Johann Kaspar Steube Von Amsterdam nach Temiswar       Titelblatt der Erstausgabe (Johann Kaspar Steube. Wanderschaften und Schicksale. Gotha 1791)     Erstes Kapitel Worinne der Autor Nachricht von seiner Familie und Geburt gibt Man hat zwar mehrere Beispiele, daß die Geburt bedeutender Männer, die das Schicksal zu einer außer dem gewöhnlichen Geleise menschlicher Vorfälle liegenden Laufbahn aushob, mit ungewöhnlichen Umständen begleitet war; sonderbar aber ist es, daß Mutter Natur mit mir, als einem Metzgerssohne und nunmehrigen löblichen Fußfutteralmachermeister, eine kleine Ausnahme machen und meine Geburt auszeichnen wollen. Wäre ich nicht gewohnt, jedes Ereignis just so zu nehmen, wie es sich begibt, ohne nachzugrübeln, warum es sich eben so und nicht anders zugetragen habe, so würde dieser Umstand meiner Meisterschaft oft Gelegenheit zum Nachdenken gegeben haben. Der 25. Januar 1747 war es, an welchem ich hier in Gotha die Welt, den Schauplatz menschlicher Torheit, das erste Mal erblickte und meinen Eltern, anstatt der Freude, einen großen, doch nur vorübergehenden Schrecken verursachte. Die Wehemutter hatte nämlich nicht sobald untrügliche Merkmale meines Daseins, als sie eine ungewöhnliche Furcht blicken ließ, welche die Anwesenden aus einer unrichtigen Lage oder andern widrigen Umständen herleiteten. Aber kaum war ich würklich da, als sie in größter Eile mit mir davon und zu meinem abwesenden Vater lief, den sie mit anscheinender Verwirrung bat, meiner Mutter auf eine sowenig auffallende Art, als er zu tun vermöchte, beizubringen, daß sie eine Mißgeburt, aus der man vorläufig gar nichts machen könne, zur Welt gebracht habe. Nach dieser abgestatteten Relation wurde ich von der ganzen Nachbar- und Hausgenossenschaft in nähere Betrachtung gezogen, und siehe da! nichts als ein fingerlanges schwarzgekraustes Haar, mit dem ich von dem Scheitel bis zur großen Fußzehe bedeckt war, hatte meine menschliche Gestalt anfänglich verborgen und diesen ganzen Lärm verursacht. Nun zerstreuten sich die anwesenden weiblichen Geschöpfe; die einen, um mit ihren Männern zu untersuchen, was ein solches rauches Phänomen am Horizonte der Metzgerschaft bedeuten und welche Veränderung derselben bevorstehen möchte; und die andern, um dieses Familiengeheimnis den öffentlichen Stadtneuigkeiten so geschwind als möglich einzuverleiben und durch Zusätze interessant zu machen: ja, etliche wollten unter meinen Locken sehr deutliche Behemothszüge entdeckt haben. Ohngeachtet ich nun, trotz meines mehr als esaumäßigen Ansehens, mit einem regelmäßigen Gliederbau begabt war, mithin unstreitig zu den zweibeinigen Geschöpfen unserer Art gehörte, so wollte man mir doch kein gewöhnliches Bad der Wiedergeburt angedeihen lassen, sondern ich mußte mich mit einer sogenannten Nottaufe im Hause begnügen. Da mir nun bis jetzt niemand die Menschheit streitig gemacht hat, so muß ich meine Gleichgültigkeit bekennen, daß ich mich niemals darum bekümmert habe, ob besagte Wiedergeburt gültig war oder ob ich eine zweite erhielte. Doch letzteres ist wohl, ohne eine gewisse Sekte in Anschlag zu bringen, nicht wahrscheinlich; denn da, löblicher Gewohnheit nach, die Taufe, so wie die meisten heiligen Handlungen, mit sehr unheiliger, aber klingender Münze bezahlt wird, so hätte entweder mein Vater doppelte Gebühren entrichten oder der Herr Pfarrer einen bösen Geist, Nämlich im Jahr 1747, wo bei uns noch jedes liebe unschuldige Geschöpf von einem Geiste aus der Unterwelt begleitet wurde, die so hartnäckig waren, daß sie nur der Machtspruch eines berufenen Dieners des Worts zu verscheuchen vermochte. Wohl uns, daß sie sich jetzt hierzulande in ihrem Nichts so ruhig verhalten. Gott sei bei uns! umsonst austreiben müssen, welches doch viele der damaligen Herren nicht zu tun pflegten, solange sich, außer der Stubentür, noch etwas Bewegliches im Zimmer vorfand, durch dessen Veräußerung sie für ihre große Mühwaltung entschädigt werden konnten. Außer gedachter drollichten Erscheinung trug sich, bei meiner Geburt, wie leicht zu erachten, nicht das geringste Merkwürdige zu. Denn jedermann weiß, daß man sich nicht die Mühe gibt, für die sich guter Hoffnung befindende Bürgersfrau eine besondere Gebetsformel aufzusetzen; und doch, Dank sei's der Vorsicht! lehrt die tägliche Erfahrung, daß sie ihrer Bürden ebenso leicht oder schmerzhaft entbunden werden, als wenn es geschehen wäre. Ebensowenig läßt man dem kleinen Ankömmling zu Ehren weder Wein rinnen noch Freudenfeuer anzünden. Im Gegenteil sind manche Eltern schon froh, wenn sie ein paar Gevattern ausfindig gemacht, das Geld für die Taufgebühren erschwungen, welches einige ihren Kindern an den Nahrungsmitteln wieder abzwacken müssen, und wenn sie der Wöchnerin eine kärgliche Wochenverpflegung angeschafft haben. Alles dieses vorausgesetzt, würde ich kein Wort mehr von der Geburt meines elenden Individuums noch von meinen Eltern gedacht haben; allein ich hatte das Glück, eine Mutter zu haben, welche in allem Betracht und in der vollen Bedeutung des Worts diesen süßen Namen verdiente; und ich schäme mich nicht, es zu gestehen, daß ich jetzt noch, wenn ich an sie denke, ihr oft eine Träne der Dankbarkeit widme. Man denke sich eine, außer ihrer Hände Arbeit, von allen Hilfsquellen entblößte, sich selbst überlassene Witwe, mit drei unerzogenen Kindern, die, ohne einen Taler Geld im Vermögen zu haben, ihre Kinder selbst, ohne jemanden beschwerlich zu fallen, erzog und ihnen unter diesen Umständen doch eine Erziehung zu geben wußte, deren sich wohlhabende Bürgerskinder nicht zu schämen haben; so hat man eine treue Schilderung dieser guten Frau. Und wollte Gott! ich hätte sie nach meiner neunzehnjährigen Abwesenheit noch beim Leben angetroffen, ich würde mich gewiß bestrebt haben, allen ihren Wünschen, die ohnedem sehr eingeschränkt waren, zuvorzukommen. Doch sie starb 1776, als ich eben zu Schuppaneck selbst sehr krank darniederlag und die kindliche Pflicht, einer geliebten Mutter die Augen zuzudrücken, nicht erfüllen konnte. Ihr Ende entsprach völlig ihrem geführten Lebenswandel, sie verschied ruhig und äußerte über nichts als meine Abwesenheit, weil ihr mein Aufenthalt unbekannt war, einige Besorgnisse. Hier möchte wohl jemand fragen, warum ich soviel Wesens von einer Frau mache, die ganz unbekannt lebte, welche auch wahrscheinlich so ganz unbekannt gestorben sein würde, wenn nicht durch die Verkupferung ihres unbedeutenden Nachlasses manche Hände hätten versilbert werden müssen, die man bei einer Beerdigung sehr wohl entbehren könnte. Allein, mußte sie etwa eine Dame sein, um den Namen einer guten Mutter zu verdienen? findet man nicht ebensowohl Adel in niedern als Pöbel in höhern Ständen? und was mehr als alles dieses ist, war sie nicht meine Mutter? Von meinem Vater weiß ich nichts mehr zu sagen, als daß ich nicht so glücklich war, ihn zu kennen; daß er seine durch übel angewandte Güte und durch die Vernachlässigung seines Vormundes in Unordnung geratene Finanzangelegenheiten unter der Regierung Myner Heeren in Indien wiederherstellen wollte, nach einem achtjährigen Aufenthalte daselbst auf der Insel Ceylon starb und ein schönes Vermögen hinterließ, welches durch Ränke und Betrug in fremde Hände gespielt wurde, so daß am Ende meine Mutter von einem hiesigen braven Manne , Um mir große Kosten und der noch lebenden Familie Unannehmlichkeiten zu ersparen, habe ich nicht allein den Namen verschwiegen, sondern auch (den Rechten meines Bruders unbeschadet) auf die etwanigen Ansprüche freiwillig Verzicht getan. , der eine beträchtliche Summe für ihre Rechnung in Amsterdam in ordinären holländischen Dukaten ausgezahlt erhalten, nicht mehr als 125 Gulden in sächsischen guten blechernen 1/3-Stücken erhielt. – Meine Schwester, als das jüngste meiner Geschwister, starb in ihrem neunten Jahre, und mein Bruder, der älteste unter uns, erlernte die Gärtnerei, wurde in der Folge Hofgärtner bei Seiner Durchlaucht dem Herrn Herzog von Bevern, wo er sich noch in gutem Wohlsein befindet. Zweites Kapitel Der Andreastag Was nun meine Wenigkeit anbetrifft, so war ich kaum herangewachsen, als ich mich ganz dem Studieren widmen wollte; allein die Vermögensumstände meiner Mutter und der Mangel eines Freundes, der mir die Kanäle hätte zeigen können, die der unbegüterten Jugend offenstehen, ihre Laufbahn auf hiesigem, mit vielen Wohltaten und Benefizien versehenem Gymnasium mit wenigen Kosten zu endigen, waren die unüberstehlichen Hindernisse, so mich nötigten, eine andere Lebensart zu wählen. Anfänglich wollte ich Kaufmann, dann Buchdrucker, hierauf Barbier und sodann ein Drechsler werden; allein kaum hatte ich einen Entschluß gefaßt, als er auch wieder scheiterte, weil ich im Grunde zu nichts als bei der Schule zu bleiben Lust hatte. Ob ich die zum Studieren erforderlichen Fähigkeiten besaß, diese Frage möchte ich eben nicht bejahen. Da ich aber außer einer Schule und also ohne Anleitung das große und kleine Einmaleins lernte, auch begriff, daß il, la und lo italienische bestimmte und de und à französische unbestimmte Artikel sind, so ist es doch wenigstens wahrscheinlich, daß ich auch das Wie und Warum von einigen andern Dingen gefaßt haben würde, wenn ich den Wissenschaften hätte obliegen dürfen. Genug, ich hatte geraume Zeit in dieser Unschlüssigkeit hingebracht, als ich zufälligerweise einen Schulfreund antraf, der eben im Begriff war, sich als Schuhmacherlehrbursche einschreiben zu lassen. Es war eben der heilige Andreastag, und ich weiß nicht, aus welchem Handwerkseigensinn damals bei Leib und Leben kein Schuhmacherlehrbursche an einem andern als dem Andreastage einregistriert werden durfte, wenn ein löbliches Handwerk nicht etwa zur Absicht hatte, von den Immatrikulationsgebühren den Brauherrn des ersten Weizenbiers, welches zu selbiger Zeit eben auf den Andreastag das erste Mal zu haben war, in Nahrung zu setzen. Gedachter Freund wußte mir meine Unschlüssigkeit, mich zu etwas zu bequemen, so lebhaft vorzustellen und machte mir so reizende Schilderungen von dieser Profession, daß ich, um meine Glückseligkeit nicht bis auf einen andern Andreastag zu verschieben, mich stehendes Fußes entschloß, auch ein Schuhmacher zu werden; und da es nicht schwerhielt, für dreißig Taler einen Meister zu finden, der mich im Schuh- und Pantoffelmachen unterrichtete, so hatte ich noch denselben Tag das Vergnügen, ein Schuhmacherlehrbursche zu sein. Diese seltsame Grille, die Schuhmacherlehrjungen nicht eher und nicht später als an einem Andreastage einzuweihen, trug also wohl das meiste dazu bei, daß ich diese Profession erlernte; denn ich bin überzeugt, hätte ich mir nur einige Tage Bedenkzeit nehmen können, so würde dieser Entschluß das Schicksal der übrigen gehabt haben, und das um soviel mehr, da ich nie die geringste Anlage zu einer meiner Gesundheit gar nicht angemessenen sitzenden Lebensart hatte. Ich erlernte also diese gewiß sehr nützliche Profession, und da gewöhnlich zu einem guten Schuhmacher ein sehr mittelmäßiger Kopf hinreicht und das just mein Fall ist, so getraue ich mir zu sagen, daß ich sie gut erlernte, wovon ich jeden, der daran zweifeln sollte, durch gute Beschuhung seiner Füße überzeugen kann, und ich habe oft gewünscht und wünsche es noch, daß meine körperlichen Eigenschaften ihrer Nutzbarkeit entsprechen möchten. Von meinen Lehrjahren könnte ich gewiß ein artiges Gemälde entwerfen, welches sogar von einigem Nutzen sein könnte, wenn ich es nicht aus Lokalursachen vermeiden müßte; ich sage also nur so viel, daß mir ein halbes Jahr Lehrzeit geschenkt wurde, ohne daß ich selbst recht weiß, ob ich das Handwerk zu geschwind erlernte oder ob der Lehrmeister sich des schweren Geschäftes, mich länger darin zu unterrichten, gerne entledigen wollte. Doch schien ein dritter Umstand die vorhergehenden aufzuwiegen. Drittes Kapitel Die Lindenbäume in Möllen Kaum hatte ich die Ehre, zum Gesellen promoviert zu werden, so entstand auch der Wunsch in mir, zu sehen, ob nicht etwa jenseit des Berges auch Korn wachsen möchte; sobald daher mein Gepäcke, welches, außer einem grünen Röckchen, noch in einem blauen Rock nebst verhältnismäßiger Wäsche bestand, in Ordnung war, trat ich meine Wanderschaft mit einer in zwanzig Gulden Konventionsgeld bestehenden Kasse, die vor dem Tore durch eine gute Freundin noch mit einem Laubtaler vermehrt wurde, im Namen des heiligen Crispinus an. Meine erste Reise ging nach Rudolstadt, wo meine Tante, die Frau Obergärtnerin Gallenius, so gefällig gewesen war, mich mit einem sogenannten Verschreiben an ihren Hausschuhmacher zu versehen. Erfurt war also der erste Ort, den ich außer meiner Geburtsstadt zu Gesichte bekam und wo ich das erste Mal übernachtete. Unter den vielen auf Arbeit wartenden Gesellen waren einige, die nebst den zwei Kleidern, die ich hatte, auch ein doppeltes Reisegeld vermuteten, und diese setzten meiner Kasse dermaßen zu, daß solche noch denselben Abend bis auf die Hälfte zusammenschmolz; hierzu kam noch, daß einer die Schwachheit eines Neulings zu benutzen wußte und mir einen Degen, den ich nötig zu haben glaubte, um zwölf Gulden verkaufte. Den folgenden Tag kam ich, nebst meinem Degen, an dem man noch einige Merkmale der Versilberung wahrnehmen konnte, frühe nach Remda und hätte noch sehr leicht bis Rudolstadt kommen können; allein im Wirtshause fand ich alles in Bewegung und im Tanze begriffen; ich ging also auf den Tanzboden, um dieses Vergnügen mit anzusehen. Hier war einer von diesen Herren so gefällig, mir seine Dulzinea, welches ein recht artiges rundes Mädchen war, zum Tanze anzutragen. Es ist wahr, die Blödigkeit gegen das schöne Geschlecht (welche sich doch nach einem sechsjährigen Aufenthalte in Italien in etwas gelegt hat) und noch mehr meine geschwächte Geldkasse setzte mich nicht wenig in Verlegenheit, doch war ich nicht so unempfindlich, den Antrag auszuschlagen. Ich faßte das Mädchen beim Arm und hüpfte einigemal mit ihr um den in der Mitte des Tanzsaals befindlichen Pfeiler herum. Sei es nun, daß meine Schuhe nicht das gehörige Gewicht hatten und bei dem Konzert, das sie während dem Tanze mit den Füßen gaben, eine Dissonanz verursachten oder daß ich mich sonst etwas links benahm; genug, es schien mir, als ob dem Mädchen nichts an mir gelegen wäre; ich führte sie also ihrem Amanten wieder zu, machte meine Verbeugung, warf einige Groschen in den großen Baß und verließ den Tanzboden. Des andern Tages, da ich meine Zeche bezahlt hatte, setzte ich meine Reise nach Rudolstadt fort. Unterwegs überzählte ich meine Barschaft und fand ohne sonderliche Mühe, daß sie noch in neun Gulden bestand. Hier war also nötig, zu überlegen, wie dieser Defekt am leichtesten zu heben sei, und die Vermahnung, sich auf der Reise mit nichts Überflüssigem zu beschweren, tat mir hier vortreffliche Dienste. Ich beschloß also, die Last meines Reisebündels durch die Veräußerung meines blauen Überrocks zu vermindern, worzu mir der Wirt des letzten Dorfes gegen eine kleine Erkenntlichkeit behülflich war. Er ging in das Dorf, und in weniger als einer Viertelstunde kam er mit der erfreulichen Nachricht wieder, daß ihn der Herr Schulmeister des Orts an sich handeln wollte. Ich verließ mich auf seine Ehrlichkeit, gab ihm den Rock, und nach einer halben Stunde hatte ich drei Taler dafür, ohne die Ehre zu haben, den Herrn Schulmeister persönlich zu sprechen; und mit solchem Zuwachse versehen, erreichte ich Rudolstadt. In dieser gewiß recht artigen Stadt, welche bekanntlich die Residenz des Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt ist und in einem reizenden Tale, durch welches sich die Saale schlängelt, so wie die Residenz des Fürsten auf einem Berge liegt, von welchem man eine bezaubernde Aussicht über eine recht romantisch schöne Gegend genießt, brachte ich ein ganzes Jahr sehr vergnügt zu. Doch ich will meine Leser mit den alltäglichen Auftritten eines Schuhmachergesellen nicht belästigen. In der Tat wüßte ich auch nichts Merkwürdiges zu erzählen, es müßte dann sein, daß ich daselbst, außer meiner Tante, von vielen angesehenen Personen mit ausgezeichneter Höflichkeit behandelt wurde, wofür ich, von Dankbarkeit durchdrungen, heute noch den verbindlichsten Dank abstatte. Nach Verlauf eines Jahres setzte ich, durch die Güte meiner Tante mit allem Nötigen versehen, meine Reise über Erfurt, Nordhausen, Werningeroda und Wolfenbüttel nach Braunschweig fort. Nach meiner Ankunft daselbst besuchte ich sogleich meinen Bruder, welcher zur selbigen Zeit bei Ihro Durchlaucht der Prinzessin von Bevern und Äbtissin von Steterburg Gärtner war; dieser empfing mich mit brüderlicher Zärtlichkeit, äußerte großes Verlangen, mich einige Zeit bei sich zu behalten; und als die Prinzessin zufälligerweise meine Ankunft erfuhr, so hatte ich das Glück, ihr vorgestellt zu werden, wo ich nicht allein von ihr beschenkt wurde, sondern sie ließ sich auch soweit herab, mir einen ihrer Bedienten mitzugeben, der mich nach Braunschweig zu ihrem Hofschuhmacher in Arbeit bringen mußte. Bei diesem Manne, der, wo ich nicht irre, Bischoff oder gar Papst hieß, hatte ich es so gut, als es nur immer ein Schuhmachergeselle verlangen kann, wozu freilich die seltene Rekommendation einer Prinzessin das meiste beigetragen haben mochte. In dieser schönen und großen Stadt, wo ich alles, ja noch mehr hatte, als ich brauchte, würde ich mich wahrscheinlich länger als sechs Wochen aufgehalten haben, wenn nicht ein durch Zufall nach Lübeck gekommenes Mädchen, das ich sehr gut kannte, meine Neugierde gereizt hätte, die Königin der Hansestädte zu sehen. Nachdem ich also von meinem Bruder Abschied genommen, der mich sehr ungern von sich ließ, dennoch aber mit mehr als hinreichendem Reisegelde versah, ging ich über Beina, Hannover, Celle, Harburg und Hamburg nach Lübeck. Da ich meinen Weg über Möllen nahm, wo der berufene Eulenspiegel begraben liegt, so will ich denjenigen von meinen Lesern, welche etwa eine nähere Nachricht von seinen Reichsinsignien zu haben wünschen, geflissentlich damit dienen. Bei meiner Ankunft daselbst war der damalige Kirchner, dessen Geschäfte gewöhnlich ist, den Cicerone zu machen, abwesend, also vertrat seine hübsche Frau, welches mir noch lieber war, seine Stelle, welche, nachdem ich ihr vier Schillinge gezahlt hatte, mir die Kirche öffnete, wo ich in einem ohnweit dem Altar befindlichen Schrank folgende Seltenheiten zu sehen das Glück hatte, als ein von Eisendraht geflochtenes Diadem. Einen Degen mit einem großen stählernen Gefäß. Einen großen Sporn von eben der Art, dessen Sternlein die Größe eines großen Talers haben mochte. Welches alles vom besten Eisen zu sein schien. Eine hölzerne, mit einer sehr kleinen Öffnung und hölzernen Reifen versehene Kanne, deren sich seine Herrlichkeit zum Trinken bedient haben sollen. Sein Bildnis, nebst demjenigen seiner Frau Mutter, welche beide, in Lebensgröße in Stein ausgehauen, aber nicht in der Kirche selbst, sondern außer derselben an der Kirchmauer angelehnt sind. Außer diesen höchst interessanten Merkwürdigkeiten sahe ich die auf dem Kirchhofe befindlichen Linden mit so viel Namen beschnitzelt und mit so viel Nägeln aller Art garniert, daß ich keinen Raum mehr zu meinem St. fand, den ich einzugraben willens war; es könnte aber auch sein, daß ich mir nicht Mühe genug gegeben habe, einen ausfindig zu machen. Anfänglich wußte ich würklich nicht recht, warum ich eine so gute Lebensart, als ich zu Braunschweig und Steterburg genoß, verließ, ob es dem gedachten Mädchen oder der Stadt Lübeck wegen geschahe; allein, kaum war ich daselbst angekommen, als ich es sogleich erriet; denn da ich das mehrgedachte Mädchen nicht antraf, so setzte ich meinen Weg weiter fort; und da meine Reiseschatulle mit mehr als zwanzig Gulden Konventionsgeld versehen war, so verließ ich Lübeck, ohne von der Güte des bekannten Mädchens (welche ein Spital in Lübeck erbauen ließ, wo jeder Reisende einige Tage mit Speise und Trank unentgeltlich bewirtet wird) Gebrauch zu machen, und kam über Wismar, Rostock und Trebsees in Stralsund an. Viertes Kapitel Die Frau Doktorin Hier ließ ich mich, seitdem ich Braunschweig verlassen hatte, das erste Mal nach Handwerksbrauch in Arbeit bringen. Als ich in die Stube des mir angewiesenen Meisters trat, traf ich seine Frau und einen sechsjährigen Knaben, auf dem Bette liegend, in einem starken Fieberparoxysmus an. Würkte der so unerwartete Anblick so sehr auf mich oder trug die nasse Witterung, der ich einige Tage hintereinander auf der Reise ausgesetzt gewesen war, etwas dazu bei, genug, ich wurde den kommenden Tag von einem ähnlichen Fieber befallen, welches sehr bald in ein hartnäckiges dreitägiges ausartete und mich erst nach zehn Monaten wieder verließ. Nun hätte ich mich zwar der dort so wie in mehrern andern Orten bestehenden guten Einrichtung der Schuhmachergesellen, ihre Kranken zu einem ihrer Meister, den sie den Krankenvater nennen, zu tun, bei welchem sie bis zu ihrer Genesung, auf Kosten ihrer Mitgesellen, ganz gut verpflegt werden, bedienen können; da mir aber die Hausfrau, welche sich vielleicht einbildete, die unschuldige Ursache meiner Krankheit zu sein, vorschlug, mich, bis zu meiner Genesung, ihres Hauses zu bedienen, so nahm ich dieses Anerbieten mit vielem Danke an, und ohnerachtet ich in der Zwischenzeit meines Fiebers wenig verrichten konnte, so pflegte mich diese Frau doch recht mütterlich; und sollte daher ein Exemplar dieses Büchelchens bis nach Pommern verschlagen werden, woran ich jedoch zu zweifeln Ursache habe, so nehme sie nochmals den Dank an, den ich ihr bei meiner Abreise nach der Insel Rügen abstattete. Doch so gefällig diese Frau gegen mich war, so wenig Nachsicht hatte ich von ihrem Manne zu hoffen; denn da ich mich anfänglich nicht an ihre Kost gewöhnen konnte und der Mann immer antwortete: »Dat es Husmanns-Kost«, wenn ich etwas begehrte, was nicht auf seinem Kochzettel stand, so mußte die Frau jede Abwesenheit des Grobians benutzen, um mir eine Suppe oder ein anderes dienliches Essen zuzubereiten. Zum Beweise, daß wirklich einige pommersche Gerichte nicht viel Einladendes für einen Fieberpatienten haben, will ich einige, so gut sie mir bekannt sind, hier anführen. Eine sehr gewöhnliche Speise bei ihnen ist die sogenannte Mehlgrütt ; dieses ist nichts anders als ein von geschrotetem Kornmehl in Wasser und Salz gekochter dicker Brei, welchen sie auf folgende Art aufzutischen pflegen. Sie nehmen einen Löffel voll aus der Mitte der Schüssel heraus, legen ein Stück Butter hinein, welches sehr bald darin schmilzt, auf jeder Seite des Tisches steht eine Schale, worinne in der einen süße Milch, in der andern aber mit Sirup versüßtes Bier ist. Nun nimmt man einen Löffel voll von dieser Mehlgrütt, und es wird der Willkür der tafelnden Personen überlassen, ihn in das mit Butter angefüllte Loch oder in eine der beiden Schüsseln zu tauchen; da der Brei sehr heiß, die Milch und das Bier aber kalt aufgetragen wird, so kann man sich den Geschmack leicht denken. Ein anderes, weniger geschmackloses Essen, welches aber auch als ein Sonntagsgericht angesehen wird, ist dieses: Sie kochen Klöße, frischen Aal, Rosinen, Kartoffeln, Reis, gelbe Rüben und gewelkte Zwetschgen auf einmal in einem Topfe, und dieses Essen hat, wenngleich nicht viel Anlockendes, doch das Gute, daß unter so vielen Speisegattungen doch mehrenteils eine ist, die einem behagen kann. Ich komme zu meinem Fieber zurück, welches sich so regelmäßig einstellte, daß ich beinahe jeden Paroxysmus auf die Minute wußte, denn es kam allemal Punkt zwei Uhr, deswegen legte ich mich jederzeit eine halbe Stunde vorher ins Bette, versah mich erst mit einer fünf Maß haltenden Kanne voll Hausbier, die ich allemal während dem Fieber ausleerte. Die größte Beschwerde verursachte mir die Kälte, die ich leiden mußte; denn da es Winter war, so mußte ich jedesmal, wenn ich trinken wollte, erst das angesetzte Eis mit einem bei mir habenden Hammer zerschlagen, und gemeiniglich verzehrte ich solches alsdann mit großem Appetit, wenn das flüssige Bier ausgegangen war. In diesen zehn Fiebermonaten brauchte ich außer dem Doktor alles, was man mir vorschlug, und unter andern auch folgende zwei Kuren. Erstlich legte man mir ein aus Schießpulver, Spinnengewebe und wer weiß aus was noch für andern Ingredienzien bestehendes Pflaster auf den Puls an beiden Händen und riet mir, zwei Stunden vor und zwei Stunden nach dem Fieber, wenn es möglich wäre, immer in Bewegung zu bleiben. Ich ging also die Straßen einigemal auf und ab und, um dem harten Pflaster auszuweichen, nachgehends auf den Wall; ich hatte bereits die Stadt einigemal umlaufen und war recht froh, daß die Zeit des Fiebers vorbei war, ohne etwas anders als Zuckungen im Rücken zu spüren, als ich der Schildwache des blauen Pulverturms auffallen mochte. Dieser gefiel es, mich anzuhalten und förmlich zu arretieren, weil sie glaubte, ich möchte etwas zum Nachteile der Festung oder des Pulverturms im Sinne haben. Er examinierte mich scharf, und da er mit meiner Entschuldigung, daß ich des Fiebers wegen da herumliefe, nicht zufrieden war, so gab er der nächsten Schildwache ein Zeichen, die es meldete, und so wurde ich nach dem Trebseer Tore gebracht. Zum Glück für mich hatte ein gewisser Dahlgrün, der mich kannte, die Wache; als ich diesem die Sache erzählte, so lachte er herzlich über die Sorgfalt des Soldaten, lobte seine Aufmerksamkeit und riet mir, mich gänzlich auf den Arzt zu verlassen. Ein andermal wurde mir vorgeschlagen, zu einem beim Zeuggarten wohnenden Metzger zu gehen, welcher die Gabe haben sollte, alle Arten von Fieber verschreiben und vertreiben zu können, und ich war damals einfältig genug, solch abgeschmacktes Zeug zu glauben. Er empfing mich ganz höflich, sagte, daß nichts leichter sei, als nach seiner Art jedes, auch das hartnäckigste Fieber zu vertreiben. Er frug mich, ob ich eine gute Natur habe, und als ich dieses mit Ja beantwortete, führte er mich in seinen Laden, hieß mir den Kopf auf ein daselbst befindliches Klotz legen und griff nach seinem Metzgersbeile. Diese Vorbereitung zur Fieberkur behagte mir aber so wenig, daß ich mir die Ausführung derselben verbat und ihm zu verstehen gab, daß, wenn er mich nebst dem Fieber auch vom Kopfe befreien, ich lieber beides behalten wollte. Er riet mir nun, denen, die mich an ihn gewiesen hätten, zu sagen, daß er das Fieber auf keine andre Art vertreiben könne. Ich war eben im Begriffe, das Haus dieses sonderbaren Doktors zu verlassen, als mir seine Frau, welche in der Küche mit der Zubereitung eines Spanferkels beschäftigt war, winkte, zu ihr zu kommen; ich war sehr unschlüssig, ob ich es tun sollte oder nicht, weil ich würklich glaubte, der Metzger habe die Absicht gehabt, mich durch Schrecken vom Fieber zu befreien, und daß seine Frau durch eine andere Art von Furcht das angefangene gute Werk vollenden wollte. Doch ging ich zu ihr, und da erfuhr ich erst, daß ich in Ansehung meiner Fieberkur nicht vor die rechte Schmiede gekommen war und daß nicht dem Metzger, sondern der Frau Metzgerin die Gabe, das Fieber zu verschreiben, verliehen sei. Sie frug mich, von welcher Art mein Fieber sei, wie lange ich es gehabt und ob ich Zutrauen zu ihrer Kur habe. Hier konnte ich freilich nur die ersten zwei Fragen mit gutem Gewissen bejahen; allein was tut man nicht, um eine schöne Frau, welches sie würklich war, mit einem selten gut aufgenommenen Nein zu verschonen und um ein böses Fieber loszuwerden. Ich bejahete ihr also alles, sie versprach mein Fieber in bester Form rechtens, und siehe da! den kommenden Tag, da es nicht wiederkommen sollte, kam es würklich – wieder. Mit diesem lästigen Fieber mußte ich mich beinahe ein ganzes Jahr herumtragen, bis ich es endlich verlor. Dabei aber ließ es doch eine solche Schwäche in den Gliedern zurück, daß ich mich lange nicht wieder erholen konnte. Einige Freunde rieten mir, um die Luft ein wenig zu verändern, nach der Insel Rügen zu gehen. Ich ging also einige Wochen vor Ostern, da die See vom Eise frei war, zu einem Fährmann, einen Platz zu bestellen, um den andern Morgen mit hinüberzufahren. Allein um Mitternacht erhub sich ein Nordwind, der das in der See zerstreute Eis (denn es war nur einige Tage vorher aufgegangen) in die Meerenge zurücktrieb und nebst dem alten wieder neues ansetzte, so daß ich des Morgens die See von einem Ufer bis zum andern zugefroren fand. Es hatten sich dreißig bis vierzig Personen, so hinüberwollten, versammlet, aber keine wollte sich dem noch jungen Eise anvertrauen. Wir hielten uns daher einstweilen am Strande auf, allein um zehn Uhr sahen wir schon die Fährleute vom jenseitigen Ufer herüberkommen. Diese wissen die Stellen sehr genau, wo die See am festesten zufriert; wenn das Eis noch jung ist, so wagt es nicht leicht jemand, ohne ihre Begleitung hinüberzugehen; sie gehen immer voraus, haben lange, mit Hacken versehene Stangen bei sich, um sie denen zuzureichen, unter welchen das Eis einbrechen möchte. Nach einem kurzen Aufenthalte traten wir alle den Weg über das Eis an, allein unsere Begleiter ließen uns nicht zusammen, sondern ganz einzeln gehen; auf vielen Stellen, und besonders auf dem Strom, Durch diese Meerenge fließt würklich ein sehr breiter Strom, der das See- oder, wie es dort heißt, das Binnwater ebensowenig annimmt als der Rhein das Wasser des Bodensees. Man nimmt ihn alsdenn sehr deutlich wahr, wenn sich das Eis in der Meerenge ansetzt, wie auch, wenn es wieder schmilzt; denn er frieret später zu als das Binnwater und tauet auch früher auf. Wenn man darüber wegfährt und darauf merkt, so ist es, als wenn das Schiff eine Stufe hinunter- und auf der andern Seite wieder eine hinaufführe. wo kein altes, sondern nur junges Eis war, fanden wir es würklich noch so dünne, daß es sich unter den Füßen bog; weil es aber noch jung war, hatte es keine große Gefahr, und wir erreichten glücklich das jenseitige Ufer. Auf dieser achtzehn Quadratmeilen enthaltenden Insel, welche eine Stunde von Stralsund entfernt ist und einen außerordentlich fruchtbaren Boden hat, liegen außer einer Menge Dörfer und Edelhöfe auch einige Flecken und Städte, worunter Bergen, auf einer kleinen Anhöhe, fast in der Mitte der Insel, die vornehmste ist. Da ich meinen Weg über Gingst und Bergen nahm, so hatte ich nur die kleine Wesche Dieses sind Meerwasser, die sich tief ins flache Land hineinziehen und durch welche man waten muß. Wenn der Wind vom Lande wehet, so reicht das Wasser kaum bis an die Knie, kömmt er aber aus der See, so ist es merklich höher; ja wenn die See stürmisch ist, so kann man ohne äußerste Gefahr gar nicht durchkommen, sondern man muß entweder einen großen Umweg nehmen oder warten, bis sich der Wind legt und das Wasser wieder zurückfließt. Wenn man durchsetzt, darf man den jenseits herausführenden Weg nicht aus den Augen verlieren, sondern gerade auf denselben zugehen, um nicht in die Tiefe zu geraten; denn oft liegen die Schiffe kaum zehn bis fünfzehn Schritte weit von dem Orte, wo man durchgehen muß, vor Anker. zu passieren, welche auch zugefroren war; bei meiner Rückreise aber mußte ich durchwaten, welches für einen furchtsamen Reisenden ein äußerst verdrießlicher Umstand sein würde. Fünftes Kapitel Der Herr Korporal Auf dieser Insel hatte ich kaum einige Monate in Betreibung meiner Profession zugebracht, als ich Gelegenheit hatte, mit einem Lieutenant Sch – tz, der sich zu Putbus auf Urlaub befand, bekannt zu werden. Dieser schlug mir vor, schwedische Kriegsdienste zu nehmen, und versprach mir, mich als Korporal bei der Königin Leibregimente anzubringen, wo er es dann, nach seinem eigenen Geständnis, meiner Sorge überlassen müßte, mich bis zum Brigadier emporzuschwingen. Zwar spürte ich nicht den geringsten Beruf in mir, mich bei entstehender Gelegenheit zum Besten des Königs von Schweden tot oder wohl gar zum Krüppel schießen zu lassen, auch war mir das Avancement vom Korporal bis zum Brigadier nicht einleuchtend genug; aber der Gedanke, gleich Korporal, und zwar Korporal unter der Königin Leibregiment zu werden, und die Möglichkeit, mit der Zeit, wo nicht Brigadier, doch wie Sch – tz, der auch nur ein gelernter Bäcker war, Lieutenant zu werden, brachte den Entschluß in mir hervor, mein Glück eine Zeitlang beim Militär zu versuchen. Nach einem viermonatlichen Aufenthalte auf dieser Insel gingen wir nach Stralsund zurück, wo ich beim Leibregiment der Königin, unter der Compagnie des Grafen Janke, zwar Korporal wurde, mich aber in Ansehung des Gehaltes sehr geirrt hatte; denn erstlich glaubte ich, daß das schöne Epithet »der Königin Leibregiment« überhaupt etwas mehr eintragen, und zweitens, daß ein Korporal etwas mehr als ein Gemeiner bekommen würde, allein ich bekam als Herr Korporal nicht mehr und nicht weniger als des Monats zweimal 20 und einmal 22 Schillinge, nebst einem Scheffel Korn, wie die Gemeinen auch. Es könnte sich jemand wundern, daß die Schweden Leute anwerben, die sie zu Korporals kreieren, ehe sie noch das Regiment gesehen oder vorher gedient haben, allein diese Verwunderung wird aufhören, wenn ich ihnen sage, daß zuweilen eine schwedische Compagnie mit vierzig bis sechzig Korporals versehen ist, welche von den gemeinen Soldaten in nichts unterschieden sind, als daß ihre Hüte mit einer silbernen Tresse, die sie übrigens selbst kaufen müssen, die Hüte der Gemeinen aber nur mit einer wollenen Schnur bordiert sind und daß sie keine Schildwache stehen, sondern als Anführer, Gefreite, Kalfaktoren und zu ähnlichen Ehrenämterchen gebraucht werden. Dabei sind sie noch dem verdrüßlichen Umstande ausgesetzt, vom Adjutanten wieder nach Hause geschickt zu werden, wenn ihrer mehr auf Parade kommen, als er zu erwähnten Diensten brauchen kann; doch befinden sich bei jeder Compagnie drei bis vier, welche die Kommandokorporals heißen und einige Pfennige mehr als die andern bekommen. Zwei Jahre hatte ich als Korporal bei der Königin Leibregimente gedient, als ich nach Schweden eingeschifft wurde und meine Station zu Ystadt (in Göthaland) bekam. Daselbst traf ich einen Rottmeister von dem in Stralsund in Garnison liegenden Blickschen Regimente an, der sich allhier auf Urlaub befand. Dieser bezeigte große Lust, daselbst zu bleiben, und wünschte seine Stelle zu verkaufen. Jeder schwedische Unteroffizier, worunter die Korporals nicht mit begriffen sind, hat die Freiheit, seine Charge zu verkaufen, der Preis beträgt 80, 100, zuweilen auch 150 Reichstaler. Da mir nun der Aufenthalt in Schweden gar nicht behagte und ich mich wieder nach Stralsund sehnte, wo ich unter andern eine Person kannte, die mir bei meiner Abreise eine Unteroffizierstelle versprach, so schrieb ich ihr, und diese hielt ihr Wort so pünktlich, daß sie mir gleich die 450 Kupfertaler, so der Mann forderte, mit der ersten Postjagd übermachte. Ich trat also in Unterhandlung mit ihm und erhielt die Stelle für 385 Kupfertaler, und sobald unsere Sache in Richtigkeit war, ging ich wieder nach Stralsund über, um der gedachten Person meinen Dank abzustatten. Sechstes Kapitel Der Aalfang Wäre der Überfluß, den die Stadt Stralsund und die nicht weit davon entfernte Insel Rügen an allem und vorzüglich an Fischen genießt, nicht allgemein bekannt, so hätte ich hier sehr vieles sagen können. Die Fische sind so wohlfeil, daß sich eine Familie von vier bis sechs Personen für einen Groschen überflüssig sättigen kann. Bei einer gewissen Gelegenheit habe ich selbst einen Hecht von 35 Pfund für zwölf Schillinge gekauft. Die frischen Heringe sind so niedrigen Preises, daß man oft das Wall (achtzig Stück) um einen Schilling kauft, ja wenn ihrer viel vorhanden sind, so zählen sie solche gar nicht, sondern messen sie bloß mit hölzernen Schaufeln, welche den hiesigen Wurfschaufeln sehr gleichen. Es ist wahr, daß sie nicht immer so wohlfeil sind, denn wenn die ersten kommen, so werden drei bis sechs, sodann zwanzig, dreißig, vierzig, bis zu achtzig für einen Schilling verkauft. Die Heringe werden gewöhnlich von den Hornfischen, deren es an den Küsten des Baltischen Meers eine ungeheure Menge gibt, verdrängt; denn sobald die Fischer einige von den letztern fangen, so ist's ein sicheres Zeichen, daß sich die Heringe entfernen. Die Hornfische sind ebenso wohlfeil als die Heringe, denn ein solcher Fisch, der oft über eine Elle lang und so dick wie ein Arm ist, wird gewöhnlich mit einem Sechsling (drei Pfennige) bezahlt, ja ich weiß, daß welche für einen Witten (¼ Schilling) verkauft worden sind. Diese Gattung Fische hat aber für manchen, in Ansehung des Kopfes, welcher mit einem langen Horn versehen ist, und wegen seiner grünen Gräten, etwas Widriges; doch wird der Kopf niemals mitgesotten, sondern weggeworfen. Man sieht daher zu der Zeit, wenn diese Fische gegessen werden, alle Winkel der Stadt mit solchen Hornfischköpfen, welche die Eigenschaft haben, bei Nacht wie faules Holz zu glänzen, angefüllt. Außer den Heringen und Hornfischen sind die Flunnern, Plötzen, Barsche, Kaulbarsche und Hechte die gewöhnlichsten. Was die geräucherten Fische betrifft, welche in Aalen, Flunnern und Heringen bestehen, so sind solche auch nicht teuer; von den letztern hat man zweierlei Gattungen, nämlich Spöckheringe und Flöckheringe, wovon jene unsern Pöcklingen gleichen, diese aber voneinander gespalten sind, so daß sie nur an der Haut des Rückens noch zusammenhängen. Diese letztern sind weit schmackhafter als jene. Ein geräucherter Aal von einer ziemlichen Größe kostet gewöhnlich einen Witten, und es ist eine Lust zu sehen, mit welchem Appetit die gemeinen Soldaten und Strandträger solche auf öffentlicher Straße verzehren. Da ich mich während meinem dasigen Aufenthalte oft mit dem Aalfange belustigt habe, so will ich einige Worte davon erwähnen. Im Winter läßt man ein etwa eine Elle im Diameter haltendes Loch ins Eis hauen, nimmt hierauf eine lange Stange, an deren Ende ein übers Kreuz gehendes Holz oder Eisen, so auf allen Seiten mit spitzigen Haken versehen, befestigt ist. Auf dieses legt man nun etwas Lockspeise, läßt es bis auf den Grund ins Wasser und zieht es, nachdem man einige Zeit gewartet hat, sehr schnell heraus, wo denn nicht selten eine Mandel Aale an den Haken hangen bleibt. Im Sommer säen einige ganz nahe am Strande Erbsen, welche, wenn sie aufgehen und noch jung sind, des Morgens, wenn noch alles vom Tau naß ist, von den Aalen aufgesucht werden. Diese zu fangen wird demnach, aber noch vor Aufgang der Sonne, zwischen dem Erbsenstück und dem Strande eine breite Furche gezogen, über welche (da das aufgeworfene Erdreich trocken ist) die im Erbsenstück befindlichen Aale nicht setzen. Man wartet hierauf, bis durch die Sonne alles trocken wird, gehet dann hinein und greift die Aale, so wie ehemals die Kinder Israel die Wachteln in der Wüste, mit den Händen. Siebentes Kapitel Der General Wallenstein Das größte Fest, so die Stralsunder feiern und welches von allen Türmen der Stadt durch Trompeten und Pauken angekündigt wird, ist der Tag vor Jacobi. Die Veranlassung dazu gab folgende Begebenheit: Als im Dreißigjährigen Kriege die Generale Tilly und Wallenstein die kaiserlichen Armeen kommandierten, so nahm der erste Magdeburg ein, und letzterer ließ sich verlauten, Stralsund, welches er im Jahr 1628 belagerte, zu erobern, und wenn es auch mit Ketten am Himmel befestigt wäre; und tat auch alles mögliche, die Stadt zur Übergabe zu zwingen. Die Belagerten, die sich ganz verschossen hatten, glaubten nicht anders, als daß sie sich würden ergeben müssen, und Wallenstein, seines Sieges gewiß, speiste im Angesichte der Garnison ganz ruhig an einem noch zu sehenden steinernen Tische. Unterdessen hatte die Besatzung ein Schiff nach Schweden geschickt, welches (zufolge einem Gemälde, so ich selbst gesehen habe, auf welchem ein segelndes Schiff vorgestellt ist, welches ein Engel oben beim Mastbaum hält und über das Meer führt) in Zeit von 24 Stunden, Ein- und Ausladen mitgerechnet, eine ganze Menge Pulver und Kugeln von Stockholm bis nach Stralsund brachte. Wegen dieser aus Schweden erhaltenen Hülfe übergab der letzte Herzog von Pommern die Stadt Stralsund dem König Gustav und setzte ihn dadurch in den Stand, an dem Interesse Deutschlandes teilzunehmen. Sollte etwa ein Ungläubiger diese Geschichte in Zweifel ziehen, der beliebe nur an den dienstfertigen Engel zu denken, der den guten Habakuk in einer weit kürzern Zeit aus Judäa bis nach Babylon brachte, welches doch ungleich weiter voneinander entfernt ist als Stralsund und Stockholm. Demohngeachtet gibt es selbst einige Stralsunder, die nicht begreifen können, daß sich ein guter Engel dazu hätte brauchen lassen, den Lauf eines Schiffes zu beschleunigen, welches mit einer solchen höllischen Fracht, bestimmt, Menschen damit zu morden, beladen war; und sind frech genug, dieses Wunder einem Engel aus der Unterwelt zuzuschreiben. Genug, Wallenstein, der nichts von der Engelgeschichte wissen mochte, speiste, wie gesagt, an einem steinernen Tische; ein Feuerwerker in der Stadt, der die erste Kanone wieder abfeuern wollte, frug seinen Offizier, ob er Wallensteins Kopf oder Weinbecher zuerst wegnehmen sollte. Dieser war so menschlich, zu befehlen, ihm erst den Becher, dann den Braten und, sollte der General verwegen genug sein, sitzend zu bleiben, dann erst ihm selbst den Kopf wegzunehmen. Der Kanonier folgte pünktlich, gab Feuer, und sogleich flog der Becher von der Tafel weg; Wallenstein tat, was sich von ihm erwarten ließ, er blieb sitzend und forderte einen andern, ohne sich zu regen; aber kaum hatte er ausgeredet, so nahm eine zweite Kanonenkugel ihm die Schüssel mit dem Braten vor der Nase weg; war es nun Vorgefühl oder gab es ihm sein guter Genius ein oder, was wohl das wahrscheinlichste ist, verstand er, als ein erfahrner Krieger, diese geheime Sprache, daß der dritte Schuß seinem Kopfe gelten sollte; genug, er stand auf, hob nachgehends die Belagerung gar auf und gab, da alles dieses den Tag vor Jacobi geschah, den Stralsundern Gelegenheit zu diesem Feiertage. Unter dem Frankentore sieht man noch den Ort, wo Karl der Zwölfte während der Belagerung im Jahr 1715 seinen Sekretär, der über die fallende Bombe so sehr erschrak, daß er die Feder aus der Hand fallen ließ, sehr naiv fragte, was die Bombe mit dem Briefe, den er ihm diktiere, zu tun habe. Der Ort ist mit einer marmornen Platte, mit einer Inschrift in schwedischer Sprache und mit goldenen Buchstaben geziert. Bei meinem Aufenthalte in dieser Stadt habe ich noch zwei Krieger gekannt, die mit diesem tapfern Könige in dem Treffen bei Bender gefochten hatten. Der eine war in einer Versorgungsanstalt, und der andere, so unter den Jägern gedient hatte, war Wallschütze geworden, welchen Dienst er auch noch verrichtete. Folgende Geschichte, so sich hier zutrug, kann ich nicht unberührt lassen. Achtes Kapitel Die verkleideten Husaren Ansicht von Gotha mit Schloß Friedenstein Ein gewisses sehr reizendes und tugendhaftes Mädchen, namens Maria Flint, diente hier bei dem Rittmeister von D –, der sich alle Mühe gab, sie durch Geschenke, Schmeicheleien und Liebkosungen zu gewinnen; doch nichts war vermögend, ihre Tugend wankend zu machen, als das Versprechen, sie in einem gewissen Falle zu heiraten. Dieser Fall trug sich würklich zu, und der brave Offizier, der das ganze Gewicht seines ihr getanen Versprechens fühlte, setzte sich über das herrschende Vorurteil hinaus und gab sich nun um so mehr Mühe, vom Stockholmer Hofe und seinen Freunden die Erlaubnis zu erhalten, sie zu ehlichen, als er sich vorher gegeben hatte, ihre Standhaftigkeit zu überwinden. Da dieses Mädchen in Stralsund keine Freunde hatte, so wünschte sie ihre Wochen in Wismar zu halten, wo ein Bruder von ihr lebte und Pantoffelmacher daselbst war. Sie wurde also dahin gebracht und Sorge getragen, daß ihr nicht das mindeste fehlen möchte. Dieser Pantoffelmacher war aber der dümmste Frömmling und der ärgste Grobian, der sich denken läßt, und mochte sich wohl einbilden, seine Pantoffelmacherinnung würde dadurch entehrt, wenn in seinem Hause ein Kind auf die Welt kommen sollte, ohne daß der Herr Pfarrer für die Freiheit, es auf die Welt setzen zu dürfen, mit klingender Münze bezahlt sei, und behandelte seine Schwester dieses Fehltrittes wegen außerordentlich schlecht. Ob nun die tölpelhaften Vorwürfe, die sie von diesem hartherzigen Bruder unaufhörlich hören mußte, oder die Hindernisse, die sich ihrer Verbindung von Seiten des Hofes und der Freunde des Rittmeisters entgegensetzten, oder der Gedanke, daß sie durch dieses Versehen ihre Ehre verloren hätte, die sie doch, unter ihren Umständen, bei vernünftig denkenden Personen nicht verloren haben konnte, etwas dazu beitragen mochte: dieses läßt sich nicht wohl sagen; allein, alle miteinander vereint brachten bei ihr eine solche Melancholie hervor, daß sie in einer der schwärzesten Stunden ihr liebes Kind ergreift, es zärtlich küßte, darauf aber umbrachte und diese Tat der Obrigkeit, mit dem Zusatze, daß sie gern sterben wollte, sogleich selbst meldete. Dieses Mädchen wurde also eingezogen und nach Stralsund in die Wagschreiberei gebracht. Man kann leicht denken, was der edle Offizier fühlen mußte, und jedermann bedauerte die beinah unschuldige Verbrecherin. Das Gesetz und sie selbst wollte den Tod; allein der Rittmeister nahm sich vor, alles zu wagen, sie in Freiheit zu setzen, und die Maßregeln wurden so gut genommen, daß man nicht nötig hatte, an dem guten Erfolge der Sache zu zweifeln. Viele Husaren wurden verkleidet, worunter einige mit Brechstangen versehen waren; diese sollten in einem bereitstehenden Schiffe bei Nacht über den Knieperteich fahren, durch die im Wall befindliche Öffnung in die Stadt dringen, die Wagschreiberei erbrechen, die Gefangene befreien und in dem Schiffe über den Teich fahren. Ansicht von Stralsund Ein Husar verriet zwar das ganze Unternehmen und wurde zur Belohnung zum obersten Stadtknecht gemacht, welcher Charge er würdig war; die Wache der Brombaren, Nachtwächter, wurde hierauf verdoppelt, und mußten die ganze Nacht um das Gefängnis herumgehen, die Arrestantin wurde enger verwahrt; demohngeachtet aber kamen die Verkleideten des Nachts über den Knieperteich und schlichen sich durch die beim Kniepertor befindliche Öffnung des Walles in die Stadt. Die Schildwache wurde gleich gewonnen, aus der Wachtstube ging niemand heraus, und die bei der Wagschreiberei wachenden Brombaren mußten sogleich die Flucht ergreifen, und die sich zu widersetzen wagten, wurden durch die Säbel der Husaren bald eines Bessern belehrt; nun wurde das Lärm allgemein, das Militär wurde aufgeboten, alle Nachtwächter und Stadtknechte liefen zusammen; allein während daß ein Teil der Husaren letztere zerstreute, so brach der andere alle Türen der Wagschreiberei auf, befreite die Gefangene und brachte sie über den Teich. Jenseits stand eine mit vier raschen Pferden bespannte Kutsche, in diese wurde sie hineingehoben, und nun ging's in vollem Galopp nach D – zu. Da man, und wie es sich in der Folge auch auswies, mit Recht mutmaßte, daß sehr viele und selbst vornehme Offiziere um die Sache wußten, so darf man sich nicht wundern, daß das unter Waffen kommende Militär nicht eher tätig wurde, bis die Beute über das Wasser und in Freiheit war. Das Frauenzimmer kam wohlbehalten an den Ort ihrer Bestimmung an, wo dafür gesorgt war, daß ihr nichts fehlen konnte. Um sich ein wenig zu zerstreuen, wurde sie in viele Gesellschaften geführt, ja man hatte alle Sorgfalt gehabt, die Ursache ihres Aufenthaltes daselbst äußerst geheimzuhalten; nicht einmal ihre Wirtsleute wußten das geringste von ihrem Vorfall; demohngeachtet fiel sie bald in ihre Melancholie zurück, erzählte alles, was sich mit ihr zugetragen hatte, und äußerte aufs neue den Wunsch, zu sterben. Man gab sich alle Mühe, ihr diese Traurigkeit und Schwermut zu benehmen, indem ihr versichert wurde, daß sie nicht allein nicht schuld an dem Kindermorde, sondern auch außer aller Gefahr sei, der Gerechtigkeit auf irgendeine Art in die Hände zu fallen. Nichts vermochte indessen ihren Trübsinn zu zerstreuen, und sie eröffnete endlich ihrem Wirte, daß sie gesonnen sei, nach Stralsund zu fahren und der Gerechtigkeit ihren Lauf zu lassen. Dieser tat alles, um ihr diese Idee auszureden; allein umsonst war sein Bemühen. Sie nahm Extrapost und fuhr wieder nach Stralsund, wo sie sich meldete und aufs neue festgesetzt wurde. Nun stellte man Untersuchungen an, Offiziere und Unteroffiziere wurden degradiert, von letztern mußten sogar einige nebst einer Menge Soldaten Spießruten laufen, viele Gefängnisse wurden mit Arrestanten angefüllt, und der Rittmeister mußte selbst lange im Arreste sitzen; endlich bekam er Erlaubnis, frei, doch ohne Seitengewehr herumzugehen, und nun erst bei einer gewissen Feierlichkeit, die in Schweden zelebriert wurde, bat er nicht für sich, sondern für alle diejenigen Personen, die dieses Vorfalls wegen noch im Arrest saßen; und alle, so wie er selbst, erhielten sodann die Freiheit wieder. Da das Geständnis der Tat des Mädchens und ihr Wunsch, je eher je lieber zu sterben, viel Verzögerungen aus dem Wege räumten, so wurde sie sehr bald durchs Schwert hingerichtet. Bei ihrer Enthauptung war sie in ganz feinen, mit schwarzseidenem Band gezierten weißen Stoff gekleidet und, da man eine zweite Entführung befürchtete, mit doppelter Begleitung zum Richtplatze geführt. Neuntes Kapitel Nummer Et Um auf mich selbst zurückzukehren, so wünschte ich mir kein besseres Leben unter der Sonne; denn da ich einmal das Ratrumwendreter , Stellpakas , Musketpax Schwedische Kommandowörter. und dergleichen gelernt hatte, so machte mir mein Dienst viel Spaß, besonders wenn Nummer Et Wenn die Mannschaft Nummer Et marschierte, so mußte solche allemal eine ganze Minute auf einem Beine stehen und das andere ebenso lange vorwärts in die Höhe halten, damit sich der Mann angewöhnen sollte, beim Marschieren fest und gerade zu gehen. Trug sich's aber zu, daß einer, wegen Ungewohnheit der Sache oder ungleichem Erdreich, von der Linken zur Rechten wankte oder gar fiel, so warf ein solcher seinen auf einem Beine stehenden Kameraden und dieser den folgenden um, so daß oft zwanzig bis dreißig wie Kartenblätter umfielen. Diese Art zu marschieren nebst den langen Degen, welche die Mannschaft im Manövrieren hinderten, wurden von dem Reichsrat von L – abgeschafft. marschiert wurde. Denn als Rottmeister hatte ich einen sehr bequemen Dienst und aus einer zweiten Ursache Zutritt in mehr als einer artigen Gesellschaft. Auch die Unteroffiziersuniform gefiel mir; diese ist derjenigen der Oberoffizier' völlig gleich, und nur ein gelbes Band am Hute, nebst einem Offiziersportepee, unterschied die letztern von erstern. Endlich floß mir auch durch den nämlichen Kanal, dem ich meine Charge zu verdanken hatte, von Zeit zu Zeit soviel Geld zu, um ganz gut leben zu können. Diese angenehme Lage, welche mir eine glückliche Zukunft versprach, hatte aber kaum acht Monate gedauret, als mein ganzes Glücksgebäude durch folgenden Zufall vernichtet wurde. Eines Tages befand ich mich nebst einigen andern Unteroffizieren an einem öffentlichen Orte, wo wir uns mit einer Partie Tarock unterhielten; wir hatten zufälligerweise italienische Karten, und ein gewisser Feldwebel Sta – nahm daher Anlaß, einigemal eine Vergleichung zwischen mir und dem Pagat Wer weiß, was der Pagat auf der italienischen Karte vorstellt, wird leicht begreifen, worin die Vergleichung bestanden habe. zu machen. Anfangs lachte ich über seine Bonmots, als ich aber merkte, daß er die Absicht hatte, sich über mich lustig zu machen, so sagte ich ihm, daß ich mir ferner allen Scherz dieser Art ernstlich verbitten müsse. Dieser Sta –, der überhaupt ein unruhiger Kopf und gewohnt war, überall den Ton anzugeben, trieb aber die Sache immer weiter, so daß meine Kameraden, die meine Nachgiebigkeit ohnedem schon übel auslegten und mich für zu zaghaft hielten, es mit ihm aufzunehmen, anfingen, mir sehr zweideutige Blicke zuzuwerfen. Ich stand also auf, bat einen andern, meine Karten zu nehmen, ging mit der Versicherung, in einer Viertelstunde wiederzukommen, an den Ort, von dem mir alle Hülfe kam, und bat um einen guten Rat, wie ich mich unter solchen Umständen zu benehmen hätte. Ich erhielt zur Antwort, mich durchaus nicht mit dem gedachten Sta – in Weitläuftigkeiten einzulassen, ja nicht einmal in die Gesellschaft zurückzugehen, sondern diese Vorkehrung wurde getroffen, daß mich jemand auf Befehl des Majors An– daselbst suchen und dabei sagen mußte, daß ich mich augenblicklich nach Eskoton einschiffen müßte, welches auch würklich geschah, und ich kehrte erst nach fünf Monaten nach Stralsund zurück. Doch dieses alles brachte für mich eine ganz entgegengesetzte Würkung hervor; denn anstatt daß die Sache vergessen werden sollte, so mochten meine Kameraden mich während meiner Abwesenheit dem oftgedachten Sta – als einen furchtsamen Hasen geschildert haben; weil er gleich nach meiner Zurückkunft in mein Quartier kam, im Zimmer herumbramarbasierte und mir den Antrag tat, des andern Morgens mit ihm vor das Trebseer Tor zu gehen. Diesen Schritt konnte ich, ohne das Märchen der ganzen Garnison zu werden, nicht wohl vermeiden; denn hätte ich auch den ersten Weg einschlagen wollen, mußte ich doch Stralsund wieder verlassen, und damals war mir alles eins, gedachten Ort oder unsern Planeten zu meiden. Es war schon gegen Abend, und mein Unstern wollte, daß m – G – sich nicht in Stralsund befand; ich brachte daher noch denselbigen Tag meine Sachen in Ordnung, schrieb einen Brief nach W –, legte mich zu Bette und schlief wider alles Vermuten recht gut. Des andern Morgens ging ich nebst einigen guten Freunden versprochenermaßen vor das Trebseer Tor. Hier fand ich den nun zum letzten Male nennenden Sta–, und ich kann nicht sagen, wie sein Anblick auf mich würkte. Den Mann vor mir zu sehen, der mich um alles bringen wollte, was ich damals Schätzbares auf der Welt hatte, und das mußte ich verlieren, die Sache mochte ausfallen wie sie wollte, brachte mich dermaßen in Zorn, daß ich kaum die Zeit erwarten konnte, ihn zu überzeugen, daß er mich mit Unrecht für einen feigen Mann gehalten hatte; und in der Tat dauerte es nicht lange, so wurden die Umstehenden inne, daß er sehr übel getan hatte, meine Nachsicht für Furchtsamkeit zu halten. Nach diesem Vorfalle warf ich mich in meinen Überrock, nahm meine Kokarde vom Hute, steckte dafür eine Greifswalder Burschenschleife darauf und nahm meinen Weg nach dem Sülzer-Moor zu. Kaum war ich eine Stunde gegangen, als mir ein ganzer Trupp armer Leute begegnete, die mich um ein Almosen baten; ich gab ihnen also im Vorbeigehen eine Gabe, und da es einige Schillinge sein mochten, so dankte mir der ganze Haufe, mit dem Zusatze: auch fleißig für mich zu beten. Ich wandte mich hierauf um, gab ihnen alles Geld, das ich hatte, und behielt nur eine einzige Krone für mich. Diese guten Leute weinten für Freude, weil sie vielleicht noch nie ein ähnliches Almosen auf öffentlicher Landstraße erhalten hatten, und wünschten mir tausend Glück auf den Weg; worauf ich ihnen aufrichtig gestand, daß ich es brauchen könnte, und meinen Weg eilfertig fortsetzte. Gegen Abend erreichte ich das Sülzer-Moor, welches außer dem gewöhnlichen Wege außerordentlich gefährlich zu passieren ist; denn man trifft bald Strecken von achtzig bis hundert Schritten weit voller Torfgruben an, die sich oben wieder zuschließen, wenn jemand das Unglück hat, hineinzufallen. Zuweilen kommt ein Strich fester Boden, bald wieder Morast und überschwemmte Plätze, und diese Abwechslung reicht bis jenseits des durchs Moor fließenden tiefen Flusses Recknitz . Hier entstand nun die bedenkliche Frage, wie ich hinüberkommen sollte. Denn kaum hatte ich einige Schritte vorwärts gewagt, als ich auch gleich bis an die Lenden hineinsank. Ich ging hierauf in das der Stadt Marlow geradeüber, dicht am Moor liegende Dorf, wo mir eine gutgekleidete Frau begegnete, welche ich fragte, ob sie den Weg bis nach Marlow wisse. Sie nahm mich mit in ihre Wohnung, welches die Schule war; von da aus zeigte sie mir den rechten Weg, den ich aber für dieses Mal nicht nehmen konnte; denn mitten auf dem Moor steht das Grenzhaus, wo jeder von der schwedischen Seite kommende Reisende seinen Paß aufweisen muß, der mir fehlte. Ich frug sie hierauf, ob nicht noch andere Wege hinübergingen, die etwa näher wären, und erhielt zur Antwort, daß kein andrer gangbar sei und daß es nur die Überläufer wagten, sich der halb versunkenen und überschwemmten Wege anzuvertrauen. Sie ging die Anhöhe mit hinunter und brachte mich auf den rechten Weg; doch ließ ich mir den andern, der nach ihrer Meinung von den schlimmen noch der beste wäre, auch zeigen, und diesen schlug ich, sobald sie mich verlassen hatte, ein; allein ich sah sehr bald die Unmöglichkeit, auf diese Art hinüberzukommen. Ich ging also wieder zurück, schnitte mir einen langen, unten mit einer dreizackigen Gabel versehenen Stock ab, raffte einiges dünne Gesträuche und Schilf zusammen, wovon ich zwei kleine Faschinen machte, die ich mit meinen Strumpfbändern so zusammenband, daß ich das eine Ende des Bandes in der Hand halten und die Bündel hinter mich herziehen konnte. Hierauf begab ich mich wieder auf den Weg, und wenn ich nun zitternde Torfgruben fand, so legte ich eine von diesen Faschinen vor mich hin, trat mit dem einen Fuße darauf, suchte mit der Gabel des Stocks einiges Gras oder Wurzeln zu fassen, und während daß die erste Faschine zu sinken anfing, warf ich die zweite vor mich hin, trat mit dem andern Fuß darauf, stützte mich auf meinen Stock, und auf diese mühsame und gefahrvolle Art mußte ich oft funfzehn bis zwanzig Klaftern weit fortschreiten. Mitten auf diesem Moor traf ich den Weg (denn es war im Herbst) wohl auf hundert Schritte ganz unter Wasser an. Hier verweilte ich ein wenig und sahe mich um, wurde aber niemanden gewahr, welches mir teils lieb war, denn es hätte doch jemand kommen können, den ich nicht gern gesehen haben würde, teils war mir es leid, niemanden um Rat fragen zu können, wie dieses neue Hindernis zu übersteigen sein möchte. Anfänglich wollte ich diese Wasserfläche, die sich ziemlich weit in die Breite ausdehnte, umgehen, nach reifer Überlegung fand ich aber, daß dieses noch gefährlicher sei, weil ich, abgerechnet, daß ich viel üble Torfgruben hätte antreffen können, vielleicht gar den Weg aus den Augen verlieren konnte, welches mich in die äußerste Gefahr gesetzt haben würde. Ich untersuchte also mit dem Stocke sowohl die Tiefe des Wassers als auch den Boden selbst und fand, daß ersteres nicht viel über 1½ Ellen tief und der Weg mit Brettern und Steckenholz belegt war, auf welchen Steine lagen, die wahrscheinlich durch ihre Schwere das Holzwerk versenkt hatten. Nichts blieb mir hier übrig, als hindurchzugehen oder einen Umweg um das Wasser zu nehmen. Doch hielt ich die vor Augen habende Gefahr für geringer als die, so ich auf dem andern Wege hätte antreffen können, und ging hinein. Ich fand Schritt vor Schritt Steine liegen, die ich allemal mit dem Stocke aufsuchen mußte; schon war ich bald hindurch, als ich einen sehr spitzigen antraf; da ich ihn nun unter dem Wasser nicht sehen konnte, so trat ich fehl, wankte und war auf dem Punkt, um hineinzufallen, so daß ich mich vermittelst des Stocks nur mit vieler Mühe noch erhielt. In diesem Augenblick fielen mir die Worte der mir unterwegs begegnenden armen Leute ein, denn wenn auch gleich bei den meisten ihr »Ich will ein andächtiges Vaterunser für Sie beten!« bloße Gewohnheit ist, so glaube ich doch, daß es einige würklich tun und daß ein solches, wo nicht besser, doch ebenso gut ist als derjenigen ihres, so es auch fürs Geld und oft recht mechanisch herbeten. Genug, diese Gedanken fielen mir damals ein, und mit selbigen kam ich nicht allein glücklich durchs Wasser, sondern auch bis an die Recknitz . Hier verweilte ich ein wenig, nicht sowohl um auszuruhen, als vielmehr der Vorsehung für die überstandene Gefahr zu danken; denn wenn auch gleich die Andacht nicht allemal in mir rege wird, wenn der Türmer die Glocken anzieht, der Schneider ein neues oder, wie es bei einem Iris mehr der Fall ist, ein umgewendetes Kleid bringt, so ist doch gewiß niemand mehr von dem Dasein eines ewigen Wesens und der alles lenkenden Vorsehung und der Pflicht, dieselbe zu verehren, überzeugt als ich; und vielleicht gibt es wenige, bei denen sie sich so deutlich bewiesen hat als bei mir. Als ich mich, wie gesagt, am Ufer des Flusses ein wenig aufgehalten hatte, rufte ich dem Fährmann, um mich überzusetzen; allein ich erstaunte nicht wenig, als dieser erschien, weil er mich den Augenblick erkannte. Dieser Mann hatte nämlich viele schwedische Deserteurs über den Fluß gebracht; als dieses in Stralsund bekannt wurde, schickte der Oberste Höpper einige Vertraute dahin, um zu sehen, ob er sie überfahren würde, wenn sie sich für Überläufer ausgäben, in welchem Falle sie ihn arretieren und mit zurückbringen sollten. Da er nun keine Schwierigkeit machte, sie alle überzusetzen, so brachten sie ihn mit nach Stralsund. Doch wußte er sich ziemlich herauszuwickeln und bekam keine andere Strafe, als daß er drei Monate auf der Hauptwache sitzen und selbige reinigen mußte. Weil ich nun gewöhnlich meine Wache auf der Hauptwache nahm, so hatte er mich oftmals daselbst gesehen. Er stutzte gewaltig über meine Greifswalder Studentenschleife und sagte: »Ob ich gleich sehe, daß etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein muß, so will ich Sie doch ohne alle Schwierigkeit übersetzen.« Er hielt sein Wort und tat sehr wohl daran; denn im Weigerungsfall hatte ich den nämlichen Entschluß gefaßt als der Herr Baron von Trenck bei einem fast ähnlichen Vorfalle an der polnischen Grenze. Zehntes Kapitel Die Würkung des Kreuzmachens Die Nacht war allbereits eingetreten, als ich nach Marlow kam, ich blieb also daselbst, überlegte, was ich nun beginnen wollte, und entschloß mich endlich, nach Bevern zu reisen, wo mein Bruder Hofgärtner geworden war. Den andern Tag schrieb ich noch einen Brief nach W –, und da ich mich durch mein Almosen vom Gelde entblößt hatte, so verkaufte ich meine Uhr, um mich mit diesem überall und besonders auf Reisen so nötigen Bedürfnis zu versehen; worauf ich meinen Weg über Rostock, Wismar, Lübeck, Hamburg, Celle, Hannover und Hameln nach Bevern nahm. Hier traf ich meinen Bruder, der sich unterdessen mit Mademoiselle Müller, Garderobenjungfer der verstorbenen Prinzessin von Bevern und Äbtissin zu Steterburg, verheiratet hatte, in gutem Wohlsein an. Er empfing mich nach dieser langen Abwesenheit mit der ihm eigenen brüderlichen Zärtlichkeit, und die drei Monate, so ich bei ihm zubrachte, kann ich mit Recht unter die vergnügtesten meines Lebens rechnen; denn unter andern angesehenen Personen genoß ich die Ehre der Bekanntschaft des würdigen Herrn Pastor Oehns und des jubilierten Herrn Hofgärtners Mohr, die mir den Aufenthalt sehr angenehm machten. Während dieser Zeit sprach ich einst mit meinem Bruder von der Verlassenschaft unsers auf der Insel Ceylon verstorbenen Vaters. Er schlug mir vor, da ich noch ledig sei und nichts zu besorgen habe, eine Reise nach Holland zu tun, um zu sehen, ob nicht etwas von dem gedachten unterschlagenen Gelde gerettet werden könne. Diesen Vorschlag nahm ich sogleich an, und nachdem er mich mit hinlänglichem Reisegelde und einem Empfehlungsschreiben an den Besitzer der »Kyserkrone« in der Kelberstraat zu Amsterdam versehen hatte, trat ich meinen Weg nach gedachter Stadt an. Von Bevern ging ich über Paderborn, Bielefeld nach Münster. Da ich etwas von den durch den Johann Buckhold angestifteten Unruhen gehört hatte, so nahm ich den Käfig, worin Seine Schneider-Majestät Ihr Leben beschlossen, in Augenschein. Ehe ich aber Münster noch erreichte, begegnete mir folgender Zufall. Ich kam auf ein Dorf, wo ich anfangs übernachten wollte; es war aber noch ziemlich helle, und da ich nie die Gewohnheit hatte, eher zu trinken, bis mich der Durst darzu einlud, und meine Natur sehr wenig zu trinken erfordert, so muß ich gestehen, daß ich an keinem andern Orte mehr Langeweile empfunden habe, und noch empfinde! als in Wirtshäusern. Ich frug daher den Wirt, wie weit ich noch auf das folgende Dorf habe, und erhielt zur Antwort: eine gute Stunde. Ich machte mich also wieder auf den Weg, es war aber schon eine geraume Zeit Nacht, als ich Licht erblickte. Ich glaubte, es wäre das Dorf, wo ich hinwollte, es war aber ein etwa hundert Schritte von der Landstraße liegendes großes Bauerngut, dessen Inhaber mir sagte, daß ich noch eine gute Stunde bis dahin hätte. Ich fragte, ob ich nicht bei ihm für Geld ein Nachtquartier und Abendessen haben könnte, weil ich sehr müde sei; worauf er mich ohne Anstand in sein Haus führte und mir beides versprach. Ich setzte mich nieder und erwartete mit vielem Appetite das Nachtmahl, welches endlich aufgetragen wurde und in einer Schüssel voll grünen Kohl und gereichertem Fleische nebst einem halben Schinken bestand. Die ganze Familie nebst dem Gesinde traten hierauf um den Tisch herum und verrichteten ihr Tischgebet mit vieler Andacht; und nachdem ich ein gleiches getan hatte, setzte ich mich wieder an meinen Ort, um die Einladung, teil daran zu nehmen, zu erwarten. Allein sie setzten sich zu Tische, fingen an zu essen, ohne mich anzusehen oder einzuladen; ich glaubte daher, daß sie mich vergessen hätten, und fing an mich ganz leise zu räuspern und, als dieses nichts helfen wollte, stark zu husten, um sie an mein Dasein und leeren Magen zu erinnern; allein sie ließen sich nicht irremachen, speisten ganz gelassen fort, ohne sich nur umzusehen. Diese Behandlung mußte mir natürlich sehr auffallen und mich auf allerlei Gedanken bringen. Denn wenn es gleich kein Unglück ist, einmal ohne Essen schlafen zu gehen, so ist es doch äußerst unangenehm, besonders wenn man auf der Reise sehr hungrig ist und die Eßlust durch Versprechung und den Anblick einer guten Mahlzeit desto mehr gereizt wird. Da ich bemerkt hatte, daß jede zu Tische sitzende Person vor und nach dem Gebete ein Kreuz vor die Brust gemacht hatte und ich dieses, da ich den Nutzen davon noch nicht wußte, unterlassen hatte, so fiel mir der Gedanke ein, ob mich nicht etwa die guten Leute deswegen strafen wollten; und ich war in dem Augenblicke recht böse über den guten Mann, der das Kreuzmachen abgeschafft hatte, weil er mich dadurch in die verdrüßliche Lage setzte, mit einem außerordentlichen Appetite schlafen zu gehen, ohne solchen stillen zu können. Ich nahm mir also vor, die Würkung des Kreuzmachens zu erproben. Sobald daher das Essen vorüber war und man sich zum Beten anschickte, so trat ich dem Tische gerade gegenüber, damit sie mich recht im Gesichte hatten, und machte mit soviel Geschicklichkeit, als ich hatte, das Kreuz, welches ich nach dem Gebete wiederholte und mich niedersetzte. Geraten hatte ich's! denn kaum hatte ich meinen Platz wieder eingenommen, als die Hausfrau auf mich zukam und fragte, ob ich etwas zu essen wünschte. Natürlicherweise bejahete ich solches und fügte hinzu, daß ich es sehr gerne bezahlen würde. Sie schwieg stille, brachte mir aber ein vortreffliches Abendbrot nebst gutem Bier und führte mich nach Tische, als ich zur Ruhe begehrte, in eine niedliche Kammer, wo ich ein schönes Bette antraf. Hier, da ich in einem guten Bette lag, worinne sich die müden Glieder so erquickten und dem Magen der westfälische Schinken so wohl behagte, welches alles ich dem Kreuzmachen zu verdanken hatte, hier stellte ich allerhand Bemerkungen an, sowohl über die, die solches von der Rechten zur Linken, wie auch über jene, die es von der Linken zur Rechten, und auch über die, so gar keins machen, und ich war recht froh über mich selbst, daß sie mir alle gleich lieb sind und daß ich in meinem Hause aus der Ursache gewiß niemanden, ohne gegessen zu haben, zu Bette gehen lassen würde, weil er etwa ein linkes oder rechtes Kreuz gemacht oder es zu machen unterlassen hätte. Unter meinen Bemerkungen, die ich freilich nicht alle zu Papier bringen möchte, schlief ich ein. Des andern Morgens, nachdem ich ein gut Frühstück zu mir genommen hatte, nötigte mich die Wirtin, noch ein mit Schinken belegtes Pumpernickelbutterbrot anzunehmen, und da ich nach meiner Rechnung frug, sagte sie mir, sie sei keine Krügerin, und weigerte sich, die mindeste Bezahlung anzunehmen, und war überdies so gefällig, mich wieder bis auf die Landstraße zu begleiten. Stadthaus und Nieuwe Kerk in Amsterdam Hier traf ich eine große Menge von westfälischen Landleuten an, die gewöhnlich im Frühjahr nach Holland gehen, bis im Herbste daselbst bleiben und sich mit Torfstechen, Grabenaufwerfen und dergleichen Arbeit einen schönen Taler Geld verdienen, wovon sie den Winter durch mit ihren Familien leben und im Frühjahr sodann die Reise von neuem antreten; da nun diese ihren Weg auch über Swol nach Amsterdam nahmen, so beschloß ich, bei ihnen zu bleiben. Weil ich noch nie ein katholisch Land betreten hatte, so konnte ich gar nicht begreifen, warum diese Leute bei dem ersten Mittagsessen so sehr in ihrer Meinung geteilt waren. Es bestand in Pfannkuchen, und einige behaupteten, mit Grunde, wie sie sagten, daß es bloß in dem Fall erlaubt wäre, solche mit Speck zu backen, wenn keine Butter zu haben wäre, die andern aber, vielleicht mit dem nämlichen Grunde, daß auf der Reise eine Gottesgabe so gut als die andere sei. Doch die erste Meinung behielt das Übergewicht, und alle Pfannkuchen dieser Westfälinger, so wie die meinigen auch, wurden in Butter gebacken, worüber wir alle froh sein konnten; denn da des Desbarreaux Desbarreaux, der eben in keinem großen Rufe der Heiligkeit stand, überredete einst eine frömmelnde Wirtin, ihm an einem Fasttag einen Eierkuchen mit Speck zu backen. Als er eben im Begriff war, solchen zu speisen, fing es zufälligerweise entsetzlich zu donnern an. »Was das nicht für ein Lärm um einen Eierkuchen ist«, sagte Desbarreaux und warf bei diesen Worten den Eierkuchen zum Fenster hinaus. Doch kaum war das Wetter vorüber, als er die für Furcht halbtote Wirtin zwang, ihm einen andern mit Speck zu backen, den er ganz ruhig verzehrte. Passato il pericolo, garbato il santo. mit Speck gebackener Eierkuchen ein starkes Gewitter hervorbringen konnte, was hätten so viele Eierkuchen für ein Unglück anrichten können, zumal da der ganze Himmel an demselben Tag mit schwarzen Wolken überzogen war. Da es aber eben Freitag war und ich etwas vom Unterschiede im Essen gehört hatte, so konnte ich mir nachgehends den Pfannkuchenstreit erklären. Als wir von hier weggingen, begegneten uns noch mehr von diesen westfälischen Arbeitsleuten, die mit uns bis nach Swol gingen, wo wir eines Morgens um neun Uhr ankamen, um zehn Uhr unter Segel gingen und noch denselbigen Tag in Amsterdam eintrafen. Die Peterskirche in Rom Eilftes Kapitel Der Bottelier Nachdem wir ans Land gestiegen waren, ging meine erste Sorgfalt dahin, die »Kaiserkrone« aufzusuchen und dessen Besitzer mein Empfehlungsschreiben einzuhändigen. Dieser Mann las es sehr geschwinde durch und sagte mir hierauf, daß er, da der Aufenthalt in seinem Gasthause mir wahrscheinlich zu kostspielig sei, dafür sorgen werde, mich zu einem Manne zu bringen, bei dem ich so sicher als in seinem eigenen Hause sein würde. Er ließ einen Mann kommen, mit dem er in gewissen Verhältnissen stand, und trug ihm auf, mich mit Wohnung und allen andern Bedürfnissen zu versorgen, wofür ich wöchentlich fünf holländische Gulden bezahlte. Hier gefiel es mir ganz gut, nur daß mir dazumal die allzu lange regelmäßige Andacht des Mannes, welche jedesmal vor und nach Tische eine ganze Stunde dauerte, etwas lästig wurde, weswegen ich auch nur einige Wochen bei ihm blieb. Bald nach meiner Ankunft zu Amsterdam ließ ich mir auf dem Ostindischen Hause die Bücher aufschlagen, da es sich denn ergab, daß die 125 Gulden, die der schon gedachte brave Mann meiner Mutter ausgezahlt hatte, kaum den fünften Teil des empfangenen Geldes ausmachten. Anfänglich wollte ich klagbar einkommen, erkundigte mich auch deswegen bei dem Rechtsgelehrten Herrn G –, welcher mir versprach, die Sache auszuführen; da ich ihm aber als ein Fremder fünfzig Gulden antizipieren sollte und überlegte, daß die Sache verjährt und sehr weitläufig sei, so ließ ich es dabei bewenden. Bei meinem neuen Wirte, der ein Schwabe war, lernte ich verschiedene Leute kennen, die mit zur See gewesen waren. Mit diesen unterhielt ich mich oft über verschiedene die Seefahrt betreffende Gegenstände, die mir in der Folge nützlich gewesen sind. Da ich große Lust bezeugte, eine Seereise mitzumachen, aber keine praktische Kenntnis von der Schiffahrt hatte, weil ich nur einigemal über das Baltische Meer hinüber- und wieder herübergefahren war, so suchte ich mir wenigstens theoretische zu erwerben und benutzte jede Gelegenheit, wo ich etwas lernen konnte, um wenigstens nicht als Matrose oder gemeiner Soldat mitzufahren; und es gelang mir insoferne, daß ich als Bottelier auf einem nach Marokko bestimmten Kriegsschiffe angenommen wurde. Mein Dienst, den ich nun zu verrichten hatte, bestand darinne, daß ich auf die Vorratskammer achthaben und darauf sehen mußte, daß bei dem Essen nichts zugrunde ging oder verdarb. Des Morgens bekam das Schiffsvolk in bloßem Wasser gekochte Graupen, dazu aber alle Wochen einige Pfund Butter und Käse, erstere, um ihr Frühstück damit zu schmalzen und den Käse zum Vesperbrot zu speisen. Die meisten bestreichen solchen mit Butter, essen ihn zum Frühstück und Vesperbrot und lassen die Graupen zum Besten des Schiffs in der Küche oder Vorratskammer; denn selten essen mehr als der vierte Teil des Schiffvolks von diesen Graupen. Das Mittagsmahl bestand im Anfang unserer Reise mehrenteils in grauen Erbsen mit Speck, allein in der Folge wurde auch Stockfisch und zuweilen Reis aufgetragen; der Schiffskoch mußte allemal lieber etwas mehr als weniger ansetzen, denn es darf durchaus nicht fehlen; bleibt aber etwas übrig, so wird es zur kommenden Mahlzeit verwendet. Meine Schuldigkeit erfoderte, eine Stunde vor dem Essen im Schiff herumzugehen und die Mannschaft zu fragen, wieviel sie zu essen begehrte; da nun gewöhnlich acht Mann zusammen speisen, welche Tischgesellschaft auf den Schiffen ein Back heißt, so tritt solche bei oder vor Ankunft des Botteliers zusammen, wo einer den andern fragt, ob er viel oder wenig essen wolle, hiernach richten sie sich und begehren vier, fünf, bis sechs Portionen, denn acht volle würden sie nicht verzehren können. Die Zahl der Portionen und die Nummer des Backs wird nun mit Kreide an die hölzernen Schüsseln geschrieben, woraus sie essen und so beschaffen sind, daß man solche bei stürmischem Wetter aufhängen kann, hierauf eine in die andere gesetzt und dem Koch gebracht. Dieser hat einen großen, eine gute Portion haltenden Löffel, tut derer soviel hinein, als an den Schüsseln angemerkt sind, und setzt eine neben die andere hin. Nun wird zum Essen gerufen, worauf jedes Back einen hinschickt, der nach der Nummer seiner Eßgesellschaft sieht und seine Schüssel abholt. Unterdessen daß das Gemüse verzehrt wird, richtet man den Speck an; allein hier muß allemal der Offizier von der Inspektion gerufen werden. Dieser besieht alle Schüsseln, worin der Speck angerichtet ist; ein Mann mit einer Mulde voll gekochten Speck folgt ihm nach; findet nun der Offizier, daß die acht Portionen, so daraus gemacht werden müssen, zu klein ausfallen möchten, so läßt er noch ein oder nach Befinden mehrere Stücke darzulegen. Darauf wird zum Fleischabholen gerufen, bei welcher Gelegenheit ich mehrmalen gesehen habe, daß einige von den Mitgliedern ein Stück davon entwendet und in ihre weite Beinkleider verborgen haben. Des Abends bekommen sie das nämliche Gemüse, doch ohne Speck, aber gut geschmalzt. Nun ist es, wie gesagt, die Pflicht des Botteliers, darauf zu sehen, daß die Leute nicht mehr zu essen begehren, als sie würklich verzehren können. Deswegen trägt fast jeder einen Tau bei sich, mit welchem sie denen, die sich in Ansehung dieses Punktes etwas zuschulden kommen lassen, eine Erinnerung zu geben pflegen. Dieses hatte ich als den einzigen Umstand, der mir bei meinem Dienste mißfiel, unterlassen, weil ich ohnedem glaubte, daß, wenn auch aus Versehen eine halbe Portion graue Erbsen verdürbe, doch der Republik Holland nicht der geringste Schade daraus entstehen würde; ob es gleich überhaupt genommen gut ist, wenn darauf gesehen wird, daß das Schiffsvolk nicht mehr zu essen begehre, als zu Stillung ihres Hungers hinreichend ist; denn auf den Schiffen hat man keinen Markt, die Bedürfnisse des Lebens zu kaufen, wenn solche fehlen. Ich war schon einigemal von dem diensthabenden Offizier erinnert worden, einen Tau bei mir zu tragen, glaubte aber, daß es nichts zu bedeuten hätte; allein als mir der Kapitän einstens deswegen ein »Godomi marplexoms Jong« an den Hals warf, so machte ich einen Tau an meinem Rocke fest und erhielt nun, da ich es immer bei mir hatte, einen Lobspruch wegen meines Diensteifers für das Wohl der Republik. Was den Trunk anbetrifft, so hatte die Mannschaft hinlänglich Bier zu trinken, solange nämlich das mitgenommene dauerte; ja es wurde ihnen nicht einmal zugemessen, sondern ein großes Faß, dessen Deckel man auf- und zumachen konnte, war mit eisernen Reifen oben am Verdeck festgemacht, woran mehrere Becher hingen; wer nun Durst hatte, ging die Treppe hinauf, schöpfte sich und trank nach Belieben; ja manche, die zu bequem waren, die Treppe zu steigen, und doch oft vom Durst heimgesucht wurden, setzten sich neben das Faß hin, um es desto näher zu haben. War es nun leer, so meldete es der erste, so nichts mehr schöpfen konnte, worauf ich ein andres aus dem Raume nehmen und es wieder anfüllen ließ. Mit dem Wasser, welches alle Tage zum Kochen ausgegeben wurde, ging man so ratsam um, daß der Wasser- Bottelier den gemessensten Befehl hatte, niemanden welches nehmen zu lassen, und diesen Befehl befolgte er auch genau, den Fall ausgenommen, wenn er wußte, daß jemand unpäßlich war. Unten, wo das Wasser aus dem Raume gepumpt wurde, stand eine Schildwache bei der Öffnung, wo es aufs Verdeck gereicht wird, eine zweite und bei der Küche eine dritte, welche alle des Unterschleifs wegen da standen. Für die Reinlichkeit des Schiffes mußten die Quartiermeister sorgen, welche es auf folgende Art scheuern ließen. Man hatte altes Netzwerk an lange Stangen befestigt, diese wurden an einem Tau ins Meer geworfen; sobald es Wasser gesogen hatte, wurde es herausgezogen und auf dem Verdecke herumgeschleift; war der Schmutz auf diese Art erweicht, so nahmen andere krumme eiserne Scharren, um ihn loszukratzen; hierauf wurde wieder mit nassen und dann mit trockenen Netzen darüber her gefahren, bis das Verdeck ganz rein wurde. Indes wurde dieses Verfahren auf der See nicht so oft wiederholt, als wenn wir bei irgendeinem Orte vor Anker lagen. Woran ich mich aber nur mit vieler Mühe gewöhnen konnte, war das Schlafen in den Hangematten; diese Hangematten sind folgendergestalt beschaffen. Was eigentlich das Bette ausmacht, ist ein langes Stück grobes leinenes Tuch, an dessen Enden viel kleine Taue befestigt und durch zwei muldenförmige Hölzer gezogen sind, die nachgehends am Ende, wo sie mit einem eisernen Haken versehen sind, zusammenlaufen. Jeder hat seine eigenen Nägel, welche gewöhnlich über seiner Kiste angeschlagen sind, woran er seine Hangematte des Abends befestigt. Legt man sich nun hinein, so ziehen sich die Taue straff an, wodurch das Tuch auch muldenförmig wird. Legt man sich aber nicht genau in die Mitte, so schlägt das Bette um, und man purzelt heraus. Diese Hangematten müssen alle Morgen heruntergenommen, zusammengelegt und zwischen die Mastbäume eine auf die andere gelegt werden, um des Tages im Raum mehr Licht und Platz zu haben. Wir trafen auf unserer Reise keinen Feind an, denn kaum hatten wir die marokkanischen Gewässer erreicht, so wurden wir vom Friede benachrichtigt. Demohngeachtet konnte ich mir eine kleine Vorstellung machen, als die Kanonen, deren unser Schiff siebzig führte, bei der Gelegenheit, da die Generalstaaten Musterung hielten, auf beiden Seiten gelöst wurden. Nachdem die Kanonen abgefeuert sind, fahren sie auf zwei Schuhe zurück, der Konstabler nimmt hierauf die Patrone, setzt sich reitend auf den Lauf der Kanone, kriecht durch die Öffnung, durch welche der Lauf der Kanone gehet, ladet sie so von außen und kriecht wieder rückwärts ins Schiff, worauf dann die Kanone durch zwei Taue, welche an der Lafette befestigt und durch am Bord befindliche Ringe gezogen sind, wieder vorgeschoben wird. Mit der Friedenspost hatte unser Kapitän auch andere Verhaltungsbefehle erhalten, vermöge welcher wir nach Indien segeln mußten. Wir fuhren daher in Begleitung eines andern Kriegsschiffes dahin, wo wir nicht ohne Gefahr Malakka als unsern Bestimmungsort erreichten. Diese von Holländern, Mohren, Muhametanern, Portugiesen und andern Nationen bewohnte Stadt liegt auf der südlichen Spitze der großen Halbinsel, jenseit des Ganges, in einer so niedrigen Lage, daß man glauben sollte, sie müsse schon lange vom Meere verschlungen sein. Nicht länger als sechs Wochen hatten wir da zugebracht, als wir in Gesellschaft einiger Kauffahrer, denen unser Schiff zur Begleitung diente, die Rückreise nach Europa wieder antraten. Unterwegs nahmen wir bei den Antillen das letzte frische Wasser ein, welches aber, noch ehe wir den Tagus erreichten, so stinkend wurde, daß man es nur mit Ekel genießen konnte. Ich weiß nicht, ob unser Kapitän mit dem Kriegsschiffe nicht in den Hafen von Lissabon einlaufen wollte oder nicht durfte, denn er ankerte neben einigen Kauffahrern, die nicht nach gedachter Stadt fuhren, bei dem nur eine Meile von Lissabon liegenden Flecken Belem, wo wir uns mit frischem Wasser und recht weißem Zwieback versahen, sodann wieder unter Segel gingen und unsern Weg gerade nach Holland nahmen, wo wir nach einer neunzehnmonatlichen Reise wohlbehalten ankamen. Im Anfange zweifelten viele von meinen Bekannten, daß ich eine lang anhaltende Seereise würde ausdauern können; teils, weil ich nie einen Tropfen Brandewein in meinen Mund gebracht hatte, und noch bis jetzt nicht; teils, weil es mir durchaus unmöglich ist, Tabak zu rauchen, und noch weniger, welchen im Mund zu nehmen; allein ich legte die Reise so glücklich zurück, ohne daß ich von dem mitgenommenen Tabak und Brandewein einen andern Gebrauch gemacht hatte, als selbigen auf der See, und vorzüglich den letzten Artikel, teuer verkauft zu haben. Sobald ich mein gutgemachtes Geld, welches nach Abzug des Vorschusses in 246 Gulden bestand, erhalten, auch einige Dukaten für Tabak und Brandewein gelöst hatte, so nahm ich mir nun vor, etwas anzuwenden, die vornehmsten holländischen Städte zu besehen. Ohngeachtet schon soviel davon geschrieben ist, so möchte ich doch auch gern etwas weniges von dem auskramen, so ich gesehen habe; denn es hat mir doch manchen Reiter gekostet. Also etwas von der Hauptstadt. Zwölftes Kapitel Eine kleine Exkursion Amsterdam, welches vor 500 Jahren noch ein elendes Fischerdorf war, ist ohne Zweifel jetzt eine der größten, reichsten und schönsten Städte in Europa. Das dasige Stadthaus ist ein mit einem überaus schönen Glockenspiel versehenes, von lauter Quadersteinen aufgeführtes prächtiges Gebäude, worinne der Schatz der Republik aufbewahrt wird, nur scheinen die Eingänge (einen einzigen ausgenommen) für ein so kostbares Gebäude zu klein zu sein. Die auf 3000 Pfählen ruhende Börse ist nicht wenig prächtig, und die Galerien derselben werden von 46 schönen Säulen unterstützt. Auch an schönen Kirchen hat Amsterdam keinen Mangel. In der Hauptkirche befindet sich das Grabmal des berühmten Admirals Ruyters, wie auch eine hölzerne Kanzel, deren gotisches Schnitzwerk 30 000 Reichstaler gekostet haben soll. Die andern Religionsverwandten, so sich nicht zur herrschenden, nämlich zur reformierten Kirche bekennen, genießen hier, wie in ganz Holland, eine lobenswürdige uneingeschränkte Gewissensfreiheit; man findet daher Kirchen für Lutheraner, Quaker, Katholiken, Wiedertäufer, Reformierte, Armenianer sowie auch Synagogen für deutsche und portugiesische Juden. Der Hafen zu Amsterdam ist eben nicht der bequemste, denn es können weder Kriegsschiffe noch andere große Fahrzeuge mit voller Ladung aus- und einlaufen, sondern die einlaufenden müssen sich erst durch Ausladung ihrer Fracht erleichtern, und den auslaufenden wird die Ladung durch kleine Schiffe nachgesandt, und gleichwohl wird kein Hafen mehr besucht als der hiesige. Diese Stadt, so wie die ganze Provinz, kann vermittelst der zu Muyden angelegten großen Schleusen unter Wasser gesetzt werden, welches unter andern die Franzosen im Jahr 1672 sehr empfunden haben. Doch waren die letzten Überschwemmungen nicht vermögend, den Progressen der Preußen Einhalt zu tun. Diese niedrige Lage setzt aber auch das Land, in Ansehung der Überschwemmungen, die durch die Berstung der dem Meer entgegengesetzten Dämme verursacht werden, manchmal in das größte Unglück; denn wenn auch gleich die Dämme mit aller möglichen Sorgfalt in Bau und Besserung erhalten werden, so geschieht es doch, daß sie die wütenden Wellen zuweilen durchbrechen, wo es dann gewöhnlich unbeschreiblichen Schaden verursacht, wie es im Jahr 1420 geschah, da fünfzehn Dortrechter Kirchspiele überschwemmt wurden, wobei über 100 000 Menschen das Leben verloren. Gleichfalls riß die Flut im Jahr 1574 von dem ohnweit dem Haag liegenden Dorfe Schövelingen 121 Häuser weg, so daß jetzt die dasige Kirche am Ufer steht, die vor der Überschwemmung mitten im Dorfe lag. Die Wasser, die sich durch Regen und dem Lande eigentümliche Feuchtigkeit anhäufen, werden durch hin und wieder angebrachte Wassermühlen gehoben und in die Kanäle geleitet. Von Amsterdam fuhr ich auf einer Dreckschuyd nach Haarlem. Dieses ist eine schöne, am Haarlemer Meer liegende Stadt und genießt ein Vergnügen, welches wenige Städte in Holland kennen, nämlich die Lustwandlungen in das nahe an der Stadt liegende hochstämmige Wäldchen, welches mit lauter regelmäßigen Gängen durchschnitten ist. Noch besitzt sie einen andern Vorzug in Ansehung des Wassers; denn der Fluß Sparen versieht die Stadt mit gutem Wasser und erhält das der Kanäle in Bewegung. Hier wird in einem silbernen Kästchen, zu welchem der Rat die Schlüssel hat, das erste Buch gezeigt, so bei Erfindung der Buchdruckerkunst gedruckt worden und Spiegel der menschlichen Erlösung betitelt ist. Auch war Laurentius Coster , als der Erfinder gedachter Kunst, selbst aus Haarlem gebürtig; doch ist auch bekannt genug, daß viele dem Gutenberg , von Straßburg, und andre dem Faust , von Mainz, diese Ehre zuschreiben, ja man will sogar sagen, daß die Kunst, Bücher zu drucken, schon viele hundert Jahre zuvor in China bekannt gewesen sein soll. Von hier ging ich nach Leyden, welches eine große, anmutige Stadt ist; denn da das Gewühle von Menschen nicht so groß als zu Amsterdam ist, so herrscht daselbst eine angenehme Stille. Weil das Land hier herum tiefer als das andere der Provinz liegt und man dieserwegen dem Meere keine Öffnung geben will, so ist diese Stadt ohne Hafen; sie soll aber die älteste in ganz Holland sein, welches man daraus schließen will, weil die dasige Peterskirche die größte in allen sieben vereinigten Provinzen ist. Unter andern Merkwürdigkeiten sieht man hier eine Abbildung von einem Bauer, namens Andreas Grunhein ; dieser hatte ein Messer verschluckt, man öffnete ihm den Magen, nahm es heraus, und er lebte nachgehends noch acht Jahre. Auch der Werktisch des schon erwähnten Schneidermeisters Johann Buckhold , der sich in den münsterischen Unruhen zum König krönen ließ, wird hier als eine Seltenheit gezeigt. Auf der Leydner zahlreichen Universität müssen allezeit drei malabarische junge Leute studieren, die die Universität nicht eher verlassen dürfen, bis ihre Stellen durch ebensoviel andre aus ihrem Vaterlande ersetzt sind. Auch die hiesigen Einwohner feiern, so wie die Stralsunder, ein Fest wegen Befreiung einer im Jahr 1574 von den Spaniern erlittenen harten Belagerung, doch solches geschieht nur alle sieben Jahre. Nach einem achttägigen Aufenthalte ging ich nach dem Haag. Dieses ist bekanntermaßen nur ein Dorf, aber vielleicht das prächtigste in der ganzen Welt; nicht leicht wird man an einem andern Orte in Holland mehr Abwechselung als eben hier finden, denn es hat nicht weit davon Gehölze und Feldbau, und in einer halben Stunde von hier hat man die See. Nicht weit vom Haag liegt das Dorf Losdun, wo man die zwei Becken sieht, in welchen im Jahr 1276 die 365 Kinder der Gräfin von Henneberg vom Erzbischof von Trier sollen getauft worden sein, welcher die Knaben alle Johann und die Mädchen Elisabeth nannte. Von hier ging ich nach Delft, wo das schönste Glockenspiel und das Zeughaus der ganzen Provinz Holland ist. In der dasigen Hauptkirche befindet sich das Grabmal des zu Delft von Meuchelmördern getöteten Prinzen Wilhelm von Oranien sowie auch diejenigen der Admiräle Heyn und Tromp. Von Delft reiste ich nach Rotterdam, wo ich unter andern Merkwürdigkeiten die auf dem Platze der großen Brücke stehende Statue des Erasmus nebst dem kleinen Hause sah, worin dieser berühmte Mann gewohnt hat. Von hier wollte ich nach Sardam, wo Peter der Große den Schiffbau erlernte, gehen, weil ich aber schon mehr Geld verzehrt hatte, als zu dieser Reise bestimmt war, so ging ich über Bommel, Tiel nach Nimwegen, passierte bei Vossegat den Rhein und wollte zu meinem Bruder nach Bevern gehen, welches jedoch folgender, mir ohnweit Paderborn widerfahrende Vorfall verhinderte. Etwa zwei Stunden von gedachter Stadt hatte ich den rechten Weg verfehlt; und da ich sehr ermüdet war, so setzte ich mich unter einen am Wasser stehenden Baum, um zu erwarten, bis ich einen Vorübergehenden um den rechten Weg fragen könnte. Da es sehr warm war und ich niemanden kommen sah, so zog ich Rock und Weste aus und legte mich mit dem Kopfe darauf, um ein wenig zu schlummern; allein aus dem Schlummer wurde ein tiefer Schlaf, in welchem mir Rock, Weste, Stock, Hut und alles entwendet worden war. Zu meinem Glücke hatte ich mein Geld in den Beinkleidern, sonst wäre ich in der größten Verlegenheit gewesen. Nun mußte ich in diesem Aufzuge bis nach Paderborn gehen. Hier meldete ich solches der Polizei, welche Nachfrage zu tun versprach, doch ich bekam nichts wieder und mußte mich ganz neu kleiden. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich nach diesem Vorfalle einen unwiderstehlichen Trieb, nach England zu reisen, spürte, da ich doch zu meinem Bruder hatte gehen wollen; genug, ich machte mich auf den Weg, und da ich nicht die nämliche Straße, die ich gekommen war, gehen wollte, so nahm ich solche über Köln nach Rotterdam, um mich daselbst nach England einzuschiffen. Es war gegen Abend, als ich in letzterer Stadt ankam, und weil ich schon ziemlich in Holland bekannt war, so glaubte ich gar keiner Gefahr ausgesetzt zu sein. Ich frug einen Mann, ob er keine Schlafstelle wisse, wo ich wöchentlich für fünf Gulden leben könnte, weil ich gesonnen wäre, mich hier einige Wochen aufzuhalten. Dieser Mann oder vielmehr Schurke war sehr bereitwillig, mich einzubringen, und führte mich in die Wittekerkstraat in ein ziemlich großes Haus. Noch ehe ich hineinging, frug ich ihn noch einmal, ob ich da wohl für benanntes Geld würde leben können, weil es mir zu groß vorkomme. Er sagte mir hierauf, ich sollte nur hineingehen, ich würde keinen bessern Mann in ganz Rotterdam finden. Als ich die Tür aufmachte, fand ich den Hauswirt noch im Buche lesend in einer seltsamen Attitüde, nämlich: er saß vor der Haustür auf einem Stuhle, hatte die Füße auf einen auf der andern Seite der Tür stehenden Tisch gelegt und hielt das Buch an das auf die Straße gehende Fenster, um, weil es schon dunkel war, noch lesen zu können. Nachdem ich die nämliche Frage an ihn getan hatte, ob ich für fünf Gulden bei ihm leben könnte, welches er bejahete, so hieß er mich in eine daran stoßende Stube gehen. Hier fand ich einige Leute an verschiedenen Tischen sitzen, welche alle miteinander verstummt zu sein schienen, weil mir beinahe niemand auf meinen »guten Abend« antwortete. Schon fing ich an, dieses Stillschweigen für kein gutes Omen zu halten, als mich einer von den Anwesenden mit diesen Worten anredete: »Mein Herr, Sie wissen wahrscheinlich nicht, wo Sie sind?« Allein er hatte kaum diese Worte geendiget, als ich den Augenblick wußte, daß ich in dem Hause eines Seelenverkäufers war; und ich kann das, was ich in dem Augenblicke empfand, nicht besser ausdrücken, als wenn ich sage, daß mir nicht anders war, als ob man mir ein in heißes Wasser eingetauchtes Tuch auf die Brust legte. Es war drei Tage vor Pfingsten, als ich in diese saubere Schlafstelle kam; doch fand ich den Satz an mir selbst wahr, daß die Zeit jede, auch die traurigste Lage des Menschen in etwas zu mildern pfleget; und ich fing nach einigen Tagen an, etwas ruhiger zu werden, und das um soviel mehr, weil ich mich durch das noch bei mir habende, in hundert Gulden holländisch bestehende Geld allenfalls loskaufen konnte. Ich war so glücklich, unter dieser unglücklichen Gesellschaft einen jungen Mann zu treffen (der ein gelernter Maler aus Erlangen war), an den ich mich, vermöge unsrer Denkungsart, anschließen konnte. Mit diesem errichtete ich sogleich eine unveränderliche Freundschaft und eröffnete ihm, daß ich hundert Gulden bei mir hätte, die ich zu unsrer beiden Befreiung anzuwenden wünschte. Dieser junge Mann schlug es großmütig aus, das geringste seinetwegen dran zu wagen, weil er sich für neunzig Gulden habe unterschreiben müssen, sich schon über sein Schicksal beruhigt habe und glaubte, daß wenn er die Reise glücklich zurücklegen werde, mit seiner Kunst in Indien viel Geld zu verdienen. Er gab mir auch den Rat, mir gar nichts merken zu lassen, daß ich Geld hätte, und es erst abwarten, ob ich für Ost- oder Westindien oder für ein Orlogs-Schiff bestimmt werden würde, wo ich mich im erstem Fall loskaufen möchte. Unsere Gesellschaft bestand außer mir und dem gedachten Maler noch in fünf Personen, nämlich einem Schulmeister, einem Wagner und einem Handelsmanne aus Nürnberg; was die zwei andern waren, weiß ich nicht, doch bekamen wir einige Tage nach Pfingsten noch ein Mitglied. Dieses schien ganz gelassen zu sein, ich frug ihn, wo er her sei. »Aus Thüringen«, war die Antwort; »aus welcher Stadt?« »Aus Gotha«, antwortete er. »Aus Gotha!« sagte ich, »nun so sind wir wahre Landsleute, denn ich bin aus der nämlichen Stadt gebürtig«, und frug ihn weiter, wie er heiße. »Steube«, sagte er, »ist mein Name.« Nun kann man sich denken, daß wir beide wie versteinert waren; ich, weil es mir sehr auffiel, in einer so kleinen Anzahl von Menschen einen aus meinem Geburtsorte und Namensvetter anzutreffen, und der Maler glaubte nicht anders, daß es mein Bruder wäre; ich erkannte aber nachher, daß es der Sohn des auf dem Hohensande wohnenden Bürgers Steube war, und ich vermute, daß er mit nach Ostindien geschickt worden ist. – Was unsere Lebensart anbetrifft, die wir in diesem Hause führten, so war sie, wie man leicht denken kann, nicht die beste. Des Abends um halb neun Uhr gingen wir, oder mußten vielmehr, zu Bette, worauf die Türe so verschlossen wurde, daß sie wohl schwerlich ohne die größte Gewalt aufgemacht werden konnte, und gleichwohl war sie von außen noch durch eine eiserne Querstange befestigt; auch die Fenster, die auf einen mit hohen Mauern umgebenen Hof gingen, wurden gleichfalls mit Fensterladen und eisernen Stangen verwahrt, und wir mußten so lange darinne bleiben, bis des Morgens acht Uhr, wo wir gewöhnlich zum Frühstück gerufen wurden. Dieses bestand in Kaffee und Butter und Brot, welches mehr als hinreichend war, den Hunger zu stillen. Des Mittags und des Abends bekamen wir wieder unser gutes Essen, und weil dieser Volkhalter gern in Büchern las, so bekam ich auch zuweilen eins zu lesen. Überhaupt war dieser gewiß einer der besten seines Gelichters, und wenn ihn der Mann, so mich in dieses Haus brachte, als Seelenverkäufer betrachtete, so war das Lob, so er ihm gab, nicht übertrieben, wenigstens machte er den Leuten, so er in seiner Gewalt hatte, durch das » crow up – crow of! « das Leben nicht noch schwerer, wenn er gleich, als Mensch genommen, unter den Auswurf gehörte. Als ich etwa drei Wochen in diesem Hause zugebracht hatte, kam der Volkhalter einmal in unsere Stube und sagte zu mir und dem Nürnberger, der Michael Strobel hieß und mit spanischen Röhren gehandelt hatte, wir würden in ein paar Tagen auf ein Kriegsschiff kommen, und nahm uns mit in seine Stube, wo wir uns jeder für neunzig Gulden holländisch unterschreiben mußten. Die meisten dieser Unholden haben in ihren gutverwahrten Höfen Gerippe von Schiffen, welche sie mit alten Segeln und Tauen versehen, mit welchen diese Unglücklichen, so ihnen in die Hände fallen, den ganzen Tag See-Evolutionen auf trocknem Lande machen und sich statt des Soldes mit Schlägen begnügen müssen. Bei meiner damaligen Lage war es ein Glück für mich, auf ein Orlogs-Schiff zu kommen, und ich wünschte, daß der Maler gleiches Schicksal haben möchte; allein er war schon für Ostindien bestimmt. Einige Tage darauf kamen unsere Kisten an, die wir mit in See nehmen sollten; weil nun doch vielleicht jemand wissen möchte, was eine solche enthalte, so will ich hier das genaue Verzeichnis aller Habseligkeiten mitteilen. Eine Hangematte. Eine schwarze runde Filzmütze. Eine braune Tuchjacke. Zwei Futterhemden von blau- und weißstreifichtem baumwollenem Zeuge. Vier Hemden von blaugewürfelter Leinwand. Zwei Paar neue Schuh. Zwei Paar neue Strümpfe. Ein halbseiden Halstuch. Ein halb Dutzend Schnupftücher. Zwei Paar weite Beinkleider, von baumwollenem Zeuge. Eine sechs Kannen haltende Flasche mit Brandewein. Zwölf Pfund Tabak. Ein ganzer holländischer Käse. war das Beilädchen halb mit Sägespänen angefüllt, in welchen etwa ein paar Dutzend halblange Tabakspfeifen eingepackt waren. Ferner lagen Scheren, Messer, Kämme, eine mit Näh- und Stecknadeln angefüllte Nadelbüchse nebst einigen Knauelnweiß und blauen Zwirn darinne. Für alles dieses, so etwa dreißig Gulden an Wert haben mochte, mußte ich mich für neunzig Gulden unterschreiben, welches so zu verstehen ist, daß der Volkshalter bei dem Rückgange des Schiffes die Summe, für welche ich unterzeichnet hatte, erst weggenommen haben würde, das übrige wäre mir nachgehends ausgezahlt worden. Einige Tage darauf kam der mehrgedachte Seelenverkäufer in unsere Stube und sagte uns, daß das Fahrzeug, so uns nach Helvoetsluis, wo die Kriegsschiffe vor Anker lägen, bringen sollte, in einigen Stunden abfahren würde. Ich nahm also von meinem Landsmanne und dem Erlanger Maler Abschied, welchen letztern ich kaum überreden konnte, einige Gulden von meinem Gelde anzunehmen, und begab mich auf das Fahrzeug, welches uns nach Helvoetsluis und von da nach dem Kriegsschiffe brachte. Als wir da ankamen, wollte uns der Befehlshaber nicht annehmen, weil, wie er sagte, seine Mannschaft schon vollzählig sei, und wollte uns entweder dem Seelenverkäufer wieder zuschicken oder ihm sagen lassen, daß wir mit auf den Tod fahren müßten. »Wie? auf den Tod fahren! wie ist das zu verstehen?« frug ich den Schiffskapitän. Er war ein ernsthafter Mann, demohngeachtet konnte er sich des Lachens nicht erwehren und war so gefällig, mir die Sache zu erklären. Nämlich wenn ein Schiff schon mit hinlänglicher Equipage versehen ist und gleichwohl noch jemand mitfahren will, welches oft der Fall sein soll, so bekommt ein solcher nichts als die Kost und muß so lange warten, bis jemand von der Mannschaft stirbt, ehe er in Sold kommen kann. Weder das eine noch das andere wollte mir gefallen, deswegen entschloß ich mich, bei meiner Zurückkehr nach Rotterdam die Freiheit zu erkaufen; denn nach Ostindien hatte ich durchaus keine Lust, aber die Reise auf einem Kriegsschiffe hätte ich mitgemacht; denn gesetzt, sie hätte zwanzig Monate gedauert, welches die gewöhnliche Zeit ist, so war der Seelenverkäufer in neun Monaten bezahlt, und mit dem bei mir habenden Gelde hätte ich ebensoviel und noch mehr verdienen können. Weil ich noch einige Tage warten mußte, so vertrieb ich mir die Zeit damit, daß ich auf dem Verdecke spazierenging, welches ich oft bis spät in die Nacht fortsetzte; denn weil wir nicht angenommen waren, so bekümmerte sich niemand um uns. Bei diesem Spaziergehen mußte ich natürlicherweise auf allerhand Gedanken geraten. Unter andern fiel mir auch ein, ob mich der Seelenverkäufer auch freigeben werde und ob er nicht mehr begehren könnte, als ich zu geben imstande war. Ich dachte daher nach, auf welche Art ich seinen Klauen entgehen und das jenseitige Ufer erreichen könnte. Nach der Entfernung der am Strande stehenden Windmühlen zu urteilen, konnte unser Schiff nicht viel über dreiviertel Stunden vom Lande liegen, und es ärgerte mich, daß ich das Schwimmen nicht hatte lernen können, ohngeachtet ich es vielmal probiert hatte. Ich fiel auf den Gedanken, ob ich nicht etwa bei Nacht unvermerkt mit dem Boote hinüberfahren könnte. Unter diesen und ähnlichen Gedanken durchwachte ich beinahe die ganze Nacht und nahm mir vor, des andern Tages alles recht genau zu überlegen. Hätte ich den Maler bei mir gehabt, so würde ich ihn zu Rate gezogen haben, keinem andern wollte ich mich aber anvertrauen und sann für mich alleine nach, wie ich das Ufer am sichersten erreichen möchte. Es ist bekannt, daß jedes Kriegsschiff einige Boote hat, welche, solange man am Lande liegt, in See sind, bei dem Absegeln werden sie aber ins Schiff gewunden und zwischen dem großen und kleinen Mast eins in das andere gesetzt. Ich beobachtete also des andern Tages den Wind, und da ich nichts anders hatte, so steckte ich die Tasche voll Tabaksbriefe, warf einen nach dem andern ins Wasser; weil sie mir aber so bald aus den Augen kamen, so nahm ich den Deckel von meiner Kiste, wusch ihn im Wasser ab, ließ ihn mit Fleiß hineinfallen und schloß aus der Richtung, die er nahm, daß mich der Wind unter Helvoetsluis ans Land treiben müßte; faßte also den Entschluß, künftige Nacht auf dem Boote hinüberzufahren. Den Nürnberger bat ich, meine Sachen einstweilen in seine Kiste zu tun, welches ich darum tat, um ihn in den Besitz meiner Reichtümer zu setzen. Abends nach Tische zog ich mich an, versah mich mit einem schneidenden Messer, ging nach meiner Gewohnheit auf dem Verdecke spazieren und machte mir über den Erfolg meines Unternehmens allerhand Gedanken. Das, was ich am meisten zu fürchten hatte, war, daß sich der Wind entweder drehen oder stärker werden möchte; denn im ersten Falle konnte er mich in die See und im zweiten zwischen die Schiffe im Hafen oder in die Werke der Stadt treiben. Doch ging ich hinunter ins Boot, schnitte das Tau, mit welchem es an das Schiff befestiget war, ab; und nun hätte mich bald etwas verraten, woran ich gar nicht gedacht hatte. Nämlich das Tau war durch den Wind sehr straff angezogen, und ehe ich es noch ganz abgeschnitten hatte, riß es mit einem ziemlichen Geräusche entzwei. Hier dachte ich würklich, man möchte es auf dem Schiffe gehört haben; allein meine Furcht war ungegründet, denn niemand ließ sich hören, und in dem Augenblicke entfernte ich mich auch mit meinem Boote. Als ich eine Viertelstunde gefahren war, bemerkte ich, daß mich der Wind weit unter der Stadt ans Land treiben müsse. Ich setzte mich also ganz gelassen nieder und verzehrte zum Zeitvertreib einen bei mir habenden harten Zwieback. Als ich mich dem Ufer näherte, trat ich auf die Spitze des Bootes, und sobald ich bemerkte, daß das Wasser nicht tief mehr sein konnte (welches ich aus dem Anstoße des Bootes schloß), so tat ich einen Sprung hinein und fand es nicht vier Schuh tief; hätte ich aber länger gewartet, so hätte sich das Boot drehen können, welches mir das Aussteigen sehr erschweret haben würde; wie ich denn auch würklich bemerkte, daß es sich längs dem Ufer im Kreise herumdrehete. Nun nahm ich meinen Weg nach Schidem, wo ich meine Kleider bei einem Juden umtauschte, und reiste von da gerade wieder nach Rotterdam, um mich daselbst nach England einzuschiffen. Ich fand ein Schiff, das bereit war, unter Segel zu gehen; allein als ich den Schiffer frug, wo er hinfahre, so antwortete er mir: »Nach Livorno.« Nach London oder nach Rom, dachte ich, du hast an einem Orte soviel zu suchen als am andern. Ich frug ihn, ob er mich mitnehmen wollte und was ich bezahlen sollte. Er forderte achtzehn Dukaten; weil mir dieses zuviel war, so sagte ich ihm, daß ich schon mehr Seereisen mitgemacht hätte, und erbot mich, daß wenn er sich billig finden lassen werde, ihm in allem an die Hand zu gehen, weil ich nicht gewohnt wäre, müßig zu sein. Mein Anerbieten gefiel ihm, und er begnügte sich mit zehn Dukaten, welche er in Livorno noch bis zu fünf herunterließ, so daß mir die ganze Reise nicht mehr als fünf Dukaten kostete, welches kaum die Kost bezahlte, so mir der Schiffer gab. Den 17. Juli gingen wir unter Segel und hatten eine überaus glückliche Fahrt, so daß wir den 29. August in Livorno glücklich ankamen. Die Zeit, als der Schiffer mit Ein- und Ausladen beschäftiget war, ließ er mich nicht von sich und beschenkte mich, als er seine Ladung hatte, welche mehrenteils in Seide, Manna und Pech bestand, noch mit so viel Lebensmitteln, daß ich acht Tage vollauf zu zehren hatte. Nun befand ich mich in einem Lande, dessen Sprache mir so unbekannt war, daß ich nicht einmal einen Trunk Wasser anders als durch Zeichen fordern konnte. Mein ganzes Geld bestand noch in vierzehn Dukaten, und ich konnte mir leicht die Rechnung machen, daß diese bald schmelzen würden, wenn ich nicht etwas zu verdienen suchte. Ich ging also zu einem Schuhmacher, wies auf meine Schuh, machte mit der Hand allerlei Zeichen, um ihm zu verstehen zu geben, daß ich Schuh machen könne; allein er verstand mich unrecht, glaubte, daß ich welche gemacht haben wollte, und brachte mir einige Paar, die er mir, soviel ich verstand, zum Anprobieren darbot. Ich schüttelte den Kopf und er den seinigen; als ich aber das Garn nahm, einen Schuhdraht davon machte und selben mit Borsten versah, da fing er an zu verstehen, daß ich arbeiten wollte. Er schüttelte von neuem den Kopf, schickte mich zu einem nicht weit von ihm wohnenden Meister, der, wie ich merkte, einen Gesellen brauchen könnte. Nachdem mich dieser durch einen Teller voll Salame und ein Glas guten Wein bewirtet hatte, so legte er mir ein Paar Schuh zu machen vor, die zu seiner Befriedigung ausgefallen sein mochten, welches er mir durch sein Kopfnicken zu verstehen gab und mir 1½ Paoli für mein Arbeitslohn hinlegte. Ich kann nicht sagen, wie gut mich dieser Mann, so Corradini hieß, hielte, und hätte ich mich entschließen können, Tag vor Tag zu arbeiten, so konnte ich mir keinen bessern Meister wünschen. Da es aber meine Absicht nicht alleine war, Schuhe zu machen, sondern auch die Sprache zu lernen und das Merkwürdigste mit in Augenschein zu nehmen, so arbeitete ich nur einige Tage in der Woche, damit ich nur so viel verdiente, als zu meinem Unterhalte erforderlich war, ohne die paar Dukaten, so ich noch hatte, anzugreifen. Gleich im Anfange machte ich mir ein Buch von weißem Papier; sobald ich nun etwas empfing, es mochte auch sein, was es wollte, so frug ich nach dem Namen, schrieb mir selbigen auf, und des Abends lernte ich die Worte auswendig; und in Zeit von vier Wochen konnte ich mich doch schon so ziemlich verständlich machen. Livorno, so vor 200 Jahren noch ein Dorf war, ist jetzt eine der schönsten Städte Italiens. Sie wurde erst gegen das Ende des 14. Jahrhunderts mit Mauern umgeben, im Jahr 1537 durch Alexander von Medicis befestigt und von Cosmus I. im Jahr 1543 zum Freihafen erklärt. Ferdinand I. baute die neue Zitadelle und bevölkerte die Stadt dadurch ansehnlich, daß er viele von den aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden aufnahm. Der Hafen ist groß und bequem und ist beständig mit Schiffen von allen Nationen angefüllt; auch liegen die großherzoglichen Galeeren, deren Sklaven besser als alle übrige italienische behandelt werden, darinnen. Der Leuchtturm liegt auf einem im Meere befindlichen Felsen, so wie auch der Mazzoeco, wo das Pulver aufbewahrt wird und die aus der Levante kommenden Schiffe Quarantäne halten müssen. In der Nähe des Hafens ist ein schöner Platz, worauf die Statue Ferdinands I. in mehr als Lebensgröße steht. Die Griechen haben eine artige Kirche daselbst und die Juden eine prächtige Synagoge. Als ich sechs Wochen in Livorno zugebracht hatte, nahm ich mir vor, nach Rom und, wenn es möglich wäre, auch nach Neapel zu gehen, und nahm meinen Weg nach Pisa. Der Weg von Livorno bis in diese Stadt geht beinahe durch lauter Buschwerk von Myrten, mit welchen die ganze Ebene übersäet ist. Die Stadt Pisa liegt in einer schönen Ebene, hat breite, gutgepflasterte Straßen und wird durch den schiffreichen Fluß Arno, der breiter als die Tiber bei Rom ist, in zwei Teile geteilt. Doch ist sie nicht sehr bevölkert, welches man an dem in den ersten Straßen wachsenden Grase abnehmen kann. In dieser Stadt befindet sich ein hoher, merkwürdiger Turn. Er ist 180 Schuh hoch und hanget ganz auf einer Seite. Viele wollen behaupten, daß er nicht hange und wegen einer optischen Täuschung nur zu hangen scheine, allein ich ließ einen an einem Bindfaden befestigten Stein hinunter, welcher beinahe vierzehn Schuh vom Grunde fiel. Er ist ganz rund, hat acht mit vielen Zierarten versehene Abteilungen, wovon die oberste etwas schmäler als die andern und anstatt des Daches mit einem Geländer versehen ist. Die Domkirche steht auf einem weiten, schönen Platze, und allhier ist das prächtige Grabmal Heinrichs VII., der von einem Diener Gottes durch eine vergiftete Hostie vergeben wurde. Nach einem kurzen Aufenthalte ging ich von hier nach Siena. Diese Stadt liegt auf einer ungleichen Anhöhe, welche das Gehen zuweilen beschwerlich macht. Die Domkirche könnte für ein Wunderwerk unter den italienischen Kirchen gelten, zwar nicht wegen der gotischen Pracht, sondern weil sie ganz ausgebaut ist, welches man nicht leicht an einer italienischen Domkirche sehen wird. Das merkwürdigste in Siena ist aber wohl die im Jahr 1367 abgehaltene Vermählungsfeier des Herrn Christi mit der heiligen Katharina. Die Hauptpersonen, so zugegen, waren die Mutter Gottes, der heilige Petrus, Johannes und Dominikus; der König David ließ sich mit einem Solo auf der Harfe hören, wozu er Dieses möchte dem Herrn B. von T– wohl unglaublich vorkommen. vom Himmel zu kommen beordert wurde. Zum Brautschatz bekam die Braut einen Ring, in welchen ein prächtiger Demant zwischen vier großen Perlen gefaßt war. Man kann in Siena nicht nur das Zimmer, worinne die Trauung geschehen, sondern auch das Fenster, wodurch der Bräutigam zu ihr gekommen ist, sehen und auch die ganze Geschichte in der zu Rom gedruckten besondern Legende der heiligen Katharina nachlesen. Nicht weit von hier trifft man einen ganzen Berg an, der aus nichts als Sand und Seemuscheln besteht; und so ist auch der ohnweit Rom befindliche Monte Mario beschaffen. Von Siena ging ich über Certino, wo sich das päpstliche Gebiet anfängt, und Balsora nach Montefiascone. Hier wird nicht leicht ein Fremder durchreisen, ohne das in der heiligen Flavians-Kirche befindliche Grabmal des est, est, est zu sehen; die Geschichte ist kürzlich folgende: Ein durch Italien reisender deutscher Edelmann, der ein großer Liebhaber von guten Weinen war, schickte seinen Bedienten allemal voraus, um den guten zu kosten und, wo er den besten fand, das Wort »est« an die Türe zu schreiben. Als dieser nach Montefiascone kam, schmeckte ihm der dasige Muskateller so gut, daß er das »est« dreimal an die Türe des Wirtshauses schrieb. Sein Herr, der ihn noch besser finden mochte, nahm so viel davon zu sich, daß er davon krank wurde und starb. Das Bildnis dieses Edelmannes ist mit einer Mütze auf dem Haupte vorgestellt; auf jeder Seite sind zwei Schilder nebst einigen Weingläsern und unten folgende Grabschrift angebracht: Est, est, est, propter nimium est dominus meus mortuus est. Io de Fue. Von Montefiascone ging ich über Viterbo, welches eine mittelmäßige Stadt ist, worinne man viele Türme ohne Kirchen findet, nach Rom. Dreizehntes Kapitel Der Pfahl im Fleische Sobald ich in dieser Stadt ankam, wählte ich meine in Livorno geführte Lebensart, ging zu einem im Quartier del Borgo wohnenden Schuhmacher namens Maggi in Arbeit. Weil ich mich schon ziemlich verständlich machen konnte, so kam ich mit ihm überein, wöchentlich drei Tage bei ihm zu arbeiten. Dieses hatte für mich den doppelten Nutzen, daß ich die Sprache lernen, alles mit ansehen und meine paar Taler Geld sparen konnte; denn weil ich mich meistens mit Brot und Früchten begnügte, so verdiente ich in zwei bis drei Tagen so viel, um die andern mit übertragen zu können. Das erste, wonach ich in Rom frug, war die Peterskirche. Schon die prächtige, aus 284 Säulen bestehende Kolonnade, welche den heiligen Petersplatz auf beiden Seiten umfaßt und ihm ein vortreffliches Ansehen gibt, setzte mich in Erstaunen. Der Hauptaltar in dieser Kirche wird von vier mit Bienen übersäeten und mit Festons gezierten prächtigen Säulen unterstützt; auf jeder steht ein sechzehn bis zwanzig Schuh hoher Engel von vergoldetem Metall. In einer unter diesem Altare befindlichen und durch mehr als hundert silberne Lampen erleuchteten Kapelle liegt der halbe Petrus sowie auch die Hälfte des Apostels Paulus. Der Stuhl Petri wird von den vier Kirchenlehrern Augustino, Gregorio, Ambrosio und Hieronymo getragen, welche von vergoldetem Metall und von kolossalischer Größe sind. In der Kirche zu San Paul befinden sich die andern zwei Hälften der Apostel Petri und Pauli, nebst den zwei Statuen, in welche sich zwei Spanier verliebten und durch dieses Ärgernis verursachten, daß sie mit Tüchern behängt wurden, um niemanden mehr zur Liebe zu reizen. Unter den römischen Reliquien sind die vornehmsten das Christusbild zu San Silvester, welches von Christo selbst gemalt sein soll. Die Wiege, worin Christus gelegen, nebst ein wenig von dem darin gewesenen Stroh, zu Santa Maria Maggiore. Der Nabel Christi zu Santa Maria del Popolo. Dessen Vorhaut sowie auch die Rute Aarons nebst der Bundeslade zu San Giovanni al Laterano. Der Pfahl im Fleische des Apostels Pauli, der Schwanz von Bileams Esel, die Laterne, derer sich Judas bediente, als er Christum verriet, nebst dem Kreuze, woran der gute Schächer gekreuzigt wurde, zu La santa croce de Gerusaleme. Die aus 28 Stufen bestehende heilige Treppe ist durch das viele Auf- und Niederrutschen schon sehr abgenutzt. Auf den Seiten sind noch zwei kleine Treppen, so zu einer Kapelle führen, welche santa santissima genennet wird und von der bessern Hälfte des Menschengeschlechts nicht besucht werden darf. Unter mehr Säulen, so man in Rom sieht, sind die beiden des Kaisers Trajan und Antonini die schönsten; auf ersterer steht der heilige Petrus, von vergoldetem Metall, und auf der antoninischen der heilige Paulus. Der Pasquin ist eine an einer Ecke angelegte Statue; allein man kann nicht sehen, ob sie einen Kaiser, Papst oder Soldaten vorstellen soll; ich habe einige darum gefragt und erhielt zur Antwort, daß es ein schwatzhafter Schneider gewesen wäre. Die Statue des Marforius hat sich besser erhalten, doch ist sie auch an Händen und Füßen verstümmelt. Der Vatikan oder des Papstes gewöhnliche Residenz ist ein außerordentlich großes, aus vielen Stücken zusammengesetztes Gebäude, welches 12 000 Zimmer, Säle und Kabinette haben soll; aus diesen kann der Papst durch unterirdische Galerien in die Engelsburg kommen. Das Amphitheater ist ein erstaunlich großes, ovales, 581 Schuh langes, 481 breites und 160 Schuh hohes Gebäude, von dem sich die Seite gegen Norden noch ganz erhalten hat; allein der innere Platz ist mit heruntergefallenen Steinen ganz übersäet. Die ungeheuren großen Steine sind mit sehr dicken metallenen Nägeln befestiget, von denen die Goten so viel herausgeholt haben, als sie nur immer bekommen konnten. Ja sie hatten soviel Geduld, die Steine zu zerschlagen und entzweizusägen, um sie zu gewinnen. Ohngeachtet der prächtige Farnesische Palast, die ganze Kanzlei und der Markuspalast von den Steinen des Coliseums gebaut sind, so ist es doch noch groß genug, um sechs bis acht ähnliche Paläste daraus aufzuführen. Anjetzo ist ein Altar in der Mitte sowie auch einige längst den Mauern angebracht. Das, was mir in Rom besonders auffiel, war der berüchtigte Pater Garnet , Garnet und Oldecorn waren die Rädelsführer der im Jahr 1605 angezettelten Pulververschwörung in England. Ihr Plan ging auf nichts kleiners, als den König Jakob I. nebst dem ganzen Parlament in die Luft zu sprengen, welches auch beinah geschehen wäre. welcher auf einer Galerie im Jesuiterpalaste unter den Märtyrern dieser Gesellschaft Parade machte. Ihm zur Seite steht ein Engel, welcher ihm Mut einzuflößen scheint und ihm den offenen Himmel weiset; mich wunderte, daß sein Gehülfe, der Oldecorn , nicht gleiche Ehre erhalten hatte. Wunderlich! dachte ich bei dieser seltsamen Erscheinung, in England als der größeste und abscheulichste Bösewicht auf dem Rade und in Rom unter den Märtyrern. Nach einem Aufenthalte von achtzehn Monaten verließ ich Rom und wollte nach Neapel gehen, allein ich mußte gewisser Ursachen wegen mein Vorhaben aufgeben, und so nahm ich meinen Weg über Viterbo, Orvieto, Chiusi und Siena nach Florenz. Die Trajanssäule in Rom Vierzehntes Kapitel Ein Domenichino Florenz führt unter den italienischen Städten mit Recht den Beinamen die schöne. Ihre Lage ist vortrefflich; ringsherum ist sie mit fruchtbaren Hügeln umgeben, welche sich nach und nach zu Bergen erheben. Wenn man auf einem Turme steht, so geben die übereinander aufsteigenden Reihen von Häusern, deren 10 000 an der Zahl sind, und der durch die Stadt strömende Arno eine der schönsten Aussichten. Auf dem Platze des alten Palastes befinden sich eine große Menge Statuen, worunter David, die schöne entführte Sabinerin, Perseus, Herkules und Cosmus vorzüglich schön sind. Das einzige, warum ich nach Florenz ging und welches man in einem prächtigen achteckichten Saale des Palastes Pitti sieht, will ich nur anmerken. Dieses ist nämlich die weltberühmte Mediceische Venus; sie ist von weißem Marmor, etwas über fünf Fuß hoch, den Kopf hält sie ein wenig nach der linken Seite, die rechte Hand vor den Busen, und mit der linken bedeckt sie den schönsten Teil ihres Leibes, doch ohne ihn zu berühren, und setzt dabei das rechte Knie ein wenig vor. Hatte diese Statue für mich soviel Reizendes, was muß nicht ein Kenner dabei fühlen? Der Name des Künstlers, der dieses Wunderwerk gemacht hat, steht am Fußgestelle, wie folget: ΚΛΕΟΜΕΝΗΣ ΑΠΟΛΛΟΔΟΡΟΥ ΑΘΗΝΑΙΟΣ ΕΠΟΙΗΣΕΝ. Die Dreifaltigkeitsbrücke in Florenz Nicht weit davon steht noch eine andere, viel größere Venus. Weil ich diese nun im Anfang für die Mediceische genommen hatte, so mußte ich über meine Kenntnis in Kunstsachen herzlich lachen; ich sagte dem Cicerone, daß es mir wie dem kleinen Damon mit dem Zeisig und der Nachtigall gegangen wäre, allein er wußte nichts von Gellerten. In dem nämlichen Saale stehen noch sechs Statuen, zwei, die miteinander ringen, ein schlafender Cupido, ein Faun, ferner der Bauer, so seine Sichel wetzt und dabei die Catilinische Verschwörung mit anhört. Als ich mich einige Zeit hier aufgehalten hatte, hörte ich zufälligerweise von einem gewissen Bianchetti, daß ihn einige Frauen als Domenichino annehmen, aber weder seine Mutter noch seine Geliebte es zugeben wollten, weil sie ein Liebesverständnis besorgten, indem sich eine schöne junge Frau darunter befände, welche ihrem Manne, ohngeachtet er bis zur Raserei eifersüchtig sei, doch eine ganz zierliche Krone zu verschaffen wisse. Weil ich neugierig war, sie zu sehen, so zeigte er mir solche bei den Franziskanern in der Messe. Ich entschloß mich, auf einige Zeit den Domenichino bei ihr zu machen, allein Bianchetti sagte mir, daß es nicht wohl angehen würde, ohne die andern auch mit zu bedienen, weil sie schon miteinander übereingekommen wären. Hierauf erkundigte ich mich bei ihm, wer die gnädigen Frauen alle wären, und erfuhr, daß die eine eines Schneiders, die andere eines Kutschers, die dritte eines Glöckners und die vierte (die erwähnte Schöne) die Frau eines Sensale (Mäcklers) sei. Ich bat gedachten Bianchetti, mir zu der Ehre zu verhelfen, die drei übrigen um der vierten willen zu bedienen, welches er mir versprach und gegen Bezahlung einiger Pinte Modeneser Wein auch hielt. Gleich den ersten Sonnabend schickte mir die Schneiderin durch mehrerwähnten Bianchetti eine mir ziemlich passende Livree aus dem Hause Strozzi, an welcher ihr Mann nur die Aufschläge geändert hatte; und kommenden Sonntag hatte ich die Ehre, sämtliche Herrschaften eine nach der andern in die Messe zu begleiten. Damit meine Livree nicht so allgemein bekannt werden möchte, mußte ich die Schneiderin in das Servitenkloster, die Kutscherin in die Laurenzikirche, die Glöcknerin nach Sankt Mark zu den Dominikanern und letztere in die heilige Kreuzkirche zu den Franziskanern begleiten. Das war eine artige Motion, denn sobald ich die Gemahlin des Kutschers nach Sankt Laurenzi gebracht hatte, mußte ich über Hals und Kopf laufen, um die Frau Schneidermeisterin bei den Serviten abzuholen, und währenddem daß die Frau Sensalin ihre Messe anhörte, so holte ich des Glöckners teure Ehehälfte bei Sankt Mark ab. Weil mehrgedachte Signora des Sensale wirklich ein sehr schönes und liebes Geschöpfchen war, welches sich vielleicht eben deswegen etwas länger in der Kirche aufhielte, und ich allein ihrentwegen den Domenichino machte, so ging ich wieder in die Messe, stellte mich nicht weit von ihr und sahe sie zuweilen mit einer Miene an, die ihr zu verstehen geben konnte, daß ich sie auch außer der Kirche zu bedienen wünschte; sie mochte es gleich bemerkt haben, auch müßte sie nicht die Signora des alten Sensale gewesen sein, wenn sie es nicht hätte merken sollen; denn als wir nach Hause kamen, frug sie mich, warum ich unter der Messe mehr auf die Kanzel als auf den Messe lesenden Franziskaner gesehen habe. Nun ist es wahr, daß eben diese Kanzel bei den Franziskanern, welche aus weißem Marmor und mit der Lebensgeschichte des heiligen Franziskus, so in halberhabener Arbeit daran zu sehen ist, pranget, ein sehr kostbares Werk ist; allein meine Signora, welche während der Messe darunter stand, interessierte mich so sehr, daß ich kaum bemerkt hatte, ob der heilige Franziskus oder der König von Saba die Hauptperson daran vorstellte. Da sich aber ihr Gemahl in der Nähe befand, so sagte ich ihr, daß ich kein Auge von der so schönen Kanzel hätte verwenden können, bei welchen Worten ich einen verstohlnen Blick auf ihr verräterisches Halstuch warf, den der Alte von keinem Domenichino erwartete und also auch nicht bemerkte. Sie wußte ihren Argus durch ein kleines Geschäfte zu entfernen, und sobald ich dieses sahe, hatte ich die Kühnheit, meiner Gebieterin zu sagen, daß ich bloß ihrentwegen den Domenichino-Rock angezogen habe und daß ich ihn sogleich der Frau Schneidermeisterin wiederschicken würde, wenn ich nicht die Ehre haben sollte, ihr auch außer demselben meine Aufwartung zu machen. Ich wollte eben noch etwas sagen, als der Alte schon wieder erschien. Sie frug ihn, ob er nicht etwa eine Bottega wisse, wo jemand verlangt würde; ich käme seit wenig Wochen von Rom, wo ich Mackeronen und Nudeln gemacht habe, worauf er antwortete, daß ja ihr eigener Bottegajo jemanden brauchte. Ich war über das Mackeronen- und Nudelnmachen ganz verstummt, weil ich in meinem Leben nie welche hatte machen sehen und die Absicht, so sie dabei haben mochte, gar nicht erraten konnte. Demohngeachtet beteuerte ich ihm, daß ich sehr gut damit umzugehen wisse; denn ich dachte, die Sache würde sich schon von selbsten an die Hand geben, und der Mann könne doch nicht mehr tun, als mich wieder fortschicken, wenn ich mich etwa bei dem Nudelmachen zu dumm anstellen sollte. Genug, ich war von dem Nudelmacher, welches ein Genueser war und in ihrem eigenen Hause wohnte, angenommen und hatte es gut bei ihm, ohne daß ich nötig gehabt hätte, mich um sein Nudelmachen zu bekümmern. Nun hatte ich alle Tage Gelegenheit, meine Gebieterin zu sehen und zu sprechen, welches aber doch allemal in Abwesenheit des Sensale geschehen mußte. Einst war ich oben bei ihr auf dem Zimmer, als der Alte, den wir unter einigen Stunden nicht erwarteten, auf einmal hineintrat. Ich stand am Fenster, betrachtete den daran hängenden Thermometer und wollte eben eine Ursache des Besuchs hervorsuchen, als sie ihm mit ganz unbefangener Miene sagte, daß mich Herr Zignani, so hieß der Genueser, den Augenblick heraufgeschickt habe, um sich zu erkundigen, ob der Barbiererladen bei Ponte vecchio schon verkauft sei. Er antwortete hierauf, daß es nur seit einigen Tagen geschehen wäre. Es war gut, daß der Alte seine Brille nicht auf der Nase hatte, um meine Verlegenheit merken zu können. Ich war über den guten Ausgang meines Besuchs recht froh, nahm mir aber zugleich vor, das Domenichino-Handwerk niederzulegen; denn wie leicht hätte der Sensale eine halbe Stunde eher kommen können, wo er mich gewiß nicht beim Thermometer angetroffen und folglich auch die Erkundigung wegen des Barbiererladen bei Ponte vecchio nicht den nämlichen Erfolg gehabt haben würde. Ich mußte mit Grunde befürchten, daß das, was nicht geschehen war, noch geschehen könne, und sagte meiner Signora bei dem letzten Besuche, daß ich als ein Deutscher wichtige Gründe hätte, mein mit so vielen Kontreband verknüpftes Domenichino-Amt niederzulegen. Ich beurlaubte mich bei ihr aufs zärtlichste, sagte dem Nudelmacher, daß ich gesonnen wäre, meinen Stab weiter fort zu setzen, und ging über Mailand und Bizzighetone nach Cremona. Fünfzehntes Kapitel Die gefährliche Neugierde In dieser Stadt befindet sich der höchste Turm in ganz Italien, er wurde von Friedrich Barbarossa erbaut und hat nur bis zu den Glocken 498 Stufen. Einst befand sich Papst Johannes der Dreizehnte und Kaiser Sigismund darauf, um sich umzusehen; ein Cremoneser mit Namen Fonduglio, so ihnen die Gegend zeigte, soll vielmal bedauert haben, daß er sie nicht alle beide heruntergestürzt habe, weil es eine merkwürdige, nämlich eine herostratische Handlung gewesen sein würde. Was aber das so berühmte Schloß anbetrifft, wovon so sehr viel Wesens gemacht wird, so besteht es in nichts als halb eingefallenen Festungswerken, die nicht einmal viel zu bedeuten haben würden, wenn sie auch noch in ihrem ersten Zustande wären. Die halb eingefallenen Gebäude sind jetzt ein Sammelplatz von Eidechsen, Fledermäusen und Skorpionen, und ich kann mich nicht genug wundern über einen Reisenden, der sich einige Jahre in Italien aufgehalten und gleichwohl gesagt habe, daß er keinen Skorpion gesehen habe. Mir kommt dieses vor, als wenn einer sagen wollte, er habe in Schweden kein Eis und in Holland kein Wasser gesehen. Ich selbst habe deren oftmals und vorzüglich in dem jetzt benannten Schlosse gefangen. Wenn man einen lebendigen Skorpion auf einen Tisch und einen Kreis mit glühenden Kohlen um ihn herum legt, so wird er einigemal suchen aus dem Kreise zu kommen, findet er es aber nicht möglich, so wendet er seinen Stachel um, sticht sich in den Hals und stirbt. Die hiesige Domkirche wird wegen ihres prächtigen Portals sehr geschätzet. Einige Schuh von ihr befindet sich die Teufelskapelle; ich habe aber nie erfahren können, wovon sie diesen Namen bekommen hat. Das merkwürdigste hier ist der sogenannte Spion von Cremona, dieser steht nebst noch einer kleinen Statue, die man für seinen Sohn hält, auf einem am Markte befindlichen Gange und wird zu gewissen Zeiten mit großer Zeremonie in weiß- und rotstreifigem Zeuge gekleidet. Die größte Hochachtung hat man in Cremona für die Brüste der heiligen Agatha, welche an hohen Festtagen in einem Glaskasten in der Kirche gleiches Namens ausgesetzt werden. Ob man gleich sagt, daß ein vornehmer Prälat sein Gesichte verlor, weil er dieses Heiligtum betrachten wollte, so habe ich doch mehrmals, um meine Neugierde zu befriedigen, allen Fleiß angewendet, um etwas durch das Glas zu sehen, ohne Schaden an meinem Gesichte zu leiden, aber auch ohne etwas anderes gesehen zu haben, als daß man durch das, vermittelst eines Anstrichs, vollkommen undurchsichtig gemachte Glas nichts sehen kann. In dieser Kirche hätte ich durch folgenden Zufall der heiligen Inquisition in die Hände fallen können. Als einst das Fest der Kirchenpatronin gefeiert wurde, stand dieselbe in Lebensgröße über dem Altare erhaben. Ein mit Juwelen besetzter goldener Stoff bekleidete die Heilige vom Kopf bis zum Fuß, ein kostbares Diadem schmückte ihr Haupt, und ein Paar seidene, mit brillantenen Rosen versehene Schuh zierten die runden Füße, von denen sie den rechten ein wenig hervorgestellt hatte. Unter diesen Umständen frug mich ein bei mir stehender Mann, wie mir die Heilige vorkomme. »Wie die Kopie einer schönen Dame, ihrer Stellung wegen aber wie eine Seiltänzerin«, antwortete ich ihm. Nun weiß ich nicht, ob es dieser Mann, den ich doch sonst gut kannte, oder, wie man sagen wollte, ein hinter mir stehender, so es gehört haben wollte, angezeigt hat; genug, ich wurde sogleich arretiert, um wegen dieser Gotteslästerung Red und Antwort zu geben; und hätte ich nicht schon bei dem Militär gestanden, so würde ich in die heilige Inquisition haben wandern müssen. So aber gab mir jemand den Rat, zu sagen, ich habe als ein Deutscher nicht gewußt, was eine »Ballarina di corda« sagen wolle; diesen Wink benutzte ich und kam so mit einem blauen Auge davon, nahm mir aber vor, bei dem Urteile anderer Heiligen und Heiliginnen behutsamer zu sein. Sechzehntes Kapitel Ein trauriger Auftritt Hier in Cremona war es, wo ich unter das kaiserliche Militär trat, bei dem Riedschen Regimente als Fourier angestellt wurde und zwei Jahre sehr angenehm durchlebte, denn ich war so glücklich, an dem Wundarzt Herrn Schley und dessen liebenswürdiger Gattin wahrhafte Freunde zu finden. Sie waren beide aus Deutschland, er der Sohn des ersten Arztes des Landgrafen von Hessen-Hanau und sie eine vornehme Kaufmannstochter aus Hanau. Um unsere Freundschaft recht dauerhaft zu machen, hatte ich die Ehre, bei ihrem ersten Kinde Patenstelle zu vertreten; und wünschte noch einmal nach Italien zu kommen, so wäre es gewiß, um diesen Freunden noch einmal zu sagen, daß ich ihre Freundschaft mit ins Grab nehmen werde. Allein nach Verlauf einiger Zeit hatte ich das Unglück, in eine schwere Krankheit zu verfallen, welche beinah zwei ganze Jahre dauerte. Eines Abends hatte ich etwas mit Ekel gegessen, worauf mir so übel wurde, daß ich mich noch dieselbe Nacht ins Spital tragen lassen mußte; doch erholte ich mich bald wieder und hatte mich schon als Rekonvaleszent gemeldet, als ich plötzlich einen Gichtkrampf am linken Fuß bekam, welcher mir entsetzlichen Schmerz verursachte und ihn so zusammenzog, daß die Ferse kaum einen halben Schuh vom Leibe entfernt war. Hierzu kam noch ein schmerzhafter Geschwulst, der sich am linken Knie ansetzte, nebst einem hitzigen Fieber, so daß ich geraume Zeit nichts von mir wußte, als wenn mich der große Schmerz am Knie an mein trauriges Dasein erinnerte. Achtzehn Monate hatte ich in diesen betrübten Umständen zugebracht und mehrmal gehört, daß sie mir den Fuß abnehmen wollten, als der Regimentsfeldscher einst vor mein Bette kam und sagte, daß er kein ander Mittel wisse, um mich von dem unbeschreiblichen Schmerz zu befreien, als den Fuß gar abzunehmen, und beratschlagte sich mit dem Bataillonfeldscher, der gewöhnlich alle Operationen verrichtete, ob es ober oder unter dem Knie geschehen sollte. Man kann leicht denken, wie mir zumute war und daß ich mich widersetzte; allein was würde es geholfen haben, wenn sie auf ihrer Meinung bestanden hätten, denn ein Schlaftrunk würde mich außerstand gesetzt haben, es zu verhindern. Zufälligerweise kam der berühmte Doktor und erste Arzt der kaiserlichen Spitäler in der Lombardei, Herr Borgieri, dazu, welcher sich nie um mich bekümmert hatte, weil die Externen nicht unter seine Aufsicht gehörten. Dieser frug den Regimentsfeldscher, was er da für einen Patienten habe und worüber sie konsultierten. Nachdem er ihre Meinung, mir den Fuß abzunehmen, gehört hatte, kam er zu mir, untersuchte die Sache selbst und sagte hierauf zu den Feldschers, er glaube, man könne mich ohne Aufopferung des Fußes wiederherstellen. Dieses mochte den mehrgedachten Regimentsfeldscher sehr verdrossen haben, denn er ging wohl vier Wochen vor meinem Bette vorbei, ohne daß ich etwas anders als ein mechanisches »Come và signore?« von ihm gehört hätte. Einst sagte ich diese nachlässige Behandlung dem erwähnten Doktor, der den Kopf schüttelte und mir versprach, sich meiner anzunehmen, welches er auch redlich hielt. Das erste, was er mit mir vornahm, war, daß zwei Krankenwärter wechselsweise das Knie mit einem Marke rieben und dabei die Hände über einem Kohlenfeuer wärmen mußten, anstatt daß der Regimentsfeldscher wollene, in warmes Seifenwasser, Milch oder Essig getauchte Tücher darum hatte schlagen lassen. Als dieses einige Wochen beobachtet worden war, mußten sie den Fuß zu gleicher Zeit ein wenig bewegen, welches mir im Anfange entsetzlich schmerzte. Hierauf ließ er mir zwei Krücken machen, welche so bequem waren, als nur immer solche traurige Werkzeuge sein können. Das erste Mal, als ich aus dem Bette kam, konnte ich nur einige Schritte weit hinken und wurde noch dazu vom Regimentsfeldscher verspottet, welcher mich mehrmals frug, ob ich eine Furlana (ein italienischer hüpfender Tanz) mitmachen wollte. In dieser Zeit kam unser Regimentssprachmeister Herr Hoffmann auch ins Spital. Dieser war jederzeit einer von meinen besten Freunden, er nahm viel Anteil an meinem Schicksale und gab mir den Rat, die italienische Sprache nach der Grammatik zu lernen, weil ich befürchten müßte, wegen meinen wenigen Dienstjahren den Abschied ohne alle Pension zu erhalten; weil ich nun auch wußte, daß ich von Hause nicht viel zu gewarten hatte und es gar nicht wahrscheinlich war, daß ich von der erlernten Profession würde Gebrauch machen können, so gab ich mir soviel Mühe, daß ich mich, ohne zu erröten, jedem Examen in dieser Sprache unterwerfen kann. Als ich soweit wiederhergestellt war, daß ich mit einer Krücke gehen konnte, verließ ich das Spital und ging zur Compagnie, wo ich nicht lange war, als Befehl kam, daß die halben Invaliden aufgeschrieben und zu dem ersten Garnisonregimente geschickt werden sollten, welcher Gelegenheit ich mich bediente, um die Mehadier-Bäder zu brauchen. Nicht ohne Rührung nahm ich von der Schleyischen Familie und vom Herrn Hoffmann Abschied und begab mich nebst noch mehr andern Unteroffizieren und Gemeinen nach Mantua, wo wir in der Zitadelle so lange liegenblieben, bis die andern, die mit uns gehen sollten, zu uns kamen. Siebzehntes Kapitel Die Glocke Mantua ist eine schöne, große, volkreiche Stadt, nur schade, daß im Sommer die Luft so gar ungesund daselbst ist. Deswegen verläßt jeder, der es nur möglich machen kann, die Stadt in dieser Jahrszeit, wo die Leute meist alle eine bleiche Gesichtsfarbe haben. Dieses kommt daher, daß der zwischen Ponti und San Lorenzo aus dem Gardasee kommende Mincio einen großen, bis nach Mantua reichenden Morast bildet, welcher die Luft sehr ansteckt; doch hat der hochselige Kaiser schon große Summen verwendet, um den stehenden Wassern einen Abfluß zu verschaffen, welches aber wohl schwerhalten wird, da der Morast zu tief liegt. In der hiesigen San-Andreas-Kirche sieht man eine große Glocke, dergleichen wohl in ganz Europa nicht zu finden ist. Sie hat nämlich acht drei Fuß hohe und ein Schuh breite Fenster; der Klang dieser Glocke soll so durchdringend und stark gewesen sein, daß die schwangern Frauen um die Geburt gekommen sein sollen und daß man sie deshalben vom Turne habe nehmen müssen; anjetzo steht sie hinter einer Kirchtüre. Nachdem wir einen Monat in der Zitadelle gelegen und noch mehr halbe Invaliden an uns gezogen hatten, gingen wir nach Roveredo. Hier trafen wir eine große, mit lauter Felsenstücken übersäete Strecke Land an, welche der Wald von Roveredo genannt wird, ohngeachtet man nicht einen Hagenbuttenstrauch, viel weniger einen Baum zu sehen bekommt; von hier gingen wir nach einem kurzen Aufenthalte nach Trient. Diese mittelmäßige Stadt liegt auf einem platten Felsen und wird von einigen zu Italien und von andern zu Deutschland gerechnet. Es gehört aber zu letzterm, und zwar zum österreichischen Kreise. Hier wird in der Domkirche dasjenige Kruzifix, welches vorzugsweise das heilige heißt und unter welchem die Schlüsse des Tridentinischen Conciliums beschworen worden sind, gezeigt. Es ist in Lebensgröße, wie man sagt, aus einer unbekannten Materie, weshalb man zweifelt, daß es von Menschenhänden verfertiget worden sei; die Schlüsse des heiligen Concilium soll es durch Neigung des Hauptes genehmigt haben. In der Peterskirche liegt Simoninus, der jüngste von allen Heiligen, begraben. Er war erst zwei Jahr alt, als ihn 1276 die zu Trient wohnenden Juden mit einem Messer, einigen kleinen Zangen und vier eisernen Nadeln marterten und sein Blut in zwei silbernen Bechern tranken. Den Körper warfen sie in einen Kanal, welcher seinen Ausfluß in die Etsch hat, wo er von einigen Fischern aufgefangen wurde. Als dieses der damals lebende Papst Adrian V. erfuhr, setzte er den Knaben unter dem Namen Simoninus unter die Zahl der Heiligen. Von den dieser Schandtat überführten Juden wurden 39 aufgehängt, die übrigen aber alle des Landes verwiesen; doch haben sie jetzt Erlaubnis, sich einige Stunden hier aufzuhalten. Diese Stadt hat von jeher viele Überschwemmungen erleiden müssen, und das mehr von den vom Gebürge herabkommenden kleinen Bächen als von der vorbeifließenden Etsch. Nach einem kurzen Aufenthalte gingen wir über Bozen nach Inspruck. Achtzehntes Kapitel Das goldene Dach Diese Stadt liegt jenseits des Instroms, hat sehr schöne Häuser und breite Straßen. Das merkwürdigste in dieser Stadt ist das am Rathause angebrachte goldene Dach. Viele wollen zweifeln, daß es wirklich Gold sei; allein man sieht sehr deutlich, daß die metallenen Ziegeln noch mit einem andern eines Messerrücken Dickes überzogen sind; sollte nun die obere Lage der Ziegeln kein Gold sein, so ist wenigstens nicht abzusehen, warum man Metall auf Metall gelegt haben sollte; es ist freilich ein wenig zu hoch, um es recht zu betrachten, doch hat es die wahre Goldfarbe. Es fehlen seit vielen Jahren einige Ziegeln daran, ohne daß solche ergänzt worden wären, vielleicht deswegen, weil man jetzt das Gold besser als zum Ziegeln brauchen kann. In der Barfüßerkirche stehen einige dreißig Statuen von Bronze, welche alle über Lebensgröße sind; sie stellen Prinzessinnen, Kaiser, Erz- und Herzoge für und sollen von dem nämlichen Grafen herrühren, der das goldene Dach hatte machen lassen und Friedrich mit der leeren Tasche geheißen hat. Als wir auch hier vier Wochen gelegen hatten, gingen wir nach dem nur einige Stunden von hier entfernten Städtchen Halle, wo der Instrom schiffbar wird, und seiner Salzwerke wegen berühmt ist und wo wir uns einschifften. Wir kamen also über Kufstein (ohnweit welcher Stadt auf dem In eine weit gefährlichere Passage ist als der Wirbel auf der Donau), Wasserburg Schärnitz nach Passau und von da auf der Donau nach Linz und Wien. Was den Wirbel und Strudel betrifft, welche man zwischen diesen beiden Städten passieren muß, so sind solche bei weitem nicht so gefährlich, als man gewöhnlich glaubt. Auf letzterem hört man bloß ein kleines Getöse, welches das auf den Felsen hingleitende Schiff verursacht, und den Wirbel kann man bei großem Wasser gar umfahren, weil alsdann der Arm, der um den zur Rechten liegenden Felsen fließt, Wasser genug hat, um mittelmäßige Schiffe zu tragen. Nachdem wir uns einige Tage in Wien aufgehalten hatten, setzten wir unsern Weg über Preßburg, Comorn, Gran, Waitzen, Ofen und Peterwardein nach Hobila fort. Bei Szankamen gingen wir in die Theiß, aus dieser ohnweit Titul in den Beg, jenseits Groß-Becskerek auf den Schiffahrtskanal und auf demselben über Szakelhaz und Utibin nach Temiswar. Sobald wir hier ankamen, bat ich den Herrn Obristlieutenant Fleischmann, mich zu einer dem Bade nah liegenden Compagnie zu tun, welches er auch tat und mich zu der de la Rivierschen schickte, so in Mehadia selbst lag. Nur wenige Wochen blieben wir in Temiswar, worauf wir unsern Weg antraten und über Belenz nach Lugosch, wo die von den Türken ruinierten prächtigen Güter des Grafen von Soro liegen, und von da über Szacul nach Karansebes gingen. Als wir Temiswar verließen, wurde ich gewarnet, mich des Wassertrinkens zu enthalten, welches ich aber ohnmöglich halten konnte, weil ich mich nie an den Wein gewöhnt hatte; ich trank es daher in Zukunft mit 1/8 Weinessig vermischt. Ohnweit Teregowa bekam ich Durst, und weil ich keinen Essig hatte, nahm ich ein Glas Quellwasser zu mir, wovon ich den Augenblick das Fieber bekam. Als wir in jetzt benanntem Dorf ankamen, wollte ich gerne ein Bette haben, allein es wollte sich kein Walache dazu bereden lassen, mir eins zu geben, und alles, was ich erhielt, war ein Lager von Kukuruzblättern, dabei mußte mein Mantel des Deckbettes Stelle vertreten; überhaupt weiß ich nicht, wie einige Leute behaupten können, daß die Walachen gastfreie Leute sind; ich, der ich doch beinahe zehn Jahr unter ihnen zugebracht habe, könnte ihnen in diesem Punkte eben keine Eloge machen. Weil ich unterweges gar keine Arznei bekommen konnte und meinem Magen nicht zutraute, vier Drachmen von pulverisiertem Hundskraut (Solanum dulcamara), welche mir eine alte Frau anbot, zu vertragen, so mußte ich mich auf einem Wagen über Slatina und Cornia ins Mehadier Spital fahren lassen. Trient Welcher Unterschied von Spital! In Gremona hatte man die besten Doctores, vortreffliche Arznei, gute Kost und Aufwartung nebst einer nachahmungswürdigen Reinlichkeit; hier machte ein Feldscher, so zugleich den Weinschank besorgte und den Faulfiebrikanten, so kein Geld hatten, den Wein verbot, aber ihn den im hitzigen Fieber Liegenden, so damit versehen waren, ohne alle Schwierigkeit verkaufte, nebst einem als Krankenwärter ins Spital geschickten Praktikanten das ganze Corpus Medicorum aus, und es war schwer zu entscheiden, welcher von ihnen der größte Ignorant oder Trunkenbold sein mochte; dabei bestand sämtliche Arznei in China, Brust- und Bittertee, welcher oft durch die Dummheit des Praktikanten verwechselt wurde. Weil ich noch nicht zur Compagnie gekommen war, mithin nicht die geringste Kenntnis von Mehadia hatte, so war es mir sehr lieb, daß mich unser Feldscher, bei dem ich mich wegen der schlechten Pflege beschwerte, benachrichtete, daß in der Kaserne ein Bataillonfeldscher vom illyrischen Grenzregimente sei, bei dem ich mich könnte kurieren lassen, welche Gelegenheit ich benutzte und mich mit Erlaubnis meines Hauptmanns nach der Kaserne bringen ließ. Unter den Händen dieses geschickten Mannes, der Körner hieß und von Erfurt gebürtig war, nahm meine Gesundheit von Tag zu Tag zu, so daß ich in Zeit von sechs Wochen ins Bad reisen und die Kur daselbst anfangen konnte. Donaulandschaft Neunzehntes Kapitel Die Bäder von Mehadia Diese schon zu der Römer Zeiten unter dem Namen. »Ad aquas« so berühmten Bäder quellen da, wo sich die Szerna vom Berge Morarut herabstürzt, in einem zwei Stunden von der westlichen Walachei liegenden engen, fürchterlichen Tale hervor; es sind ihrer dreizehn, von verschiedenen Würkungen und Heilkräften, welche in einem Umfange von einer halben Stunde alle zerstreut hervorsprudeln. Das erste, was man von Mehadia aus antrifft, ist das Franziszi- oder Franzosenbad, welches seinen Namen daher hat, weil es die von der Lustseuche angesteckten Walachen oder Raitzen, deren es keine kleine Anzahl unter ihnen gibt, in besagten Krankheiten mit vielem Erfolge brauchen. Es steht ein artiges, vier Abteilungen enthaltendes Gebäude darüber, von denen zwei zum Baden, die andern beiden aber zum Aus- und Ankleiden bestimmt sind. Das Wasser dieses Bades ist nur mäßig warm, wird auch nicht leicht von andern als Walachen und Raitzen gebraucht, weil man voraussetzt, daß alle diejenigen, so sich desselben bedienen, mit der schon angeführten Krankheit behaftet seien. Bei diesem Bade liegt ein ungeheurer großer Stein, welcher einst vom Berge herabstürzte, doch glücklicherweise einige Schritte vor demselben liegenblieb, sonst würde er gewiß das Bad mit allen darin befindlichen Leuten zerschmettert haben; noch ein kleiner alter Stein liegt nicht weit davon, auf welchem das Wort Mercurius sehr deutlich zu lesen ist. Nicht weit von hier findet man am linken Ufer der Szerna eine Quelle klaren, kalten Wassers, wo alle Badegäste, denen das Flußwasser nicht schmeckt, ihres zum Trinken holen lassen müssen. Weiter hin kommt man über eine zu den jenseits liegenden Bädern führende schöne Brücke, an deren Mauer das Geschwulstbad ist. Dieses hat kein Gebäude, und die Walachen müssen es, um sich vor der Sonne zu schützen, mit grünen Reisern umstecken. Das Wasser dieses Bades ist schwarz von Farben, sehr heiß und in der Krankheit, wovon es den Namen hat, von anerkannter Würkung. Etwa zehn Schritte davon liegt das Fieberbad, welches mit dem vorigen gleiche Farbe und Wärmegrad hat, weil es aber nur einige Schritte von der Szerna und also sehr oft mit Flußsand angefüllt wird, nicht viel gebraucht werden kann. Fünfzig Schritte davon liegt das Hauptbad, über welchem ein großes Gebäude aufgeführt ist, worin die Wachtstube, die Wohnung des Pachters, die des Kontumaz-Feldschers und die Zimmer für das alle Jahr von Temiswar kommende Militär sind. Ferner befinden sich drei Bäder in diesem Hause, welche von dem Dache die Schindelbäder genannt werden. In einem derselben sieht man oft zwölf bis sechzehn Personen beiderlei Geschlechts beisammen sitzen oder herumschwimmen; die beiden übrigen, so verschlossen sind, werden den Nichtwalachen eingeräumt. Die Wasserfarbe dieser drei Schindelbäder ist grünlich und so klar und hell, daß man die kleinste Nadel in einer Tiefe von drei Ellen sehen kann. Das Wasser behält im Sommer und Winter gleiche Hitze, ja sie steigt oft in der letztern Jahrszeit. In einer kleinen Entfernung rinnen zwei Augenquellen, ohne alle Einfassung noch andere Bequemlichkeit, vom Berge herab; wer sich dieser bedienen will, muß das Wasser durch herumgesetzte Steine, mit denen der Berg übersäet ist und unter welchen man oft Skorpionen findet, ausfassen und sammeln. Das Gliederschwitzbad, welches nicht weit davon, ist eine Felsenhöhle, deren Weite nicht viel über 1½ Klafter betragen mag. Dieses Wasser, welches so heiß ist, daß jeder Tropfen, der auf einen unbedeckten Teil des Leibes fällt, gleich eine Blase verursacht, und von oben herunter auf die Steine fällt, verursacht einen solchen Dampf, der vermögend ist, in wenigen Minuten den stärksten Schweiß hervorzubringen. Ein starkes Brett, das auf einem Felsenstück aufgelegt und in den Eingang befestigt ist, dient dazu, darauf zu treten oder sich darauf zu setzen, um den Schweiß zu erwarten, welcher, wie gesagt, in einigen Minuten erfolget. Die Wände dieser Höhle sind dermaßen mit Schwefel bedeckt, daß man denselben zu ganzen Händen voll herunternehmen kann. Wenn sich Deutsche dieses Bades bedienen, welches doch nicht häufig geschieht, so lassen sie sich ein Bette neben die Höhle unter ein dazu angebrachtes Dach legen, um sich dessen zu bedienen, wenn sie aus der Höhle kommen, um den Schweiß besser abzuwarten; der Walach hat aber diese Vorsicht nicht nötig. Näher nach dem Fluß zu siehet sich das in einem von der Natur gebildeten großen Felsenbecken befindliche Kalkbad, welches mit dem Gliederschwitzbade in Verbindung stehen muß; denn wenn man das Wasser im erstern trübet, so kommt es auch ebenso trübe aus den Felsenritzen, durch welche es ins Kalkbad fließt, hervor; doch muß das Wasser des letztern noch einen oder mehrere Zuflüsse haben, da das Wasser des gedachten Gliederschwitzbades, wie gesagt, außerordentlich heiß und schwärzlich von Farbe, das des Kalkbades hingegen nur halb so heiß und weiß von Farbe ist. Ohnweit davon ist das Gliederbad, welches der großen Hitze wegen nicht gebraucht werden kann, die so außerordentlich ist, daß man in wenig Minuten Eier darin sieden kann. Doch sagen die Walachen, man habe ehemals Gebrauch davon gemacht, welches dadurch sehr wahrscheinlich wird, daß ein klein Gebäude darüber steht und daß man viele Röhren wahrnimmt, welche vielleicht dazu gedient haben, die zu große Hitze durch kaltes oder lauliches Wasser, welches letztere nicht weit davon entfernt ist, zu vermindern; die Hitze dieses Wassers bleibt sich auch Sommer und Winter gleich. Die mit einem schönen, zwei Stockwerk hohen Gebäude gezierten Räuberbäder sind die letzten und, wenn diese gleich nur eine einzige Klafter voneinander entfernt, von verschiedener Wärme; denn das zur linken Hand kann der Hitze wegen von jedermann gebraucht werden, hingegen ist das zur Rechten unausstehlich heiß und wird dieserwegen auch mehrenteils von Walachen gebraucht. Ich erinnere mich, daß, als ich einst in das minder heiße gehen wollte, aus Irrtum in das heiße sprang, mein ganzer Leib, ohngeachtet ich sogleich wieder herauslief, dennoch so rot wie ein gesottener Krebs war. Billig muß man sich über die harte Natur der Walachen wundern, die oft stundenlang in diesem heißen Wasser herumschwimmen, sodann mit gleichen Füßen in die nur vier Schritte entfernte eiskalte Szerna springen und aus dieser wieder ins Bad gehen, ohne daß es ihnen einfallen sollte, daß eine so schnelle Abwechselung von Hitze und Kälte schädlich wäre, oder daß sie die mindeste Unbequemlichkeit spüren sollten. Hinter dem Gebäude, das über den Räuberbädern steht, dessen oberstes Stockwerk den nichtwalachischen Badegästen zur Belustigung dienet, findet man eine in lebendigen Felsen eingehauene Wendeltreppe, so zu einem ganzen Strome siedend heißen Wassers führt, welches aus den Eingeweiden des Räuberberges so stark hervorfließt, daß es eine Mühle treiben könnte, und von dem nicht der zwölfte Teil in die unten befindlichen Räuberbäder ausfließet; das übrige verliert sich in andre Felsenklüfte. Zwanzigstes Kapitel Die Räuberhöhle In dem hinter letztbeschriebenen Bädern sich erhebenden Berge befinden sich die dort so berühmten Räuberhöhlen. Um zu denselben zu gelangen, muß man den Berg, der, von unten betrachtet, perpendikulär aufzusteigen scheint, über dreihundert Schritte hinanklettern, wo man die Öffnung antrifft, durch welche man hineingeht. Das erste Gewölbe, in welches man tritt, ist ein Saal, wo vierhundert Personen stehen können, auf dessen rechter Hand der Berg gespalten, die Öffnung aber mit einer drei Schuh dicken, aus Bruchstücken aufgeführten und mit Malter überworfenen Mauer verschlossen ist. Doch fällt durch ein 2½ Schuh in Lichten habendes unregelmäßiges Fenster so viel Licht hinein, daß man wenigstens einigermaßen darin sehen kann. Der Boden ist ziemlich eben und gibt, wenn man stark darauf tritt oder einen Stein dagegen wirft, einen starken Schall von sich, welches ein Zeichen ist, daß unter dieser Höhle noch andere sein müssen. Das ungeheure Gewölbe läuft oben in einen spitzigen Winkel zu, und die Wände sind an den meisten Enden so glatt, als wenn sie mit dem Meißel bearbeitet wären. Auf der linken Seite trifft man auf dem Boden eine zwei Schuh breite, 1½ Schuh hohe Öffnung an, die zur zweiten Höhle führet. Auch diese bildet einen solchen Winkel als die erste, doch ist sie nicht so groß. Hier trifft man viel Feuerstätten an, woraus sattsam erhellt, daß die Räuber diesen genug verborgenen Ort oft zum Aufenthalte gewählt haben müssen, und es scheint überhaupt, als ob die Natur eine Freistatt für Verbrecher hier habe anlegen wollen. Diese Höhle endigt sich in einen weit durch den Felsen durchsetzenden Gang, welcher im Anfange hoch genug ist, um gerade darin gehen zu können; doch zieht er sich endlich so sehr zusammen, daß man durchkriechen muß. Durch diesen unterirdischen Gang fließt ein Bach klaren, kalten Wassers, dessen Bette mit Steinen übersäet ist, auf welche man mit den Knien fußen kann, um dem Wasser auszuweichen. Von dem Gewölbe hängt eine große Menge dunkler Toffstein, und an den Wänden sieht man verschiedene im Felsen eingegrabene Namen derjenigen, so sich hineingewagt haben. Dieser Stollen leitet zu einer beinahe runden Öffnung, welche der Eingang zu einer dritten und noch größeren Höhle ist. Diese liegt etwa drei bis vier Schuh tiefer als der gesagte Stollen, und der Boden gibt, wenn man einen Stein darauf wirft, einen solchen starken Widerhall, daß man glauben sollte, der ganze Berg sei unter der Höhle hohl und die Dicke des Gewölbes könne nicht viel über zwei Schuh betragen. Diese dritte Höhle bildet ebenfalls einen spitzigen Winkel, der aber von einigen Seiten stumpf wird. Weil der Boden hier sehr ungleich ist, unsre mitgenommenen Fackeln und Kienholz verbrannt war und wir befürchten mußten, in eine Tiefe zu fallen, so beschlossen wir, zurückzugehen, besonders als unsre Walachen versicherten, daß es ohne Beispiel sei, weiter vorzudringen, als wir schon waren; ob man gleich bemerken konnte, daß ein Spalt, der breit genug war, daß drei Personen nebeneinander darin gehen konnten, tief in denselben hineinging, so Gemeinschaft mit andern Höhlen und diese mit dem auf einem Felsen liegenden alten Bergschlosse haben sollen. Es fehlte nicht viel, so wäre uns die Neugier, diese Höhlen zu sehen, sehr teuer zu stehen kommen. Wir hatten nämlich einen Offizier vom Grenzregimente, den Oberlieutenant D–er, welches ein sehr wilder Herr war, bei uns, die übrige Gesellschaft bestand in dem Adjutant Vigna und dem Feldwebel Schinagel. Als wir durch den Stollen durch waren und die zur äußeren Höhle führende Öffnung suchten, löschte der Lieutenant seine Fackel aus und tat das nämliche mit der, so ich ihm gab, um die seinige wieder damit anzuzünden. Das war noch nicht genug! Des Hauptmann von Oberlings Wirtschafterin, ein munteres und herzhaftes Mädchen, hatte sich vorgenommen, in unserer Gesellschaft diese Höhlen in Augenschein zu nehmen, doch hatte der Anblick der erstern ihre Herzhaftigkeit so erschöpft, daß sie es nicht wagte, einen Schritt weiterzugehen; wir ließen sie daher in Gesellschaft zweier mit Fackeln versehener Walachen in der vordern Höhle, bis wir wieder zurückkommen würden. Diese zwei Fackeln ließ sich gedachter Lieutenant durch die Öffnung durchstecken, löschte sie gleichfalls aus und fing, um uns furchtsam zu machen, aus vollem Halse »Räuber! Räuber!« zu schreien an, welches die von ihm unterrichteten Walachen nachtaten. Ob ich gleich nie einer der Furchtsamsten war, so muß ich doch gestehen, daß mir die unbeschreibliche Finsternis und der grausenvolle Widerschall, den dieses Geschrei in den Eingeweiden des Berges hervorbrachte, recht fürchterlich vorkam. Wir tappten lange im Finstern herum, ohne die Öffnung finden zu können, und oftgedachter Lieutenant wollte sie uns nicht zeigen, sondern sagte lachend, wir könnten uns einstweilen vorbereiten, wenn wir etwa im entstehenden Türkenkrieg die ebenso finstere und grausenvolle Tamantische Höhle zu verteidigen bekommen sollten. Endlich legte ich mich auf den Bauch nieder, wo ich nach langem Suchen fand, daß beim Ausgang dieser in die äußere Höhle der Grad von Finsternis etwas merklich heller war; als ich dieses dem Lieutenant sagte, erwiderte er, daß dieses die einzige Art sei, den Ausgang ohne Licht zu finden, und setzte hinzu, daß man diesen Unterschied sogar in der jenseit des Stollens liegenden Höhle bemerken könne. Doch wir verbaten uns für dieses Mal die Ehre eines solchen Versuches, krochen heraus und entschädigten uns für die gehabte kleine Angst durch eine Lustpartie nach Pesaneska. Einundzwanzigstes Kapitel Einige im Bade befindliche römische Inschriften Ehe ich das Bad und diese Gegend verlasse, muß ich noch einiger Merkwürdigkeiten gedenken. An dem Ufer der Szerna, wo zu der Römer Zeiten der dem Herkules geheiligte prächtige Tempel stand, befindet sich jetzo eine artige runde katholische Kapelle, in welcher während der Badezeit alle Sonn- und Feiertage Messe gelesen wird. Wie sehr überhaupt diese Bäder bei den Römern berühmt gewesen sein müssen, läßt sich aus der großen Menge Statuen, Laren, Münzen und Opfertafeln abnehmen, welche daselbst gefunden worden und noch gefunden werden. Im Jahr 1736 schickte der Gouverneur Hamilton , bei Gelegenheit der Wiederaufbauung der Bäder, eine große Menge gefundener Statuen nach Wien, wo sie auf der Treppe, die zur kaiserlichen Bibliothek führt, sowie auch im Vorsaale derselben zu sehen sind; noch andre sollten im Jahr 1755 nach Wien geschickt werden, allein das Schiff, so sie geladen hatte, ging bei Ofen zu Grunde, und konnte nicht das mindeste von diesen Altertümern gerettet werden. In dem ganzen Tale, von dem Dorfe Pesaneska bis über die Räuberbäder hinaus, findet man außerordentlich große, mit dem Namen Figulinus bezeichnete gebrannte Ziegelsteine, sowohl ganze als zerstückte, zerstreuet liegen, nebst den Trümmern eines aus solchen Ziegelsteinen aufgeführten Turnes. Wie groß muß nicht die Anzahl dieser Opfertafeln gewesen sein, weil man so viel nach Wien geschickt; und da bei dem geringsten Bau, wobei gegraben wird, welche ausgegraben werden, so kann man voraussetzen, daß noch viele in der Erde verborgen sein müssen. Ja, der ganze Gang, von der Szerna bis zur großen Treppe, von da ins Hauptbad, so wie dieses selbst, sind meistenteils mit solchen römischen Opfertafeln gepflastert, und man findet noch hin und wieder ganze Worte darauf, so noch lesbar sind. Im Jahr 1779 schickte der General Metzger den damaligen Stabsfourier und nachmaligen Rechnungsführer, Herrn Steffingern, mit dem Auftrage ins Bad, die noch daselbst vorhandenen Inschriften abzukopieren; da ich ihn begleitete, so schrieb ich solche bei dieser Gelegenheit auch mit ab; und finden sich die vier ersten in den Mauern des Schindelbades, gleich wenn man die große Treppe hinuntergeht, auf der rechten Hand. I. HERCULI. IN VICTO. L. POM. PEIUS CELER PRAEF. COOR I. UBIORUM. V. S. II. HERCULI. SANCTO SIMONIS. V. C. PRAESES. DACIARUM. III. AESCULAP. ET. HYGIAE PRO. SALUTAE. JUNAE CYRILLAE. QUOD. A LONGA. INFIRMITA TE. VIRTUTE. AQUA RUM. NUMINIS. SUI REVOCAVERUNT T. B. A. EIUS. V.S.L.M. IV. DIIS. ET. NUMINIBUS AQUARUM ULP. SECUNDINUS MAR. VALENS POMPONIUS. HAEM. V HULCARUS. A. VALENS LEGATI. ROMAM. AD. CONSULATUM. SEVE RIANI. C. V. MISSI INCOLU MES. REVERSI. EX. VOTO. Römische Inschriften an der Donau Da eben die Rede von Inschriften ist, so will ich nachstehende zwei anführen; sie befinden sich in der Kanzlei zu Karansebes, erstere in der Kanzlei selbst, und letztere ist an der Treppe eingemauret. V. PUB. AEL. ULPIUS. ET. EX. DEC. HANC. SEDEM. LONGO. PLACUIT. SACRARE. LABORI HANC. REQUIEM. FESSOS. TANDEM. QUAM CONDERET. ARTUS. ULPIUS. EMERITIS. LONGE- VI. MUNERIS. ANNI IPSE. SUO. CURAM. TITULO. DEDIT. IPSE. SEPULCHRI ARBITER. HOSPITIUM. MEM .... FACTOQUE. PARAVIT VI. MARCIO. TURIONI FRONTONI. PUBLICO SEVERO. PRAEF. PRAET. IMP. CAESARIS. TRAIANI HADRIANI. AUGUSTI. P. P. COL. ULPIA. TRAIANA. AUG. DACICA. SARMIZEGET. Folgende zwei sind ohnweit dem Dorfe Poletin im Felsen eingegraben. VII. TIB. CAESARI. AUG. DIVI AUGUSTI. F. IMPERATORI PONT. MAX. TR. POT. XXX. LEG. IIII. SCYTI. ET. V. MACED. VIII. T. AUGUSTO. CAESARI PONTIF. MA....... MILITES. MOESIAE F. C..........M.... P – – – – – – – – – IX. IMP. CAES. D. NERVAE. FILIUS NERVA. TRAIANUS. GERM. PONT. MA – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Vorstehende ist drei Stunden von Alt-Orsowa in dem Felsen eingehauen; weil aber die Fischer oft Feuer darunter halten, so ist das meiste mit Ruß bedeckt und haben sich nur die zwei obern Zeilen noch lesbar erhalten. Ringsherum sind sehr viel schöne Zierarten und besonders zwei geflügelte Genien in dem bloßen Felsen eingegraben. Zweiundzwanzigstes Kapitel Etwas von Mehadia Ich komme zum Bade zurück. Als ich dieses drei Monate gebraucht hatte, konnte ich schon so gerade gehen, als ob mir nie etwas gefehlt hätte; demohngeachtet blieb ich noch ganzer zwei Monate daselbst, brauchte das Räuber- und Schindelbad wechselsweise, und da ich es im Juli verließ und zur Compagnie ging, konnte ich schon auf einem Ball, den der Oberst von Hübel gab, mittanzen. Manchem dürfte die Etikette, daß ein Fourier an dem Balle eines so vornehmen Stabsoffiziers, als genannter Herr Obrist ist, der außerdem auch Kommandant des ganzen Unterdonaustroms war, teilnehmen darf, sonderbar scheinen. Diesem dient zur Nachricht, daß man es im Banat Temiswar nicht so genau nimmt; denn oft ist ein Offizier in einem Distrikte von vier und noch mehr Meilen ganz alleine. Selbst in Mehadia, welches doch eine Stadt ist, befand sich außer mehrgedachtem Herrn Obristen niemand von Belang als unser Hauptmann nebst zwei Oberlieutenants; deswegen wurde oft der Einnehmer des Orts und die Prima-Planisten der daselbst garnisonierenden Compagnie mit eingeladen. Mehadia ist eine zwischen zwei sehr hohen Bergen liegende kleine, jetzt unbefestigte Stadt, denn die oberhalb derselben liegende Festungswerke sind vermöge Vergleichs geschleift worden; allein unterhalb der Stadt, nach Döplitz zu, befindet sich ein vortrefflicher Paß. Der zur Linken liegende Berg reicht bis an die Bellarega und läßt nur einen etwa zwei Schuh breiten Weg, so um die Felsenspitze herumgeht. Um nun demselben die zum Fahren erforderliche Breite zu geben, hat man am Fuße des Gebürges starke Pfeiler untergesetzt, ja einige stehen sogar in der Bellarega selbst. Werden diese nun hinweggerissen, so bleibt nur soviel Raum, daß Mann für Mann vorbeigehen muß, und diese enge Passage kann von den unter der Kaserne neben dem Strome errichteten Batterien bestrichen werden. Das eine halbe Stunde von der Stadt entfernte Schloß ist jetzo aller Festungswerker, die sehr beträchtlich waren, beraubt, doch kann es so wie die Stadt ihrer Lage nach bald befestiget werden. Außer der Kaserne, dem Verpflegungsamt, in welcher im vorigen Kriege der Großwesir sein Quartier hatte, und der Wohnung des Kommandanten befindet sich kein ansehnlich Gebäude in der ganzen Stadt, denn selbst die Kirche ist sehr unbedeutend. Als der Kurfürst von Köln als Erzherzog diese Stadt in Augenschein nahm, frug er beim Aussteigen einen Herrn seines Gefolges, wie ihm diese Gegend gefiel; »recht wohl«, antwortete derselbe, »nur wohnen möchte ich nicht hier.« In dieser Stadt befindet sich außer einem Schneider, welcher der Hahnrei und Küster von Mehadia ist, einem Schuster, einem Metzger und einem Weißbäcker kein deutscher Einwohner; letzterer ist ein Mann, der mehr als hunderttausend Taler im Vermögen hat. Da nun die Türken im letzten Kriege bei der Einnahme dieses Ortes niemanden beim Leben ließen als die, so sich ungarisch trugen, und sich außer dem Metzger niemand dieser Kleidung bediente, so hat auch dieser brave Mann sein Leben einbüßen müssen, wenn er sich nicht etwa mit der Flucht gerettet hat. Wenngleich die hiesige Kirche, wie gesagt, sehr klein und unbedeutend ist, so wird sie doch durch zwei Geistliche bedienet, welche in keine geringe Verlegenheit gerieten, als sich die österliche Beichte nahete. Wir hatten nämlich 37 Italiener bei unserer Compagnie, die ebensowenig deutsch als die Geistlichen italienisch verstanden. Das Cerna-Tal bei den Warmen Bädern Da ich dem Regimente jährlich die Beichtzettel von allen Katholiken einsenden mußte, so frug ich den Pater, so Marcellus hieß, ob er es möglich machen könnte, diese Leute Beichte zu hören, oder ob ich meine Zettel einschicken und dem Regimente melden sollte, daß aus Mangel eines der italienischen Sprache kundigen Geistlichen die Beichte der Italiener für dieses Mal nicht statthaben könne. Nachdem der gewissenhafte Pater die Sache mit seinem Kaplan in reife Überlegung gezogen hatte, fiel der Schluß dahin aus, daß ich diese Leute, wie es mehr zu geschehen pflegt, in ihrer Sprache anhören und es sodann dem Pater verdeutschen oder verwalachen sollte. Als diese Sache abgetan schien und ich soeben nach Hause gehen wollte, fiel es dem Pater ein, mich zu fragen, aus welcher italienischen Provinz ich gebürtig sei. Weil ich ihm nun sagte, daß ich kein Italiener, sondern ein Deutscher und in Sachsen-Gotha zu Hause sei, wandte er sich zu seinem Kaplane und sagte unter andern zu ihm: »Hic non est a nostra fide.« Weil er mich nun als einen quasi Ketzer nicht zum Mittelsmanne in einem so heiligen Geschäfte haben wollte, so wurde das ganze Beichtplänchen verworfen, und Pater Marcellus nahm sich vor, diese Leute auf italienisch Beichte zu hören, ohngeachtet er kein Wort von dieser Sprache verstand. Da es mir einerlei sein konnte, ob meine halben Landsleute, im Fall sie sterben sollten, ihren Himmelsweg leer oder beladen antreten möchten, so bekümmerte ich mich nicht weiter um die ganze Beichtgeschichte, ging nach Hause, um die Zettel, so ich hatte, einzuschicken. Allein den Tag darauf kam der Kaplan, brachte mir ein Kompliment vom Pater Marcellus und einen Bogen Papier, auf welchem eine ganze Litanei von Sünden in Frag und Antwort verzeichnet stand, mit angehängter Bitte, solche, doch ohne es jemandem zu zeigen, ins Italienische zu übersetzen. Ich gestehe es, daß ich über einige dieser Fragen, welche er an die Soldaten tun wollte, erstaunte, weil ich mir nie die Möglichkeit solcher moralischen Verderbnis, welche zuweilen im Schwange gehen muß, vorgestellt hätte. Weil alle diese Fragen so beschaffen waren, daß sie jedem gesitteten Menschen nicht anders als beleidigend sein konnten, so bat ich die Gemahlin unsers Adjutanten Vigna, ihre Beichte so lange zu verschieben, bis sie nach Temiswar kommen könnte, wo außer dem Dompropste die Herren Canonici Neumann und Globoschitz der italienischen Sprache vollkommen mächtig sind, schickte eine Soldatenfrau, unter dem Vorwande, ihren Zettel verloren zu haben, noch einmal zum Pater im Beichtstuhl und legte diesen Zettel im Namen der Madam Vigna bei. Doch diese war eine gute Italienerin, glaubte beichten zu müssen und ging, ohne ihrem Manne oder mir etwas davon zu sagen, zum Pater Marcellus in die Beichte. Weil nun aber sein Wörterbuch sehr arm und, wie gesagt, mit anstößigen Fragen angefüllt war, so hatte sich gedachte Madam Vigna, als eine Frau von sehr feinem Gefühl, natürlich mehr geärgert als erbauet, und sie schwur, daß ihr der Pater nie wieder unter die Augen kommen sollte; weil sie nun glaubte, ich möchte etwas zu dieser drollichten Beichte beigetragen haben, so hatte ich Mühe, mich wieder bei ihr in Kredit zu setzen. Kommende Ostern überhob der Tod und der Hauptmann den guten Pater die Mühe, sein Beichtformular hervorzusuchen, denn ersterer hatte von siebenunddreißig nur noch neun am Leben gelassen, und letzterer schickte die Übriggebliebenen auf die Schartaque Allion und Woititz, welche wir von Mehadia aus zu besetzen hatten. Von siebenunddreißig neunundzwanzig in einem Jahre zu sterben, das ist zu viel! Freilich, allein ich kann auf Ehre versichern, daß von unserer Compagnie, welche in 208 Mann bestand, wöchentlich sieben bis acht Mann starben, welches so lang dauerte, bis wir unsern Zuwachs von den ungarischen Regimentern erhielten, welche das dasige Klima besser vertragen konnten als die Italiener und Deutschen. Dreiundzwanzigstes Kapitel Der doppelte Fund Unsere Compagnie hatte beim Einmarsch nach Mehadia eine Kiste, in welcher 8000 scharfe Patronen sein sollten, in Empfang genommen, ohne solche nachzusehen. Als wir nun anfingen, der Wache von diesen zu geben, fand sich's, daß die meisten ohne Kugeln und sehr viele anstatt des Pulvers mit Sand und Asche angefüllt waren, und man behauptete, daß ein gewisser Herr sich von diesem Blei, welches gegen den Erbfeind gebraucht werden sollte, ein zinnern Service, um mit seiner Freundin darauf zu speisen, habe machen lassen. Wir hoben daher alles alte Blei und Zinn auf, was wir nur finden konnten. Da wir das ganze Magazin voll Montierungen liegen hatten, so wechselte ich den Leuten die zu sehr abgetragenen zuweilen aus und gab ihnen von den Verstorbenen ihren. Einst kam ein sehr alter Mann, mit Namen Zani, und bat mich, ihm die seinige auszutauschen, weil ich eben im Magazin etwas zu tun hatte; ich nahm ihn mit hinein und suchte lange herum, bis ich eine recht gute fand. Als ich ihm solche geben wollte, fühlte ich, daß die eine Tasche sehr schwer war, griff hinein und fand ein sehr fest zusammengenähtes Päckchen darin, welches ich, in der Meinung, daß Kugeln darin wären, in ein Fenster legte. Hier mochte es einige Monate gelegen haben, als ich es einst, weil ich auf den Hauptmann warten mußte, zum Zeitvertreib mit dem Federmesser auftrennte und zu meiner Verwunderung anstatt der vermeinten Kugeln lauter Geld, nämlich einen ganzen und zwei halbe Souveraindor, einen Doppellouisdor, fünf Gigliati, einen Konventionstaler und für zwanzig Gulden Kopfstücke darinnen fand. Ich war ganz erstaunt über diesen so unvermuteten Fund, nicht sowohl wegen der Summe selbst, sondern weil ich es in eines gemeinen Soldaten Rock fand; weil ich den Hauptmann eben kommen sah, steckte ich es einstweilen ein und überlegte bei mir, was allenfalls damit anzufangen sei. Daß dieses Geld einem Deutschen gehört hatte, war ziemlich gewiß, weil ich es in einer deutschen Montur gefunden hatte, allein ebenso ungewiß, wer der Eigentümer gewesen sein mochte. Dem gewöhnlichen Laufe der Dinge nach konnte dieses Geld keinen andern Erben als das Regiment oder vielleicht auch den Hauptmann haben, und in diesem Falle hielt ich mein Recht, darüber disponieren zu können, für ebenso groß. Vielleicht hatte ich unrecht; allein der Gebrauch, den ich davon machte, hat mich bis jetzo noch nicht gereuet, und wer weiß, ob es das Regiment oder der Hauptmann so gut angewendet hätte, als ich es getan oder wenigstens getan zu haben glaubte. Ich hielte nämlich dafür, daß ich dieses Geld dem gedachten Zani, welcher die Bewegursache dieses Fundes war, schuldig sei, und das um soviel mehr, da er ein alter, schwächlicher und dabei sehr guter Mann war. Ich nahm mir also vor, ihm die letzten Tage seines Lebens zu versüßen, und besorgte daher, daß er bei einer Unteroffiziersfrau, bei der ich selbst in die Kost ging, zu Mittag eine Suppe, Zugemüse und Fleisch, Braten und Salat nebst einem Maß guten Wein und abends wieder ein Maß Wein, eine Suppe nebst eingemachtem Fleische erhielt. Dieses führe ich bloß deswegen an, um zu sehen, wie wohlfeil man an solchen Orten leben kann, denn in eilf Monaten, so er noch lebte, betrug die Zahlung nicht mehr als 36 Gulden; hierzulande würde wahrscheinlich das ganze gefundene Geld nicht hingereicht haben. Den Tag vor seinem Tode ließ er mich rufen und dankte mir für die ihm erwiesene kleine Gefälligkeit auf das rührendste. Als ich ihn bat, mir zu sagen, ob ich noch etwas für ihn tun könne, so antwortete er mir mit einem tiefen Seufzer; ich gab ihm hierauf zu verstehen, daß es mir zum größten Vergnügen gereichen würde, wenn ich mich in dem Fall befinden sollte, ihm noch einen Dienst zu erweisen, allein ein zweiter Seufzer unterdrückte den Wunsch, den er soeben äußern wollte. Weil ich wußte, daß ihm in Ansehung der Pflege und Wartung seines Körpers nichts zu wünschen übrigblieb, so mutmaßte ich gleich, daß er noch etwas für sein Seelenheil zu tun willens war und es vielleicht nicht zu sagen wagen wollte. Ich gab ihm hierauf noch fünf Gulden, um sich zehn Messen lesen zu lassen. Dieses war mehr, als er erwartete, er drückte mir die Hand so sehr, als es seine ihn verlassenden Kräfte erlaubten; eine Träne der Dankbarkeit glänzte in seinem Auge, und ich war so froh, als es nur immer ein menschliches Geschöpfe sein kann, daß ich seinen sehnlichen Wunsch erfüllen konnte; denn es war nicht meine Sache, Untersuchungen anzustellen, ob ihm die Messen helfen würden oder könnten, sondern soviel als möglich beizutragen, einem Menschen den Übergang zu seiner Bestimmung soviel als möglich zu erleichtern. Einige Zeit darauf bekam ich wieder Gelegenheit, etwas von diesem Gelde recht wohl anzulegen. Ich traf nämlich einen jungen Mann von unserer Compagnie im Spital auf dem Bette liegend und in einem Buche lesend an; weil ich sehen wollte, was es für eins wäre, so ging ich zu ihm und fand, daß es Homer war. Als ich mich einige Zeit mit ihm unterhielt, konnte er seinen Unwillen über die Sorglosigkeit des Feldschers nicht verbergen und klagte mir, daß er sehr von ihm vernachlässigt werde. Da nun seine Krankheit eben nicht gefährlich war, so nahm ich ihn, mit Erlaubnis des Hauptmanns, mit zur Compagnie und ließ ihn von mehrgedachtem Geld kurieren. Dieser junge Mann, so Tannert hieß, mußte gewiß von keinen geringen Eltern und durch einen widrigen Zufall als gemeiner Soldat an die türkische Grenze gekommen sein; denn er hatte eine sehr gute Erziehung erhalten und war überhaupt in seinem Umgange der artigste Mann. Nach seiner Genesung gingen wir fast alle Tage über die Bellarega, wo ein ganzer mit walachischen Hütten überstreuter Wald von Obstbäumen liegt und wo wir unsere Zeit recht artig vertrieben. Er war außer dem Adjutant Vigna der einzige, dem ich etwas von dem gefundenen Gelde sagte, und bat ihn zuweilen, einige Gulden davon zu nehmen. Doch es dauerte nicht lange, so starb er an einem hitzigen Fieber. Auch einem sehr alten Walachen gab ich von oftgedachtem Gelde alle Tage einen und des Sonntags drei Kreuzer, welches er gewöhnlich alle acht Tage selbst abholte; ja als ich schon in Schuppaneck war, kam er noch zuweilen und holte es; doch endlich blieb er aus, vielleicht mochte ihm der Weg zu beschwerlich gefallen oder er selbst zu seinen Vätern gegangen sein; denn er war beinahe hundert Jahr alt. Nachdem wir über zwei Jahr in Mehadia gelegen hatten, bekamen wir den Befehl, nach Schuppaneck, welches die letzte, aber auch die schlechteste von allen kaiserlichen Garnisonen ist, zu marschieren. Dieses mußte uns um soviel mehr befremden, weil wir auf eine bessere und keine schlimmere Garnison gerechnet hatten; allein, es geht ja überall nicht immer gleich zu. Vierundzwanzigstes Kapitel Das Kontumazwesen Ein bloßer von der Szerna angehender und gerade vor der Kontumaz vorbei gegen das Dorf Schelnitza fortlaufender Zaun, welcher mit starken Palisaden befestigt und mit großen Dornfaschinen belegt ist, macht bei Schuppaneck die Grenze. Hinter der Kontumaz, welche in dem geendigten Türkenkriege ganz abgebrannt worden ist, da wo der Weg aus der Türkei kömmt, und dort die Unterredung genannt wird, ist dieser Zaun doppelt und bildet ein etwa sechs Quadratklaftern enthaltendes längliches Viereck, welches mit zwei Gattern versehen ist, davon das eine auf türkischem, das andere auf kaiserlichem Boden steht. Von dieser Unterredung ging etwa ein hundert Schritte langer Weg in das Kontumazgebäude, und es durften die Hineinfahrenden weder auf die eine noch andere Seite ausweichen. Sobald jemand vom türkischen Gebiete herüberkam, wurde er in das gleich an den äußern Palisaden befindliche Zimmer geführt, wo er visitieret und sodann in das Innere der Kontumaz gebracht wurde. Dieses große Kontumazgebäude bestund in sehr vielen Abteilungen oder Zimmern, welche alle parterre lagen und wo immer eins von dem andern durch besondere Palisaden unterschieden war und wenigstens eine Klafter voneinander abstunden, damit, wenn ja ein Exponierter seine Hand durch irgendeine Öffnung hindurchsteckte, er die des andern, der ein gleiches tun möchte, nicht erreichen und solchergestalt durch Berührung die Pest weder bekommen noch sie einem andern mitteilen konnte. Zwischen diesen Abteilungen befanden sich wieder breite Gänge und Plätze, wo die Exponierten spazierengehen konnten, doch mußten sie sich hüten, im Fall sie die Kontumazzeit bald überstanden hatten, sich mit den Neuankommenden zu vermengen; denn in diesem Falle, der freilich wegen der Einrichtung nicht wohl möglich war, mußten sie ihre Kontumaz von neuem anfangen. Mitten in diesem Gebäude befanden sich große Schoppen, unter welche die aus der Türkei kommenden Kaufmannsgüter gebracht und von dem Warenbeschauer visitiert wurden. Waren nun diese, wie es sehr oft geschah, ganz voll, so mußten die Wagen so lange auf dem türkischen Gebiete stehenbleiben, bis es Platz darinnen gab, und es sah deswegen bei der Unterredung oft aus, als wenn Jahrmarkt da gehalten werden sollte. Nicht allein alle aus der Türkei kommende Personen, wes Standes sie auch immer sein mögen, sondern auch jeder, der das türkische Gebiete nur im mindesten berührt, müssen sich den strengen Kontumazgesetzen unterwerfen, ja es darf einer nur den Zaun da, wo er einfach ist, berühren, so muß er (es versteht sich, wenn es ein Reinigungsknecht gewahr wird) sogleich Kontumaz machen; und das nämliche geschieht, wenn jemand einen Exponierten anrührt, sollte es auch nur mit dem Rockzipfel sein. Unter einem Exponierten versteht man jeden, der entweder in der Kontumaz ist, um sie selbst zu halten, oder auf irgendeine Art mit diesen in Verbindung steht, als da sind: der Kontumazfeldscher, der Warenbeschauer und alle Reinigungsknechte. Letztere sind nicht allein dazu bestimmt, den Kontumazmachenden an die Hand zu gehen, sondern auch diejenigen Dinge, so keine Kontumaz machen, an der Unterredung zu reinigen. Was die Lebensmittel betrifft, so erhielten sie selbige auf folgende Weise: Neben dem Kontumazgebäude war ein Wirtshaus so angebaut, daß es einige Schuhe von denen das Kontumazgebäude umgebenden Palisaden entfernt war. Der Wirt, welcher dort Arendator genannt wird, hatte einen im Falsen laufenden Tisch, welcher bis in die äußern Palisaden reichte; wollte nun jemand etwas haben, so schob der Wirt den Tisch, auf welchem Schalen mit Essig standen, hinüber; hier legten solche das Geld in den Essig und sagten zugleich, was sie haben wollten, welches er ihnen so hinüberschob. Auf diese Art konnten sie alle Bedürfnisse erhalten, ohne die Kontumaz zu verlassen. Trifft es sich, daß jemand in eine Kontumaz kommt, ohne die Mittel zu haben, sich die 21 Tage selbst zu beköstigen, so muß ihn die Kontumazdirektion verpflegen, welche Verpflegung freilich zuweilen ziemlich mager ausfällt. Nicht alle Briefe kommen durch den gewöhnlichen Weg in die Kontumaz; denn kommt einer von einem andern als dem Kontumazwege herüber, so nimmt die erste Post, wo er abgegeben wird, einen langen, vorne aufgespaltenen Stock, worauf der Brief in den Spalt gesteckt und von dem Soldaten bis zur zweiten Post so vor sich hin getragen wird; nun gibt er seinem Kameraden entweder den Stock samt dem Briefe, oder dieser nimmt einen ähnlichen und klammert den Brief in die Spalte, und dieses geht so von Wachthaus zu Wachthaus bis in die erste Kontumaz, wo er entweder durch Essig gezogen oder mit Pestkraut beräuchert wird. Von den exponierten Personen darf außer dem Feldscher, Warenbeschauer und den Reinigungsknechten niemand aus der Kontumaz herausgehen, und die Freiheit der erstem besteht bloß darinne, daß sie sich auf einige Schritte von dem Gebäude entfernen dürfen. Es ist ein wahrer Spaß, in Gesellschaft einer solchen exponierten Person zu sein, denn man darf ihnen nie so nahe kommen, daß sich die Kleider berühren können, weil in diesem Falle die Person, deren Kleid ein Exponierter berührt, sogleich Kontumaz machen muß; man sieht daher, daß sich ein solcher Exponierter immer zurückzieht, wenn ihm jemand zu nahe kommt, weil er voraussetzen muß, daß ihn die sich nähernde Person nicht kennt. Bei meinem Aufenthalte befand sich ein sehr geschickter Feldscher namens Jäger darinnen, der, weil er lahm war und nur mit Mühe gehen konnte, allemal drohte, wenn ihm jemand zu nahe kam, stehenzubleiben und durch die Berührung zu machen, daß man in die Kontumaz müsse. Wenn ein Exponierter einem Nichtexponierten eine Prise Tabak geben will, so setzt er die Dose hin und tritt einen Schritt zurück, worauf sich der andere nähert, um sie zu nehmen, doch muß sich dieser hüten, die Dose zu berühren, denn dieses würde gleich verursachen, daß er Kontumaz machen müßte. Ohngeachtet dieser strengen Gesetze trifft das Sprüchwort »Keine Regel ohne Ausnahme« auch hier ein. Ich weiß selbst einen solchen Fall der Ausnahme. Nämlich eine Tante des Kontumazdirektors hatte einst einen Reinigungsknecht im Vorbeigehen berührt, als diese nun in die Kontumaz sollte, widersetzte sie sich mit ganzer Macht, worauf sich der Direktor seiner Gerechtsame, des Pestmantels, bediente, unter welchen sie sich setzen und durch Pestkraut beräuchern lassen mußte. Doch betrifft diese Ausnahme nur die, welche eine exponierte Person angerühret, nicht aber solche, die das türkische Gebiet betreten haben. Das Personale der Kontumaz besteht in einem Direktor, Arendator, zwei Feldscher, zwei Warenbeschauer und achtzehn bis zwanzig Reinigungsknechte. Von diesen sind der Direktor und Arendator niemals exponiert, sondern können überall herumgehen, müssen sich aber demohngeachtet ebensowohl in acht nehmen, eine exponierte Person anzurühren. Was den Feldscher anbetrifft, so wechselt dieser dergestalt ab, daß er ein halb Jahr in und das andere halbe Jahr außer der Kontumaz zubringt. Nach Verlauf dieser Frist muß der herauswollende ebensowohl seine Kontumaz machen, worauf er von dem andern abgelöst wird. Dieser und der Warenbeschauer, die als exponiert betrachtet werden, pflegen ihre Zeit mehrenteils mit der Jagd und Spazierengehen in dem türkischen Gebiete zuzubringen; wollen sie aber auf kaiserlicher Seite herumgehen, so müssen sie sich, wie schon gesagt, sehr in acht nehmen, daß sie durch Berührung niemanden in Ungelegenheit und in die Kontumaz bringen. Da die Einrichtung derer weiter rechts liegenden Kontumazgebäude zu Uipalanka, Kubin; Pancsowa und Semlin die nämliche ist, als die zu Schuppaneck war, so brauche ich sie nicht besonders zu erwähnen. Fünfundzwanzigstes Kapitel Handel mit den Türken Da auf unserer Seite der sechs Stunden von hier gelegene Ort Mehadia der nächste ist, wo wir etwas von Lebensmitteln erhalten konnten, Orsowa aber nur eine halbe Stunde von hier entfernt liegt, so bekamen wir deren sehr viel von türkischer Seite. Wenn schon gehandeltes Kaufmannsgut herüberkommt, so wird solches, wie schon gedacht, sogleich in die Kontumaz gebracht und daselbst visitieret, wo es 21 Tage liegenbleibt und dann erst nach erhaltenem Paß des Kontumazdirektors weiterversendet werden darf. Will man aber bei der Unterredung selbst etwas kaufen, so legt es der Türk in schon erwähntes Viereck nieder und tritt dann auf seine Seite zurück; hierauf geht der Käufer hin und besieht es, doch ohne es anrühren zu dürfen; nach dem Besehen tritt er auf seine Seite zurück. Nun legt sich der Türk auf den jenseitigen und der Christ auf den diesseitigen Zaun, fordern und bieten so lange, bis sie des Handels einig werden. Sind es Dinge, die Kontumaz machen müssen, so werden sie hineingebracht, und nach verflossenen 21 Tagen erhält man es wieder; sind es aber Sachen, die davon frei sind, als Wein, Milch, Essig, Obst und dergleichen, so läßt man solche auf der Erde liegen, ruft sodann einen Reinigungsknecht, um sie zu reinigen. Diese Reinigung besteht darinne, daß sie eine mit Essig angefüllte Schale nehmen und von demselben etwas drüber her spritzen. Ohngeachtet ich mehrmals gesehen habe, daß sie ihren Essig aus der Szerna geschöpft haben, so darf doch niemand vor dieser Reinigung das mindeste davon nehmen oder anrühren. Nun zählt man das Geld für die erkauften Waren entweder im Wege hin oder wirft es dem Türken, in etwas eingewickelt, über den Zaun hinüber. Wenn die türkischen Untertanen etwas von uns kaufen, so wird in Ansehung des Handelns ebenso verfahren, nur daß sie ihre erhandelten Sachen sogleich nehmen und Gebrauch davon machen können, weil sie auf ihrer Seite keine Kontumaz haben und auch keine brauchen; denn teils können sie voraussetzen, daß sie die Pest von uns nicht hinüberbekommen, und wenn auch dieses geschehen sollte, so weiß beinahe jedermann, wie wenig sie gewohnt sind, sich davor in acht zu nehmen. Das Geld aber für die erhandelten Dinge dürfen sie uns nicht in den Weg hinlegen, weil, obgleich das Geld keine Kontumaz macht, man es doch nicht so nehmen darf, sondern man hält ihnen eine Schale mit Essig hin, in die sie das Geld zählen, welches man nachgehends herausnimmt. Viele Leute stehen in dem Gedanken, daß die Türken sowohl in Ansehung ihrer Kleidung als körperlichen Gestalt sehr von uns verschieden und halbe Ungeheuer wären, bei denen weder Treue noch Glauben anzutreffen sei, und wundern sich oft, warum sie Gott nicht von der Erde vertilge. Weil ich nun Gelegenheit gehabt habe, mehr Jahre mit diesen Leuten umzugehen, so kann ich nicht allein versichern, daß sie, überhaupt genommen, ebenso gebildet sind als wir, daß die meisten unter ihnen recht gute Leute sind, welches man unter andern daraus abnehmen kann, daß sie alle ein dickes und fettes Ansehen haben, und daß ihre Kleidung weit beständiger und dem Körper angemessener ist als die unsrige; sondern daß sie auch, was Treue und Glauben betrifft, die Christen oftmals beschämen, denn ich habe es nicht etwa vom Hörensagen, sondern oftmals selbst erfahren, wie pünktlich sie ihr Wort halten; und ich kann nicht umhin, den Türken auf Kosten der Christen hiermit ein Kompliment zu machen, daß ich von ihnen oft besser als von meinen eigenen Religionsverwandten behandelt worden bin. Wenn man von einem Türken etwas kaufen will, das er nicht hat, und eine Zeit bestimmt, in welcher er es bringen will, so kann man ohne Besorgnis eines Betrugs den Handel berichtigen und allenfalls das Geld vorausbezahlen, weil sie nie ermangeln, es auf die bestimmte Zeit zu bringen, ohne sich durch Wind, Regen oder Schnee davon abhalten zu lassen. Dieses ist um soviel mehr zu loben, weil sie wissen, daß wir im entstehenden Falle durchaus nicht hinüber auf ihre Seite gehen dürfen, und ich glaube, daß, wenn wir unsere Butter und Käse unbekannten Bauersleuten im voraus bezahlen wollten, wir trotz aller so hoch gepriesener deutschen Redlichkeit oft lange genug warten müßten oder gar nichts bekommen würden, welches um soviel schlechter wäre, weil sie wissen, daß es uns freistehen würde, sie selbst aufzusuchen und sie an ihr Versprechen zu erinnern. Also nicht die Furcht für den Türken, sondern Krankheit und das Verlangen nach gutem Wasser war die Ursache, daß ich von Schuppaneck weg und wenigstens wieder nach Mehadia zu gehen wünschte; denn die ganze Zeit, die ich hier zubrachte, hatte ich keine gesunde Stunde, und hätte ich nicht zuweilen etwas Medizin von erwähntem Kontumazfeldscher Jäger erhalten, so würde ich wahrscheinlich auch mein Grab daselbst gefunden haben. Wenn der Mehadier Feldscher die Kranken vernachlässigte, so geschah es nicht aus Unwissenheit, sondern (welches freilich dem, der unter seinen Händen verderben muß, einerlei sein kann) aus Nachlässigkeit; denn hätte er seine Talente anwenden wollen, so hätte er der beste Feldscher sein können; allein der Schuppanecker war, als solcher betrachtet, ganz unter aller Prüfung, wenn er gleich sonst der beste Mann von der Welt war. Man denke sich nun eine ungesunde Station, und das wird Schuppaneck immer für die Deutschen sein, und einen solchen Feldscher, wozu noch kam, nicht daß man daselbst gar kein Spital hatte, sondern daß diejenigen, so nicht bei der Compagnie genesen konnten, nach Mehadia in das gemeinschaftliche Spital geschafft werden mußten, so kann man sich leicht denken, daß ich sehnlich wünschte, nach Temiswar oder Mehadia zu gehen. Da man von Schuppaneck nach Mehadia sechs gute Stunden und nichts als Ochsenwagen hat, so mußte ein Kranker von des Morgens früh bis auf den Abend auf dem Wege sein; und es ist mehrmals geschehen, daß die Kranken im Sommer erstickt und im Winter erfroren sind, ehe sie das Spital erreichten. Was mir aber in Schuppaneck am meisten mangelte, war das Wasser, denn außer der Szerna hatten wir kein anderes als dasjenige, so auf einer Wiese hervorquillt; ein anderer würde sich sehr leicht durch den Wein entschädigt haben, denn derselbe ist nicht allein gut, sondern auch so wohlfeil, daß man die Ocka, hiesige drei Nösel, für zwei Kreuzer haben konnte; allein es war mir nie gegeben, mich an denselben zu gewöhnen. Unter solchen Umständen schrieb ich an den Hauptmann Oberling nach Mehadia, welches der Liebling des Generals M – s war, und bat solchen, sich für mich zu verwenden, welches er auch tat und mich sogar zu seiner Compagnie nahm. Die Veteranische Höhle Sechsundzwanzigstes Kapitel Der Pope Wie froh war ich nicht, als ich mich wieder in Mehadia bei meiner klaren Quelle befand, deren Wasser ich mit Wollust genoß, und es dauerte nicht lange, so stellte mich der geschickte Bataillonsfeldscher Körner zum zweiten Male wieder her, so daß ich nach wenig Wochen meinen Dienst bei der Compagnie verrichten konnte. Allein nach einigen Monaten hätte ich durch folgenden Vorfall bald mein Leben eingebüßt. Wenige Tage vor der Musterung, wo schon alles Erforderliche fertig war, bekamen wir von Temiswar zwei Wagen Montierungsstücke, davon die Hälfte nach Schuppaneck abgegeben werden sollte. Die Residenz des türkischen Paschas in Orsowa Ohne Begleitung durfte sie der Hauptmann nicht fortschicken, und wollte er einige Mannschaft von seiner Compagnie mitgehen lassen, so mußte zuviel an den Musterlisten geändert werden. Er sagte mir also, daß, da ich bei ihm nur zugeteilt sei, so wäre es einerlei, ob ich die Musterung zu Mehadia oder Schuppaneck passierte, und bat mich, mit gedachten Montierungsstücken dahin abzugehen, weil sie auf diese Art keiner andern Begleitung bedürften. Nun hatten die Räuber den Tag vorher zwischen Döplitz und Schuppaneck einige Raitzen erschlagen, und es war zu vermuten, daß noch einige von ihnen in dasiger Gegend herumstreifen und bei dem geringsten Winde, den sie von diesen Kleidungsstücken erhielten, Jagd auf selbige machen möchten; und ich gestehe, daß ich nicht ganz ohne Furcht war; allein wer wird solche beim Militär merken lassen. Ich machte mich daher mit meiner schnellen Ochsenpost auf den Weg und ging sachte hinterher, um, im Fall sich Räuber sehen lassen sollten, mit ihnen zu kapitulieren oder mein Heil in der Flucht zu suchen, je nachdem es die Umstände an die Hand geben würden. Allein ich war kaum eine Stunde von Mehadia weg, als mir, anstatt der Räuber, ein starkes, mit Regen und Schloßen vergesellschaftetes Gewitter begegnete, welches ich, da ich den Wagen nicht aus den Augen verlieren durfte, bis nach Döplitz aushalten mußte. Da dieses das einzige jenseits der Szerna liegende Dorf ist, das man von Mehadia bis Schuppaneck antrifft, so nahm ich mir vor, in dem diesseits liegenden, dem Döplitzer Popen zugehörigen Wirtshause zu übernachten. Ich ließ also die aus funfzig Mänteln, dreihundert Röcken und ebensoviel wollenen Beinkleidern bestehenden Montierungsstücke abladen und bat den Popen, solche in seine Stube zu nehmen, weil die, so das Gastzimmer vorstellen sollte, weder Türen noch Fenster hatte, allein er schlug mir solches in allen Gnaden ab. Daß ich die ganze Nacht in den nassen Kleidern, ohne Bette und Feuer (denn außer Türen und Fenstern fehlte im Gastzimmer auch der Ofen) zubringen und mich vielleicht auch noch bestehlen lassen sollte, mußte mich natürlicherweise verdrießen; da ich nun überdieses nicht nässer werden konnte, als ich schon war, so hieß ich die Walachen die abgeladenen Montierungen wieder aufladen und nach Schuppaneck fahren. Es ist wahr, es regnete noch sehr stark, und die Szerna brauste mit gräßlichem Getöse über das mit Steinen von allerhand Größen besäete Flußbette hin, und der Walach brachte ein »Gospodi po milie« nach dem andern hervor; demohngeachtet fuhr ich in diesem Wetter, welches von hundert vielleicht neunundneunzig zurückgehalten haben würde, fort, allein es wäre mir auch bald sehr übel bekommen. Wir waren nämlich kaum aus dem Gebürge in die zwischen Döplitz und Schuppaneck liegende kleine Ebene gekommen, als neuerdings ein mit Schloßen vermischter starker Regenguß herabfiel und uns nötigte, unter den Wagen zu kriechen. Aber auch hier konnte ich mich nicht lange halten, denn das Wasser kam so stark den Weg herabgeschossen, daß es den Wagen fortzuschwemmen drohte. Da ich auch sahe, daß die vor mir liegende Brücke mit fortgerissen wurde, so war guter Rat teuer, wo wir uns hinwenden sollten. Vor uns hin zu kommen war durchaus unmöglich, und wollten wir das Gebürge gewinnen, so war zu besorgen, daß die Szerna den Weg überschwemmt habe. Ich wunderte mich, daß der Walache bei so augenscheinlicher Gefahr nicht die mindeste Furcht blicken ließ, sondern mich nur mit unverwandten Augen ansah, um zu hören, was er tun sollte; und er war außer sich für Freude, als ich ihm sagte, daß er umwenden und das Wirtshaus zu erreichen suchen möchte. Weil wir wieder ins Gebürge kamen, fanden wir den Weg schon hin und wieder mit fortgerollten Steinen, Sand und Kies angefüllt, und besonders lag an einer Stelle von letzterm so viel, daß wir kaum mit äußerster Mühe hindurchkamen; und kaum waren wir hinüber, so löste sich eine ganze Masse oben vom Gebürge los und bedeckte mit großem Geprassel eine ziemliche Strecke Wegs, so daß uns einige Minuten Verzug das Leben gekostet haben würden. Da wir das gedachte Wirtshaus erreicht hatten, war es schwer, über das aus dem davorliegenden Tale hervorschießende Wasser zu kommen, und der jenseits stehende Pope rief mir immer zu, mich nicht hineinzuwagen. Doch was war zu tun? Hinüber wollte und sollte ich, und weil wir auch einige Gewehre auf dem Wagen hatten, so nahm ich zwei davon, pflanzte die Bajonette auf, kehrte sie nach unten zu, und mich so auf dieselben stützend, kam ich glücklich hindurch. Der Walache setzte sich auf einen Ochsen und schwamm mit dem Wagen, ohne das mindeste im Wasser zu verlieren, herüber. Nun fand ich an diesem Popen einen ganz andern Mann; er selbst half den Wagen abladen und die Montierungen in seine Stube tragen, und sobald sich das Wasser ein wenig verlaufen hatte, ließ er Holz holen, Feuer machen und brachte meinem walachischen Fuhrmanne Sprinza Melai und Raki, welches er sich recht wohl schmecken ließ. Den Tag darauf mußten wir liegenbleiben, weil die Brücken erst gemacht und die Wege aufgeräumt werden mußten; und ohngeachtet schon mehr als zweihundert Wagen von dem Herabgefallenen weggeschafft worden war, so fanden wir doch beim Durchfahren noch ebensoviel liegen; und an drei Orten hatte das Wasser solche Höhlungen gerissen, daß wir den Wagen ebensovielmal abladen, zerlegen und stückweise hinübertragen mußten, welches aber beim walachischen Fuhrwesen eben keine große Mühe erfordert. Ich habe gesagt, daß den zweiten Tag die Brücken schon wiederhergestellt waren, und mancher könnte sich darüber wundern, weil der Brückenbau gewöhnlich viel Zeit wegzunehmen pflegt; allein die Walachen gehen sehr einfach damit zu Werke. Sobald zum Beispiel eine Brücke vom Wasser weggerissen wird (denn durch andere Zufälle leiden sie fast nie, weil sie das Wasser nie lange stehen läßt), so hauen sie einige Bäume um, versehen sie oben mit Zapfen, stellen sie ins Wasser oder in den Sumpf, legen hierauf zwei andere, die soviel Löcher als erstere Zapfen haben, dies- und jenseits so auf, daß die Zapfen in die Öffnungen passen; nun werden ohne weitere Umstände von Ästen entblößte kleine Bäume nebeneinander gelegt, und so ist die ganze Brücke fertig. Trifft man nun, wenn man über solche Brücken fährt, eben die Mitte, so geht die Sache gut, kommt man aber dem einen oder dem andern Ende zu nahe, so schlagen diese Hölzer um, und man läuft Gefahr, ins Wasser zu fallen; doch steigt man gewöhnlich in der Nähe von solchen Brücken vom Fuhrwerke ab. In Ansehung der Brücken ist es im Banat da, wo keine Landstraßen sind, überhaupt schlecht bestellt; denn es gibt hin und wieder beträchtliche Bäche, wo nie oder doch äußerst selten eine Brücke angetroffen wird. Zwischen Mehadia und den Warmen Bädern findet man sehr selten eine Brücke über die Bellarega, ohngeachtet einem das Wasser bis über die Hüften reicht und so reißend ist, daß es die kleinen Steinchen unter den Füßen wegnimmt. Bei Slatina ist ein noch weit größerer Fluß, über dem nirgend eine Brücke für das Fuhrwerk und oft kaum Stege für Fußgänger angebracht sind. Sobald die Musterung in Schuppaneck vorbei war, eilte ich wieder nach Mehadia, wo ich einen Brief von der Witwe des Adjutanten Vigna fand, in welchem sie mir meldete, daß sie das Graf Soroische Gasthaus am Wienertore nebst den daranstoßenden Zimmern in Pacht genommen und das Inventarium der vorigen Wirtin ablösen wolle; zugleich bat sie mich, im Falle es tunlich sei, auf einige Wochen nach Temiswar zu kommen, um ihr bei ihrer Einrichtung ein wenig mitzuhelfen. Ich schrieb daher sogleich an das Regimentskommando und bat um sechs Wochen Urlaub; weil mich aber der Hauptmann nicht gerne missen wollte, so mochte er solches verhindert haben, und ich bekam eine abschlägliche Antwort. Hierauf schrieb ich an meine Freundin, sich in Temiswar an den Grafen Soro zu wenden, welches sie tat, und in vierzehn Tagen bekam ich einen Brief von Madam Vigna und der Hauptmann einen vom Generalkommando, mit der Weisung, mich nach Temiswar abgehen zu lassen. Als mir der Hauptmann Nachricht hievon gab, sagte er dabei, daß ich gute Freunde in Temiswar haben müsse, wobei er mir einige Vorwürfe machte, daß ich seine Compagnie, ohne die geringste Ursache zu haben, verlassen wollte. Diese Vorwürfe waren gerecht, denn der würdige Offizier war nicht allein mein Vorgesetzter, sondern auch mein Gönner; und als ich ihm die Ursache erklärte, warum ich nach Temiswar gehen wollte, so war er sehr damit zufrieden und wünschte mir glückliche Reise, mit dem Zusatze, so bald als möglich wiederzukommen. Doch ehe ich diese Gegend verlasse, muß ich etwas von einer kostspieligen Wasserleitung melden, die sich in der Nähe von Mehadia befindet. Siebenundzwanzigstes Kapitel Undankbare Arbeit Als im Jahr 1739 der Friede zwischen den Türken und dem Kaiser im Lager vor Belgrad geschlossen wurde, wo diese Festung durch bekannte Intrigen in türkische Hände gespielt wurde, so begehrten erstere auch noch die Erdzunge, welche die Szerna, ehe sie bei Orsowa in die Donau fällt, bildet. Auf gedachter Erdzunge liegen sieben Örter, Bersa, Besaneska, Loplitz, Karabink, Furfura, Schuppaneck und die Warmen Bäder, um welche es den Türken eigentlich zu tun war. Unter andern Aufopferungen wurde ihnen auch dieses verwilliget, doch unter der Bedingung, die Szerna unter Mehadia abzugraben und bei Alt-Orsowa in die Donau zu leiten, um solchergestalt diese Erdzunge in ihr Gebiete zu ziehen, mit dem Zusatze, daß, wenn diese Arbeit in Jahresfrist nicht geendiget sei, sie ihres Rechtes auf diesem Distrikte verlustig sein sollten. Dieses war nun ein sehr großes und schwer auszuführendes Unternehmen, denn sie mußten dem Flusse, wenn man die Krümmungen mitrechnen will, zehn Stunden weit ein neues Bette durch Berg und Tal machen; doch dieses benahm ihnen den Mut nicht, und der Bassa von Belgrad ließ sogleich durch französische Ingenieure die Arbeit anfangen. Etwa eine gute Stunde von Mehadia, da, wo die Szerna die Bellarega aufnimmt, wurde der Kanal, so sein Wasser aufnehmen sollte, angefangen und eine Stunde ohne große Beschwerlichkeit fortgeführt. Ein schräg gegen die Szerna laufendes Tal war die erste Schwierigkeit, die sie antrafen. Hier mußten große, mit spitzigen Winkeln versehene Bogen aufgeführt werden, welche mit dem Flußbette waagerecht waren, worüber das Wasser geleitet wurde. Bei dem Dorfe Döplitz dämmen sich große Felsen im Weg, an deren senkrechten Abhänge sie wieder viele Bogen aufführen mußten, auf welchen sie das Wasser neben der Felsenwand hinleiten wollten. Nun mußten sie, um dem Fluß keinen zu starken Fall zu geben, den Kanal bald am Fuße, bald an der Mitte des Gebürges, je nachdem dieses hoch oder niedrig liegt, bis in die Donau führen, womit sie wirklich in der gesetzten Zeit fertig wurden; sie ließen auch schon eine Mühle daran bauen, worin die Orsowaer mahlen sollten. Allein als sie nun die Szerna abgruben, so fand sich, daß ihre Wasser tiefer als das neue Flußbette liefen und in ihrem alten Bette fortflossen. Man will sagen, der berühmte General Engelshofen habe in geheim eine große Menge Quecksilber von Wien kommen lassen und solches unter dem neuen Flußbette auf einmal in die Szerna werfen lassen, dieses soll das alte Flußbette vertieft und die ganze Arbeit der Türken fruchtlos gemacht haben. Dieser Distrikt gehört also zu dem Hause Östreich und beruht auf gedachter Mühle, so die Waititzer heißt, welche jetzt zu einem kaiserlichen Wachthaus umgeschaffen ist, noch ein Recht, vermöge welchem sie die Türken, im Fall sie solche leer antreffen sollten, wieder in Besitz nehmen dürfen. Einst hatte sich die aus einem Gefreiten und sechs Gemeinen bestehende Mannschaft bis auf einen hinter dem Wachthause im Grase liegenden entfernt. Weil jeder den da vorbeigehenden Fußpfad passierender türkischer Untertan in die Wachtstube zu sehen pflegt, so machte sie einer, der sie leer antraf, zu, trat in die Tür und lockte durch sein »Allah! Allah!« mehrere Türken herbei. Durch dieses Geschrei erwachte der Schlafende, schlupfte durchs Fenster in gedachte Wachtstube und verbarg sich unter der Pritsche. Als nun die Türken hineingingen, um Besitz davon zu nehmen, kroch der Soldat hervor und frug, was sie wollten. Die Wachtstube sei nicht leer gewesen, sondern er habe sich nur der Kühlung wegen unter die Pritsche gelegt. Dieses mußten sie wohl glauben, allein weil sie die List merkten, so trugen sie, um ein andermal nicht auf gleiche Weise hintergangen zu werden, darauf an, das Fenster mit eisernen Gittern zu versehen, welches auch geschehen ist. Viele sagen, daß die ganze Erdzunge von der Behauptung dieses Postens abhänge, welches aber gar nicht wahrscheinlich ist, weil man solchen in diesem Falle gewiß keinem Gefreiten anvertrauen würde. Achtundzwanzigstes Kapitel Der Wirt Nachdem ich, wie gesagt, Erlaubnis erhalten hatte, nach Temiswar zu gehen, nahm ich von meinen guten Freunden, besonders von Herrn Leopold, Abschied, setzte mich auf die Diligence, und in weniger als vierundzwanzig Stunden war ich bei meiner guten Freundin. Es wurde wenige Zeit erfordert, ihre kleine Einrichtung zu besorgen, demohngeachtet blieb ich sechs Wochen bei ihr, und nach Verlauf dieser Zeit konnte und wollte ich sie aus der Ursache nicht verlassen, weil sie zu kränkeln anfing, besonders da sie mir selbst zu verstehen gab, daß ich noch einige Zeit bei ihr bleiben möchte. Da nun noch ein wichtiger Um einer Folgerung, die man aus diesem wichtigen Nebenumstande ziehen könnte, vorzubeugen, muß ich anmerken, daß meine Freundin dazumal 52 Jahr alt und auf keine Weise in dem Falle der Konstantia von Sizilien war. Memoires de Brantome. Tom. II. p. 218. Nebenumstand dazu kam, so bat ich um die Verlängerung meines Urlaubs, und als mir solche abgeschlagen wurde, nahm ich mir vor, meine Entlassung zu suchen. Hier entsteht nun freilich die Frage, tat ich recht oder nicht? und ich wüßte sie bis jetzo noch nicht zu beantworten. Ich folgte bloß meinem Gefühl, welches mir sagte, ich sei ihr diese kleine Aufopferung schuldig. Denn ihr Mann, der oftgenannte Adjutant Vigna, war sechs Jahr mein bester Freund und sie ebenso lange meine Freundin gewesen; wir hatten zugleich die Reise von Italien bis an die türkische Grenze gemacht und beständig in gutem Vernehmen gestanden. Da ein kaiserlicher Fourier nicht obligat ist, so hielt es nicht schwer, meine Entlassung zu bekommen; ich trat also in nähere Verbindung mit ihr und nahm an der kleinen Wirtschaft teil. Es ist wahr, wir betrieben sie nicht, wie wir sie hätten betreiben sollen, um Geld zu verdienen, sondern nur so, damit wir keines zusetzten; und ich dachte nur daran, ihr den Abend des Lebens so angenehm als möglich zu machen. Wir fuhren daher wöchentlich einigemal spazieren, machten auch zuweilen kleine Lustpartien auf das Land; da nun die Wirtschaft während unserer Abwesenheit durch zwei Mägde geführt wurde, so kann man leicht denken, daß solche ihren eigenen Vorteil dem unsrigen oft vorgezogen haben werden; doch wir büßten nichts ein, waren allemal die ersten, die den Pacht bezahlten, genossen unser Leben, und mehr wollten wir nicht. Nach Verlauf von achtzehn Monaten wurde sie kränker; als eine gute Katholikin hatte sie großes Zutrauen zu einer Mutter Gottes und namentlich zu der zu Maria Radna. Sie wünschte daher noch eine Wallfahrt dahin zu tun, weil sie von ihr ihre Gesundheit wiederzuerhalten hoffte. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich in diesem Punkte ganz anders dachte; da ich aber jeden Religionsgebrauch in seinen Würden lasse und ich mich ebensowenig über die Walachen wegen ihrer beinahe dreißig Wochen betragende äußerst strenge Fasten lustig gemacht habe, als ich mich über die neben den Pagoden unter den Banianenbäumen büßende Indianer oder sich selbst zerfetzenden Kalender, Derwische, Santonen und wie sie alle heißen lustig machen würde, sondern vielmehr Mitleiden, welches sie würklich verdienen, mit ihnen habe, so war ich weit entfernt, ihr die Wallfahrt nach dem auf der ungarischen Grenze liegenden Maria Radna gleichgültig zu machen oder gar zu widerraten, sondern ich reiste selbst mir ihr hin und hoffte, wo nicht von der Mutter Gottes, doch von der Veränderung der Luft einige Besserung; allein ich brachte sie kränker wieder zurück, als ich sie hinweggeführt hatte. Weil mir die Natur ihrer Krankheit bekannt war und sie die Herren Doctores Gros und Geiginger gefährlich fanden, so war ich der erste, der sie von der Gefahr, so ihr drohte, benachrichtete; denn ich kannte sie zu gut, als daß ich hätte befürchten dürfen, ihr durch eine solche, in den meisten Fällen übel angebrachte Nachricht zu mißfallen. Als sie sterben wollte, äußerte sie den Wunsch, ich möchte ihr nach ihrem Tode, auf eine Zeit, so sie mir bestimmte, zwischen neun und zehn Uhr, eine Messe und das allemal von einem und dem nämlichen Franziskaner lesen lassen und, im Falle es sein könnte, ihnen selbst beizuwohnen. Wenn ich gleich den Wert der Messen aus einem ganz andern Gesichtspunkte betrachten mußte, so hätte ich es doch für Kirchenraub gehalten, wenn ich nur eine einzige hätte sollen weniger lesen lassen; ich hörte die meisten selbst mit an, und, was noch mehr sagen will, ich hörte sie mit Andacht an, teils, weil mir das Andenken der Person, für die sie gelesen wurden, teuer war, teils, weil ich ihnen als ein ehrlicher Mann, mit dem Bewußtsein, rechtschaffen an der Verstorbenen gehandelt zu haben, beiwohnte. Aber das muß ich gestehen, daß es mir sehr auffiel, als mich der fette Franziskaner, dem ich das Geld für die Messen auszahlte, alle Augenblicke durch Fragen unterbrach. Nämlich, wie die Verstorbene geheißen habe? ob sie jung oder alt gewesen sei? ob sie Geld hinterlassen und wer es geerbt habe? so daß ich ihm auch endlich im Unwillen sagte, daß, wenn der Himmel etwas von seiner Messe wisse, ihm gewiß auch die Person bekannt sein würde, für die er sie hielte. Einige Tage nach ihrem Tode meldeten sich zwei Personen, die eine wollte der Seligen sieben, die andere drei Zechinen aufzuheben gegeben haben; es ist wahr, sie hatten weder Schwarz noch Weiß darüber, allein ich hielt dieses nicht für hinlänglich, an der Wahrheit zu zweifeln, weil ich von jeher geglaubt habe und noch glaube, daß das Schwarz und Weiß, einen einzigen Fall ausgenommen, des Schurken und nicht des ehrlichen Mannes wegen eingeführt sei; deswegen wollte ich weder den einen noch den andern mit ersterm Epithet belegen, ob mir gleich unter mehrern andern der Umstand, daß sie mir nie bei Lebzeiten der Verstorbenen etwas gesagt hatten, hätte Argwohn beibringen können; genug, ich bezahlte auch diese. Die Kleidung und Wäsche erbten die Mägde, die Armen und die, so ihr während ihrer letzten Krankentage an die Hand gegangen waren, und ich außer einigen weniger beträchtlichen Preziosen eine goldene Uhr und, was mir lieber war als alles, das Bewußtsein, an der Seligen meine Pflicht getan zu haben. Mit dieser Freundin verlor ich auch alle Lust, den Gastwirt zu machen, wozu ich ohnedem keine Anlage hatte; denn man denke sich einen Mann, der, wie schon gedacht, nie, selbst auf der See, nicht einen Tropfen Brandewein trank, keinen Tabak rauchen und keinen riechen kann, nichts als Wasser und aufs höchste ein Glas Bier genoß, der die Trunkenheit unter die die Menschheit am meisten entehrende Laster rechnet und, was für einen Wirt oder Brauer das sonderbarste sein möchte, der es, wo nicht für Todsünde, doch ganz gewiß für Schelmerei und Betrügerei hielt, Wasser unter die verkaufenden Getränke zu mischen, so wird man ohneschwer erraten, daß ein solcher eben nicht zum Wirt geboren ist. Ich überließ daher das Inventarium einem andern, der gewiß mehr Geschick zum Betrügen hatte als ich (denn er fing an mir zum ersten an), und entsagte der etwa 21 Monate geführten Wirtschaft. Neunundzwanzigstes Kapitel Die Metamorphose Schon bei Lebzeiten der Madam Vigna hatte ich die Ehre, den Herrn Francesco Barbieri, Podesta von Mantua, zu kennen, welcher sich zur selbigen Zeit in Temiswar befand. Dieser bat mich, ihm seine Akten zu übersetzen, welches er mir gut zu bezahlen versprach und auch würklich bezahlte. Ich wurde also in wenig Tagen aus einem Wirt ein Übersetzer. Dieser Herr, der vor einiger Zeit von Wien gekommen war, hatte einen beträchtlichen Prozeß zwischen dem Herrn Grafen Ruggier Staremberg und einem gewissen Herrn Limoni zu führen, von welchem ich nur einige Worte gedenken will. Seit der Zeit, daß die Reiskultur zu Giroda, ohnweit Temiswar, eingegangen war, hatte sich niemand gefunden, diesen Zweig der Industrie wieder in Aufnahme zu bringen. Gedachter Herr Limoni, ein gelernter Apotheker von Mantua, war es, dem dieses Verdienst aufbewahrt wurde; er hielt bei der hochseligen Maria Theresia um 500 Joch Felder an, um dasselbe zur Reiskultur urbar zu machen, und bekam es nicht allein sogleich unentgeltlich, sondern auch noch eine dreißig Dukaten schwere goldene Medaille, um sie als ein Ehrenzeichen zu tragen. Noch mehr, es wurde an das Szakowaer Rentamt ein Befehl gesendet, diesem Herrn Limoni zehn Mann als eine Sicherheitswache zu geben. Nun hatte dieser Herr wohl Land, das aber großen Aufwand erforderte, um der Absicht der erhabenen Geberin zu entsprechen und für sich selber Nutzen daraus zu ziehen; weil er aber keine baren Mittel besaß, so gab er sich sogleich Mühe, in Wien einen Kapitalisten ausfindig zu machen, der solche gegen einen bestimmten Anteil der Nutznießung vorschießen möchte, war auch so glücklich, die gesuchte Unterstützung bei dem Herrn Grafen von Staremberg zu finden, der ihm in verschiedenen Posten gegen 36 000 Gulden bares Geld darlieh. Unter andern hatte Herr Limoni auch versprochen, in einer gesetzten Zeit weißen Reis zu liefern; da er dieses nun, vieler Ursachen wegen, nicht leisten konnte und noch immer mehr Geld forderte, der Herr Graf aber nicht allein keines mehr darleihen, sondern die dargeliehenen Kapitale auch wieder zurückhaben oder ihm noch mehr Geld geben und teil an dem Grundstücke haben wollte, so entstand dieser Prozeß. Herr Limoni hat mir oft gesagt, daß ihm der Herr Graf seine Streitza, die er immer am Halse trug und eine hiesige Metze halten mochte, voll Dukaten geboten habe, wenn er auf die Schenkungsakte Verzicht tun und ihm das Land abtreten wollte. In der Folge kam anfangs gedachter Herr Barbieri ins Banat und hatte von der Graf Starembergischen Masse, dessen erstes Glied der Herr Baron Gudenus war, den Auftrag, diesen Prozeß anhängig zu machen, und erhielt monatlich ein bestimmtes Honorar von hundert Gulden. Der Herr Podesta war ein mit vielen Talenten begabter Mann, welches selbst seine Feinde, deren er genug im Banat hatte (und welchem ehrlichen Manne fehlen sie?), gestehen müssen, allein in der deutschen Sprache so fremde, daß er nicht einmal die nötigsten Bedürfnisse fordern konnte; ja er fand unsre Sprache so schwer, daß er gar keinen Versuch machen wollte, sie zu lernen. Weil nun der Prozeß bei der Kameral-Kanzlei in Temiswar geführt wurde, so mußte ich ihm alle einzureichende Schriften ins Deutsche und die, so er erhielt, ins Italienische übersetzen. Dieser Herr bezahlte mich nicht allein sehr gut, sondern wir machten auch, wenn wir nichts zu tun hatten, einige Exkursionen miteinander. Bald fuhren wir nach Laramna, bald nach Scatai, Charlottenburg oder Werschetz und brachten unsere Zeit recht vergnügt zu. Nach Verlauf von neun Monaten hörte unsere Arbeit auf einmal auf; denn die Graf Starembergische Masse, welche müde sein mochte, die hundert Gulden monatlich zu bezahlen, besonders da sich der Prozeß sehr in die Länge zu ziehen schien, trug die fernere Führung desselben dem Herrn Syndikus Schmidt in Temiswar auf; was nun solcher für einen Ausgang genommen habe, ist mir nicht bekannt, weil er, als ich das Banat verließ, noch nicht geendiget war. Als wir nichts mehr mit dem Prozeß zu tun hatten, arbeiteten wir zwei Gesellschaftskontrakte aus; für den ersten, der zwischen dem Herrn Carlo Guiliano Arisi und den beiden Kapitalisten Herrn Haygel und Kircheser geschlossen wurde, bekam ich 25 Gulden, allein für den des Herrn Oberlieutenants von Havatsky, für welchen mir zwölf Zechinen versprochen wurden, habe ich nicht das mindeste erhalten. Es ist wahr, der Herr Barbieri schrieb mir einst von Billisch, wo er auf des Grafen Bellesney Gütern eine Seiden- und Reiskultur angelegt hatte, und legte mir einen Brief an den Herrn Haygel mit einem Sigillo valente bei; weil aber jetzt genannter Herr zufälligerweise bei mir war, als ich den Brief bekam, so wollte ich nicht gerne Gebrauch davon machen, sondern gab ihm solchen, ohne zu wissen, welchen Weg Herr Barbieri eingeschlagen hatte, um mir zu meinem Verdienste zu verhelfen. Weil ich nun in Temiswar nichts zu verrichten hatte, so ging ich mit Herrn Carlo Arisi, einem der Interessenten des gedachten Kontrakts (der mir die Stelle des Rechnungsführers, den sie gemeinschaftlich unterhielten, versprach), auf den Reisbau nach Katai. Als die Sache ihren Fortgang haben sollte, fand sich's, daß der, welcher diese Stelle bis dahin bekleidet hatte, eine namhafte Summe an die Kassa restierte, weswegen die Interessenten genötiget waren, ihn bis zur Berichtigung des Defekts zu behalten; allein anstatt etwas zu bezahlen, machte er neue Schulden, und ich konnte wohl sehen, daß er sie niemals oder doch sehr spät bezahlen würde; demohngeachtet hatte ich vom Herrn Arisi monatlich zehn Gulden, nebst Kost, Quartier und Aufwartung, wofür ich seine besondere Rechnung führte, seinen Söhnen die deutsche Sprache lehrte und mich zum Vergnügen des Reisbaues annahm. Dreißigstes Kapitel Über die Reiskultur Gegenwärtig befinden sich im Banat Temiswar folgende Reisplantagen. Die erste und größte, 600 Joch haltende, wird vom Oberlieutenant Navatsky administrieret, gehört aber der Madam Jarzabeck eigentümlich; die zweite, von 500 Joch, gehört dem Herrn Secondo Limoni; die dritte, auch von 500 Joch, hat Herr Francesco Barbieri erst vor einigen Jahren vom höchstseligen Kaiser erhalten; und die vierte, von 150 Joch, ist dem Herrn Carlo Arisi, die ich ausführlicher beschreiben will. Etwa eine halbe Stunde oberhalb Katai, nach dem Dorfe La Scuglie zu, wird das Wasser vermittelst eines zwölf Schuh breiten Hauptkanals aus der Bersava bis an die Reisfelder geleitet, wo zwei den ganzen Reisbau umgebende Nebenkanäle von ihm auslaufen, die sich wieder in verschiedene kleine teilen, welche sich durch das Innere der Reisfelder ziehen und mit dem Hauptkanal Gemeinschaft haben, um die entlegenen Kammern mit Wasser versehen zu können. Gleich beim Eintritte des Hauptkanals in die Reiskammern wird dessen Wasser durch einen Querdamm in die Höhe getrieben, damit es durch die auf beiden Seiten des Ufers angebrachten Öffnungen oder Einschnitte in die Kammern laufen kann, wo es immer aus einer in die andere rinnt, bis es wieder durch die Seitenkanäle in den Hauptkanal geleitet wird. Vor dem erwähnten Querdamm hatte der Kanal eine große Öffnung, durch welche die ganze übrige Wassermasse in einem halben Zirkel um den Damm herum wieder in gedachten Kanal fließt. Sobald nun das Wasser im Kanal. wieder tiefer läuft, als die an demselben angebrachten Öffnungen sind, durch welche es durchfließen muß, so wird es durch einen andern Querdamm wieder zur erforderlichen Höhe getrieben, und so wird bis zum Ende der Reisfelder fortgefahren, wo die Quer- und Seitenkanäle sich mit dem Hauptkanale vereinigen und die Pila (Stampfmühle) in Bewegung setzen. Die Aussaat des Reises geschieht im Banat gewöhnlich in der Hälfte des Aprils und wobei folgendergestalt zu Werke gegangen wird. Sobald die Kammern geackert und die Dämme wieder aufgeworfen sind, wird das Wasser hineingelassen, wozu oft vier bis sechs Tage erfordert werden, während welcher Zeit der Same in Säcke getan und mit solchen ins Wasser geworfen wird, wo er zweimal 48 Stunden liegenbleibt; dadurch wird der Same erwärmt, so daß er bald keimt, und zugleich durch das eingesogene Wasser schwer, damit er beim Säen sogleich untersinke. Sind nun die Kammern angelaufen, so gehen die, so ihn säen, hinein und werfen den Reis ebenso wie unsere Bauersleute ihr Korn aus, worauf einige, um die ausgestreuten Körner mit Erde zu bedecken, große Dornfaschinen darinne herumschleifen lassen, doch ist dieses nicht durchaus nötig. In Monatsfrist wird er gewöhnlich drei bis vier Zoll hoch, ist aber auch in dieser Zeit, in Ansehung des Windes, der größten Gefahr ausgesetzt; denn setzt derselbe durch heftiges Blasen das Wasser in starke Bewegung, so wäscht dieses die jungen, noch nicht eingewurzelten Pflänzchen los, so daß sie auf dem Wasser herumschwimmen und verderben; deswegen wird es um diese Zeit abgelassen, und bleibt der ganze Reisbau etwan vierzehn Tage ganz trocken; dieses verursacht, daß die Pflanzen einwurzeln und nichts mehr vom Winde zu befürchten haben. Nachdem solches geschehen ist, gibt man dem Reis das Wasser wieder, welches bis im Monat Juli darauf stehenbleibt, wo man es zum zweitenmal abschlägt, um den Reis jäten zu können; denn länger darf man nicht wohl warten, weil, sobald der Knoten etwas über der Erde erhaben ist, die Pflanze knicket, sobald sie beim Jäten niedergetreten wird, und sich nicht wieder erhebt. Ehe der Reis in die Blüte tritt, ist ihm eine kalte Witterung äußerst schädlich, weil die Ähre dadurch verhindert wird, durchzubrechen, worauf der Reis gewöhnlich dunkelgrün wird und verdirbt. Sobald als er gejätet ist, wird das Wasser wieder draufgeschlagen und bleibt bis zur Ernte stehen. Die Höhe des Wassers darf nicht immer gleichbleiben, und muß man sich sehr sorgfältig darnach richten, ob er dessen viel oder wenig braucht. Will sich der Reis überwachsen, welches man daran merken kann, wenn seine Blätter anfangen, dunkelgrün zu werden, so muß man denselben sehr tief unter Wasser setzen, welches seinem Wachstume Einhalt tut; sieht man im Gegenteil, daß es ihm daran fehlt, so kann man ihm dadurch zu Hülfe kommen, daß man nur so wenig darinnen läßt, um den Boden höchstens einige Zoll hoch zu bedecken; denn je geringer die Wassermasse ist, desto eher wird sie von der Sonne erwärmt und desto mehr trägt solches zum Wachstume des Reises bei. Noch vorteilhafter ist folgendes Mittel: Man läßt die Kammern ganz voll Wasser, verstopft dann alle Öffnungen, durch welche es ab- und zufließt, welches sodann in weniger Zeit in Fäulnis übergeht und also zwar dem Reis sehr zuträglich, aber der Luft außerordentlich schädlich ist und eben aus der Ursache, wo große Reisfelder sind, nicht geduldet wird. Wenn der Reis sehr dichte steht und man nicht wohl merken kann, ob wenig oder viel oder gar kein Wasser in den Kammern ist, so darf man nur eine Erdscholle oder Stein in diejenigen hineinwerfen, zu denen man nicht wohl kommen kann, wo das durch den Wurf verursachte Plätschern den Reisbauern sogleich verrät, wieviel darinne ist. Soll der Reis eine gute Ernte versprechen, so muß derselbe so aussehen, wie der Same bei anhaltender Dürre auf unsern Feldern, nämlich die Spitzen der Blätter müssen gelblicht sein, denn sobald sie dunkelgrün werden, ist es ein Zeichen, daß er verderben will. Ist nun der Reis zur Reife gediehen, welches im Banat gemeiniglich gegen das Ende des September geschieht, so wird das Wasser einige Tage vorher abgeschlagen, der Reis sodann geschnitten, durch Pferde ausgetreten und überhaupt wie ander Getreide behandelt. Es ist fast kein Produkt ergiebiger als der Reis; nicht selten findet man eine Pflanze von einem einzigen Korne, die dreißig, fünfunddreißig, bis vierzig Stengel treibt, deren jeder mit einer vollkommenen Ähre versehen ist, und eine gute Ernte entschädiget den Besitzer eines Reisfeldes für zwei bis drei Mißjahre. Im Jahr 1781 konnten wir aus Mangel des Samens nur fünfzig Joch mit Reis besäen; wir hatten eine sehr mittelmäßige Ernte, demohngeachtet bekamen wir 3229 Metzen. Da nun im Banat 1750 Joch oder 2 800 000 Klaftern Reisfelder sind, so folget, daß, wenn sie besäet werden, 113 400 hiesige Viertel geerntet werden können. Sobald der Reis ausgetreten ist, wird er zum Weißmachen auf die Mühle gebracht. Diese gleichet einer Ölmühle, mit dem Unterschiede, daß anstatt zwei Stampfen nur eine in jedes Loch fällt und diese nicht in Holz, sondern in Marmor eingegraben sind, deren ein Marmor gewöhnlich zwei enthält; fünf bis sechs solche nebeneinander gestellte Steine machen eine mittelmäßige Mühle aus. Die Stampfen müssen ihr gehöriges Gewichte haben und sind unten mit fünf stählernen Zacken versehen, wovon die eine in der Mitte gerade, die übrigen aber schräge um dieselbe herumstehen. Die Stampfen dürfen weder zu tief oder zu hoch fallen, denn im ersten Falle werden die Körner zerschlagen, und im zweiten gehen die Hülsen nicht ab. Durch diese Reisfelder werden jährlich mehr als 2000 Walachen, Walachinnen und Kinder, welche letzteren zum Jäten gebraucht werden, beschäftiget und erhalten von Ostern bis zu Michaeli fünf, von Michaeli aber bis Ostern nur vier Gulden, so daß oft eine Familie vier bis fünf Gulden wöchentlich verdienen kann, welches für Walachen gewiß eine beträchtliche Summe ist. Die große Ergiebigkeit des Reises hat mich bewogen, hier einige Jahre Versuche ins kleine zu machen, weil ich aber keinen andern Ort als im Stadtgraben, wo das neben der Mauer im Schatten hinfließende Wasser zu kalt war, und der Reis keine Sonne hatte, so konnte mir es nicht gelingen, ihn zur Reife zu bringen; demohngeachtet bin ich weit entfernt, zu glauben, daß er hier nicht gezogen werden könne; denn man hat bei Pest und in Braunschweig, welches letztere doch weiter gegen Norden liegt, Versuche gemacht, und er ist an beiden Orten zur Reife gediehen. Wir haben hier besonders zwischen Siebeleben und Tütleben eine sumpfichte Pläne, wo sich Versuche machen ließen, ohne daß man nötig hätte, Gräben zu ziehen und Dämme aufzuwerfen; allein es müßte von jemandem geschehen, der etwas daran wenden kann, ohne solches, im Falle es mißlingen sollte, zu fühlen. Ich komme wieder auf den Reisbau zu Katai zurück. Kaum hatte ich hier ein Jahr zugebracht, als mir die unsichere Lebensart zur Last wurde, und ich würde den Schritt, meinen Militärdienst niederzulegen, unter jedem andern Bewegungsgrund als den, der mich dazu determinierte, bereut haben. Von der Lebensart, die man hier führt, will ich nur einiger Worte gedenken. Was Essen und Trinken anbetrifft, so hatten wir an allem Überfluß, zumal, wenn es die Wege zuließen, konnten wir uns das, was wir auf dem Lande nicht haben konnten, von Temiswar kommen lassen; allein was die Sicherheit betrifft, so mußten wir alle Augenblicke befürchten, von Räubern geplündert, gemißhandelt oder umgebracht zu werden. Zwar hatten wir zu unserer Sicherheit sechs Mann Wache bei uns, allein dieses waren selbst Walachen, auf die man sich eben nicht sonderlich verlassen kann. Deswegen wurden wir durch jedes bei der Nacht entstehende Geräusch in Furcht gesetzt, und ich erinnere mich, daß ich eine Zeitlang, weil die Räuber in einem nur eine Viertelstunde entfernten Dorfe eingefallen und sehr übel gehaust hatten, mein Nachtlager alle Nacht verändert und bald auf dem Boden, bald im Stalle, bald im Garten unter diesem oder jenem Baume geschlafen habe. Sobald sich nun in der Nacht etwas reget, so pflegt man sogleich aufzuspringen, sein geladen Gewehr in die Hand zu nehmen, ohne welches sich niemand niederlegt, und sich überhaupt so in Bereitschaft zu halten, als wenn man eine verlorne Post zu bewachen habe. Hier machte ich das zweite Mal die Bemerkung selbst, daß auch die gefahrvolleste Lage eines Menschen durch Zeit und Gewohnheit viel von seinem Fürchterlichen verliert; denn so groß die Gefahr auch war, in der wir schwebten, so sprachen wir doch zuweilen ganz kaltblütig davon, ja der schon genannte Herr Oberlieutenant Navatsky hat sich oft über die Veränderung meines Nachtlagers lustig gemacht, weil, wie er sagte, mich mein kleiner Hund, der mich nie verließ, den Räubern durch sein Bellen verraten würde, und gleichwohl war nur wenige Zeit vorher der Lieutenant Jarzabeck in der nämlichen Stube von den Räubern erschossen worden. Dieser Herr saß einst des Abends nebst seiner Frau ganz allein am Tische und las in der Legende der Heiligen, als ein Schuß durchs Fenster ihn am Kopfe verwundete; er stand auf, um durch die Tür hinauszulaufen, doch ehe er sie erreichte, fiel ein zweiter, der ihm zur linken Seite hinein- und zur rechten herausging, so daß er gleich auf der Stelle tot darniedersank. Man kann sich die Angst und Schrecken der Madam Jarzabeck vorstellen; sie sprang sogleich fort, um Hülfe für ihren Mann in dem über tausend Schritte von ihrer Wohnung entlegenen Dorfe zu suchen, weil sie glaubte, daß er noch Leben haben könnte. Sie traf die Räuber noch vor der Tür an, lief mitten durch sie hin, ohne die mindeste schlechte Behandlung von ihnen zu erfahren; da die Mörder auch nicht das geringste raubten, ohngeachtet sie nicht verstört wurden und beinahe nicht verstört werden konnten, so war allerdings zu vermuten, daß sie zu dieser Tat von jemandem erkauft worden waren. Diese Lebensart wird nun gewiß niemand beneidenswert finden, wenn man gleich den Gaum mit allen möglichen Leckerbissen kitzeln kann; demohngeachtet leben eine Menge Menschen im Banat, die der Gefahr unterworfen sind, über kurz oder lang gemißhandelt oder erschlagen zu werden. Einunddreißigstes Kapitel Der Quasi-Kammerdiener Einst sprach ich bei meinem Aufenthalte in Temiswar von der Unsicherheit, der ich in Katai ausgesetzt war, worauf mir mein Landsmann und guter Freund, Herr Baumann (welcher als Sekretär in Diensten Seiner Exzellenz des raitzischen Bischofs und jetzigen Metropoliten Herrn Moses Putneck stand), antrug, mir die Kammerdienerstelle bei dem nach Temiswar kommenden Bischof zu verschaffen. Da ich in dieser Stadt sehr bekannt war und viele Freunde hatte, so nahm ich diesen Vorschlag mit Vergnügen an, und es wurde festgesetzt, daß ich aufs höchste in acht Tagen meinen Dienst antreten sollte; ich fuhr also nach Katai, sagte meinen bis dahin gehabten Dienst auf, packte meine Habseligkeiten zusammen und reiste wieder zurück. Wenn man von Katai nach Temiswar fahren will, muß man ohnweit dem Dorfe Bosniakpre durch einen Tümpel fahren, dessen Wasser allemal bis in den Wagen reicht; weil es nun an dem einen Orte jähe hinein- und an dem andern ebenso wieder herausgeht, so ist allemal Lebensgefahr dabei, ihn zu passieren. Als ich hier durchfahren wollte, blieb mein Fuhrwerk darin stecken, und es war dem Knechte durchaus nicht möglich, dasselbe herauszubringen. Er schnitt also die Stränge ab, um die Pferde ans Ufer zu bringen, und ließ mich im Sumpfe sitzen. Unter diesen Umständen rief ich einige benachbarte Walachen zu Hülfe und versprach ihnen einige Ocka ihres Lieblingsgetränkes, wenn sie mich mit dem Fuhrwerke ans Land bringen würden; sie liefen sogleich ins Dorf, holten einige von Bast gemachte Stricke, die sie mir zuwarfen, um sie an dem Wagen zu befestigen, spannten sodann die Pferde bei den Schwänzen an, welche das Fuhrwerk mit einem Ruck herauszogen; und sie sagten mir, daß solchergestalt ein Pferd mehr als dreie ziehen könne und daß dieses das einzige Mittel sei, ihre Geschirre aus schlimmen Stellen herauszubringen. Doch war ich noch nicht aus aller Gefahr, denn als ich ihnen den versprochenen Raki nicht in natura geben konnte, drohten sie, das Fuhrwerk wieder in den Tümpel zu schieben, und es kostete mir Mühe, sie zu überreden, das Geld anzunehmen. Diesen Vorfall habe ich deswegen nicht übergehen wollen, weil jemand im Notfalle auch Gebrauch von den Kräften der Pferdeschwänze machen kann. Sobald ich zu meinem Freunde kam, sagte er, daß er mir eine Nachricht geben müsse, die mir durchaus nicht gleichgültig sein könne; ich frug ihn hierauf, was in so kurzer Zeit wohl habe vorfallen können, und erfuhr folgendes. Den zweiten Tag, als ich, meine Sachen zu holen, nach Katai gefahren war, wurde der neue Bischof zu dem nunmehro verstorbenen Brigadier Baron von Zetwitz zur Tafel gebeten, wo unter andern die alte Frau Gräfin gegenwärtig war; diese Dame frug den Bischof, ob er seinen Hofstaat eingerichtet habe, welches er mit ja beantwortete, mit dem Zusatz, daß ihm nur noch ein Bedienter und ein Kutscher fehle. Diese Dame, welche einem andern Hoffnung gemacht hatte, ihn als Kammerdiener bei ihm anzubringen, sagte dem Bischof, daß sie bedaure, ihr Wort nun nicht halten zu können. Da ihr der Bischof nun in vieler Rücksicht nicht zuwider sein wollte, nahm er den Menschen an und setzte mich zurück, doch muß ich gestehen, daß er mir einen Antrag machen ließ, den ich überall außer Temiswar angenommen haben würde, nämlich: ich sollte so lange Bedientenstelle vertreten, bis eine Hausoffizierstelle, zu der ich mich schickte, ledig werden würde, die ich ohne Zweifel erhalten sollte. Allein in Temiswar, wo ich so bekannt war, konnte ich, ohne jeder Gesellschaft zu entsagen, keinen Rock mit bunten Aufschlägen anziehen, denn ich genoß außer mehrern andern nicht allein die Bekanntschaft, sondern auch die Freundschaft des Domherrn von Globoschitz, des Stabsauditors von Kugel, der Herrn Parzellini und Kugler, welches lauter angesehene Personen waren, bei denen ich mich in diesem Anzuge nicht sehen lassen konnte. Nun hatte ich meinen Dienst zu Katai aufgesagt und den versprochenen nicht erhalten; und doch war dieses nicht allein, was mich in Verlegenheit setzte, sondern mein Prinzipal war nicht bei Gelde, um mir siebzig Zechinen, die ich an Solar nebst verschiedenen gemachten Auslagen stehen hatte, auszahlen zu können, ohnerachtet er für mehr als 20 000 Gulden Risone liegen hatte. Es ist wahr, viele meiner Freunde gaben sich Mühe, mir einen Dienst beim Zivil zu verschaffen, allein unglücklicherweise für mich war eben das Banat dem Königreiche Ungarn einverleibt und alle deutsche Beamte abgesetzt worden, von welchen sich sehr viele in den Kanzeleien brauchen ließen, wo sie bogenweise bezahlt wurden. Alle diese Stellen wurden durch ungarische Edelleute besetzt, und außerdem bekam noch jedes Dorf einen besondern Vorgesetzten, welcher den Titel eines Notarius führte, welche, wie man sagte, auch lauter Edelleute waren. Die abgesetzten deutschen Zivilbedienten wurden unter dem Namen Quieszenten geführt und verordnet, daß bei Besetzung von Ämtern vorzüglich auf dieselben Rücksicht genommen werden sollte. Dieser Umstand mußte die Bemühung meiner Freunde nicht allein erschweren, sondern sogar unnütz machen, wozu noch folgender Vorfall vieles beitrug. Es wohnte seit einiger Zeit ein gewisser Venezianer in der Vorstadt von Temiswar, so sich Graf Bogatovitsch nannte, mit dem der Herr Podesta Barbieri und ich selbst in einige Verbindung treten wollten. Dieser hatte eine Saitenfabrik angelegt, zu deren Einrichtung beträchtliche Summen auf Wechsel aufgenommen und sie alle so eingerichtet, daß er sie von dem Betrag der verkauften Saiten honorieren wollte. Es wäre ihm auch gewiß geglückt, wenn er nur die rechte Zeit hätte abwarten wollen oder vielmehr hätte abwarten können, bis die Därme der Schafe und Lämmer, die dort in Menge geschlachtet werden, die zu den Saiten erforderliche Eigenschaft gehabt hätten; allein so waren solche nicht brauchbar, und er konnte kein Geld daraus lösen. Überdieses hatte er auch einen vom Herrn del Pondio, Stadtrichter in Temiswar, an einen gewissen Herrn Rosetti ausgestellten beträchtlichen Wechsel zu bezahlen übernommen; da sich nun der Herr Graf außerstande sahe, weder die seinigen noch den del Pondischen bezahlen zu können, befand er für gut, sich unsichtbar zu machen. Vor seiner Entweichung kam er zu mir und bat mich, weil er sich nicht gut in deutscher Sprache ausdrücken könnte, mit ihm in die Kameralkanzlei zu gehen, um seinen Paß, der nur auf einige Meilen um Temiswar gültig war, gegen einen andern von weiterm Umfange zu vertauschen. Da er schon einen hatte, gab ihm einer der Sekretärs einen andern, ohne es dem Gubernialrat Edlen von Kransberger zu melden, womit jener sogleich abreiste. Glücklicherweise kam ich nebst dem Herrn Podesta Barbieri kurz hierauf in seine Wohnung, und merkten aus verschiedenen Umständen, daß Seine Gräfliche Gnaden nicht willens sein mochten, wiederzukommen, wovon wir dem Stadtrichter del Pondio unverzüglich Nachricht gaben, der ihm sogleich nachsetzen, noch ehe er die ungarische Grenze erreichte, einholen und wieder nach Temiswar bringen ließ. Als nun der Gubernialrat den Sekretär, der ihm den Paß gegeben hatte, zur Rede stellte und sich dieser auf mich berufte, so wurde ich vorgefordert. Ob ich mich gleich deswegen hinlänglich rechtfertigen konnte, daß ich bloß des Dolmetschens wegen mit ihm gegangen sei und dem Herrn del Pondio selbst Nachricht von seiner Flucht gegeben hatte, so war es doch deswegen für mich nachteilig, daß mir nun wegen meines gesuchten Dienstes mehr Schwierigkeiten gemacht wurden. Unter diesen Umständen wurde mir vorgeschlagen, in Temiswar eine Witwe zu heiraten, welche, ihr großes Stufenjahr und siechen Körper abgerechnet, keine üble Partie gewesen sein würde; denn sie hatte keine Kinder und 25 000 Gulden in Vermögen; allein sie besaß einen unersättlichen Geiz, war dabei im höchsten Grade eifersüchtig und nach meinen Grundsätzen durchaus meine Frau nicht; gleichwohl fehlte wenig, so wäre sie es durch Zureden meiner Freunde geworden, und vielleicht zu meinem Glücke; denn in weniger als sechs Wochen (denn länger lebte sie nicht) hätte sie der Himmel und ich ihre 25 000 Gulden gehabt. Allein damals war mir das Geld eine ziemlich gleichgültige Sache, weil ich würklich den Wert desselben noch nicht kannte. Nach so vielen fehlgeschlagenen Vorschlägen und Unternehmungen hörte ich, daß der damals sich in Wien befindende Großfürst seine Rückreise über Italien nehmen wollte; ich faßte also den Entschluß, nach Wien und von da mit nach Rußland zu gehen, und hätte ich Wien zur rechten Zeit erreichen können, so bin ich gewiß, daß ich, wo nicht bei dem Großfürst selbst, doch bei einem Herrn seines Gefolges angekommen sein würde. Nun war es nötig, meine wenigen Gelder einzukassieren, wobei ich den Verdruß hatte, daß ich für die schon gedachten siebzig Zechinen von einem raitzischen Kaufmanne fast lauter Waren annehmen und bei der Umsetzung einen Drittel daran verlieren mußte. Sobald ich dieses in Richtigkeit gebracht hatte, ließ ich mir vom Stuhlrichter einen Paß geben und tat mich nach einem Fuhrwerke um. Allein auch hier wurde ich hintergangen, denn der Landkutscher, mit dem ich nach Wien fahren wollte, gab vor, ich sei der letzte Passagier, und forderte, um, wie er sagte, seine Rechnung im Wirtshause bezahlen zu können, die Hälfte des akkordierten Geldes voraus; doch ich war nicht der letzte, sondern der erste und mußte, um das gegebene Geld nicht zu verlieren, bis den 26. Dezember auf zwei Personen warten, an welchem Tage ich das Temiswarer Banat verließ, wo ich neun Jahre in verschiedenen Lagen zubrachte und Land und Sitten ziemlich genau kennenlernte, wovon ich einiges anführen will. Zweiunddreißigstes Kapitel Etwas über das Banat Das Temiswarer Banat, welches gegen Morgen an Siebenbürgen, gegen Abend und Mitternacht an Ungarn und gegen Mittag an Serbien grenzt, ist ein großer Teil des Dakischen Reichs, so nach der Eroberung des Kaisers Trajans Dacia ripensis, hingegen das heutige Siebenbürgen Dacia mediterranea und die Walachei und Moldau Dacia transalpina genannt wurde. Soweit die Geschichte reicht, waren seine ersten Bewohner Sarmaten, welche tapfre Nation mit ihren Nachbarn und vorzüglich mit den Scythotauren, welche die Erbauer von Taurunum, dem heutigen Belgrad, gewesen sein sollen, viele blutige Kriege geführt haben; allein in der Folge wurde es von Gothen, Vandalen, Hunnen, Gepiden, Cumanen und Moravanen bewohnt, bis es erst an die Ungarn, zu Anfang des 15. Jahrhunderts an die Türken und nachgehends an das Haus Östreich kam, welches noch im Besitz davon ist. Beinahe dieses ganze Land ist mit großen Flüssen umgeben, denn die Donau scheidet es von Serbien, die Theis und Marosch von Ungarn und die Szerna von einem Teil der westlichen Walachei, und das Innere des Landes wird durch die Bellarega, Temes, Persowa, Keres, Karasch, Pirda und den Beg bewässert. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Banats wird durch Moräste bedeckt; schon bei Kubin fangen sie an und ziehen sich längst der Donau und Theis bis nach Szegedin, wo sie sich mit denen der Marosch vereinigen. Im Inneren des Landes fängt sich ein sehr großer bei dem Schiffahrtskanale an und reicht beinahe bis nach Groß Kikinda, und im Werschetzer Distrikte sind zwei andere, welche den Namen Ilancer und Alibonar führen, welche letzteren nur allein weit beträchtlicher sind als die Pontinischen in Italien; doch sind, seitdem das Land dem Hause Östreich unterworfen ist, die meisten ausgetrocknet, wozu der vom Feldmarschall Mercy angegebene Schiffahrtskanal, welcher die Wasser des Beg, so viele Moräste bildeten, aufnimmt, das meiste dazu beigetragen hat. Dieser Kanal ist eine der alten Römer würdige Arbeit, fängt sich bei Fascet, ohnweit der siebenbürgischen Grenze, an und reicht bis zu dem einige Stunden von Ungarn liegenden Flecken Groß Becskerek, so daß er vom Morgen gegen Abend beinahe das ganze Banat durchschneidet. Die höchsten Gebürge des Landes findet man in dem Mehadier und Karanseber Distrikte, so wie auch gegen Serbien und die westliche Walachei. Von diesem sind der Furluk, Mare, Mica, Flama, Maguri, Sarko, Galiano und Semnik die vornehmsten. Auf letzterem, welcher für den höchsten unter allen gehalten wird, trifft man einen Teich von sehr klarem Wasser an, welches viele Forellen enthält. Auch die Flüsse Nera und Temes, welcher letztere sich in unendlichen Krümmungen durch das ganze Banat windet und bei Leopoldova in die Theis fällt, haben ihren Ursprung auf diesem Berge. Diese Gebürge sind nicht allein wegen der reichhaltigen Erze, so in den Bergrevieren Moravitza, Dognaska, Moldova und Saska gewonnen werden, sondern auch in Betracht der vielen Versteinerungen, Zähne von Elefanten und andern Tieren, so daselbst ausgegraben und gefunden werden, sehr merkwürdig. Die das Gebürge durchströmenden Flüsse führen viel Goldsand bei sich, welcher von den Zigeunern gesammlet wird. Gegen Morgen und Mittag bedecken ungeheure Waldungen das Gebürge, welche den Mehadier Distrikt und die Allmasch ganz einschließen, wie man überhaupt nur einige wenige Berge findet, die ganz von Waldung entblößt wären. Die ganze Klissura enthält nichts als Berge, unter welchen einer ist, der sich hinter dem Dorfe Ogradina erhebt und Tamantisches heißt, in welchem sich die in dem letzten Türkenkrieg so berühmt gewordene Veterans-Höhle befindet. Weil der etwa fünf Fuß hohe und kaum zwei Schuh breite Eingang hinunter in den Berg geht und überdieses ganz mit Dornen und Hecken verwachsen ist, so würde man solche ohne einen Wegweiser umsonst suchen. Es ist eine um einen großen, das ungeheure Gewölbe tragenden Pfeiler gehende sehr dunkle Höhle; denn sie hat weiter kein Licht, als was von der Höhe des Gewölbes durch eine runde Öffnung hineinfällt. Von den Wänden hängt sehr viel Toffstein herunter, welcher aber viel klärer als der in den Räuberhöhlen ist, auch schönes klares Wasser tröpfelt von den Wänden herab, welches sich in eine Grube verliert und unter der Höhle wieder heraus und in die Donau fließt. Nicht minder merkwürdig sind die unter dem Namen der Römerschanzen bekannten großen, sich auf zwanzig bis dreißig Meilen weit erstreckenden Erdwälle von folgender Bauart. Man sieht nämlich zwei sieben bis acht Schuh hohe Wälle, deren jeder auf beiden Seiten mit einem Graben versehen ist und die beide durch einen darzwischen laufenden dritten selbst voneinander getrennt sind. Der erste fängt sich ohnweit der Marosch bei Guttenbrun an, von da er in einer geraden Linie bis Fibis, wo sich zwei mineralische Quellen befinden, fortläuft, dann über Szernathas, Temiswar, Freydorf bei Sziget die Temes erreicht, ferner durch die große Ebene bei Omor und Denta bis nach Moravitz reicht, wo er sich in den großen Morast Alibonar verliert. Dieser Wall wird außer der Temes durch die Persowa und Pirda durch beschnitten. Ein anderer fängt sich nicht weit von Neu-Arad an und zieht sich über Theresiopel und Barathia nach Klein Becskerek, wo er sich ohnweit dem durch die Wasser des Beg verursachten Morast verliert. Ein dritter fängt bei dem Dorfe Neudorf an, geht über Greifenthal nach Schäswart, wo er von dem Beg und bei Traxina durch die Temes durchschnitten wird; von hier zieht er sich über Türkisch Stamon, Szerna, Bosniakpre, Perekutza, Buttin, Groß Scham durch das Werschetzer Gebiet nach Oraschetz, Grabenitz und erreicht bei Uipalanka fast die Donau. Noch ein anderer geht von der Marosch aus durch das ganze Banat bis nach Kubin. Alle diese und noch mehr andere, die nur drei bis vier Meilen lang sind, haben ihre Richtung von Mitternacht gegen Mittag und werden von den Einwohnern Römerschanzen genennet; es ist aber mehr als wahrscheinlich, daß diese Erdwälle von den Tataren aufgeworfen sind, denn diese und nicht die Römer hatten den Brauch, sich ihre Besitzungen durch dergleichen Wälle zu sichern. Das ganze Banat hat sehr vermischte Einwohner, nämlich Walachen, Raitzen, Neubanater, Deutsche, Italiener und Franzosen, ja sogar die Spanier haben sich ein Dorf erbauet, welches sie Neu-Biscaja genannt haben; doch sind die Walachen ohne Vergleichung die zahlreichsten. Dieses sind römische Kolonien, so unter der Regierung Trajans dahin versetzt worden sind, welches das slawische Wort Vlach, so ein Italiener heißt, und die Namen Rumugni, Rumugneski, die sie sich untereinander geben, sattsam dartun; noch mehr aber beweist ihre Sprache, daß sie würklich italienischen Ursprungs sind. Dreiunddreißigstes Kapitel Die Walachen Die Männer tragen ihre Haare über der Stirne in zwei gleiche Teile geteilt, welche auf beiden Seiten oftmals weit unter das Kinn herabhängen. Viele betrachten es als Schönheit, dieselben in Knoten zu binden. Den Bart über der Oberlippe lassen sie fast alle wachsen, das Kinn aber gewöhnlich bis ohngefähr ins fünfzigste Jahr scheren, welchen Dienst sie sich einander wechselsweise mit ihren von den Zigeunern verfertigten Brotmessern tun; wenn sie aber ins Alter kommen, so lassen sie die Bärte wachsen, welche oftmals bis auf ihren Gürtel herabhängen. Da ihre Popen keine Geburtsregister führen, so wissen sie niemals, wie alt sie sind, und wenn man daher einen alten Walachen fragt, wie alt er sei, so wird er etwa antworten: weil der Türke Temiswar innehatte, so war ich schon ein Knabe, der das Vieh hütete, oder: als der Kanal gegraben wurde, war ich eben alt genug, um heiraten zu können, und daraus kann sich dann der Fragende die Höhe seines Alters nach Belieben erklären. Unter dem weiblichen Geschlechte findet man oft Wohlgebildete, und nur sehr selten sieht man eine Pockennarbige unter ihnen, noch weniger solche, die durch diese Krankheit Schaden an den Augen oder an andern Gliedern gelitten hätten, welches sie wohl ihrer ungekünstelten Erziehung zu verdanken haben mögen. Die Kleidung der Walachen besteht in einem sehr kurzen Hemde, welches sie nicht in die Beinkleider verbergen, sondern über dieselben herabhängen lassen, und in langen Beinkleidern, welche im Sommer von hanfenem, im Winter aber von weißem wollenen groben Tuche sind. Noch haben sie in der letztern Jahreszeit eine Art Mantel, die sie Kepperneck nennen und die aus einem länglicht viereckichtem groben weißen Tuche verfertigt und die Kragen anstatt der Tressen mit Abschnitzeln von rotem, blauem, gelbem oder andern farbigem Tuche besetzt sind; im Regenwetter aber bedienen sie sich eines andern, der ihnen nichts kostet als die Mühe, ihn zu verfertigen: nämlich es sind lange Binsen, deren äußerste Spitzen sie an einem Bindfaden befestigen und so ganz frei herunterhängend sie besser vor dem Regen schützet als einer, den sie für Geld kaufen müssen. Ihre Füße beschuhen sie auch sehr einfach, erst wickeln sie solche in eine Art dicker wollener Zeuge, nehmen dann ein länglicht viereckichtes Stück an der Sonne gegerbten Leders, welches, auf allen vier Ecken umgebogen, auf den Seiten mit einem Messer durchstochen ist und durch diese Öffnungen Riemen gezogen sind, mit welchen sie solche um die Füße befestigen. Diese Art Schuhe nennen sie Oppinschen , und gleichen gänzlich denen, die man an den römischen Antiken siehet. Ein breiter Riemen, dessen Schönheit durch die größere oder kleinere Anzahl von messingenen Knöpfen bestimmt wird, welche ringsherum befestigt sind, hält ihr kurzes Hemde zusammen und dient ihnen zugleich dazu, ihre Messer und Gabeln daran zu stecken; vorne herunter hängt ihr Geldbeutel, Feuerstahl, Tabak und Zunder, welches die jungen Stutzer noch mit eisernen Kettchen und verschiedenen Schnuren Glasperlen vermehren. Den Kopf stecken sie in eine Pelzmütze, welche sie Clubutz nennen, da denn die Vornehmern welche von schwarzen Lammfellen haben; die Armem sind zufrieden, wenn sie solche nur mit einem Streif von schwarzen Lammfellen besetzen können. Die Kleidung der Frauenspersonen ist beinahe noch einfacher. Über ihr Hemde, das bis auf die Füße reicht, binden sie zwei Stückchen dunkelfarbig wollenes Zeug, welches mit einer Einfassung, mit langen, bis auf die Füße herabhängenden wollenen Faden von allerhand Farben besetzt ist. Diese beiden Läppchen binden sie mit einem wollenen Bande um den Leib; einige, die reicher sind, tragen vorne ein seidenes Läppchen, ja man hat einige wenige, die beide Schürzchen, vorne und hinten, von Seide haben. Außerdem tragen sie bei kaltem Wetter ein kurzes Korsett ohne Ärmel, welches ihnen wohl den Rücken, nicht aber die Brust warm hält, denn es ist durchaus ganz offen; auch gibt es einige, die im Winter einen langen Pelz von Lamms- oder Schaffellen tragen. Die Walachinnen sind zu Hause meistens barfuß, nur wenn sie in die Stadt oder in die Kirche gehen, haben sie kurze Stiefeln entweder von gelbem oder rotem Saffian, welche sie aber bei dem geringsten schmutzigen Wege ausziehen und sich, um ihre Hemden nicht zu besudeln, so hoch aufschürzen, daß sie oft weit mehr als die Waden sehen lassen. Da sie nicht die geringste Tasche haben, um etwas zu verbergen, so vertritt ihnen ihr Busen diese Stelle, worein sie alles tun, was sie nur immer kaufen; auch oft, wenn sie im Frühjahre einige junge Tauben oder Hühner zu Markte tragen, genießen diese das Glück, so lange in ihrem Busen zu sitzen, bis sie von jemandem erhandelt werden, der sie dann selbst herausnehmen kann, ohne daß sie etwas mehr dabei denken sollten, als daß man die Hühnerchen oder Täubchen herausnimmt. Solange sie ledig sind, gehen sie mit bloßen Köpfen oder geflochtenen Haaren, die Verheirateten aber bedecken sich an manchen Orten mit einer Art von gestreiftem Zeuge, auch zuweilen mit feiner Leinewand, welche sie so in Falten legen, daß es eine Art von Haube macht. Erwachsene Mädchen sowohl als verheiratete Frauen suchen ihre Reize durch den Putz zu erheben, welches die Mädchen durch ihre Haarflechten, in welche sie einige Schnuren grüner, roter, gelber und anderer farbichten Glasperlen mit einflechten, zu bewürken glauben; die andern behängen ihre Kopftücher mit geringen Münzen, doch müssen es Silbermünzen sein, welches gewöhnlich Groschen oder türkische Aspers sind; doch gibt es auch hin und wieder einige, welche Kränze von Siebenzehnern oder Kopfstücken haben. Auch der Busen wird mit Geld, Korallen oder Glasperlen geschmückt, und die Zigeuner verdienen sich manchen Kreuzer für Ohrengehänge. Einige unter ihnen tragen auch auf ihren Jahrmärkten, Kirchmessen etc. Hemden, die mit buntem wollenem Garne, Seide und falschem Golde ausgenäht sind; ja ihre Eitelkeit geht so weit, daß die Mädchen, um auf ihren Bällen zu brillieren, oft die Geld- und Glasperlenschnuren gegen eine kleine Erkenntlichkeit von solchen borgen, die durch irgendeinen Umstand verhindert werden, an dem Tanze teilnehmen zu können. Dieses dient also zu einem deutlichen Beweise, daß sie auch Evens Kinder sind. In Ansehung der Religion bekennen sich die Walachen zum Christentume und hängen der griechischen Liturgie an; zwar findet man auch viele Katholiken sowie auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl unierten Griechen unter ihnen; doch wollen sich die Proselyten, trotz aller Mühe, die sich die Missionaire geben, nicht recht mehren und kommen mit den andern Nichtunierten gar nicht in Vergleichung. Die Walachen verheiraten sich gewöhnlich sehr jung, so daß manches Mädchen, noch ehe sie das dreizehnte Jahr vorüber hat, schon zur Ehe begehrt wird. Die Vertrauten des Jünglings, in Ansehung seiner Liebe, sind immer seine Eltern, welche, soferne sie ihm nicht schon eine Braut auserlesen haben, sogleich mit den Eltern des Mädchens in Unterhandlung treten. Hier wird nun um das Mädchen wie um ein anderes Grundstück gehandelt, und da es die Eltern des Bräutigams für bares Geld erstehen müssen, so kommen bei der Forderung die mindern oder mehrern Reize der Braut allemal mit in Anschlag, doch beträgt das Kaufpretium für rechte artige Mädchen gemeiniglich nicht mehr als dreißig bis vierzig Gulden, für die minder schönen ist es verhältnismäßig. Nach geschlossenem Kontrakte setzen sie eine Zeit zum Beilager fest, welche gewöhnlich nicht über zwei bis drei Wochen beträgt; sind diese verstrichen und die Braut hat wichtige Gründe, das Beilager zu verschieben, so wird ihr vom Bräutigam noch eine Zeit von vierzehn Tagen eingeräumt; allein nach Verfließung dieser zweiten Frist ist gewöhnlich die Diskretion des Bräutigams erschöpft, und die Zeremonie muß vollzogen werden. Trifft sich's, daß die Eltern die Braut versagen, weil ihnen der Bräutigam nicht gefällt oder um einen bessern Käufer abzuwarten, so geschieht es nicht selten, daß die Braut entführt wird, wo sie sich nicht weit zu entfernen brauchen, sondern wenn sie nur einige hundert Schritte mit dem Bräutigam gegangen ist, so lassen sie es den Brauteltern zu wissen tun, und man weiß keinen Fall anzuführen, wo das Mädchen nach einer Entführung einem andern zuteil geworden wäre; denn gewöhnlich wird es durch den Popen vermittelt, welcher durch ein Geschenk dazu erkauft wird. Sind die Brauteltern unerbittlich, so bleibt den jungen Leuten nichts übrig, als sich in einem andern Dorfe niederzulassen. Findet aber die Liebe kein Hindernis, so erscheint der Bräutigam am bestimmten Trauungstage, von seinen Eltern, Geschwistern und Freunden begleitet, vor dem Hause der Verlobten, tritt jedoch nicht über die Schwelle, sondern die Braut kömmt mit verschleiertem Gesichte heraus, beurlaubt sich von ihren Eltern und Freunden unter vielen Tränen, welche sie zärtlich küsset, desgleichen auch die Anwesenden, und jeder, der ihr auf dem Wege bis zur Beselika (Kirche) begegnet, erhält einen Brautkuß. Dort knien sie vor dem Altare, den sie Anion Byma nennen, nieder und halten während der ganzen Zeremonie brennende Kerzen in den Händen. Die ganze Zeremonie selbst besteht in verschiedenen Gebets-, Einsegnungs- und Vermahnungsformeln, wovon diese: »Bula fia mic o mare, aggia com j est' aggia trebe si cigna«, die sonderbarste ist, die ich weder übersetzen noch viel weniger erklären mag. Nachdem die Braut den Ring erhalten und der Pope den Verlobten Kränze von wohlriechenden Kräutern und Blumen auf das Haupt gesetzt hat, so werfen die Reichern einige Kreuzer oder Silbergroschen, die Armem aber Nüsse, gedörrtes Obst und andere Kleinigkeiten unter die Leute aus. Nach Endigung der Trauung wird die Braut in das Haus des Gemahls begleitet, wo sie jedoch an der zubereiteten Tafel keinen Platz nimmt, sondern in Gesellschaft ihrer Freundinnen und Bekannten bleibt. Beim Weggehen wünscht jeder der Anwesenden der Braut Glück, Gesundheit und recht viele Kinder, welches sie allemal mit einem Kusse erwidert; worauf sie mit etwas Gelde beschenkt wird, das aber selten über ein Siebzehnkreuzerstück beträgt. Sobald sich der Mann alleine mit ihr befindet, so hält er ihr, ehe er sich seiner ehelichen Rechte bedient, eine kurze Vermahnung, in Betreff ihrer Abhängigkeit von ihm, der Sorgfalt des Hauswesens und der Kinderzucht, so er von ihr erwartet. Auf dem zweiten Gastmahle, welches den folgenden Tag gegeben wird, sitzt die junge Frau mit zu Tische; während der Tafel kömmt die Mitgift der Braut an, welche im Banate gewöhnlich in Kühen und Schweinen besteht, doch bekommen sie auch gemeiniglich einen kupfernen Kessel, welches ihr einziges Stück Hausrat von Wert ist und das allemal der Knes (Schulze) mitnimmt, wenn sie die herrschaftlichen Gefälle nicht bezahlen können oder nicht bezahlen wollen, so daß derselbe oft seine ganze Stube voll Kessel hat, die aber von den in Rest Stehenden bald wieder eingelöst werden, da sie dieselben nicht einen Tag entbehren können. Bei der gewöhnlichen Mahlzeit der Walachen sitzen ihre Frauen nicht mit zu Tische, sondern speisen fast immer, ohne daß sie die Arbeit, mit der sie beschäftigt sind, dabei aus den Händen legen. Ihre gewöhnliche Speise besteht in Bohnen, die sie fast immer in dem Topfe, worinnen sie gekocht sind, auftischen, ohne sich die Mühe zu geben, solche erst in eine Schüssel zu tun; sie setzen sich um denselben herum, und ihre Simplizität geht so weit, daß eine Familie von sechs bis acht Personen nur einen Löffel braucht. Der Hausvater oder, in Ermangelung desselben, der älteste von den Gebrüdern hat das Recht, den ersten Löffel voll zu nehmen, den er nachgehends wieder in den Topf steckt, wo ihn dann der Folgende nimmt, und so geht es fort, bis die Reihe wieder an den ersten kommt. Wenn sie keine Fasten haben, so essen sie gerne Schweinefleisch, welches sie allem andern vorziehen, doch verzehren sie auch eine Menge Lämmer, die im Banate so wohlfeil sind, daß man eins, welches schon zwei bis drei Zoll lange Hörner hat, um zwölf bis sechzehn Kreuzer kauft. Es ist den walachischen Popen wohl erlaubt, zu heiraten, aber nicht mehr als einmal; wenn sie zur zweiten Ehe schreiten wollen, so müssen sie Verzicht auf ihre Popenstelle tun und sich ihrer Hände Arbeit nähren, welches wir an unserm Priester zu Katai gesehen haben, der, sobald seine Gemahlin starb, nicht säumte, sein Popenkleid abzulegen und sein Feld zu bauen, um eine andere Frau heiraten zu dürfen. Die Walachinnen gebären sehr leicht. Zwei oder drei Tage nach der Geburt können sie ihren Geschäften wieder vorstehen. Ihre Kinder werden gar nicht verzärtelt, denn gleich nach der Geburt werden sie zur Winterszeit in warmem, zur Sommerszeit aber in kaltem Wasser gebadet, welches sie täglich zwei- bis dreimal wiederholen. Von Windeln wissen sie nichts, eine Schachtel von Baumrinden, mit ein wenig Heu angefüllt, ist die Wiege für ihre kleinen Kinder; an dem Rande dieser Wiege bohren sie Löcher, durch welche sie eine Schnure ziehen, die über dem Kinde zusammenläuft und an einem Nagel an der Decke befestigt ist. Will das Kind aufwachen, so geben sie dieser Schachtel einen Stoß, wovon dieselbe lange Zeit in Bewegung bleibt und sie also nicht verhindert werden, ihre Arbeit fortzusetzen. Mehrmalen sieht man, daß eine Walachin, die Wiege mit dem Kinde auf dem Rücken, ihr Feldgeräte auf dem Kopfe, und den Rocken in das Band, das ihr Hemde und die Schürzchen zusammenhält, gesteckt hat und so den ganzen Weg bis ins Feld oder in den Weinberg spinnt. Zuweilen bedienen sie sich auch der Mulden, um ihre Kinder darein zu legen, welches zugleich ihr Back- oder Waschtrog ist. Ihre Kinder kriechen nackend auf dem Boden herum, bis sie von sich selbst laufen lernen, welches gar oft vor dem ersten Jahre geschiehet. Selten sieht man ein krankes Kind unter ihnen, und wenn allenfalls einem etwas fehlt, so kurieren sie es auf die einfachste Art. Aber zu bedauren sind die kleinen Kinder, wenn sie in der Fasten erkranken; denn sobald sie entwöhnt sind, darf ihnen die Mutter keine Milchspeisen geben, sondern auch die unschuldigen Kleinen müssen sich der Fasten unterwerfen. Die Kleidung der Kinder ist äußerst schmutzig, denn oftmals ziehen ihnen die Eltern ihr Hemde gar nicht aus, um es zu wechseln, sondern lassen ihnen solches so lange tragen, bis es ihnen vom Leibe fällt. Nicht leicht wird eine Walachin warten, bis ihre Kinder von den natürlichen Pocken angegriffen werden, sondern sobald sie nur erfährt, daß es gutartige Pocken gibt, welche sie bubat al mare nennen, so werden den Kindern dieselben eingeimpfet, welches sie auf die einfachste Art verrichten. Sobald sie wissen, daß es keine bubat al mica, nämlich bösartige Pocken, sind, so kaufen sie um einen Kreuzer oder Poltracken Pockenmaterie, ritzen den Arm des Kindes ein wenig auf, lassen die Pockenmaterie hineinrinnen, binden es mit einem schmutzigen Lappen zu, und das ist alles, was sie dabei tun. Nicht im mindesten werden deswegen die Nahrungsmittel verändert; sich selbst überlassen, laufen die Kinder auf den Gassen herum, ohne daß sich die Eltern weder um die Blattern, noch auch um das Fieber bekümmern. Sobald die Knaben nur ein wenig erwachsen sind, so werden sie zum Viehhüten angehalten, allein hier legen sie auch den Grund zu allen den Lastern, welche dem Hirtenleben eigen zu sein pflegen; sie fangen schon klein an zu stehlen und bringen es sehr bald zur Vollkommenheit; denn zuweilen sind die Knaben von sieben bis zehn Jahren geschickt genug, einen Bienenstock oder ein Lamm zu entwenden, bis sie es wagen, etwas Größeres zu unternehmen. Nicht selten geschieht es, daß einer, der zur Vollkommenheit im Stehlen gelangt ist, sich zu einer Räuberbande schlägt, welche mit ihrem Anführer, den sie Harambassa nennen, oft in ganzen Scharen herumstreifen und sich vorzüglich die Gebürge von Mehadia und Karansebes zu ihrem Aufenthalte wählen. Bei meinem Aufenthalte zu Mehadia trug sich's zu, daß ein solcher Trupp Räuber, durch einen Zigeuner geleitet, noch bei hellem Tage in die Stadt fiel. Sie kamen vom jenseitigen Gebürge über die Brücke des Flusses Bellarega, plünderten einen nahe an der Brücke wohnenden Raitzen namens Koska rein aus und schnitten ihm den Kopf ab, den sie in die Bellarega warfen. Seine Frau, die in Mehadia unter dem Namen der schönen Raitzin bekannt und die Tochter des Mehadier Protopopen war, machte Lärm, worauf der Harambassa einem seiner Leute befahl, ihr die Kehle abzuschneiden. Sei es nun, daß der Räuber, so diesen unmenschlichen Befehl erhielt, etwa ein Bekannter dieser Frau war oder aber, durch ihre Schönheit bewogen, Mitleid mit ihr hatte, genug, er nahm anstatt der Schneide den Rücken des Messers, tat, als ob er ihr die Kehle abschnitte, gab ihr zu verstehen, sich nicht zu regen, und steckte sie in ein leeres Faß. Es wurde hierauf Lärm im Orte, und die beim Obristlieutenant von Hübel stehende Schildwache feuerte ihr Gewehr ab, welches die beim Amte und bei der Kaserne auch taten. Da man nun im Anfange nicht wußte, ob es Feuers- oder Wassersnot oder ob es Räuber waren, so wurde der Feldwebel vom Regimente Caroli nebst einem Korporal, zwei Gefreiten und zehn Gemeinen zu patrouillieren ausgeschickt. Kaum entdeckten die Räuber Weißröcke, so gaben sie Feuer, erschossen den Korporal nebst zwei Gemeinen, und der deutsche Schornsteinfeger, der sich eben zu Mehadia befand, um die Schlote der kaiserlichen Gebäude zu fegen, und auch hinzugelaufen war, weil er glaubte, es wäre Feuer ausgekommen, wurde auch von ihnen getötet. Ehe noch die Compagnie von Caroli, denn mehrere lagen nicht da in Garnison, ausrückte, so waren sie wieder über die Brücke hinüber; man setzte ihnen bis in die Holzungen nach, ohne daß man nur einen von ihnen hätte erwischen können, bloß der Zigeuner, der ihnen zum Wegweiser gedient hatte, wurde aufgefangen und nach Weiskirchen zum Stabe geschickt, wo er, zur Belohnung für die den Räubern erwiesene Gefälligkeit, achtzig Stockschläge ad posteriora erhielt. Das gefährlichste Mordgewehr der Räuber ist der an einem starken Stiel befestigte Ciacan, welches auf der einen Seite einen ordentlichen Hammer, die Rückseite aber ein gekrümmter Haken ist. Die Walachen tragen solche Ciacans zum Staat, deren Stiele mit Blei oder Messing umwunden sind. In den Gegenden des platten Landes hört man nicht soviel von Morden, desto mehr aber werden daselbst Viehdiebstähle begangen, und die Gefängnisse von Temiswar waren immer voll von diesem Diebsgesindel. In dem einzigen Sauwinkel , ohnweit dem Peterwardein-Tore, waren nur allein 103 Gefangene; jetzo aber sind die Arrestanten so verteilt worden, daß jedes der drei Komitate, in welche das Banat eingeteilt ist, seine ihm zufallenden Subjekte dieser Art selbst bewachen muß, und man hört jetzt in Temiswar nicht mehr so viele Ketten klirren als vor diesem. Die Walachen leiden die ihnen zuerkannte Todesstrafe mit außerordentlicher Gleichgültigkeit; denn kurz darauf, als das Banat dem Königreiche Ungarn einverleibt worden war, habe ich ihrer dreizehn auf einmal köpfen sehen, ohne daß die, welche unter dem Rabensteine gleiche Todesstrafe erwarteten, die mindeste Reue oder Furcht hätten blicken lassen; ja, drei von ihnen unterhielten sich von ihren begangenen Diebstählen, und ich hörte, daß der eine ganz kaltblütig sagte: »Tatul mea j este morit agia«, mein Vater starb des nämlichen Todes. Die Beichte vor ihrem Tode halten sie deswegen vor überflüssig, weil sie, wie sie sagen, doch der Todesstrafe unterliegen müßten. Walachische Trachten Da die Popen der Walachen selbst sehr unwissend sind, so kann man leicht denken, daß es das Volk noch weit mehr sein muß. Es ist wahr, man nimmt jetzt bei Abgang des Popen nicht mehr den Glöckner zum Priester, wie es ehedem oft der Fall war, sondern wer Anspruch auf Priesterwürde machen will, muß zu Neusatz studiert haben; doch habe ich zu Scuglie einen Popen gekannt, der schon sechs Jahre dieses Amt bekleidete und sich doch erst von einem ungarischen Notarium im Lesen unterrichten ließ. Die gemeinen Walachen und Raitzen glauben ihre Schuldigkeit getan zu haben, wenn sie das Kreuz machen und ihr »Gospodi po milie«, welches soviel heißt als »Gott stehe mir bei!«, hersagen können; doch gibt es einige wenige, die einmal des Jahrs beichten, das geschieht aber gewöhnlich nur alsdenn, wenn sie nicht viel gesündigt haben; denn weil sie die Popen nach Verhältnis der größern oder kleinern Anzahl von Sünden bezahlen müssen, so beichten sie lieber gar nicht, wenn sie davon eine große Menge begangen haben. Budapest Die Fasten der Walachen sind außerordentlich strenge. Nicht genug, daß sie sich des Fleisches enthalten müssen, sie dürfen auch weder Butter, Käse noch Eier essen, ja, die Walachen in dem Gebiete von Mehadia und Karansebes dürfen sich nicht einmal des Öls bedienen, weil es in Säcken von Schaffellen zum Markte gebracht wird. Ein Topf voll im Wasser gekochter Fasolen , eine Art Bohnen, in welchen sie einige Papricken spanischen Pfeffers tun, ist ihre gewöhnliche Fastenspeise. Sogar ihren Topf, worinne sie Fleisch gekocht haben, stecken sie so lange an die Zaunpfähle, bis die Fasten vorbei ist, da sie denn solche von neuem gebrauchen und die Fastentöpfe ihre Stelle einnehmen. Wenn ein Walache in der Fastenzeit einen Semliska (Brot von Weizenmehl) kaufen will, so muß der Bäcker ihm erst heilig versichern, daß keine Milch oder Unt (Butter) darinne sei, wodurch sie sogleich unrein würden, wenn sie solche speisen. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie strenge sie ihre Fasten beobachten; denn da ich einmal von Katai nach Temiswar fuhr, um bei den Herrn von Haygel und Kircheser Geld für den Reisbau zu holen, so schickte ich, ehe ich die Stadt verließ, einen bei mir habenden Walachen zum Bäcker, um mir etwas Buttergebackenes zu holen. Vor dem Tore verweilte ich ein wenig in dem Gasthofe des Herrn von Kugler , wo ich dem Walachen eine Bouteille Wein reichen ließ, und als er mir sagte: »Domno non am pitto!« (Mein Herr, es fehlt mir am Brot!), so gab ich ihm, ohne an ihre große Fasten zu denken, etwas von der Butterware. Er ließ es sich recht wohl schmecken, bis ein Walache, der das Gebackene kannte, ihm zurief: »Kupil al draco! non stia tu ch' am bust mare?« (Kind des Teufels! weißt du nicht, daß wir die große Fasten haben?) Nun machte mir dieser Mensch die bittersten Vorwürfe, daß ich ihn habe unrein machen wollen, und fing an sich dermaßen zu gebärden, daß ich glaubte, er würde unsinnig werden, und beruhigte er sich nicht eher, bis er die Speise wieder von sich gegeben hatte. – Ein andermal ritt ich von Mehadia bis Lapusnitzel ; auf meinem Rückwege konnte ich bei Bedueck nicht über das Wasser kommen, welches durch einen Gewitterregen stark angelaufen war. Ich ging also zum Knesen , um mir von ihm ein Nachtlager auszubitten, der auch sehr erbötig war, mich nicht nur allein zu beherbergen, sondern auch Sorge für mein Pferd zu tragen. Gegen Abend merkte ich, daß mir außer der Versorgung meines Pferdes und des Nachtlagers noch ein wesentliches Bedürfnis mangele, nämlich eine Abendmahlzeit. Ich begehrte also, gegen bare Bezahlung, etwas zu essen; allein es war Fasten, und ob ich gleich alle meine Beredsamkeit verschwendete, um ihm begreiflich zu machen, daß ich an keine Fasten gebunden sei, so half es doch nichts, sondern alles, was ich zum Abendessen erhielt, war ein wenig Kisselitza , eine Art Brei oder Klöße von Kukuruzmehl, und drei auf den Kohlen gebratene Krebse. Wein und Raki bot mir der Knese eine Menge an; da aber noch niemals ein Tropfen Brandewein über meine Zunge gekommen ist und er den Wein in einem ledernen Sacke stehen hatte, so ließ ich mir einige Wassermelonen geben, woran man den Durst auch recht wohl löschen kann. Alle Fasttage der Walachen und Raitzen zusammengenommen betragen viel mehr als sechs Monate, denn außer der bust mar, welche acht Wochen dauert, haben sie noch die Fasten des heiligen Nikolaus, des Apostels Petri und die der Mutter Gottes, wovon die eine vier Wochen, die beiden andern aber vierzehn Tage betragen; und außerdem fasten sie das ganze Jahr hindurch alle Mittwochen und Freitage; auch die Kranken und Kinder sind nicht davon ausgenommen, denn, wie schon gesagt, wenn das Kind entwöhnt ist, so darf ihm die Mutter nichts von Butter, Eier oder Milch zu essen geben, und eine Rindfleischsuppe, die ich drei Tage vor Ostern einem kranken Walachen reichen ließ, wurde nicht angenommen, ohnerachtet er so krank war, daß er noch vor den Feiertagen starb. Von den Vorurteilen des ungarischen Pöbels, in Ansehung der Vampiren , sind die Walachen auch nicht frei, sondern fürchten sich außerordentlich vor ihnen. Auch glauben die Walachen, daß ihnen ein Unglück zustoße, wenn eine Frauensperson quer vor ihnen vorbeiginge. Deswegen geschieht es auch niemals, daß eine Walachin vor einer Mannsperson, wenn es auch nur ein Pursche von zwölf bis vierzehn Jahren sein sollte, vorübergeht, sondern sie verweilen so lange, bis sie hinter der Mannsperson weggehen können; man bemerkt aber wohl, daß diese Gewohnheit für das schöne Geschlecht kränkend ist, denn sehr viele, wenn sie eine Mannsperson kommen sehen, machen sich ein kleines Geschäfte und ziehen entweder ihre Schismen (Stiefelchen) aus oder an oder verbessern etwas an ihren Schürzchen oder nehmen sonst etwas vor, um sich so lange zu verweilen, bis die Mannsperson vorbei ist und sie ihren Weg fortsetzen können. Der Walache hat beinahe seinesgleichen nicht in Grausamkeit, Hartnäckigkeit und Zorn, wovon folgendes ein Beispiel abgeben kann. Da ich einst nebst dem Regiments-Büchsenmacher von Mehadia nach Temiswar auf der Diligence fuhr, so begegnete uns folgender Zufall: Als wir nach Cornia, die erste Poststation, kamen, unterhielten wir uns mit dem dasigen Postmeister, während daß er uns ein Frühstück zubereiten ließ. Unter andern erzählte er uns, daß er einen sehr bösen Postknecht habe, den er doch aus der Ursache nicht entlassen könne, weil er bei ihm in Rest stünde, so daß er den Weg habe einschlagen müssen, sich von den Reisenden auch das Trinkgeld, welches gewöhnlich in einem Siebzehn- oder Zwanzigkreuzerstücke besteht, bezahlen zu lassen. Da wir keine Ursache hatten, an der Wahrheit zu zweifeln, so gaben wir ihm das Trinkgeld. Als wir nun fortfahren wollten, fragte uns der Postillion, ob wir dem Postmeister etwa das Trinkgeld bezahlt hätten, und sagte, wie wir es bejaheten: »Nun gut, so mag es mein Herr auch verdienen.« Der Postmeister, der dieses hörte, ergriff sein spanisches Rohr und gab ihm eine derbe Tracht Schläge, worauf er zwar versprach, uns zu fahren, zugleich aber eine uns unangenehme Bedingung, nämlich uns im Schlüssel So wird die ganze Poststation von Cornia bis Teregowa genannt; es ist dieses einer von den beträchtlichsten Pässen des Banats; auf einer Seite liegt ein tiefes Tal, in welchem ein wilder Strom sein Bette hat, auf der andern sind hohe Gebürge, welche nur einen Weg von wenig Schuhen übriglassen; kein Geschirr kann dem andern ausweichen, und trifft sich's, daß sich mehrere einander begegnen, so ist es als Gesetz anzusehen, daß der, welcher die leichteste Ladung hat, den Karrn zerlegen muß, um ihn den Berg hinauf- oder hinunterzutragen, bis der andere vorüber ist. ins Wasser zu werfen, hinzusetzte. Mit dieser Erklärung war uns, wie leicht zu erachten, nicht gedient, und wir gaben also dem Herrn Postmeister zu verstehen, er möchte die Güte haben, uns einen andern Postillion zu geben. Er ließ also bald den Widerspenstigen durch seine Wache Dieser, so wie jeder andere Postmeister in den Gebürgsorten, hat zu seiner Sicherheit sechs Mann Wache vom illyrischen Grenzregimente bei sich. arretieren und schickte ins Dorf, um einen andern Walachen zu holen, der uns fahren sollte. Als dieser erschien, drohte ihm der Arrestant, ihn, wenn er uns fahren würde, nach seiner Befreiung aus dem Arreste ohnfehlbar zu erdrosseln. Dieser Mensch wollte, uns zu Gefallen, weder so bald noch auf diese Art sein Leben beschließen und ging also wieder nach Hause. Wir mußten noch ganzer zwei Stunden warten, bis er einen fand, der jene Drohungen nicht achtete, weil er vielleicht auch unter der Fahne eines Harambassa gedient hatte, wie der erstere, der acht Jahre ein Räuber gewesen war. Wir waren kaum einige hundert Schritte gefahren, so sahen wir den Arrestanten, der der Wache entsprungen war, wie ein wildes Tier uns nachsetzen. Da nun Cornia, wie alle Gebürgsorte, mit einem Zaune umgeben ist, dessen Gattertor von jedem Durchpassierenden auf- und wieder zugemacht werden muß, so sprang ich vom Postwagen, um solches aufzumachen, damit wir beim Durchfahren nicht aufgehalten würden; aber es ging nicht so geschwinde, als ich glaubte, und der Walache holte uns ein, ehe wir noch durch das Tor durchkamen. Er riß sogleich den Postknecht vom Bocke herunter und wollte den darauf sitzenden Büchsenmacher mit einem Ciacan auf den Kopf schlagen. Bei dem Geschrei meines Reisekompagnons wendete ich mich um, zog den Degen und ging auf den Walachen los; er ließ also den Büchsenmacher, wendete sich gegen mich und sagte, ob ich nicht wisse, daß es verboten sei, den Degen zu ziehen, besonders, da er mir als einer Militärperson keinen Schaden zu tun willens sei. Über diesem Wortwechsel kam die Wache dazu, der er entsprungen war, welche ihn aufs neue arretierte und ihm Fußeisen anlegte. Der Postmeister bat uns, mit umzukehren, um eine species facti aufzusetzen, mit welcher er den Walachen zum Stab nach Weiskirchen schickte, wo er achtzig Stockstreiche ad posteriora erhielt. Als wir wieder fortfuhren und vor seinem Gefängnisse vorbei mußten, so schäumte dieser Mensch vor Wut und sprang mit seinen Ketten dermaßen in die Höhe, daß wir glaubten, er würde sie zerbrechen und uns das zweite Mal verfolgen. Der Walache, den wir zum Postillion bekommen hatten, wußte nicht gut mit dem Fahren umzugehen, wir mußten daher, weil der Weg von Cornia bis Teregowa sehr gefährlich zu passieren ist, sehr viel ausstehen, bis wir den letzten Ort erreichten. Ohngeachtet dieser Wildheit und Hartnäckigkeit der Walachen haben sie doch auch ihre gute Seite. So ist zum Beispiel das ein schöner Zug von ihnen, daß sie niemals den Namen Gottes mißbrauchen. »So wahr mein Vater gestorben ist, so wahr ich gebeichtet habe, so wahr ich die Fasten gehalten«, sind alle ihre Beteurungen, wodurch sie die Wahrheit des Gesagten zu bestätigen suchen. Doch haben sie die garstige Gewohnheit, bei jedem Worte zu sagen: »Futtuts mortse«, mit welchem sie freilich eben nicht mehr sagen wollen als der schwedische Pöbel mit seinem »Dami Gebel« oder der holländische mit seinem »Godomi«. Ihr Gruß ist einfach, sagt aber weit mehr als unser leeres Wortgepränge; wenn sie jemandem begegnen, so sagen sie: »Sanatos et pace«, Gesundheit und Friede; gegen Vornehmere bezeugen sie ihre Ehrerbietung dadurch, daß sie ihnen die Hand küssen und dieselbe mit einer ehrfurchtsvollen Stellung an ihre Stirne drücken. Unter sich selbst nennen sie sich »moi«, sonst aber geben sie den Fremden den Titel »Szupugne« und »Domno«, dem schönen Geschlechte aber »Szupugnaza« und »Gongona«. Nicht leicht wird man hören, daß eine Walachin ihre Kinder mit Scheltworten mißhandelt, und wenn ja eine im äußersten Zorne die Worte ausstoßet: »Cupilla al Draco« oder »santa cruce ti afecte«, Kind des Teufels oder das heilige Kreuz möge dich treffen, so sehen es die erwachsenen Kinder als einen Vorboten eines großen Unglücks an. Das Andenken an ihre Toten ist gewiß lebhafter als bei vielen andern Nationen. Sobald jemand stirbt, so wird der Todesfall sogleich durch Aushängung eines Tuches angekündiget; ist es eine ledige Person, so wird ein weißes, bei einer verheurateten aber ein rotes ausgehängt. Sie essen und trinken in der nämlichen Stube und verlassen den Leichnam nicht eher, bis er begraben ist. Bei jedem Glase Wein oder Raki wird des Toten Gesundheit getrunken und etwas davon auf den Leichnam geschüttet; sie beklagen sich über ihn, daß er sie verlassen habe, erzählen ihm alles, was sich noch an Lebensmitteln im Hause befinde, und äußern ihre Verwunderung darüber, daß er den Raki, Wein, Sprinza, Unt und Kukuruz nicht habe wollen aufzehren helfen. Ist der Verstorbene ein begüterter Mann, so werden einige Weiber gemietet, um bei der Leiche zu weinen, an deren Geschrei sich leicht abnehmen läßt, ob sie gut oder schlecht bezahlt worden sind, denn nach Verhältnis ihrer Bezahlung weinen sie mehr oder weniger. Den folgenden Tag wird der Verstorbene in seiner gewöhnlichen Kleidung in den Sarg gelegt, wo sie niemals vergessen, neben die Leiche Nüsse, Birnen, Äpfel, Zwetschen, Pfirschen, Weintrauben und anderes Obst, auch einige Büschel wohlriechender Kräuter zu legen, so wie es die Jahrszeit mit sich zu bringen pflegt; ist es aber Winter, so legen sie dürres Obst hinein. Ist dieses geschehen, so gehen Freunde, Nachbaren und Bekannte mit zu Grabe, ja auch ihre Feinde dürfen sich nicht davon ausschließen, denn das ganze Dorf würde mit Fingern auf sie zeigen. Der Sarg wird allemal von den nächsten Freunden getragen, welche nicht ermangeln, die guten Eigenschaften des Verstorbenen anzurühmen. Neben dem Grabe wird der Sarg hingesetzt und mehrere brennende Lichter um denselben herum. Hier fangen sie alle an erbärmlich zu weinen, welches sie desto mehr verdoppeln, je mehr sich der Pope dem Ende der Zeremonie nähert; die Weiber raufen sich die Haare aus und stellen sich ganz untröstlich. Ehe der Sarg zugemacht wird, welches allemal erst vor der Einsenkung geschieht, küssen alle Anwesende den Leichnam noch einmal, welches seine gewesenen Feinde desto inbrünstiger tun, damit er nach ihrer Meinung kein Vampir werden möge, um sie zu quälen. Der Pope ist der erste, der eine Handvoll Erde kreuzweise ins Grab wirft, welches alle Anwesende nachtun, so daß der Leichnam sehr bald bedeckt ist. Nach der Beerdigung geht jeder stillschweigend ins Haus des Verstorbenen, wo sie das Leidessen verzehren, welches bei den Reichern darinne besteht, daß ein jeder ein Glas Wein oder Raki, einen Schnitt Brot und ein Stück Schweinefleisch bekommt, welches mit der Aussprechung des Wortes »pomana« dargereicht wird, worauf der, so es empfängt, antwortet: »Domne dzeu sa le jente sufflattul«, das heißt: Gott der Herr wolle ihn bei sich behalten, welches seine gewesenen Feinde mit vielem Ernste aussprechen, damit er ihnen nicht als Vampir das Blut aussaugen möge. Die Trauer der Walachen besteht darinne, daß sie für ein Altes ein ganzes Jahr, für Kinder, Brüder oder andere Verwandte aber nicht so lange mit bloßem Kopfe gehen, weder Regen noch Schnee, weder Frost noch Hitze kann sie dazu bewegen, ihr Haupt zu bedecken, und sie glauben ganz sicher, daß sie dadurch der Seele des Verstorbenen einen großen Dienst erzeigen. Die Wohlhabenden unterhalten zuweilen ein ganzes Jahr eine brennende Lampe auf dem Grabe des Verstorbenen. Den dritten, neunten und vierzigsten Tag, wie auch den dritten, sechsten und neunten Monat, auch am Jahrstage des Verstorbenen pflegen sie eine Wachskerze, ein Brot und eine Schüssel voll Kisselitza in die Kirche zu schicken, wovon jeder einen Löffel voll nimmt und für die Seele des Verstorbenen betet. Die Frauen unterziehen sich nicht der Trauer mit bloßem Kopfe, sondern glauben, der Seele des Verstorbenen auf eine andere Art zu dienen. Sie gehen nämlich alle Sonn- und Feiertage auf den Gottesacker, knien auf das Grab des Verstorbenen, schütten etwas Wein oder Raki darauf, legen Brot und Fleisch darneben und laden ihn durch ihr Geschrei ein, mit ihnen zu essen, klagen ihm ihre Not, in die sie durch seinen Tod versetzt worden sind, und besingen mit trauriger Stimme die während seines Lebens genossene Glückseligkeit. Diese Trauergesänge stimmen sie auch an, wenn sie sich bei ihren Geschäften an den Tod ihres Gatten erinnern, und man wird nicht leicht durch ein walachisches Dorf gehen können, ohne eine Frau weinen oder singen zu hören. Die gewöhnlichen Klagen sind nur die: »Binterce sei morit? saracca la migna!« Ach ich Arme! warum bist du gestorben? – Sie drücken den Schmerz, den sie wegen seiner Beraubung empfinden, sehr lebhaft aus, so daß sie oft Mitleiden verdienen; sobald aber der Trauergesang geendigt ist, gehen sie wieder an ihre Arbeit, ohne sich etwas von ihrer vorigen Betrübnis merken zu lassen. Am Allerseelentage, welcher bei den Walachen und Raitzen allemal den Montag nach Ostern fällt, gehen alle Einwohner des Dorfes, von ihrem Popen begleitet, auf den Kirchhof, streuen daselbst Bohnen, Kuchen und andere Eßwaren auf die Gräber. Die Frauen tragen ganze Gefäße voll Weihwasser, mit welchem sie nicht allein die Gräber, sondern auch jeden, der sich ihnen nähert, besprengen. Viele bleiben bis in die Nacht daselbst und zünden Lichter auf den Gräbern an; die meisten aber kehren in Prozession in die Kirche zurück, in deren Bezirk sie sich mit Tanzen bis tief in die Nacht unterhalten. Von Erbauung ihrer Häuser, ihren Produkten und Belustigungen Wenn der Walache ein Haus bauen will, so ist seine erste Sorge, vier große Bäume im Walde zu fällen, welche ihm zum Grunde des Gebäudes dienen. Diese Bäume legt er in ein Viereck oder länglicht Viereck, je nachdem er das Haus haben will, zusammen, so daß deren Enden einige Schuhe übereinander reichen, welche daselbst ein wenig eingefalzet werden. Ist dieses geschehen, so legen einige ohne weitere Umstände einen kleinern Baum über den andern, so daß dessen Enden, wie der Grund, immer einige Schuhe überraget. Kommen sie nun an den Ort, wo das Fenster angebracht werden soll, so machen sie einen Einschnitt, etwa 1½ Schuh lang und so tief, als es der Baum, ohne zu brechen, leiden kann. Diesen legen sie so, daß der Einschnitt oben hin kommt, und den folgenden, der auf die nämliche Art eingekerbt ist, oben drauf, daß der Einschnitt unten hin auf den andern zu liegen kommt, und diese beiden machen das Fenster aus, welches sie im Winter mit einer Blase oder mit einem Bogen Papier verkleben und im Sommer offenstehen lassen. Auf diese Art wird immer ein Holz auf das andere gelegt, etwa wie die Meisenkasten gemacht werden, bis sie zu einer Höhe von fünf bis sechs Fuß kommen, wo sie sogleich das Dach anfügen, denn höher als fünf Schuhe ist nicht leicht ein walachisches Haus. Weil aber die aufeinandergelegten rohen Hölzer nicht allemal passen, so verschmieren sie die Spalten und Ritze mit Kühmist und andern ähnlichen Materialien. Einige, die etwas regelmäßiger bauen wollen, setzen auf jede der vier Ecken eine etwa fünf Schuhe hohe Säule, welche gegen die beiden Wände eingefalzt ist, manche setzen auch wohl noch zwei solcher Säulen in die Mitte; dazu müssen nun freilich die aufeinander kommenden Hölzer abgemessen werden; an den Enden werden sie verloren zugehauen, damit sie in die Falze passen. Hat es nun die Höhe von fünf Schuhen erreicht, so legen sie die Latten und die Balken quer herüber; die Sparren sind enger zusammen als die unsrigen und oben mit einem hölzernen Nagel befestiget. In diese Sparren bohren sie Löcher, welche etwa einen Fuß lang voneinander entfernt sind, und stecken hölzerne, etwa einen Fuß lange Pflöcke hinein. Nun nehmen sie Heu, werfen es in die Höhe, daß es an diesen Flöckchen hangen bleibt, und wenn sie das mit einem Rechen eben gemacht haben, so ist das Dach fertig. Weder der Schreiner, noch Schlosser, noch Nagelschmied verdient etwas bei ihrem Bau, und nur selten brauchen sie ein paar Bänder, welche ihnen der Zigeuner liefert, zu ihrer Türe (die drei, aufs höchste vier Schuh hoch ist), denn gewöhnlich vertritt deren Stelle ein Stück von ihren Oppinschen. Ihre Häuser bestehen gewöhnlich in einer Stube, das andere ist Küche und Hausflur zusammen; das Kamin besteht aus einer Flechte von Holz, welches mit Erde verkleibet ist. Da ihre Häuser so niedrig sind, daß man ganz bequem von einem Stuhle auf das Dach steigen kann, so haben viele den Gebrauch, zwei kleine Bäume von oben durch den Schornstein hineinzulassen, welche sie nebeneinander stellen und anzünden, daß sie, so wie sie unten durchs Feuer verzehrt werden, immer nachfallen und kürzer werden. Ihr Kochherd ist selten mehr als ½ Schuh von der Erde erhoben, auf welchem sie nicht allein kochen, sondern auch ihr Brot auf folgende Art backen. Die Armen, und das ist immer der größte Teil, schicken ihre Frauen alle Tage in die Mühle, um so viel Kukuruz zu mahlen, als zu einem Brote hinlänglich ist; unterdessen macht der Mann oder die Kinder Feuer auf dem Herde an, sobald die Frau nach Hause kommt, bereitet sie den Teig, tut die Glut weg, legt ihren Teig auf die heiße Stelle, deckt einen aus Erde getrockneten Deckel darüber, schürt die Kohlen um denselben herum, und ehe zwei Stunden vergehen, so ist ihr Brot gebacken, welches sie auch alsbald verzehren. Dieser Küchenherd hat durch eine Öffnung Gemeinschaft mit einem Ofen, der zur Winterszeit die Stube heizt. Ihre Scheuer, zur Aufbewahrung des Kukuruz, besteht aus einem vier bis fünf Schuhe hoch geflochtenen Behältnis, welches gleichfalls mit Heu oder Stroh gedeckt ist. Auch haben sie außer ihren Viehställen noch einen bedeckten Raum, wo der Weberstuhl und die Rakiblase befindlich ist; und das Ganze ist mit einer starken Hecke umgeben. In Ansehung des Ackerbaues sind die Walachen noch sehr zurücke; denn wollten sie das Feld so benutzen, als sie es könnten, gewiß, sie würden ihre Produkte sehr vervielfältigen können, so aber bauen sie nur gerade so viel Kukuruz, Daana und Hanf, als sie für ihr Hauswesen brauchen; denn der wenige Weizen und etwas Wurzelwerk, das sie bauen, kommt in gar keinen Betracht. Doch zeugen sie sehr viel Bohnen und Kürbisse, mit welchen letztern ihre Schweine gefüttert werden. Schade ist es, daß sie das schöne Heu, welches sie auf ihren Wiesen erzeugen, verderben lassen; es unter Schoppen oder in Scheuren zu bringen, lassen sie sich gar nicht einfallen; denn auf Wiesen, wo sie es mähen, bleibt es in Haufen den ganzen Winter durch stehen; höchstens machen sie eine Hecke von Dornen herum, um es fremdem Viehe nicht preiszugeben; findet sich aber in der Nähe ein schicklicher Baum, dasselbe aufzubewahren, so ergreifen sie gleich die Gelegenheit, schaffen es hinauf, binden es aus mit Heu gedrehten Stricken an die Äste des Baumes fest und lassen es daselbst so lange liegen, bis es entweder verdirbt oder bis sie es brauchen. Die andern mit Dornen umgebenen Haufen haben beinahe gleiches Schicksal; finden die auf Weide gehenden Kühe kein Gras mehr, so wird ein Haufe nach dem andern aufgemacht, wo das Vieh denn hingeht, um zu fressen, bis die Wiesen wieder mit frischem Grase bedeckt werden. Der Gebrauch, die Felder durch Dünger zu verbessern, ist ihnen gar nicht bekannt, doch ist dieses auch wegen allzugroßer Fruchtbarkeit des Bodens so ziemlich entbehrlich. Was die Anpflanzung der Fruchtbäume betrifft, so sind sie auch sehr nachlässig, und wenn sie nicht durch verstreute Kern' von selbst aufwachsen, so wird sich nicht leicht ein Walache die Mühe nehmen, einen anzupflanzen. Ganz anders verhält sich's mit den Zwetschenbäumen, die sie sehr sorgfältig pflegen, allein sie sind auch dem Raki, eine Art Brandewein, der von dieser Frucht und den Pfirschen gebrannt wird, ganz außerordentlich ergeben, und man sieht daher ganze Wälder von diesen Bäumen, besonders um Werschetz herum, wo sie oft recht nach der Schnur angepflanzt sind. Auf Bienen halten sie auch sehr viel; fast nie wird man einen walachischen Garten ohne ein mit acht bis zehn Stöcken versehenes Bienenhaus antreffen. Der Pflege der Seidenwürmer unterziehen sich weder die Walachen noch Raitzen, desto mehr aber geben sich die deutschen, italienischen und französischen Ansiedler damit ab; ich habe in Mercydorf einen Mann gekannt, dessen Familie jährlich 100 bis 150 Pfund eingesponnene Seidenwürmer nach Werschetz ablieferte. Dieser würdige Mann, an den ich immer mit Vergnügen denke, verdient eine besondere Anmerkung. Er heißt Valenti und ist ein geborner Patrizier aus der berühmten italienischen Familie derer Valentier, diente dem Könige von Sardinien und dem Kaiser, nahm aber, als ihm bei einer Beförderung ein anderer vorgezogen wurde, seinen Abschied, kaufte für sein eigen Geld im Banate ein Haus, Land nebst Zugvieh und baute sein Land selbst; und gleichwohl ehrte ihn der Gubernial-Präsident von Lodomerien und Galizien, Edler von Kranzberg, so sehr, daß er ihm allemal einen Stuhl reichen und ihn bei sich niedersetzen ließ, wenn er etwas zu verrichten hatte. Ich habe selbst Briefe gesehen, die er vom sardinischen Abgesandten aus Wien erhalten hatte, worinne ihm derselbe den Titel amico carissimo gegeben hatte. Ich komme zu den Seidenwürmern zurück. Alle im Banate erzeugten müssen nach Werschetz gebracht werden, wo jedes Pfund zu dreißig Kreuzer bezahlt wird und in der dortigen Seidenmanipulation, worüber der Baron Dix d'Eaux mit einem guten Gehalte als Direktor gesetzt ist, in Kaufmannsgut verwandelt wird. Der Neue Markt in Wien Die Walachen sind nicht ganz ohne Industrie, denn der Hanf, welchen die Männer im Felde bauen, wird von den Weibern selbst zu den Familienbedürfnissen verwebt, und in einer zu Slatina befindlichen Glashütte arbeiten viele Walachen, welche Flaschen, Trinkgläser und andere Kleinigkeiten verfertigen. Ja in der westlichen Walachei und in Siebenbürgen gibt es mehrere, die auf ihre Art recht artig malen und in Stein und Holz arbeiten. Am Tanze finden die Walachen und Raitzen ein großes Vergnügen; niemals werden sie ein Fest feiern, wo sie nicht tanzen sollten. Zuweilen geschieht solches auf ihren Kirchhöfen, doch gewöhnlicher noch auf den leeren Plätzen des Dorfes. Wenn sich die jungen Leute versammlen, wird man niemals sehen, daß Mädchen und Pursche untereinander gehen, sondern die erstern stehen alle zusammen abgesondert von Mannspersonen, ja ihre Schamhaftigkeit geht oft so weit, daß sie den mit sich tanzenden Purschen nicht bei der Hand anfassen, sondern sie nehmen ein Schnupftuch, halten das eine Ende davon in den Händen und reichen das andere ihrem Tänzer zu, der es ergreift und auf diese Art mit ihr tanzt, ohne daß er es wagte, sie ohne ihre Erlaubnis bei der Hand zu fassen. Pius VI. erteilt den Ostersegen vom Balkon der Jesuitenkirche in Wien 1782 Ihre Tänze werden auf folgende Art eröffnet: wenn die jungen Leute zum Tanze versammlet sind, so tritt ein Zigeuner mit dem Dudelsack oder einem Ding, das einer Geige gleich sieht, auf den Platz und stimmt seine Symphonie, so gut er kann, an; sogleich fassen sich zwei oder drei Pursche bei den Händen, nehmen den Virtuosen in die Mitte und tanzen so um ihn herum; nun kommen mehrere, wodurch der Kreis immer größer wird, und da die Mädchen gewöhnlich nicht zum Tanze aufgefordert werden, sondern selbst kommen, so haben sie den wirklich nicht unbedeutenden Vorteil, sich selbst den Tänzer, der ihnen am besten gefällt, aussuchen zu können; diesen ergreifen sie bei der Hand und reichen ihm ein Schnupftuch dar, der augenblicklich mit der andern den Kreis weiter ausdehnt, damit das Mädchen bequem hineintreten könne. Der Tanz selbst besteht nur darinne, daß sie bald den linken Fuß hinter den rechten und diesen wieder hinter den linken bringen und zu gleicher Zeit, da sie sich um den in der Mitte befindlichen Zigeuner herumdrehen, eine leichte Bewegung mit dem Oberleibe machen; sobald aber der Zigeuner zu spielen aufhört, so zerreißt der Kreis, und in einem Augenblicke sind die Mädchen bei ihren Gespielinnen und die Pursche bei den ihrigen, denn, wie schon gesagt, so vermischen sie sich niemals miteinander. Vierunddreißigstes Kapitel Von dem Überflusse des Landes, den Krankheiten der Walachen und ihren Heilmitteln Da die Walachen gewöhnlich nichts als Vegetabilien essen, welche sie mit sehr viel Knoblauch und spanischem Pfeffer zu würzen pflegen, und nur sehr selten etwas vom Geflügel verzehren, übrigens die meiste Zeit fasten müssen, das Land aber alles im größten Überflusse hervorbringt, so kann man leicht denken, daß alle zum Lebensunterhalte erforderlichen Artikel äußerst wohlfeil sein müssen. Doch wird es manchem unglaublich vorkommen, wenn ich sage, daß ein paar Schnepfen oft nicht mehr als zwei Kreuzer, ein paar alte Hühner drei bis vier und ein paar recht schöne indianische zwölf bis sechzehn Kreuzer gelten. Sommerszeit bekommt man gewöhnlich 30 bis 35 Eier für drei Kreuzer, für einen Hasen bezahlten wir gewöhnlich zwölf, auch zuweilen nur zehn Kreuzer und bekamen Winterszeit oft zwölf bis vierzehn Kreuzer für das Fell, allein seit dem Jahre 1781 haben sich die auf alles spekulierenden Juden diesen Hasen-Nahrungszweig gänzlich zugeeignet. Sie kaufen den Walachen alle Hasen, die sie zum Markte bringen, um einen billigen Preis auf einmal ab und tragen selbige nachgehends in der Stadt zum Verkauf herum; will nun jemand einen haben, so ziehen sie selbst den Balg ab, nehmen ihn sogleich mit, und dann gibt man ihnen für das Fleisch des ganzen Hasens drei, zuweilen vier Kreuzer, womit sie vollkommen zufrieden sind, weil sie das Geld mehr für ihre Mühe, den Balg abzuziehen, als für den Hasen selbst erhalten. Das Rindfleisch kostet in Temiswar zwei, auch drei Kreuzer das Pfund, allein auf dem Lande habe ich mehrmals die Ocka, welches ohngefähr 2¼ Pfund beträgt, für einen Poltracken oder 1½ Kreuzer gekauft. Wein und Bier ist in Temiswar beinahe in gleichem Preise, nur muß man vom erstern den Ofner und Östreicher ausnehmen, nämlich fürs Maß gibt man zwei Kreuzer, an der türkischen Grenze aber haben wir fast nie mehr als einen Poltracken für die Ocka Wein gegeben. Die Walachen erreichen gewöhnlich ein hohes Alter; abgehärtet zur Arbeit und daran gewöhnt, bald zu fasten, bald zuviel zu essen, zu Hause auf der harten Bank und im Felde auf der bloßen Erde zu schlafen, sich Schnee, Wind und Regen, ohne alle andere Bededamg als des schon gedachten Mantels, auszusetzen: alles dieses gibt ihnen eine feste Natur. Mehrere Familien siehet man, wo die ein ganzes Jahrhundert alten Väter sich in einem Kreise von Kindern, Enkeln und Urenkeln befinden und noch ganz munter mit ihnen herumgehen. Nur erst im Jahr 1728 starb zu Karansebes ein Walache nebst seiner Frau in einem sehr hohen Alter; der Mann hieß lanko Kovin und war 172 und seine Frau, welche Sara hieß, 164 Jahre alt, und hatten 147 Jahre miteinander in der Ehe gelebt. Der General Mercy ließ sie abmalen, schickte das Gemälde nach Wien, wo es Kaiser Karl der Sechste in seine Bildergalerie aufstellen ließ und wo es noch zu sehen ist. Die Krankheiten, denen die Walachen am meisten unterworfen, sind das Fieber, die Lustseuche und der Ausschlag. Demohngeachtet löst weder Doktor noch Apotheker einen Kreuzer von ihnen, denn das älteste Weib in der Familie ist gewöhnlich ihr Arzt, die aber freilich kein anderes Heilmittel kennt als Bitterwein, spanische Fliegen, spanischen Pfeffer und das Hundskraut (Solanum dulcamara); einige Drachmen der pulverisierten giftigen Beere nehmen sie ohne alle Bedenklichkeit in Wein oder noch häufiger in Raki ein, wovon sie nicht selten erschreckliche Konvulsionen bekommen, allein halten sie diese Kur aus, so werden sie nach ihrem Geständnisse wie neugeboren; doch gehört zu einer solchen walachischen Kur, wie leicht zu erachten, auch ein guter walachischer Magen. Diejenigen, welche die Bäder von Mehadia in der Nähe haben, bedienen sich ihrer in allen Arten von Krankheiten; sie kommen gewöhnlich des Sonnabends daselbst an, brauchen vorzüglich die Schwitzbäder bis sonntags nachmittags, wo sie dann wieder abreisen, es wäre denn, daß einer wegen offenen Schäden sich länger daselbst verweilte. Dieses sei genug vom Banate gesagt, und will ich nur noch zweierlei schädlicher Insekten erwähnen, von welchen dieses Land teils periodenweise, teils zu unbestimmten Zeiten heimgesucht wird, dieses sind Heuschrecken und eine Art sehr giftiger Fliege. Fünfunddreißigstes Kapitel Eine uns unbekannte Landplage Gedachte Fliegen werden von den Deutschen Kolumbatzer Mücken und von den Eingebornen des Landes Mosch reo benennt, kommen dreimal des Jahres und das allezeit aus dem Loche eines ohnweit Kolumbatz an der Donau liegenden Felsens. Sie suchen soviel als möglich die Glissera (eine gebürgige Gegend) zu vermeiden; sobald sie daher eine Ecke davon abgeflogen sind, so nehmen sie in ungeheuren Scharen ihren Weg ins flache Land. Wenn die Einwohner von ihrer Ankunft hören, so machen sie Feuer an, werfen nasses Holz oder Stroh darauf, damit es stark dampft, und das auf der Irre gehende Vieh sieht nicht so bald diesen Rauch, als es sich ringsherum lagert, weil es da für den Verfolgungen ihrer Feinde sicher ist. Diese giftige Fliegen fallen alles Vieh ohne Unterschied an, welches entweder beim Anfalle oder wenige Stunden darauf tot niederfällt. Die Stachel lassen mit gelbem Wasser angefüllte Blasen zurück, doch hat man das Fleisch den Hunden vorgeworfen, die es fraßen, ohne davon zu sterben. Es ist ein wahres Glück für die Bewohner des Banat Temiswar, daß mehrgedachte Fliegen ein so zartes Leben haben, daß sie ein Regen oder die geringste kühle Luft sogleich vertilget. Dieses Insekt hat sechs Füße von ungleicher Länge und zwischen zwei Fühlhörnen einen Stachel. Der Rücken ist schwärzlicht, der Bauch aber weißlicht, und der Körper ist mit eilf bleifarbigen Ringen, wovon jeder noch insbesondere mit einem schwarzen Zirkel umgeben ist, umwunden. Diese Landplage hat schon manche Vorstellung am Wiener Hofe veranlaßt, und dieser hat schon viel darauf verwandt, um den Verheerungen Einhalt zu tun oder wenigstens zu mindern; allein bis jetzt hat man noch kein ander Mittel entdeckt, als daß man die von Haaren entblößten Teile des Viehes mit Wasser wäscht, worinne Wermut gekocht ist, und daß man stark rauchende Feuer unterhält, wohin sodann das Vieh eilt, doch stürzt es sich noch lieber ins Wasser, wenn es welches ansichtig wird. Nach der Volkssage soll der heilige Georg den Kopf des überwundenen Drachens in die Kolumbatzer Höhle geworfen haben, aus welcher nun diese giftigen Fliegen kommen und das Land plagen. Wenn dieses wahr wäre, so hätte Georg den Banatern einen großen Gefallen tun können, wenn er dem Drachen seinen Kopf gelassen hätte. Im Jahr 1716 kamen so viel von gedachten Fliegen, daß der Durchzug derselben beinahe 2½ Tage dauerte. Die letzten Heuschrecken kamen im Herbst des 1781. Jahres aus dem türkischen Gebiete und lagerten sich in der Nähe von Mehadia; weil ihre Erscheinung aber schon spät geschah und außer dem Kukuruz schon alles eingeerntet war, so konnten sie keinen großen Schaden anrichten. Da diese Insekten die eingenommenen Plätze nie eher verlassen, als bis sie alles aufgezehrt haben, so geschah es auch hier, worauf sie ihren Weg über Sziklowa, Wranowitz, Oran, Jakuba und Keveresch nach Werschetz nahmen, und hätten solchen ihrer Richtung nach wahrscheinlich über die Moräste Alibonar und Ilancer und die Örter Dovritza, Unstinpre und Perlosvaros nach Ungarn genommen. Allein der Herbst machte ihrem Fluge und Leben bei Werschetz ein Ende, wo sie den größtenteils ausgetrockneten Morast Alibonar bedeckten und ihren Samen in ungeheurer Menge legten. Sobald der Wiener Hof von diesem Vorfalle Nachricht erhielt, gab er gleich Befehl, keine Kosten zu scheuen, um die Millionen Eier, welche eine Mandel Schwärme hätten hervorbringen können, zu zernichten. Der erste Versuch bestand darin, daß fast alles alte Heu und Stroh aufgekauft, in großen Schobern in gleicher Entfernung verteilt und darnach angezündet wurde, und man glaubte nicht anders, die unbeschreibliche Hitze müßte die Eier zum Ausbrüten unfähig gemacht haben; aber das Frühjahr war kaum angetreten, als die ganze Fläche von den schädlichen Insekten wimmelte. Nun wurde das ganze Banat aufgeboten, und es mußten täglich acht- bis zehntausend Walachen die Erde umhacken, doch auch dieses entsprach der Erwartung, die man sich davon gemacht hatte, nicht, es schien sogar, als ob sie sich, anstatt zu vermindern, nur noch vermehrten. Jetzt kamen einige Ingenieurs von Wien, diese ließen einen zwei bis drei Schuh tiefen Graben neben den andern ziehen und vertikal abstechen. Da nun die junge Brut hineinhüpfte und noch nicht groß genug war, um wieder herauszukommen, so mußten einige Walachen in diesen Gräben auf und nieder laufen und das Geschmeiß tottreten, worauf die ausgegrabene Erde wieder hinein auf die Heuschrecken geworfen und festgetreten wurde. Auf diese Art wurde dieses Ungeziefer nicht allein gänzlich vertilgt, sondern man kam auch dadurch zuvor, daß die Luft nicht angesteckt wurde, welches leicht hätte geschehen können, wenn eine solche zahllose Menge getöteter Insekten auf der Oberfläche liegengeblieben wäre. Sechsunddreißigstes Kapitel Pantomime in zwei Akten Den 26. Dezember 1781 fuhren wir endlich bei schlechtem Wetter von Temiswar ab, kamen aber doch ohne große Beschwerde nach Groß S. Mücklosch; allein jetzt fanden wir den größten Teil der Gegend bis nach Szegedin durch die ausgetretenen Wässer der Marosch und Theis überschwemmt. Weil unser Fuhrmann des Landes nicht kundig war, so mußten wir beständig einen Walachen vorreiten lassen, um in keine Tiefe zu geraten, konnten also nur sehr kleine Tagereisen machen, so daß wir erst den zweiten Januar Szegedin erreichten. Nun fing die Reise an für mich verdrüßlich zu werden, denn erstens mußte ich alle Hoffnung aufgeben, vor dem Sechsten in Wien zu sein; fürs zweite war das Wetter schlecht und die Ausgaben größer, als ich geglaubt hatte; denn ohngeachtet die Lebensmittel in Ungarn gewöhnlich sehr wohlfeil sind, so brauchten wir doch für Essen, Trinken, Zimmer und Feurung täglich zwölf bis sechzehn Gulden. Dieses möchte manchen wundern; allein wer mit so einem Landkutscher fährt, muß denselben nicht allein mit seinen Pferden übertragen, sondern wenn sie voraussetzen, ohne Passagiers zurückfahren zu müssen, so wissen sie es gemeiniglich mit dem Wirt so zu karten, daß sie in diesem Falle auch freie Zehrung haben; und letztere ermangeln also nicht, die etwanige Zeche sogleich auf Rechnung der Reisenden zu setzen. Den Sechsten speisten wir zu Mittag in Rab; zwischen dieser Stadt und Pest passierten wir durch das zum Marktflecken gemachte große Dorf Schuratschan, dessen Einwohner über ihre Erhebung so freudetrunken waren, daß sie ohne Unterlaß ausriefen: »Vivat Schuratschan! Maria Theresia ist ein Marktflecken geworden!« Den Achten kamen wir nach Pest; doch ehe wir hineinfuhren, begegnete uns folgender verdrüßlicher Zufall. Unser Kutscher, der fast auf der ganzen Reise nicht viel nüchtern wurde, hatte beim letzten Mittagsmahl so viel Wein und Brandewein zu sich genommen, daß er kaum auf dem Bocke zu sitzen vermochte. Als wir nun die ohnweit Pest befindliche Anhöhe hinunterfuhren, begegneten uns einige mit Ochsen bespannte Wagen, dessen Fuhrleute ganz langsam hinten nach gingen. Nun wollte unser benebelter Fuhrmann durchaus haben, daß die Ochsen ihm und seinem Fuhrwerke zu Ehren ausweichen sollten, und fuhr dem nämlichen Geleise hinunter, in welchem die Wagen heraufkamen. All unser Schreien, daß die Fuhrleute nicht Zeit haben würden, den Ochsen zuvorzukommen, war umsonst, und ehe wir es uns versahen, fuhr die Deichsel des vordern Wagens zwischen unsere Pferde und warf das eine so zu Boden, daß es auf den Rücken zu liegen kam und die zwei hintern Füße in die Kutsche streckte. Ein Glück war es, daß es stille lag, sonst hätte es uns sehr beschädigen können, ehe wir aussteigen konnten. Nun liefen die ungarischen Fuhrleute herbei, schoben den Wagen zurück, damit die Deichsel zwischen den Pferden wegkam, und wollten das gefallene Pferd, das sich in die Stränge verwickelt hatte, wieder befreien. Allein unser Kutscher, der es als einen großen Schimpf ansehen mochte, daß diesen Leuten ihre unvernünftigen Ochsen ihm als einem Halbvernünftigen nicht aus dem Wege gegangen waren, gab dem einen eine solche derbe Ohrfeige, daß er zur Erde niedersank. Die andern, über eine so unerwartete Dankbarkeit aufgebracht, schäumten vor Wut, fielen über unsern Kutscher her und wollten ihn erwürgen. Nun konnte dieser, ungeachtet er in Pest diente, ebensowenig Ungarisch als wir und die Ungarn noch weniger Deutsch. Um also diesen Leuten begreiflich zu machen, daß der Kutscher betrunken sei und daß sie ihn gehen lassen und das Pferd losmachen sollten, damit wir unsern Weg weiter fortsetzen könnten, waren wir genötigt, auf öffentlicher Straße eine Pantomime in zwei Akten aufzuführen, von der die handelnden Personen, außer unserm Kutscher, dem sie die meiste Langeweile machen mußte, aus dem Hauptmann von der Osten, seiner Gemahlin, dem Fourier Steube und fünf ungarischen Fuhrleuten bestand, wobei wir aufs wenigste dreißig bis vierzig gehörnte Zuschauer hatten. Der ganze erste Akt unsrer Pantomime war fruchtlos, und während diesem hatte unser Kutscher so viele Stöße bekommen, daß wir glaubten, er würde nicht wieder aufstehen können; als wir aber den zweiten anfingen, der darinne bestund, daß in ihm der Hauptmann von Osten einen Konventionstaler und ich einen Gulden wie mit der Hand nach dem Munde fuhren und ihnen zu verstehen gaben, sie möchten sich für dieses Geld auch einen solchen Rausch antrinken, so ließen sie ihn gehen, halfen dem Pferde wieder auf seine vier Beine, und wir langten wohlbehalten in Pest an. Hier fanden wir ein neues Hindernis, indem das auf der Donau gehende Eis die Überfahrt nach Ofen hinderte und uns nötigte, vier Tage liegenzubleiben, wo wir in den »Sieben Kurfürsten« eine ganz artige Zeche bezahlen mußten. Den Eilften wagte ich es, mit einem Fischer nach Ofen zu fahren, ohngeachtet das Eis noch auf beiden Seiten des Stroms ging und nur die Mitte desselben davon frei war. Ich ging daselbst ins Bad, mehr, um mich darinne umzusehen, als es zu brauchen; doch ließ ich mich in eins hineinführen. Nachdem ich etwa eine Stunde darinne gesessen hatte, fiel mir ein, daß ich ein Gänseviertel mit hinübergenommen hatte; weil nun, wie bekannt, das Wasser zehrt, so wollte ich ein Stück davon essen, fand aber, daß es nicht gut ausgebraten war. Da ich dafür hielt, es sei weniger Sünde, es wegzuwerfen, als es mit Ekel zu genießen, so schleuderte ich es durch die der Ausdünstung wegen oben angebrachte Öffnung; weil es nicht wieder herunterfiel, so dachte ich, es läge schon draußen. Auf einmal hörte ich im Nebenbade ein entsetzliches Geschrei; der Pachter des Bades kam herzu gelaufen, und ich konnte nicht geschwinde genug in die Beinkleider kommen, um auch zu sehen, was es gäbe. Als ich die Tür des Bades aufmachen wollte, hielt mich der Pachter zurück und sagte, ich möchte ein wenig warten, bis sich die im Bade ganz erschrockenen Frauenzimmer, welches Mutter und Tochter war, angekleidet hätten. Frauenzimmer! und erschrockene! die Sache interessierte mich gleich, und die Zeit wurde mir lang, bis sie ihre Toilette gemacht hatten. Und siehe da! die Ursache dieses Zetergeschreies war nichts anders als mein Gänseviertel. Nämlich diese beiden Bäder hatten oben in der Höhe eine gemeinschaftliche Öffnung; weil ich nun zu kurz geworfen haben mochte, so war es wieder herunter ins Nebenbad gefallen und hatte dieses Angstgeschrei verursacht. Ich war eben willens, meine Missetat zu bekennen, als der Pachter auf die Vermutung fiel, daß etwa ein Raubvogel dieses weggeputzt und nachgehends gerade über dieser Öffnung habe fallen lassen. Ich ließ sie also bei dieser Meinung, und nachdem ich mich einige Stunden in der obern Stadt umgesehen und die Merkmale betrachtet hatte, welche, in Ansehung der verschiedenen Wasserhöhen, an den nächst der Donau liegenden Häusern angebracht sind, so fuhr ich gegen Abend wieder nach Pest. Wir sollten den Zwölften vormittags zehn Uhr schon mit unserm Fuhrwerk die Donau passieren, da aber erst vieles für die Ofner Garnison hinübergeschafft werden mußte, so kamen wir erst Nachmittag um zwei Uhr auf die Plätten und um drei Uhr nach Ofen, wo wir die Nacht blieben; weil es noch Zeit genug war, die am Ufer der Donau stehende Moschee zu besehen, so wollte ich auch hierinne meine Neugierde befriedigen. In dieser Kirche fand ich einen Schreiner, der seine ordentliche Werkstatt darinnen aufgeschlagen und sie ganz mit fertigen Möbeln angefüllt hatte. Was wird wohl der gute Kalender, der vor einigen Jahren eine Wallfahrt dahin tat, gedacht haben, weil er sein Heiligtum so entehrt angetroffen hat? Den Sechzehnten kamen wir nach Bruck an der Leyda, wo wir uns einer strengen Tobacksvisitation unterwerfen mußten. Als diese vorbei war und wir fortfahren wollten, kam noch ein anderer Aufseher und frug uns, ob wir nichts Mautbares bei uns hätten. Diesem drückte der Herr Hauptmann zwei Konventionstaler in die Hände; er öffnete die Coffres pro forma, guckte hinein, tappte ein wenig drüber hin, worauf er sie wieder zumachte, wir unsers Weges fuhren und den Zwanzigsten in Wien anlangten. Siebenunddreißigstes Kapitel Seine Heiligkeit der Papst für einen Kreuzer Wir stiegen im »Weißen Wolfe« ab; allein des andern Morgens fragten wir den Perückenmacher, ob er nicht ein Quartier für uns wisse. Dieser brachte uns auf die Lorenzi-Pastei zum Herrn von Martinelli, kaiserlichen Architekt, wo aber nur für den Herrn Hauptmann und seine Gemahlin Platz war; da sie mich gerne in der Nähe haben wollten, so nahm ich mein Quartier gleich gegenüber bei einem Bürger, der Meyer hieß. Sobald ich zu diesem kam, reichte er mir ein gedrucktes Blatt, welches folgende Fragen enthielte: wo ich herkomme? wo ich den letzten Paß genommen habe? wie lange ich in Wien zu bleiben gedenke? womit ich mich während dieser Zeit ernähren wolle? welcher Religion ich zugetan und ob ich verheiratet oder ledig sei? Alle diese Punkte muß jeder in Wien ankommende Fremde, insoferne er sich eine Zeitlang darinne aufzuhalten gedenkt, selbst unterschreiben, welches dem Herrn Platzmajor eingereicht wird. Nun wußte ich nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, denn der Großfürst, mit dessen Gefolge ich die Reise nach Rußland machen wollte, war schon den sechsten Januar von Wien abgegangen, ich nahm mir also vor, nach Hause zu reisen, um zu sehen, ob ich etwas von meinem lieben Vormunde bekommen könnte. Doch als ich hörte, daß Seine Heiligkeit nach Wien zu kommen dächten, so änderte ich meinen Entschluß und blieb da, um die in solchen Fällen vorfallenden Feierlichkeiten mit anzusehen. Ich weiß nicht, wie lange der Hauptmann von der Osten nebst seiner Gemahlin die evangelische Kirche entbehrt haben mochte, allein ich hatte in dreizehn Jahren gar keine gesehen, wir hatten also alle großes Verlangen, dem Gottesdienst beizuwohnen. Weil sich damals noch keine evangelische Kirche in Wien befand, so bat mich der Hauptmann, zu dem preußischen Abgesandten zu gehen, um mich zu erkundigen, wenn die Kirche gehalten würde; ich ging also dahin und frug den Torsteher, welcher mir sagte, daß sein Herr keine unterhielt und daß ich entweder in die Kapelle des dänischen oder schwedischen Abgesandten gehen müßte. Wir gingen also alle drei in die ohnweit den Schotten befindliche schwedische Kirche. Vor der Kirchtür stand ein bedeckter Tisch voller schönen Gesangbücher, wovon der Kirchner uns einige gab und uns die Plätze anwies, wo wir den Prediger im Gesichte hatten; und ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich in diesem Gottesdienste recht erbaut worden bin. Ich war noch nicht lange in Wien, so erhielt ich Briefe von Temiswar, daß meine gewesene dreiundsechzigjährige Braut gestorben sei. Ich hatte eben keine große Ursache, ihren Tod, wohl aber die 25 000 Gulden zu bedauren. Mit dem nämlichen Briefe erhielt ich die Nachricht, daß der Herr Podesta Barbieri, mit dem ich in Temiswar in Verbindung gestanden hatte, in Wien sei. Gleich des andern Tages ging ich in das italienische Coffee-Haus, um ihn auszufragen. Dieser Herr empfing mich mit vieler Höflichkeit und nahm mich mit in die Komödien, in die in der Leopoldstadt gelegene Hetze und an mehr Belustigungsörter. Wie freute ich mich daher, als ich vor einigen Jahren in Zeitungen las, daß er von Seiner Majestät dem Kaiser 500 Joch Feld, benebst einem Vorschuß von 20 000 Gulden, um dasselbe urbar zu machen, erhalten hat. In der Folge war ich so glücklich, in dem Hause der Frau von Nascholdin, geborne Baronesse von Steinberg, eingeführt zu werden, worin ich, während meines Aufenthaltes in Wien, einen freien Zutritt hatte. Da bekannt genug ist, daß Wien groß und prächtig, mit Belustigungsörtern aller Arten bis zum Überfluß versehen ist, an prächtigen Palästen, Bibliotheken, Kunstkammern und dergleichen keinen Mangel hat, so will ich nur einiger besondern, bei meiner Anwesenheit vorgefallenen Begebenheiten gedenken. Schon gegen das Ende des Februars fing man in Wien an, von der Ankunft des Papstes zu sprechen, und an allen Ecken der Straßen fand man alte Weiber, welche sein Bildnis für einen Kreuzer verkauften und ohne Aufhören dabei schrien: »Den Papst für einen Kreuzer! den Papst für einen Kreuzer!« Doch kurz vor der Ankunft desselben mochte ihnen dieses unschickliche Rufen verboten worden sein, oder sie mochten es selbst eingesehen haben; genug, sie änderten es in der Folge dahin ab, daß sie ruften: »Seine Heiligkeit den Papst für einen Kreuzer! Seine Heiligkeit den Papst für einen Kreuzer!«, ohne dieses Epithets wegen den Preis ihres Kupferstiches im mindesten zu erhöhen; allein es war auch so erbärmlich gestochen, daß man ohne den Namen Pius VI. nicht gewußt haben würde, ob es den Papst oder den Mufti vorstellen sollte. Endlich wurde der 22. März 1782 zur Ankunft bestimmt, und es strömten von allen Provinzen so viel Menschen nach Wien, daß man hätte glauben sollen, die Lebensmittel würden dadurch sehr verteuert werden und nicht alle Obdach finden können; allein man spürte in Ansehung des Preises der Viktualien nicht den geringsten Unterschied, weil die Polizei die besten Maßregeln getroffen hatte. Am gedachten Tage der Ankunft des Papstes waren des Morgens acht Uhr schon alle Gasthöfe zu beiden Seiten der Vorstadt, durch welche er seinen Einzug hielt, besetzt, vor den andern Häusern aber Gerüste gebaut, worauf man für einige Kreuzer einen Platz haben konnte. Herr von Martinelli nebst seiner Gemahlin und ich gingen erst um zehn Uhr in die »Blaue Kugel«, wo wir das Mittagsmahl bestellt hatten und der Zug vorbeigehen mußte. Um zwölf Uhr kam die Nachricht von der Annäherung; wir gingen also hinaus und stellten uns am Wege hin, um den Zug desto besser mit ansehen zu können. Da es ein schöner Tag war, so bedauerte die Frau von Martinelli, daß sie ihre größte Tochter nicht mitgenommen habe, und bat mich, wenn ich mir getraue, mit ihr durch das Gedränge zu kommen, sie abzuholen. Ich lief also in die Stadt, allein noch ehe ich mit ihr die »Blaue Kugel« erreichte, kam der Papst schon gefahren; ich wollte also einen Platz auf einem Gerüste nehmen, da aber schon alles besetzt war, so trat ich mit ihr auf ein an der Chaussee liegendes Steinhäuschen, wo wir den Papst recht wohl sehen konnten. Er saß dem Kaiser zur Rechten im Wagen, und während er sich zur Linken wendete und mit demselben sprach, hatte er den rechten Ellenbogen auf den Kutschenschlag gestützt und gab so den auf der Chaussee knienden Segenshungrigen unaufhörlich den Segen. Nachdem er vorbei war, speiseten wir im gedachten Gasthofe zu Mittag und fuhren erst gegen Abend wieder zurück. Da ich in Wien beinahe gar keine bestimmten Geschäfte hatte, so konnte ich jeder öffentlichen Feierlichkeit nachgehen, besonders nahm ich jede Gelegenheit in acht, die durch den Aufenthalt des Papstes veranlaßten außerordentlichen Vorfälle mit anzusehen. Einer von diesen war, als am Karfreitage der Papst, der Kaiser und der jetzige Kurfürst von Köln, in Begleitung des ganzen Hofes, aller fremden Ambassadeurs, nach katholischem Gebrauche die sieben Kirchen besuchten, sowie auch die Fußwaschung, welche Zeremonie der Papst in der Stephanskirche vornahm. Doch nichts glich dem Zufluß von Menschen am ersten Ostertage, wo der Papst von der Jesuiter-Kirche auf dem Hofe den Segen gab. Die Menge der Zuschauer war an diesem Tage so groß, daß, als der Kreuzträger das Zeichen zum Niederknien gab, niemand imstande war, solches zu tun, ja es war niemand vermögend, weder Hand noch Fuß zu regen. Mit dem Glockenschlage zwölf trat der römische Bischof in seinem ganzen Ornate, mit der dreifachen Krone auf dem Haupte, auf den an der Jesuiter-Kirche befindlichen Balkon, las erstlich eine Gebetsformel ab, zerriß das Papier und warf die Stücken davon hinunter, welche tausend Hände aufzufangen suchten, worauf er unter Lösung aller um Wien herum befindlichen Kanonen den Segen gab. Da es vorher durch den Druck bekanntgemacht worden war, daß dieser feierliche Segen bloß für die Bewohner der Stadt, der Vorstädte und für diejenigen, die in den Linien wohnten, sein sollte, so kann man leicht denken, daß alle die, so außer den Linien wohnten, um sich dessen teilhaftig zu machen, zu den Toren hineinstürzten. Gleich bei der Ankunft des Papstes wurde öffentlich angezeigt, daß er den Segen alle Tage in bestimmten Zeiten geben wolle. Nun strömten die Menschen dermaßen auf den am Burgtore befindlichen Platz zu, daß sie das am Wall befindliche Geländer zerbrachen und einige mitsamt dem päpstlichen Segen in den Stadtgraben purzelten. Dieser Ab- und Zufluß von Menschen dauerte bis den 22. April, wo Pius VI. des Morgens frühe acht Uhr Wien wieder verließ, um seinen römischen Untertanen den Segen nicht zu lange zu entziehen, denen freilich oft mehr an größerm Brote gelegen ist und die deswegen öfters dem Wagen des Papstes nachschreien: »Santissimo padre! pagnotte grosse, pagnotte grosse!« Achtunddreißigstes Kapitel Die Cuccagna Da Wien ohnedem eine große Menge Einwohner in sich faßt und die Anwesenheit des Papstes noch mehrere dahin gelockt hatte, so kann man sich das Gewühle denken, das die Cuccagna des Baron von Breteuil verursachte, die er wegen der Geburt des Dauphins gab. Dieser Botschafter hatte im Prater zwei Häuser aufführen lassen, von dessen Dächern rot' und weißer Wein rann. Hier sahe man nun Eimer, Kannen, Töpfe, Hüte, ja sogar Mützen an Stangen gebunden, um den Wein darin aufzufangen, und jeder trachtete die andern Gefäße wegzustoßen und das seinige zu füllen, wobei natürlicherweise das meiste auf die Erde lief. Hatte auch einer sein Geschirr voll, so gehörte es doch nicht ihm, sondern demjenigen, der es am ersten von der Stange herunterreißen konnte; war aber jemand so glücklich, ein Geschirre voll zu bekommen, so ging er wie im Triumph herum und bot ihn seinen Bekannten umsonst, Fremden aber für einige Kreuzer zum Trinken an. Außer diesem wurde eine große Menge Brot und Fleisch ausgeworfen, welche beide Artikel 400 Zentner betragen haben sollen. Um diese Verwirrung mit anzusehen, ging ich mit Herr Krausen, einem Pieristen, der Informator der Martinellischen Kinder war, in den Prater. War es nun Zufall, daß der Kaiser nebst dem Papste eben dazu kamen, oder wollten sie wirklich den Spaß mit ansehen, genug, sie fuhren da vorbei in das am Ende des Walles befindliche Lusthaus. Kaum hörte man, daß der Papst käme, so wendete sich alles nach der Chaussee, um den Segen zu erhalten. Diejenigen, die das Fleisch auswarfen, hielten unterdessen ein wenig inne, allein der Wein rann ohne Aufhören fort; und gleichwohl sahe ich nur zwei Männer, welche, während daß die andern den Segen holten, ihre Eimer mit Wein anfüllten und in Sicherheit brachten. Als ich in die Stadt zurückkam, äußerte jemand das Verlangen, ein Stück von dem Fleische zu haben, welches man noch immer auswarf, und ich mußte mich anheischig machen, eins davon zu holen. Ich nahm mir vor, mein Versprechen zu halten und keine Rippenstöße zu achten, ging wieder hinaus und drängte mich, soviel ich konnte, unter das Getümmel. Nicht lange hatte ich gewartet, als ein Stück Braten auf mich zu geflogen kam; sogleich streckte ich meine Hände aus, es traf aber einen vor mir stehenden Soldaten dermaßen auf den Kopf, daß ihm der Hut auf eine Seite fuhr, worauf es sodann mir auf die Brust fiel. Hier hielt ich es so fest, daß es mir einen ziemlichen Fleck im Kleide verursachte; demohngeachtet griff der Soldat um sich, mir es wegzunehmen. Weil ich bei dem ganzen Handel bemerkt hatte, daß überhaupt das Recht des Stärkern gegen den Schwächern ausgeübt wurde, so ließ ich mich in Vergleich ein, und der Soldat trat mir gegen Erlegung eines Siebzehnkreuzerstücks sein angemaßtes Eigentumsrecht gutwillig ab. Nun hätte ich vielleicht besser getan, im ersten besten Gasthofe ein Stück Braten zu holen, welches mir nicht so viel gekostet haben würde, als ich für das Fleck auszumachen geben mußte; ich dachte aber, man müsse sein Wort auch in den kleinsten Dingen halten, besonders wenn man solches dem schönen Geschlechte gegeben hat. Nach diesem gab der Botschafter im Prater ein Feuerwerk, wofür Herr Stuwer 6000 Gulden bekam, den fremden Abgesandten aber ein kostbares Souper nebst einer prächtigen Illumination. Alles dieses soll dem Abgesandten einen Aufwand von 6000 Talern verursacht haben. Der Wald, in welchem diese Feierlichkeiten abgehandelt wurden und bei Lebzeiten der Maria Theresia für jeden vom Mittelstande und der Volksklasse unzugänglich war, aber gleich beim Antritte der Regierung Josephs freigegeben wurde, dient jetzt jedermann zum angenehmsten Belustigungsort. An Sonn- und Feiertagen ist der Zulauf dahin außerordentlich. Fast unter jedem Baume findet man eine Bude, entweder sich da mit verschiedenen Spielen zu belustigen oder mit Speise und Trank und noch mit etwas zu ergötzen. Alles dieses ist so vermischt, daß man Karussell, Billards, Kegelbahn, Traiteurs und mathematische Waagen untereinander antrifft. Diese letztern sind so beschaffen, daß die, so das Gewicht ihres Individuums zu wissen wünschen, nur auf ein schräg an der Waage angebrachtes Brett zu treten brauchen, durch dessen Druck der Weiser auf die Zahl gerichtet wird, welche die Pfunde anzeigt; bei jeder dieser Waagen steht ein Harlekin, welcher das Gewicht der Personen mit lauter Stimme ausruft. Da sich nun die Schönen, die dem Unterschiede des Gewichts am meisten ausgesetzt sind, auch am meisten wiegen lassen, so ruft er ohne Unterlaß: die Mamsell wiegt mitsamt dem Planschet, Kopfputz oder gesticktem Unterrocke soundso viel Pfund, wodurch mehrere angelockt werden, sich auch für einen Kreuzer wiegen und ihre Schönheit ausrufen zu lassen. Neununddreißigstes Kapitel Supplikanten kann vor jetzo nicht geholfen werden Was mich nun anbetrifft, so nahm mein Geld, trotz alles päpstlichen Segens, nach und nach so ab, daß ich meine in Temiswar ererbte goldne Uhr versilbern mußte. Denn, ohngeachtet ich bei mehrgedachtem Herrn von Martinelli und in der Folge auch bei der Frau von Naschold, geborne Baronesse von Steinberg, beinahe freien Tisch hatte, so mußte ich doch immer einigen Aufwand machen. Ich mußte mich nun zu etwas entschließen. Allein wozu? Mein Vornehmen, nach Rußland zu gehen, war gescheitert; an das Schuhmachen hatte ich seit meiner Abreise von Rom nicht wieder gedacht; daß ich Unterricht in der italienischen Sprache geben konnte, fiel mir in Wien, wo ich doch etwas damit hätte verdienen können, gar nicht ein; und ich wollte, es wäre mir hier in Gotha am allerwenigsten eingefallen. Weil ich den Befehl wußte, daß man bei Besetzung der Zivilämter vorzüglich auf diejenigen Rücksicht nehmen sollte, die beim Militär gedient haben, so kam ich dieserwegen beim hochseligen Kaiser mit einer Bittschrift ein. Denn wenn derselbe in Wien war, so konnte man ihm täglich auf dem Kontrolorgange sein Ansuchen oder Beschwer schriftlich einreichen. Wenn es seine Gesundheit zuließ, so versäumte er es nie, mit dem Glockenschlage neune herunterzukommen. Hier machten Damen, Priester, Soldaten, Edelleute, Kaufleute, Handwerksleute und Bauern, alle bunt durcheinander, ein Spalier von der kaiserlichen Treppe bis zur Kanzlei. Sobald der Kaiser die Treppe herunterkam, so ließ sich die- oder derjenige, so ihn am ersten erblickte, nach spanischer Etikette auf ein Knie nieder (welches gegenwärtig abgeschafft ist), hielt das Bittschreiben so zwischen beiden Händen, daß es ein wenig hervorragte und der Kaiser es sogleich nehmen konnte, und so machten es alle übrigen. Hierauf nahm er selbst die Bittschreiben aus den Händen, steckte solche in seinen Überrock; waren ihrer aber mehrere, daß er sie nicht alle unter dem Rocke verbergen konnte, so nahm er sie auf den Arm und trug sie selbst in die Kanzlei; ob er nun gleich ein großer Kaiser war, so ließ er doch niemanden umsonst auf eine Resolution warten, ja man konnte schon des andern Tages um zehn Uhr erfahren, bei welchem Collegio man seine Sache zu suchen habe, und betraf es nun keine Prozesse, so mußte die Resolution unter drei Wochen erfolgen. Ich wurde mit meinem Gesuche an die böhmische Hofkanzlei angewiesen, erhielt aber von selbiger den Bescheid: Supplikanten kann vor jetzo nicht geholfen werden . Mit diesem vor jetzo war mir nun in der Tat nicht geholfen, und ich war also genötigt, einen andern Weg einzuschlagen. Ich reichte dem Kaiser ein zweites Schreiben ein, worinne ich bat, als Fourier wieder in Dienste zu treten. Der hierauf erhaltene Bescheid lautete: ich sei an den Hofkriegsrat angewiesen. Da ich nun unter drei bis vier Wochen keine Anweisung zu einem Regimente erhalten konnte, so nahm ich mir vor, noch eine Reise nach Treffurt zu meinem Vormunde zu tun, um zu sehen, ob mir der liebe Mann etwas Geld geben wollte, ein welches ich, solange es mir nicht fehlte, nicht dachte. Ich bat also meinen Wirt, die wenigen Habseligkeiten, die ich besaß, bis zu meiner Zurückkunft in Verwahrung zu behalten, mit dem Zusatze, solche, wenn ich in drei Monaten nicht wiederkommen sollte, unter die Armen zu verteilen, machte mich reisefertig, nahm so viel weiße Wäsche mit, als ich in der Tasche verbergen konnte, und ging den dritten Pfingstfeiertag von Wien ab. Vierzigstes Kapitel Ein sonderbares Recht Ich wollte erst über Prag, Dresden und Leipzig gehen; weil ich aber meine Kasse je eher je lieber zu füllen wünschte, so nahm ich den kürzesten Weg über Stockerau, Pilsen, Eger und Hof. Hier überfiel mich die im Jahr 1782 fast allgemein herrschende Influenza; ich wagte es also nicht, meinen Weg weiter fortzusetzen, sondern nahm mir vor, mich einige Tage daselbst aufzuhalten. Da ich auf die Rückreise nach Wien denken mußte, so wollte ich meine geringe Barschaft nicht schwächen. Ich entschloß mich daher, die seit fünfzehn Jahren vergrabene Schuhmacherei auf eine Zeitlang hervorzusuchen, zu einem Meister in Arbeit zu gehen und so den Gang der Krankheit abzuwarten, nur im Falle sie üble Folgen haben sollte, weniger Verlegenheit ausgesetzt zu sein. Der Herbergsvater, so die Gesellen gewöhnlich in Arbeit bringt und beim Eintritte in seine Stube glauben mochte, daß ich ihn durch die Erhandlung eines Paar Schuhes in Nahrung setzen wollte, empfing mich sehr freundlich; als ich ihm aber zu verstehen gab, daß ich ein Schuhmachergeselle und als ein solcher in Arbeit zu treten willens sei, so betrachtete er mich vom Kopf bis zum Fuß sehr aufmerksam und frug mich, ob ich auch eine Kundschaft hätte, da ich ein Schuhmachergeselle sein wollte. Weil ich diese Frage vermutet hatte, so gab ich ihm meinen in lateinischer Sprache gedruckten Temiswarer Paß, den er von Wort zu Wort durchlas und auf seine Ehre beteuerte, daß dieses die erste französische Kundschaft sei, die ihm zu Gesichte komme. Nachdem ich mich auf diese Art hinlänglich legitimiert hatte, so brachte er mich zu einem in der Vorstadt, dicht an der Landstraße wohnenden Meister mit Namen Petz. Hier fiel mir der Gellertsche Petz ein, und vermutete etwas von seinem Schicksale, wenn ich ganz zu meiner erlernten Profession zurückkehren wollte; und meine Mutmaßung war größtenteils gegründet. Im Anfange fand ich würklich, daß mir viel Besonderes von dem, was zur Fertigkeit im Arbeiten gehört, entfallen war, und es dauerte beinahe acht Tage, ehe sich mein Schuhmachertalent wieder entwickeln wollte. Was mir bei dieser für mich neu gewordenen Lebensart am meisten auffiel, war die zwischen Meister und Gesellen bestehende Etikette, und deswegen wollte mir der gebieterische Ton des Meister Petz gar nicht behagen. Weil das Schuhmachen eine Arbeit ist, die eben nicht die ganze Besinnungskraft eines Menschen erfordert, so überdachte ich dabei meine zurückgelegte sehr bunte Laufbahn und besann mich einstweilen auf die, so ich anfangen wollte, wenn der Bescheid auf mein in Wien eingereichtes Bittschreiben mit dem ersten gleichlautend sein sollte; und des Feierabends vertrieb ich mir die Zeit damit, daß ich im Petrark, dem einzigen Buche, so ich von Wien mitgenommen hatte, las, welcher Zeitvertreib Meister Petzen so wenig gefiel, daß er den Kopf schüttelte und mich oftmals fragte, ob ich auch in dem Buche lesen könne. Sobald ich mich wiederhergestellt fühlte, gab ich ihm zu verstehen, daß ich gesonnen wäre, meinen Weg weiter fortzusetzen, und der Möglichkeit wegen, einst eine Kundschaft brauchen zu können, forderte ich eine von ihm, die ich bei dem Altgesellen abholen sollte, der mir aber aus folgender lächerlichen Ursache keine geben wollte. Die Schuhmachergesellen zu Hof besitzen nämlich in dasiger Stadtkirche einen mit zwei Eingängen versehenen Stand. Als ich das erste Mal hineinkam, konnte ich gar nicht erraten, warum mich meine damaligen Mitkonsorten so sehr angafften; weil ich etwas spät gekommen war, so nahm ich solches als die Ursache davon an und setzte mich nieder, ohne mich weiters um sie zu bekümmern. Allein ich hatte noch nicht lange gesessen, so kam einer von ihnen und sagte mir ganz im Vertrauen, daß ich zwar sehr gefehlt hätte, zu der Türe, so sich nur der Altgesell bedienen dürfte, hereinzugehen, doch könnte ich den wahrscheinlich aus Versehen begangenen Fehler dadurch wieder gutmachen, wenn ich nach Endigung der Kirche zur andern Tür hinausging und gedachten Altgesellen meines Fehltrittes wegen um Verzeihung bäte. Wäre dieses nicht in der Kirche gewesen, so würde ich nicht gewußt haben, ob ich mehr über das sonderbare Recht des Altgesellen oder über die Treuherzigkeit dieses Menschen hätte lachen sollen; so durfte ich es aber des Wohlstandes wegen in keinem Falle tun. Allein ohnmöglich konnte ich mich des Lachens enthalten, als ich würklich hörte, daß bei Erkaufung dieses Kirchstandes sich der Schuhmachergeselle für seine Mühwaltung das Recht vorbehalten habe, daß er und jeder zeitige Nachfolger vorzugsweise zur ersten Türe herausgehen, alle übrige aber einen Umweg von etwa acht Schritten machen und sich der zweiten bedienen sollten, und gedachter Altgesell war auf dieses drollichte Recht so erpicht, als es nur immer der römische Bischof in Ansehung des weißen neapolitanischen Zelters sein kann; ich mußte ihm daher versprechen, ja niemanden zu sagen, daß ich mich dieser Freiheit bedient hätte. Nachdem ich ihm dieses Versprechen getan hatte, gab er mir eine Kundschaft, welche aber erst vom Handwerksvormund unterschrieben werden sollte. Da ich gar bald wegreisen wollte, so ging ich gleich zu ihm. Er frug mich: »Was ist Ihr Begehr? belieben Sie ein wenig hereinzutreten.« Kaum hörte er aber, daß ich eine Kundschaft haben wollte, so legte er sein Handwerksvormundschaftsgesichte augenblicklich in ernsthafte Falten, stimmte das Sie zu einem recht lang gedehnten Er herab und frug mich, ob ich wisse, was er für die Unterschrift bekomme. Auch dieses war eine kleine Wohltat fürs Zwerchfell! Sobald ich nun die besagte Kundschaft und der Herr Handwerksvormund das Geld für seine erhabene Namensunterschrift hatte, so verließ ich Hof und kam den 30. Junius 1782 nach einer neunzehnjährigen Abwesenheit hier in meiner Geburtsstadt an. Einundvierzigstes Kapitel Der Vormund Das, was mir am ersten auffiel, war die blaue Schildwache im Tore und die zur Verschönerung der Stadt und Bequemlichkeit der Fußgänger gelegten breiten Platten; allein, was mich anbetraf, so befand ich mich in einer unangenehmen Lage, weil ich weder Vater noch Mutter, weder Bruder noch Schwester, ja, wenn ich die Freundschaft nicht von Noah herleiten will, nicht einmal einen weitläufigen Vetter antraf. Da ich, wie gesagt, hier weder Eltern noch Bekannte hatte, so besuchte ich einige Schulfreunde. Von diesen frug mich einer, ob ich in Gotha zu bleiben gedächte. Ich antwortete ihm, daß ich nur zu meinem Bruder und Vormunde gehen und hernach meine Rückreise nach Wien sogleich wieder antreten wollte. Hierauf sagte er mir aus Scherz, daß ich lieber hier Meister werden und meines Lehrmeisters Tochter, die neben ihm wohne, heiraten sollte. Diese Worte waren mir aus der Ursache auffallend, weil ich diesem Mädchen, von der die Rede war, während meinen Lehrjahren als einem Kinde von zehn Monaten das Laufen gelernt und beinahe vergessen hatte, daß ich neunzehn Jahr weggewesen war. Ist es möglich, dachte ich, daß dieses deine Frau werden könnte; weil ich ihr nun so nahe war, sprach mit ihr und sähe, daß das unbedeutende Mädchen groß genug worden war, um meine Frau werden zu können; doch war der Gedanke, sie zu heiraten, so vorübergehend, daß ich gleich den andern Tag wieder von Gotha weg und über Mühlhausen und Einbeck nach Bevern zu meinem Bruder ging. Dieser war nicht wenig verwundert, mich nach so vielen Jahren zum dritten Male und so ganz unverhofft wiederzusehen, wollte aber meinen Entschluß, wieder nach Wien zu reisen, durchaus nicht billigen, sondern bat mich, entweder bei ihm in Bevern oder in Holzminden zu bleiben und Unterricht im Italienischen zu geben. Da er wußte, daß es oft ein elend und jämmerlich Ding um einen Sprachmeister ist, so erbot er sich, falls ich etwa mit meinem Verdienste gar nicht oder zu früh auskommen sollte, mich durch seine Hülfe zu unterstützen. Als ich ihm nun sagte, daß man mir schon eine halbe Ehehälfte in Gotha ausgesucht habe, so mußte ich ihm versprechen, je eher je lieber nach Hause zu gehen und selbe heimzuführen; doch hätte dieses Versprechen durch folgenden Zufall bald Schiffbruch erlitten. Ich sah einst im Schloßgarten zu Bevern ein schönes Frauenzimmer Spazierengehen, welches wohlgewachsen, und da ein ausgesuchter Anzug, der das schöne Geschlecht noch schöner macht, auch etwas sagen will, so hatte sie ein blauseidenes Kleid an, zu dem ihre übrige Toilette so vortrefflich paßte, daß ihre Reize dadurch um ein großes vermehrt wurden. Ich betrachtete sie mit vielem Vergnügen und wollte eben meinen Bruder fragen, ob er sie kennte und wer sie sei, als sie gerade auf das Gartenhaus zukam, wo wir uns befanden. Als sie hereinkam, sprach sie mit meinem Bruder von verschiedenen Sachen, sah mich aber dabei sehr aufmerksam an und sagte endlich zu mir: »Wie es scheint, bin ich Ihnen fremder geworden als Sie mir?« Ich antwortete ihr, daß ich mich gar nicht besinnen könne, jemals die Ehre gehabt zu haben, sie nur zu sehen. »O ja«, erwiderte sie, »recht vielmal, und zwar in der Nähe.« »Und wo«, frug ich sie, »hätte ich dieses Vergnügen gehabt?« »In Amsterdam«, war ihre Antwort; und nun erkannte ich sogleich die Tochter des erwähnten Gastgebers, an den ich durch seine Frau Schwester, bei der sie sich just aufhielt, empfohlen worden war. Ich bat sie, mir zu erlauben, sie bei ihrer Tante besuchen zu dürfen, welches ich auch aus alter Bekanntschaft erhielt. Hier erfuhr ich nun, warum sie ihr Vater auf einige Zeit nach Bevern getan hatte, und sogleich war auch mein Entschluß gefaßt, nach Amsterdam zu reisen und sie bei meiner Zurückkunft zu heiraten; wenn sie auch gleich in Ansehung des letztern Punktes viel einzuwenden hatte, so wollte ich doch heute noch zehn gegen eins wetten, daß ich die Einwendungen aus dem Wege geräumt haben würde, doch, eines außer uns liegenden Umstandes wegen, zerschlug sich das ganze Plänchen. Hätte ich es durchgesetzt, so wäre ich wahrscheinlich jetzt in Holland und – doch warum eine Sache nehmen, wie sie sein könnte! Ich reiste also von Bevern weg und ging über Göttingen nach Treffurt zu meinem lieben Vormunde, welchem ich aber sehr ungelegen kam; denn er mochte geglaubt haben, daß mich die Walrosse in Schweden oder die Skorpione in Italien oder vielleicht gar die Vampiren in Ungarn verzehrt hätten. Dieser Mann sagte mir fünfzehn Jahre zuvor, daß mein geringes Vermögen noch in 170 Talern bestünde, und versprach, mir solche nach Rudolstadt zu schicken, wo ich mich damals niederlassen wollte; weil er aber, vermöge löblicher Vormundschaftsgewohnheit, sein Wort nicht hielte, ohngeachtet ich mehrere Briefe an ihn geschrieben hatte, so ging ich selbst zu ihm, um es abzuholen. Als ich zu diesem nun seligen Vormunde kam (wenn anders Vormünder, die die ihrer Pflege Befohlnen um das Ihrige bringen, selig werden können), sagte er mir, daß er sich geirrt habe, daß es nicht 170, sondern nur 109 Taler wären, die ich noch hätte, welche der Brenner (Gott weiß, welcher Brenner!) jetzt wegen gehabtem Wasserschaden nicht bezahlen könne und sich deswegen noch einige sächsische Fristen ausgebeten habe, die ich erst abwarten müsse. Weil ich nun meinem Vetter, dem Herrn Bürgemeister Richard, bei dem ich mich aufhielte, nicht gern so lange beschwerlich fallen und doch nicht ohne Geld nach Rudolstadt zurückkehren wollte, so nahm ich mir vor, während diesen zwei sächsischen Fristen eine kleine Reise zu unternehmen, aus welcher aber achtzehn Jahre wurden. Nun hätten nach meiner Rechnung 170 Taler in diesen fünfzehn Jahren, ohne Interessen zu Interessen zu schlagen, 297 Taler 12 Groschen betragen sollen; hierzu kam noch eine mir während meiner Abwesenheit zugefallene kleine Summe; und doch erhielt ich nichts mehr von ihm als fünfzehn Dukatens, das übrige wollte er mir nachschicken; allein, ob ich gleich eine Mandel Briefe an ihn geschrieben, die Untersuchung einem andern Advokaten aufzutragen, und noch eine Reise, die mir bald das Leben gekostet hätte, unternommen habe, so kann ich doch heilig versichern, daß ich keinen Heller mehr bekommen habe; und nun hatte Freund Hein den ehrlichen Mann gar abgerufen, um die Rechnungen über seine löblich geführten Vormundschaften jenseit des Styxes abzulegen. Zweiundvierzigstes Kapitel Das Meisterstück Nun kam ich wieder nach Gotha, 35 Dukaten war mein ganzer Reichtum, und vom Sondershof bis zum Weisenbrunnen hatte ich keine Menschenseele, die ich hätte können um etwas zu Rate ziehen. Daß mir mein Bruder durchaus abriet, wieder nach Wien zu reisen, trug nicht so viel dazu bei, daß ich es unterließ; allein die Möglichkeit, ein zweites: »Supplikant kann vor jetzo nicht geholfen werden« , daselbst zu finden, der Wunsch zur Ruhe nach einer neunzehn Jahr geführten, sehr abwechselnden Lebensart und der seltene Umstand, eine Frau zu nehmen, der ich das Laufen gelernt hatte, alles dieses war Ursach, daß ich nicht wieder dahin ging, sondern um meine Frau anhielt, welche ich auch unter der Bedingnis, Bürger und Schuhmachermeister zu werden, erhielte. Ich sagte der Muhme, von der sie gewissermaßen abhing, daß mir ein gewisser Herr den wohlmeinenden Rat erteilt habe, an meine Schuhmacherei gar nicht zu denken und lieber Unterricht in der italienischen Sprache zu geben, weil niemand hier sei, der sich damit befasse. Allein diese gute Frau hielt viel auf das in den meisten Fällen passende Sprichwort: Ein Handwerk hat einen güldenen Boden , und bestand darauf, ich sollte Bürger und Meister werden. Nun blieb mir gewissermaßen nichts übrig, als mich hierzu zu melden. Da mein Vater Bürger gewesen war, so kostete mir das Recht, mein Scherflein zu den Einkünften des Staats beitragen zu dürfen, nur eine Kleinigkeit, und gegen Erlegung eines Talers in Courant hatte ich die Ehre, dem Handwerke meinen Entschluß, ein Mitmeister zu werden, zu eröffnen. Allein nun wollte mich keiner von den in corpore versammelten Schuhmachermeistern kennen, und einige gaben durch ihre stolze Miene, mit der sie auf mich herabsahen, sattsam zu erkennen, daß sie an meinem Rechte, ein Schuhmachermeister werden zu können, zweifelten, und frugen mich, ob ich eine Kundschaft hätte. Dieses hofische Dokument hatte ich für so unbedeutend gehalten, daß ich es gar nicht bei mir hatte und es, um ihnen mein Recht einleuchtend zu machen, erst holen mußte. Während meiner Abwesenheit hatte sich ein Meister gefunden, der sich für die Wahrheit, daß ich das Schuhmachen zunftmäßig erlernt habe, verbürgt und der Schreiber nach langem Suchen in den Protokollen wahr befunden; ich erhielt also bei meiner Wiederkunft den Bescheid: Ein löblich Schuhmacherhandwerk habe wider mein billig Ansuchen nichts einzuwenden, nur müßte ich die Mutzeit bezahlen. Wenn ein respektiver Schuhmachergeselle von Gotha nach Langensalza wandert, daselbst ein Jahr arbeitet und sodann beim Handwerke einmutet, so hat er nach Verlauf der andern zwei Jahre, wenn er auch gedachten Ort nicht verlassen hat, ein unbezweifeltes Recht, sogleich als Meister angenommen zu werden; ich hatte neunzehn Jahre auf einem ziemlichen Teile unser alten Halbkugel herumgewandert und meine Schuhmacherkunst in Rom ausgeübt, wo ich Gelegenheit haben konnte, Pantoffeln zu machen, die von manchem – – geküßt wurden; demohngeachtet mußte ich fünf Taler für die nicht gehaltene Mutzeit bezahlen. Nachdem auch dieser Punkt berichtiget war, erhielt ich die Erlaubnis, mir am Meisterstücke die Glieder zu verrenken; denn ich sollte unter andern zwei Stiefeln machen, die zu unsern Zeiten beinah für das ganze Menschengeschlecht unbrauchbar sind, dabei so viel Arbeit kosten, daß oft dem, der dieselbe gewohnt ist, das Blut unter den Nägeln hervorrinnt, welche nach vollbrachter mühseligen Arbeit gewöhnlich wieder zerschnitten werden, um die Überbleibsel zu etwas andern verwenden zu können, und bloß für einen isländischen Bären gemacht zu sein scheinen. Diese Stiefeln zu machen war mir beinah unmöglich, ja ein wahrer gordischer Knoten; ich ließ also beim Handwerke um die Erlaubnis anhalten, ein Paar für das jetzige menschliche Bedürfnis machen zu dürfen. Es tat mir in der Tat leid, daß ich als Kandidat nicht die Erlaubnis hatte, in den Versammlungssaal zu gehen, um die Gesichter mit ansehen zu können, die eine solche verwegene Neuerung hervorbringen mochte; denn in der Antichambre, wo ich die Resolution erwartete, hörte ich ein solches Gesumse und Getöse, als wenn ein Mandel Bienenstöcke schwärmten. In der Angst ließ ich meinen Repräsentanten herausrufen und sagte ihm, daß er ja mein Ansuchen zurücknehmen möchte, daß ich mich ganz den Verordnungen eines löblichen Schuhmacherhandwerkes unterwerfen und die Stiefeln laut wohlhergebrachter Vorschrift machen oder machen lassen wollte. Bei dieser Gelegenheit schielte ich in das Schuhmacherheiligtum hinein und sah, daß sich einige von den nach der Anciennität geordneten Mitglieder in Ansehung dieses kritischen Stiefelmacherstreites (der freilich auf nichts weniger abzweckte, als ihre weisen Grundsätze zu untergraben) ein solches bedenkliches Air zu geben wußten, als vielleicht die des Kapitolinischen Senats bei Entscheidung der Schicksale ganzer Völker oder bei Erwählung eines Diktators nicht gehabt haben mögen. Genug, ich lieferte die Meisterstücksstiefeln, wie ich sie laut hergebrachter Handwerksgewohnheit liefern sollte und mußte, und wurde in bester Form zum Meister geschlagen. Die ganze Prozedur des Meisterwerdens machte mir einen Aufwand von hundert Gulden bares Geld (einen andern könnte es verschiedener Ursachen wegen etwas weniger kosten), und wozu nutzet solche? zu nichts! Im Gegenteile, sie schadet jungen Anfängern unendlich; denn mancher muß schon borgen, um die zum Meisterwerden erforderliche Summe aufzubringen; sind sie es nun, so haben sie sich vom Gelde entblößt und nichts in Händen, ihre Profession mit Vorteil treiben zu können. Selbst das beim Handwerke unter die Anwesenden ausgeteilte Geld gereicht ihnen mehr zum Schaden als Nutzen, weil sie sich des unbedeutenden, oft nur acht bis zehn Pfennige betragenden Anteils wegen ganze halbe Tage ins Handwerkshaus hinsetzen, zu Hause zweimal mehr versäumen und nicht selten den doppelten Wert vertrinken oder verspielen. Ob das wenige, so die Meister bei einem Sterbefalle aus der Leichenkasse erhalten, diesen Aufwand rechtfertigt, oder ob sie nicht zweimal mehr damit verdienen konnten, wenn sie gedachtes Geld in den Händen behielten, braucht wohl keiner großen Untersuchung. Wollte man auch sagen, es geschähe deswegen, damit nicht so viel Meister werden sollen. Nun gut, so bleiben die andern Schuhflicker, denn einer, der nichts als Schuhmachen gelernt hat, muß sich natürlicherweise auch davon nähren. Sie machen also die alten Schuh öffentlich und die neuen heimlich, dadurch gewinnen erstere nichts, und letztere büßen dabei ein. Denn da sie stets in Furcht leben müssen, daß ihnen die Arbeit unter den Händen weggenommen werde, von der sie oft dem Gerber das Leder noch schuldig sind, das sie erst vom gelösten Gelde zu bezahlen gedenken, so können sie nicht so viel verrichten, als sie tun würden, im Falle sie frei arbeiten dürften. fällt es den Meistern nun einmal ein, die Schuhflicker aufzuheben, so haben erstere, weil sie das Vergnügen, einen braven arbeitsamen Mann, dem die Vorsehung die Mittel versagt hat, sich zum Meister machen zu lassen, in seinem Geschäfte zu stören, der Arbeit vorziehen, Versäumnis, weil sie nicht arbeiten wollen, und letztere, weil, wenn sie etwas Neues in Händen haben, nicht arbeiten dürfen. Diese haben also Schaden, ohne daß es jenen etwas hilft; denn sollte der Betrag der weggenommenen Arbeit pro Rata ausgeteilt werden, so würde oft kein Pfennig auf einen kommen. Überdieses hat man schon Beispiele, daß Schuhflicker, vielleicht aus Not gedrungen, jesuitische Eide geschworen, daß die weggenommene neue Arbeit ihnen gehöre , und gleichwohl ist der Erfolg allemal der, daß, wie gesagt, beide Teile Versäumnis haben, daß die Schuhflicker es wieder da anfangen, wo sie es ließen; und die ganze Herrlichkeit besteht darinne, daß mancher Dummkopf, der hundert Gulden hatte, um Meister zu werden, einen andern, oft gescheitern, der sie nicht hatte, fühlen läßt, daß er ein Meister für die neuen und der andere nur einer für die alten Schuh sei. Hier möchte mich jemand beschuldigen, daß ich der Schuhmacher spotten wollte; allein dieser würde mir sehr unrecht tun, und ich glaube, ihnen ihren Irrtum nicht besser benehmen zu können, als wenn ich hier öffentlich gestehe, daß ich jederzeit geglaubt habe und noch glaube, daß ein Handwerksmann, und also auch ein Schuhmacher, der sein Gewerbe gut erlernt hat und ein ehrlicher Mann ist, in der Kette der Menschheit ein nützlicheres Glied sei als ein Halbgelehrter, und ich gestehe, daß, wenn ich nicht durch falsche Vorspiegelungen überredet worden wäre, ich diese Profession, welche gewiß eine der nützlichsten ist, nicht aufgegeben haben würde, ohngeachtet sie meiner Gesundheit nachteilig ist. Allein die oft widersinnigen Handwerksgrillen und die Ungerechtigkeit, manchem fleißigen Manne seine Arbeit wegzunehmen, um sie ausfündig zu machen, oft alles, auch die geheimsten Örter, zu durchsuchen: das sind Dinge, die nie ein vernünftiger und gefühlvoller Mann gutheißen wird; denn ich habe selbst als Schuhmachermeister solche weggenommene Arbeit im Handwerke gekauft, um sie dem Schuhflicker wiedergeben zu können, und ich kenne einen von diesen, der in allem Betrachte der immerwährende Obermeister des Schuhmacherhandwerks zu sein verdient. Genug hievon; was mich anbelangt, so hatte ich nun für hundert Gulden das Recht erkauft, alte und neue Schuh zu machen, konnte nun mit Anstand heiraten, welches auch, nachdem ein Haufen Leute, die ich außer einer Person alle hätte entbehren können, das Ihrige erhalten hatten, im Herbste als der schicklichsten Jahreszeit geschah. Dreiundvierzigstes Kapitel Ein gefährliches Nachtlager Nun war ich, wie gesagt, Bürger und Meister und bekam eine Frau von dem sanftesten Charakter und besten Herzen, nur schade, daß diese Eigenschaften nicht allemal hinreichen, ein Hauswesen zu führen und zu erhalten. Was unsere Vermögensumstände anbetrifft, so hatte ich, wie gesagt, 35 Dukatens, die nicht einmal zum Meisterwerden hinreichten; doch fand ich Mittel, das Fehlende herbeizuschaffen, und meine Frau, die etwa 300 Gulden haben sollte, hat außer 25 Gulden, so sie noch darzu als ein Geschenke ansehen mußte, keinen Heller davon gesehen. Doch muß ich sagen, daß alles rechtmäßig zugegangen ist; denn sie hatte einen Rechtsgelehrten zum Vormunde, der sich ihrer 300 Gulden annahm; und es nimmt mich gar nicht wunder, daß sie nichts bekommen hat, denn solche Fälle haben sich schon mehr ereignet und werden sich, noch ehe der – mit dem Sankt Gotthardsberg in Kollision kommen wird, zur Schande der Vormünderei noch mehrmal ereignen; allein daß ich ihrem Vormunde noch obendrein 28 Gulden, sage achtundzwanzig Gulden, den Gulden zu 21 guten Groschen gerechnet, an Vormundschaftsgebühren bezahlen mußte, das, ich muß es gestehen, war mir ein wenig auffallend. Nachdem unsere Hochzeit vorbei war, überrechnete ich die eingelaufenen Geschenke, brachte aber weder durch die Addition noch Multiplikation mehr heraus, als eben zur Bezahlung des in Fried und Freuden verzehrten Hochzeitmahls hinreichend war, und ein einziger übrigbleibender Taler war das ganze Kapital, so ich zu meiner Profession verwenden konnte. Ich sage dieses nicht, daß jemand glauben soll, als habe es uns an irgendeinem Bedürfnisse des Lebens gemangelt; denn hätte ich dieses nur vermuten können, so würde ich einen andern Weg eingeschlagen haben, da wir aber mit unserer Muhme gemeinschaftliche Sache machten, so hatten wir alles, was zur menschlichen Nahrung und Notdurft erforderlich ist, beinahe im Überflusse; sondern nur, um einigen Leuten die irrige Meinung zu benehmen, die sie in diesem Punkte von uns gefaßt haben. Weil mir mein Vormund das versprochene Geld nicht schickte und ich doch die Profession mit Vorteil treiben wollte, so ging ich sechs Monate nach unserer Hochzeit noch einmal nach Treffurt zu ihm. Dieses Muster von – hatte mir doch im Anfange 170 Taler versprochen, nachgehends 109, allein nun sagte er, daß nach durchsuchter Rechnung (in fünfzehn Jahren hatte er keine Zeit zum Durchsuchen gehabt) sich's gefunden habe, daß ich etwa noch sechzig Taler bekommen würde. Da ich gar nicht wußte, was ich von diesem Vormundshandel denken sollte, so nahm ich mir vor, zu meinem Bruder zu gehen, um mich bei ihm zu erkundigen, wie er mit ihm gefahren sei. Als ich zu ihm kam, sagte er mir, daß es ihm auch nicht viel besser gegangen sei, und gab mir den Rat, zu nehmen, was ich bekommen könnte. Nur einen einzigen Zug von diesem lieben Vormunde will ich zur Erbauung aller derer, so Vormünder haben oder welche bedürfen, anführen. Im Jahr 1751 erbten wir etwa 700 Taler, welche in Laubtalern zu ein Taler, zwölf Groschen, vier Pfennig ausgeliehen wurden; im Siebenjährigen Kriege schrieb er uns, daß er das Kapital, und zwar den Dukaten im damaligen Werte zu vier Talern, habe einnehmen müssen; ich und mein Bruder waren noch Kinder und meine Mutter zu gut, als daß sie hätte wissen sollen, daß es Schurken dieser Art in der Welt gäbe, und wir mußten über die Hälfte dran verlieren; verstande er sich nun nicht mit dem Manne, der das Kapital hatte, welches doch wahrscheinlich ist, so wird ihm wenigstens niemand den Titel eines midasmäßigen Rechtsgelehrten absprechen, besonders da die Anzahl der Laubtaler in der Obligation angemerkt worden war. Weil von meiner Familie niemand wußte, daß ich weiter als nach Treffurt gegangen war, so wollte ich mich nicht lange aufhalten, sondern ging den folgenden Tag wieder von Bevern ab, wo mir unterwegens folgendes Nachtlager zuteil ward. Ohnweit Göttingen kam ich auf ein Dorf, das Geismar heißt, wo ich über Nacht blieb. Im Wirtshause sahe ich außer dem Wirte, der eine Dragonermontierung anhatte, niemanden als eine alte Frau, die trauerte und alle Augenblicke in diese Worte »Ach Gott! ach Gott!« ausbrach. Nach dem Abendessen gab ich dem Wirte zu verstehen, daß er mich zu Bette bringen möchte, und da es kalt und ich vom Regen sehr durchnäßt war, so sahe ich es gerne, daß er mir ein Bette in der Stube neben den Ofen hin machte. Etwa um neun Uhr kamen drei Männer, die sich auf eine halbe Stunde mit ihm heimlich unterredeten, und ich hörte, daß er zu ihnen sagte: »Geht nur nach Hause, ich kann's allein verrichten.« Was konnte ich nun aus diesen Worten machen, nichts! und gleichwohl konnte ich kein Auge zutun. Um eilf Uhr hörte ich jemanden dem Wirte ein Zeichen geben, worauf er auf die Hausflur ging, und ich konnte sehr wohl hören, daß sie miteinander sprachen, aber kein Wort davon verstehen; worauf er wieder in die Stube kam, sich hinter den Tisch setzte, den Kopf darauf legte und so über denselben hinlauschend mich immer genau beobachtete. Nun wurde ich auf den Mann aufmerksam, der Schlaf den Augenblick verscheucht und ich so munter, als wenn ich schon ausgeschlafen hätte. Ich fing an, mich zu räuspern, damit er hören sollte, daß ich nicht schlief, und betrachtete ihn ebenso genau als er mich. Es mochte halb zwei Uhr sein, so stand er auf, nahm aus einem in der Wand befindlichen Schränkchen Papier nebst Feder und Dinte und tat, als ob er schreiben wollte; er wendete das Papier hin und her, tauchte die Feder in die Dinte, ohne jedoch einen Buchstaben zu machen; und aus der Art, wie er sich dabei benahm, war leicht zu schließen, daß er auch keinen machen konnte. Anfänglich wollte ich ihn fragen, warum er nicht schlafen ginge, doch er konnte sagen, daß er nicht schlafen könnte oder wegen irgendeinem Geschäfte wachen müßte. Ich zog meinen Mantel dicht über den Kopf, doch so, daß ich durch die Seitenöffnung hindurchsehen und den Wirt, der fortfuhr, seinen Bogen Papier hin und her zu wenden, beobachten konnte. Ich hielte mich anfangs ganz stille, um zu sehen, wo das verdrüßliche Spiel hinauswollte, fing aber nachgehends so stark zu schnarchen an, als wenn ich noch so fest schliefe. Nun stand der Wirt ganz leise auf, lauschte über den Tisch hinüber und kam, als ich zu schnarchen fortfuhr, ganz langsam hinter demselben hervor und gerade auf mich zu. Als er noch drei Schritte von mir war, sahe ich, daß er ein solches Messer, wie die Gärtner oder Winzer zu haben pflegen, in der Hand hatte, dessen Klinge glänzte, als wenn sie erst aus der Politur käme. Hier kann man sich meinen Schrecken vorstellen; was er eigentlich willens hatte, weiß ich nicht, allein alle Umstände ließen nicht viel Gutes vermuten; in meinen Mantel gehüllt, sprang ich auf und stellte mich gerade vor den Kerl hin, der, weil er mich vielleicht im tiefen Schlafe zu überraschen glaubte, wie vom Schlag gerührt dastand. Er frug mich mit auffallender Verwirrung, was mir fehlte, und verbarg das Messer unter seinem Dragonerrocke; weil ich nicht für gut fand, ihm Zeit, sich von seiner Betäubung zu erholen, zu geben, so sagte ich ihm, daß mir eine Ohnmacht bevorstünde und daß ich augenblicklich an die freie Luft müsse. Hierauf sagte er mit stotternder Stimme, daß ich nur auf die Hausflur zu treten brauchte, wo es lüftig genug sei, und machte mir die Stubentüre auf; als ich hinausging, dachte ich alle Augenblicke, er werde mich von hinten angreifen und mit dem noch unter dem Rocke verborgenen Messer die Kehle abschneiden. Zu meinem Glücke und zu seiner Beschämung fand ich nicht allein die Türe, die von der Hausflur auf den Hof, sondern auch die, so von da auf die Straße ging, offen; ich sah mich einen Augenblick um, als ich ihn nur noch in der Stubentür auf mich warten sah, so tat ich einige Sätze durch den Hof durch auf die Straße; und ob ich gleich, den Mantel ausgenommen, in bloßem Hemde und barfuß war, so glaubte ich doch der Hölle entflohen zu sein. Nun lief ich durch den Kot durch, der mir an manchen Orten bis an die Knie ging, bis zum ersten Bauernhaus, das ich im dunkeln erblickte; als ich anklopfte, frag der Bauer, wer da sei. Ich bat ihn hierauf, mich bis zu Tagesanbruch in sein Haus aufzunehmen. Ich müßte ins Wirtshaus gehen, war seine Antwort; ich sagte ihm, daß ich daraus käme, allein einer gewissen Ursache wegen nicht dableiben könne, er sollte mich nur einige Stunden (es war schon drei Uhr) ins Haus nehmen, ich sei barfuß und befürchte, die nasse, kalte Witterung möchte meiner Gesundheit schaden; doch nichts vermochte den Mann zu erweichen. Ich mußte also in der dunkeln Nacht, wo ich keine drei Schritte vor mich weg sehen konnte, wieder fort und mein Heil bei einem andern suchen. Da ich so im Dorfe herumwanderte, fand ich hinter einem Garten einen Rasen, worauf ich mich, um den Tag zu erwarten, legte und mich mit dem Mantel, so ich umgeworfen hatte, so gut ich konnte, zudeckte, weil ich lieber einige Stunden auf dem nassen Rasen liegen als noch so einen rohen Menschen bitten wollte. Als ich etwa eine halbe Stunde da zugebracht hatte, hörte ich in dem Hause, wozu der Garten gehörte, Fleisch zu Würsten hacken; weil ich nun glaubte, diese Leute, so noch munter waren, würden mich aufnehmen, und nicht ohne Grund nachteilige Folgen befürchten mußte, wenn ich bis den anbrechenden Tag auf dem nassen Rasen und in der Kälte zubringen wollte, so stand ich auf und ging über den niedergetretenen Zaun nach dem Hause zu; als ich anklopfte, kamen vier Leute heraus, die mich vom Kopf bis zum Fuß betrachteten. Ich bat auch diese, mir ein Obdach zu vergönnen, weil mir im Wirtshause etwas widerfahren sei; denn aus Furcht, in Weitläuftigkeiten zu geraten, wollte ich mich nicht deutlicher ausdrücken; allein auch diese waren gegen alles Bitten taub, ließen mich in der Nässe stehen und bewunderten nur, daß ich nicht in den im Garten befindlichen tiefen Teich, an dem ich dicht vorbeigekommen war, gefallen sei. Nun nahm ich mir vor, zu dem Pfarrer des Ortes zu gehen, um zu sehen, ob ich etwa bei ihm mehr Mitleid als bei seinen Eingepfarrten finden möchte, doch ehe ich zu ihm kam, sah ich einige mit Laternen versehene Leute im Dorfe herumgehen, welche ich für die Nachtwache hielt und auf sie zuging. Als ich zu ihnen kam, fand ich, daß es der Wirt nebst noch einigen Bauern war, so mich suchten, und unter andern auch der, so mich nicht hatte einlassen wollen, welcher nun bedauerte, daß er mir nicht aufgemacht habe. Ich bat ihn hierauf nebst noch zwei andern, daß sie die Nacht bei mir bleiben möchten; welches sie auch alle drei taten, ohne das Geld anzunehmen, so ich ihnen für die Mühe geben wollte. Jetzt frugen mich diese Leute, was mir widerfahren sei, weil sie nicht glauben könnten, daß ich diese nächtliche Wanderung aus einer kleinen Ursache unternommen hätte. Da ich mich, wie gesagt, keiner Weitläuftigkeit bloßstellen wollte, so sagte ich ihnen, daß da ich so nah am Ofen gelegen hätte, so sei wahrscheinlich der schnelle Übergang aus der Hitze in die Kälte Ursach gewesen, daß ich wie außer mir selbst gekommen und so ins Dorf gelaufen sei. Als ich des Morgens meinen Weg weiter fortsetzen wollte, waren mir die Füße durch die Nässe so aufgelaufen, daß ich die Hinternähte der Stiefeln aufschneiden mußte, um selbige anziehen zu können. Dieses Histörchen, so sich 1783 gegen Ende des Februar zugetragen hat, muß den Einwohnern des genannten Dorfes noch wohl bekannt sein. Vierundvierzigstes Kapitel Eine Null zuviel Als ich den gedachten Vorfall zu Hause erzählte, wollte weder meine Frau noch ihre Muhme haben, daß ich noch einmal nach Treffurt gehen sollte, ohngeachtet mir solcher nicht auf dem Treffurter Wege begegnet ist, und letztere versicherte mich, sie wolle mir den Verlust dieses Geldes auf eine andere Art vergüten. Diese gute Frau starb nicht lange hernach und setzte meine Frau mit zum Erben ein. Wären nicht viele Leute in Ansehung dieser Erbschaft so gar übel berichtet, so würde ich solcher mit keinem Worte gedacht haben; allein einige haben als für gewiß angenommen, daß ich an Haus, Land und Kapitalien auf 3000 Taler ererbt hätte; weil sie nun durch einen Zufall erfahren haben, daß ich keine 3000 Taler in Kassa liegen habe, so machen sie allerhand Glossen. Nun kann ich aber auf Ehre versichern, daß wir weder eine Furche Land noch ein Petermännchen an Gelde bekommen haben und daß die ganze verschriene Erbschaft, außer dem Hausgeräte, in einem im Jahr 1745 für 590 Gulden erkauften alten baufälligen Wohnhause besteht, welches aber in der Erbschaft für 600 Gulden taxiert worden ist; rechnet man nun, was ich an Kollateral- und Vormundschaftsgebühren bezahlen mußte und das Kapital, so meine Frau dieser Erbschaft wegen verloren hat, so wird die ganze gefährliche Erbschaft etwa 300 Gulden ausmachen, welches sich gewiß um eine Null verrechnet heißt. Bei alledem gibt es Leute, die mit der Sache zu tun hatten und gleichwohl sagen, ich hätte die oftgedachte Muhme zu diesem Testamente beredet. Diese guten Leute machen meiner Einfalt in Wahrheit ein artiges Kompliment, denn gewiß müßten mir nichts als zwei lange Ohren fehlen, um zum Bileams-Geschlechte zu gehören, wenn ich meinen Einfluß, den ich bei dieser Frau hatte, auf eine solche Art hätte geltend machen und sie zu diesem Testamente überreden wollen. Ich kann aber auf mein Gewissen bezeugen, daß ich oftgedachter Muhme weder geraten, ein Testament zu machen, noch auch ihr an die Hand gegeben, wie sie es machen sollte; sondern ich habe sie nicht einmal gefragt, wie sie es gemacht und was sie uns darin ausgesetzt habe. Ja meine Gleichgültigkeit oder vielmehr Redlichkeit ging in dieser Sache so weit, daß ich mir nie erlauben wollte, die Abschrift des Testaments zu lesen, welches doch in einem Schranke lag, über den ich oft mehrmal des Tages ging, weil ich es unter der Würde eines ehrlichen Mannes halte, sich niedriger Versuche und listiger Schritte zu bedienen, um zu etwas zu gelangen oder hinter ein Geheimnis zu kommen; denn ich glaubte, daß, wenn das Testament für uns vorteilhaft ausfallen sollte, es Ungerechtigkeit sein würde, mehr zu begehren, und umgekehrt fürchtete ich, es der Seligen merken zu lassen. Ob nun gleich die ganze Sache von keiner Bedeutung ist, so gereicht mir es doch zur größten Beruhigung, auch hier rechtschaffen gehandelt zu haben, denn das nutzt mir zu nichts, wenn auch die ganze Stadt sagte, ich sei ein ehrlicher Mann, und ich könnte mir es selbst nicht sagen. Ich lache nicht allein über ein solches Lob, das sich schon mancher Kopfhänger zu erschleichen wußte, sondern ich verachte es sogar, weil keines bei mir einen Wert hat als das, wovon mir meine eigene Überzeugung sagt, es verdient zu haben, selbst wenn ich es nicht erhalten sollte. Fünfundvierzigstes Kapitel Der sprachmeisternde Schuster Liegt es überhaupt jedem denkenden Wesen ob, für eine glückliche Zukunft zu sorgen, so ist es gewiß insbesondere für einen Mann, der Gatte und Vater ist, Pflicht, alles mögliche zu tun, um diese Absicht zu erreichen. Da mir nun einige den Vorwurf gemacht haben, daß ich die Sorge für meine Kinder als ein Spielwerk angesehen hätte, mir es aber durchaus nicht gleichgültig sein kann, aus welchem Gesichtspunkte man mich betrachtet, so will ich meine Handlungen in dieser Rücksicht ein wenig beleuchten, um sowohl die, an denen mir gelegen sein muß, als die, an denen mir gelegen ist, zu überzeugen, daß ich mich jederzeit bestrebt habe und noch bestrebe, gedachten Zweck zu erlangen, und daß, wenn ich nicht allemal die schicklichsten Mittel anwandte, solchen zu erreichen, es mehrenteils von den Umständen abhing, in welchen sich meine Gesundheit befand. Der Hauptfehler, den ich begangen haben soll, wäre also die Verlassung meiner Schusterei, und man machte soviel Lärm davon, als wenn ich eine französische Generalpachterstelle gegen die eines sibirischen Zobelfängers vertauscht hätte. Nun bin ich so weit entfernt, die Schuhmacherkunst herunterzusetzen, daß ich mich vielmehr von neuem damit befasse und wegen der Reimmatrikulation beinahe supplicando eingekommen wäre; allein ich habe allbereits angeführt, daß ich in Italien eine mehrere Jahre dauernde Lähmung am linken Knie erlitten und daß ich, da wenig Wahrscheinlichkeit da war, von der gedachten Profession Gebrauch machen zu können, mich entschloß, die italienische Sprache zu erlernen, um allenfalls mein Brot damit zu verdienen. Ich kam also gar nicht aus der Absicht nach Gotha, um Schuhe zu machen, als woran ich, den Versuch in Hof abgerechnet, in fünfzehn Jahren nicht gedacht hatte, sondern bloß, um meinen Bruder noch einmal zu besuchen und zu sehen, ob ich von meinem Vormunde, feisten Andenkens, etwas Geld bekommen möchte, die Rückreise nach Wien und von da zu meinem Regimente nach Kroatien machen zu können; allein meine Laufbahn bekam dadurch, daß ich mich zum Meisterwerden überreden ließ, eine ganz andere Richtung. Ich hatte kaum einige Monate Hans Sachsens Dreifuß bestiegen, als ich auch schon spürte, daß die so gekrümmte Schuhmacherstellung sehr nachteilig auf meine Gesundheit würkte, so, daß mir jeder Tag, den ich mit anhaltendem Sitzen zubrachte, schmerzhafte Krämpfe verursachte, ja es kam soweit, daß ich mehr krank als gesund war, so, daß des Doktors Rechnungen meinen Schustererwerb bei weitem aufwogen; wozu noch kam, daß mir die gütige Natur das Schuhmachertalent versagt hat, zu beteuern, daß die engen Schuhe weiter und die weiten enger werden, daß sich die zu langen verkürzen und die kurzen verlängern müßten und daß das thüringische Leder in dem Lande Myner Heeren gegerbt sei; und auf dem linken Knie, wo die zahlreiche Nachkommenschaft des heiligen Crispins ihre meiste Arbeit verrichten müssen, konnte ich damals ebensowenig wie jetzt das mindeste arbeiten, sondern ich mußte das rechte erst daran gewöhnen. Nun hätte ich der schwatzhaften Klasse des gothaischen Publikums leicht den Gefallen tun können, ihr diese Umstände durch einen dienstbaren Geist bekanntzumachen; allein da ich mich nie um einen Dritten bekümmerte, so glaubte ich auf gleiche Gefälligkeit rechnen zu dürfen: ich ließ also diese Leutchen denken und, da die wenigsten von dieser Menschengattung denken können, auch allenfalls plaudern, was sie wollten, und ergriff den Sprachunterricht als ein der Beschaffenheit meines Körpers angemesseneres Geschäfte. Es fanden sich anfänglich viele Liebhaber der italienischen Sprache, daß ich den ganzen Tag beschäftigt und imstande war, mein Hauswesen sehr gut zu führen. Dieses brachte zwei Folgen hervor, die eine, die es haben mußte, nämlich, daß ich den ganzen Tag in Kleidern sein mußte, und die andere, die es nicht zu haben brauchte, doch aber aus der ersten floß, war die, daß meine vier Kunden glaubten, ich verdiente täglich einen Louisdor mit Unterricht, und ließen ihre Schuh und Pantoffeln anderswo machen. Hätte ich mich mehr auf den Gang der Moden verstanden, so würde ich mir freilich leicht haben sagen können, daß die Erlernung der italienischen Sprache nur Liebhaberei und der Verdienst folglich vorübergehend sei; allein ich glaubte, daß ein sehr frugal lebender italienischer Sprachmeister in der Residenzstadt Gotha sein kümmerliches Auskommen finden würde; ich machte aber die Rechnung ohne den Wirt, denn nach einigen Jahren verschwanden die Lernlustigen fast ganz, ich hatte nichts zu dozieren und, da meine gedachten vier Kundleute bei ihrer einmal gefaßten Meinung blieben, auch nichts mehr zu krispinisieren. Es wäre wohl höchst überflüssig zu sagen, daß mir diese Lage als einen Mann, der, sobald er nicht mehr arbeitet, auch nichts mehr zu leben hat, äußerst unangenehm sein und mich auf einen andern Plan, etwas zu verdienen, bringen mußte; weil mir nun die Folgen einer sitzenden Lebensart noch zu neu waren, so fiel ich auf einen, der womöglich noch nachteiliger für mich ausschlug als der erste. Da ich nämlich geraume Zeit in Italien gewesen, der dasigen Sprache und Lokalkenntnis ziemlich kundig bin und mich überhaupt auf einem hübschen Teile unsrer alten Halbkugel umgesehen und, soviel ich weiß, fünf Sinne habe, so dachte ich bei einem großen Herren (denn einem kleinen möchte ich nicht dienen, und wenn es auch der größte Dickbauch wäre) als – in Dienste zu kommen; und weil ich befürchtete, daß ich ohne die Modesprache, ohne welche in Deutschland mancher Deutsche keinen Deutschen verstehen würde, eine schlechte Figur machen möchte, so erlernte ich über Hals und Kopf noch Französisch. Nachdem ich einige Zeit Unterricht in dieser Sprache genossen hatte, so machte mir mein Lehrmeister die Eloge, daß ich einige Fortschritte darin gemacht hätte; es ist wahr, er änderte in der Folge sein Urteil und sagte, ich spräche nur sehr mittelmäßig Französisch, und das möchte auch so ziemlich mit der Wahrheit übereinstimmen; doch das hätte nichts zu bedeuten gehabt, denn ein angehender –, der mittelmäßig Französisch spricht, der müßte doch unter aller Prüfung sein, wenn er nach einigen Dienstjahren nicht für einen mittelmäßigen Franzosen sollte passieren können; allein die Aussicht, die ich hatte, war zu entfernt, und der ganze Erfolg war, daß ich die Modesprache im Kopfe und ein Dutzend Louisdor weniger im Beutel hatte. Ich befand mich also in einer der kritischsten Lagen, in der sich wohl je ein sprachmeisternder Schuster befunden hat. Hier muß ich mir nun Gerechtigkeit widerfahren lassen; ich tat alles, was ein Mann, der Gatten- und Kinderpflicht kennt, tun kann; denn ob ich gleich voraussahe, daß eine anhaltend sitzende Lebensart meine Gesundheit zerstören würde, so ergriff ich doch den Leisten; denn es war hier nicht die Frage, was möchtest du gerne tun, sondern was mußt du tun, um Frau und Kinder für Verlegenheit zu sichern. Ich fing an zu arbeiten, tat mich um neue Kunden um, empfahl mich meinen alten und war eben im Begriffe, da mir Sprachunterricht und Schuhmachen heterogene Dinge schienen, ersterm zu entsagen und bloß auf meine eigene Kinder einzuschränken, als mich mein böser Genius mit der Bekanntschaft einiger Personen strafte, die mir ungebeten den Gefallen taten, mich zur Niederlegung meiner Profession zu bereden und dadurch aus dem Regen in die Traufe zu bringen. Aus allem diesen erhellet nun wohl, daß, außer gedachtem Nebenumstande, an den ich nicht gerne denke, die Erhaltung meiner Gesundheit die Hauptursache der Niederlegung meines Handwerks war. Hätte man mich nun des Leichtsinnes oder der Unbedachtsamkeit beschuldigt, so wäre mir vielleicht nicht zuviel geschehen, und ich würde mich auch nicht im geringsten darüber beschwert haben; allein einige hielten dafür, der Titel Herr (der ich vorher schon war) schmeichle meine Ohren mehr als der eines Meisters, suchten mich des gedachten Schrittes wegen lächerlich zu machen, über die Veranlassung dazu einen dichten Schleier zu ziehen und betrachteten mich als einen Mann, der von seiner Jugend an in der Schuster-Sphäre gelebt und gewebt hätte und nun auf einmal den drolligen Beruf fühlte, den Knieriemen mit der Grammatik zu vertauschen, um die italienische Sprache zu dozieren. Dieses wäre doch gewiß ein Zug, der aufs allerwenigste eine Gerichtsschöppenstelle in der abderitischen Ratsversammlung verdiente. Wäre man so billig gewesen, Rücksicht auf meine Gesundheit zu nehmen und zu überlegen, daß ich in fünfzehn Jahren keine Schuh habe machen sehen und daß ich mehrenteils in Bewegung war, so würde man mich gewiß weniger strenge beurteilt haben. Sechsundvierzigstes Kapitel Die Übersetzung Man kann leicht denken, daß jenes fehlgeschlagene Manövre nicht geschickt war, die Lücke in meinen Finanzen auszufüllen. Eben da ich nun auf eine andere Ressource dachte, fiel mir der beispiellose Absatz des »Not- und Hülfsbüchlein« ein, und ich schmeichelte mir, daß es mich auch aus der Not reißen könnte, wenn ich es veritalienisierte. Es wurde mir geraten, mein Plänchen dem Herrn Vizepräsident H. mitzuteilen, welches ich auch tat. Auf die leutseligste Art ward ich von ihm empfangen. Er sagte, wenn ich es lokalisieren und für den italienischen Horizont einrichten könnte, so würde ich meine Absicht wahrscheinlich erreichen, ja er war so gütig, mir Adressen an einige Matadors in Italien zu geben, die sich etwa der Sache annehmen könnten. Nun fing ich an, frisch von der Faust weg zu arbeiten, und als mir beim achten Bogen ein Kenner der italienischen Sprache zu verstehen gab, ich hätte mich zu sehr an das Original gebunden, so warf ich meine Erstgeburt ins Feuer und übersetzte etwas freier. Als ich nun die Übersetzung dieses Buches geendigt hatte, das für mich ein wahres Not-, aber nicht Hülfsbüchlein war, so taten sich unüberwindliche Schwierigkeiten hervor, in Deutschland einen Verleger zu finden. Jetzt wendete ich mich mit meinem Manuskript an den Herrn Bibliothekar Jagemann, der gewiß ein kompetenter Richter der italienischen Sprache ist; und dieser war so gefällig, einige Hefte davon zu durchgehen, sich der Sache anzunehmen, und schrieb in dieser Absicht nach Florenz; doch es wollte sich auch kein welscher Buchhändler damit befassen, vielleicht, weil sie fürchten, daß eine Übersetzung dieses Buches noch hundert Jahr zu früh für sie kommt. Daß mir diese Übersetzung Mühe gemacht haben muß, wird wohl jeder zugeben, der an die böhmische Leinrolle und an Denkers Windbeutel denkt; doch war nicht dieses, sondern die Verse das schwerste für mich, und dieses mußte es allerdings für einen Mann sein, der, um Verse zu machen, anstatt den geflügelten Pegasus den trägen Schuster-Schemmel reitet. Vielleicht dürfte es doch einigen Lesern Spaß machen, italienische Verse von einem deutschen Schuster zu lesen, und deswegen will ich einige Pröbchen meines Machwerks hierher setzen. Siehe »Not- und Hülfsbüchlein«, Kapitel 5. Di sconosciute cose io non mangio Per leggiadre che sieno dolci e belle Perchè n'appo di queste nè di quelle Colla morte la mia vita non cangio. Kapitel 8. Dell'erbe la virtude è varia e grande Vero è ch'alcune di velen ci sono Altre però a Galen servon di dono Ed all'uom'stesso molte di vivande. Kapitel 10. Albero fertile Coltiv'in sterile Suolo; fruttabile A te sarà. Aus diesen Pröbchen von Schusterwitz werden meine geneigten Leser ebenso ohnschwer erraten, daß die Gunst meines großen Vorgängers Hans Sachsen für mich das war, was die der Neun Schwestern dem Dichter ist, als Herr Lavater die Physiognomie eines Schusterkopfs unter tausend andere finden wird; allein mir ist es genug, daß sie nicht mit dem »Wer mir die Studenten wird betrüben, den will ich in den Ofen schieben« und dergleichen mehr verglichen werde. Siebenundvierzigstes Kapitel Das Letzte Nachdem ich nun durch die Veritalienisierung des gedachten »Not- und Hülfsbüchleins« die erste Hälfte des Titels erprobt hatte, so suchte ich die Erfüllung der zweiten durch die Fußfutteralmacherei zu erreichen. Ich ließ mich also beim löblichen Handwerke, von dem ich ein ebenso löbliches Mitglied war, wieder einschreiben, welches mit einigen Reichstalern Ungeld und einer Obermeistermoral, die freilich bei mir in den Wind ging, abgetan wurde. Einige Personen, die die Sache nur einseitig betrachten, können diesen Entschluß nicht genug loben und sehen diese Reimmatrikulationsepoche als die glückseligste meines dreiundvierzigjährigen kümmerlichen Lebens an. Wäre meine erlernte Profession der Gesundheit meines Körpers angemessener, so würde ich unter meinen jetzigen Umständen würklich ebenso denken. Denn ein Handwerker hat oft Vorzüge vor manchem Beamten, der in vielen Fällen weniger sein eigener Herr und zuweilen der Laune eines Obern ausgesetzt ist, der in Ansehung des Kopfes unter ihm zu stehen verdiente. Der Professionist im Gegenteil kennt weniger Schikanen, lebt würklich viel freier und ungezwungener, hat mit seinen Vorgesetzten nicht soviel zu tun, und wenn in dem wohlverschlossenen Versammlungssaale über die wichtigsten Handwerksangelegenheiten, als etwa über die Wahl eines oder mehrer ihrer Oberhäupter, deliberiert wird, so hat er eben das Recht, sein gültiges Votum zu geben, als ein im Konklave verschlossener Kardinal bei Erwählung eines römischen Bischofs, ohne daß er nötig hat, erst eine Messe des Heiligen Geistes anzuhören, und vielleicht interessiert diesen eine Wahl nicht mehr als die andere; denn wie hätte sonst die Wahl eines Oberhauptes der katholischen Kirche auf so viel höchst unfähige und schwache Menschen fallen können? Doch um 's Himmels willen! wie komme ich nach Rom, da ich doch nur meiner gothaischen Reimmatrikulationsepoche gedenken wollte? Ich gestehe es, daß sie mir sogar eine Art von Beruhigung gewährte, weil ich soviel Beschäftigung voraussetzte, um durch Haltung eines oder mehrern Gehülfen meine Familienbedürfnisse zu bestreiten und mich zu gleicher Zeit für ein krüppelhaftes Alter zu sichern; allein, nun muß ich freilich auch gestehen, daß ich diese Beruhigung nur als vorübergehend ansehen muß, weil der Erfolg meiner Erwartung bis jetzt gar nicht entsprochen hat und vielleicht nie entsprechen wird, denn hierzulande heißt Meisterwerden oft nichts anders, als einen Mann ins Arbeitsjoch spannen, welches bei mir der Fall zu sein scheinet. Habe ich jetzt einen ganzen Tag krispinisiert, so braucht es beim Aufstehen einige Stunden, bis sich die Rückschmerzen legen und die Glieder wieder in Gang kommen; und was kann ich anders daraus abnehmen, als daß diese Lebensart meine Gesundheit untergräbt und untergraben muß; verdient man nun obendrein damit nichts mehr, als eben hinreichend ist, sich des Hungers zu erwehren, so kann ein Mann, der sich imstande fühlt, der menschlichen Gesellschaft auf eine andere Art zu dienen, eine solche Lebensart unmöglich erträglich finden. Um also den schädlichen Folgen einer anhaltenden sitzenden Lebensart zuvorzukommen, suchte ich um ein mit viel Bewegung verbundnes Ding, das man ein Ämtchen – Dienstchen nennt, nach, das, wenn ich den ehrlichen Mann voraussetze, nichts als einen schlichten Alltags-Menschenverstand und ein Feierkleid erfordert; allein wenn sich die Aspekten nicht ändern, so habe ich mit allem Grunde den Gang aller meiner übrigen Plane, ich meine den Krebsgang, zu erwarten, weil es seit sieben Jahren, die ich darum nachgesucht habe, schon mehrmalen vergeben worden ist, ohne daß man an meine Wenigkeit gedacht hätte. Nun dächte ich doch, alles getan zu haben, um dem mir drohenden Übel, nämlich dem Verlust meiner Gesundheit, zuvorzukommen, und gleichwohl bin ich meinem Zwecke um keine Handbreit näher gekommen, und ich muß sagen, daß ich mehrmalen auf dem Punkt stand, mich förmlich mit meinem Schicksale zu überwerfen, daß es mich in so viel Jahren auf einem ziemlichen Teile unsers Weltballs, und das mehrenteils in ganz behaglichen Lagen, herum und nun wieder zum Schusterschemmel geführt hat und hartnäckig darauf zu bestehen scheint, daß ich einer Profession obliegen soll, zu der ich in mancher Hinsicht nicht passe. Hier wäre ich nun wohl an dem Orte meiner schon allzu langen Schusterbiographie, wo ich, da man doch in weltlichen Angelegenheiten nicht Amen zu sagen pflegt, das Wörtchen Ende, worauf schon mancher hoffen wird, hinsetzen sollte: allein, da ich noch ein paar Worte zu sagen habe, so dürfen ja diese nur selbst Ende sagen und das Buch zumachen, wenn sie es nicht schon getan haben, ohne auf solches zu warten. Man wird dieses Gewäsche gar nicht lesen, höre ich einige sagen. Nicht? Ja wenn man die zum Glücke aller Buchhändler, Bücherschreiber, Buchdrucker und Bücherverleiher aufs höchste gestiegene Lesesucht nicht kennte. Gelesen wird es doch, und sollte es auch nur von manchem guten Wirte, um den Taler nicht unnützerweise auszugeben, im Buchladen in piedi oder von einigen Großen an dem Ort, wo auch sie à piedi hinzugehen pflegen, geschehen; und im entstehenden Falle wäre dieses gewiß nicht das erste bedruckte Papier, das ungelesen der hohen und niedern Deutenmacherzunft zu einem bekannten Bedürfnis oder den hungrigen Würmern zur Speise gedient hätte. Doch zum Zweck. Achtundvierzigstes Kapitel Ein Anhang Ich habe es schon sovielmal gesagt, daß das stete Sitzen mir nicht allein sehr schädlich ist, sondern auch, daß ich diese Schädlichkeit schon jetzt empfinde; ich halte es daher nicht nur für erlaubt, sondern auch für Pflicht, alles mögliche zu tun, um derselben vorzubeugen. Dieser Ursachen wegen will ich meine Dienste in Dozierung der italienischen Sprache jeder fundierten Schul- oder andern Anstalt und jeder Herrschaft, deren Dienste permanent sind, als Dolmetscher oder Kammerdiener, es sei in loco oder auf Reisen, oder auch als Instruktor der italienischen Sprache, Vorleser, und auch in andern Fällen, wenn es außer Livree, fürstliche ausgenommen, wenn die Ablegung derselben wahrscheinlich ist, geschehen kann, antragen. Die Beantwortung der Frage, was ich etwa leisten könnte, im Falle sich eine der letztern Stellen für mich finden sollte, würde mich in keine geringe Verlegenheit setzen, und gleichwohl scheint die Natur der Sache eine kleine Erwähnung davon notwendig zu machen, und damit werde ich, da meine Fähigkeiten sehr eingeschränkt sind, bald fertig sein; denn wenn ich sage, daß ich die italienische, französische und walachische Sprache ziemlich verstehe und etwas weniges im Englischen getan habe, auch allenfalls noch hinzusetze, daß ich in Rücksicht Italiens einige Lokalkenntnisse besitze und verschiedne dasige besondre Dialekte kenne, welches, da sich in Italien Fälle erreichen können, wo die Büchersprache nicht hinreichend ist, auch seinen Nutzen haben könnte, so hätte ich freilich meine ganzen Wissenschaften erschöpft, es wäre denn, daß mir mein Schustertalent bei irgendeiner Gelegenheit zustatten kommen sollte, so wie etwa dem Lafleur seines durch Ansetzung des wesentlichen Hosenknopfes. Alles dieses ist nun freilich sehr wenig, und ich bin weit entfernt, mich dessen zu rühmen; aber der Güte meines moralischen Charakters und der Unfähigkeit, niedrig zu handeln, darf ich mich rühmen; und dabei könnte ich als eine Zugabe noch hinzufügen, daß, wenn es die Umstände erfordern sollten, den Schuster zu verbergen, ich ihn so verkleistern würde, daß solcher nirgends durchschimmern sollte, welches ich zur Steuer der Wahrheit mit einigen Exempelchen erhärten will. In Wien hatte ich, wie gedacht, freien Zutritt in dem Hause der Frau von Naschold, geborne Baronesse von Steinberg; und es konnte nicht fehlen, ich mußte zuweilen mit Personen außer meiner Sphäre in Kollision kommen. Da ich nun, außer etwas Sprachkunde, in keiner Wissenschaft etwas Reelles getan habe und nichts tun konnte, so mußte ich im Reden sehr piano zu gehen und meine Blößen zu verdecken suchen, doch wußte ich das Wenige, so ich vom Superfiziellen aufgeschnappt habe, so wie viele andre, zur rechten Zeit auszukramen und an den Mann zu bringen, daß man in diesem Hause so gefällig war, mich würklich für einen Studierten und sogar, verzeih mir's Gott! für einen Exjesuiten zu halten. Niemand witterte etwas vom Schuster; doch fehlte wenig, so war er noch kurz vor meiner Abreise zu jedermanns Wissenschaft gekommen. Ich hatte nämlich allbereits fünf Monate auf der Lorenzi-Pastei bei einem Manne namens Meyer gewohnt, ohne zu wissen, daß er ein Schuster war. Eines Abends kam ich nach Hause und hörte in einer Stube hintenaus stark klopfen und jemanden schreien. Als ich hineinkam, sahe ich vier Schustergesellen, von denen der eine seinen Lehrling eines Vergehens halber wacker durchknieriemte, während die andern das Geschrei des armen Purschen nachäfften und zu gleicher Zeit alle vereint auf ihre Sohlen pochten. Nachdem ich dieses Konzert mit angehört hatte und eben im Begriffe war, ins Bette zu gehen, kam Meister Meyer nach Hause und erzählte als eine große Seltenheit, daß ein Kaufmannsdiener eine Wette von zwei Louisdor gelegt und sich anheischig gemacht habe, ohne fremdes Zutun ein Paar Schuhe zu machen. In dem Augenblicke fiel mir meine eigene Schuhmacherkunst ein, und ich konnte dem Triebe nicht widerstehen, zu versuchen, ob ich auch noch welche machen könnte. Ich sagte ihm, daß ich mir auch getraue, ein Paar zu machen, und als er sein Befremden darüber äußerte, ließ ich ihn ein Paar für mich zurichten, die ich dann auch verfertigte. Des andern Tages war ich noch damit in voller Arbeit begriffen, als die Tochter des Herrn von Martinelli, bei dem ich während meines dasigen Aufenthaltes oft zu Tische gebeten wurde, auf die Hausflur trat und nach mir fragte. Kaum hatte ich soviel Zeit, den Schuh aus der Hand zu legen und mich in meinen Überrock zu werfen, als sie husch in die Stube trat und mir sagte, Papa warte mit dem Essen auf mich und habe ihr befohlen, mich gleich mitzubringen, wobei sie mir denn den ganzen Kochzettel vordeklamierte. Nichts war vermögend, die kleine Schwätzerin zu entfernen, und sie bestand auf die Ausführung des buchstäblichen Befehls ihres Papas, mich sogleich mitzunehmen. Da es mir nicht möglich war, die Merkmale, die der Pechfaden an meiner Hand zurückgelassen hatte, mit kaltem Wasser abzuwaschen, so befand ich mich in keiner kleinen Verlegenheit, die nicht wenig vermehrt wurde, da ich die gewöhnliche Tischgesellschaft mit einem fremden Frauenzimmer vermehrt fand, welches die Schwester des Herrn Krause, Informator der Martinellischen Kinder, war, die ich aber an einem öffentlichen Orte, in Ansehung ihrer Kleidung, Juwelen und selbst ihres Teint, für nichts Geringers als für eine Gräfin würde gehalten haben. Nun mußte ich bei Tische mit der Hand allerhand Manövres machen, sie bald mit der Serviette, bald mit dem Schnupftuche, bald unter dem Tische zu verbergen suchen; und wollte ich einen Bissen essen, so mußte ich erst überall herum sondieren, um zu verhüten, daß sie nicht etwa jemands Aufmerksamkeit auf sich zöge; allein endlich verschüttete ich ein Glas Wein auf meine Beinkleider, die glücklicherweise ganz neu waren. Die Frau von Martinelli, die für dieselben besorgt war, hieß der Köchin warm Wasser und Seife bringen. Ich entfernte mich einige Augenblicke, wusch, ohne daß es jemand merkte, den Fleck aus den Beinkleidern? nein, den Schuster von der Hand, setzte mich wieder zu Tische und ließ mir das Mittagsmahl wohl schmecken. Wozu alle der Schnickschnack? und das zwar da, wo man das Ende erwartet, wird mancher sagen, ich glaube es doch nicht, daß sich jemand einfallen lassen wird, einen dreiundvierzigj ährigen Fußfutteralmachermeister zu einem der genannten Geschäfte umzumodeln. Allen denen sage ich, daß ich mehr als jeder andere daran zweifle und daß ich den Schritt nur deswegen getan habe, um, im Falle daß ich bei meiner jetzigen Beschäftigung meine Gesundheit aufopfern sollte, überzeugt zu sein, alles getan zu haben, um diesem Übel zuvorzukommen. Denn ich weiß, wie schwer es hält, sich ohne Kanäle in ein ander Geleise hineinzuarbeiten. Ich habe zum Beispiel nur einen einzigen Schritt auf das Schriftstellertheater gewagt, bloß um die Lesebegierde insoferne zu benutzen, als erforderlich sein möchte, um mein aus dem Geleise gestolpertes Finanzsystem wieder in Gang zu bringen; allein wie froh will ich sein, wenn ich mit heiler Haut davonkomme, ohne daß mich die Herren, die man mir unter dem Namen von Rezensenten bekannt gemacht hat und die die Geißel aller Halb- und Aftergelehrten, solcher unzünftigen Pfuscher, wie unsereiner ist, sein sollen, mit einem »Abermals ein – – –« demütigen. Aber zu einem Dolmetscher oder Kammerdiener sollte ich mich doch wohl noch umformen lassen können. Es ist wahr, es finden sich unter letztern Männer, denen ich mich in keiner Hinsicht gleichzustellen wagen würde, allein es gibt doch auch so manche arme Sünder unter ihnen, deren größeste Kunst darin besteht, daß sie die Chronique scandaleuse studieren und ihren Herren alle Stadt-, Land- und Dorfneuigkeiten hinterbringen; wobei sie dann gewöhnlich nicht ermangeln, die Handlungen ihrer Freunde und Kreaturen im vorteilhaftesten Lichte und die der andern von der verkehrten Seite vorzustellen. Dient nun ein solcher einem Herren von zu großem Wirkungskreis, um alles dasjenige, so eben von keinem großen Belang ist, mit eignen Augen zu sehen, so kann ein solcher Spürhund zuweilen den besten Absichten ihrer Herren eine entgegengesetzte Richtung geben. Hier möchte ich in allem Ernste zu schreiben aufhören, zumal eben ein artiges Mädchen hereintritt, die auf das Ende meines Gekritzels wartet, um ihr das Maß um – das Knie? nein, nur um – den Fuß zu nehmen, denn sie will keine Stiefelchen, sondern nur ein Paar Schuh, und da darf man ohne schwere Ahndung nicht so weit gehen; allein ich muß das liebe Kind warten lassen und meine geneigten Leser bitten, mich erst noch eines Geständnisses und Wunsches entledigen zu dürfen. Da ich so lange Jahre im Auslande verlebt und jetzt meine Dienste auf gedachte Art angetragen habe, so könnte jemand versucht werden zu glauben, daß ich keine Neigung weder zu einer steten Lebensart noch zu meinem Vaterlande hätte. Allein ich beteure auf Ehre, daß ich wünsche, daß ich sehnlich wünsche, den Überrest meiner Lebenstage in meinem Vaterlande zuzubringen. Wer nicht weiß, was Vaterlandsliebe ist, der verlasse es neunzehn Jahre, wenn ihn dann der Anblick seines Geburtsorts und der Gegenden, wo er seine Kindheit durchspielt und seine Jugend durchlebt hat, nicht rühret, dem beneide ich seine Gefühle nicht. Was mich betrifft, ich würde die Wiederverlassung desselben gewissermaßen als das widrigste aller meiner Schicksale ansehen. Wenn ich bei meiner Profession irgendein Nebengeschäfte bekomme oder solche so weit ausbreiten kann, um einige Gehülfen nehmen und dadurch das zu anhaltende Sitzen vermindern zu können, so soll mir nie im Sinn kommen, mein, in Vergleichung mit so vielen andern, gewiß recht glückliches Vaterland zu verlassen; und daß dieses mein vorzügliches Bestreben ist, kann jeder Unbefangene daraus abnehmen, daß ich mir jetzt durch einen besondern Schuhmachernahrungszweig eine neue Hülfsquelle zu eröffnen und meine Profession zu erweitern suche; denn ich würde mich selbst verabscheuen, wenn ich Gatten- und Vaterpflicht zu verkennen fähig sein sollte. Ein Mann, der nicht alles tut, was in seinen Kräften steht, seiner Gattin das Leben so angenehm als möglich zu machen und seinen Kindern die bestmöglichste Erziehung zu geben, gehört unter den Auswurf, und der, so die Seinigen auf eine niederträchtige Weise ihrem Schicksale überläßt, unter die Ungeheuer der menschlichen Gesellschaft. Allein, tue ich einen Blick in die Zukunft und sehe den Mann, wie er mit seiner Familie den Ertrag seiner einzelnen Bestellungen verzehren muß, ohne das Nötige zum Wiederankauf der Materialien zurücklegen zu können, denn fühle ich, daß dieses für mich Schritte sein würden, die mich einer größern Dürftigkeit, als ich zu tragen vermag, entgegenschleudern müßten. Hier bin ich nun einmal am Schlusse meiner sonderbaren Lebensgeschichte. Sollte mir dieselbe, nach Abzug einiger hundert Taler Kosten, so viel reinen Gewinst abwerfen, daß ich mir ein mittelmäßiges Häuschen und einige Stücken Land, in der wahren Bedeutung des Worts, kaufen kann, dann bliebe mir nichts mehr zu wünschen übrig. Die Bearbeitung des Feldes sollte meine Erholungsstunden ausfüllen, und der Genuß meines selbstgebauten Brots würde meine übrige Arbeit versüßen. Da ich nun durch verschiedene Umstände zu der Glückseligkeit, die mir aber in Wahrheit etwas teuer zu stehen kommt, gelangt bin, mir selbst genug zu sein, so werde ich mich in den Zirkel meiner Familie einschränken, alles erlittene Unrecht vergessen, der Vermahnung des Appels nachleben, in dem Häuschen, das da kommen soll, als ein hausbackener Philosoph den Nachmittag meines Lebens mit jedermann in Frieden und nur mit wenigen in Vertraulichkeit zubringen und in dieser ganz behaglichen Lebensart zu verharren suchen bis an mein, Gott gebe! – so weit als möglich entferntes Ende.     Verzeichnis der Abbildungen Ansicht von Gotha mit Schloß Friedenstein (Kupferstich von Wilhelm Richter, 1690; Schloßmuseum Gotha) Ansicht von Stralsund (Kupferstich, 1720; Kulturhistorisches Museum Stralsund) Stadthaus und Nieuwe Kerk in Amsterdam (Kolorierter Stich von Johann Benedikt Winkler; Staatliche Kunstsammlungen Weimar, Schloßmuseum) Die Peterskirche in Rom (Raccolta delle più belle vedute antiche e moderne die Roma. Disegnate ed incise secondo lo stato presente dal Cavalier Giuseppe Vasi. Volume Primo. Rom 1786) Die Trajanssäule in Rom (Vasi) Die Dreifaltigkeitsbrücke in Florenz (Meyers Universum. Erster Band. Hildburghausen und New York 1835) Trient (Die Donau-Reise und ihre schönsten Ansichten. Herausgegeben und bevorwortet von J. Meyer. Zweiter Band. Hildburghausen, Amsterdam, Paris, Philadelphia 1849) Donaulandschaft (Description du Danube ... par Mr. Le Comte Louis Ferdinand de Marsigli. Tome V. A la Haye 1744) Das Cerna-Tal bei den Warmen Bädern (Franz Griselini. Versuch einer politischen und natürlichen Geschichte des Temeswarer Banats in Briefen an Standespersonen und Gelehrte. Erster und zweiter Teil. Wien 1780) Römische Inschriften an der Donau (Griselini) Die Veteranische Höhle (Die Donau-Reise) Die Residenz des türkischen Paschas in Orsowa (Meyers Universum. Zehnter Band. Hildburghausen, Amsterdam und Philadelphia 1843) Walachische Trachten (Steube) Budapest (Die Donau-Reise) Der Neue Markt in Wien (Wahrhafte und genaue Abbildung aller Kirchen und Klöster, welche sowohl in der kaiserl. Residenzstadt Wien als auch in denen umliegenden Vorstädten sich befinden. Daselbst nach dem Leben gezeidmet von Salomon Kleiner, Architecturae Cultorem. Augsburg 1724) Pius VI. erteilt den Ostersegen vom Balkon der Jesuitenkirche in Wien 1782 (Kolorierter Stich von C. Schütz; Staatliche Kunstsammlungen Weimar, Schloßmuseum)