Johann Richard zur Megede Der Ueberkater Erster Band Fräulein Elisabeth von Skal in dankbarem Gedenken der Verfasser Erster Teil Erstes Kapitel Ich weiß, daß ich sogenannte berühmte Kollegen habe: Murr, Hiddigeigei – Deutsche. Es mögen sogar weitläufige Vettern von mir sein. Die Fürsten dieser Erde nennen sich ja auch ohne Unterschied cher frère, cher cousin . Sie tun recht daran. Denn die Großen jeder Gattung und aller Zeiten eint eine tief innerliche Seelengemeinschaft, und die geistige Einsamkeit trennt sie von dem gemeinen Volk. – Ich verleugne euch also nicht, chers cousins allemands! Ich habe die Aufzeichnungen des einen, die Lieder des andern gelesen. Sehr humorvoll, sehr tief empfunden! Ich war auch sofort heimisch in dem fremden, harten Idiom. Ich konstatierte mit Genugtuung, daß eminente Gefühle, eminente Gedanken unter dem Katzengeschlecht in jenem Volapük niedergelegt sind, das nur die Auserwählten verstehen. Ich habe mit Hiddigeigei gesungen, mit Murr philosophiert. Aber innerlich sind diese Vettern doch nicht frei, sie bleiben Deutsche. Hiddigeigei halte ich für einen poetischen Wolkenkuckucksheimer aus dem Neckartal, und Murr ist zuzeiten ein ganz engherziger Berliner Lokalpatriot. Und das Schlimmste – sie haben einen Herrn, sie sind treu und schämen sich dessen nicht ... Was sind das für Katzen? – Unser Geschlecht ist das bedeutendste, zielbewußteste, eigenartigste ... Wann waren Könige, Staatsmänner treu? Wann bestand eine wirklich vornehme Ehe anders als auf dem Papier? – Solche Gefühle sollten meine guten Vettern der Plebs überlassen, der Bande, die Mäuse aus Hunger fängt und nicht zum Vergnügen ... Einige Lieder sind gewiß echt! Zum Beispiel über die Liebe philosophiert Hiddigeigei entzückend, und Murr, wenn er in einer Sturmnacht zum Kampf auf die Dächer steigt, hat jenes dämonisch grüne Augenglitzern, das furchtbare Wunden weissagt. Dennoch – jenseits der gleißenden Schneemauern des Monte Valdo, dessen Glanz mir die Augen beizt, lebt ein andres Geschlecht. Der Himmel kann dort nicht so blau sein, die Sonne nicht so prickeln. Es sind törichte Gefühlskatzen mit wilden Instinkten, weiter nichts ... Ich habe lange gezögert mit diesen Aufzeichnungen, und sie sind doch sicher so nötig! – Ja, es gehört einmal unter euch wahllose Gefühlsphantasten eine Macchiavelli-Natur, ein kühler Staatsmann, ein scharfer Menschenkenner, meine hochseligen Herren Vettern ... Ich bin Italiener, Diplomat, Hotelkater. Geboren bin ich natürlich auf klassischem Boden – in Rom unter dem Dach des Palazzo Farnese: Der edelste Sproß aus heißer Liebe und weiser Politik. Ich sollte gewissermaßen in meiner Person den Geist Frankreichs und die Schönheit Italiens vermählen. Mein Vater war Römer, ein wilder, schöner, hochfahrender Nobile. Meine Mutter Vollblutpariserin aus dem legitimistischen Uradel des Quartier St. Germain, pikant, geistreich, mit den anmutigsten Formen, der wohllautendsten Stimme. Ein hoher Beamter der Botschaft hatte diese Vermählung inszeniert – ein diplomatischer Schachzug, der überaus glückte. In dem Wäscheschrank dieses hohen Beamten wurde ich geboren. Von meinem Vater weiß ich nur aus den Erzählungen meiner Mutter. Er war eine Herrennatur von leidenschaftlicher Frauenliebe, aber nur vorübergehender Gattentreue. Meine Geschwister starben früh, und keines natürlichen Todes. Ich erinnere mich dunkel der gemeinen, heimtückischen Faust – einer Faust, von der auch später die Rede sein wird –, die unsre Familie ausrotten zu wollen schien. Es waren Erwägungen intimster Natur, wie ich jetzt begreife, denn ein spanischer Prätendentenstreit unter uns Brüdern hätte leicht die schwersten europäischen Verwicklungen nach sich ziehen können. – Bei Katzen gibt es keine engherzige Nationalität. Wir optieren. Als mir meine Mutter zum ersten Male von der schwindelnden Höhe des Botschaftshotels die Ewige Stadt zeigte mit einem blinzelnden Seitenblick auf den Quirinal und auf den Vatikan, begriff ich sofort, was sie damit ausdrücken wollte. Da das republikanische Frankreich seine großen legitimistischen Söhne zu verbannen beliebt, blieb mir nur noch die Wahl zwischen den langen schwarzen Priesterröcken Seiner Heiligkeit und den funkelnden Bajonetten des nationalistischen Königtums. Ich überlegte lange – und wählte keines von beiden. Das war sehr weise von mir. Diplomaten größten Stils sind keine Pfaffenknechte, aber noch weniger gehorsame Diener des Advokatenkonvents auf dem Monte Citorio ... Für sie heißt es, zwischen beiden lavieren. Vom Vatikan habe ich später gehört, daß das alte Riesengebäude unheimlich viel dicke und geradezu gefährliche Ratten beherbergt, und vom Quirinal weiß ich, daß in dem weitläufigen Schloß die Mäuse besonders hungrig pfeifen – Ich war eben zu Höherem geboren. Einige Zeit verblieb ich noch in der Botschaft, scheinbar ohne eine bestimmte diplomatische Mission, obgleich ich behaupten kann, daß kein lebendes Wesen über die Geheimnisse des berühmten Palazzos vom Dach bis zum Keller genauer orientiert war als ich. Wenn es mir beliebt hätte, die Archive zu durchstöbern, Dokumente zu entwenden – Kinderspiel! Ich will die Eisenstangen sehen, zwischen denen mein schlanker Körper nicht geschmeidig hindurchgleitet, oder den Botschaftssekretär, dem ich nicht unbemerkt überall nachzuschleichen vermöchte! ... Aber ich stehle niemals – Nicht, daß mich die Moral daran hinderte! Es gibt nach Macchiavelli und Talleyrand, meinen menschlichen chers cousins , keine Diplomatenmoral, und Bismarcks sogenannte geniale Ehrlichkeit war nur eine vorübergehende Verfehlung. Sie wird nie Schule machen und höchstens seinen Nachfolger zu Plumpheiten verleiten. Aber ich hasse platte Gemeinheiten! Ich möchte niemals hinabsteigen zu den berufsmäßigen Mausefängern oder gar den Tölpeln von Hunden, die vor jedem Fleischerladen wie gebannt stehen bleiben. Wenn ich meine köstliche Sahne zierlich ausgeschleckt habe und danach noch etwas Bratenappetit verspüre, gehe ich direkt zum Botschaftskoch und gebe ihm in sanft verführerischen Tönen zu verstehen, daß ich ein auserlesenes Stück wünsche – zur Kritik natürlich, und weil ich die Diners Sr. Exzellenz des bevollmächtigten Ministers höflich, aber streng überwachen muß. Ich verschlinge darum nie einen Knochen, ich lecke ihn fein säuberlich ab, und der Küchenchef hat die richtige Ueberzeugung, daß ein Kater von Welt gourmet , nie aber gourmand sein kann. Die Deutschen, die Hunde so sehr lieben, verwechseln diese beiden Begriffe noch immer. Dort im Palazzo Farnese gewöhnte ich mir die tadellosen Diplomatenallüren an: das lautlose Auftreten, das seidenweiche Gleiten, das abgetönte Attachè-Miau, das alles wünscht, aber zu nichts verpflichtet. Ich hätte Sr. Exzellenz ein brillanter Geheimsekretär sein können, und Ihre Exzellenz sagten bei meinem Anblick stets bewundernd: »Q'uil est beau! qu'il est sage! qu'ii est bien éléve!« Ich quittierte stets über diese Elogen vermittelst eines unendlich melodischen Schnurrens, wie ich ja überhaupt die Damen als tadelloser Kavalier, und die Priester als überzeugter Katholik äußerst zuvorkommend behandle, denn die kapriziös weichen Hände der ersteren und die zielbewußten Taubenblicke der letzteren sind mir sympathisch, und beider Einfluß in der höchsten, der persönlichen Politik darf niemals unterschätzt werden. Jedoch dauert meine Anhänglichkeit nie länger als der angenehme Nachgeschmack der Schmeichelei oder des Leckerbissens, den ich gerade anzunehmen geruht habe. Zuweilen sehne ich mich nach dieser ersten Jugendzeit zurück, obgleich es auch widerwärtige Dienstboten gab, die meinen intimen Schlafzimmervisiten mit einem muffigen Besen entgegentraten, – und schlecht erzogene Attachés mit gemein kläffenden Foxterriers, offenbar unfähige Diplomaten, die mit Bismarck und dem Reichshund kokettieren wollten. Zum Diplomaten gehört nun einmal die Katze in irgendeiner Gestalt... Aber plötzlich wandte sich das Blatt. Jener hohe Beamte, der meine Eltern zusammengekuppelt hatte und eben beschäftigt war, meiner untröstlichen Mutter einen zweiten Gatten zuzuführen, lockte mich eines Tages vom Dachfirst, wo ich gerade andächtig dem Frühlingsgesang einiger Zugvögel lauschte, mit allerlei süßlichen Komplimenten, deren zudringlicher Beflissenheit ich berufsmäßig nicht traute. Aber er hielt in der Hand einen jungen Sperling, dessen Banditengezwitscher mich magisch anzog. Den Vogel bekam ich allerdings nicht, aber ich selbst wurde in einen fremdartigen Käfig gesteckt, den ich später als heugepolsterten Bastkorb erkannte. Ich war wohl an alle diplomatischen Winkelzüge, aber nicht an so grobe Treulosigkeiten gewöhnt, und erst im letzten Augenblicke versetzte ich darum einen sanften Biß jener heimtückischen Hand, die meine Brüder gemeuchelt hatte und die sich jetzt wie zum Abschied liebkosend nach mir ins Gefängnis streckte. Von da ab weiß ich nur, daß es auf einmal sehr dunkel wurde und daß später ein furchtbares Rütteln anfing. Ich war empört, auf jeden weiteren Schurkenstreich gefaßt, aber ich erkannte sofort, daß Toben sinnlos sei. Ich hielt ohne wilde Klage einen Tag und eine Nacht in dem schaurigen Verlies aus. Nur wenn meinem Korbe ein plumper Schritt nahte, erging ich mich in den sanftesten Miaus, einem wahren Sirenengesange. Einige Male lachten darauf grobe Menschenstimmen, ein andres Mal bohrte sich ein Finger durchs Geflecht. Ich benahm mich wie die Sanftmut selbst. Aber als sich mein Käfig endlich öffnete, sprang ich dem ersten besten dieser vermeintlichen Verräter an die Kehle. Ich glaubte sicher, einer diplomatischen Intrige zum Opfer gefallen zu sein, und das Schicksal der eisernen Maske stand mir vor Augen. Ich hatte mich geirrt . . . Es ist der Unterschied zwischen großen und kleinen Geistern, daß die kleinen ihre Fehler nicht einmal sich selbst eingestehen, während die großen dies sogar aller Welt offen kundtun. – Ich hatte in der Tat einen Fehler begangen: Der Mann, an dem ich vor Wut fauchend mich festkrallte, war ein mächtiger Mann, der Besitzer des Hotels, und wahrscheinlich in der Lage, mich mit Hilfe seiner Leute sofort in dem See zu ertränken, dessen duftigblaue Kristallflut keine hundert Schritt von unserm Kampfplatz recht unangenehm einladend herüberleuchtete. Es war also kein Diplomatenkniff gewesen, dem ich zum Opfer fiel – ich war einfach für schnödes Geld verkauft worden. Verkauft – und wahrscheinlich sehr teuer! Erst drückte mich diese häßliche Tatsache wirklich nieder, und es bedurfte einer exzellenten Fischpastete und mehrerer Sahnentöpfe, um mir wenigstens körperlich das Gleichgewicht wiederzugeben nach einem Fasten zu so unpassender Zeit, daß es mich fast an den Segnungen unsrer alleinseligmachenden Kirche irre machte. Bald merkte ich, daß auch die Gemütsdepression nicht unbedingt vonnöten . . . Ein staatsmännischer Geist muß klug mit den Zeitläuften rechnen, ohne dabei irgendwie seine Persönlichkeit aufzugeben. Man kauft und verkauft nun einmal Katzen – und diese menschliche Gewohnheit ist eigentlich für mich sehr schmeichelhaft. Man bezahlt doch nur Schönheit und Geist, und bloß beides zusammen mit so ungeheuerlichen Summen, wie sie ohne Frage nur für mich angelegt worden sind. Damals gab ich mir auch zum erstenmal die Mühe, meinen äußeren Kater zu studieren. Ich bin in der Tat ein Olympier: schlank, samtweich, mit dem sanft buschigen Schweif eines Angoraahnen, der sich nur in den anmutigsten Schwingungen ergeht. Jedoch das wunderbarste sind die Augen – blaue, weiche, unvergeßliche Augen . . . Haben Sie schon je, mein lieber Murr, einen Kater mit Vergißmeinnichtaugen gesehen? Ich bezweifle es. Ueber die Nase geht der breite Kavalierschmiß, die Tiefe meiner Liebe, die Größe meines Hasses zu zeigen. Ich empfing den Hieb von einem äußerst jähzornigen Gentleman, der mir ein allerliebstes Kammerkätzchen abspenstig machen wollte. Es war meine erste amour , und ich entwickelte dabei einen Liebeswahnsinn, den ich jetzt belächle. Ueber die Katzenfrauen denke ich liberal wie der verstorbene Vittorio Emanuele, doch in bezug auf die Ehe beobachte ich die unbedingte Zurückhaltung eines päpstlichen Kardinalsekretärs. Man soll wohl Simson sein, aber man darf sich von einer Delila niemals die Schnurrhaare abschmeicheln lassen . . . Wenn nun dieser unvergleichliche Mephisto zuzeiten über die Blumenrabatten des Hotelparks steigt, so mag wohl dem menschlichen Beobachter bei meiner Gottähnlichkeit bange werden – mir nicht. So bin ich also Hotelkater geworden, eine Stellung, die alle Mausefänger ersehnen, die aber nur von zünftigen Diplomaten ausgefüllt werden kann. Es gehört neben der untadeligen Geburt, den Aristokratenallüren jene kluge Mäßigung dazu, die alles weiß, aber nichts mit Namen nennt. Ein Hotelkater muß sich mit gleicher Grazie an den parfümierten Seidenrock einer Prinzessin schmiegen, wie den plumpen Nagelstiefel eines Brillenprofessors umschnurren. Auch der unbedeutendste Gast darf mich streicheln, bevorzugte Persönlichkeiten dürfen mich sogar auf den Schoß nehmen, aber ich gleite sofort mit einem kühlen Miau zur Erde, wenn die Liebkosung zudringlich wird. Ich bin darum aller Welt öffentlicher Liebling, aber niemandes unbedingter Freund. Ich würde mich zum Beispiel ganz gewiß doch weniger leicht von dem Wirt, dem Oberkellner, dem Koch und allen jenen guten Leuten, die mich mit Recht verehren, trennen, als von einem englischen Griesgram oder den alten nervösen Tanten, die sich an meinem Samtfell ihren staubigen Lodenrock zu verderben fürchten. Ich werde die törichte Schwäche der einen und die Brutalität der andern gleichmäßig belächeln und zu meinen Zwecken benutzen. So delektiert sich mein Geist immer, und meine Seele belastet sich niemals unnötig. In Wahrheit bin ich in meiner weißen Mäßigung vollkommen frei. – Das ist eben der Sohn der Botschaftskatze. Wie würde sich meine kluge französische Mutter freuen! . . . Doch gibt's auch Zeiten, wo das heiße italienische Blut meines schönen Vaters leidenschaftlich wallt. Ich heiße hier schlechtweg Carlo wie ein Prinz von Geblüt, heimlich füge ich hinzu: Macchiavelli, der Staatsmann. Innerlich stehe ich dem großen Florentiner doch wohl am nächsten. Wir haben jetzt Anfang Februar – und die Saison sollte beginnen. Unser Hotel ist natürlich das erste in einer kleinen, dumpfigen, entzückend winkligen Stadt mit ganz auserlesenen Straßengerüchen. Wir liegen an einer blauen Bucht des Gardasees, dessen Wasser vielleicht besser täte, weniger naß zu sein. Sonst ist der See riesengroß, und ich blinzle mir vergebens die Augen aus, um ihn in seiner ganzen Breite zu überblicken. Ringsum Hügel, Berge, Schneegipfel. Wer ein Deutscher und treu ist und eine grandiose Natur liebt, wird bei jeder Beleuchtung und jedem Wetter auf seine Kosten kommen. Mir genügt der Sonnenschein des Hotelgartens; die Froschjagd auf den geschorenen Wiesen und zwischen den immergrünen Bosketts hindurch ist ein so reizender Sport, der meine Anmut in bestem Licht zeigt. Auch ist nichts behaglicher, als in der Mittagsglut auf der Kaimauer zu träumen. Ich schlummere, phantasiere, schaue und habe zur Zugzeit den Vogellaut wirklich gern – lieber allerdings noch das warme Blut der freundlichen Sänger selbst. Wenn der Dampfer bei uns anlegt, geruhe ich entweder in scheinbarer Apathie im Grase zu blinzeln, oder ich gehe auch wohl den Gästen höflich entgegen. Es freut mich doch immer wieder das menschliche Verständnis für Katzenschönheit. Bei Regen oder Wind hüte ich das Haus. Natürlich ist es auch kein großes Haus. Die Riesenhotels der Weltstädte sind im Grunde nur auflackierte Karawansereien ohne Traditionen, ohne Eigenart, jeder Gast im besten Falle so viel wert wie die Zimmernummer an dem geschmacklosen Riesenbrett, wo die unzähligen Schlüssel hängen. Da gibt es allerdings von Zeit zu Zeit einen wirklichen Prinzen, einen echten Nabob, einen wüsten russischen Fürsten – und namenlose Zugvögel, Gäste einer Nacht, die ängstlich kommen, heimlich gehen und hinterher mit dem Morgenkaffee im Empirespeisesaal fürchterlich prahlen. Die eigentliche Stammkundschaft aber sind unanständige Parvenüs, die zwar Fürstengemächer nur naserümpfend wählen, aber nachher heimlich auf die Teppiche spucken – oder dunkle Abenteurerexistenzen mit Monokeln und Brillantnadeln, die vom Glückspiel in abscheulichen Spelunken lange recht behaglich leben und später ohne Aufsehen an die Luft gesetzt werden müssen, weil sie außer der Zimmerrechnung auch noch die fünfzig vom Portier nach und nach gepumpten Franks nicht bezahlen können. Wenn ein wirklich distinguierter Herr exzellent essen, exklusiv plaudern will, wählt er klüglich das kleine Hotel, den kleinen Salon, weil er weder Lust hat, die Niete in einer Riesenkollekte noch die protzige Gewinnummer in einer Privatlotterie darzustellen . .. Auch darf ein Hotel nicht aufdringlich aussehen, wie zum Beispiel die Kurhäuser in den Weltbädern, die gleich ein halbes Dutzend Landesstandarten hissen. Das sieht zu gewollt aus, verletzt den guten Ton. Ein Hotel von Distinktion sollte womöglich immer in einem Garten liegen, tief drin, – nahe genug, um noch gesehen zu werden, und doch weit genug, um nicht anzulocken; Gesindel erscheint ja trotzdem in Ueberfülle. Unser Hotel hat einen ganz kleinen, einfachen Speisesaal mit dem Blick auf den Garda, ein dämmriges Vestibül, gemütliche Zimmer und so viel Treppen und Korridore, daß seine maßvolle Größe nur intim wirkt. Zurzeit sind wir etwas verwaist. Eine Stangen-Gesellschaft reiste gerade ab – ein toller Mischmasch von alten bildungswütigen Kanzleiräten, reichgewordenen Fleischern, schutzlosen Jungfrauen und so weiter, welch letztere – die Jungfrauen nämlich – nachts ungefährdet durch die berüchtigte Friedrichsstraße wandeln könnten und aus jedem Harem sofort höflich hinauskomplimentiert würden. Die guten Leute rackerten sich zu Fuß und zu Wagen maßlos ab, und ich hatte die lächelnde Ueberzeugung, daß die ewig wechselnden Figuren eines Kaleidoskops in meiner Seele bedeutend schärfer haften würden, als in diesen Geistern das Bild der sogenannten schönen Gegenden. Der geschäftige Reisekurier rannte mich beinah um. Pöbel! Sonst haben wir Tagestouristen, die sich erst die Brille umständlich aufsetzen, um die lächerlich kleine Rechnung zu studieren und denen der Hausdiener stets wehmütig enttäuscht von der Landungsbrücke nachsieht. So was zählt für mein Gefühl nicht. Auf längere Zeit scheint sich nur ein einziger Herr hier eingerichtet zu haben. Deutscher, brünett, sehnig, verbrannt wie ein Mohr und weder hübsch noch häßlich, aber mit ein Paar großen, grauen, klugen Augen, die selbst über unsern unvergleichlichen Garda mit einer gewissen Geringschätzung zu gleiten scheinen. Er hält was auf sich und erscheint auch zu seiner einsamen Mahlzeit immer im dinner -Jackett. Er heißt Robert Rin und wird von unserm Oberkellner höflich M. de Rin (französisch gesprochen) tituliert. Ich wußte nicht, was ihm diese Standeserhöhung eintrug, denn er bewohnt ein mäßiges Zimmer und trinkt nur Landwein – aber Oberkellner haben oft richtige Instinkte. Der Mann ist Mitte Dreißig und kraxelt viel in den Bergen herum. Er ist wohl Reisender, Naturwissenschaftler oder etwas ähnliches. Anvertraut hat er mir's nicht; denn er trägt eine äußerste Reserve und Schweigsamkeit zur Schau, und ich traue seinem energischen Munde zu, daß er kurz befehlen kann und daß ihm schleunigst gehorcht wird. Doch er bekommt täglich Korrekturen zugeschickt, in denen unnötig viel von Kamelen und Pflanzen die Rede ist, und zwischen die er mit einem Bleistift ziemlich undeutlich hineinkritzelt. Vielleicht will er sich auch von einer großen Expedition erholen und nebenbei die äußerst seltene Flora unsrer Riviera di Gargnano studieren. Ich habe mich ihm gewissermaßen attachiert, weil er der einzige wirkliche Herr hier ist und mich nicht mit wahllosen Schmeicheleien langweilt. Seit einigen Tagen regnet es wie auf Stiefkinder, und auch einem philosophischen Staatsmann möchte das Leben grau erscheinen. Wir beide sitzen jetzt häufig zusammen im Konversationszimmer. Er schreibt, und ich strecke mich harmlos blinzelnd auf demselben Tisch. Er beginnt gleichfalls eine Art Tagebuch, und das vielleicht aus denselben Motiven wie ich. Der Originalität halber flechte ich von seinen Aufzeichnungen hier ein. Uebrigens sind und bleiben auch kluge Menschen Phantasten. Ich habe meine Korrekturen glücklich beendet. »Die Sahara und ihre Pflanzenzonen« wird in die Welt gehen, aber schwerlich den Erfolg ernten, den mein junger Verleger erhofft. Vielleicht ist's meine Schuld, denn der dürre Titel dürfte nie ein großes Publikum finden, und der Autorname »Robert Rin« ist nicht aufregend. Natürlich hätte es besser geklungen: »Die große Wüste, Karawanenritte durch die Sahara« von Robert Grafen zu Rhyn. Aber erstens war ich niemals selbständiger Führer einer Expedition, sondern nur ihr wissenschaftlicher Begleiter, und zweitens möchte ich meinen Namen nicht als Reklameschild benutzen. Ich bin keineswegs reich und habe nur die Prätensionen jedes anständigen, ernsten Menschen. Mein Vater schon, der, aus mir unbekannten Gründen, in die Schweiz auswanderte, nahm die ältere Schreibweise: »Rin« wieder an und hatte selbst kein Interesse, in einem republikanischen Lande mit einem deutschen Grafentitel zu paradieren. Ich schreibe mich Robert Rin wie er schlechtweg, und wenn ich einmal nach den Grafen zu Rhyn gefragt wurde, habe ich immer gewissenhaft erklärt, daß ich meines Wissens der einzig lebende Graf zu Rhyn sei. Es mag eine unbewußte Eitelkeit in diesem gewöhnlichen Verschweigen liegen – aber dann ist diese Eitelkeit älter als ich, und ich habe sie nur von meinem Vater überkommen. Ich sollte mich allmählich an die Winterflora dieser Riviera oder des Monte Baldo machen, aber es regnet, regnet . . . Die langjährige schlechte Gewohnheit, ein Reisetagebuch zu führen, verleitet mich dazu, diese müßigen Stunden mit Plaudereien über mich und für mich auszufüllen. Der Garda ist mein ältester südlicher Bekannter, und ich habe ihn immer von allen oberitalienischen Seen am meisten geliebt. Alter, blauer Garda, du benimmst dich deinem alten Freunde gegenüber infam! Sollte deine Wiedersehensfreude wirklich so triefend naß, so frostig kühl sein? – Das letztemal vor sechs Jahren lächeltest du wenigstens matt, und eine frische Brise kraute deine stahlgrauen Wasser, als die kleine, prustende Bergbahn sich bis zur Höhe von Nago durchfauchte und du in einem ganz heimlichen Sonnenblinken für einen Moment den Mann wiedererkanntest, dem du als jungem Studenten so tief und schön zugelächelt hast . . . Ja, das waren andre Zeiten! ... Es ist so lange her, daß es beinahe schon nicht mehr wahr ist – sechzehn Jahre. Auf dem Brenner lag der Tannenwald noch im Schnee begraben, und dicke Eiszapfen wuchsen aus dem grauen gesträubten Schnurrbart des Tiroler Streckenwärters. Es war ein Bummelzug, und der Eiswind blies uns fast von der Paßhöhe. Aber schon hinter Gossensaß begann der Süden silberflutend über die Schneewächten zu rinnen, bei Bozen versuchte die Sonne vorzeitig den Magdalener Wein zu kochen, und in Rovereto stach mir der heiße Glanz der Firngipfel in die Augen. – Und erst als ich in Mori in die klapprige italienische Diligence stieg mit dem Rucksack, dem Plaid, der fiebernden Erwartung des Südens! – Ich vergesse es nie – und wie jung ich noch war! ... Ach, wenn doch noch einmal dieses Kinderentzücken wiederkäme, dieser Jugendglaube, diese Torenhoffnung, die eine fast mönchisch strenge Erziehung nicht vernichtet, nur gestärkt hatte! . . . Und wie sich der Wagen durch die Berge wand, das braune, starre, rissige Felsgestein so wundervoll grell leuchtend – wie Loppio auftauchte, inmitten enger, stummer Riesenwände der kleine, kühle, melancholisch grüne See. Und wie weiterhin der Monte Baldo seine Trümmerfelder ausschüttete, diesen gewaltigen Moränensturz, der in zahllosen verwitterten, unmöglichen Gigantenbrocken das wilde Hochtal übersäte – eine grandiose Wüstenei, die mich umstarrte, erschreckte, mir das Bild der Urgewalten, des Todes erkältend widerspiegelte. Und darüber die Baldowand heiß, weiß, flimmernd, mir das siegende Leben zu zeigen, die Kräfte des Werdens, die Sonne ... Damals kam mir der Gedanke, Naturwissenschaften zu studieren, der Knabenwunsch, wissend in jene Tiefen des großen Gebärens, Sterbens zu schauen, das auch später uns immer reizt, lockt und um so unnahbarer sich verschließt, je leidenschaftlicher unser Verlangen zu seinen Mysterien hinabsteigen möchte . . . Es war die himmelstürmende Jugend, der unbewußte Drang der inneren Kräfte – allmählich wandelte sich der Geologe dann zum Pflanzengeographen. – Es war damals doch ein feierlicher Moment, ein ehrfürchtiges Erschauern, das ich noch in der Erinnerung spüre! ... Dann kam Nago, das schwarze, schmutzige, verfallene Banditennest, über dessen Vignenmauern mich die erste schwermütige Zypresse und der erste goldige, fruchtschwere Orangenbaum zugleich grüßten. – Es war auch ein Wunder: der Grabwächter dicht bei den Aepfeln der Hesperiden. Ich war gerade Student geworden und suchte hier dem geheimnisvollen Pfade zu folgen, der Tod und Leben so unmittelbar verbindet – heute gebe ich mich mit so unfruchtbaren Dingen nicht mehr ab, – da rief plötzlich ein zerlumpter italienischer Arbeiter neben mir: » Ecco, Signore, la Garda « ... Da sah ich dich zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht: blauer, tiefer, ernster See – ganz unten die glückselig leuchtende Azurflut zwischen schroffen, stummen, grauen Alpenketten gebettet. Da lief die Ponalestraße wie eine Schlange die Steilküste entlang, da dräute der scharfzackige Riesenhang des Monte Giumella, da schob sich wie ein Kap der starre Fels von Tremosine weit in die Flut! – Und darüber hinaus leuchtete, glänzte, blitzte aus dunstiger Bläue der Süden, das Licht. Es war wirklich ein Wunder! Und ich eilte, auf den Dampfer zu kommen: ich hatte das Gefühl, als wenn ich den Inseln der Seligen entgegenführe. Und neulich? – Die Felsmauern türmten sich ebenso starr und gewaltig wie einst, aber der See zeigte das trübe, grünölige Grau, die Kielwelle zuckte schmutzig weiß am Gestein empor. Kein Licht, kein Leben – nur der wie Nebel niederrieselnde Regen. Limone mit seinen sonderbaren Schutzhütten für die Zitronen, kahl, frostig, – Malcesine und sein Venezianer Kastell nur düster. Als wir wieder nach dem Westufer hinüberdampften, kreuzte eine große Segelbarke, das braunrote, geflickte Segel trübselig, der Kurs schwer ... Das ist doch keine Südenfahrt! Und als endlich hinter Tremosine der breite üppige Vegetationsgürtel der Riviera auftauchte – auf sanft ansteigendem Vorland die grauernsten Olivenwälder, die Limonenterrassen, die wuchernde Agave am Fels –, da erkannte ich in der ekelweichen Regenluft, die auf das reiche, alte Gartenland drückte, in dem schläfrigen Dunst, der um die Küstenberge wallte, so daß nur die gigantische Ungestalt des Monte Castello tot, wie ein Riesensarg, durch diese Tagesdämmerung starrte – das Land nicht mehr wieder, das mir einst als der Inbegriff von südlicher Kraft und sonniger Gestaltenfülle erschienen war ... Maderno, dessen weite, sanfte Bucht sonst wie ein Traum blaut, Gardone, das eine riesige Hotelpension hinter hohen, frohen Palmengängen versteckt, Sald, dessen bröckelnde, bunte, sorglose Armut sich so malerisch in dem schmalen, blauen, tiefen Golf spiegelt: sie alle haben sich zum Norden bekehrt, zu schwermütigem Sinnieren, zu farblosem Schweigen. Ich ging sofort auf mein Zimmer und fühlte keine Versuchung, noch einmal auf den See zurückzuschauen, dessen mächtig weites Becken im Regen und Dunst mit dem Himmel verschwimmt ... Ich kenne die halbe Welt ungefähr – ich habe Gewaltigeres gesehen an Bergen, Reicheres an Vegetation, vielfältigere Formen, sattere Farben, in einem intensiveren Licht, als es jemals der alte Garda auch bei bester Laune zu spenden vermag –, aber es war doch nun einmal der erste, unbefangene Eindruck des Südens, den ich hier empfing und nicht vergaß. Wo Rins fühlen, sind sie treu. Du solltest deine wirklichen Freunde freundlicher empfangen, lieber See, und dein mißmutiges Gesicht wahlloseren Bewunderern zeigen. Ich hoffe, du bekehrst dich beizeiten. Es könnte sonst dir mit mir so gehen, wie mit meinem Vater, der die drei Orte Rovereto-Riva-Sald, die mir in so köstlicher Erinnerung sind, einstmals liebte und dann mit einer mir unverständlichen Konsequenz haßte. Er mochte überhaupt Erinnerungen nicht... Es ist heute der Todestag meines Vaters. Sein Wahlspruch hieß: »Nicht die Toten sind zu beklagen, sondern die Lebenden« ... Aber wenn du auch Erinnerungen verachtetest bei Lebzeiten, mein Vater, – an deinem Sterbetag will ich doch erst recht des hohen Prinzips gedenken, in dem du mich erzogen und außerhalb der Durchschnittsreihe gestellt hast: ›Gib niemand Rechenschaft als dir selbst!‹ – Dem Kinde war das hohler Klang, dem Knaben dunkle Weisheit, dem Manne Erleuchtung. Denn wer sich gewöhnt hat, unbedingt Rechenschaft zu geben sich selbst, der kann auch Gott und den Menschen Rechenschaft geben zu jeder Stunde. Allmählich beginnt sich das Hotel zu füllen. – Ein großer Satiriker, der ausgesprochen säuft, ein kleiner Komödiant, der nur den Namen mit einer großen Nichte gemein hat. Der Satiriker ist ein Charakterkopf: aufgeschwemmtes Gesicht, Wippnase, mit einem halb eingekniffenen Auge, das sicherlich sehr scharfe Porträts aufnimmt. Sonst ist ihm wohl auf dieser Welt alles Wurst, ausgenommen seine Frau. Frau und Fusel – manchem geht's nun einmal nicht ohne beides. Der Komödiant ist älterer Elegant, hübsch, der flachste Spaßmacher und der geborenste Picknickarrangeur. Er stellt sich aller Welt vor und spricht mit allen, und alle sagen ehrfürchtig: »Ah, der Onkel von der berühmten ...« Auch ein Ruhm! ... Also der große Mann säuft, der Komödiant trällert. Nächstens könnten auch weniger berühmte Leute kommen. Vorläufig ist mir noch der hiesige Hotelkater der interessanteste Genoß. Ein wirklicher, weißer Prachtkerl mit ganz blauen, kühlen Augen und auf seine Art sicher äußerst hochmütig und exklusiv. Wie ja auch sonst die Erfahrung zeigt, daß Edeltiere und Prachtpflanzen sich gern absondern. Jedenfalls ist es ein Kater von tadellosen Manieren, der sich ganz selbstverständlich auf meinen Schreibtisch pflanzt und von dem ich die instinktive Ueberzeugung habe, daß er nie das Tintenfaß umwerfen oder mein Papier beschmutzen würde. Etwas Größenwahn hat er ... Ob er am Ende lesen kann? – Von der kindlichen Ansicht, daß Tiere nur Instinkt haben, ist heutzutage doch jeder Gebildete frei. Es regnet nicht mehr. Der feuchtgrüne Lorbeer im Garten schüttelt sich. An den schwarzen Edeltannen zittert der kristallene Tropfen. Aber kein Licht, kein Leben! Die Berge hüllen sich in schweren Dampf. Der See ist matt, grämlich, ohne Laut, ohne Farbe. Wo sonst der breite Buckel des Monte Baldo samtweiß das Wasserblau grenzt – ein träge wallender Nebelvorhang. Das lang hingestreckte, duftig geheimnisvolle Feeneiland der Isola Lecchi, anzuschauen wie ein dunkles stummes Riff – eine wirkliche Toteninsel. Und dazu bimmeln die ganze Riviera lang die Kirchenglocken, italienische Glocken mit den eigentümlich hastenden Operettenmelodien. Ich absolviere gewissenhaft täglich die bodenlose Seepromenade nach Gardone. Die Wolken kriechen längs der Uferberge, die Olivenhänge in mürrischem Grau, die Zypressen kohlschwarz; die schönen Parkgärten am Ufer träumen von Sonne und Frühling. In Bozen soll's noch schlimmer sein. Das ist der Hoteltrost. Dabei kommen immer neue Gäste. Ich könnte fast alle entbehren. Da ist die übliche Rivierawitwe mit den Perlenboutons im Haar und dem Falkenblick für unverheiratete Männer. Einer von uns wird daran glauben müssen – hoffentlich nicht ich. Sie besitzt ein so energisches Kinn wie die Herzogin Hadwig und hat ihren ersten Gatten wahrscheinlich rasch totgepflegt, damit die zweite, die vierzigjährige Jugendblüte nicht ungenützt verstreiche. Ich gönne die sehr respektable Dame meinem neuen Nachbarn, einem österreichischen Pensionär, der mit dem steinernen Gast eine verzweifelte Aehnlichkeit hat. Vielleicht ehelicht sie auch der Maler mit den Storchbeinen und dem Dorschkopf. Die Genialität sitzt ihm wahrscheinlich in den Ledergamaschen und die Höflichkeit nicht auf der Zunge. Aber man täuscht sich. Ich beneide ihn um sein tadelloses Italienisch und die Ungeniertheit, mit der er sich auf jeder Chaiselongue lümmelt ... Am unheimlichsten ist mir ein preußischer Major, der immer unruhig auf und ab wandert. Er hat die Schießinstruktion für die Artillerie mit auf die Reise genommen. Hätte er sie zu Hause gelassen, wäre seinen Nerven das jedenfalls dienlicher gewesen. Es bilden sich die bekannten Sympathiekreise. Die Neulinge scharen sich voll Ehrfurcht um den Komödianten, die alten Bäderkenner sondieren erst. Ich lebe in einer Todesangst, daß die energische Witwe nächstens singt, und daß ich zuhören muß. Ich spreche kaum mit jemand. Es ist eine Gesellschaft, die gleich persönlich wird und einen ausfragt. Vielleicht guckt auch auf einmal der Graf 'raus, der leidenschaftlich gern mit jedem übelriechenden Negerhäuptling Blutsbrüderschaft macht, aber in Europa auf keinen Fall unter seinem Stande verkehren möchte. – Es sind aber auch in der Tat wenig interessante Leute hier. Selbst der große Satiriker guckt für einen anständigen Menschen viel zu tief ins Marsalaglas. – Wirtlich sympathisch ist mir nur die Frau des preußischen Majors, eine sehr junge, sehr feine Frau mit einem hübschen Kinde, die beide höflich gegen jedermann sind. Es ist das die gute, deutsche Erziehung. Ich weiß nicht, warum mir die Frau leid tut. Er hat mir in den wolkigen Augen so was unheimlich Unstetes, und sie sieht ihn immer ängstlich an. Der Mann ist wohl kränker, als er aussieht – und die wirklich barmherzige Schwester schläft bei guten Frauen ja nie . . . Am Ende ist diese junge Frau das Genre, das ich am meisten liebe, weil es uns, wenn wir alt geworden, die Heimat, die Ruhe, den Frieden bedeutet. Bei gutem Wetter – was braucht man da ein Heim? Aber bei schlechtem... Ja, Robert Rin, wir sind vierunddreißig Jahre, und es wird uns doch erst ein wenig spanisch vorkommen, wenn wir zehn Jahre später unbedingt zum alten Eisen gerechnet werden! Aber ich schreibe ja Unsinn. Ich bin doch ein verständiger Mensch, der sich nicht nach etwas sehnen soll, das nicht zu seinem Berufe paßt. Wem eine Frau gehört, der gehört nicht mehr sich selbst. Und ich habe mich selbst sehr nötig! Mein Beruf war freie Wahl, und er verlangt mich ganz. Er hat mir andre Wege gewiesen als andern, er hat mir aber auch andre Freuden gegeben als andern. Mir wird's im Alter auch mal die Hausdame tun... Im übrigen, Rins sollen nicht heiraten. Und wie der Teufel immer geschäftig ist, hat er uns gleich heute zwei Ehepaare beschert: das Geld und die Liebe... Geldheiraten sind ja die Vernunftheiraten par excellence. Aber wie fabelhaft teuer sich auch einer verkauft, er verkauft sich doch lächerlich billig. Auf das Glück warten, bis nichts mehr vorhanden?– Denn dann beginnt doch erst das Eheglück solcher Leute. Aber für diese Weisheit ist selbst die Wissenschaft nicht kühl genug. Das nennt sich nun Hochzeitsreise, Flitterwochen! – Er ist Oesterreicher, Offizier, mit der geölten Strizzifrisur, dem hübschen Kadettengesicht! Der Wiener Schick, die Kellnergrazie– Mädchen fürs Herz findet so einer übergenug... Und dagegen sie, weder jung, noch hübsch, noch liebenswürdig. Und dennoch– Sie essen à part. Gleich nach den Früchten brennt er sich die Virginia an, verbarrikadiert sich hinter der »Neuen Freien Presse«.– Sie liest auch, aber wie eine Frau liest, die einem Manne gegenübersitzt– zerstreut, nervös. Er dagegen ist die satte Ruhe selbst. Zuweilen sieht sie auf, fragt etwas, leise, schüchtern, sie kennt ihn schon. Und er antwortet auch– achselzuckend, kurz zwischen den Zähnen durch, mit schlecht verhehlter Abneigung. Wenn man das Geld sicher hat, braucht man ja keine Gefühle mehr zu heucheln... Dann schweigen sie wieder. Ihr ist das Zeitungsblatt auf den Tisch gesunken. Sie weiß alles– und hofft doch noch alles. Da tut mir die Frau furchtbar leid. Die fahlen Augen haben den Charme des Leidens, der Resignation... Nach fünf Minuten fragt sie wieder. Dasselbe suchende Lächeln, dieselbe geärgerte Antwort. Um halb zehn gehen sie: gelangweilt er, öde sie, eigentlich schon uralte Menschen auf der Hochzeitsreise. Was Takt hat, sieht ihnen nicht auffällig nach. Und erst an der Tür erinnert er durch den chevaleresken Schwung, mit dem er ihr den Vortritt läßt, an die fade, wertlose Höflichkeit des Friseursalons. Er mag sein, wer er will, er mag heißen, wie er will– ein gemeiner Kerl bleibt er doch. Vor allem diese Kavalierbewegung an der Tür– solche Form ist nicht gute Gewohnheit, nur schlechte Kulisse. Und wenn ich irgend etwas auf der Welt hasse, so ist es die Kulisse, das unwürdige Theater der Herzensroheit. Ich mag nun ein besonders parteiischer Mensch sein oder ein besonders übelwollender Beobachter, aber bei einem solchen Anblick wie heute schäme ich mich immer meines Geschlechts. Das wollen Männer sein und sind nicht einmal Schurken. Ich danke für die Ehre! Die Liebe auf der andern Seite präsentiert sich freilich ganz anders. Sie haben wohl auch die allerersten Freuden hinter sich. Er wird norddeutscher Dozent sein und trinkt gern echtes Bier. Aber sie ist reizend– jung, frisch, hübsch, mit den schelmisch neugierigen Augen der Hochzeitsreise. Sie lacht viel und zeigt dabei die weißen Zähne. Sie sieht sich ungeniert um. Es ist die grüne Wissenschaft der jungen Ehe, das Hochgefühl des vollen Besitzes... Und wie nett sich die beiden unterhalten! – Sie essen auch à part, und ich sitze ihnen gerade gegenüber. Er ist sicher Germanist oder so etwas. Sie sprechen immer viel und lebhaft über Literatur, die sogenannten Größen – aber halblaut, nur für sich. Sie urteilt frei von der Leber weg, sie urteilt so köstlich jung! Natürlich interessiert sie von uns am meisten der Satiriker. Sie studiert das fettige Trinkergesicht, die humoristisch eingekniffenen Augen. Dann beugt sie sich zu ihrem Manne und tuschelt und lacht. Und er hebt beschwichtigend die Hand: »St.. st..« Der große Mann darf nicht erzürnt werden. Was sie sagte, war ganz sicher eine unvorsichtige Bosheit! – Den großen Mann würde es aber nicht anfechten. Der ist Alkoholphilosoph, und er trinkt seinen Rum am Garda so unentwegt wie in Berlin. Neben ihm hat sich die Rivierawitwe eingeschmuggelt. Nachdem sie der Reihe nach uns Unverheiratete interviewt und keine Gegenliebe gefunden hatte, will sie jetzt wenigstens einen Gedankensplitter für ihr Poesiealbum herausschlagen... Das junge Ehepaar empfiehlt sich selten vor elf. Dazu sind ihr Table d'hote-Säle viel zu interessant – und weiß Gott, ob die Kinder noch jemals eine Italienreise gestatten werden. Darin sind junge Frauen oft kluge Realisten. Und wenn sie dann zum Abschied die flüchtige Verbeugung nach unserm Eßtisch machen – er, der forsche, etwas korpulente Herr mit der martialischen Quart und dem besänftigenden Professorenkneifer, etwas eckig; sie, die schlanke Gestalt in dem grauen Reisekleid, etwas schnippisch und doch sicher die beste Frau, der beste Kamerad zugleich – dann sehen wir Männer ihnen neidisch nach und denken: nun kommt die Nacht, die schönere Hälfte des Tages. Mich packt dann urplötzlich die blasse Angst vor dem rheumatischen Alter, der mürrischen Einsamkeit. Ich sollte wirklich auch eilen, unter die Haube zu kommen... Hinterher muß ich mich belächeln. Frauen sind doch nur Surrogat, sie füllen niemals die Tiefen des Lebens ganz aus. Und eine Geliebte – eine, die man wirklich lieb hat? – Das ist eine kostspielige Neigung erstens. Auf meinen kleinen Reisen hielte sie mich nur ab; auf größeren Expeditionen könnte sie mich doch nicht begleiten. Und dann würde ich auch Treue von ihr verlangen, eine unverhältnismäßige Treue, die ich ihr in jahrelanger Abwesenheit doch nicht halten könnte trotz aller Wissenschaft, und die sie mir unentwegt halten soll in der Langeweile, der Einsamkeit, der Armut vielleicht... Und dann komme ich am Ende gar nicht mehr zurück – es sind verlorene Tage. Das sündige Leben hat doch schließlich auch sein Recht! Aber schade ist's, daß ich mich niemals ernstlich engagierte. Es war immer längst beendet, noch ehe es eigentlich begann. Ich habe schöne und häßliche, immer etwas brutale Erinnerungen aus aller Herren Ländern – aber kaum eine flache, prickelnde, angenehme, wie sie der preußische Leutnant zu Dutzenden hat... Jede wilde Gans lebt in treuester Ehe, selbst der leichtsinnige Spatz baut mit an seinem Nest, den Pflanzen ist die Blüte der Honigmond – alles Lebende paart sich, fühlt sich erst komplett durch die Liebe – und der Mensch, das zwergenhafte Titanengeschlecht, sollte das Recht haben, einseitiger zu sein als die allgewaltige Natur selbst? Alte Kapbüffel sondern sich allerdings beizeiten ab, aber sie sind auch die ungemütlichen Gesellen danach... Also Kapbüffel, lieber Robert – ich gratuliere! Aber es geht wirklich kaum anders. Die beiden Ehepaare sind wieder abgedampft. Das »Geld« mit einem kostbaren Riesenbukett, die »Liebe« mit einem selbstgepflückten, noch tropfenden Myrtenzweig. Jetzt fangen dafür die Klageweiber beiderlei Geschlechts in unserm Hotel zu jammern an. Der preußische Major starrt in seine Schießinstruktion, der steinerne Gast schlürft mit einem wahren Mephistolächeln seinen Morgenkaffee. Die Witwe mit den Perlenboutons und dem Poesiealbum packt wütend ihre Koffer – sie braucht wirklich Sonne und Liebe, und mit vierzig Jahren ist jeder Tag unwiederbringlich. Der große Satiriker hat sich noch nicht geäußert, ihm ist das trübe Kneipenwetter gerade so recht. Der Komödiant trällert weiter. Ich aber habe mich nachträglich geärgert, wegen so einem bißchen Regen und Dunst dem alten Garda schon böse geworden zu sein. Das ist das Zeichen einer mangelhaften Erziehung, einer bedenklichen Geistesleere, wenn man zum Wohlbefinden immerfort den Widerschein von Licht und Farbe braucht. Ich habe in Afrika und Asien jahrelang Geduld üben müssen – in Europa sollte ich sie schon während zweier Wochen verlieren? Und wie die Natur die Vernunft, die Geduld selbst ist, so leiht sie auch nur ruhiger Ergebung ein williges Ohr. Noch ist der Himmel grau und tief, aber schon wallen die Nebelschleier zurück, der braune Fuß des Monte Baldo drüben schaut durch – dürr, freudlos noch, die ansteigenden italienischen Ortschaften inmitten ihrer kahlen Kastanienwälder, verschnittenen Weingärten, wie die winzigen Lehmkegel einer Biberkolonie. Rechts drüben wird das Doppelkap von Manerba sichtbar – die riesigen Totenmasken von Kaiser Friedrich, dem alten Goethe. Und hinter der verschwimmenden Halbinsel Sirmione reckt sich geisterhaft der schlanke Turm von San Martino. Und ganz nah, ganz dunkel steigt jetzt die Isola Lecchi vor uns auf. Das ist allerdings kein gutes Wetterzeichen. – Ich halte es darum auch lieber mit unsrer Küste, wo die Wolken hochgezogen sind – die stumpf-grünen Olivenwälder wie aufatmend, der schöne Lorbeerweg auf halber Höhe sattgrün, feucht schimmernd; über Toscolano entwölkt dicht neben dem schroff-schwarzen Gruftfelsen des Monte Castello der König unsrer Berge, der rissige Pizzoccolo, seine überhängende Schneespitze. Auf den Bergen muß über Nacht frischer Schnee gefallen sein. Das Weiß schaut so weich flaumig, und auch tiefer hinein in die Alpen zeigen die Zacken eine neue Nachtmütze. Trotzdem – ich habe eben mein Herbarium mit den wenigen hier gesammelten Pflanzen durchblättert – und wenn sie der Wissenschaft auch noch so viel wert wären, mir sind sie doch tote Pflanzen. Das Herz im Frühling sehnt sich nun einmal nach lebendigen Blütenformen ... Erst muß ein Gewitter die lauernden Wolken davonjagen, ein scharfer Wind die widerlich weiche Schwindsuchtsluft hier reinigen. Ich muß erst den ganzen Monte Baldo-Buckel schneeweiß und eisklar leuchten sehen! Poeten mögen meinetwegen von der Lenzfee träumen, die aus Sonnenaugen lächelt, den tiefblauen Mantel über den ganzen See nachschleifend, die Firngipfel der Hermelinbesatz, und das Ganze besät mit glitzernden Brillanten, leuchtenden Saphiren. – Die nüchterne Wissenschaft wird wohl mal wieder recht behalten, aber die Lenzfee der Poeten braucht darum noch kein unebenes Frauenzimmer zu sein. Morgen wird eine ganz vornehme Gesellschaft erwartet. Der Oberkellner flüsterte es mir geheimnisvoll beim Bratenservieren zu, während mir der Pikkolo die Sauce über den Arm goß. Sie sind gekommen. Nach dem Koffergepolter auf den Treppen unbedingt Fürstlichkeiten; nach den hochgeröteten Stubenmädchengesichtern wenigstens anspruchsvolle Weltdamen. Ich sah sie noch nicht, und sie kümmerten mich auch nicht. Ich saß während der Zeit im Konversationszimmer und schrieb; die Glastür zum Eßsalon war angelehnt. Mein weißer Carlo mit den Vergißmeinnichtaugen, den ich nächstens für einen Ueberkater zu halten beginne, liegt unbeweglich auf meinem Schreibtisch und blinzelt und sieht zu, und ich glaube wahrhaftig, daß er mein Tagebuch auswendig lernt. Er ist ganz entschieden unter seinesgleichen der staatsmännische Philosoph. In Italien wird ja die Katze verhätschelt und der Hund mißhandelt, darum sind die ersteren hier gebildeter und bei uns die letzteren. Ich hielt meinen Ueberkater anfänglich für feige, doch er bewies mir das Gegenteil. – Einmal, an dem historischen Tage, wo ich schrieb und wo die Fürstlichkeiten kamen, war es mir, als wenn ein Mensch durch die Glastüre hineinguckte. Gleich darauf schnupperte etwas – ein leises Kß! Und plötzlich tanzt mit einem rasenden Gekläff der blutdürstigste Terrier um meinen Schreibtisch, und das in so rennmäßigen Sprüngen, daß entweder der Kater oder mein Tagebuch nächstens ernstlich gefährdet ist. Mein Ueberkater erhebt sich ohne Eile, macht den berühmten Buckel, schlägt mit dem Schweif – ein Augenblick des ruhigen Ueberlegens –, und wie eben der Terrier atemlos von einem mißglückten Versuche zurückfällt, sitzt er ihm auch schon auf dem Rücken. Und ein Gefauche, ein Gewinsel, Gebelfer! Innerlich war ich auf seiten meines Freundes, der doch angegriffen war und auch jetzt nicht mal nach den Augen hackte .... Da wieder ein Glasklirren – ein heiserer Ton – ein wahrer Hindernissprung: und zur Abwechslung sitzt diesmal der zweite Terrierkollege meinem Kater an der Kehle. Ich liebe ungleiche Kämpfe nicht. Ich erwische glücklich meinen Freund beim Schopf, wobei ich eine Katzenkralle und einen Hundezahn gleichzeitig voller Freundschaft in meiner Hand fühle. – Die beiden Köter bereiten sich jetzt zu einer Attacke auf mich vor, so daß ich nachher den einen mit einem gediegenen Fußtritt wieder durch die Glastür befördern mußte, wählend der andre sich kampfbereit zurückzog. Mein Kater hatte sich derweilen an meiner Schulter festgekrallt und miaute wütend. Es muß eine äußerst komische Situation gewesen sein ... Und da erscheint denn zum ganzen Glück noch eine junge, hübsche Dame und sagt hochmütig: »Das sind meine Hunde!« Ich erwidere präzis: »Gewiß. Aber warum hetzen Sie sie denn auf fremde Katzen?« »Ach Katzen!« Darauf dreht sie sich mit einem Achselzucken um, und ich höre sie nebenan provokant ihre schlechterzogenen Terriers bedauern und liebkosen. – Wenn sie zu jener fabelhaft vornehmen Gesellschaft gehört, so habe ich da von vornherein verspielt. Ich denke, ich werde es noch ertragen können ... Aber das Mädel hat ein wunderhübsches Organ – selbst bei dem heimtückischen »Kß«, was fraglos von ihr herrührte. Ich liebe schöne Stimmen sehr. Und diese Stimme hat wirklich Metall. Während ich dies auf meinem Zimmer schreibe, diesmal ohne Kater, beginnt's über dem See zu wetterleuchten. Das Goetheprofil starrte einen Augenblick in einem wunderbar bläulichen Leichenlichte. Doch die Donner rollen sehr vorsichtig, sehr ferne. Vielleicht kommt der Frühling, vielleicht auch nicht. Zweites Kapitel Wenn ich gemein veranlagt wäre, ich würde diese kläffenden Schurken einzeln überfallen, einzeln abwürgen. Es wäre mir ein leichtes. Aber ich bin nicht gemein! Ich würde, fürchte ich, das ekelhafte Hundeparfüm nie loswerden. Und man soll sich überhaupt weder im Guten noch im Schlimmen mit dem Pöbel amalgamieren; man soll ihn belächeln, auf ihn herabschauen, vielleicht auch mit einer ganz leisen Bewegung der Schwanzspitze zeigen, wie wenig er in Wahrheit für uns existiert. Der kriegerische Geist meines Vaters war neulich in mir viel zu mächtig. Ein eleganter Sprung hinab – zwei haarscharfe, schmerzende Durchzieher – derselbe elegante Sprung wieder hinauf: dann hätte ich imponiert, mir nichts vergeben. So aber siegte das römische Temperament, ich kam in eine wirkliche Gefahr, ich mußte von einem Menschen gerettet werden. Das ist mir peinlich ... Aber es war doch wenigstens ein Graf. Es ist immerhin angenehmer, die Gefühle maßvoller Dankbarkeit dem Standesgenossen zu schulden, als sie an Untergebene zu verschwenden. Außerdem wünsche ich auch mit diesem Manne persönlich gut zu stehen. Sein Tagebuch interessiert mich, obgleich daraus mehr der Naturfreund und Gefühlsschwärmer als ein umfassender Geist spricht. Aber er hat mich einen »Ueberkater« genannt. Diese Bezeichnung ist mir sympathisch, sie entspricht der Wahrheit, und ich gedenke sie auch auf meiner Visitenkarte zu führen. »Mein lieber Rhyn, es war wirklich ein guter Gedankenblitz! Es freut mich für Sie, dies hier feststellen zu können.« Sofort nach der Katastrophe kam eine Deputation der Angestellten des Hotels, um mir in einer Entrüstungsadresse ihre Verwunderung über diesen infamen Hundeübergriff auszusprechen. Es lag darin ein schönes Vasallengefühl, eine echte Dienertreue, die jeden Mausejäger zu den erkenntlichsten Miaus gerührt hätte – ich nahm nur einige Sardinen wohlwollend entgegen. Es war in dem dämmerigen Vestibül, und einige Hotelgäste standen auch dabei. Bei den meisten Deutschen glaubte ich ein stummes Mißvergnügen zu erkennen, als wenn sie mich weit lieber auf dem Blachfeld gesehen hätten. Ich werde diese unsicheren Kantonisten im Auge behalten. Meine Stellung als Hotelkater hat sich in nichts geändert. Hunden ist der Speisesaal anstandshalber verboten, ich aber sitze bei allen Mahlzeiten in dem geräumigen Glasverschlag am Speisesaal, wo das Büfett steht, wo die Pikkolos mit ihren duftenden Schüsseln vorübereilen, wo die Büfettdame mir von Zeit zu Zeit dienstfertig eine kleine Leckerei überreicht. Die Table d'hote läßt sich hier am leichtesten übersehen, die Fleischgerüche dringen anmutig durch die beiden stets geöffneten Glastüren. Ich kann die essende Menschengesellschaft genau beobachten und ganz gefahrlos, da zwei Sprünge bis zum obersten Büfettaufsatz mich auch vor den plumpen Schlächterattacken eines Neufundländers sichern würden. Ich bettle nie nach Hundeart. – Nur wenn ein besonders pikantes Ragout serviert wird, ertappe ich mich dabei, behaglich schnurrend an den Rücken der hübschesten Damen herumzustreichen. Das sind aber nur Phantasieverirrungen; denn die Inspizierung der Küche vor und nach jeder Mahlzeit gehört ja zu meinen dienstlichen Obliegenheiten ... Also meistens sitze ich auf dem Stuhl, träumend, schauend, und Mäusejager mögen denken, daß von hier aus ganz besonders glänzende Studien zu machen sind. Für Durchschnittsintelligenzen ja – für mich nicht. Ich beobachte meine Leute höchstens auf ihre äußere Anständigkeit: Ob einer nicht mit dem Messer ißt, oder beim Weintrinken schlürft. Mit den Manieren geht es erträglich ... Ich suche mir wohl hier auch die dankbarsten Typen aus, die ich später zu beobachten gedenke. Aber ernstlich bei der Table d'hote Menschenseelen sezieren zu wollen, fällt mir nicht ein. Die Leute sind ja zu Tisch extra gewaschen, besser angezogen und je nachdem als gute oder schlechte Schauspieler frisiert, denen man zwar oft das Kostüm mit einem einzigen Ruck gewaltsam abstreifen könnte, die sich aber doch viel natürlicher geben, wenn sie sich ihr Kostüm selbst ausziehen. Der Tag der Menschen ist Lüge, aber in der Nacht wandelt die nackte Wahrheit ... Haben Sie, mein lieber Hiddigeigei, einmal von jenem berühmten hinkenden Teufel gehört, der ungesehen an jeder Türe horchte, durch jedes Schlüsselloch kroch, in alle Fenster guckte? – Nun, wir hinken nicht, aber wir sind ein ebenso scharfblickender Teufel. Ein Hotelkater in der Nacht ist die Wahrheit selbst ... Ich kenne nichts Unterhaltenderes, nichts Belehrenderes als die heimliche Streife durch ein Hotel. Die Maskerade ist beendet: das verführerische Glöckchenkleid Columbines hängt ordentlich an einem Türnagel, Pierrot hat sein Wams unmutig in die Ecke geworfen. Es ist wirklich gut, daß der Menschentag im allgemeinen nur zwölf Stunden dauert. Denn wenn er länger dauerte, zum Beispiel ein ganzes Leben? – Ich wüßte wahrhaftig nicht, mit wieviel Anstand auch die beste Gesellschaft diesen ewigen Tag durchmachen würde! Nur wenige führen ihr Kulissengesicht auch nur während der kurzen Theatervorstellung anständig durch. Alle Augenblicke stiehlt sich einer weg von der Bühne, schminkt sich rasch ab, sieht in den Spiegel, lacht sich selbst aus. Wie oft habe ich nicht ganz große Komödianten beobachtet, denen das kostbare venezianische Spiegelglas ihres Schlafzimmers nur dazu da war, um dem unverkennbaren Ebenbilde höhnisch an die Stirn zu tippen. Und junge Mädchen, wenn sie sich lange genug bewundert haben im Stehspiegel, stampfen zuletzt wütend auf mit dem Absatz des Stöckelschuhs, weil die häßlich magere Halslinie sich trotz der Brüsseler Points an der Schulter nicht rundet. Und nun gar alte Weiber, die gern schön, junge Stutzer, die gern geistreich sein möchten! Ich habe in den Theaterpausen niemals enttäuschtere oder dümmere Gesichter gesehen ... Aber diese Komödianten kleiden sich trotz aller Verzweiflung immer wieder an, kehren zum Fest zurück. Zuweilen jedoch zieht sich einer schon am hellen Tage gänzlich aus, zerreißt sein Kostüm, wirft's hohnlachend in die Ecke, freilich nur, um am nächsten Morgen sich ein neues trübselig sinnend zusammenzuflicken! Von den Leuten, die sich überhaupt nicht mehr kostümieren, rede ich gar nicht. Sie sind Strolche, und auch der schlechteste Schauspieler weicht ihnen aus. Ich beginne meine Hotelpromenaden gewöhnlich eine Viertelstunde, nachdem der letzte Hotelgast dem gansaugenden Kellner du jour sein unzufriedenes »Gute Nacht« zugebrummt hat. – Vor Kammerdienern gibt es bekanntlich keine Helden – vor Kellnern keine Kavaliere – vor Katzen keine Menschen ... Die Korridore liegen stumm, muffig, ein einsames Glühlicht flammt. Ich schleiche auf lautlosen Diplomatensohlen über den Teppich, das allgemeine Bild zu gewinnen. Schon die Schuhausstellung ist sehr lehrreich. Der zierlich helle Chevreauschuh der koketten Achtzehnjährigen, der auch sonst gern gezeigt wird und unerfahrenen Jünglingen die Illusion eines wunderbar symmetrischen Fußes vorspiegelt – die Lackstiefelette des Dandy, die noch im Traum drückt – der ungeheuerlich breite, dick ehrliche Professorenstiefel, der außerdem Schiffahrtszwecken zu dienen scheint, dicht neben dem prätentionslosen Zeugschuh der alten Dame, die nur noch Gartenpromenaden unternimmt. Es kommen sogar Sandalen vor, die immer herzhaft ausgetreten sind und meistens verbissenen Vegetariern gehören. Auf dem geölten Touristenstiefel liegt noch der dicke Staub der Tagestour, von ausgeschnittenen Maroquinschuhen steigt das sündhaft süße Parfüm eines reizenden Müßigganges auf. Ich habe sogar den Argwohn, daß besonders reizlose Weltdamen allabendlich besonders reizvolle Schuhe als Lockspeise für spionierende Herren vor die Tür stellen. – Bei den Zugvögeln beider Geschlechter gibt es natürlich nur gemeines Wichsleder. Und was mich außerordentlich wundert, der Hausknecht behandelt alle diese Eigenarten mit der gleichen demokratischen Geschäftsmäßigkeit. Jeder einseitige Beruf verflacht eben oder macht stumpf. Während ich meine Beobachtungen über die Mißgestalt menschlicher Füße und die künstliche Unnatur ihrer Bekleidung fortsetze, öffnet sich zuweilen eine Stubentür, ein hemdärmeliger Männerarm streckt sich heraus, Stiefel poltern, ein langgezogenes Gähnen folgt; zuweilen zeigt sich auch im Türspalt eine ältliche Nachtfrisur des schönen Geschlechts, die aber mit dem jugendlichen Tagestoupet nichts gemein hat. Gestern kam ich gerade dazu, als die junge, schlechterzogene gewisse Dame in ganzer Figur aus ihrem Zimmer trat: seidene Matinee, Saffianpantöffelchen. Es ist wirklich schade um dies vielversprechendste Mädchen unsers Hotels. Ich wende mich nur gleichgültig ab. Später horche ich die einzelnen Türen ab. Der österreichische Pensionär schnarcht, der preußische Major kommandiert im Schlaf: »Zu einem rechts schwenkt ... Batterie ...« Er geriert sich wie ein Unteroffizier auf einem römischen Kasernenhof. Auf dem großen Satiriker dürfte ein großer Alp gelastet haben, denn er stöhnte und wälzte sich und mußte von der Gattin geweckt werden, worauf sich ein besorgtes Flüstern und ein unzufriedenes Murren abwechselten. Bei dem jungen Ehepaar neulich ging's lustiger zu. Sie lachten und küßten sich, und ich ergötzte mich lange.... Warum sind eigentlich bei den Menschen die jungen Ehemänner so gefühlvolle Kavaliere auch bei Nacht und die älteren so gefühllose Rauhbeine auch bei Tag? – Warum wechselt überhaupt mit der Kleidung auf der Stelle die Laune? Die ältesten Papas werden in der Nachtmütze erst gemütlich, während sie im Frack, beständig knurren. Kein wirklicher Dandy ist fröhlicher, als wenn der tadellose Lackschuh fürchterlich drückt, und keine Beauté lächelt seelenvoller, als wenn sie das Korsett bis zum Ersticken schnürt. Aber im Hausrock oder im Frisiermantel werben sie je nachdem nachdenklich, bösartig, weinerlich, alle Sünden fallen ihnen ein – nicht die eignen, aber die andrer Menschen. Kinder dagegen lachen am herzhaftesten, wenn ihre Hände am schwärzesten sind; angeputzt sind sie so steif und unnatürlich wie Pappkatzen in einer Konfiserieauslage. Durch die Kostümfeste des Tages und die Demaskierungen der Nacht verkehrt sich bei den Menschen die Welt. Wir Katzen wechseln nie das Kostüm, sind immer elegant, immer liebenswürdig. Die Menschheit sollte gelehriger sein in bezug auf ihre Umgebung. Bei sorgfältigen Studien vertieft man sich leicht zu sehr. Ich inspizierte darum nur noch schnell den Maler. Die Tür zu seinem Atelier war angelehnt, drinnen Gewisper. Sollte dieses Dorschgesicht am Ende einem feurigen Liebhaber oder skrupellosen Lebemann gehören? Am Tage macht er keine Toilette, vielleicht macht er sie in der Nacht. Und ich erinnerte mich auch gleich eines jungen, zarten Mädchens, das immer verschämt und gänzlich unbeachtet beim Lunch sitzt, die Augen höchstens mal zur Stubendecke aufgeschlagen. Ich schlüpfe mit einem unhörbaren Entschuldigungsmiau hinein. Dürre Beine und braune Ledergamaschen scheinen schuldlose Mädchenherzen magisch anzuziehen – denn da standen sie wirklich alle beide, und ihre bleichsüchtigen Lippen zuckten noch bedenklich. Ich bin nicht neugierig, ich will nur lernen ... Entweder heiraten sich nun die beiden nächstens oder sie heiraten sich auch nicht; ich würde sie an seiner Stelle mit nach Düsseldorf nehmen, aber als Modell und zwar für eine Apotheose der Tugend .... Solche Begegnungen habe ich oft, aber mehr auf den Korridoren selbst, im Garten, auf der Kurpromenade bei Vollmond. Zuweilen bekomme ich einen Teil Liebe mit ab – natürlich von Frauen. Und wenn ein sehr hübsches Mädchen mich plötzlich besonders innig und dauernd umarmt, dann sehe ich mich immer nach dem dazugehörigen Galan um, dem diese Zärtlichkeiten eigentlich gelten. Und merkwürdig – die jungen verführerischen Menschen, die leicht gefährdet sein könnten, treiben niemals unnötigen Mißbrauch mit dem Zimmerschlüssel, aber die alten griesgrämigen, die sicher niemand wegträgt, verriegeln und verschließen sich jeden Abend hermetisch. Gestern war ich zu meiner Fensterpromenade etwas zu spät gekommen. Natürlich bin ich kein Mondscheinjüngling und promeniere sentimental unten im Garten oder draußen auf der Straße – das sind rein menschliche Jugendeseleien –, aber ich gleite sanft von Fensterkopf zu Fensterkopf, von Balkon zu Balkon. Heute war fast alles schon stockfinster, die Läden zugekrampt, das Licht ausgeknipst: höchstens hier und da ein sanfter Nachtlichtschein, der mich aber nicht interessiert, denn da schnarchen entweder müde Philister, oder alte Ehepaare hüsteln; ist's zufällig ein Kranker, dann hat die barmherzige Schwester an seinem Bett meistens auch keinen psychologischen Reiz. – Nur bei der neuen Gesellschaft war's noch ungewöhnlich hell, die Stimmen laut, die Balkonfenster weit offen. Sie sind mir gleichgültig, absolut gleichgültig. Aber ein Hotelkater darf unter keinen Umständen einseitig sein, und man studiert ja auch seine Feinde am besten im eignen Lager. Eine nächtliche Balkonvisite hat immer gewisse Konsequenzen .... Jedenfalls sind es wohlhabende Leute, die am liebsten unter sich sein wollen und eine gewisse Bildungstünche auch um Mitternacht noch zur Schau tragen. Vom Persönlichen sehe ich ganz ab. – Sie hatten drei Salons und drei Schlafzimmer telegraphisch bestellt, deren Einrichtung ich sorgfältig beaufsichtigte. Sie haben sich's auch gleich am ersten Abend behaglich gemacht. Blumenvasen, Bilder, jedenfalls geschmuggelte Havannazigarren, auf dem Kaminaufsatz eine allerliebste Onyxpendule. So sieht wenigstens der eine Salon aus, dessen Chaiselongue sie überdies noch mit weichen Reisedecken und seidenen Kopfkissen dekoriert haben, wohl der Ansteckungsgefahr wegen, die aber in unserm Hotel nicht existiert, weil wir grundsätzlich keine Kranken aufnehmen, ausgenommen die schon da sind oder die noch kommen. Sie haben eine Teemaschine, die höchst behaglich summt, daneben eine Kakesbüchse, die nach Form und Inhalt sich so einladend präsentiert, daß ich unter andern Umständen einen sanften Griff hinein riskieren würde. Es ist wirklich bedauerlich, denn diese Leute sind zwar schlecht erzogen, aber sie haben offenbar Geschmack. Sonst würde ich ihnen eine gelegentliche Tee-Einladung nicht abgeschlagen haben. – Die beiden Terrierunholde trieben gerade eine schamlose Abgötterei mit der Kakesbüchse, die diese atheistische Gesellschaft noch zu belustigen schien. Die beiden Herren lachten, und die gewisse junge Dame kramte sogar zwei besonders leckere Stücke heraus. Nachdem die beiden Götzendiener unter unanständigem Schmatzen ihren Bauch zum Gott gemacht hatten, begannen sie auf einmal in die Luft zu schnuppern und fuhren dann wie auf Verabredung kläffend gegen das Balkongitter los. Ich salvierte mich durch einen spielenden Sprung auf das nächste Fensterbrett. Da mochten sie nun nach Belieben den Neumond ankläffen oder mich. Im Zimmer sagten die Herren mit verständiger Geringschätzung: »Die sehen mal wieder Gespenster!« Dagegen die gewisse junge Dame: »O nein, es wird wohl wieder die gräßliche weiße Katze sein, die im Garten 'rumspioniert. Wenn sie den glatten Heuchler doch mal tüchtig faßten!« »Aber Kind, sei doch nicht so grausam! Katzen können fast so klug und anhänglich werden wie Hunde.« »O nein, Mama! Sie sind und bleiben unter allen Umständen falsch und heimtückisch. Ich habe sie nie gemocht. Peter mag sie auch nicht. Und wenn er nächste Woche Urlaub bekommen sollte, wird doch gehetzt. Peter erzählt immer so wunderhübsch von seinen schottischen Fuchsjagden, und ich möchte wenigstens sehen, wie einmal eine Katze hallali gemacht wird .... Nicht wahr, ihr beiden guten Hundchen freut euch auch schon?« »Aber Josefa ...« Unter diesen Verhältnissen verzichte ich natürlich auf jeden Verkehr mit den »Neuen«. – Ich warf auch nur einen halben Blick in das nächste Zimmer, das Schlafzimmer einer verwöhnten Prinzessin. Seitdem ist es mir ein besonderes Vergnügen, beim Grafen Rhyn auf dem Fensterbrett zu liegen. Er schreibt, ich sonne mich und kontrolliere dabei seine Schreibereien. Ich bin im Hotel maßgebend, mein Verkehr entscheidet über wirkliche Hoffähigkeit, und ich nenne meinen Freund darum jetzt konsequent: Herr Graf! Ich wünsche dadurch diesen Pseudogräflichkeiten da drüben, die für mich nicht existieren, ihre Schranken zu bezeichnen. Ich erkenne unerzogene Komtessen grundsätzlich nicht an. – Verstehen Sie mich? ... Außerdem liegt das Zimmer so günstig, daß die beiden Kläffer mich immer in meiner klassischen Gelassenheit bewundern können. Sie werden sich nächstens die Augen aus dem Kopfe starren, die beiden Verbrecher; heiser sind sie schon. Ich gebe mich, wie ich bin .... Wenn ich irgend etwas auf der Welt hasse, so ist es die Kulisse, das schlechte Theater, der Herzensroheit .... Beim sorgfältigen Durchlesen meiner Aufzeichnungen, die ich im Gegensatz zu meinem Freunde und Standesgenossen, dem Grafen Rhyn (nicht M. de Rin) immer noch einmal durchfeile, kommt es mir vor, als wenn sich mein Stil dem seinigen zuweilen attachierte. Das mag eine gewisse Geistesverwandtschaft sein, viel mehr aber noch das geniale Akkommodationsvermögen, das uns befähigt, da untergeordnet zu scheinen, wo wir es am wenigsten sind. Ich richte mich auf mit einem liebenswürdigen Gähnen. Die Sonne meint's wirklich gut. »Nun, Herr Graf, wollen wir?« – Und schon tobt drüben die Terrierbande. »Verzeihen Sie, unsre Terriers haben neulich Ihre Katze beinahe totgebissen. Es tut mir leid .... Die Hunde machen uns in allen Hotels Unannehmlichkeiten, aber meine Tochter trennt sich nun einmal nicht von ihnen.« »Bitte. Uebrigens war's nicht meine Katze, sondern der Hotelkater.« »Aber er saß doch auf Ihrem Tisch, während Sie schrieben. Er scheint sich demnach Ihnen besonders attachiert zu haben.« »Das wohl. Es ist ein selten schönes Tier. Und ich würde auch heute dagegen sein, daß man es ohne weiteres unnütz abwürgen läßt.« »Ich selbstverständlich auch .... Meine Tochter wird sich noch bei Ihnen entschuldigen!« Diese Unterhaltung fand unvermittelt auf der Treppe statt, die vom Vestibül zum Speisesaal hinabführt. Es war die ältere Dame der »vornehmen Gesellschaft«, die ihre Höflichkeit an mich verschwendet. – Ich habe mich nicht vorgestellt, wie's korrekt gewesen wäre. Ich weiß das – aber ich will nicht. Was habe ich auch für ein Interesse an einer Gesellschaft, die uns alle beharrlich schneidet, im Nebenzimmer ißt und ihre Sonderstellung bis zur Ungezogenheit markiert? – Ich heiße hier Rin, aber schließlich bin ich doch auch Graf .... Wenn sich die Leute nach acht Tagen entweder aus Langweile oder aus Neugier endlich entschließen, mit uns gewöhnlichen Sterblichen an der gleichen Table d'hote zu essen, und wenn dabei die erste deplacierte Annäherung zufällig auf mich fällt, so empfinde ich wenigstens den esprit du corps und lehne ab. Was die andern Leute, die ich ja eigentlich auch nicht kenne, tun werden, ist mir gleichgültig. Leider hat der überschlaue Oberkellner aus unserm oberflächlichen Treppendialog gestern sich eine gewisse Zusammengehörigkeit zwischen mir und den »Neuen« zurechtkonstruiert. Als ich heute viel zu frühzeitig zum Lunch herunterkam und auf meinem alten Platz nach etwaiger Post suchte, fand ich mich versetzt – ob heraufgekommen oder hinabgestiegen, das weiß ich noch nicht. Jedenfalls liegt der Serviettenring von M. de Rin an dem andern Ende der Tafel und neben dem Kuvert einer Gräfin Josefa von Angern. Der Name ist mir unbekannt wie der meiste deutsche Adel überhaupt. Die Dame braucht über den Platz nicht selig zu sein, sie dürfte schon weniger schweigsame Nachbarn gehabt haben. Ich hatte fast Lust, mich zurückplacieren zu lassen unter Gesichter, die mir zwar ebenso egal, aber wenigstens bekannt sind. Nachher tat ich's doch nicht. Wer auf Reisen lebt, darf sich nicht plötzlich an neuen Gesichtern stoßen. Zur griesgrämigen Junggesellenisolierung bin ich eigentlich noch zu frisch und zu jung. Wir haben gegessen, wir haben geschwiegen – und das wird wohl noch eine Weile so fortgehen .... Ich vergesse dabei allerdings das granum salis. »Mein Hund hat neulich Ihre Katze attackiert. Ich wußte nicht, daß es Ihre Katze war!« »Es war auch nicht meine Katze.« »Dann um so besser.« Das war die einzige Konversation mit meiner Komtesse; der Rest, wie gesagt, Schweigen. – Es ist eine andre Welt, als ich sie kenne. Ist sie darum schlechter? – Es ist eine andre Unterhaltung, als ich sie liebe. Ist sie darum weniger interessant? ... Ich werde warten, ich werde beobachten. Eins haben uns die »Neuen« wenigstens gebracht: Den Frühling, den Süden. Schon morgens, wenn ich aufwache . . . Die grünen Gitterläden sind noch geschlossen, das Zimmer nächtlich kalt. Aber schon spielen auf der Wand die neckischen Reflexe – das helle, weiche, verwirrende Flimmern, das durch jede Ritze bricht! Die Wasserkaraffe opalisiert, der Türgriff vergoldet sich. Die Natur arbeitet immer mit so einfachen Mitteln. Sie wiederholt sich milliardenmal – und wiederholt sich nie. Wo scheinbar wahllos ein Sonnenstrahl hinfällt – der gleißende Lichtstreifen, die wirbelnden Staubatome, Farbe, Leben, Vielgestalt, die nie rastende Unendlichkeit in einem Kubikzentimeter Raum. Wie grob wir dagegen organisiert sind, wie stumpf unsre Sinne – die Wirklichkeit muß uns erst in großen Wogen umfluten, sonst empfinden wir sie nicht! ... Und wenn ich einen Fensterladen öffne, wenn das Frühlingslicht in den kühlen Raum strömt, wenn die Lenzwärme uns umschmeichelt, wenn der junge Tag aus Sonnenaugen lacht! Auf den dicken Magnolienblättern des Gartens blinkt der Tau, das feuchte Gras duftet, das Insektenleben arbeitet summend .... Die fromme Mär von dem jüngsten Tag und der großen Auferstehung dereinst, wie unnatürlich, fremd erscheint sie uns, wie schief geschaut, wie falsch erfaßt in einer Welt, deren Auferstehung sich stündlich erneut, deren Grab in jeder Minute, in jeder Sekunde sich öffnet, Geburt und Tod in endloser Kette sich ablösend. Leben, Sonne, Unsterblichkeit – All, daß du nur stirbst, um zu gebären! Und dabei ist's doch nur die ganz kleine Welt, die du hier groben Sinnen notdürftig enthüllst, allmächtiges Licht, – niederes, instinktives Leben, das unbewußt zu höheren Formen strebt. Es kommt, es geht, es läßt uns den Eindruck einer unglaublichen Vielheit zurück. Wir kennen nur die Triebe, die diese niedere Welt durchpulsen – mehr nicht. Unser Fuß zertritt ohne Bedauern diese feinsten Gebilde, sie interessieren uns nur als Ganzes, als Bild des Lebensüberschwangs, und bedeuten uns eine unendlich kleine Stufe auf der unendlichen Stufenreihe der Erscheinungen, der Erkenntnis. Und wenn wir weiterschauen über den weiten See, den duftig blauen, der wohl die plumpere Gestaltenfülle birgt, wenn wir über die schneeklaren Alpengipfel weg bis zur Sonne streben, die das Leben selbst ist und doch kein Leben in sich duldet – wenn wir dies wieder als nur ein winziges Stück des Alls erkennen, obgleich es eine Lebensvielheit, einen Gestaltungsüberfluß birgt, den wir auch nicht einmal ahnen können, – und wenn wir dann Gläubige wie Ungläubige uns noch nicht beugen vor dem Unendlichen, Unfaßbaren, das immer neu, immer alt, weder Tod noch Leben bedeutend, nur ruhig seine unendlichen Kreise zieht in sich selbst beginnend, in sich selbst zurückkehrend, und wir sogenannten Menschen mitten drin in dem wallenden Chaos wissend und doch unbewußt, mit unserm Geist demselben Triebe folgend, der das Atom mit demselben dunkeln körperlichen Tatendrang erfüllt.... Wir stehen immer vor verschlossenen Türen, wir können sie nie öffnen, wir wissen das, und wir versuchen's doch immer wieder von Mensch zu Mensch, von Geschlecht zu Geschlecht. Und eben darin liegt tief unten unerreichbar der Schlüssel zu diesen verschlossenen Türen – dem All, dem Sein, uns Selbst. Und nachdem man so berufsmäßig philosophiert, das von allen Gedachte wiedergekäut hat, besinnt man sich auf sein vernünftiges irdisches Selbst. Ich setze mich mit meinem Morgenkaffee an das offene Fenster und freue mich wie ein Kind des Lichtes, der Farbe, des Lebens. Der See blaut tief, der Baldo leuchtet weiß. Ich habe die Empfindung, daß bei solcher Sonne die Sorge flieht, die Träne trocknet. – Ja, es ist doch eine Lust, Mensch zu sein! Bei der Table d'hote bleibe ich der gleiche, langweilige Gesell. Ich bin den »Neuen« nicht um eine Linie nähergekommen in einer weiteren Woche. Ich glaube, es ist auch nicht nötig. Wer im Sand wühlt, wird nur Sand finden. . Es sind also ihrer sechs: Gräfin Angern und Tochter, Graf Quedenberg mit Gemahlin, Geheimer Kommissionsrat Rose nebst Nichte. Unsre Tischseite ist rund, und bis auf meine Nachbarin, die mir meistens nur das Profil zeigt, kann ich alle Gesichter mit Gemütsruhe studieren. Der Graf Quedenberg jung, blond, unbedeutend. Er hat Diplomat werden wollen, und das ist ihm wohl nicht geglückt. Darum spricht er wenig und das Wenige näselnd. Seinen kleinen Schnurrbart mißhandelt er unnötig; der Flaum wächst doch nicht .... »Ja, damals, als ich noch Gardeducorps war ....« Nächstens weiß ich das auch. – Seine kleine Frau ist klug, mager, hübsch, die geborene Botschafterin mit ihrer unpersönlichen Liebenswürdigkeit, ihrer sicheren norddeutschen Art. In dem kleinen Finger der ringbedeckten Hand wohnt mehr Verstand als in seinem ganzen kurzgeschorenen Schädel .... Sie hat den Ehrgeiz, den Geist, er die Langweile, das Vermögen. Auf Kinder wird verzichtet. Wenn ich ihre blauen Augen zuweilen nachdenklich auf ihm ruhen sehe, begreife ich das. Dann wünsche ich der Frau einen klügeren Mann und dem Mann eine dümmere Frau. Nach Tisch musiziert sie. Sie spielt sehr gut und keineswegs nur Alltägliches. Manchmal denke ich bei einer besonders feurigen Passage: »Wer da wecken könnte – am Ende lohnt sich's!« Aber dann kommt wieder der harte, spröde Anschlag .... »Es lohnt sich doch wohl nicht.« Das sind Leute, die beim besten Willen das Herz nicht öffnen können, das sie nicht haben. – Der Geheime Kommissionsrat ist eine ganz andre Sorte. Er sieht aus wie ein alter Nager; wimpernlose Augen, schmale Nase, die hagere Gestalt stets in einem altmodischen Gehrock; korrekt, wohlwollend, Gott und die Nächstenliebe auf der Zunge. Er würde für jeden christlichen Zeitungsaufruf anständige Summen zeichnen, niemals mit Namen, aber wissen muß es jeder. Ich für meine Person würde ihn um die kleinste Geldgefälligkeit erst angehen, nachdem ich mich als Graf zu Rhyn legitimiert hätte. Denn er ist bei aller protestantischen Demut und einer bei einem Sechziger allerdings bequem überfließenden Moral typischer Parvenü und kindisch eitel. Dem Dialekt nach ist er aus Schleiz, Greiz oder Lobenstein. Und wenn er stets süßlich sich den Damen gegenüber in ethischen Vorträgen ergeht, oder Standespersonen aufzählt, oder aus einem Notizbuch Gedankensplitter verzapft, die immer stumpf sind, aber ein gläubiges Kindergemüt gerade darum erfreuen – dann glaube ich in dem vorsichtigen Flüstertone, der devoten Nackenbiegung unbedingt den servilen deutschen Kleinstaatler zu erkennen, der die Erinnerung an Serenissimus und an den ersten Kratzfuß nie los wird. Zuweilen muß ihm die adlige Nichte eine besonders vornehme Bekanntschaft beiläufig bestätigen, und sein Eichhörnchenauge blinzelt dann eitel und schlau. Die Nichte ist ein recht appetitlicher Bissen, eine etwas untersetzte Juno mit klarem Teint und weißen Zähnen. Vielleicht ist er doch ein frommer Vokativus. – Und Angerns? Sie sind vielleicht die Creme dieser Gesellschaft, äußerlich jedenfalls: auffallend schöne Menschen, schlanke, ebenmäßige Gestalten, scharfe, feine Gesichter. Die Mutter, die aus ihren siebenundfünfzig Jahren niemals ein Hehl macht und auch nicht zu machen braucht, denn das Alter liegt kaum wie ein Puderhauch auf dem vollen Haar, der rosig welkenden Haut. Aber noch immer zieht sich die Profillinie klassisch scharf, wenn sie zur Seite blickt, und der Mädchencharme fliegt um ihre Lippen, wenn sie lächelt. Nur die Augen sind farbloser geworden, matt. Aber als die Frau noch jung war, herzensjung – haben diese sicher einst schönen und ausdrucksvollen Augen immer nur erlaubten Freuden geleuchtet und nie in sündiger Neigung geflammt? Schöne alte Frauen sind wie schöne alte Gesangbücher. Man erwartet etwas Besonderes von ihnen, vielleicht einen vergessenen Zauberspruch, und wundert sich, wenn aus vergilbten Blättern nur gewöhnliche Litaneien tönen .... Ich glaube nicht an Ahnungen und dauernde Sympathien oder Antipathien auf den ersten Blick, wie sich auch nur törichtes Gefühl an einem schönen Auge krankhaft schnell entzündet. Und doch müßte ich bei dieser Frau eine Ausnahme machen. Ich habe immer die Empfindung, daß wir eigentlich schon uralte Bekannte sind. Und ich habe sie in meinem Leben noch nie gesehen .... Die Tochter ist die Mutter – und nicht die Mutter. Der gleiche fast klassische Schnitt des Profils, die gleichen weichen Lippen, das gleiche großgeformte Auge. Die dreiunddreißig und mehr Jahre Altersunterschied mögen ja allmächtig sein – aber das hellbraune, kühle, hochmütige Auge der Tochter hatte die Mutter niemals!... Und innerlich? – Es ist gewiß die echte Frau, die echte Witwe, für die später innerlich nur noch das einzige Kind existiert; es liegt eine köstliche Einseitigkeit der weiblichen Natur darin, die den Generationen scheinbar ihre Zukunft garantiert – aber gerade die liebevollsten Mütter sind mit sehenden Augen blind. Das Mädchen ist übrigens glücklich verlobt mit einem preußischen Kavallerieoffizier, der Rennen reitet und täglich schreibt. Sie trägt nur Sportschmuck, am Hals die rubinbesetzte Peitsche, das Armband ein schwerer, goldener Steigbügel, an dem als Portebonheur eine Freiherrnkrone klappert. Sie spricht auch viel von dem Bräutigam, kurz, frisch, der nachlässige Salonton, mit dem schneidigen Rotwelsch der Rennbahn gemischt. »Wenn Peter in Hoppegarten diesen Sommer die ›Armee‹ gewinnt, bekommt er einen Kuß extra ...« »Nur einen?« lächelt die Gräfin Quedenberg. »Es werden wohl einige mehr werden, wie ich Josefa kenne,« meint freundlich die Mutter. »O nein! Wollen wir wetten? – Sonst wird der gute Peter nämlich übermütig.« »In der Ehe wirb sich das schon ausgleichen,« witzelt höflich sächsisch der Kommissionsrat. »Ausgleichen? Wie meinen Sie das? – Da muß er erst recht kurz gehalten werden.« Plötzlich stockt sie .... »Ich dachte eben: wenn er dann vielleicht gar das Rennreiten aufgäbe und dick und behäbig würde wie sein jetziger Rittmeister. Um Gottes willen, dicke Männer! – Wenn er jemals mehr als siebzig Kilo in den Sattel bringen sollte, lass' ich mich von ihm scheiden.« Unsre Ecke lacht belustigt, auch einige andre lächeln. Das Mädchen ist wirklich jung und natürlich mit ihren zweiundzwanzig Jahren. Aber der Verlobungsring sitzt ihr merkwürdig lose. Sie spielt mit dem schmalen Goldreif während der ganzen Table d'hote, läßt ihn die schlanken Finger auf und ab gleiten. Es ist ihr einziger Ring, und sie behandelt ihn mit einer reizenden Pietätlosigkeit. Zuweilen entschlüpft er ihr, rollt übers Tischtuch. Einmal schwankte er sogar unentschlossen hinüber bis zum Grafen Quedenberg, der ihn scherzend ergriff und an den kleinen Finger zu stecken versuchte. »Wollen Sie ihn behalten, Graf?« »Ich möchte schon, Komtesse.« »Nein, geben Sie ihn wieder her! – Ich will Ihre Frau nicht unglücklich machen ... und auch sonst ....« Und sie steckte ihn gleichmütig wieder an den Finger. Es ist wirklich eine reizend elegante Art, so mit einem Kleinod zu spielen, das man immer wegwerfen kann und das doch immer gehorsam zu uns zurückkehrt ... Aber, ich habe bei dem Ringspiel zugleich das dunkle Gefühl, als wenn der Reif auch in Wirklichkeit nicht fest säße, im Ernst abgestreift werden könnte ohne ein tieferes Bedauern. Und kennen sich eigentlich solche Brautleute? Können sie sich überhaupt kennen? – Ich denke über Verlobungen und Entlobungen recht kühl, aber junge Bräute sollten doch weniger mit Eheringen spielen. – Aber keine Angst, lieber Robert! Die Ehe wird recht glücklich werden. Es ist die Gesellschaft danach, es sind die Herzen danach. Und wenn je einmal die Frau dazu kommen sollte, heimlich und in der Nacht die schwere Fessel abzustreifen; öffentlich und bei Tage wird sie das hübsche Symbol eifersüchtig hüten. Denn innerlich – die Mutter Angern wird bei aller Liebe immer nur die Welt und die Tochter Angern bei aller Natürlichkeit immer nur den Spiegel fragen. Und diese sechs Menschen, die im Herzen wahrscheinlich nichts gemein haben, fanden sich wohl auch ganz zufällig, erkannten sich sofort mit dem Freimaurerhändedruck der guten Gesellschaft – und bilden jetzt die scheinbar sehr fest gefügte Insel der Namen, der Formen, der unbedingten Mittelmäßigkeit. Angerns sind Süddeutsche. Sie mögen mit den norddeutschen Gräflichkeiten in einem eleganten Seebade bekannt geworden sein. Das junge, hochmütige Mädchen schloß sofort mit der energischen jungen Frau den himmelnden Herzensbund für die Saison. Der liebevollen Mutter war der blonde Ehemann, dessen ganze Diplomatie wahrscheinlich in einem erträglichen Französisch bestanden hätte, dem Französisch der Oberkellner – sehr sympathisch, eine höfliche Null, eine geschlossene Persönlichkeit, die eine verlobte Tochter höchstens zu sehr schmeichelhaften Vergleichen für den Bräutigam reizt. Der Kommissionsrat stieg wahrscheinlich in München in denselben Wagenabteil erster Klasse, mit einem Gedankensplitter, mit einem vornehmen Namen sie alle erobernd. Eine gemeinsame Bekanntschaft, ein serviles: »Verzeihen, Frau Gräfin« – und die heilige Allianz ist fertig. Ich wundere mich jetzt nicht mehr, wie's passieren konnte, daß ein französischsprechender Abenteurer niedrigster Sorte in Berlins vornehmsten Klub eindrang, einem süddeutschen Prinzen spielend die Millionen abnahm und erst höflich herauskomplimentiert wurde, als die Polizei einen verblüffend ähnlichen Grafen im Verbrecheralbum entdeckte. Das letztere war eigentlich eine Roheit, denn der Hochstapler, der die Formen der großen Welt so unbedingt beherrschte, daß er einem wirklichen Prinzen die Macaohörner aufsetzen konnte, hat doch wohl ein geistiges Anrecht auf das Geld. Berlin schwieg die Affäre tot, aber historisch bleibt sie. In jedem Weltbade ereignen sich übrigens jährlich gleiche Skandale, nur daß zuweilen ein wirklicher Graf als Falschspieler ertappt wird. – Mit unsrer Gesellschaft haben die nun allerdings nichts zu tun. Unsre »Neuen« sind alle nur zu Gesundsheits- oder Zerstreuungszwecken gekommen. Sie waren acht Tage einsame Olympier; dann wurde ihnen die himmlische Langweile zuviel, sie stiegen hinab zu den Sterblichen, immer verbindlich, immer sie selbst. Sie besahen sich mit vorsichtiger Neugierde den großen Satiriker und fanden vielleicht, daß er selbst zur Satire herausforderte; sie strichen höflich grüßend an der Familie des preußischen Majors vorüber, fanden sie akzeptabel, aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt; sie wandten sich direkt an mich, wahrscheinlich verführt durch das Oberkellner-»de« in meinem Namen – und Adel und Adel zieht sich keineswegs unbedingt an –, sie salvierten sich, als ich mich salvierte, erst recht. Jetzt bilden sie die Insel, die uns allen im Grunde unsers Herzens höllisch imponiert – mir auch. Wir wären also gern aufgenommen auf diesem Eiland! – Aber ich bin wirklich zu ungelenk dazu ... Ich bin allerdings, wie's in der Natur der Sache liegt, auf meinen Reisen oft mit sehr vornehmen Leuten zusammengekommen – ich saß zweimal beim Bankett neben englischen Herzögen, also der äußerlich untadeligsten Gesellschaft. Wir wurden auch nie liebevoll, aber wir wurden wenigstens lauwarm, es gab immer einen festen Punkt zwischen uns: ein gemeinsames wissenschaftliches Interesse, eine strittige politische Idee, die uns schließlich einte oder schied; aber wir hätten uns doch beide ins Gesicht gelacht, wenn wir erst mit Gesellschaftsfloskeln begonnen hätten, uns höflich die Nasen aneinandergerieben, wie es mir unbekannte Wilde tun sollen, die sich darauf mit dem fremden Stamm entweder anbiedern oder ihn massakrieren. Uns galt eben die Sache, nicht das Wort. Ausnahmen gab es wohl auch –, aber es blieben immer Ausnahmen. Ich habe niemals neben einem absolut leeren Kopf länger ausgehalten als unbedingt nötig. Dabei bin ich nicht wählerisch. Der Kameltreiber, der mir im gurgelnden Arabisch die Eigenschaften seiner Lasttiere auseinandersetzt – mein Mann. Der Schmied, der mir schwerfällig erklärt, warum er gerade ein breites Hufeisen auflegt – mein Mann. Es gehört nicht direkt zu meinem Beruf, aber ich bekomme von ihnen ein Bild des Lebens, ich lerne. Ich kann in einem maurischen Café stundenlang unbeweglich hocken wie die Araber, obgleich mir die ekelhaften Verrenkungen der Bauchtänzerinnen, das monotone Tumtum der Negertrommel keineswegs berauschend sind, aber ich sehe doch Menschen, Gesichter, ich versuche in eine Gefühlswelt einzudringen, die ich nicht verstehe – und endlich doch verstehe. Und hier? – Die Leute haben sicher auch ihren Kern. Der Kommissionsrat wird sich ein Riesenvermögen auch nicht durch tiefsinnige Gedankensplitter oder ethische Gemeinplätze erworben haben, – hinter dem Nagergesicht steckt eine Intelligenz; Quedenberg ist der Sohn eines großen Generals; Mutter und Tochter Angern werden sich allein wohl Dinge zu sagen haben, die des Sagens wert sind – Und was ich an ihnen allen nicht liebe, ist doch nur die gleichmäßige Maske, die langweilige Alltäglichkeit der Formen, die mich als etwas Leeres mit Recht abstößt. Und doch möchte ich auch mal in diese Menschen hineinsehen, zu konstatieren, daß, wie das Chlorophyll beim Blatt die Farbe, auch hier das Blut das Leben ausmacht. Aber ist es nun geistiger Hochmut – gesellschaftliche Ungelenkigkeit – ich kann mich gerade diesen Leuten so schwer anbequemen. Ich bin ich – und dieses Ich ist leider hart und spröde. Ich könnte wohl einmal, zweimal, aber nicht zehn Tage hintereinander wie der Kommissionsrat mich besorgt nach dem Schlaf der Damen erkundigen, wo sie doch alle sichtlich gut geschlafen haben; ich kann auch nicht mit vagem Interesse Trainierberichte aus Hoppegarten anhören, während mir Trainer wie Pferde gleich unbekannt sind. Das alles will gelernt sein – und ich habe es nicht gelernt. Das ist tatsächlich ein Fehler der Erziehung, eine Einseitigkeit, über die ich nur mit eisigem Schweigen herrischer Geringschätzung hinwegkomme. Ich bin kühl höflich, aber ich bin niemals lächelnd gewandt. Und wenn ich mich ernstlich unter die Lupe nehme, konstatiere ich, daß R. Rin und Graf zu Rhyn ganz besonders anspruchsvolle Gesellen sind, sie wollen immer respektiert sein. Es mag nun kommen, wie es will – als Aristokrat entpuppe ich mich hier nicht mehr. Und wenn ich direkt lügen sollte... Komme ich noch einmal mit den »Neuen« im guten zusammen – meinetwegen! – Sie mögen mich dann taxieren wie sie wollen, aber nicht nach einem leeren Namen. Wahngebilde erzeugen Wahngebilde. Neulich – ich saß gerade im Hotelgarten und nahm mal zur Abwechslung Pflanzen unter die Lupe und nicht mich – da kam die Gräfin-Mutter, mir Gesellschaft zu leisten. Sie hat noch immer einen leichten Gang und hübsche Bewegungen. »Störe ich Sie, Monsieur de Rin?« »Rin, gnädigste Gräfin. Ich bin Deutscher.« »Es war neulich darüber ein Streit zwischen uns. Ich war der Ansicht, daß Sie am Ende doch Franzose sein könnten, und schon drauf und dran, mit Ihnen von jetzt an französisch zu konversieren. Danken Sie Gott, daß ich es nicht tat! Sie kennen ja Damenfranzösisch: sehr fließend und sehr inkorrekt ... In Deutschland muß es auch eine Familie Ihres Namens geben, aber sie schreibt sich, soviel ich weiß, ganz anders.« »Ich glaube nicht, daß es in Deutschland sonst noch Rins gibt.« »Es gibt doch noch– es gab wenigstens... Aber warum ich eigentlich Ihre Unterhaltung gesucht habe?– Wir müssen uns sicher schon einmal begegnet sein, Herr Rin.« »Ich wüßte nicht.« »Aber ich hatte in dem Augenblick, wo wir uns sahen, die Empfindung, daß wir uns kennen müßten.« »Ich hatte dasselbe Gefühl, Frau Gräfin.« »Merkwürdig.« »Wir müssen demnach beide einen Doppelgänger haben.« »Ja, das müssen wir wohl... Und Sie sind ganz sicher, mit den Grafen zu Rhyn auch nicht weitläufig verwandt zu sein? Das heißt: der Graf zu Rhyn, den ich einmal flüchtig gesehen, ist Ihnen auch nicht die Spur ähnlich. Es war eine nichtige Frage.« »Ich habe keinen einz'gen Verwandten.« »Dann tun Sie mir aber leid! Und wie ich sehe, sind Sie auch nicht verheiratet. Das müssen Sie aber noch tun!... Einmal alt und einsam und ohne wirkliche Erinnerungen– nein.« »Ich kann mir wohl vorstellen, gnädigste Gräfin, wie gewisse Erinnerungen einem das Alter vergällen können, aber weiter nichts.« »Ja, Sie sind eben Mann, Sie sind jung... Ich bin schon verhältnismäßig früh Witwe geworden und habe nur ein Kind. Ohne ein Kind, ohne die Erinnerungen würde ich mich unendlich arm fühlen... Sie lieben auch den Garda?« »Ich liebe ihn sehr.« »Ich kenne ihn schon seit beinah vierzig Jahren– er ist für mich voller Erinnerungen, und ich kehre immer getreulich zu ihm zurück. Rovereto, Riva, Sald...« »Sie waren mit Ihrem Herrn Gemahl hier?« »Mein Mann hat den Garda nie gesehen, aber ich hatte hier liebe Menschen, sehr liebe Menschen... Sie haben sich nachher von mir abgewandt, hohnlächelnd, mich jeder Heuchelei, jeder Gemeinheit vielleicht für fähig gehalten. Ich habe nicht Gleiches mit Gleichem vergolten. Die Erinnerung an jene Tage bleibt mir doch heilig.« Ich schreibe diese Unterhaltung nur nieder, weil sie nichts sagt, und weil sie doch charakteristisch ist. Es sind immer nur Worte, hübsche Worte. Dahinter steht der Altar mit dem eignen Bild, den Weihrauch streut man sich selber... Indessen spielt die Tochter auf dem Rasen mit den Hunden, läßt sie springen, springt selbst. Die hohe, schlanke Gestalt mit der biegsamen Taille, den kraftvoll runden Bewegungen der brillanten Tennisspielerin,– dazu das helle Kleid, die warme Sonne, der weiche Rasen: die schlechteste Garda-Erinnerung wäre das Mädchen allerdings nicht. Der Geheime Kommissionsrat mit den Quedenbergs wandelt derweilen sittsam auf Kieswegen. Sie streiften uns einmal fast, und der gute Mann machte dabei ganz elegische Augen, als wenn er sagen wollte: »Versteht auch solcher Durchschnittsmensch so viel gräfliche Güte zu würdigen?« Josefa, die verschiedene Male ungeduldig zur Mutter herübergesehen hatte, kam endlich selbst: »Verzeihen Sie... Weißt du schon, Mama, daß Peter für Iffezheim nachgenannt hat? Wir müssen auf alle Fälle hin.« »Ja, Kind, wir werden sehen... Aber wann kommt er denn eigentlich?« »Ich denke, übermorgen. Er wird uns überraschen wollen... Ich freue mich doch rasend auf ihn, Mama!... Verzeihen Sie...« Sie geht wieder mit der gleichen höflichen Mißachtung, die ich verdiene. Wir beide sehen unwillkürlich nach. »Und so was soll man nun in sechs Monaten hergeben, ganz hergeben?« »Ihr Fräulein Tochter heiratet dann?« »Ja. Und mir wird damit eigentlich ein Herzenswunsch erfüllt. Sie passen so gut zusammen, sie haben dasselbe Temperament, die gleichen Passionen. Mein Schwiegersohn ist mir schon jetzt der rücksichtsvollste Sohn. Aber verlieren muß ich mein Kind dann doch. Sehen Sie, das wird dann auch nur eine Erinnerung... Und wenn ich diese Erinnerung je missen müßte?« »Ich verstehe vollkommen, Frau Gräfin,« antwortete ich mechanisch. Aber da antwortet sie rasch: »Sie verstehen ja doch nicht! Sie können gar nicht verstehen! Niemand kann ahnen, was mir dieses Kind immer gewesen ist ... Ich habe es seit seinem dritten Jahr allein erzogen, ich habe es, soviel ich konnte, vor allem Bösen behütet...« Und erfüllt von dem Muttergefühl, wie sie nun einmal ist, beginnt mir die Frau ihre Erziehungsgrundsätze auszukramen. Wie man den jungen Baum nur biegen, niemals beschneiden dürfte, wie sich dann die jungen Zweige ganz von selbst harmonisch formten; wie man ihm niemals das Böse zeigen dürfte, um es dem Guten allein zu bewahren... Und so zieht sich der kleinumschriebene hübsche Zauberkreis, den die Mutter wohl nach besten Kräften einst selbst ausgefüllt hat, weil sie eben eine sanfte, lenksame Natur, deren vorsichtigen Instinkten schon die Aufschrift: Verbotener Weg! genügte, und sie wich Schritt für Schritt zurück. – Es mag das gut für Frauen sein, für Menschen, die nichts weiter wollen, als lächelnd und unerkannt sich durchs Leben winden, der großen Sünden, aber auch der großen Gefühle bar. Doch die anders geartet sind, die widerstreitenden Naturen, die Menschen, denen es nicht genügt, nur eine gleichgültige Nummer zu sein, die sich ihren Weg durch Versuchungen, Sünden, vielleicht Laster erst bahnen müssen, um sich ganz zu finden? Die werden ihre Zweige nur scheinbar willig biegen lassen, die werden Kämpfe suchen, Konflikte – und ich weiß noch gar nicht, ob aus dieser kapriziös spielenden Josefa sich nicht einmal eine Eigenart herausentwickelt, die lieber bricht, als daß sie sich biegt. Und dann wird sie diese weiche mütterliche Erziehung verfluchen ... Denn man kennt die Menschen doch nicht! Auch diese Leute haben ihre Tiefen und Untiefen. Nur Gemälde hören auf Gemälde zu sein, wenn man ihnen die Farbe abkratzt, aber bei Marmor kommt man dann erst recht auf Marmor. Es war wie gesagt Sonnennachmittag. Der See so blau duftig, der Grund so kristallklar, daß der Kies unten wie mattes Silber heraufleuchtete, bis er sich dann weiter in stumme Tiefe verlor. Die nahe Isola hob ihre grünen Felsgestade aus dem tiefen Blau in träumerischer Melancholie. Alles sanft, weich, duftumflossen – auch der weiße Monte Baldo-Rücken rundet sich, die Schrunden und Zacken im Schnee verborgen. Die ganze Natur in ihrer milden Frühlingsfeier will von scharfen Linien nichts wissen. Als ich von der Hotelterrasse noch einmal in den Garten zurücksah, standen gerade Mutter und Tochter zärtlich wie zwei Schwestern nebeneinander. Der Süden gibt diesen Leuten recht. Ich aber stieg gleich darauf in die Berge – durch die Olivenhänge, wo die Sonnenlichter zugleich mit den Eidechsen spielen und der Himmelsschlüssel gelb üppig aus dem dürren Gestein sprießt – über den Lorbeerweg weg, wo es schwül nach Süden und Ruhm roch: bis ich endlich an der letzten kümmernden Olive vorbei die Zone des braunen toten Grases betrat. Da wehte die frische, scharfe, feuchte Luft der wirklichen Berge, die den Frühling erst im Sommer kennen, da sah ich hinein, in die Hochalpen, auf die trotzig gebogenen Hörner, die wilden Zinken, auf diese Härte und Starrheit und steinerne Wucht, die den Frühling und den Kompromiß überhaupt nicht kennt... Und da habe ich lange gestanden und geschaut und mich vom scharfen Firnhauch anwehen lassen. Und ich habe doch recht! Das ist meine Welt, meine Anschauung des Lebens. Die harten Linien haben recht, die großen Bilder; der Garda, der da tief unten so wonnig blaut, erfaßt das Leben doch nicht in seinem Kern. Und wieder muß ich an meinen Vater denken, der mich so eisern streng erzog ... Ich hab's ihm nachgetragen manches Jahr und schwer die Mutter vermißt, die bei meiner Geburt starb. Aber der harte Mann tat gut daran, daß er den schwachen Baum zwang, sich im Wetter zu stählen. – Und als wir nach meinem Abiturium zusammensaßen, der Mann mit dem Mann, und mein Vater, vielleicht angeregt von der Freude und vom Wein, aus seiner Jugend erzählte, der leichtsinnigen Düsseldorfer Ulanenzeit, von seinen großen Reisen später . . . Und ... wir sahen uns an, und es ging plötzlich nicht mehr. Da wurde dem verschlossenen Mann das verwitterte Gesicht hellrot, und er trank den Sektkelch auf einen Zug herunter. »Mein Junge, wir sind Männer, und es soll keine Lüge zwischen uns sein: Du bist kein Kind der Liebe. Frag nicht, sag nicht, gräm dich auch nicht – wir sind am Ende doch nur wir selbst! ... Und deine Mutter war die beste Frau, die's gibt ... Ich habe mein Leben genug gewüstet und genug gelogen. Und wenn ich dich sehr hart erzogen habe, wie wohl sonst kaum ein Vater seinen einzigen Sohn, den er von Herzen lieb hat, so habe ich es getan, weil ich mich und meine Fehler kannte. Du sollst einmal im Leben den schnurgeraden Weg gehen, gleichviel wie steinig er ist, und der Wahrheit ins Gesicht sehen, gleichviel wie sie aussieht. Denn es gibt auf dieser Welt nur einen richtigen Weg, das ist der gerade Weg, und nur eine Diplomatie, das ist die Ehrlichkeit, und nur eine Tugend, das ist die Kraft .... Du bist jung, du kennst von der Welt bis jetzt nichts, aber du bist so bedürfnislos gewöhnt, daß du nicht an jedem Kiesel dich wundzustoßen brauchst und nicht zeitlebens dahinzusiechen an irgendeiner großherzigen Gefühlsduselei. – Und die Hauptsache: Gib niemand Rechenschaft als dir selbst! Wer das richtig erfaßt, der haut sich durch jedes Gedränge durch, oder er stirbt anständig im Gedränge .... Mein Junge, raube und senge meinetwegen im Leben, sei ein ganzer Schuft, aber werde niemals feige oder lächerlich – niemals, hörst du, um keinen Preis! Dein Vater hat sich lächerlich gemacht und deine Mutter unglücklich. Von der Lächerlichkeit kommt man nicht mehr los, der Makel bleibt .... Und wenn du mein Sohn bist, so werden auch die Frauen in deinem Leben ihre Rolle spielen. Gebrauche sie! Und laß niemals die leichten Engagements der Sinne zur schweren Verpflichtung des Herzens groß wachsen. Dann bist du der Reingefallene, wie ich der Reingefallene gewesen bin. Dabei erinnere dich, aber auch nur dabei, daß du ein Graf Rhyn bist, und daß die besser unvermählt zu Grabe gehen. Denn wir sind allzeit Schwärmer und Frauenknechte gewesen und haben's danach getrieben. Aber wir haben auch allzeit ein Herz gehabt und haben unser Bestes freudig hingegeben – und sind mit Hundslohn davongejagt worden. Solche Leute finden in der Ehe nie das, was sie suchen. Denn das Leben ist lang und der Werktag nüchtern. Aber wenn dich der Teufel doch mal reitet, dann suche ihm bei guter Gelegenheit auf den Rücken zu kommen und setze ihm erbarmungslos die Sporen ein und leite ihn dahin, wo du willst, nicht wo er will. Dann wird dir vielleicht das Leben glücken. Mir ist's nicht geglückt. Also hüte dich vor der Frau! ... Und nun, mein Junge, sollst du ein Jahr reisen, wohin du willst und wie du willst. Aber meide allzu weiche Luft! Dann sage mir, was du werden willst. Ein freier Beruf – wenn du auf mich hörst. Er ist das beste für unsereinen. Man bleibt, wer man ist. – Und in bezug auf Aeußerlichkeiten: den anständigen Mann kennt man an der anständigen Wäsche...« Ich bin gereist, bin zurückgekommen, aber mein Vater war gestorben derweilen. Es ist mit natürlich erst langsam klar geworden, welch tiefe Lebenserfahrung und Selbsterkenntnis in dem steckte, was er mir gewissermaßen als Geleitbrief ins Leben mitgab. Welche Frau ihm sein Leben vergiftet, weiß ich nicht. Ich habe in seinem Nachlaß eigentlich nur einen wichtigen Brief derart gefunden. Er muß von dieser Frau gewesen sein. Ein matter Brief! Aber zwischen den Zeilen konnte der Sohn lesen, wie unsinnig der Vater diese Frau geliebt haben muß. Ich möchte auch nicht mehr wissen. Man kennt die Menschen nie. Und ich will jemand, der mir stets groß vorschwebt, nicht klein sehen. – Freilich, ich vergesse dabei einen Moment in seinem Leben – und werde ihn doch nie vergessen! – Aber das ist ein Geheimnis zwischen Vater und Sohn. Und es stirbt mit mir. Drittes Kapitel Mein lieber Graf – es ist Frühling am Garda – hüten Sie sich! ... Die Luft so weich, der Duft so würzig. Man blinzelt, man träumt, man spürt ein süßes Sehnen in allen Gliedern... und plötzlich – man weiß wirklich nicht wie – ist man in den Banden irgendeines zärtlich flötenden Kätzchens, das weder besonders geistvoll, noch besonders schön, noch besonders liebenswürdig ist; aber sie lief uns gerade im gefährlichsten Moment über den Weg, das kapriziöse Wiegen ihrer Schwanzspitze bezauberte uns, sie war jung, sie schien tugendhaft – wir mußten sie haben um jeden Preis! Ich kenne diese Deliriumsintervalle, die unsre ganze Natur verkehren. Wir erhitzen unsre Phantasie unmäßig, wir sehen Wahngebilde, wir würden wahrscheinlich auch des Teufels Großmutter zu ehelichen wünschen, nur weil sie ein Weib ist. Ich habe fünfzigmal die zwei deutschen Meilen bis Gargnano durchrast, liebeglühend, toll, blind gegen die Gefahr, taub gegen die Vernunft; ich habe mit allen Katern dieses verruchten Ortes wettgesungen, ich habe mit diesen Banditen wie ein Bandit gekämpft auf Hieb und Biß, ich bin von dem hohen Dache des Palastes mitten unter eine Schar spielender Kinder gefallen, tödlich verkrallt mit einem grauen Bäckergesellen, der mein Leben ebenso wutschnaubend verlangte, wie ich das seine. Ich machte euren Menschentag zu unsrer Katzennacht, ich aß nicht, ich trank nicht, ich war offenbar unheilbar wahnsinnig. Und das alles wegen eines fuchsfarbigen jungen Wesens, mit dem allerdings schicksten Stutzschweife von der Welt, die sich für eine Marchesa ausgab, und demnach diesen Palazzo selbst, eine unschätzbare Bildergalerie, einen köstlichen Park und sogar ein Stadthaus in Brescia besaß, die aber in Wahrheit nichts war als eine hergelaufene Bodenkatze, die heimlich am Strand faule Fische suchte und sich im Sommer regelmäßig an grünen Gartenfröschen übernahm. Und was das schlimmste – nachdem ich diese Hochstaplerin ein volles Jahr verachtet, bin ich reuevoll zu ihr zurückgelehrt, habe ihr alles vergeben, alles geglaubt; ich war weder ihr erster Galan noch werde ich ihr letzter sein – aber es war nun einmal wieder Frühling, und sie war ein Weib... Ich habe auch in Sald eine Witwe angebetet – und nur weil sie, auf einem Dachvorsprung sitzend, die kirschroteste Zunge von der Welt kokett spielen ließ und ich dies ansehen mußte. Sie wohnte in einem geradezu verrufenen Haus am Wasser, wo auch der furchtloseste Kämpe erst die Krallen besonders schärft, um nicht in dem Maule von plumpen Fleischerhunden oder in den Schurkenhänden von Menschen zu enden, die meine kostbare Robe zum Beispiel ohne weiteres als gemeine Engadiner Katzenfelldecke an frostige Gäste im Hotel Gardone verkaufen würden. Ich mußte von einem glitschigen Stein zum andern springen, um nicht in diesen ekelhaften See zu geraten, ich wurde mit Flüchen und Steinen beworfen, sobald mein Minnegesang auch nur anhob, aus einer verräucherten Bodenluke ergoß sich eine Sintflut von Scheußlichem über mich. Und nachdem ich das alles siegreich bestanden, bereit, liebeglühend in die Arme meiner hellgrauen Geliebten zu eilen, überfielen mich drei bäuerische Weinbergskater, die mich durch die Uebermacht abwalkten, niederwürgten und diesmal wirklich ins Wasser rollten, so daß ich nur wie durch ein Wunder dem feuchtesten Tode entging, während oben gleichzeitig der handfesteste dieser Pisangs mit meiner willigen Schönen abzog. Sie war natürlich eine Dirne – aber ich bin keineswegs sicher, ob ich nicht reuevoll auch zu ihr zurückkehre ... Aber unser Wahnsinn hört doch wenigstens immer auf – es ist intermittierender Wahnsinn –, eine Woche später fühlen wir uns ernüchtert, deplaciert, wir gedenken voll Sehnsucht unsren kühlen Diplomatengewohnheiten, unsrer tadellosen Hotels, wir haben uns wieder, der Tod auch der treuesten Geliebten würde uns jetzt nicht mal mehr eine Krokodilsträne entlocken, und aus den Söhnen unsrer Leidenschaft erstehen regelmäßig die unbotmäßigen Nebenbuhler unsers Alters. So bin auch ich – der Olympier, der weitschauende Diplomat, der Ueberkater! Aber glücklicherweise bedeutet in meinem Leben die Liebe nur eine Fieberwallung. Wir dagegen, mein lieber Graf zu Rhyn, sind, wie ich aus Ihren Aufzeichnungen ersehe, leider kein – Uebermensch. Wir mögen ein tüchtiger Forschungsreisender sein und Pflanzengeograph – die angenehmen Baldriandüfte, die neulich an Ihrem Herbarium aufstiegen, fanden meine wissenschaftliche Anerkennung –, aber wir sind viel zu jung-phantastisch in bezug auf die Natur und viel zu ernst-wählerisch in bezug auf die Menschen. Diese »Neuen« haben mich doch beleidigt, nicht Sie – und gute Formen müssen sonst unter allen Umständen anerkannt werden. Der Geheime Kommissionsrat versuchte mich neulich zu streicheln und redete dabei in einem höchst einschmeichelnden Dialekt ... Sie sollten die Menschen und die Dinge ein wenig leichter auffassen, mein lieber Graf – spielender, denn mit schwerblütigen Tröpfen wird sonst gespielt! Und was mir gar nicht gefällt: Sie sitzen auffällig lange jetzt in der Sonne und im Freien in jener Rivieraluft, deren sanft moussierendes Prickeln Ihnen nicht bekommen wird. Sie werden immer galliger in Ihren Aufzeichnungen. Nachher steigen Sie so hoch hinauf in die Berge, daß Ihnen kein vernünftiger Kater folgen kann, Sie atmen auf bei dem unangenehm scharfen Höhenwind und wollen nur noch von schroffen Spitzen und steinigen Wegen etwas wissen. Das ist falsche Schätzung, lieber Rin. Sie vergessen völlig, daß Ihresgleichen allerdings im Hochgebirge keine Gefahr droht, daß Sie aber um so leichter auf den weichen Kieswegen unsers Parkes unten stolpern können, weil Sie die Augen überall hin, nur nicht auf Ihre Füße richten. Und daß Sie auf einmal so unnatürlich hoch steigen, fast bis in die Eisluft, ohne Pflanzen zu sammeln, nur um zu steigen, darin liegt ein Symptom, über das Sie sich selbst am wenigstens klar sind, das mir aber ernstliche Sorge macht. Das gewisse Sehnen fängt schon an. – Aber mein lieber Graf, wir sind kein Jüngling mehr, wir dürfen darum auf keinen Fall in Jünglingstorheiten verfallen. Graf sein heißt Weltmann sein! Man muß auf Reisen dieser Art gewandt auftreten, leicht sich geben, verbindlich lächeln. Man verpflichtet dadurch doch nicht etwa sich, man verpflichtet nur andre ... Warum die Marotte mit dem »Rin«? Man hält allerdings nicht jedem Kurgast die Visitenkarte mit der Neunzackigen ins Gesicht, aber man verleugnet sie auch nicht, man läßt klug durchschimmern. Damit imponiert man am meisten den Bädermenschen, die immer unnötig erhöhen oder erniedrigen, weil sie nun einmal klatschen müssen, weil sie gern nach Hause schreiben, weil ihnen die Wahrheit nur interessant ist wegen der Lüge, die sie darum spinnen können. – Durchschimmern lassen, lieber Graf! Man traut Ihnen dann am Ende einen heimlichen Fürstenhut zu. – Sage ich vielleicht bei jeder Begrüßung: Carlo Macchiavelli, der Katerdiplomat aus dem Palazzo Farnese? Ich begnüge mich mit dem simpeln Carlo. Aber jeder, der mich zwischen den Fleischtöpfen der Küche herumsteigen sieht, oder meine aristokratische Gelassenheit bei der Table d'hote bewundert, denkt heimlich: ›Carlo?‹ Dahinter steckt ein Geheimnis, mindestens ein Kater von Geblüt, ein Prinz wahrscheinlich. Und ich weise es gar nicht zurück, wenn man mich in Katzenkreisen wegen meiner blauen Augen und meiner gebogenen Nase einer illegitimen bourbonischen Abstammung beschuldigt. Fürsten, wenn sie auch noch so dumm sind, werden immer ihre getreuen Diener, und ihre Bastarde, wenn sie auch noch so illegitim sind, immer ihre glühenden Parteigänger finden. Die Hotelgäste sehen auch erst nach der Etikette, ehe sie den Wein loben. Die Welt verlangt nun einmal Namen, Formen, Aeußerlichkeiten. Und so häßlich es klingt, auch der schönste Kater hat seine Rolle ausgespielt, sobald er abgezogen ist ... Ich liebe diese »Neuen« gar nicht, aber ich habe mich überzeugt, daß meine Meinung nicht durchdringt. Selbst in der Küche neulich versuchte der Küchenchef der Jungfer der Gräfin Angern liebevoll in die Backen zu kneifen. Leute mit Namen, die wahrscheinlich Monate bleiben, sind bestimmte Größen, mit denen man rechnen muß. Man darf nicht gegen sie losfahren wie ein tollwütiger Hund mit unversöhnlichem Kläffen oder gar gefletschten Zähnen. Das ist unklug. Seine wahren Gefühle soll man nie bei der Ankunft, nur bei der Abfahrt zeigen. – Die ältere Gräfin lockte mich mit einem etwas altbackenen Kake, – ich nahte ihr schmeichlerisch, obgleich mir die Dame vollkommen gleichgültig ist. Als dieser blödsinnige Quedenberg gestern im Salon allein seine buntseidenen Strümpfe beliebäugelte, fand ich mich wie durch Zufall ein und beliebäugelte gleichfalls die schottischen Carreaux, die wahrhaft menschlich geschmacklos sind. Ich hatte dabei die Krallen nur scheinbar eingezogen und war außerdem bereit, einen gelegentlichen Fußtritt mit einem gediegenen Biß zu beantworten. Der junge Mann hat Diplomat werden wollen und sucht jetzt wohl meine Protektion – leider zu spät ... »Die gewisse junge Dame«, die das nervös machende »Kß, kß« nicht lassen kann, zwang mich, Dienstag im Garten, eine Edeltanne als Aussichtsturm zu benutzen – nicht bevor ich dem widerwärtigsten Terrier eine sanfte Prim über die Nase versetzt hatte. Es wäre mir nun ein leichtes gewesen, die junge Dame selbst als Edeltanne anzusehen und bei der Gelegenheit ihr Gesicht mit den Schmissen eines deutschen Korpsstudenten zu verzieren. Ich tat es aber nicht! Man hätte mich dann mit Recht für toll gehalten, und mein Leben hätte wahrscheinlich wie das einer unbotmäßigen Haremsodaliske in einem Sack und auf dem Seegrunde geendet. Ich benehme mich so gemäßigt keineswegs aus Egoismus allein. Ich möchte bei der Gelegenheit auch meinen gräflichen Protegé in die Gesellschaft introduzieren. Denn da ich irrtümlicherweise als sein Protegé gelte, während er doch der meine ist, wird man sich verständig sagen: wer einen so wohlerzogenen Kater besitzt, muß selbst sehr wohlerzogen sein. Und dieses gräfliche Original ist wirklich wohlerzogen! – Es ist mir kein Vergnügen, wenn ich bei meinen nächtlichen Fensterpromenaden sehen muß, wie sich die gewisse junge Dame über Herrn Rin (einfach Rin) lustig macht, ihn den mißvergnügten Nobile nennt und dabei von den aufmerksamen Augen der Nichte und den servilen Klatschereien des Geheimen Kommissionsrats unterstützt wird, während die ältere Dame ihn aus unbekannten Gründen begönnert. Dann lachen Quedenbergs laut auf, während die Frau zugleich das Hotelklavier in einer jeder Katzenmusik hohnsprechenden Weise mißhandelt. – Mein Schützling hört eben nicht. Ich fürchte, daß er zu den Starrköpfen gehört, die alle Erfahrungen unbedingt selbst machen wollen. Ich weiß noch nicht, ob die Komtesse Angern oder die Gräfin Quedenberg seine Delila werden wird. – Eine wird es gewiß! Dazu ist es zu ausgesprochen Frühling am Garda. Bei den Menschen ist der Mai der Wonnemond – in meinem Katzenkalender ist allernächstens der erste Mai. Gs geht ein wundervolles Ahnen durch unser Herz. Die wilde Unruhe überkommt uns, wir üben uns in klagenden Ritornells. Wir können es zu Hause nicht mehr lange aushalten. So fängt's immer an – ich weiß das. Ich gehe schrecklichen Wunden, aber auch süßen Tändeleien entgegen ... Vorläufig regt sich nur die Wanderlust. Ich muß durchaus unsre Stadt durchstreifen, die köstlich engen Straßen mit ihrem anheimelnd feuchten Moderduft, mit den Prachtgerüchen nach verfaulten Orangen und frischem Fleisch. Es gibt so viel köstlich verschwiegene Torbogen mit einem Blick auf die poetisch bröckelnde Hofmauer; ein verwachsenes Stück Gemüsegarten lockt. Und dann die blinden, geheimnisvollen Fenster, die zerbrochenen, buntgeflickten Scheiben, die dunkeln Luken! Es gibt so viel malerische Dachvorsprünge, so viel düstere Winkel, so viel duftige Trümmerstätten! Kein Gartentor schließt, kein Zaun hat ganze Latten. Man baut prachtvoll neu im sonnigen Italien, aber man repariert grundsätzlich nie. Und überall dieses Ahnen! Auf jenen schlüpfrigen Fliesen ist sichtbarlich eine verzauberte Katzenfee gewandelt ... Oder sollte es am Ende doch ein gemeiner männlicher Mäusejäger gewesen sein? – O nein! – Auf so zierlichen Sohlen wandeln nur zierliche Frauen ... Ich schleiche in die Höfe, ich steige auf die Böden. Da – auf einmal ein lautloses Gleiten, ein unsicherer Schatten – ich horche, stimme ein lockendes Liebeslieb an ... Und als Antwort starrt jetzt plötzlich durch die Bodenluke der grauäugige, fauchende Dickschädel eines kohlschwarzen Katers, bei dem es schon Mai ist und der bereits, wenn auch viel gemeiner, dieselben Pfade wandelt, die ich nächste Woche wandeln werde. Ab und zu huscht durch die Dämmerung ein traumhaft süßes Wesen, eine graziöse Schwanzspitze lugt – sie ist im Augenblick verschwunden. Die Damen, die uns sonst so wenig ausweichen, wie wir ihnen, scheinen zimperlich geworden, schlagen verschämt die Augen nieder, ziehen sich jungfräulich zurück. Ueberall nur diese gottverdammten Kater, die finster brütend über die Dächer steigen, kampfbereit auf den Schornsteinen sitzen. Sonst sind wir uns völlig gleichgültig, warum beargwöhnen wir uns jetzt? – Ach, dies unverständliche Sehnen des Herzens, dieses dunkle Wallen einer bald kochenden, überströmenden Leidenschaft. Der kritische Geist verschwindet unter diesen Wogen ganz ... Ich sehe zum Beispiel fast teilnahmlos, wie eine feiste Ratte, dies königliche Jagdtier, in einer Abflußröhre schlempt und konstatiere nur bei den spitzen Ohren eine flüchtige Ähnlichkeit mit denen unsers Geheimen Kommissionsrats; selbst gackernde Hühner regen mich nicht an; ich glaube, ich könnte einen jener sittenlosen Sperlinge greifen, ohne ihm nur das Blut auszusaugen. Und immer gerät man in Sackgassen, kommt an verschlossene Bodentüren. Heute befand ich mich ahnungslos plötzlich in einem Schuhladen, wo gerade die Verkäuferin den feilschenden deutschen Damen bei allen Heiligen unsrer Kirche beschwor, daß sie bei vierzehn Lire mindestens zwei Lire verliere, während ihr doch der dümmste Teufel nachweisen kann, daß sie dabei immer noch vier gewinnt. Eine Katze, eine ältere, noch recht begehrenswerte Jungfrau, saß auf dem Ladentisch und blinzelte mich ganz eigentümlich an, sie gefiel mir nicht übel – das Mädchen hat offenbar Glück! – Ich wollte mich nur vorstellen, ein wenig sondieren, aber ich wurde unhöflich vermittelst eines ganz abgetragenen Pantoffels herausbefördert, weil man mir Absichten auf gewöhnliche Makkaroni im Nebenzimmer zutraute, was einem Hotelkater wohl recht fern liegt. – Einmal lief ich direkt einer Italienerin in die Arme, die wie selbst der Adel hierzulande noch am Nachmittage schlecht frisiert und malpropre angezogen war. Die Leute, vornehm wie gering, leben eben nur für die Straße oder das Theater. Schade, daß mein Graf so menschlich unbeholfen und wirklich diplomatischer Schleichwege schon körperlich unfähig ist! Er könnte unter meiner Leitung viel lernen. Er würde dann den echten Italiener kennen lernen, der seine Makkaroni immer heißhungrig schmatzend verschlingt und verständig die Liebe vor der Trauung abmacht, um dann in der Ehe nur der Bequemlichkeit und einer mir unverständlichen Kinderliebe zu leben. Kein Mädchen ist schön und jung genug, um nicht doch den ältesten reichen Greis glücklich zu erwischen. Sie sind echte Südländer, wie wir Katzen eigentlich auch, denen der Elfersuchtsdolch wohl recht lose sitzt, die aber für ewige Treue danken. Sie wissen, daß die Jugend kurz und das Alter lang ist, daß im allgemeinen Geld viel länger vorhält als Liebe. Je hübscher die Frau, desto häßlicher der Mann, oder umgekehrt – es ist ein vernünftiger Ausgleich. In das gemütliche Boudoir ladet man sich eben später andre Gäste als in das kalte Prunkgemach. Es sind alles Weltmenschen, liebenswürdig oben, dienstbeflissen unten; für zwei Soldi läuft sich jeder Bengel scheinbar die Hacken ab, aber hinter der nächsten Ecke setzt er sich schon auf die Mauer zu dem zerlumpten Papa in die Sonne. Viel reden, wenig tun – und wenn man nicht gerade Erdarbeiter auf dem Simplon oder Erntekuli in Kalabrien ist – wenigstens dem Herrgott seinen Tag stehlen! Warum sind in Italien die Kaufleute so überaus geschäftig, und warum verdienen die unhöflichen Engländer doch mehr? Ich denke, das muß wohl an der Sonne liegen, die uns so viel früher überredet, Rentner oder Tagedieb oder Bettler zu werden, als irgendwo anders im Okzident... Zuweilen dehne ich meine Reisen über das Weichbild aus, ich sitze dann träumerisch auf einer Vignenmauer, während die Sonne köstlich prickelt, blinzle das gelbe Kap Manerba an, die dunkle Isola, den weißen Monte Baldo, und versuche wohl, an den Felsvorsprüngen unsrer Küste vorbeizuschielen, wo Gargnano und der stolze Palast Bettoni liegen. Ich frage mich, wenn die schönste Katze der Welt in dem Borgheseschlosse der Gardainsel schmachtete, oder auf jenem Schneebuckel ihre kokette Toilette machte, ob ich nicht doch am Ende durch diesen gruselig nassen See schwimmen oder in eine schauernde Eisspalte mich klemmen würde... Der Palazzo Bettoni lockt auch mächtig. Weit ist er allerdings: Aber wenn ich dem süßen, goldhaarigen Kinde dort unrecht getan hätte? – Es wäre immerhin möglich, und es täte mir furchtbar leid. Die größten Lügen erweisen sich später so oft als die lautersten Wahrheiten... Und während ich so träume, überkommt mich eine wunderbare Milde. Ich liebe den See, die Berge, die Menschen, ich möchte die ganze Welt in einem alles umfassenden Miau an mein Herz drücken. Heute werde ich noch zur Table d'hote gehen – aber morgen? Mein lieber Graf Rhyn, verfallen Sie niemals in solche Stimmungen, denn Sie kämen niemals wieder heraus. In Badeorten wird man klätschig. Es liegt wohl in der Luft, dieser zu lauen Frühlingsluft, die uns umfächelt, in uns hineinkriecht und, glaube ich, in kürzester Zeit aus Männern Weiber macht. Wirklich arbeiten können hier nur Dichter. Die brauchen das Lasche, Sanfte... Sonst muß man entweder sich sonnen und singen wie diese bei allem Augenrollen und Messerstechen im Grunde doch weibischen und äußerlichen Italiener, oder aus Gesundheitsrücksichten faulenzen und sich dabei dem Herdentrieb hingeben wie meine deutschen Landsleute, die das Reisemonopol für den Garda zu besitzen scheinen... Es blühen auch leider noch so wenig interessante Pflanzen. Derweilen tröste ich mich, daß nach Goethe der Mensch ja des Menschen würdigstes Studium sei. Bei den »Neuen« ist eitel Lust und Freude. Als gestern der Nachmittagsdampfer von Desenzano hier anlegte – es ist mit der aufregendste Moment des Tages, zu dem sich persönlich Wirt, Oberkellner, Hausdiener und die gelangweilten oder sehnsüchtigen Hotelgäste einfinden. Ein junger, eleganter Herr stieg aus, dem man sofort den preußischen Offizier ansah. Eine junge Dame lief auf ihn zu, eine ältere rief: »Ach, da ist er endlich, unser Peter!« Es war natürlich der sehnsüchtig erwartete Bräutigam. Die junge Dame besah ihn äußerst kritisch, ehe sie ihn küßte: »Du siehst famos aus in Reisezivil! Was macht die ›Armee‹, Peter?« »Läßt untertänigst grüßen wie alles. ›Fusijama‹. dein Liebling, ist noch immer der gleiche unqualifizierbare Verbrecher, und ›Josefa‹ refüsiert vorläufig den Karlshorster Sprung.« »Aber sie muß die ›Armee‹ gewinnen! – Ich sage dir, Peter...« »Aber Schatz!« Dazwischen der respektvolle Handkuß für die Gräfin Angern, die verbindliche Verbeugung für die übrige »Insel«, die sich beeilt, mit Reserve zu lächeln. Jetzt der Bräutigam: »Uebrigens, Graf Quedenberg, wir müssen uns kennen, und zwar vom Korps aus.« »Glaube auch, Herr von Lasowitz. Kann aber nur im Vorkorps gewesen sein.« »Natürlich. Ich stoppte auch vor Lichterfelde ab... Und mein Vetter Bosenthin läßt Sie bestens grüßen und fragen, ob Sie jetzt etwas milder über den Briefadel dächten.« »Scherz... Bosenthins sind aber wirklich nur Briefadel.« »Na, verehrter Graf Quedenberg, ein paar Jahrhunderte mehr oder weniger – das macht's doch nicht; Bosenthin bleibt trotzdem ein famoser Kerl.« »Selbstverständlich!« Ich war auch am Landungssteg und hatte Mühe, mich der Vorstellung und Unterhaltung zu entziehen. Nachher wurde noch ein Begrüßungskaffee auf der Veranda serviert. Es ging sehr lustig zu, und bis zu meinem Zimmer drang das Lachen. Seitdem promeniert das Brautpaar eingeärmelt und selig auf den Kieswegen des Parkes. Hübsche Menschen! Vernünftige Zuchtwahl... Das Mädel hat jetzt den federnden Gang der jungen Frau, das feine Lächeln der Erwählten, sie weiß ganz genau, daß die Augen des Hotels auf ihr ruhen. Und er, der richtige Sportsman, hundemager, gewandt, ein scharfes, trockenes Gesicht, glatt rasiert – helle Soldatenaugen, die bei einem schlecht geputzten Knopf sich unwillkürlich kühl zusammenziehen, aber bei Wein und Frauen recht ausgelassen blitzen können. Ueberhaupt die kecke Mischung von Stallknecht und Kavalier, die den Rennreiter macht. – Jetzt sind nun die beiden allein, sie reden laut, sie reden leise, sie sehen sich an, sie sehen sich wieder an; sie sind diese festgeschlossene Welt, aus der später wieder eine Welt entsteht. Ob sie nur den Liebesunsinn reden? – Meistenteils wohl. – Aber wenn sie ernst zu debattieren scheinen, ist auf einmal der Reiz weg, es sind urplötzlich Leute geworden, die nur zufällig per Arm gehen, die auch auf ganz verschiedenen Wegen wandeln könnten ... Sind Liebe, Jugend, Torheit die große Dreieinigkeit, aus der sich allein die Menschheit wieder neugebiert? Wenn man so zwei hübsche, törichte junge Menschen sieht, die zwischen Blumenrabatten schlendern – und wer dann selbst, wie ich zurzeit, auf seinem Zimmer vor vertrockneten Pflanzen hockt, den packt doch ein gelinder Zweifel am Wert dieser toten Wissenschaft, die nur hochmütig auf das schwellende Leben hinabsieht, weil sie selbst eine dürre Mumie ist. – Das Leben allein hat immer recht! Die tollen Streiche eines Knaben sind der Natur mehr wert als die Weisheitsworte eines Greises. Warum schaut die Jugend immer vorwärts, das Alter immer zurück? ... Und doch muß es auch da Stufen geben. Das, was den beiden da unten vielleicht fürs ganze Leben frommt, das frommt mir höchstens für einen Augenblick. Ich verlange mehr, viel mehr! – Und eine Josefa Angern könnte mir dies Mehr beim besten Willen nicht geben. Aber da ich den Menschen und den Dingen gern gerade ins Gesicht sehe, vor allem mir selbst – ein unverständiger Narr ist man auch. Ich habe mich keineswegs mit der Betrachtung dieser beiden Glücklichen begnügt. Ich ertappte mich auf einmal, wie ich im Zimmer auf und ab ging, dann vor dem Schrankspiegel stehen blieb und mich auf das genaueste beobachtete wie der fadeste Dandy. Ich bin sehr gut gewachsen. Meine Verbeugung ist steif, aber nicht eckig. Und ich habe einen Schädel, über den man nicht einfach zur Tagesordnung übergeht... Ich habe im Leben noch alles erreicht, was ich ernstlich wollte, warum sollte ich nicht auch einmal ein ernstlicher Tor sein? Es gibt doch auf der Welt nicht nur Josefen, es gibt auch Frauen, die etwas mehr vom Manne verlangen als nur die »Hoppegartener Armee«. Man muß erst an den Garda gehen, um sich selbst zu entdecken! – Ich bin Neidhammel – und zwar schlimmster Sorte. Arme Leidende in den Hotels tun mir herzlich leid, aber die beiden Glücklichen hier erregen fortgesetzt meine Galle. Und diese mißgünstigen Regungen eines alten Junggesellen übertünche ich pharisäisch mit allerlei sittlichen Betrachtungen: ...›Die beiden kennen sich nicht... aber wenn sie sich erst kennen – Wo alles so vortrefflich zueinander paßt, da paßt's schon ganz gewiß nicht – Sie sollten nicht zu früh heiraten, die beiden!‹ Als wenn mir das Seelenheil dieser Leute wirklich am Herzen läge! – Als wenn ich nicht lieber heimtückisch nach dem wunden Punkte suchte, der natürlich existiert, weil sie Menschen sind – als wenn es mir nicht sehr sympathisch wäre, wenn ich ihn plötzlich entdeckte! Ich merke, wie dünkelhaft und pedantisch ich bin, wie ich gravitätisch nach Art der Marabus am Weißen Nil herumstolziere und immer recht behalten möchte als echter Bildungsphilister. – Aber mich ändern? – Kuchen! Die »Insel« hat's also glücklich zur heiligen Zahl gebracht. Das fehlte gerade noch zur absoluten Vollkommenheit. Der gute Peter Lasowitz sitzt seiner Angebeteten gegenüber, und ich habe das Vergnügen, seine zärtlichen Blicke mit aufzufangen und seine Sportanekdoten mit anzuhören. Die Gräfin Angern, die mir dabei wohl eine freundliche Anstandslehre erteilen wollte, stellte ihn mir bei der Table d'hote vor. Dabei gab's von der Tochter einen verwunderten Blick, ein innerliches Achselzucken: ›Wozu eigentlich?‹ – worüber auch er mit einer etwas flüchtigen Verbeugung quittierte. Der Mann ist keineswegs uneben. Keck, frisch, mit einem kritischen Augenblinzeln, das weder Pferd noch Mensch jemals übertaxiert. Er erzählt leicht, witzig, er ist ganz gewiß kein geistiger Zwillingsbruder von dem braven Quedenberg. Aber er erzählt eigentlich nur von Pferden. Seine Josefa wünscht das gerade. Sie ist eine so leidenschaftliche Rennreiterin, daß sie einen Gaul höchst eigenhändig durchs Ziel peitschen würde, koste es, was es wolle. Da wird gekantert, gepacet, da springt der »Chamantsohn« mit der Führung vom Start, da schießt ein verlorener Outsider in Front: ein komplettes hippologisches Wörterbuch, das die ehrgeizige Komtesse auswendig kann. Und das Leitmotiv: »›Josefa‹ kann und muß die ›Armee‹ gewinnen!« »Wird sie auch, Schatz – schon weil sie nach dir getauft ist.« Es ist mir eine fremde Welt der Interessen, des Ehrgeizes. Sie wird auch ihr Recht haben, obgleich ich nicht verstehe, wie man ganz drin aufgehen kann. Ich sah wohl Rennen, ich verstand die Aufregung der Wettenden, aber das begeisterte Hurra für den keuchenden Sieger und das harte Greisengesicht seines ausgedörrten Widerristjockeis schien mir nur der Gefühlsausbruch des Arenapöbels. Ich halte es mit dem Schah von Persien, der zwar höchlichst interessiert zuschaute, wie man einen, der ein Attentat auf Seine Sonnenmajestät begangen, langsam totpfählte, aber von Rennen mit orientalischer Gelassenheit urteilte, daß sie ihn kalt lassen würden, weil von zehn Pferden doch wahrscheinlich eins zuerst ankommen würde... Und dabei ist diese Sportunterhaltung laut, der ganze Tisch kann, wenn er will, davon profitieren. Und er profitiert auch! Selbst dem großen Satiriker blieb neulich der Mund offen. Josefa wünscht zu glänzen, sie will ihr junges Glück und ihre junge Wissenschaft zeigen, die Spießbürger sollen ehrfürchtig denken: »Was für ein Tausendsassa doch nächsten Juni die »Armee« gewinnen wird!« – Und wenn er sich das Genick bricht – für welch bildhübsche Gräfin hat er sich's doch gebrochen!... Im übrigen sind wir der jungen Dame höllisch gleichgültig, wir stehen tief unter ihr, sind höchstens Publikum, das allenfalls Beifall klatschen darf. Die Gräfin-Mutter sieht voll Glück ihre beiden glücklichen Kinder. Ich aber zucke auch nicht mit der Wimper. Und das ist weder höflich noch wahr. Seinem Schicksal entgeht man doch nicht. Das kam nämlich so: Er erzählt, wie gesagt, gut, und die Augen einer Braut elektrisieren. Es handelt sich um die vorjährige »Armee«. »... Und an der letzten Hürde – der Prinz, mit zwei guten Längen vor, kam allein noch in Frage –, und da setze ich ein. ›Josefa‹ noch ganz frisch. Ich, ohne überhaupt die Hände zu rühren, Sprung für Sprung zu dem Braunen auf. Knappe halbe Länge noch – der Prinz muß schon höllisch reiten... Ich habe das Rennen mit ungezählten Längen in der Tasche. Da reitet den Kerl der Deuwel, will in die Flachbahn abbiegen. Ich rufe noch: »Hoheit, Sie reiten falsch!« Das war rein instinktiv das Rennen konnte er sowieso nicht mehr machen. – Und da reißt er im letzten Augenblick den Schinder noch halb 'rum –, ich pariere, damit er meiner Stute nicht die Vorderhand abreitet – und liege auf dem grünen Rasen.« »Ich hätte nicht pariert, Peter, ich hätt's riskiert!« »Nein, liebe Josefa, dafür war mir doch die ›Josefa‹ zu viel wert... Ich habe mich natürlich furchtbar geärgert, als der Prinz vor einem ganz unplacierten Felde als erster einkam. Die Kerls auf dem zweiten Platz, die auf meine Stute gewettet hatten, beschimpften mich noch gröblich, als wenn ich wie ein Gaunerjockei mit Absicht 'runtergefallen wäre... Aerger hat man überhaupt haufenweise. Aber der einzig wahre Sport bleibt's doch! Da wird ein ganzer Kerl verlangt. Da muß man noch viel mehr mit dem Kopf als mit den Beinen reiten, denn es gibt Ueberraschungen und Überrumpelungen jeder Sorte. Man muß eben auf alles gefaßt sein. Und der Training – namentlich für jemand, der Anlage hat, dick zu werden! Ich habe diese Anlage nicht, aber ich komme auch immer oberschlapp aus dem Dampfbade ... Das anstrengendste Metier bleibt's... Die meisten Leute haben, glaube ich, keinen blassen Schimmer, was so ein Rennreiter für positive Anstrengungen und Strapazen durchmachen muß. Zum Beispiel die Afrikaner, die ich von einem Frühschoppen bei Pschorr oberflächlich kenne, behaupten, das sei gar nichts, und sie hätten ganz andres hundertmal durchhalten müssen. Dabei trinkt jeder von den Kerls 'ne Flasche Kognak allein aus. Ich glaube auch, wenn die dann so loslegen mit ihren Erlebnissen, das ist alles maßlos übertrieben. Da sind sie da verhungert und da verdurstet, und dann klapperten sie vor Fieber und waren zu allem unfähig – und haben's mit einer rasenden Energie endlich doch noch geschafft. Mumpitz größtenteils! – Es mag ja wohl anstrengend sein, und so 'n Tagesritt in der Tropenglut gehört wahrscheinlich nicht zu den Annehmlichkeiten ... Aber dafür haben sie auf Antilopen gepürscht oder 'n Löwen geschossen, und wenn sie morgens abreiten, wird noch schnell etwas Morphium gespritzt, damit die gute Laune für den Tag anhält. Von dem eigentlichen Durst und dem eigentlichen Hunger, da werden wahrscheinlich die armen Träger weit mehr erzählen können, die gleich halbtot gepeitscht werden, wenn sie mal hinter dem Rücken eine kleine Anleihe bei der Kognakflasche des Expeditionsführers machen. Mir lügen, wie gesagt, die Kerls, die Afrikaner, zu haarsträubend. Und ich glaube, wir haben genau so viel Geistesgegenwart und Energie nötig wie sie. Nur daß sie mehr Alkohol trinken und bei ihren Legenden viel weniger kontrollierbar sind.« »Das glaube ich auch, Peter.« Ich muß bei der Wendung wohl ein recht gekniffenes Gesicht gemacht haben. Denn Herr von Lasowitz sah mich auf einmal mit einem verlegen stechenden Blick an und brach die Unterhaltung sofort ab. – Und ich war tatsächlich geärgert! – Was man uns Afrikanern auch nachsagen mag, wir übertreiben vielleicht unwillkürlich, wir legen da hundert Kilometer zu, wo wir sie besser abziehen sollten, aber die Ernsthaften von uns haben während einer Expedition doch mehr auf den Schultern, als sich so ein junger Dachs überhaupt träumen läßt. Einen Moment zögerte ich noch – und Schweigen wäre unbedingt das Richtige gewesen. Doch wo man an unsre liebe Eitelkeit tippt, da sind wir toll. Ich fragte erst eisig höflich: »Verzeihen Sie, Herr von Lasowitz, haben Sie jemals wirklich gedurstet?« »Ob! Zum Beispiel im Manöver.« »Ich meine so, daß sich Ihnen das Herz von achtzig auf vierzig Schläge reduzierte, daß Ihnen alles vor den Augen schwamm, daß Sie die Wahnvorstellungen kommen fühlten – und daß diese Wahnvorstellungen tatsächlich kamen?« »Nein. Aber haben Sie das durchgemacht?« »Allerdings – und zwar in Afrika.« »Dann wundere ich mich, daß ich überhaupt noch den Vorzug habe, Herr Rin ...« »Und ich sage Ihnen: es war so! Hier sitzt Ihnen zufällig mal ein Afrikaner gegenüber, der nicht übertreibt ... Aber gestatten Sie weiter! ... Und wenn Sie in diesem Zustand endlich den ersehnten Brunnen erreichen, und dieser Brunnen existiert nicht mehr? ... Ihre Karawane ist dezimiert, der Expeditionsführer ringt mit dem Tode und zählt also nicht mehr. Vom weichlichen Sudanneger bis zum durstgewohnten Teda sind sie alle fertig, der eine tobsüchtig, der andre stumpf; die Alten hocken sich betend nieder im Sand, um wenigstens in ihrem Glauben zu sterben. Ihre besten Kamele sind schon vor Wochen krepiert, und was noch übrig, sieht selbst wie ein Wahngebilde aus. Die Unglücksschatten liegen oder stehen herum, ausgemergelt, Verschmachtende – und die dummen, großen, traurigen Kamelaugen werden immer trüber, brechen... Und von dieser todgeweihten Gesellschaft, die vielleicht absichtlich irregeführt wurde von dem Tubu, der gestern desertierte, sind Sie der einzige, der noch einigermaßen vernünftig denken kann, weil er muß. Denn er hängt auf dem letzten Rennkamel der Tuaregs, das bisher ausgehalten hat. Es ist freilich ein trostloser Schemen, der sich gleich den Menschen niedertun möchte zum Verenden, und der nur unter den unmenschlichsten Züchtigungen weiterkriecht. Und da stehen Sie an diesem verschütteten Brunnen und wissen ganz genau, daß das Schicksal aller besiegelt ist, wenn Sie nicht auf diesem verendenden Kamel doch noch die nächste Oase oder die nächsten Beduinenzelte erreichen. Sie möchten vielleicht auch lieber sich in den Wüstensand einwühlen und da ruhig sterben. Aber Sie dürfen es nicht! Der letzte der beiden Europäer, die überhaupt bei dieser Expedition waren, hat mehr zu tun als nur zu verschmachten ... Es ist wahrhaftig nicht der wissenschaftliche Ehrgeiz allein, die Furcht, daß die Ausbeute von Jahren hier unter Wüstendünen langsam begraben wird, es ist vielmehr die Empfindung, daß man das, was man einmal angefangen, auch durchführen muß um jeden Preis...« »Und haben Sie's denn wenigstens glücklich durchgesetzt?« »Allerdings... Aber ich wünschte Ihnen solchen letzten Ritt nie... Als ich zur Besinnung kam, war mein Kamel tot. Aber der Tuaregscheich, dem ich mich doch wohl vorher verständlich gemacht haben muß, rettete wenigstens einen Bruchteil unsrer Karawane.« Wenn Leute, die sonst nicht überflüssig reden, auf einmal loslegen, tagt's meistens fürchterlich. Ich weiß noch jetzt Wort für Wort, was ich sagte, und ich log wahrhaftig nicht. Aber als die Leute an der Table d'hote feierlich verstummten und alle Köpfe sich nach mir drehten, wurde ich vernünftig und hörte auf. Ich war durch alles Interesse der ›Neuen‹ nicht zu weiteren Erzählungen zu bewegen. Ich sprach für mich, nicht für die Table d'hote ... Als wir aufstanden, merkte ich an der Verbeugung, daß die vage Null zwischen Braten und Eis zu einer positiven Zahl geworden war. Das ärgert mich noch jetzt. Renommieren liegt nicht in meiner Art – und das war Renommage. Ich ärgere mich überhaupt über die ganze Sache. Den Leuten bin ich mit einem Schlage zu dem interessanten Mann geworden, der wahrscheinlich noch viel wunderbarere Dinge zu erzählen hat. – Die ›Neuen‹ wünschen mich durchaus zu den Ihren zu zählen, wenigstens für diese Saison. Graf Quedenberg stellte sich nach Tisch mir vor, und ich mußte anstandshalber für mich ein gleiches bei seiner Gemahlin erbitten. Der Geheime Kommissionsrat sagte wiederholentlich voll serviler Bewunderung: »Ja, ja, die Herren Afrikaner! - Das war wirklich höchst interessant ...« Ich wundere mich nicht, wenn er mir nächstens einen besonders ethischen Gedankensplitter versetzt. Die Leute werden mich natürlich im Konversations-Lexikon nachschlagen, und da sie mich dort keinesfalls weder unter den berühmten Reisenden noch sonstwo finden, werden sie wenigstens über mich phantasieren können ... Ich hasse Komödien – nun bin ich selbst als Komödiant entlarvt. Es war ganz unnötig: weder die Komödie des Schweigens noch die Demaskierung in diesem Renommistenton. Und da haben wir den Salat! – Ich bin nämlich zum Neunuhrtee eingeladen. Nicht etwa zu jenem gemeinen Tee im Speisesaal, den sich schließlich jeder für sein Geld servieren lassen kann, sondern zu dem intimen Tee im Angernschen Salon, der dem ganzen Hotel als das Exklusivste des Exklusiven gilt, der sich allabendlich, aber nur Auserwählten öffnet, und von dem auch ich neulich, als der Geheime Kommissionsrat auf Zehen hineinging, die Empfindung hatte, daß sich da alles mögliche besonders Vornehme ereignen müsse. Die Gräfin Angern stellte mich selbst auf dem Korridor. »Aber gnädigste Gräfin...« »O, kein Aber! Sie müssen einfach kommen. Wir sitzen zusammen, wir gehören zusammen. Und dann sind wir alle furchtbar neugierig. Sie werden so viel Interessantes zu erzählen haben, und Sie werden es hoffentlich erzählen.« »Ich erzähle sehr ungern, Frau Gräfin.« »O, wenn Sie davor Angst haben, Herr Rin – ich verspreche Ihnen, daß auch nicht das Wort Afrika von mir oder meiner Tochter erwähnt werden wird ... Es ist allerdings sehr schade, aber kommen müssen Sie!... Und da Sie mißtrauisch zu sein scheinen, so kann ich Ihnen für meine Person nur wiederholen, daß ich Sie noch immer für einen ganz alten Bekannten von mir ansehe und ja auch immer so zu Ihnen gesprochen habe. Man bittet nicht etwa den berühmten Reisenden, man bittet Herrn Rin, uns diesen Abend zu schenken. Sie sind sicher auch Ihrer Gesundheit wegen hier, und unsre leichte Geselligkeit wird Ihren Nerven besser tun als grüblerische Einsamkeit.« – Die Dame sagt dies wie alles mit einer jugendlichen Liebenswürdigkeit, der man schwer widersteht und die doch wohl nicht leere Form allein ist. Ich wollte nicht ja sagen – und ich mußte doch! – wer die Exklusivität belächelt, darf doch nicht selbst exklusiv sein. Und es war wirklich ein netter Abend! Der Salon selbst voll Blumen und Kleinigkeiten, aus denen Frauen im Umsehen ein kahles Hotelzimmer zu einem gemütlichen Heim machen. Wir standen erst unschlüssig umher und besahen und befaßten hinter dem Rücken der Hausfrau die niedlichen Nippes. Der gute Quedenberg wurde magisch von einem Briefbeschwerer angezogen, der den Gardedukorps-Helm des verstorbenen Grafen Angern en miniature darstellt. Er lächelte dabei etwas wehmütig: »Mein Regiment, Herr Rin, famoses Regiment!« – Der Geheime Kommissionsrat lobte besonders die Onyxpendule auf dem Kamin und erging sich in sächselnden Tiraden. Er muß wohl eine Uhrenfabrik oder so was Aehnliches gehabt haben, obgleich er immer von vornehmen Bekannten, aber niemals von der Industrie, die ihn reich machte, sonst redet. Mich fesselte am meisten ein kleines altmodisches Glasmedaillon an der Wand, ein gemaltes Wappen: der gewundene blaue Fluß im roten Feld. Es ist mein Wappen, und ich wußte nicht, daß auch noch eine andre Familie es führt. Aber als ich mich vorsichtig bei dem Bräutigam danach erkundigte, nannte er deutlich einen fremden Namen. – Wappen wiederholen sich oft, werden so gern angemaßt, namentlich wenn sie uralt sind, wie das meine. Und ich wüßte auch nicht, warum sich gerade mein Wappen hier hinter Glas und Rahmen vorfinden sollte, denn unter den Namen aus Vaters Jugenderzählungen, die mir noch sehr erinnerlich sind, befanden sich weder Angern noch Gundingen (die Gräfin Angern ist eine geborene Gräfin Gundingen). Aber trotzdem – das Wappen gab mir eine Art Heimatsgefühl, ich fühlte mich nicht mehr so fremd unter diesen fremden Menschen. Nachher gruppierten wir uns zwanglos, tranken Tee und aßen Konfitüren. Die leichte Salonunterhaltung flatterte. Aber sie war nicht aufdringlich, sie paßte in diese Umgebung. Und man war sehr höflich gegen mich, versuchte gewissermaßen frühere Kalendertage durchzustreichen ... Das Hotel, der See, und wie man jetzt in Deutschland bei Schneegestöber den guten Kachelofen preisen würde, während hier im Kamin die Olivenscheite nur aus malerischen Gründen zu lodern schienen. – Das beschäftigte uns in der Hauptsache, bis der Bräutigam plötzlich sagte: »Du, Josefa, Mittwoch hat dein Patenkind in Hoppegarten einen tadellosen Kanter absolviert.« »Peter, was habe ich dir gesagt? – Du solltest nie mehr...« »Ach so! Bitte um Vergebung.« Die Gräfin Angern lächelte mir dabei liebenswürdig zu. Wir verstanden uns nicht ganz. Warum ist jetzt auf einmal jede Sportunterhaltung ein Verbrechen? Die Braut selbst begann wieder mit ihrem Ring zu spielen. »Fang, Peter, fang!« rief sie lustig. Und der Bräutigam fing auch galant. Aber als er den Goldreif zurückgeben wollte, rollte der auf den Teppich. Wir bückten uns. Ich haschte ihn. »Danke.« Und sie spielte nicht mehr. Die junge Dame scheint überhaupt die einzige, die sich mit meiner veränderten Position noch nicht ausgesöhnt hat. Sie ist unbedingt liebenswürdig zu mir, aber mit außerordentlich kühlen, hellbraunen Augen. Später wurde für uns Herren noch Spatenbräu serviert. Unten im Hotelvestibül konzertierte derweilen eine italienische Musikbande. Sie spielten deutsche Walzer. Fremde Klänge dennoch! Die schmeichelnde Mandoline, die dumpfe Gitarre und der kokette, südliche Hauch über dem deutschen Tanz. Wir horchten auf, und die Frauenköpfe bewegten sich leise im Takt. »O Mama, ich muß mit Peter mal tanzen!« »Aber, Josefa, ihr könnt doch unmöglich 'runtergehen ...« »Brauchen wir auch nicht, Mama. – Der Kellner nimmt einfach den Teppich weg, wir machen die Tür ein wenig auf ...« »Ja meinetwegen, Kind! Wenn du durchaus willst ...« Während der Tanzsaal präpariert wurde, standen wir Herren in den Ecken 'rum. Der Kommissionsrat kam zu mir und klagte über seinen Magen: »Nein, Herr Rin, wenn nicht diese wirklich ganz famose Gesellschaft wäre, ich bliebe keinen Tag länger. Diese Oelküche und mein Magen! Die Gräfin Quedenberg hat sich von den Fleischpastetchen gestern auch noch nicht erholt ... Aber nicht wahr, die Gesellschaft einzig, einfach einzig?« Und er begeisterte sich wieder unnötig. – Auch der Bräutigam sprach bei dieser Gelegenheit allein mit mir: »Kannten Sie Quedenberg auch schon per Renommee? – Er ist ein Schaf, aber ein gutmütiges. Und wenn sie ihm mal Hörner aufsetzen sollte, so schadet das weiter nichts. Er merkt's ja doch nicht ... Aber sie ist ein famoses Weib, nicht wahr? Ja, die dümmsten Bauern haben eben die größten Kartoffeln. Ich gehöre übrigens auch dazu ... Sagen Sie mal, wie reitet sich's auf so 'nem Kamel? Hohe See?« – Und wie Frauen immer merken, wenn man sich über sie oder über ihre Männer unterhält, interviewte mich auch gleich darauf die Gräfin Quedenberg selbst. Sie sprach mit mir über Afrika, und wie gern sie einmal nach Algier gegangen wäre. »Es muß sehr interessant sein, und über die Skorpione grassieren wohl nur Fabeln ...« Sie sprach gewandt und liebenswürdig, die blauen Augen hatten dabei den eigentümlich starren Glanz der klugen, kühlen, unbefriedigten Frau. Sie ist ihrem Grafen schon treu, aber nur aus Ueberlegung. Und wenn dieser Kopf sich einmal auf das Herz besinnen sollte, dann müßte es mindestens ein berühmter Mann sein. Das junge Paar trat zum Tanze an. »Aber nur einmal 'rum, Peter – und nur mit dir!« Beim zweiten Pas verstummte unten die Musik. »Aber ich will tanzen!« Sie sah sich unschlüssig im Kreise um: »Graf Quedenberg, Sie pfeifen ja wie ein Virtuos, pfeifen Sie uns einmal die Washingtonpost! – Es ist zwar ein in England verpönter Tanz, aber ich bin keine Engländerin, und ich habe gerade mal Lust.« Der Graf pfiff. Er pfiff wirklich wie ein Virtuos. Das Paar tanzte. Wir lächelten – das Mädchen tanzt wunderhübsch. Man ahnt doch gar nicht, welch federnde Kraft in solch jungen Frauenkörpern schlummert! Ein Geigenstrich, ein Pfiff nur – und sie ist entfesselt. Sie tanzten zweimal, dreimal. Es war wirklich ein Genuß, das Mädchen tanzen zu sehen. Ich sah ernsthaft spöttisch zu. Als sie wieder vorüberkamen, sahen das Mädchen und ich uns wie auf Verabredung an. Es liegt ein tiefer Ernst im kind'schen Spiel. – Da ließ sie ihren Tänzer los. »Genug, Peter!« Unten begann, die Musik wieder. Diesmal ein gezierter Opernsingsang. Die ausgesungene Stimme der Italienerin, die das Tamburin schlug und dazu sang, klang unangenehm schrill. Wir blieben bis gegen Mitternacht. Die Fenster wurden geöffnet, wir durften rauchen. Die Treibhausgerüche des Südens zogen aus dem Hotelpart herein. Draußen war es windstill, lau. Ich sah von meinem Platz aus einen Streifen See mit dem flimmernden, lockenden, geheimnisvollen Aufleuchten, wenn der Neumond übers Wasser schleicht. Daneben die Edeltannen des Gartens, eigentümlich fahl, wie mit Schnee bestreut. Ueber ihnen im Hintergrund starrte ein scharfer, dunkler Felsgrat. – Sogar mein weißer Kater erschien urplötzlich mit einem Sprung auf dem Fensterbrett, verschwand aber sofort wieder. Er hat überhaupt seit einiger Zeit so was Wildes, Unstetes. Die Terrier, die im Nebenzimmer auf ihrem Betteppich gekränkt seufzten, weil sie Zurücksetzung und lange Gesellschaften nicht lieben, fuhren natürlich wie rasend durch den Türspalt zu uns herein. Die junge Dame rief ihnen ein herrisches: » Down! « Da trollten sie wieder zurück. Als Quedenbergs sich bedeutungsvoll ansahen, war es auch für mich Zeit. Es gab ein freundschaftliches Händedrücken für alle und für mich die besondere Versicherung, daß ich zu jedem Teeabend willkommen sei. Josefa begleitete uns bis an die Tür, während Mutter und Bräutigam zurückblieben. Der letzte, von dem sie sich ohne Händedruck verabschiedete, war ich. Dabei sagte sie: » Uebrigens so oberflächlich, wie Sie annehmen, sind wir Frauen nicht.« »Aber ich halte Sie speziell gar nicht für oberflächlich, Gräfin.« »O, ich hab's vorhin ganz genau gemerkt beim Tanzen!« »Dann haben Sie eben Gespenster gesehen.« »Kaum, Gespenster gibt's nicht... Später sage ich Ihnen vielleicht noch mal mehr.« »Warum nicht jetzt?« »Weil ich noch keineswegs weiß, Herr Rin, ob ich's Ihnen jemals sagen werde...« Das junge Mädchen irrt sich. Ich halte sie weder für oberflächlich noch tief, ich halte sie nur für die Tochter ihrer Mutter. Aber ihre Stimme liebe ich, weil sie Metall hat. Ich muß noch jetzt daran denken, wie wunderhübsch sie doch tanzte. Das Bild schwebt mir immerfort vor – diese knospende Jugend, diese spielende Kraft. Warum verpuffen eigentlich Frauen immer ihr Bestes in nichts? Heute ist große Trauer. Der Bräutigam ist durch ein Telegramm abberufen worden. Sein Inspekteur kommt eine Woche früher. – Mir liegt nichts Besonderes an dem Mann. Ich wäre wohl auch zum Abschied an der Landungsbrücke gewesen, wenn ich mich nicht zufällig beim Botanisieren verspätet hätte. Auf meinem Zimmer fand ich dann seine Visitenkarte. Die ist mir eigentlich lieber als der Mann. Viertes Kapitel Meine Balkonpromenade neulich war eigentlich ein Zufall. Ich war einen Augenblick im Garten, sah das offene Fenster, das Licht, und wollte mich bloß überzeugen, warum es zur selben Zeit bei diesem Rin dunkel war ... Ich freue mich nur mäßig, daß er meinen Rat doch befolgt. Vorige Woche hätte dieser Erfolg meiner Diplomatie mir wirklich geschmeichelt. Aber heute? Was heißt eigentlich Diplomatie? Was gehen mich im Grunde Menschen an? Es ist alles Unsinn... Ich habe mein Tagebuch in den dunkelsten Winkel des Bodens geschleppt, ich hasse es, ich verachte es. Ich hätte es am liebsten mit diesen meinen Krallen zerfetzt: denn es ist kaltherzige Lüge, baumwollene Phrase! Ich setze diese - Aufzeichnungen nur fort, um damit die vorherigen zu annullieren. Hier sitze ich und will ein Hund sein, wenn ich meine Ansichten je ändern soll: Es gibt keine Staatsweisheit, es gibt keine Diplomatenschliche, es gibt keinen Palazzo Farnese – es gibt auf dieser ganzen Welt nur noch Gargnano und den Palazzo Bettoni! ... Bei allen Geistern der Unterwelt! Wer streitet dagegen? Meine Feder knirscht. Wer wagt es zu behaupten, daß die purpurblonde Isolde di Gargnano keine echte Marchesa ist, daß sie jemals auch nur mit einem Haar ihres göttlichen Schwanzes einem andern Kater zugelächelt hat? Ich heiße nicht mehr Carlo, ich heiße Tristan! Ich habe den Zaubertrank auf einen Zug geleert, den sie mir mit sanfter Pfote reichte. Ich werde Isolde besitzen, ich werde wahllos treu sein, sie wird ewig in meinem Herzen leben... Als wenn dieser Gottfried von Straßburg nicht ein schwachherziger Verleumder wäre, als wenn ich mich je von diesem Engelsbild wenden könnte, als wenn ich wie sein Tristan zum Schluß mit einer ungeliebten, weißpfotigen Isolde abziehen könnte!... In meiner Seele glüht ein Vulkan. Ich fühle, wie seine Funken mir aus den Augen sprühen, wie seine Flammen mir die Zunge verdorren ... Ha! sie sollen kommen, diese Terrier! Und ich werde ihnen beiden zugleich mit einem einzigen Satz auf dem Rücken sitzen und sie so schnell abwürgen, als hätten sie nie gelebt!... Wenn dieser Rin Isolde jemals zu Gesicht bekommen sollte und dabei über ihren märchenhaften Stutzschweif witzeln – ich zerrisse sein Tagebuch, ich zerrisse ihn selbst! Ich bin für gemeine menschliche Freundschaften nicht mehr zu haben. Und wenn er ein Mann ist und kein Schwächling, so nimmt er sich die blonde Gräfin oder die braune Komtesse und schert sich den Teufel um den Gatten der einen oder um den Bräutigam der andern. Es gibt nichts Sinnbetörenderes, als sich von einer Delila die Schnurrhaare abschmeicheln zu lassen. Die Liebe ist eine Göttin, die auf rosigen Wolken schwebt, die Moral ein altes Weib, das auf Krücken keucht. Ach, Isolde, purpurblonde, köstliche! Meine Seele zerschmilzt in Weichheit, die Feder entsinkt mir, ich hauche Liebesseufzer ... Und du bist so weit von hier, hörst mich nicht, kannst mich nicht hören! Aber du weißt, wer dich liebt, wer für dich sterben will; du kannst unmöglich einen andern erhören, nachdem du die Tiefen meiner Liebe geschaut hast ... Nicht wahr, Geliebte, du kennst dieses Herz, du allein? Ich möchte zu dir eilen, dich beschirmen, trösten. Ich möchte dich ersticken in Liebesgluten ... Aber ich kann nicht! Nur diese Nacht noch gedulde dich ... Tristan muß erst seine Wunden heilen, die ihm ein unebenbürtiger Feind schlug. Und wenn er wieder vor dir steht, steht er als Sieger. O, dieser verruchte, graue Bäckergeselle, der mit dem alten König Marke nichts gemein hat als das Greisenhaar, mit seinen gemeinen Plebejerhieben, seinen wüsten Attacken, die jeder ritterlichen Fechtkunst spotten! ... Aber morgen, morgen! Ha, Schurke, dann begnüge ich mich nicht mit deiner schwersten Niederlage, dann will ich dein Herzblut fließen sehen! ... Ach, morgen, morgen! ... Und ich muß hier sitzen – die Pfote verrenkt, das Olympierkleid besudelt – Ich schreibe dieses Tagebuch, weil ich etwas tun muß, weil ich mich nach Taten sehne, die ich heute nicht tun kann. Wenigstens dieses elende Papier soll von dem römischen Geist meiner Ahnen erzählen, jenes Hochgefühl widerspiegeln, das sie einst zu den Horatierkämpfen begeisterte. Und wenn mich vielleicht doch das Blachfeld morgen deckt, wenn ich schon heute meinen Wunden erliege – Isolde soll es wissen, wie ich sie geliebt habe, lieben werde auch in Katerwalhall ... Sie wird den Schleier nehmen, sich ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, ihre Seelenreinheit ... Aber wenn sie am Ende gerade dann diesen Bäckergesellen ehelichte, wenn sie, ein ahnungsloses Kind, einen Banditen erhörte? Denn seltsamerweise finden gerade Kinder an Banditen so großes Gefallen ... Es kann nicht sein, es darf nicht sein! Tristan lebt. Und während ich diese düsteren Phantasien niederschreibe, und dabei des zärtlichen Augenleuchtens Isoldens gedenke, das unsern Kampf begleitete und das vielleicht diesem Bäckergesellen mitgegolten hat – gerade vornehme Damen, selbst königliches Blut liebt es in Italien, sich mit Stallknechten zu mischen –, schaue ich von der Bodenluke von Zeit zu Zeit düster auf den Garda. Die dunkle Isola grüßt herüber ... Ach, wenn doch Isolde dahin geflohen wäre, weil sie wie Penelope inmitten der Freier ihren Ulysses nicht vergessen kann – wenn sie doch da wäre! Ich schwämme hinüber, das feuchte Naß kühlte meine Wunden. Ich sehe sie im Mondenschein auf einem Felsvorsprung träumend sitzen. Sie ahnt nichts. Ich steige lautlos zu ihr hinauf, achte die stacheligen Agaven nicht, unter denen ich blute. Ein Sprung – ich umarme sie glühend, sie schmiegt sich zärtlich an mich ... Oder wenn sie auf dem bleichen Monte Baldo-Rücken drüben thronte, der so leichenhaft stumm ins Mondlicht starrt – ach, wenn sie doch dort thronte! Schnee kühlt wohl Wunden, aber er löscht die Liebe nimmer aus. Isolde, Isolde! ... Ich fühle, wie mir die Nase brennt, wie das Fieberdelirium heranschleicht. Ich kann nicht mehr seufzen, ich muß flöten, singen das wildeste Liebeslied, das bis Gargnano dringt. Und da höre ich auch schon, wie diese stumpfnüstrigen Hotelgäste ihre Fenster öffnen, wie sie ingrimmig fluchen, diese Barbaren; ich glaube, dieser falsche Graf, dieser Rin flucht auch. Und es ist etwas Wunderbares um den Kampf, die Gefahr! ... Bis zum nächsten Nachmittage hielt ich aus, – dann mußte ich fort! Mein Blut siedete, das Auge sah rot. Ich mußte zur Geliebten, zum Kampf. Ha, zum Kampf! Und wie ich mich danach sehnte, wie sich die Muskeln strafften, wie meine Nerven vibrierten! Dieser graue Bäckergeselle stirbt noch heute – ich schwöre es! Meine Wunden sind noch nicht geheilt, der Durchzieher über der Nase klafft, mein Hermelin sieht aus, als wenn ich vierundzwanzig Stunden unausgesetzt durch Dornhecken gekrochen wäre; auch mein Augenlid zeigt eine schwere Blessur. Was tut's? Weg mit diesen nichtigen Aeußerlichkeiten, dem eitlen Tand! Liebende Frauen möchten nur die große Seele sehen ... Je mehr Helmfedern dem Turnierritter geknickt sind, je dunkler das Blut durch den Halsberg sickert, je zerfetzter der Sieger aus dem Sattel steigt zum Damendank – um so heißer blitzen auch die Augen der Schönen, um so leidenschaftlicher fliegen ihm die Herzen zu. Vor dem Tjost verlangen die Frauen die gleißende Rüstung, das zierlich kurbettierende Pferd, die wallende Schabracke, aber im Kampf selbst wollen sie Wunden sehen, tiefe Wunden, als Gewähr, daß der Ritter auch für sie zu sterben bereit war. Vielleicht liegt darin eine reizende Grausamkeit, eine Stimulanz der Sinne, die doch nur größere Freuden in ihren Armen nachher prophezeit. – Gleichviel, sie wollen alle den Kampf sehen. Die schweren Lanzen müssen splittern, die Helmbänder bersten, die Zartfühlendste würde es nie vergeben, wenn der Geliebte für sein Leben auch nur einen Schritt zurückweicht. Sie heischen Männer, Sieger, es gilt ihnen ganz gleich, welch zerhauener Kämpe vor ihnen niederkniet, es muß nur der Sieger sein. Die Liebe ist ein Kampf, weiter nichts als ein Kampf – es ist gut so. Dafür, daß Frauen lächeln dürfen, müssen Männer bluten. Als ich mich am Nachmittage zum Turniere aufmachte, bebte ich auf den Entscheidungskampf. Der antike Ritter war in mir viel mächtiger als der provenzalische Minnesänger. Hie Colonna, hie Orsini! – So stürmte ich fort die Felsstraße, die nach Gargnano führt. Natürlich eilte ich etwas oberhalb der Straße selbst durch die Villengärten, auf den Vignenmauern, an den Olivenhängen über das braune Geröll, wo die stachligen Agaven sich so dreist eingenistet haben – doch ich kannte keine diplomatischen Umwege, die ich verachte. Ich folgte immer der direkten Straße, die in dieser unheimlich kultivierten Riviera sich durch so viel blühende Ortschaften windet, an so viel unnötigen Felsvorsprüngen vorüberstreicht, und bei jeder neuen Biegung gaukelte mir die vorauseilende Phantasie Gargnano und seinen Bettonipalast vor. Ich war nur noch fahrender Ritter! – Wenn auf der Straße unten ein italienischer Bengel, der seiner Eidechse ein Bohrloch durch den Schwanz gezogen hat und dann an einem Strick das unschmackhafte Tier freundlich auf der Uferbrüstung spazieren führt, auch nur aufsah, fauchte ich wütend; – als ein Maultiertreiber mit der Peitsche knallte, fühlte ich die größte Versuchung, ihm ins Gesicht zu springen, und als ein deutscher Tourist mich mit Steinen bewarf, fuhr ich mit so wildem Schrei an ihm vorüber, daß er mir kopfschüttelnd nachsah. Sie sollen einen Kater auch nur scheel anzusehen wagen, diese Schurken! – Eine Weinbergmaus, die meinen Pfad kreuzte, erstarrte sofort unter meinem Blick. Ich nahm sie nicht, sie wird auch so vor Schrecken gestorben sein. Endlich Bettoni – der Riesenpalast mit seinem flachen Dach, seinen Wasserspeiern, davor der gepflegte Park mit feinen Terrassen, seinen geschorenen Hecken – Isolde, Isolde! – Jetzt stob ich direkt durch das Nest, denn es konnte Gefahr im Verzuge sein, der graue Brigant hatte vielleicht schon gesiegt oder ein andrer Ritter empfing den Minnelohn, weil die Herolde keinen neuen Kämpen mehr ausriefen. Ich kletterte in den wunderbar verfallenen Garten am Eingang der eigentlichen Stadt, der als Tournierplatz erklärt worden ist, well er neutral, weil in ihm die dunkelsten Zypressen, die vermorschtesten Oliven, die geheimnisvollsten Schutthaufen gleichmäßig zum Kampfe wie zur Liebe locken. – Ich sah schon im Geiste hier alle Kater der Welt aufgereiht mit glühenden Augen kampfgewappnet in der Dämmerung sitzen. Es war wirklich etwas dämmerig geworden. Doch nur zwei alte Buschklepper trieben sich scheu herum, ein junger Naseweis retirierte auf einen Baum. Ich war enttäuscht. Ich wollte Blut sehen, Herzblut, aber nicht das von Greisen oder Knaben. – Da – Sieg! – stieg der graue Bäckergeselle gerade ahnungslos durch die verrosteten Eisenstäbe der Maueröffnung ... Gestern hatten wir uns mit Sekundanten geschlagen, und diese engherzigen Lokalpatrioten von Gargnano erklärten, daß die Reiterhiebe des Grauen kommentmäßig, daß man überhaupt im Kampf auf Hieb und Biß den Vorteil nehmen müsse, wo man ihn finde ... Sehr richtig, meine Herren! Ich werde Ihr Rezept sofort befolgen. – Ich brauche keinen Komment, keine Sekundanten, ich bin ein freier Ritter, der seinen eignen Tourniergesetzen folgt. Und im Augenblick saß ich schon dem Grauen an der Gurgel. Er war völlig überrascht, überlistet durch meine blitzschnelle Attacke, er schlug einen jämmerlichen Lufthieb. Dann rollten wir uns. Ich nahm meinen Vorteil wahr, zerbiß den Verbrecher, aufs Erbarmungsloseste, er rang vergeblich nach Luft, und ich hätte ihm ganz sicher den Garaus gemacht, wenn dieser ehrlose Schurke nicht auf einmal angefangen hätte, mit seinen Bäckerkrallen nach meinem blessierten Bein zu hacken. Das war mir zu gemein; ich ließ ihn halbtot liegen. Wer nach einer solchen Niederlage noch zu leben vermag – wohl ihm! Ich hätte den qualvollsten Tod dieser schimpflichen Gnade vorgezogen. So stand ich, blutig und groß, neben der dunkelsten Zypresse. Ich suchte vergebens nach Isolden, flehte um den Minnelohn. Und während ich noch sang, kam Isolde wirklich von derselben Zypresse herabgeglitten, an der ich stand, schüchtern, beinahe schuldbewußt, als wenn sie eigentlich dem Bäckergesellen den Sieg gewünscht hätte. Sie ist eben ein ahnungsloses Kind, das leicht auf die plumpesten Schliche hineinfällt. Sie warf auch nur einen halben Blick nach dem Elenden, der sich gerade von seiner Ohnmacht erholt hatte und von dannen schlich. Dann sieht sie mich an mit Augen so märchenhaft leuchtend, wie der Schmelz der köstlichsten Perlen, ein einziges Miau, durch das eine Welt von Leidenschaft zittert – sie ist mein, mein für ewig! O wonnige, unvergeßliche Nacht – ich werde niemals den Schleier von den Mysterien der Liebe lüften! Niemals! Ich schreibe nur noch mein Tagebuch fertig und kehre nie mehr zurück. P.S. Isolde schmiegt sich an mich. Ich bin nur noch Liebe. Gegeben Palazzo Bettoni am 1. März. Und nun sind wir glücklich mitten drin im Badeleben und unter den Bademenschen, deren drei Lebensfragen heißen: Was wird morgen für Wetter sein? Was werden wir anziehen? Was für eine Partie werden wir machen? ... Das Schlimmste, was der Himmel schicken könnte, wäre eine Regenwoche. Wir beten darum allabendlich um helle Sonne, blauen Himmel, neue Spaziergänge. Ich bereue keineswegs. Ich gehöre überhaupt nicht zu den Menschen, die bereuen. Das überlasse ich den Frauen, die am Fasching so heiß sündigen und am Aschermittwoch so zerknirscht büßen. Wir Männer handeln und tragen die Konsequenz. Was wären die Religionen ohne die Sünden der Männer und die Buße der Frauen? Und wir »Neuen« sind keineswegs schlecht! Wir sind gut erzogen, noch besser angezogen, und eine häßliche Wahrheit würde uns weit unangenehmer sein, als die schönste Lüge. Wir unterhalten uns ganz natürlich, wir lachen frei, aber wir kennen sehr genau die Grenze, über die unsre Moral spielend hinwegkommt, die unser Anstand jedoch unbedingt respektiert. Wie die Hoteliers mit der Sauce piquante auch die Schuhsohle schmackhaft machen, so gießen wir eine weiße Sauce über alles, Gutes und Böses, Vornehmes und Gemeines. In dieser Sauce wandeln wir, und niemand fragt, ob derweilen unsre Füße auf ehrlich festem Grunde stehen oder durch den zweifelhaftesten Schlamm waten: die weiße Sauce deckt alles. Wir sind darum weder dümmer, noch verlogener, noch kühler als andre, wir sind nur gleichmäßigere Komödianten. In bessere oder schlechtere Komödianten schied sich doch seit Anbeginn die Welt ... Wir würden uns die kapitolinische Venus bei einem Galeriegang mit Damen recht genau ansehen, aber scheinbar zerstreut mit einer umwölkten Stirn, wir würden das klassische Profil bewundern, aber niemals bei einer nackten Göttin über den goldenen Schnitt disputieren. Die Plebs stößt sich bei solchen Gelegenheiten heimlich an, kichert, dreht das Marmorbild nach allen Seiten. Das letzte würden wir auch tun, doch erst, nachdem wir uns mehrmals überzeugt haben, daß wir allein sind mit dem formenfrohen Griechentume. – Ich meine doch, in der Schranke, die sich die Gesellschaft zieht, liegt auch eine gewisse Gewähr, daß man sie nicht überklettert. In solcher Gemeinschaft hält man gut einen Monat aus, dann findet man entweder Geistesverwandte, mit denen man sich absentiert, oder man wandelt allein auf eignen Wegen. Denn wir sind wahrscheinlich alle Eigenarten, mögen uns nur nicht damit lästig fallen. Es liegt ein Reiz drin, bei einer Artusrunde niederzusitzen, die den Helmsturz immer nur scheinbar lüftet. Es müssen doch auch Menschen sein, Herzen, die schlagen! – Aber was für Herzen? Vorläufig habe ich keinen Grund zur Skepsis. Warum auch? – Wer in Sommerfrischen geht, will Sommerfrischler kennen lernen ... Und schließlich – der Quedenberg ist nicht dümmer als die Polizei erlaubt, seine Frau nicht kühler als eine Vernunftehe befiehlt, der Kommissionsrat mit seinen Gedankensplittern und seinen Magenschmerzen nicht aufdringlicher als ein sehr vornehmer Uhrenfabrikant a. D. es nötig hat; seine Nichte mit der etwas untersetzten Junogestalt, den weißen Zähnen treibt keinen Mißbrauch mit ihren gutbürgerlichen Tugenden. – Und Angerns? – Ja, über dies Genre bin ich mir allerdings noch nicht ganz klar. Die Liebenswürdigkeit der Mutter ist so natürlich, die kecke Art der Tochter so graziös, daß ich mir sagen muß: die tragen keine Maske, die sind vom Grunde ihres Herzens so ... Aber sind das eigentlich jemals Menschen, können sie es überhaupt sein? Hat nicht auch das offenste Herz einen geheimen Winkel, in den es sich von Zeit zu Zeit zurückzieht und hohnlächelnd denkt: Wenn ihr ahntet, welches Heiligtum ich hier hüte, oder vor welcher Leiche ich hier knie! – Wenn das bildhübsche Mädchen, die Josefa, an mir nachmittags vorübergeht mit dem täglichen Brief des Bräutigams in der Hand – sie vermißt ihren Peter ganz sicher und sagt das auch; oder wenn sie so schweigsam bei unserm Nachmittagskaffee sitzt – die Augen haben dann etwas warm Verschleiertes; und wenn sie auf einmal kurz auflacht und die hellbraunen Augen zeigen zuweilen ein recht ungutmütiges Flimmern: dann frage ich mich doch, wann eigentlich solche Frauen die Maske tragen. Wenn sie schweigen oder wenn sie lachen? Dieses helle Auflachen hat übrigens seinen speziellen Grund. Wir debattierten nämlich an besagtem Kaffeetisch ernsthaft, ob man den Beruf den Menschen unbedingt ansehen müsse! – Ich erklärte: das sei bei außergewöhnlichen Menschen schwer, weil ihre Eigenart im allgemeinen unabhängig sei von dem, was sie gerade treiben; daß aber der Durchschnitt sich unwillkürlich assimiliere, weil er nun einmal das Produkt von Verhältnissen und Umgebung sei, und daß der länger geübte Beruf fast jedem von ihnen auf der Stirn geschrieben stehe. Daher die ganz typischen Handwerksgesichter: der fipsige Schneider, der weibische Friseur, der brutale Fleischer ... Ob man den Volksschullehrer nicht immer an der halbgebildeten Selbstgefälligkeit, den Subalternbeamten am pedantischen Brillensitz, den Professor an seiner Verbohrtheit erkennen könne? Und nun gar der Pianist mit seiner Haarfrisur! Die Musik wirkt überhaupt meiner Ansicht nach außerordentlich fördernd auf den Haarwuchs ... Was sich über das Handwerksmäßige des Berufs irgendwie erhebe, habe auch nicht mehr das Handwerksgesicht, die Handwerksart! – Ich sagte das alles natürlich nur scherzhaft und klassifizierte mit Absicht grob. Aber tatsächlich haben sogar die verschiedenen Zeiten ihre verschiedenen Gesichter; was sie hauptsächlich bewegt, ist ihnen aufgedrückt. Die Gesichter passen beinahe zum Möbelstil ihrer Epochen. Man kann sich die kühl wollüstigen Borgiaphysiognomien schwer in der steif spielenden Unnatur eines Rokokosalons vorstellen; auf einem schweren Renaissancesessel würde die geschnürte Schönheit der Dubarry zur geschminkten Puppe. Aber das wüst geniale Pockengesicht Mirabeaus paßt ebenso gut und ebenso schlecht in die Spiegelgalerie von Versailles wie zu der blutbesudelten Bank einer Vorstadtkneipe von St. Antoine. Er trug den Galanteriedegen an der Seite, die Jakobinermütze auf dem Kopfe, und auch der Ausdruck seines Gesichtes gehörte zwei Zeitaltern. Das haben die großen Uebergangsmenschen so an sich, daß sich bei ihnen auch äußerlich die Vergangenheit und die Zukunft widerspiegelt... Wenn wir die Geschichte etwas naturwissenschaftlicher betrachteten, würden wir die großen Fragen der Zeit breiter, verschwommener behandeln, wie sie's ja auch in der Tat sind – die großen Männer aber schärfer erfassen, weil sie allein die ragenden Entfernungsmarken auf den langen Wegen der Menschheit sind. Wir würden dann sehen, wie die neue Idee des einzelnen ganz natürlich zu den neuen Formen der Allgemeinheit fortschreitet. Die Kinder in der Schule sollten weniger von den Schlachten des Mittelalters, aber mehr von dem Pendelversuch Galileis wissen. Wir behandeln den kleinen Peloponnesischen Krieg aufs umständlichste: daß der große Perikles an der Pest starb, wird nur ganz nebenbei erwähnt... Das Handwerksgesicht unsrer Erzieher guckt da unverkennbar durch... So weit ging ich natürlich bei der Debatte nicht, sonst hätten sie mich am Ende selbst für einen Schullehrer gehalten. »Und für was haben Sie uns gehalten?« fragte darauf vernünftig die Gräfin Quedenberg. »Für das, was Sie sind, meine Herrschaften.« Da sah die Braut von ihrem Brief auf, den sie scheinbar sehr eifrig studiert hatte. »Also auch für Durchschnitt? – Das ist ja sehr schmeichelhaft!« Die Mutter begütigte sofort: »Aber Josefa, das sind wir doch auch und wollen auch gar nichts andres sein als Durchschnitt im besten Sinne.« »Das weiß ich aber noch gar nicht, Mama, ob ich das sein will!« – Auf einmal fing sie an zu lachen. »Und wissen Sie denn, für was wir Sie gehalten haben, Herr Rin?« Die Herrschaften sahen sich dabei ziemlich verlegen an. Die junge Dame aber fuhr triumphierend fort: »Einer hat Sie für einen nervösen Amtsrichter gehalten, einer für einen verbissenen Lothringer, einer sogar für einen Franzosen, der alles Deutsche haßt – keiner hat Sie erkannt. Das wäre ja nach Ihren Theorien auch nicht möglich gewesen ... Ich aber sagte sofort: Das ist der mißvergnügte Nobile, wie er im Buch steht! – Und, Herr Rin, wenn Sie ganz ehrlich sind ... im Grunde Ihres Heizens sind Sie eigentlich schrecklich hochmütig und sehen niemand als Ihresgleichen an.« – Da ist allerdings ein Körnchen Wahrheit drin. Der Insel ist diese Auseinandersetzung sehr pläsierlich. Ich kann aber auch höflich sein. »Und nun will ich Ihnen etwas sagen, Gräfin: Ich habe von sämtlichen Herrschaften hier sofort eine bestimmte Vorstellung gehabt, wenn ich das aber von Ihnen auch sagen sollte, müßte ich lügen – heut noch.« Sie sah mich darauf kühl spöttisch an. »Also auf deutsch: ich bin noch nicht fertig? Ich kann noch etwas ganz andres werden, als ich bin?... Ich glaube, Herr Rin, da irren Sie sich doch. So wie ich bin, bin ich mir gerade recht, niemand zuliebe, niemand zuleide. Mir wär's ein schrecklicher Gedanke, wenn ich mich mit meinen zweiundzwanzig Jahren noch wirklich ändern sollte... Denn sehr viel besser werden? – Ich glaube, zur Heiligen habe ich keine Anlage ... Oder sehr viel schlechter? – Das möchte ich wenigstens auf keinen Fall ... Solange ich jung bin, werde ich leben, und wenn ich alt bin, werde ich andre für mich leben lassen. So ungefähr weiß ich doch meine Zukunft, und was anders kommt, das trägt man eben.« »Es kommt manches anders, liebes Kind,« sagte die Mutter. »Ja, ja, Frau Gräfin,« echote der Kommissionsrat im besten Sächsisch. »Wenn man dabei nur nicht den innerlichen Halt verliert.« Die Gräfin Quedenberg zuckte die Achseln. Die älteren Herrschaften fühlten darauf die Neigung, noch im Hotelgarten auf und ab zu gehen, auch der Graf absentierte sich mit einer Zigarette. Als wir allein waren, sagte die Quedenberg ruhig: »Ja, Herr Rin, wir sind tatsächlich Durchschnitt, nur Durchschnitt. Aber que faire? « Josefa stritt dagegen: »Das möcht' ich nicht! Durchschnitt, ganz gemeiner Durchschnitt? – Das will ich erst abwarten. Nicht zu weit rechts, nicht zu weit links, aber nicht gerade direkt auf der Landstraße... Wenn Peter auch nicht Generalstäbler wird, auf Reitschule muß er unbedingt!« Die Quedenberg schwieg. Ich kenne den gewissen Blick bei Frauen, der auf einmal so kühl über irgendeinen bestimmten Menschen hinweggleitet. Der Graf war eben wieder in die Verandatür getreten. Seine Gemahlin mochte denken: sei nur erst verheiratet, liebes Kind, dann wirst du schon den Durchschnitt kennen lernen, den ganz gemeinen Durchschnitt. Sie stand auf und lächelte recht freundlich: »Komm, Fritz, wir müssen noch unser Promenadenpensum bis Gardone absolvieren!« Wenn wohlerzogene Frauen einmal mit den Augen eine Wahrheit sagen, müssen sie auch gleich eine Lüge der Lippen draufsetzen. Unser Kaffeetisch löste sich damit in Wohlgefallen auf. Josefa, die nach dem Kaffee immer ihren Brautbrief schreibt, sagte im Vorbeigehen zu mir: »Damit Sie auch über neulich orientiert sind, Herr Rin: Ich habe mich über Sie geärgert und habe das auch sofort Mama gesagt... Warum blieben Sie eigentlich nicht der mißvergnügte Nobile? Nun muß ich umstudieren. Und das tue ich schrecklich ungern.« »Ja, Gräfin, ich muß bei Ihnen vielleicht gleichfalls umstudieren.« »Ich hoffe keinenfalls ... Aber warum ich mich neulich geärgert habe, das können Sie doch nicht verstehen.« »Und wenn ich es nun zufällig doch verstände?« »Dann verständen Sie's erst recht nicht!« Das Mädchen ist ein eigentümlich widerspruchsvolles Geschöpf, aber weder dumm noch flach. Vielleicht gehört sie zu den Frauen, die erst geweckt werden müssen, um sich auf sich selbst zu besinnen ... Lohnt's? – Ich glaube doch nicht. Auf die Berge steigen wir auch. Es liegt jenes prickelnde Mousseux in der weichen klaren Luft, das entweder hinaus auf den blauen See zieht oder hinauf auf die blauen Berge. Ich mache mit. Warum sollte ich nicht? – Wir benehmen uns ja auch so gesittet. Erst geht's die Landstraße nach Gardone mit dem aufgeschütteten Promenadenweg, den Ruhebänken der Stazione climatica . Am Steilhang kleine Zypressen, wie aus einer Spielzeugschachtel aufsteigend, in den Villengärten die sanft plätschernde Fontäne, die so wundervoll zu den helleuchtenden Rasenbosketts, den dunkeln, glänzenden, immergrünen Blattgewächsen des Südens stimmt. Der Park von Versailles hat für mich immer etwas Schwermütiges, Gewesenes – er ist doch nordisch, trotz seiner künstlichen Pracht, trotz der prunkenden Schloßfront, die ihn so souverän beherrscht, wie der Sonnenkönig Frankreich. Er ist eben nur noch Geschichte. – Hier aber wirkt auch das Künstliche natürlich, und der südliche Duft erzählt nur von Gegenwart. Das nagelneue Landhaus eines italienischen Edeln paßt sich merkwürdig gut den dumpfigen, Steingemäuern an der Straße an – in diesem Land der Widersprüche, die die Sonne doch versöhnt ... Und dazu blaut ein Stück See herauf, so aufdringlich leuchtend wie ein Farbendruck, und doch so wunderbar echt wie dieser ganze lachende Süden in seinem tiefernsten Gebirgsrahmen. Das ist eben der Unterschied zwischen Kunst und Natur, daß die eine nur ahnen lassen darf, was die andre frei verkündet. Hinter Gardone, am Hotel, biegen wir gewöhnlich ab. Nach der Landstraße heraus liegen die Küchenräume des Riesenhotels, das sich hier schmucklos streckt wie eine endlose Limonenmauer. Das Tellerklirren, die Eßgerüche, die weiße Mütze des Kochs – man denkt an die Table d'hote, aber nicht ans Sterben. Und keine zehn Schritt davon, jenseits der Landstraße, in dem sanft ansteigenden Garten die Kranken in ihren Liegestühlen, die Verwelkten, Alten, die aufgeschminkt Jungen – die gezeichneten Gesichter. Zuweilen schleicht ein Rekonvaleszent vorüber, und man sieht es den Augen an, wie gierig die Lungen die milde Luft trinken, oder im halblauten Gespräch geht ein Paar vom Hotel zum Berggarten hinüber: die Mutter in Schwarz, weil sie vor Jahren den Sohn hier verlor, die Tochter in Weiß, weil sie glückliche Braut ist und so gern heiraten möchte. Aber die zehn Pfund mehr, die der Arzt zur Bedingung macht, wollen nicht kommen trotz allen Ruhens, allen Milchtrinkens. – Und wir sehen das alles und sehen's auch nicht, und unser Mitleid verflüchtigt sich in dem Trost, daß wir, Gott sei Dank, noch sehr gesunde Lungen haben. Bis zur Kirche von Gardone di sopra, die auf halber Höhe so malerisch und so bequem liegt, gehen wir unter den üblichen Gesprächen gemeinsam im Trupp, und jeder kann die Tugend des andern genau konstatieren. Aber dann wollen die Gräfin Angern und der Kommissionsrat gemächlich die Aussicht genießen, und die Gräfin Quedenberg, die die Natur nur scheinbar liebt, schließt sich an. Josefa aber wird regelmäßig ungeduldig. Je höher sie steigt, desto wärmer werden die Augen, desto voller atmet sie. Und sie hat ihren besonderen Freund, zu dem es sie drängt, den Lorbeerweg, der sich etwas höher hinauf sanft schlängelnd bis hinüber nach Fasano di sopra zieht. Da geht's sich so bequem. Man kann den See unten blauen sehen, und die Schneekuppen oben schimmern, während man selbst unter veritabeln Lorbeerbäumen wandelt. Da macht es sich, daß wir den andern immer weit voran sind. Und anstatt uns der Landschaft zu freuen, hecheln wir unsre Freunde durch. »Der Kommissionsrat?« antwortet sie schnippisch auf meine Frage. »Ich könnte ihn entbehren. Aber die Nichte ist wirklich ein nettes Mädchen... Ist er Ihnen auch so lästig?« »Ich höre nicht hin, Gräfin.« »Aber die Gedankensplitter! Denen können Sie doch nicht entgehen... Uebrigens bin ich undankbar. Gerade die Gedankensplitter sind manchmal furchtbar amüsant. Und wenn er etwas ganz Tiefsinniges aus dem Daheimkalender oder so woher zitiert hat, muß er es mir immer noch ein zweites Mal genau wiederholen. Ich berichte dann nämlich wortgetreu an Peter. Er lacht sich, glaube ich, tot. Und er läßt auch immer den Kommissionsrat besonders herzlich grüßen, und der Arme hat keine Ahnung, warum er uns eigentlich so sympathisch ist... Er ist jedenfalls ein echter Parvenü, obwohl das Mama in ihrer Güte nicht wahrhaben möchte. Denn wer wenigstens so viel Grafen und Fürsten zu intimen Freunden haben will, wie ich ungefähr Menschen bis jetzt gesehen habe im Leben – der hat entweder mal hinter dem Ladentische eines Juwelengeschäfts gestanden und daher die Bekanntschaften, oder er schläft jede Nacht mit einem Almanach de Gotha unter dem Kopfkissen.« »Ich habe Ihr gutes Herz bis jetzt mißkannt, Gräfin.« »Ach so, weil ich bösartig bin!... Ich behandle doch den guten Mann sehr freundlich, und wenn er mich langweilt, ist es mein gutes Recht, mich über ihn zu mokieren. Anständige Manieren hat er. Das ist aber auch alles.« »Und wenn ich noch heute hingehe und ihm das alles wortgetreu berichte?« »Bitte! Aber stürzen Sie sich lieber nicht in Ungelegenheiten, denn er glaubt's Ihnen ja doch nicht... Bleiben Sie übrigens mal einen Augenblick stehen!« Sie mißt mich mit einem scharfen, schnellen Blicke: »Nein, Sie petzen nicht!« Es macht mir eigentlich Spaß, wie sich allmählich das Wahngebilde von der fest gefügten »Insel« verflüchtigt. Die Leute halten nur äußerlich so fest zusammen, weil sie sich innerlich so wenig engagieren... Und eine Eigenart ist das Mädchen doch. Wer ihr in die Finger gerät, der kann sich gratulieren. Ueber Quedenbergs äußerte sie sich ähnlich. »Sie ist klug, und ich mag sie riesig gern. Nur ihr Klavierspiel gefällt mir nicht. Ich bin allerdings unmusikalisch. Aber wenn jemand so glänzend spielt, müßte er leidenschaftlicher spielen. Ich kann ihr auch unrecht tun. – Doch was ich wirklich bewundere, ist, daß sie es überhaupt so weit gebracht hat. Ich glaube, sie ist ganz arm! Ihre Eltern, preußische Offiziersfamilie, doch sehr guter Adel. Und wenn sie sich nicht verheiratet hätte, dann würde sie sich zur Pianistin oder so etwas ausgebildet haben. Die Energie dazu hat sie. Ich denke auch, es wäre vielleicht besser gewesen. Es muß ja schon schrecklich sein, für Geld vor Leuten zu spielen – und ich brächte es nie fertig! – aber einen Ouedenberg könnte ich erst recht nicht heiraten. Für meinen Geschmack schlimmer als der Tod. – Ein Mann muß doch etwas im Leben sein oder es wenigstens werden wollen! Aber nichts weiter als Lackschuhe, seidene Strümpfe und den Riesenbrillanten auf dem kleinen Finger wie dieser Quedenberg... Wenn ich jemals Gott auf den Knien, gedankt habe, daß wir wohlhabend sind, nein, daß wir sogar reich sind, sehr reich, daß ich nicht zu warten brauche, bis mich einer nimmt...« »Aber Gräfin, die beiden Leute sind wahrscheinlich ganz zufrieden miteinander...« »Wahrscheinlich!« »Kluge Menschen finden sich überraschend schnell in neue Situationen. Und was noch wichtiger ist: sie halten darin aus.« »Nun, ich hielte nicht darin aus!« Dann bleibt sie einen Augenblick nachdenklich stehen. »Es ist mir allerdings aufgefallen, wie merkwürdig streng Jeanette Quedenberg über die Ehe denkt. Ich denke natürlich auch streng über die Ehe und kann mir gar nicht vorstellen, wie man neben seinem Mann jemals noch einen andern Mann gern haben könnte... Aber in solcher Ehe wäre das ja die einzige Rettung.« »Dann, Gräfin, ist die Quedenbergsche Ehe eben eine Lüge, wie so viele Ehen.« »Das soll sie aber nie sein!... Ich glaube übrigens nicht, daß Jeanette alles ausspricht, was sie denkt. Es sind eben nicht alle so offene Bücher, wie ich.« »Offene Bücher?« »Zu Ihnen natürlich nicht, Herr Rin! Aber ich kann wohl sagen, daß ich vor meiner Mutter auch nicht das kleinste Geheimnis habe, obgleich wir uns manchmal nicht verstehen. – Sie ist so engelsgut, und schließlich behält sie auch immer recht.« »Und meinen Sie, Gräfin, daß das ewig so bleiben wird?« »Ja. – Ich wüßte wenigstens nichts auf der Welt, was mich von meiner Mutter trennen könnte.« Damit hatte sie genug Moral gepredigt. Plötzlich blieb sie stehen und wandte sich um. Der Rest der Gesellschaft folgte in großen Abständen. »Graf Quedenberg – Herr Geheimrat!... Wir warten schon so lange auf Sie.« Sie rief das sehr natürlich. »Aber können Sie lügen, Komtesse!« drohe ich scherzhaft mit dem Finger. »Gewiß. Und es macht mir Spaß, daß die beiden guten Leute das gar nicht ahnen. Warum soll man nicht Schafen gelegentlich das Fell krauen? – Ich lüge, wenn mir's gerade paßt, weil ich will – aber niemals, weil ich muß.« Und dabei haben die hellbraunen Augen wieder den kaltspöttischen Glanz. Ich weiß jedenfalls nur, daß dies schöne Geschöpf wunderbar jung und frisch ist, und daß sie vieles ungestraft tun oder sagen dürfte, was andre nicht dürfen. Nach dem Lorbeerwege wandeln wir wieder hübsch gemeinschaftlich durch das reizende Bergnest Fasano di sopra, um dann nach Fasano hinabzusteigen und auf der Terrasse von Gigola unsern Kaffee zu trinken. Dem hübschen Mädchen sieht dann niemand an, wie sie lügt, wenn sie lächelt. Die Lüge gehört nun einmal zur Gesellschaft, und ich lüge bei allen Tugenden auch. Die Rücktour geht dann sehr schnell. Josefa muß noch ihrem Bräutigam schreiben und drängt nach Hause. Ich möchte lieber nicht wissen, welche Rolle ich in diesen Briefen spiele. Ich fürchte, daß das Wetter abflaut. Und wir haben dadurch auf einmal den Wagemut von Touristen bekommen, die dem Gewitter noch schleunigst entreißen möchten, was sie an guten Tagen bequem zu nehmen unterlassen haben. Die Menschen sind nun einmal so. Irgendwo muß das Schicksal mit gehobenem Finger ins Leben hineinschauen, ehe sie sich besinnen. Dann tun sie's – und gewöhnlich zu spät. Die heutige Partie nach Gaino geschah unter diesem Druck. Der Wind fächelt einen bald von rechts, bald von links um die Nase, zu guter Letzt schläft er gänzlich ein. Die langen, grauen, öligen Streifen, die sich quer über den See ziehen, haben auch so etwas Ahnungsvolles. Der Monte Baldo schaut wehmütig. Aber sie haben schon ihren Reiz, diese weichen, sich verschleiernden Küstenlinien. Gaino ist weit. Gut anderthalb Stunden Wagenfahrt über Gardone, Maderno, Toscolano, immer durch diese üppige Riviera, wo sich eigentlich Ortschaft an Ortschaft schließt. Heute erscheinen mir die eingestreuten Millionärsvillen etwas aufdringlich mit ihren auflackierten Fassaden. Aber ohne Kulisse geht's nun einmal nicht in diesem Lande. Ich hätte die Fahrt wahrscheinlich mitgemacht, wenn auch auf dem Pizzocolo gerade die seltenste Blume geblüht hätte. Und es ist auch eine schöne Fahrt, immer die Küste entlang. Der dumpfige Geruch der engen, langen Dorfstraßen hat etwas Anheimelndes, gerade weil durch jedes Seitengäßchen ein Stückchen blauer See lugt, ein Schneeblitz vom weißen Monte Baldo bricht. In Toscolano, das sich wirklich endlos lang streckt, ließen wir die Wagen warten, um noch nach der Kirche am Wasser hinabzugehen. Die Gräfin-Mutter hat nun einmal eine Passion für Kirchen. Die andern Damen dachten wohl mehr an die Seidenfabrik schräg gegenüber, wo die Toscolanerinnen ihre Kopftücher kaufen. Die Kirche roch nach Weihrauch, aber der Blick von der Terrasse davor war wunderhübsch. Die einschlummernde Wasserbläue, der matt und matter blinkende Schneeberg – es war wie ein Abschied. Und wehmütig sahen wir auch auf den Kirchenplatz, wo die Bocciakugel rollte. Dann fuhren wir weiter zwischen hohen Vignenmauern durch, an grauen Olivenhängen vorüber – die blaugrüne Aloe starrt, ein überquellender Blütenbusch winkt. Das Gebirge tritt dann nahe an den See. Zwischen beiden schlängelt sich die eingesprengte Landstraße – jäher Abfall oben und unten. Bis Gargnano scheint dann die Vegetationskraft der Riviera unter einem dünnen Olivenschleier zu schlummern. Hier zweigt der Weg nach Gaino ab. Wir haben Zeit. Es ist kaum drei Uhr. Die Gräfin Angern, der die Mietspferde leid tun, der Kommissionsrat, der dem abschüssigen Gelände nicht traut, stimmen für den Fußweg. Kein mühsamer Aufstieg etwa, auch keine großartigen Fernblicke unterwegs! Aber schon das Gefühl, wie langsam alles kleiner wird, niedertaucht, versinkt, bis der Berg direkt aus der Flut aufzutauchen scheint und nur der spitze Kirchturm von Toscolano auf grünem Vorsprung wie von einer Insel hinaufgrüßt. Man wächst unwillkürlich beim Steigen, wird freier, und die Welt unten kleiner, gebundener. Das junge Mädchen neben mir hat wohl eine ähnliche Empfindung. Sie ist immer voran und wartet nie an den Wegbiegungen. Das macht nicht etwa die Kirche von Gaino, die bald hervorlugt, bald sich versteckt im Grün, auch nicht etwa die Vegetation, dieser etwas dürre Olivenwald, der mit dem Gestein kämpft; es ist vielmehr der Wunsch, höher zu kommen, freier zu schauen. Man ist jung und frisch, und liebt die Welt von den Höhen. Später kommen die Tälerwünsche, die bescheidene Freude am Kleinen, Intimen. Das Alter weiß, daß alles begrenzt ist, begrenzt sein muß im Leben, es bescheidet sich und liebt schließlich im Tal die malerischen Linien, die seine Gefängnismauer markieren, am meisten. Die Jugend meint gläubig, daß alles grenzenlos sei, grenzenlos sein müsse, und daß nirgends sich die Unendlichkeit besser begreifen lasse, als auf den Höhen. Das ist eben der Kraft-, der Lebensinstinkt, der uns hinauftreibt. Wir stammen von der Sonne, darum wollen wir nach der Sonne! Ich war noch nie in Gaino. Die Maler reden viel davon. Und ich mag eigentlich nicht die Orte, von denen viel geredet wird. Aber schön war's! Gerade heute in der verschleierten Stimmung. Der See grau, bleiern, so ruhig, daß sich die Kielwelle des kleinen Dampfers überhaupt nicht verlor – die paar winzigen Fischerboote wie eingeschlafen. Die ganze Küste bis Dezensano zu – weich, stumm, wie umflort die scharfen Gebirgslinien. Die riesige Totenmaske Goethes bei Kap Manerba, die traumhaft fern vorspringende Halbinsel Sirmione, der schlanke Turm von San Martino, alles verschlafen, verschwommen, der Hauch von sanfter Melancholie, der gleichmäßig die blaue Flut, die schroffen Uferberge überschattet. Die Isola di Garda schwimmend wie ein langes dunkles Floß. Nur der Monte Baldo weiß, mächtig, aber auch wie im Schlummergewand. Drüben bei San Vigilio soll Böcklin seine Toteninsel gefunden haben. Von hier ist's nur ein gelber, winziger Vorsprung. Aber Toteninseln gibt's bei solcher Stimmung genug am Garda. Die Herrschaften besahen die Kirche, besahen die Aussicht. Ob sie eigentlich die große, schlummernde Natur verstehen? Ich weiß es nicht. Ich habe persönlich nur die Empfindung, als wenn wir uns gegenseitig unwillkürlich anstießen. Unter sich ist's bei denen wohl anders. Es ist auch da wahrscheinlich das höfliche Aneinandervorübergleiten, Anpassen. Nur um Gottes willen nichts tun oder sehen, was andre nicht schon längst getan oder gesehen haben! Josefa separierte sich auch hier. Sie stand hinter der Kirche an einem steilen Hang und hatte eigentlich nur Augen für den Monte Baldo und was sich an Bergen hinter ihm ahnen läßt. Da blieb sie sehr lange. Später kam sie zu mir: »Sagen Sie, Herr Rin, wie mag es eigentlich kommen, daß mir der See von hier oben gar keinen so überwältigenden Eindruck macht? Er liegt so dumpf, so eingeschlossen, ich gönne es ihm ordentlich, daß er sich da hinten endlich ins lombardische Hügelland verliert. Ich frage mich vielmehr: Was mag da alles hinter dem breiten Monte Baldo-Buckel liegen, im Schnee begraben und eiskalt...? Dahin möchte ich! Wenn ich einen Luftballon hätte, ich gondelte jetzt auf der Stelle. Es würde sich wahrscheinlich viel weniger großartig aus solcher Vogelperspektive machen, aber man wäre mindestens dort gewesen, hätte was andres gesehen, als alle Leute sehen... Wissen Sie, ich habe jetzt so oft denken müssen: Warum lockt eine Bergspitze ganz hinten, die kaum 'rausragt, eigentlich immer mehr als der ganze große Bergriese davor?... Was kann das zum Beispiel da links am Monte Baldo vorbei für ein Zinken sein, der jetzt eben aufleuchtet, und von dem ich nicht mal unterscheiden kann, ob es Firnschnee ist, der so glänzt, oder nur kahler Fels?... Natürlich wissen Sie es auch nicht!... Aber ich möchte hin, gleich hin... Ob's furchtbar weit sein mag?« «Das läßt sich gar nicht taxieren,« antwortete ich nüchtern. Aber dieser Ton ärgert sie. »Ach, Sie sind immer so absprechend, Sie sind überhaupt ein echter Mann!... Warum sollen Frauen eigentlich zeitlebens große Kinder bleiben, die Dummheiten tun oder sprechen, solange nicht ein Mann für sie denkt?« »Wie kommen Sie darauf, Gräfin?« »Weil uns bei jeder Gelegenheit wieder und immer wieder gesagt wird: ›Das tut man nicht, Josefa, das sagt man nicht. Dazu sind Frauen nicht da. Du mußt dich anpassen lernen, mein Kind!‹ – Aber ich bin nun einmal, wie ich bin. Und wenn's auch noch so töricht ist, ich sage Ihnen, wie ich so jetzt auf Ihren Garda gesehen habe, habe ich eigentlich von der ganzen Aussicht nichts gehabt, weil mich jetzt erst die Berge ärgern, auf die ich nicht kann... Sie hätten mich nicht nach Gaino bringen sollen! Ich liebe den See von unten leidenschaftlich, aber nicht von oben. Er liegt so tot, so stumm. Er ist groß und tief, und kann sich doch nicht aus seinen Bergen rühren. Denn er ist ein Gefangener und noch dazu ein ergebener, wie ich sie gar nicht mag. An seiner Stelle würde ich's mit haushohen Wellen versuchen, zwischen diesen Bergen 'rauszukommen.« Und dabei schlägt sie so energisch mit dem kleinen, eleganten Dandystöckchen auf den Boden, daß der silberne Griff mit der Widmung von »Peter« wirklich plötzlich abbricht. Sie sieht's ohne Bedauern. »Er war lange lose. Ich hatte ihn reparieren lassen sollen, schon vorige Woche. Aber wann werde ich mal so gescheit wie meine andern Freundinnen, denen das nie passieren könnte? Ich tue eben alles erst, wenn's zu spät ist. Und dann tut mir's nicht mal leid.« Darauf geht sie zu ihrer Mutter in die Kirche. Sie hat wohl auch die Ueberzeugung, daß die dumpfe Luft da drinnen größere Wunder tun könnte als der frische Gebirgshauch hier draußen. ' Später gingen wir nach dem Dorfe Gaino selbst, das einen Kilometer tiefer ins Gebirge hinein liegt. Ein muffiges Steinnest, in dem man unwillkürlich Briganten wittert. Wir tranken dort in einer sehr reinlichen Osteria spottbilligen Wein. Das Kupfergeschirr an der Wand glänzte. Die Wirtin spülte selbst die Gläser aus. Vor dem Kamin stand der Padrone, der eben heimgekommen war, ein alter Graukopf mit dem zerlumptesten Mantel, dem verwegensten Hut von der Welt. Wie er so stand und auf die kohlenden Holzscheite starrte mit seinen erloschenen Augen, nahm er sich aus wie ein alter Räuber, dem hier die Jugenderinnerungen verglimmen. Und wir modisch angezogenen Leute im Kreise da 'rum: es war wie eine Szene aus Fra Diavolo. Der Kommissionsrat belehrte uns auch gleich flüsternd, daß die Gegend keineswegs geheuer sei, und... dabei wurde seine Stimme zum Hauch, weil er den alten Briganten nicht kränken wollte... daß neulich in Tremosine jemand beinahe überfallen worden sei... Die Damen sahen sich wohl auch schon im Geiste gefangen in die Berge abgeführt. Josefa nahm's weniger tragisch. »Aber, Mama, so sehen sie doch alle hierzulande aus! Der alte Mann hat so wenig Menschenleben auf dem Gewissen wie du.« Der Kommissionsrat machte darauf eine vielsagende Handbewegung, die das Ungeheuerlichste vermuten ließ. Die Herrschaften lachten, aber sie zogen es doch vor, zu gehen. Und bei dem Bemühen, möglichst schnell aus dem unheimlichen Ort zu kommen, passierte es, daß sie sich verliefen und auf einmal am Ende eines Gäßchens standen mit einem köstlich wilden Ausblick auf die überhängende Schneespitze des Pizzocolo und die düstere Gruftpyramide des Castello; dazwischen, tief unten, die mächtig eingerissene Toscolanerschlucht, finster und eng, als könne man sie überspringen. »Wir könnten auch hier zur Not hinunter,« sage ich. Aber es wurde allerseits bestens gedankt. Sie wollten den bequemen Weg gehen, den sie gekommen. Nur Josefa war andrer Meinung. »Nun haben Sie uns den Mund wässerig gemacht, Herr Kommissionsrat, man könnte vielleicht ein Abenteuer erleben. Sie aber gönnen's einem nicht. Ich möchte gerade den Weg gehen!« Es wurde lebhaft hin und her debattiert, bis endlich ein zerlumpter Bengel für einen Soldo zum Schiedsrichter erklärt wurde. Danach war der Weg steil, aber sicher. Und jetzt kommt das Wunder. »Nun, wenn niemand will, so gehen wir eben allein, Herr Rin,« erklärte Josefa. Und wir sind auch gegangen, wir beide. Was das Mädel will, das setzt sie durch. Wiedersehen in Toscolano. – Die Stunde, die Sie uns geben, dürfte etwas lang sein, Frau Gräfin! Aber nach hundert Schritten wäre die eigensinnige junge Dame beinahe umgekehrt. – »Peter kommt aber um seinen Brief!« »Daran möchte ich allerdings nicht gern schuld sein. Gräfin.« »Ich auch nicht – aber schließlich – eine Todsünde ist's auch nicht... Nun gerade! Er riskiert bei jedem Rennen den Hals, und ich muß mich um ihn ängstigen mit Grund, mag er sich auch mal vierundzwanzig Stunden um mich ängstigen ohne Grund ... Ich verwöhne ihn überhaupt zu sehr.« »Das scheint so.« »Haben Sie eigentlich Peter gern?« fragte sie unvermittelt. »Ich kenne ihn nicht, Gräfin.« »Ich kenne ihn nicht! So urteilen nur Herren. Wir mögen auf den ersten Blick jemand, oder mögen ihn nicht. Sonst heißt's gleichgültig. Und das ist entweder eine große Lüge oder eine bittere Wahrheit. Wir urteilen instinktiv und kommen, glaube ich, genau so weit wie Sie. Denn erst wirklich kennen lernen! – Wer kennt sich überhaupt? ... Ich kenne Peter eigentlich auch nicht... Man sieht sich, man gefällt sich, man verlobt sich. Ich lernte meinen Bräutigam vorigen August in Baden-Baden kennen, nachdem ich schon zahllose Körbe ausgeteilt hatte. Die Herren denken zuweilen: sehen und siegen müßte immer eins sein. Es ist aber nicht eins! Es war auf dem Rennplatz, wo ich ihn zuerst sprach. Er ritt nicht selbst, aber Pferde von ihm liefen. Und da wir nur noch acht Tage bleiben wollten, beeilte er sich natürlich sehr. Ich liebe Pferde und alles, was irgendwie damit zusammenhängt, leidenschaftlich. Ich bin auch nicht ängstlich und habe sogar mit eignen Augen gesehen, wie Peter mit seinem Pferde am Koppelrick kopfüber ging. Mir wurde ganz grün vor den Augen – und ich hatte ihn furchtbar lieb!... Aber daß ich gerade sagen könnte, ich kenne ihn genau – nein. Wenn Herren verliebt sind, reden sie einen fabelhaften Unsinn zusammen, und wir hören's fabelhaft gern. Und was man sich täglich schreibt – es sind ja eigentlich auch nur Alltäglichkeiten, über die man sein Herz ausschüttet. Man versichert mit hundert Worten hundertmal dasselbe. Aber was wirklich Vernünftiges steht nie drin. Da ist zum Beispiel mein erster, den er immer bei sich trägt. Ich habe ihn, als Peter neulich da war, wieder gelesen, und ich mußte erst kniefällig gebeten werden, daß ich ihn nicht zerriß, so unglaublich töricht war er. – Trotzdem, die Torheit ist doch das Beste an der ganzen Brautzeit! Man will ja gar nicht zur Vernunft kommen. Die Vernunft kommt schon von selbst in der Ehe und früh genug... Und ist denn, die Ehe eigentlich unter allen Umständen so was furchtbar Ernstes? – Natürlich ist sie's! – Aber wissen? – Wissen tu' ich's wahrhaftig nicht!« Ich erkundigte mich darauf, wo ihr Bräutigam steht, nach dem Regiment und Dingen, die mir sonst fernliegen. , »Er ist Kürassier, wie Papa, aber Linie. Und denken Sie mal, an seiner wunderhübschen Uniform habe ich mich beinahe gestoßen. Es war kindisch!... Aber ich habe Papa doch eigentlich gar nicht gekannt, ich wurde geboren, nachdem meine Eltern zehn Jahre und mehr kinderlos, und, glaube ich, sehr trostlos darüber gewesen waren, namentlich Mama – und Mama hat immer gesagt, daß Ulanen für ihren Geschmack die hübscheste Waffe seien. Jetzt kann sie sich absolut nicht mehr daran erinnern. Aber ich erinnere mich genau! Und ich habe mich so in diesen Kinderwahn eingelebt, daß ich noch Peter neulich überreden wollte, sich doch zu den Garde-Ulanen versetzen zu lassen. Die Tschapka ist und bleibt doch die hübscheste Kopfbedeckung.« Noch ist's ein schmaler, aber sanft absteigender Weg, auf dem wir nebeneinander gehen – zwischen verschnittenen Rebstöcken und windschiefen Oliven führt er abwechselnd. Kein rutschendes Geröll, kein Abgrund, keine Absturzgefahr! Der Weg genau so angenehm, wie sie sich den Lebenspfad vorstellt. Und ich denke dabei sehr ernsthaft über die merkwürdigen Gegensätze in diesem Frauencharakter nach. Sie denkt klug, sie denkt frei, sie hatte das Zeug, trotz aller Kinderei in wirkliche Tiefen hinabzusteigen, wie sie auf wirkliche Höhen steigen möchte. Aber Klippen darf's nicht geben! Vor Klippen kehrt man um, ohne den Versuch zu machen, darüber hinwegzukommen – eben weil's Klippen sind. Und schließlich entscheidet in solchem Leben zu guter Letzt doch nur die vagste Aeußerlichkeit. Zum ganzen Glück fehlt nur, daß ihr Peter Ulan wäre wie mein Vater. Vielleicht wird ihr auch noch der Herzenswunsch erfüllt. Und dabei ertappte sich der kluge Herr Rin dabei, daß er selbst an Aeußerlichkeiten klebt wie eine Klette! Das bildhübsche Mädchen neben mir, das so graziös und so wenig zimperlich schreitet, hält deshalb meine Sinne gefangen. Die schlanken, biegsamen Formen dieser hohen Gestalt sind mir weit wichtiger als der Inhalt ihrer Rede. Ich könnte vielleicht für einen warmen Blick aus diesen kühlen Augen eine Torheit begehen. Vielleicht! – Es ist ja auch nicht die Seele, es sind die Lippen eines schönen Kindes, die wir gern küssen möchten ... Doch ich denke, bei mir hat das keine Gefahr. Der Weg ist abschüssig geworden, die kleinen Kiesel rollen, wir müssen vernünftigerweise hintereinander gehen. Am scharfen, kurzgrasigen Felshang entlang gleitet der Blick in die schwimmende Tiefe. Mir macht's nichts. Aber wer kennt die Nerven verwöhnter Menschenkinder? – Ich wechselte darum den Platz zuletzt, ging am äußersten Rand neben ihr, um die gefahrlose Innenseite freizuhalten für meinen Schützling. Das behagte ihr scheinbar nicht. Dann aber merkte ich, wie ihr die Augen beim Schauen in die Tiefe leer wurden. Ich kenne den wehen Reiz der Kopfnerven nicht, denen der übrige Körper sofort zittrig nachäfft, doch sie lernte ihn jetzt kennen. Sie sagte auch hastig: »Verzeihen Sie – wir sind sonst im Sommer auf unserm Gut, und da gibt's nur Hügel. An einem wirklichen Abgrund entlang gehe ich heute vielleicht das erstemal in meinem Leben... Es ist ungemütlich!« Dann ging sie nur noch mühsam Schritt für Schritt und mit aufeinandergebissenen Lippen. Ich beruhigte sie natürlich und erklärte ihr, daß dies überhaupt kein Abgrund wäre, sondern nur ein Abhang, den ich zur Not noch hinabklimmen könne, freilich nicht sie. »Halten Sie sich nur dicht an mich und sehen Sie geradeaus!« Sie gehorchte, aber offenbar nur ungern. Sie befiehlt lieber selbst. Als wir endlich vorbei waren, auf eine sanfte Halde abgebogen, blieb sie aufatmend stehen. »Es war scheußlich! Ich habe gezittert, reell gezittert. Allein wäre ich sicher umgekehrt... Es war zu dumm...« Und sie geht ein Weile eigensinnig stumm. Sie kann mir's nicht vergeben, daß ich sie schwach gesehen. Plötzlich fragt sie: »Kraxeln Sie eigentlich von Jugend auf gern?« »Ich bin zwischen Schneebergen groß geworden – und mein Beruf bringt's mit sich... Ich bin auch sonst ganz respektabel geklettert, und in Südamerika wollten die Eingeborenen nicht mehr mit, weil sie bergkrank wurden.« Sie sieht jetzt in die Schlucht hinunter, aber ohne Grauen, wo im aufgewühlten Bett der Fluß zwischen großen Steinen durchschäumt. »Warum haben Sie eigentlich solch sonderbaren Beruf gewählt?« »Weil's mir Spaß machte.« »Warum sind Sie nicht Offizier geworden? – Ich kenne zum Beispiel zwei sehr nette Feldartilleristen aus Wiesbaden.« Dazu kann ich nur lächeln. »Des Dienstes ewig gleich gestellte Uhr, Gräfin? – Dazu tauge ich nicht.« »Aber Sie hätten doch Offizier werden sollen!« beharrte sie eigensinnig. Ich erklärte ihr darauf, daß es der direkte Wunsch meines Vaters gewesen sei, daß ich nicht Berufssoldat würde. »Ach so, ich vergaß - Sie sind ja Schweizer!« »Nein. Nur meine Mutter war Genferin, mein Vater dagegen sogar kurze Zeit preußischer Offizier.« »Und das sagen Sie mir erst jetzt?« »Mein Vater legte auf diese Tatsache nie besonderes Gewicht, und ich tue es auch nicht.« Darauf inquiriert sie in komischem Mißtrauen weiter: »Sagen Sie mal, heißen Sie denn nun überhaupt Rin? – Bei Ihnen bin ich nächstens auf die wunderbarsten Ueberraschungen gefaßt... Uebrigens, ich habe Sie auch noch von einem Grafen Bloome zu grüßen. Es ist ein guter Bekannter von Peter in der Schutztruppe, der gerade auf Urlaub ist und einem Kameraden zufällig erzählt hat, daß er mit Ihnen in Windhuk mehrere Tage zusammen gewesen sei.« Von da ab wurde mir die Inquisition peinlich. Dieser Bloome war ein netter Mensch, und ich erinnere mich seiner genau, aber ich habe die dunkle Empfindung, daß ich ihm in einer Sektnacht mehr von mir und meinen Familienverhältnissen erzählt habe, als es sonst meine Art ist. Und wie gesagt, hier möchte ich nicht Graf Rhyn sein. Es war ein Unsinn, den Leuten, die auf Namen so viel geben, nicht gleich meinen wirklichen Namen zu nennen und hinzuzufügen, daß mir dieser Name gleichgültig sei. Aber ich habe nun einmal Komödie gespielt, und ich will sie weiter spielen. Schließlich stiegen wir als gute Freunde hinab in die Schlucht. Es ist wirklich eine wilde, schöne Schlucht, die nur leider durch eine Menge häßlicher Fabrikanlagen entstellt wird. Es ist zwar, glaube ich, das elektrische Licht unsers eignen Hotels, das wir von hier beziehen, aber ich gäb's gern drum, wenn der Fluß sich einmal zur Schneeschmelze ermannte, sein ganzes, tiefes Bett ausfüllte und diese ganze Kultur wegschwemmte in den Garda. Dann wär's die Natur, die ich liebe. Aber ich fürchte, er tut mir den Gefallen nicht. Fünftes Kapitel Ich habe beschlossen, doch einen Abstecher nach meinem Hotel zu machen. Meine Geliebte erscheint mir zwar immer noch recht begehrenswert, aber das Herzblut des grauen Bäckergesellen gehört nicht mehr zu meinen schönsten Träumen. Wenn er seinen Wunden erliegen sollte –, werde ich es ertragen. Sonst, mag er seine Brote backen, wo er will, in Gargnano oder Sald – mir ist's völlig gleichgültig. Meine Geliebte – Isolde ist doch zu romantisch, und mit der priesterlichen Sanktion unsrer Gefühle hat es auch keine besondere Eile – will im Palazzo Bettoni bleiben, obgleich ich ihr eine vakante Hauskatzenstelle in meinem Ort vorschlug. Man könnte sich da sehen, so oft man wollte, und wäre sich anderseits auch nie im Wege. Denn die tägliche Chausseewanderung bis Gargnano? – Auch die Liebe muß ihre vernünftigen Grenzen haben. Daß die vielleicht etwas zu purpurblonde Schöne so sehr an ihrem Haus und ihrem Gargnano oder Bogliacco hängt, ist ja das Zeichen einer sinnigen Gemütsart, aber in der Diplomatie liebt man nun einmal keine züchtigen Hausfrauen, man verlangt die große Dame, die beim Botschaftsdiner präsidiert, elegant causiert, und große Damen haben kein kleines Heimatsgefühl. Ich weiß überhaupt nicht, ob mein Entschluß, hierher überzusiedeln, nicht ein wenig voreilig war. Meine Marchesa hat doch seltsame Gewohnheiten. Es degoutierte mich direkt, als sie neulich vor meinen Augen eine große Eidechse nicht nur gewandt fing, sondern sogar gierig verschlang. Auch für rohe Froschschenkel schwärmt sie. Ueberhaupt laßt Palazzo Bettoni alles zu wünschen übrig. Der Marchese selbst weilt noch in Brescia, alle Fensterläden sind geschlossen, und wenn ich diesem schmutzigen Portier auch nur in den Polentatopf gucke, knurrt er. Ich vermisse meinen Betteppich, meine ragouts fins . Die Liebe kann doch unmöglich verlangen, daß ich ihretwegen zum Mäusefänger werde. Mäuse gibt's ja allerdings genug, aber sie existieren für unsereinen doch nur zu Jagdzwecken. Meine Geliebte verspeist sie mit Haut und Haar. Was mir anfangs als reizende Marquisenlaune erschien, stellt sich jetzt als ganz gemeiner Hunger heraus... Wenn es meiner Freundin einfallen sollte, nach der Isola di Garda überzusiedeln, ich schwämme ihr jedenfalls nicht sofort nach. Ich muß so wie so mit meinen Kräften rechnen... Als ich neulich an einem Stehspiegel vorüberstrich, fand ich meine Bewegungen etwas zu verheiratet eckig. Meine Freundin findet mich nur würdig. Ich habe aber schon früher die Ueberzeugung gehabt, daß die Würdigkeit des Alters hauptsächlich in der Steifheit seiner Beine besteht. Das widerstrebt mir. Talleyrand hinkte allerdings, aber er war keineswegs würdig. Wie gesagt, die Verhältnisse in Gargnano passen mir nicht mehr auf die Dauer. Ich vermisse in diesem verödeten Palast jene geistigen Anregungen, die mir ein volles Hotel auf jeden Fall bietet. Ich habe innerlich lange gekämpft – der Bäckergeselle zeigte sich wieder, pöbelhaft gesunder als je, und es scheint mir, als wenn ihm gestern meine Freundin einen jener grünlich schillernden Blicke zuwarf, die zwar keine direkte Untreue, aber doch frühere Intimitäten verraten. Ich habe ihr deswegen eine Szene gemacht. Sie bestritt alles. Sie war sogar besonders darauf erpicht, mir unter heuchlerischen Tränen zu versichern, daß sie eine musterhafte Gattin und noch musterhaftere Mutter sein werde... Das letztere entschied. Ich halte jetzt unbedingt an ihrer Untreue fest, nicht etwa weil ich daran glaubte, sondern weil es praktischer so ist. Wenn ich früher gefürchtet hatte, daß ein Abschied ihr das Herz brechen könnte, so habe ich jetzt die Ueberzeugung, daß sie sich schon wegen ihrer zukünftigen Kinder nicht übermäßig aufregen wird. Ich hinterlasse ihr ja in der Tat die unzweideutigsten Liebespfänder... Mir selbst ist der Gedanke an Vaterfreuden wenig sympathisch. Auch darin bin ich Olympier. Kronos verschlang bekanntlich mit Behagen seine eignen Kinder – das möchte ich meiner stutzschweifigen Freundin nicht antun. Also ich gehe –, und zwar wähle ich den französischen Abschied. Auf dieser Welt gibt's ja auch keine Entfernungen mehr... Addio, Isolde! Es war ein Traum, ein schöner Traum, aber haben Sie die Güte, ihn allein weiterzuträumen. Ich kann gar nicht sagen, wie schwer und leicht zugleich mir dieser Riesenweg nach dem Hotel geworden ist. Es war die höchste Zeit, daß ich nach diesen frugalen Jagdfrühstücken meinem verwöhnten Magen wieder etwas französische Küche zuführte. Meine menschlichen Freunde werden mich sicher auf das schmerzlichste vermißt haben. Das gräfliche Tagebuch verlangt dringend nach einem geistreichen Korrektor. Die Terriers sind auch lange nicht mehr geärgert worden. Auf einen Abschiedsbrief mit den bekannten Floskeln, den ich anfangs an meine Freundin schreiben wollte, verzichte ich doch besser. Ich bin als glänzendes Meteor in diesem Frauenleben erschienen, ich gedenke auch als solches glänzend, aber spurlos zu verschwinden. Ich fühle nur leisen Trennungsschmerz. Die Diplomatie, das Hotel, die Wissenschaft heischen mich. Ich erteilt mir hiermit feierlich selbst Absolution, indem ich zur Buße vom plumpen Sinnenrausch zu rein geistigen Sphären zurückkehre. Der Empfang war geradezu großartige. Dem verlorenen Sohne in der Bibel wurde ein Kalb geschlachtet, mir servierte man ein äußerst zartes Lammkotelett. Die ganze Küche, das dienstfreie Hotelpersonal sahen voll Andacht zu, wie ich besagtem Kotelett noch einen Kapaunflügel und etwas Biskuit hinzufügte. Man merkte es diesen Gesichtern deutlich an, wie sehr die Hotelwirtin beneidet wurde, die mich mit den zärtlichsten Kosenamen ans Herz drückte und mir sogar einen Kuß stahl. Ueberströmende Gefühle sind zwar immer etwas lästig, aber sie beweisen doch auch unsern Wert. Zuletzt wurde mir noch ein blaues Seidenband umgebunden, das mir vorzüglich steht und mit seinem melodischen Glöckchen wohl die Komthurklasse des Annunziatenordens bedeuten soll. Eigentlich dürfen an Bourbonensprößlinge nur Großkreuze verliehen werden – man sah wegen der unbequemen Tragart über die Brust mit Recht davon ab. Das silberne Glöckchen wird mir vielleicht bei der Rattenjagd hinderlich sein, dann lege ich den Orden eben ab, vorläufig empfinde ich nur den wohltuenden Gegensatz zu den verschwitzten Lederhalsbändern und schrillen Kuhglocken der beiden Terriers. Die Unholde werden jetzt übrigens abgerufen, wenn sie wie sinnlos gegen die Gartenmauer, auf der ich gerade sitze, toben. Orden muß man zeigen, und ich halte darum am liebsten im Angesicht des ganzen Hotels Siesta. Ueber etwaige Neulinge im Hotel orientierte ich mich sofort durch eine Korridorpromenade und einen Balkongang. Es ist ausnahmslos Gelichter, dessen Geld der Hotelwirt freundlich einstreicht, dessen Name aber zugleich mit ihnen selbst aus der Fremdenliste des Gardaboten verschwindet. Gräflichkeiten werden dagegen noch bis ins übernächste Jahr, Freiherren nur bis zum Schluß der Saison als Hotelgäste geführt, mögen sie nun wirklich einen Tag dagewesen sein oder sich auch nur telegraphisch nach Zimmern erkundigt haben. Dem großen Satiriker und dem kleinen Komödianten, zwei auserlesenen Brennpunkten der sensationsbedürftigen Deutschen am See hier, wird im Unterhaltungsteile der Zeitung allwöchentlich noch ein besonders geschmackloses Weihrauchfanal entflammt – dem einen vermutlich wegen seiner berühmten Nichte, für die er doch eigentlich nicht verantwortlich ist, dem andern wegen seiner Morgenkognaks, für die er doch eigentlich mehr verantwortlich sein sollte. Die Menschen sind im Grunde Fetischdiener, sie müssen nun einmal anbeten, selbst wenn der betreffende Götze recht menschlich schwatzt, oder recht unmenschlich trinkt... Der Maler wird vermutlich das bleichsüchtige Mädchen heiraten und der preußische Major seinen nächsten Erholungsurlaub in einer Gummizelle zubringen. Und der Graf Rhyn? – Leider, leider! Ich habe das Unglück vorausgesagt... Mehr Weltmann sein, mehr spielen, Herr Graf! – Hübsche Gesichter sollen behandelt werden wie hübsche Bücher: man blättert sie mit Interesse durch und gibt sie schnell weiter. Aber so wird es nichts! – Man promeniert wohl mit hübschen Bräuten, man sagt ihnen Elogen, verdreht ihnen den Kopf, und nachdem man sie geküßt hat, überläßt man sie der Reue und der Ehe. Jedoch man spricht nicht ernsthaft mit ihnen – schwere Sachen, die schwere Gedanken wecken. Man schreibt vor allem kein Tagebuch über sie! Und wenn man nun gar in demselben Tagebuch mit Bleistift ein gewisses Profil möglichst gut zu fassen sucht, und es auch wirklich erfaßt, dann aber den Bleistift wegwirft, und sich an die Stirn tippt: so ist die betreffende junge Dame wohl um eine schmeichelhafte Erinnerung, man selbst aber um eine schwere Erfahrung reicher zum Schluß... Und in dem Tagebuch ist noch nicht mal das ganze Herz ausgeschüttet. Wir sind scheinbar nur verliebt in das schöne Gesicht, aber wir verachten um so tiefer die seichte Seele. – Damit steht der Teufel erst recht hinter uns, faßt uns am Kragen... Reisen Sie ab, Graf Rhyn, reisen Sie ab! Sie sind kein Ueberkater ... Je mehr Sie sinnieren, desto mehr verstricken Sie sich. Vorläufig haben Sie freilich noch keine richtige Ahnung von Ihrem Seelenzustande. – Ihr Empfang meiner Persönlichkeit war zwar etwas kühl, Sie streichelten mich wie geistesabwesend –, und Sie haben eine Hand, die durchgreift, die sogar eine Handschelle bricht. – Aber was sind Handschellen im Vergleich zu dem feinmaschigen Netz, das Sie sich so sorgfältig spinnen? Der Salm schnellt sich über das höchste Wehr, im Fischnetz bleibt er mit den Kiemen hängen. Die wilden Schwanzschläge nützen ihm gär nichts. Und es muß schon ein ganzer Kerl sein, der sich mit einem energischen Stoß nach vorn befreit, anstatt nach allen Seiten erfolglos zu zappeln. Sind Sie dieser ganze Kerl? – Manchmal hoffe ich es, in Ihrer Hand liegt so etwas. Ich war auch der Orientierung halber heute im Zimmer der jungen Dame. Ein unbeendigter Brief an Ihren Bräutigam lag auf dem Schreibtisch. Sie hatte allerdings merkwürdigerweise an der gleichen Stelle aufgehört, wo Sie von Ihnen hätte sprechen sollen. Aber machen Sie sich darum keine Illusionen! Es handelt sich um ein sehr korrektes, junges Mädchen, das mich noch heute tothetzen lassen würde, nur weil Peter es wünscht, und weil er ihr Bräutigam ist... Sie amüsiert sich mit Ihnen, sogar sehr gut gerade mit Ihnen! Sie sind eine andre Männersorte, und das interessiert die Frauen... Und weil es Frühling am Garda ist, und Sie Ihrer selbst nicht mehr sicher sind, Herr Graf, so sage ich Ihnen: Stände auch die Tür zu Josefas Toilettenzimmer offen, lugen Sie nicht hinein, auch wenn Sie können! Ein Mädchen, das bei der Toilette weit verführerischer aussieht als nach der Toilette, ist der gefährlichste Kumpan, den's gibt. Denken Sie lieber, daß Sie sich schnürt, etwas rouge auflegt, aber glauben Sie nicht an einen Körper, der von Natur schön ist! Ich bin wie alle Diplomaten auch Aesthetiker –, und dieser Körper ist tatsächlich eine Sünde wert! Aber Sie wollen ja leider gar nicht sündigen, lieber Graf... Ich stattete auch dem Kommissionsrat eine Balkonvisite ab. In Pantoffeln, mit einer Meerschaumspitze, gibt sich der alte Herr gar nicht so würdig trotz seiner steifen Beine. Er ist des Hotelklatsches merkwürdig kundig, und die Liebesgefühle des Malers sind ihm keineswegs verborgen. Er klatscht auch in diesem Moment, aber wie immer mit vorsichtig gedämpfter Stimme. Die Nichte hört ihm gehorsam zu. Sie muß wohl, denn sie ist arm wie eine Kirchenmaus. Und obgleich sie der Onkel nur zu Dekorationszwecken mit auf die Reise zu nehmen scheint, so traue ich dem Frieden doch nicht. Warum beschenkt er sie eigentlich ausschließlich mit Schmuckstücken für den Hals? – Der Hals ist wirklich sehr appetitlich, und ich verstehe Ihre Freude, verehrter Herr, an diesem feindurchbrochenen, venezianischen Goldkollier sehr gut. Alter Schwede! Es ist jetzt eine weiche Regenluft, der Garda blickt wie verschleiert. Alle Augenblicke könnten sich die Himmelsschleusen wieder öffnen, und man bleibt besser zu Haus. Darum sah ich auch wie von ungefähr zu Quedenbergs ins Fenster, die gerade Table d'hote- Toilette machten. Der blonde Graf kann sich wirklich freuen, daß nur zur Hofgala Eskarpins befohlen sind und schräg abfallende Schultern als Zeichen von besonderer Vornehmheit gelten. Sie ist trotz ihrer Magerkeit recht gut gewachsen und streift sich eben sehr energisch die Chevreaustiefelette über den schmalen Fuß. Sie unterhalten sich lebhaft, aber einseitig. Denn während sie ihm recht kränkende Bemerkungen über seine mißlungene Diplomatie sagt, streicht er sich schweigend unter seiner Schnurrbartbinde Haar für Haar zurecht. Die Dame predigt offenbar einer Puppe: »Warum bist du eigentlich nicht Gardedukorps geblieben?« Schweigen. »Warum kaufst du dir nicht wenigstens ein Gut?« Schweigen. »Etwas muß der Mensch doch tun! – Ich habe geweint, bitterlich, als der Bescheid vom Auswärtigen Amt kam; du hast dir nur wie geistesabwesend die Nägel poliert... Ich habe einen Mann geheiratet – einen Mann! Verstehst du? ... Ich habe es nächstens satt. – Und habe die Güte, den Spiegel mir für einen Augenblick zu überlassen, wenn du endlich mit deiner Schnurrbarttoilette fertig bist! Du gebrauchst zur Toilette ungefähr die doppelte Zeit wie ich.« Schweigen. Während sie sich vor dem Spiegel rasch den blonden, griechischen Knoten schlingt, schnippt er sich mit dem Fingernagel unsichtbare Fasern vom Rock. Darauf sie wieder: »Du machst mich ganz nervös! Du bist wirklich angezogen! Es gibt an deinem ganzen Anzuge nichts, was diese Falte auf deiner Stirn rechtfertigen könnte!... Und sei doch so liebenswürdig, Gedankenblitze wie neulich in der Kirche zu Gaino bleiben zu lassen... Dem Kommissionsrat wirst du ja wahrscheinlich damit, wie mit deiner Toilette, imponieren, aber mir nicht und auch keinem andern! Ich war heilfroh, daß der Afrikareisende dich nicht hörte, der dich jetzt ja auch nicht mal mehr über die Achsel ansieht... Wenn du's nicht merkst, – die Josefa Angern, das hochmütige Ding mokiert sich stets über dich, ihre Mutter lächelt nachsichtig ... Und wie dir damals der Lasowitz von dem Filou, dem Bosenthin, bestellte...« »Ach was Bosenthin! – Bosenthins sind Briefadel.« Da wurde er wirklich ärgerlich. Einige Minuten später fand man sich in dem zweiten Salon zusammen, um langsam zur Table d'hote hinabzugehen. Angerns waren noch nicht zur Stelle und mußten also herhalten. »Meine hochverehrte Frau Gräfin, der Herr Rin hat sich doch sehr zu seinem Vorteil verändert,« das sagt der Kommissionsrat, der gern aushorcht, in einem mir sehr sympathischen Sächsisch. »Daß ich nicht wüßte!« erwiderte die Gräfin. »Mir hat er immer sehr gefallen.« »Mir auch –, natürlich!... Es war ja wirklich zu reizend, als neulich die Komtesse die große Tour nach Toscolano mit ihm allein machte... Ich finde dabei nichts, absolut nichts. Im Gegenteil, es ist überhaupt eine ganz reizende Dame.« »Na, die gemeinschaftlichen Partien haben ja scheinbar aufgehört...« »Es war auch die höchste Zeit, Frau Gräfin!« »Wie meinen Sie das, Herr Kommissionsrat? – An Stelle der Gräfin Angern würde ich jetzt um so mißtrauischer sein.« »Aber, Frau Gräfin!« Darauf erklärte die Nichte, daß die gewisse junge Dame unter allen Umständen ein entzückendes Geschöpf sei, und daß ihr nie etwas passieren könnte. Menschliche Gesichter sind doch recht interessant. – Ich strich mir nachdenklich über die Nase und ging. In demselben Augenblicke kamen nämlich Angerns und wurden besonders herzlich bewillkommnet... Als wenn ihr Katzen jemals belügen könntet!« Lieber Graf Rhyn, ich sage es Ihnen noch einmal in allem Guten: Reisen Sie! Es wird bald eine Regenwoche kommen. Und die ist nach so viel Sonnenschein am Garda ganz besonders gefährlich. Ich habe mich eifrig in den Bergen getummelt, die letzten Tage – allein, natürlich. Die Küste hier hat wirklich eine interessante Flora, namentlich in den Schluchten. Als Botaniker dürfte man vernünftigerweise vor Mai nicht hierherkommen. Die Trennung von den Neuen gab sich übrigens ganz von selbst. Ich war einen Tag in Brescia, der Stadt der Brunnen gewesen, um einen anständigen italienischen Schneider ausfindig zu machen, denn bis Berlin dauert es am Ende doch zu lange. Uebrigens eine hübsche Fahrt über das Gebirge, mit der kleinen fauchenden Dampfbahn, von Tormini ein Prachtblick auf den Garda, der sich immer mehr verschleiert. – Ich fand auch gleich, was ich wünschte... Bei meiner Rückkehr am nächsten Tag war über meinen Table d'hote- Platz anderweitig verfügt worden. Der Saison halber essen wir jetzt an zwei Tischen, und ich bin ausersehen, dem zweiten Tische zu präsidieren. Wer mich weggelobt, weiß ich nicht, will's auch nicht wissen. Für eine Oberkellnerwillkür halte ich es nicht, denn die »Insel« grüßte allzu freundlich zu mir hinüber! Sie sind wohl heilfroh, mich los zu sein, bis auf die Gräfin Angern, deren liebenswürdiges Lächeln ich für keine Lüge halte. Wir wären also auseinander, die Neuen und ich. Mir schon recht! – Ich war auf dem Punkte, mich beinahe zu vergessen. Die junge Gräfin Angern gefällt mir bei dieser Gelegenheit gar nicht. Schon äußerlich: Warum eigentlich immer diese rubinbesetzte Rennpeitsche, dies schwere goldene Hufeisen? Sie könnte auch mal andern Schmuck tragen, den sie doch ohne Frage besitzt. Und nun gar die Trainierberichte aus Hoppegarten, die jetzt plötzlich wieder angefangen haben; und die ich mitmachen muß! Sie erzählt, glaube ich, für mich extra laut. Ich soll mir nur um Gottes willen nichts einbilden, – und ich bilde mir auch nichts ein. Mag sie mit ihrem Lasowitz glücklich werden; sehr glücklich! ... Wenn ich Düsseldorfer Ulan geworden wäre, wie mein Vater, was mir immerhin freigestanden hätte, denn arm bin ich nicht, würde ich wahrscheinlich auch Rennen reiten und Ehrenpreise einheimsen. Der Rennstall sonst ist doch weiter nichts als eine Geldfrage... Was mich aber besonders reizt, ist, daß das Mädchen auf einmal so kühl tut, ablehnend. Ich habe ihr doch, weiß Gott, innerlich und äußerlich mehr gegeben, als bis jetzt irgendeiner andern Frau. Ich nehme auch alles zurück, bis auf die Tatsache, daß sie wunderhübsch ist... Mir bleibt von dieser Bekanntschaft weiter nichts, als der Kater in des Wortes weitestgehender Bedeutung. Aber höfliche Menschen bleiben die Neuen doch. Zu der Tombola im Hotel Gardone gestern lud mich die Gräfin Angern sogar persönlich ein, und auf ihre Art, der man schlechterdings nicht ausweichen kann. Sie schenkte mir sogar das grüne Billett, das sowohl zum Eintritt als zum Hauptgewinn berechtigt. Der Himmel hängt voll Wolken, es kann jeden Augenblick losregnen. Wenn ich mich mit meiner Botanik entschuldigen wollte, könnte man mit Recht über mich die Achseln zucken. – Außerdem gilt es einen guten Zweck. In Gardone soll eine deutsche Schule errichtet werden, und der patriotische Klingelbeutel wandert auf diese Weise. Ich bin schon Deutscher trotz meiner Genfer Mutter. Und wenn ich auch keine chauvinistischen Anschauungen kenne, so liebe ich doch die feige Art meiner Landsleute sehr wenig, die sich um jeden Preis und in jedem Weltteil dem Fremden akkommodiert. Ich dächte, wir bedeuten jetzt etwas in der Welt, und hätten ein gutes Recht, den Kopf hoch zu tragen. Doch wir sind nun einmal eine merkwürdig weibische Nation. Man muß schon fanatischer Alldeutscher oder internationaler Graf sein, um den natürlichen Gegensatz zwischen Nord und Süd nicht als unüberbrückbare Kluft zu empfinden. In Stuttgart nennt sich noch heutzutage der Hoftischler Hofebeniste – und in dem einen Mischwort liegt unsre ganze Krähwinkelei und Weltbürgerei zugleich. Im Ausland ist der Deutsche das willige Mädchen für alles, bei sich zu Hause wird er eine engherzige alte Jungfer. Zwischen den beiden Polen schwankt auch unsre Politik. Die Tombola war nicht übermäßig pläsierlich. Ueberhaupt das ganze Hotel mit seinen wattierten Doppeltüren, seiner stickigen Glashalle, seinem Palmengarten hat etwas Unnatürliches, Krankes. Ich möchte da nicht wohnen. Aber unsre Insel sollte hin. Die liebt doch vom Grunde ihres Herzens diese schlechte, laue, gleichmäßige Treibhausluft ... Zuerst in einem überfüllten, kleinen Saal der Singsang, den ein mir unbekannter Kurgast sehr sicher, aber sehr schlecht absolvierte. Es wirkt doch nichts unangenehmer, als wenn ein eleganter Herr mit souveräner Gelassenheit aufs Podium tritt und miserabel singt. Dabei die gewisse künstlerische Hoffart um die Nasenspitze. Dilettanten sollen bescheiden sein und doch gut singen. Jedoch lauschten die Damen aufs andächtigste und waren fast gerührt, als der Sänger auch ein weißes Batisttaschentuch kokett flattern ließ. Wir Herren drängten uns indessen am Ausgang. Ein wirklicher Dichter, der seine Villa am Garda hat, wurde erwartet, statt seiner kam die Frau, eine noch immer sehr stattliche Erscheinung. Sie kam zu gleicher Zeit mit einer noch stattlicheren, wirklichen Bühnengröße. Aber bei beiden Frauen nichts Talmi –, nur der etwas flüchtige Blick berühmter Leute über die andern Sterblichen hinweg... Dann folgte die rührende Deklamation des deutschen Knaben, der für die deutsche Schule bittet, eigentlich der Clou, wo die Frauenaugen feucht werden sollen, und die Frauenhände nach dem Taschentuch im Ridikül tasten. Das hübsche Kind sprach sein deutsches Gedicht gebrochen, wie ein echter Italiener. Wenn man eine Rührszene inszeniert, soll man sie geschickt inszenieren. Ich hatte das Gefühl der Farce. Mit italienischer Klangfarbe weckt man doch noch keine deutschen Herzen. Oder weckt man sie gerade dadurch? Unsre Damen waren jedenfalls nur Lob, und der Kommissionsrat kniff die Augen zu, als habe er eine besonders schmackhafte ethische Frucht verspeist, und weide sich jetzt an dem angenehm weichen Nachgeschmack ... Später nahmen wir unsern Kaffee in der Glashalle unten, den Blick auf den graugrünen, schlummernden See, der gerade noch die dunkeln Konturen der Isola di Garda enthüllte; die Kellnerin, die uns bediente, eine fast königliche Gestalt, mit dem herb geschnittenen Profil der Antike. Edles Blut war's trotzdem nicht. Denn als sie die schmalen Lippen öffnete, kam der trostlos nüchterne, schweizerische Gaumenton zum Vorschein. Josefa, die allen Bewegungen des schönen Geschöpfes mit kühlen Augen gefolgt war, sagte in dem gleichen Augenblicke, wo ich es dachte: »Schade! jammerschade! Das Mädchen sollte nie den Mund auftun...« Dann aber wandte sie sich endgültig ab von der freien Schweiz... Es waren viel Menschen da, es wurde geraucht, Bier getrunken, der überheizte Glaskasten hauchte eine geradezu klassische Luft für kranke Lungen aus. Die junge Braut erregte sich in dieser Luft aufs angenehmste. Sie sprach unermüdlich über die Menschen, das Fest, sie fällte im Konversationstone jene halben Urteile, die zu nichts verpflichten. Ich habe das Mädchen niemals so gewollt oberflächlich gesehen. Auch über Pferde sprach sie wieder zum erstenmal, und dabei streiften sich ganz zufällig unsre Blicke. Sie sah gleich weg und redete unermüdlich weiter. Sie war im Zug heute, sie hörte auch nicht auf, als derselbe Kurgast, der gesungen, auf einen Stuhl stieg, und die Tombolaresultate verkündigte. Vorher hielt er noch eine kleine Auktion von freiwilligen Gaben ab, jeder Gegenstand zugleich ein hübsches bon mot . Es war wirklich witzig, und die Aquarellkarten einer hübschen blonden Malerin erzielten eine respektable Summe. Unser Kommissionsrat bot eifrig mit, jedoch immer nur bis zu einer gewissen Höhe. Es ist jedenfalls ein kluger Mann. Wenn der Zuschlag fiel, war »der Geheime«, wie Europa im Jahre 1871, nirgends zu finden, und die junonische Nichte hatte wieder vergebens auf ein wirkliches Künstlerandenken gehofft. Kluge Leute engagieren sich eben nur scheinbar. Der Tombolagewinne, die in einem großen Zimmer nebenan aufgebaut lagen, gab es unverhältnismäßig viel. Ich hatte drei Nummern und gewann dreimal: einen Olivenholzrahmen, einen Seidensachet mit dem Mailänder Dom, ein paar Strumpfbänder vom zartesten Rosenrot. Ich wurde allgemein beglückwünscht. Obgleich ich nicht die Spur abergläubisch bin, in rosenroten Damenstrumpfbändern für Herren liegt doch wohl eine gewisse Ehegarantie des Schicksals. Sehr freundlich! jedoch muß ich leider ablehnen. Die junge Braut gewann nichts, und trug ihr Pech leichten Herzens. Von all den Menschen und dem Rauch war es stickend schwül geworden. Wir gingen darum in den anschließenden Palmgarten, der als schmale Terrasse direkt aus dem See heraufsteigt. Schöne Exemplare, auch echte Zedern vom Libanon dazwischen, aber alles so trostlos regelmäßig, wie vor dem berühmten Kasino zu Monte Carlo. Und die Luft so lau, der See so träge – sanfte Kulisse. Wer die Prachtpalmen von El Kantara über duftenden Lorbeerbüschen direkt zu beiden Seiten des tief ausgewaschenen Flußbettes aufsteigen sah, dahinter, wie eine rote Mauer, der Atlas, der vermißt hier unter Palmen die Palmen um so schmerzlicher. Es ist eben der Ton, der die Musik macht. Ich erzählte den Herrschaften auch davon, und sie beneideten mich auch um meine Reisen, die ich nicht hergeben möchte. Die Braut warf derweilen Steine in den See und freute sich, wie die Wassermännchen hüpften. Wir gingen, noch ehe das Fest beendet. Wir sind eben vornehme Leute, die spät kommen, aber sich zeitig empfehlen. Auch harmlose Genüsse soll man weise temperieren. Als wir hinaustraten, bot uns die Natur ein letztes Schauspiel. Ueber Sald sank die Sonne: breit, rot, dunstig, wie eine Fata Morgana ihrer selbst schien sie in der Luft zu schwimmen. Der See gab matt blinkend die Berge, die Bäume des Ufers in rosigem Duft zurück. Auf der Landungsbrücke drängten sich die Menschen, die nach dem Monte Baldo sahen. Denn je verschwommener, träumerischer hüben die unbewegten Wasser sich jetzt dehnten, die Reflexe violett aufgleißend, weich, oval schimmernd, perlgrau verrinnend, um so leichenhafter begann der Schneeberg drüben zu leuchten, immer weißer, immer näher, als wenn er von innen heraus glühe. Die Skala der Farbentöne vom bläulichen Zucken zur heißen Purpurflamme mählich sich erhitzend. Indes der See, die Ufer in bleierne Dämmerung hinabtauchten, entzündete sich die Glut des Gipfels, die aus brauner Tiefe emporzusteigen schien, bis sie die Wolken berührte. Auf Momente starrte der ganze Buckel weiß glühend, die Schneefelder, blitzend, strahlend, flossen wie Lavaströme zu den dunkeln Tälern hinab. Es war, als wenn im nächsten Augenblicke die Erde sich öffnen müsse, den See, uns alle hinabzuziehen in ihren gärenden Schoß. Und trotzdem hatte ich dabei die Empfindung, daß die Glut dieses, weißen Gipfels eiskalt sei, erstarrend. Niemand sprach ein Wort. Das Ahnen der großen Natur ging durch die kleinen Menschen. Dann begann es rasch zu verglühen, die Schneefelder schimmerten gelblich, verfärbten sich stumpfgrau, schauten aschfarben zuletzt. Eine dumpfe Leichenstarre schien über sie hinwegzugleiten, stumm und unerbittlich wie das Verhängnis. Nur der äußerste Gipfel des Altissimo brannte noch. Langsam erlosch auch er. See und Berge, grau in grau. Es war ein wirklich schönes Schauspiel gewesen, und doch atmeten die meisten wie befreit auf. Ein italienischer Bettler drängte sich an mich, die Komtesse Angern kaufte einem kleinen Mädchen Himmelsschlüssel ab. Den ganzen Rückweg war sie schweigsam, und Mutter und Tochter gingen eng verschlungen wie zwei Schwestern. Ich sprach hauptsächlich mit der Gräfin Quedenberg, die sehr liebenswürdig war und sich sofort erkundigte, warum ich mich eigentlich weggesetzt habe. Sie war verwundert, als ich ihr den Grund ebensowenig anzugeben vermochte. «Ich verstehe nicht.« «Ich auch nicht.« »Von uns kann es eigentlich niemand gewesen sein. Denn wir haben stets nur sehr freundlich von Ihnen gesprochen, Herr Rin. Sie müssen auch wieder 'rüberkommen.« Ich lehnte entschieden ab. Die Dame überlegte einen Augenblick und lächelte gleich darauf ein wenig. »Es kann nur die Gräfin Angern gewesen sein, Herr Rin.« »Das glaube ich auf keinen Fall.« »Und ich bin jetzt meiner Sache ziemlich sicher ... Sie werden schon noch darüber hören, Herr Rin.« Sie sprach überhaupt so vernünftig offen, daß ich ihr alles abbat, was ich über korrekte Herzenskühle gefabelt hatte. Wenn solche Frauen einmal den Sprung ins Ungewisse wagen, dann tun sie ihn wenigstens bewußt und zucken nicht vor den Folgen. Sie stehen unter keinem Torenbann, darum lassen sie sich von keiner Torengewohnheit betören. Ich bin der echte Sohn meines Vaters, wie ich zu meinem Leidwesen immer mehr merke. Ohne die Frau geht's doch nicht im Leben. Die Wissenschaft ist Palliativ, nicht die Frau. Wer die Quellen des Lebens gern schauen möchte, der soll auch nicht die natürlichen Quellen seines Wesens verstopfen. Wir sind doch für die Frauen geboren, und die Frauen für uns. Es wäre sehr töricht auch geistig ein Element auszuschalten, was körperlich die Zukunft der Menschheit repräsentiert. Die Frau ist die natürliche Trägerin des Lebens. Sie hat darum ein Recht auf das Beste von uns. Die Orientalen, die sie zum Spielzeug, zum Arbeitstier, zur einseitigen Gebärerin herabwürdigen, kranken auch politisch an dieser verkehrten Auffassung des Lebens. Sie versumpfen zwischen Despotie und Sklaventum. Wo wir nur das Produkt von Paschalaunen sind, werden wir auch aus Paschalaune selbst weiterzeugen ... Ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich mich gerade jetzt zur Moral bekehre, wo mir die Unmoral doch viel näher liegt! Ich schwanke hin und her. Ich möchte schon mein Bestes geben, aber ich muß auch das Beste dafür haben ... Ich habe mir die Nichte des Kommissionsrats angesehen, – meinen Sinnen würde dieser Körper genug tun; ich habe die Quedenberg genau studiert, – mein Kopf würde bei dieser Frau nicht leer ausgehen ... Und wenn ich diese beiden Weiber zusammenschweißen könnte in eins, ich möchte sie doch nicht. Es fehlt das dritte, das Herz, dessen Schlag ich unbedingt an dem meinen fühlen muß. Ohne das Meer versiegen, versanden die größten Ströme, ganz Zentralasien schreit nach diesem Meer. – Das Herz ist das Meer. – Die Sinne verdorren; der Geist wird stumpf, und wir überleben's lange – erst wenn das Herz ausgeschlagen hat, sind wir wirklich tot. Und wir sehnen uns nach dem Herzen wie der Strom nach dem Meere, wir wollen uns hingeben, aufgehen! Jeder Quell, der vom Gebirge herabstürzt, hat dasselbe Ziel vorwärts zu stürmen, sich zu weiten, bis er als breiter Strom groß und stark dem Meer zufließt, dem Herzen des Lebens. Aus dem Meere gebären sich die Quellen von neuem, aus dem Herzen die Menschen... Und was in drei Teufels Namen trieb mich dazu, dies Herz schließlich doch bei einer Josefa Angern suchen zu wollen? Denn gerade da habe ich's in der Tat gesucht, unbewußt vielleicht, doch mit der Stärke eines Triebes. Und jetzt, wo ich weiß, daß ich dies Herz nicht zu finden vermochte, weil's eben schlechterdings nicht zu finden war, fühle ich es erst, wie sehr ich dieses Herz gesucht habe. Es war ein Wahn! So blank man auch Kupfer putzt, Gold wird's doch nicht. Und es ist eine ganz gemeine Niedertracht des Schicksals, daß es uns gerade da Gold suchen heißt, wo man nur Kupfer finden kann. Ich habe eine starke Neigung, diese Aufzeichnungen zu verbrennen. Sie sind Papier, schlechtes Papier. Ich tu's aber doch nicht. Ich bin nicht feige und will's auch nicht scheinen. Wer Torheiten begangen hat, soll sie ruhig eingestehen. Es kam schnell, lieber Robert, es ging aber auch Gott sei Dank schnell vorbei! ... Ich möchte lächeln. Was beabsichtigte ich eigentlich? Wäre meines Vaters Sohn wirklich überselig gewesen, wenn er diesen Kupfergroschen besessen hätte? Kupfer, lieber Robert, nur Kupfer! Man müßte schon den Stein der Weisen gefunden haben, um aus so etwas doch noch Gold zu machen. Doch ich bin noch nicht am Ende, das weiß ich. Doch ich werde nie feige sein, das weiß ich auch. Es müssen längere Aussprachen bei der Insel stattgefunden haben. Mehr weiß ich auch nicht. Aber es herrscht seit der Tombola eine etwas gespannte Stimmung da drüben. Die Braut ist miserabler Laune. Und von Angerns ging sogar das Gerücht, daß sie plötzlich abreisen müßten, was mir nicht unangenehm gewesen wäre. Aber sie reisen doch nicht! Heute sprach mich sogar die Gräfin-Mutter wieder an. Sie ist unendlich liebenswürdig, und es ist undenkbar, daß gerade sie gegen mich heimlich intrigiert hätte. Ihr bekommt offenbar der Garda diesmal nicht. Sie möchte viel lieber nach Nizza oder Cannes ausfliegen, aber die Tochter hat das Veto eines verzogenen Kindes dagegen gesetzt und gesiegt. Sie sagte mir das natürlich nicht direkt, aber ich fühlte es durch. Sogar Tränen sind geflossen... Es kann mir gleichgültig sein, und es ist mir auch gleichgültig, ob von Mutter oder Tochter. Die feste Fügung der Insel ist jedenfalls gelockert. Die Gräfin Angern und der Kommissionsrat bleiben im Hotelgarten, Quedenbergs machen ihre tägliche Gardonepromenade, die Nichte aquarelliert im Ort italienische Buben. Die Komtesse steigt in den Bergen 'rum. Wir begegneten uns sogar einmal auf dem Lorbeerweg und sprachen miteinander. Und wir waren wahrhaftig beide verlegen! Ich kann nun einmal keine Phrasen machen, und sie kann's eigentlich auch nicht. Sie war in Gaino, in der Toscolaner Schlucht und weiß Gott sonst wo noch gewesen, aber sie hatte nicht einmal Blumen gepflückt, was doch sonst junge Mädchen nie lassen können. Ich beglückwünschte sie zu diesen Touristenfähigkeiten. Sie zuckte nur die Achseln. Wir trennten uns. Aber unwillkürlich mußte ich ihr Nachsehen, wie sie leichtfüßig direkt am Abhang entlang ging, und dabei mit ihrem kleinen Spazierstock den Gräsern die Blütenrispen abschlug. Eine sehr selbständige Dame ist sie bei aller Wohlerzogenheit doch, denn ich fand sie bei meiner Rückkehr auf der Terrasse des Grand Hotel Fasano sitzen, wo sie mutterseelenallein Milch trank und ihre beiden Terriers mit Weißbrot fütterte. Die neugierigen Herrengesichter, die sie vom Hotel aus beobachteten, waren ihr sehr gleichgültig. Im Grunde des Herzens liebt sie jedoch wohl wie alle Jugend die Abenteuer und die Opposition. Man hat sie offenbar geärgert, und sie ärgert die Menschen wieder. Mit ihrem Verlobungsring spielt sie erst recht. Ob es ihr Peter leicht mit ihr haben wird, bezweifle ich aufs äußerste. Als ich kam, ging sie. Sie sah mich ganz bestimmt, aber sie kann mit ihren hellbraunen, hochmütigen Augen so gut über die Menschen wegsehen. Was will sie von mir? Ich habe ihr nichts getan. Noch immer herrscht in der Natur die verschleierte Stimmung. Der Himmel hängt und drückt, durch die Oliven geht von Zeit zu Zeit das schwermütige Säuseln. Aber der Regen bleibt aus. Und gerade diese Luft macht so schlaff! Die Menschen werden einem gleichgültig, man möchte Regen oder Sonne. Mein Ueberkater benimmt sich auch sehr zeremoniell, erscheint höchstens, um mein Tagebuch zu kontrollieren. Aber da bei mir nichts für ihn zu holen ist, hält er sich jetzt lieber zur Gräfin Angern, die ihn mit Biskuit füttert. Hunde sind doch nicht solche Egoisten wie Katzen. Dabei macht mir der weiße Prachtkerl Spaß. Er benimmt sich wie ein tadelloser Gesellschaftsmensch, der genau so viel gibt, wie er bekommt, auf keinen Fall mehr. Man kann von Tieren immer lernen. Gibt's nun eigentlich eine Vorsehung, die uns ihre weisen Schlängelwege führt, oder ist alles nur stockblinder Zufall, der wie der Ziegel vom Dach das unschuldige Kind erschlägt und den ergrauten Verbrecher daneben gewissermaßen heiligt? Ich war mit dem Frühdampfer nach Gargnano hinübergefahren. Gargnano ist ja bekanntlich der schönste Punkt am See, die Limonengärten am üppigsten, der Fels am steilsten. Es ist auch tatsächlich ein wunderbarer Gegensatz, wenn das Auge die Wolken wie Qualm die grauen Schneeschrunden hinaufkriechen sieht und die Hand gerade nach einem blühenden Myrtenzweig im Park Bettoni hascht. Ich war auf den halsbrecherischsten Pfaden bis zur Höhe geklettert, hatte wenig interessante Pflanzen gefunden, und handelte darauf um einen Wagen zur Rückfahrt auf der Piazza. Das Pferd war ausgemergelt; in Italien gewöhnt man sich an ausgemergelte Pferde. Der Kutscher verlangte einen so bescheidenen Preis, daß ich mich wunderte. Das klärte sich später dahin auf, daß ich als blinder Passagier auf dem Bock mitfahren sollte, während die abwesende Dame, die den Wagen schon in Maderno gemietet, im Fond sitzen wird. Ich dankte natürlich und ging hinüber in den Cervo, um mich für die Fußwanderung noch zu stärken. Ich wollte mich dabei noch nach einem andern Afrikaner erkundigen, einem Botaniker aus Passion, der hier stets den Mai verbringt. Das Haus war noch ganz leer, und die sehr propre deutsche Wirtin zeigte mir gleich dienstbereit alle Logierzimmer. Ich dachte wirklich einen Augenblick daran, hierher überzusiedeln. – Die Einsamkeit, die Ruhe, vor allem keine Menschen. Und um gewissermaßen ihren letzten Trumpf auszuspielen, führte mich die Wirtin auf die Außengalerie des ersten Stockes. Das Hotel steht direkt im See, und das klare tiefe Wasser blinkte herauf. Und auch sonst: der kleine Schiffshafen nebenan, mit braunen, geflickten Segeln, dann die bemalte Säulenvilla eines Mailänder Patriziers, und über die Fischerboote hinweg, die fern und unbeweglich wie große Wasserspinnen draußen im See lagen, der freie Blick auf den braunen Fuß des Monte Baldo, dessen Gipfel in Dunst gehüllt war. Es war alles so recht italienisch, und ich stellte mir vor, wie wunderbar ein einziger Sonnenblitz dies Bild vergolden müsse... Und da stand auch in der entgegengesetzten Ecke meine Komtesse, und schaute über die Eisenbrüstung gelehnt hinab, wo die Fischbrut spielte und die Möwen kreischten. Wir konnten uns nicht ausweichen und tranken auch später unsern Kaffee zusammen. Sie bot mir sogar einen Platz in ihrem Wagen an, natürlich denselben, um den ich eben gehandelt hatte, ich lehnte aber ab. Ich möchte von diesen Leuten auf keinen Fall Liebenswürdigkeiten, die ich nicht erwidern kann. Sie begriff das wohl und kniff die Lippe. »Sie wollen also nicht?« »Nein, ich möchte lieber gehen.« Ich tat das auch sehr bald, denn von Gargnano sind es zwei Meilen Weg. Gleich hinter der Stadt überholte mich ihr Wagen. Die Dämmerung begann schon herabzusinken, und ich freute mich eigentlich auf den langen Weg die einsame Küstenstraße entlang, keine weiteren Begleiter, als rechts die Berge und links den See. Es sollte anders kommen. Einige Kilometer weiter an einem Felsvorsprung stand eine Gestalt. Es war die Komtesse, die offenbar in den See hineinträumte. Als ich näher kam, fuhr sie zusammen. Dann grüßte sie und sagte achselzuckend: »Es ist ein Skandal mit diesen italienischen Pferden! Dem Gaul waren meine sechsundfünfzig Kilo schon zu viel. Ich habe darum den Wagen weggeschickt und erwartete Sie.« ' Wir gingen eine Strecke, und sie mißhandelte mit ihrem Modestöckchen die Steinbrüstung. Auf einmal blieb sie stehen. »Sie sind böse auf mich, Herr Rin?« »Ich habe keinen Grund dazu.« »Und Sie sind mir doch böse! Aber unter anständigen Menschen lügt man ja immer. Ich will ehrlicher sein. Ich war Ihnen böse, und bin's eigentlich noch ... Sie hätten sich nicht wegsetzen sollen, Herr Rin!« »Ich habe mich nicht weggesetzt.« »Das weiß ich. Aber Sie hätten sich doch nicht wegsetzen sollen! Aus diesem Grunde bin ich eigentlich hier abgestiegen. Ich wollte einmal mit Ihnen offen sprechen ... Und damit Sie es wissen: meine Mutter ist's gewesen. Ich bin unschuldig daran und erfuhr's erst nach einer Unterhaltung mit Jeanette Quedenberg auf meine direkte Frage bei Mama. Sie meinte, daß es Ihnen so unbedingt lieber, und daß Ihnen unsre Gesellschaft doch nur zur Last sei. Das mag stimmen. – Ich denke, Mama hat dabei noch ihre andern Absichten gehabt. Wir haben nämlich zu viel miteinander gesprochen. – Haben wir das?« »Jedenfalls nichts, was nicht jeder hätte hören können.« »Das meine ich auch ... Ich habe mir nichts dabei gedacht.« Wir gingen wieder eine Strecke. »Und gerade darum hätten Sie sich nicht ohne weiteres wegsetzen dürfen, Herr Rin! Sie hätten zuerst mit mir darüber sprechen müssen, anstatt mit der Gräfin Quedenberg, die die ganze Sache gar nichts angeht. Wenn Mama am hellen Tage Gespenster sieht, so kann ich nichts dafür.« »Ich doch noch weniger, Komtesse.« »Ich habe mit Mama darauf eine Szene gehabt, die erste, solange ich zu denken vermag, – nicht etwa Ihretwegen! Ich liebe Mama über alles, ich liebe sie mehr als jeden Menschen auf der Welt, meinen Bräutigam nicht ausgeschlossen. Aber ich bin zweiundzwanzig Jahre, und wenn ich vor meiner Mutter keine Geheimnisse habe, so darf sie auch keine vor mir haben. In weniger als einem halben Jahre bin ich verheiratet und in derselben Lage wie sie ... Hätte Mama mir nichts verheimlicht, sondern offen zu mir gesprochen – ihre Angst vor etwaigen Klatschmäulern verstehe ich nicht –, ich hätte ohne Frage geantwortet: »Alles was du bis jetzt im Leben getan hast, Mama, war gut, und das ist auch gut ...« So jedoch zwingt sie mich in die Opposition. Ich bin kein Kind mehr und brauche nicht erzogen zu werden ... Mama wollte nach dieser Aussprache durchaus abreisen. Ich glaube selbst, daß ihr der Garda diesmal weniger bekommt als sonst, und ich versichere Sie, ich wäre auch am liebsten abgereist. In Nizza habe ich eine Masse Bekannte, auch Freunde von Peter, und ich würde mich viel besser amüsieren als hier ... Aber ich habe auch meinen Eigensinn: Und jetzt bleibe ich genau so lange, wie Sie hier bleiben, Herr Rin.« «Und warum haben Sie mir das eigentlich nicht schon vor acht Tagen gesagt, Komtesse?« »Ja, das sagen Sie so! – Ich habe mich über Mama geärgert, ich habe mich über Sie geärgert, ich habe mich über die ganze dumme Gesellschaft geärgert, und ich bin mir doch noch nicht klar, ob ich nicht am Ende die einzige Schuldige bin ... Wollen wir wieder gute Kameraden sein, Herr Rin?« »Gern, Komtesse.« Sie gab mir ehrlich die Hand, und ich, der ich eigentlich Frauen niemals die Hand küsse, fühlte die lächerliche Versuchung, gerade diese Hand zu küssen. »Nein, küssen Sie mir die Hand lieber nicht! – Es steht Ihnen nicht.« Es war dämmeriger geworden, ungefähr dieselbe Stimmung wie neulich in Gaino, nur daß der Tag später, die Luft dunstiger, die Natur stummer. Zur Rechten türmte sich gerade der Fels mit seinen stacheligen Agaven, seinen trostlosen Oliven, so starr, so leblos, der Castello dahinter, das alte, schwarze, böse Menetekel. Und zur Linken der See stumpfgrün, lichtlos, wie erblindet, die Felsplatten vom Ufer her ins Wasser vorgeschoben wie riesige Tintenfische, die aus der Tiefe heraufgekrochen waren und lauerten, schattenhaft, gespenstisch. Auch nicht die leiseste Welle raunte. Und wir dazwischen auf der eingesprengten Küstenstraße, die grau, gewunden in der Ferne in den See zu tauchen schien, dessen Wasser sich immer düsterer verschleierten, schemenhafter dehnten –, Luft und Meer in trüber Dämmerung sich vermählend. Es war ein Abend, so ahnungsschwer, daß ich allein von Zeit zu Zeit stehen geblieben wäre, irgendeine Regung des Lebens zu haschen, und dann rasch weiter gegangen wäre, Menschen und Licht zu finden. Wir hatten's besser, wir waren zu zweien. Und wie immer in solcher Stimmung unterhielten wir uns besonders laut, besonders lustig. – Ein Eselkarren schlich vorüber, der Führer schlief lang ausgestreckt. Als das letzte Knirschen der großen Räder verklungen war, sagte die Komtesse: »Es ist unheimlich – aber es ist doch schön! ... Ob hier schon Menschen überfallen worden sein mögen?« »Die Küste ist, soviel ich weiß, absolut sicher, was auch der Kommissionsrat in Gaino neulich gefabelt haben mag.« »Lieben Sie solche Abendstimmung?« »Ich liebe alle Stimmungen.« Ich erzählte ihr dann, wie ich, nächtelang in solcher grau-lichten Dämmerung durch die Atlasschluchten in Marokko geritten sei, ganz allein mit meinem arabischen Diener – und kein andrer Laut als das Gleiten der Hufe auf dem Fels, kein ander Bild als die trostlos dürren Steilhänge. »Und Sie haben natürlich nie Angst gehabt?« »Ich glaube nicht. Es war allerdings nicht ganz sicher, und ich knackte zuweilen an meinem Revolverhahn, um den Mann hinter mir nicht allzu sicher zu machen. In meinem Metier muß man seiner Nerven doch sicher sein, sonst ist man eines Tags verloren.« Sie interessierte das scheinbar sehr. Sie wollte mehr hören von meinen Reisen, vom Reisen überhaupt, sie schien vollständig vergessen zu haben, daß nach einem Pakt zwischen der Mutter und mir schon der Name Afrika verpönt ist. Als hinter einem grünen Felsvorsprung die Lichter von Toscolano auftauchten, sagte sie plötzlich: »Ich habe nicht etwa Angst gehabt, Herr Rin, höchstens ein unheimliches Gefühl, als Sie von Afrika erzählten, und wie sehr man da auf sich angewiesen sein muß ... Sie gehen doch wieder nach Afrika?« »Wahrscheinlich.« «Bald?« »Das weiß ich noch nicht.« »Sie möchten, glaube ich, am liebsten schon morgen reisen.« »Wieso?« »Weil Mama doch recht hat. – Das ist Ihnen hier alles zu zahm. Und nun gar unsre Gesellschaft! Sie genügt mir kaum. – Und sie sollte Ihnen genügen?« Ich versuchte sie zu überzeugen, daß dies keineswegs der Fall, daß diese Gesellschaft mir schon darum interessant, weil sie mir neu, ich gestand ihr sogar offen, daß ich von Anfang an jene gewisse Verlegenheit empfunden habe, gegen die man sich nur mit falscher Ueberlegenheit schützt. Aber sie glaubte mir nicht, sie schüttelte nur immer den Kopf. »Von Verlegenheit habe ich nichts gemerkt, Herr Rin. Und daß Sie sich verschlossener geben wie andre, daß sehr schwer jemand in Sie hineinsieht? – Seien Sie doch froh, daß Sie so sind, so sein dürfen! ... Wir Frauen können Dutzendware sein und kommen dabei doch auf unsre Rechnung. Aber Männer? Die dürfen das unter keinen Umständen sein! Infanterieleutnants, wenn sie auch noch so nett sind, haben niemals für mich gezählt. Regiment Nr. 180! Wer so aufdringlich den Dutzendstempel auf seinen Achselstücken trägt ... Sie können mir schon glauben, der Leutnantspreis ist schrecklich gefallen, seitdem es so schrecklich viel Regimenter gibt. – Peter ist natürlich Kavallerist, hat natürlich keine Nummer, sondern einen Namenszug, und er wird hoffentlich niemals in die Verlegenheit kommen, zu einem Regimente zu gehören, das sich nur durch die Zahl von den andern unterscheidet. Auch sonst nicht! ... Dazu reitet er Rennen, dazu hat er für Baden-Baden nachgenannt, dazu muß er unbedingt die ›Armee‹ gewinnen. – Wir dürfen Durchschnitt sein, Sie niemals!« Sie war bei dem Exposé ordentlich warm geworden, die hellbraunen Augen leuchteten, und ich konnte nicht einmal lächeln. Kommen solche Menschen eigentlich nie von den Aeußerlichkeiten los? – Ihr Peter ist auch nur gute Durchschnittsware, etwas vornehmer gestempelt, aber im Grunde dasselbe gleichmäßige Metall. Daß die Frauen doch immer Wesen und Schein verwechseln! Es ist nicht die Regimentsnummer, es ist der Mann, der sie trägt! – Und Psychologe werde ich nie. Dieselbe Frau, die sich noch eben erst so leidenschaftlich für die Etikette der Dinge begeisterte, springt auf einmal ab. »Und denken Sie vielleicht, Herr Rin: ich kennte Sie nicht, ich wüßte nicht, was Sie gerade in diesem Augenblicke denken? – Sie fällen ein Verdammungsurteil, wie nur Sie es fällen können. Aber diesmal haben Sie unrecht! Ich habe die acht Tage nicht gefeiert. Ich bin wirklich immer in den Bergen herumgeklettert, immer an Abhängen entlang gegangen, ich hatte sogar die größte Lust, auf den Pizzocolo zu steigen. Aber es dauert einen ganzen Tag, und Mama hätte sich zu Tode geängstigt ... Den schönen See habe ich dabei absichtlich recht stiefmütterlich behandelt, es war mir sogar lieb, daß er grau und farblos zu mir aufstarrte. Und der Garda ist tatsächlich auch ein langweiliger Geselle, den man sich über sieht. Er hat keine Kraft mehr, er ist schlapp! Er müßte mal so rasen, daß er unsre Landungsbrücke zerschlägt, unsern schönen Hotelgarten verwüstet. Es sind zwar Ihre geliebten Pflanzen, die er entwurzeln würde, aber ich gebe sie willig preis für den Anblick. Da hätte er sich bei mir rehabilitiert, der blaue Garda ... Doch so – ... O, ich weiß jetzt ganz genau, mein Herr, warum Sie so hoch steigen, warum Ihnen eigentlich die Pflanzen am liebsten sind, die dicht beim ewigen Schnee wachsen! Sie lieben nun einmal die Kraft, ob sie schlummert oder sich regt. Und als wir vorige Woche in der Toscolaner Schlucht waren, da hielt Sie nicht etwa das grandiose Bild gefangen, Sie weideten sich nur an der Unsumme von Kraft, die hier seit Jahrtausenden verschwendet ist. Und dasselbe Gefühl haben Sie, wenn Sie hoch oben auf einem Berge stehen und die Zacken und Hörner ringsum sehen, und sich ausrechnen, wie viel Jahre, wie viel Kräfte hier gearbeitet haben, um ein so gewaltiges Trümmerfeld zustande zu bringen. – Und Sie kommen sich dabei nicht etwa kleiner vor, im Gegenteil, Sie fühlen sich stärker; wachsen selbst mit und haben die geheime Ueberzeugung, daß das alles nur für Sie geschehen ist.« Ich widerstritt dem letzten aufs äußerste. Diese geheime Ueberzeugung habe ich nie gehabt. Und wenn ich auch in der Natur am meisten die Kraft liebe, die Ehrfurcht vor dieser Kraft ist darum gerade das stärkste Gefühl in mir. Und das glaubt sie mir erst recht nicht. »Und Sie haben doch diese Ueberzeugung, müssen sie haben! ... Die Pflanze ist's Ihnen nicht, es ist der Moränensturz, auf dem sie wächst ... Ich habe Sie früher nicht verstanden. Botanik hat für mich etwas Dürres, Schulmeisterliches. Meine Erzieherin mit ihrem Linnéschen System war so langweilig wie dieses System selbst. Kommen Sie mir um Gottes willen niemals mit dem Linnéschen System, oder ich widerrufe alles, was ich gesagt habe oder noch sagen werde! ... Aber gerade, weil ich Sie nicht verstand, und mehr noch, weil ich Ihnen böse war, habe ich's versucht, Ihnen nachzuempfinden. Ich bin eigentlich nur so hoch hinaufgeklettert, um mir zu beweisen, daß Sie doch weiter nichts sind als ein dünkelhafter, pedantischer Schulmeister. Und dabei habe ich begriffen, daß Sie das ganz gewiß nicht sind! Das hat mich eigentlich noch mehr erbost ... Ich habe mir zur Toscolaner Schlucht später einen besonders schwierigen Abstieg gesucht, und Mama würde, glaube ich, bei dem Anblick noch heute ohnmächtig, aber ich wollte nun einmal! Ich wollte wissen, ob das Pflanzeninteresse allein Ausschlag gibt in Ihrem Fall ... Ich tät's jedenfalls nie der dummen Pflanzen halber! Mir wär's im Grunde immer um den Nervenreiz, der erst jeden Abgrund so schauerlich schön macht. Es ist doch eigentlich was Wunderhübsches, auf einem Pfade zu wandeln, wo das geübte Maultier allerdings niemals, aber der ungeübte Kletterer mit Leichtigkeit hinabstürzen könnte auf Nimmerwiederaufwachen ... Und dabei kam ich auf den Geschmack, wollte höher und immer höher, und hatte dann ganz oben die Empfindung, daß erst von der Höhe die Welt so aussieht, wie sie wirklich ist. Ich sage Ihnen, ich bin immer mit Widerstreben wieder hinabgeklettert. Oben ist der ganze Mensch so leicht, unten wird der Fuß so schwer! ... Aber gesagt hätte ich das Ihnen auf keinen Fall, auch heut nicht, wenn nicht gerade heut bei der Rückfahrt mir der schlafende Garda auf einmal so unheimlich vorgekommen wäre. O, er ist schon tief, und seine Kraft schlummert nur! – Dabei kam ich mir auf einmal so kindisch vor, mit meinem Bösesein, meinem Eigensinn; ich stieg eigentlich extra aus, um Ihnen zu sagen, daß ich verstehe, was Sie überall suchen: die Kraft ... Und Sie werden ganz gewiß wieder nach Afrika zurückgehen, Herr Rin! Sie passen nicht hierher, Sie passen vor allen Dingen nicht für uns. Ich habe mir auch überlegt, ob mir ein Leben wie Ihres nicht am Ende auch gefallen könnte, nirgends zu Haus und nur sich selbst verantwortlich ... Vierzehn Tage würde ich's gut aushalten, zur Not auch vier Wochen. Aber länger? Sehen Sie mal,« und sie verzog dabei die Lippen in komischer Resignation, »ich bin doch wohl eine treulose Natur, die schnell warm wird, aber noch schneller erkaltet. Wenn der Garda morgen wieder lächelt, falle ich sicher ab, schlendere lieber bequem am See, beschaue mir die Berge von unten und oberflächlich, die römischen Schals in Gardone aber von oben und sehr gewissenhaft – und das Gestern war nicht mehr ... Ich bin dazu geboren, dazu erzogen, eigne und einsame Wege zu meiden. Wenn ich's anders tue, ist's doch schließlich nur Laune ... Männer sollen eigne Wege gehen unbedingt, und hoffentlich enttäuscht mich in dem Punkt mein Peter nicht allzusehr. Denn sonst ... Ich habe wohl keine Lust, Durchschnittsware zu sein, aber ich bin's darum schließlich erst recht ... Und nun verachten Sie mich einmal vom Grunde Ihres Herzens, Herr Afrikareisender! Doch tun Sie's lieber erst, wenn ich weg bin. Dann sehe ich's nicht mehr. Ich kann's nämlich für den Tod nicht ausstehen, wenn auf einmal Ihre Nasenflügel so eigentümlich zu zucken anfangen. Damals mit dem weißen Kater, dem ich längst nicht mehr gram bin, taten Sie es auch, und Sie wiesen mich sogar recht scharf zurecht. Sie wissen doch noch?« Ob ich weiß! – Aber ob ich jemals werde vergessen können, jemals? ... Mein Instinkt betrog sich doch nicht: Das Mädchen hat Herz, viel Herz, so sehr sie sich auch Mühe gibt, es zu verschleiern. Dieser verwünschte Peter! Warum fällt unsereinem nicht auch einmal solche Frucht in den Schoß? – Und dabei bin ich zu Ende mit meiner Lehre von der Kraft und vom Kampf. Mein Herz zieht sich, während ich neben diesem Mädchen gehe, so eigentümlich zusammen, ich fühle wie ein Junge, der zum erstenmal liebt. Es mag ein Spättrieb sein, der kein Recht mehr hat ... Unsinn! Ich habe ihn nicht gerufen, er ist von selbst gekommen. Die Natur hat Recht, immer Recht! Aber ich bin deswegen noch lange kein Narr. Und was mir recht ist, ist dem Mädel noch lange nicht billig ... Ehe ich weiter denke, mich weiter verspinne, muß ich noch etwas wissen. Ich muß wissen, ob Josefa von Angern ihren Peter von Lasowitz wirklich liebt. Wenn... Wenn nicht... Ich werde es unter allen Umständen wissen! Und bis dahin keine Torheiten, keine Illusionen! Echte Gefühle sind ein Geschenk des Himmels, sie kommen über uns, auch ohne unser Gebet. Ich will auch ihrem geheimnisvollen Quell nicht nachforschen, ich will nur Gewißheit haben, ob der Strom später stark genug sein wird, mich zu tragen. In Toscolano trennten wir uns. Sie bestieg ihren Wagen, der am Eingang des Ortes wartete, und forderte mich nicht zur Mitfahrt auf. »Soll ich eigentlich Mama sagen, daß wir zusammen gegangen sind, und was wir miteinander gesprochen haben?« fragte sie mich aus dem Wagen heraus. »Tun Sie ganz nach Belieben, Komtesse.« Sie überlegte einen Augenblick. »Nein, ich tu's doch nicht! Jetzt will ich auch mal ein Geheimnis haben ... Ich bin kindisch?« »Nein.« »Und ich bin's doch! ... Adieu, Herr Rin.« Sie hielt den Finger auf den Mund und lächelte. »Adieu, Komtesse.« Dann fuhr sie. Es war irgendein Mißklang in diesem Abschied. Ich aß in Gardone zur Nacht. Ist's nicht ein Wahnsinn, zu bleiben? Es ist doch etwas absolut Hoffnungsloses. Wenn sie nur Kulisse wäre, weiter nichts als Kulisse? Dann ist sie's eben. Aber ich muß dessen sicher sein. Ich kann alles ertragen im Leben, nur nicht den Zweifel. Ich werde bleiben. Sechstes Kapitel Ich kann gar nicht sagen, wie wohl ich mich in meinem alten Heim fühle! Es regnet seit gestern Bindfaden, und die Zugvögel des Hotels, das Gesindel mit Rucksack oder Lodenkleid knurrt über solch unliebsame Unterbrechung. Die guten Leute scheinen der Ansicht zu sein, daß die äußerst mangelhaften Toiletten ihrerseits den Garda zu einer ganz besonders raffinierten Toilette seinerseits verpflichten. Ich finde es im Gegenteil recht behaglich, von den lieblichen Düften der Küche zu dem strengen Bratenparfüm des Speisesaals abwechselnd hinauf- und hinabzusteigen, im Konversationszimmer die Seufzer der Damen, im Fumoir die Verwünschungen der Herren anzuhören, und dabei zu konstatieren, daß gerade dieser Regen das dienende Hotelpersonal mit heimlicher Freude erfüllt. Sonnenschein, der die Wadenstrümpfler so angenehm kitzelt, ist den Stubenmädchen eine Qual. Sie hören die Wagen vorfahren, die Namen der schönsten Ausflugsorte werden genannt, der überfüllte Vergnügungsdampfer am Nachmittag pfeift impertinent; man sieht's diesen Arbeitstieren an, daß sie auch gern hinaus möchten, daß bei Sonnenschein der Küchendampf besonders unangenehm beizt, der Stubenbesen sich mürrisch langsam schwingt. Aber bei Regen erhellen sich sofort die dienenden Gesichter. Wenn die Gnädige weint, lächelt die Jungfer ... Ich habe es stets vermieden, mit den einen oder andern einseitig zu empfinden. Ich empfinde, wie's mir praktisch scheint, und augenblicklich empfinde ich mit den Stubenmädchen. Aber es ist auch wirklich hübsch nach den Irrfahrten meines Rittertums, sagen wir ruhig Don Quichottes, sich hier auf einem Fensterbrett wiederzufinden, warm, trocken, in den Regen blinzelnd und sehr froh, daß der Honigmond vorüber, der Liebespfad nach Gargnano zu den überwundenen Dingen gehört. Ich denke jetzt über die Liebe kühl, über die Ehe verächtlich. Wenn ältere Ehepaare an mir vorbeikommen, bekreuze ich mich stets, daß ich nicht in der Lage bin, entweder zu zanken oder zu knurren, in welche Seelenstimmungen die Menschenliebe nach einigen Ehejahren ausklingt ... Wenn ganz junge Liebende an mir vorüber wollen, ohne mich überhaupt zu bemerken, ohne auf der Welt für irgend etwas andres Sinn zu haben, als die blödesten Zärtlichkeiten beiderseits, da schnurre ich besonders ironisch und denke: ›Wenn eure Liebe nur erst einige Jahre älter ist!‹ ... Liebe und Sonnenschein passen vorzüglich zueinander, aber einen wunderschönen Taumel bis zu Regentagen und Kindergeschrei ausdehnen zu wollen, ist wahrhaft menschlicher Wahnsinn. Ich preise diese ehelichen Zärtlichkeiten nur bei Gartenvögeln. Man delektiert sich an der schmackhaften Brut und erwischt vielleicht noch die zärtlich flatternde Mutter. Wir sind jetzt in der Zeit, wo die afrikanischen Vogelreisenden sich einzufinden pflegen – sehr angenehme Gäste, denen das Quartier in unserm Magen auch wahrscheinlich am zuträglichsten ist. Der Schneider des Ortes wenigstens läuft schon im Regen mit einer tropfenden Muskete herum und knallt ohne Besinnen auf den See hinaus. Die Deutschen finden das grausam, ich finde es nur töricht. Denn die Taucher, nach denen er schießt, haben eine ausgesprochene Abneigung gegen die Bratpfanne und stoßen getroffen sofort in die Tiefe, wo sie dann der Küche verloren sind ... Aber Menschen sind eben Gefühlsphantasten. Und der kleine, rabiate Schneider mit seinem löcherigen Karbonarihut und der alten Muskete, die ihm nächstens in Stücken um den Kopf fliegen wird, unterscheidet sich nur scheinbar von diesem Rin, der mir neulich einen Sperling recht unhöflich entriß. Er nannte mich dabei: »weißer Schuft!« Menschen mit solchen Manieren können mich ebensowenig beleidigen, wie sie mich erschrecken können. Aber unser Gefühl kühlt sich dabei ab. Nicht etwa wegen dieses Vogels! Ich brauche nur in die Küche hinabzusteigen, um mich eines viel zarteren Hühnerbeins zu versichern. Aber den Mangel an Takt und Selbstbeherrschung verurteile ich. Dieser Mann ist überhaupt ein Gimpel. Er beleidigt seine Gönner, um zu seinen Feinden überzugehen. Ein richtiger deutscher Narr! Wenn ich irgend etwas auf der Welt nicht mag, so ist es gefühlvolle Unvernunft. Wie sein Tagebuch zeigt, war er bereits aus dem Netz, konnte gehen, wohin er wollte, und der albernste Köder genügt, um ihn wieder einzufangen. Jetzt wird die reizende Josefa, in der ich von Tag zu Tag mehr jene diplomatische Feinschmeckerei entdecke, die uns befiehlt, sich an dem lebenden Vogel recht lange zu erfreuen, ehe wir den toten verzehren, erst wirklich anfangen mit ihm zu spielen. Jetzt wird sie ihn verliebt machen, sich an den Zuckungen seines Herzens freuen, zuletzt diesen Gimpel ganz ruhig verhungern lassen ... Es kommt alles, wie ich gesagt habe: der warme Sonnenschein weckte die Gefühle, der bedeckte Himmel ließ sie ausreifen, die Regenwoche jetzt gibt einem unverbesserlichen Toren den Rest. Und dem widerspricht keineswegs, daß die junge Gräfin mich neulich in Abwesenheit ihrer Terriers zu einer wahren Kakesorgie ermutigte. Diese Liebenswürdigkeit gilt nicht mir, sie gilt meinem früheren Protegé. Aber im Grunde ist es nur das gewisse Mitleid, das auch uns vielleicht beim Anblick gefiederter Sänger ergreift und uns verleitet, sie noch möglichst lange unter unsrer Aufsicht hüpfen zu lassen; aber weidgerecht erwürgt wird der betreffende Vogel doch. Dagegen das Interesse der jungen Dame für mich wird nicht nur bleiben, es wird sogar wachsen, während ihre Mitleidsregungen für meinen Protegé sehr bald in nichts zerflattern. Nur das wirklich Gediegene dauert! Und im Vorgefühl solcher Wandlung halte ich es für klug, mich zu salvieren, ehe ich salviert werde. Der Mann imponiert mir nicht mehr! Eines Tages wird er verschwunden sein, ohne irgendeine Spur hinterlassen zu haben, aber die junge Dame wird sich von jetzt ab mehr und mehr an mich attachieren. Sie ist mir sehr sympathisch. Sie hat jene spielende Sicherheit, die unser Geschlecht besonders hochhält, und zu der ich reuig zurückkehre, nachdem sich die Krafthubereien dieses Rin und die himmelstürmende Leidenschaft meines Tristan als eitel Trug erwiesen haben. Ich fühle wieder jene Lust zur Intrige in mir keimen, die uns Katzen mit Diplomaten und Frauen stets einen wird. Dieser Rin wird uns noch zu schaffen machen. Ich bin neugierig, wie seine sonst sehr kräftige Konstitution sich in diesem hoffnungslosen Kampfe ausleben wird. Der Vogel, der noch flattern kann, ist ein dankbareres Studienobjekt als der hilflos aus dem Nest gefallene Spatz. Ich hätte bei meiner Kakesvisite gern die Korrespondenz der jungen Dame etwas revidiert, – nicht das, was sie schreibt, sondern das, was sie nicht schreibt, wäre mir wichtig. Aber sie ist entschieden ordentlicher als Herr Rin. Die Briefe an ihren Bräutigam schickt sie sofort ab, und die seinen verschließt sie. Der einzige, unterbrochene, den ich neulich las, bedeutet wahrscheinlich einen Wendepunkt. Meine Visite war, wie gesagt, nur kurz, draußen bellten die Terriers. Vielleicht schwankt sie auch noch. Frauen und Katzen find ja untaxierbar ... Ich mußte mich darum über die Stimmung im allgemeinen vergewissern und ging zum zweiten Salon. Dort klatschte natürlich der Kommissionsrat wieder, Quedenbergs waren auch da, und dieser sächsische Uhrenfabrikant a.D. verstieg sich sogar zu der Aeußerung, daß die Komtesse Angern vielleicht doch etwas leicht sei. Die Gräfin antwortete ihm präzis: »So leicht wie Sie, Herr Kommissionsrat.« Darauf wurde herzlich gelacht, der alte Herr ließ vor Angst seinen Meerschaumkopf fallen, und ich glaube, daß ihn die Nichte etwas schadenfroh ansah. Diese Nichte kann Kater nicht anfassen. Ich halte das für ein Zeichen von großer Geistesarmut. Bei Rin war ich auch, und zwar längere Zeit. Der Mann ist schneller verrückt geworden, als ich dachte. Jedoch sein Tagebuch kann selbst sprechen. Ich mag in gewissen Dingen harmlos sein, aber wenn alle Regentage auf dieser Welt so reizend sind, so mag's meinetwegen immer regnen. Ich esse allerdings noch an meinem andern Tisch, und selbst die direkte Bitte dieses entzückenden Geschöpfes macht mich nicht wanken. Es wurde mir höllisch schwer. Doch ich denke, ein Mann darf sich nicht beliebig von einem Platz zum andern schieben lassen, wie ein überflüssiges Paket. Josefa schmollte darüber ein wenig, nannte mich undankbar und beschwor, sie würde niemals wieder so offen mit mir sprechen wie neulich auf dem Wege von Gargnano. Und unberechenbar, wie sie doch ist, erklärte sie vierundzwanzig Stunden später, daß ich eigentlich recht habe. »Ich habe mir's überlegt, Herr Rin. Männer sollen sich nicht kommandieren lassen. Ich glaube, wenn Frauen herrschen wollen, müssen sie erst verachten können. Ich werde Peter diesen letzten Gedankensplitter sofort übermitteln, aber als eignen, höchst ernsthaften, nicht wie die vom Kommissionsrat, wo ich schon beim Schreiben Tränen lache ... Aber trotzdem, ich kommandiere so viel lieber, als ich gehorche!« Sonst kann sie mit unsern Zugeständnissen wohl recht zufrieden sein. Die Insel hat sich neuerdings wieder zusammengefunden. Wir tagen vormittags, nachmittags, abends im Angernschen Salon, und wenn das ein Ausfluß der Regenlaune ist, wir sind kindlich vergnügt. Wenn ich mir dagegen die gelangweilten Gesichter der andern Hotelgäste denke! Wie die Herren schon vom Frühstück ab einen Verzweiflungsskat spielen, und die Damen auf lügnerisch blauen Ansichtspostkarten ihre frierenden Freunde in Deutschland zu ärgern suchen, und eigentlich nur sich selbst ärgern über diese Sonnenlüge auf Papier ... Und ich komme zu der Ueberzeugung, daß solche Insel eigentlich etwas sehr Zweckmäßiges ist. Man holt sich heran, wen man mag, man braucht sich nicht erst abzuschieben, wen man nicht mag; man hat die Freuden der Privatvilla ohne die Leiden des Hotels. Die übrige Gesellschaft liebt uns natürlich nicht, so wenig wie ich die Insel früher geliebt habe. Aber man ist gerade darum besonders höflich, läßt uns grüßend den Vortritt, in der Gewißheit, daß alles Exklusive auch höllisch langweilig sein müsse. Jedoch wir amüsieren uns in der Tat gut. Ich kann wohl sagen, daß ich keine Woche meines Lebens so angenehm plaudernd und so intensiv genießend zugleich verlebt habe, als diese Aprilwoche am Garda ... Es kann sein, daß dem Grafen Rhyn der Sinn für gute Formen doch angeboren ist, wenn auch Herr Rin sie zu verachten scheint, und daß die Menuettpas, die meine Vorfahren im Berliner Schlosse wahrscheinlich höchst zierlich vollführten, wenigstens als dumpfe Zuckungen in den Füßen des Epigonen nachvibrieren. Wer Fanatiker der Erblichkeit ist, darf auch die Beine nicht vergessen ... Und es ist in der Tat ein Reiz mehr, daß diese Gesellschaft Herrn Rin akzeptiert, gern akzeptiert, ohne zu ahnen, daß das alte Wappen, das über dem Schreibtisch der Gräfin Angern hängt und das sich vielleicht diese andre Familie nur angemaßt hat, mein Wappen ist, und daß ich der Letzte, der ein Recht hat, dies Wappen zu führen. Dabei spielt kein gräflicher Ahnenstolz mit, und das Genfer Patriziergeschlecht, dem meine Mutter entstammt, ist mir mit seinen Traditionen genau so viel wert. Freilich, wenn in diesem Salon ein Gesicht fehlen sollte? ... Schon wenn wir uns nach dem Lunch erheben, um oben unsern gemeinsamen Kaffee zu trinken, überläuft mich ein Prickeln, wie kraftvoll graziös die schlanke Josefa geht, wie reizend nichtachtend sie sich für den ganzen Tisch verbeugt ... Die Gräfin Quedenberg ist ja hübsch und klug, die blaßblauen Augen könnten einem Don Juan wohl die Frage anregen, ob man aus Eis nicht doch Funken schlagen kann; die Gräfin Angern ist von jener Anmut, die nicht stirbt; die Nichte besitzt wahrscheinlich auch noch andre Reize als diesen Junohals. Aber was sind sie alle dem schönen Mädchen mit den kühlen, hellbraunen Augen gegenüber, jede Bewegung von der spielenden Kraft, die ihrer wohl bewußt ist und doch schlummert! ... Ich suche bei den Frauen das Herz. Nur starke Menschen können starke Herzen haben. Und es ist wirklich rührend, wie zärtlich wir alle bemüht sind, uns vergessen zu machen, daß es regnet. Ich weiß nicht, ob wir tatsächlich so sind, oder ob nur vor meinen Augen der täuschende Schleier liegt, der das Leben gerade da vergoldet, wo's am grausten ist. Der Kommissionsrat kramt die ehrwürdigsten Geschichten aus, sie sind uralt, – ich weiß es, – und sie gefallen mir doch. Der Graf pfiff uns gestern eine ganze Sonate vor, einige Passagen waren bestimmt falsch – ich weiß es – und ich beneide den Mann um die Fertigkeit doch. Die Nichte läßt ihre Aquarellstudien wandern, immer derselbe italienische Junge, bald auf einer Vignenmauer liegend, bald am Strande bettelnd; kein Betteljunge hat ein so regelmäßiges Heiligengesicht – ich weiß es – und sage doch dem Mädchen Höflichkeiten gerade über dies Gesicht ... Die Theorie und die Wirklichkeit vertragen sich mal wieder vorzüglich miteinander! Ich habe sogar den Sinn für Kleinigkeiten in mir entdeckt, für das absolut Oberflächliche, was mir sonst fernliegt. Ich ziehe mich andächtig an, knüpfe die Krawatte mit Kennermiene, ich beschaue voll Liebe meine Lackschuhe, die mit ihrem faltenlosen Glanz eigentlich die Unnatur selbst sind. Es gibt eben tausend und abertausend Dinge, die auch zum Leben gehören, obgleich ich nicht glaube, daß ich nach dem Beispiel des Grafen Quedenberg die Eisenbahnfahrt von Hannover nach Berlin jemals stehend gemacht hätte, bloß um keine Knie in das frisch gebügelte Galabeinkleid zu bekommen. Aber über die modische Hosenfalte habe ich doch auch tiefsinnige Betrachtungen. Ich zog mich zwar immer sehr anständig an, weil ich das gewollt oder ungewollt Saloppe nicht mag, aber daß ich einmal die abfallenden Schultern des guten Quedenberg nachdenklich betrachten könnte, nur weil das für schick gilt und der Lasowitz die Mode auch mitmacht, kam mir nie in den Sinn. Doch da eine Rosenknospe in hellbraunem Haar für mich heute weit mehr bedeutet als der Tausendmarkschein aus eines Geizhalses Hand, so könnten ähnliche Erwägungen auch bei meiner Partnerin stattfinden. Die Leute, die blödsinnig werden, merken es selbst zuletzt, und die schlotterigen Tertianer, die lange Studentenpfeifen unter Seelenqualen anrauchen, sind nur in den Augen Erwachsener urkomische Märtyrer. Zur Passion jeder Art gehört nun einmal die Torheit. Und wahrscheinlich ist's mir recht gesund, daß ich auch einmal die Welt von unten ansehen, die kleinen Freuden und Leiden mitmachen lerne. Dabei lernt man, die großzügige Hoffart schwindet. Wer auf seinen Weg sieht, tritt die fleißige Ameise gewiß nicht tot. Innerlich bleibe ich trotzdem der Gleiche, der ich bin: es liegt nicht in meiner Natur, mich selbst zu verlieren. Und wer wie ein Dandy näseln will, muß auch die entsprechende Gehirnleere besitzen. Die zwei neuen Anzüge in Brescia waren allerdings ein bedenkliches Symptom. Aber wenn ich den guten Quedenberg wegen seines englischen Schneiders interviewte, so halte ich ihn deswegen noch lange für keinen Botschafter. Und der Lackschuh wirkt bis jetzt noch nicht ausdörrend auf meine geistigen Fähigkeiten. Ich weiß noch genau, was ich rede. Unsinn ist es nicht. – Und wenn ich mich scheinbar vergesse, mit Leuten fraternisiere, die nicht meine Leute sind, so ist das ein Ausfluß jener Feststimmung, die den Lebensweg so glatt sieht, wie sie ihn wünscht ... Ich habe gute Augen, und die vernünftige Kühle der Quedenberg, die gleichmäßige Liebenswürdigkeit der Angern täuschen mich nicht. Die wissen beide, was sie wollen, aber sie sollen nicht wissen, was ich will. Mir paßt diese Quedenberg jetzt nicht in den Kram, weil eine so ehrgeizige Natur natürlich nicht begreifen kann, daß der einzige Geist einer Gesellschaft sich nicht ihr ausschließlich widmet. Und die Mutter Angern, die wahrscheinlich in jeder Lebenslage noch zu lächeln vermag, ist eine zu gute Mutter, hat ihre Tochter, ihren Peter, unser aller Lebensglück viel zu lieb, um mich hier zu lieben. Beide sind meine offenen oder versteckten Widersacherinnen, vor allem diese Mutter Angern, von der ich noch heute nicht weiß, was uns eigentlich verbindet oder trennt. Es besteht zwischen uns ein besonderes Verhältnis. Wir sind uns nicht Fremde, so wenig wir uns auch kennen, und wir haben beide die gewisse Scheu vor dem Unbekannten, was uns doch verbindet. Vielleicht ist diese Liebenswürdigkeit gerade mir gegenüber echt, aber dann ist es die Liebenswürdigkeit der instinktiven Furcht. Entweder gibt's eine Seelenwanderung, und wir haben auf einem andern Planeten in einer andern körperlichen Hülle schon das Vergnügen gehabt; oder wir sind von den Urahnen her Gott weiß wie verwandt, müssen uns lieben oder hassen, je nachdem. Die Wege des Blutes sind so verschleiert, daß sie kein Psychiater, viel weniger ein Stammbaum entwirrt. Vielleicht findet auch eine jener unbegreiflichen Wechselwirkungen statt, die Abneigungen oder Zuneigungen den Menschen wahllos einpfropfen, die betreffenden Menschen können es am wenigsten erklären. Die Frau mag mich und mag mich auch nicht, und genau dasselbe ist bei mir der Fall ... Jetzt, wo ich gewissermaßen in den Bannkreis dieser Familie getreten bin, weiß ich genau, daß ich mit der Liebe der Tochter zugleich den Haß der Mutter erwerben würde und umgekehrt ... Das sind Schrullen. Im Leben muß sich alles Bestimmte auch auf etwas Bestimmtes aufbauen, und so sind mir vorläufig Sympathien und Antipathien noch recht gleichgültig. Aber ich schweife ab. Der Menschen Sympathien oder Antipathien in der Gesellschaft erzeugen Reflexbewegungen, und so ist die Tatsache, daß Robert Rin jetzt geistig Toilette macht, auch als Reflexbewegung aufzufassen. Wann glänzt das Federkleid des Paradiesvogels am goldigsten? Wann flötet die Nachtigall am zauberischsten? – Wenn sie sich paaren wollen. In Aeußerlichkeiten kann ich mit ihnen nicht mit, ich muß also von innen herausgeben, und darum bin ich auch längst nicht mehr der Zurückhaltende, Schweigsame. Ich spreche, weil ich gefallen will – und wahrscheinlich spreche ich gut. Ich gebe willig meine Erlebnisse preis, meine Erfahrungen, nicht übermäßig tief, nicht übermäßig flach, aber angepaßt der Welt, in deren Bann ich stehe. – Ich will eine Frau bezaubern! – Und wenn sie vorher die schöne Menschenfischerin war, so bin ich jetzt der Alchimist, der seine Zauberformeln spricht. Sie muß hören! Es ist nicht der Eitelkeitsdrang etwa vor diesen Leuten auszupacken, wie viel man gesehen, gedacht, gelebt, wie sehr man sich vom Pöbel unterscheidet – ich spreche nur zu einer Frau, ich will aus zwei kühlen hellbraunen Augen lesen, daß sie mich verstehen, daß ich der bin, der ich bin. – Versteht sie mich? Ich weiß es nicht. In meinem Zustand ist das geistige Verstehen ganz naturgemäß viel weniger wichtig als die Tatsache, daß das hellbraune Auge mir mit Interesse, vielleicht mit Bewunderung lauscht, daß es sich erwärmt, dunkler schillert, daß sie immer mehr hören möchte von dem Leben da draußen. – Es ist eigentlich unglaublich, wie viel ich jetzt rede, wie ich dieser ganzen Gesellschaft meinen persönlichen Stempel aufdrücke. Die sind ganz zufrieden, daß sie wieder einen Leithammel haben – nicht einen selbsterwählten, sondern einen aufgedrungenen – aber folgen müssen sie ihm doch!... Freilich gibt es auch Stunden, wo das Mädchen kein Wort spricht, zerstreut die Menschen und die Dinge betrachtet. Ist sie dann nur müde, will sie ausruhen? Oder bricht da die eigentliche Natur durch, deren Strohfeuer nicht einmal glühende Asche zurückläßt? Ich habe keine Erfahrung in Frauenherzen. Aber es war mir doch ein Triumph, als Josefa gestern wie aus einem Traume erwachend den gedankensplitternden Kommissionsrat unhöflich unterbrach: »Herr Rin, Sie müssen uns noch einmal die Geschichte erzählen, wo Ihre Karawane nur durch ein Wunder gerettet wurde?! – Ich habe nämlich diese Nacht auf Ihrem Rennkamel mit geritten, bis es zusammenbrach...« »Aber Gräfin, es war wirklich nicht so schlimm, wie ich es machte.« »Also Sie wollen nicht erzählen?« »Nein.« »Aber wenn ich Sie bitte?« »Es geht nicht auf Kommando. Ich muß erst wieder geärgert werden, wie an dem berühmten Tage damals.« »Also ärgern wir einmal!« rief der Kommissionsrat in klassischem Sächsisch. »Ja, ärgern wir einmal,« wiederholte die Gräfin Quedenberg dialektlos. »Nein, ärgern wir lieber doch nicht,« besänftigte sehr liebenswürdig die Mutter Angern. Darauf wurden die Mädchenaugen wieder kühl, unangenehm kühl. Sie ist's wohl nicht gewöhnt, daß ihr ein Wunsch unerfüllt bleibt. Als wir am Abend am Kamin stehend unsern Zehnuhrtee schlürften, lockte sie mich harmlos raffiniert in eine Fensternische. »Warum sind Sie eigentlich gegen mich so besonders ungefällig, Herr Rin?« »Gräfin, ich konnte wahrhaftig nicht!« »Aber jetzt sind wir allein.« »Jetzt kann ich's erst recht nicht!« »Ach, Sie sind...« Und sie wandte sich sehr ungnädig ab. Aber als ich mich zum Kamin zurückziehen wollte, sagte sie kurz: »Bleiben Sie!« Einige Minuten standen wir gelangweilt. Endlich ich: »Aber Gräfin, Sie erzählen doch auch nie mehr von dem, was Sie interessiert, und Sie erzählten wirklich wunderhübsch.« »Von Rennen und so weiter, meinen Sie? Da können Sie lange warten! Denken Sie vielleicht, daß ich nur deshalb an den Garda gekommen bin, um mich von Ihnen belächeln zu lassen?« »Gräfin!« »Aber selbst wenn Sie nicht, wenn überhaupt niemand gelächelt hätte! Ein Mädchen, das eine ganze Table d'hote mit ihren Pferdegeschichten unterhält und dadurch die guten Leute zwingt, gewissermaßen Nase und Ohren aufzusperren, ist nun einmal lächerlich.« »Aber dann war ich mit meiner Durstgeschichte doch in dem gleichen Fall.« »Das waren Sie eben nicht! Ihre Afrikareisen sind Studienreisen, Ihre Erzählungen darüber haben einen Sinn, meine haben keinen Sinn... Was verstehe ich denn von Pferden? – Nichts. Ich habe Pferde gern, wie Tiere überhaupt, ich habe sogar viele Jagden mitgelitten, aber was ich sonst von Rennen und Vollblut weiß, das weiß ich von Peter. Ich habe mich eben mit fremden Federn geschmückt und tue das wahrscheinlich meistens, aber trotzdem bin ich fast dreiundzwanzig und nicht siebzehn Jahre. Vergessen Sie das, bitte, nicht!« Da wagte ich den ersten, kecken Vorstoß: »Ich habe mich mit Ihrem Alter nie beschäftigt, Gräfin, ich habe höchstens Ihren Peter beneidet und beneide ihn von Tag zu Tag mehr.« Sie errötete darauf nur leicht. Sie ist eben Elogen gewöhnt. »Na, ich glaube, Peter wird nicht so sehr zu beneiden sein...« Ihr Blick streifte mich flüchtig. »Redensarten stehen Ihnen übrigens nicht!... Ich habe Sie gestern immer darauf hin angesehen, wie Sie es wohl anfangen würden, wenn Ihnen eine Frau gefiele. Leute wie Sie, die dürfen nicht reden, die müssen handeln.« »Wie denken Sie sich das?« »Wie ich mir das denke? ... Gott...« Darauf muß sie lachen. »Da fehlen mir die Erfahrungen. Peter hat jedenfalls erst geredet und dann gehandelt. Aber mir wollen doch lieber von etwas anderm sprechen! Glauben Sie an Träume?« »Nein.« »Ich auch nicht. Darum will ich Ihnen einen erzählen. Ich kann's mit Seelenruhe. Neulich habe ich hier eine alte ›Zukunft‹ studiert; mich interessierte darin eine Abhandlung über Träume. Danach sollen Leute, die zum Beispiel ihr Fähnrichsexamen bestanden haben, später nie mehr von diesem Examen träumen, aber umgekehrt immerfort. Halten Sie es für möglich, daß der gute Quedenberg jede Nacht vom Auswärtigen Amt träumt? – Ich nicht. Die arme Jeanette muß auch das wahrscheinlich für ihn tun. Aber was die Hauptsache ist, man soll nach diesem Aufsatz immer nur von Nebenpersonen träumen. – Also, wir ritten zusammen durch die Wüste, Ihr Kamel war schon gänzlich ausgeritten, meins noch ganz frisch. Und es muß wohl sehr schlimm um unsre Karawane gestanden haben, denn ich hatte einen Durst, und die Sonne brannte, daß ich wahnsinnig zu werden fürchtete. Aber, wir ritten und ritten, und hieben auf die armen Tiere ein, daß es einen Jockei gedauert hätte. Doch vorwärts kamen wir nicht. Es war schrecklich! Ihr Kamel wurde matter und matter, und wie ich denke, daß es zusammenbrechen muß, bricht dafür meins zusammen und kann sich auch nicht mehr aufraffen. Sie sagten nichts. Sie warfen mir nur einen stechenden Blick zu, und auf einmal konnte Ihr Kamel traben, wundervoll traben, so daß es in kürzester Zeit am Horizonte verschwunden war. Ich aber blieb liegen und verschmachtete ... Ich sage Ihnen, Herr Rin, in meinem Leben bin ich nicht so glückselig gewesen, als wie ich aus diesem Traume erwachte!« Ich verstand eigentlich nicht recht, warum sie mir das so lang und breit erzählte. Aber Frauen sind im Grunde ihres Herzens doch furchtbar abergläubisch. Sie hielt's nämlich für ein Zeichen. Sie ist überzeugt, daß ich sehr alt werden, und sie sehr jung sterben wird. Wir sprachen darauf viel über Träume und kamen darin überein, daß man doch niemals das ganz erlebt, was man träumt. Es war harmloser Unfug. Aber eigensinnig kam sie immer wieder darauf zurück, warum denn eigentlich dieses junge, frische Kamel fallen mußte, während mein abgetriebenes davonkam. Ich konnte ihr darauf nur antworten, daß es dann eben mehr Lebenskraft gehabt haben müsse, und daß das bei den Menschen genau die gleiche Sache sei. »Haben Sie nun eigentlich so viel Lebenskraft, Herr Rin?« Ich zuckte nur die Achseln. Ich konnte ihr doch nicht antworten, wie viel Lebenskraft ich alter Mensch in ihrem Anblick noch fühlte, wie es mich drängte, ihre junge, köstliche Lebenskraft zu wecken, um sie hinaufzuführen in andre Sphären. Während wir noch sprachen, mußte die Mutter unhörbar herangekommen sein, denn sie stand plötzlich zwischen uns und sagte: »Du hast den Brief an Peter noch nicht kuvertiert, Josefa.« »Ach ja, der arme Peter!« scherzte das Mädchen darauf. »Sehen Sie, Herr Rin, die besten Männer vergessen wir Frauen am ehesten. Heiraten Sie lieber nicht!« Sie wollte noch weiter scherzen, aber die Gräfin- Mutter sagte mit einer gewissen Schärfe: »Josefa, es eilt! Herr Rin wird dich gewiß gern eine Viertelstunde entschuldigen.« »O ja, Mama, ich glaube, noch viel, viel länger!« Das sind so unsre Gespräche. Beweisen sie etwas? Beweisen sie nichts? – Am Ende führt mich nur ein bildhübsches Mädchen an der Nase 'rum. Und es ist auch ein Wahnsinn! Was weiß ich von dieser Josefa? Was weiß sie von mir? – Alles, was sie sagt, ob klug oder töricht, ist doch weiter nichts als graziöse Spielerei. Ich tippe mir jeden Abend vor dem Spiegel an die Stirn und sage: Mensch, du bist verrückt! – Und dieselbe Vernunft, die mir befiehlt, schleunigst abzureisen, raunt mir auch wieder zu: ›Du bist doch schließlich ein Mann, du darfst nicht mit leeren Händen fortgehen. Du mußt wenigstens bleiben bis zur Gewißheit!‹ ... Das ist ja auch richtig, aber zum Lachen ist's doch! Eine Josefa Angern und ich? Gegen Gefühle kann man nichts. Ich habe noch nichts Törichtes getan, ich kann noch zu jeder Stunde gehen. Aber wenn ich nach dieser Woche gehe, ohne Aussprache, ohne Gewißheit, gehe ich doch in dem schlappen Gefühle, daß sich so etwas im Sande verlaufen muß, weil's keine andre Berechtigung hat. Solche Abschlüsse habe ich nie geliebt. Ich bin von jeher zu sehr auf mich selbst angewiesen gewesen, um nicht an die Möglichkeit so lange zu glauben, bis die Unmöglichkeit auf der Hand liegt. Ich will eine Frau! Warum soll ich sie nicht haben? Seit jenem Traum scheint's wie abgeschnitten. Das Mädel will nicht mehr. Ich zerbreche mir den Kopf, was ich gesagt, getan haben könnte. Ich finde nichts. Das ist eine sehr unangenehme Probe auf das Exempel. Ich muß dagegen bleiben, der ich bin. Ich glaube, daß niemand auch nur eine Ahnung haben kann, wie sehr mich diese Wandlung quält, wie sehnsüchtig ich nach Augen suche, die mir ausweichen ... Ist es zu Ende? – Man mag auf jede Eventualität noch so gut vorbereitet gewesen sein, beim Schlag ins Gesicht fährt man doch zusammen. – Und ich kann nicht einmal plötzlich abreisen, ich habe keinen Vorwand, nachdem ich neulich bestimmt erklärt hatte, daß ich bis zum Mai am See bleibe, weil ich die Monte Baldo-Flora durchaus studieren muß... Ich habe mir noch nie in die Karten sehen lassen, ich habe mich noch nie lächerlich gemacht, soll ich hier zum Gespött werden? Es ist eine Situation, die man nur eine ganz bestimmte Zeit erträgt. An einem Tage kamen zwei Telegramme für Angerns. Soll's damit zusammenhängen? Denn auch die Gräfin-Mutter kann mit aller Liebenswürdigkeit die geheime Sorge nicht ganz verhüllen. Es ist eben zu Ende! Und ich will kein unnützes Wort darüber verlieren, was mich dieses Ende kostet. Ich habe das Mädel lieb gehabt, ich habe es noch lieb, ich kann nicht anders... Aber ich möchte, ich bekäme jetzt auch ein Telegramm, das mich auf der Stelle abruft. Woher soll ich wohl ein Telegramm bekommen, vielleicht vom Monde? Mir eins auszudenken, bin ich zu stolz. Es wird sich eine letzte Aussprache finden. Dann gehe ich. Und bis dahin Ruhe, ihr Nerven, und Kopf hoch! Ich habe mich glücklich aus mancher Wildnis herausgearbeitet, und sollte aus dieser simplen Angelegenheit keinen Ausweg finden? Ist alles blinder Zufall oder alles Vorsehung? Ich muß die törichte Frage noch einmal stellen. Wir haben nämlich während der Regenzeit auch unsre Gesundheitsspaziergänge nicht vergessen, speziell den Quedenbergschen Pflichtspaziergang bis Gardone absolvieren wir jeden Nachmittag vor dem Diner. Regen, Schmutz, die Landstraße aufgeweicht. Nebel über dem See, Nebel vor den Bergen, und wir mit Regenschirmen und Regenmänteln immer mitten durch. Was irgendwie zusammengehört, paart sich unter dem triefenden Dach. Ich als mißvergnügter Nobile trotte hinterher. Wer solche Karawane in solchem Regen sieht, dem werden alle Hoffnungen zu Wasser. Das letztemal war's kaum zu ertragen. Ich fühlte mich so überflüssig auf dieser Welt. Wieder die gleiche Straße, wieder der gleiche Regen, im Herzen nicht mal ein Nachtlicht. Diesmal führten Angerns. Und ich glaube, uns alle hatte mittlerweile eine stille Wut gepackt gegen dies graue Einerlei, das von dem ganzen schönen Garda nichts gelassen hat als die Speisegerüche des Hotel Gardone, an dem wir sonst regelmäßig umkehren. Aber heute waren wir eigensinnig, kehrten nicht um und wateten in stummem Einverständnis an der neuen, evangelischen Kirche vorüber, an der Dichtervilla vorüber durch Fasano, bis in seiner verschleierten Bucht Maderno vor uns lag. Der Kommissionsrat, über den ein wilder Abenteurergeist gekommen schien, schlug vor, bis Maderno selbst weiterzugehen, dort einen Raritätenhändler aufzusuchen, der früher preußischer Offizier gewesen sein soll, und dann mit dem Dampftram zurückzufahren. Ich selbst verstehe von Raritäten nichts, ein neues Bild ist mir lieber wie ein altes, und die Achs! und Os! über wurmzerfressene Chorstühle mache ich nicht mit. Ich absentierte mich also unauffällig und ging lieber am Strande spazieren. Es wallte eine wahre Gespensterdämmerung über dieser einsamen Seepromenade mit den bröckelnden Vignenmauern. Hinter dem einzigen größeren Haus, einer Pension, eine vergitterte Mauernische, das verräucherte Heiligenbild darin von einem Oellämpchen trübselig beschattet. Das Bild interessierte mich nicht. Ich wollte einen alten Bekannten aufsuchen, der am Ende der Promenade wohnt: einen verschrumpften Greis, der durchaus nicht ins Armenhaus will. Er hat sich eine alte Bretterbaracke zusammengenagelt, der Regen tropft herein, der Wind pfeift durch, der Raum ist gerade groß genug, das schmutzstarrende Bett zu fassen. Dort lebt er, schläft er. Bei gutem Wetter kriecht er in die Sonne, um von alten Zeiten zu träumen, wo er einst der berüchtigtste Messerstecher am See war. Heute hatte er ausnahmsweise Licht, saß auf seinem Bett und ließ die nackten Beine baumeln. Er phantasierte nicht etwa, er döste nur greisenhaft. Ich besuche ihn oft. Meine Soldostücke nimmt er gern und dankt auch. Aber hinter mir her krächzt er und murmelt, und ich fürchte, daß diese Gebete für mein Seelenheil zugleich Flüche gegen die ganze Menschheit sind. Es sah fabelhaft phantastisch aus, der alte, halbnackte Kerl im Bett, von dem Lichtstumpf auf der Erde diese ganze italienische Armut phantastisch beleuchtet wie in einem Räuberroman. Vagabunden, die nicht ins Hospital wollen, sind mir immer interessant gewesen. Von den Leuten kann man lernen, wie man sich knurrend ins Schicksal fügt, und doch nicht fügt. Er spendete mir auch wieder seinen Segen. Als ich zurückkam, wandelte Josefa die Seepromenade lang. Ich erschrak fast, als wir, aus dem Nebel auftauchend, uns auf einmal gegenüberstanden. Sie wollte weitergehen, ich aber überredete sie, umzukehren. »Was haben Sie eigentlich, Gräfin?« »Nichts.« »Aber Sie haben doch etwas!« »... Das Wetter ...« »Warum gehen Sie dann nicht weg?« »Weil ich nicht mag.« Wir kamen an dem Heiligenbilde vorüber. Da blieb sie stehen und besah sich die trübselige Maria. »Sie sind auch wie alle andern! Ich werde doch mit fast dreiundzwanzig Jahren wahrhaftig das Recht haben zu sprechen, wann ich will, und zu schweigen, wann ich will.« »Fraglos.« Als wir weitergehen, fragt sie auf einmal: »Sie sind Protestant?« »Nein, Katholik.« »Das höre ich zum ersten Male.« »Ich gehe auch nie zur Messe.« Da dreht sie sich nach dem Heiligenbild um, dessen Lämpchen wie ein Glühwurm aus dem Nebel lugt. »Ich möchte manchmal, ich wäre Katholikin.« »Das möchten manche Frauen ...« »O nein! Jeanette Quedenberg zum Beispiel ist fanatische Protestantin.« Dann zuckt sie die Achseln. »Es ist schließlich gleichgültig, an was man glaubt, wenn man nur glaubt...« Und in ihrer abspringenden Art fortfahrend: »Ich sagte Ihnen neulich, ich sei eine treulose Natur. Erinnern Sie sich?« »Gewiß.« »Halten Sie es für möglich, daß man einen Menschen, den man liebt, unbegreiflich lange Zeit ohne Nachricht läßt?« »Das kommt auf den Menschen an.« »Nun, ich habe an meinen Bräutigam vier Tage lang nicht geschrieben.« »Und der Grund?« »Ja, wenn Sie mir das sagen könnten, Herr Rin! Ich fing an und zerriß und fing wieder an. Es kam mir alles so albern vor... Das passiert manchmal, aber der Anfall ging sonst schneller vorüber.« – Sie blieb eine kurze Zeit wie nachgrübelnd stehen. »Ja, so bin ich, und das ärgert mich.« »Das verstehe ich nicht, Gräfin. Sie waren doch die letzte Zeit so gut gelaunt.« »Ja, das war ich, ich war zu lustig, ich habe mich zu gut amüsiert! Jetzt ist der Katzenjammer da ... Eine Braut darf sich nicht von Herzen amüsieren ohne ihren Bräutigam! Und weil ich's nun einmal getan habe, habe ich die Empfindung, als hätte ich etwas Unrechtes getan, als könnte ich ihm nicht mehr gerade ins Gesicht sehen ... Eigentlich sind Sie daran schuld! Sie sind überhaupt an vielem schuld. Ich bin für die breite Landstraße geboren, warum führen Sie mich auf Berge?« »Und warum folgen Sie mir?« »Ich werde Ihnen nicht mehr folgen, haben Sie keine Angst! ... Ich bin keine wankelmütige Natur, die immer das Neue bevorzugt, wie Mama meint.« »Und wenn Sie es doch wären? Sein müßten?« Sie antwortet darauf nicht, sie hat's nicht gehört. Sie fährt wie im Selbstgespräch fort: »Er hat zweimal an mich telegraphiert, aus Sorge um mich. Er ist so viel treuer als ich ...« Von Tremosine her huschen breite, blaue Lichter über den See, die elektrischen Scheinwerfer von den Zollkuttern leuchten die Linie ab. Es sieht sich fast dämonisch an, wie der Leuchtkegel so weich und lautlos dahingleitet, die Berge, das Wasser mit lichtem Nebel überflutend, und ganz tief hinten das böse, beizende kleine Lichtauge, das die ganze Nacht nicht ruht. Sie sah auch hin, aber sie dachte an andres. »Die Rennen haben schon begonnen. Er kann morgen schwer niederbrechen, er kann sogar schon heute tödlich niedergebrochen sein. Früher habe ich nie damit gerechnet, jetzt muß ich immer daran denken. Ich werde ihm noch von Maderno aus telegraphieren!« Wir sind zu der schmalen Passage gekommen, wo sich der Bootshafen zwischen Kirche und Straße zwängt. Es ist hier ganz dunkel bis auf die schwarzen, unheimlichen Wasserreflexe. Ein Ort, wo man den Todfeind überfällt, und den Sterbenden dann in die Tiefe hinabstößt. Ich muß etwas Aehnliches gefühlt haben in dem Moment. Denn ich sagte bewußt langsam: »Und wenn eines Tages dieses Unglück passierte, wenn es schon passiert wäre? Glauben Sie, daß Sie es überleben würden?« Wir waren eng beieinander gegangen, wie es die Straße vorschreibt. Jetzt weicht das Mädchen unwillkürlich zurück: »Das ist etwas Scheußliches, etwas Scheußliches! ... Ich werde Ihnen nie darauf antworten! ... nie! ... Ich selbst habe ... Es riecht so dumpfig hier, es ist überhaupt so ekel, weich die ganze Luft.« ... Und sie eilte sich, auf die Piazza zu kommen. War es mehr Angst vor mir oder vor ihr, was sie so trieb? Ich weiß es nicht ... Aber wenn ich sie in dem Augenblick gefaßt, an mich gezogen hätte? Meine Hand hält fest, was sie einmal ergriffen hat ... Vielleicht hätte das Mädchen aufgeschrien vor Grauen, vielleicht hätte sie es auch geduldet, schwankend, haltlos und dann mit den gleichen dürstenden Lippen mich wiederküssend, wie ich sie geküßt ... Ich kenne das Mädchen in diesem Punkte nicht, aber ich hatte die dunkle Empfindung, daß ich es hätte tun können, tun müssen, gerade an dieser Stelle ... Ich tat's nicht. Das war nicht Mangel an Entschluß. Es war mir nur zu heimtückisch dunkel, ein Wetter und ein Ort für Feiglinge und Verbrecher. Und wenn ich einem Bräutigam seine Braut nehme, so nehme ich sie doch lieber am hellen Tage. Auf der Piazza kam uns die Mutter ängstlich entgegen. »Josefa, wo warst du? Du darfst nie wieder so allein gehen!« Mich schien sie überhaupt nicht zu sehen. Bei der Rückfahrt saßen wir weit voneinander. Sie hatte sich in eine Ecke des Waggons gelehnt und sah in den Nebel, während die Hand langsam den Verlobungsring auf und nieder gleiten ließ. Ich bin nicht zur Table d'hote gegangen den Abend. Ich schützte unaufschiebbare Korrespondenzen vor. Ich mußte eine Stunde allein sein, ganz allein. Jetzt nur nicht in die Helle sehen, sondern im Dunkeln sitzen, starrend auf einen Punkt! Es ist etwas Häßliches geschehen, und ich muß darüber hinwegkommen ... Ich kenne nicht das Hochgefühl des Verführers, vielleicht weil es meiner Natur widerstrebt, vielleicht auch nur, weil ich nicht den Training des berufsmäßigen Schürzenjägers habe. Und heute, wo mir schließlich doch klar geworden ist, daß sich alles entwickelt, wie ich es wollte, nur schneller – daß ein Mädchen ratlos an einem Kreuzweg steht. Ein einziger, fester Griff, und sie geht meine Pfade! ... Und gerade heute komme ich über den Mann nicht weg! Dieser Lasowitz ist mir gleichgültig, absolut gleichgültig, und wird es auch bleiben. Ja, wenn ich ihn haßte! Das wäre ein ander Ding. Dann würde ich kühl auch über seine Leiche schreiten in der richtigen Empfindung, daß der tote Feind besser ist als der lebende ... Aber ein Mensch, den ich kaum kenne, der wahrscheinlich weder gut noch böse ist, und der das historische Recht auf eine Frau besitzt, während ich das natürliche zu besitzen glaube! Ich liebe diese Frau, jeder, der sie auch liebt, ist mein Feind. Aber er muß vor mir stehen, ich muß mich mit ihm messen können, mit dem Kopf, mit der Hand, mit irgendeiner Waffe, die er auch notdürftig zu führen vermag. Oder er müsse sich sonst als dürre Frucht erweisen, die vom Lebensbaum abfiel. Wer kümmert sich um eine einzige dürre Frucht, wo der saftstrotzende Baum noch so viele rotwangige trägt? ... Ja, sie hat recht! Es war etwas Scheußliches, das ich an der dunkeln Stelle zu ihr sagte, aber es war doch auch wiederum echt. Es quoll aus den Tiefen einer Natur hervor, die besitzen will, die besitzen muß, die keinen Nebenbuhler duldet. Ach, das war ein unsinniges Hin und Her. Wenn der Mann nur nicht hundert Meilen von hier entfernt wäre, wenn er wenigstens eine Ahnung hätte! Aber er hat eben leider keine Ahnung. Ein Wildschütz tut den Forstwart mit einem heimlichen Schusse in den Rücken ab, der anständige Mörder zielt offen nach der Brust. Und schließlich bin ich auch über diese Kavaliersbedenken hinweggekommen. Habe ich auf meinen Reisen je an Herzschwäche gekrankt? Habe ich nicht rücksichtslos dem großen Ziel die kleinen Nebendinge geopfert, das Kamel, den Träger, beides wahllos? Wie wir zwei unsre letzte große Expedition ausrüsteten, wußten wir nicht genau, daß von Tier und Mann auch nicht ein Drittel die Küste erreichen würde? Als der Führer selbst starb, der sogar mein Freund war, habe ich mich da weinerlich gezeigt? Ich habe ihm nicht einmal die Augen zugedrückt, er starb allein. Denn ich mußte weiter. Die Stunde, die ich ihm schenkte, stahl ich mir, und das durfte ich nach der Lage der Dinge nicht. Wo's irgend darauf ankam, bin ich meinen Weg gegangen, ohne viel nach rechts und nach links zu sehen. Was fällt, das fällt eben! Das Kamel, das mir liegen bleibt, kann ich höchstens aus Barmherzigkeit töten. Nach der Schlacht muß man seine Toten zählen, in der Schlacht darf man es nicht ... So weit bin ich jetzt auch in bezug auf den Mann. Und wenn ich's mir recht überlege: ist der ahnungslose, ferne Lasowitz nicht am Ende mein schlimmster Feind, und ihr treuester Freund? Von den Menschen kommt man so viel eher los als von ihren Schatten. Und wenn ich die Frau gestern nicht in meine Arme riß, so war es der Schatten dieses Mannes, und wenn sie mir morgen nicht in die Arme sinkt, hindert das nicht vielleicht der gleiche Schatten? Die Kinder, die ihre Eltern notorisch schlecht behandelt haben, sterben fast vor Reue, wenn sie am Elternsarg stehen. Den Lebenden liefen sie hohnlachend aus dem Hause und ehrten die grauen Haare nicht. Die Liebe ist Kampf, der Sieg Recht. Ich hätte sie gestern doch an mich ziehen sollen, ob sie sich nun in Leidenschaft oder Abscheu wand! ... Warum tat ich's nicht? Warum werde ich's wahrscheinlich auch morgen nicht tun? Ich ging an dem Abend noch lange im Regen spazieren. Und wie immer, wenn ich allein mit mir bin, gewann ich auch die Klarheit mir gegenüber. Ich werde morgen eine letzte Unterredung suchen und finden, ob nun mit List, ob mit Gewalt. Dann wird sich's entscheiden auf einen Ruck. Als ich von dem Spaziergang zurückkam, lag auf dem Schreibtisch ein Telegramm. Man fragt von Berlin an, ob ich geneigt sei, die Führung einer großen Saharaexpedition zu übernehmen. Projektierter Aufbruch: ersten Oktober. Meine Entschließung: möglichst binnen acht Tagen. Da habe ich ja nun das Telegramm, das mich abruft! Ich hielt's lange in der Hand und las es wieder und wieder. Wenn ich je im Leben die Ahnung verspürt habe, daß es doch etwas geben muß, das uns leitet, so spürt' ich's an jenem Abend, wo auch ich an einem Kreuzwege stand. Hier eine ganz große Zukunft, ehrgeizige Träume die Fülle – und dort nur ein Weib. Und daß ich angesichts dieses auch nicht einen Augenblick geschwankt habe, das beweist nicht viel, das beweist alles. Zwischen jetzt und acht Tagen entscheidet sich mein Leben. Gäbe doch die Vorsehung, daß es nicht der großen Zukunft, sondern dem großen Glück entgegengehe! ... Was doch ein Weib vermag, ohne es zu ahnen! Und wie schrecklich greifbar jetzt plötzlich die Möglichkeit vor mir steht, gerade auf dieses Weib vielleicht verzichten zu müssen. Aber es gibt keine Unmöglichkeiten. Was man will, hat man! Und jetzt kommt mir der alte afrikanische Wagemut wieder, der mich noch immer gut geführt hat. Und nun nicht mehr an das Kleine, Nebensächliche denken, die Steine, an denen man sich doch stößt, die Dornen, an denen man sich doch ritzt! Es wird gehen, und es muß. Vorläufig schwieg ich. Beim Lunch wunderten sich meine Freunde, daß ich so zuversichtlich ausschauen könne trotz des Regens. Die Narren! Als mir uns zum Kaffee in den Angernschen Salon zurückzogen, zeigte ich einfach das Telegramm. Sie lasen – sahen mich an; lasen – sahen mich wieder an. Der Name, der darunter stand, war ihnen so ehrwürdig, daß sie anfangs nichts zu sprechen wagten. Die erste, die das Schweigen brach, war die Gräfin-Mutter. »Ich gratuliere von Herzen, Herr Rin.« Josefa hielt das Blatt als letzte noch immer in der Hand, und ich glaube, diese Hand bebte leicht. Aber unter den Händen, die sich mir glückwünschend entgegenstreckten, war die ihre nicht. Erst viel später fragte sie ruhig: »Nehmen Sie an, Herr Rin?« »Das kommt darauf an, Gräfin.« Unsre Augen fanden sich, verstanden sich, glaube ich wenigstens. Sie ging kurz darauf weg, um der Jungfer noch etwas zu bestellen, wie sie sagte. Niemand fiel es auf, – nur die Mutter sah ihr nach. Als sich die erste Freude gelegt, sagte die Gräfin Angern mit dem liebenswürdigsten Lächeln: »Schade, daß sich unser kleiner Kreis jetzt so merklich lichtet! Josefa und ich reisen auch schon morgen, erst nach Venedig und dann nach Florenz. Sie kennt Italien noch nicht außer Nizza, und wer weiß, ob sich das nach ihrer Verheiratung wieder so bequem macht. Gerade Venedig war immer ihr Traum. Sie weiß auch noch nichts. Ich wollte sie überraschen. Verraten Sie ihr, bitte, auch nichts, wenn sie jetzt kommt!« Das war eine Ueberraschung, die fast noch mehr wirkte als die meine, weil man von so überaus höflichen Menschen solcher Ueberraschungen sich nicht versieht. Vielleicht standen alle vor einem Rätsel – mich ausgenommen. Siebentes Kapitel Katzen sollen heimtückisch sein – und Hunde sind es! Diese Terriers sind eben gemeine Verbrecher. Sie haben mir neulich nachmittag aufgelauert, mich durch den Korridor gehetzt wie einen gemeinen Mäusefänger und mich, den Olympier, gezwungen, an ein Fensterkreuz festgekrallt die Götter um Hilfe anzuflehen. Eine solche Position ist weder schön, noch liebe ich sie. Die junge Gräfin Angern mußte mich persönlich befreien. Die Bestien gebärdeten sich wie die Wahnsinnigen, weder der Pfiff auf dem Griff der Hundepeitsche, noch die Hundepeitsche selbst konnten sie zur Räson bringen. Ich mußte darum am Halse der Dame selbst Schutz suchen und verfing mich dabei etwas in dem Spitzenkragen. Sie nahm mir das nicht etwa übel, sie trug mich sogar in den Salon. Dort invitierte sie mich zu Milch und Kakes, während die beiden Meuchelmörder zur Strafe in den Keller gesperrt wurden, wo sie erst tief beleidigt jaulten, aber als richtige Strauchdiebe sich sehr bald mit einer imaginären Ratte trösteten. Vielleicht scheint nichts bezeichnender für die Wandlung der Dinge als dieser Vorgang. Aber leider ... man darf aus den Salongesprächen der Menschen niemals auf die Schlafzimmerkonversation schließen, und von der Grazie einer Frau niemals auf ihre Klugheit. Bei dem Kakesimbiß dankte ich dem Zufall, der hier so wunderbar Diplomaten und Diplomatin zusammengeführt hatte – nach einem Blick auf den Salon wurde ich stutzig –, die Unterhaltung der Frauen machte mir die Milch sauer ... Ich hätte beinahe gewünscht, lieber wieder von diesem Grafen Rhyn befreit zu werden. Das soll ein Salon sein? Offene Koffer, zerstreute Kleider, überhaupt ein Chaos von all den intimen oder unnötigen Dingen, mit denen vornehme Damen zu reisen pflegen, darüber ein Parfüm, als würde der Ballsaal ausgefegt nach dem Fasching. Die ältere Dame kramte in ihrem Juwelenkoffer, die jüngere saß, ohne die Hände zu rühren, auf einem Stuhl mitten im Zimmer. Und die Gesichter, die Unterhaltung! Ich hätte es nicht für möglich gehalten. »Ich habe dich überraschen wollen.« »Du hast mich überrumpelt!« »Aber du wolltest doch immer nach Venedig, Josefa! ...« »Ich weiß nichts davon.« »Aber es wird gereist, mein Kind!« »Nein, es wird nicht gereist, Mama!« »Josefa!« »Mama? ...« »Ich telegraphiere an Peter.« »Telegraphiere, bitte, sofort!« »Aber, Kind, wenn ich dir nun sage ...« »Das ist mir ganz gleichgültig – ich bleibe, ich will bleiben –, ich lasse mich nicht mehr dirigieren, weder durch dich, noch durch Peter ... Ich wünschte überhaupt, es wäre alles anders.« »Ich denke, mein Kind, du hättest bis jetzt nur zu sehr deinen Willen gehabt ... Und im übrigen danke ich Gott, daß es also ist, wie es ist.« »Aber ich reise doch nicht – ich nicht!« Meiner Freundin wurde die Stimme ganz hoch und heiser. Und ehe die Mutter es hindern kann, nimmt sie einen Brief aus der Tasche, zerreißt ihn mit einem Ruck und wirft die Fetzen auf die Erde. »Josefa, um Gottes willen!« »Nein, Gott sei Dank!« Mir wurde bei dem allem ganz schwül. Und ich muß ehrlich gestehen, daß ich dem Zickzack menschlicher Gemütsbewegungen viel weniger gern folge, als logischen Auseinandersetzungen. Gemüt ist Schwäche – und Schwäche verachte ich. Jedenfalls entwickelte sich eine recht dramatische Szene. Die Mutter beschuldigte die Tochter, daß Afrika in ihrem Herzen einen unverhältnismäßigen Raum einnehme, daß sie das habe kommen sehen, und daß gerade das ein unbedingtes Ende haben müsse. Sie sprach noch liebenswürdig, wog die Worte. Die Tochter verteidigte sich dagegen viel zu leidenschaftlich. Das sei nicht wahr, sie interessiere sich für den Mann nicht, sie habe auch noch nicht den Gedanken gehabt, jemals einen andern heiraten zu können als ihren Peter, – aber »er« sei ihr Freund, ihr bester Freund, der sie erst gelehrt habe, die Welt anzusehen, wie sie sei, und sie wolle genau so lange bleiben wie »er« ... Ich glaube nun, daß junge Damen nur so reden, weil sie sich selbst keineswegs kennen, aus der schlechten Gewohnheit heraus, mehr mit der Phantasie als mit dem Verstande zu arbeiten. Natürlich hat sie eine Schwäche für diesen Schwächling, den sie für stark hält. Das ging so eine Weile hin und her. Und ich verstehe eigentlich nicht recht, warum dieser ahnungslose Peter, dem es zuweilen recht übel erging von der jungen Dame, in der gleichen Minute auch für einen Heiligen erklärt wurde. Das sind Unklarheiten, die sich selbst Graf Rhyn in seinen letzten Tagebuchkapiteln nicht zuschulden kommen läßt. Und als alles vergebens schien, fing die ältere Dame sanft zu weinen an, die jüngere aber in Absätzen und sehr heftig, – was mir noch peinlicher war. In den Pausen sagten sie sich allerlei Gutes und Schlimmes, was aber alles weggeschwemmt wurde durch die Tränenflut. Zuletzt kniete die junge Gräfin vor der alten, den Kopf in ihren Schoß gelegt. »Aber Mama, ich habe dich ja so lieb ...« »Mein liebes, liebes Kind, – ich will ja nur dein Bestes.« »Ach, ich weiß ja, ich weiß ja, Mama.« Dabei wurde der jüngeren Dame immer der Kopf gestreichelt und der älteren die Hand geküßt. Und es wurde mir selbst beinahe weinerlich zumute. Darauf beruhigten sie sich etwas. Meine Freundin trat ans Fenster und sah lange hinaus, obgleich wirklich nichts zu sehen war wie Regen und Nebel. Sie sagte endlich weinerlich: »Mama, handle ich auch recht? Ich möchte Peter alles schreiben – alles! ... Ich kann's aber nicht! ... Und ich habe doch wahrhaftig nichts verbrochen ... Ich habe nur ein so dumpfes Schmerzgefühl jetzt, und als wenn es ganz, ganz anders hätte enden müssen ... Mama, ich war immer so fix und fertig, – und bin wahrscheinlich doch das Gegenteil: ein verwöhntes, unklares Geschöpf, das sich nie wirklich Rechenschaft gegeben hat. Mama, ich kenne Peter nicht, und Peter kennt mich nicht ... Wird's nicht doch besser...?« Da wurde ihr sanft der Mund geschlossen, und die ältere Dame sagte womöglich noch weinerlicher: »Peter ist der einzige Mann, der zu dir paßt, der dich glücklich machen wird fürs Leben – fürs Leben, Kind, und nicht für einen Augenblick. Aber das, was du jetzt denkst, würde er nicht verstehen, darum behellige ihn nicht damit! – Ich verstehe dich ... Ich war auch ein erstes Mal am Garda, vielleicht auch in Sald – und ich war auch jung. Danke Gott, daß du noch eine Mutter hast, die ich nicht hatte!« Aber meine Freundin schüttelte nur immer den Kopf und wollte die vernünftigen Lehren der älteren Dame durchaus nicht annehmen. »Mama, du verstehst mich doch nicht ...« Und sie schluchzte wieder. »Es sitzt hier, hier, hier!« Dabei zeigte sie nach dem Herzen. »Aber ich weiß nicht, was es eigentlich ist ... Es lastet nur so schrecklich!« »Wenn ich dich nicht verstehe, liebes Kind, so versteht dich niemand auf dieser Welt. Ich kenne den Druck. Aber er gibt sich, er gibt sich ganz gewiß!« Ich fand es etwas seltsam, daß die ältere Dame bei dieser Gelegenheit nicht auf die Tochter, sondern auf ein altmodisches Medaillon über dem Schreibtisch sah. Dabei wurden auch ihr wieder die Augen feucht. Ich meine aber, daß nun gerade Tränen genug geflossen sind. Ganz hat sich meine junge Freundin jedoch noch nicht ergeben. Sie hat sich noch irgend etwas vorbehalten. Und die ältere Dame erkundigte sich nicht mal: was. Sie hat das richtige Gefühl, daß die Abreise das Wichtigste ist. Darauf wurde nach der Jungfer geklingelt. Und diese niedere Dienstbotenseele, die blond und blauäugig ist und sich in Italien nach Deutschland sehnt, fragte sofort, ob sie mich vielleicht herausbefördern solle und die Terriers dafür hineinlassen in den Salon. Ich erhob mich gekränkt. Aber die junge Dame nahm mich gewissermaßen als Antwort sofort auf ihren Arm, herzte mich und sagte genau wie Graf Rhyn in seinen guten Tagen: »Du weißer Prachtkerl!« Geküßt hat sie mich nicht. Und das ist mir ein sicheres Zeichen, daß ich recht behalten werde. Sie ist eben doch die schöne Kluge und Herr Rin der häßliche Dumme. Dennoch empfahl ich mich bald. Gemütsexplosionen sind erschlaffend, namentlich für die Unbeteiligten. Ich mußte noch etwas frische Luft haben. Darum begab ich mich erst an das Kellerfenster und hatte eine herzliche Freude daran, daß die Terriers wutschnaubend gegen die Eisenstäbe rasten. Ich strich ganz nahe an ihnen vorbei, auf jener äußersten Linie, die nur dem Toren gefährlich ist. Herrn Rin suchte ich gleichfalls auf. Er ist ein Feigling – und dazu blind. Er hatte keinen Blick für meine Olympierschönheit. Nicht mal in sein Tagebuch wollte er mich sehen lassen. Wenn ich diesen Menschen nicht verachtete, würde ich ihn jetzt bemitleiden. Er scheint entschlossen, täuscht sich also wieder mal über seine Qualitäten. Wenn er sich entschlossen hat zu handeln, dürften andre schon längst gehandelt haben. Wie ich mir den Menschen so ansehe, kann ich nur bedauernd sagen: »Es war einmal ...« Ich aber gehe grundsätzlich dahin, wo ich den Erfolg wittere. Ich ziehe hiermit das Resümee meiner heutigen Erlebnisse. Wozu sind leidenschaftliche Gemütsausflüsse gut? Zu Lustspielszenen. – Was ist ein Mann, der sich sicher fühlt? Verloren. Angerns werden schon wieder kommen, weil sie sich meiner Logik verständig gefügt haben, und weil sie mir darum dankbar sind. Sie, Herr Rin, werden niemals wiederkommen, nachdem Sie einmal abgereist sind, weil Sie ein Tropf sind, ein halsstarriger Tropf. Das wäre also glücklich vorbei, dieses innerliche Abschiednehmen. Und es war beinahe zum Lachen. Ein Packen, ein Umherrennen, die ganze Insel in geschäftiger Auflösung, und ich mitten in dem Wirrwarr der einzige ruhende Pol, das heißt gebunden an Händen und Füßen, entschlossen, zu handeln und auch nicht einen Augenblick in der Lage, es zu tun. Diesmal sind Mutter und Tochter nicht mehr zu trennen. Nicht eine Sekunde allein mit ihr, nicht einmal ein Blick! ... Es soll eben nicht sein! Es sind hier Kräfte tätig gewesen, gegen die ich auch wahrscheinlich sonst machtlos gewesen wäre. Eine erwachsene Tochter, die sich von ihrer Mutter gängeln läßt, kann mir nichts nutzen. Ich wollte eine Frau, die fand, was sie suchte. Für wankelmütige Kinder bin ich wahrscheinlich mein Lebtag zu alt gewesen ... Und da hilft auch kein Ueberlegen, kein Grübeln. Ich habe nicht planlos gehandelt, ich habe bis zu dem Moment gewartet, wo mir die Frucht reif schien. Da sie vor der Zeit abfiel, wird sie wohl faul gewesen sein ... Es war eben ein Traum. Ach, es war nicht mal ein Traum! Ich denke, ich bin zu alt zum Träumen ... Es ist spät, der Morgen graut beinahe, und ich schreibe nur, weil ich nicht schlafen kann ... Pah! Ein Kartenhaus stürzt zusammen, – ich baue mir kein neues. Und wenn eine Rechnung sich als falsch erweist, versuchen nur Toren ihre Richtigkeit doch zu beweisen. Was ich gestern beschlossen habe, fällt heute ins Wasser. Sie reisen erst am Nachmittag. Ich werde ihnen nicht hinderlich sein. Und wenn ich eine Stunde mit ihr allein zusammen sein sollte, – ich werde nicht sprechen. Ahnt sie, was ich fühle, hat sie überhaupt etwas verstanden, etwas empfunden, – dann muß sie jetzt das erste Wort sprechen. Sie geht, – nicht ich. Sie muß sagen, warum sie geht. Ich dächte, sie wäre mir ein andres Abschiedswort schuldig als den andern. Habe ich ihr gestern bitter unrecht getan? Ich möchte keinem Menschen auf der Welt weniger gern unrecht tun als ihr ... Ich sah ja diese Pflanze gewissermaßen wachsen, groß werden, mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit aus einem Nichts heraus sehr viel sein. Mir war sie vielleicht alles ... Und wenn ich auch Erinnerungen ebensowenig liebe wie mein Vater, – die Erinnerung an sie bleibt, muß bleiben! Sie hat jene Unterredung gesucht heute. Sie sagte mir nach dem Lunch, daß sie mich noch im Garten zu sprechen wünsche. Das Wetter war uns günstig. Es weht scharf, die Büsche schütteln sich. So waren wir ungestört in der Laube am See. Sie war schon da, als ich kam, – blaß, verlegen, wie ich sie nie gesehen. »Sie wundern sich, daß wir so plötzlich abreisen, Herr Rin?« »Ja.« »Es ist nicht meine Schuld. Ich wäre viel, viel lieber hier geblieben. Doch meine Mutter wünschte es nun einmal ...« Darauf stockt sie. »Und Sie haben noch jetzt kein freundliches Wort?« »Nein, Gräfin. Ich wüßte übrigens nicht, daß Sie mir irgendeine Rechenschaft schuldig wären.« »Aber ich habe die Empfindung, daß ich Ihnen Rechenschaft schuldig bin, daß nach allem, was wir gesprochen, diese Abreise Sie persönlich berühren muß. Ich bin seltsam gegen Sie gewesen die letzten Tage. Ich weiß nicht warum, aber ich bin einmal so. Es könnte aussehen, als wenn Sie mich gekränkt hätten irgendwie. Das haben Sie nicht – auch gestern nicht! Und um Ihnen zu zeigen, daß Sie mir nicht der erste beste sind, bitte ich Sie, diese Woche sich einen Tag für mich frei zu halten. Ich werde Ihnen noch telegraphieren, wann und wo. Vielleicht ist meine Mutter dabei, vielleicht auch nicht. Ich tue damit etwas sehr Ungewöhnliches, aber ich hoffe es verantworten zu können. Ich habe das Gefühl, daß wir anders verkehrt haben als die andern, und darum auch anders scheiden müssen als die andern. Bis dahin behüte Sie Gott! ...« »Ich bin zu Ihrer Disposition, Gräfin, wann und wo Sie auch befehlen sollten.« »Ich fürchtete, Sie würden mir auch das abschlagen.« Darauf lächelt sie fast kindlich und nestelt ein zusammengefaltetes Papier aus dem Busen: »Es ist nichts, es ist ein winziges Stückchen Moos, das ich vom Fels abgekratzt habe, auf dem höchsten Punkt, den ich hier in den Bergen erreichte. Behalten Sie es als Andenken. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich nur für die breite Straße tauge, – aber vergessen Sie mich auf Ihren Höhen darum nicht ...« Und dann war sie auf einmal weg. Ich konnte ihr nicht einmal danken. Es war kein Abschied – und doch ein Abschied. Daß ich dem Mädel nicht gleichgültig bin, weiß ich nun. Und daß sie sich nicht Mühe gibt, das zu verschleiern, sehr hübsch, sehr verheißungsvoll. Aber daß sie trotzdem geht, heut geht – auf Flut folgt auch bei mir Ebbe. Wenn sie mich wirklich geliebt hätte, sie wäre nicht gegangen, heut nicht! ... Man gibt solche Andenken, wenn man vergessen sein will. Zum Abschied hat sich das halbe Hotel versammelt. Für manchen, dessen Gesicht uns kaum erinnerlich, gab's ein freundliches Lächeln, ein herzliches Lebewohl. Wir hatten an Blumen zusammengetragen, was von dieser Sündflut noch übrig gelassen worden am See. Für meinen Geschmack zu viel. Meine langstieligen Rosen sahen übrigens genau so aus wie die der andern. Langstielige Rosen sind gerade Mode. Man ist und bleibt doch immer Nummer und Nachtreter. Dagegen hilft nichts ... Darauf viel Worte, viel Tücherwinken, in den Augen der Nichte die sentimentale deutsche Träne. Josefa ging sofort in die Kajüte, aber die Mutter grüßte noch lange. Der Dampfer biegt aus der Bucht. Vorbei – alles vorbei ... Ich will auch hier ehrlich sein. Wie mir nun nichts mehr übrig blieb als die Kielwelle, die vor meinen Augen zerrann, kam eine tiefe, tiefe Niedergeschlagenheit über mich und schlug ihre grauen Fittiche um mich wie ein übermächtiges Gespenst. Was ist auf einmal die Welt so leer, die See so nüchtern! ... Wenn ich sie damals in Maderno doch an mich gerissen hätte! Hätte ich es doch wenigstens heute getan ...! Was ist doch das Leben voll schwächlicher Rücksichten, fader Narrenpossen. Ich nehme, was mir gehört. Die ganze Welt mag weinen, wenn ich nur lachen kann ... Aber ich hab's nun einmal nicht getan, beidemal bewußt nicht getan! Es stand zwischen dem Gedanken und der Tat immer das kühle Etwas, das gewissermaßen seine Hand schützend über das Mädchen hielt – vielleicht auch über mich. Es war also wieder einmal zu Ende, ehe es begonnen. Und es traf sich ganz gut, daß ich mich zusammennehmen mußte, daß die tägliche Gewohnheit ihr Recht verlangt. Ich wollte, und ich durfte mich nicht separieren. Ich trank darum mit Quedenberg und Roses den Kaffee auf der Terrasse, was das Wetter heut ausnahmsweise einmal gestattet. Wir unterhielten uns über die Abgereisten, über Abreisen überhaupt und wie sich gerade immer die Menschen trennen müßten, die sich am liebsten gehabt. Phrase! Es war eben der Bäderabschied, der nicht an die Nieren geht. Mir allein geht er an die Nieren, weil ich kein Bädermensch bin. Die wahre Freundschaft zeigte sich auch sehr bald. Der Kommissionsrat schlug mir einen Spaziergang durch den Garten vor, henkelte mich freundschaftlich ein, und kaum waren wir außer Hörweite, da fing's auch schon an im allerbesten Sächsisch: »Es waren ja reizende Menschen, und ich kann's noch gar nicht fassen, daß sie mit dem nächsten Dampfer nicht gleich wieder zurückkommen. Ausnahmsweise reizende Damen! Diese Mutter – heren Sie mal, eine scharmante Frau. Die kann ja noch auf der Stelle 'nen Mann kriegen ... Und die Tochter! Ein Mädchen rein zum Verlieben. Und Sie sind ja auch nicht von gestern, Herr Rin, – wenn sie mir's anböte, ich küßte sie gleich ... Ich denke natürlich nicht an Dummheiten! Das ist bei meinen Jahren und bei meinen Anschauungen ganz ausgeschlossen, aber schließlich, man ist doch auch nicht von Pappe. Ich dachte immer, Sie, Herr Rin, hätten so kleine Nebenabsichten ... Aber das war wohl nicht der Fall?« Und der alte Moralist blinzelt mich mit seinen Nageraugen so recht genüßlich an. Dann wechselt die Farbe. »Aber heren Se mal! Es ist ja alles gut und schön, auch wie Mutter und Tochter standen, so wie zwei Schwestern, – aber ob das Mädel am Ende nicht doch leicht war, sehr leicht? Ich kann mir nicht helfen, sie hatte so 'n paar Augen, aus denen man nicht klug wird, mal heiß, mal kalt ... Und mit ihrem Peter! Das kann ja gar nichts Gutes abgeben. Sie tyrannisiert ihn ja schon jetzt! Und wenn ihr nicht jeder die Cour schneidet, so mault sie. Sie war ja auch zuletzt recht kühl mit Ihnen und eigentlich ohne jeden Grund. Aber Ihnen kann ich's ja jetzt sagen, uns war schon recht bedenklich zumute eine Zeitlang. Ein junges Mädel, noch dazu 'ne Braut, die ganz allein mit 'nem fremden Herrn halbe Tage lang in den Bergen 'rumsteigt! Wenn wir nicht so genau gewußt hätten, daß Sie 'n Ehrenmann sind ... Aber es war wirklich nicht schön! ... Und die Mutter? Ich habe schon gleich im Anfang, als ich die Herrschaften kennen lernte, an meine Tochter geschrieben, die an einen hohen Staatsbeamten in Lobenstein verheiratet ist, – eine kolossal gescheite und gebildete Frau. Und die kennt auch so 'ne ältere Dame, die die Gräfin Angern früher ganz in ihrer Jugend gekannt haben muß ... Heren Sie mal! Die soll ja als junge Frau 'ne recht bedenkliche Liebelei gehabt haben – 'n Kavallerieoffizier oder so was. Und es ist eigentlich für alle Beteiligten ein recht großes Glück gewesen, daß der Graf Angern so früh gestorben ist. Ich sage Ihnen! Ich weiß ja alles. Und hier am See soll sich die Sache gespielt haben. Ein schneidiger Kerl natürlich, der aber was ausgefressen haben muß, denn er war urplötzlich aus der Gesellschaft verduftet ... Es ist ja zum Lachen, wie klein die Welt ist!« Als ich darauf auch nicht ein Wort erwiderte, wurde er ängstlich. »Sie machen natürlich keinen Gebrauch davon, Herr Rin! Die Angerns sind ja heute hoch angesehene, reiche Leute, – das Mädchen hat weit über 'ne Talermillion. Ich sage auch nur, was ich gehört habe. Ich glaube ja auch kein Wort von all dem Unsinn. Ich glaube überhaupt von keinem Menschen was Schlechtes. Also, Herr Rin, ich kann mich doch auf Ihre Diskretion verlassen?« Der gute Mann braucht wirklich keine Angst zu haben. Wenn mich ein Gassenjunge beschimpft, lauf' ich ihm doch nicht nach. Um ein Klatschweib zum Schweigen zu bringen, muß man sie reden lassen. Nur aus der Umärmelung hatte ich mich sehr bald gelöst. Ich mache mir ungern meine Kleider schmutzig. Ja, er hat recht: es ist zum Lachen! Die beiden wahrscheinlich vornehmsten Frauen hier: bedienert, solange sie da sind, mit Kot beworfen, sobald sie den Rücken kehren. Denn was ich auch naturgemäß gegen die Mutter haben mag, ich traue ihr nichts Gemeines, nicht einmal etwas Gewöhnliches zu. Ein schamloses Pasquill wirft man ungelesen aus dem Fenster, aber man steckt es sich nicht sorgfältig ein. Die Nichte, die später dazukam, ist aus anderm Stoff. Sie himmelte eigentlich nur. »Ach mein goldiges Komteßchen, mein goldiges Komteßchen!« Und bürgerlich gewissenhaft, wie sie im Grunde doch ist, fügte sie hinzu: »Sie hätte ihrem Bräutigam regelmäßiger schreiben können – die beiden Telegramme – man erfährt's ja doch ...« Quedenberg, der auf der Terrasse seine Zigarette weiter rauchte, war sehr friedfertig gestimmt wie immer. »Tadellose Familie, Angerns! Nassauischer Uradel ... Mädel mir 'n bißchen zu schnippisch – aber famose Art sonst. Lasowitz kann sich gratulieren.« Seine Frau spielte derweilen Klavier. Ich ging zu ihr. Es gibt Stimmungen, wo es uns zur Musik drängt, obgleich sie unsern Nerven am wenigsten dienlich ist. Sie spielte Chopin. Und ich erinnere mich, sie niemals so gut spielen gehört zu haben. Ich stand hinter ihr, und ich wandte ihr die Notenblätter um. Es ist sonst nicht meine Art. Aber zu gewissen Zeiten ist man zart, liebenswürdig fast zu jeder Frau – gewissermaßen das Nachklingen einer anderweitig berührten Saite. Ich glaube heute fast, daß sie die einzige ist, die mich kennt, mich durchschaut hat, obgleich wir gerade in letzter Zeit uns kaum gesprochen haben. Sie erwähnte Angerns auch nicht mit einem Wort, solange wir beide allein waren. Wir sprachen über alles andre, über Musik, über meine etwaige Expedition. Und da fiel mir wiederum auf, wieviel die Frau gelesen, gelernt hat. Ich glaube, daß sie über den genealogischen Stumpfsinn ihres Gatten absolut verächtlich denkt. Merken läßt sie sich's nicht... Daß sich auch ein so ungleiches Paar zusammenspannen mußte! Es wäre ja geradezu ein Wunder, wenn die Frau nicht noch Götter neben ihm suchen sollte. Heute gefiel sie mir. Es ist schon etwas dran an diesen ehrgeizigen Verstandesfrauen. Der Kopf engagiert sich, nicht das Herz. Am Ende sind es doch die bequemsten Geliebten. Sie haben nur geistige Liaisons – und die halten. Ich wundere mich eigentlich, daß mir alle Nebendinge dieses Tages so merkwürdig klar sind. Aber es gibt auch eine Nacht – leider! Wenn man so sitzt und brütet über dem Schreibtisch! Dies Chaos von Empfindungen, dies Auf und Ab in dem Hexenkessel, dessen Feuer ein hohnlächelnder Teufel so recht bedächtig schürt ... Ich verfluche, ich bete an, ich fühle deutlich, wie ich im Kreis getrieben werde, ohne die Möglichkeit, irgendwo festen Halt zu gewinnen. Ich sage mir skeptisch: wenn dir das Mädchen etwas zu sagen hatte, was des Sagens wert war, so hätte sie es hier tun müssen, hier, wo sie doch schließlich sich nur verlor, um sich zu finden. Und prompt erwidert darauf die berühmte innere Stimme: ›das ist grundfalsch. Wer sich innerlich klar werden will, geht in die Einsamkeit, in die Wüste, dann erst spricht er das letzte Wort. Denn nicht wenn der See tobt, sondern wenn er sich beruhigt hat, kann man ihm bis auf den Grund sehen.‹ Weil dich das Mädel von ganzem Herzen lieben möchte, ging sie, mußte sie gehen. Und zwischen allen diesen Möglichkeiten treibe ich herum wie ein steuerloses Wrack. Ueberhaupt dies verfluchte Sinnieren! Es kommt nichts dabei heraus, nie und nimmermehr. – Ein Kind, das den unreifen Apfel von einem fremden Baume reißt, verzehrt ihn sofort mit dem ausgesprochensten Hochgefühle hinter dem nächsten Zaune; wir, die wir die Früchte im eignen Garten reifen lassen, arrangieren die bedächtig gepflückten auf einer Fruchtschale, präsentieren sie unsern Bekannten – und ich verstehe es weiß Gott nicht, welche Weisheit darin liegen soll, die eignen Aepfel von fremden Leuten verzehren zu sehen ... Aber das kommt von dem vernünftigen Alter, der Schulweisheit, die alle Dinge von zwei Seiten besieht. Jedes Ding hat allerdings zwei Seiten, aber wenn wir die zweite betrachten, haben wir eben von der ersten nichts mehr. Tiere, Kinder sind die wahren Lebenskünstler, und sie sollten auch unsre Erzieher sein. Sie nehmen und besitzen. Für sie haben alle Dinge einen bestimmten Punkt, den sie nicht aus dem Auge lassen. Wir aber, in dem Bemühen, überall zwei feste Punkte zu suchen, gewinnen überhaupt keinen von beiden. – Ja, der feste Punkt! Ich finde ihn absolut nicht. Ich weiß trotz aller Wissenschaft weiter nichts, als daß ich das Mädel liebe, daß ich sie unendlich schwer ganz verlieren würde. Ich rufe mir stündlich meine ganze Liebesgeschichte ins Gedächtnis zurück – aber klüger werde ich dadurch nicht. Unsereiner, der feste Ziele gewöhnt ist, muß auch ungefähr den Weg kennen, auf dem er zu ihnen gelangt. Vorgestern noch glaubte ich ihn zu wissen, heute weiß ich ihn nicht mehr. Es ist entweder ein neuer Faktor in die Rechnung eingeschmuggelt worden, oder ich habe einen alten übersehen – darum verwirrt sich das Kalkül ... Ich möchte sagen: Es ist die Mutter; ich könnte sagen: Es sind die Verhältnisse. Ich sage: ich bin es, ich allein! Ich habe eben vergessen, daß nur der schwere Kampf gute Siege bringt – und das war gar kein Kampf oder er war viel zu kurz. Ich habe vergessen, daß uns beide vielleicht schon vor unsrer Geburt die grundverschiedene Lebensanschauung der Eltern trennte, daß die Gesellschaftsmoral, die dem einen immer verächtlich gewesen ist, der andern Allerheiligstes bedeutete, solange sie denken kann. Götzen stößt man durch rasche Gewalttat vom Sockel. – Ich habe das nicht getan, meiner Natur nach auch nicht tun können. Ich habe vor allem vergessen, daß ich niemals zu einer Frau die Augen erheben durfte, der ich so wenig Mann sein kann. Das alles sagt der Kopf, derselbe Kopf, mit dem Genies die kompliziertesten Maschinen auszudenken vermögen, um vor der einfachsten Lebensregung der Zelle doch ratlos dazustehen. Aber das Herz widerspricht diesem Kopf aufs entschiedenste. Es sagt, daß ich doch recht haben müsse mit meinem Gefühl, wie alles recht hat, das aus den Tiefen unsrer Natur quillt, weil es das Ursprüngliche ist, das Reine, Unentweihte, das wir hinnehmen müssen wie Sonne oder Regen, ob nun zur Freude, ob zum Leide ... Ich habe eben das Mädel lieb, sehr lieb, und kann doch nicht eigentlich sagen, warum. Ich bin bei der Gelegenheit auf etwas ganz Unsinniges gekommen. Nachdem mir das alte Klatschmaul die Mär von der Jugendliebelei der Gräfin Angern aufgetischt, habe ich jenen Brief noch einmal durchgelesen, den ich wie durch Zufall im Nachlaß meines Vaters fand. War am Ende die Frau, die meinen Vater so tief unglücklich gemacht hat, die nämliche Gräfin Angern, die ich zu kennen glaube, wie sie mich, während wir uns doch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen haben? Und wenn wir Kinder die gleiche Erbschaft angetreten hätten? Und wenn Stoß und Gegenstoß sich auch in der übersinnlichen Welt fortpflanzten, wohl die Form wechselnd, aber niemals das Wesen, wie alle Kraft, wäre es dann nicht der vernünftigste Ausgleich, daß der unterliegende Haß eines Mannes sich durch die siegende Liebe einer Frau rächte, die unnatürlichen Gegensätze aufgehoben in ihrem natürlichen Gleichungspunkt? Der Kopf spricht nach, was das Herz wünscht, – aber schön wär's doch! Es hat nicht mehr geregnet seit ihrer Abreise. Heute gegen Mitternacht hub der Wind an, säuselnd, klagend, heulend zuletzt. Er klimmt die Skala bis zum Sturm merkwürdig schnell in die Höhe. Und gerade in der Nacht, der Einsamkeit hat es etwas Wunderbares, die Natur erwachen zu hören, die eigentlich schlummern sollte. Ich mache das Fenster auf und sehe hinaus. Die Berglinien scharf, der Mond zwischen jagenden Wolken, über dem See das kalte Wasserleuchten der Nacht. Es weht von Desenzano, wohin die beiden gegangen sind. Und der Wasserspiegel beginnt zu schwanken, zu wogen, die Reflexe gleiten von Wellenkamm zu Wellenkamm. Erst zischelt's geheimnisvoll in den Ufersteinen, dann schlägt's dumpf an, dann zuckt der erste weiße Brandungsspritzer empor. Und ich spüre, wie der Wind die Tiefen aufweckt, wie es da von erwachenden Kräften dumpf heraufgrollt. Und das Hoffen fängt wieder an, das Glauben. Ich liebe ja den Wind, den Sturm so sehr! Und ich sehe, wie der See schwillt, die Wellen wachsen, sich überstürzen, die weißen Gischtköpfe unruhig aufzuckend, bis endlich das schwere Wogen entsteht, das anzeigt, wenn der alte Benaeus Ernst machen will mit seiner Meerähnlichkeit. Und ich schaue und schaue – und es ist eigentlich kindisch! Ich denke mit heißer Liebe an das schöne Geschöpf und nehme das Papier mit dem vertrockneten Moos und fühle eine starke Neigung, dieses Moos zu küssen, weil es ihre Hand einmal berührt hat. Aber ich küsse es nicht! Ich bin zu alt, um töricht zu sein. Wenn's ein Zeichen wär' fürs wirkliche Wiedersehen, wie gerne küßte ich's! Und da beginnt der tolle Wirbel wieder, das Hinundher, unter dem meine Nerven erschlaffen. Es hat ja doch alles keinen Sinn! Das klingt als Leitmotiv mir auch durch den Sturm. Es weht, daß es eine Lust ist. Die Fahnenstange auf unserm Hotel stöhnt, das Tuch will reißen. Und der blaue Garda kaum wiederzuerkennen! Blaugrün, wie gekocht, schwere, lange Wogen, wild aufbäumende Kämme, donnernder Zusammensturz; die Möwen darüber hin mit scharfem Schrei. Das ganze Ufer lang der weiße, siedende Brandungsgischt, drüben am Felsgestade der Isola wogt's wie ein Sturmreigen der Wasserfrauen. In der Bucht ein gekentertes Segelboot, dessen Mast auf und nieder taucht im Rhythmus der Wellen. Ringsum die Küstenberge, noch stummer, starrer, wie wenn sie kalt dem ungebärdigen Kinde zuschauen ... Ich wollte, Josefa wäre hier und sähe es! Ja, das ist Kraft, Leben – wir müßten uns verstehen. Es war mir vielleicht nicht angenehm, daß mich heute gerade die Gräfin Quedenberg zu einem Spaziergang aufforderte. Ich fühle mich nicht einsam. Wenn die Natur spricht, hat man genug zu lauschen. Aber ich ging doch gehorsam mit als der Gesellschaftsmensch, der ich nun einmal hier bin. Ich bereue es auch nicht. Die Frau strömt jene angenehme Kühle aus, bei der man sich auf sich selbst besinnt. Und ein guter Kamerad wäre sie vielleicht auch. Wir sprachen von Afrika. »Sie werden doch annehmen, Herr Rin?« »Das wird sich bald entscheiden, Frau Gräfin.« »Aber Sie müssen annehmen!« Ich weiß nicht, warum sie so drängt. Sucht sie den Ehrgeiz, den ihr Mann nicht kennt, wenigstens bei andern Männern zu wecken? »Und es würde mich sehr freuen, Herr Rin, einmal etwas von Ihnen zu hören, – sehr freuen! ... Ich habe noch eine Bitte.« »Und die ist?« Da bricht sie kurz ab. »Später, später! Am Tage, wo Sie abfahren meinetwegen.« Und dabei gleitet über ihr Gesicht ein Lächeln, das mir nicht gefällt. Die Woche ist bald zu Ende. Josefa hat noch nicht geschrieben. Sollte sie es vergessen haben, nach Mädchenart? Nein, so oberflächlich ist sie auf keinen Fall ... Aber gleichviel, ich bin des Wartens müde. Der Wind hat auch abgeflaut. Ich wittere wieder die weiche, warme Sommerluft, die zu zweien so köstlich wäre, unter der man aber allein versumpft. Ich will das Ende haben, so oder so! Endlich! Und zwar per Telegramm. Ich bin nach Sirmione zitiert. Sirmione ist so einsam und so schön ... Soll's nun ein gutes Omen sein, daß an dem Orte der Würfel fallen soll, wo Catulls Villa stand? Catull war ein Dichter und sang von der Liebe. Aber er soll auch an der Liebe gestorben sein. Jedoch ich meine, ein Mann stirbt nicht an der Liebe, – er darf's einfach nicht! Das mögen bleichsüchtige Mädchen tun, nervenschwache Jünglinge, denen nichts zu tun mehr übrig bleibt. Unsereiner wird noch etwas zu tun übrig haben, hoffentlich. Wen der Himmel nicht mag, der geht eben zur Hölle. Jetzt, wo die Entscheidung da ist, bin ich wieder der alte. Wir Afrikaner brauchen Glück, – und ich denke, ich werd's auch in Europa haben. Achtes Kapitel Er ist weg! Und ich muß sagen: gut, daß er weg ist. Ich habe ihn nach Möglichkeit protegiert, ihn sogar bis zu gewissem Grade gern gehabt, – aber nun war es auch Zeit. Staatsmänner engagieren ihren Kopf, Weltdamen ihr Herz niemals für ewig. Denn schließlich beruht doch alles auf Gegenseitigkeit. Wir dienen den Menschen, solange sie uns dienen, das heißt für gewöhnlich nur kurze Zeit. Denn wenn man sich erst genau kennt ... Sobald in der Liebe der letzte Schleier gehoben ist, beginnt die Ehe und mit ihr die Langweile. Prinzessinnen verheiraten sich darum nur, um ihre Adjutanten zu lieben. Das ist vernünftig: denn Adjutanten wechseln. Auf die Dauer aber vermögen sich nur Uebergeschöpfe gegenseitig zu fesseln. Und wenn Herr Rin zum Abschied sehnsüchtig nach mir rief, so verstehe ich das, und wenn ich nicht kam, so verstehe ich das erst recht. Geistig war der Abstand eben zu groß. Im übrigen glaube ich auch nicht, daß er beabsichtigte, mir einen lebenden Vogel zu verehren ... Herr Rin, Graf Rhyn, – schließlich bleibt sich auch das gleich. Er war ein Tourist wie jeder andre, nur daß er länger blieb. Die Botschaften und die Hotels haben die Eigentümlichkeit, daß die Menschen kommen und gehen, und daß ein neues Gesicht das alte ablöst. Die Gäste verschwinden, das Hotel bleibt. Es wäre also nicht diplomatisch gewesen, mein Herz wirklich an jemand zu hängen, der doch nie wiederkommt, und außerdem ungerecht, denn die Dame, die morgen in das Zimmer zieht, kann viel interessanter sein als der Herr, der es heute verläßt. Ich rechne grundsätzlich nur mit Realitäten. Hunde bellen den Mond an, Katzen lauern dagegen vor keinem eingebildeten Mauseloch. Herr Rin hat recht: der feste Punkt. Wir haben ihn und sind eben darum die einzigen ruhenden Pole in der Erscheinungen Flucht. Ich glaube, daß ich mein Tagebuch mit heute beschließe. Es war der geistreiche Versuch, in dem ich ein paar Episoden aus meinem Leben herausgriff, das Bild einer realen Weltanschauung zu konstruieren. Der Versuch ist geglückt. Tatsachen entscheiden. Alles um mich geht, ich allein bleibe ... Und wenn Hunde von uns wegwerfend sagen, daß wir die Menschen nur des Hauses wegen lieben, so entspricht das ihrer phantastischen Auffassung von Treue. Dem gegenüber steht der Erfahrungssatz, daß selbst die ältesten Häuser immer noch länger dauern, als die jüngsten Menschen. Höchstens in bezug auf Erdbeben stimmt das nicht. Aber Erdbeben sind selten, und warum sollte uns die philosophische Vorliebe fürs Haus gegebenenfalls daran hindern, mit den Menschen zugleich zu entfliehen? Also besser sind wir Katzen eigentlich immer dran, weil wir klüger sind. Ich erinnere mich zum Beispiel nicht, daß ich nach meinem Hotel geseufzt hätte, als es mir beliebte, der stutzschwanzigen Kokotte im Palazzo Bettoni den Kopf zu verdrehen. Man schickt sich zwar in die Verhältnisse, verzichtet aber darum noch lange nicht auf seine Kapricen. Wir verlieren eben nur auf Augenblicke den Kopf, um ihn für die Dauer wiederzugewinnen. Jetzt, wo wir dem Sommer entgegengehen und bald nicht mehr in einem Passantenhotel, sondern einer Villa wohnen werden, halte ich es für notwendig, mit der kommenden Wandlung der Dinge im voraus zu rechnen. Meine Versuchskaninchen gehen allgemach. Neulich reisten Angerns, heute reiste Rin, morgen wird dem Maler seine Dulzinea unbemerkt aufs Schiff folgen. Ob Kommissionsrats oder Quedenbergs am längsten dauern werden, ist ungewiß. Wahrscheinlich Quedenbergs. Und die Frau, obgleich sie abscheulich Musik macht, war vielleicht doch in meinem Sinn die einzig wirklich Kluge. Wir haben uns weder im guten noch im bösen irgendwie engagiert. Man soll sich nie engagieren! Ich hätte mich mit der Frau vielleicht mehr beschäftigen sollen, denn was meine andre gräfliche Freundin anbetrifft, so ist sie allerdings viel klüger als Herr Rin, aber noch lange nicht klug genug. Ja, es wird etwas langweilig werden – dafür gibt's auch keine Terriers. Die Sonne wird brennen – dafür gibt's kühle Keller. Und wenn mir besagte Isolde gewisse Kinder präsentieren sollte, so werde ich eben um eine kulinarische Erfahrung reicher sein. – Ueberhaupt die Dinge nehmen, wie sie sind. Noch bin ich jung und knabbere gerne Taubenknochen, im Alter wird mir Sahne und Semmel aus Vernunftgründen das Leibgericht sein. Die Verhältnisse voraussehen, heißt sie beherrschen. Ich freue mich beinahe schon auf das Alter ... Welcher Mensch ginge nach genossener Jugend wie ich so ruhig, so klar in die höheren und höchsten Semester? Ueber mein Ende hinaus denke ich nicht. Ob's ein Kater-Walhall gibt, ob der katholische Weihwedel oder das protestantische Bäffchen im Jenseits recht behält, kann ich wirklich nicht wissen. Am vernünftigsten erscheint mir eine Nirwana, wo man Ueberkater ehrt. Murr, Hiddigeigei, duckt euch! Es ist ein Ueberkater, der hier das letzte Wort gesprochen hat. Auch ein letztes Kapitel muß geschrieben sein. Es war mir nur der Tag bestimmt worden für Sirmione, und ich fuhr deshalb mit dem Frühdampfer ab. Es war niemand am Schiff. Ein frischer Tag, hinter mir Gewölk, vor mir klarer Himmel. Innerlich ebenso. Die Bucht lag ruhig. Als wir hinausdampften, grüßte uns ein fröhlicher Morgenwind von Sirmione her. Der See wallte stahlblau, die Gischtköpfe zuckten, – es war ein kleiner Eildampfer, der möglichst ohne Unterbrechung nach Dezensano strebte. Auf dem schmutzigen Deck nur ein schweizerisches Ehepaar, das seine Liebesgefühle und seine Häßlichkeit hinter dem Schornstein versteckte. So glitten wir rasch an der Isola vorüber, – der köstliche Park jungfräulich duftend, das neue Borgheseschloß im Hintergrund viel zu massig und viel zu aufgeschminkt für diese Zauberinsel. Unsre hastige Kielwelle zischelte schaumig am Klippengestade entlang. Dann kam Manerba, die berühmten Totenmasken in zwei vorspringende Felsbuckel verwandelt. Der See weitet sich jetzt rasch, die Berge weichen zurück oder flachen ab, und das lombardische Hügelland tut sich hüben und drüben auf. Ich saß ganz vorn im Schiff und sah eigentlich nur auf Sirmione, das wie ein grauer Olivenberg dunstig und langsam aus dem Wasser stieg. Die Sonne begann zu lächeln, aber ohne Wärme. Erst als das Schiff in die hellgrüne, schilfbewachsene Durchfahrt zur Rechten abbog, zeichneten sich deutlicher die Felsnischen des trotzig vorgestemmten Kaps, und berstende Tonnengewölbe erzählten von römischer Herrlichkeit. Am andern Ende der schlanken Halbinsel der Ort selbst mit dem zinnengekrönten Skaligerkastell grau, gewalttätig, auch in der Ruine noch der Feudaltrotz des Mittelalters lebendig. Ich wurde ausgebootet. Auf der Landungsbrücke der Oberkellner des Hotels, dem ich nichts zu sagen hatte. Ich ging durch das winkelige Nest, wo die Kinder noch nicht betteln, nach der sagenhaften Villa des Catull hinauf, die wahrscheinlich niemals existiert hat. Jedenfalls hatten sich die praktischen Römer mehr für die Schwefelquellen interessiert, die einige hundert Meter vom Land aus dem See selbst sprudeln, und darum die riesige Therme gebaut. Im Mittelalter scheint sie in Vergessenheit geraten zu sein. Aber vor fünf Jahren war ich selbst dabei, wie Taucher die Rohre nach dem Festland legten. Jetzt wallt fauliger Schwefelgeruch um das alte Kastell. Auf dem steinigen Wege nach der Höhe nur Oliven und dürrer Felsboden, die zerklafften, wunderlichen Stämme, in der Nähe besehen, recht nüchtern und kahl. Aber hüben und drüben schimmert der See durch. Ich stieg in den Trümmern herum. Die langen, verfallenen Gänge schieben sich tief hinein in die Erde. Wie wunderbar die alten Römer doch bauten! Die schmalen Ziegel und der Mörtel der Gewölbe fast unverwittert, hart wie Fels. Oben auf dem Kap selbst ist's köstlich! Die berstenden, wild verwachsenen Trümmer ringsum, die ihre sinkenden Hallen nach dem See zu öffnen. Man steht selbst auf solch einem stehengebliebenen Gewölbegurt, den Blick hinab in düstere Höhlen, wo der Efeu wuchert und sprengt; der gelbe Ginster festgekrallt im Gemäuer, die kleinen Eidechsen rascheln. Dazu brandet der blaue See unaufhörlich, es raunt, es plätschert, weiß und neckisch spielen kleine Wellen über die flachen, weit vorgeschobenen Klippen. Und weiter hinaus die mächtige Fläche selbst, die sich wie ein Keil ins Hochgebirge drängt. Ein säuselnder Frühling hier unten, glitzernder Schnee da oben. Ich sehe die große Landschaft in ihren schönen, scharfen Linien, wie ich sie auch sonst immer gesehen habe mit dem Gefühl, daß wir klein sind und die Natur groß, und daß wir ihr nacheifern sollen. Solch ein Bild macht frei, scheucht die engen Gedanken. Ich erwartete Josefa noch nicht, aber ich erwartete sie hier, ich hatte das Gefühl, daß sich in Sirmione nur auf diesem Fleck mein Schicksal entscheiden könnte. Und ich habe an sie gedacht, wie man an das Liebste denkt, was man hat. Wenn's auch ein törichtes Gefühl war, so war's doch ein ganzes Gefühl, – und auch sie braucht sich dessen nie zu schämen! Ich leide nicht an Ahnungen. Es war noch früh, und ich glaubte noch lange allein zu bleiben. Da stand sie plötzlich neben mir. »Guten Tag, Herr Rin.« »Guten Tag, Gräfin.« Sie trug ein weißes, luftiges Kleid, auf dem Haar einen Strohhut. Eine rote Kamelie im Gürtel, sonst kein Schmuck. Sie wollte mir heute nicht wehe tun. Sie war so jung und so schön wie stets, und ich kann mir nicht vorstellen, daß sie jemals alt werden könnte. Wir sprachen über dies und das. Sie sprach hastig, ich muß wohl sehr einsilbig gewesen sein, denn plötzlich sagte sie: »Ich bin doch so nett zu Ihnen, – und Sie sind's gar nicht!« – Sie hätte das nicht sagen sollen, und empfand es wohl auch nachträglich. Dann gingen wir eine ganze Weile stumm nebeneinander her. Wir wollten ja die Aussicht von allen Seiten genießen, sahen aber in Wahrheit nichts. »Ist Ihre Frau Mutter mit hier?« fragte ich. »Nein. Aber sie weiß, daß ich hier bin und mit wem.« Sie sah über den See weg nach der Gargnanoküste hinüber, die so weit, so weit war. »Es ist doch schön am Garda,« sagte sie langsam und wandte sich weg. Ich hätte antworten mögen: »So schön wie du selbst.« Und plötzlich, als wenn sie witterte, daß für mich wenigstens der Moment gekommen wäre, sah sie mir voll ins Gesicht. »Wir sehen uns heute zum letztenmal, Herr Rin!« Es gibt Momente, wo auch der festeste Boden schwankt. »Kommen Sie, Herr Rin, nach der Bank da, – ich möchte mich auch setzen. Und sagen Sie, bitte, nichts! ... Ich habe nichts vergessen, nichts ... Was ich Ihnen jetzt sagen werde, würde Ihnen wahrscheinlich kein andres Mädchen sagen. Ich brauchte es auch nicht, aber ich tu's ... Meine Mutter weiß übrigens, was und wie ich mit Ihnen sprechen werde. Meine Mutter hat's selbst gewünscht. Sie ist eine ehrliche Natur, die leicht verkannt wird. – Aber das entschied nicht, es war vielmehr die Angst, daß Sie mich für oberflächlich halten könnten. Der Gedanke wäre mir schrecklich. Ihnen gegenüber bin ich's bewußt nie gewesen, das weiß Gott! ... Wir waren die ganze Zeit in Venedig, aber ich habe Venedig nicht gesehen, – ich bin in meinem Hotelzimmer geblieben ... Herr Rin, ich weiß, daß Sie mich gern gehabt haben, – und wenn Sie mit meiner Freundschaft vorlieb nehmen wollen ... Aber mehr kann und darf ich nicht! Ich habe mir das in diesen Tagen klar gemacht. Was ich für Sie fühle, ist Freundschaft, – und niemand wird an Ihrem Wohlergehen herzlicheren Anteil nehmen als ich. Ich danke Ihnen geistig so viel, – und von allen war mir der Abschied leicht, von Ihnen nicht ... Ich bin verlobt, glücklich verlobt, wie Sie wissen, und die Welt würde mich steinigen wegen dieses Rendezvous hier. Aber wenn ich meinen Bräutigam auch in den letzten Wochen vernachlässigt habe, so habe ich ihn dennoch lieb. Ich bin seine Braut und werde seine Frau sein – seine treue Frau.« Sie sprach klar, und ich dachte klar. »Noch zwei Fragen, Komtesse! Lieben Sie ihn?« »Ja.« »Kennen Sie ihn?« »Nein.« Und da ging mir das Herz vor Bitterkeit über. Sie hatte den Handschuh abgezogen und spielte wieder mit ihrem Ring. »Nun, Gräfin, noch ist dieser Ring ein leichtes Band, das Sie abstreifen können, wann und wie Sie wollen. Aber hüten Sie sich vor dem Augenblick, wo er zur schweren Fessel wird, die Sie sprengen müssen, um frei zu sein ... Ich bin abgetan, aber denken Sie an sich!« Da fuhr sie zusammen. Sie wurde blaß, die Augen leer. »Das war wieder so was Häßliches! – Ich sollte aufstehen und gehen ohne ein weiteres Wort.« »Gehen Sie ruhig, Gräfin.« Aber sie sah nur mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin. »Sie sagten auch neulich so was Häßliches. Denken Sie, ich hätte es vergessen? Es hat mich so schwer gequält, und es quält mich noch heut ... Und daß Sie mir dies sagen durften, und daß ich's mir sagen ließ! ...« Und unberechenbar, wie sie doch ist, fuhr sie fort: »Die Antwort will ich Ihnen jetzt geben. Ich wollte es eigentlich nicht, aber Sie sollen sehen, daß ich Ihnen nichts verschweige. Wenn mein Bräutigam morgen stürbe, was Gott verhüte, so wäre es ein großes Unglück auch für mich. Aber ich glaube, daß ich's ertragen würde ... Ich glaube überhaupt, daß ich viel ertragen könnte, ohne daran gerade zu sterben. Und das ist eigentlich ein schreckliches Bewußtsein. Jedenfalls was ich habe, gebe ich ihm und werde es ihm immer geben ... Vielleicht bin ich treulos – aber ich will's nicht sein. Und nun gehen Sie! Leben Sie wohl und vergessen Sie mich. Ich kann Ihnen nichts andres wünschen. Ich jedoch werde Sie nicht vergessen.« Sie hielt mir dabei die Hand hin. Sie dachte wohl, daß ich diese Hand andächtig küssen würde. Aber ich küßte die Hand nicht. Ein Traum ist aus. Das harte Leben beginnt wieder. Ich möcht's nicht mit einer letzten Sentimentalität beginnen. Ich ging den schmalen Grasweg am Rande der Uferfelsen zurück. Der See blaute herauf, aber er sagte mir nichts. Eine ganze Touristenkarawane kam mir entgegen. Deutsche und sehr elegant angezogen. Da hörte ich hinter mir einen flüchtigen Fuß. Die Touristen sahen mich von der Seite an. Es war Josefa, die atemlos mir nachgelaufen kam. »Herr Rin – ich konnte nicht anders, ich konnte wirklich nicht anders! Aber ... nein – denken Sie lieber an mich da drüben! Ich werde ja auch an Sie denken. Und ich denke, es wird uns beiden gut tun, wenn wir uns immer wieder erinnern. Es war doch schön! ... Ich habe noch einen Wunsch. Es ist nicht etwa Eitelkeit. Aber ich möchte nun einmal, daß Sie sich meiner nur im Guten erinnern. Und wenn Sie einmal auf einem Berg eine Pflanze finden, die noch keinen Namen hat, und Sie sind um einen verlegen, – dann nennen Sie diese Pflanze nach mir.« Ich zögerte mit der Antwort. »Bin ich wieder kindisch?« »Nein, Gräfin. Es ist etwas andres. Ich muß von Ihnen los, ganz los. – Es geht nicht anders.« »Adieu.« »Adieu.« Ich drehte mich nicht mehr um. Ich wußte, daß sie noch auf der gleichen Stelle stand, daß sie, warmherzig wie sie ist, noch einen letzten Abschiedsgruß erwartete. Ich konnte es nicht, ich durfte es nicht. Ich wäre dann doch zurückgekehrt, ihr noch einmal wenigstens zu sagen, wie lieb ich sie gehabt und wie schwer mir die Trennung für ewig. Aber ich empfand nur mit dem dumpfen Instinkt der Selbsterhaltung, daß ich alles tun müsse, um diese Frau niemals wiederzusehen. Ich nahm mir in Sirmione sofort ein Boot, um nach Manerba hinüberzufahren. Manerba kam mir gerade in den Sinn. Ich habe da nichts zu suchen. Aber ich mußte fort, gleich fort. Ich befahl auch den Ruderern, sich scharf in die Riemen zu legen, obgleich das erst recht keinen Sinn hatte, es war ja noch so viel Zeit bis zum Abend und bis zur Rückkehr. Als wir um das Kap herumkamen, da winkte von oben ein weißes Tuch. Es winkte wieder und immer wieder. Sie war also zur Stelle zurückgegangen, wo sie frei geworden war – und ich auch. Ich tat, als wenn ich sie nicht sähe, und starrte auf den Boden des Kahns. Torheit! Diese letzte Sentimentalität hätte ich ruhig begehen können. Wenn ich auch zurückwinkte, jetzt war keine Gefahr mehr, der See lag zwischen uns, und der ist tief. Die Sonne hatte zu stechen angefangen, und ich erstickte fast in der Glut. Als ich bei Manerba zwischen den beiden kahlen Felsen hinaufstieg, mit dem Gefühl, daß eigentlich alles Illusion ist im Leben, wie diese beiden berühmten Totenmasken – man muß die Dinge nur näher besehen –, bedeckte sich der Himmel wieder mit kleinen Wölkchen. Und als ob ich's gar nicht mehr erwarten könnte, gab ich in dem nächsten Dorf mein Telegramm nach Berlin auf, daß ich annähme und in wenigen Tagen zur näheren Besprechung eintreffen würde. Dann irrte ich ziellos in der Gegend herum. Ich weiß nicht, wie sie aussieht, – das ist ja auch gleichgültig. Erst am Spätnachmittage dachte ich an den Heimweg. Es war schwül, und der Himmel hing voll Wolken. Ich ging die Landstraße, wie sich's für vernünftige Leute schickt. Sie führt landeinwärts zuweilen mit Durchblicken auf den See. Ich konnte das Grand Hotel Gardone einmal deutlich sehen. Es schien nahe, aber das Wasser täuscht, wie alles. Es war noch recht weit. – Ein sanfter Regen begann zu rieseln. Er tat mir wohl. Ich behielt immer ruhigen Touristenschritt bei, obgleich es schnell dämmrig wurde. Ich mußte ja bald die Bucht und die Lichter von Salò auftauchen sehen. Aber die Straße steigt und fällt und windet sich wie der See an dieser Uferseite. Es regnet stärker. Endlich in der Tiefe die Lichter von Salò. Aber ich konnte auch sehen, einen wie großen Umweg ich noch zu machen hatte bis nach Haus. Ich ging schneller, weil sich die Schleusen des Himmels recht tropisch reich öffneten. Unterwegs fragte ich ein altes Weib, ob es einen Richtweg gäbe. Ich weiß nicht, ob sie mich verstand. Jedenfalls zeigte sie hinunter auf den See, wo Land und Wasser in trägen Dunst verschwammen. Es war ganz finster geworden. Der neue Weg führte durch Olivengärten und Weinberge. Plötzlich stand ich vor einer steilen Schlucht, in der es rauschte. Ich hatte aber keine Lust, mir den Hals zu brechen. Gerade heute nicht! Das könnte so aussehen, als hätte ich dieses Ende gesucht. – Ich stieg darum direkt zum See hinunter, irgendeinen Fischer zu finden, der mich hinüberruderte. Ich ging auf gut Glück und hatte gut Glück. Aus einem einsamen Steinhause glimmte Licht. In einer wüsten Zimmerhöhle saßen drei fragwürdige Gestalten, einen Haufen gebackener Fische vor sich, der schmutzstarrende Tisch zugleich der Teller. Sie kauten bedächtig wie Lasttiere nach schwerer Arbeit. Ich wußte nicht, ob es Fischer oder Pascher waren. Jedenfalls hatte ich keine Wahl. Als ich dampfend hineintrat, musterten sie mißtrauisch meinen vollgesogenen Bresciaanzug und interessierten sich für meine kostbare Perlennadel mehr, als mir lieb war. Es war ein alter Fischer mit seinen beiden Söhnen. Sie sprachen erregt hin und her, aber halblaut und in einem Patois, das ich nicht verstand. Es hätte mir graulich werden können bei dem Gedanken an eine solche Bootfahrt und in solcher Nacht. Endlich erklärten sie sich bereit, mich für sechs Lire zu fahren. Ich hätte ihnen ohne Besinnen hundert gegeben, so gleichgültig ist einem zuweilen das Geld ... Sie bemannten mürrisch das große, schwerfällige Fischerboot, das wie ein Wrack halb auf den Strand gezogen im Wasser lag. Dann fuhren wir. Die beiden Söhne an den Rudern, der Alte am Steuer, vorn eine winzige Laterne. Der See war schwarz, und mich umwallte widerlich Nebel und Wasserhauch. Der Regen strömte noch immer gleichmäßig aus seinen Schleusen. Ich saß mittschiffs, die schweren Ruder tauchten in die Flut. Ich hatte nicht die Befürchtung, daß mir irgend etwas passieren könnte. Aber wie die plumpen Rudergriffe mir rechts und links dicht am Kopf vorbeiglitten, dachte ich wohl mit einem gewissen Behagen, daß ein einziger zufälliger Schlag mich betäuben könnte – und dann mit dem ausgeraubten Körper hinab in den See, der in solcher Nacht tief und verschwiegen ist wie das Grab! Hinten der alte zusammengekauerte Mann, vorn die trübselige Laterne und unter den langen Ruderschlägen die dumpfgurgelnde Flut – eine Lustfahrt wahrhaftig nicht! Es war eine Stimmung, wo die sagenhaften Wasserungetüme vom Grund zur Oberfläche hinaufkriechen, um mit glitschigen Armen herabzuziehen, was sich in ihren Bann wagt. Aber sie kamen nicht. Und wie mir an diesem Tage alles scheinbar glückt und doch nicht glückt, so booteten mich die Unglücksmenschen aus Unverstand nach Hotel Gardone, wahrscheinlich weil sie annahmen, daß ein gut angezogener Fremder nur dort wohnen könnte. Dort blieb ich auch die Nacht. Ich war müde und hungrig. Ich aß auf meinem Zimmer und aß mit Appetit. Daun zündete ich mir meine Zigarette an und fühlte mich ganz wohl. Das Leben verlangt auch sein Recht. Ich saß lange. Ich wollte allein sein. Nach der »Insel« sehnte ich mich nicht. Ich brauche keine Menschen, am wenigsten gleichgültige Menschen. Dann fielen mir die Augen zu. Ich schlief in meinem Lehnstuhl ein und schlief wie ein Toter. Ob sie wohl auch so geschlafen haben mag? – Sie braucht ja nichts zu verschlafen. Und am andern Morgen ... Wie der See blaute! Wie die Sonne lachte! Es war über Nacht voller Sommer geworden, noch ehe es rechter Frühling gewesen war. Aus allen Gärten duftete es, und der Monte Baldo hatte nur noch eine ganz kleine Nachtmütze. Angesichts dieser leuchtenden Natur, die mir zum schlimmen Abschied gab, was sie mir zum guten Willkommen hätte geben sollen, krampfte sich in mir noch einmal alles zusammen. Ich fühlte zähneknirschend den Verrat des Schicksals. Ja, Verrat und nochmals Verrat! Aber auf sie keinen Stein, niemals! Sie hat getan, was sie ihrer Natur nach tun konnte, – groß und klein zu gleichen Teilen, wie sie nun einmal ist. Und wie es kam, war's gut. Die Welt des Scheins und die Welt des Seins verbinden sich doch niemals dauernd. – Ich habe sie geliebt – wie geliebt! ... Es sollte nicht sein, es konnte nicht sein. Ich aber beuge mich damit nicht heuchlerisch unter mein Schicksal. Im Gegenteil, ich will heraus aus seinen Fingern. Und indem ich mich mit einem Ruck losreiße von allem, was mir hier einmal lieb, ja heilig war, tue ich nur, was ich hier nicht tun konnte: ich mache mir wieder mein eignes Schicksal. Und an dem gleichen Morgen bin ich auf den Pizzocolo gestiegen, ohne Führer und Bergschuhe, in meinem Brescianer Torenanzug. Es war eisig kalt, und der Sturm riß mich fast vom Gipfel. Aber da oben habe ich einmal wieder die Weite gespürt, und die alte Sehnsucht kam mir zurück, die Sehnsucht nach den uferlosen Weiten. Leb wohl, Garda! Wir werden uns nicht mehr wiedersehen. Zum Diner war ich schon wieder in meinem Hotel. Daß ich am nächsten Tage abreisen würde, verwunderte scheinbar niemand. Jedoch man irrt sich. Als wir von der Table d'hote aufstanden, bat mich die Gräfin Quedenberg auf einen Augenblick ins Klavierzimmer. Die Frau weiß alles, selbst daß ich Graf Rhyn heiße. Sie weiß es lange, aber sie hat geschwiegen bis zum letzten Moment und gegen jedermann. Sie ist eine kluge Frau, die man nie durchschaut, die mich aber ganz durchschaute. Und wie kluge Frauen doch ihre Backfischwünsche haben, bat sie mich ernstlich, ich solle ihr einmal schreiben aus der Wüste – einen wirklichen Brief. Aus der Wüste schreiben? Wie ich das wohl anstellen werde ...? Aber ich versprach's. Erst hinterher wurde mir die Tragikomik des Schicksals, die auch hierin liegt, klar. Den Herzenswunsch eines heißgeliebten Mädchens wies ich zurück, den Eitelkeitswunsch einer ungeliebten Frau erfülle ich. Das war eigentlich mein Abschied vom See. Nein, er war es doch nicht. Als wir in die Bucht von Riva dampften und ich noch einmal zurückschaute in die schimmernde, flimmernde südliche Bläue, die ich von hier zum letztenmal in meinem Leben schaue, da sagte ich nur leise zu mir: »Ich will dich nie, nie wiedersehen, Josefa!« Es war hier doch zu schlaff für unsereinen. Es ist Zeit, daß ich mal wieder Wüstenluft atme. Der Ueberkater Zweiter Teil Neuntes Kapitel Ein Narr, der seine Meinung nie ändert! Nun, ich habe sie geändert. Und zurzeit schaukle ich auf den blauen Wogen des Mittelländischen Meeres, das heißt der Abd-el-Kader, das rußige Riesenschiff der Compagnie générale transatlantique tut das für mich, und ich wünschte manchmal, es schaukelte weniger. Dazwischen liegt freilich manches. Als damals jener Afrikareisende – ich glaube, er hieß Rin – unsre Riviera verließ, nach ihm der Maler und der Kommissionsrat, letzterer mit Freundin oder Nichte, was aber ebensoviel wie Geliebte bedeuten kann, schloß ich mich naturgemäß an Quedenbergs an, die sich aber als vollkommene Egoisten benahmen. Sie behandelte ihn miserabel, und er infolgedessen mich. Diesmal jedoch täuschte sich dieser Idiot in seinem Prügelknaben, denn ich verabreichte ihm einen jener gediegenen Durchzieher, die himmlisch rasch brennen und höllisch langsam heilen – dankbare Souvenirs, die sich auch später bei jeder Blutwallung noch feurig markieren. Der blödsinnige Graf forderte wutschnaubend den Wassertod für mich, die schurkische Gräfin sagte kaltlächelnd: »Vielleicht ist ihm das Gehenktwerden lieber.« Der Wirt stand verlegen dabei: es war ein vornehmer Gast, der Schmiß saß wundervoll tief und quer über seiner Nase ... Der Mann sah mich an und überlegte. Wo der Vorteil in Frage kommt, traue ich keinem Italiener, ihre Sentimentalität ist heuchlerisch wie die Freundschaft der Könige. Wenn ich bedenke, was ich für diesen Elenden alles getan habe – und er konnte auch nur einen Augenblick schwanken! Menschliche Undankbarkeit, du bist grenzenlos! Mein Bourbonenauge umflort sich noch jetzt bei der Erinnerung, und ich neige nicht zu Gefühlsduseleien. Die Zimmerluft ward mir also schwül, und ich schritt darum gemessen, aber so gesträubten Haares zwischen den drei Verbrechern durch, daß sie mit der Höflichkeit der Feiglinge auswichen. Nur die Jungfer der Gräfin, die sich gleich bei Beginn der Mensur hinter einen Fauteuil geflüchtet hatte, schrie wie besessen: »Der Kater ist ja toll, Frau Gräfin! Ach, der arme Herr Graf!« Sie zeterte eben wie ungebildete Leute. Darauf wurde mit noch ehrfurchtsvoller ausgewichen. Nur die Gräfin blieb stehen und sah langsam erst mich und dann ihren Mann an. – ›Ich verstehe, Frau Gräfin! Ich kann Ihnen aber leider nicht helfen. Ich habe nur gekratzt, nicht gebissen, ich bin eben nicht toll. Also lieber keine überschwenglichen Phantasien in bezug auf die Gesundheit Ihres Herrn Gemahls! ...‹ O, ich kenne euch Weiber – und gerade diese Sorte war mir früher am sympathischsten. Ich ging darauf in den Garten, still für mich eine Szene zu belächeln, die eigentlich nichts Tragisches hatte als eine zerkratzte gräfliche Nase. Der Spott der Table d'hote wird diesem Dummkopf nicht fehlen. Ich fühlte mich lange nicht so angenehm angeregt, als nach diesem Austausch von diplomatischen Liebenswürdigkeiten ... Da – ich traue meinen Augen nicht, sehe ich den kleinen Schneider des Ortes mit seiner Donnerbüchse um die Bosketts schleichen. Er ruft mit der einschmeichelndsten Stimme: »Carlo, Carlo, mio bueno!« und durchsucht dabei mit dem blutdürstigsten Auge alle Gebüsche. Ich wähnte, er huldige schon wieder seinem hoffnungslosen Jagdsport, war aber dennoch geneigt, ihm die Sorge für etwaige flügellahme Lerchen großmütig abzunehmen. Und schon sitzt mir ein sanftes Erkennungs-Miau auf der Zunge, da belehrt mich ein letzter blinzelnder Blick auf die neugierig gedrängten Köpfe im Souterrainfenster und die Idiotenvisage des Grafen auf einem Balkon, daß diesmal die Jagd einem königlicheren Wilde gelten muß. Das ganze Hotel stiert wie gebannt. Ein jäher Gedankenblitz, ein instinktives Zusammenducken. Ha, Schurke, jetzt kenne ich deine schwarze Schneiderseele! Carlo der Olympier ist diesmal das Ziel, und sein samtnes Angorakleid der Preis ... Der Meuchelmörder hat mich noch nicht erspäht und tut mir mit seiner menschlichen Blindheit und seiner plumpen Heuchelei beinahe leid. Also man hält dich für toll, Carlo, man will dein Herzblut, man kommt zu dieser Untat wie zu einem Schauspiel?! – Aber noch hat er Angst, dieser gedungene Schurke, seine Schneiderseele bebt ... Und wie ich jetzt diese dürren ahnungslosen Beine kaum einen Schritt von mir erblicke, erfaßt mich mit der Verachtung all dieser Elenden zugleich eine unsagbare Wut. Ich will dir einen Denkzettel geben, den du nie vergißt! – Und im Augenblicke fahre ich auch schon aus meinem Versteck, stürze mich auf den Schurken, zerkratze seine Beine, seine Hände, sein Gesicht: die Muskete war ihm natürlich sofort aus der Hand gefallen. Und er vermag weiter nichts als feige zu schreien, zu wimmern, und die im Hotel vermögen auch weiter nichts, als gellend wie ein Echo in allen Sprachen zu rufen: »Er ist toll! Er ist toll! Um Gottes willen seht doch! Dieser scheußliche Kater! ...« Die Wirtin, meine falsche Freundin, schrie am lautesten – Darauf entsprang ich mit einem letzten Wutschrei, einem letzten Prankenhieb über die Parkmauer auf Nimmerwiedersehen. Dies Hotel und ich, wir kennen uns nicht mehr! Aber anstatt sofort in die Weinberge zu fliehen, stieg ich lieber vorsichtig in die nächste Bodenluke, wo ich die Folgen meiner Tat gefahrlos übersehen konnte. In weniger als einer Viertelstunde glich dieses ganze übelriechende Banditennest einem aufgerührten Bienenschwarm. Alles schwatzte, schrie, fuchtelte mit den Händen, Bürger zogen mit Musketen, Schornsteinfeger mit Knüppeln gegen mich aus, und Frauen fuhren wie wahnsinnig mit Besen auf die zahnlosesten Katerinvaliden los. Dienstmädchen kreischten, Kinder heulten. Und die ganze feile Gesellschaft, die uns allen eben noch maßlos geschmeichelt hatte, warf Steine, hetzte Hunde, versuchte mit allen Mitteln ihre guten Geister zu vertreiben. Dabei waren sie feige, hatten Angst, stoben bei dem leisesten grünaugigen Fauchen entsetzt zurück. Denn auch über mein Geschlecht war eine natürliche Panik gekommen. Keiner war sich einer Sünde bewußt, keiner hatte gebissen, keiner war toll – und nun diese unbarmherzige, sinnlose Verfolgung! Alte Veteranen rasten mit heiserem Angstschrei glatte Mauern in die Höh, Katzenjünglinge klammerten sich kläglich miauend an Fensterkreuze, eine gelbgefleckte Katzenjungfrau zerzauste ihren eignen flüchtenden Oheim, der hilfesuchend den Familienbalkon erkletterte: sie wähnte ein Attentat gegen ihre Ehre! Und während die beiden miteinander verzweifelt rangen, wurden sie beide gemeinsam vom Hausknecht erschlagen, denn die waren doch beide offenbar toll. – So stieg der Wahnsinn der Verfolger wie der Verfolgten. Aber zur Ehre meines Geschlechts sei es gesagt: Die Menschen waren zuerst toll, nicht die Katzen. Ich weiß nicht, wie viele der Unsern ihr Leben aushauchten und wie viele Menschen gebissen wurden. Das ganze Nest war eben tollwütig! – Ich rührte mich natürlich nicht aus meinem Versteck. Ein Gefühl dämonischer Ueberlegenheit erfüllte mich. – Es war zufällig das Ortsgefängnis, dem ich die Ehre schenkte. Unter mir tobte unausgesetzt der dürre Schneider in seiner Zelle. Sie hatten ihn sofort gegriffen, an Händen und Füßen gefesselt hierher gebracht. Und je mehr er schrie und heulte und um Mitleid bat, um so fester schnürten sie ihn, bis er in seinem dumpfen Kellerloch tatsächlich zu schäumen begann vor Schmerz und Wut. War er vorher nicht toll gewesen, so war er's jetzt. Und aus seinen wirren Reden war zu entnehmen, daß er selbst am festesten an seine Tollwut glaubte. An den vergitterten Fenstern standen seine Frau und seine Kinder und schauten mit schmerzlicher Genugtuung zu, daß wenigstens der erste tollwütige Mensch sofort unschädlich gemacht worden war. Und der Papa, dem sie ab und zu Trostworte zuriefen, empörte sich darüber nur noch mehr. Wären sie ihm zu nahe gekommen, er hätte sie ganz sicher gebissen – und sie hätten sich ganz sicher für toll gehalten. So sind und bleiben doch überall die Menschen die Märtyrer ihrer eignen Phantasie! – Gegen Mitternacht, wo sich der wüste Lärm zu einem echt italienischen Straßengeschwätz gedämpft hatte, zog ein Trupp versprengter Grauröcke geschlossen und finster über die Dächer. Diesem Trupp schloß ich mich an. Es waren mutige Männer, die beschlossen hatten, ins Gebirge auszuwandern. Leider auch Phantasten! Von Weinbergsmäusen zu vegetieren, die unerträglich fade schmecken, auf Steinhühner nur zu pürschen, die es hier nicht gibt, oder gar von Junghasen zu träumen, die es hier nie gegeben hat – das ist etwas für Kater, nicht für Ueberkater. Der Pastetenmagen eines Diplomaten eignet sich nicht für Landsknechtsdiät. Auch sonst war es eine Gesellschaft voll gemeiner Instinkte. Wenn der Wanst kümmerlich gefüllt ist, wird ihnen schon kannibalisch wohl. Trotzdem blieb ich in dieser Gemeinschaft. Man muß doch leben! – Die einzige wirkliche Herzensfreude war mir nur, daß der schneeweiße Carlo mit den Vergißmeinnichtaugen, den die ganze Riviera kennt, bloß auf einer Vignenmauer zu erscheinen brauchte, und die Menschengesellschaft nahm vor ihm Reißaus wie vor dem Gottseibeiuns selbst. Ich wurde darum zum Bandenführer bestimmt. Die Grauröcke trauten mir wohl übernatürliche Kräfte zu. Aber langsam begriffen sie, daß gerade die genialsten Freiherren die schlechtesten Freischärler sind. Und weiter sickerte auch die Wahrheit durch, daß ich der intellektuelle Urheber jenes Gemetzels und demnach auch der Tollwütige sein müsse. Bei dieser Gelegenheit benahmen sie sich genau wie die Menschen: sie hätten mich herzlich gern auf die Seite gebracht, aber sie fürchteten meinen unheilbaren Biß. Und nie bin ich achtungsvoller behandelt worden als von dem Augenblick an, wo ich auch den Freikatzen als tollwütig galt! ... Ich benahm mich danach, ließ die andern jagen und verlangte selbst nur die saftigsten Bissen. Aber mit diesen wilden Burschen, die vor meinem imaginären Tollwutbiß ebenso feige zitterten, wie die Menschen vor einer toten Cholerabazille, war doch kein dauernder Pakt möglich. Sie kannten weder weiche Betteppiche noch emaillierte Eßschüsseln, ihre ganze Diplomatie bestand in der Mäusejagd –, und eines Tages mußte es sich doch ereignen, daß sie ihren großherzigen Führer hinterrücks meuchelten. Ein hagerer Wegelagerer, der sich zu uns gesellte, sah ganz nach einem gedungenen Mordbuben aus. Ich sah über den Burschen scheinbar nichtachtend hinweg, beobachtete ihn aber auf das schärfste. Und als ich wie gewöhnlich mein Mittagsschläfchen blinzelnd absolvierte, gesellte sich mit einem raschen Sprunge dieser Wegelagerer zu mir. Ich fuhr blitzschnell in die Höhe, und wir standen Auge in Auge. Er strich sich aber nur höhnisch lächelnd die Schnurrhaare. »Nehmen Sie sich in acht, mein Herr!« sagte ich eisig. – »Nimm dich selbst in acht!« antwortete er brutal. – »Kanaille!« – »Nichtstuer!« Aber er räumte doch das Feld, weil der hinterlistige Ueberfall nicht gelungen war. Mein Bourbonenauge lähmt Gott sei Dank noch immer Mörderhände. Doch die hohnlächelnde Art, wie er ging, zeigte mir, daß mein Stern unter diesen Briganten im Sinken, das heißt, daß die Bande geruhte, an meiner Tollwut zu zweifeln ... Die Sonne bewölkte sich gerade leicht, vielleicht waren Regentage in Sicht, die wohl ein Landstreicher, aber kein Prinz außerhalb seines Schlosses verbringen mag. Der See ward mir auf einmal so grau und so eng, die Erfahrungen meiner Jugend bis heute erschienen mir begrenzt, einseitig, wie der Horizont dieser Berge. Ich fühlte eine dunkle Sehnsucht nach dem Grafen Rhyn, der vielleicht jetzt schon in einem wunderbaren afrikanischen Wüstenschlosse weilte. – Das war ein Mann! Keine Aeußerlichkeit, keine Schliche, aber Kraft! ... Und auch diese Josefa, so jung, so reizend, mit ihrer unerschöpflichen Kakesbüchse! – Wo mochten sie weilen? – Und ich muß gestehen, daß ich im Gedenken an diese lieben deutschen Menschen von einer wilden Abneigung gegen Italien, den Garda, das Hotel überkommen wurde (das Hotel wäre, wie ich mir überlegt habe, ja doch so wie so eine Unmöglichkeit fürder). Wenn du die beiden suchtest, fändest? – Es waren nicht Leute, die ihre Gesinnung ändern ... Und dann die neue Welt; die andre Küche, die Fülle von Interessantem, die sicher hinter dem Monte-Baldo-Buckel wohnt! Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben! Ich bin jetzt Mann, es ist die höchste Zeit ... Und dabei mache ich mich auch schon auf, eigentlich ungewollt, wie getragen von meiner Sehnsucht, meinem Bildungstrieb –, ich glaube auch, daß der Kopf von dem hageren Wegelagerer und mit ihm noch viele andre Galgenphysiognomien sich in dem nächsten Weinberge bedenklich zu schaffen machten ... Die Sehnsucht trieb mich stärker, ich eilte, sprang, ich weiß selbst nicht mehr, aber das Gefühl war wirklich übermächtig. Und hinter mir tobte wie eine Meute das Galgengesindel, ich mußte alle meine Kräfte aufbieten, um nicht gerade von diesem Hageren erreicht und gemeuchelt zu werden. Der dürre Schneider war nämlich an demselben Tage aus dem Krankenhause in Brescia als niemals tollwutkrank entlassen worden und spazierte enttäuscht auf der Piazza. Und endlich fand ich mich todmatt vor Sehnsucht in Gargnano wieder unweit des Palazzo Bettoni, in demselben lauschigen Garten, wo der siegreiche Tristan Isolden gewann. Der wundersame Duft nach Romantik und Liebe, die stumme Riesenzypresse, die wehe Erinnerung. Wenn sie ahnte! – wie würde sie eilen, mit selig bebender Pfote ihrem Ritter den saftigsten Sperling zu überreichen ... Ja, Tristan ist treu, kann nicht vergessen! Und wie ich tränenfeuchten Blickes Umschau halte nach der heißgeliebten Gattin – o Wunder! – durch das dunkle Grün derselben Zypressen starren zwei Augen, Isoldens Augen, jedoch gelbglühend, böse, mit der festesten Absicht, mich zu zerzausen, wie ich noch nie zerzaust worden bin. Ich verstehe nicht – auch weit entfernt blieb sie die Königin meines Herzens. Doch wie ich sanft an ihr vorüberblinzle, gewahre ich in den Zweigen versteckt reizende Ohren, harmlose, listige Kinderaugen. O pfui, Isolde! – Wer wird denn gleich an bethlehemitischen Kindermord denken ... Aber wenn sie Mütter sind, werden sie alle Megären. Ich wandte mich traurig ab. Hungernd, dürstend, auf der Flucht – und so empfangen von einem Wesen, dem man alles gab ... Diese junge Brut sah wirklich zart und appetitlich aus. Und meine letzte Mahlzeit war mehr wie frugal. Die Medeen erscheinen ausgestorben auch im Katzengeschlecht. Ich war zu müde, zu niedergeschlagen, um weiter zu grübeln über diese letzte Enttäuschung. Ich will dieses Weib nie wiedersehen – und möge ihr die Vorsehung vergeben ... Gegen Abend verschlang ich heißhungrig eine Anzahl fauler Fische, die am Strande umherlagen. Sie waren so geschmacklos wie das ganze Italien. Ich empfand eine stumme Verzweiflung. Im Mondenschein erglänzte die weiße Gardafläche. Ein letzter Sprung, ein letztes Gurgeln, addio Carlo! ... Dabei erinnerte ich mich zur rechten Zeit, daß ich vorzüglich schwimmen kann und das Wasser unerträglich naß ist. Und die Gedanken aus Rins Tagebuch (ich meine natürlich des Grafen Rhyn, meines deutschen Freundes) fielen mir ein: Bleichsüchtige Jünglinge sterben an gebrochenem Herzen, aber nicht Männer. Für die wird noch immer etwas zu tun übrig bleiben, und für einen Ueberkater erst recht! ... Gedacht, getan, ich saß der nächsten besten Wasserratte an der Gurgel. So lebte ich Tage. Ich fühlte wieder die Selbstmordgedanken kommen. – Ja, Carlo, du warst viel zu treu, viel zu arglos ... Aber es gibt doch noch Götter. Ich saß nämlich gramzerrissen eines Nachmittags auf einem Säulenstumpf. Der Dampfer von Salò kam langsam heran, pfiff heiser, legte langsam bei. Auf der Landungsbrücke zwei Gestalten, helle Sommerkleider, befreundete Gesichter. O, deutsche Frauen, wie ich euch verehre, anbete! – Es waren die Gräfin Angern und Tochter ... Ich muß zu ihnen! Ein Schleier legt sich auch jetzt noch während des Schreibens über meine Augen, ein dichter Schleier. Ich spüre die Terriers über mir, die Sinne schwinden, wie im Traum höre ich noch eine liebe Stimme. Und dann finde ich mich wieder im Cervo auf einem Sofa, in eine Reisedecke gehüllt, die beiden Frauen über mich gebückt: »Aber der Kater ist ja toll! Deine Freundin Jeanette hat dir doch detailliert die ganze gräßliche Geschichte geschrieben –, Josefa, du bist kaum vernünftig geworden und verlangst schon wieder das Unvernünftigste!« – Darauf meine großherzige Freundin: »Ach, Mama, der Quedenberg ist ein Trottel, und dieser Schneider wahrscheinlich auch, und weil sie ihn gequält haben, hat er sie natürlich gebissen und gekratzt ... Du weißer Prachtkerl, nicht wahr, mir tust du nichts? Du weißer Prachtkerl ...« Dabei preßte sie die Lippen zusammen, und eine ganz richtige Menschenträne perlt zwischen den Lidern durch: »Und wenn er auch toll wäre, Mama, ich denke manchmal, es wäre besser, ich kehrte niemals mehr nach Deutschland zurück.« – »Um Gottes willen, Josefa, die alte Geschichte!« – »Alte Geschichte? Mir ist sie noch recht neu ...« Ich begriff den Zusammenhang nicht. Aber im Nebenzimmer rasten die Terriers gegen die Tür und beschimpften mich in allen Hundedialekten aufs gemeinste. Und ich war so 'runter mit meinen Nerven, daß ich am liebsten mit dieser Josefa mitgeweint hätte, jedoch weil ich nur über Krokodilstränen verfüge, begnügte ich mich, immerfort diese weiße Hand zu küssen, was sehr gnädig von allen Anwesenden aufgenommen wurde. Wegen dieser »alten Geschichte«, die aber zu meinem Bedauern niemals wieder berührt worden ist, bin ich nach Deutschland mitgenommen worden. Nicht etwa auf dem Stroh eines Hundecoupés, wie die Terriers, sondern auf dem Schoß einer reizenden Dame, Luxuszug mit kleinen Trostdiners im Küchenwagen. Es war eine wonnige Fahrt. Und obgleich einige ältere Weiber knurrten, suchten doch verschiedene jüngere Herren durch Vermittlung der jungen Gräfin mit mir bekannt zu werden, es kann aber auch umgekehrt gewesen sein; ich weiß nicht mehr recht. Dann kamen trubulöse Zeiten. Sommeraufenthalt auf einem Landgut, Herrichtung der Aussteuer. Ich verstehe eigentlich nicht, warum die alte Dame mit der Hochzeit der Tochter so eilte! ... Gesellschaften, Besuche des Bräutigams, Rangstreitigkeiten mit den Terriers, die nur langsam begreifen, daß ich jetzt hier zu befehlen habe. Der Sommer in Deutschland könnte ein Eden sein, wenn man den Singvögeln etwas näher lauschen dürfte. Für Parkbäume zum Beispiel sind Nachtigallen direkt schädlich. Das ist der einzige bedauerliche Gegensatz zwischen mir und meiner reizenden Gräfin: »Wilderst du, Carlo, so schießt dich der Jäger tot!« – Bei diesen Ausbrüchen menschlicher Unklugheit, die meist vor einem ausgestopften Papagei mit geschwungener Hundepeitsche stattfinden, geruhe ich, die unschuldvollsten Vergißmeinnichtaugen gen Himmel zu richten. Ich verstehe scheinbar nicht, das heißt, ich werde mich schwer hüten, die gemütlichen Tete-a-tetes mit Rotkehlchenfamilien auszuposaunen. Jedoch die Terriers als richtige Polizeispione führen atemlos kläffend Buch über jede Nestvisite, obgleich sie als echte Denunzianten mit den nützlichen Füchsen genau so umgehen, wie ich mit den schädlichen Nachtigallen. Es ist eben alles manière de voir ! Ich spreche grundsätzlich nicht Deutsch mit diesen Botokuden, was sie maßlos ärgert. Mit der Gräfin causiere ich Italienisch. Und das wurmt wieder die Bodenkatze, die infolge ihres stumpfsinnigen Lokalpatriotismus nur einen ganz scheußlichen Dialekt spricht; mit sämtlichen Gutskatern lebe ich auf Kriegsfuß, dagegen gibt es verschiedene kleine Miezen, die grenzenlos in mich verschossen sind. Es ist nicht der große Staatsmann, der blauäugige Adonis, es ist der Fremde, der Italiener, der die Weiber so magisch anzieht. Obgleich ich mich sehr reserviert halte, präsidiere ich doch zuweilen den hiesigen Amateur-Katzenkonzerten. Gemischte Gesellschaft! Ich erzähle darum in den Pausen en passant , daß mein Vater ein duca , meine Mutter eine bourbonische Prinzessin gewesen sei – es stimmt nicht ganz, aber es könnte doch stimmen – und schließlich, warum sollte meine Mutter als echte Frau nicht einmal nach unten gelogen haben anstatt nach oben in ihren Kinderstubenerzählungen? »Also mein Vater, der Herzog, und meine Mutter, die Prinzeß ...« Und wenn ich das mit wahrhaft fürstlicher Bescheidenheit sage, sehe ich, wie diese dickköpfigen Bauernkater finster dreinstarren – sie sind Anarchisten durch die Bank; und wie die sanften Augen der Dorfschönen schüchtern aufleuchten – etwas von einer Maintenon, einer Dubarry, etwas von einer fürstlichen Geliebten überhaupt schwebt ihnen vor. Ich habe seitdem einige kleine Katzenmädchen auf dem Gewissen ... Sie sind eben glaubensseliger, diese deutschen Frauen, als unsre Italienerinnen. Solch idyllischem Dasein wurde ich eines Tages ohne jede Einleitung entrissen. Ich fuhr wieder einen Tag und eine Nacht in einem dunkeln Verließ und erwachte als – Kürassierkater. Wir sind ein sehr vornehmes Regiment, und wenn ich die Zimmerflucht unsrer »bescheidenen Leutnantswohnung« ansehe, so frage ich mich gleichzeitig, in welchem Palais dementsprechend der Oberst wohnen muß. Jedoch in den glänzendsten Appartements wohnen eben wir, was ich in bezug auf die Charge des Freiherrn von Lasowitz etwas wunderbar, in bezug auf mich nur selbstverständlich finde. Ich glaube nicht, daß wir beliebt sind, aber wir sind furchtbar reich, furchtbar vornehm, und weil wir jeden Augenblick sagen können, wir pfiffen auf den königlichen Dienst, werden wir es wahrscheinlich bis zum Generalinspekteur bringen. Ich glaube, daß speziell meine jugendliche Freundin es glühend wünscht, während ihm mehr an Rennpreisen liegt. Im übrigen ist die Ehe glücklich. Ein Kind wurde geboren und starb Gott sei Dank wieder. Die gnädige Frau geht kohlschwarz. Seitdem bleiben die Herrschaften viel zu Haus. Sie liest, er raucht. Aber ich verstehe mich wirklich nicht auf glückliche Menschenehen. Denn urplötzlich fängt sie an zu weinen, schiebt ihn mit der Hand fort. Eine Stunde später küßt sie ihn wieder leidenschaftlich und will ihn gar nicht loslassen. Und das alles dieses albernen Kindes wegen ... Ich denke – nein, ich werde mich hüten, zu denken! Denn als ich neulich meiner reizenden Josefa einen besonderen Dienst zu erweisen glaubte, indem ich bei der ersten großen Gesellschaft nach der Trauer der Kommandeuse auf den Schoß sprang, heuchelte diese alte deutsche Weibsperson einen Ohnmachtsanfall, ich wurde beschimpft, gestäupt, vor die Korridortür geschmissen, wo sich die Terriers sofort über mich hermachten. Der vierschrötige Bursche stand interessiert dabei, und ohne die Hilfe der Jungfer wäre ich wie ein gemeiner Dorfkater einfach abgewürgt und später wahrscheinlich zu einem Kürschner geschleppt worden. Da war es mir denn selbst angenehm, solchem Garnisoneinerlei entrissen zu werden. Diese Lasowitzens schickten mich im Winter wieder auf die Sommerfrische, wo ich von der alten Gräfin nur deshalb protegiert werde, weil ich einmal von der Tochter protegiert worden bin. Ich war tief gekränkt, wünschte diesem Kürassierleutnant einen Beinbruch und seiner Frau jedenfalls kein zweites Kind ... Aber als Josefa ein halbes Jahr später, strahlend vor Jugend und Glück, auf meinem Gute erschien, um mir mitzuteilen, daß sie auf ein ganzes Jahr à la suite gestellt worden seien, um in Algier und so weiter die schwankende Gesundheit wieder zu befestigen, da fühlte ich den Tatendrang des Mannes und den Instinkt der Treue so stark wie nie – ich mußte mit! Es war nicht leicht. Aber weil ich weiß, daß die Menschen an Wahnvorstellungen leiden, zum Beispiel auf zwei Pfoten gehen anstatt auf vieren – aus Eitelkeit; die Frauen am meisten lieben, die sie am meisten betrügen – aus Verblendung; die Hunde verzärteln, die gegen ihre Natur wie die Katzen schmeicheln – aus natürlicher Dummheit: so beschloß ich denn, täppisch wie ein Hund um meine Freundin herumzuspringen. Und was meine herzliche Liebenswürdigkeit nie vermocht hätte, vermochte mein plumpes Gaukelspiel. Ich hätte Josefa höher eingeschätzt! – Meine Katzenklugheit, die echt ist, läßt sie kalt, meine Hundetreue, die falsch ist, rührt sie ... Nun verstehe ich auch die Einrichtung der menschlichen Tränendrüsen. Nützlich gebraucht sie nur der, der unter ihnen das Lachen verbirgt. So wurde ich also mitgenommen. Eine kleine Schwäche besitzt diese Frau nun einmal für mich, eine inkonsequente Schwache, die wahrscheinlich nur daher kommt, weil ich so konsequent bin. Die Terriers bleiben zu Haus. Der Kürassier, dem das Arrangement gar nicht paßte, sagte: »Na, hoffentlich fällt die Bestie unterwegs über Bord.« Die Gnädige zuckte darauf als Antwort nur die Achseln. Sie weiß, daß ihn das am meisten ärgert, darum tut sie's, die gute, liebe Frau. Vor meinen Augen beginnt es zu schwanken, der Abd-el-Kader schlingert auf einmal unerträglich! Ich verwünsche meinen Wissensdurst und beneide von ganzem Heizen die Korridorkatze auf meinem deutschen Schlosse. Ein Tagebuch? – Was ich als Backfisch einst unterließ, tue ich töricht als junge Frau. Schadet nichts! Um die Dummheiten kommt man doch nicht herum, ob nun vor oder nach der Hochzeit. Denn schließlich jede hat mal Verse gemacht, im Traum geküßt, ein Tagebuch verbrochen, angefangen und nie vollendet ... Und auch diese drei Torheiten sollten der fast sechsundzwanzigjährigen Freifrau Josefa von Lasowitz noch bevorstehen? Ernstlich, ganz ernstlich? ... Da muß ich wirklich lachen. Ich möchte diesen Anfang beinah meinem Peter zeigen, der mich für maßlos kapriziös hält, – der arme Peter, der eigentlich immer am Kreuzweg steht, sich den Kopf zerbricht, ob ich wie ein Durchgänger mit Höllenkandare und festem Zügel geritten werden muß, oder wie ein diffiziler Dreijähriger mit leichter Trense, weichem Schenkel ... Oder wenn ich's unsern Leutnants zeigte, die so rührend traurig von der schicksten Frau des Regiments schieden ... Oder meiner Mutter, die mich so leidenschaftlich liebt ... Ach, sie kennen mich ja alle nicht! – Und ich kenne mich selbst erst recht nicht und will mich gar nicht kennen. Selbststudium, lieber nicht! Gewisse Frauen sollen die Hände davon lassen. Noch bin ich jung, hübsch, begehrenswert. Da kann ich nach Wahl eine kleine Heilige oder eine große Sünderin sein; eine Partei werde ich immer haben, solange der Reiz vorhält. Steht mir also die Wetterfahne auf Ehrgeiz, dann stachle ich meinen Peter zum Generalstab an; steht sie auf Leichtsinn, dann amüsiere ich mich köstlich mit dem jüngsten Leutnant; steht sie auf Pietät, dann reise ich zu Mama aufs Land. Ich bin im Fasching geboren, und so treibe ich's. Nur immer Neues. Neue Menschen, neue Sachen, neue Empfindungen. – Was ich will, setze ich durch. Und das ist gut so ... Denn diese Quecksilbersäule leidet auch an Depressionen, an tiefen, tiefsten Depressionen, von denen die Welt nichts weiß. Da kann ich stundenlang auf einen Fleck starren, denken, grübeln, mich verzehren in einem dumpfen Weh. Mein totes Kind fällt mir ein und vieles andre, und wie alles im Leben nur halb ist. Dann kann ich weinen, wie ein Backfisch über einem Rührgedicht. Und wenn mich Peter einmal dabei überrascht, dann heißt's stirnrunzelnd: »Weibliche Launen.« Und sieht's meine Mutter, dann heißt's liebevoll: »Schmerzliche Stimmungen.« Sie können mir beide nicht helfen. Es ist ja nur ein unklares Wehegefühl, ein unverstandenes Sehnen. Ich weiß selbst nicht, aber es steigt so heiß und qualvoll in mir empor. Ich möchte, ich möchte ... Und wer mich dann reizt aus Härte oder Güte, der tut's auf seine Gefahr! Da bin ich leidenschaftlich, rachsüchtig, kenne mich nicht mehr. Sie hüten sich auch jetzt. Es gab einmal eine Szene, – es war am Totenbette meines Kindes, und sie versuchten mich zu beruhigen auf ihre Art, die beiden, von denen der eine nicht wissen konnte, der andre nicht wissen durfte, was mir dieses Kind bedeutete. Sie meinten's gewiß gut. Aber da kam wieder der Strom, der starke dunkle, der wahllos hinwegspült, was uns sonst erfüllt, und ich sagte heiser, zischend, meiner selbst nicht mehr mächtig: »Macht, daß ihr fortkommt! Was geht euch mein Kind an?« ... Und da war ich endlich allein mit mir. – Es war eine Fieberwallung, wie im Leben wahrscheinlich alles Fieberwallung ist, aber es hat mich und sie belehrt, daß in mir etwas lebt, was man nur schaudernd ahnt. Im Herzen und mit Worten habe ich sie später beide um Verzeihung gebeten. Meine angebetete Mutter, die nur für mich gelebt hat, nur für mich, und meinen armen Peter, der mich so lieb hat, und den ich doch auch lieb haben muß, denn sonst hätten wir ja nicht zu heiraten brauchen ... Aber von jedem Feuer bleibt Asche zurück. Und mag auch der Rest noch so klein sein, man sieht's doch argwöhnisch und denkt: ›Wenn da plötzlich wieder eine Flamme auflohte, aber wilder, verzehrender, so stark, daß ihr Gluthauch uns alle tötet ...‹ Und das ist mein Gespenst, und um diesem Gespenst zu entgehen, lebe ich, wie ich lebe. – Die kokette, die kapriziöse, die seichte Frau von Lasowitz. Als wenn von den Schwadronstanten das Urteil nicht täglich gefällt würde! ... Aber dieses Leben führe ich nun seit Jahr und Tag und muß leider gestehen, daß Herz und Sinne bei dieser Gelegenheit eigentlich kühler werden, statt heißer. Das ist der öffentlichen Meinung natürlich unbegreiflich. – Es ist übrigens kein ernster Anfall wiedergekommen, ich fühle mich körperlich und geistig ganz normal. Mein Mann hat die unsinnige Szene damals vielleicht ganz vergessen, Mama sicher nicht. Sie kennt ja nur die guten, reinen Triebe der Frauen, darum war ihr der unreine Strom damals so unverständlich. Aber gerade darum denkt sie für mich, wacht über mich und beargwöhnt liebevoll diese Tochter, die scheinbar so gleich und in Wahrheit so ganz anders geartet ist wie sie. Gute, liebe Mama! Ich war eben jung und töricht, und das ist nun endgültig vorüber. Und wie ich's dir versprochen habe, nie mehr einen gewissen Namen zu nennen, und wie ich's gehalten habe damit auch im Denken seit des Kleinen Tod: so kannst du heut über das alles ganz ruhig sein. Dir gleich werden an Güte kann ich nicht, wie du ja auch immer viel schöner gewesen sein mußt, als ich es je war –, aber ich will an dich denken, dein Bild sehen, immer auf dieser Orientreise, die Peter und mich in die Wüste führen soll – und doch nicht in die Wüste ... Verzeihe diesem wandelbaren, unklaren Geschöpfe, das als Tochter die Mutter hoffentlich nie ganz verleugnen wird! Und nun ist mir eigentlich mein Tagebuch schon über, die Feder sinkt. Ich werde da drüben auch nur Hergebrachtes sehen, Hergebrachtes denken, Hergebrachtes erleben ... Mein Füllfederhalter kostet zwanzig Mark, ich habe ihn extra für diese Reise gekauft, aber ich fürchte, selbst diese lächerliche Summe wird sich nicht rentieren. Und wenn ich dies Tagebuch nun doch weiter schreibe, so befriedige ich damit kein eignes Herzensbedürfnis, nur den Herzenswunsch von Mama, die die große Wüste nicht kennt und sie gern mit meinen Augen sehen möchte. Dabei will sie mich wohl auch kontrollieren, meine Gefühle, meine Gedanken, die ganze große gesunde Reaktion, die dies fremde Land mit seinen Eindrücken auf Körper und Geist ja ausüben muß. Denn sie mißtraut mir selbst brieflich noch immer, die Erinnerung jener Szene sitzt zu tief. Merkwürdig, daß gerade sie mir mißtraut! Und da kommt wieder so eine dunkle feige Empfindung gekrochen: Kennen wir je unsre Mütter? Kennen je unsre Mütter uns? ... Ich hätte übrigens niemals Afrika zum Winterausflug gewählt, ich habe eine instinktive Abneigung gegen diesen Erdteil, den einzigen freilich, den ich in der Geographiestunde souverän beherrschte, weil man so wenig von ihm zu wissen braucht. Mir hätte Konstantinopel besser gelegen oder Spanien, aber ohne Stiergefechte. Mit Stiergefechten hätte es vielleicht auch Peter akzeptiert. So aber bestand er stiernackig auf Algier und Marokko, weil er da Mufflons und Gazellen zu schießen gedenkt. Mama war für die Riviera, speziell für Cannes, das kranke, vornehme Cannes. Wir lachten sie aber beide aus. Für moderne Menschen und ein ganzes Jahr à la suite ist Europa viel zu klein. Ich ließ mich übrigens leicht überstimmen. Ich habe den Reisefatalismus. Mag ein andrer das Risiko übernehmen. Was geschehen soll, geschieht hier oder dort ja doch. Und wenn Peter gerade die Wüste wählte, so spielt eine gewisse kleine Eifersucht mit, die er aber niemals zugeben würde. Er liebt die leichte Pariser Art sehr, aber nicht bei der eignen Frau. Und wenn ich die geheimsten Falten meines Herzens durchsuchte, so kann ich doch beschwören, daß mir kokettem, kapriziösem, seichtem Geschöpf auch nicht ein einziger Mann wirklich gefährlich gewesen wäre während meiner Ehe. Die Leute urteilen eben nur nach Aeußerlichkeiten, und ich tue das auch. Ich war darum aufs äußerste erstaunt, als mir aus scheinbar sehr kompetenter Quelle mitgeteilt wurde, daß Jeanette Quedenberg ihren Mann nur deshalb so schlecht behandelt, weil dies kalte Herz einen andern hoffnungslos leidenschaftlich liebt. Ich kann's nicht glauben! Wer könnte es der Frau angetan haben, wer? – Aber den Mann kennt niemand. Und nun zum ernsthaften Tagebuch! Natürlich beginnt's mit Berlin. Und da wird mir wieder so angenehm leicht zumut. Berlin bei Nacht, das einem schon eine gute halbe Stunde vorher in die Coupefenster guckt, mit heißem Lichterglanz, mit dumpfem Tosen, mit dem köstlich wirren Gewühl von Häusern, Menschen, Tönen, – die Stadt, die nie schläft, bis ein Stück mürrisch aufblickende Spree, der Dämmerumriß einer verwitterten Fassade uns das schöne Bild des Lebens, der Lust stören, die törichte Vorstellung wecken will, als gebe es ein Berlin, das wirklich schläft, und eins, das so gern schlafen möchte. Aber zum Schlafen kommt man doch nicht nach Berlin! Auf dem engen, schmutzigen Bahnhof Friedrichstraße mit dem Ameisengewimmel der Reisenden, dem Dröhnen der Fernzüge, wo alles ankommt und abfährt, was ein bißchen internationalen Hauch liebt, wurde mir gleich zum Willkommen die goldene Taschenuhr gestohlen, die winzige, perlenbesetzte, eins von den zahllosen Verlobungsbijous Peters. Sie ging immer schlecht, und Perlen bedeuten ja Tränen. Ich nahm's darum nicht tragisch, fand's sogar ganz amüsant als erstes Abenteuer, und tröstete meinen sehr wild gewordenen Peter, daß dem Glücklichen ja keine Stunde schlägt. Aber man ist eben nicht mehr auf der Hochzeitsreise. Peter nahm's als Omen und blieb mißgestimmt. Er wollte mir auch durchaus nicht den Gefallen tun und mit durch die enge Friedrichstraße promenieren, wo sich das abenteuernde, elegante, verdorbene Nacht-Berlin drängt, wo einen jeden Augenblick die gewissen Herrenblicke, die gewissen Damenparfüms streifen. Abgrundtiefe Laster, scheußliche Passionen, ich weiß es. Man schauert instinktiv, die Nerven empören sich gegen den Höllenpfuhl, es ist ein eignes Prickeln. Auf Augenblicke liebe ich's ... Doch schon an der Georgenstraße wollte er einbiegen nach Continental, was vornehmer, während ich nach Bristol drängte, was lustiger ist. Bei Bristol triumphierte ich. Wir trafen da nämlich ein ganzes Rudel von Peters Freunden, die bereits sehr vergnügt waren; ein kleiner ungarischer Graf begoß sich in aller Seelenruhe die Nase. Irgendein Vollblutstall war wieder einmal verauktioniert worden, und besonders österreichische Rennleute waren da, die mich konsequent Frau Gräfin nannten. Ich bin's zwar nicht mehr, aber die Erinnerung tut wohl. Ueberhaupt die leichte, degagierte Art! Es ist kein Kommißton, sie reden auch nicht ewig von Pferden ... Peter hatte sich mit zwei großen Rennstallbesitzern an einer Tischecke zusammengetan, sie schwelgten in Sport – und ich war eigentlich überflüssig. Ich kann's verstehen. Vor der großen Passion verblaßt eben die kleinere. Ich würde es genau so machen, genau so! Aber als der kleine Ungar, der in der Nacht noch abreiste, sich polnisch drücken wollte und nur mir galant die Hand küßte, drehte sich Peter urplötzlich nach mir um. Sie blieben dann noch lange, ich aber ging gleich auf mein Zimmer. Ich hatte ein häßliches, entehrendes Gefühl als Nachgeschmack, viel häßlicher und entehrender als vorhin, wo mich der Abschaum der Friedrichstraße streifte. Wenn die Liebenswürdigkeit der Männer nur einen Zweck hat, – und wenn der eigne Mann ebenso fühlt ... Nein, gegen eine große ganze Sünde ist kein Mensch gefeit, aber vor dem kleinen, gemeinen, alltäglichen Seitensprung, vor dem glaube ich denn doch zeitlebens sicher zu sein! Am andern Tage meldeten wir den Uhrverlust im Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Peter wollte mir dann natürlich eine neue kaufen und wieder ein Bijou, ich wählte aber eine einfache Stahluhr. Da unten im Zentrum von Berlin war gar manche seltsame Gestalt neben unsrer Droschke aufgetaucht, armes, elendes Volk, ob mit, ob ohne eigne Schuld, was weiß ich ... Und inmitten der tausend Kostbarkeiten eines ersten Juwelierladens, die mich natürlich anzogen, fiel mir das lichtscheue Dirnengesicht irgendeines halbwüchsigen Mädchens auf dem Alexanderplatz ein, und wie wir Reichen doch eigentlich gar nichts tun, um diesem Elend und diesem Laster zu steuern. All der Luxus ringsum erschien mir plötzlich sündhaft, lästerlich. Ich sagte es auch Peter, der nicht etwa ungutmütig ist. »Ja, gewiß, Schatz,« meinte er, »natürlich gibt's hier eine Unmasse Armut, und du kannst Gott danken, daß du nicht noch tiefer in all den Morast hineingesehen hast. Aber das ist nun einmal nicht anders, und allen Leuten kann eben nicht geholfen werden.« Recht hatte er schon. Aber es ist doch die Moral der Satten. Und so sind wir alle, alle! Um den Kampf herumgehen, statt ihn zu bestehen – taugt denn das auch für jeden? ... Wir wollten noch einige Tage in Berlin bleiben. Aber das Wetter war grau, mißfarben geworden, die ganze Riesenstadt schwimmend in einem trüben, ekeln Dunst. Ich sehnte mich hinaus nach Sonne und Süden. Erst als wir wohlverwahrt im Luxuszuge saßen, fiel es mir ein, welch eine bittere Satire dieser Luxuszug doch auf meine gestrige Herzensdemut war. Und so ein Luxuszug? Sehr hübsch, zum ersten Male oder auf einer Hochzeitsreise! ... Er gleitet weicher, er eilt rascher, die Bilder ziehen ohne Unterlaß vorüber. Aber daß von diesen Bildern schließlich nichts bleibt, gar nichts als der rosige Hauch, der eine Fahrt ins neue Leben umwallt, darüber macht man sich ganz gewiß keine Skrupel. Es ist, wie gesagt, Februar. Und diesmal begleitet uns während der Fahrt ein grauer Hauch, ein lichtgrauer, weicher, der die märkische Ebene sanft zudeckt, die Thüringer Berge umspinnt. Und der Zug eilt und eilt, und in der Erinnerung bleibt schließlich auch nichts als der graue Hauch. In Frankfurt auf dem Bahnhof trafen wir einen alten Bekannten und Kriegsschulkameraden von Peter, einen Grafen Bloome, der erst Gardekavallerist, nachher Schutztruppier und zuletzt Afrikareisender auf eigne Faust gewesen sein soll. Ich weiß nicht, warum ich in dem Moment, wo ich den Namen des Mannes hörte, ein unangenehmes Gefühl hatte. Er ist mir doch gänzlich fremd. Uebrigens ein absolut durchsichtiger Mensch, Leichtfuß, Schwerenöter, einer von denen, die weder Wüste noch Ehe vom Schuldenmachen oder Flirten heilen könnten. Dabei bildhäßlich. Mich interessiert direkt solche Häßlichkeit. Ich war übrigens sehr kühl. Der Abend im Bristol ist mir eine herbe Lehre gewesen. Für was muß uns eigentlich ein Mann halten, dessen Eifersucht bei solcher unmöglichen Gelegenheit aufzuckt? Wir hatten nur wenige Minuten Zeit. »Wo fahren Sie hin, gnädigste Baronin?« »Biskra.« »Direkt?« »Ja, das heißt mit den gewöhnlichen Stationen.« »Famos! Bin auch nur auf ein Retourbillett in Europa, teurer Erbtante die Augen zugedrückt und so weiter.« Und mit einem sehr komischen Augenblinzeln zu meinem Mann: »Peter von Amiens, halten Sie mir unausgesetzt den Daumen, sonst kriegen die Cohns und Levis Wind und nehmen mir schon diesseits die paar Groschen wieder ab!« »Also auf Wiedersehen in Afrika, Bloome.« »In Afrika sieht man sich nämlich immer wieder, gnädigste Frau, is ja so lächerlich klein!« Der Zug war schon im Gleiten, und ich mußte unwillkürlich über diesen fidelen Aufschneider lachen. Er sah's und rief noch nach: »Baronin, wetten um ein Souper im Royal, daß der erste Schaffner, der Ihnen in Biskra das Coupé öffnet, ich bin?« »Angenommen, Bloome, angenommen!« rief mein Mann zurück. Er erzählte mir auch gleich, daß dieser Graf Bloome überall wegen Schulden geschaßt sei, jetzt beinahe mauvais sujet , aber noch immer verfluchter Kerl, der eben alles riskiere, weil er eben nur das Genick zu riskieren habe. »Und lustig, lustig! Ja, wer so ein glückliches Temperament hat ... Ich für meinen Teil danke doch bestens dafür.« Und ich amüsierte mich eine ganze Stunde damit, darüber nachzugrübeln, warum mir der Name Bloome unsympathisch sein konnte und der Mann eigentlich sympathisch ist. Dabei berührte es mich doch seltsam, daß Peter und ich, die wir beide reich sind, uns jeden Wunsch erfüllen können, der mit Geld erfüllt werden kann, doch keineswegs immer »lustig, lustig!« sind wie dieser bettelarme Vagabund ... Und wieder kam der graue Rauch gekrochen, aber ein dicker, schwerer, undurchdringlicher Rauch, der wie eine Nebelmauer von rechts und links drückte. Unser Zug mußte langsam fahren, und zweimal klang unheimlich das Knattern von Platzpatronen auf den Schienen. So ging es vorsichtig die Rheinebene entlang und durchs hügelige Baseler Land. Jetzt, wo wir hätten sehen können, konnten wir erst recht nichts sehen. Dann hellte es plötzlich vor dem Gotthard auf. Aber es war bereits Nacht geworden, ohne daß wir es gemerkt hatten. Ueber den Schneegipfeln flimmerten eisig kalt die Sterne, und silbern gleißte der stumme Firn. Alles drängte nach den Schlafkabinen. Wir aber blieben und sahen die starren, strengen Berglinien an uns langsam vorüberziehen – und hörten den Bergstrom rauschen. Es war so schön, so feierlich! Die Hochzeitsreise fiel uns ein, – die gleiche Nachtzeit, die gleichen Alpenberge, die gleiche Firnluft. Es sind fast genau dreieinhalb Jahre her. Schöne Jahre? Ich weiß es nicht recht. Jedenfalls waren wir damals unverhältnismäßig jünger, und ein rosiger Schimmer umfloß die Gegenwart. Aber man muß Erinnerungen heilig halten. Und ich drückte darum Peter leise die Hand, und er drückte sie wieder. Und er küßte mich auch, und ich küßte ihn auch, – und es war wie damals. Aber als er mich wieder küssen wollte, schob ich ihn langsam mit der Hand zurück. Ich tue das manchmal, es sieht aus wie eine Laune und ist doch nicht Laune. Aber ich kann nicht anders, der zweite Kuß ernüchtert mich immer. Der Rausch ist ja vorbei ... Und eigentlich müßte doch der Rausch wachsen mit jeder neuen Berührung, jedem neuen Kuß, bis auf der Höhe des Wahns die Flammen zusammenschlagen und wir eins sind, ganz eins. So habe ich mir die Liebe als Mädchen vorgestellt, – aber das ist wohl die sündige Liebe ... In der Ehe, die ewig dauern soll, darf's eben keinen Rausch geben, keinen Sturm, nur sanftes Lächeln, mildes Ineinanderfließen ... Ich weiß nicht – ja, ich weiß doch ... Dabei habe ich meinen Mann lieb und wünschte keinen andern. Bis Genua war's dann winterlich kühl. Die lombardische Ebene trostlos: kahle Maulbeerbäume, braune Felder, die endlose Weite von einer tödlichen Monotonie – und Mailand inmitten, kalt, groß, modern, eine internationale Stadt, trotz des wunderbaren Doms, des Campo santo. Was ist überhaupt der Süden ohne Farbe und Licht? Und gleich hinter dem großen Apenninentunnel begann denn auch die Sonne zu strahlen, die italienische Sonne, die blendet, zündet, mit einem einzigen heißen Lächeln die Natur aus ihrem Winterschlaf weckt. Und das Meer so blau, so dunstig, – aber der Duft des Sommers, des Südens, der uns in süße Träumereien versenkt. O, ich bin nicht undankbar für Schönheit, Leben, Genuß! Mit diesem duftenden Licht, diesem märchenhaften Frühlingsdämmern überkam mich eine ungemessene Daseinsfreude. Und wenn auch hier an dieser Riviera Tausende dem Tod entgegensiechen – ich bin jung, stark. Das Licht, das den gelben, kahlen Fels dort sengt, der Odem, der hier aus den dunkelgrünen Villengärten strömt, der blaue Wellensturz, der sich drüben weiß schäumend an der Steilküste bricht, die sagen mir alle, daß man das Leben leben muß, um es zu leben. Und lebe ich's wirklich noch nicht, so liegt's eben noch vor mir, ebenso grell flammend wie die Sonne, ebenso heiß duftend wie die Natur, ebenso wild aufschäumend wie die Welle ... Was man will, das hat man! Glück ist Rausch. Wer den Rausch nicht liebt, der kennt auch nicht den Wein ... Wir waren allein im Coupé. Und angesichts solcher leuchtenden, unvergänglichen Schönheit muß ja der Daseinsdurst kommen, das Lebenswogen, das uns die Brust sprengen möchte! Und aus diesem Gefühl heraus umarmte ich Peter, ich mußte ihn umarmen, und sagte leidenschaftlich: »Ach, Peter, wir wollen leben, glücklich sein! Wir werden wieder ein Kind haben, ein schönes, gesundes, das gar nicht sterben kann, ehe wir es erwachsen hierhergeführt haben, ihm zu zeigen, wie wirklich die Welt aussieht, so jung, so heiß, so liebeduftend!« ... Ich küßte ihn einmal, zwei ... es geht nicht! Es ist wie ein Verhängnis, – der Rausch war weg, noch ehe er gekommen ... Und Peter ist kein kühler Mensch, er hat mich lieb, er folgt mir gern, wenn ich mich so leidenschaftlich, so ganz gebe, was selten genug geschieht. Aber er ist doch eine so andre Natur, jemand, der den Rausch am liebsten meidet, weil ihm die Ernüchterung folgen muß. Das ist weise und sparsam. Und wir sind doch beide noch jung, haben so viel, müßten eigentlich verschwenden! ... Ist's wirklich, ist's meine Schuld allein, daß mich der Rausch flieht, wenn ich den seinen wecken möchte? Vor dem leeren Glas wird man nüchtern. In Monte Carlo blieben wir über eine halbe Woche. Mir hat's nicht den zauberischen Eindruck gemacht wie auf der Hochzeitsreise. Dafür kann der Ort natürlich nichts. Selbst der berühmte Palmengarten hat doch was Gequältes, Gekünsteltes. Riesenhotels rechts, Riesenhotels links, dazwischen das Kasino. Und wenn man da hineintritt, die Farce mit den Paßkarten, dem Gesellschaftsanzug. Ja, du lieber Gott, Albert von Monaco ladet uns doch zu keiner Soiree, er will nur unser Geld haben, und je mehr, je besser! Wenn man dann wieder heraustritt aus den Spielsälen, weil sie an einem Sonntage nun einmal trotz alles schweren Luxus verräuchert und abgeschabt aussehen wie nur irgendein Wartesaal erster Klasse, da tost gleich unter der weltberühmten Terrasse die Eisenbahn vorüber, und noch hundert Schritte weiter winkt der ekelhafte Taubenschießstand. Das ist ein kleiner, der Felsküste abgestohlener Rasenplatz, mit den gedeckten Schützenständen an der einen Seite, in der Mitte zwei unterirdische Verließe. Ein Pfiff, der Deckel des Verließes klappt, ein grauer Tauber windet sich blitzschnell in die Höhe. Zugleich ein Schuß, ein ersterbendes Flattern; ein Jagdhund springt vor und schleppt die blutenden, zappelnden Tiere in den Stand. Ein gutes Auge muß zu dem Sport nötig sein, eine schnelle Hand. Denn zuweilen stößt eine schief heraus und entflieht seewärts. Das freut mich heut immer und wohl auch noch viele andre. Nur daß die Tiere sofort wieder reuig in ihr Gefängnis zurückkehren wollen ... Ich glaube, wir Menschen machen's auch nicht anders ... Das Kasino, die Eisenbahn, der Taubenschießstand: wenn das der intimste Reiz von Monte Carlo ist! Vor drei Jahren fiel's mir nicht auf. Man wird eben älter. Peter, der sich von dem Schießstand gar nicht losreißen konnte, sagte endlich bewundernd – ein besonders rascher Flieger wollte seewärts abstreichen, erhielt aber noch in der letzten Sekunde die sichere Kugel –: »Der Kerl schießt phänomenal! Ich muß versuchen, da auch mal 'n Dutzend wegzublasen. Du kommst doch mit?« »Nein, es ist mir ein zu gemeiner Sport! ... Aber bitte, geniere dich nicht.« Ich drehte mich weg und ging – und er ging auch. Ich möchte behaupten, den Knall seiner Büchse später herausgehört zu haben, und dieser Knall gellte mir in die Ohren. Taubenschießen ist höchster Modesport, jede Dame der besten Gesellschaft findet ihn scharmant; wir haben alle Jägerinstinkte und lieben den guten Schützen, jedoch wobei ich früher mit atemloser Spannung in Nizza zugesehen hatte, wie nämlich Peter zwei Dutzend Tauben der Reihe nach herunterschoß, das verletzt mich heute als gedankenlose Roheit. Natürlich sind's Kleinigkeiten, aber von Jahr zu Jahr treten mehr dieser Kleinigkeiten zwischen uns. Und es ist eigentlich lächerlich: was uns früher zusammengeführt hat – die Reit- und Jagdpassion –, gerade die beginnt sich jetzt zwischen uns zu stellen. Vielleicht geht's in allen Ehen so. Die Aeste eines Baumes, die einst so nah beieinander sproßten, streben wachsend ja auch immer weiter auseinander. Ich ging darauf hinunter zum Strand, wo mein Kater mit meiner Jungfer höchst elegant saß und den Brandungsgischt blinzelnd beargwöhnte. Er hat wenig von mir auf der Reise, weil es Peter mit Recht lächerlich findet, daß ich Afrika durchaus in Katergesellschaft beehren will. Doch er ist ein so kluges, schönes Tier, das überall wegen seiner brillanten Manieren auffällt, und ich habe auch einen gewissen Aberglauben: ... Er ist ein Schutzgeist. Und obgleich ich nicht weiß, wie ein Eckart gerade in diese Hülle kommen soll, so denke ich doch, seitdem er am Garda uns unter so merkwürdigen Verhältnissen zulief, daß ihn irgendein guter Freund geschickt haben könnte, über mich zu wachen, soweit er vermag. Eine lächerliche Phantastin ist man eben doch ... Aber was wäre das Leben ohne Phantasie? Ein im Guten wie im Bösen leeres Blatt. Am Strande spielten Kinder, vornehme Kinder mit den Spitzenhöschen und Spitzenkleidchen, all dem frühreifen Luxus, der sich an niemand mehr rächt, als an den Kindern selbst. Die Mütter standen dabei, vornehme Mütter, und ich wollte weinerlich werden, angesichts dieser Mutterfreuden. Und dann überlegte ich mir später, daß ich mein Kind wahrscheinlich genau so gehalten hätte, verzogen, angeputzt, seiner frohen Jugend beraubt, noch ehe es sie überhaupt besessen. Die eleganten Mütter parlierten und lachten und ließen keinen Blick von den Kleinen, die schon kokett zu trippeln versuchten und sich naiv bewundern ließen. Ist solche Mutterliebe nun eitel Liebe oder liebe Eitelkeit? Meine unvergeßlichen Jugenderinnerungen gipfeln jedenfalls auf einem Pflaumenbaum, von dem ich immer sofort heruntergeholt wurde, um frisch gewaschen und angezogen zu werden. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn ich viel länger auf diesen Pflaumenbäumen hätte herumklettern dürfen. Wenn ich auch mal 'runtergestürzt wäre, davon stirbt man nicht. Und wenigstens hätte ich dann meine Kräfte versucht, mich meiner Kräfte gefreut, anstatt neben meiner englischen Bonne hergehend hochmütig die Kinder zu betrachten, die eben ausgeprügelt doch wieder ihre Kräfte auf verbotenen Bäumen übten. Die artigen Kinder sind bequemer, aber die unartigen stärker. Und bei Menschen, die etwas bedeuten wollen im Leben, entscheidet doch nicht die Fügsamkeit, sondern die Kraft. Mein Kind würde ich todsicher zu einer eleganten Puppe erzogen haben, wie diese eleganten Mütter es tun, und vielleicht war es gut für das Kind, daß es starb ... Denn wenn es einmal im Leben die Kraft gebraucht hätte, so nötig gebraucht hätte wie Herzblut, es würde auch überall vor verschlossenen Türen gestanden haben, unfähig, auch nur die vermorschteste mit seiner Kraft zu sprengen! Unsre Sorte klettert höchstens über verschlossene Gartentüren. Das geht, solange es geht, und es ist eine feige Art, die wir innerlich verachten. Mein weißer Carlo macht zu diesen Meditationen verschiedene gelangweilte Buckel, die wahrscheinlich andeuten sollen, daß man mit listigen Schlichen am weitesten kommt. Und doch bewies auch diese Katze bei ihrem ersten Kampf mit meinen Terriers, daß die beste Deckung der Hieb ist. Als ich später bis Condamine hinunterwandelte in das köstlich weiche Abenddämmern dieses jungen Frühlingstages hinein, – hoch oben die Burg von Monaco, tief unten das Meer, sanft raunend im einschlummernden Wind – begegneten mir, als ich eben umdrehen wollte, drei Herren, von denen der eine sofort mit untertänig abgezogenem Hute auf mich zukam. »Ach, meine allergnädigste Gräfin!« er rief es so laut, daß seine Begleiter es unbedingt hören mußten, und wer sonst auch noch Lust hatte. Und wer war es? Der Geheime Kommissionsrat, nicht älter, nicht jünger, der Parvenu von einst. Er küßte mir aufs devoteste den Handschuh: »Und wie geht es dem Herrn Grafen? Und der Gräfin-Mutter? Ach, es war eine einzig schöne Zeit!« Er sprach so hinreißend Sächsisch, und ich war so voller Wiedersehensfreude, daß ich ihm unmöglich gleich klarmachen konnte, er sei noch kein Oesterreicher und ich keine Gräfin mehr. »Nein, daß wir uns hier wiedersehen sollten, Frau Gräfin! ... Ich war die ganze Zeit mit der Prinzessin Thurn und Taxis zusammen. Die Herrschaften sind leider heute gerade abgereist, auch 'ne schicke Dame, und elegant, aber natürlich – gegen solche Sterne!« Und er machte mir einen Kratzfuß, genau so wie früher in seinem Uhrladen. Er war wirklich sehr im Fahrwasser! Ich erkundigte mich auch nach seiner Nichte, obgleich sie mir kaum noch erinnerlich ist. Da muß ich aber auf eine recht empfindliche Stelle geraten sein, denn er machte ein Gesicht, als ob ihn wieder seine Magenschmerzen seligen Angedenkens peinigten. »Es geht ihr sehr gut, sehr gut, Frau Gräfin ... ich nehme es wenigstens an. Es liegt eben jeder so, wie er sich bettet.« Und wahrscheinlich um mir gleichfalls einen kleinen Hieb zu verabreichen: »Und wie geht es denn dem interessanten Afrikareisenden von damals? Der Name fing, wenn ich nicht irre, mit N. an.« ... Ich konnte ihm darauf ganz ehrlich erwidern, daß ich das nicht wisse und nicht wissen könne, weil zwischen uns nie eine Korrespondenz stattgefunden habe, ich aber hoffe, daß es ihm gut gehen möge. Das ist auch nur die Wahrheit! »Er heißt übrigens Robert Rin,« fügte ich hinzu. – »I, natürlich Rin!« und mit einmal war der alte Schleicher ganz auf dem laufenden. Als wenn er das nicht immer gewesen wäre! Erzählte auch gleich ganze Mordshistorien: daß es eine besondere Bewandtnis mit diesem Namen habe, daß über ihn viel in wissenschaftlichen Zeitschriften geschrieben würde, daß aber die große Expedition leider etwas mißglückt sei ... Ich wollte ihn auch wieder unterbrechen. Was interessiert mich das alles zu guter Letzt? Aber plötzlich fiel der Name Quedenberg, und zwar in einem merkwürdigen Zusammenhang. Er will bestimmt wissen, daß Jeanette und ihr Mann Herrn Rin irgendwohin nachgereist sind – und daß, ich muß wirtlich lachen! – schon damals am Garda zwischen den beiden eine heimliche Liaison im Gange gewesen sei. Ich antwortete nur mit einem Achselzucken, ich wollte mich auf keinen Disput einlassen, obgleich wohl keiner besser wissen dürfte, daß er niemals an Jeanette gedacht hat, und Jeanette beinah noch weniger an ihn. Im Grunde ekelte mich der alte Kerl an, der von allem weiß, wie ein Waschweib. Aber er war nicht abzuschütteln und wollte uns durchaus im Hotel aufsuchen. Nach dem Diner waren wir natürlich in den Spielsälen, und der Kommissionsrat natürlich unser Mentor. In den parfümierten Räumen wogte es. Der schwarze Frack, die ausgeschnittene Dinertoilette – die Herren können Herren sein, die Damen sind es nicht. Jedenfalls sah ich selten oder nie so viel dreiste Augen, so viel extravagante Kostüme. Man kann hier lernen, sich schick anzuziehen. Aber ich würde mich hüten, hier jemals anders als im einfachsten Reisekleide zu erscheinen. Prixfix würde hier ebenso gut auf der Toilette einer Königin, als auf der Stirn einer Heiligen stehen. Denn hier hat man die Gesichter und die Kleider nur zum Verkauf ... Um die Roulettetische staute es sich wieder mal, die ekle Wand, wo man unwillkürlich nach dem Portemonnaie in seiner Tasche tastet. Aller Augen starren auf das grüne Tuch, während der Croupier mit affektierter Gelassenheit die Kugel wirft. Und wenn dann die Nummer ausgerufen wird, wie häßlich sich die Körper verrenken, die Arme durchrecken, wie's widerlich nach Menschen riecht, gebranntem Haar und parfümierten Schultern – und wie geschäftsmäßig nüchtern das faites votre jeu! dazwischen klingt! Was die Bank verschmäht, das nehmen die Damen; so wäscht hier eine schmutzige Hand die schmutzigere. Die Glücksgöttin von Monte Carlo ist die Dirne ... Und ich traue meinen Augen kaum, neben dem Obercroupier ein kleiner, eleganter Herr, außerordentlich häßlich, außerordentlich interessiert, im tadellosen Frack ein schmales Ordensband: Graf Bloome. Und was noch wichtiger, zwischen den aufgestemmten Ellbogen ganze Stöße von Gold und Tresorscheinen. Er sieht uns natürlich nicht! Ich sagte Peter, der aus Scherz seinen Louis Bloome fast auf die Hände warf: »Du, er wird noch die Wette gewinnen!« – »Kaum, Schatz! Der sitzt hier und hört und sieht nichts, und läßt jedenfalls nicht eher locker, als bis die letzten Groschen von der Tante verjeut sind.« – »Aber sonst doch 'n netter Mensch, Peter.« – »Findst du?« – »Warum eigentlich nicht?!« – »Ja, du hast eben nur für ausgefallene Menschen Passion.« Es ist eigentümlich: Menschen, Männer speziell, die ich gerne haben könnte, mag er schon im voraus nicht. Ich ging darauf zum Trente-et-quarante-Tisch, wo es lautloser, vornehmer zugeht, es werden hier auch die größeren Summen gewonnen und verloren. Noch im Weggehen hörte ich Skandal vom Roulette her: »C'est mon argent!« »Trop bête« ... »C'est un vol!« Ein Herr mit einem Monokel fuchtelte wild in der Luft, während ein andrer gleichmütig die Achseln zuckte. Ich dachte schon, der andre wäre Bloome, aber der saß und starrte unentwegt auf das grüne Tuch, die Geldhaufen zwischen den Ellbogen. Am Trente-et-quarante-Tisch verlor ich den Hundertfrankschein, den ich gesetzt hatte. Ich dachte eigentlich immer, ich wäre etwas Jeunatur, und ich sah doch ganz ohne Neid, wie eine wirkliche Dame neben mir mit aristokratisch lascher Handbewegung ihren Haufen Goldplaques und farblose Scheine bald nach rechts, bald nach links schob, immer gewinnend, bis der Höchstsatz, die zwölftausend Franks, vor ihr lag. Wieder die lasche Handbewegung, der Croupier legte die Karten auf, langsam, samtweich wie nur ein Trente-et-quarante-Croupier. – Perdu! Er zog die große Summe mit dem kleinen Rechen gleichgültig ein, als wär's wirklich nur Papier. Und die noch junge, hübsche Dame, eine kleine, scharfe Falte zwischen den zusammengewachsenen Augenbrauen, begann von neuem in einem hellseidenen Ridikül zwischen Gold und Scheinen zu wühlen. Sie verlor so tadellos ruhig, wie sie gewann, und es muß doch eine Riesenaufregung sein, zwölftausend Franks im gleichen Moment zu haben und nicht zu haben. Jedenfalls war ich aufgeregter als sie selbst ... Ich weiß übrigens nicht, was heut in mich gefahren ist, die parfümierte Luft drückt, die Menschen, die Passionen widern mich an. Geht bei uns eine vornehme Dame ins Café national? ... Auch dieser Kommissionsrat, – was belästigt einen eigentlich solch ein Parvenu mit seiner Höflichkeit und seinen Klatschgeschichten? Während ich zu Peter in den ersten Saal zurückging, wich ich jeder Berührung aus. Es war doch wohl Instinkt. Ich will mich nun einmal nicht beschmutzen ... Graf Bloome saß und stierte noch immer. Peter brachte mich dann die paar Schritte bis zum Hotel de Paris hinüber. »Nur schnell, schnell! ich kann die Luft nicht länger ertragen, und daß du mir diesen Kommissionsrat vom Halse schaffst!« Peter, der sich nur als Gatte für oder gegen einen Menschen engagiert – er ist kein Mensch, der sich gleich angezogen oder abgestoßen fühlt –, versprach alles. Aber er ging doch gern zurück ohne mich. Er ist eben Mann, und die Luft in Monte Carlo prickelt. Er wird nachher wohl noch ins Café de Paris gehen, und sicher mit irgendeiner dieser »Damen« scherzen. Mag er! Er kann die unglaublichsten Dinge erzählen, und sich erzählen lassen, aber er wird nie den Trauring wegstecken, oder gestatten, daß man über diesen Trauring witzelt. Das ist wohl die ehrliche Neigung für mich, aber noch weit mehr die Empfindung, daß die Ehe eine unleugbare Tatsache ist, die man vielleicht einmal vergißt, über die man aber niemals scherzt ... Ja, was das heute für ein Tag ist! Ich hatte mich doch gerade auf diese Spielsäle gefreut, auf dies Parfüm von Laster und Eleganz. Ich bin weder zimperlich noch blind, und nun macht's mir einen Ekel, daß ich fast darin ersticke. Ich habe meines Wissens so hart und ungerecht über Menschen und Dinge niemals geurteilt wie heut. Es ist, als wenn ich mich reiben wollte, reiben müßte an allem, was mir begegnet ... Dieser ekelhafte Kommissionsrat, nein, den Kerl ertrag' ich nicht! Und wie ich das Fenster in unserm Salon aufmache, der aufs Meer hinausgeht, um wieder frei zu atmen, frei zu schauen, da empfinde ich erst recht den Druck, die Beklemmung. Nein, ich möchte nicht nach Afrika, wie's Peter will, ich möchte doch lieber an der Riviera bleiben, wie es Mama will. Ich werde schon wieder Gefallen finden an dieser wirklich eleganten, wirklich oberflächlichen Welt. Denn da drüben in der Wüste werde ich doch allein sein, werde zu sinnieren anfangen, Träume träumen. Die Träume, die ich träume, sind immer töricht, ich kenne mich ... Ich muß Menschen und wieder Menschen haben, und wenn sie mich auch noch so anekeln sollten, wie die Menschen hier. Ich schrieb heute nicht an Mama, und werde auch morgen nicht schreiben. Es widerstrebt mir, in dieser Stimmung und von dieser Stimmung gerade ihr Rechenschaft zu geben ... Aber ich wartete auf Peter in meinem Schlafzimmer, der erst spät nachts in das seine schlich. Seit der Geburt Robert Viktors logieren wir getrennt. Es ist nicht etwa Mangel an Zuneigung, aber ich mag nun einmal nicht gemeinsame Schlafzimmer. Das war ein Punkt, wo ich mit Mann und Mutter hart kollidierte, mit meiner Mutter fast noch mehr. Ich erwischte also Peter noch, der nach Parfüm und Zigaretten aus dem Café roch, und wünschte direkt, daß er unsre Kajütenplätze Marseille-Bône abbestellen sollte. Er fand das in seiner Weinlaune höchst spaßig, und mit den verliebten Augen, die ich nun einmal an ihm nicht leiden mag, sagte er immer nur: »Schatz, lieber Schatz, natürlich alles, was du befiehlst ... Aber wir haben doch Bloome versprochen, den Kerl müssen wir doch 'reinlegen.« »Ach, Bloome,« antwortete ich, »Bloome, was geht mich der häßliche Mensch an?« Und eigentlich, so lächerlich es klingt, Bloome war das Entscheidende. Hätte ich gesagt: »Bloome, ach ja, Bloome, du hast recht, natürlich reisen wir!« ... wahrscheinlich wären wir nicht gereist. Aber so: »Was geht mich der häßliche Kerl an?« – und natürlich reisen wir. Ich wollte anfangs nicht nachgeben, das heißt in der Nacht. Am Morgen lachte ich mich selbst aus. Meer blau, Sonne warm, und der Blick in uferlose Weiten: da will jeder junge, gesunde Mensch weiter, immer weiter! So packten wir denn in aller Gemütlichkeit unsre Sachen, und drei Tage später ganz früh und heimlich, damit nur ja nicht der Kommissionsrat auch auf Wüstengedanken kommen könnte, trug uns der Morgenkurier nach Marseille. Und da ist er glücklich wieder, der graue Hauch, aber leicht, dunstig, der Hauch des Südens, wenn der Schirokko in der Luft liegt. Das Meer stumpf, träge, mit melancholisch zischelnder Brandung; die Berge dunkler, näher, leblos wie ihre eignen Schatten. Und dieser Schirokkohauch, den man mehr fühlt als sieht, webt über der träumerischen Bucht von Cannes, kriecht um die säuselnden Oliven von Beaulieu, verschleiert das sonnig lächelnde Nizza. Er zieht den ganzen Strand entlang und hüllt Gebirge und Meer in stumme, sanfte Schwermut. Ach, wie ich diesen Schirokkohauch heute liebe! Es zieht alles wie im Traume vorüber. Man wird selbst so matt, möchte schlummern. Am bläulich niederen Horizont die Silhouetten der Segelboote, die bewegungslos liegen wie verzaubert. Ja, es ist eine verzauberte Stimmung. Die ganze Natur scheint zu schlummern am hellen Tag. Aber wenn ich scharf aufhorche, dann kann ich selbst durch das Getöse dieses häßlich rasselnden südfranzösischen Zuges das Meer hören, wie es aufatmet. Ein hohles Rauschen ohne Wellen, ohne Brandung. Und ich ahne, wie dieses träge, stumpfe Meer nur Kraft sammelt, Kraft aus der Tiefe ... In Marseille war dieser Schirokkohauch am lastendsten. Marseille, das schwatzende, gestikulierende, überschwengliche Marseille – kalt, düster, tot. Es friert, es grollt, der Hafen verödet, die Schiffe ungelöscht. Und auf dem breiten Kai Juliette hingelagert wie Zigeuner Hunderte von Familien mit säugenden Kindern, finster blickenden Männern. Wenn der dicke, kohlschwarze Kerl, der neben unsrer Droschke steht und von Zeit zu Zeit wichtig mit dem Finger auf die Brust tippend, wiederholt: »Je suis commisionnaire, moi!« nicht so entsetzlich nach Knoblauch röche, ich glaubte wahrhaftig nicht, daß ich in Marseille wäre. Es ist der große Streik der Hafenarbeiter, der nun schon Wochen dauert. Darum das bange Schweigen. Kavalleriepatrouillen, die mit klappernden Karabinern unausgesetzt die Straßen durchreiten, vermehren nur den Alp, den auch ich spüre. Peter und ich hatten, glaube ich, sogar etwas Angst, daß unser Schiff nicht abgehen würde unter solchen Verhältnissen, aber der erste Offizier des Abd-el-Kader versicherte uns militärisch, daß die Compagnie générale noch alle ihre Schiffslinien aufrechterhalten hätte und unter allen Umständen aufrechterhalten würde. Wir gingen auch sofort an Bord. Das Schiff ist zwar wenig komfortabel, die Decks schmutzig, die Kabinen klein. Wir fahren nach Bona. Im Regiment kannte überhaupt niemand den Namen dieses Hafens. Gerade darum habe ich ihn gewählt. Wir wollen ja auch etwas andres sein als andre Leute. Anders sein wie andre Leute! Das ist der Satz, wo Mama und ich uns nie verstehen. Von ihr ist's nur Herzensgüte, denn sie will mich um keinen Preis den Gefahren eines unbekannten Seitenweges ausgesetzt sehen; von mir Opposition, denn ich wandle ja selber am liebsten die breiten Straßen. Das letztere wurde mir wieder mal auf dieser kurzen Seereise sehr klar. Ich wollte nämlich die ganze Nacht in Decken auf dem Deck kampieren, weil das so schön sein soll, und weil eben nur Schwächlinge auf dem Mittelmeer seekrank werden. Und schlafen in solcher Nacht: das ist erst recht was für den Pöbel. Nun, die wunderschöne Hafeneinfahrt mit den phantastisch starren Felstoren auf beiden Seiten hielt ich aus. Aber dann begann's dunkelblau zu wogen, die Wellen spritzten, das schwere Schiff hob und senkte sich knarrend. So viel weiß ich, daß unter den Passagieren eine gewisse Josefa war, die ihren Peter wegen dieses Schwächlings von Frau aufs tiefste bedauerte. Und jemand wäre furchtbar gerne wieder umgekehrt, wenn es nur gegangen wäre. Aber Schnelldampfer sind wie das Schicksal, unnütze Gebete verhallen. Vielleicht ist's auch gut, daß nicht jeder Wunsch erhört wird, sonst gäb's noch mehr Schwächlinge. So hielt ich eben aus, weil ich aushalten mußte, und war beinahe stolz, als ich gegen Morgen mich bis an das Guckloch schleppen konnte. Peter schlief gerade. Die Sonne ging auf über einem seltsam grün und kalt wogenden Meere. Die Schaumköpfe hatten etwas Gruseliges, wie wenn sich Ungetüme von Kamm zu Kamm herüberschaukelten. Aber als die blaßrote Kugel langsam am Horizonte emportauchte und dann eine ganze Weile auf dem Wasser zu schwimmen schien, war's noch dieselbe träge, stumpfe Schirokkosee. Ein richtiger Alltagsmorgen auf hohem Meer! Ich kroch wieder in meine Koje. Und sofort begann's auch zu regnen und zu stürmen, der Abd-el-Kader stöhnte in allen Fugen, und ich stöhnte auch. Ich habe auch nichts von den schroffen Küstenbergen gesehen, die Nordafrika schon auf weite Ferne ankündigen sollen. Ich kam nach Afrika in der Nacht und hatte keinen andern Wunsch, als nach so viel Qualen ruhig liegen bleiben zu dürfen bis zum Morgen. Und dieser Morgen! Ich war einfach empört! Afrika, Palmen, fremdartige Gesichter, und dazu Regen, echter deutscher, eiskalt rieselnder Regen, so daß der schmucke Mittelmeerhafen tintig ausschaut und die Bremer Bark Jeanette ganz heimatberechtigt scheint. Und am nahen Ufer in einem zähen, schwarzen bodenlosen Schmutz blaue Turkos mit weißen Gamaschen, bulldoggige Negergesichter mit rotem Fez, und eigentümlich fahle, biblische Gesichter in schmierigen Burnussen, und beinahe die ganze Gesellschaft barfuß oder in geflochtenen Sandalen, aber in orientalischer Gelassenheit einherknetend. Peter spazierte mit dem Obersteward als gelbkarierter, mißvergnügter Theaterlord auf dem glitschigen Promenadendeck. Als ich ans Tageslicht kam, zwinkerte er nur: »Afrika?« – »Es scheint wenigstens.« Und ich lachte. Aber es war mir gar nicht zum Lachen ... Wenn ich denke, wie uns damals der Garda empfing. Es war auch Februar, und doch nur Italien! ... Aber an den Garda möchte ich doch nicht mehr, nie mehr; und von den Menschen von damals möchte ich auch keinen wiedersehen, keinen. Später gingen wir, in diesem afrikanischen Morast vergeblich einen Steg suchend, in die Stadt, die mit ihren breiten Straßen und kahlen Mietskasernen ebensogut in Nordfrankreich liegen könnte. Dort saßen in dem Café unter den Kolonnaden allerlei orientalische Gestalten umher: sehr dicke und sehr schlanke; Leute mit ganz hellgrauen Augen, eigentümlich ausdruckslos, als wenn sie ins Uferlose starrten, und wieder andre mit ganz dunkeln, sanft aufgleißenden Augen, die sich gleich darauf zu einem schmalen, verächtlichen Spalt zusammenziehen. Die Dicken sind meistens schmutzig, aber hellfarbiger – es sollen ackerbauende Kabylen aus dem Atlas sein; die Mageren mit weißem Turban und reinen Mänteln, tief dunkel, wie braun poliert die harten Gesichter – es sollen echte Araber sein, Beduinen, Söhne der Wüste. Und wenn ihre hohen Gestalten in den wallenden Burnussen dahinschreiten, haben sie etwas Vornehmes, Gemessenes ... Gegen Mittag hat es zu regnen aufgehört, die Sonne sticht, diesmal ja auch afrikanische Sonne. Von den nahen Bergen kam ein so köstlicher Erdhauch, wie er wohl auch auf unserm Gut von der frischen Ackerfurche aufsteigt, aber hier war er doch wiederum würziger, heißer, weil ja auch andre Früchte reifen sollen als mein silbernes, langwogendes Korn. Aber das Gefühl, nun wirklich in Afrika zu sein, habe ich noch nicht recht. Höchstens, daß ein negerartiger Kerl mit schiefem Fez uns beim Gepäck wahrhaft afrikanisch bemogelte, und daß der Oberkellner des Hotel du Commerce, wo wir mäßig aßen, mit orientalischer Gelassenheit das guthieß. Peter war so wütend, daß er auf deutsch wetterte und fluchte wie ein Rekrutenunteroffizier: »Wenn ich nicht wenigstens einen Mufflon schießen möchte, und nicht wenigstens ein Dutzend Gazellen in der Freiheit sehen wollte, ich kehrte auf der Stelle um! Das steckt ja alles unter einer Decke bei der Bande.« Die französischen Mittagsgäste sahen uns von der Seite an, aber in Algier sind sie ja selbst Fremde, und zwar sehr übel gelittene Fremde ... Es ist zu drollig; wenn sich Peter über so etwas aufregt, muß ich innerlich immer lächeln, und wenn mich etwas reizt, dann lächelt er wie über ein Kind. Das gehört wohl zur Ehe. Große Auseinandersetzungen haben wir dafür nie. Wenn das im Anzug, dann hören wir von selbst auf, zucken die Achseln, als wenn's ja doch nicht lohnte. Und so halten wir es seit des kleinen Tod stets. Mama hat mir gesagt, daß es so das Normale wäre, nur müßte unbedingt ein Kind da sein oder mehr. Mama und viele Kinder! Ich glaube, sie hat das eine Kind so geliebt, daß für ein zweites gar nichts übriggeblieben wäre. Arme, gute Mama, nächstens wird wohl einer kommen und sagen und behaupten, du hättest mich viel zu sehr geliebt! Aber ein einziges Kind kann man ja gar nicht genug lieben: das weiß ich selbst. Am Nachmittage fuhren wir nach Constantine weiter. Cirta – Sophonisbe: das zaubert mir die Mädchenzeit zurück. Es wird wohl nicht so schlimm gewesen sein mit der Liebe von der schönen Sophonisbe und dem ehrgeizigen Massinissa. Aber es gab eine Zeit, wo ich all so etwas leidenschaftlich geglaubt habe, und jeden gesteinigt hätte, der nicht ... Und Peter hätte auch mitgesteinigt. Jetzt lächelt er über solchen Ueberschwang ... Und Josefa lächelt auch. Aber eigentlich ist's doch traurig, daß wir lächeln können ... Vielleicht ist's auch das andre Land, die andre Sonne, die Leidenschaften schießen hier wilder empor, verdorren rascher; bei uns Nordländern langt's nur zur kleinen Flamme, die uns aber zeitlebens wärmt. Jedenfalls war die Dämmerung, der wir entgegenrollten, schwankend und in einem miserabeln Coupé, keine Orientdämmerung. Das war kühler, nordischer Gebirgsfrühling, der langsam erwacht. Dunkle, sanfte Berge, breite Straßen, scharfer Windhauch. Und die Strecke entlang, auf Maultieren, Eseln vermummte Algerier, die in ihre Dörfer trotten. Als wir endlich gegen Mitternacht in dem berühmten Felsennest Constantine ankamen, konnte ich vom Hotelomnibus aus nur einen ganz flüchtigen Blick in die schmale, düstere Schlucht werfen, die so viel Schreckliches erzählen könnte, aus ältester wie aus neuester Zeit. Wir hatten früh aufstehen wollen am andern Tag, um den Felswürfel noch anzusehen, auf dem das alte Cirta liegt, und der von Schlucht und Fluß ringsum weit besser geschützt war als von den höchsten Mauern. Aber das Schicksal wollte es wieder mal anders, wir konnten noch gerade mit dem gleichen Omnibus den Frühzug nach Biskra erreichen, den einzigen; den es gibt. Und wieder war mir nur ein flüchtiger Blick vergönnt in die schauerliche, ernste Tiefe, deren überhangende Felsen mit moosigem Grün kümmerlich bekleidet sind. Tief unten rauscht der Rumel, schmal, schmutzig, und ein feuchter Grufthauch steigt von ihm auf; oben baut sich trostlos wie eine Ruine die Araberstadt auf, die kahlen Lehmwände wie verwaschen, gelb ausgedörrt. Es hätte uns ja freigestanden, hier noch einige Tage zu bleiben, und Peter hatte nicht übel Lust, aber es war so ein heller, hoffnungsfreudiger Sonnentag, und mich zog's mit allen Fibern nach der Wüste. Ich wollte die echte afrikanische Glut haben und die echte afrikanische Oede. Und wie's immer im Leben nicht schnell genug geht, bis es zu schnell geht, so schaute ich schon von Constantine unausgesetzt nach der Wüste aus. Es kamen dürre Felder, verbrannte Felsen, tote Salzseen. Hüben und drüben die Atlashöhen, bald wild zerrissen, bald sanft gewellt. An den armseligen Stationen Kinder, die dunkelbraune Hand ausgestreckt, oder hochmütig schreitende Araber; einmal schaute aus dem Schlitz eines Beduinenzeltes ein uraltes Hexengesicht heraus. Die Landschaft war öde, steinig, die gelben, starren Bergketten drohten aus der Ferne. Dann wurden die Atlasberge höher, dunkler, schoben sich näher heran, und die dörrende, stechende afrikanische Sonne brannte auf einem Schneefeld. »Batna muß bald kommen,« sagte Peter, der alle Stationen wußte, weil er den Bädeker in der Hand hielt. Er träumte schon lange gerade von Batna, weil dort das Löwengebiet des Atlas beginnen soll. Der Zug keuchte empor, pfiff, wir waren in einem engen Talkessel mit Alpenluft und hohen Bergen, an denen die kleinen Zedern wie schwarze Ameisen emporzuklimmen schienen: außerdem Forts, Soldaten. Der Atlas ist gelb, dürr, ausgebrannt. Und als wir den Stationschef nach den Löwen fragten, da zuckte er nur die Achseln. »Das war einmal.« Und als wir den berühmten Zedernwald von Batna sehen wollten, da zeigte er tief in die abschüssigen Schluchten hinein. Wir waren enttäuscht. Peter hatte von Löwen geträumt und fand nur ein Festungsdefilee, und ich hatte von der Wüste geträumt und fand nur einen französischen Gendarmerieoffizier, der mir höflich Platz machte an der Lunchtafel. Ich war natürlich müde geworden vom Sehen und döste vor mich hin, als wir weiter durch die heißen, gelben, bröckelnden Bergschluchten fuhren. Erst bei El-Kantara wurde ich wieder wach. Ein kleines, weißes, verschwiegenes Hotel im Tal, ringsum lange, hohe, rotleuchtende Bergketten. Das Hotel lag so lauschig, so weltfern in seinem grünen Garten, etwas für junge, liebende, einsame Menschen ... Doch der Zug ließ uns nicht Zeit. In einer einzigen roten, starren, zackigen Riesenschlucht durchbrach er fauchend die letzte Atlaskette. Und gleich dahinter an rote, heiße, dürre Berge gelehnt, die Oase. Ein blaugrüner, tief eingerissener Fluß, und wie aus ihm aufsteigend eine Palmeninsel, grün, saftig, mit flüsternden, fächelnden, märchenhaften Palmen ... Mir ist's noch heute, als wenn ich das alles schon einmal gesehen hätte! Und ich konnte mich gar nicht losreißen, schaute immer wieder zurück, wie diese Trauminsel langsam versank und zuletzt nur schattenhaft hinübergrüßte, wie ein grauer, dunstiger, verträumter Wüstentraum. In dem kleinen Hotel am Atlas möchte ich einmal einen Frühling verleben, glücklich sein, in dieser Oase die Palmen flüstern hören, den klaren Uëd rieseln ... Aber ich müßte wieder jung sein, ganz jung, und Peter auch jung, ganz jung ... Und wir müßten andre, ganz andre Menschen sein ... Aber Träume erfüllen sich ja nie. Und einmal möchte ich ihn doch träumen, meinen Oasentraum! Wenn man auch eine Woche später wieder hinaus müßte in die Wüste, der Traum würde mit uns gehen, und seine Palmen würden uns den Wüstenbrand von der Stirne fächeln, und sein Erinnerungsduft würde die Verschmachtenden laben. Und jetzt sind wir wirklich in der Wüste. Die Berge im Bogen weit zurückgewichen, vor uns nichts als Dürre, Hitze, Schweigen. Alles in graues, steiniges, uraltes Einerlei! ... Das kann übrigens nur der Beginn sein. Denn im Weiterfahren tauchten wieder Hügel auf, scharf gezackte, wie Silhouetten. Die freie Wüste soll ja so anders, mit so wunderbar monotonen Sandwogen dahinrauschen, wie der Ozean ... Aber heute mag ich die Wüste nun einmal nicht! Ich habe El-Kantara zu früh gesehen, und so denke ich nur noch an die Oase. Ich bin in dies kleine Hotel verliebt, wie ein verliebter Backfisch. Ich kann's und will's nicht glauben, daß Biskra noch schöner sein soll. Und von El-Kantara habe ich bis Biskra geträumt. Und zum ersten Male mitten drin in der großen Wüste, deren totes Meer ich ersehnte, doch nur an die kleine Oase gedacht, von deren Palmen es mir auch jetzt noch verschwommen herüberrauscht. Rauscht's Glück? Rauscht's Unglück? Eins oder 's andre: es gilt mir gleich. Wahrscheinlich klingt's ketzerisch, aber ich fühle im Augenblick nun einmal so, es gibt nur ein einziges großes Verhängnis: weder glücklich noch unglücklich zu sein! Von Biskra später ... Als wir ausstiegen aus dem Bahnhof, dachten Peter und ich vor lauter Wüstenerwartung natürlich eher an alles andre, als an den guten Bloome. Er öffnete uns auch keineswegs die Coupétür, aber plötzlich erschien auf dem Perron ein atemloser, tadelloser Tropenanzug, zu dem ein wüst häßliches Gesicht gehört: Bloome. »Also doch, lieber Graf!« »Also doch, gnädigste Baronin! Das heißt genau zwei Minuten zu spät.« »Aber, lieber Graf, Sie haben glänzend gewonnen!« sagte ich wieder, und Peter pflichtete mir bei. »Wie haben Sie eigentlich nur unsern Zug ausbaldowern können?« »Geht alles, gnädige Frau. Compagnie générale bestochen in Marseille, Chef de gare bestochen in Konstantine, Portier bestochen in Batna. Signalement: Deutsches Ehepaar, bildhäßlicher Mann, bildschöne Frau. War mir nicht anders möglich, Peter von Amiens. Konnte den gnädigen Herrn nicht höher und die gnädige Frau nicht tiefer einschätzen.« Wir mußten lachen, obgleich Peter, der für seine Person nicht gerade eitel ist, solche Elogen für mich nur schwer verdaut. »Wir Afrikaner machen eben alles möglich, gnädigste Frau. Und ich mit den drei Alarmdepeschen in der Tasche hätte fraglos die Wette gewonnen, wenn nicht im Hotel zufällig ein Ecartéspieler ohne Partner gewesen wäre. Zerriß mir zwar das Herz, aber ich kann nun mal keinen Mitmenschen unglücklich sehen. Und wie's so geht. Hin, her ... Sehe nach der Uhr. Letztes Spiel. Quitte oder Double? Double! Mußte erst wechseln lassen, und eben diese zwei Minuten waren mit dem Droschkenkutscher nicht mehr zu holen ... Also fort ist fort, hin ist hin! Hilft nischt! Habe eben verloren ... Alter Gardist, gnädige Frau, darf zum Dienst bei Seiner Majestät vielleicht, zum Dienst bei Ihrer Majestät nie zu spät kommen.« Peter sagte darauf: »Na, meinetwegen, Bloome, wir akzeptieren. Monte Carlo hat Sie diesmal wohl höllisch 'rausgerissen.« »Jawohl, mein lieber Mönch von Amiens, wenn ich nämlich vierundzwanzig Stunden früher aufgehört hätte! Wieder mal total blank! Mußte erst vierzig Kilometer von hier einen alten Bekannten anpumpen ... Halt! Mir kommt der erste Geistesblitz meines Lebens. Gnädigste, ich bitte zu Mittwoch um sieben Uhr im Royal und gebe Ihnen mein Wort: Sie werden die sechs verschiedenartigsten Typen der zeitweiligen Sahara versammelt finden, einer davon bin ich!« Mehr ließ sich leider aus ihm nicht auspressen, obgleich ich riesig gern gewußt hätte, mit welchen Menschen uns denn nun gerade die Wüste vereinen soll. »Ich weiß nicht, ob wir gehen können,« meinte Peter nachher zu mir. »Bloome ist mir doch zu sehr Aventurier geworden.« Und da wir in Kleinigkeiten ja stets kollidieren, antwortete ich: »Selbstverständlich gehen wir! Wir sind ja in der Wüste.« Zehntes Kapitel Haben Sie, lieber Hiddigeigei, je die Seekrankheit gehabt? Nun, nur Weltreisende bekommen sie ... Sie ist abscheulich, aber sie ist lehrreich. Mir steht der Satz jetzt fest: Die Liebe zum Leben ressortiert vom Magen. Streikt der, fliehen die Lebensgeister ... Und ich kann wohl sagen, daß aller Weltschmerz, alle Liebesqualen mir nicht im entferntesten diesen Ekel am Dasein eingeflößt haben wie mein lebensmüder Magen, während ich auf dem Deck des Abd-el-Kader kauerte, naß, frierend, jenes unbeschreibliche Wehegefühl im Herzen, das nur den einen Wunsch kennt: schmerzlos, rasch von Engeln in ein Nirwana hinübergetragen zu werden, wo es keine von Katzenpfoten bedeckte See, keine unerträglichen Dinergerüche, vor allem kein haltlos schwankendes Schiffsdeck gibt. Ueberhaupt diese Katzenpfoten auf See! Schon wenn ich daran denke, wie ringsum die weißen Schaumbuketts aufzucken, schwankt der Magen, und das Lebensbarometer fällt auf taedium vitae ... Auf dem Schiff hatte ich entschieden Landbeine. An Land bekam ich entschieden Seebeine, denn ich torkelte in Bona geradezu von Bord. Nun wären wir ja in dem schönen Afrika. Mein erster Eindruck war allerdings: Das sind ja alles Wilde, Kannibalen, Katzenfresser... Im Coupé dann, – ich fuhr, glaube ich, mit meiner Zofe dritter Klasse, aber dies natürlich nur, weil uns beiden daran lag, möglichst intim Land und Leute kennen zu lernen ... Alle Reisenden bestätigen, daß man in der ersten Klasse nichts, in der dritten alles lernt vom Wissenswerten, und weil sie mich kennt, lud mich die Lasowitz nicht in ihr Kompartiment ein. Und was die Männer anbetrifft, so muß ich gleich bekennen, daß der junge Zuavenkorporal, der meiner Jungfer die Cour zu machen schien, aber mich sehr verständnisvoll kraute, weit mehr Gentleman war als jener Oberleutnant Lasowitz, der mich am liebsten mit seinen Sporenrädern streichelt. Ich liebe das letztere nicht. Später füllte sich das Coupé. Jedoch selbst die wirklichen Wilden mit dem Sandelholzteint und dem Turban, die mich anfangs erschreckten, suchten mir zu gefallen und unterhielten sich in ihrem gurgelnden Dialekte, den ich nicht verstand, ausschließlich über meinen Geist und meine Schönheit. Ich habe es mir abgewöhnt, hoffärtig zu sein. Wenn man das Volk auch daheim verachtet, in der Fremde kann man von ihm lernen. Es ist mit der Hoffart wie mit der Treulosigkeit: allzuviel davon schadet. In der Lebensweisheit ist jetzt Carlo dem Macchiavelli weit über. Auch als Politiker habe ich noch dazu gelernt. Nur an Thronen, die absolut feststehen, darf man selbst rütteln. Aber Throne stehen nie absolut fest – wie ich zu meinem Leidwesen erfahren habe. Ich war so bezaubernd hoffärtig, so unvergleichlich treulos – und in der Stunde der Gefahr konnte mir eben darum kein Getreuer zur Seite stehen. – Die klügsten Könige sind wenigstens ihren Kammerdienern wahllos treu. Und wie fördernd das auch auf den Nachruhm wirkt! Wirklich populäre Königsmemoiren sollten immer nur von Kammerdienern oder Hofnarren oder Zeremonienmeistern geschrieben werden. Denn die Menge will ja gar kein Bild des großen Mannes, den sie doch nicht verstehen kann; sie will ein Bild des kleinen Mannes, wie er sich räuspert, wie er spuckt, weil sie den versteht. Darum auch die Prinzessinnentreue für Kammerfrauen, die so viel Pikantes der Mitwelt erzählen könnten und doch so viel Rührendes der Nachwelt erzählen sollen .... Und wenn ich im Salon der Baronin Josefa auch von Herzen treu bin, so bin ich im Zofengemach der Jungfer Anna beinah noch treuer. Die Baronin wird mal meine große und die Zofe meine kleine Geschichte schreiben – und die kleine ist mir wichtiger. Diese Dienerin verehrt mich sehr, beobachtet meine Lebensgewohnheiten genau – und wenn sie in ein abgegriffenes Notizbuch zuweilen die Anzahl von Spitzenhemden, Batisttaschentüchern und andern menschlichen Torheiten höchst gewissenhaft aufschreibt und gleich daneben die afrikanischen Billettpreise und den galanten Zuavenkorporal ebenso gewissenhaft notiert, so habe ich jetzt den lächelnden Argwohn, daß dies alles nur eine Chiffreschrift ist, die sich ausschließlich mit der Afrikareise des letzten italienischen Bourbons beschäftigt. Daher wohl auch die Zuneigung aller dieser einfachen Leute hier um mich herum, die so gern wieder ein souveränes, ein königliches Oberhaupt haben möchten. Auch aus den eigentümlich sanft heißen Augen der Eingeborenen leuchtet dies Verlangen. Aber vorläufig ermutige ich niemand. Ich reise inkognito, und ich reise auf meine Weise. Anna, merken Sie genau auf! Es ist die unfehlbare bourbonische Methode. – Darum in Bona nur ein einziger umfassender Blick auf die schwarzen Uferberge, das dunkelbraune Menschengewühl im Hafen. Wir sind in Afrika. Darüber besteht kein Zweifel. Darauf verlange ich auch sofort zurück in meinen weichgepolsterten Korb, den Anna wie einen Handkoffer tragen darf. Ich wünsche mich nicht voreinnehmen zu lassen gegen dieses Land wie gewisse andre Leute. Schmutz und Regen gibt's überall – es handelt sich nur darum, ob Schmutz und Regen überwiegen. Ich gedenke mit dem kleinen Intimen zu beginnen, das uns das große dann verständlich macht. Die törichten Reisenden sehen zum Beispiel fälschlich erst auf die See und dann auf das Schiff, ohne zu bedenken, daß das beste Meer sie nicht vor dem schlechtesten Schiff, wohl aber das beste Schiff sie vor dem schlechtesten Meer schützen kann. Beim Tatsächlichen, Greifbaren beginnen und dann erst in das Ungemessene, Uferlose schweifen, liebe Josefa! Schon wie ich in Bona ins Coupé stieg! – Hunde regen sich da sofort unmäßig auf, bewedeln oder beknurren die Insassen, klettern an jedem Coupéfenster in die Höhe, bellen die Telegraphenstangen an, die Sträucher. Sie würden in ihrer geistigen Kurzsichtigkeit aus einem Blitzzuge hinausspringen, um ein ausschnarrendes Rebhuhn zu packen, was ihnen doch auch sonst der Jäger erst herabschießen muß. Sie sind so unbedingt dumm, wie sie unbedingt treu sind. Und Dummheit ist ein Geschenk des Himmels, das aber Reisehunde regelmäßig mißbrauchen. Daher auch die übelriechenden Hundecoupés. Von Katzencoupés hörte ich noch nie. – Ich blieb also ruhig in meinem Korb liegen, beobachtete durch einen kleinen Spalt der Augen das Nächstliegende, in diesem Falle den Zuavenkorporal, und schloß sie sofort wieder, weil mir dieses Nächstliegende noch nicht interessant genug war. So blieb ich, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Algerische Züge fahren langsam, rütteln aber dafür sehr; die Melodie, die man dazu schnurren kann, ist äußerst getragen und äußerst mißtönend. Als die Leute im Coupé sich zu unterhalten begannen, öffnete ich wie träumend das Auge; Leute, die man hört, ohne sie zu sehen, erzeugen ganz falsche Vorstellungen. Daher die unbrauchbaren Berichte geistloser Horcher. Ich konstatierte, daß die preußische Soldateska strammer, die französische gelenkiger ist. Meine Dienerin benahm sich bei dieser Gelegenheit als echte Deutsche. Zu Hause war sie einem Vizewachtmeister gut, hier in der Fremde ist sie einem Korporal noch besser. Und ich glaube, sie wird heute abend bereits ihrem Wachtmeister von dieser Gefühlswandlung traurig Mitteilung machen, während eine französische Bonne ihn dann erst recht freundlich ihrer unwandelbaren Gefühle versichern würde. Gewiß, man soll Gefühle haben – aber immer auf vernünftiger Basis. Die Menschen halten noch an der längst überwundenen Ehe fest – und gerade darum amüsieren sich die verständigen Mädchen mit den treulosen Galanen aufs beste, aber die treuen Anbeter heiraten sie. Ich fürchte, Anna würde diesen Zuavenkorporal auf der Stelle ehelichen. – Ueber die etwaigen Liebesgefühle der Eingeborenen bin ich mir auch schon klar. Sie haben gar keine, oder wenigstens keine, die meiner Anna in ihrem Fortkommen nutzen könnten. Sie sind Südländer, Sonnengeschöpfe, Kollegen – sie würden ihrer Angebeteten sicher alle Paradiesgärten des Propheten schon hienieden versprechen, in vernünftiger Uebertreibung, denn Paradiesgärten existieren bekanntlich nur im Koran, wie alle angebeteten Araberinnen wissen, und wenn sie's nicht wissen, so ist das eben ihr Schade. Denn später wird die alternde Schöne entweder auf einem Durrahfelde einen schweren Pflug ziehen dürfen oder wenigstens anhören, wie »er« einer noch Angebeteteren noch schönere Paradiesgärten verspricht. Im übrigen werden im Orient die Frauen verhandelt wie wir Katzen, und je älter der Scheich, je hübscher die Sklavin, – nur daß sie bei Todesstrafe nicht einmal einen Cicisbeo haben darf. Wir sind eben in Afrika noch südlicher als in Italien! Aus dem Fenster sah ich absichtlich nicht. Ich wünsche afrikanisches Wetter kennen zu lernen, europäisches habe ich zu Hause selbst. Und wie sich weise Mäßigung rentiert! Gleich hinter El-Kantara kam sie, die afrikanische Sonne. Wie mein Weißes Angorafell sich belebte, duftete, wie heiß, weich knisternd es sich anfühlte! Wie ich alle Leiden der Seereise vergaß, und wie mir mit dieser köstlichen Glut auch die afrikanische Lebensauffassung in alle Poren drang! Afrika ist im Grunde wie seine Sonne: heiße Sinne, leidenschaftliche Phantasien, überhaupt unsagbar tiefe Glut .... Nur vor dem Sonnenstich muß man sich hüten. Das ist dann erst recht die afrikanische Sonne: sie liebt uns eben zu sehr. Und aus allzu großer Liebe resultiert in Deutschland Gliederschwäche, in Afrika Sonnenstich .... Nachdem ich also das Afrikalicht genossen hatte, begab ich mich in den Afrikaschatten, der ungemein angenehm sein muß, wenn er nämlich irgendwo vorhanden sein sollte. Zurzeit kann ich noch nicht abschließend urteilen, weil ich meine deutsche Wintergarderobe mitgebracht habe, welche die Hitze wie dürstend einsaugt, sie dann aber wie berauscht absolut nicht wieder herausgeben will. Jedoch ohne eine Spur von Wüste bis jetzt gesehen zu haben, das ist mir klar, daß die Schattenseite der Sahara gerade die Schattenlosigkeit ist. Und Biskra selbst? Ich gehe in meinen Beobachtungen, wie gesagt, Schritt vor Schritt vor. Und vorläufig kenne ich nur unser Hotel. Im letzten Augenblicke entschied sich Herr von Lasowitz dafür, obgleich er gar nicht hinpaßt und seine Gemahlin noch weniger. Anfangs degoutierte es mich geradezu, in der Wüste ein Hotel zu finden, wo vom Oberkellner bis zum Hausknecht alles Deutsch spricht. Ich hatte sofort dem Koch meinen Anstandsbesuch gemacht: appetitliche weiße Mütze, einladender Duft nach Hammeltalg. Auch bei den Stubenmädchen war ich. Bei den Stubenmädchen bereitete sich eine Verschwörung vor. Die Wirtin verlangt zu viel, das Essen ist schlecht, die Arbeit tötet und so weiter. Ich kenne diese Verschwörungen, sie beginnen regelmäßig zu Ende der Saison, wenn das schwindende Trinkgeld die Kellnergemüter erblich belastet, oder wenn ein Hotel sonstwie einzuschlafen gedenkt. In vollen Hotels setzen die schlechten Wirte den guten Mädchen den Stuhl vor die Türe, in leeren verfahren die schlechten Mädchen ebenso mit den guten Wirten. Unser Hotel ist nach dem maßgebenden Urteil des Souterrains und der Mansarden dem Tode geweiht. Uns wird es wohl noch überleben! Und obgleich ich Dienstbotengezänk nicht liebe, so war es mir doch sehr interessant, auf dem Schoße meiner Zofe sitzend und von schweizerischen Stubenmädchen umgeben, gleich an diesem ersten Nachmittage die Chronique scandaleuse des Hauses zu hören. Danach gab es hier noch im November Skorpione, genau so lang wie mein olympischer Schweif; aus jedem Mauerloch kröchen sie hervor, und wer gestochen würde ... Leb wohl, Carlo! Also aus dem Wüstensande wird sich dein Grabmal erheben. – Ich werde übrigens jeden Abend meinen Korb auf Skorpione durchsuchen, und da ich auf keinen Fall gestochen werden will, meine Zofe veranlassen, dieses Untier herauszubefördern oder sich selbst stechen zu lassen. Die sehr schwer verständliche Schweizerin erzählte noch von einem Skorpion, der aber nur halb so lang gewesen sein dürfte, denn sie kniff mich mitten in den Schwanz, was ich mir höflich verbat. Sie verbreitete sich später darüber, daß es schon im April von Moskitos wimmle, und daß das Biskrafieber die unausbleibliche Folge jedes Stiches sei. Ich bleibe also unter keinen Umständen bis zum Mai! Da diese knochige Person, die nur Ungeheuerlichkeiten erzählte, sowohl vom Wirt, der eine Null, als von der Wirtin, die eine Messalina sein solle, bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten mir den Schwanz heimtückisch lachend zwickte, so dürfte es wohl eine Verleumderin von Beruf sein. Jedenfalls wunderte ich mich, daß nur Skorpionstiche und Biskrafieber die Anziehungspunkte dieser berühmten Oase bilden sollten. Aber die übrigen Mädchen, meine Anna nicht ausgenommen, nickten immer, und je schlimmer es kam, um so mehr, so daß ich eine eigne Entdeckungsreise diesem Kolportageroman des Souterrains vorzog. Das Haus ist im Karree gebaut. Ein angenehm kühler Hof in der Mitte, rings von Galerien umgeben, die auch sehr lauschig sein dürften, und von denen man allein in seine Appartements gelangt; die Fenster gehen alle nach den Straßen. Es war bereits Nacht, und die Skorpione hätten eigentlich in Kolonnen heranziehen müssen, aber auf den schattig kühlen Fliesen, auf denen früher einmal ein zahmer Löwe regelmäßig auf und ab patrouilliert sein soll, wandelt nur der freundliche Wüstenmond, der auch einen seltsamen Stein in dem grünen Arkadenhofe fahl beleuchtet. Es dürfte ein historischer Stein sein, leider jedoch nicht der Stein des Propheten in der Moschee zu Mekka, wie ich anfangs vermutet hatte. Der Irrtum war begreiflich, denn überall, wo ich mich wohl zu fühlen beginne, baut sich ein Mekka des guten Geschmacks auf. Ich fand mich wirklich gleich so angenehm heimisch in diesen schattenhaften Bogengängen, daß ich einer nicht mehr jugendlichen Falbkatze mit hartem Akzent, aber durchaus nicht ohne Charme, meine Aufwartung machte, die mir unter anderm auch erzählte, wie ihre Urgroßmutter noch diesen alten, blinden Leuen gekannt habe, der schließlich niemand gefährlich gewesen sei als sich selbst. Ich möchte solchem sogenannten König der Tiere einmal begegnet sein, als er noch jung und mächtig war. Aber wann begegnet unsereiner seinesgleichen? Sie erzählte mir ferner, daß hier El-Dorado der deutschen Afrikaleute sei, und dementsprechend auch der Dattelschnaps reichlich flösse. Sie nannte ganz berühmte Namen. Und da sie als angestellte erste Hotelkatze natürlich auf Gesellschaft hält, zeigte sie mir auch in den erleuchteten Bogengängen des Erdgeschosses verschiedene Herren, die gerade an kleinen Tischen saßen und sich gegen die nachträglichen Anfechtungen des Diners schon vorher mit einem kleinen Kognak wappneten. Ich tat zwar, als wenn mir gerade die berühmtesten dieser Leute schon einmal vorgestellt seien, mußte mich aber innerlich wieder einmal wundern, sehr wundern, daß bedeutende Kater sich so ganz anders als bedeutende Menschen geben. Ich hatte zum Beispiel geschworen, daß der joviale, rundliche, urfidele Bonvivant dort vor dem Bierglas ein Amateur-Afrikareisender sein müsse, der die Wüstenentfernungen immer nur nach den Kognaks bemißt, die er in der Zeit hätte heben können, – und es war der große Conquistadore, der Cortez Afrikas, der mehr Stämme unterworfen und mehr Sektkörbe geleert hat, als überhaupt ein Mensch ahnen kann! Und der schlanke, bewegliche Sechziger mit dem massiven Kinn, mit dem lebhaften Auge, dem man sehr wohl eine indische Generalsuniform zutrauen könnte? Wieder Conquistadore, das heißt das genaue Gegenteil davon, nämlich ein wissenschaftlicher Reisender, ein friedlicher Forscher, einer von der aussterbenden Sorte, die nie nach Negerkindern zum Vergnügen geschossen hat, aber trotzdem siegreich ganze Kontinente durchzog, nur gewappnet durch die überragende Persönlichkeit... Die Falbkatze zeigte mir darauf noch einige Professoren, die allerdings auch so aussahen, und in der Jagd auf Skorpione das Unglaublichste leisten sollen. Und nachdem mir noch ein kleiner martialischer Herr präsentiert worden war, der sich offenbar von seinem Tropenhelm nicht trennen konnte, und von dem behauptet wurde, daß er alle Pflanzen der Erde kenne, ohne eigentlicher Pflanzengeograph zu sein, da erwiderte ich doch etwas überlegen: »Meine Liebe, der größte Pflanzengeograph ist und bleibt Graf Rhyn.« Und ich buchstabierte ihr den Namen zweimal sehr deutlich, damit sie nur ja nicht auf den Gedanken kommen sollte, ihre plebejische Berühmtheit mit meinem adligen Freunde zu vergleichen. Außerdem, wen ich kenne, der ist schon allein dadurch berühmt! Aber da natürlich solche Hotelkatzen in Afrika, die niemals in Deutschland oder Italien gewesen sind, niemals die echte Seekrankheit gehabt haben, also recht bemitleidenswerte Geschöpfe – denn die Zukunft aller Völker fährt ja neuerdings auf dem Ozean spazieren – da solche Katzen, wie gesagt, wenigstens in ihrem lächerlich kleinen Ressort unfehlbar sein wollen, so behauptete sie, daß, wenn dieser Rin wirklich ein bekannter Afrikareisender sei, er erst später geadelt sein könne, denn große Forscher begännen grundsätzlich bürgerlich und endeten nur ausnahmsweise adlig. Den großen Forschern läge auch nichts am einfachen Adelsprädikat, weil ihnen »die Freiherrnkrone« mindestens von der Geschichte garantiert würde. Und das seien doch eigentlich die einzig historischen Freiherrnkronen. Darauf lächelte ich sehr fein. Denn es gibt in diesem Punkte nur eine maßgebliche Ansicht: man ist entweder adlig, oder man ist es nicht, adlig werden kann man nicht. Ich bin adlig, und ich hoffe, daß mir das jeder ansieht! Ich stelle mich damit keineswegs auf die Adelsanschauungen der Menschen. Denn wenn der Graf dumm, die Gräfin dümmer, der junge Graf aber am allerdümmsten ist, dann sagen wenigstens in Deutschland alle loyalen Geister: »Uradel, ganz unfehlbar Uradel« – wie um das Urschaf, von dem sie abstammen, noch besonders zu ehren. Bei uns desavouiert man das Urschaf, beim Menschen erkennt man es ausdrücklich an. Uns muß überhaupt der Uradel auf dem Gesichte geschrieben stehen, und unsre Fürstenhüte passen nur auf wahrhaft erleuchtete Gehirne. Aber daß man das Blut um so höher schätzt, je dünner es wird, die Beine, je ausgemergelter sie sind, den Horizont, je mehr er zusammenschrumpft – mit nichten, denn gerade da beginnt bei uns das noblesse oblige! Die Falbkatze gab mir das in gewissem Sinne zu und erzählte darauf noch schleunigst, daß neulich ein preußischer Hauptmann abgereist sei, der unsinnig adelsstolz war. – »Weil seine Mutter eine geborene Meyer war. – Verlassen Sie sich darauf!« fiel ich ein, »denn ich weiß selbst, daß der Sohn meines deutschen Gutsinspektors, der Referendar geworden war, sich nur herablassend seines Vaters Schulz erinnerte, dessen Sparsamkeit ihm überhaupt das Studium ermöglicht hatte, aber in vorgerückter Stunde leidenschaftlich eine Tante 'von' rühmte, die in des Wortes schlimmster Bedeutung hinter dem Zaun verschieden war.« ... Es war, wie, gesagt, ganz unterhaltend bis zu dem Augenblicke, wo die Falbkatze einen orleanistischen Grafen Colonel als Ahn einerseits und eine arabische Fürstentochter als Ahnin anderseits mir auftischen wollte. Ich umging das anfangs diplomatisch, indem ich sagte, daß der Katzenalmanach de Gotha sich grundsätzlich nicht mit exotischem Adel befasse. Aber als sie dringlicher wurde, mußte ich ihr bemerken, daß ich als letzter italienischer Bourbon die Orleans selbst als einen minderwertigen Zweig an unserm königlichen Stamm betrachten müsse und deren Anhänger noch mehr – und daß auf Grund aller uradligen Bestimmungen afrikanische Fürstentöchter nie zum hohen Adel gerechnet werden könnten, schon weil dero erlauchte Eltern die Segnungen der christlichen Ehe nie gekannt hätten. – Und Haremsprinzessinnen?– Ich streife die noch immer hübsche Person mit einem jener Don Juans-Blicke, die zum Leichtsinn, aber nicht zur Ehe verpflichten. Sie wandte sich gekränkt ab. Die Dame dürfte demnach bedeutend älter sein, als sie scheint. Aber vielleicht besitzt sie eine junge, reizende Tochter, in der weniger die lächerliche Adelsprätension dieses orleanistischen Colonels als das leichte Blut der afrikanischen Prinzessin lebt. Mütter und Töchter in Katzenfamilien stehen ungefähr so intim wie Fürst und Thronfolger – und weil ich der Mutter so sehr mißfallen habe, werde ich der Tochter wohl um so mehr gefallen. – Bei Licht sieht Madame doch schon recht ramponiert aus . . . Und was diese Afrikareisenden, diese bürgerlichen Afrikareisenden anbelangt – so denke ich, daß ein gewisser Prinz Bourbon Afrika binnen kurzem viel besser kennen wird als diese republikanische Gesellschaft. Und Enthusiastin bin ich durch und durch! Die schlimmste Art, die über dem einen das andre vergißt... Aber ich werde El-Kantara doch nicht vergessen, El-Kantara nicht! Es ist mein Oasentraum nun einmal ... Und wenn ich es auch nie wiedersehen sollte, und wenn's dann, überwuchert von andern Erinnerungen, eines Tages doch wieder vor meiner Seele steht, so würde ich es sofort erkennen und wehmütig sagen: »Traum, warum bliebst du nur Traum?« Denn so treulos ich scheine, so treu bin ich. Was mir einmal lieb war, das lasse ich nicht. Und kaum, daß ich's schrieb, so werde ich auch schon wieder irre. Ein andres Bild will mir auftauchen. – Biskra. Wie ich zum ersten Male auf den kleinen Balkon meines Hotelzimmers trat. Spätnachmittag. Der heiße, weiße afrikanische Tag im Erlöschen. Ueber den flachen Dächern der fahlen, stummen, wunderlich aufsteigenden orientalischen Häuser ein weicher, heller Duft, – fern im Atlas, wie in ihrem Blute schwimmend, ertrinkend die Sonne. Und wie hinter dem Ort am weißen Himmel der Palmenwald aufsteigt, hoch, unbewegt wie eine Mauer, fremdartig, ernst, in mattem Graugrün dämmernd! Am Horizont die Wüste, farblos, dunstig, mit einem erstorbenen Schimmer. Ich war so froh, allein zu sein! Da fing unten auf der Straße ein langer arabischer Bengel seine Stimme zu erheben an: »O Madame deitsch, deitsch ... Wollen Sie sehen, ein Bild von général allemand, mon ami und großes Freund von Hotel.« Dabei versuchte er mir eine Photographie bis hinaufzurecken: »Bon guide, le meilleur guide de Biskra!... Une lettre allemande? Geschrieben an mich. Wollen Sie?« Und er kramte wahrhaftig aus seinem weißen Burnus einen schmutzstarrenden Brief hervor. Wenn mir je meine Muttersprache holperig geklungen hat, so war's aus diesem gurgelnden Munde. Dies Paris der Sahara ist überhaupt ein toller Mischmasch, ungefähr so wie das Ehepaar Lasowitz. Wüstenoase, elektrisches Licht, Kursaal. Das klingt, als wenn die ganze Sahara überhaupt nur ein schlechter Witz wäre. Wir nahmen das Diner im Speisesaal, er im Frack, ich in kleiner Gala, und waren linkisch, verlegen wie nie. Dabei Peter der einzige Frack, ich die einzige wirkliche Toilette. Ueberhaupt alles Leute, die auf Anzug wenig geben, ältere Herren, gesetztere Frauen, bis auf einen schnarrenden Rittmeister, der Meyer heißt und darum alles tadeln muß; neben ihm seine junge, reizlose Gattin. Man macht eine Tour, wäscht sich die Hände, setzt sich zu Tisch: so nimmt sich die Table d'hote aus. Dafür sind wenigstens die älteren Herren wohl wirkliche »Afrikaner«, denen Entfernungen, Strapazen und so weiter nie eine Rolle gespielt zu haben scheinen: »Als ich damals beim Regus war...« »Wenn ich alles zusammenrechne, bin ich in meinem Leben mindestens vier Jahre Tag und Nacht Kamel geritten ...« Und wenn man wenigstens die beruhigende Gewißheit gehabt hätte, daß das alles Renommistereien waren! Aber das kam so ganz en passant, und außer uns wunderte sich gar niemand. Peter und ich hörten mit halben Ohren zu, streiften uns mit halben Augen, hatten die unangenehme Empfindung, daß wir hier die unfreiwilligen Komiker waren – die Vornehmheit deplaciert, die Eleganz lächerlich. Und als sie später auch noch langes und breites von einem Grafen erzählten, den die große Expedition damals doch mächtig mitgenommen hätte – »Bedeutender Mensch, aber kein Glück ... Ob er wirklich noch nach Assuan gegangen sein mag?« ... Es ist ja sehr interessant, wenn ein Graf wie dieser von seiner Gräflichkeit nie den mindesten Gebrauch macht, so daß eigentlich kein Mensch die Vornehmheit ahnt... Die Table d'hote findet das nicht weiter verwunderlich, ich denke aber, es wird wohl die Gräflichkeit danach sein! Wir machten jedenfalls sehr bald, daß wir fortkamen. Peter sagte hinterher zu mir: »Hör mal, du, das können gar nicht die richtigen Afrikaner sein, denn die lügen ja viel zu wenig.« Und ich konnte ihm nur antworten, daß ich junge, lustige, elegante Herren, und wenn sie auch noch so lügen, weit lieber gehabt hätte. Ueberhaupt diese Afrikaner!... Den Rest des Abends durchbummelten wir den Ort, aber sehr vorsichtig, sehr Provinzler, in der fortwährenden Angst, mohammedanische Gebräuche zu verletzen, wovor in allen Reisehandbüchern dringend gewarnt wird. Daß wir keinen Führer nahmen, daran war ich schuld. Ich hatte es mir so viel poetischer ausgemalt, durch diese orientalische Nacht zu irren, hier hinter einem vergitterten Balkon ein wunderschönes Odaliskenauge trauern zu sehen, dort einen schwarzen schönen Beduinen, der vielleicht gerade diese Odaliske liebt, – und was man so aus Romanen und Tausendundeiner Nacht sich für märchenhafte Begriffe nach Afrika mitgebracht hat ... Es wallte ja auch weiß und gravitätisch von Arabern gerade in den engsten Gassen, und wo man in einen Hof hineinsah, da bewegte es sich phantastisch von schlaftrunkenen Menschen, wiederkäuenden Kamelen. In einer niedrigen Halle lagen und saßen viel Leute mit Turbanen um einen Mann, der vorlas oder erzählte, und ich glaubte schon die erste arabische Moschee glücklich entdeckt zu haben. Aus dem nächsten Hause tönte eine dumpfe Musik, und da öffneten sich die Vorhänge, und umgeben von einem Höllenlärm und in einer Höllenluft irgendein schrecklicher Kerl, der zu tanzen schien. Ich hielt Peter direkt von weiteren Entdeckungsreisen ab, weil ich das Gefühl hatte, daß es sinnlos sei, gleich am ersten Abend eine Welt ergründen zu wollen, zu der man unbedingt einen Führer haben muß, aber wenn möglich keinen bezahlten Führer. Und als richtige Provinzialen stellten wir uns abseits auf, und Peter sagte mir, was er dächte, und ich sagte Peter, was ich nicht dächte. Und wir hatten eigentlich an diesem Tage vom Orient gerade genug. Da streifte uns ein hoher Araber. Und ich fühle jetzt noch die Berührung seines Burnus und sehe das dunkle Auge, das so fremdartig gleißt. Da wurde mir klar, welch andre Welt uns hier umgab, und wie vielleicht nichts von diesem Burnus zu meinem Mohairkleid Gemeinsames herüberführt, obgleich wir uns doch so nahe berührten. Ich habe die Nacht geschlafen wie mausetot und geträumt wie überlebendig. El-Kantara und nochmal El-Kantara – und ich kenn's doch gar nicht! Aber so kindisch wie ich sind auch meine Träume. Ich gestand das Peter beim Frühstückstisch, und er entschied weise, daß ich nicht sowohl kindisch als äußerst wankelmütig sei... Das hat mir den ganzen Vormittag keine Ruhe gelassen. Wankelmütig? Bin ich's? Bin ich's nicht? Donnerstag werde ich sechsundzwanzig Jahre, und eine Frau, die sich bis dahin noch nicht gefunden hat, die findet sich überhaupt nicht mehr. Obgleich Peter recht behalten wird, ihm möchte ich's innerlich zuletzt zugeben. Denn es gab eine schwere, Gott sei Dank lange überwundene Zeit, wo ich so gern wankelmütig gewesen wäre und wo ich doch weiß Gott so wenig wankelmütig gewesen bin. Er sollte mich nicht des Wankelmuts beschuldigen, er nicht!.. . Vielleicht, ja wahrscheinlich bin ich noch unfertig, werde niemals fertig sein, aber er hat auch nicht die richtige Hand, weder für die eine noch für die andre Josefa. Die Stute und ich können ein Rennen nur im großen Stil gewinnen oder gar nicht... Noch das letztemal! Er hatte noch Pfunde über Pfunde in der Hand und ließ sich diesen ausgerittenen Wallach glatt vorübergehen. Er reitet brillant, er kommt immer placiert auf die Grade –, und dann ist er imstande, den Gaul in letzter Minute auf Platz anstatt auf Sieg auszureiten. Er reitet eben zu sehr mit dem Kopfe, und die Josefa will nun einmal mit dem Herzen geritten sein. Sie wird ihn nicht enttäuschen, wenn er vom Fleck weg den ersten Platz belegt. Denn sie steht über jede Distanz: das ist meine felsenfeste Ueberzeugung. Doch für sein überlegtes Reiten müßte die Bahn noch tausend Meter länger sein ... Es ist allerdings ganz gut, daß auf Mamas direkten Wunsch unser Stall aufs äußerste reduziert worden ist, weil das Herrenreiten doch eigentlich nicht für Verheiratete taugt und weil man dann so viel allein ist ... Liebe, gute Mutter, ich bin trotz alledem sehr viel allein! Aber dafür kann Peter nichts, gar nichts, das kommt nur davon, daß ich so sonderbar bin. Nun ist's aber definitiv zu Ende mit den Reflexionen! Wir verleben hier afrikanische Frühlingstage – und sollen den deutschen Winter doch nicht überall mit hinschleppen. Jedenfalls war's, als ich aufwachte, ein wundervoller Tag. Und wenn ich nicht eine so unverbesserliche Langschläferin wäre, so hatte ich von meinem Fenster aus wenigstens einen Teil des mohammedanischen Festes beobachten können, das sich mit wüstem Geschrei durch alle Gassen wälzte. Mir wurde der hohe Araber von gestern abend lebendig, und ich wähnte, daß wieder einer jener entsetzlichen Araberaufstände ausgebrochen sei und dies die Aufforderung zum Tanz. Es soll sich nur um einige Hammel gehandelt haben, die koranmäßig abgeschlachtet wurden. Peter hat's mitangesehen und auch weiter nichts kapiert, als daß die Leute geschmückt und verrückt waren. – Um zehn Uhr läßt sich in unserm Salon ein arabischer Führer melden, der energisch abgelehnt wurde, aber gleich darauf in der Türe stand. Bloome! Er introduzierte sich folgendermaßen: »Als Kammerherr vom Dienst befohlen ... Ihre Majestät geruhen über Afrika und den Kopf Ihres ergebensten Sklaven zu verfügen!« Er war mal wieder so bildhäßlich mit den verrückt schwarzen Schlitzaugen und der Wippnase. Ich antwortete ihm lachend: »Nein, mein lieber Graf, über Ihren Kopf geruhe ich nicht zu befehlen. Aber sagen Sie mir lieber, wer ist morgen noch von dem Souper?« »Staatsgeheimnis! – Ich muß übrigens bitten, erst Donnerstag mir die Ehre zu geben.« Gefrühstückt hat er bereits, und Peter klingelt nach einer Hotelzigarre. Aber dieser Bloome, der ein großer Schlauberger ist, bemerkt dazu, wie selbstverständlich: »Peter von Amiens, die Zigarre, die nachher der Kellner bringen wird, die dürfen Sie rauchen, und die Importe, die Sie jetzt aus dem Koffer holen werden, die werde ich rauchen. Denn selbstverständlich haben Sie geschmuggelt, oder Sie sind nicht verheiratet!« (Wir haben allerdings eine Upmann-Kiste mit, aber nur fünfundzwanzig Stück und nur für Weihestunden berechnet. Verzollt sind sie auch auf Peters direkten Wunsch, der seine Frau nicht gern als Defraudantin entlarvt sehen wollte. Ich hätte für mein Leben gern geschmuggelt, natürlich nicht wegen der paar Groschen, sondern wegen des wundervollen Spitzbubengruselns vor und nach der Zollprozedur.) – Ich holte denn auch selbst lachend die gewünschte Zigarre, die in meinem Hutkoffer untergebracht war, und ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich meinem guten Peter die kleine Egoismuslektion doch von Heizen gönnte. Warum gab er die gute Zigarre nicht gleich? Wer auch zu mir kommt, ich gebe ihm immer das Beste. Bloome dankt sehr wohlerzogen mit einem Handkuß, pafft genüßlich, und der Schelm schläft natürlich auch nicht. »Er ist doch ein ganzer Filou, Ihr Herr Gemahl, gnädigste Baronin. Devise: Jeder für mich, und Jott auch noch für mich extra!... Uebrigens, Peter von Amiens, haben Sie auch Ihre Orden und Ehrenzeichen mitgenommen?« «Allerdings, lieber Bloome.« Und er erzählt auch ganz ruhig, daß wir sogar die Galauniform und die Tragerlaubnis dazu mithaben, weil wir dem Bei von Tunis unsre Aufwartung zu machen gedenken (ich glaube, dem guten Mann wird von anständigen Menschen nur deshalb aufgewartet, weil man doch einen Orden ergattern könnte). Aber Bloome, als heimlicher Revolutionär, erklärte auf einmal sämtliche Orden als Schwindel. »Frühstück-Bärenführer-Orden: -haben Sie, mein lieber Peter von Amiens, Ihren Mecklenburger vielleicht aus andern Gründen?... Apropos, Sie wollen mich ja in Monte Carlo gesehen haben, wie ich gerade Doublonen in einen Sack senkelte – nun, wenn ich dagewesen bin, so habe ich auch ein dezentes Ordensband getragen. In Frankreich trägt man eben ein Ordensband, und in Monte Carlo erst recht! Aber ich versichere Sie, das gelbe Band, das ich bescheidentlich anlegte, war ein Zigarrenband aus einer Importenkiste. Den einzigen Orden, den ich wirklich besitze, die Rettungsmedaille, die trägt man eben da nicht, wo man Büfettorden trägt.« »Na, Bloome, da wundern Sie sich man nicht, wenn Sie eines Tages von dem guten Alberto di Monaco wegen unerlaubten Ordentragens eingesteckt werden... Sagen Sie mal, haben Sie wirklich die Rettungsmedaille? Sie sind jetzt so lange in Afrika, und da weiß man nie –« Peter blickte dazu etwas schief. Es war noch gerade zwischen Scherz und Ernst. Aber Bloome stand nur lächelnd auf, klopfte ihm lächelnd auf die Schulter und sagte lächelnd: »Mein lieber Peter von Amiens, Sie haben Glück gehabt im Leben, viel Glück, aber das Glück, einem Menschen reell das Leben gerettet zu haben, das Glück haben Sie nicht gehabt und werden Sie nie haben, soweit ich Sie kenne.« Geschrieben liest sich's wie blutiger Ernst, gesprochen war's die richtige Fähnrichsschrauberei. Sie drückten sich auch gleich darauf sehr freundschaftlich die Hand, – und trotzdem war diese Upmann keine Friedenspfeife! Bloome ist dann wirklich unser Führer gewesen durch die Oase. Ein amüsanter, vielleicht zu amüsanter Führer! Denn diese Oase will mir nur langsam in den Kopf. Was ist eine Oase? – Ein Stück Eden inmitten einer Wüste? Was ist eine Wüste? – Ein rotgelbes glühendes Sandmeer. Und nun tritt man aus dem Hotel, das wie der nahe Bahnhof eigentlich schon in der Wüste liegt, und da breitet sich nur ein weiter Kranz von dürren, braunen, bröckelnden Felsen, und das Land, das in langen Wellen zu ihnen emporsteigt, ist ebenso braun und hart und trostlos wie der Fels, nur mit einem tristen grünlichen Schimmer, kümmernden Salzkräutern, die nicht mal die Kamele fressen. »Ist das auch die Wüste, lieber Graf?« »Ja, das ist auch die Wüste, gnädigste Baronin.« Und da man so was natürlich erst begreifen muß, lächelt unser Führer und sagt mit so'ner großen Armbewegung, wie sie wahrscheinlich nur Afrikareisenden zu Gebote steht: »Das ist alles Wüste, alles ringsum. Und da weit drüben links, wo die Felskette wie in einen großen Sarg auszulaufen scheint, da beginnen die Sanddünen, und da gibt's auch Hornvipern. Und wenn Sie auf dieser Düne stehen, so können Sie eine Reihe stumpfer, versiegender Salzseen erkennen, an denen lang es rosenrot von Flamingos schillern soll – ich habe es zwar noch nicht gesehen, und andre Leute haben es auch noch nicht gesehen, aber das schadet ja nichts. Und so geht's weiter, immer weiter – Düne und Kiesebene, und Kiesebene und wieder, Düne, und dann zur Abwechslung mal Felsen... Und wenn Sie jede Dünenwelle und jeden Felskegel genau notiert haben, dann können Sie ruhig wieder von vorne anfangen. Denn in der Wüste fängt's auch wieder von vorne an.« Bei solchen Erklärungen habe ich gar keinen Eindruck. Wenigstens nicht den Eindruck der gewaltigen und erdrückenden Monotonie, der bei aller Sonnenglut immer über der Wüste ruhen muß wie ein unbeweglicher, unheimlicher Schatten. Dafür breitet sich allerdings heute über uns so ein froher, weißer, warmer afrikanischer Frühlingshimmel, und der witzelnde Bloome paßt mit seinen spaßigen Erklärungen zu diesem Tag. »Nun bitte kehrt, meine Herrschaften. Die Oase!« Vorläufig präsentiert sich mir diese Oase nicht anders als jede andre südfranzösische Stadt. Komfortable Häuser mit Rolläden, Straßen mit Trottoirs, Hunde, Katzen, Kinder. Zur Seite ein kleiner Stadtpark mit elektrischen Glühlampen, Promenadenwegen, natürlich immergrün, aber ohne jede Tropenfülle, nur die Mimosen blühen. Und dicht dabei die großen, gelben Kasernements der Turkos, die kein Fremder betreten darf. Doch an dem blauen Posten mit dem Fez vorbei kann man in die Höfe hineinsehen, wo die Soldaten herumlungern, die Franzosen leidenschaftlich gestikulierend, die Eingeborenen immer das stumme, orientalische Verachtungslächeln wie ein Hauch über den dunkeln Gesichtern. Die ganze europäische Bevölkerung von Biskra soll in diese riesigen Höfe sich flüchten können, falls wieder einmal der Arabersturm gegen die Fremdherrschaft losbricht, wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. Es muß schon einen Reiz haben, wenn es rings um diese Kasernen wirbelt von flinken Berberpferden, weißen Burnussen und schwarz unter dem Turban aufblitzenden Augen! – Aber wie heiß, wie stickend heiß muß es in solchem Sommer in solchen Höfen sein! Denn wenn uns auch heute Frühlingsluft umfächelt, man sieht es diesen ausgebleichten Mauern und diesen nachgedunkelten Gesichtern an, wie hier die Sonne brüten, lasten muß, wie unter ihr alles erwacht an scheußlichem Getier, an scheußlichen Wünschen – wie's dann erst Orient ist, der heiße, verzehrende Orient, der das Blut peitscht, die Nerven erschlafft. Dann erst strahlt auch das weiße, erbarmungslose Licht von dem weißen, niederen, dunstigen Himmel, dem Sommerhimmel der Sahara, den ich instinktiv schon heute wittere. Nicht gelb, nein, weiß ist dann die Oasenfarbe, ein graues, staubiges, bröckelndes Weiß, das die Sonne gebleicht, der Wüstenwind gedörrt hat. Ich kann sie mir vorstellen, diese Sommeroase, wenn ich auf die helle, harte Steinwüste blicke, die gleich hinter der Kaserne beginnt, so trostlos dürr, ohne eine Spur des Lebens ... Das alles gaukelt mir die Phantasie vor. In Wahrheit ist mir hier alles neu, und dieses Neue alles fahl. Wir bogen dann wieder vom Park in die Straße ein, auf eine Art freien Platz. Ein Denkmal, eine Pferdebahn, der grell neue Zitadellenbau des Hotel Royal, von dessen Turm die bunten Wimpel flattern. Es ist Europa – und es ist ganz gewiß nicht Europa! Eine dunkle, schmutzige, rauh kreischende Horde arabischer Kinder umtobt uns – freche Gassengesichter, ekle Nacktheit und die traurig tappende Blindheit. Es gibt so viel Blinde hier: von dem schmutziggrauen Greis, der sich dumpf winselnd aus dem Staube der Straße erhebt, bis zu dem Säugling, der mit blöden Augen ins Licht starrt. Ja, das ist Afrika! Das ist die mordende Sonne, der weiße Staub, das Tote, Mumienhafte, das von der Sahara herübergrinst. Diese erloschenen Augen sind mir eine Qual. Ich zwang die Herren, die dies Bettelgesindel belustigte, schleunigst weiterzugehen. Jedoch das Gesindel folgte uns, an dem maurischen Kursaal vorbei, wo die Amüsements des Cercle – Baccarat und die Petits Chevaux – sich allabendlich ablösen sollen; an einem Sattelplatz der Kamele vorüber, wo die schmutzstarrenden Tiere stumpfsinnig gelagert wiederkäuen, bis zu dem arabischen Friedhof, der der seltsamste Friedhof der Welt mir scheint. Kein Grabhügel, kein Grün, nichts als dürres, braunes Brachfeld, auf dem wie hingestreut Feldsteine liegen; unter dreien schlummert jedesmal ein Mann, nur ein einziger lastet auf der Frau (es kann aber auch umgekehrt sein). In einer Ecke ein plumper gelber Riesenzuckerhut, das Grabmal eines Marabut, wie sie ihre Heiligen hierzulande nennen (nach Bloomes Erklärung hat Marabut so oder so etwas mit einem Vogel zu tun: entweder man ist einer oder man hat einen, und jeder Heilige hat einen). Links von dem Friedhof auf sandiger Landstraße die rostigen Pferdebahnschienen und rechts daran gelehnt die Lehmmauer des Palmenwaldes. Der Palmenwald! Auch den habe ich mir anders gedacht und wie wunderbar es fein müsse, unter wirklichen Palmen zu lustwandeln und zu träumen... In Biskras Palmenwalde wandelt man weder lust noch träumt man. Da zieht zwischen hohen Lehmmauern eine breite, staubige Straße. Und die starren, schönen Palmenstämme recken sich drüben und hüben in die Höhe, die mächtigen Kronen rascheln, grüßen. Die Straße entlang murmelt ein kleines, rasches, trübes Rinnsal, wohl der Lebensquell der Oase. Und die Mittagssonne glüht, und die Lehmmauern bröckeln, und die Palmenkronen nicken, flüstern ganz leise, ganz sacht. Die Straße windet sich weiter, holprig, staubig. Es duftet köstlich nach heißem Orient und riecht unerträglich nach dumpfigem Schmutz. Zuweilen klafft eine Lücke in der Mauer. Man tritt neugierig hinein und sieht nur Palmenstämme und wieder Palmenstämme in sorgfältigen Abständen, jeder umfriedet mit einem kleinen Wall, in den sie das kostbare Wasser leiten –, und dazwischen die ewigen Lehmmauern, aufsteigend, absteigend, aber bröckelnd alle. Oder diese Lehmmauer verwandelt sich plötzlich in ein Lehmhaus ohne Fenster, die niedere Türöffnung mit rohen Palmholzscheiten gestützt. Und was man in der halbdunkeln Höhle sieht – ein unglücklicher Esel, der kaut, ein altes schwarzes Araberweib, die Augen erloschen, doch die Fingernägel noch mit rotem Henna beschmiert. Hier und da kann man wohl auch durchsehen bis in den verwahrlosten Oasengarten hinein, und man sehnt sich nicht mehr nach solchem Oasenidyll. Denn da gibt's nur Schutthaufen und Unrat und erbärmliches Getier und noch erbärmlichere Menschen – und von seiner Lehmzinne bellt heiser eine dürre gelbe Bestie von Hund, nach vorn überbaut und die Zähne fletschend wie eine Hyäne. – Ich habe Hunde so gern! Das jedoch ist das Zerrbild eines Hundes... Meine guten Terriers, was werden sie sich bangen nach mir, und wie werden sie sich freuen, wenn ich wiederkomme! Von dem weißen Kater, der leicht pikiert und stets exklusiv ist, habe ich nichts. Es war eine große Torheit, ihn mitzunehmen: Peter mag ihn nun einmal nicht, und ich mache mich lächerlich. Es war wohl wieder die reine Oppositionslust. Was andre nicht tun dürfen, das kann ich eben tun... Ach, wenn ich doch wenigstens so wäre! Aber gesellschaftlich so feige, so eitel, so sehr Sklavin – bereit, allen Rechenschaft zu geben, nur nicht mir selbst... Und hier in der Fremde, in der Wüste, wo ich deutlich fühle, daß man mit eignen Ohren hören muß, um zu hören, mit eignen Augen sehen muß, um zu sehen, fühle ich, wie schwer das unsereinem fällt, der immer nur durch andrer Sinne empfunden hat. Ja, so ein Alltagsempfinden! ... Und dieser Bloome ist auch so ein alltäglicher Führer. Er witzelt und witzelt, läßt dieser ganzen Oase nicht einen Schimmer von Poesie. Peter lacht und ich lache auch, aber ich ärgere mich. Zu guter Letzt verliefen wir uns denn auch zwischen den Lehmmauern und standen plötzlich am Ende. Die großen Palmenblätter hingen herüber, herrliche Palmenblätter, aber das half uns nicht aus dem Sack. Und erst ein alter, ausgedörrter Araber, der uns würdevoll durch seine Hütte geleitete und ebenso würdevoll jeden klingenden Dank ablehnte, brachte uns wieder auf unsre Straße. «Sehen Sie, das haben Sie vom Witzeln!« sagte ich. »In einer Oase sich verlaufen? Schämen Sie sich doch was, Graf!« »Aber man verläuft sich gerade in Oasen, Baronin! Sie werden das auch noch tun, und mit aller Ueberlegung. Denn dies Biskra ist ein Phantom, wie der ganze Orient; von weitem wundervoll, in der Nähe scheußlich. Und Sie werden mir noch oft im Herzen danken, wenn Sie wieder in eine Sackgasse geraten, die Ihnen den faulen Kern des Morgenlandes gnädig verbarrikadiert. Eine Oase ist Schmutz, und die Dattelpalme der langweiligste aller Waldbäume.« Nach meinen bisherigen Erfahrungen hätte ich das einfach unterschreiben sollen. Bloome lacht gutmütig und Peter lacht kritisch, und sie haben beide kein Recht dazu! Peter ist nach Afrika gegangen, weil er Mufflons und Gazellen schießen will und weil ich mir nicht die Cour machen lassen soll, und Bloome ist nach Afrika gegangen ausschließlich wegen Schulden. Was verstehen die beiden von fremder Natur und fremder Eigenart? – Die bringen ihre Eigenart überallhin mit und denken, sie sei das einzig Richtige. Ich sagte das Bloome auch, und es war recht häßlich, daß ich es sagte, weil er arm ist und doch immer der gutmütig Gebende: »Ja, Graf, solche Oase verlangt am Ende einen andern Führer, wie Sie es sein können, der...« Er ist urplötzlich ernst geworden: »Nicht weiter, Baronin! Ich weiß, was kommen soll: ›der jedenfalls ein besserer Führer durch Berlins Nachtlokale ist als durch die Sahara, und trotz aller Schauspielerei der richtige Tagedieb, der richtige Graf!‹ Das stimmt leider, aber...« »Aber,« wiederhole ich. Da ist er schon wieder lustig geworden: »Dieses ›Aber‹ existiert. Und wozu soll man ein ›Aber‹ erklären? Sie würden mir's ja doch nicht glauben!... Jedenfalls, gnädigste Frau, verlangen Sie mehr, als ich Ihnen geben kann. Aber was der Mensch braucht, das muß er haben! Sie sollen als Führer jemand zur Verfügung gestellt bekommen, der die Wüste kennt und liebt, der sie belauscht hat wie kein zweiter. Der wird Ihnen hoffentlich genügen, wenn nicht, dann genügt Ihnen überhaupt keiner.« »Und wann werde ich den Vorzug haben?« fragte ich etwas ungläubig. »Das wird sich binnen fünf Minuten entscheiden. Apropos, das war Alt-Biskra, und das dürfte hier wieder Neu-Biskra sein.« Im Hotelflur stand, als wir zurückkehrten, ein Araber, der mir bekannt vorkam. Groß, beinahe schwarzgebrannt, aber mit wunderschönen Augen. Er sah aus wie ein vornehmer Wüstenscheich, und wie ein solcher grüßte er auch, höflich lächelnd, jedoch mit orientalischer Zurückhaltung. Bloome ging sofort auf ihn zu. Sie sprachen Arabisch miteinander. Und wir beiden kamen uns wieder recht kleinbürgerlich vor., «Ihr Führer kommt. Gnädigste!« sagte der Graf. «Das ist er doch nicht etwa selbst?« antwortete ich voll Angst und Ehrfurcht zugleich. »O nein. Der hier spricht nur Arabisch und ist nur der Diener seines Herrn. Früher Kameltreiber, aber ein interessanter, denn er hat als solcher schon zweimal die Pilgerfahrt nach Mekka mitgemacht. Daher die Würde. Die haben übrigens diese sogenannten Wüstensöhne alle. Und ahnen Sie ungefähr, was dieser Kameltreiber in diesem Augenblicke denkt? Er denkt: »Ihr Christenhunde! Ich möchte euch allen den Hals abschneiden, bis auf meinen Herrn, dem darf ich's aber nicht, denn er spricht ein so wundervolles Arabisch, wie höchstens noch der Padischah in Stambul und der Khedive in Masr, und die sind doch die besten Söhne des Propheten.‹« Wir hatten Bloome natürlich zu Tisch dabehalten, aber nicht in unserm Hotel, sondern in Dardiaf, was arabisch klingt, aber französisch schmeckt. Es ist nämlich das Kurhaus selbst. Ich war sehr liebenswürdig gegen Bloome, weil das so in meiner unberechenbaren Natur liegt, die Leute oft zu kränken und doch eigentlich nie kränken zu wollen. Sofort meldet sich das Gewissen, und das ist Menschen gegenüber, die ich irgendwie bemitleiden zu sollen glaube, sehr empfindlich. Ich weiß nicht, ob Peter das tragisch nahm, ich weiß nur, daß Bloome dankbar war. Aber es ist die alte Geschichte: Gefallen soll ich allen, namentlich dem alten Obersten: aber gefallen darf mir keiner, nicht mal der alte Oberst... Jedenfalls wurde Bloome nicht zum Nachmittags -Bärenführer befohlen. Peter tat, als wenn ich furchtbar angegriffen wäre und durchaus ins Hotel müßte und schlafen. Ich kenne das lange Gesicht meines Gatten ganz genau, wenn ihm jemand über ist. Und kaum waren wir im Salon, da ging's auch gleich los. Ich möchte mich doch, bitte, im Verkehr mit Herren menagieren, namentlich mit Herren, von denen man niemals wissen könne, ob sie überhaupt noch grüßbar seien. »Und wir gehen zum Souper eines solchen Herrn?« gab ich achselzuckend zurück. »Allerdings, liebe Josefa«, weil ich dein und mein Kuvert selbstverständlich bezahlen werde und weil ich in bezug auf die Gesellschaft, die er uns präsentieren wird, wissen möchte, wie weit er noch gesellschaftlich intakt ist und wie weit nicht. Denn hier wird man ihn nur brüsk oder gar nicht los.« »Aber wenn der Mensch ahnte!« »Er braucht ja gar nicht zu ahnen.« »Weißt du, wie das gehandelt ist? Unfair, unfair im höchsten Grade!« »Nein, lieber Schatz, meiner Ansicht nach nur vernünftig.« »Dann gehe ich auf keinen Fall zu dem Souper, Peter.« »Ich dann auch nicht, Josefa. Mir liegt sehr wenig an diesem Souper.« Ich zuckte wie gewöhnlich die Achsel: »Eifersucht, weiter nichts als Eifersucht!« »Ja, meinetwegen Eifersucht, liebes Kind... Wenn du dich anders gäbst, brauchte ich es nicht zu sein.« »Ach so...« »Ach so!« Ich ließ ihm das letzte Wort. Ich lasse es ihm eigentlich immer. Ich gehöre nun einmal nicht zu den Frauen, die sich in leidenschaftlicher Verteidigung verausgaben, nicht weil ich mich nicht verteidigen könnte, sondern weil ich mich nicht verteidigen will. Was nützen Reden, Szenen? – Die Zweige eines Baumes kann man wohl zusammenbiegen, die Aeste wachsen unerbittlich auseinander. Ich ging gleich darauf in mein Schlafzimmer. Und nie im Leben war ich eigentlich so von Herzen froh darüber, daß unsre beiden intimsten Gemächer immer der Salon trennt... Peter klopfte natürlich fünf Minuten später, weil er viel zu verständig ist, um ein Unrecht nicht rasch einzusehen, und viel zu gut erzogen, um eine gekränkte Frau nicht um Verzeihung zu bitten. »Josefa, wenn du dich ein klein wenig anders gäbst!« »Ja, Peter, wenn ich dich nur ein klein wenig mehr...« Den Rest verschluckte ich. Ich habe ihm natürlich vergeben, von Herzen vergeben. Aber als er endlich wieder gegangen war, da habe ich die Tür hinter ihm verschlossen und verriegelt – aber leise, feige, die echte Frau. Und dann mich auf die Chaiselongue geworfen und, das Taschentuch wie einen Knebel im Munde, gemurmelt, damit es nur ja niemand hörte: »Ja, Peter, wenn ich dich nur ein klein wenig mehr – lieb hätte!« So steht's, und das habe ich ihm eigentlich sagen wollen. Aber es ist eine schreckliche Wahrheit, und jetzt, wo ich allein bin, wage ich sie nur zu flüstern, so schrecklich ist sie. Heute schreibe ich sie nieder. Und wenn's das Schicksal will, so mag er sie lesen dermaleinst nach meinem Tode. Ich kann nicht anders, ich bin des Versteckenspielens vor mir selber satt... Mama hat mich beschworen, nie und niemals auch nur solche Gedanken zu denken – und ich habe gegen diesen Gedanken gekämpft. Und so oft er auch bei mir anklopfte, ich habe ihn immer fortgewiesen. Und er ist doch wiedergekommen. Immer öfter, immer stärker, und einmal muß man seinem Schicksal ins Auge sehen!... Ich werde diesen Gedanken nie zur Tat werden lassen, nie. Ich werde Peter treu bleiben, wie ich ihm treu gewesen bin, ich hab's ja vor Gott gelobt. Aber ich weiß auch, warum ich dieses Flatterleben führe, warum ich's führen muß... Ich wundere mich, daß ich mir gerade den heutigen Tag, die heutige Szene zu dieser Seelenbeichte aussuchte. Nein, Peter und ich passen nicht zusammen! Wir sind, soweit ich mich wenigstens beurteilen kann, innerlich anständige Menschen, die den geraden Weg gehen möchten, weil's ihr Weg ist. Der eine von uns ist vielleicht ein wenig zu warm, der andre ein wenig zu kühl, aber das soll sich so gut ausgleichen, wenn's paßt. Nicht, wie's in Büchern steht, daß der eine schlecht, der andre gut, – du lieber Gott, von uns beiden ist keiner schlecht! – nein, daß die beiden Menschen nicht zueinander passen, das macht die unglücklichen oder die gleichgültigen Ehen, je nach dem Temperament. Und weil wir nun einmal nicht zueinander passen trotz Sport, trotz Vornehmheit, trotz Eleganz, darum liegen auch zwischen uns nur Kleinigkeiten, Lappalien, die lächerlichen Risse, über die jede Woge hüben und drüben hinüberschäumen muß. Aber entweder fehlt uns diese Woge oder sie erstarrt urplötzlich vor dem Riff. Kleinigkeiten, nur Kleinigkeiten. Das ist kein ehrlicher Kampf, kein Ausleben im guten oder im bösen... Die Mutter sagt, in allen Ehen sei's zu Beginn nicht anders und der wahre Prüfstein für das Glück hieße: die Kinder und die Zeit. Es mag sein... Aber soll's sein? Ich bin weder zum Kampf geboren noch erzogen worden, und doch brandet's manchmal mächtig in mir auf, und ich frage: Hat das alles einen Sinn? Kann's einen Sinn haben? Wo kein Kampf ist, ist auch keine Leidenschaft. Und wo keine Leidenschaft ist, da ist auch kein Glück... Und in solchen Momenten des Aufruhrs läßt mich ein Gefühl nicht: mir ist's, als müßte ich mich hinwerfen und Gott im Staube liegend inbrünstig anflehn, für mich und für ihn, für diese Scheinehe überhaupt, daß sich zwischen uns beide Menschenkinder etwas Großes stellen möge, etwas, des Kampfes und unsrer selbst wert. Ich habe ja nichts gegen ihn, ich quäle mich ja nicht um einen andern Mann, und wenn ich meinen toten Jungen Viktor Robert getauft habe, so war's ein letztes Valet an einen Kindertraum; meine Mutter weiß es, und sie weiß auch, daß es ein Valet an einen Freund, nicht an einen Geliebten sein sollte... Und gerade seit dem Tode dieses Kindes komme ich nicht davon los, daß es einmal aufhören muß mit dem kleinen Streit und der kleinen Liebe, daß eine im Grunde tief leidenschaftliche Natur wie ich sich nicht ausleben kann in einem Goldfischteich. Mich gelüstet nach Strom und Meer ... Und wenn wir dann ehrlich ringen füreinander, gegeneinander, was weiß ich! aber um etwas Ganzes, Großes, um uns selbst, dann erst werden wir erkennen, wer wir sind und was wir sind, und werden uns bis zum Tod lieben oder bis über den Tod hinaus hassen, was weiß ich! Wenn meine Mutter hier wäre, sie würde diese Gedanken schon längst erstickt haben mit Küssen, mit Tränen. Die gute, gute Mutter! Sie will mich hinwegtäuschen über die Kluft, und sie täuscht mich auch hinweg, und ich werde wohl älter, aber nicht glücklicher dabei... Und das zweite Kind, das sie von allen Himmeln erfleht, – wenn ich ehrlich bin, möchte ich's eigentlich? Möchte ich's wenigstens schon jetzt? Ich will kein Durchschnittskind, ich will in den Augen des geliebtesten Geschöpfes nicht die eigne Mittelmäßigkeit wiedersehen... Das klingt so vermessen ... Und am Ende, welche Frau möchte nicht doch ein Kind, und hätte es doch lieb, wie's auch sei? Denn sobald meiner Mutter Bild mir vorschwebt, kommt auch der warme, sanfte Hauch, der mich selbst fortträgt. Nein, Mutter, sei nicht böse, der Hauch taugt doch nicht für mich! Denn einmal wird der Kampf kommen, das weiß ich. Und findet er mich, wie ich jetzt bin, so muß ich in diesem Kampfe untergehen, das weiß ich auch ... Nein, ich will kein Kind ... Jetzt nicht! Wie ich die letzten Zeilen noch einmal durchlese, da merke ich erst, auf wie schwankem Boden ich steht und auf wie schwachen Füßen ich wandle. Ich habe geheiratet aus Liebe, die nicht wuchs, ich habe ein Kind gehabt, das nicht lebte. – Was werden die vielen Jahre noch in dieser Ehe bringen, die keine Ehe ist? Ich kann's nicht wissen... Und wenn heute, wenn morgen schon die große Versuchung an mich heranträte, der große Kampf... Bin ich gewappnet? Nein. Ich sollte die Hände falten und beten: »Herr, mach's gnädig mit mir in der Not!« Und ich falte die Hände und sage: »Gott gib mir Kraft, den Kampf zu bestehen!« Den Rest des Tages und den folgenden blieb ich zu Hause, und zwar zu Bett. Peter kennt mich – jeder Mensch ist mir bei trüben Stimmungen ein Greuel – und kam nur, um mir gute Nacht zu wünschen. Und es wurde auch eine gute Nacht, wenigstens die letzte. Morgen ist ja mein Geburtstag! Wo er das Blumenarrangement aufgetrieben hat, weiß ich nicht. Jedenfalls durchduftete es am Geburtstagsmorgen den ganzen Salon. Rosen, nur Rosen. Darunter ein langer, langer Brief von Mama und von Peter ein brauner Lappen. Wir haben's immer so gehalten in den letzten Jahren der Ehe: ich schenke ihm irgendeinen Unsinn und er mir Geld. Es ist eigentlich höchst prosaisch. Dabei lasse ich mich gern überraschen und überrasche eigentlich noch lieber, aber so liebe Torheiten, über die ich mich freuen, kindisch freuen würde, findet er nun einmal nicht heraus, und ich finde auch nichts Passendes für ihn. Wahrscheinlich weil wir schon alles haben, wir sind ja so reich! Und reiche Leute verstehen, obgleich's widersinnig klingt, sich auf wirkliche Liebesgaben nun einmal nicht so wie die Armen... Tausend Mark diesmal. Das ist wirklich zu viel! Wir könnten allerdings über Paris zurückkehren, und ich könnte mir ein Frühjahrskostüm machen lassen bei Worth. Aber so sehr ich den Luxus liebe, als Geburtstagsgeschenk täte er selbst mir verwöhntem Geschöpfe weh... Am liebsten möchte ich die ganze Summe einem wirklichen Armen schenken, einem, der sich darüber nicht halb, sondern ganz tot freut... Ein Mensch, der vor Freude stirbt, es klingt ja frivol. Aber es muß doch der schönste Tod sein, und ich möchte ihn mal sterben! Nun hat man tausend Mark und kann sie mit gutem Gewissen ausgeben, und möchte es so brennend gerne, nur der betreffende Arme fehlt, der sich mir zu Gefallen tot freut... Ich möcht's Bloome schicken, der es natürlich nie nähme, das heißt als tödlichste Beleidigung, oder wenn er's doch nähme, so beleidigte das wieder mein Gefühl tödlich, und wenn wir beide uns über die Empfindlichkeiten hinwegsetzten, so wäre das unfehlbare Geschick dieses Geburtstagsgeschenks, auf der Stelle verjeut zu werden. Es ist beinah ebenso schwer für die Reichen, einen passenden Armen, als für die Armen, einen passenden Reichen zu finden... Im Leben ist eben alles halb. Mama hatte wieder einen ihrer schönen Geburtstagsbriefe geschrieben, die mich immer bis zu Tränen rühren durch ihre Engelsgüte und ihr herzliches Verstehen. Wenn ich nicht wüßte, wie fleckenlos rein das Leben dieser ewig jungen alten Frau stets gewesen ist, so möchte ich manchmal glauben, als sei diese sanfte Klarheit ihres ganzen Wesens auch das Resultat schwerer, schwerer Kämpfe, die sie dennoch leicht bestand, weil sich in dieser geschlossenen Natur die Disharmonien ja in Harmonien auflösen müssen. – Jedenfalls bin ich wieder in mich gegangen, ernstlich; ganz ernstlich, und habe mein Inneres kasteit, weil es wankelmütig, treulos, ungerecht ist. Ich habe mich bei dieser Selbstkasteiung wohl etwas schlechter gemacht als ich bin – das tut aber nichts. Dafür habe ich jetzt die Empfindung, daß so frevelhafte Gedankensprünge wie gestern sich nie mehr wiederholen werden, weil ich mich bezwungen habe im demütigen Gebet. – Ich habe so oft und so inbrünstig gebetet, wie es das Muttererbteil mir mitgab, und bin doch nie so recht frei geworden im Gebet, weil mir in letzter Sekunde immer ein hämischer Teufel zuzischelt, daß Gebete Gebete seien und Sünden Sünden – und daß die Gebete die Sünden ablösten und die Sünden die Gebete. – Diesen Geburtstag bin ich zum erstenmal wirklich in der Fremde und gestern habe ich zum erstenmal am Heiligsten gesündigt – und jetzt nach dem Gebet denke ich, daß alles gut werden muß – alles... Ich bin heute so wundervoll froh und fest. Ich machte mit Peter am Nachmittage nur einen kleinen Spaziergang. Ziel der Kursaal. Und während wir beide sehr geburtstäglich auf der Terrasse unsern türkischen Kaffee tranken, da sah ich eigentlich weder Wüste noch Oase vor mir – ich sah in mich hinein und gelobte mir feierlich, daß ich Peter immer lieb haben würde, wie ich ihn ja auch immer lieb gehabt hätte, und daß Herzenskämpfe wie gestern nur dazu da wären, daß man sie besteht. Und ich habe ihn ja auch lieb, ich habe ihn wirklich lieb! Sechsundzwanzig Jahre! Zweimal dreizehn macht sechsundzwanzig. Da sieht man mal wieder, daß die bösen Zahlen sich gegenseitig aufheben. Dreizehn ist böse, zweimal dreizehn am besten! Ich schreibe noch schnell diese Zeilen, weil ich mich gleich zu dem Bloomeschen Souper umziehen muß. Denn wenn mir etwas passierte, und Peter läse von seiner schlechten Frau nur das Häßliche und nicht von der guten hinterher auch das Hübsche ... Es wird mir natürlich nichts passieren! Aber sechsundzwanzig durch zwei macht dreizehn! Und wenn Gott den Schaden besieht, könnte der Teufel mein ganzes schönes Exempel von vorhin auch umdrehen, wie ich's jetzt tue, und diktierte mir an meinem Geburtstag nur das doppelte Unglück zu. Wenn andre an Ahnungen leiden, ich leide nicht daran. Dieses Souper findet nun doch in unserm Hotel statt, und zwar in dem kleinen Zimmer neben dem Speisesaal. Als mein Mann und ich militärisch pünktlich herunterkamen, ich in Crêpe-de-Chine mattweiß ohne jeden Schmuck, wie ich's jetzt am liebsten mag, Peter in Zivil-Gala, zum Scherz das Band des »Mecklenburgers« im Knopfloch, stand wieder der hohe, düstere Araber im Flur. Er grüßte leicht, eigentlich nur mit den Augen. Hier im Abendlichte erkannte ich ihn sofort wieder. Es muß derselbe Araber sein, der mich den ersten Abend mit seinem weißen Burnus und seinen gleißenden Augen fast erschreckte. Wir mußten durch das Table d'hote-Zimmer gehen, wo sich die andern Herrschaften gerade versammelten. Viel erstaunte Blicke, ein einziger bewundernder, der letztere vom Rittmeister Meyer. In dem kleinen Zimmer vorläufig nur Bloome, etwas feierlich, etwas aufgeregt, der bon camarade , an dem alles echt ist, vor allem, der Leichtsinn. Reizend mit Blumen arrangierte Tafel, nur ein wenig zu viel von den gelben, feinen, duftenden Mimosen. Vor jedem Kuvert eine Rose, eine dunkelrote knospende, als wenn's alles heiße Herzen wären, die sich hier in der Wüste ein Rendezvous geben sollten. Ich sah Peter an und tippte auf die zwei blassen, taufrischen Rosenknospen auf meiner Schulter, sie sind auch sein Geburtstagsgeschenk. Er verstand und machte einen galanten Versuch, diese Knospen zu küssen. Ich wich aus. Bräutigamszärtlichkeiten vor dritten wirken leicht komisch. Aber ich hielt ihm gleich darauf wie reuig die Lippen hin, die er auch herzlich küßte. Bloome schloß schämig die Augen und markierte, die Hände als Flügel auf dem Rücken, einen bildhäßlichen Amor. »Geburtstag, lieber Graf! Sie dürfen gratulieren.« Und ich reichte ihm die Hand zum Kuß herüber. Er gratulierte mir aufrichtig und pries das Glück, das er in keiner Beziehung im Spiel, in irgendeiner Beziehung bei Frauen aber stets hätte. Wahrscheinlich würde er durch weitere Spöttereien noch allerhöchsten Unwillen erregt haben, wenn nicht im Table d'hote-Zimmer plötzlich ein freudiges Stuhlrücken entstanden wäre. Der gute Graf warf sich in Positur: »Achtung! sie kommen.« – Die zu erwartenden Herrschaften mußten aber mit den Afrikanern drin beinah ebenso eng liiert sein, denn ich hörte verschiedene Male: »Nein, das ist ja famos, daß man Sie mal wiedersieht!« – »Aber nun bleiben Sie wenigstens ein paar Wochen.« Wir sahen schräg im Spiegel verschiedene Schatten herumtanzen, zwei außerdem abseits stehen. Die freudige Table d'hote-Erregung galt also nur einer Person. »Na, nu laßt ihn aber endlich los!« knurrte Bloome. Darauf wie als Antwort aus dem Saal: »Pardon, ich komme später, noch einmal. Vorläufig muß ich da hinein.« – Die Stimme kenne ich. Die hohen Herrschaften treten ein. Mir entfällt nicht etwa die Feder. Es sind – Graf und Gräfin Quedenberg und Herr Rin. Wir waren allerdings sämtlich nicht wenig verwundert, jeder ahnungslos, der Gastgeber am meisten. Jedenfalls war es eine gelungene Ueberraschung. Ob sie allen gefiel, weiß ich nicht. Als die Anstandsbegrüßungen und die Freundschaftsküsse vorüber, sagte Bloome, der immer 'nen dummen Schnack machen muß, so echt berlinisch: »Na, Jrafen und Jräfinnen wären wir ja jrade jenug! – Herr Rin, bitte an den rechten Flügel. Lasowitz ins zweite Jlied! Sie sind ja man bloß Freiherr.« Peter sah sich den kleinen Mann innerlich etwas achselzuckend an. Mir schien's nur provozierend dem einzigen Bürgerlichen gegenüber. Das Souper war exquisit, brillant serviert, brillant gegessen; die Riesenimporten zum Nachtisch eine Anstandspille für Lasowitzens. Ich rauche ja nie, aber Jeanette paffte eine Zigarette, die Herr Rin aus seiner eignen Tuladose wickelte. Die Tuladose kenne ich noch, auch die eigentümliche Handbewegung, – er wickelte immer nur mit einer Hand... Wir saßen auch eigentümlich arrangiert. Auf der einen Seite der Tafel: Gräfin Quedenberg, flankiert von Herrn Rin und Peter; ihr gegenüber meine Wenigkeit, zwischen Bloome und Quedenberg. Wir hätten uns gegenseitig über und über zu erzählen gehabt, jedoch ich kann nicht behaupten, daß ich mich besonders unterhalten hätte. Bis zum Gazellenrücken und zum Sekt nur Floskeln, lauwarme Floskeln, so sehr sich auch der gute Gastgeber mühte. Das liegt nur an uns beiden Frauen, die wir uns in der Zwischenzeit entweder so fremd geworden sind, oder so viel andres erlebt haben, daß der Vorname, mit dem wir uns anreden, wie eine Reminiszenz aus der allerfrühesten Kindheit klingt. Jeanette hat sich nicht eine Spur verändert. So blasse Blondinen sind nie jung und werden nie alt: Aber dies scharfe hartglänzende Blauauge sehe ich mit Bewußtsein heut zum ersten Male. – Ich kann mich äußerlich auch nur wenig geändert haben, bis auf das Auge, das früher zu wissen wähnte und heut natürlich weiß. Jeanette ist zweiunddreißig, ich bin sechsundzwanzig Jahre, – wir sind beide Frauen. Als die erste Mumm diskret knallte, hob sich denn auch die Stimmung. Quedenberg und mein Mann, die von ihren beiderseitigen Damen etwas kaltgestellt waren, rächten sich durch eine Jagdunterhaltung. Demnach sind Quedenbergs schon Monate in Algier, haben das Tell und die Kabylie durchstreift, immer mit Herrn Rin, der diese Gegenden ja wohl kennen muß. Sie waren jetzt im Begriff, von El-Kantara aus tiefer in die Wüste vorzudringen, als sie ein Telegramm Bloomes erreichte. Es galt nur unserm Souper. Und da Graf Bloome und Herr Rin dicke Freunde sind, wechselte man den Plan und will später von hier aus die letzten französischen Oasen erreichen. Wir wären uns also wahrscheinlich nie mehr im Leben begegnet, wenn nicht Bloome und seine törichte Wette gewesen wären. Peter möchte offenbar sehr gern mitreisen, und wenn noch irgendeine Wolke über der Expedition liegen sollte, so ist es höchstens die gräflich Quedenbergsche Befürchtung, daß unter dem Zeltleben die Nageltoilette leiden könnte. Ob sonst alle von der Partie sein werden, weiß ich nicht. Ich werde sie auf keinen Fall mitmachen! Bloome tat ich übrigens vorhin unrecht. Er unterhielt mich sehr humoristisch von ihrer letzten großen Sahara-Durchquerung: er und Herr Rin, die einzigen Europäer, und da zwei volle Jahre kampiert, immer zwischen »Abgestochen- und Gebranntwerden«, wie er sich ausdrückte. »Ich meine nämlich, wenn uns die Tuaregs oder die Tubus niedergesäbelt hätten, wozu sie zuweilen die größte Lust hatten, so hätte die Wüstensonne die Bratangelegenheit sehr rasch erledigt ... Darauf werden Sie mir antworten: ›Aber Sie hatten ja Rin‹ Ja, den hatten wir Gott sei Dank! ... Aber der hat wieder kein Glück. Es war wie verhext! Eine Riesenenergie, ein Elan, der nie versagt, und zum Schluß klappt doch irgend etwas nicht. Pas de chance, Pas de chance , gnädige Frau! Zu viel Glück bei den Damen, obgleich er sich daraus wenig macht.« Es ist komisch, daß Afrikareisende so leicht abergläubisch sind, ich höre jetzt zum zweiten Male von einem, der alles hat, nur kein Glück. Daraufhin habe ich mir Herrn Rin noch einmal genau angesehen. So sonnenverbrannt und so sehnig war er wohl auch damals, und den Kopf würde ich überall wiedererkennen, so großgeformt ist die Stirn und so hart das Kinn. Aber die Augen hat er in der Wüste gelassen, seine warmen, grauen Augen. Heute ist's so ein kühles, ruhiges Auge, das sich immer nur halb öffnet und dem offenbar nichts mehr unerwartet kommt ... Lächerlich, wir alle drei vom Garda sind dieselben geblieben, nur die Augen haben sich geändert, wahrscheinlich auch die Art des Sehens ... Herr Rin hat mich noch nicht ein einziges Mal voll angesehen. Es mag ihm peinlich sein, und ich versteh's! Mein Blick sucht ihn auch nicht freiwillig. Es ist eine törichte Gene. Denn nicht ein einziger hier kann wissen, was einmal war, wie tief ein Mann gefühlt hat für eine Frau, und wie diese Frau nur unter Tränenströmen sich hat klarmachen können, daß sie nichts andres empfand, als ein leidenschaftliches Freundschaftsgefühl für den Mann... Liebe gute Mutter, wenn du nicht gewesen wärst damals, die nicht duldete, daß ich in mein Unglück lief! An welches Mannes Seite ich dann heute säße, das weiß ich, an welcher Frau Seite Peter, das weiß ich wahrhaftig nicht. Ich denke, wie's ist, so ist es gut. Für eine ganz oberflächliche Frau mag's ja ein Hochgenuß sein, ungewollt und unter einem andern Himmel den Mann wiederzusehen, dem sie die einzige Frau auf der ganzen Erde gewesen ist. Ich hab's mir wenigstens eingebildet, daß ich's war... O, das ist ein Zauber, ein Zauber, dem jede gern unterliegt, die darf. Ich durfte nicht, weil ich nicht konnte!... Vor dieser Begegnung hätte ich Angst haben sollen – und sie hat mir nur weh getan. Sind denn die Gestalten unsrer Erinnerung nur Traumgebilde, die der scharfe Hauch der Wirklichkeit sofort zerstört? Wenn ich jetzt so den Mann und die Frau mir gegenüber ansehe, die beide sich in Afrika nur gefunden haben, weil sie sich finden wollten, da krampft sich doch in mir etwas zusammen, und ich sage bitter: »Das also war die große Liebe, und so vergißt sie!« Ich habe nicht etwa hinübergehorcht, vielleicht weil ich aus den wenigen Brocken schon begreifen mußte, wie sehr mir Jeanette Quedenberg an Geist über ist. Auch habe ich nicht Steine geworfen – weder auf die Frau, obgleich der eine flüchtige Blick, den sie beim Anstoßen wechselten, die Frau ganz gewiß richtete. Ich grolle auch nicht dem Mann, der sich nicht schämt, mir seine Geliebte zu präsentieren... Vielleicht tue ich den beiden unrecht, und es handelt sich nur um eine jener rein geistigen Freundschaften, die ich nicht verstehe, weil ich dem Mann, der mir seinen Geist gab, wenigstens meinen Körper geben möchte dafür. Jedenfalls ernüchtert bin ich! Und ist's nicht zum Lachen: Auf dem Papier zitterte ich vor der großen Versuchung. – Da ist sie! Die größte, die allergrößte, – der Mann, – ich breche jetzt einen heiligen Schwur, weil er nicht mehr vonnöten, – der Mann, dessen Schatten mich nicht gelassen hat von der ersten Nacht meiner Ehe bis zu dem heutigen Tag, weil ich ihm bitter unrecht getan zu haben glaubte, ihm und mir ... Mutter, wie danke ich dir, daß du mich bewahrt hast! Aber ich will ja zusammenhängend erzählen: Also bei dem Toast auf die Damen gedachte Bloome meines Geburtstages, und so liebenswürdig schmeichelnd, als wäre ich innerlich und äußerlich das verführerischste Geschöpf. Es folgten die drei üblichen Hochs oder Hurras, welches letztere jetzt allein für vornehm gilt. Alle kamen natürlich zu mir besonders mit dem Sektglas, einen Glückwunsch wenigstens auf den Lippen. Selbst Jeanette Quedenberg zwang sich zu einem Judaskuß: »Ihnen, liebe Josefa, kann man zu jedem Geburtstag gratulieren. Ihr Angerns werdet nur schöner mit den Jahren!« Hohn war's nicht. Das sagt mir jeder Spiegel. – Nur Herr Rin verzichtete. Er verbeugte sich tief, fast zu tief, und sprach kein Wort ... Ich werde wohl kaum daran sterben. Bei dem Kaffee und den Riesenimporten ergab sich, vom Dattelkognak unterstützt, die Dinerstimmung. Jeanette setzte sich zu mir und erzählte ... Ja, was erzählte sie mir eigentlich? Graf Quedenberg setzte sich zu mir und erzählte ... Ja, was erzählte er eigentlich? Doch ich erinnere mich. Er erzählte mir, daß Robert Rin ein famoser Kerl sei und ein Freund, und daß die interessanteste Ausbeute jener zweijährigen Wüstenexpedition eigentlich eine neue Tamariskenabart sei, von ihrem Entdecker nach seiner Frau benannt. Nun hätte ich ja Jeanette meinerseits gratulieren können. Ich tat's nicht, es war mir zu gewöhnlich. Und Bloome setzte sich zu mir und erzählte ... Er hat nicht zu viel, aber hat viel getrunken. Und da manche Herren nach Diners immer verliebt sind, konnte er sich gar nicht genug tun in allerdings harmlosen Elogen. Er eiferte gegen Peter, der ein unverantwortlicher Glückspilz sei, und das als Kadett, beim Regiment, am allermeisten aber bei seiner Frau bewiesen habe. Da gab ich ihm einen leichten Schlag mit dem Handschuh und drohte ernstlich, ihn ins Bett zu schicken. Später saßen wir noch mit den andern Afrikanern in der Galerie vor dem Speisesaal zusammen. Ich hörte berühmte Namen, sah alltägliche Gesichter. Herr Rin mitten unter ihnen, beinah gefeiert, aber eisig reserviert. Körperlich überragt er sie alle, auch seine Stirn herrschte. Was ich ihm lassen muß, lasse ich ihm. Als sich eine der wissenschaftlichen Afrika-Unterhaltungen entwickelte, die mich einschüchtern, weil ich sie nicht verstehe, da ruhte unausgesetzt ein Frauenauge auf einem Mann, so daß die junge Frau des Rittmeisters mich bescheiden fragte, ob die blaßblonde Dame in Hellgrau Foulard die Gräfin Rhyn sei. Ich antwortete ihr darauf, es gäbe weder einen Grafen, noch eine Gräfin Rhyn, der Herr, der eben spräche, hieße einfach Robert Rin. Sie entschuldigte sich verlegen wegen des Irrtums und nannte mich bei der Gelegenheit Frau Gräfin. Ich fühle beinah die Versuchung, dieses leidlich hübsche Gesellschaftsgänschen zu chaperonieren. Herr Rin ritt noch dieselbe Nacht nach El-Kantara zurück. Wir gingen alle mit vor die Hoteltür, wo der arabische Diener gelassen am Bug eines knochigen Maultiers lehnte: »So allein durch die Wüste?« sagte die junge Frau ängstlich und schmiegte sich an ihren Mann. Herr Rin drehte sich lachend um: »Die Wüste ist niemals schöner, als wenn man mutterseelenallein ist.« Er saß auf und grüßte, während das Maultier in einen schnellen Paßgang fiel. Drüben über dem gespenstisch starren Felsengürtel kroch ein bleicher, schmaler Mond. Es schimmerte alles fahl, tot, einen Augenblick war's mir, als ständen wir inmitten eines erloschenen Riesenvulkans. Ich schaute lange. Es war eisig kalt, und die andern traten fröstelnd in den Flur zurück. Mich hielt das Bild voll wundervoller Oede gefangen. Ich glaubte allein zu sein, aber als ich mich umwandte, stand im Türschatten Jeanette Quedenberg und horchte, wie in der dünnen Luft der klappernde Hufschlag allmählich verklang. Wir gingen aneinander vorüber, ohne ein Wort. Wir gaben Bloome und Quedenbergs noch ein großes Stück das Geleit bis zum Hotel Royal. Wir sind eben höfliche Leute, und ich bemühe mich besonders, es zu sein. Auf dem Nachhausewege sagte Peter: »Du, die Quedenberg macht's 'n bißchen toll!« »Wieso?« »Na, wer nicht zufällig blind geboren ist! Die Liebelei ist jedenfalls im besten Gange.« »Das kommt dir wohl nur so vor, Peter.« »Mir nicht und den andern auch nicht, und wenn Quebenberg seine Tischkarte mit den Riesenantilopenhörnern nicht begriffen hat, so kann Bloome jedenfalls nicht dafür, der sie extra ausgesucht hat. Uebrigens – der Rin ist doch'n vornehmer Kerl! Gefällt mir außerordentlich.« »Und ich glaube, Peter, daß er mit dir nicht zwei Worte gesprochen hat.« »Is ja auch nicht nötig! Außer mit deiner Jeanette hat er ja überhaupt nur das Allernötigste gesprochen. Ueberhaupt kolossal reservierter Mensch. Aber, was er sagt, hat alles Hand und Fuß, und da gibt's gar keine Debatte ... Wenn ich mir so dagegen den Poiaz, den Bloome, bedenke! Hast du gehört, sagt immer vorschriftsmäßig, ›Herr Rin‹, und der antwortet immer bloß kameradschaftlich ›lieber Bloome‹. Die acht Jahre älter bei Rin, die können's doch nicht machen.« »Und was hast du eigentlich gegen Bloome?« »Was hast du eigentlich für ihn?« »Hat er deine Anstandsprobe bestanden, Peter?« fragte ich darauf bloß noch kurz. »Ja, duzt sich mit Quedenberg. Und Quedenberg hält auf Exterieur bei Mensch wie bei Pferd.« Wir blieben darauf noch eine Stunde im Salon sitzen. Er rauchte Rins Zigaretten, die ihm Quedenberg als etwas Besonderes offeriert haben muß. Sie riechen stark, und der Tabak ist dunkel ... Mir war schließlich der Geruch unerträglich, und wir mußten das Fenster öffnen, so daß die wunderbare Wüstenluft hereinströmte. Gegen die Kühle trank darauf Peter einen Dattelkognak und noch einen Dattelkognak, und ich nippte auch einmal an seinem Glase. Aber als er die verliebten Augen bekam, ging ich. Er hat mich in solchen Momenten sicher rasend lieb. Doch in seiner Liebe klingt immer eine Saite an, die bei mir nicht widerklingt. Ich habe keine Sinne. Warum hat er sie? Während ich meine Nachttoilette machte, kam mir der ganze Tag noch einmal zurück. Ich komme mir so deplaciert vor nach diesem Wiedersehen, fast erniedrigt. Und den Mann hätte ich beinah einmal geliebt! Vor einem Jahr, was sage ich, vor vierundzwanzig Stunden noch, hätte ich gezittert vor diesem Wiedersehen, jetzt fühle ich mich nur unsagbar ernüchtert. Meinetwegen mag er wiederkommen, so oft er will! Jedoch ich fühle mich nicht freier, nur leerer nach dieser Erfahrung. Also Jeanette Quedenberg ist endlich die richtige! Dem alten Schwätzer in Monte Carlo habe ich doch bitter unrecht getan. Ich wünsche den beiden Liebenden von Herzen Glück. Heute habe ich Peter eine interessante Mitteilung machen können, er jedenfalls war einfach paff: Herr Rin heißt nämlich in Wahrheit: Robert Graf zu Rhyn! Bloome hat's mir verraten und gleich dazu, daß diese uralte und vornehme Gräflichkeit dem Träger vollkommen gleichgültig ist. Ich wollte es anfangs nicht glauben, aber die berühmten Afrikaner bestätigten es mir sämtlich. Und jetzt weiß ich auch, warum mir der Name Bloome sofort unsympathisch war. Er erinnerte mich an meine Gardazeit, und speziell an die Toscolaner Schlucht. Ich empfand es fast wie einen Nadelstich, als mir dieser gute Bloome sehr lebhaft erklärte: »Ich habe doch schon vor sechs Jahren in Windhuk eine Woche lang Tag und Nacht mit ihm durchgekneipt, wo er mir seine Familiengeschichte haarklein auseinandergeklaubt hat: der Vater Düsseldorfer Ulan, die Mutter Genfer Patrizierin. Der Schlußrefrain: ›Auf meinen Grafen pfeife ich.‹ Warum, weiß ich nicht. Aber Rhyn gehört zu den Leuten, die sich in eine Idee festbeißen und sie nicht lassen bis zum Tod.« Es wurde mir unbedingtes Stillschweigen auferlegt, weil der große Reisende auch ein großer Sonderling sei. Erst kam ich mir ganz dumm vor, als ich die Geschichte hörte, und dann fand ich sie eigentlich natürlich. Er hatte immer ein Recht, anders zu sein als andre ... Ich habe mich darauf auch gefragt, ob nicht alles ganz anders geworden wäre, wenn mir damals auf Sirmione nicht Herr Rin, sondern Graf Rhyn gegenüberstand. Und ich habe mir gleich antworten können: Nein. Denn damals wenigstens gehörte er für mich zu den Menschen, die den ›Grafen‹ nicht nötig haben. Heute ist mir das eine wie das andre absolut gleichgültig. Mir ist ein Alp von meiner Seele genommen worden an meinem Geburtstage, und manchmal wünsche ich, ich keuchte noch unter dem Alp. Es gibt eben unverbesserliche Gefangene. Elftes Kapitel Es ist nicht etwa wegen der Skorpione, die, wie ich mich überzeugt habe, vornehmen Saharahotels ihre Aufwartung nur in fest zugebundenen Einmachegläsern zu machen pflegen, und es ist dann allerdings recht pläsierlich, die lieben Tierchen in diesem Verließ gelbgrün vor stiller Wut den Stachel heben und senken zu sehen; der eine Bursche zielte direkt nach meiner Pfote und traf natürlich nur das Glas. Es ist vielmehr, weil ich das Souterrain nun genügend studiert habe. Also ich kehre in die hohen Regionen zurück, in die ich durch Geburt und Bildung gehöre. Erst die Welt von unten, dann die Welt von oben! Da der Berg nicht zum Propheten spazierte, spazierte der Prophet zum Berge, und wir sind ja fast im Lande des Propheten. Ich hatte diese Tage die Freude, einen lieben Freund wiederzusehen. Diese im schönsten Sinne historische Begegnung fand in dem gemütlichen Bogengang vor dem Speisesaal statt, den ich teils der Diners, teils der Afrikaner wegen zu frequentieren liebe. Ich habe nun einmal den Zug für das Große, Unbekannte, – zum Beispiel die Gazellenlapatte neulich mundete vortrefflich. Graf Rhyn befand sich, wie ihm zukommt, gerade im Kreise der berühmten Reisenden, und wir erkannten uns sofort. Wenn ich auch nur graziösgemessen in seine sehnsüchtig ausgebreiteten Freundesarme eilte, so war doch im Augenblick mein ganzes Herz bei dem großen Forscher, den der Jüngling damals töricht belächeln durfte, den der Mann heute aber herzlich verehrt. Lieber Rhyn, ich biete Ihnen die Pfote zum Gruß: »Ich bin kein Dutzendkater, und Sie sind kein Dutzendmensch. Ich weiß, was Sie hierher führt, lieber Freund, und ich werde Ihnen behilflich sein bei dem Gewünschten.« Dies internationale Wiedersehen erweckte natürlich einen begeisterten Widerhall in aller Herzen. Gerade die berühmtesten Afrikaner befühlten und betasteten mich in dem begreiflichen Hochgefühle, die reinste Vergeistigung des Katertums leibhaftig vor sich zu sehen. Mein Freund hatte die Herren darauf vorbereitet, indem er bei der Vorstellung sagte: »Entweder ist dies mein Carlo, oder wenigstens sein Geist, denn solchen Ueberkater gibt's nicht zweimal.« Ich nickte leutselig nach allen Seiten. Nicht einbegriffen dabei waren zwei Gäste, die sich süßsauer lächelnd über die Tatsache hinwegtäuschten, daß ein wahnsinniger Kater jetzt unter den großen Entdeckern glänzt. Graf und Gräfin Quedenberg, deren Adel mir noch keineswegs feststeht, konnten sich einiger hämischen Bemerkungen natürlich nicht enthalten. Für mich existieren angemaßte Grafenkronen nicht, aber eine einzige, verdächtige Fußbewegung hätte genügt, um diesen Idioten zu einem toten Mann zu machen. Ich fackle nicht mehr, und Graf Rhyn fackelt hoffentlich auch nicht mehr. Ach, wie herzerquickend doch diese Nasenschmarre aufleuchtete! Da große Afrikaner leider auch kleine Neuigkeitsjäger sind, so war der Mann mit dem unvermeidlichen Tropenhelm sofort in der Lage zu berichten, daß, ich im Souterrain und bei meiner Zofe logiere. »Mein Lieber, Sie scheinen etwas zu lange in Afrika gelebt zu haben. Von dem letzten Bourbon und seinem hübschen Kammerkätzchen zugleich zu sprechen, das gehört an keinen Kneiptisch. Unsterbliche steigen zu den Sterblichen hinab, aber sie bleiben Unsterbliche.« Als später der Name Lasowitz fiel, bemerkte die in mehr als einer Beziehung zweifelhafte Gräfin: »Da erkenne ich meine extravagante Josefa wieder! Wenn dieser Kater denn durchaus nach Afrika mit mußte, so hätte er die Reise viel praktischer als Vorlegeteppich machen können.« Es folgte darauf ein ganz ordinäres Banditengelächter, das der eben hinzutretende Lasowitz verstärkte. Nur mein Freund Rhyn sagte vornehm gelassen wie immer: »Ein lebendes Tier ist mir unter allen Umständen interessanter als ein totes. Sie lieben eben keine Tiere, Gräfin. Aber dafür können Sie nichts.« Und dieses Weib, das seinen Mann schon damals brutalisierte, gab sofort klein bei. »Ja, Sie haben recht, Graf. Aber denken Sie an den riesigen Baumkater, den Sie selbst geschossen und ausgestopft haben!« Er antwortete mir mit unverständlicher Objektivität: »Ja, da haben Sie wieder recht, Gräfin.« Aber gleich darauf ging er, wie diese Quedenberg glaubt, pikiert, weil sie ihn Graf genannt hatte, was er noch immer nicht liebt, wie ich glaube, aufs tiefste empört, weil er diese kaum wiederzugebenden Blasphemien über mich hatte anhören müssen. Als mein Freund ging, ging ich auch. Der Idiot sieht aus, als wenn er selbst den Gottesfrieden des Hotels brechen könnte – und sie bricht ihn schon ganz gewiß, wenn's ihr paßt! Aber vielleicht Nähtischteppich, und unter den Füßen dieses mißratenen Geschöpfs? Nimmermehr! Jedes Haar sträubt sich bei dem Gedanken. Da ziehe ich es denn doch vor, die lebendige Sofazierde einer wohlanständigen Dame zu sein. Ich ging also direkt zu meiner großherzigen Josefa. Als ich die breite Steintreppe furchtlos und treu emporstieg, konnte ich durch die geöffnete Küchentür noch gerade die appetitliche Mütze des Kochs und die klätschigen Häubchen von zwei Jungfern erblicken. Es war die Lasowitzsche, die sich mit der Quedenbergschen unterhielt; ich erkannte die letztere lasterhafte Kreatur sofort, die wahrscheinlich ebenso wie ihre Herrin an Gemeinheit noch zugenommen hat. Und kaum hatte sie mich erblickt, da kreischte sie auch schon los: »Das ist ja der Kater mit der Tollwut!« Gewöhnliche Leute, zu denen Zofen nun einmal gehören, sind dumm, wankelmütig, abergläubisch, und schon meine Nachmittagsmilch kann vergiftet sein. Anna, die immer heimlich ist und noch neulich meiner engelsguten Josefa eine Spitze entwendete, wird sich mit dieser kreischenden Gemeinheit nur zu bald verständigen. Es gibt keine schlimmeren Verbündeten als Heimlichkeit und Gemeinheit. Ich ruhte darum auch nicht eher, bis ich vor dem Schlafzimmer meiner teuern Freundin stand. Ich miaute sanft. Mir wurde zögernd aufgetan, zögernder jedenfalls, als es so hohes Vertrauen verdient. Ich hätte mich verletzt fühlen können, ich durfte es nicht! Mit kleinen Empfindlichkeiten rettet man' keine großen Seelen. Denn in dem Augenblicke, als ich meine teure Freundin vor mir sah in vollkommener Straßentoilette, und trotzdem in einem unaufgeräumten Schlafzimmer, da sagte ich mir: »Carlo, diese Frau flieht den gemeinsamen Salon und die bekannten Menschen, und flieht eigentlich nur sich selbst! Dahinter steckt...?« Trotz meines Genies wußte ich in dem Augenblicke nicht, was dahinter steckte. Aber entschlossen, sofort und alles zu wissen, sprang ich mit einem einzigen lautlosen Satze macchiavellistischer Diplomatenmoral auf das kleine Reisepult, zu dem sie gleichgültig nach einem gleichgültigen Empfange zurückgekehrt war. Es war ihr Tagebuch, das sie durchblätterte, und sie kämpfte offenbar mit einer starken Regung, mich sogleich den Segnungen des Souterrains wieder zuzuführen. Aber ich saß so jungfräulich sittsam und machte dazu so treue Hundeaugen, daß sie nur achselzuckend in ihrer Lektüre fortfuhr. Sie ist eine Frau, und Frauen verraten in schwachen Stunden alles, ausgenommen ihre Toiletten und ihre Tagebuchgeheimnisse. Sie wünschte offenbar keinen Mitwisser! Aber es bedurfte nur winziger, blinzelnd erhaschter Bruchstücke für mich, um sonnenklar zu sehen, daß sich hier eine Komödie oder Tragödie vorbereitete, und daß ich allein fähig, die notwendige Intrige zu schürzen. Die Dame sitzt scheinbar sehr apathisch da, einen hochmütig gelangweilten Zug um die Mundwinkel, sie ist im Begriff, sich und die ganze Welt zu verachten. Ich bekam auch einige Verachtungsblicke mit ab, so eisige, daß ich inmitten der Wüste mich nach einer deutschen Ofenbank sehnte. Einmal schob sie mich sogar mit dem Arm beiseite, als sei ich ein schmutziger Verräter. Aber ich kenne die Frauen und weiß, daß sie Komödiantinnen sind, auch vor sich selbst. Darum verwunderte es mich gar nicht, als sie nach einer Weile anfing, mich wie geistesabwesend zu streicheln; die Liebkosung steigerte sich, wurde immer leidenschaftlicher, immer bewußter, bis ich zuletzt einen heißen Kuß zwischen meinen göttlichen Ohren spürte. Ich denke darauf nicht etwa wie früher: »Carlo, was sind doch alle Weiber in dich vernarrt!« Ich konstatierte nur lächelnd die Tatsache, daß eine Frau liebt, und daß der Geliebte nicht ihr Mann ist. Daran kann mich auch nicht irre machen, daß ich wieder fast heftig weggeschoben wurde, ja, daß sogar die Worte fielen: »Ach, ich mag dich auch nicht, Tier; ich mag euch alle nicht.« Im Gegenteil, von diesem Moment an war es einfach Pflicht, mich auf dem Chaiselonguekissen zu installieren, den Gatten, die Zofe zu beobachten, und schnurrend jenen Intrigenfaden weiterzuspinnen, der einst von einem verliebten Mann eingefädelt und jetzt erst von einer verliebten Frau aufgenommen werden wird. »Verleugnen Sie Ihr Geschlecht nicht, teure Frau, das dem unsern so nahe verwandt ist! In jeder verliebten Frau steckt eine Katze sowohl in bezug auf den Instinkt als auf die Moral. – Wer sich schüchtern umsieht, wird selbst auf den erlaubtesten Wegen häßlich beargwöhnt; wer sie dreist wandelt, wird auch auf den verbotensten ehrfurchtsvoll begrüßt. Jedenfalls: niemals die Sünden bereuen, bevor man sie begangen hat, und niemals sie beichten, bevor man der Absolution sicher ist!« ... Ich finde das seidene Chaiselonguekissen so angenehm gegenüber der baumwollenen Bettdecke der Zofe, und die Stille der Beletage so standesgemäß gegenüber dem Lärm des Souterrains, daß ich der innerlich hochbeglückten Josefa durch knisterndes Streifen am Jupon zu verstehen gab, daß ich bis auf weiteres Schicksal und Sofa mit ihr zu teilen großherzig bereit sei ... Sie verstand sich nur zögernd dazu, das heißt, sie verschleiert ihre Gefühle bereits recht geschickt. Und bei meiner Katerehre schwöre ich es, sie soll den Mann haben, den sie liebt, selbst wenn sie nicht wollte! ... Das ist wahre Freundschaft, reine Herzensgüte. Ueberhaupt mein ganzes Olympiergefühl empört sich, Menschen, die so komfortabel logieren, inmitten ihres Luxus allein, doppelt allein zu lassen, wie ich ja auch selbstlos dem kranken Reichen sein Diner lieber verschöne – der mich außerdem dafür streichelt; als die kalten Kartoffeln dem gesunden Armen wegzustehlen – der mich dafür noch schlägt. Wer beim Hoftraiteur einbricht, schädigt nicht die Volksküche ... Im übrigen hat die hohe Wertschätzung, die mein Freund Rhyn hier überall genießt, mich belehrt, daß Männer Farbe bekennen müssen auf jeden Fall. Der Mantel mag meinetwegen im Winde wehen, der Träger wenigstens muß fest stehen. Männer, aber nicht Leutnants beherrschen die Situation. Ueberhaupt Mann sein, man selbst! – Ich hoffe sicher, daß mein Freund Rhyn es nie gestatten wird, daß der Idiot mit einem Schießgewehr spielt, solange ich in der Nähe bin, wie Josefa lieber zulassen dürfte, daß das Gift, das die Quedenberg für mich mischt, in ihrem Suppenteller Platz findet, als in meiner Milchschüssel. Die beiden Leute sind mir ja schon von früher so viel Dank schuldig! Ich habe jetzt so viel weiße Gedanken zutage gefördert, daß auch einige schwarze vonnöten sind. Es wäre mir zum Beispiel eine Herzensfreude, wenn dieser sporenklirrende Lasowitz übers Jahr solche Hörner besäße, daß er in sein eignes Haus nicht mehr hineinkönnte ... Und wenn ein gewisses ehrvergessenes Weib aus Verzweiflung darüber Gift nimmt – mir auch recht. Der Idiot hat dann einfach die Verpflichtung, sich totzuschießen .... Und wenn ich nun mit eignen Augen sehe, wie die liebe Josefa und der liebe Rhyn das heimliche Glück gefunden haben, das ich ihnen immer gegönnt und schon so lange prophezeit habe – welches Glück dann auch für mich! Es weht jetzt zuweilen so eine sehnsuchtsvoll weiche Luft – und eine köstlich törichte Zeit naht... Wenn ich mir vorstelle, wie ich den Annunziatenorden um den Hals als postillon d'amour für andre und später nur für mich durch die Wüste rasen und bei der Gelegenheit diesen verblendeten Korankatern das Evangelium der wahren Liebe mit Flammenschrift über den Nasen einbrennen werde, so wird die Kulturmission der Bourbons, die im christlichen Europa beendigt zu sein scheint, sich im mohammedanischen Afrika glänzend erneuen. Carlo von Bourbon hat nicht umsonst in Italien Macchiavelli und in Deutschland Carlyle studiert – die unfehlbarste Staatsweisheit in die unfehlbarste Persönlichkeit gegossen ... Es bereiten sich große Dinge vor. Ich habe sie ja gleich erkannt, die afrikanische Sonne! Den Tag über in Josefas Zimmer – wundervoll. Aber gegen Abend beginnt der Körper auf einmal die Hitze wieder auszustrahlen. Ich muß hinaus! – Sie ist wie ein Verhängnis, diese afrikanische Sonne. – Darum jedoch keine Angst: Carlo begeht keine Jugendtorheiten mehr ... Wenn ihn noch einmal die Liebe überkommen sollte, so müßte es ein Gefühl sein so tief und groß, daß es auch den Mann bezwingt. Es wird ein heiliges Gefühl sein! Schon jetzt jeden Abend um die bestimmte Stunde erscheint der Mahner: ›Carlo steh auf – suche – finde! Unter Zauberpalmen, in einem Zaubergarten ist eine Wunderblume erblüht, die nur für dich duftet und leuchtet, die Blume von Morgenland, die der Prinz von Abendland allein brechen darf... Carlo, in deinen erlauchten Eltern einten sich Frankreich und Italien – dir aber ist das Größere beschieden: Du wirst Orient und Okzident vermählen! ... ‹O, ich kenne dieses Mahnen, das bald wie ferner Sirenengesang die Nerven streichelt, bald zärtlich wispernd die Ohren kitzelt, bald wie mit glühenden Zangen die Schnurrhaare zwickt. Gegen dieses letzte Stadium hilft keine Vernunft. Ich warte ruhig ab. Die Verirrungen des Kindes, die Don Juan-Passionen des Manns – vorüber! Meine Gefühle jetzt werden den Tiefen der Seele entquellen, und mit dem letzten Liebesseufzer muß auch der letzte Atemzug verhaucht sein. – Prinzen haben immer vielmal geliebt, bis sie einmal lieben... Zurzeit durchwandle ich Nacht für Nacht die Oase. Josefa, Carlo wacht für dich! Als kluger Feldherr rekognosziert er das Terrain, wo nach allem Ermessen die Schlacht geschlagen wird. Zuweilen, teure Freundin, möchte ich Sie mitnehmen zu dieser nächtlichen Exkursion ... Wie lehrreich, von Dach zu Dach vorsichtig steigend erst das europäische Viertel zu durchwandeln mit der Ruhe, der Reinlichkeit, den regelmäßigen kleinen Häuserkarrees, hinter grünen Läden die Tugend in wohlverdientem Schlummer – höchstens ein Hausknecht, der gähnend im Türbogen steht oder ein Turko ohne Urlaub mit einer algerischen Sulamith im Dunkeln flüsternd. Auch in Afrika streicht die Liebe über den Zapfen... Darauf beim Café de Paris die Grenze zwischen Orient und Okzident: gemeine Getränke, noch gemeinere Lieder, die ausgepfiffenen Sängerinnen der Matrosenkneipen von Marseille, erst auf der Estrade im Kostüm, dann unten bei dem Publikum mit dem Teller. Selbst der Turkosergeant schuppt sich, wenn ihn diese seidenen Kleider streifen. Aber in der Ecke mit aufgestemmten Armen hockend zwei Negermestizen und ein würdiger Kabylenscheich, der von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelt. Hier werden die Eingeborenen verdorben und die Zugewanderten nicht gebessert. Als ich in einem hohen Baume versteckt auf dieses kleine schmutzige Tingeltangel schaute, fragte ich mich vergeblich, warum Biskra das Paradies der Sahara genannt wird ... Es ist nach diesen Einblicken nicht verwunderlich, wenn ich mit äußerster Vorsicht zu den Ouled-naël hinüberschleiche. Eine enge, stickige Gasse mit heißem Fettqualm und arabischen Volksküchendüften. In einer Höllenküche kann es nicht unappetitlicher schmoren als in den letzteren. Die Häuser klein, seltsam bunt bemalt, mit maurischen Erkern, holzvergitterten Harembalkons. Zwischen diesen Häusern wallt es auf und ab von Arabern, Soldaten, Touristen – es muß entschieden die interessanteste Gegend von Bistra sein. Ouled-naës wohnen da, die arabischen Schönen, denen die Lebewelt von Paris sinnbetört in jedem arabischen Frühling zureisen soll. Die Lebewelt von Paris bemerkte ich nicht, und die Ouleds sind wahrhaftig nicht spröde! Von ihrer Schönheit weiß ich nur, daß sie schwarzbraun sind und breite Gesichter haben, von ihrer Moral nur, daß sie gern kostbare Zieraten um Hand und Fuß tragen und darum die schönen, verlangenden Augen nicht verschleiern. Jedenfalls, was ich auf einer sehr beschwerlichen Dachwanderung durch Jalousieritzen und Rouleaulücher erraten konnte, war derart, daß wohl jede dieser holdlächelnden Houris dreist sich rühmen kann, die europäischen Goldsorten aufs beste zu unterscheiden, daß aber sonst diese dunkeln Wilden keineswegs besser sind als die weißübertünchten Europäer. Es kroch aus allen Fensterritzen ein schweres Haremsparfüm – ich hatte bei jedem Schornsteinschatten die unheimliche Empfindung, ein dicker Tugendwächter könnte plötzlich mit seinen heimtückischen Pfoten nach mir langen... Ich kalkuliere, es ist ein Stück Orient, das ein Quedenberg ohne seine Frau und ein Lasowitz selbst mit seiner Frau besuchen wird – Interesse hat es für beide Herren. Ich möchte auch behaupten, dort den hellen Paletot des Grafen Bloome auf der Straße gesehen und gleich darauf seine Stimme hinter einem Balkongitter gehört zu haben. Es war nach seinem Souper, er hatte kurz vorher der Gräfin (?) die Hand geküßt und war todmüde in sein – Hotelzimmer gegangen. Also muß entweder der Herr Graf sich in seinem Hotelzimmer oder ich mich in der Straße der Ouleb-naëls getäuscht haben. Von einer Fata Morgana bei Nacht hörte ich noch nichts. Später saß ich noch eine ganze Weile auf einer Gartenmauer, den Blick auf den düstern Palmenwald und die dürre Wüste... Wenn Carlo der Mann lieben sollte, so würde seine Liebe uferlos sein wie dies Meer! Carlo dem Jüngling deuchte die Azurschale des Garda schon zu groß. In Afrika dehnt sich eben alles ins Unermeßliche.– Die Ouleb-naël-Gasse, deren Lärm unter mir toste, deren Qualm aber zu mir emporstieg, ekelte mich an. Ich fühlte eine tiefe Sehnsucht nach der reinen Luft der Oase, den ernst rauschenden Palmen ... Menschen wandeln nicht ungestraft unter Palmen, wohl aber Kater! – Meine teure Josefa, der Palmenwald hatte Sie enttäuscht bei Tage? Der menschliche Tag ist überhaupt nur eine einzige große Enttäuschung. Man verbringt ihm am vernünftigsten in der Sonne und mit geschlossenen Augen ... Aber kommen Sie einmal mit mir um die mitternächtige Stunde zu den Palmen! Der Mond im Zenit, die Natur im Negligé. Wie poetisch wandelt sich's auf den gespenstisch fahlen Lehmmauern. Das Wasser schleicht unten die Straße lang. Die ganze Oase gleicht einer wunderbaren Ruine. – Die Blätterschatten liegen unbeweglich, der Mond kriecht gleißnerisch vom Stamm bis zu den Wipfeln, der Erdboden im täuschenden Zwielicht. Und ich lautlos über all die Mauern hin, die bald sinken, bald steigen. Hier raschelt eine Maus, dort eilt ein Skorpion, in der Ferne schnuppert ein Hund. Jede Mauerbiegung, jede Nische kann eine Ueberraschung bringen. Zuweilen erhebt sich dicht vor mir eine weiße Gestalt, ein Oasenwächter starrt mich an, ich starre wieder – dann kauert er sich von neuem lautlos unter der Palme zusammen. Zuweilen huscht auch eine Turkokatze, scheu und ungesellig, eine echte Barbarin – bald darauf kreischt's, flattert's, ein melodisches Gegurgel. Daß diese Wüstenkatzen doch keine Ahnung von arabischer Gastfreundschaft haben und ihre Vögel grundsätzlich allein dinieren! Später sah ich den glücklichen Jäger auf der Mauer hocken, die Schnurrhaare noch voll warmer, duftender Federn... Da beginne ich natürlich auch nach den schattigen Palmenkronen zu schielen, und wenn's im Holze knarrt, zaubert meine Phantasie sich gleich den sagenhaften Vogel Bül-Bül vor, dessen Wunderstimme ich im Augenblick weniger hochschätzen würde als seinen Hals. Aus Wißbegier fing ich eine Oasenmaus. Dieselbe unbegreifliche Abneigung gegen Greifchenspiel bei diesen Tieren – derselbe fade Geschmack wie in Europa! Wenn auch solche Oase kein gepflegter Jagdpark ist, so dürfte sie doch ein reizender Liebesgarten sein. Und wenn der Nachtwind durch die Palmen zieht, zieht es auch ahnungsvoll durch mein Gemüt. Ich ahne die große, einzige Liebe, von der nur die Menschen schreiben und die nach der Meinung aller Verständigen ausschließlich auf dem Monde ihren Unterstützungswohnsitz hat. Ich blinzle den Mond an. Eigentlich sieht er mir viel zu wehmütig aus. – Aber irgendwo muß es doch diese große, einzige Liebe geben – es muß! So hatte ich nun Nacht für Nacht die Oase durchstreift, ohne etwas andres gefunden zu haben als Katzen, Mäuse, Menschen, Skorpione – allerdings einmal zischte eine Schlange, die wahrscheinlich Fröschen nachstellt... Und die innere Stimme schweigt nicht! Da begegnete ich der Falbkatze. Sie saß auf der höchsten Mauerzinne diesseits der Straße, und jenseits bellte sich von derselben Mauerzinne ein einäugiger Oasenköter heiser. Sie aber saß unbeweglich und starrte auf die Wüste. Obgleich gläubiger Katholik nach Geburt und als Bourbon, aber überlegener Freigeist nach dem Herzen und als Staatsmann – konnte ich doch bei ihrem Anblick einen kleinen Gespensterschauer nicht unterdrücken. Das macht der Orient mit seinen Dschins, die als Spukgestalten aus jedem Wüstenbrunnen aufsteigen. Die Vernunft wird schwankend, denn wer weiß, ob die Ueberzeugung, die in Europa unbedingt richtig ist, in Afrika nicht unbedingt falsch ist. Es gibt zum Beispiel überzeugte Atheisten, die bei Gewitter grundsätzlich an eine Vorsehung glauben. Mit dem guten Prinzip kann man zeitlebens Schindluder spielen, aber das Böse wird sofort grob. Jedenfalls sah die fahle alte Dame im Mondlicht noch fahler aus. Norne, Hexe, Oasennymphe? – Selbst ihr Schatten hat in seiner fahlen Unbeweglichkeit was Unheimliches... Ich wollte ahnungslos abbiegen, aber das gelblich leuchtende Auge hatte mich bereits erspäht – und ich bin ein Mann, der den Gottseibeiuns nicht fürchtet. Auch lag in dem gelbgleißenden Blick etwas Dämonisches, das man schon aus Klugheit nicht reizt, denn diese alternde Circe könnte imstande sein, mich im Umsehen zur Oasenmaus zu verwandeln und gleich darauf mit Appetit zu verspeisen. Ich ging also als Ritter ohne Furcht und Tadel zu ihr: »Bon jour, ma princesse.« Sie antwortete darauf nur durch ein höhnisches Hüsteln. Erst einige Minuten später, als der heisere Hund zur Zisterne hinabgesprungen war, um sich durch einen Trunk zu stärken, fragte sie lauernd: »Nun, mein Prinz, wie gefällt Ihnen Afrika?« «Vorzüglich, namentlich die Frauen.« »Wie alle Frauen!« Darauf lächelte sie nur noch höhnischer: «Junger Mann?« «Prinzeß?« »Wenn Sie ein echter Bourbon sind, Prinz, so ist die Stunde gekommen... Dort drüben in der Wüste« ... und sie zeigte auf ein weißes Haus in der Sahara, das sehr tot und überhaupt wenig einladend aussah zu dieser Stunde, »sind die heißen Bäder und dort lebt einsam die schönste und edelste afrikanische Fürstentochter – meine Tochter... Die Gegend ist gefährlich, Prinz! Noch neulich fingen dort Menschen eine ausgewachsene Hyäne, an dem kleinen Salzsumpf lauert die Minutenschlange... Ich sage nichts weiter ... Aber wenn Ihr ein echter Bourbon seid, Prinz – « Darauf ging sie nach einer steifen Verbeugung. Ich sah ihr nach und fand eine verdächtige Ähnlichkeit mit einer alten Dame, die gern kuppelt. – Ich werde den Teufel tun und eine orientalische Sklavin ehelichen! Als ich auf einem Umweg über Alt-Biskra heimkehrte – es roch echt morgenländisch aus all den Lehmhäusern mit Fenstern ohne Fenster – aber die Wüste breitete sich wieder vor mir groß und stumm. »Wenn diese alte Dame am Ende... Man weiß ja nie ...« Und einen Augenblick hatte ich in den olympischen Beinen das Gefühl, als zöge es mich in jene Wüste hinaus, nach jenem weißen Hause, das ich nicht sehen kann... Eine afrikanische Fürstentochter! Die Liebe heißer, die Scheidung schneller... Im Osten schimmert's fahl. Eigentlich sehne ich mich nicht nach der Sonne. Als ich wie gesagt durch das Hausknechtspförtchen in das Hotel schlüpfte, schlief Josefa. Was haben's die Menschen doch gut! Eine ganze Nacht sorgte ich mich um ihre Zukunft – und sie schläft. Meine Frühstücksmilch war heute zum zweitenmal kalt. »Teure Freundin – wenn Sie es bleiben wollen – vergessen Sie nicht, daß Leistung Gegenleistung verlangt!... Ich habe in Ihrem Dienst einer afrikanischen Fürstentochter entsagt!« ... Habe ich das eigentlich? ... Nicht unbedingt, aber doch ... Nach dem Diner überreichte meine liebe, liebe Freundin mir dann einige Kakes, und ich habe beschlossen, nachdem ich so viel für sie getan habe, noch viel mehr für sie zu tun. Die Welt ist eben gut, solange es mir ausgezeichnet schmeckt und ebenso serviert wird; sie ist schlecht, sobald es mir miserabel schmeckt und ebenso serviert wird. Also Josefa, das nächste Mal die Milch nicht kalt, dafür aber die Kakesbüchse! Die Jagdexpedition ist nun endgültig beschlossen. Teilnehmer: Quedenberg, Bloome, Peter, Graf Rhyn. Die Waage schwankte lange. Außer dem Ehepaare und meinem Mann hatte eigentlich niemand rechte Lust. Graf Rhyn wollte durchaus nach El-Kantara zurück, Bloome wollte durchaus nicht mit. Und ich gönne Peter diesen Ausflug doch von Herzen, wie ich ihn mir auch von Herzen gönne. Ich möchte Wochen, auch länger hier allein sein, allein sein, so lange als möglich. Denn die Abspannung der Reise kommt nach. Ich kann als verheiratete Frau doch auch ruhig vierzehn Tage allein mit meiner Jungfer im Hotel logieren. Und daran scheiterte die Expedition beinahe, das heißt, mehr weil Bloome als Kavalier zurückbleiben wollte, was Peter mir direkt zum Vorwurf macht. Ach, ich will wirklich keinen Krieg mit meinem Manne! Und Bloome? – Es ist so unsagbar töricht! Was kann mir Bloome je bedeuten... Außerdem war Jeanette fest entschlossen, mit zu nomadisieren, mit zu jagen. Sie soll ihre Hasen und ihre Hühner mit Passion schießen jetzt. Sie freut sich so auf die Jagd, und ich gönne sie ihr ganz gewiß. Wenn sie ahnte, wie ich sie ihr gönne!. ..Aber es gibt einen stärkeren Willen: Graf Rhyn. Er will nicht, und sie bleibt. O, er muß eisig befehlen können, daß gerade die ihm blind gehorcht! Jetzt ist alles in Ordnung. Die zwei Frauen bleiben allein zurück. Die zwei Frauen, die sich so vortrefflich beschützen werden, weil sie sich so achten und so lieben. Ihr klugen Herren der Schöpfung! Ihr hättet allerdings nicht leicht zwei Frauen zusammenbringen können, von denen die eine mich so wenig liebt, und von denen die andre sie so wenig achtet. Wir werden ganz gewiß allein sein zu zweien! In acht Tagen geht's los. Die europäischen Herren der Expedition sind sehr aufgeregt, die afrikanischen sehr ruhig. »Du, da können wir auch ganz gut von Tuaregs attackiert werden!« – Peter. Ihm ist diese Jagd ein wundervolles Abenteuer. »Zu so 'ner Spritztour nehme ich mir 'ne Flinte und 'nen Rucksack auf den Rücken, und nu: Maultier, lauf!« – Bloome. Ihm ist's höchstens Sonntagsjägerei. Von Quedenberg weiß ich nur, daß ihm Graf Rhyn achselzuckend sagte: »Ja, Liebster, Bester, wenn Sie einen Hemdenkoffer und ein halbes Dutzend Anzüge mitnehmen wollen, da können wir ja noch ein Dutzend Kamele chartern.« Graf Rhyn hat eben nur bestimmt, was mitzunehmen ist, und damit ist für ihn die Sache erledigt. Jedenfalls wird überlegt und gepackt, und man rennt sich in unserm Salon beinahe um vor Eifer. Peter ist jagdlustig und verliebt zugleich, er brennt auf Mufflons und Gazellen und die harte Poesie des Zeltlagers, und er möchte mich doch auch wiederum nicht missen mit all dem weichlichen Luxus, den schmeichelnden Parfüms der hypereleganten Dame. Er versichert mir hundertmal täglich, daß ich die reizendste Frau sei, und fragt, ob ich ihn auch nicht vergessen würde... Und dann starrt er wieder stirnrunzelnd durch die Expreßzüge seiner Pürschbüchse und schimpft vor sich hin. Er, dem Ordnung und Anzug so viel gilt, läuft im Salon mit einer Jagdweste umher... Er ist auf einmal so jung, so hübsch, so frei! Ich mag ihn so, und er erinnert mich an die besten Zeiten unfrei Brautschaft, wo er mich durchaus überreden wollte, Fuchsjagden in Schottland mitzureiten. Wir haben sie nicht gelitten. Wir haben überhaupt alles andre getan, als was wir uns vorgegaukelt hatten gegenseitig. Und etwas von der harmlosen Jugend meiner Mädchenzeit kommt mir dabei zurück. Ach, damals, wo man noch nicht dachte, wo man nur lebte! – Und ich verstehe alles, alles, seine Jugendlust und seinen Liebesgram. Er steckt mich beinah an. In unsrer Fasanerie bei Mama werde ich wahrscheinlich nächstes Jahr die Fasanenhähne von den Bäumen knallen... Dabei weiß ich genau, daß ich das nie tun werde, nie! Ich wüßte wahrhaftig nicht, warum gerade ich nachäffen sollte, was mir eine Quedenberg vormacht. Aber jetzt kommt das für mich Unbegreifliche, ja Verletzende. Peter schwärmt beinah für Rhyn, fragt ihn um Rat, um jedes und alles, ob er Bloome für gentlemanlike hält, ob man sich auf Gazellen auch mit dem Winde anpürschen könne, ob die Nichte des Geheimen Kommissionsrats und ihre Junogestalt ihn nicht doch ein wenig gereizt hätten. Er bespricht eben Dinge... Ich mag ja wieder an nichts etwas finden, aber Rhyn, der zu den Menschen gehört, die weder Konfidenzen machen noch lieben, ist gegen meinen Mann doppelt zugeknöpft. Was dem einen wie eine Offenbarung vorkommt: der Graf, gilt dem andern höchstens ein mitleidiges Achselzucken. Nach der Richtung hin glaube ich ihn von früher gut genug zu kennen. Herr Rin ist im Grunde noch hochmütiger und exklusiver als Graf Rhyn. Und dieser Mann wünscht nun einmal, nichts mit uns zu tun zu haben! Peter glaubt's nicht, aber ich weiß es... Auch bei dem Revanchediner für Bloome im Hotel Royal glänzte er durch Abwesenheit. Er mußte durchaus nach El-Kantara, wie ich damals durchaus nach Venedig. Ich soll ihn nicht herzlich genug aufgefordert haben. Kann sein. Aber Peter tat's doch an meiner Statt fast zu herzlich ... Von Herzen kann man einen Mann nicht einladen, der so leicht und so häßlich vergessen konnte. Der Herr Rin, den ich damals kannte, und der Graf zu Rhyn, den ich heute kenne, sind zwei grundverschiedene Menschen. Was meinen Mann allein mit ihm verbindet, der Graf, das trennt mich von ihm. Die schlichtbürgerliche Moral von einst hielt ich hoch, die gräfliche von jetzt verachte ich. Aber was mich innerlich wirklich trifft, ist etwas ganz andres! Peter, der bei dem Gedanken an den winzigsten Fleck auf meinem weißen Kleid ganz rabiat wird – und ich habe doch wahrhaftig keinen! – den geniert der häßlich große Plarren bei Jeanette Quedenberg nicht. Nein, er sieht's mit Interesse, fast mit Behagen, der Handkuß ist herzlicher von Mal zu Mal. Ja, wozu küßt denn der Herr der Dame die Hand? Doch nur, weil er wenigstens annimmt, daß diese Hand unbedingt rein ist! Ich habe natürlich mit Peter darüber kein Wort gesprochen. Im Gegenteil, ich habe Jeanette sogar verteidigt, einmal warm, als er wie selbstverständlich behauptete, daß das Aeußerste längst geschehen sei. Das Aeußerste! Warum eigentlich jeder Mann nur an dieser letzten Kapitalfrage hängt? – Die Menschen, die zeitlebens schlüpfrige Pfade wandeln, die gleiten nie aus, aber die es zum erstenmal tun, die stürzen der Länge nach. Wer der Beschmutztere von beiden trotzdem ist, das weiß jedes Kind. Aus diesem Gefühl heraus würde ich eine Frau, die fällt, niemals fallen lassen... Aber Jeanette Quedenberg wird nie fallen, und das ist mir das Schmutzige, Unfaßbare... Jedoch das versteht kein Mann. Während Peter und Quedenberg dieser Expedition wegen eigentlich zu nichts Vernünftigem mehr zu haben sind und neulich sogar nach Constantine reisten wegen kleinkalibriger Patronen, habe ich mit Bloome Maultier geritten. Sie gehen einen merkwürdigen stöckrigen Paß, und an den wollte ich mich gewöhnen. Die Sporenhilfen gibt man mit einem Stock hierzulande; das Zaumzeug besteht aus einem Strick. Reißt man links, geht's links; reißt man rechts, geht's rechts; wagt man aber mal die beiden Zügelenden zugleich zu fassen und versucht wie andre vernünftige Menschen mit Gebißfühlung zu reiten, bleibt der Gaul rettungslos stehen. Vorläufig jedenfalls benimmt sich das Maultier unter mir wie das Schicksal über mir: es führt mich absonderliche Wege. Einmal wurde es mir allerdings zu viel. Es bockte, ich hieb, und schließlich ging's mit mir durch in dem törichten Wahn, daß ich 'runterfallen würde. Ich bin noch nie von meinem kleinen arabischen Fliegenschimmel heruntergefallen, und Peter, der ihn mir anritt, sagte selbst, das Vollblut habe abscheuliche Mucken. – Und ein Mietsmaultier sollte mich aus dem Sattel kriegen? Jeanette schießt, und kann nicht reiten. Josefa reitet, und kann nicht schießen. Manchmal habe ich mich im Verdacht, ich pacete so scharf, jemand zum Possen, der gar nicht da ist. Jedenfalls macht's mir Freude und ich fühle mich wohl dabei. Bloome reitet als Groom neben mir oder hinter mir. Von der Gegend sehe ich wenig. Mein neues Tier ist betagt oder träumerisch veranlagt und stolpert bei jedem Stein. Dafür straft's Bloome, der höllisch aufpaßt, jedesmal mit einem Jagdhieb. Die einzige Leidtragende dabei bin ich. Denn wenn der Klepper schuldbewußt zusammenruckt, rucke ich erst recht. Ach, hätte ich doch das Maultierfell und den Maultiereigensinn, dann wäre mir die Schicksalspeitsche auch für alle Zukunft gleichgültig! Man ruckt und ruckt, und den eignen Weg geht's doch. Bloome ist mir gegenüber sehr Kavalier, und zum Dank dafür will ich ihn verheiraten. Ich bekomme manchmal solche Tantenanwandlungen junger Frauen. Daraus entwickelt sich dann ein mehr oder weniger scherzhafter Dialog. Ich: »Graf, Sie sind dreißig Jahre und müssen sich verloben!« Er: »Gegen wen, wenn ich fragen darf?« Ich: »Ach, es gibt doch nette Mädchen genug!« Er: »Haben Sie mich schon mal genau angesehen, Baronin?« Ich: »Na, berückend sind Sie allerdings nicht, lieber Graf, wenigstens äußerlich.« Er: »Und innerlich?« Ich: »Ich denke, daß Sie furchtbar leichtfertig sind, aber eine vernünftige Frau würde Sie schon zur Raison bringen und dann mit Ihnen ganz glücklich werden.« Er: »Glauben Sie? – Ich glaube nicht! Sehen Sie, gnädigste Frau, wenn eine so schwer reich ist, daß sie sich einen armen Grafen kaufen kann, und so häßlich, daß sie mit mir siegreich konkurriert: so ist das eine wundervolle Sache, solange eben die Zechinen langen. Aber lange langen werden sie nicht, darauf gebe ich Ihnen mein Wort! Kenne mich... Und nachher? Ich bitte Sie, gnädigste Baronin, auch ihre beste Freundin darf meiner Frau dieses Glück nicht wünschen. Denn treu, ich treu? Der Coeur-Dame bin ich treu. Aber keiner andern, und wenn sie auch noch so häßlich wäre.« Ich: »Graf, Sie sollen vernünftig reden!« Er: »Ja, ich rede ja schon ganz vernünftig. Rhyn und ich haben ausgemacht, wenn wir mal in Ehren grau geworden sind, – danach bekomme ich allerdings nie graue Haare, – ziehen wir uns in irgendeine Sahara-Oase zurück, er mit seinem Herbarium, ich mit einem Spiel Karten. Und dann kriegt er das Kopfnicken über all den trockenen Pflanzen, weil die einzig grüne, auf die er doch immer heimlich gehofft hat, sich in der Gesellschaft nun schon ganz gewiß nicht findet, und ich die Schwermut, weil unter all den schmutzigen Karten die richtige Coeur-Dame dito verschwunden ist.« Ueber den geistreichen Schluß will er sich totlachen, während ich mich ärgere. Und nachher lache ich widerwillig auch, und wir peitschen lachend unsre Maultiere aus ihrem stöckrigen Paß zu einem wilden Galopp. Und eine Stunde später mache ich wieder den Heiratsvermittler und ernte wieder den lustigen Resus. Ich mag seine Geschichten. Sie sind immer leichtfertig, immer lustig. Und ich lasse mich gern von der Lustigkeit andrer anstecken. Gerade hier, gerade jetzt, wo es doch eigentlich so langweilig ist. Peter und Jeanette wundern sich manchmal, daß ich über ein Nichts lachen kann. Ich lache über das Nichts, weil ich über das Nichts lachen will. Den Abend bin ich dann todmüde. Ach, wenn doch endlich die Expedition unterwegs wäre, und ich allein! Graf Rhyn soll ja ein so unvergleichlicher Führer sein durch die Oasen. Führer ist er uns überallhin gewesen, ein unvergleichlicher wohl nur für Jeanette Quedenberg. Wir sind nach Sidi Olba hinübergefahren, der großen Nachbaroase, wo die älteste Moschee Algeriens steht. Sonnenbrand, entsetzlicher Weg, um das mohammedanische Gotteshaus die ekelste, zudringlichste Horde von Bettlern und Kranken ... Ich habe wieder so viel tote Augen gesehen! – Wir Neulinge waren wohl sämtlich enttäuscht von dem berühmten Bau, der etwas Bröckelndes, Fahles, Unheimliches wenigstens äußerlich hat für mein Gefühl. Im Innern schlanke, weiße, schmucklose Säulen, die Marmor sein könnten, aber wahrscheinlich überkalktes Holz sind. Ich möchte nicht fragen, ich scheue mich vor einem überlegenen Lächeln. Angeekelt aber waren wir alle von dem entsetzlichen mohammedanischen Schmutz und dem widerlichen Bettelhandwerk. Blindheit: Metier –, schrecklich! ... Und was bedeuten unsre Almosen, gegenüber all den Almosenbedürftigen? Sie versiegen wie der Tropfen im Sand. Bloome hat recht: Schmutz und nochmals Schmutz, das ist der Orient. Auf der Rückfahrt – wir mußten natürlich wieder durch dieselben brennenden Wüstenwellen – hatte ich auf Augenblicke die Empfindung, daß der Koran und seine Lehre recht hat. Was hat's für einen Sinn, in dieser fahlen Oede, die mit Gespensterarmen alles gierig umklammert, alles gierig aufsaugt, an irgendein Entrinnen denken zu wollen? Was geschieht, geschieht ja doch! – Alles Mühen ein ohnmächtiger Tropfen. Diese Leute müssen gern sterben, leicht; sie kennen hienieden nur die Wüste des Lebens, drüben wandeln sie in den Gärten des Propheten, in labendem Schatten ... Aber der Mohammedanismus ist doch wieder so hart, so dürr, so fremd, um ihn hat eine 21 ganze Welt in Haß gelodert einst! Während ich so träumte, schraubte sich über uns ein großer Raubvogel in langsamen Spiralen zu schwindelnder Höhe. »Der dürfte es da oben bei der Sonne etwas heiß haben!« lachte Quedenberg. »Du meinst kalt,« verbesserte seine Frau. Graf Rhyn sah dem Vogel lange schweigend nach, und erst als er kaum sichtbar, ein winziger im Aether schwimmender Punkt kreiste, sagte er fast träumerisch: »Ja, es gibt auch Täler- und Höhenmenschen, genau so. Und die für die Berge geboren sind, die sollten eigentlich urplötzlich abstürzen, alle, und die für die Täler geboren sind, die sollten eigentlich langsam siechen, alle...« Und darauf zu Bloome mit einem eigentümlich harten Aufblitzen seiner grauen Augen: »Bloome, Spital oder Kugel?« – »Kugel!« Und das Wort Kugel machte die Runde bei den Herren. Sie haben alle die Ueberzeugung, Höhenmenschen zu sein. Wir beiden Frauen schwiegen. Unsereiner mag ja unerbittlich zu den Tälermenschen gehören. Und doch habe auch ich einmal die Höhen geliebt! ... Den Abend waren wir dann bei den danseuses de ventre. Nach der arabischen Moschee das arabische Tingeltangel. Viele Menschen sollen eigens hierherkommen, diese Tänzerinnen zu sehen. Das dürften wohl Franzosen sein. Ich bin Deutsche und habe kein Gefühl dafür. Ein wüster Raum, schmutzig, angefüllt mit Menschen und Gerüchen, an den Lehmwänden ein paar schreiende Vorhänge, der Fußbuden schlechter Estrich. In der Ecke ein Araber, der am Lehmherd den türkischen Kaffee bereitet – kleine Emailletassen, der Grund bis zum Rand, das Getränk schwarz und unerträglich süß – aber gerade das letztere lieben die Orientalen. Die Wandestrade entlang Araber, junge, alte, hockende, sitzende, mit weißem Turban oder schmutzigem Fez; dazwischen die Kabylen vom Atlas mit den grau verblaßten biblischen Gesichtern, den hellen, habsüchtigen Augen, der leuchtende Araberburnus wechselnd mit dem schmierigen Kabylengewand. Sie sprechen kein Wort, bewegen sich kaum, nur zuweilen langt die Hand bedächtig nach der Kaffeetasse, die ebensoviel Stunden aushalten muß, als sie Schlucke zählt. Gegen die Straße zu als Vorhang ein bunter Teppich, der sich alle Augenblicke lüftet: Straßengesindel, das hineinglotzt, Europäer, die hinaus wollen. Gurgelndes Arabisch, britisches Kauderwelsch, breites deutsches Lachen, darüberhin das scharfe, elegante Französisch. Am liebsten wäre ich sofort wieder gegangen. Es waren die Gerüche einer Tierbude, und die Eingeborenen starrten auf mich wie auf ein Tier... Nein, das können unmöglich die freien Söhne der Wüste sein, das ist das entnervte Oasengesindel, das von dem Backschisch der Europäer die eigne Faulheit nährt! Aber mein Mann wollte durchaus bleiben, ebenso Quedenbergs; die beiden andern Herrn stellten anheim. Sie zucken die Achseln und sehen's doch gern. Wir nahmen Platz an kleinen Blechtischchen unten, die uns der arabische Kellner eilfertig hinschob, und tranken glühendheißen Kaffee. Jetzt begann auch die arabische Tänzerin. – Tänzerin? Tanz? – In weißlichem Gewande ein junges abgeblühtes Geschöpf, dunkel überhaucht, mit unbeweglichen Zügen, starren Augen; und die schiebt sich immer in kleinem Kreise herum, scheinbar ohne die Füße zu bewegen oder irgendein Glied, eine unverständliche Statue, an der nichts lebt als der Leib. Die Araber starren wie elektrisiert. Darauf ein Tamburinschlag, die Hände fallen ihr gleich wieder automatisch zurück. Die Körperbewegungen werden immer krampfhafter, immer schneller, die Araber beugen sich vor mit leuchtenden Augen, man glaubt sie schwer atmen zu hören. Und so geht es weiter mit den Verrenkungen – nicht wilde Grazie, nicht schöne Nacktheit, nur häßlich, unsagbar häßlich ist dies Bild! Graf Rhyn und seine Dame unterhalten sich sehr eindringlich. Sie folgt gespannt, wie er erklärt. Schließlich lächeln sie. Mich langweilt's allmählich. Aus halbgeschlossenen Augen sehe ich weiter nichts, als an den Wänden die dunkel polierten Gesichter, die heiß glänzenden Augen, und neben dem Lehmherd apathisch kauernd einen Soldaten der Fremdenlegion in vernachlässigter Uniform, an dem abgenommenen Fez die Troddeln zählend. Wie er den Blick jetzt hebt: ein rätselhaftes blasses Auge in einem stumpfen Gesichte. Er ist, sicher Europäer, vielleicht Deutscher, er hat irgend etwas Scheußliches begangen oder er wird's noch begehen, und doch ist in diesem Gesichte ein Zug, der mein Mitleid weckt. Die Fremdenlegion liegt viel weiter drüben nach Marokko. Was will der Mensch hier? Während ich ein Schicksal zu wittern glaube, das wahrscheinlich nie existiert hat und höchstens in der »Fremdenlegion« besteht, sehe ich wie durch einen Schleier einen schwarzen mageren Sudanneger mit krummen Knien sich drehen und plärren. Auf dem Wollkopf ein Muscheldiadem. Und er springt und schreit und schlägt auf eine Trommel, bald laut, bald leise, eine wahre Höllenmusik. Ehe ich mich's versehe, steht er vor mir, den Menschenfressermund mit den weißen Zähnen weit geöffnet. Ich drehe mich weg. Jedoch Peter wirft ihm lachend ein schmutziges Zweisousstück in den Mund, die andern desgleichen, und das Scheusal fletscht zum Dank die Zähne, rollt die Augen. Darauf habe ich genug. Wir gehen. Wie der Kellner vor uns höflich den Teppich hebt, schaue ich noch einmal zurück. In dieser Glut, in diesem Miasma kann's eigentlich nur Skorpionen und Wilden auf die Dauer wohl sein. – Eine Ouled-naël tanzte wieder und die Araber starrten gierig; der Fremdenlegionär aber zahlte noch, immer stumpfsinnig die Quasten seines Fez. Dieser Mensch hat mich bis in den Traum verfolgt. Am andern Tag waren wir in dem berühmten Park von Landré. Herrliche Bäume, ein Grünen und Duften wie in einem Gewächshaus-, an den seltenen Stämmen Porzellanschilder. Ich kann mir wohl vorstellen, daß zur Sommerszeit dieser wohlgepflegte Garten in den märchenhaftesten Formen und Farben blüht, die Wohlgerüche der Tropen aushaucht. Und rings um die gelbe Lehmmauer, die ihn abschließt: die brennende durstende Wüste, aus der von ferne noch eine vergessene Palme winkt neben einem vergessenen Haus. Der Neger, der uns führte, verlangte durchaus unsre Visitenkarten. Ist's die Passion seines Herrn, auch die Visitenkarten aller Länder in seinem Landhaus zusammenzutragen, nachdem er bereits die Pflanzen aller Länder hier zusammengetragen hat? Naturforscher sind merkwürdige Leute, ihre wahre Neigung entdeckt man ganz zuletzt. Graf Rhyn sprach über den Wert und Unwert solcher wissenschaftlichen Gärten. Jedoch nur Jeanette vermochte ihm zu folgen. Ich hatte nie geglaubt, daß sie Blumen liebt. Nachmittag waren wir in den heißen Bädern. Sie sind nicht weit. Man fährt in einem Tram hin, und gewiß ist es interessant, aus der harten Lehmwüste, die sich bis zu den Dunes de sable hinüberzieht, plötzlich ein maurisches Haus emporwachsen zu sehen. In der Vorhalle war's so angenehm kühl, in den Schwefelquellen so stechend heiß. Aber man macht doch die Torheit mit, als wenn eine Wüstentherme für alles gut sei. Mir fehlt nichts, weder äußerlich noch innerlich, trotzdem habe ich gebadet. Auch hübsche schmachtende Araberinnen mit viel Silberschmuck und Odaliskenaugen flanierten in den Gängen umher. Die Herren lachten und machten sich gegenseitig Zeichen. Ich weiß auch, daß es Ouled-naëls sind und warum sie sich nicht verschleiern. Es ist doch bei den Herren immer dasselbe Gefallen, gestern bei den Tänzerinnen, heute in den Bädern. Das Ewigweibliche zieht sie hinab. Peter und Quedenberg fanden sich bei der Gelegenheit merkwürdig. Gegen Abend gingen wir zu Fuß zurück. Damit wären die Touristensehenswürdigkeiten von Biskra erschöpft. Es ist eine andre Welt, eine interessante Welt, und vielleicht wird sie mir einmal als Erinnerung teuer. Bis jetzt kann ich nicht sagen, daß mir irgend etwas von der großen Poesie der Wüste aufgegangen wäre. Aber, wenn ich so vom Rande des Palmenwaldes aus den äußersten Horizont absuche, die gelbgraue, verschwommene Linie, dann faßt mich eine Art Sehnsucht und auch eine Art Zorn. Die wirkliche Wüste liegt viel weiter draußen! Ich will mal mitten drin in dieser Wüste stehen, mitten drin, wo mir kein Oasenhauch die wunderbare Monotonie verkümmert. Dann wird mir vielleicht etwas von der Größe des Orients und der Geschichte seines Glaubens aufgehen. Aller Glaube ward doch in der Wüste geboren. Jeanette mag ja einen idealen Führer gehabt haben, ich habe ihn nicht gehabt. Ich möchte ihn auch nicht gehabt haben. Uebermorgen geht's nach Saada. Es ist weit. Mehr als drei Meilen. Und ich freue mich sehr darauf. Wir haben gestern noch über den Islam gesprochen und unsre Unfähigkeit, ihn zu begreifen. Darin waren wir Europäer alle einig. Dabei kamen wir auf Religion überhaupt zu sprechen, und Graf Rhyn, der sich gern in Paradoxen bewegt, sagte: »Ich würde aus allen Religionen das Bußgebet streichen. Die einzige Buße ist die Tat.« Das quält mich. Hat er recht? Ich habe so viel gebetet und so wenig getan. » Außerdem muß ich noch folgendes bemerken: Graf Rhyn ist niemals unhöflich gegen mich gewesen, nur kühl, wie er es ja eigentlich gegen alle ist. Mir wird's kühler vorgekommen sein, weil ich ihn wärmer gekannt habe. Zwischen uns existiert eben nichts mehr als eine zufällige Bekanntschaft, und das markiert er. Wenn sich Jeanette Quedenberg mir gegenüber auf denselben Standpunkt stellt, so ist das erst recht begreiflich. Sie ahnt, was früher gespielt hat, und wie es geendet. Da sie die Freundin, vielleicht die Geliebte dieses Mannes ist, muß sie Partei ergreifen, und zwar nicht für mich. Das ist alles so sonnenklar! Nur daß ich ein echtes Frauenzimmer bin, das verwöhnt und verblendet am liebsten alle Männer zu seinen Füßen sehen möchte. Man studiert im Leben langsam um, und ich am langsamsten. Also Graf Rhyn ist mir ein völlig fremder Herr, und Gräfin Quedenberg eine völlig fremde Dame. Ich bin ebensowenig nach Afrika gekommen, ihre Freuden zu stören, wie sie die meinen. Warum engagiere ich mich eigentlich für oder wider Leute, die mit mir nichts zu tun haben wollen, und mit denen ich auch nichts zu tun haben will? Wissen möchte ich nur, ob die Frau für den Mann ebenso stark fühlt, und wenn, ob er auch für sie stark fühlt. Weib bleibt Weib, und in Romanen interessiert uns schließlich doch am meisten, ob sie sich kriegen und ob sie glücklich werden. Saada. – Die da gewesen sind, raten uns ab. Doch ich will: es ist die freie Wüste. Ich hatte von einem tollen Maultierritt geträumt, wo Bloome und ich ein wenig vor der andern Gesellschaft hergaloppieren könnten, doch wird leider die Tour immer zu Wagen gemacht. Früh um sieben ging's los. Bequemer, leichter Wagen, geblümte Kattunkissen unter uns, luftiges Kattunverdeck über uns. Vorn drei Pferde nebeneinander, die hochbeinigen berberischen Grauschimmel mit den langen Schwänzen, magere, feingliedrige Kracken, die nur unter der Peitsche gehen. Auf dem Bock der arabische Kutscher und der arabische Diener des Grafen Rhyn in weißem Turban und weißem Burnus. Wenn der Herr und der Diener miteinander Arabisch sprechen, überläuft mich ein ehrfürchtiges Gruseln. Es klingt so fremd, – und ich bin Deutsche. .. Quedenberg und mein Mann sind nicht von der Partie, weil sie Saada auf ihrem Wege nach Tuggurt und Ouargla so wie so berühren müssen. Erst ging's durch die ganze Oase. Die Palmen nickten uns wie erwachend zu, die Blätter noch schwer vom Tau. Dann kamen grüne Weizenfelder, die im Halbkreis die Oase umziehen. Die Felder werden Heller, gelber, verschwinden. Wir sind in der Wüste. Lehm und Sand und staubgrünes Kraut in uferloser Ebene, und so weiter, immer weiter, bis der Horizont in der Wüste ertrinkt. Eine ausgefahrene Straße führt durch und der Telegraphendraht. Der Wagen schwankt, die Pferde schnauben. Rechts und links bauen sich auf gelbem Blachfeld winzige Sandhügel auf, vom Wind zusammengetragen, vom Wind auseinandergeweht, und zwischen ihnen das harte, graue Grün verstaubt, erblindet, und doch emsig wuchernd. Weiterhin tauchen dürre Tamariskensträucher auf, ein Wüstenfuchs schnürt vorsichtig durch diesen verdorrten Wald. Dann kommt ein Kamelskelett, halb im Sande begraben, dann noch eins, – noch eins, – als zeichneten sich alle Saharastraßen nur durch Leichen... Und jetzt die erste echte Karawane, die ich im Leben sehe, natürlich eine ganz kleine Karawane. Die hageren Kamele mit dem staubverfilzten Fell, dem wiegenden, schattenhaften Gang, den dummen Lasttieraugen; auf dem Höcker die Eingeborenen, die Männer schmutzstarrend, die Weiber verschleiert, – aus dem bauschigen Burnus eines Weißbarts schaut eine winzige Gazelle. Der Weißbart lächelt jüdisch, die Gazelle mit den unendlich zarten Gliederchen schaut aus fragend glotzen Augen zu uns. Ich hätte das Tierchen den Leuten vielleicht abgekauft zu seiner und meiner Qual, jedoch Rhyn rief ein arabisches Wort, und wir fuhren rasch vorüber. Die Sonne brannte heißer; in den weißen Burnussen auf dem Bock spielte der Morgenwind. Die Straße war voll tief ausgefahrener Lehmgeleise, der Wagen stöhnte, die Pferde prusteten. Rechts zieht das dürre Tamaristengestrüpp getreulich mit, ein ausgewaschenes Flußbett schaut rissig und wild dazwischen hervor. Kein Tropfen Wasser – aber früher muß hier ein Bergstrom getost haben. Ein Bergstrom in der Wüste! Aber zur linken wird der graugrüne Schimmer stärker. Er streicht über die Ebene wie ein leiser Hoffnungshauch, und zugleich tauchen in der Ferne kleine dunkle Punkte auf, häufiger, immer häufiger, sie bewegen sich langsam, verschwinden tauchen wieder auf. Jeanette fragte für mich. Es sind Kamele, Hunderte von Kamelen, die diese Hungerweiden gierig abgrasen, wie etwas Köstliches. Später, als wir naher gekommen, erkannten wir deutlich die Schiffe der Wüste. Und wirklich hoben sie sich gegen den weißen Horizont so scharf ab wie Schiffe auf dem Meer. Wir sahen schon lange Fenster von Saada her blinken. Doch nur langsam kam es näher, kriechend langsam, wie alles in der Weite. Ein brauner, festungsartiger Kasernenbau, den Fremdenlegionäre in den sechziger Jahren errichtet oder bewohnt haben; ich werde aus der Inschrift über dem Portal nicht recht klug. Jetzt gilt diese Gegend als absolut sicher. und man schob die Legionen längst gegen das räuberische Marokko vor. Dies Saada liegt trostlos.. Kein Baum, kein Strauch, nur unter dürren Sträuchern eine schmutzige Quelle. Innen sieht das Gebäude mit seinem viereckigen Hof und feinen Bogengängen wie eine verödete Karawanserei aus. Die wöchentliche Post von Tuggurt nimmt ihr Relais hier. Sonst trieben sich nur ein paar ältliche Araber am Portal herum, die ihre Neugier unter ihrer Würde verbargen, und halbnackte Kinder, die im Hof herumtollten. Ein dunkler, schlanker Bengel ritt einen Esel im Kreise herum, immer Galopp, statt der Peitsche eine blanke, scharfe Sichel schwingend. Es war echt: der Wüstensohn – die geschwungene Sichel – das unbarmherzig gequälte Tier. Sie reiten hier merkwürdig, die Leute, fast auf der Kruppe, und der kleinste Esel trägt den stärksten Mann. Hier nahmen wir das mitgebrachte Frühstück in einer Art Wachtstube an einem wackligen Tisch, auch die schmutzigen Strohstühle längst ausgedient. Der Blick auf den Hof. Die Wüstensonne brannte bereits unbarmherzig auf dem flachen Dach; an den gelblichen Mauern in dem Bogengang die Araber lehnend mit den gleißenden Augen. Ich höre noch den dumpfen Gurgelton und bewundere ihre orientalische Gelassenheit. Es ist doch eine Oede und eine Menschheit, die man nicht versteht. Vielleicht war Saada allen die eindrucksloseste aller Biskratouren – mir nicht. Ich habe mich noch niemals mit so heiß klopfendem Herzen in der heißen Wüste gefühlt, wie hier. Es waren freilich nur kurze Momente. Nachdem wir des Sitzens in der Wachtstube und des gequälten Esels überdrüssig geworden, gingen wir ins Freie. Es war heißer Mittag, und Hitzdunst flimmerte über der schmutzigen Quelle und ihren dürren Tamarisken. Die Wüste, stumm, gelb, ohne Leben. Der ferne Felswall hinter Biskra verschwommen wie täuschendes Gewölk, doch der braune Sarg der Dunes de sable hell, grell, eine Apotheose des ewig dürstenden Sandes. Wir gingen zu den Beduinen, die nicht weit ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Die Männer mit den weidenden Kamelen weit drüben am Horizont, im Zelt nur die Frauen und Kinder und ein tobender Hund von der spitzschnauzigen gelben Oasenrasse. Wir gingen hinein. Zuerst eine Alte, die an der verglimmenden Asche kauerte, grau wie diese Asche selbst, eine Hexe, die uns arabisch beschimpfte. Dann eine Junge mit zwei lallenden Kindern, etwas Negergesicht, die Fingernägel hennarot, am nackten Arm eine plumpe Silberspange, im Ohr ein Stück Koralle, die mit ihrer leuchtenden Farbe gut zu dem filzigen Zigeunerhaar stimmte. Die Silberspange habe ich dem Weibe abgekauft, allerdings erst viel später und heimlich. Ich habe, glaube ich, einen unsinnigen Preis dafür bezahlt, doch ich wollte wenigstens eine echte Erinnerung aus der echten Wüste mitnehmen. Ich werde die Spange immer tragen. Erinnerungen soll man ja heilig halten. Soll man das wirklich immer, Mama? Als wir zurückkamen, hielt gerade die Post von Tuggurt auf der Wüstenstraße, ein wenig abseits vom Haus. Es war ein schwerer Verdeckwagen. Im Fond ein Araber in helle Decken eingewühlt, – er mochte wohl krank sein, – vorn beim Kutscher eine schwere Eisenkiste: die Post. Drei abgetriebene, nasse Pferde abgeschirrt, drei frische trübselig in die Strange. Es geht rasch. Wo Frankreich befiehlt, wird nicht gesäumt. Der einzige anständige Passagier: ein eleganter Kapitän der Chasseurs d'Afrique in der hellblauen Schnürjacke seiner Truppe, stand dabei und rauchte eine Zigarette. Ein spitzbärtiger Herr von einer andern Touristengesellschaft, die eben angekommen war, interviewte den Franzosen, der mit knapper Höflichkeit Antwort gab. Ein halber Gruß des Offiziers aus dem Wagen heraus – der französische Gruß für Deutsche – und das Gefährt ratterte schwer aber schnell auf Biskra zu. Ich sah ihm nicht nach. Es fährt ja zur Oase, und Oasenwünsche habe ich im Augenblick nicht. Wir mußten auch an den Rückweg denken. Während Bloome mit dem Kutscher verhandelte, ging ich ums Haus herum nach der abgewandten Seite, wo viele Meilen weit Tuggurt liegen soll. Die Ferne lockte. Da standen aber bereits Graf Rhyn und Gräfin Quedenberg. Ich trat höflich zu ihnen. Sie standen und schauten, und ich schaute auch. »Verstehen Sie hier, warum ich die Wüste liebe, mehr liebe als See oder Hochgebirge, und daß ich immer wieder zu ihr zurückkehren muß?« Eine Antwort kam nicht. Da bemerkte er mich: »Verzeihung!« Ein kalter Zug sprang um seinen Mund. Dann sprach er ruhig weiter. Ich weiß nicht, was es war, und für mich war's sicher nicht bestimmt. Und doch war's für mich. Denn ich habe ihn verstanden, sie nicht. Es war wie damals in Gaino. Tempi passati. Da lag sie endlich vor mir, die freie Wüste! Gelb, dürr, trostlos unter einem weißlich lastenden Himmel. Und der afrikanische Gluthauch darüber, sengend, mordend, erbarmungslos. Und kein Maß in dieser Oede, kein Leben in diesem Brand, nur Kiesel und Sand. Das Meer ohne Wasser! Am blassen Horizont die Oede in der Oede sterbend, – der heiße Tod. Ich fühle sein Nahen, wie er riesengroß durch die Rieseneinsamkeit schreitet; und wie er auch brennenden Auges sucht nach Lebendigem, nur der eigne heiße Schatten wandelt neben ihm. – Rings um den Tod nur Tod ... Der Tod schreitend in Lichtfluten. Der heiße Tod! Unsrer ist kalt... Von der Wüste kam ein Windhauch – ein zitternder, sterbender. Mir schlug er wie Lohe ins Gesicht... Der Mann neben mir hat nichts zu mir gesprochen, aber ich habe ihn verstanden. In dem Glutatem der Wüste lebt auch der Firnhauch der Höhen. Das Unermeßliche drückt, und doch macht's frei. Muß man denn immer in die Wüsten gehen, um sich selbst zu finden? Und wenn ich, die ich gefesselt bin von meiner Geburt an, einmal diese Fesseln breche, brechen muß, weil ich wenigstens sterben will in der Wüste, in der Freiheit... Josefa Lasowitz, du bist verheiratet, du hattest ein Kind, der Mann hier neben dir ist ein fremder Mann, sein Herz gehört der Frau, die ihn nicht versteht... Und das deine, Josefa? In dem Augenblick war's mir, als fühle ich die sanfte Nähe meiner Mutter und den feinen Duft ihrer Hand, die sich auf meine Augen legt: »Mein Kind, du suchst wieder draußen das Glück, das nur daheim zu finden ist.« – Es war ihre Stimme, ihr Bild, die mir das unklare Sehnen bannten. Und ich dachte an Peter und unser totes Kind. Das tote hat uns das Glück hinweggenommen, das lebende bringt's uns wieder zurück! Die beiden andern gingen bald. Jeanette schien mißgestimmt. Während der Wagen anspannte, ging ich langsam Schritt für Schritt um das Kasernenviereck herum. Hüben das graue Grün, die weidenden Kamele, in wolkiger Ferne die kahlen Atlashöhen wie braunes Felsgestade, gegen das der Ozean brandet. Dann über die Wüstensträucher und das ausgewaschene Flußbett hinweg das Dünenufer, und dann wieder das uferlose Meer. Ich wollte mir das Bild einprägen, und angesichts der großen, schweren Monotonie, die dieser tiefe, weiße Dunsthimmel mit stummer Glut doch überall deckt, mußte ich an den Glauben dieser Wüstenmenschen denken. Was hier aus Glut und Oede geboren wird an Gedanken und Gefühlen, das muß wie die Wüste selbst sein, in leidenschaftlichen lodernd oder in dumpfer Askese verdorrend. Und die ihren Gott zu suchen in diese glühende Wüste hinauswandeln, in diese erbarmungslose Oede, die werden nur den leidenschaftlichen Gott finden, der rächt und richtet und die Welt in Flammen setzt, sein Reich zu gründen. Sie werden wie Mohammed ihre dürstende, darbende Menschheit in einem Glaubenssturm fortreißen und mit ihrem heißen Glauben neue Wüsten schaffen, weil sie, und ihr Glaube nur aus den Wüsten geboren sind. Woher sie kamen, dahin kehren sie zurück. Ihr Glaube ist nicht unser Glaube und ihr Gott nicht unser Gott. – Aber wenn ich auf die Wüste sehe und die Glut spüre, die da ist, und die größere ahne, die noch kommt, und die starre Oede, die bleiben wird, weil sie immer war: dann sage ich mir, was sollte der Orient mit dem Gott des Okzidents? – Ihr Jehova ist in Feuergluten dahingefahren, und ihr Himmel muß ein irdisches Paradies sein. Solcher Wüstenglaube kann in sich verbrennen, erstarren, aber er wird niemals feige werden, träge einschlummern, und seine Söhne werden immer für ihn zu sterben wissen. Die Wüste predigt nichts von Milde oder Liebe, sie predigt Krieg oder Entsagung... Es klingt vermessen, aber es muß doch etwas Gewaltiges sein um einen Glauben, der so einseitig fanatisch ist, daß sein niedrigster Bekenner uns verachtet. Ach, manchmal möchte ich ihn auch haben, diesen engen, heißen Glauben!... Mein Glaube ist lau bei aller Inbrunst. Und wenn einmal ein leidenschaftliches Gefühl riesengroß um ihn emporloht – was werden mein Glaube und ich dann sein? In Flammen begraben... Jedenfalls ist mir Saada unvergeßlich. Ich weiß nicht, warum die Wüste so stark mich gerade hier gepackt hat. Es war überhaupt heute alles anders wie sonst. Auch auf der Rückfahrt; ich hatte heiße Sehnsucht nach Peter und doch dumpfe Angst vor dem Wiedersehen. Ich mache so große Worte und bin doch so klein. Als die blaßgrünen Konturen der Weizenfelder näher kamen, begrüßte ich die Oase wie eine Heimat. Peter und Ouedenberg waren uns entgegengekommen bis zu dem verfallenen türkischen Fort in Alt-Biskra, dessen Lehmmauern so echt orientalisch in dem Abendschatten der Palmen lagen. Wir stiegen natürlich aus und gingen zu Fuß bis zum Hotel. Ich umarmte Peter leidenschaftlich, als hätten wir uns Monate nicht gesehen. Ihm fiel's auf, und er sagte verwundert: »Schatz, was hast du?« Ich habe nichts, gar nichts. Ich bin nur in der Wüste gewesen, und ihre Monotonie ist so groß. Als mich die Jungfer im Schlafzimmer umzog, war ich matt zum Weinen. Aber unten beim Diner wurde ich wieder frisch zum Lachen. Ich ging früh und heimlich zu Bett. Peter konnte mir nur durch die Tür gute Nacht sagen. Ich hatte mich eingeschlossen wie gewöhnlich, aber gerade heute hätte ich's nicht tun sollen. Heut ist Freitag. Montag reisen sie. Ich bin die letzten beiden Tage zu Hause geblieben. Ich war nicht etwa krank, aber ich wollte wenigstens in diesen beiden letzten Tagen meinem Mann die liebevolle Hausfrau sein, die ich ihm so selten gewesen bin. Irgend etwas im Leben muß man doch lieb haben, und an dieses Liebste muß man sich klammern. Vor einer Abreise ist solch Gefühl immer am stärksten. So haben wir denn zum allerallerletztenmal gepackt, ohne Jungfer und Hausdiener, auf meinen direkten Wunsch. Vielleicht war's auch die Laune der großen Dame, die mal die kleine Frau spielen will. Aber mir war wirklich so ums Herz, so Hausmütterlich, so zärtlich! Solche Stimmungen muß man nutzen. – Wir haben eine Unordnung gemacht im Salon, als ob zwei ungezogene Kinder packten. Und wie Kinder waren wir ja auch, Kinder, die lustig kreischend im Sande spielen, während schon die Flutwelle heranrauscht die ihre törichten Burgen zerstören muß ... Das Hotel wird uns kündigen und die Packesel werden streiken. Aber wir wollen ja auch heute andre Menschen sein! Selbst das Frühstück war das kleiner Leute, die auf dem blanken Tisch ihre Sandwiches liegen haben, ihren Kaffee im Ab- und Zugehen trinken. Peter war ganz gerührt. »Ja, warum kann's dann nicht immer so sein, Schatz?« – Und ich zeigte darauf nach der Sonne. »Ja, warum kann die denn auch nicht immer scheinen?« Er fand den Vergleich anmaßend, und ich eigentlich auch. Trotzdem zog er mich darauf gewaltsam auf den Schoß und wollte mich verliebt küssen. Ich erlaubte es aber nicht. Er soll mich nicht küssen, ich will ihn küssen! Auch im letzten Moment lasse ich die Kaprice nicht. – Dann wollte ich ihm seinen Gewehrkoffer packen, aber da ist er wieder kapriziös. An Büchsen und Sättel dürfen keine Frauen ... Und während er mir lustig erklärte, was ich schon längst weiß, nämlich: daß er eigentlich drei Geliebte hat, die Frau, das Pferd und die Jagd – kroch ein Fetzen Gewölk draußen über die Sonne, und drinnen einer über mein Herz. Ich möchte dem Manne gern alles sein, der mir alles ist. Ehe ist doch Gemeinschaft. Mama sagt davon: »zu wenig Gemeinschaft kühlt ab, zu viel übersättigt...« Und eigentlich will's mir doch nicht in den Kopf, daß wir nach der Bibel uns mit Leib und Leben gehören sollen, wir beide, – und doch zeitlebens die kleinen, egoistischen, lügnerischen Kämmerchen in unsern Herzen hüten, in die wir von Jahr zu Jahr mehr mit unsern Passionen flüchten, bis das große wirkliche Herz ganz verödet ist. Warum auf die Dauer immer nur die kleinen Passionen zusammenführen, während die große auf die Dauer trennt? Das ist doch die Idee aller Mütter, daß man alles im Leben entdecken darf, nur nicht sein Herz. Ich dachte so ketzerisch und hielt gerade unsre beiden Ferngläser in der Hand. Sie sind natürlich das Neueste, Teuerste, man sieht durch beide gleich gut. Trotzdem ist meins von Goerz und seins von Zeiß. Die kleinen Passionen vereinen uns schon ganz gewiß nicht! Aber geärgert habe ich mich doch nachher, daß man immer über Kleinigkeiten stolpern muß, je kleiner, je mehr. Und die echte Zärtlichkeitswallung für Peter, aus der echten Wüste mitgebracht, ließ sich heute nicht mehr irre machen. Sie war in der letzten Nacht so unbegreiflich stark! Ich war in dieser Nacht leidenschaftlich aufgeregt in dem Gedanken, daß er morgen in die Wüste geht, vielleicht niemals mehr zurückkehrt. Ich hing weinend an seinem Hals und sagte: »Ach, bleib doch, Peter, bleib!« – Er hätt's nicht getan und ich hätt's nicht zugelassen im Ernst, aber es war mir nun einmal so ums Herz... Es war überhaupt eine wunderbare Nacht. Es war wie ein Rausch. Ich mußte jemand umarmen, ans Herz drücken, Wahnwitziges stammeln, was nur die Nacht deckt. Als wenn ich den Liebesbecher nie geleert, so dürstete mich danach... Ich konnte kein Auge zutun in der Nacht. Ich lag in einer trockenen, heißen Glut. Ich dachte schon, es wäre Fieber, – und Fieber war's auch. Als ich zum Frühstück kam, sagte Peter: »Donnerwetter, Josefa, was siehst du matt aus!... Ich sollte noch einen Tag zugeben.« »Gib ihn nicht zu, Peter. Auf keinen Fall! Ich fühle mich ganz wohl.« Der Rausch war verflogen. Ich spürte nur noch einen dumpfen Kopfdruck. Jedenfalls bin ich auch jetzt so klar und nüchtern, und es ist am Vormittag nach dieser Nacht, daß ich die vorstehenden Zeilen schrieb. Ich könnt' es vielleicht ebensogut abends tun, vielleicht noch besser, well ich dann allein bin. Doch wer weiß am Abend vom Morgen. Sie wollen erst nachmittags aufbrechen, um Mensch und Tier zu schonen in der stechenden Saharahitze. Es ist Vollmond, und sie gedenken die Nacht durchzureiten. Um solchen Ritt beneide ich sie fast. Es muß wundervoll sein, einsam in der kühlen, schweigenden Wüste! Der Gedanke an Einsamkeit, der mir hier die Brust engt, weitet sie mir dort. Wir haben noch ein letztes feierliches Dejeuner im Royal, wozu Quedenbergs eingeladen. Darauf begleiten wir Frauen per Wagen die Jagdkarawane noch ein Stück auf dem Wege nach Saada. Es ist Mitternacht. Ich sitze in meinem Schlafzimmer. Sie sind fort. Und ich bin so allein... Das letzte Gabelfrühstück im Royal war gut. Es herrschte die fröhliche Abschiedsstimmung, die für einen Jagdausflug paßt. Ich war die Fröhlichste. Graf Rhyn brachte den Abschiedstoast aus, kurz, trocken. Er kehrt nicht mehr nach Biskra zurück. Ich hob darauf das Glas im Namen der Zurückbleibenden und sagte nichts als »Weidmannsheil«. Um fünf Uhr brach die Karawane auf: die vier Herren, Rhyns arabischer Diener und die Treiber für die Packtiere. Wir fuhren eine kurze Strecke die Saadastraße mit. Graf Rhyn gab das Zeichen zu unsrer Rückkehr. Er mag Sentimentalitäten nicht.– Ein letzter flüchtiger Händedruck von allen und für alle. Peter liebt die Jagd doch mehr als mich. Unser Wagen hielt. Wir winkten, sie winkten zurück, viele Male; Graf Rhyn nur einmal und ganz leicht. Er war es auch, der sofort Trab befahl. Als wir zurückfuhren, Jeanette nervös, ich ruhig, sprachen wir kaum ein Wort. Vor dem arabischen Kirchhof sagte sie plötzlich: »Wenn der Kutscher fährt, was er kann, sind wir in dreiviertel Stunden auf dem Col de Sfa. Mit dem Glas können wir sie da noch sehen. Wünschen Sie mitzufahren?« Es war eine kühle Aufforderung, dennoch sagte ich ja. Der Col de Sfa ist einer von den Felsen, die Biskra auf der andern Seite im Halbkreis umschließen, und der Blick auf die Wüste berühmt. Von hier aus sahen die französischen Soldaten zuerst in einer Vollmondnacht die Sahara, und sie riefen aus: »Das Meer, das Meer!« – Ich bin schon einmal mit Peter dort gewesen. Es war ein dunstiger Tag, und die Wüste schwamm in trägem Grau... Wir fuhren wie rasend, und immer wieder trieb Jeanette Quedenberg den Kutscher an. Sie gab sich auch keine Mühe, ihre Aufregung zu bemänteln. Zu den verschlossenen Naturen gehört sie, zu den feigen nicht. – Endlich! Wir mußten noch den Felsen in die Höhe klettern. Sie rang nach Luft, als wir oben waren, ich atmete nicht stärker als sonst... Ich weiß nicht, ob ich eine verächtliche Komödiantin bin, auch vor mir selbst, oder ob es die Vorsehung liebt, mich unversehens aber tödlich zu treffen. Da lag sie wieder, die freie Wüste, so groß, so traurig. In den braunen Atlasbergen verglommen die letzten Sonnenstrahlen. Im fahlen Grau starrte die unermeßliche Oede. Wir sahen beide durch unsre Ferngläser, aber voneinander entfernt, vielleicht aus Instinkt... Und da war auch die Karawane, klein, puppenhaft, es schien, als käme sie nicht von der Stelle. »Sehen Sie Rhyn, Josefa?« »Ja, er reitet ganz vorn!« Und ich sah und sah und wunderte mich in meinem Herzen, wie leicht doch das Scheiden von einem Jugendtraum. Mein Mann ritt ganz weit rechts. Ich glaube wenigstens, daß es mein Mann war... Und plötzlich – war es eine tückische Bodenwelle oder eine List der Finsternis? – verschlungen die Karawane, der Reiter vorn wie verschluckt von der Wüste. Ich habe sie auch nicht wieder finden können, nur Peter allein ritt ruhig weiter... Und da setzte mir das Herz aus und die Zähne schlugen zusammen, ich fühlte einen Stich, weher als in Sirmione damals, weher als je ein Stich. Und eine tödliche Angst packte mich, und ich konnte nur brennenden Auges denken: »Laß sie alle verderben: Peter, die andern, aber rette ihn, ihn!« – Es war eine Todsünde. Ich weiß es. Aber schwimme gegen den Strom, in dem du versinkst! Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht recht. Es war dunkel, und das tat uns beiden wohl. Als mir vor dem Hotel meine Jungfer aus dem Wagen half, sagte sie: »Frau Baronin bluten ja!« Ich hatte mir die Lippe durchgebissen und es nicht einmal gemerkt. Und nun sitze ich in meinem Schlafzimmer um Mitternacht, kaum vierundzwanzig Stunden älter, und alles um mich predigt von der letzten Nacht. Und ich fühle, wie mir die böse, heiße Träne ins Auge tritt, die diese letzte Liebesnacht verwünscht, weil sie die nicht versteht, nicht verstehen kann... Was sollen mir Erinnerungen, Schatten? Was ich gestern war, bin ich heute nicht mehr. Ich kann nicht anders... Ich liebe ihn, ihn! – Und ihn allein begleite mein sündig' Gebet...