder einmal gebetet, inbrünstig gebetet in all meinen Sünden .... Und je heißer ich flehte, um so heißer wurde die Sehnsucht. – »Ich komme, ich komme, du Lieber, du Freund .... Hab mich lieb, hab mich lieb!« Und die Flammen schlugen über mir zusammen. – Als ich wieder in Biskra war, sah ich auch wieder den Fremdenlegionär. Was seine blassen Augen bei aller Schuld doch sehnsüchtig suchen: die Heimat, das Glück – die suche ich auch bei aller meiner Schuld. Ich weiß nicht wie, aber ich weiß, daß mich die Sehnsucht fortan nicht läßt, bis ich die Oase geschaut habe bei der Wüste des Lebens .... Und du kleine Blume an meinem Herzen sollst mir Führer sein. Morgen reiten wir dem Samum entgegen. Dreizehntes Kapitel Ich kann wohl sagen, daß ich mir niemals Gewaltigeres an Geist und Körper zugemutet habe. Carlo war immer groß – aber so groß! ... Es mag an Afrika liegen, an der Sahara. Die Prophetennatur lodert da in uns auf ganz ungewollt. Wir sehen unzählige Sonnensysteme vor unsern glühenden Augen kreisen, wir fühlen unsre Stimme wachsen zum Sphärengesang – der Apostelglaube hat uns gepackt, der Bekehrungswahn .... Der Ueberkater ruht derweilen nicht. Die christlichen Kreuzritter, die auf Abrahamsschoßplatz sich dereinst fest abonniert wähnten, wateten mit gläubigem Behagen im Türkenblut – und die dito Halbmondbekenner rechneten ihr Eintrittsbackschisch für die Gärten des Propheten grundsätzlich nach abgeschnittenen Christenköpfen .... Von den Menschen ist viel über die Berechtigung dieser Glaubensauffassung gestritten worden. Aber merkwürdigerweise sind noch heute die ganz Frommen in ihrem Herzen für die freundliche Scheiterhaufenflamme und melodische Foltersymphonien, wenn damit nur dem Glauben gedient ist. Während umgekehrt die ganz Gottlosen aufs energischste für Mitleid, Nächstenliebe und alle Fundamentalsätze des wirklichen Glaubens plädieren, ohne daß es ihrem Unglauben im geringsten schadete .... Ueberhaupt – die Zeloten legen auf die Hölle das Hauptgewicht, obgleich ihnen der Himmel doch viel näher liegt, und die Freidenker kritisieren abfällig speziell nur den Himmel, während sie doch sämtlich in der Hölle schmoren dürften. Jedenfalls haben alle Menschen die unerklärliche Angewohnheit, gerade nach Früchten zu haschen, die ihnen unerreichbar sind, sich nur um Angelegenheiten zu kümmern, die sie absolut nichts angehen, und sich mit Vorliebe für einen Himmel zu kasteien, der ihnen verschlossen ist. Bei ihnen ist der größte Weise, der die größten Plattitüden predigt, während Propheten regelmäßig in Wüsten fliehen müssen, falls sie nicht den Märtyrertod vorziehen – und als höchste Offenbarung gilt Ben Akiba, der leichtsinnig behauptete, es gäbe nichts Neues unter der Sonne, während es höchstwahrscheinlich nur Neues unter der Sonne gibt. Und da die Menschen außerdem Vernunft haben – wir Kater haben nur Instinkt –, machen sie alle Dummheiten mindestens zweimal. Unser Instinkt schlummert kaum, ihr Geist schnarcht hörbar – Aber es ließe sich mit diesen sogenannten Herren der Schöpfung ganz gemütlich hausen, wenn sie nicht unter ererbten Wahnideen litten. Sie bezichtigen sich der Gottähnlichkeit ohne Erröten, obgleich höchstwahrscheinlich Mars für diese Priesterinnen der Liebe und Venus für diese Marskarikaturen höflichst gedankt haben würden. Ich betrete menschliche Schlafzimmer stets mit der Befürchtung, daß eine grauenhafte Körperlichkeit offenbar wird, sobald die Hülle gefallen. Ein Besuch bei der alternden Hotelmessalina zum Beispiel macht hieb- und stichfest gegen alle Schreckenskammern. – Ich war seinerzeit auch bei dem Geheimen Kommissionsrat zur Mitternachtsstunde .... ›Frau Venus läßt bestens danken, verehrter Mars, sie hätte schon am Ansehen genug ....‹ Geistig sind sie jetzt allerdings so weit, zu behaupten, daß Nichtwissenkönnen die höchste Erkenntnis sei – für welche Wahrheit aber wirklich nicht solcher Riesenballast von Wissenschaft vonnöten gewesen wäre .... Darum bekehrt sich die Masse jetzt wieder mal zum Glauben, der wenigstens ein phantastisch ausstaffiertes Jenseits besitzt, während in den öden Zwingburgen der Vernunft ein allzu trostloses Mailüfterl weht.– Und so werden auf allerdings merkwürdigen Umwegen diesem blinden Glauben neue Bekenner durch den scharfsichtigen Unglauben selber zugeführt .... Wer heute noch nicht an Kopernikus und die Kugelgestalt der Erbe glaubt, der möge nur humoristisch blinzelnd das Menschengewimmel auf eben dieser Kugel beobachten. Sie klettern alle fieberhaft nach oben in ihrem Wahn, und wenn sie trotzdem nur auf Scheinhöhen gelangen, so liegt das an der Erde und nicht an ihnen. Die gute Mama ist nun einmal rund – und wenn der Geist auch noch so kraxelt, er wird sich immer wieder vis-a-vis jener Materie wiederfinden, die absolut träge ist. Bleibt also hübsch auf eurem Planeten, meine Lieben, und tröstet euch mit der Hoffnung, daß Chronos von Zeit zu Zeit immer wieder seine eignen Kinder verschlingt, damit sie ihm nicht zu dreist in seinem Weltall herumspionieren! – Ein Weltall gibt's allerdings .... Doch herrscht dort nicht die Menschenvernunft, sondern der Katzeninstinkt. Im übrigen sind wir allesamt sich widerstrebende oder sich anziehende Atome, die aber der Wüstenwind ganz nach Belieben durcheinander wühlt. Ich fühle mich etwas wie erschlagen – dieser verwünschte Sonnenbrand und diese verwünschte Liebe! Ich bin nämlich acht Tage lang nicht in der Oase Biskra gewesen. Wer eine Festung belagert, darf seine Zernierungslinie nicht unterbrechen .... Ob Sulamith schön ist, ob Carlos Seele flammt! Acht Tage und acht Nächte sind lang, und noch immer denkt die Festung nicht an Uebergabe – aber sie muß sich ergeben, sie muß! – Einen Augenblick war's mir, als wenn die Seherin damals und die Fürstentochter jetzt ein wenig Spukgestalten meiner Phantasie gewesen sein könnten. Ich versuchte deshalb, mich auf jene beißende Philosophie zurückzuziehen, die die Menschen über ihre Kleinheit belehrt und uns über unsre Größe beruhigt. – Aber Größe hin, Größe her! man hat leicht sich eines Eispanzers zu rühmen, indes wilde Feuergluten die Seele erfüllen .... Feuer schmilzt Eis. Die Sahara ist zwar heiß, doch meine Seele ist noch viel heißer... Sulamith, Sulamith, Wilde, Stolze, Rätselvolle! – Ein König naht dir, die Krone seiner allerchristlichsten Ahnen der leuchtend-schönen Enkelin Mohammeds und der Propheten aufzusetzen – du aber siehst ihn mit fanatisch blitzenden Augen an. Ein Olympier neigt sich vor dir, die goldenen Stühle des Griechenhimmels als Gott mit der Göttin zu teilen – du lächelst hochfahrend, das klassische Altertum reizt dich also nicht. Ein Sklave liegt gefesselt zu deinen Füßen, dich anflehend, ihm Mohammeds Paradiesesgärten zu erschließen – du läßt diesen weißen Sklaven voll Verachtung stehen... Sulamith, so wahr ich ein Bourbon bin, so wahr mich das Olympierkleid umfließt, Sulamith, so wahr ich dich allein liebe und geliebt habe, erhöre mich! Jedoch diese Tochter des Propheten ist unerbittlich. Sie thront inmitten ihres mohammedanischen Hofstaats: fahl, groß, unnahbar. Auf den leisesten Wink ihrer göttlichen Pfote stürzen viel hundert Sklaven sich auf mich, auf ein kaum sichtbares Blinzeln ihrer Augen rast die Blüte der moslemitischen Ritterschaft gegen den Kreuzfahrer, auf einen Hauch ihres hehren Mundes rasen sie wieder zurück, und gleich darauf liegt der Großwesir blutend am Boden, der klüglich nicht von seiner Herrin Seite wich... Diese heidnischen Schurken schreien: »Allah, Jlallah!« und ich schreie: »Hie Bourbon!« – Die wildeste Katzbalgerei ist sofort wieder im Gange, Kriegsgeheul durchgellt die schweigende nächtliche Wüste. Und Sulamith schaut bewegungslos starr mit dem rätselvollen Lächeln auf den Lippen, das uns alle wahnsinnig macht... Wen liebt sie? Wem lächelt sie zu? – Wir haben jeder die Ueberzeugung, daß dieses Lächeln jedem allein gegolten hat, wie ja auch eine einzige Pistolenmündung fünfzig Menschen zugleich mit dem Vorgefühl des sichern Todes erfüllt. Diese Toren! Von mir weiß ich bestimmt, daß sie nur mir lächeln muß... Es ist ja der weiße Prinz aus Märchenland, die Erfüllung der Stammessage. – Und wenn ich dir das alles auch nicht wäre, wenn ich dir nur als irrender Ritter erschiene, Sulamith, Sulamith, vermagst du nicht aus meinen Augen das stolze Sehnen des Abendlandes zu erkennen, wie ich in den deinen den verzehrenden Glutodem des Morgenlandes funkelnd schaue? ... Weib, wenn es einen Himmel gibt, so findest du ihn bei mir; wenn es eine Treue gibt, so halte ich sie dir! ... Der ganze Ueberschwang des Orients, das ungeheure afrikanische Liebessehnen überkommt mich. – Ich schmiede Verse – Firdusi, wo ist dein Ruhm? Ich singe Lieder – Troubadours, bleibt in euern Gräbern, ich bitte euch um eurer selbst willen darum! Der ganze Himmel wölbt sich mir zu einem einzigen Sternendiadem für die Göttliche; das Schweigen der Wüste verdichtet sich mir zu einem einzigen hohen Liede ihrer Schönheit... Die ganze Welt erscheint mir winzig vor dieser Riesenleidenschaft.– Ich selbst habe das sichere Gefühl, daß ich tropisch, ungeheuer gewachsen sein muß und in keinem menschlichen Spiegel fürder mehr Platz finden kann. Es ist nicht Wahnsinn, nicht Ueberhebung, es ist das Wunder der Liebe, das mich zum Unendlichen erhöht. Und nun tue ich, was ich tun muß, stürze ihr zu Füßen wie das erstemal bei ihrem Anblick, und wie das erstemal tönt es von allen Seiten: »Hund von einem Ungläubigen!« – Die Korankater stürzen sich auf mich, ich bin niedergezwungen, noch ehe ich mich über unsre divergierende Religionsauffassung habe eingehend äußern können. Aber die Erinnerung an die Taten meiner Ahnen, an die Türkenblutbäder aller echten Kreuzritter lebt in diesen Moslims instinktiv fort, und auch ich hake instinktiv nach jeder Nase von Halbmondform... Und Sulamith sieht, schweigt, lächelt. – Traum meines Herzens – Göttin – Hexe – denn von dem allen hast du etwas –, Carlo liebt, Carlo ist treu! ... (Ich glaube wenigstens, daß alle Könige es zeitweise sein konnten. . .) Und anstatt nun ihren wilden afrikanischen Hofstaat zu romanischer Ritterlichkeit zu zügeln, mich durch Edelpagen an ihren Thron zu geleiten, gibt sie selbst jedesmal das Zeichen zum Kampf. Begreift sie die Größe ihres Glückes noch nicht? – Kann sie die irdische Scheu vor dem Ueberirdischen noch nicht überwinden? – Oder kämpft sie mit wahrhaft menschlicher Verblendung gegen das einzige große Gefühl ihres Herzens?... Jedenfalls gelange ich nie auch nur annähernd bis in ihre Nähe und muß zerbissen und zerkratzt aus der Ferne zusehen, wie dieses rätselhafte Medusenlächeln allen diesen Belialssöhnen leuchtet. Alles vermag ich zu ertragen, das nicht! Ich hinke davon, vergrabe mich tief in der Wüste und erinnere auch insofern an einen Propheten, als ich meine Wunden in einer Salzlache kühle und wie die Kinder Israels traurig meine Harfe an die Weiden gehängt hätte, vorausgesetzt, daß solche dagewesen wären . . . Der riesige Leibmohr hat mir nämlich über dem rechten Auge einen Halbmond zu zirkeln versucht, daher die Tränen; und ich zeichnete ihm gerade über der Nase eine weithin leuchtende Bourbonenlinie, daher die wilden Klagelieder aller dieser Mohammedaner, die ich bis hierher vernehme und die mir recht angenehm in den Ohren klingen. Dieser Halbmond schmerzt wirklich scheußlich. Natürlich seelischer Schmerz! Ich werde euch schon Rittersitte lehren, ihr ungläubigen Schurken ... Ich wäre in der Laune, euch sämtlich mit Hochgenuß in Höllenbratpfannen sieden zu sehen – und wenn Sulamith halsstarrig bleibt, so siede sie auch! Im Orient überkommen uns die glühenden Despotenphantasien. Ach, wie ich meinen erlauchten Ahn Ludwig XI. jetzt verstehe, wenn ihn das weinerliche Gekrächz dieses verräterischen Kardinals Balue in feinem unterirdischen Käfig so herzlich erfreute! Ich habe brütend und einsam den Rest jener Nacht in einer Felsnische zugebracht, zu der gegen Morgen eine Minutenschlange und eine Skorpionspinne gleichzeitig zum Trösten kamen. Ich verzichtete. – Vom Hunger übermannt, wollte ich heimwärts eilen zu dem Sahnentopf und der Kakesbüchse meiner unvergeßlichen Josefa. Wie die Gute sich freuen wird, wie sie mir meine Liebe danken wird – und wie hoffentlich nicht salzige Tränen des Wiedersehens mir die Freuden der Tafel verbittern werden! An der kleinen Oase vor Bistra rastete ich. Ein düsteres Sehnen, eine wilde Entschlossenheit wandten mir den Blick rückwärts. Und es war keineswegs der gelbe, spitzschnauzige Oasenköter allein, dessen riesigen Wolfszähnen und plumpem Gladiatorengenick ich die Ehre erwies, in die höchsten Wipfel einer Palme hinein zu voltigieren – Hunde verachte ich tief –, sondern vielmehr das leidenschaftliche Interesse an dem Riesenreich meiner Königin, auf das ich noch einmal schauen wollte. Von Palmen präsentiert sich die Wüste entschieden am günstigsten. Ich blieb traumverloren wohl einen halben Tag da oben sitzen, und der Oasenköter unten richtete sich gleichfalls häuslich ein. Gegen Mittag brannte der Halbmond abscheulich. Unter solchen Seelenschmerzen entflammte mir erst voll der mittelalterliche Fanatismus des Kreuzfahrers gegen die unheilbaren Heiden. – Ich werde sie nicht bekehren, aber ich werde sie dezimieren! Nacht für Nacht werde ich mindestens ein Dutzend dieser Moslims in ihre himmlischen Prophetengärten befördern, und dies so lange, bis Sulamith von ihren Peinigern befreit ist. Denn erst jetzt sehe ich in dieser Angelegenheit sonnenklar. Sulamith liebt mich – daher das Medusenlächeln! Aber zwischen ihr und ihrem Glück steht ihr Hofstaat, ein tyrannischer, zügelloser Hofstaat. Sie sehnt sich nach der Lilie der Bekehrung – ihr Leibderwisch langweilt sie mit Koransuren; sie will entfliehen – ihre Eunuchen begleiten sie ehrfürchtig zu jedem Gange; sie will befehlen – die Zauberstimme dieses holdseligen Geschöpfes erstirbt in dem heuchlerischen Heilrufen roher Kriegsmänner. Sie kann nur schweigen, lächeln, harren. – Carlo naht! Sie sieht es, sie hört es, sie möchte zerfließen in Wehmut und in Wonne; aber sie ist auch eine große Fürstin, sie kennt die allmächtige Etikette, den finster schleichenden Argwohn, sie weiß, wie Gift und Dolch gerade das duftende Liebeslager von Königinnen umdräuen. Und eben darum gibt sie immer selbst das Zeichen zum Kampf, fanatisch grausam, scheinbar gegen einen überlästigen Freier, in Wahrheit aber nur mörderisch für ihr Volk, das dieser weiße St. Georg ebenso sicher bezwingen wird wie seinerzeit den Lindwurm. – O, dieser Wunderglaube der Frauen! Wie er uns stärkt, wappnet! Sulamith, ich komme, ich komme! Und wie Isabella von Spanien vor Granada durch einen feierlichen Schwur sich und ihr Hemd unsterblich machte, so schwöre ich als Olympier, als Bourbon, als Ueberkater, daß ich zu den Sahnentöpfen von Biskra mit Sulamith zurückkehre oder nie. Noch heute gehen meine Fehdebriefe an die gesamte morgenländische Ritterschaft zum Zweikampf: Hie Bourbon! Hie Halbmond! – Königin in Banden, dein Befreier ist da! Ueber die einzelnen Schlachttage werde ich im Bulletinstil Napoleons I. berichten. Donnerstag – Turnierplatz: die Wüste, drei Kilometer von den heißen Bädern, angesichts der Dunes de fable. Die Fürstin. Der Hofstaat. Als erster Kämpe tritt der riesige Leibmohr auf. Vielstündiger homerischer Kampf. Endlich sinkt der Riefe unter meinen Streichen. Ich selbst, eine schwere Blessur am Oberschenkel, bleibe einige Minuten besinnungslos auf dem Blachfeld liegen, während mein Gegner mit einem kläglichen Miau urplötzlich von dannen flieht. Die Ungläubigen schreiben sich den Sieg zu. Jedenfalls behaupte ich das Schlachtfeld, wenn auch schwer hinkend und mit furchtbaren Trübungen der Netzhaut. – Darauf einsame Fiebernacht in der Wüste. Ein Riesenskorpion steigt mit Seelenruhe über mich weg. Etwas Gift mehr oder weniger, was tut's dem, den der Stachel der Liebe traf ... Sulamith, dein Bild strahlt herrlicher als je! Deine Rätselaugen leuchteten hell bei meinem Sieg! ... Und im Fiebertraum sehe ich nur immer ein wildes Durcheinander von Lilien und Halbmonden. – Am Morgen eine klägliche Oasenmaus, ein kümmerlicher Tautropfen meine Atzung. Sonnabend: Kampf auf den Felshöhen um Biskra. Zwei graue Wüstenritter, hager und heimtückisch, stürzten zugleich auf mich los. Ein Kampf ohnegleichen. Beide niedergewürgt, ich höre noch ihr Todesröcheln. Die Oberschenkelwunde brach wieder auf, und ich vermochte die Ketzer darum nicht lebendig zu vierteilen, was ich am liebsten getan hätte. Sie wurden sogar wieder lebendig, diese feigen Schurken! Wieder Freudenrufe aus dem Korps der Haremssklaven. Ich kann nur verächtlich lächeln. Verbrachte ich auf dem Schlachtfeld doch noch zwei volle Stunden, teils um den Sieg zu genießen, teils weil meine Beine andre Ansichten hatten als ich, und die Sterne einen deutlichen Cancan vor meinen Augen tanzten. – Rest der Nacht in einer Felshöhle. Ich höre die Minutenschlange zischen, aber sie geniert mich nicht weiter. Ob man nun für ein Weib oder durch eine Schlange stirbt, von einem von beiden muß man ja doch einmal sterben ... Sulamith! Deine Märchengestalt verschwimmt mir zwar etwas, aber diesmal leuchteten deine Augen wie Feuer über meinen Triumph! Sulamith! ... Wie durch einen Schleier sehe ich im Fieberdelirium funkelnde Halbmonde dutzendweise vom Himmel herabfallen, von heißen, weißen Lilien verfolgt. – Am Morgen nur Zisternenwasser aus einem Regenloch und einige junge gelbe Heuschrecken ... O Kakesbüchse, o Sahnentopf! Montag: Turnier hart an den heißen Bädern. Eine kleine falbe Giftkröte stürzt auf mich. Ich strauchle, er verhakt sich. Jeder hätte sich an meiner Statt ergeben, denn, eine Katerkralle brennend langsam durch beide Nasenlöcher gezogen, weckt den Vorgeschmack der Höllengluten. Natürlich besiegte ich diesen Roland zuletzt. Er lag tödlich verwundet auf mir und zerfetzte in den letzten Zuckungen mein Kleid, was ich großmütig einem Sterbenden nicht verwehren wollte. Der Hofstaat jubelte wiederum. Dabei habe ich den Kampfplatz, bei meiner Ehre, vierundzwanzig Stunden nicht verlassen, was noch jeder Feldherr sich zum Ruhme angerechnet hat. – Tag und Nacht verbrachte ich in einem glühenden Fieberwahn. Wie durch Wolken gewahrte ich unzählige, heiß gleißende Lilien, die einen einzigen wehmütigen Halbmond schrecklich bearbeiteten. Ich rufe: »Sulamith, Sulamith!« Und sofort ist auch meine ganze Ritterlichkeit wach, mein Mitleid. »Ich sah gar wohl, du unvergleichliche Wüstenkönigin, wie bei meinem letzten Sieg deine Augen wie in höchster Verzückung Blitze schossen .... Aber Sulamith, wir haben gekämpft, wir haben gesiegt, jetzt wollen wir Milde walten lassen! Wenn auch Mohammedaner, so sind es doch Edle, des Blutvergießens wär's genug. – Ich lechze nicht mehr nach Toten .... Was noch am Leben blieb, mag sich in die Wüste zerstreuen. Und jetzo, Sulamith, knie ich vor dir, der geprüfte, gereifte, der unsterbliche Königssohn. Der Zauber ist gelöst, Abendland und Morgenland finden sich in einem glühenden Brautkusse .... In unsern Staaten schwinden fortan alle hemmenden Schranken» Holde Bekennerin der allerchristlichsten Lilien, segne den letzten Ritter des Halbmonds! ...« An diesem Tage genoß ich nur einige schweflig schmeckende Wassertropfen und den Anblick eines singenden Vogels. So dachte ich groß und königlich, und wallte feierlich vorerst nach Biskra zurück. Not bricht Eisen und der Hunger Schwüre. Anstandshalber kann ich nicht vor meiner Fürstin als Friedensfürst erscheinen mit zerschundenem Kleid und blutig ausgezackten Ohren. Was ich bin, das will ich auch scheinen. Mir tut eine kombinierte Fleisch- und Sahnendiät abwechselnd mit kühlen, seidenen Chaiselongue-Kissenbädern not. Wenn Sulamith Sulamith, wenn ein hohes Lied ein hohes Lieb – so wird auch die Ewigkeit nichts an unsern Gefühlen ändern. Die Sentiments von Prinzessinnen dürfen nicht flüchtig sein wie die Tanzpas von Balletteusen .... Ich dachte meiner hohen Holden in jener vornehm abgekühlten Ritterlichkeit, die allein die Garantie für glückliche Thronehen ist. Bei dieser Gelegenheit stieß ich auf die Falbkatze, die mir ausgeputzt entgegenkam und keineswegs mehr einer ehrwürdigen Norne, wohl aber einer verschlagenen Theaterfriseuse glich. Sie ging zur Hochzeit! – Kommentar überflüssig. Ich gehe jedenfalls nicht zur Hochzeit! Wenn Sulamith wirklich nur die illegitime Tochter dieser berufsmäßigen Kupplerin ist, die systematisch die ganze Herrenjugend auf dieses Geschöpf hetzte, nur der Vermittlungsgebühren halber, und wenn der dazugehörige Bräutigam wirklich nur ein zurückgelassener Ouled-naël-Kater aus den heißen Bädern ist, die wegen ihrer Liebesskandale berüchtigt sind: nun, dann gebe ich allen meinen Segen. Die Hochzeitsmutter, die Hochzeiter, das Hochzeitslokal sind einander wert. – Ich kann eigentlich von Glück sagen, denn was würde der Okzident zu dem Orient gesagt haben?! Wenn ich mir es recht überlege, ich hätte eigentlich die haarsträubende Sittenlosigkeit der Tochter schon aus den Kupplerinnenallüren der Mutter erkennen müssen. – Ich kann kaum begreifen, daß ein so scharfsinniger Geist wie der meine auch nur auf Augenblicke düpiert werden konnte... Freilich afrikanische Wüstenträume sind heißer und afrikanische Wüstenspiegelungen täuschender. Ich kann es mir nur so zusammenreimen, daß die besagten Dschins oder Gespenster mir das alles vorgaukelten, sowohl Prinzessin und Hofstaat wie Turnier. Jedenfalls war die Täuschung ungeheuer frappant, denn die Wunden und Schmerzen des Kampfes sind alles andre wie liebliche Visionen. – Hoffentlich habe ich mich mit keinem Unebenbürtigen geschlagen. Gott sei Dank, daß keiner davonkam, sonst würde mich vielleicht schon morgen kameradschaftlich eine Kameltreiberkatze oder ein Negerkater in Biskra anreden! Als ich ins Hotel kam... Josefa fort, verschwunden, schon seit drei Tagen... Ich konnte nur wild auflachen: »Josefa, Scheusal, so belohnst du unentwegte Treue!« Und jetzt brach ich wirklich zusammen. Und es war nicht die gelblich duftende Dinersahne aus zarter, aber verräterischer Frauenhand, es war bläulich fade Souterrainmilch aus groben, aber treuen Jungfernhänden kredenzt, die mich wieder zum Leben erweckte... Ja, Treue, bei den Vornehmen bist du nicht zu finden, du wohnst bei den Niedrigen.– Die edle Samariterin, die meine umflorten Augen nicht sofort erkannten, war die Luise der Gräfin Quedenberg. – Ich fiel natürlich sofort wieder in Ohnmacht, weil ich mich nun erst recht vergiftet glaubte. Aber meine Brüder aus dem Olymp wachten über mir. Es war nicht Gift, es war Leben, was mir eingeflößt worden. In mir ist seitdem eine große Wandlung vorgegangen. Heute nacht erwarten Luise und ich unser beider Herrin: Jeanette. Jeanette neulich weggereist auf Grund eines plötzlichen Depeschenwechsels, ich weiß nicht, mit wem. Sie ist nach Algier, aber ich glaube weder an Algier noch an den Bruder dort. Jedenfalls kam eine Stunde nach ihrer Abfahrt Rhyns Araber mit einem Brief. Ich hatte diesen Brief in der Hand, ich hatte ihn auf meinem Zimmer und ich hätte ihn öffnen können... Für andre mag das eine Versuchung sein, für mich nicht. Ich ließ nur zurücksagen, daß die Dame in Oran sei und kein Hotel angegeben hätte. Eine halbe Stunde später sah ich den Araber noch in der Halle, wo der Oberkellner und er mit Zeichen hin und her debattierten. Bei allem, was mit »ihm« zusammenhängt, schlägt mir natürlich das Herz. Während ich vorüberging, sagte wie entschuldigend der Oberkellner: »Was soll ich nun mit dem Menschen anfangen? Er will durchaus die Frau Gräfin haben oder sonst bis zum Raier zurückreiten mit dem Brief.– Wenn nun aber die Frau Gräfin in der Zwischenzeit zurückkommt...« »Was ist Raier?« fragte ich, gleichgültig scheinbar, während mir das Herz bis zum Halse schlug. »Eine Oase auf dem Wege nach Tuggurt – vielleicht zehn Stunden. – Dort werden sich, wie der Araber sagt, die übrigen Herrschaften von dem Grafen Rhyn trennen. Sein Diener soll von hier bis El- Kantara oder Batna Weiterreisen.« Der Mensch hatte noch nicht ausgesprochen, und mein Entschluß war schon gefaßt. Mir war's wie das rettende Licht in einer finstern Nacht. – Solange Jeanette Quedenberg dabei ist, spreche ich ihn nie allein, und ich muß ihn noch einmal allein sprechen! Auf dem Raier ist das möglich. Wem im Leben die Gelegenheit nicht dienstbar ist, der muß sie sich dienstbar machen. Die Spieler, die ihr Vermögen langsam verspielen, vom ersten bis zum letzten Heller, die zittern bei jedem Zug; die ihr Schicksal auf eine Karte setzen, die schauen dem Schicksal gerade ins Gesicht... Und wenn mir der Böse selbst diesen Araber geschickt hätte – morgen reitet er, und morgen reite auch ich!... Und mit einem Schlage war ich ganz ruhig, ganz klar. Ich suchte mir das beste Maultier, das es in Biskra zu mieten gab, und den seltsamsten Tropenhut, den es im Bazar zu kaufen gab. Mein Araber, der ungefähr so schwarz und so fanatisch aussieht wie der blutdürstigste der Kalifen, neigte sich zu allem, was ich sagte, gemessen höflich und verstand kein Wort. Am andern Morgen um fünf Uhr ritten wir. Es war lau. Die schlaffe Oasenkühle nach einer heißen Wüstennacht. Als der Araber die Tiere vorbrachte, traute ich dem Frieden nicht recht. Aber Kopfhänger sind ja alle diese Mietsmaultiere. Es mag nicht gerade kriegerisch ausgesehen haben, als wir beide aufsaßen: ich in einem Damensattel ältester Konstruktion, grünem Nackenschleier, Flanellkostüm, eine recht unwahrscheinliche Regenkapuze als Ballast; er auf einer aufgeschnallten Wolldecke, die Füße statt in Steigbügeln in den natürlichen Satteltaschen dieser tief herabhängenden Wolldecke selbst. Ich Reitpeitsche, er Bambusprügel. In der Tür stand meine Jungfer, hinter dem Rouleau lugte Herr Meyer. Es war offenbar kein Abschied fürs Leben. Durch die Oase ging's erträglich. Die Palmen dufteten frisch und nickten über ihre Lehmmauern. Zum erstenmal sah ich hier eine Palmenblüte, die wie eine riesige hellgelbe Rispe aus ihrer grünen Hülle quoll. Es war die einzige, so sehr ich auch suchte, denn Noch schlummert der Oasenlenz. Ich aber zeigte nach der hohen Palme, die diese Blüte trug, und sprach und lachte, und der Araber, der höflich widerlächelte, ahnte nicht, daß hier eine Blüte und ein Traum sich im Blütentraume fanden. – Aber als wir dann den Saada-Weg entlang ritten, – der lichtgrüne Schein der Weizenfelder immer Heller –, bis die Wüste rings in dem lehmigen Graugrün schwamm, da wurde mir nicht angst, aber mir wollte nüchtern zumute werden. Und wie um den eignen grauen Gedanken zu entrinnen, ließ ich mein Tier einen scharfen Paß gehen. Wieder kam die Saharasonne und brannte auf den verwehten Kamelkadavern. Wieder tauchten am Horizont die langschreitenden Kamelherden auf. Wieder klappte hohl der Maultierhuf auf der schwelenden, berstenden Landstraße. Hüben die dürren Sträucher, in denen der Morgenwind raschelte, und der tief ausgerissene, dürstende rotgelbe Oned, drüben die staubig-stumpfe, in trübseligem Graugrün verschwimmende Weite bis zu den dunstverhüllten Atlashöhen. Wir waren kaum eine Stunde geritten, aber die Sonne brannte und das Licht stach wie am Mittag. Ueber die ganze Wüste zog es sich grau und stickend zusammen... Der Gedanke an mein tolles Beginnen wollte mich wieder quälen, und ich trieb den schmutzigen Bastard schärfer. Je toller, je besser. Und wie beim Trabe der schlaff gewordene Lufthauch wieder sich ermannte, fühlte ich seine Frische und meinen Jugendmut. Ich habe nach Biskra nicht ein einzigesmal zurückgesehen. Ueberhaupt nicht zurücksehen im Leben! Ich habe zu viel gezaudert, zu wenig getan während meines ganzen Lebens. Nach vorwärts drängt das Glück, rückwärts trägt uns das Unglück ohne unser Gebet ... Ich versuchte mit meinem Araber zu sprechen. Er gurgelte und verdrehte die Augen, und so viel wurde mir wenigstens klar, daß er keinen Glutwind befürchtete, wohl aber ein Gewitter mit Wolkenbruch. Ein Wolkenbruch in der Wüste. Ich mußte lachen. Es ist ja für unser Gefühl etwas Undenkbares, daß einmal die Sahara und ihr Sandozean in Regenstürmen ertrinken könnten. Dürre und Glut, weiter geht unsre Wüstenvorstellung nicht... Aber jedenfalls begegnen sich unser beider Wünsche: er möchte den Raier erreichen noch vor dem Regen, und ich noch vor der Nacht. Wir ritten und ritten also und schonten die stockenden, stolpernden Paßgänger bis Saada wahrhaftig nicht. – Aber kaum hundert Schritte davon an der schmutzigen Quelle trat mein Weißgrauer in ein Lehmloch, stürzte, der Sattelgurt riß. Wir beide wälzten uns in einer Staubwolke. Um den Fleck im Flanellrock wär's nicht schade gewesen, aber das Maultier markierte links vorn und hinkte mühselig weiter. Wenn die kleine Wüstenblume dereinst mir ein Zeichen war, wie deute ich diesen Sturz? Und während mein arabischer Führer und die andern Araber das Tier umstanden und befühlten, setzte ich mich in die alte Wachtstube auf den einzigen schmutzstarrenden Strohstuhl und überlegte. Es war doch eigentlich etwas unsagbar Törichtes, was ich unternommen, ein lustiger Streich für sechzehn Jahre, ein abgeschmackter für sechsundzwanzig .... Die Sünde, gut, die nehme ich auf mich; aber die Gefühle der ausgepfiffenen Tänzerin, die ertrage ich nicht! Ich bin hochmütig – und will mich erniedrigen; ich bin rein – und will mich beschmutzen; aber ich will keine zudringliche Bettlerin sein. Almosen gebe ich, aber ich nehme sie nicht! ... Und ich dachte verbissen weiter: Wenn dieser Sturz nun eine Warnung wäre, der Finger Gottes, dann müßte ich zurück. Und wenn er genau das Gegenteil bedeutete, – den Felsblock, den uns das Schicksal noch im letzten Moment auf den Weg rollt, uns zu prüfen, ob wir kleinmütig weichen oder nicht? – Dann müßt' ich erst recht vorwärts .... Und da wurde es mir so dunkel und trübe innen, und alles verblich in einem häßlichen Alltagsdunst. – Der Schoßhund, dem die Leine reißt! – Ich mußte immer an eine lächerliche Kindergeschichte denken: Cordulas erste Reise, die eine Vergnügungsfahrt sein sollte und nur eine Enttäuschung war und bei Ziegen auf einer Waldwiese endete. Mein Sündenentschluß gleicht verzweifelt dieser Cordulafahrt. Es ist nicht Angst, nicht Reue, es war das phantastisch Lächerliche, was mich lähmte. Ich ging auch hinaus, um dem Araber begreiflich zu machen, daß er allein weiterreiten möge. Sein Maultier stand abgesattelt im Hof, aber der Reiter fehlte. Und während ich ihn suchte, kam ich auf dieselbe Stelle, wo ich zum erstenmal die freie Wüste witterte und ihren Todeszauber. Der Himmel hing so tief, so bleiern, der Horizont in staubigen Wahngebilden schwankend. Das Unwetter liegt in der Luft, der stickige Odem kriecht in stumpfem Flimmern. Wie graue Schleier zieht's heran, wie Schatten stumm und tückisch, unheilschwanger. Das warnt, das dräut – Nein, Schicksal, du taxierst mich falsch! Das Frühlingslächeln macht mich matt, im Traume schweift mein Geist, der Fuß bleibt träge, jedoch solch drohend Ungewitter regt mich an, ich will es gern bestehen .... Ist's Ueberhebung, Sünde, sei es, was es wolle, das Weiße in des Schicksals Auge lüstet's mich zu sehen! ... Ich sog die Luft mit weiten Nüstern ein. Was hat das Leben denn für Zweck und Ziel? – warum immer denken, bereuen? – warum nicht handeln, genießen? – Ich höre nur die Stimme, die mich vorwärts treibt, und folge ihr. Ach, gäbe es doch in meinem Leben niemals ein Zurück! ... Und wäre es nur ein Sinnenwirbel heut, – besser jung sterben in der eignen Glut, als alt zu frieren an dem kalten Scheit .... Und das Glück hilft doch nur, wenn wir es versuchen. Die Kardinalfrage hatte ich nämlich vergessen. Woher hier in dieser verödeten Kaserne ein neues Maultier nehmen? – Aber ich verständigte mich so gut und so schlecht mit den Leuten, daß sie nach langem Ueberlegen einen knochigen Mischling von der Weide holten. Das Tier war ganz dunkel und sah viel stärker und heimtückischer aus als mein weißgrauer Invalide. Jedoch die Leute gaben es nur ungern, erst auf lange und energische Vorstellungen meines Führers. Die Augen, die mich streiften, hatten das tückisch Gleißende, und durch die orientalische Ruhe stach zuweilen die fanatische Flamme. Es war ein ungemütliches Gefühl, bei Menschen allein zu sein, von deren Sprache ich kein Wort verstand. Und dies Gefühl wurde unheimlicher, als wir nach mehrstündigem Warten endlich wegritten, der Sattelgurt notdürftig geflickt, mein Tier mürrisch trabend. Die wenigen Araber hatten sich versammelt, schauten uns nach, im schmutzigen Burnus der glimmende Haß. Wenn jetzt zwei Männer heimlich aufsattelten, uns hinter irgendeiner fernen Dünenwelle ablauerten? Mein Führer sah nicht aus, als ob ihn christliche Bedenken je drücken könnten. Und vielleicht gerade darum war's mir ein köstlicher Ritt. Vielleicht bin ich im Grunde meines Herzens eine Abenteurerin, die nur Gefahr und Sünde locken. Wir ritten guten Paß. Es war bereits Mittag. Die Sonne, die wir kaum als gelben Schimmer erblickten, stach; der Wind, der träge abflaute, sengte; auf allen Seiten der Horizont eng wie verhangen. Erst ging's eben, der Huf knirschte auf großen Kieseln, dann lugten verschleierte Dünen, die Tiere krochen im weichen Sand. Zwei hockende Kamelreiter schienen langsam aus dem Boden zu wachsen. Leute aus Saada? Ich sah meinen Araber scharf an. Mit mohammedanischem Gruße glitten wir aneinander vorüber. Mein Führer lachte und zeigte zurück, ich weiß noch heute nicht warum; als ich mich umsah, verschwanden gerade die Reiter hinter der nächsten Bodenwelle wie Schatten. Auch Berge kamen, aber fern, sie schauten alle braun und dürr aus, und ihr Gipfel schwamm in Wolken. Während eines stundenlangen Rittes nur lastender Himmel, brütende Stille, versiegendes Leben. Die Tamarisken fort, die Salzkräuter nur noch wie ein Hauch. Auch Salzlachen zeigten sich, langgestreckt, blind, am Ufer mit brüchigen Kristallen bedeckt wie Eis. Aber kein rosiges Flamingogefieder, kein jappender Fisch, nur die Grabesstimmung eines toten Meeres; der braune Felskegel dabei, wie der erstarrte Wächter des ewigen Schweigens. Einmal schien sich dann die Natur darauf zu besinnen, daß der Tod nur gewaltig, wenn ihn das Leben rahmt. Graugrüne Salzweiden zogen heran mit Kamelherden und Hirten. So ungefähr denke ich mir das Gelobte Land zu Lots Zeiten. Zuletzt der helle Schimmer von Weizenfeldern um den dunkeln Kern einer Palmeninsel. Dort fütterten wir unsre Tiere mit kärglichem Mais, und sie schlürften das graue Oasenwasser argwöhnisch dazu. Wir selbst saßen auf dem Estrich eines Lehmhauses und aßen Sandwiches und tranken Wein aus unfern Satteltaschen, das heißt mein Führer sah mit Verachtung auf Wein und Schinken und aß nur das Brot. Eine dunkle, staubige Kinderhorde schaute durch die Tür. Die Palmenblätter hingen ganz schlaff, und die Stämme neigten sich wie bürstend über ihre Lehmmauern. Mir hatte der Kopf vorhin beim Reiten zum Springen geglüht, die Backofenhitze hier nahm mir den Atem. Nach einer Stunde kandarten wir wieder auf. Die Tiere wollten nicht traben und drängten sich widerwillig. Aber drüben, wo die Berge zu grauen Dunstketten sich dehnten, zuckte es bereits schweflig auf. Wir mußten unter der Peitsche reiten. Wieder schaute uns die Oase nach, und wieder schien es mir das heimliche Glimmen orientalischen Hasses. Darüber nachzudenken war keine Zeit. Mein Araber zog die Kapuze seines Burnus über den Turban und fuchtelte mit einem unterdrückten Fluch den dicken Prügel um die Maultierohren. Ich band mir den Nackenschleier hoch, während mein Schwarzbrauner, von dem Fuchteln erschreckt, im Sprunge auszubrechen versuchte. Gewitterwind blies in kurzen Stößen. Sandwolken wirbelten auf. Der Himmel grabesdüster, die Wüste aschfahl, wie die Verdammnis. Wir zogen als apokalyptische Reiter dazwischen hin. Vom Atlas her begann es dumpf zu grollen. Die Tiere schnaubten, von Zeit zu Zeit langte der Knüppel aus dem Burnus zu mir herüber, und es ging hundert Schritte lang im harten, stöckrigen Galopp. Die Atmosphäre war tödlich schwül, staubgesättigt. Mir brach der Schweiß aus allen Poren, und der Bug der Tiere schimmerte schmutzig naß. Ich lechzte nach einem Regentropfen. Aber es grollte und grollte, und wenn über den Bergen hin und her ein Blitz auflohte, starrten die dürren, braunen Ketten in heimtückischer Wildheit. Ich mußte immer nach den Bergen schauen, und wie es sich da schwarzblau übereinanderschob, türmte, – es war ein so großes Bild; mein Araber schaute immer vorwärts, wo die Staubsäulen jäh aufwirbelten, matt zusammensanken. Es wurde von Moment zu Moment dämmriger, – eine tückische Halbnacht, – die Tiere wollten durchaus nicht mehr weiter. Der Araber hieb, sein Mischling stolperte vorwärts; aber der meine blieb immer mehr zurück. Ich schlug mit meinem Reitstock, was ich konnte, aber das Maultier drehte sich im Kreis, hufte zurück, ich hatte Mühe, den Sattel zu halten. Und derweilen begann es zu tropfen. Mein Araber schaute auf den Himmel und dann auf mich. Als wir eine Stunde später glücklich eine Art Oase erreicht hatten mit einer schrecklichen Karawanserei, war's nicht etwa der Raier, sondern ein ganz andres, abgelegenes Ding. Die Wüste lehrt Geduld, und darum hatte sich auch mein Araber beschieden. Von einem Bett und einem Zimmer für die Nacht keine Spur. In einem langgestreckten, heißen Lehmraume ein schmutziger Kattundiwan, ein verlöschendes Feuer und eine Tasse türkischen Kaffees. Es war wohl gleichzeitig eine Art Kaufladen. Denn Araber kamen gemessenen Schrittes herein, nahmen Zigarettentabak von einem Tisch, hockten sich an der Wand hin, starrten mich an. Der Padrone schlurfte in weißen, weichen Schuhen umher ohne sonderliche Aufregung, aber mein Führer, der sich zu den andern an die Wand gehockt hatte, gestikulierte lebhaft mit allen, und wenn ein neuer hereintrat, begrüßte er ihn mit einem eigentümlichen Gurgeln und einem eigentümlichen Kuß zugleich. Draußen der lastende Regenhimmel, drinnen die abgestandene Hitze. Ich hatte keine Spur von Hunger, nur Durst, den ich mit lauem Wasser kühlte. Auch der Diwan hätte mir zur Nacht völlig genügt. Aber allein mit diesen Wilden, angestarrt, ohnmächtig gegen jede Gewalttat der Sinne oder der Habsucht! Es war wahrhaftig nicht blasse Furcht, es war weit eher Scham. Ich hätte mich verkriechen mögen vor dieser blöden Neugierde, die mich mit den Augen verschlang, ohne auch nur die Lippen zu rühren. Allein in der Wüste, in dieser Lehmbaracke von den Beduinen mit den Blicken ausgezogen bis zur Nacktheit! Und dabei übermüdet, nervös .... Ja, wenn ich jetzt nach Biskra hätte zurückfliehen können, ich wäre sicher geflohen! Aber schlimmer als alles, der Gedanke, der mich peinigte bis aufs Blut; wenn Peter durch einen Zufall schon in dieser Nacht hierher käme, mich hier sähe, an ein Wunder der Liebe glauben müßte. Daran hatte ich kaum gedacht, als ich mich besinnungslos dem Zufall in die Arme warf. Nur »ihn« wollte ich noch einmal sehen, sprechen, der andre galt mir kaum als leerer Schatten. Nein, Gott, tu mir das nicht an, solch ein Wiedersehen nicht! Die Komödie der Ehe, wenn's sein muß, – ja; die Blasphemie der Leidenschaft, was auch komme, – nie. Und ich schlug mir vor die Stirn und sagte, was ich dachte: »Du bist verrückt gewesen, Josefa, und bist es noch!« Aber das Schicksal, dem ich den Ariadnefaden aus der Hand genommen hatte, spann ihn jetzt für mich weiter, wo ich ihn fallen ließ. Ich überlegte eben, ob ich in der Nacht vielleicht noch bis Saada allein zurückreiten könnte, obgleich mir der Gedanke an Zurück immer noch schrecklich war. Da höre ich deutlich das Rollen eines Wagens. Der Wagen hält. Kurz darauf parieren Reiter. Klappern von Waffen, ein deutscher Fluch. Ich bin aufgesprungen mit einer flehenden Geste des Schweigens en tout cas et à tout prix für meinen Araber. Der lächelte beruhigend und schritt langsam heraus. Es mußte Peter sein, und mich durchrann ein feiger Ekel vor mir selbst! Die Araber im Zimmer haben mich wahrscheinlich für gestört gehalten, denn ohne Besinnen, instinktiv schlich ich auf Zehen in die dunkelste Ecke des langen Zimmers, in eine Art Nische hinter dem Lehmkamin. Und im selben Augenblick öffnet sich auch schon die Tür. Das Herz steht mir still und beginnt gleich darauf wie rasend zu hämmern. Ich kenne sie alle am Tritt, noch ehe ein Wort gefallen. Es sind Bloome, die Quedenberg, Rhyn. Sie haben es offenbar sehr eilig. Ich kann niemand sehen, nur Schatten gleiten an der Wand. Zuerst spricht »er«: »Bloome, sorgen Sie für die Pferde! Einer muß dabei sein, wenn der Kerl abfuttert. Ich traue der Bande nicht. Und Sie finden beim besten Willen bis Saaba kein Relais mehr. Die Maultiere übernimmt mein Diener. Er geht jedoch mit euch zurück, nicht mit mir. Und die Karabiner geladen! Wenn der Kutscher nicht pariert, schießt ihn vom Bock!« Drauf Jeanette und »er« allein. Sie: »Aber was ist denn los?« Er: »Ihr müßt Biskra zu erreichen suchen, so schnell ihr könnt.« Sie: »Ich liebe Klarheit, wie du weißt.« Er: »Ich gewiß! Also setz dich auf den Kattundiwan, Jeanette.« Sie: »Es riecht eigentümlich hier. Was ist das für ein Parfüm? Ich möchte schwören ....« Er: »Schwöre lieber nicht! Es riecht, wie es in jeder Lehmhütte riecht. Seit Biskra siehst du fortgesetzt Gespenster.« Sie: »Und wenn's keine Gespenster wären?« Er: »Nun, dann sind's eben keine Gespenster!« Sie: »Also bitte, sprich, ehe Bloome zurückkehrt! Ich will mich setzen und alles tun, was du wünschest.« Er: »Also es bereitet sich ein arabischer Aufstand vor. Er kann heute, morgen, er kann gar nicht losbrechen. Ich persönlich hatte bis gestern das Gefühl, er bricht nicht los. Ich spreche, wie du weißt, das Arabische so gut, ja besser als all diese Beduinen, und ein Aga, der mich darum fast für einen Mohammedaner hält, hat mich persönlich gewarnt. Mir käme der Tanz schon recht, aber meine Tagebücher sind noch in El-Kantara, und die sollen sie mir nicht verbrennen! Ich bin kein Glückskind, will's auch nicht sein, aber die Arbeit von drei Jahren vernichtet zu sehen, das wäre etwas zu viel Pech. Und darum reite ich von hier direkt ab nach El-Kantara.« Sie: »Und wenn ich mitginge?« Er: »Du kannst nicht reiten, oder unsicher, und es geht durch den Atlas.« Sie: »Und wenn ich doch mitritte? Eine Frau kann schließlich alles, was sie will.« Er: »So brichst du den Pakt.« Sie: »Und wenn ich ihn bräche?« Er: »Brich ihn lieber nicht, Jeanette, ich bitte dich darum!« Darauf minutenlanges, düsteres Schweigen, während »er« schweren Schrittes im Zimmer auf und ab ging. Bloome und der Diener kommen zurück. Der Diener gurgelte etwas Arabisches, und ich hörte Papier knittern. Bloome sagte lustig: »Ich habe ein schönes Maultier entdeckt mit recht zivilisiertem Zaumzeug. Es soll einer Französin gehören aus Biskra, aber die Dame scheint verschwunden. Schleppen wir es also mit. Ich bin sehr für unerlaubtes Beutemachen im Kriege.« Darauf »er« kurz und scharf: »Bloome, Sie sollen bei den Pferden bleiben! Ich bin heute nicht zum Scherzen aufgelegt.« – »Ja, das haben wir während der ganzen sogenannten Vergnügungsreise gemerkt, hoher Chef.« – »Verzeihen Sie, lieber Bloome.« – »Bitte sehr, Herr Graf! Ich bin königlich preußischer Offizier gewesen, und da haucht man entweder an, oder man wird angehaucht.« Die beiden wieder allein. Er: »Willst du nicht etwas genießen, Jeanette?« Sie: »Nein, ich möchte erst den Brief lesen.« Er: »Der ist doch wertlos.« Sie: »Für mich ist ein Brief von dir nie wertlos.« Wieder minutenlange Pause, und sein schwerer Schritt. Draußen schirren sie die Pferde auf. Sie: »Es ist Zeit für mich, Robert.« Er: »Jetzt bist du aber sonderbar, Jeanette!« Sie: »Gott, was wollen wir uns denn gegenseitig noch länger belügen, es ist eben alles aus.« Er: »Das liest du aus dem Brief?« Sie: »Ja, aus dem Brief.« Er: »Ja, dann verstehen wir uns wirklich nicht mehr, Jeanette.« Sie: »Nein, Robert, seit Biskra verstehen wir uns in der Tat nicht mehr.« Er: »Habe ich dir je etwas nicht gehalten, was ich dir versprochen hatte?« Sie: »Du hältst stets, was du versprichst, aber ich kann nicht mehr halten, was ich versprochen habe.« Und jetzt sehe ich, wie die Schatten verschmelzen, wie die Stimmen leise und bestimmt werden. »Jeanette, du weißt –« »Ja, Robert, ich weiß ....« »Nie mehr, nie weniger.« »Nie mehr, nie weniger.« »Es war dein eigenster Wille, Jeanette.« »Es war mein eigenster Wille, Robert.« Die Schatten lösen sich. »Und eben darum trennen sich unsre Wege, Robert. Ich wollte dein Weib sein, und bin's.« »Willst du mich nie wieder sehen?« »Ich wünsche es wenigstens nicht.« »Ich verstehe dich doch nicht, Jeanette. Was du gewollt hast, bin ich dir gewesen, bin ich dir noch, will ich dir ewig sein.« »Und wenn ich mehr wollte, alles?« »Man kramt vergebens in leeren Koffern.« »Du lügst.« »Ich wollte, ich löge!« Draußen stieg der Kutscher auf den Bock. »Jeanette.« »Robert?« »Jeanette, schneide das Band nicht durch!« »Es war ein gutes Band, Robert, ich weiß es.« »Du bist mir viel, Jeanette.« »Du warst mir mehr, Robert.« »Wir sehen uns bestimmt in Algier!« »Wir sehen uns bestimmt nicht!« Eine lange Minute zögerte er; was ihre Augen sprachen, weiß ich nicht. Dann ging er hinaus in die Regenschwüle, und ich hörte, wie er kurz und befehlend sagte: »Also Bloome, good bye. Es ist die französische Etappenstraße, auf die Sie in einer halben Stunde kommen, und wahrscheinlich keine Gefahr. Wenn ich's noch glaubte, ich führe sicher mit euch. Aber Augen offen!« Und drinnen in dem Lehmgeruch sagte eine Frauenstimme leise: »Es mußte so kommen! und wenn ich's wußte, warum besann ich mich nicht auf mich selbst, solange es noch Zeit war? Ich habe den Augenblick verpaßt. Und doch war's gut, daß ich ihn verpaßte. Was ich war, will ich auch sein.« Es war ein spröder Ton, und vielleicht tat mir die Frau leid. Aber ein echtes Weib bist du doch nicht, Jeanette! Die reißen sich wohl los, aber sie gehen zugrunde, und du gehst nicht zugrunde, du nicht! Sie fuhren ab. Eine Stimme von vollem, warmem Klang rief dem Wagen nach: »Gut heim, Gräfin, gut heim! Und, vergessen Sie Algier nicht.« Und da haßte ich wieder die Frau, die ich eben bemitleidet hatte. Jedoch nur Bloome antwortete mit einem deutschen: »Auf Wiedersehen.« Ich weiß wohl, daß ich hätte hervortreten müssen, noch ehe die Unterhaltung begann, und sagen: »Hier ist jemand.« Oder mir wenigstens die Ohren zuhalten und denken: »Hier ist niemand.« Aber es gibt Momente in jedem Frauenleben, wo jede Frau atemlos horcht wie ich. Ich wollte es ja auch nicht etwa gebrauchen, weder für mich, noch gegen sie. Und trotzdem, wenn ich je die Röte der Scham gefühlt habe, und den leidenschaftlichen Wunsch, mich zu verkriechen, so habe ich ihn nach dieser Unterredung gehabt. Ich vergaß darüber vollkommen Zweck und Ziel meiner Reise. Die Leute ertrugen mit wahrhaft orientalischer Geduld die Geistesverwirrte in der Ofennische. Ich war lächerlich, aber mir blieb keine Wahl. Nach einer weiteren Ewigkeit hörte ich das zögernde Klappen von Maultierhufen auf dem Oasenlehm. Ich atmete befreit auf. »Er« durfte mich lieber nackend sehen, als in dieser Lauscherecke! Das Klappen klang ferner, aber merkwürdig unschlüssig für einen so eiligen Reiter. Das Klappen verklangt. »Nun ist er fort!« sagte ich beklommen, und fühlte nur dumpf, baß damit etwas tot sei, ganz tot. Ich ging wieder mechanisch zu dem Diwan, um zu liegen, zu schlafen, wenn möglich. Ob mein Mann jetzt oder in einer Ewigkeit kam, war mir auf einmal völlig gleichgültig. Ich hatte noch nicht fünf Schritte gemacht, da öffnet sich wieder die Tür: Rhyn, verbrannt wie ein Araber, in einem weißen, wallenden Burnus. Er stutzt im Schritt, ich stutze im Schritt. Er fand sich zuerst zurecht: »Also, das schwarze Maultier im Stalle gehört Ihnen?« – »Ja.« – »Ich bin extra dieser Frau wegen noch einmal umgekehrt, der das Maultier gehören sollte. Sind Sie's nun eigentlich, Frau von Lasowitz, oder ist's Ihr Schatten?« – »Nein, ich bin's, und ich will meinen Mann erwarten.« – »Dann können Sie lange warten, gnädige Frau! Und wenn Ihr Herr Gemahl Tag und Nacht durchreiten würde, wie wir jetzt, vor morgen abend könnte er nicht zur Stelle sein.« – »Dann warte ich eben bis morgen abend.« – »Das werden Sie nicht tun, gnädige Frau!« – »Und wer sollte mich daran hindern?« – »Ich.« – Er sah mich mit seinem ruhig forschenden Blick einen Moment von der Seite an und sagte: »Das trifft sich dumm! Vor zwanzig Minuten sind die Gräfin Quedenberg und mein Freund Bloome mit einem Wagen hier durchgekommen. Sie hätten gut mitkönnen. Ich muß Ihnen nämlich sagen ...« Da unterbrach ich ihn rasch im natürlichen Instinkt des anständigen Menschen: Herr Rin, ich weiß alles, ich hörte alles. Während Sie mit der Gräfin sprachen, stand ich in der Nische da. Ich bin mit Ihrem Diener hierher geritten, und wollte eigentlich weiter bis zum Raier.« »Ja,« antwortete er scheinbar nachlässig, während seine Backenmuskeln spielten, »mein Diener sagte mir etwas Aehnliches im letzten Augenblick, was ich erst jetzt begreife,« darauf fuhr er jedes Wort häßlich scharf betonend fort: »Für Horcher kann ich nichts, gnädige Frau. Für das, was ich gesagt und getan habe, bin ich bereit einzustehen, wie stets in meinem Leben. Da es sich aber um meine Frau handelt, deren Ehre mir so lieb ist wie meine eigne, ersuche ich Sie dennoch, Frau von Lasowitz, unverbrüchlich zu schweigen gegen jedermann, und einem Gentleman zu glauben, wenn er Ihnen sagt: ›Jeanette Quedenberg war niemals Robert Rins Geliebte, nur seine Freundin.‹ Erinnern Sie sich an Sirmione vielleicht? Nun, diese Freundschaft datiert ungefähr von demselben Tag. Oder erzählen Sie auch meinetwegen aller Welt, was Sie gehört haben. Wer horcht, schwelgt nicht, ich vergaß ... Und seien Sie überzeugt, so wenig ich mit der genannten Frau in vielen Punkten übereinstimme, in dem einen stimmen wir unbedingt überein: daß wir den leeren Schein hassen, und der Konsequenz ins Gesicht sehen.« Da wurde auch ich feindlich und kalt: »Warum bleiben Sie eigentlich noch, Graf Rhyn? Ich habe meinen Weg allein gefunden, und wünsche ihn auch allein weiter zu gehen.« Er hatte die Zähne aufeinandergebissen und sah hart und finster aus, wie nur je ein Mann. Dann lachte er kurz auf: »Sie denken, gnädigste Frau, wem die eigne Gräflichkeit so herzlich gleichgültig ist wie mir, den mißt man als Mann auch sonst nach dem Maß, nach dem er sich selber mißt. Nun, gnädige Frau, ich bin ehrlich und gestehe Ihnen zu, daß ich jeden Kavalier lieber sehen würde an meiner Statt, aber da der nicht zu beschaffen ist beim besten Willen, muß ich hier Ihr Kavalier sein, und seien Sie mir auch die allerfremdeste Frau.« Und ich antwortete eisig: »Ich bleibe hier zur Nacht, ich sagte es schon einmal, wenn ich nicht irre.« – »Das werden Sie nicht!« – »Das werde ich doch!« – Da wechselte er den Ton und sagte mit der sicheren Ruhe, die er wohl in der Wüste gelernt hat: »Aber machen Sie mir das Leben doch nicht unnötig schwer! Ich kann Sie hier nicht lassen: das sehen Sie selbst. Sie sind übermüdet, ich selbst bin übermüdet. Also wir essen erst und trinken, – ich habe in meinen Satteltaschen Wein und Fleisch, –und dann nehmen Sie auf dem Diwan hier Ihren Kaffee, und ich rauche meine Zigarette. Selbst wenn diese Oase die harmloseste von der Welt wäre, könnte ich Sie nicht Tag und Nacht hier allein lassen. Also seien Sie vernünftig!... Es ist ein Wunder, daß wir Sie an diesem abgelegenen Orte trafen, nun bedienen Sie sich auch dieses Wunders. Ihr Maultier ist noch frisch, wenigstens bis Saada wird und muß es langen. Dort bekommen wir sogar Pferde bis Biskra. Ich reite weiter nach El-Kantara. Damit ist uns beiden geholfen. Also ich besorge Ihnen das Abendbrot.« Ich war dem Weinen nahe und durfte es mir doch nicht merken lassen. Ich bin überhaupt viel zu weich, viel zu sehr Kind des Augenblicks. Ich vermochte aber doch noch höflich zu sagen: »Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, lassen Sie mich, bitte, eine halbe Stunde allein.« Diese halbe Stunde habe ich dann genutzt, wie ich halbe Stunden nutze. Ich grübelte hin und grübelte her, ich war so haltlos. Aber kann man das anders sein an so einem Tag? Bis hierher habe ich das Schicksal geführt, nun Schicksal, führe du mich! Er hat ja recht, hundertmal recht wie immer, und ich liebe ihn, wie nur ein Weib einen Mann lieben kann, aber so unsinnig es klingt, ich wäre heute lieber mit dem Teufel geritten als mit ihm! Als er nach einer halben Stunde zurückkam, hatte ich eigentlich nur in allen Tonarten wiederholt: ›Du bist doch noch immer eine anständige Frau, Josefa, und willst es bleiben.‹ Er sagte kurz: »Nun, Baronin, wie weit sind Sie mit Ihren Entschlüssen?« Ich antwortete ebenso kurz: »Ich reite mit Ihnen nach El-Kantara, Herr Rin. Sie brauchen dann meinetwegen keinen Umweg zu machen, und ich komme von da vielleicht nach Biskra zurück.« Es war wieder der blinde Impuls, der mich noch immer richtig geführt hat. »Das nutzt Ihnen wenig, Baronin.« »Es nutzt mir, so viel ich will!« »Es sind halsbrecherische Wege. Wir reiten voraussichtlich noch die halbe Nacht. Bedenken Sie das!« »Ich bin vollkommen ausgeruht, Herr Rin, und sehr sattelfest.« Eine Pause. »Ich dachte, Sie wollten nach dem Raier, gnädige Frau? »Nein, ich will nach El-Kantara, Herr Rin.« »Also reiten wir!« »Er« sprach dann noch eine Weile mit den Arabern, die ihn offenbar kannten und ehrten. Sie halfen bereitwillig, als er die beiden Maultiere aufsattelte. Er griff nicht in die Tasche nach einem Backschisch, und doch grüßten sie den Abreitenden mit Respekt. Es war vielleicht sieben Uhr abends. Die Wüste dunkel, in feucht heißer Gewitterschwüle, aber kein Tropfen Regen, nur der Boden wie betaut, lieber dem Atlas zuckte es unaufhörlich. Mir ist noch nie in meinem Leben so seltsam, so widerspruchsvoll zumut gewesen, wie auf diesem Ritte. Dabei war die Wirklichkeit genau wie der Traum damals. Auf einem alten, zögernden Maultier »er«, auf einem jungen, mutigen ich. Wir ritten erst lange einen guten Schritt über Sand, Lehm, Geröll. Ich sah keine fünf Schritt vor mich. Nur wenn das Wetterleuchten blau flimmerte, hob sich das Dunkel: fahle Lehmwellen, weiße Kiesel, ein schattenhafter Streifen Sand. Zuweilen etwas wie eine Weglinie, die aber gleich wieder verschwand. Dann auf gut Glück weiter. Das alte Maultier strebte unbeirrt vorwärts, als brauche es weder Licht noch Steg. Zuweilen hielten wir. »Er« sah beim Zündholz nach seinem Kompaß. Ein Riesenblitz lohte; die braune, dürre Atlaskette dünkte mir ganz nahe. Es grollte und flammte stärker. Ein heißer Windhauch zischelte mir am Ohr – erstarb – zischelte wieder. Es sprühte leicht. »Er« reichte mir einen weißen Burnus vom Sattelbogen herüber. Ich zog die Kapuze über den Kopf. »Sie sind sehr gütig. Graf.« »Kaum. Es ist Bloomes Reservemantel, den er vergessen hatte. Ich fürchte, wir werden noch starken Regen bekommen.« Als ich weiter sprechen wollte, lehnte »er« höflich ab: »Verzeihen Sie, gnädige Frau! Aber ich muß auf den Weg achten.« Wir kamen bald in bergige Gegenden. Am Horizont starrte etwas Düsteres, Ungewisses, es war wohl die Atlaswand. »Kennen Sie den Weg, Graf?« »Mein Maultier kennt ihn hoffentlich.« Ich schlug die Kapuze zurück. Es war so feuchtheiß darunter. Es regnete stärker. Die Tiere schüttelten sich, hoben die Köpfe. Das alte Maultier wollte nach links abbiegen. Wir hielten: »Er« stieg aus dem Sattel, beleuchtete den Boden und meinte endlich achselzuckend: »Hier ging nie ein Weg ab! Das Tier sieht auch Gespenster.« Die Maultiere gingen widerwillig geradeaus. Das alte schielte mit spielenden Ohren immer wieder nach links. »Er« gab die Peitsche, und wir trotteten schneller. »Am Ende kommt der Weg, den ich meine, doch nicht. Wir werden nach dem Kompaß und nach meinem Gedächtnis zu reiten versuchen.« »Aber Sie waren doch so lange in der Wüste!« »Die Wüste ist so groß wie Europa, gnädige Frau.« Da schwieg ich. Der Regen floß gleichmäßig. Das war keine Wüste mehr, keine Majestät, das war ein graues, wallendes stumpfes Einerlei. Im Atlas grollte es noch immer, grollte hin, grollte her, und wenn das Gespensterlicht gleißte, sah ich griesgrämiges Oedland von schmutzigen Rinnsalen durchfurcht, in dem die Tiere nur Schritt für Schritt vorwärts kamen. Auch ein triefendes Beduinenzelt passierten wir. Auf »seinen« Ruf sahen Leute heraus und zeigten nach links, wo das kluge, alte Maultier schon immer hingewollt hatte. Er aber schüttelte eigensinnig den Kopf, und wir ritten weiter geradeaus. Mir war's gleichgültig, wo und wann wir endlich ankämen. Doch die heiße Schirokkoluft, die feucht und ungesund dahinkroch, prickelte mir die Nerven. Ich mußte immer an Jeanette Quedenberg denken. Der Mann neben mir dachte wohl auch an sie. Es kann nur an dieser Luft gelegen haben, die die Sinne peitscht, den ekeln Schlamm aufwühlt, oder der Böse selbst raunte mir zu: ›Sie war doch seine Geliebte, sie ist es noch! »Er« lügt. Alle Männer lügen.‹ O, wie habe ich die Frau gehaßt, so heiß und doch so eisig! Ihr Tod wäre mir eine grausame Freude gewesen. Jedenfalls war's eine Nacht, wo die schlimmen Geister wandeln. Die Tiere gingen bald Schritt, bald Trott, je nach dem Boden. Der Reiter neben mir schweigsam, vornüber gebeugt, von der Kapuze ganz verhüllt. Ich haßte auch »ihn«, und hatte »ihn« doch zum Sterben lieb! Dabei sagte ich mir wieder: ›Jetzt denkt »er« an sie, jetzt tut sie ihm leid, jetzt verwünscht »er« dich, jetzt möchte »er« bei ihr sein, sie umarmen, ihr alles abbitten mit Küssen und Schwüren.‹ Wie wir bis zu den hohen Bergen kamen, weiß ich nicht. Aber plötzlich starrten vor mir starre, braune Wände von trägen Nebelschwaden eingehegt. In der Ferne Gurgeln, Plätschern. Wir saßen ab. Die ermüdeten Maultiere beugten sich auf die Schmutzlachen, prüften, tranken, hoben den Kopf nach den Bergen, wohl von der frischen Höhenluft erquickt, die auch zu uns herabwehte. Wir standen in unsern durchnässten Burnussen trübsinnig und einsilbig. Das Gewitter entfloh grollend und gleißend nach Norden. Es hatte zu regnen aufgehört. «Sie sind sehr müde, Baronin?« »Nein.« «Aber Sie müssen sehr müde sein!« »Und wenn ich's auch wäre, Graf, es hilft doch nichts.« Da lächelte »er« häßlich: »Warum lieben Sie alle eigentlich nur die halbe Wahrheit? Es klingt so höflich, es ist so bequem, es verpflichtet zu nichts!« »Es war eine Herzenshöflichkeit gegen Sie, Graf Rhyn.« »Verschwenden Sie sie an bessere Leute! Wer sein Lebtag Schwarzbrot gegessen hat, ist mißtrauisch gegen Näschereien.« »Und war es vielleicht etwas andres als eine Herzenshöflichkeit gegen mich, daß Sie mitritten?« »Nein, gnädige Frau. Diese Anschauung möchte ich auf keinen Fall. Ich tat meine Pflicht, kein Atom mehr. Dank dafür wünsche ich nicht.« Darauf sah er erst auf die Tiere, dann nach den Bergen. Ich aber sagte empört: »Wenn ich Ihnen ein so lästiges Gepäck bin, so lassen Sie mich doch allein weiterreiten! Ich habe meines Wissens um Ihre Begleitung nicht gebeten.« Ich ging auf mein Maultier zu. »Er« vertrat mir den Weg. »Lassen Sie mich, Graf!« »Nein, ich lasse Sie nicht, gnädige Frau.« Und wieder fuhr »er« mit der zwingenden Ueberlegenheit fort, gegen die ich machtlos bin: »Frau von Lasowitz, wenn wir uns hier fremder gegenüberstehen als zwei Fremde trotz aller langen Bekanntschaft, so hat das doch wohl seine Geschichte. Sie mögen als Frau mit einem liebenswürdigen Lächeln über eine Jugendtorheit hinweggekommen sein und vergessen haben, ich als Mann sprang mit einem Fluch darüber, aber ich vergaß nicht... Sie haben meine Gesellschaft weder in Biskra noch irgendwo anders gesucht, und ich bei meiner Ehre die Ihrige noch weniger. Ich war niemals Weltmann, will's auch nicht sein! Ich mag vor allem Floskeln nicht. Und wenn ich jemals durch die Floskeln einer Gesellschaft mich habe betören lassen, die nie meine Gesellschaft sein kann, weil ihr immer der Name höher gilt als der Mann, so werden Sie hoffentlich verstehen, daß ich mit den Floskeln dieser Gesellschaft nichts mehr zu tun haben will. Ja, diese Floskeln reizen mich bis aufs Blut! Ich bin ich, und Sie sind Sie, und das Schicksal meinte es sehr gnädig, als es uns beide nicht unglücklich machen wollte. Aber die Abneigung gegen solche Erinnerungen und solche Zeiten geht so weit, daß ich auch Ihren Mann nicht mag, obgleich er sicher ein Mann ist, und auch Quedenberg nicht mag, obgleich er sicher ein altes Weib ist. Selbst seiner Frau habe ich nie ganz gerecht werden können, obgleich sie die einzige war, die Stange hielt. Diese Frau ist Ihnen vielleicht verächtlich gewesen vorhin, während Sie Ihnen hätte sehr hoch stehen sollen! Während wir ritten, quälte mich immer der Gedanke an diese Frau. Sie ist mir der beste Kamerad gewesen – und den besten Kameraden soll man nicht verlassen, selbst wenn er uns verlassen sollte, wie sie mich heut. Mit ihr hätte ich reiten sollen, nicht mit Ihnen! Es war ein blinder Zufall, aber jetzt kommt mir's vor, als sei's eine Schicksalsinfamie.« »Er« zwang mich wiederum zu essen und zu trinken. Ich war gehorsam, weil ich apathisch war. Ich habe, glaube ich, ebenso matt und fröstelnd dagestanden wie unsre beiden übermüdeten Maultiere. Wir hatten noch einen stundenlangen Ritt vor uns, wie er mir sagte, und mir taten die trübseligen Kopfhänger herzlich leid, die nicht mal ihren Mais fressen wollten; namentlich das hagere, alte, das unter seinem hohen Reiter immer durchzubiegen schien. Ich sagte es ihm auch. Er aber klopfte dem Tiere lachend den Hals: »Nicht wahr, alter Veteran, wir kennen uns und wir halten's durch?« Zu mir gewendet: »Außerdem reite ich sehr leicht trotz meines Gewichts.« Und jetzt war ich so müde, so hoffnungslos! Es mag an der Ueberanstrengung gelegen haben – ich habe wohl ein Recht, überanstrengt zu sein! Aber viel mehr noch war's die Seelenapathie, die dumpfe, stumpfe, die Tod und Leben in einem ewigen Grau zusammenfließen läßt. Ich war tatsächlich körperlich und geistig fertig! Ich hing nur im Sattel. Und kaum wie durch einen Schleier sehe ich, wie die müden Tiere die Steilhöhe heraufkratzen, schwer atmend, die Rücken gebogen. Steine rascheln in die Tiefe, wo unter der Nebeldecke Wasser rauschen. Dann sind wir oben. Eine kurze Pause zum Verschnaufen. Jetzt denselben Steilhang drüben wieder hinab, auf demselben schlüpfrigen Maultierpfade. Ich legte mich instinktiv weit im Sattel zurück, die Steine rollen, die Hufe tasten, die Rücken schwanken. Immer krr, krr, halb gleitend, halb springend. Bei Tag würden mir vielleicht die Haare zu Berge gestanden haben, in der Nacht und in der Regenluft zogen die Schwaden so barmherzig tief, daß selbst »er«, der immer voranritt, im Grau verschwand. Ich weiß nicht, wie viele Male es so hinauf- und hinabging, es war mir alles ein Traum. Er sprach zu mir, ich weiß nicht was; ich antwortete, ich weiß nicht was. Später ritt er hart neben mir, während wir auf kahlem Hochplateau zu traben versuchten. Ich gab die Hilfen, was ich konnte, aber mein Schwarzbrauner war nicht aus dem Schritt zu bringen. »Wir sind in einer Stunde da,« sagte er. »Wir sind nicht in einer Stunde da,« antwortete ich. Mir schien's ein Ritt ohne Ende und Ziel. Darauf saßen wir eine Viertelstunde ab. »Er« hob mich aus dem Sattel, ich war willenlos. »Er« lehnte mich an mein Maultier, ich ließ das auch geschehen. Das junge Tier zitterte an allen Gliedern, und der Atem klang wie Röcheln. »Er« suchte nach seinem Kompaß, den »er« aber nicht fand. Er hatte ihn verloren. Darauf sagte er unsicher: »Sie haben sich den schlechtesten Führer von der Welt ausgesucht, gnädige Frau. Es ist mir herzlich leid! Da links drüben muß Biskra liegen. Wo El-Kantara liegt, das weiß der Teufel, aber nicht ich. Können Sie überhaupt noch?« Ich biß die Zähne aufeinander und murmelte: »Ja, ich kann!« »Er« hob mich wie ein Kind in den Sattel, gab mir auch noch seinen Burnus um und hüllte mich ein wie ein Kind. Wir mußten sehr hoch sein. Es wehte eisig kalt, und ich begann zu frösteln. »Er«, der mit seinem Maultier an das meine gedrängt ritt, mochte es wohl fühlen, auch daß ich wie im Halbschlaf saß. »Er« sagte befehlend: »Sie dürfen nicht frieren! Sie werden jetzt Trab reiten! Was noch an Kraft da ist, das muß her!« Ich nickte. Auf Momente kamen mir wirklich die Kraft und das volle Bewußtsein zurück. Ich sah auch etwas wie einen Stern blinzeln, aber trübe; kleines Buschwerk glitt vorbei, weiter drüben verschlafene Bäume. Aber eigentlich deuchten es mich heimtückische Kobolde. »Er« hatte mir die Zügel genommen, die Tiere drängten sich. Ich fühlte seinen Körper an dem meinen und wie »er« mit aller Macht ritt. Dann fiel wieder die schwere Nilpferdpeitsche auf die Kruppe meines Tieres. Das unglückliche Geschöpf versuchte zu traben, zu trotten. Unmöglich! Ich spüre deutlich, wie dem jungen die Kräfte schwinden, wie der Strom des Lebens langsam verrinnt. Plötzlich blieb es stehen. Es konnte nicht mehr. Es war so ausgelitten, wie es nur ein Tier sein kann, ich wußte es. Ich, wollte aus dem Sattel gleiten. »Er« hielt mich. »Sie werden sitzen bleiben!« »Aber das Tier bricht zusammen!« »Dann bricht's zusammen.« »Das ertrage ich aber nicht!« »Das ertragen Sie doch! Ich bin kein Tierquäler. Aber ich kann Ihnen sonst nicht helfen. Sie erstarren mir hier. Wenn's einen Menschen gilt, muß man das Tier opfern.« Und nun kommt eine schreckliche Stunde! Es ging immer längs der Abhänge auf bröckelnden Felspfaden. Einmal mußte der Dunst über einer schauerlichen Tiefe hängen, denn ich hörte Wasser ganz, ganz unten rauschen. Hüben und drüben verwaschene, dumpfige Riesenwände. Mir schaudert noch vor der Grabeskühle. Als wenn der Tod heraufgähnte! Mir wollte die Toscolanerschlucht einfallen, und wie anders es damals war, aber ich war nicht fähig. »Er« reitet hinter mir, weil neben mir kein Fußbreit Raum – und die Nilpferdpeitsche fällt schwer und regelmäßig auf die Kruppe, und das Tier schwankt vorwärts, und ich schwanke im Sattel. Ich habe die Augen geschlossen, weil ich dies lebendige Sterben nicht mehr ertragen kann. Es war ein Grauen. Mit aller Willenskraft drehe ich mich um und sage: »Ich reite keinen Schritt mehr! Das Tier stirbt.« Die Peitsche pausiert. Ich halte. Im selben Moment strauchelt's unter mir, stürzt. Ich werde zur Seite gerissen, falle, rolle, vor meinen Augen flimmert's rot, ich fühle einen dumpfen Schmerz, und ehe ich die Besinnung verliere, höre ich noch tief unter mir ein dumpfes, tiefes, schauerliches Plumps. Ich kann nur kurze Zeit in einer halben Ohnmacht gelegen haben, denn ich sah gleich darauf wie durch einen Schleier, daß sich etwas Dunkles über mir zu schaffen machte, hörte durch ein Brausen, daß jemand zu mir sprach. Als ich die Augen ein wenig öffnen konnte, kniete »er« über mir und tastete an meinem Herzen, eine geschnürte Stimme sagt: »Nein, Sie sind nicht tot, Sie dürfen nicht tot sein! Hören Sie mich, Baronin? Josefa, Sie hören mich, Sie müssen mich hören!« Ein köstliches, heißes, sündiges Rieseln geht durch meinen ganzen Körper. Ich schließe die Augen wieder. Aber als »er« sich auf mein Gesicht beugt, und ich feinen Atem an meinem Munde spüre, da umschlinge ich ihn mit beiden Armen. Und «er« will sich losreißen, und ich lasse ihn nicht! Ich sage im Halbtraum: »Hast du mich denn nicht mehr lieb, hast du mich denn gar nicht mehr lieb?« Ich mag unzurechnungsfähig gewesen sein in diesem Moment. Aber als er mich wieder küßte, starb ich fast unter seinem Kuß. O Leben, wie lieb' ich dich doch! Und dann hat er mich aufgenommen und hinaufgetragen und hingesetzt an den Felsrand. Ich aber habe zu schluchzen angefangen, aus Erschöpfung, aus Glück, was weiß ich! Ich mußte eben weinen. Und »er« hat mir die Tränen weggeküßt. Und ich habe noch heute das Gefühl, daß es im Himmel nicht schöner sein kann als auf der Erde. Es gibt nichts Köstlicheres, als todmatt zu schluchzen vor Glück und sich die Tränen wegküssen zu lassen vom Glück. Und an diesem Glücksgefühl änderte gar nichts, daß mein junges Maultier mit zerbrochenem Rückgrat unten im Wasser lag und daß das alte sich an die Felswand lehnte, um nicht kraftlos zusammenzusinken. Als wir Stunden später endlich aus den Bergen herausfanden, lag Benifera vor uns und nicht El-Kantara. Ich habe nie von Benifera gehört bis jetzt. Es liegt am Atlasabhang auf einem Hügel, seltsam zusammengetürmt aus Fels und Lehm. Kein Licht, kein Mensch, nur schlafende Gassen! Den Aga, den mein Schatz kennt, weckten wir glücklich. Der dicke, ältliche Kabyle – ganz Altes Testament – geleitete uns zu einer Art Karawanserei außerhalb des Orts. Dort in einer Lehmkammer und auf einem Teppich habe ich den Rest der Nacht verbracht. Ich schlief wie tot, ein Plaid als Schlummerrolle, eine Maultierdecke als Zudeck. Die Sonne lachte ins blinde, vergitterte Fenster hinein. Da sprang ich auf. Es war über zehn, und ich sah aus wie eine Vagabondin. Robert hatte mir Kleidungsstücke besorgt, aber ich hatte kein Vertrauen zu den Röcken der Kabylenfrauen. Schließlich tat's mir ein dicker, neuer Burnus an. So phantastisch kostümiert sind wir beide auf frischen Maultieren gegen Mittag wieder fortgeritten. Ein blauer Himmel spannte sich über den braunen, starren Bergketten hüben und der rötlich schimmernden Wüste drüben. Die Sonne funkelte. Es war ein Tag, wo auch die Natur Auferstehung feiert. Als wir durch die halsbrecherischen Gassen des Felsennestes hinabritten, immer den Kopf auf der Mähne, um nicht anzustoßen an all die Lehmnischen und Durchgänge, – selbst die Maultiere stockend und vorsichtig auf dem löcherigen Fels, – da lagen schon wieder die Kabylenmänner faul und schmutzig in ihren geflickten Burnussen und grün geflochtenen Sandalen auf dem Platz vor dem arabischen Café und sonnten sich. Um die Ecke hinter einem Felsen, wo kristallhelles Bergwasser unter dem Gestein versickerte, standen die unverschleierten Kabylenfrauen barfuß an der Quelle, die dunkeln Knöchel mit schweren silbernen Ringen geziert, und wuschen und schwätzten. Dann klommen wir wieder hinauf zum Atlasplateau. Spärliche, steineingefaßte Gerstenfelder begleiteten uns noch eine Weile, und die hellen, hochbeinigen Oasenhunde setzten mit heiserem Bellen daher. Die Sonne brennt, die Pflanzen, feucht betaut, scheinen zu atmen. Später freilich war's ein heißes Reiten auf dem braunen, ausgedörrten Hochland, wo kein Schatten einlud. Nirgends ein Baum, nur hohes Gestrüpp und schüchterne Bergblumen. Aber Robert trieb und trieb! Die Hufe klappten, mein Burnus flog im Wind. Als wir wieder hinabritten, tapp, tapp – die braune Grasnarbe feucht schimmernd, der schlüpfrige Fels glitschig, – immer mit dem unbequemen Gefühl, daß ein einziger Fehltritt der vorsichtig tastenden Tiere uns in das grüne, stille Atlastal zu unsern Füßen erschreckend schnell befördern könnte, sah ich ganz in der Ferne etwas Gründämmeriges aufleuchten, es war El-Kantara. In dem grünen Atlastal frühstückten wir. Robert sagte: »Jetzt kann ich dir auch sagen, warum ich geeilt habe. Ich glaube zwar an keinen Araberaufstand mehr. Trotzdem – denn ich traue keinem Araber – hätten uns noch irgendwelche Leute aus den Bergen anfallen können. In El-Kantara sind wir sicher.« Ich hatte auch nicht einen Moment mit ihm das Gefühl der Unsicherheit gehabt, ich konnte als Antwort auch nur lächeln wie ein Kind. Ach, El-Kantara, Traum! Und das ganze Leben liegt so sonnig vor mir, so leicht! Es ist ja auch so leicht, man muß nur die Oasen finden. Und während ich weiter träumte, ritten wir schon wieder in der Wüste, einem Stück Kieswüste, das sich hier bis tief in dm Atlas hineinschiebt. Und vor dieser Wüste weichen links die Höhen im weiten Bogen zurück, bald roter Fels, bald fahler Hügel, immer weicher, immer verschwimmender die Linien, aber schimmernd, leuchtend, blendend in der Mittagsglut, als sei's ihnen eine Lust, in der großen Oede da draußen zu sterben. Aber zur Rechten, da weicht die heiße rote Atlasmauer nicht. Da türmt sie sich stumm, kahl, starr wie ein Riesenmolo, der der Meeresfluten spottet. Und vor dieser leuchtenden Mauer ausgebreitet die Oase, lebensgrün und köstlich, der Palmenwald grüßt. Ich grüße dich auch, Oase des Glücks! El-Kantara! Zweiundzwanzig Stunden, nicht eine Minute länger. Die ganze Welt in einem goldigen Flimmer. Als wir einritten – die Burnuskapuzen hoch, die Tiere scharfen Paß, am Sattelbogen der Karabiner – müssen wir ausgeschaut haben wie zwei harte Atlasbanditen. Wir ließen die Oase links. – Die rote Riesenschlucht des Gebirges tut sich auf, kahl, brüchig. Die Fahrstraße eingeengt von einem rauschenden Alpenfluß, der seine grünlichen Wasser neckisch froh über schimmernden Felsgrund trieb. Draußen die Weiße, sengende Wüste, oben das glühende Gestein, unten die erquickende Schattenkühle, die Wasserfrische. In die Alpen reist man von der Hochzeit – hier weht echte Alpenluft – und ich mußte mich zusammennehmen, um meinen Schatz nicht leidenschaftlich zu küssen. Ein dunkler Araberbengel trieb seine Ziegenherde des Wegs, braune, langohrige Ziegen, die neugierig stutzten. Der Bengel blies ein Art Hirtenflöte; die Tiere horchten auf seine Melodie. Ich hatte das Gefühl, daß im alten Griechenland damals, als man den Marsyas schund, sich alles genau so zugetragen haben müsse, und es machte mir darum wenig Eindruck, als Robert, auf einen steinernen Brückenbogen zeigend, erklärte, daß von hier die äußersten römischen Feldzeichen in die Sahara hinausgeschaut hätten. Das ist ja wohl Jahrtausende her. Aber die Wüste rechnet nun einmal nicht, sie war von Anbeginn uralt, und unsre historischen Epochen sind so lächerlich klein, gemessen an ihr! In der Sahara berühren sich letzte Gegenwart und graueste Vergangenheit. Die Araber nennen diese Schlucht den offenen Mund der Wüste, und wer zurückschaut, fühlt die Wahrheit. Der gewaltige Engpaß ist nur wenige Minuten lang. Dann biegt die gemauerte Heerstraße nach links. Das kleine weiße Hotel liegt vor uns in einem grünen Garten, an einem grünen Fluß, und ringsum hohe Berge, rotdürr oder grün überhaucht. Sie liebt das Leben nicht, die Saharasonne. Es war fünf Uhr nachmittags, als wir eintrafen. Zwei Stunden wie tot geschlafen, macht sieben Uhr. Eine halbe Stunde Toilette mit Hilfe von Waschkleidern und Sonntagsschuhen der hübschen Wirtstöchter. Gott sei Dank, Französinnen, – also schlanke Taillen, schmale Füße. Sonst einfache, fast bäuerische Leute. Die Mutter freilich ist eine Berühmtheit. Als der Arabersturm wieder mal über Algier blutdürstig dahinraste – der Stationsvorsteher in Batna lebendig verbrannt, die Kinder hingeschlachtet –, hielt diese damals noch junge Frau in El-Kantara aus, die einzige Europäerin, die nicht geflüchtet, und so groß war der Ruf ihrer Güte, daß die Wilden sie wie eine Heilige ehrten, auch noch jetzt. Man steht dies alles dem ernst melancholischen Gesicht dieser elsässischen Bäuerin nicht an. Was sieht man überhaupt den Menschen an? Mir vielleicht, daß ich immer eine strahlende Ballschönheit war? Den drei jungen Herren im mäßigen Reisezivil, daß sie preußische Leutnants von der Reitschule sind? Dem sehr französisch ausschauenden Maler mit seiner typisch deutschen Frau vielleicht, daß er jedes Wort unsrer Sprache versteht und sie kein einziges? – Es war ein winziges Speisezimmer mit kleinen Tischen, der Kellner servierte in Hemdärmeln; ich hatte das Gefühl, hier ganz ungestört glücklich sein zu dürfen. Aber bei der ersten halblauten Frage an Robert klang wie ein Echo von dem Tische der drei Herren zurück: »Und Oppenheimer in Hannover futtert doch Arsenik!« Und bei seinem lächelnden: »Das Fest hätten wir ja, aber die Festzigarre fehlt,« trat der französische Maler zu uns und offerierte die ersehnte Importe ... Wenn die Welt freilich überall so klein ist und der Menschen Ohr so gut! Wir saßen darum reserviert, sprachen gedämpft. Es war kein Prunkdiner, kein edler Wein, aber der goldige Flimmer schwebte doch durch den Raum. O, du lieber, goldiger Flimmer! Bist du das Glück selbst oder nur sein Schein! Kommst du und gehst du wie alles Irdische – kurz der Lebenstag, endlos die Todesnacht? – Bist du Traum, Phantasie, Lüge? – Nein, du bist Wahrheit. Ja, du bist's! Du Gabe des Himmels, die uns auch die Hölle nicht nehmen kann... Ich bin schwach, töricht – ich weiß es. Aber ich bin jung, Weib, ich liebe. Und wenn alles Glück nur Schimmer wäre, alle Seligkeit nur Wahn – Ihr Klugen, Alten, die ihr nur in die kühle Gruft starrt, weil die euch allein noch gehört, laßt uns den Himmel und das Leben! Wenn unser Himmel nun einmal Sünde ist, unser Leben nur Flimmer, ihr dürft nicht schelten! Denn das Göttliche selbst hat ja das Brot gegessen mit dem Zöllner, hat die Seelen geküßt der Magdalenen, hat das Paradies gelobt dem Schächer am Kreuz. Aber wo dürre Tugend und kleine Hoffart zu demselben Herrn wallten, da hat sich noch immer die unendliche Güte des Erbarmers gewandelt in die eisige Majestät des Gottes. Herr, ich fühle deinen Hauch, und sinke in den Staub und stammle frevelhafte Worte. – Nicht vor der großen Sünde bewahre mich! Du vergibst sie dem Ringenden – denn sie ist doch das Starke, das Göttliche in uns. Aber vor der kleinen Sünde behüte mich! Du siehst kalt auf sie, denn sie ist doch das Schwache, Gemeine, das Irdische in uns... Mein ganzes Leben war Halbheit – nimm mir diese Halbheit, Gott und Vater! Das denke ich nicht erst heute, wo ich schreibe, das dachte ich damals erst recht. Und der Schimmer umgaukelte mich, und die Liebe erhöhte mich. Ich sehe die unvergeßliche Nacht. Wir beide allein auf der Terrasse des ersten Stocks. Ueber uns der tiefleuchtende Sternenhimmel, ringsum die dunkeln Höhen. Der Mond in weichem Sichelglanz, durch die laue Sommerluft das schläfrige Raunen. Drüben gurgelt der Fluß, die Felsblöcke in seinem Bett starren tot, die Wasser blinken verschwiegen. Zuweilen rieselt's von der Steilhöhe, Felsbrocken hüpfen, klatschen in die Tiefe, zornig murrt der Oued auf. Hüben im Hof um den Schöpfbrunnen gelagert schlafen die Araber im weißen Burnus. Es ist eine Art Brunnenwache, und in dem Nachtdunkel malt es sich gespenstisch, wenn eine weiße Gestalt sich schlaftrunken da hebt, ein dunkles Gesicht zu uns hinaufstarrt. Mir will die Araberangst kommen. Die Baumschatten an der fahlen Landstraße recken sich auch so dämonisch. Dann taste ich instinktiv nach seiner Hand, und er nimmt meinen Kopf und küßt mir das Haar und sagt mit seiner tiefen, warmen Stimme: »Du siehst Gespenster, Josefa. Es gibt aber keine.« »Und wenn's doch welche gäbe?« »Josefa, es gibt keine Gespenster, weder hier noch drüben. Es gibt nur uns selbst. Nur uns selbst, vergiß das nie! Wer aber an Gespenster glaubt, dem wird auch mal ein Gespenst den Hals brechen.« Und da fühle ich sein kluges, graues Auge eigentümlich ernst auf mir ruhen. Ich spüre, wie sich seine nervige Hand fester um die meine legt. Ich beginne zu frösteln, zu zittern. Ist das das dumpfe Angstgefühl, das uns aus den Armen der Liebe reißt, gerade wenn wir nach diesen Armen sehnsüchtig verlangen? Oder ist's wieder einmal das schrecklich Halbe, das Gut und Böse zur gleichen Fratze verzerrt? Ja, es gibt doch Gespenster, aber nur für den, der an sie glaubt! Dann will der goldige Flimmer verrinnen, dann weht die Alpenluft kalt. Und geschwind bin ich wieder Kind, Törin, frage: »Hast du mich auch lieb, wirklich lieb?« Ich habe ihn das so oft gefragt an dem kurzen Glückstag. Und will immer dieselbe Antwort: »Frag nicht, geliebtes Geschöpf! Wäre ich denn sonst hier?« Und er erzählt mir leise und heiß ins Ohr, wie nur die dumpfe Angst um mich, um mein Leben ihn beherrscht hätte bei dem Gedanken an einen Araberaufstand. Weißt du, was in dem Briefe stand an Jeanette Quedenberg? Ein Araberaufstand bereitet sich wahrscheinlich vor. Ob die Garnison von Biskra euch zu schützen vermag, hoffe ich, aber ich weiß es nicht. Dein Mann und Herr von Lasowitz haben mich beinah ausgelacht. Aber jedenfalls sobald du reisest, benachrichtige auch zugleich Frau von Lasowitz. Sie war einmal deine Freundin, und du wie ich sind ihr diesen Dienst einfach schuldig.« Weiter gibt er freilich nichts preis, wie das seine Art immer ist, die wohl die herbste Ehrlichkeit, aber nicht die leiseste Indiskretion kennt. Jeanette liebt ihn, sie liebt ihn ganz gewiß! – Aber er liebt mich, er liebt mich ganz gewiß! Und ich, die ich Mitleid haben sollte mit einer, die unglücklicher hoffte als ich, empfinde doch nur wilden Triumph, trunkene Freude, Aber vor ihm möchte ich jetzt knien, meinen glühend heißen Kopf an seiner Brust bergen, die Augen lächelnd geschlossen vor der Glückshelle, die Lippen dürstend geöffnet dem Liebeskuß. Und er küßt mich, und ich küsse ihn, wir fließen ineinander, sind eins. O wie bin ich sündig, o wie bin ich glücklich! Wie das Glück eilt! Warum weilt nur das Unglück? Jedesmal, wenn ich die verträumten Augen öffne, der Mond tiefer gesunken, die Berge dunkler; der Oued murmelt dumpf. Jetzt taucht die silberne Sichel in die Atlasschlucht hinab. In dem ungewissen Sternenschimmer eine steinerne Ruhe, ein erstorbener Grufthauch. Nur der Fluß murrt, und seine Wasser gleiten glanzlos. Unten hebt sich wieder ein weißer Burnus vom Brunnenrand, horcht, starrt, tut sich lautlos nieder. Und Robert erklärt mir, daß diesmal der warnende Aga und er Gespenster gesehen hätten: »Ich weiß nicht, warum mich der Mann täuschte und warum ich mich täuschen ließ.« Und im selben Augenblick kommt die Landstraße entlang ein riesiger Kerl herangetrottet auf einem winzigen Esel, ein arabischer Gruß gurgelt nach dem Brunnen hin. Tapp, tapp, – der Hufschlag verklungen. Wieder die unheimliche afrikanische Totenstille. Und diese Totenstille treibt mich, flüsternd von dem dumpfen Trieb, der dunkeln Macht zu erzählen, die unerklärlich ich schon bei seinem ersten Anblick empfunden hätte und die ich auch heute noch empfände, nur dämonischer, fesselloser. Wunderbar! Er hat ebenso empfunden, genau so dumpf, genau so stark. Als ob in den tiefsten Tiefen unsrer Natur von Anbeginn das Gemeinsame geschlummert hätte, das uns zueinander zwingt, ob wir wollen oder nicht! Auch er ist ernst geworden, brütend, und mich umrieselt die Nachtluft eiskalt wie der Fittich des Schicksals ... »Wenn wir nun hinabtauchen könnten in jene Abgründe des Seins, was würden wir schauen? Nur das göttliche Gesetz, das mit uns spielt, wie der Sturm mit dem Zweig, oder die Urzelle des Lebens, die sich jugendkräftig stets von neuem gebiert? Glaube du an ein göttlich Gesetz! – ich glaube an die Allmacht des Lebens.« Wie er das so sagte – es war nicht Blasphemie, denn Gott ist ja das Leben – da war mir, als wenn seine wunderschöne Stirn durch die Nacht leuchtete und seine grauen Augen strahlten. Und hier habe ich wirklich vor ihm gekniet und ihm die Hände geküßt und gesagt: »Du edler, du vornehmer Mensch du!« Er aber hob mich rasch wie beschämt zu sich. Ich bin so leicht, und er ist so stark – ich fühlte seine Kraft so wonnig! Und jetzt sah ich nur das eherne Kinn, das wohl nie in Furcht oder Zweifel gebebt haben mag. Er aber sagte ernst: »Irre dich nicht, Josefa! Ich kann hart und mitleidlos sein wie einer, und die Leiche, über die ich muß, die kümmert mich nicht. Im Kampf verlernt man unnützes Mitleid ... Aber nun mußt du schlafen gehen, mein Schatz! Du hast schwerste Zeiten vor dir, die ich dir nicht einmal abnehmen darf, selbst wenn ich könnte. Denn für dich heißt's zu tun, was dein Herz befiehlt, nicht was mein Kopf vielleicht raten sollte. Du hast Kraft nötig, Josefa, Kraft und nochmals Kraft! Von der Schwäche, die euch Güte heißt, hat auch die Schlechteste von euch übergenug.« Ich konnte darauf nur ungläubig lächeln. Ich weiß, was ich will und was ich muß. Der definitive Bruch morgen oder übermorgen in Biskra, jedenfalls an dem Tage, wo Peter kommt! Später die Scheidung, was auch kommt! Als er gegangen war – er schläft in dem kleinen Nebenhaus, und ich sah ihm natürlich nach, wie er an den Arabern des Brunnens vorüberging – fiel mir zum ersten Male die kleine Blume wieder ein, die an meinem heißen Herzen gewelkt ist, und das kleine Moos, das ich ihm einst geschenkt und das er auch am Herzen tragen sollte. Es war gewiß kindisch! Aber ich mußte ihm nacheilen, ihm sagen, ihn fragen. Er küßte die welke Blume und küßte mich, und ich fühlte es an seiner Hand, wie lieb ihm Weib und Blume war. Aber mein Moos hat er längst nicht mehr, es ruht im Garda schon über drei Jahre. Er ist kein Mensch, der sich mit schwachen Erinnerungen, feigen Sentimentalitäten abgibt, er ist eben ein Mann. Und gerade den Mann liebe ich! Und klingt's nicht voll und wunderschön, wie er sagte: »Ich habe ein Souvenir von dir nie nötig gehabt, Josefa. ›Leider‹, wie ich früher sagte! ›Gott sei Dank!‹ wie ich heute sage.« Und als ich die dunkle Treppe hinauf, zurück in mein Zimmer schlich, weinte ich. So lieb hatte ich ihn. Und am nächsten Morgen die Sonne, der Duft! Als wenn es mein Brautmorgen wäre ... Es ist ja auch mein Brautmorgen! Roberts Diener ist gekommen. Ich sehe von der Terrasse den tiefschwarzen Kerl mit seinem leuchtenden Burnus gemessen zu mir heraufgrüßen, gemessen nach seines Herrn Zimmer schreiten. Im Hofe herumlungernde arabische Führer, trübselige Maultiere, das Schöpfrad knarrt. Auf der Landstraße eine ganze Kamelkarawane: ein vertrockneter Scheich, verschleierte Weiber, Teppiche, Zelte, zum Schluß zwei flinke Esel. Es sind echte Beduinen, die vor der Sommerhitze der Sahara in die Atlasschluchten ziehen. Es steht alles aschfarben, mumienhaft aus, Mensch wie Tier. Aber es ist doch ein fremdes, eigenartiges Bild, dem ich folgen muß, bis der letzte philosophische Eselschwanz hinter einer Felsecke verschwindet. Später sitzen die Leutnants auf, die nach der berühmten Schlucht von Tilatu wollen. Im Vorüberreiten grüßen sie höflich hinauf. Mir macht es gar keinen Kummer, bei der Gelegenheit gedämpft zu hören: »Entzückendes Weib!« Und da natürlich jede unheimlich verliebte Frau auch unheimlich eitel ist, aus Glück, aus Torheit, aus Politik, was weiß ich – so imponierte mir selbst nach der gestrigen Maskerade mein Flanellkleid, das die Liebenswürdigkeit der Wirtstöchter über Nacht sehr hübsch wieder hergerichtet hat. Und der Fluß sendet mir Frische, die Berge strahlen Sommer. Die ganze Natur so jugendfrisch, so zukunftsfroh!l Und fühle ich vielleicht anders, ich, die ich nicht mehr fassen kann, daß es noch einen andern Mann für mich geben könnte als Robert Rin? Drei lange Jahre war ich verheiratet, aber jetzt erst fühle ich mich Braut. Und da habe ich natürlich wieder Angst, daß das alles nur Trug sei, Schimmer. Als wenn sich die Tür im Nebenhaus öffnen müßte und Peter von Lasowitz träte heraus, Peter, vor dem ich heiße Sünderin vielleicht einmal Mitleid oder Reue empfinden könnte, weil ich ihn betrog. Sonst nichts! ... Ach, es gibt ja keine Gespenster! Es gibt nur uns, nur uns zwei. Und wie köstlich dieser Egoismus der Liebe, diese Insel der Seligen, die in allen ihren Paradiesesgärten doch nur Raum hat für zwei! Heute bin ich die Frühaufsteherin, während der berühmte Afrikareisende sich so spät, ach so spät erst erhebt! Ich werde von jetzt ab immer früh aufstehen. Der Schlaf ist das Glück der Glücklosen. Aber die einzig Glücklichen, die Liebenden und die Kinder hassen den Schlaf, weil er ihnen das Leben im Licht kürzt. Und als er dann doch kam, der Geliebte, viel übernächtigter als ich! Wie er mir die Hand küßte, wie ich es wonnig rieseln fühlte bis in die Fußspitzen, bis ins Haar! Wie ich vibrierte, wie's vor meinen Augen schwamm! Ach, ich war nie verheiratet, nie, bis heut! Und wie ich ihm nicht einmal antworten konnte gleich, weil sich in mir alles zusammenkrampfte, da küßte er mir noch einmal die Hand und sagte so warm, so innig: »In meinem Leben gab's viele Frauen, und doch nur eine, du, geliebtes Geschöpf!« Da erst fand ich das Wort: »Du lieber, du einziger Mensch!« Und ich mußte ihn umarmen, ihm den Mund küssen, die Stirn. Es war gewiß nicht klug, denn die Leute sahen's, und ich bin doch nicht seine Frau. Aber es war eben der Strom jenes echten Gefühls, den ich niemals hätte hemmen sollen! Wir haben dann den ganzen Vormittag und noch mehr in der Oase zugebracht, wie sich's gehört. Ob's eine Traumoase ist! Ich berausche mich noch heut an diesen Erinnerungen, ich werde mich immer an ihnen berauschen, sie, die so jung sind, weil sie nie alt werden können. Und wie genau ich alles vor mir sehe! Jenseits der roten Schlucht, wo der grüne Oued sich in die Wüste zu verlieren anschickt, führte eine kleine Eisenbrücke zur Oase. Halbnackte arabische Bengels spielen kreischend umher, klettern auf den Brückenbogen, hängen in dem Gitterwerk: »Madame, voulez-vous voir sauter un enfant du pont?« Und ehe ich noch dem übereifrigen Frager antworten kann, saust er schon in langem Sprunge in eine schwindelnde Tiefe. Ich fuhr zusammen. Ich hatte die bestimmte Empfindung, daß der Tollkühne zerschmettern müsse an den Riffen, die überall unter dem schmalen Wasserspiegel schimmern. Aber der Bengel kommt gleich darauf seelenvergnügt durch eine lebendige Stachelhecke der wunderlich geformten indischen Feigen gekrochen und gurgelt sein: »Sordo, sordo!« das aus arabischem Munde recht hart klingt, in Wirklichkeit aber nur das schmeichelnde: »Un soldo, un soldo, signore« der italienischen Betteljungen ist. Ich war selbst so glücklich an dem Tag und wollte auch glücklich machen nach Möglichkeit. Ich gab ihm ein Goldstück. Doch der Junge schüttelte stiernackig den Kopf und wiederholte: »Sordo, sordo!« bis ich ihm endlich das ganze Portemonnaie zum Aussuchen hinhielt. Er entschied sich für das wenige Kupfer und trollte davon. Der Arme kannte kein Gold. Wie oft mag's uns auch so gehen! Dann drei arabische Dörfer am Oasenrand. Staubig, lehmig, eng die Gassen, in den Türen die Alten kauernd mit ihren erloschenen Orientaugen, vor dem Café auf der Bastmatte oder direkt im Schmutz die Jungen mit ihren Zigaretten. Dasselbe Oasenbild überall: Lieber sterben als arbeiten! Und der grüne Palmenwald lächelt und duftet und säuselt verheißungsvoll um seine müßigen Kinder. Und haben wir's vielleicht anders gemacht, mein Schatz und ich? Wir sind auf vielen Umwegen und zwischen vielen Lehmmauern hindurch hinabgestiegen in das breite Steinbett des Oued, der hier gar nicht mehr der grüne, rasche Bergfluß ist. Er rieselt verschwiegen dahin, an beiden Ufern unter duftendem Gestrüpp versteckt und knospenden Oleanderbüschen; und er, der der Lebensspender der Oasen ist, verrät sich nur noch durch frischen Dunst und dunkles Grün, um dann weiter zu stechen bis zum Wüstentod der Sahara. Und hüben und drüben steigen von den weißgebleichten Steinen dieser vertrockneten Stromschlucht die Palmen auf, so groß, so stolz, so feierlich, wie ich sie niemals sah. Ueber uns strahlt der blaue Saharahimmel, vor uns flimmert die rote Atlaswand. Und hier im Oleandergebüsch versteckt, haben wir Stunden gesessen, die Wasserkühle eingeatmet, den Orientduft. Es war wahrlich ein Märchen! In der Palmenschlucht von El-Kantara wohnt mir der Frühling, das Glück. Ich habe ihn geahnt, diesen Frühling, aber nicht das Glück. Robert hat mir hier manches erzählt, und ich ihm vieles. Der Frauen Leben ist ja meistens wie ein Mosaikbild aus tausend und abertausend Kleinigkeiten zusammengesetzt. Wir erleben vieles, selten viel! Der große Zug fehlt, das ist unser Reiz. Ich habe das so recht empfunden, während er erzählte. Kleinigkeiten gibt's da nicht. Ich bin in seinem Leben vielleicht die einzige Kleinigkeit gewesen. Er ist kein Kind der Liebe, und schon sein Jugendtraum war die große Wüste. Das klingt so herbe! Aber auch der ganze freie Mensch liegt drin. Denen die weiche Liebe nie an der Wiege sang, denen schmückt auch nicht schwächliches Mitleid den Grabhügel. Und wer in der freien Weite erst voll atmen kann, der wird nicht klein sein, sondern klar. Ich liebe klare, freie Menschen! Vielleicht nur, weil ich selbst unklar und unfrei bin ... Ich möchte auch klar und frei werden, und eben darum ersehne ich widerspruchsvolles Geschöpf den Tag, wo ich ihn kette. Der Tag verging so schnell. Als wir ins Hotel zurückkamen, wartete schon der Omnibus. Ich muß ja nach Biskra, da hilft nichts. Auf dem Bahnhof hatten wir noch gerade Zeit, uns die Hand zu drücken. Ich schaute natürlich zurück nach ihm, solange ich irgend etwas von ihm noch zu erkennen glaubte, und dann schaute ich auf die rote Schlucht zurück, und dann winkten mir noch lange die Palmen. Dann alles wieder wie einst, ein verträumter Traum. Ich war, Gott sei Dank, im Coupé allein, konnte ungestört an ihn denken und die Zukunft. Kind des Glücks, das ich doch immer bin! Ich war in einer Oase, jetzt bin ich wieder in der Wüste. Doch die große Oede schreckt mich nicht, weil sie ihm Heimat ist. »Wer frei sein will, der kann's. Wir sind immer nur unsre eignen Gefangenen.« Das war sein letztes Wort. – O du lieber, lieber Schatz... Vierzehntes Kapitel Ich habe die Menschen immer für dumm gehalten, aber sie sind noch dümmer! Jeanette angekommen – verrückt. Josefa angekommen – noch verrückter. Jedenfalls weiß ich nicht, was ich mit zwei Gesichtern anfangen soll, von denen das eine nach dem galligsten Tintengenuß, das andre nach dem verklärtesten Haschischrausch aussieht. Wenn beide zusammen das Doppelgesicht des Schicksals darstellen sollen, so hat offenbar Josefa die falscheste Glückslarve und Jeanette die echteste Unglücksmaske angelegt. Larven und Masken: in dieser Welt des Scheins ist eben beständig Fasching. Und wer zum Beispiel wie ich die beiden Damen vormittags jede auf ihrem Zimmer gesehen hat: der blonde Kopf starrend auf das Gebetbuch, die Gedanken etwas tiefer, nämlich in der Hölle – dagegen die braunen Augen nebenan leuchtend auf einem Bild, Phantasie etwas höher, nämlich im Paradiese... Und wer zum Beispiel wie der Oberkellner die gleichen Damen bei der Table d'hote beobachtet, die Blonde etwas blässer, die Braune etwas rosiger, wie sich's so gehört, aber beide sanft, lächelnd, freundschaftlich... Die Menschen, deren Leben ein ewiger Maskentanz ist, gebärden sich in der Gesellschaft wie kurzweilige Eintagsfliegen, in der Einsamkeit wie langweilige Unsterbliche. Und auf dieses verlogene Pack soll man sich nun in irgendeiner Weise verlassen! Ist es denn glaublich? Die gleichen Geschöpfe, die sich die Augen auskratzen möchten, sich aber vor Liebe beinah küssen, sind bei aller innerlichen Komödiantenhaftigkeit doch so miserable Schauspieler, daß der Name Rhyn kaum erwähnt wird, daß sie sich nie nach ihren jüngsten Reiseerlebnissen näher erkundigen, daß sie sich überhaupt ungefähr so geistvoll benehmen, wie ihre geschworenen Freunde, die Hunde, wenn sie einen Knochen vergraben wollen und doch alles zusieht; jedenfalls nicht viel weiser als die Wüstenstrauße, die den Kopf gläubig in den Sand stecken, während der Jäger ihnen bereits die besten Schwanzfedern ausreißt. Mein Freund Talleyrand hat einmal gesagt: »die Sprache sei zum Verschweigen der Gedanken da,« – ich füge hinzu: »aber das Verschweigen noch weit mehr zum Erraten des Verschwiegenen!« Das kleine Gänschen, das glücklich ihre erste Kußsünde binnen hat, wird nie von solchen Kußsünden sprechen. Gesellschaftsnovize! Aber die große Dame, die ihrer zahllosere auf dem Gewissen hat als gefärbte Haare auf dem Kopfe, wird ruhig und gern von andrer Sünden sprechen. Es ist die glückliche Mitte, die alle Sympathien auf ihrer Seite hat, weil sie ehrlicher als Bismarck scheint und darum noch infamer als Metternich lügt. Ueberhaupt die richtige Mitte! Wer eine Malice freundlich ausspricht und eine Gemeinheit sachlich, der wird immer die düpierten Zuhörer auf seiner Seite haben. Ich machte Jeanette Quedenberg, wie gesagt, eine offizielle Anstandsvisite. Sie sah mich, ließ mich und sagte nur zu der später eintretenden Jungfer: »Schaffen Sie das Tier 'raus!« Kurzsichtige Törin! Aber edle Triebe sind solchen Geschöpfen mit Recht von der Natur versagt. Es war ein Wahn, das eigne große Katzenherz ihr öffnen zu wollen. Ich war nicht etwa empört, mein Mitleid ist immer stärker. Wie sie geartet ist, genügt ein einziger feindlicher Krallenzug, um mich binnen weniger als einer Stunde am Fensterkreuz meines eignen Salons baumeln zu sehen. Es dürfte dies freilich auch ein Bild erhabenen Martyriums sein, aber da dies nur den lebenden Andächtigen, jedoch nicht dem toten Kater zugute kommen würde und da ich von dem Katzenhimmel keine übertriebenen Vorstellungen hege, von wegen zahlloser piepsender Vögel, die unter gänzlicher Verkennung der besten Absichten nur mein Mordkonto bei Petrus belasten würden, so dachte ich vorläufig auf dieser Erde weiter zu wallen, die meiner Ratschlage noch recht bedürftig ist. Josefa ohne mich, welch hoffnungslose, haltlose Frau! ... Ich bin überhaupt absolut selbstlos, wie ich immer im Unglück merke. Duftende Sahnentöpfe und schwellende Chaiselonguekissen kann ich nun einmal nicht leiden sehen. Jedenfalls werde ich abwarten, ob und wie die Dame sich macht, bis ich mich definitiv zu einer neuen Stelle entschließe. Schlimmstenfalls biete ich der Falbkatze die Pfote zu einer Scheinehe, die ihr ein Märchenglück, mir wenigstens die Hotelküche garantiert. Am Ende ist sie doch eine edle Seele, deren reiner Spiegel nur durch die Prinzessinnenphantasien der hochstapelnden Tochter getrübt worden ist. Mir liegt mehr an einer gesicherten Existenz als an einem erschlaffenden Liebesrausch. Ich traf die Dame heute auf dem Dach und erkundigte mich höflich nach ihrem Befinden. Ich bin natürlich zu Josefa zurückgekehrt. Ich empfing sie ohne Vorwurf mit selbstloser Wiedersehensfreude. Sie ist ein törichtes, aber gutmütiges Geschöpf, die mir sofort die ganze Kakesbüchse zur Verfügung stellte, im übrigen aber von ihrem verliebten Herzen so präokkupiert ist, daß dieses klopfende Menschenspielzeug zurzeit wohl ihr ganzes Sein ausfüllt. Und wenn die Leute verrückt sind, so muß man eben von ihrer Verrücktheit profitieren. Ich stelle mich verständnisvoll wie nie, und sie ist zum Dank von dieser Treue hochbeglückt, die weit mehr meinem Kopf als meinem Herzen entspringt. Sie hat nämlich offenbar einige Anwandlungen durchzugehen, und dann möchte ich lieber mit. Es ist Zeit! Neulich kroch zum Beispiel ein fabelhafter Riesenskorpion gemütlich über die Souterrainfliesen – ich danke für solches Ende. Die Moskitos umfingen mich, daß ich ganz nervös werde – Biskrafieber auch nicht mein Fall. Aber auf früheren Erfahrungen fußend, bin ich jetzt gegen das ganze Hotel, das ich lieber heut als morgen verlassen möchte, sanft, fast hingebend. Ich möchte jetzt niemand kränken, der mir später schaden kann. Es sind auf einmal alles so unsichere Verhältnisse hier. Dieser verwünschte Rin! Er ist sicher ein sehr mittelmäßiger Pflanzengeograph, und die Gräflichkeit dürfte auch ihren Haken haben. Aber selbst, wenn er im Augenblick vor mir stünde, würde ich ihn meine Abneigung nicht merklich fühlen lassen. Ist es doch das Z der Weisheit im Diplomaten-Abc, daß Liebe und Haß nur vorübergehende Gleichgewichtsstörungen sein dürfen. Man soll scheinen, und muß sein! Selbst treulos, aber von Treue umgeben; selbst weise, aber ein freundlicher Gönner der Schafe; selbst schön, aber den Häßlichen vertraulich zublinzelnd. Und wer einen Feind nicht umschmeicheln kann, weil der ihm schaden könnte, und einen Freund nicht opfern, weil der ihm nichts nutzt, der wird sich im Konflikt zwischen Kopf und Herz verzehren. »Carlo, ich bewundere dich!« Gott, man muß doch seine Erfahrungen verwerten. Im Hafen das Schiff mit Kostbarkeiten vollstauen, aber bei Sturm sich mit Gemütsruhe dieses Ballastes entledigen! Der harte Taler hat eben nur da Wert, wo er gilt, und bei Wilden kommt man mit Glasperlen weiter. Die Moral der Küche sollte auch die Moral der Menschen sein: man pflegt den Kapaun voll Hingebung, bis man ihn ißt. Fette Kapaunen schmecken nun einmal am besten. Dabei kommen Kopf und Herz zu ihrem Recht. Es ist dieselbe Geschichte wie bei der Lokomotive, Josefa: wer gut ankommen will, muß gut fahren, und wenn ein Zug entgleist, wird niemand der Carpenterbremse dankbar sein, die nicht funktionierte! Das Herz ist eine überheizte Maschine, der Kopf der dazu gehörige Regulator. Es könnte sich ereignen, gnädigste Frau, daß Sie schon bei der nächsten Kurve umkippen. Es geht scharf bergab, fahren Sie also mit Kontredampf, solange es noch Zeit ist! Peter bleibt noch fünf Tage. Sie jagen zusammen mit Engländern und sind sehr befriedigt. Fünf Tage! Es ist wie eine Galgenfrist des Schicksals. Und ich sehne mich so nach dem Ende hier. Biskra ist mir verhaßt. Ich liebe allein El-Kantara. Die Glücksinsel so nah, so fern! Ich fühle mich auch nicht mehr sündig. Ehe man die Sünde begeht, bereut man, nicht nachher. Und ich kann wieder so inbrünstig beten, das Gesicht immer nach El-Kantara. Jeanette ahnt nichts, oder sie will wenigstens nicht ahnen. Mir tut sie schrecklich leid! Warum muß man immer in dieser Kampfwelt andern Glück und Leben nehmen, um selbst zu leben und glücklich zu sein? Es ist gewiß traurig! Aber ich konnte doch nicht anders. Und wenn sie ihn auch noch so leidenschaftlich liebte, ich liebe ihn noch leidenschaftlicher. Denn ihm gehört alles, alles von mir. Das wurde mir so recht klar an dem Brief von Mama, den ich bei der Rückkehr vorfand. Ach, sie ist so gut, und ich habe doch an sie gar nicht gedacht im Glück, nicht einen Moment! Ist das der häßliche Kinderundank, von dem geschrieben steht, daß eine Mutter eher sieben Kinder ernähren könne als sieben Kinder eine Mutter, oder ist es das unerbittliche Lebensgesetz, daß die Früchte fallen müssen, wenn der Baum alt? Sie schreibt so weich, so zärtlich, sie freut sich beinah, daß ich ihr so lange nicht schrieb, weil es mir dann wohl besonders gut gehen müsse. »Vergiß mich, mein Kind, aber sei glücklich!« Es ist das heilige Muttergefühl, das ich auch kennen sollte. Wenn sie ahnte, was vorging, was noch vorgehen muß?! Sie wird's vergeben, denn sie ist gut; sie wird's aber nicht verstehen, denn sie ist fleckenlos. Und doch bin ich fest. Ich habe zu rein, zu groß gefühlt, als ich den Altareid brach. Ich fühle mich auch jetzt noch groß und rein. Innerlich wandle ich mich nicht mehr. Es geht ein sehnsüchtiger Friedenshauch durch Mutters Brief. Ich aber bin noch viel zu jung für den Frieden. Ach, daß der Kampf auch liebe Leichen fordert!... Aber ich wünschte doch, Peter stünde jetzt vor mir voll guter Lehren, voll eifersüchtiger Vorwürfe. Die Szene ist dann leicht konstruiert, die zwei Menschen scheinbar durch ein Nichts auf ewig trennt. Warum eigentlich die Frist? Ich habe nichts zu überlegen... Denn wenn ich überlege,... o ich kenne mich! Und dann gehe ich in die Wüste nach dem Col-de-Sfa zu und bleibe bis Sonnenuntergang. Die heiße Sonne sticht – ich bin die Saharasonne gewöhnt; das kümmerliche Pflanzenleben siecht – ich muß mich an den Tod gewöhnen; der ekle Lehmstaub wallt auf– auch im Schmutz muß man seinen Weg finden. Und oben auf dem Felsgrat der Blick in den Atlas hinein, wo El-Kantara liegt. Ich sende ihm meine Küsse, meine Grüße. Ich bin bei ihm, glücklich, ich wähne, daß ihn der Lufthauch in den Palmen weicher umfächeln muß, wenn er von mir raunt, mit meiner Liebe ihn umsäuselt. Die große, hehre, unnahbare Wüste, die er liebt um ihres heiß starrenden Medusenantlitzes willen, weil ihm das erst die ganze zähe Kraft weckt, die jede Gefahr überwindet, jede Zeit – diese Wüste sagt mir, daß alles Große vergibt, vergißt, daß nur das Große dauert. Fühle ich klein? – Nein, ich fühle groß! Habe ich eine kleine menschliche Schranke durchbrochen? – Ja, aber nur um die höchste Lebenspflicht zu erfüllen! Und wieder kommt die heiße Sehnsucht, die trunkene Seligkeit heischt. Ich möchte fliegen. O, ich kann's! Ich kann alles angesichts der Größe. Tief unten eine Kamelkarawane rastend, die Tiere angepflöckt, die Männer im Gebet. Die Sonne sinkt, sie schauen gläubig nach Mekka. Und auch ich knie nieder und bete. In der Wüste mißt man nicht. Auch ich schaue nach Mekka. Du wohnst überall, Gott, wo wir dich glauben! Beim Zurückgehen in der niedersinkenden Dämmerung, in der alles grau, verschwommen, tot, bis endlich die elektrischen Lampen von Biskra auftauchen, im heißen Dunst wie Irrlichter schwimmend, da habe ich noch einmal durchdacht, was ich machen muß. Keine Szene, kein Kampf, kein Aussprechen, nur das unentwegte: Ich gehe und kehre nie wieder. Am vorletzten Tag, wo mir Peter depeschierte, daß sie wahrscheinlich mit sinkender Nacht in Biskra eintreffen würden, ging ich nachmittags noch einmal nach dem großen Wehr, das wohl sehr kunstvoll sein muß und eigentlich den Ort ernährt. Ein flaches, weißes Flußbett, wie für einen Riesenstrom bestimmt, aber trocken, hoffnungslos trocken. Und unter jedem glatt gewaschenen Stein, die zahllos wie gebleichte Schädel den Boden bedecken, zur Sommerszeit ein lauernder Skorpion, wie die Eingeborenen sagen. Es war eine so köstliche, zitternde Helle in der Natur! Wo das Graugrün der Wüste stumpf auf Fels und Hügel schimmert, Millionen gelber Heuschrecken, die sich im Schwarm hoben, im Schwarm niederfielen, in der Sonne flimmernd wie Gold. Es ist die Sommerplage Algeriens. Aber die hier find noch so jung, des Fliegens ungewohnt – und sie sind noch so frei, so glücklich, diese Kinder des Lichts! Ein bettelnder Araberbengel tappt immer neben mir auf dem weißen Flußgeröll, er erzählte, daß er zum Marabut bestimmt fei, also zum Heiligen, und zeigte die schwarzgeringelte Skalplocke auf dem schon rasierten Schädel zum Zeichen dafür. Mich aber interessierten weit mehr die schwirrenden Heuschrecken, diese surrenden Freiheitsträume, und wie es weich gleißte im Hoffnungsschimmer des Glücks. Ich hatte auf einmal sehr stark die Empfindung, daß man, um glücklich zu sein im Leben, frei sein muß, ganz frei, und um jeden Preis! Wenn ich nichts abwartete, nichts sagte, wenn ich von hier stehenden Fußes zu ihm hinübereilte: »Hier bin ich, mein Geliebter!« Dann lasse ich eben die stumpfe Moral der Welt und verlache sie in meinem sündigen Freiheitsglück. Er würde mich mit offenen Armen empfangen, er würde mich ans Herz drücken; all die langen Wege, die ich noch gehen muß, all die Steine, an denen ich mich noch stoßen muß, all die Hindernisse, all die Lügen – denn ich werde auch lügen müssen – sie wären mit einem Fittichschlage der Freiheit überflogen! Aber ich kann das nicht ihm, ich will es nicht meiner Mutter antun. Wen der freie Entschluß rettet, der ist wahrhaftig doch frei genug! Und es war doch ein Wink des Schicksals, er war es. Heute morgen war der französische Briefträger bei mir. Zum erstenmal übrigens, weil sonst immer meine Jungfer die Post bringt. Ein Brief von ihm! Ich erkenne die Hand sofort: dieser große, sichere Zug. Es war mir Glück und Qual zugleich. Denn in derselben Hand hielt der Mann einen Brief an Jeanette Quedenberg, – auch von ihm. Ich kann ungefähr erraten, was er enthalten muß. Wie wird die Unglückliche leiden! Ich komme mir so schlecht, so heimtückisch vor. Ich habe sie gehaßt, diese Frau, ja, ich habe sie gehaßt! Damals war sie reich und ich arm. Heute bin ich reich, und ich fühle mit der Armen. Ich wäre am liebsten zu ihr hinübergegangen, hätte ihr alles erzählt, hätte mich nicht geschont, hätte sie angefleht, mir zu verzeihen, die doch für ihre Liebe auch nichts kann. Vielleicht hat sie Tag und Nacht auf einen Brief gewartet, nun kommt der Brief! Würde ich den Brief überhaupt ertragen nach der Oase? Aber ich kann sie doch nicht trösten, ich darf nicht! Es ist nicht kleine Angst vor meiner Beichte und ihren Vorwürfen. – Ich will ja gern meine Träne mit ihren Tränen mischen. Doch wozu eine Verschmachtende noch quälen, indem man das volle Glas vor ihren Augen leert? Alles, was ich gelitten, erscheint mir so klein gegenüber dem, was sie jetzt leidet. Ich habe den Brief von »ihm«, nach dem ich mich doch so sehne, erst nach einer langen, dumpfen Pause geöffnet, weil ich angstvoll horchend immer vor einer schrecklichen Konsequenz bebte, die Wand an Wand mit mir ein vom Schicksal getretenes Geschöpf vielleicht zog. Die Konsequenz ist übrigens nicht gezogen worden. Robert schrieb mir, »daß er mich lieb habe, daß ich ihm alles sei!« Ich habe natürlich geweint vor Freude und natürlich diese Zeilen geküßt, bis die Schrift ineinander lief. Der erste Liebesbrief, der allererste, – wer küßt ihn nicht?! Und dann zum Schluß ...: »Uebereile nichts, Geliebte, aber verträume auch nichts! Bedenke, was du mir bist, und was ich dir hoffentlich auch einmal sein werde: Alles. Ich kann dir auch heute nichts raten, ich kann dir nur Kraft wünschen und nochmals Kraft und höchstens noch hinzufügen: Tu nach deinem Herzen! Es gibt für mein Gefühl nur einen Weg, hoffentlich ist es auch der deine ... P. S. Ich habe nach kurzem Ueberlegen gleichzeitig auch an Jeanette Quedenberg geschrieben, die, ich gebe dir mein Wort, niemals meine Geliebte war. Ich habe mit ihr definitiv gebrochen, obgleich's mir schwer genug. Denn sie ist weit mehr für mich gewesen, als ich für sie. Aber wer ein neues Leben beginnt, darf's nicht beginnen mit einer Erinnerung an das alte. Erinnerungen sind Fesseln, wer sie pflegt, sein eigner Gefangener. Es klingt hart, und es soll auch hart klingen, aber ich bin ein Rhyn. Und ein Rhyn hat sich, glaube ich, sein Leben lang mit einer Erinnerung herumgeschlagen, die nur ein Achselzucken wert war im Grunde: natürlich die Frau, wenigstens ihr Phantom. Und der Sohn hat nicht die Absicht, sich in ähnlichen Familientraditionen zu verzetteln. Er hat seine Kräfte nötig für die Wirklichkeit und nicht für Gespenster. Ideale – warum nicht! Jeder muß etwas Heiliges haben in seiner Brust, an das er glaubt und das ihn hält. Aber es dürfen nicht Fetische sein. Fetische sind lächerlich und Fetischdiener verächtlich. Erinnerungen aber sind Fetische. Du weißt, welche Erinnerungen ich meine: nämlich die schwächlichen, die uns herabziehen. Vergib, Geliebte, dieses Herbe, das nur die eine Hälfte einer weichen Natur ist! Vielleicht bist du das Heilige in mir, du liebe Unheilige! In diesem Gefühl küsse ich dich.« Bei dem Lunch war Jeanette nicht. Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin. Als ich später an ihrer Tür vorbeiging, horchte ich. Kein Laut. Ich schlich in mein Zimmer. Eine Visitenkarte p. p. c. auf dem Tisch, keine Zeile sonst. Ich klingle nach meiner Jungfer: »Wo ist Gräfin Quedenberg?« –»Die Frau Gräfin fährt eben nach dem Bahnhof.« Ich lief die Treppe hinunter, ich sah den Wagen, der gerade abfuhr, ich rief ihr nach, sie muß es gehört haben, und nur ein scharfes: ,En avant, en avant!« an den Kutscher klang als Echo. Ja, sie faßt ihre Entschlüsse schnell und unwiderruflich, die Glückliche! Drei Stunden später kam die Karawane. Ich sah sie von Neugierigen umringt, ich hörte Peter die Treppen zu mir hinaufeilen. Er öffnet die Tür, ich richte mich langsam aus meinem Sessel auf. Ich bin innerlich eiskalt. Ich weiß, was ich zu sagen habe. Ich will, ich muß es ihm sagen gleich zum Willkommen, wenn ich nicht zeitlebens ein verworfenes Geschöpf bleiben soll. Ich weiß, was ich ihm und mir schuldig bin, nicht die Wahrheit, aber den Bruch. Er darf meinen Mund nie mehr küssen, sonst beschmutzt er mich, und ich beschmutze ihn! Ich hab's nicht gesagt, weder damals noch später. Ob ich's überhaupt jemals werde sagen können? Herr des Himmels, warum kann mich dieser Mensch nicht hassen! Warum muß er mich lieben? Sein Fluch wäre mir Segen. Er hat mich wie wahnsinnig geküßt, obwohl ich mich in seinen Armen qualvoll wand; er hat vor mir gekniet, obgleich ich ihn lieber mit den Füßen weggestoßen hätte; er hat mir den Mund zugehalten, als ich reden wollte. Er muß wahnsinnig geworden sein, denn er hat aus meinem kalten Auge nur die heiße Liebe gesehen. Nie, nicht einmal an unserm Hochzeitstag war der Mensch so im tiefsten Innern erregt als bei diesem Wiedersehen! Welcher Teufel hat ihn wohl verblendet? Es ist nur der Ritt, der unselige Ritt damals. Ach, es ist eine so ekle Ironie des Schicksals! Der Mensch weiß alles, alles - weiß, daß ich geritten bin, wie ich geritten bin, daß es über den Atlas ging, wie ich in El-Kantara ankam. Er weiß alles, nur nicht des Rätsels Lösung: daß ich Rhyn liebe und Rhyn mich! Mir ist es schleierhaft, woher er die Wissenschaft hat. Bloome wird sie ihm eingeblasen haben. Bloome, den die Abenteuerlust in die Wüste zurücktrieb, vielleicht auch die Angst um mich, für die er natürlich ein Faible hat und die nach aller menschlichen Berechnung entweder verschollen sein mußte oder von Rhyn gerettet. Der arabische Diener wird haben beichten müssen. Die Leute in der kleinen Oase haben sicher gern gebeichtet. Nicht einmal die Wüste kann schweigen! Es ist mir schließlich auch gleichgültig, wie alles herauskam. Die extravagante Laune, zu der ich meine Expedition im Hotel gemacht habe, die Lächerlichkeit, zu der ich sie ihm gemacht hätte, hat sich in seinem Kopf gewandelt zu einer Wahnsinnstat der Gattenliebe. Es mag im Leben oft so gehen! Durch irgendeinen schiefen Sonnenstrahl werden Sünder zu Heiligen, Heilige zu Sündern, und das für alle Ewigkeiten. Aber warum muß es mir gerade passieren, mir, die ich stets waffenlos war gegen Kinder und Toren?! Es hat sich natürlich nichts geändert in mir, nichts, aber die Hände fallen mir, die Stimme versagt. Ich kann den Menschen, der nichts getan hat als mich lieben und der sich heute in die Illusionen festgeschmiedet hat, daß ich ihn auch liebe, nicht mit einem einzigen kalten Wort aus allen seinen Himmeln reißen. Ich muß warten, bis dieser Strom abebbt, bis das Grau der Alltäglichkeit uns das Scheiden möglich macht! Aber wann wird dieses Grau kommen für ihn! Es ist lähmend, den Mann, den man doch einmal zu lieben sich eingebildet hat, und den man doch nun einmal nicht mehr liebt, neben sich auf der Chaiselongue sitzen zu sehen, gut, liebevoll wie nie,–man hat selbst keinen Blick für ihn, nur stumpfe Apathie, – und sich erzählen zu lassen, wie er niemals in seinem Leben so glücklich gewesen sei als in dem Momente, wo ich von der Sehnsucht gedrängt ihm so kopflos nachritt in die Wüste ... »Nein. Liebling, ich werde auch keine Jagdexpedition mehr so ausdehnen – ich werde den Ritt nicht vergessen, ich nicht! Ich werde immer daran denken, daß meine geliebte Frau sich so kindisch sehnen kann, auf Torheiten verfällt, unter deren Folgen ihre Nerven noch jetzt zittern. Aber sie war doch entzückend, diese Torheit, mein Liebling, und ich hätte sie offenbar nie für möglich gehalten von dir. Und wenn wir Stunden eher hier angekommen sind vom Raier, so war es die Sehnsucht nach dir und die Angst um dich, die uns immer Karacho reiten ließ! Die Weichen von meinem Maultier waren nur zwei große Blutplarren zuletzt. Und was mich so glücklich macht: jetzt endlich weiß ich's gewiß, daß du mich lieb hast, jetzt endlich! Ich hatte mich schon beinah mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß wir immer nur nebeneinander hergehen würden, wie so viele andre. Gegangen war's ja schließlich auch – aber nicht wahr, so ist es doch besser, viel besser? Und du bist doch eine perfekte Schauspielerin gewesen, Josefa, die ganzen drei Jahre! Immer kaltes Herz, nicht mal Sinne.« Und dann beugt er sich ganz tief auf meinen Kopf und fragt glücklich: »Sag mal, Schatz, hast du mich denn wirklich so lieb?« Ich habe natürlich nicht gelogen, ich habe mich nur wortlos nach der andern Seite gedreht. Aber ich hätte ihm ehrlich antworten müssen: »Nein, ich liebe dich nicht, ich habe dich überhaupt nicht geliebt, nie, nie!« Das Herz wäre ihm nicht gebrochen. Keinem Mann bricht das Herz. Und wenn's ihm gebrochen wäre, – es muß auch Tote geben. Wo blieben sonst die Lebendigen?! Aber ich konnte nicht, ich konnte nicht! Man hat mich zur sanften Lüge erzogen mein Leben lang, nicht zur herben Wahrheit. Ja, Mutter, in aller deiner Güte bist du die schlechteste Mutter gewesen deinem Kind. Du hast auch nie gekämpft, darum hast du auch nie gesiegt. Und ich bin deine Tochter. Ich hasse die Schwäche – und bin schwach, ich hasse die Lüge – und bleibe stumm. Mir schwant etwas Schreckliches. Es ist mit heute etwas vorbei. Und wenn »er« mir mit heute verloren wäre, wenn »er« mir verloren wäre? Nein, Herrgott, ich bete nicht! Ich darf nicht. Ja, »er« hat recht: solch Gebet ist Schwäche. Dann schlief ich eine Stunde, dann zog ich mich zur Table d'hote an, dann habe ich Mufflons- und Gazellengehörne bewundert. Ich habe gesprochen, ich habe gelächelt, ich habe mich benommen wie der Automat der Verhältnisse, der ich nie sein wollte. Ich habe im Kreise der Afrikaner alle die Jagdgeschichten über mich ergehen lassen, die solche Expedition in den andern wachruft. Heute erfuhr auch mein Ritt erst die richtige Würdigung. Ich wurde bewundert, beglückwünscht. Die Schamröte, die mir dabei das Gesicht dunkelrot färbte, war ja doch nur der rosige Widerschein des Glücks! Sie diskutierten auch die Frage eines Araberaufstandes. Die alten Afrikaner sagten reserviert: »Es scheint wenigstens alles ruhig. Wir verstehen auch nicht recht. Aber so viel ist sicher, daß ein Mann wie Rhyn die Furcht nicht kennt.« Sie fügten weiter hinzu: »Ja, er hat eben kein Glück!« Ja, er hat in der Tat kein Glück! »Vielleicht hat er auch nicht dm richtigen Schneid im richtigen Moment,« näselte der Rittmeister. Quedenberg lächelte zerstreut. Seine Gedanken, wenn er überhaupt welche hat, find wohl bei der Frau, die ihn malträtiert, und die er darum liebt. Peter zuckte die Achseln. »Er« ist auch während der ganzen Expedition so unnahbar eisig gewesen, daß er eigentlich alle Sympathien verlor. Aber Bloome, der wohl nicht umsonst mit »ihm« jahrelang in einem Zelt geschlafen hat, wurde sofort feindlich gegen die Tadler: »Meine Herren, Sie kennen ihn nicht, urteilen Sie also, bitte, nicht! Rhyn und keinen Schneid? Und wenn Sie's mir hundertmalkrumm nehmen – das ist einfach zum Lachen! Er hat uns nicht einmal, aber vielleicht fünfzigmal mindestens mit seiner eisernen Energie durchgerissen. Die Kamele gefallen wie die Fliegen, die Kerls, die Träger lallen nur noch – und er wie ich absolut fertig. Aber er sagte: »Es geht!« Und es ging auch immer. Ich könnte Ihnen von einem Moment erzählen, wo wir alle einfach Bestien waren vor Hunger und Durst. Er konnte noch gerade stehen und sagte zu mir zwischen den zusammen« gebissenen Zähnen durch ohne Komplimente: »Herr, Sie find der erste, den ich über den Haufen schieße, wenn Sie Miene machen, hier liegen zu bleibend Er hätte es getan, das wußte jeder. Schwächliches Paktieren war nie ... Und wenn ihm schließlich Afrika auch mal auf die Nerven geht, so bitte ich Sie, lieber Lasowitz, zu bedenken, daß Ihnen schon das Rekrutenreiten an die Nerven gegangen ist, darum find Sie doch à la suite!« Dann wandte er sich zu mir: »Verzeihung, gnädige Frau, er war ja auch gegen Sie etwas merkwürdig!« Ich lächelte darauf nichtssagend. Ein Wort mehr – und ich hätte losgeweint. Sie haben nachher noch Sekt getrunken zur Feier des Tages. Ich ging unauffällig nach dem ersten Glas. Bloome, der doch wohl feinfühliger ist als die andern, kam mir nach und fragte: »Gnädigste Frau, fehlt Ihnen etwas?« »Nein.« »Wollen Sie mir etwas versprechen? Machen Sie nie wieder solche Parforcetour!« »Sie ist mir aber vortrefflich bekommen, lieber Graf.« »Das freut mich! Ich persönlich habe auf einmal das Gefühl, als wenn ich Ihren Ritt nicht mit so grellen Farben hätte schildern sollen. Mancher liebt's nicht. Es gibt auch Mißverständnisse. Ich übertreibe eben gern. Das ist das alte Vorrecht aller Afrikaner.« Ich antwortete ihm natürlich, daß es keine Mißverständnisse gegeben habe und daß der Ritt in der Tat die gewaltigste körperliche Strapaze meines Lebens gewesen sei. Darauf ging ich gleich zu Bett. Als mir Peter viel später gute Nacht sagen wollte, antwortete ich ihm nicht. Ich schlief nicht etwa. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich habe gelegen mit offenen, heißen Augen und mir in allen Tonarten wiederholt, was ich hätte tun sollen und was ich getan habe: ›Du weißt, was recht ist. Und tust es doch nicht! Es ist ein falsches Mitleid, eine falsche Rücksicht, eine elende Moral vor allem, die Güte scheint und Schwäche ist, die alles will und nichts vollbringt!‹ Und das ist das Schreckliche bei Menschen wie mir, daß sie eigentlich gar nicht anders können. Die Dinge machen uns, wir nicht die Dinge. Wir lieben, wie man so liebt; wir heiraten, wie man so heiratet; wir bleiben anständig, wie man so anständig bleibt. Unsre Moral verbricht alles, verzeiht alles – nur nicht die Wahrheit! Ich habe meinen Verlobungsring abgezogen, mit dem ich so oft spielte. Es war ja auch nur ein Spielzeug. Heut ist der Ehering so kalt, so fest, die Bagnofessel meines Glücks. Ich hätte sie abstreifen können in einem einzigen, freien Entschluß. Warum fehlte mir dieser freie Entschluß? Warum? warum? warum? Weil wir im Grunde allesamt des feigen Ehebruchs fähig sind, aber nicht seiner anständigen Konsequenz! Ich habe die Sonne aufgehen sehen von meinem Bett, die heiße, starke Wüstensonne, die nie lange mit der Dämmerung kämpft. Die Dschins fliehen bei ihrem ersten Strahl. Und wie mit dem Licht immer der Wille zum Leben und zur Tat zurückkehrt, so habe ich mir auch gesagt, daß ich nun endlich wählen muß. Es gibt drei Wege: »ihm« auf der Stelle schreiben, ›ich bin schwach, deiner nicht würdig, und werde es nie sein. Vergiß mich!‹ Das ist undenkbar. Wenn er's auch erträgt, ich ertrag's nicht. Oder ich kann auf die Szene warten mit heimtückischer Ruhe, das widerstrebt jedoch meiner besseren Natur. Was gestern noch Notwehr, wäre heute Niedertracht! Ich könnte auch meines Mannes Traum gewähren lassen, bis er ganz von selbst zerflattert, und das wäre klug. Aber wann zerflattert dieser Traum? In einem Monat, in einem Jahre, in zehn Jahren? Und wenn wir uns dann endlich ohne Maske gegenüberstünden, alt, kalt, mit leeren Herzen, leeren Händen, dann hätte es keinen Sinn mehr, ein Leben zu beginnen, dessen Strom verrauscht. O, ich habe Angst vor dieser schrecklichen Leere, die dann ein Herz ausmacht, das einst so übervoll war! Bei dem Gedanken springe ich aus dem Bette, drücke den Kopf gegen die Fensterscheibe, starre in die Sonne. Mir ist, als wenn ich ihn schon verloren hätte. Ihn! Das darf, das kann nicht sein, das Schicksal wird einen Tag des reinsten Sündenglücks nicht mit so viel grauer Nacht vergelten! Es gibt noch einen Ausweg: Geliebte ... Ich hab's nicht gedacht, und schon bedecke ich die Augen mit beiden Händen. Wo will ich hin? – Das ist der Anfang vom Ende. Wir sind beim Rennen gewesen, Peter und ich allein. Quedenberg ist voller Angst seiner Frau nachgereist. – Rennen in der Wüste! Vor mir schwankt es bunt und vielgestaltig. Beduinenscheichs, französische Offiziere. Ein Falke, dem die Kappe genommen wird, streicht einem Reiher in die Dunes de fable nach. Ich höre Peter immer sagen: »Schlechte Pferde! Die Kerls hocken ja wie Affen.« Ich sehe die Ouled-naëls in bunten, phantastischen Gewändern auf einer Separattribüne; die Gold- und Silberzieraten an Hand und Fuß klirren, die verschleierten Augen leuchten. Wenn ein Franzose gewinnt, schweigen sie, wenn ein Araber siegt, dann rufen sie. Ein eigentümlich monotoner, weithallender Laut. Ich sehe alles – und sehe nichts. Der einzige, klare Gedanke: darf ich seine Geliebte sein? – Nein, nein! Aber wenn er mir dann verloren ist? – Ja, ja! Und das, während mein angetrauter Mann neben mir sitzt, mit seiner Hand nach der meinen herübertastet. O, es ist scheußlich, ich weiß es! Aber ich kann doch nicht anders, ich kann nicht! »Er«, der meine Schwäche nicht verstehen kann, wird meine Liebe wenigstens verstehen. Ich will ja auch frei werden, ich will's ganz gewiß, aber ich muß Zeit haben, Zeit. Ich bin entschlossen. Ich will seine Geliebte sein mit allen Konsequenzen! Ich reise angeblich übermorgen mit der Bahn nach Batna. Peter und Bloome reiten schon morgen eben dahin über Benifera oder Tilatu. Ich animierte sie zu dem Ritt, an dem ich auf keinen Fall teilnehmen werde. Denn in Wahrheit reise ich schon morgen nachmittag und unterbreche die Fahrt in El-Kantara. Robert ist noch da. Volle vierundzwanzig Stunden gehören uns. Ich muß zu ihm! Ich werde ihm alles erklären. – Ich will ihm alles geben, was ich habe, weil ihm alles gehört. Und wieder gaukelt um mich der goldige Flimmer, aber auch ein Grauen schleicht mit – ein schwächliches Grauen... Wie wenig man sich doch selbst kennt! – Ist's nur Liebe, ist's nur Schwäche, was mich zu dem treibt, was ich nie war – zur gefallenen Frau?... Es ist Liebe, nur Liebe. Fünfzehntes Kapitel Als geheilt aus dem Irrenhaus entlassen – Carlo. Lebenslänglich in einer Gummizelle interniert – Josefa. Unter Irrenhaus verstehe ich natürlich die Liebe. Die Liebe war, die Liebe ist, die Liebe wird sein! Die Welt ist eben rund. Mit dieser Tatsache muß man sich abfinden. Wie würde man auch Licht unterscheiden, wenn es keinen Schatten gäbe; wie Weisheit, wenn sie nicht von Torheit eingerahmt würde; wie einen Ueberkater, wenn er sich nicht von Zeit zu Zeit als Unterkater gebürdete? Aber sprechen wir nicht mehr davon! Tant de bruit pour une Omelette. Und dabei wäre mir zurzeit eine appetitlich duftende Omelette weit begehrenswerter als sämtliche Liebe des Universums. So steht's. Von Afrika habe ich auch genug. Ein Modebad wie Biskra, wo es einem Bourbon passieren kann, daß ein Paria von Negerkater ganz unverfroren ihn auf eine gewisse fahle Wüstenhetäre anredet, vor der ich eine volle Woche erfolglos antichambriert haben soll! Ich erfolglos? Als Witz nicht übel! – Eine Wüste wie die Sahara, wo ich bei einem Philosophenbummel urplötzlich inmitten eines rötlichen Sandwirbels stehe, der mir derart die Augen beizt, daß ich wie im Dunkeln tappe, der mir die Haare sträubt, daß ich wie der selige Struwwelpeter starre, und der so mit Elektrizität geladen ist, daß ich die unangenehme Empfindung habe, der über mir donnernde Zeus wolle mich sofort in seinen Olymp zurückholen! Ein Hotel, wo ich mit aller Andacht zusehen darf, wie die gnädigste Baronin eigenhändig ihren englischen Reisesack packt, um dann mich wahrscheinlich in einem Hundecoupé auf der Bahn wiederzufinden! Franzosen haben dieses Heilbad entdeckt, weil sie als gute Patrioten wissen, daß die Engländer eigensinnig und die Deutschen kindlich sind. Und da es keine Telegraphenstange gibt, auf die John Bull aus Verrücktheit gestiegen ist, wo nicht sofort ein gewisser Michel aus Ehrfurcht für eben diese Verrücktheit nachzuklettern versuchte, so wird dieses staubige Eden, das die Kranken vom Leben und die Elegants von der Liebe heilt, auch fürder gedeihen. Ueberhaupt dieses ganze Afrika! Es ist ja nur Humbug und Reklame. Da schimpft sich dieses ganze Oasengesindel: Araber. Allerdings dunkel sind sie, und Datteln essen sie. Aber Nachkommen des Propheten? Jawohl! Vielmehr eine äußerst gemischte Gesellschaft von Berbern, Mauren, Negern, Beduinen, bei denen man sich nie auskennt und die sich eigentlich durch nichts anders unterscheiden, als daß der eine faul, der andre fauler und entweder der dritte oder der vierte am allerfaulsten ist. Hat ein Haus nur Fensterhöhlen und laufen sämtliche Kinder schamlos nackt zwischen den Lehmmauern 'rum, dann heißt's: »Sehr interessant! Hier wohnen Neger.« Trägt ein Bengel einen schmierigen Fez und wäscht sich die Füße nie, dann zwinkert man überlegen: »Berber! Aelteste Wüstenrasse.« Betrügt uns darauf ein ehrwürdig ausschauender Greis im Bazar abscheulich, so ruft man voll Stolz: »Araber! Die können nun einmal Christen für den Tod nicht leiden.« ... Der einzige Tuareg, den ich sah, war groß und von Kopf bis zu Fuß vermummt wie ein altes Weib im Winter, und der kleine, halbnackte verlaufene Tibbu, der sich sanft nach allen Seiten umsah, war sicher der geborenste Spitzbube, wie der andre der geborenste Kopfabschneider war. Jedenfalls, ob übermäßig nackt oder übertrieben bekleidet: es ist eine Gaunergesellschaft allesamt, die einem voll Freundschaft die eine Hand entgegenstreckt und mit der andern voll Feindschaft die Kehle abzusäbeln beginnt. Und eine Unbildung! Neulich interviewte mich ein Berberkater aus einem Friseurgeschäft, der natürlich schon aus Metier ein unerträglicher Neuigkeitskrämer ist, über meine Weltreisen. Von Paris hat er einen Schimmer, Berlin hält er für einen Botokudenweiler, bei Roma aeterna blinzelt er pfiffig, als handelte es sich um einen vorzüglichen Witz oder ein neu entdecktes Pfahlbautendorf der Marsbewohner. Zum Schluß die Gewissensfrage: »Gibt's da auch Dattelpalmen?« Ich verneinte eisig. Und dieser Friseurgehilfe schlich sofort mit eingekniffenem Schwanze zurück, schaute sich jedoch zweimal ängstlich um, weil für sein Gefühl allein der Belial Hochselbst in einem Lande ohne Dattelpalmen geboren sein kann ... Dann traf ich irgendwo eine arabische Gemüsekatze, die die Wahl zwischen einem gestohlenen Hammelknochen und einem ehrlich erworbenen Schweinskotelett hatte. Sie nahm sofort den Knochen, ich bemächtigte mich des Koteletts. Und gleich beschwor mich diese Tochter des Propheten, nur ja nicht die ewige Verdammnis mir direkt in den Leib zu essen mit diesem vom Koran verbotenen Schweinefleisch. O du abergläubische Mohammedanerin! Ich antwortete ihr ironisch, daß gerade ich der selbstloseste Ausbund von einem Korankater sei und ausschließlich von Schweinefleisch lebe und leben würde, nur um weniger standhaften Bekennern die Versuchung zu ersparen. Sie fand diese Auffassung groß und neu und hätte, glaube ich, am liebsten auf diese Weise Mohammedanerseelen zu retten angefangen, wenn nicht zum Glück für ihr Seelenheil der Nest des Koteletts hinter meinen Perlenzähnen eben verschwunden wäre. Die ganze Unbildung und der ganze Aberglaube der Wüste können nicht krasser ausgesprochen werden, wie von dem klätschigen Barbier und dem alten Gemüseweibe! Ich komme jetzt leider häufig mit den niederen Klassen zusammen, die mich von der Wüste her zu kennen vorgeben, und nach gewissen Bekundungen auch wahrscheinlich kennen. Es ist offenbar jener orientalische Hofstaat, der sich in Wahrheit aus Bettlern zusammensetzte, ebenso wie jene vermeintliche Prinzessin nur eine Dame von sehr öffentlichen Qualitäten war. Diese ganze Wüstenphantasie von einst mehrt ja auch nur meinen Glorienschein, weil eben das große Erhabene auch das kleine Niedrige nach seinem Idealmaß mißt. Dennoch bin ich aus Gründen der Vernunft für baldige Abreise. Der Göttersohn des Olymps blendet doch auf die Dauer diese betörten Wesen. In der Wüste gibt es schon genug Blinde! Es ist somit weit besser, daß die spätere Oasentradition mit dem Satze beginnt: »Ein weißer Prophet kam, ein weißer Prophet ging, gedenkt in Ehrfurcht des weißen Propheten! ...« Nur das eine wäre zu bedenken, daß dann die großen mohammedanischen Glaubenskriege wieder aufflammen werden wegen des »alten« und des »neuen« Propheten. Aber vielleicht wäre es auch nicht schade um diese unheilbaren Ketzer, wenn sie sich gegenseitig auffräßen. Ich bin keineswegs einseitig und gönne auch Heiden ihr Vergnügen. Ich reise also. Das heißt, ich bin schon gereist. Ich wählte wieder die dritte Klasse, weil ich den Hochmut verachte, und weil ich dem Herzen meiner Begleiterin keine Qualen machen wollte. Sie ist ein gutes, treues Geschöpf. Vielleicht die treueste, Quedenbergs Luise ausgenommen. Ich bin anders geworden, ganz anders! Ich sehne mich nach einem stillen Port, wo ich vielleicht den dritten und letzten Teil meiner großen Lebensphilosophie beende. Ich habe viel gelebt, viel gelitten! Und wenn mir der Undank eines gewissen Geschöpfes, dem ich treulich gefolgt, das ich ehrlich beraten, nicht mein Haar gebleicht hat, so liegt das nur dann, daß es kein leuchtend weißeres Gewand gibt als mein olympisches Pilgerkleid. Und wenn ich mich auch noch jetzt nicht von ihr lossage, so bekenne ich offen: »Afrika mag gut sein, Europa ist besser!« Jedoch zwischen dem zweiten und dritten Teil meiner Philosophie liegt noch das Mittelmeer und die Seekrankheit, ich muß also mit meinen sogenannten Gönnern rechnen. Wenn ich dann aber glücklich drüben bin in meinem Philosophenport, so werde ich mich über ein Geschöpf äußern, dessen freventliche Sünden nicht Mitleid, wohl aber Verachtung verdienen... Weine nicht, Carlo, weine nicht! Richte dich an deiner eignen Größe auf! Das habe ich denn auch getan. Es sind Monate her. Ich will versuchen niederzuschreiben, was geschah. Ich bin mir das gewissermaßen schuldig. Ich fuhr am Dienstag mittags. Meine Jungfer und die Sachen hatte ich bis auf eine Handtasche tags zuvor nach Batna geschickt. Die beiden Herren waren mit Sonnenaufgang geritten. ' Nach Tuggurt zu soll an dem Tag ein Chamsin gewütet haben. Ich im Coupé hatte nur die Empfindung, daß die Wüste merkwürdig fahl und tot, daß der Atlas nur eine einzige starre Dunstwand sei. Ich fuhr mit der jungen, hübschen Frau des alten, grauhaarigen Kommandanten von Biskra. Pariserin und sehr lebhaft. Wir sprachen miteinander, hatten Gefallen aneinander. Ich wäre natürlich viel lieber allein geblieben. Aber sie war so gar nicht geschminkt und verziert; sie erzählte mir von dem schrecklichen Biskrasommer, der alles mit feinem Staub und dumpfer Hitze erfüllt. Von dem Gatten kein Wort. Er hatte sie auf die Bahn gebracht, und sie schieden sehr herzlich. Das Schweigen wohl die gewisse Gêne aller jungen Frauen, die einen alten Mann geheiratet haben! Vielleicht hat sie auch einen Geliebten, und die Besorgungen in Constantine sind nur Vorwand. In einer Gesprächspause dachte ich, wieviel Frauen doch einen Geliebten hätten und wie das immer so gewesen sei seit König Davids Zeiten. Es kann beides, eine schöne und eine ekle Sünde sein. Die mutige Sünde ist noch lange nicht so verwerflich wie die feige Lüge, die dabei wie ein Schakal dem Löwen nachschleicht. Eigentlich widerstrebt solche Lüge meiner innersten Natur. Ich könnte viel eher töten im Affekt als hintergehen mit Gemütsruhe. Ich will damit nichts beschönigen, aber ich kann heute wohl sagen, daß mir »sein« Glück weit höher gestanden hat als das meine. Unterwegs hielt der Zug einmal sehr lange auf einer kleinen Station. Die Leute stiegen aus und promenierten. Und ich sah mir alle Frauen darauf an, ob sie nicht einen Geliebten hätten. Es überlief mich doch eine Gänsehaut. Ja, ich hätte von El- Kantara nicht mehr zurückkehren dürfen! Ich tat's wohl nicht, weil ich vom Durchgehen immer die Vorstellung hatte, daß solche Leute entweder maßlos feige oder maßlos leichtsinnig sein müßten. Ich bin beides nicht. Ich kann nur niemand kränken, darum tue ich mir oft am wehesten, weil ich andern nicht wehe tun will. Die zwei Stunden Fahrt deuchten mich eine Ewigkeit. Als endlich die Oase auftauchte, lag sie so still und melancholisch wie eine verwunschene Insel. Ich wäre am liebsten weiter gefahren. So leidenschaftlich auch mein Herz sich nach dem Manne sehnte, so schwer wurde mir der Fuß, als ich von dem hochgelegenen Bahnhof nach der Schlucht hinabstieg, wohin ich ihn telegraphisch bestellt hatte. Er war pünktlich zur Stelle. Es war an dem römischen Brückenbogen, der freilich restauriert ist und nur noch wenige Quadern aus dem Altertum zeigt. Wir konnten uns nicht küssen. Es kamen Touristen, auch das kleine, weiße Hotel schaute neugierig herüber. Er war ungewöhnlich ernst, aber als ich ihn ansah, wußte ich genau, daß er mich liebte wie einst. Jeanette Quedenberg ist noch einmal bei ihm gewesen, der Bruch unwiderruflich. Sie schieden sogar ohne Gruß. Dafür kann ich nichts. Dann gingen wir sofort zur Oase an die alte Stelle im Oleandergebüsch. Die Luft warm, feucht, träge, in den Palmen kein Hauch, sie starrten ohne Leben von ihrer Höhe. Kein Licht spielte auf den breiten, grünen Blättern, kein Vogel sang, nur die dunkeln Araber schlichen im trockenen Oued entlang. Die Schwermut der Wüste, die ich in der Oase nie gesucht. Da habe ich ihm zu erzählen angefangen. Es ward mir schwerer von Wort zu Wort, weil ich in seiner Nähe nicht mehr begriff, wie ich dem andern gegenüber hatte so schwach sein können. Einmal stockte ich, sah ihn an. Er hatte wieder das undurchdringliche Gesicht: »Bitte weiter! Ich höre.« Und als ich fertig bis auf das letzte, entscheidende Wort, um dessentwillen ich eigentlich nur hier war, wollte es mir nicht aus der Kehle, denn so etwas sagt man im Affekt, nicht in der Ruhe! Da stand er langsam auf, sagte, ohne mich anzusehen: »Daß es schwer sein würde, habe ich dir ja gesagt. Du taugst doch wohl nicht für Schweres. Menschen wie du sollten bleiben, wo sie sind.« Nach einer Pause, während der er vor mir auf und ab ging, die Augen auf der Erde: »Wann reisest du?« Da stand ich auch auf und sagte rasch: »Ich reise überhaupt nicht, Robert. Ich bleibe bei dir, Robert, wenn du willst, für immer.« »Das geht nicht, Josefa.« »Warum nicht?« Mich überrann's kalt. »Weil das, was vor einer Woche, als wir hier zusammen waren, einen Sinn gehabt hätte... Ich hab's vielleicht damals erwartet, weil das am meisten deiner ganzen Natur entspricht, aber es hat mich doch auch in der Seele gefreut, daß du die schwerere, jedoch anständigere Konsequenz ziehen wolltest. Durchgehen, das können viele; sich ehrlich trennen – kaum eine von euch. Du bist diese eine offenbar nicht! Und darum hast du es wohl vernünftig vorgezogen, gar keine Konsequenz zu ziehen. Weswegen bist du nun hier?« Er ging langsam auf mich zu, faßte meine Hand und streichelte sie. Aber er sah mich nicht an. »Josefa, ich bitte dich, sag! Sei ehrlich! Ich kann alles ertragen, alles, nur kein Schwanken, keine Halbheit. Wir sind beide nicht mehr so jung wie in Sirmione, wo wir vielleicht von Illusionen hätten leben können. Wir wollen doch beide klar sehen. Ich habe dich sehr lieb, sehr, was ich dir wohl nicht zu wiederholen brauche – aber nun auch deine Konsequenz! Du hast sie gezogen, du mußt sie gezogen haben in irgendeiner Weise, und darum bist du hier...« Er sprach warm und ernst. Da fiel ich ihm um den Hals und zitterte und konnte nicht reden, ich wollte fast vergehen in einem seltsam geteilten Gefühl von Liebe und Grauen. Endlich sagte ich abgerissen, spröde; ich höre meine eigne Stimme, und sie ist mir fremd: »Ja, ich habe die Konsequenz gezogen, Robert! Ich will deine Geliebte sein mit allen Konsequenzen für Zeit und Ewigkeit.« Dann riß ich mich von ihm los, der mich gar nicht hielt, und trat einen Schritt zurück. »Ich will deine Geliebte sein mit allen Konsequenzen für Zeit und Ewigkeit!« wiederholte er Wort für Wort langsam. In dem Moment wußte ich mein Schicksal, und daß kein Gott mehr etwas daran ändern könne. Er schwieg, seine Augen glitten über die Palmenkronen hinweg bis zu der rotdunstigen Atlaswand. Keine Muskel in seinem Gesichte zuckte, nur die Nasenflügel hoben und senkten sich. Darauf sprach er weiter merkwürdig leise und unnatürlich ruhig: »Geliebte, warum nicht?! Ich war nie ein Tugendheld und habe manche Geliebte gehabt, manche, aber immer nur auf kurze Zeit. Dann waren wir uns gegenseitig mit Recht über ... Und ich, dein Geliebter? Vielleicht bin ich der erste, vielleicht auch nicht. Wer aber wird der glückliche zwölfte sein über zehn Jahre?... Also, das wäre die letzte Konsequenz! Wenn deine Liebe, die genau so alt sein soll wie die meine – deine erste, deine einzige Liebe –, wenn die dir nicht einmal zu mehr Kraft gab als zu diesem Spitzbubenentschluß, dann kannst du mir freilich nicht leid tun, aber ich mir.« Die Adern an den Schläfen begannen ihm zu schwellen, und er sagte womöglich noch leiser: »Du bist eine Dirne, ja, du bist's! Ihr alle seid Dirnennaturen, feige, sinnlich, verlogen. Deine Mutter war eine und deine Großmutter war eine, und deine Ureltern waren genau so wie du. Der Dirnencharme ist euer höchster Reiz. Ihr seid, wie ihr seid: Ihr könnt keinen Menschen sterben sehen – gewiß nicht! Aber den Finger, womit ihr ihn retten könntet, den hebt ihr erst recht nicht!... Sag nichts, sag nichts! Aber damit du mich auch begreifst: ich habe dich geliebt, wie nur ein Mann eine Frau lieben kann! Ich weiß nicht, wie's möglich war eigentlich, aber ich weiß, daß ich's tat. Und wenn es meinem Herzen je etwas Heiliges gab, so warst du's. Und wenn ich eine schöne Blüte sah, da habe ich immer an dich denken müssen. Aber die schönsten Blüten sind ja leider giftig! Das muß wohl eine Naturnotwendigkeit sein.« Ich hörte alles, ich höre es noch; ich sah ihn verständnislos an, ich tue es noch. Das konnte nicht der Mann zu mir sprechen, das war ein andrer, ein ganz andrer! Was will er denn von mir? Ich habe ihn doch geliebt, ihn allein! Ich hätte ihm natürlich vieles entgegnen können, was mich hätte rechtfertigen können. Ich war nicht fähig. Die Lippen bewegten sich wohl, jedoch es kam kein Ton. Er ließ mir auch nicht eine Sekunde Zeit. Ja, er paktiert nicht! So habe ich denn das einzige getan, was ich vielleicht in meinem Leben gelernt habe: schweigen. Ihm mag's wie ein schwächliches Schuldbekenntnis erschienen sein. Er wurde auf einmal ganz blaß, die Augen flackerten ihm dunkel und böse, und jede Fiber in seinem Gesichte zuckte. Er machte jäh einen Schritt auf mich zu, faßte mein Handgelenk, preßte es, ich fühlte tödlich seine stählerne Kraft. Und jetzt beginnt er laut zu sprechen, jedes Wort ein Peitschenhieb: »Weißt du, Weib, daß ich dich hier auf der Stelle erwürgen könnte, wenn ich dich nicht so von Herzen verachtete. Ich will dir etwas erzählen: es war damals in Berlin, kurz nach Sirmione, und es war in mir eine so tiefe Seelendepression zurückgeblieben. daß ich als Mann ein Gegengewicht haben mußte gegen diese Depression, um nicht schlapp zu werden unter ihrem Druck. Es war, wie gesagt, in Berlin in einem Hotel, und Jeanette Quedenberg mit irgendeinem Auftrag im Zimmer. Sie war mein guter Freund, mein bester, der mich vernünftig mit dem Kopf tröstete und nicht mit dem Herzen. Ich habe die Frau nie geliebt, das weiß Gott! Aber es gibt Momente, wo sich auch der Stärkste an einen Strohhalm klammert, um nicht zu ertrinken. Sie allein wußte, was mich quälte. Ihr Trost hieß: ›Sie taugen beide nichts, diese Angerns, weder Mutter noch Tochter. Es sind Menschen der Schwäche und der Kaprice, die doch nur zum Alltäglichsten fähig sind.‹ Ich wußte wohl, daß sie mich liebte auf ihre Art und wußte bei ruhigem Sinnen wohl auch, daß ich sie nicht wiederlieben könnte auf meine Art. Aber in jenem Hotelzimmer habe ich sie doch gefragt, ob sie meine Geliebte sein wolle. Dem kleinen Herzen klingt's wohl lächerlich: nicht der Mann hat gekniet, sondern die Frau. Und die Frau hat mit bebenden Lippen gesagt: ›Deine Geliebte kann ich nicht sein, dazu liebe ich dich zu sehr. Aber heirate mich! Ich gehe dann mit dir auf der Stelle, opfere meinen Ruf, den noch niemand angetastet hat, meine alten Eltern, die ich unterhalten habe, ja, das Heiligste, meinen Glauben, opfere ich dir.‹ Das annehmen konnte ich aber nicht. Das wurde mir im Moment schrecklich klar. Ich hab's ihr auch gesagt, wie weit meine Gefühle gingen und gehen könnten. Wir haben später einen vernünftigen Pakt gemacht, den vernünftige Leute halten können. Doch auch solche Pakte werden gekündigt, müssen gekündigt werden, wenn etwas Größeres dazwischen tritt. Und warum habe ich damals nicht ja gesagt? Nicht darum, weil ich die Frau nicht liebte! Die Ehen ohne Liebe halten offenbar länger wie die Ehen mit Liebe. Pein, weil ich dich liebte, dich, Geschöpf! Weil mich dein Bild nicht gelassen hat die ganze Zeit!« Er holte schwer Atem. Dann sagte er mit zusammengebissenen Zähnen: »Gnädige Frau, gehen Sie, ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen!« Ei ließ mein Handgelenk mit einem Ruck los, daß ich taumelte. Ich sah ihm nach, wie er ging. Aber als er hinter dem nächsten Busch verschwand, hielt mich's nicht mehr. Und ich lief ihm nach, was ich konnte, obgleich mir die Füße wie Blei nachschleppten. Ich erreichte ihn, faßte von rückwärts seine Hand, sagte atemlos: »Ja, gut, es soll alles aus sein, Robert. Du hast recht. Aber sag mir wenigstens zum Abschied ein gütiges Wort! Ich ertrag' das Leben sonst nicht. Ich tu' mir das Aeußerste an, ich tu's!« Er hat sich nicht mal nach mir umgesehen, er hat nicht einen Schritt gezögert, er hat nur gesagt: »Begehe auch diese letzte Feigheit! Ich aber rühre keinen Finger für dich.« Ich blieb auf der Stelle stehen wie erstarrt und habe vielleicht gehofft, daß er zurückkommen würde, um mich zum Leben zu erwecken. Aber er kam nicht zurück. Und in der halben Stunde, die ich da wohl gestanden haben mag, an eine Lehmmauer gelehnt, unter einer Palme, deren Riesenschaft schief gewachsen war und mit feinem Blätterdach die schmale Gasse beschattete, innerlich und äußerlich einsam, verlassen wie nie, umrieselt von den schweren, schwülen Oasendüften, gegen die sich meine Nerven empörten, weil sie mich auch genarrt hatten mit ihrem falschen Blütenhoffen, da hat sich auch in mir etwas zusammengezogen, verhärtet. Ja, ich habe geweint! Doch nicht die salzige Träne der Trauer, sondern die brennende des Zorns. Noch heute fühle ich die Empörung, und sie läßt mich nicht... Nein, das habe ich nicht um ihn verdient, das habe ich nicht um ihn verdient! Und wenn ich hundertmal schwach gewesen bin, feige, schlecht, das eine hätte er fühlen müssen aus allem; daß ich keine Dirne sein kann, selbst wenn ich's wollte. Was er mir Böses gesagt, das verzeih', ich ihm gern, er ist eben aus anderm Metall. Aber, daß er die Flehende von sich gestoßen hat, als sei sie das Verworfenste auf der ganzen Welt, das verzeihe ich ihm nicht. Und wenn einmal der Tag kommen sollte, wo auch ihm klar wird, daß meine Liebe groß, war trotz der Schwäche und seine Liebe klein trotz der Stärke... Die Zeit wird kommen, wo er mir's auf den Knien wird abbitten wollen, wie er das Beste in mir freventlich gemordet hat hier. Ja, die Stunde wird kommen, aber Herr und Vater, das sei auch meine letzte Stunde! Ich ertrage keine solche Enttäuschung mehr. Es ist Nacht in mir, und es soll Nacht sein. Und jetzt, Josefa, gehe deinen eignen Weg! Frag nie mehr, was gut, was schlecht ist im Leben, frag nur, was du kannst, nicht, was du darfst! Verleugne deine warme Natur, die dein Reiz war! Wende den Kopf hochmütig weg, was man dich auch bittet, werde hart, kalt! Tue ihm den Gefallen, der im Grunde seines Herzens doch nur ein kalter Pharisäer ist! Dein Leben ist verpfuscht, leb's dennoch weiter! Denn du darfst nicht sterben jetzt. Du würdest, du müßtest es noch im Grabe spüren, wenn er über diese letzte Feigheit die Achsel zuckt. Ja, es ist in mir etwas hart geworden. Ich fühle, wie es von Stunde zu Stunde härter geworden ist, härter werden muß, bis ein Herz, das zur wärmsten Liebe geboren ist, sich zur lauen Gleichgültigkeit wandelt, vielleicht zum eisigen Haß. Er hat kein Glück und will ja auch keins haben! Ich habe auch lein Glück, und will auch keins mehr haben! In El-Kantara gibt's eigentlich nur das eine Haus und das eine Hotel. Da konnte und mochte ich natürlich nicht die Nacht bleiben. Es geht auch kein Zug vor morgen weder nach Biskra noch von Biskra. Aber mir brannte der Boden unter den Füßen, ich mußte fort! Ich habe mir dann im Zurückgehen überlegt, daß es das beste sei, durch die Schlucht von Tilatu zu der nächsten Station, den »heißen Quellen« zu reiten. Ich ging also in das kleine Hotel, fand auch bald einen Führer und zwei Maultiere. Da sind wir den gleichen Weg geritten in den Atlas hinein, den vor einer Woche jene Wüstenkarawane auch ritt. Es ist eine schöne, gewaltige Schlucht mit roten Felsmauern, die sich bald engen, bald weiten. Sie ist viele Kilometer lang, und ein kümmerlicher Saumpfad läuft bald rechts, bald links von dem kleinen Flußlauf in der Tiefe, der zwischen wildem Geröll hinschleicht. Hier weht wieder die frische, scharfe Bergluft, wie überall im Atlas zur Frühlingszeit. Selten sah ich eine so wilde Oede, eine so starre Einsamkeit. Ein paar grüne Büsche hoch oben in den Felsspalten festgekrallt, ein paar kümmerliche Blumen aus dem Steinschutt sprießend, sonst nur rote, stumme Wände. Zuweilen wie Gespenster schleichende Kabylen auf ihren grünen geflochtenen Sandalen, in ihren schmutzig weißen Gewändern. Einmal tappte sogar ein Maultier mit einer Holzlast hart an uns vorüber. Mir erschien das alles nur wie ein Traumleben. Als ein kleiner Felsvogel zwitschernd über das Felsbett strich, hatte ich das Gefühl, als müsse dies ein ganz absonderlich Heiliger unter den Vögeln sein, der sich hier niederläßt. Erst gegen das Ende ein Kabylendorf. An den Fels geklebt wie Bienenkörbe die braunen, wüsten Steinhäuschen; auf der Höhe die Moschee, wie ein plumper, bröckelnder Wachtturm. Keine Spur von Heiligkeit oder Poesie, wie bei uns auch in dem kleinsten Kirchdorf. Die Schlucht wird zwar hier breiter, und Kabylen lieben ja nun einmal wilde Bergnester, aber ich verstehe doch nicht, wovon sich die Leute nähren. Ein kleiner Olivenhain, elende, winzige Getreidefelder, dem Stein abgerungen. Jagd oder Raub lohnt hier auch nicht. Diese Menschen sind eben so bedürfnislos... Ich habe auf diesem Ritt all meine Gedanken auf die Außenwelt konzentriert, auf die Gegenwart mit aller Kraft. Ich will nicht zurückdenken, und ich habe auch nicht zurückgedacht. Als wir zu der kleinen Station kamen, war ich sehr müde. Es gab aber keine andre Schlafgelegenheit, als die harte Bank des Wartesaals. Da habe ich auch geschlafen im Sitzen. Am Morgen ging's weiter. Es ging ganz gut. Es geht ja schließlich alles, wenn man nur ernstlich will! In Batna, was wir endlich erreichten, sollte ich bleiben. Bloome und mein Mann, die übrigens von diesem Ritt nichts wissen und nichts zu wissen brauchen, nahmen es mir wohl übel, daß ich mit dem nächsten Zuge schon weiter wollte nach Constantine. Die Sohlen brannten mir noch immer. Es können ja auch gar nicht genug Kilometer liegen zwischen mir und El-Kantara. In Konstantine fühlte ich erst, wie not mir Ausruhen tat. Ich sehnte mich so von Herzen nach einem tiefen Schlaf ohne Träume. Aber es ging nicht. Gerade in den großen französischen Betten des Grand Hotel wälzte ich mich schlaflos. Am andern Tage ging ich doch wieder mit den andern. Ich will nicht mehr allein sein! Sie wollten natürlich nach der Riesenschlucht des Rumel, die vielleicht die gewaltigste im ganzen Atlas ist. Unten strudelt und wirbelt der schmutzig wilde Fluß, der zur Schneeschmelze in den Bergen sein Riesenbett mit den Wogen eines empörten Stromes durchschäumen soll, von oben schaut die Stadt hinein, alles so puppenhaft klein, Häuser wie Menschen. Auf halber Höhe zieht sich der sogenannte Touristenweg am Fels entlang, auf schwindelnden eisernen Galerien, die bald auf-, bald niedersteigen. Gerade da trafen wir durch einen bösen Zufall Quedenbergs, die uns Wohl noch in Batna vermuteten. Wir Frauen taten uns den äußersten Zwang an und begrüßten uns höflich. Es war uns beiden eine Seelenqual. Gerade an der schwindelndsten Stelle war das Drahtnetz des Eisenstegs zerrissen. Ein einziger Fehltritt, und adieu, schöne Welt! Ja, schöne Welt!... Ob instinktiv oder durch Zufall blieben wir beiden Frauen hier stehen. Ich werde den Blitz der harten, blauen Augen nie vergessen, als wenn sie sagen wollte: ›Da unten gehörst du hin!‹ Und ich antwortete ihr mit einem resignierten Lächeln, was ich nachher sehr bedauert habe: ›Mir könnte kein größerer Gefallen getan werden.‹ Sie zuckte die Achseln. Sie konnte mich auch nicht verstehen. Abends mußten wir das Diner gemeinschaftlich nehmen. Der breite rote Ring, den sein letzter Händedruck mir zurückgelassen, fiel da zuerst den Leuten auf, weil ich das Armband beim Umziehen vergessen. Sie fragten mich höflich, ob vielleicht das Armband gedrückt, ob mein Handschuh gekniffen, und einer, der geistreich fein wollte, fügte hinzu, daß es vielleicht ein ganz besonders geheimnisvolles Souvenir aus der Wüste sei. Ich weiß nicht, wer das letzte gesagt. Aber ich weiß, daß Jeanette lächelte, und daß sich mir die Gegenstände zu drehen begannen. Ich ging sofort zu Bett, weil mich ein zähneklappernder Frost schüttelte. Man ist am Ende doch auch nur Mensch! Ich habe vier Wochen und länger in Konstantine gelegen zwischen Tod und Leben. Der Tod wollte mich noch nicht. Unterdessen ist es Ende Mai geworden. Ich habe, wie alle Rekonvaleszenten, das Gefühl einer großen Schwäche und Milde. Sollte das allein zurückgeblieben sein als Erinnerung an all das, was ich innerlich erlebt? Das möchte ich nicht! Das ginge gegen den Pakt, den ich mit mir selbst geschlossen. In Philippeville, von wo wir nach Europa abdampften, empfing uns die Alarmnachricht, daß ein gefährlicher Araberaufstand ausgebrochen. Bei Hamam Rirra seien viele zerlumpte Mohammedaner unter Führung eines Marabut von den Bergen in die Ebene hinabgestiegen, mordend, plündernd. Die Regierung sei mal wieder unglaublich kurzsichtig gewesen, obgleich schon vor Monaten die Garnison Tuggurt von einem Fremden verständigt worden sei. Mein Mann las es mir aus der Zeitung vor und sagte: »Da ist dein Rhyn am Ende doch der Klügste gewesen. Eigentlich wunderbar, daß man von dem Menschen niemals mehr etwas gehört hat.« Und ich konnte ganz vernünftig antworten: »Er wird wohl wieder in die Wüste zurückgekehrt sein.« Und ich sah auf mein Handgelenk, dessen roter Reif längst verschwunden ist. Nur der Goldreif blieb. Und ich kann ruhig weiterdenken, weitersprechen... Ich bin wohl schon hart, kalt? Ja, ich bin's... Ich werde nie mehr träumen – nie mehr! Der Ueberkater Dritter Teil Sechzehntes Kapitel Welt hat Glück! Ich habe mich also zu dem abschließenden dritten Teil meiner Memoiren entschlossen. Sie sollen in jenem objektiven Geiste beendet werden, der dem Katertum seine führende Stellung für alle Zeiten garantiert. Im alten Aegypten waren alle Katzen heilig, unter den Menschen von heute wird selbst ein Tolstoj lange warten können, bis ihn der Weltgeist heilig spricht. Dies ganz nebenbei. Ich bin jetzt unter die Villenbesitzer gegangen. Schöne Gegend bei schöner Stadt. Eine Gesellschaftsdame, die ich begönnere: Gräfin Angern – eine Jungfer, die mich anbetet: Lina – Weiter ein Kutscher, ein Diener, ein Portier. Zu der dicken alten Köchin, einem Drachen von gemeinen Allüren, gehe ich nie. Sie liest am Sonntag Traktätchen und macht sich wochentags Schwänzelpfennige. Was Diebstahl und Frömmigkeit eigentlich gemein haben, weiß ich nicht. Allerdings auch im Olymp ist ja der Götterbote Merkur der Schutzherr der Kaufleute und Räuber. Im Jenseits dürften demnach wesentlich andre Ansichten über Mein und Dein herrschen als im Diesseits. Jedenfalls seitdem ich die dicke Küchenfee über einem Andachtsbuch erblickt habe, worin das Herz des Gottlosen abgebildet ist, und zwar im Querschnitt und recht anmutig bevölkert: der Belial als riesiger Ziegenbock frisiert auf einem Thron, um ihn ehrerbietigst Schlangen, Schweine, Katzen, Schildkröten, – bin ich keineswegs mehr erpicht auf das Herz des Frommen, das nur mit einem Himmelbett und einem dicken Posaunenengel ausstaffiert sein soll. Die unwürdige Attacke gegen mein Geschlecht verzeihe ich großmütig, aber daß die brave Schildkröte, die schon ihrer Suppen wegen im Geruch der Heiligkeit stehen sollte, noch ganz besonders als das Sinnbild der Gemeinheit und Lüsternheit begeifert wird, war mir denn doch ein zu niederträchtiger Ausfall gegen alle Feinschmecker. Nächstens wird noch der Milchtopf auf den Index kommen, weil doch wahrscheinlich des Teufels sorgliche Großmutter alle die ihr anvertrauten Seelen gewissenhaft mit saurer Sahne schmort. Die fromme Köchin spart darum schon jetzt mit der Morgensahne, um uns die Sünde, ihr die Schwänzelpfennige zu ersparen. Wenn die Küche nachläßt, würde auch meine Herzensgüte leiden. Denn nur ein fetter Mann ist ein guter Mann... Es wird wohl überall das peinlichste Aufsehen erregt haben, daß ein so unvergleichlicher Diplomat und Weltreisender plötzlich von der großen Bühne abtrat. Gewiß, es gibt zuweilen Augenblicke, wo selbst ich mich ernst frage: »Carlo, hattest du auch ein Recht, auf die Königskrone der Sahara zu verzichten, ein Reich, größer als Europa, im Kampf errungen, mit Weisheit regiert, – um mit der Selbstverleugnung eines Apostels dritter, sage und schreibe dritter Klasse, das Paris der Sahara zu verlassen, während die Katerabgesandten von diesseits und jenseits des Wendekreises gramzerrissen, pfotenringend auf den flachen Dächern Neu-Biskras oder den Lehmmauern des Negerdorfes saßen, und der verzweifelte Ruf: ›Majestät müssen wiederkommen! Majestät dürfen uns nicht verlassen!‹ mir bis tief in den Atlas hinein in den Ohren gellte?!« Ja, bis Konstantine selbst verfolgte mich dieser Schmerzensschrei eines ganzen Erdteils, bis Constantine, dessen bergige Straßen, dessen wilde Rumelschlucht ich im Scheine des Vollmonds durchstreift habe, während die weißen Burnusse gespenstischer wallten, der schauerliche Abgrund tiefer gähnte, während die schmachtendste Sophonisbe von jenseits des Rumels vergeblich nach ihrem Massinissa seufzte, bis der greise Syphax sie wutschnaubend heimtrieb. O, ich kenne Massinissa! Aber Massinissa blieb fest. Einen vollen Monat und mehr habe ich nämlich ohne Wanken am Krankenbett eines sündhaften Geschöpfes gesessen, am Bette einer verräterischen Frau, die nur dank meiner Pflege genas und die mich nach der Gepflogenheit des Hauses Habsburg unter dem falschen Vorgeben, mein Anblick mache ihr Qual, in einem Spankorb zu ihrer Mutter expedierte, geleitet von einem Brief, daß ich niemals schlecht behandelt werden dürfte. Ich möchte den sehen, der es wagt, mich schlecht zu behandeln! Aber ich mache gern Glückliche und gönne darum der alten Dame an ihrem Lebensabend meine beglückende Nähe. Die alte Frau Gräfin sieht übrigens noch vorzüglich aus und kann sich dreist mit ihrer Tochter vergleichen, die, wie alle Sünde, schön und leidenschaftlich ist, aber nach einer langen Aussprache mit ihrem Gemahl sich zur kühlen mondaine bekehrt hat, die sie nebenbei auch immer war. Die Aussprache war derart, daß beide sehr blaß und stumm aus dem Hotelzimmer in Cannes traten, ein Zimmer, das sie zur Sicherheit vorher verriegelt und verschlossen hatten zugleich. Ich war niemals neugierig, und es kann deshalb nur einem sonderbaren Zufall zugeschrieben werden, daß die Jungfer Anna am Schlüsselloch auf der einen Seite und der Kater Carlo auf dem Fensterbalkon der andern Seite sich befunden haben sollen, wo wir auch nicht einen zusammenhängenden Satz ergattern konnten, obgleich wir auf das hingehendste horchten. Ja, diese verwünschten Doppelfenster und Doppeltüren! Ich schwelge allerdings manchmal in Erinnerungen. Ich denke an den Samum, der am Tage nach meiner Abreise heulend die Wüste durchtobte wie der Schmerzensschrei der toten Natur selbst über mein Scheiden; ich denke an den Atlas, der sich mit dicken Regenwolken umflorte vor tiefer Trauer. Ich gedenke des Mittelmeers, das blau und leise raunte in banger Klage,– es kennt jetzt meine Abneigung gegen unvernünftiges Wogen... Als ich dann glücklich an Bord des »Abdel-Kader« war und wir auf hoher See, da begann wieder jener entsetzliche Daseinsekel, der mich zu unausgesetzten Opfern an meinen olympischen Oberkollegen Poseidon veranlaßte. Die Wassergötter waren stets meine Feinde... Wenn ich so glänzend, aber ohne jede Uebertreibung erzähle – von den Pyramiden von Gizeh, von dem gewaltigen Nil, von den heiligen Katern der Urzeit, die meine direkten Ahnen sind –, dann lächelt die scheckige Portierkatze wie verzaubert. Sie ist dumm, bescheiden, über die erste Jugend hinaus. Aber sie lebt im Hause – es ist so bequem – der alternde Sultan wird sie einmal zu seiner Lieblingssklavin erkiesen. In diesem Punkte bin ich ganz Orientale geworden. Odalisten, scheckig, grau, gelb, Zoraide oder Mimili, mir ganz gleich, aber um Gottes willen keine Ehe mit Verpflichtungen und vor allem keine Frau mit einem Schlüsselbund! Zur Ehe ist ja auch in Deutschland der Mann niemals alt genug. Dabei schaue ich meine Lieblingssklavin verzehrend an wie ein Pascha, und sie neigt sich verschämt... Erst viel, viel später fällt mir dann wohl beiläufig ein, daß ich ja Aegypten nur aus den Traumoffenbarungen der heiligen Katzenahnen kenne, also niemals da war. Aber schließlich, ist es nicht größer, auf dem Wege der Offenbarung zu schauen, als mit den gemeinen irdischen Augen? Wer weiß, ob die Pyramiden, an mir gemessen, nicht doch etwas klein ausfallen, und ob meine Vorstellung vom heiligen Strome nicht wahrheitsgetreuer ist als dieser Strom selbst. Die Liebe ausgenommen, die nur in der Gegenwart schön ist, dürften alle Erlebnisse sich in der Vergangenheit vorteilhafter präsentieren. Hier bin ich eigentlich weiter nichts als ein weiser Beduinenscheich. Als solcher benehme ich mich auch: maßvoll, gedankentief, schweigsam. Die vielen im Orient verbrachten Jahre haben einen gemäßigten Fatalismus in mir zurückgelassen – und wenn ich mich durch meine Gemächer bewege, langsam, fast feierlich, nur um die orientalische Würde nicht zu gefährden, glaube ich manchmal selbst der große Kalif von Bagdad zu sein, wie er majestätisch dahinschlurfte in goldgestickten Purpurpantoffeln, auf dem Haupte den leuchtenden Turban, vor dem Leib den edelsteinblitzenden Säbel. Ja, er war gerecht und weise – und wenn er bei seinen nächtlichen Inkognitobummeln durch Bagdad einmal aus Versehen einem Unschuldigen das Haupt abgesäbelt hatte, so betrübte ihn das tief, und er ließ sofort einen Schuldigen laufen! Nicht unpolitisch: denn den Unschuldigen gehört ja der Himmel, den Schuldigen aber die Erde... Es ist übrigens merkwürdig, daß die einzige Maskerade, die mir wirklich steht, immer nur die königliche ist. Es muß doch im Blute liegen. Natürlich bin ich auch der Brennpunkt des Katzeninteresses hier. All die kleinen Mietzen, ob mit ob ohne Anhang, haben eine leidenschaftliche Passion für den »Beherrscher aller Gläubigen«, als welcher ich mich in einer zauberischen Neumondsnacht unter Beibehaltung des Beduinenscheich-Inkognitos meiner Scheckigen offenbart habe. In Frankreich Orden – in Deutschland Titel – es gibt nationale Verrücktheiten, mit denen man rechnen muß! – Und da Frauen äußerst verschwiegen, wenn der Geliebte Kunstreiter, aber rührend mitteilsam, wenn der Geliebte der Großherr selbst, so hat natürlich meine scheckige Portierunschuld allen alles gebeichtet – und noch mehr. Das war meine Absicht. In der Gesellschaft muß man scheinen – nicht sein... Der Durchschnitt stürzte von je mit Wonne Marmorbilder, streichelt aber Gipsmasken voll Sympathie, auch von je... Seitdem grüßen mich die Katzendamen höfisch tief und mit verstohlen sehnsüchtigem Augenaufschlag. Ja, Kinder, so 'ne gut dotierte Haremstelle bei Papa Sultan paßte euch wohl! Die Katzenherren verbeugen sich mit orientalischem Schick, das heißt die Vorderpfoten zu einem Salem aleikum gekreuzt, wie ich es eingeführt habe. Man erkundigt sich aufs genaueste nach meinen sonstigen Gepflogenheiten, zum Beispiel ob ich einen Tschibul rauchte oder Haschisch äße, ob Gartenvögel kalt oder warm diniert würden nach mohammedanischem Ritus, ob es höchste Orientmode sei, von gebratenen Tauben nur die Bruststücke zu genießen, wie ein junger Kater einmal bei mir zu beobachten die Ehre gehabt habe. Ich werde um Autogramme ersucht, um Haarlocken. Rosige Billetdoux um Rendezvous flattern unausgesetzt in meinen Park, zugleich mit finsteren Morddrohungen wegen gekränkter Katerehre... Ich könnte wahrhaftig ein Tenor sein mit einer Papuaperücke und dem dreigestrichenen hohen C – bekanntlich das Höchste für Liebesekstase bei Menschen – so sehr lieben mich die Frauen und so sehr hassen mich die Männer!... Meine scheckige Odaliske, die gern intrigiert und mystifiziert, hat ausgesprengt, daß Vögelfangen von der Wüstenmode gänzlich verpönt sei – Kunststück! Ich will mal den sehen, der mitten in der Wüste sich auf den Schnepfenstrich begibt; – daß ferner Mäuse nur lebendig diniert werden dürften wie Austern; – daß, daß... Die weißen Haare als Andenken rupfen wir einem Portierkaninchen aus. Die Namenszüge machen uns gleichfalls viel Scherz – Die Kleine und ich schnörkeln irgend etwas Sinnloses, was selbst von Ben Akiba nicht enträtselt werden dürfte, während es diesen Gläubigen hier als der tiefste Gedankensplitter aus Mohammeds Geiste gilt... Es ist die Geschichte jeder Mode. Wenn der König Edward sich in die sieben Gazeröckchen seiner Lieblingstänzerin kostümierte, so würde kein Dandy des Kontinents anders als in Gazeröckchen gehen. Der untere Westenknopf, den dieser Diktator der Mode nur wegen beginnender Fettleibigkeit offen läßt, wird voll Andacht auch von den skelettiertesten Salonlöwen offen gelassen. Warum auch nicht? Affen sind auch Menschen!... Wir amüsieren uns wie gesagt köstlich. Und Mietze, die ein wenig die Scheu vor meinem Kalifat verliert, weil ich mich zu Hause gern als gemütlicher Sultan mit Schlafrock und Pantoffeln gebe, proponierte mir neulich, daß ich doch mal als höchste Modetorheit der Sahara ausposaunen solle, daß nur ein toter Kater ein wahrhaft schicker Kater sei. Sie fügte etwas dreist hinzu: »Dickerchen, das wäre nicht schlecht, wenn sich die ganze Gesellschaft gegenseitig massakrierte, dann gehörten uns sämtliche Gartenvögel und du dürftest wenigstens von unten zusehen, wie ich sie mir oben fange. Wenn ich satt bin, kriegst du auch einen, mein Alter!« Darauf antwortete ich sehr von oben herab: »Liebes Kind, du wirst dreist. Ich werde dir wohl eine seidene Schnur zum Geburtstag schenken müssen. Im übrigen sind Katzen keine Menschen. Nur Menschen dürften deinem Vorschlag zugängig sein. Denn die Menschheit liebt nun einmal den Blödsinn um seiner selbst willen.« Darauf begab ich mich an mein philosophisches Werk. Bis hierher habe ich mich geschickt um die Tatsache herumgedrückt, daß ich doch ein wenig älter geworden bin in der Zeit. Andern Sand in die Augen streuen – sehr mein Fall. Aber warum soll ich eigentlich dieses Manöver vor mir selbst produzieren?! Ja, Carlo ist in der Tat in jenes beschauliche Alter gekommen, das die Menschen nach dem Jenseits, die Kater nach dem Nirwana schielen läßt... Man lächelt über Kindertorheiten, man verachtet Leidenschaften, man hegt einen hüstelnden Haß gegen alle sündhaften Triebe. Aus Erkenntnis? – O nein, aus Notwendigkeit! Ich sehe auch gar nicht ein, wie z.B. eine Achtzigjährige anders als tugendhaft sein könnte. Nur der Magen, der vielleicht in der leichtsinnigen Jugend weniger strapaziert worden ist als das Herz, muß jetzt für alle Sünden der übrigen Glieder büßen. Gerade alte Menschen leisten nächst der Heiligkeit im Essen das meiste. Und wer in Sommerfrischen alte Damen beobachtet, der wird finden, daß sie mit der sanften Klage über Appetitlosigkeit einen wahren Wolfshunger verbinden – und wenn ihnen abends Hummern verboten sind, so essen sie gerade Hummern. Mir kam's immer vor, als wollten sie sich instinktiv an ihrer eignen Tugendseligkeit rächen. Alte Damen tragen häufig Brillen und sehen infolgedessen nur was sie wollen, auch bei Tisch! Freilich, alte Junggesellen gerieren sich gar nicht heilig, erzählen schauderhafte Geschichten und nehmen, was noch vom Leben zu nehmen ist; die guten Ehemänner sitzen wehmütig dabei und könnten auch Lästerliches erzählen und erzählten's sehr gern, aber Madame Xanthippe erlaubt nicht. Zu diesen Alten gehöre ich natürlich nicht! Ich zähle, nach Menschenjahren gerechnet, ungefähr fünfundfünfzig Lenze, sogenannte »beste« Jahre, die je nach der Witwe, die einen zu ehelichen gedenkt, auch bis an die Siebzig dauern können... Ich mache noch immer die sorgfältigste Toilette, vielleicht sorgfältiger als früher, jedoch die Leutnantstaille hat sich empfohlen, und meine Figur ist die eines wohlkonservierten Stabsoffiziers, der sich nach dem Manöver bestimmt einen Regenschirm zu kaufen gedenkt. Zur Zierde des älteren Gentlemans, dem bewährten Bauch, gehört natürlich auch eine bewährte Moral, zur bewährten Moral wiederum ein festes Heim, und so bin ich eigentlich zur Tugend gekommen, wie andre zur Sünde. Wenn ich eine Nachtigall sehe, erfreue ich mich herzlich an ihrem Gesang – und bleibe unten. Die Krallen wollen nicht mehr, wie ich will. Und wenn ein Krammetsvogel serviert wird, so halte ich mich an die saftigen Teile und erkläre Knochendiners für eine Barbarei – die Angst um meine Zähne ist die Mutter dieser Mäßigung. Wenn ich die nächtlichen Liebespfade meide und mir lieber daheim von einer Zuleika den Hals krauen lasse, so bin ich eben durch die Erfahrungen meiner letzten Brautschaft gewitzigt. Es war, wie gesagt, eine allerliebste kleine Kanaille, die mich so entzückte, daß ich sie reell zu ehelichen gedachte, ganz ohne Nebengedanken, nur weil sie jung und ich alt war – und ich hätte sie geehelicht! – Aber auch Katzenjungfrauen gehen lieber mit dem leichtfüßigsten Leutnant durch, als daß sie den knickebeinigsten General heiraten. Das ist so der Lauf der Welt. Der knickebeinigste General bin ich natürlich nicht! – Da ich nicht der Auserwählte war von wegen vorgerückten Alters, habe ich die kleine Kanaille für ein ganz verworfenes Geschöpf erklärt, das öffentlich gestäupt werden müßte – und alle alten Kater, die gleichfalls vergeblich heisere Minnegesänge zu dem Dachfirst hinaufgesandt hatten, stimmten mir bei. So habe ich mich denn auf mein Altenteil zurückgesetzt, ohne im übrigen irgend etwas verreden zu wollen. In unserm Katzenkalender gibt es nämlich zweimal Mai alljährlich... Aber ich sehe doch mit ziemlicher Gewißheit voraus, daß ich mich definitiv auf Tugend und Sitte werde zurückziehen müssen. Das Alter hat schließlich auch seine Meriten: den großen Blick, der über ganze Epochen und Kontinente hinwegschaut, sanft vereint mit der herzlichen Freude am kleinen Klatsch. Auch die ältesten Könige der Menschen hören in den Pausen ihres glorreichen Tagewerks gern, wie der Flügeladjutant über das leichtgeschürzte Corps-de-ballet denkt... Der Geist muß eben Balance halten. Und wenn man ihn auf der einen Seite für ganz besonders groß hält, muß man ihm auf der andern Seite das ganz besonders Kleine zugestehen. Ich bin ja auch heute noch ein großer Kalif, und mein staatsmännischer Blick überschaut die ganze Sahara. Ja, groß bist du noch, Carlo, überlebensgroß! Und da höre ich den Diener mit dem silbernen Kaffeeservice für die Gräfin über den Teppich schleichen. Ich denke an die fette gelbe Sahne, und sofort bin ich wieder echt königlich klein. Herbst. Und wenn ich ein Tagebuch beginne, so ist es nur recht und billig, daß es im Herbst geschieht. Ich bin über sechzig Jahre. Nicht, daß ich mich irgendwie alt fühlte, weder körperlich noch geistig, aber ich bin's nun doch einmal. Daran ändert auch nichts, daß mir der Spiegel und die Menschen immer schmeichelnd wiederholen: ›Was ist doch die Gräfin Angern noch hübsch und jugendlich!‹ Ich hör's gern, und hör's doch wiederum nicht gern. Frauen, die sich so merkwürdig konservieren, haben entweder nie etwas erlebt oder haben's nie erleben können. Das ist gar kein Ruhm. Ich aber habe das Meinige erlebt!... Wenn alle Menschen, selbst mein Kind, wähnen, daß dies Herz nie den fündigen Schlag, dies Auge nie die bittere Reueträne gekannt hat, so muß ich wehmütig lächeln. Ich war doch auch mal jung! Ich habe geliebt, gesündigt, gekämpft. Und wenn ich heute sagen darf, daß dies alles weggespült ist durch Jahre stummer Buße, wenn ich wieder rein dastehe vor mir selbst, so ist dies nicht das Verdienst einer starken, entschlossenen Natur, sondern vielmehr das einer ängstlichen, gut gearteten, die sich an das festklammerte, was ihr Herz durfte, nicht an das, was es vielleicht mußte. Aus dem Holze schnitzt man keine Helden. Ich habe auch nie einer sein wollen. Und wenn andre immer wieder versuchten, durch Fels und Busch auf die Höhe zu dringen, so habe ich die gegebene Straße vorgezogen, wohl in dem richtigen Gefühl, daß Weg und Steg dazu da sind, daß man auf ihnen wandelt. Nach einem kurzen Irrpfad habe ich mich selbst so erzogen und meine Tochter so erzogen. Es ist das richtige! Alle Höhenmenschen sind tragische Gestalten. Und ich möchte die Mutter sehen, die wünschte, daß ihre Tochter einmal tragisch endet!... Doch davon nun genug. Vor einem Jahre habe ich mir diese Villa gebaut, die der Architekt prunkender herstellte, als mir eigentlich lieb war. Ich hänge nicht am Luxus. Er ist immer und mit Recht ein Stein des Anstoßes für alle diejenigen, die ihn auch gern haben möchten und doch nicht haben können. Ich bin, was man reich nennt, und das ist wahrlich kein Verdienst! Ich verbrauche niemals die Zinsen meines Vermögens. Dennoch scheinen die fünf Dienstboten, die ich aus alter Gewohnheit auch für mich allein bedarf, gewiß manchem eine sündhafte Anmaßung. Die Annehmlichkeit, diese Leute zu haben, empfinde ich kaum mehr, während ich ihr Fehlen natürlich schwer empfinden würde... Und der Arme wähnt nun, daß Reichtum an und für sich schon Glück sei, obgleich er doch nur eine goldene Fessel ist. Die Zinsen, die ich erspare, sammle ich voll heimlicher Hoffnung und freudigen Herzklopfens für meinen Enkel oder meine Enkelin, die sich aber viel weniger nach einer Großmutter zu sehnen scheinen, als die Großmutter nach ihnen. Ach, wie wollte ich sie lieb haben! Nächstens werde ich wohl die Hoffnung auf diese schönste Freude des Alters aufgeben müssen. Josefa ist nun über fünf Jahre, und wie ich glaube, glücklich verheiratet, aber auf alle mündlichen oder schriftlichen Andeutungen hat sie mir entweder gar nicht oder ausweichend erwidert. Dies ist der Punkt, wo ich meine geliebte Tochter nicht begreifen kann... Es sind eben andre Zeiten! Schmerzlich fühle ich's dennoch... Ja, das Glück durch den Reichtum hat auch seine Grenzen! Wenn ich meinen Kindern gesagt habe, daß das Leben auf dem Lande in dem alten großen Schlosse mir mit der Zeit doch zu einsam sei – daher die Villenidee –, so war es wohl viel mehr noch der Nebengedanke, daß ein so schöner alter Besitz wie diese Herrschaft doch weit eher bestimmt sei für ein junges frisches Ehepaar mit jungen frischen Kindern. Wenn Peter als Rittmeister quittierte, wie es mein Mann ja auch tat, wie lebendig könnte es dann in diesem Familienschlosse zugehen, und wie gern würde ich dann bei meinen Lieben weilen, als ein bescheidener glücklicher Gast!... Es war eine sanfte Beschwörung des Schicksals, als ich hierher ging. Vielleicht läßt sich das Schicksal noch erbitten. Es ließ sich ja auch bei mir erbitten nach mehr als zehnjähriger Ehe... Ach, Kind, wenn du wüßtest, wie du ersehnt, erhofft, dem Himmel abgerungen bist! Wie habe ich dein Kommen mit köstlichem Bangen gespürt, wie habe ich dich mit Freudentränen begrüßt auf der Welt! Niemand, dein Vater zuletzt, ahnte, daß eine Sklavin des Vergangenen zum erstenmal frei wieder aufgeatmet hat bei deinem ersten Lallen. So viel Jahre des dumpfen Vorwurfs ausgelöscht durch dein erstes Lächeln! Und wie habe ich Tag und Nacht an deinem Bette gebetet, daß alles Kleine und Schwache in mir sich in dir wandeln möge zum Großen und Starken... O, ich weiß, warum ich Gott so bat! Wenn nur das heißeste Gebet zum Thron des Höchsten steigt – ich habe es gebetet. Ich bin innerlich ganz frei geworden in diesem Gebet. Ja, eine Stimme schien mir zu antworten: ›Dein Wunsch wird sich erfüllen. Wenn du eine schwere Sünde tatst, deine Liebe wird sie wegwaschen. Wenn ein leidenschaftliches Herz von dir mit heißer Verwünschung schied, dein Kind wird diesen Fluch sühnen.‹ Und von Stund' an ist der Egoismus von mir abgefallen, die Eitelkeit wie ein schlechtes Kleid. Ich habe in diesem Kinde gelebt, wie dieses Kind einst in mir. Ich bin Mutter geworden, nur Mutter! Alles hat sich durch dieses Kind geläutert. Mein Mann starb – ich habe ihn ehrlich betrauert. Ein andrer Mann ist verschollen – ich habe seiner in Freundschaft gedacht... Ich habe über meinem Kinde gewacht, über seiner kleinsten Herzensregung. Ich habe mich gefreut, wie nur eine Mutter sich freuen kann, daß ein guter Mensch erwuchs, schöner als ich, heißblütiger als ich – mein Ebenbild und doch ganz gewiß nicht mein Ebenbild! Ich habe diesem Kinde jeden Stein aus dem Weg geräumt, habe alles Böse von ihm ferngehalten, soweit ich's vermochte; ich habe sie verheiratet bei der ersten reinen Herzensregung, nachdem ich sie sanft bekehrt hatte von einem Backfischwahn, – ich habe nur das Gute gewollt für sie. Von einem Knaben würde ich vielleicht gesagt haben: ›Nur im Sturme bewährt sich der Mann,‹ obgleich ich nie den Sturm geliebt habe. Von einem Mädchen sage ich: ›Die Blüte entfaltet sich am vollsten im ruhigen Licht,‹ obgleich gerade sie immer den Sturm geliebt hat. Ich bin auch gar nicht gekränkt oder böse, daß im Laufe ihrer Ehe sie sich von mir abgewandt zu haben scheint. Die Frau, die den Mann liebt, gehört dem Mann, der die Frau liebt... Ach, wenn sie nur glücklich sind! Ich möchte gewiß ihr ganzes Kindervertrauen wieder besitzen. Da ich's nicht mehr habe, muß ich doch vernünftig sein. Das Alter versteht die Jugend wohl niemals mehr recht. Und nun gar die Jugend von heute! Da heißt's immer nur Kampf und wieder Kampf! Wie's in dem Punkte bei Josefa aussieht, weiß ich nicht. Sie schreibt regelmäßig, aber es sind so andre Briefe! Sie besucht mich wohl auch, aber es sind so kurze Besuche. Seit den zwei Jahren, wo sie in Afrika war – ich kann mich ja irren –, aber sie ist nicht mehr die alte. Sie stehen jetzt in Hannover. Die Rennreiterei ist wieder im vollsten Gang. In der Sportwelt der Lasowitzsche Stall an erster Stelle... Ich war mal drüben bei ihnen, aber mir war gar nicht, als wenn ich zu meinen Kindern kam. Peter reiste gleich in der ersten Nacht nach Iffezheim; Josefa ging zu irgendeiner Fürstlichkeit zum afternoon-tea . Immer Gesellschaft und Jagden! Beide reiten so hardi , als wenn das Leben nur dazu da wäre, riskiert zu werden. Ich wurde ohnmächtig, als Josefa vor meinen Augen ein sogenanntes grobes Hindernis sprang und über das stürzende Pferd weit wegflog. Es war ihr nichts geschehen, sie bemühte sich im Gegenteil rührend um mich, aber als ich sie bat, doch nie wieder so töricht zu sein, da zuckte sie nur die Achseln und sagte: »Mama, das kann ich dir nicht versprechen. Es stirbt sich übrigens nicht so leicht. Sieht alles nur so aus.« Sie ist so elegant und so exklusiv. Ob sie's freut, weiß ich nicht. Ja, ich hatte wohl die Empfindung, daß sich eine merkwürdig gleichgültige Natur entwickelt, der der Reichtum so wenig Freude macht, als andern die Armut Sorge. Dabei versichert sie mir ernsthaft, daß sie zufrieden sei und ihre Ehe glücklich... Leute, die so viel vorhaben, eigentlich nie allein sind, die können doch nicht glücklich sein! Aber sie sind's, sie sind's ganz gewiß! Ich allein sehe Unglück, weil ich von meinem Kinde so wenig habe. Sie sind eben Gesellschaftsmenschen, sie sollen's ja auch sein, – aber wenn sich's so jagt und hastet alles, daß sie immer todmüde heimkommen müssen, solche Menschen sind eben schlechterdings nicht mehr sie selbst. Bei Leuten, die keine Kinder haben, aber Zeit und viel Geld, da kann's nicht anders kommen. Sie können nicht immer traulich beieinander sitzen wie Turteltauben! Ich selbst kann doch ein Lied von einer kühlen Vernunftehe am Berliner Hofe singen... Freilich für mein Kind habe ich eine reine Liebesehe erhofft. Dann wird mir manchmal angst! Es überläuft mich siedend heiß, ich frage mich: ›Hast du denn auch das Richtige getroffen mit deiner Erziehung? Denn schließlich hast du ihr doch den Mann ausgesucht, weil er dir gefiel, weil er ihr gefiel, weil sie sich gefielen, und als sie aus dieser Verlobung mit aller Gewalt herauswollte, da hast du sie nicht gelassen‹... Aber die beiden paßten doch nun einmal zusammen, während die beiden andern nie zusammengepaßt hätten! Und dann werde ich wieder vernünftig, sage mir: ›Sie lieben sich, wie sie sich immer liebten, aber das Kind fehlt. Es ist nur das Kind, was sie zum vollen Glücke noch brauchen.‹ Warum haben sie das Kind nicht? Es sind junge, hübsche Menschen. Aber woran's auch liegt, es muß reparabel sein!... Josefa schreibt mir, daß sie ihren Herbsturlaub in Biarritz verbringen möchten. Nun, dann gehen sie einfach nicht hin oder er allein! Ich muß mit Josefa vernünftig reden, wenn sie auch nicht will. Das Sanatorium hier hat schon Wunder über Wunder getan. Darum mögen's die Aerzte nicht. Ich würde mich auch so kindisch freuen, wenn sie käme und wenn's zum guten Ende käme. Aber ich werde vorsichtig schreiben, sehr vorsichtig. Ach, vielleicht danken mir schon übers Jahr mit Freudentränen die beiden ihr verjüngtes Glück! Ich glaube nicht, daß sie kommt. Sie liebt ja nur Luxusbäder, aber schon der Gedanke, daß sie vielleicht doch kommen könnte, regt mich an. Sie kann bei mir wohnen. Es sind keine fünf Minuten bis zum Sanatorium. Ich lasse das Loggiazimmer im ersten Stock für sie als Boudoir einrichten, das Schlafzimmer daneben. Ich habe ihre ganze Einrichtung aus der Mädchenzeit mit hierhergenommen. Die soll sie nun hier bis aufs kleinste wiederfinden. Es fehlt nichts, nichts, nicht mal der erste törichte Malversuch hinter Glas und Rahmen. Ob sie's freut? Es muß sie freuen! Sie ist ja meine Tochter... Und wir lieben doch schließlich alle unsre Kindererinnerungen! Ich kann mir schon alles vorstellen. Wenn ich sie dann frühmorgens selbst wecke, auf dem gleichen Bettrand plaudernd sitze, auf dem ich jeden Morgen gesessen habe seit ihrer Einsegnung. Sie war immer so stürmisch und zog mich lachend in die Kissen, um mir lachend die Haarfrisur dort noch mehr zu verderben. Was war sie hübsch, was war sie jung! Wie glücklich mußte sie doch den Mann machen, der sie einst liebte und den sie wiederlieben würde... Ich bin bei jedem Stück dabei, was der Tischler rückt. Genau an der Stelle stand auch zu Haus ihr Schreibtisch, sie schaute träumend hinaus ins Grüne. Sie liebte die alten, großen Parkbäume so sehr, die ihr das Fenster beschatteten. Und wenn bei Wind ein Zweig an die Scheiben pochte, da pochte sie wieder und winkte. Hier muß sie sich schon an das bunte Herbstlaub gewöhnen, an dies stumme, feuchte Siechen der Natur. Aber wenn die Sonne erst durch diesen bronzeflammenden Fasching lacht, die ganze Dresdener Heide ein leuchtendes, lächelndes, gaukelndes Farbenmeer; oder wenn der Sturm die Blätter zaust und alles wallt und wirbelt wie der letzte törichte Faschingstanz vor dem Aschermittwoch, da werden die schönen hellen Augen sich wieder wärmen an dem Bild. Sie wird denken: ›Es ist doch eine Lust, wieder einmal daheim zu sein bei seiner lieben alten Mutter.‹ Und wenn sie morgens beim Aufstehen aus ihrem Schlafzimmer auf Dresden hinabblickt, wenn so taufrisch das ganze Elbtal glänzt, oder abends beim Zubettegehen, wenn das Lichtmeer aus dem Tal hinaufflackert, flimmert, so lustig, so lockend, und dazwischen der Stromspiegel aufblinkt, trübe, geheimnisvoll, die Schiffe mit ihren Signallaternen düster, unbeweglich, wie große Gespenster über dem Wasser... Ich freue mich schon heute so mit ihr. Ich schleiche oft allein hinauf, betaste die Chaiselonguekissen, die Nippes, selbst die roten zierlichen Saffianpantoffeln vor dem Bett. Ich habe alles treu bewahrt, und alles strömt für mich den wundervollen Duft ihrer keuschen Jugend noch heut aus ... Und wenn sie nun nicht kommt? Oder nur auf einen Tag? Wenn sie ihre eigne Jugend nicht mehr versteht? Das wird sie mir nicht antun! Sie ist doch mein Kind, mein einziges Kind... Ach, wenn sie doch käme! Ich würde auch wieder den Weg finden zu ihrem Herzen, das rührende Kindervertrauen, das ich bewußt niemals mißbraucht habe. Ich werde dabei so weich, so gerührt im Mutterherzen, die Tränen, die ich vor Menschen nie weinen würde, hier fließen sie von selbst. Ich wehre ihnen nicht. Es sind ja wehmütige Freudentränen! Ich bin überhaupt eine weiche Natur, die immer lieber den Stoß aushielt, als ihn zu erwidern. So war sie auch, meine Josefa. Aber wie ist sie jetzt? Und da kommen die Gespenster... Es ist spät abends und herbstlich kühl und dunkel hier oben. Ich sehe durch die Dämmerung die unsicheren Umrisse einer hohen Gestalt vor mir stehen, nur die heißen Augen blitzen durch jede Nacht. Ich höre mich wieder sagen: ›Josef, laß mich! Ich habe dich lieb, und das muß dir genügen. Aber es muß auch mit heut zu Ende sein – es muß! Ich bleibe, wo ich bin.‹ Ich sehe deutlich, wie sich der Schatten durch die Dämmerung entfernt ohne Abschied, auf dem weichen Teppich der Stahlsporn leise klirrt von dem leichten, elastischen Männerschritt – Da sprang ich auf und eilte ihm nach und mußte ihm sagen: »Gott segne dich zum letztenmal, Josef!« Und noch heut spüre ich, wie eine harte Reiterhand mir das Handgelenk packt und mich zurückstößt, daß ich taumle, eine haßerfüllte Stimme zischt: »Gott segne mich? Nun, dich segne der Teufel!... Habe übrigens keine Angst! Ich werde bald heiraten, und wenn ich einen Sohn haben sollte, so will ich ihn auch dem Satan geloben. Ihr habt kein Herz, darum habt ihr auch keinen Mut! Und dieser Sohn soll mich rächen an euch allen, an euch allen – aber vor allem an dir! Das ist mein letztes Wort. Und wenn's einen Teufel gibt, so soll der mich hören und führen. Ich will lieber in feine heiße Hölle, als in euren lauen Himmel!« Ich wankte zurück auf meinen Stuhl, ich hielt die Hände vor die Augen, in den Ohren brauste es mir von dem Schrecklichen, was ich gehört. Er hat mir damals den Abschied leicht gemacht. Wer so scheidet, der hat nie geliebt! Ich aber hatte gehandelt, wie ich handeln mußte. Ich liebte meinen Mann nicht, aber gerade darum mußte ich bleiben. Und das Leben hat mir recht gegeben. Ich taugte weder zur Geliebten noch zur durchgegangenen Frau. Da er das eine oder andre bis zur letzten Konsequenz verlangte, mußte ich ihn gehen lassen, so sehr ich ihn auch liebte. Die Starken mögen sagen: ›Ich stehe, wo ich will!‹ Die Schwachen müssen sich klar machen, daß sie da bleiben müssen, wo sie hingestellt sind. Und Gott hat mir diese scheinbare Schwäche in meiner Tochter gesegnet! Doch ist die Macht der Erinnerung heute so groß, daß ich wie damals, vor mehr als vierzig Jahren, vorsichtig, mit verhaltenem Atem, ans Fenster trete, als wäre es damals. Unten: etwas Dunkles wie geballt, es sind wohl meine Leute, die schwätzen. Ein müder Herbstwind weht. Damals freilich war's ein Orkan, der die besten Parkbäume knickte. Und wie damals schaue ich ängstlich hinab. Mir ist fast, als hörte ich wieder den Sturm rasen und die Stämme stöhnen. Ein Pferd tänzelte. Zwei Menschen sprachen. Einer in Zivil, der andre im Uniformmantel, den Kragen hochgeschlagen. Mein Mann, der wohl eben von der Jagd zurückgekommen sein mochte, sagte: »Aber, lieber Graf ....« Den Namen trug der Wind hinweg, und er soll ihn weggetragen haben für alle Zeiten! »Sie können bei dem Wetter nicht reiten! Sie werden entweder im Wald draußen von den Bäumen erschlagen, oder der Sturm weht Sie mitsamt dem Gaul die Schlucht hinab. Bleiben Sie doch zur Nacht!« Und eine harte, höhnische Stimme antwortete darauf: »Was die Garde nicht durchdrückt, das drückt die Linie noch allemal durch. Wir sind alte Reiter, und wen der Teufel holen soll, den holt er auch ohne Gebet.« Dann sitzt er auf. Die junge englische Stute schnaubt und windet sich und will nicht vorwärts unter dem Schenkel. Darauf ein verbissener Fluch, die Rennpeitsche zuckt, das Pferd steigt und will sich überschlagen. Darauf wieder mein Mann: »Aber so bleiben Sie doch!« – »Nein, Angern, ich bleibe nicht!« Und dann höre ich nur noch, wie der Sturm heult und wie die Kiesel knirschen. Mein Mann fragte mich später verwundert: »Hatte der eigentlich was getrunken? Aber ein ganz toller Reiter ist er doch!« Was weiter kam, weiß ich nicht. Ich hab's auch nie wissen wollen. Er soll später mit meinem Manne irgendwo eine Aussprache gehabt haben. Worüber, weiß ich nicht. Sie fand in Berlin statt, und er nahm gleich darauf seinen Abschied. In der Zeit war auch mein Mann eigentümlich. Sonst habe ich niemals wieder von ihm oder über ihn gehört. Diejenigen, bei denen ich mich viele Jahre später erkundigte, antworteten mir: »Er war schon in den letzten Monaten unerträglich. Jedenfalls ist er verschollen.« Tot für mein Gefühl war er schon längst ... Diese Erinnerung, die selten so unerbittlich klar vor meine Seele getreten ist, hatte mich doch sehr aufgeregt. Es war alles so unnatürlich lebend, daß ich wie damals auf Zehen hinunterschlich, um meinem Manne nicht zu begegnen, und im Stall nachzusehen, ob vielleicht der Reiter doch zurückgekehrt sei. Ich ging wirklich hinunter in den Stall, natürlich ohne zu wissen, was ich eigentlich wollte. Als mich der Kutscher, der mich wohl zum erstenmal da nächtlich gesehen hat, etwas merkwürdig anstarrte, fiel mir zum Glück ein, daß Josefa vielleicht Reitpferde mitbringen könnte und deshalb zwei Boxen wieder eingerichtet werden müßten. Seltsamerweise hatte es draußen wirklich zu stürmen angefangen. Das Klappern der Droschkenpferde auf der nahen Chaussee klang eigentümlich verschwommen, wie jener Hufschlag damals. Wir können doch nicht von unsern Erinnerungen. An dem Abend hatte ich noch eine große Freude: Josefa kommt, und zwar allein! Auf wie lange stand in dem Telegramm nicht. Ich habe das Jahr hier oben ziemlich einsam gelebt. Ein paar alte Beziehungen zur hiesigen Hofgesellschaft wurden zwar wieder angeknüpft – ich habe ja doch meinen ersten Ballwinter hier erlebt. Aber die Leute sind auch älter geworden, viel älter, und gerade die Jugendbekannten, auf die ich mich vielleicht gefreut hatte, waren mir innerlich völlig fremd. Die Frauen mögen mich vielleicht darum beneiden, daß ich immer zehn Jahre jünger taxiert werde, als ich bin. Ich färbe mich ja nicht, ich gebe mir keine jugendlichen Airs. Oder hat mich der Reichtum manchem entfremdet, der Reichtum, der mir von Jahr zu Jahr reichlicher zugeflossen ist? Meine Verwandten starben alle, und alle ohne Erben. Ist das Geschlecht verbraucht? Ich jedenfalls bin es nicht! Nur vor dem vielen Gelde habe ich ein gewisses Grauen zuweilen. Warum fließt's immer mir nur zu, die ich schon übergenug habe? Ja, wenn Josefa Kinder hätte! Aber so ist dieser goldene Regen nur eine lächelnde Ironie. Warum strömt er nicht zu jenen, die ihn so heiß ersehnen, ihn so bitter nötig brauchten? Aber was mir fehlt, das haben die wieder in Ueberfülle. Ich habe jetzt wieder Josefas wegen einige Besuche gemacht. Sie braucht Welt – sie soll sie haben! Besonders abgesehen habe ich's dabei auf eine Prinzessin Wechtenfeld, die jung und elegant ist, dabei überglückliche Mutter. Außerdem – noch eine Gundingen, die aber kaum mehr mit mir verwandt ist, Sächsin, in der Luft dieses altväterischen Königshofes groß geworden, welche Luft mir eigentlich auch immer lieber gewesen ist als das kalt-vornehme, aber mindestens ebenso klätschige Hof-Berlin. Jeder steigt hier wie dort auf die Schulter des andern, nicht um zu sehen, sondern um gesehen zu werden. Bei Lichte besehen ist auch der größte Hof erschrecklich klein. Mein Mann, der eine Zeitlang diensttuender Kammer- Herr war, sagte später oft: »Wenn eine Majestät niest, fällt die ganze Bande voll Ehrfurcht auf den Rücken, aber bei den größten Fêten habe ich mich manchmal nach einem Stück Wurst aus der Regimentskantine gesehnt. Ist man nun glücklich 'raus aus dem ganzen Unsinn und möchte mal so ganz frei aufatmen – da geht's nicht, geht absolut nicht! Hofluft ist miserabel, aber man muß sie haben.« Es war kurz vor seinem Tode. Es lag auch nicht an der Luft, es lag an seinen Lungen, daß er nicht mehr frei aufatmen konnte... . Jedenfalls erinnerte mich die junge Gräfin Gundingen, die ein ganz unverfälschtes Sächsisch spricht, an den alten Geheimen Kommissionsrat, der mir, wie die meisten Menschen, sympathisch war, aber von Josefa erbarmungslos durch die Zähne gezogen wurde. Jener ganze verregnete Gardafrühling wurde mir wieder lebendig. Vielleicht ist der eine oder der andre von jener Gesellschaft durchs Schicksal auch hierher verschlagen. Meine Tochter könnte dann in Erinnerungen schwelgen, was immer wohltut. Nur diesen Rin möchte ich nicht! Es war zwar nur ein Strohfeuer, dessen sich Josefa sicher heute schämt, und jedenfalls nur ein schönes Mitleid mit dem seltsamen Toren hatte sie damals veranlaßt, seinen Vornamen dem leider, leider toten Sohne zu geben. Andre tun's auch. Und bei allen heißt's: »Es ist zu Ende, absolut zu Ende, mein Freund!« Aber es ist ein Mensch, der mir immer unheimlich war. Ich habe gar kein physiognomisches Gedächtnis, aber ihn sehe ich immer genau: nicht hübsch, aber schön gewachsen und sehr Mann. Schon jemand, der so unbedingt seine eignen Wege geht und selbst, wenn er lächerlich wird, nicht lächerlich ist. Das sind gefährliche Leute. Es gibt ihrer nicht viele. Ich mag mich wohl, ohne es zu wollen, am Klang des Namens gestoßen haben. Obgleich sein Gesicht keinen Zug zeigt, der mich auf Gedanken bringen könnte, ist es mir dennoch eigentümlich bekannt. Es zieht an, es stößt ab. Ich hatte bei diesem Gesicht immer eine Art Angstgefühl, – daher war ich als echte Frau besonders liebenswürdig gegen ihn. Anständig war bei ihm jedenfalls, daß er auch nie den geringsten Annäherungsversuch späterhin gemacht hat. So habe ich mir denn das Dresdener Adreßbuch und die Kurliste aus dem Sanatorium kommen lassen. Und siehe da! Jeanette Quedenberg mit ihrem Mann wohnt kaum eine Viertelstunde von mir. Sie haben auch eine Villa, beinahe ein Schloß, ich kann den Turm von meinem Garten aus sehen. Das Fräulein von Ingen, die Komissionsratsnichte, ist sogar in dem Sanatorium, wie es scheint ohne ihren Onkel, was mir für Deutschland auch lieber ist. Ich werde beide aufsuchen Josefas wegen. Zuerst war ich bei der Ingen, weil das nur ein paar Schritte sind. Sie wohnt sehr einfach, fast unter dem Dach, in einer der Sanatoriumsvillen, und ich habe darum die wunderhübsche Aussicht über Dresden ganz besonders bewundert. Sie empfing mich, fast geniert über so hohen Besuch, – ein bißchen sehr Juno, sonst hübsch und liebenswürdig. Vom Onkel Kommissionsrat nur ein paar ganz flüchtige Worte, offenbar ist da etwas nicht in Ordnung. Als sie warm geworden war, was mir gegenüber, wenn ich will, der Jugend sehr leicht wird, das Geständnis, daß sie verlobt sei, glücklich verlobt seit mehr als zwei Jahren mit einem Architekten, der nichts hat – sie wahrscheinlich noch weniger. Aber sie war so glücklich! Das Mädchen dürfte vor Josefas Augen kaum Gnade finden – sie kann's ja auch eigentlich gar nicht –, denn das ist doch eine ganz andre Gesellschaftssphäre offenbar! Am Ende wurde mir dieser Besuch fast leid. Es ist ja gewiß hübsch, und sie hatte dabei so warme Augen, als sie mir beim Abschied sagte: »Ja, Frau Gräfin, wenn ich das ein Jahr früher geahnt hätte, daß Sie sich hier oben eine Prachtvilla bauen wollten, ich wäre sicher betteln gekommen! Mein Bräutigam hätte es wohl ebenso hübsch gebaut, vielleicht noch hübscher – verzeihen Sie, Frau Gräfin, es ist ja auch so wunderhübsch –, aber für uns wäre es ein großes Glück gewesen. Seit zwei Jahren sparen all die reichen Leute so sehr.« Dieser etwas dringliche Herzenswunsch war mir peinlich in der Seele des Mädchens. Die Leute kommen doch rasch 'runter. Obgleich ich nun gar keine Vereinsdame bin, doch unter der Hand viel und gern gebe, so habe ich nachträglich auch an das Mädchen geschrieben und ihr eine größere Summe zur Verfügung gestellt. Sie machte mir einige Tage später ihren Gegenbesuch. Mein Anerbieten lehnte sie ohne Empfindlichkeit dankbar ab. Dafür erzählte sie mir, daß ihr Bräutigam gerade jetzt in Geschäften in Hannover gewesen sei und sehr viel von der schönen und vornehmen Frau von Lasowitz gehört habe. Für diese Nachricht bin ich ihr herzlich dankbar. Mütter hören immer wieder gern auch von Fremden, daß ihre Töchter schön und vornehm sind, obgleich sie das aus besserer Quelle schon längst wissen. Auf Quedenbergs bin ich neugierig. Ich war bei Quedenbergs. Ja, was sind das für Leute eigentlich? Ich bin doch auch von Herzen fromm. Aber diese Menschen werden ja dem Herrgott lästig mit ihrer Frömmelei. Frömmelei! Ich finde keinen andern Ausdruck. Der Diener kohlschwarz, die Jungfer kohlschwarz, im Vestibül Kirchengerüche. Alles von einer schweren, düsteren Pracht. Er paßt nun schon gar nicht hinein, der arme blonde Tropf, der jetzt seine Tage pedantisch zwischen Lackschuhpromenaden und Wappensammeln teilt. Aber sie paßt hinein – beinahe zu sehr! Gott will doch warme, vertrauende Herzen, die bußfertig vor ihm knien. Die Frau mag oft knien, vielleicht zu viel, aber sie ist doch eine kalte, hoffärtige Pharisäerin, die in eine finstere Inquisitionepoche weit eher paßt als in unser helles Luthertum. Sie muß nach meinem Kalkül Mitte Dreißig sein und hat sich innerlich sehr, äußerlich kaum verändert. Das blonde Gesicht schärfer, die blauen Augen härter, die kleine Hand, die sich wohl kaum der zahllosen Ringe erinnert, die sie einst schmückten, sehr energisch. Mir ging von ihr ein Hauch strenger Klösterlichkeit aus, der mich beengte. Sie war sehr höflich, aber sehr kühl, was sie ja beides eigentlich immer war. Sie ist ganz große Vereinspräsidentin, wie natürlich und dementsprechend auch die Gesellschaft, die ich traf. Eine Stiftsoberin aus Holstein mit dem goldenen Ordenskreuz, ein massives, aber sympathisches Gesicht; ein ungelenk dienernder Kollektenmann mit einem Aktenfaszikel und fettglänzenden Ellbogen. Außerdem noch eine wohl nicht ganz reinblütige Gräfin; sehr scharfgeschnittene Züge, hinter der Brille zwei graue Augen, halb fanatische Nächstenliebe, halb weltfremde Zerstreutheit. Später habe ich erfahren, daß sie der Schrecken der Aerzte und das Kreuz der Pastoren ist. Sie besucht mit rührender Hingabe Arme und Kranke aller Sorten, verteilt Geld, verbindet Wunden, singt Kirchenlieder dabei. Das ganze Jahr vergeht in einer wilden Flucht: von der Bibelstunde in den Frauenverein, von den protestantischen Wöchnerinnen in das Siechenhaus, von der Nähstunde in den Sittlichkeitsverein. Eine wahre Manie des Wohltuns, die ihr aber vorzüglich bekommt! Ueberall dirigiert, instruiert, kommandiert sie, aber wer nicht Wachs in ihren Händen ist, dem begegnet sie kühl. Mein Arzt erzählte mir, daß sie mit ihren Kirchenliedern die Fiebernden ganz verrückt mache; den Schwerkranken erlaube er alles, nur nicht diesen Besuch. Wie alle Aerzte ist er wenig gläubig und murmelte noch verschiedenes über ganz übel angebrachte Nächstenliebe, die im Grunde nur krasse Herrschsucht sei, was ich jedoch absichtlich überhörte. Jedoch der kluge alte humoristische Pfarrer aus Dresden, der mich zuweilen besucht, gestand mir lächelnd, daß sie zwar seine Predigten jeden Sonntag nachschreibe und mit einem ewig fallenden Bleistift die Umsitzenden rebellisch mache. Ihr Christentum sei wohl über allen Zweifel erhaben, aber es könne ihr, der Protestantin, passieren, daß sie aus Versehen in die katholische Kirche geriete, inbrünstig mitsänge und gleich darauf aus Zerstreutheit beim Traktätchenverteilen den katholischen Knaben das Leben Luthers und den protestantischen ein Heiligenbild übergebe, so daß er sowohl wie sein katholischer Amtsbruder in aller Freundschaft hätten einschreiten müssen. »Die ganze Frau ist nichts als werktätige Nächstenliebe – aber nur für den, der nach ihrer Pfeife tanzt, was nicht alle können. Sie hat mir selbst geschrieben, daß die Privatbibelstunde mir doch über alles andre auf Erden gehen müsse, und ich habe ihr darauf geantwortet, daß mir dies vorzuschreiben nicht ihres Amtes sei, und daß Weib und Kind wohl auch nach der heiligen Schrift über einen Verein gingen, dessen Vorsitzende sie sei.« Soweit der Pfarrer. Es ist sehr schlecht, aber ich habe Tränen lachen müssen, und der Pfarrer lachte auch Tränen und sagte: »Daß uns doch Gott in Gnaden vor dem Zuviel bewahren möge, auch im Guten!« Dagegen sprach er von der Quedenberg fast mit Ehrfurcht. Sie sei eine so willensstarke und pflichttreue Natur, die keinen verfehlten Schritt je täte, sich nie hervordränge, aber nach jeder Richtung hin die eigentliche Seele einer rein protestantischen Propaganda sei. Sie lebe mit einem herzlich unbedeutenden Mann sehr glücklich, und ob sie vielleicht auch schwere Anfechtungen habe durchmachen müssen, so sei sie eine Natur, die gerade aus dem Schwersten geläutert hervorgehe. Ich will ihr nichts bestreiten. Ich liebe wärmere Herzen und ein fröhlicheres Christentum. Daß auch ich die Frau nicht gerade angezogen habe, obgleich ich eigentlich nie ein Stein des Anstoßes bin für kräftigere Naturen, das sichere Gefühl hatte ich beim Abschied. Aber da sie eine Freundin von Josefa war oder noch ist, sich sogar meines Wissens mit ihr duzte, so habe ich das Ehepaar in der nächsten Woche zu einem kleinen Souper eingeladen. Sie sagten zu, aber er ungleich liebenswürdiger. Hoffentlich gelingt die Ueberraschung. Bei dem Fräulein von Ingen war es mir noch zweifelhaft, ob sie in den Kreis paßt. Aber sie ist ein armes Ding, und vielleicht macht's ihr auch Freude. Als Mittelglied habe ich die Wohltätigkeitsgräfin eingeladen, die, weil ich zu Fuß gekommen, mich nach Hause begleitete. Sie hatte nicht übel Lust, mit hineinzugehen wegen eines Portierkindes, das Keuchhusten hat, und für das ich ganz von selbst alles tun lasse, was für ein Kind getan werden kann. Allein heute geht mir solche Werktätigkeit auf die Nerven. Ich machte also die Dame durch die Einladung für später unschädlich. Die Nase mußte sie aber trotzdem noch in die Portierstube hineinstecken, worauf ich etwas kühl wurde. Sie hat überhaupt so eine starke, gebogene Nase, die sich ganz von selbst in fremde Angelegenheiten steckt. Also Quedenbergs – natürlich nur sie – haben mich enttäuscht. Aber das ist der Fehler des Alters und der Erinnerungen, daß die Vergangenheit rosig scheint, die Gegenwart grau. Ich war eine im besten Sinne einseitige Mutter. Darum habe ich mich wohl auch gewöhnt, einseitig zu sehen. Mein Maßstab war immer meine Josefa, und das ist ein hoher Maßstab. Das alles, was ich geschrieben habe bis jetzt, mögen Ansichtssachen sein, was ich aber heute erlebte, das ist keine Ansichtssache. Ich habe mich wirklich geärgert. Ich habe den Herrn Rin gesehen bei einem Spaziergang in der Dresdener Heide. Er sah mich auch, grüßte aber nicht. Gutherzig, wie ich leider immer noch bin, wähnte ich, der mir gegenüber doch noch junge Herr, an dem naturgemäß so vielerlei Gesichter vorübergehen, könne das meine eher vergessen haben als ich das seine, weil an mir doch viel weniger vorübergeht. Ich sprach ihn an, nur aus Herzensfreundlichkeit. Er schien sich erst nicht erinnern zu können und fragte dann steif: »Vielleicht Gräfin Angern?« – »Allerdings. Und wie geht's Ihnen, Herr Rin?« – »Ich bin hier in einem Sanatorium, aber nicht in dem großen. Ich lebe ganz zurückgezogen.« – »Aber mich können Sie doch mal besuchen!« – »Nein, Frau Gräfin, das kann ich nicht.« Er fügte auch kein Wort zur näheren Begründung hinzu. Hatte überhaupt in Haltung und Sprache etwas eigentümlich Gespanntes. Darauf sagte ich aus Verlegenheit und weil mir bei seiner einsilbigen Art gerade nichts andres einfiel: »Wenn meine Tochter, Frau von Lasowitz, hier wäre, so würde sie sich sicher herzlich freuen, Sie wiederzusehen.« Und er antwortete eisig: »Sind Sie dessen ganz gewiß. Frau Gräfin?« Da habe ich ihn denn mit einem kurzen Adieu stehen lassen. Ich hoffe, er erkennt mich auch das zweitemal nicht. Und wenn, wie ich sicher glaube, der Mann in Josefas Leben jetzt weiter nichts mehr ist als ein hoffnungslos welkes Blatt, so erspare ich beiden vielleicht eine peinliche Begegnung. Man soll nicht in törichter Gutmütigkeit seine Liebenswürdigkeiten an Leute verschwenden, die sie nicht verstehen. Es war doch ein großes Glück, daß ich damals fest blieb. Morgen um die Zeit ist mein geliebtes Kind schon bei mir. Ich freue mich kindisch! Josefa ist gekommen. Siebzehntes Kapitel »Nicht wahr, mein Tierchen, du freust dich auch auf sie?« »Nein, meine Liebe, ich freue mich gar nicht auf sie.« Die gute Gräfin scheint sich einzubilden, daß ich auf meine alten Tage unter die Hunde gegangen bin und sklavisch mitfühle, was Menschen fühlen. Ich liebe die Ruhe – schon das Keuchhustenwurm in der Portierstube war mir schrecklich! Ich liebe die Bequemlichkeit – die verrückte 'Rumräumerei in dem Loggiazimmer hat nicht einmal vor meinem Lieblingsplatz, dem Wappenkissen, Halt gemacht! Und nun soll ich mich auf ein Wesen freuen, das mit Reitpferden und Stallterriers einpassiert und bei meinem Anblick, der andern nur ehrfurchtsvolles Staunen einflößt, gleichgültig bemerkte: »Ach, da ist ja der alte Herr auch noch! Du brauchst nicht unnötig ablehnend zu sein, Carlo, ich mache keine Dummheiten mehr und schleppe dich in fremde Länder, wofür du nicht einmal dankbar zu sein scheinst.« Ich und alt! Ich und dankbar! Es ist eine solche Frechheit, daß ich ganz verblüfft stand und sogar vergaß, zu kratzen. Sie streichelte mich allerdings und überreichte mir einen uralten Kake. Liebes Kind, im Leben entscheiden Kleinigkeiten. Wenn dieser Kake duftend frisch gewesen wäre, wer weiß – aber da er uralt ist, hüte dich vor deinem Todfeinde! Ich ging sofort zu meiner Lieblingssklavin, die bei den drei Ordensgelübden der Katzenbrüderschaft: der lächelnden Menschenverachtung, dem glühenden Hundehaß, der inbrünstigen Vogelliebe, mir beschwor, daß ich jung wie Methusalem, treu wie Chlodwig, weise wie Ben Akiba sei. Ich quittierte lächelnd. Das liebe Kind ist so entzückend naiv! Und wenn sie mich mit einem uralten Semiten, einem historischen Schurken, einem alles wissenden Ignoranten vergleicht, so weiß ich doch gewiß, daß ihrer köstlichen Unbildung diese drei Namen nur die Verkörperung der ewigen Jugend, der ewigen Treue, der ewigen Weisheit bedeuten können. Sie ist, Gott sei Dank, keine überbildete Hetäre wie Aspasia, sondern ein allerliebstes Gänschen, das aber mit wunderbar richtigem Instinkt meine Größe sofort erkannt hat. Allzu harmlos war nur, daß sie sich scheinbar träumerisch dieses uralten Kakes bemächtigte in demselben Augenblicke, als ich mich entschieden hatte, denselben Versuch zu machen – und daß sie sich unter der Hand erkundigte, wie groß die betreffende Kakesbüchse sei und wie lange die Dame bei uns bleiben würde. Ich fürchte, sie will in ihrer unbeschränkten Ergebenheit mir mehr Steine aus dem Wege räumen, als nötig ist und sämtliche uralte Kakes allein sich zuführen. Aber dieser Besuch wird nicht bei uns wohnen! Die Dame wohnt in dem Sanatorium, wo sie hingehört. Vom Sanatorium bis zur Gummizelle ist bekanntlich nur ein Katzensprung. Ich habe auf das Sanatorium uns gegenüber mit einem überlegenen Lächeln stets hinabgesehen. Was schert's mich schließlich, ob die Menschen mit oder ohne Sandalen verrückt werden, mit oder ohne Kopfbedeckung ins Jenseits gehen? Ich für meine Person ziehe es winters vor, in einem luftundurchlässigen Pelz Wärme aufzuspeichern, statt in einer luftdurchlässigen Joppe Kälte abzusondern. Ich verstehe auch nicht, warum die Menschen neuerdings durchaus auf das Niveau der ihnen sonst nahestehenden Wiederkäuer herabsteigen wollen und partout mit einem Salatkopf im Magen der Seligkeit zusteuern, während sie doch so viel Jahre vermittels englischer Beefsteaks auch nicht selig geworden sind. Und wenn sie bei zwanzig Grad minus im Schatten alle Fenster aufsperren, damit die entweichungssüchtige Seele nicht erst ängstlich nach einem Schlüsselloch zu suchen braucht, so bin ich im Gegenteil für hermetisch geschlossene Wintergemächer, damit die Ausreißerin einfach in die irdische Hülle wieder zurückkehren muß. Auch die Baumwollenenthusiasten hier scheinen nicht zu begreifen, daß die Erde trotz alledem rund ist und niemand sagen kann, auch beim längsten Leben, daß er zum Beispiel in Leinewand dem Weltgeist irgendwie näher gewesen wäre als in Wolle. Ich habe eine Abneigung gegen Neuerungen derart, aber die Menschen, die genau wissen, daß es nichts Neues gibt, bemühen sich krankhaft um das Neue. Ich sehe schon den Augenblick kommen, da ein ganz kluger Mann erklärt, daß Katzenfleisch die einzige menschenwürdige Nahrung sei. Und wenn jetzt die Engadiner Katzenfelle den Rheumatikern die Leiden verlängern, so wird dereinst ein Katzenbraten die Welt erlösen von allem Bösen. Hoffentlich wird diese Erleuchtung erst spät über die Menschheit kommen. Aber wenn denn nun einmal schon zu meinen Lebzeiten eine von uns beiden Katzen hier im Hause zum Heil der Erde an den Himmel glauben muß, so bin ich dafür, daß die scheckige Sklavin ihrem Sultan nicht weinend folgt, sondern ihm freudig vorangeht. Jedenfalls, was die lebensmüde Menschheit, die doch ein Jenseits besitzt, sich so sehr um das Diesseits bemüht, ist mir unklar... Im übrigen – die medizinische Wissenschaft, die sich so lange einbildete, in uralten wasserdichten Transtiefeln der letzten Weisheit direkt entgegen zu gehen, während sie nur in zerrissenen Kinderschuhen von rechts nach links torkelte, tut sonst ganz recht, daß sie von Zeit zu Zeit heimlich eine kleine Anleihe bei der Mutter Natur macht und nicht beim Onkel Apotheker. Ueberhaupt wenn die Natur nicht in den schlimmsten Fällen der Wissenschaft beispränge, so wäre die lange tot!... Was wollen eigentlich die gelehrten Herren? – Alle die Gifte, die ihnen die Sonne kocht, haben sie genau studiert – kein Tag vergeht darum ohne Tote – aber die Sonne selbst, die doch wahrscheinlich nicht nur Giftmischerin ist, die akzeptieren die Brillenleute nur knurrend. Erst als sie übergenug gemeuchelt hatten, kamen sie harmlos zu uns und sagten: »Licht? – Ach, damit konnte man's ja auch mal versuchen! Luft? – Das nützt am Ende auch! Wasser? – Vielleicht läßt man die Fieberkranken zur Abwechslung so viel trinken, wie sie wollen! Erde? – Schicken wir einmal die Patienten ins Moor statt ins Bett!« ... Die vier Elemente, die da sind, haben sie stets verachtet zugunsten der sechzig Elemente heute oder einundsechzig Elemente morgen, die doch nur ein Phantom sind. Denn wenn ein kluger Mann das dreiundsechzigste gefunden hat, dann kommt flugs ein noch klügerer und teilt dieses Element... Jetzt sind sie glücklich auf dem Standpunkte, wo das grüne Gras, das angeblich von uns nur zur Wetterprognose mediziniert wird, auch ihrem Magen zugute kommt. Sie hätten schon früher bei uns anfangen sollen, die Herren Aerzte!... Wenn man heute jeden staatlich konzessionierten Giftmischer aufhängte, so würden weniger Kranke im Bett liegen, aber mehr Gesunde herumlaufen. Aber freilich, wer lieber mit toten Brillenaugen auf die Destillierblase starrt im Zimmer als mit lebendigen Augen auf die Natur achtet draußen, der wird wohl viele Mittel, aber kein einziges Mittel finden. Die Operation gelang – jedoch der Patient starb! Von dem einzigen Meergreis, den sie um den ersehnten Tod betrogen haben, machen sie ein großes Geschrei, von den tausend Jungen, die ganz wider ihren Willen totkuriert worden sind, schweigen sie bescheiden. Nachdem ich so die alte wie die neue Schule nach Pflicht ad absurdum geführt habe – denn an der alten mag ich die Pillen und die Brillen nicht, und an der neuen die Wasserbäder und den Zug noch weniger –, begebe ich mich mit den beiden Damen zur Besichtigung des Sanatoriums selbst. Ich war in dem Sanatorium. Wo war ich eigentlich nicht?! Es ist ein Weltsanatorium, und der alte Weltreisende verleugnet sich nicht. Ich ging mit damals als ganz selbstverständlicher Begleiter. Zuerst beim Assistenzarzt. Bettopft, behorcht, gewogen – natürlich diese Lasowitz, die zwar sehr schlank geworden ist, aber noch immer das schöne Gleichmaß der Glieder besitzt, das man gerade beim schönen Geschlecht so selten findet. Leider, leider! Denn was ich davon später im Massagesaal sah, – bedecken wir alles mit dem Mantel der Liebe, der ja auch für diese liebebedürftigen Geschöpfe eigens erfunden ist! Jetzt erst verstehe ich, warum Liebe blind sein muß und warum die geliebtesten Frauen den vorzüglichsten Schneider haben. Auch Mutter und Tochter sahen mit einem eigentümlichen Lächeln, wie sich hier unter den flinken Händen der Masseusen die Schönheitskonkurrenz von Spaa, zu der das ganze weibliche Geschlecht berufen war, in eine Häßlichkeitskonkurrenz von H. verwandelte, zu der eben dieses Geschlecht weit mehr berufen ist. Das Korsett war und bleibt der ästhetische Wohltäter der Menschheit, denn... Ich will aber lieber Indiskretionen vermeiden. Die Lasowitz wurde als leicht herzkrank befunden. Der spitzbärtige Assistent fragte: »Haben Frau Baronin einmal eine außerordentliche körperliche Anstrengung durchgemacht?« Ich zwinkerte dem jungen Mann zu: ›Herr Doktor, fragen Sie lieber nach der andern Herzerregung, die bei schönen, leidenschaftlichen Frauen doch viel näher liegt!‹ Aber dieser Hippokrates begnügte sich vollständig mit dem »Atlasritt« und versprach absolute Heilung. Die Mutter Angern vergaß über dem Herzen der Tochter, was ihr am Herzen lag, vollständig... Irre wurde ich beinahe an meinem eignen Scharfblick, als die Junge ohne Wimpernzucken sofort fragte: »Ich habe meine Reitpferde mitgebracht. Den Morgenritt werden Sie mir doch hoffentlich nicht abdisputieren!« Hippokrates mit dem goldenen Armband disputierte natürlich gar nichts ab. Ich sagte mir aber später nur: »Wir haben gewisse diplomatische Lehren befolgt, liebe Josefa«, wir lassen uns überall hinsehen, nur nicht ins – Herz.« Und gerade das Herz will dieser Ignorant kurieren! Wir schlenderten darauf weiter durch das Sanatorium, das eigentlich nichts Anheimelndes hat als einen Riesenspeisesaal, der mich anfangs mit dem größten Vertrauen zu den Wunderkuren des Hauses erfüllte, um später einem mitleidigen Lächeln zu weichen. Wo Pilzkotelettes anstatt Kalbskarbonnaden serviert werden, kann unmöglich der Magen gedeihen. Der Magen ist doch das eigentliche Herz. Bei Herzkranken muß man also den Magen poussieren. Im Konversationszimmer saßen viele Sandalenträger, die Männer in Joppe, die Frauen in Reformkleidern. Es ist ja auch die beste Reform, wenn man die Frauen körperlich so zustutzt, daß sie sich nur in ganz oberflächlichen Dingen von den Männern unterscheiden, als da sind: zum Beispiel die Kinder, die sich wohl auch daran gewöhnen werden, den guten Papa, der die Milch wärmt und die Strümpfe stopft, Mama – und die böse Mama, die gerade als Athlet in Trikot einen schwächlichen Mann von drei Zentnern niedergeboxt hat, Papa zu nennen. Kann man's den Kleinen verdenken?... Wenn nur nicht noch andre Folgen kommen! Denn wenn das schwache Geschlecht stark und das starke Geschlecht schwach, so könnte es sich leicht ereignen, daß auch hier die Erde sich als rund erweist und die Papas wegen der Mitgift und die Mamas wegen der Stellung geehelicht werden, was doch im Effekt auf dasselbe herauskommt. Und wenn die Aposteldamen heute über die sittenlose Welt klagen, weil der Mann herrscht, so wird – siehe Messalina – die Männerwelt von später über die sittenlose Welt klagen, weil die Frau herrscht. Es entwickelt sich eben alles historisch, das heißt nur scheinbar. Denn von der sogenannten Gleichberechtigung halte ich nichts. Sie ist ein Kuckucksei, das auf dem Mond gelegt wurde und auf der Erde ausgebrütet werden soll. In der ganzen Natur gibt's keine Gleichberechtigung, sondern alles regelt sich nach dem Prinzip der Wippschaukel. Ich möchte auch mal den Unzufriedenen sehen, der, zufrieden geworden, nicht sofort seine unzufriedenen Brüder einlochte. Das auserwählte Volk zum Beispiel ist nur revolutionär, wenn es sich auf der gesellschaftlichen Wippschaukel ganz unten befindet, ganz oben wird es sofort reaktionär... Meine Herren und Damen, wenn Sie Kinder Murmel spielen sehen und genau auf die laufende Kugel achten, so können Sie sich ziemlich genau ein Bild von dem wirklichen Fortschritt auf diesem Erdball machen, dies heißt: eine Seite befindet sich immer oben und eine immer unten, und beide wechseln immer. – Auf Grund meiner Sanatoriumsstudien gestehe ich allerdings von jetzt ab dem schönen Geschlecht das Recht zu, sich in seiner widerspruchsvollen Schönheitsposition etwas bänglich zu fühlen. Gott sei Dank gibt's auch Ausnahmen, zum Beispiel die kleine dänische Sängerin, die trällernd und tänzelnd zu ihrer grünen Salatschüssel eilt und wegen der allzu duftigen Toilette des Luftbades in Permanenz beschuldigt wird. Darauf drängte ich natürlich zu diesem Luftbade selbst, wo hinter einem Plankenzaun im Walde bei zehn Grad Reaumur die ältere Damenjugend einen kleinen Feenreigen entrierte. Kostüm: das von Erlkönigs Töchtern auf dem Moor. Ich war ganz entzückt. Auch meine Begleiterinnen lächelten wohlwollend. Wir mußten uns alle drei aber menagieren, weil wir dicht neben einer sogenannten korpulenten Damengruppe standen, die erwartungsvoll in das Guckloch eines Photographenkastens starrte. Warum lassen sich eigentlich gerade korpulente Leute so gern abkonterfeien? Einen Augenblick war mir, als sei ich Pharao und träumte den berühmten Traum, – nur daß ich keinen Josef brauche, ihn zu deuten. Die sieben mageren Jahre werden auch noch kommen! Ins Badehaus verlangte mich nicht. Ich bin keine Meerkatze. Schon vor der Tür duftete es so warm feucht und plätscherte es so unangenehm verheißungsvoll. Ich, der ich gewiß auf peinlichste Sauberkeit halte, halte es doch in bezug auf Bäder und Duschen mit einem alten Gardekapitän von der Fußartillerie, der die ganze Baderei herzlich verachtete und im besten Sächsisch zu sagen pflegte: »Mein Vater hat nicht gebadet, und mein Großvater nicht, und mein Urgroßvater erst recht nicht, und sie sind doch alle über neunundneunzig Jahre geworden!« Das ist der einzige verständige Mensch, dem ich meines Wissens in Weltbädern begegnet bin. Das Baden ist auch so eine menschliche Anmaßung. Ohne Schwimmhäute oder Flossen geboren zu sein und doch möglichst lange im Wasser herumzuplätschern! Meine Damen leisten sich täglich solche Eitelkeitsorgien. Denn bei Frauen ist's nur Eitelkeit: schaumgeborene Venus und so weiter, was ihnen vorschwebt. Das war einmal, meine Herrschaften! Wer heutzutage in der Hochsaison zu Norderney aus dem Wogengischt der Nordsee plötzlich Frau Venus auftauchen sehen würde, der hat sich entweder an einer schnurrbärtigen Robbe versehen, oder er steht mit dem Alten Testament auf einem besonders guten Fuß. Ich ging nach Hause. Unterwegs begegnete mir meine scheckige Suleika. »Mädchen, du siehst aus wie eine gebadete Katze!« rief ich. Da bekam sie einen ernstlichen Nervenchok. Es ist auch eine zu ekelhafte Vorstellung. Josefa ist jetzt acht Tage hier zur Kur. Ich sehe sie eigentlich wenig, viel weniger jedenfalls, als mir lieb. Sie wohnt mit ihrer Jungfer in der Villa Erra, einer dieser Sanatoriumsvillen, die durch unsre Kolonie zerstreut liegen. Die Kur nimmt sie sehr in Anspruch. Um acht Uhr morgens der Rückenguß und das Kakaofrühstück in der Anstalt selbst. Da überfiel ich sie die ersten Tage, jetzt nicht mehr. Dann irgendein Bad: Licht-, Luft-, Dampf-, je nachdem, mit darauf folgender Massageprozedur. Vor dem Essen noch eine halbe Stunde Jagdgalopp durch die Dresdner Heide. Sie ritt immer leidenschaftlich gern. Warum soll sie's auch nicht? Sie hat wohl einen Groom mit, aber der hilft ihr nur beim Aufsitzen. Ich bin natürlich auch dabei, entweder im Stall selbst oder oben am Fenster. Anfangs begleitete ich sie zu Fuß ein Stück und freute mich, wie brillant sie sitzt. Aber es sind beide so unruhige Tiere, namentlich der Fliegenschimmel, der vor jedem Steinhaufen scheut. Und wenn das Pferd dann zum Galopp ansprang, bekam ich regelmäßig Angst, als sei sie noch das Kind auf dem Pony, dem ich immer ein Stück Schokolade versprach, wenn es nicht herunterfiele. Sie hat das Stück Schokolade immer bekommen, entweder als Belohnung oder als Schmerzensgeld – sie war eben ein einziges Kind. Jetzt begnüge ich mich, den Pferden ihr Stück Zucker zu reichen. Die Tiere sehen sich auch immer nach mir erwartungsvoller um, als nach ihrer unnachsichtigen Herrin. Sie liebt scharfes Reiten und straft hart. Sie ist gar kein Kind mehr – wahrlich nicht mehr! Den Mittag essen wir zusammen in der Anstalt. Das hatte ich mir auch nie nehmen lassen. Wir sind da nicht etwa zu einer Hungerkur verdammt. Man ißt gut, wenn auch einfach, namentlich das Geschirr könnte weniger massiv sein. Wenig Fleisch, sehr viel Salat. Diesen Salat, der der Clou in der absolut milden Gemüsekost sein soll, muß Josefa einfach essen, obwohl sie nicht mag. Da ist sie für mich immer noch Kind, da befehle ich, und sie gehorcht. Exklusive Inseln, wie ich sie eigentlich liebe und wie Josefa sie wohl noch mehr liebt, gibt's nicht. Wir sind alles Nummern, vielleicht auch in der Kur. Wie man angekommen ist, so sitzt man. Und es ist doch eine teilweise recht gemischte Gesellschaft gerade um uns! Da ist mein Vis-a-vis aus Graz, seelenguter Mann, ißt aber alles mit dem Messer. Frau dito, Schwager dito. Höfliche, anständige Menschen alle drei, aber selbst wenn sie Engel wären, diese Aeußerlichkeit degoutiert mich dergestalt, daß meine natürliche Liebenswürdigkeit, die vielleicht nur diesem Herrn Rin gegenüber jemals unnatürlich war, solche Messerprüfung nur stöhnend erträgt. Dann sitzt noch ein Dozent in der Nähe, der weniger reden könnte, mit einer hübschen, sanften Frau, die wohl eine gute Natur haben muß, wenn sie diesen wissenschaftlichen Schwätzer auch sonst nicht über bekommt. Josefa hat die Ehre, neben einem langen Hamburger Kommis zu sitzen, der aber ebensogut nicht da zu sein brauchte, denn er ist ihr völlig Luft. Man stellt sich hier nur ausnahmsweise vor, kennt nur die Gesichter seiner Tischecke, und das Gespräch dreht sich hauptsächlich um die Kur, obgleich das verboten ist. Josefa und ich unterhalten uns miteinander fast flüsternd aus einer natürlichen Scheu, weil wir niemand kränken wollen mit unsern so ganz andern Passionen und Beziehungen, als die der gut bürgerlichen Leute, unter die wir hier zufällig geraten sind. Ich bin nicht die Spur hochmütig, aber ich teile nun einmal die Interessen dieser Leute nicht, so wenig wie sie die meinen. Manchmal ereignen sich auch recht komische Dinge. Ich hatte nämlich das Stubenmädchen aus der Villa Erra, das uns auch bei Tisch bedient und das »Frau Gräfin befehlen!« als devote Oesterreicherin zu liebenswürdig oft gebrauchte, gebeten, weniger verschwenderisch mit Titeln zu sein, worauf sie ängstlich jede Anrede vermied. Und meine Tochter, die bei der ersten Meldung einfach Josefa Lasowitz geschrieben hatte, wie sie sich ja auch als Komtesse nur Josefa Angern schrieb, fand sich dann natürlich in der ersten Kurliste als bürgerliche Madame vor. Uns beiden machte das nichts, nur unser gesellschaftlicher Barometer fiel auffallend. Bei irgendeiner Gelegenheit aber waren wir gezwungen, gänzlich Farbe zu bekennen, worauf zwei Damen mit unscheinbaren Namen, die wir nur von ferne kennen und die wie eine junge, hübsche und wie eine ältere passierte Konfektioneuse aussehen, verbreiteten, daß wir bürgerlich wären und zu exklusiven Airs gar keine Veranlassung hätten. Sie selbst dagegen seien Gräfinnen – dies sehr diskret –, die eine schon, die andre bald, aber von diesen Vorzügen machten sie selten Gebrauch. Ich habe mir erst daraufhin die beiden Damen näher angesehen: die junge mit dem Puppenkopf und den blauen Prallaugen, die ältere mit dem sehr gewöhnlichen Mund und dem Namenszug der zweiten Gardekürassiere als Brosche. Ja, wenn sich wirklich ein Graf von den dritten Gardedragonern zu solcher Mesalliance bereits entschlossen, und ein zweiter Gardekürassier sich dazu zu entschließen gedenkt, so herrschen eben bei der Gardekavallerie sehr andre Anschauungen als zu meiner Zeit. Ich habe die beiden Damen darauf mit einer unendlichen Höflichkeit gestraft, was sie aber wohl nicht begriffen. Josefa nahm von der ganzen Angelegenheit keine andre Notiz, als daß sie sagte: »Hergelaufenes Gesindel, Mama!« Sie grüßt auch nie mit, wenn ich grüße. Eigentlich war das Ganze nur zum Lachen. All den Leuten gilt eben nur die Grafenkrone, nicht wer sie trägt. Wir haben uns jetzt auf eine ganz kleine Gesellschaft zurückgezogen, einen ostpreußischen Rittergutsbesitzer von Geyer, eine Witwe aus dem Rheinland und einen kleinen, sehr korrekten Leutnant mit Frau. Alles wohlerzogene, indifferente Leute. Fräulein von Ingen, die sich herzlich an uns anschloß, wurde dazu von Josefa persönlich ermutigt! Das wunderte mich eigentlich. Denn ihrer ganzen Lebensführung nach gehört meine Tochter doch nur zu den ganz obersten Zehntausend. Sonst existiert in dem Sanatorium für sie kaum ein Mensch, den sie nicht mit einem Achselzucken abtäte. Sie will nur der Gesundheit leben. Nach Tisch sitzen wir wohl noch eine Weile. Dann geht Josefa wieder in das Luftbad, wobei ich aber bei dem trüben Wetter nicht assistiere. Zur Erwärmung später noch eine zweite halbe Stunde Jagdgalopp in der Dresdner Heide. Abends bei dem vegetarischen Nachtmahl sehen wir uns zuletzt, aber sie ist von der Kur meistens so abgespannt, daß sie nur stumm dasitzen kann und zuhören. Sie geht auch sehr früh zu Bett, wie vorgeschrieben ist. Manchmal wünschte ich, sie wäre eine weniger gewissenhafte Patientin. Für die Mutter fällt so blutwenig Zeit ab, und vielleicht hat mich mein Kind gar nicht mehr so lange. Ich bin manchmal recht alt und müde. Wenn ich ganz ehrlich bin – sie wird mich nicht vermissen! So unerträglich mir der Gedanke an ihren Tod wäre, so erträglich ist er ihr. Das fühlt man durch. Ich liebe sie darum nicht weniger, gewiß nicht! Aber sie liebt mich weniger, gewiß! Ja, es muß einmal heraus: meine Tochter Josefa ist eine kluge, kühle, harte Frau geworden. Ja, auch hart! Ueber das Herz hat mich der Arzt beruhigt – über das »Herz« beruhige ich mich nicht. Ich glaube jetzt beinahe, diese beiden Menschen sind wirklich vollkommen glücklich. Da ist ein Tag wie der andre, glatt, glänzend, kalt! O, ich will ja gewiß zufrieden sein, wenn Josefa sich in dieser Oede wohl fühlt, wo das Kind ganz überflüssig wäre. Ich habe auf diesen schönsten Traum beinahe verzichtet. Als sie damals aus dem Coupé stieg, als wir uns küßten... sie ist ja meine Tochter, aber sie ist ganz gewiß nicht meine Tochter! Sie will in Wahrheit gar kein Kind. Und das ist so schrecklich, gerade für einen Menschen wie mich, dem das Kind alles gewesen ist, alles – hier die eigne Tochter wiederzufinden, der das Kind nichts ist, gar nichts!... Es kommen dabei so trübe Gedanken über mich. Eine längst abgetane Gestalt wächst als riesiges Gespenst vor mir empor, sieht mich mit heißen, bösen Augen an und sagt: »Hast du nun endlich, was du erfleht? Ich habe erst recht, was ich wollte!« Lebt der Mann vielleicht doch noch? Lebt vielleicht von ihm ein Sohn? Er war eine heiße, leidenschaftliche Natur – und ich habe ihn geliebt. Ja, ich habe ihn geliebt! Und wenn's auch nur eine halbe, ängstliche Liebe war, wenn ich's auch heute nur noch schwer begreife – es war doch Liebe! Ich war nie eine Kampfnatur, und das hätte er wissen müssen. Mir ist ja auch der Gedanke an ihn, den ich liebte, nur noch ein Schatten, aber der Gedanke an die Sünde gegen meinen Mann, den ich nicht liebte, drückt zuzeiten wie ein Alp auf mir. Und nun soll vielleicht sein Sohn kommen und sagen: »Du hast meinen Vater unglücklich gemacht mit deiner halben Liebe, die feige und klein war wie du selbst, nun will ich zum Dank deine Tochter unglücklich machen mit meiner großen, ganzen Liebe, aber nur, weil sie deine einzige Tochter ist und ich sein einziger Sohn ...« So lächerlich es klingt, ich habe mich immer vor diesem Sohn geängstigt. Er ist nicht gekommen, er wird nicht kommen, er existiert ja gar nicht! Und wenn er auch existierte, wenn er käme – wie Josefa heute ist, müßte er sich die Flügel verbrennen, nicht sie! Dabei kommt mir dieser Rin wieder in den Sinn. Merkwürdig – gerade wenn ich so recht sehnsüchtig nach meinem Kinde ausschaue, dann geht er ganz gewiß vorüber. Von meinem Fenster sah ich ihn schon dreimal. Und auch neulich in der Dresdner Heide – ich wollte sie abpassen und begegnete ihm. Er grüßte mich wieder nicht. Eigentümlicher Mensch! Ich blieb doch stehen und sah ihm nach. Es gibt eigentlich nichts, was mir irgendeinen Gedanken wecken könnte. Der eine blond und hübsch, der andre brünett und häßlich – höchstens die Gestalt, die hohe, schöne Gestalt ... Aber das sind ja Torheiten! Selbst wenn jener Mann, der brutal ehrlich jedem, der es wollte, bekannte, daß ohne Weiber und Wein das Leben gerade nur noch den einen Pistolenschuß wert sei – mir hat er ja freilich auf Knien beschworen, daß er für mich jeder Entsagung und jeder Sünde fähig sei. Aber das sagt man so im Liebesrausch – Also, wenn jener Mann wirklich einen natürlichen Sohn hätte, der hieße doch anders und wäre anders. Und dieser Herr Rin hier ist alles andre als ein natürlicher Sohn! Was kümmert mich der fremde Mensch? Ich denke wieder an mein Kind. Ich hab's so schlecht gemacht, und hab's doch so von Herzen lieb! Eigentlich hab' ich doch wirklich in ihr, was ich erfleht: das Gegenteil von mir, eine unbedingt zielbewußte Natur, die gleichgültig über alles hinwegsieht, was nicht diesem Ziele dient. Aber welches ist dieses Ziel? Sie hat eins, und ich möchte es nicht einmal kennen! Wenn es ihr wirklich genügt, völlig unnahbar zu werden, selbst der Mutter, um dann eisig und einsam auf gleichgültiger Höhe zu stehen, so muß ich es eben tragen, was auch mein Herz dagegen spricht, und mich dankbar dabei bescheiden: daß es ein kaltes und ein warmes Glück gibt, und wohl ihr, daß sie wenigstens das kalte Glück so früh fand! Als ich sie bat, bei mir zu wohnen, und hinzufügte: »Du wirst alles genau so finden wie in deiner Mädchenzeit,« da antwortete sie mir liebenswürdig kühl: »Lieber nicht, Mama! Ich bin doch nun einmal kein Mädchen mehr.« Als ich später von einer Ueberraschung sprach, von ihr lieben Menschen, die sie gern wiedersehen würde, verzog sie nur die Lippen: »Ueberraschungen? Die lieb' ich gar nicht. Mit wem könntest du mich auch überraschen? ... Und liebe Menschen? Die könnt' ich dir an den Fingern herzählen. Eine Hand genügt über und über.« Darauf hab' ich ihr natürlich die Namen genannt. Sie wiederholte noch nachlässig: »Quedenbergs, die Ingen, Gräfin Bären ... Ja, wenn du sie bereits gebeten hast, dann selbstverständlich, Mama! Aber ich sage dir gleich, ich bin meiner Gesundheit wegen hergekommen und will weder Bekanntschaften machen noch erneuern.« Mich hat's gewurmt. Ich wollte alles rückgängig machen. Sie litt's aber nicht. Sie sagte: »Man soll nie einen Schritt zurücktun, auch den gleichgültigsten nicht! Darin habe ich mich geändert, Mama. Wenn ich früher an einem Bettler vorbeiging, ohne zu geben, kehrte ich unfehlbar an der nächsten Straßenecke um und gab doppelt. Jetzt kehr' ich unfehlbar nicht um.« Das mit dem Bettler hat mir wirklich weh getan. Wie gab sie doch immer so überreich und so von Herzen! Ich mußte immer vernünftig wehren. Und wenn sie sieche Menschen sah, namentlich elende Kinder, dann schleppte sie mir das ungezieferstrotzendste Gesindel unfehlbar ins Haus, vergeudete ihr Taschengeld, schmeichelte mir Gott weiß was ab. Im Stromeradreßbuch waren wir sicher mit einem Stern ausgezeichnet! Und sie konnte so leidenschaftlich erregt sein im Moment, wenn ich fest blieb, zum Beispiel, als ich die kleine Schwindsüchtige nicht gleich adoptierte, sondern sie im Waisenhaus unterbrachte, wo sie bald darauf gestorben ist. Und dann belehrte ich sie und erzählte ihr, wie Gott uns selbst vorschreibe, unter unsern Pfunden auch den Reichtum verständig anzuwenden, auch die besten Impulse zu zügeln. Sie hörte klug zu und dankte es mir. Aber dann konnte sie doch gleich wieder nachdenklich sagen: »Du, Mutter, ich weiß doch nicht ... Beim Impuls bin ich immer so glücklich, ich könnte etwas wirklich Gutes tun, weil ich dann so gar nicht an mich denke. Aber wenn du mir den Impuls auch noch so liebevoll dämpfst, Mama, – ich weiß wohl, daß du recht hast, – aber mir ist dann immer, als beschnittest du mir die Flügel. Und, denk mal: Wenn ich nun mal fliegen möchte, hochfliegen, und könnte nicht! ...« Ach, das waren schöne Zeiten! ... Und wenn ich auch immer vor diesem Impuls gebangt habe, weil er Unheil anrichten konnte, wenn ich ihr auch die Flügel in aller Liebe immer mehr beschnitt, so habe ich doch nur das Beste gewollt, das Beste. Und nun hat sie gar keine Flügel mehr! Wie sie neulich dem Betteljungen, der hinter dem Wagen herlief, die Mark hinwarf – es war nicht hübsch, wie sie's tat. Als wenn man etwas Lästiges abschüttelt. Gestern der Tee, an den sich ein kaltes Büfett schloß. Meine Wohnung ist bis auf meine höchst persönlichen Zimmer im Jugendstil eingerichtet, in den ich alte Frau mich nicht mehr ganz hineinzufinden vermag. Zu viel bizarre Laune, gewollte Opposition. Ich glaube, das muß sich erst noch auswachsen zu einem eigentlichen Stil. Uebrigens auch mütterliche Schwäche, diese Einrichtung! Ich dachte dabei mehr an den verwöhnten Geschmack derjenigen, die diese Villa mal erben wird. Jedenfalls, als die ganze Zimmerflucht in dem weichen elektrischen Licht flammte, alles kokett, voll spielender Eigenart, da sah ich doch recht, wie nur meine hyperelegante Josefa zu diesem bizarren Luxus stimmt. Sie trug Terrakottaplüsch mit Genter Spitzen. Sie sah wirklich wunderhübsch aus; groß, schlank, biegsam, ganz Weltdame, mit dem schmalen, regelmäßigen Gesicht, den heut eigentümlich verschleierten Augen. Die andern sahen ja auch gut aus, namentlich die Quedenberg mit ihrer scharfen, blonden Distinktion. Sie war in schwerer Moiréseide. Die Ingen fiel dagegen etwas ab in dem hechtgrauen Tailormade, das sich an den Hüften bereits zu frauenhaft rundet. O, ich sehe noch sehr scharf! Aber im Alter macht dies scharfe Sehen keine Freude mehr. Wir haben uns längst abgeschliffen im Laufe der Jahre und mögen darum des Lebens harte Linien auch nicht bei andern. Die Ampelecke, in die wir uns zurückgezogen, ganz mein Geschmack. Gedämpftes Licht, gedämpfte Farben, gedämpfte Worte. Wir sprachen über alles und nichts. Die wirklich gute Gesellschaft verlangt das. Mit wenig kommen, mit noch weniger gehen. In der Jugend empört man sich anfangs dagegen, weil's verlorene Zeit scheint; im Alter ist das gerade recht, weil man so gut danach schläft. Ich hatte mich ein wenig zurückgesetzt im Fauteuil, weil mir die Augen etwas weh taten im Licht. Aber ich will ja auch bloß noch Zuschauer sein und Hörer in diesem Leben. Die beiden jungen Frauen unterhielten sich nur höflich, nachdem sie einen Moment sondiert hatten. »Sie stehen jetzt in Hannover, Baronin?« »Ja, liebe Gräfin, und es steht sich sehr nett dort!« Das ist so eine allerdings etwas schwächliche Probe. Ich wunderte mich, daß sie so formell waren. Mein Gedächtnis wird auch alt. In Wiesbaden hatten sie sich doch damals mit dem Vornamen genannt. Der gute semmelblonde Graf, der immer noch die höfliche Null ist, stöbert natürlich überall nach Wappen. Ich versprach ihm das Angernsche, das Gundingensche. Er hat beide schon, und engagierte sich leider für das andre, das über meinem Schreibtisch hängt, und das sonst niemand auffällt: den blauen Fluß im roten Feld. Es war mir einmal teuer, und auch heut bewahre ich noch die Erinnerung treu. Als ich wieder die ausgestorbene freiherrliche Familie nannte, die zwar niemals dieses Wappen geführt hat, die ich aber immer angegeben habe, so daß mir die Wahrheit wie Lüge vorkommen würde heut, sah mich die Quedenberg einen Moment scharf von der Seite an. Was weiß sie? Was kann sie wissen von einem Geschlecht, das wohl tatsächlich nicht mehr existiert? Und als ich auf Biskra kam und auf Josefas Tagebuch, das ja leider nie geschrieben worden ist, – es war nur eine ganz scherzhafte Anspielung, – da traf mich ein so stechender Blick von meiner Tochter, daß ich mitten im Satz innehielt. Was kann in Afrika vorgegangen sein –was? Ich lehnte mich wieder in meinen Fauteuil zurück. Mir wurde auf einmal angst. Denn wie ich mir die beiden Frauengesichter länger ansah, die so offen scheinen und vielleicht so verschlossen sind, da sah ich's von Zeit zu Zeit kalt um Jeanette Quebenbergs blasse Lippen zucken, und Josefas Nasenflügel bebten leise, aber unausgesetzt. Wenn die beiden am Ende sich gar nicht liebten, sondern haßten, Todfeinde, von denen jeder dem andern jedes Schlimmste gönnt? Die beiden Männer können dabei keine Rolle spielen, aber vielleicht ein Mann, der Mann, den es in jedem Frauenleben einmal geben soll. Mir wurde ganz heiß bei dem Gedanken. Mütter sind immer blind, und Töchter immer Komödianten! Aber kaum war er aufgetaucht, da versank er auch schon wieder, dieser unnatürliche Argwohn. Ich hörte wieder die Unterhaltung fließen, ruhig, sicher. Nein, eine wie große Schauspielerin auch diese bigotte Blondine sein mag, mein Kind war sein Lebtag vielleicht zu wenig Schauspielerin! Ich glaube, ich bin sehr unhöflich gewesen gegen die andern Damen: die Gräfin, die immer wieder von einer Krippe anfing, und das junge Mädchen, das wahrscheinlich so gern von ihrem Bräutigam erzählt hätte. Die Unterhaltung hatte auch gar nicht die Neigung, allgemein zu werden. Erst als endlich die Gräfin, die eine energische Proselytenmacherin ist, ihre Krippe durchsetzte, begann die Schlacht. Mir war's höchst langweilig, die christlichen und gemeinnützigen Bestrebungen der zwei aufgezählt zu sehen. »Nicht wahr, liebe Gräfin Quedenberg, wie sich das geändert hat in den nunmehr zwei Jahren, in denen wir gemeinsam wirken? Und dieser Diakonus, nicht wahr, diese Tiefe, diese Innigkeit! Mit geht das Herz auf, wenn ich das sonore, volle Organ höre. Er soll ein einfacher Mann sein. Sehr gut! Gerade an den einfachen Männern fehlt es in unsrer Kirche, die mit uns hinabsteigen in die Hütten der Armen. Ich bin Wachs in seinen Händen.« Die Quedenberg antwortete darauf mit kühler Ueberlegenheit: »Ja gewiß, Gräfin Bären, das stimmt schon. Nur daß es eigentlich umgekehrt sein sollte. Der Geistliche ist Wachs in Ihren Händen, Sie aber beim besten Willen nicht in den seinen.« »Aber, Liebste, Beste, das bin ich doch auch!« »Nein, Frau Gräfin, das sind Sie nicht!« Es entwickelte sich im Nu eine fast erregte Debatte, der ich innerlich doch etwas kopfschüttelnd zuhörte. Das sind ja im Grunde harte, herrschsüchtige Menschen, die glauben und wohltun nur um ihrer selbst willen! Josefa saß anfangs wortlos dabei und sah bald die eine, bald die andre an. Ich glaube, sie war mit ihren Gedanken ganz wo anders. Auch während sich die Gemüter allmählich erhitzten, verzog sie keine Miene. Es ist doch lehrreich, wie sich die Frauen bei solchen Gesprächen verschieden entpuppen! Fräulein von Ingen bekannte sich zu ganz ketzerhaften Anschauungen, behauptete, daß es gar nicht darauf ankomme, was man gäbe, sondern warum man gäbe, nicht darauf, was einer bete, sondern aus welchem Herzen er bete. Bei dem letzten Wort lächelte Josefa eigentümlich. Da wurde das junge Mädchen erst recht ketzerisch. »Ja, lachen Sie nur, Frau von Lasowitz! Ich kenne Leute, die äußerlich so viel wohltun und innerlich so geizig sind, und Frauen, die alles glauben und gar nichts!« Es war beinah peinlich. Und Josefa antwortete nur freundlich verwundert: »O, ich lächle etwa nicht über Siel Ich gebe Ihnen mein Wort, ich lächelte über ganz etwas andres. Ich gehöre weder zu Ihren falschen, Gläubigen, noch zu Ihren falschen Wohltätigen. Ich kenne beide, und mag beide nicht.« Sie wandte sich mit einer laschen Handbewegung an den ganzen Kreis: »Uns trifft doch das alles nicht! Denn wer von allen, die hier sitzen, würde ernstlich behaupten, daß er wirklich gläubig oder wirklich wohltätig sei, er sei denn ein infamer Heuchler?« Ich habe mein Kind eigentlich nie so leidenschaftlos scharf sprechen gehört. Es galt sicherlich niemand aus unsrer Gesellschaft. Die Gräfin mit der Brille lächelte ganz unbefangen, und die Quedenberg lächelte auch. Aber es war doch kein echtes Lächeln. Wenn ich's mir recht überlege, so war das letzte, was Josefa sagte, doch eigentlich peinlich offen, aber es erinnerte mich doch wieder an ihre Jugend, wo sie immer gleich Partei war. Wie lange habe ich mich bemüht, ihr das abzuerziehen! Jetzt, wo sie sich's aberzogen hat selber, da freue ich mich von Herzen, daß es doch nur schlummert. Quedenbergs und die Wohltätigkeitsgräfin gingen früh, was mir nicht unlieb war. Das sind beides nicht meine Leute. Die Ingen blieb, weil Josefa sie aufforderte, welche Form bei den andern Herrschaften sie mir überließ. Mag ich nun schlichter veranlagt sein, als ich erzogen bin, mir wurde erst jetzt wohl. Wir haben sogar noch einmal Hummern zu essen angefangen wie ganz gewöhnliche Leute, denen der Appetit kommt, wenn sie ungeniert sind. Die Ingen sang ein paar Lieder hübsch, anspruchslos. Josefa applaudierte. Später wanderte auf meinen Wunsch das Biskraalbum. Es sind mir alles so liebe, vertraute Bilder – Wenn ich denke, daß mein Kind unter den gleichen Palmen gewandelt ist, von der nämlichen Sonne beschienen, von dem gleichen Oasenhauch geliebkost! Auch die Wüste kann unmöglich so trostlos einsam sein wie unsre Vorstellung. Schrieb doch Josefa noch in dem letzten Brief vor ihrer Krankheit, daß sie die Wüste liebe wie das Meer, ja noch viel mehr. Und wie hat sie immer das Meer geliebt! Die Krankheit scheint ihr alle angenehmen Erinnerungen geraubt zu haben, denn sie antwortet auf Fragen nach Afrika immer nur widerwillig. Aber in der Wüste erlebt man doch eigentlich nichts. Unmöglich kann ihr dort das Schicksal begegnet sein, das ihrem Charakter die ganz andre Richtung gab, oder ich müßte es wissen! Zuletzt erzählte die Braut auch die Geschichte mit dem Kommissionsrat. Sie haben gänzlich gebrochen. Und warum? Es ist blamabel! Der alte Mann, dem ich immer nur das Beste zugetraut habe, ist plötzlich allzu liebenswürdig geworden, hat sie immer küssen wollen. Erst hat sie's geduldet. Dann hat sie's nicht mehr ertragen können. Und wie sie ihm das gesagt, hat er als Antwort ganz blöde vor ihr gekniet und ihr seine Liebe gestanden. Ich glaube gern, daß sie mit einem entsetzten Schrei aufsprang und auch nicht eine Minute ferner mit ihm allein blieb. Das mag alles hingehen. Es ist nur peinlich zu hören. Denn wenn der alte Mann Gefühle hegte, die nicht für sein Alter passen, so konnte er schließlich auch nicht dafür. Mir wurde übrigens bei dem Gedanken an solche Zärtlichkeiten geradezu übel! Aber daß er sofort von dem völlig mittellosen Mädchen, der er früher goldene Berge versprochen hatte, die Hand abzog, das hat mich absolut abgekühlt gegen diesen Menschen. Denn das ist gemein! Nun kann ich mir alles erklären, auch die Verlobung. Sie sagte selbst mit merkwürdiger Offenheit: »Ja, Frau Gräfin, ich kenne jetzt das Leben sehr genau und wie schwer sich das tägliche Brot verdient! Ich habe Jahr und Tag vom Sticken allein leben müssen – wie manche andre adlige Dame auch –, aber wie lächerlich wenig man damit verdient, das ahnen Sie wahrscheinlich gar nicht! Das Geld für hier bezahlt mein Bräutigam, dem's wahrhaftig auch nicht leicht wird! Dennoch fühle ich mich heut viel freier als damals. Ich habe dem alten Mann allen Schmuck zurückgeschickt, den er mir geschenkt, weil seine Kolliers mir den Hals verbrannt hätten, so sehr steigt mir die heiße Scham auf, wenn ich an diesen väterlichen Freund überhaupt denke.« Ich bin niemals die Vertraute in solchen Herzensangelegenheiten gewesen. Ich denke überhaupt, daß unsereinem so etwas nie passieren kann! Als die Ingen weg war, fragte ich Josefa interessiert um ihre Ansicht. Sie antwortete gleichgültig: »Er war ein Parvenu und sie arm. Der Reichtum ist brutal, die Armut feige. Vielleicht hätte ich an ihrer Stelle den alten Kerl geheiratet.« Ich hielt ihr den Mund zu. »So etwas hast du noch nie gedacht in deinem Leben, Josefa, und sprichst es aus?« »Ich habe noch ganz andre Dinge gedacht, Mama – ganz andre Dinge...« »Das hast du nie, – nie!« rief ich. »Nie?« Sie sah mir gerade ins Gesicht, bis ich die Augen niederschlug. Dann sagte sie kalt: »Du bist ja auch auf deine Fasson selig geworden, und ich auf meine, laß doch andre Leute auch auf ihre Fasson selig werden!« Ich ging unter einem Vorwand hinaus. Ich mußte, denn mir war das Weinen nahe. Mit bloßem Kopf promenierte ich im Garten. Es war feucht und kalt, und über dem Elbtal hing ein träger Dunstschleier. ›Das ist deine Tochter, das ist deine Tochter!‹ wiederholte ich mir immer wieder. Es war mir ja ganz klar jetzt, daß sie unglücklich ist, leidet. Mein armes Kind!... Aber die Maske, die sie trägt, lüftet sie nicht. Und wenn sie auch eine Maske tragen müßte vor aller Welt, vor ihrer Mutter müßte sie sich doch entschleiern! Warum vertraut sie sich mir nicht an? Das quält mich so! Was hab' ich getan, daß ich nicht mehr ihre Mutter bin und sie nicht mehr mein Kind? Als ich nach einer halben Stunde wiederkam, hatte sie die Afrikabilder aufgeschlagen. Sie hörte mein Kommen gar nicht, und ich stand wohl fünf Minuten hinter ihr. Sie starrte unverwandt auf den Löwen – er liegt auf einer Felsklippe in der Wüste und sieht ins Weite. Ich habe mich immer gewundert, wie man den König der Tiere so in der Freiheit photographieren konnte. Sie bemerkte mich jetzt. Ich fragte: »Josefa, was ist das eigentlich für ein Löwe?« »Ein blinder Löwe.« Sie schob die Bildermappe gleichgültig zurück. Sie wandte sich nach mir um. War's der Unterschied des Lichtes drinnen und der Dämmerung draußen, sie schien mir auf einmal so tiefe Schatten unter den Augen zu haben. »Josefa, willst du nicht vielleicht lieber schlafen gehen?« fragte ich freundlich. »Nein, Mama. Wenn du noch eine Stunde für mich übrig hast, bleibe ich. Ich könnte doch nicht schlafen.« »Schläfst du überhaupt schlecht, Josefa?« Da lächelte sie wieder. »Warum sollte ich eigentlich schlecht schlafen? Ich brauche überhaupt gar kein Sanatorium.« Da konnte ich mich nicht mehr länger halten. Als sie aufstehen wollte, drückte ich sie in den Fauteuil zurück und küßte ihren lieben, weichen Mund und flüsterte beinahe flehend: »Josefa, hab doch Vertrauen!« »Und wenn ich's hätte? ...« Sie sprach nicht weiter und wollte sich sanft von mir losmachen, aber ich ließ sie nicht. »Josefa, du bist unglücklich in deiner Ehe.« »Wer sagt dir das? Ich erinnere mich niemals auch nur die leiseste Andeutung der Art gemacht zu haben.« »Aber du bist es, Kind, du bist es, vielleicht ohne es selbst zu wissen... Ach, wenn ihr doch ein Kind hättet!« Und da machte sie sich so ruhig, aber so zwingend von mir frei, daß ich sie lassen mußte, und sagte mit einer Bestimmtheit, die mir eisig über den Rücken lief: »Mutter, wenn du mich liebhast, sprich niemals mehr von diesem Kinde!« Aber eine Mutter, die ihr Kind liebt, begibt sich nicht so leicht. Ich sagte darauf bestimmt: »Josefa, jetzt weiß ich, daß du unglücklich verheiratet bist!« Sie zuckte nur die Achsel und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Endlich sagte sie: »Bist du glücklich verheiratet gewesen?« Ich zuckte doch innerlich zusammen und antwortete darum vielleicht sofort: »Natürlich, Kind. Aber so was fragt man doch nicht seine Mutter! ...« »Dann fragt man's auch nicht seine Tochter.« Mir sanken die Hände: »Josefa, was ist aus dir geworden?« »Was du gewollt hast, Mutter.« Dann sah ich ihr eine Weile wortlos nach, wie sie langsam auf und ab ging. Ich verstehe sie doch nicht... Das Thema soll nie mehr zwischen uns berührt werden. Gegen Mitternacht begleitete ich sie selbst in ihre Villa. Wir unterhielten uns liebevoll, leise, als wollten wir uns gegenseitig etwas abbitten. Als sie die Haustür aufgeschlossen hatte, küßte sie mich zärtlich und sagte, den Mund an meinem Ohr: »Mutter, du mußt dich nicht unnötig sorgen! Es sind wohl alles nur Nerven. Ich bin ganz glücklich verheiratet. Wenigstens wüßte ich nicht, wie's besser sein könnte. Sieh mal, ich bin doch schon fünf Jahre Frau, also beim besten Willen nicht mehr Phantastin. Nach fünf Jahren, da ist die Liebe nicht mehr so heiß.« »Törichtes Kind! Du bist doch noch so jung.« Auf dem Rückwege machte ich mir klar, daß sie recht hat. Das war wohl so etwas Schuldbewußtsein. Mir war übrigens noch gar nicht nach Schlaf zumute. Ich ging in den Sanatoriumanlagen spazieren, die eigentlich auch schon Dresdner Heide sind. Vieles ging mir durch den Sinn. Ich lüge nicht gern. Warum log ich eigentlich heute, und so leicht? ... Denn was auch geschehen ist – meinen Mann habe ich nie geliebt, aber den andern habe ich geliebt, von Herzen! Daran ändern vierzig Jahre auch nichts. Ich hatte noch eine häßliche, ja grausige Ueberraschung gestern bei dem Nachtspaziergang. Es war, wie gesagt, neblig, und jeder Baumstamm starrte unheimlich wie ein lauernder Vagabund. Ich glaube auch ganz gewiß nicht an Gespenster, und müßte doch eigentlich daran glauben! Denn plötzlich stand vor mir wie aus dem Boden gewachsen dieselbe hohe, düstere Gestalt, die mich schon neulich im Loggiazimmer genarrt. Ein Mann im Mantel, den Kragen hochgeschlagen, genau wie vor vierzig Jahren. Vom Gesicht nichts zu sehen, nur die Augen leuchteten, die heißen, bösen Augen, die ich hinter jeder Vermummung wiedererkennen würde. Ich sank buchstäblich in die Knie. Im Augenblick war die Gestalt auch schon verschwunden. Aber sie lebte, ich höre noch den langen, leichten Schritt verhallen! Es kann natürlich nur ein Phantom gewesen sein. Aber, wenn es sein Schatten wirtlich war? ... Die längst entschwundene Gestalt, die meinem Herzen nichts mehr ist, nichts mehr sein könnte, macht meinem Kopf Grauen. Er pflegte Wort zu halten bis zur Hölle... Ist der Tag der Rache nahe? Achtzehntes Kapitel Das Sanatorium hat meinen kritischen Geist doch wieder sehr angeregt. Die Fülle der geistvollsten Gedanken strömt mir zu. Das ist nicht wunderbar. Mir hat darum auch noch nie etwas imponiert, mich selbst ausgenommen. Und im Grunde ist ja auch alles lächerlich, mich selbst ausgenommen. Neulich das alldienstagliche Gesundheitsvergnügen der Sanatoriumsjünger. Es ist auch danach! ... Erst das vegetarische Abendbrot, dann ein neuer Deklamator. Der betreffende Sprachmeister, ein Herr mit verstümmelten Beinen und noch verstümmelterem Talent, ließ wieder einmal den braven Geßler sterben. Obgleich ich draußen vor dem Fenster saß, wurde mir himmelangst. Der Deklamator schrie und tobte und machte dem armen Tell den Meuchelmord furchtbar schwer. Der Monolog hallte auf Meilen, und der Landvogt, ein mißtrauischer Tyrann, dürfte doch nicht einschließlich seines ganzen Gefolges taub gewesen sein. Ich hatte das Gefühl, als endlich der Unhold niedergeschossen war, daß der tote Schiller nun seinerseits aus dem Grabe aufstehen, den Deklamator beim Ohr nehmen und abführen müßte. Aber die Menschen drinnen im Konversationssaal dachten entschieden milder. Sie klatschten Beifall, der Sprachmeister schrie von neuem, nur daß diesmal ein verliebter Fant bei Nacht den weichen Zopf seiner Geliebten hinterrücks erwischt zu haben glaubte, und wie Gott den Schaden besah, den harten Schwanz einer Kuh zärtlich streichelte. Rückkehr zur Natur, sehr diplomatisch! ... Ich begab mich gleichfalls zum Naturgenuß, das heißt in den Garten. Solche Kunst ist wirklich nur etwas für vegetarische Nerven. ^ Als der Tanz begann, kehrte ich zurück. Dieser Tanz, der gleichfalls im Konversationszimmer absolviert wird, zeichnete sich dadurch aus, daß die jungen Herren, die tanzen, aber nicht tanzen können, wenigstens ehrlich schwitzen, und daß die reiferen Schönheiten, die nicht tanzen, aber tanzen können, wenigstens gern schwitzen möchten. Die dänische Sängerin flog wie ein graziöser Gummiball von einem Arm in den andern, vollführte ganz absonderliche Weisen, und ich hoffte sicher, daß ein offenherziger Cancan sich ganz von selbst daraus entwickeln würde. Aber leider sind auch hier die Menschen Komödianten und geben sich niemals ganz so, wie's ihnen ums Herz ist. Dann tanzten die beiden Gräfinnen (hm, hm!) einen sittigen Klosterfrauenreigen, den sie vermutlich in einem Berliner Ballokal vor vier Wochen etwas freier getanzt haben ... Aber Adel verpflichtet! Der Herr Graf wird nämlich täglich erwartet, kommt aber nicht. Wird wahrscheinlich nie kommen, oder höchstens bis Dresden, wo man's mit der Gräflichkeit seiner hochgeborenen Gemahlin nicht so genau nimmt. Es tanzten aber doch viele gute Leute, und wenn die Säulen des Saales nicht umgetanzt wurden, so lag dies nicht an den Tänzern, sondern an den Säulen. Auf der Estrade saß oder stand dichtgedrängt alles, was seine Beine für zu gut oder zu steif für Gesundheitsvergnügungen hielt. Ich konnte von draußen nichts hören als ein wüstes Summen. Doch sah ich mit Vergnügen, daß Zitronenlimonade lustig macht und Klatschen rosig anhaucht. Im Konversationssaal wurde furchtbar geklatscht, das gehört gewissermaßen zur Kur. Und wenn die distinguierte Witwe in Schwarz vielsagend lächelte, so sagte ihre schlanke Freundin sogar viel, und wenn die hübschen Serviermädchen mit weißen Häubchen durch die Garderobe äugten und sich gleich darauf hinter den Mänteln der Damen totkichern wollten, so gehört das ganz genau so zu einem Sanatoriumstanz wie der Sekt zum Chambre séparée. Meine beiden wirklich gräflichen Gönnerinnen saßen auch im Hintergrund, schwarz, nicht tanzend, aber durchaus höflich. Es gibt eine gewisse exklusive Höflichkeit, die besser abschließt als die größte Grobheit. Die guten Damen, die so gar nicht der Mittelpunkt des Interesses zu sein wünschen, sind es aber in der Tat. Man kennt sie jetzt, weiß, daß die Vornehmheit kein Flitter, der Reichtum gediegen, die Schönheit echt ist. Und so haben sich auch sofort zwei Partien gebildet: eine, die anbetet, kurknickst, der alten Gräfin am liebsten jedes Zeitungsblatt andächtig umwenden möchte, und der jungen Baronin den Platz auf der Massagebank sofort herzklopfend räumt; und eine andre, die opponiert, verachtet, in Türen wie festgenagelt steht, wo die beiden Gräfinnen gern durchmöchten, und beständig Dummheit und Stolz bei vornehmen Leuten zusammenwirft, wie das Sprichwort ja auch. Dummheit ist angeboren, Stolz aber erworben. Und je leutseliger ein hoher Herr ist äußerlich, desto hochmütiger pflegt er zu sein innerlich. Napoleon, wenn er einen Grenadier freundschaftlich ins Ohr kniff, würde höchst unangenehm geworden sein, wenn der Grenadier wieder gekniffen hätte. Es ist eben alles Schauspielerei! Die beiden Gräfinnen (hm, hm!) sind leutselig zu jedermann, und die Herren noch leutseliger zu ihnen – das ist nur natürlich und verletzt niemand. Diese Damen stehen auch an der Spitze der feindlichen Partei; sie verachten, sie verleumden, aber trotzdem sind sie von der heillosesten Neugierde besessen, Herrn von Lasowitz einmal zu schauen. Er ist berühmter Reiter und sehr eleganter Mann, das interessiert. Die Funktionen der Beine und des Schneiders stehen dem Durchschnitt nun einmal höher als die Großtaten des Kopfes oder des Herzens. Das ist nur menschlich. Und das Herz der blasiertesten Ballschönheit klopft hörbar, wenn sich der schönste Leutnant vor ihr verneigt, ihr Geist regt sich aber nur mäßig an, wenn sie den alten Moltke ohne Perücke erblickt. Wird Herr von Lasowitz kommen? Die Gräfinnen (hm, hm!) sagen: ›Nie!‹ Dabei flackern die Puppenaugen der Blonden nur so. Die guten Kinder wären bereit, jedes unnatürlichen Todes zu sterben, wenn ihr Graf nur ein einziges Mal hier als Graf erschiene und sie als Gräfin. Aber er kann wirklich nicht, Kinder! Denn deine Ehe, mein Blondes, ward in einem Himmel geschlossen, von dem die Erde nichts wissen darf. Die Dunkle, die gerade nach der Brosche mit dem Namenszug tastet, vergißt vollkommen, daß ihre Liebe zwar tief und heilig, aber dem Standesamt völlig unbekannt ist. Ueber die Lasowitzfrage, meine Damen, beruhigen Sie sich! Freiherr von Lasowitz, falls er kommt, kommt hierher, selbst wenn er seine Gemahlin noch so bitter haßte; euer Graf, Kinder, falls er kommt, bleibt in Dresden, wenn er euch auch noch so liebt! Um zehn erstarb der Tanz. Aber ein Geist der Schlemmerei war über die Gesellschaft gekommen. Sie wallten in Gruppen nach dem nahen Hotel, was sie übrigens häufiger tun. Ein Assistenzarzt ging mit zur Ueberwachung. Ich glaubte immer, die Restaurants hier oben machten schlechte Geschäfte bei einem Sanatorium, wo der Alkohol verboten ist, ich mußte aber leider konstatieren, daß sie gerade darum gute Geschäfte machen. Ich ging streng hygienisch nach Haus. Meine Favoritin war wegen einer kleinen Indisposition überhaupt zu Hause geblieben. Bei Portiers ist nämlich Geburtstag, und sie hat so viel Familiensinn! Außerdem zieht sie Solodiners vor, wenn es Bückingsköpfe gibt. Ich lächelte innerlich, als sie mich so selbstlos zu dem Tanzvergnügen schickte und das Haus aufs beste zu hüten versprach, – ich liebe nämlich Bückingsköpfe nicht. Ich habe der »Kleinen«, die ihr Souper beendigt hatte, alles erzählen müssen. Als echte Frau interessierten sie vor allem die Aeußerlichkeiten, und es schien ihr eine große Freude zu sein, daß bei den Menschen erst recht geklatscht wird. Meine Erzählungen vom Tanz begeisterten sie, aber meine Ideen über Kunst überhaupt, die ich daran schloß, ließen sie kalt. Eigentlich hat sie recht. Was ist überhaupt Kunst? – Die Menschen, die sich mit allem Raffinement so anziehen, daß sie aussehen, wie sie nicht aussehen, haben auch über Schönheit ihre bekleideten Begriffe. Ein Mann mit langer Hose und einer Plättfalte drin ist ihnen ein ästhetischer Genuß. Und wenn der spinnenbeinige Bengel wie sich's gehört noch gar einen Giraffenhals hat und himmelhohe Stehkragen, in denen er sich ungefähr so frei bewegen kann wie ein Porzellanchinese in einem Teeladen – dazu leeres Gesicht und noch leererer Kopf –, so würden alle Götter des Olympos höchstselbst ganz vergeblich konkurrieren. Denn ein Gott darf beileibe kein Gott sein, sonst ist er kein Gott!... Der Gedanke, daß der Mensch auch noch etwas andres sein könnte als Kleider, ist der wohlangezogenen Menschheit fürchterlich. Ich glaube, daß ein schicker Stiefel ganz andre Herzensverheerungen anrichtet als ein schöner Fuß, und die Kritik der Frauenschönheit macht immer dezent Halt vor dem schönen Korsett selbst. Sie sind selbst oberflächlich, die wohlangezogenen Menschen, darum lieben sie auch bei andern die Oberfläche. Die Menschheit ist überhaupt sehr anständig! Das hindert sie aber nicht, zuzeiten das Gegenteil zu sein... Ich freue mich immer, wie die Leute zum Beispiel Bildergalerien betrachten. Eine Statue, die für schön gilt – alle Augen flammen in Begeisterung! Eine Statue, die schön ist – und alle fragen erst den Katalog! Darum lieben sie auch in der Historie am meisten das Kostüm. Da weiß man doch wenigstens, wie man sich zu verhalten hat!... Daß August der Starke in römischer Imperatorentracht, den Lorbeerkranz auf dem Kopfe, Mann und Pferd über und über vergoldet, durch Dresden dahinsprengt – wie sinnig! Man kennt den trunkfesten Herrn zu Dresden nicht anders kostümiert, und der sächsische Adel erinnert sich in diesem Anblick gern, wie viel königliches Blut auf Umwegen in seine Adern geflossen ist. – Den alten Fritz erkennt man am Krückstock, Mozart am Zopf, und Napoleon ohne Dreispitz ist doch eigentlich nicht mehr Napoleon! Luther hat einen dicken Bauch und muß ihn haben, obgleich er in seinen besten Zeiten mager war... Daß Beethoven ohne Kleider auch noch Beethoven ist – das will darum wohlanständigen Leuten schwer in den Kopf. – Die Moral urteilt nach Aeußerlichkeiten – und bei der Kunst ist das erst recht Pflicht. Denn die Menge bleibt nun einmal Menge: das sagte schon dieser Rin. – Der alte Fritz hat zwar seine Schlachten ohne Krückstock gewonnen – des starken August einzige Großtat war, daß er zuweilen Hufeisen zerbrach – und das brauchte doch nicht vergoldet zu werden; Mozart komponierte wirklich nicht mit dem Zopf; Luthers Bauch war nicht seine Stärke... Aber es gehört schon eine wahre Riesenumwälzung dazu, wenn sich die Menschheit auch nur von der äußerlichsten Aeußerlichkeit, dem Kostüm, zu emanzipieren versucht – weil eben ihr Kunstgefühl mit dem Neu-Ruppiner Bilderbogen zu eng liiert ist... Daran ändert auch gar nichts, daß gerade die Allerbekleidetsten dem Unbekleideten Hosianna schreien, – innerlich kreuzigen sie ja doch... Und wenn die Kunst erzieherisch auf die Menschheit wirkte, so liefe die doch nicht feierlicher als je in dem grauenhaften Frack herum. Zuweilen ändert sich das freilich. Die Erde ist auch hier rund. Und wenn morgen der Frack verpönt würde, würde er sich doch wahrscheinlich übermorgen wieder einfinden. Denn auch im Kostüm gibt es nicht Fortschritt, sondern nur Wandel. Zeit ist Mode. Die Erde dreht sich... Und die Kunst dreht sich auch. Heute alles rein symbolisch – sämtliche Schweine grunzen grün und im vollsten Sonnenlicht. Morgen alles allegorisch – der Mond muß ausschauen wie ein Bengel mit einem Wasserkopf. Uebermorgen alles historisch – und wenn der Gamaschenknopf nicht stimmt, stimmt der ganze Kerl nicht... Montags: sämtliche Himmel blau – Dienstags: sämtliche Bengels schmutzig – Mittwochs: werden grundsätzlich nur Dirnen – Donnerstags: grundsätzlich nur Komtessen gemalt. Freitags: zieht man in den Wald und schwelgt in Windbruch und Gewitterwolken. Sonnabends in der Feierabendstimmung findet man seine Seelenruhe wieder bei einer Wiese und einer Kuh bei Sonnenuntergang. Und Montag erinnert man sich endlich, daß die Erde rund und die Schweine grün sind. Das sind so nach meinen Katerideen die Kunstepochen. Und wenn nun die tollsten Impressionisten darauf sagen: »Wir sind wirklich neu, originell – wir malen jede Katze naturgetreu rosenrot, eben weil es keine rosenroten Katzen gibt,« so erwidere ich: »Alte Geschichte! Waren die gotischen Leuen vielleicht Leuen? Sind nicht alle japanischen Pflanzen stilisiert? Und hat der kleine Moritz in seinem Malbuch nicht schon viel schlechter Akt gezeichnet als ihr?« Da ich ein Ueberkater bin, kann ich auch »überurteilen«. Eure Kunst ist Bandendiebstahl, meine Verehrten! – Wenn ich von euch Architekten zum Beispiel eine Kirche, eine Prunkstraße entstehen sehe, so freut mich nur, daß ihr schlimmer betrügt als Bankdirektoren. Von jeder sogenannten Stilepoche nehmt ihr ein Stück, flickt's zusammen, übertüncht's. Es ist ein Ragoutstil – und ihr seid Schnapphähne! Was ihr dreist gestohlen, verkauft ihr noch dreister als eignes Fabrikat. – Aber man kennt sich aus! Die fremden Stücke schmecken, sind verdaulich – nur was ihr selbst dazugegeben, ist wie die Zugabe beim Fleischer eine zähe, unangenehme Zugabe... Dies alles ganz nebenbei. Ich bin ein etwas negierender Geist – je älter, je mehr. Zurzeit interessieren mich bei Maskenbällen nur die Demaskierungen. Und sollte mich die ganze bekleidete Moral auch steinigen, weil ich aus Kaprice einmal für das Nackte schwärme – mir recht! Es gibt nämlich nur eine Nacktheit, wie es nur eine Wahrheit gibt! Und wenn vor Kammerdienern sich die Helden regelmäßig demaskieren, so sind's eben keine Helden, sondern Komödianten. Und wenn eine Schönheit nur in Toilette schön ist, so ist sie eben keine Schönheit. Wenn ihr der Unmoral Hosen anzieht, so ist sie noch lange keine Moral... Da ihr ja der Ansicht seid, daß es würdiger ist, kostümiert zu hinken mit einem häßlichen Körper, als nackt zu gehen mit einem schönen Körper – so vergeht, bitte, nicht, daß jedem Maskenball die Demaskierung folgt... Ich halte die Nacktheit doch für sehr wichtig. Euer Himmel predigt sie täglich, aber vergebens. – Ihr tragt ja auch nur das Glaubenskostüm und haltet es im Herzen viel lieber mit dem Teufel, der natürlich erst recht kostümiert ist... Denn wenn Mephisto ohne Vermummung als ehrlicher Teufel mit Pferdefuß und Schwefelgeruch einherginge – er würde viel weniger Seelen fangen, vielleicht nicht mal die euern. Sonst habe ich für den Teufel viel übrig. Er ist so amüsant! – Und vielleicht bin ich selbst dieser Teufel, der euch an der Nase herumführt. Wir haben jetzt wunderschöne Herbsttage. Das Elbtal in einem lichten Morgennebel, aus dem tauglitzernd Dresden ganz allmählich emportaucht: die grauen Kirchen, das Schloß, rechts und links von dem freundlichen Stromspiegel das rußige, einförmige Häusermeer, des vergoldenden Sonnenlichtes so sehr bedürftig. Auch die Dresdner Heide lacht und leuchtet. Und wären nicht die buntwirbelnden Blätter, die linde Melancholie des Herbstes, der rieselnde Verwesungshauch, der diesen weichen Sonnenabschied so wehmütig umspinnt – man könnte wähnen, es gäbe in der ganzen Natur nur Sonne und Glück. Ich finde, daß Josefa die Kur bekommt, sie hat mehr Appetit, ist gesprächiger. Als sie mich am Sonntag, der kurfrei ist, zu einem längeren Spaziergang durch den Wald aufforderte, ahnte mein gutes Kind wohl nicht, wie kindisch ich mich über dieses Erwachen auch in ihrem Inneren freute. Ich bin doch nun einmal Mutter, nur Mutter! Auch den Leuten im Sanatorium werden wir jetzt gerecht. Es gibt wahrscheinlich viel nette Menschen da. Und daß alles so einfach ist und sich so einfach gibt, das entspricht doch auch eigentlich am besten einer Anstalt, die die Pflege der Natur als ihr erstes Gesundheitsgesetz predigt. Ich füge mich gern den Verhältnissen, sobald ich ihre Berechtigung erkannt habe. Ich weiß nicht, ob sich Josefa gern fügt, sie läßt noch immer nicht in sich hineinsehen. Aber als wir an dem besagten letzten Sonntag durch die Schluchten der Heide bummelten, genau so harmlose Sonntagsspaziergänger wie die Tausende von aufgeputzten, fröhlichen Dresdnern auch, da mied sie nicht etwa die Wege der andern, obgleich's doch alles kleine Leute sind, die sich von dem Werktagsruß in der reinigenden Waldluft erholen möchten. Sie streichelte sogar ein Kind, das, ich weiß nicht aus welchem Grunde, ihr einen kleinen Heidestrauß ungelenk überreichte. Sie nickte freundlich den Eltern zu, die von ferne standen. Sie hat so viel Charme, wenn sie lächelt, weichen Charme, wie ich ihn auch hatte, und dabei bleibt sie immer die Königin, die sich nur ganz leicht zu neigen braucht, und die andern grüßen ganz tief! Wir begegneten keinem Bekannten, ausgenommen diesem Herrn Rin, der aber nach seiner Art auf einem Seitenwege ging. Josefa sah ihn nicht, und auch er machte keine Anstalten, uns zu sehen. Ich habe jetzt gar nichts mehr gegen den Mann, der nicht den Eindruck eines Kranken macht, es aber vielleicht doch ist ... Dabei muß ich noch etwas beichten. Ich habe unter einem freundlichen Vorwande, weil seine Frau, neben der ich zuweilen in der Kirche sitze, mich immer höflich grüßt, den Chefarzt des andern Sanatoriums nach Herrn Rin interviewt. Herr Rin ist bürgerlich, stammt aus der französischen Schweiz, in seinem Leben gibt es nicht die geringste Unklarheit oder Romantik. Das wußte ich ja längst selbst. Aber als der Arzt, dem man doch immer mehr preisgibt, das alles Wort für Wort bestätigte, fühlte ich mich ganz erleichtert. Man soll sich gewöhnen, keine Gespenster zu sehen! Und jetzt, da ich eine kindische Sorge los bin, sorge ich mich wieder kindisch um mein Kind. Was quält sie eigentlich? Denn um nichts und wieder nichts gibt's doch nicht so merkwürdige Aussprachen zwischen Mutter und Tochter wie vor vierzehn Tagen. Sind's nur Nerven? Das Gesellschaftsleben, das sie sonst führt, muß ja nervös machen! Der Assistenzarzt, der sehr gewandt und verständig ist, was ihm den Spottnamen des Damenäskulaps eingetragen hat, versicherte mir, daß es Nerven wären, nur Nerven. »Frau Gräfin, sorgen Sie sich nicht! Es fehlt der Dame nichts als eine gewisse Ueberreiztheit, die mit der Kur schwindet. Und das Herz?« Er lächelte dabei weltmännisch. »Die Frau Baronin wird jedenfalls schon ganz andre und ungleich mehr Herzkranke gemacht haben, als sie selbst eine ist. Jedenfalls ist es nun eine minimale, unbedingt heilbare Abweichung. Für das Herz speziell garantiere ich!« Ich war so dankbar für den Bescheid, und er stimmt ja auch völlig zu Josefas Aeußerungen, daß sie in ein Sanatorium eigentlich gar nicht gehöre. Also kann das Leiden nur seelisch sein. Weil ich aber nicht gern im Dunkeln tappen möchte, habe ich heimlich an Peter geschrieben. Er soll ein paar Tage herkommen. Da wird sich's schon zeigen. Peter hat sofort und sehr höflich zugesagt. Diesmal werde ich Josefa doch überraschen! Wenn die Ehe stimmt, – und das werde ich auf den ersten Blick sehen, – dann sind es eben nur Grillen, und Grillen können ausgetrieben werden. Neulich bei Quedenbergs zum Gegenbesuch. Er nahm uns an, sie war nicht bei Wege. Da hörte ich auch was Nagelneues. Jeanette fühlt sich Mutter! Er teilte mir das aus der Freude seines Herzens geheimnisvoll mit, und daß ich mit niemand darüber sprechen dürfe, auch mit Josefa nicht. Seine Frau sei glücklich und er noch mehr. »Aber kein Wort, gnädigste Gräfin, kein Wort! Sie liebt's nun einmal nicht. Die reizende Gesellschaft bei Ihnen neulich ist ihr entsetzlich bekommen, sie schlief die ganze Nacht nicht.« Ich versprach natürlich alles. Selbst wenn ich's nicht versprochen hätte, ich würde unbedingt geschwiegen haben. Warum mein Kind quälen? Die beiden haben nun, was sie wollen, sind glücklich, dabei lieben sie sich nicht, haben sich wahrscheinlich nie geliebt. Das ist mir so schmerzlich, daß meine Kinder, die sich doch aus reiner Liebe geheiratet haben, dies Glück nicht finden sollen. Ich war froh, als wir wegfuhren. Denn vor den höchsten Wünschen, die andern gewährt, uns aber versagt werden, macht unser Neid leider Gottes nicht Halt. Ich war gegen Josefa so liebevoll, verschloß alles in mir, bloß um ihr nicht wehe zu tun. Aber sie wußte doch Bescheid. Kaum saßen wir im Wagen, da sagte sie leichthin: »Quedenbergs erwarten Familie?« – »Wer sagt dir das?« – »Nun, ich weiß es.« – »Aber Josefa, du irrst dich vielleicht.« – »Nein Mama, ich irre mich nicht! Es gibt gewisse Fensternischengespräche zwischen jüngeren Herren und älteren Damen, indes die Frau sich unpäßlich fühlt.« – »Aber Josefa!« – »Aber Mama! Und tue mir doch den Gefallen, verschleiere nicht immer unnötig. Es nutzt nichts, es nutzt nie etwas im Leben.« – »Josefa, du verschleierst doch auch!« Da wurde sie wieder eiskalt und hochmütig. »Mama, wenn ich dir etwas zu sagen hätte, ich sagte es dir. Aber ich habe dir nichts zu sagen. Dir nichts...« Darauf blieb sie verschlossen, trotz aller guten Gründe und liebevollen Vorwürfe. Nur ein eigentümliches Lächeln zuckte zuweilen um ihre Lippen. Erst beim Aussteigen sagte sie: »Ich gebe dir mein Wort, Mama, ich beneide Jeanette Quedenberg weder um ihr Glück noch um ihr Kind. Mir würde grauen vor diesem Kinde!« Und da bin ich wieder am Ende. Mein Kind wird körperlich immer wohler, fast blühend, der Arzt ist mit den Fortschritten außerordentlich zufrieden, und ich, die Mutter stehe stumpf vor einem Rätsel. Peter gekommen. Die Ueberraschung wenigstens gelang vollkommen. Wir saßen beide bei mir zu Haus, beim Nachmittagskakao, als er, ohne zu klopfen, eintrat. Er war in Uniform. Als Kürassier gefiel er mir eigentlich besser. Ich mag Ulanen nicht mehr. So ändert man seine Ansichten. Er bleibt nur zwei Tage, weil der Dienst und die Rennengagements nicht mehr erlauben. Ich will getreulich erzählen, wie's war. Er trat rasch ins Zimmer, sie erhob sich verwundert langsam. Er küßte ihr erst galant die Hand, dann herzlich den Mund. Sie küßte wieder und sagte: »Ist was passiert?« – »Mama befahl.« Er zeigte auf mich. Er sieht gut aus, mein Schwiegersohn – hübscher, eleganter Mensch. Wir tranken den Kaffee zusammen. Die hiesigen Bekannten wurden durchgenommen. Später kamen die Pferde an die Reihe. Da wurden beide sehr lebhaft, die Rennausdrücke flogen. Ich freute mich, wie diese Passion bei beiden noch vorhält. Gegen Abend gingen wir in das Sanatorium. Die beiden Arm in Arm vorne, ich hinterher. Sie gingen leicht untergefaßt, ohne Bräutigamsairs, wie sich's für Verheiratete schickt. Es war gerade der allwöchentliche Tanzabend. Peter blieb darum zu Tisch, und die Uniform machte ein gewisses Aufsehen. Wir waren sehr gesprächig alle drei in unsern eignen Angelegenheiten, und kümmerten uns natürlich um die Visavis nicht. Zu diesem Tanzabend geht man eigentlich nur zum Mokieren. Mit unsern wenigen Bekannten wurde wieder die aristokratische, exklusive Insel gebildet, zu der sich in letzter Zeit noch zwei polnische Grafen gefunden haben, vornehme, weltgewandte Leute. Peter wollte tanzen, aber Josefa dankte. Gerade heute ist auch die Kur besonders anstrengend gewesen. Er absolvierte die beiden ersten Pflichttänze mit unsern Damen, nachdem er sich scherzend erst vor mir verbeugt und gesagt hatte: »Mama, du bist noch immer eine Ballschönheit, und kein Mensch würde sich wundern ...« Meine Tochter, die nicht eifersüchtig zu sein scheint, nickte ihm zu, während er die spärlichen Schönheiten Revue passieren ließ: »Tanz nur ruhig, Peter, du tanzt ja so gern!« – »Werd' ich auch!... Aber Kinder, ein paar erstklassige Pferde hättet ihr wenigstens an den Start schicken können. Das sind ja fast alles outsider!« Und er suchte mit den Augen, bis er endlich gefunden zu haben schien. »Halt! Die Blonde da ist wohl in ihren Mußestunden Balletteuse?« Er meinte natürlich die dänische Sängerin. »Und die Kleine mit dem Porzellanköpfchen, die neben dem dicken Herrn mit der goldenen Brille, der sich so in das Ecksofa lümmelt – auch nicht übel! – wenn sie nicht von der gräßlichen, schwarzen Duena auf der andern coté flankiert wäre. Tragen übrigens beide Namenszüge von Gardekavallerieregimentern als Broschen!« Wir erzählten lachend die Gräfinnengeschichten der beiden. Darauf klemmt er das Monokel ein, durch das ein Leutnant nun einmal Damen am schärfsten sieht, und sagte nach einer Pause: »Den Puppenkopf kenne ich, wenigstens par distance. Nicht gerade Gräfin, aber dichte bei.« Wir waren natürlich sehr neugierig auf die Lösung dieses Rätsels. Peter lachte aber nur: »Weiß wirklich nicht! Rennen oder so wo ...« Er sprach auch später mit den beiden Damen, aber die Verbeugung war derart, daß sie mich bedenklich machte. Josefa sah kaum hin. Peter kam auch gleich wieder zurück und widmete sich nur uns. Solch Fest ist Punkt zehn beendet. Als wir hinausgingen im dichten Gedränge, hörte ich verschiedentlich wispern: »Ach, das ist der berühmte Lasowitz!« – »Schöne Frau.« – »Ueberhaupt distinguiertes Paar! ...« Die Empfindung hatte ich übrigens auch, daß sie sich bei aller Vornehmheit herzlich und unbefangen gaben. Erst jetzt fiel mir ein, daß wir Peter ja noch gar nicht untergebracht hatten. Ich sagte darauf zu Josefa: »Du kannst doch noch die Jungfer für die zwei Tage ausquartieren?« – »Nein, Mama, das Zimmer kann ich niemand zumuten, und sonst ist die Villa besetzt.« Peter bemerkte dazu, als wäre das selbstverständlich: »Ich habe meinen Taxameter gleich oben behalten. Ich wohne natürlich in Dresden im Europe. Morgen komme ich dann zu euch mit der Elektrischen.« Das war das einzige, was mir an diesem Abend nicht gefiel. Junge Eheleute – und das sind sie doch noch – nehmen mehr vorlieb und weniger Rücksicht. Sie sind über drei Wochen voneinander getrennt, und haben sich doch wahrscheinlich manches zu sagen, wobei ich wirklich nicht vonnöten bin. Daß es die Liebesehe nicht ist, das weiß ich jetzt, – daß es aber doch wenigstens eine Liebesehe ist, das hoffe ich noch. Ich kenne mich eben unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr aus. Hält man für plump jetzt, was einst natürlich war? Sonst habe ich nicht die Spur eines Mißklanges bemerkt. Montag waren wir dann in Dresden unten, nachdem wir noch einen zweiten Tag ganz en famille und ohne Kur verlebt hatten; selbst Fräulein von Ingen wurde nicht angenommen. Ich muß es immer wieder betonen, wie reizend dieser Tag war, und wie sehr mir Peters ungemachte Ritterlichkeit und Josefas gleichmäßige Liebenswürdigkeit gefielen. Ich hatte die Empfindung, daß es die harmonische Gesellschaftsehe unsrer Kreise sei, vielleicht die glücklichste und dauerndste aller Ehen. Also Dienstag nachmittag fuhr mein Schwiegersohn. Wir dinierten unten gemeinsam in der Stadt, brachten ihn zu Fuß zur Bahn. Es war ein so herrlicher Nachmittag, das rußige Dresden zeigte sein gemütlich sächsisches Gesicht auf das allerfreundlichste. Schließlich ist's und bleibt's ja doch eine große kleine Stadt, deren Internationalität nur scheinbar. Auf dem Wege nach dem Bahnhof sagte Peter unvermittelt: »Du, die Stute muß ausrangiert werden!« – Darauf Josefa: »Fusijama?« – »Nein, die Josefa.« – »Es ist aber doch eigentlich mein Pferd, Peter?« – »Darum sag' ich's ja eben.« – »Und sie ist noch immer ein gutes Pferd ... Wer wird sie kaufen?« – »Gott, irgendeiner. Es ist ja auch noch nicht perfekt ... Jedenfalls jemand, der sie mir sehr anständig bezahlen will, und der merkwürdigerweise genau so über ihren Wert denkt wie du. Aber der Kerl ist mir unsympathisch, und wahrscheinlich bekommt er sie doch nicht! ... Es wäre höchstens, weil wir beide dann zugleich in dem großen Jagdrennen mittun würden: ich auf Bormio, er auf der alten Stute. Er wird als letzter einkommen, der gute Mann, und das gönne ich ihm eigentlich von Herzen!« – Darauf sagt Josefa kühl: »Du kannst die Stute nicht reiten, Peter.« – »Das hast du immer behauptet, lieber Schatz. Bewiesen hast du mir's bis jetzt noch nicht. Aber da du's sagst, wird's ja wohl so sein.« »Wer will sie nun kaufen, Peter?« warf ich dazwischen. Er zuckte die Achseln. »Irgendein mauvais sujet, Mama.« Obgleich diese Unterhaltung in aller Höflichkeit, ja fast zu höflich geführt wurde zwischen den beiden, so hatte ich doch meine Gedanken. Man wechselt nicht so plötzlich den Ton für nichts und wieder nichts unter wohlerzogenen Leuten. Auch als sie sich auf dem Perron verabschiedeten, es war doch eigentlich ein kalter Kuß und ein kalter Gruß, mit dem es auseinanderging! Beim Zurückgehen fragte ich natürlich Josefa, die sehr einsilbig war, vielleicht doch wegen des Abschieds, wie ich damals noch glaubte. Sie gab auch sofort Bescheid. Peter wisse, daß sie gerade dieses Pferd sehr liebe, es immer hochgehalten habe als ihr Pferd. »Denn es ist mein Pferd, Mama! Peter hat es mir am Hochzeitstage Scherzes halber geschenkt. Es sollte weiter unter seinem Namen gehen, aber die etwaigen Gewinne sollten mein Nadelgeld sein. Es war wie gesagt ein Scherz. Denn sein Nadelgeld brauche ich wirklich nicht! Und wenn er's jetzt verkaufen will, vielleicht hat er auch recht. Ueberhaupt eine Lappalie, über die gar kein Wort zu verlieren ist. Und er verkauft's ja ganz sicher nicht, Mama!« Ich hoffte das auch, fand aber gar nicht, daß es so sehr Lappalie sei. Ich erbot mich sogar, an Peter zu schreiben dieserhalb. Josefa lehnte ab, und zwar in einem Ton, der kein Paktieren gestattete. Sie war auch scheinbar sehr schnell darüber hinweggekommen, zwang mich scherzend zu einer Droschkenfahrt durch den »Großen Garten« in der Dämmerung. Als wir ausstiegen, es war zufällig an einer Litfaßsäule, sagte sie lustig: »Mama, wir wollen mal leichtsinnig sein heute! Ich habe ein Grauen vor dem alten Sanatorium. Und es soll gerade gut bekommen, wenn man die Kur einmal völlig unterbricht.« Sie studierte noch im Sprechen den Anschlagzettel, und ich fürchtete nach dem Ton das eben eröffnete, prachtvolle Spezialitätentheater, was aber wie alle Lokale dieser Art mit den ausgesungenen Chanteusen und dem schlüpfrigen Humor mir schon in Berlin äußerst widerwärtig war. Aber sie wählte etwas ganz andres: »Sieh mal Mutter, das trifft sich recht gut! Die Sorma ist hier als Gast und spielt die Nora von Ibsen. Ich kenne das Stück nicht, aber ich möchte es kennen. Schon der Titel: ›Nora oder ein Puppenheim‹, lockt der dich nicht auch, Mama?« Ich tat ihr natürlich den Gefallen, telephonierte meinem Kutscher wegen des Abholens. Wir bekamen noch einen guten Proszeniumsplatz, und ich freute mich auch auf die große Künstlerin, obgleich mir Ibsen immer Gruseln macht. Er sieht überall Gespenster in der Gesellschaft, und seine Gestalten machen bei aller Natürlichkeit den Eindruck von Menschen, die man der anmutigen Körperformen beraubt hat, nur um das Skelett besser studieren zu können. Es ist ein sehr einfaches Theater, das sonst keine überschwenglichen Hoffnungen weckt. In der Garderobe trat ein kleiner, eleganter Herr auf uns zu, sehr häßlich, aber offenbar sehr amüsant. Er sagte mit einer chevaleresken Verbeugung: »Baronin kennen mich wahrscheinlich nicht mehr? – Graf Bloome.« – Und meine so übersichere und kühle Josefa starrte ihn einen Moment an wie eine Erscheinung – und lächelte wahrhaftig verlegen. »Natürlich, lieber Graf!« erwiderte sie endlich. »Mama, Graf Bloome ...« Er fing auch gleich an sehr ungeniert und sehr lebhaft zu erzählen. Er habe wieder einmal eine Tante beerbt, diesmal aber einen wirklichen Geizdrachen. Und eine wie merkwürdige Laune des Schicksals es doch eigentlich sei, daß Josefa und er sich immer ausgerechnet dann treffen müßten, wenn er eine Tante beerbt habe. Hier gefiel er mir durchaus. Er hat eine so lebhafte, ironische Art, die mitreißt. Als Schwiegersohn würde mir dieser offenbare Leichtfuß nicht gerade angenehm sein. Bei solcher Wippnase dürfte ihm die Liebe auch nicht ganz leicht werden. Er erzählte tausend Dinge aus Afrika, und welch tolle Reiterin Josefa immer gewesen sei. »Ich versichere Ihnen, gnädigste Gräfin, die Baronin kann reiten! Ich würde mich schön bedanken, mit ihr jemals konkurrieren zu wollen!« Darauf zu meiner Tochter: »Uebrigens, Frau von Lasowitz, damit Sie die größte Neuigkeit des Jahrhunderts wissen: Ich bin auf meine alten Tage wieder unter die Rennreiter gegangen. Ich will den Kerls mal beweisen, daß auch andre Leute reiten können! Denn die Kerls mit ihren Rennbahnairs...« Er unterbrach sich: »Ich vergesse ganz, Gnädigste, daß Ihr Gatte ja selbst von der Zunft ist. Grüßen Sie, bitte, meinen braven Peter, und er möchte einem alten Kameraden gegenüber etwas kulanter sein. Er weiß schon. Irre ich mich – bon! Irrt er sich – noch boner.« Aber Josefa war nicht aus einer gewissen Reserve zu bringen. Und sie kennen sich doch offenbar lange und gut. Es klingelte. Sie gab ihm zögernd die Hand und duldete nicht, daß er sie küßte. Als wir in der Loge waren, sagte sie ungefragt: »Dieser Bloome ist ein guter, anständiger Mensch. Er kennt mich aus der Zeit, wo ich schwerkrank war. Und hat sich auch sonst feinfühlig und vornehm benommen.« Das Stück wurde gut gespielt, namentlich die Sorma war entzückend natürlich. Nur der Schluß will mir nicht ... Da der Autor es nun einmal liebt, das Häßliche, Kleine der menschlichen Natur aufzudecken, was ja gewiß da ist, aber ohne ihm das Schöne, Große gegenüberzustellen, was doch auch da sein muß: so klingt mir eigentlich dieses ganze Drama unnatürlich und kläglich aus. Warum zuletzt bei der Heldin die Pose der Konsequenz, die doch immer die Inkonsequenz in Person war? – Vor dem letzten Akt zur Abwechslung noch Feuerlärm mit einer Aufregung im Gefolge, die ich noch jetzt spüre. Das Parkett und die Galerien schrien Feuer. Es entstand ein häßlicher Tumult, in dem die einen rücksichtslos nach dem Ausgang drängten, die andern wie erstarrt sitzen blieben. Es roch versengt. Der eiserne Vorhang rasselte nieder. Es ist nicht der Tod, es ist die häßliche Vorstellung, einmal halbverkohlt unter den Trümmern hervorgezogen zu werden, die unsereiner fürchtet. Josefa blieb; in einer statuenhaften Ruhe und Unbeweglichkeit saß sie da, die Augen gingen ohne Erregung über dieses Parkett voll Todesangst. Ich glaube sogar, daß sie lächelte. Dennoch ging ich nach der Garderobe, und zwar um unsre Mäntel zu holen. Wenn ich's mir jetzt überlege: Kindisch! Aber der Gedanke, daß mein Kind bei einer Flucht hinaus in die Herbstnacht nicht frieren dürfe, das ist wohl ein kleinlicher, aber echter Mutterinstinkt. In der Garderobe fand ich den Grafen Bloome, der aufgeregt mir entgegenkam. »Wo ist Frau von Lasowitz? Sie darf nicht zurückbleiben!« Damals erschien es mir nur eine schöne, menschliche Fürsorge. Heute denke ich in dem Punkte etwas skeptisch. Zu guter Letzt erwies sich denn alles als unnützer Alarm. Ein Feuerwehrmann in voller Uniform mit Lederhelm und Picke trat an die Lampen auf der Bühne und versicherte, daß der brennende Kulissenfetzen längst gelöscht sei. Da lächelten natürlich die Verständigen alle, und zwar über sich selbst. Die Sorma spielte weiter, und spielte wunderbar. Ich freute mich von Herzen für mein Geschlecht über diese Geistesgegenwart. Komisch! Uns erschlafft die fortgesetzte Komödie des Lebens die Nerven, den Komödianten von Beruf werden die Nerven nur stärker dadurch. Wir empfahlen uns nachher rasch. Ich hatte mich auf ein Austauschen der Meinungen gefreut. »Wie hat dir's gefallen, Josefa?« »Puppenheim,« antwortete sie. Zu mehr war sie nicht zu bringen. Bis hierher könnte jemand sagen: ›Warum alle diese Kleinigkeiten, deren Zusammenhang man nicht begreift, so lang und breit erzählt eigentlich?‹ Ich schreibe ja auch dies Tagebuch nur für mich. Aber von hier sind's keine Kleinigkeiten mehr. Von hier beginnt das Schicksal. Und wenn es wahr ist, was ich manchmal fühlte, daß nicht das Starke, Böse in unsrer Natur sich rächt – weil's einem Zweck dient; sondern das Schwache, Gute rächt sich – weil's keinem Zwecke dient. Und so will ich alte Frau noch in der zwölften Stunde versuchen, zu der ganzen Gestalt emporzuwachsen, die ich niemals war. Ich bin Mutter, und mein Kind darf nicht zugrunde gehen! Auch das Jetzt hört sich wie eine Nichtigkeit an. Wir beabsichtigten so wie so in der Stadt zu soupieren. Da Josefa von Europe nichts wissen wollte, ließ ich den Kutscher aufs Geratewohl bei dem ersten, besten Weinrestaurant halten. Es schien auch ein anständiges, sogar elegantes Lokal zu sein mit blitzenden Gläsern und unaufdringlichen Bratengerüchen. Wir wählten, um nicht etwa neugierig begafft zu werden, eine der sogenannten Nischen im Mittelzimmer. Man zieht den Friesvorhang zu und ist dann wirklich allein. Der Kellner sah uns etwas verwundert an, und präsentierte zuerst die Weinkarte. Wir aber wünschten nur eine Kleinigkeit zu essen, und Tee zu trinken wie zu Hause. Der Kellner verbeugte sich, doch mußten wir sehr lange warten. In der Zwischenzeit hörten wir viele Menschen vorüberkommen, namentlich junge Herren mit kichernden Dämchen. Offenbar mehr ein Lokal für elegante Lebewelt, wo man Champagner trinkt bis zum Morgen. Ich würde nicht zum zweitenmal hingehen! Aber in der Nische waren wir ja sicher. Als eben das kalte Rebhuhn serviert war, kamen zwei Herren, die hier sehr wohl gelitten sein mußten. »Ist das Zimmer reserviert?« »Jawohl, Herr Graf.« Ich habe ein gutes Gedächtnis für Organe und erkannte sofort den Grafen Bloome wieder aus dem Theater. Er verhandelte kurz und wegwerfend wegen des Menüs, wie das Lebemannes Art auch zu meiner Zeit. Ich hoffte schon, der Kelch würde schnell an uns vorübergehen, als dieser Bloome ärgerlich sagte: »Weiber sind natürlich immer unpünktlich... Kommen Sie, Rin, wir wollen hier in einer von den Liebesnischen die erste Pulle Pommery allein trinken!« Da wußte ich, wer der andre Herr war. Sie traten in die Nische nebenan, – ich wagte kaum zu atmen, – und die Herren mochten sich wohl für gänzlich unbelauscht halten. Die Sektgläser klangen. »Willkommen in Deutschland, Rin!« »Danke.« Der eigentümlich starke Duft von Zigaretten zog herüber. Der Graf fuhr sans gêne fort: »Ich konnte nicht mehr redressieren, Rin. Weiß, machen sich wenig aus solchen Mädels. Mache mir auch wenig draus. Gehört aber so zum Handwerk! ... Es sind ihrer zwei, damit Sie orientiert sind. Meine – natürlich die Hübsche – ganz netter Balg mit Neigung zum Größenwahn. Wohnt zurzeit auf dem weißen Hirsch im Sanatorium. Was ihr fehlt, weiß ich nicht, sie übrigens auch nicht, aber jedenfalls kostet es mein Geld. Heißt sehr sinnig Frida Blume und ist auch eine. In ihren Mußestunden bildet sie sich, glaube ich, ein, sie heißt Bloome und ist meine angetraute Gemahlin. Ich fürchte nämlich, sie treibt manchmal mit meinem gräflichen Namen sträflichen Mißbrauch. Ein bißchen Hochstaplerin, das liegt bei den Weibern so drin ... Die andre ist einfach ein Schauerbock, eine von denen, die man nicht los wird, das heißt nicht ich, sondern ein alter Kamerad von den zweiten Gardekürassieren wird sie nicht los. Müssen sich mal nach der Namenszugbrosche erkundigen, und sie wird Ihnen lächelnd erwidern: ›die ist von meinem Bräutigam bei der Garde ...‹ Habe sie aus Gutmütigkeit für heute mit übernommen. Und wenn Sie mal fünf gerade sein lassen wollen, lieber Rin, so nennen Sie den alten Engel nach der zweiten Pomery ›Frau Gräfin‹, und sie schenkt Ihnen gänzlich ungebeten ihr Herz und alles, was dazu gehört. Wie gesagt, Heilige sind's nicht, Rin! Und wenn's Ihnen nicht paßt, schicke ich die Weiber auch sofort wieder in ihr Sanatorium zurück. Weltsanatorium, hätten auch hingehen sollen!« Nach einer Pause antwortete dieser Rin, dessen Schweigsamkeit mich sehr an unsre erste Bekanntschaft erinnerte: »Aber liebster, bester Bloome, warum sollte ich eigentlich mit diesen Damen nicht soupieren wollen? Puppenheim hier, Puppenheim da. Heilige erwarte ich nirgends mehr auf dieser Welt. Und wer sogenannte heilige Gefühle gibt, der betrügt nur sich selbst und wird hinterdrein noch ausgelacht. Ich bin auch ausgelacht worden, mein Lieber, und zwar mit Recht, denn ich war nur dumm ... Kommen die Mädels bald?« Mir war das unfreiwillige Horchen schrecklich. Dieser Bloome nimmt zwar gar kein Blatt vor den Mund, aber der Herr Rin ist mir weit unangenehmer. So eisig höhnisch alles, was er sagt! Ich sah von Zeit zu Zeit Josefa an, die mit halbgeschlossenen Augen wie gelangweilt in ihrer Ecke saß. Uns widerstrebt beiden solche Indiskretion in der Seele; aber es ist merkwürdig, erwachsene Menschen sind doch genau wie die Kinder, die am ehesten Verwünschungen und häßliche Ausdrücke lernen. Und so bewahrt mein Gedächtnis getreulich Wort für Wort gerade dieser widerlichen Konversation . .. Wir wären natürlich am liebsten gegangen beim ersten Wort, wenn wir hätten davonfliegen können. So war's eine Unmöglichkeit. Die beiden hätten uns gewiß neugierig nachgesehen, und die Blamage wäre nur auf unsrer Seite gewesen. Glücklicherweise kamen bald die beiden Damen, deren Inkognito ich wohl nicht mehr zu lüften brauche. Sie kamen tänzelnd und geziert. Das seelenlose Kichern dieses blonden Puppenkopfes werde ich wohl bei uns im Sanatorium nur noch schwer ertragen können. Josefa, die die beiden Geschöpfe nie gegrüßt, hatte den mitleidsloseren, aber richtigeren Instinkt. Als alle vier endlich in ihrem reservierten Zimmer verschwunden waren, wollte ich sofort aufbrechen. Meine Tochter wünschte das nicht. Sie sei müde, und was die Leute nebenan redeten, kümmere sie nicht. Sie war sogar durstig geworden und trank hastig einige Gläser eiskalten Champagner. Die Speisen berührte sie nicht. Als ich sie bat, wenigstens den Versuch des Essens zu machen, sagte sie nur: »Ach, Mama, laß doch! Ich habe mich überhungert, und da kann man erst recht nichts genießen.« Sie wurde von dem ungewohnten Wein munter, fast übermütig. Wir gingen gegen Mitternacht, und auf Josefas Wunsch eine Strecke zu Fuß. Der Wagen fuhr nebenher. Ein ganzes Stück des nächtlichen Dresdens zog an uns vorüber, das in der herbstlichen Kühle, in dem mürrischen Grau gar nichts liebenswürdig Gemütliches mehr hat, sondern nur etwas unsagbar Nüchternes, Alltägliches. Warum hat eigentlich das Leben überall diese zwei Gesichter? Meinem Gefühl nach brauchte es nur das freundliche Gesicht zu geben, wie ich ja auch selbst so gern nur das freundliche Gesicht meiner Umgebung zeige. Selbst der Strom, von oben und in der Sonne gesehen, wie blinkend, wie froh! Und hier unten in der Nacht, wie kühl, wie trübe! Mich fröstelte durch den Mantel, als ich ihn auftauchen sah. Josefa sprach wenig. Man fühlt ja auch besser stumm auf solchen Nachtwanderungen. Von der Elbe wollte sie sich gar nicht trennen. Sie stand und stand, beugte sich über das Kaigeländer, wo doch nichts Tröstliches zu sehen war, als nur die laschen, grauen Wellen in dem frostigen Laternenschimmer. Menschen, denen das Leben nicht mehr lieb, starren nächtlich so unverwandt in die brodelnde, tückische Wassertiefe, aus der es Kalt, wie der Tod zum Leben hinaufrieselt. Aber als ich sie endlich wegzog, weil ich wirklich fror, lächelte sie freundlich und streichelte mir das Gesicht. Daß sie aber nichts verrät, was ihr Tiefinnerstes bewegt, wurde mir erst klar beim Einsteigen in den Wagen. Ein Kind kam näher und bettelte, ein armes, elendes Kind mit graublassem Gesicht und müden Augen. Ich wollte natürlich geben, viel geben, ich hätte es am liebsten mitgenommen in dem warmen Coupé in das warme Zuhause. Die Nacht war so schneidend kalt! Aber Josefa duldete es nicht. Sie rief mit einem harten, bösen Aufblitzen ihrer einst so warmen Augen: »Geh, Mädchen, geh! Du solltest dich schämen ...« Und zu mir, die kopfschüttelnd dabeistand: »Ach, laß es doch verkommen und sterben! Man soll keine Bettler erziehen: Mutter, hörst du? Man soll keine Bettler erziehen!« Wir fuhren ab. Sie sah nicht nach dem Kinde zurück. Mir war ganz wunderlich zumute während der ganzen Fahrt. Ich sah die Gegend, die ich so genau kenne, an mir vorüberziehen, wie ein fremdes Land in dem eigentümlich grauen, toten Schimmer der Herbstnacht. So wenig Licht, so wenig Hoffnung draußen, so wenig Licht, so wenig Hoffnung drinnen. Diese Nacht ist sie bei mir geblieben. Sie wollte es, weil sie sehr müde war. Mir war's lieb, mein Kind unter meinem Dache zu haben, weil ich dann über ihm wachen kann. Die Jungfer machte ihr schnell das Bett zurecht neben dem Loggiazimmer, was ja alles schon früher für sie bestimmt war. Josefa erlaubte nicht, daß ich mit hinaufging. Ich hörte nur, wie sie sich sofort einschloß. Ich dachte, sie müsse gut schlafen, von guten Engeln beschützt. Ist es doch die schöne, reine Kindheit, die sie da oben wiederfindet! Ich ging selbst früh zu Bett. Doch schon nach einer Stunde traumlosen Schlafs fuhr ich auf mit einem so unaussprechlichen Angstgefühl, daß ich mich sofort notdürftig anzog. Alles stumm. Nur Josefa noch wach. Durch das Schlüsselloch fiel ein winziger Lichtstreif. Ich stieg lautlos hinauf, horchte. Ein Laut, als wenn jemand leise in die Kissen schluchzt. Durch das Loggiazimmer, das sie zu schließen vergessen, trat ich hinein. Da lag sie auf ihrem Bett, halb ausgezogen, die Kissen zerwühlt. Dumpfige Herbstluft rieselte. Es war ein kalter, öder Raum auf einmal auch mir in dem bläulichen Lichte der einzigen elektrischen Flamme über dem Waschtisch. Ich trat leise zu ihr. Sie hörte es nicht. Kein Laut, nur das stumme Schluchzen, das den ganzen jungen Körper durchzuckte. Ich beugte mich über sie. Sie merkte es nicht, obgleich ich die Spitzen ihres Hemdes streifte. Die langen, braunen Strähnen hingen ihr über den weißen Nacken. Darunter schimmerte es silberig. Sie hat schon so viel graues Haar, mein armes, junges Kind! Am Tage verbirgt sie's. Ich sah's zum erstenmal. Ich streiche ihr sanft über das Haar und sage: »Josefa, Kind ...« Sie hebt den Kopf aus den Kissen, sieht mich an mit verständnislosen Augen. »Wer bist du? Was willst du?« »Ich bin's, Josefa, deine Mutter.« Da richtet sie sich langsam auf und streicht die Strähnen zurück. »Ich rief dich nicht. Warum kommst du?« »Weil ich deine Mutter bin, und weil ich weiß, daß du leidest.« Da lächelt sie seltsam, und sieht mich seltsam an. »Du willst mir helfen?« »Ja, mein Kind, das will ich. Eine Mutter kann immer helfen, immer.« Und sie wiederholt mit dem gleichen Lächeln, mit dem gleichen Ton: »Du willst mir helfen? Du? Du könntest es ja gar nicht, selbst wenn du wolltest, – du nicht!« »Ich kann, Kind!« , » Nein, du kannst nicht ... Du hast mich zur Lüge erzogen – ich bin dein williges Kind gewesen – und verlangst jetzt die Wahrheit von mir? Ich könnte sie dir sagen – aber ich sage sie dir nicht. Du verstehst keine Wahrheit. Du verstehst nur dich selbst, und ich verstehe dich nicht. – Geh, laß mich! – Ich habe mir allein bis hierher geholfen, ich werde mir auch allein weiterhelfen – Ich habe dich lieb, Mutter, aber geh! Ich bitte dich.« Ich bin nicht gegangen, ich habe sie nicht gelassen, ich habe sie in die Kissen wieder zurückgedrückt, und beide Hände um ihren Hals geschlungen, ihr die Geschichte meines Lebens erzählt. Die Mutter beichtet der Tochter! Es mag selten genug vorkommen. Von mir hätte ich's nie geglaubt. Doch ich fühlte, daß ich ihr alles geben müßte, damit sie auch mir alles gäbe. Und ich habe ihr alles gegeben, nichts verhüllt, nichts geglättet. Wie ich ohne rechte Liebe geheiratet, wie so viele, weil ich keinen andern liebte. Wie ich treu gewesen sei gegen jede Versuchung, und wie dann auch in meinem Leben der Mann erschienen, den ich liebte, oder wenigstens zu lieben wähnte. Es war eine so schöne Zeit, und ihr Nachgeschmack doch nur qualvoll und bitter! Und wie mich dieser Mann, der mich im Anfang geradezu abstieß, langsam zur Liebe gezwungen habe, und wie der gleiche Mann, der vor mir gekniet, mich angebetet, sein Heiligstes genannt, dennoch mit einem Fluch von mir geschieden sei, als ich ihm das nicht geben konnte, noch durfte, was er von mir wollte. Er war eine leidenschaftliche Natur, die leicht alles wegwarf. Und diese leidenschaftliche Natur war ich eben nicht! Das wußte er und quälte mich dennoch. Beim Erzählen, wo alles wieder mir vor Augen stand, seine Weichheit und seine Härte, der Riesenreiz einer leidenschaftlichen Persönlichkeit, die alles gab und alles verlangte, die aber gar kein Gefühl dafür besaß, daß in der Ehe gerade dann die Pflicht anfängt, sobald die Liebe aufhört... Ich war die erste nicht, die diesem Reiz unterlag! Da begann sich auch in mir die Empörung zu regen gegen diesen Egoismus der Liebe, der nur Unglückliche macht. Dieser Mann, der vielleicht noch lebt, hat kein Zeichen, keinen Gruß mehr für mich gehabt von dem Tage an, wo ich zu meiner Pflicht zurückkehrte! Meine Reue, meine Gewissensbisse hat er verlacht, hat hohnlächelnd den einzigen Sohn, den Gott ihm vielleicht geschenkt, der Rache geloben wollen an mir. Es ist eigentlich so scheußlich, so gemein! ... Weil ich seinen Sinnesrausch nicht befriedigte, weil ich treu blieb mir selbst, darum wurde ich ihm schlecht, verächtlich. Und ich habe trotzdem meine Tochter nach ihm getauft, der mir fluchte. Das einzige, was ich von ihm Persönliches noch besitze, das auf Elfenbein gemalte Wappen der Grafen Rhyn, halte ich heilig, es hängt über meinem Schreibtisch, wohin ich auch reise. Ich habe das Böse vergessen, aber das Gute in treuem Herzen bewahrt. Und der Mann verschwindet aus meinem Leben mit einem Fluch? – Wie wäre ich unglücklich geworden mit diesem Menschen, den ich liebte, und was bin ich glücklich geworden mit dem Manne, den ich nicht liebte! Während ich das erzählte, mag ich vielleicht wider meine stets verzeihende Natur ungerecht und gehässig gewesen sein – ich liebe ihn nicht mehr, sein Gedächtnis ist mir tot! Und nun soll mein Kind vielleicht an dem gleichen Wahn zugrunde gehen, der Wahn bleibt, wie man ihn auch nenne? Aber als ich dann weitersprach, wieder milde wurde, warm, weil das Kind in mein Leben trat, das Kind, um dessentwillen allein doch Frauen wie ich den Mann lieben können, dem sie es verdanken, da sah sie erst recht kühl an mir vorbei, meine Tochter. Und sie sagte: »Wenn du, Mutter, ein Gefühl nicht kanntest, das stärker ist als der Tod, wer gab dir das Recht, auch deine Tochter so zu erziehen, daß sie es nie kennen sollte? Erzähle mir Bände, es verhallt ja doch! Es gibt nur ein Gefühl, das die Menschheit adelt – und um dieses Gefühl hast du mich wissentlich betrogen.« Es war so ruhig und so konsequent gesagt, so ohne jegliches Verstehen meines Schicksals, daß ich aufstand, zu gehen. Sie hielt mich nicht. Aber ich kehrte doch zurück. Was ich auch leide, mein Kind leidet mehr, und das darf nicht sein! »Josefa, so können wir nicht auseinandergehen!« sagte ich. »Ich weiß, Kind, daß ich gehandelt habe, wie ich mußte nach meiner ganzen Natur – sag du mir nun, wie du gehandelt hättest nach deiner Natur!« Sie saß auf dem Bettrand, und starrte vor sich hin. Endlich sagte sie: »Du hast den Mann nicht geliebt, Mama?« - »Ja, ich habe ihn geliebt! Sonst wäre ich doch eine Dirne.« Sie sah mich von der Seite an. »Und du verließest ihn dennoch. Du rühmst dich sogar dessen?« Sie sah mir mitleidslos gerade ins Gesicht. »Wenn du ihn liebtest, dann mußtest du dem Mann, mit dem du gesündigt hast, folgen bis ans Ende der Welt, – nein, bis in die Hölle! – Herzlos warst du, nicht er. Wessen Kind bin ich nun?« »Natürlich das Kind des Mannes, dessen Namen du trägst. Du bist kein Kind der Sünde! Du bist über zehn Jahre nach dem Tage geboren, wo ich ihn zum letztenmal sah.« Da stand Josefa langsam auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. »Mutter, wir verstehen uns nicht! Eben gerade darum bin ich doch ein Kind der Sünde. Denn Kinder sollen geboren werden aus der Liebe, nicht aus der Pflicht. Das ist ein heiliges Gesetz. Du hast's gebrochen, ich hab's gebrochen. Ihr brecht's alle! Und ihr seht dann mit Verachtung auf alle die herab, die wenigstens noch fähig sind, unerträgliche Fesseln zu brechen. Die Frau, die einen ungeliebten Mann wegen eines geliebten verläßt, begeht eine Sünde gegen Gott, – Sünden gegen Gott, die werden auch nach der heiligen Schrift vergeben. Aber die Frau, die bei einem ungeliebten Manne bleibt, obgleich sie einem geliebten folgen könnte, die begeht eine Sünde gegen den heiligen Geist, – Sünden gegen den heiligen Geist, die werden auch nach der heiligen Schrift nicht vergeben ... Du denkst wahrscheinlich, ich sei wahnsinnig. Ich bin's aber ganz gewiß nicht! Die Welt wird ärmer von Tag zu Tag durch eure Pflicht, und sie wäre bettelarm schon längst, wenn sie nicht immer wieder aus dem Reichtum der Sünde schöpfte. Sieh mich an, Mutter, und höre mich genau! Ein Kind von dem Manne, den man nicht liebt, ist eine Todsünde gegen den Mann, den man liebt. Jetzt wirst du vielleicht verstehen, warum ich nie ein Kind haben werde. Ich bin dabei nicht etwa sündhafter gewesen, als du nach deiner Moral. Ich hatte allerdings einen Geliebten, einen einzigen, damit du mich nicht falsch verstehst, – ich werde nie einen zweiten haben! Und wenn ich alles zusammenrechne, mögen vielleicht vierundzwanzig Stunden herauskommen, wo er mir gehört hat, mit dem Händedruck, mit dem Kuß. Mit nichts anderm: verlaß dich drauf! Ich habe diesen Geliebten längst nicht mehr. Das ist auch wahrlich nicht mein Kummer! Aber daß er mich wegstoßen durfte, und zwar mit Recht, das frißt mir am Herzen.« Ich war mitten im Zimmer stehen geblieben, während sie mit einer Sicherheit sprach, gegen die es keinen Appell gibt. Und sind nun Frauen wirklich unfähig der Logik, oder gibt es eine doppelte Moral; ich trat bei dem letzten Wort erregt auf Josefa zu und rief: »Und du bleibst noch bei deinem Manne?« »Bliebst du vielleicht nicht?« »Ja ... allerdings ... aber ...« Sie lächelte. Und dieses Lächeln tat mir so weh! »Rege dich nicht auf, Mutter! Es nutzt nichts. Ich habe trotzdem nicht deine Moral, und bleibe trotzdem bei meinem Manne, eben weil ich will! Ich büße anders wie du, aber ich büße schwerer. Und wenn's dich interessiert: ›wenn Peter stürbe, ich ginge ganz gewiß nicht zu dem andern Mann!‹ Als er mich fortstieß – nicht bildlich – er tat's mit seiner Hand, da hat er mich nach deinem Maße gemessen. Und so lieblos es klingt, er konnte mir keine tödlichere Beleidigung antun, als daß er mich nach deinem Maße maß! Denn ich habe ihn wirklich geliebt.« Es war eine Nacht, – undenkbar, unmöglich, mit eherner Schrift in mein Gedächtnis geschrieben. Ich ging, weil mir wirklich nichts mehr zu tun übrigblieb. Als wir uns zum Abschied doch noch küßten – ein Kuß, der scheidet –, da erinnerte sich mein Kind noch einmal seines besseren Selbst. Josefa traten die Tränen in die Augen, und sie sagte leise: »Mutter, ich werde niemals aufhören, dich zu lieben. Ich verstehe dich nicht mehr. Aber bleibe doch, wie du bist, – du kannst nicht anders. Und laß mich, wie ich bin, – ich kann auch nicht anders. Versuche auch nie, aus Liebe irgend etwas zu ändern, weil nichts zu ändern ist. Und wenn du einmal für mich betest, so bete, worum ich in den letzten Jahren so oft Gott auf Knien gebeten habe, daß ich sei, was ich scheine: hart und kalt. Mir bleibt keine andre Wahl ...« Und sie sah mich an mit einem so qualvoll unglücklichen Ausdruck. »Mach das tot, Mutter, das!« Sie zeigte auf ihr Herz. Neunzehntes Kapitel Das Alter soll doktrinär machen. Mag sein. Aber weit unangenehmer verspüre ich, daß es steifbeinig macht. Doktrinarismus und Steifbeinigkeit stehen ja auch in einem intimen Wechselverhältnis. Ich möchte Wissen, ob Robespierre je in seinem Leben jugendlich fidel über einen Staketenzaun gesetzt ist! Das kleine Angernsche Familien-Tete-a-tete belauschten Suleika und ich selbstverständlich. Ich bewährte mich dabei als echter Weltweiser. Suleika dagegen erklärte in keuscher Entrüstung beide Damen für abscheuliche Geschöpfe. Das ist Frauenart. Ist eine gut: fromme Heuchlerin; ist eine schlecht: schamlose Dirne. Der bucklige Ueberzwerg, der vielleicht zwischen beiden steht, avanciert dabei ohne jedes Zutun zum Heiligen. Sie kritisieren sich gegenseitig zu liebevoll, die Vertreterinnen des schönen Geschlechtes! ... Haben Sie je eine objektive Frau gesehen? Ich nicht! Oder, wenn doch, so war sie in der Tat unausstehlich. Ich habe bei diesem intimen Skandal wieder die hoffnungslose Unzulänglichkeit der menschlichen Verstandeswerkzeuge konstatiert. Die Leute eilen in ihren Wünschen der Tat entweder mit Siebenmeilenstiefeln voraus, oder sie trappen auf Holzpantoffeln hinter ihr her. Das Verständige, in der Mitte Liegende aber tun sie unter keinen Umständen. So macht das menschliche Leben den Eindruck eines Rennens, wobei niemand weiß, wo Start oder Ziel ... Es ist zum Totlachen! Das Unglück liegt aber in ihren Wahnvorstellungen. Sie wollen das Beste, und tun das Schlechteste. Und wenn zwei wie wahnsinnig im Kreise umherlaufen, was noch niemals einen Sinn gehabt hat, so leitet sie doch die felsenfeste Ueberzeugung, daß sie auf diesem Wege unbedingt den Himmel oder die Hölle erreichen müssen. Sie glauben ja auch an das Absolute, während es doch nur das Relative gibt. Der Kreis und die Kugel sind die natürlichsten aber relativsten Formen der Entwicklung, die existieren. Sie aber halten an der Idee der geraden Linie fest, die nicht existiert. Dabei haben sie Begriffe wie: groß und klein, gut und schlecht; sie brauchten sich nur an den eignen Zopf oder an den des lieben Nächsten zu fassen, welches letztere sie viel lieber tun, obgleich er kürzer ist, um zu begreifen, daß auch der Zopf etwas Relatives ist. Aber zur praktischen Vernunft werden sie darum doch nicht bekehrt! Ich will auch den Weisen noch sehen, der den Begriff »groß« definieren könnte, ohne daß ihm ein Nergler erwidert: »Verzeihen Sie, das ist doch klein!« Und das Tugendschaf, das sich gewissenhaft bemüht hat, während eines ganzen Lebens gut zu leben, wird immer einen Lasterhammel finden, der ihm am Lebensende beweist, daß es schlecht gelebt hat. Umgekehrt ist es genau so. Schwarz existiert nicht ohne Weiß, Laster nicht ohne Tugend, und der brave Mephisto hätte gar keine Veranlassung, sich so verführerisch zu geben, wenn der alte Herr im Himmel nicht die Höllenkandidaten immer wieder am Rockschoß zurückzupfte. Warum ist nun eigentlich bei dieser augenscheinlichen Relativität des Weltalls die menschliche Moral so darauf versessen, absolut zu sein und niemand, wer er auch sei, zu gestatten, sich so auszuleben, wie's ihm beliebt? Diese beiden Angernschen Damen können ganz ruhig ihre eignen Wege gehen! Irgendwo werden sie sich doch mal wieder begegnen. Die Guten und die Bösen begegnen sich auf dieser Erde doch auch immer irgendwo! Gute und Böse haben überhaupt einander bitter nötig. Erst wenn man einen lebenden Menschen gesehen hat, kann man sich vorstellen, wie ein toter aussieht. Aber ich weiß auch, wozu das alles gut ist. Denn nur die zentnerschwere Dummheit der Menschen macht es möglich, das Milligramm Weisheit, das darin gemischt ist, nach seinem wahren Wert zu erkennen. Ich möchte auch noch ergebenst fragen, was der Himmel ohne Hölle anfangen sollte. Alles Lebendige ist relativ und alles Absolute tot, und der absolute Tod ist ebenso widersinnig, wie das absolute Leben. Darum glaube ich heutzutage nicht einmal mehr an die mathematischen Wahrheiten, die wahrscheinlich ganz anders ausschauen würden, wenn unser Gehirn anders konstruiert wäre. Jeder Weise ist Pessimist. Der wirkliche Gläubige wird im Anfang wahrscheinlich auch gar nichts geglaubt haben. Der Apostel Paulus wäre in der Heiligkeit sicher nicht so rasch avanciert, wenn er nicht zuvor als Saulus gewütet hätte. – Ich halte von dem Guten an sich so wenig wie von dem Bösen an sich. Erst wenn die beiden Prinzipien sich in den Haaren liegen, erkennt man, welches das stärkere ist. Darum mag ich auch für den Tod die Leute nicht, die von der Wiege bis zur Bahre in Ehren gelebt haben sollen – sie müssen durchweg stumpfsinnig sein, und zwar absolut stumpfsinnig! Früher dachte ich anders. Heute aber kommt mir ein Mensch, der die Versuchungen unbedingt meidet, wie ein Narr vor, der aus Angst vor Erkältung immer in dem dicksten Pelzrock umherläuft. Winters wird er sich in diesem Kostüm keinen Schnupfen holen, wohl aber im Sommer. Dem Teufel ist es nun aber wieder ganz egal, in welcher Jahreszeit er seine Seelen fängt. Darum sollten die Starken beten: Führe uns in Versuchung! Denn erst dabei können sie beweisen, ob sie stark sind. An den Schwachen, die ja mit Recht das Gegenteil beten, kann dem Himmel doch eigentlich sehr wenig liegen. Denn wenn die nicht in die Hölle torkeln, so ist es wahrhaftig nicht ihr Verdienst! Beide leben sich eben auf ihre Art aus. Aber die Josefa, die wahrscheinlich in der Versuchung umkommen wird, ist mir doch sympathischer als die Mutter, die sich rechtzeitig vor dieser Versuchung gedrückt hat. – Es ist jetzt wieder Mai in meinem Kalender, und ich spüre auf meine alten Tage die Versuchung, mich mit den Stallterriers unten zu messen, wer der stärkere ist. Königliches Blut! Josefa hat auch welches. Sie überreichte mir neulich einen Kake, der mir noch jetzt schmeckt. In dem Sanatorium bin ich jetzt oft und gern. Meine ältliche Portierunschuld darf davon nichts ahnen. Sie ist zwar nur eine Sklavin – und ein einziger Wink des Königs der Sahara genügte ... Aber auch Sklavinnen sind eifersüchtig und infolgedessen zuweilen auch Sultane Sklaven! Es bedarf darum immer diplomatischer Winkelzüge, um mich auf ein Stündchen frei zu machen. Welch köstliches Stündchen! Es lebt nämlich unter diesen Vegetariern des Sanatoriums eine Katzenmaid von ganz eignem Reiz. Angorareinster Stammbaum – ein märchenhaft geringelter Schweif, ein braunes Pelzkostüm mit grauen Tupfen, rosige Pfötchen, zärtlich flimmernde Augen. Ohne Frage ein Engel, wenn es nicht ein Teufel wäre! – Ich bin klug genug, sie nicht liebegirrend wie ein alter Geck zu umschmeicheln. Solange ein Geck jung, heißt er Gigerl und ist unwiderstehlich: aber den bewährten Kämpen der Liebe, der die sieggewohnten Blicke der Leidenschaft rollen läßt, während sich ihm vielleicht unglücklicherweise gerade das Toupet verschiebt oder das falsche Gebiß rutscht, findet man unsterblich lächerlich. Sehr mit Unrecht! Gerade die Fülle der Toilettenkünste und Liebestränke, die ein alter Mann erschöpft, um Jüngling zu scheinen, ist eine Gewähr für die Dauerhaftigkeit seiner Gefühle. Napoleon der Große nahm doch auch noch Unterricht in der Pose bei dem Schauspieler Talma, als es ihm mit der Kaiserkrone ernst ward ... Schauspielerei ist alles im Leben. Darum tut das Alter weise daran, den größten Komödiantentrick zu unternehmen, den es auf Erden gibt, nämlich: sich genau so zu geben, wie man ist. Ich bin also dem holden Geschöpfe genaht als der alternde König, dem von all seiner Größe nichts geblieben ist, als die Erinnerung und die Gicht. Alte Könige haben immer etwas Heiliges. – Aber dieses Weib ist klug wie die Sünde. Sie sah mich nur spöttisch an und voltigierte mit einem einzigen Satze durch die mannshoch gelegene Fensterluke, wohin ich ihr mit meinem improvisierten königlichen Gichtbein nicht zu folgen vermochte. Sie hatte wohl gewähnt, ich alter Komödiant könnte mir selbst untreu werden und wenigstens den kläglichen Versuch des Kletterns machen. Ich blieb nur einen Augenblick stehen, sah ernst-traurig zu ihr hinauf und wandelte langsam weiter. Da kehrte sie inkonsequent, wie alle Frauen, zurück. Man soll die Weiber bei den Gefühlen fassen, sobald man alt wird, sonst fassen sie uns bei den Gefühlen, und dann zeigt sich schrecklich die königliche Senilität. – »Lieber Graf, sind Sie krank?« fragte sie neugierig. – Ich schwieg. – »Durchlaucht haben sich den Fuß verstaucht?« Das Interesse wächst. – Ich schwieg weiter. – »Leiden Hoheit sehr?« Sie fühlt offenbar Teilnahme. – Ich schwieg noch immer. Wir gingen eine Weile nebeneinander her. Endlich blieb ich wie ermattet stehen. Es war bei den Lufthütten hinter der Anstalt, die jetzt ganz verödet sind, wo sich aber im Sommer ganze Familien das Gesundheitsvergnügen machen, tags in diesen Zeltlagern von der Sonne bebrütet und nachts von den Moskitos aufgefressen zu werden. – Ich war tatsächlich ermattet, weil ich mich die ganze Zeit über krampfhaft bemüht hatte, eine echte Heldenzähre in die linke Ecke des rechten Auges zu drücken. Es ist der vorgeschriebene Ort für Heldenzähren. Als ich sie sickern fühlte, hob ich den Blick und sprach ohne Hast: »Mein Kind, ahnst du, wie einem alten Könige zumute ist, den seine Söhne entthronten? – Ich bin ein entthronter König!« Ich sah, wie die wirkliche Rührung ihr jetzt die märchenhaft schönen Wimpern betaute. Das war ein großer Sieg. Denn die Rührungstränen im allgemeinen sind trügerisch, entweder hysterisch glucksende Nervenzusammenziehungen, die sofort wieder durch ein geeignetes Lächeln ausgeglichen werden können, oder erleichternde Flennereien, die zu weniger als nichts verpflichten. ›Je doller sie schriet, je eher sie friet,‹ sagt das Volk von gramzerrissenen Witwen – und hat meistens recht. Diese Rührungsträne hier aber war echt. Ich hob mehrere Male die Pfote zum Auge, wie um auch meinerseits den Strom zu ersticken, obgleich schon die eine Zähre eine Heldenarbeit gewesen war. – Voller Resignation fuhr ich fort: »Sieh, mein Kind, dies kummergebleichte Haar, diesen im letzten Verzweiflungskampf gelähmten Fuß! Ich bin der Schatten dessen, der ich einst war.« – Ein übrigens recht wohlbeleibter Schatten, dessen Taillenweite in Zentimetern anzugeben mir widerstrebt. – »Ich bin alt, gebeugt, der Jungbrunnen der Liebe, mit dem ihr Frauen uns labt, fließt nicht mehr. Aber« – ich wischte wieder mit der Pfote über mein jetzt gänzlich trockenes Auge – »ich hatte eine Tochter, eine einzige Tochter.« – Ich glaube, ich hatte deren mehrere – »und diese Tochter ...« Ich konnte vor Rührung nicht weiter sprechen. – »Und diese Tochter?« fragte sie mit dem brennenden Eifersuchtsinteresse ihres Geschlechts, das auch bei uns so herzlich ist, daß es sich gegenseitig am liebsten Herzlosigkeiten zutraut. – »Ist tot,« hauchte ich. Und als sie das eigentlich ziemlich uninteressant fand, fügte ich wie verzückt hinzu: »Sie war ein Engel an Schönheit und Güte – so schön wie du, mein Kind, oder doch fast ebenso schön wie du ...« Dieses »fast« rührte sie offenbar sehr. Sie versuchte mich zu trösten. Ich hielt still und überlegte, ob es nicht praktischer wäre, sie auf der Stelle zu adoptieren. Das übrige findet sich dann ganz von selbst ... Aber der alte Fuchs erinnerte sich zur rechten Zeit, daß Pietätsgefühle langsam und vorsichtig in Leidenschaftswallungen übergeleitet werden müssen bei beiden Teilen, um genußreich zu sein. – Ich winkte ihr stumm zu gehen. Ich für mein Teil blieb und schaute ihr nicht nach. Ich hätte das ja auch wegen der Tränen nicht tun können, die mir doch jetzt programmäßig die Augen umfloren mußten. Meine Augen waren aber gar nicht umflort, sondern im Gegenteil klar und scharfsichtig wie mein Geist. Ein junger menschlicher Laban mit einem Giraffenhals und ein entzückendes Mädchen trotz des Klemmers drückten sich jetzt in der Dämmerung bei den Lufthütten herum. Ich kenne sie – es sind Kurgäste: er ein dünnes Taschenmesser mit schlechtem Scharnier und einem Kopfe, in dem es beständig und hörbar kullern würde, wenn wenigstens ein paar Erbsen in diesem hoffnungslos leeren Raume sich vergnügen dürften – und sie Waise, gefühlvoll, gut, mit ungefähr derselben Berechtigung, sich von diesem faden Burschen nasführen zu lassen, wie die reizendste Kolombine von dem langweiligsten Clown. Wo man hinsieht, Herzensaffären – und bei den Menschen ist es doch Herbst ... Das bildhübsche Mädchen hat auch feuchte Augen – die Feuchtigkeit ist ganz echt, jedenfalls so lange bis ein andrer kommt, der die Tränen dieser Ariadne trocknet. – Der junge Laban reist nämlich morgen. – Ueberhaupt alle Tränen können getrocknet werden, darum sind sie ja naß! Darauf sonnte ich mich in Phantasien von meiner kleinen Adoptivtochter und wie weich ihr Angoraschweif und wie klug meine Liebe! Ich kann wirklich stolz auf den Erfolg dieses Tages sein. Dabei machte ich doch die Entdeckung, daß es gewisse absolute Werte gibt: die Torheit junger Mädchen und die Eitelkeit alter Lebemänner. Nicht die Liebe, wohl aber die Eitelkeit ist stärker als der Tod. Während ich dies dachte, gingen Mutter und Tochter Angern wortlos und ohne mich zu sehen an mir vorüber. Absonderliche Heilige! Ich aber erinnerte mich dabei, daß ich meinen Urlaub weit überschritten – und das mit Schrecken. Denn auch alte Könige sind nur außer dem Haus relativ groß, innerhalb aber relativ klein ... Jedenfalls ist das Pelzkostüm meiner Adoptivtochter absolut schön! – Das ist wieder eine von den Fundamentalwahrheiten, die ich ans Licht gefördert habe. Ich bin mehrere Tage daheim geblieben. Ich war nicht etwa krank, ich war nur betäubt. So etwas muß man nun erleben, wo man alt ist! Die Liebe, die Sorge eines ganzen Lebens wertlos, nichtig, verfehlt. Hätte ich anders handeln können? Ich frage mich das in jeder Stunde zehnmal. Was hilft's? Nichts, gar nichts! Selbst wenn ich alles beiseite würfe, was mir seit frühester Jugend heilig, wenn ich mich selbst moralisch aufgäbe, mich selbst richtete, – ich täte es so gern! – aber jeder Schritt, den man im Leben einmal getan, ist getan. Es gibt auf Erden kein Zurück: diese furchtbare Wahrheit begreife ich erst jetzt ganz. Neben mir stand noch vor einer Stunde meine Tochter und sagte ruhig: »Mutter, versuche nichts zu ändern! Du kannst es nicht. Der andre Mann ist mir tot, und ich bin ihm tot. Peter kann nichts dafür, nichts! Wir passen nur nicht zueinander! Also laß ungestört, was noch geblieben ist. So wie mein Schicksal ist, so mußte es kommen, und so will ich's!« Und ich werde ganz klein vor diesem großen Kinde. Ja, es ist ein Schicksal, so schwer, wie's nicht jeder trägt: Zuschauen zu müssen, wie das Beste, was wir im Leben gewollt, in nichts zerrinnt; sich selbst dem Liebsten geopfert zu haben alle Zeit, und zu fühlen am Ende, daß man nur das Liebste sich selbst geopfert hat. Ich grüble nicht etwa, wie weit sie recht hat, wie weit ich. Und wenn ich hundertmal recht hätte, sie ist unglücklich, und ich habe unrecht, hundertmal unrecht! Ja, es gibt ein Schicksal, das uns scheinbar lächelnd sündigen läßt. Wir sündigen nicht mehr, und erst jetzt steht es mit gezücktem Schwerte vor uns. Dieser Mensch steigt wieder empor, den ich hassen möchte, weil ich wittre, daß er, dem ich vielleicht Schicksal war, jetzt meines Kindes Schicksal ist. Er konnte so hart sein – und sie ist es! Sein Sohn nicht, aber meine Tochter rächt ihn. Und wenn ich auch vergebens um mich schaue, den festen Punkt zu suchen, an den sich der Taumelnde klammert, wenn ich auch tatenlos und mit leeren Händen irre: eins ist mir längst Gewißheit, daß ich handeln werde und handeln muß. Sie muß von ihrem Manne los! Mir, der die Meinung der Welt bis heute so viel bedeutete, ist von heute an die Meinung der Welt ganz gleichgültig. Einst war ich die letzte, zu verstehen, wie eine Mutter für ihr Kind morden kann, aber jetzt bin ich die erste, zu sagen, daß alle Mütter für ihre Kinder morden können müssen. Wer im Wechselspiel des Lebens nur einen einzigen Wert gekannt hat: die Mutterliebe, – der hält noch immer den besten Atout in der Hand, wenn dieses Wechselspiel tödlicher Ernst geworden ist. Aber wer ist jener andre Mann? Rin? Wahn von mir. Sie hat ihn seit fünf Jahren nicht wiedergesehen. Und nur in Romanen dauert die Backfischliebe ewig. Oder dieser Graf Bloome? Ich kann's nicht glauben, obgleich nachträglich vieles dafür spricht. Vielleicht schwebt dieser Unbekannte zwischen beiden Männern, und niemand ahnt seinen Namen auch nur. Verschlossen, wie sie ist, kennt sie wohl diesen Mann allein. Oder wenn's mit dem Pferde, der »Josefa«, zusammenhinge? Ihre Laune ebbte so merkwürdig schnell ab, als von einem Verkauf die Rede war. Es gibt unscheinbare Beziehungen, wie ja auch das alte Wappen über meinem Schreibtisch so gar nichts scheint und so viel bedeutet. Aber das sind alles Mutmaßungen, die nur auf Irrwege leiten. Noch ein Gefühl habe ich, das gar keine Berechtigung besitzt, aber vielleicht darum das berechtigteste ist: Jeanette Quedenberg kennt den Mann! Ich möchte schwören, daß zwischen den beiden Frauen das Geheimnis liegt. Sie benehmen sich für alte Freundinnen ganz seltsam. Doch ich will erst das Aeußerste versuchen, ehe ich zu dieser Frau gehe. Auch das ist Instinkt. Denn wenn ein Weib ein andres verderben kann, so tut sie es mehr als gern. Aber vielleicht ist ihr Herz besser als ihre Frömmigkeit. Ich hab' dieses Aeußerste bei Josefa selbst versucht. Es war fast eine Woche nach jener schrecklichen Nacht, und mein Kind schien weicher als sonst. Ich habe vor ihr gekniet, buchstäblich vor ihr gekniet, sie angefleht, mir die ganze Wahrheit zu sagen, weil nur die ganze Wahrheit mir und ihr nutzen könne. Sie aber sah mir nur kopfschüttelnd ins Gesicht: »Diesen Namen erfährst du niemals, niemals! Es hätte auch gar keinen Sinn, denn er und ich sind uns heut zwei absolut fremde Menschen. Außerdem taxierst du uns beide falsch. Wir nehmen nichts zurück, was wir gesagt oder gedacht haben, nichts! Der Mann ist niemals feige gewesen, und ich bin's auch nicht mehr. Ich bin nicht inkonsequent, Mutter, sei du es auch nicht! Der Mann ist tot, ganz tot. Genügt dir das noch nicht?« Da halfen auch keine Tränen. Sie ist stärker geworden als ich, viel stärker! Aber, armes Kind, warum begreifst du nicht wenigstens, daß dein Leid mein Leid ist, und daß ich keinen andern Wunsch auf der Erde habe, als dir das Glück wieder zu schaffen, weil dein Glück mein Glück ist? Doch ich weiß, ich predige tauben Ohren. Ich habe mich mehrmals nach Jeanette Quedenbergs Befinden erkundigen lassen. Sie ist noch immer wenig wohl und empfängt nicht. Bei der ersten günstigen Gelegenheit werde ich doch zu ihr gehen müssen. Es ist ein schwerer Gang, und jedenfalls auch fruchtlos. Aber ich verkomme in dieser Tatenlosigkeit, die mich vielleicht so merkwürdig jung erhalten hat. Dabei lächelt noch immer dieser träumerisch weiche Herbst. Er ruht wie ein köstlicher Friedenshauch auf Tal und Wald. Alle freuen sich an ihm, die Kranken wie die Gesunden. Ich möchte für meine Stimmung weit lieber Regenböen und Sturm. Diese goldigen Sonnenlichter, diese sanften Linien, dieses flimmernde Blättermeer – ich liebte das alles einst so sehr! – sie haben mir etwas Trostloseres als der graueste Wolkenhimmel. Wer kann sich des Seins freuen, das nur Schein ist? Um mich geht alles seinen regelmäßigen Gang. Das Uhrwerk schnurrt ab. Es ist ja auch sein Beruf. Aber bin ich nun blind durchs Leben gegangen bis heut, war ich immer eine oberflächliche Egoistin, oder blieb mir alles erspart? Die Dinge gewinnen mir ein so andres, ein so unheimliches Gesicht! Ich sehe mir die Menschen im Sanatorium nicht mehr auf ihre guten oder schlechten Manieren, ihre ernsten oder heiteren Gesichter an. Ich versuche tiefer einzudringen. Vielleicht sind auch diese Hunderte von Leuten, die zumeist gar keinen besonders leidenden Eindruck machen, gerade darum viel schlimmer dran, weil sie gesund scheinen und doch krank sind. Der Invalide am Leierkasten, der mit abgezogenem Hute an der Landstraße sitzt und dreht, den bemitleiden wir gern, möchten ihn glücklich sehen. Aber der arme Nervenkranke, den der Schlaf flieht, den die trüben Vorstellungen wie Erinnyen verfolgen, der ist uns ein eingebildeter Kranker, wir belächeln ihn, weil ihn keins der sichtbarlichen Leiden der Menschheit drückt. Wir sind so ungerecht! Wir verstehen auch bei andern immer nur uns, und was uns selbst quält. Ich bin gewiß in einer schrecklichen Gemütsverfassung, aber ich muß lächeln, schon Josefas wegen. Wenn es mir nun einfiele, dem dicken, unappetitlichen Russen, der mürrisch den Konversationssaal auf und ab wandelt, mein Herz ausschütten zu wollen, er würde gelangweilt abwinken, und schließlich ärgerlich sagen: »Das sollen Leiden sein? Habe erst mal ein todkrankes Herz wie ich, und dann wollen wir uns wieder sprechen!« Oder die polnische Jüdin, die so wundervoll Klavier spielt, wenn sie allein ist, und mitten im Ton aufhört, wenn jemand den Musiksalon betritt, würde sie mir nicht auf meine Klage antworten: »Sie sind reich gegen mich! Ich spiele, weil ich muß, ich spiele aus Verzweiflung, mein Geist umnachtet sich, und ich fühle es. Was willst du mit deinem kleinen Leide, Weib, das nicht einmal dein Leid ist, sondern nur das deiner Tochter?« Ich lächle, ich grüße als die vornehme Frau, die ich bin, nach allen Seiten. Die Kurgäste wissen jetzt alle, was ich bin, daß die Prunkvilla mir gehört, daß ich fünf Dienstboten für mich allein habe, daß das Geld in meinem Leben nie eine Rolle spielte, weil ich immer übergenug davon besaß. Sie halten mich alle für übermenschlich glücklich. Und wer nun gar von ihnen Josefas Schicksal kennen würde, die so sichtbar gesundet, ihre Kur so regelmäßig und mit so großem Erfolge gebraucht, ja, wer würde bei dieser jungen, schönen Frau, die sich so eisig abschließt, an eine todkranke Seele glauben? Mich genieren die messeressenden Oesterreicher nicht mehr, ich sage: ›Das ist doch so nebensächlich!‹ Ich hege nicht einmal Verachtung gegen die soi-disant-Gräfinnen, deren Inkognito ich kenne, und die mich jetzt immer so devot grüßen. Sind sie nicht vielleicht auch unglücklich trotz ihres lasterhaften Müßigganges? Josefa kennt und sieht sie noch immer nicht, höchstens ihre Nasenflügel zucken, wie bei etwas Eklem. Diese Härte einer Unglücklichen gegen Unglückliche verstehe ich nicht. Aber die Leute, mit denen wir oberflächlich, aber doch ausschließlich in diesem Sanatorium verkehrt haben: dieser ostpreußische, kaum geadelte Gutsbesitzer, der weiter nichts kann, als mit gesträubtem, grauem Kamm und rollenden Glotzaugen die Parlamentsberichte lesen; seine reizlose Tochter, deren Tugend eben ihre Reizlosigkeit ist; der polnische Graf, der nur von seinem Fett kommen will und, wie er mir lachend gestand, doch niemals davon kommt, weil ihm Essen und Trinken zu gut schmeckt – diese Leute sind mir mit einem Male allesamt unsympathisch. Ich glaube, ich könnte gar nicht mehr mit ihnen fühlen, obgleich sie so ganz meinesgleichen sind. Und Josefa ist freundlich liiert mit dem jungen Mädchen, das sie ungeschickt anbetet; sie plaudert gern mit dem dicken Grafen, dessen Korpulenz ihn am Courmachen nicht hindert. Sie läßt niemand in sich hineinsehen! Aber was ich vor allem nicht verstehe, sie hat sich von dieser Ingen ganz zurückgezogen, nicht etwa unfreundlich, sondern mit der Selbstverständlichkeit einer großen Dame, die wohl mit dem ärmsten Fräulein »von« verkehren kann, aber unmöglich mit der Braut eines einfachen Architekten, der übrigens neulich an den gleichen beiden Tagen wie Peter hier war – ein hübscher, ernster Mensch ohne aristokratische Allüren, aber ohne bürgerliche Plattitüden auch. Josefa will offenbar nichts mehr, was ihr irgend das Herz erheitern oder erwärmen könnte, sie will dahinleben flach, kalt, exklusiv, und Herz und Nerven stärkt sie hier nur, um wieder von Vergnügen zu Vergnügen eilen zu können, die ihr kein Vergnügen sind. Sie will gesund sein! Aber mit welchem Recht und wozu? Körperlich hat das Sanatorium hier wirklich Wunder getan, wie es ja überhaupt viele Wunder tut mit seiner Kur, die bei allen ungefähr die gleiche ist: den Kranken den ganzen Tag beschäftigen, ihn einfach nähren, einfach kleiden, durch eine natürliche, ausgefüllte Lebensweise ihm in vier Wochen alle die Gifte zu entziehen, die Körper und Geist während eines Jahres einsogen. Der Assistenzarzt, der Josefa hauptsächlich behandelt, sagte mir gestern triumphierend: »Nun, Frau Gräfin, habe ich zuviel versprochen? Frau von Lasowitz wird in weiteren vierzehn Tagen absolut gesund sein.« Ich habe darauf nur freundlich gelächelt. Ich weiß es besser, ich kenne ja auch gewisses graues Haar, was er nicht kennt! Ich weiß, daß Josefa seit dieser schrecklichen Nacht sich innerlich erst recht verschlossen hat, als wenn sie diese eine leidenschaftliche Wallung auf das tiefste bedauerte. Sie gibt kein Vertrauen, und sie will keins. Dabei wird sie mir wieder ganz fremd, unverständlich – alles, was ich über ihr Seelenleben weiß, erscheint mir auf einmal so unwichtig dem gegenüber, was ich nicht weiß. Josefa stand dabei, als der Quedenbergsche Diener mir gestern die Nachricht brachte, daß mich die junge Gräfin in der nächsten Woche gern empfangen würde. Sie zuckte nicht mit der Wimper. Graf Bloome ließ sich heut bei ihr melden. Sie ließ zurücksagen durch den Diener, daß sie herzlich danke, aber auch für später bedauern müsse, weil die Kur sie ausschließlich in Anspruch nähme. Vielleicht, daß ich sie bei der Gelegenheit etwas zu forschend angesehen habe, denn sie meinte ohne Empfindlichkeit, aber doch scharf: »Kombiniere lieber nicht, Mama! Du kombinierst doch falsch!« Und sie fuhr fort, in der »Sportwelt« zu lesen, die eben gekommen war. Mich interessiert die »Sportwelt« nicht mehr, seitdem ich weiß, wie die Ehe ist. Und leider muß ich sagen, daß mir damit zugleich das Wohl und Wehe meines Schwiegersohnes recht gleichgültig geworden ist. Ja – und ich schäme mich ehrlich dieser schrecklichen Gefühlswandlungen – als ich Josefa so auf das Sportblatt starren sah mit einer kleinen Falte zwischen den Brauen, die sich aber langsam sehr vertiefte, zuckte mir der Gedanke blitzschnell durchs Gehirn: ›Wenn nun die Vorsehung eine andre Lösung beschlossen hätte. Es ist ja auch ein schöner Tod für einen Reiteroffizier!‹ – Und dieser Gedanke war mir keineswegs schrecklich. Das ist Mutterrecht. Josefa ritt noch ziemlich spät an diesem Tage durch die Heide und kam zurück erst bei Nacht. Die »Josefa« geht am Freitag über die Bahn. Meine Tochter muß einen Aberglauben haben, der mit diesem Tier zusammenhängt, denn sie will es durchaus noch einmal laufen sehen. Sie fährt zum Rennen nach Berlin. Ich verstehe sie nicht, aber ich hindere sie auch nicht. Ich werde mich hüten, jemals wieder ihre Entschlüsse beeinflussen zu wollen. Aber ich reise mit. Ich will bei ihr sein. Sie wunderte sich, daß ich auf einmal den Mut fände, den ich früher nie gefunden hätte, nämlich: ihren Mann den Karlshorster Sprung nehmen zu sehen... Ja, ich kann's sehen – ich kann's sehen! Ich erzähle ohne Schminke. Ich habe mich ja auch nie geschminkt oder gepudert sonst. Die Eisenbahnfahrt verging sehr schnell. Wir fuhren mit der Prinzessin Wechtenfeld und Klara Gundingen zusammen, die Verwandte in Berlin besuchen wollten und sich trotz alles sächsischen Partikularismus doch sehr freuten, aus dem kleinen Dresden in das große Berlin zu kommen. Dresden ist Kleinstadt – das liegt an Sachsen. Mir war es für Josefa eine angenehme Zerstreuung, die beiden herzensguten, hübschen Damen mit ihr endlich zusammenzubringen. Das Sanatorium deckt alles. Denn sonst hätten sie wohl ein wenig pikiert sein müssen über die scheinbare Vernachlässigung. Wir waren alle sehr bald warm. Die Wechtenfeld ist dunkel und schlank, ein wenig die Augen und die Haarfrisur einer reizenden Japanerin. Sie wirkt dadurch sehr pikant! Der Prinz, der bereits in Berlin, hat sie aber nur des Geldes wegen geheiratet, wie ich leider genau weiß. Kleiner, nicht apanagierter Prinz – die Armen müssen sich nun einmal verkaufen – Die Gundingen ist langweilig und blond. Warum sind eigentlich blonde Leute mit Vorliebe langweilig?... Die nur sehr teilweise hübsche Gegend flog vorüber ohne jede Poesie, grau, leblos, wie es der Herbst so mit sich bringt, wenn seine bleiche Sonne hinter Dunstgewölk schlummert. Jedenfalls waren wir in Berlin und wußten eigentlich nicht wie. Dabei hatten wir nur Nichtiges geredet – und die Zeit schwand doch wie im Schlaf. Die Großartigkeit der Reichshauptstadt regt auch mich alte Frau an. Wir logieren im »Windsor«, wo ich immer logiert habe, obgleich es weit hinter der Zeit zurückgeblieben. Das Publikum gut, aber auch etwas hinter der Zeit zurückgeblieben. Das war Josefas ungutmütige Kritik, als eine pommersche Landdame vor uns die Treppen hinabstieg. Noch am selben Nachmittage promenierten wir durch die besseren Straßen. Es zieht da so ein hastiger, endloser Strom die Trottoirs entlang, dem man am besten sich an Schaufenstern entzieht. Berlin und Schaufenster – das erfrischt! Und wenn ich selbst auch immer nur Schwarz trage, für meine schöne Tochter interessiert es mich doch, ob jetzt Lila herrscht oder Hellgrün, ob man mit Spitzen garniert oder mit Pelz. Das sind so die kleinen Nöte weiblicher Eitelkeit, die uns wenigstens für unsre Kinder wohl niemals ganz abhanden kommen. Josefa läßt nur in Wien arbeiten. Ich finde, Wien arbeitet fescher, extravaganter; in ihrem blaugrünen Tuchkleid sah meine Tochter so schick und apart aus! In einem Geschäft ließen wir uns Kostüme zeigen. Der Chef bemerkte sofort: »Gnädige Frau lassen wohl in London arbeiten? Es ist das Allerneueste, was gnädige Frau tragen. Wir haben eben erst die Fassons bekommen.« Doch erst als Preise genannt wurden, begriff ich ganz, wie luxuriös Josefa auch in diesem Punkte lebt. Ein Herbstkleid achthundert Mark! – das habe ich nur für Courroben bezahlt. So verging uns der Nachmittag in Kleinigkeiten. Als die Berliner Lichter aufflammten mit dem bläulichen Hauch, dem unbestimmten Tosen, das eigentlich ihr Glanz weckt, da lockten zwar die Auslagen noch verführerischer, und ich konnte mich von einer kleinen Perlenbrosche gar nicht trennen, aber schließlich trennte ich mich doch! Sobald die Sonne unter, haben Damen auf Berliner Pflaster allein nichts mehr zu suchen. Wir aßen im Hotel zu Nacht. Josefa ging sehr bald auf ihr Zimmer. Ich aber führte, wie um mich zu strafen, dies Tagebuch weiter. Was bin ich alte Frau doch noch oberflächlich! Es braucht nur ein bißchen Leben auf uns einzuwogen, ein bißchen Leichtsinn, Vergnügungslust in der Luft zu liegen, und wir vergessen unsre Leiden, ja, was schlimmer, auch die Leiden andrer. Ich ging mit mir deswegen ernstlich ins Gericht. Aber auf solche Pause setzt der Schmerz ganz von selbst nur um so beißender ein. In diesem alten, gemütlichen Hotelzimmer bin ich nachträglich so klein geworden, so hoffnungslos! Berlin, dessen Meereslaut hier nur ganz von ferne brandet, schüchterte mich ein, gab mir gerade in diesem unaufhörlichen, verschwommenen Nachttosen das Vorgefühl von etwas Unentrinnbarem: solche Riesenstadt ist wie das Schicksal. Am andern Morgen erwachte ich sehr früh. Die Straße unten im Herbstnebel, der Asphalt schmutzig, die Menschen griesgrämig. Es nahm sich aus wie ein Wiener Café, das noch gar nicht Zeit gehabt hat, sich von all den ekelhaften Gerüchen der Nacht zu reinigen, und doch treten die ersten Gäste schon wieder in die abgestandene Atmosphäre. Josefa half mir beim Anziehen, was ich nie ganz allein zuwege bringe. Wir frühstückten zusammen. Draußen hatte sich derweilen der Nebel gelichtet, das Ameisengewimmel des arbeitenden Berlin regte sich. Und dieses Leben reißt doch immer wieder mit fort... Aber da fiel mir natürlich das Rennen heute nachmittag ein, und daß mein Schwiegersohn, ahnungslos wahrscheinlich, im »Bristol« schräg gegenüber logiert hat! Wir wollen ihn auf dem Rennplatz selbst überraschen: das machen wir uns weis. Es ist eine gefällige Lüge. Aber wir wissen doch sehr genau, daß eine Lüge dadurch nicht besser wird, daß sie hübsch ist ... Josefa wollte eben nicht mit ihrem Mann logieren – das ist die Wahrheit. Um zwölf Uhr fuhren wir nach Karlshorst, und zwar mit der Bahn. Ich mache mir aus Rennen nicht viel. Was die Pferde leisten, geht über meinen Horizont. Höchstens daß es ein buntes Bild ist sommertags, daß es zuweilen heiß hergeht zwischen den Flaggen, und daß man wohl daran tut, bei dem irischen Wall wegzusehen, wenn man etwas Liebes im Sattel weiß! Jemand war ein so verwegener Hindernisreiter und verspielte hinterher noch regelmäßig sein Geld. Aber da Josefa und ihr Mann gerade ihre Pferde- und Rennpassionen so leidenschaftlich als Brautleute verfochten, habe ich gern nachgegeben und ein Sportinteresse geheuchelt, das ich niemals besaß. Am heutigen Tage ist es mir höchstens sympathisch, daß es in Berlin intime Bekannte von mir kaum noch gibt. Wir kamen etwas spät. Die Rennen hatten bereits begonnen. Sonst das herbstliche Bild, das ich so oft gesehen. Ein Stück märkische Kiefernheide, von dem kalten Sprühregen wie mit einem weichen Dunstschleier umhüllt – ein Stück Berlin, das mit Fabrikschornsteinen und Mietskasernen trübselig herüberschaut. Dazwischen die weite, grüne Fläche mit Markierstangen, flatternden Wimpeln. Das bunte Feld tauchte gerade auf, verschwand wieder; der Rasen dröhnte dumpf. Von den schmucklosen Holztribünen her das unbestimmte Menschentosen. Wir betraten den Sattelplatz in dem Augenblick, als die Dragonermusik wieder einsetzte. Der Brandenburgmarsch mit schmetternden Heroldstrompeten, indessen der schweißbedeckte Sieger, ein kopfhängender Dreijähriger, zur Wage geritten wurde. »Heute ist Favoritentag!« sagte jemand. Das Wetter schaute weit mehr nach Outsiders aus. Die Tribünen waren sehr mäßig besetzt. Welt – Halbwelt. Ueberall Regenschirme und Regenmäntel. Auf dem nassen Rasen davor fast nur Herren: Offiziere mit hochgeschlagenem Mantelkragen, Rennhabitués mit Sportpaletot und englischen Gamaschen. Weder Farbe noch Stimmung. Auch die Tourniquets zum Totalisator drehten sich nur mürrisch. Wir wollten Peter aufsuchen, kamen aber nicht weit. Wechtenfelds, die Gundingen, ein Gardereiter. Wir waren im Augenblick lachend umringt. »Da kommt doch endlich die einzig wirklich Passionierte!« rief die Prinzessin. »In Dresden wär's doch jetzt viel gemütlicher,« klagte die Gundingen. Josefa drückte nach allen Seiten liebenswürdig die Hand, fragte aber dann sofort den Offizier: »Haben Sie meinen Mann nicht gesehen?« »Jawohl. Er ist vorhin mit der Mailcoach von den Garde-Ulanen gekommen. Zieht sich jetzt, glaube ich, gerade um... Da ist er übrigens schon!« Und er zeigte nach der Wage, wo mein Schwiegersohn mit seinen Pluderhosen und seiner schlotterigen Rennulanka stand. Josefa ging sofort hinüber. Ich blieb. Nach einem Wiedersehen unter jetzigen Verhältnissen gelüstet mir nicht. Aber ich ließ Josefa nicht aus den Augen. Sie begrüßten sich mit einem Händedruck. Er schien verwundert. Sie gingen Arm in Arm auf und ab, sprachen lebhaft. Plötzlich blieb Josefa stehen, machte ihren Arm frei. Ich konnte gerade ihr Gesicht sehen. Das eigentümlich rasche Erkalten ihrer hellen Augen war so frappant! Ich hasse Szenen. Und wahrscheinlich hatten sie eben eine große Szene gehabt. Der Prinz Wechtenfeld, der nur beim Anekdotenerzählen nicht langweilig ist, erzählte gerade. Ich schlenderte auf Umwegen zu Josefa hinüber. Sie kam mir schon auf halbem Wege entgegen, die Zähne auf die Unterlippe gebissen. Sie sah mich erst, als ich vor ihr stand. »Habt ihr euch gezankt?« fragte ich. »Ja – nein, Mama. Er hat die Stute doch verkauft.« »Das ist aber nicht hübsch von ihm!« rief ich. »Ja, hübsch ist's nicht von ihm... aber schließlich ist's doch sein Pferd.« »Nein, es ist dein Pferd, Josefa!« Sie lächelte, als sie mich fast erregt sah. »Hast du's schriftlich? Ich hab's jedenfalls nicht schriftlich.« Wir gingen zu unsrer Gruppe zurück. Der blonde Gardereiter fragte sofort interessiert: »Haben sich gnädige Frau Bormio noch mal angesehen?« »Nein.« »Großartig in Form! Ueberhaupt das bei weitem beste Pferd heute, der Fuchs ... Die andern werden gar nicht gewettet!« Meine Tochter fragte kurz: »Auch die Stute, die ›Josefa‹ nicht?« Der Leutnant – übrigens ein Hannoveraner und dementsprechend steif – zuckte nur die Achseln. »Können Sie auch nicht verlangen, gnädige Frau! Die Stute hat ihr Lebtag ungefähr alles versprochen und ungefähr nichts gehalten.« »Sie wird schon gewettet werden!« Josefa drehte sich halb weg. Ein zweites Feld war derweil in die Bahn geritten: Jockeis. Ich sah ohne Interesse den Aufgalopp. Diese Leute mit ihren lederharten Spitzbubenphysiognomien mochte ich nie. Die Zuschauer drängten uns langsam nach dem Drahtzaun am Pfosten. Auch unsre Gruppe zerriß. Schließlich standen Josefa und ich allein. Die beiden soi-disant-Gräfinnen aus dem Sanatorium, die mich immer zu grüßen versuchten, flanierten noch in dem Sprühregen. Sie trugen Federhüte und Radmäntel. Ich bemerkte sie erst jetzt und wunderte mich, was sie gerade auf diesem Rennen suchten, das ihresgleichen mit seiner Regenatmosphäre so wenig bietet heut. Verschiedene Herren, die ja solches Wild immer gleich wittern, wurden aufmerksam. Ein paar Offiziere sahen den Mädchen kritisch nach und stießen sich an. Ein alter Geck mit weißem Spitzbart und Boulevardzylinder räusperte sich, machte eine Bewegung nach dem Hut .... Alte Gecken und ihre Passionen sind widerlich! Gerade in dem Moment, als ich mich degoutiert nach der andern Seite wandte, grüßten mich die beiden Mädchen. Ich wollte wieder grüßen. Aber Josefa, die nichts sieht und doch alles, flüsterte mir nur hastig zu: »Nicht, Mama! So was kennt man hier nicht!« Die Kopfbewegung erstarb mir. Ich kam mir auch lächerlich vor, bevormundet. Das mag ich nicht. Darum trat ich zum Prinzen Wechtenfeld mit einer gleichgültigen Frage. Die Pferde kamen das erstemal an den Tribünen vorüber in geschlossener Front. Die Jockeigesichter wild, die Peitschen geschwungen. An der Innenseite beim Biegen drängten sich die Tiere. Eine Flaggenstange krachte. Der Reiter wurde aus dem Sattel geschleudert. Mein erster Gedanke war: ›Wenn der Mann nur nicht schwer verletzt ist.‹ Der Prinz sagte ärgerlich: »Der Kerl reitet miserabel!« Alle Rennpassion macht mitleidlos. Die Gesichter um mich herum hatten auch so einen stieren, harten Ausdruck. Der Name und das Kleid allein machen's doch nicht! Und Josefa, meine warmherzige Josefa kann mit diesen Menschen empfinden? Für Männer mag ja der rohe Reiz Bedürfnis sein; Frauen sollen bessere Vergnügungen suchen .... Merkwürdig, daß gerade der Salon und der Stall sich so magisch anziehen! Ich schaute unwillkürlich nach Josefa um. Sie stand ein wenig zurück und starrte auf den Boden, die Augenbrauen zusammengezogen, als kämpfe sie mit einem finsteren Entschluß. Eine Minute später, gerade als das wilde Schreien der Jockeis und das Keuchen der Pferde den Endkampf verkündete, wandte sie sich mit einer kurzen, energischen Bewegung ab und ging hinüber zum Sattelplatz. Ich eilte ihr nach. »Josefa, wo willst du hin?« »Ich will mir die Stute noch einmal ansehen ....« »Wer wird sie denn reiten?« »Bloome.« Wie sie den Namen so kurz aussprach, zuckte mir ein Argwohn durchs Hirn. »Josefa, das wußtest du wohl schon in Dresden?« Sie sagte nur über die Schulter weg: »Genau, was Peter auch gesagt hat. Denkt doch beide, was ihr Lust habt! Ich denke auch, was ich Lust habe ....« Und sie schritt unbeirrt weiter zu dem freien Platz, wo sich die Rennreiter im Schritt noch einmal dem Handicaper stellen, ehe der Aufgalopp beginnt. Der Platz war leer bis auf einige Stalljungen, die Pferde im Kreise führten. Der Regen rieselte wie Tau, und die Haut der Tiere zuckte wie gekitzelt. In den offenen Holzständen dabei ein Herrenreiter – kohlschwarzer Dreß, ein brennendroter Streifen um die Kappe. Graf Bloome. Er ging, nervös mit der Peitsche fuchtelnd, auf und ab, blieb dann wieder stehen, sprach kurz mit einem Manne, der ein Pferd sattelte. Das Pferd war die »Josefa«, ein hoher, knochiger Brauner! Die Stute stand mit hängendem Kopf und rührte sich kaum, während die Nüstern mit einem Schwamm ausgewaschen wurden. Josefa zögerte einen Moment, ging aber dann sehr schnell auf den Stand zu: »Guten Tag, Graf!« Sie gab ihm die Hand, kräftig nach englischer Art. Er machte ein komisch verdutztes Gesicht. »Dachte, ich wäre endgültig in Ungnade gefallen, Baronin! Wußte zwar nicht, warum. Aber da Mister Lasowitz geruht, mir erst Pferde zu verkaufen und mich dann zu schneiden – warum, ahne ich zwar auch nicht –, so konnten gnädige Frau doch gleichfalls geruhen...« Josefa unterbrach ihn kurz: »Denken Sie überhaupt placiert einzukommen?« »Ich möchte wenigstens.« Er klirrte ärgerlich mit den Sporen. »Die Kerls machen einen ja ganz verrückt! Der Schinder soll nun auf einmal nie das Leder wert gewesen sein nach aller Sachverständigen Ansicht.« »Es war mein Pferd, lieber Graf.« »Eben deshalb! Ich hörte vorhin so etwas. Habe mich, ehrlich gesagt, auch gewundert, daß Lasowitz' das Pferd überhaupt verkäuflich ist.« »Ich habe mich auch gewundert, lieber Graf – aber nur, daß er es so lange behielt, mein Mann.« Josefa streifte den Schleier hoch. Beide gingen um den Braunen herum. Meine Tochter fühlte die Fessel lang, strich über den Rücken. Ich sah, wie lieb ihr das Pferd noch immer war. Der kleine Graf wandelte nachdenklich mit. »Nun sagen Sie doch aber mal ein Wort, Baronin!« »Was soll ich Ihnen sagen? Ich hatte früher immer gedacht, es sei ein sehr gut gemachtes Pferd, das beste von meines Mannes Steeplern überhaupt.« Er lachte trocken. »Ja, das sage ich auch, gnädige Frau. Die Stute ist immer falsch geritten worden! Ich sah sie noch in Gotha mit Ihrem Gatten im Sattel... Ich bin doch auch alter Kavallerist, wenn auch allerdings immer lieber Terrain als Bahn ... Jedenfalls werde ich auch als Feind versuchen, Ihnen Ehre zu machen, gnädige Frau. Bormio ist bedingungsloser Erster, wenn er nicht stürzt. Das ist seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit! Bestes Pferd – bester Reiter... Die Stute muß also gute Zweite werden, sonst hat sie kein Ehrgefühl. Es war doch einmal Ihr Pferd!« »Ach, lieber Graf...« »Aber, Gnädigste, wenn ich das Pferd wäre, hätte ich das Ehrgefühl unbedingt!« Sie lachten und stritten sich herum – alles scheinbar sehr harmlos. Von Courmachen keine Spur. Mein Argwohn schwand... Da – ich ahne nicht einmal, was vorgegangen ist – wurde plötzlich Josefa mitten im lebhaften Gespräch auf Minuten völlig stumm. Ich merkte deutlich, wie ihr die Lippen zuckten, wie ihr ganzer Körper förmlich wuchs. Die Augen flackerten in einem feindlichen Glanz. ›Was ist ihr?‹ dachte ich. Sie sah leidenschaftlich erregt aus, aber wunderschön! Und ehe ich mir noch klar werden konnte, warum, sprach sie rasch und mit leicht vibrierender Stimme: »Ich will Ihnen etwas sagen, Graf. Die Stute kann und muß das Rennen gewinnen! An das Pferd hat bis jetzt niemand geglaubt als ich – und einmal wenigstens will ich auch recht haben! Kümmern Sie sich um das ganze Feld nicht. Lassen Sie vor allem Bormio Bormio sein. Aber versuchen Sie vom Fleck den ersten Platz zu belegen und halten Sie ihn, koste es was es wolle, das ganze Rennen durch! Aber Peitsche vom Fleck, daß sie sich auf ihr Vollblut besinnt! Mein Mann glaubt's mir nicht und niemand sonst. Aber ich weiß, daß es ein so treues Pferd ist und nach Hause steht wie nur eines. Aber es muß die Peitsche haben!... Wollen Sie ihn nach dem Rezept reiten?« »Gewiß, Gräfin.« Er sagte das wohl unwillkürlich. Mir aber kam die Empfindung, daß sie mit dem Moment auch nicht mehr Frau von Lasowitz sei. Sie gaben sich die Hand. »Also Peitsche, Graf!« - »Peitsche, Frau von Lasowitz!« wiederholte er scherzend. Dann schieden sie. Ich hatte mich kaum an der Unterhaltung beteiligt, die mir auch mit jedem Moment peinlicher selbst beim Zuhören geworden war. »Aber Josefa,« sagte ich, als wir über den Sattelplatz zu den Tribünen zurückgingen, »aber Josefa, war das auch recht?« Und sie antwortete mit noch immer bebender Stimme: »Es war nicht recht, und es soll auch nicht recht sein! Aber heute ist mein Tag. Ich will's.« Es muß doch Gespenster geben, die andre nicht sehen. Josefa war wie umgewandelt. Ich sah wohl überall umher, was sie eigentlich so erregt haben könnte. Ich fand nichts. Uebrigens dieser Herr Rin war auch auf dem Rennen. Er schlenderte mit den beiden soi-disant-Gräfinnen den Sattelplatz entlang. Wir streiften ihn beinahe im Vorbeigehen. Er genierte sich gar nicht, sprach ruhig weiter. Josefa kennt ihn, glaube ich, wirklich nicht mehr. Im nächsten Rennen wurden Bormio und Josefa gestartet. Es war das Rennen des Tages. Jagd – fünftausend Meter – über die berüchtigten Karlshorster Hindernisse. Ich war in meine Loge zurückgegangen, nicht nur wegen des Regens, der jetzt träge und gleichmäßig niederfiel; der tiefe, graue Himmel drückte, die wenigen Baumgruppen des großen Plans waren nebelumwoben wie Gespenster. Ich wollte allein sein! Josefa stand unten an der Hecke dicht bei dem Pfosten, neben ihr der Prinz und der blonde Gardereiter. Keine zehn Schritt davon dieser Rin, aber ganz isoliert – er wollte auch allein sein! Als die Pferde aufkanterten – ich sehe es noch genau: sechs Herren in Uniform und die kohlschwarze Bluse des Grafen Bloome –, passierte Peter als erster auf einem Schweißfuchs, ganz vornübergebeugt, er ritt mit Monokel, und das scharfe Gesicht bekam dadurch etwas eigentümlich Starres, Verbissenes. Hinter ihm Bloome auf »Josefa«. Ehe die braune Stute zum Galopp ansprang, grüßte er noch zu uns hinüber. Josefa dankte flüchtig. Der Start schien weit – es lag wohl an dem Regenlicht. Ich sah auch ohne Glas nur undeutlich die unruhig tretenden Pferde. Von den Reitern erkannte ich nichts als das verblaßte Rot einer Husarenattila. Gleich darauf fiel die Flagge. Die Glocke tönte. Die schwarze Bluse galoppierte vorn. Ich wünschte ihr den Sieg nicht!... Das Feld kam langsam näher. Die alte Geschichte bei allen Hindernisrennen: die Reiter verhalten, bis sich die erste Peitsche hebt. Die erste Peitsche hob sich. Graf Bloome. Das Feld zerriß. Am ersten Hindernis stürzte der Husar, aber leicht. Er stieg wieder auf und ritt im Schritt nach Hause. Der große Sprung! Ich sah durch das Glas, wie der Schmutz aufspritzte. Die schwarze Bluse lag noch immer vorn. Hinter ihr Peter. Er rührte nicht die Hand. »Es ist das Rennen eines Pferdes,« sagte ein Herr in der Nebenloge. »Selbstverständlich macht's Bormio.« »Aber die alte Stute hält sich heut famos!« antwortete ein andrer. Die andern Pferde waren wohl zurückgeblieben, oder ich sah sie in begreiflicher Blindheit nicht mehr. Ich sah nur die beiden – den Fuchs und die Stute –, die immer in dem gleichen Abstände die Hindernisse sprangen: Josefa unter der Peitsche und schwer, Bormio aus der Hand und leicht. Als sie zum erstenmal zu den Tribünen einbogen, sank der schwarzen Bluse die Peitsche. Ich weiß nicht, ob es Kalkül oder Ermüdung war. Der Schweißfuchs ging in Front – sie kamen heran. Der Schmutz spritzte, die Lungen keuchten. Es war doch ein sehr schnelles Rennen, wie ich jetzt sah. Sie passierten die Tribünen. An dem Pfosten streckte der Schweißfuchs den Kopf vor, die Stute fiel zurück. Da rief eine helle Stimme: »Reiten!« Es war Josefa. Und im Augenblick hob sich auch wieder die Peitsche und ruhte nicht mehr. Bei dem Ruf war mir's durch und durch gegangen. Ich sah von jetzt nur verworren, wie sich die Peitsche hob und wieder hob. »Bormio muß gewinnen!« sagte ich für mich, ohne eigentlich zu wissen warum. Auf Minuten verlor ich dann das Rennen ganz aus dem Auge. Vor mir nur noch der öde, tote Regenplan. Als ich die beiden endlich wiederfand, hatten sie die letzte Hürde bereits hinter sich und galoppierten die »Gerade« hinunter. Auf den Tribünen eine gewisse Erregung. Einzelne Herren beugten sich vor. Unten am Pfosten drängten sich die Leute. »Bormio muß es machen!« sagte der Herr nebenan wieder, und der andre antwortete: »Die alte Stute liegt unter der Peitsche wie noch nie.« Ich wollte nicht hinsehen, weil ich den Ausgang ganz genau wußte. Und ich sah doch hin als echte Frau... Ich sehe, wie zwei Peitschen wie toll auf- und niederzucken, höre zwei keuchende, schweißbedeckte Pferde ihr Letztes hergeben. Von dem zweiten Platz ein murrender Laut: »Lasowitz macht's! Lasowitz macht's!« Ich bin instinktiv aufgestanden wie die andern auch ... Was hat doch dieser Bloome auf einmal für ein wild verzerrtes Gesicht! Und Peter so böse und stier mit seinem Monokel! Sie haben immer so rohe Gesichter beim Ausreiten, die Herren... Das Ende weiß ich nicht recht. Einmal noch ein aufgeregtes, vielstimmiges: »Bravo, Bormio, bravo!« Dann eine beklemmende Stille. Als der Sieger seine braune Stute zur Wage ritt, unheimlich blaß in seinem schwarzen Dreß und schwer atmend wie sein triefendes, ausgerittenes Tier, da war mir doch wohl noch nicht ganz klar, was dieser Sieg bedeutete. Eine halbe Stunde später fanden wir uns alle auf dem Sattelplatz wieder zusammen. Es war ein Kopfschütteln, Gestikulieren, niemand hatte es für möglich gehalten... Der Graf Bloome kam später auch zu uns, übermütig lustig fast durch seinen Sieg. Josefa wieder eisig, aber mit einem harten, entschlossenen Zug um den Mund. Peinlich wurde es erst, als Peter kam und, ohne seinen glücklichen Konkurrenten auch nur zu sehen, mit gesuchter Kavalierhöflichkeit seiner Frau die Hand küßte und sagte: »Ich gratuliere untertänigst!« Josefa zuckte die Achseln und antwortete nicht. Es verstand wohl niemand recht, was eigentlich vorgegangen. Der Prinz, der alles, was mit der Rennbahn zusammenhängt, sehr nüchtern und sachlich anzusehen scheint, bemerkte nur: »Herr von Lasowitz, Sie werden die Stute zurückkaufen müssen. Ein Pferd mit so viel speed! ...« Darauf Josefa: »Für den Lasowitzschen Stall wird die Stute nicht mehr gesattelt!« Peter kniff leicht die Augen zusammen. Ich merkte wohl, welche Anstrengung es ihn kostete, höflich zu bleiben. »Verzeihung.« Er räusperte sich und ging einen Augenblick später zur Wage hinüber. Er steigt noch einmal in den Sattel. Ich sah ihm unwillkürlich nach. ›Warum mußte das alles so kommen?‹ dachte ich. ›Es geht ein Gespenst um auf diesem Platz. Vielleicht sehen's alle, nur ich bin blind.‹ Der Dehors halber mußten wir bleiben bis zum Schluß. Peter gewann das letzte Rennen, und zwar im größten Stile. Es war uns allen wohl eine Erleichterung, ihm zu diesem glänzenden Siege gratulieren zu können. Eine Art Feigheitsglückwunsch, wenigstens von mir! Man möchte den Eklat vermeiden!... Unsre ganze Gesellschaft dinierte zusammen im »Kontinental«. Auch nicht zu umgehen. Wir hatten uns gleich zu Beginn verabredet, und es war doch auch ein kleiner froher Kreis, dem man das gewissermaßen schuldig war... Ich bin zwar Gesellschaftsmensch wie nur einer, und die Moral dieser Gesellschaft war immer meine, selbst wenn sie keine war. Aber die ausgesuchten Hummern würgen sich manchmal schwerer herunter als verschimmeltes Brot. Josefa aß nichts. Ich versuchte wenigstens zu essen. Dabei war es ein so elegantes, duftendes Chambre séparée! So gute Manieren, so gute Toiletten! Es fehlte wirklich nichts zum Gesellschaftsglück... Dennoch drückte mich der Raum vom ersten Augenblick. Ich saß absichtlich weitab von meinem Schwiegersohn und meiner Tochter, ich unterhielt mich mit dem wirklich langweiligen Prinzen geflissentlich amüsant. Aber ich sah in dem Empirespiegel doch immer nur die beiden Menschen, die wohl alles daransetzten, ruhig und sicher zu scheinen. Ja, ich habe sie bewundert! Was müssen sie für jahrelange Uebung in der gesellschaftlichen Heuchelei hinter sich haben, daß keine Miene, kein Wort den andern die tiefe Kluft verriet, die doch mit jedem Augenblicke wuchs. Sie wünschen vielleicht beide die Szene, die letzte, äußerste, nach der es kein Zurück mehr gibt, und sie können lächelnd mit den Sektkelchen anstoßen, lächelnd die Knallbonbons zerreißen, lächelnd die blöden Inschriften tauschen! ... Wenn ich nicht die Mutter wäre, das Fleisch und Blut von meinem Kinde, ich würde nichts lesen können aus dem leisen, unaufhörlichen Beben der Nasenflügel Josefas, so wenig wie aus den schwellenden Adern an den Schläfen meines Schwiegersohnes. Aber ich weiß nur zu gut, daß das Ende da ist! ... Und im Anblick dieser Gesellschaft, die nichts ahnt, die sich so seicht gibt, wie sie ist, wächst auch in mir eine Spannung, die sich bis zum Unerträglichen steigert. Der kleine, häßliche Graf Bloome ruft über den Tisch weg meiner Tochter in gutmütiger Weinlaune zu: »Gnädige Frau, die Josefa soll leben! Das war doch noch mal ein Ritt! Ich her, was ich hatte, sie her, was sie hatte. Ich küsse die Hand meiner gütigen Protektorin!« Und gleich darauf zu Peter gewandt: »Prosit, Peter von Amiens! Reiten könnt ihr doch nicht! So 'n Tag wie heute tut den unfehlbaren Herren recht gut! Aber darum keine Feindschaft nicht!« Und Peter, in einem Sportgespräch mit dem langweiligen Prinzen gerade begriffen, nickt, ohne auch nur hinzusehen, trinkt den ganzen Kelch herunter und fährt in dem gleichen Tone fort: »Ja, Durchlaucht, die neuen Elemente, die ihre Pferde laufen lassen auf anständigen Bahnen, werden allerdings immer dunkler.« »Aber, lieber Lasowitz, das meinte ich ja gar nicht!« » Aber ich meine so, Durchlaucht!« Seine Haltung war so mühsam, als er das letztere sprach, und die Anspielung so deutlich, daß mir heiß und kalt wurde wegen eines Skandals. Noch ein solches ironisches Prosit von diesem Bloome, und Peter steht auf und sagt: »Sie sind ein Schuft, Herr!« Kurz nach dem Diner ging Graf Bloome. Er wird wohl noch Verabredungen mit gewissen Damen haben. Ich konnte mich nicht entschließen, ihm die Hand zu geben, denn schließlich ist er auch an allem schuld. Wir waren aufgestanden, es entstand die Bewegung, wo die Herren sich nach einer Zigarre und die Damen sich nach einem Boudoir sehnen. Graf Bloome drückte Josefa zum Abschied dankbar die Hand. »Sie waren sehr gütig, Baronin.« In demselben Augenblicke zischelte Peter von der andern Seite: »Geh doch lieber gleich mit! Er logiert im Kaiserhof.« Josefa zuckte zusammen wie unter einem Hieb und wurde blutrot. Sie antwortete aber nichts. Ich war empört wie nie in meinem Leben. Was aus der andern Gesellschaft geworden ist, weiß ich nicht. Ich ließ mir sofort ein Zimmer geben und ersuchte meinen Schwiegersohn um die unumgängliche Unterredung. er folgte mir die Treppen hinauf, sehr blaß und etwas Tückisches im Auge. Es war das erste beste Fremdenzimmer, und ich verriegelte die Tür hinter uns. Er knipste das elektrische Licht an und schob mir einen Fauteuil hin, ich aber wünschte stehend zu verhandeln. Das »Du« wollte mir nicht mehr über die Lippen. Ich sagte: »Sie haben sich eben benommen, wie sich kein anständiger Mensch benimmt.« Er antwortete finster: »Wegen der Form bitte ich um Verzeihung.« »Und wegen des Sinnes?« »Bedaure ich, das nicht tun zu können.« Er ging auf dem Teppich hin und her. »Weißt du, Mama, was ich in den letzten zwei Jahren durchgemacht habe?« »Andre werden jedenfalls mehr durchgemacht haben!« Ich wünschte auch gar keine weiteren Auseinandersetzungen. »Wollt ihr euch sofort trennen?« »Das weiß ich noch nicht, Mama.« »Aber ihr weidet euch trennen – und zwar mit Anstand!« Da lachte er böse und höhnisch auf: »Ja, das paßte euch wohl so! Gegenseitige Abneigung und so weiter. Und zu guter Letzt soll ich wohl so dastehen wie der dumme Aujust bei Renz? Nein, Kinder, mit der Diplomatie fangt ihr mich nicht!« »Ich bitte mir einen andern Ton aus!« sagte ich. Er zuckte leicht zusammen. »Ich werde es um deinetwillen versuchen, Mama.« »Was haben Sie überhaupt für Gründe?« fragte ich weiter. »Den ganzen Tag heute,« antwortete er mit zusammengebissenen Zähnen. »Einmal fließt jedes Glas über, wenn man immer nachfüllt... Und wenn ihr euch vielleicht einbildet; daß es der Gaul ist, der mich bis aufs Blut gereizt hat heut – nee! Der Kerl ist's, der drauf saß! Josefa wäre nie gekommen, wenn sie nicht genau gewußt hätte, daß dies mauvais sujet gerade heut die Stute reiten würde.« Er lachte häßlich auf. »Deine Tochter ist etwas unvorsichtig gewesen, Mama!« Ich zuckte darauf nur die Achseln. Er schien's nicht zu bemerken und fuhr fort: »Du kannst übrigens deiner Tochter sagen, daß die Karre so nicht mehr lange gegangen wäre, und daß es mir lieb ist, baß sie so aus dem Gleise gekommen ist... Alle geleimten Töpfe gehen einmal entzwei!« Er holte schwer Atem. »Daß einem Mann ein andrer Mann die Frau verführt, das kann jedem passieren. Aber daß sie einem ein solcher Kerl verführen muß, das kann nur mir passieren!« »Du bist entweder betrunken oder verrückt, Peter,« antwortete ich. Ich hatte auch die Empfindung, daß er eins von beiden war. Und damit schieden wir. Im Vestibül empfing mich der Oberkellner mit der Meldung, daß Frau von Lasowitz im Schreibzimmer sei und mich dort erwarte. Sie war allein. Als sie mich kommen hörte, ging sie mir entgegen mit einem noch nassen Brief. »Du kannst ihn lesen, Mama.« Er war ohne Überschrift und lautete: »Ein weiteres Zusammenleben zwischen uns ist natürlich seit heut unmöglich. Ich bitte Dich, die nötigen Schritte sofort zu tun wegen der definitiven Trennung und Dich alles dessen zu bedienen, was ich Dir damals in Cannes sagte. Hoffentlich weißt Du es noch Wort für Wort. Sonst bin ich gern zu einer schriftlichen Erklärung erbötig. Der schuldige Teil bin selbstverständlich ich! – Mein heutiges Betragen entschuldige – ich konnte nicht anders; wie ich auch das Deine entschuldigen werde – Du konntest wahrscheinlich auch nicht anders. Aber bei meiner Seele und bei allem, was mir heilig ist, schwöre ich Dir, daß Du auf ganz falscher Fährte bist! Dieser Graf Bloome hat in meinem Leben nie auch nur die kleinste Rolle gespielt. Wenn Du Dich mit ihm schießt – und er fällt –, so bist Du einfach ein Mörder! Im übrigen bitte ich Dich wie damals – nicht, daß Du mir verzeihen, aber daß Du mich verstehen mögest. Leb wohl und werde mit einer andern Frau glücklicher! Josefa. Sie klingelte dem Kellner und siegelte den Brief. »An Herrn von Lasowitz sofort abzugeben!« Ich war buchstäblich sprachlos. Erst eine ganze Weile, nachdem wir wieder allein waren, konnte ich mühsam sagen: »Josefa, dein Mann weiß also?...« »Ja, Mama, er weiß alles – bis auf den Namen natürlich, den mir auch keine Folter erpressen würde.« Wir gingen gleich darauf in unser Hotel. Man kann vielleicht sagen, daß ich klein, jämmerlich sei. Es ist ja auch nicht der Bruch, den ich ja selbst gewollt habe, es ist seine Form, die mich so tief trifft. Soll, muß mein gutes, armes, hochherziges Kind nun als die Beschimpfte dastehen zeitlebens? Josefa besudelt vor aller Welt! War denn gar keine andre Lösung möglich...? Als wenn man einem Edelmann sein Wappen unter dem Galgen zerbricht, und er soll doch weiterleben, so war mir zumute. Ja, die Rache ist da – aber die kleine, gemeine Rache des Schicksals... Wie ich Josefa jetzt kenne, würden alle Bitten nichts ändern ... O, ich bin nicht rachsüchtig. Aber ich fühle doch einen blinden Haß gegen den Menschen, für den sie fiel! Noch in der Nacht fuhren wir nach Dresden zurück. Es war eine stumme Fahrt. Auf dem Anhalter Bahnhof trafen wir Gott sei Dank nur die beiden soidisant-Gräfinnen. Sie sahen mißvergnügt aus. Offenbar warteten sie auf jemand, der aber nicht kam. Wahrscheinlich ist Graf Bloome dieser Jemand. Daß er Josefas Geliebter nie war, ist mir bei nüchternen Sinnen vollkommen klar. Leute wie er haben ausschließlich Patschulipassionen. Josefa sah wie immer hochmütig über die Mädchen weg. Mich grüßten sie übrigens auch nicht. Doch gewöhnliche Mädchen, geziert und frech, wie sie so am Eingang standen und jeden Herrn fixierten! Der letzte Gruß des nächtlichen Halbwelt-Berlin. Als ich rein Zufällig noch einmal zurücksah auf die Geschöpfe – nicht mehr mit Mitleid, wohl aber mit Grauen –, sagte Josefa bitter: »Du denkst eben, Mama, wenn deine Tochter geschieden ist und die Welt erst weiß: warum – dann wird sie in den Augen der Welt auch nicht viel mehr wert sein als diese Geschöpfe da? Ich werde es ertragen. Laß du den Leuten auch ihr Vergnügen! Sie kennen mich ja trotzdem nicht und sollen mich auch nicht kennen. Dir aber sage ich: ich bin unglücklich geworden, eben weil ich keine Dirne bin!« Wir stiegen ins Coupé. Da kam wieder der alte Kleinmut zum Durchbruch: »Josefa, mußte denn das alles so enden?« »Ja. Mutter, es mußte so enden! Auch die ehrlichste Buße hat kein Recht mehr, wenn sie keinen Sinn mehr hat. Von heute ab hätte sie keinen Sinn mehr.« Zwanzigstes Kapitel Ich bin in einer unangenehmen Situation. Von meiner ältlichen Geliebten darf meine jugendliche Adoptivtochter nichts wissen – und von meiner jugendlichen Adoptivtochter meine ältliche Geliebte erst recht nichts. Die alte Suleika ist als echte Sächsin zuweilen bedenklich helle... Suleika, der ich zuweilen ausgewählte Abschnitte meines Tagebuchs vorlese, krankt seit kurzem an dem Ehrgeiz vieler Ungebildeten und Emporgekommenen, gebildet und geistreich zu scheinen. Mein Saharakönigtum a. D. imponiert ihr plötzlich weit weniger als mein kaustischer Witz. Sie liebt auf einmal Geist, wahrscheinlich weil sie keine Spur davon besitzt, was unter den Menschen auch vorkommen soll. Sie schwärmt für Poesie, obgleich sie die prosaischste Katze von der Welt ist, was bei Menschen insofern auch stimmt, als das allerdunkelste Reimgeklingel dem Dummen am meisten imponiert. Daher auch in der Tragödie die unterdrückten Lachsalven, die niemand begreift, der nicht selbst blödsinnig ist. Wenn aber in der Komödie sich eine Kokette zu einem neuen Liebhaber entschließt, weinen sie vor Rührung wenigstens über den guten Jungen, der genau so idiotenhaft wie ihre Tränen. Ueberhaupt wer gute Lustspiele wünscht, stelle sich auf die Bühne und sehe ins Publikum – aber beileibe nicht umgekehrt!... Zwischen dem gravitätischen Theaterlord und dem bemalten Clown schwanken noch heute die Sympathien. Wer den ganzen Tag ehrbar Strümpfe gestopft oder Bogen geschrieben hat, will abends den Clown in irgendeiner Gestalt auf den Brettern haben; und wer den ganzen Tag Modejournale durchblättert oder mit Hummern sich amüsiert hat, wünscht bei einem tragischen Helden seine überschüssigen Gefühle zu lassen, das heißt mit dem Unterschied, daß die vollen Magen jovialer Lebemänner sich lieber das Zwerchfell bis zu Tränen erschüttern lassen, weil das die bekömmlichste Vorbereitung für das nachfolgende Chambre séparée ist, während in den Augen eleganter Weltdamen am besten die Wehmutsträne blinkt, weil die interessant und schlank macht. Ein guter Theaterdirektor schielt darum nach beiden Seiten. Und wer die Dickbäuche belustigt und die Wespentaillen rührt zu gleicher Zeit, dem fällt ganz von selbst das Publikum im Parterre und den zweiten Rängen zu, wo sich gute Bürger und Bürgerfrauen am liebsten mit der Hand die Rührträne aus dem rechten Auge wischen, indes die Lachträne bereits in das linke perlt. Der Phantast, der ein Stück wirklicher Natur auf die Bühne bringt, wird sich an dem kunstsinnigen Parkett verbluten – aber ich habe noch nie gehört, daß Theaterdirektoren Phantasten gewesen seien. Selbst Goethes »Faust« mußte in Weimar einer Farce weichen, worin ein lebendiger Hund ins Publikum hineinbellt. Die Welt ist wohl älter, aber nicht klüger geworden in der Zeit. Da nun einmal meine Suleika, die auf gut sächsisch Mieze heißt und nicht meine Lieblingssklavin, sondern ein Hausdrache ist, durchaus wünscht, daß ich Liebeslieder dichte – ein Fünfziger mit wackelnden Zähnen Liebeslieder dichten! – oder wissenschaftliche Vorträge halte – zum Professor kann man ja allerdings niemals alt und ledern genug sein –, so habe ich versprochen, die Kritiker und Dichter des Sanatoriums diskret zu interviewen. Die Arme glaubt's auch! Je länger ich ausbleibe, je zärtlicher umarmt sie mich. Die »Wissenschaft« im Sanatorium ist wirklich interessant, nur daß ich mich mit ihr weniger beschäftige als mit meiner neuen Akquisition. Meine Adoptivtochter ist reizend... Ich bin alles andre, nur nicht ihr Papa. – Und kindlich dieses Kind!... Sie führt mich spazieren, verhätschelt mich – und wenn ich sie küsse, was ich sehr oft tue, aber immer von salbungsvollen Vorträgen begleitet und väterlichen Mahnungen –, dann leuchten wahrhaftig ihre Augen. Ich muß ihr immer wieder erzählen, wie schön diese »Tochter« war – »fast so schön wie du!« – Wie hoch mein Thron einst und wie tief mein Sturz jetzt, wie ich nichts besäße als ihre kindliche Liebe... Ich glaube nächstens selbst an meine »Tochter« und an meinen »Thron«! Ich glaube überhaupt gern an das, was ich gerade Lust habe zu glauben. Aber... Aber... Ich umarme das holde Kind zärtlich, bleibe dann wieder in tiefer Traurigkeit stehen. Trotz aller Mogelei, im Kerne gebe ich mich doch, wie ich bin. Leidenschaft und Resignation wechseln... Natürlich muß sie meine Geliebte werden – aber Gott sei Dank, daß sie's noch nicht ist!... Denn ich fühle... Ich bin nämlich auch in der Liebe zum Doktrinär geworden. Ich kann stundenlang von den schönsten Gefühlen sprechen – aber diese Gefühle selbst wollen nicht kommen. Die Glut leuchtet mir aus den Augen – aber dahinter ist kein Feuer ... Es ist meines Geistes absolut unwürdig – ich weiß es! – aber meine Gefühle sind nur noch die Prestigegefühle eines alten Don Juans, der immer siegte und auch hier siegen muß. Meine Liebe ist Eitelkeit, mein Feuer Strohfeuer. Ich opfere mich buchstäblich für eine Idee... Und wenn ich ihr wie von ungefähr das unendlich zarte, warme Pfötchen streichle, merke ich, wie sie innerlich erschaudert, weil diese meine Pfote kalt und zittrig ist. Wenn ich ihr kühles rosiges Näschen bei meinen onkelhaften (?) Küssen berühre – die meine ist leider heiß und fiebrig –, merke ich erst, wie alt ich bin, wie der Don Juans- Wunsch mit der Don Juans-Kraft sich leider nicht mehr deckt. Ach nur ein wenig mehr von dieser törichten Jugend – und nur ein wenig weniger von diesem klugen Alter!... Ich möchte sie feurig umarmen, an mich drücken, sie müßte in diesem Druck vor Seligkeit sterben!... Meine fiebrige Nasenspitze wünscht das, aber meine lahmen Glieder bedauern herzlich. – Ja, ja, das Alter ist die Rache der Jugend! Neulich schlief ich direkt ein, als wir nach einer Promenade in der Heide ein lauschiges Dickichtplätzchen aufsuchten... Es ist vorbei, Carlo! Dir bleibt von so vielen Abenteuern, von so vielen Frauen – nur noch die Weisheit und die Köchin!... Das liebe Kind hatte mich nicht gestört, war in reizender Sorge stumm neben mir sitzen geblieben. – Der »olle« Papa dauert sie. – Aber ich fuhr plötzlich mit einem heisern Schrei aus dem Schlummer. Ich hatte einen schrecklichen Traum gehabt. Ein junger Lasse hatte meine Adoptivtochter betört, umstrickt, sie schien im Begriff, mit diesem Elenden auf und davon zu gehen. – In meinem Traum war ich durchaus Liebhaber – bei meinem Erwachen durchaus Papa... Die Kleine sagte sanft blinzelnd: »Du schliefst so sanft, Onkelchen!« Ich schaute mich wild nach allen Seiten um, den Taugenichts zu erspähen, dem ich auf der Stelle den Garaus machen wollte – es schlich auch wahrhaftig etwas Graues in den Büschen umher, offenbar ein liebegirrender Kater – aber so wach mein Geist, so eingeschlafen waren meine Beine. Ich sah die Kleine wehmütig an. »Kind du könntest?« Und diesmal weinte ich wirklich. »Du könntest einen alten König im Stich lassen?« Sie blickte zur Erde. Nebenbei hörte ich ganz deutlich den Kater girren. »Onkel... wenn die ganz große Liebe...« Ich kenne das Geschwätz Siebzehnjähriger. Die ganz große Liebe hat nie existiert und wird auch nie existieren und hätte in diesem speziellen Fall nun schon gar keinen Sinn! Aber ich bezwang mich klug. »Kind, das brauchst du nicht,« sagte ich weich, »wenn du denn durchaus lieben mußt, so liebe mich! Ich liebe dich schon längst mit der großen, wahren, einzigen Liebe!« – Sie schien verdutzt, sprachlos. – Da ich stehend immer noch eine gute Figur mache, erhob ich mich majestätisch. Ich sah mit zündenden Blicken sie immer wieder an – auch junge Mädchen sonst schwärmen zuweilen für alte Exzellenzen ... Und nun hier eine Majestät, eine leibhaftige Majestät! »Es sei,« sagte sie leise und mit niedergeschlagenen Augen. »Ich bin dein...« Da haben wir nun das Unglück! Ich mußte übrigens überschwenglichen Erwartungen in Bälde vorbeugen. Während wir langsam und seelenvoll nach Hause gingen – immer umschwärmt von dem grauen Kater, den sie aber in ihrer Naivität für eine ältere, scheckige Katze hielt, hielt ich ihr eine große Rede. Wie verworfen die Zeit, wie unrein die Sitten und wie die wirkliche Liebe nur innigste Seelengemeinschaft sei und wie die Treue ... Dabei mußte ich mich doch räuspern. Denn wenn mir je etwas im Leben widerwärtig und ekelhaft gewesen ist, so ist es die sonst ganz unnötige eheliche Treue gewesen. Aber jetzt fühlte ich wie eine Offenbarung, daß die Treue doch etwas ungeheuer Wichtiges sei, daß die Pflicht unbedingt einsetzen müsse, wo das Vergnügen aufhört... Wir müssen die Jugend erziehen zur Treue des Alters! – Und da schleicht wieder dieser infame graue Katerbengel umher und blitzt mit den Augen und miaut wütend, genau wie ich vor dreißig Jahren! Aber diese Jugend von heute ist doch eine andre. Was wir in jungen Jahren taten, das haben wir getan großen Trieben, großen Zielen folgend; wir machten uns über unsre Alten lustig, weil sie wirklich nur noch zum Lustigmachen waren. Aber heute, wo wir die Alten geworden sind, wir, die wir die Höhen der Weisheit erklommen haben, macht sich diese entnervte, zuchtlose Jugend lustig auch über uns. Ehrfurcht vor dem Alter, Selbstzucht, Sinnendisziplin: das tut euch allen not, ihr jungen Schurken!... Wenn mir in meiner Jugend etwas gegen den Strich war, so waren es alte Kater; im Alter ist mir nichts ekelhafter als diese jungen Schnüffel... O, wir waren anders, ganz anders! Ich bin entschlossen, alle meine Don Juan-Prätensionen unter allen Umständen aufrecht zu erhalten. In voriger Nacht hat es gereift. Auch über meine Seele kommt der Rauhreif. Fast zwei Tage war ich nicht zu Haus. Was wird Suleika sagen? Ich wünsche die alte Hexe zum Teufel. Wenn sie doch in der Zwischenzeit durchgegangen wäre mit irgendeinem windigen Poeten! Aber sie wird schon nicht... Die Treue alter Weiber ist doch das Sinnwidrigste, was existiert. Und nun muß ich doch auf ein Stündchen ins Sanatorium selbst gehen. Sie verlangt detaillierte Berichte, diese Banausin... Na, wartet, ihr Herren Dichter und Professoren! Es sind nämlich wirklich welche da! Es sind: ein Alter, ungefähr Mitte Siebzig, ein Mann, dem vor fünfzig Jahren nicht nur Schneiderinnen zujubelten, als er seinen ersten Roman für die »Gartenlaube« schrieb. Und jetzt? Vernachlässigt, schäbig, mit plierigen Augen, aber noch immer gebläht vor Eitelkeit, der ganze Kerl überhaupt anzuschauen wie der verstaubte Grabstein seines eignen Ruhmes. Denn wenn er auch seit Dezennien bei jedem neuen seiner Romanverbrechen naserümpfend sagt: »Wieder mal Kaviar für das Volk!« so antwortet ihm auch seit Dezennien schon das Echo: »Aber höchstens Elbkaviar.« Das kommt davon, mein Lieber, wenn man sich selbst überlebt. Billigen Mosel soll man nicht zu lange auf der Flasche haben, sonst wird er Essig. Es sind: noch ein Alter. Aber etwas jünger, klein, fein, geschniegelt, gebügelt, der richtige Ladendiener der Literatur. Aber alte Ladendiener sind gräßlich! Uebrigens beides berühmte Leute. Der Ruhm kommt mir bei ihrem Anblick vor wie ein Esel, der auch Disteln fressen muß zuzeiten. Ich habe beider letzte Werke verschlungen, wie die Sanatoriumsdamen auch, ich habe sie aber wieder von mir gegeben, wie die Sanatoriumsdamen nicht. Sie werden es noch bereuen! Der kleine Ladendiener mit dem Bratenrock verwässert die deutsche Literatur, und der große Löwe mit den Triefaugen trübt sie. Verständige Arbeitsteilung I Der Ladendiener hat sämtliche ältere Damen auf seiner Seite – ältere Damen kaufen so gern im Ausverkauf und billig! Zu dem Löwen bekennt sich die Jugend – sie liebt nun einmal den König der Tiere, selbst wenn er, wie dieser hier, seit manchem Jahr nur noch ausgestopft existiert! Es sind: ein Junger. Die Jugend kann ich nun erst recht nicht leiden. Aber aller Augen zugleich ruhen auf diesem Dichterkritiker. Er ist jung, stark, ungeschlacht. Und da er auf Bestellung Dichtergefühle hat – die Zeile fünfundzwanzig Pfennig –, so finden sie ihn mit Recht genial. Er findet das übrigens auch. Und da er außerdem noch Bücher rezensiert – die Zeile aber nur zwanzig Pfennig –, so findet man es natürlich, daß er alle Dichter von dem Pegasus herunterreißt, auf den er selbst nicht hinaufkann. Ich las nur ein Gedicht von ihm. Da zog ein Student beständig mit einem Mensurschläger von einer Wohnung in die andre und besang diesen Mensurschläger. Sehr ritterlich! Allen jungen Damen standen beim Lesen die Tränen in den Augen. »Liebchens letzter Strauß« stand übrigens auch in einem Wasserglase bei jedem Wohnungswechsel in dem neuen Zimmer. Ich hielt es anfangs für eine Parodie auf den Fliegendenblatt-Studenten, dem die Wirtin den einzigen Papierkragen durchs Fenster nachwirft. Als ich aber den jungen Dichter näher besah, merkte ich, daß er höchst ernsthaft sich selbst parodiert hatte. Ich glaube, die ganze Gedichtsammlung ist eine unfreiwillige Parodie auf das Dichterhandwerk überhaupt... Er jedenfalls ist andrer Ansicht und denkt bescheiden, daß im nächsten Jahrhundert Wolfgang (Goethe) nur noch deswegen genannt werden wird, weil er ein Vorläufer von Carl (.....) war. Aber auch der gutmütigste Esel streikt wohl, wenn er immerfort Disteln fressen soll... Aber wenn er doch fräße? Ich bin etwas scharf, aber das liegt uns so in den Krallen. Später setzte ich mich hin und memorierte einen Dichtervortrag für Suleika – wie ich mir Dichter- Vorträge bei Menschen ungefähr denke. Er folgt anbei. »Hochzuverehrende Herren! Ich behaupte, daß die Erde rund ist. (Bravo!) Ich behaupte ferner, daß alle Professoren langweilig und alle Dichter verrückt sind. (Gesteigertes Bravo!) Ich stehe dabei auf dem Standpunkte Lombrosos, daß das Genie Wahnsinn, das Talent aber nur eine milde Form der Gehirnerweichung ist. Wenn Ihnen aber jemand darauf einwirft: ›Könnte das Genie nicht den wirklichen Fortschritt innerhalb der Gattung darstellen, also gewissermaßen den springenden Punkt in der Etappenstraße der Menschheit zur höchsten Vollkommenheit?‹ – So antworten Sie mit mir: Das Genie ist anormal, weil es aus dem Normalen der Gattung herausdrängt! Das Normale aber – gefunden hat das Normale allerdings bis jetzt noch niemand, und es wird wohl ewig eine Fiktion bleiben, aber jedenfalls ist unter diesem Gesichtspunkt die ganze Menschheit leicht genialisch angedämelt – also das Normale ist der ideale Ausdruck der Mittelmäßigkeit. Und da nur das absolut Mittelmäßige das absolut Normale ist, nähert sich der normale Idiot in demselben Maße der höchsten Vollkommenheit als sich das anormale Genie von ihr entfernt. (Nicht endenwollende Bravos.) – Aber meine Herren, wir wollen ja von der Dichtkunst sprechen!... Dichten ist nach der allgemeinen Auffassung: entweder zu viel getrunken oder zu wenig gegessen haben. Dichter heißt also: wer nicht mehr imstande ist, sich in vernünftiger Prosa vernünftig auszudrücken, sondern dies in Versen und möglichst unvernünftig tut ... Ja, meine Herren, das war einmal! Damals als der Dichter noch geduldig wartete, bis ihm die Muse urplötzlich im Nacken saß, oder Pegasus ihm hinterrücks zwischen die Beine lief, so daß der davon Betroffene blitzschnell zum Parnaß getragen wurde, – damals als man im Walde dichtete beim Wein \&c.... Damals wenigstens hatten die Leute allgemein noch das richtige Gefühl, daß Dichten eine vorübergehende Geistesverwirrung ist – sie waren nebenbei noch Staatsmänner, Schuster \&c., und zwar zuweilen ganz gute Schuster. Aber heute, wo ein Deutscher und ein Buch ungefähr identisch sind, wo ganze Dichterzünfte wie Sumpfblumen entstehen und vergehen, wo der Dichter auf Bestellung zur sittlichen Notwendigkeit geworden – denn womit könnte man die Lücken eines Journals sonst ausfüllen, als mit einem Gedicht? – Heute ist nicht mehr der Handwerker Dichter, sondern der Dichter Handwerker geworden! Wem die geistige Nachtlampe nicht mal bis zum Referendar geleuchtet hat, der wird flugs Schriftsteller und strahlt als literarische Sonne ... Wenn alle schlechten Dichter Holzhauer geworden wären – wie viel vortreffliche Holzhauer hätten wir dann heut!... Aber über das Geschehene soll man nicht klagen. Man kennt sich selbst so wenig. Ich sehe vor mir drei Dichter: einen ganz alten mit der Glatze, einen alten mit durchgezogenem Scheitel und einen jungen mit einem Lorbeerkranz, den er sich aber selbst aufgesetzt hat... Meine Herren! Man kennt sich wie gesagt selbst so wenig, und böses Beispiel verdirbt gute Sitten. Ich zum Beispiel habe nie gedichtet, ausgenommen, wenn ich verrückt war; aber jetzt werde ich dichten, obgleich ich nicht mehr verrückt bin!... Meine Frau – nennen wir sie wenigstens so – wünscht es. Und wenn Frauen wollen ... Meine Herren! Ich bin in einem Alter, wo man entweder sein Genie entdeckt oder seinen Blödsinn. – Mein Verstand war immer klar, meine Logik immer scharf. Das soll anders werden, wie Sie es hoffentlich jetzt schon merken – denn meine Frau wünscht, daß ich unter die Dichter gehe ... Also – es lebe der Blödsinn!« (Der Redner wird, unter dem Applaus endgültig taub und blödsinnig geworden, hinausgetragen.) Ich hatte extra die Form der Bierrede gewählt. Sie nähert sich am meisten den dichterischen Formen. Außerdem ärgere ich gern Kluge und Dumme zugleich. Denn das ist der Witz bei jeder zündenden Rede, daß sie so gehalten ist, daß jeder jeden für einen Idioten hält, sich selbst ausgenommen, und eben darum jeder klatscht, weil er kein Idiot sein möchte und doch gerade darum ein Idiot ist. Ich bin neugierig auf ihre Wirkung bei Suleika. Das Ganze ist so poetisch frei und so zusammenhanglos bissig, daß diese bildungswütige Dame ihre Freude daran haben muß. Leider kam es anders. Sie ließ mich gar nicht zu Worte kommen, überhäufte mich mit Vorwürfen, sprach von unerhörter Treulosigkeit und so weiter. Zu guter Letzt ist sie der graue Kater doch gewesen, der immer um uns herumschlich. Meine Augen werden demnach auch schwach. Da ich aber grundsätzlich ungleiche Kämpfe meide – im Schimpfen ist mir meine nicht angetraute Gattin entschieden über –, begnügte ich mich zu schwören, daß ich niemals ein andres weibliches Wesen geliebt habe als sie. Meiner Adoptivtochter oder Braut werde ich gegebenenfalls den gleichen Schwur leisten. Ich mache gewohnheitsmäßig mit der linken Pfote den litauischen Meineidzirkel, während ich mit der rechten schwöre. Ich hasse überhaupt Halbheiten. Wenn man lügt, soll man ordentlich lügen ... Und schließlich, was kann mir passieren? Wenn zwei Frauen sich in den Haaren liegen um einen Mann, geht der Mann eben mit einer dritten von dannen. Ich bin schon oft mit der dritten davongegangen. Es wird Winter. Der erste weiche, weiße flockige Schnee wirbelte heut. Ich stand am Fenster und freute mich an dem Gewimmel. Wohl Nachklänge aus der Kindheit. Man träumt von Wärme, Gemütlichkeit. Wenn ein Bratapfel im Ofen zischte, wer weiß, ich alte Frau würde vielleicht noch einmal zum Kinde. Man muß wohl solche Leichtsinnsintervalle im Leben haben, sonst ertrüge man seine Last nicht... Peter ist nicht mehr gekommen, hat auch nicht mehr geschrieben. Ich liebe öffentliche Skandale nicht und beginne zu hoffen, daß die Menschen, die nun einmal nicht zueinander passen, wenigstens friedlich auseinandergehen. Ich habe das so im Gefühl. Er ist zu weit gegangen, Josefa ist zu weit gegangen, sie werden sich jetzt wohl erinnern, daß sie vornehme Leute sind und als solche scheiden... Eigentlich ist es schlecht – aber der Gedanke, mein Kind ganz wieder zu besitzen, hat für mich so etwas Tröstliches, daß ich ernstlich glaube, die Gegensätze in Josefas Gemüt werden sich mit der Zeit von selbst aufheben, sobald der Stein des Anstoßes weggeräumt ist... Ich bin doch froh, daß ich nicht die entscheidende Rolle gespielt habe, die ich anfangs spielen wollte, zu der ich aber nicht geeignet bin. Ich sehe jetzt gerade wieder vom Schreiben auf in das Schneegetümmel. Wie wunderlich märchenhaft doch diese Flocken, und wie wunderlich märchenhaft die Lichter, die vom Sanatorium durchschimmern! Es ist das friedliche, freundliche Winterbild, das immer den Gedanken an Kinder weckt und Weihnachten. An Kinder! Wir haben nämlich einen schweren Fall im Hause. Das Portierkind, das kaum den Keuchhusten losgeworden ist, scheint Diphtherie bekommen zu wollen. Es phantasierte die ganze Nacht. In der Angst ihres Herzens kam die Mutter schon vor Morgengrauen zu mir herauf, und zwar mit der sonderbaren Bitte, ob meine Tochter nicht kommen könne, die Kleine verlange im Fieber immer nach ihr. Ich wollte es schon direkt abschlagen, weil Diphtherie so ansteckend ist und Josefa keine dieser sogenannten Kinderkrankheiten durchgemacht hat. Aber Josefa läßt sich so gar nicht mehr bemuttern, und ich habe fast Angst vor dem kurzen, scharfen Wort, mit dem sie wohl auch mich zuweilen abtut. Sie ist nicht etwa weicher geworden nach dem Renntage traurigen Angedenkens, eher härter! Ich schickte also meine Jungfer mit der Frau sogleich in die Sanatoriumsvilla, innerlich ein wenig verwundert, daß das kleine Mädchen, dem meine Tochter nie besonders freundlich begegnet ist, sich gerade nach ihr sehnt. Aber Kinder haben wohl den richtigen Instinkt für wahre Heizensgüte. Josefa kam sogleich und blieb Stunden in der abgestandenen Luft dieser Souterrainwohnung. Der Arzt, nach dem sofort geschickt worden war, warnte gleichfalls vor Ansteckung. Sie antwortete einfach: »Ich habe keine Angst vor Krankheit. Wo ich helfen kann, helfe ich gern.« Der Arzt verbeugte sich: »Wie Frau Baronin wünschen.« Es soll ein schlimmer Fall sein. Josefa hat freiwillig die Pflichten einer barmherzigen Schwester übernommen. »Laß nur, Mama! Es füllt aus...« Und das tut es auch scheinbar. Sie ist so gewissenhaft, so geduldig, sie kommt mit froherem Gesicht und besserem Appetit zu Tisch als die letzten Tage. (Die Sanatoriumskur ist in der Hauptsache beendet, und nur wegen der Massage bleibt Josefa noch.) Die Ingen kommt auch häufig. Sie hat etwas Vernünftiges, Praktisches, und belästigt niemand, wenn sie auf ihre ausdrückliche Bitte meine Tochter zuweilen ablöst. Ich weiß jetzt auch, warum die kurze Spannung zwischen den beiden. Einer Frau, die offenbar so unglücklich verheiratet war, ist eine so glückliche Braut naturgemäß auf die Dauer eine Qual. Aber jetzt findet Josefa sich zu dem liebenswürdigen und doch tatkräftigen Wesen wieder hingezogen .... Leider hat sich die Wohltätigkeitsgräfin bei der Gelegenheit auch eingestellt und pflegt auch. Mir persönlich ist sie furchtbar lästig mit ihren fortwährenden Anliegen und ihrer Nervosität, die immer treppauf, treppab mit irgendeinem Mittel eilt. Das Singen von geistlichen Liedern habe ich mir verbeten, oder vielmehr Josefa tat es, weil sie alles fromme Getue haßt. Die Wohltätigkeitsgräfin mit ihren Traktätchen macht selbst die Portiersleute ganz wild, nur meine Köchin schwärmt für sie. Kranke verlange ruhige, feste, zielbewußte Hände. Heut ist Josefa ganz plötzlich nach Hannover gereist. Sie hat einen Brief von mir unbekannter Hand bekommen, über den sie sich nicht weiter ausließ, als daß sie sofort abreisen müsse ... Als Pflegerin bin ich eingetreten, weil es mir doch schmerzlich gewesen wäre, auf dem Stuhl, wo meine Tochter saß, eine bezahlte Krankenpflegerin sehen zu müssen. Unter einer gewissen Rivalität der beiden andern Damen geht es weiter. Es wird schlimmer, immer schlimmer. Das arme Wurm röchelt schwer und sieht sich mit seinen verglasten Augen überall hilfesuchend um, aber wenn die energischen Brillengläser sich über das Bettchen beugen, wird es nur unruhiger, schlägt mit den kleinen Händen wie verzweifelt um sich. Ich tue, was ich kann. Ich war sogar diese Nacht persönlich beim Arzt. Der Mann weigerte sich rundweg, zu kommen, solange die Wohltätigkeitsgräfin in der Nähe sei: »Sie spielt ja doch hinterher den Kurpfuscher, das Frauenzimmer!« Es war zwar hart, aber recht hat er am Ende. Ich bestellte seinen Wunsch natürlich stark verblümt, und die Wohltätigkeitsgräfin antwortete mir energisch: »Ich habe hundert Diphtheritiskranke gepflegt und durchgebracht. Den Doktor kenne ich. Er versteht nichts.« Am Tage darauf wurden die Beängstigungen so schlimm, daß Fräulein von Ingen sagte: »Ich glaube, hier hilft nur noch der Kehlkopfschnitt. Bei meiner kleinen Schwester wurde er leider zu spät gemacht und sie starb. Also – Sie, Frau Gräfin Bären, oder der Arzt?« Da ging die Dame endlich. Der Kehlkopfschnitt wurde auch sofort gemacht. Heute hörte ich von der Komtesse Gundingen, die mich besuchte, daß Peter in Dresden sein soll. Ich glaube es aber nicht. Im übrigen bin ich auf alles gefaßt und möchte eigentlich mit ihm allein verhandeln, da bei Josefas Art und Ansichten eine vernünftige stille Trennung sonst ausgeschlossen wäre. Und das geht sehr gegen meine verständigen mütterlichen Wünsche. Peter kam, während ich gerade schrieb. Er trat, ohne sich anzumelden, beinahe zu klopfen in mein Zimmer ein und sah aus wie ein Mann, dem alles egal ist. Er sagte auch sofort ohne »guten Tag«, ohne Handkuß: »Um mich nicht bei unnützen Vorreden aufzuhalten, ich habe in Hannover den Brief Josefas gesucht und gefunden, den sie vor ihrer Abreise hierher in der letzten Nacht noch geschrieben hat. Er war nicht an mich, überhaupt nicht adressiert. Und du nennst es wahrscheinlich eine Schamlosigkeit, daß ich ihn trotzdem erbrochen und wenigstens teilweise gelesen habe. Er war dreimal gesiegelt wie ein Wertbrief, damit du's weißt. Hier ist er. Lies ihn oder lies ihn auch nicht, ich jedenfalls brauche ihn nicht mehr!... Ferner: ich bin bei der Gräfin Quedenberg gewesen und habe sie auf Ehre und Gewissen gefragt, was sie von etwaigen Beziehungen meiner Frau auf unsrer Wüstenreise damals wisse. Sie antwortete mir bestimmt, daß sie nichts wisse. Darauf habe ich wieder gesagt: ›Frau Gräfin, es kann sich nur um zwei Persönlichkeiten handeln, – eine davon ist's! Dessen bin ich sicher. Und diesem einen geht's ans Leben, darauf können Sie sich verlassen. Es sollte mir leid tun, wenn ich den Falschen träfe!‹ Darauf antwortete sie mir wiederum nach einer Pause, daß sie nichts wisse und daß ich jedenfalls im Irrtum sei. Ich ging. Aber schon im Vestibül ließ sie mich durch den Diener zurückrufen. Sie war ganz blaß und zitterte vor Nervosität. Sie hatte auch ein Recht, Angst zu haben, daß ich den falschen träfe! Jedenfalls bequemte sie sich endlich dazu, daß wenn einer von beiden, es dann nur Graf Bloome gewesen sein könne... Ich bin schon vorher vergeblich durch ganz Deutschland gereist, um diesen Herrn ausfindig zu machen, der aber in England sein soll. So habe ich ihm denn in seiner Berliner Wohnung einen Brief zurückgelassen des Inhalts, daß er ein Schuft sei, und daß ich ihn überall, wo ich ihn auch fände, als solchen behandeln würde... Bis jetzt habe ich keine Antwort erhalten. Aber sobald ich ihn treffe, mißhandle ich ihn auf offener Straße.« Ich konnte auf seinen Ton nicht eingehen, hatte ihm demnach überhaupt nichts zu antworten, und deutete ihm nur durch eine Handbewegung an, daß unsre Unterhaltung beendet sei. Er kehrte sich aber nicht daran, sagte vielmehr, daß er sich mir näher erklären müsse. Es war übrigens auch ein andrer Ton, mit dem er wenigstens begann: »Mama, ich konnte dir das nicht ersparen! Ich weiß, daß du allein es immer herzensgut mit mir gemeint hast, und da ich voraussichtlich dieses Haus nie wieder betreten werde, möchte ich wenigstens nicht bei dir den Eindruck zurücklassen, ungerecht oder herzlos gegen deine Tochter gewesen zu sein ... Wenn ich sie nicht von Herzen geliebt hätte, so würde ich sie nicht geheiratet haben, denn wie du selbst genau weißt, war ich nie auf eure Millionen angewiesen. Und wenn ich sie nicht geliebt hätte, hätte ich ihr nie verzeihen können, was sie mir damals in Cannes gebeichtet hat. Ich habe es aus dem Gefühl heraus getan, daß man einer Frau wie ihr viel verzeihen muß, was man einer andern nicht verzeihen darf. Daß das Aeußerste nicht geschehen sei, sagte sie mir wenigstens. Ebenso, daß mit dem Tage der Mann tot sei für sie... Wenn die zwei Jahre trotzdem mir eine Qual gewesen sind, die sich allein durchhalten ließ, weil wir wie getrennt lebten, so darfst du mir das nicht verargen. Denn zu guter Letzt – die Frau, die sich einmal vergeht, vergeht sich auch das zweitemal, und ich bin der allerletzte, der mit Hörnern vor aller Welt 'rumlaufen möchte!... Es wäre alles noch gegangen – und diese Scheinehe war ja auch deiner Tochter fester Wille –, wenn nicht die Geschichte mit dem Gaul gekommen wäre und dem Schuft, der drauf saß. Ich gebe zu, es war nicht hübsch, daß ich die Stute verkaufte. Ich wurde gewissermaßen dazu gedrängt durch den Kerl selbst, der sie durchaus haben wollte und sie denn auch bekommen hat. In bezug auf Josefa und ihn bin ich seit Afrika den Argwohn nie losgeworden. Das übrige weißt du ja ungefähr. Ich habe Josefa noch auf dem Rennplatz auf den Kopf zugesagt, daß sie nur dieses Kerls wegen gekommen sei und daß sie sich schämen sollte, so plump ein Verhältnis fortzusetzen, nachdem sie geschworen, es existiere nicht mehr... Und eine Frau, die nachher gegen ihren Mann wettet! Das hat sie zwar nicht wörtlich, aber wirklich getan, als sie ihm die Tips gab für die Stute... Jetzt wo ich und alle Welt weiß, wie es steht, da muß mir auch der Kerl bluten! Und nun lies den Brief oder lies ihn nicht! Meiner Ansicht nach ist es sentimentaler Unsinn. Mich interessierten nur die beiden Daten: Sidi Okba und Col de Sfa...« Er hatte sich wieder in eine Erregung hineingesteigert, daß ich ihn bat, wenigstens um der Leute willen seine Stimme zu mäßigen. Er versuchte es. Wie ich überhaupt sagen muß, wenn ich nicht wüßte, daß es ganz anders zusammenhängt, obgleich ich's nicht zu beweisen vermag, daß ihm alle äußerlichen Umstände recht geben, freilich kein einziger innerlicher. Das will er nicht begreifen als echter Mann, und ich verschwendete vergeblich meine Worte. Ich ersuchte ihn dringend, wenigstens Josefas Rückkehr abzuwarten. Er wies das schlankweg zurück. Zum Abschied küßte er mir die Hand und ich ließ es geschehen, obgleich mir nachher dieser Handkuß wie ein Treubruch an meinem Kinde vorkam. Erst lange, nachdem er gegangen war, entschloß ich mich, den Brief zu lesen. Mir ist jede Indiskretion etwas Schreckliches, und nun gar solche Indiskretion!... Später depeschierte ich zugleich an Peter nach Dresden und an Josefa in Hannover. Denn dieser Bloome ist es nun und nimmermehr, an den dieser letzte Brief gerichtet ist! Aber wer ist es? Er lautet: ' »Dieser Brief wird Sie, so Gott will, erreichen mit der Nachricht von meinem Tode einmal. Ich hoffe fest, daß Sie mich überleben... Ich schreibe an einem Mittwoch. Morgen reise ich in das Sanatorium, um wenigstens meine Nerven zu stärken für ein Leben, das ich vor den Leuten leicht ertrage, vor mir selbst kaum. Daß meine Nerven aushalten möchten, ist überhaupt mein einziges Gebet. Ich wünsche Sie nicht mit irgendwelchen schönen Erinnerungen zu langweilen. Für mich ist diese schöne Vergangenheit tot, für Sie hoffentlich auch. Trotzdem muß ich Ihnen noch einmal schreiben. Wissen Sie, daß Sie mich einmal eine Dirne genannt haben? Vielleicht wissen Sie's auch nicht mehr, aber ich weiß es. Bedauern Sie diesen Ausdruck nachträglich nicht! Alles Bedauern hat keinen Sinn, und bei mir müßten Sie es schon an meinem Grabhügel tun, was ich nicht wünsche. War ich nun damals eine Dirne oder war ich es nicht? Darüber zu rechten, wäre sinnlos. Ich kann nur sagen, daß ich keine mehr bin. Das Wort, so ekel es ist, so tief es mich getroffen, hat doch in meinem Leben den Wendepunkt bedeutet. Zum Guten? Das glaube ich nicht einmal. Jedenfalls zum Konsequenten... Sie haben mit dem Wort in mir etwas getötet, und mit der Hand, die mich zurückstieß, haben Sie dieses Tote eingesargt... Grämen Sie sich darum nicht! Naturen wie die meine sind vielleicht wirklich so minderwertig, daß das Schicksal nur recht daran tut, sie zur rechten Zeit zu knicken. Aber es ist dem Betroffenen dennoch ein wehes Gefühl, wenn er spürt, wie die Wärme in seiner Brust langsam erkaltet. Das Schicksal hat es so gewünscht, und ich sträube mich nicht. Als ich die Beziehungen zu Ihnen wieder suchte, habe ich schwer gesündigt, wie ich wohl weiß. Aber es war eine von den heißen Sünden des Herzens, gegen die man nicht kann, und die Gott wohl auch vergibt. Vergibt er solche Sünden nicht, so kann ich nur sagen: ›mein Gott ist der Gott der Erbarmung, und er allein weiß, wie ich mit meinen Sünden doch nur mir allein wehe tat.‹ Eine Dirne ist feige. Nun, ich habe meinem Mann alles gebeichtet ohne Tränen, ohne Sentimentalität, die Sie ja beide so sehr hassen. Und wenn ich Ihren Namen nicht mitbeichtete, so verzeihen Sie diese letzte Schwäche jemand, der Sie einmal von Herzen geliebt hat. Eine Dirne ist wankelmütig. Nun, ich bin bei meinem Manne geblieben, den ich nicht liebe, nie geliebt habe. Er weiß das und versteht doch nicht, wie Männer wohl überhaupt nie verstehen: daß man nur einmal liebt... Es war sein Wunsch, daß ich bliebe, und meine Buße, daß ich blieb. Sie haben einmal auf der Fahrt von Sidi Okba nach Biskra gesagt, daß die einzige Buße die Tat sei. In diesem Sinne habe ich mich bemüht, zu büßen. Seine Frau in allem wieder zu werden, habe ich nicht über mich vermocht. Es gibt Frauen, denen dieses volle, reuige Zurückkehren nach einem Fehltritt leicht wird, ja denen es die rechte Buße scheint, ich aber denke, daß eine beschmutzte Ehe auf diese Weise nicht wieder rein werden kann, daß solches Waschen den Fleck vielmehr vergrößert. Auch widerstrebte mir in tiefster Seele, ein großes Gefühl mit einer kleinen Reue gewissermaßen zu verhöhnen. Aber ich habe wenigstens alles getan, was ich tun konnte, ohne mich selbst aufzugeben. Sie werden ungläubig lächeln. Ich habe in dem raffiniertesten Luxus gelebt und lebe noch darin – nur aus Buße, weil er es liebt!... Ich habe all die Passionen, die mich mit meinem Manne einst zusammenbrachten, mit der äußersten Ueberwindung weiter gepflegt – nur aus Buße, weil sie ihm nun einmal eine Freude sind! Nicht wahr, das klingt alles so nichtig? Wirklich Reuige büßen anders. Aber eine wirklich Reuige bin ich eben nicht. Ich kann mir nicht helfen: im letzten Moment kommt mir all diese Buße – und Sie ahnen wohl nicht, wie schwer das Büßen gerade mir wird – albern vor, läppisch. Ich frage mich: ›was hast du eigentlich damals getan, um heut so schlecht zu sein?‹ Nichts! Ich bin nur wärmer, weicher gewesen als andre, habe nicht Herzen brechen können, wo ich sie brechen mußte. Der eine wird einen Singvogel nie schießen, während er singt, der andre wird ihn nur schießen, während er singt... Das ist alles wohl Naturanlage. Ich bin ein Kind der Liebe, und die sind immer weich. Und Sie sind ein Kind des Zornes, und die sind immer hart. Sie wissen vielleicht noch, daß Sie mir das erstere einmal sagten, und daß Sie eigentlich selber darunter litten am meisten? Aber glauben Sie mir dennoch, was ein Mensch tun kann, sich selbst noch zu erziehen, das habe ich getan. Kalt außen, ehrlich innen – wenigstens versucht habe ich, das zu sein ... Ich tue meine Pflicht, indem ich bei meinem Manne bleibe, solange er will, aber auch nicht eine Sekunde länger! Kommt der Moment, wo ich mich überflüssig fühle, dann gehe ich, und haben Sie keine Angst, daß ich jemals wieder einem Manne nachlaufe, wie ich Ihnen einst nachgelaufen bin. Sie haben mir die herbste Lehre gegeben, die ein Mann einem Weibe geben kann, den Schlag ins Gesicht oder eigentlich etwas noch viel Schlimmeres!... Aber mit diesem Schlag ins Gesicht damals haben Sie sich auch Ihres Rechtes begeben. Auf die Art macht man die Menschen nicht besser, sondern schlechter. Wenn ich es trotzdem nicht geworden bin – wenigstens nicht schlechter –, so seien Sie meinetwegen stolz auf diesen Erfolg, der es war eine von den heißen Sünden des Herzens, gegen die man nicht kann, und die Gott wohl auch vergibt. Vergibt er solche Sünden nicht, so kann ich nur sagen: ›mein Gott ist der Gott der Erbarmung, und er allein weiß, wie ich mit meinen Sünden doch nur mir allein wehe tat.‹ Eine Dirne ist feige. Nun, ich habe meinem Mann alles gebeichtet ohne Tränen, ohne Sentimentalität, die Sie ja beide so sehr hassen. Und wenn ich Ihren Namen nicht mitbeichtete, so verzeihen Sie diese letzte Schwäche jemand, der Sie einmal von Herzen geliebt hat. Eine Dirne ist wankelmütig. Nun, ich bin bei meinem Manne geblieben, den ich nicht liebe, nie geliebt habe. Er weiß das und versteht doch nicht, wie Männer wohl überhaupt nie verstehen: daß man nur einmal liebt... Es war sein Wunsch, daß ich bliebe, und meine Buße, daß ich blieb. Sie haben einmal auf der Fahrt von Sidi Okba nach Biskra gesagt, daß die einzige Buße die Tat sei. In diesem Sinne habe ich mich bemüht, zu büßen. Seine Frau in allem wieder zu werden, habe ich nicht über mich vermocht. Es gibt Frauen, denen dieses volle, reuige Zurückkehren nach einem Fehltritt leicht wird, ja denen es die rechte Buße scheint, ich aber denke, daß eine beschmutzte Ehe auf diese Weise nicht wieder rein werden kann, daß solches Waschen den Fleck vielmehr vergrößert. Auch widerstrebte mir in tiefster Seele, ein großes Gefühl mit einer kleinen Reue gewissermaßen zu verhöhnen. Aber ich habe wenigstens alles getan, was ich tun konnte, ohne mich selbst aufzugeben. Sie werden ungläubig lächeln. Ich habe in dem raffiniertesten Luxus gelebt und lebe noch darin – nur aus Buße, weil er es liebt!... Ich habe all die Passionen, die mich mit meinem Manne einst zusammenbrachten, mit der äußersten Ueberwindung weiter gepflegt – nur geworden sein, wie Sie es verdienen – aber auch nicht mehr. Josefa Lasowitz. P. S. Ich siegle den Brief schon jetzt, weil ich einen Strich unter meine Vergangenheit machen will für immer. Und wenn ich auch noch hundert Jahre leben sollte, so werde ich genau so denken wie heut – jedenfalls nicht milder. Hannover, im September 19.. Ich las und las nochmals. Ich konnte immer nur denken: Armes, betörtes Kind! Sie liebt ja den Mann doch noch, der ihr das Herz hat töten wollen. Sie möchte ihn hassen und kann ihn nur lieben. Die ganze tiefe Bitterkeit ist ja weiter nichts als unendliche Liebe. In einem hat der Himmel meine Gebete doch erhört – ihre Gefühle sind stärker geworden, besser als meine. So rächt sich's! Sie muß besser sein, um unglücklicher zu sein, und ich stehe mit gebundenen Händen... Jetzt erst fühle ich klar, wie klein meine Liebe doch war, gemessen an ihrer Liebe. Und wieder die müßige Frage: ›Wer ist es? Wer kann es sein?‹ – Wenn ich's auch wüßte, ich könnte doch nicht helfen. Meine Liebe war klein, darum lebte ich ruhig weiter; ihre Liebe war groß, darum stirbt sie innerlich daran, aber langsam, qualvoll. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich dem Mann doch nicht böse sein kann, der mein Kind auf dem Gewissen hat. Er wie sie: es sind so andre Menschen. Tragische Naturen? Ich fürchte, ja, und mir graut. Wenn ich das alles geahnt hätte, als ich ihr die Flügel beschnitt, immer wieder beschnitt, und sie doch hätte wachsen lassen sollen, wachsen, bis der Flug zur Sonne reichte, die ihr doch gehört! Eltern messen nach sich und messen darum so oft falsch. Es ist völlig unmöglich, daß dieser Mann Graf Bloome ist. Er mag ein guter Kerl sein, er mag mehr wissen in der Angelegenheit als wir alle, – aber er ist es nicht! Ich muß bitter lächeln, wenn ich denke, daß gerade Peter diesen Brief finden mußte, der doch der Brief einer Toten ist an einen Toten. Und wenn er aus diesem Brief die Kraft schöpft zum Haß, zur Empörung, ja allerdings dann... Aber ich will ihm keine Vorwürfe machen darum. Er tut, was andre auch tun würden, er sieht in seinem hellen Zorn die dumpfe Verzweiflung nicht. Vielleicht sind die meisten Männer überhaupt dazu unfähig. Egoisten, wie sie sind, sehen sie in jedem Spiegel nur ihr eignes Gesicht... Ich hätte gemeint, ich könnte einmal den Mann hassen oder verachten, der meine Tochter jetzt zum öffentlichen Skandal macht. Aber nicht Peter, auch nicht jener andre, ich allein trage die Schuld! Ich ernte nur, was ich säte. Nachdem ich in stundenlangem Brüten und Warten auf Telegramme, die aber nicht kamen, kostbare Zeit nutzlos vergeudet, schrieb ich das Vorstehende nieder, gewissermaßen um mich selbst loszuwerden. Das eine wurde mir dabei klar, daß Jeanette Quedenberg den Schlüssel zu allem besitzt, und daß ich ihn haben muß, wenn noch irgend etwas zu ändern ist. Es wäre doch eine Ungeheuerlichkeit, wenn dieser Bloome für etwas bluten müßte, für das er nichts kann. Auch Josefa ladet sich damit einen Mord aufs Gewissen – und – darf das sein? Es war spät abends, als ich mich entschloß, noch zu Quedenbergs zu gehen. Ich ging die Viertelstunde wirklich zu Fuß, weil das zu meiner gedrückten Stimmung am besten paßte. Der Schnee fiel immer dichter. Ueber den Tannenschonungen der Dresdner Heide dehnte er sich wie ein ungeheures Bahrtuch. Er hüllte auch mich gnädig ein bei dem Gange, so daß die Wohltätigkeitsgräfin mit großen Schritten und mit sich selbst sprechend wie gewöhnlich an mir vorüberging, ohne mich zu erkennen, obgleich wir uns fast streiften. Sie geht, Fräulein von Ingen abzulösen. Erst jetzt fiel mir ein, daß ja das Kind auf dem Tode ist. Bei Quedenbergs schon im Vestibül wieder der feierliche Kirchengeruch, der mich frösteln machte. Der Diener schien Order zu haben, niemand vorzulassen, ich aber sagte nur kurz, daß ich die Gräfin unter allen Umständen sprechen müsse. Sie empfing mich denn auch, aber allein und in ihrem Boudoir, das etwas Gruftkühles und Reserviertes hat mit seinen hochlehnigen, steifen Ebenholzmöbeln. Sie wußte im Anfang vielleicht nicht, warum ich kam, aber sie verstand mich sofort, als der Name meines Schwiegersohnes fiel. Das blasse Gesicht bekam Farbe, die Augen einen fast stechenden Glanz. Ich sagte: »Gnädige Frau, mein Schwiegersohn war eben bei mir, und ich weiß alles.« »Warum kamen Sie dann noch einmal?« »Well Sie sich geirrt haben müssen. Dieser Graf Bloome kann unmöglich...« Sie unterbrach mich höhnisch: »Hätte ich vielleicht einen andern Namen nennen sollen?« »Ich verstehe Sie nicht...« Ich verstand sie wirklich nicht! »Sie verstehen mich nicht, Frau Gräfin?« Sie lachte dabei kurz auf. »Sind Sie, wenn ich fragen darf, vielleicht eine noch bessere Schauspielerin als Ihre Frau Tochter?« Ich wiederholte noch einmal: »Ich verstehe Sie nicht, gnädige Frau!« Sie zuckte die Achseln. »Was wünschen Sie überhaupt von mir, Frau Gräfin? Sie wissen doch so gut wie ich, wer der andre war?... Oder kommen Sie vielleicht, um mir Vorwürfe zu machen, daß ich mich nicht zu seinem Henker hergab?« Ich antwortete schroff: »Ich kenne den andern nicht!« Da machte sie eine Bewegung, als wenn sie mir die Tür weisen wollte. »Sie kennen ihn nicht? Nun, ich habe mich neulich über die Geistesgegenwart gewundert, mit der Sie meinen Mann zu täuschen versuchten und natürlich auch täuschten. Ich habe aber schärfere Augen. Sie haben ein Andenken an diesen Herrn, was er nicht jedem gegeben haben dürfte.« »Ich schwöre Ihnen!« Ich wußte wirklich nicht, was ich noch sagen sollte. »Schwören Sie lieber nicht, Gräfin Angern! Wenn Sie hier ein Spiel mit mir spielen wollen, so sind Sie nach Ihrer Tochter die erste, die das mit mir wagt.« Ich nahm mich aufs äußerste zusammen, weil ich fühlte, daß nur mit Ruhe hier etwas zu machen war. Ich sagte: »Gräfin Quedenberg, Sie sind in einer Erregung, die ich nicht verstehe, die aber vielleicht mit Ihrem Zustand zusammenhängt. Ich wünsche von Ihnen weiter nichts, als den Namen des Mannes, der mit meiner Tochter und wahrscheinlich dem Grafen Bloome in Sidi Okba oder auf dem Col de Sfa gewesen ist. Es eilt. Und ich habe niemand sonst, der mir darüber Auskunft geben könnte noch heut.« Sie sah mich kopfschüttelnd an, ungefähr wie man eine Wahnsinnige ansieht. »Wollen Sie, Frau Gräfin, mir vielleicht damit sagen, daß ich seine Geliebte gewesen sei? Den Vorzug hatte ich nie – aber Ihre Frau Tochter hatte ihn!« Es stach mich wie mit Nadeln, und ich hätte dies Weib erwürgen können. Dennoch sagte ich, wenigstens mit äußerlicher Haltung: »Das ist hier gleichgültig, Gräfin Quedenberg, ich will nur den Namen.« Da sah sie mich einen Augenblick durchdringend an, und ein böses Lächeln ging über ihr Gesicht. Sie mochte jetzt wohl einsehen, daß ich die einzige Nichtwissende wirklich war. Sie antwortete: »Ihrem Herrn Schwiegersohn würde ich den Namen natürlich nie genannt haben, aber Ihnen nenne ich ihn gern: Robert Rin ... Und nun, Frau Gräfin, lassen Sie mich mit meinem Gott allein!« Einundzwanzigstes Kapitel Ja, es ist Winter geworden! Winter auch in meinem Herzen. Das Rheuma zwickt. Ich trage das Bein umwickelt wie ein alter Leiermann, und sehe einem afrikanischen Sultan a. D. ungefähr so ähnlich wie ein Derwisch dem Propheten. Suleika, die sich der Köchin wegen auf die fromme Seite gelegt hat, steckt mir mit stechendem Blick Traktätchen zu. ›Das Herz des Gottlosen!‹ Ja, ja, ich weiß schon, wie es in meiner Seele aussieht... Aber daß Suleika derweilen die besten Fleischstücke allein verzehrt und offenbar mit dem besten Appetit, daß sie wütend faucht, wenn ich der Lampretenschüssel auch nur humpelnd zu nahen wage!... Es soll eine Buße sein, eine Prüfung. Aber ich halte vom Büßen ungefähr so viel wie ein Strafgefangener, dem man den eingeschmuggelten Tabak abnimmt, während sich der Anstaltsdirektor gerade eine Importe anzündet... Ich möchte um mich kratzen wie nie, aber ich fühle, daß ich bei einem etwaigen Versuche gegen meinen Hausdrachen der allein Gekratzte sein würde. Und kratzen halte ich darum mit Recht für gemein, weil meine Krallen stumpf sind! Es ist überhaupt wunderbar, wie unsre Moral wächst, während unsre Kräfte sinken! Ich möchte an ein Wunder glauben... Denn meine Moral wächst wirklich! Ich bedaure aufs tiefste meinen früheren lasterhaften Lebenswandel, und wenn ich noch einmal anfangen sollte, würde mein Leben absolut sittenrein und beschaulich, wenigstens vor der Welt, sein. Ich habe, glaube ich, eine verdammte Aehnlichkeit mit einem alten Diplomaten, dem, als Vater der Lügen abgedankt, fortan nichts mehr übrigbleibt, als nur noch in seinen Memoiren zu lügen. Ich verdrehe in tugendhafter Zerknirschung derart die Augen, daß ich fürchte, zeitlebens zu schielen. Aber Suleika bleibt hart. Dabei bin ich zu allem bereit. Ich gestehe unter Tränen, daß ich eigentlich nur Carlo heiße, von einer sittenlosen Mutter in die Welt gesetzt bin und auf mein Saharakönigreich ungefähr so viel Anrecht habe wie ein Findelkind auf seinen Vatersnamen, ein Geständnis, was mir furchtbare Qual verursachte, weil es ausnahmsweise keine Lüge war... Ich gehe mit der Absicht um, Suleika zu heiraten, obgleich ich für die Ehe so viel Neigung habe wie ein Hühnerhund für sein Stachelhalsband. Aber der Jugend die Liebe, dem Alter die Ehe! Wenn Baiser mit Schlagsahne dem Kadetten auch noch so köstlich schmeckt, als Major wird er dahinter kommen, daß man mit Rindfleisch und Meerrettich seine Tage vernünftiger beschließt. Ich bin, wie gesagt, in der Lage dieses älteren Stabsoffiziers, und wäre glücklich, die Liebe mit der Schlagsahne für die Ehe mit der Rinderbrust einzutauschen. Aber Suleika sagt kalt: Buße! Da ich bei den vollkommen derangierten Verhältnissen dieses Hauses weder bei der alten Gräfin noch bei der jungen Baronin irgendwelche Unterstützung finde – die Menschen vergessen nur zu gern, wenn man ihnen alles geopfert hat –, so bleibt mir in der Tat nichts übrig als die Buße... Ich schlürfe demütig die blaue Milch, von der Suleika eben die gelbe Sahne abgeschleckt; ich knacke wehmütig an den Knochen, von denen sie das sündige Fleisch aufs akkurateste entfernt hat; ich kampiere auf der Portiersstrohmatte fröstelnd, wahrend Suleika in meinem Daunenbett behaglich schnarcht. Es fehlt beinahe nichts, und ich schreibe allen Ernstes ein Erbauungsbuch, eine Art Vademekum für sündhafte Katzenjünglinge auf dem Wege zum tugendhaften Alter. Suleika wird immer dicker und ich immer dünner. Mein, weißes Fell schlägt Falten wie ein echter königlicher Hermelin. Nächstens bin ich nur noch Seele. (Wie meine Seele wirklich aussieht, würde mich interessieren!) Dazu zwickt das Rheuma immer ärger ... Darauf habe ich meine Taktik geändert, zog mich in die äußerste Bodenecke zurück, machte mein Testament. Suleika wird meine Universalerbin danach. Enorme Schätze, die ich auf einer Insel der Südsee erworben habe – wo ich, nebenbei gesagt, niemals war –, fallen ihr somit zu. Dann versteckte ich das Kodizill unter meiner Strohmatte, war furchtbar mißtrauisch, duldete keinerlei Annäherung und hatte darum die große Freude, daß Suleika sich auf das Testament in dem Augenblicke stürzte, als ich verstohlen nächtlich einmal den Ort verlassen mußte. Eine selige Hoffnung durchzitterte mich, daß diese Megäre, habsüchtig, wie sie natürlich ist, sich sofort aufmachen würde, um, da der Himmel dort blau und das Meer tief, niemals zurückzukehren. Aber nur in einem zähen Taubenflügel, der ihren Zähnen siegreich widerstanden hatte, dokumentierte sich ihre Dankbarkeit. Später schrieb ich, womöglich noch geheimnisvoller, eine kleine moralische Erzählung mit Handzeichnungen, wonach ein junges, schamloses Geschöpf (meine Adoptivtochter), das nur durch die verruchtesten Toilettenkünste über seine Seelengemeinheit täuschte, einen würdigen Gentleman mit Sündenlisten umgarnt, bis der Betreffende durch die Erkenntnis seiner wahren Liebe und die glückseligste Ehe mit ihr – das dazugehörige Porträt war dermaßen geschmeichelt, daß Suleika vor Wonne und ich vor Scham erröten muß – dem Himmel und der Tugend wiedergegeben wurde. Sie überreichte mir darauf selbst einen Bückingskopf, den ich aber wie eine höllische Versuchung ablehnte. Das stimmt insofern, als ich in meinen schlimmsten Träumen von des Teufels Großmutter höchst eigenhändig mit diesem Unrat gefüttert werde und ihn natürlich auch fressen muß. Suleika redete mir trotzdem zu. Ich aber sprach nur von Buße und Tod und benahm mich überhaupt so würdig, daß ich auch ohne Gichtbein ein Heiliger gewesen wäre. Sie wurde weicher, redete mir immer sanfter ins Gewissen. Ich wackelte nur tugendhaft mit dem Kopf wie ein Porzellanchinese: »Suleika, laß mich! Dein Anblick ist mir Qual ... Wenn ich bedenke, daß ich ein solches Wesen beinahe hintergangen hätte ... Ich bin nicht wert ...« und so weiter. Endlich nahm ich auch die Dichter sehr in Schutz, begeisterte mich für die Professoren und versicherte, daß wahrscheinlich das Universum selbst ein Ausfluß der Kathederweisheit sei... Kurz, wenn die beiden Berufssorten, die ich in meinem Leben am meisten gehaßt habe, weil die einen nur den Weltgeist, die andern nur sich selbst als Obermimen der Schöpfung anerkennen, mich nicht sofort zum korrespondierenden Mitgliede ihrer Körperschaften ernennen, so liegt das nicht an meinem Geiste, sondern an ihrer Torheit selbst... Suleika wurde immer weicher, deklamierte ein Gedicht, was nicht zu verstehen der Dichter am Eingang triumphierend selbst verkündete. Sie zitierte einen Geschichtsprofessor, der die Chronik der Stadt Schilda vom 31. Dezember 1403 bis zum 29. Februar 1404 zum Spezialstudium seines Lebens gemacht, und so weiter. Ich sah mich im Geiste bereits wieder in alle meine Ehren eingesetzt und überlegte, wie ich meinem Hausdrachen am besten die Treue und meiner Adoptivtochter am besten die Liebe beweisen könnte. Jedoch als ich in sanfter Schwärmerei die Augen zu Suleika hob, begegnete ich dem prosaischen Mißtrauen der nüchternen Hausfrau. »Du hast so oft gelogen, Carlo, du hast –« »Und doch nur dich geliebt, Suleika!« rief ich. Darauf murmelte sie noch allerlei, und wie im Leben nach der Ansicht der Köchin alles auf die Prüfung ankomme und wie auch ich noch eine große Probe zu bestehen haben würde, ehe mir das Standesamt an ihrer Seite sicher sei. Sie war überhaupt alles andre als ein gläubig anbetendes Ehegespons, was gerade der moderne Mann daheim verlangen kann, nachdem er sich draußen genügend amüsiert hat ... Ja, diese modernen Frauen! Wer soll denn an uns glauben, wenn sie es nicht tun? ... Ich selbst habe niemals an mich geglaubt, nicht einmal, wenn ich mich selbst systematisch belog, was bei den Menschen eigne Seelenanalyse genannt wird. Sie haben überhaupt immer so klare Ausdrücke für unklare Vorgänge. Jedenfalls überließ mir Suleika abends ein Putenbein, was sie selbst wohl nicht mehr bezwingen konnte. In mein Herz ziehen wieder Liebe, Glaube, Hoffnung ein. Einige Tage später fand ich im Gartenschnee ein geheimnisvolles Billetdoux. Teils mir wirklich unbekannte, teils scheinbar verstellte Handschrift. Als Sachverständiger vor Gericht würde ich erkennen, daß Suleika und meine Adoptivtochter gemeinsam diese Teufelei als letzte Prüfung ausgeheckt hätten. Vor meinem reinen Herzen brauche ich das nicht so genau zu nehmen – Die Ueberschrift lautete: Einzig geliebter Schatz! – Die Unterschrift: Deine sehnsüchtige Angola X.X. Es könnte allerdings eine Falle sein. Denn ich werde zu einem Rendezvous ausgerechnet auf das Pferdestalldach geladen und zu einer Zeit, wo die Stallterrier immerfort durch den Hof schnüffeln ... Aber gerade der Gedanke, bei diesem Stelldichein den Stallterriern und Suleika zugleich einen Possen zu spielen, lockt mich doch gewaltig! ... Und schließlich – wenn es auch die große Prüfung wäre ... Prüfungen sind dazu da, daß man sie besteht, und zwar auf seine Weise. Der eine kommt durchs Examen, weil er mogelt, der andre fällt durch, weil er nicht mogelt. Ich hab's immer mit dem Mogeln gehalten. Heute ist der Tag. Ich bin einfach bezaubernd zu Suleika – gleichzeitig übe ich hinter ihrem Rücken kräftig mit meinem Gichtbein für die Dachpromenade. Jetzt empfiehlt sich mein teures Ehegespons zum Besuch einer Freundin. Ich empfehle mich gleichfalls zum Besuch einer Freundin. »Auf Wiedersehen, meine Liebe – auf Wiedersehen!« Ich kann nur sagen, daß sich beim Hören dieses Namens etwas krampfhaft in mir zusammenzog. Ich wäre auf jeden Namen vorbereitet gewesen, auf jeden Menschen. Warum mußte gerade dieser Name kommen! ... Es ist eine Zufälligkeit, dieser Gleichklang Rhyn und Rin, aber es ist doch eine merkwürdige Zufälligkeit. Ich kann nur sagen, daß das Gefühl des Verzeihens, Verstehens, was ich vielleicht jedem Geliebten meiner Tochter doch wohl entgegengebracht hätte, sich gerade bei diesem Namen in das Gegenteil verkehrte. Ich wurde kalt, nüchtern – ich verstand meine Tochter nicht! ... Es gibt Empfindungen, gegen die man nicht kann. ›Warum muß es gerade der sein?‹ dachte ich immer ... Sie hat für ihn einmal viel übriggehabt – gewiß! Aber damals war sie ein Kind. Der Reiz der Neuheit, der Zauber einer geschlossenen Persönlichkeit ... Ich gebe mir alle Mühe, ihm gerecht zu werden, und kann's doch nicht! Die instinktive Scheu vor diesem Manne, die ich immer empfand, wird mir zur tiefsten Abneigung. Ich nehme jetzt innerlich Partei für Peter, sehe in dem andern nur den frechen Eindringling, der er doch auch von Anfang an war ... Wenn er sich in eine Braut verliebt, reist der vornehme Mann auf der Stelle ab – und er blieb gerade! Er hatte später auch nicht einmal Achtung vor der verheirateten Frau ... Es mag Hochmut im Spiele sein bei mir, aber warum mußte Josefa, der schon seit ihrer frühesten Mädchenzeit so viele Männer zu Füßen lagen, gerade einem Herrn Rin zum Opfer fallen? Mir tut Peter leid, mir tut dieser Graf Bloome leid, vor allem aber Josefa selbst! Es muß ein perverser Reiz sein bei uns Gundingens, daß wir unser Herz immer und an Männer wegwerfen, die dieses Herz nicht verdienen ... Aber was auch in dem Brief steht, wenn Josefa ist wie ich, wird sie trotz allem doch den Weg wieder zu sich selbst finden! Es war eine Leidenschaft, sinnlos, töricht wie die meine, und wie ich ist auch sie beschmutzt worden zuletzt ... Es empört, es erbittert mich, daß gerade dieser Herr Rin ... Ich habe mich doch wenigstens mit meinesgleichen versündigt, bis es mir klar wurde, daß es trotzdem nicht meinesgleichen war! Ich habe lange hin und her überlegt. Die Sache mit Peter ist natürlich irreparabel. Aber wenn denn einmal geschossen werden muß, so mag die Kugel den Mann treffen, der sie verdient. Ich werde mir diesen Herrn Rin morgen früh hierherkommen lassen, ich werde des Briefes natürlich nicht die geringste Erwähnung tun, aber ich werde ihm sonst die ganzen Angelegenheiten klarlegen. Ist er überhaupt ein Ehrenmann in unserm Sinne – was ich nicht weiß –, so wird er Peter sofort aufsuchen, sich erklären, und ich hoffe zu Gott, daß meinem Schwiegersohn dann einfach die Hände sinken. Und wenn nicht, so mag der Verführer ernten, was der Verführer gesät hat! Ich lese den Brief Josefas mit Absicht nicht noch einmal auf diese Persönlichkeit hin durch – ich darf nicht sentimental sein in einer Angelegenheit, die nüchterne Sinne verlangt. Unter dem ersten Eindruck dieses Briefes hätte ich Peter wahrscheinlich kniefällig gebeten, einen Menschen zu schonen, der Josefas Herz so ganz besitzt. Das käme mir jetzt lächerlich, deplaciert vor ... Es ist eine große Wandlung in mir vorgegangen, ich weiß eigentlich nicht warum, aber ich weiß, daß diese Wandlung vorgegangen ist. Wir Frauen müssen immer unsre instinktiven Ab- und Zuneigungen zu Hilfe nehmen, wo unser Urteil nicht langt. Ich habe den Schlüssel der Angelegenheit in der Hand, und ich werde ihn gebrauchen! Ich schickte noch am Abend meinen Diener in das andre Sanatorium mit einem Brief, worin ich Herrn Rin in einer dringenden Angelegenheit morgen früh zehn Uhr um eine Unterredung bei mir ersuchte. Er schrieb zurück, daß er kommen würde, aber hoffe, daß diese Unterredung kurz sei, weil er bereits mittags von Dresden abreisen müsse. – Das wird sich ja finden ... Ich wünsche niemand etwas Böses, auch ihm nicht, aber ich denke an meine eigne verpfuschte Jugend und Josefas trostlose Zukunft und werde hart. Ich schreibe diese Unterredung hier nieder, wie sie geschah. Hinzuzufügen habe ich nichts. Herr Rin erschien Schlag zehn. Ich hatte das Loggiazimmer oben gewählt, um durchaus ungestört, vielleicht auch um stark zu sein in Josefas Interesse. Ich sah ihn vom Fenster aus, wie er durch den Garten ging, und hatte angesichts dieses sehr entschlossenen Schrittes seiner hohen Gestalt die richtige Empfindung, daß ich einer schweren Unterredung entgegenging. Es war die schwerste meines Lebens! »Frau Gräfin haben mich gewünscht...« »Herr Rin« – ich machte eine einladende Bewegung nach einem Fauteuil, die er aber absichtlich zu übersehen schien, so daß auch ich stehen blieb – »Herr Rin, ich habe Sie um diese Unterredung ersucht, weil ich mit Ihnen, so schwer es mir auch wird, über meine Tochter sprechen muß. Sie haben mit meiner Tochter ein Liebesverhältnis gehabt, und obgleich ich nicht verstehe –« Er unterbrach mich eisig: »Sind Sie, Frau Gräfin, von Ihrer Frau Tochter beauftragt?« »Nein, im Gegenteil.« Darauf sehr pointiert er: »Dann tut es mir leid, Ihnen jede Auskunft verweigern zu müssen.« Ich sah in dieses festverschlossene Gesicht und wußte nicht weiter. Endlich sagte ich: »Sie erinnern sich unsers gemeinsamen Aufenthaltes am Garda, Herr Rin?« »Gewiß.« »Sie erinnern sich vielleicht auch, daß meine Tochter damals bereits verlobt war?« »Dessen erinnere ich mich auch.« »Sie haben, Herr Rin, schon damals versucht, sie mit allen Mitteln ihrem Bräutigam zu entfremden!« »Dessen erinnere ich mich nicht, Frau Gräfin.« Ich sah ihn wieder an und war wieder am Ende. Aber diese eisige Ruhe machte mich allmählich warm. Ich sagte: »Sie haben, Herr Rin, später meiner Tochter sich wieder zu nähern versucht, und zwar in einer Weise...« »Ich muß Sie bitten, Frau Gräfin, dieser Unterredung eine andre Richtung zu geben. Ich bin bereit, jede Auskunft zu geben, aber erst, nachdem Sie mich darüber versichert haben, daß Frau von Lasowitz selbst Sie orientiert hat. Ich kann das letztere nicht glauben.« »Das ist ja auch nicht nötig, Herr Rin.« »Dann bitte ich, die Unterredung zu endigen, Frau Gräfin.« Ich wurde rot. »Ich dachte, Herr Rin, das bestimmte sonst die Dame, die diese Unterredung gewünscht hat...« »Nein, Frau Gräfin, das bestimme in diesem Falle nur ich.« Es war so provozierend konsequent gesagt, daß ich auf einen Augenblick die Ruhe und die Ueberlegung ganz verlor. »Sie wünschen zu markieren, Herr Rin, daß Sie aus einer andern Gesellschaftssphäre sind?« »Ja, Frau Gräfin, das wünsche ich allerdings!« »Das zeigen Sie ja auch auf der Straße, indem Sie uns nicht grüßen, und ich kann nur auf das tiefste bedauern, daß ich Sie jemals an unsrer Geselligkeit teilzunehmen bat... Ich habe das getan, vielleicht beeinflußt durch den Namen, der meine Erinnerung an einen verschollenen Grafen Rhyn wachrief, mit dem ich seinerzeit auch am Garda gewesen bin. Es war zwar nur eine sehr wenig liebenswerte Persönlichkeit, wie mir erst spät genug klar geworden ist, aber es war immerhin ein Graf Rhyn.« Er sagte darauf nur: »Lassen wir doch diesen Grafen Rhyn aus dem Gespräch! Sie erwähnten ihn schon einmal früher und daß Sie ihn nur ganz oberflächlich gekannt hätten ... Man soll im Leben kein abschließendes Urteil über Leute abgeben, die man nur ganz oberflächlich gekannt hat.« Den letzten Satz sprach er anmaßend, als wenn er mich rektifizieren wollte. Ich rief: »Ich ihn oberflächlich kennen? Ich kenne diesen Grafen Rhyn nur zu genau!« Da lächelte er hochmütig: »Dann kannten Sie einen sehr vornehmen Mann, Frau Gräfin – es war mein Vater.« Ich muß in dem Moment sehr fühlbar zusammengezuckt sein, und er muß in dem gleichen Moment mehr erraten haben, als uns beiden lieb, denn er trat auf mich zu, und zwar so nah, daß ich instinktiv zurückwich. »Haben Sie, gnädigste Gräfin, vielleicht mit meinem Vater je korrespondiert?« »Wozu wollen Sie das wissen?« sagte ich mühsam. »Weil ich« – er zog ein Portefeuille aus der Tasche mit einem Brief –, »weil ich, Frau Gräfin, für mein Leben gern wissen möchte, wer diese Zeilen an ihn gerichtet hat! Ich trage den Brief seit zwei Jahren immer bei mir, als ein Amulett gegen die Frauen!« Er sprach scharf, aber kaum hörbar: »Kennen Sie diese hübsche, glatte, feige Schrift wirklich nicht? Sie brauchen sie nicht zu kennen. Sie brauchen sie wirklich nicht zu kennen, – aber Sie kennen sie, Frau Gräfin!« Und während er, den Brief in der Hand, immer näher auf mich zukam, wich ich immer weiter zurück. Es war mein Brief, mein letzter Brief: ich erkannte ihn auf der Stelle... Und auch den Mann erkannte ich jetzt, wo ihm die grauen Augen so dunkel und böse geworden waren. Er brauchte es mir nicht noch höhnisch zu versichern, daß er der einzige Sohn seines Vaters und der letzte Graf zu Rhyn sei! Endlich fand ich mich wieder. »Gut, wenn ich auch diesen Brief geschrieben habe, und wenn er Ihnen auch nicht gefällt,– es sind vierzig Jahre her, und auch Sie haben kein Recht, mich hier...« Er ließ mich nicht aussprechen. »Und dennoch habe ich dies Recht! Wer auf meinen Vater Steine wirft, wie Sie vorhin, der hat ihn nie gekannt. Und Sie, Gräfin Angern, sollten die letzte sein, einen Stein zu werfen!... Ich will Ihnen etwas sagen, das außer mir niemand weiß. Mein Vater nahm den Abschied und ging gewissermaßen in die Verbannung, weil er sein Ehrenwort gebrochen für Sie!... Denn eines Tages kam Ihr Gatte zu ihm und sagte ungefähr: ›Graf Rhyn, Sie sollen zu meiner Frau in mehr als freundschaftlichen Beziehungen gestanden haben. Können Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß dies nicht der Fall war?‹ Mein Vater gab dieses Ehrenwort, ohne mit der Wimper zu zucken. Er war niemals feige, und er gab's jedenfalls nicht für sich, sondern für Sie. Er beschmutzte sein Wappen, um das Ihre rein zu halten. Er hat daran gekrankt sein Lebenlang, wie er an Ihnen gekrankt hat – das weiß ich! Und wenn ein so leidenschaftlich hochmütiger Mensch, wie es mein Vater im Grunde seines Herzens war, auf seinen vornehmen Namen verzichtete und in die Allgemeinheit zurücktauchte, so tat er damit nur seine schwere Gentlemanpflicht. Denn ein beschmutzter Name ist kein Name mehr... Ich habe das erst als erwachsener Mensch und kurz vor seinem Tode von ihm selbst erfahren, weil er die Schuld, die ihn drückte, wenigstens dem Sohne beichten wollte. Und auch ich habe mich so wenig wie er entschließen können, unsern beschmutzten alten Namen weiterzuführen, weil es mir ehrenhafter erschien, meinen neuen zu Ehren zu bringen, – und soweit ich konnte, habe ich ihn auch zu Ehren gebracht! Sie, Frau Gräfin, haben nicht die Konsequenz Ihrer Taten gezogen, aber wir Rhyns haben sie gezogen. Und werfen Sie in Zukunft keinen Stein mehr auf Menschen, die adliger empfinden als Sie!« Das alles sagte er scheinbar ohne Erregung, scharf und kalt, und ich saß, während er sprach, auf dem gleichen Sessel, wo der Schatten seines Vaters mir neulich erschienen war, und er stand auf dem gleichen Platze, wo auch der Schatten seines Vaters gestanden hatte... Es war wohl eine Stunde und ein Erkennen, die alles über den Haufen warfen. Ich hatte ihn demütigen wollen, und er demütigte mich! Erst nachdem er gegangen, erinnerte ich mich, daß ich alte Frau doch eigentlich nichts und mein junges Kind doch alles bedeute. Ich ließ ihn zurückrufen. Er kam äußerlich höflich, aber innerlich mit Widerstreben. Ich konnte nur sagen: »Herr Graf, lesen Sie diese Zeilen, ich bitte Sie darum!« Ich gab ihm Josefas Brief. Er schob ihn in die Tasche wie etwas Gleichgültiges und ging. Später fand ich das vergilbte Kraut auf dem Teppich liegen. Ich hob's vorsichtig auf und sah's lange an und wollte weinen; aber ich weinte nicht. Und der weiße, weiche Schnee rieselt noch immer lautlos und dicht, aber seine Flocken erzählen mir nicht mehr von Weihnachten und Kindern. Keine zwei Stunden später kam Josefa. Sie sah müde aus, abgespannt, und lächelte wohl nur freundlich der Leute wegen. Sie fragte vor allem, wie es dem Kinde ginge. Ich fragte wie geistesabwesend zurück: »Welchem Kinde?« So fern liegen mir plötzlich die nächstliegenden Dinge. Sie wollte hinuntergehen ins Souterrain, ich aber hielt sie zurück. »Du bist da unten nicht unbedingt nötig... Es geht wohl nicht besonders gut... Josefa, Peter war hier.« »Ja, ja,« antwortete sie nervös. »Ich konnte es mir ungefähr denken. Ich bin in Hannover gewesen, eigentlich nur, um mit ihm über Bloome zu sprechen. Er war nicht mehr da, und ich habe ihn auch in Berlin nicht finden können, wohin er gereist sein sollte. Ich kann auch nicht mehr tun, als ich bereits getan habe... Peter muß wahnsinnig sein! Und einem Wahnsinnigen gibt man keine Satisfaktion: das habe ich Bloome persönlich jetzt noch in Berlin gesagt... Er schrieb mir in der Angelegenheit, und darum reiste ich so plötzlich ... Peter hat nicht den geringsten Anhaltspunkt als das Rennen selbst, wo ich allerdings zugeben muß... Aber das hatte doch ganz andre Gründe! Ich konnte ihm auch nur brieflich wiederholen, was ich ihm schon damals gesagt habe: daß mir dieser Bloome nichts ist, weniger als nichts! Er soll sich doch damit begnügen, daß ich alles tragen will, selbst den Makel des Ehebruchs, obgleich's doch in seinem Sinne wahrhaftig kein Ehebruch war!... Den wahren Namen erfährt er doch niemals von mir... Und daß er sich nun durchaus mit dem Bloome schießen will – was weiß er denn überhaupt? Nichts! Es ist alles Vermutung, alles leere Vermutung!« Ich fragte Josefa darauf, ob sie vielleicht einen versiegelten Brief ohne Aufschrift vermisse? »Ja, den vermisse ich allerdings. Ich habe Tag und Nacht in Hannover nach ihm herumgesucht; ich muß ihn also in meiner Briefkassette hierher mitgenommen haben. Meine Jungfer hat dir wohl gesagt?« »Josefa, mache dich auf das Schlimmste gefaßt: Peter hat den Brief erbrochen und gelesen.« »Erbrochen und gelesen?« Sie wurde blutrot, und ihre Lippen bebten so, daß sie ein paar Augenblicke sprachlos war. »Nein, das kann nicht sein! Dazu ist er nicht fähig!« »Er war doch dazu fähig, mein Kind!« Aber Josefa, die wohl seit Jahren gewöhnt ist, auch die blutigste Träne unter einem kühlen Lächeln zu verschleiern, fand sich doch sehr rasch und sagte mit verhältnismäßiger Ruhe: »Dann war es eben die höchste Zeit, daß wir uns trennten... Der Brief sagt übrigens nichts, kein Name ist genannt...« Sie wurde wieder erregter. »Allerdings, wenn er kombinierte? Wenn er richtig kombinierte? Aber das wird er nicht tun, das kann er nicht tun! Er hat mich doch nie verstanden im Leben. Und sollte mich hier verstehen?...« Die Stimme war ihr bei den letzten Worten ganz hohl geworden. »Ja, ich habe kein Glück, ich habe wirklich kein Glück!« Sie setzte sich in eine Sofaecke und stierte vor sich hin. Ich ahne wohl, was in ihr vorgeht! Aber ich hatte nicht den Mut, in diesem Augenblick ihr das Schlimmere und das Schlimmste zu sagen. Ich fühlte wohl auch, daß ich hier überflüssig war, ganz überflüssig. Sie wollte allein sein, und ich ließ sie allein. Nach einer Stunde, während deren ich im Nebenzimmer angstvoll auf jeden Laut von ihr gehorcht hatte, kam ich wieder. Sie war aufgestanden und sagte: »Mama, ich gehe hinunter zu dem Kinde. Aber ich bitte dich, nimm keinen Menschen an, wer auch kommen möge, und gib mir keinen Brief, was auch drin stehen möge! Ob's nun Peter oder Bloome ist, ich will niemand sprechen, niemand sehen! Und, Mutter« – sie trat ganz nahe zu mir und sagte leise, aber befehlend – »sprich nichts dagegen! Ich weiß, daß ein Mord passieren wird, und daß ich ihn mit einem einzigen Worte hindern könnte. Aber dieser Mord muß passieren! Hörst du, er muß! Und ehe es zu spät ist!« Als ich die Antwort nicht gleich fand, fuhr sie mit vibrierender Stimme fort: »Gut, du sollst es wissen – mein Geliebter war Bloome, wenn du es auch nicht verstehen wirst. Stirbt er, werde ich ihn als solchen vor aller Welt betrauern. Denn er war mein Geliebter, er und kein andrer.« Und damit ging sie. Ich hätte meine Tochter vielleicht vor wenig Stunden nicht verstanden. Jetzt verstehe ich sie. Es muß doch ein Gefühl geben, das stärker ist als das Gewissen, und vor dem der Tod nichts bedeutet. Und wenn ich selbst mich auch nicht durchgekämpft habe bis zu diesem Gefühle, so will ich's doch bei denen ehren, die sich's selbst errangen. Ich bin auch nicht unten bei dem Kinde mehr gewesen. Ich will Josefa weder mit meiner Gegenwart noch mit der Wahrheit quälen. Und was ist mir schließlich auch dieses fremde Kind? Ich habe in meinem Zimmer gesessen und geschrieben und gelauscht, wenn die Klingel ging, es kam aber niemand. Und die Stunde rinnt und der Schnee rieselt. Es ist weit nach Mitternacht. Und die Stutzuhr tickt und das Holz knackt. Ich fühle mich so leer. Und das Licht drinnen und der Schnee draußen schauen so leichenhaft stumm. Ich gehe im Zimmer auf und ab, weil ich die dumpfe Erstarrung kommen fühle... O, ich will nicht erstarren, ich darf nicht! Und ich setze mich wieder und will beten und falte die Hände und höre den pedantisch langsamen Schlag meines eignen Herzens – und kann nicht beten. Was soll ich beten? Zu wem soll ich beten? Und das Wesenlose, Entsetzliche, Tödliche kommt näher, immer näher. Ich strecke beide Arme wie zur Abwehr aus, und es packt mich doch, würgt mich. Ein Gespenst mit Riesenfittichen, das mich erdrücken will – und das mich erdrückt. Ich habe so Stunde um Stunde gesessen, ohne Gedanken, ohne Kampf, eingehüllt von dem Unfaßbaren, Unerbittlichen, das man nicht einmal anfleht, weil das Flehen doch nutzlos. Gegen drei kam Josefa und erlöste mich. Sie sagte nichts, und ich sagte nichts. Sie legte sich auf eine Chaiselongue. Ich dachte nach einer Weile, sie sei eingeschlafen, denn sie rührte sich nicht. Ich rührte mich auch nicht und wandte nur ein wenig den Kopf. Da lag sie mit offenen, heißen Augen und starrte in das Licht, und sah das Licht doch nicht... Und wie ich sie so lange ansah, – das liebe, liebe Gesicht, – da war's mir innerlich, als wenn langsam der Alp wiche, als wenn die Hoffnung ganz leise an das Fenster pochte. Es schneite nicht mehr. Ich dachte an den Brief und daß »Er« ihn hat, er, der zwischen den Zeilen lesen kann, wenn überhaupt einer zwischen den Zeilen lesen kann. Und er wird, er muß kommen, er kann nicht so scheiden, wie sein Vater schied!... Sie liebt ihn ja, und er liebt sie! Was auch dazwischen geschah, mit diesem Brief muß es ausgelöscht sein. Und Josefa liegt und starrt. Ich weiß, warum sie so starrt. Sie sieht ihr Schicksal, sieht's mit offenen Augen und kann doch nur wie ich sagen: »Herr, dein Wille geschehe.« Sie kann, sie darf den Namen nicht sagen, auch um den Tod nicht. Das fühle ich mit. Und ihre Seele schreit: Es darf nicht sein! Und ihr Wille antwortet: Es muß sein! Und ich zermartere mein Hirn, suche nach dem winzigen Hoffnungslicht, das längst wieder verglommen. Und ob ich gleich genau weiß, daß »Er« nicht kommen darf und daß ich ihn nicht sprechen darf, – denn er ist ein Rhyn, und wenn er den sicheren Tod vor Augen sähe, er ginge gerade in den Tod, weil er sicher ist, – dennoch fühl' ich instinktiv, daß, wenn es überhaupt noch eine andre Lösung gibt, diese Lösung nur von ihm kommen kann. Und er ist gekommen! Es war fast genau um dieselbe Stunde wie gestern. Josefa war gerade bei mir. Mit dem Portierkinde geht es wahrscheinlich zu Ende... Sie war nicht so übernächtig wie ich, sondern ruhig und gefaßt. Es geschah auch etwas Sonderbares. Als ich mechanisch die Morgenpost durchblätterte – ich dachte nicht an Lesen –, fiel mein Blick auf eine Zeitungsnotiz, die ich lesen mußte: »Der bekannte Forschungsreisende Rin, der wegen Tropenfiebers monatelang in einer sächsischen Nervenheilanstalt weilte, hat sich gestern nach Berlin begeben, um Seiner Majestät dem Kaiser über seine projektierte Tibetexpedition, die von Nepal vorstoßen und womöglich über Lhassa, die Hauptstadt des Dalai-Lama, vordringen soll, persönlich Bericht zu erstatten.« Ich legte die Zeitung beiseite, Josefas wegen. Da kam der Diener und meldete, daß ein Herr Frau Gräfin unbedingt zu sprechen wünsche. »Welcher Herr?« »Der Herr von gestern.« Ich überlegte nichts, ich sagte sofort: »Ich lasse den Herrn Grafen bitten.« Josefa sah mich von der Seite an: »Mama, du sollst doch nicht...« »Mein Kind, ich weiß. Es ist auch weder Peter noch Bloome. Aber laß uns, bitte, allein!« Sie ahnte offenbar nichts. Sie ging fort. Aber als sie die Tür öffnete, standen sich die beiden gegenüber. Das hatte ich nicht gewollt! Er sah sie, sie sah ihn. Sie waren beide wie gebannt. »Frau von Lasowitz...« »Herr Graf...« »Ich bin gekommen...« »Bitte, da ist meine Mutter.« »Ich kam Ihretwegen, Frau von Lasowitz.« »Ich wüßte nichts, was ich mit Ihnen zu sprechen hätte, Herr Graf.« Er aber sagte warm: »Gnädige Frau, sagen Sie das nicht – ich muß mit Ihnen sprechen!« »Aber ich will nicht.« »Sie werden wollen müssen, gnädige Frau... Ich habe den Brief gelesen.« »Welchen Brief?« Sie sah ihn an.. »Den mir gestern Ihre Mutter gab.« »Den Brief von Peter? Du hättest...« Sie wandte sich todblaß zu mir. Dann zu ihm. »Ich habe keinen Brief an Sie geschrieben, Herr Graf.« »Sie haben ihn doch geschrieben, gnädige Frau!« Sie unterbrach ihn mit bebender Stimme. »Ehe Sie weiter sprechen, muß ich Ihnen sagen, daß dieser Brief nur durch eine unglaubliche Indiskretion meiner Mutter in Ihre Hände gelangt sein kann. Mein fester Entschluß jedenfalls war, diesen Brief zu zerreißen.« Ich wollte hinausgehen. Sie duldete es nicht. »Bleib! Ich wünsche keine Unterredung unter vier Augen mit Herrn Rin.« Er trat einen Schritt zurück. »Ich wünsche sie dann schließlich auch nicht. Ich wünsche Ihnen nur zu sagen, daß ich nach Tibet gehe und keine Ahnung habe, wann und ob ich zurückkehre. Und nachdem ich diesen Brief gelesen habe – ob Sie ihn nun zerreißen wollten oder nicht, das tut mir nichts zur Sache –, möchte ich Sie herzlich bitten, mir zu verzeihen. Mehr kann und will ich Ihnen nicht sagen. Ich wünsche auch keineswegs, daß ein gewisser Moment in meinem und Ihrem Leben ausgelöscht wird – solche Momente lassen sich schlechterdings nicht auslöschen –, aber ich wünsche, daß Sie mich auch verstehen, nachdem ich Sie auch erst jetzt verstanden habe. Ich habe lange gezögert, aber es war mir doch zu schwer und erschien mir innerlich fast ehrlos, im Groll von der einzigen Frau, die ich ehrlich geliebt habe, vielleicht fürs Leben zu scheiden, nachdem auch mir klar geworden ist, daß sie mich ehrlich geliebt hat. Wollen Sie mir Ihre Hand zum Abschied und zur Verzeihung geben?« Josefa stand unbeweglich. Die Hand hing ihr schlaff. Sie hatte die Zähne aufeinander gebissen. »Dann also nicht. Mehr kann ich nicht tun.« Er wandte sich zur Tür und sagte noch einmal: »Wenn Sie mir den Schlag ins Gesicht, wie Sie ihn nennen, nicht verzeihen können – und das verstehe ich –, so glauben Sie wenigstens einem Manne, der wissentlich noch nie gelogen hat, daß er ihm so weh getan hat wie Ihnen.« Darauf hielt sie ihm die Hand hin, aber sie wandte den Kopf weg. Er küßte die Hand und wollte nun wirklich gehen. Ich aber litt es nicht. Wie ich die beiden Menschen so beieinander sah, da fühlte ich, daß die beiden auch zueinander gehören durch ein höheres Gesetz und ein höheres Gefühl, als ich es je gekannt. In solchem Anblick ermannt sich auch der Feige, Schwache, wächst hinaus über die Konvenienz, wächst hinaus über sich selbst... Und wenn's auch die letzte Stunde eines Sündenglücks wäre – sie sollen sie haben! Ich sagte: »Graf Rhyn, bleiben Sie! Denken Sie an Ihren Vater, wie ich auch an Ihren Vater denke in dem Augenblick!« Er ist geblieben, und Josefa hat's gelitten. Und auf einmal kam mir der ganze Sonnenschein der Hoffnung wieder. Es wird, es muß alles gut enden! Die Geschicke, die die Eltern auseinander geführt, führen die Kinder wieder zusammen... Ich hatte innerlich wirklich die Ueberzeugung, daß Peter doch inzwischen vor der letzten Konsequenz zurückgeschreckt sein müsse und sich mit der Scheidung begnügen würde... Es kam dabei die sichere Klarheit über mich, daß die Wintersonne, die heute zum erstenmal seit langem und recht kühl auf das schneeglitzernde Dresden schaute, ja doch dieselbe Sonne ist, die die Knospe weckt und die Frucht reift. Es muß sich alles, alles wenden! Ich ließ die beiden auch bald allein im Salon und ging hinunter zu den Portiersleuten. Ich sah auch hier, daß das Kind schwer, vielleicht hoffnungslos krank, und dachte doch auch hier hoffnungsfreudig, daß es nur die Krisis sein könne, der Weg zum Gesunden. Die Ingen, die sich nicht von sich selbst betören läßt, dachte anders. Sie glaubte nicht mehr ans Gesunden. Aber sie tat doch so tapfer ihre Pflicht, wenn sie die Kanüle reinigte oder das Fieber maß! Sie ist überhaupt so ein guter, tapferer Kamerad, der nicht viel fragt, sondern handelt... Ich dachte dann wieder an Josefa und was die beiden jetzt sprechen würden oben. Zu Mittag aßen wir alle vier zusammen, die Ingen eingerechnet. Es war auch zwischen uns gar keine Befangenheit, wir kannten uns ja alle schon lange vom Garda!... Ob die Ingen etwas ahnt, ahne ich nicht. Aber selbst wenn sie ahnte – was tut's! Nach Tisch, wo ich sonst zu schlafen pflege, schrieb ich ins Tagebuch. Als ich später zu den beiden in den Salon ging, wurde mir wieder recht bange. Josefa sah so furchtbar angegriffen aus. Sie ist wohl froh, aber sie sinniert und sinniert wieder, sie kann an ein Glück noch nicht glauben! Rhyn weiß übrigens, daß Josefa so gut wie frei ist, aber er ahnt natürlich nicht, wie's kam und wie's noch weiter kommen kann... Ich saß gerade einen Augenblick dabei, als er von seiner harten Jugend erzählte. Mir tat's wohl und weh zugleich. Daß ich Josefa die ganze Wahrheit einmal sagen muß, das liegt auf der Hand. Ich möchte es nur jetzt nicht tun... Und dann erzählte er, daß er in seinem Leben nichts so gehaßt habe als die Feigheit, und daß er lieber den qualvollsten Tod erleiden wolle, als jemals innerlich feige sein. Es klang so männlich schön, und Josefa hing an seinem Mund mit leuchtenden Augen. Aber gleich erlosch auch das Licht jäh. Sie sah mit leeren Augen in den Schoß, und ihre Hände zitterten. Sie geriet nachher fast in einen lethargischen Zustand. Ich glaubte, daß es Nervosität sei, der Mangel an Schlaf in den letzten Tagen. Ich konnte unmöglich ahnen, welchen Kampf sie kämpfte. Und sie kämpfte ihn doch, den schwersten Kampf, den vielleicht ein Mensch kämpfen kann! Am Spätnachmittag kam Peter. Er ließ sich bei Josefa melden wie ein Fremder. Wir drei saßen im Salon zusammen, im Zwielicht, als der Diener kam. Draußen klirrte ein Sporn. Er war wohl in Uniform, aber ich habe ihn nicht mehr gesehen. Josefa war bei dem Namen ihres Mannes zusammengezuckt. Ich sagte leise: »Nimm ihn nicht an!« Sie zögerte einen Augenblick, die Augen ganz leer und tot. Aber als wenn sie mich überhaupt nicht gehört hätte, stand sie dann auf und sagte merkwürdig fest: »Führen Sie Herrn von Lasowitz hier herein.« Wir beiden andern gingen ins Nebenzimmer. Ich lehnte die Tür nur an, ich wollte, ich mußte hören! Robert Rhyn sah mich etwas von der Seite an. Er setzte sich möglichst fern der Tür, in die Ampelecke, und begann sofort in einem Buch zu blättern. Die Unterredung in dem Salon derweilen war nur kurz. Zwei Menschen, die vollkommen miteinander fertig sind und nicht einmal mehr Vorwürfe haben füreinander. Peter: »Ich habe dir nur noch mitzuteilen, daß ich mich übermorgen mit Graf Bloome schießen werde. Die Satisfaktion seinerseits mußte ich mir etwas brutal erzwingen. Es ging nicht anders. Der Herr wollte durchaus nicht 'ran. Er leugnet durch seinen Zeugen zwar auch jetzt noch, aber er hat mir endlich die Forderung geschickt, die ich haben muß. Einer von uns beiden kommt nicht lebendig vom Platz ... Da du einsehen wirst, daß nun Lügen keinen Sinn mehr hat, ersuche ich dich in aller Ruhe, den Brief herauszugeben, den ich in meiner wohlbegreiflichen Aufregung bei deiner Mutter gelassen habe und der jetzt wahrscheinlich in deinen Händen ist. Fällt Bloome, so muß ich diesen Brief haben, um nicht vor manchem doch als Mörder dazustehen. Bist du bereit, diesen Brief herauszugeben?« Josefa schwieg. Ich sah mich unwillkürliche nach Rhyn um, der aber ohne ein Zeichen der Erregung weiterblätterte. Peter fuhr fort: »Du willst also nicht? Das konnte ich mir ungefähr denken! Du möchtest natürlich, wenn dein ›Freund‹, wie ich hoffe und wünsche, nicht mit dem Leben davonkommt, wenigstens die gesellschaftliche Konsequenz des Duells von dir abwenden.« »Das will ich nicht.« »Das willst du doch! ... Du willst mich weiter belügen und die Welt auch, wie du in deiner ganzen Ehe gelogen hast bis auf den heutigen Tag.« »Ich habe dich nicht belogen.« »Das hast du doch getan! Du bist und warst immer feige.« »Ich bin nicht feige ... Ich werde dir jetzt den Namen des Mannes sagen, der zwar nicht in deinem Sinne mein Geliebter gewesen ist – aber in meinem.« Sie hielt inne. Vor mir drehte sich alles. »Ich lüge nicht, Peter! Der Mann war: Graf Rhyn.« Peter schien das nicht so schnell begreifen zu können, denn er sagte erst nach längerer Pause: »Es tut mir leid ... Es wird ja dann auch wohl so sein. Aber an den habe ich allerdings nie gedacht, weil ich ihn für einen unbedingten Gentleman hielt. Da er es nicht war, hat er natürlich vor Bloome den Vorzug. Das wird sich übrigens schnell ermitteln lassen. Er ist, wie du wohl besser weißt, in einer Nervenheilanstalt hier. Ich sprach mit ihm auf dem letzten Rennen, ehe ihr kamt. Er benahm sich allerdings sehr merkwürdig, wie mir nicht etwa nachträglich einfällt, – er gab sich ja immer merkwürdig zugeknöpft und ablehnend, am Garda sowohl, aber noch mehr in Biskra. Ich glaubte, das sei überhaupt so seine Art ... Aber wie gesagt: es tut mir leid.« Josefa sagte nichts darauf, und er ging. Als sie den Namen Graf Rhyn ausgesprochen hatte, fuhr ich auf, wollte hineinstürzen zu den beiden, aber Rhyn selbst zwang mich, sitzen zu bleiben und zu schweigen. Er hat die schmale, nervige Hand seines Vaters, der unsereiner nicht widersteht ... Ich blieb also sitzen. Als Josefa gleich darauf zu uns ins Zimmer trat, war ich auch tatsächlich nicht imstande, aufzustehen. Josefa sagte verhältnismäßig ruhig: »Robert, ich habe meinem Mann gesagt, daß du ...« Es war zum erstenmal, daß ich den Vornamen und das Du von ihr hörte. Er war ihr entgegengegangen und unterbrach sie mit einer weichen, fast vibrierenden Stimme: »Ich hörte alles. Du hast nur getan, was du mußtest, mein Schatz ... Und glaube mir, daß ich dich in keiner Stunde meines Lebens so geliebt habe, wie ich dich jetzt liebe. Ich kann dir nur sagen: Josefa, ich danke dir, ich danke dir.« Er wollte ihr die Hände küssen, sie aber warf sich an seine Brust und schluchzte. Er beabsichtigte wohl, möglichst bald in sein Sanatorium zurückzukehren, um das Weitere dort zu erwarten. Er tat's in Rücksicht auf mich und meine Menschenfurcht. Aber so klein bin ich denn doch nicht mehr! Ich war die erste, die ihn herzlich bat, bei uns überhaupt zu bleiben, da doch jede Minute seiner Gegenwart Josefa und damit auch mir köstlich sei. Was bedeutet Menschenmoral, wenn der Tod an die Tür klopft? Und wenn ich auch noch so alt sein mag und kleinmütig, es gibt doch Stunden, wo vielleicht wider Willen auch unsereiner von dem Besseren und Größeren getragen wird, was nur schlummert auch in jedem Herzen. Ich weiß es nicht mehr genau, aber wahrscheinlich habe ich um den Ausgang gebetet: daß der andre sterben soll, den sie nicht liebt, und er leben, den sie liebt. Aber gewußt habe ich trotzdem, daß das nicht sein kann, weil das Leben doch in seiner letzten Konsequenz keine Komödie ist, sondern eine Tragödie. Vor den Leuten im Hause haben wir uns natürlich benommen, wie es der Anstand verlangt. Sie mögen ahnen, aber sie sollen nicht wissen. Dem Kind soll's besser gehen. Das war uns beiden Frauen eine gewisse Erleichterung. Ich habe dann in »seinem« Beisein Josefa mit Daten erzählt, daß ich seinen Vater gewissermaßen unglücklich gemacht habe, und daß es nun der Sohn ist, der meine Tochter doch glücklich gemacht hat. Er bemerkte darauf mit ruhigem und feinem Verstehen: »Ich bitte Sie, Mama, machen wir auch darunter einen Strich! Es lebt sich eben jeder aus, wie er kann. Mir jedenfalls ist das Häßliche der Erinnerung tot, und ich meine, daß für uns alle drei diese Tage zu den besten unsers Lebens gehören müssen.« Ich habe es nicht zu so starkem Gefühl bringen können in meinem Leben, aber angesichts dieses Tages begreife ich wenigstens und begreife es mit andächtigem Schauer, daß die Tat alles auf Erden ist. Wer sein Liebstes opfert wie Josefa, der opfert sich selbst. Und erst wer bis zu diesem Opfermut durchdringt, ist er selbst. Ich habe darum den Wunsch gehabt, daß diese beiden letzten Tage sich die beiden ganz angehören sollen, und dabei das sichere Gefühl, daß sie auch jetzt sich erst ganz angehören durften. Denn erst jetzt waren sie beide ganz sie selbst. Am andern Morgen kam der blonde hübsche Gardereiter, der damals beim Rennen war, im Auftrage Peters mit Robert zu verhandeln. Das gleiche Regiment stellte auch ihm einen Zeugen zur Verfügung, weil er hier unbekannt ist, mehr wohl noch auf Bloomes Betreiben, der anfangs darauf bestehen wollte, daß sein Ehrenhandel vorginge. Robert überzeugte ihn, daß er in der Form, aber nicht in der Sache recht habe. Für sein Gefühl müsse er unbedingt der erste sein. Josefa fand das auch, und ich mußte es wenigstens finden. Diese beiden letzten Tage habe ich meinen Kindern so sonnig zu machen versucht, wie es nur ging. Ich war innerlich ganz sicher, daß es letzte Tage waren. Man hat manchmal solchen Instinkt. Gerade der letzte Abend war so rein, so ruhig, niemand hätte ahnen können, daß es ein letzter Abend war. Das Duell findet hier und zwar in der Dresdner Heide statt. Morgens sieben Uhr. Später schießen sich Peter und Graf Bloome, weil natürlich eine tätliche Beleidigung auch beim besten Willen nicht mit einer Abbitte ausgeglichen werden kann. Das Duell hat stattgefunden. Robert Rhyn wurde tödlich verwundet und starb noch auf dem Transport in unser Haus, wo er auch aufgebahrt ist. Peter bekam in dem zweiten Duell einen Schuß in den Unterleib, der nach Bloomes Aussage schwer, aber nicht lebensgefährlich ist. Er wurde in ein Dresdner Krankenhaus gebracht. Josefa hat ihn nicht besucht. Das war nach Lage der Dinge selbstverständlich. Früher hätte ich wohl anders gedacht. Jetzt weiß ich, daß Menschen, die nicht zueinander gehören, auch nicht zueinander kommen sollen. Einen Riß, der durchs Leben geht, heilt am letzten der Tod. Die eigentliche Leichenfeier fand in der Wohnung bei uns statt. Ob nun der Tote gläubig war oder nicht, haben wir es doch für unsre Pflicht gehalten, die Leiche durch einen Geistlichen einsegnen zu lassen. Wir Frauen glauben beide, wenn auch Josefa anders wie ich. Der katholische Priester, an den wir uns wandten, weigerte sich entschieden, weil ihm bekannt geworden sei, daß Graf Rhyn bei Lebzeiten nie Messe oder Beichte besucht habe. Der berühmte Diakonus, auf den die beiden wohltätigen Damen so viel halten, machte Schwierigkelten wegen des andern Glaubens und des Ehebruchs. So hat denn mein alter, unberühmter protestantischer Pfarrer die Rede gehalten, – für mein Gefühl warm und ergreifend. Er hielt sich an den Geist der Bibel, der alles verzeiht, aber nicht an den Buchstaben, der nur die Hoffart verzeiht. Der fast schmucklose Sarg stand im Salon, den wir in einen Palmengarten umgewandelt hatten auf Josefas Wunsch. Es ist die Erinnerung an die Palmen von El-Kantara. Wir beiden waren natürlich in tiefster Trauer. Josefa hat nicht geweint, aber ich habe geweint, und zwar bitterlich. Es klingt merkwürdig nach dem allen: »Doch ist es nicht am Ende auch mein Sohn, mein einziger Sohn? ...« An dem Akt im Hause nahmen teil: Graf Bloome, der mit finsterem Gesicht dabei stand und wohl denken mochte: ›Warum kann der andre nicht hier liegen?‹ Er ist nun einmal Mann, aber er war auch sicher ein Freund, ein guter Freund, trotz aller Leichtfertigkeiten. Weiter die Ingen mit ihrem Bräutigam, gute, warmherzige Menschen. Außer seinem Sekundanten aus Dresden niemand. Wäre ich vielleicht gekommen? Es gibt ein ehernes Gesetz innerhalb der Gesellschaft: wen man betrauern muß, wenn man auch im Herzen hohnlacht, und wen man nicht betrauern darf, wenn man auch im Herzen stirbt. Von Jeanette Quedenberg hätte ich wenigstens einen Kranz erwartet. Sie war doch sonst nicht feige. Und nach unsrer letzten Begegnung steht es mir außer Zweifel, daß der Verstorbene ihr Freund gewesen ist, wenn nicht mehr. Ich habe sie den Sonntag darauf gesehen, wie sie zur Kirche fuhr. Wir machten beide keine Miene, uns zu kennen. An dem Grabe soll sie gewesen sein, sogar herzbrechend geweint haben. Jetzt erst begreife ich, daß die beiden Frauen sich haßten und sich eigentlich hassen mußten ... Jeanette Quedenberg wird durch das Kind den Weg zurückfinden oder hat ihn schon gefunden. Daß Josefa den Weg durch das Kind nicht zurückfinden wollte und nicht zurückfinden konnte, beweist mir ihren tieferen Wert auch in der Sünde ... Ja, man ändert sich doch, und es ist gut, daß man sich noch ändern kann! Lächeln müssen habe ich über die Wohltätigkeitsgräfin. Sie wandte sich kalt ab, als Josefa sie grüßte. Es war auf unserm Wege nach dem Kirchhof. Es war ein schöner Frosttag, an dem wir ihn begruben. Die herzbeklemmende Kühle, die uns sonst beim Anblick von geöffneten Wintergräbern durchfröstelt, konnte angesichts der vollen roten Sonnenfluten, die den Friedhof vergoldeten, bei uns keinen Eingang finden. Nach stillschweigender Uebereinkunft waren Josefa und ich an dem Grabe fast allein. Wir haben lange gekniet und gebetet und uns dann geküßt in dem Gefühle innerlichsten Verstehens und Verzeihens. Wer Steine werfen will, mag es. Ich fühle mich dem rein Menschlichen zurückgegeben, was wohl immer das reinste Irdische war und ist. Ob ich Josefa das Leben wünschen soll, weiß ich nicht. Denn wenn sich auch nach Jahren die Lebensfreudigkeit vielleicht wiederfindet, wie ich sie seinerzeit ja auch wiedergefunden habe, so würde es bei ihr doch nur die Lebensfreudigkeit der barmherzigen Schwester sein. Eine Barmherzige-Schwester-Natur ist sie nicht, und gebüßt hat sie, denke ich, genug. Jedoch, wie Gott will ... Wenn sich Josefa von dem Grabe trennen kann, werden wir bald nach dem Süden gehen und dort ganz einsam leben. Das Portierskind ist beinahe außer Gefahr, das freut mich. Es gehört eigentlich nicht hierher, und nur wegen des merkwürdigen Zusammentreffens notiere ich es: die weiße italienische Katze, die ja eigentlich der beiden Bekanntschaft am Garda vermittelte, ist an dem gleichen Tage, wo Robert starb, von den Terriers im Stall totgebissen worden. Das Tier war schon reichlich alt und griesgrämig, aber ich hätte ihm doch ein sanfteres Ende gewünscht. Das Schwerste war mir noch vorbehalten. Als wir vom Kirchhof zurückkamen, ging Josefa zu den Portiersleuten und herzte das Kind. Sie tat's mit feuchten Augen. Ich verstehe meine Tochter gar wohl. Es war die Regung jenes mütterlichen Gefühls, das uns alle gerade die kraftlose Kinderhand suchen läßt im tiefsten Kummer. Ich habe diese Kinderhand auch gesucht, freilich ganz anders. Das Portierskind ist übrigens ein liebes Kind, für das zeitlebens zu sorgen ich mir schon damals vornahm. Aber als Josefa zum Abschied es so lange küßte, da ging's mir doch durch und durch. Ich weiß, daß die Ansteckungsgefahr noch nicht vorüber, und ich hätte Josefa am liebsten wegreißen mögen von diesen Lippen. Ich habe es aber nicht getan. Wohl hatte ich einen Augenblick das dunkle Gefühl, als wenn gerade an diesem Kinderbette das Verhängnis stumm und erbarmungslos stehe, seine letzte Konsequenz zu ziehen, aber gerade darum habe ich es nicht getan. Wenn die Vorsehung den Tod will, ist es nutzlos, um das Leben zu flehen. Josefa ist gestorben, an der gleichen Diphtherie, von der sie das Kind rettete. Und dennoch – es ist gut so ... Was ich dabei empfinde, wird nur ermessen, wem sein einziges Kind im Leben alles war – aber es ist gut so ... Sie hat zwei Tage schwer gelitten, jedoch der Tod selbst war leicht. Ich hielt ihre Hand in meinen Händen bis zuletzt, und erst der Arzt mußte mir sagen, daß es die Hand einer Toten war, die ich hielt. Ihre letzten Worte waren, ehe sie die Besinnung verlor: »Mutter, wir sehen uns alle wieder.« Das hoffe ich zu Gott. Sie wurde aufgebahrt in dem gleichen Salon wie Robert. Und jetzt, wo vor der Welt auch das Letzte gesühnt schien, wollte auch alle Welt kommen zu diesem Sühnegrab. Ich hab's allen abgeschlagen. Die Menschen und ihre äußerliche Teilnahme brauche ich nicht mehr. Die Eitelkeit und Kleinheit dieser Welt habe ich endlich überwunden. Ich habe an Josefas Sarge allein das Abendmahl genommen und mir allein die Leichenpredigt halten lassen. Es wäre mir wie eine Entweihung erschienen, wenn an diesem letzten Gange auch noch andre teilgenommen hätten als der Geistliche und ich. Ich will allein begraben, was ich allein mit ganzer Seele geliebt habe. Und wie Josefa an seinem Grabe, so fehlten mir an ihrem Grabe die Tränen. Der höchste Schmerz ist stumm. Und wieder sitze ich an meinem Schreibtisch wie in jener Nacht. Und wieder will mich das Gefühl unerträglicher Leere umklammern und ersticken. Aber ich lasse mich nicht ersticken! Ja, ich war vielleicht nie in meinem Leben innerlich so ruhig und so klar. Ich weiß, daß ich gefehlt habe durch mein ganzes Leben. Und diese Fehler mußten sich notwendig an dem Liebsten rächen, was mir im Leben ward. Am Leben rächt sich nur das Leben. Und wenn es überhaupt eine Moral im Leben gibt – und es gibt eine –, so heißt die: Lebe das Leben, wie du mußt, und laß andre das Leben leben, wie sie müssen! Und wer schwach gewesen für sich, der soll sein Kind stärken für sich! Denn unsre Sünde auf Erden ist die Schwäche, nicht die Kraft. Und wer die Tiefen der Sinne und der Leidenschaft sein Lebtag ängstlich gemieden hat, weil er selbst nie tief war, der soll sie doch ehren bei andern als das Große, Unverstandene. Und wer sieht, wie seinem Kinde die Flügel wachsen und es hinausdrängt in den Sturm, der soll nicht die Flügel ihm ängstlich beschneiden und beten, daß der Sturm nie komme, sondern er soll beten, daß der Sturm kommt und daß sein Kind ihn besteht. Denn was ist schließlich der Glaube ohne Kampf, die Unschuld ohne Versuchung! ... Und die, die ihr Lebtag immer nur vorwärts gingen, um zurückzugehen, die Feigen, die Schwachen – ich gehöre zu ihnen –, die müssen am Ende am schwersten büßen, weil sie sich immer wieder beugen müssen vor jedem Windhauch, indes die andern selbst im Sturme aufrecht stehen. Und die Tragik ihres Lebens wird wenigstens für die Besseren darin bestehen, daß sie weiterleben müssen, wo andre sterben dürfen. Ich möchte gewiß gern sterben, da mir die Erde nichts mehr bietet, aber gerade ich darf's nicht! Darin fühle ich konsequent. Was mir im Leben lieb, das hat doch schließlich seinen Weg gefunden ohne mich, und ich bin ihm nur ein Stein gewesen auf diesem Wege. Sie waren alle tragische Gestalten, weil sie wollten, weil sie mußten! Sie sündigten mit der Tat, sie büßten auch mit der Tat. Ich habe nur mit der Schwäche gesündigt und mit der Schwäche gebüßt. Nun steh' ich allein – in diesem Drama wie zum Hohne die letzte tragische Gestalt.