Sven Elvestad Der vierte Mann Roman 1923 Berechtigte Uebersetzung von Julia Koppel Direktor Joachim Reismann Der Direktor des Tanzlokals »Die blaue Eule« war der erste, der verschwand. Es war am Donnerstag, den 29. November, gewesen, abends 11 Uhr 35, als gerade Generaldirektor Hans Jakob Stenesen den Einsatz verdoppelte. Direktor Reismann war Junggeselle, reich, sah gut aus und saß am dritten Pokertisch rechts, im »Unpolitischen freisinnigen Klub« zusammen mit drei anderen bekannten Spielern der Stadt. Der alte Diener Halvar war mit einem Brief hereingekommen, einem ganz gewöhnlichen Brief, in einem hellblauen, viereckigen Kuvert. Reismann las den Brief, und dann verschwand er. Der zweite, der von demselben seltsamen Schicksal betroffen wurde, war der berühmte schwedische Maler in futuristischem Stil Karl-Erich von Brakel. Er verschwand in der Nacht zum 2. Dezember, einige Minuten nach ein Uhr, bei dem famosen Mittagessen, das der Dichter Harald Oxford in den Fürstenzimmern des Grand Hotel gab. Gerade als der Wirt im Begriff war, unter den Tisch zu fallen, und die Stimmung demzufolge auf ihrem Höhepunkt war, kam der Oberkellner herein und gab Herrn von Brakel einen Brief. Es war ein ganz gewöhnlicher Brief, in einem hellblauen, viereckigen Kuvert. Und dann verschwand von Brakel. Der dritte, der verschwand, war der bekannte, sehr beliebte und noch mehr gefürchtete Schriftsteller und Kritiker, Doktor jur. Eivind Oedegaard. Es geschah unter höchst seltsamen Umständen, nach einem Fest im Grand Hotel. Damit man den Zusammenhang richtig versteht, müssen die Ereignisse der Reihe nach berichtet werden. Das Verschwinden von Direktor Reismann machte außerhalb seines Kreises eigentlich kaum Aufsehen. Seine Bekannten und Freunde waren es gewöhnt, daß der Direktor des Tanzlokals sich allerhand exzentrische Handlungen vornahm, die ihre Erklärung erst später fanden. Schon am selben Abend sprach eines der Mitglieder des Klubs das erlösende Wort: »Frauenzimmergeschichten natürlich!«, womit er eine Lösung gefunden hatte, die allgemein anerkannt wurde. Als aber der Maler Karl-Erich von Brakel zwei Tage später auf dieselbe rätselhafte Weise nach Empfang eines ganz gewöhnlichen hellblauen Briefes verschwand, bekam die Sache ein anderes Aussehen. Diese und jene Zeitung brachte eine Notiz darüber, und die Freunde der Verschwundenen setzten sich in Bewegung, um eine Erklärung des Mysteriums zu finden. Wie diese Affäre sich teils humoristisch, teils tragisch entwickelte, soll hier berichtet werden. Wie bekannt, glückte es den Freunden erst nach langer Zeit, Licht in die Angelegenheit zu bringen, und erst jetzt ist das ganze Drama vollständig aufgeklärt worden. Dieses Drama enthält, wie bereits gesagt, eine seltsame Mischung von Ernst und Scherz. Anfangs war das Humoristische vorherrschend, aber es dauerte nicht lange, da wurden blutige Fäden in das Gewebe verflochten. Tatsächlich begann die Tragödie bereits, als der schwedische Maler von seinem Schicksal ereilt wurde. Die Fäden dieser Geschichte zu entwirren, ist keine geringere Aufgabe, als ein Stück des stets wunderbaren und unberechenbaren Lebens mit seinem spitzfindigen und launenhaften Spiel mit Menschenschicksalen aufzudecken. Eine genaue Schilderung der Lage, zu dem Zeitpunkt, als die Geschichte mit dem hellblauen Brief ihren Anfang nahm, ist erforderlich. Es ist abends elf Uhr, am 29. November. Es ist Spielabend im »Freisinnigen Klub«, der einen mehr gesellschaftlichen als politischen Charakter trägt, und der Raum bietet den bekannten Anblick, mit seinen vielen Spiel- und Schachtischen. Um die Tische haben sich neugierige Zuschauer gesammelt. Nur an wenigen Tischen sitzen vereinzelte Gäste, bekannte liberale Politiker, die ihre Zeitungen lesen. Die Stimmung ist behaglich und heimlich, wie es sich in einem Klub gehört, der auf einen guten bürgerlichen Ton Wert legt. Hin und wieder wird die Stille von Gelächter und Lärm unterbrochen, wenn das Spiel eine Sensation bringt. Die meisten Neugierigen haben sich um den Tisch geschart, der gleich rechts neben der Tür steht; dort hat eine Pokerpartie, die mit sehr hohen Einsätzen spielt, während der letzten Stunden die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Man spielt nicht mit Geld, die Regeln des Klubs lassen das nicht zu, aber die verschiedenfarbigen Spielmarken, die in Stapeln oder Häufchen den Tisch füllen, haben höheren Wert. An diesem Tisch sitzt Joachim Reismann, Direktor des Tanzlokals »Die blaue Eule«. Er spielt gegen Generaldirektor Stenesen. Die anderen drei Herren haben ihre Karten hingelegt. Stenesen hat einen hohen Stapel Spielmarken vor sich hingeschoben, die einen Geldwert von dreitausend Kronen vorstellen, und Reismann hat diesen dreitausend Kronen entsprochen und sie noch um zweitausend erhöht. Da das Spiel durch die nachfolgenden Ereignisse große Bedeutung bekam, ist es wichtig, dies zu erwähnen. Reismann ist ein noch verhältnismäßig junger Mann, reich, und gehört zur besten Gesellschaft, was erstaunlich klingt, wenn man bedenkt, daß er der Leiter eines Tanzlokals ist. Sein Ansehen hat er sich indessen als Violinspieler und Komponist sehr beliebter Operetten erworben. Ein ererbtes Vermögen hat ihn instand gesetzt, als Kunstsammler zu glänzen, und ein angeborenes Geschäftstalent hat ihm rechtzeitig die gute Idee eingegeben, die weniger einbringende Künstlerlaufbahn aufzugeben und statt dessen in Konzertbureaus, Vergnügungsetablissements und dergleichen zu spekulieren. Seine geschäftlichen Unternehmungen behalten dadurch etwas von dem Nimbus der Kunst. Er gehört unbedingt zu der Gesellschaft, wo man sich amüsiert, und seine angenehme Art und lustigen Einfälle haben ihm viele Bewunderer und Freunde verschafft. Er ist eine gesuchte Persönlichkeit, nicht zum wenigsten weil er gern an einem hohen Spiel teilnimmt. Nicht einmal bei dem wildesten Pokerspiel verliert er sein Phlegma und trägt stets ein überlegenes Lächeln zur Schau, ob er gewinnt oder verliert. Von seinem Gegenspieler, Generaldirektor Stenesen, braucht man eigentlich nichts weiter zu sagen, als daß sein Spitzname »der Grogkönig« ist; damit bezeichnet man ihn am besten. Er ist eine große schwerfällige Gestalt und sagt oder tut ungern etwas, das sich nicht auf das bezieht, womit er im Augenblick beschäftigt ist – in seinen ledigen Stunden meistens Grog und Kartenspiel. Es wird von ihm erzählt, daß er einst in einer Gesellschaft einen Stuhl in Grund und Boden getrunken hat – er hatte ganz still gesessen und einen Grog nach dem anderen hinter die Binde gegossen, beim achten aber brach der Stuhl unter ihm zusammen und der »Grogkönig« sank mit einem Krach zwischen die Trümmer. Jede Unterbrechung des Kartenspiels ist ihm zuwider, und wenn einer der Spieler es wagt, während des Spiels mit einer Anekdote zu beginnen, fährt er aus der Haut. Voraussichtlich wird er eines Tages den Schlag bekommen, wenn ein hübsches junges Mädchen an den Spieltisch tritt, die Karten zusammenschiebt und sagt: »Kommen Sie, wir wollen lieber tanzen!« Also: Reismann reizt mit zweitausend. Der Grogkönig setzt mit seinen dicken, roten Fingern und sagt: »Ich doubliere.« Jetzt sind fünfzehntausend Kronen gesetzt, und zwischen den Neugierigen, die sich um den Spieltisch drängen, herrscht erwartungsvolles Schweigen. Reismann hat seine fünf Karten gelassen mit der Rückseite nach oben auf den Tisch gelegt. Stenesen hielt seine in der Hand. Er trinkt einen Schluck aus seinem Grogglas und grunzt; das ist der einzige Laut, den man von ihm am Spieltisch hört, daraus kann man keine Schlüsse ziehen. In diesem Augenblick kommt der Oberkellner des Klubs, Halvar, herein, drängt sich bis zum Spieltisch durch und überreicht Reismann das hellblaue Kuvert. »Es ist eilig,« sagt er. Unter anderen Umständen hätte Reismann den Brief sicher erst geöffnet, wenn das Spiel entschieden wäre. Als er aber das blaue Kuvert sieht, fährt er zusammen, erbricht es, zieht eine blaue Karte heraus, etwas größer als eine Visitenkarte, und durchfliegt sie hastig. Darauf steht er, ohne ein Wort zu sagen, auf, verläßt den Spieltisch und geht hinaus. Alle Anwesenden machten die Beobachtung, daß weniger der Inhalt des Briefes als sein Erscheinen überhaupt ihn so aus der Fassung gebracht hatte. Die Spannung am Spieltisch war ungeheuer, denn der Einsatz war sogar für diese Herren ungewöhnlich hoch. Reismann war an der Reihe, zu verdoppeln, und der Einsatz würde auf dreißigtausend Kronen steigen. Bargen seine fünf Karten, die auf dem Tisch lagen, dieses Vermögen? Man hatte erwartet, daß Reismann sofort zurückkehren würde. Aber eine Viertelstunde verging, und er war noch nicht da. Der Grogkönig wurde furchtbar ungeduldig und grunzte geradezu drohend. Man rief nach Halvar. Halvar kam. »Herr Reismann ist fortgegangen,« sagte er. Es gab einen Aufstand. Man wollte seinen eigenen Ohren nicht trauen. »Er hat seinen Pelz angezogen und ist fortgegangen,« sagte Halvar erklärend. »Ich fragte ihn, ob er bald zurückkäme, aber darauf hat er gar nicht geantwortet.« Nachdem noch eine Viertelstunde vergangen war, ohne daß Reismann etwas von sich hatte hören lassen, wurde der Spielinspektor des Klubs herbeigerufen. Nach kurzer Beratung wurde bestimmt, daß die Karten versiegelt werden sollten. Reismanns Karten, die Karten des Grogkönigs und die übrigen Karten wurden je in ein Kuvert getan und versiegelt, worauf alle drei Kuverts in den Geldschrank des Klubs eingeschlossen wurden. Die Neugierde über den Ausgang des Spieles wurde an diesem Abend nicht befriedigt. Reismann kam nicht zurück. Nachts um zwei Uhr aber versuchte ein Herr, wie bereits gesagt, das seltsame Ereignis zu erklären. »Frauenzimmergeschichten natürlich. Diese verfluchten Frauenzimmer!« Der Maler Karl-Erich von Brakel Wir kommen jetzt zu dem Nächsten, der von demselben Schicksal betroffen wurde: der schwedische Maler Karl-Erich von Brakel, dessen Ausstellung im mondänen Ausstellungslokal der Stadt teils heftigen Widerstand, teils tiefe Bewunderung erweckt hatte. Das umstrittenste Bild der Ausstellung war eine Riesenleinwand, die – ja, was stellte sie eigentlich vor? Man behauptete, daß das Bild den japanischen Admiral Togo vorstellte, der in blauem Pyjama zwischen zweitausend Ratten tanzte. Der Künstler hatte den Ratten eine ganz besonders sorgfältige Ausführung zuteil werden lassen und sich nur widerstrebend dazu überreden lassen, das Kunstwerk auszustellen, weil drei der Ratten noch nicht ganz fertig waren. Er war eigentlich mehr Franzose als Skandinavier, dunkel wie ein Provenzale. Ein langjähriger Aufenthalt im fernen Osten hatte seinem Wesen ein einnehmendes Phlegma und einen gewissen asiatischen Zynismus verliehen, während er gleichzeitig ein echter Vertreter des alten schwedischen Adels war, der durch Verfeinerung und Dekadenz die brutale Kraft der Vorfahren zu ersetzen versuchte. In dem einen Augenblick konnte er über ein unanständiges Wort erröten, während er im nächsten selbst eine Erzählung zum besten gab, bei der ein ganzes Coupé von Handelsreisenden in den Boden versank. Es war klar, daß er als Künstler ein Prophet für das Allerneueste in der Kunst werden mußte. Er versuchte, durch die Malerei ähnliche mystische Visionen wiederzugeben, wie ein Poe ihnen in seiner Dichtung Ausdruck gegeben hatte. Er trank viel und häufig, sein vornehmes Aeußere aber blieb von den plebejischen Wirkungen der Trunksucht unberührt. Bei dem obenerwähnten Mittagessen im Grand Hotel, in der Nacht zum 2. Dezember, war er Ehrengast. Ein Uneingeweihter würde den Kreis von Herren, die um den reichbesetzten Tisch versammelt waren, sicher als eine sehr gemischte Gesellschaft bezeichnet haben. Sie umfaßte auch eine Menge Kontraste, vom Dichter Oxford bis hinunter zum Grogkönig Stenesen. Die Bekanntschaft des letzteren haben wir bereits gemacht. Was den Dichter Oxford betrifft, so war er fast nicht zu beschreiben – ein junger Geck, nordisch blond, so hell und luftig, daß er in der Landschaft fast unsichtbar wurde. Am besten konnte man ihn durch die Gegenstände charakterisieren, die er besaß oder die mit ihm in Verbindung standen. Wenn er in seinem lackglänzenden Auto lautlos dahinglitt, war er ein Pelzkragen und ein goldenes Armband, ein Band Swinburne in der Westentasche, ein Absinth, ein Browningrevolver, ein liebenswürdiges Lächeln, eine Fahrkarte erster Klasse nach Bombay und ein Korb Champagner. Außer ihm und dem schwerfälligen Grogkönig umfaßte die Gesellschaft eine ganze Reihe älterer und jüngerer Herren, Künstler und Kaufleute. Alle waren verschieden, jeder hatte seine Eigenheiten und Lebensanschauungen, und die verschiedenen Seelenstimmungen brachen sich wie die Farben in einem Spektrum. Und dennoch war die Gesellschaft homogen, denn alle Anwesenden gehörten zu der Sorte Menschen, die in einer Welt von Enge und Trübseligkeit dem Leben sorglose Seiten abzugewinnen versuchten. Das Mittagessen war zu Ende. Der breite, geräumige, festlich geschmückte Tisch war dicht besetzt mit halbgeleerten Champagnerflaschen, braunen Zigarrenkisten, Zigaretten in silbernen Bechern und vielfarbigen Likörflaschen. Die Kellner gossen die letzten Tropfen aus den Kaffeekannen ein, und von Stenesens Platz erklang bereits das hitzige Zischen des ersten Whisky-Grogs. Das ist der vornehmste Augenblick bei einem Liebesmahl. Der Tisch scheint in einem Zwischenakt noch einmal vom Festbrausen widerzuhallen, während bereits neue Gläser und Flaschen eine kräftigere Melodie anstimmen. Die Unterhaltung bekommt durch den Auftakt gesteigerter Festfreude neuen Glanz, während alle unbewußt unter dem Einfluß des sorglosen Dahinlebens froher Stunden stehen. Niemals und nirgends empfindet man Freiheit so intensiv und bezaubernd, als wenn man sich vor der Fortsetzung eines frohen Festes ein wenig gehen läßt, bei der Aussicht auf eine ungestörte, behagliche Nacht, die die langsame Steigerung des Rausches mit sich bringen wird, und Genüsse, deren Eintreffen niemand bezweifelt und die die Menschen liebevoll gegeneinander stimmen. Als von Brakel seine Berufung erhielt, war dies Ereignis durch nichts vorbereitet. Es herrschte allgemein ungetrübte Heiterkeit, an der von Brakel eifriger Teilnehmer war. Der Wirt, Herr Oxford, schwirrte in gehobener Champagnerstimmung herum. Ueber dieses Fest hatte er seit Tagen nachgedacht. Besonders hatte ein in Likör gebratener Fasan ihm Kopfzerbrechen gemacht. Als er aber sah, daß sich alles gut abgewickelt hatte, fühlte er sich erleichtert wie nach einer schwierigen Arbeit. Wenn er auf einem der glatten Lederstühle Platz nahm, glitt er immer so merkwürdig wieder herunter. Wenn er sich aber auf den Tisch setzte und gegen eine Jardiniere lehnte, die auf dem Tischtuch stand, fiel es kaum auf, denn er war so klein und zierlich, daß man ihn für einen Teil der Tischdekoration hielt. An dem Tischende, wo der Grogkönig den stummen und unerschütterlichen Mittelpunkt bildete, wurde von dem Ereignis im »Freisinnigen Klub« vor zwei Tagen gesprochen. Die Partie, der hohe Einsatz, die versiegelten Karten bildeten den Brennpunkt des allgemeinen Interesses. Und das war bezeichnend dafür, wie wenig Aufsehen die Hauptsache, das Verschwinden von Direktor Reismann, eigentlich gemacht hatte. Man hatte ihn nicht wiedergesehen und kaum jemand hatte nach ihm gefragt. Man war an seine Extravaganzen gewöhnt. Er hätte eigentlich an dem Liebesmahl teilnehmen sollen, und mancher von den Gästen meinte, er würde wohl noch kommen. Der Schriftsteller Eivind Oedegaard, der gern diskutierte und logische Vergleiche anstellte, sagte: » Wenn die Sache einem anderen passiert wäre – meine Herren, wir alle kennen ja Reismann – wenn die Sache aber einem anderen passiert wäre, einem weniger extravaganten Menschen, dann könnte man sich folgendes vorstellen –« Trotz der Vorbehaltenheit, die Oedegaard plötzlich an den Tag legte, wollte man seine Meinung gern hören, denn das kleinste Detail dieser geheimnisvollen Pokerpartie interessierte jeden einzelnen der Gesellschaft. »Also,« fuhr Oedegaard schließlich fort und gestikulierte mit seinen langen Händen, »Reismann versucht zu bluffen, denn eigentlich hat er gar keine guten Karten. Er steigert den Einsatz auf fünftausend Kronen, in der Hoffnung, daß Stenesen seine Karten hinlegt oder Teilung vorschlägt. Stenesen aber verdoppelt das Spiel bis zu zehntausend. Sie müssen zugeben, meine Herren, daß das sogar heutzutage ein hoher Einsatz ist. Da, in dem spannendsten Augenblick kommt der Brief. Reismann legt seine Karten hin und verläßt das Spiel. Vielleicht hat er bei sich gedacht: Es ist eine günstige Gelegenheit, mich zu drücken und meine Zehntausend zu sparen; nachher behaupte ich, daß das Spiel nicht reell zu Ende geführt worden ist.« Diese Worte riefen allgemeinen Protest heraus. »Es ist ja nichts weiter als ein Gedankenexperiment von mir,« wandte Oedegaard ein. » Wenn –« »Das ist Unsinn!« rief man ihm entgegen. »Es war ein ganz korrektes Spiel, das volle Gültigkeit hat. Die Karten sind versiegelt und werden im Klub verwahrt. Außerdem, wer sagt, daß Reismann nicht das Spiel in der Hand hatte?« »Zugegeben. Vielleicht hat Stenesen geblufft. Welche Karten hattest du, Stenesen?« Stenesen grunzte, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Grogglas und lächelte. »Das werde ich dir nur für dreißigtausend Kronen verraten,« sagte er. Da geschah es, daß der Portier des Hotels ins Zimmer trat, sich über von Brakel beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. »Ein Chauffeur,« murmelte er erstaunt. »Bringen Sie ihn her.« »Er will Sie allein sprechen, Herr von Brakel,« sagte der Portier. Von Brakel erhob sich, aufs äußerste verwundert, und verließ die Gesellschaft. »Ihr sollt sehen, es ist Reismann,« bemerkte einer. »Reismann? Weshalb sollte er nicht selbst hereinkommen?« wurde ihm erwidert. Und damit wurde die lärmende Unterhaltung wieder aufgenommen. Erst als von Brakel nach wenigen Minuten zur Gesellschaft zurückkehrte, zog er die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Er stand plötzlich in der Tür, im Ulster, den Hut in der Hand. Er war blaß und verwirrt. »Meine Herren,« sagte er, »ich muß die Gesellschaft verlassen.« Was war das? Es wurde ganz still um den Tisch herum. Das verstörte Aussehen des Malers machte einen starken Eindruck auf seine Freunde. »Bist du krank?« fragte einer. »Nein,« antwortete von Brakel stammelnd, »nein, ich –« Er tastete mit der einen Hand nach seiner Rocktasche, als ob er seinen Freunden etwas zeigen wollte. Bedachte sich dann aber eines Besseren. Ganz geistesabwesend, als ob er schon weit fort sei, nickte er seinen Freunden zu und ging schnell seines Weges. Sein Benehmen war so seltsam gewesen, daß die Freunde eine ganze Weile ratlos sitzenblieben. Dann aber sprang einer auf und rief: »Teufel noch eins, das müssen wir näher untersuchen.« Er eilte hinaus. Von Brakel war schon fort. Als er in die Halle kam, hörte er das Schnaufen eines Autos, das in Gang gesetzt wurde und davonfuhr. »Die hatten's eilig,« sagte der Portier. »Sehen Sie, die Tür schwingt noch, eben ist er erst durchgegangen.« »Was war denn eigentlich los?« fragte der Freund. »Tja, was war los?« wiederholte der Portier. »Wissen Sie, was er sagte, als er durch die Tür eilte: ›Ich bin ein unglücklicher Mensch,‹ sagte er. Er sah ganz verstört aus. Ich möchte wissen, was in dem Brief gestanden hat.« »Hat er einen Brief bekommen?« fragte der Freund. »Ja,« antwortete der Portier, »er bekam einen Brief. Dort auf dem Teppich liegt noch das Kuvert.« Es war ein hellblaues Kuvert. Gespräch zwischen zwei Herren Als der Freund zur Gesellschaft zurückkehrte, wurde er von einem Sturzbad von Fragen überschüttet: Was fehlte ihm? Kommt er nicht zurück? War es eine Frauenzimmergeschichte? War er krank? Der Freund, dessen Name Doktor Ovesen war, einer der bekanntesten Aerzte der Stadt, wehrte alle Fragen mit einer kurzen Handbewegung ab. »Von Brakel wird sicher im Laufe der Nacht zurückkehren,« sagte er. »Daß der Ehrengast sich auf solche Weise absentiert?« bemerkte einer. »Es schien eine sehr wichtige Angelegenheit zu sein,« meinte der Schriftsteller Oedegaard, »der Mensch sah ganz verstört aus. Er war blaß.« »Ich glaube, er sagte etwas von einem wichtigen Telegramm aus Stockholm,« berichtete Doktor Ovesen. »Aber er drückte sich nicht klar aus, er hatte es so eilig.« »Hast du ihn noch gesprochen?« fragte Oedegaard quer über den Tisch. »Nur ganz kurz,« antwortete Doktor Ovesen. »Ich sollte ihn bei sämtlichen anwesenden Herren entschuldigen, er wollte so bald wie möglich zurückkommen.« »Hat er sonst noch etwas gesagt?« »Nein.« »Der Ehrengast ist ein Rindvieh!« sagte Oedegaard mit Ueberzeugung. Oedegaard scheint betrunken zu sein, dachte Doktor Ovesen und fixierte ihn scharf. Indessen ließ man den Ehrengast Ehrengast sein und setzte die Unterhaltung fort. Die Mißstimmung war bald vorüber, nach einer halben Stunde fragte keiner mehr nach von Brakel. Das hatte Doktor Ovesen vorausgesehen. Bereits in der Halle hatte er den Entschluß gefaßt, eine Erklärung über von Brakels Verschwinden zu geben, die niemand aus der Gesellschaft beunruhigen sollte. Vor allem wollte er den seltsamen Umstand mit dem hellblauen Kuvert geheimhalten, der ja direkt auf Reismanns Verschwinden vor zwei Tagen hinwies. Doktor Ovesen legte auch dem Portier unbedingtes Schweigen auf. Doktor Ovesen war indessen das ganze Fest verdorben. Er konnte seine Gedanken nicht von Karl-Erich von Brakel losreißen. Er hatte das hellblaue Kuvert zu sich gesteckt und benutzte die erste Gelegenheit, um es näher zu betrachten. Es war ein viereckiges, hellblaues Kuvert von gewöhnlicher Größe. Die Aufschrift lautete: Herr von Brakel. Weiter nichts. Keine Adresse. Doktor Ovesen meinte, daß die Tinte mindestens zwei Stunden alt sein müsse. Die Schriftzüge waren steil und hart, ungewöhnlich hart, fand Doktor Ovesen. Die Buchstaben standen so steil und gezwungen, daß sie den Eindruck einer verstellten Handschrift machten. Als die Uhr gegen drei geworden war, bemerkte Doktor Ovesen, daß einer der Gäste Miene machte, sich in aller Stille zurückzuziehen. Es war ein Herr in den Dreißigern, von energischem Aussehen, mit einem wettergebräunten und sympathischen Gesicht, ein Kapitän z. S. mit Namen Färden. Ovesen folgte ihm. »Wollen Sie schon gehen, Herr Kapitän?« Kapitän Färden hatte seinen Pelz über die eine Schulter gelegt. Er nickte. »Ich wohne hier im Hotel,« sagte er. »Ich brauche nur eine Treppe zu steigen. Es ist mir übrigens aufgefallen, daß Sie während der letzten Stunden so still gewesen sind. Ich bin auch etwas müde. Ein Schlummerpunsch oben auf meinem Zimmer würde uns vielleicht gut tun.« »Ausgezeichnet!« sagte Doktor Ovesen. »Ich wollte Ihnen gerade etwas Aehnliches vorschlagen. Denn ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu bereden.« Kapitän Färden sah ihn erstaunt an. »Mit mir?« »Mißverstehen Sie mich nicht. Es betrifft nicht Sie persönlich, sondern einen unserer gemeinsamen Freunde. Es ist nur ein Zufall, daß ich mich vertrauensvoll an Sie und nicht an einen anderen wende. Ich kann es nicht verantworten, länger über die Sache zu schweigen. Ich glaube bestimmt, daß etwas sehr Ernstes geschehen ist.« So leicht ließ Kapitän Färden sich nicht schrecken. Er öffnete eine neue Zigarrenkiste und bot Doktor Ovesen eine leichte delikate Holländer an, die er von seiner letzten Reise mitgebracht hatte. Während er die Whisky-Grogs mischte, sagte er: »Sie rechnen Herrn von Brakel zu meinen Freunden?« »Ja, und auch Reismann. Um diese beiden handelt es sich. Beide sind auf vollkommen rätselhafte Weise verschwunden, und es ist die Pflicht ihrer Freunde, ihnen zu Hilfe zu kommen, wenn sie in Gefahr sind.« »Ich begreife, daß es etwas sehr Ernstes sein muß,« antwortete Kapitän Färden, indem er Doktor Ovesen gegenüber am Tisch Platz nahm, »denn Sie achten nicht einmal auf die Güte der Zigarre, was doch sonst Ihre Spezialität ist. Was war es übrigens mit von Brakel? Ein Telegramm aus Stockholm, nicht wahr?« »Nein, ich habe ihn gar nicht mehr gesprochen. Es war eine Notlüge, die ich mir ausgedacht hatte, weil ich die Gesellschaft nicht stören wollte. Von Brakel ist fortgegangen, ohne einen Bescheid zu hinterlassen. Der Portier aber hat ihn sagen hören, daß er ein unglücklicher Mensch sei – oder etwas Aehnliches. Er hatte einen Brief bekommen.« Bei diesen Worten zog Doktor Ovesen das hellblaue Kuvert aus der Tasche. Beim Anblick desselben sprang der Kapitän auf. »Er auch?« rief er. »Die Herren hier in Christiania scheinen mir etwas exzentrisch zu sein! Das Kuvert ist leer. Was hat in dem Brief gestanden?« »Ja, wer wüßte, was in diesen verfluchten Briefen steht. Ich habe nur das leere Kuvert gefunden, das von Brakel auf der Treppe verloren hat.« »Hatte Direktor Reismann einen ebensolchen Brief bekommen?« »Genau ebensolchen. Ich war im Freisinnigen Klub zugegen, als er ihn bekam. Und ich will Ihnen gestehen, mein lieber Kapitän, daß ich bereits seit gestern vormittag wegen Reismann in großer Sorge bin.« »Haben Sie besondere Ursache dazu?« Doktor Ovesen lehnte sich in den Stuhl zurück und legte umständlich seine Handflächen gegeneinander, wie es seine Gewohnheit war, wenn er ein medizinisches Gutachten abgab. »Ich bin nicht nur Direktor Reismanns Arzt,« begann er, »ich bin auch, wie Sie wissen, sein langjähriger Freund, und außerdem stehe ich in Geschäftsverbindung mit ihm. So bin ich z.B. in der Direktion des Etablissements »Die blaue Eule«. Reismann ist ja in mancher Beziehung eine Künstlernatur. Er hat Boheme-Blut in sich und extravagiert hin und wieder gern etwas. Nichtsdestoweniger aber wurzelt er doch im Bürgerlichen, besonders in geschäftlichen Dingen pflegt er auf dem Posten zu sein. Es ist schon früher vorgekommen, daß er einen sogenannten ›Streifzug‹ unternommen hat, aber nicht ohne Sorge zu tragen, daß er mit seinem Bureau in Verbindung blieb. Diesmal aber hat er nichts Derartiges vorgesehen, und ich muß sagen, daß seine Geschäfte unter seiner Abwesenheit gelitten haben. Ich habe getan, was ich konnte, aber meine Zeit ist knapp, und natürlich konnte ich ihn nicht ersetzen. Was mich besonders beunruhigt, ist, daß die große Wohltätigkeitsvorstellung, bei der er der Hauptmacher ist, ins Wasser zu fallen droht. Sie haben wohl in den Zeitungen gelesen, daß »Die blaue Eule« in einigen Tagen eine Weihnachtsvorstellung geben wird. Reismann hat sich außerordentlich dafür interessiert, und ich weiß, daß er seine Ehre darein setzt, sie so erfolgreich wie möglich zu gestalten. Jetzt droht seine plötzliche Abwesenheit das Ganze über den Haufen zu werfen. Jeder Tag, ja, jede Stunde ist kostbar. Ich bin überzeugt, daß Reismann alles daran setzt, um zu seiner Tätigkeit zurückzukehren. Wenn er nicht kommt, bedeutet es nicht mehr und nicht weniger, als daß jemand ihn daran hindert. Jemand, der stärker ist als er.« »Frauenzimmergeschichten?« fiel Kapitän Färden ein, indem er sich der Bemerkung des Freundes von neulich abend erinnerte. »Unsinn!« rief Doktor Ovesen. »Reismann ist kein Jüngling mehr. Nein, ich glaube, daß er sich in einer schwierigen Lage befindet, daß er außerstande ist, sich mit seinen Freunden in Verbindung zu setzen. Keiner von ihnen hat eine Mitteilung von ihm bekommen, ebensowenig sein Geschäft und seine Privatwohnung. Vielleicht ruft er in diesem Augenblick um Hilfe. Wir können uns nicht länger passiv verhalten.« Der Kapitän überlegte. Augenscheinlich war jetzt auch er von dem Ernst dieses besorgniserregenden Ereignisses überzeugt. »Warum aber hat er die Gesellschaft verlassen?« fragte er. »Das begreife ich nicht. Warum?« Doktor Ovesen schlug mit der Faust auf das blaue Kuvert. »Wenn man wüßte, was in dem Brief gestanden hat,« sagte er. Der Kapitän schüttelte ratlos den Kopf. »Mein Verstand steht still,« sagte er. »Wir befinden uns doch glücklicherweise nicht zwischen Verschwörern und heimlichen Verbindungen. Wir sind nicht in dem unterirdischen Rußland oder zwischen irländischen Revolutionären. Sind sonst noch hier in der Stadt ähnliche lichtscheue und geheimnisvolle Dinge vorgekommen?« »Nicht, daß ich wüßte. Außerdem gehören ja beide Herren einer bürgerlichen, wenn auch ein wenig bohemegefärbten Klasse an, deren Interessen und Leben für einen jeden offen daliegen. Beachten Sie den Fall von Brakel. Den ganzen Abend ist er die Sorglosigkeit in Person. Plötzlich bekommt er diesen Brief und ist im selben Augenblick wie verwandelt, stürzt Hals über Kopf davon, ohne seinen besten Freunden eine Erklärung zu geben.« Der Doktor sah auf seine Uhr. »Die Uhr ist vier,« sagte er, »mit jeder Stunde, die vergeht, werde ich besorgter. Von Brakel wohnt im Hotel Savoy, Zimmer Nr. 17. Vielleicht können wir dort eine Spur finden. Kommen Sie mit?« »Ich komme mit,« sagte der Kapitän. Ein dritter Herr Als die Herren in die Halle kamen, hörten sie, wie im ersten Stockwerk, wo das Fest stattfand, gelärmt wurde. Es war offenbar noch immer im vollen Gange. Um keine unnötigen Erklärungen abgeben zu müssen, beschlossen die Herren, daß sie sich unbemerkt aus dem Hotel schleichen wollten. Unten beim Portier aber stießen sie auf den Schriftsteller Oedegaard, der gerade im Begriff war, fortzugehen. Sie kamen überein, daß sie ihn zu Rate ziehen wollten. Der Schriftsteller Oedegaard war ein praktischer und gerissener Mensch, der gerade in solchen Dingen von großem Nutzen sein konnte. Außerdem war er Romantiker genug, um das Seltsame und Mystische dieser Sache richtig aufzufassen. Während die Herren sich für einige Augenblicke auf den weichen Sesseln des Lesezimmers niederließen, wurde Oedegaard in die Affäre eingeweiht. Oedegaard nahm die Sache noch ernster, als Doktor Ovesen erwartet hatte. »Was Direktor Reismann betrifft,« sagte er, »so wäre es denkbar, daß er Feinde hat, die ihm schaden wollen. Reismann ist ja geschäftlich ein Draufgänger und nicht immer sehr rücksichtsvoll in der Wahl seiner Mittel. Wer aber dem liebenswürdigen und vornehmen Künstler von Brakel Uebles will, das begreife ich nicht. Ich bin fast täglich mit ihm zusammen gewesen, seit er seiner Ausstellung wegen hier ist, und soweit ich weiß, hat er sich nur Freunde erworben. Ich bin überzeugt, daß es keinen Menschen in ganz Christiania gibt, der ihm etwas Böses antun will. Im übrigen ist er die ganze Zeit die Sorglosigkeit in Person gewesen und hat nur an sein Vergnügen gedacht. Wie das mit seiner Bemerkung: Ich bin ein unglücklicher Mensch! zusammenhängt, das begreife ich wahrlich nicht. Das muß ganz plötzlich gekommen sein.« »Sehr richtig,« bemerkte Doktor Ovesen. »Es muß in dem Augenblick gekommen sein, als er sich vom Tisch erhob, oder noch näher bezeichnet, in dem Augenblick, als er den Brief las. Dasselbe Schreiben, das Reismanns Verschwinden veranlaßte, hat auch von Brakel die Furcht vor einem Unglück eingegeben.« Oedegaard schlug mit der Faust auf die gepolsterte Armlehne. »Zum Donnerwetter!« rief er. »Was hat in diesen verfluchten Briefen gestanden? Tja, Sie lächeln ganz ratlos, Doktor Ovesen, Sie müssen aber doch zugeben, daß wir hier in unserer kleinen friedlichen Hauptstadt nicht auf derartige sensationelle und mystische Ereignisse eingestellt sind. Besonders auffallend ist, daß weder Reismann, noch von Brakel ihren Freunden den Inhalt der Briefe mitgeteilt haben. Was auch in den blauen Billetten gestanden haben mag, so haben die Adressaten sich jedenfalls gezwungen gesehen, dem Ruf unverzüglich Folge zu leisten. Mit anderen Worten, wenn die Mitteilung unerwartet gekommen ist, so war sie jedenfalls nicht unbegreiflich. Das kann man jetzt schon feststellen. Beide Briefempfänger sind sich sofort darüber klar gewesen, daß es sich um etwas ungewöhnlich Ernstes handelte. Darum haben auch wir, meine Herren, allen Grund, die Sache aufs ernsteste zu betrachten, und wenn wir der Ansicht sind, daß unsere Freunde der Hilfe bedürfen, können wir keinen Augenblick länger zögern.« Derselben Ansicht waren auch Doktor Ovesen und Kapitän Färden – und Doktor Ovesen erhob sich bereits ungeduldig. »Lassen Sie uns sogleich aufbrechen,« sagte er. »Wohin?« fragte Oedegaard. »Wir wollen uns zu von Brakels Hotel begeben, Savoy, bei der Tordenskjoldsgade. Vielleicht können wir dort etwas erfahren.« »Er hat Zimmer Nr. 17,« sagte Oedegaard, »mit Telephon. Wollen wir nicht erst anrufen? Es wäre doch immerhin möglich, daß er schon zurückgekehrt ist.« Oedegaard trat an einen großen Mahagonitisch, wo die Apparate standen, und nahm den Hörer. Als er Verbindung mit dem Nachtportier des Savoy-Hotels bekommen hatte, hörten die beiden Herren ihn sagen: »Ist von Brakel zu Hause? ... Nicht ... Wann? ... Vor zwei Stunden ... Also ungefähr um zwei Uhr ... Er kam in einem Auto und fuhr mit demselben Auto weiter? ... Hat er nichts hinterlassen? ... Nichts ... Er hatte es sehr eilig? ... Wir kommen gleich ins Hotel, in einer sehr wichtigen Angelegenheit.« »Er ist im Hotel gewesen,« erklärte Oedegaard. »Er war zwei oder drei Minuten oben auf seinem Zimmer und eilte dann wieder fort. Ich bin im Hotel bekannt, und Sie ja übrigens auch, Doktor Ovesen. Der Nachtportier wird uns ohne Schwierigkeiten einlassen. Vielleicht finden wir etwas, das uns Aufklärung bringt ... Uebrigens, hallo, Jonassen!« rief er. »Jonassen!« Der Portier kam aus seiner Loge. »Sie sprachen ja den Chauffeur, der den Brief für Herrn von Brakel brachte?« »Ja, ich holte Herrn von Brakel heraus.« »Kannten Sie den Chauffeur?« »Nein, ich hatte ihn noch nie gesehen. Erinnere mich seiner jedenfalls nicht.« »War es ein Privatchauffeur oder ein Taxameterchauffeur?« »Offenbar ein Taxameterchauffeur.« »Haben Sie auf die Nummer des Autos geachtet?« »Nein, ich war gar nicht auf der Straße. Herr von Brakel hatte solch große Eile. Ist etwas geschehen?« »Nichts Besonderes,« sagte Oedegaard und fügte hinzu, indem er zu den Festräumen hinaufzeigte, »wenn einer von den Gästen dort oben fragen sollte, dann haben Sie nichts gesehen und gehört, verstehen Sie, Jonassen?« »Ich verstehe.« Der Weg vom Grand-Hotel zum Savoy-Hotel war nicht weiter, als daß die Herren ihn bequem in wenigen Minuten zurücklegen konnten. Im Hotel stießen sie auf keine Schwierigkeiten, sondern wurden ohne weiteres auf von Brakels Zimmer geführt. Als sie ins Zimmer traten, bot sich ihnen ein Anblick, bei dem sie wie versteinert stehenblieben. Der Nachtportier, der sie hinaufbegleitet hatte, rief erstaunt: »Mein Gott, hier sieht es ja aus, als ob eingebrochen worden wäre!« »Das müßten Sie doch wissen,« sagte Oedegaard, »sind in von Brakels Abwesenheit Fremde hier gewesen?« Der alte Nachtportier schüttelte bestimmt seinen grauen Kopf. »Nein,« sagte er, »das ist unmöglich. Niemand kann an meiner Loge vorbeigehen, ohne daß ich ihn sehe, und ich bin die ganze Zeit wach gewesen. Da das Zimmer im dritten Stock liegt, kann auch niemand durchs Fenster gekommen sein. Nein, dies muß Herr von Brakel selbst angestellt haben.« »Er selbst?« »Ich will Ihnen nämlich sagen, meine Herren, ich stelle ihm jeden Abend eine Flasche Apollinaris aufs Zimmer, bevor er nach Hause kommt. Da ich nun wußte, daß er heute spät nach Hause kommen würde, ging ich erst gegen halb zwei mit der Flasche hinauf, und da war das Zimmer in schönster Ordnung. Später aber ist Herr von Brakel hier gewesen, und sehen Sie nur, wie es jetzt hier aussieht! Das ist ja entsetzlich!« Der ordnungsliebende Nachtportier wolle gleich Ordnung in die Verwirrung bringen, Oedegaard aber hielt ihn zurück. »Rühren Sie noch nichts an.« Das Zimmer sah zum Erschrecken aus. Von Brakels Koffer standen offen und ihr Inhalt: Anzüge, Toilettesachen, Kragen, Schlipse, Bücher, lagen auf Tisch, Teppich, Sofa wild durcheinander. Ein Stuhl war umgeworfen. Die Wasserkaraffe lag zerbrochen auf dem Fußboden. Das Tintenfaß auf dem Schreibtisch war umgeworfen und die übrigen Schreibsachen lagen auf der Erde. Schubfächer standen offen, Papierfetzen lagen umher, und in der offenstehenden Ofentür sah man halbverkohlte Briefreste. Der Zustand des Zimmers schien besonders auf Doktor Ovesen einen beunruhigenden Eindruck zu machen. »Hier muß ein Kampf stattgefunden haben,« sagte er ernst. »Oder,« fügte Oedegaard hinzu, »jemand scheint eine Hausuntersuchung gefürchtet zu haben und hat in fliegender Eile kompromittierende Dokumente in Sicherheit bringen wollen. Wenn von Brakel diesen Zustand selbst verschuldet hat, muß er etwas gefürchtet und große Eile gehabt haben. Ohne Zweifel, es war von Brakel selbst. Was in aller Welt aber kann er gefürchtet haben?« Oedegaard sah nach seiner Uhr. »Noch ist es Zeit,« sagte er. »Mein lieber Nachtportier, Sie müssen mir einen Gefallen tun. Erst aber telephonieren Sie nach einem Auto, wir haben keine Zeit zu verlieren.« Oedegaard setzte sich an den Schreibtisch und warf hastig einige Zeilen auf ein Stück Papier. Der Dritte »Die Zeitung wird diese Notiz noch aufnehmen können,« sagte er. »Die Redaktion ist allerdings geschlossen, aber ich werde es selbst in die Druckerei bringen.« Er las vor, was er geschrieben hatte: » Große Belohnung ! In der Nacht zum 29. November, um ein Uhr, wurde ein Herr im Freisinnigen Klub von einem Automobil abgeholt, nachdem der Chauffeur einen Brief in einem hellblauen Kuvert abgegeben hatte. In der Nacht zum 3. Dezember wurde ein Herr auf ähnliche Weise von einer festlichen Zusammenkunft im Grand Hotel fortgeholt, nachdem der Chauffeur auch ihm ein hellblaues Kuvert ausgehändigt hatte. Der fragliche Chauffeur bekommt eine große Belohnung, wenn er sich bei der Redaktion der Zeitung meldet.« »Morgen liest alle Welt diese Notiz in der Zeitung,« fuhr Oedegaard fort, »daß sie an auffälliger Stelle zu stehen kommt, dafür werde ich sorgen. Es wird eine Sensation geben. Alle Zeitungen werden die Sache aufnehmen, alle Menschen werden sich dafür interessieren, und es müßte seltsam zugehen, wenn in einer Stadt mit so durchsichtigen Verhältnissen das Rätsel nicht bald seine Lösung findet.« Doktor Ovesen hatte indessen Bedenken. »Ist es nicht gewagt, die Sache an die Oeffentlichkeit zu bringen?« meinte er. »Damit müßte man vielleicht noch warten.« »Das kommt auf die Auffassung an,« sagte Oedegaard. »Meinen wir, daß unsere Freunde in Gefahr sind, dann ist es unsere Pflicht, nicht eine Sekunde länger zu zögern, sondern alles in Bewegung zu setzen, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Sind wir dieser Meinung?« Doktor Ovesen schwankte. »Ich bin Arzt,« sagte er, »und Sensation und Zeitungsklatsch sind mir zuwider. Andererseits muß ich zugeben, daß die Sache ernst ist. Lassen Sie also die Notiz einrücken.« »Schön,« rief Oedegaard, »in einer halben Stunde bin ich wieder hier. Ich höre das Auto unten. Ich bitte die Herren, solange auf mich zu warten.« »Brauchen Sie eine halbe Stunde?« fiel Kapitän Färden ein. »Die Zeitungsdruckerei liegt ja nur einige Minuten von hier.« »Ich muß auch noch irgendwoanders hin,« sagte Oedegaard – er stand bereits in der Tür – »zum Donnerwetter, ich muß doch Hilfe herbeischaffen.« »Hilfe? Bei wem?« »Vielleicht auf der Polizei?« fragte Färden. »Hu, die Polizei!« rief Ovesen. »Die Sache fängt an, unheimlich zu werden.« »Ich bin der Ansicht, daß wir die Polizei vorläufig nicht benachrichtigen wollen,« meinte Oedegaard, »aber ich kenne einen Mann, der uns in dieser mystischen Sache von großem Nutzen sein kann. Ihn will ich holen. Auf Wiedersehen in einer halben Stunde, meine Herren.« In Oedegaards Abwesenheit ergingen die beiden Herren sich in Vermutungen über den Zusammenhang dieser merkwürdigen Affäre. Der Zustand in von Brakels Zimmer hatte Doktor Ovesens Gemütszustand noch verschlimmert, und Oedegaards Eifer hatte ihn stark beunruhigt. Auf Oedegaards dringendes Anraten hütete er sich wohl, etwas an dem Aussehen des Zimmers zu ändern. Mit einem flüchtigen Blick konnte er sich überzeugen, daß von Brakel kein Gepäck mit sich genommen hatte. Das stimmte auch mit der Aussage des Nachtportiers überein. Was aber konnte die Veranlassung zu von Brakels überstürztem Besuch in dem Zimmer sein? Wollte er nur Papiere vernichten? Aber aus welchem Grunde? Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihm so komisch erschien, daß er laut lachen mußte. »Wenn wir nicht in dem unschuldigen und ereignisarmen Christiania wären,« sagte er, »wenn wir uns zum Beispiel in Rußland befänden, dann könnte ich mir eine glaubwürdige Lösung des Rätsels denken.« Färden sah ihn fragend an. Doktor Ovesen fuhr fort: »Diese plötzliche nächtliche Mitteilung, dieses hastige Verschwinden, diese zerrissenen Papiere, sieht das nicht wie die Verhaftung eines Revolutionärs aus?« Kapitän Färden sah seinen Freund verwundert an. »Ich muß sagen, lieber Doktor, daß Ihr Scharfsinn in kriminalistischen Dingen mir nicht imponiert. Glauben Sie, daß man einem Arrestanten Zeit nach der Verhaftung läßt, seine kompromittierenden Papiere beiseitezuschaffen?« Der Kapitän zeigte auf die zerrissenen und halbverkohlten Papiere. »Und außerdem verhaftet man Leute nicht mit solchen romantischen blauen Briefen. Warum auch sollten unsere Freunde verhaftet werden? Man verhaftet doch keinen Maler, weil er futuristische Bilder malt? Leider, möchte ich sagen. Nein, lieber Doktor, Sie müssen sich etwas anderes ausdenken.« Ovesen ließ sich ärgerlich ins Sofa fallen und faßte sich an den Kopf. »Ich kann keine andere Erklärung finden,« sagte er, »die Sache bringt mich zur Verzweiflung. Wo bleibt nur Oedegaard? Die halbe Stunde muß doch um sein! Ah, da ist er endlich!« Ein fast unmerkliches Beben des Zimmers deutete an, daß der Fahrstuhl im Gange war. Er machte ganz richtig im dritten Stockwerk halt. Als die Tür des Liftes rasselnd geöffnet und geschlossen worden war, hörten sie eine Stimme sagen: »Welche Zimmernummer?« »Nummer 17. Diesen Weg, mein Herr,« sagte der Nachtportier. »Das ist nicht Oedegaard,« sagte Doktor Ovesen erstaunt. »Diese Stimme kenne ich nicht.« Beide Freunde blickten in gespannter Erwartung zur Tür. Der Eintretende war ihnen vollkommen unbekannt. Sie erhoben sich und verbeugten sich kühl. Das Erscheinen des unerwarteten Fremden verwirrte sie. Der Eintretende war ungefähr vierzig Jahre alt, groß und mager, mit einem markanten, glattrasierten Gesicht. Als er seinen Hut abnahm, entblößte er eine Glatze, das Haar an den Schläfen war leicht ergraut. Er entledigte sich seines Ueberziehers und legte ihn mit dem Hut auf einen Stuhl neben der Tür. Er trug einen dunklen Jackettanzug, ein gestreiftes Hemd mit weichen Manschetten und einen Schlips, der von einer dünnen Goldnadel zusammengehalten wurde. Seine ganze Erscheinung hatte etwas Elegantes und Sportsmäßiges. Er trat auf die beiden Herren zu und redete sie mit einer gewissen freimütigen Freundlichkeit an. »Herr Doktor Ovesen,« sagte er. »Sie kenne ich von Ansehen. Aber Sie, mein Herr, sind mir unbekannt. Mein Name ist Asbjörn Krag.« Man stellte sich vor, die beiden Freunde aber blieben schweigsam, hauptsächlich, weil sie sich das plötzliche und unerwartete Erscheinen des bekannten Detektivs nicht erklären konnten. »Es scheint, daß man mich nicht erwartet hat,« sagte Krag, »und dennoch erwarten die Herren offenbar jemanden.« »Wir warten auf unseren Freund, den Schriftsteller Oedegaard,« erklärte Ovesen. »Ah, ja, ja. Er rief vor einer halben Stunde bei mir an. Er wollte noch eine Notiz über zwei verschwundene Herren in die Redaktion der Zeitung bringen.« »Also sind Sie es, der uns helfen soll?« »Es sieht fast so aus,« sagte Asbjörn Krag lächelnd. Er blickte sich in dem verwüsteten Zimmer um. »Nummer 17,« fügte er hinzu. »Ich sah unten im Vorbeigeben auf der Fremdentafel, daß dieses Zimmer von dem Maler von Brakel bewohnt wird. Er ist also der Verschwundene?« »Ja, von Brakel ist der eine.« »Wer ist denn der dritte?« »Der dritte!« rief Doktor Ovesen. »Glücklicherweise sind es nicht mehr als zwei. Außer von Brakel ist nur noch der Direktor der ›Blauen Eule‹, Herr Reismann, verschwunden.« »Aha! Ja, den kenne ich auch.« »Sie sprachen von einem dritten ,« sagte Doktor Ovesen. »Sie haben mir einen ordentlichen Schreck eingejagt.« »Ja,« sagte Asbjörn Krag, »es ist wirklich ein dritter auf dieselbe Weise verschwunden.« »Wer? Wer?« riefen beide Herren wie aus einem Munde. »Der Schriftsteller Oedegaard ist vor zwanzig Minuten verschwunden,« antwortete Krag, »nachdem er einen Brief in einem hellblauen Kuvert empfangen hatte. Es war in meinem Hause. Und auf Ehre, meine Herren, ich weiß nicht, wo er sich befindet.« Der Schriftsteller Eivind Oedegaard Asbjörn Krag machte einen etwas theatralischen Eindruck, als er nach diesen Worten mit der Hand ausschlug, als ob er einen Unglücksfall bedauerte. Doktor Ovesen starrte ihn wie verhext an. Kapitän Färden hatte sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten, abwartend und neugierig; jetzt aber sah man seiner gespannten Miene an, daß er auf »hartes Wetter« gefaßt war. Doktor Ovesen kreuzte die Arme, und lächelnd, als ob er einen guten Witz genösse, sagte er zu Krag: »Sprechen Sie von dem Verfasser Eivind Oedegaard, der sich vor einer Stunde hier aufhielt? Hier, in diesem Zimmer. Hier !« Er zeigte demonstrativ mit seinem langen Zeigefinger auf den Fußboden. »Derselbe,« antwortete Krag. »Ich spreche von dem Schriftsteller Oedegaard. Soviel ich weiß, gibt es nur einen dieses Namens.« »Ha! Ha! Ha!« Doktor Ovesen lachte laut und nervös. Dann wurde er plötzlich still und sank in einen Sessel. Legte darauf die Handflächen gegeneinander, wie er bei wichtigen Konsultationen zu tun pflegte, und sagte kalt und abweisend: »Tja, er wird wohl bald wieder hier sein.« Krag nahm Doktor Ovesen gegenüber Platz, beugte sich vor und fragte: »Wen meinen Sie?« »Ich spreche von unserem Freund, dem Schriftsteller Oedegaard. Wir erwarten ihn.« »Und ich spreche auch von ihm,« antwortete Krag. »Seien Sie überzeugt, daß er nicht kommt. Er ist verschwunden. Er ist genau auf dieselbe Weise wie die anderen verschwunden.« Doktor Ovesen erhob sich, rot und erbittert. »Mein Herr,« rief er mit bebender Stimme, »wissen Sie, wieviel die Uhr ist? Es ist sechs Uhr und noch zu früh am Morgen, um schlechte Witze zu verdauen. Außerdem bin ich Arzt und liebe solche Scherze nicht.« Krag warf einen bittenden Blick auf Kapitän Färden, wie um seine Hilfe anzurufen, und Färden schritt auch gleich ein, um seinen aufgeregten Freund zu beruhigen. »Ich finde, wir sollten Herrn Krag Gelegenheit geben, sich näher zu erklären,« sagte er. »Hier sind ja bereits so seltsame Dinge vorgefallen, daß ein mysteriöser Fall mehr oder weniger uns nicht in Erstaunen zu setzen braucht.« Doktor Ovesen ließ sich von Färdens Worten beruhigen, drückte indessen durch seine Haltung aus, daß er dieser ganz unnötigen und wertlosen Zeitverschwendung nur mit äußerster Ungeduld begegnete. »Als Herr Oedegaard uns verließ,« erklärte Doktor Ovesen, »wollte er sich zuerst zu seiner Zeitung begeben, um eine Notiz über die verschwundenen Herren aufzugeben. Darauf wollte er sich an einen Freund wenden, von dem er annahm, daß er uns in dieser mystischen Angelegenheit von großem Nutzen sein könnte. Darf ich davon ausgehen, daß Sie dieser hilfreiche Freund sind?« »Es kann kein anderer sein,« antwortete Krag ernst. »Ha, ha! Entschuldigen Sie, daß ich lache. Oedegaard sucht Sie auf, damit Sie uns beim Suchen nach unseren verschwundenen Freunden helfen. Und das erste, was Sie tun, ist, Oedegaard auch verschwinden zu lassen. Ich habe viel Vorteilhaftes von Ihnen gehört, mein Herr, aber Sie werden es mir nicht verübeln, daß diese Einführung mich etwas mißtrauisch macht. Außerdem erwähnten Sie einen hellblauen Brief. Sie scheinen die Sache also zu kennen. Woher wissen Sie das Geheimnis von den hellblauen Kuverts? Ich gebe zu, daß ich auf Oedegaards Ernsthaftigkeit nicht allzu fest baue, Schriftsteller und Dichter sind ja unberechenbar; wenn Sie sich die ganze Sache aber als einen prächtigen Witz ausgedacht haben, dann möchte ich ... Asbjörn Krag hatte sich während Doktor Ovesens beleidigter Rede vorgebeugt und einen Papierfetzen nach dem anderen vom Fußboden aufgesucht. Jetzt unterbrach er plötzlich den Sprechenden. »Wir wollen die Zeit nicht unnütz vergeuden,« sagte er. »Durch ein Telephongespräch wurde ich in die Hauptpunkte der Sache eingeweiht. Um Sie zu beruhigen, will ich nun berichten, wie es mit Oedegaards Verschwinden zusammenhängt. Anstatt Ihrem Abscheu über Scherze Ausdruck zu geben, sollten Sie lieber bedenken, daß es sich hier um das Wohlergehen mehrerer guter Freunde handelt.« Kapitän Färden unterstützte Krag durch eine Bemerkung. Doktor Ovesen schwieg und zündete sich eine Zigarette an, um sich zu beruhigen. Krag fuhr fort: »Vor einer Stunde wurde ich durch den telephonischen Anruf von Oedegaard geweckt. Da es um die Stunde war, wo ich aufzustehen pflege, war ich gleich wach. Oedegaard befand sich in der Druckerei der Zeitung und hatte gerade durchgesetzt, daß die Notiz, die die Herren sicher kennen, in der Morgennummer stehen sollte. Er las mir die Notiz vor, und als ich erfuhr, daß sie an hervorragender Stelle in der redaktionellen Abteilung seiner eigenen Zeitung stehen sollte, wurde ich sehr interessiert, denn ich begriff, daß es sich um etwas Ernstes handeln mußte.« »Kurz und gut, meine Herren,« fuhr der Detektiv fort, »ich bat ihn um nähere Aufklärung, und er teilte mir durchs Telephon die Hauptpunkte mit. Direktor Reismanns Verschwinden war mir bereits bekannt. Ich bin selbst Mitglied des Freisinnigen Klubs und als ich dort gestern zu Mittag aß, erfuhr ich von dem Ereignis. Doch legte man der Sache kein sonderliches Gewicht bei. Erst nach von Brakels und mehr noch nach Oedegaards Verschwinden bekommt dieses Ereignis ein ernstes Gesicht. Oedegaard erzählte mir durchs Telephon von den hellblauen Briefen. Solche romantische Nebenumstände pflegen auf mich keinen Eindruck zu machen. Ich weiß aus Erfahrung, daß eine Sache allein dadurch mystisch werden kann, daß Leute, die die näheren Umstände nicht kennen, sich an besondere Phänomene halten, ohne sie im Zusammenhang mit dem übrigen zu sehen. Wenn es uns geglückt ist, diese Sache aufzuklären, wird es sich zeigen, daß es auch mit diesen hellblauen Briefen nichts weiter auf sich gehabt hat. Ich war anfangs geneigt, Oedegaard zu raten, daß er die ganze Sache auf sich beruhen lassen sollte. Als ich aber hörte, daß man dieses Zimmer von oben nach unten gekehrt hatte, bekam ich eine Ahnung, daß hinter dem scheinbar Burlesken sich vielleicht doch etwas Ernstes, vielleicht sogar eine Tragödie verbarg. Darum sagte ich Oedegaard, er solle mich gleich abholen, ich würde mich in der Zwischenzeit ankleiden. Als ich fertig war, öffnete ich die Haustür. Ich wohne im vierten Stockwerk, kann aber die Haustür vermittels einer elektrischen Leitung öffnen. Da hörte ich ein Auto kommen. Ich öffnete das Fenster und sah hinaus. Es war noch ganz dunkel, im Schein des weißen Schnees aber konnte ich sehen, daß nicht ein, sondern zwei Autos vor meinem Hause hielten. Ein großer Herr im Ueberzieher, in dem ich Oedegaard zu erkennen meinte, verhandelte mit einem der Chauffeure. Ich rief hinunter: ›Bist du es, Oedegaard?‹ Der Mann blickte nach oben und antwortete: ›Ja, ich komme gleich. Wirf den Schlüssel herunter.‹ Ich erkannte ihn. Es war Oedegaard. Ich rief zurück: ›Die Tür ist offen. Ich werde die Treppenbeleuchtung andrehen.‹ Damit ging ich ins Treppenhaus und zündete das elektrische Licht an. Ich hörte ihn durch die Haustür gehen und sah auch den Schatten seiner langen Gestalt zwischen dem Treppengeländer. Ich rief wieder zu ihm hinunter: ›Nimm den Fahrstuhl! Ich warte hier.‹ ›Ja,‹ antwortete er eifrig. Ich erkannte seine Stimme. Dann begann der Fahrstuhl nach oben zu steigen, ich konnte seinem Gang durch die roten Lichter folgen, die sich auf der Tafel zeigten. Was aber geschieht, meine Herren? Zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk macht der Fahrstuhl plötzlich halt. Oedegaard hat auf den Knopf gedrückt. Darauf fährt er wieder nach unten und bleibt beim zweiten Stockwerk stehen. Ich höre, daß die Fahrstuhltür geöffnet wird und daß er den Fahrstuhl verläßt. Ich kann seinen Schatten zwischen dem Treppengeländer sehen.« Von Brakels Wäscherechnung Der Detektiv fährt fort: »Ich rufe ihm wieder zu: ›Zum Teufel noch eins, wo gehst du hin? Ich wohne doch nicht unten, sondern in der vierten Etage.‹ Er antwortete nur: ›Ich komme gleich.‹ Ich wartete vielleicht eine Minute. Da wird es mir klar, meine Herren, daß er nicht allein ist, er spricht mit jemandem vor der Fahrstuhltür. Ich höre ein flüsterndes Gespräch. Darauf fällt die Fahrstuhltür rasselnd zu und der Fahrstuhl setzt sich von neuem in Bewegung. Ich bin natürlich aufs äußerste erstaunt, als ich an den roten Signallichtern sehe, daß der Fahrstuhl nicht steigt, sondern sich nach unten bewegt und im Erdgeschoß haltmacht. Ich konnte nichts unternehmen, mußte warten. Unten wurde die Fahrstuhltür wieder geöffnet. Gleich darauf höre ich, daß jemand über die Marmorfliesen des Vestibüls geht, und daß die Haustür geöffnet und geschlossen wird. Gleichzeitig höre ich, daß der Fahrstuhl langsam durch alle Wohnungen in die Höhe steigt. Jetzt kommt er, dachte ich, und glaubte, daß er unten wohl etwas vergessen hatte. Der Fahrstuhl stieg bis zum vierten Stock, wo ich stand, aber die Tür wurde nicht geöffnet. Ich mußte sie selbst öffnen, meine Herren – im Fahrstuhl aber befand sich keine lebende Seele. Er war leer! Selbst der kaltblütigste Mensch gerät bei solchem unerklärlichen Fall aus der Fassung. Nach kurzer Ueberlegung kam ich zu der Erkenntnis, daß etwas geschehen sein müsse, und daß dieses »Etwas« Oedegaard veranlaßt hatte, noch einmal nach unten zu fahren, als er sich auf dem Wege nach aufwärts befunden hatte. Ohne weiter zu überlegen, stieg ich in den Fahrstuhl und fuhr hinunter, indem ich bei den Stockwerken, an denen ich vorbeifuhr, genau Ausguck hielt; Doch konnte ich nichts Ungewöhnliches sehen. Die Treppenbeleuchtung brannte noch immer. Als ich auf die Straße trat, sah ich, daß das eine Auto weggefahren war. Ich konnte es noch hinter der nächsten Ecke pusten hören. Oedegaards Auto aber hielt vor der Tür, und der Chauffeur saß auf seinem Platz. Ich fragte ihn nach seinem Passagier. »Ich weiß nicht, was es bedeuten soll,« sagte der Chauffeur. »Der Herr ist mit dem anderen Auto fortgefahren.« »Hat er denn keinen Bescheid hinterlassen?« »Nicht ein Wort. Er bestieg nur in größter Eile das andere Auto, das mit furchtbarer Geschwindigkeit davonfuhr.« »Wer fuhr es?« »Ein Chauffeur, der aus diesem Hause kam. Herr Oedegaard ging allein hinein, aber er kam mit dem Chauffeur wieder heraus.« Nach diesem Bescheid konnte ich mir sagen, daß Oedegaard den Chauffeur getroffen haben mußte, als er den Fahrstuhl beim zweiten Stockwerk halten ließ. Der fremde Chauffeur hatte ihm dort natürlich aufgelauert und ihm Zeichen zugemacht, daß er halten sollte. Ich bat Oedegaards Chauffeur, daß er warten sollte, und stieg die Treppe wieder hinauf. Auf den Stufen waren Spuren von nassem Schnee. Der fremde Chauffeur war also die Treppe hinaufgestiegen und hatte die Schneespuren hinterlassen. Sie gingen nur bis zum zweiten Stockwerk. Ich fand dort aber auch noch etwas anderes, meine Herren. Hatten die beiden Herren, die bisher verschwunden sind, nicht jeder einen Brief in einem hellblauen Kuvert erhalten?« »Ja,« antwortete Doktor Ovesen. »Oedegaard erwähnte es, als er mir über die Sache telephonierte. Wenn ich ihn recht verstanden habe, meine Herren, dann sind Sie im Besitz eines dieser Kuverts.« »Ja, hier ist es,« sagte Doktor Ovesen und reichte dem Detektiv das Kuvert, das er auf dem Teppich in der Halle des Grand Hotel gefunden hatte. Krag glättete es und betrachtete es genau. »Es stimmt,« murmelte er, »es ist genau ein ebensolches.« »Sie wollen doch damit nicht sagen,« rief Doktor Ovesen erschrocken. »Ja, leider,« antwortete Krag, indem er ein Kuvert aus der Tasche zog. »Dieses Kuvert ist auch hellblau.« »Dies Kuvert«, fuhr er fort, »fand ich auf der Treppe. Wie Sie sehen, lautete die Aufschrift kurz und gut: ›Herrn Schriftsteller Eivind Oedegaard‹. Weiter nichts. Keine Adresse. Man wußte, wo man ihn treffen würde.« »Der Unglückliche!« rief Doktor Ovesen und schlug die Hände zusammen. »Jetzt wird's wirklich Zeit, sich an die Polizei zu wenden.« Darauf antwortete Krag nichts. Lange betrachtete er beide Kuverts. Dann sagte er leise und wie abwesend, als ob er mit sich selbst spräche: »Gewöhnliche braune Kopiertinte. Ich glaube, die Marke heißt Kalypso. Dieses hier« – er zeigte auf das eine Kuvert – »hat die Tinte schon aufgesaugt, so daß sie eine dunklere Farbe bekommen hat. Diese Adresse ist schon vor mehreren Stunden geschrieben. Das stimmt auch, denn es ist der Brief an von Brakel. Der Brief an Oedegaard aber ist erst vor ganz kurzer Zeit geschrieben. Die Tinte hat noch eine hellere Farbe. Ich möchte mit größter Bestimmtheit behaupten, daß diese Schrift höchstens zwei Stunden alt ist. Und damit haben wir eine Spur.« »Das scheint mir doch ganz nebensächlich,« sagte Doktor Ovesen. »Es wäre besser, wenn wir wüßten, was in den verfluchten Briefen gestanden hat.« »Sie irren,« wiederholte der Detektiv. »Wenn wir auch nicht wissen, was in den Briefen steht, so haben wir doch eine Spur. Wir haben den Beweis, daß der geheimnisvolle Absender wußte, daß Oedegaard mir einen Besuch machen wollte. Von wem aber kann er es erfahren haben? Von Ihnen, meine Herren?« »Wir haben es ja selbst nicht gewußt,« brauste Doktor Ovesen auf, »abgesehen davon, daß Ihre Andeutung eine Insinuation enthält, die ...« Krag machte eine begütigende Handbewegung. »Keine Uebereilung, meine Herren! Ich muß mit den vorliegenden Umständen rechnen. Im übrigen sprach ich mehr zu mir selbst, ich denke nämlich besser auf diese Weise. Ich gehe also davon aus, daß der Betreffende es in dem Augenblick erfahren hat, als Oedegaard in der Redaktion seiner Zeitung telephonierte. Der geheimnisvolle Absender muß eine Verbindung mit der Zeitung oder mit dem Telephonamt gehabt haben. Sofern nicht ... Sofern nicht ...« Krag wurde plötzlich sehr nachdenklich und schloß seinen Monolog. Nach einer Weile begann er wieder, indem er sich sozusagen innerlich einen Ruck gab. »Wahrscheinlich hat der Chauffeur einen falschen Schlüssel zu meiner Haustür oder die Tür ist unverschlossen gewesen. Das kommt bisweilen vor. Als Oedegaard kam, ist der Chauffeur bis ins zweite Stockwerk gestiegen und hat ihn dort erwartet. Vielleicht hat er sich auch von dem Licht schrecken lassen, das ich im Treppenhaus andrehte.« »Wenn Oedegaard den Fahrstuhl anhielt, muß er den Mann gekannt haben,« bemerkte Doktor Ovesen. »Nicht nötig,« antwortete Krag. »Vielleicht hat der Kerl ihm von der Treppe aus mit dem hellblauen Kuvert gewinkt – das mag genügt haben, um Oedegaard zum Anhalten zu bewegen. Es klang etwas Gespanntes und Erwartungsvolles durch seine Stimme, als er mir heraufrief, daß er gleich kommen würde. Das Unfaßbare, das Seltsame aber ist, daß er, ebenso wie die beiden anderen Herren, Hals über Kopf forteilte, nachdem er den Inhalt des Briefes gelesen hatte.« Während er sprach, hatte er unausgesetzt die verstreuten Papierfetzen vom Boden aufgesucht. Einer dieser Fetzen schien plötzlich sein Interesse zu fangen. Er zeigte ihn Doktor Ovesen. »Es ist eine Rechnung,« sagte er, »ein Stück von einer ganz gewöhnlichen Wäscherechnung. Sehen Sie nur.« Doktor Ovesen betrachtete das Stück Papier genau. »Ja, es ist ein Stück von einer Wäscherechnung,« bestätigte er. Krag las vor: »Hemden, Kragen, Manschetten, Taschentücher – wirklich höchst interessant.« »Finden Sie?« fragte Doktor Ovesen ironisch. »Eine ganz gewöhnliche Wäscherechnung,« wiederholte Krag, und jetzt konnte man seiner Stimme anhören, daß seine Gedanken weit fort waren. Rechtsanwalt Davidsen »Was ist dem in die Krone gefahren?« »Ja, was ist dem wohl in die Krone gefahren?« Dieser etwas einförmige Dialog wurde am 5. Dezember abends halb sieben Uhr zwischen zwei Hoteljungen des Hotels Continental gewechselt. Sie waren an der Eingangstür des Hotels postiert und hatten achtzugeben, daß der Schnee nicht hineinfegte, wenn die Tür geöffnet wurde. Sie standen auf ihre Besen gestützt. Draußen raste ein heftiger Schneesturm. Die Gäste wurden mit aller Gewalt gegen die Tür geschleudert und taumelten ins Vestibül, wo die beiden Hoteljungen sich sofort ihrer bemächtigten und den Schnee von ihnen abbürsteten, so daß der enge Raum wie mit Nebel erfüllt war. Der Herr, der zuletzt hereingekommen war, aber hatte die Jungen brutal beiseitegeschoben und war die Treppe hinaufgestürmt, von Schnee triefend. Es war Rechtsanwalt Davidsen. Ihm hatte die verwunderte Frage der Knaben gegolten. Während Davidsen durch das Lokal eilte, wurden noch von verschiedenen Seiten ähnliche Fragen geäußert. Denn sein Benehmen war höchst sonderbar. Als er in die Garderobe des Eßsaales im zweiten Stock kam, trat ihm der galonierte Paulsen, das unübertreffliche Faktotum aller Gäste, mit allen Zeichen des Entsetzens entgegen, weil man ihm unten im Vestibül den Schnee nicht abgebürstet hatte. Aber sogar Paulsen wurde von der gewaltigen behandschuhten und schneenassen Hand des Rechtsanwalts beiseitegefegt. Darauf riß Davidsen mit einem Ruck die Tür zum Eßsaal auf und eilte hinein. Seine Riesengestalt strömte feuchte Kälte aus, er starrte geradeaus, halb geblendet von dem Nebel, der seine goldeingefaßten Brillengläser überzogen hatte. Die Persianermütze erhob sich wie ein schneebedeckter Berggipfel auf seinem Kopf, der Pelz stand offen und seine flatternden Enden streiften drohend die gedeckten Tische, so daß die Gäste ängstlich nach ihren schwankenden Flaschen griffen. »Zum Donnerwetter, was stellt das vor?« hörte man Paulsen in der Tür zur Garderobe sagen. »Was ist denn los?« flüsterte man erschreckt an den Tischen. Rechtsanwalt Davidsen aber schritt unberührt weiter. Es war, als ob der König des Unwetters in eigener Person von draußen hereingekommen sei, weiß von Schnee, während Kälte seinem Pelz entströmte. Die Kellner eilten hinter ihm her. »Hören Sie mal, Sie da, in Ihrem Pelz! So können Sie hier nicht hereinkommen. Das geht wirklich nicht.« Den ungehobelten Protest der Kellner noch in den Ohren, hatte Rechtsanwalt Davidsen den Eßsaal passiert, riß die Tür zum Korridor auf, wo die Einzelzimmer lagen, und stürzte, ohne anzuklopfen, in Nummer 4 hinein. Kellner, die ihm gefolgt waren, machten vor einer drohenden Bewegung seines Riesenarmes halt und zogen sich knurrend in die Dunkelheit des Korridors zurück. Rechtsanwalt Davidsen schlug die Tür so heftig hinter sich zu, daß die Fensterscheiben klirrten. Erst jetzt zog er seinen Pelz aus und ließ ihn in seinem weißen Schaum auf die Erde gleiten. Darauf warf er die Persianermütze auf einen Tisch, wo Kaffeetassen standen. Sank darauf fassungslos in einen Sessel und sagte, indem er seinen Kopf in den Händen barg: »Ich glaube, ich werde verrückt!« Am Tische saßen Doktor Ovesen und Asbjörn Krag. Der kleine nervöse Doktor Ovesen hätte nicht erschreckter dreinblicken können, wenn ein Bär ins Zimmer gekommen wäre. Er sah mit Abscheu auf den See, den der schmelzende Schnee des Pelzes auf dem Teppich bildete, und sagte mit einer Stimme, die mit seinen Manschettenknöpfen um die Wette bebte: »Wahrhaftig, du mußt total verrückt sein.« Krag aber legte seine Hand beruhigend auf die Schulter des nervösen Arztes. »Nur ruhig Blut,« sagte er, »Rechtsanwalt Davidsen scheint uns eine wichtige Nachricht zu bringen. Mischen wir ihm einen Whisky.« * Wie unsere Leser bereits gemerkt haben, ist Rechtsanwalt Davidsen eine neue Figur in dieser einfachen Erzählung von rätselhaften Ereignissen, die sich Anfang Dezember in Christiania zutrugen. Zu seiner Charakterisierung braucht kaum mehr gesagt zu werden, als sein explosivartiges Auftreten im Hotel Continental bereits andeutet. Rechtsanwalt Davidsen hatte mehr Erfolg in der Sportswelt als in juristischen Kreisen. Seit seinen Studententagen war er eine leitende Kraft bei sportlichen Unternehmungen der Stadt gewesen und hatte dort mehr Lorbeeren geerntet als vor den Schranken des Gerichts. Wenn er im Gericht plädierte, führte er seine Kraft in die Schranken. Die Fenster klirrten bei der Gewalt seiner Stimme und der Tisch bog sich unter der Wucht seiner Faust. Bei spitzfindigen, rein juristischen Duellen konnte er sich keine rechte Geltung verschaffen, galt es aber ein volkstümliches und einfach denkendes Schöffengericht zu überzeugen, dann konnte seine leichtfaßliche, robuste Logik oft entscheidend wirken. Was ihm an Eleganz und Scharfsinn fehlte, ersetzte er durch Glaubwürdigkeit und ehrliche Ueberzeugung. Seine kluge und freundliche Denkweise hatte ihm viele Freunde verschafft, und sein ererbtes, solides Vermögen hatte ihm Vertrauen und eine einbringende Praxis gebracht. Er war auf du und du mit seinem ganzen Umgangskreis, sogar mit dem sonst so zurückhaltenden und abgemessenen Doktor Ovesen. Durch einen reinen Zufall war er in die aufsehenerregende Affäre mit den hellblauen Briefen verwickelt worden, und zwar hatte Direktor Reismann endlich ein Lebenszeichen von sich gegeben, und keinem anderen als seinem alten Freund, Rechtsanwalt Davidsen. Es war der 5. Dezember, als Rechtsanwalt Davidsen um halb sieben Uhr, auf die soeben geschilderte, aufsehenerregende Weise, im Hotel Continental erschien. Seit Direktor Reismanns Verschwinden war eine ganze Woche vergangen, und anderthalb Tage, seit Asbjörn Krag in von Brakels Zimmer im Hotel Savoy den beiden Freunden, Doktor Ovesen und Kapitän Färden, die sensationelle Mitteilung gemacht hatte, daß Oedegaard von demselben Schicksal betroffen worden sei. Weder an jenem Morgen noch später hatte Krag seine Meinung über diese seltsame Affäre geäußert. Er hatte an dem Morgen nur gesagt: »Gehen Sie nach Hause, meine Herren, und schlafen Sie sich aus. Ich bin ausgeruht und kann arbeiten.« Tags darauf, am 4. Dezember, hatten sie sich, wie verabredet, um zwei Uhr getroffen. Krag sprach hauptsächlich von gleichgültigen Dingen, aus seiner Unterhaltung aber war doch hervorgegangen, daß er sich besonders für von Brakels Wäscherechnung interessierte. Er hatte die Fetzen sorgfältig vom Fußboden aufgesammelt und zu einem Ganzen zusammengesetzt. Im übrigen standen dieser Tag und der folgende unter dem Zeichen des kolossalen Aufsehens, den die Sache beim Publikum machte. Handelte es sich doch um einige der bekanntesten Persönlichkeiten der Stadt, und die geheimnisvollen Umstände beim Verschwinden dieser drei Herren setzten die Phantasie der Leute in Bewegung. Die Zeitungen schwelgten in Einzelheiten, um aber die Angehörigen der Verschwundenen nicht unnötig zu beunruhigen, vermieden sie es, Vergleiche mit ähnlichen Fällen im Ausland anzustellen, bei denen friedliche Menschen auf rätselhafte Weise verschwunden waren und wo die Sache schließlich als unheimliche Tragödie geendet hatte. Heutzutage konnte man ja leider überall in Europa auf das Schlimmste gefaßt sein. Am Morgen des 4. Dezember hatte Oedegaards Notiz in der Zeitung gestanden, trotz der großen Belohnung aber hatte sich kein Chauffeur gemeldet. Am Morgen des 5. Dezember, als die Sache bereits allgemeines Tagesgespräch war, annoncierte ein Freund der Verschwundenen, der Schiffsreeder Johannes P. Christensen – populär »Jos« genannt –, daß er zweitausend Kronen Belohnung für denjenigen aussetzte, der Auskunft über den Chauffeur geben könne. Und trotz alledem meldete sich niemand. Am Nachmittag desselben Tages aber, um zwei Uhr, erhielt Rechtsanwalt Davidsen, der Reismann besonders nahestand, einen Eilbrief in seinem Bureau. Der Brief enthielt eine Mitteilung von dem verschwundenen Direktor. Davidsen wußte, daß Asbjörn Krag im Verein mit Doktor Ovesen die Nachforschungen nach den Verschwundenen leitete. Darum setzte er sich unverzüglich mit diesen beiden Herren in Verbindung. Es zeigte sich, daß dieser Brief von Reismann, außer für Davidsen, auch wichtige Mitteilungen für Joh. P. Christensen enthielt. Infolgedessen hatte Davidsen eine Konferenz mit »Jos« in dessen Kontor, und es wurde verabredet, daß beide Herren sich mit Krag und Doktor Ovesen in einem Einzelzimmer des Hotel Continental treffen sollten, um über weitere Maßnahmen zu beraten. Man hatte sich auf halb sieben Uhr verabredet. Und Punkt halb sieben Uhr hatte Davidsen sein merkwürdiges Auftreten im Hotel Continental. * Nachdem er ein Glas Whisky bekommen und sich mit zwei tüchtigen Schlucken gestärkt hatte, fragte Doktor Ovesen ungeduldig: »Wo ist Jos?« »Jos,« sagte Davidsen. »Jos ist auch verschwunden.« Da war es, daß Doktor Ovesen sich erhob und mit vor Zorn bebender Stimme ausrief: »Meine Herren, jetzt ziehe auch ich es vor, zu verschwinden.« Um dem Leser aber diese neue und überraschende Wendung begreiflich zu machen, ist es erforderlich, Näheres über den Brief von Reismann zu berichten. »Jos« Der Brief von Reismann lautete: »Lieber Freund! Ueber meinen Aufenthaltsort kann ich nichts verraten. Aber es geht mir gut. Es ist von äußerster Wichtigkeit, daß umgehend zwanzigtausend Kronen nach Kopenhagen gesandt werden, poste restante, unter Chiffre ›Radix‹. Kaufe eine Bankanweisung. Hast du selbst nicht genügend Geld flüssig, dann gehe zu Jos. Es muß unverzüglich geschehen. Mehr kann ich nicht sagen. Sucht nicht nach mir. Dein Reismann.« Dieser Brief hatte Rechtsanwalt Davidsen teils beruhigt, teils in Aufregung versetzt. Er hatte ihn beruhigt, weil er Beweis dafür war, daß Reismann noch lebte. Denn zu den unheimlichen Gerüchten, die in Umlauf waren, gehörte auch eines von einem internationalen Mordkomplott. Der Brief war von Reismann, denn seine charakteristische Handschrift war nicht zu verkennen. Außerdem war er auf einer von den lithographierten Korrespondenzkarten geschrieben, die Reismann immer bei sich trug. Der Inhalt des Briefes aber beunruhigte Rechtsanwalt Davidsen. Nämlich die zwanzigtausend Kronen, die nach Kopenhagen gesandt werden sollten. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, um eine Gelderpressung dahinter zu vermuten. Außerdem war Reismanns Brief so merkwürdig kühl. Darum beschloß Davidsen, nichts zu unternehmen, bevor er mit Reismanns Freunden gesprochen hatte. Als Doktor Ovesen den Brief gelesen hatte, war auch er keinen Augenblick im Zweifel, daß es sich um einen – wie er sich ausdrückte – plumpen Gelderpressungsversuch handelte. »Wir müssen darauf gefaßt sein, daß alle unsere verschwundenen Freunde uns nacheinander ähnliche Briefe schreiben werden,« meinte er. Asbjörn Krag aber war anderer Meinung. Zwei entscheidende Punkte sprachen gegen die Auffassung, daß man es hier mit einem gewöhnlichen Erpresserbrief zu tun hatte. Erstens stand in dem Brief kein Wort davon, daß der Absender in Gefahr sei und daß die Gefahr sich vergrößern würde, wenn das Geld nicht sofort abgesandt würde. Zweitens war da der Umstand, daß das Geld postlagernd Kopenhagen, »Radix«, abgesandt werden sollte. Wenn eine Gelderpressung vorlag, konnte der Verbrecher sich sagen, daß nichts leichter sein würde, als die Kopenhagener Polizei zu benachrichtigen, so daß derjenige, der das Geld abholte, geradenwegs dem Hüter des Gesetzes in die Arme lief. »Sie sind wohl gar der Meinung, daß wir das Geld ohne weiteres schicken sollen?« fragte Doktor Ovesen spöttisch. »Wenn ich das Geld zur Verfügung hätte,« antwortete Krag, »und wenn ich wie Sie, meine Herren, mit Direktor Reismann in intimer Geschäftsverbindung stünde, würde ich es unbedingt schicken. Vielleicht handelt es sich um ein wichtiges Geschäft.« »Wichtige Geschäfte werden nicht auf so unrationelle Weise abgeschlossen.« »Ich würde«, fuhr Krag unangefochten fort, »meine Order geben, nur mit dem Vorbehalt, daß mein Vertreter in Kopenhagen mit äußerster Vorsicht auftreten soll.« Man beschloß indessen, die Entscheidung Jos zu überlassen, und nachdem Rechtsanwalt Davidsen mit Jos telephoniert hatte, wurde vereinbart, daß alle vier Herren sich im Einzelzimmer Nummer 4 des Hotel Continental treffen sollten. Davidsen wollte Jos in seinem Kontor abholen. Doktor Ovesen und Krag speisten zusammen, und während des Essens entwickelte Ovesen seine Ansicht über die Sache. Doktor Ovesen war wie hypnotisiert von der Affäre. Er pflegte sonst ein regelmäßiges und bürgerliches Leben zu führen und kannte keine anderen Zerstreuungen, als hin und wieder eine Pokerpartie oder ein gutes Mittagessen. Er hatte den Ruf eines kaltblütigen und überlegenen Mannes. Und bisher hatte auch nichts ihn in dem ruhigen, anspruchslosen Dasein gestört, das er bis an sein Ende so fortzuführen gedachte. Wie ein stiller Wanderer auf einem friedlichen Spaziergang plötzlich von einem Unwetter überfallen werden kann, so war er in diese rätselhafte Affäre hineingewirbelt worden, und die Ereignisse, die Schlag auf Schlag gefolgt waren, hatten seine Nerven wie Peitschenhiebe getroffen. Seine Vernunft bäumte sich dagegen auf, daß diese Tatsachen wahr sein sollten, und weil er das Geschehene nicht fassen konnte, benahm er sich wie ein Mensch, der über anscheinend übernatürliche Taschenspielerkunststücke gereizt wird. Trotzdem aber war er unrettbar in das Netz verstrickt, das Geheimnisvolle hatte ihn wie ein Fieber ergriffen. Am liebsten hätte er sich wieder in sein gewohntes, ruhiges Leben zurückgezogen, aber es war ihm nicht mehr möglich. Unterdrückte Erbitterung über das Unfaßbare prägten seinen Gemütszustand. Besonders Krags Gelassenheit reizte ihn. Seine eigene Ungeduld konnte das heitere Gleichgewicht des Detektivs kaum ertragen. Es ärgerte ihn, daß der Detektiv sich am meisten mit den anscheinend unwesentlichen Dingen beschäftigte. So zum Beispiel mit von Brakels Wäscherechnung, von der Krag mindestens einmal am Tage sprach. Während des Mittagessens im Hotel Continental bekam seine Gereiztheit neue Nahrung. »Ich kann Ihr Interesse für solche Nebensächlichkeiten nicht verstehen,« sagte er. »Ich habe gehört, daß Sie im Bureau des Tanzlokals waren. Was wollten Sie da? Die Portokasse und das Bestellbuch über Zeitungsanzeigen durchsehen! Nehmen Sie es mir nicht übel, aber so etwas ist mir denn doch noch nicht vorgekommen.« Asbjörn Krag lächelte nur und sagte, daß man mit Unwesentlichem rechnen müsse, wenn man auf das Wesentliche nicht stoßen könne. In diesem Augenblick hatte Rechtsanwalt Davidsen sein sonderbares Auftreten, mit dem er das ganze Hotel in Schrecken versetzte. Vor Anstrengung stöhnend, ganz erstarrt über das soeben Erlebte, legte er einen Bericht ab, der im wesentlichen folgenden Wortlaut hatte: Jos war nicht abgeneigt gewesen, das Geld zu schicken. Er wußte, daß Direktor Reismann an vielen Spekulationsgeschäften beteiligt war, und es schien ihm nicht unwahrscheinlich, daß es sich hier um ein solches handelte. Erst aber wollte er mit Asbjörn Krag über die Sicherheitsmaßnahmen beraten, die unter allen Umständen getroffen werden sollten. Während Jos und Davidsen noch darüber sprachen, bekam Jos den Brief. Die jüngste weibliche Angestellte des Bureaus brachte ihn, zusammen mit einigen anderen Briefen und Telegrammen. Beim elektrischen Licht mochte ihr die Farbe des Briefes nicht aufgefallen sein, denn sie lieferte ihn ab, ohne ihr Erstaunen darüber zu äußern. Der Schiffsreeder las zuerst die Telegramme und gab durch das Haustelephon darüber Bescheid. Dann nahm er das Papiermesser, um die Briefe zu öffnen. Als Davidsen den Brief sah, der zu oberst lag, sagte er leichthin – er ahnte ja nicht, daß er den Nagel damit auf den Kopf traf: »Sieh, sieh, da ist ja auch ein hellblauer Brief. Vielleicht ein ebensolcher, wie unsere Freunde sie bekommen haben.« Jos lachte nur und antwortete: »Hellblaues Briefpapier scheint modern geworden zu sein.« Als er aber den Brief geöffnet hatte – erzählte Davidsen dramatisch –, spiegelten seine Gesichtszüge den Ausdruck höchster Verwunderung. Nachdem er das Schreiben fast eine Minute angestarrt hatte, ballte er seine Faust und ließ sie mit solcher Wucht auf den Schreibtisch fallen, daß das Tintenfaß in die Höhe sprang. Er fluchte fürchterlich und rief: »So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!« Darauf legte er die Hand auf den Telephonhörer, als ob er jemanden herbeirufen wollte, besann sich aber und verließ mit dem Brief in der Hand schnell das Zimmer. Der Geschäftsführer Als Rechtsanwalt Davidsen in seinem Bericht bis hierher gekommen war, machte er eine unfreiwillige Pause. Er bedurfte einer Stärkung und mischte sich einen neuen Grog. Das Ereignis hatte seine Nerven sehr angegriffen, er fühlte sich dieser geheimnisvollen Affäre gegenüber gänzlich machtlos. Auch Doktor Ovesens Gesicht spiegelte den heißen Kampf, der in seinem Inneren vorging: Sollte er es glauben, oder sollte er es nicht glauben? Was er an menschlicher Vernunft besaß, drängte zu Zweifeln, die tatsächlichen Ereignisse aber zwangen ihn, sich mit der phantastischen Wirklichkeit abzufinden. Nach kurzer Ueberlegung fragte Asbjörn Krag: »Hat auch er das Kuvert verloren?« »Was meinen Sie damit?« »Die anderen Herren, die diese Briefe bekamen, hatten die Kuverts zu Boden fallen lassen, ob es nun aus Schreck oder aus einem anderen Grunde geschah. Ich möchte gern das Kuvert sehen, das Jos bekommen hat.« »Nein,« sagte Davidsen, »Jos zerknitterte sowohl Brief wie Kuvert und steckte beides in die Tasche, bevor er das Zimmer verließ.« »Folgten Sie ihm?« »Nein.« »Das war klug und wohlüberlegt,« murmelte Doktor Ovesen und lächelte ironisch. Davidsen entschuldigte sich damit, daß alles so unerwartet gekommen sei. Er hatte ein oder zwei Minuten gewartet, war dann in den großen allgemeinen Kontorraum geeilt und hatte nach dem Chef gefragt. Man hatte ihm geantwortet, daß der Chef fortgegangen sei. Einer der Angestellten hatte die Beobachtung gemacht, daß der Chef ziemlich verstört ausgesehen habe. Während er im Vorraum Mantel und Gummischuhe anzog, hatte der Angestellte ihn ärgerlich vor sich hinfluchen hören. Der Angestellte hatte ihn gefragt, ob er bald zurückkäme, worauf der Chef kurz geantwortet hatte: »Kümmern Sie sich um Ihre eigene Arbeit!« »Sie haben sich aber doch erkundigt, wie der Brief ins Bureau gekommen ist?« »Natürlich, und hier fängt die Sache an, mystisch zu werden. Anfangs antwortete man mir, daß alle Briefe durch die Post kämen.« »Anfangs! Was meinen Sie damit?« »Ich glaubte mich zu erinnern, daß der hellblaue Brief keinen Poststempel trug. Darum sagte ich, es sei immerhin möglich, daß dieser oder jener Brief auch auf andere Weise abgeliefert werden könnte. Ich bemerkte, daß man meine Fragen im Bureau wie eine Art lästiger Neugierde aufnahm. Daß eine Verbindung zwischen dem Fortgehen des Chefs und dem sensationellen hellblauen Brief bestand, war noch niemandem eingefallen. Ein Beweis, wie unglaublich das Ganze ist, und daß auch ich mich davon überrumpeln lassen konnte. Als ich erfahren hatte, daß Briefe in der Box des Hauptpostamtes abgeholt zu werden pflegten, fragte ich nach demjenigen, der die Post geholt hatte. Es war einer der Boten. Er machte eine äußerst interessante Mitteilung. Er hatte den blauen Brief von einem Mann bekommen, der vor der Post wartete. ›Bist du bei Joh. P. Christensen angestellt?‹ hatte der Mann ihn gefragt. ›Ja.‹ ›Dann nimm diesen Brief mit.‹ Der Junge hatte nicht darauf geachtet, was es für eine Art Brief war, sondern hatte ihn zu den übrigen gelegt. Und ohne weiter darauf zu achten, hatte auch das Fräulein alle Briefe zum Chef hineingebracht. Natürlich fragte ich den Jungen, wie der Mann, der ihm den Brief gegeben hat, aussah. Er mochte zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre alt sein und war einfach gekleidet. ›War es ein Chauffeur?‹ fragte ich den Botenjungen. ›Das mag sein,‹ meinte der Junge, aber er hatte nicht bemerkt, daß ein Auto in der Nähe stand.« »Das beweist,« schob Krag ein, »daß der Mann, der den Brief ablieferte, keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Die Sache hat schon zu viel Aufsehen gemacht. Er wagt es nicht mehr, den Brief selbst abzuliefern. Aber dieselbe Wirkung wie die vorigen scheint er gehabt zu haben, da auch Jos verschwunden ist.« Doktor Ovesen erhob sich, vor Wut bebend. »Es ist doch mehr als merkwürdig,« rief er, »daß man nicht erfahren kann, was in den Briefen steht. Ist es nicht unglaublich, daß der kaltblütige, überlegene Jos bei solcher Gelegenheit den Kopf so ganz verliert, daß er Davidsen nicht eine Andeutung über den Inhalt des Briefes macht!« »Sie haben doch gehört, was Davidsen sagte,« wandte Krag ein. »War er nicht drauf und dran, Ihnen etwas aus dem Brief mitzuteilen und besann er sich dann nicht eines anderen, steckte den Brief in die Tasche und eilte hinaus?« Davidsen nickte eifrig. »Ja, ja, so war es,« bestätigte er. Krag fuhr fort: »Ich glaube nicht, daß wir etwas über den Inhalt der Briefe erfahren, bevor wir selbst einen bekommen.« Doktor Ovesen lachte laut auf. »Glauben Sie,« fragte er, »daß auch ich mit solchem Brief beehrt werden könnte?« »Warum nicht?« »Und daß ich gleich nach Empfang entsetzt meines Weges rennen würde, ohne meinen Freunden eine Mitteilung zu machen?« »Man kann nie wissen. Der Inhalt der Briefe scheint ja größte Eile zu erfordern und dem Empfänger Beine zu machen.« Doktor Ovesen ließ seine Faust schwer und entschieden auf den Tisch fallen. »Nie im Leben«, rief er, »könnte ein Brief auf mich solchen Eindruck machen. Was könnte darin stehen?« Asbjörn Krag lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte sinnend vor sich hin. »Wir wollen mal ein Gedankenexperiment machen,« sagte er. »Die meisten, oder vielleicht alle Menschen haben irgendein Geheimnis, von dem sie annehmen, daß kein anderer Mensch es kennt. Dieses Geheimnis kann mehr oder weniger ernsthafter Art sein. Es ist fast unmöglich, daß ein Mensch, der zwanzig, dreißig, vierzig Jahre auf dieser Welt gelebt hat, nicht ein solches Geheimnis mit sich herumträgt. Es braucht nicht einmal ihn selbst zu betreffen, es kann auch das eines anderen sein. Dann bekommt er eines Tages einen Brief, worin dieses Geheimnis von einem anderen, von einem Unbekannten erwähnt wird ... könnte man nicht auf diesem Wege eine Erklärung finden?« »Solche Geheimnisse habe ich nicht,« sagte Doktor Ovesen mürrisch. »Das ist ja möglich, nur darum haben Sie auch keinen Brief bekommen. Schade übrigens. Wenn Sie ein Geheimnis hätten, dann würden Sie vielleicht auch solchen Brief, und wir eine Erklärung bekommen. Denn Sie würden uns das Geheimnis doch gleich enthüllen, nicht wahr?« Krag lächelte ironisch. »Ihre Theorie ist nicht stichhaltig,« sagte Doktor Ovesen widerstrebend, »denn sie setzt bei dem Absender Allwissenheit voraus.« »Bevor ich Jos' Kontor verließ,« fuhr Davidson fort, »kam der Geschäftsführer, Harald Billington, den Sie ja auch kennen. Als er hörte, daß ich mit dem Personal über einen hellblauen Brief verhandelte, zog er mich hastig ins Privatkontor. Meine Herren, Herr Billington verriet alle Anzeichen einer nervösen Unruhe. Er gab sich alle Mühe, Jos' Verschwinden als ein ganz alltägliches Ereignis darzustellen, und bemerkte etwas von einer Konferenz auswärts. Als ich ihm die seltsame Episode von dem hellblauen Brief erzählen wollte, unterbrach er mich, als ob er die ganze Geschichte schon kenne, zog seine Uhr und murmelte das eine Wort: ›Schon‹ vor sich hin. Ueberhaupt hatte ich den Eindruck, als ob Billington mehr wußte, als er zeigen wollte.« »Er war nicht zugegen, als der Chef fortging?« fragte Krag. »Nein,« antwortete Davidsen, »er kam erst, als ich das Personal ausfragte.« »Dann ist es ja möglich, daß er in der Zwischenzeit den Verschwundenen gesprochen hat.« »Es ist sogar sehr wahrscheinlich,« antwortete Davidsen, »denn Billington bestritt aufs entschiedenste, daß das Verschwinden seines Chefs mit den sensationellen Ereignissen in Verbindung stehe. Er sagte ausdrücklich und mit scharfer Betonung: ›Jedes derartige Gerücht wird aufs bestimmteste dementiert werden.‹« »Ich schlage vor,« sagte Doktor Ovesen, »daß wir Billington sofort herbitten. Er scheint etwas zu wissen.« Im selben Augenblick wurde laut an die Tür geklopft. Doktor Ovesen zuckte zusammen. »Sie werden blaß, Doktor Ovesen,« sagte Krag lächelnd. »Vielleicht ist es der Brief für Sie.« Der letzte Brief Das Faktotum Paulsen mir seinem unerschütterlichen Ernst und seiner tadellosen Livree zeigte sich in der Tür. Sein Blick schweifte forschend durch den Raum, wo der hellblaue, duftende Zigarettenrauch sich durch den Luftzug der offenen Tür in transparenten Spiralen über dem Tisch bewegte. »Ich wußte ja, daß er nicht da sei,« sagte Paulsen. »Hier ist ein Brief für ihn.« »Für wen?« »Für Schiffsreeder Christensen.« Doktor Ovesen eilte auf ihn zu. »Ein Brief,« rief er. »Lassen Sie mal sehen.« Paulsen zeigte ihn. Es war ein Brief in einem dicken Kuvert, wie Banken ihn bei Geldsendungen zu verwenden pflegen. Doktor Ovesen fühlte sich offenbar erleichtert, als er die Farbe des Briefes sah. »Gott sei Dank!« murmelte er, indem er zu seinem Platz zurückkehrte. »Ich fürchtete schon, es sei ein neuer Scherz.« »Sie vergessen,« sagte Krag, »daß Jos seine Mitteilung schon bekommen hat.« Der Detektiv streckte die Hand nach dem Brief aus. »Geben Sie ihn mir,« sagte er, »wir erwarten Herrn Christensen jeden Augenblick.« Paulsen reichte ihm zögernd den Brief. »Aber es wird auf Antwort gewartet,« sagte er. »Antwort? Wer wartet auf Antwort?« »Ich weiß nicht. Einer, der draußen in einem Auto hält.« »Gut! Sagen Sie ihm, daß die Antwort sogleich kommen wird.« »Wenn Herr Christensen aber jeden Augenblick kommen kann, wäre es doch wohl das beste, ich gäbe ihm den Brief selbst.« »Herr Christensen ist hier im Hotel,« antwortete Krag, »er ist in einem der Zimmer zu einer Konferenz und kommt dann direkt zu uns.« »Gut. Dann will ich dem Mann im Auto Bescheid sagen.« Damit ging Paulsen hinaus. Krag drehte den Brief hin und her. Er trug folgende Adresse: »Herrn Schiffsreeder Joh. P. Christensen , Hotel Continental, Zimmer Nr. 4. Sofortige Antwort erbeten.« »Mich dünkt, daß Sie eine ziemlich kühne Behauptung aufstellten, als Sie sagten, daß Jos sich hier im Hotel aufhielte,« sagte Doktor Ovesen. »Mein lieber Doktor,« antwortete Krag, »das war gar keine Behauptung, das war eine regelrechte Lüge.« »Wozu aber diese unnötige Lüge?« fragte Doktor Ovesen spitz. Krag antwortete: »Weil ich den Mann im Auto veranlassen wollte zu warten.« »Da kann er lange warten,« fiel hier Davidsen ein. »Ich bin überzeugt, daß Jos nicht kommt. Eher glaube ich, daß Oedegaard oder Karl-Erich von Brakel plötzlich durch die Tür treten.« Krag betastete den Brief prüfend, wie ein Bankmann, der einen verdächtigen Schein untersucht. »Ein seltsamer Brief,« sagte er. »Wirklich, ein seltsamer Brief. Es ist sehr kalt draußen, nicht wahr?« »Kalt! Was meinen Sie damit?« »Ich meine, wir sollten nicht unmenschlich sein. Wir können den Mann draußen im Auto nicht so lange warten lassen.« Damit nahm Krag schnell sein Messer aus der Tasche und schnitt den Brief auf. Doktor Ovesen fuhr in die Höhe. »Anderer Leute Briefe öffnen!« rief er. »Das geht doch wirklich nicht an. Das ist eine strafbare Handlung.« Krag guckte in das Kuvert hinein und lächelte. »Dachte ich es doch,« murmelte er, »ich habe es von außen gefühlt. Es ist ein merkwürdiges Kuvert, meine Herren, ein zweiter Brief liegt drin.« Er zog mit den Fingern einen Brief heraus. Es war ein hellblaues Kuvert – genau wie diejenigen, die das Verschwinden der drei Freunde, Reismann, von Brakel und Oedegaard, veranlaßt hatten. »Das reine Taschenspielerkunststück,« sagte er, »immer ein Brief in dem anderen. Der Absender liest die Zeitungen, meine Herren, er ist sehr vorsichtig geworden. Er weiß, welches Aufsehen die Sache geweckt hat. Würde er einen hellblauen Brief abgeben, riskierte er gleich, verhaftet zu werden, und darum steckt er ihn in dieses unauffällige, graue Bankkuvert. Es sieht aus, wie eine jener kleinen Geldsendungen, die Herrschaften bisweilen in den Einzelzimmern des Hotels empfangen, wenn ihnen beim Poker die Moneten ausgegangen sind. Betrachten wir die Aufschrift. Richtig, genau dieselbe Handschrift wie auf den anderen Briefen.« Krag warf den hellblauen Brief auf den Tisch. »Wir haben Glück gehabt,« sagte er. »Irre ich mich nicht, sind wir in der Lage, das Rätsel zu lösen. Dort liegt ein hellblauer Brief, den wir allen Grund haben zu öffnen.« Die anderen Herren starrten den Brief an wie etwas, das man nicht anzurühren wagt. Besonders Rechtsanwalt Davidsen sah urkomisch aus, als er sich mit einer Miene über den Tisch beugte, als stehe er vor einem Aquarium und betrachte ein kleines tückisches Ungeheuer aus der Tiefe des Meeres. An der Adresse war übrigens nichts Ungewöhnliches. Da stand nur: » An Jos! Eilt !« »Die Verbrecher erlauben sich einen merkwürdig vertraulichen Ton,« sagte Krag. »›An Jos‹ – das klingt ja ganz freundschaftlich. Nun fragt es sich, ob wir hier bis in alle Ewigkeit sitzen und uns gegenseitig ansehen, oder ob wir zur Veränderung mal einen Blick auf den famosen Brief werfen wollen. Ich schlage vor, daß wir uns unverzüglich ins Heiligtum begeben. Meine Herren, ich übernehme die Verantwortung,« sagte Krag und ergriff den Brief. Doktor Ovesen war nervös geworden und versuchte eine Einwendung. »Wenn nun aber Ihre Theorie von einem Geheimnis richtig ist, wenn der Brief wirklich ein Geheimnis von Jos enthüllt, das zu erfahren wir keine Berechtigung haben? Auf alle Fälle ist es juristisch eine sehr ernste Sache, den Brief eines anderen zu öffnen. Darauf möchte ich die Herren doch aufmerksam machen.« »Auch juristisch übernehme ich jede Verantwortung,« sagte Krag und schnitt das Kuvert auf – irritierend langsam und vorsichtig, schien es Davidsen, als ob er ein kostbares Buch aufschnitte. »Und was die moralische Seite anbelangt,« fuhr Krag fort, »so kann man unsere Handlung unmöglich ein Unrecht nennen. Wir tun es doch einzig und allein, um unseren Freunden in der Not zu Hilfe zu kommen. Nun ist es geschehen, meine Herren, hier ist der Brief.« Krag entfaltete den Brief. Es war ein halber, hellblauer, unliniierter Bogen. Krag sagte: »Wenn der Brief ein persönliches Geheimnis von Jos enthält, stecke ich ihn wieder ins Kuvert, und keiner von Ihnen, meine Herren, soll je erfahren, was er enthielt. Wie ich sehe, scheint er aber kein Geheimnis zu enthalten, das nicht auch Sie erfahren können. Hören Sie, was hier steht.« Krag las vor: » Komm sofort. Wir brauchen einen vierten Mann .« Der Detektiv reichte den Brief über den Tisch. Davidsen griff zuerst danach. »Bei allen Teufeln!« rief er. »Wahrhaftig, es steht nichts weiter darin.« Auch Doktor Ovesen las es und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse von Unwillen und Mißbehagen. »Wir scheinen es hier mit einem Spottvogel zu tun zu haben,« sagte er. Auch Rechtsanwalt Davidsen fiel ein, indem er seine gewaltigen Fäuste auf dem Tisch ballte: »Mit dem Scherzvogel werde ich mich mal unterhalten, wenn ich ihn treffe.« Krag sagte: »Gewiß, manches deutet darauf, daß man uns hier einen Schabernack spielen will. Aber ich bin dafür, daß wir auf den Scherz eingehen. Wir riskieren zu viel, wenn wir es unterlassen. Es hat aber auch den Anschein, als ob unsere geheimnisvollen Gegner sich in einen unerwarteten Widerspruch verwickelt hätten. Dies ist der zweite Brief an Jos. Der Absender hat nichts davon gewußt, daß Jos bereits einen hellblauen Brief bekommen hatte, der ihn fortrief. Es ist eine falsche Masche in das Gewebe geraten. Wo ist nun die falsche? In diesem oder in dem ersten Brief? Nehmen wir an, daß die Fälschung ein Scherz war, obgleich ein Scherz oft die Möglichkeit eines tragischen Endes in sich trägt. Das, was mich beunruhigt, ist das ständige, unnatürliche Schweigen unserer verschwundenen Freunde. Es ist unsere Pflicht, jede Gelegenheit, die uns Aufklärung bringen kann, zu ergreifen. Der Mann draußen im Auto wartet. Von diesem Augenblick an bin ich ›Jos‹. Und habe die Absicht, ihm zu folgen.« In die Dunkelheit hinein »Allein?« fragte Doktor Ovesen. »Ganz allein,« antwortete Krag, »nur auf diese Weise kann unser Vorhaben glücken.« Doktor Ovesen lachte plötzlich nervös auf. »Mir fällt eben ein,« sagte er erklärend, »daß die Situation eigentlich urkomisch ist.« »Ja, einen Zug von Komik hat sie,« sagte Krag, »aber warum entdecken Sie das jetzt erst?« »Weil ich anfange, die Erfindungskunst der Herren Absender der blauen Briefe zu bewundern.« Rechtsanwalt Davidsen brauste auf. »Nennen Sie diesen Brief erfinderisch?« rief er ärgerlich. »›Komm sofort! Wir brauchen einen vierten Mann.‹ Als ob sie einen Vierten zum Bridge einladen wollten. Ich weiß nicht, was Jos getan hätte, wenn ihm dieser Brief ausgehändigt worden wäre, aber ich kann mir nicht denken, daß er dem Wink gefolgt und augenblicklich auf und davongegangen wäre. Ich hätte es jedenfalls nicht getan. Wenn die Briefe, die von Brakel und Oedegaard so erschreckt haben, von derselben Art waren, dann muß ich sagen, daß die Herren sehr schreckhaft sind.« »Es ist nicht gesagt, daß die Worte an und für sich etwas besagen,« wandte Krag ein, »vielleicht haben sie eine heimliche Bedeutung für denjenigen, an den sie gerichtet sind. Aber ich verstehe Doktor Ovesen. Sie meinen, daß es eine Falle sein soll. Gesetzt, diese Menschen wollen mich in ein Netz locken, so ist die Sache recht hübsch arrangiert. Meinten Sie nicht so, Herr Doktor?« »So ungefähr,« antwortete Doktor Ovesen. »Sie müssen zugeben, wenn Sie nun auch verschwinden, nachdem Sie einen hellblauen Brief bekommen haben, dann ist unsere Lage mehr als komisch.« »Kommen Sie mit,« schlug Krag vor. »Meinetwegen gern. Aber glauben Sie, daß der Mann, der draußen im Auto wartet, damit einverstanden ist?« »Kaum. Aber Sie brauchen ja auch nicht sein Auto zu benutzen. Wir bestellen einen anderen Wagen. Ich fahre mit meinem Unbekannten davon, und Sie können in passender Entfernung folgen.« Dieser Vorschlag sagte Rechtsanwalt Davidsen sehr zu, und nach einiger Ueberlegung ging auch Doktor Ovesen darauf ein. Das Abenteuerliche daran gefiel ihm nicht, aber er fand schnell einen Grund für seine Beteiligung. »Vielleicht ist ein Arzt nötig,« sagte er. »Müssen wir Waffen bei uns haben?« fügte Ovesen ganz streitlustig hinzu. Krag zuckte die Achseln. Da aber erhob Rechtsanwalt Davidsen sich in seiner ganzen Länge und Kraft. Er schien fast den ganzen Raum auszufüllen. Und indem er seine Muskeln reckte, sagte er: »Ich bin gewappnet.« Krag verließ zuerst das Restaurant. In angemessener Entfernung folgten ihm Ovesen und der Rechtsanwalt. Letzterer erregte jetzt viel weniger Aufsehen im Speisesaal als vorhin. Draußen im Schnee warteten mehrere Autos. Einige Chauffeure trabten vor ihren Wagen auf und ab, um sich warm zu halten. Krag musterte die Reihe der Autos genau. Nur ein einziges Privatauto schien darunter zu sein. Der Chauffeur saß am Steuer, der Motor war in Gang und arbeitete leise. »Das scheint es zu sein,« dachte Krag. Der Schneesturm kam um die Ecke geheult, die Laternen brannten verschwommen im Schneegestöber. Die wenigen Menschen, die auf der Straße gingen, wurden förmlich vorwärts getrieben. Krag schlug den Kragen seines Ulsters hoch, so daß nur noch seine Augen zu sehen waren. Er wartete einen Augenblick, und als er seine Freunde die Treppe des Hotels herunterkommen sah, rief er: »Jos Christensens Auto!« »Hier!« Der Chauffeur des Privatautos antwortete, und gleichzeitig streckte er die Hand aus und öffnete die Wagentür. Krag stieg ein und der Chauffeur schlug die Tür mit einem Knall zu. Er wartete keinen Bescheid ab, wohin er fahren sollte. Krag hatte nur einen Schimmer von seinem Gesicht zu sehen bekommen. Ein Mann in den Dreißigern, blond, mit rötlichem Vollbart, eigentlich ganz vertrauenerweckend, kein Gesicht, das man mit verbrecherischen Manövern in Verbindung bringen würde. Krag hielt seine warme Hand gegen die gefrorene Fensterscheibe. Nach einer Weile konnte er Ladenfenster, Laternen und Schilder erkennen und mit Hilfe dieser schwachen Merkmale sich orientieren. Anfangs sah es aus, als ob der Bestimmungsort im Westen läge. Plötzlich aber bog das Auto in die Frederiksgade ein und nahm östliche Richtung. Wegen der Schneehaufen, die sich überall auf den Straßen gebildet hatten, war es schwer, vorwärts zu kommen, das Auto fuhr aber doch recht schnell. Als sie sich dem Ankerplatz näherten, fuhr das Auto langsamer. Krag wunderte sich. Sollte es möglich sein, daß man die Verschwundenen mitten im Zentrum der Stadt in Verwahrung gebracht hatte? Es sah wirklich so aus. Denn jetzt bog das Auto in einen offenen Torweg ein und hielt auf dem Hof. Der Chauffeur stieg aus. Rasch öffnete Krag die Tür und sprang heraus. Der Hof war dunkel und schwarz, auf allen Seiten von hohen Brandmauern umgeben. Die Autolaternen warfen ihren Schein in eine Ecke des Hofes, wo eine Menge Fässer und Tonnen aufgestapelt lagen. Krag stand abwartend. Er hielt seine Hände in den Taschen des Ulsters, wo sein Revolver lag, den Kragen hatte er noch immer bis über die Ohren geschlagen. Er folgte den Bewegungen des Chauffeurs mit gespannter Aufmerksamkeit. Der Chauffeur schloß das große Tor, durch das sie gekommen waren, und schob den Riegel vor. Darauf trat er auf Krag zu und sagte: »Steigen Sie ein, jetzt können wir weiterfahren.« Krag konnte sein Erstaunen kaum verbergen. Indessen hatte er Geistesgegenwart genug, mit den Füßen aufzustampfen, als ob er der Kälte wegen ausgestiegen sei, um sich Bewegung zu machen. Er stieg wieder ein. »Weiterfahren!« dachte er. »Wo in aller Welt sollen wir in dieser Pechdunkelheit und auf diesem engen Hof hinfahren?« Der Chauffeur schloß dienstwillig die Tür hinter ihm, indem er sagte: »Das haben wir fein gemacht. Ich glaube, man war hinter uns her.« Krag dachte an Ovesen und Rechtsanwalt Davidsen in dem anderen Auto. Und wirklich! Jetzt hörte er, daß ein Auto draußen hielt und daß sich Menschen dem Tor näherten. Sie mußten es sein. Der Chauffeur setzte sich schleunigst auf seinen Platz und fuhr langsam über den Hof. Plötzlich lenkte er das Auto nach rechts und ließ es vorsichtig durch einen engen Gang gleiten. Sie waren offenbar in einem Häuserkomplex, an dessen Ende ein anderes Tor war, das offen stand und in eine andere Straße führte. »Aha,« dachte Krag, »der bekannte Kniff! Jetzt donnern unsere Verfolger gegen das verschlossene Tor, während wir ruhig auf diesem Wege verschwinden.« Der Chauffeur machte draußen auf der Straße halt, um auch dieses Tor zu schließen. Bevor er damit fertig war, hörte man von der anderen Seite ein furchtbares Krachen. Der Chauffeur kam etwas erschrocken zurück und sagte: »Ich glaube fast, daß sie das Tor gesprengt haben.« Krag mußte an die Riesenkräfte von Davidsen denken. War er in Tätigkeit? Der große Hof hallte von dem furchtbaren Krach wider, der von den hohen Mauern vielfach zurückgeworfen wurde. Krag rief durch das offene Fenster des Autos: »Los! Fahren Sie zu!« Der Chauffeur beugte sich ganz ängstlich zu ihm herab. »Sie sorgen wohl dafür, Herr, daß ich keine Unannehmlichkeiten bekomme. Ich glaube, die Polizei ist hinter uns her.« »Ich übernehme jede Verantwortung,« sagte Krag. »Fahren Sie nur zu.« Gleich darauf eilte das Auto wieder durch die schneebedeckten Straßen. Durch das Guckloch, das Krag sich auf dem vereisten Fenster gehaucht hatte, konnte er die Richtung der Fahrt verfolgen. Es dauerte nicht lange, da hatten sie die Stadt hinter sich und befanden sich auf der Landstraße. Der Schnee lag hoch und das Auto glitt beschwerlich weiter. Schließlich bogen sie in einen Wald ein. Verschneite Bäume standen am Wege, und alles wurde dunkel. Das Unwetter ging über den Wald wie über ein Dach hin. Unten auf dem Grunde war es still, nur das Arbeiten des Motors war zu hören. Krag lehnte sich in den Wagen zurück, gleichgültig abwartend wie ein Mensch, der nicht weiß, wohin die Fahrt geht. Das alte Wirtshaus Krag hatte Zeit, über die neuesten seltsamen Geschehnisse nachzudenken. Nichts störte ihn. In der Dunkelheit konnte er weder etwas sehen noch hören. »Wo geht die Fahrt hin?« fragte Krag sich selbst. Er dachte daran, daß der Brief, den Rechtsanwalt Davidsen wegen des Geldes bekommen hatte, aus Moß abgesandt gewesen war. Dies war der Weg nach Moß, vielleicht war das das Ziel. Asbjörn Krag waren seit der Abfahrt vom Hotel Continental zwei Umstände aufgefallen, die ihn in Erstaunen setzten. Erstens die Art, wie der Chauffeur sich den beiden Verfolgern Ovesen und Davidsen entzogen hatte. Ohne sich mit seinem Passagier zu beraten, hatte er die hübsche Falle in dem Hof arrangiert. Das bewies, daß er seine ganz bestimmten Befehle hatte, und daß derjenige oder diejenigen, die ihm diese Befehle gegeben hatten, sich über die Gefahr einer Verfolgung klar gewesen waren. Andererseits aber hatte die vertrauliche Art des Chauffeurs gezeigt, daß von einer Entführung oder einem Zwang nicht die Rede sein könne. Im Gegenteil, der Chauffeur hatte ja sogar gegen eventuelles Einschreiten der Polizei Schutz bei ihm gesucht. Waren die anderen Herren auch mit eigenem Wissen und Willen entführt worden, und was bedeuteten in solchem Fall die Briefe? Und der ganze mystische Apparat? Krag konnte nur feststellen, daß der Chauffeur ihn nicht kannte, sondern ihn für Jos hielt. Wem mochte dieses Auto gehören, und auf wessen Befehl fuhr der Chauffeur? Als die Zeit verstrich und nichts sich ereignete, machte Krag es sich im Auto bequem. Er zündete sich eine Zigarre an. Wie er in seiner Tasche nach Streichhölzern suchte, stieß er gegen seinen Revolver. Er mußte inwendig lachen bei dem Gedanken, wie wenig diese Fahrt einer Entführung glich. Von seinem Platz aus konnte er jederzeit mit dem Revolver den Chauffeur unschädlich machen und seine Stelle am Steuer einnehmen. Nicht der Entführte war machtlos, sondern der Chauffeur. Würde das ganze Abenteuer auf dieselbe friedliche, liebenswürdige Weise verlaufen? Unmöglich! Das Entsetzen der anderen beim Empfang der Briefe war doch zu unbegreiflich ... Plötzlich aber fiel Krag von Brakels Wäscherechnung ein. Er rechnete sich die einzelnen Posten halblaut vor: Pyjamas zwölf Kronen, Kragen á vierzig Oere ... Welche Verbindung mochte Krag zwischen dieser alltäglichen Wäscherechnung und der geheimnisvollen, nächtlichen Automobilfahrt im düsteren Walde suchen? Endlich schien etwas zu geschehen. Am Wege tauchte der gelbe, verschwommene Lichtschein einer Laterne auf, die an einem Pfahl am Wege aufgehängt war, und der Chauffeur bog in einen schmalen Seitenweg ein. Er konnte kaum vorwärts kommen wegen der hohen Schneewehen, die hier zusammengefegt waren. Das Auto hielt auf einem offenen Platz, wo die schattenhaften Konturen einiger Hofgebäude sich von dem verschneiten Wald abhoben. Der Chauffeur verließ seinen Platz und öffnete die Tür, indem er sagte: »Wir sind da. Das war 'ne tolle Fahrt.« Krag stieg aus und blickte sich um. Als sein Auge sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, erkannte er den Ort. Dort, geradevor, lag das Hauptgebäude, und dort der Stall. Es war das alte Wirtshaus Tyrihöhe, ein bekannter Ort in der Nähe von Christiania, wo man in alten Zeiten ein Stück Volksleben sehen konnte, wenn die Bauern sich mit ihren dampfenden Gläsern niederließen, und der Hof voll von Schlitten und Pferden war. Hin und wieder kamen auch Gäste aus Christiania, verschlossene Wagen mit Paaren, die sich heimlich ins Wirtshaus schlichen, oder offene Wagen mit ausgelassenen Menschen, von einem Fest in der Stadt. Dies alles aber gehörte verflossenen Zeiten an. Krag wußte allerdings, daß man noch besonders bevorzugte Gäste empfing; daß das alte Wirtshaus aber noch ein Ausflugsziel für Städter war, das war ihm neu. Aus dem Gebäude erklang auch nicht, wie in früheren Zeiten, festlicher Lärm, nur aus einigen Fenstern fiel matter, gelber Lichtschein über den Schnee. Der Chauffeur fragte: »Heute nacht soll ich wohl nicht mehr fahren?« »Ich denke kaum,« antwortete Krag und fügte auf gut Glück hinzu: »Die vorigen Male sind Sie doch noch später unterwegs gewesen.« »Da war das Wetter aber auch nicht so schlimm.« »Hier haben wir also den Sünder,« dachte Krag bei sich. Laut aber sagte er: »Zeigen Sie mir bitte den Weg.« Der Chauffeur ging auf das Haus zu. Ein schmaler Pfad war durch den fußhohen Schnee geschaufelt. »Kann man hier etwas zu essen bekommen?« fragte Krag. »Ja, gewiß,« antwortete der Chauffeur eifrig. »Ich bin erst heute vormittag in der Stadt gewesen und habe Proviant geholt. Schnaps und Champagner und viele gute Dinge. Die Tür steht offen. Sie werden oben erwartet.« Er öffnete eine Tür zu einem schmalen Gang, der von einer Lampe unter der Decke spärlich erleuchtet wurde. Der Chauffeur rief nach oben: » Halvar! Halvar! Er ist da !« Gleich darauf ertönten schwere Schritte über ihnen, und eine breite Gestalt tauchte auf der Treppe auf – ein älterer, vierschrötiger Bauer, dessen Gesicht von grauem Haar und Bart eingerahmt war. Krag meinte in ihm den alten Wirt wiederzuerkennen. »Willkommen, Herr Christensen,« rief der Bauer hinunter. »Kommen Sie nur herauf. Nehmen Sie Ihren Pelz ab, Herr Christensen, hier oben ist's warm und schön. Sie haben sich sehr verändert, Herr Christensen, aber es ist auch lange her, seit man Sie hier draußen gesehen hat. Bitte hier, Herr Christensen, hier ist ein kleiner Raum zum Abnehmen.« Er führte Krag in einen Raum, wo bereits mehrere Pelze hingen. Der Detektiv benutzte einen günstigen Augenblick, um seinen Revolver aus der Tasche des Ulsters in die seines Jackettanzuges zu schmuggeln. Vorsicht war geraten. Trotz der außerordentlichen Höflichkeit, die man ihm bewies, hatte dieses große öde Gebäude doch etwas Unheimliches, das ihn beunruhigte. Er hörte den Wirt durch den langen, schmalen Korridor rufen: »Herr Christensen ist da.« Krag wartete auf dem Korridor. Auf jeder Seite lagen vier Zimmer – die Gaststuben des alten Wirtshauses. Am Ende des Korridors führte eine Doppeltür zu einem größeren Zimmer. Plötzlich wurde diese Tür geöffnet, und ein Herr erschien auf der Schwelle. Es war Reismann, der verschwundene Direktor des Tanzetablissements »Die blaue Eule«. Als er Krag sah, blieb er starr und verwundert stehen. Im nächsten Augenblick aber zog er die Tür hinter sich zu, als wollte er verhindern, daß Unbefugte einen Einblick ins Zimmer bekommen sollten. »Herr Krag,« sagte er, »Sie hier?« »Es scheint Sie in Erstaunen zu setzen,« sagte der Detektiv. »Offenbar haben Sie mich nicht erwartet?« »Nein, wahrhaftig nicht. Was wollen Sie hier?« »Ich wollte der vierte Mann sein, der hier fehlte,« antwortete Krag. »Wo in aller Welt aber ist Jos?« fragte Reismann. Wo ist »Jos«? Krag beantwortete die Frage nicht. Die beiden Herren standen sich unbeweglich in der trüben, flackernden Beleuchtung des Korridors gegenüber. Plötzlich lachte Reismann auf, ein helles, ansteckendes Lachen, und seine Augen blitzten belustigt. Er glich einem mutwilligen Knaben, der bei einem Streich auf frischer Tat ertappt wird. »Der dumme Oedegaard hat schuld,« sagte er. »Er kann seine Phantasie nie zügeln. Ich war wütend, als ich hörte, daß er Sie in die Sache verwickelt hatte. Das heißt doch die Dinge zu weit treiben. Aber er hat, wie gesagt, zu viel Phantasie. Er ist ja auch Verfasser.« »Er ist nicht der einzige, der übertrieben hat,« bemerkte Krag. »Da ist noch ein anderer, nämlich der junge Karl-Erich von Brakel.« »Wieso? Was hat der verbrochen?« »Er hat seine alten Wäscherechnungen zerrissen.« »Seine alten Wäscherechnungen zerrissen,« murmelte Reismann und sah Krag verblüfft an. »Ich begreife nicht, was Sie meinen.« »Ich werde es Ihnen später erklären. Als alleinstehendes Phänomen ist es nicht leicht zu verstehen. Wir waren um das Schicksal der Herren besorgt.« »Das war auch beabsichtigt.« »Ich fange an zu begreifen. Aber daß Sie Ihre Freunde bis zu dem Grad in Angst versetzen wollten!« Reismann lachte wieder. »Haben unsere Freunde sich wirklich so um uns geängstigt?« »Sogar sehr. Besonders Doktor Ovesen hat beinahe den Verstand verloren.« »Das ist sehr schmeichelhaft,« sagte Reismann. »Wollen Sie bitte vorläufig hier eintreten, Herr Krag. In unser Hauptquartier kann ich Sie erst führen, wenn ich mich mit den anderen beraten habe. Bitte hier.« Indem er Krag in eines der kleineren Zimmer führte, fuhr er fort: »Es ist immer ein Wunsch von mir gewesen, meinen eigenen Nekrolog zu lesen, und in diesen Tagen ist er mir fast erfüllt worden. Was haben die Zeitungen nicht alles von mir geschrieben: ›der junge, sympathische Geschäftsmann‹, ›der begabte Künstler‹ usw. Herrlich, wenn man öffentlich so gelobt wird. Als ob man eine günstige Auskunft über sich selbst bekäme!« »Haben Sie deshalb die ganze Sache in Szene gesetzt?« fragte Krag. »Nein, das wäre sie nicht wert gewesen. Ein solcher Selbstbewunderer bin ich denn doch nicht.« »Glauben Sie nicht, daß diese Komödie Ihrer Stellung und Ihren Geschäften schaden kann?« »Im Gegenteil. Die Menge wird über die Lösung entzückt sein.« »Die Menge hat sich sehr mit der Sache beschäftigt.« »Das sollte sie auch,« antwortete Reismann fast stolz und zeigte auf gewaltige Stöße von Zeitungen, die auf dem Fußboden, auf Stühlen und Tischen lagen. »Es ist fast zuviel des Guten gewesen,« fügte er hinzu. Krag sah sich in dem kleinen Zimmer um. Es war ein ganz gewöhnliches Hotelzimmer, das außer den notwendigsten Möbeln und den Zeitungen nur einen Pelz und einige Toilettengegenstände enthielt. »Dies ist mein Schlafzimmer,« erklärte Reismann. »Nebenan wohnt Oedegaard.« »Er befindet sich wohl?« »Ganz außerordentlich.« »Und von Brakel?« »Nicht weniger. Er ist bei glänzender Laune und arbeitet brillant. Sein Zimmer liegt dort links.« Krag stutzte. »Er arbeitet brillant!« rief er. »Er arbeitet – hier? Das verstehe ich nicht.« »Warten Sie es ab.« Asbjörn Krag setzte sich auf den einzigen Stuhl, Reismann schwang sich auf den Tisch. »Sie erwarten noch eine Person?« fragte er. »Oder erwarten Sie noch mehr?« »Nein, wir erwarten nur noch Jos. Er sollte kommen, nicht Sie. Ich begreife nicht, warum er nicht gekommen ist.« »Ich hatte erwartet, ihn hier zu treffen,« antwortete Krag. »Er hat Ihr erstes Signal bereits um drei Uhr bekommen.« »Mein erstes Signal! ...« wiederholte Reismann und sah Krag verwundert an. Plötzlich fragte er: »Wie haben Sie sich des Autos bemächtigt?« »Mit Hilfe Ihres Briefes. Ich öffnete den Brief an Jos.« Reismann drohte ihm scherzhaft mit der geballten Faust. »Ha, Schurke, jetzt verstehe ich.« »Es war ein Doppelbrief. Der hellblaue Brief lag in einem großen grauen Umschlag.« »Das taten wir aus Vorsicht, um nicht den Verdacht der Polizei und der Hotelbedienung zu wecken. Es kam ja darauf an, daß der Brief sicher in das Einzelzimmer des Hotel Continental gelangte. Von welchem Signal aber sprachen Sie? Mein erstes Signal, sagten Sie. Was meinen Sie damit?« »Einiges an dieser Sache ist mir noch rätselhaft,« antwortete Krag, »etwas aber ist mir klar und ist mir die ganze Zeit klar gewesen, daß die Beteiligten, oder wenn Sie lieber wollen ›die Entführten‹« – Krag lächelte scherzend, und Reismann erwiderte sein Lächeln – »in die ganze Sache eingeweiht waren. Auch Jos war eingeweiht, nicht wahr?« »Ja, natürlich, sonst hätten wir die Herren ja nicht hier herauslocken können.« »Gut. Warum ist Jos dann aber nicht gekommen?« »Weil er den Brief nicht bekommen hat. Den haben Sie ja genommen.« »Diesen Brief, ja,« sagte Krag und zog den hellblauen Brief aus der Tasche, bei dessen Anblick Reismann zustimmend nickte. »Warum aber ist Jos nicht nach der ersten Aufforderung gekommen?« Direktor Reismann wurde ungeduldig. »Sie sprechen von ganz unverständlichen Dingen. Wir haben Jos keinen anderen Brief geschickt als den, den Sie in der Hand halten.« »Das wäre! Und dennoch hat Jos heute nachmittag um drei Uhr einen Brief von Ihnen erhalten. Er empfing ihn im Kontor, gehorchte unverzüglich dem Befehl und fuhr auf und davon.« »Diesen Brief«, antwortete Direktor Reismann, »haben wir nicht abgesandt.« »Wer denn?« »Ja, das ist mir unbegreiflich.« Krag überlegte einen Augenblick und sagte darauf: »Ich weiß nicht, was Sie und Ihre Freunde mit Ihrem Vorhaben beabsichtigen. Ich nehme an, daß es sich nicht nur um einen Scherz handelt, dazu würden Leute in Ihrer Stellung wohl kaum Zeit haben. Jos erwartete seine Berufung und als sie kam, begab er sich unverzüglich auf den Weg. Nun ist diese Berufung nicht von Ihnen ausgegangen, es muß also eine außenstehende Person geben, die auf irgendeine rätselhafte Weise von Ihrem Geheimnis erfahren und es ausgenutzt hat. Jos ist in eine Falle gegangen. Sie müssen zugeben, daß Ihr Scherz eine recht ernsthafte Wendung genommen hat.« Reismann glitt vom Tisch herunter. Er war plötzlich sehr ernst geworden. »Außer Jos wußte niemand etwas von dem Geheimnis. Sind Sie sicher, daß er einen hellblauen Brief bekommen hat?« »Ja. Ist sein Fortbleiben Ihnen nicht Beweis genug dafür? Etwas muß eingetroffen sein, was die Urheber dieser merkwürdigen Komödie nicht vorausgesehen haben.« Reismann ging ein paarmal durchs Zimmer. Offenbar überlegte er. Dann aber schien er das Ganze von sich zu schieben und rief: »Unsinn! So etwas kann nicht geschehen.« »Was kann nicht geschehen?« fragte Krag. »Hier muß ein Mißverständnis vorliegen,« fuhr Reismann fort. »Die Aufklärung wird wahrscheinlich schneller kommen, als wir glauben ...« Krag stand auf. »Gut,« sagte der Detektiv, »da die Herren die Sache so leicht nehmen, brauche ich mir ja auch keine Sorgen darüber zu machen. Es würde mich aber doch interessieren, einen Einblick in das Geheimnis zu bekommen, bevor ich nach Christiania zurückfahre. Mancherlei ist mir noch unverständlich.« »Ich hatte ebenfalls die Absicht, heute abend nach Christiania zu fahren, um noch vor ein Uhr im Klub zu sein,« sagte Reismann. »Ich möchte nämlich das Pokerspiel fortsetzen. Der Einsatz war fünfzehntausend Kronen. Den Spielregeln zufolge darf der Spielinspektor des Klubs die versiegelten Karten öffnen, wenn ich heute nicht bis ein Uhr da bin, und das Spiel entscheiden. Nun habe ich Lust, noch weitere fünftausend Kronen zu setzen, darum will ich dabei sein. Sie können also mit mir nach Christiania zurückfahren, aber nur unter der Bedingung ...« »Unter der Bedingung?« fragte Krag. »Daß Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie nichts von dem verraten, was Sie hier draußen zu sehen bekommen.« »Mein Ehrenwort gebe ich nicht im voraus,« antwortete Krag, »aber ich erkläre mich von vornherein mit der Entwicklung, die die Sache bisher genommen hat, einverstanden. Der Ernst wird noch zeitig genug kommen.« »So folgen Sie mir denn,« sagte Reismann. »Und wenn Sie sich später weigern, von dem zu schweigen, was Sie gesehen haben, dann lassen wir Sie nicht wieder fort. Wie sollten Sie das auch anstellen bei diesem Wetter! Hören Sie nur, wie der Schneesturm heult. Und ans Telephon kommen Sie nicht.« Darauf antwortete Krag nicht. Als sie aber zusammen durch den Korridor gingen, fragte er: »Riskieren Sie wirklich noch fünftausend Kronen? Sind Sie Ihrer Karten so sicher?« »Ich habe vier Asse!« antwortete Direktor Reismann. Die Aktiengesellschaft »Zum Donnerwetter, wo bleiben Sie denn so lange? Wir warten. Der Tisch ist gerichtet.« So sprach mit gereizter Stimme Oedegaard, der lang, dünn und ungeduldig vor ihnen stand, als Reismann die Doppeltür zu dem großen Zimmer geöffnet hatte. Neben ihm stand ein Spieltisch mit Karten und Spielmarken. Doch war es nicht dieser Spieltisch, der beim ersten Blick Krags Interesse weckte, sondern eine gewaltige Leinwand, die an der einen Wand ausgespannt war und von der Decke zur Erde reichte. Was diese Leinwand vorstellte, war nicht leicht zu sehen, jedenfalls aber war eine Menge Farbe darauf verschwendet. Wenn man das Bild eine Weile aufmerksam betrachtet und förmlich die Augen hineingebohrt hatte, glückte es einem, schließlich eine Gestalt zu unterscheiden, offenbar eine seltsam grüngemalte Dame, die im Begriff war, einen Vorhang beiseitezuziehen. Ueber dem Kopf der Dame stand mit großen roten Buchstaben: Das Geheimnis wird enthüllt ! und unter ihren Füßen war die wenig idyllische Auskunft gemalt, daß das Entree zwanzig Kronen kostete. Die Tatsache, daß Karl-Erich von Brakel, in Malerkittel, mit Pinsel und Palette in der Hand, vor der Leinwand stand, ließ es außer allem Zweifel, wer der Schöpfer dieses Meisterwerkes sei. Einige Augenblicke herrschte allgemeines Schweigen. Beide Parteien waren erstaunt und verwirrt. Krag war nicht auf dieses Idyll vorbereitet, obgleich er die Nähe des Spieltisches wohl geahnt hatte, und die beiden Künstler hatten alles andere als Krags Person erwartet. »Wo ist Jos?« fragte Oedegaard. »Er ist nicht gekommen,« sagte Reismann, »dank eurer verfluchten Sensationslust. Statt dessen haben wir von diesem Herrn Besuch bekommen.« Von Brakel legte Palette und Pinsel aus der Hand und fragte: »Spielen Sie Karten, mein Herr?« Der lange Oedegaard starrte Krag noch eine Weile unbeweglich an. Sein Gesicht verzog sich zu einer seltsamen Grimasse. Dann setzte er sich auf einen Stuhl, beugte sich vor und vergrub das Gesicht in den Händen. »Aber Oedegaard,« sagte Reismann, »wer wird denn seinen Verdruß so unverhüllt zu erkennen geben?« Oedegaards Schultern zuckten, als ob sein ganzer Körper von heftigem Schluchzen geschüttelt würde, und ein eigentümlicher Laut drang durch seine Finger. Reismann faßte ihn bei der Schulter und rüttelte ihn. Als er die Hände vom Gesicht nahm, sah man, daß er fast vor Lachen erstickte. »Zum Donnerwetter, was ist denn hier so komisch?« fragte der Maler. »Spielen Sie Karten, frage ich?« Inzwischen begrüßte Oedegaard seinen alten Freund Krag, obgleich, wie er sich ausdrückte, »es ihn nicht unbedingt freute, ihn hier zu sehen«. »Aber wie in aller Welt hast du uns gefunden?« fragte er und betrachtete den Detektiv halb bewundernd, halb neugierig. »Nichts leichter als das,« erklärte Krag. »Ich legte Beschlag auf den Brief, der an Jos gerichtet war, und dieser Brief hat mich hierhergeführt. Aber ich will gestehen, daß ich keine Ahnung von dem Bestimmungsort hatte, bevor ich hier war. Ich fuhr und fuhr nur. Indessen freut es mich, die Herren so wohl und munter anzutreffen.« Und zum Maler gewandt, fügte er hinzu: »Ja, ich spiele Karten. Vorher aber wüßte ich gern, was dieses Bild vorstellt. Es ist wahrhaftig sehr originell. Modern, nicht wahr? Die Aufschrift läßt vermuten, daß das Bild mit den Ereignissen, die die Hauptstadt in der letzten Zeit in Aufregung versetzt haben, zusammenhängt.« »Ja, nicht wahr?« rief Oedegaard froh und eifrig. »Alle Welt redet von uns. Es wird ein Riesengeschäft werden.« »Geschäft!« Krag legte starken Nachdruck auf dieses Wort. »Also um ein Geschäft handelt es sich? Ist das recht und billig gegen ein gutgläubiges Publikum gehandelt? Auch glaube ich kaum, daß es auf die Dauer ein gutes Geschäft sein wird.« »Wir wollen nicht an diesem Geschäft verdienen,« versicherten Oedegaard und Reismann gleichzeitig. »Wir haben uns nur im Dienste einer großen Idee geopfert.« »Eine wunderbare, eine einzig dastehende Idee!« bemerkte der Maler stolz. Asbjörn Krag stellte sich vor das Bild. »Wenn ich das Gemälde näher betrachte,« sagte er, »so wird es mir klar, daß die junge Dame dort den Schleier von dem Geheimnis lüftet. Lassen Sie nun auch mich an der Enthüllung teilnehmen.« »Eigentlich ist es kein Bild, sondern ein Plakat,« bemerkte von Brakel. Oedegaard fiel ein: »Wir wollen Krag lieber alles ausführlich erklären,« sagte er. »Ich bin überzeugt, daß er unser Vorhaben billigt, wenn er es im Zusammenhang erfährt. Um so mehr als ganz Christiania es ja morgen früh erfahren soll. Er muß nur unverbrüchliches Schweigen geloben.« »Ich habe sein Ehrenwort verlangt, aber er wollte es nicht geben.« »Nachdem ich dieses Plakat gesehen habe, gebe ich es mit Vergnügen,« antwortete Krag. Oedegaard nahm die Karten und schob die Spielmarken vom Tisch. »Das Komitee hat Sitzung!« sagte er. »Ich schlage vor, daß wir Herrn Asbjörn Krag als beigeordnetes Mitglied aufnehmen. Herr Wortführer, nehmen Sie Ihren Platz ein.« Reismann setzte sich auf den angewiesenen Platz und legte einen Haufen Dokumente vor sich auf den Tisch. Auch die anderen Herren nahmen am Tische Platz. Nur Karl-Erich von Brakel sah unzufrieden aus. »Kartenspielen ist mir lieber,« sagte er. »Diese Komiteesitzungen sind immer so furchtbar langweilig!« Reismann beschwichtigte ihn. »Lieber Karl-Erich, die Sitzung kann interessant genug werden, Herr Asbjörn Krag führt auch ein kleines Geheimnis mit sich, das er zu enthüllen versprach. Und dieses Geheimnis betrifft dich, Karl-Erich.« »Mich?« fragte Karl-Erich erstaunt. »Ja, Krag hat entdeckt, daß du deine Wäscherechnung zerrissen hast.« »Meine Wäscherechnung! Sehr möglich.« »Warum hast du das getan?« Von Brakel schüttelte den Kopf. »Was weiß ich.« »Sehr richtig,« fiel Krag lachend ein, »ich hatte auch angenommen, daß Sie sie zerrissen haben, ohne es zu wissen. Es war in der Nacht, als Sie verschwanden. Ihr Zimmer sah aus, als ob ein entflohener russischer revolutionärer Student darin gewohnt hätte. An den Papierfetzen aber, die herumlagen, konnte ich sehen, daß Sie nur ganz unwichtiges Zeug zerrissen hatten, dazwischen, wie gesagt, die Wäscherechnung. Sie wünschten Ihrer Flucht ein gewisses mystisches Relief zu geben, das Ganze sollte einen lebensgefährlichen Eindruck machen. Aber es war schlecht inszeniert. Von dem Augenblick an, wo ich dies begriffen hatte, konnte ich den Standpunkt Ihrer Freunde, daß die Herren in Gefahr seien, nicht mehr teilen.« Von Brakel warf Krag einen Seitenblick zu, gähnte und sagte: »Ich sage ja, Komiteesitzungen sind furchtbar langweilig.« »Abermals die verfluchte Sensationslust der Herren Künstler!« murmelte Reismann, »damit hättet ihr uns große Unannehmlichkeiten auf den Hals schaffen können. Ich danke Gott, daß wir so weit gekommen sind.« Er blätterte in seinen Papieren. »Also, meine Herren, um mit dem Anfang zu beginnen, welches Datum haben wir heute?« »Den 6. Dezember,« antworteten Krag und Oedegaard. Von Brakel wußte es nicht und schwieg darum. »Gut! Als Vorsitzender eröffne ich hiermit die Sitzung der Aktiengesellschaft der 7. Dezember. Finden Sie nicht, daß es ein seltsamer Name ist, Herr Krag?« »Ich wundere mich über nichts mehr. Wie groß ist das Aktienkapital?« »Das ist noch nicht festgesetzt.« »Das wäre! Wieviel Aktionäre hat die Gesellschaft?« »Wir haben ausgerechnet,« antwortete Reismann ernsthaft, indem er in seinen Papieren nachsah, »daß die Aktiengesellschaft der 7. Dezember ungefähr fünftausend unglückliche Aktionäre hat.« »Unglückliche?« fragte der Detektiv. »Ja,« antwortete Reismann, »alle Aktionäre der Gesellschaft sind sehr unglücklich.« »Die Mitglieder der Direktion aber scheinen nichtsdestoweniger bei bester Laune zu sein.« »Sehr richtig,« antwortete Reismann und sah den Detektiv über seinen Kneifer hinweg fest an, »es ist die Pflicht der Direktion glücklich zu sein.« Krag dachte bei sich: »Sind denn alle diese Leute verrückt?« Die Direktionssitzung Krag blickte sich im Zimmer um und fand seine Vermutung nicht unberechtigt. Sogar Direktor Reismanns sonst so gleichgewichtige Persönlichkeit hatte etwas Nervöses und Gejagtes. Er wühlte in dem Dokumentenhaufen, der vor ihm lag, als suchte er nach einem Papier, das er nicht finden konnte. Der lange Oedegaard starrte mit großen matten Augen in einem grauen, müden Gesicht vor sich hin. Von Brakel sah man an, daß er längere Zeit von seinen Toilettensachen getrennt gewesen war. Seine sonst so tadellose Gestalt hatte einen Anflug jener Eleganz, die stark nach Erneuerung verlangt. Außer der lächerlich großen Leinwand, die die ganze eine Wand einnahm, sah man noch andere Malereien und Zeichnungen rings im Zimmer, einige waren an die Wände gestiftet, andere lehnten gegen Spiegel und Stühle. Alle hatten jenen seltsamen Charakter, der bei einer feierlichen Ausstellung zu sinnreichen Analysen herausfordert, in dieser Umgebung aber das Sinnverwirrende noch erhöhte. Zwischen Malgerätschaften und halb ausgedruckten Farbentuben, deren Inhalt über Stuhlsitze und Tischdecken geschmiert war, standen oder lagen Gläser verschiedenartigsten Formats, Whisky- und Champagnerflaschen. Auf dem Fußboden stand ein leerer Champagnerkorb, und Strohhüllen, Zigarren- und Zigarettenstummel, Kragen und kassierte Kartenspiele lagen überall herum. Mittendrin aber saß, um den grünen Spieltisch vereint, die glückliche Direktion der fünftausend unglücklichen Aktionäre der »Aktiengesellschaft der 7. Dezember«! Krag konnte sich mit Recht die Frage stellen: »Bin ich in eine Gesellschaft von Verrückten geraten?« »Ist es den Herren hier draußen nicht langweilig geworden?« fragte er. »Ja, wir haben uns etwas geödet,« antwortete Oedegaard, »der vierte Mann hat uns gefehlt. Bevor ich kam, war es aber noch schlimmer,« fügte er selbstbewußt hinzu. Jetzt ergriff der Vorsitzende das Wort. »Meine Herren,« sagte er, »die Sitzung ist eröffnet, und Unterbrechungen sind nicht am Platz. Gestatten Sie mir, daß ich, der einstimmig gewählte Vorsitzende, vortrage, was die ›Aktiengesellschaft der 7. Dezember‹ bisher ausgerichtet hat.« Alle gaben durch Nicken ihren Beifall zu erkennen, worauf der Direktor Reismann fortfuhr: »Die Aktiengesellschaft wurde eines Abends vor ungefähr vierzehn Tagen im Grand Hotel gegründet.« »War es sehr spät am Abend?« fragte Krag. »Da das neue Direktionsmitglied extra Aufschlüsse verlangt,« antwortete der Vorsitzende, »sei es mir gestattet, ihn darüber aufzuklären, daß der Beschluß morgens um vier Uhr gefaßt wurde. Sollte die Frage des geehrten Interpellanten eine schlecht verhehlte Beleidigung enthalten, so weise ich sie hier aufs entschiedenste zurück. Ich glaube, daß die Idee der Gründung ursprünglich von Oedegaard herrührte. Sie ehrt seine Phantasie und sein Mitgefühl, das er stets für unglücklich gestellte Aktionäre gehabt hat. Der Vorschlag wurde einer Versammlung vorgelegt, die, außer aus mir und Herrn Oedegaard, aus Herrn von Brakel und unserm lieben Jos bestand, der leider augenblicklich nicht gegenwärtig ist. Daß keine anderen bei jener Gelegenheit zugegen waren, hat seinen Grund ausschließlich darin, daß wir in jener Nacht zu einem äußerst angenehmen Bridge mit hohem Einsatz versammelt waren.« Hier sah der Vorsitzende auf seine Uhr, als ob es von größter Wichtigkeit sei, daß er keine Sekunde an gleichgültige Dinge verschwende. »Warum siehst du denn beständig nach der Uhr?« fragte Oedegaard. »Weil ich aufpassen muß, daß wir nicht zu spät bei den Zeitungen ankommen. Ich habe mir bei allen Zeitungen für heute nacht Platz offenhalten lassen, sowohl im redaktionellen wie im Inseratenteil.« »Das hast du getan?« rief Oedegaard erschrocken. »Dann wissen ja alle Zeitungen, daß wir in Sicherheit sind, und die ganze Sache ist ins Wasser gefallen.« »Rege dich nicht auf, lieber Freund,« antwortete Reismann. »Du vergißt meine Verbindung in Christiania. Durch diese ist alles besorgt worden. Die Zeitungen ahnen nichts.« »Ach so, du meinst Billington,« sagte Oedegaard beruhigt. »Fahre fort, lieber Freund.« »Billington,« dachte Krag bei sich. »Das ist Jos' Geschäftsführer. Er war also eingeweiht.« Ohne sich anmerken zu lassen, daß der Name ihm aufgefallen war, ließ er Reismann in seinem Bericht fortfahren. Reismann sprach in einem ernsten, geschäftsmäßigen Ton, als ob er vor einer tausendköpfigen Versammlung spräche. Hin und wieder ließ er seinen Blick über den Raum schweifen, als ob er sich die Aufmerksamkeit und den Beifall der Menge sichern wollte. Die verzerrten Formen auf von Brakels Gemälden störten ihn nicht. »Wie Sie sich erinnern werden, meine Herren,« fuhr Reismann fort, »unterbreitete ich Ihnen bei jener Gelegenheit meinen Plan, eine Weihnachtsvorstellung für die Notleidenden zu arrangieren. Diese Vorstellung sollte in meinem Tanzlokal stattfinden, das zweitausend Personen faßt, und ich äußerte die Besorgnis, daß das Unternehmen wegen der zunehmenden Gleichgültigkeit des Publikums gegen Wohltätigkeitsveranstaltungen nicht genügend Beteiligung finden würde. Da machte mein vortrefflicher Freund Oedegaard den Vorschlag, die ›Aktiengesellschaft der 7. Dezember‹ zu gründen. Wie Ihnen bereits aus den Zeitungen bekannt ist, meine Herren, ist der 7. Dezember der Tag, an dem die Vorstellung vom Stapel gehen sollte, und das soll sie auch, obgleich die Zeitungen pessimistisch voraussagen, daß das Fest wegen des unerwarteten und unerklärlichen Verschwindens des Hauptunternehmers nicht stattfinden wird.« Obgleich Reismann die ganze Zeit wie zu einem großen Publikum sprach, war es Krag dennoch klar, daß die Ausführungen nur ihm galten. Oedegaard hörte müde, und von Brakel unendlich traurig zu. »Da war es, daß mein Freund Oedegaard auf den Gedanken kam, daß wir des guten Zweckes wegen eine riesige Sensation machen wollten. Eine Sensation, von der Christiania tagelang sprechen und die schließlich mit der Vorstellung am 7. Dezember kulminieren sollte. Leider ist das Publikum bereits mit Sensationen so überfüttert, daß wir uns etwas ganz Besonderes ausdenken mußten. Wir einigten uns, daß wir eine Aktiengesellschaft bilden wollten, das heißt, wir vier wollten die Direktion sein, und die Aktionäre sollten aus den fünftausend Notleidenden bestehen, die unsere Hilfe nötig haben. Mit anderen Worten, meine Herren, die Aktionäre haben keine anderen Verpflichtungen, als die Einnahmen der Aktiengesellschaft entgegenzunehmen. Nun ist ja bei Wohltätigkeitsveranstaltungen gang und gäbe, daß man bekannte Künstler gewinnt, die das Publikum locken sollen. In letzter Zeit aber sind die Leute so blasiert geworden, daß es uns von vornherein klar war, daß die Mitwirkung von Kabarettisten, Filmstars, Sängerinnen und rezitierenden Poeten nicht genügen würde, sondern daß wir etwas ganz Besonderes bringen mußten, wollten wir einen Erfolg erzielen, der meinem Namen und meinem Etablissement ansteht. Damit das Geheimnis nicht bekannt wurde, einigten wir uns, daß nur wir vier und ein Vertrauensmann davon wissen sollten. Dieser Vertrauensmann ist Jos' Geschäftsführer Billington. Meine Herren, bisher hatten wir allen Grund, mit unserem Unternehmen zufrieden zu sein. Auf äußerst mystische Weise haben wir uns entführen lassen, einer nach dem anderen, und haben uns hier versammelt, um in Ruhe, doch unter Wahrung gewisser gesellschaftlicher Formen« – er wies auf die geleerten Flaschen und den Champagnerkorb – »über die Strategie des Feldzuges zu beraten. Jetzt ist alles fertig: Plakate, Zeitungsnotizen, Anzeigen, Reklame. Ich brauche Ihnen nur diese kleine Notiz vorzulegen, die morgen in allen Zeitungen stehen soll, um Ihnen die besondere Form unserer Sensation zu erklären.« Damit schob Reismann ein Stück Papier zu Krag hinüber und lehnte sich befriedigt in den Stuhl zurück. »Lesen Sie vor!« Krag las: » Das Schicksal der Verschwundenen . Das Rätsel, das seit mehreren Tagen allgemeines Gesprächsthema war, hat, wie wir erfahren, gestern eine glückliche Lösung gefunden. Smart wie immer, will Direktor Reismann das Ereignis benutzen, um ein großes Publikum zu der Wohltätigkeitsvorstellung heranzuziehen, die heute abend in seinem Vergnügungsetablissement ›Die blaue Eule‹ stattfindet. Die verschwundenen Herren, die ein Abenteuer, das in unserer friedlichen Stadt einzig dastehend ist, glücklich überstanden haben, wollen dem Publikum heute abend davon berichten, anstatt es der Allgemeinheit durch die Zeitungen bekanntzugeben. Wir müssen uns also bis heute abend gedulden und verweisen im übrigen auf das Inserat.« Kaum hatte Krag zu Ende gelesen, als Oedegaard auf den Tisch schlug und ausrief: »Da kommt Jos!« Alle horchten auf. Draußen arbeitete sich ein Auto durch den Schnee. Gleich darauf erklangen schnelle und polternde Schritte auf der Treppe, und die Tür wurde aufgerissen. Es war nicht Jos. Es war ein Herr, den Krag nicht kannte. »Billington, Sie?« sagte Reismann erstaunt. »Was soll das bedeuten?« Billington blieb in der Tür stehen, von Schnee triefend, eifrig und nervös. »Ist Jos hier?« fragte er. »Nein.« »Er muß hier sein,« sagte Billington. »Er ist nicht hier und ist auch nicht hier gewesen.« »Dann ist ein Unglück geschehen.« »Pfui, wie blaß der Mensch aussieht!« sagte von Brakel. Krag dachte bei sich: »Keiner der würdigen Herren hat bisher mit dem neuen Glied in der Kette: dem Brief, der um drei Uhr kam, gerechnet. Also ist doch noch zum Schluß aus dem Spiel Ernst geworden.« Jonassen Billingtons Worte wurden mit unheimlichem Schweigen aufgenommen. Reismann erhob sich. »Erklären Sie sich näher,« sagte er. »Was sollte unserem lieben Freund zugestoßen sein?« Herr Billington blickte sich im Zimmer um und konnte sein Mißfallen über die seltsame Umgebung kaum unterdrücken. Als sein Blick auf von Brakels Plakat fiel, murmelte er: »Oh, diese ewigen Narrenstreiche!« Von Brakel stand auch auf und sagte: »Sie meinen, mein Herr?« Die zierliche Gestalt des Malers drückte formvollendete, aber kalte Höflichkeit aus, die ganz drohend wirkte. Billington sah ein, daß seine schlechte Laune ihn zu weit geführt hatte. »Verzeihen Sie,« sagte er, »ich bin so nervös. Den ganzen Nachmittag bin ich im Auto herumgefahren.« Er griff nach einer Flasche und einem Glas. »Ist das Kognak?« fragte er. Und ohne die Antwort abzuwarten, goß er das Glas bis an den Rand voll und leerte es in einem Zuge. »Das hat geholfen,« sagte er, »ich bin schon viel ruhiger geworden.« Er wandte sich jetzt mit freundlicherer Miene zu den anderen. »Ich bin in Sorge um Jos,« sagte er. »Seit ich ihn um drei Uhr sprach, hat er nichts wieder von sich hören lassen. Ich dachte natürlich, daß er hier draußen säße und Reklamen und Anzeigen verfaßte; anstatt seine wichtigen Geschäfte zu erledigen.« Herr von Brakel fühlte sich wieder verletzt und bemerkte: »Sind Sie nicht von Jos angestellt? Mich dünkt, Sie äußern sich ziemlich ungeniert über Ihren Chef?« Direktor Reismann besänftigte den Maler. »Ruhe!« ermahnte er. »Du kennst die Verhältnisse nicht, Karl-Erich. Herr Billington ist eher Jos' Kompagnon als sein Untergebener. Soweit ich weiß, hat Jos augenblicklich mehrere große Geschäfte im Gange, und Herrn Billingtons Nervosität ist verständlich.« Reismann stellte Asbjörn Krag vor und sagte: »Seltsam genug hat auch Herr Krag von einem Brief gesprochen, den wir Jos um drei Uhr geschickt haben sollen. Ich wiederhole, was ich bereits Herrn Krag gesagt habe: Diesen Brief haben wir nicht gesandt. Sofern nicht einer von euch –« Er wandte sich fragend an von Brakel und Oedegaard, beide aber schüttelten energisch den Kopf. »Sie werden also begreifen, lieber Billington, daß dieser Brief uns ein völliges Rätsel ist. Vielleicht hat Jos ihn als Vorwand gebraucht, um irgendwoanders hinzufahren?« »Wie die Sache jetzt aber liegt, meine Herren,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »möchte ich Ihnen die Mitteilung machen, daß die Aktiengesellschaft der 7. Dezember in genauer Uebereinstimmung mit ihrem Programm heute abend ihre Vorbereitungen beendet hat. Bereits morgen früh werden die Zeitungen die ersten Mitteilungen bringen – ich halte gerade diese Notiz in der Hand – und morgen abend wird halb Christiania zur ›Blauen Eule‹ strömen, um das Geheimnis zu erfahren. Oedegaard hat ein Protokoll verfaßt, das von unserem Schicksal Rechenschaft ablegt, vom ersten Verschwinden bis jetzt. Es bringt eine Menge feierlicher Paragraphen, und ich darf wohl behaupten, daß noch nie in Christiania ein so witziger Vortrag gehalten wurde. Mit der Sensation im Rücken ist uns ein großartiger Erfolg gewiß. Sie werden zugeben, meine Herren, wenn der vornehmste Varieté-Direktor der Stadt – das bin ich, meine Herren – der eleganteste und witzigste Causeur – das ist der Herr dort mit den großen Augen – und der allermodernste Maler – das ist der zierliche Herr dort, der die ganze Zeit gähnt – von dem tüchtigsten Geschäftsmann der Stadt unterstützt, eine Wohltätigkeitsvorstellung arrangieren, dann kann man auf das Großartigste gefaßt sein.« »Auf wieviel rechnen Sie netto?« fragte Billington trocken und geschäftsmäßig. »Auf dreißigtausend Kronen,« antwortete Reismann schnell. »Eine ganz hübsche Summe,« gab Billington zu, »dreißigtausend aber hätte Jos ohne weiteres stiften können. Neulich abend hat er diesen Betrag im Poker gewonnen.« Direktor Reismann schlug ärgerlich mit seinen Papieren auf den Tisch. »Natürlich!« rief er. »Was ist ein Scheck auf dreißigtausend Kronen heutzutage! Aber es kommt hier nicht allein aufs Geld an. Die Leute sollen begreifen, daß wir einen persönlichen Einsatz gegeben haben, um den Notleidenden zu helfen. Das ist mehr wert, als einen Scheck auf den Tisch zu werfen, denn es stimuliert andere, sich auch ins Zeug zu werfen.« »Für Jos' Ansehen als Geschäftsmann aber wäre es besser gewesen, er hätte sich nicht an dieser Zirkusnummer beteiligt.« »Ach was, wenn das Ansehen eines Geschäftsmannes solchen Einsatz in einer schwierigen Zeit nicht vertragen kann, dann ist es nicht viel wert,« sagte Reismann entschieden und abschließend. Er sprach ernst und mit Ueberzeugung. »Im übrigen«, fügte er hinzu, »sind wir ja darauf eingegangen, daß Jos sich morgen nicht auf der Bühne zu zeigen braucht.« »Das hätte er auch gar nicht gekonnt,« sagte Billington trocken, »denn am 8. Dezember morgens früh muß Jos in Kopenhagen sein.« Reismann stutzte. »Es handelt sich um ein Millionengeschäft,« fuhr Billington fort. Jetzt griff Asbjörn Krag ein. »Abgesehen von dem geheimnisvollen Brief um drei Uhr,« sagte er, »finde ich es merkwürdig, daß Sie ihm um sieben Uhr einen Brief schickten, wenn er gar nicht an der Sache beteiligt sein soll.« »Du vergißt den Inhalt des Briefes,« fiel Oedegaard ein. »Wir brauchten einen vierten Mann zum Bridge.« »Und außerdem«, sagte Reismann, »hatte Jos versprochen, daß er beim Abschluß des Protokolls dabei sein wollte. Er müsse doch des Wegs, sagte er. Und jetzt verstehe ich, was er meinte, denn dies ist ja der Weg nach Kopenhagen. Wollte er im Auto nach Kopenhagen fahren?« »Das weiß ich nicht,« antwortete Billington. »Ist er vielleicht schon abgereist?« fragte Krag. »Unmöglich,« sagte Billington. »Seine Brieftasche, die er notwendig braucht, liegt im Bureau.« Billington stand auf und schritt ungeduldig durchs Zimmer. Hin und wieder warf er einen Blick auf von Brakels Gemälde, und es sah aus, als ob er sich nur mit Mühe und Not beherrschte, um ihnen nicht einen Fußtritt zu versetzen. »Wenn er nur ein einziges Lebenszeichen von sich gegeben hätte,« murmelte er. »Wir haben so verflucht wenig Zeit, und da liegen Briefe, die unterschrieben, und eine ganze Menge Sachen, die besprochen und entschieden werden müssen.« Im selben Augenblick entdeckte er einen Telephonapparat auf dem Fensterbrett und rief sofort im Bureau an. »Fräulein Erko?« fragte er. »Nichts Neues? Nichts. Ja, wir müssen warten. In einer halben Stunde bin ich wieder da.« Mißmutig legte er den Hörer nieder. »Kein Wort von Jos!« sagte er. »Ich begreife es nicht. Wenn ich nur wüßte, woher der verdammte Brief um drei Uhr gekommen ist! Jos selbst glaubte, daß er von hier sei.« »Hat er mit Ihnen von dem Brief gesprochen?« fragte Krag. »Ja. Ich sprach ihn auf der Treppe, als er aus seinem Kontor kam. Er hatte den Brief so früh nicht erwartet. ›Ich fahre nun auf alle Fälle hinaus,‹ sagte er, ›dann ist es gemacht und ich habe den ganzen Nachmittag zu meiner Verfügung.‹ Er war etwas ärgerlich, daß er sich auf diese Komödie eingelassen hatte. Ja, er war sogar sehr ärgerlich. Er fluchte.« »Fuhr er in einem Auto fort?« fragte der Detektiv. »Ja.« Billington knipste mit den Fingern und wurde plötzlich ganz eifrig. »Es war ein großes geschlossenes Auto, ein ›Excelsior‹, glaube ich, und Jos kannte den Chauffeur. Wie hieß er doch noch? Ein Mann in den Dreißigern, mit einem roten Vollbart.« »Jonassen?« fragte Krag etwas unsicher. »Richtig! Jonassen. Ich hörte, wie Jos ›Guten Tag, Jonassen‹ zu ihm sagte.« Die drei Direktionsmitglieder sahen sich ratlos an. »Aber das ist ja ganz unmöglich,« sagte Reismann bestürzt. »Jonassen ist den ganzen Tag hier draußen gewesen. Er ist erst um sechs Uhr zur Stadt gefahren.« Oedegaard ging hastig auf die Tür zu und rief nach Jonassen, daß es durchs ganze Haus schallte. Kurz darauf erschien der Chauffeur, derselbe, der Krag gefahren hatte. Er hatte ganz richtig einen roten Bart und schien in den Dreißigern zu sein. Kaum erschien er in der Tür, als Billington rief: »Da ist er ja!« »Kennen Sie Schiffsreeder Joh. P. Christensen, auch Jos genannt?« fragte Reismann ihn. Jonassen zeigte auf Krag. »Da steht er,« sagte er. »Der Herr dort behauptet,« fuhr Reismann ganz verzweifelt fort, »daß Sie um drei Uhr mit dem Auto in der Stadt waren.« »Ich? Das ist 'ne ganz gemeine Lüge. Ich bin doch den ganzen Nachmittag hier gewesen und hab' Champagner serviert. Das müssen die Herren doch selbst wissen.« »Unmöglich,« rief Billington, »er war es, er ist es. Ich erkenne ihn wieder.« »Ich kenne ihn auch,« sagte Reismann, »Jonassen lügt nicht.« »Excelsior« Die Stimmung begann hitzig zu werden. Billington arbeitete sich in Wut, weil der Chauffeur ihn zum Lügner stempeln wollte. Er stand mitten im Zimmer, die Hände in den Hosentaschen, den Hut im Nacken und sah Jonassen unverwandt und drohend an. Die Situation war wirklich ganz theatralisch. Am Tisch stand Reismann, die raschelnden Papiere in der ausgestreckten Hand, und Krag folgte von seinem Platz aus aufmerksam dem Streit. Nur von Brakel war uninteressiert wie gewöhnlich und schien das Ganze langweilig zu finden. »Wie hieß die Dame, der Sie soeben telefonierten?« fragte er Billington. »Fräulein Erko? Eine Finnin, nicht wahr? Ich kenne sie vom Ansehen, ein sehr hübsches Mädchen.« Reismann drohte ihm ärgerlich. »Sei still, Karl-Erich!« rief er. »Du irritierst mich mit deinem ewigen Phlegma.« Karl-Erich blickte wehmütig auf seine Lackschuhe herab. »Gott,« seufzte er. »Dies ist noch langweiliger als eine Komiteesitzung. Schickt diesen Jonassen doch hinaus, er hat ein zu dummes Gesicht.« Auch Billington fiel über Jonassen her. »Glauben Sie wirklich, daß ich Leute von einer zur anderen Stunde nicht wiedererkennen kann? Wollen Sie wirklich leugnen, daß Sie heute nachmittag um drei Uhr mit Ihrem Auto auf dem Eichenmarkt hielten?« »Ja, das leugne ich. Und ich habe Zeugen, daß ich die ganze Zeit hier war.« Jetzt fing auch Jonassen an, gereizt zu werden, auf die treuherzige Art, die einfachen Menschen eigen ist und die Zutrauen erweckt. Er wollte sich zurückziehen und ging auf die Tür zu, Reismann aber hielt ihn zurück. »Hier muß irgendein Mißverständnis vorliegen,« sagte er. »Ich stehe für Jonassen ein. Er ist seit Jahren bei mir gewesen und ich habe noch nie Grund gehabt, seine Wahrhaftigkeit zu bezweifeln. Betrachten Sie ihn genau, lieber Billington, glauben Sie wirklich, daß er imstande wäre, eine solche Komödie zu spielen?« Billington musterte ihn. »Es ist doch fast unmöglich, daß zwei Menschen sich in dem Maße ähneln,« sagte er, »auf alle Fälle aber weiß ich mit Bestimmtheit, daß Jos ihn mit Jonassen anredete.« »Soll ich heute abend noch fahren?« fragte Jonassen beleidigt – er würdigte Billington keiner Antwort mehr. »In einer halben Stunde wollen wir zur Stadt,« antwortete Reismann, »das Fest hier draußen ist nun vorbei. Und ich muß vor ein Uhr im Freisinnigen Klub sein.« »Dann mach' ich alles zur Abfahrt bereit,« sagte Jonassen. »Es wird 'ne tolle Fahrt durch den Schnee werden, aber ich werd's schon schaffen.« Damit ging er hinaus. Karl-Erich begann seine Malereien sorgfältig zusammenzupacken. Er wollte keinen Augenblick länger als notwendig hier draußen bleiben. Reismann erinnerte ihn daran, daß er ihm versprochen hatte, sich nicht im Hotel zu zeigen. Sonst konnte die Sensation darunter leiden. Bevor die Zeitungen morgen erschienen, mußte die große Allgemeinheit in völliger Ungewißheit über die Entwicklung der Dinge gelassen werden. Darauf antwortete von Brakel nichts. Er wechselte nur einen vielsagenden Blick mit Oedegaard. »Meine Herren, wenn Sie Lust zu einem Glas Champagner heute nacht um vier Uhr haben, dann sind Sie freundlichst zu einer Soirée intime mit Tanz im Atelier eingeladen,« sagte Oedegaard. Reismann steckte die Papiere in seine schwarze Aktentasche. »Hiermit erkläre ich die Sitzung für aufgehoben und wünsche der Aktiengesellschaft ein gutes Resultat,« sagte er, indem er sich ein Glas Champagner eingoß. »Auf das Wohlergehen unserer Aktionäre! Ein ungewöhnlicher Wunsch für die Direktion einer Aktiengesellschaft heutzutage, aber es ist ja auch eine ungewöhnliche Aktiengesellschaft. Und was Jos, den verschwundenen Jos, betrifft, so habe ich eine glänzende Idee.« »Glauben Sie, daß diese Idee ihn wieder herbeischaffen kann?« fragte Billington. »Davon bin ich fest überzeugt,« antwortete Reismann. »Liebe Freunde, wir alle kennen Jos und wissen, wie impulsiv er ist. Prost, liebe Freunde, ein letztes Glas, bevor wir scheiden! Was sagte man mir nach, als ich vor einer Woche allem Anschein nach so unmotiviert den Pokertisch im Freisinnigen Klub verließ? Was sagte man? Nicht viel. Man flüsterte nur: Frauenzimmergeschichten! Dasselbe flüstere ich jetzt fast lautlos, wenn ich an Jos denke: Frauenzimmergeschichten, meine Herren! Kommt Zeit, kommt Rat.« »War das die glänzende Idee?« fragte Billington ärgerlich. »Sehr originell ist sie nicht. Ich ...« »Nein, meine große Idee kommt jetzt erst,« unterbrach Reismann ihn. »Jos ist einer der leidenschaftlichsten Kartenspieler der Welt, und er weiß, daß ich mich auf Grund der strengen Spielregeln des Klubs heute nacht vor ein Uhr im Freisinnigen Klub einfinden muß, um meine große Partie zu Ende zu spielen. Ich wette, daß er sich ebenfalls einfindet.« Reismann leerte sein Glas selbstzufrieden. Er füllte es von neuem und brachte ein weiteres Wohl aus. Mit Wehmut verlasse er diesen Raum, erklärte er, der Zeuge von der Organisation und Vollendung eines der schönsten philanthropischen Unternehmen der Gegenwart geworden sei. Billington wurde immer ungeduldiger, und wenn Jonassen nicht in diesem Augenblick heraufgerufen hätte, daß das Auto zur Abfahrt bereit sei, wäre Reismanns Redseligkeit wahrscheinlich ziemlich schroff unterbrochen worden. Reismann stieg voran die Treppe herab, langsam und feierlich, mir seiner schwarzen Aktenmappe unterm Arm. Nach ihm kam Karl-Erich von Brakel, mit seinen Kunstwerken aufgerollt unterm Arm. Das große Reklameplakat war so groß, daß es auf der Treppe nachschleifte. Dann folgte Oedegaard. Aus seinen Rocktaschen ragten mehrere Flaschenhälse, er dachte offenbar an das Atelierfest. Zuletzt kamen Krag und Billington. Der große Raum blieb in voller Beleuchtung liegen. Selten oder nie hat wohl der Schauplatz einer Direktionssitzung so ausgesehen. Die Sitzung hatte allerdings auch mehrere Tage gedauert. Der Raum glich einer Junggesellenbude, wo jede Spur einer ordnenden, weiblichen Hand fehlte. Der Spieltisch war jetzt leer, aber der Fußboden mit seinem grünen Teppich glich fürwahr einem Spieltisch nach längerem Gebrauch, mit den umgeworfenen Aschenbechern, Zigarren- und Zigarettenstummeln, Gläsern, Flaschen, leeren Zigarrenkisten, Karten und verstreuten Spielmarken. Bevor die Herren ins Auto stiegen, zog Reismann Krag beiseite und sagte zu ihm: »Sie sind ja Mitglied des Freisinnigen Klubs. Kommen Sie mit?« »Ich komme nach. Billington will erst ins Bureau, und ich werde ihm Gesellschaft leisten.« »Gut. Wenn Sie aber vor Beendigung des Spiels kommen, dann erinnern Sie sich wohl, was ich Ihnen von meinen Karten sagte?« »Sie haben vier Asse in einem versiegelten Kuvert. Das ist das höchste Gebot. Sie können nicht verlieren. Ich erinnere mich wohl.« »Sie müssen es aber vergessen. Ganz und gar, verstehen Sie?« Krag lachte. »Ich bin kein Neuling im Hasardspielen und mische mich nie in anderer Leute Angelegenheiten.« Es hatte aufgehört zu schneien. Der Sturm hatte nachgelassen und das Auto glitt leichter durch den Schnee. Auf dem Eichenmarkt, vor Jos' Kontor, stiegen Billington und Krag aus. Die beiden Künstler sollten beim Atelier abgesetzt werden, und Reismann wollte allein weiterfahren. Billington, der begriffen hatte, daß Krag sich mit Absicht von den anderen trennte, lud ihn ein, mit ins Kontor hinaufzukommen. Krag aber zog es vor, unten zu warten. Er sah, daß in zwei Fenstern des vierten Stockwerkes Licht war. Billington erklärte ihm, daß Fräulein Erko oben auf ihn warte. Billington ging nach oben, um sich zu erkundigen, ob eine Nachricht von dem verschwundenen Jos eingetroffen sei. Krag schlenderte auf dem Fußsteig auf und ab. Hier im Zentrum der Stadt waren noch viele Leute unterwegs, die Cafés hatten noch nicht geschlossen. Die Passanten hatten den Schnee auf den Fußsteigen bereits festgetreten, auf den Fahrwegen aber glitten die Wagen wie auf Daunenbetten lautlos vorbei. In der Nähe war ein Autohalteplatz, und die Chauffeure standen in Gruppen und scherzten laut miteinander. Plötzlich glitt ein Mann aus dem Hause, wo Jos sein Kontor hatte. Es war ein Herr im Pelz, der den Kragen bis über die Ohren geschlagen und die Pelzmütze tief in die Stirn gedrückt hatte, obgleich es nach dem Schneefall ganz milde geworden war. Krag ging dicht an diesem Mann vorbei, es fiel ihm auf, daß er seine behandschuhten Hände gegen die Backen hielt, als ob ihn fröre. Er trat auf den Fahrweg und pfiff nach einem Auto. Krag dachte bei sich: »Er will mir sein Gesicht nicht zeigen.« Aber Krag hatte dennoch einen Schimmer von diesem Gesicht gesehen. Ein Auto löste sich aus der Reihe und näherte sich dem Wartenden, der dem Wagen auf halbem Wege entgegenkam und rasch einstieg. Der Mann gab dem Chauffeur keinen Bescheid, er stieg nur ein und schlug die Tür hinter sich zu, worauf das Auto schnell davonfuhr. Krag blieb stehen und sah ihm nach – und plötzlich kam ihm der Gedanke: »Das war ja ein Privatauto!« Warum aber wartete dieses Auto zwischen den anderen Mietsautos? Krag kannte die Marke. Es war ein »Excelsior« gewesen. Ein »Excelsior«! Jetzt trat Billington aus dem Hause. »Noch immer kein Lebenszeichen von Jos,« sagte er. »Sind Sie besorgt?« fragte Krag. »Ja, es beunruhigt mich,« antwortete Billington. »Jos pflegt in geschäftlichen Dingen nicht unzuverlässig oder zu Scherz aufgelegt zu sein. Und diesmal handelt es sich um sehr große Geschäfte. Noch aber ist nichts versäumt.« »War Fräulein Erko allein?« fragte der Detektiv. »Ja.« »Ist Ihnen jemand auf der Treppe begegnet?« »Nein.« Billington schien erstaunt über diese Fragen. »Verstehen Sie sich auf Autos?« fragte Krag weiter. »Ich meine, können Sie die verschiedenen Automarken voneinander unterscheiden?« »Mit Sicherheit. Ich habe selbst früher mit Autos gehandelt.« »Und Sie wissen bestimmt, daß es eine Excelsior-Maschine war, die heute nachmittag um drei Uhr mit Jos davonfuhr?« »Ganz bestimmt.« »Es ist Ihnen wohl bekannt, daß diese Marke hier in Christiania wenig vertreten ist?« »Ich weiß. Es gibt höchstens zwei oder drei von der Sorte.« »Schön. Begeben wir uns jetzt in den Klub.« Sie riefen ein Auto herbei. Achtundfünfzigtausend Kronen Bereits draußen im Vorraum wurden Billington und Krag mit der freudigen Mitteilung empfangen: »Reismann ist wieder da!« Billington gab sich Mühe, gleichgültig auszusehen, aber es glückte ihm nur teilweise. »Was Sie sagen!« rief er. »Ich glaubte schon, er sei tot. Wo ist er gewesen?« »Wer das wüßte! Der ganze Klub platzt vor Neugierde. Hören Sie nur den Lärm!« Und wirklich. Aus den Klubräumen klang wildes Stimmengewirr, mit Gelächter und lauten Ausrufen untermischt. »Er behauptet, es sei ein Geheimnis, von dem keiner etwas vor morgen erfahren soll,« berichtete der Portier weiter, während er die Mäntel aufhängte. »Aber Gott weiß,« fügte er mit jenem allwissenden Lächeln hinzu, das alte erfahrene Klubdiener anzunehmen pflegen, »ob nicht doch Frauenzimmer mit im Spiel waren. Wir kennen ja Reismann, nicht wahr?« Auf diese reichlich familiäre Bemerkung antworteten die Herren nichts, sondern begaben sich schnell in den Klubraum. Man konnte der dort versammelten Gesellschaft ansehen, daß die größte Sensation sich bereits um Reismann verflüchtigt hatte. Alle waren natürlich froh, daß sie ihn wiederhatten, denn Direktor Reismann war eine sehr populäre Persönlichkeit in der Stadt. Nachdem die Freunde ihn aber mit der Ursache zu seinem Verschwinden weidlich geneckt hatten, ließ man ihn in Frieden. Denn hier waren ernsthafte Herren versammelt, die an ganz andere Dinge zu denken hatten. Die Karten kamen bereits hier und dort auf den Spieltischen zum Vorschein, und der Kreis um den Helden des Abends lichtete sich. Reismann stand gegen den Kamin gelehnt. Die lange Autofahrt hatte den letzten Rest des Champagnerrausches aus ihm herausgerüttelt, er fühlte sich der Situation vollkommen gewachsen. Die erforderlichen Vereinbarungen mit den Nachtredaktionen waren bereits getroffen, jetzt wartete er nur auf den dicken Stenesen, der sich telephonisch bereits angemeldet hatte. Seine Rolle gefiel ihm. Er fühlte sich wie ein Held aus Jules Vernes Romanen, der im letzten Augenblick unerwartet aus dem Weltenraum auftaucht und die Wette gewinnt. Allen Fragen gegenüber bewahrte er tiefen Ernst und antwortete kurz und offen: »Ich kann noch nichts darüber sagen. Es ist unmöglich, meine Herren. Aber ich kann Ihnen versichern, es ist das merkwürdigste Erlebnis, das ich je gehabt habe.« Da kam der dicke Stenesen. Krag interessierte sich nicht sehr für Kartenspiel, am wenigsten für Hasard. Außerdem kannte er ja Reismanns Karten. Sie waren nicht zu übertrumpfen. Vier Asse. Der Gewinn war ihm sicher. Auf solche Karten hätte er jedweden Betrag setzen können. Das Spiel hatte also keinen Reiz mehr für Krag und anstatt dem Schauspiel zuzusehen, schlenderte er durch die Räume und wechselte hier und dort einige Worte mit Bekannten. Krag ging selten unter Menschen, er hatte nur wenig Freunde, und die wenigen respektierten seinen Wunsch, allein zu sein. Während Krag so mit einem dieser Freunde sprach, ging ein Herr vorbei und grüßte den Freund. Es war keine ganz junge, aber elastische Gestalt. Das Merkwürdigste war sein Gesicht, das Krag auch sofort auffiel. Es war eigentlich nicht besonders ausgeprägt, aber es wirkte dennoch fremd und eigenartig, weil in der Gesichtsform Andeutungen einer fremden Rasse waren. Die Züge waren kräftig, die Stirn breit, das Haar gelockt. Die Augen waren so hell, daß sie fast steingrau wirkten. Als er grüßte, lächelte er leicht, und das Lächeln war gewinnend. Doch war es nicht sein Aeußeres, das Krag fesselte, sondern mehr der Umstand, daß er ihn schon mal gesehen hatte. Eine flüchtige Erinnerung schoß dem Detektiv durch den Kopf, diese Erinnerung aber war so vage, daß er sich nicht einmal darauf besinnen konnte, ob er den Mann kürzlich oder vor langer Zeit gesehen hatte. »Wer war das?« fragte er. »Suron heißt er,« antwortete der Freund, »ein Finne. Prächtiger Mensch, sehr beliebt. Auch soll er ein tüchtiger Geschäftsmann sein.« »In welcher Branche?« fragte Krag. »Man sagt, daß er im Norden Gruben besitzt. Uebrigens soll er auch mit Erfolg spekulieren.« Der Freund verabschiedete sich, und bald darauf kehrte Krag zu dem Zimmer zurück, wo Reismann und der dicke Stenesen sich am Spieltisch niedergelassen hatten, von einem Haufen neugieriger Zuschauer umgeben. Dazwischen war auch Suron. An den vielen Begrüßungen und Händedrücken, die er austauschte, sah man, daß er viele Freunde hatte. Krag hatte den Raum betreten, weniger um das Spiel zu verfolgen, als um den Finnen zu beobachten. Es reizte ihn rein sportsmäßig, daß er sich nicht darüber klar werden konnte, wo er ihm schon früher begegnet war. Krag nahm auf einem Stuhl in der Nähe Platz. Und jetzt begann das Schlußspiel zwischen Reismann und Stenesen, dieses Spiel, das durch seinen überraschenden Ausgang lange den Gesprächsstoff im Klub bilden sollte. Der Spielinspektor des Klubs, der aller Zutrauen besaß, hatte die versiegelten Karten aus dem brandsicheren Geldschrank des Klubs genommen. Die Karten lagen in einem kleinen Holzschrein, der auf den Tisch gestellt wurde. Der Inspektor hob den Deckel, und darunter lagen ganz richtig die drei Kuverts mit den Karten und die übrigen Karten des Spiels. Nachdem der Spielinspektor die drei Siegel sorgfältig geprüft hatte, legte er die Kuverts vor sich auf den Tisch und sagte: »Wie Sie alle wissen, meine Herren, blieb uns neulich, als Herr Reismann den Klub so plötzlich verließ, nichts anderes übrig, als die Karten zu versiegeln. So lauten unsere Klubregeln, und es ist nicht das erstemal, daß so etwas vorgekommen ist. Dieselbe Regel kommt ja auch zur Anwendung, wenn einem Spielteilnehmer Gelegenheit gegeben wird, Deckung für seinen Einsatz herbeizuschaffen. Ich stehe dafür ein, daß die Karten versiegelt wurden, ohne daß ein Unbefugter Einblick darin bekam. Wie Sie sehen, meine Herren, sind die Siegel unberührt. Hier, Herr Reismann, sind Ihre Karten, dies sind Ihre, Herr Stenesen, und dies sind die übrigen zweiundvierzig Karten des Spieles. Wünschen Sie, meine Herren, daß ich die Pakete öffne?« »Ich schlage vor,« sagte Reismann, »daß die Siegel nicht erbrochen werden, bevor das Spiel abgeschlossen ist. Wir kennen ja beide unsere Karten. Ich jedenfalls kenne meine.« Der Koloß Stenesen ließ ein beifälliges Grunzen hören. Er hatte schon zwei Grogs hinter die Binde gegossen und war jetzt beim dritten. Der Inspektor markierte mit Spielmarken den Einsatz, der bereits gesetzt war, als das Spiel durch Reismanns Verschwinden unterbrochen wurde. Der Einsatz war fünfzehntausend Kronen. »Herr Stenesen hat um fünftausend Kronen erhöht und Direktor Reismann muß erklären, ob er dafür mitgeht,« sagte der Inspektor und zog sich zurück. »Ich gehe mit und erhöhe um fünftausend Kronen,« sagte Reismann, ohne sich zu besinnen. Um den Tisch herum wurde gelacht. Man wußte, daß Reismann ein starker Bluffer war. Stenesen wühlte mit seinen dicken Fingern im Markenhaufen und sagte: »Diese fünftausend Kronen und nochmals fünftausend Kronen.« Jetzt waren fünfunddreißigtausend Kronen gesetzt. Reismann bedachte sich einen Augenblick. Dann sagte er: »Ihre fünftausend Kronen und weitere tausend Kronen.« »Hier sind sie und noch dreitausend Kronen dazu,« grunzte Stenesen. Jetzt lagen fünfundvierzigtausend Kronen auf dem Tisch, obgleich die Spieler schon nicht mehr das Maximum setzten, sondern sich mit kleineren Beträgen begnügten. Krag wußte, daß Reismann mit seinen unüberwindlichen Karten das Maximum weiter hätte bieten können, aber er fürchtete wohl, daß Stenesen abspringen würde, und zog es vor, ihn mit kleineren Beträgen zu reizen. Reismann überlegte wieder und blickte Stenesen durchdringend an, als wollte er dessen innersten Gedanken durchschauen. Auch Stenesen war als starker Bluffer bekannt. Es war wahrlich eine köstliche Komödie. In diesem Augenblick berührte jemand Krags Schulter. Es war Billington. »Ich habe eine erfreuliche Nachricht,« sagte er. »Jos ist gefunden.« »Schade,« sagte Krag, »ich hatte mich schon auf ein Abenteuer gefaßt gemacht.« »Das ist ja Ihr Geschäft,« lachte Billington. »Jos ist auf dem Wege nach Kopenhagen.« »Von wem wissen Sie es?« »Ich habe soeben mit dem Bureau telephoniert. Fräulein Erko hat ein Telegramm von ihm bekommen.« Asbjörn Krag fing den Namen auf – Erko. Fräulein Erko! ... Ein finnischer Name ... Plötzlich hatte er den Zusammenhang gefunden. Während er in seinem Lehnstuhl saß, blickte er zu Suron hinüber, der am Spieltisch stand, ganz in das Spiel vertieft. Suron – auch ein finnischer Name! Und jetzt wußte Krag auch, wo er den Mann schon einmal gesehen hatte. Suron war vor einer Stunde aus dem Hause gekommen, in dem Jos' Kontor lag, und war in dem »Excelsior«-Auto davongefahren. Er hatte versucht, sein Gesicht zu verbergen, der geübte Detektiv aber hatte genug davon gesehen, um es wiederzuerkennen. Krag kam plötzlich die Ahnung, daß er hier eine Spur gefunden hatte, der er folgen mußte. Er empfand auf seltsame, unerklärliche Weise, daß dieser Mann von einem Geheimnis umgeben war. »Diese dreitausend Kronen und nochmal fünftausend Kronen.« »Ich sehe sie für fünftausend Kronen,« sagte Stenesen. »Und Sie erhöhen nicht?« »Nein,« antwortete Stenesen. »Meine Herren, es sind jetzt achtundfünfzigtausend Kronen,« bemerkte der Inspektor trocken. Einen Augenblick herrschte Totenstille um den Tisch; durch das Schweigen aber tönte plötzlich eine sanfte Stimme: »Doublieren Sie nicht, Reismann?« Suron hatte diese Worte gesagt. Hundertsechsunddreißigtausend Kronen Krags Interesse für das Spiel war plötzlich wach geworden. Er selbst spielte nie Poker, kannte das Spiel aber so weit, daß er wußte, Reismann sei jetzt an der Reihe zu doublieren. Er konnte »proponieren«, wie man es nennt. Bei dieser Art Spiel verdienen die richtigen Pokerspieler sich ihre Sporen. Außer dem Doublee kann man auch Teilung vorschlagen, oder man kann proponieren, daß der Gegenspieler einen Teil des Einsatzes, zum Beispiel ein Fünftel erhält, wenn er verzichtet. Hat ein Spieler gute Karten, ist seine Stellung bei diesem Auf-Akkord-Gehen natürlich günstig, aber auch ein Spieler mit schwachen Karten kann durch kühne Gebote und Vorschläge seinen Gegenspieler in dem Maße bluffen, daß er mit heiler Haut davonkommt. Der Markenhaufen, der jetzt auf dem Tisch lag, stellte einen Wert dar von achtundfünfzigtausend Kronen. Das Spiel stockte, und Stenesen, der an der Reihe war zu bieten, hatte durch sein »Nein« weitere Gebote verhindert. Damit wäre das Spiel tatsächlich zu Ende gewesen. Reismann hätte verlangen können, daß die Karten gezeigt werden sollten, und hätte dann unbedingt auf seine vier Asse gewonnen. Teils aber war es Sitte, weitere Vorschläge des Gegenspielers abzuwarten, teils konnte Reismann durch geschicktes Manövrieren noch einige Tausende auf den Tisch locken. Kurz und gut, er überlegte Surons Worte tief und sagte dann mit kleidsamer Bescheidenheit: »Unser finnischer Freund hat mir einen guten Rat gegeben. Ich doubliere indessen nicht, da ich Stenesen nicht gern in die Lage bringen möchte, eine abschlägige Antwort zu geben –« (»Oh, dieser Humbug!« dachte Krag.) »– aber ich habe einen anderen Vorschlag ...« Reismann zählte Marken ab, die den Wert von fünftausend Kronen hatten, und schob sie zu Stenesen hinüber, indem er sagte: »Ich biete Stenesen diese fünftausend Kronen, damit er verzichtet. Dann brauchen wir die Karten gar nicht zu zeigen.« Damit beugte er sich vor und legte seine Hand auf den Markenhaufen, um anzudeuten, daß er annähme, sein generöses Angebot sei von vornherein angenommen. Stenesen grunzte nur. Zwischen den Zuschauern wurde gemurmelt. Einige lachten laut. Man hielt Reismanns Angebot allgemein für Scherz. Stenesen fünftausend Kronen anzubieten, damit er verzichtete, nachdem er über fünfundzwanzigtausend Kronen gesetzt hatte! Auch Krag hatte sich mehr und mehr von der Spannung hinreißen lassen. Er beschäftigte sich damit, den psychologischen Wert des Spieles zu analysieren, er kannte ja die unüberwindliche Stellung des einen Spielers. Er dachte bei sich: Reismann ist zu übermütig. Er gibt sich nicht nervös genug, um den anderen hereinzulegen. Dies letzte Angebot war wirklich nur eine dumme Geste. Ein scharfer Beobachter muß gemerkt haben, daß Reismann sich verraten hat. Ein Vorschlag zur Teilung wäre besser gewesen, überlegte Krag weiter. Andererseits hätte Reismann dabei riskiert, daß Stenesen sein Angebot annähme, und er um seinen sicheren Gewinn gekommen wäre. Krag betrachtete die Spieler aufmerksam. Die Augen des dicken Stenesen lagen tief im Kopf, aber an Schärfe fehlte es ihnen nicht, sie waren wie zwei schwarze, brennende Flecke. Stenesen grunzte wieder, unbegreiflich, geheimnisvoll, doch klang ein gewisser gutmütiger Ton hindurch, der durchblicken ließ, daß er Reismann durchschaut habe. Er schien sagen zu wollen: »Warte, mein Junge, jetzt habe ich dich.« Stenesen schob die fünftausend zurück, so überlegen und nonchalant, als striche er Asche vom Tisch. »Kindereien!« brummte er. »Da du aber von fünftausend gesprochen hast, so laß uns noch jeder fünftausend setzen.« Er schob Marken im Wert von fünftausend Kronen hin. »Meinetwegen gern,« antwortete Reismann und setzte denselben Betrag. Darauf zündete er sich mit augenfälliger Ruhe eine Zigarre an. Auch dies mißfiel Krag, der das bestimmte Gefühl hatte, daß Reismann vor allem seine Rolle zu spielen versuchte. Da gefiel ihm der dicke Stenesen viel besser, der nur grunzte und trank, dessen Augen aber wach und scharf in dem fetten, blassen Gesicht blitzten. Krag dachte bei sich: Stenesen muß jetzt doch gemerkt haben, daß Reismann seiner Karten sicher ist. Er selbst kann es nicht sein. Wie er sich wohl schließlich aus der Affäre zieht? Vorläufig ist er mit weiteren fünftausend ins Netz gegangen. »Das Spiel ist jetzt achtundsechzigtausend Kronen wert, meine Herren,« sagte der Inspektor. »Hast du noch einen Vorschlag zu machen, Reismann?« fragte Stenesen. Reismann klopfte gemessen die Asche von seiner Zigarre, und Krag wartete mit einem peinlichen Gefühl auf seine Antwort. Darauf blies er einige feine, blaue Rauchringe über den Tisch, die sich über die neugierigen, stummen Zuschauer verflüchtigten. »Oh, diese verfluchte melodramatische Zigarre!« dachte Krag ganz erbittert. Dann aber sagte Reismann plötzlich: »Ich schlage vor, daß wir doublieren oder ... teilen!« Krag horchte auf. Das war wirklich großartig. Das war Hasard. So hatte Reismanns Lust am Hasard also doch noch seine Freude am Komödiespielen übertrumpft. Er bietet Doublieren oder Teilen an, mit anderen Worten, er kann den doppelten Einsatz gewinnen, aber er muß auch darauf gefaßt sein, daß Stenesen die Teilung annimmt, die Teilung des ganzen Einsatzes, und in solchem Fall wird das ganze Spiel gleich mit plus minus null. Jedenfalls aber hat er erreicht, daß Stenesen jetzt disorientiert ist. Reismanns Angebot kann ein Zeichen dafür sein, daß es schlecht um ihn bestellt ist, und wenn Stenesen diesen Glauben hat, dann hat Reismann den wesentlichsten Triumph im Poker erreicht: dem Gegenspieler eine falsche Meinung beizubringen . Außerdem hatte Reismann seine Position in hohem Maße gestärkt. Er konnte jetzt Komödie spielen oder nicht, seine Angebote würden auf alle Fälle so weitgehende doppelseitige Konsequenzen enthalten, daß Stenesen von jetzt ab nur noch im Ungewissen schweben konnte. Mehr Menschen strömten hinzu, um diesem merkwürdigen Spiel beizuwohnen. Krag machte die Beobachtung, daß der Finne Suron sich bis zu Stenesen durchgedrängt hatte. Aller Augen waren auf Stenesen gerichtet. »Ein schweres Spiel,« sagte Stenesen, »ein verflucht schweres Spiel!« Einen Augenblick war es, als ob die Spannung förmlich durch die Totenstille um den Tisch tönte. Sollte er Teilung annehmen? ... Da aber sagte Stenesen: »Ich fordere zur Teilnahme auf.« Und bevor noch jemand Zeit gefunden hatte zu antworten, erklang Surons Stimme: »Ich übernehme den Anteil beim Doublieren!« Diese Worte wurden sofort mit munterem Lärm aufgenommen. Natürlich, hieß es allgemein, hier mußte Suron dabei sein. Er ist unverbesserlich, sagte einer. Er verbrennt sich, meinte ein anderer. Durch alle Ausrufe aber klang ein Unterton von Bewunderung. Suron war sehr beliebt. Und er hatte immer eine Art zu spielen, bei der sogar das Herz eines ungarischen Magnaten höher schlagen konnte. In einem Fall wie diesem, wenn keiner der Umstehenden die Karten der Spielenden gesehen hatte oder sieht, gestatteten die Regeln des Klubs, daß einer der Zuschauer sich an der Partie beteiligen durfte, indem er Gewinn oder Verlust zur Hälfte mittrug. Nun also hatte Suron sich als Kompagnon gemeldet und auf Stenesens Seite gestellt. Von diesem Augenblick an war Krags Aufmerksamkeit ausschließlich auf Suron gerichtet. Der Detektiv saß so, daß er den Finnen gerade vor sich hatte. »Armer Kerl,« dachte er, indem er nachrechnete, »der Spaß wird ihm vierunddreißigtausend Kronen kosten. Das ist doch Geld.« Gleichzeitig aber hatte er ein beunruhigendes Gefühl. Würde vielleicht noch etwas Unerwartetes eintreffen? »Ich akzeptiere,« sagte Reismann. »Keine weiteren Vorschläge?« fragte Suron. »Ich habe genug,« antwortete Reismann, »wenn die Herren keinen Vorschlag mehr machen wollen?« In Surons Zügen leuchtete es auf. »Wie,« dachte Krag bei sich, »will er das Spiel noch höher treiben?« »Das Spiel ist jetzt hundertsechsunddreißigtausend Kronen wert,« teilte der Inspektor kalt und geschäftsmäßig mit. Stenesen ließ seine gewaltige Tatze mit einem Bums auf den Tisch fallen und rief: »Genug! Schluß!« Wie es Krag schien, ging ein Ausdruck von Enttäuschung über Surons Gesicht. Alles drängte jetzt um den Tisch, und der Inspektor öffnete den kleinen Holzschrein, aus dem er die drei versiegelten Pakete nahm. »Ich darf Sie bitten, meine Herren, die Pakete zu prüfen, ob die Siegel in Ordnung sind.« Die beiden Spieler untersuchten die Siegel. Alles war in Ordnung. Zuerst öffnete Stenesen sein Paket und legte die Karten auf den Tisch. Es waren vier Könige und eine Zehn. »Vier Könige!« murmelte Reismann, indem er nervös das Siegel seines Pakets erbrach. »Nicht übel. Was aber sind vier Könige, meine Herren, gegen ...« Er legte triumphierend seine Karten auf den Tisch, ohne sie anzusehen und fuhr mit einer flotten Handbewegung fort: »... gegen vier Asse, meine Herren!« Eine zehntel Sekunde herrschte tiefes Schweigen. Alle beugten sich über den Tisch, guckten über die Schultern der Zunächststehenden und drängten nach vorn ... Dann aber löste sich die Spannung in einen wilden Sturm von Gelächter und Ausrufen. Niemals hatten die Räume des Freisinnigen Klubs von solchen Lachsalven und wildem Geschrei widergeklungen. Man tanzte herum, schlug sich auf die Schenkel, umarmte sich und gab sich allen möglichen Ausdrücken des tollsten Entzückens hin. Der einzige, der sich ruhig verhielt, war Reismann. Er saß und starrte seine Karten wie verhext an. Es war nämlich nicht ein einziges Aß zwischen diesen Karten. Da waren eine Treffsieben, eine Karozwei, eine Pikzehn, eine Coeurfünf und ein Bube. Es war nichts, rein nichts, nicht mal ein einziges Paar! Reismann war blaß geworden. Er stöhnte schmerzlich, sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, und seine Hand griff nach dem Herzen. Nach dem Herzen. Wo die Brieftasche zu stecken pflegt. Versiegelte Karten Kein einziger der Anwesenden bezweifelte, daß Reismann zu blüffen versuchte und gewaltig dabei hereingefallen war. Seinen Ausdruck von sprachlosem Entsetzen hielt man für die reine Komödie. Nur Krag sah, wie echt sein Schreck war – eine feine Blässe hatte sich über sein Gesicht gebreitet, die die Haut aschgrau machte, seine Finger zitterten wie bei einem Fieberkranken, und er starrte die Karten, diese schrecklichen, fünf nichtssagenden und wertlosen Karten, wie verhext an. Plötzlich lachte er fast kindlich auf. Ratlos wandte er sich an die Umstehenden. »Ich hatte vier Asse,« murmelte er. »Und wenn es mein letztes Wort sein sollte, ich hatte vier Asse.« Er wurde durch Lachen und Lärmen übertäubt. Bitte, kein neuer Bluff! Es war genug für heute abend! Außerdem lag ja das Kuvert noch auf dem Tisch. Es war das Siegel des Klubs. Reismann betastete nervös das erbrochene Siegel. Ja, gewiß, es war das Siegel des Klubs, das große künstlerisch ausgeführte Siegel, das sich in der besonderen Obhut des Spielinspektors befand, und das nach jeweiliger Benutzung diesem Vertrauensmann feierlichst wieder eingehändigt wurde. Das Zimmer begann sich mit ihm zu drehen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. »Ich verlange,« sagte er, »daß auch das Paket mit den übrigen Karten geöffnet wird.« Eine ängstliche und unwillige Bewegung ging durch das Zimmer. In Reismanns Stimme war ein Klang, den man ernst nehmen mußte. Aber was wollte er denn eigentlich? Der Spielinspektor runzelte die Stirn und trat wieder an den grünen Tisch. Asbjörn Krag beugte sich zu Reismann und flüsterte ihm ins Ohr: »Schreien Sie nicht so. Beruhigen Sie sich.« Reismann sah ihn mit verstörten, bittenden Augen an. Krag wandte sich an den Spielinspektor und sagte: »Direktor Reismann meint natürlich, wie Sie sich denken können, daß alle Formalitäten gewahrt werden müssen. Wir haben Herrn Stenesens und Herrn Reismanns Karten gesehen, nun müssen Sie uns auch noch die übrigen Karten des Spiels zeigen. Natürlich ist es die reine Formsache, wenn aber eine Angelegenheit bis ins letzte tadellos gehandhabt wird, kann es nachher keine Mißverständnisse geben.« »Sie haben ganz recht, meine Herren,« antwortete der Spielinspektor, »es war ein Fehler von mir, daß ich es nicht von selbst getan habe.« Auf diese Weise hatte Krag die Sache so gedreht, daß es den Anschein hatte, er habe den Vorschlag gemacht. Seine Absicht war, Reismann Zeit zu geben, so daß er sich fassen und seine Interessen wahrnehmen konnte, ohne sich eine zu große Blöße zu geben. »Hier sollen also zweiundvierzig Karten sein,« sagte der Spielinspektor, indem er das versiegelte Paket aus dem Schrein nahm. Er wollte den Umschlag schnell erbrechen, als Krag ihn zurückhielt. »Es ist nur eine Formsache,« sagte er, »aber ich möchte Sie doch bitten, das Siegel zu untersuchen, bevor Sie es erbrechen. Sie haben das Paket ja selbst versiegelt und niemand kann es darum besser kontrollieren als Sie.« Der Inspektor prüfte das rote Siegel. »Es ist in Ordnung,« erklärte er. Darauf öffnete er das Kuvert und zählte die Karten auf den Tisch. »Stimmt es?« fragte er, indem er Krag einen Seitenblick zuwarf. »Aber Sie sehen ja gar nicht auf die Karten,« rief er indigniert, »Sie sehen ja ganz woanders hin.« Er folgte der Richtung von Krags Blick und sein Auge fiel auf Suron, der neben Stenesen stand. Der Finne rauchte eine Zigarette und betrachtete die Szene am Spieltisch mit offenkundigster Gleichgültigkeit. Krag versuchte einen Blick seiner grauen Augen zu fangen, aber es war ihm nicht möglich. Er hielt die ganze Zeit seinen Blick gesenkt, während er recht laut mit Stenesen über die enorme Steigerung der Tonnagepreise sprach. Die kürzlich stattgehabte Sensation schien er bereits vergessen zu haben. »Zählen Sie die Karten,« sagte Krag. »Sie sind bereits gezählt,« antwortete der Inspektor. »Es waren zweiundvierzig Karten. Alles stimmt, meine Herren.« Zwischen den zweiundvierzig Karten, die jetzt auf dem Tisch ausgebreitet lagen, waren auch die vier Asse. Reismann war der einzige, der noch auf seinem Platz saß, die anderen waren alle aufgestanden. Er starrte die vier Asse einen Augenblick wie geistesabwesend an. Kein Wort kam über seine Lippen. Krag beobachtete ihn und meinte zu verstehen, daß er sich während dieses Schweigens die Selbstbeherrschung zu erkämpfen versuchte, die ihm vorhin abhanden gekommen war. »Wenn er die Situation mit einiger Ueberlegenheit zu nehmen versteht,« dachte Krag bei sich, »dann bekennt er sich zu dem Verlust. Denn es liegt ja eine unantastbare Tatsache vor. Er muß sich damit abfinden, einen anderen Ausweg gibt es nicht.« Und es schien, als ob Reismann jetzt sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte und den richtigen Weg wählte. Er erhob sich langsam vom Tisch. Sein Gesicht zeigte ein resigniertes Lächeln, als ob er sagen wollte: »Nun wohl, meine Herren, der Bluff ist mir nicht geglückt und ich ergebe mich in mein Schicksal.« So wurde die Situation auch allgemein aufgefaßt, und Reismanns wehmütige Selbstaufgabe, eine unwillkürliche Anerkennung des Geschehenen, löste eine heitere und ungezwungene Stimmung zwischen den Anwesenden aus. Einen Augenblick hatte man gefürchtet, daß Reismann eine Szene machen und sich als ein »schlechter Verlierer« zeigen würde, – ein Gebaren, das, wenn es ein vereinzeltes Mal vorkam, von diesen reifen Männern und tapferen Kämpfern mit Bedauern und einem gewissen stillen Kummer aufgenommen wurde. Jetzt konnte jeder sich mit gutem Gewissen seiner Bewunderung für Reismann hingeben. Es war ein wirkliches Spiel, eine ordentliche Schlacht gewesen. Mit größerem Glanz hätte er nicht von seinem mystischen Aufenthaltsort zurückkehren können. Und wirklich schien es, als ob Reismann schließlich mit seiner Rolle ganz zufrieden sei. Er liebte es zu posieren, Leute zu bezaubern. Hin und wieder nur griff er sich krampfhaft ans Herz. Es war ein sehr teuer erkaufter Erfolg. »Wieviel, meine Herren?« fragte er. Sowohl Stenesen wie Suron gaben sich den Anschein, als ob die Frage sie nicht im geringsten interessierte. Der Spielinspektor antwortete: »Herr Reismann hat achtundsechzigtausend Kronen verloren. An Herrn Stenesen vierunddreißigtausend Kronen, und Herr Suron bekommt dieselbe Summe.« Nachdem Reismann seine Rolle einmal gewählt hatte, spielte er sie vortrefflich. Er zog gelassen seinen Füllfederhalter aus der Tasche und schrieb zwei Schecks aus. Suron legte seinen Scheck sorgfältig in seine Brieftasche. Das war ebenfalls der Ausdruck eines vollendeten Stils, ein weniger überlegener Spieler hätte den Scheck schnell in die Westentasche gesteckt. Der Inspektor nahm die Karten vom Tisch; bevor sich aber eine neue Partie bildete, wurde noch viel über Reismann und sein flottes Spiel an den verschiedenen Tischen gesprochen. Stenesen wurde in die Enge getrieben. »Gestehen Sie,« sagte man zu ihm, »daß Sie einen Augenblick drauf und dran waren, sich auf Teilung einzulassen?« »Das gebe ich willig zu,« antwortete Stenesen, »hätte ich nicht einen Kompagnon bekommen, wäre ich auf Teilung eingegangen.« »Herrn Surons Eingreifen hat also die Sache entschieden. Er ist doch ein Glückspilz!« Reismann zog Krag in eine Ecke. Als er sich außer Bereich der vielen neugierigen Blicke fühlte, bekam er einen neuen Anfall von Fassungslosigkeit. »Ich starre in eine vollständige Dunkelheit,« sagte er, »mein Gehirn kann es nicht fassen. Ich hatte vier Asse, als ich den Spieltisch verließ.« »Aber Sie sehen doch ein, daß es keinen Sinn hat, eine Szene zu machen.« »Gewiß. Ich muß meinen Verlust mit Anstand tragen. Aber ich begreife nicht, wie es zugegangen ist.« »Wenn Sie es sich recht überlegen, gibt es nur eine Erklärung,« sagte Krag. »Glauben Sie wirklich, daß ...« »Natürlich. Das Kuvert ist in der Zwischenzeit geöffnet, das Siegel erbrochen worden ...« In diesem Augenblick kam Herr Suron auf sie zu. Er war von überströmender Liebenswürdigkeit gegen Reismann, schlug ihm auf die Schulter und sagte mit jener heiteren Freundlichkeit, die die Gewißheit eines einkassierten Gewinns verleiht: »Na, lieber Freund, ein andermal wünsche ich Ihnen mehr Glück. Aber auf alle Fälle war es meisterhaft gemacht. Ich bewundere Sie.« »Ja, es war gut gemacht,« sagte Krag und sah den Finnen vielsagend an. Ein plötzliches Schweigen trat ein. Und durch dieses Schweigen tönte das Tuten einer Autohupe. »Das ist Ihr Auto,« sagte Krag. »Verstehen Sie sich auch auf solche Dinge?« fragte der Finne lachend. »Autos sind meine Spezialität,« sagte Krag. »Ich kann an jeder Hupe hören, welche Firma es ist. Sie haben eine Excelsiormaschine.« Suron lachte laut auf. »Das muß ich sagen, heute abend ist Bluffen Trumpf,« erwiderte er. »Vor zwei Tagen erst habe ich mir eine andere Hupe gekauft.« Krag machte eine bedauernde Handbewegung. »Dann muß ich zugeben,« sagte er, »daß ich Ihr Auto schon kannte. Ich habe es bereits gesehen.« »Wann?« »Heute.« »Heute? Wann denn?« »Um drei Uhr.« Ein Telegramm von »Jos« »Um drei Uhr!« Diese drei Worte hatte Krag mit berechnender Plötzlichkeit hervorgestoßen. In solchen Ueberraschungen war er Meister. Seine Stimme hatte keinen ungewöhnlichen Klang gehabt, und dennoch blieben die Worte noch eine ganze Weile wie ein zweischneidiges Schwert in der Luft stehen. Sie bekamen einen seltsamen Doppelklang, der weder durch die Worte an sich noch durch ihren Sinn hervorgerufen wurde, aber die Art, wie er sie aussprach, machte, daß derjenige, an den sie gerichtet waren, plötzlich aufhorchte, nachdenklich und verwirrt. Es gehörte eine ungewöhnliche Geistesgegenwart dazu, um sich bei solch plötzlichem, unerwartetem Geschoß nicht zu verraten. Und in den Augenblicken, die folgten, beobachtete Krag das Mienenspiel und den Seelenzustand des Angegriffenen aufs schärfste. Auch in diesem Fall entstand eine Pause zwischen Krags Worten und Surons Antwort, die Krag dazu benutzte, um den Gesichtsausdruck des Finnen mit gespannter Aufmerksamkeit zu studieren. Er verriet ein gewisses Erstaunen, und Krag wollte jede Wette eingehen, daß Suron seine Antwort wohl überlegte. »Um drei Uhr,« murmelte er, »um drei Uhr, lassen Sie mal sehen. Nein, das kann nicht stimmen. Um drei Uhr war ich zu einer Konferenz in der Börse.« »Na, vielleicht war es etwas später,« gab Krag lächelnd zu. Es war nicht Krags Absicht, den Angegriffenen jetzt noch mehr zu beunruhigen. Darum wich er aus. »Sie haben mich also in meinem Auto gesehen? Vielleicht haben Sie auch meine neue Hupe gehört?« »Freilich. Eine prächtige Hupe. Ihr Klang geht einem durch Mark und Bein.« »Mit anderen Worten,« fuhr Suron fort, »wenn Sie die Hupe hören, dann wissen Sie, daß es mein Auto ist. Es ist keine vage Vermutung?« »Nein, ich weiß es.« Der Finne lachte. »Das nenne ich Scharfsinn,« sagte er. In diesem Augenblick wurde Krag von anderer Seite angerufen und verließ darum Suron und Reismann. In einem Wandspiegel aber konnte er verfolgen, wie uninteressiert der Finne Reismann zuhörte und wie sein Blick ihm die ganze Zeit mit eigentümlicher Wachsamkeit folgte. Der Spielinspektor hatte Krag gerufen. »Ich habe meine Bedenken wegen des Spieles,« sagte der Inspektor, indem er Krag an einen Tisch zog, wo sie ungestört sitzen konnten, »und ich habe Ihnen angemerkt, daß auch Sie welche haben.« »Sie meinen, weil das Spiel so ungewöhnlich hoch war?« »Es war ungewöhnlich hoch. Aber das ist es nicht, denn unsere Gesellschaft ist ja privat. Nein, Reismann gefällt mir nicht. Sonst pflegt er immer ganz gleichmütig zu sein, ob er gewinnt oder verliert. Heute abend aber behauptet er, daß die Karten, die wir versiegelt hatten, vier Asse waren. Was halten Sie davon?« »Ich meine, daß Reismann entweder total verrückt sein muß, oder daß er die vier Asse gehabt hat. Und in letzterem Fall hätte er die Partie gegen Stenesens vier Könige gewonnen. Total verrückt aber ist Reismann nicht. Da haben Sie meine Meinung über die Sache.« »Aber das ist ja entsetzlich. Was will er denn machen?« »Nichts. Er trägt seinen Verlust, mehr kann man nicht von ihm verlangen. Ich weiß übrigens, daß es einen Augenblick gab, wo er schwankte. Fast hätte er protestiert und Betrug! gerufen. Es spricht für seine Geistesgegenwart, daß er den Verlust vorzog und auf einen Krach verzichtete. Er nahm die versiegelten Karten als eine Tatsache, daß hier eine – Unregelmäßigkeit vorliegt, so wollen wir es bis auf weiteres nennen.« Der Inspektor sank ganz gebrochen in sich zusammen. »Haben die Karten während der ganzen Zeit im Geldschrank gelegen?« fragte Krag. »Ja, und außer mir hat niemand die Schlüssel dazu.« »Schlüssel zu einem altmodischen Geldschrank nachzumachen, ist keine große Kunst,« bemerkte Krag. »Aber die Siegel! Ich habe die Karten doch selbst versiegelt, und die Siegel waren intakt.« Krag zuckte die Achseln. »Ich bitte Sie, nehmen Sie die Siegel und die Kuverts in Verwahrsam,« sagte er. »Das habe ich schon getan. Sie sind in diesem Kuvert. Alle drei Umschläge mit ihren Siegeln. Wollen Sie sie haben?« »Ja, gern.« »Glauben Sie, daß man Siegel abnehmen und wieder aufsetzen kann?« »Für einen durchtriebenen Verbrecher ist es eine Kleinigkeit,« sagte Krag. »Wenn ich nach Hause komme, werde ich die Papiere einer gründlichen Prüfung unterziehen. Wann wollen Sie Bescheid haben? Morgen?« »Ich möchte so schnell wie möglich Gewißheit haben. Ich bleibe bis fünf Uhr heute nacht hier. Wollen Sie mir bis dahin telefonieren?« »Ja.« Einige Minuten später stand Krag auf der Straße. Kurz vorher hatte er Billington fortgehen sehen. Reismann saß in einem großen Kreis von Bewunderern und ließ sich ob seines großartigen Spiels huldigen. Er hatte wieder eine ganze Batterie Champagnerflaschen bestellt, so daß er augenblicklich mit seinem Leben sehr zufrieden war. Man konnte ihm sein Behagen über die bedeutende Rolle, die er spielte, ansehen. Es war in den Tagen, als alle Spekulationen glückten, als alle Papiere, sogar die verachtetsten, stiegen. Die Stadt war voll von Spekulanten, die durcheinanderrannten, halbgeleerte Champagnerflaschen hinterließen, tags an der Börse und nachts in den Klubs hoch spielten und es als einen Eingriff in ihre persönliche Freiheit betrachteten, daß es überhaupt Nächte, dunkle Stunden gab, in denen die Papiere unmöglich steigen konnten. Nächte, die eine veraltete, törichte Tradition zur Ruhe für die Menschheit bestimmt hatte. Aehnliche Gedanken schossen Krag flüchtig durch den Kopf, während er vor dem Klub auf der Straße stand und wartete. Trotz allem hielt er viel von Reismann, weil dieser im Grunde eine vornehme, gutherzige Bohemenatur war, aufrichtig, kindlich und häufig wehmütig gestimmt. Der »Unpolitische Freisinnige Klub«, wie der offizielle Name lautete, lag an einer Straßenecke. Vor dem Klub wartete Surons »Excelsior«-Auto. Krag stand hinter der Ecke verborgen und hörte Suron aus dem Hause kommen und dem Chauffeur folgende Anweisung geben: »Zum Telegraphenamt.« Im Vorbeigehen hatte Krag den Chauffeur angesehen. Er hatte keinen roten Vollbart und glich Jonassen überhaupt nicht. Kurz darauf trat Krag bei dem Nachtbeamten des Telegraphenamtes ein. Suron war soeben weitergefahren. »Ich muß unbedingt das Telegramm lesen, das der Herr eben aufgegeben hat,« sagte er zum Beamten. »Sie sind es, Herr Krag,« sagte der Beamte. »Da können wir uns wohl die Formalitäten, die zur Auslieferung eines Telegramms vorgeschrieben sind, sparen. Hier ist das Telegramm. Ich glaube aber kaum, daß es Interesse für Sie hat.« Krag las: »Palasthotel Kopenhagen. Verspätet. Komme am achten morgens. Zimmer reservieren. Johs. P. Christensen.« »Eine ganz gewöhnliche Zimmerbestellung,« sagte Krag. »Sie haben recht, es hat kein Interesse für mich.« »Außerdem haben Sie wohl die Unterschrift beachtet,« sagte der Beamte. »Joh. P. Christensen ist ja der große Schiffsreeder, den alle Welt ›Jos‹ nennt, nicht?« »Ja, ja, Sie haben recht. Er hat das Telegramm wohl nicht selbst aufgegeben. Kennen Sie ›Jos‹?« »Von Ansehen natürlich. Ich habe zu Tausenden Telegramme für ihn aufgenommen, aber selbst hat er sie nie gebracht, er schickt immer seine Lehrlinge, Boten, Hoteljungen oder Dienstmänner, aber selbst kommt er nie.« »Das ist begreiflich,« sagte Krag. »Aber Sie haben recht, dieses Telegramm hat kein Interesse für mich, ich meinte nur, während ich hier in der Gegend auf Entdeckungsreisen ging, daß der Mann, der das Telegramm aufgab, mit ausländischem Akzent sprach, und wie Sie wissen, muß man heutzutage auf Ausländer ein wachsames Auge haben. Uebrigens habe ich auch ein Telegramm aufzugeben. Auch für Kopenhagen.« »Sie wollen also selbst ein Zimmer bestellen,« sagte der Beamte, während er Krags Telegramm aufnahm. »So kurz vor Weihnachten kann es schwierig sein. Aber Sie werden wohl eines bekommen.« Als Krag das Telegraphenamt verließ, konnte er plötzlich konstatieren, daß er ein Verbindungsglied zwischen dem Fall »Jos« und Suron bekommen hatte. Er stellte fest, daß er bereits seit den letzten Stunden eine Ahnung von der Existenz dieser Verbindung gehabt hatte. Was aber hatte das Ganze für einen Sinn? Jos war ja bereits auf dem Wege nach Kopenhagen! Und warum hatte der Finne ein Telegramm mit Jos' Unterschrift abgesandt? Der Hauptpunkt blieb indessen das »Excelsior«-Auto und der Brief um drei Uhr, dieser Brief, den alle vergessen hatten. Und dennoch war es dieser Brief, der Krags Interesse am meisten in Anspruch nahm. Ihm ahnte, daß sich hinter diesem Brief ein Vorhaben verbarg, das jetzt in voller Entwicklung war. Unter blauem Himmel Krag fühlte plötzlich ein unbezwingliches Interesse für die Personen, die in der Burleske: »Aktiengesellschaft der 7. Dezember« mitgespielt hatten. Eine Reihe von Menschen und Situationen waren bisher an ihm vorübergewirbelt, heiter bestrahlt von dem großen Narrenspiel, das Reismann und seine Freunde arrangiert hatten. Nachts um drei Uhr, nachdem er von dem Telegraphenamt geradeswegs nach Hause gefahren war, saß er und überdachte die Ereignisse der letzten Tage. Diese Ereignisse hatten die Festlichkeit und Farben eines munteren Lustspiels. Zuerst die dramatische Sortie des Malers aus dem Grand Hotel – wie gut war das einstudiert gewesen, mit fast kokettem Raffinement. Die Szene, als er hinausging mit den Worten: »Ich bin ein unglücklicher Mensch!« gehörte ja unbedingt auf die Bühne. Dann Oedegaards Verschwinden aus Krags eigenem Fahrstuhl! Wie geschickt war auch das arrangiert gewesen, mit der erfahrenen Technik und dem sicheren Griff des mondänen Sensationsschriftstellers. Dann kam die komische Figur des Stückes – Doktor Ovesen, der vorsichtige, bequeme Spießbürger, der verwundert und widerwillig in der unerwarteten Sensation mitspielt. Ferner Rechtsanwalt Davidsen, robust, gigantisch, lärmend. Dann er selbst, der Detektiv, der von den Regisseuren rücksichtslos mit in die Posse hineingezogen wird, damit es ihr nicht an einem rein äußerlichen Effekt fehle. Ferner die melodramatische Sitzung in dem alten düsteren Wirtshaus, das im Schneewetter recht den Rahmen zu diesem Karnevalsaufzug bildet. Jetzt aber kommt zum erstenmal ein Mißklang in die heitere Stimmung. Etwas Unvorhergesehenes hat sich in die Pläne des Regisseurs eingeschlichen: die unverständliche Episode mit Jos. Die smarten Unternehmer haben indes so viele Dinge im Kopf, daß der Fall »Jos«, wenn er auch im Moment überraschend wirkt, sie auf die Dauer nicht beschäftigen kann. Doch ist es gerade dieser Punkt, der in Asbjörn Krag ein Gefühl erweckt, als ob das Leben selbst, das launenhafte und tragische Leben, in das muntere Spiel eingegriffen und sich unter die Masken des Maskenballes gemischt habe. Noch zeigt es sich nicht deutlich, es hält sich hinter der dunklen Unwirklichkeit des Lustspiels verborgen. Dennoch hat sich bereits unheilverkündender Ernst in den Scherz gemengt; beim nächtlichen Spiel im Klub bekommt Reismann zum erstenmal eine Ahnung von diesem rauhen Ernst, als er auf unbegreifliche Weise ein ganzes Vermögen verliert. Fast scheint es, als ob der Scherz seine Rolle zu Ende gespielt hat und sich zurückziehen will, der Ernst aber sagt: »Nein, hiergeblieben, das Stück ist noch nicht zu Ende. Jetzt will ich mitspielen. Ich bin eine Macht, dazu bestimmt, die Fäden des Scherzes zu Ende zu spinnen. Wer mich lenkt, das sage ich vorläufig noch nicht. Haben Sie meine Anwesenheit denn noch immer nicht bemerkt, meine Herren? Habe ich mich Ihnen nicht deutlich genug durch den Brief um drei Uhr zu erkennen gegeben? Nun, ich gedenke fortzufahren, ich bin unerbittlich. Sehen Sie – da liegt Reismann bereits auf der Nase. Achtundsechzigtausend Kronen ärmer.« So saß Asbjörn Krag in der Nacht und phantasierte über diese neue Wendung der Dinge oder, richtiger gesagt, über die schonungslose Fortsetzung. »Der Ernst hat recht,« dachte er bei sich, »hier in meiner Hand halte ich die Beweise, daß der Ernst bereits einen tragischen Ton bekommen hat, so gewiß, wie jedes Verbrechen immer tragisch ist.« Auf dem Schreibtisch vor ihm lag das Material, das er von dem Spielinspektor des Klubs bekommen hatte. Krag hatte es einer genauen Untersuchung unterworfen. Deren Ergebnis hatte ihn nicht überrascht. Er wußte nun, was er vordem nur vermutet hatte: die Siegel waren erbrochen und wieder aufgesetzt. »Es stimmt also,« dachte Krag, »der Verbrecher hat sich den Scherz auf geschickte Weise zunutze gemacht und seine Arbeit zu Ende geführt. Und es stimmt auch, daß der Ernst noch nicht verraten hat, durch welche Macht er gesteuert wird.« Krag hatte mit dem Spielinspektor vereinbart, daß man den Verdacht geheimhalten wollte. Solange es keinen Schatten von Beweis gab, konnte eine frühzeitige Aufdeckung der Sache nur schaden. Vor allem kam es darauf an, den Verbrecher in Unwissenheit darüber zu lassen, daß man den Betrug entdeckt hatte. Am nächsten Tag, den 7. Dezember, hatte Christiania einen jener schönen Sonnenscheintage, die die Stadt als Winterstadt so berühmt gemacht haben. So schnell kann das Wetter umschlagen. Gestern noch lag die Stadt in wirbelndem Schneesturm begraben und heute strahlte ein klarer Himmel herab, mit weißen Sommerwölkchen, die still und unbeweglich in dem blauen, sonnigen Raum standen. Es war ein Grad Kälte, gerade ausreichend, daß der Schnee nicht schmolz. Die frischgebackenen Reichen der Stadt hatten Gelegenheit, einen neuen Luxus zu zeigen. Vierspännige Schlitten eilten über die weiche Schneedecke des Fahrweges, während weiße, geflochtene Schlittennetze die Vollblutpferde umflatterten. Durch alle Straßen klang melodisches Schellengeläute. Und als die Lichter in der zeitigen Dämmerung angezündet waren, glich das Zentrum der Stadt mit den erleuchteten Theatern und Restaurants einer Weihnachtsausstellung in einem Konfitürengeschäft. Die ganze Stadt war unterwegs, um diese schönen Stunden zu genießen. Reismann hätte für die Enthüllung seines Geheimnisses keinen besseren Tag wählen können. Wenn auch mancher von den guten Bürgersleuten eine Ahnung davon hatte, daß sich hinter dem Unternehmen ein philanthropischer Schwindel verbarg, und daß einige junge, verwegene Menschen die ganze Stadt an der Nase herumgeführt hatten, so machten der schöne Tag und die allgemeine fröhliche Stimmung doch alle nachsichtig, so daß niemand Spielverderber sein wollte. Im übrigen wußte man auch nicht, was Schwindel und was Ernst sei. Die drei Teilnehmer an dem Abenteuer hielten sich standhaft zu Hause, und als die Mittagszeitungen die Mitteilung brachten, daß der Schriftsteller Oedegaard in einer Plauderei über die seltsamen Ereignisse berichten würde, und da man seinen Witz genugsam kannte, konnte »Die blaue Eule« bereits über Mittag einen Anschlag machen, daß die wenigen noch verfügbaren Billette nur zum fünffachen Preis abgegeben würden. Die Börse war auch festlich gewesen – es war, wie gesagt, zu der Zeit, als alle Papiere stiegen, und darum fand man es ganz in der Ordnung, daß auch Varietébillette dem allgemeinen Auftakt folgten. Vor allen Dingen aber gab der schöne Tag Veranlassung zu dem sorglosen Beisammensein, das eine Eigenart von Christiania ist, gibt es doch nur wenige erstklassige Restaurants, in denen alle Welt sich trifft und beieinandersitzt. So war es denn nicht merkwürdig, daß Asbjörn Krag im Laufe von wenigen Nachmittagsstunden, ohne Verabredung, alle diejenigen treffen konnte, mit denen er sprechen wollte. Es sah ganz harmlos und »zufällig« aus und verriet keine Absicht von Krags Seite. Das paßte ihm, denn er wollte um alles in der Welt mit seinen Fragen kein Aufsehen machen. Keiner verstand es wie Krag, während eines flüchtigen und anscheinend ganz gleichgültigen Gesprächs das aus den Leuten herauszulocken, was er wissen wollte. Zuerst trank er ein Glas Wein mit Billington in der Bodega. Dann kam die vergnügliche Unterhaltung mit Suron auf der Promenade, während die Musik spielte. Und schließlich das vorzügliche Frühstück im Spiegelsaal. Als Krag um sechs Uhr im Zug saß, der nach Kopenhagen fuhr, vertrieb er sich die Zeit damit, das zu überdenken, was er auf diese Weise erfahren hatte. Er saß in einem Coupé erster Klasse, und ihm gegenüber saß Fräulein Erko. Die hübsche Finnin, Fräulein Aino Erko, saß mit züchtig niedergeschlagenen Augen da. Daß die junge Dame sich hier im Coupé befand, hing aber mit den Neuigkeiten zusammen, die Krag heute nachmittag erfahren hatte. Der Reisekamerad Asbjörn Krag erinnerte sich der Worte von Brakels »ein sehr hübsches Mädchen«. Der Maler hatte recht. Aino Erko war wirklich sehr hübsch. Sie war zeitig dagewesen und hatte den besten Eckplatz am Fenster bekommen. Sie las in einem englischen Magazin. Hin und wieder, wenn sie umblätterte, blickte sie auf und musterte ihre Mitreisenden. Sie war dunkel, von fast südländischem Aussehen. Sie betrachtete die anderen Passagiere mit gefühlloser Gleichgültigkeit, als ob es sie genierte, daß noch andere Menschen im Coupé seien, und jedesmal zog sie sich noch tiefer in ihre Ecke zurück. Diese reservierte Haltung wurde noch durch ihre Kleidung betont, ein dunkles, enganschließendes Reisekostüm, das bis ans Kinn zugeknöpft war. Eine schmale weiße Manschette faßte ihr Handgelenk ein. An ihrer Hand saß nur ein einziger schmaler Brillantring. Sie hatte das Gepräge einer Pflegerin, einer »Schwester«, die verschämte Zurückhaltung und das anspruchsvolle Selbstbewußtsein. Ueber der Schulter trug sie an einem Riemen eine Ledertasche mit silbernem Schloß. Dieses einfache Silberschloß gegen das schwarze Kostüm, der schmale, kaltblitzende Brillantring und die weißen Manschettenstreifen erhöhten ihre Reserviertheit. Ihre vornehme Haltung im Verein mit ihrem schönen Gesicht, das durch die Wärme im Coupé leicht gerötet war, hatte zwischen den Passagieren allgemeines Aufsehen erregt, wovon sie sich überzeugen konnte, wenn sie nur geruht hätte, ein einziges Mal die auf sie gerichteten Blicke zu erwidern. Sie war die einzige Dame im Coupé. Asbjörn Krag hatte sie nicht gekannt, aber er wußte jetzt, daß sie es war, und er wußte auch, daß in der Ledertasche, die sie über der Achsel trug, Papiere von außerordentlicher Wichtigkeit waren. Es waren die Papiere, die Jos zu seinem großen ökonomischen Feldzug in Kopenhagen nötig hatte. Krag nahm an, daß es Bankgarantien seien und Uebertragungen von bedeutenden Werten, die zum Abschluß großer Geschäfte in einem fremden Land nötig sind. Von diesen Dingen hatte Krag mit Billington in der Bodega gesprochen. Die Papiere hatte Jos im Bureau zurückgelassen und hatte telegraphisch angeordnet, daß Fräulein Erko sie ihm nach Kopenhagen bringen sollte. Fräulein Erko war seine Privatsekretärin, der er volles Vertrauen schenkte. Krag hatte auf seine verschlagene Art, durch die er vollkommene Gleichgültigkeit heuchelte, mit Billington über den merkwürdigen Umstand gesprochen, daß Jos Christiania so plötzlich verlassen habe, ohne die Papiere mitzunehmen. Billington aber hatte diesem Umstand kein besonderes Gewicht beigelegt, teils weil Jos sich nicht selten exzentrische Dinge leistete, teils weil Fräulein Erko seit einem Jahr die geheimste und wichtigste Korrespondenz des Chefs besorgt hatte. Im übrigen könne man nicht wissen, durch welche wichtigen Konferenzen Jos an jenem Nachmittag in Anspruch genommen gewesen sei. Jos hatte das Telegramm aus Moß abgesandt. Und so viel wußte Billington, daß große ökonomische Interessen auf dem Spiel standen, und daß ein guter Geschäftsfreund von Jos, ein Gutsbesitzer, in der Nähe von Moß wohnte. Darauf hatte Krag mit großer Behendigkeit eine neue Attacke auf Billingtons Vertrauensseligkeit gemacht, indem er das Gespräch auf die Geschehnisse der Nacht im »Freisinnigen Klub« gelenkt hatte. Via Suron kam er wieder leicht und unbemerkt auf Jos zu sprechen. Während des Gespräches erfuhr er folgendes: Während mehrerer Monate hatte eine Verbindung zwischen Jos und Suron bestanden. Die Natur dieser Beziehungen war Billington allerdings unbekannt. Krag meinte zu bemerken, daß Billington sich Surons Existenz nur mit gewissem Widerwillen erinnerte. Vielleicht fühlte er sich zurückgesetzt, weil Jos und Suron Geschäfte miteinander vorhatten, in die er nicht eingeweiht war. Krag dachte bei sich: »Was Billington wohl sagen würde, wenn ich ihm mitteilte, daß ich Suron im Verdacht habe, sich durch Betrügerei vierunddreißigtausend Kronen zugeschanzt zu haben, und daß Jos, der große angesehene Geschäftsmann, ihm dabei behilflich gewesen zu sein scheint?« Und auch diese Gedanken beschäftigten ihn, während er im Coupé Fräulein Erko gegenübersaß, die nicht die geringste Notiz von seiner Anwesenheit nahm und sich nur für ihr englisches Magazin interessierte. Krag spielte sich selbst folgendes Experiment vor: Wenn ich mich nun plötzlich vorbeugte und Fräulein Erko fragte: »Gnädiges Fräulein, wie geht es zu, daß Jos sich noch heute nacht in Christiania befand? Wie geht es zu, daß er aus Moß telegraphierte, wo er gar nicht gewesen ist?« Ob sie ihm dann einen Blick unter ihren langen Wimpern hervorwerfen und sich verständnislos und erzürnt noch tiefer in ihre Ecke zurückziehen würde? Oder würde sie sich durch Bestürzung verraten, hervorgerufen durch den plötzlichen Ueberfall, dem selbst starke Naturen nicht gewachsen zu sein pflegen? Krag aber verhielt sich passiv. Er lehnte sich in die Ecke zurück und lauschte dem eintönigen, einschläfernden Geräusch der Räder auf den Schienen, während er sich das Bild der beiden Personen, die sein Interesse erregt hatten, ins Gedächtnis rief: Jos und Suron. Wenn Krag sich mit einer Affäre beschäftigte, so interessierten ihn die Menschen, die darin verwickelt waren, nicht nur in ihrer äußeren Erscheinung, sondern er versuchte ihrem Dasein eine Art plastischer Form zu geben. Er vertiefte alle Einzelheiten, indem er es verstand, jeden noch so kleinen Umstand im Leben des Betreffenden mit neuen Kombinationen zu verbinden. Um das Skelett von trockenen Tatsachen schuf er neue Konturen und neue Bewegungen, so daß jeder Mensch wie eine Figur in einem lebendigen, abwechslungsreichen Spiel wurde. Die trockenen Tatsachen, mit denen seine Phantasie spielte, sahen etwa folgendermaßen aus: Jos. – Ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, robuster Typ. Ein tüchtiger Geschäftsmann, der ehemals ein gutgehendes Geschäft gehabt, vor einigen Jahren aber bankrott gemacht hatte, weil er nicht genug bekommen konnte. Ein Mann, der untergehen oder sehr hoch steigen muß, weil diese Spannung mit seinem Temperament in unlösbarer Verbindung steht. Ein Mann, der sich viele Freunde erwirbt, weil das gesellschaftliche Leben seine Erholung bildet und er gern Geld ausgibt, weil Geld ihn an und für sich nicht im mindesten interessiert. Aber auch ein Mann, vor dem man sich in dem großen Spiel um Reichtum und Einfluß hüten muß, weil er bei seinen Geschäftsunternehmungen mathematisch und nicht menschlich rechnet. Als sich nach seinem Bankrott neue Möglichkeiten boten, kam er zurück und verstand sie besser und sicherer auszunutzen als irgend jemand. Er hätte sich jeden Augenblick mit einem Vermögen von mehreren Millionen zurückziehen können, was ihm aber nicht anders erschienen wäre, als wenn ein gesunder Mensch sich in ein Irrenhaus hätte einsperren lassen. Er befindet sich heute abend sicher nicht mit im Zuge. Suron. – Finne. Aus seinen Erzählungen geht hervor, daß er die ganze Welt bereist hat. Sonst aber weiß niemand etwas anderes von ihm, als daß er vor ungefähr dreiviertel Jahren in Christiania auftauchte. Er hat ein gewinnendes, offenes Wesen, aber gerade diese Offenheit entwaffnet alle Versuche, ihm näherzukommen. Durch seine Flottheit und gesellschaftlichen Fähigkeiten hat er sich viele Freunde erworben. Auch Geld hat er erworben. Seine Freunde machen gern ein Spielchen mit ihm, und wenn es Spekulationen gilt, hat er oft Ideen, die durch ihren Scharfsinn in Erstaunen setzen. Man hält ihn für eine Künstlernatur. Er ist anstandslos von der guten Gesellschaft aufgenommen worden, vielleicht, weil man es heutzutage nicht so genau nimmt. Er ist mit im Zuge, wenn auch in einem anderen Coupé. Der Zug hält bei Moß und fährt dann weiter. Hält bei Fredriksstad und geht weiter. Die Uhr ist fast zehn, als die Tür des Abteils lautlos zur Seite geschoben wird. Suron steht in der Tür. Fräulein Erko legt ihr englisches Magazin aus der Hand, erhebt sich und tritt zu ihm in den Korridor hinaus. Suron trägt einen grauen englischen Anzug, der sein kosmopolitisches Aussehen vervollständigt. Ueber der Achsel hat er ein Rennglas, eine Pfeife im Munde, auf dem Kopf einen weichen Filzhut. Er sieht aus wie ein reisender Lord oder der Korrespondent einer Londoner Zeitung. Warum aber grüßte er Asbjörn Krag nicht? Weil Asbjörn Krag gar nicht im Coupé saß, was dem Leser merkwürdig erscheinen mag. Dort saß ein ganz anderer, ein Franzose wohl, ein jüdisch-französischer Handelsreisender mit einem langen, seidenweichen Vollbart, den er wohlgefällig zu streichen pflegt, wenn er von Geld oder Frauen spricht. Alle Wege führen nach – Kopenhagen Als Asbjörn Krag am nächsten Morgen aus seinem Schlafcoupé trat, begann sich gerade ein blasser Tagesschein mit den gelben Lampen auf dem Korridor zu vermischen. Der Zug war schon weit in Schweden und näherte sich Helsingborg. Nacheinander kamen die Reisenden zum Vorschein, einige graubleich und übernächtig, andere morgenfrisch. Bald war der Korridor überfüllt. Der Wagen war stark geheizt, und die Passagiere mußten beständig die Feuchtigkeit von den Fensterscheiben wischen, wollten sie die Landschaft betrachten, die der Zug durcheilte, eine durchnäßte Ebene, wo nur hier und dort noch Schneeflocken lagen. Man näherte sich dem nordischen Rivieraklima am Sund. Krag machte einen hastigen Streifzug durch die Coupés. Einige der Schlafcoupés waren von der Bedienung bereits zurechtgemacht worden, und in einem Abteil erster Klasse für Nichtraucher saß Fräulein Aino Erko, seit langem auf, seit langem in ihrem tadellosen Reisekostüm, noch immer vornehm in eine Ecke zurückgezogen. Das englische Magazin hielt sie jetzt zusammengefaltet in ihrer behandschuhten Hand. Krags Blick suchte die Tasche mit den Dokumenten. Ja, sie hing noch immer an dem Riemen über der Achsel. Krag grüßte, indem er einen Platz dicht neben dem Korridor einnahm, und sie erwiderte seinen Gruß mit einem kurzen, ungnädigen Kopfnicken, wie, um ihm zu zeigen, daß es ihr ganz gleichgültig sei, ob er da sei oder nicht. Suron war nicht da. Als er sie am vorhergehenden Abend im Coupé besuchte, hatte er ihr nur den Gepäckschein geben wollen. Sie hatten einige Minuten miteinander gesprochen, worauf der Finne in sein Coupé zurückgekehrt war. Das Ganze war wie ein Höflichkeitsakt gewesen, korrekter konnte man nicht auftreten. Sie waren wie Bruder und Schwester. Außerdem waren sie ja Landsleute, nichts schien darum natürlicher, als daß sie ihre Gesellschaft suchten und sich gegenseitig halfen. Und wenn ein Verhältnis zwischen ihnen bestand, so war auch das das Natürlichste von der Welt. Auf alle Fälle bekam Krag dadurch eine Erklärung für den Umstand, daß Suron an jenem Abend aus Jos' Hause gekommen war. Er mochte oben bei seiner Geliebten gewesen sein, die allein im Bureau saß und auf eine Mitteilung von ihrem Chef wartete. Auf diese Weise war alles leicht zu erklären und Krag fühlte sich wirklich von seiner Rolle als Spion ziemlich bedrückt. Gestern abend hatte er noch festgestellt, daß Suron in dem Wagen saß, der nach Malmö ging. Es war üblich, daß Leute, die morgens gern lange schliefen, über Malmö fuhren, von wo sie die Fähre nach Kopenhagen nahmen, statt die direkten Wagen Helsingborg–Helsingör. Krag hatte einen Augenblick überlegt, welchem von beiden er folgen sollte: Suron oder Fräulein Erko. Hatte dann aber schnell den Entschluß gefaßt, demjenigen zu folgen, der die Dokumente mit sich führte. So kam es, daß Krag nach Helsingborg fuhr, während Suron mit dem Kontinentalzug den Weg über die Ebene von Schonen nahm. Es war zu der Zeit, als die Paßkontrolle noch sehr scharf war. Krag hatte außer seinem Paß, der auf seinen richtigen Namen lautete und mit seiner Photographie versehen war, noch einige andere Papiere, die ihm gestatteten, alle offiziellen Schranken ungehindert zu passieren. Als der dänische Polizeibeamte Krags Paß mit der Photographie musterte, das energische, glattrasierte Gesicht, und einen bärtigen Herrn von ausgeprägt südländischem Typ vor sich sah, konnte er sich nicht versagen, scherzhaft zu bemerken: »Das Bild ist aber riesig ähnlich.« Krag zeigte ihm seine Legitimation. »Ja, ja, ich verstehe,« sagte der Beamte, indem er seinen Stempel auf das Dokument drückte. Darauf betrachtete er wieder den maskierten Detektiv und lächelte. »Eine glänzende Maske,« sagte er, »einfach großartig.« Und mit einer Handbewegung auf die Reisenden fügte er flüsternd hinzu: »Ist er mit?« »Ja,« antwortete Krag. »Dann wünsche ich erfolgreiche Jagd, Herr Krag.« Als Krag aus dem Zollgebäude trat, blieb er eine Weile stehen und betrachtete den Strom von Reisenden, die mit ihrem Gepäck in der Hand zum Bahnhof eilten. Unter den letzten war Fräulein Aino Erko. Doch folgte sie nicht den anderen Reisenden, sondern bog nach rechts ab und blieb auf dem Marktplatz stehen, wie um sich zu orientieren. Da wurde sie des großen Hotels am Hafen ansichtig, dessen Schild »Eisenbahnhotel« ihr entgegenleuchtete, und schnell entschlossen lenkte sie ihre Schritte dorthin. Diese kleine Abweichung von der üblichen Route hatte Krag nicht berechnet, doch war sie ihm keineswegs unwillkommen. Eine junge weibliche Angestellte, die eine Reise macht, um ihrem Chef wichtige Papiere zu bringen, und während der Fahrt von ihrem galanten Bräutigam, oder vielleicht nur Verwandten, eskortiert wird – etwas anderes hatte bisher nicht vorgelegen. Plötzlich aber war die Veränderung eingetreten, daß die junge Dame, anstatt ihrem Chef entgegenzueilen, in Helsingör ausstieg und sich dort ins Hotel begab. Und das gab Krag Veranlassung zu Ueberlegungen, die ihm keineswegs unangenehm waren. Er wartete, bis der Zug nach Kopenhagen abgegangen war, und folgte dann der jungen Dame ins Hotel. In dem großen Eßsaal, dessen Fenster zum Hafen und Kai hinausgingen, wurde das erste Frühstück serviert. Sein Erscheinen konnte zu dieser Tageszeit nicht das geringste Aufsehen wecken. Helsingör, ein großer Handelsplatz, hatte täglich Besuch von zahlreichen Kaufleuten, die, bevor sie ihre Runde durch die Stadt machten, sich mit einem Frühstück in dem renommierten Hotel stärkten. Krag konnte ohne weiteres als ein solcher Kaufmann gelten. Es saßen bereits mehrere Gäste drinnen. Und an einem kleinen Tisch in der Nähe des Fensters saß Fräulein Aino Erko mit ihrem Kaffee und einer Zeitung. Der Zeitung schenkte sie nicht viel Aufmerksamkeit, sie schien sich mehr für das zu interessieren, was sie vom Fenster aus sehen konnte, diese entzückende Aussicht über den Sund zwischen Dänemark und Schweden. Ueber dem Oeresund liegt eine ähnliche Stimmung wie über anderen großen Verkehrstoren, Gibraltar, Singapore, Calais, durch die die Weltsegler mit Reise- und Abenteuerlust in den Segeln, mit Grüßen aus fernen Ländern hindurchfahren. An diesem Dezembermorgen brütete der Himmel trübe und dunkel über der Landschaft, trotzdem war der Gesichtskreis voll von wimmelndem Leben – dem unaufhaltsamen, glitzernden Tanz der Wellen, Segelschiffen und Dampfern, die vorbeipassierten und schreienden Fischmöwen. Da fuhr ein Auto beim Hotel vor, ein großes, offenes Privatauto mit einem einzigen Passagier. Er trug einen braunen amerikanischen Automobilpelz und sein Kopf war ausgerüstet, als wollte er eine Fliegertour von dreitausend Meter Höhe unternehmen. Er wickelte sich aus seinen Decken und Plaids und stieg aus, nachdem der Hoteljunge die Tür des Autos geöffnet hatte. Asbjörn Krag erkannte diesen Mann, den er deutlich durch das Fenster sehen konnte. Es war kein Zweifel möglich. Den graugesprenkelten Spitzbart, das unnatürlich gerötete Gesicht und die hellen, fast weißen Augenbrauen hatte er häufig auf den Straßen und in den Restaurants von Christiania gesehen. Es war Jos! Der Schiffsreeder Joh. P. Christensen ging in die Halle des Hotels, wo er mit Fräulein Aino Erko zusammentraf. Sie hatte ihn vom Fenster des Restaurants aus gesehen und war ihm entgegengeeilt. Die Tür blieb einen Augenblick offen und Krag hörte, wie der Schiffsreeder sie freundlich, fast herzlich begrüßte. Er saß zu entfernt, um seine Worte zu verstehen, aber er fing ganz deutlich den singenden Tonfall des Westländers auf. Bald darauf saßen beide im Auto. Fräulein Erko verschwand fast in dem großen Pelz, in den Jos sie eingewickelt hatte. Der Portier stopfte Decken und Plaids um sie herum – und dann fuhren sie davon. Der Aufenthalt hatte nur einige Minuten gedauert. »Was kann das bedeuten?« dachte Krag, indem er eine Kombination zu Ende führte: »Aino Erko allein hier ... Suron hat sich unsichtbar gemacht ... Und Jos mit seinem Auto in Helsingör? Solche Aufmerksamkeit pflegt man seinen Angestellten nicht zu erweisen ... Sollte ich einer ganz gewöhnlichen Liebesaffäre auf der Spur sein?« dachte Krag mit einem gewissen Unbehagen. Dann aber tröstete er sich damit, daß er ja einem Verbrecher auf der Spur sei, der sich durch Falschspiel vierunddreißigtausend Kronen angeeignet hatte. Daß bei dieser Jagd unvorhergesehene Ereignisse eintrafen, war nicht zu verwundern. »Wohin ging die Reise?« fragte er den Portier, als er in die Halle trat. »Nach Kopenhagen,« antwortete der Portier, indem er sich behaglich den Bart strich. Er hielt einen hübschen Schein in der Hand. »Ein Auto,« sagte Krag. »Ich will auch nach Kopenhagen.« Aino telegraphiert Nachmittags um vier Uhr hatte Krag eine Konferenz im Hotel mit seinem dänischen Freund und Hilfsarbeiter, dem Detektiv Hansten-Jensen. Dieser gehörte zu dem besten Typ der Kopenhagener Polizei, verfügte über einen unverwüstlichen Humor und verstand die einheimischen Galgenvögel in ihrer eigenen Sprache sehr geschickt zu nehmen. Wenn es sich aber um elegante, raffinierte Spitzbuben nach internationalem Schnitt handelte, dann waren er und seine Kollegen ihnen nicht recht gewachsen. Darum hatten auch die internationalen Schwindler, die während der Kriegszeit nach Kopenhagen kamen, der Kopenhagener Polizei viel Kopfzerbrechen bereitet. Er sprach gerade von solchen internationalen Verbrechern. »Nach Kopenhagen kommen nicht mehr so viele,« sagte er, »seitdem Deutschland sich hermetisch abgeschlossen hat. Aber nach Christiania kommen eine Menge, wie ich gehört habe. Dorthin strömen sie aus Osten und Westen. Bergen soll ja das reine Port Said geworden sein. Nein, mit solchen Gaunern ist es nicht leicht. Man muß vorsichtig sein, sonst kann man seine Hand leicht in ein richtiges Wespennest stecken. Ich vergesse nie, wie ich den Grafen für einen Taschendieb gehalten habe. Und ich muß bekennen, lieber Krag, die Sache, die Sie hier bringen, scheint mir sehr kitzlig zu sein. Davon werden Sie nicht viel Freude haben. Das ist ja der reine Sport.« »Soll es auch sein,« sagte Krag. Er ging auf und ab, um sich zu erwärmen. Das Zimmer, das weder Kamin noch Ofen hatte, war rauh und kalt. Die Wände waren klebrig vor Feuchtigkeit. »Ein merkwürdiges Hotel, dieses ›Lawendelhotel‹,« fuhr Hansten-Jensen fort. »Im Grunde ein ganz ordentliches Haus, aber verflucht altmodisch. Es hat unzählige Korridore und viele kleine Zimmer. Unsere einheimischen Verbrecher meinen, daß sie sich hier verstecken können. Wie oft habe ich den Herren gesagt, wenn ich sie auf ihren Zimmern begrüßte: ›Warum in aller Welt steigen Sie nicht im Hotel Continental oder im Palasthotel ab, dort würde es uns viel schwerer fallen, Sie zu finden.‹ Warum aber Sie dieses Hotel gewählt haben, Krag, das ist mir ein Rätsel.« »Das wissen Sie ja, weil Suron hier wohnt.« »Der Finne, ach ja. Auf den aber hätten wir für Sie achtgeben können.« Er sah nach der Uhr. »Merkwürdig übrigens, wie lange er auf seinem Zimmer bleibt. Ich dachte, er würde um diese Zeit ausgehen. Aber wie gesagt, es ist schwer, in dieser Sache, die so im Blauen schwebt, etwas vorzunehmen. Sind Sie mit den Aufschlüssen zufrieden, die wir Ihnen verschaffen konnten?« Krag nahm am Tisch Platz und begann in seinem Notizbuch zu blättern. »Außerordentlich!« sagte er. »Lassen Sie uns nun mal sehen, wie wir stehen.« »Also,« fuhr er fort, »Suron kam um zwölf Uhr an. Das stimmt, denn der Weg über Malmö ist etwas länger als über Helsingör.« »Und Schiffsreeder Christensen kam im Auto von Fredensborg und stieg um elf Uhr im Palasthotel ab, von seiner Sekretärin, Fräulein Erko, begleitet. Eine hübsche Dame, eine kleine Schönheit. Man kann annehmen, daß Christensen in Fredensborg übernachtet hat.« »Ja, und das ist der Grund, daß er sie heute morgen in Helsingör mit dem Auto abgeholt hat.« »Stimmt,« fiel Hansten-Jensen ein. »Jedenfalls hat Herr Christensen erst heute seine Zimmer im Palasthotel in Besitz genommen. Er wohnt sehr vornehm. Salon und Empfangsraum. Ja, ja, bei Ihnen in Norwegen gibt's was zu verdienen. Ich bestelle mir noch einen Pilsener. Prost!« »Und weiter?« fragte Krag. »Tja, dann hat sich nichts weiter ereignet, als daß Suron unmittelbar nach seiner Ankunft ausgegangen ist. Wohin, wissen wir nicht. Er kam vor einer halben Stunde zurück und sitzt jetzt unten auf Nummer 17.« Er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, um anzudeuten, wo das Zimmer lag. »Und was mit Jos?« »Ja, dieser Jos, wie Sie ihn nennen, das ist eine heikle Sache. Ihn beobachten, heißt, rein herausgesagt, die Heiligkeit des Privatlebens kränken. Wenn er etwas merkt, dann ist die Sache nicht angenehm für uns.« »Aber das Ganze ist doch unternommen, um ihn zu schützen.« »Zu schützen! Wogegen?« »Das ist's ja, was ich noch nicht weiß.« Hansten-Jensen lachte. »Hören Sie also, was er sich vorgenommen hat. Um ein Uhr fuhr er im Auto zur Aktienbank, einer unserer vornehmsten Banken, wie Sie wohl wissen. Finden Sie das merkwürdig von einem Geschäftsmann? Dort hält er sich eine Viertelstunde auf. Was macht er dort? Das kann ich Ihnen nicht sagen, danach habe ich nicht zu fragen gewagt. Vielleicht hat er Geld abgehoben, wenn er welches nötig hatte, was weiß ich. Auf alle Fälle hat er einen glänzenden Kredit in der Bank. Denn unter dem Vorwand, daß es sich um einen Scheck handelte, rief ich einen Bekannten bei der Bank an und erkundigte mich nach Christensen. ›Joh. P. Christensen aus Christiania!‹ rief mein Freund durchs Telephon und lachte laut, als ob er sagen wollte: ›Bringen Sie einen Scheck über eine Million und wir lösen ihn anstandslos ein.‹ Von der Bank fuhr Herr Christensen direkt ins Hotel. Eine halbe Stunde später empfing er Besuch von dem Gerichtsadvokaten Annebye, einem unserer Mächtigsten, dem juristischen Beirat der großen Orient-Gesellschaft. Er kam mit einem Portefeuille unterm Arm. Nach einer halben Stunde ging er ohne Portefeuille wieder fort. Ich nehme an, daß Herr Christensen mit der Orient-Gesellschaft Geschäfte machen will. Seitdem hat Herr Christensen sich auf seinem Zimmer aufgehalten und hat sogar dem Portier Bescheid gegeben, daß er nicht gestört werden will.« »Jetzt kommt Fräulein Aino Erko an die Reihe,« sagte Krag. »Ja, die kleine Finnin. Mit ihr ist es uns leichter geworden. Um drei Uhr machte sie einen Gang durch die Stadt. Vom Telegraphenamt auf dem Rathausplatz sandte sie ein Telegramm nach Christiania. Hier ist es. Ein ganz gewöhnliches Geschäftstelegramm, nicht wahr?« Er legte die Kopie auf den Tisch, und Krag las: »Reismann Christiania. Kaufe laut Verabredung fünfzigtausend Orient. Telegraphieret Deckung Aktienbank. Vertraulich. Jos.« »Was sagen Sie dazu?« fragte Hansten-Jensen. »Das macht die Sache nur noch glaubwürdiger, wenn sie glaubwürdig ist,« sagte Krag gereizt. »Der Ansicht aber bin ich nicht, und merkwürdigerweise stützt dies Telegramm meine Auffassung.« Der Brief um drei Uhr »Wohin ging sie denn sonst noch?« fragte Krag. »Es war doch nicht notwendig, daß sie ausging, um ein Telegramm abzusenden. Das hätte ja der Hoteljunge für sie besorgen können.« Hansten-Jensen lachte laut auf. »Sie interessieren sich ja kolossal für die junge Dame,« sagte er, »aber beim besten Willen kann ich sie mit keinem Verbrechen in Verbindung bringen. Was macht eine junge Dame den ersten Tag, den sie in Kopenhagen verbringt? Alle jungen Damen in dem Alter gleichen sich. Sie nahm natürlich ein Auto und fuhr vom Telegraphenamt zum Magasin du Nord.« »Und was tat sie dort?« »Hören Sie mal, lieber Freund, hier gelten dieselben Regeln wie bei Herrn Christensen. Wir folgen keinem angesehenen Geschäftsmann in eine Bank, und wir folgen keiner jungen Dame, wenn sie ein Warenhaus besucht. Die junge Finnin kam um vier Uhr zurück. Sie hat ein kleines Zimmer im vierten Stock des Hotels und dort befindet sie sich augenblicklich.« »Ich kann begreifen, daß Sie an diese Sache nicht recht glauben,« sagte Krag, »und es ist natürlich auch nicht meine Absicht, Indiskretionen zu begehen. Was Sie mir mitgeteilt haben, kann bedeutungslos erscheinen, hat aber doch seine Bedeutung. Suron ist ein guter Bekannter von Jos, und ich finde es sonderbar, daß er ihm beständig ausweicht. Bei der Ankunft, bei der Wahl des Hotels und überhaupt in allem. Noch merkwürdiger ist, daß er Fräulein Erko ausweicht, obgleich ich weiß, daß sie intim befreundet sind. Das letzte Mal trafen sie sich im Zuge, seitdem aber waren ihre Wege getrennt. Warum bleiben sie nicht zusammen? Ich möchte behaupten, daß sie bestimmte Gründe haben, sich nicht zusammen zu zeigen.« Hansten-Jensen flötete ganz leise eine bekannte Operettenmelodie. Krag machte eine ungeduldige Handbewegung. »Nein, Sie irren sich, wenn Sie meinen, daß eine Liebesgeschichte im Begriff ist, sich zu entwickeln, ein dreieckiges Verhältnis: Suron – Aino – Jos. Nein, es gibt zu viele merkwürdige Umstände in dieser Sache, die sich nicht so leicht erklären lassen. Eine solche Lösung würde überhaupt nichts von alledem, das ich merkwürdig finde, erklären. Warum treffen sich Aino Erko und Suron nicht ebenso offenkundig hier wie in Christiania? Und warum versteckt Suron sich? Ein Bericht über Fräulein Erkos Besuch im Magasin du Nord wäre mir übrigens sehr interessant gewesen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Suron dennoch mit seiner hübschen Landsmännin eine Verabredung gehabt hat. Vor kurzem ist ein Paket für ihn aus dem Magasin du Nord abgegeben worden. Wahrscheinlich haben sie dort eine Tasse Tee zusammen getrunken. Das wäre ein echt weiblicher Einfall, nicht wahr. In ein Restaurant wagten sie nicht zusammen zu gehen, aber ein Zusammentreffen in einem Warenhaus wirkt ja so natürlich. Ah, da kommt endlich Abraham.« Abraham war der Portier dieses einfachen Hotels, der viele Aemter bekleidete, vom Schuhputzen bis zum Servieren von Champagner in den Einzelzimmern. Er war ein ältlicher Jütländer, der etwas Deutsch radebrechte. Er trug eine weiße Schürze und gab sich Mühe, recht vertrauenerweckend auszusehen, dabei war es aber, als ob seine nervösen Finger beständig nach Trinkgeld tasteten. »Der finnische Herr auf Nummer 17 ist ausgegangen,« sagte Abraham. »Und hier sind die Schlüssel zu seinem Zimmer.« Hansten-Jensen nahm die Schlüssel. »Sie verstehen wohl, Abraham,« sagte er, »daß es sich hier nicht um einen Verdacht handelt, wir möchten das Zimmer nur besehen.« Abraham verbeugte sich mehrfach. »Gott bewahre,« sagte er, »wenn die Herren das Zimmer besehen wollen, braucht das weiter nichts zu bedeuten. Es ist ja ein interessantes altes Haus. Ich gehe jetzt in meine Loge, wenn ich die Herren bitten dürfte, die Schlüssel vor Ihrem Fortgang dort abzugeben.« Er machte eine höfliche Verbeugung und verschwand. Das Seltsamste war, daß sich in Surons Zimmer fast kein Gepäck befand. Eine kleine Handtasche stand da, die einige Kragen, Manschetten, Halstücher und Toilettengegenstände enthielt. Wenn Krag die fast peinliche Eleganz bedachte, mit der Suron in Christiania aufzutreten pflegte, so erschien ihm dieser Umstand sehr sonderbar. Es hatte den Anschein, als ob Suron in größter Eile abgereist sei. Am Schreibtisch konnte man sehen, daß Suron dort eine Weile gearbeitet hatte. Indessen hatte er alle Papiere mitgenommen, weder in den Schubladen noch in der Handtasche war etwas Schriftliches zu finden. Aber der Papierkorb. Suron war so unvorsichtig gewesen, allerhand Papiere wegzuwerfen. Es hatte den Anschein, als ob er seine Brieftasche »aufgeräumt« und dabei Ueberflüssiges kassiert hatte, alte Notizen, Lotteriezettel, Rechnungen und Briefe. Einiges war zerrissen, das meiste aber war nur zerknittert und in den Korb geschleudert. Da waren Spielabrechnungen auf Bridgeformularen; Photographien von jungen Damen – zerrissen; eine Bankquittung über den Einkauf von finnischen Mark. Diese Rechnung trug das Datum des Tages und war, merkwürdig genug, von der Aktienbank ausgestellt. Suron war also auch in der Aktienbank gewesen. Ein seltsamer Zufall. Dort hätte er leicht mit Jos zusammenstoßen können, den er doch offenbar vermied. Uebrigens hatte er nicht viele Mark gekauft, nur für einige tausend Kronen. Ferner fanden sich im Papierkorb einige Prospekte über norwegische Reederei-Aktiengesellschaften zerknittert. Und ein Zeitungsausschnitt, der eine Uebersicht über die letzte Bilanz der »Dänischen Orient-Gesellschaft« enthielt und eine Aufstellung der neugewählten Direktion. Merkwürdigerweise war Gerichtsadvokat Annebyes Name blau unterstrichen. Krag betrachtete diesen Zeitungsausschnitt sinnend. Es war nicht so sehr der Inhalt, der ihn beschäftigte, als der Umstand, daß Suron jetzt schon zum drittenmal mit Jos und seinen Unternehmungen kollidierte: mit der Aktienbank, der Orient-Gesellschaft und Gerichtsadvokat Annebye. Natürlich konnte es Zufall sein, aber Krag hatte das bestimmte Gefühl, daß eine Verbindung zwischen Suron und Jos bestand. Es war, als ob Suron die ganze Zeit unsichtbar neben dem anderen wanderte und in sein Schicksal eingriff. Bis auf weiteres aber war es Krag unmöglich, einen Zusammenhang zu finden. Warum war Jos in Surons »Excelsior«-Auto gereist? Warum hatte Suron jenes Telegramm nach Kopenhagen gesandt? Warum hielt Suron sich hier vor Jos verborgen? Krag suchte weiter zwischen den zerknitterten und zerrissenen Papieren. Da waren nur noch einige gleichgültige Geschäftsbriefe und dann ... ja, was war das? Krag hielt ein Stück Papier in der Hand, bei dessen Anblick er fast erstarrte. Es war ein hellblauer Briefbogen und darauf stand: »Lieber Jos! Du mußt unbedingt auf kurze Zeit zu uns herauskommen, bevor du nach Kopenhagen fährst. Sonst geht unser ganzes Unternehmen in die Brüche. Jonassen erwartet dich mit dem Auto. Reismann.« Krag mußte das zerknitterte Schreiben mehrmals lesen. Darauf untersuchte er das Briefpapier sehr genau. Kein Zweifel, es war dieselbe Sorte Papier, die er schon besaß. Hansten-Jensen begriff, daß Krag etwas sehr Wichtiges gefunden hatte. Er ließ sich den Brief geben und schüttelte den Kopf. Er verstand keinen Ton. »Mein Gott, Sie sehen aus, als ob Sie in eine andere Welt blickten!« rief er aus. »Das ist der Brief um drei Uhr,« antwortete Krag geistesabwesend. » Der Brief um drei Uhr !« wiederholte er. »Der Brief um drei Uhr,« äffte Hansten-Jensen ihm nach. »Sie können nicht verlangen, lieber Freund, daß ich das verstehen soll. Aber ich glaube fast, Sie verstehen es selbst nicht.« »Wie in aller Welt ist dieser Brief in Surons Besitz gekommen?« fragte Krag sich selbst. Er trat ans Fenster und trommelte mit den Fingern gegen die kleinen grünen Scheiben. Darauf drehte er sich wieder zu seinem Kollegen um und betrachtete ihn mit einem abwesenden Blick. »Ja,« sagte er plötzlich, »das muß ich tun.« »Was müssen Sie tun?« fragte Hansten-Jensen ungeduldig. Krag lächelte plötzlich. »Ich muß das Unterste nach oben kehren,« sagte er. Ein Besuch bei Jos Hansten-Jensen und Krag hatten vereinbart, daß sie sich um halb sieben Uhr an einem Ort treffen wollten, wo Ausländer in Kopenhagen wenig auffallen. Es sollte in der Zentral-Bar am Rathausplatz sein. Das gewohnte Publikum war noch nicht da, an einem Tisch saßen zwei schwedische Reisende und stärkten sich nach den Anstrengungen des vorhergegangenen Tages, und die Mädchen am Büfett fröstelten und langweilten sich und telefonierten nach ihren Friseusen. Niemand kümmerte sich um Krag, der in einer Ecke mit einem Glas Kognak saß. Er las die soeben erschienenen Abendzeitungen und studierte mit besonderem Interesse die Börsennachrichten. Am Nachmittag war starke Nachfrage nach D. O. G., nach Dänischer Orient-Gesellschaft, gewesen und die Aktien waren um fünfundzwanzig Kronen gestiegen. Die Zeitungen erwähnten dies als eine Ausnahme, denn alle anderen Wertpapiere lagen still oder waren nur ganz unbedeutend gestiegen. Als Hansten-Jensen sich einfand, machte Krag ihn darauf aufmerksam, und sie stellten gemeinsam fest, daß diese plötzliche Kurssteigerung mit Joh. P. Christensens Spekulation in Verbindung stehen müsse. Uebrigens waren die Wege und Irrwege der Börse heutzutage so geheimnisvoll und unbegreiflich, daß es auch einen anderen Grund haben konnte. Doch der Umstand, daß die Kurssteigerung erst am Nachmittag eingetreten war, machte es wahrscheinlich, daß Jos bei seinem Besuch in der Bank um ein Uhr die Aktien aufgekauft hatte. Im übrigen brachte der Kopenhagener Detektiv eine Mitteilung, die Krag etwas beunruhigte. Suron hatte im Nordischen Reisebureau für den nächsten Morgen zwei Billette nach Stockholm bestellt. Und er hatte außerdem zwei Billette für den Zug bestellt, der von Stockholm Anschluß nach Haparanda hatte. Zwei Coupés erster Klasse, ein Damen- und ein Herrencoupé. »Das sieht fast wie eine Entführung aus,« sagte Hansten-Jensen. »Sie sollen sehen, ich bekomme schließlich doch noch recht, lieber Freund, das Ganze ist eine gewöhnliche Liebesgeschichte. Suron und die junge Dame lieben sich, aber sie hat sich so tief mit dem alten Walroß Jos eingelassen, daß sie ihren Liebsten nur unter äußerster Vorsicht zu treffen wagt. Darum haben sie diese Entführung arrangiert. So etwas unternimmt man am besten von Kopenhagen aus. Hallo, Amalia; gib mir einen Manhattan und sieh nicht so verflucht tugendhaft aus, das schadet dem Geschäft.« »Das alte Walroß ist noch nicht vierzig alt,« bemerkte Krag. Amalia gab mit lautem Lachen dem Detektiv eine Antwort, die seine Andeutung aufs kräftigste dementierte, worauf er seinen Cocktail bekam. »Mit solchem Bart kann er doch unmöglich auf die kleine Finnin Eindruck machen,« meinte Hansten-Jensen, »obgleich ihr dort oben im Norden einen merkwürdigen Geschmack habt. Ich sah neulich einen isländischen Liebhaber in einem Film, wie ein Buschmann war er anzusehen, zum Totlachen.« »Der Zug geht morgens um acht Uhr,« sagte Krag, »viel Zeit haben wir nicht zu verlieren.« »Wollen Sie vielleicht mitreisen?« »Das nicht, aber ich will Jos vorher aufsuchen.« »Wollen Sie ihn in Ihrer wirklichen Gestalt oder maskiert aufsuchen?« »Maskiert,« antwortete Krag. »Es ist immer noch Zeit, sich zu demaskieren. Was aber auch geschieht, wir müssen verhindern, daß Suron morgen mit Fräulein Erko abreist.« »Das scheint mir bis auf weiteres unmöglich,« meinte der dänische Detektiv, »denn es liegt ja auch nicht der geringste Grund zu einer Verhaftung vor. Eher könnte man ihn ausweisen, weil er eine unserer bedeutendsten Geschäftsverbindungen schädigt. Sie meinen also, daß Grund vorliegt, Herrn Christensen zu warnen?« Krag zuckte die Achseln. »Warnen,« sagte er, »das ist ein vieldeutiger Begriff.« »Sie wollen ihm aber mitteilen, daß Suron in der Stadt ist?« »Wahrscheinlich.« »Und wenn er Ihnen antwortet: ›Zum Teufel, was geht das mich an?‹ Was wollen Sie ihm dann antworten? Ich halte es übrigens für sehr wahrscheinlich, daß er Ihnen diese Antwort gibt.« »Dann werde ich ihm sagen, wer ich bin, und um eine Erklärung bitten.« »Weswegen?« »Wegen des Briefes um drei Uhr . Ich werde ihn fragen, wie es möglich ist, daß dieser Brief in Surons Besitz gelangte.« »Und wenn er dann antwortet: ›Zum Donnerwetter, was geht das Sie an?‹ was dann?« »Was ich dann antworten werde, beruht auf den Umständen. Ich könnte ihn zum Beispiel fragen, ob Reismann oder Suron ihm als Freund näher steht. Und wenn er sich über meine Frage wundert, werde ich ihn darüber aufklären, daß seine Antwort von größtem Interesse ist, weil einer dieser beiden Herren jeden Augenblick wegen Betrügerei verhaftet werden kann.« »Das ist eine kühne Behauptung,« sagte der dänische Detektiv. »Ich übernehme die Verantwortung dafür,« antwortete Krag, »denn ich weiß, daß ich recht habe.« Krag hatte erfahren, daß der Portier im Palasthotel den Bescheid bekommen hatte, Jos Christensen wollte niemanden empfangen. Darum mied Krag den Portier und stieg geradeswegs in die zweite Etage, wo Jos' Zimmer lagen. Es waren die Nummern 28-30, Vorzimmer, Salon und Schlafzimmer. Krag kannte die Wohnung vom vorigen Jahr, als dort ein Argentinier ermordet worden war. Es handelte sich um einen politischen Mord, die Täter waren nicht entdeckt worden. Krag hatte sich zufällig in Kopenhagen aufgehalten und war häufig mit den Personen, die mit der Untersuchung zu tun hatten, darunter Hansten-Jensen, zusammen gewesen. Er klopfte an die Tür zum Vorzimmer, und als niemand antwortete, ging er hinein. Das Zimmer war leer, aber Krag war sich gleich darüber klar, daß der Bewohner des Zimmers erst vor einigen Minuten dagewesen war. Auf der Schreibmaschine, die auf dem Schreibtisch stand, war ein Brief angefangen. Es war offenbar das Arbeitszimmer der Sekretärin, Fräulein Erko. Neben dem großen Schreibtisch stand ein Telephonapparat mit Anschluß an die anderen Zimmer. In der Mitte des Raumes stand ein runder Tisch, von niedrigen, bequemen Klubsesseln umgeben. Das Ganze wirkte wie ein vornehmes Sitzungszimmer. Der Teppich war in dunklen diskreten Farben gehalten, an den Wänden hingen Lithographien in Mahagonirahmen. Warum kam niemand? Krag näherte sich der Tür, die zu den andern Räumen führte. Eine grüne Filztür. Ihm war, als hörte er nebenan Stimmen. Doch schienen sie von weither zu kommen. Plötzlich läutete das Telephon, ein kurzes, gellendes Signal. Krag zog sich von der Tür zurück und erwartete die Sekretärin eintreten zu sehen. Aber niemand kam. Es ist etwas Merkwürdiges um ein Zimmer, wo das Telephon läutet, ohne daß jemand antwortet. Das Schweigen im Zimmer wird dadurch geradezu überwältigend. Der kleine blanke Apparat sendet einen verdichteten Lautappell aus, der alles im Zimmer angreift, sogar die Wände scheinen zu lauschen. Das Geräusch von der Straße, Menschenstimmen, Straßenbahngerassel, Pferdegetrappel, alles wird von diesem seltsamen, konzentrierten Lauschen aufgesogen, alles ist so unmittelbar deutlich zu hören. Jetzt konnte Krag auch die Stimmen aus dem Nebenzimmer auffangen, und er unterschied deutlich eine Frauenstimme, die mehrmals rief: »Nie, nie, nie!« Er hätte darauf schwören mögen, daß es Aino Erkos Stimme war. Aber niemand kam. Jetzt läutete das Telephon wieder. Krag wartete noch einige Sekunden. Er wartete so lange, bis, wie er berechnete, ein kurzes, resigniertes Schlußläuten oder ein erneutes, längeres, energisches Signal ertönen würde. Just in diesem psychologischen Augenblick ergriff er den Hörer und antwortete: »Hallo!« Wo er jetzt stand, hatte er einen Ueberblick über die Schreibmaschine und konnte den angefangenen Brief lesen. Er war an die Direktion der Orient-Gesellschaft gerichtet und begann folgendermaßen: »Bezugnehmend auf unsere Unterredung mit Ihrem Rechtsanwalt, Herrn Annebye, erlaube ich mir hierdurch zu bestätigen, daß –« Weiter war die Schreiberin nicht gekommen. »Ist Herr Schiffsreeder Christensen selbst am Telephon?« fragte eine Stimme. »Ja,« antwortete Krag. »Hier der Portier. Ich habe soeben mit dem Nordischen Reisebureau gesprochen. Die Sache ist geordnet, die Fahrkarten sind abbestellt.« »Schön,« antwortete Krag. »Beide Fahrkarten?« »Ja, gewiß,« sagte der Portier erstaunt. »So lautete doch Ihr Auftrag. Zwei Fahrkarten nach Haparanda.« »Gut. Ich danke,« antwortete Krag und legte den Hörer nieder. Beide Billette abbestellt! – Hatte denn auch Jos die Absicht, nach Haparanda zu reisen? Oder handelte es sich hier vielleicht um Surons Fahrkarten? Plötzlich ging die Filztür auf, und Fräulein Aino Erko trat raschen Schrittes ein. Eine unerwartete Begegnung Aino stieß einen Schrei aus und stützte sich erschrocken gegen die Filztür, die langsam zuglitt. »Gott sei Dank,« dachte Krag bei sich, »dann kann der nebenan uns nicht hören.« Fräulein Erko war so verblüfft über die Anwesenheit eines Fremden, daß sie ihn ganz zu fragen vergaß. Darum bekam Krag Zeit, sie näher zu betrachten. Sie trug wie gewöhnlich einen einfachen Kostümrock, aber die Bluse war auf der Brust mit einer Brillantnadel zusammengehalten, und ihre Frisur, die ihr übrigens vorzüglich stand, ließ ahnen, daß sie in den Händen einer dieser unvergleichlichen Kopenhagener Haarkünstlerinnen gewesen war, die ihre elegante Kunst in den berühmten Straßen in der Nähe der Opera-Avenue erlernt hatten. »Sie ist sehr nervös,« dachte Krag, »wenn sie nur nicht zu ihrem Chef hineinläuft.« War es aber möglich, daß ihr Gemütszustand allein mit dem Umstand zusammenhing, daß sie einen fremden Herrn antraf? Sie war wirklich sehr erregt. Ihr Gesicht und besonders ihre verstörten Augen verrieten Verzweiflung. Gott weiß, ob sie nicht auch geweint hatte. »Ich möchte Herrn Christensen sprechen,« sagte Krag schnell, »darf ich Ihnen meine Visitenkarte geben.« Er zog seine Brieftasche und suchte darin nach einer Visitenkarte. Er wollte ihr Zeit lassen, sich zu fassen. »Sind Sie Däne?« fragte sie. »Nein,« antwortete er, »ich bin Franzose, das heißt, ich bin aus Lothringen, aber ich lebe seit einigen Jahren in Kopenhagen. Leider habe ich meine Visitenkarte vergessen. Mein Name ist Marx, Fräulein, darf ich Sie bitten, mich anzumelden. Fabrikant Marx aus Straßburg.« »Warum stehen Sie dort?« fragte sie und zeigte auf die Stelle, wo er stand. Sie machte eine Miene, als wollte sie ihn in einer äußerst wichtigen Sache zur Rechenschaft ziehen. Sie stützte sich mit dem Rücken gegen die Paneeltür, ihre rechte Hand ruhte auf dem Drücker. Krag sah mehr und mehr ein, daß es nicht seine unerwartete Anwesenheit allein war, die sie so aus der Fassung gebracht hatte. Er hielt es für richtig, jetzt selbst etwas konsterniert zu sein. Indem er einen gekränkten Ton anschlug, sagte er mit dem Akzent eines Ausländers: »Ich habe hier bereits mehrere Minuten gewartet, mein Fräulein. Als niemand kam, habe ich mir erlaubt, die Bilder an den Wänden zu betrachten. Warum ich gerade hier stehe, kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Ich nehme an, mein Fräulein, daß ich Herrn Christensens Privatsekretärin vor mir habe. Ich möchte Ihren Chef in einer Geschäftsangelegenheit sprechen und werde ihn nicht lange aufhalten.« Aino löste sich von der Tür und ging auf den Schreibtisch zu. Offenbar hatte Krags freundliches und bescheidenes Wesen sie beruhigt. Sie versuchte einen Ton kalter Höflichkeit anzuschlagen, doch merkte Krag, wie schwer es ihr fiel. »Dort drinnen ist etwas passiert,« dachte er bei sich und erinnerte sich des heftigen Ausrufs, den er gehört hatte: Nie, nie, nie! »Kennen Sie Herrn Christensen?« fragte sie. »Wer kennt nicht Herrn Christensen,« sagte er, »ich meine, in der Geschäftswelt, wer kennt nicht den großen Reeder, Herrn Joh. P. Christensen. Ich möchte ihm ein Geschäft vorschlagen.« »Kennen Sie ihn persönlich?« fragte sie ungeduldig. »Persönlich nicht, mein Fräulein –« »Kennt er Sie?« »Damit wage ich mir nicht zu schmeicheln.« »Wie kommen Sie denn zu dieser Zeit hier herauf? Hat der Portier Ihnen nicht gesagt, daß Herr Christensen nicht empfängt?« »Der Portier?« fragte Krag mit kleidsamer Naivität. »Den Portier habe ich gar nicht gesprochen. Ich las Herrn Christensens Namen in der Zeitung, und da ich ihm ein großes Geschäft vorzuschlagen habe –« Fräulein Aino wurde immer sicherer und abweisender. »Herr Christensen empfängt niemanden,« sagte sie. »Schläft er vielleicht?« »Nein, er hat eine wichtige Konferenz. Er hat mir ausdrücklich gesagt, daß er nicht gestört werden will.« Krag knöpfte seinen langen Bratenrock auf und ließ sich ohne weiteres in einem Klubsessel nieder, strich sich selbstzufrieden den Bart und sagte: »Ich habe keine Eile, mein Fräulein, ich kann warten. Grüßen Sie Herrn Christensen und sagen Sie ihm, daß ich mit Vergnügen warte, bis er die Freundlichkeit haben wird, mich zu empfangen. Sind Sie kürzlich im Theater gewesen, mein Fräulein?« Aino machte eine ungeduldige Bewegung. »Ihr Name,« sagte sie, »ich werde Sie melden. Aber ich wiederhole, Herr Christensen wird Sie nicht empfangen. Ich werde ihm übrigens sagen, daß Sie sehr aufdringlich sind.« Krag verbeugte sich. »Marx,« sagte er, »das ist leicht zu behalten. Es ist ein berühmter Name. Leider gehöre ich nicht zu der berühmten Familie.« Aber in dem Augenblick, als Aino hinausgehen wollte, um ihn zu melden, hörten sie ein leises Poltern hinter der Filztür. Aino blieb unbeweglich am Schreibtisch stehen. Krag, der sie die ganze Zeit genau beobachtet hatte, dachte im stillen, wer wohl am neugierigsten sei: sie oder er. Gleich tritt Jos herein, sagte Krag sich selbst. Ob er ihn wohl trotz der Maskierung erkennen würde? Die grüne Filztür ging auf und ein Herr trat raschen Schrittes ins Zimmer. Er entdeckte Krag sofort und blieb wie festgenagelt stehen, während die Tür lautlos hinter ihm ins Schloß fiel. Beim Anblick des Eintretenden sprang Krag auf. Der Detektiv war so erstaunt, gerade diesen Mann hier zu sehen, daß er nicht aus Höflichkeit aufgestanden war, sondern um instinktiv eine Verteidigungsstellung einzunehmen. Der Eintretende war nicht Jos. Es war Suron. Suron war in großer Gala. Der Abendmantel hing ihm lose um die Schultern, der Zylinder war nachlässig in den Nacken geschoben. Unter dem Arm trug er einen geckenhaften Spazierstock. Er sah wirklich fabelhaft aus, wie ein Kabarettsänger. Krags Gruß beantwortete er kaum, sondern sah Aino streng fragend an. »Dieser Herr will Herrn Christensen absolut sprechen,« erklärte sie. »Er ist Ausländer, heißt Marx und ist aus Straßburg.« »Haben Sie ihm nicht gesagt, daß Herr Christensen beschäftigt ist?« fragte Suron. »Ja, aber er hat gesagt, daß er warten will.« »Mein Herr,« sagte Krag, »warum nehmen Sie nicht Ihren Hut ab, wenn Sie mit einer Dame sprechen?« »Sind Sie verrückt?« fragte Suron und schwang seinen Spazierstock durch die Luft. »Wie in aller Welt ist der Mensch hereingekommen?« wandte er sich an Aino. »Er stand dort am Telephon,« erklärte Aino. Suron ging hastig zum Schreibtisch und las den Brief auf der Schreibmaschine. »Es steht nichts weiter drin,« sagte er halblaut. Darauf trat er wieder an Krag heran. »Was wollen Sie hier?« fragte er kurz. »Herrn Christensen sprechen. Ich habe ihm einen glänzenden Vorschlag zu machen.« »Sie hören doch, daß Herr Christensen nicht zu sprechen ist, er empfängt niemanden. Hier kommen viele Leute mit dummen Ideen und Vorschlägen. Herr Christensen hat an ganz andere Sachen zu denken.« »Dumme Ideen,« wiederholte Krag erbittert. »Meine Idee ist eine Erleuchtung, mein Herr. Herr Christensen und ich könnten viel Geld damit verdienen. Millionen! Verstehen Sie, mein Herr? Milli–onen!« Suron stützte sich auf seinen Stock und betrachtete den anderen forschend. Er machte eine Bewegung mit dem Kopf zum Telephon. »Was hatten Sie dort zu schaffen?« fragte er. Krag sprach mit moralischer Entrüstung: »Glauben Sie, daß ich neugierig bin, mein Herr?« Suron fragte: »Wollen Sie jetzt gehen, oder soll ich die Bedienung herbeirufen und Sie hinauswerfen lassen?« Krag schlug sich theatralisch auf die Brust und schrie: »Ich lasse mich nicht beleidigen. Uebrigens kann eine Person, die im Zimmer einer Dame den Hut auf dem Kopf behält, mich auch gar nicht beleidigen. Treffe ich Sie anderswo, mein Herr, dann werde ich Ihnen einen Denkzettel auf Ihre weiße Hemdenbrust versetzen.« Suron wollte sich auf ihn stürzen. Im selben Augenblick aber warf sich Aino dazwischen, klammerte sich an Surons Arm und bat eindringlich: »Anders, laß ihn gehen!« Das wollte Krag hören. Hinausgeworfen Es war unverkennbar, daß Suron sich nur mit äußerster Anstrengung beherrschte. Und merkwürdigerweise schien es fast, als ob Asbjörn Krag ihn mit Absicht reizte. »Sie wollen ein Gentleman sein! Hier komme ich und schlage Herrn Christensen ein feines Geschäft vor und werde so behandelt. Das ist unerhört, unerhört!« Aino hielt noch immer Surons Arm fest, der sich vergeblich zu befreien versuchte. »Was haben Sie für Referenzen?« fragte er, etwas ruhiger. Da aber nahm Krag eine stolze Stellung ein, und indem er sich mit selbstbewußter Miene den Bart strich, rief er: »Referenzen, mein Herr! Meine Person empfiehlt sich selbst. Außerdem wird es sich durch das feine kleine Geschäftchen, das ich vorzuschlagen habe, zeigen – –« Krag legte eine geheimnisvolle, lüsterne Betonung auf die Worte: »feines kleines Geschäftchen«, die keinen Zweifel über die Natur des Geschäftes ließ. »Für solche Geschäfte interessiert Herr Christensen sich ganz und gar nicht,« sagte Suron. »Warum nicht?« Krag war vor den Kopf gestoßen. »Jedes Geschäft ist gut, wenn man nur Geld dabei verdient. Weil Herr Christensen im Krieg Riesengelder verdient hat, ist er noch lange nicht feiner als ich. Wir sind beide Sünder vor dem Herrn. Hahaha.« Krag lachte selbstgefällig über seinen guten Witz. Seine Plumpheit aber, die anscheinend ganz unbewußt war, hatte den Becher zum Ueberfließen gebracht. Bevor er wußte, wie ihm geschah, stand er mitten auf dem Korridor, wo er sich nach der heftigen Behandlung, die ihm zuteil geworden war, zu sammeln versuchte. Noch klangen ihm Surons letzte drohende Worte in den Ohren: »Wenn Sie es wagen, sich noch einmal hier zu zeigen, werfe ich Sie zum Fenster hinaus!« Als Krag durch die Flurtür ging, bemerkte er, daß einer der Hoteljungen ihm einen forschenden Blick zuwarf. Krag begriff, daß er hier einen von Hansten-Jensens kleinen Spionen vor sich hatte. Und er verstand auch das Signalsystem. Der Junge folgte ihm auf die Straße, um festzustellen, welchen Weg er einschlüge, und gab dann dem Chauffeur, der bei dem Autotelephon Wache hielt, einen Wink. Wenige Minuten später würde sicher Hansten-Jensen oder einer seiner Leute davon unterrichtet sein, daß der fremde Herr mit dem langen, braunen Vollbart das Palasthotel verlassen hatte. In dieser Art Spiondienst war Hansten-Jensen Meister. Er hatte alles aufs minuziöseste angeordnet. Durch Leute, die durch ihre tägliche Arbeit über die ganze Stadt verstreut waren, konnte er jederzeit sich die gewünschten Aufschlüsse verschaffen. Straßenkehrer, Chauffeure, Türsteher und Reklameträger, sie alle waren seine »Augen«; und meistens lieferten sie ein gutes Material. Denn alle hatten jene schnelle Auffassungsgabe, die die Jugend der Großstädte sich im Kampf ums Dasein auf Straßen und Märkten erwirbt. Krag ging geradeswegs in sein Hotel. Er war offenbar bei bester Laune. Als der alte Abraham ihm ein Telegramm überreichte, sprach er leutselig mit ihm. Man konnte ihm nicht anmerken, daß er soeben erst auf schimpfliche Weise hinausgeworfen worden war. Das Telegramm war ungewöhnlich lang, es füllte mehrere Formulare. Krag las es aufmerksam und legte es dann in seine Brieftasche. Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er halblaut zu sich selbst: »Ich habe also noch reichlich Zeit.« Er machte sorgfältig Toilette, indem er seine Maskierung Stück für Stück abnahm. Es war merkwürdig, mit wie wenigen Mitteln er sich solch vollständig verändertes Aussehen zu geben verstand. Das aber ist gerade die Meisterschaft in der Maskierungskunst, daß man mit wenigen Mitteln die verblüffendsten Wirkungen erzielt. Als er beim Waschen war – das einzige Badezimmer des Hotels diente einer deutschen Familie als Wohnraum – kam Hansten-Jensen. Krag drehte seinen von Wasser triefenden Kopf zu ihm um. »Immer im Radfahranzug,« sagte er, »das geht wirklich nicht an.« »Was wollen Sie,« sagte der dänische Detektiv, »ich bin ein praktischer Mensch und schone mein Zeug. Wir sind nicht alle norwegische Schiffsreeder.« »Sie müssen nämlich mit mir bei Nimb soupieren,« sagte Krag. »Wie ich gehört habe, soll Nimb noch einige Flaschen Haut-Brion 99 haben.« Hansten-Jensen sank in einen Stuhl. »Das paßt brillant,« sagte er, »denn ich bin wirklich müde. Ich werde immer müde, wenn nichts Ordentliches geschieht. Und diesmal haben Sie mir eine Enttäuschung bereitet, lieber Freund. Sonst pflegt stets mindestens ein Mord in Ihrem Gefolge zu sein.« »Nur Geduld,« sagte Krag lachend, »wir sind noch nicht am Ende.« Hansten-Jensen zündete sich eine Zigarette an und streckte sich bequem im Lehnstuhl. »Diesmal glaube ich nicht daran,« sagte er. »Jetzt haben auch die beiden Menschen, wie heißen sie doch noch, Suron und Aino Erko ihre Reise aufgeschoben.« »Ja, die Fahrkarten sind im Reisebureau abbestellt worden.« »Aha, Sie scheinen auf eigene Faust zu arbeiten.« »Sie haben wohl durch das Automobil-Telephon auf dem Rathausplatz erfahren, daß ich wieder hier bin?« fragte Krag. »Wenn man das System kennt, ist es nicht schwer zu erraten,« brummte Hansten-Jensen ärgerlich. »Es kann nicht schaden, ein Auge auch auf Sie zu haben. Was steht übrigens in dem Telegramm, das Sie vor einer Stunde erhielten?« »Das müßten Sie doch wissen,« antwortete Krag. »Es war mir zu lang.« Krag warf ihm das Telegramm zu. »Unglaublich! Das handelt ja von nichts anderem als von einem Auto. Einem ›Excelsior‹-Auto, das sich in Christiania herumtreibt. Man telegraphiert, wo es sich von Minute zu Minute aufgehalten hat. Es scheint wirklich sehr wichtig zu sein. Handelt es sich vielleicht um eine Wettfahrt?« »Auf gewisse Weise,« antwortete Krag. »Es ist die Frage, wer zuerst kommt: Das Auto oder ich.« Hansten-Jensen beugte sich vor und gab ihm das Telegramm zurück. »Eine wunderliche Wettfahrt, das muß ich sagen; Sie in Kopenhagen und das Auto in Christiania!« »Von ihr hängt es ab, ob Sie Ihren Wunsch erfüllt bekommen oder nicht.« »Welchen Wunsch?« »Daß auch diesmal ein Mord in meinem Gefolge sein möchte.« Hansten-Jensen richtete sich auf. »Sie sind gut gelaunt,« sagte er. »Ihnen ist etwas passiert. Haben Sie mit Jos gesprochen?« »Nein.« »Zu diesem Zweck gingen Sie doch ins Hotel?« »Statt seiner traf ich Suron.« »In Jos Christensens Zimmer?« »Ja. Christensen weigerte sich, mich zu empfangen.« »Es stimmt also nicht, daß Suron Christensen ausweicht.« »Nein, es stimmt ganz und gar nicht.« »Sie arbeiten vielleicht sogar Hand in Hand?« »Mehr als das.« »Warum aber glückte es Ihnen nicht, Herrn Christensen zu sprechen?« »Wahrscheinlich, weil ich zu unverschämt auftrat.« Krag erzählte ihm, was sich ereignet hatte. Als er zu dem Punkt kam, wo er gesagt hatte, daß er und Christensen gleich große Sünder vor dem Herrn seien, rief Hansten-Jensen: »Wenn Sie so auftraten, mußten Sie sich doch klar darüber sein, daß man Sie hinauswerfen würde.« »Ja.« »Aber Sie wollten doch mit Herrn Christensen sprechen?« »Sehr richtig.« »Es geschah also etwas, das Sie veranlaßte, Ihre Taktik zu ändern?« »Ja.« »War dieses Etwas vielleicht Surons unerwartetes Erscheinen? Denn seine Anwesenheit dort war wohl eine Ueberraschung für Sie?« »Unbedingt.« »Wollten Sie nicht, daß Suron Ihr Gespräch mit Christensen anhören sollte?« »Nein, das wäre sehr fatal gewesen.« Der dänische Detektiv sah Krag zweifelnd an. »Es muß noch etwas anderes sein,« sagte er. »Sie sind in solch übermütiger Stimmung.« Krag stand vorm Spiegel und band seinen Schlips. »Ich will Ihnen sagen, was geschehen ist. Bis vor kurzem habe ich in dieser verfluchten Sache im Dunkeln getappt. Alles war vergeblich. Nichts stimmte. Die Glieder der Kette wollten nicht ineinander passen. Ich war tatsächlich verzweifelt, denn ich sah ein, daß ich das Ganze unter einem falschen Gesichtswinkel sah. Doch hoffte ich, daß die Erklärung plötzlich wie ein Blitz kommen würde, in dessen Schein man alles in blendender Klarheit sehen würde. Dieser Blitz ist jetzt gekommen. Alles stimmt. Wir wollen einen lustigen Abend verleben. Vielleicht geht Ihr Wunsch noch in Erfüllung. Können Sie in einer Stunde fertig sein?« »Abgemacht. Ich radele nur noch zur Paßkontrolle, um mir die Leutchen anzusehen, die nach Malmö hinüberfahren. Dann stehe ich zur Verfügung.« »Und ich habe nur einige Telegramme nach Christiania aufzugeben. Dann treffen wir uns bei Nimb.« »Haben Sie Geld?« fügte Krag noch hinzu. Der Detektiv zog überrascht seine Brieftasche. »Ich meine: verfügen Sie über ein kleines Vermögen, etwas Erspartes?« »Eine Kleinigkeit.« »Dann spekulieren Sie. Ich telegraphiere noch heute abend nach Christiania, um mir hier ein Bankkonto eröffnen zu lassen. Ich werde morgen spekulieren. Kaufen Sie. Warum soll man nicht auch mit dabei sein?« »Was wollen Sie kaufen?« fragte Hansten-Jensen neugierig. »D. O. G. (Dänische Orient-Gesellschaft),« antwortete Krag. »Die Orientaktien sind heute um fünfundzwanzig Kronen gestiegen,« sagte Hansten-Jensen nachdenklich. »Glauben Sie, daß sie noch weiter steigen?« »Sie werden morgen enorm steigen,« antwortete Krag. Ein Souper bei Nimb Es war ein vortreffliches Souper, wie nur das alte renommierte Restaurant es zu liefern verstand. Krag hatte einen Platz gewählt, von wo aus er das ganze Lokal übersehen und selbst ungestört sitzen konnte. Während der ersten Stunde schien er sich nur für die Speisen und Weine zu interessieren, und Hansten-Jensen, der sich mit gewohnter Pünktlichkeit eingefunden hatte, versuchte vergeblich das Gespräch auf etwas anderes zu bringen. Nicht einmal als der dänische Detektiv ihn darauf aufmerksam machte, daß Suron sich im Lokal befand, schien diese Mitteilung Eindruck auf Krag zu machen. Er nickte nur und sagte: »Habe ihn schon gesehen. Was wünschen Sie zu dieser leckeren Vorspeise. Ziehen Sie Cocktail oder Schnaps vor. Ich möchte Schnaps empfehlen. Man bekommt hier einen dreißigjährigen Aquavit, leicht gekühlt. Aquavit darf ebenso wie feiner Kognak nicht zu kalt sein. Gut, nehmen wir also den Schnaps.« Der Schnaps und die kalten Vorgerichte, geschmackvoll auf einer silbernen Schüssel, wurden serviert. Nach der Suppe kam Hummer american, der Krag zu weitläufigen Auseinandersetzungen über die Zubereitung von Hummern hinriß. Hansten-Jensen starrte seinen Kollegen, der mit Behagen eine Paul Roger brut 1906 kostete, verwundert an. Er hatte noch nie gemerkt, daß Krag den Freuden der Tafel dermaßen verfallen war. Und er meinte zu verstehen, daß Krag mit diesen lehrreichen Erklärungen bei jedem neuen Gericht einen bestimmten Zweck verband. Die Aufsicht beim Servieren führte ein alter Oberkellner von englischem Typ, der bei Krags Ausführungen überlegen und zugleich verständnisvoll lächelte. Hansten-Jensen folgte diesem Oberkellner mit den Augen und stellte fest, daß er auch den Tisch beaufsichtigte, an dem Suron in einem Kreis von fröhlichen Freunden und Freundinnen saß. Da begann er zu verstehen ... Erst beim Schinken in Burgunder mit dem Haut-Brion von 1899 schien Krag auch für andere Dinge als die Freuden der Tafel Interesse zu bekommen. »Kennen Sie die Gesellschaft dort drüben?« fragte er, als der Oberkellner sich zurückgezogen hatte. »Außer Suron sitzt dort der norwegisch-russische Kaufmann Güssow, der kleine Mann, der wie ein englischer Jockei aussieht. Man behauptet, daß er seine Zimmer mit Geldscheinen tapeziere. Ferner ist da der dänische Rechtsanwalt und Börsenspekulant Henriksen. Von dem wird behauptet, daß er in den Boden seines Tanzsalons mechanische Musikinstrumente hat einlegen lassen, so daß die Apparate auf melodiöse Weise den Bewegungen der Tanzenden folgen, anstatt umgekehrt. Dann kommt der schwedische Baron Grip, der in vierzehn Tagen vier Millionen verdient haben soll. Ferner der reiche Rubensohn, dessen letzte Extravaganz ein Auto zum Transport für sein Rennpferd ›Endymion‹ ist, in dem das Pferd von und zur Rennbahn gefahren wird. Er ist erst neunzehn Jahre alt. Neben ihm sitzt seine Freundin, Fräulein –« »Um Gottes willen, hören Sie auf,« unterbrach Krag ihn. »Da – Suron hebt sein Glas und grüßt zu uns herüber.« Krag beantwortete den Gruß mit übertriebener Freundlichkeit und mit einer Miene, als ob er ihn jetzt erkenne. »Jetzt erzählt er den anderen, wer ich bin,« sagte Krag. »Er beugt sich vor und teilt es ihnen leise mit, und sie sehen hierher. Wie gefällt Ihnen Suron, lieber Freund?« »Er sieht wie ein Boxer aus,« meinte Hansten-Jensen. »Das ist er auch. Er ist ein regelrechter Athlet. Hat sicher in Amerika als Kohlentrimmer oder draußen auf den Prärien gearbeitet. Man kann es an seinen Händen sehn, die er vergeblich zu verbergen sucht. Wenn Sie ihm aber jemals begegnen sollten, dann geben Sie auf seine Augen acht. Ich habe selten jemanden getroffen, dessen Physiognomie so viel Willensstärke und Kraft ausdrückt.« »Er hat ein Gesicht, das Frauen gefällt,« sagte Hansten-Jensen, »er betört sie und macht sie unglücklich. Ich begreife, daß sie weint.« »Sie meinen Aino. Weinte sie wirklich?« »Ja.« »Heute abend?« »Ich hätte es Ihnen schon früher erzählt, aber Sie waren ja nicht von den herrlichen Weinen und Speisen abzubringen. Im übrigen verstehe ich Ihr Benehmen jetzt. Wenn der englische Oberkellner oder ein anderer neugieriger Gast gefragt worden wäre, wovon wir uns unterhielten, was sollte er dann antworten?« »Was er wahrscheinlich geantwortet hat, daß wir uns ausschließlich vom Essen unterhalten. Warum aber weinte Aino?« »Sie versuchte heute abend zu fliehen,« berichtete Hansten-Jensen. »Vor wem, weiß ich nicht. Vielleicht hat Jos sie erschreckt. Vielleicht Suron. Die Wahl ist ja auch nicht leicht. Auf der einen Seite die große Energie, auf der anderen die vielen Millionen. Ich traf sie vor einer Stunde bei der Paßkontrolle. Stellen Sie sich mein Erstaunen vor, als ich zwischen der Schar der Reisenden Fräulein Erko entdeckte, in einem schwarzen Reisepelz, mit einer Tasche von Krokodilleder in der Hand. Ich stellte mich neben den Paßkontrolleur, und in dem Augenblick, als sie ihren Paß zeigte, griff ich ein. ›Ihr Paß ist nicht in Ordnung, mein Fräulein,‹ sagte ich, ›wir können Sie nicht passieren lassen.‹ Ich weiß nicht, wer in diesem Augenblick erstaunter war, sie oder der Paßbeamte, der Paß war nämlich ganz in Ordnung. ›Sie sehen wohl,‹ sagte ich streng zum Beamten, ›daß der Stempel der Staatspolizei fehlt.‹ Das war etwas, das ich im selben Augenblick erfand. Petersen aber war nicht dumm, er stellte mit Bedauern die Unzulänglichkeit ihres Passes fest. Sie versuchte es mit Bitten, aber es half ihr nichts. Da griff sie zum Taschentuch, aber auch das nützte nichts. Es tat mir wirklich leid, so unerbittlich zu sein. Jetzt sitzt sie in ihrem Zimmer im Palasthotel und weint. Ich begleitete sie nämlich dorthin und versprach ihr, den Paß bis morgen in Ordnung zu bringen.« »Ich fürchte, daß ›der Stempel der Staatspolizei‹ nicht so schnell zu beschaffen sein wird. Welchen Grund zur Flucht kann sie gehabt haben?« »Vielleicht wollte sie der Wahl entfliehen,« meinte Hansten-Jensen. »Nein, es bedeutet, daß wir uns der Katastrophe mit Riesenschritten nähern. Sie weiß, was geschehen soll, und versucht im letzten Augenblick zu entkommen.« Von einem neuen Gedanken ergriffen, fragte der Detektiv: »Sahen Sie ihre Fahrkarte?« »Ja, sie hatte eine Fahrkarte nach Christiania. Noch dazu ohne Schlafwagen. Sie hatte offenbar größte Eile.« Asbjörn Krag war sehr nachdenklich geworden. »Nach Christiania,« murmelte er. »Die Kleine hat Mut. Sie wollte dorthin zurück –« »Vielleicht wollte sie nach Christiania, um mit dem ›Excelsior‹-Auto zu fahren,« bemerkte Hansten-Jensen scherzend. Krag nickte zustimmend. Er sah seinen Kollegen sehr ernst an. »Lieber Freund,« sagte er, »Sie halten es für Scherz und wissen nicht, wie ernst es ist. Eben deshalb wollte sie nach Christiania !« Hansten-Jensen trank Krag zu und lachte herzlich. »Ich sehe ein,« sagte er, »daß Sie heute abend alles ins Lächerliche ziehen, mit Ihnen ist nicht zu reden. Wir wollen uns darum wie alle anderen amüsieren. Sehen Sie, jetzt beginnt der Tanz zwischen den Tischen. Ihr Freund Suron hat den Ball eröffnet.« »Und morgen steigen die Orientaktien,« sagte Krag. »Mich soll es nicht wundern, wenn sie um ganze hundert Kronen in die Höhe gehen.« Das Auto fährt in Christiania Krags Prophezeiung war richtig. Die Orientaktien stiegen am nächsten Tage riesig. Anfänglich stiegen sie auf vierhundertundsiebzig. Eine Stunde später auf fünfhundert. Kurz vor Schluß der Börse riß man sich darum für fünfhundertfünfunddreißig bis fünfhundertvierzig. Solche Steigerung war sogar in diesen Zeiten ungewöhnlich. Das Seltsamste war, daß keiner recht wußte, warum diese plötzliche Hausse eingetreten war. Man wußte nur, daß von allen Ecken und Enden gekauft wurde. Das Geheimnisvolle füllte die Luft mit den mannigfachsten Gerüchten und erhöhte die goldenen Möglichkeiten. Es hieß, daß die Orient-Gesellschaft im Begriff sei, ihre großen chinesischen Plantagen zu verkaufen. Andererseits hieß es, daß die Aktiengesellschaft sich zu einem riesigen Trust mit ähnlichen internationalen Unternehmungen zusammentun wollte. Andere wiederum wollten gehört haben, daß die Gesellschaft mit einem großen norwegischen Konsortium unterhandelte. Letzteres Gerücht wurde besonders geheimnisvoll behandelt. Der Direktor der Aktiengesellschaft wurde von Journalisten bestürmt, verweigerte aber jegliche Aussage. Was auch die Ursache sein mochte, der Betreffende, der die Fäden in der Hand hielt, hatte es jedenfalls verstanden, die Sache geheimzuhalten. Die große Hausse in der D. O. G. wirkte übrigens auf die ganze Börse ein. Alle Papiere stiegen, einige mehr, andere weniger. Die Hausser hatten einen großen Tag. Es war einer dieser schönen Tage, die bisweilen kurz vor Weihnachten mit fast frühlingsmäßiger Wärme eintreffen. Die Stadt hob ihre glänzenden Türme zum blauen Himmel hinauf. Es war, als hätte die gute Laune auf der Börse sich über die ganze Stadt verbreitet. Straßen und Läden wimmelten von Menschen, die Weihnachtseinkäufe machten. Durch den lärmenden Verkehr im Zentrum der Stadt, den Lärm der frohen Stimmen und das eifrige Gedränge der Menschenmassen schien etwas von dem munteren Klang des Goldes zu tönen. Auch Krag schien von der allgemeinen Sorglosigkeit angesteckt zu sein und hatte offenbar ganz vergessen, daß er hergekommen war, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen und eine bestimmte Arbeit zu verrichten. Die Menschen, die er eigentlich im Auge behalten wollte, schienen ihn gar nicht mehr zu interessieren. Das stellte jedenfalls sein dänischer Kollege, der ihm die verschiedenen Berichte seiner Wachtposten mitteilte, mit Bedauern fest. Er gab seiner Enttäuschung Ausdruck, indem er bemerkte: »Wie steht's denn mit Ihrer Kriminalsache? Gestern habe ich fast daran geglaubt, als ich Aino Erkos Flucht feststellte. Heute aber interessieren Sie sich für nichts anderes als Ihr Spiel an der Börse.« »Sie spielen ja auch,« antwortete Krag. »Heute vormittag kauften Sie zu vierhundertfünfundsiebzig. Ich auch. Sie sehen also, daß ich mit meiner Prophezeiung recht hatte.« »Ohne Zweifel. Und ich fange an, den Zusammenhang zu verstehen. Man flüstert an der Börse von merkwürdigen norwegischen Spekulationen. Wenn ich nun diese Spekulationen mit Jos' und Annebyes Konferenzen in Verbindung bringe, dann haben wir eine Erklärung für das Steigen der Orientaktien. Der juristische Konsulent der Orient-Gesellschaft hat erst heute wieder eine Besprechung mit Jos in seinem Hotel gehabt. Das Manöver geht in tiefster Heimlichkeit vor sich, ich glaube aber doch, daß dieser oder jener eine Ahnung hat. Die Gerüchte nehmen nach und nach festere Form an. Uebrigens eine tolle Hausse heute. Die Börse ist wie wild. Und ich bin überzeugt, daß heute abend jeder einzelne Tisch in den großen Restaurants bestellt ist. Die Restaurateure haben bereits ganze Regimenter von Champagnerflaschen mobil gemacht.« »Sie sind meinem Rat bisher gefolgt,« sagte Krag, »und sollten ihm fernerhin folgen. Noch können die Aktien der Orient-Gesellschaft mit fünfhundertunddreißig verkauft werden.« »Fünfhundertundvierzig,« sagte Hansten-Jensen. »Auch gut. Verkaufen Sie auf alle Fälle. Ich habe meine bereits mit fünfhundertunddreißig verkauft. Das ist doch immerhin ein Gewinn von fünfundfünfzig Kronen per Stück in wenigen Stunden.« Hansten-Jensen sah seinen Freund unschlüssig an. »Es wäre doch immerhin möglich, daß die Aktien morgen noch auf sechshundert steigen.« »Vielleicht gehen die Aktien zu Anfang der Börse noch etwas in die Höhe.« Krag schwieg, als ob er rechnete. »Doch glaube ich, daß sie um die Mittagszeit anfangen werden zu fallen. Und dann fallen sie rapide.« »Und dann?« fragte der dänische Detektiv. »Dann,« wiederholte Krag, » dann beginnt meine Arbeit . Die letzten Tage waren Ruhetage; weil ich mich aber ohne Beschäftigung nie wohl fühle, habe ich ein bißchen an der Börse spekuliert. Der reine Zeitvertreib, lieber Freund.« »Wie ich annehme, hat dieser Zeitvertreib Ihnen etliche tausend Kronen eingebracht.« »Stimmt. Und wieviel haben Sie verdient?« »Zwölftausend, wenn ich jetzt verkaufe. Woher wissen Sie mit solcher Bestimmtheit, daß die Aktien fallen?« »Ich habe ein Telegramm aus Christiania bekommen,« antwortete Krag. Hansten-Jensen lachte. »Ihr seid wirklich allwissend dort oben!« Krag reichte ihm das Telegramm. Hansten-Jensen las es und lachte laut auf. Das Telegramm lautete: »Excelsior fährt.« Keine Unterschrift. »Soll das das Auto sein?« fragte Hansten-Jensen und lachte sich halbtot. Krag aber sah ihn ernst an. »Anstatt sich totzulachen, sollten Sie lieber an Ihr Geld denken. Verkaufen Sie, wenn Sie Ihren Gewinn behalten wollen.« Der dänische Detektiv überlegte einen Augenblick. Er war abwechselnd munter und ernst. Schließlich sagte er: »Ich nehme an, daß das Telegramm ein verabredetes Signal ist?« »Keineswegs, es ist eine tatsächliche Mitteilung. Eine Auskunft. Der Mann, der es abgesandt hat, ahnt nichts von den Spekulationen in den Aktien der Orient-Gesellschaft.« »Tja, dann verlasse ich mich auf Ihr Wort und verkaufe,« sagte Hansten-Jensen, »ich bin kein Hasardspieler. Hahaha, ›Excelsior‹ fährt! Wie beängstigend!« Er trat ans Fenster und sah auf die sonnenbeschienene Straße hinunter, die von frohen, sorglosen Menschen wimmelte. »Ein seltsamer Tag,« sagte er, »ein recht seltsamer Tag.« »Und der morgige wird noch merkwürdiger,« bemerkte Krag. Der dänische Detektiv sah seinen Kollegen erstaunt an. »Sie allein sind so ernst heute,« sagte er. Baisse Es kam genau, wie Krag vorausgesagt hatte. Zu Anfang der Börse standen die Aktien in fünfhundertundvierzig. Zuerst war die Nachfrage enorm, und der Kurs sprang von fünfhundertfünfundvierzig – fünfhundertfünfundfünfzig – fünfhundertsechzig. Die Artikel der Morgenzeitungen über die Orient-Gesellschaft hatten das Interesse für dieses Papier noch gesteigert. Alle Börsenhabitués waren sich einig, daß etwas Besonderes gärte, und einige hatten sogar eine Ahnung, daß es sich um eine große norwegische Spekulation handelte. Es wurde offen angedeutet, daß die Gesellschaft im Begriff sei, ihre Plantagen zu verkaufen. Eine besonders skrupellose Zeitung hatte sogar gewagt, die Kaufsumme zu nennen – fünfunddreißig Millionen Kronen! Etwas, das die Spannung noch in hohem Maße steigerte, war der Umstand, daß die Direktion der Orient-Gesellschaft unverbrüchliches Schweigen beobachtete. Sie leugnete weder, noch bestätigte die Gerüchte. Die schlauen Spione der Börse aber hatten doch ermittelt, daß sich unter den Käufern der Aktien Personen befanden, die der Direktion erstaunlich nahestanden, und bald sickerte das Gerücht durch, daß die Direktion selbst kaufte. Sogar der Umstand, daß die Zeitungen verschiedene und widersprechende Mitteilungen brachten, verstärkte die Hausse. Das war ja ein Beweis dafür, daß niemand etwas Bestimmtes wußte und etwas Ungewöhnliches im Gange sei. Während der ersten Stunden hatte die Börse einen ganz amerikanischen Eindruck gemacht. Der nervöse Eifer und Lärm verpflanzten sich bis zu der spekulationslustigen Menge, die sich draußen drängte, um etwas zu erfahren, und weiter bis zu den Kontoren der inneren Stadt. Während der ersten Stunden wurde von nichts anderem gesprochen, geschrien, telephoniert und telegraphiert als von den D. O. G. Die Börse hatte wieder einmal einen ihrer großen Tage, was bedeutete, daß ein Haufe sonst ganz vernünftiger Menschen während einiger Stunden wie von einer Hypnose oder Tollheit besessen war. Obgleich niemand etwas Bestimmtes wußte, beteiligten sich alle an der Hausse. Nicht der geringste Zweifel stieg in aller Köpfen auf, die von dem einen Gedanken beherrscht waren: »Kaufen, nur kaufen!« Ein beruhigendes oder warnendes Wort würde in diesem wilden Hexentanz nicht die geringste Beachtung gefunden haben. Die Aktien wurden willig zu sechshundert gekauft, als um zwei Uhr herum eine Pause in der Steigerung eintrat. Plötzlich konnte man über sechshundert nicht hinwegkommen. Als ob ein Schiff zu hart eingeklemmt läge und nicht drehen konnte. Die Aktien fielen kurze Zeit auf fünfhundert, konnten dann aber wieder auf sechshundert getrieben werden, wo sie eine Weile stehenblieben, begannen dann aber wieder zu fallen. Wie geschehen solche Veränderungen? Die Mitspielenden hätten ebensowenig hierauf, wie auf den Umstand, weshalb sie vor einer halben Stunde fieberhaft geboten hatten, eine Erklärung geben können. Man schien erstaunt, disorientiert. In den aufgeregten Lärm mischte sich ein Ton nervöser Angst. »Börsenmanöver!« Kaum war das Wort ausgesprochen, als es sich lautlos durch die Menge fortpflanzte. Die Bedeutung dieses Wortes setzte sich wie ein bestimmter Verdacht in den Köpfen der Anwesenden fest, und wie Staub von Wind aufgewirbelt wird, so flog dieser Verdacht weit aus dem Börsensaal hinaus. Plötzlich wußte man etwas Bestimmtes: Börsenmakler Winther hatte verkauft. Massenhaft, wahnsinnig verkauft! Winther war Gerichtsadvokat Annebyes Bankier, und Annebye war der Vertrauensmann der Orient-Gesellschaft! Die Aktien fielen mit reißender Geschwindigkeit. Fünfhundertundfünfzig, fünfhundert! Ein wildes Stöhnen ging wie ein Ausdruck von Schmerz oder Schreck durch die Börse. In der letzten Stunde war wirklich etwas Besonderes passiert. Um ein Uhr war Gerichtsadvokat Annebye in sein Auto gestiegen, das vorm Palasthotel hielt, und war direkt zum Kontor der Orient-Gesellschaft gefahren, wo er sich, blaß und verstört, mit der Direktion der Aktiengesellschaft eingeschlossen hatte. Herr Annebye hatte sich ungefähr um zwölf Uhr mit seiner Aktenmappe unterm Arm im Palasthotel eingefunden. Zwischen zwölf und ein Uhr hatte er unausgesetzt mit seinem Bureau in Verbindung gestanden. Um ein Uhr aber war er vom Hotel fortgefahren. Die Bedeutung des Geschehenen geht am besten aus den wenigen Worten hervor, mit denen der Generaldirektor der Gesellschaft ihn empfing, als er sich dort einfand. »Die Frist ist um,« sagte der Generaldirektor, »das Geschäft ist also gestrandet?« Was war es für ein Geschäft und warum war es gestrandet? Gerichtsadvokat Annebye war ins Palasthotel gekommen, um Jos zu sprechen. Der norwegische Schiffsreeder aber hatte sich nicht gezeigt. Seit dem gestrigen Abend war Joh. P. Christensen nicht auf seinem Zimmer gewesen, und niemand wußte, wo er sich befand. Nachmittags wandte sich das Kontor des Gerichtsadvokaten Annebye an die Detektivabteilung der Polizei. Da der diensttuende Detektivkommissar wußte, daß Hansten-Jensen eine norwegische »Affäre« bearbeitete, gab er diesem den Auftrag, mit Herrn Annebye zu verhandeln. Als Hansten-Jensen sich dort einfand, ahnte er nicht, was vorlag, und konnte sein Erstaunen kaum unterdrücken, als Joh. P. Christensens Name genannt wurde. Herr Annebye teilte ihm folgendes mit: »Wie Sie wohl in der Zeitung gelesen haben, ist in den letzten Tagen lebhafte Nachfrage nach den Aktien der Orient-Gesellschaft gewesen.« »Das soll ich meinen,« dachte Hansten-Jensen bei sich, »dadurch bin ich um einige tausend Kronen reicher geworden.« »Der Grund zu dieser Nachfrage«, fuhr Herr Annebye fort, »war ein gewisses Gerücht, das durchgesickert ist, und worüber ich mich nicht weiter auslassen möchte. Nur soviel will ich sagen, daß die Aktiengesellschaft mit einem norwegischen Konsortium wegen Verkaufs einiger ihrer transatlantischen Besitztümer in Verhandlung gestanden hat. Es handelt sich um eine Kaufsumme von ungefähr fünfundzwanzig Millionen. Indessen muß dieses Geschäft jetzt als gestrandet betrachtet werden. Falls Sie also«, fuhr der Gerichtsadvokat nicht ohne Galgenhumor fort, »unter dem Eindruck der allgemeinen Kauflust spekuliert haben, dann rate ich Ihnen dringend, vorsichtig zu sein.« »Ich spekuliere nie,« antwortete der Detektiv kühl, »und ich nehme an, daß man mich nicht gerufen hat, um mir diesen Wink zu geben, für den ich unter anderen Umständen dankbar gewesen wäre.« »Natürlich nicht,« antwortete Annebye schnell, »wir haben Sie hergebeten, weil wir – oder richtiger ich – um das Schicksal unseres norwegischen Geschäftsfreundes besorgt sind. Es handelt sich um den bekannten Schiffsreeder Joh. P. Christensen aus Christiania.« Bei Nennung dieses Namens zuckte Hansten-Jensen zusammen, und Annebye fragte neugierig: »Sie kennen ihn?« »Mir ist, als ob ich diesen Namen schon einmal gehört hätte. Vielleicht habe ich ihn in der Fremdenliste gelesen.« »Höchstwahrscheinlich. Die Presse hat nichts über ihn gebracht. Es lag uns nämlich viel daran, die Verhandlungen geheimzuhalten, und deshalb sind sie auch bisher ausschließlich zwischen Herrn Christensen als Vertreter des norwegischen Konsortiums und mir als Vertreter der Orient-Gesellschaft geführt worden.« »Wie ist dieser Herr Christensen?« fragte Hansten-Jensen vorsichtig. »Um Gottes willen,« rief Annebye, »glauben Sie nur nicht, daß wir uns an die Polizei gewandt haben, weil wir uns über Herrn Christensen beklagen wollen. Im Gegenteil, Herr Christensen ist die ganze Zeit äußerst korrekt und fair aufgetreten. An seinem Ansehen in Norwegen ist nicht zu rütteln und er hat uns die feinsten Referenzen und Bankverbindungen vorgelegt. Er hat eine Art, zu verhandeln, die fest, schnell und korrekt ist, er ist im Besitz einer fast amerikanischen Energie und Entschlußfähigkeit.« »Heißt das, daß er ohne Einwendungen bereit war, auf die Bedingungen der Orient-Gesellschaft einzugehen?« Der Gerichtsadvokat wurde plötzlich reserviert. »Nun,« meinte er, »von Herrn Christensens Standpunkt aus gesehen, sind unsere Bedingungen sicher sehr annehmbar gewesen. Auf alle Fälle haben die Unterhandlungen keine Schwierigkeiten gemacht. Heute vormittag um zwölf Uhr sollte das vorläufige Abkommen unterfertigt werden. Wie vereinbart, stellte ich mich mit den Papieren im Hotel ein. Herr Christensen aber erschien nicht. Und das ist der Grund, weshalb wir uns an Sie gewandt haben. Der norwegische Vertreter ist ohne ein Wort der Erklärung ausgeblieben. Das beunruhigt uns. Aus dem Vorhergesagten werden Sie ersehen haben, daß Herrn Christensens Fernbleiben nur durch die zwingendsten Gründe zu erklären ist. Ich fürchte, daß unserem Freund heute nacht ein Unglück zugestoßen sein muß. Und rein zufällig habe ich eine Nachricht bekommen, die diese Auffassung bestätigt.« Jos' Extravaganzen »Und diese Nachricht ist?« fragte der Detektiv, indem er sein Notizbuch zog, um sich Notizen zu machen. »Diese Mitteilung betrifft Schiffsreeder Christensens Auftreten gestern nacht. Ich brauche wohl nicht zu betonen, daß die Sache mit äußerster Diskretion behandelt werden muß. Nicht allein mit Rücksicht auf uns, sondern vor allem mit Rücksicht auf Herrn Christensen selbst. Ich schicke voraus, daß uns Herrn Christensens Benehmen von gestern abend, soweit wir den Herrn kennen, gänzlich unfaßbar und unverständlich ist und mit seinem sonstigen Auftreten gar nicht übereinstimmt. Sie werden begreifen, daß dies die Sache noch mysteriöser macht.« Der Detektiv beugte sich vor und fragte leise: »Meinen Sie, daß Herr Christensen, ja, wie soll ich mich ausdrücken, daß er, rein herausgesagt, total betrunken war?« Der Gerichtsadvokat wurde sofort sehr feierlich. »Eben das können wir uns kaum von Herrn Christensen vorstellen. Wir nehmen an, daß er nicht wohl gewesen ist. Man hört ja nicht selten von Menschen, die überarbeitet sind und in einem Zustand von Unzurechnungsfähigkeit das Gedächtnis verlieren oder von ihrer Umgebung nichts mehr wissen. Nur solch ein plötzlicher Krankheitsfall scheint uns Herrn Christensens Benehmen zu erklären. Gestern nachmittag hat er das Palasthotel um sechs Uhr verlassen, ohne daß man ihm etwas Ungewöhnliches anmerkte. Aber schon um zehn Uhr befand er sich in dem Restaurant von Wivel in einem Zustand, der am besten dadurch bezeichnet werden kann, daß er Champagner mit einem Löffel von einem flachen Teller aß.« Der Detektiv beugte sich über sein Notizbuch. »Ich bitte Sie,« bemerkte der Gerichtsadvokat, »notieren Sie keine solchen Nebenumstände. Ich glaube, wie gesagt, daß Herr Christensen in einem Anfall von Unzurechnungsfähigkeit gehandelt hat. Er befand sich in Gesellschaft einer sehr fragwürdigen Person, eines ehemaligen Boxers, ›der starke Oliver‹ genannt. Gott mag wissen, wo er diesen Menschen aufgegabelt hatte.« »Im Café Alhambra,« antwortete der Detektiv. »Wie beliebt, woher wissen Sie das?« »Weil uns bekannt ist, daß ›der starke Oliver‹ sich dort meistens aufhält.« »Ach so. Ist das eine Verbrecherkneipe?« »Ja, eine sehr gefürchtete Verbrecherkneipe.« Der Detektiv gab sich den Anschein, als ob er mit großem Eifer Notizen machte. In Wirklichkeit aber las er nur das, das er bereits am Vormittag aufgezeichnet hatte. Er wußte über Jos' Streifzug viel besser Bescheid als Annebye selbst. In seinem Buch stand unter anderem: »Um 6 Uhr verließ Jos das Hotel.« »Um 6,15–7 mehrere Absinths im Café Dagmar.« »Um 8,30 zufälliges Zusammentreffen mit einer Dame vor Café Bernina. Auto zur Alhambra.« »8,45–9,45 eine große Anzahl Whisky-Grogs. Kameradschaftliches Beisammensein mit verschiedenen Personen. Duzbrüderschaft mit dem ›starken Oliver‹. Aufbruch zu Wivel.« »Um 10 Uhr ausgelassene Stimmung bei Wivel.« Soweit konnte der Detektiv in seinen Aufzeichnungen Herrn Annebye folgen. Dieser fuhr fort: »Ferner ist uns bekannt, daß Herr Christensen später an einem Ort gesehen worden ist, der ›Trocadero‹ heißt, wo er zur allgemeinen Verwunderung der Gäste einen seltsamen Kriegstanz aufgeführt haben soll.« Der Detektiv las in seinem Buch nach: »Um 11 Uhr wilder Aufzug im Trocadero. Riesenmengen von Champagner. Constance.« Constance stand da, weiter nichts. Die Mitteilungen des Herrn Gerichtsadvokaten brachten nähere Erklärung. Er sagte: »Herr Christensen verließ das Lokal mit einer Dame, die Constance genannt wird. Wir haben unsere Informationen aus ganz sicherer Quelle, von einem Herrn, der sich zufällig dort aufhielt. Als Herr Christensen mit Constance im Auto fortfuhr, soll er in ziemlich schlimmer Verfassung gewesen sein. Wie wird diese Constance genannt, rote oder gelbe oder grüne?« »Rote Constance.« Der Gerichtsadvokat lehnte sich wohlgefällig in seinen Stuhl zurück, blickte zur Decke und strich sich seinen Bart. In einem Ton, dessen Gleichgültigkeit gänzliche Unwissenheit über Constance und ihr Treiben verriet, bemerkte er: »Das ist so ein romantischer Name, wie man ihn in Polizeiberichten anzutreffen pflegt. Ich erinnere mich aus meiner eigenen Praxis – aber das gehört nicht hierher. Ich möchte betonen, daß ich keine beschränkten Vorurteile gegen die Vergnügungssucht der Leute habe, besonders was Fremde anbetrifft, die sich ja hier in Kopenhagen allerhand erlauben. Meinetwegen kann der norwegische Schiffsreeder sich sowohl mit der roten, der blauen und der gelben Constance, ja, mit dem ganzen Regenbogen amüsieren. Für mich ist das Entscheidende, daß unser Freund sich in einem gänzlich unzurechnungsfähigen Zustand befand – sagen wir meinetwegen, daß er betrunken war, obgleich, wer Herrn Christensen kennt, dies nicht für möglich halten sollte. Höchstwahrscheinlich war er bereits um sechs Uhr, als er das Palasthotel verließ, seiner Sinne nicht mehr mächtig. Und jetzt irrt er hilflos umher und bedarf unserer Hilfe. Falls nicht –« »Falls nicht?« »Ein Unglück bereits geschehen ist.« Herr Annebye sah den Detektiv ernst an. »Herr Christensen hatte viel Geld bei sich, ungewöhnlich viel Geld.« »Was nennen Sie heutzutage viel Geld?« fragte Hansten-Jensen. »Tcha, zehntausend sind viel Geld. Wenn der Betrag aber fünfzigtausend übersteigt, so kann man das ungewöhnlich viel Geld nennen.« »Woher aber wissen Sie, daß Herr Christensen so viel Geld bei sich hatte?« fragte der Detektiv. »Durch die Bank?« »Darüber will ich mich nicht äußern. Nur so viel, daß ich es weiß. Er verließ Constance um drei Uhr. Ich habe mein Wissen aus derselben zufälligen aber sicheren Quelle.« »Um drei Uhr,« murmelte Hansten-Jensen erstaunt. »Das wußte ich nicht.« »Die Polizei ist wohl auch nicht allwissend,« sagte Annebye lächelnd. »Constance bewohnt eine Villa in der Vorstadt. Wie ich gehört habe, soll sie eine kostbare Einrichtung, Kunstwerke von ganz beträchtlichem Wert haben. Sie hat einen großen Bekanntenkreis und ihr Salon soll häufig der Treffpunkt fröhlichen Beisammenseins sein.« »Sehr gut möglich,« bemerkte der Detektiv, »in private Zusammenkünfte kann die Polizei sich nicht einmischen.« »Auch heute nacht soll dort eine muntere Gesellschaft versammelt gewesen sein. Herr Christensen war nicht allein. Es wurde getanzt. Aber, wie gesagt, um drei Uhr hat Herr Christensen die Gesellschaft verlassen.« »Hat jemand ihn fortgehen sehen?« »Nein, aber zu jener Zeit verschwand er, und als man sich nach seinem Pelz umsah, war auch der fort. Ich bitte Sie, zu beachten, mein Herr, was das sagen will: ein zur Hälfte oder ganz besinnungsloser Mensch befindet sich allein in der Nacht in jener unsicheren Gegend mit einem Vermögen in der Tasche.« »Kann ich mit dem Betreffenden sprechen, der Ihnen diese Aufschlüsse gegeben hat?« fragte Hansten-Jensen. »Unmöglich,« antwortete der Gerichtsadvokat. »Aber Sie können selbst zu Constance gehen und sich alle Einzelheiten berichten lassen. Vor allem aber möchte ich noch einmal betonen, daß ich mich einzig und allein an Sie gewandt habe, damit Sie einem Unglücklichen helfen, der sicher in Not ist.« Herr Gerichtsadvokat Annebye erhob sich und reichte Hansten-Jensen die Hand zum Abschied. Der Detektiv dachte bei sich: »Er ist bei Constance gewesen.« Suron taucht auf Etwas später am selben Nachmittag saß Hansten-Jensen an der Bar im Trocadero und genoß in aller Stille einen Cocktail. Er hatte auf einem Taburett neben der Wand Platz genommen und unterhielt sich leise mit einem der Barmädchen. Nur wenige Gäste befanden sich im Lokal, man sparte Licht, und der Raum lag darum im Halbdunkel. Die anderen Räume, die man hinter einer grünen Portiere liegen sah, waren wie schwarze, leere Abgründe, aus denen kein Laut kam. Das ganze Etablissement mit den vielen leeren Tischen und Stühlen und den symmetrisch geordneten, hochbeinigen Taburetts bot ein Bild vollkommener Sinnlosigkeit. Es sah aus, wie ein menschenleerer, halb dunkler Zirkusgang vor der Vorstellung. Alles war auf den munteren Lärm später Abendstunden eingestellt, wenn rauschende Musik, Alkoholgenuß, ohrenbetäubender Lärm und flatternder Tabakrauch die gähnende Langeweile zu vertreiben vermochten. Die wenigen Gäste, die anwesend waren, befanden sich noch unter dem behaglichen Einfluß eines Nachrausches, der alles verzieh und sogar das Gähnen der Mädchen übersah. Niemand kann so überlegen und gründlich wie eine Bar-Dame ihrem Entsetzen über die Extravaganzen eines frohen Lebemannes Ausdruck geben. Wenn sie sich über den Tisch legt und ihre Meinung über Dinge und Geschehnisse zum besten gibt, entwickelt sie dabei eine unvergleichliche, vertrauliche Allwissenheit und fast imponierende Würde. Ihre Aeußerungen sind immer mit einer Mannigfaltigkeit von Parenthesen gespickt, wie zum Beispiel: »Und das will ein feiner Herr sein« – »das geht doch wirklich nicht an« – »man muß sich doch in acht nehmen« und dergleichen. Sie äußert sich mit echter Ueberzeugung und reicher Sachkenntnis. Eine leichtsinnige Frau spielt meistens gern die Rolle einer Madonna mit Augenaufschlag. Und sie glaubt selbst daran. Auf diese Weise erfuhr Hansten-Jensen allerhand über das Fest am vorhergehenden Abend. Valborg oder wie sie hieß, begriff nicht, wie so'n feiner älterer Herr sich so unglaublich benehmen konnte. Denn daß er ein wirklich feiner Herr war, hatte er durch das Heer von Champagnerflaschen bewiesen, das er auffahren ließ. Aber Gott, wie taktlos hatte er sich benommen, als er den Champagner über die ganze Bar goß. Daß Valborg selbst ihm behilflich gewesen war, einen Zylinder mit Champagner zu füllen, hatte sie total vergessen. Und noch etwas anderes hatte Valborg mißfallen. Daß Jos seine gespickte Brieftasche beständig zeigte. Wieder und wieder hatte er sie hervorgezogen und gezeigt, wie sie förmlich mit Tausendkronenscheinen gespickt war. So was tut doch kein feiner Herr! Und Valborg feuchtete ihre Lippen mit Portwein und fühlte mit der Zunge nach, ob der Puderrand auf der Oberlippe auch keinen Schaden genommen habe. »Bist ja höllisch vornehm geworden,« sagte Estella, die sich zufällig in der Nähe befand und die letzten Worte gehört hatte. »Halt den Schnabel,« antwortete Valborg und gab der Freundin einen hinten drauf. Hansten-Jensen merkte, daß er seit längerer Zeit von einem Herrn beobachtet wurde, und jetzt trafen sich ihre Blicke. Es war Suron. Er saß zwischen zwei anderen Herren an der Bar. Sie tranken Champagner mit einigen Mädchen, die hin und her gingen und die Flaschen für den Abend ordneten. Suron sah nicht fort, sondern schien verständnisvoll zu lächeln, als Hansten-Jensen ihn musterte. Gleich darauf machte der Finne ihm ein Zeichen zu, und sie ließen sich in zwei bequemen Lehnstühlen mitten zwischen den öden Tischen nieder. Der Detektiv sah den Finnen zum erstenmal in der Nähe. Seine Augen blitzten wie die eines Jünglings, und seine Erscheinung hatte etwas Elastisches und Energisches, als ob er beständig auf dem Sprunge sei. Wie alle anderen, die Suron zum erstenmal trafen, war auch Hansten-Jensen von dieser gesunden und kräftigen Persönlichkeit frappiert. Er wirkte außerdem sympathisch, sein Lächeln war geradezu gewinnend. Er nannte seinen Namen und auch Hansten-Jensen stellte sich vor. Worauf Suron bemerkte: »Es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich sah Sie neulich bei Nimb mit meinem Freund Krag, und ich kann mir denken, daß Sie ein Kollege von ihm sind. Ich hörte, Daß Sie mit Valborg von Schiffsreeder Christensen sprachen. Ist er wieder aufgetaucht?« »Woher wissen Sie, daß er verschwunden ist?« sagte Hansten-Jensen. »Durch seine Sekretärin, Fräulein Aino Erko, eine Landsmännin von mir. Ich war gestern nacht eine Zeitlang mit ihm zusammen und machte mir Sorge um ihn, denn er ist ein guter Freund von mir und in solcher Verfassung hatte ich ihn noch nie gesehen, er war ganz hysterisch.« Er heftete seine ruhigen, kalten Augen forschend auf den Detektiv. Und dann lächelte er. Hansten-Jensen sah dieses Lächeln, er fing es gleichsam mit seinen Nerven auf, und ein unfreiwilliges Gefühl von Unbehagen überschlich ihn. »Ich versuchte ihm beizustehen,« fuhr er fort, »aber es war nicht möglich. Schließlich wurde er unverschämt gegen mich und forderte mich auf, mich zum Teufel zu scheren, er sei kein Wickelkind, erklärte er. Na gut, dachte ich, wenn du absolut fünf bis sechs von deinen Tausendkronenscheinen loswerden willst, dann ist der Schaden wohl auch nicht groß. Er verdient sie ja im Handumdrehen wieder. Darum überließ ich ihn sich selbst.« »Fünf bis sechs,« murmelte Hansten-Jensen, »das langt nicht.« »Na, sagen wir zehn-, zwölftausend. Obgleich, so viel wird er wohl kaum losgeworden sein.« »Auch zehn-, zwölftausend reichen noch nicht,« sagte der Detektiv. Suron hob seine Augenlider ein wenig, und jetzt erst wurde es Hansten-Jensen klar, daß es diese seltsamen Augen waren, die dem Gesicht die ungewöhnliche Intensität verliehen. »Das ist doch viel Geld,« sagte Suron. »Fünfzigtausend aber sind noch mehr,« antwortete der Detektiv. Es entstand eine augenblickliche Pause. Dann fragte Suron plötzlich: »Woher wissen Sie, daß Christensen so viel Geld bei sich hatte?« Suron ist interessiert Hansten-Jensen bemerkte Surons lebhaftes Interesse und wich aus. »Ich weiß nichts Bestimmtes,« sagte er, »aber ich weiß, daß Herr Christensen große Geschäfte vorhatte, und da ist es ja denkbar, daß er bedeutende Summen bei sich trug.« Surons Gesicht verriet eine gewisse Unruhe. »Wenn Christensen gestern abend ein kleines Vermögen bei sich hatte,« sagte er, »dann bekommt die Sache ein ganz anderes Gesicht. Denn er zeigte seine Brieftasche reichlich viel. Dabei sieht es ihm gar nicht ähnlich, prahlerisch aufzutreten, ich war über sein Benehmen sehr erstaunt. Er machte einen ganz verwirrten Eindruck. Er hat wohl in der letzten Zeit kolossal gearbeitet und hat sich überanstrengt.« »Schon möglich,« meinte der Detektiv, »um so mehr eilt es, daß wir ihm zu Hilfe kommen. Sie kennen seine Sekretärin, Fräulein Aino Erko?« »Ja.« »Haben Sie sie heute schon gesprochen?« »Ja, vor einer Stunde. Sie ist sehr unglücklich über das Verschwinden ihres Chefs. Die arme Kleine ist außerdem von einem privaten Kummer betroffen worden. Sie hat ein Telegramm aus Kotka bekommen, daß ihr Vater todkrank ist. Ein altes Sprichwort sagt, daß ein Unglück selten allein kommt.« Hansten-Jensen war erstaunt über die vielen Unglücksfälle, die plötzlich über das arme Fräulein Aino hereingebrochen waren. Doch sagte er gefaßt: »Vielleicht kann Fräulein Erko uns Aufschluß darüber geben, wieviel Geld und welche Wertpapiere etwa Jos bei sich gehabt hat. Das ist für unsere Nachforschungen von großer Wichtigkeit.« »Darüber habe ich Fräulein Erko bereits befragt,« antwortete Suron. »Sie meint, daß der Chef nur einige tausend Kronen bei sich gehabt hat. Von Wertpapieren weiß sie nichts.« Hansten-Jensen sann eine Weile darüber nach, wie wenig Annebyes und Fräulein Erkos Angaben übereinstimmten. Außerdem hatte der Detektiv den Eindruck bekommen, als ob Suron gern das Vorhandensein einer größeren Summe verneinen wollte. Das eine wie das andere veranlaßte ihn, weiter in ihn zu dringen. Ihm ahnte, daß sich hier ein Geheimnis verbarg. »Wir können vielleicht mal bei Herrn Christensens Bank anfragen,« sagte er. »Arbeitet er nicht mit der Aktienbank?« Da aber lachte Suron beinahe überlegen. »Sonderbar, wie unpraktisch die Herren von der Polizei manchmal sind,« sagte er. »Ich glaube kaum, daß die Bank Ihnen Aufschlüsse gibt, wenn Sie auch Ihre Legitimationskarte vorzeigen. In diesen Zeiten der Spekulation ist Diskretion ja von äußerster Wichtigkeit. Wo aber ist Asbjörn Krag?« »Ich habe ihn heute noch gar nicht gesehen. Doch habe ich ihm einen Bescheid im Hotel hinterlassen. Wir werden ihn aber bald treffen. Haben Sie Zeit?« Suron warf einen forschenden Blick auf seine Freunde, die ganz von Valborg und Estella in Anspruch genommen waren. »Ich habe nichts Besonderes vor,« antwortete er zögernd. »Aber Sie sind müde?« Suron lächelte. »Ich müde!« sagte er. »Ich kann drei Tage und Nächte unterwegs sein, ohne daß man es mir anmerkt, und dies waren erst die ersten vierundzwanzig Stunden.« »Dann darf ich Sie vielleicht bitten, mir Gesellschaft zu leisten. Mein Auto hält draußen.« »Wohin soll es denn gehen?« »Zur ›roten Constance‹. Dort können Sie mir von Nutzen sein. Und Sie wollen einem guten Freund doch gern einen Dienst erweisen, nicht wahr?« Suron erhob sich sofort bereitwillig. »Ich begleite Sie,« sagte er. »Ich werde mein möglichstes tun, um bei der Aufklärung mitzuhelfen.« Er entschuldigte sich bei seinen Freunden, die sich indessen in jenem Zustand der Seligkeit befanden, wo man leicht und sorglos durchs Leben gleitet und sich ohne Gemütsbewegung mit seinen Freunden trifft und von ihnen scheidet. Suron und Hansten-Jensen bestiegen das Auto. In dieser Zeit der allgemeinen Wohnungsnot konnte man mit Recht die rote Constance um die Wohnung beneiden, die sie sich verschafft hatte. Die Villa lag etwas abseits von der Straße, in einem großen Garten. Es war ein altes Holzgebäude mit zwei Reihen Fenstern. Die unteren waren mit Jalousien bedeckt, wie man sie an französischen Häusern sieht. Vor den oberen hingen von innen dicke, hellgrüne Vorhänge. In der Dezemberkälte wirkte das kleine Haus warm und behaglich. Durch einen schmalen Gang kamen die beiden Herren zu der Eingangstür, die sich auf der Rückseite des Hauses befand. Davor war ein kleiner Hof. Kaum hatten sie geläutet, als die Tür von einem Bedienten geöffnet wurde. Ein geschickter Theaterregisseur hätte ihn nicht besser ausstatten können. Englischer Stil, etwas korpulent, unbewegliches Gesicht, würdevoll, diskrete grüne Livree mit schwarzen Knöpfen. Er verbeugte sich steif. »Gnädiges Fräulein empfangen nicht,« sagte er. »Donnerwetter, Johnny!« rief der Detektiv, indem er dem Bedienten gemütlich die Schulter klopfte. »Haben uns lange nicht gesehen.« Johnny zog die Augenbrauen hoch, genau wie ein Bedienter in einem amerikanischen Filmdrama. »Sie sind dick geworden, Johnny,« fuhr der Detektiv fort. »Damals, Sie wissen wohl, waren Sie viel schlanker –« Johnny machte eine neue, nicht weniger steife Verbeugung und sagte: »Die Herren sind willkommen, ich werde Sie melden.« Damit stieg er schnell die Treppe hinauf und die beiden folgten ihm. Hansten-Jensen sagte lachend: »Wie soll man so einen eigentlich nennen? Bedienter, Beschützer, Liebhaber oder Ehemann? Ich weiß wirklich nicht.« Die teppichbelegte Treppe, die verschleierten Lampen, die Gobelins an den Wänden machten auf den Besucher den eleganten und behaglichen Eindruck, den solch ein Taubenschlag machen muß. Aber die ganze Umgebung war auch von wirklichem Geschmack geprägt. An den Wänden des Vestibüls hingen alte wertvolle Kupferstiche, und allein der Schirmständer aus gehämmertem Messing war ein kleines Kunstwerk. Johnny öffnete die Tür zum Salon. Es war mehr ein Atelier als ein gewöhnlicher Raum. Er ging durch die ganze Breite des Hauses; in der einen Ecke stand ein Flügel, weiße Statuetten überall, weiche Teppiche, Bilder an den Wänden usw. Es fiel kein Tageslicht herein, aber elektrische Lampen mit grasgrünen Schirmen verbreiteten eine angenehme, gedämpfte Beleuchtung. Aus dem Dämmer der einen Ecke löste sich eine Gestalt. Es war ein Herr, mit einem Whiskyglas in der Hand. Es war Asbjörn Krag. »Willkommen, meine Herren,« rief er ihnen entgegen, »dies ist ein ganz vorzüglicher Whisky.« Hansten-Jensen blieb erschrocken stehen. »Gestern war Jos hier unzurechnungsfähig,« dachte er bei sich, »ist heute Asbjörn Krag an der Reihe? Diese Norweger sind unberechenbar.« Bei der roten Constance Mit dem Glas in der Hand ging Krag auf die beiden Herren zu und sagte: »Willkommen, liebe Freunde, es freut mich außerordentlich, Sie hier zu sehen. Unsere schöne Wirtin wird gleich kommen. Ich habe die norwegischen Zeitungen bereits gelesen. Der Scherz ist über Erwarten geglückt. Nehmen Sie Platz!« »Welcher Scherz?« fragte Hansten-Jensen. »Ah, da ist unsere Wirtin,« fuhr Krag fort. In der grünlichen Beleuchtung tauchte die rote Constance auf. Sie hatte sich keine Mühe gegeben, den Herren zu imponieren. Von Johnny hatte sie sicher erfahren, wer die Besucher waren. Sie trug eine jener unbeschreiblichen Morgentoiletten – es war ja erst sechs Uhr am Nachmittag – die bei jüngeren und schöneren Frauen nur dazu da zu sein scheinen, um ausgezogen zu werden, die sie aber trug, weil man doch etwas anhaben muß, wenn man den Milchmann an der halbgeöffneten Tür bezahlt. »Tag, Jensen,« sagte sie und nickte Suron zu. Darauf machte sie sich an der Stehlampe neben dem Flügel zu schaffen. »Das Whiskytrinken am Tage ist unausstehlich,« fuhr sie gereizt fort, »mitten am Tage.« »Ist sie nicht eine herrliche Frau!« rief Krag, indem er sich an einem kleinen Tisch niederließ. »Ganz meine Meinung,« stimmte Hansten-Jensen bei und nahm Krag gegenüber Platz. Auch Suron ließ sich am Tische nieder, mit einer Miene, als ob man nach einer durchbummelten Nacht in der ersten Straßenbahn Platz nimmt. »Haben Sie Karten?« fragte er. Da aber verlor die rote Constance die Geduld. Bisher war sie auf ihren türkischen Pantoffeln umhergeschlürft und hatte Staub gewischt. Jetzt ging sie auf die Herren zu und sagte: »Das geht wirklich nicht an, daß Sie mich hier aufhalten. Feine Herren benehmen sich nicht so. Das können Sie einer Dame nicht bieten, Jensen!« »Whisky!« war Jensens gelassene Antwort. »Zigarren!« fügte Krag hinzu. Constance stand einen Augenblick unbeweglich auf dem prächtigen Smyrnateppich, mit dem Staubwedel in der Hand. Nichts aber kann einen festen Willen besser ausdrücken als drei Herren mittleren Alters um einen Tisch. Sie betrachtete diesen Tisch eine Sekunde, ließ darauf ihr Staubtuch auf die Erde fallen und trabte in ihren türkischen Pantoffeln hinaus. Leider konnte sie die Tür nicht hinter sich zuknallen, denn alles war hier auf diskrete Lautlosigkeit eingestellt. Gleich darauf aber glitt die Tür wieder auf und herein trat ein junges Mädchen mit einem Nickeltablett, reich besetzt mit Flaschen und Gläsern. Das Mädchen war jung und hübsch, mit einer weißen Spitzenhaube auf dem Haar – das schönste aber war, daß die Flaschen auf ihrem Tablett die Marke »White Horse« trugen. Sie setzte das Tablett auf den Tisch und verschwand. Die Herren waren jetzt allein, und darum konnte der eine ernst werden. »Ja,« begann er, »ich habe wirklich in norwegischen Zeitungen gelesen, daß es ein großer Erfolg war.« »Was?« fragte Hansten-Jensen. »Die Vorstellung,« fuhr der ernste Herr, es war Asbjörn Krag, fort – »die ›Aktiengesellschaft der 7. Dezember‹ hat großen Erfolg gehabt. ›Die blaue Eule‹ war von oben bis unten ausverkauft. Besonders soll der Schriftsteller Oedegaard mit seinem Vortrag über die Erlebnisse des Aktiengesellschaftskomitees Jubel erweckt haben. Eine Menge Geld ist für die Armen eingenommen. Gestatten Sie, meine Herren, daß ich ein Wohl auf diese vortrefflichen Menschen ausbringe, die sich zu Weihnachten der Armen und Bedürftigen angenommen haben. Es ist nicht mehr als billig, daß wir dem Etablissement ›Die blaue Eule‹ wünschen, daß es nach Weihnachten den Lohn für diese einzig dastehende Arbeit im Dienste der Wohltätigkeit ernten möge.« Asbjörn Krag stieß mit den beiden anderen an. Hansten-Jensen mischte sich ein neues Glas. »Ich saufe wie ein Norweger,« sagte er, »um mich zu Ihrer Höhe hinaufzuschwingen und Sie besser zu verstehen. Wissen Sie, daß Jos verschwunden ist?« »Ja,« sagte Krag, »ich bin hier, um nach ihm zu suchen. Und bin schon lange hier gewesen.« »Seit wann?« »Seit drei Uhr.« Hansten-Jensen zeigte auf Krags Glas. »Haben Sie ihn dort gesucht?« Krag hob wieder sein Glas und trank den anderen zu. »Ich habe auf ihn gewartet und habe auch Spuren von ihm gefunden.« »Welche Spuren?« Hansten-Jensen stimmte in seinen scherzhaften Ton ein. »Bisher habe ich nur seinen blutigen Rock und seine leere Brieftasche gefunden. Sie liegen dort neben dem Flügel.« Jos' Irrfahrten Asbjörn Krag sagte diese Worte keineswegs in einem spaßhaften Ton, aber doch mit einer Gleichgültigkeit, die mit dem schrecklichen Ernst der Mitteilung ganz und gar nicht im Einklang stand. Hansten-Jensen betrachtete ihn genauer und begegnete einem Blick seiner Augen, einem eigentümlich wachsamen Blick, so daß er bei sich dachte: »Der ist auf alle Fälle nüchtern. Er spielt Suron nur Komödie vor.« Der Finne war aufgesprungen. »Nicht möglich!« rief er. »Ein blutbefleckter Rock, sagen Sie, eine leere Brieftasche ... Großer Gott, bedeutet das nicht ...« Er konnte keine Worte finden. Es war seltsam, diesen sonst so kaltblütigen Mann so ganz außer sich zu sehen. Auch Asbjörn Krag schien davon überrascht zu sein, denn er sagte, indem er ihn forschend anblickte: »Ich bin ganz überrascht, Sie in Ekstase zu sehen, Suron, ich dachte, Sie seien gefühllos wie eine Maschine aus Stahl, und jetzt geben Sie förmlich eine dramatische Szene zum besten. Mich dünkt, Sie schreien etwas zu laut, das kleidet Sie nicht.« Suron zuckte zusammen. »Ich bin über das Schicksal meines Freundes besorgt, finden Sie das so merkwürdig? Ich habe diesen Herrn begleitet, um mit ihm nach dem Verschwundenen zu forschen. Wenn Sie mich hier aber für überflüssig halten, Herr Krag, dann ziehe ich mich zurück.« Asbjörn Krag sprang auf und legte ihm die Hand beruhigend auf die Schulter. »Aber nein,« rief er, »Sie haben mich mißverstanden. Ich bin im Gegenteil froh, daß Sie da sind. Ich habe auf Ihre Ruhe und Geistesgegenwart gerechnet und darum hat mich Ihr Gefühlsausbruch so überrascht. Der blutbefleckte Rock dort lehrt uns ja, daß wir hier nicht Gefühle, sondern Handlungskraft nötig haben. Verstehen Sie mich jetzt?« Suron drückte ihm warm die Hand. »Er macht sich über ihn lustig,« dachte Hansten-Jensen bei sich. Krag ging zum Flügel und nahm ein Paket in braunem Papier auf, das dort auf der Erde lag. Das Paket enthielt einen zerknitterten und beschmutzten Gehrock. Krag breitete ihn aus. »Nicht wahr,« sagte er, »wir alle kennen Jos' strammsitzenden Gehrock. Und hier ist die Brieftasche. Die Wertsachen sind herausgenommen, aber sie enthält noch einige Papiere, die keinen Zweifel lassen, wer der Eigentümer war.« Hansten-Jensen untersuchte einige Flecke auf dem Stoff. »Kein Zweifel, das sind Blutflecke,« sagte er. »Wo haben Sie den Rock gefunden?« »Ich habe ihn nicht gefunden,« antwortete Krag. »Er wurde heute vormittag auf der Polizei eingeliefert. Ein Milchjunge hat ihn auf dem Hof eines Hauses in der Dragonergasse gefunden.« »Ein unheimliches Viertel,« murmelte der Kopenhagener Detektiv. »Welche Hausnummer?« »Nummer 75.« »Das Haus ist wohl untersucht und abgesperrt worden?« »Nein.« »Nicht! Was haben Sie denn mit Hinblick auf diesen unheimlichen Fund vorgenommen. Hier gilt es doch rasch zu handeln.« »Der Ansicht bin ich auch,« schob Suron ein. »Ich habe nichts weiter vorgenommen, als hier auf Sie zu warten,« antwortete Krag. Hansten-Jensen konnte sein Erstaunen kaum unterdrücken. »Sie haben wohl schon einen bestimmten Verdacht und arbeiten nach einem bestimmten Plan?« »Ja.« »Vielleicht halten Sie es sogar für überflüssig, etwas in der Dragonergasse 75 vorzunehmen?« »Bis auf weiteres halte ich es für Zeitvergeudung. Es sei denn, um festzustellen, welchen Weg Christensen heute nacht gegangen ist. In den Hauptpunkten aber ist es uns schon bekannt, dank der vorzüglichen Arbeit der Kopenhagener Polizei.« Hansten-Jensen nickte beifällig. »Vom Trocadero fuhr Christensen direkt hierher, nicht wahr?« »Ja, und hier war er mit einer großen Gesellschaft zusammen, einer seltsamen Mischung von Damen und Herren, bis halb fünf Uhr.« Plötzlich unterbrach er sich und fragte Suron: »Waren Sie hier mit ihm zusammen?« Suron schüttelte den Kopf. »Ich war eine Weile mit ihm im Trocadero zusammen. Dort aber war er so unliebenswürdig und übrigens auch so betrunken, daß ich mich drückte.« »Um halb fünf Uhr hat er sich von hier allein fortgeschlichen. Doch hinterließ er Constance solch reichliche Summe, daß das Fest noch lange fortgesetzt werden konnte. Später haben mehrere Personen ihn allein auf den Straßen herumirren sehen. Seitdem hat niemand mehr etwas von Jos gesehen, und dieser blutige Rock ist die einzige Spur von ihm.« »Und das ist alles, was man weiß?« fragte Hansten-Jensen eifrig. »Das ist alles, was man von Christensens Umtrieben heute nacht weiß.« »Aber mein Gott, das alles beweist doch, daß Schiffsreeder Christensen heute nacht in einem unzurechnungsfähigen Zustand ausgeplündert und wahrscheinlich ermordet worden ist!« rief Hansten-Jensen mit steigender Unruhe. »Daß er ausgeplündert ist, ist jedenfalls sicher,« meinte Krag. »Ich begreife Ihre Gleichgültigkeit nicht. Ich kann diese Untätigkeit kaum noch ertragen.« Krag sah nach der Uhr. »Warten Sie noch einen Augenblick, wir wollen gleich gehen.« »Wohin?« »Zum Palasthotel.« »Glauben Sie, daß Sie den Verbrecher dort finden?« fragte Suron. »Nein,« antwortete Krag. »Wen denn? Haben Sie einen Verdacht?« »Wenn ich nun Sie in Verdacht hätte?« sagte er lachend und schlug Suron freundlich auf die Schulter. In Erwartung Eine halbe Stunde später befanden die drei Herren sich im Palasthotel, wo Asbjörn Krag ein großes Zimmer gemietet hatte. Suron erkundigte sich eingehend bei Portier und Inspektor, ob man etwas von dem Verschwundenen gehört habe, bekam aber nur ein verneinendes Kopfschütteln zur Antwort. Hansten-Jensen wunderte sich, daß Krag an diesem Bescheid so wenig Anteil nahm. Als sie sich auf Krags Zimmer begeben hatten, sagte er zu seinem Kollegen: »Wenn ich Sie recht verstehe, sind Sie sich bereits über das Schicksal des Unglücklichen im klaren.« Darauf antwortete Krag nichts, sondern sah nur nach seiner Uhr und schien irgend etwas zu berechnen. »In einer Stunde«, sagte er halblaut, »ist die Uhr halb acht.« »Hat dieser Zeitpunkt eine besondere Bedeutung?« fragte Hansten-Jensen. »Ja,« sagte Krag, »große Bedeutung. Und außerdem ist das Wetter wichtig.« Er blickte aus dem Fenster. Der Rathausplatz lag regenblank im Schein der elektrischen Lampen. »Häßliches Weihnachtswetter,« bemerkte Hansten-Jensen. »Wundervolles Wetter,« antwortete Krag vergnügt, »milde und schneefrei. Für unser Vorhaben kann es gar nicht besser sein.« Der Kopenhagener Detektiv, der einsah, daß Krag etwas Bestimmtes erwartete, worüber er vorläufig nicht sprechen wollte, faßte sich in Geduld und setzte sich an einen Tisch, wo norwegische Zeitungen lagen. Sie waren voll von Berichten über Direktor Reismanns kühnen und glücklich durchgeführten Scherz mit der »Aktiengesellschaft der 7. Dezember«. Das Fest war mit großer Pracht vom Stapel gelaufen und das Publikum hatte sich mit Rücksicht auf den guten Zweck den Bluff gefallen lassen. Asbjörn hatte sich an den Schreibtisch gesetzt und ordnete allerhand Papiere, die wie Abrechnungen und Protokolle aussahen. Auch Telegramme waren dazwischen. Er schien diese Papiere in Haufen nach einem bestimmten System zu ordnen. »Es stimmt aufs Haar,« sagte er schließlich. »Was stimmt?« fragte Hansten-Jensen. »Meine Abrechnung,« antwortete Krag. »Ihre private Abrechnung?« »Nein, in Jos' Angelegenheiten.« Plötzlich fragte er Suron, der neben ihm saß: »Wann haben Sie mit Fräulein Erko gesprochen?« »Heute nachmittag um drei Uhr.« »Und sie will morgen früh reisen?« »Ja, ihr Vater ist schwer erkrankt.« »Ich weiß. Sie hat ein Telegramm aus Kotka erhalten. Wenn aber Herr Christensen bis dahin nicht aufgetaucht ist, was dann?« »So bleibt es Sache der Polizei, zu entscheiden, ob ihre Anwesenheit notwendig ist. Aber sie hat ja das Hotel seit gestern nachmittag nicht verlassen, kann darum auch keine Auskünfte geben. Außerdem muß man wohl auch Rücksicht darauf nehmen, daß sie eine Tochter ist, die an das Bett ihres todkranken Vaters eilen möchte.« »Befindet sie sich in diesem Augenblick auf ihrem Zimmer?« »Ich nehme es an.« Krag zeigte auf das Telephon. »Rufen Sie sie bitte an.« Fräulein Erko war zu Hause, und Suron bat sie, auf Krags Aufforderung, zu ihnen auf Zimmer Nummer 118 zu kommen. Während man auf sie wartete, ordnete Krag die Plätze um den Tisch. Es war wie vor einer Sitzung. Auf seinen eigenen Platz legte er die Papiere, die er soeben durchgesehen hatte. Fräulein Erko kam. Sie war auffallend blaß, und die Blässe wurde noch durch ihr schwarzes Kleid gehoben. Hansten-Jensen dachte bei sich: »Sie ist bereits auf den Tod ihres Vaters vorbereitet.« Krag geleitete sie artig zu einem Platz am Tische. Er sprach sein Bedauern aus über die traurige Nachricht, die sie erhalten hatte. Sie antwortete kaum und erschien gedrückt und verschüchtert. »Ich hoffe, daß Sie morgen reisen können,« sagte er. »Das hängt von den Ereignissen der nächsten Stunde ab.« Suron schob ein: »Wir haben ihn noch nicht gefunden. Doch haben wir eine Spur, die uns sehr beunruhigt. Wir sind auf das Schlimmste gefaßt.« Bei diesen Worten suchte er den Blick des jungen Mädchens. Und er sprach langsam und mit Nachdruck, als wolle er ihr bedeuten, daß seine Worte einen Doppelsinn hatten. Hansten-Jensen fing den Blick des Finnen auf und sah, daß das Gesicht des jungen Mädchens einen seltsamen Ausdruck bei der Verzauberung dieser merkwürdigen Augen bekam. Er fühlte wieder den unerklärlichen Schauder, den er im Halbdunkel der Bar empfunden hatte. Das junge Mädchen blickte entsetzt drein. Krag legte seine Hand auf ihren Arm. »Seien Sie ruhig,« sagte er, »noch kann sich alles zum Guten wenden.« Er sah auf die Uhr, und suchte darauf zwischen den Papieren auf dem Tisch. »Wollen Sie uns etwas vorlesen?« fragte Hansten-Jensen. »Ja,« antwortete Krag, »ich möchte Ihnen eine Novelle vorlesen, allerdings keine literarische Novelle, denn sie besteht ausschließlich aus Telegrammen, Protokollen und anderen Dokumenten.« »Wovon handelt diese Novelle?« fragte Hansten-Jensen. »Wenn ich ihr einen Titel geben sollte, würde ich sie ›Die Aktiengesellschaft der 7. Dezember‹ oder ›Wie Jos verschwand‹ nennen. Wo wollen Sie hin, Suron?« Suron hatte sich plötzlich von seinem Platz in dem weichen Sofa erhoben. »Ich sitze hier nicht gut in der Ecke,« erwiderte der Finne. Es fiel Hansten-Jensen auf, daß seine Stimme plötzlich so heiser klang. »Ich möchte lieber dort sitzen,« fuhr Suron fort, indem er auf einen Stuhl zeigte. »Ich habe Ihren Platz bestimmt,« antwortete Krag in einem ruhigen und befehlenden Ton, so daß Suron unfreiwillig in die Sofaecke zurücksank. »Lieber Freund,« wandte Krag sich an Hansten-Jensen, »helfen Sie mir bitte, ihn dort festzuhalten .« Jetzt verstand Hansten-Jensen. »Lesen Sie,« bat er ungeduldig. »Gleich,« sagte Krag, »wenn die Versammlung vollzählig ist. Der ledige Stuhl dort wartet noch auf jemanden.« »Wen erwarten Sie?« »Ich erwarte Jos.« Im selben Augenblick schlug die Rathausuhr halb acht. Halb acht Uhr Dramatische Ueberraschungen liebte Krag, nicht allein, weil sie ihm eine rein persönliche Befriedigung gewährten, sondern weil der Moment der Ueberraschung von Wert sein konnte. Bei dem Unerwarteten verraten die Menschen sich leichter, als wenn sie Zeit haben, ihre Lage zu überdenken. Wenn Krag die Absicht gehabt hatte, durch dieses Manöver in den Mienen der Anwesenden zu lesen, so war es ihm glänzend geglückt. In Hansten-Jensens Augen blitzte es humoristisch. Er kannte die Ueberraschungen seines Kollegen und wußte jetzt, daß Krag die ganze Lösung in der Hand hielt. Was die junge Dame anbetraf, so schien sie von Krags sensationeller Mitteilung merkwürdig unberührt zu sein. Es war, als ob sie schon alles wüßte und ahnte, was kommen würde. Sie saß unbeweglich mit einem seltsamen versteinerten oder vergrämten Ausdruck da. Suron dagegen konnte nicht verbergen, daß die unerwartete Mitteilung ihn schwer getroffen hatte. Er sah mit einem komischen Ausdruck fragender Neugierde von einem zum anderen. War das Ganze ein Scherz? Sollte er laut lachen? Er wählte das Vernünftigste, was er tun konnte, und wartete schweigend alles weitere ab. Um seine Gemütsbewegung zu verbergen, zündete er sich eine Zigarre an und hüllte sich in den blauen Rauch ein, während er sich in die Sofaecke zurücklehnte. Krag blätterte indessen unberührt in seinen Papieren, während draußen die tiefen Töne der Rathausuhr verklangen, ohne daß etwas eintraf. Er blickte ruhig auf, wie ein Vorsitzender, der eine langweilige Komiteesitzung leiten soll. »Vielleicht müssen wir einige Minuten warten,« sagte er, »obgleich ich nach dem letzten Telegramm annehmen darf, daß Jos pünktlich sein wird. Das Wetter ist ja ausgezeichnet.« Bei dieser Bemerkung mußte Hansten-Jensen lächeln. Krag fuhr fort: »Um indessen keine Zeit zu verlieren, will ich mit der Einleitung beginnen. Ich brauche wohl nicht erst auseinanderzusetzen, daß Christensens Verschwinden mit der ›Aktiengesellschaft der 7. Dezember‹ in enger Beziehung steht.« »Ich dachte, daß die Komödie bereits zu Ende gespielt sei,« fiel Hansten-Jensen ein. »Das dachte ich auch,« sagte Krag, »ich bin aber eines Bessern belehrt worden. Die Komödie, die hoffentlich heute abend ihren Abschluß finden wird, ist eine merkwürdige Mischung von Scherz und Ernst. Anfangs sollte sie nur Scherz enthalten, das Schicksal aber wollte es anders, und so kam der Ernst hinzu. Glücklicherweise hat es sich so gefügt, daß wir der großen Tragödie entgangen sind, obgleich sie ursprünglich geplant war. Wie wir alle wissen, verschwand Jos vor sechs Tagen in Christiania –« Hansten-Jensen riß den Mund vor Staunen auf. »Vor sechs Tagen in Christiania!« rief er. »Er ist doch erst heute nacht um fünf Uhr in Kopenhagen verschwunden!« Krag antwortete mit gemachter Ueberlegenheit: »Lieber Freund, unterbrechen Sie mich nicht. Behalten Sie lieber den Herrn dort im Sofa im Auge , damit er unser friedliches Beisammensein nicht stört.« Suron saß unbeweglich da. Hansten-Jensen sah, daß er sehr blaß geworden war, und von nun an ließ er ihn nicht mehr aus den Augen. Asbjörn Krag wollte gerade in seinem Bericht fortfahren, als ein lautes Klopfen an der Tür erklang. »Da ist er,« sagte Krag und machte gleichzeitig seinem Kollegen ein Zeichen zu. Es war wirklich Jos, der ins Zimmer trat. Aber nicht Jos, den man erwartet hatte, der verbummelte, mißhandelte Jos, sondern der Schiffsreeder Joh. P. Christensen, wie man ihn kannte, wenn er aus seinem Auto stieg, den pelzgefütterten Automobilmantel zurückgeschlagen, die gewaltigen Handschuhe und die Pelzmütze unterm Arm, mit den buschigen Augenbrauen und dem graugesprenkelten Spitzbart, der von der Winterkälte feucht war. Er blieb mit einem kurzen Kopfnicken neben der Tür stehen. »Guten Abend,« sagte er, »komme ich zu spät?« »Nein,« erwiderte Krag, »wir haben eben erst begonnen. Dort steht ein Stuhl für Sie bereit.« Jos blickte sich im Zimmer um, ging dann schnell auf Suron zu und sagte: »Wir haben noch miteinander abzurechnen.« Suron erhob sich langsam. »Für wieviel haben Sie hier in Kopenhagen für mich abgeschlossen?« Er bekam keine Antwort. Statt dessen warf Hansten-Jensen sich auf Suron und packte ihn an den Armen. Ein Gegenstand fiel klirrend zu Boden. Es war Surons Revolver. Der Detektiv schleuderte ihn mit dem Fuß beiseite und drückte den Finnen ins Sofa hinein. Darauf sah er Krag fragend an. »Ich glaube kaum, daß wir ihm Handeisen anzulegen brauchen,« meinte Krag gelassen. »Er sitzt da ja gut auf dem Platz, den ich ihm angewiesen habe. Uebrigens bereiteten Sie mir soeben eine Ueberraschung, Suron,« fügte er zu dem totenblassen Finnen gewandt hinzu, »ich habe Sie für kaltblütiger gehalten. Was meinten Sie mit dem Revolver zu erreichen? Glaubten Sie, daß Sie entkommen könnten? Man hätte Sie auf alle Fälle auf der Treppe angehalten.« Suron strich sich mit der Hand über die Stirn. »Mit Ihnen habe ich nichts zu schaffen,« sagte er schließlich. »Ich habe nur mit diesem Herrn dort« – er zeigte auf Jos – »zu verhandeln. Die Erklärungen von seiten der Polizei sind gänzlich überflüssig.« »Es sind keine Erklärungen, ich stelle nur Tatsachen fest. Und von diesen Feststellungen hängt es ab, ob Sie hier oder auf der Polizei mit Herrn Christensen verhandeln werden. Sie gestatten wohl, daß ich fortfahre. Werfen Sie nur einen Blick auf meinen Kollegen, mit dem ist nicht zu scherzen.« »Gestatten Sie mir nur eine Frage, Herr Christensen,« sagte Hansten-Jensen. »Sie sehen aus, als ob Sie von einer großen Autofahrt kämen. Aber von der roten Constance bis zum Palasthotel ist der Weg doch nicht weit.« »Rote Constance?« murmelte Jos verständnislos. »Sie sind doch zuletzt heute morgen um fünf Uhr bei der roten Constance gesehen worden!« Jetzt griff Krag ein. »Zu der Zeit war Herr Christensen viele Meilen von Kopenhagen entfernt,« sagte er. Die Erklärung Jos zog seinen Mantel aus und steckte Handschuhe und Mütze in die geräumigen Taschen. Er trocknete seinen Bart und schüttelte sich, als wollte er seine Muskeln prüfen. Darauf nahm er auf dem ledigen Stuhl am Tische Platz. Er sah nichts weniger als spaßhaft aus in diesem Augenblick. Seine untersetzte, kräftige Gestalt drückte ungeduldige Entschlossenheit aus. »Ich möchte jetzt reinen Wein eingeschenkt bekommen,« sagte er. »Ich bin gerade dabei, den Versammelten die Lage zu erklären,« antwortete Krag. »Was ich bisher mitteilte, war Ihnen schon bekannt. Wie schon so häufig,« fuhr Krag fort, »sind wir auch bei dieser Sache auf ein charakteristisches Doppelspiel gestoßen. Ursprünglich werden wir von einer Affäre gefesselt, doch ohne daß wir es anfänglich merken, beginnt eine zweite Affäre nebenher zu laufen und sich mit der ersten zu vermengen. Dadurch bekommt die Sache etwas Rätselhaftes und anscheinend Unlösbares. In dem vorliegenden Fall hat ein verschlagener Verbrecher sich solch ein Doppelspiel zunutze machen wollen, um einen unerhörten Coup zu machen. Der verschlagene Mensch, von dem ich spreche, sitzt dort in der Sofaecke. Wie ich sehe, hat er den vernünftigen Entschluß gefaßt, sich als aufmerksamer Zuhörer ganz still zu verhalten. Lieber Suron, sollte ich einen Fehler in der Darstellung machen, bitte ich Sie, mich zu verbessern. Wir haben«, setzte Krag seinen Bericht fort, »den Ausgangspunkt der Affäre in dem burlesken Aufzug zu suchen, den einige Herren in Christiania arrangierten und unter dem Namen: ›Aktiengesellschaft der 7. Dezember‹ auch ausführten. Bei diesem Aufzug hatten auch Sie, Herr Christensen, eine Rolle.« »Ich hatte mir aber vorbehalten, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit mitzuwirken,« wandte Christensen ein. »Sehr richtig. Diesen Vorbehalt machten Sie, weil Sie meinten, daß der Scherz Ihr Ansehen als ernsthafter Geschäftsmann schädigen könnte. Man kann ja nicht leugnen, daß der Scherz ziemlich derb war, wenn er auch zum Zweck der Wohltätigkeit geplant wurde. Wir wissen, daß auf Grund einer Wohltätigkeitsvorstellung eine große Reklame gemacht werden sollte, damit ganz Christiania sich in der ›Blauen Eule‹ einfände. Vier Teilnehmer des Komplotts sollten nach und nach verschwinden, auf die sensationellste Art, nachdem sie geheimnisvolle, hellblaue Briefe empfangen hatten. Ich muß gestehen, der Plan glückte vortrefflich, denn alle Welt ging auf den Leim. Zuerst verschwand Reismann, dann von Brakel, dann Doktor Oedegaard. Darauf sollte Herr Christensen an die Reihe kommen.« »Stimmt,« schob Christensen ein. »Indessen hatte ich um Dispens gebeten, unter anderem, weil mich plötzlich sehr wichtige Geschäfte nach Kopenhagen riefen.« »Soweit ist alles ganz klar,« fuhr Krag fort. »Sie wußten um das Komplott. Aber noch jemand anderes wußte darum, auf den Sie sich verlassen zu können meinten: Ihre Privatsekretärin, Fräulein Aino Erko. Besondere Umstände veranlaßten sie, dieses Vertrauen zu mißbrauchen. Der Hauptumstand war der, daß sie von ihrem Bruder dazu gezwungen wurde. Brauche ich Ihnen ihren Bruder vorzustellen, meine Herren? Dort sitzt er in der Sofaecke. Es ist Suron. Dieser Mann hat bisher die Rolle ihres Kavaliers, ihres Verlobten, ihres Liebhabers, ja, was Sie wollen, gespielt, in Wirklichkeit ist er ihr Bruder. Als ich ihn zum erstenmal an jenem Abend vor Herrn Christensens Haus sah, als er sich fortschlich und sein ›Excelsior‹-Auto bestieg, bekam ich den Verdacht, daß er einen Finger mit im Spiel habe, aber erst hier in Kopenhagen ist mir die ganze Tragweite seines frechen Planes klar geworden.« Die Anwesenden lauschten Krags Darstellung unter tiefstem Schweigen. Fräulein Erko starrte vor sich hin und schien völlig unberührt. Suron lächelte sarkastisch. Hansten-Jensen machte sich Notizen in seinem Buch. Krag fuhr fort: »Durch seine Schwester bekam Suron Einblicke in Christensens Unternehmen in Kopenhagen. Er begriff, daß hier große Summen zu verdienen waren, nicht für ihn, den unbekannten Abenteurer ohne Geld, sondern für den soliden Geschäftsmann Joh. P. Christensen. Hierauf baute er seinen großen Plan. Er beschloß, in die Geschäfte der ›Aktiengesellschaft der 7. Dezember‹ einzugreifen. Durch seine Schwester hatte er erfahren, daß Christensen am Abend des 6. Dezember in seinem Auto nach Kopenhagen fahren wollte. Gleichzeitig hatte er in Erfahrung gebracht, daß Jos seinem Versprechen gemäß die Freunde in dem alten Wirtshaus Tyrihöhe besuchen wollte, unter anderem, um mit Reismann über seine Beteiligung an dem Geschäft in Kopenhagen zu verhandeln. Das machte er sich zunutze. Mittags um drei Uhr hält er mit seinem Auto vor Jos' Kontor, und dieser, der natürlich glaubt, daß die Botschaft aus Tyrihöhe kommt, steigt ein und läßt sich entführen. Auf diese Weise macht er sich einen Scherz nutzbar, und gleichzeitig mischt sich der Ernst in den Scherz, meine Herren. Am selben Tage, einige Stunden später kommt die richtige Mitteilung aus Tyrihöhe, da aber ist Jos bereits auf und davon, und ich nehme den blauen Brief als Vorwand, um den Unternehmern auf die Spur zu kommen. Als ich dabei die Ueberzeugung gewinne, daß Jos' Verschwinden ein Geheimnis enthält, das nicht mit der ›Aktiengesellschaft der 7. Dezember‹ in Zusammenhang steht, fasse ich den Entschluß, die Sache von diesem Ausgangspunkt zu verfolgen. Am Abend desselben Tages entdecke ich eine schwache Spur, indem ich Surons merkwürdiges Gebaren vor Jos' Kontor beobachte. Ich gehe in den Freisinnigen Klub und bin dort Zeuge des Schlußspieles zwischen Direktor Reismann und Stenesen.« »Darüber bin ich unterrichtet,« bemerkte Jos. »Ich habe Reismann vor meiner Abreise in Christiania gesprochen.« »Schön. Im Klub erhalten wir die erste Nachricht von Jos. Er hat ein Telegramm aus Moß gesandt, daß er sich auf dem Wege nach Kopenhagen befindet, und ordnet an, daß seine Privatsekretärin, Fräulein Erko, ihm bestimmte Dokumente und Wertpapiere dorthin bringen soll. Dieses Telegramm hat natürlich gar nicht existiert. Es ist nur eine Mitteilung, die Fräulein Aino Billington auf Verlangen ihres Bruders machte. Nicht wahr, Fräulein Aino?« Die junge Dame nickte nur. »In Wirklichkeit befand Schiffsreeder Christensen sich in der Nähe von Christiania, wo er in einer kleinen Sportshütte gefangengehalten wurde, die Suron und seinem Helfershelfer Hekki, auch einem Finnen, gehörte, der den Auftrag hatte, den Gefangenen zu bewachen. Ich hoffe, daß man Sie nicht zu schlecht behandelt hat?« »Ich war unter strengster Bewachung,« erklärte Jos, »und man drohte mir, daß man mich ohne Umstände niederschießen würde, wenn ich einen Fluchtversuch machte. Außerdem nahm man mir alle meine Papiere und Gelder ab. Ich muß gestehen, daß ich höchst erstaunt war, als Suron sich als internationaler Verbrecher entpuppte. Zuerst dachte ich, das Ganze sei Scherz, ein neuer Einfall von Reismann, bald aber wurde ich vom Gegenteil überzeugt. Alles in allem aber kann ich über die Behandlung nicht klagen.« »Anfangs war ich im Zweifel, ob Sie nicht doch das Telegramm aus Moß abgesandt hatten und auf dem Wege nach Kopenhagen seien. Indessen war mein Mißtrauen einmal geweckt und wurde durch Surons Auftreten an dem Abend im Klub bestärkt. Er bot Stenesen Teilung an und gewann eine große Summe.« »Reismann behauptet, es sei Betrügerei mit im Spiel gewesen.« »Das war es auch. Darauf aber kommen wir später noch zurück. Ich habe Surons Schulden ordnungsgemäß hier in meinen Papieren aufgestellt. Soweit ich sehen kann, war sein Anteil an dem Kompaniegeschäft vierunddreißigtausend Kronen, aber ich habe die ganze Summe achtundsechzigtausend Kronen auf sein Konto gesetzt, weil er für den ganzen Betrag verantwortlich ist ... Hallo, bleiben Sie nur sitzen, ich habe noch mehr Posten für Sie notiert.« Entlarvt »Alles in allem«, fuhr Krag fort, »waren meine Eindrücke von den Ereignissen des Nachmittags und Abends so stark, daß ich beschloß, eine Reise nach Kopenhagen zu machen. Vor meiner Abreise aus Christiania traf ich allerhand Dispositionen. Unter anderem trug ich unserem allerbesten Spürhund auf, dem ›Excelsior‹- Auto zu folgen und auf diskrete Weise Erkundigungen über Suron einzuziehen. Außerdem sollte er die erbrochenen Siegel und Karten, die von dem Spielinspektor des Klubs verwahrt wurden, aufs genaueste untersuchen. Darauf bestieg ich den Zug nach Kopenhagen und war nicht erstaunt, Suron dort zu treffen. Ich hatte eine Maske angelegt, die es ihm unmöglich machte, mich zu erkennen. Nicht wahr, Suron, gegen den französischen Handelsreisenden, der Ihrer Schwester gegenübersaß, nährten Sie nicht den geringsten Verdacht?« Suron beschränkte sich darauf, die Augenbrauen hochzuziehen, aber diese Bewegung verriet, daß die Mitteilung ihm neu und überraschend war. »Dagegen überraschte es mich, daß Fräulein Aino in Helsingör ausstieg. Damals war mir der Zusammenhang ja noch nicht klar. Jetzt verstehe ich ihn besser. Soeben rühmte ich mich der Verkleidung als französischer Handelsreisender. Darf Ihnen, Suron, jetzt mein Kompliment machen über Ihre glänzende Maske als Schiffsreeder Joh. P. Christensen . Ich erkannte Sie nicht in Helsingör und auch später nicht.« Bisher hatte Hansten-Jensen Krags Schilderung zugehört und sich emsig Notizen gemacht. Jetzt legte er seinen Bleistift mit einem kleinen Knall auf den Tisch, lehnte sich zurück und brach in ein schallendes Gelächter aus. Christensen sagte ruhig und ernst: »Nach und nach wird mir alles klar. Ich begreife nur nicht, wie ein Mensch so unverschämt sein kann.« »Hasard!« antwortete Krag. »Suron ist ein ausgesprochener Hasardspieler, dreist, brutal. Das stimmt auch genau mit den Aufschlüssen überein, die ich soeben von meinem Gewährsmann aus Christiania erhalten habe. Damals aber war ich der bestimmten Meinung, daß es Schiffsreeder Joh. P. Christensen sei, der mit seiner Privatsekretärin von Helsingör nach Kopenhagen fuhr, um dort große Geschäfte abzuschließen.« Als Krag merkte, daß Jos bei diesen Worten Unruhe verriet, fügte er hinzu: »Auf die Art dieser Geschäfte will ich hier nicht näher eingehen. Nur erwähnen möchte ich, daß es sich um den Ankauf von Plantagen der ›Orient-Gesellschaft‹ handelte und daß man allgemein von einer Kaufsumme von fünfunddreißig Millionen Kronen sprach. Wegen dieses Geschäftes war Jos nach Kopenhagen gekommen. Natürlich waren schon vorher schriftliche Verhandlungen darüber geführt worden, vielleicht brauchte der Vertrag nur noch unterschrieben zu werden. Der falsche Jos führte natürlich alle Dokumente mit sich, die er von der Privatsekretärin bekommen hatte. Außerdem hatte dieser Jos ein Bankkreditiv und gewisse diskrete Aufträge von Freunden in Christiania, darunter von Reismann, daß er die Hausse in der ›Dänischen Orient-Gesellschaft‹, die unfehlbar eine Folge von Jos' großzügiger Finanzoperation sein würde, aufs beste ausnutzen sollte. So war unser Freund Jos glänzend ausgerüstet. Nur daß unser Freund Jos nicht Jos, sondern Suron war, während der richtige Jos in Surons Sporthütte gefangengehalten wurde. Ich muß zugeben, daß selten ein Hasardspieler und Schwindler solch gute Karten in der Hand gehabt hat. Daß das Spiel trotzdem nicht glückte, liegt, glaube ich, an meiner Anwesenheit in Kopenhagen.« Nach einer kleinen Pause fuhr Krag fort: »Obgleich ich anfänglich keinen Verdacht hegte, daß Jos nur ein verkleideter Betrüger sei, kam mir die ganze Sache nach und nach doch merkwürdig vor. Vor allen Dingen konnte ich mich an die Telegramme meines Mitarbeiters in Christiania halten. Er war dem ›Excelsior‹-Auto beständig gefolgt und hatte entdeckt, daß die Sporthütte etwas Mystisches an sich hatte. Ferner hatte er durch genaueste Untersuchung der Karten des Klubs festgestellt, daß sich Fingerabdrücke darauf befanden, die weder Reismanns, Stenesens noch die des Spielinspektors waren. Ich möchte darauf wetten, daß es Surons sind und ich bin neugierig, welche Aufschlüsse uns die Polizei in Monte Carlo, Ostende und London geben wird, wenn wir uns bei ihr nach Anders Suron aus Helsingfors erkundigen. Was meinen Verdacht, daß Suron ein falsches Spiel trieb, bestärkte, war der Umstand, daß er Jos hier in Kopenhagen auswich, obgleich er mit ihm befreundet war. Ich sah sie nie zusammen. Entschuldigen Sie, bester Herr Christensen, daß ich Sie eine kurze Zeit wegen eines Liebesverhältnisses im Verdacht hatte, bei dem Fräulein Aino der Mittelpunkt war. Jetzt wissen wir ja alle nur zu gut, warum Herr Christensen und Suron sich nie zusammen zeigten. Sie waren ein und dieselbe Person. Schließlich beschloß ich, Jos persönlich in meiner Verkleidung als französischer Handelsreisender einen Besuch zu machen, um Gewißheit zu erlangen. Ich traf Jos nicht an, statt dessen kam Suron aus seinem Zimmer. In dem Augenblick, als ich ihn sah, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und um mich aus der unerwarteten Situation zu retten, machte ich eine Szene, die damit endete, daß man mich hinauswarf. Plötzlich stimmten alle meine Berechnungen. Suron hatte als Jos mit der ›Dänischen Orient-Gesellschaft‹ unterhandelt. Diese Unterhandlungen hatte er benutzt, um an der Börse zu spekulieren. Er wußte ja genau, ob das Papier steigen oder fallen würde. Nun hätte er sich damit begnügen sollen, Reismanns Depositionen und Christensens Kreditiv zu heben, samt den anderen Wertpapieren, zu denen er durch Christensens Bank Zugang hatte, zu realisieren, dann wären wir seiner vielleicht niemals habhaft geworden. Aber er sah die Möglichkeit eines noch größeren Gewinnes und da wurde er von der Spielleidenschaft ergriffen. Er entwarf einen Plan, der es ihm möglich machte, sich und seine Schwester zu retten, ja, vielleicht nach Christiania zurückzukehren und dort ein angenehmes Leben weiterzuführen. Dieser Plan aber war nur durch einen Mord durchführbar. Gestern abend ging er als Jos verkleidet aus, spielte den Betrunkenen, der nach einem Besuch bei der ›roten Constance‹ verschwand und dessen blutbefleckten Rock man in einer der berüchtigten Seitenstraßen Kopenhagens fand. Darauf konnte Suron sich, von seiner Verkleidung befreit, ruhig in Kopenhagen zeigen und sich mit seinem Raub hinbegeben, wohin er wollte, während Kopenhagen noch eine unaufgeklärte Raubmordgeschichte mehr zu verzeichnen gehabt hätte. Durch meine Mitarbeiter in Christiania war Jos mittlerweile befreit worden. Ich ließ ihn bitten, den Zusammenhang der Sache zu verschweigen und sich sofort mit seinem Auto hierherzubegeben. Das Wetter war herrlich und die Reise ging schnell vonstatten. Durch Fräulein Erko habe ich erfahren, was Suron an der Sache verdient hat. Es genügt, um die Betrügerei mit den versiegelten Karten, Reismanns Verlust, das abgehobene Kreditiv und alle anderen Ausgaben zu decken. Das Geld ist in Sicherheit. Lieber Jensen, tun Sie jetzt Ihre Pflicht.« Mit einem Wutschrei sprang Suron auf, im nächsten Augenblick aber war er übermannt und in Eisen gelegt. »Um aber das Spiel zu gewinnen,« sagte Jos empört, »hätte ich doch aus dem Wege geräumt werden müssen. Glauben Sie wirklich, daß er das im Sinn hatte?« »Ich sagte ja bereits,« antwortete Krag ernst, »daß Mord mit im Spiel war.« * Der Fall Suron kam nicht vor Gericht. Was Jos mit Gerichtsadvokat Annebye vereinbarte, gehört nicht in diese Erzählung. Tags darauf stiegen die Aktien der »D. O. G.« um fünfundsiebzig. Asbjörn Krag und Hansten-Jensen aber spekulierten nicht mehr, denn zeitig am Morgen hatten sie sich mit dem finnischen Geschwisterpaar auf die Reise begeben, um es an der finnischen Grenze der zuständigen Polizei zu übergeben, die ihm mit großem Interesse entgegensah. Joh. P. Christensen hatte ausdrücklich solche Lösung der Angelegenheit gewünscht. Bei näherer Ueberlegung hatte er nämlich gefunden, daß es schade sein würde, wenn eine sensationelle Gerichtsverhandlung den munteren Scherz verdürbe, den die »Aktiengesellschaft der 7. Dezember« so verdienstvoll durchgeführt hatte.