Sagen und Märchen Altindiens. 1. Band erzählt von Alois Essigmann Inhalt Meine liebe, stille Mutter! Vorwort Im Weltalter der Götter Nala und Damayanti Vorgeschichte Meine liebe, stille Mutter! Als du vor drei Jahrzehnten Deinen Kindern Märchen vorlasest, waren sie alle erstaunt: Du konntest Deine sanfte Stimme zur Härte zwingen, wenn Du als Harun al Raschid den bösen Kalum-Bek verurteiltest. – Nie hätten sie solches von Dir erwartet. Wie recht tatest Du, keinerlei Pathos an diese flache Tatsachenwelt zu verschwenden, Maß zu halten in allem, was sich messen läßt, und dafür in der Unendlichkeit der Phantasie zu schwelgen! Wenn ich diese Arbeit Deinem Andenken weihe, so dankt der Mann seiner Kindheit. Das gärende Werden, das zwischen Anfang und Reife liegt, lag auch zwischen Mutter und Sohn, wie die Jugend zwischen Kind und Mann. Es ist vorbei! Alle Irrwege haben sich zum sicheren Pfad vereinigt. Nimm hier die erste Frucht, die ich an diesem Wege zum Glück gepflückt habe. Du bist ja noch unter uns, als wärest Du am Leben! Dein dankschuldiger Sohn Alois Essigmann Vorwort Diese Sagen und Märchen sind nicht nur Tausende von Jahren alt, sie sind auch im Laufe vieler Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende, entstanden, lange Zeit nur mündlich überliefert und auch nach der Niederschrift noch durch Jahrhunderte hindurch geändert, erweitert, den Sitten und Gebräuchen der Zeit, sowie dem Geschmack der jeweiligen Dichter angepaßt worden. So erklärt sich mancher Widerspruch in der Auffassung und Verehrung von Göttern und Helden, in Landesbräuchen usw. Zu merken wäre, daß die ältesten Inder ein sehr kriegerisches Volk waren und leibhaftige Naturkräfte als Gottheiten verehrten (Indra, Varuna, Agni usw.). Später aber riß der Priesterstand die Herrschaft an sich, die Naturgötter mußten sich den erdachten Repräsentanten der sittlichen Ordnung (Brahma, Wischnu, Dharma usw.) und Könige, Krieger und Volk ihren Priestern, den Brahmanen, beugen. Mit dem der Allgemeinheit geläufigen Buchstabenmaterial ist es nicht möglich, ein vollkommen klangtreues Lautbild der altindischen Namen und Worte zu geben. Ich habe mich deshalb mit einer Annäherung begnügt und möchte nur noch bemerken, daß bei der von mir gewählten Schreibweise das Sch, sch im Anlaut weich gesprochen wird. Die letzte Silbe der Frauennamen ist lang. Im Anhang habe ich ein alphabetisches Namensverzeichnis angefügt, welches manchen durch die vielen Namen vielleicht verwirrten Leser rasch über die Beziehung einzelner Personen zur Erzählung orientieren mag. Im Weltalter der Götter Schöpfung und Flut Eine Ewigkeit hatte Brahma als Nichts auf dem Rücken der Urschlange Sescha geruht und sich zum All gesammelt. Dann schuf sein Denken die zehn Schöpfer! Sie wurden die Väter der Götter und Dämonen, die Ahnherrn der Menschen, und bauten mit ihnen Welten aus dem All. Kaschjapa, einer der Schöpfer, nahm die Töchter des Schöpfers Dakscha zu Gattinnen: Aditi schenkte ihm die Aditia oder Götter, Diti die Daitia und Danu die Danawa, zwei den Göttern feindliche Dämonengeschlechter. Der Sohn der Sonne aber war Manu, der erste Mensch. Im Auf und Ab der Zeiten vermehrten sich die Geschöpfe schier ins Unendliche, da dem Leben noch kein Ende gesetzt war. Brahma versank in tiefes Denken: Er wollte dem wuchernden Leben Einhalt gebieten, doch er konnte kein Mittel finden, den Strom der Fruchtbarkeit einzudämmen: Sein schöpferischer Wille hatte ihn hervorgebracht, und der war für ewige Zeiten unabänderlich. Da schlugen, im Zorn über seine Hilflosigkeit, lohende Flammen aus den Augen des ohnmächtigen Allmächtigen und drohten die Welt zu verzehren! Der Gott Schiwa aber fühlte inniges Mitleid mit allem Leben und bat den Erhabenen, seinen Zorn zu mäßigen, daß dessen Feuer das herrliche All nicht fräße. Die Flammen erloschen vor diesem Hauch des Alleinsempfindens! Ein Tropfen fiel von der Stirne Brahmas und ward zu einem ernsten, schwarzäugigen Weib in purpurnem Kleide. Nach Süden wandte es sich, um von dannen zu schreiten, als der Herr es anrief: »Du Frucht meines Denkens über Vernichtung des Lebens sollst Tod heißen: Du geh' und schlage Weise wie Toren, Gute wie Böse und alles was lebt, auf daß es nicht mehr erstehe, denn die Welt sinkt schier ins Wasser von seiner Last!« Laut weinend warf sich die Lotusgeschmückte vor dem Allmächtigen auf die Knie und barg ihr Antlitz in seinen Händen. »Gnade! Du Herr der Welt!« schluchzte sie. »Soll ich Kindern und Greisen, Starken und Schwachen, Sündern und Büßern mit gleichem Maß messen? – Wie wird man mich hassen, wenn Vater und Mutter, Gattin, Freund und das Kind in der Wiege dahinschwinden! Durch alle Ewigkeit werden die Tränen der Unglücklichen mich brennen! – Gnade! Du gütiger Vater der Wesen!« »Mein Wort ist unabänderlich und ewig!« sprach der Herr: »Tod soll das Leben enden! Doch du wirst vor den Geschöpfen ohne Schuld sein: du liebst sie, du sollst sie befreien! Zorn, Haß und Neid werden ihren Untergang zeitigen, ehe sie in deinen Armen Ruhe finden; die Tränen, die du in meine Hand geweint, will ich als Siechtum über die Erde streuen, so daß die Vergehenden dich als Erlösung ehren: Mögen die Sünder durch ihre Sünden vergehen – du bist die sühnende Gerechtigkeit, die sie, ohne Haß, ohne Liebe, aufnimmt! Und Yama, der Herr über das Recht ist, soll auch Herr sein über dich, Tod!« So war Tod in die Welt gekommen, auf daß sie sich ewig erneuere! Noch einmal drohte allem Atmenden der Untergang, als ein Danawa dem ruhenden Brahma die heilige Lehre Weda stahl, die dem schlafenden Gott über die Lippen quoll. Der Erwachte beschloß, eine Flut über die Erde fegen zu lassen und sich eines edlen Menschen zu bedienen, um die entsühnte Welt mit neuen Geschöpfen zu bevölkern: An den Ufern der Wirini stand Manu, in strenger Bußübung die Arme zum Himmel erhoben, den Blick in die eilenden Wellen des Flusses versenkt. Da schwamm ein kleines Fischlein auf ihn zu und sprach mit menschlicher Stimme: »Sieh! Du büßender Gerechter: Die großen Fische fressen die kleinen, die Starken verdrängen die Schwachen! Ich bin in steter Sorge um mein Leben. Rette mich, edelmütiger Büßer, vor dieser verzehrenden Furcht!« Voll Mitleid schöpfte Manu das Fischlein mit der hohlen Hand aus dem Fluß und trug es rasch nach Hause. Dort setzte er es in eine silberne Schüssel, pflegte seinen Schützling voll frommen Eifers und liebte ihn wie einen Sohn. Aber das Fischlein wuchs unter der Sorgfalt des Guten gar rasch und hatte bald nicht genug Raum in der Schüssel. Auf seine Bitte setzte Manu es in einen großen Weiher: der maß drei Meilen in der Länge und eine in der Breite. Doch der Fisch wuchs weiter, und nach einiger Zeit ward ihm auch dieses Wasser zu eng. Wieder bat er seinen gütigen Pfleger, ihn in ein größeres Gewässer zu setzen: »Zur Ganga bringe mich, zu des Meeres Gattin! Dort möchte ich mich tummeln, du Lieber! Doch tu', wie du willst – du bist der Herr, denn deiner Güte verdank' ich das Wachstum, du Sündenloser!« So brachte Manu den Fisch nach der Ganga, und als ihn auch die Ufer dieses Stromes beengten, trug er ihn nach dem weiten Meer. Dort setzte er den Riesenfisch, der einen himmlischen Wohlgeruch ausströmte, in die lockende Flut. Der Fisch aber sprach mit freundlichem Lächeln: »Du, Glückseliger, hast mich in treuer Sorge erhalten, so höre meinen Rat und handle danach: Bald wird die große Reinigungsflut über die Erde fegen, denn Lebendem und Totem ist die Zeit des Schreckens nahe! Baue ein Schiff und besteig' es mit den sieben Heiligen! Und Samen aller Art nimm auf und bewahre ihn wohl! Harre meiner, wenn die Flut dich trägt! An einem Horne sollst du mich erkennen!« »Ich will tun, wie du geraten hast!« sprach Manu, und als der Fisch untertauchte, schritt er in den Wald und begann den Schiffbau. Und als das Schiff fertig und genau nach des Fisches Rat beladen war, hob sich die Flut über die Erde und Manu glitt auf den Wogen dahin. Und als er des wunderbaren Fisches gedachte, kam dieser geschwommen, und Manu sah an seiner Stirne ein großes Horn. Daran mußte nun der Büßer sein Schiff binden, und in schneller Fahrt zog es der Fisch über die weite Meeresflut. Stürme tobten über das Wasser, daß sie schier Sonne, Mond und Sterne verlöschten! Nur die sieben Heiligen, die mit Manu über das Wasser glitten, erglänzten im reinen Licht ihres sündenlosen Seins. Das Schiff tanzte über die Wellen wie ein liebetrunkenes Weib. Alles Land war versunken, und schier endlos schienen die Wasser. Viele Jahre zog der Fisch schweigend das Schiff durch die Nacht! Endlich stieß es an den höchsten Gipfel des Himawat, und Manu mußte es auf Geheiß des Fisches dort anbinden; heute noch nennt das indische Volk den Berg »Schiffsbindung«. Der geheimnisvolle Fisch aber sprach zu Manu: »Ich bin Brahma, das höchste und ewige Wesen! Dich habe ich aus der Flut gerettet, auf daß du meine Welt mit neuen Geschöpfen bevölkerst: Bete und schaffe, so wird es dir gelingen!« Damit verschwand der Gott vor den Augen Manus. Als die Wasser sich verliefen, reinigte der Gerettete seine Seele in frommer Sammlung, dann breitete er neues Leben über die weite Erde. Die Götter und ihre Feinde Mitten im Weltall ragt der Berg Meru in den Himmel und durch die Erde in die Unterwelt. Er ist der geheiligte Sitz der Götter, den Sonne, Mond und Sterne voll Ehrfurcht rechtshin umwandeln und von allen Seiten mit ihrer Lichtflut umspülen. Wie Strahlen um einen Stern, liegen die Erdteile um ihn. Auf seinen Höhen wohnen die Götter unter der Herrschaft des kriegerischen Indra . Schakra, der Mächtige, heißt er allen, denn er hat die schwankende Erde befestigt und das Blau des Himmels darüber gespannt. Er verteidigt sie gegen Daitia und Danawa in ruhmreichen Kämpfen und segnet sie mit fruchtbringendem Regen in schenkendem Frieden. Die Wasu oder Erdengötter, die Rudra und Maruta, Wind- und Wettergötter, die lieblichen Apsaras, himmlische Wasserjungfrauen und des Himmels Spielleute: die Gandharva, sie alle ziehen in Indras Gefolge einher und beglücken Mensch und Tier, Baum und Gras, ja den dürstenden Sand in der Wüste mit ihren freundlichen Gaben. Schatschi , die Macht, ist des Götterkönigs Gattin, ein ragendes Beispiel weiblicher Treue. Sie kost mit dem geliebten Gatten, wenn er aus der Schlacht kommt, sie schmückt ihm den Herdsitz, wenn er ruht nach friedlicher Reise, auf der er Flüsse, Seen und Teiche gefüllt und nach der Ordnung in den Reichen der Erde gesehen hat. Der große, blonde Sohn der Aditi ist der Vorkämpfer der Götter, wenn die Dämonenscharen der Diti- und Danusöhne sich gegen den Himmel wälzen. Er ist Meister aller Waffen, und siebenfarbig ist sein großer Bogen, der nach dem Kampf am Himmel hängt. Varuna steht neben Indra, der mächtige Herr der Gewässer. Sein Reich ist das unendliche Meer mit all seinen Schätzen und die gewaltigen Ströme, die flinken Wasser der Erde. Geheimnisvoll wirkt er noch in dem kleinsten Grashalm, denn seinem Gesetze gehorcht alles Leben. Er ist ein mächtiger Hüter der Menschheit und wacht über ihre Sitte: Der Unklarheit, der Unwahrheit ist er feind und straft sie mit Krankheit und heillosem Siechtum. Agni , der milde Gott des Feuers, ist des Götterkönigs getreuer Freund und Kampfgenosse. Sein Wagen ist mit roten Stuten bespannt und so stürmt er die hölzernen Burgen der Feinde. Er ist der ewig Junge, der sich stets erneuert! Gerne wohnt er bei den Menschen und trägt ihre Opfer zu den Göttern. Auch Agni ist ein Freund der Wahrheit, und die Liebe zu ihr hat einst den Fluch eines Heiligen auf ihn geladen: Der Seher Bhrigu warb um Puloma, die Braut eines Riesen, und führte sie als Gattin in seine Einsiedelei. Verzweifelt irrte der verlassene Riese durch die Wälder, und als er zufällig die leere Klause des Heiligen betrat, warf er sich betend vor dem flackernden Hausfeuer nieder und flehte Agni um Wahrheit an: »Wo ist Puloma? – Du schwarzpfadiger Gott! wo weilt sie, deren liebliches Lachen mir eine glückliche Zukunft verhieß? Sprich, du Siebenzüngiger, vor dessen Sitz die Ehen geschlossen werden: War sie die Meine, da sie sich mir versprochen? – Ward sie mir nicht geraubt ? – O du, der du die ganze Welt durchziehst, der du in Sonne, Mond und Sternen bist wie in dem kleinsten Spanlicht, im opferfressenden Feuer wie im winzigsten Tröpflein Blut – du Allesseher! gib mir Wahrheit: wo weilt Puloma und ist sie die Meine?« Um der Wahrheit willen sagte Agni, daß Puloma des Riesen Weib sein müßte, daß sie aber nun als Gattin Bhrigus in der Einsiedelei hause. Da verbarg sich der Riese in der Nähe und raubte die Heimkehrende ihrem Gatten. Als Bhrigu sah, daß er sein Weib verloren hatte, verfluchte er den schwatzhaften Agni! »Werde zum verachteten Allesesser! verzehre, was du berührst – sei es rein oder unrein, erlaubt oder verpönt vom religiösen Gesetz – dich soll danach hungern, mundschneller Gott! – selbst Leichen sollen dir noch als köstliche Speise munden!« Entsetzt floh Agni vor dem Fluch des zürnenden Heiligen und verbarg seine Schmach im Meer, da der Hohn seiner Feinde ihn »Allesfresser« nannte. Mit einem Schlag hörten alle Opferfeuer zu brennen auf, die Götter hungerten, und die Menschen verkamen in Sittenlosigkeit. In dieser Not baten die sieben Heiligen Brahma um Hilfe, denn ein feierlicher Fluch nimmt unaufhaltsam wie das Schicksal seinen Lauf: Das schnelle Wort kann nicht zurückgenommen, nur in seiner Wirkung gemildert werden. Und der Allmächtige rief Agni vor sein Angesicht und sprach zu dem Betrübten: »Du wirst bis ans Ende der Zeiten dem Fluche folgen und verzehren, was du berührst! doch ich schenke dir auch die Gabe, zu reinigen, was du berührst. So bist du zwar ein Allesesser, aber nichts Unreines wirst du essen, denn deine Berührung reinigt alles!« Pavaka, der Reiniger, heißt Agni seither den Andächtigen. Yama , der ernste Völkersammler, der über den Tod und das Recht herrscht, ist ein nimmermüder Freund der Menschen und getreuer Hüter der Ordnung. Im Gefolge des schweigsamen Herrschers schreiten die Ahnen und Väter der Lebenden. Seine Boten schweifen über die Erde und führen die Gezeichneten in sein gastliches Haus. Surya und Soma , der Gott der Sonne und des Mondes, teilen die Ewigkeit, auf daß sie als Zeit geregelt erscheine. Surya ruft täglich zu neuem Leben, und Soma läßt sein balsamisches Licht in die Nächte fließen, auf daß die Menschen darin Heilung und neue Kraft finden. Uschas , die liebliche Morgenröte, erfreut Götter und Menschen, wenn sie das Himmelstor öffnet. Sie sendet alltäglich ihre beiden Reiter aus, um Verzweifelnde aus dem Schrecken der Nacht zu erlösen. Aswinas heißen die schönen Jünglinge, die auch die Ärzte des Himmels sind. Kama , der Liebesgott, reitet als ewiger Jüngling auf einem bunten Papageien und schwingt seinen goldenen Bogen, an welchem eine Schnur wilder Bienen die Sehne ist. Duftende Blüten sind die Spitzen seiner sehnsuchtbefiederten Pfeile, und ihre Wunden heilt allein Kamas Gattin: Rati , die Lust. Wischnu und Schiwa , Erhalter und Zerstörer, sind Teile des Schöpfers, sind er selbst, der urewig geheimnisvolle, dreieinige Gott Brahma. Brihaspati, der weise Sohn des Angiras, versieht als Priester den Opferdienst im Himmel. Er ist der gütige Mittler zwischen den Aditisöhnen und Brahma, dem ehernen Schicksal, dem sich auch die Götter beugen müssen. Nicht sorglos fließt ihr Leben dahin; sie kämpfen um ihr Dasein, wie die Erdenkinder, und ihre schrecklichsten Feinde sind die starken Söhne der Diti und Dann, die wilden Dämonen der Finsternis, der Dürre, der sengenden Glut. Auf kühner Streife war es einst Bala, dem Danawafürsten, gelungen, die Kühe der Götter zu rauben und sie in der weiten Höhle eines Berges einzuschließen. Indra zog an der Spitze des Götterheeres aus, die milchspendenden Freunde aller Geschöpfe zu befreien und die Frevler zu strafen. Auf seinem edelsteingeschmückten Streitwagen, mit den goldenen Radbüchsen und Schienen, brauste der starkarmige Götterkönig durch die Luft, in seinem Gefolge die flechtentragenden Windgenien in gedeckten Fellen, mit goldenen Helmen und Lanzen, die weithin über den Himmel glänzten. In heißem Pfeil- und Speerkampf wurden die Danawa zurückgedrängt und der dreiköpfige Wischwarupa von Indra im Keulenkampf erschlagen. Ein Wurf mit der nie fehlenden Indralanze spaltete den Berg und befreite die Kühe, so daß sie ihr Labsal über die ganze Erde ergießen konnten. Doch bald darauf führte Bala seine Dämonenscharen aufs neue gegen den Meru. In heißer Schlacht entriß er dem Indra die Herrschaft über die Erde und flehte in inbrünstigem Opferdienst, daß Brahma ihn in dem neuen Besitz erhalte. Da erschien Wischnu in Zwergengestalt, mit der weißen Schnur des Brahmanenstandes um die Brust, vor dem Opfernden, gewann in weiser Rede die Gunst des mächtigen Dämonenfürsten, und als dieser dem Lobredner eine Weihgabe bot, bat Wischnu, ihm drei Schritte Landes zu schenken. Gerne bewilligte der Fromme dem priesterlichen Zwerg diese Bitte. Vor den Augen des Dämonenfürsten wuchs nun der Gott ins Unendliche und nahm mit drei Schritten die ganze Welt! 17 Indra, dem Götterkönig, hat er sie wiedergegeben! Mit Agni, dem kühnen Freund, zog nun Schakra abermals gegen Bala und schlug das Heer der Dämonen aufs Haupt, daß seine Herrschaft aufs neue befestigt war. Indessen wuchs dem gewaltigen Herrn des Himmels in Writra, dem Fürsten der Kalakeya, einem Riesengeschlecht der Danawa, ein schier unbezwinglicher Gegner heran. Writra wälzte mit seinen Riesen Berge gegen den Meru, daß die Erde erzitterte. Darauf stürmten die Kalakeya vor und warfen sich gegen die Götter. Der Meru schien in lohenden Flammen zu stehen, so funkelten die goldenen Panzer, die eisernen Keulen der Danawa. Tapfer wehrten sich die Götter, und zu Hunderten und Tausenden fielen die abgehauenen Köpfe der Riesen aus der Luft. Aber Writras Kühnheit hatte unzählige Scharen der Dämonen angelockt und die Götter wurden zurückgedrängt. Als stürzten Berge ein, so tobte es in den Lüften beim Zusammenstoß der feindlichen Helden. Vergebens stritt Indra mit all seiner Tapferkeit und Stärke, mit allen seinen göttlichen Waffen gegen Writra. Der Danawa in seiner goldenen Wehr schien unverwundbar, und sein gellender Schlachtschrei trieb die Seinen zu tollster Kampfeswut und entmutigte die göttlichen Heerscharen. Da trat Indra vor Brahma, um von dem Allmächtigen Rat zu erbitten. Brahma wußte, warum der Götterkönig vor ihm stand und sprach: »Laß aus den Knochen eines Sündenlosen eine sechszackige Keule machen: damit wirst du Writra töten!« Die Götter baten darauf den Heiligen Dadhitscha, ihnen zu helfen, und willig opferte der Edle sein Leben zum Heile der Welt. Twaschler, der Götterschmied, verfertigte aus den Knochen des Sündenlosen den Sechszack, und, wieder voll Mut, warfen sich die Götter den Dämonen aufs neue entgegen. Furchtbar war der Anprall Leib an Leib! wieder schienen die Danawa die Stärkeren zu sein, die Götter weichen zu wollen. Schon klang Writrus Kriegsschrei wie ein Sieges jauchzen – da warf Indra den Sechszack: Schauerlich rollte der erste Donner durch die Lüfte, die Danawascharen mit Entsetzen erfüllend. Writra sank mit gespaltenem Schädel zu Boden und war tot! Jetzt drangen die göttlichen Heerscharen auf die entsetzten Dämonen ein und schlugen ihrer viele Tausende nieder. Heulend flohen die letzten vom Schlachtfeld und verbargen sich voll Angst im Meer. Seither ist der Donnerkeil Indras Lieblingswaffe. Freundlich spricht er mit dem Zackigen vor der Schlacht, und dieser glüht vor Kampfeslust in Schakras Hand, wenn der Feind sich naht. Ein mächtiger Helfer gegen die Dämonen erstand bald darauf dem Götterkönig in dem Kriegsgolte Skanda : Agni hatte beim Opfer die Gattinnen der sieben heiligen Seher erschaut, und sein Herz entbrannte in heißer Liebe zu den holden Frauen. Seufzend und sinnend zog er sich in den Wald zurück und fand keinen anderen Gedanken, als den an die tugendhaften Schönen, die er ewig meiden mußte. Svaha, des Feuergottes Gattin, erkannte in ihrem liebenden Herzen den Kummer des Gemahls, und, um den Treulosen nicht zu verlieren, nahm sie die Gestalt der Gattin des ersten Sehers an und ging am Morgen zu Agni in den Wald. Voll Freude umarmte der Verliebte seine Gattin und verlebte den ganzen Tag in Lust und Freude mit ihr, ohne sie zu erkennen. In der Dämmerung aber schlich Svaha ins Dickicht, verwandelte sich in einen Geier und flog nach dem Berge Sveta. Dort ruhte sie die ganze Nacht in einem goldenen Bett, von Schlangen und Geistern bewacht. Am nächsten Morgen flog sie nach dem Wald zurück und nahte sich ihrem Gatten als Frau des zweiten Sehers. Wieder verlebte sie unerkannt einen glücklichen Tag mit Agni. Und wieder ruhte sie des Nachts in ihrem goldenen Bett auf dem Berge Sveta. Und noch viermal gelang es ihr, den geliebten Galten zu täuschen. Nur die Gestalt der Arundhati, der Gattin des siebenten Sehers, konnte sie nicht annehmen: Ihre Zauberkraft versagte vor der unendlichen Liebe der beiden Gatten zueinander! Die ersten sechs Seher aber hörten von den schwatzhaften Tieren des Waldes, daß ihre Frauen sich mit Agni erlustigt hatten, und jagten die Ungetreuen aus dem Hause. Unschuldig verdammt, irrten die Unglücklichen durch die Welt, bis Brahma sie als Sternbild an den Himmel setzte. Svaha aber gebar auf dein Berg Svela den sechsköpfigen Skanda. Dann flog sie als Geier davon, und niemand kannte die Mutter des starken Gottes, der in vier Tagen zum Manne erwachsen war. Um diese Zeit raubte der Dämon Keschin Dewasena und Daitiasena, die Tochter des Schöpfers Pratschapali. Indra besiegte Keschin und löste die Fesseln Dewasenas, während der starke Dailiafürst mit der Schwester der Befreiten entfloh. Weinend beklagte die herrliche Dewasena das Los der Unglücklichen und schwor, nur den zum Gatten zu nehmen, der stärker als Götter und Dämonen sei. Da trat der sechsköpfige Skanda auf den Plan. Voll Kühnheit verfolgte er den Entführer und besiegte ihn nach heißen Kampf. Dann drang er weit in das Reich der Daitia ein und schlug Bana, den Sohn Balas, in schwerer Schlacht. Als der Dämonenfürst sich voll Angst in den Berg Krauntscha verkroch, spaltete der Gewaltige das Gebirge und tötete den Feigen durch einen Lanzenwurf. Indra, Schiwa und viele andere Götter hatten sich dem kühnen Skauda angeschlossen und lieferten den Dämonen blutige Schlachten. Nun trat der Riese Mahisa an die Spitze der Dämonen und führte eine Schar ihrer Besten zum Angriff. Mit unwiderstehlicher Kraft fraßen sich die kühnen Recken in das Götterheer und drohten es zu vernichten. Bis dicht vor den Streitwagen des gewaltigen Schiwa rollte die feindliche Woge. Da tötete Skandas Lanze den Mahisa, der seine Keule schon gegen Schiwa erhoben hatte. Dann sprang der Starke unter die führerlose Schar und warf sie mit dem Schwert, wie der Schnitter die Halme. Der Riese Taraka stellte sich dem Sechsköpfigen entgegen: ein furchtbares Ringen hob an, und die Erde erdröhnte von dem Gestampf der beiden gewaltigen Kämpfer. Doch der sechsfachen Kraft des Gottes war keiner gewachsen: Skanda erwürgte den Riesen wie einen tollen Hund. Indra neigte sich vor dem gewaltigen Kämpfer und bot ihm seine Herrschaft an, doch Skanda wies sie aus Ehrfurcht vor dem mächtigen Writratöter zurück und bat nur, ihm die Führung des Götterheeres anzuvertrauen. Seither ist Skanda Indras starker und kluger Feldherr und der glückliche Gatte der Dewasena, die ihn stärker als alle Götter und Dämonen gesehen hat. Der rote Hahn, das Banner, welches Skanda von Agni erhalten hat, zieht dem Heere der Götter voran. Katscha und Dewajani Wirschaparwan, der König der Danawa, hatte dem bußereichen Brahmanen Uschanas das Seelenheil der Seinen anvertraut. Als Hauspriester des Königs war der Fromme oberster Priester im Danawareich. Uschanas hatte in strengster Askese und tiefinnerster Sammlung der Natur das Geheimnis des Sterbens abgelauscht. Wen immer er mit seinen Zauberworten rufen mochte, der brach jede Fessel des Todes und trat lebend vor den gewaltigen Büßer. Da war die Weltherrschaft der Götter in Gefahr! Mochten ihre Waffen auch tausend und abertausend Dämonen in der Schlacht töten, das Zauberwort des Danawapriesters rief alle wieder ins Leben zurück. Und die Leichen aus dem Heerbann der Götter blieben tot, denn der edle Brihaspati kannte das Zauberwort nicht. Jede Schlacht, und mochte sie auch für die Götter siegreich sein, zehrte an der Macht der Himmlischen. Mit Grauen gedachten die Götter des Lichtes der Zeit, da die Dämonen der Finsternis, der verzehrenden Dürre, die Herrschaft der Welt an sich reißen, die alte Ordnung zertrümmern und Elend über die Erde breiten würden. Sie gingen zu Katscha, dem Sohn ihres Priesters Brihaspati, und baten ihn, Schüler und Jünger des mächtigen Dämonenpriesters zu werden. Vielleicht lernte er die Kunst des Wiederbelebens von seinem Meister, vielleicht fand der schöne Jüngling Gnade vor den Augen Dewajanis, der holden Tochter Uschanas: Auch die Götter mußten den Tod überwinden lernen, wenn die Welt fürder unter ihrer Herrschaft blühen sollte! Katscha neigte sich ehrfürchtig vor den hehren Hütern der Welt und kam ihrem Wunsche freudig nach: Im Schülerkleid, mit einer Tracht Brennholz auf dem Arm, so trat er, wie es die Sitte erheischte, vor Uschanas, nannte seinen Namen und seine Herkunft, und bat den würdigen Asketen, ihm tausend Jahre als Jünger dienen und von ihm die heilige Lehre des Weda und alle Bräuche der Priesterkaste hören zu dürfen. »Gerne nehme ich dich als Schüler auf, edler Jüngling!« sprach Uschanas, »denn dein Vater, der ehrwürdige Götterpriester, ist mir wert! – Sei willkommen!« So lebte nun Katscha im Hause des Danawapriesters, und seine Dienstwilligkeit, seine bescheidene Freundlichkeit, sein kindliches Lachen, machte ihn dem Alten und seinem jungfräulichen Töchterlein Dewajani immer lieber. Fünfhundert Jahre hatte er schon gelernt und gedient, da hörten die Danawa erst, daß Uschanas' Jünger der Sohn des Götterpriesters sei. Voll Sorge um das Geheimnis, dem allein sie ihre Macht verdankten, lauerten sie Katscha auf. Als er eines Morgens die Kühe seines Lehrers auf die Weide trieb, erschlugen sie den edlen Jüngling und gaben seinen Leichnam den Wölfen zum Fraß. Dewajani ahnte nichts Gutes, als die Kühe ohne den Hirten heimkehrten. Und als vollends die Stunde der Abendandacht schlug, ohne daß der eifrige Brahmanenschüler nach Hause gekommen wäre, litt es sie nicht länger in ihrer Sorge um den lieben Freund. Sie wandte sich mit Tränen im Auge zum Vater und sprach: »O Vater! Katscha fehlt zur Abendandacht – er, der jeder Pflicht des Priesterslandes so pünktlich nachkommt – oh – er ist gestorben – sie haben ihn ermordet – oh – ich will nicht leben ohne ihn!« Tröstend strich Uschanas über die Flechten seines lieblichen Kindes und rief den Vermißten mit seiner geheimnisvollen Zauberformel. Da zerriß Katscha die Leiber der Wölfe, die ihn gefressen hatten, lief nach Hause und erzählte der treubesorgten Dewajani, was ihm geschehen war. Bald darauf lauerten die Danawa dem Wiedererstandenen von neuem auf und töteten ihn, als er beim Blumensuchen zu weit in den Wald geraten war. Sie warfen den Leichnam ins Meer, doch Uschanas' Zauberwort reichte auch in dessen Tiefen, und Dewajani konnte den schmerzlich vermißten Gespielen bald wieder begrüßen. Zum drittenmal erschlugen nun die Danawa den Jüngling, verbrannten seinen Leichnam und gaben die Asche seinem Meister in Sura, einem berauschenden Getränk, zu trinken. Wieder klagte Dewajani dem Vater ihr Leid, doch dieser weigerte sich, sein Zauberwort zu sprechen: »Wie oft ich auch Katscha erwecken wollte, die Danawa würden ihn stets wieder erschlagen!« sprach er. »Laß ihn ruhen! weine nicht um den armseligen Schüler, da Götter und Danawa um deine Liebe werben.« »Oh – oh!« schluchzte Dewajani. »Wie kann ich meinem Schmerz um den edlen Jüngling, den lieben Gespielen, gebieten? – Nein, Vater, nein! – Hungern will ich und dürsten, bis du mich mit ihm vereinst – oder der Tod!« »So will ich ihn noch einmal rufen!« sprach Uschanas, »und die Brahmanenmörder mit schweren Strafen bedrohen – –.« »Halt ein!« rief da Katscha aus Uschanas' Leib, »Rufe mich nicht, ehrwürdiger Lehrer, denn du müßtest sterben. Die Danawa haben dir meine Asche im Abendtrunk gegeben! Du stirbst, wenn ich die Fesseln des Todes breche!« »Nun, Dewajani, hast du die Wahl: gilt dir des Gespielen Leben mehr als das des Vaters?« sprach Uschanas ernst. »Weh' mir!« schluchzte Dewajani. »Wie soll ich einen missen von zweien, die ich liebe? – Oh, laß mich – Vater – laß mich sterben!« »Wie schön, wie edel bist du, Katscha! daß meine Tochter so dich liebt!« rief Uschanas. »Ersteh' aus meinem Blut aufs neue als mein Sohn – doch nimm zuerst den Zauber, der ins Leben ruft, daß du mich, deinen Vater, aus des Todes Banden lösest!« Darauf murmelte er die Zauberformel, und als der wiedererstehende Katscha des Greises Adern sprengte, fiel dieser um und war tot. Doch rasch belebte das Zauberwort des kundigen Schülers den Toten. Freudig schlössen die Drei einander in die Arme. Der Asketenfürst aber, welcher durch sein Suratrinken so viel Glück gefährdet halte, verfluchte für alle Zeiten jeden Brahmanen, der der Lockung des berauschenden Trankes nicht widerstehen könnte: An Leib und Seele sollte der suratrinkende Priester gestraft werden, wie der Mörder eines Gerechten! Katscha blieb bis ans Ende seiner tausendjährigen Lehrzeit bei Uschanas. Als er Abschied nahm, um nach der Götterstadt zurückzukehren, bat Dewajani ihn hold verschämt, sie als Gattin in sein Haus zu führen. »O Schwesterlein!« sprach Katscha dawider, »wie könnte ich dich freien, da wir doch beide eines Blutes sind? Uschanas, der mich aus seinem Blut zu neuem Leben gerufen hat, ist mein Vater, wie der deine! – Der heilige Weda und aller Völker Gebrauch verbietet solchen Bund. – Sonniges Glück wünsche ich dir, holde Schwester, doch unsere Wege müssen sich scheiden!« Damit grüßte er die Betrübte und eilte nach dem Himmel. Dort feierten ihn die Gölter als Befreier aus schwerer Not mit vielen Ehren und jubelnder Freude. Dewajani aber drohte sich schier zu verzehren vor Sehnsucht nach dem Geliebten. Als Uschanas sein geliebtes Kind von Tag zu Tag bleicher werden sah, da verdachte er die Zauberformel, die an allem Schuld trug, auf daß sie für ewige Zeiten im Gedächtnis aller Geschöpfe erlösche. Seither bleiben Tote tot, und kein Götter-, kein Dämonenwort kann sie ins Leben rufen. Mada, der Riese Leidenschaft Der Bhrigusohn Tschiawana hatte seine Klause am Ufer des Flusses Narmada gebaut und lebte dort in strengster Askese. Schier unerschöpfliche Gnadenschätze häufte er durch fromme Buße auf: Während des glühenden indischen Sommers saß er nackend zwischen vier hochlodernden Feuern und ließ sich die Sonne auf den Scheitel brennen. Viele Jahre hindurch hielt er das strenge Gelübde des Schweigens, und seine Nahrung bestand in Wasser und wenigen Wurzeln. Zuletzt stand er regungslos, wie eine Säule, im Wald, und Ameisen bauten an ihm ihr Bauwerk empor. Sein Scheitel ward noch überdeckt, nur die blitzenden Augen lugten aus dem Gewirr von Halmen, Nadeln und Sandkörnern. Scharjati, der Herrscher des Reiches, kam um diese Zeit mit seinem Töchterlein Sukanja in Tschiawana's Waldeinsamkeit. Ihm folgte ein reisiges Heer und ein Troß von Sklaven und Frauen der Prinzessin. Sukanja tollte mit ihren Gespielinnen durch den stillen Einsiedlerwald, und in fröhlichem Haschen und Suchen verlor ihr Gefolge sie aus den Augen. Bald stand sie allein vor Tschiawanas Klause und musterte neugierig das Niegesehene. Der büßende Bhrigusohn in seinem Ameisenhaufen sah das holde Mädchen, und in sein altes Herz fiel heiße Liebe und glühende Sehnsucht nach dieser blühenden Jugend. Leise rief er Sukanja an, doch die Neugierige hörte oder beachtete den Ruf nicht. Sie sah etwas Funkelndes in dem Ameisenhügel, und während sie spielend darin mit einem langen Dorn herumstocherte, fragte sie harmlos: »Was mag das sein?« Da ihr keine Antwort ward, lief sie wieder in den Wald und suchte ihre Gespielinnen. Sie hatte dem büßenden Heiligen die Augen ausgestochen! In seinem Zorn sandte der Blinde eine schwere Seuche über Scharjatis Heer. Vergebens forschte der König in seinem Gefolge und bei den Kriegern nach des Übels Ursache; wiederholt fragte er, ob keiner von ihnen den heiligen Bhrigusohn, der hier in der Nähe hause, gekränkt habe. Endlich erzählte Sukanja, wie sie, im Walde spielend, zwei funkelnde Sterne in einem Ameisenbau zerstört habe. Böses ahnend, ließ sich Scharjati dorthin führen und fand mitten im Ameisenhaufen den geblendeten Büßer. »Verzeih'! Du mächtiger Heiliger!« rief er mit flehend erhobenen Händen. »Verzeih', was dir meines Kindes Unverstand getan hat! Sei gnädig, frommer Einsiedler, und nimm die Strafe von meinem Heer, von meinem Land!« »Hochmut und Verachtung für den schmutzigen Greis haben dein Kind verleitet, mich zu blenden. So soll es als Gattin des Verachteten seine Armut teilen, den Geblendeten führen. Dann will ich dir und den Deinen wieder gnädig sein!« sprach der Heilige. Schweren Herzens gab Scharjati dem Asketenfürsten die liebe Tochter, doch willig nahm Sukanja die Buße für ihren jugendlichen Übermut auf sich. Freundlich, wie eine liebevolle Tochter, pflegte sie ihren greisen Gatten und ward nicht müde in seiner Wartung. Einst zogen die schönen Morgenrotreiter, die Aswinas, die Götterärzte, durch den Wald und sahen die Liebliche, wie sie am Ufer der Narmada das Kochgerät wusch. »Wer bist du, schönste Blume des Waldes?« fragten die beiden Jünglinge. Da erzählte Sukanja von ihrer Herkunft, von dem schrecklichen Unheil, daß sie in kindischem Unverstand verschuldet hatte, und daß sie jetzt das Weib des geblendeten Büßers sei und ihn voll Reue und kindlicher Liebe pflege. »Mir dünkt, du bist zu jung zu diesem traurigen Amt und für die Waldeinsamkeit zu schön!« sprach einer der Jünglinge. »Ja, komm mit uns!« sprach der andere. »Komm mit nach der Götterstadt und wähle einen Jungen zum Gatten. Laß dich mit köstlichem Geschmeide schmücken und dir den Weg zu Götterfreuden zeigen!« »Ich liebe Tschiawana. denn er ist weise und gut!« erwiderte Sukanja mit leisem Seufzer. »Wir sind die Götterärzte! wir wollen den Heiligen gesund und jung machen, dann magst du zwischen ihm und uns beiden wählen!« Alle drei traten vor Tschiawana, und die Aswinas wiederholten ihren Vorschlag. Der blinde Heilige war's zufrieden, und die Heilkundigen führten ihn in den Fluß, bis allen dreien die Wellen über dem Kopf zusammenschlugen. Als sie wieder auftauchten, war Tschiawana ein helläugiger Jüngling geworden: schön wie die Morgenrotreiter und lachend wie der Gatte des leibhaftigen Glückes! »Nun wähle!« riefen die Aswinas der staunenden Sukanja zu. Da wählte sie mit holdem Erröten ihren Gatten! Neidlos beglückwünschten die Götterärzte das herrliche Paar. Tschiawana aber sprach: »Ihr habt meinen Augen die Schönheit der Welt, meinem Leib die Lust der Jugend geschenkt! ich will es euch danken: Künftig sollen die Menschen auch euch den köstlichen Somatrank opfern, wie jetzt nur Indra und den höchsten der Götter!« Frohen Mutes stiegen die Morgenrotreiter zum Himmel hinan, und das junge Paar trug sein stilles Glück in die Klause. Als bald darauf Scharjati mit großem Gefolge die Einsiedelei besuchte, um sich an der jungen Freude seiner Tochter zu weiden, rüstete Tschiawana ein feierliches Opfer. In seliger Dankbarkeit hob er die geweihte Schale mit dem berauschenden Soma und rief die Aswinas an, um die Spende für sie zu vergießen. Da erschien Indra vor dem Altar und rief dem Heiligen ein drohendes Halt zu: »Du sollst nicht rütteln an Althergebrachtem!« schrie er zornig. »Die Aswinas sind Halbgötter, sind Ärzte und Diener der Götter! Sie, sollen nicht an meiner Tafel schwelgen!« »König der Götter!« sprach Tschiawana ernst, »wie magst du die Edlen schmähen, die die Schrecken der Nacht verscheuchen, wenn sie vor Uschas Wagen reiten, die Götter und Menschen heilen mit ihrer Kunst, die mir das Licht und die Jugend wiedergegeben haben! – Sie sollt' ich nicht ehren dürfen als Götter? – Nein, Schakra, fröhlicher Somatrinker! ich spende den Aswinas Opfer wie den anderen Göttern!« Und wieder hob er die Schale, um das Opfer zu vollenden. »Halt!« rief Indra, »und hörst du nicht auf mein Wort, so wird mein Donnerkeil dich treffen, Unseliger!« Zornig funkelten des Writratöters Augen, und in seiner Rechten schwang er dräuend den Sechszack. Tschiawana aber erschuf aus dem Gnadenschatz seiner Buße Mada, den Riesen Leidenschaf! Unermeßlich war dessen Leib, und sein Rachen gähnte von der Erde bis zum Himmel. Zähne wie Bäume und Hauer wie Türme standen darin. Die Augen gläntzten wie Sonnen und die Arme glichen Bergketten. Glühendheiß loderte es aus seinem Rachen, und ein Meer von Schlamm geiferte über die zuckende Zunge. Mit furchtbarem Brüllen stürzte Mada gegen Indra und drohte den Gott zu verschlingen. Dem tapferen Götterkönig erlahmte vor Schrecken der Arm, der den Donnerkeil schwang. »Wahrlich!« sprach er, »würdig sind die Aswinas des Somaopfers, wenn du, mächtiger Bhrigusohn, ihnen den Schutz deiner Gnade leihst!« Schnell rief Tschiawana den Riesen Leidenschaft zurück und verteilte sein Wesen auf Trinken und Spielen, auf Hassen und Lieben! Furchtbar sind auch noch die Teile des Riesen, vor welchem einst Indra gebebt hatte! Tschiawana vollendete das Opfer, und die segenspendenden Aswinas sitzen seither an der Somatafel. Der dankbare Heilige aber lebte mit seiner holden Sukanja noch viele Jahre im stillen Waldesglück, als Freund der Götter und Menschen. Nahuscha In Naumutschi, dem Daitiakönig, war den Dämonen ein neuer Writra erstanden. Als ein gewaltiger Kriegsheld führte er seine Scharen gegen die Götter und entriß der Herrschaft Indras weite Gebiete. Wieder und wieder stellte der Donnerer seine Heere von Rudras, Marutas und Gandharvas diesen Schrecken der Welt entgegen, wieder und wieder maß er sich im Einzelkampf mit dem furchtbaren Dämonenherrscher: der Sieg blieb aus! Naumutschi behauptete, was er erstritten hatte, und stürzte die Welt in Sorge, durch neue Raubzüge in glückliches Land. Die Götter fragten die Rischi, die sieben heiligen Seher der Urzeit, um Rat, und die Heiligen rieten zu einem ehrlichen Frieden. Da auch die Götter nicht bessere Hilfe wußten und Indra gestand, daß ihm der Daitiakönig an Kraft und Geschicklichkeit gewachsen sei, so gingen alle zur Grenze des Daitiareiches, und die sieben Rischi suchten Naumutschi auf. Der Dämonenfürst empfing die Heiligen voll Ehrerbietung und hörte ihre Friedensvorschläge willigen Herzens. »Ich bin bereit, einen ewigen Frieden zu schließen!« sprach er ernst, »doch trau' ich dem mächtigen Donnerer nicht. Er ist vernarrt in sein Spielzeug: die Menschen und Tiere, Felder und Wälder. Das Herz möchte ihm schier brechen, wenn ich mich in Frieden über die Erde lege und mit den Meinen Flüsse und Weiher austrinke, so daß die Geschöpfe ein wenig dürsten müssen. Ich traue dem Jähzornigen nicht! – Heilige Eide müßten ihn binden, senst schlägt er mich tot, sobald ich die Waffen abgelegt habe! – Er schwöre, mich nicht zu töten: bei Tage nicht und nicht bei Nacht, mit Wasser nicht und nicht mit Feuer, noch mit Waffen aus Stein, Erz, Holz oder allem, was fest ist! Spricht er den Eid, so will ich Frieden halten und das Jahr mit ihm teilen!« Und Indra sprach den Eid: »Bei Tage nicht und nicht bei Nacht, mit Wasser nicht und nicht mit Feuer, noch mit Waffen aus Stein, Erz, Holz oder allem, was fest ist, will ich den starken Naumutschi töten!« So ward der Friede geschlossen, und im Sommer streckte sich der Dämonenfürst über die Erde, um sie ein halbes Jahr lang zu drücken. Furchtbar litten alle Geschöpfe unter der verzehrenden Dürre. Weiher und Flüsse waren von den Dämonen ausgetrunken, versengt die einst blühenden Matten, die duftenden Wälder; und flehend stiegen die Gebete aus vertrockneten Kehlen zum Himmel empor. Nie noch hatte der Gabenspender Indra so lange gezögert. Das Ende aller Wesen schien nahe! Traurig saß der Weltenherr auf seinem funkelnden Thron und sann, wie er die Erde von der Schreckensherrschaft Naumutschi befreie. Oh, sein geliebter Donnerkeil! – doch der war eine Waffe – war aus Festem geschmiedet – das Feuer barg er in sich – oh! des schrecklichen Eides! Zornig sprang Indra auf und eilte zu seiner gequälten Erde. Da lag sein Feind im Dämmerlicht des Abends, lang hingestreckt, durch den Frieden geschützt, und schlief! Sein Haupt reichte bis ans Ufer des Meeres, und dem schnarchenden Rachen entstieg eine verzehrende Glut, die das Wasser des Meeres kochen machte, daß seine Oberfläche eitel Schaum war. Wie der Blitz fuhr's in Indras Gedanken: Nicht Wasser ist der Schaum des Meeres und nicht Feuer! Waffe ist er nicht und nicht aus Stein, noch Erz, noch sonst aus Festem! und die Dämmerung ist nicht Tag noch Nacht! Jauchzend schlug er den Donnerkeil in die kochende Meerflut, daß eine Schaumwoge hochauf zum Himmel stieg und im Niederfallen den neuen Writra erschlug. Hei! wie jubelten Götter und Genien, wie trieben Waju, der Sturm, und die singenden Maruta strotzende Regenwolken herbei und ergossen deren Labsal auf die lobpreisende Erde! Indra aber sank zu Boden und vergrub sein Antlitz vor Scham im Sande: Er hatte seinen Eid gebrochen! Lange lag der Heißblütige so, dann schlich er im Dunkel der Nacht von dannen. Winzig klein geworden, verbarg er sich vor aller Welt im Wasser, im Stengel einer frisch erblühten Lotosblume. Kaum war der Götterkönig verschwunden, versiegte der Regen, die Erde vertrocknete aufs neue, Bäche, Weiher, Flüsse und Seen versickerten, denn Götter und Genien fühlten nicht mehr die Zügel der Herrschaft. Die Welt war ohne König, Zucht und Gesetzmäßigkeit im Schwinden. Wieder traten die Götter vor die sieben Seher und baten sie um Rat, baten, ihnen einen neuen Herrscher zu geben. Die Heiligen sahen die Not der Welt und schlugen den König Nahuscha, der in Weisheit und Milde über die Menschen herrschte, zum Himmelsherrn vor. Sie versprachen, ihn mit den Schätzen ihrer Gnade zu überhäufen, auf daß er stark genug werde, um über die Dreiwelt des Himmels, der Erde und der Unterwelt zu herrschen. Des waren die Götter zufrieden, und im feierlichen Zuge holten sie den Erwählten aus seinem irdischen Reich. Nahuscha trat auf das Tigerfeil vor dem Weltenthron, Weihwasser rieselte auf den Beglückten nieder, und so ward er der Beherrscher der Dreiwelt. Doch Nahuscha war ein Mensch! Als er sich über Götter, Genien, Heilige und die ganze Erde gesetzt sah, vergaß er die schweren Pflichten seiner Erhöhung und langte gierig nach ihren leichten Freuden. Mit den schönen und heiteren Apsaras durchstreifte er die heiligen Haine in tollem Taumel, schwelgte mit den Welthütern an der Somatafel und lieh sein Ohr nur den lustigen Weisen der Gandharva, den preisenden Heldenliedern der brahmanischen Dichter und nicht den klagenden Gebeten der leidenden Menschheit. Einst feierte er ein stolzes Fest in Indras Garten Nandana: Narada, der Götterbote, pries die kriegerischen Ahnen des Weltenherrn in begeisterten Hymnen; Apsaras tanzten über die blumigen Wiesen, und die Schellen an ihren zarten Knöcheln klirrten leise in die fröhlichen Weisen der Gandharva. Wohlgerüche erfüllten die Luft, und ein kühler Wind erfrischte die tafelnden Götter. Um Nahuscha waren die sechs Jahreszeiten versammelt, die dem Herrn der Welt ihre köstlichsten Gaben gebracht hatten. Nach dem Somagelage streifte der Fröhliche durch den weiten Götterhain und erblickte die trauernde Schatschi. »Ist das nicht Schatschi, die Macht?« rief er, »des verschollenen Indra Eheweib? Warum dient sie mir nicht? – Ich bin nun Indra – ich der Götterkönig – der Herr der Welt! Und wahrlich! so schön ist Schatschi, daß sie stets nur das Weib des Erhabensten sein soll! – Bringt sie in mein Haus!« sprach er zu seinem Gefolge. »Ich will sie zu meiner Gattin erheben!« Als Schatschi die Worte Nahuschas hörte, entfloh sie und verbarg sich bei Brihaspati, dem guten Götterpriester. Dieser gewährte der Treuen gastlichen Schutz und prophezeite, daß Indra wieder erscheinen und über die Dreiwelt herrschen werde. Nahuscha tobte, daß die Welt erzitterte, als er hörte, daß Schatschi sich unter des Brahmanen Schutz begeben hatte. Die Götter baten ihn, seinen Grimm zu beherrschen, auf daß dieser nicht die Welt vernichte. Doch eigensinnig bestand der Götterkönig darauf, daß Indras Weib in sein Haus geführt werde. Da gingen die Götter, denen vor dem Zorne des Starken bangte, zu Brihaspati und baten ihn, um der Welt willen Schatschi auszuliefern, auf daß sie die Gattin des furchtbaren Götterkönigs Nahuscha werde. »Gib sie heraus! o Ehrwürdiger!« sprachen sie. »Nahuschas Grimm verzehrt sonst die Welt, denn weit stärker als Indra ist der neue Herrscher, da die sieben Heiligen ihm den Schatz ihrer Buße geliehen haben!« Doch Brihaspati sprach: »Wie kann ich die Schutzsuchende dem Verfolger ausliefern? – Glaubt ihr, so wenig gälten einem Brahmanen die Lehren des Weda? Muß ich die heiligen Sprüche erst nennen? – Euch sagen, daß kein Regen fällt auf die Saat dessen, der einen Schützling ausliefert, daß Speise und Trank ihn verzehren, statt zu nähren, daß seine Kinder früh ins Grab sinken und seine Ahnen keine Ruhe finden, daß die Götter seine Gaben verschmähen und ihre Gaben ihm Not und Tod bringen! Habt ihr vergessen, wie Indra einst den König Usinara prüfte und belohnte? – So will ich es euch wiedererzählen: Der vielgepriesene Länderherr saß vor dem lodernden Opferfeuer, als eine Taube sich in seinen Schoß flüchtete. Ein schneller Habicht verfolgte die Zitternde, flog bis vor Usinaras Thron und forderte seine Beute von dem König. »Gerecht wirst du gepriesen, o Herr!« so sprach der Habicht. »Gib mir, was ich erjagt habe, mich plagt der Hunger!« »Wie könnt' ich gegen die heilige Lehre verstoßen?« sprach der König. »Wie dem Verfolger geben, was sich vertrauend zu mir geflüchtet hat? – Die Schuld würde lasten auf mir, als hält' ich eine Kuh, eine Weltmutter, erschlagen oder einen Brahmanen erwürgt! – Nie geb' ich den Schützling heraus!« »So willst du mich dem Hungertode preisgeben? – mich? und, bin ich tot, mein Weib und meine Kleinen? oh – vergiß nicht, weiser König: Pflicht steht gegen Pflicht! Laß doch die kleinere um die große zu erfüllen: gib mir die Taube! Es ist den Habichten gesetzt, die Tauben zu fressen!« »Nimm einen Büffel, kluger Vogel – einen Eber oder Hirschen – alles lasse ich dir geben, doch der Schützling ist mir heilig!« rief Usinura. »Nicht Büffel, Hirsch und Eber will ich von dir erbetteln, König!« sprach der Habicht. »Die Taube gib mir, meine müdgehetzte Beute und jene Nahrung, die des Schöpfers Willen mir zugesprochen hat!« »Nimm mein Reich und alles, was ich habe; der Schützling bleibt in meiner Hut!" erwiderte Usinara ernst. »Gib mir von deinem Fleisch soviel, als diese Taube wiegt, wenn du um alles an die Pflicht dich bindest!« rief der Habicht. »Gerecht ist deine Forderung, weiser Vogel!« sprach der König und ließ eine Wage bringen. Dann schnitt er sich ein Stück Fleisch vom Leibe und wog es gegen die Taube. Doch der kleine Vogel wog schwerer als das blutige Fleisch des Edlen. Noch einmal schnitt das Messer in des Dulders Leib, und wieder ward das Opfer zu leicht befunden. Da trat Usirana auf die Wage und bot sich dem Habicht zur Speise. »Indra bin ich!« rief der Vogel jetzt, »und die Taube ist Agui! Wir kamen, dich zu prüfen, viel besungener Herr der Gerechtigkeit, und du hast bestanden wie Gold im Feuer, glücklicher Weiser! Steig' auf zu meinem Himmel und leuchte der Menschheit als Beispiel!« So schützt ein Weiser, was sich seinem Schutze anvertraut! – Nie liefere ich Schatschi dem Drohenden aus!« schloß Brihaspati seine Rede. »So rate uns, wie wir die Welt beschützen vor dem Grimmigen, der die Gnade der Rischi besitzt!« sprachen die Götter ergeben. Da dachte der edle Priester nach und sagte: »Schatschi mag Nahuscha sagen lassen, daß sie dem Gewaltigen in sein Haus folgen werde, wenn er die sieben Heiligen vor seinen Wagen spannt. In einem Gefährte, so kostbar, wie noch keiner eins lenkte, fährt die Macht mit dem Allbezwinger zum Altar! – Hochmut ist Nahuschas Fehler, Hochmut wird ihn stürzen!« Die Götter brachten ihrem König die Botschaft der Entflohenen, und der Herr der Welt freute sich über Schatschis Willigkeit und das seinem Stolze schmeichelnde Verlangen. Er suchte die heiligen Seher auf und spannte sie an seinen Streitwagen: Zwei an jede Seite und drei an die Stange. Indessen halte Brihaspati ein stilles Opfer zur Auffindung Indras gerüstet. Der Agni der Opferflamme durchstreifte im Fluge die ganze Welt, doch fand er seinen Herrn und Freund nicht auf der festen Erde, noch in der blauen Luft. Unter Brihaspatis kräftigen Zaubersprüchen fuhr er in das gefürchtete Wasser und sah hier Indra in der Lotosblüte verborgen. Rasch rief er alle Götter herbei. Und als die Herrlichen reinen Herzens des gewaltigen Writratöters Kriegstaten und seine weise Friedensherrschaft priesen, da wuchs der in Sünde und Reue klein gewordene Indra und stand plötzlich in seiner alten Stärke unter ihnen. Nun erzählten die Frohen ihm von Nahuschas schlechter Herrschaft und baten den mächtigen Donnerer, den Unwürdigen vom Thron der Welt zu stürzen und sie wieder, wie einst, zu beherrschen. Doch Indra schüttelte das Haupt: »Woher nähm' ich die Kraft, den Nahuscha zu stürzen? – Ich, der unter der Sünde des Eidbruches seufzt, ihn, den die Gnade der Heiligen trägt!« Und schweigend schritten die Götter alle zum Himmel. Dort hatte Nahuscha indessen sein seltsames Gespann gegen Brihaspatis Haus gelenkt, um die heißbegehrte Braut im Triumphe abzuholen. Dem ungeduldigen Verliebten zogen die Ehrwürdigen zu langsam des Weges. »Schleicht nicht so!« rief er zornig und spornte den heiligen Agastya mit der Ferse. Da war das Maß des Frevels voll, und die Macht des zum Weltherrscher erhobenen Menschen gebrochen! Die Heiligen hielten an, und auf Agastyas Fluch: »So schleiche du durch die Ewigkeit!« stürzte Nahuscha als Schlange vom Wagen. Heute noch steht am Himmel das Sternbild: die sieben leuchtenden Heiligen an den Wagen gespannt, und daneben die stürzende Schlange! Indra aber ward im Himmel mit lautem Jubel empfangen. In einem sühnenden Roßopfer wälzten die Heiligen die schreckliche Schuld von seinem Herzen und verteilten ihr Wesen in der ganzen Schöpfung: Die Berge nahmen ein Drittel auf sich und bekamen davon die Schrunden und Risse: die Bäume tragen das zweite Drittel und schwitzen Harz unter der schweren Last; die Frauen büßen das letzte in stets wiederkehrender Schwäche. Indra aber ward rein und thront wieder mächtig über der Dreiwelt, an der Seite seiner getreuen Schatschi. Der Fluch der Schlangenmutter Die Schwestern Kadru und Winata waren Gattinnen des Schöpfers Kaschjapa. Kadru brachte tausend und abertausend Kinder zur Welt. Sie war die Mutter aller Schlangen und liebte ihre klugen und zierlichen Sprößlinge voll Stolz und Freude. Winata sah voll Neid auf die Scharen blühender Kinder und erflehte vom Schöpfer einen Nachwuchs, weit mächtiger als das Schlangengeschlecht der Schwester. Sie gebar den Aruna und den Garuda. Aruna, ein schöner Knabe, war ohne Beine zur Welt gekommen. Der Sonnengott nahm ihn als Wagenlenker, und morgens und abends sieht man den Herrlichen das rote Siebengespann leiten, das im goldenen Joch den perlengeschmückten Wagen Suryas durch den Äther zieht. Garuda war der Fürst der Geier, ein furchtbarer Feind seiner schleichenden Vettern. Stark war er und weitflügelig, der größte Vogel der Welt! Dem erhabenen Gott Wischnu diente Garuda als Reittier oder er saß in der Dämonenschlacht auf dem Bannerschaft seines Streitwagens. Voll Stolz strich er durch den Weltenraum und deuchte sich selbst dem Götterkönig an Kraft gewachsen. Als Indra einst den Schlangenprinzen Sumucha, den Eidam seines Wagenlenkers Matali, vor Garuda beschützte, stritt der stolze Vogel mit dem Herrn der Welt und prahlte mit seiner grimmigen Stärke. Lächelnd legte Indra dem Zornigen seine Linke auf die Schulter, daß diesem schier der Flügel brach unter der Last der Faust, die einst die Erde befestigt hatte. Kleinlaut bat der Wischnuvogel, ihn zu schonen, und spottend warf Inra ihm Sumuchas abgestreifte Haut um den nackten Hals. Durch alle Zeiten trägt Garudas Volk diese Krause, als Zeichen der schmählichen Prahlsucht seines Ahnherrn. Kadru und Winata waren voll Eifersucht gegeneinander, denn jede war stolz auf ihre Kinder und sah in ihnen die Krone der Schöpfung. Einst gerieten die beiden in Streit über die Farbe des Götterrosses Utschaisrawa: schwarz! sagte Kadru; weiß! Winata. »Wir wollen um die Freiheit wetten!« schlug Kadru vor, denn sie hatte einen Plan, der die verhaßte Schwester in ihre Gewalt bringen sollte. »Wir wollen wetten, und wer verliert, dient der andern als Sklavin!« Winata war damit einverstanden, denn sie wußte bestimmt, daß Utschaisrawa weiß sei. »So wollen wir morgen an das Ufer des Meeres gehen und das herrliche, hochohrige Roß betrachten, wenn es bäumend aus den Fluten steigt!« sprach Kadru. Dann sandte sie einige ihrer Söhne bei dem Schlangenvolk umher und befahl, daß alle ihre Kinder sich am andern Morgen als schwarze Haare an das Götterroß heften solllten, auf daß ihre Mutter nicht der Sklaverei verfiele. Doch die Schlangen sind sehr leichtsinnige Geschöpfe: Im strömenden Regen der Nacht badeten sie voll Wonne und sonnten sich träge am nächsten Morgen. Nur wenige hatten der Mutter Befehl befolgt. Und als Utschaisrawa aus den Fluten stieg, war der Hengst silberweiß und trug nur einen schwarzen Schweif aus den wenigen getreuen Kindern Kadrus. Da verfluchte die der Sklaverei verfallene Mutter ihre ungehorsamen Kinder: »Sterben sollt ihr alle bis zum Letzten! Wenn Dschanamedschaja das Schlangenopfer feiert, soll das Feuer euch verzehren! Alle mögen enden auf dem Opferherd, den der Sohn Parikschits aus dem Kuruhause baut!« Und der Schöpfer der Welt hörte den Fluch und verhängte seine Erfüllung als Strafgericht über das Schlangenvolk, denn bösen Schaden hatten die Giftzähne der Kadrusöhne seinen Menschen und Tieren schon zugefügt. Die listigen Schlangen aber versammelten sich in einer Steinwüste und hielten Rat, wie sie dem schrecklichen Fluch der Mutter entgingen. Einer riet, das Kurugeschlecht unter den Bissen der Nattern sterben zu lassen, auf daß nie ein Parikschit, noch ein Dschanamedschaja geboren werde. Ein zweiter wollte ruhig die Zeit abwarten, bis Dschanamedschaja das Opfer rüste und ihn dann in Brahmanengestalt so eindringlich bitten und warnen, daß er sicher von der Ausführung seines Vorhabens abstünde. Ein dritter riet, den Priester, der das Schlangenopfer leiten wolle, zu töten. Andere wollten im Regen die Opferfeuer löschen oder die heiligen Geräte verunreinigen, so daß die Zeremonie unwirksam bleibe, Dschanamedschaja töten und noch manches andere. Doch Wasuki, der Schlangenkönig, sprach mit ernster Miene: »Was schwätzt ihr da von Königs- und Brahmanenmord, ihr Überklugen! – Glaubt ihr, Sünde lösche Sünde aus? – Mag dem und jenem Fluch die List entkommen, doch unabwendbar ist ein Mutterfluch! – So unabwendbar wie das Schicksal! – Bei ihm will ich Hilfe suchen, in einer Stunde, da die Götter uns gnädig sind. Vielleicht mildert Brahma den Fluch auf ihre freundliche Fürsprache. Harret und hoffet!« Traurig, furchtsam und doch voll Hoffnung auf die Weisheit ihres Königs, schlichen die Schlangen hinweg, und Wasuki sann, wie er den Göttern dienen könnte, um sein geliebtes Volk zu erretten. Amrita, der Göttertrank Nun war in jener Zeit der Götter Sehnsucht nach ewiger Jugend und Unsterblichkeit erwacht. Die Zauberformel, welche Katscha von den Danawa geholt hatte, war durch Uschanas' Fluch der Welt verloren gegangen und hatte bei allen die Liebe zu ewigem Leben erweckt. Da traten die Aditisöhne vor Brahma und baten ihn um Rat. Und der Ewige sprach: »Sehet! im Wasser ist alles, was das Leben erhält! Das winzigste Kräutlein zieht seine Kraft daraus, wie der mächtige Elefant der Berge. Und das Wasser des Himmels fließt in Bächen und Strömen über alles Verwesende, nimmt die letzten Lebenssäfte-Lebenskräfte mit und trägt sie in das weite Meer. Im Ozean ruht das ewige Leben! Auf! Sondert das Amrita, den köstlichen Unsterblichkeitstrank, von der salzigen Flut, wie der Hirte die goldgelbe Butter von dem bläulichen Naß der Milch!« Die Götter riefen die Dämonen herbei, denn sie wären allein für das Riesenwerk zu schwach gewesen. Die Söhne der Diti und der Aditi schlossen Frieden und machten sich an die segenverheißende Arbeit. Der Berg Mandara war zum Rührstock ausersehen. In gewaltiger Anstrengung rissen Götter und Dämonen ihn aus seinen Grundfesten und schleppten ihn zum Meer. Der Schildkrötenkönig Akupara bot seinen starken Rücken als Lager für den Riesenquirl, und Indra hob den Mandara auf den hochgewölbten Panzer des geduldigen Tieres. Nun fehlte es an einem Strick, um den mächtigen Rührstock zu drehen. Da hielt der Schlangenkönig Wasuki die Stunde für gekommen, in der er für sich und die Seinen der Götter Freundschaft und Dankbarkeit erwerben konnte: Er bot sich den Suchenden als Quirlstrick an. Der tausend Meilen lange Schlangenkönig schlang sich um den Mandara. Die Götter faßten seinen Kopf, die Dämonen den Schwanz, und in gleichmäßigem Hin und Her wirbelten sie das Meer durcheinander, daß der Gischt in die Wolken spritzte. Huii! sauste und rauschte das, als die Wellen hier Abgründe aufrissen, dort Berge auftürmten! – Wie im Donner erzitterte die Erde unter dem mächtigen Wogenprall. In jähem Wirbel wurden zuerst alle Fische in den brodelnden Abgrund gerissen. Immer schneller drehten Götter und Dämonen! Die Drehstürme rissen Vögel aus der Luft und warfen sie in den schäumenden Kessel. Und der Riesenquirl tanzte immer schneller! Die Tiere der Uferwälder wurden von Luftwirbeln in die Tiefe geschleudert, und alles Leben da unten zerstoßen, zermalmt, zerrieben! Baum und Gras wurden hineingerissen, und der Mandara glühte mitten im Meer und ergoß Ströme geschmolzenen Goldes und Silbers ins Wasser! Da gerannen plötzlich die tobenden Fluten. – Ein wunderschönes Weib in goldgelbem Kleide hob sich aus dem Schaum, in der Rechten eine Schale aus einem einzigen Edelstein tragend: darin war Amrita, der Trank der Unsterblichkeit. Das herrliche Weib war Lakschmi, die Göttin des Glückes, die leibhaftige Schönheit. Sie schlang den Arm um Wischnus Hals und wählte ihn zu ihrem Gatten. Die Götter tranken von dem köstlichen Amrita und gedachten nicht der Dämonen, die jenseits des Berges standen. Die leuchtende Schale ging von Hand zu Hand und ward nicht leer. Plötzlich bemerkten Sonne und Mond, daß sich Rahu, ein Dämon der Finsternis, unter die trinkenden Götter gemischt hatte und eben an der kostbaren Schale nippte. Erschreckt riefen sie Wischnu an, dieser schleuderte seine nie fehlende Wurfscheibe und schnitt damit Rahus Haupt vom Rumpfe. Tot sank der Leib des Dämonen zu Boden, denn der Unsterblichkeitstrank war noch nicht durch die Kehle gelaufen. Das abgeschnittene Haupt aber fliegt ewig durch den Weltenraum, denn unsterblich ist es durch das Amrita geworden: Brüllend verfolgt es Sonne und Mond, kommt bald diesem, bald jener nahe und droht die Leuchtenden zu verschlingen – denn sie haben Rahu an Wischnu verraten. Als die Dämonen sich von den Göttern um das Amrita betrogen sahen, stürzten sie hinter dem Berg hervor, und es kam zu fürchterlichem Kampf. Aber die Unsterblichen erschlugen der Dämonen so viele, als sie umdrängten. Nur wenige konnten sich vor den streitbaren Lichtgöttern in die Tiefe des Meeres retten. Nachdem die Götter den Berg Mandant wieder auf seinen Platz gestellt hatten, traten sie mit dem Schlangenkönig Wasuki vor Brahmas Angesicht. Sie priesen dem Ewigen die guten Dienste, die der Herr der Schlangen ihnen geleistet hatte, und baten den Weltenschöpfer, den Fluch der Kadru zu mildern, denn die Sorge um die Zukunft der Seinen verzehre den wackren Wasuki. Da sprach der milde Herr der Geschöpfe: »Unauslöschlich steht der Mutter Fluch in meinem Sinne, und zu viele der Giftwürmer schleichen unter meinen geliebten Geschöpfen umher. Sie sollen untergehen, auf daß die Welt gedeihe und der Mutter Wort geachtet werde wie meines! Nun eine kleine Schar von ihnen will meine Gnade erretten: Wenn Wasukis Schwester Dscharatkaru die Gattin eines frommen Einsiedlers wird, der, trotz seiner Gelübde, um ein Weib bettelt, so wird sie einen edlen Sohn gebären, welcher die letzten Schlangen vor den unwiderstehlich lockenden Zauhersprüchen des Opferpriesters bewahrt!« Traurig ob des unabwendbaren Verhängnisses schlich Wasuki von dem Lotusthron des Ewigen hinweg. Er sandte die Klügsten seines Volkes durch alle Lande, daß sie den Büßer suchten, welchen das Schicksal seiner schönen Schwester zum Gatten bestimmt hatte: das Geschlecht der Zickzackläufer sollte nicht aus der Welt verschwinden. Patala, die Unterwelt Die letzten Dämonen hatten sich im Meer verborgen und brüteten Rache. »Laßt uns Glauben und Sitte vernichten!« sprachen sie. »Ist die Zucht der Frommen dahin,, so bleiben die Götter ohne Opfer, und ihre Kraft schwindet wie Schnee vor der Sonne. Schweigt die Lehre, so stirbt Sitte und Brauch; keiner wird dann ein Opferfeuer entzünden und den Himmlischen Speise und Trank bieten!« Des Nachts schlichen sie aus den Gewässern, erwürgten die frommen Brahmanen, die Einsiedler und Büßer, und fraßen ihr Fleisch, daß die Knochen und Schädel in der Wildnis bleichten. Von Tag zu Tag wurden weniger die Frommen, die allein die heiligen Opferbräuche und das alles ordnende Wissen des Weda kannten. Die Feuer erloschen auf den Altären, die Menschen wüteten gegeneinander in Haß und Mord, denn kein Gesetz, keine Vätersitte zügelte ihr wildes Wesen, seit die Überlieferung mit den Lehrern der Menschheit dahinschwand. Einer scheute den andern, wie das Lamm den Tiger, und sie flohen einander und bargen sich in den Höhlen und Klüften der wildesten Berge. Nur wenige, in denen die alte Tugendlehre durch einzelne, den Dämonen entgangene ßrahmanen lebendig erhalten worden war, zogen als Helden gegen die Schrecken der Finsternis. Doch sie blieben im Kampf mit den Unholden. Die Lichtgötter verloren an Kraft und Macht, als die Opfer ausblieben, denn der Glaube stärkt Menschheit und Gottheit. In dieser Not kamen die Himmlischen zu dem allewig Unveränderlichen und baten ihn um Hilfe für seine Welt. »Ihr sollt die Brahmanenmörder vernichten!« sprach Brahma, »und müßtet ihr dazu den Meeresgrund trocken legen! – Bittet den Heiligen Agastya! Die Bußkraft dieses Frommen ist mächtig genug, um euch zu helfen!« Da gingen sie nach der Klause des Heiligen und sprachen zu ihm: »Du frommer Seher der Urzeit, der du dem Windhiaberge das Wachsen verboten, als er voll Neid auf den Meru die Sonne verdunkeln wollte! Du Starker, der den Frevler Nahuscha vom Weltenthron gestürzt! Du Edler, der stets der Welt aus aller Not geholfen! Hilf ihr aus diesem verderbenbringen den Elend! Leere den Ozean, daß wir die tückischen Brahmanenmörder fassen und vernichten können!« Da neigte sich der Gewaltige zum Gestade hinab und trank das Meer aus, bis auf den letzten Tropfen! Die Götter aber stürmten über den Meeresgrund und töteten die aufgescbreckten Dämonen zu Tausenden und aber Tausenden. Nur eine kleine Schar der Verfolgten grub sich durch die Erde und floh in die Unterwelt, wo Kapila, der Beherrscher des grausigen Patala, thront. Die sieghaften Götter umwandelten den Heiligen Agastya rechtshin und priesen seine weltbefreiende Tat. Dann baten sie ihn, den Ozean wieder zu füllen, daß in der Welt die alte Ordnung herrsche. Doch Agastya vertröstete sie auf kommende Zeiten, da Bhagiratha, ein König aus dem Geschlecht der Ikschwakuiden, dem Himmelsstrom Ganga den Weg ins leere Becken des Ozeans weisen würde. Damals herrschte zu Ajodhia Sagara, ein Urenkel Ikschwakus. Seine erste Gattin hatte ihm den Stammhalter Asamandscha geschenkt, die zweite einen Kürbis, aus dessen Kernen ihm sechzigtausend starke Söhne erwuchsen. Denn der Segen des heiligen Bhrigu ruhte auf Sagaras Haus. Die sechzigtausend Sagariden waren gefürchtet auf der weiten Erde. Als gewaltige Kämpfer zogen sie durch die Lande;, und ihr hochgemuter Stolz kannte keine Grenzen. Als der König ein Pferdeopfer feiern wollte, vertraute er das Opferroß der Hut seiner tapferen Söhne an. Dem strengen Opferbrauch gemäß, schweifte der todgeweihte Hengst, jeder Fessel ledig, durch das Land. Als er auf den trockenen Grund des Meeres geriet, verlor er sich durch die Dämonenschlucht in die Unterwelt. Lange suchten die Sagariden ihn auf der ganzen Erde, denn ein unvollendetes Opfer mußte ihrem Haus, ja dem ganzen Lande schweres Unheil bringen. Endlich kehrten sie ohne das ihrer Sorge anvertraute Tier nach Ajodhia zurück und berichteten dem Vater von ihrem Unglück. Da fuhr Sagara zornig empor und schrie: »Bringt mir das Roß zum Opfer! und wenn ihr es aus der Unterwelt holen müßtet! – Sonst will mein Auge euch nicht mehr sehen!« Die Sagariden suchten aufs neue die Erde und den Meeresgrund ab und fanden endlich die Schlucht, durch welche die letzten Dämonen zum Patala gefahren waren. Diese betraten sie mutig und, Schritt für Schritt gegen Schlangen und Drachen, Geister und Riesen kämpfend, kamen sie endlich bis zum höllischen Feuer, dem funkelnden Thron des mächtigen Kapila. Das lange gesuchte Opferroß sprang mutwillig neben dem Throne umher. Und statt sich ehrfürchtig vor dem Herrn der Unterwelt zu neigen, umstellten die stolzen Recken den flüchtigen Renner und wollten ihn nach der Oberwelt treiben. Darob ergrimmte der Herr des Feuers, und ein Zornesblick aus seinen Augen verbrannte sie alle zu Asche. Sechzigtausend weiße Häuflein lagen rings um das Pferd. Zu Ajodhia aber harrte Sagara lange Jahre seiner Söhne und des Hengstes, denn er mochte nicht sterben, ohne das Opfer vollendet zu haben. Asamandscha, der für den Greis die Herrschaft geführt hatte, war ihm schon in den Tod vorausgegangen. Nun sandte er dessen Sohn Ansuman, einen gewinnenden Heldenjüngling, aus, die Sagariden samt dem Opferroß zu suchen. Ansuman fragte sich durch die Welt und fand so die Schlucht, durch welche seine Oheime kämpfend geschritten waren. Als er vor Kapilas Thron kam, umwandelte er den Ehrwürdigen rechtshin und bat ihn, das Opferroß, welches friedlich neben dem Höllenfürsten stand, dem Großvater zur Vollendung des Opfers bringen zu dürfen. Freundlich gab der Mächtige dem schönen Jüngling seine Einwilligung. Die Asche der Sagariden und Kapilas Erzählung, wie die Stolzen geendet hatten, erinnerten ihn an seine Pflicht als Enkel: Er mußte für ihre Ruhe im Tode sorgen, ihnen den Weg zu Indras Himmel bahnen! Wieder wandte er sich voll Ehrfurcht an den Herrn der Unterwelt. »Wenn Ganga, die Tochter des Bergriesen Himawat, ihre Asche benetzt, so werden die Sagariden Ruhe finden!« sprach der Ehrwürdige. Und Ansuman kehrte mit dem Opferroß nach Ajodhia zurück, entschlossen, durch fromme Opfer die Gnade der Bergtochter zu gewinnen und die Seelen seiner Ahnherren von den Schrecken der Unterwelt zu befreien. Ganga, die Dreipfadige Zu Ajodhia war das Opfer gefeiert worden, Sagara war gestorben und auch sein Enkel Ansuman. Auch dem Gebet seines Sohnes Dilipa war es nicht gelungen, die hehre Göttin Ganga von ihrem funkelnden Lauf am nächtlichen Himmel herabzurufen. Erst Bhagiratha, dem Enkel Ansumans, erschien die stolze Tochter des Gebirges, als er in schier übermenschlicher Buße seine Jahre am Fuße des Eisstarrenden hinbrachte. Gnädig fragte die Herrliche nach dem Ziel seiner Buße. Bhagiratha schilderte den Tod seiner Ahnen und seine Pflicht, als Enkel für die Ruhe der Vorfahren zu sorgen, wenn er einst im Tode den Frieden finden wolle. Er sprach von der Hoffnung, die Kapila seinem Großvater erweckt habe, und bat die Erhabene, sich doch zur Erde herabzulassen und die Ahnen aus der Unterwelt zu erlösen. Ganga versprach dem Frommen Erfüllung seines brünstigen Flehens, doch müsse Schiwa sie auffangen, sonst würde die Gewalt ihres Sturzes die Erde zerschmettern. Nun legte Bhagiratha seine Andacht dem starken Gotte Schiwa zu Füßen, und der Erhabene erhörte seine Bitte: Er trat mit Bhagiratha an den Fuß des Himawat, und als der König rief, stürzten in brausendem Fall die Fluten auf das Haupt des Gottes. Vom höchsten Gipfel des ehrwürdigen Berges, der in den Himmel ragt, schäumten die Wogen in blitzendem Spiel herab, und alle Götter sahen dem herrlichen Schauspiel zu. Der starke Gott aber empfing den Strom mit der Stirn, wie der Sieger den Kranz. Durch die schwarzglänzenden Locken des Dreizackschwingers brach sich die Herrliche Bahn und rieselte in sieben Strömen über die Brust des Gewaltigen hernieder. »Nun weise mir den Weg, Bhagiratha!« rief die stolze Tochter des Bergriesen. In feierlichem Zuge ging's durch Indiens Lande: Voran Bhagiratha im Büßerkleid. Ihm folgten die Fische, Schildkröten, Schlangen und alles Getier des Meeres. Dann kam die herrliche Tochter des Berges und segnete das Land in weitem Umkreis. Götter und Genien schritten an ihrer Seite und jubelten ob des Glückes der Erde. Singend und tanzend kam der Zug bis ans Gestade des Meeres, und brausend ergoß sich die Flut in das leere Becken. Noch schritt Bhagiratha voran! und er führte die Hehre über den Boden des Ozeans nach der Dämonenschlucht: Abwärts stürzten die Wasser in gurgelndem Lauf und wanden sich rechtshin um Kapilas Thron. Die heiligen Fluten netzten die Asche der Sagariden, und sogleich erstanden die stolzen Helden in Göttergestalt und schritten fröhlich nach Indras Himmel. Bhagiratha eilte zur Erde zurück und zog das Büßerkleid aus, nachdem er der Pflicht gegen die Ahnen genügt hatte. Als weiser und starker König herrschte er noch lange über Ajodhia. Ganga aber, deren Weg vom Sternenhimmel über die Erde nach der Unterwelt führt, heißt bei allen Gläubigen die Dreipfadige und ist der Segen der Menschheit. 49 Das Schlangenopfer Tausend und abertausend Jahre waren durch die Welt geeilt. Dem Weltalter der Götter und ihrer Verehrung war das des Zweifels und großen Kampfes gefolgt. Parikschit, der Enkel Ardschunas, herrschte zu Hastinapura über das Reich seiner Väter. Er war edel und kühn und ein großer Freund der Jagd. Einst hetzte er hinter einem Hirschen her, den sein Bogen weidwund geschossen hatte. Voll Eifer folgte der Jäger der blutigen Spur, bis sie sich auf einer Lichtung verlor. Im eifrigsten Suchen stieß er auf einen Brahmanen, der still seine Kühe hütete. »Ehrwürdiger!« rief er hastig, »sahst du nicht einen weidwunden Hirschen vorüberspringen? – Sprich! Ich bin der König!« Der fromme Büßer erwiderte nichts auf die schnelle Frage, denn er hatte am Morgen gelobt, den Göttern zu Ehren einen Tag lang zu schweigen. »He! sprich!« rief Parikschit ungeduldig. »Ich bin Herrscher in diesem Lande!« Vor dem gleichmütigen Schweigen des Priesters überfiel dem eifrigen Jäger der Zorn. Verächtlich schnellte er mit dem Ende des Bogens eine tote Schlange gegen den Büßer und lief davon, aufs neue den Hirschen zu suchen. Der Schlangenleib aber hatte sich wie eine Kette um des Geduldigen Hals gelegt. Freundlichen Auges sah der Büßer dem enteilenden König nach und freute sich dieser Prüfung. Demütig trug er das Aas am Halse: in würdiger Beherrschung seines Zornes die Schmach zum Schmucke verwandelnd! Schamika hieß der gute Heilige, und er hatte ein Söhnlein namens Schiringin. Der war ein lebhafter Knabe, welcher über seine Gespielen zu herrschen gewohnt war. Als die Knabenschar den Heftigen am nächsten Tag verspottete, weil sein Vater den sonderbaren Schmuck auch ferner trug, da wallte Schringins heißes Blut über. Weihwasser sprengend rief er aus: »Stirb, Parikschit! Du Eitler, der einen Weisen zu schmähen wagte, stirb am siebenten Tag von heute: Das Gift des Natternkönigs Takschaka soll dich töten!« Und das Schicksal hörte den Fluch des Heiligensohnes und verhängte seine Erfüllung über Parikschit. Schringin aber lief zu seinem Vater und erzählte, schluchzend vor Zorn und Freude, wie er die schändliche Tat des Königs gerächt habe. »Wehe! mein Sohn!« rief Schamika erschreckt. »Was hast du getan? – Nie soll ein Frommer den Zorn für sich sprechen lassen: Geduld und Weisheit sind die Zauberwaffen des Brahmanen! Du hast den edlen König Parikschit dem Tode geweiht! – Weh' uns! Im Lande ohne König herrscht Not und Elend – Recht und Pflicht vergehen, wo keine starke Hand sie schützt – Indra versagt dem königlosen Land den Regen, und die Dämonen der Dürre heben froh ihr Haupt! – Wer soll die Frommen schützen, wo keine Macht die Bösen bändigt? – Und Parikschit ist gut – der Jagdeifer nur hatte ihn hingerissen – er kannte mein Schweiggelübde nicht und hielt sich für verhöhnt! – 0 schneller Zorn der Jugend!« »Mein Vater, was ich sprach, wird sich erfüllen!« rief Schringin, »sei's lieb dir oder leid! – Ich sprach noch nie ein Wort, und war's im Scherz gewesen, das nicht der Wahrheit folgte, sie verkündete: Heut' über sieben Tage stirbt der König vom Gifte Takschakas!« »Weh' uns! – Ich laß den Guten warnen! – Und du – lern' Selbstbeherrschung! zügle deinen Zorn, wenn er dich nicht ins Elend reißen soll! – Der Weise trägt die Welt in sich – nichts außer ihm kann ihn zu Wort und Tat enflammen! – Wie fern bist du davon, mein Sohn!« Darauf sandte Schamika einen seiner Jünger nach Hastinapura und ließ dem König sagen, daß Schringin ihn in schnellem Zorn verflucht habe. Voll Schrecken über die Gefahr, versammelte Parikschit seinen Rat, und dieser traf alle Vorsichtsmaßregeln, um den geliebten Herrscher vor der Natter zu schützen: Der König wurde ins innerste Gelaß des Palastes gebracht. Jeder Eingang, jede Spalte und Ritze wurde aufs sorgfältigste bewacht. Die besten Ärzte rief man aus dem ganzen Land herbei und stellte Heilkräuter und Gegengifte bereit. Und doch ward der siebente Tag voll Sorge erwartet! In der Schlangenwelt aber herrschte eitel Freude: Voll Angst hatten die von Mutter Kadru verfluchten Geschöpfe der Erfüllung des Fluches entgegengesehen. Parikschits künftiger Sohn sollte das vernichtende Opfer feiern, und noch hatte Wasukis Schwester den ihr bestimmten Gatten nicht finden können. Nun befahl der Fluch Schringins, daß Takschaka Parikschit töte! und – Parikschit hatte noch keinen Sohn. – Konnte ein Fluch den anderen aufheben? Frohen Herzens zog Takschaka gegen Hastinapura. Vor dem Stadttor traf er Kasiap, den berühmtesten der Ärzte. Flugs nahm er die Gestalt eines Brahmanen an und näherte sich dem Weisen. »Wohin so eilig? würdiger Arzt!« rief er ihn an. »Zum König! – Takschaka will ihn heute beißen, und ich werde ihn heilen!« »O Weiser! Ich bin Takschaka, und meinem Gift ist deine Kunst wohl nicht gewachsen! – Sieh hier den Baum! – ich beiße ihn in die Wurzel – und schon verdorren seine Blätter – Zweig' und Äste fallen – –« »Halt!« rief Kasiap. Rasch machte er sich an dem sterbenden Baum zu schaffen, und wenige Augenblicke später trieb der Geheilte neue Knospen und grünendes Laub. Takschaka stand betroffen da. »Ich staune über deine Kunst, weiser Arzt!« sprach er dann. »Und doch wird es dir nicht gelingen, den König zu retten: Eines Brahmanen Fluch wirkt stärker als alles Gift!« Und da er den Arzt nachdenklich werden sah, fuhr der Schlaue fort: »Kehre um, Weiser, und lasse deine Kunst nicht vor dem Schicksal zuschanden werden! Soviel als dir der König geboten hat, soviel und noch mehr will ich dir geben.« Damit war Kasiap zufrieden, und nachdem er des Schlangenkönigs Geld genommen hatte, wandte er Hastinapura den Rücken und ging nach Hause. Takschaka schritt durch das Tor und kam bis zum Palaste des Königs. Als er sich hier von Wachen angehalten sah, ging er hinweg und rief einige seiner Schlangen. Diese verwandelte er in Brahmanen und ließ sie am Tor des Palastes köstliche Früchte, als Huldigungsgabe für den bedrohten König, abgeben. Parikschit freute sich über die ehrerbietige Spende, doch als er einen der Äpfel öffnete, sah er darin ein kleines Würmchen. Erschrak er auch zuerst vor dem winzigen Schlänglein, so faßte er sich doch bald und sprach: »Der kleine Heilige soll wahr gesprochen haben: Ich will dies kleine Abbild der Schlange ›Takschaka‹ nennen und mich von ihm beißen lassen!« Lachend hielt er den zappelnden Wurm an seinem Hals. Doch der schwoll zwischen seinen Fingern zum wahren König der Nattern an, umstrickte den Leib des Entsetzten und schlug seine Zähne in dessen nackten Hals. Tod fiel Parikschit zu Boden, und im selben Augenblick brachte seine Gattin ein Knäblein zur Welt und nannte es Dschanamedschaja. Zu jener Zeit zog ein büßender Brahmane namens Dscharatkaru als Bettler durch die Lande. Als ihn die Lust der Jugend zum erstenmal geschüttelt hatte, war sein feierliches Gelübde zum Himmel gestiegen: »Ohne Freude will ich durch die Welt wandern, ohne Haus und Eigentum leben; wo mich die Nacht findet, will ich mich schlafen legen! Herr will ich bleiben über Leib und Geist, Lust und Schmerz, Haß und Liebe! Dscharatkaru soll Dscharatkaru genügen!« In stiller Versunkenheit war er seither durch die Lande gezogen und hatte viel fromme Weisheit in sich gefunden. Einst kam er auf seiner Wanderschaft an einen Abgrund. Ein schwankendes Rohr sah er über die gähnende Tiefe ragen, und daran hingen, kopfabwärts, viele Seelen von Verstorbenen. Das Rohr hing nur noch an einer einzigen Wurzelfaser, und daran nagten abwechselnd eine schwarze und eine weiße Maus. Entsetzt schrie er auf: »O ihr Unglücklichen! Gleich wird die letzte Wurzelfaser reißen, und ihr stürzt in den schrecklichen Abgrund. Oh, könnt' ich euch helfen! Ein Viertel – die Hälfte – ja, meine ganze Buße will ich hingeben – wenn das euch retten kann, denn mein Herz ist von Mitleid erfüllt!« »Nicht an Buße mangelt es uns, du Guter!« sprachen die Seelen. »Wir sind das fromme Geschlecht der Jajawara und haben die schönsten Plätze im Himmel! doch werden wir sie bald verlieren. Du weißt, die Seelen der Abgeschiedenen vergehen, wenn kein Enkel ihrer im Opfer gedenkt. Und Dscharatkaru, der letzte unseres Stammes, will unvermählt sterben. Siehe das Rohr, das uns trägt, ist unser starkes Geschlecht. Die letzte Wurzelfaser ist der letzte unseres Stammes. Schwarz und weiß nagen Nacht und Tag an seinem Leben. Ist es zu Ende, so stürzen wir in den Abgrund der Hölle! O edler Fremdling, der du das Leid mit uns fühlst, suche Dscharatkaru und sage ihm, er soll ein Weib nehmen, auf daß sein Sohn den Shimm fortsetze, wie Brahma es den Menschen gesetzt hat!« Da warf sich Dscharatkaru an dem Abgrund nieder und schrie: »Ich Unglücklicher bin Dscharatkaru, euer Sohn und Enkel! Durch Weltflucht wollt' ich euch und mir den Himmel verdienen, und mein strenges Gelübde droht euch nun mit dem Höllenpfuhl. Oh – oh – wie bedrückt mein Schwur die Seele, seit ich euch über dem Abgrund sehe! – Ich will ein Weib suchen – ich kann mein Gelübde nicht brechen – – Find' ich ein Mädchen namens Dscharatkaru – denn: Dscharatkaru soll Dscharatkaru genügen! – und ist es bereit, mein Bettlerdasein zu teilen, so rette ich euch und mich!« Und wie ein Wahnwitziger eilte er hinweg und schrie durch den Wald: »Wer schenkt seine Tochter einem Bettler? – Aus Barmherzigkeit!« Die Mädchen aber flohen vor dem schmutzigen, vom Fasten halb verhungerten Frommen, und er irrte weiter durch die Welt, überall seinen Bettelspruch um ein Weib wiederholend. Als die Schlangen den Einsiedler um ein Weib betteln hörten, gedachten sie der milden Worte Brahmas und brachten die Nachricht ihrem König Wasuki. Rasch eilte der um die Rettung seines Volkes Besorgte zu dem frommen Dscharatkaru und bot ihm seine schöne Schwester zur Gattin an. »Wie heißt deine Schwester?« fragte der Büßer. »Dscharatkaru, wie du!« »Und weißt du, daß ich sie nicht ernähren kann? denn ich bin ein Bettler und habe gelobt, es zu bleiben.« »Ich will sie beschenken und erhalten, als würde sie das Weib eines Königs!« sprach Wasuki. Da ging Dscharatkaru in Wasukis Palast, und vor dem heiligen Hausfeuer nahm er die Schlangenprinzessin in feierlicher Hochzeit zum Weibe. Als Dscharatkaru ihrem Gatten ein Knäblein schenkte, nannte sie es Astika, und der fromme Brahmane weihte es der Gattin Brahmas, Sarasvati, der Schirmherrin von Kunst und Wissen, der Göttin der Beredsamkeit. Aus dem reichen Gnadenschatz seiner Buße, schenkte Dscharatkaru dem Söhnlein die Gabe, daß niemand seinen Bitten widerstehen können sollte. Im Königspalast zu Hastinapura war einstweilen Dschanamedschaja zum gewaltigen Helden herangewachsen, und er führte die Herrschaft als kluger und tapferer König. Als er einst im Triumph von der Bestrafung eines raubsüchtigen Nachbarn heimkehrte, trat ihm Ruru, ein junger Brahmane, entgegen. »Du glaubst von einer großen Tat zu kommen, König!« sprach er zu Dschanamedschaja. »Und doch hast du nur Raub an deinem Eigentum bestraft, und der Mord an deinem Vater ist noch ungerochen!« »Was sprichst du da? Jüngling aus edlem Geschlecht!« rief der König. »Wer bist du? und wie starb mein Vater?« »Ruru heiße ich, und vor wenigen Monden hat eine Natter meine Braut zu Tode gebissen. Yama, der gute Gott des Todes, hat auf mein inniges Flehen gewährt, daß ich das mir zugemessene Stück Leben mit ihr teile. So lebt sie wieder und ist meine Gattin, bis Yamas Boten uns – ach! lange vor der Zeit – holen werden. Doch den Nattern habe ich Rache geschworen und komme, dich, König, mahnen! Auch du hast die Pflicht, die Argen zu vertilgen, denn dein Vater Parikschit fiel unter dem Giftzahn des Natterkönigs!« Da berief Dschanamedschaja den weisen Priester Utanka nach Hastinapura und ließ von ihm das große Schlangenopfer rüsten, denn der allein kannte die verborgensten Opferbräuche und die zwingenden Zaubersprüche. In der Opferhalle saß der junge König. Erlauchte Gäste aus allen Ländern umgaben ihn: Herrscher aus den benachbarten Reichen, Freunde und Vasallen, viele edle Frauen und würdige Priester. Wyasa war gekommen, der greise Heilige, der als Sänger die Heldentaten der Vorfahren pries und von der großen Schlacht am Kurufelde sang. In weiser Rede und Gegenrede glänzten die ehrwürdigen Brahmanen vor dem ganzen Hof und empfingen reiche Geschenke von dem freigebigen Herrscher. Und vor der Halle loderten die Opferfeuer! Priester in schwarzen Talaren schritten dazwischen umher und nährten sie mit Sandel und anderen kostbaren Hölzern, sprengten Weihwasser aus goldenen Becken nach allen Himmelsrichtungen und wiederholten Utankas halblaut gesungenen Schlangenzauber Kommt, ihr Sanften, Klugen, Schnellen! Kommt, ihr Kinder Mutter Kadrus! Grüne, gelbe, blaue, rote, Schwarze Brut der braunen Erde! Wärmt euch an der hellen Flamme, Wie im Schein der goldnen Sonne, Kühlt euch in geweihtem Wasser, Wie in Indras Regenflut! Kommt! und ruft die ganze Sippe: Vater, Oheim, Bruder, Schwester Und der Schwester flinken Gatten! Kommt in Rudeln, Kommt in Scharen! Komm, du ganzes Volk der Schlangen! Fünfundfünfzig, Siebenundsiebzig, Neunundneunzigtausend Völker Kluger Schlangen, eilt herbei! Beißzahn, Schnellzung', Zähneschärfer, Tausendgift, Gazellenwerfer, Würger, Viper, Otter, Natter, Ewigfresser, ewig Satter: Hört und eilt und kommt herbei! Wohl! ihr naht: Es glänzt das Feuer, Sprüht das Wasser wie ein Regen Aus den güldenen Gefäßen, Die des Priesters Hand geweiht! Schwarzer Rauch steigt gegen Himmel Und die ersten Opfer brennen, Sterben nach der Mutter Fluch! Weiter, weiter! kommt in Scharen, Kommt in Heeren! Komm, du gift'ges Volk der Schlangen! Fünfundfünfzig, Siebenundsiebzig, Neunundneunzigtausend Völker Gift'ger Schlangen, eilt herbei! Seht ihr, wie die Flamme loht? Und die Flamme loht zum Tod! Stürzt ins lodernde Verderben – Alles end' im großen Sterben! Die ihr in den Wäldern lauert, Die ihr unter Steinen kauert, Die ihr kriechet durch den Kot: Kommt! – Nun prasselt euch der Tod! Kommt, ihr Bösen, Gift'gen, Falschen! Kommt, ihr Kinder Mutter Kadrus! Grüne, gelbe, blaue, rote, Schwarze Brut der braunen Erde! Brennt! ihr schnellen Zickzackläufer, Daß ihr niemals wiederkehret! Endet alle mit dem Mörder: Takschaka! ich rufe dich! Lockend und drohend klang es in die Wälder hinaus, fand seinen Weg zum Ohr und Herzen der Schlangen, koste den schlanken Leib und schüttelte ihn vor Entsetzen. Langsam folgten die Gerufenen der unwiderstehlichen Lockung. Langsam, doch stetig! Angstvoll hielten sie nach den ersten Windungen an, riefen Verwandte und Freunde, um in ihnen Kraft zum Widerstreben zu finden, und rissen die Herbeigeeilten nur mit auf den Weg zum Verderben. Das Säuseln des Windes trug die Zauberformel durch alle Lande: süß schmeichelnd und lockend, trotzig drohend und fesselnd! In allen Wäldern raschelte das Laub den seltsamen Spruch und lockte die Schwachen zum Tode; die Bäche murmelten ihn auf ihrem Lauf und die heißen Steine klirrten ihn in die Sonne! Weit und breit bedeckten sich die Wege nach Hastinapura mit gleitenden Schlangenleibern, und alles wogte nach den lodernden Feuern vor der Opferhalle. Das glitt und sprang und warnte den Nachbar vor der Gefahr, die ihn selbst anzog. Wie ein Rausch war es über die klugen Geschöpfe gekommen, wie ein vernichtender Rausch und ein verzehrender Durst nach Tod und Todesfurcht! Wochen, Monde und Jahre währte das Opfer. Hundert- und aberhunderttausend Schlangen waren dem lockenden Rufe Utankas und seiner Priester schon gefolgt – waren ins lodernde Feuer geglitten und ihrer Mutter zu Ehren verbrannt. Wenige bargen sich noch in den geheimsten Schlupfwinkeln, doch zwingend klang auch dorthin das geheimnisvolle Raunen vom Feuer auf der Opferstätte. Takschaka war mit Wasuki zu dessen Schwester geflohen, die als Weib eines Brahmanen über den Zauber erhaben war. Doch blutenden Herzens beklagte die gute Dscharatkaru den Untergang ihres lieben Volkes. Wasuki seufzte, daß Astika, das Söhnlein der Schwester, erst zwölf Jahre alt sei, denn von ihm sollte den letzten des Schlangenvolkes Rettung werden, nach Brahmas mildem Spruch. – Ach! es würde zu spät sein! denn wenige waren nur, die dem Zauber noch widerstanden hatten. Als Astika die Klagen der Mutter und des Oheims hörte, tröstete er sie mit verheißenden Worten und eilte an den Hof Dschanamedschajas, um die letzten vom Geschlecht seiner Mutter zu erretten. Takschaka aber fühlte den Zauber in seinem Herzen bohren und locken, und floh vor Entsetzen zu Indra, daß dieser traute Freund des regenfrohen Schlangenvolkes ihn vor dem sengenden Tod beschütze. Und zu Hastinapura ging das Opfer weiter: Kommt, ihr Bösen, Gift'gen, Falschen! Kommt, ihr Kinder Mutter Kadrus! Grüne, gelbe, blaue, rote, Schwarze Brut der braunen Erde! Brennt! ihr schnellen Zickzackläufer, Daß ihr niemals wiederkehret! Endet alle mit dem Mörder: Takschaka, ich rufe dich! So klang es in den Wald hinein, als der schöne Knabe Astika zur Opferstätte kam. Doch wehe: Die Wachen, die Diener des Palastes, die Priester – alle wiesen das Kind von der Stätte ernster Andacht, denn sie fürchteten eine Störung des Opfers, und Takschaka, das Ziel des jahrelangen Mühens, war von den lockenden Zaubersprüchen noch nicht bezwungen worden. Da stand Astika an der weiten Pforte, die zur Opferstätte führte, und sah die Priester mit rauchroten Augen die Feuer schüren, den König und seine Gäste mit Andacht der heiligen Handlung folgen und über alles eine ernste Schönheit gebreitet. Begeistert hob er seine helle Knabenstimme, und jubelnd klang es zur Weihestätte: »Oh, seht das herrliche Opfer! Die Feuer leuchten wie die Sterne am Himmel, und der Opferherr thront unter ihnen wie der lichte Mond. Golden und schwarzrandig loht es zum Himmel, und rechtshin streicht der duftende Opferrauch, zur Freude der Götter. Frommen Herzens wandeln die Priester zwischen den Feuern, und ihre Weisheit ist die Brücke zwischen Menschen und Göttern. Reich wird der Opferdank des gastfreien Königs sein, denn er ist der Herrlichste unter den Gatten der Erde – den Vätern der Völker! Segen ist in seinem Lande, soweit nur ein Auge reicht, denn er ist tapfer und gerecht und der Stolz seines Geschlechtes! Strengstes Opfer, das jemals zum Himmel flammte! Beste Brahmanen, die je einen Herrscher gepriesen! Edelster König, der Indra gleicht, wie er in den Wolken thront: seid gesegnet!« »Wer ist der Knabe mit der milden Weisheit eines Alten?« fragte Dschanamedschaja und ließ Astika vor seinen Thron führen. »Heil dir, Herr der Erde!« sprach das schöne Kind, als es vor dem König stand. »Ich frage nicht, wie es die Sitte erheischt, ob Segen herrscht in deinem Reiche, ob dein Schatz gefüllt und dein Heer stark ist, ob du den Sechsten nach Recht und Pflicht nimmst! denn dein Auge verrät, daß du ein Guter, ein Edler, ein Weiser bist, und mit solchen ist das Glück und die Gnade der Götter!« »Du bist ein Weiser, liebliches Brahmanenkind!« sprach der König voll Freude, »und ich will dir jegliche Gnade erweisen, die du erbittest. Fordere! Alles sei dir gewährt!« »Halt! edler König!« rief Utanka in diesem Augenblick. »Mein sündenloses Auge sieht Takschaka, den lange vergebens Gerufenen, in Indras Palast. Nun will ich ihn mit der Zange meiner Worte packen und herunterziehen ins verzehrende Feuer. Spare solang deine Bitte, schöner Knabe, und du deine Gabe, schenkender Herrscher, bis ich ihn fallen seh' in den glühenden Tod!« Und ins tiefste Schweigen der Andacht sang der Priester sein lockendes Lied und schloß mit dem zwingenden: Takschaka! Dich rufe ich! Und da litt es den Natternkönig nicht länger an des Freundes Seite; lautlos schlich er aus der Halle des Götterkönigs und glitt am Himmelsgewölbe abwärts, gegen die leuchtende Opferstätte von Hastinapura. Indra wollte den treuen Freund retten, ihn zurückhalten von sicherem Verderben. Er sprang ihm nach und umklammerte den Abwärtsfliehenden mit seinen starken Armen. Aber Utankas Ruf zog den Nalternkönig wie an einer eisernen Kette, und Indra mußte ihn lassen, wenn er den Sturz in den Tod nicht mitmachen wollte. Schneller nun fiel der Verlassene und war wie ein leuchtender Blitz am Himmel zu sehen. »Jetzt ist Takschaka mir sicher!« rief der Opferer Utanka. »Nun sprich deine Bitte, lieblicher Knabe, ehe er und die letzten seines Geschlechtes in den Flammen prasseln!« »So will ich, daß das Opfer zu Ende sei!« rief der Sohn der Schlangenprinzessin, und ein Wink seiner Hand hielt den fallenden Takschaka am Himmel auf. Bestürzt rief der König: »Was sinnst du, Knabe? – Um Takschakas willen ward dies furchtbare Opfer gefeiert, denn er hat meinen Vater getötet!« »Und willst du darum das ganze Geschlecht meiner Mutter ausrotten?« sprach flehenden Auges Astika. Da schwieg der König, und auf seinen Wink wurden die Opferfeuer verlöscht. Astika hatte die letzten Schlangen vor dem Verderben bewahrt, und ihm danken die munteren Zickzackläufer, daß sie sich heute noch sonnen und in Indras Fluten kühlen können. Takschaka aber steht als Sternbild im Himmel, dort wo Astikas Wink ihn festgehalten hat. Ein leuchtendes Beispiel für die zwingende Gewalt geheiligter Bräuche und die alles besiegende Macht des reinen Geistes! Nala und Damayanti In uralter Zeit herrschte zu Nischada, einem der vielen Reiche Indiens, der junge König Nala. Stärke, Schönheit und Tugend zierten ihn vor allen andern Männern. Die tapfersten Helden hatte er mit Schwert und Keule besiegt, führte den Streitwagen so sicher wie der Sonnengott und traf auf hundert Schritte eine Nuß mit dem Pfeil. Vor der Schar seiner Helden glänzte er wie die Vorausreiter der Morgenröte und war erzogen in tiefster Ehrfurcht vor den Göttern und ihren Gesetzen, in Liebe zur Wahrheit und Treue am Wort, so daß ihn Freund und Feind den Makellosen nannte. Seine Weisheit und der Adel seines Wesens wurden in allen Landen besungen, sein Glück ward sprichwörtlich. Einst jagte er mit seinem Freund und Rosselenker Warschneja in der Wäldern Nischadas. Der Rosselenker des Königs war in Altindien ein gar hoher Herr, denn er führte den Streitwagen seines Gebieters im Gefecht, und an seiner Umsicht und Geschicklichkeit hing oft das Leben des Königs. Er war der Marschall, dem die königlichen Ställe unterstellt sind, war der erste Rat des Königs in weltlichen Dingen, sein Herold und, als nächster Mitkämpfer, der berufene Sänger seiner Heldentaten. Nala und Warschneja lagerten sich am Ufer eines romantischen Weihers, und der liederkundige Rosselenker kürzte seinem königlichen Freund die Zeit durch die folgende Erzählung: »In Widarbha, dem großen Reiche, herrscht heute noch der greise König Bhima, der der Schrecken seiner Feinde heißt. Vor vielen Sommern hat er Opfer um Opfer gebracht, daß der Himmel ihm Kinder schenke, denn, wie du weißt, o Herr, öffnet nur das Gebet des eigenen Kindes den lichten Himmel Yamas. Lange flehte er vergeblich, doch ward er nicht müde im Opferdienst und hoffte auf die dreiunddreißig Götter. Einst kam ein Büßer aus dem heiligen Hain zu Bhima. König und Königin empfingen ihn an der Pforte, in demütigem Gruß die Hände faltend. Bhima führte ihn nach dem Ehrensitze und bot ihm Fußwasser; die Königin brachte die gastliche Spende: den gewürzten Reis und einen Trunk klaren Wassers. Dann saßen sie zu seinen Füßen und lauschten seinen weisen Reden. Der heilige Mann war über die ehrerbietige Gastfreundschaft erfreut, und seiner Fürsprache beim Herrn der Welt dankten sie den heiß ersehnten Segen: Drei Knäblein schenkte die Königin ihrem Gatten und ein holdes Mägdlein. Zu Helden sind die Knaben herangewachsen, und Damayanti, König Bhimas Tochter, ist die schönste Jungfrau auf Erden: Glanzlockig und zartgliedrig steht sie inmitten ihrer hundert Gespielinnen, wie der Mond unter den Abendwolken, nur Lakschmi, der meerentstiegenen Göttin des Glückes, zu vergleichen, die noch keines Sterblichen Auge gesehen. Fröhlichen Sinnes ist sie, und ihr Lachen klingt wie die Stimme des Bergquells; wie Edelsteine blitzen ihre Mandelaugen unter den schönen Brauen, und ihre Wangen sind wie Blumenblätter ...« »Sieh, König!« unterbrach sich Warschneja, »der goldflügelige Schwan, der sich uns naht, wär' eine Beute, des königlichen Jägers würdig!« »Laß nur den Schwan,« sprach sinnend der König, »und sprich mir von Damayanti, denn ich liebe das holde Kind, seit ich von ihm gehört!« »Dank! König Nala, daß dein todbringender Pfeil mich verschont!« rief der Schwan über das Wasser. »Ich will dir's lohnen: zu Damayanti flieg' ich nun und will ihr von König Nala singen und sagen, bis sie dich liebt, wie du sie!« Und auf flog der Goldflügler vom Wasser und strich in langen Zügen gegen Widharba. Nala aber wurde nicht müde, von Damayanti zu hören und zu sinnen, wie er sie erwerbe. Zu Kundina, der Hauptstadt Widharbas, ergötzte sich Damayanti mit ihren Gespielinnen im Garten des königlichen Palastes. Als eine Schar von Wasservögeln nach dem Teiche strich, liefen alle hin, um sie mit Brot und Früchten zu füttern, im Spiele zu haschen und sich an ihrer Schönheit zu erfreuen. Der Führer der Vögel aber, ein goldflügeliger Schwan, schwamm zu Damayanti und sprach mit menschlicher Stimme: »Damayanti! In Nischada herrscht König Nala, den man den Makellosen nennt. Er ist der schönste der schwerttragenden Männer, ihr Klügster und Tapferster! Strahlend wie die Reiter des Morgenrotes, stark wie der Tiger, des Waldes König, und weise wie ein Heiliger. Dir gilt, all sein Denken, denn er entbrannte in Liebe zu dir, als er von deiner Anmut gehört, und schreitet nun über die Erde wie die fleischgewordene Liebe. Niemand ist ihm zu vergleichen: kein Mensch und keiner der himmlischen Spielleute, kein Genius und kein verführerischer Teufel. Er ist der Diamant der Mannheit, wie du die Perle der Frauen bist. Wir Luftdurchsegler wissen es, denn wir kennen alle Geschöpfe Gottes. Wenn er dein Gatte würde: das Köstlichste zum Köstlichsten käme, dann erst wäre die Welt vollkommen!« Als der Schwan wieder aufflog, winkte ihm die Blume von Widharba und rief errötend: »Grüß' König Nala!« Und sinnend ging sie vor ihren Frauen ins Haus; das sehnsuchtbefiederte Blütengeschoß Kamas, des Liebesgottes, hatte über weite Lande hin getroffen. Tag und Nacht trug die Lotusäugige ein heißes Sehnen im Herzen und lernte Lust und Qual der Liebe kennen. Wenn die Mädchen sich in fröhlichem Reigen auf dem Anger schwangen, sah sie nach den jagenden Wolken und seufzte; wenn alle lachten, so weinte sie; wenn alles schlief, sah sie in die Nacht hinaus und bat jede Sternschnuppe: Grüß' König Nala! Ihre Gespielinnen sahen sie immer bleicher werden und hörten nicht mehr ihr fröhliches Lachen. Da lief die kluge Kesini, Damayantis Gürtelmagd, zu König Bhima und klagte ihm, daß ihre Gebieterin an einem unbekannten Leid sieche. Vater und Mutter aber ahnten, was Damayantis Herz bedrücke, und sandten Boten in alle Lande, die dort verkündigen mußten: Nach sieben Monden wird König Bhimas Tochter im Hause des Vaters den Gatten wählen! Nun rüsteten die Könige und Prinzen aller Länder zur Reise und zogen in hellen Scharen nach Kundina, denn jeder hoffte auf das Glück, vor Damayantis Augen Gnade zu finden. Sie kamen mit Rossen und Wagen, auf Elefanten und Kamelen, geschmückt mit Blumenkränzen und allen Schätzen Indiens, in glänzenden Waffen, von stolzen Vasallen umgeben, und erfüllten die gastfreien Hallen und Höfe in Bhimas Palast mit Waffenlärm, Lachen und Singen, und manchem Seufzer der Liebe. Nun geschah es zu jener Zeit, daß zwei heilige Männer, bußereiche Einsiedler, ihr Erdenwallen vollendet hatten und in den strahlenden Himmel Yamas einzogen. Dort fanden sie unter dem mächtigen Feigenbaum, im nieverlöschenden Licht, die Herren des Himmels und der Erde beim berauschenden Somatrank sitzen. Indra saß da auf dem Ehrensitz, den des Götterschmieds kundige Hand aus Gold getrieben hatte, das Urbild des Kriegers: hoch und breitbrüstig, mit Armen wie Keulen, das Haupt von hellen Locken und mächtigem Barte umrahmt, die Augen voll Feuer; Varuna, der Herr der Gewässer und Schirmherr der Rosse, im goldschimmernden Panzer; Agni, der Feuergott, der ewig junge, ewig neue, der als Freund der Menschen seine roten Stuten über die Erde treibt, und Yama, der ernste Gott des Todes und des Rechtes, an dessen Füße sich zwei vieräugige Hunde schmiegten. Die Heiligen grüßten die Götter und fragten, wie es die Sitte heischte, gar artig den obersten: »Gabenreicher Indra, mächtiger Dämonenbezwinger, bist du und die Fürsten bei gutem Wohlsein?« Indra dankte und sprach die Hoffnung aus, daß die Heiligen während ihres Erdenwallens reiche Schätze an Buße aufgehäuft hätten. Dann fragte er, wie es wohl käme, daß ihn schon mondenlang keiner von den Helden der Erde besucht habe. »Diese meine Welt der Seligkeiten, die jeden Wunsch erfüllt, steht allen offen, die ehrlichen Schlachtentod fanden!« so sprach er. »O Götterkönig!« rief einer der Büßer, »so weißt du nicht, daß alle Waffen ruhen, bis Damayanti den Gatten gewählt hat! Damayanti, des Widharberkönigs holdes Kind, das an Schönheit alle Frauen der Erde übertrifft, den Götterjungfrauen gleicht und der fußlos wandelnden Sonne! Zu Damayantis Gattenwahl ziehen alle Fürsten der Erde, denn für sie schlagen aller Helden Herzen!« »Bei Writra, den mein Donnerkeil erschlagen hat! da wollen wir dabei sein!« rief Indra, und die Götter stimmten freudig ein. Als die vier Welthüter zur Erde fuhren, sahen sie König Nala, der auf den Ruf von Bhimas Boten zur Gattenwahl Damayantis reiste. Und weil er so schön von Gestalt war und von makellosem Ruf, so wollten sie ihn zu ihrem Boten wählen. Sie stiegen aus den Wolken nieder, und Indra rief: »He, König der Nischader, Herr unter den Königen, du bist worttreu und ein Freund der Wahrheit: Sei uns Beistand und Bote, edelster der Männer!« »Ich will es sein!" gelobte Nala den Strahlenden und neigte sich mit ehrfürchtigem Händefalten. »Wer seid ihr? und an wen wollt ihr mich senden?« »Unsterbliche sind wir, die um Damayanti, die schönste der Sterblichen, werben wollen. Indra heiß' ich, hier Agni und der Herr der Gewässer, dort Yama, der Menschheit Richter im Leben und im Tod. Melde der Lieblichen: Indra, Agni, Varuna oder Yama, einen der vier soll sie zum Gatten wählen.« Demütig bat Nala: »Erlasset mir diesen Dienst, ihr Welthüter voller Gnade! Wie kann ich tun, was mir das Herz bricht? Ich wollt' um Damayanti werben, wie kann ich eure Sache gut führen!« »Du hast's gelobt, nun halt' dein Wort!« »Wie komme ich durch die Wachen vor dem Frauenhaus?« fragte Nala traurig. »Sie sollen dich nicht sehen!« sprach Indra, und schweren Herzens ging der Nischader, um sein Wort redlich zu halten. Unbelästigt kam er in den Hof des Frauenhauses. Dort wusch Kesini den weißen Mantel ihrer Herrin im Abendtau und bleichte ihn im Mondenschein. Die Kluge sah den Herrlichen und führte ihn vor Damayanti und ihre Frauen. War das ein Staunen und Raunen unter den Mädchen, als der Held in den Saal trat. »Wer mag der Herrliche sein?« »Sieh sein strahlendes Auge!« »Ist's ein Gott?« So flüsterte es durcheinander, und aller Augen hafteten an Nala; die Wangen röteten sich verschämt, und die Herzen schlugen schneller. Damayanti mochte wohl ahnen, wer vor ihr stand, und fragte frohen Herzens: »Wer bist du, Strahlender, der meine Pulse fliegen macht? Bist du ein Gott, daß du trotz aller Wachen ins Frauenhaus findest?« »Ich bin König Nala und komme als Götterbote, so fand ich Einlaß: Indra, Agni, Varuna und Yama werben um dich, holde Jungfrau; wähle einen der vier Welthüter zum Gatten! Ich habe gesprochen, nun tu' nach deinem Sinn, zu deinem Heil!« Als Damayanti von der Werbung der Götter hörte, neigte sie sich in Demut und traurig; als sie aber in Nalas Augen sah, ward sie wieder froh, schüttelte das Köpfchen und sprach: »Die Götter bete ich an – dich liebe ich, Nala! und wenn du mich nicht erhörst, so muß ich sterben vor Scham und Herzeleid!« Ernst sprach König Nala: »Nicht eigne Sache führe ich heute, mein Herz muß schweigen, bis mein Amt erfüllt! Als Götterbote frag' ich dich: Wer kann versagen, wo Indra wirbt, der Held der Helden, der Wolkenspalter, Sieger, Gott der Götter! Wo Agni freit, der Opfernehmer, der milde Freund, der Schirmer des Heims, und Varuna, der Herr der Meere, der mit den Perlen spielt? Wer schlägt Yama aus, der vom Leid erlöst und den Himmel öffnet?« Luftraumbezwinger, Feuerbeherrscher, Wassergebieter, des Irdischen Herr! – Wähle du, Weib! – Ich muß gehorchen.« »Du kennst deine Pflicht«, sprach Damayanti, »und ich die meine: Der Zorn der Götter darf dich nicht treffen! Sage den Unsterblichen: Wenn alle Fürsten zur Feier versammelt sind, wird Damayanti wählen! – und in der Götter Gegenwart will ich dich wählen, Makelloser!« Und errötend schlüpfte die Schöne aus dem Saal. Da ging Nala zu den Göttern und sagte ihnen alles. Sie dankten dem worttreuen Wahrheitsfreund und entbanden ihn seiner Botenpflicht. König Bhimas Hausbrahmane hatte einstweilen die Zeichen erforscht, Mond und Sterne befragt und die günstigste Stunde für die Gattenwahl bestimmt. Da kamen alle die fürstlichen Gäste zur großen, säulengetragenen Halle im Königspalast von Widharba. Schöne und starke Männer, in reichen, bunten Gewändern, mit Gold und Edelsteinen auf der Brust und in den Ohren und ihren guten Waffen in den Händen! Reichbekränzt zogen sie durch die Ehrenpforte ein und lagerten sich auf Pfühlen und Stühlen. Als Damayanti, schüchtern und stolz, erschien, schlugen ihr alle Herzen entgegen, und jeder freute sich des holden Anblickes. Sie aber schaute nur flüchtig über die Helden hin: ihr Auge suchte König Nala. Doch wie erschrak sie: Der Geliebte, den sie gesucht, stand hier und dort und wieder da – fünf Gestalten zählte sie, die König Nala glichen. Wie sollte sie den Rechten wählen? Ängstlich spähte sie nach den Götterzeichen – umsonst! es waren lauter Menschen, liebe Menschen, aber Menschen, die sich nicht im Kleinsten unterschieden. Und in der Not ihres Herzens beschloß sie, bei den Göttern Hilfe zu suchen. Demütig faltete sie die Hände und betete zitternd: »Ihr Himmlischen, zeigt mir König Nala! So wahr ich keines anderen Mannes gedachte, seit mir der Schwan von Nala gesprochen, so innig seid gebeten: zeigt mir König Nala! So wahr die Götter selbst mir Nala zum Gatten bestimmten, so heiß seid beschworen: zeigt mir König Nala! So wahr ich Nala ehren will als meinen Gatten und ihn ewig nie mit Willen kränken, so klar mögt ihr Himmlischen in eurem Glanz erscheinen, daß ich erkennen kann meinen Nala, den Gebieter und Herrn!« Die einfältige Treue der lieblichen Jungfrau rührte die Götter und sie erfüllten ihre Bitte: Schattenlos standen sie über dem Boden, schweißlos und staublos, strahlenden Blickes, und ihre Kränze blühten wie am Strauch. Nala dagegen stand fest auf dem Boden, schattenwerfend, Schweiß und Staub auf der Stirn, im Sonnenlicht blinzelnd, und sein Kranz begann zu welken. Da ergriff Damayanti den Saum seines Kleides und legte dem Helden ihr Blumengewinde ums Haupt: sie hatte den Gatten gewählt! Tosender Jubel scholl durch die Halle, und alle priesen den Nischader glücklich. König Nala aber gelobte, sein Weib zu lieben, zu ehren und es nie zu verlassen. Als nun die Hochzeit gefeiert wurde, und das Brautpaar Hand in Hand das Hausfeuer feierlich rechtshin umwandelt hatte, da beschenkten die Götter es reichlich; Damayanti verhießen sie zwei schöne Kindlein, und dem Nischader verlieh Indra ein helles Auge, das die Gottheit beim Opfer leibhaftig sieht, und den stets aufrechten Gang, selbst wenn er durch Mauern schritte. Agni gab ihm Gewalt über das Feuer, und Varuna über das Wasser, Yama aber die Kunst, gar köstliche Speisen zu bereiten. Segen und Schutz verhießen die Götter Nalas Haus, solang er die Opferbräuche achte. Nachdem sie das Paar so beglückt hatten, nahmen sie Abschied, um nach dem Himmel zurückzukehren. Vor dem Tor von Kundina begegneten sie Kali und Dwapara. Kali war der leibhaftige Böse, den man »Spielteufel« nennen kann, denn das Würfelspiel war damals das ärgste und meist verbreitete Laster im Lande. Dwapara, das heißt »Fehlwurf«, war ein dienender Geist Kalis. Die Welthüter hielten sie an und fragten: »Wohin des Weges?« »Zu Damayantis Gattenwahl,« lachte Kali, »ich will mich unter die Bewerber mischen. Hat doch schon manches schöne Weib den leibhaftigen Teufel gewählt. Vielleicht habe ich Glück, ich liebe sie schon lange.« »Du kommst zu spät, dummer Teufel!« lachte Indra dagegen; »die Gattenwahl ist längst vorüber, und Damayanti hat vor uns den Nischaderkönig Nala gewählt.« »Vor euch? daß dich –!« brummte Kali; »das soll sie büßen, daß sie den Sterblichen einem Unsterblichen vorgezogen hat!« »Wir hatten es ihr erlaubt, denn Nala glänzt vor den Männern, wie Damayanti vor den Frauen. Er ist ein tapferer und weiser Fürst, hält strenge alle Vorschriften der heiligen Bücher, spendet Opfer, daß alle Unsterblichen in seinem Hause satt werden, und ist ein Vorbild der Treue, Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit. Und wer es sich, trotz seiner Frömmigkeit einfallen ließe, ihn zu quälen, Kali, der möcht' es wohl am eignen Leibe büßen, Kali! und müßt' im tiefsten Höllenpfuhle enden!« Also sprach Indra, mit gerunzelter Braue, und die vier Welthüter setzten ihre Fahrt fort. »Eine derbe Lektion!« zischte Kali, »aber euer Affe soll es mir büßen! Dwapara, du mußt ihm in die Würfel fahren, wenn ich ihn je zum Spielen bringen kann!« Und von der Stund' an hefteten sich die beiden unsichtbar an des Nischaders Fersen. Die Neuvermählten hatten die Festwochen im gastfreien Palaste König Bhimas verbracht und waren sodann mit dem Segen der Eltern nach Nischada gezogen. Dort empfing sie des Volkes Jubel ob der schönen Königin. Frieden und Glück herrschten im Reich, die Opferfeuer brannten reichlich und des Himmels Segen ruhte auf allen durch manches Jahr. Eines Abends begab es sich, daß der König vom Weihwasser nippte, aber der vorgeschriebenen Fußwaschung vergaß. Da gewann Kali Macht über ihn und fuhr in den Vergeßlichen. Als Puschkara, des Königs Bruder, ihn am andern Tage zum Würfeln aufforderte, da konnte der vom Spielteufel Besessene nicht widerstehen. Und Dwapara, der Fehlwurf, beherrschte seine Würfel! Als es Mittag ward, hatte Nala all sein Gold verspielt und würfelte weiter. Der Hausbrahmane warnte ihn, doch er predigte tauben Ohren! Und als es Abend war, hatte Nala Haus und Hof, Rosse und Sklaven verspielt und würfelte weiter. Warschneja kam, der Treue, an der Spitze des Volkes und bat den Unseligen, vom Spiele zu lassen. Der König hörte ihn nicht! Und als es Mitternacht ward, da hatte er das Reich verspielt an seinen Bruder Puschkara. Damayanti kam und flehte ihn an, doch jetzt vom Spiele zu lassen und mit ihr und den Kindern zu Bhima zu fliehen. Doch des Königs Ohr blieb verschlossen! Da nahm sie Warschneja beiseite und sandte ihn mit ihren Kindern nach Kundina. Dann setzte sie sich zu ihrem Gatten. Und als der Morgen dämmerte, da hatte Nala seine Waffen verspielt, bis auf ein schlechtes Messer, und alle Kleider, bis auf einen alten Mantel. »Jetzt«, rief Puschkara, »soll es Damayanti gelten!« Da erwachte der Unglückliche, legte Stück um Stück die Waffen, Schmuck und Kleider von sich, und ging mit Damayanti und den Resten seiner Habe ins Elend. Warschneja brachte die Kinder zu den Großeltern und zog dann nach Ajodhia, wo er beim Kosalerkönig Rituparna Wagenlenker wurde. Nala und Damayanti wanderten im Wald und aßen Wurzeln und Beeren. Als sich ein Schwarm Vögel vor ihnen niederließ, warf Nala seinen Mantel wie ein Netz darüber, um einige zu fangen. Da flogen sie mit dem Mantel davon und krächzten: Würfel sind wir! unser Neid Raubt dir auch das letzte Kleid. Würfel nehmen alles! Wär' ein König noch so groß, Würfelaugen sehn ihn bloß. Würfel nehmen alles! Reich und Schwert und was einst dein, Bettelsuppenknöchelein, Würfel nahmen alles! Da stand der Unglückliche vor seinem Weib und sprach: »Sieh, soweit ist es mit mir gekommen!« Damayanti aber schlug das Ende ihres Mantels um den Nackten, und beide in ein Kleid gehüllt, zogen die Gatten weiter. Wo sie auf einen Weg stießen, da sagte Nala: »Hier geht's nach Kosala!« oder »Der führt zu den Vindhyabergen, wo die heiligen Büßer hausen!« Da bangte Damayanti, daß der Gram- und Schamverzehrte sie verlassen könnte, und sie bat: »Laß uns nach Widarbha gehen: der Vater nimmt uns gerne auf!« »Ich kann nicht betteln!« sprach Nala, und im Weiterschreiten beschrieb er den Weg nach Widarbha. Damayanti weinte und sprach: »Wie könnt' ich dich verlassen, du armer, nackter König! Wer soll dich trösten, wenn du leidest, wer dir Nahrung reichen, wenn du hungerst, und Wasser, wenn du dürstest? Wo willst du, Müder, dein Haupt betten, als in meinem Schoß? Bin ich schuld an deinem Elend? – Du ? – Nein! der Böse ist's, der an deinem Herzen frißt! Und wo fände ein Arzt bessere Heilmittel für einen Kranken, als in dessen treuen Weibes Sinn!« So klagte die Edle, bis sie an eine leere Hütte kamen, die wohl vor langer Zeit ein Einsiedler verlassen haben mochte. Darin legten sie sich auf die bloße Erde, bedeckten sich mit ihrem einzigen Gewand und schliefen bekümmert ein. Als der Mond durch das löchrige Dach in die Hütte schien, erwachte Nala und sah sein Weib im tiefen Schlaf der Erschöpfung liegen. Und so sehr hatte der Böse seinen Sinn verwirrt, daß er beschloß, Damayanti zu verlassen. Sein Verstand suchte sein unruhiges Herz zu beschwichtigen: »Ohne mich«, dachte er, »mag Damayanti immerhin nach Widarbha gehen; man wird sie dort besser aufnehmen als mich Bettelkönig. Ich tauge nur in den wildesten Wald und mein zartes Weib müßte dort verkommen. Ich darf mein Weib nicht mit ins Elend nehmen!« Solche überreife Wahrheits- und unreife Lügenfrüchte verwirrten ihn vollends. Er stand auf und schnitt von Damayantis Kleid gar leise die Hälfte ab. Damit verhüllte er seine Blößen und floh aus der Hütte in die Waldesnacht. Wohl trieb es ihn wieder zurück, wohl graute ihm davor, sein Weib schutzlos den Schrecken der Wildnis preiszugeben, aber Kali flüsterte ihm gute Gründe dafür ins Ohr und drängte so heftig, daß die Morgenröte Nala schon viele Meilen weit von der Hütte fand. Das war ein böses Erwachen, als Damayanti am Morgen, noch im Halbschlaf, den Gatten an ihrer Seite suchte. »Mein König, wie kannst du mich so erschrecken?« rief sie, lief aus der Hütte und suchte Nala in der Umgebung. Aber wie sie auch rief, wohin sie auch lief, er war nicht zu sehen. »O Nala, mein Herr, wie konntest du die Schuldlose strafen für anderer Fehl?« rief sie ein über das andere Mal. »O nein! Du kannst mich nicht verlassen, du hast mir ja Treue geschworen vor den Welthütern!« Und ihr Geist begann sich zu verwirren. »Dort, dort! ich seh' dich, Nala! hinter dem Baum – jetzt unter dem Strauch – oh, neck' mich nicht – versteck' dich nicht! – Verloren – preisgegeben den wilden Tieren, dem Hunger und Durst, den Schrecken der Nacht – Irrlichtern und bösen Geistern – und mein Nala fern! – Wahrlich, ich erkenne, daß unsere Todesstunde vom Schicksal unabänderlich vorherbestimmt ist, sonst hätt' ich sterben müssen unter seinem Abschiedsblick. – O ihr Götter! ich jammre und bedaure nur mich – während er, der Herrliche, schutzlos, fast nackt, durch die Wälder irrt, gepeinigt von seinem Gewissen und in heißer Sorge um sein Weib, das er verlassen mußte – ja mußte! – Wie wird er leiden, da ihn sein zerrissenes Herz auch noch des Letzten, der liebenden Gattin, beraubte. – Oh, Fluch über den Feind, der ihm das angetan: zwiefach komme das Leid über den, der das edelste Mannesherz zerfleischt! Wenn das Wort eines reinen Weibes bei den Unsterblichen noch gilt, so treffe den Bösen mein Fluch, wo er auch weile!« Und weiter irrte sie durch den Urwald, bald links, bald rechts, rufend und suchend, fürchtend und hoffend, taumelnd, stolpernd, sich aus Dornenumstrickung reißend und die Haarflechten aus haschendem Astwerk lösend. Da züngelte ihr eine Riesenschlange entgegen und umschlang die tödlich Erschreckte. »O Nala! jetzt eil' mir zu Hilfe, wenn du dein Weib noch lebend sehen willst. Komm! sonst wird der Kummer dich verzehren, wenn einst der böse Feind von dir gewichen und du in neuem Glück vergeblich nach deiner Damayanti rufst! Hilf! Nala, hilf!« Ein Jäger hörte die Schreie, sprang durch den Busch und schoß der Schlange einen Pfeil durch den Kopf. Dann löste er die ihrer Sinne Beraubte aus der Umschlingung der toten Schlange und labte sie mit Wasser und Früchten. Als Damayanti sich erholt hatte, erzählte sie dem Jäger ihre Geschichte. Und in dem lumpenumhüllten, gramverzehrten, schmutzigen und von Dornen zerrissenen Leib war noch so viel Liebreiz, daß der Jäger seiner Begierde erlag und voll Ungestüm seinen Schützling zum Weibe begehrte. Damayanti stieß ihn zurück und sprang ins Dickicht, der Wilde ihr nach. Als die Erschöpfte in ihrer Bedrängnis verzweifeln wollte, suchte sie Hilfe bei den Göttern und flehte: »So wahr keiner meiner Gedanken je einem ändern als Nala gehören soll, so rasch befreit mich von diesem Frevler, ihr Götter!« Da fuhr Indras Blitz aus heiterem Himmel und schlug den Jäger zu Boden. Entsetzt floh Damayanti von der Stätte des Gerichtes. Floh durch den dichtesten Wald, über mannshohe Wurzeln, durch das zugreifende Dorngestrüpp, über Sumpf und Steine, Berg und Tal, durch Schluchten und Schrunden, Nala rufend, Nala ersehnend, Nala liebkosend im Geist, als den heldenstarken, edlen und weisen Gemahl. Alle Schrecken der Wildnis: Löwengebrüll, Schlangengezisch, Brausen des Sturmes, Heulen der Wölfe, Kläffen des Schakals, Krächzen der Geier – sie riefen ihr eines nur zu: Nala in Not! Erschöpft sank sie endlich in die Knie und flehte, die Hände erhoben: »Tiger, starker König des Waldes, sag' mir, wo ist Nala! Damayanti bin ich, des Widarbherkönigs einzige Tochter, und such' meinen Gatten! Rastlos Schweifender, Herr des Getieres, sahst du ihn nicht? Nala such' ich, den Nischaderkönig, hilf mir, starkzahniger Tiger! Streif durch die Wälder, zieh' durch die Schluchten, such' meinen Herrn! Suche ihn, rufe ihn, bring' ihn zu mir, oder zerfleische mich arme Verlassene! Und du, hochragender Riese, König der Berge, mit dem silberglänzenden Haupte! Siehst du meinen Nala nicht? Du siehst doch so weit ins Land! Winke ihm, ruf ihn, bring' ihn zu mir, oder stürz' ein und begrab' mich! mich, des Nischaders unglückliches Weib!« Und dann sah sich die ruhelos Wandernde in einem friedlichen Hain, wo mächtige Bäume standen und die sauberen Hütten der Einsiedler. Würdige Greise sah sie da, mit freundlichem Antlitz, den Körper in Ziegenfelle gehüllt. Weißbärtig, mit lieben Augen, so saßen sie vor den Hütten oder spielten mit den Tieren des Waldes, die sie nicht scheuten. Papageien und Affen schaukelten in den Ästen, Hirsch und Gazelle sprangen auf der Wiese, und die heiligen Männer sangen fromme Lieder. Alles fand Damayanti so, wie es in den heiligen Schriften zu lesen stand. Da trat sie vor und frug schüchtern, wie es die Sitte erheischte, ob es ihnen allen wohlergehe, ob sie reichlich Nahrung und Wasser hätten und viele Schätze an Buße. Die heiligen Männer dankten mit freundlichen Worten und fragten die Verirrte, wer sie sei. Da erzählte die Leidgeprüfte ihre Geschichte und weinte bitterlich. Der älteste der Büßer aber tröstete sie und sprach: »Sieh, für unser frommes und strenges Leben ist uns vom Himmel beschert, daß wir in die Zukunft sehen. Dich, Holde, seh' ich dort glücklich! Der Wahn wird von dem Nischader weichen; er kehrt zurück in sein Reich als König, und Glück, Ehre und Reichtum wirst du mit ihm teilen!« Dankbar neigte sich Damayanti zur Erde, in stillem, erlösendem Weinen. Leiser und leiser, ferner und ferner klang das fromme Lied der Büßer, und als die Getröstete erwachte, lag sie allein im. hellen Licht der Morgensonne unter einem mächtigen Asokabaum. »Asoka« aber heißt auf Deutsch soviel als »Sorgenbrecher«. Neugestärkt erhob sich Damayanti, küßte den hohen Stamm des Sorgenbrechers und umwandelte dreimal den heiligen Baum, ihn mit der Rechten berührend. An seinen Zweigen aber brachen alle Blüten auf und dufteten weit durch den Wald, denn so ist es dem Asoka von dem Himmlischen gesetzt, daß er blühe, wenn ihn ein reines Weib berühre. Da sie noch stand und dem Baum dafür dankte, daß er ihr wirklich ein Sorgenbrecher war, hörte sie die Schellen von Kamelen und die Stimmen von Elefantentreibern. Sie bat noch den Wunderbaum, Nala zu grüßen, wenn er vorbeikäme, und lief dann schnell nach den Tönen, die ihr eine Karawane anzeigten. Talwärts lief sie und sah unten, längs eines schilfumwachsenen Flusses, einen langen Zug von Menschen auf Elefanten und Kamelen, zu Roß und zu Wagen. Als die Leute Damayanti erblickten, schrien sie durcheinander und wußten nicht, was sie aus ihr machen sollten. Sie sah auch aus wie eine Tolle: schmutzig, von Dornen zerkratzt, bleich, mit wirrem Haar und den glänzenden, großen Augen, nichts am Leibe als den halben, zerrissenen Mantel. »Ach! wer bist du?« »Seht, eine Hexe!« »Bist du eine Elfin oder die Flußnixe?« »Oh, dafür ist sie zu schmutzig!« »Aber seht nur die Schönheit unter dem Schmutz!« so rief es durcheinander, bis die Kaufleute, denen der Warenzug gehörte, in ihrem Elefantenturm daherkamen. Denen erzählte Damayanti ihre Geschichte, und sie erlaubten ihr, sich anzuschließen. Sie wollten nach Tschedi, einer großen Stadt am Rande des wilden Waldes. So zog Damayanti mit der Karawane, still und zufrieden auf die Worte des greisen Sehers hoffend. Aber das Maß ihres Leidens war noch nicht voll. Einen halben Tagmarsch vor Tschedi hielt die Karawane an einem großen Weiher Nachtrast. Als alles schlief, kam eine Herde wilder Elefanten zur Tränke. Sie witterten die zahmen Brüder und stürzten sich kampflustig auf sie, alles zermalmend, was ihnen im Weg war: Mensch und Tier, Zelt und Wagen. Wilder Schrecken erfaßte alle, die am Leben blieben und das Stampfen und Trompeten der Rüsselträger, das Ächzen der Sterbenden hörten. Zucht und Ordnung ward gelöst: hier liefen ein paar entsetzt ins Wasser, dort raubten andere Kostbarkeiten, die aus den zertrümmerten Kasten quollen, gaben auch wohl dem Verteidiger einen Messerstich und fielen im nächsten Augenblick unter dem Rüsselschlag eines Elefanten. Damayanti saß zitternd im Strauchwerk und glaubte, alle Dämonen seien los. Rasch, wie sie gekommen waren, liefen die Elefanten nach der Zerstörung wieder in den Wald. Am Morgen sammelten sich die Wenigen, die noch lebten, und klagten laut über den Verlust an Freunden und Brüdern, an Geld und Gut. Hatte sich doch die Fahrt so gut angelassen, die Opfer richtig gebrannt, alle Vorzeichen Segen verheißen, und nun, kurz vor dem Ziel, dies schreckliche Ende. »Das war die Tolle, die alles verhext hat!« flüsterten sie und warfen finstere Blicke auf Damayanti. Und als sie nach Tschedi wanderten, wagte die Gramerfüllte ihnen nur von weitem zu folgen. Still weinend dachte die Gute, daß sie wohl wirklich in einem früheren Leben viel Böses begangen haben müsse, weil ihr Unglück sich über die ganze Karawane ausgedehnt habe. Als sie gegen Abend todmüde nach Tschedi kam, liefen die Kinder auf der Straße zusammen und begleiteten diese traurige Königin in ihrem närrischen Kleid der Liebe unter Gespött und Geschrei bis vor den Palast der Königin-Mutter. Diese sah vom Fenster den fröhlichen Aufzug und sandte nach seiner trauernden Führerin. Damayanti klagte der edlen Fürstin ihr schreckliches Los, doch ohne sich zu erkennen zu geben, und bat die Gute, sie in ihren Dienst zu nehmen, bis die Götter sie wieder mit ihrem Gatten vereinten. Die Königin-Mutter sah durch all den Jammer das edle und schöne Weib und gab es ihrer Tochter zur Gespielin. Der ward die Leiderfahrene bald zur Freundin. König Nala hatte sein Weib verlassen und wäre am liebsten vor sich selber geflohen. Er irrte durch den Wald, quälte sich mit Vorwürfen und schämte sich seines Tuns vor sich und der Welt. Wie im Traume bahnte er sich seinen Weg durchs dickste Dickicht, ohne Ziel und Zweck. Mitten im Walde stieß er auf einen lodernden Ringwall von Flammen. Daraus klang eine Stimme und rief: »Komm! König Nala! komm, erlöse mich!« und wieder: »Komm, König Nala! komm, erlöse mich!« »Ich komme!« rief Nala und drang mutig durch Feuer und Rauch in den Ring. Dort fand er eine große Schlange auf einem Steine zusammengerollt. Die sprach, demütig bittend, mit menschlicher Stimme: »Wisse, edler König der Nischader, daß ich Karkolaka bin, ein König der Schlangen! Vor vielen Jahren habe ich einen Heiligen belogen, um eine meines Volkes vor gerechter Strafe zu schützen. Da verfluchte mich der Heilige und bannte mich in diesen Feuerring: bis König Nala mich befreit! – Schnell trage mich aus dem Feuer, und ich will dir den Weg weisen zu deiner Erlösung. Klug ist das Schlangenvolk! und ich bin sein Meister!« Darauf machte er sich klein, kaum spannenlang, und schlang sich um Nalas Daumen. »Nun laufe durch das Feuer und zähle deine Schritte!« Nala sprang durch Feuer und Rauch, und als er in frischer Luft hielt, rief er: »Zehn!« Da schlug Karkotaka seine Zähne in Nalas Daumen, fuhr aus seiner Haut und erschien vor dem Nischader in seiner Gestalt als Schlangenkönig: ein goldschimmernder Schlangenleib mit einem Menschenhaupt! Nala aber fühlte einen Ruck durch seinen Leib gehen, und als er an sich hinuntersah, merkte er, daß ihn das Schlangengift in eine Mißgestalt verwandelt hatte. »Edler Nischader!« sprach Karkotaka, »verschwunden ist die Gestalt, die dir zum Abscheu geworden war und die alle als die des Königs Nala kannten. Darum und um Kali durch das ätzende Gift zu peinigen, mußte ich dich beißen. Der Spielteufel hat ohne dein Wissen in dir Wohnung genommen. Dich wird mein Gift nicht quälen, denn du bist von heut' an der beste Freund des Schlangenvolkes und seines dankbaren Königs. Den Bösen aber wollen wir aus dir treiben und ihn bestrafen. Dazu mußt du den Zahlenzauber erwerben, denn der gibt Macht über alle Spielteufel, Rituparna, der König der Kosaler, kennt den Zauber. Gehe nach Ajodhia und verdinge dich ihm als Fuhrmann. Deine Kunst, die Rosse zu lenken und sie hundert Meilen in einem Tage zu treiben, wird dir bald Gelegenheit bieten, deinem Herrn einen wichtigen Dienst zu leisten. Dann biete ihm deine Kunst im Rosselenken gegen den Zahlenzauber. Hast du den Zauber, so beherrschest du Kali und wirst Reich und Glück wiedererwerben. Willst du wieder in deiner alten Gestalt einhergehen, so ziehe dieses mein abgestreiftes Kleid über den Daumen, und du bist wieder Nala, der Makellose, vor aller Welt.« Damit verschwand der Schlangenkönig, und Nala, oder Vahuka , wie er sich in Knechtsgestalt nennen wollte, schlug den Weg nach Ajodhia ein und kam nach zehn Tagen zum Kosalerkönig Rituparna. Dem verdingte er sich als Stallknecht unter dem Wagenlenker Warschneja. Bhima hatte seine beiden Enkelkinder gut aufgenommen und harrte nun schon lange des landlosen Königs und seiner treuen Gattin. Da sie sich nicht in Kundina einfanden, sandte er viele Brahmanen aus, um sie zu suchen. Die Brahmanen zogen oft als geistliche Sänger und Lehrer von Stadt zu Stadt, von Hof zu Hof, durch alle Lande. Da mochte wohl einer Gelegenheit haben, die Ersehnten zu finden. Der Großkönig versprach reichen Lohn an Vieh und Land dem, der die Flüchtigen brächte oder doch wenigstens ihren Aufenthalt erkunden könnte. Die geweihten Boten Bhimas durchzogen viele Länder, aber alle mußten unverrichteter Dinge wieder heimkehren, bis auf Sudeva, den sein Weg nach Tschedi geführt hatte. Als er dort einer Feier im Palast des Königs beiwohnte, sprach ihn eine tief verhüllte Gestalt an und fragte nach König Nala. Es war Damayanti, die bei allen Fahrenden nach ihrem unglücklichen Gatten zu forschen pflegte. Bei dieser Frage erkannte Sudeva die Tochter seines Herrn an Haltung und Stimme und grüßte sie im Namen ihrer Eltern und Kinder. Weinend fragte Damayanti, wie es allen ergehe, ob die Kinder gewachsen seien, und was eine Mutter wohl sonst noch wissen will. Als die Königin-Mutter hinzutrat, mußte Sudeva erzählen, wer Damayanti sei, und da erkannte ihre Beschüizerin sie als das Kind ihrer fernen Schwester. Nun wollte sie der lieben Verwandten würdigere Gastfreundschaft bieten, doch Damayanti dankte ihr für die viele Liebe, die sie schon als Unbekannte bei ihr gefunden hatte, und da Sudevas Grüße die Sehnsucht nach den Ihrigen wachgerufen hatten, bat sie um Reisegelegenheit nach Kundina. Unter Tränen der Liebe nahmen die königlichen Frauen Abschied von Damayanti und ließen sie in einer Sänfte unter sicherem Schutz nach Kundina bringen. Dort herrschte große Freude über die Wiedergefundene, und Bhima schenkte dem glücklichen Sudeva tausend Rinder und ein großes Dorf mit fruchtbaren Äckern und weiten Wiesengründen. Am Tage nach ihrer Ankunft aber sagte Damayanti ihren Eltern, daß sie nicht leben könne ohne Nala! Da rief Bhima wieder die Brahmanen zusammen, um sie noch einmal auf die Suche zu senden. Und Damayanti lehrte sie das Lied ihrer schlaflosen Nächte: Wo weilst, beseßner Spieler, du Mit meinem halben Kleide? Bring' der im Wald Verlaßnen Ruh' In tiefstem Herzeleide! Oh, mögen Götter, treu verehrt, Dein Schweifen heimwärts lenken, Zu der, die Glück und Gram verzehrt, In ew'gem Deingedenken! »Dieses singet«, sprach sie zu den Gottgeweihten, »in allen Städten und Weilern, an Häfen und auf Märkten und wo sonst das Volk zusammenläuft! Und wenn euch einer auch nur ein rechtes Wort darauf erwidert, so merket seine Rede gut und hinterbringt sie mir eilig! Aber verratet nicht, daß ihr von mir gesandt seid! Die Götter mögen euer Wandern segnen!« Nach vielen Monden ließ sich der Weihbrahmane Parnada vor Damayanti führen und berichtete also: »An allen Orten habe ich dein Lied vergeblich gesungen. Auch zu Ajodhia, als ich in des Königs Halle sang, blieb ich ohne Antwort. Doch als ich gehen wollte, hielt mich im Dunkeln des Hofes eine Mißgestalt an und sang mit ergreifenden Tönen: Zürne nicht! Du Herzenstreue, Paar' nicht Fluch der tiefsten Reue! Narr hat seinem Glück vertraut, Weil's für ewig schien gebaut. Schwert verloren – Ehr' verloren! Steht im Schicksalsbuch des Toren. Neid raubt ihm das letzte Kleid Und den letzten Trost das Leid! Mit Tränen im Auge schlich der Sänger hinweg und verschwand in des Königs Marstall. Ich aber forschte bei den Leuten im Hause, wer der mißgestaltete Sänger sei. Da hörte ich, es sei ein Knecht des Königs, namens Vahuka, der sich sehr gut aufs Fahren verstünde und auch treffliche Speisen bereitete. Er hält sich fern von allen Leuten und scheint schweren Kummer zu haben, von dem er des Nachts öfter singt.« »Oh, Nala ist's, mein makelloser Held, den der Böse nun auch noch mißgestaltet hat!« rief Damayanti weinend und entließ den Brahmanen mit reichen Geschenken. In heimlicher Beratung mit der Mutter hatte Damayanti eine List erdacht, um den mißgestalteten Sänger nach Kundina zu locken und zu prüfen, ob er König Nala sei. Sudeva, der gute Brahmane, welcher sie selbst nach Hause gebracht hatte, sollte nun nach Ajodhia reisen und dort vor König Rituparna, wie zufällig, erwähnen, daß Damayanti am anderen Tage eine neue Gattenwahl halte, weil Nala wohl tot sei. Nur König Nala könne die hundert Meilen von dorther in einem Tage fahren. Wenn also Vahuka den Kosalerkönig rechtzeitig nach Kundina bringe, so spräche schon vieles dafür, daß König Nala sich in dieser Mißgestalt verberge. Andere Beweise würden sich dann wohl noch finden lassen. So reiste denn Sudeva ab. Und Rituparna wollte auch wirklich nicht fehlen, wenn die holde Bhimatochter Gattenwahl hielt. Warschneja getraute sich nicht, die große Wegstrecke in so kurzer Zeit zu bewältigen, doch Vahuka setzte sein Leben zum Pfand, daß er den König noch rechtzeitig nach Kundina bringen würde. Die Botschaft Sudevas, den er kannte, hatte ihn zuerst niedergeschmettert, aber als er der endlosen Liebe seines Weibes gedachte, verstand er die List und bot dem König seinen Dienst an. Vier unscheinbare, aber edle Rosse wählte er im Stall, die jedes die zehn Haarwirbel als Zeichen ihrer Schnelligkeit trugen. Der König zweifelte an ihrer Güte, aber Vahuka forderte volles Vertrauen, wenn die schnelle Fahrt gelingen sollte, und so bestieg Rituparna mit Warschneja hinter dem Kühnen den Wagen. Fort ging's in wirbelnder Schnelle an Häusern und Bäumen vorbei! Als Warschneja sah, wie Vahuka seine Rosse lenkte, da kamen ihm allerlei Gedanken: »Der fährt ja wie Matali, der Wagenlenker Indras, oder wie Waju, der wehende Wind ... doch nein! – 's ist König Nala, wie er die Zügel führt! – aber die Mißgestalt? Ob ihm die Götter zürnen? – die haben schon manchen verwandelt!« So dachte der Wackere hin und her und schwieg in Erwartung einer kommenden Lösung. Auch Rituparna freute sich über Vahukas Kunst, denn er war ein Freund aller kriegerischen Übungen. Als ihm der Fahrtwind den Mantel entriß, wollte er halten lassen, um ihn aufzuheben. »Laß ihn!« lachte Vahuka, »der liegt schon eine Meile hinter uns!« Die kühne Fahrt hatte auch ihn freudig gestimmt. »Herrlich fährst du, Vahuka!« sprach der König, »und ich möchte die Kunst wohl von dir lernen. Sieh: ich habe ein anderes Wissen: den Zahlenzauber! den möchte ich dir dafür geben. Dort, der Eckernbaum, hat am untersten Ast zweihundertundsieben Eckern und eintausendsiebenhundertdreiunddreißig Blätter. Das sagt mir mein Wissen!« Jäh hielt Vahuka sein Gespann an und sprang vom Wagen. »Wir werden zu spät kommen!« rief ängstlich der König. »Ich bringe die versäumte Zeit wieder ein,« sprach Vahuka, »doch deinen Zauber will ich prüfen.« Und er zählte Blätter und Früchte genau und fand alles so, wie es der König angegeben hatte. Vahuka staunte über das geheimnisvolle Wissen des Königs und versprach dem Kosaler, ihn seine Fahrkunst zu lehren, wenn der ihm den Zauber verrate. Da neigte sich Rituparna vom Wagen und flüsterte dem Vahuka die Zauberformel ins Ohr. Wie der Blitz fuhr nun Kali aus dem Opfer seiner Scheelsucht und stand demütig vor seinem neuen Herrscher. Schon wollte Nala ihn verfluchen, da winselte der Elende: »Bezähme deinen Zorn, o großmächtiger König der Nischader, und fluche mir nicht! Denn schwer hatte ich zu leiden, seitdem mich der Fluch deiner reinen Gattin getroffen und mir das Zwiefache deiner Leiden auferlegt hat; bitterer noch schmerzte mich Karkotakas Gift. Dein Reich will ich dir wiedergewinnen und nie mehr einen deiner Lieben quälen, aber fluche mir nicht, edler Dulder!« Da bannte ihn Nala in den Eckernbaum. Das gemeine Volk würfelt seither mit Eckern, und der Baum ist verachtet im ganzen Land. Vahuka aber sprang auf den Wagen zu Rituparna und Warschneja, die Kali weder gesehen noch gehört hatten, und griff nach den Zügeln. Mit doppelter Schnelle raste das Gefährt dahin, und ehe noch die Sonne sank, rollte der Wagen durch die Straßen Kundinas. Es war ein Donnern und Tosen, als die windschnellen Rosse die letzten Meilen liefen, daß Pfauen und Elefanten freudig aufschrien, denn sie glaubten ein erfrischendes Gewitter im Anziehen. Damayanti aber hörte am Fenster das Rollen und rief: »So weiß nur Nala die Rosse zu jagen! Kommt er heut' nicht, so will ich den Scheiterhaufen besteigen und als seine Getreue den Flammentod erleiden!« Aber dem Wagen, der vor dem Palaste hielt, entstiegen nur der Kosalerkönig Rituparna, der Rosselenker Warschneja und eine Mißgestalt, die Damayanti nicht kannte. Bhima schritt dem Kosalerherrn entgegen. Dieser hatte mit Staunen bemerkt, daß hier von dem Gedränge und Gepränge, das alle Feste Indiens zu begleiten pflegte, nichts zu sehen war. Sogleich vermutete er, daß Sudeva ihn irregeführt habe, und, um nicht zum Schaden noch Spott zu ernten, verschwieg der Kluge, warum er gekommen sei. Er begrüßte den edlen Bhima und fragte nach seinem Befinden. Wohl erriet auch der Widarbher, dem die Frauen die List verhehlt hatten, daß Rituparna nicht deshalb allein die hundert Meilen gefahren sei, doch beschloß er zu warten, bis der Gast ihm sein Anliegen vorbringen wolle, und führte ihn freundlich nach dem Ehrensitz in der Halle. Damayanti aber sandte die kluge Kesini hinab, zu erforschen, wer auf der Fahrt die Zügel geführt habe, und dem kühnen Lenker näher zu treten, so daß sie erkunden konnte, ob sich nicht König Nala hinter ihm verberge. Kesini ging zu Vahuka, der die Pferde abgeschirrt hatte und nun auf dem Wagen saß, um zu ruhen. Sie fragte ihn allerlei und wußte bald, daß der Krüppel der schnelle Lenker sei und dem Kosaler als Fuhrmann und Koch diene. Auch das Leidlied Damayantis sprach sie vor Vahuka, und er gab dieselbe Antwort, die er dem Brahmanen gegeben hatte. Dann verfiel er in Schweigen und weinte still vor sich hin. Als Kesini dies alles ihrer Herrin berichtete, ward diese in ihrem Glauben noch stärker. Aber um sicher zu sein, daß König Nala sich in Vahuka verberge, wollte sie noch die Hochzeitsgaben der Gölter bei dem Krüppel finden. Sie befahl deshalb Kesini, ihn auf allen seinen Wegen zu beobachten. Bald kam Kesini und erzählte, wie vor dem Geheimnisvollen sich das Kellerloch erweitert habe, so daß er aufrecht durchschreiten konnte, um Fleisch für seines Herrn Abendtisch zu holen, wie er die leeren Töpfe voll Wasser gezaubert habe und das Abendrot auf den Herd als Feuer und wie er dann köstlich duftende Speisen bereitete. Von diesen brachte sie ihrer Herrin ein wenig. Sie hatte es dem Geschickten abgeschwatzt. Damayanti kostete davon und erkannte die Kunst Nalas, das Göttergeschenk Yamas. Nun sandte sie Kesini mit den beiden Kindern zu Vahuka, daß er sich in seiner Vaterliebe verrate. Vahuka küßte die Kinder oft und weinte. Sie glichen so sehr den seinen, sagte er unter Tränen. Nun ließ Damayanti den Bekümmerten vor sich führen. Und als der Dulder vor der armen Verlassenen stand, da fiel ein Blütenregen vom Himmel, und die himmlischen Spielleute ließen ihre Weisen erklingen. Jetzt erkannte Vahuka, daß seine Leidenszeit zu Ende sei, und zog die Haut des Schlangenkönigs über den Daumen. Als Nala, der Makellose, schloß er seine treue Gattin in die Arme. Nach langer Trauer war heller Jubel im Königspalast von Widarbha. Einige Wochen blieben die Wiedervereiriten noch in Kundina, und Nala lehrte Rituparna die Rosse hundert Meilen im Tag zu treiben, wie er es vor dem Eckernbaume versprochen hatte. Dann fuhr er mit einer kleinen Heldenschar nach Nischada, erinnerte Puschkara, daß er Damayanti als letzten Einsatz geheischt hatte, und forderte den Bruder nun zum Kampfe mit Würfeln oder Waffen. Puschkara wählte die Würfel und verlor alles an den zauberkundigen Nala. Dieser aber schenkte ihm seinen alten Fürstensitz und noch manche kostbare Gabe dazu, denn nicht der Bruder hatte ihm so schweres Leid gebracht, sondern Kali, der Böse. Das Volk von Nischada jubelte seinem geliebten Herrscherpaare zu, und dieses lebte in Glück und Liebe noch viele Jahre. Durch alle Zeiten aber klingt das Lied vom makellosen König Nala und seinem treuen Weibe Damayanti! Bharatas Heldenstamm Brahma, das unerforschliche Haupt der geheimnisvollen Dreieinigkeit, ›Schöpfung – Erhaltung – Zerstörung‹, sah seine Erde übervölkert. Auf sein Geheiß spaltete der Gott des Rechtes den Stamm Bharatas, des ersten Großkönigs von Indien. Treue und Trug, Macht und List, Sieg und Tod mußten sein Astwerk unlöslich verwirren, und lohender Haß, dem Liebe und Eifersucht in die Flammen blies, verzehrte alles bis auf ein winziges Samenkorn, aus dem den gelichteten Völkern ein neuer Herrschcrstamm erwuchs. Vorgeschichte Bhischma Als der greise König Pratipa, aus dem Geschlechte des Bharata, seinem Sohne Schantuna die Herrschaft übergeben hatte, sprach er zu dem neugeweihten ›Herrn der Erde‹: »Mein Sohn, nach dem Willen der Götter sollst du ein Weib am Ufer des Ganga finden. Frage die Herrliche nie nach ihrer Herkunft und billige schweigend, was sie auch täte! Das mußt du der Geheimnisvollen geloben, denn es soll zu deinem Glücke führen!« Darauf legte er alle Zeichen seiner königlichen Würde von sich und schritt im Büßerkleid in den Wald: nordwärts gegen den eisstarrenden Himawat, aufwärts, immer aufwärts, bis ihn der leuchtende Himmel aufnahm. Denn so mußte ein Held sterben, den der Tod auf dem Schlachtfeld gemieden hatte. König Schantanu aber durchstreifte die Wälder an der Ganga, jagend, harrend, hoffend, das sehnende Glück im ahnungsvollen Herzen. Und als er eines Morgens am Ufer stand und freudigen Sinnes die Schönheit des stolzen Stromes pries, da trat ein wunderschönes Weib zu ihm und grüßte mit holdseligem Lächeln: »Heil, König Schantanu, mein Herr und Gemahl!« »Du? – Du bist mir bestimmt?« stammelte Schantanu und schloß die Errötende in seine Arme. »Stamme von Göttern oder Teufeln, von Riesen oder Menschen! ich will's nicht wissen, bring' Glück oder Elend, Leben oder Tod in mein Haus! ich will's nicht wehren. Doch sei mein Weib!« »Ich will es sein und bleiben, solange du dieses Wortes gedenkst!" sprach die Göttliche. Und vereint zogen sie nach Hastinapura, wo des Königs Palast stand, und hielten Hochzeit vor dem heiligen Fester, indem sie es, Hand in Hand, mit sieben feierlichen Schritten rechtshin umwandelten. Viele Jahre lebten sie im Glück der innigsten Liebe, und der König gedachte schweigend seines Versprechens, wenn er mit geheimem Schauder sah, wie seine Gattin jedes ihrer Kinder gleich nach der Geburt in den Strom warf und dazu raunte: »Menschliche Liebe rief dich ins Leben, Göttliche Liebe schenkt dir den Tod!« Sieben schöne Kindlein hatte die Mutter ertränkt, doch als sie das achte in ihre Arme nahm, da ward Schantanu vom Grauen überwältigt, und er vergaß sein Gelöbnis. »Halt' ein! Wer bist du, Schreckliche, die ihre Kinder mordet? Laß mir den letzten Sohn!« so schrie er angsterfüllt. »Er bleibt dir, Schantanu, doch ich muß dich verlassen!« sprach die Göttliche mit Tränen im Auge. »Höre denn, wie alles gekommen ist: Ich bin Ganga, die Stromgöttin, und der Ratschluß der Götter, wie meine Liebe, hat mich zu deiner Gattin gemacht. Die acht Erdgötter, die du als Wasu verehrst und deren vornehmster Djau heißt, hatten einst die Einsiedelei des Heiligen Wasischta betreten und seine Wunderkuh, die göttliche Nandini, geraubt. Denn die Milch dieser Edlen verleiht zehntausenjährige Jugend, und Djaus Gattin hatte eine Freundin auf Erden, die sie damit beglücken wollte. Als der Heilige den Raub entdeckte, ließ er seine sündlosen Augen über die ganze Erde schweifen und sah in weiter Ferne die acht Wasugötter mit seiner Nandini. Da verhängte der Büßer in furchtbarem Fluch über sie, daß diese räuberischen Götter zur Strafe als Mensehen geboren werden sollten. Traurig kamen die acht zu mir, denn einer, der reich an Buße ist, hat auch Macht über die Götter. Sie baten mich, daß ich sie als Menschcnkindlein zur Welt bringen und gleich im Strom ertränken solle. Und als sie nun dich, Schantanu, als den edelsten der Menschen, zu ihrem Vater erkoren, da schlug ich freudig ein. Und sie gelobten mir, jeder ein Achtel seines göttlichen Wesens im achten Kind ein ganzes Menschenleben durchlaufen zu lassen, auf daß du in deinem göltergleichen Sohn den Lohn fändest. Alles ist gekommen, wie es kommen mußte! Dir bleibt ein Sohn, doch ich muß scheiden! – Lebe wohl!« Darauf verschwand die Göttin und ließ das Knäblein Bhischma in des Vaters Armen zurück. Während Schantanu in treuer Sorge um sein Reich langsam den Schmerz um die verlorene Gattin verwand, wuchs Bhischma zum unüberwindlichen Helden heran. Einst fand der Jüngling seinen Vater betrübt und schweren Herzens und fragte, was ihn so sehr bekümmere. Und als der Gramgebeugte schwieg, erforschte er die königlichen Räte und erkannte gar bald das Leid des Bekümmerten. An der Jamuna hatte Schantanu des Fischerkönigs Tochter, Satjawati, gesehen, die dort die Wanderer in einem Nachen über den Strom setzte. Und er hatte die Liebliche gebeten, ihn zu ihrem Vater zu bringen. Vom Fischcrkönig hatte er die schöne Tochter zum Weib erbeten, doch dieser hatte Unerfüllbares verlangt: »Ein König, der Satjawati freit, muß schwören, den Sohn, welchen sie ihm schenken wird, zu seinem Nachfolger zu weihen!« Da mußte Schantuna auf die liebliche Maid verzichten, weil er Bhischmas älteres Recht nicht kränken wollte. Als Bhischma das Leid seines Vaters erkannt hatte, ließ er anschirren und fuhr zum Fischerkönig. Dem gelobte er, auf seine Thronrechte zu verzichten und unvermählt zu bleiben, so daß sein Geschlecht mit ihm erlösche. Der Fischerkönig nahm sein Versprechen voll Freude an und übergab ihm die Tochter. Satjawati bestieg Bhischmas Wagen, und im Triumph führte der Sohn dem Vater sein Glück zu. Doch waren Schantanu nur wenige Jahre des neuen Gattenglückes beschieden. Satjawati hatte ihm zwei schöne Knaben geschenkt: Tschitrangada und Witschitrawiria; doch sie waren beide noch Kinder, als Schantanu starb. Seinem Versprechen getreu, weihte Bhischma den älteren zum ›Herrn der Erde‹ und erzog beide zu tapferen Helden. Aber Tschitrangada griff in toller Kampflust Menschen und Götter an und fiel, noch jung an Jahren, im Kampf gegen den Gandharwerkönig, den Herrn der himmlischen Spielleute. Nun weihte Bhischma Satjawatis jüngeren Sohn, den Witschitrawiria, zum König und beschloß, ihn alsbald zu vermählen. Amba – Schikhandin Zu jener Zeit lud der König von Kaschi alle Fürsten Indiens an seinen Hof, denn seine drei Töchter, Amba, Ambika und Ambalika, waren zu holdseligen Jungfrauen herangereift und sollten unter den Helden ihre Gatten wählen. Zum Fest in der Kaschistadt fuhr Bhischma in voller Wehr, und als er die drei Lieblichen erblickte, hieß er sie auf seinen Streitwagen steigen und rief: »Ich, Bhischma, des Schantanu Sohn und der Ganga, raube die bräutlichen Schönen. Tapferkeit sei ihr Kaufpreis! Heran, speergewaltige Helden! Wer wagt es, sie mir zu entreißen?« Da fuhren die Edlen auf, riefen nach ihren Rossen. Wagen und Elefanten, umringten den tapferen Gangasohn und drangen auf ihn ein. Doch der schoß Pfeil um Pfeil auf die Heranstürmenden, tötete ihre Tiere und schoß die goldgestickten Banner in Brand. Bald flohen die Bedränger vor diesem Pfeilhagel. Bhischma ließ die Rosse wenden und fuhr mit seiner schönen Beule nach Hastinapura. Die jungfräulichen Königskinder brachte er zu der Mutter Satjawati, auf daß sie die Frauen des jungen Königs Witschitrawiria würden. Als das Hochzeitsfest gerüstet: wurde, trat Amba vor Bhischma hin und sprach: »Sage mir, Edler, der du alle Gesetze der Götter und auch die des Menschenherzens kennst: darf ich das Weib Witschitrawirias werden, wenn ich das Bild des schönen Königs von Schalwa im Herzen trage und mich ihm in süßer Heimlichkeit verlobt habe? – O unüberwindlicher Gangasohn, edelster Bharatasproß, laß mich zu dem Geliebten ziehen!« Gerührt von Ambas Treue und Aufrichtigkeit und im Sinne einer Sitte, welche Gattentreue bis zum letzten Gedanken fordert, sandte Bhischma die Jungfrau in angemessener Begleitung nach Schalwa. Doch der König von Schalwa, voll Eifersucht und in Furcht vor dem gewaltigen Bhischma, empfing die Getreue gar schlecht. »Geh', wohin du willst!« rief er. »Nicht ziemt mir, zum Weibe zu nehmen, was ein anderer geraubt und im Überdruß von sich getan hat! Geh' hin zu dem Verhaßten! Ich mag dich nicht mehr, denn allzu willig folgtest du dem Entführer!« »Du täuschest dich, Edler!« sprach die Liebende unter Tränen. »Mit Gewalt ward ich hinweggeführt und bitterlich weinend. Wende dich nicht von mir, die in steter Treue die Deine sein will!« Doch der Schalwakönig verließ sie, wie eine Schlange ihre alte Haut. Traurig zog Amba aus der Stadt und verfluchte ihr Geschick. Durch fleißige Bußübung hoffte sie des Himmels Rache auf Bhischma herabzuziehen, denn in ihm sah sie den Schöpfer ihres Leides. Im Walde fand sie eine Siedelei von Büßern, klagte den guten Alten ihr Leid und bat, sie in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Unter diesen Sündenreinen lebte auch Ambas Großvater. Der hob die Trauernde auf und versprach ihr Hilfe: Sein Freund war Rama, der Sohn Dschamadagnis, ein edler Brahmane und Meister des Waffenhandwerks. Kein Kschattrija – so heißen die Söhne der Kriegerkaste – hatte ihn noch besiegen können. Diesem Priesterrecken sollte sie ihr Leid klagen, und der würde Bhischma zwingen, ihre Ehre durch Vermählung mit Witschitrawiria wiederherzustellen, oder sie an dem Verhaßten rächen. Während der ehrwürdige Alte so freundlich und tröstend mit seinem Enkelkind sprach, kam ein Gefährte Ramas und meldete dessen Ankunft. Als der Abend sich über den Wald legte, kam der edle Rama: im Büßerkleid, mit Axt und Schwert, den starken Bogen auf der Schulter und eine Schar von Schülern im Gefolge. Amba fiel vor dem tapferen Priester auf die Knie, und während sie mit ihren zarten Händen seine staubigen Füße berührte, klagte sie weinend ihr Leid und bat um die Hilfe des Starken. Vor den tränenerfüllten Augen der schönen Verstoßenen konnte der Priester mit dem Kriegerherzen seine Hilfe nicht versagen, obwohl er Bhischma als den besten seiner Schüler vor allem ehrte. Er versprach, Worte und Waffen daran zu setzen, daß die Schmach der Unglücklichen getilgt, ihre Makellosigkeit aller Welt kund werde. Am nächsten Morgen zog er mit Amba und allen Waldsiedlern gegen Hastinapura und sandte einen Boten mit seiner Forderung voraus. Bhischma eilte seinem Lehrer bis zur Landesgrenze entgegen und begrüßte ihn dort voll Ehrfurcht. Die Forderung, Amba seinem Bruder Witschitraviria zu vermählen, wies er zurück, »Wer läßt ein Weib, das einen andern im Herzen trägt, wie eine Natter in seinem Hause wohnen?« sprach er. Und als Rama drohte, die Erfüllung seiner Forderung mit den Waffen zu erzwingen, rief der tapfere Bhischma: »Dich ehre ich, edler Lehrer, doch dein Unrecht muß ich bekämpfen! Ich will keinen Brahmanen töten, denn die größte Sünde ist Priestermord; doch des waffentragenden Gegners darf ich mich erwehren, was auch daraus werde! Auf zum Kurufeld, dort wollen wir uns messen!« Und auf dem Kurufeld trafen die Gewaltigen einander, in schimmernder Wehr, auf goldgeschmückten Wagen, die mit Tigerdecken belegt und von kundigen Rosselenkern geführt wurden. Beim schmetternden Klang der Kriegsmuscheln fuhren sie aufeinander los, die starken Waffen in Händen. Amba sah zu und die Büßer aus dem Wald. Die Himmlischen verließen ihre Göttersitze, um die stärksten Recken im Kampf zu sehen, und die Menschen drängten, soweit nur ein Auge reichen kann. So dicht wie Schlossen sausten von beiden Seilen die Pfeile, und Rama tötete dem Bhischma vier herrliche Falben. Doch der hatte ihn mit Pfeilen übergossen, daß er aus hundert Wunden blutete, und stand wie ein Strauch voll roter Blüten. Ein gewaltiger Schuß spaltete den Bogen Ramas. Nun griff der Brahmane zu den Speeren und schleuderte einen nach dem andern auf Bhischma. Ohne zu wanken stand dieser und fing sie mit dem starken Schild oder schoß auch manche mit breiten, vorne halbmondförmig geschliffenen Pfeilen in Stücke, ehe sie ihn erreichen konnten. Vierundzwanzig Tage kämpften sie so, vom Sonnenaufgang bis zur Dämmerung, die das Götterauge schließt. Weithin erscholl der Lärm, wenn Erz auf Erz schlug. Götter liehen den Starken ihre Waffen, und konnte doch keiner des anderen Herr werden. Wohl wankte Rama, als Bhischma ihm mit goldfiedrigen Rohren das Haupt spickte, daß er strahlte wie ein Berg in der Morgensonne, doch senkte der Gangasohn in Ehrfurcht vor dem Lehrer die Waffen, bis der Wagenlenker den Wunden gelabt und gestärkt hatte. Wohl wankte auch Bhischma, als ein Speer des Gewaltigen seinen Wagenlenker durchbohrte und ihn in die Lende traf; doch als er vom Wagen stürzen wollte, standen die acht Wasugötter, denen er seine Stärke verdankte, um ihn, glänzend wie die Sonne oder das opferfressende Feuer und duftend wie die Gärten am Götterberg Kailasa. Die stützten und stärkten den Wankenden. Als Bhischma wieder aufrecht stand, sah er die Mutter, die göttliche Ganga, neben sich auf dem Wagen, den Stachelstock schwingend und die Zügel in kräftiger Hand. Nun sausten sie über das Kampffeld hin, und Bhischma schwang in seiner Rechten den goldbeschlagenen Speer des Schöpfers Pratschapati, den der Götterschmied einstens geschmiedet hatte. Als Rama die furchtbare Waffe sah, rief er, die Lanze senkend: »Genug! ich bin besiegt, denn du bist unbesieglich, Bhischma!« Nun sprangen beide Kämpfer vom Wagen, erwiesen einander alle Ehrerbietung und schlossen Frieden. Rama gestand Amba, daß niemand ihr helfen könnte, denn Bhischma sei unbezwinglich. Die Unglückliche zog darauf in die Wildnis und suchte von neuem durch fromme Buße den Zorn der Himmlischen auf Bhischma zu lenken. Nach langem Fasten, Beten, Dürsten, Zehenstehen und anderen qualvollen Übungen sah sie Schiwa, den Zerstörer, und er ließ sie eine Gnade erbitten. Da bat Amba: »Sterben soll Bhischma, der Räuber, durch mich, die Geraubte, o Herr!« »Gewährt!« sprach der Gott. »Doch wie kann ich schwaches Weih den Heldenbezwinger fällen?« fragte die Verzückte, zitternd vor Furcht und Freude. »Nach deinem Tode wirst du an Drupadas Hofe wiedergeboren werden, und dann soll der Starke durch deine Schwäche sterben!« Damit verschwand der Strahlende. Arnba schichtete Holz zu einem mächtigen Haufen und legte Feuer daran. Dann sprang sie in die lohenden Flammen und starb mit dein Schrei: »Zu Bhischmas Verderben!« Zur selben Stunde aber wurde dem König Drupada von Pantschala ein Kind geboren. Drupada, der längst einen Sohn ersehnte, hatte die Götter in reichen Opfern um diese Gnade angefleht und seiner Gattin die köstlichsten Schätze für einen Prinzen versprochen. Als diese nun ein Mädchen zur Welt brachte, erschrak sie gar sehr, und um ihrem Gatten den Kummer zu ersparen, gab sie das Kind vor aller Welt für einen Knaben aus. Drupada ließ die üblichen Sohnopfer feiern, und das Kind wuchs als Prinz Schikhandin heran. Nur die Mutter wußte, daß es ein Mädchen sei. Als der mächtige Dascharnerherr später mit Drupada ein Bündnis schloß, vermählte der Pantschalerkönig seinen vermeintlichen Sohn mit der lieblichen Tochter des Königs von Dascharna, um dem Bunde der beiden Reiche starken Halt zu verleihen. Doch wehe: die Prinzessin von Dascharna erkannte in Schikhandin das Weib und jagte die Verkleidete unter dem Gelächter ihrer Sklavinnen davon. Als sie das ihrem Vater erzählte, rüstete der Ergrimmte sein Heer, um den Schimpf an Drupada zu rächen. Der Pantschalerkönig war in Sorge um seine Herrschaft, als ihm die Gattin die Täuschung gestand, und seine Furcht wuchs, als ein Herold das Nahen des rächenden Dascharnerheeres meldete. Schikhandini, die sich für die Ursache des drohenden Unterganges hielt, lief voll Verzweiflung in den Wald, um dort zu sterben. Im Walde aber hauste ein guter Geist, namens Sthuna, ein Diener Kuberas, des Schatzgottes. Der sah das arme, weinende Mädchen und versuchte es freundlich zu trösten. Und als die Tränenreiche vor Schluchzen keine Worte finden konnte, versprach er, vermöge seiner Zauberkraft jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, wenn sie sich nur endlich beruhigen wolle! Nun erzählte Schikhandini, wie dem Reiche und Leben ihres Vaters Gefahr drohe, und bat Sthuna, sie in einen Mann zu verwandeln. So weit reichte nun die Macht des Waldgeistes nicht, doch um sein Versprechen zu halten, bot er ihr an, ein Jahr lang für sie als Weib im Walde zu leben. Sie könne derweil als Mann nach der Stadt gehen und den erzürnten Dascharnerherrn beruhigen. Nur müßte sie versprechen, nach Ablauf der Frist in den Wald zurückzukehren und das erborgte Manneswesen wieder mit ihrem weiblichen zu vertauschen. Dessen ward Schikhandini froh und gelobte auch, pünktlich übers Jahr zum Tausche zu kommen. So war sie nun wirklich Schikhandin geworden und wanderte in die Stadt. Der gute Sthuna aber verbarg sich als Weib im tiefsten Dickicht. Der König von Dascharna schloß Frieden, sobald er Schikhandin als Mann sah, glaubte sich von seiner Tochter und deren Dienerinnen getäuscht und schalt sie ob ihres dummen Geschwätzes. Die Prinzessin aber tröstete sich bei ihrem schönen Gemahl. Nun kam zu jener Zeit Kubera, der Beherrscher der Genien und Geister, vor Sthunas Behausung und erwartete, von seinem Diener gastlich begrüßt zu werden. Als der sich aber nicht sehen ließ, fragte der Gott die Tiere des Waldes nach ihm. Diese erzählten lachend und spottend, wie Stuhna ein Weib geworden sei und sich jetzt vor seinem Herrn schäme. Da ergrimmte der mächtige Gebieter der Geister und verfluchte den gutmütigen Toren, der aller Welt zum Gespött diente, so lange als Weib zu leben, bis Schikhandin als Mann auf dem Schlachtfelde sterbe. Als der Prinz, seinem Versprechen getreu, nach einem Jahr zu Sthuna kam, durfte dieser nicht in den Tausch willigen, und glücklich zog Schikhandin, in dem sich die Seele Ambas regte, zur Stadt zurück und übte sich im Waffenhandwerk, um einst an Bhischma Rache zu nehmen. Pandu und Dhrilarasehtra Nachdem Amba Hastinapura verlassen hatte, um zum König von Schalwa zu ziehen, wurden ihre Schwestern dem jungen König Witschitrawiria feierlich vermählt. Und der Jüngling liebte die holden Töchter des Kaschikönigs so sehr, daß er das Frauenhaus kaum noch verließ und alle Sorgen der Regierung seinem älteren Bruder Bhischma aufbürdete. Ein tückisches Leiden, die Schwindsucht, raffte den König in all seinem Glück hinweg und erst nach seinem Tode schenkte ihm Ambika den Dhritaraschtra, Ainbalika den Pandu und eine Sklavenfrau den Vidura. Da Dhritaraschtra, der Erstgeborene, blind war, das Gesetz aber verbot, einen Bresthaften zum König zu weihen, so erteilte Bhischma, als Haupt der Sippe, dem Jüngeren, Pandu, die Weihe zum ›Herrn der Erde‹ und zog die drei Knaben mit aller Liebe eines echten Vaters auf. Später vermählte er den Ältesten mit Gandhari, der Tochter des Gandharakönigs, und diese trug, aus Mitleid mit ihrem blinden Gatten, vom Hochzeitstage an ein Tuch über ihren klaren Augen. Ihr Bruder Schakuni hatte sie nach Hastinapura begleitet und lebte nun dort am Hofe des Großkönigs. König Pandu wurde von Kunli, der edlen Tochter des Herrschers von Kuntibodscha, in feierlicher Wahl vor allen Fürsten Indiens zum Gatten erkoren. Für Madri, die Schwester des Königs Schalya von Madras, erlegte Bhischma, nach der alten Sittc des Brautkaufes, einen hohen Preis und vermählte die liebliche Jungfrau dem König Pandu als zweite Gattin. Vidura, der sich schon frühzeitig durch, hohe Weisheit auszeichnete, lebte, alle liebend und von allen geliebt, am Hofe als Berater seines königlichen Halbbruders. Viele kühne Taten vollführte König Pandu und unterwarf sich manchen trotzigen Vasallen aufs neue. Aus Unvorsichtigkeit durchbohrte er einst auf einer Gazellenjagd mit seinem Pfeil einen Brahmanen und dessen Gattin. Sterbend verfluchte ihn der Priester. Da übergab Pandu die Herrschaft seinem blinden Bruder Dhritaraschtra und zog mit seinen beiden Frauen in die Wildnis, um durch ein bußereiches Leben den Fluch von sich und den Seinen zu wenden. Und nach Gebet und Opfer schenkten ihm die Götter Leibeserben, denn der Gottesdienst des Sohnes muß die Sünden des Vaters tilgen. Dharma, der Gott des Rechtes, schenkte der Kunti den Judhischthira, Waju, der Sturmgott, den Bhima, und Indra, der Götterkönig, Donnerer und Gott des Krieges, den Ardschuna. Der Madri aber schenkten die Aswinas, die schönen Jünglinge, welche vor der Morgenröte reiten, die Zwillinge Nakula und Sahadewa. Zu Hastinapara hatte Gandhari dem Dhritaraschtra einen Kürbis geboren, aus dessen Kernen nach und nach hundert Söhne und das Töchlerlein Duchschala erwuchsen. Der älteste Sohn ward Durjodhana genannt und trat ein Jahr nach seinem Vetter Judhischthira ins Leben. Als Pandu die Madri nach Geburt der Zwillinge voll Dankbarkeit küßte, ereilte ihn der Fluch des getöteten Brahmanen: er fiel um und war tot! Die treue Madri ließ sich mit der Leiche des geliebten Gatten verbrennen. Kunti aber nahm die fünf Knaben und brachte sie nach Hastinapura. Dort wuchsen sie als Pandusöhne oder Pandava heran, zusammen mit den Söhnen Dhritaraschtras, die man nach dem Kuruvolk, welches in und um Hastinapura siedelte, Kurusöhne oder Kaurava nannte. Pandava und Kaurava Jugend Bhischma, der nach Pandas Tod für den blinden König das Reich verwaltete, erzog in treuer Liebe auch diese Schar von Kindern und galt ihnen allen als Großvater. Bhima, der Zweitgeborene der Pandava, den einst der Sturmgott der Kunti geschenkt hatte, war der stärkste und wildeste unter den vielen Knaben. Er schüttelte Brüder und Vettern von den Bäumen, wenn sie nach Früchten hinaufgeklettert waren, und zauste, sie unsanft an den Haaren oder warf sie wohl auch in den Schloßteich, wenn es zu kindlichen Balgereien kam. Durjodhana, der älteste der Kaurava, welcher sehr herrschsüchtig veranlagt war, nahm dem Vetter diese kindischen Derbheiten um so übler, als er zu schwach war, den Gleichaltrigen, auch nur im Spiel, unter seine Botmäßigkeit zu zwingen. Diese Mißgunst des Knaben wuchs sich im Jüngling zum Haß aus. Einst lud er die Pandava in eine Laube, die er auf einem Floß über den Strom anmutig und kunstvoll erbaut hatte. Dort setzte er dem Verhaßten vergiftete Früchte vor. Bhima aß davon und taumelte betäubt ins Wasser. Und wie er tiefer und tiefer sank, kam er in das Reich der Naga: der Schlangen und Schlangengeister. Die freuten sich sehr über den schönen und starken Jüngling. Sie brachten ihn vor ihren König Wasuki. Der erkannte die Vergiftung gleich und biß den Betäubten in den Arm, so das Gift durch Gegengift vertreibend. Als Bhimas Sinne sich zu regen begannen, ließ er ihm köstlichen Soma reichen. Der Pandava trank davon acht Krüge und sank berauscht zurück. Nun ließ Wasuki den Trunkenen von seinen Schlangen über das Wasser tragen und am Ufer niederlegen. Dort schlief Bhima acht Tage und Nächte, stand dann völlig genesen auf und ging heim zu Mutter und Brüdern. Die waren um ihn in großer Sorge gewesen. Auf den Rat des weisen Oheims Vidura verschwiegen die Pandava Durjodhanas rachsüchtigen Angriff, um nicht zwischen den nahverwandten Häusern eine unüberbrückbare Kluft aufzureißen. Nachdem die erste Kindheit vorbei war, lernten die Prinzen bei zwei tüchtigen Waffenmeistern, dem Brahmanen Drona und seinem Schwager Kripa, das Waffenhandwerk und ritterliches Wesen. Die kriegerischen Übungen waren ein üppiger Boden für Eifersüchteleien zwischen den Prinzen aus den beiden Häusern des Bharatageschlechtes: Judhischthira übertraf im Wagenrennen alle seine Gefährten. Durjodhana und Bhima stritten stets um die Palme im Keulenkampf. Der unbesieglichen Kraft des Pandava setzte der Kaurava eine schlangenhafte Beweglichkeit entgegen. Nakula und Sahadewa, die Madrizwillinge, zeichneten sich im Schwertkampf vor allen aus, und Ardschuna, der Indrasproß, war der Liebling des ehrwürdigen Waffenmeisters Drona und sein bester Schüler. Der schwere Streitbogen war seine Hauptwaffe. Unermüdliche Ausdauer hielt ihn den ganzen Tag auf dem Schießstand, und selbst bei Nacht schlich er sich hin, brannte eine große Öllampe an und schoß Pfeil auf Pfeil nach dem Ziel. Als Drona ihn einst bei solch einer einsamen Übung ertappte, nahm er die Lampe weg, um den Allzueifrigen vor Übertreibung zu bewahren. Doch Ardschuna übte von nun an im Dunkeln und lernte so bald, auch bei Nacht jedes Ziel treffen. Als der Bogenkundige einst in einer Lehrstunde alle Brüder und Vettern beschämte, denn er allein hatte alle hölzernen Zielvögel von den Stangen geschossen, sprang ein schöner Jüngling, in goldenem Panzer, mit prächtigem Ohrenschmuck, in die Arena, ergriff' den Bogen und spaltete Schuß um Schuß die Stangen, auf welchen die Ziele gesteckt hatten. Alle staunten über die Kunst des Schützen. »Prächtig!« jubelte Durjodhana. »Ardschuna, der sich für unübertrefflich hielt, hat seinen Meister gefunden! Wie heißt du, edler Krieger, und über welches Volk herrscht dein Vater?« »Karna heiße ich!« sprach der Goldschimmernde errötend, »doch bin ich nicht königlichen Geblütes!« »So sollst du die Provinz Anga von mir zum Geschenk erhalten und dort als König herrschen!« rief Durjodhana, der einen Krieger, welcher selbst seinen Vetter Ardschuna im Bogenschießen übertraf, um jeden Preis an sich fesseln wollte. Da trat der alte Rosselenker Adhiratha aus der Zuschauermenge, umarmte Karna, vor Freude schluchzend, und rief ein über das andere Mal: »Mein Sohn, mein tapferer Sohn, wie stolz bin ich auf dich!« Die Pandava hatten während Karnas Schießen voll Staunen beim Ausbruch von Durjodhanas Schadenfreude; voll Grimm geschwiegen. Nun aber schrie der heißblütige Bhima: »Fuhrmannssohn! Kutschersprößling!« »Schweig!« rief Karna, sich stolz aufrichtend. »Ich liebe und ehre meinen Vater, und doch soll mich dein Wort verletzen; aber die Zeit wird kommen, da die Taten entscheiden, wer von uns adliger ist!« Dann wandte er sich und verließ mit seinem Vater die Arena. Von nun an nahm Karna an den Waffenspielen der Prinzen teil und schloß sich in Dankbarkeit und inniger Freundschaft an Durjodhana. Das Fest der Walfenweihe kam heran, und die Prinzen machten ihren Lehrern alle Ehre. Außer Aswatthama, dem starken Sohn des Waffenmeisters Drona, und Kanin, dem neuen König von Anga, konnte man ihnen keinen vergleichen. Beim festlichen Wettkampf wäre es fast zu Mord und Totschlag gekommen: Der starke Bhima hatte Durjodhana im Keulenkampf an die Wand gedrängt, und dieser schlug nun, vor Scham und Haß fiebernd, mitten im Scheinkampf ein paar wuchtige Hiebe. Da ergrimmte der zornmütige Sohn des Sturmgottes und hob seine Keule zu tödlichem Schlag. Mit schwerer Mühe nur konnten die beiden Waffenmeister die Erbitterten trennen. Der Schluß des Wettkampfes war ein Bogenschießen der erlesenen Kämpfer Ardschuna und Karna. Es galt, ein kaum, sichtbares, hochhängendes Ziel mit glattschaftigem Pfeil herunterzuholen. Als die beiden Bogenschützen auf den Schießstand traten, sprach der Waffenmeister Drona: »Nennt mir, nach alter Sitte, die Helden, vor deren Augen ihr glänzen wollt!« Karna rief: »Bhischma seh' ich hier, den unbezwinglichen Gangasohn, der möge mich als Sieger schauen, und der blinde König Dhritaraschtra soll von meinem Ruhme hören!« »Und du, Ardschuna? auf wen siehst du voll Stolz?« »Ich schau' aufs Ziel! – und nur aufs Ziel!« rief der Pandava, hob den Bogen und schoß den hölzernen Vogel in Stücke. »Heil Ardschuna! hoch die Pandava!« jubelte das Volk und umdrängte den blinden Herrscher. »Weih' einen der Pandava zum Thronfolger!« »Heil Pandu und seinen tapferen Söhnen!« rief es rings in der Menge. Da entschloß sich Dhritaraschtra, den ältesten Prinzen vom Bharalastamm, den rechtlich denkenden Judhischthira, vor allem Volke zu seinem Nachfolger, zum künftigen ›Herrn der Erde‹, zu weihen. Durjodhana aber schlich sich mit Karna und dem Oheim Schakuni beiseite, und die Zornigen berieten, wie sie die Pandava verderben könnten. Drona forderte von seinen Schülern das halbe Reich des Königs Drupada von Pantschala als Sold und Probe ihrer Kriegstüchtigkeit. Ardschuna zog mit seinen Brüdern aus. Sie bezwangen das Heer der Pantschaler, und der Indrasproß fing den König Drupada und brachte ihn seinem Waffenmeister. Bhima hatte sich in der Schlacht besonders ausgezeichnet und unter den Pantschalern gewütet wie Feuer in dürrem Holz. Fast hätte er auch den gefangenen König erschlagen. Der besonnene Ardschuna und Judhischthira in seinem hohen Rechtsgefühl hatten Mühe, die Kampfwut des Unbändigen, zu zügeln. Drona freute sich dieser kühnen Waffentat seiner Schüler, und nachdem Drupada ihm sein halbes Reich abgetreten hafte, entließ er den Gefangenen in seine Heimat. Das Ansehen der Pandava aber wuchs von Tag zu Tag weit über die Grenzen des Landes. Feindschaft Neid, Furcht und Haß glommen in Durjodhanas Herzen, als er die Pandava so hoch in Ehren sah. Sein wilder Bruder Duchschasana und sein ränkevoller Oheim Schakuni schürten die Glut mit Bildern, wie die starken Pandava einst den schwachen Kaurava den Fuß auf den Nacken setzen würden und mit Plänen, wie man sich ihrer entledigen könnte. Der tapfere Karna predigte offene Feindschaft. Da trat Durjodhana vor den blinden König. Er sprach ihm von der Volksgunst, die sich die Pandava erschlichen hätten, von der drohenden Gefahr für seine Söhne, wenn die Söhne Pandus durch Judhischthira zur Herrschaft im Reiche gelangten, und vom Untergang seines Hauses, wenn die Starken sich's einfielen ließen, zu ertrotzen, was ihnen nie gewährt werden könnte. Er weinte und drohte, schrie und schalt Dhritaraschtra einen kindischen Greis, der es nicht verstünde, den drohenden Sturm von seinem Hause zu wenden. Und dem guten alten König bangte um die Seinen. Angstlich, wie er infolge seines Gebrechens war, lieh er den Klagen des herrschsüchtigen Sohnes, den Plänen des listigen Schwagers sein Ohr und entschlüpfte vor den friedfertigen Ratschlägen des weisen Vidura, vor der ahnungsvollen Warnung seiner treuen Gattin Gandhari. Er verbannte Judhischthira und seine Brüder nach dem Wald Waranawata, und Kunti zog mit den Söhnen ins Elend. So geschah es nach dem Willen Durjodhanas: In der Einsamkeit hatte er von seinen Sklaven ein Holzhaus bauen lassen, dessen Doppelwände mit Stroh, Harz und ähnlichen Brandstoffen gefüllt waren. Einer seiner Haussklaven sollte die Verbannten im Walde erwarten, ihnen diese einzige Zuflucht in der Wildnis zur Wohnung anbieten und bei Gelegenheit Feuer an das Haus legen. Die Pandava kamen und brachten eine alte Pariafrau samt ihren fünf Söhnen zur Bedienung mit. Vidura, der Durjodhana durchschaute, hatte Kunti vor ihrem Auszug gewarnt. So waren die Pandava auf ihrer Hut und gruben gleich nach ihrer Ankunft einen Gang durch die Erde, daß man vom Wohnraum ungesehen in den Wald gelangen konnte. Und als sie damit fertig waren, als die Nacht über dem Walde lag, zündete Bhima das Haus an, und alle sechs flohen in den Gang. Doch wehe: in dem dichten, giftigen Rauch des Harzes taumelten sie wie Trunkene, fanden sich nicht zurecht, fielen eines über das andere und wären sicher jämmerlich erstickt, wenn Bhima nicht alle fünf in seine starken Arme genommen und ins Freie getragen hätte. Auch hier mußte er noch gewaltig kämpfen, denn weit um das Haus hatte sich eine dichte Rauchhaube gelegt. Doch wie sein Vater, der Sturmgott, brach er mit seiner schweren Last durch das Unterholz, bis er endlich in frischer Luft anhielt. Im ersten Dämmern des Morgens sah er sich vor einem riesenhaften Banyanenbaum. Der Banyanenbaum ist eines der vielen Wunder Indiens: von jedem seiner wagrechten Äste sendet er Ranken zur Erde, die dort wieder Wurzel schlagen, zu Stämmen erstarken und so das Astwerk weit hinaus tragen. Hunderte und Tausende von Stämmen hat so ein einziger aller Baum, und in seinem Schatten können ganze Heere lagern. Solch einen Baumriesen hatte Bhima gefunden, und unter dessen Blätterdach bettete er die betäubte Mutter mit seinen Brüdern und lief um Wasser. In dem Harzhaus aber verkohlte die Paria mit ihren fünf Söhnen und Durjodhanas gewissenloser Haushälter. Als sein Herr nach Wochen in den Wald kam, um zu sehen, ob sein Befehl pünktlich befolgt worden sei, fand er unter den Trümmern des verbrannten Hauses sieben verkohlte Leichen. Da glaubte Durjodhana seinen Streich vollauf geglückt. Jubel im Herzen, Trauer im Antlitz, ließ er die vermeintlichen Reste der Pandava nach Hastinapura schaffen, und der blinde König mußte zu Ehren der »Verunglückten« eine prächtige Totenfeier abhalten. Bhimas Abenteuer Als Bhima, nachdem er sich erfrischt hatte, mit einem Helm voll Wasser zurückkehrte, fand er Mutter und Brüder in ruhigem, tiefem Schlaf. Ungestüm wallte sein Blut durch die Adern, da er vor den Unglücklichen stand. In heißem Zorn biß er die Zähne zusammen und klagte dem Himmel das Elend der Seinen: Hier ruhten die Edlen, die im Prunk der Paläste erwachsen waren, auf rauher Erde, in Wind und Wetter, inmitten der Wildnis. Ärmer als die Ärmsten waren die Herrscher des Landes! Er gelobte, über ihrem Schlaf, dem einzigen Geschenk eines zürnenden Schicksals, in steter Treue und ohne Ermatten zu wachen. Nicht weit vom Lager der Pandava hauste unter einem mächtigen Feigenbaum der Riese Hidimbas mit seiner Schwester Hidimbaa. Gar schrecklich war dieser Waldgeist anzusehen, als er sich im Erwachen auf seinem Laublager wälzte: wohl doppelt so lang und so breit als ein Mensch, rothaarig und -bärtig, mit kleinen, tückischen schwarzen Augen in seinem braunen, häßlichen Gesicht, aus dessem breiten Maul acht weiße, spitzige Zähne gierig hervorlugten. Denn Hidimbas war ein Menschenfresser und der leise Morgenwind hatte ihm den Geruch der lagernden Pandava zugeweht. Er gähnte langhin, juckte sich im Haar und weckte die Schwester mit einem freundlichen Fausthieb: »He! Hidimbaa, mein gutes Schwesterlein, ich rieche Menschenfleisch: Sieh dich doch ein wenig um und bring' die Leckerbissen her! dann wollen wir ein köstliches Mahl halten und lustig sein!« Hidimbaa erhob sich mürrisch und ging, dem feinen Geruch nach, durch den Wald, während ihr Bruder sich wohlig auf seinem weichen Lager räkelte und von dem leckeren Gericht träumte. Doch kaum sah Hidimbaa den wachenden Bhima von weitem, so wandelte sich ihr Sinn, und heiße Liebe zu dem schönen und starken Helden fiel in ihr ungefüges Herz. Rasch flüsterte sie ein Zaubersprüchlein, das sie in ein schönes Menschenweib verwandelte, und schritt aus dem Dunkel der Bäume auf den Geliebten zu. Bhima ging der Schönen verwundert entgegen. Hidimbaa neigte sich errötend und flüsterte: »Wer bist du, schöner Jüngling, den ich lieben muß, und wer sind die, die dort schlafen, ohne die schreckliche Gefahr zu ahnen? Wisse, ein menschenfressender Riese, mein Bruder Hidimbas, haust hier im Wald. Er hat mich nach euch gesandt, denn er will euch fressen. Doch ich liebe dich und begehr' dich zum Gatten, braunäugiger Held! Flieh' mit mir! meine Zauberkraft trägt dich durch die Lüfte, und wir wollen auf unnahbaren Bergesgipfeln glücklich sein!« »Wie sollt' ich die Schlafenden verlassen, die mir vertrauen!« sprach Bhima, die Verführerin erschreckt von sich schiebend. »Wecke sie!« flüsterte Hidimbaa, »ich rette euch alle!« »Nein, nein! sie schlafen zu gut!« sprach Bhima kopfschüttelnd. »Ich kann mit dem Kerl allein fertig werden! – führe mich nur zu ihm – ich fürchte nicht Tod und nicht Teufel, und ein Riese ist mir gerade recht –« Während Bhima noch sprach, stürzte Hidimbas, dem das Warten zu lange geworden war, aus dem Wald, griff mit harter Faust nach der Schwester und begann die Verliebte zu schelten. Doch Bhima umfaßte den vorgestreckten Arm des Riesen, und wie der Löwe einen Büffel, schleifte er ihn über den Boden, acht Bogenschüsse weit. »Ruhig!« murmelte der Treue dabei, »wirst du ruhig sein! dort schläft meine Mutter und die Brüder! Willst du sie wecken um nichts?« Da ermannte sich der Riese und faßte Bhima laut brüllend um den Leib. »Lärme nicht! die Schläfer ruhen so sanft!« flüsterte Bhima und schleppte den Schreienden wieder ein Stück weiter fort. Nun ergrimmte Hidimbas und riß sich loß. Ein gewaltiger Kampf begann, bei welchem die Beiden Bäume entwurzelten und Felsen aufeinander warfen. Beim Toben des Kampfes erwachten die Pandava. Hidimbaa sprach den Lauschenden voll Angst von der Gefahr, in der sie schwebten, und führte sie zitternd nach dem Kampfplatz. Da wüteten die beiden Kämpfer gegeneinander, wie sechzigjährige Elefanten. Wie dichter Rauch wirbelten die Staubwolken empor. Ardschuna rief dem Bruder Mut zu, als er die zwei Starken wie Löwen ineinander verkrampft sah, und griff nach seinem Bogen. Doch Bhima wies jede Hilfe zurück. Mit Sturmeskraft umfing er den Leib des Riesen, und unter dem eisernen Druck der gewaltigen Arme wurde Hidimbas Brüllen zum Röcheln, die Augen quollen aus ihren Höhlen – ein Krachen – und mit gebrochenem Rückgrat fiel die Leiche des Riesen zu Boden. »Und nun die Riesenschwester!« rief Bhima mit rotfunkelnden Augen und stürzte auf Hidimbaa los. Doch Ardschuna trat dazwischen und der rechtlich dunkende Judhischthira, und sie beruhigten die Kampfwut des Unbändigen. Der wischte sich Staub und Schweiß aus den Augen und sah verlegen die Riesenschwester als schöne Menschenjungfrau vor sich stehen. Schüchtern faßte er nach ihrer Hand und führte sie still unter den Banyanenbaum. Die Schöne gelobte, ein Jahr lang Bhimas getreues Weib zu sein und ihm, kraft ihrer Zauberkraft, die Wonnen aller Göttergärten auf den Bergeshöhen zu zeigen. Dann müsse sie ihn verlassen und ins Riesenreich zurückkehren. Und fröhlich zog Bhima nun tagsüber mit Hidimbaa durch die Lüfte, von Gipfel zu Gipfel; bei Nacht aber wachte er getreulich am Lager der Seinen, unter dem Banyanenbaum. Als das Jahr um war, schenkte ihm die Gattin einen starken Sohn, den Ghalotkatscha, und der erwuchs noch in der Stunde seiner Geburt zum fertigen Mann. Mit ihm schlug Hidimbaa, nach freundlichem Abschied, den Weg gegen Norden ein und entschwand den traurigen Blicken Bhimas für immer. Ghatotkatscha aber hat den Pandava später noch manchen guten Dienst geleistet. Um Bhimas Leid zu mildern, gaben die Verbannten bald nach Hidimbaas Abschied das Lager unter der Banyane auf und zogen weiter durch den Wald. Als sie nach langem Wandern in eine Stadt kamen, gaben sie sich für Büßer aus und fanden bei einer Brahmanenfamilie freundliche Aufnahme. Tagsüber zogen sie einzeln von Tür zu Tür und erbettelten nach alter Büßersitte ihre Nahrung. Abends teilte Kunti alles Erbettelte in zwei gleiche Teile und gab die eine Hälfte dem ewig hungernden Bhima, von der anderen sättigte sie sich selbst und ihre vier übrigen Söhne. Eines Abends hörte Kunti im Zimmer des gastfreundlichen Brahmanen lautes Wehklagen. Und da sie sich tief in der Schuld der Guten wußte, lauschte sie, in der Hoffnung, ihnen ihre Hilfe anbieten zu können. Sie hörte den Hausvater klagen: »Wie ist das Schicksal hart, das mich in den besten Jahren von euch ruft, ihr Lieben! – denn wie könnte ich weiterleben, wenn ich eines der Meinen dafür opfern müßte« – Dich, gütige Mutter meiner Kinder, oder die sündenreine Tochter oder den Sohn, das unschuldige Kind, dessen Gebet mir einst den Himmel aufschließen soll!« »Mich lasset sterben vor allen!« rief die Mutter. »Was wäre eine Familie, der der Ernährer fehlt? Betteln müßten wir gehen! und wer schützte die vaterlose Tochter, wer lehrte den Sohn die Weisheit eines Brahmanen?« »Ich sterbe gerne für Euch!« sprach die Tochter. »Mann und Weib sind eins, die mag auch der Tod nicht trennen! – Der Sohn versöhnt mit den Göttern, getreu seinem Namen – die Tochler aber heißt Sorge und hilfloser Jammer!« Gerade als Kunti eintrat, um von den Sorgen der gütigen Wirte ihren Anteil zu fordern, zog das kleine Büblein des Brahmanen einen Halm aus der Bodenmatte und lallte: »Bitte, bitte! nicht weinen! mit dem da schlägt Bubi böse Menschenfresser tot.« Mit Tränen in den Augen lachten die Bekümmerten über das kindliche Gestammel und herzten den tapferen Kleinen. Als Kunti nach der Ursache von Kummer und Klage gefragt hatte, hörte sie folgende Erklärung: Ein menschenfressender Riese namens Vaka halte die Stadt gezwungen, ihm nach jeder Vollmondnacht einen Büffel, eine Wagenladung Reis und einen lebenden Menschen zu senden. Diesmal hatte das Los die Familie des guten Brahmanen getroffen, und Vater, Mutter und Tochter, jedes von ihnen, wollte sein Leben für die anderen opfern. Da konnte die Mutter der Pandava Hilfe versprechen: Ihr Sohn Bhima sollte zu dem Riesen gesandt werden! Aber der Brahmane verschwor sich, er könnte den Gastfreund nicht für sich sterben lassen. Kunti gestand nun, wer sie und die Ihren seien, und bat, ihr Geheimnis zu hütten. Held Bhima aber, das wisse sie, würde den Riesen töten! Am nächsten Morgen zog Bhima mit einem Wagen voll Reis und einem feisten Büffel durch das Stadttor gegen den Wald, in welchem der Riese hauste. Draußen angekommen, erschlug er den Büffel, riß ein paar junge Bäume aus und brannte ein mächtiges Feuer an. Während der Büffel, an eine junge Tanne gesteckt, braun briet, machte sich Bhima über den Reis, glücklich, daß er einmal satt zu essen habe. Doch mitten in der Mahlzeit kam der Riese und schalt, daß ein Mensch sich in seinem Gehege breit mache. Aber Bhima, der noch nicht satt war, ließ sich nicht stören und aß mit sichtlichem Wohlbehagen von dem braungebratenen Rind. Vaka warf kopfgroße Felstrümmer nach ihm. Die wehrte Bhima mit der Linken von sich, mit der Rechten hielt er das letzte Viertel des Büffels und aß es schmatzend zu Ende. Dann sprang er auf, wischte sich die Hände am Moos ab und griff nach einem Felsblock. Geschickt wich Vaka dem schweren Geschoß aus. Nun begann ein Ringen wie einst mit Hidimbas: bald Leib an Leib, in mächtigem Stampfen die Erde aufwühlend, bald Felsen gegeneinander schleudernd oder entwurzelte Stämme wie Keulen schwingend, bekämpften sich die Starken. Es endete damit, daß Bhima den Leib des Riesen über seinem Knie entzweibrach. Die Leiche führte er auf dem leeren Wagen in die Stadt. Dort ward er vom Jubel des Volkes als Befreier empfangen und ihm zu Ehren im Rathaus ein prächtiges Siegesmahl gefeiert. Der gute Brahmane aber hielt sein Wort, so daß die Pandava unerkannt blieben. Draupadi Nicht lange nach Bhimas Sieg über den Riesen zog ein Brahmane aus Pantschala durch die Stadt. Er war auf einer Botenreise, um die Fürsten des Landes zu Draupadis Gattenwahl einzuladen. Als der fromme Priester bei den Pandava übernachtete, erzählte er ihnen von der wunderbaren Geburt dieser schönen Jungfrau: Drupada, der König von Pantschala, hatte Haslinapura mit Rachegedanken im Herzen verlassen. So sehr er den heldenkühnen Ardschuna bewunderte, so sehr haßte er den Waffenmeister Drona, dem er sein halbes Reich hatte geben müssen. Zwei fromme Brahmanen, die im ganzen Land als Heilige galten, rüsteten auf des Königs inständige Bitte ein prunkvolles Opfer, und Drupada erflehte von den Göttern einen starken Sohn, der ihn an Drona räche. Da sprang ein glänzend gewappneter Jüngling und eine lotusduftende Jungfrau aus den Opferflammen als Zwillingspaar, welches die Götter, in ihrer Freude am Opfer, dem greisen König und seiner Gattin schenkten. Der Jüngling ward Dhrischtadjumna genannt und die schöne, schwarzlockige Jungfrau Draupadi. Als die Pandava die Erzählung des Brahmanen gehört hatten, beschlossen sie, unerkannt, in ihren Büßerkleidern, an dem Feste am Hofe Drupadas teilzunehmen. Am nächsten Morgen nahmen sie freundlichen Abschied von ihren dankbaren Wirten und schlugen den Weg nach Pantschala ein. An der Ganga hatte Ardschuna einen schweren Kampf zu bestehen: Tschitrasena, der König der Gandharva, wollte die Pandava am überschreiten des Stromes verhindern. Doch Ardschuna besiegte ihn nach langem Kampf mit dem Bogen Agneya, den der Lieblingsschüler Dronas einst von seinein Waffenmeister erhalten hatte. Der edle Bharataprinz schonte den Besiegten, die Schwester Tschitrasenas riet dem Bruder zur Versöhnung, und so schlossen die beiden Gegner nun ein aufrichtiges Freundschaftsbündnis. Ein frommer Brahmane namens Dhaumia, der an Tschitrasenas Hof lebte, schloß sich dort den fünf tapferen Brüdern an und ward der Hauspriester der Pandava. Beim Abschied schenkte Ardschuna dem Tschitrasena die Waffe Agneya, und die fünf Brüder erhielten als Gastgeschenk hundert der herrlichen milchweißen Gandharverrosse. Sie ließen sie vorläufig in ihrem Stall, denn sie setzten ihre Reise als Büßer fort. In Drupadas Residenz nahmen die Pandava im Hause eines redlichen Töpfermeisters Wohnung und heischten, als büßende Brahmanen von Haus zu Haus gehend, milde Gaben für ihren Unterhalt. Auch auf dem Festplatz erschienen sie nur in ihrer Verkleidung. Der Tag der Gattenwahl kam heran, und die Edelsten Indiens zogen in die langgestreckte Arena. Dhrischtadjumna, mit Draupadi an der Hand, trat in ihre Mitte und rief: »Seid gegrüßt, ihr Herren der Erde, die ihr um die Schwester steht wie Speichen um eine Nabe: keiner der Erste, keiner der Letzte! Durjodhana, Prinz von Kuru, mit deinen Brüdern: sei uns gegrüßt! Und du Schischupala, mächtiger Herrscher von Tschedi, Schalya, König von Madras, Jarasandha und ihr anderen Herren und Fürsten: Heil euch und Gruß! und höret, wie Draupadi wählt: Hier liegt ein mächtiger Bogen aus der Zeit unserer Väter, drei Menschenalter entspannt schon! Wer ihn besehnt und fünf glatte Rohrpfeile durch das Auge des silbernen Fisches am Ende der Bahn zu jagen vermag, den kürt die Schwester zum Gatten und folgt ihm noch heute nach Hause. – Auf, edelgeborene Krieger! der Preis ist des Sieges wert!« Da trat Durjodhana vor, ergriff den Bogen, setzte das eine Ende, an welchem die Sehne hing, auf den Boden und hing sich mit aller Kraft an das andere, um es durch die Öse am freien Ende der Sehne zu zwingen. Doch wie er auch zog und mit dem Knie gegen die Wölbung des Bogens drückte, es fehlte immer noch eine gute Spanne zum Gelingen. Mit hochrotem Kopf stolperte er endlich bei seiner ruckweisen Arbeit und fiel, unter dem lauten Gelächter des Volkes und manches schadenfrohen Preisbewerbers, der Länge nach hin. Doch die Nebenbuhler hatten zu früh gelacht: Was dem starken Kuruprinzen mißlang, das konnte auch ihnen nicht gelingen. Schalya plagte sich vergeblich und der starke Schischupala von Tschedi, sowie jeder andere. Mancher fiel noch unter dem Hohn der Menge in den Staub. Als letzter tritt Karna vor, der König von Anga: Ein Druck – der Bogen ist gespannt – schon liegt der erste Pfeil auf der Sehne –. »Halt!« ruft Draupadi. »Dem Fuhrmannssohn werd' ich nie als Gattin folgen!« Mit einem unsäglich traurigen Blick auf die trotzige Schöne läßt Karna die Armwe sinken. Im krampfhaften Spiel der Hände entspannt er den Bogen und wirft ihn zu Boden. Dann hebt er, ohne mit der Wimper zu zucken, sein Auge zum strahlenden Gestirn des Tages und eilt mit einem gellenden Lachen schmerzvollen Hohnes aus den Schranken. Wo die Sitze der ehrwürdigen Brahmanen stehen, erhebt sich ein Mann und springt über die Brüstung in die Arena. Ardschuna ist es, von niemand erkannt! So rasch wie Karna besehnt er den Bogen, sein Pfeil fliegt, und klirrend fällt das silberne Ziel zur Erde. Draupadi legt ihm den Kranz um das Haupt und ruft: »Dich, starker Held, wählt mein Herz! und das sei der einzige Richter!« Laut jubelte das Volk, als nun Ardschuna, Draupadi an der Hand, mit der Familie des Königs die Arena verlassen wollte. Doch am Tor standen die abgefallenen Freier und schalten den König, daß er die Tochter einem Brahmanen geben wolle, da doch die Sitte der Gattenwahl nur in der Kriegcrkaste Geltung habe. Sie drohten mit Worten und Fäusten und erhoben ihre Waffen. Da griff Ardschuna nach dem Bogen, mit welchem er eben die Braut gewonnen hatte. Bhima brach durch die Menge, mit einem Baum, den er irgendwo ausgerissen hatte, und stellte sich neben den Bruder. Schalya, der König von Madras, stürzte mit Durjodhana gegen die beiden Kämpfer, doch Bhima vertrieb sie lachend mit seinem Baum. Karna sprang vor, aber als er auf Ardschunas Schulter die weiße Schnur des Brahmanen sah, neigte er sich voll Ehrfurcht und senkte die Waffen. Da gaben auch die anderen den Widerstand auf. Die fünf Brüder, die sich einstweilen zusammengefunden hallen, neigten sich vor dem König und gingen mit Draupadi nach dem Hause des Töpfers. Als sie in die Stube traten, sprach Ardschuna: »Sieh. Mutter, was wir heute Köstliches bringen!« Ohne aufzusehen sprach Kunti: »Genießet es alle miteinander, und der Himmel wird es Euch segnen!« denn sie dachte, die Söhne kämen von ihrem täglichen Bußgang und brächten die Almosen mit. Während sie sprach, war Krischna eingetreten, ein Fürst der Jadava und Brudersohn Kuntis. Er hatte seine Vettern auf dem Festplatz erkannt und war ihnen heimlich nachgegangen. Der begrüßte sie alle und sagte, daß man der Mutter Wort strenge befolgen müsse: Draupadi sollte die Gattin aller fünf Pandava werden, der leuchtende Mittelpunkt der Familie, deren ganze Macht die Einigkeit war! Damit waren alle einverstanden, und nach Krischnas Abschied gingen sie zur Ruhe: Sahadeva, der Jüngste, breitete die Felle auf dem Boden aus. Darauf schliefen die fünf Brüder, zu Häupten die Mutter, zu Füßen die Braut. Am nächsten Morgen, als die Freier die Stadt verlassen hatten, erschienen die Pandava vor Drupada und gaben sich ihm zu erkennen. Da herrschte große Freude in Pantschala, denn die tapferen Brüder waren dem König und seinen Getreuen willkommene Bundesgenossen. Zwar zeigte sich Drupada anfangs wenig geneigt, seine Tochter allen fünf Pandava als Gattin zu geben, doch Judhischthira, der Sohn des Rechtes, berief sich auf die alte Sitte ihrer unteilbaren Familie, und Krischna bekräftigte seine Worte dadurch, daß er ein paar Beispiele solcher Gruppenehen, aus uralter Zeit und edlen Geschlechtern, nannte. In aller Feierlichkeit traute Dhaumia, der neue Opferpriester der Pandava, allen fünf Brüdern die Braut an und ließ Draupadi mit jedem das Hausfeuer in sieben Schritten rechtshin umwandeln. Der Brautvater aber und die Hochzeitsgäste, vor allem Krischna, beschenkten die Neuvermählten mit Gold und Edelsteinen, Blumen und köstlichen Spezereien. Wie ein Lauffeuer verbeitete sich die Kunde, daß die Pandava lebten. Sie kam auch in den Palast von Hastinapura, und der alte, blinde König freute sich laut, daß das Haus seines Bruders nicht untergegangen sei. Doch Durjodhana schalt darob den Vater vor dem ganzen Hof, und der kindische Greis stammelte verlegen von List und Verstellung, um den erzürnten Sohn zu beschwichtigen. Durjodhana brachte alte und neue Pläne vor, um sich der gefährlichen Thronbewerber zu entledigen, aber der redliche Bhischina und der tapfere Drona bewogcn den blinden König, den Ansprüchen der Pandava durch eine Teilung des Reiches gerecht zu werden. Der weise Vidura mußte nach Pantschala reisen, und er brachte die fünf Brüder samt ihrer Gattin, ihrer Mutter und dem Jadaverfürsten Krischna, der sich in inniger Freundschaft an Ardschuna geschlossen hatte, nach Hastinapura zurück. Dort geschah die Teilung des Reiches. Der neidige Durjodhana und der ränkevolle Schakuni hatten es so zu wenden gewußt, daß der den Pandava zufallende Teil, die wüste Landschaft Kandavaprastha war. Doch die tapferen Prinzen focht das nicht an. Mit vielem, den Starken stets zulaufendem Volk, zogen sie in ihr Reich und bauten dort eine große Stadt, die sie, dem Götterkönig zu Ehren, Indraprastha nannten. Ardschuna In der schönen Residenz, die sie ihrer Kraft und Einigkeit verdankten, lebten die Pandava unter der weisen Herrschaft Judhischthiras glücklich und in Frieden. Und als sie dessen voll Freuden inne warden, schworen sie einander, daß derjenige in langjährige Verbannung ziehen solle, der diese Einigkeit störte. Eines Abends erging sich Ardschuna im weiten Garten des königlichen Palastes. Da kam ein ehrwürdiger Brahmane und klagte, daß ihm soeben seine letzte Kuh geraubt worden sei. Rasch war Ardschuna bereit, die Räuber zu verfolgen und ihnen die Beute abzujagen. Er sprang ins Haus, um seine Waffen zu holen. Doch wehe: auf der Schwelle saß Judhischthira in traulichem Kosen mil Draupadi. Ardschuna sließ an den königlichen Bruder – es kam zum Wortwechsel, der bei Ardschunas Eifer, dem bittenden Brahmanen rasch zu helfen, bald zum heftigen Streit ausartete und damit endete, daß der Hilfsbereite, mit scharfem Spott auf den verliebten König, seinen Bogen ergriff und den Kuhdieben in den Wald nachlief. Nachdem er diese bestraft und dem ehrwürdigen Brahmanen sein Eigentum ins Haus gebracht hatte, trat er vor die Brüder und erklärte in die Verbannung ziehen zu wollen, da er in blindem Eifer Feindschaft ins Haus getragen halte. Vergeblich entbanden die Brüder den Bereuenden von der harten Verpflichtung, umsonst reichte der edle Judhischthira dem Bruder versöhnt die Hand und bat ihn zu bleiben; Ardschuna wollte an einem Gelöbnis nicht gedeutelt sehen und zog mil den freundlichsten Wünschen der Seinen in die Ferne. An der Ganga besuchte er viele Wallfahrtsorte und badete dort nach religiösem Brauch in dem heiligen Strom. Da zog einst Ulupi, eine Schlangenprinzessin, den kühnen Schwimmer in die Tiefe und brachte den schönen Menschensohn in ihren Palast. Oh! über die zauberhafte Pracht, auf die Ardschuna da stieß: Auf schlanken Säulen aus Jaspis, die sich oben in köstlichem Schnitzwerk teilten und wieder wirr ineinander verschlangen, ruhte eine mächtige Kuppel aus einem einzigen Smaragd geschnitten. Die Wände schienen aus tausend und abertausend wasserhellen Kristallen geformt und funkelten in grüngoldnem Licht, daß ringsum alles zu leben schien. Dicke, weiche Teppiche waren gebreitet, und wo sie den Boden sehen ließen, da war Steinchen an Steinchen zu wunderbarem Bildwerk gefügt oder Perlen, Gold- und Silberküglein, wie Kies auf einen Gartenweg, gestreut. Liebliche Töne, die fernher zu klingen schienen, erfüllten den Raum und einten sich zu Weisen aus längstvergangenen Zeiten. Weich schlangen sich die Arme der wunderschönen Prinzessin um Ardschunas Hals. Kosend wallte ihr reiches Haar über seine Haut. Es war ein Locken und Halten, ein Fühlen und Sehnen – Ardschuna blieb und nahm die Schlangenprinzessin zum Weib. Ein Jahr schien dem Glücklichen vergangen, als Ulupi ihm ein schönes Knäblein schenkte, das sie Iravat nannte. Da gedachte Ardschuna der Seinen: Immer tiefer verlor er sich in Sinnen – leise, leise klangen die gewohnten Weisen wie Stromrauschen an sein Ohr – ein kühler Wind strich über seine Glieder, und Ardschuna erwachte. Im ersten Schimmer des Morgens sah er sich am Ufer der Ganga, neben seinen Kleidern und Waffen. Er lief ins Dorf und hörte dort, daß seit seinem Verschwinden nur eine Nacht vergangen sei. Des schönen Erlebens froh zog er weiter und kam nach Manipura. Hier sah er die Tochter des Königs, die schöne Tschitrangadaa, und warb um sie in schnell erwachter Liebe. Doch der König gab ihm die Tochter erst zur Gattin, nachdem Ardschuna gelobt hatte, sie als Putrika von des Vaters Hand zu empfangen. Die altindische Sitte hielt es für sündhaft, ein Geschlecht erlöschen zu lassen, denn Opfer und Gebet der Söhne und Enkel entsühnte die Verstorbenen, öffneten das Tor des Totenreiches und bereiteten einen Platz in Indras lichtem Himmel. Wo die Natur einen Sohn versagte, schuf Rechtsbrauch und Sitte vollwertigen Ersatz. Der König von Manipura hatte ein einziges Kind: die schöne Tschitrangadaa. Er hatte sie von seinem Hauspriester zur Putrika, das heißt Sohntochter, weihen lassen. Eine Sohntochter durfte, ihrem Gatten nicht in sein Heim folgen. Sie blieb im Hause des Vaters, ihre Söhne brachten die Manenopfer für das Geschlecht der Mutter dar und setzten es in gerader Linie fort. Unter solchen Bedingungen empfing Ardschuna seine Gattin vor dem heiligen Hausfeuer und lebte mit ihr drei Jahre in vollstem Glück zu Manipura. Dann gebar Tschirangadaa den Babruvahnna und der Vater ließ, getreu seinem Gelöbnis, Mutter und Kind beim König von Manipura und zog neuen Abenteuern entgegen. Zu Naritirtha befreite er fünf Apsaras. Diese losen Göttermädchen aus Indras und Varunas Gefolge störten gar gerne fromme Büßer in ihrer Andacht durch allerlei Possen, die sie den ehrwürdigen Einsiedlern spielten. Ein heißblütiges Opfer ihrer Scherze hatte sie verflucht, als Krokodile in den heiligen Weihern von Naritirtha zu leben, bis ein Starker sie mutig ans Land zöge. Der tapfere Indrasohn hatte den Fluch gelöst, als er sich beim Baden der freßgierigen Bestien erwehrte, und so den heißen Dank der himmlischen Schönen erworben. Auf einer seiner Fahrten stieß Ardschuna auf Krischna, den Vetter und Freund, und zog mit ihm nach dessen Residenz Dwaraka. Dort kamen sie gerade zu einem großen Fest: Bodscha, Wrischnier und Andhaka, drei Stämme vom Volk der Jadava, feierten ihre Verbrüderung. Scharen blumengeschmückten Volkes zogen am Morgen aus der Stadt nach dem nahen Festplatz. Voran Cymbal- und Paukenschläger, Lauten- und Flötenspieler, Sackpfeifer und die alles übertönenden Muschelbläser. Stabtänzer, Gaukler und Schauspieler folgten; dann kam das Volk in bunten Festkleidern, jauchzend und singend, dann Krieger, Fürsten und der König mit seinen Gästen, umgeben von großem Gefolge. Auf dem Festplatz fanden Wagenrennen und andere Wettkämpfe statt, Gaukler und Tänzer zeigten ihre Kunst, Gesang und Musik erfreuten das Volk, Soma und Sura, feurig berauschende Getränke, letzten die durstigen Kehlen. An allen Ecken und Enden sah man Würfelspieler vor ihrem Brett sitzen und hörte auch oft ihre heiseren Stimmen im Streit. Auf dem Anger schwang sich die Jugend in anmutigem Tanz nach den Weisen des Cymbals oder auch den Rhythmus nur durch Händeklatschen betonend. Durch die bunte Menge schritten Ardschuna und Krischna nach den Zelten des Königs und seiner Gäste. Dort wurde im Freien getafelt. Der König der Wrischnier saß da mit seinen tausend Frauen beim Soma und viele andere Fürsten mit ihrem Hofstaat. Baladeva, der Bruder Krischnas, sang im halben Rausch ein Lied vom männererfreuenden Soma, das diesen Trank mit seinen geheimnisvollen Kräften als des Götterkönigs Freude pries, als Helfer der Sänger, als Balsam der Müden und Feuer der Starken. In all dem Jubel des Festes sah Ardschuna ein schönes, stilles Mädchen neben Wasudeva, dem greisen Vater Krischnas, sitzen, und schon brannte Kamas blütenspitziger Pfeil in seinem heißen Herzen. Subhadra war die Holde, Krischnas junges Schwesterlein. Voll glühender Sehnsucht nach der Blütenzarten, bat Ardschuna seinen Freund, ihm zu dieser lieblichen Gattin zu verhelfen, und Krischna riet zum Raub, nach alter kriegerischer Sitte. Boten eilten zu Judhischthira, dem Haupt der Sippe, und als die ungeduldig Erwarteten mit freundlichen Grüßen und der erbetenen Erlaubnis wiederkehrten, ergriff Ardschuna die Geliebte bei einem ihrer Waldgänge und entführte sie auf seinem Streitwagen nach einem im Dickicht verborgenen Haus. Nun herrschte wilder Zornmut im Lager der Jadavafürsten. Baladeva wollte diesen Bruch der Gastfreundschaft blutig rächen und rief nach seinen Rossen und Waffen. Da trat Krischna unter die Erregten und beruhigte sie mit wenigen Worten: »Ist meine Schwester ein Stück Vieh, daß der Gatte sie den Ihrigen abkaufen soll? – Sind wir so arm? oder so geizig, daß wir den Kaufpreis nicht missen mögen? – Tapfer ist Ardschuna und edel sein Geschlecht, das Reichste an Ehren! Ich geh' und reich' ihm als Bruder die Hand!« Und also tat er! Ardschunas Waffenruhm versöhnte die kriegerischen Söhne der Berge, und als Krischna das Brautpaar zurückbrachte, wurde in Dwaraka feierlich Hochzeit gehalten. Dann zog Ardschuna mit seiner Subhadra heim nach Indaprastha und wurde von seinen Brüdern voll Freude aufgenommen. Draupadi zürnte anfangs der neuen Gattin Ardschunas, doch die sanfte Subhadra, die sich in verehrender Liebe an die Stolze hing, wie Efeu an die Eiche, unterwarf sich der Älteren als Magd und gewann dadurch bald ihre schwesterliche Freundschaft. Subhadra schenkte dem Ardschuna einen Knaben namens Abhimanju. Die schöne Draupadi gebar jedem der Gatten einen Sohn: die fünf Draupadeyas. In brüderlicher Eintracht lebten die Pandava nun wieder zusammen in ihrem Reich, unter der weisen Herrschaft des redlichen Judhischthira. Ardschuna und Krischna, der Freund und Schwester nach der Heimat begleite! hatte, ergötzten sich oft an den Ufern der Jamuna an der Jagd und an manchem fröhlichen Fest. Einst ergingen sie sich dort in einem geheiligten Hain, als plötzlich ein ehrwürdiger Brahmane vor ihnen stand. Demütig falteten sie die Hände vor der Brust und hoben sie, ehrfürchtig grüßend, bis an die Stirne. Der Brahmane dankte den beiden Prinzen und bat die mit Glücksgütern Gesegneten, sie mögen ihm dazu verhelfen, seinen nagenden Hunger zu stillen. Kaum hatten die Frommen seiner Bitte Gewährung verheißen, so zeigte sich der Bittende in seiner wahren Gestalt: Rothaarig und -bärtig, mit sieben beweglichen Zungen, stand Agni, der schwarzpfadige Feuergott, vor ihnen und schwang in der Rechten sein dräuendes Banner, die schwarzen Schwaden auf sonnenhellem Grund. »Der Kandavawald ist's allein, was mich sättigen kann!« rief er. »Laßt mich ihn fressen!« »Nimm ihn, hehrer Beschützer des Hauses!« sprach Ardschuna und umwandelte rechtshin den Erhabenen. »Ihr müßt mir helfen, Tapferste der Tapferen!« sprach der Gott. »Indra verschlägt mir mit seinen Regengüssen den Atem, sooft ich mich an die Mahlzeit mache, weil sein Freund Takschaka, der König der Nattern, im Walde haust. Und auch andere Götter und Geister verhelfen den waldbewohnenden Tieren zur Flucht und kürzen mein Mahl!« »Gerne verhülfen wir dir zur Sättigung, leuchtender Burgenzerstörer,« sprach Krischna darauf, »doch unsere Waffen taugen nichts im Kampf mit Himmlischen!« Da führte sie Agni vor Varuna, den geheimnisvollen Gott der Gewässer, und hat diesen, die beiden tapferen Prinzen mit Götterwaffen aus seiner reichen Schatzkammer zu beschenken. Varuna schenkte dem Pandava den klingenden Bogen Gandiva, samt zwei unerschöpflichen Köchern, und einen prächtigen Streitwagen. Es war der, auf welchem der Mondgott Soma einst die Dämonen der Luft besiegt hatte. Tausend goldene Möndchen verzierten sein schneeweißes Holz und hundert silberne Schellen erklangen fröhlich bei jedem Schritt der milchweißen Gandhaverhengste. Der himmlische Meisler Wischwakarman hatte das Kunstwerk gebaut. Die weithin sichtbare Standarte, ein Affe auf einem gekrümmten Löwenschweif, ward später, als Ardschunas Feldzeichen, ein Schrecken seiner Feinde. Krischna erhielt aus des gütigen Gottes unerschöpflichem Schatz den nie fehlenden Diskus Vadschranabha und die schwere Keule Kaumodaki. So gerüstet stellten sich die Helden zu beiden Seiten des Waldes auf, und Agni begann ihn zu verzehren. Fauchend, brüllend, blökend, zischend, heulend und winselnd brachen die Tiere des Kandavahaines durch das Unterholz, um sich zu retten. Doch unaufhörlich schwirrte Gandiva in Ardschunas Hand, Schlag um Schlag traf die Keule Krischnas, und entsetzt flohen die Tiere zurück in den Rachen des sengenden Gottes. Da donnert Indras Streitwagen über die Erde. Der König der Götter naht, um die Recken im Kampf zu bestehen. Unnahbar bleiben die Tapferen mit ihren göttlichen Waffen. Steine, Felsen, Berge wälzen sich ihnen entgegen, Waldgeister stürzen aus ihrem brennenden Heim und müssen vor den Unbezwinglichen. wieder zurück in Rauch und Flammen und elenden Tod. Ohne zu wanken stehen die Unvergleichlichen gegen eine Welt des Zaubers. Da tönt eine Stimme aus den Wolken und überdröhnt den Kampflärm: »Zurück! Vergeblich ist der Kampf gegen Ardschuna und Krischna, denn sie erfüllen, was Brahma verhängte, den Ratschluß des Schicksals: der Kandavahain muß verbrennen!« Da beugte sich alles dem Willen der Allmacht, und auch der tapfere Götterkönig stand ab von aussichtslosem Kampf. Fünfzehn Tage lang brannte der Wald, dann war der hungrige Gott gesättigt: Baum und Busch, Gras und Blatt, Wild und Schlange, ja die kleinste Mücke halte er verschlungen. Die Geister, die das alles gehütet hallen, waren verendet vor dem glühenden Atem des Gottes. Nur Maya, der kunstreiche Bildner der Geisterwelt, war dem Verhängnis entronnen. Ardschuna hatte ihn um seiner Kunst willen durchschlüpfen lassen, und der Dankbare versprach, es ihm reichlich zu lohnen. Und Maya hielt Wort: Nach wenigen Wochen brachte er auf vielen Wagen seinen Schatz nach Indraprastha gefahren, und nachdem er dem Ardschuna das helltönende Muschelhorn Dewadatta und dem Bhima einen prächtig geschmückten Streitkolben geschenkt hatte, begann er dem König Judhisehthira einen Palast zu erbauen, der alle Bauwerke der Welt an Pracht übertreffen sollte. Großkönig Judhischthira Das Geschlecht der Bharata hatte stets alle Fürsten Indiens überragt und der indischen Welt den Herrscher, den Großkönig, den Maharadscha gegeben. Nun wollte auch Judhischthira, als der älteste regierende König dieses Geschlechtes, die Fürsten Indiens zum großen Königsweihopfer laden und die Zögernden mit Waffengewalt zur Huldigung vor seinen Thron zwingen. Jarasandha, der König von Magadha, mußte vor allem bezwungen werden. Der war von übermenschlicher Stärke und hielt viele Könige und Fürsten Indiens gefangen, um sie in einem feierlichen Opfer dem Gotte Schiwa zu weihen. Die beiden Gattinnen von Jarasandhas Vater hatten einst jede ein halbes Knäblein zur Welt gebracht und diese Mißgeburten im Walde ausgesetzt. Eine Hexe hatte sie gefunden und die beiden Hälften unter mächtigem Zauberbann zusammengefügt. So war das starke Kind Jarasandha ins Leben getreten und wuchs am Hof von Magadha zum grausamen und gewalttätigen Herrscher heran. Schischupala, der König von Tschedi, war sein Feldherr und williges Werkzeug. Krischna, Ardschuna und Bhima zogen als Brahmanen verkleidet nach Magadha, forderten Jarasandha auf, seine Gefangenen freizulassen und luden ihn zum Königsweihopfer nach Indraprastha. Jarasandha lachte sie aus. Er hatte die Verkleideten als Krieger erkannt, denn jeder von ihnen trug am Unterarm eine mächtige Narbe, wie sie die Sehne des schweren Streitbogens den Schützen schlägt. Im Übermut forderte er Bhima, den Stärksten, zum Faustkampf heraus. Es begann ein furchtbares Ringen, das vierzehn Tage lang unentschieden blieb. Dann gelang es Bhima, den schrecklichen Gegner am Fuße zu packen. Wie einen Fangstrick wirbelte er den Hilflosen durch die Luft, bis er mitten entzwei riß. Damit war der Zauber der Hexe gebrochen, der Gewaltige tot. Die gefangenen Könige wurden befreit und versprachen mit den anderen Fürsten Magadhas, zur Huldigung bei Judhischthiras Königsweihopfer zu erscheinen. Nun sandte der Großkönig seine Brüder nach den vier Weltgegenden aus. Ardschuna unterwarf den Norden, Bhima den Osten, Nakula und Sahadewa Westen und Süden in gewaltigen Kämpfen. Mit reichen Geschenken ausgerüstet, folgen die tributpflichtigen Könige Indiens den vier Brüdern vor den Thron Judhischthiras. Zu Indraprastha waren einstweilen alle Vorbereitungen für das Opfer getroffen worden, und Maya, der dankbare Künstler aus der Geisterwelt, hatte den Königspalast vollendet. Ein Wunder der Baukunst war das geworden: Auf tausend goldenen Säulen ruhte ein Dach aus erzenen Platten, deren jede ein Bild aus dem Leben der Götter und Helden zeigte. Der Boden der Haupthalle war ein einziger geschliffener Kristall, der wie ein Wasserspiegel glänzte. Kunstvoll geschnittene Edelsteine waren, wie Lotusblumen auf einem Teich, in die Kristallfläche eingefügt. Kostbare Schnitzereien aus Ebenholz und Elfenbein zierten jedes Hausgerät. Seidene Kissen, bunte Teppiche und schöne Stickereien vollendeten die Ausschmückung. Rings um den Palast war ein Garten voll duftender Blumen in allen Farben. Verschwiegene Weiher und abgezirkte Teiche waren angelegt und kühlten mit sprühenden Wasserkünsten die heiße Luft des Südens. In diesem Wunderwerk Mayas empfing der Großkönig seine erlauchten Gäste und tributpflichtigen Vasallen. Unter den Geladenen war auch König Durjodhana mit vielen aus dem Hause der Kaurava. Mit bitterem Neid sah er die voll aufgeblühte Macht der verhaßten Vettern. In Mayas Wunderbau fand er sich kaum zurecht: glaubte sich in der Halle mit dem Kristallboden vor einem Teich und legte, unter dem dröhnenden Lachen Bhimas, die Kleider ab, um zu baden; im Schatten des Gartens fiel er gar in einen der stillen Weiher. Heißen Haß im Herzen, wohnte er der prunkvollen Opferzeremonie und der feierlichen Huldigung vor dem Großkönig bei. Die Gäste wurden mit Ehrengaben ausgezeichnet. Die erste sollte, auf Vorschlag des ehrwürdigen Bischma, Krischna bekommen. Schischupala, König von Tschedi, der wilde Feldherr Jarasandhas, bestritt, daß Krischna auf diese Ehre Anspruch hätte. Da berichtete Krischna den versammelten Königen von den Schandtaten, die Schischupala unter Jarasandha vollführt hatte, und als der Tschedier Schmähung auf Schmähung gegen den tapferen Jadava schrie und dessen Mahnung zur Wahrung des gastlichen Friedens als feige verhöhnte, warf der Erzürnte seinen nie fehlenden Diskus und enthauptete so den hämischen Neiding. Die Gastgeschenke wurden nun verteilt, die Gäste ehrenvoll verabschiedet, die Vasallen huldvoll entlassen. Als Durjodhana mit seinem Oheim Schakuni auf der Heimreise war, quoll ihm sein Neid über die Lippen. »Oh!« rief er aus, »wer kann das Leben noch ertragen, wenn er seine Feinde im tollsten Taumel des Glückes sieht! – Nein! was auch daraus werde! nicht länger laß ich ihnen die Freude an ihrem Besitz! Krieg, Oheim! Krieg! Die Pandava sollen ihr Reich verlieren!« »Ei, mein königlicher Neffe, was soll der Krieg? – Der ist unsicher und gefährlich! Wir bringen den Großkönig leichter um sein Reich! – Weißt du noch, wie kunstvoll Judhischthira schon als Jüngling die Würfel auf dem Brett zu ziehen wußte?« »Ja, ja! das war seine Leidenschaft!« sprach Durjodhana nachdenklich. »Nun! weiß er gut zu ziehen, so weiß ich gut zu werfen!« lachte Schakuni mit schlauem Zwinkern. »Lad' ihn nur ein nach Hastinapura – du willst seine blendende Gastfreundschaft erwidern – und laß mich im Spiel die Würfel werfen, so sollst du bald sein Reich und all sein Eigen haben!« Damit war Durjodhana gerne einverstanden, und heimgekommen, bestürmte er den blinden Vater mit Ausbrüchen seines Hasses und legte ihm den Plan des Oheims vor. Der schwachmütige Greis hatte es längst verlernt, dem herrsüchtigen. Sohn zu widersprechen. Trotz der Warnungen Wohlgesinnter, trotz eigener böser Ahnungen, sandte er seinen Halbbruder, den weisen Vidura, nach Indraprastha und lud das ganze Haus der Pandava nach Hastinapura. Das Spiel Mit allen Ehren ward Judhischthira und seine Brüder, Draupadi, Kunti, Subhadra und das gesamte Gefolge des Großkönigs, in Hastinapura empfangen. Am nächsten Tag, als alle Männer in der Halle bei einem festlichen Gelage versammelt waren, nahm das Spiel zwischen Judhischthira und Schakuni seinen Anfang. Das Würfelspiel war damals nicht so einfach wie heute. Es galt, in wechselnder Folge von Wurf und Zug bestimmte Zahlengruppierungen auf dem Würfelbrett zu erzielen. Judhischthira war ein Meister in diesem Spiel und hatte Durjodhanas Herausforderung gerne angenommen. Daß Schakuni diesem die Würfel führte, ward von dem arglosen Sohn des Rechtsgottes kaum beachtet. Nun nahm das Unheil seinen Lauf. Satz um Satz verlor Judhischthira Gold und Edelsteine, Wagen und Rosse, Sklaven und Sklavinnen. Er erhitzte sich im Spiel, und Durjodhana blies mit Spott in die Flammen. Vidura warnte: »Hüte dich, Durjodhana! zähme deine Gier! Kennst du die Fabel von den goldspeienden Vöglein, die ihr Herr in seiner Gier erschlagen hat?« »Laß nur!« lachte Durjodhana, »ich will dem Vetter nicht ans Leben, aber setzen soll er, wenn sein gepriesener Reichtum nicht schon alle ist!« Judhischthira fährt auf: seinen Palast, mit allem, was darinnen ist, setzt er aufs Spiel. Schakunis nächster Wurf bringt ihn darum. Nun folgt das Reich mit allem Volk, die Priester ausgenommen! Vidura warnt: »Auf, Dhritaraschtra, verstoße den unnatürlichen Sohn, der Haß und Rachsucht beschwört in seiner unstillbaren Gier! Durch ihn muß dein ganzes Haus untergehen!« »Hör' nicht auf den giftigen Schwätzer, Vater!« ruft Durjodhana. »Er ist die Natter, welche im Hause der Kaurava nistet. Stets hält er es mit den Pandava!« Schakuni hat geworfen – Judhischthira hat sein Reich verloren! Und Wurf um Wurf bringt nun Nakula in die Sklaverei, Sahadewa, Ardschuna, Bhima und zum Schluß den sinnlosen Spieler. Ins bange Schweigen höhnt Schakuni: »Vorwärts, kühner Spieler! Dein letzter Einsatz steht noch aus! Spiel' um die schöne Draupadi, wenn du dich aus der Sklaverei lösen willst!« »Es gilt!« knirscht Judhischthira. Und Entsetzen über den frevelhaften Versuch malt sich in den Gesichern Bhischmas, Dronas und des guten Vidura. Da fallen die Würfel – . »Gewonnen!« lacht Schakuni. – Judhischthira schweigt. Durjodhana sendet seinen Wagenlenker ins Frauenhaus, um die neue Sklavin in die Halle zu bringen. Draupadi weist den Boten erzürnt zurück. Nun sendet der Übermütige seinen Bruder Duchschasana, und der Wilde schleppt die sich Sträubende an ihren Haaren in die Halle. Der greise Bhischma hebt bei dem Anblick entsetzt die Hände zum Himmel und fleht: »Heilige Götter, straft den ruchlosen Frevel nicht am ganzen Hause Bharatas!« Auf ihren Gatten wirft Draupadi einen Blick voll Zorn und Scham, der die Unglücklichen mehr schmerzt als der Verlust der eigenen Freiheit. Bhima braust auf: »Verbrennen möcht' ich die Hände, die Draupadi verspielt haben. Oh! faß ich dich, Bruder Judhischthira, so sollst du das büßen!« »Schweig!« herrscht ihn Ardschuna an. »Er ist das Haupt unsrer Sippe, der König und Herr auch als Sklave. Willst du das Elend durch Uneinigkeit mehren?« Und der unbändige Bhima neigt sich ehrerbietig vor dem Bruder und schweigt. Draupadi spricht mit stolzer Stimme: »Dein grober Bote, Durjodhana, sagte, daß alle Pandava Sklaven seien. Nun frage ich dich: war Judhischthira noch frei, als er um mich spielte?« »Sie hat recht!« jubelte Vikarna, der jüngste der Kauravaprinzen, ein anmutiger Jüngling. »Die schöne Muhme ist frei, denn Judhischthira war ein recht- und eigenloser Sklave, als er um sie würfelte!« »Und ich sage: Sklavin ist sie!« rief Karna zornig. »Sklavin und Sklavengattin, die den König von Anga verschmäht hat! – Reißt ihr die Prachtgewänder vom Leib! sie ziemen der Ehr- und Eigenlosen nicht!« Der wilde Duchschasana sprang auf sie zu und packte ihr purpurrotes Oberkleid. Hoch aufgerichtet stand Draupadi, den Blick gen Himmel erhoben, und betete: »Erhabener Wischnu! Du wirst die Wehrlose schützen vor Schmach!« Und ein Wunder geschah: sooft auch Duchschasana der Betenden den Purpur von der Schulter riß, war dort ein neuer, von königlicher Pracht, zu sehen. Angstvolle Stille herrschte im Saal, nur Duchschasana setzte keuchend seine Henkersarbeit fort. Da zitterte Bhimas Stimme durch die Halle: »Nie will ich mit den Ahnen an Indras Tafel Soma trinken, wenn ich nicht halte, was ich jetzt schwöre: Aufreißen werd' ich im Kampf Duchschasanas Brust und trinken das Herzblut dieses törichten Auswürflings der Bharata!« Alle starrten vor Entsetzen, nur Durjodhana höhnte: »Nun, Vetter Judhischthira, König des Rechtes, wie denkst du über den Rechtsfall: Herrin oder Sklavin?« Bleich vor Scham und Entsetzen, schwieg der Unglückliche und wies mit der Hand auf den ehrwürdigen Großvater. Da erhob sich Bhischma und sprach: »Versöhnt und vertragt euch, Enkel des Bharata, denn hier ist das Recht nicht zu finden! Judhischthira durfte als Sklave nicht würfeln, er hatte kein Eigentum, doch muß die Gattin dem Gatten folgen in Elend und Not!« »Hört ihr?« jubelte Durjodhana, »meine Sklavin ist die Stolze!« Da tastete Gandhari nach der Hand des blinden Königs und flehte: »Hilf mir von diesem Sohn, mein Gatte, verbann' ihn, verstoß' ihn, er ist der Untergang unseres Hauses!« Dhritaraschtra raffte sich auf und rief: »Halt! Draupadi ist frei, und für die Schmach, die sie erlitten, darf sie drei Wünsche tun! So will ich, daß meine Gatten auch des Sklavenloses ledig sind!« »Gewährt!« nickte Dhritaraschtra. »Was noch?« »Was noch?« lachte Draupadi unheilverkündend. »Nichts! Die freien Pandava schwingen das Schwert und legen mir die Welt zu Füßen! – Hütet euch!« »Nein, nein!« rief Durjodhana voll Sorge, »das gilt nicht! Sklaven sind die Pandava, Sklavin ist die Stolze! Hier, Draupadi, salbe meine Füße, wie es der Sklavin geziemt!« und aus dem Kleid streckte er sein nacktes Bein, um die Edle zu schmähen! Wieder hörte man Bhimas Stimme in verhaltenem Zorne erzittern: »Nie soll Bhima mit seinen Vätern vereinigt werden, wenn er nicht dem Frevler im Kampfe dies Bein zerschmettert!« In das eisige Schweigen des Schreckens scholl auf einmal das klägliche Heulen eines Schakals. Entsetzt sprang Dhritaraschtra von seinem Stuhle auf: »Der Unheilkünder! das böse Zeichen des Unterganges!« murmelte er zitternd. »Geht, geht!« stammelte er, »Söhne meines Bruders – ihr seid frei – fort – fort – in euer Reich – niemand soll euch kränken – und ihr niemanden – geht – geht!« Erschöpft sank der Greis in seinen Stuhl zurück. Die Pandava riefen nach ihren Wagen und brachen eiligst nach Indraprastha auf. Bald aber holte ein Bote Dhritaraschtras die Heimkehrenden ein und lud sie aufs neue nach Hastinapura. Der Neiding Durjodhana, der wilde Duchschasana und der ränkesüchtige Schakuni hatten den schwachen König umgestimmt. In düsteren Farben hatten sie die Gefahr geschildert, daß die zürnenden Helden an der Spitze ihres Heeres wiederkehren könnten, daß das Geschlecht der Bharata sich in blutigem Bruderzwist selbst vernichten würde. Einen einzigen Weg, den Krieg zwischen den nahverwandten Häusern zu vermeiden, wiesen sie dem Blinden: Ein letzter Gang mit den Würfeln! und der Verlierer sollte mit seiner ganzen Sippe widerstandslos in lange Verbannung ziehen. Der schwachmütige Vater sah hier eine Hoffnung, den blutigen Zusammenstoß zu verhindern, und sandte den Pandava jenen Eilboten nach. Die kamen zurück und hörten die Bedingungen des Spieles: dem Sieger die Krone beider Reiche; die Sippe des Unterlegenen geht in die Verbannung, zwölf Jahre frei im Wald, als entthronte Fürsten hausend, zwölf Monde unerkannt in einer Stadt, das Joch der Knechtschaft tragend! Judhischthira nahm die Bedingungen an, und – dank Schakunis Gewandtheit – fielen die Würfel zugunsten der Kaurava. Unter dem Hohnlachen der Sieger legten die Pandava ihre königlichen Gewänder ab und bekleideten sich mit Fellen. Die greise Mutter Kunti ward der Obhut des guten Vidura empfohlen; Draupadi ging mit ihren Gatten. Als sie die Halle verließen, hob Bhima die Faust und schwur Durjodhana zu töten; Ardschuna sah auf Draupadi und schrie dann Karna seinen tödlichen Haß ins Antlitz; Sahadewa aber schlug an sein Schwert und rief: »Dieses soll einst den Schuldigen treffen! Dich, Schakuni! der im Spiel betrogen hat!« Und begleitet von vielem Volk, das die Tapferen immer geliebt hatte, zogen die Verbannten nach dem Norden. Am nächsten Morgen erschien der Götterbote Narada vor Dhritaraschtra und verkündigle ihm den Untergang seines Geschlechtes. Die zwölf Jahre Die verbannten Pandava wanderten bis an die Sarasvati und siedelten sich im Kamjakawalde an. Viele Brahmanen waren bei ihrem König geblieben, denn der fromme Sohn des Rechtsgottes hatte mit aller Ehrerbietung den ganzen Priestersland ausgenommen, als er um Reich und Volk würfelte. Nun quälten ihn Sorgen um die Ernährung der großen Schar, deren natürliches Haupt er als Ältester der Pandava war. Ehrfürchtig neigte er sich in demütigem Opferdienst vor Surya, dem Sonnengott, dessen freundlicher Blick allem Lebenden die Nahrung bereitet. Der Tausendstrahlige erhörte sein Flehen und schenkte ihm einen kupfernen Kochtopf, der sich unter den sorgenden Händen Draupadis zu jeder Mahlzeitstunde mit Früchten, Wurzeln, Fleisch und Gemüse füllen sollte. Mochten auch tausend und abertausend zur Mahlzeit kommen, es brauchte doch keiner hungrig vom Tische zu gehen. Und die Schar um die Verbannten wuchs von Tag zu Tag: Die Fürsten der Wrischnier, der Bodscha, der Andhaka kamen, Dhrischtadjumna mit den Pantschalerrecken, Dhrischtaketu, der neue König von Tschedi, die Fürsten von Kaikeya und andere Freunde und Verwandte der Pandava. Endlich erschien auch Krischna und bat, sein langes Fernbleiben zu entschuldigen: Schalwa, der Herr der fliegenden Stadt, hatte seine Residenz Dwaraka belagert. In kühnen Ausfällen war der Feind zurückgeschlagen worden, Schalwa mußte fliehen – weiter, immer weiter, verfolgt von Krischnas Streitwagen. Endlich, die Stadt schwebte schon über dem Ozean, hat ein Wurf mit dem göttlichen Diskus sie zertrümmert ins Meer geschleudert und Schalwa getötet. Nun sei der Freund der Pandava da, um mit ihnen gegen die Kaurava zu ziehen! "Gut so, Krischna!" jubelte Bhima, "sage es dem Lämmlein Judhischthira, daß wir endlich zu den Waffen greifen wollen. Beim Indra! man würde hier sterben vor Langeweile, gäbe es nicht manchmal einen Menschenfresser zu erwürgen, wie unlängst den Riesen Kirmira, den Bruder der groben Vaka, der mich einst beim Essen störte!« »Ich habe gelobt, dreizehn Jahre in Verbannung zu leben, ich will es auch redlich halten!« sprach Judhischthira ernst. »Ach, dreizehn Jahre!« schalt Bhima. »Ein Tag im Elend, gilt für ein Jahr im Glück, sagt ein frommer Spruch! – Wir sind schon hundert Jahre in Verbannung!« »Recht muß Recht bleiben!« sprach Judhischthira. »Ich habe gespielt und verloren, ich zahle den Einsatz!« »Ja!« rief Draupadi. »Du hast gespielt, blind wütend gespielt, und alles verloren! alles – sogar den Mut, den du jetzt als Herr der Sippe doppelt brauchtest! – Sind das meine Gatten – die Stärksten der Erde – die Schimpf und Elend auf mir wuchten lassen wollen durch dreizehn lange Jahre?« »Mich schmerzt dein Gram und Zorn, teure Gattin, doch man nennt mich den Dharmaradscha, den König der Gerechtigkeit: Nie will ich dagegen sündigen! Recht schützt den König, der das Recht schützt! – Soll ich den Brand ins eigene Haus werfen? – Harret geduldig des Endes, Brüder und Freunde, und stählt eure Kraft im Elend! Bhischma, der unbezwingliche Gangasohn, steht vor dem Thron, dem er sein Leben lang Treue gehalten hat. So auch Drona, unser aller Waffenmeister, und Kripa und der starke König von Anga! Zieh' in die Ferne, Ardschuna, so riet mir ein Weiser, und diene den Göttern. Du wirst von ihnen gewappnet und belehrt werden, denn du sollst unser Hort sein in der blutigen Schlacht, die ein unabwendbares Schicksal der Menschheit verhängt hat!« Diesen Worten prophetischer Weisheit fügten sich auch die Kampffreudigsten. Die Freunde versprachen, im vierzehnten Jahre Heerfolge zu leisten und zogen in ihre Heimat. Ardschuna wanderte allein nach dem Himawat und lebte dort in strenger Buße den Göttern nahe. Vidura kam nach dem Kamjakawald: Durjodhana und Schakuni hatten neue Pläne geschmiedet, um die Pandava aus der Welt zu schaffen; Karna riet stets zu offenem Überfall, und Dhritaraschtra war, vor Schmerz um den bevorstehenden Untergang seines Hauses, schwächer und wankelmütiger als je. Als er, Vidura, um des Himmels willen zu Friede und Versöhnung geraten habe, war der Blinde zornig geworden, hatte ihn Verräter gescholten und zuletzt aus der Stadt jagen lassen. Doch Vidura blieb nicht lange im Wald: Bald kam Sandschaja, der Wagenlenker Dhritaraschtras, und brachte den edlen Greis in allen Ehren nach Hastinapura zurück. Dort fielen die Brüder einander in die Arme und versöhnten sich vor allem Volk. Ardschuna hatte am Fuße des Himawat in strenger Bußübung gelebt und in heißem Gebet und frommem Opferdienst die Gnade der Götter gewonnen. Als ihn einst in der Wildnis ein großer Eber anrannte, brachte er den Wütenden mit einem guten Bogenschuß zur Strecke. Während der blutigen Arbeit des Ausweidens trat ein riesiger Waldmensch, nur mit einer Wildschur bekleidet, aus dem Dickicht und forderte rauhen Tones den erlegten Eber als seine Beute. Lachend wies Ardschuna ihn zurück. Der Waldmensch drohte, heiße Worte des Streites fielen; dann schwirrte Gandiva, und Pfeil auf Pfeil flog auf den Riesen. Doch Wunder: als wären es Reiskörner gewesen oder Steinchen, von eines Kindes Hand geschleudert, so prallten die leichten und schweren Geschosse des göttlichen Bogens von Haut und Wildschur des Waldmenschen ab. Da griff Ardschuna zum Schwert und sprang den Pfeilfesten an. Er hätte eher den schwersten Amboß spalten können, als seinem Gegner die Haut ritzen. Wie auf Erz geschlagen, schollen die wuchtigen Hiebe durch den Wald. Wütend zischte Ardschuna: »Bist du schuß- und hiebfest, so soll meine Faust dich bezwingen!« Dann sprang er dem Riesen an die Gurgel und suchte ihn zu erwürgen. Plötzlich fühlte der Pandava sich von eisernen Armen umschlungen. Vergeblich wehrte er sich dagegen, mit all seiner fast übermenschlichen Stärke. Schon ward das Atmen schwerer und schwerer, schon trübte sich sein Blick, heißes Blut würgte durch die Kehle und quoll zwischen den krampfhaft nach Luft schnappenden Kiefern heraus – dann schwanden ihm die Sinne. Als Ardschuna erwachte, stürzte er sich dem Gewaltigen zu Füßen und verehrte ihn als Gott. Und da er das Antlitz wieder erhob, stand Schiwa, der allmächtige Gott der Zerstörung, in strahlendem Glanze vor dem Verehrenden und lobte seine Tapferkeit und Stärke. Dann führte er den Kampfmüden vor einen See, voll des Göttertrankes Amrita. Zwei Schlangen tummelten sich darin, und Schiwa hieß Ardschuna, sie fangen. Kühn stürzte sich der vom Kampf mit dem Gott Erschöpfte in die Flut und fühlte seine alte Kraft wiederkehren. Rasch ergriff er die anmutig spielenden Tiere und schwamm ans Ufer. Schiwa war verschwunden, doch die Schlangen wurden vor seinen Augen zu Pfeil und Bogen. Er hielt die berühmte Schiwawaffe, Paschupata, in Händen. Aus dem Walde aber schritten die vier Welthüter und beschenkten den tapferen Bharatasproß mit Zauberwaffen aller Art: Yama, der Todesgott, gab ihm den alles durchdringenden Stab, Varuna, der Herr der Gewässer, die starken Fangstricke, und Kubera, der göttliche Schatzhüter, die Waffe Anthardana, die ihren Träger unsichtbar macht und ihm Kraft und Stärke verleiht. Indra, der Götterkönig, lud ihn nach seiner himmlischen Stadt Amaravati ein, um ihn dort im Gebrauch der Zauberwaffen zu unterweisen. Nachdem die Welthüter verschwunden waren, stieg Ardschuna die steilen Hänge des Gandhamadana hinan, um der Einladung seines göttlichen Vaters zu folgen. Auf dem Gipfel reinigte er seine Seele durch Buße und gedachte im Gebet der Götter und Ahnen. Auf der von der Mittagssonne vergoldeten Höhe stand der fromme Held und hob die starken Arme ins endlose Blau. In unendlicher Ferne glaubte er ein kleines Wölkchen zu sehen. Das flog heran, wie vom Sturmwind getragen, und wuchs über den halben Himmel hin. Es waren zehntausend Falben, die Indras Streitwagen zogen. Im weiten Luftmeer wogten Licht und Schatten und glitzernde Goldsäume durcheinander und jagten lautlos daher. Rasselnd berührten die erzenen Radschienen den Boden, als Matali, Indras Wagenlenker und Bote, den prächtigen Streitwagen vor Ardschuna anhielt. Eine goldene Lotusblume auf blauem Rohr kennzeichnete als Standarte den Kriegswagen des Wolkenspalters. Matali sprang herab und neigte sich ehrfürchtig vor dem Pandavafürsten: »Indra bittet dich zu Gast, Glückseliger!« sprach er. »Die Götter sollen Kuntis starken Sohn sehen!« Ardschuna hieß den trefflichen Lenker den Wagen wieder besteigen und die ungeduldigen Rosse zügeln. Dann neigte der fromme Held sich vor dem Geist des Berges Gandhamadana und dankte ihm für die huldvolle Aufnahme. In beredten Worten pries er die Kühle seiner schattigen Haine, das Luft- und Duftmeer seiner sonnigen Triften, die klare Frische seiner Quellen: »Wie ein Kind auf dem Schoße seines Vaters, so weilte ich voll Glück auf deinem Haupte, Fürst der Berge!« sprach er offenen Herzens und hob zum Abschied die gefalteten Hände an die Stirne. Dann sprang er zu Matali auf den Wagen, und in windschnellem Rosseslauf ging es durch das ewige Blau. Näher und näher kamen sie den Sternen, und Ardschuna sah nun, daß diese kampferschlagene Helden, Büßer und Weise waren, die in strahlendem Glanze zu Tausenden und aber Tausenden durch den Weltraum wandelten. Matali nannte ihm viele mit Namen und sagte, daß sie alle nur kraft ihrer edlen Taten leuchteten und den Erdenkindern wie kleine Sonnen erschienen. Vor dem Tore der Götterstadt hielt Airawata, Indras schneeweißer Kriegselefant, die ewige Wache. Wie staunte Ardschuna über das vierzähnige Tier, das wie ein Berg an der Straße stand. Mit jauchzendem Heilruf begrüßten Götter, himmlische Spielleute, Sonnen und Sterne, Nymphen, Windgenien und Morgenrotreiter den edlen Sohn der Kunti. An der großen Sternenheerstraße, unter den ewig blühenden Bäumen, die dem Verlangenden, je nach seinem Wunsche, Früchte aller Art spenden, standen Feen und Geister zu Tausenden und jubelten dem tapferen Indrasproß zu. Der Götterkönig schritt dem Sohne entgegen, unter dem goldgelben Baldachin, dem uralten Zeichen der Königswürde. Fächer an goldenen Stielen wehten ihm himmlische Düfte zu und die klingenden Weisen der Gandharva erfüllten die Luft mit Wohlklang. Nachdem der Donnerer seinen Sohn umarmt hatte, führte er ihn vor den vielbesungenen Indrathron und ließ ihn an seiner Seite sitzen. Voll Liebe strich die Hand, die sonst den Donnerkeil gegen die Götterfeinde schwang, über die starken Arme des Heldensohnes. Wie Sonne und Mond strahlten die beiden auf dem Thron durch den Himmelsraum. Götter und Genien brachten dem edlen Geiste Ehrengeschenke, und zu den frohen Weisen der Gandharva tanzten die Apsaras einen anmutigen Reigen: allen voran die ewig junge und schöne Urwasi, die einst als Erdenweib die Gattin eines Bharata gewesen und so eine Ahnfrau des tapferen Pandava war. Als das Fest zu Ende war, führten die himmlischen Jungfrauen den Gast in Indras Palast. Urwasi, die Schönste von allen, und ihre Führerin, bat den starken Pandusohn unter holdem Erröten, sie zum Weibe zu nehmen. Im Innersten bewegt ob der Lieblichkeit der Götter Jungfrau, gedachte der Wedakundige doch der strengen religiösen Pflicht und mußte die Ahnfrau, die im vollen Zauber ihrer ewigen Jugend vor ihm stand, mit ehrerbietigen Worten zurückweisen. Schmerzlich zuckte es da um die schönen Lippen der Göttlichen. »Weh' mir allzu schwachem Weib! und weh' dir allzu starkem Mann!« rief sie. »Mögest du als Frauenwächter dienen und tanzen und springen müssen wie ein Ehrloser für diese Kränkung meines liebevollen Herzens!« Weinend zog sie sich mit ihren Frauen zurück und überließ die Betreuung des Pflichtenkenners den dienenden Geistern. Fünf Jahre lang lebte Ardschuna in der Götterstadt Amaravati und übte sich im Gebrauch der göttlichen Zauberwaffen. Sogar den Donnerkeil hatte ihm Indra anvertraut und den kühnen Kuntisohn in der Führung dieses Dämonenschreckens unterwiesen. Tschitrasena, der Gandhawerkönig und Herr der himmlischen Spielleute, mit dem Ardschuna einst an der Ganga einen harten Strauß bestanden und sodann innige Freundschaft geschlossen hatte, lehrte ihn Lautenschlag und Flötenspiel und den anmutigen Reigen über den Anger führen. Götter und Genien wurden ihm gute Freunde und liebe Gefährten bei Arbeit, Lust und Spiel wie bei festlichen Somagelagen. Oft gedachte er seiner Brüder und Frauen, und als er die göttlichen Waffen so sicher führte wie einst seine irdischen, da litt es ihn nicht länger bei den Freuden des Himmels, denn er wollte die Schmach seines Hauses auf Erden rächen. Ehrerbietig trat er vor Indra und bat den Gastfreundlichen, ihn zu beurlauben. Der Götterkönig pries die Kunst und Tapferkeit des kriegsgewaltigen Sohnes. Er schenkte ihm ein Panzerhemd, das aus zartester Morgenluft gewoben und doch für die schärfsten Waffen undurchdringlich war. Dann gab er ihm eine unzerreißbare Sehne für seinen starken Bogen Gandiva und wand ihm einen goldenen, edelsteinblitzenden Reif um die Stirne. Den Sängern heißt der tapfere Pandava von da an: Kiritin, der Gekrönte! Dann hieß Indra seinen Wagen mit zehntausend pfaufarbigen Rossen bespannen. Matali sollte den tapferen Kuntisohn darin zum Kampf gegen die Niwatakawatscha und die Puloma fahren. Dies waren götterfeindliche Dämonenvölker, die einst, durch jahrtausendelange Askese, von Brahma die Gnade erfleht hatten, daß kein Gott sie besiegen können sollte. Deshalb sandte der Herr der Gewitter den starken und kühnen Erdensohn gegen diese Götterfeinde. Unter Heil- und Segenswünschen der Himmelsbewohner bestieg Ardschuna den Wagen und sah in der Stärke seines Leibes und im strahlenden Glanz seiner Waffen so aus wie der Götterkönig, für den er in diesem Kampfe stehen sollte. Jauchzend hob Matali den goldenen Stachelstock, fröhlich stieß Ardschuna in sein Muschelhorn Dewadatta, und schnaubend flogen die Pfaufarbigen die Sternenheerstraße entlang, hinaus ins weite Blau der Luft. Die Niwatakawalscha lebten in einer Stadt mitten im Meer. In sausendem Sturz ging es abwärts. Hei – wie das klatschte; als die erzenen Radschienen aufs Wasser schlugen. Wie Berge türmten sich rechts und links vom Wagen die Wellen empor, und wie spielende Delphine flogen die flüchtigen Rosse über das Wasser. Dräuend klang Dewadattas erzheller Ton über die Wogen und schreckte die Niwatakawatscha aus der trägen Ruhe ihrer Unbesieglichkeit. Als sie den Wagen des Götterkönigs erkannten, schlossen sie die Tore ihrer Stadt und besetzten die Mauern mit Bogenschützen, Speer- und Schwertträgern. Während Matali die Rosse rund um die Stadt jagte, schoß Ardschuna Pfeil um Pfeil vom Wagen, aus den unerschöpflichen Köchern seines Gandiva. Zu Tausenden fielen nun die tapferen Dämonenkrieger aus der Stadt und überschütteten den kühnen Pandava mit wahren Wolken von Pfeilen, Speeren und Wurfscheiben. Doch der undurchdringliche Panzer hielt stand. Wütend lenkte Matali die Götterrosse in die Feindesscharen, und zu Hunderten und Tausenden fielen die Dämonen unter den Hufschlägen der Pfaufarbigen; über Berge von Leichen rollten die erzschienigen Räder des Wolkenspalters. Doch von den Stadtmauern brausten neue Pfeilwolken heran, und Ardschunas Arm drohte nach stundenlangem Spannen des schweren Streitbogens zu erlahmen. Die Dämonen warfen Zaubergeschosse, die die Schleusen des Himmels zu öffnen schienen, und Ardschuna mußte mit Pfeilen des Feuergottes den Regenguß zum Vertrocknen bringen. Das Auge des Himmels blendeten sie mit ihren Pfeilwolken, so daß Ardschuna seine alte Kunst, im Finstern zu treffen, gebrauchen mußte. Ein mächtiger Zauber ließ die Niwatakawatschen unsichtbar heranstürmen, doch Ardschunas Schwert mähte die Bedränger dahin. Als sie nun aber Felsen und Berge gegen den Unverwundbaren wälzten, da griff der Gewaltige nach Indras Donnerkeil: knatternd zuckten die leuchtenden Blitze vom Himmel und spalteten die Berge, daß die Trümmer mit aller Wucht auf die Stadt der Götterfeinde fielen und alle Dämonen unter sich begruben. Jauchzend scholl der Siegesruf Dewadattas zum Himmel, und der kühne Dämonenbezwinger fuhr auf Indras Wagen von neuem durchs Blaue, um die luftdurchwandelnde Stadt der Puloma zu bekriegen. Als Matali sie am Horizont auftauchen sah, schimmernd und weithin gedehnt, lenkte er die Rosse dorthin. Und unter dem kampflustigen Schmettern Dewadattas nahten sie sich den edelsteingekrönten Mauern der goldenen Stadt. Da flogen die vier Ebenholztore auf, und Wagen auf Wagen, mit Streitern in gänzender Rüstung, rollten heraus. Hei! war das eine Lust für Matali, die flüchtigen Götterrosse durch die Tausende von Wagen zu tummeln. Längst war Dewadatta verstummt, und Gandivas Sehne schwirrte die Weise zu diesem kriegerischen Reigen. Wieder hieß es Pfeilregen mit Pfeilregen, Zauber mit Zauber vergelten, und auch hier brachte der Donnerkeil Ardschuna den Sieg: In Trümmer schlug er die fliegende Stadt, und hochauf schäumte das Meer, als diese darinnen versanken. In eiligem Rosseslauf brachte Matali den Sieger vor des Götterkönigs Thron. Glückseligen Herzens umarmte Indra den trefflichen Sohn und pries ihn ob der götterbefreienden Tat. Dann entließ er ihn mit der Weissagung, daß durch seines Armes Stärke Judhischthiras Weltreich wieder aufgerichtet würde. Noch einmal bestieg Ardschuna den göttlichen Wagen neben dem treuen Matali, und nach kurzer Fahrt landete er auf dem Gipfel des Gandhamadana. Als die Freunde der Pandava sich von den Verbannten verabschiedet hatten, nahm Krischna seine Schwester Subhadra, Ardschunas Söhnlein Abhimanju und die fünf Draupadeyas mit nach der Heimat. Juhischthira mit den Brüdern, der Gattin und den guten Brahmanen, die freiwillig ihres Königs Elend teilten, führte in der Wildnis ein frommes Siedlerleben und harrte der Stunde, die ihn wieder in seine Rechte einsetzen sollte. Der Heilige Lomascha kam in den Wald und erzählte den Brüdern, daß er Ardschuna in Indras Himmel getroffen habe. Sehnsucht nach dem kühnen Bruder, litt da die Pandava nicht länger in ihrer stillen Siedelei, und unter der weisen Führung des Heiligen schlugen sie den Weg nach dem Himawat ein. In frommer Ehrfurcht besuchten sie alle vom indischen Glauben geheiligten Wallfahrtsorte an ihrer Straße. Der gute Heilige kürzte ihnen die Zeit durch Erzählung mancher frommen Legende aus der Vorzeit. Auch die Freuden in Indras Himmel, wo jetzt Ardschuna weilte, schilderte er ihnen und die Herrlichkeit des Berges Meru, wo lichtumflossen die Götter sitzen, von Sonne, Mond und Sterne rechtshin umwandelt. Vom sonnenumspielten Gipfel des Kaïlasa sprach er, wo der Schatzgott Kubera die duftenden Göttergärten pflegt, und von der Liebe der Himmlischen zu guten und starken Menschen. Am Fuße des Gebirges nahm Lomascha Abschied, und die Pandava stiegen die steilen Hänge hinan. Tagelang ging es aufwärts durch weglosen Wald. Der Mühsal wurde immer mehr, je höher die Wanderer stiegen. Besonders Draupadi litt unter den Beschwerden des Aufstieges, trotzdem der starke Bhima ihr sorgsam die Hindernisse aus dem Wege räumte und Nakula wie Sahadewa der Ermüdeten viele saftige Beeren und manchen Trunk klaren Quellwassers brachten. Wenige Wegstunden vom Gipfel überfiel die Schwergeprüften ein Gewittersturm, der den Berg in seinen Grundfesten zu erschüttern schien. Bäume und Felsen stürzten um sie und verlegten jeden gangbaren Pfad, so daß selbst Bhimas übermenschliche Kraft versagte. Da gedachte er des zauberstarken Sohnes, den ihn die Riesin Hidimbaa einst geschenkt hatte, und: »Ghatotkatscha!« schrie er in den Sturm, dessen Brüllen übertönend. Gleich stand der zauberkundige Riese vor ihm und begrüßte alle mit freundlichen Worten. Kaum sah Ghatotkatscha die Not der Seinen, so rief er mit gellendem Pfiff vier Freunde aus dem Riesenreich herbei. Behutsam wie ein gebrechliches Spielzeug nahm er dann die erschöpfte Draupadi in seine starken Arme, seine Freunde machten es mit den vier Brüdern ebenso, und fort ging's in lustigem Fluge durch die Luft, hoch hinaus über die Gewitterwolken bis nahe zum Gipfel des Kailasa. Dort legten die Riesen ihre Schützlinge auf die saftig grüne Matte und nachdem Ghatotkatscha die Pandava noch gewarnt hatte, den Waldgürtel rund um den Gipfel zu betreten, stoben die fünf mit freundlichem Abschiedsgrinsen durch die Luft davon. Draudi erwachte aus ihrer Erschöpfung und bat Bhima, ihr doch einige von den Lotusblüten zu bringen, deren erquickenden Duft ein sanfter Wind vom Gipfel herabwehte. Rasch sprang Bhima auf und lief nach dem Wald, um Draupadis Wunsch zu erfüllen. Kaum hatte er den Wald betreten, so hörte er einen wahren Höllenlärm: Löwen und Tiger brüllten, Wölfe heulten, Schlangen zischten und wilde Elefanten stampften trompetend durch das Unterholz. Bhima war ohne Waffen, so sehr hatte er sich beeilt, den Wunsch Draupadis zu erfüllen. Kühn sprang er mitten unter die Bestien, riß eine Löwin an den Hinterbeinen empor und schwang sie wie eine Keule wirbelnd ums Haupt. Krachend schlug er damit zu und tötete einen Elefanten und zwei Tiger. Die übrigen flohen voll wilden Entsetzens. Nur ein mannsgroßer Affe war sitzengeblieben, den langen Schweif quer über den Weg gelegt, die großen Zähne, fast wie in freundlichem Lachen, fletschend. »Nun, du hast noch nicht genug gesehen?« lachte Bhima und warf seine sonderbare Waffe zu Boden. »O Herr, ich bin krank!« sprach der Affe mit bekümmertem Blick, aber listigem Zwinkern. »Bitte, heb' doch meinen Schweif von der Erde und hilf mir auf die Beine!« Da bückte sich der gutmütige Bhima, griff nach dem Schweif des Affen und – hob – zog – schob – , der Schweif war wie an den Boden geschmiedet. Kopfschüttelnd richtete der Starke sich auf, wischte den Schweiß von der Stirne und warf einen mißtrauischen Blick auf den unschuldig dreinschauenden Affen. Dann begann er seine Arbeit aufs neue. Nachdem er sich weidlich geplagt und den Affenschwanz auch nicht fingerbreit vom Fleck gebracht hatte, sagte der Affe gar freundlich: »Nun laß es genug sein, Bruder Bhima! Hast du deine Kraft, so habe ich die meine, denn beide sind wir Söhne des Sturmgottes! Hanumat heiße ich und bin der König der Affen, von dem du wohl manches gehört hast. Ich erkannte dich gleich, als du wie der leibhaftige Sturmwind unter das Viehzeug fuhrest!« Darauf schüttelten die Halbbrüder einander die Hand. Hanumat wies Bhima noch den Weg nach Kuberas Gärten, dann schieden sie als gute Freunde. Bald darauf stand Bhima mitten in den duftenden Beeten des Göttergartens, an dem geheimnisvollen Lotusteich. Ein riesenhafter dienender Geist, der als Gärtner hier waltete, schrie ihm zu, daß er den Herrn des Gartens um Blumen bitten solle, wenn er welche wolle, Bhima sagte, daß die Kriegersitte nicht bitten, sondern nehmen heiße. Es kam zum Streit, zum Kampf, und Bhima erschlug den groben Knecht, gerade in dem Augenblick, als der strahlende Gott Kubera den Garten betrat. Beschämt stand der Eindringling da und erwartete die Strafe des Gottes für seine Raschheit. Doch freundlich lächelte Kubera ihm zu und sprach: »Ich danke dir, starker Bhima! Du hast mich von einem schweren Fluch erlöst! Wisse: mein Diener Manimat, den du soeben erschlagen hast, hat einst auf einer Luftreise im Übermut dem großen Heiligen Agastya auf den Kopf gespuckt, und der Fluch des Propheten drückte mich schwer, bis zum Tode dieses leichtfertigen Frevlers!« Da freute sich Bhima des Gottesdienstes, den seine raschen Fäuste geleistet hatten, neigte sich ehrerbietig vor Kubera und hat ihn um Nachricht über Ardschunas Verbleib. Kubera riet, die Pandava sollten den Berg Gandhamadana besteigen. Dort werde Ardschuna in kurzer Zeit landen. Dann lud er Bhima und die Seinen ein, nach dem Kailasa zurückzukehren und sich's in seinen Gärten wohl sein zu lassen. Damit verschwand der Gott vor Bhimas Augen. Glückselig raffte dieser einen Arm voll der köstlich duftenden Blüten zusammen, lief durch den Wald zu den Seinen und schüttelte die Blumen über das Lager der schlafenden Draupadi. Am nächsten Morgen begannen die Pandava ihre Wanderung nach dem Gandhamadana und erreichten den Gipfel, als eben Matali mit den zehntausend Rossen in der Ferne verschwand, nachdem er den siegreichen Ardschuna gelandet hatte. Wieder vereint, wanderten die Pandava nach dem Kailasa und verlebten vier Menschenjahre, wie eine einzige Nacht des Glückes, in den köstlichen Gärten des Schatzgottes. Im elften Jahre ihrer Verbannung wanderten sie wieder nach dem Kamjakawald, Dort besuchte sie Krischna, der tapfere Jadavafürst, und brachte der sorgenden Draupadi Kunde, daß es ihren Söhnen wohlergehe und daß die starken Knaben schon anfingen, mit den Waffen vertraut zu werden, Judhischthira und die Brüder ermahnte er, des kommenden Kampfes zu gedenken, und versprach, die Freunde und Verwandten der Pandava an die Bündnispflichten zu erinnern. Dann zog er wieder heim und überließ die Verbannten ihrem traurigen Waldleben. Gar eng war die Hütte, in der der ›Herr der Erde‹ mit den Seinen hauste. Oft verglich die stolze Draupadi, zur Rache mahnend, das Leben in Mayas Palast, wo Tausende von Sklaven ihres Winkes geharrt hatten, mit dem Elend in der Einsiedelei, wo eine getreue Dienerin ihre einzige Hilfe im Haushalt war. Bettelnde Brahmanen, die das ganze Land durchstreiften, brachten an Dhritaraschtras Hof die Nachricht, daß die Pandava wieder im Kamjakawalde seien, und erzählten auch von dem entbehrungsreichen Leben, das besonders die edle Draupadi bedrücke. Da gedachte Dhritaraschtra mit Trauer im Herzen in freundlichen Worten der Verwandten und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die beiden Häuser, nach Ablauf der dreizehnjährigen Frist, versöhnt, vereint und glücklich die Erde beherrschen würden. Das war aber nicht nach dem Sinne Durjodhanas und seiner Getreuen gesprochen. Mit Sorge sahen sie die Zeit nahen, da die Pandava wieder zu Macht und Ansehen gelangten. Und eine heimliche Beratung zwischen Durjodhana, seinem wüsten Bruder Duchschasana, dem ränkevollen Oheim Schakuni und dem kampflüsternen Karna, den die wort- und waffenschnellen Pandusöhne, wie die stolze Draupadi, an seiner Ehre gekränkt hatten, brachte neue Pläne zum Verderben der Verbannten zutage: So lebte zu jener Zeit ein sonderbarer Heiliger an Durjodhanas Hof, und den ersah der böswillige Duchschasana dazu aus, den Pandava Verderben zu bringen. Es war der heilige Durwasa. Ein Leben voll strengster Kasteiung, tiefinnerster Buße und stoischer Schmerzerduldung hätte ihm längst den Weg zu Indras Himmel geebnet. Doch wie der Geizige über seinem Golde am liebsten verhungern möchte, so verzichtete Durwasa auf die Freuden des Himmels. Denn er sagte sich, daß diese auch den größten Schatz an Bußfertigkeit nach und nach aufzehren und damit seine Macht über Götter und Menschen vermindern müßten. Darum blieb er bei seiner asketischen Lebensweise und war gefürchtet von Göttern und Menschen, denn neben der Macht, die ihm die aufgehäufte Buße verlieh, konnte sich auch sein Jähzorn sehen lassen, der ihm die Flüche so locker machte, wie anderen Heiligen die Segenswünsche. Durwasa hatte eine Schar von zehntausend Schülern um sich versammelt und lebte nun schon einige Wochen in Hastinapura. König Durjodhana hatte den Gefürchteten ehrerbietigst empfangen und, ganz liebedienerisch, selbst die Betreuung des unangenehmen Gastes übernommen. Durwasa war von der Unterwürfigkeit seines königlichen Wirtes entzückt und versprach, ihm beim Abschied eine Gnade zu bewilligen. Auf Rat des Duchschasana bat nun Durjodhana den abziehenden Heiligen, auch seinen ›vielgeliebten‹ Vetter Judhischthira in seiner Waldsiedelei mit einem längeren Besuch zu erfreuen. Die Argen dachten, daß die armen Verbannten wohl nicht einmal den Hunger des Heiligen und seiner zehntausend Jünger stillen könnten, und hofften, daß dann ein kräftiger Fluch des Jähzornigen die Unglücklichen verderben würde. Doch es kam anders: Draupadis kupferner Kessel, das Geschenk des gütigen Sonnengottes, erwies sich als unerschöpflich. Judhischthiras weise Reden über Recht und Pflicht erfreuten den frommen Brahmanen, sein Jähzorn wurde nicht geweckt, und mit freundlichen Segenswünschen für die Brüder und vielem Dank für die sorgende Hausfrau schied der Gefürchtete und seine Schar aus der Einsiedelei. Nun schützte Durjodhana eine wichtige Regierungshandlung in der Gegend des Kamjakawaldes vor: eine Volks- und Viehzählung. Er begab sich in Begleitung Karnas, Schakunis und Duchschasanas dorthin, um die Pandava in ihrem Elend zu verhöhnen. Mochte ein Streit, ein Kampf darob entbrennen! Den Rechtlosen mußte das eher Verderben bringen, als dem König inmitten seines zahlreichen Gefolges! Doch unterwegs gerieten sie, an der Jamuna, unter die himmlischen Spielleute, die dort auf blumigen Fluren die Apsaras neue Reigen lehrten. Durjodhana forderte von dem Führer der Gandharva die Huldigung, die ihm als König dieses Reiches gebührte. Tschitrasena, der Gandharvakönig, verweigerte sie, und es kam zu blutigem Kampf. Die Gandharva besiegten Durjodharias Troß. Karnas Wagen ward zertrümmert, der Wehrlose mußte zu Fuß in den Wald flüchten. Durjodhana, Schakuni und Duchschasana wurden gefangen genommen. Einige Flüchtlinge aus Durjodhanas Gefolge fanden die Siedelei der Pandava, beklagten das Schicksal ihres Herrn und baten die Verbannten um Hilfe. Bhima jubelte zuerst, daß die bösen Vettern gefangen seien, doch als Judhischthira es für Pflicht erklärte, Schutzheischenden zu helfen, war er Feuer und Flamme und trieb zum Kampf gegen die Gandharva. Seiner unwiderstehlichen Kraft und Ardschunas göttlichen Waffen, sowie den schnellen Schwertern der Madrizwillinge, erlagen viele der Gandharva. Tschitrasena, der sich unsichtbar gemacht hatte, kämpfte mit seinem alten Freund Ardschuna und wurde besiegt. Da ließ er die Gefangenen bringen und lieferte sie den Siegern aus. Der edle Judischthira schenkte ihnen die Freiheit und entließ sie ungekränkt nach Hastinapura. Plötzlich erschien Indra am Himmel mit einer goldenen Schale voll Amrita. Schweigend besprengte er die toten Gandharva. Die sprangen voll Leben auf und scharten sich um Tschitrasena. Der Gandharvafürst reichte Ardschuna die Hand und sagte: »Dies alles geschah auf des Götterkönigs Geheiß. Wir wollen die alten Freunde bleiben!« Durjodhana aber fühlte sich durch den Edelmut der Pandava tief gedemütigt. Als er nach Hastinapura zurückkehrte und Karna ihn ahnungslos zur Befreiung beglückwünschte, ward der Haßblinde fast wahnsinnig vor Zorn und wollte sich töten: das glaubte er nicht ertragen zu können, daß er den Verhaßten nun Dank schulden sollte. Nach und nach gelang es Karna, die Todesgedanken des Ingrimmigen zu zerstreuen. Um dem gebeugten Freund einen Triumph über die Verbannten zu verschaffen, zog der getreue König von Angu mit einem Heer durch die Welt und unterwarf seinem Großkönig viele Völker und Stämme. Ein feierliches Opfer sollte die Unterjochung der neuen Reiche krönen. Aus dem gesamten Gold, das Karna erbeutet hatte, ward ein Pflug geschmiedet und dem Gott Wischnu, dem Erhalter, geopfert. Wie vielen Fürsten Indiens, ward auch den Pandavas ein Bote gesandt, der die Verbannten einlud, bei Durjodhanas Fest eine Schale Opferfett zu vergießen. Doch der unbändige Bhima jagte den Boten aus dem Wald und drohte, am Tage der Schlacht die Schale seines Zornes über die höhnischen Heuchler zu ergießen. Der Raub der Draupadi Kurz vor dem Ende ihres Waldlebens, drohte den Pandava noch ein schwerer Verlust: Dschajadratha, König der Sindhu, Sauwira, Trigarta und Schiwi, ein Schwager Durjodhanas, denn dessen Schwester Duchschala war seine Gattin, ging neuerdings auf Brautschau. Mit einem glänzenden Gefolge zog er durch den Kamjakawald. Kotika, ein Königssohn, führte die Zügel seiner Rosse, und zwölf Prinzen des Sauwirastammes trugen seine Banner. Sechstausend Krieger folgten ihm auf Elefanten, Wagen und Pferden und in geschlossenen Scharen zu Fuß. Als der mächtige König an die Waldwohnung der Pandava kam, stand die liebliche Draupadi an der Türe und harrte der Gatten, die am Morgen zu fröhlicher Jagd ausgezogen waren. Dschajadratha ließ halten: »Bei der meerentstiegenen Lakschmi! wer ist die Herrliche, deren Schönheit durch den dunklen Wald glänzt, wie der Blitz aus schwarzen Wetterwolken? – Kotika, nahe dich ihr und frage, ob sie eine der Himmlischen ist oder eine Blume der Erde!« Kotika sprang vom Wagen, und wie der Hund einer Tigerin nahte er sich der stolzen Schönheit. »Wer bist du, einsame Siedlerin,« fragte er beklommen, »die meines Königs Sinn gefangen nahm? Bist eine Göttin du? Eine Fee? oder die Gattin des nachtwandelnden Mondes? – Mich sendet Dschajadratha, mein königlicher Herr, den du dort auf goldschimmerndem Wagen ragen siehst, wie Agni auf dem Scheiterhaufen. Herrscher ist er über die Sindhu, die Sauwira und manche andere Völker. Er zieht daher in großem Gefolge, wie Indra von Winden umschirmt!« Da antwortete die stolze Pantschalerin: »Draupadi bin ich, des Königs Drupada Tochter. Bei der Wahl, nach Sitte des Kriegerstandes, hab' ich fünf Gatten erkoren: die Söhne des Großkönigs Pandu: Judhischthira, Bhima und Ardschuna, Söhne der Kunti, und die Madrizwillinge Nakula und Sahadewa, Sie jagen durch den Wald, doch naht schon die Stunde ihrer Rückkehr. Seid in ihrem Namen willkommen geheißen! Laßt die Tiere abschirren und das Volk lagern! Judhischthira, mein königlicher Gemahl, wird euch bei seiner Heimkehr gastfreundlich begrüßen.« Damit trat sie in das Haus und traf Vorbereitungen für die Bewirtung der Gäste. Bebend vor Leidenschaft hörte Dschajadratha den Bericht seines Wagenlenkers. »Nein!« rief er dann, »mein Weib muß sie werden! Wie Affen erscheinen mir alle Frauen, seit ich die Schönste gesehen!« Selbsiebent trat er in das Haus und begrüßte Draupadi der Sitte gemäß: »Heil dir, Schöngestaltete! Bist du glücklich? Sind es deine Gatten und alle, deren Heil du wünschest?« Draupadi antwortete: »Heil dir, König! Ist dein Reich mächtig? Dein Schatz gefüllt und dein Heer stark? Herrschest du nach Recht und frommer Pflicht über alles was du besitzest? – Glücklich ist Judhischthira, mein König und Herr! Glücklich auch ich und seine Brüder und alle, nach welchen du fragtest! Nimm hier Fußwasser und Sitz, und harre der Mahlzeit, die ich dem Gaste bereite!« Nachdem mit diesen Reden der ersten Pflicht der Gastfreundschaft Genüge geleistet worden war, brach sich Dschajadrathas Leidenschaft wieder Bahn. »Laß Herd und Speise!« rief er, »und steige auf meinen Wagen! Wie willst du bei den Sinn- und Glücklosen hausen? Komm mit mir zu königlichen Freuden!« Mit gefurchter Stirn trat Draupadi zurück und rief: »Schäme dich!« Und um die Stunde, von der sie die Heimkehr ihrer starken Gatten erhoffte, zu beflügeln, sprudelte sie Wort um Wort hervor und fesselte die Aufmerksamkeit des Entführers: »Ein Tor bist du, der den Zorn der starken Pandava weckt! Eh' könntest du einen wilden Eelefanten mit dem Hirtenstab lenken, eh' du den König der Gerechtigkeit bezwingst! Wie ein Kind an dem Schnurrbart eines schlafenden Tigers zupft, so spielst du mit dem Zorn des furchtbaren Bhima. Dem schlafenden Leuen stößt du den Fuß in die Flanke, wenn du den Gandivaspanner zum Kampf reizest. Besser wäre es fürwahr, dir zischten die Zungen zweier Nattern entgegen, als daß dich die schnellen Schwerter der Madrizwillinge umzucken, Wahnsinniger! Wie die Giftblume zerstäubt und den vernichtet, der sie bricht, so verdirbt die Gattin der Pandava den, der sie raubt!« »Der Schrecken über deine Worte, du Herrliche, besiegt nicht den Reiz deiner zornfunkelnden Augen!« rief Dschajadratha. »Besteige meinen Wagen, du Stolze, und teile mein Reich!« »Zurück!« schrie Draupadi. »Wie das Feuer in dürres Holz, wird sich Ardschuna in dein Heer fressen für diese frevlerischen Worte! Nie soll mein Denken einem andern gelten als meinem Gatten! O höre mich, Dhaumia!« Der Hauspriester trat über die Schwelle und mahnte den Leidenschaftlichen an Recht und Pflicht. Doch das war ein Tropfen in lohenden Brand: rasch sprang Dschajadratha vor und griff nach Draupadis Hand. Die Bedrohte stieß ihn zurück, daß er der Länge nach hinfiel. Da warfen die anderen sich über sie und schleppten die Schreiende nach Dschajadrathas Wagen. Eilig brach der Heerzug auf, doch der Hauspriester Dhaumia ging unter dem Trosse mit und wachte über die Ehre seiner Königin. Die Pandava hatten sich nach erfolgreicher Jagd in einer Waldlichtung getroffen. Judhischthira war von unheilverheißenden Ahnungen erfüllt, als er das ängstliche Laufen, Flattern und Kreischen des von Dschajadrathas Heerzug aufgescheuchten Wildes bemerkte. Er trieb die Brüder zur Eile, denn ihm bangte um Draupadi, das köstliche Gut der Verbannten. Rasch bestiegen sie die Wagen, die ihrer am Treffpunkt geharrt hatten, und eilten in schnellem Rosseslauf nach dem Waldhaus. Am Waldrand stürzte ihnen laut weinend die Dienerin der Gattin entgegen. Judhischthira sprang vom Wagen und rief: »Weh' uns, Weib! Sprich: welches Unheil hat die Königin betroffen? – Ist sie zum Himmel gegangen? – Wir werden ihr folgen!« Stockend und stammelnd erzählte die Getreue vom Raub ihrer Herrin und flehte die Starken an, den Frevler, dessen Spuren noch frisch seien, zu verfolgen, ehe tödliche Schmach die Stolze vernichte. »Genug!« rief Judhischthira, »aus unserem Weg, treue Dienerin! Die Räuber sollen die Pandava kennenlernen!« Und in schneller Fahrt folgten sie dem Heer, dessen Weg gebrochenes Gezweig und geknickte Blumen kennzeichneten. Bald sahen sie die Staubwolke, die das Fußvolk aufwirbelte. Dann trafen sie auf Dhaumia, der mitten im Troß dahinschritt und den Helden weit vorne den Wagen des Entführers zeigte. Wie Wölfe in eine Schafherde, fuhren die Pandava unter die Krieger Dschajadrathas. Der ließ, erschreckt ob des fürchterlichen Kampflärmes, seine Rosse anhalten und forderte Draupadi auf, ihm diese furchtbaren Streiter zu nennen. »Bangt dir vor ihnen, du Tor?« rief Draupadi stolz. »Du sollst sie kennenlernen, die deine Macht zertrümmern und dich heute noch zu meinem Sklaven machen werden. Sieh dort den Adlergesichtigen, dessen Banner über zwei heiligen Trommeln weht! Der ist der König des Rechtes, der gewährt auch dem flehenden Feinde noch Gnade: Judhischthira ist es, der Herr der Erde! Jener Riese an Leib, mit den drohend gewölbten Brauen, ist Bhima, der Furchtbare. Übermenschliche Taten hat er vollbracht, und ungern verschont er die Feinde. Dort der hochgewachsene Bogenschütze ist der Indrasproß Ardschuna. Stark wie Bhima und besonnen wie Judhischthira. Er führt die göttlichen Waffen und seine Muschel heult den Löwenruf zum Schrecken der Feinde. Jener Schöngestaltete, den die Kuntisöhne umschirmen, ist Nakula, der Liebling der Brüder! Und der Große, der ruhig, doch stark sein Schwert schwingt, ist Sahadewa, der Wackre. Sie alle sind meine Gatten! – Bangt dir, elender Tor? – Dein Heer wird zerschellen vor diesen Tapferen wie die Welle am Felsen. Danke den Göttern, wenn du das nackte Leben dir rettest!« Die Pandava wüteten indessen unter dem Gefolge Dschajadrathas: Allen voran brach Bhima mit seiner Keule sich Bahn zu dem Wagen des Räubers. Kotika deckte mit vielen Streitern seinen König. Bhima erschlug einen Elefanten und viele Fußsoldaten. In einem wahren Regen von Pfeilen und Speeren schritt er vorwärts, ohne zu zittern. Ardschuna schoß seine Pfeile zu Hunderten unter die wilden Krieger der Berge, die Dschajadratha umringten. Judhischthira flog auf seinem Streitwagen durch die Reihen und tötete hundert der Besten. Nakula fuhr hinter ihm, und sein Schwert warf die Köpfe der Feinde zu Boden, wie der Sämann den Samen. Sahadewa schoß die Elefantenstreiter von ihren luftigen Sitzen, wie Pfauen von den Bäumen. Tapfer wehrten sich die Sindhu und Sauwira: Dem Judhischthira wurden die Pferde erschlagen, er mußte zu Sahadewa auf den Wagen steigen. Dem Nakula warf der starke Trigartafürst den Wagen um. Zu Fuß mußte der Schwertschwinger sich bis zu Bhima durchkämpfen. Unter Ardschunas Pfeilen fielen die zwölf Sauwirafürsten, Kotika unter Bhimas Keule. Bebend ließ Dschajadratha Draupadi frei und floh in den Wald. Dhaumia übergab die Gerettete ihrem Gatten Nakula, und der brachte sie auf Judhischthiras Wagen in Sicherheit. Ardschuna hielt den unbändigen Bhima vom greulichen Morden in Dschajadrathas geschlagenem Heer zurück und nahm den Zornmütigen mit zur Verfolgung des flüchtigen Frauenräubers. »Tötet ihn nicht!« rief Judhischthira den Enteilenden nach. »Schwer ist sein Frevel, doch gedenkt des Kummers Duchschalas und der guten Königin Gandhari!« »Rächt meine Schmach an ihm!« schrie Draupadi, und schon zogen Ardschunas prächtige Schimmel den silberschelligen Wagen dahin. Meile um Meile schwand unter den Hufen der windschnellen Gandharvahengste. Endlich sahen sie den Sindhukönig im goldglänzenden Wagen wie eine Sturmwolke dahinjagen. Da spannte Ardschuna die Götterwaffe, und auf eine Meile tötete er Schuß um Schuß die Rosse des königlichen Wagens. Als die Verfolger nahten, sprang Dschajadratha flüchtigen Fußes in den Wald. »Feiger Krieger!« schrie Ardschuna, »hast du nur Mut vor Frauen?« Bhima sprang vom Wagen und folgte dem Fliehenden in den Wald. »Töte ihn nicht!« rief Ardschuna. Bhima faßte den Laufenden beim Haar und riß ihn zornig zu Boden. Eingedenk der brüderlichen Mahnung, prügelte er den Feigen mit Faust und Fuß, bis er die Besinnung verlor. Dann schor er ihm mit einem scharfen Pfeile das Haar bis auf fünf Büschel. Als der Elende erwachte, schrie Bhima ihn an: »Sage, daß du ein elender Sklave bist, oder ich schlage dich tot!« Stammelnd sprach der Bestrafte: »Ich bin ein Sklave!« Gebunden schleifte Bhima den Besiegten zum Wagen. Dann jagten sie zurück vor Judhischthira. »Laßt ihn frei!« sprach der großmütige Sohn des Rechtsgottes, als er den Jämmerling sah. »Ho!« sprach Bhima, »Draupadi, die er so schändlich gequält, die soll ihm das Urteil sprechen, mein gefühlvoller Bruder! Draupadi, komm, sieh hier den geschorenen Sklaven. Fünf Büschel ließ ich ihm stehen, für jeden seiner Herren eines!« Stolz sah Draupadi auf den Gedemütigten. »Laß ihn frei!« sprach sie mit verächtlicher Handbewegung, und ging in das Haus. Bhirna löste die Fesseln des Besiegten. Der beugte sich vor dem edlen Judhischthira. »Schmach dir, schändlicher Frauenräuber!« sprach der König. »Erkenne das Schlechte deiner Tat: die Verletzung von Recht und Sitte. Sammle die Trümmer deines Heeres und geh! Möge dein Sinn für Recht und Pflicht wachsen, Dschajadratha! Ziehe in Frieden!« Beschämt, mit verhülltem Antlitz, schlich sich der Besiegte hinweg und zog nach einem Heiligtum des Schiwa. Dort büßte er seine Tat, und der Gereinigte flehte zu dem mächtigen Gott um Kraft zur Rache an seinen Besiegern. Die zwölf Monde Um diese Zeit waren zwölf Jahre der Verbannung vorüber, und es galt, den zweiten Teil des verspielten Gelübdes einzulösen: Zwölf Monde sollten die Pandava, unerkannt dienend, in einer Stadt verleben. Sie entschlossen sich, an den Hof des Königs Virata von Matsya zu ziehen und verkleidet und unter fremden Namen bei ihm Dienste zu suchen. Der getreue Dhaumia zog mit dem geheiligten Hausfeuer seines königlichen Herrn an den Hof Drupadas, des Vaters der Königin, um es den edlen Dienenden zu behüten, bis es wieder auf eigenem Herde flackern könnte. Die wenigen Diener und die guten Brahmanen, welche treu bei ihrem verbannten König geblieben waren, fanden am Hofe Krischnas freundliche Aufnahme. Die fünf tapferen Brüder aber und ihre stolze Gattin zogen in die Knechtschaft. Judhischthira fand zuerst Aufnahme in das Gefolge Viratas. Seine edle Erscheinung hatte des Königs Aufmerksamkeit erregt. Er gab sich als Fahrender aus, der besondere Kunde im Würfel- und Brettspiel besitze, und ward so dem Hofstaat zur Unterhaltung des Königs einverleibt. Bhima verdingte sich aus Koch, und seine Angabe, daß er nebenbei auch ein unbezwinglicher Faustkämpfer sei, sicherte ihm die Gunst des königlichen Küchenmeisters. Nakula fand als genauer Kenner der Rosse im Marstall des Königs Dienste und brachte es bald zum Marschalk. Der versonnene Sahadewa nahm den Hirtenstab und trieb die Rinder des Königs auf die Weide. Ardschuna gedachte des Fluches seiner schönen Ahnin Urwasi. Er suchte und fand Dienst im Frauenhaus des Königs als Tanzlehrer der schönen Prinzessin Uttaraa. Draupadi irrte lange durch die Stadt bis sie endlich vor der Königin stand. Dieser freundlichen Herrin bot sie ihre Dienste als Kammerfrau an und legte Proben ihrer Geschicklichkeit ab. Die Königin freute sich sehr über die Gewandheit Draupadis, aber sie sprach ihre Sorge aus, daß die Schönheit der Zofe sie mancher Beunruhigung durch dreiste Werber aussetzen würde. Da vertraute die Schlaue der Königin an, daß fünf von den himmlischen Spielleuten ihr verlobt seien. Diese tapferen Gandharva würden sie vor der Zudringlichkeit jedes Mannes beschützen. So ward Draupadi die Zofe der Königin von Matsya. Im vierten Monat ward zu Ehren des Brahma ein großes Fest in der Stadt gefeiert. Dabei erwarb sich Bhima die Gunst alles Volkes, als er den Sieger in allen Wettkämpfen, den starken Dschimuta, nach kurzem Faustkampf bezwang. Doch seiner unbändigen Kraft harrte noch eine ernstere Aufgabe. Kitschaka, der erste Feldherr des Königs, war in Liebe zur Draupadi entbrannt. Als Bruder der Königin hatte er oft Gelegenheit, sie zu sehen und ihr seine heißen Anträge zuzuflüstern. Vergebens wies Draupadi den Verliebten immer mit großer Kälte zurück; er ruhte nicht und begehrte die kalte Schönheit zum Weibe. Als sein Drängen immer heftiger und schon eine Gefahr für das Geheimnis der Pandava wurde, gab Draupadi dem Ungestümen endlich ein Stelldichein im Tanzsaal der Königin. Dort erwartete Bhima den gefährlichen Toren und erwürgte ihn in der Stille der Nacht. Draupadi sagte am nächsten Morgen, einer der sie beschützenden Gandharva habe den oft Gewarnten erwürgt. König und Königin unterwarfen sich diesem strengen Gericht der Himmlischen, aber der starke Anhang des kühnen Feldherrn murrte und forderte, daß die schöne Zofe mit dem Leichnam des Betörten verbrannt werde. König und Königin mußten ihre Einwilligung geben, wenn sie es nicht, um der Unbekannten willen, zu blutigem Aufstand kommen lassen wollten. Schon war der Scheiterhaufen auf dem Friedhof geschichtet, und die traurige Zeremonie sollte ihren Anfang nehmen, als der vermummte Bhima durch die Büsche brach, eine junge Palme aus dem Boden riß und damit unter die Trauergäste fuhr. Über hundert hatte er schon erschlagen, ehe die Entsetzten mit dem Schreckensruf: der Gandharva! entflohen. Draupadi war gerettet, aber das Volk verlangte, daß der König die gefährliche Gandharvabraut aus dem Lande weise. Da bat Draupadi nur noch um dreizehn Tage Frist, denn so nahe war einstweilen das Ende der Verbannung gerückt, und die gütige Königin gewährte diese Bitte. Unterdessen war die Nachricht vom Tode Kitschakas durch alle Lande geeilt, und Suscharman, der König der Trigarta, den der tapfere Feldherr der Matsya einige Male aufs Haupt geschlagen hatte, glaubte die Zeit für seine Rache gekommen. Er sandte Boten zu seinem Freunde Durjodhana und lud das Kuruvolk zu einem Raubzug gegen die Matsya ein. Kurz nach der Rettung Draupadis traf die Nachricht ein, daß Suscharman mit starkem Aufgebot in das Reich Viratas eingefallen sei und alle Herden der Bewohner wegtreiben lasse. Rasch rüstete Virata sein Heer und zog gegen die räuberischen Nachbarn zu Felde. Judhischthira, Bhima, Nakula und Sahadewa zogen mit ihm. Kaum hatten die Krieger die Stadt verlassen, kam schweißbedeckt ein Hirte und meldete, daß die Kuru im Norden unter ihrem König Durjodhana die Grenze überschritten hätten und unter der dortigen Hirtenbevölkerung wie Räuber hausten. Der junge Prinz Uttara, der einzige aus dem Kriegerstande, der zum Schutze der Frauen zurückgeblieben war, wollte den bedrängten Hirten zu Hilfe eilen, doch fand er niemanden in der Stadt, der seinen Streitwagen hätte lenken können. Da riet die kluge Draupadi der Königin, der Prinz möge es doch einmal mit dem Tanzmeister der Prinzessin versuchen. Ardschuna wurde gerufen und bekannte sich zu der nötigen Geschicklichkeit. Frohen Herzens ob der kriegerischen Übung bestieg er den Wagen, und fort ging's mit dem jungen Prinzen nach Norden. Doch wehe: als Uttara von weitem die hundert und aber hundert Krieger der Kuru sah, entfiel ihm der Mut, und er sprang vom Wagen, um zu fliehen. Rasch packte Ardschuna ihn an den Haaren und zog ihn wieder auf den Wagen. Dann wendete er schweigend und fuhr zurück. Doch nicht nach der Stadt, sondern zu einem uralten Baum vor den Toren. Dort hatten die Pandava vor einem Jahr ihre Waffen und Standarten versteckt, ehe sie in die Knechtschaft gingen. Schweigend rüstete sich der Starke mit Indras undurchdringlichem Panzer, mit dem getreuen Gandiva, Köcher, Schwert und Streitkolben. Dann pflanzte er das Affenbanner auf Uttaras Wagen, hing Dewadatta, die göttliche Drommete, um den Hals und sprach zu dem staunenden Prinzen: »Ich denke, du wirst gerne die Zügel ergreifen und mir mutig die Rosse lenken, wenn du weißt, wer ich bin. Ein Gelübde verbot mir bis jetzt, mich zu nennen, doch heut' ist das Jahr herum. Ardschuna bin ich, der Sohn des tapferen Pandu; Gandiva siehst du hier, den starken Bogen Varunas. Göttliche Waffen trag' ich und habe gelernt, sie zu führen. Auf, mein königlicher Lenker, und mutig dem Feinde entgegen!« Von Ardschunas Worten begeistert, sprang der Jüngling an die Zügel, und fort ging's, was die Rosse laufen konnten, gegen den Feind. Im Innersten erschreckt, hörte Durjodhana den Löwenruf aus Ardschunas Muschel über das Blachfeld schallen. Er ahnte den starken Arm des Rächers und ordnete seine Scharen zum Angriff. Als der einzelne Wagen mit dem erlesenen Kämpfer sich dem feindlichen Heerhaufen näherte, taten sich die Wolken auf, und Indra mit den Göttern sah auf das Schlachtfeld: Schon hat das Schwirren Gandivas das Schmettern Dewadattas abgelöst. Gellende Todesschreie mischen sich in diese Kriegsweise. Durjodhana, Duchschasana, der junge Vikarna, der greise Kripa, ja selbst der tapfere Karna, müssen heute dem Gandivaspanner das Feld räumen. Als wenn das Jahr im Frauendienst die Kräfte des Kriegers verdoppelt hätte, so fliegt von dem schweren Bogen Tod um Tod in die Scharen der Feinde, lüftet, lichtet, zerreißt sie, bringt sie ins Wanken und treibt die Reste in regelloser Flucht von dem Felde der Ehre. Durjodhana und seine Getreuen wenden sich noch ein letztesmal gegen den furchtbaren Feind. Ein Schuß mit einem Zauberpfeil streckt sie alle betäubt zu Boden. Uttara muß vom Wagen springen und ihnen die prächtigen Mäntel abnehmen. Die will Ardschuna seiner Prinzessin als Trophäe bringen. Rasch ging's nun nach der Stadt zurück, um die Nachricht vom Siege dorthin zu bringen. Mittlerweile war Virata nach Hause zurückgekehrt. Er hatte anfangs mit den tapferen Trigartas einen schweren Strauß zu bestehen gehabt und war sogar in Suscharmans Gefangenschaft geraten. Doch der starke Bhima hatte ihn wieder herausgehauen und den König Suscharman im Zweikampf besiegt. Gebunden brachte er den Friedensstörer vor Virata. Auf Judhischthiras Rat entließ dieser den Gefangenen ungekränkt in seine Heimat. Als mit Uttara die Nachricht vom Siege gegen die Kuru vor den König kam, umarmte er seinen jungen Sohn voll Stolz und Freude und nannte ihn Sieger. Doch der edle Jüngling lehnte alles Verdienst ab und sagte, ein Gott sei vom Himmel gestiegen und habe für ihn gekänipft. Am nächsten Morgen gingen die Pandavas vor die Stadt, rüsteten sich an ihrem hohlen Baum und erschienen sodann im Glanz ihrer Waffen vor dem König. Ardschuna, durch Uttaras begeisterte Schlachtschilderung vollauf beglaubigt, stellte dem König seine Brüder vor, und lauter Jubel war im Lande der Matsya ob dieser tapferen Bundesgenossen. Virata bot dem Helden Ardschuna seine Tochter Uttara an. Dieser nahm die liebliche Jungfrau mit Freuden entgegen und bestimmte sie seinem Sohne Abhimanju als Gattin. Wenige Wochen darauf war die Hochzeit der schönen Kinder zu Upaplavia, der Residenz König Viratas. Recht oder Macht? Das große Familienfest gab dem Pandava Gelegenheit, die Getreuen ihres Hauses, die Freunde und Verfechter ihres Rechtes, um sich zu versammeln und in ernstem Rat die schnelle Tat zu erwägen. Krischna kam, der Treuste, mit seinem tapferen Heerführer Kritawarman, der greise Drupada mit seinen Söhnen Drischtadjumna und Schikhandin, ferner Jujudhana, Fürst der Someker, und viele andere. Wohl riefen die Speergewaltigen alle nach Krieg und schnellem Schlagen, doch der edle Judhischthira bebte vor dem Bludbad im eigenen Hause zurück. Der König der Gerechtigkeit gelobte, nichts unversucht zu lassen, was auf friedlichem Wege zum Siege führen könnte, doch auch lieber vom Schwerte zu sterben, als das Recht unterliegen zu sehen. Der würdige Hauspriester Viratas wurde an den Hof der Kaurava gesandt. Er sollte dort das Elend schildern, welches das verbannte Haus des rechtmäßigen Großkönigs hatte erdulden müssen, und für Judhischthira diejenige Reichshälfte fordern, die dieser vor Schakunis betrügerischem Spiel beherrscht hatte. Der Brahmane zog nach Hastinapura, und die fürstlichen Gäste eilten heim, um ihre Heere zu rüsten, denn keiner wollte an Frieden aus den Händen des Neidlings Durjodhana glauben. Krischna war am Abend in Dwaraka angekommen und schlief, von der schnellen Fahrt ermüdet, in den hellen Morgen hinein, als König Durjodhana sich vor ihn führen ließ. Im selben Augenblick trat Ardschuna, der dem Freund in aller Eile gefolgt war, ins Schlafgemach des Jadavas. Der Blick des Erwachenden traf die beiden unversöhnlichen Gegner. Beide brachten ihre Bitte vor: der tapfere Jadavafürst möchte für ihre Sache einstehen! Da sprach Krischna: »Ihr seid meine Gäste! Keinem will ich die Bitte abschlagen, beiden kann ich sie nicht gewähren, so muß mein Schwert in der Scheide bleiben! Doch wählet jeder ein Gastgeschenk: Dem einen gebe ich mein Heer, unter Führung des tapferen Kritawarman, dem anderen mich, als Berater und Freund!« Ohne sich lange zu besinnen, wählte Ardschuna den klugen Jadavafürsten als Freund und Berater; triumphierend zog Durjodhana ab, mit ihm Krischnas Krieger, die tapferen Bodschas, Andhakas und Kukuras, unter Führung Kritawarmans. Krischna aber umarmte den Freund und versprach, als Wagenlenker nicht von seiner Seite zu weichen, bis der Kampf zum Siege der Pandava geführt habe. Die Sendung des priesterlichen Friedensboten blieb ohne Ergebnis. Der blinde König wagte es nicht, eine Entscheidung zu treffen, solange sein herrschsüchtiger Sohn vom Hofe abwesend war, und als Durjodhana endlich mit Krischnas Heerbann eintraf, stand Dhritaraschtra wieder ganz unter dem Willen des Gierigen. Sandschaja, der Wagenlenker, sollte den hochgeehrten Gesandten nach Hause geleiten und dem harrenden Judhischthira des Königs Antwort überbringen: Er liebe den Frieden über alles, aber das ganze Reich sei Durjodhanas rechtmäßiges Erbe! Zu Upaplavia waren die Pandava und viele ihrer fürstlichen Freunde versammelt, als Sandschaja seine Botschaft verkündete. Wilder Waffenlärm erfüllte die Halle, als die heuchlerischen Friedensworte verklungen waren: Krieg! auf gegen die Kaurava! zu den Waffen! so scholl es durcheinander. Judhischthira streckte die Hand in den wogenden Lärm, und er verstummte. »Freunde und Brüder!« sprach er. »Pandu ward zum Großkönig geweiht, denn der ältere Bruder war blind, und das uralte Gesetz fordert, daß der König bei seiner Weihe gesund sei. Als mein Vater zur Buße in die Berge zog, war ihm noch kein Sohn geboren. Er gab die Herrschaft dem Bruder, doch das Erbe des Geschlechtes kann kein Mann vergeben, das schenkt nur das Recht der Geburt. Mein ist das Reich, denn mit mir ist das Recht! – Soll ich vom Reiche und damit vom Rechte lassen? – Niemals! – Soll ich den Tod ins Haus meiner Väter tragen? Niederbrennen, was mir das Liebste war? Im Kampfe stehen gegen die Vettern, die meine Jugend teilten, gegen die Lehrer, die meine Jugend schirmten? Den guten Kripa töten, den würdigen Drona und unseren so heißgeliebten Großvater Bhischma? – Ich muß, wenn mir mein Recht nicht wird! Toren nur handeln im Wahne, Unrecht sei Recht!« Totenstille herrschte im Saal – da hörte man ein unterdrücktes Stöhnen – dann stürzte Bhima laut weinend zu Füßen seines edlen Bruders und schluchzte: »Friede! Bruder, Friede!« Als hätten Berge die Schwere verloren, als käme vom Feuer ein kalter Hauch, so staunten alle, den trotzigen Sohn des Sturmgottes in Tränen zu sehen. Der kaltblütige Krischna warf in diese Stille der Bewegtheit die Frage: »Seit wann weint Bhima, wenn es zur Rache geht?« Da sprang der Unbändige beschämt auf und ballte die Faust: »Bei Indra!« rief er. »Du sprichst zur rechten Zeit! Fast hätt' ich mich verloren vor dem Elend, das der König des Rechtes geschildert hat. Genug! Auf, Judhischthira, führ' uns nach dem Kurufeld! Die Waffen schützen dein Recht, wo die Worte versagen!« »Bedenkt!« sprach Judhischthira ernst, »es ist das Blut der Bharata, das fließen soll! – Noch einmal will ich den Frieden suchen: mag Durjodhana des Reiches Krone tragen, doch um des Rechtes willen soll er uns nur fünf Dörflein geben; fünf kleine Dörfer für die Söhne des Großkönigs!« Da sprang Draupadi in den Kreis der Männer. »Pfui!« rief sie, »spricht so mein stolzer Gemahl? – Feigling! Bald gefüllt ist eine seichte Pfütze, leicht zu füllen die Faust einer Maus, doch die Tatze des Löwen schlägt nach dem Herzen! Bald befriedigt ist der Feigling, mit Kleinstem schon begnügt er sich. Erbarmen und Gerechtigkeit sind des Kriegers Tugenden nicht! Flammt auf und brennt, stolze Herzen, im Haß! Besser leuchten und verbrennen, als eine Ewigkeit qualmen im Dunkeln! Von dessen Taten die Menschheit nicht Wunder erzählt, der hat den Haufen gemehrt, doch niemals gelebt! Zum Kampf! Gedenkt eurer Racheschwüre!« »Auf, auf!« jubelte Ardschuna. »Mein Schwert tanzt in der Scheide! – Will Durjodhana den Krieg, wohlan – mein Bogen gähnt!« »Ja, auf!« brüllte Bhima. »Hat der Kuru Durst nach dem Tod, so mag er den im eigenen Blute löschen. Ich will über sie kommen: Eh' tritt der Ozean aus seinen Ufern, Berge sollten eher spalten, eh' ich meinen Eid vergesse! Wehe Duchschasana!« »Wehe! wehe!« dröhnte es durch den Waffenlärm. Judhischthiras stolze Handbewegung gebot Ruhe: »Euch geziemt, den Kampf zu lieben, mir, das Recht und den Frieden zu schirmen! Es bleibt bei meinem Königswort! Du, Krischna, kluger Freund, sollst nach Hastinapura eilen. Führ' unsere Sache mit all deiner Weisheit! – Fünf Dörflein, sie bewahren den Frieden und schützen das Recht!« Schweigend schritten die Helden auf einen Wink des Königs aus der Halle. Krischna bestieg seinen Wagen und fuhr nach Hastinapura. Am Hofe Dhritaraschtras wurde der edle Gesandte mit allen Ehren empfangen. Der alte und der junge König boten ihm ihre Gastfreundschaft an, doch Krischna lehnte sie dankend ab und bezog das Haus des gütigen und weisen Vidura, in welchem auch die greise Mutter der Pandava, die edle Kunti, ihr seit der Verbannung der tapferen Söhne so trauriges Dasein verbrachte. Am nächsten Morgen trat Krischna vor die Versammlung der Kurufürsten, sprach in beredten Worten vom Elend der Pandava bei all ihrem Adel, pries ihre Geduld bei all ihrer Kraft, ihre Mäßigkeit im Fordern bei all ihrem Recht, und verlangte von Durjodhana die friedliche Abtretung des halben Reiches mit der Hauptstadt Indraprastha. Alle, die es mit dem Kuruvolk ehrlich meinten, lobten die weise Mäßigung der einst so schwer gekränkten Pandusöhne. Vor allem die Alten! Bhischma, Drona und Kripa reichten dem klugen Gesandten die Hand und unterstützten seine Worte mit friedfertigen Reden, versönlichen Vorschlägen und ahnungsvollen Warnungen vor dem Bruderkrieg. König Durjodhana hatte einstweilen mit seinen Getreuesten gesprochen. Karna hatte zum Kriege geraten, um seiner Freude am Kampf, um seiner Hoffnung auf Rache willen. Der schlaue Oheim. Schakuni, der wüste Bruder Duchschasana, pochten auf den starken Anhang, den der Machthaber immer finden kann. Sie freuten sich, alle die Demütigungen der Pandava durch einen Sieg in offener Schlacht zu krönen. Durjadhanos Habgier hieß ihn einen Weg meiden, der zu einer Verminderung seiner Habe, seiner Macht führte. – Er sprang auf und rief in das Durcheinander der Stimmen: »Schweigt! – schweigt mir von einem Frieden, der erhandelt werden müßte, wie ein Stück Vieh! Judhischthira spielt vor aller Welt den, der um des Rechtes willen leidet. Er heuchelt, um mich gefahrlos zu berauben. Kennt ihr die Fabel von dem gefräßigen Kater, dem kein Tierlein mehr über den Weg traute: Halb verhungert, spielt er den Büßer und Asketen, stand mit zum Himmel erhobenen Pfoten am Ufer der heiligen Ganga und schrie seine Gottesfürchtigkeit in alle Welt. Da kamen die harmlosen Tierlein, die Mäuse und Vögel, und baten ihn, ihnen doch von seiner Heiligkeit mitzuteilen, denn sie wären allesamt Sünder und darum ewig von den Stärkeren verfolgt. Der scheinheilige Kater aber stellte sich ganz ermattet von der Strenge seiner Bußübungen und bat, ihn in seine Höhle zu tragen: dort wolle er den Schatz seiner Buße an die unschuldig verfolgten Kleinen verteilen, daß sie hinfort in Frieden leben könnten. Da drängten sich Vöglein und Mäuschen um den falschen Heiligen, und auf ihren hundert und aberhundert winzigen Schultern trugen sie ihn in seine Höhle. Dort sprang der Ermattete auf, stellte sich an den Eingang und zerriß mit seinen Krallen alle, die seine Frömmigkeit nicht bezweifelt hatten. Nun, ich zweifle an Judhischthiras Gerechtigkeit! Nicht eine Hand will ich rühren, um den Kater in seine Höhle zu tragen. Ich zweifle an dem Recht der Pandava auf eine Krone des Bharatareiches: Dhritaraschtra war der älteste Sohn des Großkönigs Witschitrawiria. Ihm hätte die Weihe gebürt! Er hat das Reich auch beherrscht, seit sein Bruder zur Buße in den Wald ging. Von ihm stammt mein Recht, das Diadem um den Turban zu schlingen, unter dem gelben Schirm zu sitzen und Königsschuhe zu tragen. Nur mir ward das Recht, das ganze Reich zu beherrschen. Mögen die Vettern ruhig im Kamjakawalde bleiben, so will ich vergessen, daß sie nach meinem Thron getrachtet haben. Das ist der Friede, um den nicht gehandelt wird! Von meinem Reiche geb' ich nicht so viel Boden, als eine Nadelspitze bedeckt!« Einige murrten, die Alten mahnten, doch die Mehrheit jubelte dem König zu, denn Schakuni und Duchschasana unterstützten die Worte Durjodhanas gar eifrig mit großspurigen Reden. »So höre mein letztes Wort!« sprach Krischna. »Nur um des Rechtes willen, das dem Sohne des Rechtsgottes ein Heiligtum ist, will Judhischthira sich begnügen, wenn du ihm die Herrschaft über fünf Dörflein läßt! Nicht Macht, nicht Reichtum sucht der König der Gerechtigkeit, aber wie sollte er leben, wo das Recht mit Füßen getreten wird!« »Wackrer Judhischthira! Braver Gesandter!« klang es von den Sitzen der Alten. »Schweigt!« herrschte Durjodhana sie an. »Nicht so viel Land, als eine Nadelspitze bedeckt! – Ich hab's geschworen! – Du, Krischna, sei auf deiner Hut! Deine Unverletzlichkeit als Gesandter gilt mir nichts, wenn du Zwietracht an meinem Hofe säst. Ich lasse dich binden wie einen Sklaven!« »Du irrst,« sprach Krischna stolz, »wenn du glaubst, daß ich dich fürchte! Doch mein Amt ist damit zu Ende!« »Bleib', edler Jadavafürst!« sprach der greise Bhischma, sich erhebend, »Ich habe vor vielen Jahren auf die Herrschaft über dieses Reich verzichtet. Ich bin der Diener dieses schnellzüngigen Königs, sein bestes Schwert, sein erster Rat! – Und ich rate zum Frieden! Ich rate zur Versöhnung! Ich rate, einen Krieg zu vermeiden, der das Blut der Bharata stromweise trinken muß, mag hier oder dort der Sieger stehen! – Hört auf mich, den Alten, der viele Geschlechter leben und sterben sah: Haltet Frieden!« Als sich bei den Worten des greisen Recken ein Murmeln der Zustimmung hören ließ, sprang der goldschimmernde Karna, der starke König von Anga, von seinem Sitze empor und rief voll Leidenschaft: »Frieden? Frieden? Sind wir nicht Krieger? – Ich achte die Erfahrung des Alters, aber nicht seine kindische Schwäche. Bhischma hat Kriegsruhm aufgehäuft, daß er wohl daran zehren kann bis an sein Ende! Fürchtet der Alte, daß ihn die Jungen nun übertreffen könnten, so mag er zu Hause bleiben und auf den Strohtod warten. Doch wir, die noch Mark in den Knochen und Mut in den Herzen tragen, wir wollen hinaus und den übermütigen Pandava zeigen, wo die besseren Männer stehen!« »Gemach!« rief Bhischma, sich trotzig aufrichtend, »gemach, Karna, noch bin ich der unbezwungene Gangasohn, der erste Prinz der Bharata, dem wohl das Herz bluten darf, wenn sein edles Geschlecht sich selbst zerfleischen will, um Recht und Unrecht, Hab und Gut! Du freilich ahnst es nicht, wie kostbar mir jeder Tropfen königlichen Blutes ist, denn du bist und bleibst ein Fuhrmannssohn !« »Wehe!« rief Karna, »auch hier das verhaßte Wort! – Höre, Durjodhana: ich bin dein Freund und getreuer Vasall; doch hier schwöre ich beim strahlenden Gott der Sonne: nie will ich zugleich mit jenem Alten meine Waffen für dich gebrauchen! Möge es allen klar werden, wer der bessere Krieger ist: Karna, der Fuhrmannssohn, oder Bhischma, der erlauchte Bharatasprößling! Ficht er, so groll' ich im Zelt; fällt er, so führ' ich die Deinen zum Sieg oder sterb' als dein tapferster Krieger!« Damit wandte sich der Zornmütige und schritt aus der Halle. Ein Wink des Königs löste die Versammlung auf, und Krischna ging in das Haus seines Gastfreundes, um der edlen Kunti vom Scheitern seiner Gesandtschaft zu berichten und von ihr Urlaub zu erbitten. Doch kaum war erzählt, was sich alles in der Halle zugetragen hatte, so bat Kunti ihren Brudersohn, seine Abreise zu verschieben und ihr zu folgen. Krischna gehorchte der edlen Matrone, und rasch trugen einige Sklaven des Hauses die beiden in einem geschlossenen Tragstuhl nach dem Paläste des zürnenden Karna. Karna empfing die edle Greisin mit Ehrerbietung, den Gesandten mit schweigendem Gruß. »Höre mich, edler Karna!« begann Kunti. »Ich sehe die gerunzelten Brauen auf deiner Stirne und weiß, was sie bedeuten: Sie haben dir deine Abkunft vorgeworfen! – Nun, sieh freudig ins Leben! Das kann dich nicht treffen, denn du bist eines Gottes Sohn und – der meine! – Oh, nicht diese Bewegung der Abwehr – der Ungläubigkeit – höre, wie alles kam: Ich war noch ein kleines Mädchen, als ein Heiliger zu uns kam und die Gastfreundschaft meines Vaters erbat. Dieser räumte dem frommen Büßer sein Haus ein und bestimmte mich zur Dienerin des Ehrwürdigen. Voll Eifer erfüllte ich meine Pflicht, und der heilige Mann, der ein Jahr lang bei uns geblieben war, gab mir beim Abschied einen Zauberspruch, der mir jeden Gott vom Himmel herabrufen konnte. Ich war zur Jungfrau geworden und stand eines Abends auf dem Söller meines Schlafgemaches, als die Sonne voll glutroten Scheines ins Meer tauchte. »Herrlich!« rief ich, »o könnte ich Surya doch von Angesicht zu Angesicht sehen!« Da fiel mir der Zauberspruch, das Geschenk des guten Heiligen, ein. Neugierig – ängstlich – halb im Spiel – murmelte ich die geheimnisvollen Worte und gedachte des Tausendstrahligen voll inniger Sehnsucht. – Schon stand er vor mir im müden Glanz seines goldschimmernden Panzers, das freundliche Antlitz zwischen dem prächtigen Schmuck seiner Ohren! – Ich zitterte vor dem Erhabenen und bat ihn, ob des kindischen Spieles nicht zu zürnen! Da umarmte und küßte mich der Gott und versprach, mir einen Sohn zu schenken. Ich bat den Strahlenden, das Söhnlein mit dem undurchdringlichen Panzer aus Gold und dem schimmernden Ohrgeschmeide auszurüsten, auf daß es glänze vor allen Helden der Erde. Freundlich lächelnd nickte der Sonnengott Gewährung und verschwand. Als das Kindlein zur Welt kam, hatte es einen goldenen Panzer um die junge Brust und die glänzenden Ringe Suryas in den Ohren. Ich fürchtete den Zorn des Vaters, legte das schöne Knäblein, bittere Tränen weinend, in einen mit Wachs überzogenen Weidenkorb und setzte das kleine Fahrzeug mit vielen heißen Segenswünschen auf den Fluß. Der Wagenlenker Adhiratha und seine edle Gattin Radha, die den Sonnengott schon lange um einen Sohn gebeten hatten, fanden das kleine Schifflein, waren voll Freude und haben dich, mein Sohn Karna, in aller Liebe erzogen! Willst du mir nun die anderen Söhne töten? – Deine Brüder: den edlen Judhischthira, den starken Bhima, den linksspannenden Schützen Ardschuna –?« »Halt!« rief Karna, »der Name ruft meine Racheschwüre wach, die eingeschlafen waren bei deinen süßen Worten! – – Was doch eine Mutter alles ersinnt, um ihre Söhne vor sicherem Tod zu bewahren!« »O Karna, ich verdiene dein Mißtrauen, denn ich habe nicht als Mutter an dir gehandelt – doch meine Worte sind wahr, beim allessehenden Gott!« Da füllte sich das Gemach mit blendendem Sonnenschein, daß die drei ihre Augen vor der Fülle des Lichtes schließen mußten, und eine Stimme klang in Karnas Ohr und sprach: »Mein Sohn, das Weib hat wahr gesprochen!« Da neigte Karna sein Haupt in Ehrfucht vor dem göttlichen Vater, und als er sich aufrichtete, war die Fülle des Lichtes verschwunden, das Gemach nicht heller als sonst. »Höre, edler Karna!« sprach nun Krischna, »als ältester Kuntisohn bist du das Haupt der Pandavasippe! Komme mit mir! Der rechtliche Judhischthira läßt dir die Herrschaft, und wir brennen dies Nest der Neidinge aus!« »O schweige, schlauer Versucher!« rief Karna. »Soll ich die Treue wechseln wie einen Mantel, der mir nicht mehr gefällt? – Soll ich Ardschuna lieben, der mir Draupadi genommen, und Durjodhana hassen, der mir Freundschaft und Ehre erwiesen? – Soll ich Radha verleugnen, die nicht meine Mutter ist, aber mir eine Mutter war? – Soll ich Kunti Mutter nennen, die den Sohn des Sonnengottes Fuhrmannssohn schmähen ließ? – Geht – geht! – Deine Söhne, du ungerechte Mutter, will ich schonen – bis auf Ardschuna – den werde ich tödlich hassen bis an mein Ende – die Madrizwillinge laß ich dir für ihn – geh' – geh' – das ist alles, was du von dem Fuhrmannssohn fordern kannst – Mutter!« Mit verhülltem Antlitz wandte er sich ab, als Krischna die weinende Greisin aus dem Hause führte. Die Schlacht Bhischmas Ausgang Auf dem Kurufeld bauten die feindlichen Heere ihre Lager: Im Osten umzogen die Kuru und ihre Hilfsvölker elf Plätze mit Wall und Graben und siedelten dort ihre Streitmacht an; im Westen umschloß ein einziger starker Gürtel die sieben Heere der Pandava und ihrer Bundesgenossen. Als die letzten Vorbereitungen getroffen waren, die Brahmanen in brünstigen Opfern und heißem Gebet den Segen der Götter für die Ihren erfleht hatten, ordneten die Führer auf beiden Seiten ihre Scharen zur Schlacht. In vier Staffeln standen die Krieger, nach uraltem, geheiligtem Brauch der Kaste: Voran die Edelsten auf ihren schimmernden Streitwagen, weithin an ihre kostbaren Fahnen, Standarten und Wappen zu erkennen. Dann kamen die beweglichen Reiter, welche bedrängten Wagenkämpfern zu Hilfe eilen sollten. Hinter diesen stampften die schwer gerüsteten Kriegselefanten einher: wo die vordersten Kämpfer die feindlichen Reihen ins Wanken brachten, da sollten sie durchbrechen. Ganz hinten stand dichtgedrängt das Fußvolk, mit Keulen und Schwertern bewaffnet. Nach Krischnas Abreise von Hastinapura hatte Durjodhana den Sohn eines Spielers, den Uluka, mit der Kriegserklärung und den bei solcher Gelegenheit üblichen Schmähungen zu den Pandava gesandt. Bhima hatte den ehrlosen Boten empfangen und, nachdem er die Schmähreden aus vollstem Herzen erwidert hatte, seinem Herrn zurückgeschickt. Nachdem die Führer ihre Krieger in Schlachtordnung gestellt hatten, fuhren sie mit vielen erlesenen Einzelkämpfern auf prächtigen Streitwagen zwischen den Heeren umher und ehrten sich und die Gegner durch Zuruf und Erzählung früherer Heldentaten. Judhischthira hatte den tapferen Dhrischtadjumna, den Führer des starken Pantschalerheeres, zum Oberfeldherrn ernannt. Die gesamte Streitmacht der Kaurava stand unter dem Befehl des greisen Bhischma, des unbezwinglichen Gangasohnes. Die Waffen schlugen hallend aneinander; Muscheln, Flöten, Pauken und Sackpfeifen spielten kriegerische Weisen; Pferde wieherten kampflustig, und der Schrei der Elefanten mischte sich in das Chaos von Tönen. Als die Schlachtmusik verklungen war, fuhr Bhischmas Wagen vor: Als wandle der eisstarrende Himawat leibhaftig zwischen den feindlichen Heeren, so war das anzusehen. Auf silbernem Wagen, den vier fleckenlose Schimmel in silbergebuckeltem Geschirr zogen, stand der Heldengreis in weißem Gewand, mit silbernem Panzer und demantblitzendem Turban. Bis an den Gürtel wallte sein schneeweißer Bart, und seine Augen blitzten in Kraft und Feuer unter den buschigen Brauen hervor. Hoch ragte neben ihm die Standarte, ein goldener Palmenstamm mit fünf silbernen Sternen. Dhrischtadjumna fuhr ihm entgegen, in Purpur gekleidet, mit goldgeschmücktem Panzer. Vier pechschwarze Hengste zogen den Wagen aus Ebenholz. Sein Panier war die Opferflamme auf scharzem Grund. Hinter den beiden Oberfeldherrn nahten die Wagen mit den Königen, Prinzen, Fürsten und Führern und schlossen einen Kreis um die beiden Gewaltigen. Mit weithinschallender Stimme begann Bhischma zu reden: 179 »Tapfere Krieger! Das große Tor zu Indras Himmel steht heute weit offen! Schmählich ist der Strohtod für den Krieger – in der Schlacht zu sterben ist seine Pflicht und sein Recht! Hier steht Bhischma, des Schantanu und der Ganga unbezwungener Sohn, als Führer der tapferen Kuru und ihrer Bundesgenossen. Tschina und Kirata kämpfen neben den Kurus, Bodscha, Andhaka und Kukura, Sindhu, Sauwira, Kombadscha, Javana und Schaka. Elf starke viergliedrige Heere! Recken wie Kripa und Drona, die brahmanischen Waffenmeister, sind ihre Führer: Schalja, der König von Madras, Dschajadratha, Herr über Sindhu und Sauwira, Sudakschina und der tapfere Kritawarman, Asvatthama, der Dronasohn, Bhurischrawas, der Schubaling Schakuni und endlich Karna, so heißen die Tapferen, die König Durjodhana bestimmt hat, seine elf Heere in der Schlacht zu führen. Würdige Feinde stehen ihnen gegenüber, die der weise Judhischthira unter deine kluge Leitung gestellt hat, tapferer Drupadasohn Dhrischtadjumna: Die ungezählten Scharen der Pantschala gehorchen dir, die Matsya, die tapferen Kekaya und die Wrischnier der Berge, Somakha und Prabhadraka. Drupada, den König von Pantschala, Virata von Matsya, Jujudhana, Tschekitanu und den unbändigen Bhima nenne ich als ihre Feldherren. Alle will ich im Kampf bestehen, doch vor dem Führer des siebenten Pandavaheeres, vor Schikhandin, senk' ich die Waffen: Nie wird Bhischma gegen ein Weib kämpfen! Mahnend erheb' ich noch einmal die Stimme, eh' ich die Waffen erhebe: Kämpft nach der heiligen Sitte der Krieger! Ebenbürtige nur mögen einander suchen im Kampf: Wagen gegen Wagen, Reiter gegen Reiter! Niemand schlage, eh' er den Gegner herausgefordert hat. Schonet Gefangene, Wunde und Flüchtlinge! Tötet die Waffenlosen nicht, als da sind: Rosselenker, Spielleute, Waffenträger und Lasttiere! Ehret die Sitten des Standes, die Sitten der Väter; gedenket der Götter, die über uns walten! Heil!« Der Ring der Wagen um den Sprecher löste sich, und unter dem Klang der Kriegsmuscheln und kriegerischer Zurufe eilten die Führer vor ihre Scharen, die Helden der Einzelkämpfe vor die Linien ihrer Heere. In eiligem Lauf jagte Krischna die edlen Gandharvahengste über das Blachfeld. Finster stand Ardschuna neben ihm, die göttlichen Waffen gesenkt. »Kann ich?« entrang es sich seiner schweratmenden Brust. »Kann ich die Waffen erheben gegen die, die ich liebe? Töten soll ich den edlen Ahn, der mich auf den Knien geschaukelt? – Den ehrwürdigen Lehrer schlagen mit seiner Kunst? – Die Vettern vernichten, die meiner Kindheit Freude – meines Hauses Stolz sind? – Nein, Krischna, wende die Rosse – ich flieh' aus der Schlacht in den Wald!« »Schweige und kämpfe!« sprach Krischna, und seine Gestalt schien zu wachsen, ein überirdisches Licht umfing sie. »Kennst du mich, Menschlein?« rief er. »Wischnu bin ich, der erhabene Schöpfer, Erhalter, Vernichter, der in Krischnas Gestalt zur Erde gekommen ist, um zu richten. Hör' des Erhabenen Gesang: Tat ist die Pflicht für den, der um Waffen zu tragen geboren! Erzhart, voll innerer Glut, sä' Tod er, denn Tat heißt die Pflicht ihm! Himmelhoch raget der Krieger vor denen, die grübelnd sich quälen, Wenn er den tötenden Pfeil in ehrlicher Feldschlacht entsendet. Töte mich! heißt ihm der Feind – nie Vater, Vetter und Bruder! Adlerscharfes Gesicht, das späht nach dem Spalt in der Brünne, welcher dem Tod sich öffnet, nicht forscht es im feindlichen Antlitz Nach den verehrten Zügen des längst verstorbenen Ahnherrn. Sterbe auch Bruder und Freund, von seinen Waffen getroffen – Seelen steigen empor – des walten die Götter des Lichtes Aber Seelen versänken, verließen den Bann ihrer Pflicht sie. Stark sei der, der es wagt, die Pforten zum Tode zu entriegeln – Krieger, einzig die Pflicht entrückt dich so nahe zur Gottheit: Zum Unsterblichen wird der, dem der Tod ohne Schrecken! – Aber Schwachheit umfängt alsbald jenen, der wägt statt zu wagen. Tat ist die Pflicht für den, der um Waffen zu tragen geboren! Erzhart, voll innerer Glut, sä' Tod er, denn Tat heißt die Pflicht ihm! Da hatte Ardschuna sich gefunden: Dewadatta hob er an die Lippen, und dräuend klang der Löwenruf über das Schlachtfeld. Krischna-Wischnu hatte die Rosse gegen den Feind gelenkt, und mit gellendem Jauchzen stürzte sich der Indrasohn ins Getümmel. Bis zum Abend wogte die Schlacht, ohne hier oder dort den Sieg zu verheißen. Der greise Bhischma übertraf die Jüngsten an rascher Kühnheit, die Stärksten an Kraft und Ausdauer, die Entschlossensten an Mut und Besonnenheit. Wie der Löwe in ein Rudel Hirsche, brach er hier ins ärgste Getümmel der Feinde; wie der Hirte dem Leitwolf, warf er sich dort einem entschlossenen Führer entgegen und brachte so alle Angriffe zum Stehen. Hunderte und aber Hunderte fielen unter seinen Pfeilen, doch sein edles Herz scheute davor, die starken Vorkämpfer des Feindes, die Söhne seines Geschlechtes zu töten. Hier und dort wechselte er ein paar leichte Pfeile mit dem tapferen Ardschuna und gab allein durch seine Gegenwart den Seinigen neuen Mut, wenn der furchtbare Bhima seinen Schlachtschrei über das ganze Kurufeld brüllte. Der Sohn des Sturrngottes fuhr unter die Feinde, wie Waju in die Wolken. Die Heerhaufen der Kalinga und Nischada, die sich ihm unter ihren tapferen Fürsten entgegenwarfen, sanken unter seinen Keulenschlägen dahin, wie Gras unter der Sichel. Zwei tapfere Söhne Viratas, des Königs von Matsya, fielen am ersten Tag der großen Schlacht: Der Jüngling Uttara, auf einem starken Kriegselefanten, ritt kühn den König von Madras, den tapferen Schalja, an. Wie ein Berg, der ins Rollen gekommen, stürzte sich das erzgepanzerte Tier unter der klugen Leitung des jugendlichen Reiters auf das prächtige Gespann des Madrers und zerstampfte die bäumenden Hengste. Schalja, der gefürchtete Wagenkämpfer, konnte nicht vom Fleck. Zornig hob er den Speer und durchbohrte die Brust des Jünglings. Röchelnd glitt der Sterbende von seinem Sitz. Schalja riß das Schwert aus der Scheide, und ein mächtiger Schwung schlug dem Elefanten den Rüssel ab. Das Stöhnen des zusammenbrechenden Tieres übertönte den letzten Seufzer seines Herrn. Sweta, der ältere Bruder Uttaras, fiel den unnahbaren Gangasohn mit einem Hagel von Pfeilen an. Zwei von den prächtigen Schimmelhengsten erschoß er und umkreiste mit seinem leichten Gefährt den Wagen des Schrecklichen. Als Bhischma seinen Bogen hob, um den Kühnen zu strafen, traf ein schwerer Pfeil des flüchtigen Schützen die Waffe und schlug sie mitten entzwei. Während der Gangasohn nach einem neuen Bogen griff, traf ein anderer Pfeil Swetas den Schaft der Standarte, und Bhischmas Feldzeichen sank in den Staub. Aber nun schoß der Gewaltige eines der schweren, vorne halbmondförmig geschliffenen Eisen ab, und das Haupt von Swetas Wagenlenker rollte zu Boden. Entsetzt sprang der Jüngling von seinem führerlosen Wagen, und in wildem Schwung warf er den Speer nach seinem Gegner. Hellen Auges verfolgte der Greis die Bahn der silberbeschlagenen Waffe, hob den mächtigen Bogen, und im Scheitel traf sein eherner Pfeil den hölzernen Schaft, daß die Trümmer des Speeres harmlos zur Erde fielen. Heißblütig riß Sweta das Schwert aus der Scheide; doch kaum hatte er drei Sprünge gegen Bhischma getan, so fuhr ihm dessen Pfeil durch Panzer und Brust, daß er tot auf das Antlitz fiel. Sanka, Viratas dritter Sohn, sah den Bruder fallen. In seinem Schmerz sprang er vom Wagen, um den Toten noch einmal zu umarmen; doch an der Leiche übermannte ihn der Zorn: er wollte ihn rächen! Pfeil auf Pfeil sandte er nach dem Wagen Bhischmas. Aber der Heldengreis antwortete mit einem wahren Hagel seiner glattschaftigen Rohre, daß Sanka blutüberströmt wankte. Da kam Ardschunas Wagen in vollem Rosselauf vorübergestürmt, und der starke Indrasohn hob den Wunden hinauf und rettete so dem Matsyakönig den letzten Sohn. Bald darauf sank die Sonne. Die Heere zogen sich in ihre Lager zurück, die Nacht legte sich über das blutige Schlachtfeld und verhüllte die Greuel der leichenfressenden Dämonen. Acht Tage schon währte die Schlacht, und doch ließ sich noch keine Entscheidung absehen. Bhischmas Waffen sandten zwar Tausende nach Indras Himmel, aber sie lichteten nur die Scharen der einfachen Krieger. Die Pandava schonte der greise Bharatafürst, wo er sie in der Schlacht traf, wie auch sie es vermieden, den ehrwürdigen Helden anzugreifen. Die Pandusöhne hatten dem Yama schon manchen erlesenen Kämpfer aus den Reihen der Kaurava gesandt. Der furchtbare Bhima wütete täglich unter den Söhnen Dhritaraschtras. Von den hundert Gandharisprossen waren schon mehr als die Hälfte unter seiner Keule gefallen. Judhischthira hatte den gewaltigen Schrutayus im Wagenkampfe besiegt und getötet, Nakula den betrügerischen Spieler, den Oheim Schakuni, schwer verwundet, Sahadewa den Trigartaprinzen Niramitra erschlagen. Ardschuna hatte unter den Trigartakriegern gewütet und ihrer tausend vernichtet. Seine Söhne holten sich die ersten Lorbeeren: Iravat, den die Schlangenprinzessin Ulupi dem Indrasohn geschenkt hatte, besiegte Vinda und Anuvinda. Er tötete fünf Brüder Schakunis in schweren Einzelkämpfen. Aber der tapfere Jüngling freute sich nicht lange seines Kriegsruhmes, denn Alambuscha, ein Bruder des Riesen Vaka, erwürgte den jungen Helden zum Leide der Pandava. Abhimanju, der Subhadrasohn, kämpfte mehrere Male tapfer mit dem unbezwinglichen Gangasohn. Den starken Magadha hatte er im Zweikampf getötet, als dieser zornmütig in den Heerhaufen der Pandava gewütet hatte. Überall wo die Krieger der Pandusöhne in Bedrängnis kamen, tauchte der goldene Pfau, des Jünglings Banner, als Erlösung auf. Die beiden Häupter der feindlichen Häuser waren in großer Sorge: Judhischthira sah, wie die Pfeile des greisen Ahnherrn seine Scharen lichteten, und Durjodhana mußte Brüder und Freunde unter den Waffen der starken Pandusöhne hinsinken sehen. In seinem Zelte saß grollend Karna, der einzige, der, wie Bhischma, die starken Vettern im Kampf bestehen konnte. Da ließ der Kurukönig sich mit den Zeichen seiner Würde schmücken: das Diadem schlang er um den Turban, hüllte sich in die Prachtgewänder und zog die seidenen Schuhe an. Kämmerer hielten den gelben Seidenschirm über sein Haupt, andere schwangen die mächtigen Pfauenwedel. So schritt er zum Zelt seines zürnenden Freundes. Voll Freude über diese Ehrung empfing Karna den König und führte ihn an den Ehrensitz. »Hilf mir, tapferer König von Anga, du mein getreuer Freund!« begann Durjodhana. »Schwer zwar lastet Bhischmas eiserne Faust auf dem Heere des Gegners, aber der sieghafte Recke meidet die schrecklichsten meiner Feinde. Er, der unnahbare Gangasohn, der einzige, der neben dir, göttlicher Karna, den Gandivaspanner und den furchtbaren Bhima bezwingen könnte, er liebt die Verräter noch als seines Blutes! Ha! Fluch den Elenden! – Soll ich König sein über ein paar hundert Sklaven und Bauern? – Denn Brüder und Freunde morden sie mir hin, wenn nicht dein starker Arm ihnen Halt gebietet. – Hilf mir, tapferer König von Anga!« »Gerne, großmächtiger König und Herr!« sprach Karna, »gerne! – Ich lebe nur noch für den Tag, der mir Ardschuna in blutiger Schlacht gegenüberstellt. Ich hab' es geschworen: Einer von uns soll sterben in dieser Schlacht! Und du weißt: Karna hält Wort! – Darum muß ich dich bitten, Bhischma einen Tag lang vom Schlachtfelde fern zu halten, denn ich habe gelobt, nie mit ihm gleichzeitig zu fechten!« »Ich will ihn bitten, morgen zu ruhen! – Töte du Ardschuna, und ich will den starken Bhima bestehen!« erwiderte Durjodhana und erhob sich, um Bhischma in seinem Zelte aufzusuchen, denn die Nacht lag schon über der Erde und hatte dem Kampfe Einhalt geboten. Bhischma hörte die Bitte des Königs an und wies sie zurück. »Geh' König!« sprach er, »ich weiß, warum ich ruhen soll, aber ich will morgen eine Schlacht schlagen, daß man durch alle Zeiten davon singen wird! Keinen will ich verschonen! Hörst du mich? – Keinen! – nur den Schikhandin! – Denn die Seele Ambas lebt in dem Mann, der als Weib geboren ward! – Ich kämpfe gegen kein Weib! – Aber du sollst mich nicht noch einmal an die Pflichten des Kriegers mahnen müssen. – Geh'!« Der König verließ das Zelt und sandte einen Boten zu Karna. Bhischma aber wälzte sich schlaflos auf seinem Lager: »Schwer ist mein Schicksal!« so dachte er. »Drei Geschlechter sah ich erwachsen und sterben, und ich trug meine Waffen vor ihnen in Ehren! – Keiner könnt' mich besiegen, keiner kann mich besiegen. – Ach, sie wird mir zuviel, die sieghafte Kraft, da ich die tapferen Enkel, den Stolz meines Hauses, nun töten soll! Erlöse mich, Yama, schweigsamer Völkerversammler! – Des Sieges hab' ich genug und des Lebens!« Im Lager der Pandava saßen Krischna und Ardschuna bei dem König im Zelt und hörten schweigend seine Klagen an: »Hätt' ich doch nie euren kriegslüsternen Reden gelauscht! – Ich, der ruhig denkende Mann, der seinen Ruhm nicht in tollem Dreinschlagen sucht wie der unbändige Bhima, sondern in Gerechtigkeit und wahrer Weisheit, ich – ich hätte ihn kennen müssen – den unbezwinglichen Gangasohn – den seine Treue vor den Thron zu Hastinapura gestellt hat. Was nützt die Tapferkeit der Brüder und Freunde! Der greise Held allein hat schon mein halbes Heer erschlagen. – Geht doch! Wer kann den besiegen, in dem die acht Wasugötter leben! Beugen wir uns vor Durjodhana, und beschließen wir unser Leben im Wald – ich habe alle Hoffnung verloren!« »Mut, König!« rief Krischna. »Auch Bhischma ist nicht unbesieglich! Wenn er auch aller Kraft widersteht, vielleicht erliegt er der List! – Kraft und List sind die redlichen Helfer des Kriegers! Oh, ich kenne den Gangasohn! – Sieht er den Schikhandin kommen – so senkt er, freundlich lächelnd, die Waffen! – Darauf baue ich meinen Plan! Komm, Ardschuna, zur Ruhe! – Morgen wollen wir den Unbezwinglichen bezwingen. Schweigend verließ Ardschuna mit dem Freunde des Königs Zelt, und Judhischthira blieb, reicher an Hoffnung, zurück: er kannte die Klugheit des listenreichen Jadavafürsten! Mit Bhischinas Fall hoffte er den schrecklichen Krieg zu Ende, und seine weise und gerechte Regierung sollte die Wunden, die dem Land und dem Volk hier geschlagen wurden, bald wieder heilen. Karna hatte Durjodhanas Botschaft, die ihn wieder zur Untätigkeit verdammte, voll Unmut vernommen und sich grollend auf sein Lager geworfen. Heiß brannte in seiner trotzigen Seele die Sehnsucht nach der Stunde, in der er der stolzen Draupadi beweisen konnte, daß sie den besseren Mann verschmäht hatte. Knirschend biß er die Zähne zusammen im Gedanken an das göttliche Weib, das ihm – ihm allein – zukam, denn keiner hatte damals die Aufgabe lösen können, die seinen Riesenkräften, seinem Adlerauge ein Spiel war! – Keiner – auch Ardschuna nicht! – Nur die Laune eines Weiberherzens konnte ihn küren! Oh, wie hätte er die Schwarzlockige mit den Lotusaugen geliebt – sie gehütet vor jedem rauhen Wind – ihr die ganze Erde zu Füßen gelegt – und nun – Langsam schloß die Ermattung, die dem Wiedererwachen des bitteren Schmerzes gefolgt war, dem Heftigen die Augen zu ruhigem Schlaf. Und er sah im Traume sein Zelt in hellstem Lichte glänzen: der tausendstrahlige Gott stand vor seinem Sohn. Warnend sprach der Unsterbliche zu dem Krieger, der voll Ehrfurcht die gefalteten Hände in geheiligtem Gruß zur Stirne erhob: »Tapferer, hör' auf die Worte des Allessehenden: Indra fürchtet für das Leben seines Sohnes! Er will ihm helfen gegen den Einzigen, der dem Helden gefährlich ist. Hüte dich! – Er weiß, daß du keinem Brahmanen seine Bitte abschlägst, wenn sie zur Stunde deines täglichen Sonnenopfers gestellt wird. Hüte dich! – Indra wird als Brahmane kommen, wenn du bei der Andacht bist – er wird den goldenen Panzer und die Ringe erlisten, die Gottesgaben, mit denen du geboren bist und die dich unverwundbar machen! Verweigre ihm die Gabe, sonst ist dein Leben in Gefahr!« »Ich kann die Bitte nicht abschlagen!« antwortete Karna. »Ein Gelübde bindet mich: forderte der Brahmane auch mein Leben, ich würde es willig hingeben, denn das Heiligste ist eines Mannes Wort!« »Du sollst nicht sterben, mein tapferer Sohn!« klagte der Tausendstrahlige. »Du bist noch so jung.« »Besser jung und in Ehren sterben, als ruhmlos zu altern!« sprach Karna. »Mein edler Sohn!« rief Surya. »Doch höre meinen letzten Rat! Biete dem Brahmanen, der deine Brünne fordert, Schätze und Ehren, ein gehäuftes Maß! Läßt er nicht von seiner Forderung – um seines Sohnes willen – so gewähr' ihm die Bitte – um deines Wortes willen! Aber fordere als Gegengabe den Speer, der niemals sein Ziel verfehlt!« Damit verschwand Surya, und als Karna erwachte, spielten die ersten Strahlen der Morgensonne durch den Zelteingang. Um die Mittagsstunde, als der fromme Held seine Sonnenandacht verrichtete, stand ein ehrwürdiger Brahmane vor ihm und bat den sich Neigenden um den Panzer und die goldenen Ohrringe. Karna lächelte freundlich und sprach: »Ich höre deine Bitte, ehrwürdiger Muni, und will sie dir gewähren! Doch wenn es dir nur um das Gold der edlen Stücke ist, so will ich dir Schätze aufhäufen lassen, die hundertmal soviel wert sind. Was soll ein Büßer wie du mit dem Panzer? Und mir, der ich von den Göttern zum Krieger bestimmt ward, mir ist er angeboren, ja angewachsen!« »Gib mir den Panzer, frommer Held!« sprach der Büßer, »wenn anders du nicht dein Gelübde brechen willst!« »Ich kenne dich, König der Götter!« sprach Karna und umwandelte den Ehrwürdigen rechtshin. »Ich gebe dir Panzer und Ringe, doch gib mir dafür die Lanze, die niemals ihr Ziel verfehlt!« »Du sollst sie haben, tapferer Karna!« sprach der Brahmane. »Aber wisse, die Waffe kehrt nach dem Wurf in meine Hand zurück. Der eine, nach dem du sie wirfst, ist sicher des Todes – aber der eine nur!« Darauf schnitt Karna, ohne mit der Wimper zu zucken, den Panzer von seinem Leib und reichte ihn samt dem strahlenden Ohrgehäng dem Brahmanen. Dieser gab ihm den Stock, an welchem die Priester stets ihr Weihwassergefäß tragen, und der ward in der Hand des Kriegers zu Indras niefehlender Lanze. Der Gott aber war vor den Augen des Sterblichen verschwunden. Unterdessen tobte auf dem Kurukschetra die Schlacht: Bhischma wirkte wahre Wunder an Tapferkeit. Hunderte und Tausende warfen sich dem Heldengreis entgegen, aber ohne zu ermüden, stand der Alte viele Stunden im Getümmel. Was seinen Pfeilen entging, fiel unter seinen Speeren oder unter den Schlägen seines gewaltigen Krummschwertes. Den starken Tschitrasena, dem es gelungen war, ihm bis auf den Leib zu rücken, zwang er mit Schlägen seines schweren Bogens zur eiligen Flucht, unter dem Hohngelächter der Krieger. Schatanika, den Bruder Viratas, enthauptete er mit einem Bogenschuß. Den wüsten Durchschasana brachte sein Streitwagen vor den Pfeilen Ardschunas in Sicherheit. Nur wo Schikhandins Banner wehte, da senkte der Unbezwingliche die Waffen und ließ den Pfeilschauer über sich ergehen wie einen milden Frühlingsregen. Sein starker Panzer widerstand den Schüssen des Schwächlings leicht. Neben Bhischma kämpfte Bhurischrawas, der Sohn Somadattas. Wie ein Löwe in ein Rudel Hirsche, war er in einen Heerhaufen der Somakha gebrochen und hatte in blitzschnellem Kampf diese tapferen Bundesgenossen der Pandava zersprengt und zehn Söhne ihres Fürsten Jujudhana erschlagen. Doch nun nahte der gewaltige Vater und Fürst der Gefallenen. In stummem Schmerz hob er den Bogen und sandte Pfeil auf Pfeil nach dem grimmigen Mörder seiner Söhne. Bhurischrawas schoß zurück und rief über das Kampffeld hin: »Habe ich dich endlich vor meinen Waffen, starker Somakha! Heut' will ich die Weiber derer erfreun, die du vordem erschlagen hast, du Tapferer!« »Prahle nicht wie die Donnerwolke im Herbst, sondern kämpfe!« rief der Somakha. Da schon zwei seiner Pferde gefallen waren, sprang er vom Wagen und warf den Speer nach dem Gespann Bhurischrawas. Auch dieser verließ seinen Wagen, und mit den Schwertern stürzten die Recken aufeinander los. Im Zorn des Kampfes standen sie plötzlich Leib an Leib, warfen Schilder und Schwerter zu Boden und packten einander in wütendem Ringen. Lange stampften die Helden die Erde, denn sie waren von gleicher Kraft und Gewandtheit. Da stolperte Jujudhana über Bhurischrawas' Schwert und fiel zu Boden. Wie der Tiger auf den niedergerissenen Büffel, warf sich Bhurischrawas auf den Wehrlosen. Jetzt tastete er mit der Rechten nach dem weggeworfenen Schwert – ergriff es – die Linke faßte das Haar des Gegners – ein Blitzen ging durch die Luft – aber nicht das Haupt des Jujudhana rollte in den Staub, sondern der Schwertarm Bhurischrawas'. Ardschuna hatte den Freund im letzten Augenblick gerettet – ein Halbmondeisen, von Gandivas Sehne geschnellt, den toddrohenden Arm vom Rumpfe geschnitten. Taumelnd stand der Wunde auf. »Pfui, Ardschuna!« rief er. »Hat der schlaue Krischna deine adligen Sitten schon so verdorben, daß du dich in einen Zweikampf mischst?« »Im Schlachtgetümmel gelten die Regeln des Zweikampfes nicht!« rief Ardschuna finster. »Auch dir hat manches im Kampfe geholfen: nicht deine Stärke hat Jujudhana zu Fall gebracht, sondern das Schwert am Boden; nicht dein Mut hat ihn überwältigt, es war der Schmerz um die gefallenen Söhne –« »Ha! welch' Bild rufst du vor meine Seele!« schrie Jujudhana, riß sein Schwert von der Erde empor und schlug mit gewaltigem Streiche das Haupt Bhurischrawas' vom Rumpfe. »Pfui, pfui!« scholl es rings im Kreise. Aber der Somakhafürst lachte wie ein Irrer und schrie: »Sie sind gerächt!« Dann sprang er auf einen der Wagen und fuhr vom Kampfplatz. Krischna schwang den Stab mit dem goldenen Treibstachel und rief: »Jetzt hinter Schikhandins Wagen gegen den Unbezwinglichen!« »Noch bin ich nicht entschlossen!« sprach Ardschuna und deutete mit der Hand gegen die langsam sinkende Sonne. »Hörst du dort Bhimas Schlachtschrei, der das Trompeten eines wunden Elefanten übertönt? – Dorthin laßt uns eilen!« Schweigend gehorchte Krischna, und in schnellem Rosseslauf flog der Wagen gegen Westen über das Blachfeld. Dort hatte Bhima den König der Javana, den kühnen Bhagadatta, angegriffen. Bhagadatta war weit und breit als Elefantenkämpfer gefürchtet. Er ritt eines der mächtigen Tiere aus seinen heimatlichen Bergen, und der Koloß, der in seinem goldschimmernden Kopf- und Brustpanzer dem Aïrawata Indras glich, gehorchte dem edelsteingeschmückten Treibstachel seines Herrn wie ein gutgerittenes Roß. Bhima überschüttete ihn mit Pfeilen, aber das trefflich abgerichtete Tier stand im Hagel der Geschosse ruhig, den Rüssel unter den Kopfpanzer gezogen, als fielen nur Sonnenstrahlen auf die schimmernde Wehr. Da rief Bhima mit gellendem Ruf den König der Dascharna, Kschattradewa. der seinem Heere voran auf einem reichgeschmückten Elefanten über das Schlachtfeld ritt. Dieser trieb sein Tier vorwärts, zum gewaltigen Stoß gegen den Elefanten Bhagadattas. Nun warf der Javanakönig mit mächtigem Schwung seinen Speer gegen das anstürmende Tier – die glitzernde Wehr zersplitterte, und die Waffe drang in den empfindlichen Rüssel. Heulend wandte der Elefant sich um und achtete nicht mehr auf den Stachel des Lenkers. Mit furchtbarem Schmerzgebrüll fuhr er unter das Fußvolk des Dascharnaheeres, und Kschattradewa mußte blutenden Herzens seine Krieger zerstampfen lassen, bis ein Stich ins Genick das rasende Tier tötete. Bhima hatte unterdessen wieder den Bergelefanten Bhagadattas beschossen. Plötzlich stürzte sich das Ungetüm auf seinen Wagen und zerstampfte Gefährt und Rosse. In größter Not rettete sich Bhima dadurch, daß er sich an den Bauch des Elefanten anklammerte und, als dieser sich wütend zu drehen begann, eiligst entschlüpfte. Nun nahte Ardschuna, um den gefürchteten Elefantenstreiter zu bekämpfen. Bhagadatta ließ von der Verfolgung Bhimas ab und hob die Wischnulanze – eine Waffe, die ihm der Gott einst geschenkt und von deren Besitz seine Unbezwinglichkeit abhing – gegen den neuen gefährlichen Gegner. In hohem Bogen warf er die Niefehlende auf Ardschuna. Aber Krischna- Wischnu warf sich zwischen den Freund und den drohenden Tod, und als die Waffe die Brust ihres einstigen Herrn berührte, ward sie zum Blumengewinde und schlang sich schmückend um den Hals des Gottmenschen. Ardschunas Speer aber fuhr dem Bergelefanlen durch die Augenöffnung des Panzers ins Gehirn. Langsam sank der Koloß: zuerst auf die Knie – dann stützte er die mächtigen Hauer gegen die Erde – und als in diesem Augenblick eine Lanze Ardschunas die Brust seines Herrn durchbohrte, so daß dessen freundlich mahnende Stimme verstummte, fiel er leise röchelnd um und verschied. Da wälzte sich von Osten in der beginnenden Dämmerung das Heer der Pandava heran, auf der Flucht vor dem schrecklichen Bhischma. Der Greis allein trieb mit wahren Schauern von Pfeilen die Scharen vor sich her zum Lager. »Jetzt, Ardschuna, Hort des Pandavaheeres, ist der Augenblick, den Heldengreis zu überlisten! Dort seh' ich Schikhandins Banner wehen!« rief Krischna. »Noch bin ich nicht entschlossen, den Ehrwürdigen zu löten!« antwortete Ardschuna. Da griff Krischna nach seinem Diskus, sprang vom Wagen und rief: »So will ich dem Vernichter Halt gebieten!« Rasch sprang auch Ardschuna ab, lief dem Freunde nach und hielt ihn am Arm, voll Sorge die Worte sprechend: »Du vergißt deinen Eid! – Du darfst nicht kämpfen in diesem Krieg!« »Ich muß, wenn du nicht das Herz hast, den schrecklichen Greis zu töten!« Da flüsterte der Pandusohn: »Morgen töte ich Bhischma! – Ich schwör' es dir!« setzte er hinzu, als Krischna zauderte. »Nun folge mir zum Lager, denn die Nacht hat die Schlacht zum Stehen gebracht.« Am Morgen des nächsten Tages entbrannte der Kampf aufs neue. Der Riese Alambuscha fuhr unter die Scharen der Pandava wie ein Feuerbrand ins Strohdach. Die fünf Söhne der Draupadi stellten sich dem Ungeheuer mutig entgegen, aber die Jünglinge mußten vor seiner Kraft und seinen Zauberwaffen weichen. Abhimanju, der kühne Subhadrasohn, brachte den Wütenden endlich zum Stehen. Er überschüttete ihn mit schweren Pfeilen, daß der verdutzte Riese dastand, wie ein Hügel voll roter Blumen. Dann sprang er ihn an und trieb ihn mit Speerstößen zur Flucht. Aber die Flucht ging nicht weit: Ghatotkatscha kam des Weges, der riesige Bhimasohn. Der sah den feindlichen Riesen, sprang vom Wagen und umschlang ihn mit seinen mächtigen Armen. Hoch empor hob er den Brüllenden und schmetterte ihn zur Erde, daß mit dem letzten Schrei seine Seele entfloh. Indessen lenkte Krischna den Wagen Ardschunas stets hinter Schikhandin her, der heute ins Vordertreffen gesandt war. Mit aller Kraft und Geschicklichkeit unterstützte Ardschuna Schikhandin im Kampfe gegen die Helden, die Durjodhana zum Schütze Bhischmas entsandt hatte. Denn der König der Kuru fürchtete Unheil von Schikhandin, vor dem der Heldengreis stets die Waffen senkte. Der Feldherr Dhrischtadjumna befahl einen allgemeinen Angriff gegen Bhischma. Wie ein Fels in der Brandung stand der greise Held inmitten seiner Gegner, ohne zu wanken. Ardschuna hatte ihm schon zwei Bogen und mehrere Speere zerspellt, aber stets mußte der Pandava vor den neuen Waffen des Alten wieder weichen. Da sah sich Bhischma plötzlich dem Schikhandin allein gegenüber. Lächelnd senkte der Greis seine Waffen und sah nicht Ardschuna, der, unsichtbar durch Kuberas Geschenk – die Waffe Anlardliana –, toddrohend hinter dem Drupadasohn stand. Ruhig sah der Greis der Pfeilwolke entgegen, denn er fürchtete nicht die Waffen des Weibmannes. Doch was war das? – Die Geschosse schlugen durch den starken Panzer wie durch dünne Seide und tranken das Blut des greisen Helden. »Wehe!« rief er. »Diese Pfeile, die wie Yamas Boten meine Lebensgeister schier vernichten, hat die Hand Schikhandins nicht beflügelt! – Weh'! wie gift'ger Schlangen Zähne schlagen sie in meinen Leib sich, alles Leben drin vernichtend! – Schikhandin schoß nicht die Pfeile! – Gandiva hat sie geschleudert – Ardschuna, du bist der Schütze!« Mit hundert Pfeilen im Leib, sank der Held vom Wagen, doch berührte sein Körper nirgends die Erde: wie ein Rost trugen ihn die Geschosse, die aus seinen Wunden ragten. Laut jubelten die Krieger des Pandavaheeres, als der Unbezwingliche endlich gefallen war, und ihrem Jubel antwortete das Wehgeschrei der Kaurava, die ihren besten Helden verloren hatten. Ein rasch geschlossener Waffenstillstand versammelte die Helden und Führer beider Heere am Pfeilbett des sterbenden Recken: Ardschuna labt den Wunden mit Wasser, nachdem er sein Haupt mit drei Pfeilen gestützt hat. Jede andere Erleichterung weist der Sterbende, als eines Kriegers unwürdig, zurück. Klaren Geistes und mit fester Stimme ermahnt er die Enkel, an seinem Totenbett Frieden zu schließen. Doch Durjodhana weist dies schroff von sich. Der trotzige Karna erscheint am Lager des Sterbenden und bietet ihm die Hand zur Versöhnung. Freudig schlägt der Greis ein und mahnt auch ihn zum Frieden mit den Pandava. Doch Karna will nur seiner Pflicht als Freund und Vasall gehorchen. Bis in die sinkende Nacht stehen die Pandava und Kaurava, einig in Trauer und Bewunderung, am Totenbett des adligsten Kriegers, des Ältesten aus dem Geschlechte der Bharata; aber am Morgen werden sie wieder die Waffen gegeneinander heben und der Erde das Blut des eigenen Stammes zu trinken geben. Dronas Ende Im Kriegsrat der Kaurava hatte Karna den erfahrenen Drona zum Oberfeldherrn vorgeschlagen. König Durjodhana halle den vielbesungenen Waffenmeister seinen Heeren als Führer vorgestellt, und lauter Jubel, neue Siegeshoffnung klang aus den ehrenden Zurufen der Helden, aus dem gellenden Schlachtgeschrei der Krieger. Drona ordnete die Heere von neuem zur Schlacht und unternahm einen heftigen Angriff gegen die Scharen der Pandava. Wie ein Waldbrand wälzten sich die enggeschlossenen Reihen der Kauravakrieger heran und drohten die loser gefügten Heerhaufen der Pandava zu ersticken. Wo auch die verwegene Tapferkeit einzelner Helden eine Lücke in die starke Kampffront riß, da schloß sich diese schnell unter der geschickten Führung des greisen Waffenmeisters. Voll Verzweiflung sah Judhischthira seine Scharen langsam, doch stetig zurückweichen. Doch der kluge Krischna wußte Rat: »Es gilt das Netz zu zerreißen, das Drona über uns zusammenziehen will. Da ist kein Opfer zu groß. Befiehl dem Heldenjüngling Abhimanju, die feindlichen Reihen zu durchstoßen – andere müssen nachdrängen –, und haben die Kaurava erst Feinde im Rücken, so zerfällt ihre ganze Schlachtordnung. Leuchtenden Auges empfing Abhimanju den ehrenvollen Auftrag, und bald flog das Banner mit den goldenen Pfauen gegen die Mitte der feindlichen Schlachtlinie: Ein wahrer Hagel von Pfeilen bricht dem Wagen des kühnen Jünglings Bahn. Über Leichen holpert er, von schnellen Hengsten gezogen, durch die Reihen der Feinde! Nun ist der Tapfere im Rücken des Angreifers und tummelt sich dort unter den Gegnern, wie der Haifisch im Meer. Doch wehe! Dschajadratha mit seinen Sindhus tritt in die Lücke, die Abhimanjus Wagen gerissen hat. Wie die Krieger der Pandava auch gegen diese Mauer stürmen: keiner vermag sie zu durchstoßen; ihr tapferer Führer bleibt allein inmitten des feindlichen Heeres. Wie ein Eber gegen die Hunde, wehrt sich Abhimanju gegen die andrängenden Kauravahelden. Durjodhana drängt er zurück, tötet den Bruder Schaljas und den des Karna; Duchschasana wird zurückgeschlagen, und selbst der gewaltige König von Anga kann dem Jüngling nicht gefährlich werden, ehe das Getümmel die beiden Kämpfer wieder trennt. Lange steht der Tapfere umdrängt von Feinden und führt seine Waffen mit Ruhe und Sicherheit. Aber die Arme erlahmen ihm unter der gewaltigen Anstrengung, seine Köcher sind leer, die Speere verschossen, Keule und Schwert zersplittert. Mit einem Wagenrad schlägt er in den Schwarm seiner Feinde, als ihn ein Keulenschlag von Duchschasanas Sohn auf das Haupt trifft und tot zu Boden streckt. Das Triumphgeheul der Kurn verkündet den Pandava den Fall dieses Tapferen. Mit dem Sinken der Sonne stellen sie den Kampf ein und ziehen zum Lager, um dem Vater die Nachricht vom Heldentod des Sohnes zu bringen. Ardschuna war den ganzen Tag auf einem anderen Teil des Schlachtfeldes festgehalten worden: Die Trigata, deren Scharen der Held schon einmal gelichtet hatte, hatten sich verschworen, lieber zu sterben, als vor Ardschuna zu weichen. Manche stolze Recken aus anderen Stämmen hatten sich der Verschwörung angeschlossen, und seit dem Morgen war der tapfere Indrasohn von den Verschworenen umzingelt und mußte all seine Tapferkeit aufbieten, um ihnen nicht zum Opfer zu fallen. Wie ein Keulenschlag traf den Ermüdeten im Lager die Nachricht von Abhimanjus Tod. Er schwor, daß Dschajadratha, der die Helfer von seinem Sohne abgeschnitten hatte, morgen vor Sonnenuntergang sterben sollte von seiner Hand. Voll Trauer und Bekümmernis verbrachte er die Nacht bis zum Tage der Rache. Als Ardschuna am andern Morgen seinen Schwur in die Scharen der Feinde schrie, lief die Drohung von Mund zu Mund. Und Dschajadratha, der die scharfen Waffen des Schrecklichen schon gefühlt hatte, als der Pandusohn die geraubte Gattin aus seiner Hand befreite, ward von Furcht ergriffen und floh hinter die Linien der Kämpfenden. Durjodhana sandte ihm zum Schutze sechs der tapfersten Helden, darunter den alten Kripa, Schalja, den Madrakönig und den starken Dronasohn Aswatthama. Ardschuna raste, sein Opfer suchend, durch die Reihen und tötete viele der Recken, die sich ihm in den Weg stellten. Duchschasana führte dem Schrecklichen einen Trupp Elefanten entgegen, aber der Gandivaspanner tötete viele der Tiere und trieb die andern mit seinen Pfeilen zur Flucht. Der gewaltige Drona stellte sich seinem Lieblingsschüler entgegen, aber beide waren in der Führung der Waffen so erfahren, daß keiner dem andern einen Vorteil abringen konnte. Das Getümmel trennte sie wieder. Duchschasana war von seinem Elefanten mit auf die Flucht gerissen worden; jetzt kam er wieder zur Kampfstätte auf einem goldschimmernden Streitwagen. Als er sich Ardschuna näherte, schoß dieser mit scharfen Pfeilen die Stränge entzwei, so daß die scheuen Rosse ohne Wagen davonjagten. Rasch rettete sich Duchschasana vor dem anstürmenden Jujadhana auf den Wagen eines Mitkämpfers. Wie der Wind jagten nun Ardschunas Rosse unter Krischnas kundiger Lenkung über das Schlachtfeld: Pfeile, die der Indrasohn nach vorne geschossen hatte, fielen hinter ihm zu Boden, so flogen die Gandharvahengste dahin. Dschajadrathas Panier hatte sich in der Ferne gezeigt. Schauerlich gellte der Löwenruf Dewadattas in des Sindhukönigs Öhren. Der Schutzwall von streitbaren Helden schloß sich dichter um den Verfolgten: Nun brauste der Rächer heran! Aswatthama und Schalja warfen sich ihm entgegen. Fürchterlich tobte der Kampf. Schalja mußte zuerst vor den Geschossen Gandivas weichen. Sie hatten alle seine Trutzwaffen zertrümmert. Lange währte der Kampf mit dem gewaltigen Aswatthama, denn Ardschuna wollte den Sohn seines ehrwürdigen Lehrers nicht töten. Endlich gelang es, auch ihn zur Flucht zu zwingen. Aber Dschajadratha hatte einstweilen mit seinen übrigen Beschützern das Weite gesucht, und die Jagd begann nun von neuem. Krischna trieb die Rosse zu überirdischer Schnelle an, denn die Sonne war schon im Sinken. In einem Knäuel von Wagen sah Ardschuna Dschajadrathas Banner blitzen, und Krischna lenkte die Rosse dorthin, während Dewadatta schmetternden Klanges Hilfe herbeirief. Bhima hörte den Ruf und eilte dem Bruder zu helfen. Als er das Getümmel um Ardschuna erreichte, sprang er ab, und mit seinen mächtigen Armen stürzte der Sturmgottsohn acht Wagen samt ihren Kämpfern um. Karna sah den Furchtbaren unter den Seinen wüten und sprang ihm entgegen: Blitzschnell packten sich die Starken und schrien einander Schimpf und Schande ins Antlitz, während sie Brust an Brust in unentschiedenem Ringen standen. Keiner wollte dem andern ans Leben, denn Karna hatte der Mutter Kunti gelobt, Bhima zu schonen und Bhima dem Ardschuna, ihm diesen persönlichen Feind zu überlassen. – Zornig stießen sie einander zurück. Karna holte von seinem Wagen den Bogen und begann den Pandava mit leichten Rohren zu beschießen. Bhima duckte sich hinter den Leih eines toten Elefanten. Karna eilte hin, berührte den Versteckten mit dem Bogenende und sprach: "Du bist tapfer vor der Schüssel, aber feig in der Schlacht! Geh'! verbirg dich hinler Ardschuna!" Da sprang Bhima empor, entriß dem Höhnenden den Bogen und schlug ihn damit auf den Kopf. Wieder packten die Gegner einander im Ringen, wieder stießen sie einander zurück, jeder seines Versprechens eingedenk, da fiel ein Pfeil, von Gandiva geschleudert, zwischen sie. Nun erinnerten sich beide ihrer Pflicht: Karna eilte nach seinem Wagen, und Bhima sprang in das Gewoge, das um Ardschuna tobte. Dschajadratha hatte das Kampfgetüminel wieder benutzt, um zu fliehen. Mit gewaltigem Speer- und Schwertschwung durchbrach nun Ardschuna den Schwarm der Feinde und flog ihm nach, so schnell als die Rosse laufen konnten, denn die Sonne mußte in kurzer Zeit hinter dem Berg Asta verschwinden. Plötzlich kam ihm Karnas Streitwagen entgegen. Ein Wort zu Krischna, und der gewandte Rosselenker fuhr so geschickt an des Feindes Wagen, daß dieser im Umstürzen Karna und seinen Lenker weit hinausschleuderte. Weiter ging die wilde Jagd! Schon war die Hälfte der Sonne hinter dem Berg verschwunden, da waren die Verfolger dem Flüchtigen auf Bogenschußweite genaht. Ein Halbmondeisen, von Gandivas Sehne geschnellt, enthauptete Dschajadratha, ehe die letzten Strahlen des Gestirnes über die Erde huschten. Aber die feindlichen Heere hatten sich so sehr ineinander verbissen, daß der Einbruch der Dunkelheit den Kampf nicht beendete. Fackeln wurden herbeigeschleppt, und in diesem gespenstischen Licht und Dunkel wütete Kampflust und Mordgier über das Schlachtfeld. Karna war in diesem nächtlichen Kampf der Schrecken der Pandavaheere. Er flog durch die Reihen der Feinde und tötete sie scharenweise. Einige Male wollte Ardschuna dem Furchtbaren entgegentreten, aber Krischna warnte sorglich vor diesem Kampf, denn noch glänzte die niefehlende Lanze Indras auf Karnas Streitwagen. Endlich riet der listenreiche und skrupellose Jadavafürst, Ghatotkatscha gegen die Stürmenden loszulassen: Die Macht des zauberkundigen Riesen mußte im Dunkeln der Nacht doppelt wirksam sein. Bhimas riesiger Sohn freute sich des Auftrages und fuhr unter die Kaurava, wie der Tiger unter die Kühe. Seine mächtige Keule brach sich Bahn durch Scharen von Feinden. Wenn ein Elefant durch das Röhricht stampft, so fallen nicht mehr Halme, als Kurukrieger unter der Waffe des furchtbaren Riesen. Voll Entsetzen sandte Durjodhana den Riesen Alajudha, einen Vetter Vakas, gegen den Koloß. Aber Ghatotkatscha enthauptete den Gegner mit einem Schlag seines Schwertes. Dann griff er das blutige Haupt, drang mitten durch die Feinde bis vor Durjodhana und warf es dem Entsetzten in den Wagen. »Vor einem König soll man nicht mit leeren Händen erscheinen!« rief er lachend. Doch in diesem Augenblick kam Karna gefahren und eröffnete den Kampf gegen den Riesen mit einem Pfeilhagel. Lange wehrte sich dieser mit Zauberwaffen, aber dem gewandten Sohn des Sonnengottes konnte er nicht widerstehen. Mit furchtbarem Gebrüll hob er sich in die Lüfte, um zu fliehen. Da warf Karna die niefehlende Indralanze: Mit durchbohrter Brust stürzte der Riese aus der Luft, im Fall noch einen Heerhaufen der Kaurava erdrückend. Die Lanze aber stieg leuchtend am dunklen Firmament empor und kehrte in die Hand des Götterkönigs zurück. Kaurava und Pandava schrien voll Trauer um die schweren Verluste dieses Kampfes, aber Krischna sprach jubelnd zu Ardschuna: »Die totbringende Waffe ist nicht mehr in Karnas Hand: jetzt bist du ihm gewachsen!« Die Heerführer gaben nun das Zeichen zu einer kurzen Rast, und die ermüdeten Krieger und ihre Tiere streckten sich auf dem Schlachtfelde zum Schlafe hin. Am frühen Morgen befahl der Feldherr Dhrischtadjumna einen Massenangriff auf den greisen Drona, dessen geschickte Heerführung die Pandavatruppen so arg bedrängte. Zwanzig der stärksten Recken umkreisten in ihren Wagen den tapferen Waffenmeister, aber er stand aufrecht und führte die Waffen so ruhig und sicher, wie einst in der Arena vor seinen Schülern. Bhima hatte sich wieder gegen eine Elefantentruppe gewendet, denn der Kampf mit diesen riesigen Gegnern freute den Sohn des Sturmgottes am meisten. Manchen hatte er schon erlegt, viele zur Flucht in die Heerhaufen der Kuru getrieben, als plötzlich der Malavafürst Indravarman auf einem übermächtigen Bergelefanten gegen ihn antrabte. »Halloh! Starker Bhima!« rief er. »Da kommt ein Tier, das dich nicht fürchtet! Mein Asvatthama ist der Stärkste unter seinen Brüdern und scheut vor keiner Waffe!« »Asvatthama heißt das gute Tierchen?« rief Bhima voll Hohn und überschüttete den gepanzerten Riesen mit Pfeilen. Aber der Elefant kehrte sich nicht an die abprallenden Geschosse und rückte langsam, mit eingerolltem Rüssel, gegen den Wagen Bhimas vor. Bhima warf dem Heranschreitenden seine Speere entgegen, aber auch die konnten den guten Panzer nicht durchschlagen. Schon war der Elefant da, ein Fußtritt zertrümmerte den Wagen und, wie eine Riesenschlange fuhr unter dem Panzer der Rüssel hervor, um Bhima zu fassen. Aber Bhima war schneller: mit starker Hand packte er den Rüssel und riß ihn mit gewaltigem Ruck aus dem Kopf. Stöhnend und blutüberströmt brach der Bergriese zusammen. Jauchzend schlug Bhima den Stürzenden, wie zum Hohn, mit dem blutigen Rüssel auf das Haupt, dann sprang er, seine Trophäe schwingend, davon und jubelte: »Damit hab' ich den starken Aswatthama erschiugen!« Krischna, Ardschuna und Judhischthira hörten den Jubel des Siegestrunkenen. Bhima mußte den Hergang erzählen, und der listenreiche Krischna riet: Bhima solle seine jubelnde Rede vor Drona wiederholen. Sie fuhren alle dorthin, wo Drona noch immer im Kampfe gegen die vielen Gegner stand, und Bhima jubelte dort aus voller Kehle: »Damit hab´ ich den starken Aswatthama erschlagen!« Drona erschrak, denn er glaubte, daß sein Sohn Aswatthama von Bhima erschlagen worden sei. Aber er ließ die Waffen nicht sinken und fragte den schweigenden Judhischthira: »Ist Aswatthama wirklich gefallen, du wahrheitliebender König der Gerechtigkeit?« »Ja, der Schlachtenriese ist tot!« sprach Judhischthira ernst, nachdem Krischna ihm einige Worte zugeflüstert hatte. »Wehe!« rief der Greis und ließ seine Waffen sinken. Dhrischtadjumna, dem der Gewaltige heute den Vater getötet hatte, sprang vor: Mit starkem Schwertschlag schlug er das gebeugte Haupt des trauernden Greises vom Rumpf und warf es in die Heerhaufen der entsetzten Kaurava. Karnas Tod In wilder Flucht eilten die Haufen zurück, als ihr Feldherr gefallen war. Aswatthama kam des Weges, und als er von den Erschreckten hörte, welch böse List über die sieghafte Kraft seines Vaters triumphiert hatte, da hob er die Faust zum Himmel und schwor: »Ich will ihn rächen, und müßte ich so falsch werden wie Krischna!«. Mit trotziger Rede sammelte er die Flüchtlinge um sich und führte sie wieder gegen den Feind, bis die Sonne hinler dem Berge Asta versank. Karna ward nun von Durjodhana zum Oberfeldherrn ernannt, und der Scharen trotziges Schlachtgeschrei bewies, daß der Mut der Kaurava noch nicht gebrochen war. Mehrere Male stießen Karna und Ardschuna am Tage nach Dronas Tod zusammen, aber der Sohn des Sonnengottes mußte stets weichen: nicht vor des Pandava größere Kraft und Tapferkeit, sondern vor Krischnas unüberwindlicher Wagenführung! Am nächsten Morgen trat Karna deshalb vor Durjodhana und bat ihn, er möge Schalja, den König von Madras, der weit und breit als der kundigste Wagenlenker galt, für heute zu seinem Kampfgenossen bestimmen. Der stolze Schalja weigerte sich anfangs, dem ›emporgekommenen Fuhrmannssohn‹ Dienste zu leisten, doch auf Durjodhanas eindringliche Bitte versprach er, Karnas Wagen im Kampfe zu führen, wenn er, der König und Königssproß, den Niedrigen, dem er heute dienen sollte, nach Herzenslust schmähen dürfe. Nachdem ihm die vollste Freiheit der Rede zugesagt war, bestieg er mit Karna den Wagen, und sie fuhren auf das Schlachtfeld. Aber die edlen Rosse stürzten nach den ersten Sprüngen zu Boden, und als Karna vom Wagen sprang und seine Lieblinge unter freundlichem Zuspruch aufrichtete, sah er Tränen in den Augen der treuen Tiere glänzen. Traurig ob des üblen Vorzeichens, doch fest im Gefühl seiner Pflicht als Krieger, bestieg der Held wieder den Streitwagen und ließ die Rosse gegen den Feind lenken. Viele siegreiche Kämpfe focht der Sonnensohn an diesem Tage aus. Mancher der starken Recken fand durch seine Waffen den Tod, manchen mußte er schonen um seines Versprechens willen: so den edlen Judhischthira, den er zur Flucht trieb, und den starken Nakula, welchen er mit seiner Bogensehne fesselte und so ins Pandavalager sandte. Aber der fieberhaft gesuchte Ardschuna mied den kühnen Helden auf Krischnas Rat, bis die Sonne den Scheitel ihrer Bahn überschritten hatte und langsam gegen den Berg Asta sank. Bhima wütete wieder unter Durjodhanas Brüdern und erwürgte viele von ihnen. Plötzlich sah er sich dem wüsten Duchschasana gegenüber. Da tauchte in seinem Innern das schändliche Bild auf, wie der rohe Vetter die edle Draupadi an den Haaren in die Halle schleifte. Blitzartig überfiel ihn die Erinnerung an seinen Eid. Mit mächtigem Schwung seiner Keule schlug er Duchschasana vom Wagen und warf sich wie ein Raubtier über ihn. Mit den Nägeln riß er die Brust des Sterbenden auf und trank sein warmes Herzblut, wie er geschworen halte! Die Kuruvölker flohen bei diesem Anblick mit einem Geheul des Entsetzens. Bhima aber taumelte empor wie trunken, griff nach seiner Keule und, seinen gefürchteten Schlachtschrei brüllend, stürzte er den Fliehenden nach. Noch zehn der Söhne Dhritaraschtras fielen an diesem Tag unter seiner schrecklichen Keule, aber rastlos tobte der Unbändige über das Schlachtfeld und spähte nach Durjodhana, um auch an diesem seinen Schwur zu erfüllen. Indessen hatte Karna den Ardschuna und Ardschuua den Karna erblickt, und sie fuhren aufeinander los, um die lange Feindschaft in blutigem Kampfe auszutragen. Während Krischna seinen Kämpfer mit feuriger Rede und freundlichen Siegeswünschen ermutigte, schmähte Schalja den seinigen und zeigte ihm seine Feindschaft. »He?« höhnte er, als Karna rief, jetzt wolle er Ardschuna töten. »He?" prahlst du nicht elender Fuhrmannssohn? – Du willst den Ardschuna töten? – Den besten Krieger aus dem Bharatageschlechte? Oh! – Kennst du die Fabel von der Krähe im Schwanennest?« »Schweig, König der Madra!« stieß Karna zornig hervor. »Ja! König der Madra!« lachte Schalja, » König ! – Doch du bleibst ein Fuhrmannssohn trotz der erbettelten Krone! – Die Krähe unter den Schwänen! – Kennst du die Fabel? – Sie war unter die jungen Schwäne geraten und hatte mit ihnen fliegen gelernt. Nun prahlte sie – wie du, Karna! – sie flöge am besten von allen. Da strichen die stolzen Schwäne über das Meer hin, die Krähe folgte ihnen voll Eitelkeit, und – als sie vor Ermattung ins Wasser fiel – wäre sie elend ersoffen – wenn die edlen Schwäne sie nicht gerettet hätten! – Prahle du nur – eitle Krähe – krächze gegen den Schwan Ardschuna – noch weiß ich nicht, ob ich dich retten werde!« »Du schmähst mich, König der Madra, als niedrig geboren, aber ich möchte nicht deines Stammes sein: verachtet sind die Madra auf der weiten Erde, denn sie lügen und trügen und töten die Kühe, die geheiligten Nährmütter der Menschheit! Überall hört man Schimpflieder auf die Madra, denn sie sind das schlechteste unter den Völkern!« Während die furchtbaren Recken sich einander zum letzten Kampf näherten, öffnete sich der Himmel, und Götter und Genien sahen zur Erde, um die stärksten ihrer Helden miteinander ringen zu sehen. Indra wünschte seinem Sohne den Sieg und Surja dem seinigen. Da traten sie beide voll Ehrerbietung vor Brahma und baten ihn, keinem der beiden Menschen zu helfen: Kraft und Kühnheit allein sollten entscheiden! Doch der Allmächtige schüttelte sein Haupt und sprach: »Mein unabänderlicher Ratschluß hat längst dem Ardschuna Sieg, dem Karna Tod zugewogen. So muß es bleiben!« Auf dem Kurufeld beginnt der Kampf: Alle Edlen drängen sich um die erlauchten Kämpfer. Die senden einander so viele Pfeile, daß die Sonne dahinter wie hinter Gewitterwolken verschwindet. Ardschuna schießt die Agniwaffe gegen den Feind, und hoch auf lodern die Kleider von Karnas Gefolge. Doch Karna gebraucht die Varunawaffe, und die Wasser stürzen vom Himmel, jedes Fünklein verlöschend. Lange beschießen die Helden einander ohne Erfolg. Asvasena, ein Schlangenfürst, dessen geliebte Mutter im Kandavawalde verbrannt war, als Ardschuna den fressenden Gott mit seinen Waffen beschützte, legte sich heimlich als Pfeil auf Karnas Bogen. Der Wurm hoffte so auf Ardschuna geschossen zu werden und mit seinen fürchterlichen Giftzähnen die Mutter rächen zu können. Karna schoß, aber der wackere Krischna hatte die schreckliche Gefahr erkannt, und mit gewaltigem Ruck riß er die Rosse auf die Knie, so daß das Geschoß vorbeistreifte und nur den Turban samt Indras Diadem von Ardschunas Haupte riß. Der aber zerfiel im Gifte des Schlangendämons zu Asche und Staub. Rasch kroch Asvasena zu Karna zurück, gab sich ihm zu erkennen und bat, ihn noch einmal auf Ardschuna abzuschießen. Doch der Held wies den Giftwurm zurück: »Nie will ich mit Wissen unehrlich kämpfen, und stünden mir zehn Ardschuna gegenüber statt des einen!« Da kroch der Schlangenfürst wieder zu Ardschuna, um allein seine Rache zu nehmen. Doch der wackere Krischna sah die Natter kommen, und der Gandivaspanner zerstückte sie mit fünf Pfeilschüssen. Im folgenden Gefecht traf ein Pfeil Ardschunas Karna in die Brust, so daß dieser wankend die Waffen sinken ließ. Nach ritterlichem Brauch senkte auch Ardschuna die seinigen, um zu warten, bis sich sein Gegner gefunden hätte. Aber Krischna trieb zum Kampf: »Schone den Feind nicht, wenn du ihn geschwächt hast!« rief er. »Auch Indra hat die Dämonen vernichtet, ohne Großmut zu üben!« Doch Karna hatte sich schon erholt, und seine Pfeile schwirrten von neuem. Einer traf Ardschunas Banner, daß der Affe, sein Wappentier, laut aufheulte. Doch nun war Karnas Wagen in einen Sumpf geraten, und das rechte Rad steckte tief im Morast. »Halt!« rief der Edle, »laß mich meinen Wagen herausheben tapferer Ardschuna! Du wirst nicht auf einen Wehrlosen schießen!« Doch da Ardschuna auf Krischnas Rat fortfuhr, Pfeil auf Pfeil zu versenden, ließ auch Karna den Bogen nicht sinken und schoß ein schweres Eisen gegen des Feindes Brust. Ardschuna schwankte betäubt von dem furchtbaren Schlag, und Karna sprang vom Wagen und legte die starken Hände ans Rad. Krischna erfrischte den Wankenden, und rasch fand sich Ardschuna wieder. Ein Halbmondeisen, von Gandivas Sehne geschnellt enthauptete den edlen Karna, der noch immer vergebens an seinem versunkenen Rade zerrte. Gellendes Triumphgeschrei der Pandava schreckte die Kuru aus der Stille ihres Entsetzens. Der Leib des getöteten Karna aber strahlte in überirdischem Licht gegen die untergehende Sonne. Krischna und Ardschuna bliesen Siegesjubel auf ihren Muscheln, und die Krieger schritten ins Lager, um sich für die letzten Kämpfe im Schlafe zu stärken. Sieg, Rache und Klage Die letzten Krieger der Kauravaheere sammelten sich am nächsten Morgen unter Schaljas Führung zu ehrenhaftem Untergang in der Schlacht. Schweigend und grimmig rückten sie gegen das Pandavaheer vor und fochten wie Männer, die zu sterben wissen. Schalja, der König der Madra, fiel zuerst im Kampfe gegen Judhischthira. Der Bodschafürst Kritavarman verlor im Gefecht seinen Wagen und entwich auf flüchtigen Füßen. Durjodhana ward von seinem Wagenlenker verwundet aus der Schlacht gefahren. Bhima und Ardschuna wüteten in dem Häuflein von Feinden. Schakuni, der tückische Oheim der Kuruprinzen, fiel unter Sahadewas Schwert. Das Kuruheer war vernichtet, nur wenige Recken waren entflohen. Unter der Führung Dhrischtadjumnas zog das Pandavaheer in das Lager zurück. Die fünf Pandusöhne aber, mit Krischna, streiften über das Leichenfeld und suchten lange den König Durjodhana. Endlich fanden sie ihn, bis an den Hals in einem Teiche liegend und seine Wunden kühlend. Bhima schmähte den Gebrochenen, daß er als König aus der Schlacht geflohen sei. Durjodhana raffte sich auf und forderte Bhima zum Keulenkampf heraus. Da freute sich der grimmige Sohn des Sturmgottes. Als beide Gegner gerüstet waren, schlugen sie los und zerfleischten einander mit den Keulen, wie Elefanten mit den Hauern. Doch keiner konnte dem andern obsiegen. War Bhima der Stärkere, so war Durjodhana der Schnellere, und der Kampf hätte nie seine Entscheidung gefunden, wenn nicht Krischna dem Bhima zugerufen hätte: »Denk' an Draupadis Schmach!« Ardschuna schlug sich auf den Schenkel, um dem Gedächtnis des Schwerfälligen aufzuhelfen, und Bhima verstand. Als Durjodhana zu neuem Angriff zurücksprang, zerschmetterte ihm der Pandavarecke mit mächtigem Keulenschlag das Bein, welches der Böse einst Draupadi zu niedriger Dienstleistung hingestreckt hatte. Wohl schalt Baladeva, Krischnas Bruder, der dem Kampfe zugesehen hatte, Bhima einen unehrlichen Kämpfer, denn die Regel des Keulenkampfes verbot es, unter den Gürtel zu schlagen, aber Krischna verteidigte jegliche List im Kriege gegen Feinde, die durch Lug und Trug den Frieden gebrochen hatten: »Keiner richte die Menschen, die nur nach dem Willen der Götter handeln!« sprach er und reichte dem beschämten Bhima die Hand. Sie überließen den schwerverwundeten König Durjodhana seinen Dienern, und nachdem Judhischthira Krischna nach Hastinapura entsandt hatte, um Dhritaraschtra und Gandhari zu trösten, begaben sie sich an einen benachbarten Teich und übernachteten dort, denn es war zu spät geworden, um das Lager noch zu erreichen. Kaum war Durjodhana allein geblieben, so fanden sich drei Helden, die dem Tod auf dem Kurufeld entgangen waren, an seinem Sterbelager ein. Es war der greise Waffenmeister Kripa, der Dronasohn Aswatthama und Kritawarman, der Bodschafürst. Voll Trauer hörten sie, wie ihr König besiegt worden war, und Aswatthama schwur, ihn und seinen Vater zu rächen oder zu sterben. Da nahm der Sterbende von dem Wasser neben seinem Lager und weihte den Treuen zum Führer dieser traurigen Überbleibsel seiner Streitmacht. Die drei Krieger lagerten sich darauf im Walde, und während Kripa und Kritavarman schliefen, starrte Aswatthama in die Bäume und sann auf Rache. Mehrere Krähen saßen in den Ästen und schliefen. Da strich lautlos ein Uhu heran und erwürgte die Schlafenden. Rasch sprang Aswatthama auf und weckte seine Gefährten: »Auf! zu den Wagen und ins Lager der Pan dava! Wir wollen sie im Schlafe erwürgen!« rief er. Und als Kripa dies einen groben Verstoß gegen die Sitten der Krieger und ihre Ehre als Helden nannte, hieß er ihn schweigen. »Längst hat Krischnas Schlauheit Ehre und Recht in den Staub getreten! Wir wollen nicht edler, nicht großmütiger sein als die Sieger!« sprach er und bestieg seinen Wagen. Im Fluge ging es durch die dunkle Nacht, und am feindlichen Lager angekommen, sandte Asvatthama seine Gefährten an die beiden Tore des Walles, um eine Flucht zu verhindern. Dann hob er im Dunkel der Nacht die Hände zum Himmel und bat den allmächtigen Zerstörer Schiwa um Kraft und Hilfe für sein Wagnis. Plötzlich stand der göttliche Dreizackschwinger vor ihm, reichte dem Rächer ein Stirnjuwel, das seine Feinde in den Schrecken der Finsternis verblenden sollte, und verschwand. Kühn schwang sich der Held über den Wall und drang zuerst ins Zelt des Pantschalaherrn Dhrischtadjumna. Mit bloßen Händen erwürgte er den Schlaftrunkenen, denn keiner Waffe hielt er den heimtückischen Mörder seines Vaters für würdig. Dann zog er das breite Schwert mit den tausend silbernen Monden aus der Scheide, die gefürchtete Waffe Dronas und sein einziges Erbe. Wie der Todesgott in der Seuchenzeit, sprang er von Zelt zu Zelt und mordete Schlafende und Erwachende. Jammern, Stöhnen und Schreie der Todesfurcht weckten das ganze Lager. Wie der Schnitter durchs wogende Kornfeld, schritt der Rächer durch die von Entsetzen bevölkerten Lagergassen und hielt seine blutige Ernte. Vor ihm schritt Kali, die furchtbare Gattin Schiwas, und warf ihre Schlingen nach den Fliehenden. Die fünf Söhne der Draupadi stellten sich dem Schrecklichen mutig entgegen und fielen, einer nach dem andern, unter dem Schwerte des Rächers. Schikhandin, der letzte Pantschalafürst, ward mitten entzwei gehauen. Wer von den Kriegern eines der Tore erreichen konnte, fiel unter den Pfeilen Kripas oder Kritavarmans. Nur Dhrischtadjumnas Wagenlenker kletterte über den Wall und entging so dem grausigen Tod im Finstern. Als kein Lebendiger mehr im Lager war, keine Brust sich im letzten Seufzer noch hob, stieß Asvatthama in seine Muschel und rief die Gefährten herbei. In schnellstem Rosseslauf eilten die drei zu ihrem sterbenden König, und dessen letzter Atemzug war ein Dank für seine Getreuen, ein Jubel, daß die Verhaßten ihren Sieg mit allem, was ihnen teuer war, hatten bezahlen müssen. – Der Heilige Wyasa hatte dem Wagenlenker Dhritaraschiras, Sandschaja, die Gabe verliehen, von seines Königs Palast aus das ferne Schlachtfeld zu übersehen. Mit beredtem Munde halte der Barde Abend für Abend dem blinden Greis die Kämpfe des Tages geschildert. Schwer lastete der Untergang seines Hauses auf dem Unglücklichen. Krischnas milde Trostworte vermochten ihn nicht aufzurichten. Gestützt von dem guten Bruder Vidura und, der treuen Gandhari, bestieg er schmerzversunken den Wagen und fuhr mit Kunit, Draupadi und den übrigen Frauen des Hofes auf das Kurufeld, vor das Antlitz des Siegers, zu den Leichen der gefallenen Söhne. Eben als Judischthira die Ehrwürdigen begrüßte, kam der Wagenlenker Dhrischtadjumnas gelaufen und berichtete keuchend und stammelnd von dem Überfall Asvatthamas und den Heldentod der fünf Draupadeyas. Entsetzt stand Judhischthira da, als Draupadi auf ihn zutrat und ihn voll Hohn zu seinem glänzenden Sieg beglückwünschte. In ihrem Mutterschmerz verfluchte sie den Mörder und schwor, nicht eher zu essen, als bis ihre Söhne gerächt wären. Der unermüdliche Bhima machte sich gleich auf die Verfolgung Asvatthamas. Als er den Flüchtigen eingeholt hatte, besiegte er ihn in fürchterlichem Ringen und brachte sein leuchtendes Stirnjuwel der trostlosen Draupadi. Krischna-Wischnu aber verfluchte den, der Ruhende erschlagen hatte, dreitausend Jahre rastlos über die Erde zu wandern, aussätzig und gemieden von jedermann! Der Jadava hatte die Trauernde auf das Schlachtfeld geführt und ließ die Totenfeier für die Gefallenen vorbereiten. Seiner Beredsamkeit gelang es auch, Dhritaraschtra mit den Siegern zu versöhnen. Einen nach dem andern umarmte der schluchzende Greis. Für Bhima, der auf der Verfolgung Aswatthamas war, schob Krischna dem Blinden dessen eherne Rüstung in die Arme. Da rief der Trauernde gegen den Himmel: »Ihr heiligen Götter! Für eines Atems Länge gebt mir Riesenstärke!« Und krachend zersplitterte der leere Panzer in den Armen des blinden Greises, Er hatte den töten wollen, der von seinen hundert Söhnen nicht einen am Leben gelassen hatte. Ahnungsvoll hatte der kluge Jadavafürst die Rache vereitelt. Über das leichenbesäte Schlachtfeld irrten die Frauen mit aufgelöstem Haar. Gandhari hatte die Binde von den Augen genommen, um die toten Söhne zu sehen. Mit rührenden Klagen eilte sie von einem zum andern, hier die Geier von der Leiche Durjodhanas scheuchend, dort den Kopf ihres Lieblings Vikarna sorgfältig bettend. Uttaraa kniete vor ihrem toten Gatten, löste den schweren Panzer von den wunden Schultern, ordnete die blutigen Locken und wusch das trotzige Jünglingsgesicht Abhimanjus unter leise gesungenen Klagen und langsam fließenden Tränen. Duchschala und mehrere Sindhufrauen waren um die Leiche ihres Gatten Dschajadratha bemüht. Kunti kniete vor Karnas strahlendem Leib und gestand den Pandusöhnen, daß sie in ihm ihren Bruder getötet hätten. Voll Trauer umwandelten die Sieger rechtshin den toten Helden. Judhischthira ordnete die Totenfeier an: Weithin leuchteten die vielen Scheiterhaufen auf dem Kurufeld. Aus kostbaren Hölzern waren sie geschichtet, der Rauch von köstlichen Salben und Gewürzen umquoll die Leichen der Helden, als sie mit ihren Waffen und Schmuckstücken verbrannt wurden. Brahmanen vollzogen die Totenopfer nach strengen Gebräuchen, die Frauen sangen Klagelieder und Freunde brachten die heilige Wasserspende aus der Ganga. Im ganzen Land war Trauer um die gefallenen Helden. Der Pandava Ausgang Schmerzgebeugt kehrten die Sieger nach Hastinapura zurück. Judhischthira weigerte sich, den Thron zu besteigen, der mit dem Blute so vieler Freunde, dem Tode des ganzen Geschlechtes und dem Verbrechen des Brudermordes erkauft war. Krischnas weise Worte blieben so unbeachtet wie Bhimas ungestümes Schelten. Der Sohn des Rechtsgottes wollte im Wald ein Leben der Buße führen. Dem frommen Wyasa gelang es endlich, den rechtlich Denkenden zu überzeugen, daß die Sünden ihn vor Göttern und Menschen noch mehr belasten müßten, wenn er den blutig erkämpften Siegespreis wie ein wertloses Ding von sich würfe. Er schlug dem Grübler vor, sich und die Brüder durch das seltene und schwierige Roßopfer zu entsühnen, und durch weise und gerechte Regierung das Volk für alle Leiden zu entschädigen. Langsam gewann die im Entsetzen versunkene Seele Judhischthiras wieder Halt, und mit fester Hand ergriff er die Zügel der Herrschaft. Die Vorbereitungen für das Sühnopfer nahmen ihren Lauf: Ein makelloser Hengst wurde ausgewählt und sollte nun nach der strengen Vorschrift ein Jahr lang ohne jede Fessel im Freien umherstreifen. Ardschuna wurde zum Wächter des Opferrosses bestimmt und folgte dem mutigen Tier durch alle Lande auf seinem Streitwagen. Dabei hatte er manchen harten Strauß mit den Gebietern der durchstreiften Länder zu bestehen. Er bezwang sie alle, ohne einen zu töten, und sandte sie nach Hastinapura, auf daß sie dort dem feierlichen Sühnopfer beiwohnen mögen. Das schweifende Roß führte ihn auch nach Manipura, wo er einst mit seiner Gattin, der Putrika Tschitrangadaa, drei Jahre lang gelebt hatte. Babruvahana, der Sohn der beiden, herrschte nun als König über das Land. Als dieser vor der Stadt den fremden Krieger hinter dem ledigen Roß herjagen sah, empfing er ihn freundlich und bot ihm seine Dienste an. Ardschuna schalt den Jüngling im Königsschmuck, ob seines unkriegerischen Benehmens. Es kam zu Wortwechsel und Streit, und bald griffen Vater und Sohn zu den Waffen, ohne einander zu kennen. In furchtbarem Anlauf schlugen die beiden einander schreckliche Wunden, und Ardschuna blieb für tot auf dem Rasen. Babruvahana wusch seine Wunden in der nahen Ganga, da kam die Schlangenprinzessin Ulupi daher. Sie hörte von dem Gefallenen, lief ihn zu sehen, und als sie den geliebten Ardschuna, den Vater ihres Iravat, erkannte, holte sie schnell aus der Schlangenwelt einen leuchtenden Talisman. Kaum hatte sie den auf die Brust des leblosen gelegt, so hob sich diese in tiefem Atmen, und Ardschuna kehrte ins Leben zurück. An der kühnen Führung der Waffen hatten Vater und Sohn einander erkannt und lagen sich nun versöhnt in den Armen. Babruvahana versprach, zum Opfer nach Hastinapura zu kommen, und Ardschuna bestieg den Wagen und folgte dem Rosse weiter durch die Lande. Gegen Ende des Jahres kehrte das Tier nach Hastinapura zurück, und bald darauf fiel es als Sühnopfer unter den geweihten Messern der Brahmanen. Der Rauch seines Fettes entsühnte die Pandavuhelden. Sechsunddreißig Jahre herrschte Judhischthira voll Weisheit und Milde über die Völker seines weiten Reiches. Dhritaraschtra war, nachdem er, hochgeehrt, noch fünfzehn Jahre am Hofe seines Brudersohnes gelebt hatte, mit Gandhari, Kunti, dem weisen Vidura und dem wackeren Wagenlenker Sandschaja in den Wald gezogen. Die guten Alten führten dort durch zwei Jahre ein friedliches Leben der Buße, bis ein Waldbrand sie alle auf einmal dahinraffte. Krischna ward im Wald von einem Jäger, der ihn im Halbdunkel für eine Antilope hielt, erschossen. Ardschuna eilte auf die Nachricht vom Tode seines Freundes nach Dwaraka und führte die Frauen und Hausgenossen des Toten nach Hastinapura. Als er die Stadt verlassen hatte, stürzten die Wässer aus dem Boden und verschlangen die Residenz des Gottmenschen. Bald nach diesem Ereignis weihte Judhischthira den Parikschit, den nachgeborenen Sohn Abhimanjas, zum Herrn der Erde und wanderte mit den vier Brüdern und der greisen Draupadi nach dem Himawat, um dort nach Vätersitte den Tod zu finden. In Büßerkleidung schritten die Edlen aufwärts zum Himmel Indras: Draupadi erlag als erste den Anstrengungen und fiel tot zu Boden. Ohne den Blick nach ihr zu wenden, schritten die Gatten weiter. Nakula fiel und Sahadewa, Ardschuna und der gewaltige Bhima. Judhischthira allein erreichte lebend den Gipfel und fuhr auf Indras Wagen nach dem Himmel. Dort forschte er gleich nach den Brüdern und der Gattin. Aber Indra zeigte ihm den Höllenpfuhl, wo die Bäume statt der Blätter Schwerter und Dolche tragen, und Bäche von Blut durch die düstere Landschaft rieseln. Dort sah Judhischthira seine Lieben sich in Schmerzen und Qualen winden. »Stoß mich hinab!« flehte er zu Indra. »Denn lieber will ich mit den Meinen in der Hölle seufzen, als allein im Himmel die Götter lobpreisen!« »So gehe mit den Deinen in den Himmel ein!« sprach Indra. Und auf seinen Wink versank der Spuk, Judhischthira sah sich mit Gattin, Brüdern und den gefallenen Freunden vereint im lichten Himmel, an der Somatafel unter dem ewigen Feigenbaum. Freundlich begrüßten die Götter und Ahnen die Helden. Judhischthiras göttlicher Vater Dharma stand neben ihm und sagte: »Du, mein Sohn, hast immer dem Rechte gelebt auf Erden, darum hast du lebendigen Leibes den Himmel erreicht. Die Deinen haben ihre Sünden in kurzen Qualen verbüßt, und, daß du sie mitleidend leiden sehen mußtest, war die Strafe für jene halbe Lüge, die Dronas Leben gekostet hat! Rein seid ihr nun alle!« Seither saßen die Helden des Bharatastammes in Indras lichtem Himmel und teilten die Freuden der Götter. Parikschit aber herrschte weise über die Völker der Erde und setzte in seinem Sohne Dschanamedschaja das Geschlecht der Bharata fort.